
        
                                   Jean Paul
                         Hesperus oder 45 Hundposttage
                            Eine Lebensbeschreibung
                                      Motto
Die Erde ist das Sackgässchen in der grossen Stadt Gottes - die dunkle Kammer voll
umgekehrter und zusammengezogner Bilder aus einer schönern Welt - die Küste zur
Schöpfung Gottes - ein dunstvoller Hof um eine bessere Sonne - der Zähler zu
einem noch unsichtbaren Nenner - wahrhaftig, sie ist fast gar nichts
                        Auswahl aus des Teufels Papieren
 
                                Erstes Heftlein
                          Vorrede zur dritten Auflage
Zwei lange Vorreden folgen dieser dritten auf dem Fusse nach, die zweite zur
zweiten Auflage und die erste zur ersten. Mach' ich nun diese dritte wieder
lang; - und wohl auch gar die übrigen vielen zu den künftigen Auflagen: so seh'
ich nicht ab, wie ein Leser der letzten nur je durch die Gasse von Vorzimmern
zum historischen Bildersaale gelangen soll; er stirbt auf dem Wege zum Buch.
    Ich berichte denn kurz: in dieser Auflage wurde das Nötigste und Leichteste
verbessert. Zuerst hab' ich mich häufig ins Deutsche übersetzt aus dem
Griechischen, Lateinischen, Französischen und Italienischen; und zwar überall,
wo es der Sprachreiniger mit der gehörigen Achtung für die Sachen selber
verlangte. Einmal müssen wir Schreiber alle uns der Wörter-Alien-Bill oder
Fremdenvertreibung von Campe, Kolbe und andern bequemen, und selber unser
geliebter Goete wird, so sehr er auch »emergiert und eminiert«, am Ende in
irgendeiner künftigen Auflage z.B. eben beide Wörter, die er in der letzten1 auf
einer Zeile zum Worte kommen lässt, zum Buche hinauswerfen müssen. Ist es nicht
Zeit, den fremden, lange genug in Deutschland eingelagert gewesenen Völkern
endlich auch ihre noch länger dageblieben Echo oder Wörter nachzuschicken?
    Nur sei Kolbe oder jeder Purist ein billiger Mann und mute uns nicht zu,
gemeinschaftliche Kunstwörter des gebildeten Europa, z.B. der Musik, der
Philosophie, in unbekannte inländische, zumal in Fällen umzusetzen, wo die
verdolmetschende Hand den ganzen Schmetterlingstaub bunter Anspielungen
abgreifen und abpflücken würde. Zum Beispiel der Name Purist selber sei ein
Beispiel. Gesetzt, man hiesse Arndt einen politischen Deutschlands - Puristen,
und Kolbe setzte dafür politischen Sprachreiniger oder Sprachreinen: so gäbe der
kleine Einfall an der Übertragung das bisschen Geist auf, das er etwa besessen.
Indes wenn der Verfasser dies auch nicht so wie einige Spracheinsiedler
ausräumte, welche gleich der Luftröhre alles Fremdartige mit unangenehmem Husten
und Spucken ausstossen und nur die vaterländische Luft behalten: so suchte er
wenigstens den Gletschern nachzuahmen, welche fremde Körper, als Stein und Holz,
von Jahr zu Jahr allmählich aus sich herausschieben. Wie sehr ich dies in der
Ausgabe dieses Hesperus auf jeder Seite getan, beweiset das mit den neuen
eingeschriebnen Verbesserungen durchschossne alte Druckexemplar; und ich wünschte
wohl, Herr Kolbe reisete einmal nach Berlin und besähe das Exemplar. Wenigstens
will ich die deutsche Gesellschaft allda, die vor einigen Jahren mich in sich
aufgenommen, ersuchen, in die Verlagshandlung zu gehen, um selber zu sehen, was
ihr Mitglied gemacht, welche Durchstriche und welche Ersatzwörter. Wer sich
eigentlich an der deutschen Sprache und an denen, welche keine andere verstehen,
am stärksten versündigt, dies sind die Naturgeschichtschreiber, welche, wie z.B.
Alexander von Humboldt, den ganzen lateinischen Linné mitten in unsere Sprache
hineinstellen ohne andere deutsche Abzeichen als hinten die Aufschwänzung in
deutsche Endigungen oder Schwanzfedern, womit sie aber dem blossen
Deutschsprecher so wenig kenntlich werden als ein Mann einem Fremden hinten
durch den blossen Zopf Hat unsere unerschöpfliche Sprache nicht ihre Kräfte zur
Schöpfung eines deutschen Linné schon gezeigt, wenn wir einen Wilhelmi und noch
mehr den herzdeutschen und sprachdeutschen Oken lesen? Sonst übrigens wird die
deutsche Sprache sogar durch die grösste Gastfreiheit gegen Fremdlinge niemals
verarmen und einkriechen. Denn stets zeugt sie (wie alle Wörterbücher beweisen)
aus ihren immer frischen Stammbäumen hundertmal mehre Kinder und Enkel und
Urenkel, als sie fremde Geburten an Kindes Statt annimmt; so dass nach
Jahrhunderten die aus unsern forttreibenden Wurzelwörtern aufgegangne Waldung
die nur als Flugsame aufgekeimten Fremd-Wörter ersticken und verschatten muss,
zuletzt als ein wahrer Lianenwald aufgebäumt, dessen Zweige zu Wurzeln
niederwachsen und dessen aufwärts gepflanzte Wurzeln zu Gipfeln ausschlagen. Wie
fremd-durchwachsen und verwildert wird dagegen nach einigen Jahrhunderten z.B.
die englische Sprache dastehen, mit dem vaterländischen, aber kraftlosen
Stammvolleingeimpften Wortgebüsches, keines Schaffens, nur des Impfens fähig und
aus dem doppelten Amerika mehr neue Wörter als Waren abholend! -
    Das zweite, aber leichtere, was für diese dritte verbesserte Auflage des
Hesperus geschehen, war natürlich, dass ich durch den ganzen Abendstern langsam
hinging mit dem Jätemesser in der Hand und alles Genitiv- oder
Es-Schmarotzer-Unkraut der Doppelwörter, wo ichs nur fand - und dies war leider
schon auf dem Titelblatte der Hundposttage der Fall -, aufmerksam herausstach.
Ich stand aber viel dabei aus; der alten Prozesse der überreichen Sprache mit
sich selber haften zu viele auf ihren Gütern, und ich musste daher manches
eingenistete Es-Gesindel da lassen, wo es sich zu lange angesiedelt hatte und
sich auf Zeugen und Ohren berief. Noch bis auf die Stunde dieser Vorrede wartet
der Verfasser der Morgenblatt-Briefe über die Doppelwörter nicht etwan auf eine
durchgreifende Prüfung (was wohl zu früh wäre), sondern vor allen Dingen auf
eine umfassende Lesung derselben, welche freilich der zerteilende Archipelagus
von auseinander liegenden Inselblättern so lange erschwert, als die Zeitschrift
ihren Lesekreis noch nicht durchlaufen. Dann aber hoff' ich vom Sprachforscher,
wenn er sie vollständig im Hause vor seinem Richterstuhle hat, gründliche
Widerlegung und Zustimmung. Endlich drittens wurde nach dem zweimaligen
Verbessern von zwei Auflagen (denn die erste erhielt grosse Verbesserungen, und
zwar vor ihrem Drucke) ein drittes vorgenommen, das gegen Härten, Dunkelheiten?
Missverstand und andere Überlängen und Überkürzen der Einkleidung loszugehen
hatte. Aber Himmel, wie oft muss nicht ein Schreibmensch an sich bessern, der
kaum über ein halbes Jahrhundert alt ist! Lebte er sich vollends in ein
Metusalems-Jahrtausend hinein und schriebe dabei: der Metusalem bekäme so
viele Bände von Verbesserungen nachzuschiessen, dass das Werk selber ihnen nur als
Vorwerk, Anhängsel oder Ergänzblatt beizugeben wäre. Seit mehren Jahren hasst der
Verfasser in seinen ältern Werken einen Fehler in hohem Grade, den er bei Ernst
Wagner, Fouqué und andern häufig wiederholt oder nachgeahmt angetroffen, nämlich
den Fehler der eignen schriftstellerischen Austrommelsucht oder Vorsprecherei
der Empfindungen, welche der Gegenstand haben und zeigen soll, aber nicht der
Dichter. Z.B. »erhaben ruhig antwortete Dahore.« - Wozu erhaben beifügen, da es
überflüssig, anmassend und vorausnehmend ist, sobald die Antwort wirklich erhebt,
oder, wenn sie es nicht tut, alles noch erbärmlicher ausfällt? Der Dichter, der
auf diese Weise das Vor-Echo seiner Personen ist, nimmt sich einige neuere
Trauerspieldichter wie Werner, Müllner u.a. zum Muster, welche für den
Schauspieler bei jeder Rede die Buchbinder-Nachrichten vorsetzen: »mit rührendem
Schmerze - mit einem Seufzer schmerzlicher Erinnerung - aus der Tiefe des
Schmerzes herauf« - lauter Macht- oder Unmachtsprüche, die nur ein
pantomimischer Tanz nötig hat und befolgen kann, die aber kein Stück von
Shakespeare, von Schiller und Goete braucht, weil ja die Rede selber reden
lehrt.
    Übrigens hab' ich jetzo, um ein Viertel-Jahrhundert älter und gealtert,
nicht den Mut, dem ersten jugendlichen Ausströmen des Herzens ein anderes Bette
und einen schwächern Fall und Zug zu geben. Der spätere Mensch hält zu leicht
das Ändern am jüngern für ein Bessern desselben; aber wie kein Mensch den andern
ersetzen kann, so kann auch nicht einmal derselbe Mensch sich in seinen
verschiedenen Alterstufen vertreten, am wenigsten der Dichter. Die beste
eheliche Liebe ist nicht das, was die jungfräuliche war; und so gibt es auch in
der Begeisterung und in der Darstellung eine jungfräuliche Muse. Ach alles erste
im Dichten wie Leben ist, was ihm auch sonst abgehe, so unschuldig und gut; und
alle Blüten kommen so rein weiss auf die Welt, worin nachher »die Sonne«, wie
Goete schon von körperlichen Farben sagt, »kein Weisses duldet«. Darum sollen
alle heisse Worte meiner Begeisterung für Emanuels Sterben und Viktors Lieben und
Weinen und für Klotildens Schweigen und Leiden stets im Hesperus ungekühlt und
unverändert stehen bleiben. Sogar das Jetzo soll dem Sonst nichts nehmen. Denn
ob ich gleich seit 25 Jahren durch einige Nachahmungen und Nachspiele des Buchs
ordentlich mich selber satt bekommen: so überwind' ich doch den Überdruss an
dieser Selbersatteit durch die Hoffnung, dass der schreibende Jüngling später
wieder auf lesende Jünglinge und Jungfrauen treffen und dass künftig auch für
ältere Leser mehr vom Nachgeahmten als von den Nachahmungen übrig bleiben wird.
Und so lege denn dieser Abendstern - der früher der Morgenstern meiner ganzen
Seele gewesen - seinen dritten Umlauf um die Lesewelt in dem vollern Lichte
eines bessern Standes gegen Sonne und Erde zurück!
Baireut den 1. Jenn. 1819.
                                                          Jean Paul Fr. Richter.
 
                          Vorrede zur zweiten Auflage
Noch hab' ich von dieser Vorrede weiter nichts zustande gebracht als einen
leidlichen Entwurf, den hier der Leser ungeschminkt bekommen soll. Vielleicht
heb' ich durch das Geschenk dieses Entwurfs auch den Vorhang auf, der noch immer
an meiner literarischen Arbeitloge herunterhängt, und ders der Nachwelt
versteckt, wie ich darin arbeite als mein eigner dienender Bruder und als
Meister vom schottischen Stuhl. Ein Entwurf ist aber bei mir kein Predigtentwurf
in Hamburg, den der Hauptpastor am Sonnabend ausgibt und am Sonntag ausführt -
er ist kein Gliedermann, keine Akademie, kein Kanon, wornach ich schaffe - er
ist kein Knochenskelett für künftiges Fleisch; - sondern ein Entwurf ist ein
Blatt oder ein Bogen, auf welchem ich mirs bequemer mache und mich gehen lasse,
indem ich darauf meinen ganzen Kopf ausschüttele, um nachher das Fallobst zu
sichten und zu säen, und das Papier mit organischen Kügelchen und mit Lagen von
Phönixasche bedecke, damit ganze schimmernde Fasanereien daraus aufsteigen. In
einem solchen Entwurfe halt' ich die unähnlichsten und feindlichsten Dinge bloss
durch Gedankenstriche auseinander. Ich rede mich in dergleichen Entwürfen selber
an und duze mich wie ein Quäker und befehle mir viel; ja ich bringe darin häufig
Einfälle vor, die ich gar nicht drucken lasse, weil entweder kein Zusammenhang
für sie auszumitteln ist, oder weil sie an sich nichts taugen. Und nun wird es
Zeit sein, dass ich dem Leser einen solchen Entwurf wirklich darbiete, welches
diesesmal der Entwurf der gegenwärtigen Vorrede selber ist. Er ist
überschrieben:
   Architektonik und Bauholz für die Vorrede zur zweiten Auflage des Hesperus
»Mache sie aber kurz, da der Welt der Gang durch zwei Vorzimmer in die
Passagierstube des Buchs ohnehin lang wird - Scherz' anfangs - Selten schiebt
einer auf der literarischen Kegelbahn alle neun Musen - Der Schluss aus der
Reflexion - Bringe viele Ähnlichkeiten zwischen dem Titel Hesperus und dem
Abendsterne oder der Venus heraus, dergleichen etwa sein müssen, dass meiner wie
diese voll spitzer hoher Berge ist, und dass beide ihrer Unebenheit ihren grössern
Glanz verdanken, ferner dass der eine wie die andere im Durchgang durch die Sonne
(des Apollo) nur wie schwarze Flecke erscheinen - (In deinem Briefkopierbuch
musst du mehre solche Anspielungen gemacht haben) - Die Welt erwartet, dass der
Abendstern bei der zweiten Auflage unten als Luzifer oder Morgenstern
heraufkomme, und dass der verklärte Leib des Papiers eine verklärte Seele
behause; lass es passieren und orientiere die Welt. - Finde Pedanten, die sich
von Worten, nicht von Sachen erhalten und füttern, den Aftermotten ähnlich, die
Wachskuchen fressen und verdauen, aber keine Honigfladen. - Niemand gleicht so
sehr als die Pedanten den Dohlen, die zugleich diebisch und geschwätzig sind;
sie verwässern und kapern. - In die kritische Hölle werden gerade Leute nicht
geworfen, die der Talmud auch von der jüdischen losspricht, nämlich die Armen,
die Zahlunfähigen und die, welche am Durchfalle umkommen. - Sei ein Fuchs und
streichle die kritischen Billard-Markörs, welche Verlust und Gewinn ansagen.« -
-
    Letztes versteh' ich selber nicht, weil der Entwurf schon im Winter
geschrieben wurde. Ich kann vielmehr ohne Ironie bekennen, dass mich die
kritischen Quartal- oder Landrichter beim Leben gelassen und mir weder einen
spanischen Mantel, noch ein Demutkleid, noch ein Blut- und Härenhemd umgeworfen
haben. Diese Nachsicht der Kritiker für einen Bücherschreiber, der wie ein
Katolik mehr gute Werke verübt, als er zur Seligkeit braucht, ist gewiss nicht
ihre schlechteste Eigenschaft, da sie damit so wohltätig auf unsere leeren Tage
wirken. Denn man muss jetzt froh sein, wenn nur vier oder fünf neue Gleichnisse
auf die Ostermesse abfahren, und wenn zur Michaelismesse nur einige Blumen,
welche Novitäten sind, feil stehen. Unser literarisches Küchenpersonale weiss uns
dasselbe goutée unter dem Scheine sechs verschiedner Schüsseln auf das Tischtuch
und in den Mund zu spielen und belustigt uns zweimal im Jahr mit einer
Nachahmung des berühmten Kartoffel-Gastmahls in Paris: anfangs kam bloss eine
Kartoffelsuppe - dann schon mit anderer Zubereitung wieder Kartoffeln - das
dritte Gericht hingegen bestand aus umgearbeiteten Kartoffeln - auch das vierte
- als fünftes konnte man nun wieder Kartoffeln servieren, sobald man nur zum
sechsten neu brillantierte Kartoffeln bestimmte - und so ging es durch 14
Gerichte hindurch, wobei man noch von Glück zu sagen hatte, dass wenigstens Brot,
Konfekt und Likör den Magen aufrichteten und aus Kartoffeln bestanden. - -
    Tadel ist eine angenehme Zitronensäure am Lob; daher werden beide von der
Welt nur miteinander gleichsam in einem Sauerhonig verteilt; so wie nach dem
Talmud auf den Räuchopferaltar einige Finger voll Teufelsdreck mit geworfen
wurden. Das einzige folglich, was ich an den Rezensenten nach dem vorigen Lobe
aussetzen will, und womit sie wirklich anstossen, ist dieses, dass sie selten (ihr
Herz ist gut) viel von der Sache oder Schrift verstehen, worüber sie richten;
und selbst dieser Tadel passet nur auf den grössern Teil. - -
    »Web es ein,« (fährt der Entwurf fort) »dass du nicht daraus kommen kannst,
was die jetzige Entüllung und Entülsung der weiblichen Arme2, Busen und Rücken
bedeuten soll, so wie sonst die Pfauen gerade mit ähnlichen glänzenden Teilen,
mit Hälsen, Flügeln und Köpfen, die nicht abgerupfet waren, in der
Bratenschüssel auftraten. - Es wird daher gut sein, wenn du vermutest dass die
schalenlosen Damen heimliche Jesuitinnen und Freimäurerinnen sind, weil in
beiden Orden die Mysterien und Verhüllungen mit Entblössung anfangen; oder gib
auch diese unbefiederten Glieder irgendeinem Darben schuld, wie ein Küchlein aus
einem Ei, woraus man nur einige Tropfen Eiweiss wegschöpfte, mit federlosen
Stellen auskriecht - Drohe wenigstens, dass Damen und Krebse am liebsten in der
Mause gefangen und gesotten werden.« - -
    - Das ist einer von den Fällen, wovon ich oben sagte, dass ich darin Einfälle
des Entwurfs, aus Mangel an Zusammenhang mit der ganzen Sache, aufgeben und
wegwerfen müsste; denn wirklich hat die ganze Gliedermause nichts mit der Vorrede
gemein als das Jahr der Geburt.
    »Von andern Autoren« (fährt deren Entwurf fort) »muss abgegangen und über den
Beifall, den du erbeutet, nur stumm weggeschlichen werden, damit die Welt sieht,
wie du bist. - Man erwartet von einer Vorrede zur zweiten Auflage eine kleine
Produktenkarte oder ein Ernteregister alles des Nachflors, der die zweite über
die erste erhebt: gib ihnen das Register!« -
    Gern! - Erstlich hab' ich verbessert alle Druckfehler - dann alle
Schreibfehler - dann viele Dissonanzen der Sprache - auch Wort- und
Sachschnitzer genug; die Einfälle aber und die poetischen Tulpen hab' ich selten
ausgerissen. Ich sah, wenn ichs täte, so bliebe vom Buche (weil ich die ganze
Manier ausstriche) nicht viel mehr in der Welt als der Einband und das
Druckfehler-Verzeichnis. Der Teolog hasset juristische Anspielungen - der
Jurist teologische - der Arzt beide - der Matematiker alle vorigen - ich liebe
sie alle; was soll man da lassen oder nehmen? - Der Frau missfällt Satire, dem
Manne erweichende Wärme (denn Kälte hält er an Büchern wie an Schokoladentafeln
für Proben des Werts) - und das Publikum selber hat über ein Kapitel 45
Meinungen, wie Cromwell vier widersprechende Briefe an denselben Korrespondenten
diktierte, bloss um seinen Schreibern den wahren zu verhehlen, den er
fortschickte; - - welcher Meinung hängt in solchem Streit ein Autor an? - Am
schicklichsten seiner eignen, wie die Welt der ihrigen. -
    Übrigens erlebt mein Werklein schwerlich so viele gedruckte Auflagen, als
ich davon in meiner Stube geschriebene verbesserte veranstalte - und darum sind
grosse Änderungen daran, wenn nicht entbehrlicher, doch schwieriger. Am Plane der
Geschichte selber war - gesetzt auch, ich hätte vergessen wollen, dass es eine
wahre ist - darum wenig umzubessern, weil das Werk ist wie meine Hose, die kein
Schneider, sondern ein Strumpfwirkerstuhl gemacht, und woran eine einzige
aufgehende Masche des rechten Schenkels das ganze Gestrick des linken aufknöpft.
Denn es ist ein wesentlicher, aber unleugbarer Fehler des Buchs - den ich leicht
aus dem Mangel an Episoden erkläre -, dass, sobald ich aus dem ersten Stockwerk
(oder Heftlein) nur irgendeinen brüchigen Quader ausziehe, sofort im dritten
alles wackelt und zuletzt nachfällt. Allerdings steh' ich dadurch noch weit von
den bessern neuen Romanen zurück, denen man ohne den geringsten Schaden der
Komposition und Feuerfestigkeit beträchtliche Stücke ausbrechen und einbauen
kann, bloss weil sie nicht, wie mein Buch, einem blossen Hause, sondern einer
ganzen Spielstadt aus Nürnberg gleichen, deren lose abgehenkte Häuser das Kind
in seinem Spielschrank aufschichtet, und deren Musaik aus Hütten das liebe
Kleine leicht zu seiner Lust gassatim zusammenstellt, wie es nur mag. Einer
wahren Historie klebt immer das Verdriessliche an, dass dergleichen nicht zu
machen ist.
    Gleichwohl entschädige ich mein Werk für künstlerische Änderungen und
Verbesserungen hinlänglich durch wahre - Vergrösserungen desselben, durch
historische Zusätze. Da ich zum Glücke seit einigen Jahren unter den Personen
selber lebe und hause, die ich abgeschildert: so bin ich als Zirkelgrad dieses
schönen Familienzirkels ganz instand gesetzt, aus lebendigen Zeugen-Rotuln
tausend Berichtigungen und Erläuterungen nachzutragen, die sonst kein Mensch
erführe, und die gleichwohl die etwas dunkle Geschichte gewaltig erhellen. Der
Kunstrichter schlage nur die zwei nächsten Kapitel des Buchs, oder die fernsten,
oder andere auf.
    Man will mich gefällig bereden, ich hätte in den Zusätzen den
Überzähligen-Witz vermieden und den leuchtenden Naphtaboden meines
Abendgestirnes, der weder auszugiessen noch zu versenken war, geschickt gewässert
durch frische Historie. - - Der Himmel geb' es! Ich habe schlechte Hoffnung;
aber lieb sollte es mir sein, wenn die Rezensenten mich versichern wollten, ich
hätte in meinem Panteon-Pandämonium meine dichten Bilder, obwohl nicht
versteigert oder verdeckt, doch aber weiter auseinander gehenkt.
    »Überhaupt« (verfolgt der Entwurf) »nimm lieber das historische
Okuliermesser als das kritische Jätemesser in die Hand!«
    Eben sagt' ich, dass ichs getan.
    »Was aber jene verdorrten falben Menschen anlangt, vor denen nichts gross ist
als ihr Bild, und deren Magen vor jeder schönern Bewegung des erhobnen Herzens
in eine umgekehrte gerät, kurz die alles anekelt (ausgenommen das Ekelhafte), so
stelle dich an, als merktest du sie gar nicht einmal, um so mehr, da sie den
Patienten gleichen, die der Bandwurm benagt, und welche nach medizinischen
Beobachtungen sich vor jeder Musik, besonders Orgeln, erbrechen und ekeln -
Denke lieber an die guten Menschen, die du kennst und liebst, und an die guten,
die du nur liebst - - und daher werde am Ende der Vorrede ernstaft und dankbar
und freue dich!« - -
    Wahrlich, das hätt' ich getan schon ohne den Entwurf! - Wie könnt' ich gegen
die Schonung unempfindlich bleiben, womit man im ganzen die aphroditographischen
Fragmente von meinem Abendstern abfassete, der mit so merklichen Aberrationen
oder Abweichungen und in einer so wenig planetarischen Ellipse um seine Sonne
läuft, dass er leicht, wie es oft dem Hesperus am Himmel geschieht, für einen
Haar-, Bart- und Schwanzstern zu nehmen ist? - Und wie hart und kalt müsste die
Seele sein, welche ohne Rührung und ohne Freude über den kürzesten frohen Tag,
ja nur über eine frohe Sekunde und Terzie bliebe, in die sie die leidenden
Menschen führen konnte - und über die ausgebreitete Verwandtschaft hoher Wünsche
und heiliger Hoffnungen und freundlicher Gefühle - - und über den holden
Friedenschluss, worin die Zänker und Krieger auf der ersten Welt des prosaischen
Lebens einander auf der zweiten Welt der Dichtkunst in gemeinsamen Erkennungen
die Hände geben und zu Brüdern werden? -
    Ich gebe dir, guter Asteriskus und Nebenplanet des sanften Abendsternes über
mir, wieder die Wünsche vor drei Jahren für jede Seele auf den Weg, die du
erfreuen kannst! Nur gehe für kein Auge als ein Regengestirn auf, nur mache
keines irre, dass es den Mondschein der Dichtkunst für den Morgen der Wahrheit
nimmt und die Morgen-Träume zu früh abdankt! - Aber in die Marterkammer und
durch das Gefängnisgitter der verlassenen Seelen wirf einen erfreulichen Schein
- und wem seine glückliche Insel auf den Meerboden der Ewigkeit entfiel, dem
verkläre die dunkle tiefe Gegend - und wer vergeblich in einem entblätterten
Paradiese umher- und hinaufsieht, dem zeige ein kleiner Strahl aus dir unten auf
dem Boden unter dem gelben Laube irgendeine bedeckte süsse Frucht der vorigen
Zeit - und das Auge, dem du gar nichts zeigen kannst, dieses ziehe sanft hinauf
zu deinem Bruder und zum Himmel, worin er glänzt. - Ja wenn ich einmal zu alt
bin, so tröste mich auch!
    Hof, den 16ten Mai 1797.
                                                          Jean Paul Fr. Richter.
                      Vorrede, sieben Bitten und Beschluss
                                    Vorrede
Ich wollte mich anfangs ereifern über einige Heere von Lesern, mit denen ich in
diesem Buche nichts anzufangen weiss; und wollte mich vorn an den Hesperus als
Pförtner stellen und vorzüglich Leute mit der grössten Unhöflichkeit
fortschicken, die nichts taugen - für welche, wie für einen Prosektor, das Herz
nichts ist als der dickeste Muskel, und welche Gehirn und Herz und alles Innere,
wie Formen der Gipsstatuen ihr eingefülltes Gemengsel von Scherwolle, Heu und
Ton, nur darum tragen, um hohl gegossen auszufallen. - Ich wollte sogar mit
ehrlichen Geschäftleuten keifen, die, wie der grosse Antonin, den Göttern danken,
dass sie die Dichtkunst nicht weit getrieben - und mit solchen, vor denen sich
der Kapellmeister Apollo auf einer Strohfiedel hören lassen soll, und seine neun
Diskantistinnen mit dem Bier- und Strohbass - ja sogar mit der lesenden
Schwesterschaft der Ritterromane, die so lieset, wie sie heiratet, und die sich
unter den Büchern, wie unter den Gesichtern der Herren, nicht die schönen
weiblichen, sondern die wilden männlichen ausklaubt. - -
    Aber ein Autor sollte kein Kind sein und sich seine Vorrede versalzen, da er
nicht alle Tage eine zu machen hat. Warum habe ich nicht lieber in der ersten
Zeile die Leser angeredet und bei der Hand genommen, denen ich den Hesperus
freudig gehe, und die ich mit einem Freiexemplar davon beschenken wollte, wenn
ich wüsste, wo sie wohnten? - Komm, liebe müde Seele, die du etwas zu vergessen
hast, entweder einen trüben Tag oder ein überwölktes Jahr, oder einen Menschen,
der dich kränkt, oder einen, der dich liebt, oder eine entlaubte Jugend, oder
ein ganzes schweres Leben; und du, gedrückter Geist, für den die Gegenwart eine
Wunde und die Vergangenheit eine Narbe ist, komm in meinen Abendstern und
erquicke dich mit seinem kleinen Schimmer, aber schliesse, wenn dir die poetische
Täuschung flüchtige süsse Schmerzen gibt, daraus: »Vielleicht ist das auch eine,
was mir die längern tiefern macht.« - Und dich, höherer Mensch, der unser Leben,
das nur in einem Spiegel geführet wird, kleiner findet als sich und den Tod, und
dessen Herz ein verhüllter grosser Geist in dem Totenstaube anderer zerfallener
Menschenherzen heller und reiner schleift, wie man den Demant im Staube des
Demants poliert, darf ich dich auch in meinen Abend- und Nachtstern auf eine
Anhöhe, so wie ich sie aufzuwerfen vermag, herniederrufen, damit du, wenn du um
sie, wie um den Vesuv, morganische Feen und Nebel-Gruppierungen und Traum-Welten
und Schatten-Länder in der Tiefe ziehen siehest, vielleicht zu dir sagest: »Und
so ist alles Traum und Schatten um mich her, aber Träume setzen Geister voraus,
und Nebel Länder, und der Erdschatten eine Sonne und eine Welt«? -
    Aber zu dir habe ich nicht den Mut, zu dir, edler Geist, der des
Jahrhunderts müde ist und des Nachwinters der Menschheit, dem zuweilen, aber
nicht immer, das Menschengeschlecht wie der Mond zurückzuwandeln scheint, weil
er den Zug der Wolke, die darunter hinfliegt, für den Gang des himmlischen
Körpers selber ansieht, und der voll erhabner Seufzer, voll erhabner Wünsche und
mit schweigendem Ergeben zwar neben sich eine würgende Hand und das Fallen
seiner Brüder hört, aber doch das aufgerichtete, auf dem ewig heitern
Sonnenangesicht der Vorsehung ruhende Auge nicht niederschlägt, und den das
Unglück, wie der Blitz den Menschen, zwar entseelt, aber nicht entstellt; edler
Geist, ich habe freilich nicht den Mut, zu dir zu sagen: »Würdige mich, auf mein
Schattenspiel zu schauen, damit du über den Abendstern, den ich vor dir
vorüberführe, die Erde vergessest, auf der du stehest, und die sich jetzo mit
tausend Gräbern wie ein Vampyr an das Menschengeschlecht anlegt und Opferblut
saugt.« - - Und doch hab' ich an dich unter dem ganzen Buche gedacht, und die
Hoffnung, mein kleines Nacht- und Abendstück vor nasse, aufgerichtete und feste
Augen zu bringen, war der tragende Malerstock der müden Hand gewesen.
    Da ich mich jetzt zu ernstaft geschrieben, so muss ich von den sieben
versprochenen Bitten, worunter nur vier es sind, drei weglassen. - Ich tue also
nur die
    Erste Bitte, den Titel »Hundposttage« so lange zu vergeben, bis ihn das
erste Kapitel erklärt und entschuldigt hat - Und die
    Zweite, allemal ein ganzes Kapitel zu lesen, und kein halbes, weil das grosse
Ganze aus kleinern Ganzen, wie nach den Homoiomerien des Anaxagoras der
Menschenkörper aus unzähligen kleinen Menschenkörpern besteht - Und die
    Siebente Bitte, die halb aus der zweiten fliesset, aber nur die Kunstrichter
angeht, mir in ihren fliegenden Blättern, die sie Rezensionen nennen, mit keiner
Publikation meiner Hauptbegebenheiten vorzugreifen, sondern dem Leser einige
Überraschungen, die er doch nur einmal hat, zu lassen. - Und endlich die
    Fünfte Bitte, die man aus dem Vaterunser schon kennt.
 
                                  Der Beschluss
Und so werde denn sichtbar, kleiner stiller Hesperus! - Du brauchst eine kleine
Wolke, um verdeckt zu sein, und ein kleines Jahr, um deinen Umlauf vollführt zu
haben! - Mögest du der Tugend und Wahrheit, wie dein Ebenbild am Himmel der
Sonne, näher stehen, als die Erde allen dreien ist, in die du schimmerst, und
mögest du wie jenes nur dadurch dich den Menschen entziehen, dass du dich in die
Sonne hüllest! Möge dein Einfluss schöner, wärmer und gewisser sein, als der des
Kalender-Hesperus ist, den der Aberglaube auf den Dunst-Tron dieses Jahres
setzt! - Du würdest mich zum zweitenmal glücklich machen, wenn du für
irgendeinen abgeblühten Menschen ein Abendstern, für irgendeinen aufblühenden
ein Morgenstern würdest! Gehe unter mit jenem und auf mit diesem; flimmere im
Abendhimmel des erstern zwischen seinen Wolken und überziehe seinen
zurückgelegten bergaufgehenden Lebenweg mit einem sanften Schimmer, damit er die
entfernten Blumen der Jugend wieder erkenne und seine veralteten Erinnerungen zu
Hoffnungen verjünge! - Kühle den frischen Jüngling in der Lebenfrühe als ein
stillender Morgenstern ab, eh' ihn die Sonne entzündet und der Strudel des Tages
einzieht! - Für mich aber, Hesperus, bist du nun wohl untergegangen - du zogest
bisher neben dem Erdball wie mein Nebenplanet, wie meine zweite Welt, auf die
meine Seele ausstieg, indes sie den Körper den Stössen der Erde liess - aber heute
fällt mein Auge traurig und langsam von dir und dem weissen Blumenflor, den ich
um deine Küsten angepflanzet, auf den nasskalten Boden herab, wo ich stehe - und
ich sehe uns alle von Kühle und Abend umgehen - weit von den Sternen abgerissen
- von Johanniswürmchen belustigt, von Irrwischen beunruhigt - alle einander
verhüllt, jeder einsam und sein eignes Leben nur fühlend durch die warme
pulsierende Hand eines Freundes, die er im Dunkeln hält. - -
    Ja, es wird zwar ein anderes Zeitalter kommen, wo es licht wird, und wo der
Mensch aus erhabnen Träumen erwacht und die Träume - wiederfindet, weil er
nichts verlor als den Schlaf. -
    Die Steine und Felsen, welche zwei eingehüllte Gestalten, Notwendigkeit und
Laster, wie Deukalion und Pyrrha hinter sich werfen nach den Guten, werden zu
neuen Menschen werden. -
    Und auf dem Abendtore dieses Jahrhunderts steht: Hier geht der Weg zur
Tugend und Weisheit; so wie auf dem Abendtor zu Cherson die erhabene Inschrift
steht: Hier geht der Weg nach Byzanz. - -
    Unendliche Vorsicht, du wirst Tag werden lassen. -
    Aber noch streitet die zwölfte Stunde der Nacht: die Nachtraubvögel ziehen;
die Gespenster poltern; die Toten gaukeln; die Lebendigen träumen.
    In der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche 1794.
                                                                      Jean Paul.
 
                                 1. Hundposttag
  Unterschied zwischen dem 1. und 4. Mai - Rattenschlachtstücke - Nachtstück -
     drei Regimenter in künftigen Hosen - Starnadel - Ouvertüre und geheime
                            Instruktion dieses Buchs
Im Hause des Hofkaplans Eymann im Baddorfe St. Lüne waren zwei Parteien: die
eine war den 30. April froh, dass der Held dieser Geschichte, der junge Engländer
Horion, den 1. Mai aus Göttingen zurückkäme und in der Kaplanei bliebe - der
andern wars nicht recht, sie wollte haben, er sollte erst den 4. Mai anlangen.
    Die Partei des ersten Maies oder des Dienstagsbestand aus dem Kaplans-Sohne
Flamin, der mit dem Engländer bis ins zwölfte Jahr in London und bis ins
achtzehnte in St. Lüne erzogen worden, und dessen Herz mit allen Aderzweigen in
das britische verwachsen und in dessen heisser Brust während der langen Trennung
durch Göttingen ein Herz zu wenig gewesen war - ferner aus der Hofkaplänin,
einer gebornen Engländerin, die in meinem Helden den Landsmann liebte, weil der
magnetische Wirbel des Vaterlandes noch an ihre Seele über Meere und Länder
reichte - endlich aus ihrer ältesten Tochter Agate, die den ganzen Tag alles
auslachte und lieb hatte, ohne zu wissen warum, und die jeden, der nicht gar zu
viele Häuser weit von ihr wohnte, mit ihren Polypenarmen als Nahrung ihres
Herzens zu sich zog.
    Die Sekte des vierten Maies konnte sich mit jener schon messen, da sie auch
ein Kollegium von drei Gliedern ausmachte. Die Anhänger waren die kochende Appel
(Apollonia, die jüngste Tochter), deren Küchen-Ehre und Back-Belobebrief dabei
litt, dass der Gast früher ankam als die Weisshefen; sie konnte sich denken, was
eine Seele empfindet, die vor einem Gaste steht, die Hände voll Spick- und
Nähnadeln, neben der Platte der Fenstervorhänge, und ohne sogar die Frisur des
Hutes und des Kopfes, der darunter soll, nur halb fertig zu haben. Der zweite
Anhänger dieser Sekte, der am meisten gegen den Dienstag hätte reden sollen - ob
er gleich am wenigsten redete, weil ers nicht konnte und erst kürzlich getauft
war -, sollte am Freitag zum ersten Male in die Kirche getragen werden; dieser
Anhänger war das Patchen des Gastes. Der Kaplan wusste zwar, dass der Mond seinen
Gevatterbitter, den P. Ricciolum, bei den Erden-Gelehrten herumschicke und sie
als Paten seiner Flecken ins Kirchenbuch des Himmels bringe; aber er dachte, es
ist besser, sich seinen Gevatter schon in einer Nähe von 50 Meilen zu nehmen.
Der Aposteltag des Kirchgangs und der Festtag der Ankunft des Herrn Gevatters
wären also schön ineinander gefallen; aber so führte das Wetter (das hübsche)
den Gevatter vier Tage eher her! -
    Der dritte Jünger des Freitags war im Grunde der Häresiarch dieser Partei,
der Hofkaplan selber: die Kaplanei, worin Horion ein einstweiliges Hoflager
haben sollte, war ganz voll Ratten, ordentlich ein Tanzsaal und Waffenplatz
derselben, und diesen wollte der Kaplan sein Haus vorher abjagen. Wenige
Hofkapläne, die Hektik im Leibe und Ratten im Hause hatten, machten daher so
viel Gestank, als dieser in St. Lüne gegen die Bestien. Mit wenigen Wolken davon
wären alle Hofdamen aus Europa hinauszuräuchern. Zündete der Hektiker nicht so
viel vom Hufe seines Gaules an, als er davon abgesägt hatte? - Nahm er nicht ein
solches Nagetier selber gefangen und seifte dasselbe mit Wagenteer und Fischtran
ein und liess den Arrestanten fort, damit er als Parias in den Löchern auf- und
abginge und Ratten edlerer Kasten durch sein Salböl zu entlaufen nötigte? - Ging
er nicht ins Grosse und nahm gar einen Bock in die Kost, von dem er nichts
verlangte, als dass er stank und den geschwänzten Klausnern missfiel? - Und waren
nicht alle diese Mittel so gut wie umsonst?
    - - Denn der Henker relegiere Jesuiten und Ratten! - Indessen wird doch den
Leuten hier schon auf dem Bogen C die Moral dargereicht, dass es gegen beide, so
gut wie gegen Zahnschmerzen, Seelenleiden und Wanzen, tausend gute Mittel gebe,
die nichts helfen.
    Wir wollen nun sämtlich weiter in die Kaplanei eindringen und uns um die
Eymannische Familien-Geschichte so genau bekümmern, als wohnten wir drei Häuser
weit von ihr. Horion - der Akzent muss auf die erste Silbe kommen - oder
Sebastian - verkürzt gar Bastian, wie ihn die Eymannischen nannten - oder Viktor
- wie ihn der Lord Horion, sein Vater, nannte (denn ich heiss' ihn bald so, bald
so, wie es grade mein prosaisches Silbenmass begehrt) - Horion hatte den lieben
Pfarrleuten durch den Italiener Tostato, der für die ganze Gegend ein wandelnder
Auerbachs-Hof war, und der auch St. Lüne zueilte, die kleine mündliche Lüge
zustellen lassen, er komme am Freitag; er wollte sie erstlich recht überraschen,
und zweitens wollt' er ihnen verschämt die Hände binden, die seinetwegen
zurüsten, waschen und auftragen wollten, und drittens dacht' er, eine mündliche
Lüge sei doch kleiner als eine geschriebene. Seinem Vater aber schrieb er die
Wahrheit und setzte seinen Eintritt in die Kaplanei auf den 1. Mai oder den
Dienstag an. Der Lord hielt sich in der Residenzstadt Flachsenfingen auf, wo er
dem Fürsten moralische Augenleder und Augengläser zugleich anlegte und den Blick
desselben sowohl lenkte als schärfte; aber er war selber blind, obwohl nur
physisch. Daher musste sein Sohn einen Augenarzt von Göttingen mitbringen, der
ihn im Hause des Kaplans am Dienstag operieren sollte. Da er seinen Viktor zum
Doktor Medicinae machen liess: so wunderten sich meines Wissens viele Göttinger
darüber, dass ein so vornehmer Jüngling das Doktor-Kopfzeug, diesen Plutos-Helm,
der nicht, wie der mytologische, den Träger, aber doch andere unsichtbar macht,
aufsetzte und den Doktorring, diesen Gygesring, der nur andern die
Unsichtbarkeit verleiht, ansteckte; aber war denn den Göttingern die
Augenkränklichkeit seines Vaters unbekannt oder unzulänglich?
    Der Lord schrieb dem Hofkaplan, dass er und sein Sohn morgen kommen würden;
der Kaplan überlas die Hiobs-Post still dreimal hintereinander und steckte sie
mit komischer Ergebung in den Briefumschlag zurück und sagte: »Wir haben nun
hinlängliche Hoffnung, dass morgen unser Doktor gewiss eintrifft samt den andern -
hübschen Lusttreffen und Brunnenbelustigungen seh' ich entgegen; Frau! wenn der
morgen einwandelt und meine gesamten Ratten tanzen wie Kinder vor ihm her - zu
essen haben wir ohnehin nichts - und aufzusetzen hab' ich auch nichts, denn vor
Donnerstags jag' ich dem Flachsenfinger Windbeutel3 nicht einen Haarbeutel ab...
Und du lachst dazu? Wird nicht unsereiner mitten im April noch in April
geschickt?« Aber die Kaplänin fiel ihm mit doppelten Ausrufzeichen der Freude an
die Achsel und lief sogleich davon, um zu diesem Rosenfeste ihrer guten Seele
die kleine Brüder- und Schwestergemeinde der Kinder zu ziehen. Der ganze
Familienzirkel zerfiel nun in drei erschrockene und in drei erfreuete Gesichter.
    Wir wollen uns bloss unter die frohen setzen und zuhorchen, wie sie den
Nachmittag als Gesichtmaler, als Gewändermaler, als Galerieaufseher am Gemälde
des geliebten Briten arbeiten. - Alle Erinnerungen werden zu Hoffnungen gemacht,
und Viktor soll nichts geändert mitbringen als die Statur. Flamin, wild wie ein
englischer Garten, aber fruchttragender, erquickte sich und andere mit der
Schilderung von Viktors sanfter Treue und Redlichkeit und von seinem Kopf und
pries sogar sein Dichterfeuer, das er sonst nicht hochschätzte. Agate erinnerte
an seine humoristischen Rösselsprünge, wie er einmal mit der Trommel eines
durchpassierenden Zahndoktors das Dorf vergeblich vor sein Teater
zusammengetrommelt habe, weil er vorher die ganze fahrende Apoteke dieses
redlichen wahren Freund Heins ausgekauft hatte - wie er oft nach einer Kindtaufe
sich auf die Kanzel postieret und da ein paar andächtige Zuschauer in der
Werkeltag-Schwarte so angeprediget habe, dass sie mehr lachten als weinten - und
andern Spass, womit er niemand lächerrlich machen wollte als sich, und niemand
lachend als andere. Weiber billigen es aber nie (sondern nur Männer), wenn einer
wie Viktor zur britischen Ordenzunge der Humoristen gehöret - denn bei ihnen und
Höflingen ist schon Witz Laune - das billigen sie nicht, dass Viktor (wie z.B.
Swift und viele Briten) gern zu Fuhrleuten, Hauswürsten und Matrosen
herunterstieg, indes ein Franzose lieber zu Leuten von Ton hinaufkriecht. - Denn
die Weiber, die stets den Bürger mehr als den Menschen achten, sehen nicht, dass
sich der Humorist weismacht, alles, was jene Plebejer sagen, souffliere er
ihnen, und dass er absichtlich das unwillkürliche Komische zu künstlerischem
adelt, die Narrheit zu Weisheit, das Erden-Irrhaus zum Nationalteater.
Ebensowenig begriff ein Amtmann, ein Kleinstädter, ein Grossstädter, warum Horion
seine Leserei oft so jämmerlich wähle aus alten Vorreden, Programmen,
Anschlagzetteln von Reisekünstlern, die er alle mit unbeschreiblichem Vergnügen
durchlas - bloss weil er sich vordichtete, diesen geistigen Futtersack, der bloss
unter den Lumpenhacker gehörte, hab' er selber gefertigt und gefüllt aus
satirischer Rücksicht. - In der Tat, da die Deutschen Ironie selten fassen und
selten schreiben: so ist man gezwungen, vielen ernstaften Büchern und
Rezensionen boshafte Ironie anzudichten, um nur etwas zu haben.
    - Und das ist ja nichts anders, als was ich selber versuche, wenn ich bei
Terminen in Gedanken die Gerichtstube zum Komödienhaus erhebe, den Rechtsfreund
zum juristischen Le Kain und Kasperl und die ganze Verhandlung zur alten
griechischen Komödie; denn ich raste nicht, bis ich mir weisgemacht, ich hätte
den guten Leuten den ganzen Termin nur einstudieren lassen als Gastrolle und
wäre also wirklich ihr Teaterdichter und Direktor. So trag' ich im Grunde
meinen stummen Kopf munter als ein komisches Taschenteater der Deutschen durch
deren edelste Behausungen (z.B. der Universität, der Regierung) und erhöhe ganz
im stillen - hinter der herabgelassenen Gardine der Gesichtaut - Komisches der
Natur zu Komischem der Kunst. -
    Ich komme zurück. Die Kaplänin erzählte nun so viel von Viktor, als alle
schon wussten. Aber dieses Wiederholen der alten Geschichte ist eben der schönste
Reiz des häuslichen Gesprächs. Wenn wir süsse Gedanken uns selber oft ohne
Langweile wiederholen können, warum soll sie nicht auch der andere öfters in uns
erwecken dürfen? - Die gute Frau schilderte ihren Kindern, wie sanft und weich,
wie zärtlich und weiblich ihr lieber Sohn sei (denn Viktor nannte sie immer
seine Mutter) - wie er sich überall auf sie verliess - wie er immer scherzte,
ohne jemand zu necken, und immer alle Menschen, sogar die fremdesten, liebte -
und wie sie vor ihm besser als vor irgendeiner Matrone ihr gedrücktes Herz
aufschliessen konnte und wie gern er mit ihr weinte. - Ein Hofapoteker mit einem
Bimsstein-Herz - Zeusel schreibt er sich - sah dieses Zerfliessen der wärmsten
Seele sogar einmal für eine Tränenfistel an, weil er glaubte, keine andere Augen
könnten weinen als kranke.... Lieber Leser, ist dir jetzo nicht wie dem
Lebensbeschreiber, der nun den Eintritt dieses guten Viktors in die Kaplanei und
Lebensbeschreibung kaum erwarten kann? Wirst du ihm nicht die freundschaftliche
Hand reichen und sagen: »Willkommen, Unbekannter! - Siehe, dein weiches Herz
öffnet unseres schon unter der Schwelle! O du Mensch mit Augen voll Tränen,
glaubst denn du auch wie wir, dass in einem Leben, dessen Ufer vollhängen von
Erschrocknen, die sich an Zweige, von Verzweifelten, die sich an Blätter halten,
dass in einem solchen Leben, wo uns nicht bloss Torheiten, sondern auch Schmerzen
umzingeln, der Mensch ein nasses Auge bewahren müsse für rote, ein beklommenes
Herz für ein blutendes, und eine leise Hand, die den schweren dicken Leidenkelch
dem Armen, der ihn leeren muss, trauernd hält und langsam nachhebt? - Und wenn du
so bist: so rede und lache, wie du willst; denn die Menschen soll keiner
belachen als einer, der sie recht herzlich liebt.« -
    Nachmittags schickte der Obrist-Kammerherr Le Baut- ein gewürzhaftes
Blätterskelett - den Läufer Seebass zum Kaplan und liess ihn ersuchen - denn das
Schloss lag der Kaplanei nahe gegenüber -, den Bock nur so lange wegzustellen,
bis sich der Wind drehte, weil seine Tochter käme. »Trauter Herr Seebass!«
(antwortete gerührt der Ratten-Kontroversist) »meinen untertänigen Empfehl
wieder, und Sie sehen mein Elend. Morgen erfreuen mich der Lord und sein Sohn
und sein Augenarzt mit ihrer Gegenwart, und der Star wird hier gestochen. Nun
stinkt gegenwärtig das ganze Haus, und die Ratten setzen ihren Nachttanz noch
gelassen im Geruche fort; ich beteuere Ihnen, Herr Seebass, wir können
Teufelsdreck nehmen und damit die Kaplanei bis zum Dachstuhl ausfüttern, nicht
einen Schwanz treiben wir dadurch fort; es gefällt ihnen vielmehr. Ich meines
Ortes rüste mich schon darauf, dass sie morgen unter dem Stiche an dem
Starstecher und an dem Patienten hinaufspringen. - So erging' es uns allen,
melden Sie im Schloss, aber heute wollt' ich noch vortreffliches Rosenholzöl
versuchen.«
    Er holte also einen grossen Hopfensack und zerrte ihn unters Dach hinauf, um
da im eigentlichen Sinne die Ratten bei der Nase herumzuführen in den Hopfensack
hinein. Bekanntlich sind Ratten so arg ersessen auf Rosenholzöl als Menschen auf
Salböl, das, sobald nur sechs Tropfen auf den Scheitel fallen, auf der Stelle
einen König oder Bischof daraus macht, welches ich daraus sehe, weil im ersten
Fall ein goldner Reif um die Haare anschiesst und im zweiten sie gar ausgehen.
Der Wehrstand, der Kaplan, übersprützte den Sack mit einigem Öl und legte ihn
mit seiner Mündung aufgesperrt und aufgespannt für die Feinde hin - er selber
stand darhinter und hielt sich hinter einem ebenso eingeölten Ofenschirm
versteckt. Seine Absicht war, hervorzufahren, wenn die Bestien im Sack sässen,
und die ganze Rotte dann wie Bienen im Schwarmsack wegzutragen. Die wenigen
Kammerjäger, die mich lesen, müssen diese Fangart häufig gebraucht haben. -
    Aber sie werden nicht darüber hingepurzelt sein wie der Kaplan, dem sich der
wohlriechende Ofenschirm zwischen die Schenkel stülpte, und der still lag,
während der Feind lief. In einer solchen Lage labt den Menschen der Pralltriller
eines Fluches.
    Nachdem also der Kaplan einige solcher Triller und Mordanten geschlagen,
sich zur Familie hinabbegeben und ihr im Vorbeigehen gesagt hatte: »wenn es im
gemässigten Erdstrich einen gäbe, der von den Windeln an ein Trauerpferd zuritte,
der ansässig wäre in Hattos zweitem Mäuseturm und in einem Raspelhause aus
Amsterdam und in der Vorhölle, wenns so einen Disziplinanten gäbe, von dem ihn
nur wunderte, wie er noch am Leben sei: so wär' ers allein und weiter kein
Teufel« - nachdem er das heraushatte: so liess er die Ratten ruhig und - wurd' es
selber recht sehr.
    In der Nacht fiel nichts Denkwürdiges vor, als dass er - aufwachte und
herumhorchte, ob nichts Geschwänztes rumore, weil er willens war, sich satt zu
ärgern. Da gar nichts von den Bestien zu vernehmen war, nicht einmal ein
Seitensprung: so setzte er sich auf den Fussboden heraus und presste das
Spionenohr an diesen. Sein Glück wollte, dass gerade jetzt die Bewegungen des
Feindes mit Balletten und Galoppaden in sein Gehör einplumpten. Er brach auf,
waffnete sich mit einer Kindertrommel und weckte seine Frau mit dem Lispeln auf:
»Schatz, schlaf wieder ein und erschrick im Schlafe nicht: ich trommel' ein
wenig gegen die Ratten; denn von der Zwickauer Sammlung nützlicher Bemerkungen
für Stadt- und Landwirtschaft 1785 wird mirs angeraten.«
    Sein erster Donnerschlag gab seinen Erbfeinden die Ruhe, die er seinen
Blutfreunden nahm.... Da ich aber alle Menschen jetzt instand gesetzt, sich den
Kaplan im Hemd und mit dem Hackbrett der Soldateska vorzustellen: so gehen wir
lieber ans Bette seines Sohnes Flamin und geben acht, was dieser darin macht....
    Nichts; aber ausser demselben macht er einen Ritt jetzo so spät und noch dazu
ohne Sattel und Weste. Er, dessen Brust eine Äols - Höhle voll gedrückter Stürme
war - jeder gescheite Protonotarius in Wetzlar würde seinen Fischkopf oder
Rebhuhnflügel reiner abschälen oder sein Samt-Knie reiner abbürsten als er -,
dieser wusste unmöglich länger auf einem Kopfkissen zu verbleiben, dem heute eine
Trommel so nahe kam und morgen ein Freund. Einen andern freilich (wenigstens den
Leser und mich) würde die durchsichtige Nacht, womit sich der April beschloss,
die weite Stille, auf welche die Trommelstöcke schlugen, die Sehnsucht nach dem
Geliebten, mit welchem der Morgen wieder das öde Herz und das zerstückte Leben
ergänzte, alles dieses würde uns beide mit sanften Bebungen und Träumen erfüllet
haben - den Kaplans-Sohn aber warf es auf den Gaul hinauf und in die Nacht
hinaus; seine geistigen Erd-Erschütterungen legten sich nur unter einem
körperlichen Galopp.
    Er sprengte über den Hügel, auf dem er morgen sich mit seinem Horion wieder
verknüpfen wollte, zehnmal hinauf und hinab. Er fluchte und donnerte auf alle
seine Leidenschaften - freilich mit Leidenschaft -, die bisher die Beinsäge an
ihre verbundnen so Freundschaftände angelegt hatten: »O wenn ich dich nur
wieder habe, Sebastian,« (sagt' er und riss den Gaul herum) »so will ich so sanft
sein, so sanft wie du, und dich niemals verkennen, oder das Donnerwetter soll
mich hier auf dem Platze...« Beschämt über den eiligen Widerspruch ritt er bloss
im Pass nach Hause.
    Seine Sehnsucht nach seinem wiederkehrenden Freunde drückt' er im Stalle
dadurch aus, dass er die Scheitelhaare hinaufstülpte, den Zopf wie die vierte
Geigensaite anzog und dem Schlüssel des Futterkastens den Bart abdrehte....
    Nur ein Mensch, der nach einem Freunde gerade so wie nach einer Freundin
schmachtet, verdienet beide. Aber es gibt Menschen, die aus der Erde gehen, ohne
je darüber betrübt oder besorgt gewesen zu sein, dass sie niemand darin geliebt
hatte. Derjenige, der nach dem Kommerzientraktat des Eigennutzes, nach dem
gesellschaftlichen Vertrag der Höflichkeit, sogar nach dem Grenz- und
Tauschvertrag der Liebe nichts Höheres kennt, ein solcher - ich wollt' aber, er
hätte mich gar nicht vom Verleger verschrieben -, dessen fahles Herz nichts weiss
von der Brüderunität befreundeter Menschen, vom Ineinanderverzweigen ihrer
edlern Gefässe und von ihrer Eidgenossenschaft in Streit und Schmerz - - ich seh'
aber nicht, weswegen ich von diesem Tropfe so lange rede, da er nicht einmal in
Flamins Sehnen sich hineinzufühlen weiss, der ein liebendes, achtendes Auge
begehrte, weil seine Fehler und seine Tugenden in gleichem Masse abstiessen; denn
bei andern Menschen machen wenigstens entweder die Flecken die Strahlen gut,
oder die Strahlen die Flecken. - -
    Bloss in fürstlichen Pferdeställen ist das Getöse früher und lauter, als das
in der Kaplanei am ersten Wonnemonat war. Ich frage die erste beste Leserin, ob
es je mehr zu bohnen und zu sieden geben kann als an einem Morgen, wo ein Lord
mit dem Star erwartet wird und sein Sohn dazu und ein Starstecher. Die
männlichen Rasttage fallen allezeit in die weiblichen Raspeltage; Vater und Sohn
gingen gelassen dem Doktor und dem Stecher entgegen.
    Der erste Mai fing sich, wie der Mensch und seine Weltgeschichte, mit einem
Nebel an. Der Frühling, der Raffael der Norderde, stand schon draussen und
überdeckte alle Gemächer unsers Vatikans mit seinen Gemälden. Ich hab' einen
Nebel lieb, sobald er wie ein Schleier vom Angesicht eines schönen Tages
abgleitet, und sobald ihn grössere als die vier Fakultäten machen. Wenn er (der
am 1. Mai war so) wie ein Zugnetz Gipfel und Bäche überflicht - wenn die
herabgedrückten Wolken auf unsern Auen und durch nasse Stauden kriechen - wenn
er auf der einen Weltgegend den Himmel mit einem Pech-Brodem besudelt und den
Wald mit einer unreinen schweren Nebelbank bestreift, indes er auf der andern,
abgewischt vom nassen Saphir des Himmels, in Tropfen verkleinert, die Blumen
erleuchtet; und wenn dieser blaue Glanz und jene schmutzige Nacht nahe
aneinander vorüberziehen und die Plätze tauschen: wem ist alsdann nicht, als
säh' er Länder und Völker vor sich liegen, auf denen giftige und stinkende Nebel
in Gruppen herumziehen, die bald kommen, bald gehen? - Und wenn ferner diese
weisse Nacht mein schwermütiges Auge mit dahinfliegenden Dunstströmen, mit
irrenden zitternden Duftstäubchen umzingelt: so erblick' ich trübe in dem Dunst
das Menschenleben abgefärbt, mit seinen zwei grossen Wolken an unserm Auf- und
Untergange, mit seinem scheinbar lichten Raume um uns, mit seiner blauen Mündung
über uns....
    Der Doktor kann auch so gedacht haben, aber nicht Vater und Sohn, die ihm
entgegengehen. Flamin wird stärker von der entfernten als nahen Natur, mehr von
der grossen als kleinen gerührt, so wie er mehr für den Staat als die Wohnstube
Gefühl hat, und sein innerer Mensch windet sich am liebsten an Pyramiden empor,
an Gewittern, an Alpen. Der Kaplan geniesst bei der ganzen Sache nichts als -
Maibutter, und aus seinem Munde geht bei so vielem moralischen Apparate nichts
als - Speichel, beides, weil er befährt, der Dampf fress' ihn an und zerbeisse
seinen Schlund und Magen.
    Als sie vom Hügel des nächtlichen Galopps in ein mit Nebeldampf
verschüttetes Tal einschritten, zogen ihnen daraus drei Garnisonregimenter im
Doppelschritt entgegen. Jedes Regiment war vier Mann stark und ebenso hoch- ohne
Pulver und Schuhe - aber versehen mit fein durchbrochnen Schenkel-Manschetten,
nämlich mit porösen Hosen, und überflüssigen Offizieren, weil keine Gemeine
dabei waren. Da ich jetzt in meiner Beschreibung gar dazu setze, dass beide
Stäbe, sowohl der Regiment- als der Generalstab, über 600 Kanonen in der Tasche
hatten und überhaupt einen ganzen Artillerie-Zug, und dass die Prima Plana ganz
neue, im Kriege ungewöhnliche gelbe Kugeln, die eher aufkeimten als das von
Wilden gesäete Schiesspulver, mit der Zunge in die Flinten steckte: so würd' ich
(ich befürchte das) die Leser, zumal die Leserinnen - um so mehr, da ichs noch
nicht erraten lasse, warens Soldaten-Eltern oder Soldaten-Jungen - ein wenig zu
ängstlich machen, wenn ich gar eintunken und vollends den verdriesslichen
Umstand, dass die Truppen auf den benebelten Hofkaplan Feuer zu geben anfingen,
hinzu erzählen wollte, ohne spornstreichs schon vorher mit der Nachricht
vorzusprengen, dass hinter der Armee eine Mannstimme rief: Halt!
    Herausfuhr aus dem letzten Treffen der Generalfeldmarschall, der gerade noch
einmal so lang war als sein Stückleutnant - mit rundem Hut, mit fliegenden Armen
und Haaren stürzt' er sich wütend auf Flamin zu und erpackte ihn, um ihn
umzubringen - aus Hass weniger als aus Liebe - der Doktor wars - die beiden
Freunde lagen zitternd ineinander, Gesicht in Gesicht gehüllt, Brust von Brust
zurückgedrückt, mit Seelen ohne Freudenworte, aber nicht ohne Freudentränen -
die erste Umarmung endigte sich mit einer zweiten - die ersten Laute waren ihre
zwei Namen....
    Der Kaplan privatisierte neben der Armee und stand verdriesslich auf seinem
Isolierschemel mit dem leeren Halse, um den nichts fiel. »Umhalset euch nur noch
einen Augenblick« - sagte er und wandte sich halb um - »ich muss mich nur dort
ein bisschen an die Haselstaude stellen, will aber gleich wieder da sein und auch
auf meiner Seite den Herrn Doktor mit tausend Freuden umarmen.« - Aber Horion
verstand den Unwillen der Liebe, er flog aus des Sohnes Armen in die des Vaters
und verweilte lange darin und machte alles wieder gut.
    Mit befriedigter Liebe, mit tanzenden Herzen, mit schwelgenden Augen, unter
dem aufgeblühten Himmel und über den Schmuck der Erde - denn der Frühling hatte
sein Schmuckkästchen aufgeschlossen und blühende Juwelen in alle Täler und auf
alle Hügel und bis weit an die Berge geworfen - wandelten beide selig dahin, und
die britische Hand presste die deutsche. Sebastian Horion konnte nichts sagen zu
Flamin, aber er sprach mit dem Vater, und jeder gleichgültige Laut machte den
mit Blut und Liebe überhäuften Busen freier.
    Die drei Regimenter hatte jeder aus dem Kopfe verloren; aber sie waren
selber dem Generalfeldmarschall gehorsam nachmarschiert. Sebastian, zu
menschenfreundlich, um jemand zu vergessen, drehte sich gegen den Nachtrab von
kleinen Ohnehosen herum, die nicht aus Paris, sondern aus Flachsenfingen waren
und als bettelnde Soldatenkinder ihn begleitet hatten: »Meine Kinder,« (sagt' er
und sah nichts an als sein stehendes Heer) »heute ist für euren Generalissimus
und euch der merkwürdige Tag, wo er drei Dinge tut - Ich dank' euch erstlich ab,
aber meine Reduktion soll euch so wenig wie eine fürstliche hindern, zu betteln
- zweitens bezahl' ich euch den rückständigen Sold von drei Jahren, nämlich
jedem Offizier das Traktement von zwei Siebzehnern, weil man jetzo die Gage
erhöhet hat- drittens lauft morgen wieder her, ich lasse den sämtlichen
Regimentern Hosen anmessen.«
    Er kehrte sich gegen den Kaplan und sagte: »Man sollte lieber Sachen
verschenken als Geld, denn die Dankbarkeit für dieses wird zugleich mit diesem
ausgegeben, aber in einem Paar verehrten Hosen hält der Dank so lang wie sein
Überzug selber.«
    Das Schlimme dabei wird nur sein, dass der flachsenfingische Fürst und sein
Kriegkollegium sich zuletzt in die Hosen mengen, da beide unmöglich verstatten
können, dass regelmässige Truppen mehr auf als in dem Leibe haben, nämlich etwas.
In unsern Tagen sollt' es endlich dem dümmsten Montierung-und Proviantkommissar
einleuchten - aber in der Tat gibt es kluge -, 1) dass unter zwei Soldaten der
hungrige stets dem satten vorzuziehen sei, weil schon von ganzen Völkern bekannt
ist, dass sie desto tapferer sind, je weniger sie haben - 2) dass, so wie in
Blotzheim4 unter zwei gleich tugendhaften Jünglingen der ärmere gekrönt wird,
ebenso der arme Untertan billig dem reichen trotz aller gleichen Tapferkeit
dennoch vorgezogen und allein angeworben werde, weil der arme Teufel besser mit
Hunger und Frost bekannt ist - dass 3) jetzt, da auf allen Stufen des Trons wie
auf Wällen Kanonen stehen (wie die Sonne ihren Glanz von tausend speienden
Vulkanen empfängt) und da in einem guten Staate das männliche Stammholz zu
Ladstöcken abgetrieben wird, das Volk mit Nutzen in zweierlei Hausarme zerfalle,
in beschützte und in schützende - Und 4) soll der Teufel den holen, der murrt. -
    Als meine drei geliebten Menschen endlich vor der Kaplanei ankamen, war das
ganze aufgelöste Heer ihnen heimlich nachgerückt und wollte die Hosen. Aber noch
etwas Grösseres war ihnen aus Flachsenfingen nachgefahren - der blinde Lord. Kaum
hatte den jungen Gast die Britin nicht höflich, sondern freudig hereingelächelt,
kaum hatte Agate zum erstenmal ernstaft sich hinter die Mutter, und die alte
Appel sich hinter die Kochtöpfe versteckt: so tat der aufräumende Eymann einen
langen Sprung vom Fenster hinweg, an welches vier Engländer - keine Ausländer,
sondern Pferde - herantrabten. Jetzt fiel erst allen die Frage ein, wo der
Augenarzt sei; und Sebastian hatte kaum die Zeit, darauf zu antworten, es komme
keiner nach, denn er selber operiere seinen Vater. In den engen Zwischenraum,
den sich der Vater von der Wagentüre zur Stubentüre durchführen liess, musste der
Sohn die Lüge drängen, oder vielmehr die Bitte um die Lüge, die die Familie
Seiner Herrlichkeit anhängen sollte, »der Sohn wäre noch nicht da, sondern bloss
der Okulist, dem der letzte Schlagfluss die Sprache genommen«.
    Ich und der Leser stehen unter einem solchen Gedränge von Leuten, dass ich
ihm noch nicht einmal so viel sagen können, dass der Doktor Kuhlpepper dem Lord
das linke Auge mit der plumpen Starnadel so gut wie ausgestochen; - um also das
rechte des geliebten Vaters zu retten, hatte Sebastian sich auf die Kur jener
Verarmten gelegt, die schon mit den Augen im Orkus wandeln, und nur noch mit
vier Sinnen ausserhalb des Grabes stehen. -
    Als der Sohn die teure, mit einer so langen Nacht bedeckte Gestalt, für die
es kein Kind und keine Sonne mehr gab, erblickte: so schob er sein Hand, deren
Puls von Mitleid, Freude und Hoffnung zitterte, der Eymannischen unter und
reichte sie eilend hin und drückte die väterliche unter dem fremden Namen. Aber
er musste zur Haustüre wieder hinaus, damit seine behende Retterhand auszitterte,
und er hielt draussen das vor Hoffnung pochende Herz mit dem Gedanken an, dass die
Operation nicht geraten werde - er sah lächelnd an dem zwölfspännigen
Kadettenkorps auf und ab, damit die Rührung und die Sehnsucht aus der bewegten
Brust entwichen. Drinnen hatt' unterdes die Kaplänin aus dem Blinden einen noch
Blindern gemacht und ihm vorgelogen quantum satis; sobald eine Lüge, pia fraus,
ein dolus bonus, eine poetische und juristische fictio auszufertigen ist: so
stellen sich die Weiber von selber als expedierende Sekretäre und
Hofbuchdruckerinnen hinzu und helfen dem ehrlichen Mann. »Ich wünschte sehr,« -
sagte der Vater beim Eintritt des Sohnes - »die Operation ginge jetzo vor sich,
ehe mein Sohn angekommen ist.« Die Kaplänin holte den beklommenen Sohn zurück
und entdeckte ihm den väterlichen Wunsch. Er trat leise unter die verlegene
Gesellschaft. Das Zimmer wurde verschattet, die Starlanzette vorgeholt und das
kranke Auge festgemacht. Alles stand mit banger Aufmerksamkeit um den ruhigen
Blinden. Der Kaplan guckte mit einer lächerlichen Angst und Qual auf das
schlafende Wochenkind, um mit ihm bei dem kleinsten Schrei sogleich aus dem
Starstechzimmer hinauszulaufen. Agate und Flamin hielten sich weit vom
Patienten, und beide mit gleichem Ernst. Die edle Mutter Flamins näherte sich
mit ihrem von Freude und Sorge und Liebe zugleich ergriffenen Herzen und mit
ihren überfliessenden Augen, die dem erschütterten Herzen gehorchten. Viktor
weinte bang und froh neben dem stummen Vater, aber er zerquetschte heftig jeden
Tropfen, der ihn stören konnte. - So teilt jede Operation durch das Steigen der
Zurüstungen dem Zuschauer Herzklopfen und Bangen mit. Nur der verhüllte Brite -
ein Mensch, der sein Haupt wie ein hohes Gebirge kalt und heiter über eine
Feuerzone hob - dieser hielt der kindlichen Hand ein schweigendes Angesicht ohne
Zuckung vor; er blieb vor dem Schicksal gefasst und stumm, das jetzt entscheiden
wollte, ob seine öde Nacht langen sollte bis ans Grab, oder nur bis an diese
Minute....
    Das Schicksal sagte: es werde Licht, und es ward. - Das unsichtbare
Schicksal nahm eines Sohnes ängstliche Hand und schloss damit ein Auge auf, das
einer schönern Nacht als dieser ungestirnten würdig war: Viktor drückte die
reife Starlinse - diese auf die Schöpfung geworfene Dampfkugel und Wolke - in
den Boden des Augapfels hinab; und so, da ein Atom drei Linien tief versenket
war, hatte ein Mensch die Unermesslichkeit wieder und ein Vater den Sohn.
Gedrückter Mensch! der du zugleich ein Sohn und ein Knecht des Staubes bist, wie
klein ist der Gedanke, die Minute, der Bluts- oder der Tränentropfen, der dein
weites Gehirn, dein weites Herz überschwillt! Und wenn ein paar Blutkügelchen
bald deine Montgolfiers-Kugeln, bald deine Belidors-Druckkugeln werden, ach wie
wenig Erde ist es, die dich hebt und drückt! -
    »Viktor! du? - Du hast mich geheilt, mein Sohn?« (sagte der errettete Mensch
und nahm die noch mit dem Arbeitzeuge bewaffnete Hand) - »Leg weg und bind mich
wieder zu! Ich freue mich, dass ich dich zuerst sah.«- Der Sohn konnte vor
Rührung nicht. - »Verbinde mich! das Licht schmerzt. - Du warst es? Rede!« - Er
band stumm das geöffnete Auge unter den frohen Tränen des seinigen wieder zu.
Als aber der Verband der schönen stoischen Seele alles verdeckte, seine Errötung
und seine Ergiessung: so wars dem zu glücklichen Sohne nicht mehr möglich, sich
länger zu fassen - er überliess sich seinem Herzen und klammerte sich mit seinen
Tränen an das umhüllte Angesicht, dem er hellere Tage wiedergegeben hatte; und
als er an seiner zitternden Brust die schnellern Schläge des väterlichen Herzens
und die festere Umarmung des Dankes fühlte: dann war das beste Kind das
glücklichste Kind. - Und alle waren über seine Freude froh und wünschten mehr
dem Sohne als dem Vater Glück....
    Zwölf Kanonen gingen draussen los aus ebenso vielen Stubenschlüsseln - - Sie
erschiessen diese Historie. - -
    Denn jetzt ist sie wahrlich aus - nicht ein Wort, nicht eine Silbe weiss ich
mehr - ich habe überhaupt in meinem Leben gar keinen Horion und kein St. Lüne
gesehen oder gehört oder geträumt oder nur romantisch ersonnen - der Teufel und
ich wissen, wie es ist, und ich meines Orts habe ohnehin jetzt bessere Dinge zu
machen und zu eröffnen, nämlich:
                   Die Ouvertüre und die geheime Instruktion
Ein andrer hätte dumm gehandelt und gleich mit dem Anfang angefangen; ich aber
dachte, ich könnte allemal noch sagen, wo ich hause - im Grunde am Äquator; denn
ich wohne auf der Insel St. Johannis, die bekanntlich in den ostindischen
Gewässern liegt, die ganz vom Fürstentum Scheerau umgeben sind. Es kann nämlich
guten Häusern, die ihre ordentliche literarische Strazza (den Messkatalog) und
ihr ordentliches Kapitalbuch (die Literaturzeitung) halten, nichts weniger
unbekannt sein als mein neuestes Landeserzeugnis, die unsichtbare Loge; ein
Werk, zu dessen Lesung, mein Landesherr seine Landeskinder und selber die
Schriftsassen (es wäre nicht ausdrücklich gegen die Rezesse) noch mehr nötigen
sollte als zum Besuche der Landesuniversität. In diese Loge hab' ich nun den
ausserordentlichen Teich gesetzt, welcher unter dem Namen ostindischer Ozean
bekannter ist, und in den wir Scheerauer die wenigen Molucken und andere Inseln
hineingefahren und - geflastert haben, auf denen unser Aktivhandel ruht. Während
dass die unsichtbare Loge in eine sichtbare umgedruckt wurde, haben wir wieder
eine Insel verfertigt - das ist die Insel St. Johannis, auf der ich jetzt hause
und spreche.
    Der folgende Absatz dürfte anziehend werden, weil man darin dem Leser
aufdeckt, warum ich auf dieses Buch den tollen Titel setzte: Hundposttage.
    Es war vorgestern am 29. April, dass ich abends auf- und abging auf meiner
Insel - der Abend hatte sich schon in Schatten und Nebel eingesponnen - ich
konnte kaum auf die Teidor-Insel hinübersehen, auf dieses Grabmal schöner
untergesunkner Frühlinge, und ich hüpfte mit dem Auge bloss auf den nahen Laub-
und Blütenknospen herum, diesen Flügelkleidern des wachsenden Frühlings - die
Ebene und Küste um mich sah wie eine Anziehstube der Blumengöttin aus, und ihr
Putzwerk lag zerstreuet und verschlossen in Tälern und Stauden herum - der Mond
lag noch hinter der Erde, aber sein Strahlen-Springbrunnen sprützte schon am
ganzen Rande des Himmels hinauf- der blaue Himmel war endlich mit Silberflittern
durchwirkt, aber die Erde noch schwarz von der Nacht gemalt - ich sah bloss in
den Himmel... als etwas plätscherte auf der Erde....
    Ein Spitzhund tats, der in den indischen Ozean gesprungen war und nun
losdrang auf St. Johannis. Er kroch an meine Küste hinauf und regnete wedelnd
neben mir. Mit einem blutfremden Hunde ist eine Unterredung noch saurer
anzuspinnen als mit einem Engländer, weil man den Charakter und Namen des Viehes
nicht kennt. Der Spitz hatte etwas mit mir vor und schien ein Bevollmächtigter
zu sein. Endlich machte der Mond seine Strahlen-Schleusen auf und setzte mich
und den Hund unter Licht.
                                »Sr. Wohlgeboren
                      des Herrn Berg-Hauptmann5 Jean Paul
                        auf
            Frei St. Johannis.«
Diese Aufschrift an mich hing vom Halse der Bestie herunter und war an eine
Kürbisflasche, die ans Halshand gebunden war, angepicht. Der Hund willigte ein,
dass ich ihm sein Felleisen abstreifte, wie den Alpenhunden ihren tragbaren
Konvikttisch. Ich zog aus dem Kürbis, der in Marketenderzelten oft mit Geist
gefüllt worden, etwas heraus, was mich noch besser berauschte - ein Bündel
Briefe. Gelehrte, Verliebte, Müssige und Mädchen sind unbändig auf Briefe
erpicht; Geschäftleute gar nicht.
    Das ganze Bündel - Name und Hand waren mir fremd - drehte sich um den
Inhalt, ich wäre ein berühmter Mann und hätte mit Kaisern und Königen Verkehr6,
und Berghauptmänner meines Schlages gäb' es wohl wenig, u.s.w. Aber genug! Denn
ich müsste nicht eine Unze Bescheidenheit mehr in mir tragen, wenn ich mit der
Unverschämteit, die einige wirklich haben, so fort exzerpieren und es aus den
Brieten extrahieren wollte, dass ich der scheerauische Gibbon und Möser wäre
(zwar im biographischen Fache nur, aber welche Schmeichelei!) - dass jeder, der
ein Leben besässe und es von mir biographisch abgeschattet sehen wollte, damit
fortmachen sollte, ehe ich von irgendeinem königlichen Hause zum Historiographen
weggepresset würde und gar nicht mehr zu haben wäre - dass es mir gleichwohl wie
andern Berghauptleuten ergehen könnte, vor denen das zerstreuete Publikum oft
nicht eher den Hut abgenommen, als bis sie schon in eine andere Gasse, d.h.
Welt, hinein gewesen, u.s.w. Wer besorgt letztes mehr als ich selber? Aber auch
diese Besorgnis bringt einen bescheidnen Mann nicht dazu, dass er hinabkriecht
und den Einbläser seines Lobredners macht; wie ich doch getan haben würde, wenn
ich fort ausgezogen hätte. Meinem Gefühle sind sogar die Schriftsteller verhasst,
die mit dem Endtriller: »Bescheidenheit verbiete ihnen, mehr zu sagen«
unverschämt erst dann nachkommen, wenn sie alles schon gesagt haben, was jene
verbieten kann.
    Jetzo wagt sich der Korrespondent mit seiner Absicht hervor, mich zum
Lebensbeschreiber einer ungenannten Familiengeschichte zu machen. Er bittet, er
intrigieret, er trotzt. »Er könne« - (schreibt er weitläuftiger, aber ich
abbreviere alles und trag' überhaupt diesen Briefauszug mit ausserordentlich
wenig Verstand vor; denn ich werde seit einer halben Stunde von einer verdammten
Ratten-Bestie ungemein ärgerlich gekratzt und genagt) - »mir alles gerichtlich
dokumentieren, dürfe mir aber keine andere Namen der Personagen in dieser
Historie melden als verfälschte, weil mir nicht ganz zu trauen sei - er kläre
mir schon alles mit der Zeit auf - denn an dieser Geschichte und deren
Entwicklung arbeite das Schicksal selber noch, und er händige mir hier nur die
Schnauze davon ein und werde mir ein Glied nach dem andern, so wie es von der
Drechselbank der Zeit abfalle, richtig übermachen, bis wir den Schwanz hätten -
daher werde der briefliche Spitz regelmässig weg- und anschwimmen wie eine poste
aux ânes, aber nachschiffen dürf' ich dem Briefträger nicht - und so« (schliesset
der Korrespondent, der sich Knef unterzeichnet) »werde mir der Hund wie ein
Pegasus so viel Nahrungsaft zutragen, dass ich statt des dünnen Vergissmeinnichts
eines Almanachs einen dicken Kohlstrunk von Folianten in die Höhe zöge.«
    Wie glücklich er seine Absicht erreicht habe, weiss der Leser, der ja eben
aus dem ersten Kapitel dieser Geschichte herkömmt, das der Spitz von Eymanns
Ratten bis zur Kanonade auf einmal in der Flasche hatte.
    Ich schrieb Herrn Knef nur so viel im Kürbis zurück: »Etwas Tolles schlag'
ich selten ab. - Ihre Schmeicheleien würden mich stolz machen, wenn ichs nicht
schon wäre; daher schaden Schmeichler wenig. - Ich finde die beste Welt bloss im
Mikrokosmus ansässig, und mein Arkadien langt nicht über die vier Gehirnkammern
hinaus; die Gegenwart ist für nichts als den Magen des Menschen gemacht; die
Vergangenheit besteht aus der Geschichte, die wieder eine zusammengeschobene,
von Ermordeten bewohnte Gegenwart, und bloss ein Deklinatorium unsrer ewigen
waagrechten Abweichungen vom kalten Pole der Wahrheit, und ein Inklinatorium
unsrer senkrechten von der Sonne der Tugend ist - Es bleibt also dem Menschen,
der in sich glücklicher als ausser sich sein will, nichts übrig als die Zukunft
oder Phantasie, d.h. der Roman. Da nun eine Lebensbeschreibung von geschickten
Händen leicht zu einem Roman zu veredeln ist, wie wir an Voltairens Karl und
Peter und an den Selbstbiographien sehen: so übernehm' ich das biographische
Werk, unter der Bedingung, dass darin die Wahrheit nur meine Gesellschaftdame,
aber nicht meine Führerin sei.
    In Besuchzimmern macht man sich durch allgemeine Satiren verhasst, weil sie
jeder auf sich ziehen kann; persönliche rechnet man zu den Pflichten der
Medisance und verzeiht sie, weil man hofft, der Satiriker falle mehr die Person
als das Laster an. In Büchern aber ist es gerade umgekehrt, und es ist mir,
falls einige oder mehrere Spitzbuben in unsrer Biographie, wie ich hoffe, Rollen
haben, das Inkognito derselben ganz lieb. Ein Satiriker ist hierin nicht so
unglücklich wie ein Arzt. Ein lebhafter medizinischer Schriftsteller kann wenige
Krankheiten beschreiben, die nicht ein lebhafter Leser zu haben meine; dem
Hypochondristen impfet er durch seine historischen Patienten ihre Wehen so gut
ein, als wenn er ihn ins Bette zu ihnen legte; und ich bin fest versichert, dass
wenige Leute von Stande lebhafte Schilderungen der Lustseuche lesen können, ohne
sich einzubilden, sie hätten sie, so schwach sind ihre Nerven und so stark ihre
Phantasien. Hingegen ein Satiriker kann sich Hoffnung machen, dass selten ein
Leser seine Gemälde moralischer Krankheiten, seine anatomischen Tafeln von
geistigen Missgeburten auf sich anwenden werde; er kann froh und frei
Despotismus, Schwäche, Stolz und Narrheit ohne die geringste Sorge malen, dass
einer dergleichen zu haben sich einbilde; ja ich kann das ganze Publikum oder
alle Deutsche einer ästetischen Schlafsucht, einer politischen Abspannung,
eines kameralistischen Phlegma gegen alles, was nicht in den Magen oder Beutel
geht, beschuldigen; aber ich traue jedem, der mich lieset, zu, dass er wenigstens
sich nicht darunter rechne, und wenn dieser Brief gedruckt würde, wollt' ich
mich auf eines jeden inneres Zeugnis berufen. - Der einzige Spieler, dessen
wahren Namen ich in diesem historischen Schauspiel haben muss, zumal da er nur
den Einbläser macht, ist der - Hund.
                                                                     Jean Paul.«
Ich habe noch keine Antwort und auch noch kein zweites Kapitel: jetzo kommt es
ganz auf den Spitzhund an, ob der der gelehrten Welt die Fortsetzung dieser
Historie schenken will oder nicht.
    - Ists aber möglich, dass ein biographischer Berghauptmann bloss einer
verdammten Ratte wegen, die noch dazu in keinem Journal arbeitet, sondern in
meinem Hause, eben vom Publikum weglaufen und alle Zimmer durchdonnern muss, um
das Aas in Angst zu jagen? ...
    ... Spitzius Hofmann heisset der Hund; der war die Ratte und kratzte an der
Türe mit dem zweiten Kapitel im Kürbis. Ein ganzes volles Proviantschiff, das
die gelehrte Welt ausnaschen darf, hab' ich vom Halse Hofmanns abgehoben: und es
tun sich für den Leser, der das Gescheute so gern lieset wie das Dumme, heute -
denn nunmehr ists gewiss, dass ich fortschreibe - freudige Aussichten auf, die ich
aus einem gewissen Gefühle der Bescheidenheit nicht abzeichne... Der Leser sitzt
jetzt in seinem Kanapee, die schönsten Lese-Horen tanzen um ihn und verstecken
ihm seine Repetieruhr - die Grazien halten ihm mein Buch und reichen ihm die
Heftlein - die Musen wenden ihm die Blätter um oder lesen gar alles vor - er
lässet sich von nichts stören, sondern der Schweizer oder die Kinder müssen
sagen, Papa ist aus - da das Leben an einem Fuss einen Koturn und am andern
einen Sockus trägt, so ists ihm lieb, dass eine Lebensbeschreibung auch in einem
Atem lacht und weint - und da die Schönschreiber immer mit dem Moralischen ihrer
Schriften, das nützt, etwas Unmoralisches, das vergiftet, aber reizt, zu
verbinden wissen, gleich den Apotekern, die zugleich Arzneien und Aquavit
verzapfen, so vergibt er mir gern für das Unmoralische, das vorsticht, das
Religiöse, das ich etwa habe, und umgekehrt - und da diese Biographie in Musik
gesetzt wird, weil Ramler sie vorher in Hexameter setzt (welches sie auch mehr
bedarf als der harmonische Gessner), so kann er, wenn er sie gelesen hat,
aufstehen und sie auch spielen oder singen.... Auch ich bin fast ebenso
glücklich, als läs' ich das Werk - der indische Ozean schlägt die Pfauenräder
seiner beleuchteten Wellenkreise vor meiner Insel - mit allem steh' ich auf dem
besten Fusse, mit dem Leser, mit dem Rezensenten und mit dem Hund - alles ist
schon zu den Hundposttagen da, ein Dintenrezept von einem Alchemiker, der
Gänsehirt mit Spulen war schon gestern da, der Buchbinder mit bunten
Schreibbüchern erst heute - die Natur knospet, mein Leib blüht, mein Geist trägt
- und so häng' ich über den Loh- und Treibkasten (d.h. über die Insel) meine
Blüten, durchschiesse den Kasten mit meinen Wurzelfasern, kann es (ich
Hamadryade) aus meinem Laubwerk heraus nicht wahrnehmen, wie viel Moos die Jahre
in meine Rinde, wie viel Holzkäfer die Zukunft in das Mark meines Herzens und
wie viel Baumheber der Tod unter meine Wurzel setzen wird, nehme alles nicht
wahr, sondern schwinge froh - du gütiges Schicksal! - die Zweige in dem Winde,
lege die Blätter saugend an die mit Licht und Tau gefüllte Natur und errege, vom
allgemeinen Lebenodem durchblättert, so viel artikuliertes Geräusch, als nötig
ist, dass irgendein trübes Menschenherz unter der Aufmerksamkeit auf diese
Blätter seine Stiche, sein Pochen, sein Stocken vergesse in kurzen sanften
Träumen - - warum ist ein Mensch zuweilen so glücklich?
    Darum: weil er zuweilen ein Literatus ist. Sooft das Schicksal unter seinem
Schleier das Lebenströmchen eines Literatus, das über einige Hörsäle und
Bücherbretter rinnt, aus dem grossen Weltatlas in eine Spezialkarte
hineinpunktiert: so kann es so denken und sagen: »Wohlfeiler und sonderbarer
kann man doch kein Wesen glücklich machen, als wenn man es zu einem
literarischen macht: sein Freudenbecher ist eine Dintenflasche - sein
Trommetenfest und Fasching ist (wenn es rezensiert) die Ostermesse - sein ganzer
paphischer Hain geht in ein Bücherfutteral hinein - und in was anderm bestehen
denn seine blauen Montage als in (geschriebnen oder gelesenen) Hundposttagen?«
Und so führt mich das Schicksal selber in den
 
                                 2. Hundposttag
          Vorsündflutliche Geschichte - Viktors Lebens-Prozess-Ordnung
Beim Tor des ersten Kapitels fragen die Leser die Einpassierenden: »Wie heissen
Sie? - Ihren Charakter? - Ihre Geschäfte?« -
    Der Hund nimmt für alle das Wort. Vom H. Januar - d.h. Herrn Januar, nicht
heiligen Januar, sondern der flachsenfingische Fürst hiess so - wurde in den
jüngern Jahren die grosse Tour oder Reise um die schöne und die grosse Welt
gemacht. Er teilte überall an Fremde Geschenke aus, die ihn ein einziges don
gratuit seiner Untertanen kosteten, und unterstützte und bedauerte viele
gedrückte Bauern in Frankreich, die es so schlimm hatten wie seine in
Flachsenfingen. Für das wehrlose weibliche Geschlecht tat er, wie alle reisende
Fürsten, fast noch mehr: man kann von der grössern Zahl derselben sagen, dass sie,
wie Titus oder wie ein östlicher Weltumsegler, zwar zuweilen einen Tag
verlieren, aber selten eine Nacht, ohne glücklich zu machen und folglich zu -
werden. Der Regent muss überhaupt die jetzige Entvölkerung Frankreichs
vorausgesehen haben; denn er setzte sich ihr bei Zeiten entgegen und hinterliess
in drei gallischen Seestädten drei Söhne, und auf den sogenannten sieben Inseln
nur einen. Der erste hiess der Walliser, der zweite der Brasilier, der dritte der
Asturier, der auf den sieben Inseln der Monsieur oder Mosje: wahrscheinlich
sollten die Namen auf Prinzen von Wallis, von Brasilien und Asturien hinspielen.
Er liess die Kinder bloss in der Unwissenheit ihres Standes und in keiner
schlimmern erziehen:
    man sollte sie zu künftigen Mitarbeitern seiner Regierung formen. Januar war
zwar sinnlich und ein wenig schwach, aber - ausser wo er fürchtete - äusserst
menschenfreundlich.
    Der Lord Horion war dem Fürsten Januar zweimal auf seiner Reise begegnet;
das erstemal durchschnitt er die fürstliche Planetenbahn als Haarkomet, das
zweitemal als sonnennaher Schwanzkomet. Ich will sagen: Horion sah gerade, als
er eine Abkömmlingin aus Januars Hause liebte, die in London wohnte, den Fürsten
zum zweitenmal und nahm ihn und den Hofstaat desselben in seinem Hause zu London
auf. Über diese sehr weitläuftige Verwandte des Fürsten werfen meine Nachrichten
- aus zu grosser Rücksicht auf Staats- und Familienverhältnisse - einen
unzeitigen Schleier. Sie war bei der Vermählung mit dem Lord 22 Jahre alt, und
ihr ganzes Wesen war (wenn ich den kühnen Ausdruck eines Londner Lobredners
derselben nehmen darf) nichts als ein einziges zartes stilles blaues Auge. Das
ist alles, was man dem Publikum zuwendet. -
    Der Fürst liess sich gern vom Lord besiegen und beherrschen, den eine
sonderbare Mischung von Kälte und Genie zum uneingeschränkten Monarchen und
Kommandeur der Seelen machte. Der Lord hatte noch eine schöne Nichte im Hause,
deren Reize in den fürstlichen Augen einen solchen geistigen Alten vom Berge,
wie er, sowohl jünger als ebener machten. -
    Aber die Totenglocke warf ihre Misstöne in diese Wohllaute des Lebens. Die
Geliebte des Lords flog aus der rauhen Erde und liess ihr seinen ersten Sohn als
Andenken und Herzpfand zurück; sie starb im 23sten Jahr gleichsam am Leben des
Kindes, einige Tage nach dessen Geburt, und der zarte dünne Zweig brach unter
der reifen Frucht zusammen. Lord Horion schwieg vor dem Geschick. Er hatte sie
fürchterlich geliebt, ohne es zu zeigen; er betrauerte sie ebenso, ohne sein
tiefes schwarzes Auge zu benetzen.
    Der Fürst fand an der Nichte, d.h. an einer wahren Engländerin, darum
Geschmack, weil er vorher einen ebenso grossen an den Französinnen gefunden
hatte; und aus diesem Grunde hätt' er umgekehrt diese geliebt, hätt' er vorher
jene gekannt. Der nachherige Obrist-Kammerherr Le Baut hatte dieselbe Gesinnung,
und was noch mehr ist, gegen dieselbe Person; und wie die indischen Hofleute
alle Wunden ihres Herrn nachahmen, so machte Le Baut mit einem Amors-Pfeil die
des seinigen nach und versetzte sich eine der stärksten damit.
    - Diese Londoner Historien können nicht lange mehr dauern, und wir langen
dann alle in unserm St. Lüne fröhlich wieder an. -
    Ein hitziges Fieber befiel den Regenten, das sein Arzt Doktor Kuhlpepper
bloss für Kreuz- und Querzüge einer unsteten Gichtmaterie hielt. Es war mir
bisher noch nicht möglich, es auszumitteln, ob dieser Kuhlpepper mit seinem
bekannten Namenvetter und medizinischen Mitmeister in London etwan näher verwand
ist. Das Fieber heizte Januarn so sehr ein, und der Beichtvater machte bei
dessen Gewissen statt der Löschanstalten so viele Brennanstalten, dass er in der
Todesnot einen förmlichen Schwur ableistete, bei keinem Mädchen mehr an
Entvölkerung und Revolution zu gedenken. Dieselbe Schwäche, die seinen
Aberglauben und Kinderglauben stärkte, diente seiner Sinnlichkeit; als er wieder
auf war, wusst' er gar nicht, was er machen sollte. Die Nichte und seine
Eidleistung waren in seinen Gehirnkammern Wandnachbarn. Ein geschickter Exjesuit
aus Irland, der bloss für Gewissenszweifel lebte und selber conscientiam dubiam
hatte, sprang dem Zweifler bei und macht' ihm fasslich: »sein Gelübde müss' er,
zumal vor der Lossprechung davon, gewissenhaft halten, ausgenommen den
sündlichen und unmöglichen Punkt, der darin sei, den nämlich, den er ohne
Einwilligung seiner Gemahlin weder geloben dürfte, noch erfüllen könnte.« Mit
andern Worten, der Jesuit verhielt ihm nicht, er habe im Fieber nur dem
unverheirateten Geschlechte abgeschworen und sein Zölibat lediglich auf Nonnen
eingeschränkt, mitin verbiet' ihm sein Gelübde zwar nicht den doppelten
Ehebruch (den hebe der Beichtstuhl), aber äusserst streng den einfachen. Januar
war zu fromm, um sich nicht des einfachen gänzlich zu entalten.
    Es ist schwer, die Verbindung zu untersuchen, in welcher seine jetzo grössere
Liebe gegen seine vier Gross- oder Kleinfürsten in Gallien mit seinem erfüllten
Gelübde stand; kurz, er gab dem Lord das Geschäft und die Vollmacht, die vier
Menschen aus Gallien abzuholen nach London, weil er seine geliebte anonyme
kleine Nachwelt mit nach Deutschland nehmen wollte. Es war ungewiss, liebt' er in
den Müttern die Kinder so herzlich - oder in den Kindern die Mütter. Der Lord
ging gern wie Kotzebue (aber anders) nach dem Untergange der Geliebten nach
Frankreich. Endlich kam, nicht von ihm, sondern von den Hofmeistern des
Wallisers, des Brasiliers, des Asturiers, die trübe Nachricht, dass in einer
Nacht, wahrscheinlich nach einem gemeinschaftlichen Plane verbundner
Prinzenräuber, die drei Kinder entführt worden - nicht lange darauf wurde vom
Lord diese Trauerpost nicht nur bestätigt, sondern auch mit der neuen
vergrössert, dass der Monsieur oder Mosje auf den sieben Inseln nicht mehr - auf
ihnen sei.
    Das Schicksal gibt dem Menschen oft den Wundbalsam früher als die Wunde:
Januar erhielt den fünften Sohn, den ich allezeit bloss den Infanten nennen will,
noch eher als die Nachricht seines eingebüssten Kindersegens. Der
Obrist-Kammerherr von Le Baut hatte sich mit der Mutter des Infanten (der Nichte
des Lords) vermählt; aber er datierte seine Vermählung um drei Quatember zurück,
anstatt sie um einen später anzusagen. Ich habe nie den Zusammenhang dieses
Anachronismus (Zeitverrechnung) mit dem fürstlichen Gelübde einzusehen vermocht.
Übrigens so gefährlich Jenner den Eheherren seines Hofes durch sein Votum wurde,
und so unschädlich den Vätern: so war doch das tugendhafte Vertrauen, das die
Eheherren auf die ihnen ankopulierte weibliche Tugend setzten, so unbegrenzt,
dass sie ohne Anstand diese Tugend in sein entbundnes Feuer führten. Ja sie
setzten sich sogar über den Verdacht hinweg, dass sie es etwan täten, damit sie,
wenn er seine Krone auf den Putztisch ihrer Gemahlinnen ablegte, mit der blanken
Mauer-Krone (corona muralis) wie mit einem Joujou spielen und mit ihrem Glanze
Leuten in die Fenster blenden könnten: denn lieber will ein Hofmann seine
Gemahlin bewähren als bewahren.
    - Es wird gleich angehen, rufen Puppenspieler; es wird gleich auswerden,
ruf' ich. -
    Als endlich der Lord mit leeren Händen ankam, war er sehr betroffen - nicht
von der Gegenwart des Infanten, sondern - von der Adoption desselben, nämlich
von der Vermählung Le Bauts. Aber dieser Obrist-Kammerherr war - und das
bedachte niemand weniger als Horion - ein feuriger Freund des Fürsten: das
machte ihn fähig, für diesen (wie Cicero verlangt) sogar das zu begehen, was er
nie für sich begangen hätte - etwas wider die Ehre. Es ist überhaupt für einen
Hof- und Weltmann, dessen Ehre der hohe Posten oft der schlimmsten Witterung
blossstellt, ein ungemeines Glück, dass diese Ehre, sei sie auch noch so
empfindlich bei kleinen Stössen7, doch grosse leicht verwindet, und wenn nicht mit
Worten, doch mit Taten ohne Nachteil anzutasten ist: etwas Ähnliches bemerken
die Ärzte an Rasenden, oder vielmehr an deren Haut, die zwar die leiseste
Betastung verspürt, auf welcher aber dennoch keine Blasenpflasterziehen. - Der
Fürst wurde durch einen dreifachen Bast an Le Baut geknüpft, durch Dankbarkeit,
durch Sohn und Frau: der Lord zausete den Bast auseinander. Er entblössete
nämlich vor seiner Nichte das kammerherrliche Herz und deckte ihr den Giftsack
darin auf und einen dramatisch durchgeführten Plan, den sie bisher für Nachsicht
angesehen hatte. Alles Edle und Stolze entbrannte in ihr vor Scham und Zorn; und
sie floh vor den erdrückenden Erinnerungen mit ihrem Kinde und mit der Aussicht
eines zweiten aus der Stadt auf ein Landgut des Lords.
    Nun ging der Fürst mit dem Lord und seinem Hofstaat (sogar mit dem Doktor
Kuhlpepper) nach Deutschland zurück. Le Baut verweilte noch einige Zeit, um die
Nichte zu beruhigen und zu bereden zur Reise. Aber es war ihr nicht nur
unmöglich, alle ihre senkrecht laufenden Wurzeln aus dem Lande der Freiheit zu
ziehen und nach Deutschland mitzugehen, sie trennte sich auch - nicht bloss durch
Meere, sondern - durch einen Scheidebrief vom schmutzigen Günstling ab. Sie
musste dem Kammerherrn ihr zweites Kind, seine wahre Tochter, lassen; aber das
erste, den Infanten, befestigte sie an ihrer Mutterbrust. Le Baut litt es auch
gern und dachte, nach der Baurede gehört das Baugerüst ohnehin in den Ofen des
Hauses.
    Aber als er unter dem deutschen Tronhimmel erschien, stand seine Sonne
(Januar) in der Sommer-Sonnenwende, die von abnehmender Wärme allmählich zu
kalten Stürmen überging. Januars Liebe konnte leichter steigen und fallen als
stehen, und das grösste Verbrechen war bei ihm - Abwesenheit. Le Baut musste jetzt
ohne Frau und Kind schon darum gegen den Lord verlieren, weil dieser als
Schatzmeister und Küstenbewahrer zweier in London gelassener Schätze unter
Jenners Tronhimmel auftrat. Aber es gab tiefere Gründe. Der Lord regierte den
Regenten leicht, weil er ihn weder an eignen noch fremden Lastern zügelte,
sondern an eignen Tugenden. Erstlich begehrte er nichts von ihm, nicht einmal
Diät und Keuschheit. Zweitens hob er keine Vettern in den Sattel, sondern
schlimme daraus; er trug ihn wie einen Habicht auf der beschuhten Faust, aber
der Falkenierer tats nicht, um den Fürsten auf Tauben und Hasen zu werfen,
sondern um ihn immer wach und zahm zugleich zu machen. Drittens machten seine
Festigkeit und seine Feinheit einander wechselseitig gut; über Veränderliche
regieret am besten der Unveränderliche. Viertens war er nicht der Günstling,
sondern der Gesellschafter, blieb immer ein Brite und ein Lord und des Landes
wohltätiger Bienenvater, indes Januar der Weisel und im Weiselgefängnis war.
Fünftens gehörte er unter die wenigen Menschen, denen man gleich sein muss, um
ihnen ungehorsam zu sein; und einer, der das Taschenspielerkunststück machen
wollte, ihm ein Schloss unversehens an den Mund zu werfen, hatte leicht eines an
Bein- und Handschellen der Seele. Sechstens hatt' er einen guten Käse. Das
letzte braucht nicht weitläuftig erklärt zu werden; in Chester hatt' er einen
Pachter, der einen Käse lieferte, dergleichen es weiter keinen in Europa gibt;
Fürsten aber ist im ganzen ein ausserordentlicher Käse lieber als eine
ausserordentliche Dankadresse des Landschaftsyndikus. -
    Bei einem Zusammentreffen solcher Unsterne wurde freilich dem Kammerherrn
der Absagebrief, der anfangs mit sympatetischer Dinte auf Jenners Gesicht
geschrieben war, allmählich immer leserlicher - doch las er ihn wöchentlich
etliche Male durch, um recht zu lesen - er konnte jetzo keinem Schosshunde eine
Stelle mehr verschaffen, nämlich einen Schoss - seine Empfehlschreiben wurden
Uriasbriefe - als er nun gar durch den Lord die Charge eines Obrist-Kammerherrn
erstand, hielt ers für hohe Zeit, gegen seine Kniegicht das Bad auf seinem
Rittergut St. Lüne jahraus, jahrein zu brauchen, und zog ab, nachdem er vorher
dem ganzen Hof geloben müssen, bald genesen zurückzukommen. -
    - Eigentlich wäre jetzt diese Vor-Geschichte versprochnermassen aus, so dass
ich gut in der neuern dieses Werkes weitergehen könnte, müsst' ich nicht des
Hofkaplans wegen durchaus noch dieses nachholen:
    Die einzige Stelle, die Le Baut gleichwohl am Hofe noch besetzen konnte, war
die Pfarrei in St. Lüne. Er fand als ihr Patronaterr damit den
Ratten-Kontradiktor Eymann ab, der ihm in London die mündliche Vokation zur
Hofkaplanei abgebettelt hatte, und der sie nicht mehr kriegen konnte. Daher
nennen ihn die Hundposttage immer den Hofkaplan, wiewohl er in der Tat nur ein
Landpastor ist.
    Aus dem kleinen Umstande, dass Eymann als Reiseprediger mit in Jenners
Gefolge ging, entspann sich viel. Eymann machte auf dem Landgut des Lords seiner
jetzigen Frau mit dem Hals- und Brustgehenke seiner von der Schwindsucht
durchgrabenen Herzkugel ein kleines Präsent, das angenommen wurde. Beide zeugten
noch in England ihren Flamin. Die Lady liebte in der Hofkaplänin eine würdige
Mitschwester ihres Geschlechts und eine würdige Mitbürgerin ihres Vaterlands;
sie drang in sie mit heissen Bitten, in England zu bleiben, und als alle
abgeschlagen waren, erbat und erzwang sie es von ihr, dass wenigstens ihr Flamin
- um doch ein halber Brite zu werden - so lange in der Gesellschaft des Infanten
und Viktors bleiben durfte, bis das freundliche Kleeblatt auf einmal in die
deutsche Erde verpflanzet würde.
    Die Pfarrerin war stark genug, für die schönere Erziehung ihres Flamins den
Genuss seines Anblicks hinzugeben, und liess ihn unter den Augen der Liebe und in
den kleinen Armen der kindlichen Freundschaft zurück. Dieselbe erziehende Hand -
Dahore hiess der Lehrer - richtete und begoss die drei edlen Blumen, die aus
einerlei Beete und Äter dreierlei Farben sogen und sich mit unähnlichen
Staubfäden und Honiggefässen ausbildeten. Dahore hatte das Herz aller Kinder in
seiner weichen Hand, bloss weil seines niemals brausete und zürnte, und weil auf
seiner jungen Gestalt eine ideale Schönheit und in seiner reinen Brust eine
ideale Liebe wohnte. Die drei Kinder liebten und umarmten sich unter seinen
Augen wärmer, wie vor der Venus Urania die Grazien einander umschlingen: sie
trugen sogar alle einen Namen, wie die Otaheiter aus Liebe ihre Namen tauschen.
    Als sie einige Reife hatten, kam der Lord, um sie samt Dahore nach
Deutschland einzuschiffen. Aber vor der Abfahrt bekam der Infant die Blattern
und wurde blind - und Dahore musste mit ihm zur ängstlichen weinenden Lady
umkehren. Viktor hatte sich lange und sprachlos an den Hals des kranken Freundes
gehangen und um Dahores Knie geschlungen und wollte von den zwei Geliebten nicht
scheiden; aber der Lord schied sie. - Flamin und Viktor wurden dann in
Flachsenfingen erzogen, jener zum Juristen, dieser zum Arzte.
    - Es sind in der Kürbisflasche Spitzius Hofmanns einige
Unwahrscheinlichkeiten; aber der Hund muss für das stehen, was er liefert. Jetzo
geht die Historie wieder geradeaus.
    Der Lord entfernte sich, unter dem Kanonenlösen der löcherichten Garnison,
mit Viktor in ein anderes Zimmer, und sein erstes Wort war: »Binde mich ein
wenig auf und lasse deine Hand in meiner, damit ich deine Aufmerksamkeit
bemerken kann; denn ich habe dir viel zu sagen.« Guter Mann! wir merken es alle,
dass du zärtlicher bist, als du scheinen willst, und wir loben es alle; nicht
Kälte, sondern Abkühlung ist die grössere Weisheit; und unser innerer Mensch
soll, wie ein heisser Metallguss in seiner Form, nur langsam erkalten, damit er
sich zu einer glättern Gestalt abründe: eben darum hat ihn die Natur - wie man
für Bildmetall die Form erwärmt - in einen heissen Körper gegossen.
    Er fuhr fort: »Ich habe, mein Teurer, in meiner Blindheit nur leere Briefe
an dich diktieren können; ich wollte erst für deine Ankunft meine Geheimnisse
aufsparen. Eine kleine Pulververschwörung beobachtet mich.« Viktor unterbrach
ihn mit der Frage, wie er so plötzlich blind geworden. Der Lord antwortete
ungern: »Das eine Auge war es wahrscheinlich schon vor deiner Abreise nach
Göttingen, aber ich wusst' es nicht.«
    »Aber das andere?« sagte Viktor. Über das Angesicht des Lords strich der
kalte Schatten eines begrabnen Schmerzes; er sah den Sohn lange an und
antwortete wie zerstreut und eilig: »Auch! Ich sehe dich an, du kommst mir viel
länger und grösser vor.« »Das ist vielleicht« (versetzt' er, denn er erriet ihn)
»Augen-Täuschung der empfindlichern Netzhaut8. - Sie sprachen von der
Pulververschwörung.« - »Diese hat erfahren,« (sprach der Lord weiter) »dass der
Sohn des Fürsten nicht in London sei; sie vermutet sogar, dass die Blattern
absichtlich damals inokuliert wurden - und der Fürst spricht täglich von dem
Augenblick, wo ich ihm seinen Sohn wiederbringe: er weiss vielleicht jene
Vermutungen. Ich musste meine Abreise nach London auf meine Heilung verschieben.
Jetzo reis' ich in kurzem ab nach England, wo der Sohn nicht ist, und hole seine
Mutter; ihn bringe ich anders woher und mit ebenso guten Augen, als du mir
gegeben hast.«
    »Dann«, fuhr Viktor heraus, »wird der beste Mann nicht gestürzt, wohl aber
seine Feinde.«
    »Nein, ich bin vorher gestürzt, um mich wie du auszudrücken. - Aber du hast
mich unterbrochen. Ich habe nie den Mut gehabt, andere Leute zu unterbrechen als
Toren. - Denn meine Abwesenheit will man eben.«
    Ich als bestallter Historiograph frage nichts nach allem und unterbreche,
wen ich will. Einer, den man unterbricht, kann zwar spassen, aber nicht mehr
beweisen. Der auf den Plato gepelzte Sokrates, der keinen Sophisten ausreden
liess, war eben darum selber einer. In England, wo man noch Systeme unter den
Weingläsern duldet, kann sich ein Mann so sehr ausbreiten wie ein Royalbogen; in
Frankreich, wo sich die Brille der Weisheit in glänzende Spitzen zersplittert,
muss einer so kurz sein wie ein Besuchblatt. Hundertmal schweigt der Weise vor
Gecken, weil er dreiundzwanzig Bogen braucht, um seine Meinung zu sagen - Gecken
brauchen nur Zeilen, ihre Meinungen sind herauffahrende Inseln und hängen mit
nichts zusammen als mit der Eitelkeit.... Noch merk' ich an, dass zwischen dem
Lord und seinem Sohne eine höfliche feine Behutsamkeit obwaltete, die in einem
so nahen Verhältnisse nur aus ihrem Stande, aus ihrer Denkart und ihrer häufigen
Abtrennung zu beurteilen ist. -
    »Aber meine Gegenwart ist vielleicht noch schlimmer. Die Prinzessin« - -
    (Die Braut des Fürsten, da seine erste Gemahlin bald und kinderlos starb,
wie Spitz sagt)
    »Die Prinzessin bringt einen Strom von Zerstreuungen mit, worin er keine
Stimme als die, die zum Vergnügen lockt, mehr hören wird. Ein unterbrochner
Einfluss ist ein verlorner. Auch bin ich bis zu einem gewissen Punkte dieses
Spieles so müde, dass ich den neuen Verbindungen, in die mich diese neue
Erscheinung zöge, gern entfliehe. Sollte sie ihn nicht lieben, wie man sagt, so
könnte sie ihn um so leichter beherrschen; und dann wäre meine Abwesenheit
wieder nicht gut. - Mich beiseite! aber was nimmst du vor, solang' ich weg bin?«
    Nach einer Viertelpause antwortete er selber. »Du wirst sein Leibarzt,
Viktor!«Viktors Hand zuckte in der väterlichen. »Du bist ihm schon versprochen,
und er sehnet sich nach dir, bloss weil ich dich oft genannt habe. Er kann es
nicht erwarten, zu erfahren, wie jemand aussieht, dessen Vater er so gut kennt.
Als Leibarzt kannst du ihn mit deiner Kunst und mit deiner Laune so lange
fremden Fesseln entziehen, bis ich wiederkomme; dann leg' ich ihm noch sanftere
an und gehe auf immer zurück. Meine Verbindung hatte bisher bloss die Absicht,
fremde abzuwenden, besonders eine gewisse« - (Mit voller Brust und andrer
Stimme) »Mein Geliebter! Es ist auf der Erde schwer, Tugend, Freiheit und Glück
zu erwerben, aber es ist noch schwerer, sie auszubreiten; der Weise bekömmt
alles von sich, der Tor alles von andern. Der Freie muss den Sklaven erlösen, der
Weise für den Toren denken, der Glückliche für den Unglücklichen arbeiten.«
    Er stand auf und setzte Viktors Ja voraus. Dieser musste ihm also unter dem
Gehen seinen Rednerfluss zutröpfeln. Er fing mit gehäuftem Atem an: »Ich
verabscheue aufs heftigste den Samielwind der Hofluft«...
    Bei mir hats der Lord zu verantworten, dass der Sohn hier die conjunctio
concessiva »zwar« auslässet: wer sich die Erwartung des Gehorsams merken lässet,
erhält ihn wenigstens unter einer stolzern Einfassung - -
    »die über lauter liegende Menschen streicht und den zu Pulver macht, der
aufrecht bleibt - Ich wollt', ich wär' in einem Vorzimmer an einem Courtage; ich
wollte zu allen in Gedanken sagen: wie hass' ich euch und euern tollen
Sauerhonig von Lust- und Plag-Partien - die verdammten Wart- und Ruderbänke
eurer Spieltische - die vollen Schlachtschüsseln hingerichteter Provinzen, ich
meine eure Spiel- und Speiseteller - Aber ich weiss schon, ich drücke mich nie
mit Stärke aus über die knechtischen lauernden Hofaustern, die nichts zu bewegen
und aufzuschliessen wissen - das Herz ohnehin nicht - als ihr Gehäuse, um etwas
hineinzunehmen...«
    »Ich habe dich noch nicht unterbrochen«, sagte der Lord und stand ein wenig
still.
    »Inzwischen«, fuhr der Sohn fort, »wate ich mit grösster Lust zur Austerbank
hinab.. O mein teurer Vater, wie könnt' ich nicht gehen! Warum liess ich nicht
bisher Ihr krankes Auge aufgebunden, damit Sie auf meinem Gesichte keine einzige
Einwendung gegen Ihre Wünsche erblickten! - Ach, um jeden Tron stehen tausend
nasse Augen' die von verstümmelten Menschen ohne Hände hinaufgerichtet werden:
droben sitzt das eiserne Schicksal in Gestalt eines Fürsten und streckt keine
Hand aus - warum soll kein weicher Mensch hinaufgehen und dem Schicksal die
starre Hand führen und mit einer unten tausend Augen trocknen?« - Horion
lächelte, als wollt' er sagen: Jüngling!
    »Aber nur um einige prozessualische Weitläuftigkeiten und Fristen bitt' ich
Sie, damit ich Zeit bekomme - stoischer und närrischer zu werden. Närrischer,
mein' ich, vergnügter. Ich möchte unter den guten Leuten um uns und neben meinem
Flamin und jetzt im Frühling des Kalenders und in dem meiner Jahre, und eh' das
Lebenschiff im Alter einfriert, nur noch zwei Monate lachen und zu Fuss gehen.
Stoisch muss ich ohnehin werden. Wahrhaftig, wenn ich nicht Epiktets Handbuch als
einen Schlangenstein an mich und meine Wunden legte, damit der Stein den
moralischen Gift heraussaugt, sondern wenn ich mit einer Brust voll Krebsschäden
aus dem Hause ginge: was würde denn der Hof von mir denken? ... Ach, ich meine
es doch ernstaft: der arme innere Mensch - von dem Wechselfieber der
Leidenschaften ausgetrocknet - vom Herzklopfen der Freude ermattet - vom
Wundfieber der Leiden glühend - braucht wie ein andrer Kranker Einsamkeit und
Stille und Ruhe, damit er genese.« Wenn er das Wort Ruhe nannte, war sein
Inneres bis zur Auflösung bewegt; so sehr hatten schon die Leidenschaften sein
Blut umgewühlt und sein Herz erschüttert.
    Jetzo gingen beide in schweigender Einigkeit wieder zu Eymann. »Ich habe
eine Bitte für meinen Flamin.« - »Welche?« sagte der Lord. - »Ich weiss sie noch
nicht, aber er schrieb mir, er werde sie mir bald sagen.« - »Meine an ihn ist,«
sagte der Lord, »dass er, wenn er angestellt werden will, mehr die Pandekten als
die Taktik und statt des Rapiers die Feder liebe.«-Der Sohn wurde zu höflich vom
Vater behandelt, als dass er zur Bitte um seine Geheimnisse - besonders um das,
wo Jenners Sohn sei - den Mut besessen hätte. Ich behandle den Leser ebenso
fein, und ich hoffe, er hat ebensowenig den Mut; denn wenn sich jemand versteckt
erklärt, so ist nichts unhöflicher als eine neue - Frage.
    Der Lord fuhr nun geheilt zum Fürsten zurück.
 
                                 3. Hundposttag
                Freuden-Säetag - Wartturm - Herzens-Verbrüderung
Der Lord war der weggenommene Damm, der bisher vor der Flut der Erzählungen,
Fragen und Freuden gestanden hatte. Die erste Untersuchung, die das Pfarramt
vornahm, war, obs noch der alte Bastian sei. - Und der wars mit Haut und Haar,
sogar das linke Seitenhaar hatt' er noch wie sonst kürzer als das rechte. Wenn
der Fleischerknecht heimkömmt aus Ungarn, so wundert er sich, dass seine
Sippschaft die alte ist - diese wundert sich, dass er es nicht mehr ist. Hier
freute man sich über die doppelte Unveränderlichkeit. Auf jedem Gesicht lag der
Heiligenschein der Freude, aber auf jedem mit andern Strahlen. Die Entzückung
sieht auf einem sanften Gesicht, wie Viktors seinem, wie die Tugend aus. - Die
alte Appel, die in ihrem Leben nichts durchblättert hatte als den Psalter Davids
und den Psalter im Ochsenmagen, legte vor den Kupferpfannen ihr Vergnügen
dadurch an den Tag, dass sie ungemein zuschürte. Das Wiener Tierspital von einem
alten Mops und Kater, die einander nicht mehr hassten - wie sich im alten
Menschen die gute und böse Seele aussöhnen -, und die Vogelsammlung unter dem
Ofen, die einen schwarzgebeizten Gimpel stark war, nahmen Anteil genug an der
allgemeinen Unruhe und stellten sich vor und liessen gern - das täte kein
Ambassadeur - das Recht der ersten Visite fahren. Agate drückte ihre Freude
bloss mit ihren Lippen aus, indem sie damit schwieg und sie an ihres Bruders
seine drückte. Am Hofkaplan will mans rühmen, dass er den invaliden Mops, der an
den Hinterfüssen das Podagra und an den Vorderfüssen das Chiragra hatte, ruhig in
seinem Wohn- und Schlafkorb wieder unter den Ofen schob, die Säulenordnung der
Sessel ohne Keifen herstellte und den kleinen Bastian unter der freudigen
Sprachenverwirrung wiegte, damit er sie nicht vermehrte, wenn er erwachte. Aber
im erhaben geschliffnen Herzen der Landsmännin, der Kaplänin, gingen die
Freudenstrahlen der Familie in einen Brennpunkt zusammen und verbreiteten in
ihrer ganzen Brust die Lebenwärme der Liebe. - Viktor lächelte sie so sehr in
sein Gesicht hinein, dass sie sich mit nichts zu retten wusste als mit seiner
künftigen Stube, die sie ihm zu öffnen und zu zeigen befahl. Agate flog mit dem
Schlüssel-Geläute voran, und dem Gaste zogen nicht mehr Leute hinterdrein, als
im Hause waren, und wollten sämtlich sehen, was er dazu sagte.
    Er übergab sich der ganzen freundschaftlichen Handhabung, nicht mit dem
eiteln Selbstgefühl eines ausgebildeten Fremdlings, sondern mit einer
vergnügten, folgsamen, fast kindlichen Verwirrung - er kümmerte sich nichts
darum, dass er wie ein Kind aussah, so sanft, so froh und so ohne Ansprüche. In
solchen Stunden ists schwer, zu sitzen - oder eine Historie anzuhören - oder
eine zu erzählen Jedes fing eine an; aber der Kaplan sprang dazwischen: »Wir
haben ganz andere Dinge zu sagen.« Aber es kamen keine ganz andere Dinge. -
Jedes wollte den Fremdling unter vier Ohren geniessen, aber die sechs bleibenden
Ohren waren nicht wegzubringen. - Meine Beschreibung seiner Verwirrung ist
selber verwirrt; aber es geht mir allemal so: z.B. wenn ich Eiligkeit schildere,
so tu' ichs unbewusst selber mit der grössten. - Wars einem solchen Herzen wie
seinem, das in den Federn der Liebe wiegend hing, noch nötig, dass es in jedem
zersägten Fensterstock, in jedem glatten Pflastersteinchen, in jeder vom Regen
gebohrten vertieften Arbeit auf dem Haustürstein seine Knabenjahre musivisch
abgebildet sah, und dass er in denselben Gegenständen Alter und Neuheit genoss?
Diese Knabenjahre, die ihm aus einem Schatten erschienen, wohnend auf St. Lünens
Fluren, zwischen frohen Sonntagen in lauter Blumen und bei geliebten Gesichtern,
diese Knabenjahre hatten einen dunkeln Spiegel in Händen, in dem die dämmernde
Perspektive seiner Kinderjahre zurücklief - und in dieser entfernten
Zauber-Nacht stand schimmernd Dahore, sein unvergesslicher Lehrer in London, der
ihn so geliebt, so geschont, so veredelt hatte. »Ach,« dacht' er' »du
unbelohntes, für die Erde zu warmes Herz, wo schlägst du jetzt, warum kann ich
nicht meine Seufzer mit deinen vereinigen und zu dir sagen: Lehrer, Geliebter?
O! der Mensch sieht es oft spät ein, wie sehr er geliebt wurde, wie vergesslich
und undankbar er war, und wie gross das verkannte Herz.«.. Was seine stille
Freude am meisten ernährte, war der Gedanke, dass er sie verdiene durch seinen
kindlichen Gehorsam gegen seinen Vater und durch seinen Entschluss zu künftigen
Herkules-Arbeiten am Hofe - denn ihm fiel in jede grosse Freude der Zweifel wie
ein bitterer Magentropfen hinein, ob er sie verdiene; ein Zweifel, der
regierenden Häusern, Woiwoden, Patriarchen und Hochmeistern in der Kindheit
geschickt benommen wird. Der bessere Mensch findet die Freude erst nach einer
guten Tat am süssesten, das Osterfest nach einer Passionswoche.
    Die Leserinnen werden jetzo hören wollen, was auf Mittag gekocht war; aber
die Dokumente dieses Posttags, die mir halb auf der Achse, halb zu Wasser
einlaufen, besagen erstlich, dass niemand Appetit hatte - die Freude nimmt ihn
mehr als der Gram -, ausgenommen die drei Regimenter, die wie Veteranen in den
Feind einhieben, nämlich in den Tafel-Abhub; zweitens, dass das Mahl noch magerer
war als der Gast selber. Man will aber sämtliche Lesegesellschaften hiemit auf
das unbewegliche Fest des 4ten Maies einladen, auf den Freitag, wo erst Viktors
Ankunft und seines Patchens Kirchgang anständig gefeiert wird.
    Die Pfarrerin zog den umzingelten Geliebten nachmittags aus dem
musikalischen Zirkel so vieler Töne und kaperte ihn ihrem Manne, dessen
Direktrice und Lady Maire sie war, vor den Augen weg und führte ihn in sein
Zimmer, um da vor ihm allein sich zu betrüben, sich zu erfreuen und sich
auszureden wie eine Mutter; lang eingeschlossene Seufzer und veraltete Tränen
drangen jetzt aus dem geöffneten Mutterherzen in das fremde weiche über, das ja
der beste Freund ihres Sohnes war. Sie klagte bei ihm über Flamins Aufbrausen,
das Viktor sonst immer gestillet; »über seine Liebe zum Soldatenwesen, da er
doch ein Gelehrter sei« - und endlich über seine Gesellschaft. »Er treibe sich
nämlich mit einem Hofjunker Mattieu - Sohn des Ministers von Schleunes - herum,
einem wüsten, überall beliebten, überall verschlimmerten, pfiffigen, kühnen,
spöttischen Menschen, der, wenn es sein Dienst erlaube, entweder drüben bei den
Kammerherrlichen oder hier bei ihrem Sohne liege; der Himmel wisse überhaupt,
was er im Schilde führe bei seinen Besuchen in einem bürgerlichen Hause.« Sie
freuete sich, dass Viktor seinen alten Freund von den Fangeisen und Fangzähnen
dieses Wüstlings wegführen würde. Viktor drückte ihr gerührt die Hand und sagte:
»Ich möchte sein Herz kaum mit dem besten Bundgenossen teilen - nicht einmal
verlieben dürft' er sich, wenns auf mich ankäme - bloss mich und eine Person
müsst' er lieben, die ihn gar nicht richtig schildert - - nämlich Sie.« Er setzte
noch viel Misstrauen in die Zeichnung von den Sonnenflecken Mattieus, weil die
Weiber selten exzentrische Menschen fassen, und weil zwar Mädchen oft wilde
Männer lieben, aber die (durch die Ehe aufgeklärten) Frauen allemal sanfte.
    Er brachte das Herz verehelichter Weiber leichtlich in sein Zuggarn durch
eine gewisse wohlwollende Galanterie gegen sie, die ein Deutscher nur für ledige
aufhebt. Alte Damen und alte Tabakpfeifen aber bekleben leicht an männlichen
Lippen. Die jüngern Tauben lockte er durch sein komisches Salz an sich, wie man
Turteltauben durch anderes fängt; ein Bonmot ist ihnen ein dictum probans, ein
Pasquino ein magister sententiarum, und die kritische Lästergeschichte ist ihnen
Kants Kritik der reinen Vernunft, die verbesserte Auflage. Auch mit seinem
medizinischen Doktorring häkelte er weibliche Seelen an sich an; als Arzt macht'
er auf körperliche Mysterien Anspruch, und diesen gehen dann leicht die
geistigen nach.
    Abends, als das Waldwasser des ersten Jubels verlaufen war, waren endlich
drei gescheute Worte möglich; auch keifte der Pfarrer jetzt weniger: denn die
Freude hatte ihn vormittags bissig gemacht. Der Zorn und Körper werden
miteinander gestärkt, daher durch die Freude - daher hat man im Januar und
Februar, wo die Hunde die längere Wut bekommen, die kurze des Zorns - daher
brummen Wiedergenesende stärker um sich, so wie Leute unter starken
Geistes-Anspannungen, z.B. Hundpostschreiber - daher ist man in den Ermattungen
nach Migräne oder nach dem Rausche sanfter als ein Lamm.
    Gegen Abend trug sich schon etwas von Bedeutung zu. Apollonia fegte ihre
Blutverwandtschaft und ihren Gast mit Kehrwischen noch früher hinaus als Spinnen
und Staub. - Es sollte am 4ten Mai die heutige Ankunft des bisherigen
Flüchtlings recht anständig gefeiert werden. - Flamin und Viktor gingen voraus
durch den Pfarrgarten, dessen Merkwürdigkeiten und curiosa so erheblich sind,
dass der Korreferent dieser Akten sich wünscht, er könnte mir den Garten durch
die Hunds-Stafette klärer schildern. Der Kaplan hatte viele Beete nicht zu
Langvierecken abgestampft, sondern sie zu lateinischen Buchstaben an
Doppel-Fraktur, als Anfangbuchstaben seiner Familie, geschweift und umgebogen.
Sein eignes E hatt' er mit Rettich ausgesäet, Apolloniens A mit Kapuzinersalat,
Flamins F mit Kohlrabi, Sebastians S mit Süssholz oder Glycyrrhiza vulgaris. Wer
nicht zu säen war, dem blieb allezeit noch ein Platz und almanac royal auf
Kürbissen und Stettineräpfeln leer, die ein durchbrochenes Papier mit dem
ausgeschnittenen Namen umflocht, der nach Abschälung dieses Einbands grün oder
rot auf der bleichen Frucht erschien. Viktor fragte, als er bei einem K aus
Tulpen vorüberging, seinen Flamin um die Bedeutung. »Warum fragst du?« fragte
dieser; und die nachkommenden gesprächigen Pfarrleute vertrieben die Antwort. -
Über der Pfarrwiese stand (man setzte nur über den Bach) ein Hügel und darauf
ein alter Wartturm, in dem nichts war als eine Holztreppe, wie oben darauf
nichts als ein bretterner Deckel statt des italienischen Dachs; beides hatte der
Kammerherr machen lassen, damit die Leute - (er nicht; denn die Gefühllosigkeit
der Magnaten arbeitet für das Gefühl der Minoriten) - sich droben ein wenig
umschauen könnten. Man sah da die Säulenordnung des Schöpfers, die
Schweizerberge, stehen, und den Rhein mit seinen Schiffen ziehen. Am Turm waren
zwei von der Natur ineinander gewundne Lindenbäume hinaufgestiegen, um oben mit
ihrem Gesträuche, das man zu einer grünen Nische ausgehöhlet und mit einer
Grasbank unterbauet hatte, zuweilen einen gerührten Eiländer zu fächeln. Das
liebende Personale erstieg die Zinne und brachte in der ländlichen Brust eine
Ruhe mit, die darin sanft den äussern stillen Himmel nachmalte, der diese Guten
mit seinen verhüllten Sonnen umzog. Noch eine Wolke glühte sich ab, aber sie
zerfloss, ehe sie ausbrannte.
    Jetzt konnten die Supplementbände der allgemeinen Weltistorie von St. Lüne
bequem nachgeliefert werden. Eymann konnte seine Foliobände gravaminum
(Beschwerden) über die Konsistorialräte und Ratten einreichen. Auf einmal wurde
unten Agate wie ihre heilige Namenbase angerufen vom Blasbalgtreter loci, der
Dorfs-Lehnlakai und Pfarrkutscher war. Wenn einige Autores sagen, der Kutscher
war blind und der Gaul taub: so kehren sie die Sache gerade um. Der Kerl war
taub. Er hatte in seinem mouchoir de Venus - das Schnupftuch ist beim Pöbel die
Brieftasche und der Briefumschlag, weil ihm ein Brief so wichtig und selten ist
wie einem Rezensenten ein guter - heute eine Briefschaft an Agaten
ausgekundschaftet und ausgewickelt, die er gestern mit des Lords seiner hätte
abgeben sollen. Aber Kutscher halten den Herrn nur für die Nebensonne und
Nebenpartie des Pferds, und die Frau gar nur für ein Schmarotzer-Gewächs des
Stalls; daher bedeutet »Gleich!« bei ihnen ein oder ein paar Tage; und »morgen
vormittags« bedeutete auf dem Regensburger Ansagzettel der Abstimmgegenstände
ein oder ein paar Jahre. Agate eilte lieber hinunter, hielt den Brief gegen die
lichtere Abendgegend und entzifferte was, was sie mit funkelnden Augen im Galopp
die Treppe hinauftrug. »Sie kommt morgen!« rief sie auf Flamin zu; denn sie
schien in jedem ihrer Freunde beinahe nur den Gesellschafter und den Freund
ihrer andern Freunde zu lieben. Klotilde (Le Bauts einzige Tochter von der
ersten Frau, der Niece des Lords) ging nämlich aus dem Fräuleinstift in
Maiental, wo sie erzogen worden, zum Vater zurück.
    »Nehmen Sie sich in acht,« sagte die Kaplänin, »sie ist sehr schön.« -
»Dann«, sagt' er, »denk' ich vielmehr darauf, mich nicht in acht zu nehmen.« -
»Überhaupt« (fuhr sie fort) »sammelt sich jetzt alles Schöne um Sie« (er wollte
sie hier durch einen schmeichelnden Blick verwirren und abstrafen, aber
vergeblich) - »die italienische Prinzessin kommt zu Johannis auch, und diese
soll so reizend sein, als wenn sie gar keine Prinzessin wäre, sondern nur eine
Italienerin.« Sie tat hier den meisten Prinzessinnen unrecht; aber eine gewisse
Ironie über ihr eignes Geschlecht war der einzige Fehler der Kaplänin, für die
es wie für mehre Mütter beinahe keine Stiefsöhne und beinahe nichts als
Stieftöchter gab. Er erwiderte, er hoffe, dass noch wenige Prinzessinnen, selbst
in Amerika, kopuliert worden, in die er sich nicht vollständig verschossen hätte
- und das bloss aus Mitleid mit so einem armen zarten Tierchen oder Wappentiere,
das unter die Siegelpresse und dann auf die Verträge gedruckt werde, welche oft
die einzigen Kinder dieser Ehen wären - »die jungen Landesmütter stehen wahrlich
wie Bienenmütter in ihrem Weiselgefängnis feil und passen ab, in welchen Korb
sie der Landes- oder Bienenvater noch heuer verhandle.«
    Eine Frau kanns von einem Mann, den sie hochachtet, gar nicht begreifen, dass
er sich verliebt, wenns nicht in sie ist, und sie kanns kaum erwarten, bis sie
seine Geliebte zu Gesichte bekömmt- ebenso erpicht ist sie auf dieses Mannes
Manier in seiner Liebe, ob sie nämlich aus der niederländischen oder aus der
französischen oder der italienischen Schule her sei. Die Kaplänin fragte ihren
vertraulichen Gast auch darüber. »Mein Harem«, fing er an, »langt von dieser
Warte bis zum Kap und um die ganze Erdkugel herum - Salomo ist nur ein gelber
Strohwitwer gegen mich - ich habe sogar seine Weiber darin, und von der Eva an
mit ihrem Sodoms-Borsdorfer-Apfel bis zur neuesten Eva mit einem Reichsapfel und
bis zur Marquise mit einem blossen Fruchtstück sind sie alle in meiner Haft und
Brust.« Eine Frau entschuldigt die Achtung für ihr Geschlecht damit, dass sie mit
darin ist; die Weiber selber haben nicht einmal einen Begriff von den
Eigenheiten ihres Geschlechts. »Was sagt aber die Favoritsultanin dazu?« fragte
die Grossinquisitorin.
    »Die?« - stockt' er, weniger verlegen als in die Fülle aufblühender Träume
versunken. »Freilich die« - (fuhr er fort:) »ich setze inzwischen meinen Kopf
zum Pfande, jeder Jüngling hat zwei Perioden oder doch Minuten. In der ersten
setzt er selber seinen Kopf zum Pfande, er wolle lieber sein Herz in seinem
Torax oder Oberleib verschimmeln lassen und seinen poples oder die Kniekehle
erlahmen, als dass er beide für eine andre Frau bewegte als für die allerbeste,
für einen wahren Engel, für eine ausgemachte Quinterne - er dringt durchaus auf
den höchsten Gewinst aus dem Ehelotto, in der ersten Periode nämlich - denn die
zweite kömmt auch und hinterbringt ihm nur so viel, die weibliche Quinterne
würde natürlich eine männliche fodern, und falls er die wäre...
    Ein dummer Auszug, ein Ambe bin ich, sag' ich und lasse die Periode gar
nicht ausreden; aber ich werde doch fortpassen auf die Quinterne.. Was käme
dabei heraus, dass man ein Mensch wäre, wenn man kein Narr wäre? - Zög' ich nun
die gedachte Quinterne, welches ich nun wohl ohne übermässige Hoffnung
voraussetzen darf, so würd' ich nicht gleichgültig dabei sein, sondern selig - O
du lieber Himmel! stehendes Fusses müsst' ich frisiert und silhouettiert werden -
ich machte Verse und Pas, und beide mit ihren herkömmlichen pedibus (Füssen) -
ich bückte mich öfter als ein andächtiger Mönch, um Verbeugungen und (wo
abzugrasen wäre) um Sträusser zu machen - Leib, Seele und Geist setzte ich an mir
aus so vielen Fingerspitzen und Fühlfäden zusammen, dass ich es schon spürte (die
Quinterne spürte es gar noch eher), wenn unsre zwei Schatten zusammenstiessen -
ein schmales betastetes Endchen Band wäre eine gute Ableitkette des elektrischen
Äters, der in Blitzen aus mir schösse, da sie negativ geladen wäre und ich
positiv - vollends gar ihr Haar berühren, das könnte keine geringere Entzündung
geben, als wenn eine Welt in das aufgebundne eines Bartkometen geriete....
    Und doch, was ist denn das alles, wenn ich Verstand habe und bedenke, was
sie verdient, diese Gute, diese Treue, diese Unverdiente - Was wären nicht
vollends dumme Verse, Seufzer, Schuhe (die Stiefel tät' ich weg), ein oder ein
Paar drückende Hände, ein aufopferndes Herz für ein kleines Gratial und don
gratuit, wenn damit ein Geschöpf abgefunden werden sollte, das, wie ich immer
mehr sehe, vom schönsten Engel, der den Menschen durch das Leben führt, alles
besitzt, etwa die Unsichtbarkeit ausgenommen - das alle Tugenden hat und alle in
Schönheiten verkleidet - das schimmert und erquickt wie dieser Frühlingabend,
und doch wie er seine Blumen und Sterne verbirgt, ausgenommen den der Liebe -
dessen allmächtige und doch leise Harmonika des Herzens ich so gern hören, in
dessen Augen ich so ausserordentlich gern die Tropfen der weichern Seele und den
Blick der höhern sehen möchte, neben dem ich so gern stehen bleiben möchte unter
der ganzen fliehenden opera buffa und seria des Lebens, so gern, sag' ich, damit
der arme Sebastian doch, wenn am heiligen Abend des Lebens sein Schatten immer
länger würde, und die Gegend um ihn selber zu einem weiten Schatten zerflösse
und er selber, damit ich doch beide Schattenhände« - (die eine hielt gerade
Flamin) - »beschauen und ausrufen könnte:« - - (stockend)
               »der alte Balgtreter kommt auch mit was in einer!«
Da er weder seine Rührung mehr hinter Scherz, noch die Merkmale derselben in
seinen Augen hinter einige tief hängende Lindenblätter verdecken konnte: so wars
in der Sekunde, wo seine Stimme unter ihr erliegen wollte, ein rechtes Glück,
dass er über die Warte hinausschauete und den Kutscher wieder heranschreiten sah.
Dieser rief unten: »von Seebassen hätt' ers gekriegt, aber den Augenblick erst.«
Agate lief leidenschaftlich hinab und unten, nach Lesung eines Blättchens, über
die - Wiesen hinüber. Der Balgtreter stieg, gleich einem Barometer vor
dauerhaftem Wetter, langsam hinauf und brachte sich und den zurückgelangten
Zettel, trotz alles obern Winkens, mit seinen Hebelarmen keine Minute früher auf
den Turm. Im Zettel stand mit Klotildens Hand: »Komm in deine Laube, Geliebte!«
    Alle Augen liefen jetzt der Läuferin nach und flatterten mit ihr durch das
Helldunkel des Abends in den Pfarrgarten, um dessen Laube man doch niemand sah.
Kaum hatte Agate die Öffnung der letzten ins Auge bekommen, als ihr Eilen
Fliegen wurde - und als sie beinahe an ihr war, flog eine weisse Gestalt mit
ausgebreiteten Armen heraus und in ihre hinein, aber die Laube verhüllte das
Ende der Umarmung, und lange standen alle wartende Augen vergeblich auf der
Klause der Liebe.
    Die Kaplänin, die sonst allen Mädchen nur Standeserniedrigungen, nicht
Standeserhöhungen gewährte, erteilte jetzo Klotilden alle sieben Weihen und
lobte sie so sehr - vielleicht auch da sie ihre Landsmännin von mütterlicher
Seite war -, dass Viktor die Lobrednerin und die Gelobte hätte zugleich umarmen
mögen. - Der Kaplan setzte zu ihrem Lobe noch dazu, er habe ihr Namens-Initial-K
mit Tulpen gleichsam wie einen Titel rot gedruckt, und der Buchstabe auf dem
Beete glänze, wenn er blühe, weit und breit.
    Der Ehe- und Säemann fiel jetzt immer mehr in den Sphärengesang der Nacht
mit dem Schnarrwerk seines Hustens ein; endlich machte er sich mit der
entusiastischen Freundin Viktors fort und liess die beiden Freunde allein in der
schönen Nacht mit den zwei vollen Herzen zurück, die ineinander sich zu ergiessen
lechzten.
    Flamin hatte diesen ganzen Tag eine schweigende rührende Sanftmut gezeigt,
die selten in sein Inneres kam, und die zu sagen schien: ich habe etwas auf dem
Herzen. Als die Warte öder war, so verheimlichte Viktor, der von liebenden
Träumen voll und weich geworden, seine in Tränen stehenden Augen nicht mehr, er
schlug sie frei auf vor dem ältesten Liebling seiner Tage und zeigte ihm jenes
offne Auge, welches sagt: blicke immer durch bis zum Herzen hinunter, es ist
nichts darin als lauter Liebe... Stumm gingen die Wirbel der Liebe um beide und
zogen sie näher - sie öffneten die Arme für einander und sanken ohne Laut
zusammen, und zwischen den verbrüderten Seelen lagen bloss zwei sterbende Körper
- hoch vom Strome der Liebe und Wonne überdeckt, drückten sich auf eine Minute
die trunknen Augen zu; und als sie wieder aufgingen, stand die Nacht erhaben mit
ihren in ewige Tiefen versunknen Sonnen vor ihnen, die Milchstrasse ging als der
Ring der Ewigkeit um die Unermesslichkeit, die scharfe Sichel des Erdenmonds
rückte schneidend in die kurzen Tage und Freuden der Menschen. -
    Aber in dem, was unter den Sonnen stand, was der Ring umzog, was die Sichel
angriff, war etwas höher, fester und heller als diese - es war die
unvergängliche Freundschaft in den vergänglichen Hüllen.
    Flamin, anstatt durch diesen erschöpfenden Ausdruck unsrer sprachlosen Liebe
befriedigt zu sein, wurde jetzt ein lebendes fliegendes Feuer. »Viktor! in
dieser Nacht gib mir deine Freundschaft auf ewig und schwöre mir, dass du mich
nie in meiner Liebe zu dir stören willst!« - »O du Guter! ich hab' dir ja längst
mein Herz gegeben, aber ich will gern heute wieder schwören.« - »Und schwöre
mir, dass du mich niemals in Unglück und Verzweiflung stürzen willst.« - »Flamin!
das tut mir zu weh.« - »O ich fleh' dich an, schwöre es und hebe deine Hand auf
und versprich mir, wenn du mich auch hast unglücklich gemacht, dass du mich doch
nicht verlässest und nicht hassest«.... (Viktor presste ihn an sich) »Sondern wir
gehen hieher, wenn wir uns nicht mehr aussöhnen können - o es tut mir auch wehe,
Viktor! - hieher und umfassen uns und stürzen uns hinab und sterben« - »Ja!«
(sagte Viktor erschöpft leise) »o Gott! ist denn etwas vorgegangen?« - »Ich will
dir alles sagen: nun leben und sterben wir miteinander« - »O Flamin! wie lieb'
ich dich heute unaussprechlich!« - »Nun lass' ich dich mein ganzes Herz sehen,
Viktor, und offenbare dir alles.«
    Aber eh' ers konnte, musst' er vorher sich durch Verstummen ermannen, und sie
schwiegen lange, in den innern und den äussern Himmel vertieft.
    Endlich konnt' er anfangen und ihm erzählen, dass jene Klotilde, über die er
heute gescherzt, sich mit unauslöschlicher Schrift in sein Inneres geschrieben -
dass er sie weder vergessen noch bekommen könne - dass das schleichende Fieber
einer furchtsamen wahnsinnigen Eifersucht aufreibend in ihm brenne - dass er mit
ihr zwar kein Wort über seine Liebe nach ihrem eignen Verbote sprechen dürfe,
als bis ihr Bruder (der Infant) wieder da und dabei sei - dass sie aber, nach
ihrem Betragen und nach Mattieus Versicherungen, vielleicht einige für ihn habe
- dass ihr Stand die ewige Scheidemauer zwischen beiden bleibe, solang' er den
juristischen Weg anstatt des militärischen zu seinem Steigen einschlage - und
dass er auf dem letzten, wenn der Lord ihm seine Hand dazu biete, schneller zu
Klotilden auf ähnliche Stufen kommen würde - und dass die Bitte, von der er in
seinen Briefen an Viktor gesprochen, eben die sei, alles dem Lord wieder zu
erzählen und seinen Beistand zu begehren. - Im Grunde konnte nur sein wilder Arm
den Degen besser als die Gerechtigkeitwaage halten. Eine fürchterliche Anlage
zur Eifersucht, die schon von künftigen Möglichkeiten Zuckungen bekömmt, war die
Hauptursache. Viktor freuete sich, dass er seinen Gefühlen die beste Sprache
geben konnte, nämlich Handlung, und sagte ihm alles mit Entzücken über sein
Zutrauen und über das Aussenbleiben befürchteter Neuigkeiten zu. - So gingen sie,
von neuem aneinander befestigt, zur Ruhe, und das Zwillinggestirn - dieser
fortbrennende verschlungne Name der Freundschaft - schimmerte in Westen
zuwinkend aus der irdischen Ewigkeit herüber, und das Herz des Löwen war zu
seiner Rechten angezündet....
    Auf diese Erde sind Menschen gelegt und an den Fussboden befestigt, die sich
nie aufrichten zum Anblick einer Freundschaft, welche um zwei Seelen nicht
erdige, metallene und schmutzige Bande legt, sondern die geistigen, die selber
diese Welt mit einer andern und den Menschen mit Gott verweben. Solche zum
Schmutz Erniedrigte sind es, die, gleich den Reisenden, den Tempel, der um die
Alpenspitze hängt, von unten für bodenlos und schwebend ansehen, weil sie nicht
in der Höhe auf dem grossen Raume des Tempels selber stehen, weil sie nicht
wissen, dass wir in der Freundschaft etwas Höheres als unser Ich, das nicht die
Quelle und der Gegenstand der Liebe zugleich sein kann, achten und lieben, etwas
Höheres, nämlich die Verkörperung und den Widerschein der Tugend, die wir an uns
nur billigen, aber an andern erst lieben.
    Ach können denn höhere Wesen die Schwächen von Schatten Gruppen strenge
berechnen, die einander festzuhalten suchen, von Nordwinden auseinander gedrängt
- die voneinander die edle unsichtbare Gestalt an sich drücken wollen, worüber
dick und plump die Erdenlarve hängt - und die einander in Gräber nachfallen,
worein die Beweinten ihre Weinenden ziehen?
 
                                 4. Hundposttag
                       Schattenriss-Schneider - Klotildens
          historische Figur - einige Hofleute und ein erhabner Mensch
Eigentlich wollte Klotilde - erfuhr Sebastian am Morgen - bis nach Johannis im
Stifte bleiben; aber da ihre beste Freundin und Stift-Genossin Giulia voraus
fortgegangen war, nicht zu den Eltern, sondern unter die Erde, so musste sie das
verwundete Auge durch eine schnellere Abreise wegziehen von dem Grabhügel, der
wie eine Ruine über dem verlornen Herzen ruhte. Ohne Gepäck war sie dem
blumenlosen Golgata ihrer verwundeten Seele entflohen, und ihr stand noch ein
zweiter Anblick desselben, eine zweite Abreise und die Wiederholung der alten
Tränen bevor.
    Nie wurde eine grosse Schönheit von einer kleinen unbefangner gelobt als von
Agaten Klotilde. Sonst schätzen Mädchen an Mädchen nur das Herz; die
zerstiebenden Reize eines fremden Gesichts haben so wenig Wert in ihren Augen,
dass sie ihrer kaum erwähnen mögen. Jünglingen wirft man richtig vor, dass sie
gern schöne Jünglinge zu ihren Freunden auslesen; bei Mädchen hingegen wollen
ihre Lobredner viel daraus machen, dass sie die weibliche Schönheit als einen zu
lockern und niedrigen Mörtel und Leim der Freundschaft gänzlich verschmähen, und
dass daher einer schönen Frau das Herz der allerhässlichsten teurer sei als das
Gesicht der schönsten auf den fünf Erdgürteln und Erdschärpen. Agate war
anders: sie lief schon am Morgen ins Schloss, um die Freundin anzukleiden.
    Flamin macht' es noch ärger: er konnt' es nicht erwarten, dass die
Wirklichkeit selber Klotildens Madonnenbild in Viktors Gehirnkammern aufhing; er
kam ihr mit der Federzeichnung eines Malers zuvor, die wenigstens nicht - kalt
ist; denn Maler schreiben im ästetischen und im kalligraphischen Sinne selten
gut. Der Maler hatte, bloss um Klotilden zu sehen und zu zeichnen, fast alle
Sonntagmorgen auf einem Berg von Maiental gelegen, wo er die glänzende
Landschaft um das Stift auf seine Blätter trug, und den schönen Kopf, der aus
dem achten Fenster heraussah, in sein Herz. Sogar Flamin, der sonst die
prosaischen Buchdruckerstöcke über die lebenden Ölgemälde der Dichtkunst
stellte, fand an der folgenden Madonna oder Klotilde des Malers Geschmack:
    »Wenn mein Ich ein einziger Gedanke ist und brennt, und wenn ich, von
Flammen umweht, die Hand in Farben tauche, um mich darin abzukühlen - wenn dann
die hohe Schönheit9, die ewig in mir strahlet, ihr Spiegelbild auf die Wellen,
die Himmel und Erde zitternd malen, herunterfallen lässet und den klaren Strom
entflammt, wenn alsdann ein dem Himmel entsunknes Pallasbild auf dem Strome
ruht, eine Lilienhülle und eines aufgeflognen Engels weggelegte Flügeldecke -
eine Gestalt, deren unbefleckte Seele kein Leib, sondern der Schnee umwallet,
der um den Tron Gottes liegt, und aus dem die Engel ihre flüchtigen Reisekörper
10 bauen - und wenn die zärteste Bekleidung zu grob und hart und ein hölzerner
Rahmen um diesen geistigen Hauch auf dem Antlitz wird, um diesen zitternden
Blumensammet von Fleisch, um diese Haut aus weissen Rosen, von roten durchglommen
- wenn dieser Widerschein meiner leuchtenden Seele auf die Farbenfläche fällt;
so wendet sich jeder um und denkt: Klotilde ruht am Ufer und schlummert.... Und
hier ist meine Kunst aus; denn ach, wenn sie erwacht, und wenn erst die Seele
diese Reize wie Schwingen bewegt - wenn die verschlossene Lippenknospe zum
Lächeln aufbricht, und der Busen einen halben Seufzer einatmet und blöde nicht
ausatmet - wenn die Seufzer, in Gesänge verhüllet, aus diesen Lippen, die wie
zwei Seelen einander überschweben, aber nicht berühren, wie Bienen aus Rosen
ziehen - wenn sich das Auge zwischen Glanz und Tränen bewegt - wenn dann endlich
die Göttin der himmlischen Liebe zu ihrer Tochter tritt und elektrisch ihr
stilles Herz berührt und sagt: liebe auch! und wenn nun alle Reize erbeben und
aufblühen, zögern und schmachten, hoffen und zagen, und sich das träumende Herz
tiefer in seine Blüten verschliesset und zitternd sich hinter eine Träne vor dem
Glücklichen versteckt, der es errät und verdient.... dann verstummt die
Glückliche, der Glückliche und der Maler.« - -
    Viktor sah den Glücklichen neben sich, der sein Freund war, mit feuchten
Augen an und sagte: »Das warst du wert!« - Aber nun stachen ihn zwanzig
Spornräder, Agaten nachzufolgen ins Schloss, die Federzeichnung des Malers - die
Kleiderordnung die Verwandtschaft - die Begierde, die jeder Mensch hat, die
Huldin und Infantin seines Freundes zu sehen - die Begierde, die nicht jeder
hat, aber er, jemand zum ersten Male (lieber als zum achten Male) zu sprechen -
am meisten der gestrige Abend. Flamins Feuer hatte Viktors Brust gestern ganz
voll Zunder gebrannt, durch welchen lauter Funken lieben - er hätt' ihm alles
gleichgültig vorstellen sollen, weil der Kampf gegen die Liebe sich vom Kampfe
für sie in nichts unterscheidet als in der Rangordnung. Aber der Leser glaube ja
nicht, jetzo werde (wie in einem entmannten und entmannenden Roman) in der
Biographie der Teufel losgehen und der Held ins Schloss marschieren und da vor
Klotilden hinfallen und kniefällig flehen: »Sei die Heldin!« und sich mit ihr
herumzanken aus Liebe und mit dem vorigen Pastor fido aus Hass und werde wirklich
nichts anders machen als den ästetischen selbstsüchtigen empfindsamen - Schuft.
Wenn ich letztes wünschte, so könnt' ich mich nur damit entschuldigen, dass ich
dann etwan zu einigen biographischen Mordtaten und Duellen käme; ich hoffe aber,
ich werde schon ohne Nachteil der Moral und ehrlich es zu einem und dem andern
Mord- und Totschlag in diesen Blättern treiben - wenigstens im letzten Bande, wo
jeder ästetische Schnitter seine Leute ausholzet und die Hälfte in die
Oubliette oder Familiengruft des Dintenfasses wirft.
    Viktor hatte zu viel Jahre und Bekanntschaften, um so ohne Respekt-Tage und
Doppel-Uso - auf dem Platze - noch vor dem Abendessen - cito citissime - was
hast du, was kannst du - verliebt zu werden. Sein Sehnerve zerfaserte sich
täglich in feinere zärtere Spitzen und berührte alle Punkte einer neuen Gestalt,
aber die wunden Fühlfäden krümmten sich leichter zurück; in jedem Monate machte
ein ungesehenes Gesicht, wie neue Musik, einen stärkern und kürzern Eindruck. Er
konnte sich nur in die Liebe hinein - reden, nicht hineinschauen. Bloss Worte,
von Tugend und Empfindung beflügelt, sind die Bienen, die den Samenstaub der
Liebe in solchen Fällen von einer Seele in die andre tragen. Eine solche bessere
Liebe aber wird vom kleinsten unmoralischen Zusatz vernichtet; wie könnte sie
sich zusammensetzen und heraufläutern in einem besudelten Herzen, das der
Hochverrat gegen einen Freund erfüllte?
    Viktor wollte schon um halb zehn Uhr ins Schloss, aber die Kammerherrin hatte
die Augenbraunen und den Seidenpudel noch nicht ausgekämmt. - Seebass brachte ein
Billet an Flamin:
    »Ich sehe Sie, mein Teuerster, heute nicht. Mich binden drei Grazien an; und
die dritte haben Sie selber geschickt. Sagen Sie Ihrem britischen Freunde, er
soll mich lieben, da ich Sie liebe. Ohne Sympatie kann wohl die Chirurgie
bestehen, aber nicht die Freundschaft.
                        Ihr
            Mattieu.«
Ein närrisches Billet! Als Viktor hörte, dass Agate die dritte Grazie sei: so
war ihm ein grosses Loch in den Vorhang des Teaters geschnitten, auf welchem
Mattieu Flamins Freund und Agatens - ersten Liebhaber machte. Nichts ist
fataler als ein Nest, worin lauter Brüder oder lauter Schwestern sitzen;
gemischt zu einer bunten Reihe muss das Nest sein, Brüder und Schwestern nämlich
schichtweise gepackt, so dass ein ehrlicher Pastor fido kommen und nach dem
Bruder fragen kann, wenn er bloss nach der Schwester aus ist; und so muss auch die
Liebhaberin eines Bruders durchaus und noch nötiger eine Schwester haben, deren
Freundin sie ist, und die der Henkel und schafft am Bruder wird. Unsre türkische
Anständigkeit verlangte also, dass Mattieu mit seinem Operngucker nach Flamin
zielte, um Agaten zu sehen; und dass Klotilde diese besuchte, da Flamin als Mann
ohne Ahnen, aber von Ehre durchaus seine bürgerlichen Besuche dem
kammerherrlichen Hause nicht aufdrang. Klotilde kam oft; und war dadurch in
einem mir bis jetzt unaufgelösten Widerspruch mit ihrem weiblich-erhabnen
Charakter.
    Flamin tauchte Mattieus Bild in einen ganz andern Färbekessel als der
Mutter ihren: ein lüderliches Genie war er und nichts Schlimmers. Er machte
alles in der Welt nach, und ihn konnte man nicht nachmachen - er konnte alle
Spieler der Flachsenfinger Truppe nachspielen und travestieren und die Logen
dazu - er verstand mehr Wissenschaften als der ganze Hof, ja mehr Sprachen, bis
sogar auf die Stimmen der Nachtigall und des Hahns, welche er so täuschend
nachmachte, dass Petrarca11 und Petrus davongelaufen wären - er konnte bei den
Weibern tun, was er wollte, und jede Hofdame entschuldigte sich mit der andern -
denn es gehörte einmal zum Ton in Flachsenfingen, seine Treue einmal auf die
Probe gesetzt zu haben. - Man sagt, die Liebe gegen ihn wurde wie ein Strumpf
bei der Wade zu stricken angefangen, es ist aber grundfalsch - es ist daher bei
so einer ununterbrochnen Mässigkeit in Hoflustbarkeiten kein Wunder, dass er
stärker und gesünder war als der ganze ausgebrannte abgedampfte Hof - nur
stechend war er zu sehr und zu philosophisch und fast zu schelmisch.
    Ich, Viktor und der Leser haben noch immer nur eine unbestimmte verwischte
Kreidenzeichnung von Mattieu im Kopf. Meinem Helden gefiel er ein wenig, wie
jeder exzentrische Mensch einem exzentrischen; es war sein Fehler, dass er der
Kraft zu leicht die ihrigen, sogar moralische, verzieh. - Mit verdoppelter
Neugierde trat er seinen Weg ins Schloss oder vielmehr in dessen grossen Garten
an, der an jenes seinen Halbzirkel von grünen Schönheiten anschliesst. Er lief im
Hafen eines Laubenganges ein und freuete sich, wie der durchlöcherte Schatten
der Lauben, um deren Eisen-Gerippe sich weiche Zweige wie sanftes Haar um
Haarnadeln wickelten, blendend über seinen Körper glitt. Neben seinem
Laubengange strich ein anderer gleich. Er ging versäeten schwarzen
Papierschnitzeln als Wegweisern nach. Das Geflüster des Morgenwindes warf von
einem Zweige ein Blättchen feines Papier herab, das er nahm, um es zu lesen. Er
war noch über der ersten Zeile: »Der Mensch hat drittalb Minuten, eine, um
einmal zu lächeln...«, als er an einen fast waagrechten Zopf anstiess' der eine
schwarze Herkules-Keule war, verglichen mit meinem oder des Lesers geflochtenen
Haar-Röhrchen. Den Zopf stülpte ein niedergekrempter Kopf empor, der in einem
horchenden Zielen aus einer Lauben-Nische eine weibliche Silhouette ausschnitt,
deren Urbild im Nebenlaubengang mit Agaten sprach. Auf Viktors Geräusche kehrte
die Person, der man das Halbgesicht durch die Nische entwendete, sich verwundert
herum und erblickte den Inhaber des Zyklopen-Zopfes mit der Silhouettenschere
und den Helden der Hundposttage. Der Inhaber drückte, ohne weiter ein Wort zu
sagen, seine Künstler-Hand durch das Gesträuch und langte ihr ihren Schattenriss
oder Schattenschnitt hinaus. Agate nahm ihn lächelnd; aber die Ungenannte
schien jenen Ernst, der sich auf weiblichen Gesichtern in nichts von der
Verachtung unterscheidet als in der Zweideutigkeit, gegen den Form- und
Gesichterschneider anzunehmen, weil er den Verdacht des Horchens durch seine
Schere zu sehr erweckte. Viktor konnte von der Ungenannten noch nichts als die
Länge wahrnehmen, die, obgleich ein wenig vorgebogen gehalten, doch über das
Gewöhnliche ging. Der Gesichterschneider drehte sich mit zwei blitzenden
schwarzen Augen gegen Viktor herum, empfing ihn recht artig, wusste dessen Namen,
sagte seinen eignen - - Mattieu - und hatte beim achten Schritt schon vier gute
Einfälle gehabt. Der fünfte war, dass er meinen Helden ungebeten dem Paar in der
Seitenlaube vorstellte.
    Das Laubsprachgitter hörte auf, eine weibliche Gestalt trat hervor, und
Viktor war darüber so betroffen, dass er, der wenig von Verlegenheiten wusste,
oder durch sie nur geistreicher wurde, seine Anzugpredigt ohne das Exordium
anfing. Und das war - Klotilde.
    Als sie drei Worte sagte: hörte er so sehr auf die Melodie, nicht auf den
Text, dass er nichts davon verstand...
    - Hier liegt auf dem schneeweissen Grund von Schweizerpapier eben die
Silhouette neben mir, die Mattieu von ihr mit der Schere genommen. Mein
Korrespondent will haben, ich soll Klotilden ungemein schön vorschildern (er
sagt, hundert Dinge sind sonst in dieser Historie nicht zu begreifen), und
deswegen schickte er mir (weil er meiner Phantasie nicht trauet) wenigstens
ihren Schattenriss. Und der soll auch unter dem Schreiben in einem fort angesehen
werden, um so mehr, da er einem schönsten andern weiblichen Engel, der je aus
einem unbekannten Paradies in diese Erde hereingeflogen, gleichsam aus den Augen
oder vielmehr aus dem Gesicht geschnitten ist - ich meine das Fräulein von **,
jetzige Hofdame in Scheerau; ich weiss nicht, ob sie alle Leser kennen.
    Viktor kam es vor, als wenn auf einmal sein Blut herausgedrungen wäre und
mit warmen Berührungen aussen auf der Haut seine Zirkel beschriebe. Endlich
brachte Klotildens kaltes Auge, das nicht der trunkne Stolz auf Reize, sondern
der nüchterne zurücktretende und nur dem weiblichen Geschlechte eigne auf
Unschuld regierte, und - ihre Nase, die zu viel Besonnenheit verriet, seinen
neuen Adam wieder auf die Beine, auf den sich schon der alte gesetzt hatte. Er
pries sich glücklich, dass er Flamins Freund sei und mitin auf ihre
Aufmerksamkeit und ihren Umgang einige Rechte habe. - Gleichwohl war ihm noch
immer, als wenn alles, was sie täte, zum ersten Male in der Welt geschähe, und
er gab auf sie acht wie auf einen operierten Blindgebornen oder auf einen Omai
oder einen Li-Bu. Er dachte immer: »Wie sollt' ihr wohl das Sitzen lassen - oder
das Darreichen eines Fruchttellers - oder das Essen einer Kirsche - oder das
Niedersehen in ein Briefchen?« Ich bin noch ein ärgerer Narr neben der besagten
Hofdame.
    Endlich kam in den Garten Le Baut nach der ersten Toilette, und seine Frau
nach der zweiten. Der Kammerherr - ein kurzes, biegsames, geschnürtes Ding, das
vor dem Teufel in der Hölle den Hut abziehen wird, wenns hineintritt - empfing
den Sohn seines Erbfeindes ungemein verbindlich, und doch mit Würde, zu welcher
ihm aber nicht sein Herz, sondern sein Stand die Kräfte gab. Viktor hegte, eben
weil er sich ihn beleidigt dachte, zuvorkommendes Wohlwollen für ihn. Obgleich
Le Bauts Zunge fast wie seine Zähne falsch und eingesetzt waren und mitin die
aus Zahn- und Zungenbuchstaben gemachten Wörter auch: so gefiel er doch mit
seinen weder plumpen, noch unhöflichen Schmeicheleien - wozu auch seine
Stellungen und Absichten gehören - unserm aufrichtigen Viktor, welcher feine
Schmeichler, als Schwache, nicht hassen konnte. Die Kammerherrin - die schon in
den Jahren war, die eine Kokette zu verhehlen sucht, ob sie gleich die
vorhergehenden noch eher zu verbergen hätte - nahm unsern gutmeinenden Helden
mit der aufrichtigsten Stimme auf, die noch aus einem falschen Judasbusen
gekommen, und mit dem listigsten Gesicht, auf dem nie die Täuschungen der Liebe
(wie es schien) Platz zu einer Miene hatten finden können.
    Die neue Gesellschaft nahm auf einmal Viktors Verlegenheit weg. Er bemerkte
zwar bald die besondern Fecht- und Tanz-Stellungen des Bundes gegeneinander:
Klotilde schien gegen alle zurückhaltend und gleichgültig, ausser gegen ihren
Vater nicht die Stiefmutter war fein gegen den Kammerherrn, hochmütig gegen die
Stieftochter, verbindlich gegen Viktor und leicht- und gehorchend-kokett gegen
Mattieu - dieser war gegen das Ehepaar abwechselnd schmeichlerisch und
spottend, gegen Klotilde eiskalt und gegen meinen Helden so höflich, wie Le Baut
gegen alle. Gleichwohl war Viktor froher und freier als alle, nicht bloss weil er
im Freien war - da ein Zimmer allemal wie ein Stockhaus auf ihm lag und ein
Sessel wie ein Fussblock -, sondern weil er unter feinen Leuten war, die (trotz
der spitzigsten Verhältnisse) dem Gespräche vier Schmetterlingflügel geben,
damit es - als Gegenspiel der klebenden Raupe, die sich in jedem Dorn aufspiesset
- ohne Getöse in kleinen Bögen über Stacheln fliege und nur auf Blüten falle. Er
war der grösste Freund feiner Leute und feiner Wendungen; daher ging er so gern
in die Gesellschaft eines Fontenelle, Crebillon, Marivaux, des ganzen weiblichen
Geschlechtes und besonders des anständig koketten Teils desselben. Man werde
nicht irre! Ach an seinem Flamin, an seinem Dahore, an grossen, über die feinen,
feigen, leeren Mikro-Kosmologen der grossen Welt erhabnen Menschen hing glühend
seine ganze Seele aber eben darum suchte er zur grössern Vollkommenheit die
kleinern als Gebräme und Eckenbeschläge mit so vielem Eifer auf.
    Vier Personen hatten jetzt auf einmal vier Sehröhre auf seine Seele
gerichtet; er nahm gar nichts in die Hand, weil er zu gutmütig und zu freudig
war, um der Spion eines Herzens zu sein; und erst nach Verlauf einiger Tage
beobachtete er an einem Gesellschafter das zurückgebliebene Bild in seinem Kopf.
Er verbarg sich nicht - und wurde doch falsch gesehen; gute Menschen können sich
leichter in schlimme hineindenken als diese in jene - er erriet besser, als er
erraten wurde. Bloss Klotilde verdient eine Schutzrede, dass sie meinen Helden bis
nach dem Essen - unter welchem Le Baut, der grösste Erzähler dieses erzählenden
Jahrhunderts, seine Rolle durchführte - für zu boshaft und satirisch hielt. Sie
musste aber fast; - eine Frau errät leicht die menschliche, aber schwer die
göttliche (oder teuflische) Natur eines Mannes, schwer seinen Wert und leicht
seine Absichten, leichter seine innere Farbengebung als seine Zeichnung. -
Mattieu gab Anlass zu ihrem Irrtum, aber auch (wie ich sogleich berichten werde)
zur Zurücknahme desselben. Dieser Evangelist, der ein viel grösserer Satirikus
war als sein Namenvetter im Neuen Testament, stellte fast ganz Flachsenfingen
auf seine Privat-Pillory, den Fürsten, den Hof bis zu Zeuseln nieder - nur den
Minister (seinen Vater) und seine vielen Schwestern musst' er leider auslassen,
desgleichen die Personen, mit denen er gerade sprach. Was man Verleumdung an ihm
nannte, war im Grunde übertriebne Herrnhuterei. Denn da der heilige Makarius
befiehlt, dass man sich aus Demut zwanzig Unzen Böses beilegen müsse, wenn man
dessen fünf habe - das Gute aber umgekehrt -, so suchen redliche Hofseelen, weil
sie sehen, dass keiner diese bescheidne Sprache führen will, in jedes Namen sie
zu reden; und schreiben dem, dessen Demut sie repräsentieren wollen, allezeit
funfzehn Unzen mehr Böses und weniger Gutes zu, als er wirklich hat. Hingegen
bei gegenwärtigen Personen haben sie diese stellvertretende Genugtuung nicht
nötig. Daher ist das Leben solcher Hof-Edeln ganz dramatisch; denn da nach
Aristoteles die Komödie die Menschen schlechter, und die Tragödie sie besser
malt, als sie sind, so lassen gedachte Edle in jener nur Abwesende, in dieser
nur Gegenwärtige agieren. Ich weiss nicht, ob diese Vollkommenheit hinreicht,
einen wirklichen Fehler des Evangelisten gutzumachen, welches der war, dass er,
wie die Römer an Luperkalien, zu oft nach dem weiblichen Geschlecht Hiebe
führte. So sagte er heute z.B.: Mädchen und Himbeere hätten schon Maden, eh' sie
nur reif wären - die weibliche Tugend wäre das glühende Eisen, das eine Frau
(wie auch sonst bei den Ordalien) vom Taufstein (Tauftag) bis zum Altar
(Trautag) zu tragen hätte, um unschuldig zu sein u.s.w.
    Nichts fiel Klotilden - und so hab' ichs allemal bei den Besten ihres
Geschlechts gefunden - empfindlicher als Satire auf ihr ganzes Geschlecht; aber
Viktor erstaunte über ihre dem Geschlecht und der Welt-Erfahrenheit gleich sehr
eigne Kunst, es zu verbergen, dass sie - dulde und verachte.
    Des Evangelisten Beispiel machte, dass auch Viktor anfing zu phosphoreszieren
auf allen Punkten seiner Seele - der Funke des Witzes umlief den ganzen Kreis
seiner Ideen, die einander wie Grazien bei der Hand fassten, und sein
elektrisches Glockenspiel übertraf des Junkers Entladungen, welche Blitze waren
und nach Schwefel stanken. Klotilde, die sehr beobachtete, misstrauete den Lippen
und dem Herzen Sebastians.
    Der Hofjunker hielt ihn für seinesgleichen und für verliebt in Klotilde; und
das aus dem Grunde, »weil der lustigere oder ernstere Ton, worin ein Mann in
einer Gesellschaft verfalle, ein Zeichen sei, dass ein weiblicher Zitteraal darin
in seinen Busen eingeschlagen«. Ich muss es gestehen, Viktors überwallende Seele
liess ihn nie jenen Ausdruck der Achtung für Weiber treffen, der sich nicht in
unzeitige Zärtlichkeit verirrt, und den er oft gebildeten Weltleuten beneidete;
seine Achtung sah leider allemal wie eine Lieberklärung aus. - Die Kammerherrin
hielt ihn für so falsch wie ihren Cicisbeo; Leute wie sie begreifen kein anderes
Wohlwollen als höfliches oder einfädelndes.
    Man behielt unsern Helden den ganzen Tag und den halben Abend drüben.
    Den ganzen Tag war er nicht imstande - obgleich die unsichtbaren Augen
seines innern Menschen voll Tränen standen über Klotildens edle Gestalt, über
ihre verborgne Trauer um die kalte hinabgesenkte Freundin, über ihre rührende
Stimme, wenn sie bloss mit Agaten sprach - gleichwohl war er nicht imstande, nur
ein ernstaftes Wort zu sagen: gegen Fremde zwang ihn seine Natur allemal im
Anfang einige satirische und andere Hasensprünge zu machen. Aber abends, da man
im feierlichen Garten war, da sein gewöhnlicher Schauer vor der Leerheit des
Lebens durch die Lustigkeit heftiger wurde - das wurde jener dadurch allezeit;
hingegen durch ernstafte, traurige, leidenschaftliche Gespräche nahm er ab -
und da Klotilde ihm bloss eine sehr kalte, gleichsam von seinem Vater auf ihn
angewiesene Höflichkeit gewährte und den Unterschied zwischen ihm und dem
Mattieu, der keine zweite Welt und keinen dafür organisierten innern Menschen
annahm, nicht in seiner ganzen Grösse erriet: so wurd' ihm beklommen ums sehnende
Herz, zu viele Tränen schienen seine ganze Brust anzufüllen und durchzudrücken,
und sooft er zu dem grossen tiefen Himmel aufblickte, sagte etwas in seiner
Seele: schier dich gar nichts um den feinen Cercle und rede heraus!
    Aber es gab für ihn nur eine Seele, an der jene Erhöhtritte wie an
Pedalharfen geschaffen waren, die jedem Gedanken einen höhern Sphärenton
erteilen, dem Leben einen heiligen Wert und dem Herzen ein Echo aus Eden; diese
Seele war nicht sein sonst so geliebter Flamin, sondern sein Lehrer Dahore in
England, den er ach schon lange aus seinen Augen, aber nie aus seinen Träumen
verloren. Der Schatten dieses grossen Menschen stand, gleichsam an die Nacht
geworfen, flatternd und aufgerichtet vor ihm und sagte: »Lieber, ich sehe dein
inneres Weinen, dein frommes Sehnen, dein ödes Herz und deine ausgebreiteten
bebenden Arme; aber alles ist umsonst: du findest mich nicht und ich dich
nicht.« Er schauete an die Sterne, deren erhebende Kenntnis sein Lehrer schon
damals in seine junge Seele angeleget hatte; er sagte zu Klotilden: »Die
Topographie des Himmels sollte ein Stück unserer Religion sein; eine Frau sollte
den Katechismus und den Fontenelle auswendig lernen.« Er beschrieb hier die
astronomischen Stunden seines Dahore und diesen selber. -
    Aus Klotildens Angesicht brach eine grosse Verklärung, und sie zeichnete mit
Worten und Mienen ihren eignen astronomischen Lehrer im Stifte ab - dass er
ebenso edel sei und ebenso still - dass seine Gestalt so gut besser mache wie
seine Lehre - dass er sich Emanuel nenne und keinen Geschlechtnamen führe, weil
er sage: »am verfliegenden Menschen, an seinem so eilig versinkenden Stammbaum
sei zwischen dem Geschlechtnamen und Taufnamen der Unterschied zu klein«- dass
leider seine veredelte Seele in einem zerknickten Körper lebe, der schon tief
ins Grab einhänge dass er nach der Versicherung ihrer Äbtissin der sanfteste und
grösste Mensch sei, der noch aus Ostindien (seinem Vaterlande) gekommen, wiewohl
man über einige Sonderbarkeiten seiner Lebensart in Maiental wegzusehen habe. -
    Mattieu, dessen Witz die Schönheitlinie, den Giftzahn, den Sprung und die
Kälte den Schlangen abborgte, sagte leise und unbefangen: »Es ist gut für seinen
siechen Körper, dass er hier nicht Astronom und Nachtwächter zugleich wurde; er
suchte vor einigen Jahren darum an, um ein Sehrohr und ein Horn.«- - Klotilde
wurde zum ersten Male von einer zürnenden Röte überflogen, wie der Morgen vor
dem Regen: »Wenn Sie ihn« (sagte sie schnell) »bloss aus meiner Schilderung
kennen, so können Sie diese Sonderbarkeit unmöglich unter den seinigen suchen.«
Aber der Kammerherr trat dem Junker bei und sagte, Emanuel sei wirklich vor fünf
Jahren mit diesem Gesuche abgewiesen worden. Klotilde sah den einzigen, dessen
Aufmerksamkeit nicht ironisch war, unsern Viktor, den der Widerschein ihrer
Verklärung schmückte, wie um Hülfe an und fragte mehr hoffend als behauptend:
»Sollte man so etwas einem solchen Kopfe zutrauen?« - »Meinem Kopf eher«
(versetzte er, um auszuweichen; denn er, der dem jetzigen Papste widersprochen
hätte, konnte oft unmöglich schönen Lippen widersprechen, zumal einer mit so
vieler Hoffnung auf sein Nein vorgelegten Frage derselben) - »sooft ich nachts
durch Dörfer gehe: so hör' ich den leiblichen Nachtwächter lieber als den
geistlichen. In der horchenden stillen Nacht, unter dem ausgebreiteten
Sternenhimmel liegt im homiletischen Eulengesang des Nachtwächters etwas so
Erhabnes, dass ich mir hundertmal ein Horn wünschte und sechs Verse.« -
    Der Kammerherr und sein Associé hieltens für verfehlte Persiflage; letzter
setzte die seinige - vielleicht um Klotilden, zum Vorteil seiner mit
Unterzieh-Busen und Unterzieh-Steiss bewaffneten Herzens-Zarin, zu missfallen -
unverschämt fort und führte an: das beste Mittel, den namhaften Namenlosen
traurig zu machen, sei ein sehr lustiges, eine Komödie - freilich rührte ihn
noch stärker ein Possenspiel, wie er selber an ihm in Goetes moralischem
Puppenspiel oder Jahrmarkt gesehen.
    Da flog dem betroffenen Viktor ein neues Gesicht und eine neue Stellung an;
denn er war gerade wie Emanuel. Ein Jahrmarkt mit seinen hinab- und
hinauflaufenden Menschen-Bächen - mit dem Vor- und Zurückspringen der Gestalten
wie an einer Bilderuhr - mit der fortsummenden Luft, in der Geigengeschrei und
Menschengezänk und Viehgeblök zu einem einzigen betäubenden Brausen
zusammenfliessen - und mit den Buden-Warenlagern, die ein musivisches Bild des
kleinen, aus Bedürfnissen zusammengeflickten Lebens reichen - - ein Jahrmarkt
machte durch alle diese Erinnerungen an die grosse frostige Neujahrsmesse des
Lebens Viktors edlen Busen schwer und voll; er versank süssbetäubt in das Getöse,
und die Menschen-Reihen um ihn schlossen seine Seele in ihre stillern Phantasien
ein. Das war die Ursache, warum ihn Goetes hogartisches Schwanzstück eines
Jahrmarkts (so wie Shakespeare) immer melancholisch zurückliess; so wie er
überhaupt gerade im Niedrigkomischen das hohe Ernstafte am liebsten fand -
(Weiber sind nur zum umgekehrten Funde fähig) und ein komisches Buch ohne jeden
edlern Zug und Wink (z. B Blumauers Äneis) konnt' er so wenig wie La Mettries
ekelhaft lachendes Gesicht ertragen, oder die Gesichter auf den Titelkupfern des
Vademekums. - -
    Er vergass sich und die Nachbarschaft wie ein wahrer Jüngling, breitete die
Arme halb aus und sagte mit einem Auge, in dem man die sehnsüchtig an einem
Bilde Emanuels arbeitende Seele sah: »Nun kenn' ich dich, du Namenloser! du bist
der hohe Mensch, der so selten ist. - - - Ich versichere Sie, Herr v. Schleunes,
an Herrn Emanuel ist was! ... Nein, unter diesem Leben im Flug sollte doch das
Ding, das so prestissimo hinschiesst aus einem Regenschauer in den andern und von
Gewölke zu Gewölke, doch nicht in einem fort den Schnabel aufsperren zum
Gelächter... Ich las heute wo: der Mensch hat nur drittalb Minuten, und nur
eine zum Lächeln « Er war ganz in seine Gefühle verirrt: sonst hätt' er mehr
zurückbehalten, besonders die letzte Zeile aus dem im Garten gefundnen
Blättchen. Klotilde wurde über irgend et was betroffen. Er hätte jetzo gern das
Blättchen hinausgelesen. Sie erzählte ihm nun diejenigen Sonderbarkeiten von
ihrem Lehrer, in die sie sich besser zu finden wusste: dass er ein Pytagoräer sei
- nur in weissen Kleidern gehe - mit Flöten sich einschläfern und wecken lasse -
keine Hülsenfrüchte und Tiere esse - und oft die halbe Nacht unter den Sternen
gehe.
    Er ruhte, in stummes Entzücken über den Lehrer verloren, mit
entusiastischen Augen auf den freundschaftlichen Lippen der Schülerin, die der
Geschmack an einem erhabnen Sonderling adelte. Sie fand hier den ersten Mann,
den sie in einen ungeheuchelten Entusiasmus für ihren pytagorischen Liebling
setzte; und alle ihre Schönheiten wandten sich blühend nach Emanuels Bild, wie
Blumen nach der Sonne. Zwei schöne Seelen entdecken ihre Verwandtschaft am
ersten in der gleichen Liebe, die sie an eine dritte bindet. Das volle
begeisterte Herz verschweigt und verhüllt sich gern in einem Putzzimmer, das
lauter ungleichartige hegt; aber wenn es darin sein zweites antrifft, so muss es
darüber sein Verstummen und Verhüllen und das Putzzimmer vergessen.
    Viktors Quecksilber seiner morgendlichen Lustigkeit war um zehn Grade
gefallen. In seiner dämmernden Seele ragte nichts hervor als der Zettel, den er
lesen wollte und auch schon las draussen auf der Gasse; und vorher schied er.
    Das Blatt war aus Klotildens fliegendem Stammbuch geflattert und von -
Emanuel geschrieben.
    »Der Mensch hat hier drittalb Minuten, eine zu lächeln - eine zu seufzen -
und eine halbe zu lieben; denn mitten in dieser Minute stirbt er.
    Aber das Grab ist nicht tief, es ist der leuchtende Fusstritt eines Engels,
der uns sucht. Wenn die unbekannte Hand den letzten Pfeil an das Haupt des
Menschen sendet: so bückt er vorher das Haupt, und der Pfeil hebt bloss die
Dornenkrone von seinen Wunden ab.12
    Und mit dieser Hoffnung zieh aus Maiental, edle Seele; aber weder
Weltteile, noch Gräber, noch die zweite Welt können zwei Menschen zertrennen
oder verbinden; sondern nur Gedanken scheiden und gatten die Seelen. -
    O dein Leben hänge voll Blüten! Aus deinem ersten Paradies müsse ein
zweites, wie mitten aus einer Rose eine zweite, spriessen! Die Erde müsse dir
schimmern, als ständest du über ihr und sähest ihrem Zug im Himmel nach! - Und
wie Moses starb, weil ihn Gott küsste: so sei dein Leben ein langer Kuss des
Ewigen! Und dein Tod werde meiner....
                                                                       Emanuel.«
»O du guter, guter Geist!« (rief Viktor) »ich kann dich nun nicht mehr vergessen
- du musst, du wirst mein schwaches Herz annehmen!« Von seinen innern Saiten
waren jetzt die Dunsttropfen, die ihren Klang aufhielten, abgefallen. Sein Kopf
wurde eine helle Landschaft, in der nichts stand als Emanuels glänzende Gestalt.
Er kam mit einem selig bewegten Angesicht spät im Pfarrhaus an; und in dieser
Glut stellte er vor seinen Zuschauern das Bild von Klotilden auf, dem er von
einem Engel alles, sogar Flügel gab, welche ein kurzes Verweilen drohten. Seine
Freundschaft erhob ihn über den Argwohn eines Argwohns so sehr, dass er seinem
Freunde keine wärmere und zärtere Probe derselben zu geben glaubte als durch das
stärkste sympatetische Lob Klotildens; Flamins Liebe gegen sie ging durch die
Freundschaftin seine Seele über. Die Empfindung für die Geliebte eines Freundes
führt eine unnennbare Süssigkeit und moralische Zarteit mit sich. Für Viktor
steh' ich in diesem Punkte, dass er zwar begriff, wie ein Freund dem andern die
Liebe zum Opfer bringen, aber nicht begriff, wie der andere das Opfer annehmen
könne; allein für Flamin sag' ich nicht gut, dass er kalt und Menschenkenner
genug ist, um die Preismünzen, die Viktor auf Klotilden schlägt, und worauf er
ihr schönes Angesicht und sein Wappen setzt, immer für ebenso viele Münzen de
confiance und für Pfänder der brüderlichen Treue anzusehen. Er war zu brausend
und zu ehrgeizig, um die Wahrheit zu sehen, ja nur anzuhören: denn sein
offenherziger Freund musste manchen zärtlichen Tadel unterdrücken, der ihn zu
sehr gekränkt hätte, weil er zuviel Ehrgeiz und Feuer und zu wenig
Selbervertrauen hatte. Daher heftete sich ein Schmeichler wie Mattieu mit
seinen Efeu-Häkchen desto fester in die Risse dieses Felsen ein. Da er ein wenig
barsch den namenlosen Emanuel einen Schwärmer nannte: so sagte Viktor von diesem
heute wenig. Flamin konnte - weil er entweder ein Jurist oder ein hitziger Kopf,
oder beides war - nichts so wenig ausstehen als Poeten, Philosophen, Hofleute
und Entusiasten - einen ausgenommen, der alles das auf einmal war, seinen
Sebastian Viktor.
 
                                 5. Hundposttag
      Der dritte Mai - der auf der Musik sitzende Abbate - die Nachtigall
Ich muss überhaupt voraus bemerken, dass ich sehr dumm wäre, wenn ich die Menge
von Unwahrscheinlichkeiten in dieser Historie nicht merkte; aber ich merke sie
sämtlich gut; ja ich Labe solche - z.B. die in Klotildens Betragen, oder die des
medizinischen Doktorats des Helden - noch eher als der Leser selber
wahrgenommen, weil ich alles eher - gelesen habe. Ich schob es daher nicht
länger auf, sondern ging mit der heutigen Hofmanns-Post meinen Korrespondenten
an, mir das nächstemal durch den Hund in seiner Porträtbüchse zu schreiben,
woran wir alle wären. - Ich schriebs ihm geradezu, er wüsste den Henker davon,
obwohl ich, von den Lesern und ihrer Tyrannei - ich müsst' ihm sagen (sagt' ich),
sie wären Leute von Verstand, denen ein Lebensbeschreiber, ja ein Roman-Bauherr
nicht mit Dichtertruge kommen dürfte, sondern die sagten, wie der Areopag: »Das
nackte historische Faktum her, ohne alle weitere poetische Einkleidung.« - Und
es nähme mich überhaupt wunder (fuhr ich fort), dass er noch nicht wüsste, dass sie
soviel, teils Verstand, teils vierblätterigen Klee13, in sich hätten, dass sie
die grössten Verfasser und Trauerdichter, wenn diese fein sein und sie durch
ästetische Gaukeleien entweder wie Schröpfer in Furcht oder wie Bettler in
Mitleiden setzen wollten, dass sie diese kaltblütig sich abarbeiten liessen und
sagten: »Wir lassen uns nicht fangen.«- Gleichwohl wären die Rezensenten noch
toller und gescheiter und vielleicht die besten jetzigen Skotometer
(Dunkelmesser), zumal da sie so elende Photometer (Lichtmesser) wären. - Und
endlich sagt' ich meinem historischen Adjutanten gerade heraus, er hätte keinen
Schaden davon, ich jedoch, dass man mich in mehre Sprachen übersetzte und darin
für jede Unwahrscheinlichkeit des Textes in das Geisselgewölbe einer Note
hinunterzöge und da sehr striche, indes ich nicht den Mund auftun dürfte, wenn
der verdolmetschende Spitzbube, der meinen Kürbisflaschenkeller wie ein Fass Wein
aus einem Land ins andre führe, den Wein unterweges wie alle Fuhrleute mit
Wasser aussen begösse und innen nachfüllte. - Er sollte mir nur wenigstens, bat
ich, Antwort geben, damit ich sie den Lesern zeigen könnte als einen Beweis, dass
ich ihm geschrieben. - -
    Im nächsten Hundposttag möchten also in jedem Falle grosse Dinge zu erwarten
sein. -
    Noch dazu fällt der vierte Mai hinein mit seinen, wie es scheint, wichtigen
zwei Dankfesten für die Ankunft der zwei Sebastiane, des kleinen in der Welt,
des grossen im Baddorfe. Sogar Klotilde: ist morgen dabei; und Viktor ist recht
begierig (ich selber), sie in der Sonne der Liebe zu sehen neben Flamin: denn
drüben schienen alle ihre Schönheiten ein vom Strahl der Liebe noch nicht
getroffnes und gereiftes Herz zu umblühen, wie Blumenblätter die weissen
Hetzblätter vor der Sonne überbauen. - Mattieu kam heute zum Abschied, weil er
morgen in die Stadt zurückfuhr. Er gefiel unserm Helden immer weniger; und eine
Pagengeschichte, die er von sich erzählte, erneuerte Viktors Entschluss, die
Bitte der Pfarrerin um die Verscheuchung eines solchen Menschen frühe zu
erfüllen.
    Mattieu hatte als Page den Dienst bei der Oberhofmeisterin, ich glaube den
grossen und den kleinen. Gleichwohl musst' er einmal einen Abbate und Gewissensrat
in ein Kabinett derselben bestellen, das der Betstuhl und die heilige Stätte in
einem Grade sein sollte, den freilich ihr dummer eifersüchtiger Mann nicht
begriff. Nun war im Nebenzimmer ein musikalischer Armsessel, den man im Grunde
mit nichts spielte als mit dem Steiss: sobald man sich hineinsetzte, fing er
seine Ouvertüre an, und ich sass einmal beim Fürsten Esterhazy in so einem. Unser
Matz - so nennt ihn das ganze bürgerliche Flachsenfingen; einige
Kanzeleiverwandte heissen ihn auch den Evangelisten - bestellte den Abbate um
zwei Stunden zu bald; setzte aber, damit der Mann mit der tonsurierten Perücke
nicht vom Passen ermattete, vorher den musizierenden Sessel hinein, als Ruhebank
und Ankerplatz für matte Expektanten. Gegen drei Uhr nachts, als die
Gesellschaft fort war, ausgenommen den Oberhofmeister, senkte der stehenssatte
Gewissensrat seinen Rumpf endlich in den mit Favorit-Arien ausgepolsterten
Sorgestuhl und weckte mit seinen Hosen die ganze Trauermusik und deren Mordanten
darin auf, ohne die geringste Möglichkeit, das Kabinett-Ständchen dieses Weckers
zu stillen. Der Ehegemahl ging endlich, wie ein Hering, den Finalkadenzen nach
und zog den mitten im Kontrapunkt und in Pralltrillern sesshaften Gewissensmann
aus seinem Orgelstuhl und versalzte ihm den Wachtelruf, glaube ich, durch
kommandierte Prügel. Die Oberhofmeisterin erriet leicht den Meister vom Stuhl,
Matzen; aber so sehr gewöhnlich ist Verzeihung am Hofe - nicht bloss vergangne
Beleidigungen werden dort von guten Weiberseelen vergeben, sondern auch
zukünftige -, dass die Hofmeisterin sich doch nicht eher an Matzen rächte - ob er
gleich noch drittalb Wochen ihr diente - als eben nach drittalb Wochen...
    Viktor zürnte über Flamins Gelächter; er liebte Laune, aber keine Neckerei.
Sein versüsstes Blut fing durch diese Essigmutter allmählich zu versäuern an
gegen diesen Matz, dessen kalte ironische Galanterie gegen die ehrliche Agate
ihn schon empörte, deren phlegmatischer, gleichsam verheirateter Puls übrigens
in dessen Ab- und in dessen Anwesenheit dieselben Schläge tat. Noch mehr
Sodbrennen und Säure sammelte sich in Viktors Herzen, weil er - der alles
duldete, Eitle, Stolze, Ateisten, Schwärmer - gleichwohl keine Menschen dulden
konnte, die die Tugend für eine Art von feiner Proviantbäckerei ansehen, die
Wollust für erlaubt, den Geist für einen Almosensammler des Leibes, das Herz für
eine Blutspritze und unsere Seele für einen neuen Holztrieb des Körpers. Dieses
aber tat Mattieu, der noch dazu Neigung zum Philosophieren hatte, und der den
Freund Viktors, welcher ohnehin gegen die ganze Dichter und Geisterwelt so kalt
war wie ein Staatsmann, mit seinem philosophischen Krebsgifte anzustecken
drohte.
    Abends suchte er ein wenig näher an Flamins Gehör in die zweite Trompete der
Fama gegen den entfernten Pseudo-Evangelisten zu stossen. Im Garten stiess er
darein. Er nahm die Hand, deren die Mattäische nicht würdig war, in seine
bessere und fing mit der herzlichsten feinsten Schonung, die man sogar der
wahren Freundschaft für einen unechten Freund gewähren muss, seinen Bildersturm
an. Denn indem er die Kammerherrin tadelte, dass sie auf Agaten Blicke von ihrem
Wipfel herunterwürfe, die nichts Reineres wären, als was sonst Affen vom ihrigen
auf die Leute schickten; und indem er den Hofjunker tadelte, dass er wie viele
Edelleute erst unter Edelleuten den ketzerischen Geruch eines Bürgerlichen am
meisten (vielleicht durch Hülfe des Gegensatzes) verspürte, und dass seine Worte
und Mienen im Schloss wie Eisspitzen ans gute warme Herz Agatens anflögen: so
war der Tadel dieses Maifrostes gegen die Schwester nur ein Vorwand, in welchen
er die Anmerkung einhüllte, dass der Hofjunker Flamins Freund nicht sein würde,
wenn er nicht Agatens Liebhaber wäre. -
    Flamins Schweigen (das Zeichen seiner Entrüstung) gab dem Strom seiner
Beredsamkeit einen neuen schnellern Abhang; noch dazu rief eine in Le Bauts
Garten dichtende Nachtigall alle Echo der Liebe aus seiner Seele wach. Daher
ergriff er freilich Flamins beide Hände in jener Überwallung, die immer seine
Schritte zum Ziele in Sprünge umsetzte und dadurch das ganze Ziel überrennte. -
Viele Plane verunglücken, weil das Herz dem Kopfe nacharbeitet, und weil man
beim Ende der Ausführung weniger Behutsamkeit aufwendet als beim Anfange
derselben. Er sah seinen Geliebten an, die Flötenkehle der Nachtigall setzte den
Text seiner Liebe in Musik, und unbeschreiblich gerührt sagte er: »Du Bester!
dein Herz ist zu gut, um nicht von denen überlistet zu werden, die dich nicht
erreichen. O wenn einmal die Schneide des Hof-Tons blutig über die Adern deiner
Brust wegzöge« - (Flamins Miene sah wie die Frage aus: bist du denn nicht auch
satirisch?) »o wenn der, der keine Tugend und Uneigennützigkeit glaubt, auch
einmal keine mehr bewiese; wenn er dich sehr betröge, wenn die vom Hof gehärtete
Hand einmal Blut und Tränen wie ein Zitronenquetscher aus deinem Herzen drückte:
dann verzweifle doch nicht, nur an der Freundschaft nicht - denn deine Mutter
und ich lieben dich doch anders. O wahrlich, zu der Zeit, wo du sagen müsstest:
warum hab' ich nicht meinem Freunde gehorcht, der mich so warnte, und meiner
Mutter, die mich so liebte - da darfst du zu mir kommen, zu dem, der sich
niemals ändert, und der deinen Irrtum höher schätzet als eigennützige
Behutsamkeit; dann führ' ich dich weinend zu deiner Mutter und sage zu ihr: nimm
ihn ganz, nur du bist wert, ihn zu lieben.« - Flamin sagte gar nichts darauf. -
»Bist du traurig, mein Flamin?« - »Verdriesslich!« - »Ich bin traurig; die Klagen
der Nachtigall tönen mich wie künftige an«, sagte Viktor. - »Gefällt dir diese
Nachtigall, Viktor?« - »Unbeschreiblich, wie eine Freundin meines Innersten.« -
»So irret man, Mattieu singt«, versetzte schnell Flamin. Denn der Evangelist
unterschied sich von einer Nachtigall in nichts als der Grösse. - Und dann ging
Flamin empfindlich und doch mit einem Handdruck davon.
 
                                 6. Hundposttag
 Der dreifache Betrug der Liebe - verlorne Bibel und Puderquaste - Kirchgang -
                         neue Konkordaten mit dem Leser
Knefs Antwort ist elend: »Aus dem vom 6ten dieses von Ew. Wohlgeboren Erlassenen
ersehe, dass das Publikum Geschmack hat und einige Feinheit - welches mich gar
nicht wundert, da man solches den Goldplatten, die erst zwischen einem Buch von
Pergament und dann zwischen zwei von Rindsblättern dünn und fein geschlagen
werden, ähnlich behandelt und es ebenso von einem Buch ins andre tut und darin
durch den Druck der Press-Bengel so fein macht wie Kavalierpapier. Wenns Publikum
noch ein paar Jahre so fortlieset, so kanns zuletzt gescheiter werden als
Deutschland selber. Anlangend die Unwahrscheinlichkeiten in unserem Werke, so
wären dergleichen freilich mehre zu wünschen, weil ohne diese eine
Lebensbeschreibung und ein Roman schlecht gefallen, da ihnen der Reiz fehlet,
womit uns das deutsche Hospital- und Narrenschiff voll romantischer
Originalromane so sehr anzieht welches Schiff als Absonderungdrüse widerlicher
Werke mit Recht die Leber der gelehrten Republik genannt werden mag, und der
Buchladen der Gallengang. Aber in Rücksicht der Unwahrscheinlichkeiten besorge
selber nur gar zu sehr, dass auch die wenigen, worauf wir fussen, am Ende
verschwinden. Der ich u.s.w.«
    Der Schäker, merkt man leicht, will nur mich und den Leser gern mit
Hasenschwänzen behängen. Für mich aber ists doch ein herrliches Dokument, dass
ich das Meinige getan und an den Schelm geschrieben habe. -
    Gewisse Menschen sind, wenn sie abends sehr warm und freundschaftlich waren,
am Morgen sehr finster und kalt - wie Maupertuis' Halbsonnen, die nur auf der
einen Hälfte brennen, und die uns verschwinden, wenn sie die erdige vorkehren -;
und waren sie kalt, so werden sie warm. Flamin vergass am Morgen entweder den
warmen Abend oder die Nachtkälte. Heute ist das Kirchgangfest! - Droben bei
Sebastian rückt' er, wie ein deutscher Polizei-Puritaner und Purist, mit
Speiteufeln und Musketenfeuer aus gegen den Kirchgang - gegen Kindtaufschmäuse -
gegen das Holzfällen zu Weihnachten und Pfingsten - gegen Feiertage und gegen
allen Spass der Menschen.
    Viktor wurde von unserm Jahrhundert durch nichts so erzürnt als durch dessen
stolze Kreuzpredigten gegen unmodische Torheiten, indes es mit unmodischen
Lastern in Subsidientraktaten steht. Er holte mit einem weiten Atem aus und
bewies, dass das Glück eines Staates, wie eines Menschen, nicht im Reichtum,
sondern im Gebrauche des Reichtums, nicht in seinem kaufmännischen, sondern
moralischen Werte bestehe - dass die Ausscheurung des altertümlichen Sauerteigs
und unsre meisten Institutionen und Novellen und Edikte nur die fürstlichen
Gefälle, nicht die Moralität zu erhöhen suchten, und dass man begehre, die Laster
und die Untertanen brächten, wie die alten Juden, ihre Opfer nur in einer Stadt,
nämlich in der Residenzstadt - dass die Menschheit von jeher sich die Nägel nur
an den nackten Händen, nicht an den verhüllten Füssen, die oft darüber selber
herunterkamen, beschnitten habe - dass Aufwand- und Prachtgesetze den Fürsten
selber noch nötiger wären, wenigstens den höchsten Ständen, als den tiefsten -
dass Rom seinen vielen Feiertagen viel von seiner Vaterlandliebe verdanke....
Flamin hatte für die kleine Perlenschrift der häuslichen Freude, für
Aufgussblümchen des Vergnügens keine Augen; dafür hielt seine Seele mit einem
Brutus gleichen Schritt, wenn er gross ans Bild des Pompejus trat und mit einem
Seufzer über das Schicksal die Parzenschere in das grösste Herz der Erde trieb,
das seinen Wert mit seinem Recht verwechselte. Viktor hatte ein geräumiges Herz
für die unähnlichsten Gefühle.
    Ich kann es nicht oft genug wiederholen, dass heute der Kirchgang ist. Ich
will ihn der Nachwelt abzeichnen, aber nicht mit jener Kürze, womit ein
Zeitungschreiber den Leichenzug eines Königs auf drei Bogen bringt, sondern ein
wenig umständlicher. Zu den pomphaften Anfangbuchstaben dieses Tages hatte das
Pfarrhaus ganz andre Gründe in petto, als man meines Wissens unserem Zeitalter
noch zu entdecken beliebte: betrügen wollten drei Teilnehmer einander, allemal
zwei einen.
    Betrügen wollte erstlich die Pfarrfrau den Helden, der nicht wusste, dass
heute der Geburttag seines Vaters war, und dass dieser - freimütig von ihr
eingeladen - heute auf fünf Minuten lang komme. Sie liess am Morgen ihre zwei
Töchter Garn sieden, damit sie dem Viktor - nichts beichteten, wenigstens keine
Wahrheit; denn es ist ein bekannter Aberglaube, dass das Garn am weissesten
gesotten werde, wenn man dabei recht lügt. Daher sollte man auch, wenn die
Weiber lügen, behutsamer sein und fragen, ob sie mit ihren poetischen
Täuschungen etwas anderes weissbrennen wollen als Garn. Ihr geliebter Viktor
sollte - das war ihr Plan - ihrem Manne, dessen Wiegenfest heute auch einfiel,
den gewöhnlichen Glückwunsch bringen und ihn nachher halbieren und dem Lord
hinlangen müssen, der mit seinem eignen Geburttag ausstieg.
    Betrügen wollte zweitens Sebastian und sie den alten Kaplan, der vergessen,
dass er geboren worden - welches ihm schon bei seinem ersten Geburttage begegnet
war. Die Menschen behalten einen fremden Lebenslauf besser als den eignen:
wahrhaftig, wir achten eine Geschichte, die einmal die unsrige war, und welche
die Hülse der verflognen Stunden ist, viel zu wenig, und doch werden die
Zeittropfen, durch die wir schwimmen, erst in der Ferne der Erinnerung zum
Regenbogen des Genusses. Die Männer wissen, wenn alle Kaiser geboren und alle
Philosophen gestorben sind - die Weiber wissen aus der Chronologie bloss das,
wenn ihre Männer, die ihre Regenten und klassischen Autoren sind, beides taten.
Viktor, dessen feines Gefühl von zu grossen Aufmerksamkeiten für ihn versehret
wurde, war froh, dass Eymanns Schultern die Hälfte der heutigen Ehre tragen
mussten.
    Betrügen wollte drittens der Pfarrherr so gut als einer, und zwar jeden. Da
für ihn dieser Festtag - wie die drei hohen Feste der Klöster - zugleich
Rasiertag war, an welchem die gescheitsten Köpfe die dümmsten Gesichter machen:
so schnitt der Barbier mit der Rasier-Lanzette in des Seelensorgers Haut wie in
eine Birkenrinde sein Andenken; aber dieses wenige Blut, das ausquoll, führte
dem Pfarrer einen klügern Gedanken zu als das, was der Bader darin liess, welches
doch den Nervensaft absonderte, der nach den seichtesten Denkern die
Gelenkschmiere unsrer geistigen Bewegungen, die Goldauflösung unsrer
reichhaltigsten Ideen und der Geist unsers Geistes ist. Dieser klügere Gedanke,
den ich so lobe, war der, sich auf dem linken Arm zur Ader zu lassen - es dem
ganzen Hause zu verhalten - abends dem Lord Glück zu wünschen und jedem - und am
Ende den Ärmel auszuziehen und die Wunde zu zeigen, wie ein Römer, und zu sagen:
gratuliert doch zur Aderlass! - Er setzte es durch, und der Scherer musste
staunend etwas anderes zerhacken als das Kinn. Der Blessierte gab ihm das
Geleite bis an die Hoftüre, nicht sowohl aus Höflichkeit, als damit ers nicht
der ganzen Hausgenossenschaft vortrüge, sondern den Vorfall überhaupt bei sich
behielte, ausgenommen in Häusern, wo ein Bart war und ein Ohr. Denn ein
Geschichtschreiber sei immerhin der Monatzeiger der Zeit - und folglich sei der
Zeitungsetzer der Stundenzeiger derselben - mitin ein Weib ihr Sekundenzeiger:
so ist doch der Bartputzer beides, das Weib und der Sekundenzeiger.
    Als Flamin und Viktor hinuntergingen ins Wohn-, Putz-, Sommer- und
Winterzimmer, stach unter lauter frohen Gesichtern ein verdriessliches vor, das
dem wie besessen umhersetzenden Pfarrer gehörte: er konnte zweierlei unmöglich
ausspüren, seine Bibel und seine Puderquaste. Drei Minuten vorher hatt' er so
gejammert: »Bin ich und mein elendes Leben denn zu einer wahren Passionhistorie
ausersehen? Man gebe mir einen Glücktopf, aus dem jeder andere ganze Königreiche
herauskrebsen würde - sobald mich der böse Feind nahe merkt, so legt er seinen
Unrat hinein; und diesen heb' ich dann statt der Krebse und Königreiche heraus,
und weiter nichts. - Es wär' heute hübsch geworden, sah der Teufel - wir hätten
bis abends um vier Uhr keine Lust gehabt, sondern Hundearbeit - dann wär's
losgegangen, das Essen im Gartenhaus, das Gratulieren und Salutieren und wahrer
Spass.... Euch ist er auch noch beschert; mir aber schenkt nur, wenn der Püster
und die Bibel nicht erscheinen, etwas Russ und Asche (die etwa vom Abendschmause
nachbleiben), damit ich damit dem Fuchs (Pferd) das Gebiss abbürste - und abends
kann ich neben dem Gartenhause den Rettich ausjäten.«
    Hier musste er mit der niedergelassenen Flagge seines Kopfes, mit der
Trottelmütze, den eintretenden Briten salutieren - als dadurch aus der Mütze ein
Haar-Büschel ausfiel, der zwar nicht die gesuchte Bibel, aber der gegebene
Püster war. Es muss nämlich die Denk- und Lese-Welt, der man oft die wichtigern
Tatsachen nicht hinterbringt, am wenigsten um diese kommen, dass der Hofkaplan -
so wie Menschen aus Menschen gerissen werden, um die übrigen zu übertreffen und
zu beherrschen - gerade so die Haare, die sein Kamm auszupfte, in einen
Pelz-Faszikel oder Haar-Verein zusammenwickelte, um damit die übrigen, die noch
standen, einzupudern, welches nun wohl vom erhabensten Geist und Pentameter
nicht anders zu benamsen ist als ein Haarpüster. Gleichwohl wurde Eymanns
Gesicht länger als die Mütze: er liess diese Spritze des Farbenpulvers des Kopfes
kalt daliegen und sagte: »Mach' ich nicht die Bibel ausfündig: so seh' ich nicht
ab, wie mich dieser Schopf allein herausziehen will.«
    Wie vor Luter die Bibel, wurde jetzt die Cansteinische mit ihren schwarzen
Käfer-Flügeldecken gesucht. Wenn etwas diesen harten Schlag noch herber machen
konnte, so wars dies, dass Eymanns Bäffchen - gleich seiner Vernunft - zwischen
den verlornen kanonischen Blättern wie zwischen einer Serviettenpresse lag: denn
die Geistlichen - besonders der Papst - machen das Bibelwerk gern zur
Glanzpresse und zum Schmuckkästchen ihres äussern Menschen. Ob er gleich noch
acht Bibeln, sogar die einfältige Seilerische Bibel-Chrestomatie, im Hause
hatte und in der Wochenkirche heute gar keine brauchte: so war es doch besser
und menschlicher - d.h. närrischer -, dass er den Kopf seines Sakristei-Pedells,
des Schulmeisters, aus dem Fenster pfiff und den Gottesdienst - wie eine
Aufklärung - durch ein viertelstündiges Interim verschob, als dass er statt der
Stunde des Lautens nichts Geringers änderte als Bibel und Bäffchen.
    Lieber Himmel! wie man gleich Exegeten und Kennikottisten suchte und
lächelte! - »Dieses Forschen nach der Bibel«, sagte Sebastian, »gereicht einem
Geistlichen zur Ehre, zumal da er die biblischen Wahrheiten nur beim Taglicht,
nicht bei Scheiterhaufen-Fackeln sucht.«
    Die Mönche haben, wie die Anzünder der öffentlichen Laternen, eine Leiter
und viel Öl, aber mit dem Öl löschen sie die Lampen aus und den eignen Durst,
und mit der Leiter reichen sie die, die wieder anzünden, dem - Galgen.
    Als der Kaplan vor dem ruhigen Kopf des sechswöchentlichen Kindes
vorbeiging, den schon die heutige Tressenhaube presste: so ging er aus Ärger über
dessen Gleichgültigkeit wieder zurück, hob seinen geputzten Kopf empor mit der
rechten Hand und fuhr in den Schacht des Wiegenstrohes ein mit der linken und
wollte da die Bibel - die gewöhnlich das Kopfkissen und die Amulett-Unterlage
der Kinder (besonders der Dauphins) ist - ausgraben, indem er sagte: »Der
miserable kleine Fratz läge bei unserem Elend nur kalt da, mir nichts dir
nichts, wenn ich ihn nicht aufstörte.« - Und hier fiel etwas, nicht wie ein
Schuss, sondern wie ein Buch, wiewohl mans durch meinen Kiel bis ins dreissigste
Jahrhundert hören kann. Eymann sprang denkend ins zweite Stockwerk und fand zu
seinen Füssen eine erschmissene - Maus unter seiner gesuchten Bibel. Den
protestantischen Reichskreisen können die Studenten- oder Doktor
Luters-Mausfallen niemals unbekannt gewesen sein, zu denen man nichts braucht
als ein Buch, und die für Mäuse sind, was symbolische Bücher für Kandidaten.
Sebastian zog die Leiche beim Schwanze unter der biblischen Quetschform und
Seilerischen Bibelanstalt hervor, schwenkte den Kadaver gegen das Licht und
hielt diesen Leichensermon ex tempore: »Armer Schismatiker! dich erschlug das
Alte und Neue Testament, aber du und die Testamente sind ausser Schuld! - Sei nur
froh, dass die Bibel dich nicht gar zu Asche sengte, wie einen portugiesischen
Israeliten; aber du fielest in aufgeklärte Zeiten, wo sie nichts nimmt als
Pfarrdienste. Es ist echter Witz, wenn ich frage: da sonst die Bibel die
Feuerbrünste, worein man sie warf, auslöschte: warum denn Autodafés nicht auch?«
-
    Ich laure hier längst der Welt auf, um sie zur Untersuchung zu nötigen,
warum ein Maus-Sterbefall sie mehr interessiert als eine erschossene Armee in
der allgemeinen Weltgeschichte, ein verlorner fremder Haarpüster mehr als
Christinens verlegte Krone... Daher kömmt dieses Interesse, woher es bei denen
kömmt, denen die Sache wirklich begegnet: weil ich sie weitläuftig erzähle, d.h.
weil die Leser gleich den dabei interessierten Helden mühsam einen Augenblick
der kindischen Historie um den andern überleben. Viele kleine Schläge
durchlöchern den festesten Menschen so sicher als ein grosser, und es ist
einerlei, ob sie das Schicksal oder ein Autor tut. So ist also der hiesige
Mensch so nahe an den Zeiger der Zeit gestellt, dass er ihn rücken sehen kann;
darum wird uns eine Kleinigkeit, wenn sie viele Augenblicke einnimmt, so gross,
und das kurze Leben, das, wie unsre gemalte Seele im orbis pictus, aus Punkten
besteht, aus schwarzen und goldnen, so lang. Und darum steht überall, wie auf
diesem Blatte, unser Ernst so nahe an unserem Lachen!
    Flamin ausgenommen, rückten sie alle in die Kirche, Pat' und Patchen: es war
eine sogenannte Wochen-Betstunde, die in jedem vernünftigen Herzogtum und
Markgraftum wird beibehalten werden, wo man noch darauf sieht, dass der Pfarrer
wöchentlich ein paarmal erfriert, und dass er, so wie Novizen zur Übung der
Obedienz verdorrte Stecken begiessen müssen, den Samen des göttlichen Wortes in
leere Kirchenstühle wirft, wie Melanchton in leere Töpfe. In den deutschen
Ländern - meines und wenige ausgenommen - gehören zwei Jahrhunderte dazu, um
eine vollständige Narrheit abzuschaffen - eines, um sie einzusehen - noch eines,
um sie abzuschaffen. Die Einsichten eines Konsistoriums werden allemal ein
Jahrhundert früher vernünftig als die Befehle (Cirkularia) desselben.
    Im Eymannischen Gitterstuhle, dessen Türe mit der Sakristei ihrer fast einen
rechten Winkel machte, fand Sebastian alle Blumen, wenigstens die
Blätterskelette derselben wieder, die um seine schönen Kindertage geblühet
hatten - uneigentliche und eigentliche -, und die eigentlichen, die beschmutzt
unter dem Fussschemel des Chorstuhls sich verkrochen, schlugen zu Blumen der
Erinnerung wieder aus. Er dachte an seine kindischen Leiden darin - worunter die
Länge der Predigt - und an seine kindischen Freuden, unter welche die Länge des
Präludiums und Eymanns Knien auf der Mitte der Kanzeltreppe gehörte. Er schob
das hölzerne Gitterfenster zurück und fand in dessen hölzernem Gleise seinen
Namenzug V.S.H. von eignen Händen eingesägt. Vom Kinde zum Jüngling ist so weit!
Und der Mensch verwundert sich über die Ferne. »Ach damals« - sagte Horion, und
wir wollens mit ihm sagen - »war dir noch alles unendlich, und nichts klein als
dein Herz - ach in jener warmen erquickenden Zeit, wo der Vater uns noch Gott
der Vater und die Mutter die Mutter Gottes ist, drückte sich noch die von
Geistern, Gräbern und Stürmen beklemmte Brust getröstet an eine menschliche -
alle vier Weltteile waren in diese Kirche eingepfarret, alle Ströme hiessen Rhein
und alle Fürsten Jenner - ach! diesen schönen stillen Tag fasste ein goldner
Horizont der unendlichen Hoffnung ein und ein Ring aus Morgenrot. - - Jetzo ist
der Tag dahin und der Horizont hinab und bloss das Gerippe noch da: der
Gitterstuhl.«
    Aber wenn wir schon jetzt in den Mittagstunden des Lebens so denken und
seufzen: wie wird uns nicht am Abend, wo der Mensch seine Blumenblätter
zusammenlegt und unkenntlich wird wie andre Blumen, am Abend, wo wir unten am
Horizont in Westen stehen und auslöschen, wird uns da nicht, wenn wir uns
umwenden und den kurzen, mit ertretenen Hoffnungen bedeckten Weg überschauen,
wird dann uns der Garten der Kindheit, der in Osten, tief an unserm Aufgange,
und noch unter einem alten blassen Rote liegt, nicht noch holder anblicken, noch
magischer anschimmern, aber auch noch weicher machen? - Und darauf legt sich der
Mensch nicht weit vom Grabe nieder auf die Erde und hofft hienieden nicht mehr.
    Für Eymann musst' es rührend sein, dass er, da er jahrelang fremde
Kindbetterinnen in der Kirche einsegnete, einmal einer nähern seine Wünsche
geben konnte. Viktor kroch in alle Knabensonntage und ihre Täuschungen dadurch
zurück, dass er heute - wie im zehnten Jahr - unter dem Singen der ganzen
Gemeinde in die Sakristei zum Pfarrer ging und ihn fragte um die Blattseite des
Lieds. Es labte ihn als Kind, dass es vier gehende Wesen im Tempel gab, den
Pfarrer, den Schulmeister und den Renteimeister des Gotteskastens und ihn: gibt
es etwas Erhabeners, dacht' er, als einen Klingelbeutelvater mit einer langen
waagrechten Balancierstange allein einherwandelnd durch lauter befestigte
Statuen?
    Nach der Kirche fing sich das Fest an mit blossen Vorarbeiten dazu, wie ein
Friedenschluss mit den Schlüssen über den neutralen Ort, über den Rang u.s.w. Die
Welt muss nur nicht denken, dass eher als um fünf Uhr nachmittags etwas angehe,
oder dass jemand früher aus der prosaischen Wochen-Einkleidung in die poetische
festliche wischen oder sich ruhig neben einen Nachbar niederlassen könne -
sondern nach der Prozessordnung der Lust muss jetzt alles hinauf -, hinabrennen -
Apollonien, dieser Majorin domus, gehorchen - die Bohnenstangen und Samen-Düten
aus dem Gartenhause tragen - entpuppte Schmetterlinge daraus fächeln und
aufgewachte Brummfliegen - das vorgeschossene Gezweig von den Fenstern
zurückbinden - die Orangerie, die aus hundert Blüten eines Pomeranzenbaums
bestand, aus dem Pfarrhause in die Garten-Strasse herunterheben, desgleichen ein
invalides Klavier, dessen Sangboden nicht so oft als sein Saitenbezug gesprungen
war... Der ernstafte Flamin wurde vom lärmenden Sebastian zu diesen Haupt- und
Staatsaktionen mit gezwungen, und zwischen ihnen musste in dieser Vorjagd der
Freude das gequälte Eymannische Gesicht arbeiten, an das Viktor die nötigsten
Ermahnungen hielt: »Herr Gevatter, wir können nicht ernstaft und fleissig genug
sein - es kann von diesem Feste noch an Orten gesprochen werden, wo es Einfluss
hat - aber ein Mittelweg zwischen Fürstenpracht und belgischer Knauserei wird,
denk' ich, das vorteilhafteste Licht auf uns werfen.« - Es ging alles gut sogar
das Gewölk zerwarf sich - Klotilde wollte kommen - der Primas des Festes, dem zu
Ehren der Kirchgang war, der kleine Sechswöchner, memorierte laut an seiner
Rolle, die er nach fünf Uhr zu machen hatte, und die, wie bei mehren Helden von
Festlichkeiten, in nichts bestehen sollte als in Schlafen. - -
    Das Memorieren bestand darin, dass er in einem fort wachte und schrie nach
dem Busen, in dem der Schöpfer ihm das erste Manna in der Lebenswüste bereit
gelegt. Aber nicht eher als um fünf Uhr stillte die Mutter ihn mit dem
mütterlichen Schlaftrunk und liess den kleinen Sprecher Kehldeckel und
Augendeckel miteinander schliessen. Anfangs hätt' ichs beinahe - aus Achtung
gegen die Pfarrerin - unterdrückt, dass sie säugte und so, gleichsam wie ein
Walfisch noch unter die Säugetiere gehörig, an ihrem Busen ein andres Kind
ernährte als den Amor; aber ich schmeichelte mir nachher, eine Person, die weder
eine Teater- noch eine Kronprinzessin ist, werde nicht so strenge als andre
beurteilt werden, wenn sie Kinder hat oder Milch....
    Eh ich sage, dass Klotilde kam, will ich sie, da sie acht Quartiere hat -
wiewohl mancher Magnat, der sechzehn adlige Quartiere hat, doch noch ein
siebzehntes gemauertes sucht, wo er schläft -, ein wenig entschuldigen, dass sie
in ein bürgerliches ging; es kömmt ihr aber in der Tat nichts zustatten, als dass
sie auf dem Lande war, wo oft das älteste Blut keinen bessern Umgang habhaft
wird als bürgerlichen, wenns nicht etwan Vieh ist, das auch einige nicht unkluge
Kavaliere wirklich vorziehen....
    Es schlägt fünf Uhr - die Schönste tritt herein - der Mond hängt wie ein
weisses Blütenblatt aus dem Himmel auf sie herab - das freudige schuldlose Blut
in St. Lüne steigt wie die Flut unter ihm auf - alles ist umgekleidet....
    Aber das sechste Kapitel ist aus....
    - Und da der Spitz mit dem siebenten noch nicht da ist: so können ich und
der Leser ein vernünftiges Wort miteinander reden. Ich gestehe, er schätzt mich
und mein Tun lange, er sieht ein, alles ist im schönsten biographischen Gange,
der Hund, meine Wenigkeit und die Helden dieser Hundtage. - Ich habe auch nie
abgeleugnet, dass er immer mehr von dem Glanz und Blitze dieser Fussgeburt werde
geblendet werden; da ich so sehr daran wichse, reibe und bohne, mehr als an
einem Menschenstiefel oder militärischen Rosshuf in Berlin - Ja ich brauche aus
keiner Tasse voll Kaffeesatz es mir erst wahrsagen zu lassen (denn ich erseh' es
schon aus der menschlichen Natur und aus dem Kaffee, den ich trinke), dass das
noch das Geringste ist, und dass die eigentliche Lesewut den guten Schelm erst
dann befallen wird, wenn in diesem Werke, woran wie an der Basselisse zwei
Arbeiter auf einem Stuhle sesshaft weben, die historischen Figuren dieser
Basselisse samt ihrer Gruppierung von dem Fussballen bis zur Wirbelnaht
hervorsteigen werden - - Jetzt ist ja kaum noch eine Ferse, ein Schienbein, ein
Strumpf fertig gewürkt...
    Aber wenn zwanzig bis dreissig Ellen am Werke werden abgewoben sein: dann
können ich und mein Beisitzer das erwarten, was ich hier schildern will: des
Teufels völlig wird der Leser sein mit Eilen - einen Hundposttag
hinauszubringen, lässet er sechs Schüsseln kalt werden und den Nachtisch warm -
Doch was will dies sagen: ein leibhafter römischer König reite durch die Strasse,
und ein Kanonendonner fahre hinterdrein, er hörts nicht - seine Ehehälfte gebe
in seinem Lesekabinett einem ehelichen Überbein das beste Abendessen, er siehts
nicht - das Überbein selber halte ihm Teufelsdreck unter die Nase, es gebe ihm
scherzend mit einem Waldhammer leichte Hiebe, er spürts nicht... so ausser sich
ist er über mich, ordentlich nicht recht bei Sinnen. - -
    Das ist nun das Unglück, dessen Gewissheit ich mir vergeblich zu verbergen
suche. Ists einmal da, und bring' ich ihn unglücklicherweise in jene historische
Hellseherei, wo er nichts mehr hört und sieht als meine mit ihm in Rapport
gesetzte Personen, weder seinen Vater noch Vetter: so kann ich versichert sein,
dass er einen Berghauptmann noch weniger hört - denn Geschichte will er, und von
mir weiss er gar nichts mehr - ja ich will setzen, ich brennte die buntesten
Feuerwerke des Witzes ab, ja es hingen aus meinem Maul philosophische
Schlussketten, wie aus eines Taschenspielers seinem Bänder, in Zaspeln heraus:
hülf's mir was? -
    Dennoch müssen Bänder heraushängen und Feuerwerke abbrennen; es soll aber so
werden: Wie von jedem Jahre so viel Stunden übrigbleiben, dass aus den
Überbleibseln von vier Jahren ein Schalttag zu machen ist - und wie mir selber
nach vier Hundposttagen allezeit so viel Nachschriften, so viel Witz und
Scharfsinn ganz unnütz als Ladenhüter liegen bleiben, dass daraus recht gut ein
eigner Schalttag zu machen wäre: so soll er auch gemacht werden, sooft vier
Hund-Dynastien vorüber sind; nur dies braucht es noch, dass ich vorher mit dem
Leser folgenden Grenz-und Hausvertrag abschliesse und ratifiziere, also und
dergestalt:
    I. Dass von seiten des Lesers dem Berghauptmann auf St. Johannis für ihn und
seine Erben zugestanden und bewilligt werde, von nun an nach jedem vierten
Hundposttage einen witzigen und gelehrten Schalttag, in dem keine Historie ist,
zu verfertigen und drucken zu lassen.
    II. Dass von seiten des Berghauptmanns dem Leser bewilligt wird, jeden
Schalttag zu überschlagen und nur die Geschichttage zu lesen - wofür beide
Mächte entsagen allen beneficiis juris - restitutioni in integrum - exceptioni
laesionis enormis et enormissimae - dispensationi - absolutioni etc. Auf dem
Kongress zu St. Johannis den 4ten Mai 1793.
    So lautet das echte Instrument des so bekannten Hund-Vertrags zwischen dem
Berghauptmann und Leser, und diese Renunziationsakte kann und muss in zukünftigen
Misshelligkeiten beider Mächte von einem Mediateur oder einem Austrägalgericht
einzig zum Grunde gelegt werden.
 
                                 7. Hundposttag
                   Der grosse Pfarr-Park - Orangerie - Flamins
                     Standes-Erhöhung - Fest-Nachmittag der
                häuslichen Liebe - Feuerregen - Brief an Emanuel
Den Lord ausgenommen, sitzt schon alles im Pfarrgarten und passet auf mich; aber
den Garten kennt noch kein Henker. Er ist eine Chrestomatie von allen Gärten,
und doch nicht grösser als die Kirche. Viele Gärten sind wie er zugleich Küchen-,
Blumen-, Baumgärten; aber er ist noch ein Tiergarten - wie er denn die ganze
Fauna von St. Lüne entält - und noch ein botanischer - mit der vollständigen
Flora des Dorfs ist er bewachsen - und ein Bienen- und Hummelgarten - sooft sie
gerade hineinfliegen. Indessen sollte man doch solche kleinere Vorzüge gar nicht
namhaft machen, wenn ein Garten wie er einmal den hat, dass er der grösste
englische ist, durch den je ein Mensch schritt. Er verbirgt nicht nur sein Ende
- wie jeder Park gleich jeder Kasse tun muss -, sondern auch seinen Anfang und
scheint bloss die Terrasse zu sein, von der man in das hineinsehen kann, was man
nicht übersehen, aber wohl wie Cook umfahren kann. Im englischen Pfarrgarten
sind nicht einzelne Ruinen, sondern ganze zerschlagene Städte, und die grössten
Fürsten haben sich um die Wette beeifert, ihn mit romantischen Wüsten und
Schlachtfeldern und Galgen zu versorgen, an die noch dazu (das treibt die
Täuschung höher) wahre Spitzbuben gebunden sind als Fruchtgehänge. - Die Gebäude
und Gesträuche verschiedener Weltteile sind darin nicht in eine widersinnige
Nachbarschaft zusammengetrieben, sondern durch ordentliche Meere oder
Wasserpartien nett auseinander gestossen, welches bei dessen Grösse leicht
gewesen, da er über neun Millionen Quadratmeilen hält - und mit welchem
Geschmack überhaupt diese Massen aneinander gelagert sind, mögen die Leser
daraus ermessen, dass alle Lords und alle Rezensenten der Literaturzeitungen und
die Leser selber in den Garten gezogen sind und oft sechzig Jahre darin bleiben.
-
    Der Pfarrer denkt, mit ihm auch als holländischem Garten einige Ehre
einzulegen, besonders durch eine Perücke aus Wasser, die nicht an einem
Perückenstock, sondern an einem Blechaufsatze hangt, und die so lockig springt,
dass schon mehre Stadtpfarrer wünschten, sie könnten sie aufsetzen.
Schmetterling-Glaskästen wendeten die Nachtkälte von frühzeitigen Rosen aus
Seide ab und von Frühgurken aus Wachs. Gurken, die aus wahren Gurken bestanden,
legte er unter allen Pastoren am frühesten ein, um in die Angst zu geraten, sie
könnten erfrieren; denn diese Angst musst' er haben, um sich zu freuen, wenn eine
Glasflasche in seinem Hause zerbrochen wurde: er konnte dann den Eis- oder
Glasberg, der in den Weinen leider jährlich mit unserem Durste steigt, in den
Garten tragen und mit dieser Mistglocke die Herzblätter überbauen. - Um
wichtigere Beete führte er einen bunten musivischen Scherbenrand; seine Familie
war seine Rändelmaschine, ich meine, sie musste ihm die wenigen Porzellantassen
zerbrechen, die er brauchte, um mit diesem bunten Streuzucker ansehnlichere
Partien zu heben, wie ein Fürst sich mit den bunten, durch die Knopflöcher
seiner Vorzimmer gezognen Ordensbändern einfasset und beringet. Da er die Tassen
nicht ganz um die Beete setzen konnte, sondern erst durch seine Scheidekünstler
zerlegt: so muss ein Rezensent, der bei ihm isset, meinen Wink benutzen, um sichs
zu erklären, wenn ein solcher Lungensüchtiger nicht vor Zorn ausser sich ist,
sobald sehr kostbares Geschirr zerbrochen wird; denn bloss bei elendem ist er
seiner nicht mächtig. Jede Ehefrau sollte ein solches Beet als Arndts
Paradiesgärtlein, als Schädelstätte für Porzellan von geänderter Façon
abstechen, zum Besten ihrer Seele, um bei Sinnen zu bleiben, wenn eine Tasse
fällt - »Schatz!« würd' ich sagen, »halte dieses Unglück wie eine Christin aus,
es nützt dir entweder dort in der Ewigkeit oder hier - im Garten.«
    Nahe an einem Hause nehmen sich die holländischen Gartenschnörkel mit ihrer
häuslichen Winzigkeit besser aus als die erschütternde Natur mit ihrer ewigen
Majestät. Eymanns geschnitzter Pfarrgarten war im Grunde bloss eine fortgesetzte
Wohnstube ohne Dach und Fach.
    Als der Pfarrer unsern Viktor im Garten herumzerrete, hätte der Gast beinahe
vergessen, das Ideenmagazin im Garten zu loben, bloss weil er zu neugierig und zu
warm der Ankunft Klotildens und ihrem Benehmen gegen seinen Freund entgegensah
Zum Glücke fiel es ihm ein, dass der Pfarrer auf Räuchopfer und Räuchfässer sich
spitze; er hinterging ein Lorbeer-hoffendes Herz so ungern, dass er sich eben
darum gern zu Personen von einigem Werte hielt, um seinem menschenfreundlichen
Hange, zu loben, ohne Kosten der Wahrheit nachzugeben.
    Viktor freuete sich auf Flamins und Klotildens Zusammenkommen: wie schön,
dacht' er, wird auf sein und ihr stolzes Gesicht der Mondschein der weichen
Liebe fallen! - Und er hielt eine reichliche Duldung und Liebe für ihre Liebe
vorrätig. Denn er hatte nicht nur so viel Einsicht in die Flucht unsrer Freuden,
dass er kaum über die tollsten zankte: sondern er konnte auch dem Handwerkgruss
(oder der Metodologie) zweier Liebenden mit Vergnügen beiwohnen. »Es ist sehr
toll« - sagt' er in Göttingen - »jeder gute Mensch tut seine Arme teilnehmend
auf, wenn er Freunde oder Geschwister oder Eltern in den ihrigen sieht; wenn
aber ein Paar verliebte Schelme vor uns am Seile der Liebe herumtanzen, und
wär's auf dem Teater, so will kein Henker Anteil nehmen - sie müssten denn in
einem Romane tanzen. Warum aber? - Sicher nicht aus Eigennutz, sonst bliebe das
hölzerne Herz im Menschenklotz auch bei fremder Freundschaft, bei kindlicher
Liebe fest genagelt - sondern weil die verliebte Liebe eigennützig ist, sind
wirs auch, und weil sie im Roman es nicht ist, sind wirs auch nicht. Ich meines
Orts denke weiter und mache mir von jedem verliebten Gespann, das mir begegnet,
weis, es wäre gedruckt und eingebunden, und ich hätte es vom Bücherverleiher für
schlechtes Lesegeld. Es gehört zur höhern Uneigennützigkeit, sogar mit dem
Eigennutz zu sympatisieren. - Und vollends mit euch armen Weibern! Wüsstet ihr
oder ich denn in eurem vernähten, verkochten, verwaschnen Leben oft, dass ihr
eine Seele hättet, wenn ihr euch nicht damit verliebtet? Manche von euch brachte
in langen Tränenjahren ihr Haupt nie empor als am sonnenhellen kurzen Tage der
Liebe, und nach ihm sank das beraubte Herz wieder in die kühle Tiefe: so liegen
die Wasserpflanzen das ganze Jahr ersäuft im Wasser, bloss zur Zeit ihrer Blüte
und Liebe sitzen ihre heraufgestiegenen Blätter auf dem Wasser und sonnen sich
herrlich und - fallen dann wieder hinab.«
    Endlich trat Klotilde mit der Pfarrerin in einem Gespräche herein. Sie hatte
einen Florhut mit einem schwarzen Spitzen-Fallgitter auf, das mit einem
durchbrochnen Schatten ihr schönes Angesicht zugleich verschönerte, teilte und
verbarg. Aber ihr Auge vermied Flamins Auge und schlich ihm nur zuweilen denkend
nach. Er bewies, dass gerade Leute vom grössten Mute den kleinsten gegen Schönheit
zeigen - er tat ihr nicht einen Schritt entgegen. Sie fragte unsern Viktor
angelegentlich über die Ankunft und über das Befinden des Lords. Sie legte ihm
dann mit der gewöhnlichen medizinischen Unbestimmteit ihres Geschlechts die
Frage vor, ob eine solche Operation öfters so leicht gerate, und ob er vielen
schon so viel wiedergegeben als seinem Vater; er verneinte beides, und sie
seufzete unverhohlen. Seine ehrerbietige Entfernung von ihr wäre durch die,
worin sein Freund sich von ihr hielt, grösser geworden, hätt' er ihr nicht etwas
zu geben gehabt - Emanuels Zettel. Er konnte ihn nicht stehlen, da er ihr
neulich schon die erste Zeile vorgesagt; zweitens musst' er ihn unter vier Augen
- nicht z.B. durch Agaten - zustellen, weil er ihre bis an die äusserste Grenze
getriebne Diskretion kannte. Klotilde gehörte unter die - dem Lebensbeschreiber
und dem Helden beschwerlichen - Personen, die gern alles Kleine verbergen, z.B.
was sie essen, wohin sie morgen gehen, die auf den Freund toll werden, wenn er
ausplaudert, sie hätten voriges Jahr am Tomastage leichte Kopfschmerzen gehabt.
Bei Klotilden kams nicht von Furcht, sondern von der dunkeln Ahndung, dass der,
der gleichgültige Mysterien ausschwatze, endlich wichtige sage. Er fühlte, ihres
Stolzes ungeachtet, gegen sie einen mächtigen Zug zur Aufrichtigkeit. Er führte
sie allein dem Pomeranzenbaume zu und gab ihr dort - indem er ihr durch seine
offenherzige Leichtigkeit die beschwerliche Verbindlichkeit für ein Geheimnis
ersparte - das Blatt zurück. Sie erstaunte, sagte aber sogleich: ihr Erstaunen
gehe bloss ihre eigne Nachlässigkeit an - d.h. sie glaubte ihm, hatt' aber
irgendeinen Verdacht gegen ihre Schlossgenossen und gegen die Art, wie es in die
Laube gekommen. Sie machte sich die Orangerie zunutze und drängte ihr beseeltes
Angesicht in die Pomeranzenblüten. Viktor konnte unmöglich so dumm allein dort
stehen - er, noch ein wenig betroffen über das Erstaunen und am Ende über einen
fast zu grossen Stolz, wurde auch lüstern nach dem Pomeranzenweihrauch und hielt
ihr darin sein Gesicht entgegen. Er hätte aber wissen sollen, dass einer, der an
etwas riecht, nicht auf das Etwas blicke, sondern geradeaus. Er war also kaum
mit seinen Geruchnerven in den Blüten, so schlug er seine Augen auf, und
Klotildens grosse standen ihm offen entgegen; sie waren gerade in der wirksamsten
und höchsten Erhebung von 45°, man mag nun Augen oder Bogenschüsse meinen. Er
drehte seine Augäpfel gewaltsam auf die Blätter nieder, sie trat, noch klüger,
von der betäubenden Orangerie zurück.
    Gleichwohl war sie nicht verlegen; er hielt es für Unrecht gegen Flamin,
ihre Gesinnungen gegen ihn selber zu beobachten; aber so viel merkte er doch,
dass die Sternwarte, auf der man die Sternbedeckungen ihres Herzens beobachten
wollte, höher sein müsse, als gegen andre Weiber nötig ist. Die Gewohnheit,
bewundert zu werden, hatte sie gegen die Vorspieglung des Eindrucks ihrer Reize,
mit der sich die Männer so oft die Aufmerksamkeit der weiblichen Eitelkeit
erwerben, fest gemacht. Sie war, wie gesagt, nicht verlegen: sondern erzählte
ihrem Zuhörer noch etwas von Emanuels Charakter, was sie neulich vor so
unheilige Ohren aus Achtung für ihren Lehrer nicht bringen wollte - dass er
nämlich gewiss glaube, er werde nach einem Jahre in der Johannis-Mitternacht
sterben. Viktor konnte leicht erraten, dass sie es selber glaube; aber das erriet
er nicht, dass diese Stolze aus blosser Weichheit des Herzens ihren Termin, zu
Johannis aus Maiental zu ziehen, beschleunigt habe, um nicht dem geliebten
Menschen an dem Namentage des künftigen Sterbetages zu begegnen. Zufolge ihrer
Erzählung hatte dieser Emanuel eine hart erhabne Stellung unter den Menschen: er
war allein, an seiner Brust waren grosse Freunde gewesen - aber alles war ihm
unter die Erde gegangen - darum wollt' er auch sich darunter verhüllen. Die
Jahre geben den stürmischen überkräftigen Menschen eine schönere Harmonie des
Herzens, aber den verfeinerten kalten Menschen nehmen sie mehr, als sie geben;
jene Krafterzen gleichen den englischen Gärten, die das Alter immer grüner,
voller, belaubter macht; hingegen der Weltmann wird, wie ein französischer,
durch die Jahre mit ausgedorrten und entstellten Ästen überdeckt.
    Viktor wurde ängstlicher; jedes Wort, das er ihr abgewann, hielt er für
Tempelraub an seinem Freund, da ohnehin der letzte nicht so gut als er die Kunst
verstand, mit einer Frau in ein Gespräch zu kommen. Jener hatte nicht den Mut zu
glänzen, weil er dadurch um ihren Beifall mit seinem Freunde zu wetteifern
besorgte. Sein Flamin kam ihm heute länger, schöner, besser vor; und er sich
kürzer und dümmer. Er wünschte tausendmal, sein Vater wäre schon da, damit er
ihm Flamins Bitte, ihm Klotildens Besitz leichter zu machen, mit dem grössten
Feuer übergeben könnte.
    Endlich kam er, und Viktor atmete wieder voll. Der gute Mensch sucht oft
durch aufopfernde Taten sein Gewissen wieder mit seinen Gelenken auszusöhnen.
Mit herzklopfendem Entusiasmus wartete er auf die Minute der Einsamkeit. Ein
Garten vereinzelt und verbindet Leute auf die leichteste Weise, und nur darin
sollte man Geheimnisse verteilen; Viktor konnte bald in einer Laube, die sich an
vier Kastanienbäumen mit Blüten-Geäder über den Menschen zusammennistete, mit
gerührtem Zittern seinen Vater umfassen und für seinen Freund sprechen und
glühen mit Zunge und Herz. Des Lords Überraschung war grösser als dessen Rührung.
»Hier« (sagt' er) »ist deine Bitte auf eine andere Art längst erfüllt; ich
wollte dir aber das Vergnügen der Botschaft aufheben« - und damit gab er ihm ein
allerhöchstes Handbillet, worin der Fürst den praktizierenden Advokaten Flamin
zum Regierungrat beruft.
    Ein allerhöchstes Handbillet ist das Tetragrammaton und Gnadenmittel, das
die übernatürlichen Wirkungen und Staats-Wunder tut; und der durchlauchtige
Schreib-Daumen ist gleichsam ein zauberischer Diebs-Daumen, der die
verschiedenen Räder der Staats-Repetieruhr, das Heberad, das Zifferblattrad, oft
bloss den Zeiger voraus- oder zurückstösset, je nachdem er eine Stunde früher oder
später begehrt. Daher steigen oft Minister hinauf und schneiden sich einen
solchen Diebs-Daumen für ihre Taschen ab.
    Sebastian wird von der Freude wie von Habakuks Engel beim Schopfe erfasst und
durch den Garten geführt und mit seiner Novelle an den ersten besten getrieben -
an den Kaplan, welcher mit einem närrischen Gesicht beschwor, es wären nur
Finten von Viktor; aber der verhaltene Jubel sprengte ihm fast die zugebundene
Ader auf. Viktor hatte keine Zeit, zu widerlegen; sondern eilte mit einer
solchen Botschaft an das rechte Herz, in das sie gehörte - ans mütterliche. Die
Mutter konnte ihren Mund zu nichts als einem seligen Lächeln öffnen, in das die
Augen ihre Freudentropfen gossen. In der Natur ist keine Freude so erhaben
rührend als die Freude einer Mutter über das Glück eines Kindes. Aber der Sohn,
in dessen heutiger Seele dieser Sonnenblick des Schicksals nötig war, wurde in
der Überraschung nicht sogleich gefunden.
    Der Lord sprach unterdessen mit Klotilden wie mit seiner Tochter und gab ihr
einen Brief von ihrer Mutter und die Nachricht seiner nahen Abreise. Sein von
Achtung geleitetes und von Feinheit verschönertes männliches Wohlwollen
veredelte ihre Aufmerksamkeit auf seine Mienen, und als sie aus dem warmen
leisen Gespräch mit glänzenden Augen ging, war ihre hohe Gestalt, die sich sonst
ein wenig bückte, von einer Begeisterung zum erhabnen Wuchse aufgerichtet, und
sie stand unendlich schön in dem Tempel der Natur, wie eine Priesterin dieses
Tempels. - Der Lord entfernte sich von ihr. - Sie fand Flamin am Tulpen- und die
Göttin des Glücks erschien ihm in der holdesten menschgewordnen Gestalt, um ihm
ihr Geschenk zu liefern. Freilich setzte ihn hier die Zeitung und die
Zeitungträgerin in gleiches Entzücken.
    Die Freude hatte den ganzen Bienen-Garten in einem Schwarmsack zum Chaos
zusammengerüttelt. Die schäumende Weingärung musste sich erst zum hellen stillen
Entzücken abarbeiten. Der Lord ging der mit so vielen Ripienstimmen besetzten
Dankbarkeit aus dem Wege und an seinen Wagen, als ihn die Mutter mit ihrer
stummen Herzensfülle erreichte; aber sie konnte nichts aus der froh beschwerten
Brust auf die Lippen heben als die demütigen Worte: »heute sei sein Geburttag,
und sein Sohn wiss' es nicht und habe auch mit einer Entzückung überrascht
werden sollen.« Er wollte ihr mit einem dankbaren Lächeln entfliehen und sagte,
dass er zum Fürsten zurückzueilen habe, der vielleicht auf eben diesen Tag eine
so gütige Rücksicht genommen wie sie; allein Sebastian holte mit dem gefundnen
Freund ihn an der Gartenschwelle ein, und der eilende Lord verspätete sich noch
durch eine schnelle Umarmung seines Sohnes. Erst als er weg war, fasste die
Mutter, die ihre Liebe zu entladen suchte, Viktors Hand zärtlich an und vergass
die Abrede und fragte: »O Teuerster! warum haben Sie ihm denn nicht Glück
gewünscht zu seinem Geburttage? Denn ich konnte ja nicht.« Jetzo verstand und
fühlte er erst die schnelle Umarmung des Vaters und breitete die Arme nach ihm
aus und wollte sie erwidern.
    Darüber traf auch der alte Pfarrer aus dem Garten ein und sagte wie
närrisch: »Ich wollt', er wäre Regierungrat«; aber die Frau sagte, ohne darauf
zu antworten, mit überfliessender Stimme und Liebe zu ihm: »So ein Wiegenfest
hast du noch nicht erlebt wie heute, Peter!« Agate sah sie fragend und
zurechtweisend an. »Fahre nur damit heraus«- sagte sie und umfing die zwei
Kinder und zog beide in die väterliche Umarmung hinein - »und wünscht eurem
guten Vater lange Tage und noch drei beglückte Kinder.« -
    Der Vater konnte nichts sagen und streckte die Hand nach der Mutter
entgegen, um die Gruppe des liebenden Edens zu ründen. Viktors sympatetisches
Blut häufte sich in sein Herz, um es in Liebe aufzulösen, und er dachte das
stille Gebet: »Reisse nie diese verschlungnen Arme, du Allgütiger, durch ein
Unglück auseinander!« - Aber Flamin zog sich bald aus der Verkettung und sagte
zu Viktor mit dem dankbarsten Händedruck: »Du weisst nicht, wie unrecht ich dir
immer tue.« Der Kaplan dachte, er werde allen seine Rührung verstecken, wenn er
sage: »Ich wollt', ich hätt' euch nicht betrogen. - Ich habe zur Ader gelassen,
es ist aber dumm - hätt' ichs nur gewusst! - hätt' ichs nur nicht! - Wahrlich, da
sehts selber!« - Und als diese Maske nicht hinreichte, seine ganze gerührte
Seele zu bedecken, rief er der armen vergessenen Apollonia, die an der Haustür
den erwachten Bastian schwenkte, überlaut zu, herzukommen. Allein diese Arme,
deren bloss entfernte freudige Teilnahme an der allgemeinen Annäherung unsern
Viktor im Innersten rührte, zögerte scheu, bis die Mutter kam und sie schadlos
hielt durch alles, was den Müttern nie vergolten wird. Aber erst als die
Pfarrerin ihr Kind in ihren Armen und an ihren Lippen hatte, fühlte sie, dass die
gefangnen Flammen ihrer Gefühle ihre Öffnung fanden und ihr Herz seine
Erleichterung. -
    O! dass der Mensch gerade zu der Zeit die schönste Liebe empfängt, wo er sie
noch nicht versteht - O, dass er erst spät im Lebensjahre, wenn er seufzend einer
fremden Eltern- und Kinderliebe zusieht, hoffend zu sich sagt: »Ach meine haben
mich gewiss auch so geliebt« - ach dass alsdann der Busen, zu dem du mit dem Danke
für ein halbes Leben, für tausend verkannte Sorgen, für eine unaussprechliche,
nie wiederkehrende Liebe eilen willst, schon zerdrückt liegt unter einem alten
Grabe und das warme Herz verloren hat, das dich so lange geliebt! ...
    In der häuslichen Glückseligkeit sind die windstillen, zwischen vier engen
Wänden vorgetriebnen bequemen Freuden nur der zufälligste Bestandteil: ihr
Nerven- und Lebensgeist sind die lodernden Feuerquellen der Liebe, die aus den
verwandten Herzen ineinander springen. -
    Die unwillkürliche Überraschung hatte die willkürlichen vereitelt. Aber die
Freudenflut hatte alle Personen zusammengeströmt; und sie blieben noch in der
vertraulichen Nähe, als jene wieder verlaufen war. Man setzte sich zum Gastmahl
im Gartenhaus. Selten sind Schmäuse so wie dieser durch zwei ausserordentliche
Vorzüge gewürzt, durch Mangel an Essen und Mangel an Platz. Nichts reizt den
Appetit so sehr als die Besorgnis, er finde nicht satt. Es war von Sebastian
ausgesonnen, dass für jeden Gast nur das Leibgericht besorgt wurde - für den
Pfarrer farcierte Krebse und Erdäpfelkäse - für Flamin Schinken - für den Helden
das Gemüse vom guten Heinrich. - Jeder wollte jetzo das Leibgericht des andern,
und jeder subhastierte seines. Sogar die Damen, die sonst wie die Fische essen
und nicht essen, bissen an. Der zweite berauschende Bestandteil, den sie in
ihren Freudenbecher geworfen hatten, war der Tisch samt Gartenstube, wovon jener
die Kost, diese die Kostgänger nicht fasste. Sebastian hatte sich samt Agaten an
ein Filialtischchen, das man aussen ans Fenster des Speisesaales gestossen,
begeben, bloss um draussen mehr hineinzulärmen und zu klagen als zu essen. Dieser
Mutwille war im Grunde die verdeckte Bescheidenheit, welche befürchtete, drinnen
auf Kosten der andern Gäste, des Lords wegen, gefeiert zu werden. Sein eignes
Alleinsein - vielleicht in einem schmerzlichen Sinn - malte ihm die blöde Appel
vor, die als Herd-Vestalin erst von zurückgehenden Speisen den Rückzoll ass, bloss
um zu versuchen, wie es andern geschmeckt. Er konnte den Gedanken dieser
Abtrennung nicht länger erdulden, sondern nahm Wein und das Beste vom Nachtisch
und trug es ihr in ihr Küchen-Winterquartier hinein. Da er dabei auf seinem
Gesicht statt seiner Munterkeit gegen Mädchen, von der sie eine zu demütige
Auslegung hätte machen können, den grössten höflichen Ernst ausspannte: so war er
so glücklich, einer von der Natur selber zusammengedrückten Seele - die hier in
keinem andern Blumentopf ihre Wurzeln herumtreibt als in einem Kochtopf, und
deren Konzertsaal in der Küche, und deren Sphärenmusik im Bratenwender ist -
einen goldnen Abend gegeben zu haben und ein gelüftetes Herz und eine frohe
lange Erinnerung. Kein Boshafter werfe einer solchen guten Schneckenseele seine
Faust in den Weg und lache dazu, wie sie sich hinüberquält - und der
Aufgerichtete bücke sich gern und hebe sie sanft über ihre Steinchen weg....
    Klotilden anlangend, so gings vor dem Essen recht gut; aber nachher recht
schlecht. Ich rede von Sebastian, der nach der beim Lord eingelegten Bittschrift
froher und leichter war und mit Klotilden wahrhaftig so freimütig sprach, als
wäre sie eine - Braut. Denn er hatt' es schon im Hannöverischen gesagt: »es gebe
kein langweiligeres und heiligeres Ding als eine Braut, besonders eines Freundes
seine; lieber woll' er an die mürben Pandekten in Florenz oder an einen Wiener
heiligen Leib im Glasschrank streifen und tippen als an sie.« - Überhaupt wars
schwer, sich in Klotilde zu verlieben; ich weiss, der Leser hätt' es nicht getan,
sondern sich kalt wieder fortgemacht. »Ihre griechische Nase unter der fast
männlich breiten Stirne«, hätt' er gesagt, »- diese Schwester-Nase aller
Madonnen und dieses seltne Grenzwildpret auf deutschen Gesichtern -, ihre
stillen, aber hellen Augen, die ausser sich nichts suchen, dieser britische
Ernst, diese harmonische denkende Seele erheben sie über die Rechte der Liebe. -
Wenn diese majestätische Gestalt auch lieben wollte: wer hätte den Mut, ihr
seine darauf zu bieten, und wer wäre so eigennützig, um das Geschenk eines
ganzen Himmels einzustecken, oder so stolz, um sein Herz als Dampfkugel in ihres
zu schiessen und damit diese stille sinnende Heiterkeit zu benebeln?« - Der Leser
lieset sich selber gern. -
    Aber nach dem Essen gings anders. Unter Viktors Gehirnhäuten hatte irgendein
Poltergeist im innern Schriftkasten alle Lettern seiner Ideen so untereinander
geworfen, dass er bisher lustig, aber unzufrieden war - er hatte versucht,
Agatens Haare auf- und abzulocken, ihre Doppelschleifen in ungleiche und eben
darum wieder in gleiche Hälften zu zerren - aber es hatt' ihm nicht wie sonst
gefallen - die heutigen Zwischenspiele der häuslichen Liebe hatten seine ganze
scherzende Seele aus den Fugen gezogen, und es war ihm, als wenn er, entfernt
von der jetzigen Freude, wenigstens auf einige Minuten froher sein würde in
irgendeiner stillen Ecke, und besonders sehnt' er sich, die Sonne untergehen zu
sehen. - -
    Dazu kam noch mehr: der Anblick von Klotildens wärmerer Liebe gegen Agate -
der Anblick seines Freundes, der durch seine schweigende Zärtlichkeit, durch
seine mildere Stimme, durch eine an heftigen Menschen so unwiderstehliche
Ergebenheit jedem Herzen befahl: liebe mich! - und endlich der Anblick der
Nacht...
    Er war schon längst traurig, als er noch lustig schien. Jetzo brachte die
Mutter den kleinen Held des heutigen Vormittags in den lauen Abendhimmel heraus.
Sie standen alle ausserhalb der Garten-Stiftshütte, im ersten Tempel des
andächtigen Menschen. In die Wolken floss das Abend-Blut der versinkenden Sonne,
wie ins Meer das Blut seiner in der Tiefe sterbenden Riesen. Das lockere Gewölke
langte nicht zu, den Himmel zu decken; es schwamm um den Mond herum und liess
sein bleiches Silber aus den Schlacken blicken.
    Das rote Gewölke schminkte den Säugling. Jeder fassete leise seine weichen
Hände, die schon aus der Kissen-Knospe und Wickelbänder-Verpuppung brachen.
Klotilde - anstatt an den Kleinen körperliche kokette Liebkosungen zu
verschwenden, wie manche Mädchen vor oder für Mannspersonen tun - goss einen
fortströmenden Blick voll herzlicher Liebe auf den neuen Menschen nieder, band
seine schneidenden Hemd-Ärmel auf, verbauete ihm den angeschielten Mond und
sagte spielend: »Lächle her und liebe mich, Sebastian!« Sie konnte unmöglich
metaphorische Rikoschet-Schüsse in diese Zeile laden; auch wusste der grosse
uneingewickelte Sebastian recht gut, dass sie keinen Doppelsinn vorausgesehen; ja
er kannte die Regel, dass man aus der Ängstlichkeit, womit einige gewisse
Gedanken aus ihrem Sprechen bannen, die Gegenwart derselben in ihrem Kopfe
errate. Gleichwohl hatt' er doch nicht den Mut, zu lächeln wie die andern, oder
das von ihr berührte Händchen in seines zu nehmen. Sie kehrte sich zu ihm und
sagte: »Aber wie lernt das Kind unsere Sprache, wenn es nicht schon eine kann?«
    »Ich hab' es bloss aus Liebe zu den Weltweisen mit Schwabacher drucken
lassen.«
    »Also muss«, antwortete er, »die pantomimische Sprache gerade so viel
bezeichnen wie die Ohrensprache. - Sooft ich einen Taubstummen zum Abendmahl
gehen sehe, denk' ich daran, dass aller Unterricht nichts in den Menschen bringe,
sondern nur das Dagewesene bezeichne und ordne. - Die Kindesseele ist ihr eigner
Zeichenmeister, der Sprachlehrer der Kolorist derselben.« - »Wie,« fuhr sie
fort, »wenn dieser schöne Abend einmal wieder vor die Erinnerung dieses Kleinen
käme? Warum sieht das sechste Jahr schöner in der Erinnerung aus als das
zwölfte, und das dritte noch schöner?« - Eine schöne Frau unterbricht man nicht
so leicht wie einen Exdekan; sie durfte also darauf kommen: »Herr Emanuel sagte
einmal, man sollte den Kindern in jedem Jahre ihre vergangnen erzählen, damit
sie einmal durch alle Jahre durchblicken könnten bis ins zweite neblichte
hinein.« Mir ist, als hört' ich die oben gedachte Hofdame leibhaftig sprechen,
unter deren dünnen Blonden mehr Philosophie blieb als unter manchem
Doktor-Filzhut, wie Quecksilber im Flor beklebt und durch Leder rinnt. Viktor
antwortete mit der gewöhnlichen Teilnahme seines guten Herzens: »Emanuel steht
nahe am Menschen und kennt ihn - Den umgaukelten Menschen führen zwei
Prospektmalerinnen durch das ganze Teater, die Erinnerung und die Hoffnung - in
der Gegenwart ist er ängstlich, das Vergnügen wird ihm nur in tausend
lilliputische Augenblicke eingeschenkt wie dem Gulliver; wie soll das berauschen
oder sättigen? - Wenn wir uns einen vergnügten Tag vorstellen, so drängen wir
ihn in einen einzigen freudigen Gedanken; kommen wir hinan, so wird dieser
Gedanke unter den ganzen Tag verdünnt.« -
    »Daran denk' ich,« versetzte sie, »sooft ich durch Wiesen gehe: in der Ferne
stehen Blumen an Blumen - aber in der Nähe sind sie alle durch Gras auseinander
gerückt. - Aber am Ende wird doch auch die Erinnerung bloss in der Gegenwart
genossen«.... Viktor dachte bloss über die Blumen nach und sagte vertieft: »Und
in der Nacht sehen die Blumen selber wie Gras aus« - als es plötzlich zu tropfen
anfing.
    Sie traten alle feierlich in das Gartenhaus, auf dessen Dache der Regen
aufschlug, indes in die offline Fenster der auf- und zugedeckte Mond wie ein
Gletscher seine Schneeblitze hineinwarf- der laue Blüten-Atem der ganzen
leuchtenden Landschaft hauchte jeden menschlichen Seufzer, jeden schweren Busen
heilend an. - In dieser engen Nähe, durch die mit dem Monde abwechselnde Nacht
abgeschieden von der Natur, musste man zur Nachbarschaft, zum alten Klaviere
flüchten. Klotildens Stimme konnte die Flöten-Begleitung des äussern
Regen-Gelispels sein. Die Pfarrerin bat sie darum, und zwar um ihre Lieblingarie
aus Bendas Romeo: »Vielleicht, verlorne Ruh'! vielleicht find' ich dich im Grabe
wieder« etc., ein Lied, dessen Töne wie feine auflösende Düfte in das Herz durch
tausend Öffnungen dringen und darin beben und immer stärker beben, bis sie es
endlich zerzittern und nichts von ihm in der harmonischen Vernichtung übrig
lassen als Tränen.
    Klotilde willigte ohne zögernde Eitelkeit in das Singen ein. Aber für
Sebastian, in welchem alle Töne an nackte zitternde Fühlfäden schlugen, und der
sich schon mit den Gesängen der Hirten auf dem Felde traurig machen konnte, war
dieses an einem solchen Abend für sein Herz zu viel: während der musikalischen
Aufmerksamkeit der andern musst' er zur Türe hinausgehen...
    Aber hier unter dem grossen Nachtimmel können unter höhere Tropfen ungesehen
seine fallen - Welche Nacht! - Hier schlägt ein Glanz über ihn zusammen, der
Nacht und Himmel und Erde aneinanderreiht, die magische Natur drängt sich mit
Strömen ein ins Herz und macht es gewaltsam grösser. - Oben füllet Luna die
wehenden Wolken-Flocken mit flüssigem Silber an, und die getränkte Silberwolle
zittert herab, und Glanzperlen rinnen über glattes Laub und stocken in Blüten,
und das himmlische Gefilde perlt und glimmt - - Durch dieses Eden, worüber ein
doppeltes Schneegestöber von Funken und von Tropfen zwischen einem Staubregen
von Blütendüften spielte und wirbelte, und worin Klotildens Töne wie verirrte
Engel sinkend und steigend umherflogen, durch dieses Zauber-Gewimmel wankte
Viktor geblendet - überströmt - zitternd - und weinend hin und sank müde in die
Laube nieder, wo er heute am Herzen seines Vaters gewesen war. Er überdachte das
Winterleben dieses guten Vaters unter lauter Fremdlingen des Herzens und dessen
bange Feier des heutigen Tages und den kalten leeren Raum in der väterlichen
Brust, den sonst die verlorne Gestalt der Geliebten bewohnet hatte - und er
sehnte sich schmerzlich an das Herz der unsichtbaren Mutter. Er hob das
angelehnte Haupt in den Regen auf, und aus den weiten offnen Augen fielen fremde
Tropfen nicht allein. Er glühte durch sein ganzes Ich, und Nachtwolken sollten
es kühlen. Seine Fingerspitzen hingen leise ineinander gefaltet nieder.
Klotildens Töne tropften bald wie geschmolzene Silberpunkte auf seinen Busen,
bald flossen sie wie verirrte Echo aus fernen Hainen in diesen stillen Garten
herein. Er nannte nichts - er dachte nichts - er sprach sich nicht los, er
klagte sich nicht an - er sah es wie im Traume, wenn bald eine dicke Nacht über
den Garten rannte, bald ein Lichtmeer ihr nachschoss.
    Aber ihm war, als wollte seine Brust aufspringen, als wär' er selig, wenn er
jetzt geliebte Menschen umschlingen und an ihnen im seligen Wahnsinn seinen
Busen und sein Herz zerquetschen könnte. Ihm war, als wär' er überselig, wenn er
jetzo vor irgendeinem Wesen, vor einem blossen Gedankenschatten hingiessen könnte
all sein Blut, sein Leben, sein Wesen. Ihm war, als müsst' er in Klotildens Töne
schreien und die Arme um Felsen drücken, um nur das peinliche Sehnen zu
betäuben. - -
    Er hörte die Blätter tropfen und hielt es noch für Regen. Aber der
Himmels-Staubbach hatte sich versprungen, und bloss Lunens Lichtfall übersprengte
noch die Gegend. Der Himmel war tief blau. Agate hatt' ihn unter dem Regen
gesucht, und jetzt erst gefunden. Er wachte auf, ging folgsam und schweigend mit
ihr hinaus und begegnete lauter ausgeheiterten Himmels-Gesichtern - da zuckten
alle seine Nerven, und er musste sich mit einer stummen Verbeugung
schmerzhaft-freundlich entfernen. Jeder hatte andere Gedanken darüber. Aber die
Pfarrerin sagte der Gesellschaft, er höre die Musik gern von ferne, nur mache
sie ihn allemal zu melancholisch.
    Ach in seinem Zimmer umfing ein glücklicher tröstender Gedanke seine Seele.
Klotildens Grablied und alles befestigte die Gestalt des erhabnen Emanuels vor
sein Auge - diese schien zu sagen: »In einem Jahre bin ich schon unter der Erde,
komme nur zu mir, Armer, ich will dich so lange lieben, bis ich sterbe!« Ohne
ein Licht zu begehren, schrieb er mit strömenden Augen, denen ohnehin keines
geholfen hätte, dieses Blatt an Emanuel:
                                   »Emanuel!
Sage nicht zu mir: ich kenne dich nicht! - Warum kann der Mensch auf dem
schmalen Sonnenstäubchen Erde, auf dem er warm wird, und während der schnellen
Augenblicke, die er am Pulse abzählt, zwischen dem Blitze des Lebens und dem
Schlage des Todes, noch einen Unterschied machen unter Bekannten und
Unbekannten? Warum fallen die kleinen Wesen, die einerlei Wunden haben, und von
denen die Zeit das nämliche Mass zum Sarge nimmt, nicht einander ohne Zögern mit
dem Seufzer in die Arme: Ach wohl sind wir einander ähnlich und bekannt? - Warum
müssen erst die Fleischstatuen, worein unsre Geister eingekettet sind,
zusammenrücken und einander betasten, damit die darin vermummten Wesen sich
einander denken und lieben? - Und doch ists so menschlich und wahr: was nimmt
uns denn der Tod anders als Fleischstatuen - als das geliebte Angesicht unsern
Augen - als die teuere Stimme unsern Ohren und die warme Brust der unsrigen? ...
Ach Emanuel! sei für mich kein Toter! Nimm mich an! Gib mir dein Herz! Ich will
es lieben! - Ich bin nicht sehr glücklich, mein Emanuel! - Da mein grosser Lehrer
Dahore - dieser glänzende Schwan des Himmels, der, vom zerknickten Flügelgelenk
ans Leben befestigt, sehnend zu andern Schwänen aufsah, wenn sie nach den
wärmern Zonen des zweiten Lebens zogen - aufhörte an mich zu schreiben: so tat
ers mit den Worten: Suche mein Ebenbild! Deine Brust wird so lange bluten, bis
du mit einer andern die Narben bedeckst, und die Erde wird dich immer stärker
schütteln, wenn du allein stehst - und nur um den Einsamen schleichen
Gespenster. - - Emanuel, bist du nicht ruhig und sanft und nachsichtig? - Sehnet
sich deine Seele nicht, alle Menschen zu lieben, und ist ihr nicht ein einziges
Herz zu enge, in das sie mit ihrer Liebe wie eine Biene in eine eingeschlafene
Tulpe eingeschlossen ist? - Hast du nicht satt das Repetierwerk unseres Freuden-
und Trauergeläutes, die Familienähnlichkeit aller Abende und Zeiten? - Schauest
du nicht von dieser dahingerissenen Erde hinaus auf deinen langen Weg über dir,
damit dich nicht ekle und schwindle, wie man eben deswegen aus dem Wagen auf die
Strasse sieht? - Glaubst du nicht an Menschen, um welche die Bergluft einer
höhern Stellung geht, und die oben auf ihrem Berge mitten in einem stillen
Himmel stehen und herunterschauen in die Donner und Regenbogen an der Erde? -
Glaubst du nicht an Gott und suchst seine Gedanken auf in den Lineamenten der
Natur und seine ewige Liebe in deiner Brust? - -Wenn du das alles bist und
denkst, so bist du mein; denn du bist besser als ich, und meine Seele will sich
heben an einem höhern Freund. Baum des höhern Lebens, ich umfasse dich, ich
umstricke dich mit tausend Kräften und Zweigen, damit ich aufsteige aus dem
zertretenen Kot um mich! - Ach von einem grossen Menschen könnte ich geheilt,
gestillet, erquickt, erhoben werden - ich Armer, nur an Wünschen reich -
zerrüttet vom Kriege zwischen meinen Träumen und meinen Sinnen - wund hin- und
hergeschlagen zwischen Systemen, Tränen und Narrheiten - anekelnd die Erde, die
ich mir nicht ersetzen kann, lachend über die weinerliche Komödie bloss aus
Jammer, und der widersprechendste, betrübteste und lustigste Schatten unter den
Schatten in der weiten Nacht.... O! schöne, gute Seele, liebe mich!
                                                                        Horion.«
Den Kopf auf die Hand gestützt, liess er so lange seine Tränen, ohne zu denken
und ohne zu sehen, rinnen, bis die Natur ein Ende machte. Dann trat er ans
Klavier und sang unter dessen Begleitung die heftigsten Stellen seines Briefes
ab; was ihn stark bewegte, trieb ihn allezeit zum Singen an, besonders der
Affekt der Sehnsucht. Was kann es uns verschlagen, dass es Prose war?
    Bei der letzten Zeile seines Briefgesanges ging langsam die Türe auf: »Du
bists?« sagte eine Stimme. »Ach komm herein, Flamin!« antwortete er. »Ich wollte
nur sehen, ob du zurück wärest«, sagte Flamin und ging. -
    - Ich denke, es ist nötig, dass ich wenigstens folgendes dazwischenwerfe; -
dass nämlich Viktor zu viel Phantasie, Laune und Besonnenheit besass, um nicht,
wenn diese drei Saiten zugleich erschüttert wurden, lauter Dissonanzen
anzugeben, die bei mehr harmonischen Intervallen dieser Kräfte14 weggeblieben
wären dass er daher mehr Neigung zu Schwärmereien und zu Schwärmern hatte als
Ansatz dazu - dass seine negativ-elektrische Philosophie mit seinem
positiv-elektrischen Entusiasmus immer um das Gleichgewicht zu kämpfen hatte -
und dass aus dem Aufbrausen beider Spiritus nichts wurde als Humor - dass er alle
Freuden-Nelken auf dem nämlichen Beete haben wollte, obgleich eine die Farbe der
andern verfälschte (z.B. Feinheit und Entusiasmus, Erhebung über die Welt und
Ton der Welt) - dass daraus ausser der Laune und höchsten Toleranz auch ein
unbewegliches schweres Gefühl der Nichtigkeit unserer vorüberstreichenden und
mit einer solchen Kontrarietät der Farben entworfnen innern Zustände werden
musste - und dass er, den der Schlimme für doppelseitig und der Gutmütige für
veränderlich hält, nichts zum Schmücken und Ründen seines in so viel Holz
versteckten neuen Adams oder Palladiums bedürfe als die Sense der Zeit - Zeit
also.
                                 8. Hundposttag
  Gewissens-Examinatorium und Dehortatorium - die Studier-Flitterwochen eines
 Gelehrten - das Naturalienkabinett - eingepacktes Kinn - Antwort von Emanuel -
                              Ankunft des Fürsten
Ich wollte, die Historie wäre aus, damit ich sie könnte drucken lassen; denn ich
habe schon zu viele Pränumeranten darauf unter dem gemeinen Volk. Ein
Schriftsteller nimmt in unsern Tagen Vorausbezahlung auf sein Buch vom
schlechtesten Kerl an - der Schneider tut seinen Vorschuss in Kleidern, der
Friseur in Puder, der Hauswirt in Studierstuben. -
    Jeden Morgen hunzte sich Viktor unter der Bettdecke aus wegen des Abends;
das Bette ist ein guter Beichtstuhl und die Audienza des Gewissens. Er wünschte,
der gestrige Garten-Verein hielte ihn für einen wahren Narren anstatt für einen
- Liebhaber. »Ach wenn gar Flamin selber sich mit Misstrauen kränkte, und wenn
unsre Herzen, die so lange geschieden waren, schon jetzo wieder es würden!« Hier
wurde die Bettlade aus einem Beichtstuhl ein feuriger Ofen. Aber ein Engel legte
sich zu ihm hinein und blies die Lohe weg: »Was hab' ich denn aber getan? Hab'
ich nicht für ihn mit tausend Freuden gesprochen, gehandelt, geschwiegen? Kein
Blick, kein Wort ist mir vorzuwerfen - was denn noch sonst?«
    Der Engel des Lichts oder Feuers musste jetzt entsetzlich gegen die
vorwedelnde Flamme blasen.
    »Sonst noch? Gedanken vielleicht, die aber, wie Feldmäuse, der Seele unter
die Füsse springen und sich wie Ottern anlegen. - Aber dürfen mir denn die
Kantianer ansinnen, dass ich das kleine Bild der schönsten und besten Gestalt,
die ich in dreier Herren Landen bisher vergeblich zitierte, einen solchen
Raffaels-Kopf, eine solche Paradieses-Antike zum Fenster hinauswerfe aus der
Villa meines Kopfes wie Äpfelschalen und Pflaumenkerne? Mich würd' es von den
Kantianern wundern. - Und wenns drinnen stehen bleiben soll, soll ich denn ein
Vieh sein, ihr Katecheten, und es kalt anglotzen? - Ich mag nicht! Ja ich will
mir selber trauen und von dem schönsten Herzen sogar die Freundschaft fodern und
ihm doch die Liebe lassen.« - Lieber Leser, unter diesem ganzen summarischen
Prozess vor der Gesetzkommission des Gewissens hab' ich über dreissigmal zu mir
gesagt: »Ihr beide, du und der Leser, seid um kein Haar ehrlicher gegen das
Gewissen!«
    Er zog sich langsam am Bettzopf aus dem Bette, das er sonst mit einem
Sprunge verliess: es stockte ein Ideenrad in ihm. Er las seinen gestrigen Brief
und fand ihn zu stürmisch: »Das ist eben«, sagte er, »unsre Nichtigkeit, dass
alles, was der Mensch für ewig hält, in einer Nacht erfriert; über unser Gesicht
laufen die heftigsten Züge nicht schneller und spurloser als über unser Herz -
Warum bin ich denn heute nicht, was ich gestern war und vielleicht morgen sein
werde? - Was gewinnt der Mensch durch dieses Auf-und Unterkochen? Und auf was
kann er in sich denn bauen?«
    Unterdessen hatte sich das Feuerrad der Erdenzeit, die Sonne, giessend
heraufgedreht und brannte am Ufer der Erde. - Er riss das Fenster auf und wollte
die unbedeckte Brust im frischen Morgenwinde baden, und das heisse Auge im roten
Meer Aurorens; aber etwas in ihm drängte sich wie ein Nachgeschmack zwischen den
Genuss des Morgenlandes. Ein guter Mensch ist unter den Gewissensbissen künftiger
Handlungen durchaus zum Genusse verdorben.
    Es stieg in ihm eine übermannende Rührung langsam auf - die gestrige Nacht
trug wieder ihren leuchtenden Regen, sein brausendes Herz und Emanuels Schatten
vorüber - er lief immer stärker und zwar in die Quere durchs Zimmer - strickte
den Schlafrock knapper an - schüttelte etwas aus dem Auge - tat einen
steilrechten Sprung - schnellte ein »Nein!« hervor und sagte mit einem
unaussprechlich-heitern Lächeln: »Nein! ich will meinen Flamin nicht betrügen!
Ich will sie weder suchen noch meiden und ihre Freundschaft nicht eher begehren
als zur Zeit seines höchsten Glücks. Wie dich da15, so will ich die himmlische
Glanzbüste anschauen, und nicht begehren, dass sie Wärme annehme und das kalte
Gipsauge auf mich wende. Aber du, mein Freund, sei glücklich und ganz selig und
merke nicht einmal meinen Kampf!«
    Jetzt erst erheiterte ihn der Kirchenschmuck des Morgens, und die Morgenluft
floss wie ein kühles Halsgehenk auf seinem heissen Busen umher und legte spielend
Haar und Busenstreif zurück. Er fühlte, nun sei er wert, an Emanuel geschrieben
und an den Himmel geschauet zu haben...
    Flamin trat ein mit einiger Kälte, die vom erblickten Brief noch etwas
stieg. Viktor war nicht kalt zu machen; bloss als man unten ihn mit keinem Wort
an seine gestrigen Dityramben erinnerte: tat er aus Besorgnis, erraten zu sein,
einen zornigen versteckten Schwur, wenn sie käme, nicht zu kommen - welches auch
zu machen war, denn sie kam nicht. Sie hatte in Maiental noch Gepäck abzuholen,
Freundschaften zu begiessen und noch einmal in den Zauberkreis ihres geliebten
Lehrers zu treten; und war also dahin abgegangen.
    Die nächsten Wochen tanzten jetzt wie ebenso viele Horen in Anglaisen und
Kotillons vor Sebastian vorbei. Seine Vormittage hingen voll Früchte, seine
Nachmittage voll Blumen; denn am Morgen wohnte seine Seele mit ihren
Anstrengungen in seinem Kopfe, gegen Abend in seinem Herzen. Abends liebt man
Karten-Gedichte - Aufrichtigkeit - Weiber - Musik recht sehr, morgens recht
wenig; in der Geisterstunde ist jene Liebe am allerstärksten.
    Zwei Sorgen ausgenommen - die erste war, ob sein Emanuel ihm bald genug
schreiben würde, damit er ihn vielleicht noch besuchen könnte, eh' er an die
Deichsel des Hof- und Staatswagens geschirrt wäre; die zweite war: letztes zu
bald zu werden - hatt' er jetzt fast nichts zu tun, als glücklich zu sein oder
glücklich zu machen; denn in diese Wochen fielen gerade seine stillen oder
Sabbatwochen ein...
    Ich weiss nicht, ob sie der Leser schon kennt: sie stehen nicht im
verbesserten Kalender; aber sie fallen regelmässig (bei einigen Menschen)
entweder gleich nach der Frühling-Tag- und Nachtgleiche oder in den Nachsommer.
    Bei Viktor war das erste, gerade mitten im Frühling. Ich brauch' es nicht
auszumitteln, ob der Körper, das Wetter, oder wer diesen Gottesfrieden in
unserer Brust ein läute: sondern schreiben soll ichs, wie sie aussehen, die
Sabbatwochen. Ihre Gestalt ist genau diese: in einer stillen oder Sabbatwoche
(manche, z.B. ich, werden gar nur mit Sabbattagen oder - stunden abgefertigt)
schlummert man erstlich leicht wie auf gewiegten Wolken-Man erwacht wie ein
heiterer Tag - Man hatte sich abends vorher gewiss vorgenommen und es deswegen in
Chiffern an die Türe geschrieben, sich zu bessern und das Jätemesser alle Tage
wenigstens an ein Unkraut-Beet anzusetzen - Beim Erwachen will mans noch und
setzet es wirklich durch - Die Galle, dieser auf brausende Spiritus, der sonst,
wenn er, statt in den Zwölffingerdarm, in das Herz oder Herzblut gegossen wird,
mit Wolken aufsiedet und zischt, wird in wenigen Sekunden eingesogen oder
niedergeschlagen, und der erhöhte Geist fühlt ruhig das körperliche Aufwallen
ohne seines - In dieser Windstille unserer Lungenflügel spricht man nur sanfte,
leise Worte, man fasset liebend die Hand eines jeden, mit dem man spricht, und
man denkt mit zerfliessendem Herzen: ach ich gönnte euchs allen wohl, wenn ihr
noch glücklicher wäret als ich - Am reinen gesunden stillen Herzen schliessen
sich, wie an den homerischen Göttern, leichte Wunden sogleich zu - »Nein!«
(sagst du immerfort in der Sabbatwoche) »ich muss mich noch einige Tage so ruhig
erhalten.« - Du verlangst zum Stoff der Freude fast nichts als Dasein, ja der
Sonnenstich einer Entzückung würde diesen kühlen magischen durchsichtigen
Morgen-Nebel in ein Gewitter verdichten - Du siehst immerfort hinauf ins Blaue,
als möchtest du danken und weinen, und umher auf der Erde, als wolltest du
sagen: »Wo ich auch heute wäre, da wäre ich glücklich!« und das Herz voll
schlafender Stürme trägst du, wie die Mutter das entschlummerte Kind, scheu und
behutsam über die weichen Blumen der Freude. - - - Aber die Stürme fahren doch
auf und greifen nach dem Herzen! ...
    Ach was müssen wir nicht alle schon verloren haben, wenn uns die Gemälde
seliger Tage nichts abgewinnen als Seufzer! O Ruhe, Ruhe, du Abend der Seele, du
stiller Hesperus des müden Herzens, der allezeit neben der Sonne der Tugend
bleibt - wenn unser Inneres schon vor deinem sanften Namen in Tränen zerrinnt:
ach ist das nicht ein Zeichen, dass wir dich suchen, aber nicht haben? -
    Viktor verdankte die Sieste seines Herzens den - Wissenschaften, besonders
der Dichtkunst und der Philosophie, die beide sich wie Kometen und Planeten um
dieselbe Sonne (der Wahrheit) bewegen und sich nur in der Figur ihres Umlaufs
unterscheiden, da Kometen und Dichter bloss die grössere Ellipse haben. Seine
Erziehung und Anlage hatte ihn an die Lebens-und Feuerluft der Studierstube
gewöhnt, die noch die einzige Schlafkammer (Dormitorium) unserer Leidenschaften
und das einzige Profess-Haus und der Glückhafen der Menschen ist, die dem breiten
Strudel der Sinne und Sitten entgehen wollen. Die Wissenschaften sind mehr als
die Tugend ihr eigner Lohn, und jene machen der Glückseligkeit teilhaftig, diese
nur würdig; und die Preismedaillen, Pensionen und positiven Belohnungen und der
Inventiondank, die viele Gelehrte für ihr Studieren haben wollen, gehören
höchstens den literarischen dienenden Brüdern, die sich dabei abmartern, aber
nicht den Meistern vom Stuhle, die sich dabei entzücken. Ein Gelehrter hat keine
lange Weile; nur ein Tron-Insass lässet sich gegen diese Nervenschwindsucht
hundert Hof-Feste verschreiben, Gesellschaftkavaliere, ganze Länder und
Menschenblut.
    Du lieber Himmel! ein Leser, der in Viktors Sabbatwochen eine Leiter
genommen hätte und an sein Fenster gestiegen wäre: hätte der etwas anders darin
erblickt als ein jubelndes Ding, das auf den wissenschaftlichen Feldern wie
unter seligen Inseln umherglitt? - Ein Ding, das entzückt nicht wusste, sollt' es
denken oder dichten oder lesen, besonders was? oder wen? aus dem ganzen vor ihm
stehenden hohen Adel der Bücher. - In dieser Brautkammer des Geistes (das sind
unsere Studierstuben), in diesem Konzertsaal der schönsten aus allen Zeiten und
Plätzen versammelten Stimmen hinderten ihn die ästetischen und philosophischen
Lustbarkeiten fast an ihrer Wahl; das Lesen riss ihn ins Schreiben, das Schreiben
ins Lesen, das Nachdenken in die Empfindung, diese in jenes -
    Ich könnte in dieser Schilderung vergnügter fortfahren, wenn ichs vorher
hätte geschrieben gehabt, wie er studierte: dass er nämlich nie schrieb, ohne
sich über dieselbe Sache voll gelesen zu haben, und umgekehrt, dass er nie las,
ohne sich vorher darüber hungrig gedacht zu haben. Man sollte, sagte er, ohne
einen heftigen äussern, d.h. innern Anlass und Drang nicht bloss keine Verse
machen, sondern auch keine philosophischen Paragraphen, und keiner sollte sich
hinsetzen und sagen. »Jetzt um drei Uhr am Bartolomäustag will ich doch drüber
her sein und folgenden Satz geschickt prüfen.« - Ich kann jetzo fortfahren.
    Wenn er nun in diesem geistigen Laboratorium, das weniger der Scheidekunst
als der Vereinkunst diente, vom Turmalin an, der Aschestäubchen zieht, bis zur
Sonne, die Erden zieht, und bis zur unbekannten Sonne, an welche Sonnensysteme
anfliegen, aufstieg - oder wenn ihm die anatomischen Tabellen der
perspektivische Aufriss einer göttlichen Bauart waren, und das anatomische Messer
zum Sonnenweiser seiner Lieblingwahrheit wurde: dass es, um einen Gott zu
glauben, nicht mehr bedürfe als zweier Menschen, wovon noch dazu einer tot sein
könnte, damit ihn der lebende studiere und durchblättere16 - oder wenn ihn die
Dichtkunst als eine zweite Natur, als eine zweite Musik sanft emporwehte auf
ihrem unsichtbaren Äter, und er unentschlossen wählte zwischen der Feder und
der Taste, sobald er in der Höhe reden wollte - - kurz, wenn in seiner
Himmelkugel, die auf einem Menschen-Halswirbel steht, der Ideen-Nebel allmählich
zu hellen und dunkeln Partien zerfiel und sich unter einer ungesehenen Sonne
immer mehr mit Äter füllte, wenn eine Wolke der Funkenzieher der andern wurde,
wenn endlich das leuchtende Gewölk zusammenrückte: dann wurde vormittags um 11
Uhr der innere Himmel (wie oft draussen der äussere) aus allen Blitzen eine Sonne,
aus allen Tropfen wurde ein Guss, und der ganze Himmel der obern Kräfte kam zur
Erde der untern nieder, und... einige blaue Stellen der zweiten Welt waren
flüchtig offen.
    - Unsere innern Zustände können wir nicht philosophischer und klarer
nachzeichnen als durch Metaphern, d.h. durch die Farben verwandter Zustände. Die
engen Injurianten der Metaphern, die uns statt des Pinsels lieber die Reisskohle
gäben, schreiben der Farbengebung die Unkenntlichkeit der Zeichnung zu; sie
solltens aber bloss ihrer Unbekanntschaft mit dem Urbilde schuldgeben. Wahrlich
der Unsinn spielt Versteckens leichter in den geräumigen abgezogen Kunstwörtern
der Philosophen - da die Worte, wie die sinesischen Schatten, mit ihrem Umfange
zugleich die Unsichtbarkeit und die Leerheit ihres Inhalts vermehren - als in
den engen grünen Hülsen der Dichter. Von der Stoa und dem Portikus des Denkens
muss man eine Aussicht haben in die epikurischen Gärten des Dichtens.
    - In drei Minuten bin ich wieder bei der Geschichte. - Er müsste, sagte
Viktor, Berg-, Garten- und Sumpfwiesen haben, weil er drei verschiedne närrische
Seelen besässe, die er auf verschiedene Ländereien zur Weide treiben müsste. Er
meinte damit nicht, wie die Scholastiker, die vegetative, sensitive und
intellektuelle Seele - noch, wie die Fanatiker, die drei Teile des Menschen:
sondern etwas recht Ähnliches, seine humoristische, empfindsame und
philosophische Seele. Wer ihm eine davon wegnähme, sagt' er, der möchte ihm
immer auch die restierenden gar ausziehen. Ja zuweilen, wenn gerade die
humoristische auf der umwechselnden Querbank obenan sass, trieb er den Leichtsinn
so weit, dass er den Wunsch äusserte, in Abrahä Schoss würde Spass gemacht, und er
könnte sich auf die zwölf Stühle mit seinen drei Seelen zugleich niederlassen. -
-
    Seine Nachmittage übergab er bald einer strömenden Laune, die ihre rechten
Zuhörer nicht einmal fand - bald den Pfarrleuten bald der ganzen St. Lüner
Schuljugend, deren Magen er (zur Ärgernis eines jeden guten Schulmeisters) mehr
als ihre Köpfe verproviantierte, weil er glaubte, in den kurzen Jahren, wo das
Geiferfleckchen sich ausbreitet bis zu einem Tellertuche, nehme das Vergnügen
seinen Weg über die Kinderserviette und habe keinen andern Eingang als den Mund.
Er ging nie ohne eine ganze Operationkasse voll kleines Geld in der Weste aus:
»Ich verteil' es ohne allen Verstand,« sagt' er; »aber wenn aus diesem
herumgesäeten metallischen Samen ganze Freudenabende für arme Teufel aufgehen;
und wenn sie gerade die Unschuldigen so selten haben: warum will man nicht für
die geschonte Tugend und für die Freude zugleich etwas tun?«
    Er sagte, er habe Moral gehört und verlange für seine aussergerichtlichen
Schenkungen und milden Stiftungen nichts als - Verzeihung. Sein Flamin, der ihn
für eine sorglose Säemaschine auf Felsen erklärte, verbrachte seine kleinen
Ferien bis zu dem Sessiontisch in glühenden Hoffnungen, an diesem Tische zu
nützen, und in Vorbereitungen, um es zu können; oft wenn der höhere Patriotismus
mit Heiligenschein und Mosis-Glanz aus dem Angesicht des geliebten Flamins
hervorbrach, so standen Tränen der freudigen Freundschaft in Viktors Augen, und
im Augenblick einer lyrischen Menschenliebe schworen sich beide an ihren Herzen
für die Zukunft gegenseitige Unterstützung im Gutestun und gemeinschaftliche
Aufopferungen für die Menschen zu. - Ihr Unterschied war bloss wechselseitige
Übertreibung - Flamin war gegen Laster zu intolerant, Viktor zu tolerant - jener
verwarf als Regierungrat wie Anabaptisten alle Feste und wie die ersten Christen
alle Blumen (in jedem Sinn) - dieser liebte gleich den Griechen beides zu sehr -
jener hätte der Ehre Menschenopfer gebracht - dieser kannte keinen Ehrenräuber
als das eigne Herz, er sprang über den papiernen Halb-Adel unserer jämmerlichen
Ehrenpunkte am Teetisch hinweg und war, spottend über den Spott, nur dem hoben
Adel der Tugend untertan. - -
    Viktor sog sich mit Laubfroschfüssen an jedes Blumenblatt der Freude an, an
Kinder, an Tiere, an Dorf-Luperkalien, an Stunden; - am liebsten aber hatt' er
den Sonnabend. Hier tat er Streifzüge durch die freudige Unruhe des Dorfes, vor
Knechten vorbei, die ihre Sensen nicht magnetisch, sondern schärfer hämmerten,
und vor der Ladentüre des Schulmeisters, an der sein Auge als Schweizer oft eine
halbe Stunde stand. Denn er konnte den St. Lünischen Handelflor recht gut im
kleinen Grossavanturhandel des Schulmeisters bemerken, der keine geringere Börse
der Kaufleute kannte als die in seiner Hosentasche. Aus diesem ostindischen
Hause sah er spät die wohlfeilen Freuden des Sonntags holen - der Grossierer
(der Schulmeister wird gemeint) machte, von den Negersklaven unterstützt, den
Sonntagmorgen von St. Lüne mit seinem Sirup süss und mit seinem Kaffee heiss; und
sowohl durch den Tabakbau in Deutschland wurde dieser Handelsherr instand
gesetzt, mit Spiralwürsten von Lausewenzel die Köpfe der Pfeifen, als durch den
Seidenbau, der Töchter ihre mit Sabbat-Wimpeln zu versorgen aus seinem
Auerbachischen Hofe. - Unsern Helden kannte alles. Aus jeder Hundhütte wedelte
ihm ein Hund entgegen, dem er Brot hineingeworfen; aus jedem Fenster schrien ihm
Kinder nach, die er geneckt hatte; und viele Buben, vor denen er vorüberlief,
hielten sich für glücklich, wenn sie eine Mütze aufhatten - sie konnten sie vor
dem Herrn abnehmen. Denn sein erstes Treiben in St. Lüne war die Geschichte von
St. Lüne, die aus den mündlichen Konduitenlisten der historischen Personen
selber und aus der Reichspostreiterin, aus der Pfarrerin, geschöpft werden
musste. Letzte hielt als Plutarchin allemal zwei Charaktere wie Tücher zusammen;
und ihr Mann las ihm nach bestem Wissen und Gewissen über die Kirchen- und
Reformationgeschichte seines Beichtsprengels. Viktor legte sich auf diese
mikrokosmische Weltgeschichte aus zwei Absichten: erstlich, um sie - welches
Brotstudenten auch bei der grössern vorhaben - rein wieder zu vergessen;
zweitens, um im Dorfe so zu Hause zu sein wie der Bettelvogt oder die Hebamme,
woraus er den Vorteil zu ziehen hoffte, dass er betrübt wurde, wenn ein St. Lüner
verstarb, und fröhlich, wenn er vorher heiratete.
    - Jetzo schreitet die Geschichte wieder von einem Tage auf den andern fort,
gleichsam auf den Steinchen im Strome der Zeit.
    So schön war also der Frühling vor ihm vorübergegangen mit Sabbatwochen, mit
den Pfingsttagen, mit weissen Blüten, die dem Lenze allmählich wie
Schmetterlingflügel ausfielen; - Viktor hatte den Besuch Le Bauts verschoben,
weil er dachte: »Ich muss ohnhin bald genug vom weichen Schosse der Natur herunter
und auf das Hof-Drahtgestell hinauf und auf den Objektenträger (Tron) des
Hof-Mikroskops«; - er hatte sich zwar täglich zugeredet, bald, noch vor
Klotildens Ankunft, hinzugehen, um auf seine Absichten keinen Verdacht zu laden,
aber immer vergeblich - - als plötzlich (denn tags vorher war der 13te Jun.) der
14te erschien und mit ihm Klotildens Gepäck ohne sie. Nun passierte er (wie die
offiziellen Hundberichte entalten) wirklich am 15ten den Bach von St. Lüne und
ging über die Alpen der kammerherrlichen Treppen und schlug auf Le Bauts Kanapee
sein Cäsars-Lager auf. Er wusste, dass heute niemand da war, nicht einmal Matz.
    »Der Himmel erhalt' uns« (sagt' er) »die Höflichkeit gesund; es wäre ohne
sie nicht nur unter keinen Spitzbuben auszuhalten, sondern sie gibt auch
Minutensteuer von Freuden, indes die Wohltätigkeit nur Quartalsteuer und
Kammerzieler und Karitativsubsidien zahlt.« Herr und Frau Le Baut waren so
höflich als nie (ich schwöre darauf, sie hatten etwas von Viktors Hof-Doktorhut
und Doktorkrone ausgewittert); nur wussten sie nicht, was für ein Mundstück auf
ein so närrisch gewundnes Instrument, wie Viktor war, aufzuschrauben sei. Wie
alle Studierstuben-Schaltiere sprach er lieber von Sachen als Personen; Flamin
aber umgekehrt. Für das Ehepaar gabs in keiner Messiade etwas Erhabeners, als
dass jetzt am Johannistage die italienische Prinzessin kommen würde; davon konnte
kein Sterblicher genug reden, zumal auf dem Dorfe. Ich weiss nicht, worin es
Viktor versah, dass er die meisten Weiber auf die Meinung brachte, er liebe sie.
Genug, die Kammerherrin, die in ihren Jahren nicht mehr Liebe, sondern den
Schein der Liebe foderte, dachte: »Vielleicht!« Man verkenne sie nicht: sie
brachte zwar allemal die erste Stunde mit einem Manne auf der Sternwarte der
Beobachtung zu; aber die zweite nur dann im Jagdschirm, wenn die erste glücklich
gewesen, und sie war kalt genug, um nicht mehr zu hoffen als zu sehen; sie
verspottete sogar jeden, der bei ihr noch einer weiblichen Eitelkeit,
Eroberungen zu leicht vorauszusetzen, anders schmeicheln wollte als öffentlich.
Genug, sie beurteilte heute unsern Viktor zu günstig - in ihrem Sinn oder zu
ungünstig - in unserem; wie überhaupt die blossen Hofleute nur blosse Hofleute
erraten. - Von Klotilde sprach man kein Wort, nicht einmal von der Zeit ihrer
Zurückkehr.
    Überhaupt hatte die Le Baut einen ungeheuren Stolz in sich gegen ihre
Stieftochter zu bestreiten, von dem mir mein Korrespondent hätte melden sollen,
worauf er sich steifte, ob auf Verhältnisse oder auf Verdienste; denn beides war
reichlich da, indem die Kammerherrin von des jetzigen Fürsten seligem Herrn
Vater die H - gewesen. - Ich und ein gescheiter Mann habens hin und her
überlegt, ob sie dem Cäsar in der Liebe oder im Ehrgeiz gleiche. Der gescheite
Mann sagt. »In der Liebe«, weil eine Frau die Liebe nie vergesse, wenn ein Fürst
ihr Lehrer darin gewesen. Des sel. Herrn Vaters Herz hatte besonders zwei
Schönheiten an ihr angebetet, die vor Zeiten von den Schotten17 so gern
gefressen wurden, nämlich den Busen und den Steiss. Die Grossen haben ihre eignen
grossièretés, die den Kleinen nicht träumen. Ich würd' es nicht drucken lassen,
aber es war am ganzen Hofe bekannt, und also auch vielen meiner Leser. Da führte
der Teufel die Zeit her, die ihre Sense hämmerte und alles wegmähte, was von
beiden Reizen Überhang in ihr Gebiet gewesen. Nun hält bei Weibern an Höfen - es
sei in einem Schulhof, Packhof oder Viehhof - die Eitelkeit, sobald der alte
Saturn (d.h. die Zeit) diese mit seinem Sichelwagen und mit dem kleinen Geschütz
aus seiner Sanduhr anfällt, einen der gescheitsten Rückzüge, die ich kenne - die
Eitelkeit lässet sich aus einem Werke oder Gliede nach dem andern treiben -
endlich aber wirft sie sich aus den weichen Teilen in die festen wie in feste
Plätze, z.B. in Fingernägel, Stirne, Füsse u.s.w., und da zieht sie der Henker
selber nicht heraus. Die Kammerherrin musste sich einen solchen festen Teil erst
machen, nämlich eine gorge de Paris und einen cul de Paris: diese vier
Grenzhügel ihres Reichs mussten täglich gegen die Grenzverrückung der Jahre aus
Achtung für das Eigentum hergestellt und erhöhet werden. Daraus schliesset nun
der gescheite Mann, dass ihre Seele ihrem Körper immer Kaperbriefe schreibe.
    Ich bin gerade der Gegenfüssler vom gescheiten Mann und verfechte, dass der
Amor nur ihr frère servant, nicht ihr Logenmeister - ihr Adjutant, nicht ihr
Generalissimus ist; - und dies darum, weil sie noch immer an der
Wiederherstellung ihres ersten salomonischen Tempels, wo sie sonst am Hofe als
Göttin neben dem Gott angebetet wurde, ihre eigne oder Le Bauts Hand anlegt -
weil sie in diesem nichts heiratete als den Kammerherrnschlüssel und seine
Assembleen und seine Hoffnungen des künftigen Einflusses - weil sie an Klotilden
nicht das Gesicht, sondern das Gehirn aufeindet - weil ihre Liebe jetzt ohne
Eifersucht ist. Nämlich sie stand mit dem Evangelisten Mattieu in einem
gewissen Liebeverständnis, das sich (nach unserm bürgerlichen Gefühl) vom Hasse
in nichts unterscheidet als in der - Dauer. Liebe-Persiflagen waren ihre
Lieberklärungen - ihre Blicke waren Epigramme - seine Schäferstunden salzte er
mit komischen Erzählungen von seinen Schäferstunden an andern Orten - und zur
Zeit, wo ein heiliger Mann seinen Psalm abzubeten pflegt18, waren beide
ironisch. Eine solche erotische Verbindung ist nichts als die Unterabteilung
irgendeiner politischen... Aber zurück zur Geschichte!
    Der Kammerherr wollte seinem Gaste jetzt etwas zeigen, was einen Doktor und
Gelehrten mehr interessierte. Zu dem Zimmer, worin das Etwas war, kam man durch
der Kammerherrin und durch Klotildens Zimmer. Da man in jener ihrem einen
Rasttag hielt: so standen Viktors Augen träumend auf Klotildens Silhouette fest,
die Mattieu neulich aus dem Nichts geschnitten, und die die Kammerherrin hier
aus Schmeichelei gegen den Schattenreisser unter Glas aufgehangen hatte.
Sonderbarer-, d.h. zufälligerweise zersprang jetzo das Glas über dem schönen
Angesicht, und Viktor und der Vater fuhren zusammen. Denn letzter war wie die
meisten Grossen aus Mangel an Zeit abergläubig und ungläubig zugleich; und
bekanntlich hält der Aberglaube das Zerspringen eines Porträtglases für einen
Vorboten des Todes des Urbildes. Der Vater warf sich ängstlich die Erlaubnis
vor, die er Klotilden gegeben, so lange in Maiental zu bleiben, da sie doch da
ihre Gesundheit in unnützen jugendlichen Schwärmereien verderbe. Er meinte ihre
Trauer um ihre begrabene Giulia; denn sie war (erzählte er) bloss vor Schmerz
über diese, ohne alles Gepäck, am ersten Mai hieher geeilet; und sogar die
Kleider der geliebten Freundin hatte sie heute mit unter den ihrigen geschickt.
Er brach heiter ab; denn Mattieu kam, der Bruder dieser Giulia, der sich nur
zeigen und beurlauben wollte, weil er, wie mehre von der Stief-Brüdergemeine des
Hofs, der Prinzessin entgegenreisete.
    Viktor wurde stiller und trüber; seine Brust quoll ihm auf einmal voll
unsichtbarer Tränen, deren Quelle er an seinem Herzen nicht finden konnte. Und
als man noch dazu durch Klotildens stilles leeres Zimmer ging, wo Ordnung und
Einfachheit an die schöne Seele der Besitzerin zu stark erinnerten: so fiel sein
plötzliches gerührtes Verstummen auch andern auf. Er riss die Augen eiligst weg
von einigen Blumenzeichnungen ihrer Hand, von ihrem weissen Schreibzeug und von
der schönen Landschaft der Öltapete und trat hastig auf das zu, was Le Baut
aufsperrte - es war kein edles Herz, was dieser mit seinem obwohl wie eine
Kanone gebohrten Kammerherrnschlüssel sperren konnte (die Titularkammerherren in
Wien heften nur einen hermetisch-versiegelten an), sondern sein Cabinet
d'histoire naturelle öffnete er. Das Kabinett hatte rare Exemplare und einige
Curiosa - einen Blasenstein eines Kindes, 2/17 Zoll lang und 2/17 Zoll breit,
oder umgekehrt - die verhärtete Hohlader eines alten Ministers - ein Paar
amerikanische Federhosen - erträgliche Fungiten und bessere strombi (z.B. eine
unechte Wendeltreppe) - das Modell eines Hebammenstuhls und einer Säemaschine -
graue Marmorarten aus Hof im Voigtland - und ein versteinertes Vogelnest -
Doubletten gar nicht gerechnet - - inzwischen zieh' ich und der Leser diesem
toten Gerümpel darin den Affen vor, der lebte und der das Kabinett allein zierte
und - besass. Camper sollte von diesem lebendigen Exemplar den Kammerherrnkopf
wegschneiden und solches sezieren, um nur zu sehen, wie nahe der Affe an den
Menschen grenze.
    Ein Grosser hat allemal irgendeinen wissenschaftlichen Zweig, nach dem er
nichts fragt, und auf den er sich also vorzüglich legt. Für Le Bauts
wissen-hungrige Seele wars gleich viel, ob sie in ein Siegel- oder in ein
Gemmen- oder ein Pistolenkabinett eingestellet wurde. Wär' ich ein Grosser: so
würd' ich mit dem grössten Eifer Knöpfe - oder Entbindungen - oder Bücher - oder
Nürnberger Ware - oder Kriege - oder recht gute Anstalten machen, bloss aus
verdammter langer - Weile, dieser Essigmutter aller Laster und Tugenden, die
unter Hermelinen und Ordensternen hervorgucken. Nichts ist ein grösserer Beweis
der allgemein wachsenden Verfeinerung als die allgemein wachsende Langeweile -
Sogar die Damen machen sich hundertmal aus blosser platter Langerweile Kurzweile;
und der gescheiteste Mensch sagt seine meisten Dummheiten und der beste seine
meisten Verleumdungen bloss einem Zirkel, der ihn hinlänglich zu langweilen weiss.
    Der Hofjunker war der Musterschreiber des Kabinetts, um vielleicht
herumzugehen. Viktor tat ihm unrecht durch die medizinische Vermutung, er
affektiere einen gewissen schwankenden weichen Gang vornehmer Debauchés; denn er
hatt' ihn wirklich, und das darum, weil er aus ganz andern als Viktors schönen
Gründen ungern - sass. Aber weiter! Wenn nicht die Kammerherrin den Vorhang vor
Viktors Seele auseinanderschlagen und darin die Gesinnungen gegen sich und
Klotilde durch den Schrecken, den ich erzählen will, erforschen wollte; wenns
also das nicht war: so kann es nichts als ein sehr böser Geist gewesen sein, der
dieser Kammerherrin die Hand führte zu einer Silberstufe. Hinter der Stufe lag
eine vielleicht von abgebröckeltem Arsenik verreckte Maus. Eine Leserin, die in
ähnlichen Gefahren als Dulderin litt, stellet sichs vor, wie der Kammerherrin
war, als sie mit dem Harten etwas Weiches umgriff und hervorbrachte und dann
ersah, was es war. Eine wahre Ohnmacht war unvermeidlich. Ich gesteh' es, ich
würde selber ihre Ohnmacht bloss für eine verstellte halten, wäre der Anlass
geringer und z.B. der Angriff nicht auf ihre Sinne, sondern nur auf ihre Ehre
gewesen; aber etwas anderes ist eine Maus. - Überhaupt musste sie vor so
boshaften Zuschauern, wie ihr Mann und ihr Cicisbeo ist, diesen fünften
Akts-Mord längst von ihrem Teater wie vom gallischen verbannt haben; ja ich
glaube, sie hätte sich vor einem siegenden Feind ihrer Tugend durch nichts (eine
wahre Ohnmacht ausgenommen) so lächerrlich machen können als durch eine
scheinbare. Der Schrecken über den postiche-Tod beraubte den Evangelisten des
Gebrauchs seiner Vernunft und liess ihm nur den Gebrauch seiner Bosheit und
seiner Hände, mit denen er sogleich das Blendwerk und Sparrwerk ihres Busens,
kurz die ganze optische Brust zerriss, um der wahren, in deren Brette er einen
Stein hatte, nämlich ihr Herz, Luft genug zu machen. Aber Viktor drängte ihn weg
und spritzte sie, mit zärterer Achtung für ihre Reize und für ihr Leben, durch
wenige Eistropfen wieder empor. Gleichwohl vergab sie dem Junker alles, was sie
erriet, und dankte dem Hofmedikus für alles, worin sie irrte...
    - - Lasset mich einen Augenblick wegsehen von diesem Hass-Gespinste und die
schönere Welt um mich mit Erquickung anschauen auf meiner Insel, wo kein Feind
ist - und das plätschernde Spiel der Fische und Kinder am Ufer- und die
spielende Mutter, die ihnen Blumen und hütende Blicke zuwirft - und die grossen
Ahornbäume, die sanft mit tausend Blättern und Mücken flüsternd dem unter den
Wellen gaukelnden Baumschlag entgegenschwanken - und wie die warme Erde und der
warme Himmel in schlafender Liebe aneinander ruhen und ein Jahrhundert ums andre
gebären...
    Viktor ging, bange vor dem Ende seiner ländlichen Tage, nach Haus. - Der
Sonnabend (der 16te Junius) eilte sanft vorüber und schüttelte ein ganzes
Blumenhaupt von beflügelten Samen zu neuen Freudenblumen unter dem Eilen
auseinander.
    Die Sterne glitten leise über seine Nacht. Ein freundlicher blauer
Sonntagmorgen legte sich schwebend über das geputzte Dörfchen und hielt den Atem
an, damit er nicht einmal eine reife Lindenblüte oder Dotterblumen-Spreu ausriss.
- Viktor konnte das Fortepianissimo aus dem Schloss über das ausruhende Dorf
herübertönen hören und musste mit der Engbrüstigkeit des glücklichen Sehnens
seufzen: »Ach wann muss ich aufhören, über diesem glänzenden stillen Meere, über
diesem schönen Ankerplatz des Lebens aufzuschwimmen?« - - als das Schicksal
antwortete: heute! Denn gerade heute, am Sonntage, kam aus der Residenzstadt
Flachsenfingen ein leichter Narr (im Grunde zwei) in einer ebenso leichten
Berline an und packte ein Briefchen vom Lord an ihn aus.
    »Den 21sten Junius (Donnerstags) trifft die italienische Prinzessin in
Kussewitz ein. Den Mittwoch reis' ich ab und präsentiere dich in St. Lüne dem
Fürsten, der mich bis dahin begleitet. Doch bitt' ich dich, am Sonnabend darauf
dich in die Insel der Vereinigung19 zu begeben, weil ich das wenige, was ich dir
in St. Lüne aus Mangel an Gelegenheit nicht sagen kann, auf die Insel verspare.
Du wirst mich dort treffen. Der Überbringer dieses ist unser Herr Hofapoteker
Zeusel, in dessen Hause du deine künftige Wohnung als Hofmedikus haben wirst.
Lebe wohl!
                                                                             H.«
»Zeusel?« (fragt der Leser und denkt nach) »ich kenne die Zeusel nicht!« - Und
ich ebenso wenig; aber er sage mir, geht es nicht zu weit? Und ist es nicht
wahre Plackerei, dass der Korrespondent dieses Werks durch alle Vorstellungen,
die ich ihm durch den Hund tue, gleichwohl nicht dahin zu bringen ist, dass ers
in dieser Historie nur so ordentlich einrichtete, wie es ja in jedem elenden
Roman und sogar im - Zuchtaus ist, wo jeder neue Züchtling den alten gleich in
der ersten Stunde seine sämtlichen Fata bis zu den Initialprügeln des Eintritts,
von denen der Historiker eben kommt, schön vorerzählt? Beim Himmel! die Leute
setzen und springen ja in mein Werk wie in eine Passagierstube hinein, und kein
Teufel und kein Leser weiss, wer ihre Hund' und Katzen sind.
    »Ich wollt' - «, sagte Viktor und machte sechs Dehnzeichen darauf als
Apostrophen von ebenso vielen weggelassenen Flüchen. Denn er sollte jetzt aus
der Idylle des Landlebens in die travestierte Äneis des Stadtlebens überziehen;
und kein Steig ist doch elender gepflastert als der von der Studierstube in die
Hof-Schmelzhütten und chambres ardentes, von der Ruhe zum Gewühl. Zudem hatt'
ihm Emanuel noch nicht geschrieben. Klotilde, der Hesperus jener zwei schönen
Abende, war gleich dem Hesperus am Himmel nicht zu sehen über St. Lüne. Wie
gesagt, erbärmlich war ihm. Nun war noch dazu dieser Zeusel, sein künftiger
Mieterr, der Hofapoteker, sozusagen ein Narr, ebenso leicht wie seine Berline
oder wie der Hoffurier, mit dem er kam, aber 53 Jahre älter als der Wagen,
nämlich 54 Jahr alt, und im ganzen ein menschliches Diminutiv und Essigälchen an
Leib und Seele, überall spitz geschaffen an Kinn, Nase, Witz, Kopf, Lippen und
Achsel. Dieser feine Essigaal - denn der Aal verfocht, er kenne eine gewisse
Feinheit, die nie die Sache eines Roturier wäre, und er leugne nicht, dass sich
seine Urahnen nicht Zeusels, sondern von Swobodas geschrieben - reisete mit dem
Hoffurier, der in Kussewitz das Quartiermeistertum für die fürstliche Braut
versah, dahin ab, um so lange da zu sein, als er da unnötig war. Zeusel wollte
durchaus auf den flachsenfingischen Hof mit etwas anderem Einfluss haben als mit
seiner Klistier-Wasserkunst und durch anderes auf den Hofstaat wirken als durch
Senesblätter; daher kaufte er alle geheime Nachrichten (er besserte sie sogleich
in öffentliche um), die er über neue Lufterscheinungen der Hofluft einzog, teuer
auf, und dann, wenn einige Leute von den Tronstaffeln herabpurzelten, lächelte
er fein genug und bemerkte, er hoffe, diese hätten ihn für ihren Freund genommen
und sein Bein nicht gesehen, das er ihnen aus seiner Apoteke heraus heimlich
untergeschlagen. Er war trotz einiger Herzensgüte ein Lügner von Haus aus, nicht
weil er boshaft, sondern weil er fein sein wollte; und dämpfte seinen gesunden
Verstand, um witzig zu perlen. -
    Gegen Viktor, als künftigen Hofmann und Gönner, wusst' er doch nicht den
aufrechten Hof-Anstand anzunehmen, der sich und andere zugleich ehret; aber
gegen die Pfarrleute beobachtete er die ordentliche Hof-Verachtung hinlänglich
und zeigte ihnen genugsam, wie wenig er, ohne Absichten auf den Sohn des Lords,
nur über ihre Gartenmauer oder Fensterbrüstung geschauet hätte, geschweige
gekommen wäre. Viktor hasste an seinem Nächsten nie etwas anders als den Hass der
andern Nächsten; und seine Achtung aller Stände, seine Verachtung aller Standes
-Narren, sein Groll gegen Zeremonien und seine humoristische Zuneigung zu den
kleinen Bühnen des Lebens machten den grössten Kontrast mit dem pharmazeutischen
Aufgusstierchen und mit dessen Ekel vor Menschen und mit dessen Bücken vor
Grossen.
    Viktor gab seinem Hausherrn dreissig Grüsse an den Italiener Tostato in
Kussewitz mit, der mit ihm von Göttingen aus 1 1/2 Tag gereiset und gelacht und
getanzt hatte. - Der wegfahrende Apoteker liess in Viktor einen verdriesslichen
sauern Bodensatz zurück; sogar über den Blasbalgtreter, der jeden Sonntag den
Kaffee hinauftrug, konnt' er nicht wie sonst lachen. Ich will sagen, warum er
sonst lachte.
    Der Kutscher war dann rasiert, und zwar aus der ersten Hand, von seiner
eignen. Nun hatte das Kinn dieses trägen Bock-Insassen mehr Maulwurfhügel - so
nenn' ich zierlich die Warzen - vorgestossen, als nötig sind zum Rasieren und
Mähen. Inzwischen hobelte der alte Mann an den Sonntag-Morgen - denn da ziehen
die gemeinen Leute zugleich den alten Adam und das alte Hemd aus und lassen
Sünden und Bart bloss die Werkeltage wachsen - mit seinem Messer kühn zwischen
dem Warzen-Chagrin auf und nieder und schnitt ab. Nun würde der Mensch
erbärmlich mit seinem zerpflügten Gesichtvorgrund ausgesehen haben - so dass man
hätte Blut weinen müssen über dasjenige, so über das Kinn dieses steinernen
Flussgottes in roten Linien ging -, wenn der Prosektor wie ein Römer seine Wunden
aus Dummheit vorgezeigt hätte; aber er zeigte nichts; er zausete, verständiger,
Tabakschwamm in kleine Kappen aus und setzte die Mützen den wunden Warzen auf
und stellte sich so dar.
    »Ein Spener, ein Kato der Jüngere«, sagte Viktor, »komm' einmal in meine
Stube und lache nicht, wenn ein Balgtreter nachkommt mit Kaffeetassen und mit
sechzehn skalpierten Warzen und mit einem in Schwamm gebundnen Kinn, das
aussieht wie ein Gartenfelsen mit schön verteiltem Moos bewachsen - ein Spener
lache nicht, sage ich, wenn er kann.«
    Er konnt' es heute selber. Müde des Tags ging er hinaus in den friedlichen
Abend und legte sich mit dem Rücken über die Gipfel eines steilen Bergs herüber;
und als die Sonne, in ein Goldgewölke aufgelöset, über den quellenden
Blumenfirnis zitternd zerfloss und an dem Gräsermeere der Berge herunterschwamm -
und als er näher am warmen schlagenden Herzen der Natur anlag, auf die weiche
Erde wie ein ruhender Toter hingesenkt, die Wolken mit Seufzern in sich
herunterziehend, von weit herkommenden Winden überflossen, von Bienen und
Lerchen eingewiegt: so kam die Erinnerung, dieser Nachsommer der Menschenfreude,
in seine Seele und eine Träne in sein Auge und Sehnsucht in die Brust, und er
wünschte, dass ihn Emanuel nicht verschmähen möge. - Plötzlich näherten sich
kleine Tritte seinen liegenden Ohren: er fuhr auf, erschrak und erschreckte. Ein
schwerer Reisewagen taumelte matt herauf; hinten in den Lakaienriemen hatten
statt der Bedienten drei bleiche Infanteristen die Hände gesteckt, die zusammen
nur ein einziges Bein besassen, das von Fleisch war, indem sie auf fünf hölzernen
Stelzfùssen oder Schuster-Abzeichen fussten, die sie nebst noch etwas Längerem von
Holz, nämlich drei gut gearbeiteten Bettelstäben, dem Feinde abgenommen hatten -
ein Kutscher ging neben dem Wagen und eine Kammerfrau, und nahe am
aufgesprungnen Viktor stand - - Klotilde.
    Sie kam aus Maiental. Ihm verfinsterte diese plötzliche Überstrahlung alle
in seiner Seele aufgehangenen Gesetztafeln, und er konnte die Tafeln nicht
gleich lesen. Sie schauete ihn mit sanftern Strahlen an als sonst, und die Sonne
lieh einige dazu. Mit einem Lächeln, als erriete sie seine ersten Fragen, gab
sie ihm einen - Brief von Emanuel. Ein zusammenfahrendes Ach! war seine Antwort;
und eh' er sich in zwei Entzückungen schicken konnte: war der Wagen schon oben
und sie darin und alles davon.
    Er zögerte zitternd, in den stillen blauen Paradiesfluss der schönsten Seele,
die sich je ergoss, versunken zu schauen. Endlich blickte er die Züge einer
geliebten Menschenhand, die er noch nicht berührt hatte, an und las:
                                    »Horion!
Auf einen Berg steigt der Mensch wie das Kind auf einen Stuhl, um näher am
Angesicht der unendlichen Mutter zu stehen und sie zu erlangen mit seiner
kleinen Umarmung. Um meine Höhe liegt die Erde unter dem weichen Nebel mit allen
ihren Blumenaugen schlafend - aber der Himmel richtet sich schon mit der Sonne
unter dem Augenlide auf - unter dem erblassten Arkturus glimmen Nebel an, und aus
Farben ringen sich Farben los - der Erdball wälzt sich gross und trunken voll
Blüten und Tieren in den glühenden Schoss des Morgens. - -
    Sobald die Sonne kommt, so schau' ich in sie hinein, und mein Herz hebt sich
empor und schwört dir, dass es dich liebt, Horion! ... Durchglühe, Aurora, das
Menschenherz wie dein Gewölk, erhelle das Menschenauge wie deinen Tau und zieh
in die dunkle Brust, wie in deinen Himmel, eine Sonne herauf! ...
    Ich habe dir jetzo geschworen - ich gebe dir meine ganze Seele und mein
kleines Leben, und die Sonne ist das Siegel auf dem Bunde zwischen mir und dir.
    Ich kenne dich, Geliebter; aber weisst du, wessen Hand du in deine genommen?
Sieh, diese Hand hat in Asien acht edle Augen zugeschlossen - mich überlebte
kein Freund - in Europa verhüll' ich mich - meine trübe Geschichte liegt neben
der Asche meiner Eltern im Gangesstrom, und am 24sten Junius des künftigen
Jahres geh' ich aus der Welt... O Ewiger, ich gehe - am längsten Tage zieht der
glückliche Geist geflügelt aus diesem Sonnentempel, und die grüne Erde geht
auseinander und schlägt über meine fallende Puppe mit ihren Blumen zusammen und
deckt das vergangne Herz mit Rosen zu...
    Wehe grössere Wellen auf mich zu, Morgenluft! Ziehe mich in deine weiten
Fluten, die über unsern Auen und Wäldern stehen, und führe mich im Blütengowölk'
über funkelnde Gärten und über glimmende Ströme und lass mich, zwischen
fliegenden Blüten und Schmetterlingen taumelnd, unter der Sonne mit
ausgebreiteten Armen zerfliessend, leise über der Erde schwebend sterben, und die
Blutülle falle, zerronnen zu einer roten Morgenflocke, gleich dem Ichor des
Schmetterlings20, der sich befreit, in die Blumen herab, und den blauhellen
Geist sauge ein heisser Sonnenstrahl aus dem Rosenkelch des Herzens in die zweite
Welt hinauf. - - Ach ihr Geliebten, ihr Abgeschiednen, seid ihrs, zieht ihr denn
jetzt als dunkle Wellen21 im bebenden Blau des Himmels dahin, wogen in jener
Tiefe voll überhüllter Welten jetzt eure Äterhüllen um die verdeckten Sonnen?
Ach kommt wieder, wogt wieder, in einem Jahr rinn' ich aufgelöst in euer Herz!
    - Und du, mein Freund, suche mich bald! Dich kann auf der Erde keiner so
lieben wie ein Mensch, der bald sterben muss. Du gutes Herz, das mir diese milden
Tage noch zum Abschied in die Hände drücken, unaussprechlich will ich dich
lieben und wärmen - in diesem Jahr, wo ich noch nicht weggehoben werde, will ich
bloss bei dir bleiben, und wenn der Tod kommt und mein Herz fodert, findet er es
bloss an deiner Brust.
    Ich kenne meinen Freund, sein Leben und seine Zukunft. In deinen kommenden
Jahren stehen dunkle Marterkammern offen, und wenn ich sterbe und du bei mir
bist, werd' ich seufzen: warum kann ich ihn nicht mitnehmen, eh' er seine Tränen
vergiesset!
    Ach Horion! im Menschen steht ein schwarzes Totenmeer, aus dem sich erst,
wenn es zittert, die glückliche Insel der zweiten Welt mit ihrem Nebeln vorhebt!
Aber meine Lippen werden schon unter dem Erdenkloss liegen, wenn die kalte Stunde
zu dir kommt, wo du keinen Gott mehr sehen wirst, wo auf seinem Tron der Tod
liegt und um sich mäht und bis ans Nichts seine Frostschatten und seine
Sensen-Blitze wirft. - O Geliebter, mein Hügel wird dann schon stehen, wenn
deine innere Mitternacht anbricht; mit Jammer wirst du auf ihn steigen und
ergrimmt in die sanften Sternenkränze blicken und rufen22: Wo ist der, dessen
Herz unter mir entzweigeht? Wo ist die Ewigkeit, die Maske der Zeit? Wo ist der
Unendliche? Das verhüllte Ich greift nach sich selber umher und stösset an seine
kalte Gestalt.... Schimmere mich nicht an, weites Sternengefild, du bist nur das
aus Farbenerden zusammengeworfene Gemälde an einem unendlichen Gottesackertore,
das vor der Wüste des unter dem Raume begrabnen Lebens steht.... Höhnet mich
nicht aus, Gestalten auf höhern Sternen, denn zerrinnt ich, zerrinnt ihr auch.
Ein, ein Ding, das der Mensch nicht nennen kann, glüht ewig im unermesslichen
Rauche, und ein Mittelpunkt ohne Mass verkalkt einen Umkreis ohne Mass. - Doch bin
ich noch; der Vesuv des Todes dampft noch über mich hinüber, und seine Asche
hüllt mich zu - seine fliegenden Felsen durchbohren Sonnen, seine Lavagüsse
bewegen zerlassene Welten, und in seinem Krater liegt die Vorwelt ausgestreckt,
und lauter Gräber treibt er auf... O Hoffnung, wo bleibst du?...
    Walle trunken um mich, beseelter Goldstaub, mit deinen dünnen Flügeln, ich
zerdrücke dein kurzes Blumenleben nicht - schwelle herauf, taumelnder Zephyr,
und spüle mich in deine Blütenkelche hinab - o du unermesslicher Strahlenguss,
falle aus der Sonne Über die enge Erde und führ' auf deinen Glanzfluten das
schwere Herz vor den höchsten Tron, damit das ewige unendliche Herz die
kleinen, an Asche grenzenden nehme und heile und wärme!
    Ist denn ein armer Sohn dieser Erde so unglücklich, dass er verzagen kann
mitten im Glanze des Morgens, so nahe an Gott auf den heissen Stufen seines
Trons?
    Fliehe mich nicht, mein Teurer, weil mich immer ein Schatten umzingelt, der
sich täglich verdunkelt, bis er endlich als eine kleine Nacht mich einbauet. Ich
sehe den Himmel und dich durch den Schatten; in der Mitternacht lächle ich, und
im Nachtwind geht mein Atem voll und warm. Denn, o Mensch, meine Seele hat sich
aufgerichtet gegen die Sterne: der Mensch ist ein Engbrüstiger, der erstickt,
wenn er liegt und seinen Busen nicht aufhebt. - Aber darfst du die Erde, diesen
Vorhimmel, verachten, den der Ewige gewürdigt, unter dem lichten Heer seiner
Welten mitzugehen? Das Grosse, das Göttliche, das du in deiner Seele hast und in
der fremden liebst, such auf keinem Sonnenkrater, auf keinem Planetenboden - die
ganze zweite Welt, das ganze Elysium, Gott selbst erscheinen dir an keinem
andern Ort als mitten in dir. Sei so gross, die Erde zu verschmähen, werde
grösser, um sie zu achten. Dem Mund, der an sie gebückt ist, scheint sie eine
fette Blumen-Ebene - dem Menschen in der Erdnähe ein dunkler Weltkörper - dem
Menschen in der Erdferne ein schimmernder Mond. Dann erst fliesset das Heilige,
das von unbekannten Höhen in den Menschen gesenkt ist, aus deiner Seele,
vermischt sich mit dem irdischen Leben und erquickt alles, was dich umgibt: so
muss das Wasser aus dem Himmel und seinem Gewölk erst unter die Erde rinnen und
aus ihr wieder aufquellen, eh' es zum frischen hellen Trunk geläutert ist. - Die
ganze Erde bebt jetzo vor Wonne, dass alles ertönt und singt und ruft, wie
Glocken unter dem Erdbeben von selber erklingen. - Und die Seele des Menschen
wird immer grösser gemacht vom nahen Unsichtbaren - -
    Ich liebe dich sehr! -
                                                                       Emanuel.«
Horion las durch schwimmende Augen: »Ach,« wünscht' er, »wär' ich schon heute
mit meinem unordentlichen Herzen bei dir, du Verklärter!« und jetzt fiel ihm
erst die Nähe des Johannistages ein, und er nahm sich vor, ihn da zu sehen. Die
Sonne war schon verschwunden, die Abendröte sank wie eine reife Äpfelblüte
hinab, er fühlte nicht die heissen Tropfen auf seinem Angesicht und den Eistau
der Dämmerung an seinen Händen und irrte mit einer von Träumen erleuchteten
Brust, mit einem beruhigten, mit der Erde ausgesöhnten Herzen zurück. - -
    - Beiläufig! ists denn nötig, dass ich eine Schutzschrift ausarbeite für
Emanuel als Stilisten und als Styliten(im höhern Sinne)? Und wenn sie nötig ist,
brauch' ich darin etwas anders beizubringen als dieses - dass seine Seele noch
das Echo seiner indischen Palmen und des Gangesstromes ist - dass der Gang der
bessern entfesselten Menschen, so wie im Traume, immer ein Flug ist dass er sein
Leben nicht wie Europäer mit fremdem Tierblut düngt oder in gestorbnem Fleisch
auswärmt, und dass dieses Fasten im Essen (ganz anders als das Überladen im
Trinken) die Flügel der Phantasie leichter und breiter macht - dass wenige Ideen
in ihm, da er ihnen allen geistigen Nahrungsaft einseitig zuleitet (welches
nicht nur Wahnsinnige, sondern auch ausserordentliche Menschen von ordentlichen
abtrennt), ein unverhältnismässiges Gewicht bekommen müssen, weil die Früchte
eines Baums desto dicker und süsser werden, wenn man die andern abgebrochen - und
dergleichen mehr? - Denn, aufrichtig zu sprechen, die Leser, die eine
Schutzschrift begehren, bedürfen selber eine, und Emanuel ist etwas Besseres
wert als einer - peinlichen Defension -
    Jetzo sprang dem Helden der Trost wie eine Quelle auf, dass er am Donnerstag
seine Seelenwanderung durch die Natur, seine Reise, anhebe: »Beim Henker!« sagt'
er aufhüpfend, »was hat ein Christ da nötig, dass er Notmünzen schlägt und
Trauermäntel umtut, wenn er am Donnerstage nach Kussewitz zur Übergabe der
italienischen Prinzessin reisen kann - und am Sonnabend nach der Insel der
Vereinigung und noch am nämlichen Tage, welches ein Tag vor Johannis ist, nach
Maiental zu seinem Teuern, zu seinem Engel?« -
    O Himmel, ich wollt', er und ich wären schon über die Reise her - wahrhaftig
sie kann, wenn mich nicht alle Hoffnungen belügen, vielleicht ganz erträglich
werden! -
    - Unter der Wochenbetstunde des Mittwochs rollten zwei Wägen vor; aus dem
vollen traten der Lord und der Fürst, aus dem leeren nichts. Die alte Appel
hatte sich prächtig angekleidet und in die Speisekammer eingesperrt. Der Kaplan
war glücklicher, er dozierte im Tempel. Man macht selten ein gescheites Gesicht,
wenn man vorgestellt wird - oder ein dummes, wenn man vorstellt. Der Lord führte
dem Fürsten seinen Sohn als ein Unterpfand seiner künftigen Treue in die Hände
und ans Herz, aber mit einer Würde, die ebensoviel Ehrfurcht erwarb, als sie
erwies. Mein guter Held betrug sich wie ein - Narr; er hatte weit mehr Witz, als
unsre Achtung gegen Höhere oder die ihrige gegen uns verstattet; ein Talent, das
ausser dem Hof-Lehndienste sich äussert, kann als Hochverrat betrachtet werden.
    Sein Witz war bloss eine versteckte Verlegenheit, worin ihn zwei Gesichter
und eine dritte Ursache setzten. Erstlich das fürstliche...
    - Wenn sich die Lesewelt beschwert, dass so allmählich, wie sie sehe, ein
neuer Name und Akteur nach dem andern in diesen Venusstern hereinschleiche und
ihn so voll mache, bis aus dem historischen Bildersaal ein ordentlicher
Vokabelsaal werde, in welchem sie mit einem Adresskalender in der Hand
herumwandeln müsse: so hat sie wahrhaftig nur zu sehr recht, und ich habe mich
selber schon am meisten darüber beschwert; denn mir bleibt am Ende doch die
grösste Last auf dem Halse, weil jeder neue Tropf ein neues herausgezogenes
Orgelregister ist, das ich mit spielen muss und das mir das Niederdrücken der
Tasten sauerer macht; aber der Korrespondent schickt mir im Kürbis, ohne
anzufragen, alle diese Einquartierung zu, und der Schnakenmacher schreibt gar,
ich sollt' es nur der Welt sagen, es komme noch mehr Volk. -
    Das fürstliche Gesicht setzte den Helden in Verlegenheit, nicht weil es
imponierte, sondern weil es dieses bleiben liess. Es war ein Wochentags- und
Kurrentgesicht, das auf Münzen, aber nicht auf Preismedaillen gehörte - mit
Arabesken-Zügen, die weder Gutes noch Böses bedeuten - von wenigem Hof-Mattgold
überflogen - eingeölet mit einem sanften , das die stärksten Wellen erdrücken
konnte - eine Art süsser Wein, mehr den Weibern als Männern trinkbar. Von den
feinsten Wendungen, die Viktor zu erwidern gesonnen war, stand nichts zu hören
und zu sehen; aber von passenden leichten desto mehr. Viktor wurde durch den
Kampf und Wechsel zwischen Höflichkeit und Wahrheit verlegen. Die geselligen
Verlegenheiten entstehen nicht aus der Ungewissheit und Unwegsamkeit des Steigs,
sondern auf den Kreuzwegen der Wahl und zwischen den zwei Heubündeln des
scholastischen Esels. Viktor, dessen Höflichkeit immer aus Menschenliebe
entsprang, musste die heutige aus Eigennutz entspringen lassen; aber dieses
wollt' ihm eben nicht ein. Ausser dem Vater-Gesicht, vor dem schon bei den
meisten Kindern das ganze Räderwerk eines freien Betragens knarrt und stockt,
macht' ihn drittens das verlegen und witzig, dass er etwas haben wollte. Ich
kanns einem jeden - einen Hofmann ausgenommen, dessen Leben wie das eines
Christen ein beständiges Gebet um etwas ist - ansehen, wenn er zur Tür
hereinkommt, ob er als Almosensammler und Werkheiliger oder als blosser
Freudenklubist einspricht.
    Noch ehe die Leute aus der Kirche gingen, fassete Viktor schon herzliche
Liebe zum Fürsten - die Ursache war, er wollt' ihn lieben, und stände der Teufel
selber da. Er sagte oft: gebt mir zwei Tage oder eine Nacht, so will ich mich
verlieben, in wen ihr vorschlagt. Er fand mit Vergnügen auf Jenners Gesicht
keinen Sekunden-, keinen Monatzeiger der Schäferstunden, mit denen ein guter
Cäsar sonst gern die langweiligen Ehejahre wie mit Flitterwochen zu
durchschiessen sucht: sondern in seinem Gesichte war nichts als Entaltsamkeit
aufgeschlagen, und Viktor pflichtete lieber dem Gesichte als dem Rufe bei. Er
schiesst fehl; denn auf das männliche Gesicht - ob es gleich, wie gewisse
Gemälde aus Schreib-Lettern, ebenso aus lauter Buchstaben der Physiognomik
gemacht ist - hat doch die Natur die Lesemütter und Malzeichen der Wollust sehr
klein geschrieben, auf das weibliche aber grösser; welches ein wahres Glück für
das erste und stärkere und - unkeuschere Geschlecht ist. Überhaupt ist
Ehebrechen für Jenner-Fürsten nichts als eine gelindere Art von Regieren und
Kriegen. Und doch stellen rechtschaffene Regenten die Weiber, sobald sie solche
erobert haben, stets dem vorigen Eheherrn mit Vergnügen wieder zu. Es ist aber
dies dieselbe Grösse, womit die Römer den grössten Königen ihre Reiche wegnahmen,
um sie nachher damit wieder zu beschenken.
    Da Fürsten nicht wie die Juristen böse Christen, sondern lieber keine sind:
so nahm Jenner unsern Viktor durch verschiedene Funken von Religion und durch
einigen Hass gegen die gallischen Enzyklopädisten ein; wiewohl er einsah, dass für
einen Fürsten die Religion zwar ihr Gutes, aber auch ihr Schlimmes habe, da nur
ein gekrönter Ateist, aber kein Teist das unschätzbare privilegium de non
appellando besitzt, das darin besteht, dass die beschwerte Partei nicht (per
saltus oder durch einen salto mortale) an die höchste Instanz ausserhalb der Erde
appellieren darf.
    Das Gespräch war gleichgültig und leer wie jedes in solchen Lagen. Überhaupt
verdienen die Menschen für ihre Gespräche stumm zu sein; ihre Gedanken sind
allezeit besser als ihre Gespräche, und es ist schade, dass man an gute Köpfe
keinen Barometrographen oder kein Setzklavier anbringen kann, das aussen alles
nachschreibt, was innen gedacht wird. Ich wollte wetten, jeder grosse Kopf geht
mit einer ganzen Bibliotek ungedruckter Gedanken in die Erde, und bloss einige
wenige Bücherbretter voll gedruckter lässet er in die Welt auslaufen.
    Viktor stellte an den Fürsten die gewöhnlichen medizinischen Fragstücke,
nicht bloss als Leibarzt, sondern auch als Mensch, um ihn zu lieben. Obgleich
Leute aus der grossen und grössten Welt, wie der Unter-Mensch, der Urangutang, im
25sten Jahre ausgelebt und ausgestorben haben - vielleicht sind deswegen die
Könige in manchen Ländern schon im 14ten Jahre mündig -, so hatte doch Jenner
sein Leben nicht so weit zurückdatiert und war wirklich älter als mancher
Jüngling. - Am meisten bemächtigte sich der Fürst des guten warmen Herzens
Sebastians durch das schlichte Betragen ohne Ansprüche, das weder der Eitelkeit
noch dem Stolze diente, und dessen Aufrichtigkeit sich durch nichts von der
gewöhnlichen unterschied als durch Feinheit. Viktor hatte schon Vasallen neben
dem Munde ihres Lehnherrns so stehen sehen, dass der letzte aussah wie ein
Haifisch, der quer einen Menschen im Rachen trägt; aber Jenner glich einem
Petermännchen23, das darin einen hübschen Stater vorweist.
    Dem Hofkaplan wars, da er kam, in seinem Erstaunen über einen gekrönten Gast
unmöglich, Lippe oder Fuss zu rühren; er verblieb unbeweglich in der weiten
Wasserhose des Priesterrocks, der um ihn wie um Marzipan ein Regalbogen
geschlagen war. Das einzige, was er sich erlaubte und erfrechte, war - nicht,
die Bibel (den Mauskloben) wegzulegen, sondern - die Augen heimlich in der Stube
herumzutreiben, um herauszubringen, ob sie gehörig geheftet, foliiert und
überschrieben sei von den Stuben-Registratorinnen.
    Der Fürst reisete sogleich mit dem Lord weiter, der seinen Abschied vom
Sohne und seine Abschiedpredigten bis auf den einsamen Tag auf der Insel der
Vereinigung versparen musste. Der Sohn bekam zur Nachbarschaft des Fürsten Lust,
wenn er dessen Betragen gegen seinen Vater überdachte; er hatte die doppelte
Freude des Kindes und des Menschen, da sein Vater das eigne Glück in das Glück
des armen Landes verwandelte und bloss, um Gutes zu tun, in dem Tronfelsen sich
Fussstapfen austrat, wie man in Italien die Fusstritte der Engel, die erschienen
und beglückten, in den Felsen zeigt. Andre Günstlinge gleichen dem Henker, der
sich im Sande Fussstapfen aushöhlt, um fester zu stehen, wenn er - köpft.
    In der ausgeleerten Stube wurde unter Eymanns Gliedern - er stand noch im
Priesterrock-Schilderhaus - der Zeigefinger zuerst wach, der sich ausstreckte
und dem Familienzirkel das Bette wies »Es wäre mit lieber und dienlicher,« sagte
er, »hätte man mich mit diesem Lumpen totstranguliert, als dass ihn der
Serenissimus ausspioniert.« Er meinte aber seine eigne beschmutzte Halsbinde,
die er selber in das Ehebette - die Kunstkammer und den Packhof seiner Wäsche -
geworfen hatte. Wenn man ihm einen Qual-Einfall widersprach, so bewies er ihn so
lange, bis er ihn selber glaubte; räumte man ihn aber ein, so sann er sich
einige Skrupel aus und nahm eine andere Meinung an: »Durch die Vorhänge muss
Seine Durchlaucht unfehlbar den Fetzen gesehen haben«, versetzte er. Endlich
bereisete er alle Plätze, wo Jenner gestanden hatte, und visierte nach der
Lumpenbinde und untersuchte ihre Parallaxe. »Ans Blenden der Fenster müssen wir
uns halten, wenn wir ruhig bleiben wollen«, beschloss er und - - ich.
Nachschrift. Ich werde allemal nach einem achten Kapitel - weil ich gerade zwei
Hundtage in einer Woche fertig bringe - bemerken, dass ich wieder einen Monat
lang gearbeitet habe. Ich berichte daher, dass morgen der Junius angeht.
 
                                Erster Schalttag
   Müssen Traktaten gehalten werden, oder ist es genug, dass man sie macht? -
Das letzte. - Heute übt der Berghauptmann zum erstenmal auf des Lesers Grund und
Boden das Recht (Servitus oneris ferendi, oder auch Servitus projiciendi) aus,
das er nach dem Vertrag vom 4ten Mai wirklich besitzt. Die Hauptfrage ist jetzt,
ob ein Hund-Vertrag zwischen zwei so grossen Mächten - indem der Leser alle
Weltteile hat, und ich wieder den Leser - nach dem Schliessen noch zu halten ist.
    Friedrich, der Antimachiavellist, antwortet uns und stützt sich auf den
Machiavell: allerdings muss jeder von uns sein Wort so lange halten, als er -
Nutzen davon hat. Dieses ist so wahr, dass solche Traktaten sogar nicht gebrochen
würden, wenn sie nicht einmal - geschlossen wären; und die Schweizer, die noch
1715 einen mit Frankreich beschworen, hätten ebensogut in allen Kantons die
Finger aufheben und beeidigen können, dass sie alle Tage ordentlich - ihr Wasser
lassen wollten.
    Sobald aber der Nutzen von Verträgen aufhört, so ist ein Regent befugt,
deren zweierlei zu brechen - die mit andern Regenten, die mit seinen eignen
Landes-
    
    Als ich noch im Kabinett arbeitete (schon um 6 Uhr mit dem Flederwisch, die
Sessiontische abzustäuben, nicht mit der Feder), hatt' ich ein gescheites
fliegendes Blatt unter der letzten, worin ich die Traktaten-Ouvertüre: au nom de
la Sainte Trinité, oder in nomine sanctissimae et individuae Trinitatis, für die
Chiffre ausgeben wollte, welche die Gesandten zuweilen über ihre Berichte zum
Zeichen setzen, dass man das Gegenteil zu verstehen habe - es wurd' aber nichts
aus dem fliegenden Blatt als ein Manuskript. In diesem war ich einfältig genug
und wollte den Fürsten erst raten, von Not-Lügen und Not-Wahrheiten der
Traktaten müssten sie in jeder Breite und Stunde deklinieren und inklinieren; ich
wollte die Staatskanzleien in einen Winkel zu mir heranpfeifen und ihnen in die
Ohren sagen: ich würd' es, und hätt' ich nur neun Regimenter in Sold und Hunger,
nie leiden, dass man mir mit dem Wachs und Siegellack der Verträge Hände und Füsse
zusammenpichte und mit der Dinte die Flügel verklebte; das wollt' ich in die
Staatspraxis erst einführen - aber die Staatskanzleien lachten mich von weitem
in meinem närrischen Winkel aus und sagten: der Pfeifer muss glauben, wir machens
anders.
    In den Werken des Herrn Herkommen - des besten deutschen Publizisten, der
aber keine acta sanctorum schreibt - wird es erwiesen, dass ein Landesfürst die
Verträge, Privilegien und Bewilligungen zwischen seinem Vorfahrer und den
Untertanen gar nicht so zu beachten brauche; - daraus folgt, dass er noch weit
weniger seine eignen Verträge mit ihnen zu halten vonnöten habe, da ihm die
Nutzniessung dieser Verträge, die in nichts als im Halten oder Brechen besteht,
offenklar als Eigentümer gebührt. Herr Herkommen sagt das nämliche auf allen
Blättern und schwört gar dazu. - Ja kann es einen Dekan oder Rektor Magnifikus
geben, der so wenig Vernunft annimmt, dass ihm - da doch nach einer allgemeinen
Annahme ein König nicht stirbt und mitin Vor- und Nachfahrer zu einem Mann
ineinanderverwachsen - nicht der Schluss daraus beizubringen ist, dass der
Nachfahrer seine eigne Verträge für die seines Vorfahrers halten und mitin, da
beide nur ein Mann sind, ebensogut wie geerbte brechen könne?
    Wer philosophisch darüber reden wollte, der könnte dartun, dass überhaupt gar
kein Mensch sein Wort zu halten brauche, nicht bloss kein Fürst. Nach der
Physiologie rückt der alte Körper eines Königs (eines Lesers, eines
Berghauptmanns) in drei Jahren einem neuen zu; - Hume treibts mit der Seele noch
weiter, weil er sie für einen dahinrinnenden (nicht gefrornen) Fluss von
Erscheinungen hält. So sehr also der König (Leser, Autor) im Augenblick des
Versprechens an dessen Haltung gefesselt ist: so unmöglich kann er noch daran
gebunden sein im nächsten Augenblick darauf, wo er schon sein eigner Nachfahrer
und Erbe geworden, so dass in der Tat von uns beiden am 4ten Mai hier
kontrahierenden Wesen am heutigen Mai nichts mehr da ist als unsre blossen
Postumi und Nachfahrer, nämlich wir. Da nun glücklicherweise niemals in einen
und denselben Augenblick zugleich Versprechen und Halten hineingehen: so kann
die angenehme Folge für uns alle daraus fliessen, dass überhaupt gar keiner sein
Wort zu halten verbunden sei, er mag Kuppel oder Sägespan eines Trones sein.
Auch die Hofleute (die Tron-Eckenbeschläge) setzen sich diesem Satze nicht
darwider.
    Das Publikum wird gebeten, die Vorrede für den zweiten Schalttag zu halten,
damit schönes Ebenmass da ist.
 
                                 9. Hundposttag
     Himmels-Morgen, Himmels-Nachmittag - Haus ohne Mauer, Bette ohne Haus
Ach der arme Bergmann, der Minierer im Steinsalz und der Insel-Neger haben in
ihrem Kalender keinen solchen Tag, als hier beschrieben oder wiederholet wird!
Sebastian stand Donnerstags schon um 3 Uhr auf dem Flugbrett seines
Bienenstocks, um in Grosskussewitz in einem Tage anzulanden und wegzusein, eh'
man auf war. Ein Leser, der einen Atlas unten auf dem Fussboden hat, kann
unmöglich diesen Marktflecken, wo die Übergabe der Fürstenbraut vorgeht, mit
einem Namenvetter von Dorf verwirren, den die Stadt Rostock zu ihrem
unbeweglichen Vermögen geschlagen. Das ganze Haus hatte ihn leider so lieb, dass
es schon eine halbe Stunde früher aus den Morgenfedern, woraus die grössten
Flügel der Träume gemacht werden, heraus war. Unter dem Getöse der Wagenketten,
der Hunde und Hähne trennte er sein sanftes Herz von lauter liebenden Augen, und
indem ihn das Klopfen des einen und das Erweichen der andern verdross, wurde
alles noch ärger; denn der äussere Lärm stillt den innern der Seele.
    Draussen schwammen alle Grasebnen und Samenfelder im Tropfbad des Taus und im
kalten Lufttal des Morgenwinds. Er wurde darin wie heisses Eisen gehärtet; ein
Morgenland voll unübersehlicher Hoffnungen umzog ihn, er entkleidete seine
Brust, warf sich brennend ins tropfende Gras, wusch sich (aber aus höhern
Absichten als Mädchen) das feste Gesicht mit flüssigem Juniusschnee und trat,
mit straffen Fibern bespannt, aus dem Tropfbad in den Anzug zurück - bloss Haar
und Brust steckt' er in kein Gefängnis.
    Er wäre gewiss eher abgegangen; aber er wollte dem Monde ausweichen, den er
so wenig mit der Sonne gatten konnte als die Kinder von beiden, nämlich
Nachtgedanken mit Morgengedanken. Denn wenn die Morgenwolken um den Menschen
tauen, wenn die liebenden Vögel schreiend durch den Glanznebel schiessen, wenn
die Sonne aus der Wolkenglut vorschwillt: so drückt der erfrischte Mensch seinen
Fuss tiefer in seine Erde ein und wächset mit neuem Lebens-Efeu fester an seinen
Planeten an.
    Langsam watete er durch einen niedrigen Haselstauden-Gang und streifte
ungern ihre erkälteten Käfer ab; er hielt an sich und stand endlich, um sich zu
verspäten, damit er nicht im nahen Wäldchen wäre, wenn gerade die Sonne ihr
Teater betrat. Er hörte schon den musikalischen Wirrwarr im Wäldchen -
Rosenwolken waren als Blumen in die Sonnenhahn gebreitet - die Warte des
Pfarrdorfs, dieser Hochaltar, worauf sein erster schöner Abend gebrannt,
entflammte sich - die singende Welt der Luft hing jauchzend in den Morgenfarben
und im Himmelblau - Funken von Wolken hüpften vom Goldbarren am Horizont empor
endlich wehten die Flammen der Sonne über die Erde herein....
    Wahrlich, wenn ich an jedem Abende den Sonnenaufgang malte und an jedem
Morgen ihn sähe: ich würde doch wie Kinder rufen: noch einmal, noch einmal!
    Mit betäubten Sehnerven und mit vorausschwimmenden Farbenflocken ging er
langsam in den Wald wie in einen dunkeln Dom, und sein Herz wurde gross bis zur
Andacht...
    - Ich will nicht voraussetzen, dass mein Leser ein so prosaisches Gefühl für
den Morgen habe, um dieses poetische unverträglich mit Viktors Charakter zu
finden - ja ich darf seiner Menschenkenntnis zutrauen, dass sie wenig Mühe habe,
zwischen solchen entlegnen Tonarten in Viktor, wie Humor und Empfindsamkeit
sind, den Leitton auszufinden; ich will mich also unbesorgt dem frohen Anschauen
seiner weichen Seele und dem Vertrauen auf fremden Einklang überlassen. -
    Der Venusstern und ein Wald blühen am schönsten am Morgen und Abend; auf
beide treffen dann die meisten Strahlen der Sonne. Daher war unserm Viktor im
Walde, als ging' er durch die Pforte eines neuen Lebens, da er an diesem
feurigen Morgen mit der Sonne, die neben ihm von Zweigen zu Zweigen flog, durch
das brausende Gehölze, hinweg unter vollstimmigen Ästen, die ebenso viele
bewegte Spiel-Walzen waren, über das im grünen Sonnenfeuer stehende Moos und
unter dem ins himmlische Blau getauchten Tannengrün durchwankte. - Und an diesem
Morgen erneuerte sich in seinem Herzen die schmerzhafte Ähnlichkeit von vier
Dingen - von dem Leben, von einem Tage, einem Jahre, einer Reise, die einander
gleichen im frischen Jubel-Anfang - im schwülen Mittelstück - im müden satten
Ende. -
    Draussen im Anfluge, im Hintergrund des Wäldchens, rollte vor ihm die Natur
ihr meilenlanges Altarblatt auf mit den Hügel-Ketten desselben, mit seinen
blendenden Landhäusern, die sich mit Gärten wie mit Fruchtschnüren putzten, und
mit den Miniaturfarben der Blümchen, die sich an der silbernen Schönheitlinie
der Bäche bewegten. Und eine Wolke trunkner, spielender, schwirrender Kleinwesen
aus Seidenstaub zog und hing über das wallende Gemälde her. - Welchen Weg sollte
Viktor im Labyrint der Schönheit nehmen? - Alle 64 Strahlen des Kompasses
streckten sich als wegweisende Arme aus, und er hatte soviel Verstand, dass er
sich keine Stunde vorsetzte, um anzukommen - er wich daher überall rechts und
links aus - er stieg in jedes Tal, das sich hinter einem Hügel versteckte - er
besuchte die durchbrochnen Schattenwürfe jeder Baumreihe - er legte sich zu den
Füssen einer schönern Blume nieder und erquickte sich mit reiner Liebe an ihrem
Geiste, ohne ihren Körper abzuknicken - er war der Reisegefährte des gepuderten
Schmetterlings und sah seinem Einwühlen in seine Blume zu, und der Grasmücke
folgte er durch Gebüsche in ihre Brutzelle und Kinderstube nach - er liess sich
festmachen durch den Kreis, den eine Biene um ihn zog, und liess sie ruhig in den
Schacht seines eignen Blumenstrausses einschlagen - er übte in jedem Dorfe, das
ihm der bunte Grund vorhielt, die Durchganggerechtigkeit und begegnete am
liebsten den Kindern, deren Tage noch so spielten wie seine Stunden - -
    Aber Menschen vermied er....
    Und doch sprang aus seinem Herzen eine hohe Quelle der Liebe, die bis zum
entferntesten Bruder drang; und doch war er so sehr ohne Ichsucht, so ohne jene
empfindsame Intoleranz, die den Grad und die Quelle mit der herrnhutischen
gemein hat. - - Der Grund aber war der: der erste Tag einer Reise war ganz
anders als der zweite, dritte, achtzigste. Denn am zweiten, dritten, achtzigsten
war er prosaisch, humoristisch, gesellig, d.h. sein Herz hing sich wie
gehäkelter Same überall an und schlug die Wurzeln seines Glücks in jedem fremden
Schicksal ein. Aber am ersten Tage kamen verhüllte Geister aus alten Stunden in
seine Seele, welche verschwanden, wenn ein Dritter sprach - eine sanfte
Trunkenheit, die ihm der Dunstkreis der Natur wie der eines Weinlagers
mitteilte, legte sich wie eine magische Einsamkeit um seine Seele... Warum will
ich aber den ersten Tag schildern, eh' ich ihn schildere?
    In den ersten Stunden der Reise war er heute frisch, froh, glücklich, aber
nicht selig; er trank noch, allein er war nicht trunken. Aber wenn er so einige
Stunden mit schöpfendem Auge und saugendem Herzen gewandelt war durch
Perlenschnüre betaueter Gewebe, durch sumsende Täler, über singende Hügel, und
wenn der veilchenblaue Himmel sich friedlich an die dampfenden Höhen und an die
dunkeln, wie Gartenwände übereinander steigenden Wälder anschloss; wenn die Natur
alle Röhren des Lebenstromes öffnete, und wenn alle ihre Springbrunnen
aufstiegen und brennend ineinander spielten, von der Sonne übermalt: dann wurde
Viktor, der mit einem steigenden und trinkenden Herzen durch diese fliegenden
Ströme ging, von ihnen gehoben und erweicht; dann schwamm sein Herz bebend wie
das Sonnenbild im unendlichen Ozean, wie der schlagende Punkt des Rädertiers im
flatternden Wasserkügelchen des Bergstroms schwimmt. - -
    Dann lösete sich in eine dunkle Unermesslichkeit die Blume auf, die Aue und
der Wald; und die Farbenkörner der Natur zergingen in eine einzige weite Flut,
und über der dämmernden Flut stand der Unendliche als Sonne, und in ihr das
Menschenherz als zurückgespiegelte Sonne. - -
    Alles ward eins - alle Herzen wurden ein grösstes - ein einziges Leben schlug
- die grünenden Bilder, die wachsenden Bildsäulen, der Staubklumpe des Erdballs
und die unendliche blaue Wölbung wurden das anblickende Angesicht einer
unermesslichen Seele - -
    Er mochte immerhin die Augen zuschliessen: in seiner dunkeln Brust ruhte noch
diese blühende Unendlichkeit. - -
    Ach wenn er sich in die Wolken hätte hinaufstürzen können, um auf ihnen
durch den wehenden Himmel über die unübersehliche Erde zu ziehen! - Ach wenn er
mit dem Blütendufte hätte über die Blumen hinüberrinnen, mit dem Winde über die
Gipfel, durch die Wälder hätte strömen können! - O jetzt wär' er einem grossen
Menschen lieber an das Herz gefallen und trunken und weinend in seinen Busen
versunken, um zu stammeln: »Wie glücklich ist der Mensch!«
    Er musste weinen, ohne zu wissen worüber - er sang Worte ohne Sinn, aber ihr
Ton ging in sein Herz - er lief, er stand - er tauchte das glühende Angesicht in
die Wolke der Blütenstauden und wollte sich verlieren in die sumsende Welt
zwischen den Blättern - er drückte das zerrjetzte Angesicht ins hohe kühlende
Gras und hing sich im Taumel an die Brust der unsterblichen Mutter des
Frühlings.
    Wer ihn von weitem sah, hielt ihn für wahnsinnig; vielleicht jetzt mancher
noch, der es nie selber erfahren hat, dass durch die ausgehellte selige Brust,
wie durch den heitersten Himmel, Sturmwinde ziehen können, die in beiden in
Regen zerfliessen.
    In dieser Tagzeit seines Wiedergeburt-Tages gab sein Genius seinem Herzen
die Feuertaufe einer Liebe, die alle Menschen und alle Wesen in ihre Flammen
fassete. - Es gibt gewisse köstliche Wonne-Minuten - ach warum nicht Jahre? -,
wo eine unaussprechliche Liebe gegen alle menschliche Geschöpfe durch dein
ganzes Wesen fliesset und deine Arme sanft für jeden Bruder auftut. - Das
wenigste war, dass Viktor, dessen Herz in der Sonnenseite der Liebe war, jedem,
der ihm neben einem Berge aufstiess, gegen die steile Seite auswich - dass er vor
keinem, der angelte, vorüberging, um keinen verscheuchenden Schatten ins Wasser
zu werfen - dass er langsam durch Schafe wanderte und vor dem Kinde, das ihn
scheuete, einen Umweg nahm. - Nichts ging über die sanfte Stimme, womit er jedem
Pilgrim mehr als diesen glücklichen Morgen wünschte; nichts über den
vorausgerührten Blick, womit er in jedem Dorfe die arme Haut, deren Schwielen
und Narben und Schnittwunden einen Blutschwamm oder schmerzenlindernden Tropfen
nötig hatten, auskundschaften wollte. »Ach ich weiss es so gut als ein Famulus
bei einem Professor der Moral,« (sagt' er zu sich) »dass es keine Tugend, sondern
nur eine Wollust ist, die Dornenkrone von einer zerrjetzten Stirne, den
Stachelgürtel von wunden Nerven wegzunehmen; aber diese unschuldige Freude wird
man mir doch vergönnen, und da auf so vielen Wegen zersplitterte Menschen
liegen, warum streckt auf meinem keiner seine Hand aus, damit ich etwas
hineinlegen könnte für diesen unverdienten Himmel in meiner Brust?«
    Er wollte seine Freude einem fremden Herzen zum Kosten entgegentragen, wie
die Biene ihren Mund voll Honig in die Lippen einer andern übergibt. Endlich
keuchten zwei Kinder daher, davon eines als Zugvieh an einem Schiebekarren
angestrickt war, und das andere vornen als schiebender Fuhrmann nachgespannt.
Der Karren war mit sechs löcherichten Säcken voll Tannenzapfen befrachtet, die
das arme Gespann zu einem schwindsüchtigen Feuer zusammenfuhr. Beide
vertauschten häufig ihre Ämter, um es auszudauern; und der Fuhrmann wollte
immerfort sogleich wieder der Gaul werden. »Ihr guten Kinder! kann denn nicht
euer Vater schieben?« - »Der Baum hat ihm die zwei Beine entzweigeschlagen.« -
»So könnte doch euer grosser Bruder in den Wald?« - »Er muss dort brachen.« -
Viktor stand am Brachacker neben einem Wams mit ebensoviel Farben als Löchern
und neben einem schmutzigen Brotsack, welches beides dem Bruder angehörte, der
in der Ferne mit einem halben Postzug magerer Kühe auf der Bühne dieses
Auftritts ackerte. - - Eine volle Hand, die sich in den Schoss des Elends
ausleerte, machte Viktors schwere Seele leichter, wie das volle Auge, das sich
jener nachergoss; sein Gewissen, nicht sein Eigennutz war sein Einwender gegen
die Grösse seiner Gabe - er gab sie doch, aber in kleinen Münzsorten - die Kinder
verliessen ihre Kaufmannsgüter, und das eine lief über das Feld hinüber zum
Pfluge und das andre ins Dörfchen hinab zur Mutter. - Der Ackermann zog in der
Ferne den Hut ab - wollte laut danken, konnte sich aber nur schneuzen - ackerte
ohne Hut heran - aber als er dem Jüngling den Dank nachrief, war dieser schon
weit aus dem Gehör-Kreise hinausgeflüchtet...
    - Wünsche, lieber Leser, nicht diesen oder den kommenden Zwischenakt des
Menschengrams aus den grossen Auftritten der glücklichen Natur heraus, und dein
Herz verdiene wie Viktor durch Gehen das Nehmen! -
    Er kam in seiner guterzigen Eile bald einem fieberkranken Schmiedegesellen
nach, dessen Reisekoffer oder Mantelsack ein angefülltes Schnupftuch war; am
Stecken trug er noch ein entfärbtes elendes Stiefelpaar, das er schonen musste,
weil das andre, das er an andern Stecken, nämlich an den Beinen, schleppte, noch
elender und weniger ohne Farbe als ohne den Boden dazu war. Als er den
Fiebrischen schonend gegrüsset und beschenkt hatte, so sah er ihm ins bleiche
erstorbene Gesicht, und er konnte ihm einiges Schmerzengeld nicht versagen...
Ach das ganze Schmerzengeld für dieses Leben wird erst in einem höheren
ausgezahlt! ... Als er ihn höflich ausgefragt und sich um seine hungrige
Wanderschaft, um seine Zuchtaus-Kost, um sein Flüchten von Ländern in Länder
und um seinen dünnen Zehrpfennig, den ihm die Meisterin abschlug, wenn der
Meister aus war, erkundigt hatte: so schämte er sich vor dem Allgütigen seines
Blumenfeldes von Entzückungen, welches er nicht mehr verdiene »wie der arme
Teufel da«, und er begabte noch einmal nach - Und als er wieder ihn erwartete
und sein funfzigjähriges Alter ohne Aussicht erfuhr, und ihn die Beklemmung
überwältigte, die ihm allezeit alte, aber unentwickelte Menschen machten, graue
Gesellen, alte Schreiber, alte Provisores, alte Famuli: so war er etwas
entschuldigt, dass er wieder zurücklief und dem erstaunten Alten stumm die neuen
Zeichen seiner überfliessenden beglückenden Seele gab - - Und als er in der neuen
Entfernung sein in Liebe zergangnes, gleichsam nur um seine Seele schwimmendes
Herz immer mehr nach Wohltun dürsten und einen unbegreiflichen Hang zu neuem
Geben und das Sehnen fühlte, irgendeinem Menschen heute alles, alles hinzulegen:
so merkt' er erst, dass er jetzt zu weich sei und zu selig und zu trunken und zu
schwach.
    Sobald man im Dorfe die gewissen Nachrichten von diesem Durchgangzoll der
Wohltätigkeit in Händen hatte: so legten sich nachmittags ungefähr 15 Kinder in
verschiednen Posten an den Weg, besetzten die engen Pässe und stellten
Schildwachen und enfants perdus aus, um Zollverkürzungen abzukehren...
    Ein Mensch, der aus drei geraden Stunden sieben krumme konstruierte wie
Viktor, hat oft Hunger, aber sicher grössern als er; - er nahm bloss das
Leibnizische Monaden-Mahl aus der Tasche, Zwieback und Wein, und speisete damit
den an den Geist gehangnen ziehenden Magen ab, um die helle, mit Himmelblau und
Himmelrot ausgewölbte See seines Innern durch keine hineingeworfne Fleischstücke
dunkel und schmutzig zu machen. Überhaupt hasste er Fresser als Menschen von zu
grobem Eigennutz, so wie alle lebendige Speckkammern, wo Fettlagen den Geist,
wie Schneeklumpen eine Hütte, einquetschen. Die Seele, sagt' er, nimmt von den
Inlagen des Körpers, wie der Wein vom Obst, das neben ihm im Keller ist, den
Geruch an, und im mephitischen Dampfe, in welchem die Seelen der Flachsenfinger
über den ihre Kartoffeln und Biere siedenden Braukesseln ihrer Magen zappeln,
müssen wohl die armen Vögelchen besoffen und erstickt in dieses Tote Meer
herunterfallen.
    Er brach seinen Zwieback nicht in einem Hause, sondern im Knochengebäude,
d.h. im Sparrwerk eines Hauses, das erst aus den Händen und Beilen der
Zimmerleute vor das Dorf gekommen war. Indem er durch alle Abteilungen und
Unterabteilungen dieses Baugerippes und auf einmal durch Stube, Küche, Stall und
Boden sah: so dachte er: »Wieder ein Schauspielhaus für eine arme kleine
Menschentruppe, die hier ihre Benefizkomödie, ihre Gays-Bettleroper abspielet,
ohne dass eine Stimme aus der grossen Loge schreiet: bis! Ach bis diese Balken der
Winterrauch zu Ebenholz geräuchert hat, wird manche Augenhöhle rot gequälet
werden; mancher Nordwestwind des Lebens wird durchs Fenster an zagende Herzen
fahren, und in diese Winkel, die erst dunkel vermauert werden, wird mancher
Rücken mit Quetschwunden vom Gewehrtragen des bürgerlichen Lebens treten, um den
Schweiss abzutrocknen oder das Blut. - Aber die Freude« (dacht' er fort und sah
an die Stelle des Ofens und des Tisches) »wird euch Insassen auch ein paar
Nelkenbäume vors Fenster setzen und mit dem Brautwagen der drei heiligen Feste
und der Kirmes und der Kindtaufe vor eurer Haustüre, die erst eingesetzt wird,
vorfahren und abladen. - - Himmel, wie närrisch, dass ich mir hier im gegitterten
alles das lieber denke, als in den ausgemauerten Häusern des Dorfes dort sehe!«
    Unter dieser Tisch- und Baurede, wobei kein Trinkglas zerschlagen wurde,
strich die weisse Brust der Schwalbe tief über den Fuhrweg, und ihr Schnabel lud
den gelöschten Kalk zu ihrem Dachstübchen auf. Die Wespe hobelte sich aus dem
Sparrwerk Papierspäne zu ihrer Zwiebel-Kugel. Die Spinne hatte ihr Spinnhaus
schon ins grosse hineingeknüpft. Alle Wesen zimmerten und mauerten sich im
unendlichen Meere ihre kleinen Inseln; aber der wühlende Mensch wendet sich
nicht um und sieht nicht, dass ihm alles ähnlich ist.
    Sebastian verliess sein hölzernes Gastaus, sein Gerippe von einem
frankfurtischen Roten Hause, trunkner und glücklicher, als er aus einem
ausgemauerten hätte gehen können. In gewissen Menschen breitet sich eine dunkle
Wehmut, ein desto grösserer Seelen-Schatten aus, wenn die Schatten ausser ihnen am
kleinsten sind, ich meine um 1 Uhr nachmittags im Sommer. Wann nachmittags unter
der brütenden Sonne Wiesen stärker duftend und mit gesenkten Blättern, Wälder
sanfter brausend und ruhend dastehen, und die Vögel darin als stumme Figuranten
sitzen: dann umfasste im Eden, worüber schwül das Blütengewölke auflag, eine
sehnsüchtige Beklommenheit sein Herz - dann wurd' er von seinen Phantasien unter
den ewigblauen Himmel des Morgenlandes und unter die Weinpalmen Hindostans
verweht - dann ruhte er in jenen stillen Ländern aus, wo er ohne stechende
Bedürfnisse und ohne sengende Leidenschaften auseinanderfloss in die träumende
Ruhe des Brahminen, und wo die Seele sich in ihrer Erhebung festält und nicht
mehr zittert mit der zitternden Erde, gleich den Fixsternen, deren Schimmer
nicht zittert, auf Bergen angeschauet - dann war er zu glücklich für einen
deutschen Kolonisten, zu dichterisch für einen Europäer, zu schwelgend für einen
Nordpol-Nachbar... An jedem Sommermorgen besorgt' er, dass er am Sommernachmittag
zu weichlich phantasieren werde.
    Das Fasten - der Wein - der Himmel - die Erde hatten heute seine Herzkammern
so freigebig mit dem Schlaftrunk der Wonne vollgegossen, dass sie, wenn
nachgeschüttet wurde, überfliessen mussten durch die Augen. Jene gossen nach; und
hinter seinen verdunkelten Augen, in seinem überschatteten, mit dem Grün der
Natur ausgeschlagnen Innern, das gleichsam abendrote Vorhänge dunkel machten,
brach eine Farben-Nacht an, in welcher alle kleine Gestalten seiner Kindheit
neblig aufstiegen - das erste Spielzeug des Lebens wurde ausgelegt - seine
ersten Wonnemonate spielten wie kleine Engel auf einer Abendwolke, und sie
konnten nicht in ihren Flügelkleidern um die grosse Wolke fliegen, und die Sonne
versengte sie nicht. - -
    Ach was er längst vergessen, längst verloren - längst geliebt hatte - Lieder
ohne Sinn und Töne ohne Worte - namenlose Gespielen - beerdigte Wärterinnen -
verstorbne Bedienten - diese alle wurden lebendig, aber vor ihnen voraus ging am
grössesten sein erster, sein teurester Lehrer Dahore in England und sagte zur
zerschmolzenen Seele: »Wir waren sonst beisammen.« - O, dieser ewig geliebte
Geist, der schon damals in unserem Viktor die Flügel sah, die sich nach der
andern Welt aufrichten, der schon damals mehr der Freund als der Lehrmeister
seines so weichen, so wogenden, so liebevollen, so ahnungvollen Herzens war,
dieser unvergessliche Geist wollte nicht weichen, seine Gestalt schlug den
Leichenschleier zurück, fing an zu glänzen und an zu reden: »Horion, mein
Horion, warst du nicht an meiner Hand, warst du nicht an meinem Herzen? Aber es
ist lange, dass wir uns geliebt haben, und meine Stimme ist dir nicht mehr
kenntlich, kaum noch mein Angesicht - ach die Zeiten der Liebe rollen nicht
zurück, sondern ewig weiter hinab.« Er lehnte sich an einen Baum und trocknete
unaufhörlich das Auge, das den Weg nicht mehr fand, und seine Blicke ruhten fest
an den Wäldern, die nach St. Lüne gehen, und an den neblichten Bergen, die sich
vor Maiental und vor seinem zweiten Lehrer stellen...
    - Kussewitz sprang vor.
    Aber zu bald; seine bewegte Seele wollte noch nicht unter fremde Menschen.
Es war ihm lieb, dass er an eine umgestürzte Rinne stiess, aus welcher Schafe Salz
lecken, und an einen Zaun, der sie zu nachts behütet, und an die Hütte auf zwei
Rädern, worin ihr Wärter schläft. Er hatte eine eigne Neugierde und Vorliebe für
kleine Nachbilder der Häuser; er trat in oder an jede Köhlerhütte, in jede
Jäger- und Vogelhütte, um sich mit seiner eignen Einschränkung und mit den
Parodien unsers kleinen Lebens und mit dem Erdgeschoss der Armut zu betrüben und
zu erfreuen. Er ging vor nichts Kleinem blind vorbei, worüber der Welt- und
Geschäftmann verschmähend schreitet; so wie er wieder vor keinem Pomp des
bürgerlichen Lebens stehen blieb. Er machte also ein Türchen am Fahr-Bette des
Schäfers auf: es sah darin so armselig aus, und das Stroh, das Eiderdunen und
Seidensäcke ersetzte, war so niedrig und zerknüllt, dass er sich unbeschreiblich
hineinsehnte; er brauchte jetzt eine Täucherglocke, die ihn aus dem treibenden,
drückenden, erhabnen Meere um ihn absonderte. Ich wollt', man könnt' es den
europäischen Kabinetten, dem Reichstag und dem Prinzipalkommissarius verbergen,
dass er sich wirklich hineinlegte. Hier aber ging die Anspannung seiner Sinne, in
welche die Bett-Pforte nur einen kleinen Ausschnitt vom Himmelblau einliess, bald
in die Erschlaffung des Schlummers zurück, und über das heisse Auge sank das
Augenlid.
 
                                10. Hundposttag
             Zeidler - Oszillieren Zeusels - Ankunft der Prinzessin
Seit einem Posttage schläft der Held. Die deutschen Rezensoren sollten mir den
Gefallen tun, ihn aufzuschreien. - -
    Aber Schelme sind sie, diese Nachrichter und Maskopeibrüder der Zensoren;
sie wecken weder Leser noch Fürsten, nur homerische Schläfer auf. Die Sonne
steht schon tief und guckt gerade waagrecht in sein Doktor Grahams-Bette, und er
glüht noch von ihr...
    - Das Schafvieh musst' es tun durch Blöken und Glocken. Als in seine
aufgehenden Ohren die Turmglocke aus Grosskussewitz, unter Begleitung der
Schafglocken, mit einem in Musik gesetzten Abendgebet eindrang - als in seine
aufgehenden Augen der rote Schattenriss der vergangnen Sonne, die seine heutigen
Paradiese beschienen hatte, und das Abendrot einfiel, dessen Goldblättchen der
Abendwind den Wolken anhauchte - als die wie sein Blumenstrauss betaute Luft
seine Brust erfrischte: so war der heutige schwüle Nachmittag um eine ganze
Woche zurückgerollet; Viktor war in eine neue selige Insel herabgefallen;
neugeboren und froh kroch er rückwärts aus seiner fahrenden Habe. »O ich tolles
Ich!« sagt' er - »ich freue mich aber nicht ausserordentlich darüber, dass ein
halbes Lot Schlafkörner eine ganze glühende Welt im Menschen wegbeizen kann,
ganz weg - und dass das Umlegen des Körpers der Erdfall seines Paradieses und
seiner Hölle wird«
    Auf der Landstrasse sprangen zwei Sänftenträger in kurzem Galopp zwischen den
Tragestangen ihres ledernen Würfels dahin. Er setzte ihnen nach - ihre Last,
dacht' er, muss ihnen noch viel leichter sein als ein ganzes Land und dessen
Zepter, die beide gleichwohl ein Regent, wie ein Gaukler den Degen, tanzend zu
tragen versteht auf der Nase, auf den Zähnen, auf allem. Sie trugen aber das
schwerste Ding in der Welt, worunter oft Städte und Tronen und Weltteile
einbrachen.
    »Womit setzt ihr so herum?« fragt' er. - »Mit unserem allergnädigsten
Herrn!« - Januar wars - es ist aber den ästetischen Kunstgriffen, womit ein
Autor die Erwartung seiner Leser so ausserordentlich anspannt, ganz gemäss, dass
ichs nicht eher eröffne, was von Jenner in der springenden Sänfte sass, als in
dem folgenden Wort.
    Sein Bild wars. Das Bruststück reisete allemal vor der Braut voraus, um bei
Zeiten in ihrem Schlafzimmer anzukommen und sich an die Wand an einen Nagel zu
begeben. Auf der ganzen empfindsamen Reise hatte der Kubikinhalt der Braut in
lauter Zimmern geschlafen, an denen der Flächeninhalt des Bräutigams wie eine
Kreuzspinne die ganze Nacht herunterhing...
    Da ich mir durch den Barrieren-Traktat, den ich mit dem Vetter Leser
abgeschlossen, das Recht auf keine Weise abgeschnitten haben will, ausser den
Schalttagen auch noch Extrablätter - Extrablättchen und Pseudo-Extrablätter zu
machen, indem ich mirs vielmehr durch gewisse geheime Separatartikel, die ich
bloss im Kopfe gemacht, wie der Papst gewisse Kardinäle, erst erteilt habe: so
will ich das Recht, das mir mein von mir gemachter Neben-Rezess anbeut, auf der
Stelle ausüben.
                     Extrablättchen über obige Bruststücke
»Ich behaupte,« - sagt' ich auf dem Billard in Scheerau, als ich gerade nicht
stiess - »dass Herzoge, Mark-und andre Grafen und viele vom hohen Adel dumm wären,
wenn sie in unsern Tagen - oder gar in den künftigen -, wo die Scheitelhaare
sich fortmachen, eh' die Bartaare ankommen - wo manchem Gesicht zur Brille
nichts fehlt als der Sattel dazu - wo besonders der Mann von Stande froh ist,
statt eines Abgusses doch ein Abriss von einem Menschen zu sein - nicht weise
wären sie,« rekapituliert' ich, »wenn sie kein besseres Beilager hielten als ein
wahres, kein gemaltes nämlich; wenn ihre Brustbilder auf nichts Besseres - an
keine Brust nämlich - gedrückt würden als auf zinnerne Deckel von Bierkrügen, so
dass sie auf keine andre Art berauschten als auf die letzte; und wenn sie, da sie
überall durch Bevollmächtigte handeln, auf Reichbänken, in Sessionstühlen, in
Brautbetten (bei der Vermählung durch Gesandte), dächten, es gäbe in der Sache
einen treuern und unschuldigern Prinzipalkommissarius als eine Elle Leinwand,
worauf sie selber hingefärbt sind.«.. Da wir gerade in Menge spielten und ich
eben König war und im Feuer so fortfuhr: »Was Teufel! wir Könige wissen die in
der Tugend und in der Ehe bildenden Künste gescheit genug durch die zeichnenden
zu ersetzen; und nicht bloss im Billard steht ein König ganz müssig da mit seinem
Zepter-Queue!« so sollte und konnte das Feuer wenig auffallen.
                Ende des Extrablättchens über obige Bruststücke
Beim Grafen von O - so hiess im Siebenjährigen Kriege auch ein berühmter Offizier
und bei Shakespeare die Erde; und das ganze Gebet einer alten Frau; und nach
Bruce liebten die Hebräer diesen Vokal vorzüglich; das ist aber im Grunde hier
unnütze Gelehrsamkeit- stieg die Prinzessin und der gemalte Eheherr ab. Viktor
wollte sich mit seinem heutigen Anzug und seinem heutigen Herzen nicht in den
Taumel der Welt mischen - und wäre doch gern bei allem gewesen.
    Aus Kussewitz drängte sich ein rot und weisses kleines Häuschen hervor, so
rot wie ein Eichhornbauer und so fröhlich wie ein Gartenhaus. Er trat hinan und
an dessen widerscheinende Fenster - aber wieder davon zurück; er wollte ein
altes Menschenpaar, für das die Glocke die Orgel gewesen, gar hinausbeten
lassen. Als er mit seinem vom Widerschein der heutigen Verklärung erhöhten
Gesichte hineintrat: wandte ein alter Mann einen Silberkopf, der wie ein lichter
Mond über dem Abend seines Lebens stand, mit lächelnden Runzeln gegen den Gast.
Nur ein Heuchler - der Agioteur der Tugend - ist nach dem Beten nicht sanfter
und gefälliger. Die alte Frau legte zuerst die Miene der Andacht ab. Viktor
begehrte mit seiner siegenden Unbefangenheit - ein Nachtquartier. Es ihm
bewilligen - das konnten nur so zufriedne Leute wie diese; es verlangen - das
konnte nur einer, der so wie er die Wirte floh, weil ihre mit jedem Gast
ankommende und abgehende eigensüchtige kalte Teilnahme und Liebe seiner warmen
Seele zu sehr zuwider war. Zweitens zog ihn die Reinlichkeit an, die sogar der
Schmutzfink in fremden Stuben liebt und die darin ein Beweis der Zufriedenheit
und der - Kinderlosigkeit ist. Drittens wollt' er im Inkognito und aus dem
Gassen-Gewühle heute mit seiner von der Natur geweihten Seele bleiben.
    Er wurde bald einheimisch; noch eh' das Essen abgewaschen und abgeblattet
und fertig war, hatt' ers heraus oder vielmehr hinein, dass der sanfte Greis -
Lind mit Namen - ein Zeidler sei. Letztes glaub' ich; denn sonst wär' er nicht
so sanft, wie denn in den meisten Fällen die tierische Gesellschaft weniger
verdirbt als menschliche: daher Plato die Langischen Kolloquia mit den Tieren
als das Beste aus Saturns goldner Regierung angibt. Es ist nicht einerlei, ob
man ein Hunde-, ein Löwen- oder ein Bienenwärter ist; denn unser Tiergarten im
Unterleib - nach der platonischen Allegorie - bellt und blökt dem Unisono des
äussern nach. - Als Viktor vollends mit dem Alten um das Haus und um die
Bienenkörbe ging: so kam er wieder ins Tafelzimmer mit dem Gesichte eines
Menschen, der in der Kussewitzer Kirche schon einen Stuhl und im Kirchenbuch
eine Blattseite behauptete; wusst' er nicht schon, dass der Bienenvater drei
Pfarrer und fünf Amtmänner in Kussewitz zu Grabe begleitet - dass er die erste
Hochzeit mit seiner Mutter (so hiess er die Frau) in dem Alter gemacht, in das
sonst die Silberhochzeit fällt - dass sein Kopf noch das Gedächtnis und die Haare
habe - dass er unter den Sargdeckel schwarze Augenbraunen zu bringen gedenke -
dass er, Lind, ganz und gar nicht, wie etwan der alte Gobel und selber der Vogt
Stenz, in der Kirche der Augen wegen die Stellung neben dem Kirchenfenster zu
nehmen brauche, sondern seinen Vers überall lesen könne, und dass er jährlich
nach Maiental in die Kirche einmal gehe und ein Kopfstück in den kirchlichen
Billardsack stosse, weil der Kirchhof da alle seine Verwandten von väterlicher
Seite bedecke?
    O, diese Zufriedenheit mit den Abendwolken des Lebens erquickt den
hypochondrischen Zuhörer und Zuschauer, dessen melancholischer Saitenbezug so
leicht in eines alten Menschen Gegenwart gleich einem Todesanzeiger zu zittern
anfängt; und ein feuriger Greis scheint uns ein unsterbliches, gegen die
Todessense verhärtetes Wesen und ein in die zweite Welt wegweisender Arm! -
Viktor besonders sah mit schweren Gedanken in einem alten Menschen eine
organisierte Vergangenheit, gebückte verkörperte Jahre, den Gipsabdruck seiner
eignen Mumie vor sich stehen. Jeder kindische, vergessliche, versteinerte Alte
erinnerte ihn an die Eisenhammermeister, die in ihrem Alter wie die
Menschenseele eine krebsgängige Beförderung erdulden und wegen ihrer
gewöhnlichen Erblindung wieder Aufgiesser - dann Vorschmiede - dann Hüttenjungen
werden. Der gute Newton, Linné, Swift wurden wieder Hüttenjungen der
Gelehrsamkeit. Aber so sonderbar furchtsam ist der Mensch, dass er, der die Seele
bei der grössten vorteilhaften Abhängigkeit von den Organen doch noch für einen
Selbstlauter ansieht - und mit Recht -, gleichwohl bei einer nachteiligen
besorgt, sie sei bloss der Mitlauter des Körpers und mit Unrecht - - -
    Da ein Spaziergang um einen fremden Ort einem Reisenden die beste
Naturalisationakte gibt - und da Viktor nirgends fähig war, ein Fremder zu sein:
so ging er - ein wenig hinaus. In manchen Nächten wird es nicht Nacht. Er sah
draussen - nicht weit von den Gartenstaketen des Seniors, nicht des adeligen,
sondern des geistlichen - ein sehr schönes Mädchen sitzen, in ein lateinisches
Pfingstprogramm vertieft und daraus mit gefalteten Händen betend. Einer
vereinigten Schön- und Tollheit widerstand er nie; er grüsste sie und wollte sie
ihr lateinisches Gebetbuch nicht aufrollen und einstecken lassen. Die gute Seele
hatte, da sie ihr Gebetbuch und Paternoster verloren, aus dem Pfingstprogramm de
Chalifis literarum studiosis ihre Andacht mit Leichtigkeit verrichtet, da sie
weder Lateinisch noch Lesen konnte und das Händefalten für die Maurerische
Fingersprache ansah, die man höhern Orts schon verstehen würde. Sie wickelte
einen sechsten abgeschnittenen Finger aus einem Papier heraus und sagte, den
hätte das Marienkloster zu Flachsenfingen, an dessen Mutter Gottes ihr Vater ihn
zur Dankbarkeit habe henken wollen, nicht angenommen, weil er nicht von Silber
sei. - Da Buffon den Fingern des Menschen die Deutlichkeit seiner Begriffe
zuschreibt - so dass sich die Gedanken zugleich mit der Hand zergliedern -: so
muss einer, der eine Sexte von Finger hat, um 1/5 oder 1/11 deutlicher denken;
und bloss so einer könnte mit einem solchen Supranumerar-Schreibfinger mehr in
den Wissenschaften tun als wir mit der ganzen Hand. -
    Sie erzählte, dass ihr Vater sie erst in zwei Jahren heiraten werde, und dass
sein Sohn ihre Schwester bekommen könnte, wenn diese nicht erst sechs Jahre alt
wäre - und dass sie beide wie an Kindes Statt beim Sechsfinger angenommen worden
- und dass er seine Bijouteriebude, womit er aus einem gräflichen Schloss ins
andre wanderte, gerade in dem des Grafen von O habe, nebst Tisch und Wohnung -
und dass er ein Italiener sei, mit Namen - - Tostato. Himmel! den kannte ja
Viktor so gut. Ohne weitere Frage - denn er ging ohnehin gern mit jedem Mädchen
und mit jedem Spitzhunde ein paar Sabbaterwege und sagte, zwischen einem neuen
und einem schönen Gesichte würd' er gar keinen Unterschied machen, wenn er auch
müsste - marschierte er mit ihr gerade hin zum Vater beim Grafen. Er entülsete
immer mehr an seiner kleinen Gesellschaftdame: sie war nicht nur ausserordentlich
schön, sondern auch ebenso - dumm.
    Jetzt aber entlief sie ihm; der flachsenfingische Hofstaat kam gefahren, und
sie musste das Aussteigen der Damen sehen. Er hielt sich nahe an den Schwanz des
ganzen Corps, der noch auf der Strasse aufstreifte, indes der halbe Rumpf schon
im Schloss steckte. Der nachfahrende Schwanz war etwas kurz und dünn, der
Hofapoteker Zeusel, der aus Eitelkeit mit seinen 54 Jahren und Jugendkleidern
und mit seiner stossenden Kutsche bei der Sache war. Das kleinste Männchen von
der Welt war im grössten Wagen von der Welt so wenig für ein ens zu nehmen, dass
ich seinen Wagen für einen leeren Zeremonienwagen anrechne, in welchem ihn der
Kutscher wie einen dürren Kern in einer Walnuss schüttelte.
    Ich wills weitläuftig beschreiben, wie ihn der Kutscher worfelte und siebte,
und mich dafür in unwichtigern Dingen kürzer fassen.
    Wenn ichs freilich dem Kutscher zuschreibe und sage, dass er dem Kutschkasten
durch Steine und Schnelle jenen harten Pulsschlag zu geben wusste, dass Zeusel
mehr auf der Luft aufsass als auf dem Kutschkissen: so wird Kästner in Göttingen
gegen mich schreiben und dartun, dass der Apoteker selber durch die
Gegenwirkung, die er dem Kissen durch seinen Hintern tat, an dem Abstossen des
gleichnamigen Poles schuld war; allein hier ist uns hoffentlich weniger um die
Wahrheit als um den Apoteker zu tun. Viktor als Hofdoktor nahm von weitem
Anteil am Hofapoteker und lachte ihn aus; ja er hätte ihn gern gebeten, sich
selber einsetzen zu dürfen, damit ers deutlicher sehen könnte, wie der gewandte
Vetturin den Zeuselschen Ball geschickt in die Lüfte schlug. Aber den weichen
Nerven Viktors wurden komische Szenen durch das physische Leiden, das sie in der
Wirklichkeit bei sich führen, zu hart und grell - und er begnügte sich damit,
dass er dem springenden Kasten hinten nachging und sich es bloss dachte, wie
drinnen das Ding stieg gleich einem Barometer, um das heitere Wetter des
betrunknen Kutschers anzudeuten - er malte sichs bloss aus (daher ichs nicht
brauche), wie das gute Hofmännchen bei einem Klimax, wozu es der Kerl trieb, der
jede Erhebung mit einer grössern endigte, die linke Hand, statt in die
Westentasche, bloss in den Kutschriemen stecken, und in der rechten eine Prise
Schnupftabak seit einer Stunde wärmen und drücken muss und sie aus Mangel an Ruh'
und Rast nicht eher in die öde Nase heben kann, als bis der Spitzbube von
Kutscher schreiet: brrrr!
    »Fort!« sagte die Dumme zu Viktor und zog ihn zum Vater. Der Italiener
machte seine Windmühlen-Gestus und legte sich an Viktors Ohr an und sagte leise
hinein »dio vi salvi«; und dieser dankte ihm noch leiser ins italienische: »gran
merce«. Darauf tat Tostato drei oder vier ungemein leise Flüche in Viktors
Gehör. Er hatte nicht den Verstand verloren, sondern nur die Stimme, und durch
nichts als einen Schnupfen. Er fluchte und kondolierte darüber, dass er gerade
morgen so stockfisch-stumm sein müsse, wo so viel zu schneiden wäre. Viktor
gratulierte ihm aufrichtig dazu und bat ihn, er möchte ihn bis auf morgen nicht
nur zum Doktor annehmen, sondern auch zum Associé und Sprecher; er wolle morgen
in der Bude für ihn reden, um besser und inkognito allem zuzusehen; »wenn Ihr
mir heute«, versetzte Tostato, »noch eine lustige Historie erzählt.« Da er nun
die von Zeusel vorbrachte mit einer italienischen Systole und Diastole der
Hände; und da Tostato darüber närrisch wurde vor Spass - der Italiener und
Franzose lachen mit dem ganzen Körper, der Brite nur im Gehirne -: so wars kein
Wunder, dass er mit ihm in Handels-Kompagnie trat. Das Doktorat fing er damit an,
dass er dem Patienten den Strumpf auszog und damit den verstimmten Hals
umringelte, weil ein warmer Strumpf mit gleichem medizinischen Vorteil am Fuss
und am Halse getragen wird; - mit einem Strumpfband wär' es anders.
    Jetzo kam ihm die Schönheit und Dummheit der Programmen-Beterin noch grösser
vor; er hätte sie gern geküsst; es war aber nicht zu machen: der Bijoutier setzte
überall seinen witzigen Ausleerungen nach und hielt die beiden Ohren unter.
    Er hatte bei dieser Gelegenheit, als er an die deutsche Kälte gegen Witz und
schöne Künste dachte, den grundfalschen Satz: der Brite, der Gallier und der
Italiener sind Menschen - die Deutschen sind Bürger - diese verdienen das Leben
- jene geniessen es; und die Holländer sind eine wohlfeilere Ausgabe der
Deutschen auf blossem Druckpapier ohne Kupfer.
    Er wollte wieder zum Zeidler Lind zurück: als so spät in der Nacht - so, dass
der Hoffurier die Erscheinung dieses Haarkometen um eine ganze Stunde zu bald in
seinen astronomischen Tabellen angesetzt hatte - die Prinzessin samt ihrem
Begleit-Dunstkreis anfuhr. Da er so lange von ihr gesprochen hatte: so brauchte
er, um sie zu lieben, nichts als noch das Rollen ihres Wagens und das
Seidengeräusch ihres Ganges zu hören. »Eine fürstliche Braut« sagt' er - »ist
viel eher auszustehen als eine andre; man zeige mir zwischen einer
Kron-Prinzessin, einer Kron-Braut und einer Kron-Ehefrau einen andern
Unterschied, als der Staatskalender angibt.« Wer noch bedenkt, dass er ihre
persönliche Abneigung gegen den Fürsten kannte, der bei der ersten Vermählung
sie ihrer Schwester nachgesetzt hatte - und wer jetzo lieset, dass ihm Tostato
sagte, mit einem Schnupftuch in der Hand sei sie ausgestiegen: der ist schon so
gescheit, dass er sich über seine Rede nicht erzürnt: »Ich wollte, diese
Krontiere, die einem so schönen Kinde so schöne weiche Hände wegschnappen
dürfen, wie Schweine den Kindern die zarten abfressen - - ich wollte... Aber
meine Waren sind doch morgen nahe genug an ihr, dass das Schnupftuch zu sehen
ist, Herr Associé?« - -
    Beim Bienenvater, zu dem er heimkehrte, war eine ruhigere Welt' und sein
Haus stand im Grünen, stumm wie ein Kloster des Schlafes und eine heilige Stätte
der Träume. Viktor schob auf dem Dachboden sein Bettchen vor eine Mündung des
einströmenden Mondes, und so überbauet mit verstummten Schwalben- und
Wespennestern, sah er die Ruhe in Lunens Gestalt auf sein eignes Nestchen
niederschweben - aber sie lächelte ihn so mächtig an, bis er sich in unschuldige
Träume auflösete. Guter Mensch! du verdienst die Freuden-Blumenstücke der
Träume, und einen frischen Kopf- und Bruststrauss im Wachen - du hast noch keinen
Menschen gequält, noch keinen gestürzt, keine weibliche Ehre bekriegt, deine
eigne nie verkauft; und bist bloss ein wenig zu leichtsinnig, zu weich, zu
lustig, zu menschlich!
 
                                11. Hundposttag
    Übergabe der Prinzessin - Kuss-Kaperei - montre à regulateur - Sammliebe
Voltaire, der kein gutes Lustspiel schreiben konnte, wäre nicht imstande, den
eilften Hundposttag zu machen. -
    Bei dem eilften Hundtag bemerk' ich freilich, dass die Natur Gewächse mit
allen Anzahlen von Staubfäden geschaffen, nur keine mit eilf; und auch Menschen
mit eilf Fingern selten.
    Inzwischen ist das Leben, gleich den Krebsen, am schmackhaftesten in den
Monaten ohne R.
    Darwider sagen einige, die Feder eines Autors gehe wie eine Uhr desto
schneller, je länger sie geht; ich aber wend' es um und sage, aus Vielschreibern
werden vielmehr Schnellschreiber.
    Und doch will man Menschen, die das fünfte Rad am Wagen sind, nicht leiden;
aber jedem Rüstwagen ist ein fünftes hinten aufgeschnallet, und im Unglück ist
es ein wahres Glückrad. Reinhold las Kants Kritik fünfmal durch, eh' er ihn
verstand - ich erbiete mich, ihm verständlicher zu sein, und verlange nur halb
so oft gelesen zu werden.
    Frei heraus zu reden, so heg' ich einige Verachtung gegen einen Kopf voll
Spring-Ideen, die mit ihren Springfüssen von einer Gehirnkammer in die andre
setzen; denn ich finde keinen Unterschied zwischen ihnen und den Springwürmern
im Gedärm, welche Goeze vor einem Licht drei Zolle hoch springen sah.
    Allerdings hängt der folgende Gedanke nicht recht mit der vorigen Schluss-
und Blumenkette zusammen: dass ich besorge, Nachahmer zu finden, um so mehr, da
ich hier selber einer von gewissen witzigen Autoren bin. In Deutschland kann
kein grosser Autor eine neue Fackel anbrennen und sie so lange in die Welt
hinaushalten, bis er müde ist und das Stümpchen wegwirft, ohne dass die kleinen
darüber herfallen und mit dem Endchen Licht noch halbe Jahre herumlaufen und
herumleuchten. So liefen mir (und andern) in Regensburg tausendmal die Buben
nach und hatten Überbleibsel von Wachsfackeln, die das Gesandten-Personale
weggeworfen hatte, in Händen und wollten mich bis zu meinem Hauswirt leuchten
für wenige Kreuzer.... Stultis sat!
    - Viktor eilte am Morgen ins Schloss. Er bekam einen kaufmännischen Anzug und
die Bude. Um zehn Uhr fiel die »Übergabe« der Prinzessin vor. Die drei Zimmer,
worin sie vorgehen sollte, lagen mit ihren Flügeltüren seinem Kaufladen
entgegen. Er hatte die Prinzessin noch nie gesehen - ausser die ganze Nacht in
jedem Traum - und konnte alles kaum erwarten...
    Und der Leser auch: schneuzt er nicht jetzt Licht und Nase - füllt Pfeife
und Glas - ändert die Stellung, wenn er auf einem sogenannten Lese-Esel reitet -
drückt das Buch glatt auseinander und sagt mit ungemeinem Vergnügen: »Auf die
Beschreibung spitz' ich mich gewissermassen«? - Ich wahrlich nicht; mir ist, als
sollt' ich arkebusiert werden. Wahrhaftig! ein Infanterist, der mitten im Winter
Sturm läuft gegen eine feindliche Mauer vom dicksten Papier in einer Oper, hat
seinen Himmel auf der Erde, mit einem Berghauptmann meines Gelichters
verglichen.
    Denn einer, der Kaffee trinkt und eine Beschreibung von irgendeinem
Schulaktus des Hofs machen will - z.B. von einem Courtag - von einer Vermählung
(im Grunde von den Vorerinnerungen dazu) - von einer Übergabe -, ein solcher
Trinker macht sich anheischig, Auftritte, deren Würde so äusserst fein und
flüchtig ist, dass der geringste falsche Nebenzug und Halbschatten sie völlig
lächerrlich macht - daher auch Zuschauer wegen solcher dazugedachter Nebenstriche
über sie in natura lachen - er macht sich anheischig, sag' ich, solche ans
Komische grenzende Aufzüge so wiederzugeben, dass der Leser die Würde merkt und
so wenig dabei lachen kann, als spielte er selber mit. Es ist wahr, ich darf ein
wenig auf mich bauen, oder vielmehr darauf bauen, dass ich selber an Höfen
gewesen und den angeblichen Klaviermeister gemacht (ob dieser eine Maske höherer
Würden war oder nicht, lass' ich hier unentschieden); man sollte also von einem
Vorzug, der mir fast vor der ganzen schreibenden Hanse zuteil geworden, und dem
ich wirklich mein (von einigen) in der Hof-Scientia media entdecktes Übergewicht
über die schriftstellerische so niedrige Schiffmannschaft gern verdanke, davon
sollte man sich fast ausserordentliche Dinge versprechen. - Man wird aber schlimm
abfahren; denn ich war nicht einmal imstande, meinem Zögling Gustav den
Krön-Prozess in Frankfurt so ernstaft vorzutragen, dass dieser aufhörte zu -
lachen. So wusste auch Yorick niemals so zu schelten, dass seine Leute
davonliefen, sondern sie mussten es für Spass halten.
    Mein Unglück wär's gewesen, wenn ich die Übergabe der Prinzessin - anfangs
dacht' ich freilich, es wäre dann mehr Würde darin - unter dem Bilde einer mit
einem Türspan besiegelten Haus-Übergabe an Gläubiger abgeschildert hätte, oder
wie eine Übergabe eines Feudums durch investitura per zonam - oder per annulum -
oder per baculum secularem24. - - Ich bin aber zum Glück darauf gekommen, die
Übergabe unter der poetischen Einkleidung einer historischen Benefizkomödie mit
derjenigen Würde abzumalen, die Teater geben. Ich habe dazu soviel und mehr
Einheit des Orts - (drei Zimmer) -, der Zeit - (den Vormittag) und des Interesse
- (den ganzen Spass) - in Händen, als ich brauche. Und wenn ein Autor noch dazu -
das tu' ich - vorher die betrübtesten ernsten Werke durchlieset, Youngs
Nachtgedanken - die akatolischen gravamina der Luteraner - den dritten Band
von Siegwart - seine eignen Liebebriefe; ferner wenn er sichs noch immer nicht
getrauet, sondern gar vorher Homes und Beatties treffliche Beobachtungen über
die Quellen des Komischen vor sich legt und durchgeht, um sogleich zu wissen,
welchen komischen Quellen er auszuweichen habe: so kann ein solcher Autor schon
ohne Besorgnis der Prahlerei seinen Lesern die Hoffnung machen und erfüllen, dass
er, des Komischen sich so komisch er wehrend, vielleicht nicht ohne alle Züge
des Erhabnen liefern und malen werde folgende
   historische Benefizkomödie von der Übergabe der Prinzessin, in fünf Akten
(Das halbe Wort Benefiz bedeutet bloss den Nutzen, den ich selber davon habe.)
    Erster Akt. Unter drei Zimmern ist das mittlere der Schauplatz, wo man
spielt, der Handelsplatz, wo man auslegt, der Korrelationsaal (regensburgisch zu
reden), wo alles Wichtige zeitigt und reift - hingegen in dem ersten
Nachbar-Zimmer steckt der italienische, im zweiten der flachsenfingische
Hofstaat, und jeder erwartet ruhig den Anfang einer Rolle, für die ihn die Natur
geschaffen. Diese zwei Zimmer halt' ich nur für die Sakristeien des grössten.
    Das Mittelzimmer, d.h. sein Vorhang, der aus zwei Flügeltüren gemacht ist,
geht endlich auf und zeigt dem Associé Sebastian, der aus seinem Laden neben der
katarrhalischen Firma hereinguckt, viel. Es tritt auf an der Türe der Kulisse
No. 1 ein rotsamtner Stuhl; an der Türe der Kulisse No. 2 wieder einer, ein
Bruder und Anverwandter von jenem; es sind diese Duplikate die Sessel, worin
sich die Prinzessin setzt im Verfolge der Handlung, nicht weil die Müdigkeit,
sondern weil ihr Stand es ausdrücklich begehrt. Mitten im Handeln ist schon ein
langer befranster Tisch begriffen, der das Mittelzimmer, das selber ein
Abteilzeichen der zwei Kulissen ist, abteilt in zwei Hälften. Man sollte nicht
erwarten, dass dieser Sektiontisch sich seines Orts wieder von etwas werde
halbieren lassen, was ein Dummer kaum sieht. Aber ein Mensch trete in Viktors
Laden: so wird er einer Seidenschnur ansichtig, die, unter dem Spiegeltisch
anfangend, über den Achatboden und unter dem Partage-Tisch wegstreichend,
aufhört vorn an der Türschwelle; und so teilt ein blosser Seidenstrang leicht den
Abteiltisch und dadurch das Abteilzimmer und am Ende die
Abteilschauspielergesellschaft in zwei der gleichsten Hälften - lasset uns
daraus lernen, dass am Hofe alles tranchiert wird, und selber der Prosektor wird
zu seiner Zeit hingestreckt auf den Zergliedertisch. Von dieser seidenen Schnur,
womit der Grossherr seine Günstlinge von oben dividiert, aber in Brüche, kann und
soll im ersten Akt nicht mehr die Rede sein, weil er - aus ist...
    Es wurde mir ungemein leicht, diesen Auftritt ernstaft abzufassen; denn da
nach Platner das Lächerliche nur am Menschen haftet, so war das Erhabene, das in
meinem Aufzuge die Stelle des Komischen einnimmt, in einem Akte leicht zu haben,
wo gar nichts Lebendiges spielte, nicht einmal Vieh.
    Zweiter Akt. Das Teater wird jetzo lebendiger, und auf dasselbe hinaus
tritt nun die Prinzessin an der Hand des italienischen Ministers aus der Kulisse
No. 1; beide wirken anfangs, gleich der Natur, still auf diesem Paradeplatz, der
schon auf dem Papier zwei Seiten lang ist...
    Nur einen Blick vom Teater in die Hauptloge! Viktor spielt für sich, indem
er unter den Lorgnetten, die er zu verkaufen hat, sich die hohleste ausklaubt
und damit die Heldin meiner historischen Benefizkomödie ergreift... Er sah den
Beicht- und Betschemel, auf dem sie heute schon gekniet hatte: »Ich wollt',«
(sagt' er zu Tostato) »ich wäre heute der Pater gewesen, ich hätt' ihr ihre
Sünden vergeben, aber nicht ihre Tugenden.« Sie hatte zwar jenes regelmässige
Statuen-und Madonnengesicht, das ebensooft hohle als volle Weiberköpfe zudeckt;
ihre Hofdebüt-Rolle verbarg zwar jede Welle und jeden Schimmer des Geistes und
Gesichts unter der Eiskruste des Anstandes; aber ein sanftes Kindesauge, das uns
auf ihre Stimme begierig macht, eine Geduld, die sich lieber ihres Geschlechtes
als ihres Standes erinnert, eine müde Seele, die sich nach doppelter Ruhe,
vielleicht nach den mütterlichen Gefilden sehnte, sogar ein unmerklicher Rand um
die Augen, der von Augenschmerzen oder vielleicht von noch tiefern gezeichnet
war, alle diese Reize, die zu Funken wurden, welche in den getrockneten Zunder
des Associé hinter der Brille geschlagen wurden, machten diesen in seiner Loge
ordentlich - halbtoll über das Schicksal solcher Reize. Und warum sollt' es auch
einem den Kopf nicht warm machen - zumal wenn schon das Herz warm ist -, dass
diese unschuldigen Opfer gleich den Herrnhuterinnen zwischen ihrer Wiege und
ihrem Brautbette Alpen und Meere gestellet sehen, und dass die Kabinette sie wie
Seidenwurmsamen in Depeschen-Düten versenden? .... Wir kehren wieder zu unserem
zweiten Akte, in dem man noch weiter nichts vornimmt, als dass man - ankommt.
    Die Kulissen No. 1 und 2 stecken noch voll Akteurs und Aktricen, die nun
herausmüssen. An diesem Tage ist es, wo zwei Höfe wie zwei Heere einander in
zwei Stuben gegenüber halten und sich gelassen auf die Minute rüsten, wo sie
ausrücken und einander im Gesichte stehen, bis es endlich wirklich zu dem kommt,
wozu es nach solchen Zurüstungen und in solcher Nähe ganz natürlich kommen muss,
zum - Fortgehen. Der Kubikinhalt von No. 1 quillet der Fürstin nach, er besteht
aus Italienern - in der nämlichen Minute richtet auch der Hofstaat aus der
Kulisse No. 2 seine Marschroute ins Hauptquartier herein, er besteht aus
Flachsenfingern. Jetzo stehen zwei Länder - eigentlich nur der aus ihnen
abgezogene und abgedampfte Geist - sich einander ganz nahe, und es kömmt jetzt
alles darauf an, dass der Seidenstrang, den ich im ersten Akt über die Stube
gespannt, anfange zu wirken; denn die Grenzverrückung und Völkermischung zweier
so naher Länder, Deutschlands und Welschlands, wäre in einem Zimmer fast so
unvermeidlich wie in einer päpstlichen Gehirnkammer, hätten wir den Strang nicht
- aber den haben wir, und dieser hält zwei zusammengerinnende Völkerschaften so
gut auseinander, dass es nur Jammer und Schade ist - die Ehrlichkeit hat den
grössten -, dass die deutschen Kabinette keinen solchen Sperrstrick zwischen sich
und die italienischen hingezogen haben; und kams denn nicht auf sie an, wo sie
den Strick anlegen wollten, am Fussboden, oder an welschen Händen, oder an
welschen Hälsen? -
    Wenn die englische allgemeine Weltgeschichte und ihr deutscher Auszug einmal
die Zeit so nahe eingeholet haben, dass sie das Jahr dieser Übergabe vornehmen
und erzählen und unter andern das bemerken können, dass die Prinzessin nach dem
Eintritt sich setzte in den Samtsessel: so sollte die Weltgeschichte den Autor
anführen, aus dem sie schöpft - mich.... Das war der zweite Akt, und er war sehr
gut und nicht sowohl komisch als erhaben.
    Dritter Akt. Darin wird bloss gesprochen. Ein Hof ist das Parloir oder
Sprachzimmer des Landes, die Minister und Gesandten sind Hörbrüder25. Der
flachsenfingische Sekretär las entfernt ein Instrument oder den Kaufbrief ihrer
Vermählung vor. Darauf wurden Reden gelispelt - vom italienischen Minister zwei
- vom flachsenfingischen (Schleunes) auch zwei - von der Braut keine, welches
eine kürzere Art, nichts zu sagen, war als der Minister ihre. - -
    Da wahrlich jetzt dieser erhabne Akt aus wäre, wenn ich nichts sagte: so
wird mir doch nach vielen Wochen einmal erlaubt sein, ein Extra-Blättchen zu
erbetteln und anzuhenken und darin etwas zu sagen.
              Erbetteltes Extrablättchen über die grössere Freiheit
                                  in Despotien
Nicht nur in Gymnasien und Republiken, sondern auch (wie man auf der vorigen
Seite sieht) in Monarchien werden Reden genug gehalten - ans Volk nicht, aber
doch an dessen curatores absentis. Ebenso ist in Monarchien Freiheit genug,
obgleich in Despotien deren noch mehr sein mag als in jenen und in Republiken.
Ein wahrer despotischer Staat hat, wie ein erfrornes Fass Wein, nicht seinen
(Freiheit-)Geist verloren, sondern ihn nur aus dem wässerigen Umkreis in einen
Feuerpunkt gedrängt; in einem solchen glücklichen Staate ist die Freiheit bloss
unter die wenigen, die dazu reif sind, unter den Sultan und seine Bassen,
verteilt, und diese Göttin (die noch öfter als der Vogel Phönix abgebildet wird)
hält sich für die Menge der Anbeter desto besser durch den Wert und Eifer
derselben schadlos, da ihre wenigen Epopten oder Eingeweihten - die Bassen -
ihren Einfluss in einem Mass geniessen, dessen ein ganzes Volk nie habhaft wird.
Die Freiheit wird gleich den Erbschaftmassen durch die Menge der Erbnehmer
kleiner; und ich bin überzeugt, der wäre am meisten frei, der allein frei wäre.
Eine Demokratie und ein Ölgemälde sind nur auf eine Leinwand ohne Knoten
(Ungleichheiten) aufzutragen, aber eine Despotie ist eine erhobene Arbeit - oder
noch sonderbarer: die despotische Freiheit wohnt wie Kanarienvögel nur in hohen
Vogelbauern, die republikanische wie Emmerlinge nur in langen. -
    Ein Despot ist die praktische Vernunft eines ganzen Landes; die Untertanen
sind ebenso viele dagegen kämpfende Triebe, die überwunden werden müssen. Ihm
gehört daher die gesetzgebende Gewalt allein (die ausübende seinen Günstlingen);
- schon blosse gescheite Männer (wie Solon, Lykurg) hatten die gesetzgebende
Gewalt allein und waren die Magnetnadel, die das Staatschiff führte; ein Despot
besteht, als Tronfolger von jenen, fast aus lauter Gesetzen, aus fremden und
eignen zugleich, und ist der Magnetberg, der das Staatschiff zu sich bewegt. -
»Sein eigner Sklave sein, ist die härteste Sklaverei«, sagt ein Alter,
wenigstens ein Lateiner; der Despot fodert aber von andern nur die leichtere und
nimmt auf sich die schwerere. - Ein anderer sagt: parere scire par imperio
gloria est; Ruhm und Ehre erbeutet also ein Negersklave so viel wie ein
Negerkönig. - Servi pro nullis habentur; daher fühlen auch politische Nullitäten
den Druck der Hofluft so wenig wie wir den der andern Luft; despotische
Realitäten aber verdienen schon darum ihre Freiheit, weil sie den Wert derselben
so sehr zu fühlen und zu schätzen wissen. - Ein Republikaner im edlern Sinn,
z.B. der Kaiser in Persien, dessen Freiheitmütze ein Turban und dessen
Freiheitbaum ein Tron ist, ficht hinter seiner militärischen Propaganda und
hinter seinen Ohnehosen mit einer Wärme für die Freiheit, wie sie die alten
Autores in den Gymnasien fodern und schildern. Ja wir sind nie berechtigt,
solchen Tron-Republikanern Brutus-Seelengrösse früher abzusprechen, als man sie
auf die Probe gesetzt; und wenn in der Geschichte das Gute mehr aufgezeichnet
würde als das Schlimme, so müsste man schon jetzt unter so vielen Schachs, Khans,
Rajahs, Kalifen manchen Harmodion, Aristogiton, Brutus etc. aufzuweisen haben,
der imstande war, seine Freiheit (Sklaven kämpfen für eine fremde) sogar mit dem
Tode sonst guter Menschen und Freunde zu bezahlen. -
  Ende des erbettelten Extrablättchens über die grössere Freiheit in Despotien
Das Extrablättchen und der dritte Akt sind aus, aber dieser war ernstafter und
kürzer als jenes.
    Vierter Akt. Indem ich den Vorhang herab und wieder hinauf warf: setzte ich
die Welt aus dem kürzesten Akt in den längsten. Zur Prinzessin - die jetzt, wie
die deutsche Reichsgeschichte meldet, sitzt - trat ihre Landsmannschaft26, die
weder sehr ehrlich, noch sehr dumm aussah, die Oberhofmeisterin, der
Hof-Beichtvater, der Hof-Äskulap, Damen und Bedienten und alles. Dieser Hofstaat
nimmt nicht Abschied - der ist schon ingeheim genommen -, sondern rekapituliert
ihn bloss durch eine stille Verbeugung. Der nächste Schritt aller Welschen war
aus dem Mittelzimmer nach - Italien.
    Die Italiener gingen vor Sebastians Warenlager vorbei und wischten aus ihrem
Gesicht, dessen feste Teile en haut-relief waren - die deutschen waren en
bas-relief -, einen edlern Schimmer weg, als jener ist, den Höfe geben; - Viktor
sah unter so vielen akzentuierten Augenknochen die Zeichen seiner eignen Wehmut
vervielfältigt, die ihn für das willige fremde Herz beklemmte, das allein
zurückblieb unter dem frostigen Tron- und Wolkenhimmel der Deutschen, von allen
geliebten Sitten und Szenen weggerissen, mikroskopischen Augen vorgeführt, deren
Brennpunkt in weiche Gefühle sengt, und an eine Brust von Eis gebunden....
    Als er alles dieses dachte und die Landsleute sah, wie sie einpackten, weil
sie kein Wort mehr mit der Fürstin sprechen durften - und als er die stumme
gelenkte Gestalt drinnen ansah, die keine andere Perlen zeigen durfte als
orientalische (obgleich der Traum und der Besitz der letztern abendländische
bedeutet: Tränen mein' ich), so wünscht' er: »Ach du Gute, könnt' ich nur einen
dreifachen Schleier so lange über dein Auge ziehen, bis es eine Träne vergossen
hätte! - Dürft' ich dir nur die versteigerte Hand küssen, wie deine Hofdamen
jetzt tun, um mit meinen Tränen die Nähe eines gerührten Herzens auf die
verkaufte Hand zu schreiben...«
    Seid weich und erweitert nicht Fürstenhass zu Fürstinnen-Hass! Soll uns ein
gebeugtes weibliches Haupt nicht rühren, weil es sich auf einen Tisch von
Mahagoni stützt, und grosse Tränen nicht, weil sie in Seide fallen? »Es ist zu
hart,« - sagte Viktor im Hannöverschen - »dass Dichter und magistri legentes,
wenn sie neben einem Lustschloss vorbeigehen, mit einer neidischen Schadenfreude
die Bemerkung machen, darin werde vielleicht ebensoviel Tränenbrot gebacken wie
in Fischerhütten. O wohl grösseres und härteres! Aber ist das Auge, aus dem im
Dachsbau eines Schotten nichts Tränen presset als der Stubenrauch, eines grössern
Mitleids wert als jenes zarte, das gleich dem eines Albinos schon von
Freudenstrahlen schmerzt und das der gequälte Geist mit geistigen Zähren
erfüllt? Ach unten in den Tälern wird nur die Haut, aber oben auf den Höhen der
Stände das Herz durchstochen; und die Zeigerstange der Dorfuhr rückt bloss um
Stunden des Hungers und des Schweisses, aber der mit Brillanten besetzte
Sekundenzeiger fliegt um öde, durchweinte, verzagende, blutige Minuten.«
    Aber zum Glück wird uns die Leidengeschichte jener weiblichen Opfer nie
vorgelesen, deren Herzen zum Schlagschatz und, wie andre Juwelen, zu den
Troninsignien geworfen werden, die als beseelte Blumen, gesteckt an ein mit
Hermelin umgebnes Totenherz, ungenossen zerfallen auf dem Paradebett, von
niemand betrauert als von einer entfernten weichen Seele, die im Staatskalender
nicht steht...
    Dieser Akt besteht fast aus lauter Gängen: überhaupt gleicht diese Komödie
dem Leben eines Kindes - im ersten Akt war Hausrat-Besorgung für das künftige
Dasein - im zweiten Ankommen - im dritten Reden - im vierten Gehenlernen u.s.w.
    Als Deutschland an Welschland und dieses an jenes Reden genug gehalten
hatte: so nahm Deutschland oder vielmehr Flachsenfingen oder eigentlich ein
Stück davon, der Minister Schleunes, die Fürstin bei der Hand und führte sie aus
dem heissen Erdgürtel in den kalten - ich meine nicht aus dem Brautbette ins
Ehebette, sondern - aus dem italienischen Territorium der Stube ins
flachsenfingische über den seidnen Rubikon hinweg. Der flachsenfingische
Hofstaat steht als rechter Flügel drüben und ist gar noch nicht zum Gefechte
gekommen. Sobald sie die seidne Linie passiert war: so wars gut, wenn das erste,
was sie in ihrem neuen Lande tat, etwas Merkwürdiges war; und in der Tat tat sie
vor den Augen ihres neuen Hofs 4 1/2 Schritte und - setzte sich in den
flachsenfingischen Sessel, den ich schon im ersten Akt vakant dazu hingestellt.
Jetzo rückte endlich der rechte Flügel ins Feuer, zum Hand- und Rockkuss. Jeder
im rechten Flügel - der linke gar nicht - fühlte die Wurde dessen, was er anhob,
und dieses Gefühl, das sich mit persönlichem Stolz verschmolz, kam - danach
Platner der Stolz mit dem Erhabnen verwandt ist - meiner Benefizfarce recht
zupasse, in der ich nicht erhaben genug ausfallen kann. Gross und still, in
seidne Fischreusen eingeschifft, in einen Roben-Golf versenkt, segeln die
Hofdamen mit ihren Lippen an die stille Hand, die mit Ehe-Handschellen an eine
fremde geschlossen wird. Weniger erhaben, aber erhaben wird auch das adamitische
Personale herangetrieben, worunter ich leider den Apoteker Zeusel mit sehe.
    Wir kennen unter ihnen niemand als den Minister, seinen Sohn Matz, der
unsern Helden gar nicht bemerkt, den Leibarzt der Prinzessin Kuhlpepper, der,
vom Fette und Doktorhut in eine schwere Lots-Salzsäule verwandelt, sich wie eine
Schildkröte vor die Regentin und Patientin schiebt. -
    Kein Mensch weiss, wie mich Zeusel ängstigt. Gegen alle Rangordnung stell'
ich lieber früher als ihn die feisten, in schelmische Dummheit verquollenen
Livreebedienten vor, deren Röcke weniger aus Fäden als aus Borten bestehen, und
die sich als gelbe Bänder-Präparate vor müden, an schönere Gestalten gewöhnten
Augen bücken. Viktor fand durch seine britische Brille die italienischen
glasierten Hofgesichter wenigstens malerisch-schön, hingegen die deutschen
Parade-Larven so abgegriffen und doch so gesteift, so matt und doch so gespannt,
die Blicke so verraucht und doch so geschwefelt!..... Ich halte Zeuseln noch
durch einige Osterlämmer oder agnus dei von Pagengesichtern auf, so weich und so
weiss wie Maden; eine Amme möchte sie mit ihrer Milchpumpe von Mund an den Busen
legen.
    Länger war Zeusel nicht mehr zu halten, er ist hereingebrochen und hat die
Fürstin beim Flügel - der ganze Spass dieser Komödie, ich meine der Ernst, ist
uns nunmehr verdorben. Dieser graue Narr hat sich in seinen alten Tagen - seine
Nächte sind noch älter - in einen ganzen historischen Kupferstich geknöpft, das
will sagen, in eine zoologische Modeweste, worin er samt seinen vier bunten
Ringen ordentlich aussieht wie ein grüner Pürschwagen, an dem die Tierstücke der
ganzen Jagd angemalet und vier Ringe zum Anketten der Sauen in natura sind. Ich
muss es jetzt sehen und leiden - da er alles in der Vergangenheit tut -, dass er
nun, besoffen von Eitelkeit und kaum vermögend, Uhrketten von Galaröcken zu
unterscheiden, hinläuft und sich etwas Seidenzeug herausfängt zum Kusse. Es war
leicht vorauszusehen, dass mir der Mensch mein ganzes Altarblatt verhunzen würde
mit seiner historischen Figur; und ich hätte den Hasen gar unterdrückt und mit
dem Rahmen des Gemäldes überdeckt, wenn er nicht mit seinen Löffeln und Läufen
zu weit herausstände und - klaffte; auch ist er vom Korrespondenten ausdrücklich
unter den Benefiz-Konföderierten mit aufgeführt und angezeichnet. - - Es lohnt
kaum der Mühe zu schreiben:
    Fünfter Akt; da nun alles versalzen ist und die Lesewelt lacht.
    Im fünften Akt, den ich ohne alle Lust mache, wurd' auch weiter nichts getan
- anstatt dass Tragödiensteller und Christen die Bekehrung und alles Wichtige in
den letzten Akt verlegen, wie nach Bako ein Hofmann seine Bittschriften in die
Nachschrift verschob -, als dass die Prinzessin ihre neuen Hofdamen das erste
Rechen- oder Abziehexempel ihres Erzamtes machen liess: das nämlich, sie
auszukleiden.... Und da mit dem Auskleiden sich die fünften Akte der
Trauerspiele - der Tod tuts - und der Lustspiele - die Liebe tuts - beschliessen:
so mag sich auch dieses Benefizding, das wie unser Leben zwischen Lust- und
Trauerspiel schwankt, matt mit Entkleidung enden.
                              Ende der Benefizakte
- Ich war gestern zu aufgebracht. Der Apoteker ist zwar der Hund und die Katze
in meinem Gemälde, die einander unter dem Tische des Abendmahls beissen; aber im
ganzen ist die Posse schon erhaben. Man bedenke nur, dass alles in einer
monarchischen Regierungform abgetan wird - dass diese nach Beattie dem Komischen
mehr als die republikanische aufhilft - dass nach Addison und Sulzer gerade die
spasshaftesten Menschen (z.B. Cicero) am ernstaftesten sind, und dass folglich
das nämliche auch von dem Zeug, das sie machen, gelten müsse: so sieht man schon
aus dem Komischen, das meine Akte haben, dass sie ernstaft sind. - -
    Mein Held hielt im Laden eine heftige Pater Merzische Kontroverspredigt
gegen etwas, wofür die Reichsstädter und Reichsdörfer predigen - dagegen: »dass
die Menschen ohne alles weisse und graue Gehirn und ohne Geschmack und
Geschmackwärzchen in dem Grade handeln können, dass sie sich nicht schämen, die
paar Jahre, wo sie der Schmerz noch nicht auf seinem Pürschzettel und der Tod
noch nicht auf seinem Nachtzettel hat, sündlich und hundmässig zu verzetteln,
nicht etwa mit Garnichtstun, oder mit den halben Takt-Pausen der Kanzleiferien,
oder den ganzen Takt-Pausen der Komitialferien, oder mit den Narrheiten der
Freude was wäre rühmlicher? -, sondern mit den Narrheiten der Qual, mit zwölf
herkulischen Nichts-Arbeiten, in den Raspelhäusern der Vorzimmer, auf dem tratto
di corda des gespannten Zeremoniells .... Mein lieber Hofmarschall, meine
schönste Oberhofmeisterin, ich billige alles; aber das Leben ist so kurz, dass es
nicht die Mühe lohnt, sich einen langen Zopf darin zu machen. - Könnten wir
nicht das Haar aufbinden und über alle Vorsäle, d.h. Vorhöllen, über alle
Vorfechter und Vortänzer hinwegsetzen gleich mitten in die Maiblumen unsrer Tage
hinein und in ihre Blumenkelche... Ich will mich nicht abstrakt und scholastisch
ausdrücken: sonst müsst' ich sagen: wie Hunde werden Zeremonien durchs Alter
toll; wie Tanzhandschuhe taugt jede nur einmal und muss dann weggeworfen werden;
aber der Mensch ist so ein verdammt zeremonielles Tier, dass man schwören sollte,
er kenne keinen grössern und längern Tag als den Regensburger Reichstag.«
    Solange er ass, war Tostato nicht da, sondern im Laden. Nun hatt' er schon am
vorigen Abend einen Entwurf zum Kusse der schönen Dunsin nicht aus dem Kopfe
bringen können: »Eine viehdumme Huldin küss' ich einmal,« sagt' er, »dann hab'
ich Ruh' auf Lebenlang.« Aber zum Unglück musste um die Dunsin die sogenannte
Kleinste (die Schwester), deren Verstand und deren Nase zu gross waren, als
Senkfeder der Angel schwimmen, und die Feder würde sich, hätt' er nur eine Lippe
an den Köder gesetzt, sogleich gereget haben. Er war aber doch pfiffig: er nahm
die Kleinste auf die Schenkel und schaukelte sie wie Zeusels Kutscher und sagte
dieser Klugen süsse Namen über den Kopf hinüber, die er alle mit den Augen der
Dummen zueignete (am Hofe wird er mit umgekehrtem Scheine zueignen). Er drückte
der Kleinsten zweimal zum Spasse die Spionenaugen zu, bloss um es im Ernst zum
dritten Male zu tun, wo er die Dunsin an sich zog und sie mit der rechten Hand
in eine Stellung brachte, dass er ihr - zumal da sie es litt, weil Mädchen der
List ungern abschlagen, oft aus blosser Freude, sie zu erraten - unter den
Hofdiensten gegen die Blinde den schleunigen Kuss hinreichen konnte, für den er
schon so viele avant propos und Marschrouten verfertigt hatte. Jetzo war er satt
und heil; hätt' er noch zwei Abende dem Kuss nachstellen müssen, er hätte sich
sehr verliebt.
    Er sass wieder in seinem Mastkorb, als die Fürstin ass. Es geschah bei offnen
Türen. Sie schürte sein Lauffeuer der Liebe mit dem goldnen Löffel an, sooft sie
ihn an ihre kleinen Lippen drückte - sie störte das Feuer wieder auseinander mit
den zwei Zahnstochern (süssen und sauern), sooft sie zu ihnen griff. Tostato et
Compagnie setzten heute die teuersten Waren ab: kein Mensch kannte die et
Compagnie; bloss Zeusel sah dem Viktor schärfer ins Gesicht und dachte: »Ich
sollte dich gesehen haben.« Gegen 2 2/3 Uhr nachmittags ereignete sich das
Glück, dass die Prinzessin selber an die Bude trat, um italienische Blumen für
ein kleines Mädchen, das ihr wohlgefallen, auszusuchen. Bekanntlich nimmt man
sich in jeder Maske Maskenfreiheit und auf jeder Reise Messfreiheit: Viktor, der
in Verkleidungen und auf Reisen fast allzu kühn war, versuchte es, in der
Muttersprache der Prinzessin und zwar mit Witz zu sprechen. »Der Teufel«, dacht'
er, »kann mich doch deswegen nicht holen.« Er merkte daher mit dem zartesten
Wohlwollen gegen dieses schöne Kind in Molochs Armen nur so viel über die
seidnen Blumen an: »Die Blumen der Freude werden auch leider meistens aus Samt,
Eisendraht und mit dem Formeisen gemacht.« Es war nur ein Wunder, dass er höflich
genug war, um den Umstand wegzulassen, dass gerade der italienische Adel die
italienische Flora verfertige. Sie sah aber auf seine Ware und so schwieg; und
kaufte statt der Blumen eine montre à regulateur27, die sie nachzubringen
ersuchte.
    Er überbrachte ihr die Uhr eigenhändig; aber leider ebenso eigenhändig - der
Leser erschrickt; aber anfangs erschrak er selber und dachte doch den Einfall so
oft, bis er ihn genehmigte - hatt' er vorher über den Imperator der Uhr ein
zartes Streifchen Papier gepicht, worauf er eigenhändig mit Perlenschrift
geschrieben: Rome cacha le nom de son dieu et elle eut tort; moi je cache celui
de ma déesse et j'ai raison28.
    »Ich kenne die Leute schon,« dacht' er, »sie machen und ziehen in ihrem
Leben keine Uhr auf!« Ei, Sebastian, was wird mein Leser denken oder deine
Leserin?
    Sie reisete noch abends in ihr erheiratetes Land, das künftige Hackbrett
ihres Zepters. Unserem Viktor war beinahe, als hätt' er ihr ein andres Herz als
das metallene mit dem Zettel mitgegeben, und er freuete sich auf den
Flachsenfinger Hof. Vor ihr lief ihr nachgedruckter Bräutigam oder seine Sänfte,
aus der er ausstieg an die Wand des Schlafzimmers. Da er ihr Gott war, so kann
ich ihn oder sein Bild mit den Bildern der alten Götter vergleichen, die auf
einem eignen vis-à-vis - tensa genannt - herumgefahren, oder in einer
Porträtbüchse - naos genannt - oder in einem Bauer - kadiskon genannt -
herumgetragen wurden.
    Darauf ging Viktor mit seinem Handelskonsul hinter den Kulissen des
Benefizteaters herum. Er schnürte die seidne Demarkationlinie und Sperrkette ab
- zog sie in die Höhe wie ein ekles Haar - befühlte sie - hielt sie erst weit
vom Auge - dann nahe an dieses - zerrte sie auseinander, eh' er sagte: »Die
Kraft stecke, wo sie will - es mag nun eine seidne Schnur politische Körper so
gut wie elektrische isolieren - oder es mag mit Fürsten wie mit Hühnern sein,
die keinen Schritt weiter setzen, wenn man Kreide nimmt und damit von ihrem
Schnabel herab eine gerade Linie auf den Boden hinführt - soviel seht Ihr doch,
Associé: wenn ein Alexander die Grenzsteine der Länder verrücken wollte, so wäre
ein solcher Strang dagegen das beste ins Enge gezogne Naturrecht und eine
dergleichen Barriereallianz.« Er ging in ihr Schlafzimmer zum ausgeleerten
heiligen Grabe, d.h. zum Bette der auferstandnen Braut, in welches der an der
Wand vor Anker liegende Sponsus von seinem Nagel sehen konnte. Ganze Divisionen
von Einfällen marschierten stumm durch seinen Kopf, den er damit an ein seidnes
Kopfkissen - so gross wie ein Hunde-oder ein Seitenkissen eines Wagens - mit der
Wange andrückte. So anliegend und kniend sprach ers halb in die Federn (nicht in
die Feder) hinein: »Ich wollt', auf dem andern Kissen läg' auch ein Gesicht und
säh' in meines - du lieber Himmel! zwei Menschengesichter einander gegenüber -
sich einander in die Augen ziehend - einander die Seufzer belauschend - von
einander die weichen durchsichtigen Worte wegatmend - das ständen ich und Ihr
gar nicht aus, Associé!« - Er sprang auf, patschte sein Hasenlager leise wieder
platt und sagte: »Bette dich weich um das schwere Haupt, das auf dich sinkt;
erdrücke seine Träume nicht; verrate seine Tränen nicht!« - Wäre sogar der Graf
von O mit seiner feinen ironischen Miene dazugekommen: er hätte nichts darnach
gefragt. Es ist ein Unglück für uns Deutsche, dass wir allein - indes dem
Engländer sogar vom Weltmann seine Hasen-, Bock- und Luftsprünge für zierliche
Rück-, Vor- und Hauptpas angerechnet werden - gar nicht ernstaft und gesetzt
genug einherschreiten können.
    Er lief abends wieder in den Hafen seines Zeidlers ein; und sein
schwankendes Herz warf auf die stille blühende Natur um ihn die Anker aus. Der
alte Mann hatte unterdes alle seine alten Papiere, Tauf-, Trauscheine und
Manualakten vom Nürnberger Zeidlergericht etc., zusammengefahren und sagte:
»Les' Er!« - Er wollt' es selber wieder hören. Er zeigte auch seinen
»Dreifaltigkeitsring« aus Nürnberg, auf welchem stand:
Hier dieser Ring der weist,
Wie drei in Einem heisst
Gott Vater, Sohn und Geist.
Der Bienenvater machte weiter kein Geheimnis daraus, dass er vorher, als er
diesen Ring sich noch nicht in Nürnberg an einem Gerichttage angeschafft hatte,
die Dreifaltigkeit nicht glauben können: »jetzt aber müsst' einer ein Vieh sein,
wenn ers nicht begriffe.« - Am Morgen vor der Abreise war Viktor in der
doppelten Verlegenheit: er wollte gern ein Geschenk haben - zweitens eines
machen. Was er haben wollte, war eine plumpe Stundenuhr - bei einer Ausspielung
für ein Los à 20 kr. gewonnen -; dieses Werk, dessen dicke Zeigerstange den
Lebensfaden des Greises auf dem schmutzigen Zifferblatte in lauter bunten frohen
Bienen-Stunden weggemessen hatte, sollte eine Lorenzo-Dose für ihn sein, ein
Amulett, ein Ignatius-Blech gegen Saulische Stunden. »Ein Handwerker«, sagt' er,
»braucht wahrlich nur wenig Sonne, um zufrieden und warm durchs Leben zu gehen;
aber wir mit unsrer Phantasie sind oft in der Sonnenseite so schlimm daran als
in der Wetterseite - der Mensch steht fester auf Dreck als auf Äter und
Morgenrot.« Er wollte dem glücklichen Lebens-Veteranen als Kaufschilling für die
Stundenuhr und als Preismedaille für das Quartier seine Sekundenuhr aufdringen.
Lind hatte das Herz nicht, wurd' aber rot. Endlich stellte ihm Viktor vor, die
Sekundenuhr sei eine gute Leuchtkugel zum Dreifaltigkeitsringe, ein Tesesbild
dieses Glaubenartikels, denn die dreifaltigen Zeiger machten doch nur eine
Stunde. - Lind tauschte.
    Viktor konnte weder der Spötter noch der Bunklische Reformator einer solchen
irrenden Seele sein, und seine sympatetische Laune ist nichts als ein
zweifelnder Seufzer über das menschliche Gehirn, das 70 Normaljahre hat, und
über das Leben, das ein Glaubens-Interim ist, und über die teologischen
Doktorringe, die solche Dreifaltigkeitsringe sind, und über die teologischen
Hör- und Sprechsäle, worin solche Sekunden-Uhren zeigen und schlagen.
    - Endlich geht er aus Kussewitz um 6 Uhr morgens. Eine sehr schöne Tochter
des Grafen von O kam erst um 7 Uhr zurück: das ist unser aller Glück, er sässe
sonst noch da.
    Der Hundposttag ist aus. Ich weiss nicht, soll ich ein Extrablatt machen oder
nicht. Der Schalttag ist an der Türe; ich wills also bleiben lassen und nur ein
Pseudo-Extrablatt hersetzen, welches sich bekanntlich von einem kanonischen ganz
dadurch unterscheidet, dass ichs im apokryphischen durch keine Überschrift merken
lasse, sondern nur unter der Hand von der Geschichte wegkomme zu lauter
Fremdsachen.
    Ich nehme meinen historischen Faden wieder auf und befrage den Leser: was
hält er von Sebastians Weiber-Liebhaberei? Und wie erklärt er sich sie? -
Wahrhaft philosophisch versetzt er: »Aus Klotilden: sie hat ihn durch ihr
Magnetisieren mit der ganzen Weiber-Welt in Rapport gesetzt; sie hat an diesen
Bienenschwarm geklopft, nun ist kein Ruhen mehr. - Ein Mann kann 26 Jahre kalt
und seufzerlos in seinem Bücherstaube sitzen; hat er aber den Äter der Liebe
einmal geatmet: so ist das eirunde Loch des Herzens auf immer zu, und er muss
heraus in die Himmelluft und beständig nach ihr schnappen, wie ich in den
künftigen Hundposttagen sicherlich sehe.« Einen närrischen philosophischen Stil
hat sich der Leser angewöhnt; aber es ist wahr; daher ein Mädchen nie so
begierig für ihr Teater den zweiten Liebhaber wirbt als nach dem Hintritt des
ersten und nach den Schwüren, ihr Werbepatent wegzuwerfen.
    Wie konnte aber der Leser auf noch wichtigere Ursachen29 nicht fallen, 1)
auf die Gesamtliebe und 2) auf Viktors Muttermäler?
    1) Die Gesamt- oder Zugleichliebe ist zu wenig bekannt. Es ist noch keine
Beschreibung davon da als meine: in unsern Tagen sind nämlich die Lesekabinette,
die Tanzsäle, die Konzertsäle, die Weinberge, die Kaffee- und Teetische, diese
sind die Treibhäuser unsers Herzens und die Drahtmühlen unserer Nerven, jenes
wird zu gross, diese zu fein - wenn nun in diesen ehelustigen und ehelosen Zeiten
ein Jüngling, der noch auf seine Messiasin wie ein Jude passet und der noch ohne
den höchsten Gegenstand des Herzens ist, von ungefähr mit einer Tanz-Hälfte, mit
einer Klubistin oder Associée oder Amtschwester oder sonstigen Mitarbeiterin
hundert Seiten in den Wahlverwandtschaften oder in den Hundposttagen lieset -
oder mit ihr über den Kleebau oder Seidenbau oder über Kants Prolegomena drei
bis vier Briefe wechselt - oder ihr fünfmal den Puder mit dem Pudermesser von
der Stirne kehrt - oder neben und mit ihr betäubende Säbelbohnen anbindet - oder
gar in der Geisterstunde (die ebensooft zur Schäferstunde wird) über den ersten
Grundsatz in der Moral uneins wird: so ist soviel gewiss, dass der besagte
Jüngling (wenn anders Feinheit, Gefühl und Besonnenheit einander die Waage in
ihm halten) ein wenig toll tun und für die besagte Mitarbeiterin (wenn sie
anders nicht mit Höckern des Kopfes oder Herzens an seine Fühlfäden stösset)
etwas empfinden muss, das zu warm ist für die Freundschaft und zu unreif für die
Liebe, das an jene grenzt, weil es mehre Gegenstände einschliesst, und an diese,
weil es an dieser stirbt. Und das ist ja eben nichts anders als meine Gesamt-
oder Zugleichliebe, die ich sonst Simultan- und Tuttiliebe genannt. Beispiele
sind verhasst: sonst zög' ich meines an. Diese Universalliebe ist ein
ungegliederter Faustandschuh, in den, weil keine Verschläge die vier Finger
trennen, jede Hand leichtlich hineinfährt - in die Partialliebe oder in den
Fingerhandschuh drängt sich nur eine einzige Hand. Da ich zuerst diese Sache und
Insel entdeckt habe: so kann ich ihr den Namen schenken, womit sie andre nennen
und rufen müssen. Man soll sie künftighin die Samm- oder Zugleichliebe benamsen,
ob ich sie gleich auch, wenn ich und Kolbe wollten, die Präludierliebe - die
Maskopei-Zärtlichkeit - die General-Wärme - die Einkindschafttreue nennen lassen
könnte.
    Den Teologen und ihrer Kannengiesserei von den Endabsichten zu Gefallen
werf' ich noch diesen festen Grundsatz her: ich möchte den sehen, ders ohne die
Sammliebe in unsern Zeiten, wo die einspännige Liebe durch die Foderungen eines
grösseren metallischen und moralischen Eingebrachten seltner wird, drei Jahre
aushielte.
    2) Die zweite Ursache von Viktors Weiber-Liebhaberei war sein Muttermal,
d.h. eine Ähnlichkeit mit seiner und jeder Mutter. Er behauptete ohnehin, seine
Ideen hätten gerade den Schritt, d.h. den Sprung der weiblichen, und er hätte
überhaupt recht viel von einer Frau; wenigstens gleichen die Weiber ihm darin,
dass ihre Liebe durch Sprechen und Umgang entsteht. Ihre Liebe hat sicher noch
viel öfter mit Hass und Kälte angefangen als aufgehört. Aus einem aufgedrungenen
verhassten Bräutigam wird oft ein geliebter Ehemann. »Ich will,« - sagte er im
Hannöverischen - »wenn nicht in ihr Herz, doch in ihre Herzohren. Sollte denn
die Natur in die weibliche Brust zwei so weite Herzkammern - man kann sich darin
umkehren - und zwei so nette Herzalkove - den Herzbeutel hab' ich gar nicht
berührt - bloss darum hineingebauet haben, dass eine Mannseele diese vier Zimmer
mutterseelenallein miete, wie eine weibliche die vier Gehirnkammern des
Kopf-Frauengemachs bewohnt? Ganz unmöglich! und sie tuns auch nicht: sondern
aber wer übermässigen Witz scheuet, gehe mir jetzt aus den Füssen - in die zwei
Flügel dieser Rotunda und in die Seitengebäude wird hineingelagert, was
hineingeht, d.h. mehr als herausgeht wie in einem Zoll- oder Taubenhause gehts
aus und ein - man kann nicht zählen, wenn man zusieht - es ist ein schöner
Tempel, der Durchganggerechtigkeit hat. - Solche kehren sich an die wenigen gar
nicht, die sich einschränken und die Hauptloge des Herzens nur einem einzigen
Liebhaber geben und bloss die zwei Seitenlogen tausend Freunden.«
    
    Gleichwohl konnt' es Jean Paul - es mochte immerhin Platz genug übrig sein -
nie so weit treiben, dass er nur in die zwei Koloniekörbe, nämlich in die
Herzohren hineingekommen wäre, welches doch das Allerwenigste ist. Weil sein
Gesicht zu mager aussieht, die Farbe zu gelb, der Kopf viel voller als die
Tasche und sein Einkommen das einer Titular-Berghauptmannschaft ist: so
quartieren sie den guten Schelm bloss am kältesten Orte ganz oben unter den Kopf
-Mansarden ein, nicht weit von den Haarnadeln und da sitzt er noch jetzunder und
scherzet (schreibend) sein eilftes Kapitel hinaus....
 
                                12. Hundposttag
 Polar-Phantasien - die seltsame Insel der Vereinigung - noch ein Stück aus der
            Vor-Geschichte - der Stettinerapfel als Geschlechtwappen
Wir leben jetzt im finstern Mittelalter dieser Lebensbeschreibung und lesen dem
aufgeklärten achtzehnten Jahrhundert oder Hundtag entgegen. Allein schon in
diesem zwölften fliegen, wie in der Nacht vor einem schönen Tag, grosse Funken.
Mich frappiert dieser Hundtag noch immer. »Spitz,« sagt' ich, »friss mir weg, was
du willst, und kläre nur die Welt auf.«
    Sebastian eilte am Sonnabend mit lustiger Seele unter einem überwölkten
Himmel auf die Insel der Vereinigung zu. Er konnte da anlangen, wenn er sich
nicht aufhielt, ehe das Gewölk eingesogen war. Unter einem blauen Himmel führte
er, wie Schikaneder, die Trauerspiele, unter einem aschgrauen aber die
Lustspiele seines Innern auf. Wenns regnete, lacht' er gar. Rousseau bauete in
seinem Kopfe eine empfindsame Bühne, weil er weder aus der Kulisse noch in eine
Loge des wirklichen Lebens gehen wollte Viktor aber besoldete zwischen den
Beinwänden seines Kopfes ein komisches Teater der Deutschen, bloss um die
wirklichen Menschen nicht auszulachen: seine Laune war so ideal wie die Tugend
und Empfindsamkeit andrer Leute. In dieser Laune hielt er (wie ein Bauchredner)
lauter innerliche Reden an alle Potentaten - er stellte sich auf die Ritterbank
mit Kirchenvisitationsreden - auf die Städtebank mit Leichenreden - auf dem
päpstlichen Stuhl hielt er an die Jungfer Europa und kirchliche Braut
Strohkranzreden - die Potentaten mussten ihm alle wieder antworten, aber man kann
denken wie, da er, gleich einem Minister, ihnen aus seinem Kopf-Souffleurloch
alles in den Mund legte - und dann ging er doch fort und lachte jeden aus.
    Mandeville sagt in seinen Reisen, am Nordpol gefriere im Winterhalbjahr
jedes Wort, aber im Sommerhalbjahre tau' es wieder auf und werde gehört. Diese
Nachricht malte sich Viktor auf dem Wege nach der Insel aus; wir wollen unsere
Ohren an seinen Kopf legen und dem innern Gesumse zuhorchen.
    »Ich und Mandeville sind gar nicht verbunden, es zu erklären, warum am
Nordpol die Worte so gut wie Speichel unter dem Fallen zu Eis werden, gleich dem
Quecksilber allda; aber verbunden sind wir, aus dem Vorfalle zu folgern. Wenn
ein lachender Erbe da seinem Testator lange Jahre wünscht: so hört der gute Mann
den Wunsch nicht eher als im nächsten Frühjahr, das ihn schon kann totgeschlagen
haben. - Die besten Weihnachtpredigten erbauen nicht früher gute Seelen als im
Heumonat. - Vergeblich stattet der Polarhof seine Neujahrwünsche vor Serenissimo
ab; er hört sie nicht, als bis es warm wird, und dann ist schon die Hälfte
fehlgeschlagen. Man sollte aber einen Zirkulierofen als Sprachrohr in das
Vorzimmer setzen, damit man in der Wärme die Hof-Sprecher hören könnte. - Ein
Bruder Redner wäre dort ohne einen Ofenheizer ein geschlagner Mann. - Der
Pharospieler tut zwar am Tomastag seine Flüche; aber am Johannistag, wo er
schon wieder gewonnen, fahren sie erst herum; und aus den Winterkonzerten könnte
man Sommerkonzerte machen ohne alle Instrumente: man setzte sich nur in den
Saal. - Woher kommts anders, dass die Polar-Kriege oft halbe Jahre vor der
Kriegerklärung geführet werden, als daher, dass die schon im Winter erlassene
Erklärung erst bei gutem Wetter laut wird? - Und so kann man von den
Winterfeldzügen der Polar-Armeen nicht eher etwas hören als unter den
Sommerfeldzügen. - Ich meines Orts möchte nur auf den Winter nach dem Pole
reisen, bloss um da den Leuten, besonders dem Hofstaat, wahre Injurien ins
Gesicht zu sagen; wenn er sie endlich vernähme, sässe der Injuriant schon wieder
in Flachsenfingen. - Die Winterlustbarkeiten sind gar nicht schuld, wenn die
nördliche Regierung eine Menge der wichtigsten Dinge nicht vorträgt und
entscheidet: sondern erst unter den Kanikularferien ist das Abstimmen zu hören;
und da können auch die Bescheide der Kammer auf Gnaden- und Holzsachen zur
Sprache kommen. - Aber, o ihr Heiligen, wenn ich am Pol - indes die Sonne im
Steinbock wäre und mein Herz im Krebs - niederfiele vor der schönsten Frau und
ihr die längste Nacht hindurch die heissesten Lieberklärungen täte, die aber in
einer Drittels-Terzie Eis ansetzten und ihr gefroren, d.h. gar nicht zu Ohren
kämen: was würd' ich im Sommer machen, wo ich schon kalt wäre und sie schon
hätte, wenn gerade in der Stunde, wo ich mich tüchtig mit ihr zu zanken
verhoffte, nun mitten unter dem Keifen meine Steinbocks-Lieberklärungen
aufzutauen und zu reden anfingen? Ich würde gelassen nichts machen als die
Regel: man sei zärtlich am Pol, aber erst im Widder oder Krebs. - Und wenn
vollends die Übergabe einer Prinzessin am Pol vorginge, und zwar an dem Punkt,
wo die Erde sich nicht bewegt, der sich am besten für die zwiefache Untätigkeit
einer Prinzessin und einer Dame schickt, und wenn gar die Übergabe in einem
Saale wäre, wo jeder, besonders Zeusel, in den langen Winterabenden sie
gelästert hätte; wenn dann die Luft im Saal zu lästern anfinge, und Zeusel in
der Not fort wollte: so würd' ich ihn freundlich packen und fragen: Wohin, mein
Freund?« - -
    »Nach Grosskussewitz, ich helfe fangen«, antwortete ihm der - reelle Büttel
aus St. Lüne, der hinter einem Gemäuer mit der einen Hand ein Buch auf- und mit
der andern eine Tasche zugeknöpft hatte. Viktor fühlte ein frohes Beklemmen über
eine Antike aus St. Lüne. Er fragte ihn um alles mit einem Eifer, als wär' er
seit einer Ewigkeit a parte ante weg. Der zuknöpfende Leser wurde ein Autor und
fasste vor dem Herrn die Jahrbücher, d.h. Stundenbücher dessen ab, was seitdem im
Dorfe vorgefallen war. In zwanzig Fragen wickelte Viktor die nach Klotilden ein;
und erfuhr, dass sie bisher alle Tage beim Pfarrer gewesen war. Das verdross ihn:
»Als ob ich«, dacht' er, »nicht soviel Seelenstärke hätte, der Liebe eines
Freundes zuzusehen - und auch sonst als ob.« Überhaupt meinte er, in einer
solchen Ferne sei es ihm mehr erlaubt, an sie zu denken.
    Der lesende Häscher war ein Leser unter meinem Regiment: das Buch, das er
auf seinen Diebs-Heckjagden herumtrug, war die unsichtbare Loge30. Viktor liess
sich den ersten Teil vorstrecken: der Büttel stand im zweiten gerade an der
Pyramide beim ersten Kuss. - Unser Held tat immer schnellere Schritte im Lesen
und im Gehen und hatte Buch und Weg miteinander zu Ende - -
    Die Insel stand vor ihm! -
    - - Hier auf diesem Eiland, mein Leser, mache Augen und Ohren auf! ....
Nicht, als ob merkwürdige Dinge erschienen - denn diese würden sich schon durch
halboffne Ohren und Augensterne drängen -, sondern eben weil lauter alltägliche
kommen.
    Der Lord stand einsam am Ufer der See, die um die Insel floss und erwartete
und empfing ihn mit einem Ernst, der seine Freundlichkeit überhüllte, und mit
einer Rührung, die noch mit seiner gewöhnlichen Kälte rang. Er wollte jetzt zur
Insel hinüber, und Viktor sah doch kein Mittel des Übergangs. Es war kein Boot
da. Auch wäre keines fortzubringen gewesen, weil eiserne Spitzen unter dem
Wasser in solcher Menge und Richtung standen, dass keines gehen konnte. Die
Schildwache, die bisher am Ufer die Insel gegen die zerstörende Neugier des
Pöbels deckte, war heute entfernt. Der Vater ging mit dem Sohne langsam um das
Ufer und rückte nach und nach 27 Steine, die in gleichen Entfernungen
auseinanderlagen, aus ihrem Lager heraus. Die Insel war vor der Blindheit des
Lords gebauet worden und den Zuschauern noch unverwehrt; aber in derselben hatt'
er ihr Inneres durch unbekannte nächtliche Arbeiter vollenden und verstecken
lassen. Unter dem Rundgang um die Insel sah Viktor ihr Stab- und Fruchtgeländer
von hohen Baumstämmen, die ihre Schatten und ihre Stimmen in die Insel
hineinzurichten schienen und deren Laubwerk die bebenden Wellen mit ihren
zerteilten Sonnen und Sternen besprengten - die Tannen umarmten Bohnenbäume, und
um Tannenzapfen gaukelten Purpur-Blütenlocken, die Silberpappel bückte sich
unter der tronenden Eiche, feurige Büsche von arabischen Bohnen loderten tiefer
aus Laub-Vorhängen, ablaktierte Bäume auf doppelten Stämmen vergitterten dem
Auge die Eingänge, und neben einer Fichte, die alle Gipfel beherrschte, war eine
höhere vom Sturm halb über das Wasser hereingedrückt, die sich über ihrem Grabe
wiegte - weisse Säulen hoben in der Mitte der Insel einen griechischen Tempel
unbeweglich über alle wankende Gipfel hinaus. - Zuweilen schien ein verirrter
Ton durch das grüne Allerheiligste zu laufen - ein hohes schwarzes, an die
Tannenspitzen reichendes Tor sah, mit einer weissen Sonnenscheibe bemalt, nach
Osten und schien zum Menschen zu sagen: gehe durch mich, hier hat nicht nur der
Schöpfer, auch dein Bruder gearbeitet! -
    Diesem Tore gegenüber lag der 27ste Stein. Viktors Vater verrückte ihn, nahm
einen Magnet heraus, bog sich nieder und hielt dessen südlichen Pol in die
Lücke. Plötzlich fingen Maschinen an zu knarren und die Wellen an zu wirbeln -
und aus dem Wasser stieg eine Brücke von Eisen auf. Viktors Seele war von
Träumen und Erwartungen überfüllt. Er setzte schauernd hinter seinem Vater den
Fuss in die magische Insel. Hier berührte sein Vater einen dünnen Stein mit dem
nördlichen Ende des Magnets, und die Eisenbrücke fiel wieder hinunter. Ehe sie
an das erhöhte Tor hintraten: drehte sich von innen ein Schlüssel um und sperrte
auf, und die Türe klaffte. Der Lord schwieg. Auf seinem Gesicht war eine höhere
Sonnenseele aufgegangen - man kannte ihn nicht mehr - er schien in den Genius
dieses zauberischen Eilandes verwandelt zu sein.
    Welche Szene! Sobald das Tor geöffnet war, lief durch alle Zweige ein
harmonisches Hinüber- und Herübertönen - Lüfte flogen durch das Tor herein und
sogen die Laute in sich und schwammen bebend damit weiter und ruhten nur auf
gebognen Blüten aus. - Jeder Schritt machte einen grossen düstern Schauplatz
weiter. - Im Schauplatz lagen umher Marmorstücke, auf welche die Schmiedekohle
Raffaels Gestalten gerissen hatte, eingesunkne Sphinxe, Landkartensteine, worauf
die dunkle Natur kleine Ruinen und ertretene Städte geätzet hatte - und tiefe
Öffnungen in der Erde, die nicht sowohl Gräber als Formen zu Glocken waren, die
darin gegossen werden - dreissig giftvolle Eibenbäume standen von Rosen
umflochten, gleichsam als wären sie Zeichen der dreissig
wütend-leidenschaftlichen Jahre des Menschen - dreiundzwanzig Trauerbirken waren
zu einem niedrigen Gebüsch zusammengebogen und ineinander gedrückt - in das
Gebüsch liefen alle Steige der Insel - hinter dem Gebüsch verfinsterten
neunfache Flöre in verschlungenen Wallungen den Blick nach dem hohen Tempel -
durch die Flöre stiegen fünf Gewitterableiter in den Himmel auf, und ein
Regenbogen aus zweien ineinander gekrümmten aufspringenden Wasserstrahlen
schwebte flimmernd am Gezweige, und immer wölbten sich die zwei Strahlen herauf,
und immer zersplitterten sie einander oben in der Berührung - -
    Als Horion seinen Sohn, dessen Herz von lauter unsichtbaren Händen gefasset,
erschreckt, gedrückt, entzündet, erkältet wurde in das niedrige Birkengebüsch
hineinzog: so begann die lallende Totenzunge eines Orgel-Tremulanten durch die
öde Stille den Seufzer des Menschen anzureden, und der wankende Ton wand sich zu
tief in ein weiches Herz. - Da standen beide an einem vom Gebüsche dunkel
überbaueten Grabe - auf dem Grabe lag ein schwarzer Marmor, auf dem ein
überschleiertes blutloses weisses Herz und die bleichen Worte standen: Es ruht.
»Hier wurde«, sagte der Lord, »mein zweites Auge blind: Marys31 Sarg steht in
diesem Grabe; als dieser aus England ankam in der Insel, entzündete sich das
kranke Auge zu sehr und sah niemals wieder.« - Nie schauderte Viktor so: nie sah
er auf einem Gesicht eine solche chaotische wechselnde Welt von fliehenden,
kommenden, kämpfenden, vergehenden Empfindungen; nie starrte ein solches Eis der
Stirne und Augen über krampfhaften Lippen - und ein Vater sah so aus, und ein
Sohn empfand es nach.
    »Ich bin unglücklich«, sagte langsam sein Vater; eine beissende bittere Träne
brannte am Augapfel; er stockte ein wenig und stellte die fünf offnen Finger auf
sein Herz, als wollt' ers ergreifen und herausziehen, und blickte auf das
steinerne blasse, als wollt' er sagen: warum ruht meines nicht auch? - Der gute
sterbende Viktor, zermalmet von liebendem Jammer, zerrinnend in Mitleid, wollte
an den teuren verheerten Busen fallen und wollte mehr als den Seufzer sagen: »O
Gott, mein guter Vater!« Aber der Lord hielt ihn sanft von sich ab, und die
Gallenzähre wurde unvergossen vom Auge zerquetscht. Der Lord fing wieder an,
aber kälter: »Glaube nicht, dass ich besonders gerührt bin - glaube nicht, dass
ich eine Freude begehre, oder einen Schmerz verwünsche ich lebe nun ohne
Hoffnung und sterbe nun ohne Hoffnung.« -
    Seine Stimme kam schneidend über Eisfelder her, sein Blick war scharf durch
Frost.
    Er fuhr fort: »Wenn ich sieben Menschen vielleicht glücklich gemacht habe,
so muss auf meinem schwarzen Marmor geschrieben werden: Es ruht... Warum wunderst
du dich so? Bist du jetzt schon ruhig?« - Der Vater sah starr auf das weisse
Herz, und starrer geradeaus, als wenn eine Gestalt sich aufhöbe aus dem Grabe
das frierende Auge legte und drehte sich auf eine aufdringende Träne - schnell
zog er einen Flor von einem Spiegel zurück und sagte: »Blicke hinein, aber
umarme mich darauf!«... Viktor starrte in den Spiegel und sah schaudernd ein
ewig geliebtes Angesicht darin erscheinen - das Angesicht seines Lehrers Dahore
- er bebte wohl zusammen, aber er sah sich doch nicht um und umfasste den Vater,
der ohne Hoffnung war.
    »Du zitterst viel zu stark,« (sagte der Lord) »aber frage mich nicht, mein
Teurer, warum alles so ist: in gewissen Jahren tut man die alte Brust nicht mehr
auf; so voll sie auch sei.«
    Ach du dauerst mich! Denn die Wunden, die aufgedeckt werden können, sind
nicht tief; der Schmerz, den ein menschenfreundliches Auge finden, eine weiche
Hand lindern kann, ist nur klein. - Aber der Gram, den der Freund nicht sehen
darf, weil er ihn nicht nehmen kann, dieser Gram, der zuweilen ins beglückte
Auge in Gestalt eines plötzlichen Tropfens aufsteigt, den das weggewandte
Angesicht vertilgt, hängt überdeckt schwerer und schwerer am Herzen und zieht es
endlich los und fällt mit ihm unter die heilende Erde hinab: so werden die
Eisenkugeln an den über dem Meer gestorbnen Menschen angeknüpft, und sie sinken
mit ihm schneller in sein grosses Grab. - -
    Er fuhr fort: »Ich werde dir etwas sagen; aber schwöre hier auf dieser
teuren Asche, zu schweigen. Es betrifft deinen Flamin, und diesem musst du es
verhehlen.« Das fiel dem von einer Welle auf die andre gestürzten Viktor auf. Er
erinnerte sich, dass ihm Flamin das Versprechen auf der Warte abgedrungen, dass
sie miteinander, wenn sie sich zu sehr beleidigt hätten, sterben wollten. Er
stand mit dem Schwur an - endlich sagt' er: »Aber kurz vor meinem Tode darf ichs
ihm sagen?« - »Kannst du ihn wissen?« sagte sein Vater. - »Aber im Fall?« -
»Dann!« sagte jener kalt. -
    Viktor schwur; und zitterte vor dem künftigen Inhalt des Eides.
    Auch musst' er versprechen, vor der Wiederkehr des Lords diese dunkle Insel
nicht zu besuchen.
    Sie traten aus dem Laub-Mausoleum und liessen sich auf eine umgestürzte
Stalaktite nieder. Zuweilen fiel unter dem Reden ein fremder Harmonika-Ton von
Blatt zu Blatt, und in einer weiten Ferne schienen die vier Paradieses - Flüsse
unter einem mitbebenden Zephyr hinwegzuhallen.
    Der Vater begann: »Flamin ist Klotildens Bruder und des Fürsten Sohn.« - -
    Nur ein solcher Gedanken-Blitz konnte noch in Viktors geblendete Seele
dringen: eine neue Welt ging in ihm jetzt in die Höhe und riss ihn aus der nahen
grossen weg. -
    »Auch« (fuhr Horion fort) »leben Januars drei andere Kinder in England noch,
bloss das vierte auf den sieben Inseln ist unsichtbar.« Viktor begriff nichts;
der Lord riss der Vergangenheit alle Schleier ab und führte ihn vor eine neue
Aussicht ins nahe Leben und ins verflossene. Ich werde nachher alle Entdeckungen
und Geheimnisse des Lords dem Leser geben: jetzt will ich erst den Abschied des
Vaters und des Sohns erzählen.
    Während der Lord seinen Sohn in die düstern unterirdischen Gänge der vorigen
Zeit begleitete und ihm alles sagte, was er der Welt verschwieg: so gingen aus
Viktors Augen Tränen über manche Geringfügigkeit, die keine verdienen konnte;
aber der Strom dieser weichen Augen wurde nicht durch diese Erzählung, sondern
durch das zurückkehrende Andenken an den unglücklichen Vater und durch die Nähe
der bedeckten schönen Aschengestalt und des Trauermarmors aus dem fortweinenden
Herzen gedrückt. - Endlich hörten alle Töne der Insel auf - das schwarze Tor
schien zuzufallen - alles war still - der Lord war mit der Entüllung und allem
zu Ende und sagte: »Geh immer heute noch nach Maiental - und sei vorsichtig und
glücklich!« - Aber ob er gleich den Abschied mit jener zurückhaltenden Feinheit
nahm, die in seinem Stande sogar Eltern und Kindern die Hände und die Arme
führt: so drückte doch Viktor den kindlichen, von Seufzern und Gefühlen
schwangern Busen an den väterlichen mit einer Heftigkeit, als wollt' er sein
verarmendes Herz zu den Tränen entzweipressen, die er immer heisser und grösser
zeigen musste. Ach der Verlassene! Als die Brücke, welche die väterlichen und die
kindlichen Tage auseinanderspaltete, aufgestiegen war, ging Viktor allein
darüber, wankend und taub - und als sie ins Wasser wieder ein gesunken und der
Vater in die Insel verschwunden war, drückte ihn das Mitleiden auf das Ufer
darnieder - und als er alle Tränen aus dem leidenden Herzen wie Pfeile gezogen
hatte, verliess er langsam und träumend die stille Gegend der Rätsel und
Schmerzen und den dunkeln Trauergarten der toten Mutter und des düstern Vaters,
und seine ganze erschütterte Seele rief unaufhörlich: ach guter Vater, hoffe
wenigstens und kehre wieder und verlass mich nicht!
    Wir wollen jetzt alles, was in der bisherigen Geschichte Dunkelheiten
machte, und was der Lord seinem Sohne aufhellte, uns auch aufklären. Man
erinnert sich noch, dass zur Zeit, da er nach Frankreich abging, um die Kinder
des Fürsten - den sogenannten Walliser, Brasilier und Asturier und den Monsieur
- abzuholen, die finstere Nachricht ihrer Entführung einlief. Diese Entführung
hatt' er aber (das gestand er nun) selber veranstaltet, bloss das Verschwinden
des Monsieur auf den sieben Inseln war ohne sein Wissen vorgefallen; und in
seine Unwahrheit konnt' er also einige Wahrheit als Mundleim mischen. Diese drei
Kinder liess er verborgen nach England bringen und sie in Eton zu Gelehrten und
in London zu Semperfreien erziehen, um sie einmal ihrem Vater als blutverwandte
Beistände seiner wankenden Regierung wiederzuschenken. Daher hatt' er dem
sogenannten Infanten (Flamin) Regierrat werden helfen. Sobald er einmal die
ganze Kinderkolonie beisammen hat, so Überrascht und beglückt er den Vater mit
ihrer frohen Erscheinung. Den jetzt unsichtbaren Sohn des Kaplans, der Blattern
und Blindheit vor dem Einschiffen bekam, verheimlicht er darum, weil sonst
leicht zu erraten wäre, wem Flamin eigentlich angehöre.
    Viktor fragte ihn, wie er den Fürsten von der Verwandtschaft mit vier oder
fünf Unbekannten überführe. »Durch mein Wort«, versetzte Horion anfangs; dann
fügte er die übrigen Beweismittel hinzu: bei Flamin das Zeugnis der mitkommenden
Mutter (der Nichte), bei den übrigen ihre Ähnlichkeit mit ihren Abbildern, die
er noch hat, und endlich das Muttermal eines Stettinerapfels.
    Viktor hatt' es schon lange von der Pfarrerin gehört, alle Söhne Jenners
hätten ein gewisses Mutter-oder Vatermal auf dem linken Schulterblatt, das wie
nichts aussähe, ausgenommen im Herbst, wenn die Stettiner reifen: da werd' es
auch rot und gleiche dem Urbild. - Dem Leser selber müssen aus den Jahrbüchern
der kuriosen und gelehrten Gesellschaften ganze Fruchtkörbe voll Kirschen
vorgekommen sein, deren Rötelzeichnung nur matt auf Kindern war, und die sich
erst mit den reifenden Urbildern auf den Zweigen höher röteten. Wäre einem
Bad-Gesellschafter von mir zu glauben, so hätt' ich selber ein solches Stettiner
Fruchtstück auf der Schulter hängen: die Sache ist nicht wahrscheinlich und
nicht erheblich; inzwischen dürft' ich doch im künftigen Herbste - denn ich
setzte mirs einige Herbste vor, nun aber erinnert mich Knef mit seinem Hunde
daran -, sobald die Stettiner zeitigen, einen Spiegel nehmen und mich von hinten
besehen. - Und aus demselben Grunde schiebt diese Stettiner Fruchtschnur die
Rückkehr des Lords, wenigstens die Übergabe und Erkennung der Kinder, auf die
Herbstzeit ihrer Röte auf.
    Ich mache mir kein Bedenken, hier ein satirische Note meines Korrespondenten
zu übergeben. »Stellen Sie sich« (schreibt er) »bei dieser Nachricht, als täten
Sie es auf mein Geheiss, und erzählen Sie des Lords Exposition und Offenbarung,
wenn Sie sie einmal erzählet haben, Ihrem Leser ganz ruhig zum zweitenmal; damit
er sie nicht vergisst oder verwirrt. Leser kann man nicht genug betrügen, und ein
gescheiter Autor wird sie gern an seinem Arm in Mardereisen, Wolfgruben und
Prellgarne geleiten.« Ich bekenn' es, zu solchen Pfiffen hatt' ich von jeher
schlechten Ansatz - - und bringt es überhaupt nicht mir und dem Leser mehr Ehre,
wenn ers gleich aufs erstemal behält, dass Flamin Jenners natürlicher und Le
Bauts angeblicher Sohn ist - dass des Pfarrers seiner blind und nicht da ist -
dass noch drei oder vier andre Jenners-Kinder aus den gallischen Seestädten
nachkommen- -, mehr Ehre, sag' ich, als wenn ichs jetzt ihm zum zweiten Male (im
Grunde wär's zum dritten Male) vorkäuen müsste, dass Flamin Jenners natürlicher
und Le Bauts angeblicher Sohn ist, dass des Pfarrers seiner blind und nicht da
ist, und dass noch drei oder vier andre Jenners-Kinder aus den gallischen
Seestädten nachkommen? Ich frage. Der Lord hatte seinem Sohn den Eid des
Schweigens gegen Flamin darum abgefodert, weil dieser aus Rechtschaffenheit alle
Geheimnisse bewahrte, aber aus Zornhitze alle verriet - weil er in dieser seine
Geburt geltend machen würde, bloss um sich mit einem Widersacher herumzuschiessen
- weil er noch morgen deswegen aus einem Vorfechter mit dem Temis-Schwerte ein
Nachfechter mit dem Kriegsdegen werden könnte - und weil sich überhaupt ein
Geheimnis gleich der Liebe noch besser unter zwei Teilnehmern befindet als unter
dreien. Auch glaubte der Lord, aus einem Menschen, dem man Geld gäbe, damit er
etwas würde, würde mehr als aus einem, der etwas wäre, weil er Geld hätte, und
der die Münzen für seine Erbschaftwappen und nicht für ausgesetzte
Preismedaillen künftiger Auflösungen ansähe.
    Nach allen diesen Eröffnungen machte der Lord unserem Viktor noch eine
wichtige, auf die er in der übereiseten Laufbahn seines künftigen Hoflebens
immer wie auf eine Warntafel zurückzublicken habe.
    Als der Lord vor dem Aschen-Hause seiner Geliebten erblindete, wurde seine
ganze Korrespondenz mit England, mit der Nichte und mit den Lehrern der
Fürstenkinder erschwert, wenigstens verändert. Er musste sich die einlaufenden
Briefe von einem Freunde vorlesen lassen, dem er trauen konnte; er konnt' aber
keinem trauen. Allein eine Freundin fand er aus, die den glänzenden Vorzug
seines Vertrauens verdiente, und die niemand war als - Klotilde. Er, der seine
Geheimnisse nicht wie ein Jüngling verschleuderte, durft' es dennoch wagen,
Klotilden in den Besitz seiner grössten zu setzen und sie zur Buchhalterin und
Vorleserin der Briefe ihrer Mutter zu machen, der sogenannten Nichte. Überhaupt
hielt er die weibliche Verschwiegenheit für grösser als unsere - wenigstens in
wichtigen Dingen und in Sachen geliebter Männer. - - Aber man höre, was der
Teufel im letzten Winter tat: mir ists bedenklich.
    Der Lord erhielt einen Brief von der Mutter Flamins, worin sie ihre alten
Bitten um eine schnellere Erhebung des geliebten Kindes und die Fragen über sein
Schicksal im Pfarrhaus wiederholte.
    Zum Glück machte gerade Klotilde einen Besuch in St. Lüne und ersparte ihm
die Reise nach Maiental. Er besuchte den Kammerherrn, um von seiner Vorleserin
den Brief zu hören. Mit Mühe fand er im Zimmer Klotildens eine unbelauschte
Stunde aus. Als er sie endlich hatte, und Klotilde den Brief verlas, wird diese
durch die Stiefmutter von der Vorlesung weggerufen. Der Lord höret sie sogleich
wiederkommen, den Brief nur dunkelmurmelnd überlesen und leise sagen, sie gehe
wieder, komme aber gleich zurück, Nach einigen Minuten kömmt Klotilde, und da
der Lord fragt, warum sie zum zweitenmal fortgegangen, streitet sie das zweite
Gehen ab - der Lord beteuert - sie gleichfalls - endlich fällt Klotilde auf die
bittere Vermutung, ob nicht Mattieu dagewesen und mit seiner Teaterkunst und
Kehle, worin alle Menschenstimmen steckten, sie selber nachgespielt und
travestieret habe, um unter ihrem Kreditiv den wichtigen Brief zu lesen. Ach es
war zu viel für die Vermutung, und zu wenig dagegen! Zwar konnte Mattieu jetzt
an Flamin, dessen akademische Laufbahn eben ausgelaufen war, die Oktoberprobe
der Schulterdevise nicht vornehmen; aber er klebe sich doch (schien es nachher
Klotilden und dem Lord) mit seinen Laubfroschfüssen an diese gute Seele an, und
unter dem Deckmantel der Liebe gegen Agate und gegen den Freund häng' er seine
Fäden aus, lasse sie vom Winde zwischen dem Fürstenschlosse und Pfarrhause
aufspannen, spinne immer einen über den andern, bis endlich sein Vater, der
Minister Schleunes, das rechte Netz zum Umwickeln des Fanges zusammengezwirnt
hätte.... Ich gesteh' es, durch diese Vermutung geht mir ein Licht über tausend
Dinge auf. -
    Viktor erstaunte ärger als wir und schlug dem Lord vor, ob er nicht ohne
Schaden seines Eides Klotilden seinen Eintritt in diese Mysterien offenbaren
könnte, da er zwei Gründe dazu hätte: erstlich werde ihrer Delikatesse die
Verlegenheit über den Schein erspart, den ihre schwesterliche Liebe sonst nach
ihrer Meinung in seinen Augen haben müsste32 - zweitens behalte man ein Geheimnis
besser, wenn nur noch einer daran schweigen helfe, wie von Midas' Barbier und
dem Schilfrohr bekannt sei - der dritte Grund war, er hatte mehre Gründe.
Natürlicherweise schlug es ihm der Lord nicht ab.
    Übrigens führte er seinen Viktor mit keinem pedantischen Marschreglement auf
die Eisbahn und Stechbahn des Hofes. Er riet ihm bloss, niemand zu absichtlich zu
suchen und zu meiden - besonders das Schleunessche Haus - bloss seinen Freund
Flamin, den Mattieu lenke, abzuzäumen und ihn, anstatt am Zaume, lieber an der
freundschaftlichen Hand zu führen - bloss den Rang eines Doktors zu begehren, und
mehr nicht. Er sagte, Regeln vor Erfahrungen wären Geometrie vor dem
Starstechen. Sogar nach der Ernte der Erfahrungen wäre Gracians homme de cour
und Rochefoucaults Maximen nicht so gut als die mémoires und Geschichte der
Höfe, d.h. die Erfahrungen andrer. Endlich berief er sich auf sein eignes
Beispiel und sagte, es wären erst wenige Jahre, dass er folgende Regeln seines
Vaters begriffe:
    Der grösste Hass ist, wie die grösste Tugend und die schlimmsten Hunde, still.
- Die Weiber haben mehr Wallungen und weniger Überwallungen als wir. - Man
hasset am andern nichts so sehr als einen neuen Fehler, den er erst nach Jahren
zeigt. - Die meisten Narrheiten verübt man unter Leuten, nach denen man nichts
fragt. - Es ist die gewöhnlichste und schädlichste Täuschung, dass man sich
allzeit für den einzigen hält, der gewisse Dinge bemerkt. - Die Weiber und
sanfte Leute sind nur zaghaft in eignen Gefahren, und herzhaft in fremden, wenn
sie retten sollen. - Traue keinem (und wär' es ein Heiliger), der in der
geringsten Kleinigkeit seine Ehre im Stiche lässet; und einer solchen Frau noch
weniger. - Die erste Gefälligkeit gewährt dir jeder gern, die zweite ungern, die
dritte gar nicht. - Die meisten verwechseln ihre Eitelkeit mit ihrer Ehrliebe
und geben Wunden der einen für Wunden der andern aus, und umgekehrt. - Was wir
aus Menschenliebe vorhaben, würden wir allemal erreichen, wenn wir keinen
Eigennutz einmischten. - Die Wärme eines Mannes wird von nichts leichter
verkannt als von der Wärme eines Jünglings. - -
    Die letzte Bemerkung, die sich vielleicht näher bezog, hatt' er schon am
Ufer der Insel in der Stellung des Abschieds gemacht, den er mit jener
besonnenen Höflichkeit nahm, die in seinem Stande sogar Eltern und Kindern die
Hände und Arme führt.
 
                               Dritter Schalttag
                     Wetterbeobachtungen über den Menschen
Da ich im vorigen Kapitel die Kernsprüche des Lords niederschrieb: so sah' ich,
dass mir selber eigne einfielen, die für Schalttage zu brauchen wären. Ich habe
niemals eine Bemerkung allein gemacht, sondern allemal zwanzig, dreissig
hintereinander - und gerade diese erste ist ein Beweis davon.
                                       *
Wenn jemand bescheiden bleibt, nicht beim Lobe, sondern beim Tadel, dann ist
ers.
                                       *
Das Gespräch des Volks und noch mehr die Briefe der Mädchen haben einen eignen
Wohlklang durch einen steten Wechsel mit langen und kurzen Silben (Trochäen oder
Jamben).
                                       *
Zwei Dinge vergisset ein Mädchen am leichtesten, erstlich wie sie aussieht -
daher die Spiegel erfunden wurden -, und zweitens, worin sich das von dass
unterscheidet. Ich besorg' aber, dass sie den Unterschied, bloss um meinen Satz
umzustossen, von heute an behalten werden. Und dann geht mir einer von den beiden
Probiersteinen verloren33, an die ich bisher gelehrte Frauenzimmer strich - der
zweite, den ich behalte, ist ihr linker Daumennagel, welchen das Federmesser
zuweilen voll Narben geschnitten, aber selten, weil sie die Feder leichter
führen als schneiden.
                                       *
Einer, der viele Wohltaten empfangen, hört auf, sie zu zählen, und fängt an, sie
zu wägen - als wärens Stimmen.
                                       *
Die Versetzung in gute Charaktere tut einem Dichter und Schauspieler, der seinen
behält, mehr Schaden als die Versetzung in schlimme. Ein Geistlicher, der noch
dazu nur die erstere Versetzung frei hat, ist der moralischen Atonie mehr
blossgestellet als der Versund Rollenmacher, der eine heilige Rolle wieder durch
eine unheilige gutzumachen vermag.
                                       *
Die Leidenschaft macht die besten Beobachtungen und die elendesten Schlüsse. Sie
ist ein Fernrohr, dessen Feld desto heller, je enger es ist.
                                       *
Die Menschen fodern von einem neuen Fürsten - Bischof - Haushofmeister -
Kinderstuben-Hofmeister - Kapaunenstopfer - Stadtmusikus und Stadtsyndikus nur
in der ersten Woche ganz besondere Vorzüge, die dem Vorfahr fehlten; - denn in
der zweiten haben sie vergessen, was sie gefodert und was sie verfehlet haben.
                                       *
Solche Sentenzen gefallen und bleiben den Weibern am meisten.
                                       *
Daher will ich zur Belohnung mehr als eine über sie selber verfertigen. Sie
halten andere nur für jünger, nicht für schöner als sich.
                                       *
Sie sind noch zehnmal listiger und falscher gegen einander als gegen uns; wir
aber sind gegen uns fast noch redlicher als gegen sie.
                                       *
Sie sehen nur darauf, dass man sich bei ihnen entschuldige, nicht wie.
                                       *
Sie vergeben dem Geliebten mehre Flecken als wir der Geliebten. Daher die
Romanschreiber die Helden ihres Kiels saufen, toben, duellieren und überall
übernachten lassen, ohne den geringsten Nachteil der Helden. - Die Heldin
hingegen muss zu Hause neben der Mutter sitzen und ein Engelein sein.
                                       *
Überhaupt sind sie so weich, so mild, so teilnehmend, so fein, so liebevoll und
liebesehnsüchtig, dass es mir gar nicht in den Kopf will, warum sie - einander
selbst nicht recht leiden können, - wenns nicht etwa darum ist, weil sie gegen
einander zu höflich sind, um sich förmlich auszusöhnen oder förmlich zu
entzweien. Ihr Lieben! ihr liebt zuweilen einen Menschen, weil er einen Freund
hat und einer ist - o, wie gut würde euch erst eine Freundin kleiden.
                                       *
Man lernt Verschwiegenheit am meisten unter Menschen, die keine haben - und
Plauderhaftigkeit unter Verschwiegenen.
                                       *
Wenn Selbkenntnis der Weg zur Tugend ist: so ist Tugend noch mehr der Weg zur
Selbkenntnis. Eine gebesserte gereinigte Seele wird von der kleinsten
moralischen Giftart wie gewisse Edelsteine von jeder andern trübe, und jetzo
nach der Besserung merkt sie erst, wie viele Unreinigkeiten sich noch in allen
Winkeln aufhalten.
                                       *
Ich will mit einigen Regeln der Besserung schliessen: Stelle keinem, sobald deine
Brust den Seitenstich des Zorns befürchten muss, beredt seine Fehler vor; denn
indem du ihn von seiner Sträflichkeit überreden willst, so überredest du dich
selber davon und wirst also erbost. - Male dir an jedem Morgen die ungefähren
Lagen und Leidenschaften vor, worin du am Tage kommen kannst: du beträgst dich
dann besser, denn man ist selten in einer wiederholten Lage zum zweitenmal
schlecht. - Zürnet dein Freund mit dir: so verschaff ihm eine Gelegenheit, dir
einen grossen Gefallen zu erweisen; darüber muss sein Herz zerfliessen, und er wird
dich wieder lieben. - Keine Entschlüsse sind gross als die, welche man mehr als
einmal auszuführen hat. Daher ist Unterlassen schwerer als Unternehmen; denn
jenes muss länger fortgesetzet werden, und dieses ist noch mit dem Gefühle einer
doppelten Kraftäusserung verknüpft, einer psychologischen und einer moralischen.
- Verzage nur nicht, wenn du einmal fehlest; und deine ganze Reue sei eine
schönere Tat. - Mache dich (durch Stoizismus oder womit du kannst) nur ruhig,
dann hast du wenig Mühe, dich auch tugendhaft zu machen. - Fange deine
Herzausbildung nicht mit dem Anbau der edeln Triebe, sondern mit dem
Ausschneiden der schlechten an. Ist einmal das Unkraut verwelkt oder ausgezogen:
dann richtet sich der edlere Blumenflor von selber kräftig in die Höhe. - Das
tugendhafte Herz wird, wie der Körper, mehr durch Arbeit als durch gute Nahrung
gesund und stark. Daher kann ich aufhören.
 
                                13. Hundposttag
Über des Lords Charakter - ein Abend aus Eden - Maiental - der Berg und Emanuel
Über den Lord muss ich drei Worte sagen, nämlich drei Meinungen.
    Die erste ist ganz unwahrscheinlich: er hält nach ihr wie alle Welt- und
Geschäftmänner das Menschengeschlecht für einen Apparat zu Versuchen, für
Jagdzeug, für Kriegsgeräte, für Strickzeug - diese Menschen sehen den Himmel nur
für die Klaviatur der Erde und die Seele für die Ordonnanz des Körpers an - sie
führen Kriege, nicht um die Kränze der Eichen, sondern um ihren Boden und ihre
Eicheln zu erbeuten - sie ziehen den Glücklichen dem Verdienstvollen vor und den
Erfolg der Absicht - sie brechen Eide und Herzen, um dem Staate zu dienen - sie
achten Dichtkunst, Philosophie und Religion, aber als Mittel; sie achten
Reichtum, statistischen Landesflor und Gesundheit, aber als Zwecke - sie ehren
in der reinen Matesis und in reiner Weibertugend nur beider Verwandlung in
unreine für Fabriken und Armeen, in der erhabnen Astronomie nur die Verwandlung
der Sonnen in Schrittzähler und Wegweiser für Pfefferflotten, und im erhabensten
magister legens nur den anködernden Bierkranz für arme Universitäten. - -
    Die zweite Meinung ist wenigstens der ersten entgegen und besser: dem Lord
ist, wie andern grossen Menschen, die Laufbahn das Ziel, und die Schritte sind
ihm die Kränze - Glück unterscheidet sich bei ihm von Unglück nicht im Werte,
sondern in der Art, ihm sind beide zwei zusammenlaufende Rennbahnen zum
Ewigkeit-Ringe der innern Erhebung - alle Zufälle dieses Lebens sind ihm blosse
Rechenexempel in unbenannten Zahlen, die er durchmacht, aber nicht als Kaufmann,
sondern als Indifferentialist und Algebraist, welchem die Produkte und die
Multiplikanden gleich lieb sind, und dem es einerlei ist, mit Buchstaben oder
mit Zentnern zu rechnen.
    Wahrhaftig, der Mensch hat sich fast ebensoviel vorzuwerfen, wenn er
missvergnügt, als wenn er lasterhaft ist; und da es auf seinen Gedanken-Ozean
ankömmt, ob er aus ihm die unterste Hölle oder ein Arkadien-Otaheiti als Insel
heben will: so verdient er alles, was er erschafft....
    Gleichwohl ist die dritte Meinung die wahre und zugleich die meinige: der
Lord, so sehr er ein indeklinabler Mensch zu sein scheint, der nach nichts geht,
sondern ein Verbum in mi ist, hat doch folgendes Paradigma - (und so liegt
umgekehrt im gewöhnlichsten Menschen der kurze Abriss zum sonderbarsten) -: er
ist einer der unglücklichen Grossen, die zu viel Genie, zu viel Reichtum und zu
wenig Ruhe und Kenntnisse haben, um glücklich zu bleiben - sie hetzen Freude
statt der Tugend und verfehlen beide und schreien zuletzt über jeden bittern
Tropfen, der ihnen in einem Zuckerhut eingegeben wird - gleich der Silberfläche
sind sie gerade in der Zerschmelzung durch Freuden-Feuer am geneigtesten, sich
mit einer dunkeln Haut zu überziehen - ihr Ehrgeiz, der sonst durch Plane die
Leerheit des vornehmen Lebens bedeckt, ist nicht stark genug gegen ihr Herz, das
in dieser Leerheit verwelkt - sie tun Gutes aus Stolz, aber ohne Liebe dazu, sie
spielen mit dem ausgekernten Leben wie mit einer Locke und halten es nicht
einmal der Mühe wert, es abzukürzen - aber doch halten sie es dieser Mühe wert,
wenn ihnen, indes sie in diesem Nachtfrost der Seele dastehen, aussen lächelnd
und kalt, innen überglüht, ohne Hoffnung, ohne Furcht, ohne Glauben, entsagend,
spielend und zugeschlossen, wenn ihnen ein Todesfall, ein grosser Schmerz ins
unglückliche Herz greift. - - Ach armer Lord! kann denn deines nicht eher als
unter der Decke des schwarzen Marmors ruhen?
    Ach armer Lord! wiederholte unaufhörlich sein Sohn, der nach Maiental mit
einer gepressten Seele ging. Aussen um ihn war der Himmel still; ein grosses Gewölk
überdeckte ihn ganz, aber es stand ringsum auf einem blauen Saum am Horizont.
Hingegen in Viktors Brust zogen Luftströme gegeneinander und wirbelten sich zu
einer Windhose zusammen, die Bäche auftrinkt und Bäume aufzieht. - Sein Vater
hing bleich in diesem Sturm. - Viktors künftige Tage wurden hin- und
hergeschleudert. - Sein künftiges Leben drängte sich in ein enges überflortes
Bild zusammen und machte ihn ebenso ängstlich darüber, dass er es leben müsste,
als wie er es müsste.
    Am wehesten tat ihm gerade die sinnliche Kleinigkeit, dass sein Vater noch
allein und verhüllt in der Insel geblieben war. Einmal fiel ihn die Vermutung
an, ob nicht das meiste nur dramatische Maschinerie gewesen sei, die sein Vater
(der in der Jugend ein Tragödiendichter gewesen) gebraucht habe, um seinem
Gelübde der Verschwiegenheit mehr Festigkeit zu geben - aber sogleich ekelte ihn
seines eignen Herzens. Warum sind die reinsten Seelen mit einer Menge
ekelhafter, giftiger Gedanken gequält, die wie Spinnen an den glänzenden Wänden
hinaufkriechen und die sie nur die Mühe totzudrücken haben? Ach unsre Kriege
unterscheiden sich nicht ganz von unsern Niederlagen!
    Es ist sonderbar, dass er den perspektivischen Gedanken an Klotildens
Blutverwandtschaft mit Flamin am wenigsten verfolgte. -
    Wenn der Mensch von der Vernunft keine balsamische Mittel erlangen kann: so
fleht er die Hoffnung und die Täuschung darum an; und beide zerteilen dann gern
den Schmerz. So wie heute nach und nach am Himmel durch lichte Fugen das Blaue
durchriss, und wie das Nebelmeer zu hängenden Seen einlief: so gingen auch in
Viktors Seele die dunkeln Gedanken auseinander. - Und als die geschwollnen
Wolkenklumpen im weiten Blau zu Flocken eingingen' bis endlich das blaue Meer
alle Nebelbänke verschlang und nichts auf seiner unendlichen Fläche trug als die
herunterlodernde Sonne: so reinigte sich auch Viktors Seele von Dünsten, und das
Sonnenbild Emanuels, den er heute erreichen sollte, schien sanft und warm und
wolkenlos in alle seine Wunden... Die Gestalt seines geliebten Dahore - die
Gestalt seines geliebten Vaters - die Gestalt seiner verhüllten Mutter und alle
geliebten Bilder ruhten wie Monde in einer wehmütigen Gruppe über ihm, und diese
Wehmut und der heilige Schwur, tugendhaft zu bleiben und allen Wünschen seines
Vaters zu gehorchen, wehten seiner entzündeten Brust einigen Trost über das
väterliche Schicksal zu.
    Er konnte heute noch die Sonne hinter Maientals Kirchturm untergehen sehen.
    Der weite ausgeheiterte Himmel macht ihn weicher - der Gedanke, heute an das
Herz eines edeln Menschen zu fallen, dessen Seele über diesem blauen Dunstkreis
wohnte, machte ihn grösser - die Hoffnung, von diesem Menschen über das ganze
Leben getröstet zu werden, machte ihn stiller. -
    Er eilte, und sein Eilen zog den wehmütigsten Lautenzug seiner Seele. Denn
er ging nicht über die Sommergefilde, sondern die Sommergefilde wandelten vor
ihm vorüber - eine Landschaft nach der andern, Teater mit Wäldern, Teater mit
Saaten flogen vorbei - neue Hügel stiegen mit andern Lichtern auf und hoben ihre
Wälder empor, und andre sanken mit den ihrigen unter - lange Schatten-Steppen
liefen zurück vor heranfliessendem gelben Sonnenlicht - bald strömten Täler voll
Blumen um ihn, bald erhoben ihn heisse leere Hügel-Ufer - der Strom rauschte nahe
an sein Ohr, und plötzlich blinkten seine Krümmungen entfernt über Mohnfelder
herüber - weisse Strassen und grüne Pfade begegneten und entflohen ihm und zogen
um die weite Erde - volle Dörfer rückten mit glimmenden Fenstern vorbei und
Gärten mit entkleideten Kindern - die gesenkte Sonne wurde bald erhoben, bald
vertieft, bald auf Gipfel der Wälder, bald auf Gipfel der Berge gezogen-
    Dieses Vorüberfliehen der Szenen verdunkelte sein benetztes Auge und
erhellte die innere Welt; aber das Stehenbleiben eines unaufhörlichen Tones,
dieses über ihm bleibende Lerchenchor, dessen streitende Rufe in seiner Seele zu
einem zerflossen, dieses entfernte Getöne aus Wäldern und Büschen und Lüften,
diese Harmonika der Natur machte, dass er zu sich sagte: »Warum halt' ich in
dieser Einsamkeit jeden Tropfen an, der fallen will? Nein, ich bin ohnehin heute
zu weich, und ich will mich erschöpfen, eh' ich den geliebten Menschen sehe.«
    Endlich stieg er den breiten Berg hinauf, der sich vor das zu dessen Füssen
grünende Maiental mit seinen zerstreueten Baumsäulen und grauen Quadern
stellt.... Da klang die vom Ewigen gestimmte Erde mit tausend Saiten; da bewegte
dieselbe Harmonie den in Gold und Nacht zerstückten Strom und den sumsenden
Blumenkelch und die bewohnte Luft und den durchwehten Busch; da standen der
gerötete Osten und der gerötete Westen wie die zwei rosataftnen Flügeltüren
eines Flügels aufgespannt, und ein hebendes Meer quoll aus dem geöffneten Himmel
und aus der geöffneten Erde...
    Er ergoss sich in Freuden- und Trauertränen miteinander, und die Zukunft und
die Vergangenheit bewegten zugleich sein Herz. Die Sonne fiel immer schneller
den Himmel herab, und er bestieg schneller den Berg, um ihr länger nachzusehen.
Und hier sah er in das Dörfchen Maiental hinab, das zwischen feuchten Schatten
glimmte....
    Zu seinen Füssen und an diesem Berge lagerte sich, wie ein bekränzter Riese,
wie eine versetzte Frühlings-Insel, ein englischer Park. Dieser Berg gegen Süden
und einer gegen Norden waren zu einer Wiege zusammengerückt, in der das stille
Dörfchen ruhte, und über welche die Morgen- und die Abendsonne ihr goldnes
Gespinst hindeckte. In fünf blitzenden Teichen schwankten fünf dunklere
Abendhimmel, und jede aufhüpfende Welle malte sich im darüberschwebenden
Sonnenfeuer zum Rubin. Zwei Bäche wateten in veränderlichen Entfernungen, von
Rosen und Weiden verdunkelt, über den langen Wiesengrund, und ein wässerndes
Feuerrad trieb wie ein gehendes Herz das vom Abend gerötete Wasser durch alle
grünende Blumengefässe. Überall nickten Blumen, diese Schmetterlinge unter den
Gewächsen - auf jedem bemoosten Bachstein, aus jedem mürben Stocke, um jedes
Fenster wiegte sich eine Blume in ihrem Duft, und spanische Wicken überzogen mit
blauen und roten Adern einen Garten ohne Zaun. Ein durchsichtiges Wäldchen von
goldgrünen Birken stieg in hohem Gras drüben den nördlichen Berg hinan, auf
dessen Kuppel fünf hohe Tannen als Ruinen einer gestürzten Waldung horsteten.
    Emanuels kleines Haus stand am Ende des Dorfes in einem Gestrick von
Jelängerjelieber und in der Umarmung eines Lindenbaums, der es durchwuchs...
Sein Herz quoll auf: »Sei gesegnet, stiller Hafen! den eine Seele heiligt, die
hier gen Himmel sieht und wartet, um ins Meer der Ewigkeit zu gehen!« -
Plötzlich warfen die Fenster der Abtei, wo sich Klotilde erzogen hatte, die
Flammen des Abendrots auf ihn - und die Sonne ging sanft wie ein Penn nach
Amerika - und die dünne Nacht legte sich über die Natur herüber - und die grüne
Klause Emanuels hüllte sich ein .... Da kniete er einsam auf dem Gebirge, auf
dieser Tronstufe, nieder und sah in den glühenden Westen und über die ganze
stille Erde und in den Himmel und machte seinen Geist gross, um an Gott zu
denken....
    Als er kniete: war alles so erhaben und so mild - Welten und Sonnen zogen
von Morgen herauf, und das schillernde Würmchen drängte sich in seinen
staubichten Blumenkelch hinab - der Abendwind schlug seinen unermesslichen
Flügel, und die kleine nackte Lerche ruhte warm unter der federweichen Brust der
Mutter - ein Mensch stand auf dem Gebirge, und ein Gold- Käferchen auf dem
Staubfaden... und der Ewige liebte seine ganze Welt. - -
    Sein Geist war jetzt gemacht, einen grossen Menschen zu fassen, und er sehnte
sich nach der Stimme eines Bruders.
    Er wankte ohne Steig ins Dorf hinab, umzogen von den grossen Kreisen des
Kibitzvogels und von den kleinen des Maikäfers. Am Fusse des Berges war der
Zwittertag dunkler - am Sternenhimmel hob sich der Vorhang auf - der Dampf des
Abends, der heiss aufgezogen war, fiel kalt, wie Menschen, in die Erde zurück:
noch eine laute Lerche drehte sich als das letzte Echo des Tages über dem Berge.
    Endlich hört' er Emanuels Linde. - Er hätte ihn lieber unter dem grossen
Himmel als unter der engen Stubendecke umarmt. Hinter dem Fenster sah er einen
ausserordentlich schönen Jüngling stehen, der auf der Flöte blies. Dieser zog aus
ihren Himmelpforten ein fliehendes schwebendes Elysium; Viktor hörte ihn lange
an, um sein schlagendes Herz zu stillen; endlich ging er mit tränenvollen Augen
um das Haus und wollte sprachlos und blind an den Jüngling und an Emanuel
fallen. Als er vor dem Fenster vorbeiging, erwiderte der Jüngling den Gruss nicht
- als er die Haustüre eröffnete, fing ein sanftes Glockenspiel zu tönen an.
Sogleich kam der Jüngling heraus und fragte ihn freundlich, wer da sei; denn er
war blind. Viktor trat in ein Allerheiligstes, da er in die mit Linden
ausgelaubte Stube ging, die den geflügelten Menschen umgab, der jetzt ausser
derselben unter der grossen Nacht Gottes war. Gegen Mitternacht sollte Emanuel
zurückkommen. Das Zimmer war offen und rein - einige Blätter von genossenen
Früchten lagen auf dem Tisch- um alle Fenster glühten Blumen - ein Sternrohr
lehnte an der Wand - Reste einer orientalischen Kleiderkammer verkündigten den
Indier. - -
    Die Stimme des schönen Jünglings hatte etwas unaussprechlich Rührendes für
ihn, weil sie ihm bekannt vorkam; sie zog tief in sein Herz hinein, wie die
Melodie eines Liedes, das aus der Kindheit heraufklingt. Er durfte frei mit dem
steten Blick der Liebe auf dem in eine ewige Nacht gerichteten Angesicht ruhen;
er wollte die kindlichen Lippen voll Melodien küssen und zögerte noch; - aber da
er wieder aus dem Hause ging, um Emanuel zu suchen, und da das Glockenspiel
wieder anfing - denn es tönte, wenn die Tür auflief, um dem Blinden alles
anzumelden -, so konnt' er sich nicht mehr halten unter dem lieblichen Getöne,
sondern er berührte den Mund des Blinden, da er am offnen Fenster lehnte, mit
einem weichen Kusse wie mit einem Hauch. »Ach Engel! bist du denn wieder vom
Himmel herunter?« sagte der Blinde, der ihn mit irgendeinem bekannten Wesen
verwechselte.
    Wie war draussen alles so gut! Die Abendglocke des Dorfes rief über die
entschlummerten Fluren, und eine entfernte Seele neigte sich vielleicht nach
ihren verwehten gebrochnen Tönen herüber. Der Abendwind rauschte mit Gipfeln
voll grüner Früchte darein. Der Abendstern - der Mond unserer Dämmerung - ruhte
freundlich auf dem Wege der Sonne und des Mondes und schickte seinen Trost
zwischen die Abwesenheit von beiden. - »Wo wirst du jetzt sein, mein Emanuel?
Ruhest du vielleicht vor dem Abendrot - oder schauest du in das Sternenmeer -
bist du in der Entzückung, die wir ein Gebet nennen - oder...«
    Jetzo blitzte in ihm auf einmal der Gedanke, sein Emanuel sei, da heute
nachts der Johannistag anfing, vielleicht am Genusse des Abends verschieden...
Er suchte ihn mit den Augen eifriger unter jedem Baume, in jedem tiefern
Schatten, er blickte zu den Bergen auf, als könnt' er ihn da sehen, und zu den
Sternen, als dürft' er ihn da suchen. - Er umging das Dorf, dessen Ringmauer
eine Fruchtschnur von Kirschbäumen war, die mit einer herabgeworfnen Milchstrasse
von längst gefallnen Blüten den grünen Umkreis versilberten, und eilte über die
Ruinen der Häuser, die die Kinder am Tage erbauet hatten, gegen die
ausglimmenden Fenster der Abtei zu, die sich am südlichen Berge, wovon er
hereingestiegen war, in die Höhe richtete. Denn der Blinde hatte ihm gesagt, dass
dieser Berg Emanuels Sternwarte sei, und dass er jede Nacht dahin komme. Die
grüne Treppe, die mit Terrassen und Moosbänken absetzte, und an der ein
Treppengeländer von Buschwerk hinaufwuchs, führte ihn einem Berge zu, der sich
erhaben im Äter mit einer hohen Trauerbirke schloss. Mit jedem Rasenplatz hoben
sich, wie aus einem Bade, neue Glieder der dunkeln Natur heraus er zog gleichsam
von einem Planeten in den andern. Über das aufsteigende verhüllte Gefilde
strömte der Nachtwind und zog einsam von Wald zu Wald und spielte kräuselnd am
Gefieder des schlafenden Vogels und des schwirrenden Nachtschmetterlings. Viktor
sah hinüber zur Abendröte, die die Nacht wie eine Vorsteckrose vor den Busen, an
dem die Sonnen liegen, vorgenommen hatte. Das Meer der Ewigkeit stand in Gestalt
der Nacht auf dem Silbersand der Welten und Sonnen, und aus dem Meeresgrund
blinkten die Sandkörner tief herauf.
    Um die Trauerbirke nahm ein unbekanntes melodisches Tönen zu, das er schon
heute auf der Insel gehört: endlich stand er oben unter der Birke, und das
Tönen, wie das einer Harmonika, das erst über Paradiese und durch Blumenhecken
geflossen ist, war laut um ihn; aber er sah nichts weiter als einen hohen
Grasaltar (die Geburtstätte von Emanuels Brief) und eine tiefe Grasbank. Aus
welcher unsichtbaren Hand, dacht' er schauernd, gehen diese Töne, die von Engeln
abzugleiten scheinen, wenn sie über die zweite Welt fliegen, von vereinigten
Seelen, wenn eine zu grosse Wonne sich zum Seufzer ausatmet und der Seufzer sich
in verwehtes Getön zerlegt? Es ist ihm zu vergeben, dass er an einem solchen
Tage, der seine Seele in immer grössere Erschütterungen setzte, in diesem
Schauder der Nacht, unter diesem melodischen Trauerbaum, an diesem
Allerheiligsten des unsichtbaren Emanuels, dass er endlich glaubte, dieser sei an
diesem Abend aus dem Leben geflohen, und seine Seele voll Liebe fliege noch in
diesen Echos um ihn und sehne sich nach der ersten und letzten Umarmung. Er
verlor sich immer mehr in die Töne und in die Stille rings um sie - seine Seele
wurde ihm zu einem Traum, und die ganze Nachtlandschaft wurde zum Nebel aus
Schlaf, in dem dieser lichte Traum stand - die Quelle des unendlichen Lebens,
die der Ewige ausgiesset, flog weit von der Erde im unermesslichen Bogen mit den
stäubenden Silberfunken der Sonnen über die Unendlichkeit, sie bog sich glimmend
um die ganze Nacht, und der Widerschein des Unendlichen bedeckte die dunkle
Ewigkeit.
    O Ewiger, wenn wir deinen Sternenhimmel nicht sähen, wie viel wüsste denn
unser in den Erdenkot untergesunknes Herz von dir und von der Unsterblichkeit?
    Plötzlich wurde in Osten die Nacht lichter, weil der zerflossene Schimmer
des Mondes an den Alpengebirgen, die ihn bedeckten, heraufschlug - und auf
einmal wurden die unbekannten Töne lauter und die Blätter und der Nachtwind. Da
erwachte Viktor wie aus einem Traume und Leben und drückte die harmonischen
zerrinnenden Lüfte an die schmachtende Brust und rief unter den vorquellenden
Tränen, die ihm das ganze Gefilde wie eine Regenwolke einhüllten, ausser sich
aus: »Ach Emanuel, komme! - ach ich dürste nach dir. - Töne nicht mehr, du
Seliger, nimm dein abgelegtes Menschenangesicht und erscheine mir und töte mich
durch einen Schauder und behalte mich in deinen Armen!«...
    Siehe! als der dunkle Tränentropfen noch auf dem Auge lag und der Mond noch
hinter den Alpen verzog: da stieg den Berg herauf eine weisse Gestalt mit
zugeschlossenen Augen - lächelnd verklärt - selig - gegen den Sirius gewandt - -
    »Emanuel, erscheinst du mir?« rief bebend Horion und riss seine Tränen herab.
Die Gestalt schlug ihre Augen auf. Sie breitete ihre Arme aus. Viktor sah nicht
und hörte nicht, er glühte und zitterte. Die Gestalt flog ihm entgegen, und er
gab sich hin: »Nimm mich!« Sie berührten einander - sie umschlangen einander -
der Nachtwind riss durch sie - das fremde Getön klang näher - ein Stern zerschoss
- der Mond flog über die Alpen herauf....
    Und als er mit seinem Edenlicht die Wangen der unbekannten Erscheinung
begoss: erkannte Viktor, dass es sein teurer Lehrer - Dahore war, der heute in den
Spiegel der Insel seine Gestalt geworfen. Und Dahore sagte: »Geliebter Sohn,
kennst du deinen Lehrer noch? Ich bin Emanuel und Dahore.« Da wurde die Umarmung
enger - Horion wollte den Dank für eine ganze Kindheit in einen Kuss
zusammenpressen und lag aufgelöst in den Armen des Lehrers und in den Armen der
liebenden Wonne.
    Umschlinget euch fest, ihr Glücklichen, drücket eure gefüllten Herzen bis
zum Tränen-Erpressen aneinander, vergesset Himmel und Erde und verlängert die
erhabne Umarmung! - Ach sobald sie zerfallen ist, so hat dieses schlaffe Leben
nichts Stärkeres mehr, womit es euch verknüpfen kann, als den Anfang des -
zweiten....
    Emanuel trat endlich aus der Stellung der Liebe heraus und schauete
abgebogen, wie eine Sonne, gross und offen in Horions Angesicht und begegnete mit
Entzückung dem veredelten Geiste und Angesicht seines blühenden Lieblings.
Dieser sank vor dem Blick der Liebe mit aufgehobenem Angesicht unwillkürlich auf
die Knie und sagte: »O mein Lehrer, mein Vater - o du Engel, liebst du mich denn
noch so sehr?« - Aber er weinte zu sehr, und seine Worte waren unverständlich
und erstarben im Herzen.....
    Ohne zu antworten, legte Emanuel die Hand auf das Haupt des knienden
Schülers und wendete sein verklärtes Auge gegen den schimmernden Himmel und
sagte mit feierlicher Stimme: »Dieses Haupt, du Ewiger, weiht sich heute dir in
dieser grossen Nacht. - Nur deine zweite Welt fülle dieses Haupt und dieses Herz
aus und die kleine dunkle Erde befriedig' es nie! - O mein Horion! hier auf
diesem Berge, auf dem ich über ein Jahr aus der Erde ziehe, beschwör' ich dich
bei der grossen zweiten Welt über uns, bei allen grossen Gedanken, womit dir jetzt
der Ewige in dir erscheint, beschwör' ich dich, dass du gut bleibst, auch wenn
ich lange gestorben bin.«
    Emanuel kniete zu ihm nieder, hielt den Erschöpften und neigte sich an sein
erblassendes Angesicht und sagte leiser und betend: »Mein Geliebter! - mein
Geliebter! wenn wir beide tot sind, in der zweiten Welt scheid' uns Gott nie,
nie mich und dich!« - Er weinte nicht, aber konnte doch nicht mehr sprechen;
ihre zwei Herzen ruhten verknüpft aneinander, und die Nacht umhüllte schweigend
ihre stumme Liebe und ihre grossen Gedanken.....
 
                                14. Hundposttag
      Das philosophische Arkadien - Klotildens Brief - Viktors confessions
Ich habe nur vorher zwei Dinge zu erklären, das unbekannte Getön und das
Verschliessen der Augen. Jenes floss von einer auf die Trauerbirke gelegten
Äolsharfe aus; sooft Emanuel zu nachts hieherkam, mischte er in die flüsternden
Blätter diese abgehauchten Töne wie Blüten ein, um sich zu erheben, wenn er
allein die erhabne Nacht ansah. Die Augen tat er oft vor der Sonne und dem Monde
zu, wenn sein innerer, wie ein Cherub geflügelter Mensch gerade die Erlaubnis
hatte, sich in weiche Phantasien einzusenken: in die fliessenden bunten
Licht-Wogen, die durch die Augenlider drangen, tauchte er sich dann wie in einen
Zephyr mit süssem Verschwimmen unter, und in diesem Lichtbad sog der höhere
Lichtmagnet in ihm Himmellicht aus Erdenlicht. Da es nur wenige Seelen gibt, die
wissen, wie weit die Harmonie der äussern Natur mit unserer reicht, und wie sehr
das ganze All nur eine Äolsharfe ist, mit längern und kürzern Saiten, mit
langsamern und schnellern Bebungen vor einem göttlichen Hauche ruhend: so fodre
ich nicht, dass jeder diesem Emanuel vergebe.
    Nach dem über ein ganzes Leben hinschimmernden Wiederfinden kamen beide bei
dem blinden Jüngling an, und seine Flöte hob das Herz aus dem schlagenden
Fieberblut sanft in den beruhigten Äter des Himmels im Traume hinüber.
    Da ich so gerne um Emanuel bin: so gönne mir der Leser die Freude, alle
Stunden auseinander zu blättern, die wir in seinem Hause verbringen dürfen, und
recht Schritt vor Schritt zu gehen.
    Der Morgen deckte dem Zöglinge Emanuels wie Kindern erst auf, was die Nacht
seinem Herzen für ein Christgeschenk bescheret hatte. Welche Gestalt trat im
Morgenglanz vor ihn, da das stille, kindliche, beruhigte Gesicht des Lehrers,
über das einmal Stürme gezogen waren, wie auf dem sanften weissen Monde Vulkane
gelodert haben, ihn auf eine Weise anlächelte, dass sein Inneres in stummer Wonne
zerfloss! Besonders im Profil angeblickt, schien diese hohe Gestalt am Ufer der
Erde zu stehen und hinunterzuschauen in die zweite Halbkugel des Himmels, die
uns der Stein auf dem Grabe und der fette Trift-Boden dieses Lebens verdeckt.
Sein Angesicht verklärte sich, wenn er es zum Himmel aufhob - wenn er Gott
nannte oder die Ewigkeit - wenn er vom längsten Tage sprach; in seinem Lichte
erblasste das Glanzgold der Gegenwart zum Mattgold der Vergangenheit, und sein
Geist ruhte schwebend auf dem Körper, wie in Arabesken Genien aus Blumen keimen.
So leicht stimmte sich Viktor nie aus dem Traum in den neuen Tag als an diesem
Morgen durch Emanuels Stimme, die sozusagen die Sphärenmusik zum blauen Himmel
seiner Augen war, aus welchem wie aus dem ägyptischen nie ein Tropfe fiel; er
konnte aus Unvermögen seiner Tränendrüsen niemals weinen; auch erschütterte
dieses Leben seine Seele nicht mehr.
    Das reine Morgenzimmer machte gleichsam die Seele rein und still. Er war der
grösste körperliche Purist, er wusch seinen Körper ebensooft als seine Kleider,
und der Schmutz der medizinischen Sprache wurde bis sogar auf Wörter, wie z.B.
Zahnstocher etc., von seiner unbefleckten Zunge gemieden. Ebenso blieb sein Herz
sogar von den blossen Bildern grosser Sünden unbesudelt; und diese unwissende
Unschuld, so wie eine Unbekanntschaft mit unsern listigen Sitten, machte ihn in
drei verschiedenen Augen entweder zum Kinde - oder zum Mädchen - oder zum Engel.
-
    Das Frühstück von Wasser und Früchten - die überhaupt seinen ganzen
Küchenzettel besetzten - rückte strafend unserm Viktor den Wein und Kaffeesatz
vor, womit er die Blumen seines Geistes, wie irdische, zuweilen düngen musste.
Blumenscherben waren Dahores Dosen und glühten unter dem Lindengrün, das, von
zwei zahmen und doch freien Grasmücken durchhüpft, das lebendige wachsende
Deckenstück des Zimmers war. Auch seine Seele schien, wie ein Brahmin, von
poetischen Blumen zu leben, und seine Sprache war oft, wie seine Sitten,
indisch, d.h. poetisch. So war überall, wie bei mehren Menschen-Magnaten, eine
auffallende vorherbestimmte Harmonie zwischen der äussern Natur und seinem Herzen
- er fand im Körperlichen leicht die Physiognomie des Geistigen und umgekehrt -
er sagte: die Materie ist als Gedanke ebenso edel und geistig als irgendein
anderer Gedanke, und wir stellen uns in ihr doch nur die göttlichen
Vorstellungen von ihr vor; - z.B. unter dem Frühstück vertiefte er sich in den
glimmenden Tautropfen in einer Levkoje und spielte durch das Wiegen des Auges
das Farbenklavier derselben durch. »Es muss« - sagte er - »irgendeine Harmonie
zwischen diesem Wasserstäubchen und meinem Geiste zusammenklingen, wie zwischen
der Tugend und mir, weil beide mich sonst nicht entzücken könnten. Und ist denn
dieser Einklang, den der Mensch mit der ganzen Schöpfung (nur in verschiedenen
Oktaven) macht, nur ein Spiel des Ewigen und kein Nachhall einer nähern, grössern
Harmonie?« Ebenso blickte er oft eine glimmende Kohle so lange an, bis sie ihm
zu einer Flammen-Aue sich ausgebreitet hatte, die er, von sanften Phantasien
beleuchtet, auf- und niederwandelte....
    Erdulde, Leser, diese blumige Seele; wir wollen beide denken, dass die
Menschen leichter eine Religion als eine Philosophie haben können, und dass jedes
System sein eignes Gewebe des Herzens voraussetze, und dass das Herz die Knospe
des Kopfes sei.
    Der einzige Umstand schmerzte den beglückten Viktor an diesem Morgen, dass er
den schönen Blinden nicht umfassen und fragen durfte: »Haben wir nicht schon
beisammengelebt, und ist dir meine Stimme nicht so bekannt wie mir deine?« Denn
er hielt ihn (wie ich auch) aus mehren Gründen für den zurückgebliebnen Sohn des
Pfarrers Eymann. Da aber Dahore darüber schwieg - in dessen hellen lichten
Himmel man sonst bis zum kleinsten Nebelstern hinabschauen konnte -: so
fürchtete er, vor diesen frommen Ohren seinem Eide des Schweigens zu nahe zu
reden, wenn er auch nur seine fragenden Vermutungen über den Blinden entdeckte.
Dieser Julius schien nur zwei Wurzeläste seines Wesens zu haben, deren einer in
die Flöte und der andre in seinen Lehrer ging. Auf seinem weissen Angesicht,
worauf die Trunkenheit des musikalischen Genies und die Abgezogenheit des
träumenden Blinden sich mit einer fast weiblichen Schönheit verband, stand der
Widerschein seines Lehrers, und die Fibern desselben hatten sich wie
Lautensaiten nur in harmonischen Bewegungen geregt. Der arme Blinde, der seinen
Dahore für seinen Vater ansah, wurde wie eine Flaumfeder bloss von seinem
kleinsten Hauch gelenkt. Viktor zog oft den Kopf des lieben Blinden nahe an sein
Gesicht, um die zerstörten Augen zu mustern, ob sie wieder herzustellen wären.
Aber ob er gleich mit Schmerzen sah, dass der Unglückliche unheilbar in der
vollen lichten Erde bleibe: so wiederholt' er doch immer die nahe Erforschung,
bloss um die reizende liebe Gestalt näher an seinem Auge und an seiner Seele zu
haben.
    Emanuel führte am Morgen als Cicerone der Natur seinen Gast durch die Ruinen
und Antiken der Erde; denn jeder Baum ist eine ewige Antike. Wie verschieden ist
ein Spaziergang mit einem frommen Menschen, und einer mit einer gemeinen
Weltseele! Die Erde kam ihm heilig vor, erst aus den Händen des Schöpfers
entfallen - ihm war, als ging' er in einem über uns hängenden überblümten
Planeten. Emanuel zeigte ihm Gott und die Liebe überall abgespiegelt, aber
überall verändert, im Lichte, in den Farben, in der Tonleiter der lebendigen
Wesen, in der Blüte und in der Menschenschönheit, in den Freuden der Tiere, in
den Gedanken der Menschen und in den Kreisen der Welten - denn entweder ist
alles oder nichts sein Schattenbild -; so malt die Sonne ihr Bild auf alle
Wesen, gross im Weltmeere, bunt in Tautropfen, klein auf die Menschen-Netzhaut,
als Nebensonne in die Wolke, rot auf den Apfel, silbern auf den Strom,
siebenfarbig in den fallenden Regen und schimmernd über den ganzen Mond und über
ihre Welten.
    Viktor fühlte heute zum ersten Male die Vergrösserung und Verklärung seines
Ichs vor einem Geiste, der, ihm ähnlich, aber überlegen, gleich einem
sphärischen Hohlspiegel alle Züge seines edlern Teils kolossalisch zurückwarf.
Der ganze pöbelhafte Teil seiner Natur verkroch sich, als der höhere sich, von
Dahore ins Grosse gemalt, über die liegenden Triebe aufrichtete. Ein Mensch, den
die Sonnennähe eines grossen Menschen nicht in Flammen und ausser sich bringt, ist
nichts wert. Er wollte kaum sprechen, um nur immer ihn zu hören, ob er gleich
vorhatte, recht viele Tage dazubleiben. Er war wie vor einem höhern Wesen und
vor einer Geliebten, vor denen man weder seinen Kopf noch seine Zunge zeigen
will, mit Verzicht auf sein Ich in lautere Wahrheit und Liebe versunken. Von den
kleinen Verhältnissen des Orts und des bürgerlichen Lebens war aller Firnis so
rein abgesprungen, und sie standen ihm alle so vermooset da, dass er nicht einmal
die Namen von Göttingen, von Flachsenfingen, oder leere Lebenvorfälle oder
fremde Personalien nennen wollte. Viktor hatte überhaupt eine kleine Verachtung
für die Menschen, denen die Nachricht an den Buchbinder lieber ist als das Buch,
und die Rezension eines Autors lieber als sein System, und für welche die Erde
keine Entzifferkanzlei des Buchs der Natur, sondern ein Sprachzimmer, eine
Zeitungbude elender Personalien ist, die sie weder benutzen noch behalten noch
beurteilen, sondern nur erzählen wollen; und es ekelten ihn die deutschen
Gesellschaften, in denen man so wenig philosophiert. - O wie selig war er,
einmal einen ganzen Tag mit einem andern denken, und was noch schöner ist,
zugleich dichten zu dürfen!
    Seine Zweifel über das Grösste, was unsern Kopf erdrücken und unser Herz
erheben kann, wurden heute zu Fragen - die Fragen zu Hoffnungen - die Hoffnungen
zu Ahnungen. Es gibt Wahrheiten, von denen man hofft, grosse Menschen werden
stärker von ihnen überzeugt sein, als man es selber sein kann; und man will
daher durch ihre Überzeugung die seinige ergänzen. Dahore hielt die zwei grossen
Wahrheiten (Gott und Unsterblichkeit), die wie zwei Säulen das Universum tragen,
fest an seinem Herzen; aber er fragte wie die seltnern Menschen, denen die
Wahrheit nicht bloss das Schaugericht der Eitelkeit und der Nachtisch des Kopfes
ist, sondern ein heiliges Abend- und Liebemahl voll Lebengeist für ihr müdes
Herz, er fragte wenig darnach, wenn er keine Anhänger machen konnte. Viktor
fühlte, dass er den Artillerietrain und die elektrischen Pistolen und Batterien
der Disputierkunst besser zu handhaben verstehe als Emanuel; aber er würde seine
eigne Zunge verabscheut haben, wenn sie ihre Leichtigkeit gegen diese schöne
Seele gerichtet hätte. Er schwieg aus zwei Gründen. »Versuch es,« sagt' er, »von
einer grossen, dein ganzes Wesen umfassenden leuchtenden Wahrheit auf dem
fliegenden Sekundenweiser, worauf man im flüchtigen Gespräche steht, mit den
wenigen trocknen Tuschen, womit menschliche Ideen anzufärben sind, und mit der
unbehülflichen Menschenzunge, womit du diese Farbenkörner ausbreiten musst,
versuch es, von deiner Wahrheit ein Schmelzbild, ein Altarblatt zu gehen -
wahrhaftig ein Schattenriss, ein durchsichtiges Sternbild wird alles sein, was du
liefern kannst.« Der lichte Himmel gewisser einfacher tieffühlenden Menschen
hüllet, wie der äussere, alle seine Sonnen, die wärmste ausgenommen, mit dem
Schein eines öden Blaues zu; aber der unreine Himmel anderer voll Witz und Logik
ist mit Nebensonnen, Bögen, Nordscheinen, Wolken und Rot geputzt.
    Der zweite, bessere Grund, warum er die Opponenten-Ehre verschmähte, war
sein Herz, das mehr in sich schloss, als der Kopf beleuchten konnte. Gewisse
Ansichten können nicht so leicht wie Mauergemälde in Italien abgelöset werden
und aus einem Kopfe in den andern gebracht - das Licht, das dir der andre gehen
kann, zeigt, aber zimmert nicht den Hausrat deines Innern, und das, was das
Licht bei einigen wirklich erschafft, ist Lufterscheinung, optischer Betrug,
aber kein Körper34. - Daher kommt es nicht auf das Zeigen und Ersehen einer
Wahrheit, d.h. eines Gegenstandes an, sondern auf die Wirkungen, die er durch
dein ganzes Inneres macht. Warum gibt es denn Menschen, die uns, wie Sokrates
den Aristides, heiligen, bloss wenn wir bei ihnen sind? - Wie vermögen es grosse
Schriftsteller, dass ihr unsichtbarer Geist in ihren Werken uns ergreift und
festält, ohne dass wir die Worte und Stellen angeben können, womit sie es tun,
wie ein vollbelaubter Wald immer brauset, ohne sich mit einzelnen Ästen zu
bewegen? - Warum überwältigte Emanuel seinen geliebten Horion - mehr als durch
breite Tesesbilder, rationes decidendi und sententiae magistrales - bloss durch
die Verklärung in seinem Angesicht, durch den leisen Echoton seiner Stimme,
durch den Glanz in seinem Blick und durch die Andacht in seiner Brust, wenn er
Wahrheiten, die der Sprache alt und dem Herzen neu waren, feierlich sagte, wie
folgende:
    Der Mensch geht wie die Erde von Westen nach Osten, aber es kommt ihm vor,
er gehe mit ihr von Osten nach Westen, vom Leben ins Grab.
    Das Höchste und Edelste im Menschen verbirgt sich und ist ohne Nutzen für
die tätige Welt (wie die höchsten Berge keine Gewächse tragen), und aus der
Kette schöner Gedanken können sich nur einige Glieder als Taten ablösen35.
    Unsere zwecklose Tätigkeit, unsere Griffe nach Luft müssen höheren Wesen
vorkommen wie das Fangen der Sterbenden nach dem Deckbette.
    Der Geist erwacht und wird erwachen, wenn das Sinnenlicht auslöscht, wie
Schlafende erwachen, wenn das Nachtlicht auslöscht. - -
    Warum blieben diese Gedanken als Schauder in der Seele? Weil Horion etwas
Höheres fühlte, als je die Sprache, die nur für die Alltag-Empfindungen erfunden
ist, wiedergeben kann - weil er schon in seiner Kindheit die Systeme hasste, die
alles Unerklärliche verstecken, und weil der Menschengeist sich im Erklärlichen
und Endlichen so erdrückt empfindet, als er es in einem Bergwerk oder durch den
Gedanken ist, dass sich oben irgendwo der Himmelraum zuspünde.
    Wie hätt' er den Mut oder Anlass haben können, an einem solchen Tage Emanuel
um seinen Sterbetag zu befragen, oder um Klotilden? - Viktor hatte jene
gesellschaftliche Phantasie, die sich leicht in die Stelle der unähnlichsten
Menschen, des Weibes und des Philosophen, versetzt. Abends ging Dahore ins
Stift, um Astronomie, seine geliebteste Wissenschaft, zu lehren. Unter der
astronomischen Lehrstunde wurde Julius offnes Gesicht ein offner Himmel; er
sagte seinem Viktor alles wie einem zweiten Vater. Hier erzählte er ihm
treuherzig, dass im vorigen Jahr immer ein Engel zu ihm gekommen, der seine Hand
ergriffen, ihm Blumen gegeben, ihn freundlich angeredet und endlich von ihm in
den Himmel gewichen, ihm aber einen Brief dagelassen habe, den er nach einem
Jahre zu Pfingsten sich von Klotilden dürfe lesen lassen; ja dieser gute Engel
sei gestern mit einem Kusse vor ihm vorbeigeflogen. Viktor lächelte froh, aber
verschwieg seine Vermutung, dass er den Engel für ein scheues liebendes Mädchen
aus dem Fräuleinstift ansehe. - »Gestern aber«, sagte Viktor, »war bloss ich der
Engel gewesen, der dich so küsste!«- und wiederholte es. - Julius wusste geliebten
Personen nichts Schöneres zu geben als das Bild seines Vaters - die Schilderung
von der erhabenen Liebe desselben, die keinen Menschen vergass, weil sie nicht
auf die Vorzüge, sondern auf die Bedürfnisse der Menschen gebauet war - ferner
von seiner Nachsicht, seiner Uneigennützigkeit, da ihm eine lange Tugend den
Kampf gegen sein Herz ersparte, und er nun nichts tat, als was er wünschte, und
da ihm die tief herabhängende zweite Welt eine eigne Unabhängigkeit von
Bedürfnissen predigte. 500000 Fixsterne erster Grösse leuchten nach Lambert kaum
dem nähern Vollmond gleich; und so überglänzt die Gegenwart immer unser Inneres;
aber steige näher auf zum Fixstern der zweiten Welt, so wird er eine Sonne, die
den Mond der Zeit und der Gegenwart in einen schmalen Nebel verwandelt. - Diesen
Emanuel hatten alle Maientaler lieb (sogar der Pfarrer, obwohl jener ein
Nichtkatolik, Nichtluteraner und Nichtkalvinist war); und er war gern von
etwas abhängig, von fremder Liebe36. Unter dieser Schilderung sehnte sich Viktor
wieder so bewegt nach ihm, als wären sie ein Jahr auseinander gewesen; daher
legt' er sich im Abendrote unter Birkenblätter, dem Stifte gegenüber, um ihn
sogleich mit heissen Armen in Verhaft zu nehmen.
    Und als Viktor seine Seele hob an hohen weissen Säulen des vom Lord
entworfenen Parks, an dem erhabenen Bildwerk, das einen grossen Gedanken schrieb,
der wie ein Gewitter aussah; und als er gerade eine herabgefallne Biene, deren
Flugwerk ihr Honig verpichte, auf das Bienenbrett getragen hatte: so wandelte
freundlich Dahore daher. Dieser verfiel selber - denn Viktor hätte das
versteckte Herantreiben einer Materie für Sünde genommen - auf Klotilde und
sagte, das sei ihre Lieblingstelle und die Ruhebank ihrer stillen Seele gewesen.
Der Ort war nicht erhaben, aber, was noch mehr ist, dem Erhabnen gegenüber -
(sogar die physische Grossheit, z.B. ein Berg, hat die Ferne als ein Fussgestell
nötig) - er lag am tiefsten im Tal, von Emanuels Blumenketten umfasset - die er
oft unverzäunt anlegte, weil alle Maientaler seine kleinen Freuden schonten -,
von grossen Kleefeldern angeweht, vom Monde, der im Frühling erst vom Berg herab
diese Tiefe anstrahlte, mit einem schwermütigen Gemisch von Birkenschatten,
Wasserglanz und lichten Stellen überdeckt und endlich mit einer Grasbank
geziert, deren ich nicht erwähnte, wäre sie nicht an beiden Enden mit grossen
niederwankenden Blumen besteckt, die zärtlich keiner erdrückte, der sich
zwischen ihnen niederliess. Wie wurde Viktor betroffen - oder entzückt, als
Emanuel nach dieser Klotilde fragte! Wie Tau-Juwelen, wie Freudentränen fielen
alle Worte des Lehrers in sein lechzendes Herz, weil es Lobsprüche auf ihre
weiche Seele waren, die ihre Tränen nur in fremde leitet und vor trocknen Herzen
verdeckt, auf ihre feine Ehrliebe, die der männliche Tadel zu Kälte und der
weibliche zu Stolz verdreht, und auf eine liebende Wärme, die man in ihrem wie
eine Knospe festgeschlossenen Herzen nicht gesucht hätte, das jetzt die leblose
Natur mit der belebten vermengt, um an jener diese lieben zu lernen. Es rührte
Viktor bis zu Tränen, da Emanuel ihm seine aus diesem Eden entrückte Schülerin
so warm anlobte; - und als er ihn noch dazu unbefangen bat, der Freund seiner
Freundin zu werden und jetzo, weil er sterbe und weil sie nicht mehr komme -
denn sie war das letztemal bloss dagewesen, um zu Pfingsten, unbelächelt von
ihren Eltern, öffentlich mit den Stiftfräulein das Abendmahl zu empfangen -,
jetzo seine Stelle zu besetzen bei diesem gegen die Sterne gehobnen Auge, bei
diesem für die Ewigkeit bewegten Herzen: so hätt' er vor Rührung und vor Liebe
dem Freund und der Freundin zu Füssen sinken mögen. - - In einem solchen Munde
gibt das Lob des Gegenstandes allzeit der Liebe einen ausserordentlichen
Wachstum, weil diese immer Vorwand sucht und dann auf einmal zeitigt, wenn sie
ihn gefunden.
    Wenn dir, mein Freund, das Herz für ein fremdes nicht schnell und heftig
genug schlägt - ob es gleich meines Erachtens schon fieberhaft pulsiert, nämlich
111 mal in einer Minute -, so gehe, um dein kaltes Fieber in ein warmes
umzusetzen, dein viertägiges in ein tägliches, nur zu andern besonders
geachteten Leuten hin und lasse dir sie vorloben, die Gute, oder nur oft
vornennen: todkrank und mit deinen 140 Pulsschlägen versehen, gehst du weg und
hast das verlangte Fieber am Hals.
    Der unschuldige Emanuel, der Viktors Wärme nicht erriet, glaubte, er müsse
noch mehr tun, um ihm die siebenfache Weihe zum Priester der Freundschaft für
Klotilden zu geben, und gab ihm einen - Brief von ihr. Du konntest es tun,
Ostindier, da du hier ein im limbus infantum (im Kinder-Himmel) zum Engel
gewordnes Kind bist, da du keine Geheimnisse hast, ausgenommen das Geheimnis der
drei Kinder (daher dich der Lord nicht zum Vorleser seiner Briefe machte), und
da du gar nicht ahnest, die Weggabe des fremden Briefes sei nicht recht. Doch
dein Schüler hätte ihn nicht lesen sollen.
    Der las ihn aber. Er kann sich mit nichts decken als mit meinem Leser, der
hier diesen nämlichen fremden Brief, den dessen Stellerin nie für ihn
geschrieben, doch auf seinem Sessel genau durchsieht. Ich meines Orts lese
nichts, sondern schreibe nur das ab, was mir der Hund gebracht. - Es ist schön,
dass dieser Brief von ihr gerade in der regnenden, melodischen Nacht des
Gartenfestes gemacht war, wo er seinen ersten an Emanuel geschrieben hatte.
                                                      »St. Lüne den 4. Mai 179*.
Sie verlangen es vielleicht nicht, verehrungwerter Lehrer, dass ich mich
entschuldige, da ich kaum aus Maiental bin und schon mit einem Briefe
wiederkomme. Ich wollte gar schon unterweges schreiben, dann am zweiten Tage und
endlich gestern. Dieses Maiental wird mir noch viele Täler verderben; jede
Musik wird mir wie ein Alphorn klingen, das mich traurig macht und in mein Herz
die Erinnerung an das Alpenleben unter der Trauerbirke bringt.
    In dieser Stimmung würd' ich es meinem Herzen nicht verweigern können, sich
zu öffnen und sich vor dem Ihrigen in den wärmsten Dank für die schönsten und
lehrreichsten Tage meines Lebens zu ergiessen: wenn ich nicht den Entschluss
hätte, in einigen Tagen wieder in Maiental zu sein; nach meiner zweiten
Zurückkehr soll mein Herz seinen Willen haben.
    In unserm Hause fand ich nichts verändert37 - auch in unsers Nachbars seinem
nichts; und ich fand in allen Seelen die Liebe wieder, womit wir auseinander
geschieden waren, nur ist meine Agate zwar lustig, aber doch es minder als
sonst. Die einzige Veränderung in Herrn Eymanns Hause ist ein Gast, den jeder
anders nennt: Viktor - Horion - Sebastian - junger Lord - Doktor. Diesen letzten
Namen verdient er in vollem Masse durch seine erste Handlung und erste Freude in
St. Lüne, welche die Heilung des blinden Lords Horion war. Welch ein Glück für
den Geretteten und für den Retter! - Möge dieser Jüngling doch einmal durch Ihr
Eden gehen und Ihren guten Julius antreffen, um an ihm die schöne Kunst zu
wiederholen! - O sooft ich daran denke, dass das männliche Geschlecht mit dem
Stoffe zu den grössten göttlichen Wohltaten beglückt ist, dass es, wie ein Gott,
Augen, Leben, Recht, Wissenschaften austeilen kann, indes mein Geschlecht sein
Herz, das sich nach Wohltun sehnt, auf kleinere Verdienste, auf eine Träne, die
es abtrocknet, auf eine eigne, die es verbirgt, auf eine geheime Geduld mit
Glücklichen und Unglücklichen einschränken muss: so wünsch' ich, möchte doch
dieses Geschlecht, das die höchsten Wohltaten in Händen hat, uns die grösste
vergönnen, es - nachzuahmen und Güter in die Hände zu bekommen, die uns
beglückten, wenn wir sie verteilten! - Jetzo kann ein Weib mit nichts in ihrer
Seele gross sein als nur mit Wünschen.
    Ich komme gerade vom freien Himmel herein aus einem kleinen Gartenfeste bei
meiner Agate; und mir ist ordentlich jedes schöne tiefblaue Stück vom Himmel
nicht recht, wenn es nicht über Ihrer Trauerbirke steht, wo Ihr Auge alle seine
Schätze und Sonnen aufzählt und meinem Herzen alle Winke der unendlichen Macht
und Liebe zeigt. Ich dachte heute im Garten mit einer fast zu traurigen
Sehnsucht an Ihr Maiental; Herr Sebastian erinnerte mich noch öfter daran, weil
er einen Lehrer gehabt zu haben scheint, der dem meinigen ähnlich war38. Er
sprach heute sehr gut und schien aus zwei Hälften zusammengesetzt zu sein, aus
einer britischen und einer französischen. Einige seiner schönen Anmerkungen sind
mir nicht entfallen - z.B. Die Leiden sind wie die Gewitterwolken; in der Ferne
sehen sie schwarz aus, über uns kaum grau. - Wie traurige Träume eine angenehme
Zukunft bedeuten: so werd' es mit dem so oft quälenden Traume des Lebens sein,
wenn er aus sei. - Alle unsere starken Gefühle regieren wie die Gespenster nur
bis auf eine gewisse Stunde, und wenn ein Mensch immer zu sich sagte: diese
Leidenschaft, dieser Schmerz, diese Entzückung ist in drei Tagen gewiss aus
deiner Seele heraus: so würd' er immer ruhiger und stiller werden. Ich berichte
Ihnen alles dieses so ausführlich, um mich gleichsam selber zu bestrafen für ein
voreiliges Urteil, das ich vor einigen Tagen (wiewohl in mir) über seinen Hang
zur Satire fällte. Die Satire scheint auch bloss für das stärkere Geschlecht zu
sein; ich habe in dem meinigen noch keine gefunden, die Swifts oder Cervantes'
oder Tristrams Werke recht goutiert hätte. - -
Zwei Tage später. Ich und mein Brief sind noch hier; aber heute reiset er auf
vier Tage vor mir voraus. Ich denke ordentlich, dieses letzte Mal werde mir jede
Blume in Maiental und jedes Wort, das mir mein bester Lehrer sagt, noch grössere
und tiefere Freude machen als je, weil ich gerade aus dem Geräusche der Besuche
und mit einem so melancholischen Herzen hinkomme. Am Morgen nach jener schönen
Nacht des Kirchgangfestes sass ich allein in einer Laube neben dem grossen Teiche
und machte mich durch alles trauriger, was ich sah und dachte - denn diesen
ganzen Morgen stand wegen eines Traumes meine erblichene Freundin39 in meiner
Seele - ihr Grab lag durchsichtig auf ihr, und ich blickte hinein und sah diese
Himmellilie blass und still in ihm liegen - ich dachte wohl daran, als der
Gärtner Blumen mit den Töpfen in die Erde grub, dass der Körper, in dem wir
grünen, auf gleiche Weise in die Erde zum künftigen Blühen komme, aber ich
konnte doch meine Tränen nicht mehr stillen. - Vergeblich sah ich den heitern
Frühling an, der jeden Tag neue Farben, neue Mücken, neue Blumen aus der Erde
zieht - ich wurde nur betrübter, da er alles verjüngt, aber den Menschen nicht.
- Und als ich Herrn von Schleunes von weitem mit einem Froschschnepper auf den
Teich zugehen sah, musst' ich mich, weil er von ferne im Vorbeigehen meine Augen
sehen konnte, schlafend stellen, um sie nicht zu verraten. - - Aber vor meinem
teuersten Lehrer würd' ich sie geöffnet haben, wie jetzt, weil er mir meine
Schwächen vergibt.
                                                              Klotilde v. L. B.«
                                       *
Viktor hatte den linken Arm, womit er den Brief hielt, zu nahe ans Herz gelegt;
und sein Arm und Brief fingen mit dem pochenden Herzen zu zittern an, und er
konnte ihn kaum vor Rührung lesen und fassen. »Ein solcher Lehrer! - eine solche
Schülerin!« weiter konnten seine Blicke nichts sagen.
    Es war in ihm ein Streit, ob er seinem Freund die Liebe für Klotilden sagen
sollte. Für das Geständnis war Emanuels Bitte, mit ihr umzugehen - sein
gleichsam aus Fixsternen alle Kleinigkeiten der Erde beschauendes Auge - Viktors
dankbare Begierde, ein Geheimnis mit dem andern zu vergelten - und am meisten,
o! diese Liebe zu seinem Lehrer, diese Liebe seines Lehrers zu ihm....
    - Und diese siegte auch, so viel auch sonst dagegen war. Denn wenn Viktors
ganze Natur im Feuer der Freundschaft glühte, so stieg sein Herz immer höher und
brannte, sich zu öffnen - er kämpfte noch mit ihm, und es schwieg noch - es
liebte unendlich - es hob sich wie von einer unsichtbaren Macht empor - es brach
endlich entzwei - die Brust ging wie vor Gott auseinander, und nun, Geliebter!
schau hinein, aber verzeih ihm alles.
    Er kriegte noch in sich, als der hinter ihrem Rücken heraufgehobene Mond
ihre beiden Schatten-Kniestücke vor ihnen voraustrieb. - Er wurde durch Emanuels
ziehenden Schatten an eine Stelle in seinem Briefe40 erinnert und an sein
sieches Leben und frühes Verschwinden... Dieses zerspaltete sein Inneres, er
wendete sanft seinen Emanuel gegen den herunterströmenden Mond um und sagte und
zeigte ihm alles - aber nicht bloss seine Liebe, sondern seine ganze Geschichte -
seine ganze Seele - alle seine Fehler - alle seine Torheiten - alles, er war so
beredt in dieser Minute wie ein Engel und ebenso gross - sein Herz wallete
zerschmolzen in Liebe, und je mehr er sagte, je mehr wollte er zu sagen haben.
    Auf dieser Erde schlägt keine erhabnere und seligere Stunde als die, wo ein
Mensch sich aufrichtet, erhoben von der Tugend, erweicht von der Liebe, und alle
Gefahren verschmäht und einem Freunde zeigt, wie sein Herz ist. Dieses Beben,
dieses Zergehen, dieses Erheben ist köstlicher als der Kitzel der Eitelkeit,
sich in unnütze Feinheiten zu verstecken. Aber die vollendete Aufrichtigkeit
steht nur der Tugend an: der Mensch, in dem Argwohn und Finsternis ist, leg'
immer seinem Busen Nachtschrauben und Nachtriegel an, der Böse verschon' uns mit
seiner Leichenöffnung, und wer keine Himmeltür an sich zu öffnen hat, lasse das
Höllentor zu!
    Emanuel hatte die göttliche oder mütterliche Freude, die ein Freund über die
Tugend und Veredlung des Freundes empfindet, und vergass über der Freude die
verschiedenen Anlasse derselben.
    Ungern trenn' ich mich auf eine Nacht von diesem tugendhaften Paar. Möge ich
noch viele Tage von Maiental zu malen bekommen und Viktor noch viele da
verleben! -
 
                                15. Hundposttag
                                  Der Abschied
Ach heute geht er schon! Die bisherigen Rührungen und Gespräche hatten die zarte
Hülle, die Emanuels schönen Geist wie eine Tulpe die Biene verschliesset, zu sehr
erschüttert: blass und wankend stand er auf; und der Blinde war am glücklichsten,
der weder diese Blässe, noch das weisse Tuch erblickte, das er zu nachts, statt
vollzuweinen, vollgeblutet hatte. Er selber hatte noch das bleiche Abendrot der
gestrigen Freude auf dem Angesicht; aber eben diese Gleichgültigkeit gegen seine
auslöschenden Tage, dieses schwächere leisere Sprechen machte, dass Viktor die
Augen von ihm wegwenden musste, sooft sie lange an ihm gewesen waren. Emanuel sah
ruhig, wie eine ewige Sonne, auf den Herbst seines Körpers herab; ja je mehr
Sand aus seiner Lebens-Sanduhr herausgefallen war, desto heller sah er durch das
leere Glas hindurch. Gleichwohl war ihm die Erde ein geliebter Ort, eine schöne
Wiese zu unsern ersten Kinderspielen, und er hing dieser Mutter unsers ersten
Lebens noch mit der Liebe an, womit die Braut den Abend voll kindlicher
Erinnerungen an der Brust der geliebten Mutter zubringt, eh' sie am Morgen dem
Herzen des Bräutigams entgegenzieht.
    Viktor warf sich jeden vergossenen Bluttropfen Emanuels vor und entschloss
sich, heute zu gehen, weil diese Psyche mit ihren grossen Flügeln sich in ihrem
Gewebe nicht mehr ohne Risse bewegen konnte. In Emanuels Augen glänzte eine
unaussprechliche Liebe für seinen gerührten Schüler. Er fing selber von seinem
Todestag zu reden an, um diesen zu trösten, und stellte ihm vor, dass er erst in
einem Jahre von hinnen gehen könne; er bauete seine schwärmerische Weissagung
auf zwei Gründe: dass erstlich seine meisten männlichen Verwandten am nämlichen
Tage und im nämlichen Stufenjahre gestorben wären, zweitens dass schon mehre
Schwindsüchtige in ihrer zerstörten Brust wie in einem Zauberspiegel ihren
letzten Tag gelesen hätten. Viktor bestritt ihn; er zeigte, die Erklärung der
letzten Erscheinung, als könne der Hektiker aus dem regelmässigen stufenweisen
Fallen der Lebenskraft leicht die letzte Stufe oder den Gefrierpunkt
vorausfühlen, sei falsch, weil Gefühle der Zukunft in der Gegenwart Widersprüche
(in adjecto) wären, und weil wir mitten im Leben so wenig den Eintritt des Todes
als im Wachen den Eintritt des Schlafes (trotz gleicher Stufenfolge) voraus
empfinden könnten. Viktor stellte ihm alles dieses vor; aber er glaubte es
selber nicht recht: ihn übermannte der hohe Mensch, der seinen Eintritt in den
Todesschatten so zuverlässig wie einen Eintritt des Mondes in den Erdschatten
ansagte. - Wir wollen dem Kranken vergeben und uns deswegen nicht für weiser
halten, weil er schwärmerischer ist. - Am meisten wurde Viktor durch Emanuels
Wahn getröstet, dass ihm vor seinem Tode erst sein verstorbner Vater erscheinen
werde.
    Viktor zögerte und wollte nicht zögern, hinderte als Arzt das Sprechen des
Emanuel, um sich die Entschuldigung eines unschädlichen Aufschubs zu machen, und
wurde eben, weil er selber wenig zu reden suchte, immer betrübter. - Wie kannst
du, guter Viktor, schon heute von ihm eilen, von diesem Engel, der vielleicht
über dem nächsten Grabe verschwindet? - Es muss dir hart fallen, da es schon so
schwer ist, vom Maiental voll Blüten, vom Blinden voll sanfter Töne wegzugehen
- schmerzlich ist hier der letzte Händedruck, Viktor, und schön jede
Verzögerung!
    Er beschloss, in der Nacht zu scheiden, weil eine Trennung am Morgen zu lange
wehe tut und die Stelle des Herzens, wo sich das geliebte abgerissen, den ganzen
Tag fortblutet. Emanuel hätte abends sich wieder ins Stift entfernen sollen, wie
gestern: Viktor würde dann seine gefüllten Augenhöhlen, mit denen er immer
hinausgehen musste, um den Schmerz hinwegzunehmen, vor dem Blinden, den er um die
traurigste Melodie von der Welt gebeten hätte, satt haben strömen lassen können.
    Als er abends das letztemal ass und die Abendglocke anfing, wurde seinem
Herzen, als wäre von demselben die Brust weggehoben und Eisspitzen würden darauf
geweht. Er umschlang voll Liebe den blinden Jüngling, den er nicht als den
Gespielen seiner Kindheit erkennen durfte, und der mit seinen Tönen mehr
Entzückungen gegeben hatte, als er in seiner Nacht zurückbekam; und liess Tränen
ihren Lauf, deren doppelte, vielleicht dreifache Quelle Emanuel nicht erriet:
denn der Anblick dieser Augen, die nie mehr zu öffnen waren, tat nun seiner
Seele nach Klotildens Wunsche ihrer Heilung viel weher. Emanuel bat er noch mit
einer über den Nebensinn hinübereilenden Stimme, ihn ein wenig zu so begleiten,
bis Maiental verschwunden wäre.
    In der dunkeln stillen Gegend draussen blieben alle Schmerzen in der Brust
neben ihren Seufzern. »Wenn der Mond in dieses Blütental hereinschimmert,«
dacht' er, »hab' ich es auf lange verlassen.« Bloss die Altarlichter, die Sterne,
brannten im grossen Tempel. Er wollte sich von seinem Lehrer auf dem Berge
trennen, wo er sich mit ihm vereinigt hatte; aber er ging durch Umwege - Emanuel
folgte ihm gern, wohin er ihn führte - hinauf, um das Schweigen und Weinen unter
dem Umwege zu überwältigen.
    Aber sie kamen an unter der Trauerbirke, und sein Auge und seine Stimme
hatte noch der Schmerz. »Ach« (dacht' er) »wie freudig war hier die erste Nacht,
und wie schmerzhaft ist diese!« Sie ruhten auf der Erde nebeneinander an der
Grasbank, einsam, schweigend, trauernd vor dem dunkel schimmernden All. Viktor
konnte den belasteten Atemzug der zerstörten Brust vernehmen, und das künftige
Grab auf diesem Berge schien sich neben ihm aufzuwühlen. O wenn es bitter ist,
neben dem Bette zu stehen, worin ein geliebtes erlöschendes Angesicht mit den
Farben des Todes liegt: so ist es noch viel bitterer, mitten in den Szenen der
Gesundheit hinter der aufgerichteten teuren Gestalt den leise grabenden Tod zu
hören und so oft zu denken, als die Gestalt fröhlich ist: »Ach sei noch
fröhlicher, in kurzem hat er dich umgenagt, und du bist vergangen mit deinen
Freuden und mit meinen!« - Aber ach, es gibt ja keinen Freund und keine
Freundin, bei denen wir das nicht denken müssten! -
    Er wusste nicht, warum Dahore so lange still war. - Er sah nicht voraus, dass
der Mond den Berg früher bestrahlen werde als die Tiefe. Der Mond, dieser
Leuchtturm am Ufer der zweiten Welt, umzog jetzt den Menschen mit bleichen
Gefilden, die aus Träumen genommen waren, mit blass schimmernden Auen aus einer
überirdischen Perspektive, und die Alpen und Wälder lösete er in unbewegliche
Nebel auf - über der halben Erdkugel stand tief der Letefluss des Schlafes,
unter der grünen Rinde stand das Totenmeer, und zwei liebende Menschen lebten
zwischen dem weiten Schlafe und Tod... Jetzt dachte Viktor zwar noch glühender:
hier neben diese Birke, unter diesen kalten Boden wird seine zerfallne Brust auf
ewig verborgen, und sie blutet nicht mehr, aber sie schlägt auch nicht mehr - er
dachte zwar an trübe Ähnlichkeiten, als die unbeweglichen Sterne auf- und
abzusteigen schienen, bloss weil die spielende Erde sich um sie wendet und sie
zeigt und deckt - er sah zwar melancholisch von den Irrlichtern weg, die, über
Täler rennend, nur an der ernsten Nacht und an den Gräbern hinanhüpften und die
um einen einsamen Pulverturm gaukelnde Kreise beschrieben - -
    Allein doch schwieg er und dachte: »Wir haben uns ja noch.«
    Aber dann wurd' es seinem blutigen Herzen zu viel, als die Flötenklagen des
Blinden aus dem einsamen Hause in die Nacht auszogen und über den Berg und über
das künftige Grab hinübergingen. - Dann wurden den Seufzern Stimmen und der
Zukunft Totenglocken gegeben, und es tat ihm zu wehe, als er unter dem
Flötengetön es dachte: dieser einzige, dieser unersetzliche Mensch, der in
seinem grossen Herzen doch so viel Liebe für dich bewahret, geht dahin und
erscheint nie wieder. - Ach, da noch dazu gerade jetzt Emanuel, der still in den
Himmel versenkt und wie ein Hingeschiedener neben ihm gelegen, seine Lage wegen
des schmerzlichen und gedrückten Atemholens wechselte, aber mit einem heitern,
von den Bruststichen nicht getroffnen Angesicht: so fuhr eine kalte Hand in
Viktors geschwollnes Herz und wendete sich darin um, und sein Blut gerann an ihr
an, und er sagte, ohne ihn ansehen zu können, schwach, bittend, gebrochen:
»Stirb nicht nach einem Jahr, mein teurer Emanuel - wünsche nicht zu sterben!«
    Der Genius der Nacht stand bisher unsichtbar vor Emanuel und goss hohe
Entzückungen in seine Brust, aber keine Leidenschaften, und er sagte: »Wir sind
nicht allein - meine Seele fühlt das Vorbeigehen ihrer Verwandten und richtet
sich auf - unter der Erde ist Schlaf, über der Erde ist Traum, aber zwischen dem
Schlaf und Traum seh' ich Lichtaugen wandeln wie Sterne. - Ein kühles Wehen
kömmt vom Meer der Ewigkeit über die glühende Erde. - Mein Herz steigt auf und
will abbrechen vom Leben. - Es ist alles so gross um mich, wie wenn Gott durch
die Nacht ginge. - Geister! fasset meinen Geist, er windet sich nach euch, und
zieht ihn hinüber....«
    Viktor wandte sich um und sah flehend ins schöne, freudige, unbetränte
Angesicht: »Du willst sterben?«
    Emanuels Entzückung stieg über das Leben: »Der dunkle Streif in der zweiten
Welt ist nur eine Blumen-Aue41 - es leuchten uns Sonnen voraus, es ziehen uns
fliegende Himmel mit Frühlinglüften entgegen - bloss mit leeren Gräbern fliegt
die Erde um die Sonne; denn ihre Toten stehen entfernt auf hellern Sonnen.« -
    »Emanuel?« - fragte Viktor laut weinend und mit der Stimme des innigsten
Sehnens, und die Flötentöne sanken jammernd unter in die weite Nacht -
»Emanuel?«
    Emanuel sah ihn, zurückkommend, an und sagte ruhig: »Ja, mein Geliebter! -
Ich kann mich nicht mehr an die Erde gewöhnen; der Wassertropfen des Lebens ist
flach und seicht geworden, ich kann mich nicht mehr darin bewegen, und mein Herz
sehnt sich unter die grossen Menschen, die diesen Tropfen verlassen haben. - - O
Geliebter, höre doch« - (und hier drückte er das Herz seines Viktors wund) -
»diesen schweren Atem gehen - siehe doch diesen zerbrochnen Körper, diese dichte
Hülle meinen Geist umwickeln und seinen Gang erschweren. -
    Siehe, hier klebt mein und dein Geist angefroren an die Eisscholle, und dort
decket die Nacht alle hintereinander ruhende Himmel auf, dort im blauen
glimmenden Abgrunde wohnt alles Grosse, was sich auf der Erde entkleidet hat,
alles Wahre, das wir ahnen, alles Gute, das wir lieben. -
    Sieh, wie alles so still ist drüben in der Unendlichkeit - wie leise ziehen
die Welten, wie still schimmern die Sonnen - der grosse Ewige ruhet wie eine
Quelle mit seiner überfliessenden unendlichen Liebe mitten unter ihnen und
erquickt und beruhigt alles; und um Gott steht kein Grab.«
    Hier stand Emanuel, wie von einer unendlichen Seligkeit gehoben, auf und sah
liebend zum Arkturus empor, der noch unter dem Gipfel des Himmels hing, und
sagte, gegen die blinkende weite Tiefe gerichtet: »Ach wie unaussprechlich sehn'
ich mich hinüber zu euch - ach zerfalle, altes Herz, und verschliess mich nicht
so lange!« - »So stirb denn, grosse Seele,« (sagte Viktor) »und ziehe hinüber;
aber brich mein kleines Herz durch deinen Tod und behalte den Armen bei dir, der
dich nicht verlassen und nicht entbehren kann.«
    Die Flöte hatte aufgehört, die beiden Menschen waren aneinander gesunken, um
ihren Abschied zu endigen. »Teurer, Geliebter, Unvergesslicher,« (sagte Emanuel)
»du bewegst mich zu sehr - aber wenn ich nach einem Jahre auf diesem Berge
verscheide, so sollst du bei mir stehen und sehen, wie dem Menschen die Banden
abgenommen werden. Deine Tränen werden meine letzten Erden-Schmerzen sein; aber
ich werde sagen, was ich jetzt sage: wir scheiden uns in der Nacht, aber wir
finden uns wieder am Tage.« Hier ging er.
    Viktor hatte sich leise von den kindlichen Lippen losgewunden - er jagte
nicht auf seinem Nacht-Steige - langsam ging er vor lauter Schlaf vorbei. - Er
wandte sich oft um und verfolgte mit Augen voll fallender Tränen die fallenden
Sterne über Maiental - und um 4 Uhr morgens kam er mit einer himmlischen Seele
in St. Lüne an und trat in den Garten voll alter Szenen und legte in der
bekannten Laube das glühende Haupt und das bekämpfte Herz in den Tau des Morgens
zu einer kühlenden Ruhe nieder.
    O ruhe, ruhe! - Ach den ewig erschütterten Busen des Menschen stillet nur
ein Schlaf, entweder der irdische oder der andre....
                           Ende des ersten Heftleins
 
                                Zweites Heftlein
                                16. Hundposttag
Kartoffeln-Formschneider - Hemmketten in St. Lüne - Wachs-Bossierungen - Schach
nach der regula falsi - die Distel der Hoffnung - Begleitung nach Flachsenfingen
Man sollte wie der alte Fritz gern in Kleidern schlafen, sobald man weiss, dass
man, wie zuweilen Viktor und ich, im Hemde von den Vampyren der
mitternächtlichen Melancholie umzingelt und angefallen wird; sie bleiben aus,
wenn man sitzt und alles anhat; besonders erhalten uns Stiefel und Hut das
Gefühl des Tages am meisten. -
    Eine warme Hand hob Viktors betautes Haupt vom Schlaftisch auf und richtete
es der ganzen daherschlagenden Flut des Morgens entgegen. Seine Augen gingen
(wie allemal) unbeschreiblich mild und ohne Nachtwolken vor Agaten auf und
überstrahlten sie. Aber sie führte ihn mit seinen Strahlen eilig aus der
belaubten Schlafkammer hinweg: denn er sollte sich einen Frisierkamm und einen
Morgensegen suchen, und zweitens sollte das Tischbett zu einem Teebrett für
Klotilden werden, die die warmen Getränke gern an kalten Orten nahm.
    Und so steht er draussen zwischen Pfarrhaus und Schloss mitten im Morgen -
alles schien ihm erst während seiner Reise gemauert und angestrichen zu sein -
denn alles, was darin wohnte, schien sich verändert zu haben und machte ihn
wehmütig. »Die Eltern drinnen« (sagt' er zu sich) »haben keinen Sohn - mein
Freund hat keine Geliebte, und ich... kein ruhiges Herz.« Da er nun endlich in
die Wohnung trat und wieder ein heller Ehrenbogen des liebenden Familienzirkels
wurde; da er mit teilnehmenden und doch belehrten Augen die zärtlichen
Täuschungen der Eltern, die grundlosen Hoffnungen seines Freundes und das
Aufsteigen der gewitterhaften Tage anschauen musste: so stand sein Auge in einer
unverrückten Träne über die Zukunft, und sie wurde nicht kleiner, da seine
Adoptiv-Mutter sie durch weiches Anblicken rechtfertigen wollte. - - Zum Teil
aber wehete auch dieser Flor über seine Seele bloss aus der vorigen Nacht
herüber, deren dämmernde Szenen nur durch einen kleinen Zwischenraum aus Schlaf
von ihm geschieden waren: denn eine in Empfindungen verwachte Nacht endigt sich
allezeit mit einem schwermütigen Vormittag.
    Der Kaplan machte gerade Butter-Vignetten; ich meine, er sägte mit keiner
andern Ätzwiege als mit einem Federmesser und in keine andre Kupferplatten als
in Kartoffeln Buchdruckerstöcke und Schliessquadrätchen ein, die auf die
Juliusbutter des Schmuckes wegen zu drucken waren. Man hätte denken sollen,
Viktor hätte sich dadurch viel geholfen, dass er Witz hatte und anmerkte, die
alten Drucke wären zwar langer Bücher darüber und langer allgemeiner deutschen
literarischen Rezensionen der Bücher ganz würdig, aber keines menschlichen
Gedankens, und wären zehnmal ungeniessbarer als diese neuesten Butter-Inkunabeln;
denn wenn es etwas Elenderes geben könnte als die Weltgeschichte (d.h. die
Regentengeschichte), deren Inhalt aus Kriegen, wie das Teaterjournal anderer
Marionetten aus Prügeleien, bestände, so wär's bloss die Gelehrten- und
Buchdruckerhistorie42. Auch das hätt' ihm zustatten kommen sollen, dass er
hinterdrein philosophisch war und verlangte, man sollte den Menschen weder ein
lachendes noch vernünftiges Tier nennen, sondern ein putzendes; zu welcher
Anmerkung die Kaplänin nichts setzte als die Anwendung davon auf ihre Töchter.
    Aber in Menschen seiner Art haben Kummer, Satire und Philosophie
nebeneinander Platz. Er erzählte dem Kartoffeln-Medailleur und der Kaplänin, die
alle Weiber auf der Erde zu ihren Töchtern zählte und gegen sie ähnliche
Strafpredigten hielt, seine Reise mit so vielen Satiren und Rasuren, als für
beide Parteien nötig waren; aber als er die Wünsche der Familie hörte, dass der
Lord glücklich mit dem geliebten Fürstenkinde zurückkommen möge, und die
Nachricht, dass der Regierrat schon alles eingepackt habe, um mit seinem Freunde
jede Stunde, die er wolle, in die Stadt zu ziehen: so hatte Viktor nichts zu tun
als - die absondernden Tränenwege in seinen Augenhöhlen hinauszutragen....
    - Aber in den Garten! - Das war unüberlegt. Flamin ging nach, und sie
langten miteinander im Laub-Klosett vor den Teetrinkerinnen an. Niemals
verschatteten die Zweige desselben ein verlegneres Gesicht, weichere Augen,
vollere Blicke und lebhaftere oder schönere Träume, als Viktor darunter
mitbrachte. Er dachte sich jetzo Klotilde als ein ganz neues Wesen und dachte
also - da er nicht wusste, ob sie ihn liebe - recht dumm; der Mensch achtet
allezeit, wenn er den Berg überstiegen hat, den kommenden Hügel für nichts;
Flamin war sein Berg gewesen, und Klotilde sein Hügel. - In allen
Gespräch-Untiefen, wo man schon halb im Sitzen oder Sinken ist, gibts keine
herrlichere Schiffpumpe als eine Historie, die man zu erzählen hat. Man gebe mir
Verlegenheit und den grössten Zirkel und nur ein Unglück, nämlich die Anekdote
davon, die noch keiner weiss als ich, so will ich mich schon retten.
    Viktor brachte also seinen Schwimmgürtel heraus, nämlich sein
Schifftagebuch, aus dem er für die Laube einen pragmatischen Auszug machte - ich
gesteh' es, ein Zeitungschreiber hätte mehr verfälschen, aber schwerlich mehr
weglassen können.
    Er tat sich, glaub' ich, wieder Vorschub bei der Kaplänin, und noch mehr
Schaden bei Klotilden - so sehr er auch nur aus Wohlwollen für die Zuhörer und
aus zu starkem Hass des Hofes gegen Klotildens Satiren-Verbot in ihrem Briefe
verstiess - dadurch unbezweifelt, dass er - da überhaupt die Mädchen nur den
Spott, nicht die Spötter lieben - die Benefizkomödie der Prinzessin nicht von
der erhabenen Seite darstellte, wie ich, sondern von der lustigen: Klotilde
lächelte, und Agate lachte.
    Da aber der Name Emanuel von ihm genannt wurde und sein Haus und sein Berg:
so breitete die Freundschaft und die Vergangenheit auf dem schönsten Auge,
worüber noch ein Augenbraunenbogen, aus einer Schönheitlinie gezogen, floss,
einen sanften Schimmer aus, der jeden Augenblick zur Freudeträne werden wollte.
Doch musste er zu einer andern werden, als Viktor der Frage um seine Gesundheit,
welche Klotilde hoffend an ihn als Kunstverständigen tat, die Antwort der leis'
umschriebenen Geschichte seines nächtlichen Blutens geben musste. Er konnte den
Schmerz des Mitleidens nicht verhehlen, und Klotilde konnt' ihn nicht bezwingen.
O ihr zwei guten Seelen! welche Quetschwunden wird euer Herz noch von eurem
grossen Freund empfangen!
    Wohin anders konnte sie jetzt ihr liebendes und trauerndes Auge als gegen
ihren guten Bruder Flamin hinkehren, gegen den ihr Betragen durch den doppelten
Zwang, den ihr ihre Verschwiegenheit und seine Auslegungen anlegten, bisher so
unbeschreiblich mild geworden war? - Da nun Viktor das alles mit so ganz andern
Augen sah; da er seinem armen Freund, der mit seinem gegenwärtigen Glück
vielleicht die giftige Nahrung seiner künftigen Eifersucht vergrösserte, offen
und heftend in das feste Angesicht schauete, das einst schwere Tage zerreissen
konnten; da ihn überhaupt künftige oder vergangne Leiden des andern mehr
angriffen als gegenwärtige, weil ihn die Phantasie mehr in der Gewalt hatte als
die Sinne: so konnt' er einen Augenblick die Herrschaft über seine Augen nicht
behaupten, sondern sie legten ihren Blick, von mitleidigen Tränen umgeben,
zärtlich auf seinen Freund. Klotilde wurde über den Ruheplatz seines Blickes
verlegen - er auch, weil der Mensch sich der heftigsten Zeichen des Hasses
weniger schämt als der kleinsten der Liebe - Klotilde verstand die kokette
Doppelkunst nicht, in Verlegenheit zu setzen oder daraus zu ziehen - und die
gute Agate verwechselte das letzte immer mit dem ersten... »Frag ihn, was ihm
fehlt, Bruder!« sagte Agate zu Flamin...
    Dieser lenkte ihn mit ähnlichem Gutmeinen hinter die nächsten
Stachelbeerstauden hinaus und fragte ihn nach seiner festen Art, die immer
Behauptung für Frage hielt: »Dir ist was passiert!« - »Komm nur!« sagte Viktor
und zerrte ihn hinter höhere spanische Wände aus Laub.
    »Nichts ist mir« - hob er endlich mit gefüllten Augenhöhlen und lächelnden
Zügen an - »weiter passiert, als dass ich ein Narr geworden seit etwan 26 Jahren«
- (so alt war er) - »Ich weiss, du bist leider ein Jurist und vielleicht ein
schlechterer Okulist als ich selbst und hast wohl wenig in Herrn Janin43
gelesen: nicht?«
    Nicht bloss vom Nein wurde Flamins Kopf geschüttelt.
    »Ganz natürlich; aber sonst könntest du es aus ihm selber oder aus der
Übersetzung von Selle recht schön haben, dass nicht bloss die Tränendrüse unsre
Tropfen absondere, sondern auch der gläserne Körper, die Meibomischen Drüsen,
die Tränenkarunkel und - unser gequältes Herz, setz' ich dazu. - Gleichwohl
müssen von diesen Wasserkügelchen, die für die Schmerzen der armen, armen
Menschen gemacht sind, sich in 24 Stunden nicht mehr als (wenns recht zugeht) 4
Unzen abseihen. - - Aber, du Lieber, es geht eben nicht recht zu, besonders bei
mir, und es ärgert mich heute, nicht dass du in den Herrn Janin nicht geguckt,
sondern dass du meine fatale, verdammte, dumme Weise nicht merkst...« - »Welche
denn?« - »Jawohl, welche; aber die heutige mein' ich, dass mir die Augen
überlaufen - du darfst es kühn bloss einem zu matten Tränenheber beimessen,
worunter Petit alle einsaugende Tränenwege befasst -, wenn mir z.B. einer unrecht
tut, oder wenn ich nur etwas stark begehre, oder mir eine nahe Freude oder nur
überhaupt eine starke Empfindung oder das menschliche Leben denke oder das blosse
Weinen selber.« - -
    Sein gutes Auge stand voll Wasser, da ers sagte, und rechtfertigte alles.
    »Lieber Flamin, ich wollte, ich wäre eine Dame geworden oder ein Herrnhuter
oder ein Komödiant - wahrlich, wenn ich den Zuschauern weismachen wollte, ich
wäre darüber (nämlich über dem Weinen), so wär' es noch dazu auf der Stelle
wahr.«
    Und hier legt' er sich sanft und froh mit Tränen, die entschuldigt flossen,
um die geliebte Brust.... Aber zur Vipern- und Eisenkur seiner Männlichkeit
hatt' er nichts als ein »Hm!« und einen Zuck des ganzen Körpers vonnöten: darauf
kehrten die Jünglinge als Männer in die Laube zurück.
    Es war nichts mehr darin; die Mädchen waren in die Wiesen geschlichen, wo
nichts zu meiden war als hohes Gras und betauter Schatten. Die leere Laube war
der beste einsaugende Tränenheber seiner Augen; ja ich schliesse aus Berichten
des Korrespondenz-Spitzes, dass es ihn verdross. Da die Schwester spät allein
wiederkam: so verdross es den andern auch. Überhaupt, sollte sich etwa der Held -
welches für mich und ihn ein Unglück wäre - mit der Zeit gar in Klotilden
verlieben: so wird uns beiden ihm im Agieren, mir im Kopieren - die Heldin warm
genug machen, eben weil sie selber nicht warm sein will; weil sie weder
überflüssige Wärme, noch überflüssige Kälte, sondern allezeit die wechselnde
Temperatur hat, die sich mit dem Gespräch-Stoff, aber nicht mit dem Redner
ändert; weil sie einem zärtlichen Nebenmenschen alle Lust nimmt, sie zu loben,
da sie keinen Sackzehent davon entrichtet, oder sie wenigstens zu beleidigen, da
sie keine Ablassbriefe austeilt, und weil man wirklich in der Angst zuletzt
annimmt, man könne keine andern Sünden gegen sie begehen als solche gegen den
heiligen Geist. Jean Paul, der in solchen Lagen war und oft jahrelang auf einem
Platz vor solchen Bergfestungen mit seinen Sturmleitern und Labarums und
Trompetern stand und statt der Besatzung selber ehrenvoll abzog, dieser Paul,
sag' ich, kann sich eine Vorstellung machen, was hier in Sachen Sebastians
contra Klotilden für Aktenpapier, Zeit und Druckschwärze (von ihm und mir)
vertan werden kann, bis wirs nur zur Kriegsbefestigung treiben. Es wird einem
Mann überhaupt bei einer ganz vernünftigen Frau nie recht wohl, sondern bei
einer bloss feinen, phantasierenden, heissen, launenhaften ist er erst zu Hause.
Durch so eine wie Klotilde kann der beste Mensch vor blosser Angst und Achtung
frostig, dumm und entzückt werden; und meistens schlägt obendrein noch das
Unglück dazu, dass der arme matte Schäker, von dem sich ein solcher irdischer
Engel, wie der apokalyptische vom Jünger Johannes, durchaus nicht will anbeten
lassen, selten noch die Kräfte auftreibt, um zum Engel zu sagen - wie etwan zu
einem entgegengesetzten Engel mit Weltreichen, der das Anbeten haben will -:
»Hebe dich weg von mir!« Paul hebt sich allemal selber weg. - -
    Viktor tat dies nicht; er wollte jetzt gar nicht aus dem Hause, d.h. aus dem
Dorfe. Die Sommertage schienen ihm in St. Lüne wie in einem Arkadien zu ruhen,
wehend, duftend, selig; und er sollte aus dieser sanft irrenden Gondel
hinausgeworfen werden ins Sklavenschiff des Hofs - aus der pfarrherrlichen
Milchhütte in die fürstliche Arsenikhütte, aus dem Philantropistenwäldchen der
häuslichen Liebe auf das Eisfeld der höfischen. Das war ihm in der Laube so
hart! - und in Tostatos Bude so lieb! - Wenn die Wünsche und die Lagen des
Menschen sich miteinander umkehren: so klagt er doch wieder die Lagen, nicht die
Wünsche an. »Er wolle sich selber«, sagt' er, »auslachen, aber er habe doch
hundert Gründe, in St. Lüne zu zögern, von einem Tage zum andern - es ekle ihn
so sehr seine Absicht an, einem Menschen (dem Fürsten) aus andern Beweggründen
zu gefallen als aus Liebe - es sei noch unwahrscheinlicher, dass er selber
gefalle, als dass es ihm gefalle - er wolle lieber seinen eignen Launen als
gekrönten schmeicheln, und er wisse gewiss, im ersten Monat sag' er dem Minister
von Schleunes Satiren ins Gesicht, und im zweiten dem Fürsten - und überhaupt
werd' er jetzt mitten im Sommer einen vollständigen Hof-Schelm schlecht zu
machen wissen, im Winter eher, u.s.w.«
    Ausser diesen hundert Gründen hatt' er noch schwächere, die er gar nicht
erwähnte, wie etwan solche: er wollte gern um Klotilden sein, weil er ihr
notwendig, gleichsam um sein Betragen zu rechtfertigen - aber welches denn, mein
Trauter, das vergangne oder künftige? -, seine Wissenschaft um ihre
Blutverwandtschaft mit seinem Freund eröffnen musste. Zu dieser Eröffnung fehlte,
was in Paris das Teuerste ist, der Platz; das Exordium auch. Klotilde wer
nirgends allein zu treffen. Kenner sagen, jedes Geheimnis, das man einer Schönen
sage, sei ein Heftpflaster, das mit ihr zusammenleime, und das oft ein zweites
Geheimnis gebäre: sollte Viktor etwan darum Klotilden seine Kenntnisse von ihrer
Geschwisterschaft so begierig zu zeigen getrachtet haben? -
    Er blieb einen Tag um den andern, da ohnehin die Butterwoche der Vermählung
erst vorübergehen musste. - Er hatte schon Vermählmünzen in der Tasche. Aber er
sah Klotilde immer nur in Sekunden; und eine halbe Sekunde braucht man nach
Bonnet zu einer klaren Idee, nach Hooke gar eine ganze: eh' er also eine ganze
Vorstellung von dieser stillen Göttin zusammengebracht hatte, war sie schon
fortgelaufen.
    Endlich wurden ernstaftere Anstalten gemacht - nicht zur Abreise, sondern
zum Vorsatz derselben... Die schönsten Minuten in einem Besuche sind die, die
sein Ende wieder verschieben; die allerschönsten, wenn man schon den Stock oder
den Fächer in der Hand hat und doch nicht geht. Solche Minuten umgaben unsern
Fabius der Liebe jetzt: sanftere Augen sagten ihm: »Eile nicht«, wärmere Hände
zogen ihn zurück, und die mütterliche Träne fragte ihn: »Willst du mir meinen
Flamin schon morgen rauben?«
    »Ganz und gar nicht!« antwortet' er und blieb sitzen. Ich frage: steckte
nicht seinetwegen die Kaplänin ihr Zungen-Richtschwert in die Scheide, weil er
nichts so hasste als laute und stille Verleumdungen eines Geschlechts, das,
unglücklicher als das männliche, sich von zwei Geschlechtern zugleich
gemisshandelt erblickt? - Denn er nahm oft Mädchen bei der Hand und sagte: »Die
weiblichen Fehler, besonders böse Nachrede, Launen und Empfindelei, sind
Astlöcher, die am grünen Holz bis in die Flitterwochen als schöne marmorierte
Kreise gefallen; die aber am dürren, am ehelichen Hausrat, wenn der Zapfen
ausgedorret ist, als fatale Löcher aufklaffen.«- Agate schraubte jetzt ihr
Nähküssen an seinen Schreibtisch und küsste ihn, er mochte zu lustig oder zu
mürrisch aussehen. Selber der Kaplan suchte ihm, wenn nicht die letzten Tage,
die er bei ihm verträumte, süss zu machen, doch die letzten Nächte, wozu nichts
nötig war als eine Trommel und ein Fuss. Die feurigsten nächtlichen Hexentänze
der Mäuse untersagte der Kaplan mit seinem Fuss, damit sie den Gast nicht
aufweckten; er tat nämlich damit an das untere Bettbrett von Zeit zu Zeit einen
mässigen Kanonen-Stoss, der um so mehr ins Hörrohr der Tänzer einknallte, da er
schon die Ohren der Menschen erschreckte. Gegen den Eulerschen Rösselsprung der
Ratten zog er nur mit einem Schlegel zu Felde, womit er, wie ein Jüngster Tag in
ihre Lust- und Jagdpartien einbrechend, bloss ein- oder zweimal auf eine ans
Bettuch gestellte Trommel puffte.
    Mattieu war unsichtbar und feierte, da Höflinge den Fürsten alles
nachäffen, die Hochzeittage des seinigen wenigstens in kleinen Hochzeitstunden
nach. Das Pulver, das aus Kanonen und aus Feuerwerker-Düten fuhr, das Vivat, das
aus Kanzeln gebetet und aus Schenken geschrien wurde, und die Schulden, die man
dabei machte, waren, denk' ich, so ansehnlich, dass der grösste Fürst sich nicht
schämen durfte, damit seine Vermählung und - Langweile anzuzeigen. - Die Kälte
hat ewig ein Sprachrohr und die Empfindung ein Hörrohr. Die Ankunft einer
ungeliebten fürstlichen Leiche oder dergleichen Braut hört man an den
Polarzirkeln; hingegen wenn wir Niedere unsre Gräber oder unsre Arme mit
Geliebten füllen: so fallen bloss einige ungehörte Tränen, trostlose oder selige.
    Flamin lechzete nach dem Sessiontisch, dessen Arbeiten jetzo bald angingen,
und begriff das Zögern nicht.... Endlich wurd' einmal im ganzen Ernste der
Abschiedtag festgesetzt, auf den loten August; und ich bin gewiss, Viktor wäre am
14ten nicht mehr in St. Lüne gewesen, hätte nicht der Henker am 8ten einen
Tiroler hingeführt.
    Es ist der nämliche, der vorgestern bei uns Scheerauern mit einer wächsernen
Dienerschaft, die er halb aus Reichsständen, halb aus Gelehrten zusammengesetzt
hatte, seinen Einzug hielt und mit den Wachshänden dieser Zwillingbrüder des
Menschen uns die Gelder aus dem Beutel zog. Es ist dumm, dass mir der Spitz den
heutigen Hundtag nicht vorgestern gebracht: ich hätte den Kerl, der in St. Lüne
Viktor und den Kaplan in Wachs bossierte, selber ausgefragt, wie Viktor heisse
und Eymann und St. Lüne selbst. Am Ende reis' ich aus erlaubter und
biographischer Neugierde diesem Menschen-Zimmermeister, der uns mit
schauerlichen Widerscheinen unsers kleinen Wesens umringt, noch nach. -
    Viktor musste also wieder verharren; denn er liess sich und den Kaplan in
Wachs nachbacken, um erstlich diesem, der alle Abgüsse, Puppen und Marionetten
kindisch liebte, und zweitens um der Familie, die gern in sein erledigtes Zimmer
den wächsernen Nach-Viktor einquartieren wollte, einen grössern Gefallen zu tun
als sich selbst. Denn ihn schauerte vor diesen fleischfarbnen Schatten seines
Ich. Schon in der Kindheit streiften unter allen Gespenstergeschichten solche
von Leuten, die sich selber gesehen, mit der kältesten Hand über seine Brust.
Oft besah er abends vor dem Bettegehen seinen bebenden Körper so lange, dass er
ihn von sich abtrennte und ihn als eine fremde Gestalt so allein neben seinem
Ich stehen und gestikulieren sah: dann legte er sich zitternd mit dieser fremden
Gestalt in die Gruft des Schlafes hinein, und die verdunkelte Seele fühlte sich
wie eine Hamadryade von der biegsamen Fleisch-Rinde überwachsen. Daher empfand
er die Verschiedenheit und den langen Zwischenraum zwischen seinem Ich und
dessen Rinde tief, wenn er lange einen fremden Körper, und noch tiefer, wenn er
seinen eignen anblickte.
    Er sass dem Bossierstuhl und den Bossiergriffeln gegenüber, aber seine Augen
heftete er nieder in ein Buch, um die Körpergestalt, in der er sich selber
herumtrug, nicht entfernt und verdoppelt zu sehen. Die Ursache, warum er aber
doch die weggestellte Verdoppelung seines Gesichts im Spiegel aushielt, kann nur
die sein, weil er entweder den Figuranten im Spiegel bloss für ein Porträt ohne
Kubikinhalt oder für das einzige Urbild ansah, mit dem wir andre Doubletten
unsers Wesenszusammenhalten.... Über diese Punkte kann ich selber nie ohne ein
gewisses Beben reden...
    Dem Wachsabdruck Viktors wurde nach seiner Volljährigkeit eine toga virilis,
ein Überrock, den das Urbild abgelegt hatte, umgetan, desgleichen das Zimmer
eingeräumt, woraus der lebendige zog. Der Kaplan wollte diese wohlfeile Ausgabe
von Horion so ans Fenster lagern, wenn die bessere fort wäre, dass die ganze
Schul-Jugend, die vom Kantor Sitten und mores lernte, die Hüte abrisse, wenn sie
aus dem Schulhause heimtobte. -
    Endlich! - Denn Matz kam. Des letzten ausgekelterte Wangen und sein ganzer
Körper, der unter den Zitronendrückern der Nachtfeste gewesen war, bewiesen, dass
er nicht log, da er sagte, der fürstliche Bräutigam sehe noch achtmal elender
aus und liege darnieder am Podagra. Er setzte in seiner bittern Weise, die
Viktor wenig liebte, hinzu: »Die bleichen Grossen haben überhaupt kein Blut, das
wenige ausgenommen, was sie den Untertanen abschröpfen oder was ihnen an den
Händen klebt, wie die Insekten kein rotes Blut bei sich führen als das den
andern Tieren abgesogne.« Dieses erinnerte Viktor an seine medizinischen
Pflichten gegen den Fürsten. Entweder Matzens verwüstete Gestalt - denn
unmoralisches Nachtleben macht Züge und Farbe noch widerlicher als das längste
Krankenlager -, oder die Erinnerung an des Lords Warnungen, oder beides machte
ihn unserem Hofmedikus ebenso verhasst, als dieser wieder jenem durch das
Hofphysikat geworden war; dieses verhehlte Gift Mattäi aber offenbarte sich
nicht durch kleinere, sondern durch grössere, fast ironische Höflichkeit.
Hingegen Matz und Flamin schienen vertraulicher als je zusammen zu sein.
    Vormittags nach dem Rasieren sprang, ohne sich noch einmal zu überwaschen,
Viktor auf und packte sogleich den Stiefelknecht ein und riss die Hangriemen der
Kleider entzwei und bestellte Messhelfer, damit sie seinen Lebens-Ballast -
ausschifften (wegen seiner elenden Packerei) und dann einschifften. Denn er
überliess die ganze Kuratel des Gerümpels unserer kleinlichen Lebensgerätschaften
immer fremden Händen, und das mit einer solchen Verachtung dieses Gerümpels und
mit einer solchen sorglosen Verschwendung - ich werde zwar meinen Helden nie
verleumden; aber es ist doch durch den Spitz erwiesen, dass er nie das
Kurrentgeld eines versilberten Goldstücks kollationierte und nie einem Juden,
Römer und Herrnhuter etwas im Handel abbrach so sehr, sag' ich, dass die ganze
weibliche Hanse in St. Lüne schrie: ei der Narr! und dass die Kaplänin sich immer
an seine Stelle auf den Handelplatz einschob. Er war aber nicht zu bessern, weil
er die Lebensreise und also den Reisebündel mit so philosophischen Augen
verkleinerte, und weil er vor nichts so errötete als vor jedem Scheine des
Eigennutzes: er lief vor allen Anstalten, Vorreitern und Probekomödien davon,
wenn sie seinetwegen auftraten - er schämte sich jeder Freude, die nicht
wenigstens in zwei Bissen, in einen für einen Mitesser, zu teilen war - er
sagte, die Stirne eines Hospodars müsste die Härte seiner Krone angenommen haben,
weils sonst ein solcher Mensch unmöglich ertrüge, was oft bloss seinetwegen
gemacht würde von einem ganzen Lande, die Musik - die Ehrenbogen - die Carmina -
das Freudengeschrei in Prose und die entsetzlichen Kanonaden. - -
    Er hatte jetzt in St. Lüne nichts mehr abzutun als eine blosse platte -
Höflichkeit; denn so viel darf ich wohl ohne Eitelkeit behaupten, dass ein Held,
den ich zu meinem erkiese, schon hoffentlich so viel Lebensart habe, dass er
hingeht zum Kammerherrn Le Baut und sagt: à rèvoir! - An solche Staatsvisiten
muss er sich ohnehin jetzt gewöhnen.
    Matz sass auch drüben, dieser mit struppichten abgezauseten hängenden Flügeln
hingeworfene Amor der Kammerherrin - letzte scherzte über die eitlen Blicke mit
ihm, die den nachlassenden Puls seiner Liebe bekannten - Le Baut spielte Schach
mit Matzen - Klotilde sass an ihrem Arbeittischchen voll seidner Blumen, mitten
unter diesen edlen Drillingen.... Ihr armen Töchter! was für Leute müsst ihr
nicht oft bewillkommen und aushören! - Doch für Klotilde war dieser Hausfreund
nichts als eine ausgepolsterte Mumie, und sie wusste nicht, kam er oder ging er.
    Sebastian wurde als Adoptivsohn des Glücks, als Erbe des väterlichen
Günstling-Postens, heute von der Kammerherrschaft ungemein verbindlich
empfangen. Wahrhaftig, wenn der Hofmann Unglückliche flieht, weil ihm das
Mitleiden zu heftig zusetzt, so drängt er sich gern um Glückliche, weil er
Mitfreude geniessen will. Der Kammerherr, der sich noch vor dem verbeugte, der in
seinem Sturze vom Tron mitten in der Luft hing, bückte sich natürlicherweise
vor dem noch tiefer nieder, der in der entgegengesetzten Fahrt begriffen war.
    Viktor stellte sich zu den Weibern, aber mit einem aufs Schachbrett irrenden
Auge, um, wenn er verlegen wäre, sogleich einen Vorwand der veränderten
Aufmerksamkeit oder des Wegtretens bei der Hand zu haben. Es war gescheit; denn
jedes Wort, das er und die Weiber sprachen, war ein Schachzug; er musste gegen
die Le Baut - was wusste diese, dass einer Mutter nichts schöner stehe als eine
vollkommene Tochter? - d.h. gegen die Stiefmutter seine Kälte und gegen die
Stieftochter seine Wärme verdecken. Der Leser frage nicht: was konnte denn die
alte Stiefmutter für Wärme begehren? Denn in den höhern Ständen werden die
Ansprüche durch Blutverwandtschaft und Alter nicht geändert - bloss in den
niedern werden sie es -; daher befürcht' ich allemal, das, was ich der Tochter
vortrage, langweile die Mutter, und ich fange mit Recht, wenn diese kömmt, nach
einem bessern Redefaden. - Viktor verbarg seine Kälte leicht aus jener
Menschenliebe, die bei ihm so oft in zu guterzige Schmeichelei unmoralischer
Hoffnungen ausartete; und wenn eine haben wollte, er sollte sich in sie
verlieben, so sagte er: »Ich kann doch wahrlich zum guten Lämmchen nicht sagen:
ich mag nicht.« - Die Wärme gegen Klotilde verbarg er - schlecht, nicht weil sie
zu stark, sondern gerade weil sie es noch nicht genug war. Es ist natürlich: ein
Jüngling von Erziehung kann, wenn er will, seine erwiderte Liebe ohne
Kanzelabkündigung verhüllen und verschweigen, aber eine unerwiderte, eine, die
er selber bloss erst Achtung nennt, lässt er aus sich ohne Hüllen lodern. -
Übrigens bitt' ich die Welt, sich hinzusetzen und zu bedenken, dass mein Held
nicht den Teufel im Leibe oder sechzehn Jahre habe, sondern dass er unmöglich
eine Liebe für eine Person empfinden könne, die über ihre Gesinnungen wie über
ihre Reize eine Mosis-Decke hängt. Liebe beginnt und steigt durchaus nur an der
Gegenliebe und mit ihrem wechselseitigen Erraten. Achtung hat er bloss, aber
recht viele, aber eine recht wachsende und bange, kurz seine Achtung ist jener
kalte hüpfende Punkt im Dotter des Herzens, dem die kleinste fremde Wärme oft
nach Jahren - die Metapher ist aus einem Ei geschlagen - wachsendes Leben und
Amors Flügel zuteilt.
    Er untersuchte jetzt am Arbeittisch Klotildens Wärme mit dem Feuermesser;
aber ich kann weiter nicht ausser mir vor Freude sein, dass er die Wärme an der
ins kleinste abgeteilten Skala wenigstens um 1/111, Linie gestiegen fand. Denn
er schiesst wohl fehl; ich will lieber auf den Stirnmesser Lavaters bauen als
auf den Herz- und Wärmemesser eines Liebe suchenden Menschen, der seine
Auslegungen mit seinen Beobachtungen vermengt und Zufälle mit Absichten. Sein
Feuermesser kann aber auch recht haben; denn gegen gute Menschen ist man im
Beisein der schlimmen (man bedenke nur Matzen) wärmer als sonst.
    Man verdenk' es Herrn Le Baut und Frau Le Baut nicht, dass sie meinem Helden
zum Glücke gratulierten, an einen solchen Hof, zu einem solchen Fürsten - es ist
der grösste in Deutschland, sagte er -, zu einer solchen Fürstin - sie ist die
beste in Deutschland, sagte sie - abzureisen. Matz lächelte zwischen Ja und
Nein. Der Alte setzte das Schach fort, die Alte das Lob. Viktor sah mit
Verachtung, wie wenig zwei solchen Seelen, die die Tronstufen für eine
Wesenleiter und den Tron-Eisberg für einen Olymp und ein Empyreum hielten, und
die nirgends als an dieser Höhe ihr Glück zu machen wussten, bessere Begriffe vom
Glück und schlechtere von der Höhe beizubringen wären. Gleichwohl musst' er vor
Klotilden, die auf ihrem Gesichte mehr als ein Nein gegen die Lobrede hatte,
offenbaren, dass er ebenso edel verneine wie sie. Er knetete also Lob und Tadel
nach einer horazischen Mischung untereinander, um weder satirische noch
schmeichlerische Anspielungen auf zwei abgedankte Hofleute zu machen: »Mir
gefällts nicht,« sagt' er, »dass es da nur Vergnügungen und keine Arbeiten gibt -
lauter Konfektkörbchen und keinen einzigen Arbeitbeutel, geschweige einen
Arbeittisch wie dieser da.« »Glauben Sie,« fragte Klotilde mit auffallender
Innigkeit, »dass alle Hoffeste einen einzigen Hofdienst bezahlen?« - »Nein,«
sagt' er, »denn für die Feste selber sollte man bezahlet werden - ich behaupte,
es gibt dort lauter Arbeit und kein Vergnügen - alle ihre Lustbarkeiten sind
nur, die Beleuchtung, die Zwischenmusik und die Dekorationen, die dem
Schauspieler, der an seine Rolle denkt, weniger gefallen als dem Zuschauer.« -
»Es ist allemal gut, dagewesen zu sein«, sagte die Alte. - »Gewiss;« (sagte er)
»denn es ist gut, nicht immer dazubleiben.« - »Aber es gibt Personen,« (sagte
Klotilde) »die dort ihr Glück nicht machen können, bloss weil sie nicht gern dort
sind.« Das war sehr fein und schonend; aber bloss für Viktors Herz verständlich:
»Einem schönen Schwärmer« (sagt' er und fragte wie allemal nach dem scheinbaren
Widerspruch zwischen Viktors Leben und Viktors Meinungen nichts) »oder einem
feurigen Dichter würd' ich raten, zu Hause zu bleiben - beider Flug statt der
Pas wäre im Hofleben, was ein Hexameter in der Prose ist, den die Kunstrichter
nicht leiden können - und zur Seele mit dem weichsten gefühlvollsten Herzen
würd' ich sagen: entfliehe damit, das Herz wird dort als Überbein genommen, wie
in der sechsfingerigen Familie in Anjou der sechste Finger.«.... Die Alte
schüttelte den Kopf schnell links. »Und doch«, fuhr er fort, »würd' ich sie alle
drei auf einen Monat an den Hof ziehen und sie unglücklich machen, um sie weise
zu machen.« Die Kammerherrschaft konnte sich in Viktor nicht so gut wie mein
Leser schicken, der zu meinem grössten Vergnügen Laune und das Talent, alle
Seiten einer Sache zu beschauen, so geschickt von Schmeichelei und Skeptizismus
unterscheidet. Klotilde hatte langsam den Kopf zum letzten Satze geschüttelt.
Überhaupt stritten heute alle für und wider ihn in jenem teilnehmenden Tone, den
Weiber und Verwandte allemal gegen einen Fremden annehmen, wenn sie eine Stunde
vorher den nämlichen Prozess, aber zu praktischer Anwendung, mit den Ihrigen
geführet hatten.
    Viktor, der schon lange besorgte, verlegen zu werden, ging endlich dahin,
wohin er bisher so oft geschauet hatte - zum Schach, das man mit der grössten
Begierde, zu - verlieren, spielte. Der Kammerherr - wir wissen alle, wie er war:
er schrieb nichts als Belobschreiben für die ganze Welt, und der Abendmahlkelch
wäre mehr für seinen Geschmack gewesen, hätt' er daraus auf eines wichtigen
Mannes Gesundheit toasten können - dieser beförderte, so gut er konnte, mit den
dürren Schachstatuen bloss das fremde Wohl auf Kosten des eignen: gern verlor er,
falls nur Mattieu gewann. Noch dazu glich er jenen verschämten Seelen, die ihre
Wohltaten gern verborgen geben, und er konnt' es nicht über sich erhalten, es
seinem Schach-Gegner zu sagen, dass er ihm den Sieg zuschanze; er hatte fast
grössere Mühe, sich zu verbergen wie ein Hofmann, als sich selber zu besiegen wie
ein Christ. Eine solche Liebe hätte, wie es scheint, wärmer vergolten werden
sollen als durch offenbare Bosheit; aber Matz hatte das nämliche vor und wich
dem Siege, den jener ihm nachtrug, wie ein wahrer Spitzbube aus. Le Baut ersann
sich vergeblich die besten Züge, womit man sich selber matt macht - Matz setzte
noch bessere entgegen und drohte jede Minute, auch zu ermatten. Uns alle dauert
der auf dem Schachboden herumgehetzte Kammerherr, der wie eine Kokette besorgt,
nicht besiegt zu werden. Es war für ein weiches Auge, das doch dem Schwachen
lieber als dem Schelm vergibt, nicht mehr auszuhalten: Viktor trat unter tausend
Entschuldigungen gegen den Schwachen und voll Bosheit gegen den Boshaften in die
Heckjagd ein und nötigte den Hofjunker, seinen Rat und seine Karitativsubsidien
anzunehmen und zu vorgeschlagenen Kriegsoperationen von solchem Wert zu greifen,
dass der Mann mit dem Amte der kammerherrlichen Schlüssel endlich trotz seinen
Befürchtungen und trotz den schlimmsten Aussichten - verlor. Alle Anwesende
errieten alle Anwesende, wie Fürsten einander in ihren öffentlichen -
Komödienzetteln.
    Er hatte endlich die Abschiedaudienz, aber geringen Trost. Die Gestalt,
unter der alle seine Schönheitideale nur als Schildhalter und Karyatiden
standen, war noch kälter als bei dem Empfange und immer bloss das Echo der
elterlichen Höflichkeit. Das einzige, was ihn noch aufrecht erhielt und
beruhigte, war eine - Distel, nämlich eine optische, auf den musivischen
Fussboden gesäete. Er nahm nämlich wahr, dass Klotilde diesem Blumenstück, das sie
doch kennen musste, unter dem Abschiede mit dem Fusse auswich, als wär' es das
Urbild. Abends macht' er seine Schlussketten, wie sie auf Universitäten gelehret
werden - - dieser Vexierdistel impfte er alle Rosen seines Schicksals ein -
»zerstreut war sie doch, und weswegen? frag' ich«, sagt' er ins Kopfkissen
hinein - »denn erraten haben sie mich drüben ohnehin noch nicht«, behauptete er,
indem er sich aufs zweite Kopfkissen legte - »o du holdes Auge, das auf die
Distel sank, geh in meinem Schlafe wieder auf und sei der Mond meiner Träume«,
sagte er, da er schon halb in beiden war. - Er glaubte bloss aus Bescheidenheit,
er werde nicht erraten, weil er sich nicht für merkwürdig genug ansah, um
bemerkt zu werden. -
    Der 20. August 179* war der grosse Tag, wo er abmarschierte so nach
Flachsenfingen: Flamin war schon um vier Uhr abends fortgetrabt, um keinen
Abschied zu nehmen, welches er hasste. Aber unser Viktor nahm gern Abschied und
zitterte gern im letzten Verstummen der Trennung: »O ihr dürftigen egoistischen
Menschen!« (sagt' er) »dieses Polarleben ist ohnehin so kahl und kalt, wir
stehen ohnehin Wochen und Jahre nebeneinander, ohne mit dem Herzen etwas
Besseres zu bewegen als unser Blut- bloss ein paar glühende Augenblicke zischen
und erlöschen auf dem Eisfeld des Lebens - warum meidet ihr doch alles, was euch
aus der Alltäglichkeit zieht, und was euch erinnert, wie man liebt - - Nein! und
wenn ich zugrunde ginge, und wenn ich mich nachher nicht mehr trösten könnte: so
drückte ich mich mit dem unbedeckten Herzen und mit dem Bluten aller Wunden und
zerrinnend und erliegend an den geliebten Menschen, der mich verlassen müsste,
und sagte doch: es tut mir wohl!«- Kalte selbsüchtige und bequeme Personen
vermeiden das Abschiednehmen so wie unpoetische von zu heftigen Empfindungen;
weibliche hingegen, die sich alle Schmerzen durch Sprechen, und poetische, die
sich alle durch Phantasieren mildern, suchen es.
    Um sechs Uhr abends - denn es war nur ein Sprung nach Flachsenfingen -, als
das Vieh wiederkam, ging er fort, begleitet von der ganzen Familie. An seinen
glücklichern Arm - meiner muss sich bloss zum Besten der Wissenschaften bewegen -
war die Britin und an den linken Agate angeöhrt; an die Schwester hatte sich
der arme Hauspudel geschnallet (Apollonia), welcher gleich wohl dachte, er
berühre und geniesse trotz dem schwesterlichen Einschiebsel und Zwischengeist den
Doktor. So fahren die Funken der Liebe, wie die elektrische und magnetische
Materie, durch das Mittel von zwanzig dazwischengestellten Leibern hindurch. Ein
Philosoph, der sich hinsetzt und erwägt, dass unsre Finger im Grunde der
geliebten Seele nicht um einen Daumen näher kommen, es mag zwischen ihnen und
ihr bloss die Gehirnkugel oder gar die Erdkugel liegen, wird allezeit sagen:
»Ganz natürlich!« Daraus erklärt dieser sitzende Philosoph, warum die Mädchen
die männlichen Verwandten ihres Geliebten halb mitlieben - warum der Rohrstuhl
Shakespeares, die Kleiderkommode Friedrichs II., die Stutzperücke Rousseaus
unser sehnendes Herz befriedigen. - -
    Aber niemand wollte, den Weisel dieses Vorschwarms ausgenommen, wieder
zurück. »Nur noch an die sechs Bäume«, sagte Agate. Als man an diese
Grenzpfähle und Lochbäume der heutigen Lust gekommen war, waren deren sieben,
und man behauptete allgemein, sie wären nicht gemeint und es ginge weiter. Der
Begleitete wird gewöhnlich immer ängstlicher und der Begleiter immer froher, je
längeres währt. »Doch bis zu jenem Ackermann!« sagte die scharfsehende Britin.
Aber endlich merkte unser Held, dass diese Herkules-Säule ihrer Reise selber
gehe, und dass der Ackermann nur ein Wandermann sei. »Das beste ist,« - sagt' er
und kehrte sich um - »ich kehre mich um und reise erst morgen.« Der Kaplan
sagte: »Bis ans alte Schloss« (d.h. es war noch eine Mauer davon da) »geh' ich
ohnehin gewöhnlich abends!« -Allein über diese Grenzfestung des schönsten Abends
rückte die plaudernde Marschsäule betrügerisch hinaus, und die Augen wurden über
die Ohren vergessen. Da sonach bei diesen Grenzstreitigkeiten ein Hauptartikel
nach dem andern durch Separatartikel gebrochen wurde: so war wahrhaftig weiter
nichts zu machen - als folgender Versuch. »Hieher wollt' ich Sie nur haben«
(sagte Viktor) - »jetzt müssen Sie mit mir weitergehen und heute beim Apoteker
übernachten.« - »In der Tat,« sagte die Kaplänin kalt, »bis zu Sonnenuntergang
wird mitgegangen: wir sollen doch nicht dieser schönen Sonne den Rücken wenden?«
Allerdings hatte der Abend lauter Freudenfeuer angezündet auf der Sonne - auf
den Wolken - auf der Erde - auf dem Wasser.
    Auf dem Hügel sah man schon die Turmspitzen der Stadt; die Sonne, dieses
erwählte Drehkreuz der Begleitung, goss aus ihrer Vertiefung über die
Schatten-Beete der Täler ihre goldführenden Purpurflüsse. Oben, als sie verging,
nahm Viktor die zwei Eheleute in den Arm und sagte: »O macht euch so glücklich
wie mich und kommt froh nach Haus!« - und dann nahm er die Schwestern an sein
trunknes Herz und sagte: »Gute, gute Nacht, ich bin euch gut« - und dann sah er
alle mit ihren verborgnen Seufzern und Tropfen rückwärts gehen - und dann rief
er: »Wahrlich, ich komme bald wieder, es ist ja nur ein Sprung daher« - und dann
schrie er nach: »Ich bin des Teufels, wenn wir getrennt sind« - und dann zog
ihnen sein schweres Auge durch alle Zweige und Tiefen nach, und erst als der
liebende Verein ins letzte Tal wie in ein Grab gesunken war, hüllte er sich die
Augen zu und dachte an die unaufhörlichen Trennungen des Menschen....
    Endlich öffnete er seine Augen gegen die ausgebreitete überwölkte Stadt und
dachte: »Zwischen dieser erhobnen Arbeit, in die sich die Menschen mit ihrem
kleinen Leben nisten, sperren sich auch deine kleinen Tage ein - dieses ist die
verhüllte Geburtstätte deiner künftigen Tränen, deiner künftigen Entzückungen -
ach mit welchem Auge werd' ich nach Jahren wieder über diese Nebel-Gehäuse
schauen - und.. ein Narr bin ich, sind denn 2300 Häuser nur meinetwegen?«
Nachschrift. Diesen sechzehnten Posttag hat der Berghauptmann ordentlich am Ende
des Junius abgeschlossen.
 
               Vierter Schalttag und Vorrede zum zweiten Heftlein
Ich will Schalttag und Vorrede zusammenschweissen. Es muss daher - wenns nicht
Spielerei mit der Vorrede sein soll - hier doch einigermassen der zweite Teil
berührt werden. Es verdient von Kunstrichtern bemerkt zu werden, dass ein Autor,
der anfangs acht weisse Papierseiten zu seinem Gebiete vor sich hat - so wie nach
Strabo das Territorium Roms acht Stunden gross war -, nach und nach so weit
fortrückt und das durchstreifte Papier mit so viel griechischen Kolonisten -
denn das sind unsere deutschen Buchstaben - bevölkert, bis er oft ein ganzes
Alphabet durchzogen und angebauet hat. Dies setzt ihn instand, den zweiten Teil
anzufangen. Mein zweiter ist, wie ich gewiss weiss, viel besser als der erste,
wiewohl er doch zehnmal schlechter ist als der dritte. Ich werde hinlänglich
belohnt sein, wenn mein Werk der Anlass ist, dass eine Rezension mehr in der Welt
gemacht wird; und ich wüsste nichts - wenns nicht eben dieser Gedanke wäre, dass
Bücher geschrieben werden müssen, damit die gelehrten Anzeigen derselben
fortdauern können -, was einen Autor zur unsäglichen Mühe antreiben könnte, den
ganzen Tag am Tintenfass zu stehen und ganze Pfunde Konzeptadern in Berlinerblau
zu färben... Und dieser kühle ernste hocus pocus von Vorrede - ein! Ausdruck,
den Tillotson für eine Verkürzung von der katolischen Formel hoc est corpus
hält - sei für gute Rezensenten auf Universitäten genug.
    Ich wende mich wieder zu dem, was ich eigentlich damit haben wollte. Ich bin
nämlich gesonnen, die Extrablättchen und Nebenschösslinge, womit die Schalttage
vollzumachen sind, in alphabetischer Ordnung - weil Unordnung mein Tod ist -
nicht nur anzukündigen, sondern auch hier schon anzufangen und fortzusetzen bis
zum Buchstaben I.
               Schalt- und Nebenschösslinge, alphabetisch geordnet
                                       A
Alter der Weiber. Lombardus (L. 4. Sent. dist. 4.) und der heilige Augustin (l.
22. de civit. c. 15.) erweisen, dass wir alle in dem Alter von den Toten
auferstehen, worin Christus auferstand, nämlich im 32sten Jahre und dritten
Monat. Mitin wird, da im ganzen Himmel kein Vierziger zu haben ist, ein Kind so
alt sein wie Nestor, nämlich 32 Jahre und drei Monate. Wer das weiss, schätzet
die schöne Bescheidenheit der Weiber hoch, die sich nach dem 30sten Jahre wie
Reliquien für älter ausgeben, als sie sind; denn es wäre genug, wenn sich eine
Vierzigerin, Achtundvierzigerin so alt machte wie guter Rheinwein oder höchstens
wie Metusalem; aber sie glaubt bescheidener zu sein, wenn sie sich, so sehr ihr
Gesicht auch widerspricht, schon das hohe Alter zuschreibt, das sie erst, wenn
ihr Gesicht einige tausend Jahre in der Erde gelegen ist, haben kann, nämlich -
32 Jahre und drei Monate. Schon ein Dummer sieht ein, dass sie nur das künftige
Aufersteh- und kein Erdenalter meine, weil sie von diesem Stand-Jahre nicht
wegrückt, welches eben in der Ewigkeit, wo kein Mensch eine Stunde älter werden
kann, etwas Alltägliches ist. Diese Einheit der Zeit bringen sie in das
Intrigenstück ihres Lebens darum schon im 30sten Jahr hinein, weil nach diesem
in Paris keine Frau mehr öffentlich tanzen und (nach Helvetius) kein Genie mehr
meisterhaft schreiben kann. Auf das letzte rechnete man vielleicht sonst in
Jerusalem, wo jeder erst nach dem 30sten Jahr ein Lehramt bekam.
                                       B
Basedowische Schulen. Basedow schlägt in seiner Philaletie vor, 30 unerzogene
Kinder in einen Garten einzuzäunen, sie ihrer eignen Entwickelung zu überlassen
und ihnen nur stumme Diener, die nicht einmal Menschen-Kleidung hätten,
zuzugehen und es dann zu Protokoll zu bringen, was dabei herauskäme. Die
Philosophen sehen vor lauter Möglichkeit die Wirklichkeit nicht: sonst hätte
Basedow bemerken müssen, dass unsre Landschulen solche Gärten sind, in denen die
Philosophie den Versuch machen will, was aus Menschen, wenn sie durchaus alle
Bildung entbehren, am Ende werde. Ich gesteh' aber, dass alle diese Versuche noch
so lange unsicher und unvollkommen bleiben, als die Schulmeister sich nicht
entalten können, diesen Probekindern irgendeinen Unterricht - und wär' es der
kleinste - zu erteilen; und besser würde gefahren mit ganz stummen Schulleuten,
wie es taubstumme Zöglinge gibt.
                                   C siehe K
                                       D
Dichter. Der Dichter wird, ob er gleich Leidenschaften malt, doch diese am
besten in dem Alter treffen, wo seine kleiner sind, so wie Brennspiegel gerade
in den Sommern, wo die Sonne am wenigsten brannte, am stärksten wirkten und in
den heissen am wenigsten. Die Blumen der Poesie gleichen andern Blumen, die (nach
Ingenhouss) im gedämpften benebelten Sonnenlicht am besten wachsen.
                                       E
Empfindsamkeit. Sie gibt oft dem innern Menschen, wie der, Schlagfuss dem äussern,
grössere Empfindlichkeit und doch Lähmung.
                                   F siehe Ph
                                       G
Göttin. Wie die Römer ihre Monarchen lieber für Götter als für Herren erkannten,
so wollen die Männer die Direktrice ihres Herzens lieber ihre Göttin als ihre
Herrin nennen, weil es leichter ist anzubeten als zu gehorchen.
                                       H
H-. Ich habe oft Leute, die zu leben hatten und zu leben wussten - welches nicht
zweierlei ist -, erstlich um die besten und vornehmsten Weiber gaukeln und aus
dem Honigkelch ihrer Herzen saugen, und zweitens hab' ich sie an demselben Tage
die Flügel zusammenschlagen und auf eine jämmerliche Tröpfin niederschiessen
sehen' damit die Tröpfin ihre Erben - erbe. Nie aber hab' ich diese
Schmetterlinge mit etwas anderem verglichen als mit Schmetterlingen, die den
ganzen Tag Blumen besuchen und benaschen, und doch ihre Eier auf einen
schmutzigen Kohlstrunk laichen.
                                       H
Holbeins Bein. Ich will lieber das H noch einmal nehmen als das I, weil unter
der Rubrik des I's die Invaliden kämen, von denen ich behaupten wollen: dass
ihnen, da Leute, denen man Glieder abgenommen, vollblütig werden, desto weniger
Brot gereichet werden dürfe, je mehr ihnen Glieder weggeschossen oder
weggeschnitten worden, und dass man dieses die Physiologie und Diätetik der
Kriegskasse nenne. - Aber mich haben die halben armen Teufel zu sehr gedauert.
    Die Beine Holbeins machen grössern Spass als abgenommene. Der Maler strich
nämlich in Basel nichts an als Basel selber; und der nämliche Umstand, der sein
Genie in diese architektonische Färberei hineinzwang, nötigte es auch, dass es
oft darin Raststunden hielt - er soff nämlich entsetzlich. Ein Bauherr, dessen
Name in der Geschichte fehlt, trat oft in die Haustüre und zankte zum Gerüste
hinauf, wenn die Beine des Hausfärbers, anstatt davon herunterzuhängen - denn
mehr war vom Maler nicht zu sehen -, in der nächsten Weinkneipe standen und
wankten. Schritt nachher Holbein damit über die Gasse daher: so kam ihm Hader
entgegen und stieg mit ihm aufs Gerüste hinauf. Dieses brachte den Maler, der
seine Studien (auch im Trinken) liebte, auf, und er nahm sich vor, den Bauherrn
zu ändern. Da er nämlich das ganze Unglück seinen Beinen verdankte, deren
Fruchtgehänge der Mann unter dem Gerüste sehen wollte: so entschloss er sich,
eine zweite Auflage von seinen Beinen zu machen und sie an das Haus hängend zu
malen, damit jener, wenn er unter der Haustüre hinaufschauete, auf den Gedanken
käme, die zwei Beine und ihre Stiefeln malten droben fleissig fort. - Und auf
diesen Gedanken kam der Bauherr auch; aber da er endlich bemerkte, dass das
Vexierfusswerk den ganzen Tag an einer Stelle hange und sich nicht fortschiebe:
so wollt' er nachsehen, was denn der Meister so lange an einer Partie bessere
und retuschiere - und verfügte sich selber hinauf. Droben im Vakuum (Leerem)
ersah er leicht, dass der Maler da aufhöre, wo Kniestücke anfangen, beim Knie,
und dass der mangelnde Rumpf wieder saufe in einem Alibi.
    Ich verdenk' es dem Bauherrn nicht, dass er auf dem Gerüste keine Moral aus
dem Fusswerk zog: er war zu erbost.
    Ich wollte noch eine Geschichte von den Fürsten-Porträts anstossen, die
hinter den Präsidenten in den Sessionzimmern statt der Urbilder zum Stimmen
dahangen - aber ich störe den Zusammenhang; auch war sonst hier das Ende des
ersten Heftleins.
 
                                17. Hundposttag
Die Kur - das Schloss des Fürsten - Viktors Visiten - Joachime - Kupferstich des
                                 Hofs - Prügel
Ich sagte in Breslau: »Ich wollt', ich wäre der Fetspopel!« da ich gerade das
Porträt dieser Person verzehrte. Der Fetspopel ist eine Närrin, deren Gesicht
den breslauischen Pfefferkuchen aufgepresset ist. Ich sage folgendes nicht bloss
meinetwegen, um etwan bloss mich auf eine solche Pfefferkuchen-Paste zu bringen,
sondern auch anderer Gelehrten wegen, die Deutschland ebensowenig mit Denkmälern
ehrt, z.B. Lessing, Leibniz. Da es einem in den deutschen Kreisen so sauer wird,
bis man nur eine halbe Rute Steine zum Grabmal eines Lessings oder sonstigen
Grossen zusammenbringt - das, was von Steinen gute Rezensenten auf einen
Literatus schon bei Lebzeiten werfen, wie die Alten auf Gräber, ist noch das
meiste -: so erklärt' ich mich frei auf dem breslauischen Markt, eh' ich noch
den Fetspopel angebissen: »Entweder hier auf diesem Pfefferkuchen ist der Tempel
des Ruhms und das Bette der Ehren für deutsche Schriftsteller, oder es gibt gar
keinen Ruhm. Wann ist es Zeit, sobald es nicht jetzt ist, es von den Deutschen
zu erwarten, dass sie die Gesichter ihrer grössten Männer nehmen und bossieren in
Esswaren, weil doch der Magen das grösste deutsche Glied ist? Wenn der Grieche
unter lauter Statuen grosser Männer wohnte und dadurch auch einer wurde: so würde
der Wiener, wenn er die grössten Köpfe immer vor Augen und auf dem Teller hätte,
in Entusiasmus geraten und wetteifern, um sich und sein Gesicht auch auf
Pfeffer- und andern Kuchen, Pasteten und Krapfen zu schwingen. Meusels gelehrtes
Deutschland wäre in Backwerk nachzudrucken - man könnte grosse Helden auf
Kommissbrot nachbosseln, um die gemeine Soldateska in Feuer zu setzen und in
Hunger nach Ruhm - grosse Dichter würd' ich auf Brautkuchen abreissen in
eingelegtem Bildwerk, und Heraldiker von Genie auf Haferbrot - von Autoren für
Weiber wären süsse Dosenstücke in Zuckerwerk zu entwerfen. - Geschähe das, so
würden Köpfe wie Hamann oder Liscow allgemeiner von den Deutschen geschmeckt in
solcher Einkleidung; und mancher Gelehrte, der kein Brot zu essen hätte, würde
eines doch verzieren; und man hätte ausser dem papiernen Adel noch einen
gebacknen.« - - Was mich anlangt, der ich mein Gesicht bisher noch nirgends
gewahr wurde als im Rasierspiegel: so soll man mich damit - denn in Westfalen
bin ich am wenigsten bekannt - auf Pumpernickel pappen. - -
    Jetzt wieder zur Geschichte! Ein langer kraushaariger Mensch steht in der
Nacht vor dem bunten Hause des Apotekers Zeusel, guckt zum dritten erleuchteten
Stockwerk, in das er zieht, empor und macht endlich statt der hölzernen Tür die
gläserne der Apoteke auf. O mein guter Sebastian! Segen sei mit deinem Einzug!
Ein guter Engel gebe dir seine Hand, um dich über sumpfige Wege und Fussangeln zu
heben; und wenn du dir eine Wunde gefallen, so weh' er sie mit seinem Flügel an,
und ein guter Mensch decke sie mit seinem Herzen zu! -
    In der wie ein Tanzsaal flammenden Apoteke bat sich einer der fettesten
Hoflakaien von einem der magersten Provisoren noch einen Manipel und einen
kleinen Pugillum Moxa für Seine Durchlaucht aus. Der magere Mann nahm aber
hinter seiner Waage eine halboffne Hand voll Moxa und noch vier Fingerspitzen
voll - da doch ein kleiner Pugillus nur drei Fingerspitzen beträgt - und
schickte alles den Füssen des Fürsten zu: »Wenn wir das gar verbrannt haben,« -
sagt' er und wies auf die Moxa - »so wird Seine Durchlaucht schon ein Podagra
haben, so gut als eines im Lande ist.«
    Die Ursache, warum der Provisor mehr gab, als rezeptieret war, ist, weil er
auch seinen Kirchenstuhl im Tempel des Nachruhms haben wollte; daher überdachte
er erstlich ein fremdes Rezept so lange, bis ers genehmigte, und wog zweitens
immer 1/11, 1/17 Skrupel zu viel oder zu wenig zu, um dem Doktor die Bürgerkrone
der Heilung vom Kopf zu nehmen und auf seinen zu setzen: »Bloss mit der Gabe muss
ich meine Kuren tun«, sagte er. Viktor gönnte ihm den Irrsal: »Ein Provisor,«
sagte er, »der den ganzen Flügel der Wiedergenesenden anführt und dem Doktor
bloss den Nachtrab der Leichen zuteilt, hat für dieses Kurzleben schon
Lorbeerkränze genug unter der Gehirnschale.«
    Der Apoteker Zeusel hat Welt genug, um den Mietmann nicht durch ein
aufgenötigtes Empfangs-Essen zu beschweren, und sagte ihm bloss den
Zeitungartikel aus dem mündlichen morning chronicle der Stadt, dass der Fürst das
Podagra weniger habe als suche und fixiere. Auch gab er ihm den italienischen
Bedienten, den der Lord für ihn gemietet hatte, und das Zimmer.
    - Und darin sitzt Sebastian jetzt auf der Fensterbrüstung allein und denkt -
ohne Blick auf Schönheiten der Stube und der Aussicht - ernstaft nach, was er
denn eigentlich hier vorhabe morgen und übermorgen und länger: »Morgen zünd' ich
sonach los« (sagt' er und drehte die Quaste der Fensterschnur) - »ich und das
Podagra sollen uns festsetzen beim Fürsten - Arg ists, wenn ein Mensch die
gichtische Materie eines Regenten als Wasser braucht, um seine Mühle zu treiben
- ein Herz-Polype, eine Kopf-Wassersucht sollte mich weniger ärgern als Hofmann,
beides wären anständige Gnadenmittel und Flossfedern zum Steigen. - Nein, ich
bleibe gerade und fest, ganz aufrecht, ich gehe gleich anfangs nicht nach, damit
sie's nicht anders wissen. - Nicht einmal ans Kantonieren und Ankern im
Vorzimmer ist zu denken.« (Auch hatte der Lord dem Selbsprecher schon die
Freilassung von der ängstlichen Hofordnung einbedungen.) - »Ach ihr schönen
Frühlingjahre! ihr seid nun über mich weggeflattert und mit euch die Ruhe und
der Scherz und die Wissenschaften und die Aufrichtigkeit und lauter ähnliche
gute Herzen.« - (Er wirbelte die Quastenschnur plötzlich kürzer hinauf.) »Aber
du guter Vater, du hast solche gute Jahre nicht einmal gehabt, du durchstreifest
die Erde und gibst deine Tage preis für das Glück der Menschen. - Nein, dein
Sohn soll dir deine Aufopferungen nicht verderben und nicht verbittern - er soll
sich hier gescheit genug aufführen - und wenn du dann wiederkommst und hier am
Hofe einen gehorsamen, einen begünstigten und doch unverdorbnen Sohn
antriffst....« Als der Sohn gar dachte, dass er, wenn er so in gerader
Aufsteigung am Hofe kulminierte, gewinnen könnte das Herz der Kaplanei, das Herz
von Le Baut, das seines Vaters, das seiner sämtlichen Verwandten und (dacht' er
anders daran) auch das von Klotilde: so hatt' er die abgedrehte Quaste wie eine
Tuberose in seiner Hand.... und daher legt' er sich still zu Bette.
    - Steh auf, mein Held! Die Morgensonne macht schon deinen Erker rot -
springe unter dem Glockengeläute der Wochenpredigt und unter dem Getöse des
heutigen Markttages in deine helle Stube! - Dein Vater, von dem du die ganze
Nacht geträumt, hat sie voll musikalischen und malerischen Schiff und Geschirr
gestellt, und du wirst den ganzen Morgen an ihn denken; - und doch schenkt dir
der Erker noch mehr: den Blick auf einen grünen Streif von Feldern und auf
Maientals Anhöhen nach Abend - den ganzen Marktplatz - das Privat-Haus des
Stadtseniors gegenüber, dem du in alle Stuben? die er an deinen Flamin
vermietet, schauen kannst! - -
    Flamin ist jetzo aber nicht darin; denn er hatte meinen Helden schon
angefasst und mit meinen Worten angeredet: steh auf! Eine neue Lage ist eine
Frühlingkur für unser Herz und nimmt das ängstliche Gefühl unserer
Vergänglichkeit aus ihm; - und unter einem solchen heitern Himmel des Lebens
tanzet heute mein Viktor mit allem - mit den Vormittaghoren - mit dem
Regierungrate - mit dem Apoteker - durch die Apoteke hindurch neben dem
Provisor vorbei, um oben auf dem Schloss mit dem podagristischen Jenner einige
Gänge zu machen.
    - Er ist kaum eine halbe Stunde bei dem Fürsten gewesen, so sieht ihn Zeusel
wieder in sein medizinisches Warenlager rennen.... »Ei ei!« denkt der Apoteker.
    
    Aber es war ganz anders: Viktor gelangte durch ein Monturen-Verhau - denn
die Gänge zu den Fürstenzimmern sind fast Zeltgassen, und die Regenten lassen
sich so ängstlich umwachen, als besorgten sie, die ersten oder die letzten zu
sein - ins Krankenzimmer. Vor einem Patienten, der in waagrechter Verfassung
liegt, behält man die lotrechte leichter. Die Grossen verwechseln oft die Wirkung
ihrer Zimmer und Geräte mit ihrer eignen: - wenn sie der Gelehrte auf einem
Rain, in einem Walde, an einem Krautfelde überfallen könnte: er wüsste sich zu
benehmen. Aber Viktor war selber in gestickten und mit goldnen Eckenbeschlägen
versehenen Zimmern erzogen. Da er den Freund seines Vaters in Schmerzen und mit
eingepackten Beinen fand: so vertauschte er seine britische Unbefangenheit gegen
die medizinische und fing, anstatt stolze fürstliche Fragen zu erwarten,
ärztliche vorzulegen an. Als des Doktors ärztliches Beichtsitzen zu Ende war: so
legte er die Hand, anstatt auf den Kopf des Beichtkindes, auf die Bibel daneben
und wollte schwören und liess es - bleiben, weil ihm etwas Besseres einfiel, und
blätterte - das war ihm eingefallen - das Gichtbrüchigen-Evangelium in der Bibel
auf und wies auf den Spruch: Steh auf, hebe dein Bette auf; »denn ans Podagra
ist hier gar nicht zu denken«, sagte er. Er tat ihm dar, seine ganze Krankheit
sei Wind, figürlich und eigentlich gesprochen in den erschlafften Gefässen haus'
er und schleiche sich wie die Jesuiten unter allen Gestalten in alle Glieder ein
- selber sein Schmerz in der Wade sei solcher versetzter Menschen- oder
Gedärm-Äter. Der Leibarzt Kuhlpepper ist mit seinem Irrtum über den Fürsten zu
entschuldigen; denn jeder Arzt muss sich eine Universalkrankheit auslesen, wofür
er alle andere ansieht, die er con amore behandelt, in der er, wie der Teolog
in Adams Sünde oder der Philosoph in seinem Prinzip, den ganzen Rest ertappet -
es stand also in dem freien Willen Kuhlpeppers, sich zur Stamm-Krankheit, die
das Nest-Ei und die Mutterzwiebel der Patologie sein konnte, das Podagra - bei
Männern, bei Weibern Flüsse - auszuklauben oder nicht. Da ers ausgeklaubt, so
hat er auch suchen müssen, es bei Sr. Durchlaucht zu fixieren wie Pastell oder
Quecksilber. - Jenner hatte - selber von seiner Kapelle - nie etwas Angenehmers
gehöret als Viktors Behauptung, die ihn vom bisherigen Liegen, Medizinieren und
Hungern loshalf. Viktor eilte in der Freude über die leichte Krankheit zum
Rezeptieren davon, nachdem er an Trostes Statt behauptet hatte: »ein äterischer
Leib sei noch mitzunehmen und diene der Seele zwar zu keinem himmlischen
Grahams-, aber doch zu einem Luftbette, das sich selber mache. Nur die armen
Weiberseelen lägen - wenn man ihre Körper recht betrachte - - auf stechenden
Strohsäcken, glatten Husarensatteln und scharfen Wurstschlitten, indes
tonsurierte oder tätowierte Geister (Mönche und Wilde) sich mit so hübschen, von
geschabtem Fischbein gepolsterten Leibern44 zudeckten.«
    - Fort lief er; und ich habe schon berichtet, dass der Apoteker nachher
dachte: Ei, ei! - In der Apoteke sagte Viktor zum Provisor, an den er wie
Salpeter anflog: »Herr Kollege, was denken Sie dazu, wenn wir bei Sr.
Durchlaucht auf nichts kurierten als Wind? Sie sollen mir raten. Ich meines
Ortes würde verordnen:
                               Pulv. Rhei orient.
                              Sem. Anisi Stellati
                                  - Foeniculi
                              Cort. Aurant. immat.
                              Sal. Tart. aa dr. I.
                   Fol. Senn. Alexandr. sine Stipit. dr. II.
                           Sacchar. alb. Unc. Sem. -
Fallen Sie mir bei: so hab' ich weiter nichts zu sagen als: C. C. M. f. p. Subt.
D. ad Scatulam, S. Blähungpulver, einen Teelöffel voll öfters zu nehmen bei
Gelegenheit.«
    Da ihn der Provisor ernstaft ansah: so sah er denselbigen noch ernstafter
an; und die Arzenei wurde ohne geänderte Dosis bereitet. Als er fort war, sagte
der Provisor zu seinen zwei stutzenden Pagen: »Ihr zwei dummen Epiglottes, er
hat doch so viel Verstand und fragt.«
    Im Grunde braucht der Lebensbeschreiber den Umstand gar nicht zu motivieren
- da ihn das Pulver und der Held motivieren -, dass Jenner auf die Beine kam noch
denselben Tag.
    Da Fürsten keinen Druck erfahren als den der Luft, die - in ihrem Leibe ist:
so kannte Jenners Dank für die Befreiung von diesem Druck so wenig Grenzen, dass
er den ganzen Tag den Doktor - nicht wegliess. Er musste mit ihm dinieren -
soupieren - reiten - spielen. Im Schloss wars auszuhalten; es war nicht, wie
Neros seines, eine Stadt in der Stadt, ein Flachsenfingen in Flachsenfingen,
sondern bloss eine Kaserne und eine Küche, voll Krieger und Köche. Denn vor jedes
Briefgewölbe voll Schimmel, vor jede Stube, wo acht Demanten lagen, vor jedes
Türschloss und vor jede Treppe war ein Bajonett mit dem darangehefteten Schirm-
und Schutzherrn gepflanzt. Die überzählige Küchenmannschaft wohnte und heizte im
Schloss, weil Seine Durchlaucht beständig ass. Durch dieses beständige Essen
wollte er sich das Fasten erleichtern; denn er rührte - weils Kuhlpepper so
haben wollte - von den drei Ritual-Mahlzeiten der Menschen blutwenig an und
konnte den Hofleuten, die seine strenge Diät erhoben, nicht ganz widersprechen.
Ein Uhrmacher aus London war ihm in dieser Mässigkeit am meisten dadurch
beigesprungen, dass er ihm eine Bedientenglocke und ein Federwerk verfertigte,
dessen Zeiger auf einer grossen Scheibe im Bedientenzimmer stand; das Zifferblatt
war statt der Stunden und Monattage mit Esssachen und Weinen gerändert. Jenner
durfte nur klingeln und drücken: so wusste die Dienerschaft sogleich, ob die
Zunge und der Viktualienzeiger auf Pasteten oder auf Burgunder weise. Dadurch -
dass er wie eine Mühle klingelte, wenn sein innerer Mensch nichts mehr zu mahlen
hatte - setzte er sich am leichtesten instand, eine strengere Diät zu halten,
als wohl Ärzte und Sittenlehrer fodern könnten, und beschämte mehr als einen
Grossen, den man nach der Ausweidung im Tode aufs Paradebette legen sollte mit
dem hungrigen Magen unter dem einen Arm und mit der durstigen Leber unter dem
andern, wie man auch Kapaunen beide Eingeweide als Armhüte zwischen beide Flügel
gibt.
    Im Schloss war Viktor zu Hause wie in der Kaplanei; denn der eigentliche
Hof, der eigentliche Hof-Wurmstock und Froschlaich war bloss im Palast des
wirklichen Ministers von Schleunes ansässig, weil der die Honneurs des Trones
machen musste, die Gesandten, die Fremden einlud u.s.w. Die Fürstin wohnte im
grossen alten Schloss, das Paulinum genannt. So verlebte also Jenner seine Tage
ohne Prunk, aber bequem, in der wahren Einsamkeit eines Weisen, und brachte sie
mit Essen, Trinken, Schlafen zu; daher konnte ihn der flachsenfingische
Prorektor ohne Schmeichelei mit den grössten alten Römern vergleichen, an denen
wir einen ähnlichen Hass des Gepränges bewundern. Jenner hatte im Grunde keinen
Hof, sondern ging selber an den Hof seines wirklichen Ministers; aber höchst
ungern: er konnte da nichts lieben, weder die Fürstin, die immer da war, noch
Schleunes' ehelose Töchter, die noch wider sein Londoner Gelübde waren.
    Nachts um 12 Uhr hätte Zeusel gern noch darhinter kommen wollen, wie alles
sei, und brachte dem Leibmedikus seine Nichte Marie als Lakaiin zugeführet. Der
Medikus, der keinen Narren in der Welt zum Narren haben konnte, zumal unter vier
Augen, steckte dem dünnen Hecht die Raufe voll Wahrheit-Futter, das dieser
begierig herausfrass wie Ananas. Marie war eine durch einen Prozess verarmte,
durch eine Liebe verunglückte Verwandte und Katolikin, die in der kalten
höfischen Apotekers-Familie nichts empfing und erwartete als Stichwunden der
Worte und Schusswunden der Blicke - ihre aufgelöste und erquetschte Seele glich
der Bruchweide, der man alle Zweige rückwärts mit der blossen Hand
herunterstreichen kann - sie fühlte bei keiner Demütigung einen Schmerz mehr -
sie schien vor andern zu kriechen, aber sie lag ja immerfort niedergebreitet auf
dem Boden. Als der sanfte Viktor diese demütige, seitwärtsgekehrte Gestalt, über
die so viele Tränen gegangen waren, und dieses sonst schöne Gesicht erblickte,
auf welches nicht Leiden der Phantasie ihre reizenden Maler-Drucke aufgetragen,
sondern physische Schmerzen ihre Giftblasen ausgeschüttet hatten: so tat seinem
Herzen das Schicksal der Menschen wehe, und mit der sanftesten Höflichkeit gegen
Mariens Stand, Geschlecht und Jammer lehnte er ihre Dienste ab. Der Apoteker
würde sich selber verachtet haben, wenn er diese Höflichkeit für etwas anders
als feine Raillerie und Lebensart genommen hätte. Aber Viktor schlug sie noch
einmal aus; und die Arme entfernte sich stumm und, wie eine Magd, ohne Mut zur
Höflichkeit.
    Am Morgen brachte ihm die Ausgeschlagene doch sein Frühstück mit gesenkten
Augen und schmerzlich lächelnden Lippen; er hatt' es in seinem Bette gehört, dass
der Apoteker und seine harten Holztriebe von Töchtern Marien das »lamentable
greinerliche Air« vorgehalten und daraus den »refus des raillierenden« Herrn
oben gefolgert hatten. Ihm blutete die Seele; und er nahm Marien endlich an - er
machte sein Auge und seine Stimme so sanft und mitleidend, dass er beide dem
weichsten Mädchen hätte leihen können; aber Marie bezog nichts auf sich. - -
    Jenner konnte kaum abpassen, wenn er wiederkäme - -
    Den dritten Tag wars wieder so - -
    So auch die andere Woche - -
    - Ich wünschte aber, meine Leser wären um diese Zeit durchs
flachsenfingische Tor sämtlich geritten und diese gelehrte Gesellschaft hätte
sich in die Stadt zerstreuet, um Erkundigungen von unserem Helden einzuziehen.
Der Lesevortrab, den ich auf die Kaffeehäuser geschickt hätte, würde erfahren,
dass der neue englische Doktor schon den alten gestürzt - dem Pfarrsohn in St.
Lüne zum Regierratposten verholfen - und dass grosse Änderungen in allen
Departements bevorstehen. Das unter die Hof-Kellerei, - Schlächterei, -
Fischmeisterei, - Kastellanei und - Dienerei verteilte Treffen würde mir
mitbringen, dass der Fürst dem Doktor nicht auf die Finger, sondern auf die
Achsel geklopfet dass er ihm vorgestern sein Bilderkabinett eigenhändig gezeigt
und das beste Stück daraus geschenkt - dass er in der Komödie mit ihm aus der
Hauptloge herausgesehen - dass er ihm eine steinreiche Dose geschenkt (die
gewöhnliche Regenten-Bürgerkrone und deren Friedenpfeife, als wenn wir
Grönländer wären, die sich nichts lieber schenken lassen als Schnupftabak) und
dass sie miteinander auf Reisen gehen werden. - Zwei der allerfeinsten und
stiftfähigsten Leser, die ich aus diesen Kolonnen ausgeschossen, und wovon ich
den einen ins Paulinum an die Fürstin, den andern zum wirklichen Minister
abgefertigt hätte, würden mir wenigstens die Neuigkeit rapportieren, dass Fürst
und Doktor miteinander bei beiden gewesen, und dass beide den Helden für einen
sonderbaren scheuen schweigenden Briten, der alles dem Vater verdanke, angesehen
hätten - - -
    Aber die letzte Neuigkeit, die mir die Leser erzählt haben, können sie ja
unmöglich wissen, und ich will sie ihnen selber erzählen.
    - Eh' ich das vortrage, klär' ichs nur noch mit drei Worten auf, warum
Viktor so hurtig stieg. Es kann Evangelisten Mattieu unter meinen Lesern geben,
die dieses schnelle Steigen wie das des Barometers für das Zeichen eines frühen
Fallens nehmen - welche sagen, Lorbeere und Salat, den man in 24 Stunden durch
Spiritus auf einem Tuche zum Reifen nötigt, welken ebensobald wieder ab - ja die
sogar spassen und das fürstliche Gedärm mit seinem Äter für eine
Fisch-Schwimmblase meines Helden ausgeben, der nur durch ihr Füllen stieg. - -
Berghauptmänner lachen solche Leser aus und halten ihnen vor: dass die Menschen,
besonders die Residenten auf Tronen, einen neuen Arzt für ein neues Spezifikum
ansehen - dass sie einem neuen am meisten gehorchen - dass Sebastian das erstemal
sich gegen jeden am feinsten betrug, hingegen bei alten Bekannten ohne Not
nichts Witziges sagte - dass Jenner jeden liebte, den er zu durchschauen
vermochte, und dass er glücklicherweise meinen Helden bloss für einen heitern
Lebelustigen erkannte und um seinen Kopf keine Bosische Beatifikationt45
bemerkte, die nach Phosphor stinkt und schmerzliche Funken auswirft - dass Viktor
nicht wie Le Baut ein Scherbengewächs in einer Krone war, sondern eine darüber
erhöhte, im Freien hängende Hyazinte - dass er heiter war und heiter machte -
und dass ein anderer Berghauptmann mit seinen Lesern gar nicht so viel Umstände
gemacht haben würde als ich. Er hätte ihnen bloss den Hauptumstand gesagt, dass
der Fürst an Viktor eine bezaubernde Ähnlichkeit mit seinem fünften (auf den
sieben Inseln verlornen) Sohn, dem Monsieur, im Scherzen und Betragen gefunden
und liebgewonnen hätte, und dass er diese Bemerkung schon in London, obgleich
Viktor fünf Jahre jünger als jener war, gemacht.
    Jenner wollte selber seinen Liebling jedem vorstellen, also auch der
Fürstin. Die Philosophen haben es zu erklären, warum Sebastian sich nicht eher,
als bis er neben dem fürstlichen Eheherrn auf dem Kutschkissen sass, auf das
tolle verliebte Streifchen Papier besann, das er in Kussewitz über den Imperator
der montre à regulateur aufgeklebt und der Fürstin zum Kaufe dareingegeben
hatte. Er fuhr zusammen und hielts für unmöglich, dass er ein solcher Narr sein
können. Aber einem Menschen ist so etwas leicht. Seine Phantasie warf auf jede
Gegenwart, auf jeden Einfall so viel Brennpunkt-Lichter aus tausend Spiegeln
zurück und zog um die Zukunft, die darüber hinauslag, so viel gefärbten Schatten
und blauen Dunst herum, dass er ordentlich erschrak, wenn ihm eine närrische
Handlung einfiel; denn er wusste, wenn er sie noch zehnmal zurückgewiesen und
noch dreissigmal übersonnen hätte, dass er sie dann - begehen würde. - Da beide
vor die Fürstin traten: so war Viktor in jener angenehmen Verfassung, welche
Informatoren und jungen Gelehrten nichts Neues ist, die ihnen die Glieder
verknöchert und das Herz zersetzt und die Zunge versteinert- nicht die
Gewissheit, dass Agnola (so hiess die Fürstin) jenes Uhr-Inserat gelesen habe,
machte ihn so verlegen, sondern die Ungewissheit. In der Angst dachte er gar
nicht daran, dass sie ja seine Handschrift und den Autor des Schnitzchens nicht
einmal kenne; und denkt man auch in der Angst daran, so geht sie doch nicht weg.
    - Aber alles war zugleich über, unter, wider seine Erwartung. Die Fürstin
hatte das empfindsame Gesicht mit der Reisekleidung weggelegt und ein festes
feines Galagesicht dafür aufgetragen. Der gekrönte Ehevogt Jenner wurde von ihr
mit so viel warmem Anstand empfangen, als wär' er sein eigner - Ambassadeur vom
ersten Range. Denn Jenner, dessen Herzscheibe sich am elektrisierenden Kissen
einer schönen Wange oder eines Busentuchs voll Funken lud, hatte eben deswegen
gegen Agnola, mit der er bloss der Politik wegen die Konkordaten der Ehe
abgeschlossen, alle Wärme seines Monatnamens. Gegen Viktor, den Sohn ihres
Erbfeindes, den Nachfahrer des Hausdiebes der fürstlichen Gunst, hegte sie, wie
leicht zu erachten, wahre - Zärtlichkeit. Unser armer Held betroffen über
Jenners Kälte, für die er sich von der Gemahlin eben keine sonderliche Wärme
gegen sich selber versprach - betrug sich so ernstaft wie der ältere und
jüngere Kato zugleich. Er dankte Gott (und ich selber), dass er fortkam.
    Aber unter dem ganzen Wege dachte er: »Hätt' ich nur mein Sendschreiben aus
dem Uhr-Kuvert heraus! Ach ich täte dann alles, arme Agnola, dich zu versöhnen
mit deinem Schicksal und mit deinem Gemahl!« - »Ach St. Lüne,« - (setzte er
unter dem Vorbeifahren vor dem Stadtsenior hinzu) - »du friedlicher Ort voll
Blumen und Liebe! Die Hatzpachtung versendet deinen Bastian von einem Hatzhaus
ins andre.«
    Denn er musste höflichkeitalber doch auch zum wirklichen Minister - und
Jenner nahm ihn mit. Dortin ging er mit Lust, gleichsam wie in ein Seegefecht
oder in ein Kontumazhaus oder in den russischen Eispalast.
    Möbeln und Personen waren in Schleunes' Hause vom feinsten Geschmack. Viktor
fand darin von den Wackelfiguren und Hofleuten an bis zu den Basaltbüsten alter
Gelehrten und zu den Puppen der Schleunesschen Töchter, vom geglätteten Fussboden
bis zu den geglätteten Gesichtern, vom Puderkabinett bis zum Lesekabinett beide
schminkten den Kopf schon im Durchmarsch -, kurz, überall fand er alles, was die
Prachtgesetze je - verboten haben. Seine erste Verlegenheit bei der Fürstin gab
ihm die Stimmung zu einer zweiten. Es war der alte Viktor gar nicht mehr. Ich
weiss voraus, dass ihn die löblichen Schullehrer am Marianum in Scheerau darüber
hart anlassen werden - zumal der Rektor -, dass er so wenig Welt hatte, dass er
dort witzig ohne Munterkeit, gezwungen-frei ohne Gefälligkeit, zu beweglich mit
den Augen, zu unbeweglich mit andern Gliedern war. Aber man muss diesen Hof- und
Schulleuten vorstellen: er konnte nichts dafür. Der Rektor selber würde so gut
wie Viktor verlegen gewesen sein vor der schöngeisterischen Ministerin, die zwar
Meusel noch nicht, aber doch der Hof in sein gelehrtes Deutschland gesetzt - vor
ihren spottsüchtigen Töchtern, zumal vor der schönsten, die Joachime hiess - vor
einigen Fremden - vor so viel Leuten, die ihn hassten vom Vater her, und die ihn
beobachteten, um sein Verhältnis mit dem Fürsten zu erklären und zu
rechtfertigen - vor der Fürstin selber, die der Henker auch da hatte - vor
Mattieu, der hier in seinem Element und in seiner Hauptrolle und Bravourarie
war - und vor dem Minister. - Zumal vor dem letzten: Viktor fand an diesem einen
Mann voll Würde, dem die Geschäfte die Artigkeit nicht nahmen, noch das Denken
den Witz, und den eine kleine Ironie und Kälte nur noch mehr erhoben, der aber
Gefühl, Gelehrte und die Menschen zu verachten schien. Viktor dachte sich
überhaupt einen Minister - z.B. Pitt - wie einen Schweizer-Eisberg, an welchen
oben Wolken und Tau als Nahrung anfrieren, der die Tiefe drückt und im Wechsel
zwischen Schmelzen und Vereisen unten grosse Flüsse aussendet, und aus dessen
Klüften Leichname steigen.
    Jenner selber wurde unter ihnen nicht recht froh; was halfen ihm die
feinsten Gerichte, wenn sie durch die feinsten Einfälle verbittert wurden? Der
Spieltisch war daher - zumal bei der friedlichen Landung seiner Gemahlin - sein
ruhiger Ankerplatz; und sein Viktor war dasmal auch froh, neben ihm zu ankern.
Mein Korrespondent meint, den Stimmhammer zu diesem überfeinen, dreimal
gestrichenen Ton drehte bloss die Ministerin, die alle Wissenschaften im Kopfe
und zwar auf der Zunge hatte und deswegen wöchentlich ein bureau d'esprit hielt.
In dieser lächerlichen Verfassung verspielte Sebastian seinen Abend und
verschluckte sein Souper: er konnte gut erzählen, aber er hatte nichts zu
erzählen - in den wenigen Contes, die ihm beiwohnten, war alles namenlos, und
dem Zirkel um ihn waren gerade die Namen das erste - seine Laune konnt' er auch
nicht gebrauchen, weil so eine wie die seinige den Inhaber selber in ein sanftes
komisches Licht stellet, und weil sie also nur unter guten Freunden, deren
Achtung man nicht verlieren kann, aber nicht unter bösen Freunden, deren Achtung
man ertrotzen muss, in ihren Sokkus und Narrenkragen fahren darf - er genoss nicht
einmal das Glück, innerlich alle auszulachen, weil er keine Zeit dazu hatte, und
weil er die Leute nicht eher lächerrlich fand als hinter ihrem Rücken. - -
    Verdammt übel war er dran - »Ich komm' euch sobald nicht wieder«, dachte er
- und als der Mond durch die zwei langen Glastüren des Balkons, der auf den
Garten hinaussah, mit seinem träumerischen Lichte einging, das draussen auf
stillere Wohnungen, schönere Aussichten und ruhigere Herzen fiel: so schlich er
(da seine Spiel-Maskopeigesellschaft durch den Fürsten nach dem Essen zertrennt
war) auf den Balkon hinaus, und die auf der Erde und am Himmel blinkende Nacht
erhob seine Brust durch grössere Szenen. Mit welcher Liebe dachte er da an seinen
Vater, dessen philosophische Kälte dem Jennerschnee gleich war, der die Saat
gegen Frost bedeckt, indes die höfische dem Märzschnee ähnlicht, der die Keime
zerfrisset! Wie sehr warf er sich jeden unzufriedenen Gedanken gegen seines
rechtschaffenen Flamins kleinen Mangel an Feinheit vor! O wie richtete sich sein
innerer Mensch wie ein gefallener und begnadigter Engel auf, da er sich Emanuel
an der Hand Klotildens dachte, der ihn selig fragte: »Wo fandest du heute ein
Ebenbild von meiner Freundin?« - Jetzo sehnte er sich unaussprechlich in sein
St. Lüne zurück....
    Seine steigenden Herzschläge hielt auf einmal Joachime an, die mit einem ins
Zimmer gerichteten Gelächter herauskam. Da es ihr schwer fiel, nur eine Stunde
zu sitzen (mich wundert, wie sie eine ganze Nacht im Bette blieb), so machte sie
sich, sooft sie konnte, vom Stangengebiss des Spieles los. Die Fürstin band sie
dasmal ab, die wegen ihrer kranken Augen diese Nachtarbeit der Grossen aussetzte.
Joachime war keine Klotilde, aber sie hatte doch zwei Augen wie zwei Rosensteine
geschliffen - zwei Lippen wie gemalt - zwei Hände wie gegossen - und überhaupt
alle Glieder-Doubletten recht hübsch.... Und damit hält ein Hofarzt schon Haus;
wenn auch die einfachen Exemplare (Herz, Kopf, Nase, Stirn) keiner Klotilde
zugehören. Da er nun unter dem grossen Himmel seinen Mut und auf dem Balkon, der
für ihn allemal ein Sprachzimmer war, seine Zunge wiederbekam - da Joachimens
Ton ihn wieder in seinen zurückstimmte - da sie das Schweigen der Briten
antastete und er die Ausnahmen verteidigte - da er jetzt am Faden der Rede sich
wie eine Spinne hinauf- und hinablassen konnte und nicht mehr zu stören war
durch die Fürstin, die nachgekommen war, um die entzündeten Augen in der Nacht
abzukühlen - und da man nur dann klagt, Langweile zu empfinden, wenn man bloss
selber eine macht - und da ich alles dieses hersetze, so tu' ich (glaub' ich)
einem Rezensenten genug, der hinter dem Kutschkasten des Fürsten steht und
nachsinnt und wissen will, woran er sich (ausser den Lakaienriemen) zu halten
habe, wenn unter ihm Viktor im Wagen während des Heimfahrens des Ministers Haus
nicht zum Teufel wünscht, sondern zufriedner denkt: meinetwegen! -
    Dem Fürsten schlug der Umgang Viktors so gut zu, dass er sich vorstellte, er
könne ihn so wenig wie ein Stiftfräulein das Ordenzeichen ausser Hause vom Leibe
tun. Er stürzte allezeit den Ordenkelch und Willkommen des warmen Sprudels einer
neuen Freundschaft so unmässig hinein wie ein Gast in Karlsbad den seinen. Wenn
er Langweile hatte, wurde der Medikus ersucht, zu kommen, damit sie wiche; wenn
er innern Jubel spürte, wurde jener wieder angefleht, zu erscheinen, damit er
den Jubel mitgenösse. Nur die Zeit, wo Jenner weder Langeweile noch das
Gegenteil empfand, blieb seinem Freunde ganz zu freier Verwendung. Viktor hatte
vorher geschworen, leicht abzuschlagen, und auf die Leute losgezogen, die
bewilligten; jetzt sagt' er aber: »Der Teufel sage Nein! Es komm' nur ein Mensch
erst in die Lage!«- - Und so musste der arme Viktor lauter leere Kreise voll
Schwindel im Hof-Zirkel des Trones beschreiben, unter Menschen, für deren Ton
er leichter ein Ohr als eine Zunge hatte, und die er erraten und doch nicht
gewinnen konnte.
    Ein Jüngling, in dessen Brust die Nachtstücke von Maiental und St. Lüne
hängen - oder einer, der aus einem Baddörfchen anlangt - oder einer, der vorhat
sich zu verlieben - oder einer, der in grossen Städten oder in ihren grossen
Zirkeln ein müssiger Zuschauer sein muss, jeder von diesen ist schon für sich auch
ein missvergnügter darin und stösset in seine kritische Pfeife so lange gegen die
spielende Gesellschaft, bis sie ihn selber - anwirbt. Kommen aber alle diese
Ursachen gar in einem einzigen Menschen zusammen: so weiss er gegen seine
Gallenblase keinen Rat und keinen Gallengang, als dass er feines Papier nimmt und
an die Eymannischen in St. Lüne einen verdammt spöttischen Brief über das
Gesehene ablässt.
    Mein Held liess folgenden an den Pfarrer ab:
                        »Mein lieber Herr Adoptiv-Vater!
- Ich hatte bisher nicht so viel Zeit übrig, um die Augen aufzuheben und zu
sehen, was wir für einen Mond haben. Wahrhaftig, einem Hofe fehlts zur Tugend
schon - an Zeit. Der Fürst führt mich überall wie ein Riechfläschchen bei sich
und zeigt seinen närrischen Doktor vor. Mich werden sie bald nicht ausstehen
können, nicht weil ich etwan etwas tauge - ich bin vielmehr fest versichert, sie
ertrügen den tugendhaftesten Mann von der Welt ebensogut wie den schlimmsten,
und das bloss, weil er ein Anglizismus, ein homme de Fantaisie, ein Naturspiel
wäre -, sondern weil ich nicht genug rede. Geschäftleute bekümmern sich um
keinen Gespräch- und keinen Briefstil; aber bei Hofleuten ist die Zunge die
Pulsader ihres welken Lebens, die Spiral- und Schwungfeder ihrer Seelen; alle
sind geborne Kunstrichter, die auf nichts als Wendung, Ausdruck, Feuer und
Sprache sehen. Das macht, sie haben nichts zu tun; ihre gute Werke sind Bonmots,
ihre Messgeschäfte Besuchkarten, ihre Hauswirtschaft eine Spiel- und ihre
Feldwirtschaft eine Jagdpartie, und der kleine Dienst eine Physiognomie. Daher
müssen sie fremde Fehler den ganzen Tag in Ohren haben gegen die schlaffe Weile,
wie die Ärzte die Krätze einimpfen gegen Dummheit: ein Hofstaat ist das
ordentliche Pennypostamt der kleinsten Neuigkeiten, sogar von euch Bürgerlichen,
wenn ihr gerade etwas recht - Lächerliches getan habt. Zu wünschen wäre, wir
hätten Festins, oder Spielpartien, oder Komödien, oder Assembleen, oder Soupers,
oder etwas Gutes zu essen, oder irgendeine Lustbarkeit; aber daran ist nicht zu
denken - wir haben zwar alle diese Dinge, aber nur die Namen davon; der
Kammerpräsident würde die Achsel zucken, wenn wir nur des Jahrs viermal so
glänzend fröhlich sein wollten, als Sie es des Monats viermal sind. Da unsere
Woche aus sieben Sonntagen besteht: so sind unsere Lustbarkeiten nur
Kalenderzeichen, Zeit Abschnitte, auf die niemand achtet, und ein Festin ist
nichts als ein Spielraum der Plane, die jeder hat, das Brettergerüst seiner
Hauptrolle und die Jahrzeit der fortgesetzten Intrige gegen Opfer der Liebe oder
des Ehrgeizes. Hier ist jede Minute eine stechende Moskite, und der Distelsame
des schöngefärbten Kummers fliegt weit herum.
    Viele Weiber sind da gut und Anhänger des Linnäus, und ihre Augen ordnen die
Männer botanisch nach seinem schönen einfachen Sexualsystem; sie machen unter
tugendhafter und lasterhafter Liebe einen grossen Unterschied, nämlich den des
Grades oder auch der Zeit; und die Beste spricht oft darüber wie die Schlimmste,
und die Schlimmste wie die Beste. Indessen gibts hier weibliche Tugend und
männliche Treue in ihrer Art - aber einem Pfarrer ist davon kein Begriff
beizubringen; denn diese zwei Geleen oder Gallerte sind so zart und weich, dass
ich sie, wenn ich sie auch von allen Stufen des Trons hinuntertragen wollte in
die Kaplanei, doch so verdorben und anbrüchig hinabbrächte, dass man ihnen
drunten die zwei entgegengesetzten Namen geben würde, für die wir doch schon
unsre besondern Gegenstände oben haben. Die Bürgerlichen würden unsere bejahrten
Männer in der Liebe lächerrlich finden, und diese euere Töchter. - Was mir aber
dieses glückliche Hofleben oft versalzet, ist der allgemeine Mangel an
Verstellung. Denn hier glaubt keiner, was er hört, und denkt keiner, wie er
aussieht; alle müssen nach den ordentlichen Spielgesetzen, gleich den Karten,
einerlei obere Seite haben und äussere Gesichtstille auf inneres Glühen decken,
wie der Blitz nur den Degen, aber nicht die Scheide zerstört. - Folglich kann,
da eine allgemeine Verstellung keine ist und da jeder dem andern Gift zutraut,
keiner belügen, sondern jeder nur überlisten; nur der Verstand, nicht das Herz
wird berückt. Inzwischen ist, die Wahrheit zu sagen, das keine Wahrheit; denn
jeder hat zwei Masken, die allgemeine und die persönliche. Übrigens werden die
Farben, die auf den wissenschaftlichen, feinen und menschenliebenden Anstrich
des Äussern verbraucht werden, notwendig vom Innern abgekratzet, aber zum
Vorteil, da am Innern nicht viel ist, und das Studium des Scheins verringert das
Sein; so sah ich oft im Walde Hasen liegen, an denen kein Lot Fleisch war und
kein Tropfen Fett, weil alles von dem ungeheuern Haarpelz weggesogen war, der
nach dem Tode fortgewachsen.
    Wenn man den Inhalt des Trons und des platten Pöbel-Landes vergleicht, so
scheinet die physikalische und moralische Erhabenheit der Menschen im
umgekehrten Verhältnis mit der ihres Bodens zu stehen, so wie die Einwohner der
Marschländer grösser sind als der Bergländer. Aber gleichwohl tragen jene
erhabnen Leute den Staat leicht auf Schmetterlingflügeln, überschauen sein
Räderwerk mit dem hundertäugigen Papillon-Auge und beschirmen mit einem
Spazierstöckchen das Volk vor Löwen, oder jagen damit die Löwen in dem Volk, wie
in Afrika Hirtenkinder mit einer Peitsche naturhistorische Löwen vom Weidevieh
abschrecken... Lieber Herr Hofkaplan! diese Satire schmerzte mich schon auf der
vorigen Seite; aber man wird hier boshaft, so wie eitel, ohne zu wissen wann,
jenes, weil man zu sehr auf andere, dieses, weil man zu sehr auf sich merken
muss. Nein! Ihr Garten, Ihre Stube ist schöner; da gibt es keine steinerne Brust,
an der man die Arme und Adern der Freundschaft kreuzigt wie ein Spaliergewächs;
da muss man sich nicht täglich wie ich zweimal rasieren lassen und dreimal
frisieren; da darf man doch seinen gewichsten Stiefel anziehen. Schreiben Sie
Ihrem Adoptivsohne bald - denn ich schlage mir das Fest Ihres Besuchs noch ab. -
Sind viel Kindtaufen und Leichen? - Was macht der Fuchs und der taube
Balgtreter? - Eben wird jetzo der Mörser statt Ihrer Ratten-Trommel unter mir
gerührt. - - Leben Sie wohl.
    Und Sie grüss' ich jetzt erst, geliebte Mutter! Meine Hand ist warm, und in
meinem Herzen klopfen ein paar Seelen, weil jetzt Ihr Angesicht voll
mütterlicher Wärme alle meine satirischen Eisspitzen bescheint und in warmes
Blut zerschmelzt, das für Sie schlagen und für Sie fliessen will. Wie tut es so
wohl, wieder zu lieben! Ihr zweiter Sohn (Flamin) ist gesund, aber zu fleissig,
und gegenwärtig in St. Lüne. Grüssen Sie meine Schwestern und alles, was Sie
liebt.
                                                                     Sebastian.«
                                       *
Er hob den Brief auf, um den Regierrat, der seine Person mit haben wollte, doch
mit einer Fracht abzufertigen.
    Indessen wurden seine und Jenners gemeinschaftliche Besuche mit ihren
Teaterknoten zu ganz andern Nervenknoten der Freundschaft zwischen Jenner und
ihm - und zugleich machten sie den Ruf dieser Freundschaft grösser. In St. Lüne,
in Le Bauts Hause, wurde dreimal mehr daraus gemacht, als daran war - im
Pfarrhause neunmal.
    Dazu kam eine Kleinigkeit, nämlich eine Schlägerei - eigentlich zwei. Ich
habe den Vorfall vom Spitz, Viktor ihn von Flamin, dieser von Mattieu, in
dessen edlem historischen Stil er hier der Nachwelt übergeben werden kann. Der
Evangelist schämte sich keines Bürgerlichen, sobald er ihn zum Narren haben
konnte. Daher besuchte er den Hofapoteker ohne Bedenken. Diesem, der den
Kasernenmedikus Kuhlpepper wegen seiner stolzen Grobheit und wegen der untern
Note46 innig hasste, hatte Mattieu längst versprochen, den Doktor zu stürzen. Da
der letzte und das Podagra durch Viktor wirklich von Jenners Füssen vertrieben
waren: so liess der Evangelist dem Apoteker merken, er selber würde ohne dessen
Wink und Wünsche weit weniger zum Falle Kuhlpeppers beigetragen haben, als er
getan. Zeusel - zumal da er den Nachfahrer des Kasernenmedikus im Hause hatte -
kam nach einigen Tagen mit der gewissen Überzeugung aufs Billard, dass er aus
seiner Apoteke heraus Kuhlpeppern das unsichtbare Bein untergestellet und ihn
von den Tronstufen herabgeworfen. Dort war zum Unglück der Kasernenmedikus
selber und der edle Matz. Zeusel kam auf diesem Teater mit den Festons von drei
Uhrketten an - mit einem Paar Hosen, auf deren Knien einige Arabesken gedruckt
waren - mit einer doppelten Weste, doppelten Halsbinde und im Gesicht mit
doppelten Ausrufzeichen über den Kasernenmedikus - seine Geldbörse sass gerade
unter dem heiligen Bein, weil er, wie einige Engländer, die Hosentasche in die
Gegend der Hosenschnalle hatte verstecken lassen. Er hatte als Kammermohren
seinen hagern langen Provisor mit, der im Neben-Trinkzimmer auf den sehr kurzen
Provisor der zweiten oder Kanaillen-Apoteke stiess. Der kurze Provisor folgte
aus Hass dem langen überall, bloss um ihn zu ärgern; aber diesesmal war er bloss
vom Lande zurück mit einigen von Wiedergenesenden einkassierten Hühnereiern.
Mattieu nahm sich - nach einem exegetischen Wink an Zeusel - die Freiheit, über
das fürstliche Podagra Kuhlpeppers Meinung zu sein. Kuhlpepper, der ein alter
Deutscher sein wollte - solche alte Deutsche können sich nie im Zorn, aber recht
gut aus Eigennutz verstellen -, feuerte ab und sagte, der englische Doktor sei
ein ganzer Ignorant. Zeusel fasste mit einem weiten Lächeln wie mit einem
Buchdruckerstock seine höfische Verachtung gegen den groben Mann ein. Der
Medikus sah wie der Gleicher, der Apoteker wie Spitzbergen aus. Jetzo wurde
bloss über das Podagra geturnt. Der Kampfwärter und Turniervogt Mattieu gab zu
verstehen, »Zeusel liebe zwar seinen Fürsten und Herrn, aber er wünsche doch,
dass diese Liebe die besten Mittel und die heilsamsten Einflüsse gehabt.« - »In
den H-« (sagte Kuhlpepper) »kann der da Einfluss haben.« - Als sich der Apoteker
deswegen stolz und verächtlich in die Höhe richtete: drückte ihn der Doktor
langsam auf den Stuhl und auf seinen Geldbeutel nieder, und die auf die Achsel
eingeschlagne Hand nagelte den kleinen Zierling samt der Börse an den Sessel an.
    Diese Befestigung verdross den Schneidervogel am meisten, und er versetzte,
in die Höhe wollend: »noch heute würde er, wenn er zu Rate gezogen würde, Sr.
Durchlaucht die jetzige bessere Wahl anraten.« Der Kasernenmedikus mochte
vielleicht die Hand zu hurtig von der Achsel abdecken; denn er bestrich damit,
wie mit einer Kanone, die Nase seines Gegners, worauf diese ein Blut wie der
heilige Januar entliess. Der Evangelist bedauerte es für seine Person, »dass zwei
so verständige Männer sich nicht miteinander entzweien und schlagen könnten ohne
persönlichen Hass und ohne Hitze, da sie gleich kriegenden Fürsten sich ohne
beides anfallen könnten - aber das Bluten bestätige Zeusels Wallung zu sehr«. -
Zeusel rief zum Doktor: »Sie Grobian!« - Dieser nahm im Grimme wirklich die
Mattäische Meinung an, jener blute nur aus Grimm, und verglich ihn mit den
Kadavern, die in alten Zeiten zwar bei Annäherung des Mörders bluteten, aber
bloss aus ganz natürlichen Ursachen. Der Medikus suchte also seinen gleich einem
Fürsten oben vergoldeten Stecken auf und beurlaubte sich mit der gekrönten
Stange, indem er sie einige Male gleichsam magnetisch-streichend über Zeusels
Finger führte; aber ich würde den Stab, wenn ich an der Stelle anderer Leute
wäre, weder ein Hörrohr für Zeuseln nennen, das der Arzt an ihn, wie man
Schwerhörigen öfters tut, anstiess, damit dieser besser hörte, noch auch einen
Türklopfer, den er der Wahrheit vorstreckte, damit sie leichter in den Apoteker
einkonnte: sondern er wollte bloss seine Finger nötigen, das Schnupftuch fallen
zu lassen, damit er ihm ins Gesicht beim Abschied schauen könnte, den er in die
schonende Wendung kleidete: »Sag Ers Seinem Doktor, er und Er da, ihr seid die
zwei grössten Stocknarren in der Stadt.«
    Vor den letzten Worten verhielten sich beide Provisores ruhig genug, nicht
mit der Zunge - denn der lange Provisor sang als zweites Chor mit demselben
Kriegsliede den kurzen an und war echter Anti-Podagrist -, sondern sonst. Wer
überlegt, dass der lange meinen Helden wegen seiner Höflichkeit liebte und den
kurzen nicht leiden konnte, weil Kuhlpepper alles bei diesem verschrieb, der
würde von dem Paare nichts Geringers erwarten als den Widerschein des
Billardzimmers; aber der lange Provisor war gesetzt und breitete erhebliche
Wahrheiten nie wie Portugal mit Blute aus, sondern er nahm - sobald der
Kasernenmedikus den Hofmedikus einen Stocknarren genannt hatte - still den Hut
des kurzen Provisors, der in solchen des Zerknickens wegen seine Eier-Gefälle
niedergelegt hatte, und setzte besagte Eier dem Professionverwandten ohne
Ingrimm auf; und mit geringem Druck passte er den Doktorhut, der eine halbe Elle
zu hoch sass, seinem Freunde - um so mehr, da auch Kastor und Pollux Eierschalen
aufhatten - promovierend recht an und ging fort, ohne eben viel Dank für das
aufgesetzte Filz-Gefüllsel und den fliessenden Gesicht-Umschlag haben zu wollen.
    Schlägereien breiten kleine, wie Kriege grosse Wahrheiten aus. Der Hofkaplan
Eymann sandte ein langes Glückwunschschreiben an Viktor und hiess ihn »Jenners
Nierenlenker« und bat um seinen Besuch. Ein »Ranzenadvokat« klopfte bei ihm wie
bei einer höhern Instanz an und bat ihn um eine fürstliche Einschreitung gegen
das Regierkollegium. Der Apoteker hält mit seinem Gesuch um ein Lavement noch
zurück.
    Viktor sparte sich noch den ersten Besuch in St. Lüne auf wie eine reifende
Frucht und ärgerte dadurch den Regierrat, der ihn hinbereden wollte. Aber er
sagte: »Die Hinterbliebenen eines Orts sehnen sich nach dem, der daraus fort
ist, so lange unbeschreiblich, bis er den ersten Besuch gemacht, so wie er auch.
Nach dem ersten passen beide Parteien ganz gesetzt und kalt den zweiten ab.«-
Was er nicht sagte und dachte, aber fühlte und fürchtete, war: dass seine
Halbgöttin Klotilde, die das Allerheiligste in seiner Brust bewohnte, und die
seiner Seele durch ihre Unsichtbarkeit teurer, nötiger und eben darum gewisser
geworden war, ihm vielleicht bei ihrer Erscheinung alle Hoffnungen auf einmal
aus seinem Herzen ziehe. -
    Es war am Abend des empfangenen Eymannischen Briefes, wo er so phantasierte:
»Wenn doch Jenner nur so gesund bliebe! - Er muss Bewegung haben, aber eine
ungewohnte - der Reiter muss gehen, der Fussgänger fahren. - Wir sollten
miteinander zu Fuss durchs Land ziehen, verkleidet. - Ach ich könnte vielleicht
manchem armen Teufel nützen - wir schlichen heimwärts durch St. Lüne - Nein,
nein, nein«...
    Er erschrak selber vor einem gewissen Einfall - denn er besorgte, er würde
ihn, da er ihn einmal gehabt, auch ausführen, daher sagte er dreimal Nein dazu.
Der Einfall war der, den Fürsten zu Klotildens Eltern hinzubereden. - Es half
aber nichts: es fiel ihm bei, dass sein Vater ein zu strenges Rügegericht über
den Kammerherrn und den Minister gehalten - »Was will mir Le Baut schaden! Wenn
ich dem armen Narren nur drei Sonnenblicke von Jenner zuwendete! - Das
Gescheiteste ist, ich denke heute nicht mehr darüber nach.«
    Der Hund wird uns Antwort bringen; ich meines Ortes wette - ein feiner
Menschenkenner auf meiner Insel wettet hingegen, der Held macht diesen Spass -,
dass er ihn nicht macht.
 
                                18. Hundposttag
                          Standeserhöhung Klotildens -
   Inkognito-Reise - Bittschrift der Oberjägermeisterei - Konsistorialbote -
                         Vexierbild der Flachsenfinger
Freilich macht' er ihn, den Spass; aber ich verlier' im Grunde nicht. Denn es war
so: vom Tage an, wo Doktor Kuhlpepper vor der vollblütigen Nase Zeusels mit
seiner groben Hand wie mit einem elektrischen Auslader vorbeigegangen war,
drängte sich der Mann mit drei Uhren an meinen Helden, der nur eine und noch
dazu des Zeidlers plumpe trug. Zeusel dankte überhaupt Gott, wenn sich nur ein
Hoffurier bei ihm betrank und der Hofdentist überfrass. Er kam immer mit gewissen
geheimen Nach richten, die zu publizieren waren. Er behielt nichts bei sich, und
hätte man ihn unter seine Apoteke zu hängen gedrohet. Er sagte unserm Helden,
dass der Minister um die Stelle der zweiten Hofdame für seine Joachime bei der
Fürstin werbe, die sich bloss die weibliche Dienerschaft selber wählen durfte -
dass jener aber es nicht geradezu tun dürfe, weil er oder sein Sohn Mattieu dem
Kammerherrn Le Baut versprochen, die nämliche Stelle Klotilden zu verschaffen -
er bat also meinen Helden, der, wie er sehe, Mattieus Freund sei, ihm die
Verlegenheit zu ersparen und den Fürsten zu bewegen (welches nur ein Wort
koste), dass dieser selber bei der Fürstin die Bitte um Joachime einlege - die
Fürstin, die ohnehin den Minister protegiere, würd' es aus mehr als einem Grunde
mit Freuden tun, und der Minister könnte dann nichts dafür, wenn der Kammerherr,
der Feind des Lords, leer ausginge. -
    Der Tropf, sieht man, hatte bloss aus den zwei eingefangnen Nachrichten der
zwei Amt-Werberinnen den ganzen übrigen Rechtgang erraten, und selber der
Umstand, den ihm Mattieu entdeckte, dass der Minister einen Viertels-Flügel
seines Palastes für eine Freundin seiner verstorbnen Tochter Giulia räume, hatte
ihn nur mehr befestigt. So sehr ersetzt Bosheit nicht nur Jahre, sondern auch
Nachrichten und Scharfsinn.
    Mein Held konnte ihm nichts sagen als: er glaube nichts davon. Aber in drei
einsamen Minuten glaubte er alles - denn deswegen, sah er, musste die liebe
Klotilde gerade bei der Erscheinung der Fürstin aus dem Stifte zurück - deswegen
wurde der Minister-Sohn von Le Baut mit soviel Rauch- und Dankopfer-Altären
umbauet-deswegen brachte die Alte (im sechzehnten Hundposttage) dem Hofleben
solche Ständchen und so laute überhaupt sind, sah er noch, zwei solche geächtete
gefangne Hofjuden in Babylon des Teufels lebendig, bis sie in der alten heiligen
Stadt wieder sitzen, und wenn sie gerade eine schöne Tochter haben, so wird
diese zur Vorspann der Fahrt gebraucht und zur Montgolliere des Steigens...
    »O komm nur, Klotilde« - rief er glühend - »Der Hof-Pfuhl wird mir dann ein
italienischer Keller, ein Blumenparterre. - Bist nur du beim Minister, so hab'
ich Geist genug und sprühe ordentlich. - Was wird mein Vater sagen, wenn er uns
mit zwei Laufzäumen stehen sieht, an einem hast du die Fürstin, am andern ich
den Mann....« Jetzo fielen ihm Klotildens neuliche Einwendungen gegen das
Hofleben wie Eiszapfen in sein kochendes Blut; aber er dachte, »Weibern gefallen
doch die Hof-Lager des Glanzes ein wenig mehr, als sie selber vermuten und
sagen, und weit mehr als den Männern. - Halte denn ers mit ähnlichem Seelen-Bau
nicht auch aus? - Sie, als Stieftochter des Fürsten, und als eine schöne dazu,
habe nur halbes Elend, gegen ihn gehalten und wisse sie denn, ob sie nicht
einmal aus ihrem Feld-Etat in die Hofgarnison zurückgesetzt werde durch einen
Zufall?« Unter dem Zufalle verstand er eine Heirat mit - Sebastian. Endlich
beruhigte er sich mit dem, was ich auch glaube, dass sie damals bloss aus
Höflichkeit einige Kälte gegen ihre neue Entfernung von ihren Eltern
vorgespiegelt und also auch gegen den neuen Ort; auch hätte man Freude darüber
für Wärme gegen irgend jemand am Hofe nehmen können, z.B. gegen ihren - Bruder,
dacht' er.
    Jetzo kam der gestrige Gedanke, über den ich die Wette verloren, wieder
hervor, in einer Nacht erstaunlich in die Höhe geschossen; der nämlich: wenn er
den Fürsten zur Reise und zum Besuche beim Kammerherrn überredete und ihn noch
unterwegs um ein Vorwort für Klotilde bei der Fürstin ansprach: so wars erstlich
dem Stiefvater unmöglich, die Bitte für die schönste Stieftochter abzuweisen,
und zweitens der Fürstin unmöglich, bei ihrem Gemahl, der das Recht der ersten
Bitte ausübte, nicht allen möglichen Vorteil aus der ersten Gelegenheit zu
ziehen, sich ihn verbindlich zu machen. - -
    - - Acht Tage darauf, da es schon dämmerte - in den Herbsttagen wirds eher
Nacht -, stand der Hofkaplan Eymann auf der Warte und guckte nach der Sonne,
nicht ihrer selber wegen, sondern um des Abendrots und Wetters willen, weil er
morgen säen wollte: als er erschrocken von der Warte hinübersprang in sein Haus
und die Hiobspost auspackte, der Konsistorialbote werde gleich da sein samt
einem französischen Emigranten, und für den einen sei noch kein Heller vorrätig
und für den andern kein Bette...
    Es kam kein Mensch. -
    Ich begreif' es leicht; denn der Konsistorialbote lauerte am Pfarrhause und
marschierte' sobald er oben den Hofmedikus Viktor aus Wachs am Fenster sitzen
sah, spornstreichs zum Dorfe hinaus, gerade nach Flachsenfingen zu. Der Emigrant
war zu seinem Professionverwandten Le Baut hineingegangen. -
    Beide Reisende nannten sich auch noch - Jenner und Viktor, und kamen heute
von ihrer scherzreichen Rennbahn zurück. - -
    Vor sieben Tagen war nämlich der Fürst, der Maskentänze und Inkognito-Reisen
und gemeine Sitten liebte, und der nur des Ministers geistige Masken und
Inkognito verwünschte, mit Viktor zu Fuss hinter einem Kerl abgereiset, der zu
Pferde mit der Redoutenkleidung und mit Redoutenerfrischungen vorausgebrochen
war. Jenner trug einen Degen in der Hand, der in keiner Scheide steckte, sondern
in einem Spazierstöckchen; ein Sinnbild der Hof-Waffen! Er gab sich in den
Marktflecken für den neuen Regierrat Flamin aus. Mein Held, der sich anfangs zu
einem reisenden Augenarzt geprägt hatte, münzte sich im dritten Dorfe zu einem
Konsistorialboten um - bloss weil beiden der wahre Bote begegnete. Dieser
Kammereinnehmer des Konsistoriums musste dem Arzte - es kostete dem Fürsten nur
eine fürstliche Resolution und eine Gnade - sein Sportelbuch und seinen
kirchlichen Amtrock samt dem aufgenähten Blech auf diese Woche überlassen. Die
Bleche sind an Boten und die Silbersterne an vornehme Röcke wie die Bleistücke
an Tuchballen befestigt, damit man wisse, was am Bettel ist.
    Für Büsching wäre eine solche Rekahns-Fahrt ein Fund - für mich ist sie eine
wahre Pein, weil mein Manuskript ohnehin schon so gross ist, dass meine Schwester
sich darauf setzet, wenn sie Klavier spielet, da der Sessel ohne die Unterlage
der Hundposttage nicht hoch genug ist.
    Was sah Jenner? - was Viktor? -
    Der Regierrat Jenner sah unter den Beamten lauter krumme Rücken - krumme
Wege - krumme Finger - krumme Seelen. - »Aber krumm ist ein Bogen, und der Bogen
ist ein Sektor vom Zirkel, diesem Sinnbild aller Vollendung«, sagte der
Konsistorialbote Viktor. Allein Jenner ärgerte sich am meisten darüber, dass ihn
die Beamten so sehr verehrten, da er sich doch nur für einen Regier-Rat ausgab
und für keinen Regenten. - Viktor versetzte: »Der Mensch kennt nur zwei
Nächsten, der Nächste zu seinem Kopf ist sein Herr, der zu seinem Fusse sein
Sklave - was über beide hinausliegt, ist ihm Gott oder Vieh.« -
    Was sah Jenner noch mehr? -
    Steuerfreie Spitzbuben sah er, die sich an steuerfähigen Armen bereicherten
- redliche Advokaten hört' er, die nicht, wie seine Hofleute oder die englischen
Räuber, mit einer tugendhaften Maske stahlen, sondern ohne die Maske, und denen
eine gewisse Entfernung von Aufklärung und Philosophie und Geschmack nach dem
Tode gar nicht schädlich sein wird, weil sie dann in ihrer eignen Verteidigung
Gott die Einrede ihrer Unwissenheit entgegensetzen und ihm vorhalten können:
»dass andere Gesetze als landesherrliche und römische sie nicht verbinden können,
und Gott sei weder Justinian, noch Kant Tribonian.« - Er sah am Kopfe seiner
Landrichter Brotkörbe, und am Kopfe ihrer Untertanen Maulkörbe hängen; er sah,
dass, wenn (nach Howard) zwei Menschen nötig sind, um einen Gefangnen zu
ernähren, hier zwanzig Eingekerkerte da sein müssen, damit ein Stadtvogt lebe.
    Er sah verdammtes Zeug. Dafür sah er aber auch auf der andern Seite in
angenehmen Nächten das Vieh in schönen Gruppen in den Feldern weiden, ich meine
das republikanische, nämlich Hirsche und Sauen. Der Konsistorialbote Viktor
sagte ihm, er habe diesen romantischen Anblick den Jägermeistern zu danken,
deren weiches Herz den fürstlichen Befehl des Wildschiessens ebensowenig hätte
vollziehen können, wie die ägyptischen Wehmütter den, die Judenknaben
totzumachen. Ja der Sportelbote liess sich in einer Kneipschenke gelbe Dinte und
schwarzes Papier hingeben und setzte da, während der Schieferdecker auf dem
Dache trommelte, um Schiefer zugelangt zu bekommen, und die Gäste an die Krüge
schlugen, um eingeschenkt zu kriegen, und der Wirtsbube auf einem Bierheber zum
Fenster hineintrompetete, unter diesem babylonischen Lärm setzte der
Sportulnbote eine der besten Bittschriften auf, welche die edle Jägerschaft noch
je an den Fürsten abgelassen.
         Schlechte Relation aus der Bittschrift der Oberjägermeisterei
»Da das Wild nicht lesen und schreiben könnte: so sei es die Pflicht der
Jägermeisterei, die es könnte, für dasselbe zu schreiben und nach Gewissen
einzuberichten, dass alles flachsenfingische Wild unter dem Drucke des Bauers
schmachte, sowohl Rot- als Schwarzwildpret. Einem Oberförster blute das Herz,
wenn er nachts draussen stehe und sehe, wie das Landvolk aus unglaublicher
Missgunst gegen das Hirschvieh die ganze Nacht in der grössten Kälte neben den
Feldern Lärm und Feuer machte, pfiffe, sänge, schösse, damit das arme Wild
nichts frässe. Solchen harten Herzen sei es nicht gegeben, zu bedenken, dass, wenn
man um ihre Kartoffeltische (wie sie um ihre Kartoffelfelder) eben solche
Schützen und Pfeifer lagerte, die ihnen jede Kartoffel vom Munde wegschössen,
dass sie dann mager werden müssten. Daher sei eben das Wild so hager, weil es sich
erst langsam daran gewöhne, wie Regimentpferde den Hafer von einer gerührten
Trommel zu fressen. Die Hirsche müssten oft meilenweit gehen - wie einer, der in
Paris sein Frühstück aus Aubergen zusammenhole -, um in ein Krautfeld, das keine
solche Küstenbewahrer und Widerparte des Wilds umstellen, endlich einzulaufen
und sich da recht satt zu fressen. Die Hundjungen sagten daher mit Recht, sie
zerträten in einer Parforcejagd mehr Getreide, als das Wild die ganze Woche
abzufressen bekomme. - Dieses und nichts anders seien die Gründe, welche die
Oberjägermeisterei bewogen hätten, bei Sr. Durchlaucht mit der untertänigen
Bitte einzukommen,
            Dass Ew. den Landleuten auflegen möchten, nachts in ihren warmen
        Betten zu bleiben, wie tausend gute Christen tun und das Wild selber am
        Tage.
Dadurch würde - getrauete sich die Obristjägermeisterei zu versprechen - den
Landleuten und Hirschen zugleich unter die Arme gegriffen - letzte könnten
alsdann ruhig, wie Tagvieh, die Felder abweiden und würden doch dem Landmann die
Nachlese, indem sie mit der Vorlese zufrieden wären, lassen. - Das Landvolk wäre
von den Krankheiten, die aus den Nachtwachen kämen, von Erkältungen und
Ermüdungen glücklicherweise befreit. Der grösste Vorteil aber wäre der, dass, da
bisher Bauern über die Jagdfronen murrten (und nicht ganz mit Unrecht), weil sie
darüber die Zeit der Ernte versäumten, dass alsdann die Hirsche an ihrer Statt
die Ernte in der Nacht übernähmen, wie sich in der Schweiz die Jünglinge für die
Mädchen, die sie liebten, nachts dem Getreide-Schneiden unterzögen, damit diese,
wenn sie am Morgen zur Arbeit kommen, keine finden - und so würden die
Jagdfronen in den Ernten niemand mehr stören als höchstens das - Wild etc.«
Was ist aber vom Konsistorialsportulboten Viktor zu erzählen? - Dieser
kirchliche Hebbediente setzte alle Pfarrherren durch seinen Spass und alle
Pfarrfrauen durch seine Gewandteit in Erstaunen, und bloss sein Blech und seine
Papiere konnten die Echteit eines solchen Botenexemplars hinlänglich verbürgen.
Er kassierte alles ein, was der Konsistorialsekretär liquidiert hatte, und
entschuldigte sich damit, dass es weder ihm noch dem Sekretär in diesem Falle
zukäme, gewissenhaft zu sein. In seiner kurzen Amtführung sackte er ohne Scham
ein alle rückständige Ehepfänder vom geringsten Wert - wir im Kollegio, sagte
er, sind auf einen halben Batzen erpicht - Gelder, wenn die Ehen geschieden
waren - Gelder, wenn diese von den Räten geschlossen waren, es sei durch
Indulgenzen für Trauerzeit, für Blutverwandtschaft oder für elterliche
Einwilligung - Gelder, wenn die Gelder erst einmal (oder zweimal) bezahlt waren,
aber noch nicht zum zweiten (oder dritten) Male, wiewohl das Konsistorium diesen
Geld-Nachklang stets nur in dem Falle verlangte, wenn die Leute die Quittung
verloren hatten - Gelder, welche die Pfarrherren bloss für Dekrete zu erlegen
hatten, worin sie losgesprochen wurden. - -
    Darauf schüttete er den Sack vor dem Fürsten aus und plättete die Goldwoge
auseinander und fing an:
                               »Ihro Durchlaucht!
Das Konsistorium ist des Teufels: es könnte über alle Gebote eine luterische
Poenitentiaria sein und ist es nur über das sechste. Was eine ehrliche
Konsistorial-Regie - ich nämlich - hat zusammenscharren können, liegt da auf dem
Tisch. Der Haufe könnte noch einmal so breit sein, wenn das Konsistorium
Verstand hätte und sagte: Wer kauft? neue frische Ablassbriefe für alles! - Es
hat gezeigt, dass es über einige Verwandtschaftgrade Dispensationbullen so gut
wie der Papst verfertigen könne; warum will es sich denn an keine näheren Grade
machen? Es würde von grossen so gut als von kleinen dispensieren können, wenn es
darüber her wollte, und ebensogut von Busstag-Fasten als von Trauerzeit und
dreimaligem Kanzelausrufe, dieser erotischen Fastenzeit. Beim Himmel, wenn ein
einziger Mensch, wie der Papst, die geistliche Waschmaschine ganzer Weltteile zu
sein vermag und die Seelen am Jubeljahre bündelweise säubern kann: so werden
doch wir alle im Kollegium zur Waschmaschine eines einzigen Landes zu gebrauchen
sein? Geschieht das nicht: so nehmen wir - denn wir wollen leben - Sündengeld
und Sportuln für das wenige, worin wir gütig nachzusehen haben; und wenn in
Sparta die Richter die Göttin der Furcht anbeteten, so verehren bei uns die
Parteien dieses schöne ens. - Hätten wir nur wenigstens von fünf oder sechs
grossen Sünden loszusprechen, nur z.B. von einem Mord: so könnten wir
Ehescheidung und Ehe-Beschleunigung - diese ganz entgegengesetzten Operationen
gelingen uns, so wie das Karlsbader Wasser zugleich den Stein in der Blase
zerteilt und Eingetauchtes im Brunnen versteinert - für halbes Geld
erlassen.«.... Nach einer langen Pause: »Ihro Durchlaucht, es ist doch nicht zu
machen, weil der Henker die weltlichen Räte mitten unter den geistlichen hat:
ein halb profaner Sessiontisch ist zu keinem heiligen Stuhle umzudrechseln; es
ist also nichts zu wünschen - ausser der gesegneten Mahlzeit - als
Verträglichkeit, damit geist- und weltliche Räte die Parteien, um welche sie
sitzen, ordentlich aufspeisen können, ein paar Knochen ausgenommen, die uns
Schreibern und Boten zufallen; so sah ich oft auf einem toten Pferde zugleich
Stare und Raben in bunter Reibe einträchtig wohnen und hacken und zehren.« - -
    Mein Korrespondent versichert mich, durch diese Reden richtete der
Hofmedikus mehr bei Jenner aus als der Hofprediger durch seine. Viele Parteien
bekamen ihr Geld, und einige Richter ein allerungnädigstes Handschreiben.
    Eh' ich mit unserem verkleideten Gespann vor St. Lüne ankomme: ist noch
eines und das andre zu schreiben. An Jenners Seele waren mehre Kniedrücker als
an einem Fortepiano angebracht, die das Favoritenknie, indem es sich zu beugen
schien, bewegte, wie es wollte. Er war allemal der Sohn der Gegenwart und der
Widerschein der Nachbarschaft. Las er im Sully, so versäumte er eine Woche lang
das geheime Regierkollegium nicht und liess den Kammerpräsidenten kommen. Las er
im Friedrich II., so wollt' er das Reichskontingent stellen und selber
kommandieren und ging vormittags auf die Parade. Er sah mit Vergnügen das Ideal
einer guten Regierung an, es sei im Druck oder in einer Rede, und oft versuchte
er die Annäherung dazu, Umbesserungen, Untersuchungen und Belohnungen, ganze
Wochen lang - Entaltungen ausgenommen, die doch das einzige Verdienst sind, das
der Fürst ohne fremde Hülfe erwerben kann. - Unter der ganzen Kreuzfahrt war er
ein wahrer Antoninus Philosophus und stand in Bereitschaft, überall zu belohnen
und zu bestrafen und zu verfügen; - auch fühlte er, er könnt' es tulich machen,
wenn man nur nicht von ihm noch gar arbeiten und entbehren heischte; darüber
ging das andre auch zum Teufel.
    Anfangs gefiel ihm die empfindsame Reise - als sie vorüber war, wieder -
aber in der Mitte schmeckte ihm alles, was nach dem Vorlauf ausgekeltert wurde,
immer herber, und er wünschte sich statt der Dorfküchenzettel sein
Viktualienzifferblatt. Auch hatt' er sich so sehr an Tapferkeit gewöhnt, dass er
beim Mangel derselben - d.h. seiner Leibwache - sozusagen furchtsam wurde; daher
wollt' er einmal im Finstern einen jungen Weber in der Schenke aus dem Bette
heraus mit seinen Stockdegen erstechen, weil der Weber nachts das fürstliche
Bette verwechselt hatte mit einem von friedlicherem Inhalt. Übrigens sammelten
sich jetzt alle Strahlen seiner Zuneigung im einzigen Menschen von Stande, im
einzigen Beherzten und Vertrauten, den er hatte, in Viktor, zum Brennpunkte.
Mein Held aber hatte überall zu geniessen - wenigstens den Gedanken an St. Lüne
-, überall zu essen - wenigstens auf einem Obstbaum -, überall zu lesen - und
warens nur Feuersegen an der Türe, alte Kalender an der Wand, Ermahnungen zur
Wohltätigkeit über Almosenbüchsen -, überall zu denken - über das Reise-Paar,
über die vier Jahrzeiten-Akte der Natur, die jährlich wieder gegeben werden,
über die tausend Akte im Menschen, die niemals wiederkehren - und überall zu
lieben und zu träumen, denn eben diese Strasse hatte Klotilde so oft auf ihren
Reisen nach Maiental und St. Lüne zurückgelegt, und der Freund ihres reichen
Herzens fand auf diesem klassischen Wege nichts als grosse Erinnerungen,
Zauber-Stellen und eine stille lange heimliche Seligkeit....
    »St. Lüne!« schrie Jenner, erfreuet, dass er nur wieder einen Weltmann, Le
Baut, sehen solle. Auf die Emigranten-Maske war er selber verfallen, um den
Kammerherrn, bei dem er sich zuletzt für einen Fürsten-Erbfeind ausgeben wollte,
besser auszuholen. Wäre in Le Bauts Seele ein höherer Adel als der heraldische
gewesen - oder hätte Viktor nicht gewusst, dass der Kammerherr den Fürsten auf den
ersten Blick erkennen würde - und dass ers schon darum vermögen würde, weil der
wahre suspendierte Konsistorialbote schon der Stadt Flachsenfingen
wahrscheinlich die ganze Vermummung werde ins Ohr gesagt haben: so hätt' er ihm
die noble Masque ausgeredet.
    Sebastian blieb gedachtermassen weg und im Freien, wahrscheinlich aus Scham
seiner Rolle und offenbar aus Sehnsucht, Klotildens Sonnenangesicht, das für ihn
so lange nicht aufgegangen war, in einer seinem Herzen bequemern Lage
anzuschauen. »Und die Eltern werden mich gern wiedersehen,« dacht' er dazu,
»wenn sie mir etwas zu verdanken haben« - Klotildens Hofamt nämlich. Er fuhr,
hinter dem Bettschirm der Dunkelheit lauschend, öfters zusammen, als er aus dem
Pfarrhause seinen Namen und zwar mit solcher Liebe, mit solchen Wünschen seiner
Antwort nennen hörte, dass er beinahe eine gegeben hätte. Aber die Pfarrleute
hatten nur mit seinem Patchen gesprochen und zu solchem gesagt: »Guter liebster
Sebastian! Sieh doch her, was hab' ich da?« - Wie lag das verhüllete Paradies
des heurigen Frühlings in alten Resten um ihn! Wie beneidete er die
Schattenköpfe im Schloss, die er um die Lichter gehen sah, und den alten
Pfarrmops, der ihn zu den Pfarrleuten hineinwedeln wollte und drinnen auf dem
Schauplatz einer so holden Vergangenheit weiter agierte! Aber als ihn Disteln am
Schloss an die musivische auf dem innern Fussboden desselben erinnerten, so war
der Neider zu beneiden, und er ging mit den schönsten Träumen, die je über sein
dunkles Leben gezeichnet wurden, zum Apoteker zurück.
    Am andern Tage kam Jenner nach, erfreuet über die Eltern, entzückt über die
Tochter, weil jene so fein waren und diese so schön. Es kostete meinem Helden
nichts als ein Wort, um den Stiefvater zur Bitte für die Anstellung der
Stieftochter zu bewegen, die der Held und der Vater so gern öfter sehen wollten
und dem Stiefvater kostete es auch nur ein Wort bei der Fürstin, um seine und
die fremde Bitte gewährt zu finden... Klotilde wurde Hofdame.
    Sogleich darauf drang der Minister von Schleunes im Glückwunschschreiben den
Viertels-Flügel seines Hauses Klotildens Eltern auf und war in der Epistel froh,
»dass eine höhere Bitte die seinige mit so vielem Erfolge wiederholet hätte«. -
Ich stelle diesen Edeln allen Weltleuten zum Muster auf; wie wohl sich jetzt
alles im moralischen Sinne, wie die Wiener im heraldischen, edel schreibt.
    Viktor, der mit seinen Seelenaugen den ganzen Tag dem Kammerherrn ins
Fenster guckte, konnte es kaum erwarten, Klotilde erstlich in St. Lüne zu sehen,
und zweitens am Hofe. Er verschob den Besuch von Tag zu Tag - und machte ihn von
Nacht zu Nacht im Traume. Nicht einmal die Besuchkarte - seinen Brief an den
Pfarrer - hatt' er fortgeschickt: er wollt' ihn nicht nur selber bringen,
sondern auch gar unterschlagen. Aber diesen letzten Gedanken - den Brief zu
unterdrücken, weil etwan Klotilde diese boshafte Konduitenliste der Höfe in die
Hände und daraus Widerwillen gegen das neue Amt bekommen könnte - schleuderte
er, wie Paulus die Schlange, sogleich aus seiner Seele hinaus: wehe dem Herzen,
das nicht aufrichtig ist gegen ein aufrichtiges, nicht gross gegen ein grosses und
warm gegen ein warmes, da es schon alles dieses sein müsste gegen eines, das
nichts von allem diesem wäre!
    Übrigens bedurft' er eines solchen Besuchs und eines solchen Gegenbesuchs
täglich stärker; denn er war nicht glücklich: daran war ausser ihm schuld 1) der
Fürst, 2) Flamin, 3) neuntausendundsiebenunddreissig Personen. Der Fürst konnte
nicht viel dafür; er goss das ganze Füllhorn seiner Liebe über den Doktor aus und
nahm diesem alle Freiheit weg, die er anfangs so heilig zu bewahren willens
gewesen. Viktor schüttelte den Kopf, sooft er sein Tagebuch oder Schiffjournal
der Lebensfahrt (auf Geheiss seines Vaters) weiterschrieb und aus seiner Seekarte
ersah, dass er ganz andere Meere und Grade der Länge und Breite passieret war,
als er oder sein Vater haben wollte: »Inzwischen land' ich doch richtig«, sagt'
er. -
    Aber sein Flamin tat seiner Seele weher, die überall zuviel Liebe suchte und
gab. Er wollte dem Rate mit der Nachricht von Klotildens Hofamt eine Freude
machen, die seiner eigenen glich; aber der empfing sie so kalt wie ihren
Überbringer. Der Aktenstaub lag dick auf den Orgelpfeifen seines Gemüts. -
Angekettet an den Session- und Schreibetisch, war er jetzt, wie angekettete
Hunde, wilder als vorher ungefesselt. - Die Bemühungen seiner Kollegen, den
Staats-Körper zu einem Anagramma auszurenken, erhielten von ihm den verdienten
Beifall nicht. - Auch setzte sich in seiner Seele der Sauerteig der
freundschaftlichen Eifersucht an, der es nicht recht war, dass sein Viktor ihn
seltener und andre öfter sah. - Am meisten erboste ihn Viktors Weigern, als er
ihn um Begleitung nach St. Lüne ersuchte... Kurz: er war arg.
    Die 9037 Mann, die für meinen Helden 9037 Plagegötter waren, sind die Herren
Flachsenfinger samt und sonders vermittelst ihres närrischen Charakters, der
nicht hier skizzieret zu werden verdient, sondern in einem flüchtigen
Extrablättchen.
  Flüchtiges Extrablättchen, worin der närrische Charakter der Flachsenfinger
      skizziert wird - oder perspektivischer Aufriss der Stadt Klein-Wien.
Klein-Wien heissen viele mein Flachsenfingen, so wie es ein Klein-Leipzig,
Klein-Paris u.s.w. gibt. Es können aber wohl zwei Städte nicht weiter
voneinander in Sitten abstehen als Flachsenfingen, wo man sein Leben und seine
Seele verfrisst und versäuft, und Wien, wo man vielleicht den entgegengesetzten
Fehler eines spartischen Ausmergelns nicht genug vermeidet. Die Klein-Wiener
oder Flachsenfinger öffnen dem Genuss der Natur weniger ihr Herz als ihren
Magenmund - Auen sind die Küchenstücke ihres Viehes, und Gärten die ihrer
Besitzer - die Milchstrasse fesselt und sättigt ihren Geist (ob sie gleich länger
ist) nicht halb so sehr, als die Königsberger Bratwurst von 1583 es täte, welche
fünfhundertundsechsundneunzig Ellen lang und viermal schwerer war als der
Gelehrte selber, der sie der Nachwelt geschildert, Herr Wagenseil47. - - Sind
das Züge, auf welche die Fuhrleute den Namen Klein-Wien begründen? Ich war oft
in Gross-Wien und kenne die Grosskreuze, Kleinkreuze und Kommandeurs des
Temperanzordens, der dort so gemein ist, persönlich: ich kann also allerdings
einen gültigen Zeugen abgeben, und mir ist zu glauben, wenn ich - da man in
Klein-Wien ausserordentlich säuft - von Gross-Wien, und ausdrücklich von dessen
Klosterleuten, ganz etwas anders verfechte; sie haben nicht nur immerfort den
grössten Durst - der doch weg sein müsste, wenn man ihn löschte -, sondern sie
bedienen sich auch gegen die Trunkenheit eines schönen Mittels vom Plato. Dieser
Alte gibt uns den Rat, in der Betrunkenheit in einen Spiegel zu schauen, um
durch die zerrissene Gestalt, die uns darin an unsere Entehrung erinnert, auf
immer davon abgemahnet zu sein. Daher stellen oft ganze Domkapitel, der Dechant,
der Subsenior, die Domizellaren u.s.w., Gefässe mit Wein oder Bier vor sich hin
und heben sie an die Augen und besehen in diesem (metamorphotischen oder)
Zerrspiegel, der die entstellten Züge noch mehr entstellt (weil er wackelt),
sich schon lange nach des Philosophen Rat. Ich frage aber, ob Leute, die
beständig so tief ins Glas gucken, Trinken lieben können! -
    Daraus folgt aber nicht, dass ich den Gross-Wienern die Ähnlichkeit mit den
Flachsenfingern auch in solchen Zügen nehme, die ehren. So lass' ich jene recht
gern diesen z.B. darin ähnlich sein, dass sie an keiner Dichtkunst, keiner
Schwärmerei und Empfindsamkeit - denn das ist alles einerlei - krank liegen.
Viktor würde dieses Lob in seiner Sprache so etwa klingen lassen: »Die Wiener
Autoren (selber die besten, nur Denis und kaum drei ausgenommen) geben dem Leser
keine über die ganze Gegenwart tragende Flügel durch jenen Seelen-Adel, durch
jene Verschmähung der Erde, durch jene Achtung für alte Tugend und Freiheit und
höhere Liebe, worin andre deutsche Genien wie in heiligen Strahlen glänzen«48,
und er würde sich deshalb auf die »Wiener Skizzen«, auf »Faustin«, auf Blumauer
und auf den »Wiener Musenalmanach« berufen. Den Tadel würde selber ein Wiener
nützlichst annehmen und uns fragen, ob wir einen Musenalmanach (wie er) mit
einem Zoten-Bodensatz aufzuweisen haben, worauf man setzen könnte: »Mit
Approbation des Bordells.« - Dieses Gefühl des literarischen Unterschiedes
nötigte sogar einen Nicolai - sonst kein besonderer Amoroso der Wiener
Schriftsteller -, in seiner Allgemeinen deutschen Bibliotek eine eigne
Seitenloge für diese einzubauen, ob er gleich sonst Schreiber aller andern
Deutschkreise in ein Parterre zusammenwirft. Auf ähnliche Art sah ich in Baiern,
dass an dem Galgen ausser dem gewöhnlichen Balkon für die drei christlichen
Konfessionsverwandten noch ein besonderer schismatischer Querpfosten angebracht
war, an welchen bloss die Judenschaft geheftet wurde.
    Der Flachsenfinger weiss, dass an Poeten nichts ist, und springt in Büchern,
wo Versebäche durch die Prose laufen, über die Bäche hinweg, wie gewisse Leute
spät in die Kirche gehen, um dem Singen zu entweichen. Er ist ein treuer Diener
des Staats, dem bekannt ist, wozu die poetische goldne Ader beim Revision-,
Kommision-, Relation-, Enrollierungwesen zu gebrauchen ist: zu gar nichts;
inzwischen will er doch, wenn er auch einen Klopstock und Goete nicht schätzen
kann, in müssigen Stunden einen guten Knüttelvers und Leberreim nicht verachten.
Eine solche glücklich robuste Seelen-Natur, worin man weniger seinen Geist
erhöhen will als seinen Pacht, macht es freilich begreiflich, wie es
Schutzpocken geben kann, vermittelst deren der Flachsenfinger allein (wie
Sokrates) in der Pest der Empfindsamkeit unangefochten herumwandelte. Der volle
Mond machte bei ihnen volle Krebse, aber keine volle Herzen, und das, was sie
darin pflanzten, damit er den Wachstum begünstigte, war nicht Liebe, sondern
Kohlrüben. Der echte Klein-Wiener zielt nach viel nähern Schiessscheiben als nach
dieser weissen droben. Geheiratet wird da mit wahrer Lust, ohne dass man sich
vorher totgeschossen oder totgeseufzet - man kennt keine Hindernisse der Liebe
als kirchliche - die weibliche Tugend ist eine Gürtelschnalle, die so lange
halten soll als der Geschlechtname der Tochter - die Herzen der Töchter sind da
wie Briefumschläge, die sich, wenn sie einmal an einen Herrn überschrieben
waren, leicht umstülpen lassen, damit man darauf die Aufschrift an einen andern
Menschen mache - die Mädchen lieben da nicht aus Koketterie, sondern aus Einfalt
allen Teufel, ausgenommen arme Teufel...
    Kurz, mein Korrespondent, von dem ich alles habe, ist fast parteiisch für
Klein-Wien eingenommen und widerspricht daher heftig dem Verfasser des reisenden
Franzosen, der irgendwo gesagt haben soll - hätt' ich ihn im Hause, so wüsst'
ich, wie eigentlich Klein-Wien heisse -, dass der Flachsenfinger wenigstens zum
Räuber nicht Kraft genug besitze. Knef aber sagt, er wolle hoffen, dass sie schon
gestohlen haben, und stützt sich auf die, die man aufgehangen.
     Ende des flüchtigen Extrablättchens, worin der närrische Charakter der
Flachsenfinger skizzieret wurde - oder des perspektivischen Aufrisses der Stadt
                                   Klein-Wien
                                       *
Aber unter solchen Menschen konnte mein Held bei aller Duldung keine frohe Tage
finden, er, der allen Eigennutz, zumal den schmausenden, so hasste, und der gern
in Doktor Grahams Vorlesungen hospitiert hätte, worin dieser lehrte, ohne Essen
zu leben - er, der in sein Herz so gern den von der Poesie geflügelten Samen der
Wahrheit aufnahm; der einen Emanuel am Herzen trug und den Mangel an poetischem
Gefühle sogar für ein Zeichen hielt, dass der moralische Mensch noch nicht alle
Raupenhäute weggelegt - er, der das ganze Leben und den ganzen Staatskörper für
die Hülse ansah, worin der Kern des zweiten Lebens reift - - o! wer so denkt,
ist zu einsam unter denen, die anders denken!
    - So lag die Welt um ihn, als er ein Blatt von der guten Pfarrerin bekam:
»Man sagt hier allgemein, Sie wären gestorben. Aber ich lasse mich gegen die
Leute vernehmen, Sie müssten, da Sie so wenig von sich hören liessen und alle Welt
vergässen, eben deswegen noch am Leben sein. Bestätigen Sie meinen Satz! Wir
sehnen uns alle herzlich und närrisch nach Ihnen, und ich möchte Sie wohl
bitten, den einundzwanzigsten zu kommen (wenn Sie nicht die Hochzeit beim
Stadtsenior mehr hindert als meinen Flamin). Wir haben Ihnen hier nichts
anzubieten als den Geburttag unserer Klotilde. O guter Mylord, o geliebte
Lordship, wie wars Denenselben bisher möglich, so lange stumm und unsichtbar zu
bleiben? Eine treue Freundin, die gar nichts von den Damen Ihres Hofes an sich
hat, nicht einmal die Veränderlichkeit, wünschet Sie herzlich vor ihr Auge und
vor ihr Ohr - und diese Dame bin ich - und wenn ich Sie kommen sehe, werde ich
doch vor Freude weinen, ich mag dabei lachen oder schmollen, wie ich will. E.«
    Wann erhielt er dieses Blatt voll Seele? Und welche Antwort gab seine
darauf? -
    - Es war am schönsten Abend, der die Ankunft des schönsten Sonntagmorgens
und des magischen Nachsommers ansagte - er sah nach der Abendröte, unter welcher
Maientals Berge lagen, und sein Herz schlug ihm schwer - er sah nach der
Morgenröte des Vollmonds, die über St. Lüne entglimmte, und seine Sehnsucht nach
dortin wurde unaussprechlich - - er dachte an Klotilde, deren Geburttag morgen
einfiel, und ganz natürlich ging er heute - bloss zu Bette.
 
                                19. Hundposttag
 Der Friseur, der nicht lungen-, sondern singsüchtig ist - Klotilde in Viktors
  Traum - Extrazeilen über die Kirchenmusik - Gartenkonzert von Stamitz- Zank
       zwischen Viktor und Flamin - das Herz ohne Trost Brief an Emanuel
Der Oktober-Sonntag, womit - ich diesen Posttag voll mache, war schon um 9 1/2,
morgens ein so freudiger glänzender Tag in St. Lüne, dass das ganze Pfarrhaus an
den Hofmedikus dachte. - »Ach er sollte abends ins Konzert kommen!« Der Virtuose
Stamitz gab eines in Le Bauts Garten. - »O lieber schon zum Mittagessen!« - »Und
in meine Frühpredigt, wenn er nicht in die Kinderlehre will.« Eymann hatte dabei
seine neu aufgelegte Perücke am meisten im Kopfe, die ihm Herr Meuseler heute
darauf gesetzt hatte. Dieser geschickte Perückenmacher bereisete die Diözesanen
(Pfarrer), die kein eignes Haar trugen, öfter und mit grössern Verdiensten um
ihre Köpfe als der Superintendent selber, dieser Beherrscher der Gläubigen, zu
welchem die meisten Kapläne sagten: Ihro Exzellenz. Hätt' er sichs abgewöhnen
können, dass er zuviel sang, log und soff, der Friseur: so hätten die meisten
Geistlichen ihre Toupets - diese artistischen Hahnenkämme - bei ihm machen
lassen; - so aber nicht.
    Da der Kaplan gern die Konfitüren des Schicksals - worunter falsche Haare
gehören - mit etwas versäuerte und hopfte: so suchte er natürlicherweise sich
die heutige Perücke, für deren falsche Touren er an Zahlungstatt echte
abgeschnittene Haare seiner Leute gab, durch Skrupel zu versalzen, die er sich
über das lange Wegbleiben Viktors machte. Er erinnerte: »Wir müssen ihn vor den
Kopf gestossen haben - er schreibt nicht einmal - er ist vielleicht mit meinem
Sohne zerfallen - etwas hats gesetzt - und dann sieht uns der alte Lord auch
nicht mehr von der Seite an - unsere Ratten halfen ihn auch mit austreiben.«
    Durch solche Elegien setzte er anfangs nur sich, und zuletzt selber den
Zuhörer in Angst. Er war durch nichts zu widerlegen als dadurch, dass man etwas
Neues, was ihn ängstigte, hervorsuchte. Die Wetterscheide seines Gewölkes oder
sein Not- und Hülfbüchlein war diesesmal ein wahres Buch, des Zeitzer Tellers
»Anekdoten für Prediger«, die er heute durch den Perückenmacher vom geistlichen
Lesezirkel empfing. Geistliche, zumal die auf dem Lande, betreiben alles mit
einer kleinlichen pünktlichen Ängstlichkeit, worein sie zum Teil ihr regierender
Wauwau und Lindwurm von Konsistorium schreckt. In dieser Lesegesellschaft war
nun ein Gesetz im Gange - Kommentatoren und Herausgeber halten es -, dass jedes
Leseglied die Fett- und Dintenflecke und Risse, die es im Lesebuch anträfe, vorn
immatrikulieren sollte in einem Flecken-Verzeichnis und Befundzettel samt der
Seitenzahl »wo«. Ganz natürlich leugnete jeder, der nur halbwege ein ehrlicher
Luteraner war, die unbefleckte Empfängnis des Buchs; und die Sommerflecken
wurden also alle ordentlich einregistriert, aber keiner bestraft. Bloss der
gewissenhafte Hofkaplan lud als Wüstenbock die Strafe fremder Fehler auf, indem
er eine ganze Nacht jedesmal nicht schlafen konnte, sooft er im Buche mehre
Kleckse als im Sündenregister fand, weil er offenbar sah, er werde zum
Adoptivvater des namenlosen Schmutzes gemacht und zum Käufer des Buchs. - -
Tellers Anekdoten für Schwarzröcke waren nun gar völlig schwarze Wäsche: war
nicht ein Eselohr am andern - Kleckse auf Klecksen - die Blätter ordentliche
Korrekturbogen... und zwar unmetaphorisch gesprochen? - Eymann hob an: »Und wenn
mirs Geld zum Fenster hereinflög'....«
    Da flog Viktors Brief zum Fenster herein und sein - Verfasser zur Tür.
    Freilich aber wars so: Viktor hatte vor schönem Wetter schöne Träume, vor
elendem erschien ihm der Satan mit seiner Sippschaft. Das schöne Sonnabend- und
der Gedanke an den Geburttag Klotildens und des Nachsommers gaben ihm einen
Morgentraum, der ein Teater war, in welchem bloss ihr holdes Bild gespielt. Eine
Person, die er hinter dem Schleier des Traums gesehen, stand für ihn den ganzen
nächsten Tag in einem zauberischen Widerschein. Bei ihm irrten die Träume -
diese Nachtschmetterlinge des Geistes - wie andre über die Nacht und den Schlaf
hinaus; wenigstens vormittags liebt' er jede Person im Wachen fort, die er im
Traum zu lieben angefangen. Diesesmal floss gar umgekehrt die wachende Liebe in
die träumende hinein, und die wirkliche Klotilde fiel mit der idealen in ein so
leuchtendes Heiligenbild zusammen, dass einer, der seinen Traum weiss, sich ins
übrige leicht findet. Deswegen muss der Traum den Lesern gegeben werden, den
poetischen Lesern besonders - für andere möchte ich eine Ausgabe der
Hundposttage veranstalten, wo er heraus wäre; denn unpoetische, die selber keine
haben, sollten auch keine lesen.
    Euch aber, euch guten, selten belohnten weiblichen Seelen, die ihr ein
eignes zweites Gewissen neben dem ersten für reine Sitten habt - deren einfache
Tugend in der Nähe zu einem Kranze aus allen Tugenden aufblüht, wie Nebel-Sterne
durch Gläser in Millionen zerfallen - die ihr, so veränderlich in allen
Entschlüssen, so unveränderlich im edelsten, aus der Erde geht mit verkannten
Wünschen, mit vergessenem Werte, mit Augen voll Tränen und Liebe, mit Herzen
voll Tugend und Gram - euch teuren erzähl' ich gern den kleinen Traum und mein
grosses Buch! ...
    »Eine Hand, die Horion nicht sah, fasste ihn an, eine Lippe, die er nicht
sah, redete ihn an: Dein Herz sei jetzo heilig und rein, denn der Genius der
weiblichen Tugend wohnt in diesem Gefilde. - Siehe, da stand Horion auf einer
mit Vergissmeinnicht überzogenen Flur, auf welche der Himmel wie ein blauer
Schatten herübersank; denn alle Sterne waren aus ihm genommen, nur der
Abendstern stand einsam flimmernd oben an der Stelle der Sonne. Weisse
Eis-Pyramiden, gestreift mit herunterrinnenden Abend röten, umrangen wie mit
einem Wall aus Gold- und Silberstufen das ganze dunkle Rund - - Darin ging
Klotilde, erhaben wie eine Verstorbene, heiter wie ein Mensch in der andern
Welt, geführt bald von geflügelten Kindern, bald von einer verschleierten Nonne,
bald von einem ernsten Engel, aber sie ging ewig vor Horion vorüber - sich
lächelte ihn selig-liebend an unter jedem Vorüberziehen, aber sie zog vorüber. -
Blumige Erhöhungen, Gräbern fast gleich, stiegen auf und nieder, denn jede wurde
von einem darunter schlummernden Busen durch Atmen geregt; eine weisse Rose stand
über dem Herzen, das darunter verhüllet lag, zwei rote wuchsen über den Wangen,
deren zartes Erröten sich in die Erde verbarg, und oben am himmlischen Nachtblau
wankte der weisse und rote Widerschein der Hügel-Blumen gleitend ineinander,
sooft unten die Rosen des Herzens und der Wangen sich mit dem Hügel bewegten -
Versiegende Echo, aber von ungehörten Stimmen erregt, gaben einander hinter den
Bergen Antwort; jedes Echo hob die kleinen Schlummerhügel höher auf, als wenn
sie ein tiefer Seufzer oder ein Busen voll Wonne erhöhte, und Klotilde lächelte
seliger, von jedem Widerhalle tiefer in den Blumenboden versenkt - In den Tönen
war zu viel Wonne, und das aufgelöste Herz des Menschen wollte darin sterben.
Klotilde sank jetzt in die Gräber bis ans Herz; nur das stille Haupt lächelte
noch über der Aue - die Vergissmeinnicht ragten endlich an die untergesunkenen
Augen voll seliger Tränen und überblühten sie - Da überkroch die Holde plötzlich
ein Schlummerhügel, und unter den Blumen stiegen ihre Worte auf: Ruhe du auch,
Horion! - Aber die fernern Laute verwandelten sich unter dem Begraben in dunkle
Harmonikatöne... Siehe, unter dem Verstummen ging ein grosser Schatten wie
Emanuel heran und stand vor ihm wie eine kurze Nacht und verdeckte die
unbekannte Minute aus einer höhern Welt. Aber als die Minute und der Schatten
zerflossen waren: da waren alle Hügel niedergefallen - Da übergüldete der
Blumen-Widerschein zusammengeflossen den wallenden Himmel - Da klammerten sich
an die Purpurgipfel der Eisberge weisse Schmetterlinge, weisse Tauben, weisse
Schwanen mit ausgespannten Flügeln wie mit Armen an, und hinter den Bergen
wurden gleichsam von einer übermässigen Entzückung Blüten emporgeworfen und
Sterne und Kränze - Da stand auf dem höchsten, in lichtem Glanz und Purpurlohe
ruhenden Eisberg Klotilde verherrlicht, geheiligt, überirdisch entzückt, und an
ihrem Herzen flatterte eine Nebelkugel, die aus aufgelösten kleinen Tränen
bestand, und auf welche Horions blasses Bild gezeichnet war, und Klotilde
breitete die Arme auseinander.« - -
    Aber um zu umarmen? oder um sich aufzuschwingen? oder um zu beten? ... Ach,
er erwachte zu bald und strömte in grössern Tränen, als die nebeligen waren, aus,
und eine untersinkende Stimme rief unaufhörlich um ihn: Ruhe du auch!
    O du weibliche Seele, die du müde und unbelohnt, bekämpft und blutend, aber
gross und unbefleckt aus dem rauchenden Schlachtfelde des Lebens gehst, du Engel,
den das männliche, von Stürmen erzogne, von Geschäften besudelte Herz achten und
lieben, aber nicht belohnen und erreichen kann; wie beugt sich jetzo meine Seele
vor dir, wie wünsch' ich dir jetzo des Himmels stillenden Balsam, des Ewigen
belohnende Güte! Und du, Philippine, teure Seele, tritt weg in eine verborgne
Zelle und lege unter den Tränen, die du schon so oft vergossen hast, deine Hand
an dein reines weiches Herz und schwöre: »Ewig bleibe du Gott und der Tugend
geweiht, wenn auch nicht der Ruhe!« Dir schwör es; mir nicht, denn ich glaub' es
ohne Schwur. - -
    Welch' eine Paradenacht voll Sterne und Träume war das! und welch ein
Galatag der Natur kam auf sie! In Viktors Kopf stand nichts als St. Lüne, blau
überzogen, silbern übertauet und mit dem schönsten Engel geschmückt, der heute
nasse frohe Augen in den freundlichen Himmel hob und dachte: »Wie bist du heute
gerade an meinem Wiegenfeste so schön!« - Sogar der Stadtsenior und seine
Tochter, welche beide Hochzeit machten - jener eine Wieder-Hochzeit mit seiner
Seniorin, diese eine erste mit dem Waisenhausprediger-, schoben sich in den Zug
seiner freudigen Gedanken als zwei neue Paare ein.
    Er wollte nicht nach St. Lüne, sondern er sagte: »Ich ziehe mich nur an zu
einem kleinen Spaziergange.« -
    »Es ist ganz egal, wo ich heute gehe«, sagt' er draussen und ging also auf
den St. Lüner Weg. -
    »Umkehren kann ich allemal«, sagt' er auf halbem Wege. - -
    »Noch närrischer aber wär's, wenn ich zugleich Briefsteller und Briefträger
würde und mein eignes Schreiben einhändigte«, sagte er und zog solches heraus. -
-
    »Und meiner guten Mutter ihres beantwortete ich bei dieser Gelegenheit
mündlich«, fuhr er halb im Traume fort und voll grösserer Liebe gegen sie, die
ihm den holden nächtlichen durch die Nachricht des Geburttages zugeschickt. -
    - - Da er aber das Lüner Vorgeläute zum Kirchengeläute vernahm: so sprang er
empor und sagte: »Nunmehr versalz' ich mir den Weg nicht länger durch weitere
Skrupel, sondern ich marschiere keck und entschlossen ins Dorf.«
    Und so zog er an der Hand Fortunens, hinter dem Nachlächeln der ganzen
Natur, mit Träumen im Herzen, mit unschuldiger Hoffnung im neu aufblühenden
Angesicht, in das Eden seiner Seele ein.
    Flamin hatt' er nicht mitgebeten, um dem Stadtsenior den Hochzeitgast nicht
zu nehmen, und weil er selber nicht wusste, dass er nach St. Lüne gelangen würde -
und vielleicht auch, weil er seine phantasierende Aufmerksamkeit auf den
schimmernden Morgen durch keine juristischen Akten-Neuigkeiten wollte stören
lassen. Er ging überhaupt lieber mit einer Frau als einem Mann spazieren. Männer
schämen sich beinahe nebeneinander anderer als stummer Empfindungen; aber
weiblichen Seelen öffnen sich gern die verschämten Gefühle; denn sie decken das
nackte Herz mit Mutterwärme zu, damit es nicht unter dem Entüllen erkalte.
    Da Viktor unten ums Pfarrhaus ging, sah er oben selber zum Fenster auf sich
herunter, in seiner zweiten Auflage für einige gute Freunde; aber der
Wachs-Viktor musste sogleich hinter eine spanische Wand getrieben werden, damit
er den fleischernen nicht erschreckte. Der Empfang des letzten und das Jubelfest
dabei braucht nicht lebhafter von mir beschrieben zu werden, als dass ich sage:
der Mops wurde fast ertreten, der Gimpel sprang umsonst nach seinem Frühstück
herum, die Pfarrerin brachte in ihrer anblickenden Freude auch dem Gaste keines,
und die Kirche ging erst nach dem Doppel-Uso von einer halben Stunde an; daher
diesesmal mehre Eingepfarrte als sonst betrunken hineinkamen.
    Berauscht, aber von Freude, kam Viktor auch hinein. Es ist nichts
Angenehmeres, als eine Pfarrfrau zu sein und zum Mann, wenn sie ihm das
geistliche Bäffchen umlegt, zu sagen: »Mach es heute länger, die Keule brät
sonst nicht gar.« - Die häuslichen Kleinigkeiten ergötzten meinen Helden
ebensosehr, als ihn die höfischen erzürnten.
    Er ging mit dem Pfarrer und der Pfarrerin, die alle Prozesse der Küche und
Toilette summarisch und männlich abkürzte. Seine Duldung gegen die Fehler des
geistlichen Standes hatte mit jener vornehmen stift- und tafelfähigen nichts
gemein, welche aus höchster Verachtung entsteht, und die einen christlichen
Priester so leicht wie einen ägyptischen erträgt: sondern sie kam aus seiner
Meinung, dass die Kirchen noch die einzigen Sonntagschulen und spartischen
Schulpforten des armen Volkes sind, das seinen cours de morale nicht beim Staate
hören kann. Auch liebte er als Jüngling die Lieblinge seiner Kindheit.
    Viele Prediger suchen den Quintilian, der schlechte Gründe in Reden voran
gestellet haben will, und den Cicero, der sie erst hintennach verlangt, zu
vereinigen und postieren solche an beiden Orten; aber Eymann hielt gute
Empfindungen für besser als schlechte Gründe und wand um den Bauern nicht
Schluss-, sondern Blumenketten.
    Der obige Friseur wollte anfangs nicht in die Kirche, weils unter seinem
Stand war, aber nachher konnt' er nicht anders; denn wegen des fremden Hofherrn
darin wurde Kirchenmusik gemacht.
    Es ist der einzige Fehler des Perückenmachers Meuseler, dass er zu gern singt
und seine Kehle in alle Kirchenmusiken, die in seiner Perückendiözes gemacht
werden, einmengt, zumal am heiligen Pfingstfest. Der Lüner Kantor wollt' es nie
leiden; aber wie berückt er diesen und labt tausend Ohren? So bloss: er frisierte
heute hinaus, was noch zu frisieren war (nicht bloss heute, sondern es ging
allemal so), und glitt bloss an der Chortreppe hinan. Hier wachte und lehnt' er
so lange, bis der Kantor, auf dem musikalischen Wurstschlitten sesshaft, mit dem
Finger in den ersten Akkord der Kirchenmusik einhieb. Dann fuhr er wie ein
Sonnenstrahl schnell ins Chor und mausete dem jungen Altisten sein Pensum weg
und sangs dem Kirchensprengel in die Ohren, jedoch unter so viel Jammer und
Puffen, als säng' er sein Manuskript den Rezensenten vor. Denn man muss es nun
einmal der Welt bekannt machen, dass der bissige Klavierist dem frisierenden
Altisten mit einem spitzwinkligen Triangel von Ellenbogen wütig
entgegenstochert, um den fremden Singvogel aus dem Vogelhause des Chors zu
stossen. Da aber der Sänger seinen rechten Arm zum festen Notenpulte seines
Textes und den andern zur Streitkolbe machte, wie die an Jerusalem bauenden
Juden, welche die eine Hand voll Bauzeug, die andre voll Waffen hatten: so
konnte der Perückenmacher, unter fortwährendem Fechten und Musizieren, schon
sein möglichstes tun und einiges durchsetzen während des Gottesfriedens der
Musik. Aber sobald die Musik den letzten Atem gezogen hatte: so setzte der
harmonische Strichvogel und Sturmläufer behend über das Chor hinaus und sann
unterwegs tausend Ohren und einem einzigen Ellenbogen nach. Der Kantor konnt'
ihn nicht riechen und nicht kriegen.
    Lief er hingegen glücklicherweise mit seinen Schachteln durch ein Dorf, wo
gerade Pfarr- und Schulherr und pädagogischer Froschlaich eine taube Leiche
umquäkten und umkrächzeten, welches viele noch kürzer eine Leichenmusik nennen:
so konnte der Virtuose, ohne Gegenstemmung der Ellenbogen, munter mit zwei Füssen
mitten in die Motette hineinspringen - das Trauer-Ständchen, das die Erben dem
Toten bringen, bearbeiten - dem Leichenzuge einige Finalkadenzen gratis zuwerfen
und doch noch im Dorfe dem Amtmann eine ganz neue Beutelperücke anbieten. -
    Unserem Helden machte die Dorfkirchen-Musik das grösste satirische Vergnügen.
Wir aber hätten wenig davon, wenn ich nicht so vorsichtig wäre, dass ich um die
Erlaubnis nur zu einer elenden Extrasilbe - man soll sie kaum sehen - über die
Kirchenmusik bettelte.
                    Elende Extra-Silbe über die Kirchenmusik
Ich sehe allemal mit Vergnügen, dass die Leute in einer Kirchenmusik sitzen
bleiben, weil es ein Beweis ist, dass keiner von der Tarantel gestochen ist; denn
liefen sie hinaus, so sähe man, sie könnten keine Misstöne aushalten und wären
also gebissen. Ich als profaner Musikmeister setze nur für wenige Kirchen -
nämlich für geflickte oder für neue den Einweihlärm - und verstehe also im
Grunde von der Sache nichts, worüber ich mich im Vorbeigehen auslassen will;
aber soviel sei mir doch erlaubt zu behaupten, dass die luterischen
Kirchenmusiken etwas taugen - auf dem Lande, nicht in den Residenzstädten, wo
vielleicht die wenigsten Misstöne richtig vorgetragen werden. Wahrlich, ein
elender, versoffner, blauer Kantor, der in Bravour-Arien sich braun singt und
andere braun schlägt - es gibt also zweierlei Bravour-Arien -, ist imstande, mit
einigen Handwerkern, die Sonntags auf der Geige arbeiten, mit einem Trompeter,
der die Mauern Jerichos niederpfeifen könnte ohne Instrument, mit einem Schmied,
der sich mit den Pauken herumprügelt, mit wenigen krampfhaften Jungen, die das
Singen noch nicht einmal können, und die doch einer Sängerin gleichen, welche
nicht wie die schönen Künste allein für Ohr und Auge arbeitet, sondern auch
(aber in einem schlimmern Sinn als die Jungen) für einen dritten Sinn, und mit
dem wenigen Wind, den er aus den Orgel-Lungenflügeln und aus seinen eignen holt,
ein solcher stampfender Mann ist, sag' ich, imstande, mit so ausserordentlich
wenigem musikalischen Gerümpel doch ein viel lauteres Donnern und
Geigenharz-Blitzen um den Kanzel-Sinai, ich meine eine weit heftigere und
misstönendere Kirchenmusik aus seinem Chor herauszumachen als manche viel besser
unterstützte Teater-Orchester und Kapellen, mit deren Wohllauten man so oft
Tempel entweiht. Daher tut es nachher einem solchen lauten Manne weh, wenn man
sein Kirchen-Gekratze und Geknarre verkennt und falsch beurteilt. Soll sich denn
in alle unsre Provinzialkirchen das weiche leise herrnhutische Tönen
einschleichen? - Es gibt aber zum Glück noch Stadtkantore, die dagegen arbeiten,
und die wissen, worin reiner Chor- und Misston sich vom Kammerton zu
unterscheiden habe.
    Den Lesern nicht, aber Organisten kann ich zumuten, dass sie wissen, warum
blosse Dissonanzen - denn Konsonanzen sind nur unter dem Stimmen der Instrumente
zu ertragen - aufs Chor gehören. Dissonanzen sind nach Euler und Sulzer
Ton-Verhältnisse, die in grossen Zahlen ausgedrückt werden; sie missfallen uns
also nicht wegen ihres Missverhältnisses, sondern wegen unsers Unvermögens, sie
in der Eile in Gleichung zu bringen. Höhere Geister würden die nahen
Verhältnisse unserer Wohllaute zu leicht und eintönig, hingegen die grössern
unserer Misstöne reizend und nicht über ihre Fassung finden. Da nun der
Gottesdienst mehr zur Ehre höherer Wesen als zum Nutzen der Menschen gehalten
wird: so muss der Kirchenstil darauf dringen, dass Musik gemacht werde, die für
höhere Wesen passet, nämlich eine aus Misstönen, und dass man gerade die, die für
unsre Ohren die abscheulichste ist, als die zweckmässigste für Tempel wähle.
    Machen wir einmal der herrnhutischen Instrumentalmusik die Kirchentüre auf:
so steckt uns zuletzt auch ihr Singen an, und es verliert sich nach und nach
alles Sing-Geblök, welches unsre Kirchen so lustig macht, und welches für
Kastratenohren ein so unangenehmer Hammer des Gesetzes, aber für uns ein so
guter Beweis ist, dass wir den Schweinen ähneln, die der Abt de Baigne auf Befehl
Ludwigs XI., nach der Tonleiter geordnet, mit Tangenten stach und zum Schreien
brachte. So denk' ich über Kirchen- oder neudeutschen Schlachtgesang.
                   Ende der Extrasilbe über die Kirchenmusik
Ich hätte den Haarkräusler nicht so lange singen und agieren lassen, wenn mein
Held diesen ganzen Sonntag zu etwas anderem zu gebrauchen wäre als zu einem
Figuranten; aber den ganzen Tag tat er nichts von Belang, als dass er etwan aus
Menschenliebe die alte Appel zwang - indem er ihre Kommoden und Schachteln
selber auspackte -, von ihrem Körper, der lieber Schinken als sich anputzte, die
gewöhnliche, mit typographischer Pracht gedruckte Schabbes-Ausgabe schon um drei
Uhr nachmittags zu veranstalten: sonst lieferte sie solche erst nach dem
Abendessen. Die Juden glauben, am Sabbat eine neue Schabbesseele zu bekommen: in
die Mädchen fahrt wenigstens eine, in die Appeln ein paar.
    Aber warum mut' ich meinem Helden zu, heute mehr Handlung zu zeigen - ihm,
der heute - versunken in die Traum-Nacht und in den kommenden Abend - bewegt
durch jedes freundliche Auge und durch die Urnen des weggeträumten Lenzes -
sanft aufgelöset durch den stillen lauen Sommer, der an den Rauch altären der
Berge, auf den mit Milchflor belegten Fluren und unter dem verstummenden
Trauergefolge von Vögeln lächelnd und sterbend lag und beim Aufsteigen der
ersten Wolke auf dem Laube verschied - Viktor, sag' ich, der heute, von lauter
weichen Erinnerungen wehmütig angelächelt, fühlte, dass er bisher zu lustig
gewesen. Er konnte die guten Seelen um ihn nur mit liebenden schimmernden Augen
anblicken, diese noch schimmernder wegwenden und nichts sagen und hinausgehen.
Über seinem Herzen und über allen seinen Noten stand tremolando. Niemand wird
tiefer traurig, als wer zu viel lächelt; denn hört einmal dieses Lächeln auf, so
hat alles über die zergangne Seele Gewalt, und ein sinnloser Wiegengesang, ein
Flötenkonzert - dessen Dis- und Fis-klappen und Ansätze bloss zwei Lippen sind,
womit ein Hirtenjunge pfeift - reisst die alten Tränen los, wie ein geringer
Laut die wankende Lawine. Es war ihm, als wenn ihm der heutige Traum gar nicht
erlaubte, Klotilden anzureden; sie schien ihm zu heilig und noch immer von
geflügelten Kindern geführt und auf Eistronen gestellt. Da er überhaupt für Le
Bauts Gespräche im Reiche der Moralisch-Toten heute keine Zunge und keine Ohren
hatte: so wollt' er im grossen laubenvollen Garten dem Stamitzischen Konzert
ungesehen zuhören und sich höchstens vom Zufall vorstellen lassen. Sein zweiter
Grund war sein zum Resonanzboden der Musik geschaffnes Herz, das gern die
eilenden Töne ohne Störung aufsog, und das die Wirkungen derselben gern den
gewöhnlichen Weltmenschen verbarg, die Goetes, Raffaels und Sacchinis Sachen
wahrhaftig ebensowenig (und aus keinen geringern Gründen) entbehren können als
Löschenkohls seine. Die Empfindung erbebt zwar über die Scham, Empfindung zu
zeigen; aber er hasste und floh während seiner Empfindungen alle Aufmerksamkeit
auf fremde Aufmerksamkeit, weil der Teufel in die besten Gefühle Eitelkeit
einschwärzt, man weiss oft nicht wie. In der Nacht, im Schattenwinkel fallen
Tränen schöner und verdünsten später.
    Die Pfarrerin bestärkte ihn in allem; denn sie hatte heimlich in die Stadt
geschickt und den Sohn eingeladen und eine Überraschung im Garten künstlerisch
angelegt. -
    Die Pfarrleute hoben sich endlich in den belaubten Konzertsaal und dachten
nicht daran, wie sehr sie von Le Bauts Hause verachtet würden, das nur edle
Metalle und edle Geburt, nie edle Taten für Eintrittkarten gelten liess, und das
die Pfarrleute als Freunde des Lords und Mattieus hoch, aber als Schosshunde
beider noch höher geschätzt hätte.
    Viktor blieb im Pfarrgarten ein wenig zurück, weil es noch zu hell war, und
auch weil ihn die arme Apollonia dauerte; diese guckte einsam und ungesehen im
vollen Putze aus dem Fenster des Gartenhäuschens in die Luft und wiegte das
Patchen steilrecht, das sie bald über ihren Kopf, bald unter ihren Magen hing.
Er setzte, wie ein Spiessbürger, im Gartenhaus den Hut nicht auf, um ihren Mut
durch Höflichkeit zu stärken. Ein Wickelkind ist gleichsam der Einbläser und
Balgtreter der Kinderwärterin: der junge Sebastian schickte Appeln hinreichenden
Entsatz gegen den ältern, und sie unterfing sich zuletzt, zu reden und
anzumerken, das Patchen sei ein guter, lieber, schöner »Bastel«. »Aber« (setzte
sie dazu) »die gnädige Frölen (Klotilde) dürfen das nicht hören; Sie wollen
haben, wir sollen ihn Viktor nennen, wenn Sie hören, dass der Vater Bastel sagt.«
Sie strich es nun heraus, wie Klotilde sein Patchen liebe, wie oft sie ihr den
kleinen Schelm abnehme und ihn anlächle und abküsse; und die Lobrednerin
wiederholte am Kleinen alles, was sie pries. Ja der erwachsene Sebastian tat es
auch nach, aber er suchte auf den kleinen Lippen nichts als fremde Küsse; und
vielleicht gehörten bei Appeln wieder seine unter die Sachen, die gesucht
werden. Der Glücklichere verliess die Glücklichere; denn Amor schickte nun eine
geschmückte Hoffnung nach der andern an sein Herz als Boten ab, und alle sagten:
»Wir belügen dich wahrhaftig nicht; trau uns!«
    Endlich fing Stamitz zu stimmen an, um welchen die zähe Obristkämmerei sich
gewiss nichts bekümmert hätte, weil heute keine Fremde da waren, hätte sich nicht
Klotilde dieses Gartenkonzert als die einzige Feier ihrer Geburtnacht erbeten
gehabt. Stamitz und sein Orchester füllten eine erleuchtete Laube - der adelige
Hörsaal sass in der nächsten hellsten Nische und wünschte, es wäre schon aus -
der bürgerliche sass entfernter, und der Kaplan flocht aus Furcht vor dem
katarrhalischen Tau-Fussboden ein Bein ums andre über die Schenkel - Klotilde und
ihre Agate ruhten in der dunkelsten Blätterloge. Viktor schlich sich nicht eher
ein, als bis ihm die Ouvertüre den Sitz und das Sitzen der Gesellschaft ansagte;
in der fernsten Laube, in der wahren Sonnenferne nahm dieser Bartstern Platz.
Die Ouvertüre bestand aus jenem musikalischen Gekritzel und Geschnörkel - aus
jener harmonischen Phraseologie - aus jenem Feuerwerkgeprassel widereinander
tönender Stellen, welches ich so erhebe, wenn es nirgends ist als in der
Ouvertüre. Dahin passet es; es ist der Staubregen, der das Herz für die grossen
Tropfen der einfachern Töne aufweicht. Alle Empfindungen in der Welt bedürfen
Exordien; und die Musik bahnet der Musik den Weg - oder die Tränenwege.
    Stamitz stieg - nach einem dramatischen Plan, den sich nicht jeder
Kapellmeister entwirft - allmählich aus den Ohren in das Herz, wie aus Allegros
in Adagios; dieser grosse Komponist geht in immer engern Kreisen um die Brust, in
der ein Herz ist, bis er sie endlich erreicht und unter Entzückungen umschlingt.
    Horion zitterte einsam, ohne seine Geliebten zu sehen, in einer finstern
Laube, in welche ein einziger verdorrter Zweig das Licht des Mondes und seiner
jagenden Wolken einliess. Nichts rührte ihn unter einer Musik allezeit mehr, als
in die laufenden Wolken zu sehen. Wenn er diese Nebelströme in ihrer ewigen
Flucht um unser Schatten-Rund begleitete mit seinen Augen und mit den Tönen, und
wenn er ihnen mitgab alle seine Freuden und seine Wünsche: dann dacht' er, wie
in allen seinen Freuden und Leiden, an andre Wolken, an eine andre Flucht, an
andre Schatten als an die über ihm, dann lechzete und schmachtete seine ganze
Seele; aber die Saiten stillten das Lechzen, wie die kalte Bleikugel im Mund den
Durst ablöscht, und die Töne löseten die drückenden Tränen von der vollen Seele
los.
    Teurer Viktor! im Menschen ist ein grosser Wunsch, der nie erfüllt wurde: er
hat keinen Namen, er sucht seinen Gegenstand, aber alles, was du ihm nennest,
und alle Freuden sind es nicht; allein er kömmt wieder, wenn du in einer
Sommernacht nach Norden siehst oder nach fernen Gebirgen, oder wenn Mondlicht
auf der Erde ist, oder der Himmel gestirnt, oder wenn du sehr glücklich bist.
Dieser grosse ungeheure Wunsch hebt unsern Geist empor, aber mit Schmerzen: ach!
wir werden hienieden liegend in die Höhe geworfen gleich Fallsüchtigen. Aber
diesen Wunsch, dem nichts einen Namen geben kann, nennen unsre Saiten und Töne
dem Menschengeiste - der sehnsüchtige Geist weint dann stärker und kann sich
nicht mehr fassen und ruft in jammerndem Entzücken zwischen die Töne hinein: ja
alles, was ihr nennt, das fehlet mir....
    Der rätselhafte Sterbliche hat auch eine namenlose ungeheure Furcht, die
keinen Gegenstand hat, die bei gehörten Geistererscheinungen erwacht, und die
man zuweilen fühlt, wenn man nur von ihr spricht....
    Horion übergab sein zerstossenes Herz mit stillen Tränen, die niemand fliessen
sah, den hohen Adagios, die sich mit warmen Eiderdunen-Flügeln über alle seine
Wunden legten. Alles, was er liebte, trat jetzt in seine Schatten-Laube, sein
ältester Freund und sein jüngster - er hört die Gewitterstürmer des Lebens
läuten, aber die Hände der Freundschaft strecken sich einander entgegen und
fassen sich, und noch im zweiten Leben halten sie sich unverweset. -
    Alle Töne schienen die überirdischen Echo seines Traumes zu sein, welche
Wesen antworteten, die man nicht sah und nicht hörte....
    Er konnte unmöglich mehr in dieser finstern Einzäunung mit seinen brennenden
Phantasien bleiben und in dieser zu grossen Entfernung vom Pianissimo. Er ging -
fast zu mutig und zu nahe - durch einen Laubengang den Tönen näher zu und
drückte das Angesicht tief durch die Blätter, um endlich Klotilde im fernen
grünen Schimmer zu erblicken....
    Ach er erblickte sie auch! - Aber zu hold, zu paradiesisch! Er sah nicht das
denkende Auge, den kalten Mund, die ruhige Gestalt, die so viel verbot, und so
wenig begehrte: sondern er sah zum erstenmal ihren Mund von einem süssen
harmonischen Schmerz mit einem unaussprechlich-rührenden Lächeln umzogen - zum
erstenmal ihr Auge unter einer vollen Träne niedergesunken, wie ein
Vergissmeinnicht sich unter einer Regenzähre beugt. O diese Gute verbarg ja ihre
schönsten Gefühle am meisten! Aber die erste Träne in einem geliebten Auge ist
zu stark für ein zu weiches Herz... Viktor kniete, überwältigt von Hochachtung
und Wonne, vor der edeln Seele nieder und verlor sich in die dämmernde weinende
Gestalt und in die weinenden Töne. - Und da er endlich ihre Züge erblasset sah,
weil das grüne Laub mit einem totenfarbigen Widerschein der Lampen ihre Lippen
und Wangen überdeckte - und da sein Traum und die Klotilde wieder erschien, die
darin unter den blumigen Hügel versunken war - und da seine Seele zerrann in
Träume, in Schmerzen, in Freuden und in Wünsche für die Gestalt, die ihr
Wiegenfest mit andächtigen Tränen heiligte: o war es da zu seinem Zergehen noch
nötig, dass die Violine ausklang, und dass die zweite Harmonika, die Viole
d'Amour, ihre Sphären-Akkorde an das nackte, entzündete, zuckende Herz absandte?
- O! der Schmerz der Wonne befriedigte ihn, und er dankte dem Schöpfer dieses
melodischen Edens, dass er mit den höchsten Tönen seiner Harmonika, die das Herz
des Menschen mit unbekannten Kräften in Tränen zersplittern, wie hohe Töne
Gläser zersprengen, endlich seinen Busen, seine Seufzer und seine Tränen
erschöpfte: unter diesen Tönen, nach diesen Tönen gab es keine Worte mehr; die
volle Seele wurde von Laub und Nacht und Tränen zugehüllt - das sprachlose Herz
sog schwellend die Töne in sich und hielt die äussern für innere - und zuletzt
spielten die Töne nur leise wie Zephyre um den Wonneschlaftrunknen, und bloss im
sterbenden Innern stammelte noch der überselige Wunsch: »Ach Klotilde, könnt'
ich dir heute dieses stumme, glühende Herz hingeben - ach könnt' ich an diesem
unvergänglichen Himmelsabend, mit dieser zitternden Seele sterbend vor deine
Füsse sinken und die Worte sagen: ich liebe dich!« - -
    Und als er an ihren Festtag dachte und an ihren Brief nach Maiental, der
ihm das grosse Lob gegeben, ein Schüler Emanuels zu sein, und an kleine Zeichen
ihrer Achtung für ihn und an die schöne Verschwisterung seines Herzens mit ihrem
- ja da trat die himmlische Hoffnung, dieses geadelte Herz zu bekommen, zum
erstenmal unter Musik nahe an ihn, und die Hoffnung liess die Harmonikatöne wie
verrinnende Echos weit über die ganze Zukunft seines Lebens fliessen....
    »Viktor!« sagte jemand in langsam gedehntem Ton. Er sprang auf und kehrte
seine veredelten Züge gegen den - Bruder seiner Klotilde und umarmte ihn gern.
Flamin, in welchen alle Musik Kriegsfeuer und freiere Aufrichtigkeit warf, sah
ihn staunend, fragend und unmerklich schüttelnd und mit jener Freundlichkeit an,
die wie Hohn aussah, die aber allezeit blosses Schmerzen empfangener
Beleidigungen war. »Warum nahmst du mich heute nicht mit?« sagte freundlich
Flamin. Viktor drückte seine Hand und schwieg.
    »Nein! rede!« sagte jener. - »Lass es heute, mein Flamin, ich sage dirs
noch«, versetzte Viktor.
    »Ich will dirs selber sagen« (begann jener schneller und wärmer)
    - »Du denkst vielleicht, ich werde eifersüchtig. Und siehe, kennt' ich dich
nicht, so würd' ichs auch; wahrlich, ein anderer würd' es, wenn er dich hier so
angetroffen hätte und alles zusammenrechnete, deine neuliche Entfernung aus
unserem Gartenhaus in die Laube - dein Schreiben ohne Licht und dein Singen von
Liebe« -
    »An Emanuel«, sagte Viktor sanft -
    »Dein Abgeben dieses Blattes an sie« -
    »Es war ein anderes aus ihrem Stammbuche«, sagt' er -
    »Noch schlimmer, das wusst' ich nicht einmal - Dein Zögern in St. Lüne und
tausend andre Züge, die mir nicht sogleich einfallen, dein heutiges Alleingehen«
-
    »O mein Flamin, das geht weit, du siehst mit einem andern Auge als dem der
Freundschaft« -
    Hier wurde Flamin, der sich in nichts verstellen konnte, ohne es sogleich zu
werden, und der keine Beleidigung erzählen konnte, ohne in den alten Zorn zu
geraten, wärmer und sagte weniger freundlich: »Es sehens schon andre auch, sogar
der Kammerherr und die Kammerherrin.«
    Dieses zerriss Viktor das Herz. »Du Teurer, alter Jugendfreund, so sollen wir
auseinander gezogen und gerissen werden, wir mögen noch so sehr bluten; es soll
also diesem Mattieu gelingen (denn von dem kommt alles, nicht von dir, du
Guter), dass du mich marterst, und dass ich dich martere - Nein, es soll ihm nicht
gelingen - Du sollst nicht von mir genommen werden - Siehe bei Gott,« (und hier
stand in Viktor das Gefühl seiner Unschuld erhaben auf) »und wenn du mich
jahrelang verkennst, so kommt doch die Zeit, wo du erschrickst und zu mir sagst:
ich habe dir unrecht getan! - Aber ich werde dir gern vergeben.«
    Dieses rührte den Eifersüchtigen, der heute überhaupt (wegen einer besondern
Ursache) gelassener war. »Sieh,« (sagt' er) »ich glaube dir allemal: sag es,
tust du nie etwas gegen mich?«- »Nie, nie, mein Lieber!« antwortete Viktor. -
»Jetzt verzeih meiner Hitze,« fuhr jener fort, »so hab' ich schon mit meiner
verfluchten Eifersucht einmal Klotilden selber in Maiental gequält - aber dem
Mattieu tue nicht unrecht; er ists vielmehr, der mich beruhigte. Er sagte mir
es zwar, was Klotildens Eltern zu merken geglaubt, ja noch mehr - sieh, ich sage
dir alles - sie hätten sogar wegen deiner vorgeblichen Neigung und wegen deines
jetzigen Einflusses, den der Kammerherr gern zu seiner Wiedererhebung benutzen
möchte, von einer möglichen Verbindung mit der Tochter gesprochen, auch gegen
diese, und sie ausgeforscht; aber (dir ists doch gleichgültig) meine Geliebte
blieb mir treu und sagte Nein.« -
    Nun war unserm Freund das vorher so glückliche Herz gebrochen; dieses harte
Nein war bisher noch nicht gegen ihn ausgesprochen worden - mit einer
unaussprechlichen, niederdrückenden, aber stillen Wehmut sagt' er leise zu
Flamin: »Bleib du mir auch treu - denn ich habe ja wenig; und quäle mich nie
mehr so wie heute.« Er konnte nicht mehr reden; die erstickten Tränen stürmten
flutend auf sein Herz hinan und sammelten sich schmerzlich unter dem Augapfel -
er musste jetzt einen stillen dunkeln Ort haben, wo er sich recht ausweinen
konnte, und in seinem aufgerissenen schmerzenden Innern war bloss der Gedanke
noch sanft und balsamisch: »Jetzt in der Nacht kann ich weinen, soviel ich will,
und niemand sieht mein zerrissenes Angesicht, meine zerrissene Seele, mein
zerrissenes Glück.«
    Und als er dachte: »Ach Emanuel, wenn du mich heute so sähest« - konnt' er
sich kaum mehr halten.
    Er floh mit zurückgestemmten Tränen, gleichgültig wer es sehe oder nicht,
aus dem Garten, über welchen ein düsterer Engel eine grosse Trauerfahne fliegen
liess und Leichenmusik. Er stiess sich wund an einer steinernen Gartenwalze, womit
man die beregneten Grasspitzen und Blümchen niederquetscht - er weinte noch
nicht, aber auf der Warte, da wollt' er sich sättigen und tränken mit
reichlichem Schmerz - er wiederholte immer: »Aber sie blieb getreu und sagte
Nein, nein, nein« - die Konzerttöne wehten ihm nach wie Feuer dem, der es
besprochen - er watete durch nasse entschlummerte Fluren, die ihre Blumen
verhüllten, und schneller als er strichen auf der Erde die Schattenrisse des
oben vom Winde verfolgten Gewölkes dahin - er stand an der Warte, hielt jede
Zähre noch und rannte hinauf - er warf sich auf die Bank, wo er Klotilden zum
ersten Male im weissen Gewand von ferne gesehen - »Ruhe du auch, Horion!« hatte
sie aus seinem Traum ihm unter dem Blumenhügel zugerufen, und er hörte es
wieder. - -
    Hier riss er freudig alle seine Wunden auf und liess sie frei hinbluten in
Tränen - sie überzogen mit trüben Strömen das Angesicht, das sanft oft gelächelt
hatte, aber immer gutmütig, und das andern keine abgepresset, sondern
abgetrocknet hatte - jede Flut war eine weggehobne Last, aber das Herz wurde
darauf wieder schwer und vergoss die neue. - Endlich konnt' er die Töne wieder
hören, die meisten sanken unter, eh' sie an den Turm geflossen waren, kleine
kamen sterbend an und zergingen in seinem dunkeln Herzen - jeder Ton war eine
fallende Träne und machte ihn leichter und sprach seinen Kummer aus - der Garten
schien aus sanft ertönenden, gebrochen-überdämmerten, dunkelgrünen Schattenwogen
zu bestehen - er riss, von Erinnerung gestochen, das Auge davon weg: »Was geht er
mich mehr an«, dacht' er. Aber endlich stieg aus diesem Schatten-Eden und aus
der Viole d'Amour das Lied »Vergiss mein nicht« zu seinem müden Herzen auf und
gab ihm wieder den sanftern Schmerz und die vergangne Liebe: »Nein,« sagt' er,
»ich vergesse dein auch nicht, ob du mich gleich nicht geliebt - Deine Gestalt
wird mich doch ewig rühren und an meine Träume erinnern - ach du Himmlische, es
ist ja jetzt das einzige, was mich nicht schmerzet, wenn ich denke: ich vergesse
dein nicht.«
    Alles wurde stumm und ausgelöscht; er war allein neben der Nacht. Endlich
ging er nach der langen Stille herab und nach Flachsenfingen zu, matt geweint
und arm geworden. Und als er unterweges schnell zum schwarzblauen Himmel, in
welchem irrende Wolken um den Mond wie Schlacken umhergeworfen waren,
hinaufblickte und schnell wieder über die halb vernichtete Schattengegend, über
die Schattenberge und Schattendörfer: so kam ihm alles tot, leer und eitel vor,
und es schien ihm, als wär' in irgendeiner hellern Welt eine Zauberlaterne - und
durch die Laterne rückten Gläser, worauf Erden und Frühlinge und Menschengruppen
gefärbet wären - und die herabgeflossenen hüpfenden Schattenbilder dieser Gläser
nennten wir Uns und eine Erde und ein Leben - und allem Bunten liefe ein grosser
Schatten hintennach. - -
    Ach, ich rege vielleicht in mancher Brust längst vergessene Beklemmungen
wieder auf, aber es tut uns wohl - da die Leiden so viel Platz in unserer
Erinnerung einnehmen -, dass dieses herbe Lagerobst milde wird durch Liegen, und
dass ein geringer Unterschied ist zwischen einem vergangnen Schmerz und einer
jetzigen Lust.
    Der arme Viktor kam nach Mitternacht mit einem bleichen Angesicht und mit
brennenden Augen im Hause des Apotekers an. Er begehrte nichts, um seine
gebrochne Stimme nicht zu verraten. Als er seinen Alltagsüberrock im
Mondschimmer hängen sah, und als er sich wie eine fremde Person vorstellte, der
der Rock gehörte und die ihn am Morgen so freudig auszog und jetzo so trostlos
anlegte: so ergriff ein Mitleiden, das er mit sich selber hatte, wieder mit zu
starkem Druck sein erschöpftes Herz. Marie kam, und er wendete nicht einmal die
Zeichen dieses Mitleids von ihr weg. Sie stand betroffen - er sagte ihr mit der
sanftesten, aus Seufzern gewebten Stimme, er brauche nichts - und die gute Seele
ging ohne Mut zum Trösten und zu Tränen langsam hinaus, aber die ganze Nacht
vergoss sie unsichtbare über die fremden und über einen Kummer, der ihr nicht
gesagt war.
    Warum öffnete gerade heute das Schicksal alle Adern seines Herzens? Warum
liess es gerade auf diesen Tag die Silberhochzeit des Stadtseniors und die erste
Hochzeit seiner Tochter mit dem Waisenhausprediger treffen? Warum, wenn doch
beide Hochzeitfeste auf diesen Tag zusammenfallen sollten, mussten sie bis nach
Mitternacht fortwähren, wo sie den armen Viktor in alle Brandstätten seiner
Hoffnungen schauen liessen, wo er in einer lichtervollen Stube aus seiner dunkeln
die Liebe sah, welche Hände verknüpfte, Lippen zusammendrückte und Augen und
Seelen vermischte? - Zu einer andern Zeit würd' er über den Waisenhausprediger
und über zwei Armenkatecheten gelächelt haben; aber heute konnt' er nur darüber
seufzen, und es ist eine sanfte Schönheitlinie an seinem innern Menschen, dass er
den armen Menschen das vergönnte, was er entbehrte: »Ach ihr seid glücklich«,
sagte er - »o liebt euch recht, presset die klopfenden vergänglichen Herzen heiss
aneinander, eh' sie der Flügel der Zeit zerschlägt, und glühet aneinander in der
kurzen Minute des Lebens und wechselt eure Tränen und Küsse, eh' die Augen und
Lippen im Grabe erfrieren - ihr seid glücklicher als ich, der ich das Herz voll
Liebe niemand geben kann als den Würmern des Grabes, und auf dessen Sarg ein
Tischler die Überschrift, die wie ich mit Erde bedeckt wird, färben soll: ihr
guten Menschen, ihr habt mich nicht geliebt, 30 und ich war euch doch so gut!« -
    Jedes glückliche Lächeln, jeder flötende Violinenzug, jeder Gedanke wurde
jetzt seinem von Tränen umgebenen weichen Herzen zur harten spitzen Ecke, so wie
einer Hand, die sich in Wasser untertaucht, alles hart anzufühlen wird.
    Seine grenzenlose Aufrichtigkeit, seine grenzenlose Erweichung konnt' er mit
nichts befriedigen, als mit einem Briefe an seinen Emanuel, in welchen er seine
ganze Seele überströmen liess.
                              »O teurer Geliebter!
Sollt' ich denn dirs verbergen, wenn mich Schmerzen übermannen oder Torheiten?
Sollt' ich dir nur meine bereueten Fehler zeigen und nie meine gegenwärtigen? -
Nein, tritt her, Teurer, an meine wunde Brust, ich öffne dir das Herz darin, es
blute und poche unter der Entblössung, wie es will - du deckest es doch
vielleicht mit deiner väterlichen Liebe wieder zu und sagst: ich lieb' es noch.
-
    Du, mein Emanuel, ruhest in deiner hohen Einsamkeit, auf dem Ararat der
erretteten Seele, auf dem Tabor der glänzenden: da blickest du sanft geblendet
in die Sonne der Gotteit und siehest ruhig die Wolke des Todes auf die Sonne
zuschwimmen - sie verhüllt sie, du erblindest unter der Wolke, sie verrinnt, und
du stehst wieder vor Gott. - Du liebst Menschen als Kinder, die nicht beleidigen
können - du liebst Erdengenüsse wie Früchte, die man zur Kühlung pflückt, aber
ohne nach ihnen zu hungern - die Gewitter und Erdbeben des Lebens gehen vor dir
ungehört vorüber, weil du in einem Lebens-Traum voll Töne, voll Gesänge, voll
Auen liegst, und wenn dich der Tod aufweckt, lächelst du noch über den heitern
Traum.
    Aber ach, mehr als ein Gewitter donnert hinein in den Lebenstraum von uns
andern und macht ihn ängstlich. Wenn ein höheres Wesen in den Wirrwarr von Ideen
treten könnte, der unsern Geist umgibt, und aus dem er seinen Atem holen muss,
wie wir in einer aus allen Luftarten zusammengegossenen Luftart atmen wenn es
sähe, welche Nährmittel durch unsern innern Menschen gehen, denen er seinen
Milchsaft abgewinnen muss, dieses Gemenge von komischen Opern - Bayles
Wörterbüchern - Konzerten von Mozart - Messiaden - Kriegsoperationen - Goetes
Gedichten - Kants Schriften - Tischreden - Mond-Anschauungen - Lastern und
Tugenden - Menschen und Krankheiten und Wissenschaften aller Art - - wenn das
Wesen diese Lebens-Olla-Potrida untersuchte: würd' es nicht begierig sein, zu
wissen, welche widersinnige Säfte dadurch in der armen Seele zusammen gerinnen,
und würd' es sich nicht wundern, dass noch etwas Festes und Gleichförmiges im
Menschen bleibt? - Ach wenn dein Freund, Emanuel! bald in einem feinen
Speisesaal, bald in einem Garten, bald in einer Loge, bald vor dem grossen
Nachtimmel, bald vor einer Kokette, bald vor dir ist: so macht ihm dieser
zweideutige Wechsel der Auftritte Schmerzen und vielleicht Flecken...
    Nein, ich will meinen Emanuel nicht belügen - - O sind denn die
Kleinigkeiten und die Steinchen dieses Lebens wert, dass wir darum krumme Gänge
wählen, wie die Minierraupe durch die Ästchen ihres Blattes sich zu Krümmungen
zwingen lässt? - Nein, alles, was ich gesagt habe, ist wahr; aber ich hätt' es
nicht gesagt, wenn nicht andre Schmerzen mich auch auf jene führten; und doch
hättest du es mir, du unschuldig-kindlich-erhaben-trauender Lehrer, geglaubt.
Ach, du hälst mich für zu gut... o es ist ein weiter ermüdender Schritt von der
Bewunderung zur Nachahmung! - Jetzt aber blick in mein geöffnetes Herz!
    Seitdem ich hier im Totenhaus meiner kindlichen Freuden, in den Beeten, wo
meine Kindheitjahre geblühet und abgeblühet haben, vielleicht mit zu vielen
Träumen der Vergangenheit umhergehe; - und noch mehr: von dem Tage an, wo du
meinem Herzen den Reiz zum Fieber-Schlage auf mein ganzes Leben gegeben, seitdem
du mir das Leben aufgedeckt, worin sich der Mensch zerblättert, und den dünnen
spitzigen Augenblick, auf dem er so schmerzhaft steht, seit jener
Abschied-Nacht, wo meine Seele gross und meine Tränen unerschöpflich waren, rinnt
eine ewige Wunde in mir, und der Seufzer einer Sehnsucht, die nichts zu nennen
weiss als Träume und Tränen und Liebe, liegt wie eine stockende Ader beklemmend
und verzehrend in meiner Brust - - Ach, ich lache noch wie sonst, ich
philosophiere noch wie sonst, aber mein Inneres sieht nur der Geliebte, dem ichs
jetzt entblösse.
    O Schicksal, warum schlugst du in den Menschen den Funken einer Liebe, die
in seinem eignen Herzblut ersticken muss? Ruht nicht in uns allen das holde Bild
einer Geliebten, eines Geliebten, wovor wir weinen, wornach wir suchen, worauf
wir hoffen, ach und so vergeblich, so vergeblich? - Steht nicht der Mensch vor
der Brust eines Menschen wie die Turteltaube vor dem Spiegel und girret wie
diese sich heiser vor einem toten flachen Bilde darin, das er für die Schwester
seiner klagenden Seele hält? - Warum frägt uns denn jeder schöne Frühlingabend,
jedes schmelzende Lied, jede überströmende Freude: wo hast du die geliebte
Seele, der du deine Wonne sagst und gibst? Warum gibt die Musik dem bestürmten
Herzen statt der Ruhe nur grössere Wellen, wie das Geläute der Glocken die
Ungewitter, anstatt zu entfernen, herunterzieht? Und warum ruft es draussen an
einem schönen stillen hellen Tage, wenn du über das ganze aufgeschlagne Gemälde
einer Landschaft siehest, über die Blumen-Meere, die auf ihr zittern, über die
herabgeworfnen Wolkenschatten, die von einem Hügel zum andern fliehen, und über
die Berge, die sich wie Ufer und Mauern um unsern Blumenzirkel ziehen, warum
ruft es da denn unaufhörlich in dir: Ach, hinter den rauchenden Bergen, hinter
den aufliegenden Wolken, da wohnt ein schöneres Land, da wohnt die Seele, die du
suchst, da liegt der Himmel näher an der Erde? - Aber hinter dem Gebirge und
hinter dem Gewölke stöhnt auch ein verkanntes Herz und schauet an deinen
Horizont herüber und denkt: Ach, in jener Ferne wär' ich wohl glücklicher!
    Sind wir denn alle nicht glücklich - - Bejah' es nicht und sage nicht zu
mir, Emanuel, dass im Winter dieses Lebens gerade die wenigen warmen
Sonnenblicke, die ihn unterbrechen, den bessern Menschen wie Gewächse
zersprengen und zugrunde richten - sage nicht, dass jedes Jahr etwas von unserm
Herzen wegstosse, und dass es wie das Eis immer kleiner werde, je weiter es
schwimme im Strome der Zeit - sage nur nicht, dass die irrende Psyche, wenn sie
auch ihr zweites Selbst in ihrem Gefängnis höre, doch nie in seine Arme kommen
könne - - Aber du hasts schon einmal gesagt:
    In zwei Körpern stehen wie auf zwei Hügeln getrennt alle liebende Seelen der
Erde, eine Wüste liegt zwischen ihnen wie zwischen Sonnensystemen, sie sehen
einander herübersprechen durch ferne Zeichen, sie hören endlich die Stimmen über
die Hügel herüber - aber sie berühren sich nie, und jede umschlingt nur ihren
Gedanken. - Und doch zerstäubt diese arme Liebe wie ein alter Leichnam, wenn sie
gezeigt wird; und ihre Flamme zerflattert wie eine Begräbnislampe, wenn sie
aufgeschlossen wird.
    Sind wir denn alle nicht glücklich? -
    Bejah' es nicht! - Ach der Mensch, der schon von der Kindheit an nach einer
unbekannten Seele rief, die mit seiner eignen in einem Herzen aufwuchs - die in
alle Träume seiner Jahre kam und darin von weitem schimmerte und nach dem
Erwachen seine Tränen erregte - die im Frühling ihm Nachtigallen schickte, damit
er an sie denke und sich nach ihr sehne - die in jeder weichen Stunde seine
Seele besuchte mit so viel Tugend, mit so viel Liebe, dass er so gern all' sein
Blut in seinem Herzen wie in einer Opferschale der Geliebten hingegeben hätte -
die aber ach nirgends erschien, nur ihr Bild in jeder schönen Gestalt zusandte,
aber ihr Herz ewig entrückte - - endlich, o plötzlich, o selig schlägt ihr Herz
an seinem Herzen, und die zwei Seelen umfassen sich auf immer - - er kann es
nicht mehr sagen, aber wir könnens: dieser ist doch glücklich und geliebt....
    Guter Emanuel, du vergibst mir den Schmerz der Furcht, dass ich es wohl nie
sein werde - Nein, nie! - O ich wäre auch für diese von Gräbern zerstückte Erde
vielleicht gar zu glücklich, ich dürfte für ein so junges, mit so kleinen
Verdiensten gerechtfertigtes Leben vielleicht ein zu grosses Eden bewohnen, wenn
meine zu weiche Seele, die schon unter drei frohen Minuten einsinkt, die jeden
Menschen liebt und sich mit Kinderarmen ans Herz der ganzen Schöpfung hängt, o
die schon durch diesen blossen Traum der Liebe zu selig wird und überwältigt
durch diese Beschreibung - - nein, sie wäre zu selig, eine solche von Wehmut und
Menschenliebe längst zerschmolzene Seele, wenn sie einmal nach einem so langen
tödlichen Sehnen endlich, endlich - Emanuel, ich bebe wieder vor Freude, und es
ist doch niemals, niemals möglich! alle ihre Wünsche, ihren ganzen Himmel, so
viele Liebe in einer teuren, teuren Seele gesammelt fände, wenn ich vor der
grossen Natur und vor dem Angesicht der Tugend und vor Gott selber, der mir und
ihr die Liebe gab, zur Einzigen, zur Frommen, zur Geliebten - Gott, wie heisst
ihr Name - zur Vorausgeliebten, die ich jetzt im Wahnsinn nennen wollte, weinend
sagen dürfte: endlich hat dich mein Herz, du Gute, Gott gibt uns heute einander,
und wir bleiben beisammen auf die ganze Ewigkeit. Nein, ich würd' es nicht
sagen, sondern vor Wonne verstummen und sterben.
    - Siehe! mir war jetzt, als ging' eine Gestalt über meine Stube und riefe:
Viktor! Ich sah mich um und erblickte meine leere Stube und die abgelegten
Sonntagkleider, und jetzt erinnerte ich mich erst, dass ich unglücklich bin und
nicht geliebt.
    Du aber, unersetzlicher Freund, misskenne mich nicht; ich schwöre dir, dass
ich dir diese Blätter ungeändert gehe, wenn ich auch morgen, wo die Wirbel der
heutigen Nacht stiller fliessen, alle Änderungen nötig fände. Dein törichter
Freund bleibt doch dein ewiger Freund.
                                                                         S.V.H.«
 
                                20. Hundposttag
Blatt von Emanuel - Flamins Fruchtstücke auf den Schultern - Gang nach St. Lüne
»Armer Sebastian,« - sagt' ich, da ich das heutige Felleisen aufmachte - »eh'
ichs auf habe, weiss ich schon voraus, dass du den ganzen Tag nach einer solchen
Nacht dich eingeschlossen, um dein verblutetes Angesicht gegen den Trauergarten
zuzuwenden - dass du heute diese brennenden Gifttropfen lieber hast als den
Wundbalsam, und dass du in den Spiegel schauest, um die stille schuldlose
Gestalt, die er dir mit ihren Schnitten zeigt, wie eine fremde zu beweinen. - O
wenn der Mensch nichts mehr zu lieben hat, so umfasset er das Grabmal seiner
Liebe, und der Schmerz wird seine Geliebte. Vergebet einander den kurzen
Wahnsinn der Klage: denn unter allen Schwächen des Menschen ist das die
unschuldigste, wenn er, anstatt gleich dem Zugvogel sich über den Winter zu
erheben und in heitere Zonen zu fliegen, gleich andern Vögeln vor diesem Winter
niedersinkt und dumpf in seinem kalten Grame erstarrt.«
    Viktor sargte sich sozusagen an jenem Tage in sein Zimmer ein, das er
niemand als einer Tür- und Wandnachbarin der Schmerzen, Marien, öffnete, deren
Gestalt ihm so sanft wie eine Abendsonne tat. Jedes andere weibliche Gesicht auf
der Strasse gab ihm Stiche; und der Bruder der verlornen Klotilde, den er am
Fenster sah und heute gern umarmt hätte, lieh der verweinten Erinnerung neue
Farben.... Leser! - die Leserin ist von selber billiger - lache nicht über
meinen guten Helden, der da keiner ist, wo gerade die Stärke der Seele die
Stärke des Schmerzens wird; lass mich es wenigstens nicht hören. Wem der
sympatetische Nerve des Lebens, die Liebe, unterbunden oder durchschnitten ist,
der darf schon einmal seufzen und sagen: alles kann der Mensch auf der Erde
geduldiger verlieren als Menschen.
    Und doch führte abends ein Zufall - nämlich ein Brief- alle seine Schmerzen
noch einmal durch sein müdes Herz. Ein kleiner Brief von Emanuel - aber keine
Antwort auf den erst abgesandten - kam an.
                             »Mein immer Geliebter!
Ich habe den Tag deines Eintritts in ein neues Lebens-Gewühl erfahren, und ich
habe gesagt: mein Geliebter bleibe glücklich die Ruhe der Tugend baue wie mit
einer Brust sein Herz gegen den Frost und Sturm seines neuen Lebens ein - seine
Schmerzen und seine Entzückungen seien nicht laut - er trauere sanft und still
wie eine Fürstin im sanften Weiss, er geniesse sanft und still, und im Tempel
seines Herzens spiele die Lust nur wie ein ungehört-irrender Schmetterling in
einer Kirche - und die Tugend schwebe vor ihm am nöhern Himmel über unserer
Sonne und wärme und erhelle und ziehe allmählich sein Herz!
    Du willst, aus liebender Bangigkeit für mein entsinkendes Leben, nicht
haben, dass ich oft schreibe: so wenig glaubst du Lieber, meiner Hoffnung. O die
ablaufenden Gewichte meiner Maschine fallen langsam und sanft auf das Grab
hinauf- dieses Erdenleben kleidet sich in meiner Seele immer schöner an und
schmückt sich zum Abschiede - dieser Nachsommer um mich, der wie eine Nebensonne
neben dem Augustsommer steht, und der künftige Frühling nehmen mich der Natur
schmeichelnd aus den Armen.
    So überlaubt, so überblümt der Allgütige die Kirchhofmauer des Lebens, wie
wir die Mauer eines englischen Gartens, mit bedeckendem Efeu und Immergrün und
gibt dem Ende des Gartens den Schein eines neuen Gesträuchs. -
    So steigt schon hier im dunkeln Leben der Geist, wie der Barometer schon
unter dem trüben Wetter steigt, und wird den Einfluss des lichtern schon unter
den Wolken innen.
    - Ich folge aber deiner Liebe und schreibe dir nicht mehr als einmal im
Winter, wo ich dir die grosse Nacht erzähle, in der ich meinem blinden Julius zum
erstenmal sagte, dass ein Ewiger ist. - In jener Nacht, mein Geliebter, zogen
mich die Entzückung und Andacht zu hoch, und das dünne Leben wollte reissen. Ich
blutete lange. Im Winter, wo an die Stelle der Erden-Reize die des Himmels
treten49, verbiete mir das Gemälde des Sommers nicht.
    O mein Sohn! - ich musste dir ja schreiben, weil meine Freundin Klotilde
klaget, dass sie zum neuen Jahre aus der grünen Laube der Einsamkeit auf den
drängenden Marktplatz des Hofes gezogen werde - ihre Seele ist dunkel von Trauer
und streckt die Arme nach dem stillen Leben aus, das von ihr genommen wird. Ich
weiss nicht, was ein Hof ist - du wirst es wissen, und ich beschwöre dich, erlöse
meine Freundin und lenke die Hand ab, die sie aus St. Lüne ziehen will. Wenn du
es nicht kannst: so verlasse am Hofe die geliebte Seele nicht - sei ihr
heissester Freund - ziehe die Bienenstacheln der Erdenstunden aus ihrem milden
Herzen. - Wenn kalte Worte wie Schneeflocken auf diese Blume fallen: so schmelze
sie der Hauch der Liebe zu Tränen, die du rinnen siehest - Wenn über ihr Leben
ein Gewitter aufsteigt: so zeig ihr den Engel, der auf der Sonne steht und über
unsere Gewitter den Regenbogen der Hoffnung zieht - O dich, den ich so liebe,
wird meine Freundin auch so lieben, und wenn mein Freund ihr sein sanftes Herz,
sein weiches Auge, seine Tugend, seine von der Natur und von dem Ewigen bewohnte
Seele aufdeckt: so wird er meine Freundin vor sich glücklich werden sehen, und
das erhabne Angesicht, das vor ihm in Tränen und Lächeln und Liebe zerfliesst,
wird immer in seinem Herzen bleiben.
                                                                       Emanuel.«
Siehe, da trat in dieser glühenden Minute die erhabne Gestalt, die er gestern
gesehen, wieder vor sein Herz mit den wehmütig lächelnden Lippen und mit den
Augen voll Tränen; und als die Gestalt vor ihm schweben blieb und schimmerte und
lächelte, so stand seine Seele vor ihr wie vor einer Verstorbenen auf, und alle
Wunden fingen wieder unter dem Erheben an zu bluten, und er rief: »So weiche
denn nie aus meinem Herzen, du erhabne Gestalt, und ruh' ewig auf seinen
Wunden!« - Die Trostlosigkeit, die Ermattung und der Schlaf überhüllten seinen
Geist, so wie seinen letzten Gedanken, nächstens nach St. Lüne wieder zu gehen
und ihre Eltern zu bereden, sie nicht an den Hof zu zwingen...
    Der lange Schlaf des Todes schliesst unsere Narben zu, und der kurze des
Lebens unsere Wunden. Der Schlaf ist die Hälfte der Zeit, die uns heilt. Der
erwachte Viktor, dessen Fieber der Liebe gestern durch die Schlaflosigkeit so
sehr zugenommen, sah heute, dass sein Schmerz ungemässigt war, weil seine Hoffnung
unmässig gewesen; - anfangs hatt' er gewünscht - dann beobachtet - dann vermutet
- dann gesehen - dann ausgelegt - dann gehofft - dann darauf geschworen. Jeder
kleine Umstand, sogar sein Anteil an Klotildens Ernennung zur Hofdame, hatte
mildes Öl der Liebe in seine Glut gegossen. »O ich Tor!« sagt' er, mit den drei
Schwur- Fingern an der Stirne, und wie alle kräftige Menschen war er um desto
mutiger, je mutloser er gewesen. Ja, er fühlte sich auf einmal zu leicht; - denn
eine zu schnelle Kur kündigt auch bei Seelen den Rückfall an. Ein neuer Trost
war der gestrige Entschluss, dass er Klotilden einen Dienst erweisen - nämlich den
Hofdienst ersparen wollte. Er besann sich noch über seinen Entschluss, sie
wiederzusehen - Fühltest du etwa, Viktor, dass alles, was die Liebe tut, um zu
sterben, nur ein Mittel ist, um wieder zu auferstehen, und dass alle ihre
Epilogen nur Prologen zum zweiten Akte sind? - Aber ein Korb Äpfel auf dem
Markte machte ihn in seinem Entschlusse wieder fest. Flamin trat nämlich herein.
Er fing sogleich mit Fragen über das Verschwinden am Sonntag und mit Nachrichten
der allgemeinen Unruhe über den teuren Flüchtling an. Viktor, durch die ganze
Erinnerung wieder erhitzt und gegen den Bilderstürmer und Fiskal einer
vergeblichen Liebe fast ein wenig erzürnt, gab ihm die wahre Antwort: »Du
nahmest mir meine Freude zum Teil, und warum sollt' ich so spät erst aufs
Teater treten?« Je stärker Flamin die liebende Bekümmernis der Pfarrerin und
Klotildens über seine Unsichtbarkeit malte, desto peinlicher wurd' in ihm der
Wirrwarr streitender Gefühle; ohne sein zurückrufendes Gewissen wär' es ihm
jetzo leichter geworden, nun dem Freunde die hoffnunglose Liebe zu bekennen, als
sonst die hoffende. - Zufällig wunderte sich Flamin über die Reife der Äpfel
unten auf dem Markte und verlangte einige: ein Blitzstrahl fuhr nun vor Viktors
Auge über die angebornen Fruchtstücke auf Flamins Schultern, die allezeit im
Nachsommer während der Apfelreife erschienen, die er aber im bisherigen Taumel
vergessen hatte. Der Himmel weiss, ob nicht dem Leser selber entfallen ist, dass
Flamin dieses Lagerobst (sein Muttermal) auf dem Rücken trägt, das ein Sodoms-
und Evas-Apfel für ihn werden kann. Konnte nicht Mattieu, der bisher an Flamin
dieses Insiegel seiner fürstlichen Verwandtschaft nicht untersuchen konnte, sich
auf einmal von allem überzeugen, was er aus dem Briete an den Lord nur mit
diebischen Blicken erraten konnte? Und konnt' er nachher nicht zum Fürsten gehen
und da für alle unsere Freunde die giftigsten Suppen einbrocken? - Da aber das
Vexierbild gewöhnlich in einer Woche verblich: so brauchte Viktor ihm nur ebenso
lange den Träger desselben aus den Augen zu entrücken; er trug also seinem von
der Natur tätowierten Freunde die Bitte vor, einmal gemeinschaftlich nach St.
Lüne zu gehen, da sie vorgestern einander verfehlet hätten....
    »Daraus wird nichts«, sagte Flamin, der die kleinere Delikatesse hatte, die
Bitte um die Begleitung wegen seiner Vorwürfe in Le Bauts Garten nicht zu
benützen, und darüber die grössere vergass, eine solche Rücksicht seinem Viktor
gar nicht zuzutrauen.
    Dieser, in einer leidenschaftlichen Eilfertigkeit, zwei solche Übel
(Klotildens Hofamt und Mattieus Besichtigung) abzuwenden, griff zum sonderbaren
Mittel, dem Hofjunker die Reise- Genossenschaft anzutragen. Denn sie sahen und
sprachen einander täglich in Vorzimmern und Sälen - und wahrhaft freundlich, nur
konnte keiner den andern ausstehen. - »Mit Freuden!« (sagte der Evangelist) »in
dieser Woche hab' ich den Kabinettdienst - aber die nächste kann ich.«
    Und gerade in der jetzigen wollt' es Viktor. - So viel schnelle
Fehlschlagungen bestürzten diesen so, dass er, dessen sorg- und argloses Herz
immer ein offener Brief mit fliegendem Siegel war, sich jetzt gegen seinen
guten, teuren Freund Flamin verstellte - Er wollte wenigstens das Muttermal und
dessen Deutlichkeit selber untersuchen. Er ging daher zu ihm und fand ihn
gebücktschreibend und mit einem glühenden Arbeit-Gesicht. Er beschwurs ihm,
Erholung und Ferien wären ihm unerlässlich, und er sollte wie ein Setzer stehend
arbeiten. Dann kam er allmählich auf Flamins vollblütige Brust und auf die
Frage: ob sie ohne Stechen und Drücken seine Anspannungen vertrage? Dann langte
er an dem Ziele an, und er schlug vor, Flamin solle sich in jedem Falle als
Lungen-Ableiter ein burgundisches Pechpflaster auf die Schulterblätter legen
lassen, ja er wollt' es ihm jetzt selber tun und ihm zeigen, wie alles zu machen
sei. Dadurch hoffte er noch dazu um das Apfelstück zugleich einen Vorhang zu
ziehen. Aber er verstellte sich so erbärmlich - denn ihm glückten unschuldige
Intrigen gegen Mädchen und scherzhafte Verstellungen aus Satire, und misslangen
ernstafte -, dass sogar Flamin aufhorchte und trocken versetzte: »er habe schon
ein solches Pflaster seit zwei Tagen auf: und - Mattieu hab' es ihm geraten und
selber aufgelegt.«
    Da sass er. - Sebastian hatte weiter nichts zu tun, als in einer sonderbaren
Kälte, die auf dem St. Lüner Wege nur durch einige Stiche von den alten dornigen
Spätlingen seines verblühten Paradieses untermischt wurde, unbegleitet zum
Kammerherrn Le Baut zu gehen, zu sagen, was zu sagen war, ins Pfarrhaus zu
gucken und still wieder fortzuwandern ohne eine einzige Hoffnung.
    Liebe Fortuna! lieber geköpft als skalpiert, lieber ein Unglück als zehn
Fehlschlagungen; ich meine: rädere mit deinem Rade den Menschen lieber von oben
als unten hinauf! -
    Viktor wusste zwar noch kein Wort von der Wendung, womit er zwei solchen
Hof-Emigranten wie den Le Bauts, die nichts Heiligers kannten als die Latrie
gegen einen Fürsten, die Dulie gegen dessen Minister und die Hyperdulie gegen
dessen H-, Klotildens Standerhebung verleiden sollte; aber er dachte: »Ich tue,
was ich kann.«
    Klotildens Eltern nahmen ihn mit so viel Verbindlichkeit auf - d.h. mit so
viel Höflichkeit des Körpers, mit soviel Puderzucker auf jeder Miene, mit so
viel Violensirup auf jedem Wort - kurz, er fand den Bericht, den Mattieu von
ihrer gefälligen Denkart für ihn an Flamin erstattet hatte, so gegründet, dass er
keine bessere Gelegenheit hätte ausuchen können als diese, um sie von der
Verpflanzung ihrer Tochter abzumahnen - hätten sie ihm nicht zu danken
angefangen, dass er selber dieser Verpflanzer gewesen war. Sie hatten alles
erfahren oder erraten und dankten ihm für seine Verwendung, der sie
wahrscheinlich eigennützigere Absichten lieben, als die Tochter tat. Es wäre
lächerrlich gewesen, in Klotildens Gegenwart ihr selber Flachsenfingen zu
widerraten und das auszureden, wofür man ihm dankte; indes versucht' er doch
etwas. Er sagte zum Kammerherrn: »seine Tochter verdiene mehr, einen Hof zu
haben, als einen zu zieren; ja er verdiene bei der ganzen Sache höchstens -
Entschuldigung, da Klotilde gewiss den Umgang ihrer Eltern dem Hofzwang vorziehe:
in diesem Falle versprech' er, den Zeiger bei dem Fürsten wieder zurückzustellen
und alles ohne Nachteil zu berichtigen.« Der Vater hielt diese Äusserung für ein
sonderbares Ablehnen des Dankes, die Stiefmutter für irgendeine Spitzbüberei,
die Tochter für - Worte. Sie sagte ein wenig kurz: »Ich glaube, es war leicht,
zwischen Ungehorsam und Abwesenheit zu wählen.« Denn so unbiegsam sie für ihre
Stiefmutter war, so willig kam sie den Winken ihres Vaters nach, den sie mit
allen seinen Schwächen und als die einzige ihm auf der Erde gewogne Seele
zärtlich liebte. Viktor liess es endlich, obwohl gezwungen, gut sein; aber warum
ergibt sich der Mensch schwerer in die Zukunft als in die Vergangenheit? - Die
Kälte der Tochter war natürlicherweise nicht kleiner (aber aufrichtiger) als die
Wärme der Eltern.... und gerade die Kälte erfrischte sein glühendes Gehirn.
Diese kalte gleichgültige Gestalt war wie ein Schleier über die erhabne liebende
gedeckt, die immer mit ihrem schwermütigen Blicke vor ihm schwebte, und die er
nicht aushielt. Ohne Bewusstsein einer Schuld, zufrieden mit seinem Gehorsam
gegen Emanuels Bitte, zog er mit seinen vom Wohlstand erdrückten Gefühlen ab,
kälter gegen die Kalte. - Er wäre ein schlechter Liebhaber gewesen, wenn er
gewusst hätte, was er haben wollen; denn sonst hätt' er von Klotilden, sogar im
Falle ihrer Liebe gegen ihn, keine ausserordentliche Wärme gegen einen Medikus
begehren können, den ihr die Eltern aufzwangen (welches einem Manne noch mehr
schadet als Hässlichkeit), der so unhöflich ohne ein Geburttag-Carmen aus dem
Garten fortjagte, und der sie in die sieben vergoldeten Türme des Hofdienstes
trotz ihrem Widerwillen, trotz allem Anschein ihres künftigen Gefängnisfiebers
hineinschob. - Aber für das offne Lehn seines Herzens war eben dieser Ärger
gesund....
    Wenn mein guter Leser einmal von einer zu teuren Freundin einen ewigen
Abschied zu nehmen hat: so nehm' er ihn zweimal. - Der erste versteht sich
ohnehin, wo er in der Trunkenheit des Schmerzes, im Blutsturz des Herzens und
der Augen erliegt, und wo das geliebte Bild sich mit Flammen in die weiche Seele
brennt; aber dann wird er die Abgeschiedne nie vergessen können. Daher muss er
einen zweiten nehmen, der schon darum kälter ist, weil heftige Empfindungen kein
dal segno der Wiederholung leiden, ja er muss (wenn er am allerklügsten sein
will) sie nach dem ersten tragischen Abschied an einem öffentlichen Platze (z.B.
bei einer Krönung), wo sie kalt scheinen muss, zu sehen suchen; ihr frostiges
Gesicht überschneiet dann ihr heisses in seinem Kopfe, und mein guter Leser hat
doch wieder so viel Verstand beisammen, dass er weiss, was er in den Hundposttagen
lieset...
    - Wahrlich, wenn Jean Paul nicht fleissig schreibt, so tuts keiner - es
schlug schon ein Uhr, und er hielts für ein Viertel auf Zwölfe - meine Schwester
will schon vor dem aufgeschwänzten rauchenden Hecht, der wie die Schlange der
Ewigkeit an seinem Schwanze frisset, die Hände falten und sagt immerfort: »Es
wird ja alles kalt« - »Das soll es auch, nach so glühenden Kapiteln,« (sag' ich)
»wenn du den Leser und den Autor meinst«- Der Postund springt schon, indem ich
noch über dem zwanzigsten Kapitel sitze, mit dem einundzwanzigsten in der Stube
herum - und doch will ich verhungern, wenn ich nicht vor dem Essen noch, wie die
sieben Weisen, sieben goldne Sprüche sage:
    1. Wenn man beim Stiche der Biene oder des Schicksals nicht stille hält, so
reisst der Stachel ab und bleibt zurück.
    2. Jämmerliche Erde, die drei, vier grosse oder kühne Menschen verbessern und
erschüttern können! Du bist ein wahres Teater: auf dem Vorgrund sind einige
fechtende Spieler und einige Zelte aus Leinwand, im Hintergrund wimmelts von
gemalten Soldaten und Zelten! -
    3. Staaten und Diamanten werden jetzt, wenn sie Flecken haben, in kleine
zerschnitten - und da
    4. die Menschen in grossen Staaten und die Bienen in grossen Stöcken Mut und
Wärme einbüssen: so heftet man jetzt an kleine Länder andre kleine Länder, wie an
Bienenstöcke Koloniestöcke.
    5. Der Mensch hält sein Leben für das der Menschheit, wie die Bienen das
Tropfen ihres Bienenstandes, wenn schon die Sonne wieder scheint, für Regen
nehmen und nicht ausfliegen;
    6. aber er begeht täglich einen kleinern Irrtum: anfangs hält er für eine
Ewigkeit (für diese aristotelische Zeit-Einheit des Schauspiels des Seins) seine
gegenwärtige Stunde- dann seine Jugend - dann sein Leben - dann sein Jahrhundert
- dann die Dauer des Erdballs - dann der Sonne ihre - dann der Himmel ihre -
dann (das ist der kleinste Irrtum) die Zeit....
    7. An den Menschen sind vorn und hinten, wie an den Büchern, zwei leere
weisse Buchbinderblätter - Kindheit und Greisenalter; und an den Hundposttagen
auch: siehe das Ende dieses Tages und den Anfang des nächsten.
 
                               Fünfter Schalttag
                 Fortsetzung des Registers der Extra-Schösslinge
                                       K
Kälte. In unserm Zeitalter stehen Abnahme des Stoizismus und Wachstum des
Egoismus hart nebeneinander; jener bedeckt seine Schätze und Keime mit Eis,
dieser ist selber Eis. So nehmen im Physischen die Berge ab und die Gletscher
zu.
                                       L
Leihbibliotek für Rezensenten und Mädchen. Ich bin noch immer willens, es ins
Intelligenzblatt der Literaturzeitung setzen zu lassen, dass ich den
Kaufschilling, den ich für meinen Abendstern erhebe, nicht zerschlagen, noch wie
Musäus zum Ankauf von Gartenhäusern zersplittern, sondern das ganze Kapital zu
einer vollständigen Sammlung aller deutschen Vorreden und Titel, die von Messe
zu Messe erscheinen, verwenden will. Ich kann dabei bestehen, wenn ich eine
Vorrede wöchentlich für einen Pfennig Lesegeld an Rezensenten ausgebe, welche
nicht gern das Buch selber lesen wollen, wenn sie es rezensieren. -
    Damit mir nicht einmal der Überschuss des besagten Schlagschatzes als totes
Kapital im Hause liegt: so sollen dafür - wenn ich mich nicht ändere - die
schwerern deutschen Meisterwerke - z.B. Friedrich Jakobis, Klingers seine,
Goetes Tasso -, desgleichen die bessern satirischen und philosophischen vom
Buchbinder in einer leichtern Damenausgabe geliefert werden, die ganz aus
sogenannten Vexierbänden, worinnen kein Unterziehbuch steckt, bestehen soll. Ich
spiele damit, denk' ich, den Leserinnen etwas Kernhaftes in die Hände, das so
gut gebunden und ebenso betitelt ist wie die Buchhändler-Ausgabe, und in das sie
- weil das harte Steinobst schon ausgekernt und innen nichts ist - nicht nur
ebensoviel, sondern sechs Lot mehr Seidenfaden und Seidenabschnitzel legen
können als in die gedruckte Ausgabe. Allwills Briefwechsel - ein schweres
zweidotteriges Straussenei des Autors, das ich vom Buchbinder auf diese Weise
habe ausblasen lassen, weil die meisten Leserinnen zu kalt sind, es auszubrüten
- ist jetzo ganz leicht. Aber von den deutschen Romanen werd' ich niemals eine
solche Futteral-Ausgabe von leeren Zeremonienwagen des Musen- und Sonnengottes
veranstalten, weil ich befahre, der Buchhandel schreie über Nachdruck. - Ich
wäre ein glücklicher Mann, wenn sich die Mitleserinnen meiner
Leih-Kapselbibliotek nur zweimal in einigen italienischen und portugiesischen
Büchereien hätten herumführen lassen; sie würden in diesen, wo oft nur die Titel
der Werke - und noch dazu der dümmsten - an die Wand geschmieret sind, erstaunet
sein, welche schlechte Figur solche unbrauchbare Biblioteken neben meiner
Bücherei von ordentlichen Vexierbüchern, die ich aus so vielen Fächern und mit
einigem Eigensinn wähle, nicht anders als machen können. - So werden freilich
deutsche Kapselleserinnen von euch Portugieserinnen nimmermehr eingeholet!
Vielmehr kommen jene sogar den Männern, den Advokaten und Geschäftleuten nach,
die ähnliche Kapsel-Journalistika mitalten und die Futterale der besten
deutschen Journale - letztere werden oft als curiosa sogar den Kapseln angebogen
und füttern diese aus - mitlesen und weitergeben.... Das ist mein Plan und
Entwurf; Schafe aber würden mutmassen, ich spasste mich hier bloss herum, wenn ichs
nicht wirklich durchsetzte.
                                       M
Mädchen. Junge Mädchen sind wie junge Trutühner, die schlecht gedeihen, wenn
man sie oft anrührt; und die Mütter halten diese weichen, aus Blumenstaub
zusammengeflossenen Geschöpfe wie Pastellgemälde so lange unter Fensterglas -
weil sich alles vor uns Prinzessinnenräubern und Obstdieben scheuet -, bis sie
fixieret sind. Indessen ist weder Einsamkeit - welche nur zu einer ungeprüften
Unschuld führt, die zwar nicht vor dem Wüstling, aber doch vor dem Heuchler
fällt - die rechte Kronwache um ein weibliches Herz, noch Gesellschaft, noch
Arbeitsamkeit - sonst sänke kein Landmädchen -, noch gute Lehren - denn diese
sind in jedem Mund und in jeder Lesebibliotek zu haben -: sondern diese vier
ersten und letzten Dinge auf einmal tuns, die sich sämtlich entbehren,
vereinigen und ersetzen lassen durch eine tugendhafte weise Mutter.
                                       N
Namen der Grossen50. Wenn ich so sehe, dass sie ihre ausserehelichen Mess-Produkte,
Gelegenheitschriften und pièces fugitives so namenlos, als wärens Rezensionen,
verteilen: so sag' ich: »Hieran erkenn' ich echte Bescheidenheit.« Denn
natürliche Kinder sind gerade ihre besten und ihre eignen und können noch dazu
vom Fürsten für echt erklärt werden - indes ihre übernatürlichen in der Ehe das
Echtmachen entbehren müssen -: und doch wollen sie der Welt den Namen des
Wohltäters nicht wissen lassen, sondern schaffen ebensooft (ja öfter) heimlich
Leute in sie hinein, als aus ihr hinaus. Was das Kind sonst zuerst aussprechen
lernt, sagen ihm solche Eltern zuletzt - ihren Namen. Mich dünkt, sie folgen
hierin Goetes feinem Ohre; denn sie verstecken sich selber ebenso - wenn sie
das Orchester der Welt mit Kinderstimmen und mit vingt-quatre und mit Weck- und
Repetierwerken (welche unähnliche Zusammenstellungen!) füllen -, wie Goete vom
spielenden Tonkünstler begehrt, dass er für die Ohren arbeite, aber zur Schonung
der Augen sich selber verberge. Ebenso schön handeln sie, wenn sie ihre Kinder
der 30sten Ehe am Ende (oft nach der 5- oder 20jährigen Verjährung) doch an
Kindes Statt annehmen und der Welt zeigen und so den Zeisigen nachahmen, die,
wie man sagt, ihrem Neste und dessen Insassen durch den sogenannten Zeisigstein
so lange Unsichtbarkeit erteilen, bis sie flügge sind.
                                       O
Ostrazismus. Er war bekanntlich bei den Griechen keine Strafe: nur Leute von
grossen Verdiensten errangen ihn, und sobald man diese Landesverweisung an
schlechte Menschen verschwendete, ging sie völlig ein. Beklagen muss es ein
Reichsbürger, dass wir, da wir eine ähnliche öffentliche Erziehanstalt, nämlich
die Landesverweisung, haben, diese oft an die allerelendesten Schelme
verschleudern und daher - in der Absicht, einen Kreis oder ein Land zum
Spucknapf und zum Absondergefäss des andern zu machen - Halunken aus dem Lande
jagen, die kaum wert sind, dass sie darin bleiben. Dadurch wird der Gebieträumung
das Ehrenhafte und Auszeichnende, was sie für den Mann von Verdiensten haben
könnte, meist benommen, und ein ehrlicher Mann - z.B. Bahrdt - schämt sich
beinahe, dass man ihn mit einer solchen Ehre nur belegt. Es sollte daher
reichspolizeimässig werden, dass nur Minister, Professoren und Offiziere von
entschiedenem Werte, gleich wichtigen Akten, verschickt und verwiesen würden.
Auf ähnliche Männer würd' ich auch das Henken einschränken: bei den Römern
wurden wahrhaftig nur grosse Köpfe und Lichter auf Kosten eines ganzen Staats an
den Weg beerdigt; was soll ich aber von den Deutschen denken, bei denen selten
nützliche Staatsbürger - sondern meistens ausgemachte Spitzbuben - auf
öffentliche Kosten, die man die Henkergelder nennt, begraben werden und vorher
am Wege ausgehangen unter dem Galgen? - Nicht einmal bei Lebzeiten kann ein
Mann, wenn er nicht ausserordentliche und oft exzentrische Verdienste hat -
wiewohl exzentrische Menschen in die Wahrheit, wie die Kometen in die Sonne, als
Nährstoff zurückfallen -, sich darauf allemal Rechnung machen, dass er auf eine
Art, wie die Alten ihre Edeln in Statuen und Bildern verdoppelten, in effigie
zwischen dicken steinernen Rahmen werde aufgehangen werden.... Man antworte mir,
ich lasse mit mir reden.
                                       P
Philosophie. Einige kritische Philosophen haben jetzt aus der Algebra eine
matematische Metode entlehnt, ohne die man keine Minute philosophisch - nicht
sowohl denken als - schreiben kann. Der Algebraist erhaschet durch das Versetzen
blosser Buchstaben Wahrheiten, die keine Schlusskette ausgraben konnte. Das tut
der kritische Philosoph nach, aber mit grösserem Vorteil. Da er nicht Buchstaben,
sondern ganze Kunstwörter geschickt untereinandermengt, so schäumen aus der
Alliteration derselben Wahrheiten hervor, die er sich kaum hätte träumen lassen.
Solchen Philosophen wird mit Recht wie den gotaischen Predigern (Got.
Landesordnung P. III. p.16.) verboten, Allegorien zu brauchen oder irgendeine
Redeblume, die ihnen, wie den Leitunden andere Blumen, die Fährte verderben. -
Eigentlich aber ist der Bilderstil bestimmter als der Kunstwörterstil, der
zuletzt, da alle abstrakte Worte Bilder sind, ja auch ein Bilderstil ist, aber
einer voll zerflossener entfärbter Bilder. Jakobi ist nicht dunkel durch seine
Bilder, sondern durch die neuen Anschauungen, die er durch jene mit uns teilen
will.
    Ich habe neulich in den Geburttabellen der gelehrten und lehrenden Republik
nachgesehen und die jungen Käntchen aufgezählt, die der alte Kant, sonst
unverheiratet wie sein Vetter Newton, seit zehn Messen gezeugt hat. Demetrius
Magnus, der ein Buch von den gleichnamigen Autoren machen wollte, müsste sehr
dumm gewesen sein, wenn er zu unsern Zeiten hätte schreiben und doch zugleich,
indem er gleichwohl beigebracht, dass es 16 Plato, 20 Sokrates, 28 Pytagoras, 32
Aristoteles gegeben, es ganz sündlich hätte auslassen wollen, dass es jetzt so
viele Philosophen und Philosophisten, als jene zusammengerechnet machen, gebe,
nämlich 96, die den Namen Kant führen könnten, wollten sie sonst. Solche
Handwerker - so kann ich die Magister nennen, weil man umgekehrt sonst die
Handwerker Magister hiess und den Obermeister Erzmagister - sollte man als die
beste Propaganda in Rechnung bringen, welche dicke Bücher haben können: sie sind
am besten imstande, das System auszubreiten, weil sie das Unfassliche, das
Geistige davon abzuschneiden, und das Volkmässige und Körperliche, d.h. die
Wörter, für Leser, die sonst einfältig, aber doch nicht ohne kritische
Philosophie sterben wollen, auszuziehen wissen. Das elendeste teologische und
ästetische Gestein erhält jetzt eine kantische Fassung aus Wörtern. Obgleich
durch jedes neue grosse System eine gewisse Einseitigkeit des Blicks in alle
Köpfe kömmt - zumal da jeder kalte Philosoph gerade desto einseitiger ist, je
einsichtiger er ist -, so verschlägts doch nichts; denn grosse Wahrheit-Barren
gehen nur durch das gemeinschaftliche Wühlen des ganzen Denker-Gewerks hervor51.
Wer Kant auf seinem Berge unter seinen gelehrten Mitarbeitern hat stehen sehen,
erinnert sich mit Vergnügen einer ähnlichen Geschichte in Peru, die Buffon
mitteilt: als daselbst Condamine und Bouguer die Äquatorgrade der Erde (wie Kant
die der intellektuellen Welt) ausmassen, fanden sich ganze Affen- Rudel als
Mitarbeiter dazu ein, setzten Brillen auf, blickten nach den Sternen und
herunter nach den Uhren und brachten eines und das andre zu Papier, wiewohl ohne
Ehrensold, welches ihr einziger Unterschied von den Vikariat-Kanten ist.
    Jeder Mann von Genie ist ein Philosoph, aber nicht umgekehrt - ein Philosoph
ohne Phantasie, ohne Geschichte und ohne das Vielwissen des Wichtigsten ist
einseitiger als ein Politiker - wer irgendein System mehr annahm als erfand, wer
nicht vorher dunkle Ahnungen desselben hatte, wer nicht vorher wenigstens
darnach lechzte, kurz, wer nicht seine Seele als einen vollen warmen, mit Keimen
ausgefüllten Boden, der nur auf seinen Sommer wartet, mitbringt, der kann wohl
ein Lehrer, aber nicht ein Schüler der zum Brotstudium erniedrigten Philosophie
sein - und kurz, es ist einerlei, welchen Ort man zur philosophischen Sternwarte
besteige, einen Tron, oder einen Pegasus, oder eine Alpe, oder ein
Cäsars-Lager, oder eine Leichenbahre, und sie sind fast alle höher als der
Kateder im Hör- und Streitsaale.
                                   Q siehe K
                                       R
Rezensenten. Ein Redakteur sollte sechs Tische haben: am ersten sässen und ässen
die Anzeiger des Daseins eines Buchs - am zweiten die Bausch- und Bogen-Anzeiger
seines Werts - am dritten die Auszieher desselben - am vierten die Sprachmeister
und Sprachforscher, welche unter das Publikum räsonnierende Verzeichnisse
fremder Donatschnitzer austeilen - am fünften die Bekämpfer, die ein neues Buch
nicht durch ein neues Buch, sondern durch ein Blättchen widerlegen - am sechsten
stände die kritische Fürstenbank, auf die sich Herder, Goete, Wieland oder noch
einer setzen könnten, die ein Buch so überschauen wie ein Menschenleben, welche
die Individualität desselben auffassen, den Geist des literarischen Geschöpfes
und des Schöpfers zugleich zeichnen, und die jene Menschwerdung und Verkörperung
der göttlichen Schönheit, welche die Gestalt eines Einzelwesens annimmt, trennen
von der Schönheit und dann aufdecken und verzeihen.
    Diese sechs kritischen Bänke, die sechs verschiedene Literaturzeitungen
liefern könnten, werden jetzt übereinander geworfen und gestalten eine. - So
freimütig ich aber gegen diese Zusammenwerfung von gelehrten 1) Anzeigen, 2)
Rezensionen, 3) Auszügen, 4) Sprach- und 5) Sachkritiken und 6) Kunsturteilen
aufstehe: so gern bin ich bereit, zuzugestehen, dass die rezensierende Fauna und
Flora der fünf Tische vielleicht ebensoviel Unkraut- Fechser ausrotte, als sie
selber heraustreibt aus eignen Keimen, und ich berufe mich deshalb auf einen
Privatbrief von mir, der ausser dem Verdacht der Schmeichelei ist, und worin ich
sie mit einem Fliegenschwamm zusammengeselle, der, ob er gleich selber bei einem
Aufguss (hier von Dinte) ganze Insekten-Heere gebiert, doch die Fliegen
ausreutet. - Aber da unter den Rezensenten auch Autoren sind wie ich, wie unter
den portugiesischen Inquisitoren Juden - und überhaupt da ich Schaltjahre lang
darüber sprechen wollte: warum einen Schalttag lang? -
                                       S
Streiche. »Wer seines Herrn Willen weiss und tut ihn nicht, soll doppelte
Streiche leiden.«- Wer leidet denn die einfachen? Der doch nicht, der den Willen
nicht weiss und nicht tut? - Also folgt, dass grössere Kenntnisse die moralische
Schuld nicht erschweren, sondern erst erzeugen! Denn insofern ich eine
moralische Verbindlichkeit gar nicht einsehe, ist mein Verstoss dagegen ja nicht
kleiner, sondern keiner.
    Ich will meine eigne Akademie der Wissenschaften sein und mir die folgende
Preisfrage aufgeben, die ich selber in einer Preisschrift beantworten will: »Da
nur eine Handlung tugendhaft ist, die aus Liebe zum Guten geschieht: so kann nur
eine sündig sein, die aus blosser Liebe zum Bösen geschieht, und die Rücksicht
des Eigennutzes muss den Grad einer Sünde so gut wie den Grad einer Tugend
kleiner machen. Was wäre aber auf der andern Seite noch ausser dem Eigennutz in
unserer Natur, was uns zum Schlimmen triebe? Und wenn Böses aus reinem Hang zum
Bösen geschähe! so gäbe es ja eine zweite, obwohl entgegengesetzte Autonomie des
Willens.«
                                       T
Trübsal, Trauer. Jetzo, da ich diese beklemmenden Töne schreibe, die mir
vorsagen, dass die Natur nur Dornenhecken, die Menschen aber Dornenkronen machen:
so vergeht mir die Lust, mit satirischen Dornen um mich zu schlagen, und ich
möchte lieber einige aus euern Füssen oder Händen ziehn.
                                21. Hundposttag
   Viktors Krankenbesuche - über töchtervolle Häuser - die zwei Narren - das
                                   Karussell
Folgende Anmerkung kömmt nicht aus dem Tornister des Hundes, sondern aus meinem
eignen Kopf: man braucht kein Lobredner unserer Zeiten zu sein, um mit Vergnügen
zu sehen, dass jetzt Autoren, Fürsten, Weiber und andere die unähnlichen falschen
Larven der Tugend (z.B. Bigotterie, Pietismus, zeremonielles Betragen) meistens
abgelegt, und dafür den echten geschmackvollen Schein der Tugend gänzlich
angenommen haben. Diese Veredelung unserer Charaktermasken, wodurch wir das
Äussere der Tugend schöner treffen, ist mit einer ähnlichen des Teaters gleich
zeitig, auf dem man nicht mehr wie sonst mit papiernen Kleidern und unechten
Tressen, sondern mit echten agiert und tragiert. -
    »Sie wurden schon gestern von der Fürstin verlangt«, sagte der Fürst zum
Hofmedikus, da er mit seinem ausgeleerten Gesicht kaum eingetreten war. Die
Augenentzündung Agnolas hatte durch das Herbstwetter, durch die Nachtfeste,
durch Kuhlpeppers tapfere Hand und durch ihre eigne - denn die roten
Titelbuchstaben der Schönheit, nämlich geschminkte Wangen, wurden immer neu
aufgelegt-sehr zugenommen. Eigentlich war Viktor zu stolz, um sich als einen
blossen Arzt begehren zu lassen; ja er war zu stolz, um an sich etwas anders (und
wär's Philosophie oder Schönheit) suchen zu lassen als seinen Charakter; denn
sein Vater, der ebenso zartstolz war, hatte ihn gelehrt: man muss keinem dienen,
der uns nicht achtet, oder den man selber nicht achtet, ja man muss von keinem
eine Gefälligkeit annehmen, dem man nur einen äusserlichen, aber keinen
innerlichen Dank zu sagen vermag. Aber dieses zarte Ehrgefühl, das nie mit
seinem Eigennutze, wohl aber mit seiner Menschenliebe in ungleiche Treffen kam,
konnte ihm seine Hände nicht binden, womit er einer unglücklichen Fürstin -
unglücklich, wie er, durch Darben an Liebe - wenigstens die Schmerzen der Augen
nehmen konnte; vielleicht auch jüngere Schmerzen: denn seine Gutmütigkeit gab
ihm lauter Versöhnungen ein, des Fürsten mit Le Baut, mit der Fürstin, mit dem
Minister. Nichts ist gefährlicher, als zwei Menschen auszusöhnen - man müsste
denn der eine selber sein; sie zu entzweien, ist viel sicherer und leichter.
    Er fand Agnola nachmittags noch im Schlafzimmer, weil dessen grüne Tapeten
(zwar nicht dem Gesichte, aber) dem heissen Auge schmeichelten. Ein dichter
Schleier über dem Gesichte war ihr Taglichtschirm. Als sie, wie eine Sonne,
ihren Schleier aufschlug: so begriff er nicht, wie er in Tostatos Bude aus
diesem italienischen Feuer und aus diesen schnellen Hofaugen ein verweintes
Blondinengesicht machen können. Ein Teil dieses Feuers gehörte freilich der
Krankheit an. Ihr erstes Wort war ein entschlossener Ungehorsam auf sein erstes;
indessen stiess sie damit die Herren Pringle und Schmucker so gut vor den Kopf
wie ihn; denn das ganze dreieinige collegium medicum riet ihr - Blutigel um die
Augen; aber diese ekelten sie. Der Medikus rückte mit Schröpfköpfen am
Hinterhaupte heraus; aber ihre Haare waren ihr lieber als ihre Augen. »Muss man
denn alles mit Blut erkaufen?« sagte sie mit italienischer Lebhaftigkeit. - »Die
Reiche und Religionen solltens nicht werden, aber doch die Gesundheit«, sagt' er
englisch frei. Er foderte noch einmal ihr Blut - aber sie gab es ihm erst, da er
das Opfermesser änderte und ihr am Auge eine Aderlass vorschlug. Personen von
Stande wissen, wie Gelehrte, oft die gemeinsten Dinge nicht: sie dachte, der
Doktor werde die Ader öffnen. Und weil sie es dachte: tat ers auch, mit seiner
durchs Starstechen geübten Hand.
    Inzwischen ist - wenn (nach dem Plinius) ein Kuss aufs Auge einer auf die
Seele ist - eine Aderlass darauf kein Spass: sondern man kann, indem man eine
Wunde macht, selber eine holen. Der arme Hofmedikus muss mit seinem schwimmenden
freundlichen Auge, von dem vor wenigen Tagen die Träne der Liebe abgetrocknet
wurde, kühn in die in eine Augenhöhle gesperrte Sonne schauen und noch obendrein
sanft mit dem Finger am warmen Gesicht anliegen und aus der Quelle der Tränen
helles Blut vorritzen.... Schon eh' man eine solche Operation unternähme, sollte
man eine ähnliche an sich vollziehen lassen - der Kühlung wegen. Im Grunde hatte
auch ihm das Schicksal diese Woche nichts gegeben als Lanzetten-Schnitte in
seine Herzschlagader. Stellet man sich noch vor, dass ihm das ganze weibliche
Geschlecht wie eine magische, weit zurückgewichne Gestalt vorkam, die einmal in
einem Traume nahe an ihm geschimmert, als ein erblassender Mond am Tage, den er
in einer lichten Nacht angebetet hatte: so hat man sich sein gutes schuldloses
Herz geöffnet, um darin ausser einem grossen fortarbeitenden Schmerzen tausend
mitleidige Wünsche für die bedauerte Fürstin zu erblicken. Ungeachtet ihrer
sonderbaren Mischung von Stolz, Lebhaftigkeit und Feinheit glaubte er doch in
ihr eine Änderung zu entdecken, die er halb aus seiner heutigen Beflissenheit,
halb aus seinem ihr bisher so günstigen Einfluss auf den Fürsten erklären konnte,
und die ihm einen grössern Mut gegeben hätte, wenn er sich nicht von dem Zettel
über dem Imperator der Kompass-Uhr mit besondern Auslegungen seines Mutes hätte
drohen lassen. Bei dem vorigen ersten Besuche war sein Mut gelähmt, weil er sich
als der Sohn eines Vaters, der seinen Einfluss durch die Sorge um natürliche
Kinder zu befestigen schien, geflohen glaubte; denn ein Mensch voll Liebe ist
neben einem voll Hass stumm und dumm.
    Am mutigsten machte ihn heute ausser seinen Zänkereien, die unterlagen (als
über die Blutigel etc.), noch die letzte, die siegte; man wird mutiger und
glücklicher, wenn man einer Stolzen widerspricht, als wenn man ihr schmeichelt.
Er sah eine Maske liegen; da er nun wusste, dass in Italien die Damen im Bette
diese, wie die unsrigen die Handschuhe, als Gesichtschuhe anlegen: so verbot er
ihr die Maske geradezu als Zunder der Augenentzündung. Es war keine
Schmeichelei, da er ihr sagte, dass ihr die Maske mehr nehmen als geben könnte.
Kurz, er bestand darauf. -
    Er war vielleicht zu duldend gegen den Zweifel, den nur eine Frau erträglich
und dauerhaft machen konnte, gegen den Zweifel, wen sie miteinander verwechsele,
den Hofmedikus oder den Günstling; denn er sagte ihr - obwohl in der Sorge,
zuviel zu sagen, welches bei Leuten von seinem Feuer ein Zeichen ist, dass es
schon geschehen ist - am Ende das, was er am Anfange zurückbehalten hatte, dass
ihn das Teilnehmen (empressement) des Fürsten hergeschickt; und hob diesen auf
eigne Kosten empor, um so mehr, da er nichts Ausserordentliches weiter von ihm
anzubringen hatte als eben, dass er ihn - hergeschickt.
    Dann ging er. Bei dem Fürsten liess er ihr so viel Selig- und so viel
Heiligsprechungen (auf dieser Erde zwei Kontrarietäten!) zukommen, als der
Anstand und sein Humor (zwei noch grössere Kontrarietäten) verstatteten.
Sonderbar! sie hatte trotz ihrem Feuer keine Launen. Er wusste, Jenner erlag
nicht bloss dem Verleumder, sondern auch dem Lobredner. Man legt den gekrönten
Schauspieldirektoren der Erde Entschlüsse ins Herz und Beschlüsse in den Mund;
sie wissen, was sie wollen und was sie reden, ein paar Tage später als ihr
Troneinbläser. Ein Günstling ist ein Shakespeare und Dichter, der hinter den
Personen, die er handeln und reden lässet, nicht selber vorguckt und vorhustet,
sondern der ein Bauchredner ist, welcher seiner Stimme den Klang einer fremden
gibt.
    Da er den andern Tag die Patientin wieder besuchte, waren die Augenhöhlen
abgekühlt, obwohl die Augen nicht; Agnola sass heil in einem Kabinett voll
Heiligenbilder. Mit der Unpässlichkeit der Augen war eine Quelle des Gesprächs
weggenommen; und ihr Stolz vertrat zugleich seiner Empfindung und Laune den
Zugang. Ob er es wohl hundertmal zu ihr in seinem Innern sagte: »Quäle dich
nicht, stolze Seele, ich bin kein Günstling, ich will dir nichts nehmen, am
wenigsten deinen Stolz oder fremde Liebe - o ich weiss, was es ist, keine zu
erlangen«: so blieb er doch (nach seiner Meinung) kalt vor ihr und zog mit der
ärgerlichen Aussicht ab, dass ihm seine gute Kur die Wiederkehr abschneide; denn
die andern Hofbesuche waren doch keine freimütige Krankenbesuche. Vor der
fatalen Kompass-Uhr erschrak er täglich weniger, ausser wenn er eben froher war.
    - Manche Leute würden eher ohne Häuser als ohne Bauern leben; Viktor lieber
ohne Lebens-Luft als ohne Luftschlösser; er musste immer das Lotterielos und die
Aktie irgendeines Plans in der Zukunft stehen haben, und eine Frau war meistens
die Maskopeischwester in diesem Grossavanturhandel. Diesmal war er auf die
Versöhnung Jenners und Agnolas erpicht. Er schloss so: sie ist auf beiden Seiten
leicht - Jenner wird jetzt immer Agnolas Gesellschaft suchen, obwohl bloss aus
List, um in die künftige ihrer Hofdame Klotilde mit mehr Anstand zu kommen, die
er im Stande ihrer Ehelosigkeit noch ohne Schaden nach seinem Gelübde lieben
kann - das wird ihn, da er weder einem langen Lobe, noch einem langen Umgang
widerstehen kann, unvermerkt an Agnola gewöhnen - diese, die jetzt verlassen auf
der Seite des Ministers Schleunes steht, wird die vereinigte Achtung Viktors und
Jenners nicht ausschlagen u.s.w Ob ihn aber nur die Schönheit der Handlung,
nicht auch die Schönheit der Fürstin zu diesem Mittleramt anmahnet, das kann das
21ste Kapitel noch nicht wissen; meinetwegen sei es indessen: sein
verblutet-kaltes Innere, aus welchem noch das Klavier und Klotildens Name und
das Morgen-Erwachen blutlose Dolche ziehen, hat ja das Getöse der Welt so nötig
und jedes Übertäuben der Wunden!
    Mit der Absicht solcher Friedenspräliminarien entschuldigte er seinen
künftigen Ungehorsam gegen seinen Vater, der ihm das Schleunessche Haus zu
suchen abgeraten; denn da die Fürstin immer hinkam, so wars der schicklichste
neutrale Ort zum Friedenkongresse. O! nur ein halbes - -
                      Extrablatt über töchtervolle Häuser!
Das Haus von Schleunes war ein offner Buchladen, dessen Werke (die Töchter) man
da lesen, aber nicht nach Hause nehmen konnte. Obgleich die fünf andern Töchter
in fünf Privatbiblioteken als Weiber standen, und eine in der Erde zu Maiental
die Kindereien des Lebens verschlief: so waren doch in diesem Töchter-Handel-
haus noch drei Freiexemplare für gute Freunde feil. Der Minister gab bei den
Ziehungen aus der Ämter-Lotterie gern seine Töchter zu Prämien für grosse
Gewinste und Treffer her. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er, wenn nicht
Verstand, doch eine Frau. In einem töchterreichen Haus müssen, wie in der
Peterskirche, Beichtstühle für alle Völker, für alle Charaktere, für alle Fehler
stehen, damit die Töchter als Beichtmütter darin sitzen und von allen
absolvieren, bloss die Ehelosigkeit ausgenommen. Ich habe oft als Naturforscher
die weisen Anstalten der Natur zur Verbreitung sowohl der Töchter als Kräuter
bewundert. »Ists nicht eine weise Einrichtung,« sagt' ich zum naturhistorischen
Goeze, »dass die Natur gerade denen Mädchen, die zu ihrem Leben einen reichen
mineralischen Brunnen brauchen, etwas Anhäkelndes gibt, womit sie sich an elende
Ehe-Finken setzen, die sie an fette Örter tragen? So bemerkt Linné52, wie Sie
wissen, dass Samenarten, die nur in fetter Erde fortkommen, Häkchen anhaben, um
sich leichter ans Vieh zu hängen, das sie in den Stall und Dünger trägt.
Wunderbar streuet die Natur durch den Wind - Vater und Mutter müssen ihn machen
- Töchter und Fichtensamen in die urbaren Forstplätze hin. Wer bemerkt nicht die
Endabsicht, dass manche Tochter darum von der Natur gewisse Reize in benannten
Zahlen hat, damit irgendein Domherr, ein Deutscher Herr, ein Kardinaldiakonus,
ein apanagierter Prinz oder ein blosser Landjunker herkomme und besagte Reizende
nehme und als Brautführer oder englischer Brautvater sie schon ganz fertig
irgendeinem sonstigen Tropfen übergebe als eine auf den Kauf gemachte Frau? Und
finden wir bei den Heidelbeeren eine geringere Vorsorge der Natur? Merket nicht
derselbe Linné in derselben Abhandlung an, dass sie in einen nährenden Saft
gehüllet sind, damit sie den Fuchs anreizen, sie zu fressen, worauf der Schelm -
verdauen kann er die Beeren nicht -, so gut er weiss, ihr Säemann wird?« -
    O mein Inneres ist ernstafter, als ihr meint; die Eltern ärgern mich, die
Seelenverkäufer sind; die Töchter dauern mich, die Negersklavinnen werden - ach
ists dann ein Wunder, wenn die Töchter, die auf dem westindischen Markte tanzen,
lachen, reden, singen mussten, um vom Herrn einer Pflanzung heimgeführt zu
werden, wenn diese, sag' ich, ebenso sklavisch behandelt werden, als sie
verkauft und eingekauft wurden? Ihr armen Lämmer! - Und doch, ihr seid ebenso
arg wie eure Schaf-Mütter und Väter was soll man mit seinem Entusiasmus für
euer Geschlecht machen, wenn man durch deutsche Städte reiset, wo jeder Reichste
oder Vornehmste, und wenn er ein weitläufiger Anverwandter vom Teufel selbst
wäre, auf dreissig Häuser mit dem Finger zeigen und sagen kann: »Ich weiss nicht,
soll ich mir aus dem perlfarbenen, oder aus dem nussfarbenen, oder etwan aus dem
stahlgrünen Hause eine holen und heiraten: offen stehen die Kaufläden alle«? -
Wie, ihr Mädchen, ist denn euer Herz so wenig wert, dass ihr dasselbe wie alte
Kleider nach jeder Mode, nach jeder Brust zuschneidet, und wird es denn wie eine
sinesische Kugelbald gross, bald winzig, um in eines männlichen Herzens Kugelform
und Ehering-Futteral einzupassen? - »Es muss wohl, wenn man nicht sitzen bleiben
will, wie die heilige Jungfer da drüben«, antworten mir die, denen ich nicht
antworte, weil ich mich mit Verachtung wegwende von ihnen, um der sogenannten
heiligen Jungfer zu sagen: »Verlassene, aber Geduldige! Verkannte und Verblühte!
Erinnere dich der Zeiten nicht, wo du noch auf bessere hofftest als die
jetzigen, und bereue den edeln Stolz deines Herzens nie! Es ist nicht allemal
Pflicht, zu heiraten, aber es ist allemal Pflicht, sich nichts zu vergeben, auf
Kosten der Ehre nie glücklich zu werden und Ehelosigkeit nicht durch
Ehrlosigkeit zu meiden. Unbewunderte, einsame Heldin! in deiner letzten Stunde,
wo das ganze Leben und die vorigen Güter und Gerüste des Lebens, in Trümmer
zerschlagen, voraus hinunterfallen, in jener Stunde wirst du über dein
ausgeleertes Leben hinschauen, es werden zwar keine Kinder, kein Gatte, keine
nasse Augen darin stehen, aber in der leeren Dämmerung wird einsam eine grosse,
holde, englischlächelnde, strahlende, göttliche und zu den Göttlichen
aufsteigende Gestalt schweben und dir winken, mit ihr aufzusteigen - o steige
mit ihr auf, die Gestalt ist deine Tugend.« -
                             Ende des Extrablattes
                                       *
Einige Tage darauf gab die Fürstin dem Fürsten ein Auge en medaillon mit der
schönen Wendung: sie gehe diese Votivtafel dem Heiligen (das passte um so mehr,
da der Fürst Januar hiess), der ihr seinen Wuntertäter zugeschickt, und der das
bekommt, was er heilen lassen. Jenner sagte zu Viktor, dem er das Auge zeigte:
»Der heilige Januar wird mit Ihnen, mit der heiligen Ottilia, verwechselt« - die
bekanntlich die Patronin der Augen ist.
    Viktor war froh, dass Mattieu zu ihm kam, um mit ihm nach St. Lüne zu gehen;
denn dieser bat ihn, weil dieses ohne ihn geschehen, mit zu seiner Mutter zu
gehen, »weil heute bei der Fürstin grosses Souper sei, bei seiner Mutter aber
kein Mensch«, d.h. kaum über neun Personen. Viktor zog also - es tat heute
nichts, dass die fürstliche Augendulderin fehlte - gern in die Schleunessche
Nürnbergische Konvertitenbibliotek von Töchtern hinein hinter dem zärtlichen
Jonatan-Orest-Matz, den er überhaupt jetzt aus Schonung für ihren allgemeinen
Freund Flamin toleranter behandelte. Die Menschen vergesellschaften sich wie die
Ideen ebensooft nach der Gleichzeitigkeit als nach der Ähnlichkeit; und aus der
Wahl der Bekannten ist ebensowenig etwas auf den Charakter des Jünglings zu
schliessen, als auf einer Frau ihren aus der Wahl des Gatten. Mattieu stellte
ihn seiner Mutter im Lesekabinette, da ihr gerade aus einem englischen Autor
vorgelesen wurde, mit den Worten vor: »Hier bring' ich Ihnen einen ganz
lebendigen Engländer.« Joachime las in einem Verzeichnisse - es war kein
Bücher-, sondern ein Nelkenblätterverzeichnis -, um sich einige Nelken
auszusuchen, nicht um sie zu pflanzen, sondern sie nachzumachen in Seide. Sie
hasste Blumen, die wuchsen. Ihr Bruder sagte aus Ironie: »sie hasste die
Veränderlichkeit sogar an einer Blume.« Denn sie liebte sie sogar an Liebhabern;
und unterschied sich ganz vom April, der wie die Weiber in unserem Klima weit
beständiger ist, als man vorgibt. Im Kabinett waren noch zwei Narren da, die mir
mein Korrespondent nicht einmal nennt, weit sie, glaubt er, hinlänglich
bezeichnet und geschieden wären, wenn ich den einen den wohlriechenden Narren
nennte, und den andern den feinen.
    Beide Narren umsummten die Schöne. Überhaupt, sooft ich Narren in grossen
Partien studieren wollte, sah ich mich ordentlicherweise nach einer grossen
Schönheit um; - diese umsassen sie wie Wespen eine Obstfrau. Und wenn ich sonst
keine Ursache hätte - ich habe sie aber -, um die schönste Frau zu ehelichen: so
tät' ichs schon darum, damit ich immer die Bienenkönigin in der hohlen Hand
sitzend hielte, der der ganze närrische Immenschwarm nachbrauste. Ich und meine
Frau würden dann den Kerlen in Lissabon gleichen, die, in den Händen mit einem
Stänglein angeketteter Papageien, an den Füssen mit einer Kuppel nachhüpfender
Affen, durch die Gassen ziehen und ihr tolles Personale feilbieten.
    Der wohlriechende Narr, der heute in der Sonnenseite Joachimens war, las der
Mutter vor - der feine, der in der Wetterseite war, stand neben Joachime und
schien sich nichts um ihr Wetterkühlen zu scheren. Viktor stand als Übergang von
der heissen Zone in die kalte da und stellte die gemässigte vor; Joachime spielte
drei Rollen mit einem Gesicht. Der wohlriechende Narr schoss mit der linken Hand
die Drehbasse eines silbernen Joujou: dieses hängende Siegel eines Toren bewegte
er entweder wie der Grönländer einen Block mit seinen Füssen, der Erwärmung wegen
- oder er tats, wie der Grosssultan aus gleichem Grund immer ein Schnitzmesser
handhaben muss, um nicht immer jemand sterben zu lassen vor Liebe - oder um, wie
der Storch immer einen Stein in den Krallen hält, allezeit ein Ixions-Rad in den
Händen, wie ein Spornrad an den Fersen, zu haben - oder der Gesundheit wegen, um
den globulus hystericus53 durch die Bewegung eines äussern zu bestreiten - oder
als Paternosterkügelchen - oder weil er nicht wusste, warum.
    Jeder war mit sich zufrieden. Als die Mutter unsern Engländer gebeten, mit
seinem Akzent ihr vorzulesen, so sagte der feine Narr: »Das Englische ist wie
gewisse Gesinnungen leichter zu verstehen als auszusprechen.« Dieses feine Schaf
hatte nämlich Überall die Gewohnheit, metaphorisch zu sein - wenn ihm ein
Mädchen sagte: »Ich kann mich heute der Kälte nicht erwehren«, so macht' er die
des Herzens daraus - man konnte nicht sagen: »Es ist trübe, warm, die Nadel hat
mich gestochen etc.«, ohne dass er dies für einen Kugelzieher nahm, der sein Herz
aus dem Gewehre der Brust vorzog und vorwies - es war vor seinen Ohren
unmöglich, dass man nicht fein war, und aus eurem Gutenmorgen drehte er ein
Bonmot- hätt' er das Alte Testament gelesen, er hätte sich über die feinen
Wendungen darin nicht satt wundern können. Dafür schränkte der wohlriechende
Narr seinen ganzen Witz auf ein lebhaftes Gesicht ein - er schlug diesen Fracht-
und Assekuranzbrief von tausend Einfällen vor euch auf und hielt ihn vor, aber
es kam nichts - ihr hättet auf den Ansagezettel von Witz in seinem feurigen Auge
geschworen, jetzo brenn' er los - aber nicht im geringsten! Er handhabte die
satirische Waffe wie die Grenadiere die Handgranaten, die sie nicht mehr werfen,
sondern nur abgebildet auf den Mützen führen.
    Als der Feine sein erotisches Bonmot gesagt hatte: sah Joachime unsern
Helden an und sagte mit einer ironischen Miene wider den Feinen: »J'aime les
Sages à la folie.«
    Der Stolz des wohlriechenden auf seinen heutigen Vorzug und die scheinbare
Gleichgültigkeit des feinen Narren gegen seine Hintansetzung bewiesen, dass alle
beide selten im heutigen Falle waren; - und dass Joachime auf eine eigne Weise
kokettierte. Sie lachte uns erhabne Mannspersonen allemal aus, wenn zwei auf
einmal bei ihr waren - eine allein weniger - ihre Augen überliessen es unserer
Eigenliebe, das Feuer darin der Liebe mehr als dem Witze zuzuschreiben - sie
schien alles herauszuplaudern, was ihr einfiel, aber manches schien ihr nicht
einzufallen - sie war voll Widersprüche und Torheiten, aber ihre Absichten und
ihre Zuneigung bleiben doch jedem zweifelhaft - sie antwortete schnell, aber sie
fragte noch schneller. Heute trat sie in Beisein der drei Herren - zu andern
Zeiten im Beisein des ganzen bureau d'esprit - vor den Spiegel, zog ihre
Schminkdose heraus und retuschierte das bunte Dosenstück ihrer Wangen. Man
konnte sich gar nicht denken, wie sie aussähe, wenn sie verlegen wäre oder
beschämt.
    Die Tugend mancher Damen ist ein Donnerhaus, das der elektrische Funken der
Liebe zerschlägt, und das man wieder zusammenstellt für neue Versuche; unserm an
die höchste weibliche Vollkommenheit verwöhnten Helden kam es vor, als gehöre
Joachime unter jene Donnerhäuser. Koketterie wird immer mit Koketterie
beantwortet. Entweder letzte war es, oder zu schwache Achtung für Joachime, dass
Viktor die beiden Anbeter in den Augen der Göttin lächerrlich machte. Sein Sieg
war ebenso leicht als gross - er lagerte sich auf der Stelle des Feindes: mit
andern Worten, Joachime gewann ihn lieber. Denn die Weiber können den nicht
leiden, der vor ihren Augen einem andern Geschlechte unterliegt als dem ihrigen.
Sie lieben alles, was sie bewundern; und man würde von ihrer Vorliebe für
körperliche Tapferkeit weniger satirische Auslegungen gemacht haben, wenn man
bedacht hätte, dass sie diese Vorliebe für alles Ausgezeichnete, für
ausgezeichnete Reiche, Berühmte, Gelehrte, empfinden. Der dürre und runzlige
Voltaire hatte so viel Ruhm und Witz, dass wenige Pariser Herzen sein satirisches
ausgeschlagen hätten. Noch dazu drückte mein Held seine Achtung für das ganze
Geschlecht mit einer Wärme aus, die sich das Einzelwesen zueignete; - auch
brachte seine beliebte Gesamtliebe, ferner sein in der Trauer über ein verlornes
Herz schwimmendes Auge und endlich seine wärmende Menschenfreundlichkeit ihm
eine Aufmerksamkeit von Joachimen zuwege, welche die seinige in dem Grade
erregte, dass er sich das nächstemal zu untersuchen vornahm, was dran wäre. - -
    Das nächste Mal war bald da. Sobald ihm die Ankunft der Fürstin vom
Apoteker geweissagt war - denn der war für die kleine Zukunft des Hofs ihm
seine Hexe zu Endor und Kumä und seine Delphische Höhle -, so ging er hin; denn
er fuhr nicht hin. »Solang' es noch einen Schuhabputzer und ein Stein-Pflaster
gibt,« sagt' er, »fahr' ich nicht. Aber von vornehmern Leuten wunderts mich, dass
sie noch zu Fuss reisen von einem Flügel des Palasts in den andern. Könnte man
nicht, so wie die Pennypost für eine Stadt, ein Fuhrwerk für seinen Palast
einführen? Könnte nicht jeder Sessel ein Tragsessel sein, wenn eine Dame die
Alpenreise von einem Zimmer ins andere weniger scheuete? Und verschiedene
Weltumseglerinnen würden es wagen, eine Lustreise durch einen grossen Garten zu
machen in einer zugesperrten Sänfte.«Viktor reisete gerade durch einen, nämlich
den Schleunesschen: es war noch zu hell und zu schön, um sich wie Nähkissen an
die Spieltische zu schrauben. Er sah darin eine kleine bunte Reihe gehen und
Joachimen darunter. Er schlug sich zu ihnen. Joachime bezeugte eine malerische
Freude über die Wolken-Gruppierung, und es stand ihren schönen Augen gut, wenn
sie sie dahin hob. Da man nichts Gescheites zu reden hatte: suchte man etwas
Gescheites zu tun, sobald man ans Karussell ankam. Man setzte sich darauf und
liess es drehen. Viele Damen hatten gar den Mut nicht, diese Drehscheibe zu
besteigen - einige wagten sich in die Sessel - bloss Joachime, die ebenwo
verwegen als furchtsam war, beschritt das hölzerne Turnierross und nahm die Lanze
in die Hand, um die Ringe mit einer Grazie wegzuspiessen, die schönerer Ringe
würdig war. Aber um sich nicht dem Abwerfen des Dreh- Rosinante blosszugeben,
hatte Joachime meinen Helden wie ein Treppengeländer an sich gestellt, um sich
an ihn in der Zeit der Not anzuhalten. Die Achsebewegung wurde schneller und
ihre Furcht grösser; sie hielt sich immer fester an, und er fasste sie fester an,
um ihrer Anstrengung zuvorzukommen. Viktor, der sich auf die
Taschenspielerkünste und den Hokuspokus der Weiber recht gut verstand, fand sich
leicht in Joachimens Wieglebische natürliche Magie und »Trunkus Plempsum
Schallalei«; noch dazu war das wechselseitige Andrücken so schnell hin- und
hergegangen, dass man nicht wusste, hatt' es einen Erfinder oder eine
Erfinderin....
    Da sie jetzt alle im Zimmer sind und ich allein im Garten stehe neben der
Rossmühle: so will ich darüber geschickt reflektieren und anmerken, dass die
Grossen, gleich den Weibern, den Franzosen und den Griechen, grosse - Kinder sind.
Alle grosse Philosophen sind das nämliche und leben, wenn sie sich durch Denken
fast umgebracht haben, durch Kindereien wieder auf, wie z.B. Malebranche tat;
ebenso holen Grosse zu ihren ernstern edeln Lustbarkeiten durch wahre kindische
aus; daher die Steckenpferd- Ritterschaft, die Schaukel, die Kartenhäuser (in
Hamiltons mémoires), das Bilderausschneiden, das Joujou. Mit dieser Sucht, sich
zu amüsieren, steckt sie zum Teil die Gewohnheit an, ihre Obern zu amüsieren,
weil diese den alten Göttern gleichen, die man (nach Moritz) nicht durch Bussen,
sondern durch fröhliche Feste besänftigte.
    Da er mit der ganzen Teatergesellschaft des Ministers bekannt war, und
zweitens, da er kein Liebhaber mehr war - denn dieser hat tausend Augen für eine
Person und tausend Augenlider für die andern -: so war er beim Minister nicht
verlegen, sondern gar vergnügt. Denn er hatte da doch seinen Plan durchzusetzen
- und ein Plan macht ein Leben unterhaltend, man mag es lesen oder führen.
    Es misslang ihm heute nicht, ziemlich lange mit der Fürstin zu sprechen, und
zwar nicht vom Fürsten - sie mied es -, sondern von ihrem Augenübel. Das war
alles. Er fühlte, es sei leichter, eine übertriebene Achtung vorzuspiegeln, als
eine wahre auszudrücken. Die Besorgnis, falsch zu scheinen, macht, dass man es
scheint. Daher sieht bei einem Argwöhnischen ein Aufrichtiger halb wie ein
Falscher aus. Indessen war bei Agnola, die ihres Temperaments ungeachtet spröde
war - ein eigner zurückgestimmter Ton herrschte daher in ihrer Gegenwart bei
Schleunes -, jeder Schritt genug, den er nicht zurück tat.
    Aber gegen die lebhafte Joachime tat er einen halben vorwärts. Nicht sowohl
sie als das Haus schien ihm kokett zu sein; und die Töchter darin fand er- dies
macht das Haus- den alten Litonen oder Leuten der Sachsen ähnlich, die 1/3 frei
waren und 2/3 leibeigen, und die also ein Drittel ihres Guts verschulden
konnten. Jede hatte noch ein Drittel, ein Neuntel, ein Kugelsegment von ihrem
Herzen übrig zur freien Verfügung. Überhaupt wer noch kein Kabeljau- oder
Stockfischangeln gesehen: der kann es hier lernen aus Metaphern - die drei
Töchter halten lange Angelruten übers Wasser (Vater und Mutter plätschern die
Stockfische her) und haben an die Angelhaken gespiesset Staatsuniformen oder ihre
eigne Gesichter - Herzen - ganze Männer (als anködernde Nebenbuhler) - Herzen,
die schon einmal aus dem Magen eines andern gefangnen Kabeljaus herausgenommen
worden -: ich sage, daraus kann man ungefähr ersehen, womit man die andern
Kabeljaus in der See fängt, völlig wie die Stockfische zu Lande, nämlich auch
(jetzt lese man wieder zurück) mit roten Tuchlappen - mit Glasperlen - mit
Vogelherzen - mit eingesalzenen Heringen und blutenden Fischen - mit kleinen
Kabeljaus selber - mit Fischen, die man halb verdauet aus gefangnen Stockfischen
gezogen. - -
    Viktor dachte: »Meinetwegen sei Joachime nur lebhaft oder kokett, ich laufe
leicht über Mardereisen hinüber, die ich ja mit vor der Nase stellen sehe.«
Laufe nur, Viktor! das sichtbare Eisen soll dich eben in das bedeckte treiben.
Man kann an derselben Person die Koketterie gegen jeden bemerken, und doch ihre
gegen sich übersehen, wie die Schöne dem Schmeichler glaubt, den sie für den
ausgemachten Schmeichler aller andern hält. - Er bemerkte, dass Joachime das neue
Deckenstück diesen Abend öfters angeschauet hatte; und wusste nicht recht, warum
es ihr gefalle: endlich sah er, dass sie nur sich gefalle, und dass diese Erhebung
ihren Augen schöner lasse als das Niederblicken. Er wollt' es übermütig
untersuchen und sagte zu ihr: »Es ist schade, dass es nicht der Maler des
Vatikans gemacht hat, damit Sie es öfter ansähen.« - »O,« sagte sie
leichtsinnig, »ich würde niemals mit andern hinaufsehen - ich liebe das
Bewundern nicht.« Später sagte sie: »Die Männer verstellen sich, wenn sie
wollen, besser als wir; aber ich sage ihnen ebensowenig Wahrheiten, als ich von
ihnen höre.« Sie gestand geradezu, Koketterie sei das beste Mittel gegen Liebe;
und mit der Bemerkung, »seine Freimütigkeit gefall' ihr, aber die ihrige müss'
ihm auch gefallen«, endigte sie den Besuch und den Posttag.
 
                                22. Hundposttag
  Stückgiesserei der Liebe, z.B. gedruckte Handschuhe, Zank, Zwergflaschen und
Schnittwunden - ein Titel aus den Digesten der Liebe - Marie - Courtag - Giulias
                                  Sterbebrief
Der Leser wird sich ärgern über diesen Hundposttag; ich meines Orts habe mich
schon geärgert. Der Held verstrickt sich zusehends in das Zuggarn zwei
weiblicher Schleppen und sogar in die Bande der fürstlichen Freundschaft.... es
braucht nur noch, dass gar Klotilde zum Wirrwarr stösset - - Und so etwas muss ein
Berghauptmann, ein Eiländer den Leuten auf dem festen Lande hinterbringen!
    Chronologisch solls noch dazu gemacht werden: ich will diesen Hundposttag,
der vom November bis zum Dezember langt, in Wochen zerlegen. Dadurch wird die
Ordnung grösser. Denn ich kenne die Deutschen: sie wollen wie die Metaphysiker
alles von vorn an wissen, recht genau, in Grossoktav, ohne übertriebene Kürze und
mit einigen citatis. Sie versehen ein Epigramm mit einer Vorrede und ein
Liebemadrigal mit einem Sachregister - sie bestimmen den Zephyr nach einer
Windrose - und das Herz eines Mädchens nach dem Kegelschnitt- sie bezeichnen
alles mit Fraktur wie Kaufleute und beweisen alles wie Juristen - ihre
Gehirnhäute sind lebendige Rechenhäute, ihre Beine geheime Messstangen und
Schrittzähler - sie zerschneiden den Schleier der neun Musen und setzen auf die
Herzen dieser Mädchen Tasterzirkel und in ihre Köpfe Visierstäbe - die arme Klio
(die Muse der Geschichte) sieht gar aus wie der Konsistorialrat Büsching, der
langsam und krumm unter einer Landfracht von Messketten, von Terzienuhren und von
Harrisonschen Längenuhren und durchschossenen Schreibkalendern daherwandelt - so
dass ich besonders den armen Büsching beweine, sooft ich ihn nur schreiten sehe,
da den guten topographischen Last-und Kreuzträger ganz Deutschland (von dem ich
etwas anders erwartet hätte), jeder Amtmann, jeder dumme Schulteiss (bloss wir
Scheerauer sattelten ihn nicht) gleich einer Pfänderstatue von der Kniekehle bis
ans Nasenloch (der gute Mann ist kaum zu sehen, und mich wunderts nur, wie er
auf den Füssen verbleibt) umhangen, besteckt und eingebauet hat mit allen
verdammten Teufels-Wischen - mit Dorfinventarien - mit Intelligenzblättern - mit
Wappenwerken - mit Flurbüchern und perspektivischen Aufrissen von
Schweinställen.
    Sie haben sogar den Jean Paul - damit ich nur von mir selber ein Beispiel
des deutschen Foliierphlegma erzähle, wiewohl ich eben dadurch eines gebe -
angesteckt: ists nicht eine alte Sache, dass er das Blau der schönsten Augen, in
die je ein amoroso geblickt, vermittelst eines Saussureschen Cyanometers54
genauer nach Graden angegeben und die schönsten Tropfen, die aus ihnen während
der Messung fielen, richtig genug mit einem Taumesser ausvisiert hat? - Und hat
nicht sein Versuch, die weiblichen Seufzer mit dem Stegmannischen
Luftreinigkeitmesser einzufangen und zu prüfen, unter uns mehr als zuviel
Nachahmer gefunden? - -
                     Woche des 22. Post-Trinitatis oder vom
                          3. Nov. bis 11. (exclusive)
Diese Woche versass er fast ganz beim Minister: manche Menschen kommen, wenn sie
nur viermal in einem Hause waren, dann wie das tägliche Fieber täglich wieder,
anfangs wie die Lenzsonne jeden Tag früher, dann wie die Herbstsonne jeden Tag
später. Er sah wohl, dass er bei dieser Hof- und Ministerialpartie nichts
niederlegen könne, weder ein Geheimnis, noch Vermögen, noch ein Herz, weil sie
ehrlichen Gerichtstellen gleichen wurde, die - so wie die Mönche ihr Eigentum
ein Depositum nennen und sagen, nichts gehöre ihnen - umgekehrt jedes Depositum
zu einem Eigentum erheben und sagen, alles gehöre ihnen Aber er machte sich
nichts daraus: »Ich komme ja nur zum Spasse,« (dacht' er) »und mir ist nichts
anzuhaben.« - Der Minister, dem er bloss über der Tafel begegnete, hatte gegen
ihn alle die Höflichkeit, die mit einem persiflierenden Gesicht und mit einem
die Welt in Spionen und in Diebe einteilenden Stande zu verbinden ist; aber
Sebastian merkte doch, dass er ihn für einen Halbkenner in der Medizin und in den
ernstaften Wissenschaften - als wären nicht alle ernstaft - ansehe und für
einen Eingeweihten bloss im Witz und schönen Wissen. Jedoch war er zu stolz, ihm
eine andere als die leere Neumondseite zuzukehren, und verbarg alles, was ihn
bekehren konnte. Daher musste sich Viktor bei dem dümmsten Kanzleiverwandten,
ders gesehen hätte, dadurch um alle Achtung bringen, dass er, wenn der Minister
mit seinem Bruder, dem Regierpräsidenten, ein interessantes Gespräch über
Auflagen, Bündnisse, über die Kammer anspann, entweder nicht aufmerkte, oder
fortlief, oder die Weiber aufsuchte. - Auch liebte er am Fürsten nur den
Menschen; der Minister nur den Fürsten. Viktor konnte bei Jenner selber über die
Vorzüge der Republiken Reden halten, und dieser hätte oft im Entusiasmus (wenn
die Reichgerichte und sein Magen es verstattet hätten) gern Flachsenfingen zum
Freistaat erhoben und sich zum Präsidenten des Kongresses darin. Aber der
Minister hasste dies tödlich und klebte allen politischen Freidenkern - einem
Rousseau - allen Girondisten - - allen Feuilants - allen Republikanern - und
allen Philosophen den Namen Jakobiner auf, wie die Türken alle Fremde, Briten,
Deutsche, Franzosen etc., Franken nennen. Indes war dieses eine Ursache, warum
Viktor Matzen, der besser hierüber dachte, jetzo lieber gewann; und warum er von
dem Vater zu der Tochter floh.
    Bei Joachimen gelangen in dieser Woche seine Gnadenmittel: sie gab dem
feinen und wohlriechenden Narren-Dualis, wie wir der Tugend, nur das Akzessit,
und meinem Helden, wie wir der Neigung, die Preismedaille. Da er aber bloss eine
gewisse Empfindsamkeit am meisten in der Freundschaft und Liebe achtete: so
hätt' er, dacht' er, mit dieser Schäkerin durch den Mond reisen können, ohne für
sie (aber wohl über sie) zu seufzen - aber diese Lustigen, mein Bastian, haben
den Henker gesehen; denn wenn sie etwas anders werden, dann wird mans auch mit.
Sie sagte ihm, sie wolle gefallen wie ein luterisches Heiligengemälde, aber sie
wolle nicht angebetet sein wie ein katolisches. Sie nahm ihn am meisten durch
die ihrem Geschlecht eigne Gabe ein, zarte Wendungen zu verstehen - die Weiber
erraten so leicht, weil sie sich immer nur erraten lassen, und ergänzen und
verbergen jede Hälfte mit gleichem Glück -; aber zu ihren Reizen rechn' ich auch
den Zwang vor der Fürstin und den vor den Zuhörern mit den - Augen. Übrigens war
jetzo sein von Klotilden weggeworfenes Herz in der Lage der Kinder, die gewettet
haben, Schläge in ihre Hand ohne Tränen aufzunehmen, und welche noch
fortlächeln, wenn diese schon fliessen.
                    Woche des 23. Post-Trinitatis oder 46ste
                                des Jahrs 179*.
Jetzt ist er auch vormittags dort. Es ist bemerkenswert, dass er ihr am
Martinitag die gepuderte Stirn mit dem Pudermesser rasierte, und dass er um
einige Toiletten-Hofämter bei ihr anhielt: »Ich kann Ihr Schminkdosenträger
werden, wie der grosse Mogul Tabakpfeifen- und Betelträger hat- oder auch Ihr
Cravatier ordinaire - oder Ihr Sommier (d.h. Gebetpolsterträger) - ich würde,
wenn Sie nicht auf den Polster knieten, es selber tun vor Ihnen. - - Ich kannte
in Hannover einen schönen Engländer, der sich das linke Knie füttern und
polstern liess, weil er nicht wusste, wen er heute anzubeten bekomme und wie
lange.«
    Es ist ebenso wichtig, dass er sie am Jonastag ein Paar feine Handschuhe,
worauf ein sehr einfältiges Gesicht getuschet war, anzunehmen zwang - »es wäre
sein eignes,« (sagt' er) »sie sollte das Gesicht nur nachts im Bette auf oder an
der Hand haben, damit es aussähe, als küsst' er ihr durch die ganze Novembernacht
die Hand.« -
    Ich fahre in meinem pragmatischen Auszuge aus diesem Belagertagebuch fort
und finde am Leopoldstag aufgezeichnet, dass Joachime schon vormittags sagte, sie
würde ihrem Papagei, wenn sie ihm einen Sprachmeister hielte, nichts aus dem
ganzen Diktionär beibringen lassen als das Wort: perfide! »Jeder Liebhaber«,
sagte sie, »sollte sich ein Papchen halten, das ihm unaufhörlich zuriefe:
perfide!« - »Die Damen«, sagte mein Held, »sind allein schuld: sie wollen zu
lange, oft ganze Wochen, ganze Monden geliebt werden. Dergleichen ist über unsre
Kräfte. Haben nicht die Jesuiten sogar die Liebe zu Gott periodisch gemacht55?
Skotus schränkt sie auf den Sonntag ein - andre auf die Festtage - Coninch sagt:
es ist genug, wenn man ihn alle vier Jahre einmal liebt Henriquez setzt noch ein
Jahr dazu - Suarez sagt gar: wenns nur vor dem Tode ist - - Manchen Damen fielen
bisher die Zwischenzeiten anheim; aber die Tag-, die Jahr-, die Festzeiten, die
Verlobung-, die Begräbnistage bilden ebensoviel verschiedene Sekten unter den
Jesuiten der Liebe.« - Joachime machte den Anfang zu einer zürnenden Miene. Der
Hofmedikus hatte nichts lieber mit Schönen als Zank und setzte dazu: »C'est à
force de se faire hair qu'elles se font aimer - c'est aimer que de bouder - ah
que je Vous prie de Vous facher!56« - Seine Laune hatte ihn über das Ziel
getrieben - Joachime hatte recht genug, seine Bitte um ihren Zorn zu erfüllen -
er wollte den Zank fortsetzen, um ihn beizulegen da es aber doch Fälle gibt, wo
die Vergrösserung einer Beleidigung ebensowenig Vergebung verschafft als die
stufenweise Zurücknahme derselben: so tat er klug, dass er ging.
    Er wunderte sich, dass er den ganzen Tag an sie dachte: das Gefühl, ihr
unrecht getan zu haben, stellte ihr Gesicht in einer leidenden Miene vor seine
erweichte Seele, und alle ihre Züge waren auf einmal veredelt. Tacitus sagt: man
hasset den andern, wenn man ihn beleidigt hat; aber gute Menschen lieben den
andern oft bloss deswegen.
    Am Tage darauf, am Ottomars-Tage - Ottomar! grosser Name, der auf einmal den
langen Leichenzug einer grossen Vergangenheit im Finstern vor mir vorüberfährt -
sah er sie ernstaft, ihn weder suchend noch fliehend. Die zwei Narren blieben
in ihren Augen die zwei Narren und gewannen durch nichts etwas. Da er also gewiss
bemerkte, dass aus einem flüchtigen Grollen wahre Reue über ihre bisherige
Offenheit geworden war, von der einen zu freimütigen Gebrauch und eine zu
eigennützige Auslegung gemacht zu haben schien: so war es jetzo seine Pflicht,
das, was er bisher aus Scherz getan hatte, im Ernste zu tun, nämlich sie
aufzusuchen und auszusöhnen.
    Aber sie stand immer an der Fürstin, und es war nichts.
    Ich hab' es nicht selber gesagt, weil ich wusste, der Leser seh' es ohne
mich, dass der Held glaubt, Joachime halte ihn für den Bilderdiener ihrer Reize
und für den von ihr angezognen Mondmann: der Held nahm sich daher längst vor,
ihr diesen Irrtum zu lassen. Einen solchen Irrtum zu benehmen, dazu hat selten
ein Mann oder ein Weib Stärke genug - Viktor hatt' aber noch mehr Gründe, ihr
den Glauben an seine Liebe (d.h. auch sich den seinigen an ihre) zu gönnen:
erstlich, er wollte verstecken, warum er komme - zweitens, er wusste, in der
grossen Welt und unter den Joachimen wird ein Liebhaber nur wie der dritte Mann
zum Spiel gesucht, man stirbt da nicht von der Liebe, man lebt da nicht einmal
davon - drittens, er hob sich immer den Notanker auf, aus Spass Ernst zu machen:
»Wenn mir das Messer an der Kehle sitzt,« dacht' er, »so setz' ich mich hin und
gewinne sie von Herzen lieb, und damit gut« - viertens, eine Kokette macht einen
Koketten... Hier fing ich bekanntlich schon an, mich über den 22sten Posttag zu
ärgern, wiewohl ich so gut wie einer weiss, warum alle Menschen, sogar die
aufrichtigsten, sogar die Männer, sich zu kleinen Intrigen gegen Geliebte
neigen; nicht bloss nämlich, weils kleine und erwiderte sind, sondern weil man
mit seinen Intrigen mehr zu schenken als zu stehlen meint. Bloss die edelste
höchste Liebe ist ohne wahre Spitzbüberei.
                     Wochen des 24. und 25. Post-Trinitatis
Am Sonntage war Ball: »Ganz natürlich« (sagte er) »sieht sie mich nicht an; im
Ballkleide sind die Schönen unversöhnlicher als in der Morgenkleidung.« - Sie
sah ihn kaum, so kam sie ihm wie ein bewegter Himmel mit ihren
Brillanten-Fixsternen und ihren Perlen- Planeten entgegen und bat ihn in diesem
Glanze um Vergebung ihrer Laune; anfangs habe sie sich zornig gestellt, sagte
sie, dann sei sie es geworden, und am andern Tage habe sie erst gesehen, dass sie
unrecht gehabt, es zu scheinen, und recht, es zu sein. Diese Bitte um Vergebung
machte unsern Medikus demütiger, als es nötig war. Sie bat ihn scherzhaft, sie
um Vergebung zu bitten, und machte ihn mit ihrem Platzgolde von Jähzorn bekannt.
    Zwei Tage lang wurde der Westfälische Friede gehalten.
    Aber eine Zänkerei mit einem Mädchen macht, wie ein Narr, zehen; und zum
Unglück hat man die Zornige nur lieber (wenigstens mehr als die Gleichgültige),
so wie das Volk den metodistischen Predigern am meisten zuläuft, die es am
stärksten verdammen. Joachime wurde täglich zornfähiger - welches er grösserer
Liebe zuschrieb -, aber er auch. Sie konnten den ganzen Besuch im schönsten
Reichs- und Hausfrieden verbracht haben: beim Abschiede wurde alles auf den
Kriegsetat gesetzt, die Gesandten zurückberufen und die Beurlaubten, wenn mir
diese poetischen Ausdrücke erlaubt sind. Mit dem zornigen Bodensatz im Herzen
zog er dann ab und konnte kaum den Augenblick des Wiedersehens - d.h. seiner
oder ihrer Rechtfertigung - erwarten. So brachten sie ihre Stunden mit dem
Schreiben der Friedeinstrumente und der Manifeste zu. Die streitige Sache war so
sonderbar wie der Streit: es betraf ihre Foderungen der Freundschaft; jedes
bewies, das andre wäre der Schuldner und fodere zu viel. Was unsern Medikus am
meisten erboste, war, dass sie dem feinen und dem wohlriechenden Narren, ihr die
Hand zu küssen, erlaubte, ihm aber verbot, und zwar ohne alle Entscheidgründe.
»Wenn sie nur löge und mir sagte: darum, oder darum! so wär's doch was«, sagt'
er; aber sie tat ihm den Gefallen nicht. Für mein Geschlecht ist Abschlagen ohne
Gründe, sogar ohne erratene, ein Schwefelpfuhl, ein dreifacher Tod; auf Joachime
wirkten Gründe und Kabinettpredigten gleichviel.
                               Extrablatt darüber
Ich habe hundertmal, mit meinem juristischen onus probandi (Last zu beweisen)
auf dem Buckel, an die Weiber gedacht, die imstande sind, durch einige
Anstrengung sowohl ohne alle Gründe zu handeln als zu glauben. Denn am Ende muss
doch jeder (nach allen Philosophen) sich zu Handlungen und Meinungen bequemen,
denen Gründe fehlen; denn da jeder Grund sich auf einen neuen beruft, und dieser
sich wieder auf einen stützt, der uns zu einem schickt, welcher wieder seinen
haben muss: so müssen wir (wenn wir nicht ewig gehen und suchen wollen) endlich
zu einem gelangen, den wir ohne allen Grund annehmen. Nur fehlet der Gelehrte
darin, dass er gerade die wichtigsten Wahrheiten - die obersten Prinzipien der
Moral, der Metaphysik etc. - ohne Gründe glaubt und sie in der Angst - er will
sich dadurch helfen - notwendige Wahrheiten benennt. Die Frau hingegen macht
kleinere Wahrheiten - z.B. es muss morgen weggefahren, eingeladen, gewaschen
werden etc. - zu notwendigen Wahrheiten, die ohne die Assekuranz und
Reassekuranz der Gründe angenommen werden müssen - und dies ists eben, was ihr
einen solchen Schein von Gründlichkeit anstreicht. - - Ihnen wird es leicht,
sich vom Philosophen zu unterscheiden, der denkt, und dem die Wahrheitsonne so
waagrecht in die Augen flammt, dass er darüber weder Weg noch Gegend sieht. Der
Philosoph muss in den wichtigsten Handlungen, in den moralischen, sein eigner
Gesetzgeber und Gesetzhalter sein, ohne dass ihm sein Gewissen die Gründe dazu
sagt. Bei einer Frau ist jede Neigung ein kleines Gewissen und hasset
Heteronomien und sagt weiter keine Gründe, so gut wie das grosse Gewissen. Und
durch diese Gabe, mehr aus eigner Machtvollkommenheit als aus Gründen zu
handeln, passen eben die Weiber recht für die Männer, weil diese lieber ihnen
zehn Befehle als drei Gründe geben.
                         Ende des Extrablattes darüber
Was ebenso schlimm war, ist, dass Joachime ihm endlich, um nur seine Aktenstösse
von Beschwerden und Reichs-gravaminibus wegzubringen, die Finger liess, ohne nur
den geringsten Grund dazu zu sagen. Er konnte also keinen Titel seines
Besitzstandes aufweisen und hätte im Notfall niemand gehabt, der ihn darin
schützen können.
    Es ist aber eine gegründete Rechtsregel oder ein männliches Brokardikon: dass
alles bei den Weibern fester werde, wenn man darauf bauet, und dass uns eine
kleine gestohlne Gunst rechtmässig gehöre, sobald wir um eine grössere anhalten.
Die Rechtsregel gründet sich darauf, dass die Mädchen uns, wie den Juden im
Handel, allemal die Hälfte abbrechen und nur ein paar Finger geben, wenn wir die
Hand haben wollen. Hat man aber die Finger: so tritt ein neuer Titel aus den
Institutionen ein, der uns die Hand zuerkennt; die Hand gibt ein Recht auf den
Arm, und der Arm auf alles, was daran hängt, als accessorium. So müssen diese
Dinge betrieben werden, wenn Recht Recht bleiben soll. Es muss überhaupt von mir
oder von einem andern ehrlichen Mann ein kleines Lesebuch geschrieben werden,
worin man dem weiblichen Geschlecht die Modos (Arten), solches zu akquirieren
(zu erwerben), mit der juristischen Fackel vorträgt und aufhellt. Viele Modi
kommen sonst ab. 50 bin ich z.B. nach dem bürgerlichen Rechte rechtmässiger
Besitzer einer beweglichen Sache, wenn sie vor dreissig Jahren gestohlen worden
(im Grunde sollt' es eher sein, und es sollte mir nichts schaden, dass man später
zu stehlen angefangen) - ebenso fällt mir durch eine Verjährung von dreissig
Minuten (die Zeit ist relativ) alles von einer Schönen rechtmässig anheim, was
ich ihr Bewegliches (und an ihr ist alles beweglich) entwendet, und man kann
daher nicht früh genug zu stehlen anfangen, weil sonst vor dem Diebstahl die
Verjährung nicht anheben kann.
    Spezifikation ist ein guter Modus. Nur muss man wie ich ein Prokulejaner sein
und glauben, dass eine fremde Sache dem, der ihr eine andre Form erteilt,
zugehöre, z.B. mir die Hand, die ich durch den Druck in eine andre Form
gebracht.
    Der sel. Siegwart sagte: confusio (Vermischung der Tränen) ist mein Modus.
Aber commixtio (Vermischung trockner Sachen, z.B. der Finger, der Haare) ist
jetzt fast unser aller modus acquirendi.
    Ich wollt' einmal die ganze Sache nach der Lehre von den Servituten, wo eine
Frau tausend Dinge zu leiden hat, behandeln (wiewohl alle diese Servituten durch
die Konsolidation der Ehe gänzlich erlöschen); aber ich weiss die Lehre von den
Servituten selber nicht mehr recht und wollte lieber darin examinieren als
examiniert werden. - -
    Ich kehre zum Medikus zurück. Da er also wusste, dass eine geküsste Hand ein
Schenkbrief der Wangen ist - die Wangen aber die Opfertafeln der Lippen sind -
diese der Augen - die Augen des Halses -: so wollt' er genau nach seinem
Lehrbuch verfahren. Aber bei Joachimen, wie bei allen Gegenfüsslerinnen der
Koketten, bahnte keine Gunstbezeugung der andern den Weg, nicht einmal die grosse
der kleinen - aus einem Vorzimmer kam man ins andre - und was sagte mein Held
dazu? Nichts als: »Gottlob! dass eine besser ist, als sie schien, dass sie unter
dem Schein, unser Spielzeug zu sein, unsere Spielerin ist, und dass sie die
Koketterie zum Schleier der Tugend macht.«
    Er fühlte jetzt, sooft ihr Name erwähnt wurde, eine sanfte Wärme durch
seinen Busen wehen.
Vom Ende des Kirchenjahrs (1ten Dezember) bis zum Ende des bürgerlichen (31sten
                                   Dezember)
Flamin, dessen patriotische Flammen in der Sessionstube keine Luft antrafen und
ihn selber zuerst erstickten, wurde täglich scheuer und wilder. Es war ihm etwas
Neues, dass ganze Kollegien und Kommissionen das tun mussten, was einer hätte
machen können - dass die Glieder des Staats (wie es doch die Glieder des Körpers
auch sind) am kurzen Arme des Hebels bewegt werden, um mit grösserer Kraft
weniger zu tun, und dass besonders ein Kollegium dem Leibe gleiche, der nach
Borellus 2900mal mehr Kraft bei einem Sprunge anwendet, als die Last erfodert,
die er zu heben hat. Erhasste alle Grosse und kam zu keinem; der Hofjunker Matz
nicht einmal bekam seine Visiten. Mein Sebastian machte seine bei ihm seltener,
weil seine Musse und seine Lustbarkeiten Windstille gerade in Flamins
Arbeitstunden fielen. Diese Entfernung und das ewige Sitzen bei Schleunes -
welches Flamin aus Unbekanntschaft mit Joachimens Einfluss, auf alle Fälle
Klotildens ihrem zurechnen musste, zu deren künftigen Besuchen sich Viktor durch
seine jetzigen den Vorwand verschaffe - und selber die fürstliche Gunst gegen
diesen, die in Flamins Augen keine Folge seines Freiheitgeistes und seiner
Aufrichtigkeit sein konnte - alles dieses zog die verschlungenen
Freundschaftände beider, deren Leben sonst ein vierhändiges Tonstück gewesen,
immer weiter auseinander; die Fehler und den moralischen Staub, den sonst Viktor
von seinem Liebling wegwischen konnte, durfte er kaum wegzublasen wagen; sie
betrugen sich zärter und aufmerksamer gegeneinander. Aber mein Viktor, an dessen
Herz das Schicksal so viele saugende Vampyre legte, und der in eine Brust den
Schmerz der entbehrten Liebe und den Kummer der fallenden Freundschaft
einzuschliessen hatte, wurde durch alles - recht lustig. O es gibt eine gewisse
Lustigkeit der Verstockung und des Grams, die die erschöpfte Seele bezeichnet,
ein Lächeln, wie das an Menschen, die an Wunden des Zwerchfells sterben, oder
das an eingedorrten zurückgespannten Mumien-Lippen! Viktor warf sich in den
Strom der Lustbarkeiten, um unter demselben seine eigne Seufzer nicht zu hören.
Aber freilich oft, wenn er den ganzen Tag über niedergerissene Narrheiten
komisches Salz ausgesäet hatte, das ebensooft die Hand des Säemanns wund beisset,
und er den ganzen Tag sich an keinem Auge erquicken können, dem er in seinem
eine Träne hätte zeigen dürfen - wenn er so müde der Gegenwart, so gleichgültig
gegen die Zukunft, so wund von der Vergangenheit neben dem letzten Narren, neben
dem Apoteker, vorbei war, und wenn er in seinem Erker in die voll Welten
hängende Nacht und in den stillenden Mond und an die Morgenwolken über St. Lüne
blickte: dann ging allezeit das geschwollne Herz und der geschwollne Augapfel
entzwei, und die von der Nacht verdeckten Tränen strömten von seinem Erker auf
die harten Steine hernieder: »O nur eine Seele,« rief sein Innerstes mit allen
Tönen der Wehmut, »nur eine gib, du ewige liebende schaffende Natur, diesem
armen verschmachtenden Herzen, das so hart scheint und so weich ist, so fröhlich
scheint und so trübe ist, so kalt scheint und so warm ist.«
    Dann war es gut, dass an einem ähnlichen solchen Abend kein Kammerherr, kein
Weltmensch im Erker stand, wenn gerade die arme Marie - auf welche das vorige
Leben wie eine erdrückende Lawine herübergestürzt ist - seine Frühstück-Befehle
begehrte; denn er stand, ohne einen Tropfen abzuwischen, freundlich auf und ging
ihr entgegen und fasste ihre weiche, aber rotgearbeitete Hand, die sie aus Furcht
nicht wegzog - wiewohl sie aus Furcht ihr gegen die Hoffnung versteinertes
Gesicht abdrehte-, und sagte dann, indem er sanft ihre Augenbraunen waagrecht
strich, mit seiner aus dem gerührtesten Herzen steigenden Stimme: »Du arme
Marie, sag mir was - du hast wohl wenig Freude - in deine guten Augen kommt wohl
wenig mehr, was sie gerne sehen, wenns nicht deine Tränen sind - du Liebe, warum
hast du keinen Mut zu mir, warum sagst du deinen Gram nicht mir? Du gutes
gemartertes Herz - ich will für dich sprechen, für dich handeln sag mir, was
dich drückt, und wenn es dir einmal an einem Abend zu schwer wird und du drunten
nicht weinen darfst, so komm herauf zu mir.. schau mich jetzo frei an.. wahrlich
ich vergiesse Tränen mit dir, und ich will mich den Henker um alles scheren.« -
Ob sie es gleich für unhöflich hielt, vor einem so vornehmen Herrn zu weinen: so
war ihrs doch unmöglich, durch die gewaltsame Abbeugung des Gesichts alle
Tränen, die seine Zunge voll Liebe in Bächen aus ihr presste, zu entfernen....
Verübelt es seiner überwallenden Seele nicht, dass er dann seinen heissen Mund an
ihre kalten verachteten und ohne Widerstand bebenden Lippen drückte und zu ihr
sagte: »O! warum sind wir Menschen so unglücklich, wenn wir zu weich sind?« - In
seinem Zimmer schien sie alles für Spott zu nehmen - aber die ganze Nacht
hindurch hörte sie das Echo des menschenfreundlichen Menschen - sogar als Spott
hätt' ihr so viel Liebe wohlgetan - dann kristallisierten sich ihre vergangnen
Blumen noch einmal im Fenster-Eis ihres jetzigen Winters- dann war ihr, als
würde sie heute erst unglücklich. - Am Morgen schwieg sie gegen alle und war
bloss diensteifriger gegen Sebastian, aber nicht mutiger; nur zuweilen fiel sie
drunten dem Provisor, wenn er ihn lobte, mit den Worten, aber ohne weitere
Erklärung, bei: »Man sollte sein eignes Herz in kleine Stückchen zerschneiden
und hingeben für den engländischen Herrn.«
    Arme Marie, sagt mein eignes Inneres dem Doktor nach; und setzet noch dazu:
vielleicht liest mich jetzt gerade eine ebenso Unglückliche, ein ebenso
Unglücklicher. Und mir ist, als müsst' ich ihnen, da ich die Trauerglocken ihrer
vergangnen trüben Stunden angezogen, auch ein Wort des Trostes schreiben. Ich
weiss aber für den, der immer über neue gaffende Eisspalten des Lebens schreiten
muss, kein Mittel als meines: wirf sogleich, wenns arg wird, alle mögliche
Hoffnungen zum Henker und ziehe dich verzichtend in dein Ich zurück und frage:
wie nun, wenns Schlimmste auch gar käme, was wär's denn? Söhne deine Phantasie
nie mit dem nächsten Unglück aus, sondern mit dem grössten. Nichts löset mehr den
Mut auf als die warmen, mit kalter Angst abwechselnden Hoffnungen. Ist dieses
Mittel dir zu heroisch: so suche für deine Tränen ein Auge, das sie nachahmt,
und eine Stimme, die dich fraget, warum du so bist. Und denke nach: der
Widerhall des zweiten Lebens, die Stimme unserer bescheidnen, schönern, frömmern
Seele wird nur in einem vom Kummer verdunkelten Busen laut, wie die Nachtigallen
schlagen, wenn man ihren Käfig überhüllt.
    Oft betrübte sich Sebastian darüber, dass er hier so wenig seine edlern
Kräfte für die Menschheit anspannen können, dass seine Träume, durch den Fürsten
Übel zu verhüten, Gutes auszurichten, Fieberträume blieben, weil z.B. sogar die
besten Männer am Ruder des Staats Ämter durchaus nur nach Verhältnissen und
Empfehlungen besetzten und fremde und eigne Ämter nie für Pflichten, sondern für
Bergwerkkuxen hielten. Er betrübte sich über seine Unnützlichkeit; aber er
tröstete sich mit ihrer Notwendigkeit: »In einem Jahr, wenn mein Vater kömmt,
sag' ich mich los und richte mich zu etwas Besserem auf«, und sein Gewissen
setzte dazu, dass seine persönliche Unnützlichkeit der Tugend seines Vaters
diene, und dass es besser sei, in einem Rade, bei der Tüchtigkeit zu einem
Perpendikel, ein Zahn zu sein, ohne welchen das Gehwerk stocken würde, als der
Perpendikel eines ungezähnten Rades zu werden.
    In solchen Lagen fragte er sich immer von neuem: »Ist vielleicht Joachime,
wie du, besser, weicher, weniger kokett, als sie scheint? und warum willst du
sie nach einem äussern Schein verdammen, der ja auch der deinige ist?« Ihr
Betragen bestätigte selten diese guten Vermutungen, ja es widerlegte sie oft
gar; gleichwohl fuhr er fort, sich neuen Widerlegungen auszusetzen und
Bestätigungen zu begehren. Das Bedürfnis zu lieben zwingt zu grössern Torheiten
als die Liebe selber; Viktor liess sich jede Woche eine Vollkommenheit mehr vom
weiblichen Ideal abdingen, für das er wie für den unbekannten Gott schon seit
Jahren die Altäre in seinem Kopfe fertig hatte. Unter diesem Abdingen wäre der
ganze Dezember verflossen, wäre nicht der erste Weihnachttag gewesen.
    An diesem, wo er hinter jedem Fenster lachende Gesichter und
Hesperiden-Gärten sah, wollt' er auch fröhlich sein und flog unter den
Kirchenmusiken in Joachimens Toiletenzimmer, um da sich selber eine
Weihnachtfreude zu machen. Er beschere ihr, sagte er, einen Flaschenkeller aus
Likören, ein ganzes Lager von Rataffia, weil er wisse, wie Damen tränken. Als er
endlich seinen Lagerbaum voll Flaschen aus der - Tasche zog: wars eine elende
kleine Schachtel voll Baumwolle, in der nette Fläschchen wohlriechender Wasser,
fast von der Länge der Zaunkönig-Eier, eingebettet standen. Das Niedliche
freuet, wie das Prächtige, Mädchen allezeit. Joachimen hielt er eine lange Rede
über die Mässigkeit ihres Geschlechts, das so wenig esse wie Kolibri, und so
wenig trinke wie Adler - mit einigen Schaugerichten und mit einem Flakon woll'
er 5000 Mann weiblichen Geschlechts speisen, und es sollte noch übrig bleiben -
die Ärzte bemerkten, dass die, die den Hunger am längsten ertragen hätten, Weiber
gewesen wären - sogar in mittlern Ständen bestände die ganze Bienenflora, wovon
diese Holden lebten, in einem Farbenbande, das sie als Schärpe oder Schleife
umlegten, statt eines nährenden Umschlags und Suppentäfelchens, und woran sie
noch höchstens einen Liebhaber anmachten. Joachime zog unter der Lobrede eine
Flasche heraus, weil sie sie für wächsern hielt. Viktor, um sie zu widerlegen -
oder auch sonst weswegen -, drückte ihr sie stark in die Hand und zerdrückte sie
glücklich. Ein Berghauptmann von meiner Denkart nähme das Zerbrechen einer
Flasche, die man auf keine Eymannschen Gurken decken kann, schwerlich in seine
Hundposttage auf - weil er gern Dinge von Gewicht aufträgt -, wenn nicht die
Flasche selber dadurch eines bekäme, dass sie die weichste Hand, auf der noch der
härteste Juwel Schimmer auswarf, blutig schnitt. Der Doktor erschrak - die
Blutende lächelte - er küsste die Wunde, und diese drei Tropfen fielen, gleich
Jasons Blut, oder gleich einem von einem Alchimisten rektifizierten Blute, als
drei Funken in sein entzündbares, und die Blutkohle der Liebe bekam drei
anglimmende Punkte - ja es hätte wenig gefehlt, so hätt' er ihr gehorcht, da sie
ihm scherzend befahl (um ihm eine grössere Verlegenheit zu ersparen, als er
hatte), die Pariser veraltete Mode, an Damen mit rosenfarbner Dinte zu
schreiben, wieder aufzuwecken und hier auf der Stelle drei Zeilen mit ihrem Blut
an sie abzufertigen. Soviel ist wenigstens gewiss, dass er zu ihr sagte: er
wollte, er wäre der Teufel. Bekanntlich wird dem letzten das guarentigiatische
Instrument oder vielmehr der Partagetraktat über die Seele mit dem Blute des
Eigners als Faust- und Fraispfand zugefertigt.
    - Blut ist der Same der Kirche, sagt die katolische; und hier ist gar vom
Tempel für eine Schöne die Rede.
    dabei wars - und bliebs -, als Cour bei der Fürstin auf heute angesagt
wurde. Das war ihm erstlich fatal, weil der heutige Abend versalzen war - und
zweitens lieb, weil Joachime heute den Hut wegtun musste, den er und sie so
liebten. Da, wie gewöhnlich, den Damen von der Fürstin die Roben und Frisuren
vorgeschrieben wurden, worin sie den Courtag, d.h. den Brandsonntag ihrer
Freiheit, bei ihr begehen mussten: so konnte sie heute ihren Florhut nicht
aufbehalten, den sie so liebte und Viktor auch, aber an ihr nicht; denn es war
gerade der, welchen Klotilde getragen, als sie unter dem Konzerte ihre nasse
Augen mit dem schwarzen Spitzenflor verhüllte, der nachher immer über seine
beraubte Augen herüberhing.
    Ich will den Courtag beschreiben.
    Die hauptsächliche Absicht, warum der Hof um sechs Uhr abends vorgefahren
kam, war die, um zehn Uhr recht ärgerlich wieder heimzufahren. Ich kanns aber
zehnmal weitläuftiger vortragen:
    Um sechs Uhr fuhr Viktor mit der übrigen befehligten Brüder- und
Schwestergemeine ins Paulinum. Er beneidete oder segnete vielmehr den
Zeugmacher, den Stiefelwichser, den Holzhacker, der abends seinen Krug Bier,
seine Andacht, seine Stollen und seine trompetenden Kinder hatte; desgleichen
ihre Weiber, die heute schon den Morgen anbissen, nämlich die marmorierte
gesprenkelte Kleiderrinde für den zweiten Feiertag. Im bunten Dunst- und
Tierkreis stand die Fürstin als Sonne, ebenso unglücklich wie ihre
Unglücklichen; nur der Traum (dacht' er) kann einen König glücklich machen, oder
einen Armen unglücklich. Als er sah, wie sie alle nach einem sparsamen
Froschregen von Worten und nach Erfrischungen, d.h. Erhitzungen und Ermattungen,
ein Postzug um den andern nach dem Hof- und Adresskalender an die Spieltische
eingeschirret wurden - an jedes Brett kam das nämliche Bunterie-Gespann alter
Gesichter -, so wunderte er sich zu allererst über die allgemeine Geduld; an
einem Schwarzen der Hof-Goldküste sind sicher, schwur er, wenn man nur bedenkt,
was er anzuhören und auszustehen hat, die Ohren und die Haut, wie an gebratnen
Milchferkeln, die besten Stücke. Hier muss der Löwe dem Tiere die Haut zum Domino
abbetteln, das ihm sonst seine abgeborgt. Hier unter diesen von kleinen Seelen
gebückten Gestalten (wie auch Blätter sich krümmen, wenn Blattläuse daran
wohnen) kann kein grosser, kein kühner Gedanke getragen werden, sie können wie
Getreide, das sich lagert, nur taube Körner geben.
    Vor der Tafel fuhr der Teil oder Bogen des um die italienische Sonne
laufenden Hofs, der nicht dazu eingeladen war, nach Hause, missvergnügt über die
Langeweile des Spieles, und noch missvergnügter, dass gerade gewisse Personen der
Langeweile der Tafel gewürdigt waren.
    Joachime, an welcher die zurückhaltende Agnola wenig Vergnügen fand, ging
mit ab, aber der Doktor nicht und ihr Bruder Matz gleichfalls nicht, der die
Ehre hatte, hinter der Fürstin Stuhl in der Marschsäule, die sie, ihr
Kammerherr, ein Page und ein Hoflakai machten, gerade den Mittelpunkt zu bilden;
er stand bekanntlich sogleich hinter dem Kammerherrn und war der einzige, der
aussah wie ein leserliches Pasquill auf alles zusammen. Über die Tafel, worüber
wenig gesprochen wurde, höchstens sehr leise von zwei Nachbarn, soll auch hier
nichts gesprochen werden.
    Nach dem Essen kam der Fürst und störte das steife Zeremoniell, das er aus
Bequemlichkeit hasste, so wie es Viktor aus Philosophie verachtete: »Wahrlich,
ein Erzengel,« - sagte Viktor oft - »der die menschliche, in allen Kleinigkeiten
beobachtete Tugend und Weisheit bemerkte an Sessiontischen, an Altären, in
Besuchzimmern, müsste seinen Himmel und seine Flügel verwetten, dass wir einen
Heller oder doch etwas taugten - in grössern Dingen; wir wissen aber sämtlich, wo
es hinkt; und eben dieser Ekel an der steifen altklugen dezenten Mikrologie und
Maschinerie der Menschen ist die Laune des Satirikers. Die moralische
Verschlimmerung entspinnt sich zwar aus Geringfügigkeiten, aber nicht die
Besserung; Satanas kriecht durch Jalousieläden und Sphinkter in uns, der gute
Engel zieht durch das Haupttor ein.« - Agnola belohnte heute unsern Helden für
seine bisherige, es so treumeinende Beflissenheit mit einer wärmern
Aufmerksamkeit, die in seinen Augen durch ihren Schmuck - sie trug den der
vorigen Fürstin, ihren eignen und den vorigen mütterlichen - und durch ihren
ganzen Prachtanzug noch schöner wurde; denn er liebte Putz an Weibern und hasste
ihn an Männern. Seine Achtung nahm durch den Schmerz, dass sie Jenners
eigennützige Absichten bei seinen Besuchen (wegen der künftigen Klotilde) mit
schönern vermenge, und dass man es ihr doch nicht sagen könne, eine gerührte
Wärme an. Wie kams, dass ihn dann Agnola an Joachime erinnerte; dass diese der
Ableiter der Achtung für jene wurde; und dass alle liebende Gefühle, die ihm die
Fürstin gab, zu Wünschen gerieten, Joachime möchte sie verdienen und empfangen?
    Mit dieser Seele voll Sehnsucht fuhr er heute ohne Umstände zu dieser
Joachime zurück, in deren Hand er bekanntlich eine kleine Wunde gelassen. Er
sagte bei ihr: »er müsse als Mörder und Medikus noch heute nach der Wunde
sehen«; aber wie Sonnenschein fiel ein schöner neuer Kummer auf Joachimens
Angesicht wärmend in seine Seele. Er konnt' es kaum erwarten, mit ihr auf den
Balkon hinauszukommen, um darüber zu reden. Draussen machte er in wenig Minuten
die Schnittwunde und die Dezemberkälte zum Vorwand, die Hand und den Schnitt in
seine zu nehmen, um sie zu wärmen: »Wunden schadet Kälte«, sagte er; aber der
feine Narr hätte hier das Seinige dabei gedacht. Der leere Abend, die
Erinnerungen an die Weihnacht-Kinderfreuden, der herunterblickende
Sternenhimmel, der alle dunkeln Wünsche des Menschen wie Blumen in der Nacht
magisch beleuchtet, und die Stille überfüllten und beklemmten seine verlassene
Seele, und er drückte die einzige Hand, die ihm jetzt das Menschengeschlecht
reichte. Er fragte sie geradezu über ihren Kummer. Joachime antwortete sanfter
als sonst: »Ich wollte Sie dasselbe fragen; aber bei mir ists natürlich.« Denn
sie habe, erzählte sie, bei ihrer Zurückkehr das Gepäcke Klotildens und die
Nachricht der Ankunft und - was eben der Punkt ist - die Kleider ihrer Schwester
Giulia, denen Klotilde bisher eine Stelle unter ihren gegeben, angetroffen.
Diese Giulia war bekanntlich an Klotildens Herzen verschieden, einen Tag vorher,
eh' diese aus Maiental nach St. Lüne zog.
    Ein Chaos durchschoss sein Herz; aber aus dem Chaos setzte sich bloss die
umgesunkne Giulia zusammen - - denn Klotilde wich täglich in ein dunkleres
Heiligtum seiner Seele zurück -; ihr blasses Luna-Bild liebkosete mit Strahlen
einer andern Welt seinen wunden Nerven, und er liess sich willig glauben,
Joachime habe ihre Gestalt. In seiner dichterischen, den Weibern so selten
verständlichen Erhebung warf die Erblasste den Heiligenschein, den ihr Klotilde
zustrahlte, wieder auf ihre Schwester zurück. Joachime hatte heute wieder den
Brief gelesen, den Giulia an sie in der Todesstunde durch Klotilde schreiben
lassen, und trug ihn noch bei sich. Wahrscheinlich hatte ein Herz voll
vergeblicher Liebe die schöne Schwärmerin unter die Erde gezogen. Viktor bat sie
mit schimmernden Augen um den Brief; er schlug ihn auf im Mondlicht, und als er
die geliebten Züge seiner verlornen Klotilde erblickte, weinte sein ganzes Herz.
                                »Gute Schwester!
Leb auf immer wohl! Lass mich das zuerst sagen, weil ich nicht weiss, welche
Minute mir den Mund verschliesst. Die Gewitter meines Lebens ziehen heim. Es wird
schon kühl um meine Seele. Ich sage diesen Abschied und meinen herzlichsten
Wunsch für dein Wohlergehen meiner Freundin Klotilde in die Feder. Gib den
Einschluss meinen lieben Eltern und füge deine Bitte an meine, mich in meinem
schönen Maiental zu lassen, wenn ich vorüber bin. Ich sehe jetzt durch das
Fenster die Rosenstaude, die neben dem Gärtchen des Küsters auf dem Kirchhofe
stehet - dort wird mir eine Stelle gegeben, die wie eine Narbe bezeuget, dass ich
dagewesen, und ein schwarzes Kreuz mit den sechs weissen Buchstaben Giulia - mehr
nicht. Liebe Schwester, lass es ja nicht zu, dass sie meinen Staub in ein
Erbbegräbnis sperren - O nein, er soll aus Maientals Rosen flattern, die ich
bisher so gern begossen dieses Herz, wenn es sich zerlegt hat in den Blütenstaub
eines neuen ewigen Herzens, spiele und schwebe im Strahle des Mondes, der mir es
in meinem Leben so oft schwer und weich gemacht. Fährest du einmal, liebe
Schwester, bei Maiental vorüber: so blickt bis zur Strasse das Kreuz durch die
Rosen hindurch, und wenn es dich nicht zu traurig macht, so schaue hinüber zu
mir.
    Mir war jetzt einige Minuten, als holte ich in Äter Atem in kleinen dünnen
Zügen - Es wird bald aus sein. Sag aber meinen Gespielinnen, wenn sie nach mir
fragen, ich bin gern gegangen, ob ich wohl jung war. Recht gern. Unser Lehrer
sagt, die Sterbenden sind fliegendes Gewölk, die Lebenden sind stehendes, unter
welchem jenes hinzieht, aber abends ist ja beides dahin. Ach ich dachte, ich
würde mich noch recht lange, von einem Trauerjahr zum andern, nach dem Sterben
sehnen müssen, ach ich besorgte, diese erblassten Wangen, diese hineingeweinten
Augen würden den Tod nicht erbitten, er würde mich veralten lassen und mir das
verblühte Herz erst abnehmen, wenn es sich müde geschlagen - aber siehe, er
kömmt eher - In wenig Tagen, vielleicht in wenig Stunden wird ein Engel vor mich
treten und lächeln, und ich werd' es sehen, dass es der Tod ist, und auch lächeln
und recht freudig sagen: Nimm immer mein schlagendes Herz in deine Hand, du
Abgesandter der Ewigkeit, und sorge für meine Seele.
    Bist du aber nicht jung, (wird der Engel sagen) hast du nicht erst diese
Erde betreten? Soll ich dich schon zurückführen, eh' sie ihren Frühling hat?
    Aber ich werde antworten: Schau diese untergegangnen Wangen an und diese
ermüdeten Augen und drücke sie nur zu - o lege den Leichenstein57 an meine
Brust, damit er alle Wunden aussauge und nicht eher abfalle, als bis sie
ausgeheilet sind - Ach ich habe wohl nichts Gutes in der Welt getan, aber auch
nichts Böses.
    Dann sagt der Engel: Wenn ich dich berühre, so erstarrest du - der Frühling
und die Menschen und die ganze Erde verschwinden, und ich allein stehe neben dir
- Ist denn deine junge Seele schon so müde und so wund? Welche Leiden sind denn
schon in deiner Brust?
    Berühre mich nur, guter Engel! Jetzt sagt er: Wenn ich dich berühre, so
zerstäubst du, und alle deine Geliebten sehen nichts mehr von dir -
    O berühre mich! ...«
                                       *
Der Tod berührte das blutige Herz, und ein Mensch war vorüber...
    Während Viktor das Trauerblatt las, hatte die Schwester der Toten einige
Male, weil sie sich das dachte, was er las, die Augen abgetrocknet, und als er
sie ansah, schimmerten darin die Samenperlen einer weichen Seele. Aber er
wünschte sich jetzo die Unsichtbarkeit seines Gesichts oder den Erker seines
Zimmers, um allen Seufzern und Gefühlen ungesehen nachzuhängen. Wär' er in einem
bürgerlichen Hause gewesen: so hätte er unverspottet jetzt zu den ausgepackten
Kleidern und in die künftigen Zimmer Klotildens gehen können - und er hätte
gleichsam die grünen Fluren von Maiental wieder erblickt, wenn er die
romantischen Gewänder, worin Giulia sie durchstreifet hatte, unter den letzten
Küssen der Schwester hätte verschliessen sehen - - Aber in einem solchen Hause
wars eine Unmöglichkeit.
    Er verzieh jetzt, da er seltener den Genuss der fremden Empfindsamkeit hatte,
sogar das Übertreiben derselben leicht. Dass sie den Körper zerrütte, war ihm der
elendeste Einwand, weil ihn ja alles Edlere, jede Anstrengung, alles Denken
aufreibe; der Körper und das Leben wären ja nur Mittel, aber kein Zweck.
»Giulias Herz in Giulias Körper«, sagte er, »ist ein reiner Tautropfe in einem
weichen Blumenkelch, den alles zerdrückt, verschüttet, aussaugt, und der noch
vor der Mittagsonne entflohen ist; solche für eine Welt voll Sturm zu biegsame
Seelen, die zu viel Nerven und zu wenig Muskeln haben, verdienen ihrer
Empfindsamkeit wegen das einfressende Salz der Satire nicht, das sie wie
Schnecken zernagt - die Erde und wir können ihnen wenig Freuden geben, warum
wollen wir ihnen die andern nehmen?«
    Aber die Trauerzüge, die jetzt das Mitleid durch Joachimens Lächeln zog,
drückten sich deutlich in Viktors Herzen ab, und das, was sie hier verbergen
wollte, machte sie reizender als alles, was sie je zu zeigen gesucht.
    Nichts ist gefährlicher - wie er vor einigen Wochen getan -, als sich
verliebt zu stellen: man wirds sogleich darauf. So war der Weichling Baron
einige Tage, wenn er einen Helden von Corneille gespielet hatte, selber einer.
So starb Moliere am eingebildeten Kranken und Karl V. am Probe-Begräbnis. So
machte die papierne Krone, die Cromwell in einem Schuldrama aufbekommen hatte,
ihn auf eine härtere begierig. - Die zweite Lehre, die daraus zu lernen ist
(diese setzt aber freilich voraus, Joachime war eine Kokette), ist die: dass ein
Held die Koketterie wahrnehmen und doch hineintappen könne; ein Poet sitzt wie
die Nachtigall (der er an Gefieder, Kehle und Einfalt ähnelt) oben auf dem Baume
und sieht die Falle stellen und hüpft hinunter und - hinein.
    Nach einigen Tagen - als in Viktor die Frage über Joachimens Wert und über
seine Liebe wie eine Woge auf- und ablief; als er schlecht mit Flamin, gut mit
der Fürstin und besser mit dem Fürsten stand, der jeden Tag nachfragte, wenn
Klotilde käme - kam sie.
 
                                23. Hundposttag
      Erster Besuch bei Klotilde - die Blässe - die Röte - die Renn-Wochen
»Ja, das gesteh' ich,« - sagte Viktor, der am andern Tage nach Klotildens
Ankunft in seiner Stube umherlief - »in ein Gewitter oder in ein stürmendes Meer
säh' ich herzhafter als in das kleine Gesicht, in einen heitern Himmel von drei
Nasenlängen.« Aber er half sich dadurch, dass er einen abgerissenene
Fortissimo-Akkord auf dem Klavier anschlug: dann konnte er zu Klotilden. Bloss
unterwegs sagte er: »Nirgends wird so viel gezankt als in einem Menschen-
Welcher Teufelslärm in diesem fünfschuhigen Disputatorium über den geringsten
Bettel, bis nur aus einer Bill eine Akte wird! - Ein tragbarer Nationalkonvent
in nuce ist man, ich kann keinen Schritt tun, ohne dass erst die rechte und linke
Seite darüber haranguieren, und die enragés und die noirs, und der Herzog von
Orleans und Marat. Das Abscheulichste ist im innerlichen Regensburger Reichstage
des Menschen, dass die Tugend darin mit zehn Sitzen und einer Stimme sitzt, der
Teufel aber mit einem Steisse und sieben Stimmen.« -
    Durch diese lustigen Selbergespräche wollt' er sich vom Anblick seiner
verworrenen, verstockten, kalt- , immer Joachimen zu Klotilden hinaufhebenden
Seele entfernen. Er wurde endlich bloss durch den tugendhaften Entschluss wieder
rein ausgestimmt, jetzt die Liebe zu Joachimen nicht zu verstecken - »sich ihrer
nicht zu schämen«, hätt' er bald gedacht. »Wenn ich mich gegen Joachime wärmer,
und gegen die andre kälter stelle, als ich etwa bin: so müsste der Teufel sein
Spiel haben, wenn ichs nicht endlich würde.«
    Der hatt' es aber eben, und zwar ein wahres L'hombrespiel zu vier Personen58
mit dem mort: dieser Croupier hatte die einzige Volte geschlagen, dass er das
Gesicht Klotildens mit einer ganz andern Farbe ausspielte, als er in Le Bauts
Schloss getan. Viktor fand sie in Schleunes seinem unendlich schöner wieder,
als er sie verlassen hatte - blässer nämlich. Da sie keine Nervenpatientin war,
keine Kälte mied, sogar in Dezemberabenden allein auf dem Dorfe spazieren ging:
so waren sonst ihre Wangen mehr dunkle Rosenknospen als aufgegangene
abgebleichte Rosenblätter. Aber jetzo war die Sonne ein Mond geworden - sie
hatte in irgendeinem Kummer, wie der Saphir im Feuer, nichts verloren als die
Farbe, statt des Blutes schien die stillere, zärtere Seele selber näher durch
den weissen Florvorhang zu blicken. Alles Blut, das aus ihren Wangen
zurückgewichen war, floss in seine über und stieg ihm wie ein Zaubertrank in den
Kopf; indes suchte er sich in diesen den Gedanken zu setzen: »Wahrscheinlich
machte sie mehr der Zank mit ihren Eltern, weniger der Kummer, hieher getrieben
zu werden, krank!« -
    Wenn man sich einmal vorgesetzt hat, sich kalt zu stellen: so wird man es
noch mehr, wenn man Ursachen findet, es nicht zu werden. Viktor wurde noch
kälter durch Klotildens Eltern, die mitgekommen, und von deren Fehlern ihm auf
einmal der Deckmantel weggezogen zu sein schien; an Personen, die man einer
dritten wegen zu hoch geachtet, nimmt man, wenn uns die dritte nicht mehr
zwingt, durch eine grössere Heruntersetzung derselben Rache. Auch sagte er zu
sich: »Da sie ihren Bruder Flamin jetzo selten sieht: so wär's einfältig, sie
einer verlegnen Minute durch die Erzählung blosszustellen, dass ich die
Verwandtschaft weiss.« - Armer Viktor! - Gleichwohl wars ihm unmöglich, sein Herz
nur mit so viel elektrischer Wärme vollzuladen - er rieb es mit Katzenfellen, er
schlug es mit Fuchsschwänzen -, als dasein musste, dass sein Puls wenigstens voll
für Joachimen gegangen wäre, geschweige fieberhaft; aber eben dieses bestimmte
ihn, sich gerade so zu betragen, als wären Herz und Pulse voller: »Es wäre
unedel,« (dacht' er) »wenn es die gute Joachime entgelten müsste, dass ich einmal
andere Hoffnungen und Wünsche gehabt als die neuesten.« Diese Aufopferung
erwärmte ihn mit eigner Achtung; diese Achtung gab ihm den männlichen Stolz, der
mit seiner Liebe und seiner Wahl allen vier Weltteilen trotzt; dieser Stolz gab
ihm wieder Freiheit und Freude - und jetzo war er imstande, mit Klotilden zu
reden wie ein vernünftiger Mensch.
    Diese ganze innere Geschichte nahm freilich einen zwölfmal grössern Zeitraum
ein als Muhameds Reise durch alle Himmelfast eine gute Stunde. Ein Zufall aber
warf sich zwischen alle seine Ideen. Da nämlich die Ministerin eine wahre
Gelehrte war - sie wusste, dass ein paar Quarzdrusen und einige Präparate und ein
ertränkter Fötus noch keinen Gelehrten machen, sondern erst ein Lehrsaal voll
Naturalien und ein Lesekabinett -, und da der Kammerherr Le Baut ein Gelehrter
war - denn sein Kabinett war ebenso gross -: so wurde dem Kammerherrn die
Sammlung gezeigt, die er selber bereichern helfen. Man sollte denken, sie hätten
einander ausgelacht und für Narren gehalten; aber sie hielten sich wirklich für
Gelehrte; denn den Grossen wachsen die Früchte vom Baume des Erkenntnisses so ins
Fenster und ins Maul - sie haben so viele Leichtigkeit, Kenntnisse zu erlangen
(daher die zweite, sie zu zeigen) - sie suchen im Brunnen der Wahrheit so selten
etwas anders als ihr eignes, mit Wasserfarben gemachtes Kniestück, und in die
Tiefe dieses Brunnens zu waten, wäre für sie eine solche Erkältung - und doch
gehen sie auf der andern Seite mit so vielerlei Personen von Kenntnissen aus
allen Fächern um - - dass sie von allem etwas über der Tafel erfahren und durch
die Ohren, durch Mundüberlieferung, wie die Schüler der Alten, Vielwisser
werden. Wenn sie nachher gar das, was ihnen ungehört geblieben, vollends zu
entbehren wissen, was ist dann zwischen ihnen und den ärmsten Gelehrten für ein
Unterschied als der in dem Bewusstsein?
    Im Naturalien- und Bücherkabinett lag noch die ganze Neujahr-Ladung von
summenden Käfern mit goldnen Flügeldecken ohne Flügel - ich meine die
vergoldeten Musenalmanache. Mattieu, dieser Nachahmer der tierischen
Nachtigallen, war der Erbfeind der menschlichen, nämlich der Dichter. Er sagte -
was in eine Rezension besser gepasset hätte -: »er sei ein grosser Freund von
Versen, aber im Winter - denn wenn er so durch die Blumen-Beete eines Almanachs
streiche, so werd' er, wie einer, der durch ein Bohnenfeld geht, schläfrig genug
und könne einschlafen. - Und da gerade die Nächte länger würden, und man also
einen längern Schlaf bedürfe, so sei es schön, dass die Almanache gerade mit
Winteranfang erschienen, und dass diese Blumen mit den Moosen zu einerlei
Jahrzeit blühten - so könne man doch am murmelnden Bache in den Versen
einschlafen, wenn das Murmeln und Schlafen auf der gefrornen Wiese nicht mehr
gehe.« - -
    Unser Viktor war so satirisch wie der Evangelist; er hatte im Hannöverischen
so gut wie dieser hier gelacht - z.B. er hatte beklagt, dass die meisten
Almanachsänger leider mehr für den Kenner arbeiteten als für dumme Leser und
schon zufrieden wären, wenn sie nur jenen in den Schlaf versetzten - dass ein
Mensch, der keine Prose schreiben könnte, versuchen sollte, ob er zu keinem
Volksänger tauge, wie nur die Vögel, die nicht reden lernen, singen können - dass
er einen guten Almanach am ersten und angenehmsten durchbringe, wenn er bloss die
Reime durchlaufe - und dass flache Köpfe wie flache Diamanten, denen keine
Facetten zu geben sind, zu Herzen würden und uns statt der Gedanken Tränen
gäben, in denen nicht einmal das Aufgusstierchen eines Gedankens schwimme....
    Aber er sah noch eine Seite mehr als Mattieu, nämlich die edle. - Es war
seine Gewohnheit, gerade diese vorzudrehen, wenn ein anderer nur die schlechte
gewiesen, und umgekehrt. Seine Meinung war: »die Dichter wären nichts als
betrunkene Philosophen - wer aber aus ihnen nicht philosophieren lerne, lern' es
aus Systematikern ebensowenig - die Philosophie mache nur die Silberhochzeit
zwischen Begriffen, die Dichtkunst aber die erste leere Worte geb' es, aber
keine leere Empfindungen- der Dichter müsse, um uns zu bewegen, bloss alles Edle
zum Hebel nehmen, was auf der Erde ist, die Natur, die Freiheit, die Tugend und
Gott; und eben die Zauberstäbe, die magischen Ringe, die Zauberlampen, womit er
uns beherrsche, wirken endlich auf ihn selber zurück.« -
    Er legte diese Meinung - als Mattieu die seinige und Joachime ihre eigne
vorgetragen, dass nämlich ihr an den Musenalmanachen wenigstens zwei oder drei
Blätter gefielen, nämlich die glatten Pergamentblätter - viel kürzer vor; - die
Ministerin war der seinigen (denn sie war selber eine Versifexin); - der
Kammerherr sagte, »jede Stadt und jeder Fürst bete ja die Dichter in eignen
Tempeln an - nämlich in den Schauspielhäusern«; - Klotilde durfte sich nun zu
den Siegern schlagen: »Wenn man im Januar einen Dichter lieset, so ists so
lieblich, als wenn man im Junius spazieren geht. - Ich kann weder Philosophen
noch Gelehrte lesen; es bliebe mir« (sie wollte sagen: ihrem Geschlechte) »daher
gar zu wenig, wenn man mir die lieben Dichter nähme.« - »Sie würden höchstens«
(sagte endlich der Minister) »Ihre Schüler an ihnen finden; Dichter bekümmern
sich, wie die Heiligen, wenig um die Welt und ihr Wissen; sie können den Staat
besingen, aber nicht belehren.« - O du grinsende Mumie, dachte Viktor, ein
Edelstein, den du nicht als einen Staatsbaustein vermauern kannst, ist dir
weniger als ein Sandblock. Wenn du nur jede flammende, als eine Ergänzung der
republikanischen Antiken dastehende Seele zu einem Unterschreiber, zu einem
Zollkommisar oder Kammerfiskal einsetzen könntest (wie die Grosskairer die Ruinen
zu Ställen und Pferdetränken verbauen)! - Der edle Matz fügte bloss hinzu: »In
Rom war ein Maler, der mit jedem nur singend sprach; und ich kannte einen grossen
Dichter, der nicht einmal im gemeinen Leben Prose konnte; er konnte aber mehres
nicht und hatte wenig Welt, aber viel Welten im Kopfe - er wird, wenn er sich
drucken lässet, seinen Lesern kaum mehre Täuschungen geben, als ihm jeder schon
gemacht hat, der wollte.«- - Viktor sah aus Klotildens gesenktem Auge, dass sie
so gut wie er merke, dass der Teufel ihren Dahore meine; aber er schwieg; seine
Seele war traurig und erbittert; aber er war längst durch den Hof die zu
ertragen abgehärtet, die er hassen musste.
    Unter dieser Disputation hatte der edle Matz die ganze Gruppe unvermerkt in
schwarzem Papier nachgeschnitten. »Ach!« sagte Joachime, »das ist nicht das
erstemal, dass er Gesellschaften schwarz abbildet.«-Da aber Viktor
Silhouettengruppen niemals sehen konnte, ohne an uns zerrinnende
Schatten-Menschen, an dieses versiegende Zwerg-Leben, an die auf das Leben
gezeichneten Nachtstücke und an die Schattenpartien, die man Völker nennt, zu
denken - und da ihn daran ausser seiner Traurigkeit und ausser einem Wachs-Skelett
von Mad. Biheron, das im Naturaliensaale mit dastand, noch mehr die blasse
Gestalt Klotildens erinnerte und da diese, mit den vergleichenden Augen auf dem
Gerippe und dem Schattenbilde? leise zu Viktor sagte: »Mich könnten zu einer
andern Zeit so viele Ähnlichkeiten traurig machen« - so durchschnitt sein volles
Herz der scharfe Schmerz über seine ewige Armut und über die Gewissheit: »Dieses
schöne Herz bewegt sich nie für deines, und wenn ihr Freund Emanuel gestorben
ist, bleibst du immer allein« - und er trat ans Fenster, drehte es hart auf,
schlang den Nordwind ein, zerdrückte mit der Faust die zwei Augäpfel und ging
mit den - vorigen Zügen wieder zu den andern.
    Aber für heute hatten solche Erschütterungen zu tief in sein Herz
hineingerissen. Und da ihm Klotilde in einer einsamen Sekunde sagte, dass die
Pfarrerin und Agate über sein Aussenbleiben zürnten: so war er, dem sich bei
diesen Namen die ganze bewölkte Vergangenheit wie ein Himmel auftat, nicht
imstande eine Antwort zu geben.
    Als er nach Hause kam, redete Klotildens Stimme, die er unter allen ihren
Reizen am wenigsten vergessen konnte, unaufhörlich und wie das Echo eines
Trauergesangs in seiner Seele... Leser, wenn das, was du liebtest, lange
verschwunden ist aus der Erde oder aus deiner Phantasie, so wird doch in
Trauerstunden die geliebte Stimme wiederkommen und alle deine alten Tränen
mitbringen und das trostlose Herz, das sie vergossen hat! ... Aber nicht bloss
ihre Stimme, sondern alles drängte sich im Finstern um seine Phantasie, ihr
bescheidenes Auge, das nicht hofmässig blitzte und ertrotzte und suchte, wie der
andern ihre, diese behutsame Feinheit, die ihm seit seinem Hofleben weder an ihr
noch an seinem Vater mehr zu gross vorkam - dazu setze man noch das Bild
Joachimens und sein Chaos von Widersprüchen und die Bemerkung, dass ein Mensch,
den die gewissesten Beweise, ungeliebt zu sein, beruhigt haben, doch bei einem
neuen wieder leidet: so kennt man die Bewegungen, die der Schlaf, diese
Meerstille des Lebens, bei ihm stillen musste.
    »Das war das letzte Fieberschauer«, sagt' er am andern Morgen und bauete auf
sein jetziges Herz, dessen Entzündungen wie die der Vulkane täglich ihren Kessel
mehr ausbrannten. Er gebot sich daher eine wöchentliche Flucht vor der zu teuren
Seele, in der Absicht, dass der neue Nachklang seiner Liebe in seinem Herzen
auszittere und alles wieder still werde darin.
    Aber nach einer Woche sah er sie wieder: wahrlich, der Teufel sass wieder am
Spieltisch und spielte gegen ihn eine andere Farbe aus - Rot. Klotilde sah nicht
blass, sondern, obwohl nur wenig, rot aus. Dieses Rot machte an seinem innern
Menschen einen grossen Klecks und verfälschte sein inneres Kolorit, wie Schwarz
jede Malerfarbe. Denn als er sie genesen wiederfand: so wars ihm nicht sowohl
angenehm - denn er sah, wie wenige Verdienste er mehr um ihre Ruhe habe, wie sie
ihn nicht einmal in diesem Warenlager von Menschen-Makulatur aushebe, und wie
dumm er gewesen, dass er sich heimlich, ganz heimlich träumen lassen, »ihre
vorige Bleichheit komme gar von ihrer vergeblichen Sehnsucht nach ihm seines
Orts her« -, desgleichen wars ihm auch nicht unangenehm - denn er hätte all sein
Herzblut dahingegossen, um damit eine einzige Pulsader in ihr wieder in den Gang
zu bringen-, ich sage, es war ihm nicht sowohl angenehm oder unangenehm als
beides, als unerwartet, als ein Wink, des - Teufels zu werden. Sein Herz und das
Bild, das zu lange darin war, wurden gar entzweigedrückt: »Es sei!« sagt' er und
zerbiss die krampfhafte Lippe, womit ers sagte. - Einige Tage lang mocht' er
nicht einmal Joachime sehen. »Hat diese denn ein Auge für die Natur und ein Herz
für die Ewigkeit?« fragt' er, und er wusste wohl die Antwort.
    Jetzo ging eine Zeit für ihn an, die gerade das Gegenteil der Sabbatwochen
war - man kann sie die Renn-Wochen oder die Tarantel- Tanzstunden der Besuche
nennen. Es ist eine verdammte Zeit, der Mensch weiss nicht, wo er steht. Sie fiel
bei Viktor gerade in die Wintermonate, wo ohnehin die sausenden Butterwochen der
Städte und Höfe sind. Ich will sie jetzt ordentlich schildern.
    Viktor suchte nämlich sein uneiniges unglückliches Herz zu überschreien und
zu betäuben - nicht mit den Trommelwirbeln der Lustbarkeiten; unter diesen
verblutete es vielmehr, so wie unter dem Trommeln die Wunden stärker fliessen:
sondern - mit Menschen; diese waren die blutstillenden Schrauben, die er um
seine Seele legte. Sein Leib war jetzt wie der katolische Reliquienleib eines
Apostels an allen Orten; er verlief den ganzen Tag, bald mit, bald ohne den
Fürsten.
    In Flachsenfingen war zuletzt keine Dame mehr, der er nicht die Hand
geküsset hatte - und kein Nachttisch mehr, wo ers dabei hätte bewenden lassen.
    Er machte in den Rennwochen doppelte Schleifen - französische Pas -
Tupfdesseins - kleine Komödien - Scharaden - Rezepte für Kanarienvögel - Verse
für Fächer - tausend Besuche - und noch mehr Morgen-Briefchen....
    Letzte, die er bekam und schickte, waren französisch geschrieben und
französisch gebrochen - nämlich zu Haarwickeln gequetscht: »Es sind«, sagt' er,
»die Haarwickel weiblicher Gehirnfibern - die Patronen voll Amors-Pulver - die
Kokons der liebenden Schmetterlinge« - er sprach vom Steigen und Fallen dieser
weiblichen Papiere und nennte sie noch die Aushängebogen des weiblichen Herzens
und die Schmutztitelblätter der koketten Edikte von Nantes. »Ich behaupte
dies,«- setzt' er hinzu - »um mich vom Hofjunker Mattieu zu unterscheiden, ders
leugnet, weil er gar verficht, anfangs dringe man den Schönen Briefe auf, dann
Dinge von mehr Kubikinhalt, z.B. Fächer, Juwelen, Hände, dann endlich sich
selber, so wie die Posten anfangs nur Briefe aufnahmen, dann Pakete, endlich
Passagiere.«
    Er fand diejenigen Weiber täglich amüsanter, die uns Leuten von Verstand das
Herz aus der Brust und das Gehirn aus dem Kopf entwenden, und zwar (wie jener
Edelmann anderes Zeug) nicht aus Liebe zum gestohlnen Gute, sondern aus Liebe
zum Rauben- sie schicken wie der Edelmann den andern Morgen das Gut dem Eigner
redlich wieder zu. Ihre Feinheiten - die seinigen - seine Wendungen, um ihren
auszuweichen - die Aufmerksamkeit, die man auf sich wenden muss - die
Gelegenheit, alle Empfindungen unter die feinsten Trennmesser zu bringen, oder
unter Sonnen-und Mondmikroskope - die Leichtigkeit, den aufrichtigsten
Wahrheiten den sauern Geschmack und den angenehmsten den süsslichten zu benehmen
- - dieses machte ihm die Nachttische der Weiber, besonders der koketten, zu
Lektisternien und Göttertischen: »Beim Himmel,« sagte der Nacht-Tischgänger oder
Toiletten-Panist, »ein Mann ist bloss ein Holländer, höchstens ein Deutscher,
aber eine Frau ist eine geborne Französin oder gar eine Pariserin - der Mann
verbirgt seine moralische wie seine physische Brust - Gedanken und Blumen, die
nicht durch die Raufen der vier Fakultäten durchfallen, Empfindungen, die nicht
in den Akten oder in einem ärztlichen Befundzettel können beschrieben werden,
muss man wahrlich nur einer Frau und keinem Manne sagen, zumal einem
flachsenfingischen« ... oder einem scheerauischen. -
    Um sich zu entschuldigen, dass er mit den Koketten auf dem Fuss eines
Sammliebhabers umging, berief er sich auf seine Absicht- sie bloss kennen lernen
zu wollen - und auf den vortrefflichen Forster, der in Antwerpen vor Rubens'
Maria, die auf dem Altarblatt gen Himmel fährt, so gut wie ein geborner Katolik
hinkniete, bloss um sie näher zu beschauen.
    Er hatte noch eine gefährlichere Entschuldigung: »Der Mensch«, sagte er,
»sollte alles sein, alles lernen, alles versuchen - er sollte an der Vereinigung
der beiden Kirchen in seiner Seele arbeiten er sollte, wenn nur auf ein paar
Monate, ein Stadtmusikus, Totengräber, Galgenpater, ein Ingenieur,
Tragödiensteller, Oberhofmarschall, ein Reichsvikarius, Vizelandrichter, ein
Rezensent, eine Frau, kurz alles sollte der Mensch auf einige Tage gewesen sein,
damit aus dem Farbenprisma zuletzt die weisse vollkommne Farbe zusammenflösse.« -
    Die Grundsätze werden desto gefährlicher bei einem wie er, der, mit den
hochgespannten Saiten der unähnlichsten Kräfte bezogen, leicht den Ton eines
jeden angab, nicht aus Verstellung, sondern weil sich seine Umgangs-Dichtkraft
tief in die Seele des andern versetzen konnte - daher gewann, ertrug und
kopierte er die unähnlichsten Menschen, ungeachtet seiner Aufrichtigkeit. Ich
bedaure ihn aber, dass er überall so viel zu verschweigen hatte, sein Erraten des
Fürsten, sein Herz gegen Klotilde, seine Versöhn-Intrigen gegen Agnola, seine
Wissenschaft von Flamins Verhältnissen u.s.w. Ach Verschweigen und Verstellen
fliessen leicht zusammen, und müssen nicht Tropfen in den festesten Charakter,
sobald er immer unter der Traufe steht, endlich Narben graben?
    Nichts erkältet mehr die edelsten Teile des innern Menschen als Umgang mit
Personen, an denen man keinen Anteil nehmen kann. Dieses Gastwirtleben am Hofe,
täglich Leute zu sehen, die nicht einmal Ich sagen, deren Verhältnisse man so
gleichgültig unkennt wie deren Talente, wenn sie nicht ein Bedürfnis sucht -
dieses Haschen nur nach dem nächsten Augenblick - dieses Vorüberrennen der
feinsten und geistreichsten Fremden und Besuchameisen, die in drei Tagen
vergessen sind - alles dieses, was die Paläste zu russischen Eispalästen macht,
wo sogar der Ofen voll Naphtaflammen eine Eisscholle ist, wozu ich das komische
Salz gar nicht zu setzen brauche, das ohnehin alles warme Blut, wie
glauberisches das heisse Wasser, erkältet, alles dieses machte sein Herz öde,
seine Tage kahl und lästig, seine Nächte beklommen, sein Betragen zu kalt gegen
Gute, zu duldend gegen Schlimme.
    Noch dazu schwieg sein Emanuel und schloss, wie die Natur, seine Blumen in
sich ein. - Wen die Natur ernährt und erhebt, der ist im Winter nicht so gut als
im Sommer. Die Erde hatte ihren Pudermantel von Schnee um und den ganzen Tag die
Nachtkleidung an, die Bäume hatten ihre Knospen in die Flocken- Papilloten
gewickelt, und die Äste sahen wie Haarnadeln aus - Viktors Seele war wie die
Natur; o! der Himmel wärme bald in beiden die Blumen des Frühlings an!
    Da die Krankheitgeschichte meines Viktor mich zu schmerzhaft an die
versteckten Gifte im menschlichen Körper erinnert: so soll sie bald zu Ende
sein. Es gefiel ihm, dass er durch das Herumflattern immer galanter und kälter
gegen alle weibliche Personen wurde - das Seil der Liebe schneidet weniger tief
in den Busen ein, wenn es, in Fäden und Flocken ausgezupft, um alle flattert.
Er, der, wie sein Namenvetter, der heilige Sebastian, ganz mit (Amors) Pfeilen
vollgeschossen aussah, liess Pfeile anderer Art gegen das ganze Geschlecht,
wiewohl nie gegen Einzelwesen, fliegen. In diesem letzten Umstand war seine
Bitterkeit von Mattieus seiner unterschieden, der z.B. von seiner eignen Base,
die ihre Schönheit durch späte Blattern verloren, sagen konnte: »Ihre Schönheit
hielt sich recht tapfer gegen die Blattern und trug aus diesem Siege die
herrlichsten Narben davon, und zwar alle, wie Pompejus' Ritter, von vornen im
Gesicht.«
    Wie Teufelsdreck zum haut-gout gebracht wird, so würzet man das feinste
savoir vivre durch einige kühne Unhöflichkeiten. Bastian war in der Tarantelzeit
durch nichts verlegen zu machen - er ging und kam wie ein Pariser ohne Umstände
- er suchte oft kühne, aber vorteilhafte Stellungen seines Körpers - unter dem
Schauspiel tat er Reisen durch die Logen, wie der Fürst durch die Kulissen - er
brachte es (obwohl mit Mühe, und nur indem er sich immer das Muster der Hofleute
vorhielt) fünfmal dahin, dass er gleichgültig zuhörte oder gar wegschauete, wenn
ihm der andere erzählte; welches alles, wenn nicht wesentliche, doch Nebenstücke
der wahren Höflichkeit sind.
    Auch will ich zu seinem Ruhm nicht unbemerkt lassen, dass er sich die
ordentlichen erotischen und satirischen Freiheiten der gallikanischen Kirche
gegen mehre Weiber auf einmal nahm; denn vor einer einsamen hatt' er noch die
alte Ehrerbietung eines edlen Herzens. Ich will von jenem doch ein Beispiel
gehen. Einmal war er unter fünf Verleumderinnen (die Gesellschaft bestand aus
sechs Frauenzimmern und einer Mannsperson); die hässlichste schwärzte alle, sogar
gedruckte Mädchen an, z.B. die verstorbene Klarisse, der sie vorrückte, sie habe
gegen Lovelace nicht genug gewusst sauver les dehors de la vertu. Man muss es
gewärtig sein, wie die Königsberger Schule es in ihren Rezensionen aufnimmt, dass
er sich vor der Verleumderin auf ein Knie hinliess und mit einigem Ernst sagte:
»Clarisse! Voici Votre Lovelace, retranchons quatre tomes et commençons comme
les faiseurs d'Epopées par le reste.59«
    Freilich warf er sich die Tarantelzeit häufig unter der Tarantelzeit vor;
und da der Heidenvorhof seines Herzens so voll Weiber wurde, indes im
Allerheiligsten desselben nichts war als ein stummes Dunkel, und da sein Kopf
ein Insektenkabinett von Hofkleinigkeiten wurde: so seufzete er freilich oft in
seinem Erker: »O! komme bald, guter Vater, damit dein sinkender Sohn aus diesem
schmutzigen Märznebel in ein helleres Leben steige, eh' er sich ganz befleckt
hat, dass er nicht einmal diesen Wunsch mehr tut« - und sooft er in Joachimens
Zimmer die Prospekte von Maiental - welche Giulia vom Porträtmaler Klotildens
machen lassen - zu Gesichte bekam: so zog er mitten im Scherzen das Auge von
ihnen mit einem Seufzer weg - - Aber geheilt wurd' er nicht, als bis das
Schicksal sagte: jetzt! Da klopfte der Teaterschlüssel auf einmal, der die
Menschen in der Schauspielerprobe des Lebens - das Schauspiel selber wird erst
im zweiten gegeben - kommen und handeln heisset; und es trug sich etwas zu, was
ich sogleich im folgenden Kapitel berichten werde, wenn ich in diesem
auserzählet habe, wie Viktor mit allen Leuten um sich her stand.
    Mit manchen eigentlich schlecht - erstlich mit Klotilden. Sie wohnte zwar
bei dem Minister - als Hofdame hätte sie ins Paulinum gehört, allein der Fürst
hatte es wegen der Leichtigkeit, sie zu sehen, so karten lassen -, aber sie war
immer um die Fürstin, mit der sie bald ein ähnlicher Ernst und eine ähnliche
Zurückhaltung verknüpfte. Ihre Gleichgültigkeit gegen einen, der mit ihr einen
gemeinschaftlichen Freund und Lehrer hatte, gab diesem Viktor eine noch grössere,
zumal da er wusste, sie müsste fühlen, dass in dieser kalten Berg- und Hofluft nur
ein einziger, obwohl falber Nelken-Absenker ihrer schönen Seele blühe, er selber
nämlich. Auch musste ihm der Zwang des Wohlstandes, sie kalt anzuschauen, zur
Gewohnheit werden. Am schlimmsten wars für ihn, dass sie gleichgültig war ohne
Empfindlichkeit und kalt mit Achtung für ihn. Andere waren ganz toll über das
»tugendhafte Phlegma dieser Pygmalions-Bildsäule.« Der edle Matz nannte sie oft
die heilige Jungfrau oder die Demoiselle Mutter Gottes. Es konstiert und
erhellet ganz deutlich aus den vor mir aufgeschlagenen Hunds- Manualakten, dass
einige Herren vom Hofe nach verschiedenen verdorbnen Versuchen, sich die mit so
vieler Schönheit unverträgliche Tugend zu erklären, bald aus Temperament, bald
aus verhehlter Liebe, bald aus einer koketten Sprödigkeit, die sich wie das
Wasser bei St. Clermont endlich zur eignen Brücke über sich selber versteinert,
dass diese listigen Herren recht glücklich auf die Vermutung verfielen, Klotilde
nehme diese Maske als eine Kopie des Gesichts der Fürstin vor ihres, um in der
Gunst zu bleiben. Daher wurde Klotildens züchtige Tugend von den meisten mit
grösserer Schonung beurteilt, indem man sie als eine absichtliche Nachahmung des
ähnlichen Fehlers der Fürstin schon entschuldigen konnte durch das Beispiel
ähnlicher Nachahmungen, da Hofleute oft die grössten äussern Naturfehler, ja die
Tugenden eines Regenten nachäfften. - So dachte wenigstens der billigere Teil
des Hofes.
    Agnola war unserem Helden einen immer grössern Dank für die Besuche Jenners
zu zeigen beflissen, ob sie gleich, denk' ich, die untreue Absicht des Fürsten
in der Gegenwart Klotildens ebensogut entdecken konnte, als sie zuweilen in
Viktors Seele bei der Gegenwart Joachimens blicken mochte... Überhaupt hätt ich
den Leser längst bitten sollen aufzupassen: ich trage die Sachen mit erlaubter
Dummheit vor, obwohl mit historischer Treue; sind nun feine, spitzbübische,
wichtige, intrigante Züge und Winke darin, so ists ohne mein Wissen, und ich
kann sie also dem Leser nicht anweisen mit einer Zeigerstange, oder ansagen mit
einer Feuertrommel, sondern er selber - weil er Hofgeschichten versteht - muss
wissen, was ich mit meinen Winken haben will, nicht ich.
    Mit Joachimen wäre Viktor recht gut gefahren - da er alle Fehler, die er bei
andern Weibern und nicht bei ihr antraf, ihr als Tugenden in Rechnung brachte,
und da er sich mit ihrem Ich mehr verflocht; denn die Fehler der Mädchen kommen
wie Schokolade und Tabak dem Gaumen anfangs desto toller vor, je besser sie ihm
nachher schmecken - er wäre gut gefahren, ohne zwei Ecksteine; aber die waren
da. Der erste war - denn ich will seine kleine Ärgernis über die kurze Dauer
ihrer schönen Weihnacht- Empfindsamkeit nicht rechnen -, dass sie immer Klotilden
tadelte, besonders ihre »affektierte« Tugend. Der zweite war, dass Klotilde sie
ebensowenig suchte: Viktor konnte niemand lieben, den Klotilde nicht liebte. -
Und jetzt sind die Rennwochen und Visiten-Taranteltauzstunden eines Menschen zu
Ende; aber ach die ganze Nachwelt muss noch dieselbe heisse Linie der Narrheit und
Jugend passieren.
 
                                24. Hundposttag
                  Schminke - Krankheit Klotildens - Schauspiel
      Iphigenie - Unterschied der bürgerlichen und der stiftfähigen Liebe
Am 26sten Februar fand Viktor morgens bei Joachimen - die stolze Klotilde. Ich
weiss nicht, war diese aus Zufall oder Höflichkeit oder deswegen da, um einer
Person, die von Viktor mit einigem Interesse behandelt wurde, näher zu begegnen.
Aber, o Himmel! die Wangen dieser Klotilde waren blass, die Augen wie von einer
ewigen Träne überhaucht, die Stimme gerührt, gleichsam gebrochen, und der
bleiche Marmorkörper schien nur das Bild zu sein, das am Grabmal der entflognen
Seele steht. Viktor vergass die ganze Vergangenheit, und sein Innerstes weinte
vor Sehnsucht, ihr beizustehen und aus ihrem Leben alle trübe Winterlandschaften
wegzulöschen. »Ich befinde mich heute wie gewöhnlich«, sagte sie auf seine
hofärztliche Frage, und er wusste nichts aus dieser unerwarteten Erbleichung zu
machen - er konnte heute überhaupt nichts machen, nicht einmal einen Scherz oder
eine Schmeichelei- seine in Mitleid zergangne Seele wollte keine Form annehmen -
verwirrt war er auch. Klotilde ging bald; - und ihm wär's heute für ganz
Grosspolen (diese in der Eisfahrt der Völker- und Kronenwanderung schön sich
abschleifende Eisscholle) nicht möglich gewesen, nach ihr noch eine halbe Stunde
zu verbleiben.
    Er hätte ohnehin gehen müssen; denn der Hofjunker Mattieu rief ihn zur
Fürstin. Die Zeit war ungewöhnlich: er konnte es nicht erwarten und nicht
erraten, was es gebe. Der Evangelist lächelte (das tat er überhaupt jetzt öfter
über die Fürstin) und sagte: »den Fürsten und Fürstinnen sei bloss das Wichtige
klein, und das Kleine wichtig, wie Leibniz von sich selber sagte60. Wenn ihnen
die Krone und eine Haarnadel miteinander vom Kopfe fallen: so suchen sie vor
allen Dingen die Nadel.«
    Beiläufig! Es wäre Bosheit von mir gegen den edlen Mattieu, wenn ichs
länger unterdrückte, dass er seit einiger Zeit gegen meinen Helden viel sanfter
und inbrünstiger geworden - welches bloss an einem andern Menschen als er, ich
meine an einem nachstellenden Schelm, ein Kains-Zeichen wäre und etwan so viel
bedeutete wie das Wedeln eines Katzenschwanzes. -
    Viktor erstaunte über die Bitte der Fürstin, - Klotilden zu heilen: das
heisst, nicht über das Bitten - denn sie beehrte ihn öfters damit -, sondern über
die Nachricht, dass Klotilde, auf deren Wangen er bisher die Äpfelblüten der
Gesundheit auf Kosten seiner Seele in den Rennwochen gesehen, bloss taube Blüten
getragen, nämlich bloss Schminke, die ihr die Fürstin wegen der Gleichblüte mit
den übrigen roten Kupferblumen des Hofes hatte befehlen müssen. Agnola, die, wie
ihr Stand, rasch war, ersuchte ihn noch, als er zur medizinischen
Oberexaminationskommission ernennet war, sein Amt nur ja recht bald, schon heute
sogleich im Schauspiele zu verwalten, wo er die Examinandin treffen werde.
    Und er fand sie. Das Schauspiel war ein aus Eldorado gelieferter funkelnder
Solitär, Goetes Iphigenie. Da er die Kranke wieder mit dem Abendrot der
Schminke sah, worin sie auf fremdes Geheiss sogar unter dem Untergehen schimmern
sollte - da er dieses stille, zum Altar gleichsam rot bezeichnete Opfer, das er
und andere von seinen Fluren, von seinen einsamen Blumen weggetrieben unter die
Opfermesser des Hofs, den Untergang seiner Wünsche stumm erdulden sah, und da er
mit dem weiblichen Verstummen das männliche Toben verglich - und da Klotilde
ihren Schmerz der Iphigenie geliehen zu haben schien mit der Bitte: »Nimm mein
Herz, nimm meine Stimme und klage damit, klage damit über die Entfernung von den
Jugendgefilden, über die Entfernung vom geliebten Bruder« - und da er sah, wie
sie die Augen fester an die Iphigenie, wenn sie nach dem verlornen Bruder
schmachtete, anzuschliessen suchte, um die Ergiessung und die Richtung derselben
(nach ihrem eignen auf dem Parterre, nach Flamin) zu beherrschen: o dann hatten
so grosse Schmerzen und ihre Zeichen in seinen Augen und Mienen einen solchen
Vorwand nötig, wie die Allmacht des Genius ist, um mit Schmerzen der
dichterischen Täuschung verwechselt zu werden.
    Nie hat ein Arzt seine Kranke mit grösserer Teilnahme und Schonung
ausgefragt, als er Klotilden im nächsten Zwischenakte: er entschuldigte seine
Zudringlichkeit mit dem Befehle der Fürstin. Ich muss vorher berichten, dass die
Kranke - ob er gleich bisher ein fallender Petrus war, den manches Hahngeschrei
mehr zum Weinen als zum Bessern gebracht - doch die zweite Person blieb, die er
nie verleugnete, d.h. die er nie mit seinen jetzigen frivolen, launichten,
kühnen, fangenden Wendungen anredete. Die erste Person, welche er zu hoch
achtete, um mit seinem jetzigen Herzen an sie zu schreiben, - war sein Emaunel.
    Klotilde antwortete ihm: »sie sei so wohl wie immer: das einzige, was an ihr
krank sei,« (sagte sie lächelnd) »nämlich die Farbe, sei schon unter den Händen
einer Wundärztin, die sie wider ihre Neigung bloss von aussen heile.« Diese
scherzhafte Erwähnung des von der Fürstin dekretierten Schminkens hatte die
doppelte Absicht, ihr Schminken zu entschuldigen und den Doktor aus seinem
weichherzigen Ernst zu bringen. Aber das erste war unnötig - da im Teater sogar
Damen, die nie Rot auflegen, es beim Eintritt in die Loge auftrugen und beim
Ausgang ausstrichen, um nicht an einem Baum voll glühender Stettineräpfel als
die einzigen Quitten dazuhängen, und da überhaupt von dem ganzen weiblichen
Hofstaat die mineralischen Wangen als Hof-Gesichtlivree gefodert wurden. Das
zweite war vergeblich; vielmehr schwollen die Wunden seines Herzens durch
zweierlei höher: durch jenes kalte, fast schwärmende Ergeben ins Verblühen - und
durch etwas unaussprechlich Mildes und Weiches, was oft im weiblichen Gesicht
das brechende Herz, das fallende Leben bezeichnet, wie das Obst durch weiches
Nachgeben beim Druck seine Reife ansagt.
    O ihr guten weiblichen Geschöpfe, macht euch der Kummer, da euch die Freude
schon verschönert, vielleicht darum noch schöner und zu rührend, weil er euch
öfter trifft, oder weil sich jener in diese kleidet? Warum muss ich hier die
Freude über euer Erdulden und Verschleiern der Schmerzen so flüchtig bekennen,
da jetzt vor meiner Phantasie so viele Herzen voll Tränen mit offnen
Angesichtern voll Lächeln vorüberziehen und eurem Geschlechte das Lob erwerben,
dass es sich dem Kummer so gern wie der Freude öffne, wie die Blumen, ob sie sich
gleich nur vor der Sonne auftun, doch auch auseinandergehen, wenn diese der
Wolkenhimmel überzieht?
    Viktor, ohne durch ihre Antwort irre zu werden, fuhr fort: »Vielleicht
können Sie sich nicht von der schönen Natur entwöhnen und von der Bewegung - das
Nachtsitzen, das ich selber empfinde«- - Sie liess ihn nicht ausreden, um ihn
daran zu erinnern, dass sie ja die jetzige Farbe von Hause an den Hof
mitgebracht. Man sieht aber in dieser Erinnerung mehr Schonung als Wahrheit;
denn sie wollte ihr Hofamt nicht gerade vor dem verklagen, der es ihr erlangen
half. - - Viktor, der ihre Kränklichkeit so sicher sah, und doch keine Frage
mehr vorzulegen wusste, stand stumm, verlegen da. Das eigne Schweigen löset den
Zurückhaltenden die Zunge: Klotilde fing selber an: »Weil ich nichts weiss, was
mir hier schadet, als die Schminke: so bitt' ich meinen Arzt, mir diesen
Diätfehler zu untersagen« - d.h. die Fürstin zum Widerruf ihres Schminkedikts zu
vermögen - »Ich mag gern«, fuhr sie fort, »doch einige Ähnlichkeit mit zwei so
guten Freunden, Giulia und Emanuel, bekommen« - d.h. die blasse Farbe, oder auch
die Meinung des baldigen Todes. - Viktor stiess ein hastiges Ja heraus und wandte
das schmerzende Auge gegen den auffliegenden Vorhang.
    Nie waren wohl die Szenen der Spieler und der Zuhörer sich ähnlicher.
Iphigenie war Klotilde - der wilde Orest, ihr Bruder, war ihr Bruder Flamin -
der sanfte helle Pylades sein Freund Viktor. Und da Flamin unten im Parterre mit
seinem wolkigen Angesicht stand - (er kam nur, um seine Schwester bequemer zu
sehen) -, so war es unserm und seinem Freunde so, als würd' er von ihm
angeredet, als Orest zu Pylades sagte:
- Erinnere mich nicht jener schönen Tage,
Da mir dein Haus die freie Stätte gab,
Dein edler Vater klug und liebevoll
Die halb erstarrte junge Blüte pflegte;
Da du, ein immer munterer Geselle,
Gleich einem leichten bunten Schmetterlinge
Um eine dunkle Blume, jeden Tag
Um mich mit neuem Leben gaukeltest,
Mir deine Lust in meine Seele spieltest.
Klotilde fühlt' es ebenso schmerzhaft, dass man auf der Szene ihr Leben spiele,
und kämpfte gegen ihre Augen... Aber da Iphigenie zu ihrem Bruder Orest sagte:
O höre mich! O sich mich an, wie mir
Nach einer langen Zeit das Herz sich öffnet
Der Seligkeit, dem Liebsten, was die Welt
Noch für mich tragen kann, das Haupt zu küssen -
O lass mich, lass mich, denn es quillet heller
Nicht vom Parnass die ewige Quelle sprudelnd
Von Fels zu Fels ins goldne Tal hinab,
Wie Freude mir vom Herzen wallend fliesst
Und wie ein selig Meer mich rings umfängt -
- und da Klotilde traurig den grössern Zwischenraum der Schmerzen und der Tage
zwischen sich und ihrem Bruder übermass: so quollen ihre grossen, so oft am Himmel
hängenden Augen voll, und ein schnelles Niederbücken verdeckte die
schwesterliche Träne allen ungerührten Augen. Aber den gerührten, womit ihr
naher Freund sie nachahmte, wurde sie nicht entzogen... Und hier sagte eine
tugendhafte Stimme in Viktor: »Entdeck ihr, dass du das Geheimnis ihrer
Verwandtschaft weisst - hebe von diesem wundgepressten Herzen die Last des
Schweigens ab - vielleicht welkt sie an einem Gram, den ein Vertrauter kühlt und
nimmt!« Ach, dieser Stimme zu gehorchen, war ja das wenigste, womit er sein
unendliches Mitleiden befriedigen konnte! - Er sagte äusserst leise und aus
Rührung fast unverständlich zu ihr: »Mein Vater hat es mir längst entdeckt, dass
Iphigenie die Gegenwart ihres Bruders und meines Freundes weiss.« - Klotilde
wandte sich schnell und errötend gegen ihn - er liess, zur nähern Erklärung,
seinen Blick zu Flamin hinabgleiten - erblassend sah sie weg und sagte nichts -
aber unter dem ganzen Schauspiel schien ihr Herz weit mehr zusammengedrückt zu
sein, und sie musste jetzo noch mehr Tränen und Seufzer zerquetschen als zuvor.
Zuletzt gab sie mitten in ihrer Betrübnis der Dankbarkeit ihre Rechte und sagte
ihm für seine Teilnahme und sein Vertrauen, gleichsam im Sterben lächelnd, Dank.
Er legte an den Spinnrocken des Gesprächs ganz neuen fremden Stoff, weil er
unter dem Fortspinnen gern über den traurigen Eindruck, den sein Bekenntnis zu
machen geschienen, heller und gewisser werden wollte. Er fragte nach Emanuels
neuesten Briefen; sie versetzte: »Ich habe erst gestern während der ganzen
Mondfinsternis an ihn geschrieben; er kann mir nicht oft antworten, weil seine
Brust durch das Schreiben leidet.«- Da nun die Finsternis des 25sten Februars
schon abends um 10 Uhr 20 Minuten anfing, um 11 Uhr 41 Minuten am stärksten und
um 1 Uhr 2 Minuten erst aus war: so konnte Viktor als Arzt mit Gesetzpredigten
und Gesetzhämmern über die medizinische Sünderin herfallen und es erhärten, nun
sei es kein Wunder. Lass es bleiben, Doktor! Diese lieben Wesen gehorchen
leichter dem Manne - den zehn Geboten - den Büchern - der Tugend - dem Teufel
selber leichter als dem Diätetiker. Klotilde sagte: »Die Mitternachtstunden sind
bloss meine einzigen Freistunden. - Und Maiental kann ich ja nie vergessen.« -
»Ach, wie könnte man das?« sagt' er. Die Musik vor dem letzten Akte und die
tragische Stimmung und die Schmerzen begeisterten sie, und sie fuhr fort: »Trank
man nicht Lete, wenn man das Elysium betrat, und wenn man es verliess?«... (Sie
hielt inne.) »Ich tränke keine Lete, nicht im ersten Falle' noch weniger im
letzten - nein!« Und nie wurde das Nein leiser, sanfter, gezogener gesagt. In
Viktors Herzen zog ein dreischneidiges Mitleiden schmerzlich hin und her, da er
sich die schreibende und weinende und vom Schicksal verspottete Klotilde in der
Mitternacht unter dem vom Erdschatten zerstückten und bewölkten Mond vorstellte;
er sagte nichts, er blickte starr in die trüben Szenen der Bühne und weinte noch
fort, als sich auf ihr schon die frohen entwickelten.
    Zu Hause machte er seine Gehirnfibern zu Ariadnes Fäden, um aus dem
Labyrint der Ursachen ihres Kummers und besonders des neuen zu kommen, der sie
bei seiner Eröffnung zu befallen geschienen. Aber er blieb im Labyrint;
freilich erzeugte Gram die Krankheit, aber wer erzeugte den Gram? - Es wäre
schlimm für diese armen zarten Schmetterlinge, wenn es mehr als einen tödlichen
Kummer gäbe; in jeder Gasse, in jedem Hause findest du eine Frau oder eine
Tochter, die in die Kirche oder ins Trauerspiel gehen muss, um zu seufzen, und
die ins obere Stockwerk steigen muss, um zu weinen; aber dieser aufgehäufte
Kummer wird lächelnd verschmerzt, und die Jahre nehmen lange neben den Tränen
zu. Hingegen einen gibts, der sie abbricht - denke daran, lieber Viktor, in den
freudigen Stunden deiner Viel-Liebe, und denket ihr alle daran, die ihr einem
solchen weichen Geschöpf das schlagende Herz aus der Brust mit warmen liebenden
Händen ziehet, um es in eure neben eurem eignen Herzen aufzunehmen und ewig zu
erwärmen! - Wenn ihr dann dieses heisse Herz, wie einen Schmetterlinghonigrüssel,
ausgerissen hinwerfet: so zuckt es noch wie dieser fort, aber es erkaltet dann
und schlägt nicht lange mehr. -
    Unglückliche Liebe war also der nagende Honigtau auf dieser Blume, schloss
Sebastian. Natürlich dacht' er an sich zuerst; aber schon längst hatten ihn alle
seine feinsten Beobachtungen, seine ihm jetzt geläufigern Rikoschet-Blicke aus
dem Augenwinkel überwiesen, dass er die Auszeichnung, die sie ihm nicht versagte,
mehr ihrer Unparteilichkeit als ihrer Neigung zuzuschreiben habe. Wer es sonst
am Hofe sei - das herauszubringen, stellt' er vergeblich einen
Elektrizitätzeiger nach dem andern auf. Auch wusst' er voraus, dass er vergeblich
aufstellen werde, da Klotilde alles Aushorchen ihres Innern vereiteln würde,
wenn sie eine unerwiderte Neigung hätte; die Vernunft war bei ihr das Wachs, das
man auf das eine Ende der magnetischen Nadel klebt, um das Niedersinken (die
Inklination) des andern aufzuheben oder zu verbergen. Gleichwohl nahm er sich
vor, das nächstemal einige Wünschelruten an ihre Seele zu halten. - -
    Ich muss hier einen Gedanken äussern, der einigen Verstand verrät und mein
Berechnen überhaupt. Mein Hund-Postmeister Knef sah wahrscheinlich nicht voraus,
dass ich das Jahr und die Länge dieser ganzen Geschichte bloss aus der
Mondfinsternis des 25. Febr. herausrechnen würde, deren er Meldung tat, so wie
überhaupt grosse Astronomen durch die Mondphasen sehr hinter die geographische
Länge der Erde kamen. 1793 fiel das in diesem Kapitel Erzählte vor: ich bin Mann
dafür; denn da sich überhaupt die ganze Geschichte, wie bekannt, im 9ten
Jahrzehend des 18ten Jahrhunderts begibt, und da darin keine Mondfinsternis von
einem 25sten Febr. überall zu finden ist als im Jahre 1793, d.h. im jetzigen: so
ist mein Satz gewiss. Zur Sicherheit hielt ich alle in diesem Buche einfallende
Mond- und Wetterveränderungen mit denen von 1792 und 1793 zusammen; und alles
passete schön ineinander - der Leser sollt' es auch nachrechnen. Ungemein
ergötzend ist es für mich, dass sonach, da ich im Julius schreibe, die Geschichte
in einem halben Jahre meiner Beschreibung nachkommt. -
    Viktor zauderte mit seinem Gange zur Fürstin nicht, um bei ihr die
schweigende Klotilde für eine vollständige Nervenpatientin zu erklären. Er
lachte selber innerlich über den Ausdruck - und über die Ärzte - und über ihre
Nervenkuren - und sagte: wie sonst die französischen Könige bei ihren
Heilanstalten gegen die Kröpfe sagen mussten: »Der König berührt dich, aber Gott
heilt dich«, so sollten die Ärzte sagen: der Stadt- und Landphysikus greift dir
an den Puls, aber Gott macht die Kur. - Hier indessen gab er sie aus drei guten
Absichten für eine Nervenleidende aus: erstlich um für sie die Aufhebung der
Hof-Leibeigenschaft, wenigstens die Befreiung vom genauen Hofdamen-Amt zu
erlangen, weil in seinem Herzen immer der hineingestochene Splitter des Vorwurfs
eiterte: »Du bist schuld, dass sie hier sein muss« - ferner um ihr die Erlaubnis
der Land- und Frühlingsluft, falls sie einmal darum nachsuchte, im voraus
auszuwirken - endlich um sie von der befohlnen Ähnlichkeit mit denen Damen zu
erlösen, an deren bleifarbigen Gesichtern, wie an den Bleisoldaten der Kinder,
sich das Rote täglich abfärbt, so wie täglich ansetzt. Da sich aber Agnola
selber schminkte, so musst' er aus Höflichkeit es beiden auf einmal verbieten,
als Arzt. Die Fürstin untersiegelte alle seine Bittschriften recht gütig; nur
über den Schmink-Artikel gab sie in Rücksicht ihrer selbst gar keine Resolution,
und in Rücksicht Klotildens diese: sie habe nichts dagegen, wenn sie bei ihr,
ausgenommen an Courtagen und im Schauspiel, ohne Rot erscheine; und von der
Anwesenheit bei beiden sei sie gerne dispensiert, bis sie wieder genesen sei.
    Er konnte kaum den Abschied erwarten, um diesen Reichsabschied oder - schluss
der geliebten Kranken zu bringen. Ihn selber nahm diese Willfährigkeit der
Fürstin wunder, bei der sonst Bitten Sünden waren, und die nichts versagte, als
was man erbat. Seine Verlegenheit war jetzo nur die, Klotilden die Bewilligungen
der Fürstin ohne das beleidigende Geständnis ihrer vorgeschützten Kränklichkeit
beizubringen. Aber aus diesem kleinen Übel zog ihn ein grosses: als er bei ihr
vorkam, sah sie noch zehnmal siecher aus als vorgestern bei der Entdeckung ihrer
Verwandtschaft; ihre Blüten hingen zugedrückt und kalt betauet zur Erde nieder.
    Gang und Stellung waren unverändert, die äussere Fröhlichkeit dieselbe; aber
der Blick war oft zu flatternd, oft zu stehend; durch die Lilienwangen flog ein
Fieberrot, durch die untere Lippe einmal ein zerdrückter Krampf... Hier hob das
Mitleid den erschrocknen Freund über die Höflichkeit hinaus, und er sagte ihr
geradezu die Einwilligungen der Fürstin. Er rief seinem beschwerten Herzen seine
bisherige Hof-Kühnheit zu Hülfe und befahl ihr, den nahen Frühling zu ihrer
Apoteke zu machen und die Blumen zu ihren offizinellen Kräutern und ihre -
Phantasie zu ihrer Arzenei. »Sie scheinen mich« (sagte sie lächelnd) »zu den
Lerchen zu rechnen, die in ihrem Bauer immer grünen Rasen haben müssen. Damit
aber meine Fürstin und Sie nicht umsonst gütig waren: so werd' ichs am Ende tun.
- Ich gesteh' es Ihnen, ich bin wenigstens eine eingebildete - Gesunde: ich
fühle mich wohl. «.... Sie brach es ab, um ihn mit der Freimütigkeit der Tugend
und mit einem in schwesterlicher Liebe schwimmenden Auge über ihren Bruder
auszufragen: ob er glücklich und zufrieden sei, wie er arbeite, wie er sich in
seinen Posten schicke? Sie sagte ihm, wie weh ihr bisher diese tief in ihre
Seele eingesperrten Fragen getan; und sie dankte ihm für das Geschenk seines
Vertrauens mit einer Wärme, die er für einen feinen Tadel seines bisherigen
Schweigens hielt. - Sie stand von jeher gern in einem Blumenkranz von Kindern;
aber in Flachsenfingen hatte sie dieser Nebelsternchen noch mehre und zwar aus
einem besondern Grunde um ihren Glanz versammelt, nämlich um es zu verbergen,
dass sie Julia, eine kleine fünfjährige Enkelin des Stadtseniors, bei welchem ihr
Bruder wohnte, als die unwillkürliche Lebensbeschreiberin und Zeitungträgerin
desselben an sich ziehe. Mehr als dreimal war ihm, als müsst' er diesem
lilienweissen Engel, den seine Wolke immer höher trug, zu Füssen fallen und mit
ausgebreiteten Armen sagen: »Klotilde, werde meine Freundin, eh' du stirbst -
meine alte Liebe gegen dich ist längst zerquetscht, denn du bist zu gut für mich
und für uns alle - aber dein Freund will ich sein, mein Herz will ich überwinden
für dich, meinen Himmel will ich hingeben für dich - ach du wirst ohnehin den
Abendtau des Alters nicht erleben und die Augen bald zumachen, und der Morgentau
hängt noch darin!« Denn er hielt ihre Seele für eine Perle, deren Körper-Muschel
geöffnet in der auflösenden Sonne liegt, damit sich die Perle früher scheide. -
Beim Abschiede konnt' er ihr mit der Freimütigkeit des Freundes, die an die
Stelle der Zurückhaltung des Liebhabers gekommen war, die Wiederholung seiner
Besuche anbieten. Überhaupt behandelte er sie jetzo wärmer und unbefangner;
erstlich, weil er auf ihr erhabnes Herz so ganz Verzicht getan, dass er sich über
seine frühern kühnen Ansprüche darauf wunderte; zweitens, weil ihm das Gefühl
seiner uneigennützigen aufopfernden Rechtschaffenheit gegen sie Wundbalsam auf
seine bisherigen Gewissensbisse goss.
    An diese Kränklichkeit schloss sich ein Abend oder ein Ereignis an, worein
der Leser, glaub' ich, sich nicht finden wird. - Viktor sollte abends Joachimen
ins Schauspiel abholen, und ihr Bruder musste vorher ihn abholen. Ich hab' es
schon zweimal niedergeschrieben, dass ihm seit einigen Wochen Mattieu nicht mehr
so zuwider war wie einem Elefanten eine Maus; er hatte doch eine einzige gute
Seite, doch einigen moralischen Goldglimmer an ihm ausgegraben, nämlich die
grösste Anhänglichkeit an seine Schwester Joachime, die allein sein ganzes,
seinen Eltern zugeschlossenes Herz, seine Mysterien und seine Dienste innehatte
- zweitens liebte er an Mattieu, was der Minister verdammte, den Salzgeist der
Freiheit - drittens sind wir alle so, dass, wenn wir unser Herz für irgendein
weibliches aus einer Familie eingeheizet haben, dass wir Einheizer nachher die
Ofen-Wärme auf die ganze Sipp- und Magenschaft ausdehnen, auf Brüder, Neffen,
Väter - viertens wurde Mattieu immer von seiner Schwester gelobt und
entschuldigt. - Als Viktor kam zu Joachime: hatte sie Kopfschmerzen und
Putzjungfern bei sich - der Putz und der Schmerz nahm zu - endlich schickte sie
die lebendigen Appreturmaschinen fort und setzte sich, sobald sie aus dem Schaum
der Puder- und Schmuckkästen, der Schminklappen und mouchoirs de Venus, der
poudres d'odeur und der Lippenpomaden zu einer Venus erhärtet war, da setzte sie
sich nieder und sagte, sie bleibe zu Hause wegen Kopfschmerzen. Viktor blieb mit
da und recht gern. Wer nicht das Sparrwerk und Zellenwerk des Menschenherzens
kennt, den nimmt es wunder, dass Viktors Freundschaft gegen Klotilde ein ganzes
Honiggewirke von Liebe für Joachime in seine Zellen eintrug; es war ihm lieb,
wenn sie einander besuchten oder umarmten, er suchte in den Segenfingern des
Papstes nicht so viele Heilkraft als in Klotildens ihren; die Freundschaft
derselben schien ihm eine Entschuldigung der seinigen zu sein und Joachimen auf
das Postament des Werts zu heben, auf welches er sie mit allen Wagenwinden noch
nicht stellen können. Sogar das Gefühl seines steigenden Wertes gab ihm neue
Rechte zu lieben; und heute würde sogar Klotildens Flor- und Fürstenhut seine
Helmkleinodien auf Joachimens kränklichem, geduldigern Kopfe behauptet haben. In
ihre fortgesetzte Koketterie gegen das Narrenpaar hatt' er sich längst gefügt,
weil er recht gut wusste, wen sie unter drei Weisen aus Morgenland nicht zum
Narren habe, sondern zum Anbeter. Aber zurück!
    Mattieu, der der Schwester zu Gefallen auch zu Hause blieb, und Viktor und
sie machten die ganze Bande dieses concert spirituel. Joachime lehnte auf dem
Kanapee ihren sanftern siechen Kopf an die Wand zurück und blickte auf das
Fuss-Getäfel und sah mit den herübergezognen Augenlidern schöner aus - der
Evangelist ging ab und zu - Viktor setzte, wie allemal, im Zimmer herum - Es war
ein recht hübscher Abend, und ich wollt', meiner wurde heute so. Das Gespräch
wendete sich auf die Liebe; und Viktor behauptete das Dasein einer doppelten,
der bürgerlichen und der stiftfähigen oder französischen. Er liebte die
französische in Büchern und als Gesamtliebe, aber er hasste sie, sobald sie die
einzige sein sollte; er beschrieb sie heute so: »Nimm ein wenig Eis - ein wenig
Herz - ein wenig Witz - ein wenig Papier - ein wenig Zeit - ein wenig Weihrauch
- und giess es zusammen und tu es in zwei Personen von Stande: so hast du eine
rechte gute französische fontenellische Liebe.« - »Sie vergassen«, setzte Matz
dazu, »noch ein wenig Sinne, wenigstens ein Fünftel oder Sechstel, das als
adjuvans oder constituens61 zur Arznei kommen muss. - Indessen hat sie doch das
Verdienst der Kürze; die Liebe sollte, wie die Tragödie, auf Einheit der Zeit,
nämlich auf den Zeitraum eines Tages, eingeschränket sein, damit sie nicht noch
mehre Ähnlichkeit mit ihr bekäme. Schildern Sie aber die bürgerliche!« - Viktor:
»Die zieh' ich vor.« - Mattieu: »Ich nicht. Sie ist bloss ein längerer Wahnsinn
als der Zorn. On y pleure, on y crie, on y soupire, on y ment, on y enrage, on y
tue, on y meurt - enfin on se donne à tous les diables, pour avoir son ange. -
Unsere Gespräche sind heute einmal voll Arabesken und à la grécque: ich will ein
Kochbuchrezept zu einer guten bürgerlichen Liebe machen: Nimm zwei junge grosse
Herzen - wasche sie sauber ab in Taufwasser oder Druckerschwärze von deutschen
Romanen - giesse heisses Blut und Tränen darüber - setze sie ans Feuer und an den
Vollmond und lasse sie aufwallen - rühre sie fleissig um mit einem Dolche - nimm
sie heraus und garniere sie wie Krebse mit Vergissmeinnicht oder andern
Feldblumen und trage sie warm auf: so hast du einen schmackhaften bürgerlichen
Herzenskoch62«
    Mattieu setzte noch hinzu: »in der heissen bürgerlichen Liebe sei mehr Qual
als Spass; in ihr sei, wie in Dantes Gedicht von der Hölle, letzte am besten
ausgearbeitet und der Himmel am schlechtesten - Je älter ein Mädchen oder ein
eingepökelter Hering sei, desto dunkler sei an beiden das Auge, das durch die
Liebe so werde - Jede Frau aus einem höhern Zirkel müsse froh sein, dass sie vom
Manne, an den sie gekettet sei, nichts zu behalten brauche als sein Bild im
Ring, wie Prometeus, da Jupiter einmal geschworen, ihn 30000 Jahre am Kaukasus
gelötet zu lassen, während derselben bloss ein wenig von dieser Bastille an der
Hand getragen in einem Fingerring.« - Dann ging Mattieu eilend hinaus, welches
er allemal nach witzigen Entzündungen tat. Viktor liebte die bitterste
ungerechteste Satire im fremden Munde, als Kunstwerk; er verzieh alles und blieb
heiter.
    Joachime sagte dann scherzhaft: »Wenn also keine Manier der Liebe etwas
taugt, wie Sie beide bewiesen haben, so bleibt uns nichts übrig, als zu hassen.«
- »Doch nicht,« (sagt' er:) »Ihr Herr Bruder hat nur kein wahres Wort gesagt.
Stellen Sie sich vor, ich wäre der Armenkatechet und verliebt - in die zweite
Tochter des Pastor primarius bin ichs - ihre Rolle ist die einer Hörschwester;
denn die bürgerlichen Mädchen wissen nicht zu reden, wenigstens mehr in Hass als
in der Liebe - Der Armenkatechet hat wenig bel esprit, aber viel saint esprit,
viel Ehrlichkeit, viel Treue, zu viel Weichherzigkeit und unendliche Liebe - der
Katechet kann keine galante Intrige anspinnen auf einige Wochen oder Monate,
noch weniger kann er die zweite Pastorstochter in die Liebe hineindisputieren,
wie ein roué - er schweigt, um zu hoffen; aber mit einem Herzen voll ewiger
Liebe, voll opfernder Wünsche begleitet er zagend und still alle Schritte der
Geliebten und - Liebenden - aber sie errät ihn nicht, und er sie nicht. Und dann
stirbt sie... Aber vorher, eh' sie stirbt, tritt der bleiche Katechet trostlos
vor ihr Abschiedlager und drückt die zitternde Hand, eh' sie erschlafft, und
gibt dem kalten Auge noch eine Freudenträne, eh' es erstarret, und dringet noch
unter die Schmerzen der kämpfenden Seele mit dem sanften Frühlinglaute hinein:
ich liebe dich Wenn ers gesagt hat, stirbt sie an der letzten Freude, und er
liebt dann auf der Erde weiter niemand mehr. «...
    Die Vergangenheit hatte seine Seele überfallen - Tränen hingen in seinen
Augen und mischten Klotildens Krankenbild in einer sonderbaren Verdunklung mit
Joachimens ihrem zusammen - er sah und dachte eine Gestalt, die nicht da war -
er drückte die Hand derjenigen, die ihn ansah, und dachte nicht daran, dass sie
alles auf sich beziehen könnte.
    Plötzlich trat lächelnd Mattieu herein, und die Schwester lächelte nach, um
alles zu erklären, und sagte: »Der Herr Hofmedikus gab sich bisher die Mühe,
dich zu widerlegen.« Viktor, schnell erkaltet, versetzte zweideutig und bitter:
»Sie begreifen, Herr v. Schleunes, dass es mir am leichtesten wird, Sie in die
Flucht zu schlagen, wenn Sie nicht im Felde sind.« - Matz fixierte ihn; aber
Viktor schlug sanft sein Auge nieder und bereuete die Bitterkeit. Die Schwester
fuhr gleichgültig fort: »Ich glaube, mein Bruder ist oft im Falle, mit der Façon
zu wechseln.« - Er nahm es heiter lachend auf und dachte wie Viktor, sie ziele
auf seine galanten Abenteuer und Lusttreffen mit Weibern aus allen Ständen, die
auf dem Landtag sitzen. - Aber da sie ihn fortgeschickt hatte, um bei ihrer
Mutter anzufragen, wer heute abends zum Cercle komme, so sagte sie dem Medikus:
»Sie wissen nicht, was ich meinte. Wir haben am Hofe eine kranke Dame, die Ihre
leibhafte Pastorstochter ist - Und mein Bruder hat nicht so viel und nicht so
wenig Geist, um den Armenkatecheten zu machen.« Viktor fuhr zurück, brach ab:
und ging ab.
    Warum? Wieso? Weswegen? - Aber merkt man denn nicht, dass die kranke Dame
Klotilde sein soll, die Matzens feinen Annäherungen zur Schall- und Schussweite
des Herzens zu entfliehen sucht? Überhaupt hatte Viktor wohl gesehen, dass der
Evangelist gegen Klotilden bisher eine verbindlichere Rolle spielte, als er vor
ihrem Einzuge in sein Eskurial und Raubschloss durchmachte; aber Viktor hatte
diese Höflichkeit eben diesem Einquartieren zugeschrieben. Jetzo hingegen lag
die Karte von dessen Plane aufgeschlagen da: er hatte einer gegen ihn
gleichgültigen Person darum mit dem Scheine der Verachtung (die er aber fein
mehr auf ihren künftigen kleinen Kassenbestand als auf ihre Reize fallen liess)
absichtlich begegnet, um dadurch ihre Aufmerksamkeit diese Türnachbarin der
Liebe - und nachher durch den schnellen Wechsel mit Gefälligkeit noch mehr als
diese Aufmerksamkeit zu gewinnen. O! du kannst nichts gewinnen! rief in Viktor
jeder Seufzer. Aber doch gab es ihm Schmerzen, dass diese Edle, dieser Engel mit
seinen Flügeln einen solchen Widersacher schlagen müsse. - Nun wurden ihm
dreissig Dinge zugleich verdächtig: Joachimens Eröffnung und Kälte, Mattieus
Lächeln und - alles. So weit dieses Kapitel, dem ich nur noch einige reife
Gedanken anhänge. Man sieht doch offenbar, dass der arme Viktor seine Seele für
jede weibliche, wie jener Tyrann die Bettgenossen für das Bette, kleiner
verstümmelt. Freilich ist Achtung die Mutter der Liebe; aber die Tochter wird
oft einige Jahre älter als die Mutter. Er nimmt eine Hoffnung des weiblichen
Werts nach der andern zurück. Am spätesten gab er zwar seine Foderung oder
Erwartung jenes erhabenen indischen Gefühls für die Ewigkeit auf, das uns,
diesen im magischen Rauche von Leben hängenden Schattenfiguren, einen
unauslöschlichen Lichtpunkt zum Ich er teilt, und das uns über mehr als eine
Erde hebt; aber da er sah, dass die Weiber unter allen Ähnlichkeiten mit
Klotilden diese zuletzt erhalten; und da er bedachte, dass das Weltleben alles
Grosse am Menschen wegschleife, wie das Wetter an Statuen und Leichensteinen
gerade die erhabnen Teile wegnagt: so fehlte ihm nichts, um Joachimen die schon
lange ins reine geschriebene Lieberklärung zu übergeben, nichts als von ihrer
Seite ein Unglück - ein nasses Auge - ein Seelensturm - ein Koturn. Mit
deutlichern Worten: er sagte zu sich: »Ich wollte, sie wäre eine empfindsame
Närrin und gar nicht auszuhalten. Wenn sie dann einmal die Augen recht voll
hätte und das Herz dazu, und wenn ich dann vor Rührung nicht wüsste, wo mir der
Kopf stände: so könnt' ich dann anrücken und mein Herz herausbringen und es ihr
hinlangen und sagen: es ist des armen Bastians seines, behalt es nur.« Mir ist,
als hört' ich ihn leise dazu denken: »Wem will ichs weiter geben?« -
    Dass er das erste wirklich gedacht hat, sehen wir daraus, weil ers in sein
Tagebuch hineingesetzt, aus dem mein Korrespondent alles zieht, und das er mit
der Aufrichtigkeit der freiesten Seele für seinen Vater machte, um gleichsam
seine Fehler durch das Protokollieren derselben auszusöhnen. Sein italienischer
Lakai tat fast nichts, als es mundieren. - - Hinge ich nicht vom Hunde und
seiner Zeitungkapsel ab, so fiele seine Lieberklärung noch heute vor; ich bräche
Joachimen etwan einen Arm - oder legte sie ins Krankenbette - oder bliese dem
Minister das Lebenslicht aus - oder richtete irgendein Unglück in ihrem Hause an
- - und führte dann meinen Helden hin zur leidenden Heldin und sagte: »Wenn ich
fort bin, so knie nieder und überreich' ihr dein Herz.« - So aber kann der
chymische Prozess seiner Verliebung noch so lang werden wie ein juristischer, und
ich bin auf drei Alphabete gefasst.
    Hier aber will ich etwas bekennen, was der Leser aus Hochmut verheimlicht:
dass ich und er bei jeder auftretenden Dame in diesen Posttagen einen Fehlschuss
zum Salutieren getan - jede hielten wir für die Heldin des Helden - anfangs
Agaten - dann Klotilden - dann, als er in die Uhr der Fürstin seine
Lieberklärung sperrte, sagte ich: »Ich weiss schon den ganzen Handel voraus« -
dann sagten wir beide: »Wir hatten doch recht mit Klotilden« - dann griff ich
aus Not zu Marien und sagte: »Ich will mir aber weiter nichts merken lassen« -
endlich wirds eine, an die keiner von uns nur dachte (wenigstens ich nicht),
Joachime. - - So kann mirs selber ergehen, wenn ich heirate....
    Eh' ich zum Schalttage aus dem Posttag übergehe, sind noch folgende Minuten
zu passieren: Klotilde legte die Kebs-Wangen, die joues de Paris, die Schminke,
ab und setzte jetzt ihr einwelkendes Herz seltener dem Druck der
Hof-Serviettenpresse aus. Der Fürst, der ihrentwegen im Hörsaale seiner Gemahlin
hospitiert hatte, blieb öfter aus und sprach dann bei Schleunes ein: gleichwohl
dachte die Fürstin edel genug, um nicht unsern Viktor durch eine Zurücknahme des
Danks die Zurücknahme der Jennerschen Gunst entgelten zu lassen. - In Viktor war
ein langer Krieg, ob er Klotildens Bruder die neuen Beweise ihrer Schwesterliebe
sagen sollte; - endlich - da Flamins leidendes, verarmtes, von Relationen und
Schelmen und Argwohn zerstochenes Herz ihn 30 bewegte, und da er diesem
rechtschaffenen Freunde bisher so wenig Freude machen konnte - sagte er ihm (die
Verwandtschaft ausgenommen) fast alles.
Postskript: Endesunterschriebener soll hiemit auf Verlangen bezeugen, dass
Endesunterschriebener seinen 24sten Posttag ordentlich am Letzten des
Juliusmonats oder des Messidors zu Ende gebracht hat. Auf der Insel St. Johannis
1793.
                                                                      Jean Paul,
                                                    Scheerauischer Berghauptmann
 
                               Sechster Schalttag
          Über die Wüste und das gelobte Land des Menschengeschlechts
Es gibt Pflanzenmenschen, Tiermenschen und Gottmenschen. - Als wir geträumt
werden sollten: wurde ein Engel düster und entschlief und träumte. Es kam
Phantasus63 und bewegte gebrochne Lufterscheinungen, Dinge wie Nächte,
Chaosstücke, zusammengeworfne Pflanzen vor ihm und verschwand damit.
    Es kam Phobetor und trieb tierische Herden, die unter dem Gehen würgten und
graseten, vor ihm vorüber und verschwand damit.
    Es kam Morpheus und spielte mit seligen Kindern, mit bekränzten Müttern, mit
küssenden Gestalten und mit fliegenden Menschen vor ihm, und als die Entzückung
den Engel weckte, war Morpheus und das Menschengeschlecht und die Weltgeschichte
verschwunden...
    - Jetzo schläft und träumt der Engel noch - wir sind noch in seinem Traum -
erst Phobetor ist bei ihm, und Morpheus wartet noch darauf, dass Phobetor mit
seinen Tieren verschwinde...
    Aber lasset uns, statt zu träumen, denken und hoffen; und jetzt fragen:
werden auf Pflanzenmenschen, auf Tiermenschen endlich Gottmenschen kommen?
Verrät der Gang der Welt-Uhr so viel Zweck wie der Bau derselben, und hat sie
ein Zifferblatt-Rad und einen Zeiger!
    Man kann nicht (wie ein bekannter Philosoph) von Endabsichten in der Physik
sofort auf Endabsichten in der Geschichte schliessen - so wenig als ich, im
einzelnen, aus dem teleologischen (absichtvollen) Bau eines Menschen eine
teleologische Lebensgeschichte desselben folgern kann, oder so wenig als ich aus
dem weisen Bau der Tiere auf einen fortlaufenden Plan in der Weltgeschichte
derselben schliessen darf. Die Natur ist eisern, immer dieselbe, und die Weisheit
in ihrem Bau bleibt unverdunkelt; das Menschengeschlecht ist frei und nimmt wie
das Aufgusstier, die vielgestaltete Vortizelle, in jedem Augenblick bald
regelmässige, bald regellose Figuren an. Jede physische Unordnung ist nur die
Hülse einer Ordnung, jeder trübe Frühling die Hülse eines heitern Herbstes; aber
sind denn unsere Laster die Blüteknospen unserer Tugenden, und ist der Erdfall
eines fortsinkenden Bösewichts denn nichts als eine verborgne Himmelfahrt
desselben? - Und ist im Leben eines Nero ein Zweck? Dann könnt' ich ebensogut
alles zurückgeben und umkehren und Tugenden zu Herzblättern versteckter Laster
machen. Wenn man aber, wie mancher, den Sprachmissbrauch so weit treibt, dass man
moralische Höhe und Tiefe, wie die geometrische, nach dem Standort umkehret, wie
positive und negative Grössen; wenn also alle Gichtknoten, Fleckfieber und Blei-
oder Silberkoliken des Menschengeschlechts nichts sind als eine andere Art von
Wohlbefinden: so brauchen wir ja nicht zu fragen, ob es je genesen werde - es
könnte ja dann in allen möglichen Krankheiten doch nichts sein als gesund.
    Wenn sich ein Mönch des zehnten Jahrhunderts schwermütig eingeschlossen und
über die Erde, aber nicht über ihr Ende, sondern über ihre Zukunft, nachgedacht
hätte: wäre nicht in seinen Träumen das dreizehnte Jahrhundert schon ein
helleres gewesen und das achtzehnte bloss ein verklärtes zehntes?
    Unsere Wetterprophezeiungen aus der gegenwärtigen Temperatur sind logisch
richtig und historisch falsch, weil neue Zufälle, ein Erdbeben, ein Komet, die
Ströme des ganzen Dunstkreises umwenden. Kann der gedachte Mönch richtig
berechnen, wenn er solche künftige Grössen wie Amerika, Schiesspulver und
Druckerschwärze nicht ansetzt? - Eine neue Religion - ein neuer Alexander - eine
neue Krankheit - ein neuer Franklin kann den Waldstrom, dessen Weg und Inhalt
wir auf unserer Rechenhaut verjüngen wollen, brechen, verschlucken, dämmen,
umlenken. - Noch liegen vier Weltteile voll angeketteter wilder Völker - ihre
Kette wird täglich dünner - die Zeit schliesset sie los - welche Verwüstung,
wenigstens Veränderungen müssen diese nicht auf dem kleinen bowling-green
unserer kultivierten Länder anrichten! - Gleichwohl müssen alle Völker der Erde
einmal zusammengegossen werden und sich in gemeinschaftlicher Gärung abklären,
wenn einmal dieser Lebens-Dunstkreis heiter werden soll.
    Können wir von einigen mit Eisenfeile und Scheidewasser (hier Lettern und
Druckschwärze) selbst angelegten Miniatur-Erdbeben und Vulkanen auf die
Ätnas-Ausbrüche schliessen, d.h. von den Umwälzungen der wenigen gebildeten
Völker auf die der ungebildeten? Da wir setzen dürfen, dass das
Menschengeschlecht so viele Jahrtausende lebt als der Mensch Jahre: dürfen wir
schon aus dem sechsten Jahre dem Jünglings- und Mannsalter die Nativität
stellen? Dazu kömmt, dass die Lebensbeschreibung dieses Kindes-Alters gerade am
magersten ist, und dass aufgewachte Völker - fast alle Weltteile liegen voll
schlafender - in einem Jahre mehr historischen Stoff und folglich mehr
Historiker erzeugen als ein eingeschlafnes Afrika in einem Jahrhundert. Wir
werden also aus der allgemeinen Weltistorie dann am besten prophezeien können,
wenn die erwachenden Völker ihre paar Millionen Nachtragbände gar dazugebunden
haben werden. - Alle wilde Völker scheinen nur unter einem Prägstock gewesen zu
sein; hingegen die Rändelmaschine der Kultur münzet jedes anders aus. Der
Nordamerikaner und der alte Deutsche gleichen sich stärker als Deutsche einander
aus benachbarten Jahrhunderten. Weder die Goldne Bulle, noch die Magna charta,
noch den Code noir konnte Aristoteles in seine Regierund Gehorch-Formen
hineinlegen: sonst hätt' er sie weiter gemacht; aber getrauen wir uns denn, den
künftigen Nationalkonvent in der Mungalei oder die Dekretalbriefe und
Extravaganten des aufgeklärten Dalai Lama oder die Rezesse der arabischen
Reichs-Ritterschaft besser vorherzusehen? Da die Natur kein Volk mit einem
Münzstempel und einer Hand allein ausprägt, sondern mit tausenden auf einmal -
daher auf dem deutschen ein grösseres Gedränge von Abdrücken ist als auf
Achilles' Schild -: wie wollen wir, die wir nicht einmal die vergangnen, aber
einfacheren Umwälzungen des Erdballs nachrechnen können, in die moralischen
seiner Bewohner schauen? - -
    Von allem, was aus diesen Prämissen folgt, glaub' ich - das Gegenteil,
ausgenommen die Notwendigkeit der prophetischen Demut. Der Skeptizismus, der
uns, statt hartglaubig, unglaubig macht und statt der Augen das Licht reinigen
will, wird zum Unsinn und zur fürchterlichsten philosophischen Kraft- und
Tonlosigkeit.
    Der Mensch hält sein Jahrhundert oder sein Jahrfunfzig für die Kulmination
des Lichts, für einen Festtag, zu welchem alle andre Jahrhunderte nur als
Wochentage führen. Er kennt nur zwei goldne Zeitalter, das am Anfang der Erde,
das am Ende derselben, worunter er nur seines denkt; die Geschichte findet er
den grossen Wäldern ähnlich, in deren Mitte Schweigen, Nacht und Raubvögel sind,
und deren Rand bloss Licht und Gesang erfüllen. - Allerdings dienet mir alles;
aber ich diene auch allem. Da es für die Natur, die bei ihrer Ewigkeit keinen
Zeitverlust, bei ihrer Unerschöpflichkeit keinen Kraftverlust kennt, kein
anderes Gesetz der Sparsamkeit gibt als das der Verschwendung - da sie mit Eiern
und Samenkörnern ebensogut der Ernährung als der Fortpflanzung dient und mit
einer unentwickelten Keim-Welt eine halbe entwickelte erhält - da ihr Weg über
keine glatte Kegelbahn, sondern über Alpen und Meere geht: so muss unser kleines
Herz sie missverstehen, es mag hoffen oder fürchten; es muss in der Aufklärung
Morgen- und Abendröte gegenseitig verwechseln; es muss im Vergnügen bald den
Nachsommer für den Frühling, bald den Nachwinter für den Herbst ansehen. Die
moralischen Revolutionen machen uns mehr irre als die physischen, weil jene
ihrer Natur nach einen grössern Spiel- und Zeitraum einnehmen als diese - und
doch sind die finstern Jahrhunderte nichts als eine Eintauchung in den Schatten
des Saturns oder eine Sonnenfinsternis ohne Verweilen. Ein Mensch, der
sechstausend Jahre alt wäre, würde zu den sechs Schöpfungtagen der
Weltgeschichte sagen: sie sind gut.
    Man sollte aber niemals moralische und physische Revolutionen und
Entwickelungen zu nahe aneinander stellen. Die ganze Natur hat keine andere
Bewegungen als vorige, der Zirkel ist ihre Bahn, sie hat keine andere Jahre als
platonische - aber der Mensch allein ist veränderlich, und die gerade Linie oder
der Zickzack führen ihn. Eine Sonne hat so gut wie der Mond ihre Finsternisse,
so gut wie eine Blume ihre Blüte und Abblüte, aber auch ihre Palingenesie und
Erneuerung. Allein im Menschengeschlecht liegt die Notwendigkeit einer ewigen
Veränderung; jedoch hier gibts nur auf- und niedersteigende Zeichen, keine
Kulmination; jene ziehen nicht einander notwendig nach sich, wie in der Physik,
und haben keine äusserste Stufe. Kein Volk, kein Zeitalter kommt wieder; in der
Physik muss alles wiederkommen. Es ist nur zufällig, nicht notwendig, dass Völker
in einem gewissen Stufenalter, auf einer gewissen mürben Sprosse wieder
herunterstürzen - man verwechselt nur die letzte Stufe, von welcher Völker
fallen, mit der höchsten; die Römer, bei denen keine Sprosse, sondern die ganze
Leiter brach, mussten nicht notwendig durch eine Kultur sinken64, die nicht
einmal an unsere reicht. Völker haben kein Alter, oder oft geht das Greisenalter
vor dem Jünglingalter. Schon bei dem Einzelwesen ist der Krebsgang des Geistes
im Alter nur zufällig; noch weniger hat die Tugend darin eine
Sommer-Sonnenwende. - Die Menschheit hat also zu einer ewigen Verbesserung
Fähigkeit; aber auch Hoffnung? -
    Das gestörte Gleichgewicht der eignen Kräfte macht den einzelnen Menschen
elend, die Ungleichheit der Bürger, die Ungleichheit der Völker macht die Erde
elend; so wie alle Blitze aus der Nachbarschaft der Ebbe und Flut des Äters
entstehen und alle Stürme aus ungleichen Luftverteilungen. Aber zum Glück liegts
in der Natur der Berge, die Täler zu füllen.
    Nicht die Ungleichheit der Güter am meisten - denn dem Reichen hält die
Stimmen- und Fäuste-Mehrheit der Armen die Waage -, sondern die Ungleichheit der
Kultur macht und verteilt die politischen Druckwerke und Druckpumpen. Die lex
agraria in Feldern der Wissenschaften geht zuletzt auch auf die physischen
Felder über. Seitdem der Baum des Erkenntnisses seine Äste aus den
philosophischen Schalfenstern und priesterlichen Kirchenfenstern hinausdrängt in
den allgemeinen Garten: so werden alle Völker gestärkt. - Die ungleiche
Ausbildung kettet Westindien an den Fuss Europas, Heloten an Sparter, und der
eiserne Hohlkopf65 mit dem Drücker auf der Neger-Zunge setzt einen Hohlkopf
anderer Art voraus.
    Bei der fürchterlichen Ungleichheit der Völker in Macht, Reichtum, Kultur
kann nur ein allgemeines Stürmen aus allen Kompass-Ecken sich mit einer
dauerhaften Windstille beschliessen. Ein ewiges Gleichgewicht von Europa setzt
ein Gleichgewicht der vier übrigen Weltteile voraus, welches man, kleine
Librationen abgerechnet, unserer Kugel versprechen kann. Man wird künftig
ebensowenig einen Wilden als eine Insel entdecken. Ein Volk muss das andere aus
seinen Tölpeljahren ziehen. Die gleichere Kultur wird die Kommerzientraktate mit
gleichern Vorteilen abschliessen. Die längsten Regenmonate der Menschheit - in
welche die Völkerverpflanzungen allzeit fielen, so wie man Blumen allzeit an
trüben Tagen versetzt - haben ausgewittert. Noch steht ein Gespenst aus der
Mitternacht da, das weit in die Zeiten des Lichts hereinreicht - der Krieg. Aber
den Wappen-Adlern wachsen Krallen und Schnabel so lange, bis sie sich, wie
Eberhauer, krümmen und sich selber unbrauchbar machen. Wie man vom Vesuv
berechnete, dass er nur zu 43 Entzündungen noch Stoff verschliesse: so könnte man
auch die künftigen Kriege zählen. Dieses lange Gewitter, das schon seit sechs
Jahrtausenden über unserer Kugel steht, stürmt fort, bis Wolken und Erde
einander mit einem gleichen Mass von Blitzmaterie vollgeschlagen haben.
    Alle Völker werden nur in gemeinschaftlicher Aufbrausung hell; und der
Niederschlag ist Blut und Totenknochen. Wäre die Erde um die Hälfte verengert:
so wäre auch die Zeit ihrer moralischen - und physischen - Entwickelung um die
Hälfte verkürzt.
    Mit den Kriegen sind die stärksten Hemmketten der Wissenschaften
abgeschnitten. Sonst waren Kriegsmaschinen die Säemaschinen neuer Kenntnisse,
indes sie alte Ernten unterdrückten; jetzo ists die Presse, die den Samenstaub
weiter und sanfter wirft. Statt eines Alexanders brauchte nun Griechenland
nichts nach Asien zu schicken als einen - Setzer; der Eroberer pelzet, der
Schriftsteller säet.
    Es ist eine Eigenheit der Aufklärung, dass sie, ob sie gleich den Einzelwesen
noch die Täuschung und Schwäche des Lasters möglich lässet, doch Völker von
Kompagnie-Lastern und von National-Täuschungen - z.B. von Strandrecht, Seeraub -
erlöset. Die besten und schlimmsten Taten begehen wir in Gesellschaft; ein
Beispiel ist der Krieg. Der Negerhandel muss in unsern Tagen, es müsste denn der
Untertanenhandel anfangen, aufhören.66
    Die höchsten steilsten Tronen stehen wie die höchsten Berge in den wärmsten
Ländern. Die politischen Berge werden wie die physischen täglich kürzer (zumal
wenn sie Feuer speien) und müssen endlich mit den Tälern in einer - Ebene
liegen.
    Aus allem diesem folgt:
    Es kommt einmal ein goldnes Zeitalter, das jeder Weise und Tugendhafte schon
jetzo geniesst, und wo die Menschen es leichter haben, gut zu leben, weil sie es
leichter haben, überhaupt zu leben - wo einzelne, aber nicht Völker sündigen -
wo die Menschen nicht mehr Freude (denn diesen Honig ziehen sie aus jeder Blume
und Blattlaus), sondern mehr Tugend haben - wo das Volk am Denken, und der
Denker am Arbeiten67 Anteil nimmt, damit er sich die Heloten erspare - wo man
den kriegerischen und juristischen Mord verdammt und nur zuweilen mit dem Pfluge
Kanonenkugeln aufackert - - Wenn diese Zeit da ist: so stockt beim Übergewicht
des Guten die Maschine nicht mehr durch Reibungen - Wenn sie da ist: so liegt
nicht notwendig in der menschlichen Natur, dass sie wieder ausarte und wieder
Gewitter aufziehe (denn bisher lag das Edle bloss im fliehenden Kampfe mit dem
übermächtigen Schlimmen), so wie es, nach Forster, auch auf der heissen St.
Helenen-Insel68 kein Gewitter gibt. -
    Wenn diese Festzeit kömmt, dann sind unsre Kindeskinder - nicht mehr. Wir
stehen jetzo am Abend und sehen nach unserm dunkeln Tag die Sonne durchglühend
untergehen und uns den heitern stillen Sabbattag der Menschheit hinter der
letzten Wolke versprechen; aber unsre Nachkommenschaft geht noch durch eine
Nacht voll Wind und durch einen Nebel voll Gift, bis endlich über eine
glücklichere Erde ein ewiger Morgenwind voll Blütengeister, vor der Sonne
ziehend, alle Wolken verdrängend, an Menschen ohne Seufzer weht. Die Astronomie
verspricht der Erde eine ewige Frühling-Tag- und Nachtgleiche69; und die
Geschichte verspricht ihr eine höhere; vielleicht fallen beide ewige Frühlinge
ineinander. -
    Wir Niedergesenkte, da der Mensch unter den Menschen verschwindet, müssen
uns vor der Menschheit erheben. Wenn ich an die Griechen denke: so seh' ich, dass
unsere Hoffnungen schneller gehen als das Schicksal. - Wie man mit Lichtern
nachts über die Alpen von Eis reiset, um nicht vor den Abgründen und vor dem
langen Wege zu erschrecken: so legt das Schicksal Nacht um uns und reicht uns
nur Fackeln für den nächsten Weg, damit wir uns nicht betrüben über die Klüfte
der Zukunft und über die Entfernung des Ziels. - Es gab Jahrhunderte, wo die
Menschheit mit verbundnen Augen geführt wurde - von einem Gefängnis ins andere;
- es gab andere Jahrhunderte, wo Gespenster die ganze Nacht polterten und
umstürzten, und am Morgen war nichts verrückt; es kann keine andern Jahrhunderte
geben als solche, wo Einzelwesen sterben, wenn Völker steigen, wo Völker
zerfallen, wenn das Menschengeschlecht steigt; wo dieses selber sinkt und stürzt
und endigt mit der verstiebenden Kugel... Was tröstet uns? -
    Ein verschleiertes Auge hinter der Zeit, ein unendliches Herz jenseits der
Welt. Es gibt eine höhere Ordnung der Dinge, als wir erweisen können - es gibt
eine Vorsehung in der Weltgeschichte und in eines jeden Leben, welche die
Vernunft aus Kühnheit leugnet, und die das Herz aus Kühnheit glaubt - es muss
eine Vorsehung geben, die nach andern Regeln, als wir bisher zum Grunde legten,
diese verwirrte Erde verknüpft als Tochterland mit einer höhern Stadt Gottes -
es muss einen Gott, eine Tugend und eine Ewigkeit geben.
 
                                25. Hundposttag
  Verstellte und wahre Ohnmacht Klotildens - Julius - Emanuels Brief über Gott
Gutes, schönes Geschlecht! Zuweilen wenn ich ein demantenes Herz über deinem
warmen hängen sehe: so frag' ich: trägst du etwan ein abgebildetes darum auf
deiner Brust, um dem Amor, dem Schicksal und der Verleumdung das gleiche Ziel
ihrer verschiedenen Pfeile zu bezeichnen, wie der arme Soldat, der kniend
umgeschossen wird, durch ein in Papier geschnittenes Herz den Kugeln seiner
Kameraden die Stelle des schlagenden anweist? - - Wenn dieses Kapitel geendigt
ist, wird mich der Leser nicht mehr fragen, warum ichs so angefangen habe...
    Einst kam Viktor von einem tagelangen Spaziergange zurück, als ihm Marie mit
einem Briefchen von Mattieu atemlos entgegenlief. Es stand die Frage darin, ob
er ihn und seine Schwester nicht heute über St. Lüne bis nach Kussewitz
begleiten wollte. Das Laufen Mariens hatte bloss von einem reichen Botenlohn und
Gnadengelde Matzens hergerührt, der arme Leute oft zugleich beschenkte und
persiflierte, wie er seine Schwester zugleich liebenswürdig und lächerrlich fand.
Leuten, die ihn kannten, kam er daher komisch vor, wenn er ernstaft sein musste.
Aber Viktor sagte Nein zur Mitreise; was recht gut war, denn beide waren ohnehin
schon fort. Ich kann nicht bestimmen, obs nach zwei oder nach drei Tagen war,
dass sie wiederkamen, die Schwester mit dem kältesten Gesichte gegen ihn, und der
Bruder mit dem wärmsten. Er konnte sich diese doppelte Temperatur nicht ganz
erklären, sondern nur halb etwan aus Entdeckungen, die beide bei Tostato und dem
Grafen O über seine Verkleidung und sein Buden-Drama könnten gemacht haben.
Bisher war Joachimens Zürnen immer erst eine Folge des seinigen gewesen; jetzo
wars umgekehrt; dies verdross ihn aber sehr.
    Einige Tage darauf stand er mit der Fürstin und mit Joachimen in einem
Fenster des ministerialischen Louvre. Die Unterhaltung war lebhaft genug; die
Fürstin überzählte die Buden auf dem Markte, Joachime sah dem schnellen Zickzack
einer Schwalbe nach, Viktor stand heimlich auf einem Beine (das andere stellt'
er nur zum Schein und unbeladen auf den Boden), um zu versuchen, wie lang' ers
aushalte. Auf einmal sagte die Fürstin: »Heilige Maria! wie kann man doch ein
armes Kind so eingesperrt in einem Kasten herumtragen!« Sie guckten alle auf die
Strasse. Viktor nahm sich die Freiheit zu bemerken, dass das arme Kind von - Wachs
sei. Eine Frau trug einen kleinen Glasschrank vor sich hängend, worin ein
wächserner eingewindelter Engel schlief; sie bettelte, wie andere, gleichsam auf
dieses Kind, und das Kleine ernährte sie besser, als wenn es lebendig gewesen
wäre. Die Fürstin verlangte die neue Erscheinung herauf. Die Frau trat zitternd
mit ihrem Mumienkästchen ein und zog den kleinen Vorhang zurück. Die Fürstin
hing ein künstlerisch-trunknes Auge an die schlafende holde Gestalt, die (wie
ihr Stoff von Wachs) aus Blumen geboren und in Frühlingen erzogen schien. Jede
Schönheit drang tief in ihr Herz; daher liebte sie Klotilden so sehr und viele
Deutsche so wenig. Joachime hatte nur ein Kind und eine Schönheit lieb - und
beides war sie selber. Viktor sagte, diese wächserne Mimik und Kopie des Lebens
habt ihn von jeher trübe gemacht, und er könne nicht einmal seine eigne
Wachs-Nachbildung in St. Lüne ohne Schauder sehen. »Steht sie nicht in einem
Überrock am Fenster des Pfarrhauses?« fragte Joachime viel heiterer. »Nicht
wahr?« fragt' er wieder, »Sie dachten wohl vor einigen Tagen, ich wär' es
selber?« - Aus ihrer Miene erriet er ihren bisherigen Irrtum, der vielleicht mit
beigetragen hatte, sie gegen ihn aufzubringen. Der Pater der Fürstin kam dazu
und fügte - nach seiner Gewohnheit, zu huldigen - bei, er werd' ihn, um ihm das
Sitzen zu ersparen, nächstens bloss nach seinem Wachsbild zeichnen. Der Pater war
bekanntlich ein guter Zeichner.
    Ich lasse Begebenheiten, die weniger wichtig sind, unerzählt liegen und gehe
fröhlich weiter.
    Es war schon im März, wo die höhern Stände wegen ihres sitzenden
Winterschlafes mehr vollblütig als kaltblütig sind - wers nicht versteht, nimmt
an, ihr Überfluss an Blute rühre mehr vom Aussaugen des fremden her -; wo die
Krankheiten ihre Besuchkarten in Gestalt der Rezepte beim ganzen Hof abgehen; wo
die Augen der Fürstin, das Äter-Embonpoint des Fürsten und die gichtischen
Hände des Hofapotekers die Winterstürme fortsetzten: da war es schon, sag' ich,
als auch Klotilde den Einfluss des Winters und ihrer verdoppelten
Abgeschiedenheit von Zerstreuungen und ihres Umgangs mit ihren Phantasien jeden
Tag heftiger empfand... Wenn ich aufrichtig sein soll: so mess' ich ihrer
Abgeschiedenheit wenig, aber ihrem vom Wohlstand auferlegten Umgang mit dem
edlen Matz, mit den Schleunesschen, mit andern kaltblütigen Amphibien alles bei;
ein unschuldiges Herz muss in dem moralischen Frostwetter, wie alabasterne
Gartenstatuen im physischen, wenn jenes und wenn diese weiche einsaugende Adern
haben, Risse bekommen und brechen.
    So stands mit ihr an einem wichtigen Tage, wo er bei ihr die kleine Julia
fand. Diesen geliebten Namen legte sie dem Kinde des Seniors bei, des Mieterrn
von Flamin, um ihre Trauersehnsucht nach ihrer toten Giulia durch einen
ähnlichen Klang, durch den Rest eines Echo zu ernähren. »Dieser Trauerton«
(sagte Viktor bei sich) »ist ja für sie das willkommene ferne Rollen des
Leichenwagens, der sie zu ihrer Jugendfreundin holt; und ihre Erwartung eines
ähnlichen Schicksals ist ja der traurigste Beweis eines ähnlichen Grams.« Wenn
noch etwas nötig war, seine Freundschaft von aller Liebe zu reinigen: so wars
dieses schnelle Entblättern einer so schönen Passionblume; - gegen Leidende
schämt man sich des kleinsten Eigennutzes. - Unter dem Gespräche, von dem sich
die eifersüchtige Julia durch die Unverständlichkeit ausgeschlossen fand, zupfte
sie an der Bedientenklingel aus Verdruss; denn Mädchen machen schon um acht Jahre
früher Gefallansprüche als Knaben. Klotilde verbot dieses Geläute durch ein zu
spätes Interdikt; die Kleine, erfreuet, dass sie das hereilende Kammermädchen in
Bewegung gesetzt, suchte wieder an der Quaste zu zupfen. Klotilde sagte auf
französisch zum Doktor: »Man darf ihr nichts zu monarchisch befehlen; jetzt ruht
sie nicht, bis ich mein äusserstes Mittel versuche. - Julia!« sagte sie noch
einmal mit einem weiten, von Liebe übergossenen Auge; aber umsonst. »Nun sterb'
ich!« sagte sie, schon dahinsterbend, und lehnte das schöne, von einem
scheidenden Genius bewohnte Haupt an den Stuhl zurück und schloss die frommen
Augen zu, die nur in einem Himmel wieder aufzugehen verdienten. Indem Viktor
bewegt und stumm vor der stillen Scheintoten stand und bei sich dachte: »Wenn
sie nun nicht mehr erwachte und du die starre Hand vergeblich rissest, und ihr
letztes Wort auf dieser öden Erde gewesen wäre: nun sterb' ich! - o Gott, gäb'
es dann ein anderes Mittel für die Trostlosigkeit ihres Freundes als ein Schwert
und die letzte Wunde? Und ich fasste mit der kalten Hand ihre Hand und sagte: ich
gehe mit dir!« - indem er so dachte, und indem die Kleine weinend die sinkende
Rechte zog: so wurde das Angesicht wirklich bleicher, und die Linke gleitete vom
Schoss herab - - hier wurde jenes Schwert mit der Schärfe über sein Herz gezogen
- - Aber bald schlug sie wieder die irren Augen auf, todesschlaftrunken sich
besinnend und schämend. Sie beschönigte die flüchtige Ohnmacht durch die
Bemerkung: »Ich habe es wie jener Schauspieler mit der Urne seines Kindes
gemacht, ich dachte mich an die Stelle meiner Giulia in ihrer letzten Minute,
aber ein wenig zu glücklich.«
    Er wollte eben medizinische Hirtenbriefe gegen diese zernagende Schwärmerei
abfassen - so sehr übersetzt eine unglückliche Liebe jedes weibliche Herz aus
dem majore-Ton in den minore-Ton, sogar einer Klotilde ihres, deren Stirn
männlich, und deren Kinn sich fast mehr zum Mut als zur Schönheit erhob -, als
ganz andere Hirtenbriefe kamen. Die Botenmeisterin derselben war Viktors
glücklichere Freundin - Agate. Lache wieder Leben, du Unbefangne, in zwei
Herzen, auf welche der Tod seine fliegenden Wolken-Schatten geworfen! Sie fiel
vertraut in zwei freundschaftliche Arme; aber gegen ihren Bruder Doktor, der so
lange statt des ganzen Rumpfs nur seine Hand, d.h. seine Briefe, nach St. Lüne
hatte gehen lassen, war sie noch scheu. Ich kann aber seinen Fehler, aus einem
Hause, das er ein Vierteljahr aus Gründen gemieden, nachher noch ein zweites
ohne Gründe wegzubleiben, ich kann diesen Fehler nicht ganz verdammen, weil ich
ihn - selber habe. - Sie konnte sich nicht satt an ihm sehen; ihr blühendes
Landgesicht wies ihm statt seiner jetzigen Karwoche des Grames eine
Rötelzeichnung seiner und ihrer dahingeflatterten Freudentage im Pfarrgarten. Er
verhiess ihr feierlich, ihr Ostergast zu sein mit ihrem Bruder und statt der
Köpfe und Fenster einander nichts einzuschlagen als Eier; er rastete nicht, bis
er der alte wieder war, und sie die alte. Da sie die Langduodez-Geschichte des
Dorfes und Vaters den beiden nur aus Liebe lächelnden Hofleuten gar nicht als
eine Auszugmacherin oder in einer verstümmelten Ausgabe ablieferte, sondern in
der Länge ihrer Rückenbänder: so fühlten Klotilde und Viktor, wie sanft ihnen
dieses Niedersteigen von den bunten spitzen Hofgletschern in die weichen Täler
der mittlern Stände tat, und sie sehnten sich beide weg von glatten Herzen an
warme. Unter den Menschen und Borsdorferäpfeln sind nicht die glatten die
besten, sondern die rauhen mit einigen Warzen. Dieses Sehnen nach aufrichtigern
Seelen war es auch wohl, was aus Klotilden die Behauptung presste: es gebe nur
Missheiraten zwischen den Seelen, nicht zwischen den Ständen. Daher kam ihre
wachsende Liebe gegen die ausser dem Lohkasten eines Stammbaums, nur in der
Gemeinhut grünende Agate - welche Liebe einmal ich und der Leser im ersten
Bande aus Scharfsicht für den Deckmantel einer andern Liebe gegen Flamin erklärt
haben, und die uns beiden den Tadel gegen eine Heldin abgewöhnen sollte, die ihn
hintennach immer widerlegt.
    Auf der dicken Brieftasche, die Agate brachte, war die Handschrift der
Aufschrift von - Emanuel, welchen Klotilde alles an die Pfarrerin überschreiben
liess, um ihrer Stiefmutter das - Zumachen ihrer Briefe abzunehmen. Die Frau Le
Baut hatte diese Einsicht der Akten, diese Sokrates-Hebammenkunst im Ministerium
erlernt, das ein Recht besitzt, Haussuchung in den Briefen aller Untertanen zu
tun, weil es sie entweder für Pestkranke oder für Gefangene halten kann, wenn es
will. Während die Stieftochter im Nebenzimmer das äussere Paket erbrach, weil sie
aus seiner Dicke einen Einschluss für den Doktor prophezeiete: hauchte letzter
aus Zufall - oder aus Absicht; denn seit einiger Zeit legte er überall seine
Entzifferkanzleien der Weiber an, im engsten Winkel, in jeder Kleidfalte, in den
Spuren gelesener Bücher - haucht' er, sagt' ich, zufälligerweise an die
Fensterscheiben, auf denen man sodann lesen kann, was ein warmer Finger daran
geschrieben hat. Es traten nach dem unwillkürlichen Hauche lauter französische,
mit dem Fingernagel skizzierte Anfang-S heraus. »S!« - dacht' er - »das ist
sonderbar: ich fange mich selber so an.«
    Seine Vermutungen brach die mit einem seligentwölkten Angesicht
wiederkommende Klotilde ab, die dem denkenden Medikus einen grossen Brief von
Emanuel reichte. Nach dieser zweiten Freude folgte statt der dritten eine
Neuigkeit; sie eröffnete ihm jetzt, »dass endlich Emanuel sie instand gesetzt,
eine gehorsame, wenn auch nicht gläubige Patientin zu sein«. Sie hatte nämlich
bisher den Vorsatz ihres Gehorsams und ihrer Frühlingkur so lange verschwiegen,
bis ihr Freund in Maiental ihr ein Krankenzimmer - gerade Giulias ihres - bei
der Äbtissin auf einige Lenzmonate ausgewirket hatte, damit da das Wehen des
Frühlings ihre gesunknen Schwingen hebe, der Blumenduft das zerspaltne Herz
ausheile, und der grosse Freund die grosse Freundin aufrichte.
    Viktor entwich eilend, nicht allein aus Hunger und Durst nach dem Inhalte
seiner Hand, sondern weil eine neue Gedankenflut durch seine alten
Gedankenreihen brach. - »Bastian!« (sagte Bastian unterweges zu sich) »ich hielt
dich oft für dumm, aber für so dumm nicht - Nein, es ist sündlich, wenn ein
Mann, ein Hof- Medikus, ein Denker, monatelang darüber spintisieret, oft halbe
Abende, und doch die Sache nicht eher herausbringt, als wenn er sie hört, jetzt
erst - Wahrlich sogar das Fenster-S passet an!« - Ich und der Leser wollen ihm
das aus den Händen nehmen, womit er sich hier vor uns steinigt; denn er wirft
nach uns beiden ebensogut, weil wir ebensogut nichts erraten haben wie er. Kurz,
der versteckte Glückliche, der die schöne Klotilde zur Unglücklichen macht, und
für den sie ihre stumme scheue Seele ausseufzet, und der für ihre meisten Reize
gar keine Augen hat, ist der blinde - Julius in Maiental. Daher will sie hin.
    Ich wollt' einen Folioband mit den Beweisen davon vollbringen: Viktor zählte
sie sich an seinen fünf Fingern ab. Beim Daumen sagt' er: »Des Julius wegen
sucht sie die kleine Julia, so ists auch mit Giulia« - beim Schreibfinger sagte
er: »Das französische Anfang-J sieht wie ein S ohne Querstrich aus« - beim
Mittelfinger: »Die Minerva hat ihm ja nicht bloss die Flöte, sondern auch
Minervens schönes Gesicht beschert, und in dieses blinde Amors-Gesicht konnte
Klotilde sich ohne Erröten vertiefen; schon aus Liebe gegen seinen Freund
Emanuel hätte sie ihn geliebt«-beim Ringfinger: »Daher ihre Verteidigung der
Missheiraten, da sein bürgerlicher Ringfinger an ihren adeligen kommen soll« -
beim Ohrfinger: »Beim Himmel! das alles beweiset nicht das geringste.«
    Denn nun überströmten ihn erst die ganzen Beweise: im ersten Bande dieses
Buchs kam oft ein unbekannter Engel zu Julius und sagte: »Sei fromm, ich schweb'
um dich, ich beschirme deine eingehüllte Seele - ich gehe in den Himmel zurück.«
-
    Zweitens: dieser Engel gab einmal Julius ein Blatt und sagte: »Verbirg es,
und nach einem Jahr, wenn die Birken im Tempel grünen, lass es dir von Klotilden
vorlesen: ich entfliehe, und du hörst mich nicht eher als über ein Jahr.« - -
Alles das lag ja Klotilden wie angegossen an: sie konnte dem Blinden nie ihr
sterbendes Herz aufdecken - sie ging gerade jetzt (wie lange ist noch auf
Pfingsten?) nach Maiental, um das Blatt, das sie ihm in der Charaktermaske
eines Engels gereicht, selber vorzulesen - endlich ging sie ja gerade damals
nach St. Lüne ab - - kurz, aufs Haar trifft alles zu.
    Wenn der Lebensbeschreiber ein Wort dareinsprechen dürfte: so wär' es
dieses: Der Berghauptmann, der Lebensbeschreiber, glaubt seines Orts alles recht
gern; aber Klotilden, die bisher aus jedem Schmutznebel weiss strahlend
herausging, und an der man, wie an der Sonne, so oft Wolken mit Sonnenflecken
vermengte, kann er so lange nicht tadeln, bis sie es selber vorher tut. Viktor
hat sogar, wie ich in der ersten Auflage, manche Beweise vergessen, die für
Klotildens Liebe gegen Julius reden: z.B. den warmen Anteil an dessen Blindheit
und ihren Wunsch seiner Heilung (im Briefe an Emanuel), Flamins veraltete
Eifersucht in Maiental, sogar die Wonne, mit der sie im Schauspielhaus das Tal
ein Eden nennt und die Lete ausschlägt.
    Viktor riss das Paket entzwei, und zwei Blättchen fielen aus einem grossen
Blatte heraus. Das eine Blättchen und das grosse Blatt waren von Emanuel, das
zweite vom Lord. Er studierte das letzte, in doppelten Chiffern geschriebne
zuerst; folgendes:
»Im Herbst komm' ich, wenn die Äpfel reifen. - Die Dreieinigkeit« (der Lord
meint des Fürsten drei Söhne) »ist gefunden; aber die vierte Person in der
Gotteit« (der vierte lustige Sohn) »fehlet. - Fliehe aus dem Palaste der
Kaiserin aller Reussen,« (- mit dieser Chiffer hatten beide den Minister
Schleunes zu bezeichnen verabredet-) »aber die Grossfürstin (Joachime) melde noch
mehr: sie will nicht lieben, sondern herrschen, sie will kein Herz, sondern
einen Fürstenhut. - In Rom« (er meint Agnola) »hüte dich vor dem Kruzifix, aus
dem ein Stilett springt! Denk an die Insel, eh' du fehlest.«
Viktor erstaunte anfangs über die zufällige Angemessenheit dieser Verbote; aber
da er sich bedachte, dass er sie ihm schon auf der Insel gegeben haben würde,
wenn sie sich nicht auf seine neuern Begebenheiten bezögen: so erstaunt' er noch
mehr über die Kanäle, durch welche seinem Vater die Spionen-Depeschen von seinen
jetzigen Verhältnissen zugekommen sein mögen (- könnte denn mein Korrespondent
und Spion nicht auch des Vaters seiner sein? - ), und am meisten über die
Warnung vor Joachimen. »O! wenn diese gegen mich falsch wäre!« sagte er seufzend
und mochte das trübe Bild und den Seufzer nicht vollenden. - - Sondern er
vertrieb beide durch das kleine Blatt von Emanuel, das so klang:
                                  »Mein Sohn!
Die Morgenröte des Neujahrs schien über den Schnee an mein Angesicht, als ich
das Papier hinlegte,« (Emanuels zweiten, sogleich folgenden Brief) »auf das ich
zum letzten Male meine Seele mit allen ihren über diese Kugel hinausreichenden
Bildern abzudrücken suchte. Aber die Flammen meiner Seele wehen bis zum Körper
und sengen den mürben Lebensfaden ab; ich musste oft die zu leicht blutende Brust
vom Papier und von der Entzückung wegwenden.
    Ich habe, mein Sohn, mit meinem Blut an dich geschrieben. Julius denkt jetzo
Gott. - Der Lenz glüht unter dem Schnee und richtet sich bald auf aus dem Grünen
und blüht bis an die Wolken. - Meine Tochter (Klotilde) führt den Frühling an
der Hand und kömmt zu mir - Sie nehme meinen Sohn an die andre Hand und lege ihn
an meine Brust, worin ein zerlaufender Atem ist und ein ewiges Herz... O wie
tönen die Abendglocken des Lebens so melodisch um mich! - Ja wenn du und deine
Klotilde und unser Julius, wenn wir alle, die wir uns lieben, beisammen stehen;
wenn ich eure Stimmen höre: so werd' ich gen Himmel blicken und sagen: die
Abendglocken des Lebens umtönen mich zu wehmütig, ich werde vor Entzückung noch
früher sterben als vor dem längsten Tage, und ehe mir mein verewigter Vater
erschienen ist.
                                                                       Emanuel.«
                                       *
Lieber Emanuel, das wirst du leider! Der Freuden-Himmel dringt an deinen Mund,
und unter Wehen, unter Tönen, unter Küssen saugt er dir den flackernden Atem
aus; denn der Erdenleib, der nur grasen, nicht pflücken will, verdauet nur
niedrige Freuden, und erkaltet unter dem Strahl einer höhern Sonne! - -
    Mit Rührung zieh' ich von Viktors entzweigedrücktem unkenntlichen Angesicht
den Schleier weg, der seine Schmerzen bedeckt. Lass dich anschauen, trostloser
Mensch, der einem Frühling entgegengeht, wo sein Herz alles verlieren soll,
Emanuel durch den Tod, Klotilde durch Liebe, Flamin durch Eifersucht, sogar
Joachime durch Argwohn! Lass dich anschauen, Verarmter, ich weiss, warum dein Auge
noch trocken ist, und warum du gebrochen und den Kopf schüttelnd sagst: »Nein,
mein teurer Emanuel, ich komme nicht, denn ich kann ja nicht.« - Es ätzte sich
in dein Herz am tiefsten, dass gerade dein treuer Emanuel noch glaubte, du
würdest von seiner Freundin geliebt. - Der unentwickelte Schmerz ist ohne Träne
und ohne Zeichen; aber wenn der Mensch das Herz voll zusammenfliessender Wunden
durch Phantasie aus dem eignen Busen zieht und die Stiche zählt und dann
vergisset, dass es sein eignes ist: so weint er mitleidig über das, was so
schmerzhaft in seinen Händen schlägt, und dann besinnt er sich und weint noch
mehr. - Viktor wollte gleichsam die starre Seele aus den gefrornen Tränen
wärmend lösen und ging ans Erkerfenster und malte sich, indes die verhaltene
Abendglut des Märzes aus dem Gewölke über den maientalischen Bergen brannte,
Klotildens Vermähltag mit Julius vor - O, er zog, um sich recht wehe zu tun,
einen Frühlingtag über das Tal, der Genius der Liebe schlug über den Traualtar
den blauen Himmel auf und trug die Sonne als Brautfackel ohne Wolkendampf durch
die reine Unermesslichkeit. - Da ging an jenem Tage Emanuel verklärt, Julius
blind, aber selig, Klotilde errötend und längst genesen, und jeder war glücklich
- Da sah er nur einen einzigen Unglücklichen in den Blumen stehen, sich nämlich;
da sah er, wie dieser Betrübte wortkarg vor Schmerzen, fröhlich aus Tugend,
näher und vertrauter mit der Braut aus Kälte, so ungekannt, eigentlich so
entbehrlich mit herumgeht, wie ihm das schuldlose Paar mit jedem Zeichen der
Liebe alles vorrechnet, was er verloren, oder gar aus Schonung diese Zeichen
verhehlt, weil es seinen Gram errät - dieser Gedanke fuhr gleich einer Lohe
wider ihn -, und wie er endlich, weil die beladene Vergangenheit alle seine
getöteten Hoffnungen und seine entfärbten Wünsche vor ihn trägt, sich umwendet,
wenn das geliebte Paar von ihm zum Altar und zum ewigen Bunde geht, wie er sich
trostlos umwendet nach den stillen leeren Fluren, um unendlich viel zu weinen,
und wie er dann so allein und dunkel in der schönen Gegend bleibt und zu sich
sagt: »Deiner nimmt sich heute kein Mensch an - niemand drückt deine Hand, und
niemand sagt: Viktor, warum weinst du so? - O dieses Herz ist so voll
unaussprechlicher Liebe wie eines, aber es zerfällt ungeliebt und ungekannt, und
niemand stört sein Sterben und sein Weinen - Doch, doch, o Julius, o Klotilde,
wünsch' ich euch ewiges Glück und lauter zufriedne Tage«.... Dann konnt' er
nicht mehr; er legte die Augen in die Hand und an den Fensterrahmen und erlaubte
ihnen alles und dachte nichts mehr; der Schmerz, der wie eine Klapperschlange
mit aufgerissenem Rachen ihn und sein Entgegentaumeln angeschauet hatte, drückte
ihn jetzt, ergriffen und hineingeschlungen, auseinander...
    Weiche Herzen, ihr quälet euch auf dieser felsichten Erde so sehr wie harte
den andern - den Funken, der nur eine Brandwunde macht, schwinget ihr zum
Feuerrade um, und unter den Blüten ist euch ein spitzes Blatt ein Dorn! ... Aber
warum, sag' ich zu mir, zeigst du deines Freundes seines und öffnest entfernte
ähnliche Wunden an geheilten Menschen? O antwortet für mich, ihr, die ihr ihm
gleicht: möchtet ihr eine einzige Träne entbehren? Und da die Leiden der
Phantasie unter die Freuden der Phantasie gehören: so ist ja ein nasses Auge und
ein schwerer Atemzug das geringste, womit wir eine schöne Stunde kaufen....
    - Der Stolz - die beste Widerlage gegen weichliche Tränen - wischte sie
meinem Helden ab und sagte ihm vor: »Du bist so viel wert wie die, welche
glücklicher sind; und wenn unglückliche Liebe dich bisher schlimm machte, wie
gut könnte dich nicht die glückliche machen!« - Es war Stille in ihm und ausser
ihm; die Nacht war am Himmel; er las Emanuels Brief.
                                 »Mein Horion!
Vor einigen Stunden hat die Zeit ihre Sanduhr umgekehrt, und jetzo rieselt der
Staub eines neuen Jahres nieder. - Der Uranus schlägt unserer kleinen Erde die
Jahrhunderte, die Sonne schlägt die Jahre, der Mond die Monate; und an dieser
aus Welten zusammengesetzten Konzertuhr treten die Menschen als Bilder heraus,
die freudig rufen und tönen, wenn es schlägt.
    Auch ich trete froh heraus unter das schöne Neujahrmorgenrot, das durch alle
Wolken glimmt und den hohen halben Himmel heraufbrennt. In einem Jahre seh' ich
aus einer andern Welt in die Sonne: o wie wallet dieses letzte Mal mein Herz
unter dem Erdengewölk von Liebe über, gegen den Vater dieser schönen Erde, gegen
seine Kinder und meine Geschwister, gegen diese Blumen- wiege, worin wir nur
einmal erwachen, und unter ihrem Wiegen an der Sonne nur einmal entschlafen!
    Ich erlebe keinen Sommertag mehr, darum will ich den schönsten, wo ich mit
deinem Julius70 zum ersten Male betend durch Lichtwolken und durch Harmonien
drang und mit ihm vor einem donnernden Trone niederfiel und zu ihm sagte: Oben
in der unermesslichen Wolke, die man die Ewigkeit nennt, wohnt der, der uns
geschaffen hat und liebt - diesen Tag will ich heute in meiner Seele
wiederholen; und nie erlösche er auch in meinem Julius und Horion!
    Ich habe oft zu meinem Julius gesagt: Ich habe dir den grössten Gedanken des
Menschen, der seine Seele zusammenbeugt und doch wieder aufrichtet auf ewig,
noch nicht gegeben; aber ich sage dir ihn an dem Tage, wo dein und mein Geist am
reinsten ist, oder wo ich sterbe. Daher bat er mich oft, wenn sein Engel bei ihm
gewesen war, oder wenn die Flöte und die schauernde Nacht oder der Sturm ihn
erhoben hatte: Sage mir, Emanuel, den grössten Gedanken des Menschen! -
    Es war an einem holden Juliusabend, wo mein Geliebter an meinem Busen auf
dem Berge unter der Trauerbirke lag und weinte und mich fragte:Sage mir, warum
ich diesen Abend so sehr weine! - Tust du es denn nie, Emanuel? Es fallen aber
auch warme Tropfen von den Wolken auf meine Wangen. - Ich antwortete: Im Himmel
ziehen kleine warme Nebel herum und verschütten einige Tautropfen; aber geht
nicht der Engel in deiner Seele auf und nieder? Denn du streckest deine Hand
aus, um ihn anzurühren. - Julius sagte: Ja, er steht vor meinen Gedanken; aber
ich wollte nur dich anrühren; denn der Engel ist ja aus der Erde gegangen, und
ich sehne mich recht nach seiner Stimme. In mir wallen Traumgestalten
ineinander, aber sie haben keine so hellen Farben wie im Schlafe - - lächelnde
Angesichter blicken mich an und kommen mit aufgebreiteten Schattenarmen auf mich
und winken meiner Seele und zerfliessen, eh' ich sie an mein Herz andrücke - Mein
Emanuel, ist denn dein Angesicht nicht mit unter meinen Schattengestalten? Hier
schloss er sein nasses Angesicht glühend an meines, das ihm abgeschattet
vorzuschweben schien; eine Wolke sprengte das Weihwasser des Himmels über unsre
Umarmung, und ich sagte: Wir sind heute so weich bloss durch das, was uns umringt
und was ich jetzt sehe. - Er antwortete: O sage mir es, was du siehest, und höre
nicht auf, bis die Sonne hinabgegangen ist.
    Mein Herz schwamm in Liebe und zitterte in Entzücken unter meiner Rede:
Geliebter, die Erde ist heute so schön, das macht ja den Menschen weicher - der
Himmel ruht küssend und liebend an der Erde, wie ein Vater an der Mutter, und
ihre Kinder, die Blumen und die schlagenden Herzen, fallen in die Umarmung ein
und schmiegen sich an die Mutter. - Der Zweig hebt leise seinen Sänger auf und
nieder, die Blume wiegt ihre Biene, das Blatt seine Mücke und seinen
Honigtropfen - den offnen Blumenkelchen hängen die warmen Tränen, in die sich
die Wolken zerteilen, gleichsam in den Augen, und meine Blumenbeete tragen den
aufgebauten Regenbogen und sinken nicht - Die Wälder liegen saugend am Himmel,
und trunken von Wolken stehen alle Gipfel in stiller Wollust fest - Ein Zephyr,
nicht stärker als ein warmer Seufzer der Liebe, hauchet vor unsern Wangen vorbei
unter die rauchenden Kornblüten und treibt Samen-Staubwolken auf, und ein
Lüftchen ums andre gaukelt und spielt mit den fliegenden Ernten der Länder, aber
es legt sie uns hin, wenn es gespielt hat - - O Geliebter, wenn alles Liebe ist,
alles Harmonie, alles liebend und geliebt, alle Fluren ein berauschender
Blütenkelch, dann streckt wohl auch im Menschen der hohe Geist die Arme aus und
will mit ihnen einen Geist umschlingen, und dann, wenn er die Arme nur an
Schatten zusammenlegt, dann wird er sehr traurig vor unendlicher, vor
unaussprechlicher Sehnsucht nach Liebe. -
    Emanuel, ich bin auch traurig, sagte mein Julius.
    Siehe, die Sonne zieht hinab, die Erde hüllet sich zu - lass mich alles noch
sehen und es dir sagen.... Jetzo fliehet eine weisse Taube, wie eine grosse
Schneeflocke, blendend über das tiefe Blau... Jetzo zieht sie um den Goldfunken
des Gewitterableiters herum, gleichsam um einen im Taghimmel aufgehangenen
glimmenden Stern - o sie woget und woget und sinkt und verschwindet in den hohen
Blumen des Gottesackers.... Julius, fühltest du nichts, da ich sprach? Ach die
weisse Taube war vielleicht dein Engel, und darum zerfloss heute vor seiner Nähe
dein Herz - Die Taube fliegt nicht auf, aber Tau-Wolken, wie abgerissene Stücke
aus Sommernächten, mit einem Silberrand, ziehen über den Gottesacker und
überfärben die blühenden Gräber mit Schatten.... Jetzo schwimmt ein solcher vom
Himmel fallender Schatten auf uns her und überspült unsern Berg - - Rinne,
rinne, flüchtige Nacht, Bild des Lebens, und verdecke mir die fallende Sonne
nicht lange! .... Unser Wölkchen steht in Sonnenflammen.... o du holde, so sanft
hinter dem Erdenufer zurückblickende Sonne, du Mutterauge der Welt, dein
Abendlicht vergiessest du ja so warm und langsam wie rinnendes Blut aus dir und
erblassest sinkend, aber die Erde, in Fruchtschnüren und Blumenbändern
aufgehangen und an dich gelegt, rötet sich neugeschaffen und vor schwellender
Kraft.... Höre, Julius, jetzo tönen die Gärten - die Luft summet - die Vögel
durchkreuzen sich rufend - der Sturmwind hebt den grossen Flügel auf und schlägt
an die Wälder; höre, sie geben das Zeichen, dass unsre gute Sonne geschieden
ist....
    O Julius, Julius, (sagt' ich und umfasste seine Brust) die Erde ist gross -
aber das Herz, das auf ihr ruht, ist noch grösser als die Erde und grösser als die
Sonne... Denn es allein denkt den grössten Gedanken.
    Plötzlich ging es vom Sterbebette der Sonne kühl wie aus einem Grabe daher.
Das hohe Luftmeer wankte, und ein breiter Strom, in dessen Bette Wälder
niedergebogen lagen, brauste durch den Himmel die Laufbahn der Sonne zurück. Die
Altäre der Natur, die Berge, waren wie bei einer grossen Trauer schwarz
überhüllt. Der Mensch war vom Nebelgewölbe auf die Erde eingesperrt und
geschieden vom Himmel. Am Fusse des Gewölbes leckten durchsichtige Blitze, und
der Donner schlug dreimal an das schwarze Gewölbe. Aber der Sturm richtete sich
auf und riss es auseinander; er trieb die fliegenden Trümmer des zerbrochenen
Gefängnisses durch das Blau und warf die zerstückten Dampfmassen unter den
Himmel hinab - und noch lange braust' er allein über die offne Erde fort, durch
die lichte gereinigte Ebene... Aber über ihm, hinter dem weggerissenen Vorhang
glänzte das Allerheiligste, die Sternennacht. -
    Wie eine Sonne ging der grösste Gedanke des Menschen am Himmel auf- meine
Seele wurde eingedrückt, wenn ich gen Himmel sah - sie wurde aufgehoben, wenn
ich auf die Erde sah- Denn der Unendliche hat in den Himmel seinen Namen in
glühenden Sternen gesäet, aber auf die Erde hat er seinen Namen in sanften
Blumen gesäet.
    O Julius, sagt' ich, bist du heute gut gewesen? - Er antwortete: Ich habe
nichts getan, ausser geweint.
    Julius, knie nieder und entferne jeden bösen Gedanken - höre meine Stimme
beben, fühle meine Hand zittern - ich knie neben dir.
    Wir knien hier auf dieser kleinen Erde vor der Unendlichkeit, vor der
unermesslichen, über uns schwebenden Welt, vor dem leuchtenden Umkreis des Raums.
Erhebe deinen Geist und denke, was ich sehe. Du hörst den Sturmwind, der die
Wolken um die Erde treibt - aber du hörst den Sturmwind nicht, der die Erden um
die Sonne treibt, und den grössten nicht, der hinter den Sonnen weht und sie um
ein verhülltes All führt, das mit Sonnenflammen im Abgrund liegt. Tritt von der
Erde in den leeren Äter: hier schwebe und siehe sie zu einem fliegenden Gebirge
einschwinden und mit sechs andern Sonnenstäubchen um die Sonne spielen -
ziehende Berge, denen Hügel71 nachflattern, stürzen vorüber vor dir und steigen
hinauf und hinab vor dem Sonnenschein - dann schau umher im runden, blitzenden,
hohen, aus kristallisierten Sonnen erbaueten Gewölbe, durch dessen Ritzen die
unermessliche Nacht schauet, in der das funkelnde Gewölbe hängt - Du fliegst
Jahrtausende, aber du trittst nicht auf die letzte Sonne und in die grosse Nacht
hinaus - Du schliesst das Auge zu und wirfst dich mit einem Gedanken über den
Abgrund und über die ganze Sichtbarkeit, und wenn du es wieder öffnest, so
umkreisen dich, wie Seelen Gedanken, neue hinauf-und hinabstürmende Ströme aus
lichten Wellen von Sonnen, aus dunkeln Tropfen von Erden, und neue Sonnenreihen
stehen einander wieder aus Morgen und Abend entgegen, und das Feuerrad einer
neuen Milchstrasse wälzt sich um im Strom der Zeit - Ja dich rücke eine
unendliche Hand aus dem ganzen Himmel, du siehest zurück und heftest dein Auge
auf das erblassende eintrocknende Sonnenmeer, endlich schwebt die entfernte
Schöpfung nur noch als ein bleiches stilles Wölkchen tief in der Nacht, du
dünkst dich allein und schauest dich um und- - ebensoviel Sonnen und
Milchstrassen flammen herunter und hinauf, und das bleiche Wölkchen hängt noch
zwischen ihnen bleicher, und aussen um den ganzen blendenden Abgrund ziehen sich
lauter bleiche stille Wölkchen. - -
    O Julius, o Julius, zwischen den wandelnden Feuerbergen, zwischen den von
einem Abgrund in den andern geschleuderten Milchstrassen, da flattert ein
Blütenstäubchen, aus sechs Jahrtausenden und dem Menschengeschlecht gemacht-
Julius, wer erblickt und wer versorgt das flatternde Stäubchen, das aus allen
unsern Herzen besteht? -
    Ein Stern wurde jetzt herabgeschlagen. Falle willig, Stern, in die Luft der
Erde geheftet, auch die Sterne über der Erde taumeln wie du in ihre entlegnen
Gräber herab - das Weltenmeer ohne Ufer und ohne Grund quillet hier, versieget
dort; die Mücke, die Erde, fliegt um das Sonnenlicht und sinkt in das Licht und
zerbröckelt O Julius, wer erblickt und erhält das flatternde Stäubchen auf der
Mücke, mitten im gärenden, grünenden, verwitternden Chaos? O Julius, wenn jeder
Augenblick einen Menschen und eine Welt zerlegt - wenn die Zeit über die Kometen
geht und sie austritt wie Funken und die verkohlten Sonnen zerreibt - wenn die
Milchstrassen nur wie zurückfahrende Blitze aus dem grossen Dunkel dringen - wenn
eine Weltenreihe um die andere in den Abgrund hinuntergezogen wird, wenn das
ewige Grab nie voll wird und der ewige Sternenhimmel nie leer: o mein Geliebter,
wer erblickt und erhält denn uns kleine Menschen aus Staub? - Du, Allgütiger,
erhältst uns, du, Unendlicher, du, o Gott, du bildest uns, du siehest uns, du
liebest uns - O Julius, erhebe deinen Geist und fasse den grössten Gedanken des
Menschen! Da wo die Ewigkeit ist, da wo die Unermesslichkeit ist und wo die Nacht
anfängt, da breitet ein unendlicher Geist seine Arme aus und legt sie um das
grosse fallende Welten-All und trägt es und wärmt es. Ich und du und alle
Menschen und alle Engel und alle Würmchen ruhen an seiner Brust, und das
brausende schlagende Welten- und Sonnenmeer ist ein einziges Kind in seinem Arm.
Er sieht durch das Meer hindurch, worin Korallenbäume voll Erden schwanken, und
sieht an der kleinsten Koralle das Würmchen kleben, das ich bin, und er gibt dem
Würmchen den nächsten Tropfen und ein seliges Herz und eine Zukunft und ein Auge
bis zu ihm hinauf - ja, o Gott, bis zu dir hinauf, bis an dein Herz. -
    Unaussprechlich gerührt sagte weinend Julius: Du siehst, o Geist der Liebe,
also auch mich armen Blinden - o! komm in meine Seele, wenn sie allein ist, und
wenn es warm und still auf meine Wangen regnet, und ich dazu weine und eine
unaussprechliche Liebe fühle: ach du guter grosser Geist, dich hab' ich gewiss
bisher gemeint und geliebt! - Emanuel, sage mir noch viel, sage mir seine
Gedanken und seinen Anfang.
    Gott ist die Ewigkeit, Gott ist die Wahrheit, Gott ist die Heiligkeit - er
hat nichts, er ist alles - das ganze Herz fasset ihn, aber kein Gedanke; und Er
denkt nur uns, wenn wir ihn denken. - - Alles Unendliche und Unbegreifliche im
Menschen ist sein Widerschein; aber weiter denke dein Schauder nicht. Die
Schöpfung hängt als Schleier, der aus Sonnen und Geistern gewebt ist, über dem
Unendlichen, und die Ewigkeiten gehen vor dem Schleier vorbei und ziehen ihn
nicht weg von dem Glanze, den er verhüllet.
    Stumm gingen wir Hand in Hand den Berg hinab, wir vernahmen den Sturmwind
nicht vor der Stimme unserer Gedanken, und als wir in unsere Hütte traten, sagte
Julius: Ich werde den grössten Gedanken des Menschen immer denken, unter dem
Tönen meiner Flöte, unter dem Brausen des Sturms und unter dem Fallen des warmen
Regens, und wenn ich weine, und wenn ich dich umarme, und wenn ich im Sterben
bin. - Und du, mein geliebter Horion, tue es auch.
                                                                       Emanuel.«
                                       *
Der kleine Erden-Kummer, die kleinen Erdengedanken waren jetzt aus Horions Seele
geflohen, und er ging, nach einem betenden Blick in den geöffneten
Sternenhimmel, an der Hand des Schlafs in das Reich der Träume hinein. - Lasset
uns ihn nachahmen und heute auf nichts weiter kommen. -
                           Ende des zweiten Heftleins
 
                                Drittes Heftlein
                                26. Hundposttag
    Drillinge - Zeusel und sein Zwillingbruder - die aufsteigende Perücke -
                         Entdeckung von Spitzbübereien
Wenn ich in Coventgarden über das Trauerspiel geweint hätte: so würd' ich doch
im Epiloge bleiben, den sie nachher halten, ob ich gleich über ihn lachen müsste.
Allein nur aus dem Trauerspiele führt ein Quergässchen in das Lustspiel, aber
nicht aus dem Heldengedicht; kurz der Mensch kann nach dem Erweichen, aber nicht
nach dem Erheben lachen. Ich darf es daher nie verstatten, dass ein Vielleser
sogleich nach dem 25sten Kapitel dieses anfange. Wenn man überhaupt selber
zusieht, wie sie einen lesen - nämlich noch fünfmal elender, gedankenloser,
abgerissener, als man schreibt - (ich rede bloss von Fleiss: Kenntnisse fallen von
selber beim Lesen weg, und die Autorfeder kann die Lebengeister des Lesers, wie
der Pumpenstiefel das Wasser, doch nur auf eine gewisse Höhe ziehen) - wie sie
bei den besten Stellen zwei Blätter auf einmal umwenden, bald zwei
ungleichartige Kapitel entern lassen, bald in vier Wochen erst ein Kapitel gar
hinauslesen, das in einer Sitzung hätte durchsein sollen - wie solche klassische
Leser oft kurz vor einem Besuche oder unter dem Andrehen oder gar Ansengen der
Haarwickel oder unter dem Auskämmen der Haare (die gar das erhabenste Kapitel
einpudern) letztes lesen oder ein rührendes unter dem Keifen mit der ganzen
Stube - wenn man bedenkt, dass unter solche Leser die meisten Scheerauer und
Flachsenfinger gehören, und bloss die Leserinnen nicht, die sich in alle Bücher
und Männer einzuschiessen wissen, und denen einerlei ist, was sie lesen oder
heiraten - und wenn man gar die traurige Betrachtung macht, dass, wenn über diese
Leser nicht einmal der Lesegroschen, den sie fürs Buch bezahlen müssen, so viel
Gewalt besitzt, um sie zum Genusse rührender und erhabner Blätter zu vermögen,
dass es dieser lange Periode noch weniger erzwingen werde: so preiset man das
deutsche Publikum glücklich, das doch solche Werke nähren, an denen wie an
Trutühnern das Weisse das beste ist.
    Da ein solcher Trutahn auch die Wiener Zeitschrift ist, und ich vorige
Woche im Traume dachte, mein Hund schreibe daran: so wirds hierher passen, dass
ich meinen Irrsal widerrufe. Mir fällt der Traum nicht auf - (da die
Korrespondenzbestie gleichfalls Hofmann72 heisst) -, dass diese gar der in eine
Hundshaut eingewindelte und verpuppte Professor sei. Ich wäre gar nicht darauf
verfallen, dass ein Professor der »praktischen Eloquenz« in der Form eines Hundes
der Welt Drucksachen apportierte, hätte nicht einmal in Paris ein Kerl sich mit
konterbanden Waren in eine Pudelhaut einnähen lassen, um so verkappt durchs Tor
zu kommen. Schon aus der ungleichen Grösse beider Wesen hätt' ich wissen können,
welche Zeit es sei; aber ich ging im tollen Traume so weit, dass ich den Hund
wirklich examinierend zwickte und befühlte, als der Professor, den ich hinter
dieser Charaktermaske suchte, selber lebendig zur Tür eintrat. Er hob zwar
sofort alle Verwechslung; ich legte mir aber, gleichsam um ihm Genugtuung zu
geben, die Strafe auf, das ganze Ding bekannt zu machen und noch dazu sein
Mitarbeiter, d.h. seine Monattaube zu werden, die monatlich heckt... Es sollen
daher viele wirklich in der Wiener Zeitschrift (denn in der ersten Auflage
vergass ich das zu sagen, dass ich nur geträumt) nach Arbeiten von mir geforschet
haben: ist das möglich, ich bitte? - -
    Wir haben unsern Viktor unter lauter trüben Vermutungen stehen lassen: jetzo
finden wir ihn wieder vor einem Begegnis, das sie alle bestätigt.
    Wer den Apoteker Zeusel, um den sich der ganze Vorfall dreht, nur von
Hörensagen kennt, weiss, dass er ein Hasenfuss ist Besagter Fuss - ein Hase und der
Teufel behalten, wenn auch das ganze Fell abgestreift ist, noch den Fuss - sah es
gern, wenn ihn ein Herr von Hofe ausschmausete und - auslachte; er konnte nicht
bescheiden verbleiben, sobald ihn ein Vornehmer zum Narren hatte. Der edle Matz
benahm ihm daher seine Bescheidenheit oft. Von diesem vertrug er wie die
Flachsenfinger alles, von Viktor nichts. Ich erklär' es nur daraus, weil Viktors
Satiren allgemein und passend und für das Bessern waren; die Menschen aber
vergeben lieber Pasquill als Satire, lieber Verleumdung als Ermahnung, lieber
Spotten über Ortodoxe und Aristokraten als Vernünfteln darüber73. -
Demungeachtet, ob Zeusel gleich von Mattieu diesesmal wieder gehänselt und
geprellet wurde, wollt' ers ihm nicht recht vergeben, sondern bekam das Chiragra
darüber.
    Es war nämlich kurz vor dem ersten April - manche haben jährlich 365 erste
Aprile -, als der Junker den Apoteker in jenen April schickte. In St. Lüne
waren schon drei Bad- und Trinkgäste angekommen, drei junge wilde Engländer, die
sich für Drillinge ausgaben, aber wahrscheinlich nur nacheinander, nicht
miteinander geborne Brüder waren. Bloss ihre Seelen schienen Drillinge des
Gemein- und Freiheitgeistes zu sein; sie waren so republikanisch, dass sie nicht
einmal an dem Hofe erschienen, und hielten wie jeder Engländer uns alle (mich
und den Leser und den Eloquenz-Professor) für Christensklaven und die
Freigelassenen für Steckenknechte. Die Zauberkraft eines ähnlichen Herzens trieb
bald den Regierrat Flamin in ihre kartesischen Wirbel; sie waren kaum acht Tage
da, so hatten sie mit ihm schon einen Klub beim Kaplan gehalten. Er versprach
ihnen auf Ostern das Gesicht ihres Landsmanns Sebastian; und den edlen Mattieu
hatt' er gleich anfangs mitgebracht. Matzens Freiheitbaum war bloss ein
satirischer Dornstrauch; seine Satiren ersetzten die Grundsätze. Nur ein
einziger Drilling, den selber der Böse mit Hörnern und Bocksfüssen, nämlich der
Satyr, ritt, konnte den beissenden Evangelisten und falschen Freiheit-Apostel
recht leiden; denn in einem heitern lichten Kopf nimmt jedes fremde Witz- und
Blitzwort einen grössern Schimmer an, wie Johanniswürmchen in dephlogistisierter
Luftart heller glimmen.
    Als Mattieu den Pfarrkutscher und den Lohnlakai der Engländer, den
Blasbalgtreter Zeusel - den Zwillingbruder des Apotekers-, erblickte: erfand er
etwas, das ich eben erzählen werde. Der Apoteker musste sich bekanntlich seines
leiblichen Bruders schämen, weil er ein blosser Balgtreter war und keinen andern
Wind machte als musikalischen - und weil er ferner schlechte innere Ohren und
aussen gar keine hatte. Jedoch hatt' er sich wegen der letzten mit einem
gerichtlichen Zeugnis gedeckt, das ihm nachrühmte, dass er seine Schallmuscheln
auf eine ehrliche Art durch einen Bader verloren, der ihm von seiner
Schwerhörigkeit helfen wollen. Aber sein Kopf war sein Ohr. Wenn er einen Stab
an den Redner oder an seinen Sessel hielt, oder wenn man gerade über seinem
Kopfe predigte: so hörte er recht gut. Haller erzählt ähnliche Beispiele, z.B.
von einem Tauben, der allemal einen langen Stock an die Kanzel als Leiter und
Steg der Andacht stiess. Seine Taubheit, die ihn eher zu einem höchsten
Staatsbedienten, als zu einem Lehnbedienten berief, wendete ihm gerade den Sieg
über andere Wahlkandidaten zu, weil dem Kato dem Ältern - so hiess sich der
lustige Engländer - seine närrische Stellung gefiel.
    Der edle Mattieu, dessen Herz eine ebenso dunkle Farbe hatte wie seine
Haare und Augen, hing die Drillinge als Köder-Würmchen an die Angel, um den
Apoteker zwischen seinem und Flamins Arm nach St. Lüne zu bringen. Zeusel ging
freudig mit und ahnete das Unglück nicht, das ihn erwartete, nämlich seinen
Bruder, mit dem ers schon seit vielen Jahren gegen etwas Gewisses ausgemacht
hatte, dass sie einander in Gesellschaften gar nicht kennen wollten. Der
Balgtreter begriff ohnehin aus Einfalt gar nicht, wie ein so vornehmer Mann wie
Zeusel sein Bruder sein könnte, und verehrte ihn im stillen von weitem; nur eine
Sache vertrug er nicht, trotz seiner blödsinnigen Geduld, die, dass sich der
Apoteker für den Erstgebornen ausgab: »Bin ich nicht«, sagt' er, »um eine
Viertelelle länger und eine Viertelstunde älter als er?« Er schwur, in der Bibel
sei es verbaten, seine Erstgeburt zu verkaufen - und er war dann wie alle, denen
eine dumme Geduld ausreisset, nicht mehr zu bändigen.
    Der Apoteker bemerkte nach dem ersten Schrecken über den dastehenden Bruder
mit Vergnügen, dass niemand seine Verbrüderung kenne; er wollte es daher auch
nachtun und foderte vom Bruder-Bedienten so kalt wie jeder, zu trinken. Der
Balgtreter besah, indem er den Kopf niederbog, damit der Bruder oben darüber die
Befehle gäbe, mit Erstaunen und wahrer Achtung die silbernen Gattertore und
Beinschellen auf den Füssen seines Verwandten und dessen Hüftgehenk von
Stahl-Girlanden der Uhren. Zeusel hätte sich gern - wäre dem Junker zu trauen
gewesen- gegen die Briten angestellt, als betrög' er sich und hielte des Tauben
Bücken für übertriebene Kriecherei gegen Hofleute; er wäre dann imstande
gewesen, dazuzusetzen, der Opistotonus gegen Niedere sei derselbe Krampf wie
der Emprostotonus74 gegen Höhere - aber wie gesagt, der Henker traue
Hofjunkern!
    Die Briten indessen nahmen den Narren samt seiner Geldbörse am Hintern kaum
wahr und wunderten sich bloss, was er da wolle. Ihre republikanischen Flammen
schlugen mit Flamins seinen zusammen, und zwar so, dass der Hofjunker sie für
Franzosen und für Reisediener und Zirkularboten der französischen Propaganda
würde genommen haben, wenn er nicht geglaubt hätte, nur ein Narr könne eine
versuchen und eine glauben. Mattieu hatte Scharfsinn, aber keine Grundsätze -
Wahrheiten, aber keine Wahrheitliebe - Scharfsinn ohne Gefühl - Witz ohne Zweck.
Er war heute nur darauf aus, durch losgezündete Streifschüsse den Apoteker
immer in der Angst zu befestigen, irgendeine Ideenverbindung werde ihn den
Augenblick auf den dastehenden Bruder lenken. So legt' er recht glücklich
nebenher den armen Hasenfuss auf die Folter des »gespickten Hasens«, als er
ironisch für den Nepotismus focht. »Die Päpste, die Minister« (sagt' er) »geben
wichtige Posten nicht dem ersten besten, sondern einem Manne, den sie genau
geprüft haben, weil sie mit ihm fast auferzogen wurden, nämlich einem
Blutfreund. Sie denken zu moralisch, als dass sie nach ihrer Erhebung ihre
Verwandten nicht mehr kennen sollten, und sie halten den Hof für keinen Himmel,
wo man nach seiner in die Hölle verdammten Magenschaft nichts fragt. Weil ein
Minister so viel verdauen kann wie ein Strauss: so wundert man sich, dass er nicht
auch wie ein Strauss seine Eier voll Anverwandten in den Sand und vor die Sonne
wirft und ihr Aufkommen nicht dem Zufall anvertrauet. Aber nichts verträgt sich
weniger mit dem echten Nepotismus als dies; ja selber der Strauss brütet zu Nacht
und in kältern Orten persönlich und unterlässet es nur dann, wo die Sonne besser
brütet: so sorgt auch der Mann von Einfluss nur in solchen Fällen für seine
Vettern, wenn grosser Mangel von Verdiensten es fodert. Ich gesteh' es, die Moral
kann so wenig Nepotismus wie Freundschaften gebieten; aber das Verdienst ist
desto grösser, wenn man ohne alle moralische Verbindlichkeit mit seinem Stammbaum
gleichsam die halben Tronstufen überdeckt.« - Dieser satirische Hüttenrauch und
Schwaden nahm die Briten für ihn ein, zumal da der Rauch edle Metalle
voraussetzte, nämlich die höchste Unparteilichkeit bei einem Sohne, dessen Vater
Minister war.
    Da der Apoteker das Souper zerlegte - Matz hatt' ihn ersucht, le grand
escuyer tranchant zu sein -, so passte sein Freund es ab, bis er einen grossen
Trutahn an der Gabel hatte, um ihn in der Luft, wie Reiher die Fische, und noch
dazu italienisch zu zerfällen; dann nahm der Edle seinen Weg über den
Partage-Trutahn und über Polen durch die Wahlreiche, bis er in den Erbreichen
anlangte, wo er stille lag, um da die Bemerkung zu machen, dass ganz
natürlicherweise der erste grosse Diktator seinen eignen Sohn auf seinen Tron
nach sich werde hinaufgezogen haben: »so hab' er sich oft beim
flachsenfingischen Vogelschiessen an den Kindern ergötzt, die mit den Kronen und
Zeptern, welche die Väter herabgeschossen, herumsprangen und damit warfen und
spielten.« - Der Taube unterhielt durch seinen Visierstab und seine Zündrute,
die er an den Tisch stemmte, die freieste Verbindung mit dem ganzen Klub und sah
seinem arbeitenden Bruder zu, wie er sägte und hielt. Mattieu, der den
Vorschneider liebte, aber die Wahrheit noch mehr, konnte seinetwegen nicht die
Reflexionen über die gekrönten Erstgeburten unterschlagen, sondern er merkte
frei an, man sollte wenigstens unter der regierenden Familie, wenn auch nicht
unter dem Volke, die Wahl frei haben. »Jetzt denken wir nicht einmal wie die
Juden, bei denen zwar eine halbtierische Missgeburt noch die Rechte eines
Erstgebornen hat, aber doch keine ganze tierische.75«- Der Balgtreter wurde
durch die fallopische Muttertrompete des Stabs mit neuen Ideen des Erstgebornen
geschwängert - sein Bruder wurde von der Angst mehr zerlegt als der indische
Hahn in der Luft. - Der Evangelist fuhr fort: »Auch bei den Juden hat bloss die
tierische Erstgeburt, weil sie nicht mehr opfern dürfen, das beste Futter und
ist heilig und unverletzlich - das übrige Vieh gehört unter die jüngern
Söhne.«...
    - Darauf sagte er plötzlich und lächelnd das Kompliment: »Bloss mein Freund
hier mit dem Trutahn macht die glücklichste Ausnahme von meiner Behauptung und
sein Herr Bruder mit dem Stabe da die betrübteste; es sind aber Zwillinge, und
er ist nur eine Viertelstunde älter als der Taube.« Er wandte sich unbefangen an
den Gestabten, der sein Gesicht schon zum Krieg mobil gemacht hatte: »Nicht
wahr, eine Viertelstunde älter?« - »Ja, straf' mich Gott,« (sagt' er) »das bin
ich: was sagt mein Bruder?« - Der Apoteker musste matt den Dividendus an der
Gabel senken, ob er gleich durch die herabgeschnittenen Quotienten schon
leichter war. Der Balgtreter überschauete flüchtig alle Gesichter und entdeckte
überall darauf einen schweigenden Unglauben, den der Junker durch seine kalten
Versicherungen noch lesbarer machte. »Der ganze Scherz« - sagte Zeusel leise -
»ist wohl für niemand interessant.« Da der Balgtreter die leise
Exzeptionhandlung nicht durch seinen langen Gehörknochen habhaft werden konnte -
er sah aber dann nicht ab, wie er seinen Prozess und sein Erstgeburtrecht
behaupten wollte -, so trat er seinen Beweis an und zog vier lange Flüche als
ebensoviel syllogistische Figuren so heraus und bückte den Kopf unter seinen
Bruder, damit der über demselben seine Salvationschrift einreichte. Der
Apoteker, der nicht die Erstgeburt, sondern nur das wankend machen wollte, dass
er sein Bruder sei, und der ihn wegen Zweifel über dessen Titulaturen nicht gern
anreden wollte, sagte bittend zu Mattieu: »Geben Sie ihm recht, denn er weiss
gar nicht, wovon wir bisher gesprochen haben.« - Schnell und abgerissen, aber
mit einer ungläubigen Miene sagte daher der Junker zu ihm: »Er soll recht haben,
mein Freund«, und setzte unter dem Schein, ihn ablenken zu wollen, dazu: »recht
frisch und jung sieht er aus.« - »Bei Gott!« (versetzte er aufbrennend) »der da
ist jünger; aber er kam hinter mir schon zusammengefahren auf die Welt in der
Gestalt eines Tabakbeutels - er ist aus den Bettelmännern76, die von mir
abfielen, zusammengedreht und gezwirnt.« Der Balgtreter brannte nun alle Kanonen
auf dem Wall seines Kopfes ab, erbittert durch die Essigmienen und Giftblicke
und die Unhörbarkeit seines Blutfreundes: er spannte daher den Daumen und den
Ohrfinger aus und setzte sie wie Zirkelfüsse an sein eignes Gesicht, um es
auszumessen; dann wollt' er beide als ein Längenmass über das Gesicht seines
Blutfreundes legen - er würde dann, da der Mensch zehn Gesichtlängen hat, das
fremde und sein eignes Gesicht gegeneinander gehalten und dann aus ihrem
verschiedenen Masse leicht auf ihre Statur geschlossen haben -; aber der
Apoteker wackelte, und der Balgtreter setzte den Daumen ganz falsch über dem
Kinnbacken ein. Hier hob den Daumen, der sich in den weichen Backen eintunken
wollte, etwas Hartes und Rundes auf, und der Balgdiener trieb durch das
Heruntergleiten an dem Kinnbacken eine Wachskugel zum Maule heraus, womit der
Apoteker seine eingekrempten Wangen ausgefüttert hatte wie mit einem Polster,
um das eingelegte Bildwerk des Gesichts zum erhobenen aufzustülpen. Die
herausgleitende Kugel warf wie eine Boselkugel den Apoteker um, d.h. seine
Gelassenheit, und er sagte zum Tauben, der jetzo gar zu einer Historie von
seinem Kahlkopfe überschreiten wollte, mit blitzenden Augen nur so viel: »Ihr
Mensch habt keine Lebensart, und Euer älterer Bruder muss Euch erst abhobeln.« Da
aber der Kalkant schon in der Naturgeschichte des Kahlkopfes fortschritt: so
eilte Zeusel davon mit der Entschuldigung, der Herr Hofmedikus Horion warte
heut' abends auf ihn. Der ernstafteste unter den Engländern trat ganz nahe an
ihn und sagte: »Empfehlen Sie mich dem Doktor, und da er so gute Kuren macht, so
sagen Sie ihm in meinem Namen, Sie wären ein grosser - Narr.«
    Kaum war er zum Dorfe hinaus: so dauerte den Kalkanten der Emigrant, und er
wollte in der Historie des Kahlkopfes aufhören. Der Evangelist schickte ihn
daher dem erbosten Zwilling nach, um ihn jetzt in der Nacht einzufangen; und
nahm dafür selber den historischen Faden auf. Nämlich an einem Abend, wo der Hof
nicht im Schauspiel war, hielt der Hofapoteker (der Himmel weiss wie) sein
Nussknackergesicht aus einer der ersten Logen heraus. Mattieu, damals noch Page,
postierte den Balgtreter im Scheitelpunkte seiner Perücke, nämlich in der
Galerie gerade über ihm. Der Kalkant liess oben an einem unsichtbaren Rosshaar
einen kleinen Haken niedersteigen, der wie ein Raubvogel über der
herausschauenden Perücke hing, die ich für ein Ideal von Haaren halte. Denn sie
schien aus dem Kopfe, dem die Locken und die Vergette längst ausgefallen waren,
als Eingeborner und Fechser herausgewachsen zu sein, und niemand nahm sie für
adoptiertes Pelzwerk. Der Balgtreter liess den Haken so lange über der Perücke
wie einen Perpendikel schwanken, bis Gewissheit da war, dass er in die Vergette
eingegriffen. Sofort bedient' er sich seiner Hände als Fuhrmannwinden und hob
(wie der Frost andre Gewächse) die ganze Frisur aus den Wurzeln und zog langsam
die Zopfperücke wie eine steigende Haar-Montgolfiere in die Höhe. Das Parterre
und der erste Liebhaber und der Lichtputzer wurden vor Erstaunen zu Eisschollen,
da sie den Schwanzkometen in gerader Aufsteigung zur Galerie aufgehen sahen. Auf
dem Apoteker, der seinen Kopf abgedeckt und kalt angeweht fühlte, richteten
sich die wenigen natürlichen Haare auch empor vor Schrecken, wie die
künstlichen; und als er sich mit dem kahlen Scheitel umdrehte, um der
Kreuzerhöhung seines Haarwuchses nachzusehen, liess sein Zwillingbruder (um nicht
entdeckt zu werden) das ganze härene Meteor, das dem Haar der Berenice im Himmel
nachwollte, gar unter die Leute herunterfallen vor seinem Gesichte vorbei und
sah gelassen herab auf die Kulmination im Nadir, wie die ganze Galerie. - -
    Während unserer Erzählung haben die Zwillinge einander geprügelt. Der
Erstgeburt-Akzessist rief draussen auf dem mit Nacht überdeckten Flachsenfinger
Weg in einem fort: »Herr Hofapoteker!« Und da er keine Antwort vernehmen
konnte, musst' er mit dem Hörrohr an jedes Ding, ob es etwan rede, stochern.
Endlich stiess sein Visitiereisen an die Erstgeburt, und er ging hin, um sie um
Vergebung und Retour zu ersuchen. Aber der Apoteker war dermassen im Kochen und
Sprudeln, dass er, als der Balgtreter seinen Kopf unterhielt, um dessen Antwort
einzuholen, seine Hand in eine Kugel anschiessen und sie wie einen Glockenhammer
auf die Pfeilnaht des untergehaltenen Hauptes fallen liess, worauf die
Täucherglocke einen ordentlichen Ton angab. Der Apoteker würde, wenn man ihn
recht verstanden und ihm Zeit gelassen hätte, durch diesen Zainhammer die
Suturen auf dem tauben Haupte um vieles vorgehoben haben; aber so störte ihn
sein eigner Bruder, der ihn am Kopfe- denn der Balgtreter würde seine Finger als
Schmucknadeln in die künstlichen Haare gelegt und ihn daran gelenkt haben, wäre
die Perücke am Kopfe festgemacht gewesen - wie ein Gesträuch niederbog, um sein
Hörrohr als ein zweites Rückgrat so stark und doch so behutsam über des
Zwillings erstes zu legen, dass niemand komplizierte Frakturen davontrug als der
Hörstab. - Darauf sagte er gute Nacht und empfahl ihm, sich links zu halten, um
nicht irrezugehen....
    - Hätte ich gewusst, dass diese Geschichte so viele Blätter überschatten
würde, ich hätte sie lieber weggeworfen. Am andern Morgen stattete der
unverschämte Mattieu einen Besuch beim Kreuzträger ab, an dessen Händen jetzt
das vom Zorn reifgewärmte Chiragra glühte; er wollte - weil er jeden Tadel
seiner Unverschämteit mit einer grössern beantwortete - die gichtbrüchigen Hände
zu neuen Katzenpfoten machen, um frische Spass-Kastanien aus dem Feuer zu nehmen.
Aber der Apoteker, dessen Herz nur klein, aber doch nicht schwarz war, fühlte
sich zu sehr gekränkt, und als Mattieu, über seine Klagen lachend und
schweigend, von ihm ging, ohne sich nur die Mühe einer Entschuldigung zu geben:
so schwur der Chiragrist, ihn - da haben wir wieder den Narren - zu stürzen.
    Tritt wieder auf, mein Viktor, ich sehne mich nach schönern Seelen, als
dieses Gebrüder Narren da hat! - Niemand von uns lebt und lieset so in den Tag
hinein, dass er nicht wüsste, in welcher biographischen Zeitperiode wir leben: es
ist nämlich acht Tage vor Ostern, wo Zeusel auf dem Krankenbette und Klotilde
auf dem Wege nach St. Lüne ist. - Flamin hinterbrachte unserm Viktor den Spass
mit dem kranken Zeusel. Er missfiel ihm gänzlich, so wie ihn Schriften wie der
Antihypochondriakus, das Vademekum oder die mündlichen Erzähler gedruckter Spässe
- die fadesten aller Gesellschafter - ekelten. Er konnte nie eine Tierhatze
zwischen zwei Narren anlegen: nur der Entwurf eines solchen Schlachtstücks
kitzelte seine Laune, aber nicht die Ausführung, so wie er Prügelszenen gern in
Smollet (dem Meister darin) las und dachte, aber niemals sehen mochte. Sogar von
den Körper-Bonmots und Hand-Pointen am fremden Leibe dacht' er zu
geringschätzig, die ich doch den stummen Witz (wie stumme Sünden) nennen möchte,
und die das wahre attische Salz kleiner Städte sind; denn wahrer Witz, dünkt
mich, muss sich wie das Christentum nicht in Worten, sondern in Werken
offenbaren. Er sah unsere Torheiten mit einem vergebenden Auge, mit
humoristischen Phantasien und mit dem ewigen Gedanken an die allgemeine
Menschennarrheit und mit schwermütigen Schlüssen an. Sobald er den bösen Punkt
ausnahm, dass Zeusel sich jedem Edelmann zum Miettier so lange, bis ihn dieser
zurückprügelte, vorstreckte, wie man in Paris Schosshunde zum Spazierengehen
mieten kann: so hatt' er gegen dessen Eitelkeit, da sie zumal in andern Fällen
gutmütig, freigebig und oft sogar witzig war, wenig einzuwenden. Niemand ertrug
Eitelkeit und Stolz liebreicher als er: »Was hat denn der Mensch davon,« sagt'
er viel zu lebhaft, »wenn er kein Narr ist, oder wo soll er denn aufhören,
demütig zu sein? Entweder zu gut oder gar nichts müssen wir von uns denken.«
    Viktor stattete also bei seinem Hausherrn zugleich einen freundschaftlichen
und einen ärztlichen Besuch mit seiner teilnehmenden Seele ab. Diese Gesinnung
griff herrlich in den Plan des Apotekers ein, den Doktor anzuwerben, damit er
gegen Matzen diene. »Dazu brauche ich nichts,« (sagte Zeusel zu Zeusel) »als dass
ich ihn die Intrigen, die das Schleunessche Haus gegen ihn spielet, sehen lasse,
denn er ist ohne mich nicht raffiniert genug dazu.« Denn er hält überhaupt den
Helden der Hundposttage - ders auch willig litt - ein wenig für dumm, bloss weil
dieser gutmütig, humoristisch und gegen alle Menschen vertraulich war. In der
Tat gab ihm das Leben in der grossen Welt zwar geistige und körperliche
Gewandteit und Freiheit, wenigstens grössere; aber eine gewisse äussere Würde,
die er an seinem Vater, am Minister und sogar oft an Mattieu wahrnahm, konnt'
er niemals recht oder lange nachmachen; er war zufrieden, dass er eine höhere in
seinem, Innern hatte, und fand es fast lächerrlich, auf der Erde ernstaft zu
sein, und zu gering, stolz auszusehen. Vielleicht konnten sich eben darum Viktor
und Schleunes nicht leiden; ein Mensch von Talenten und ein Bürger von Talenten
hassen einander gegenseitig.
    Eh' ich dem Apoteker erlaube, alle Fäden des Schleunesschen
Kanker-Gespinstes vorzuzeichnen: will ich nur erklären, warum Zeusel hierüber so
allwissend war, und doch Viktor so blind. Dieser aber war es, weil er sich unter
seinen Freuden auf das Erraten gleichgültiger oder schlimmer Leute gar nicht
legte; er schwebte überhaupt wie ein Paradiesvogel immer in der Himmelluft, vom
Schmutzboden abgetrennt, und flog, wie alle Paradiesvögel, der losen Federn
wegen immer gegen den Wind; daher bekam er, aus Mangel an Verbindungen, die
mündlichen Hofzeitungen erst, wenn alle Heiducken, die Lakaien der Pagen und die
Einheizer sie schon schwarz gelesen hatten; - oft gar nicht. - Der Apoteker ist
im entgegengesetzten Falle, weiler zwar die schlechten Augen, aber auch die
guten Ohren eines Maulwurfs hat, und weil in der camera obscura seines
ähnlichern Herzens sich leichter die Bilder der verwandten Kniffe malen; noch
dazu setzt er zwei lange Hörröhre - zwei Töchter - an die Kabinette oder
vielmehr an ihre Liebhaber an, die daraus kommen, und horcht durch die Röhre
manches weg, was ich in dieser Lebensbeschreibung recht herrlich schon im
dritten Heftlein nutzen kann. Es gibt Menschen - der war so -, die nur
Nachrichten, ohne Interesse für den Inhalt, erhetzen wollen und Personalien ohne
Realien, und die alle grosse Gelehrte, aber keine Gelehrsamkeit - alle grosse
Staatsmänner, aber keine Politik - alle Generale, ohne Liebe zum Kriege - zu
kennen suchen persönlich und schriftlich.
    Es kann sein, dass mancher feine Leser schon aus dem vorigen von dem, was
Zeusel jetzt entdecken will, Wind hat. Ich gebe des Apotekers Darstellung in
folgender verjüngten:
    »Der Minister habe den Fürsten sonst niemals in sein Interesse ziehen
können, selten in sein Haus; zwar hab' er zuweilen eine Tochter, die ihm
gefallen konnte, zu vermählen nicht unterlassen; aber entweder das verschiedene
Interesse des Tochtermanns war allemal dem seinigen ungünstig, oder auch der
Einfluss Sr. Herrlichkeit (des Lords). Daher sei er mehr zu entschuldigen als zu
verdammen, dass er die Partei des Schwächern ergriffen, nämlich die der
verlassenen Fürstin, die doch allemal etwas sei, und welche ihre italienischen
Künste vielleicht nur noch verdecke. Im ganzen genommen sei es also nicht
unrecht, dass man die Fürstin, die viel Temperament habe, durch Mattieu an
Schleunes' Haus zu knüpfen suche, worin man sich nach ihrer äussern
Tugend-Grandezza geniere, indes man sie durch den Hofjunker über die Kälte ihres
Gemahls beruhige.«...
    Wenn sich der Leser das Schlimmste vorstellt: so begreift er Viktors
ungläubiges Erstarren und Verfluchen; er liess aber Zeuseln erst ausreden.
    »Zum Glück habe Herr Hofmedikus dem Hause die Ehre erwiesen, oft
hinzukommen; und die Schleunesschen werden ihn wahrscheinlich auf alle Weise zum
öftern Geschenk seiner Besuche ermuntert haben, da er zumal dadurch auch den
Fürsten eingewöhne. Er wisse hierüber allerlei von guter Hand.«...
    Viktor erriet, was Zeusel aus Höflichkeit verschwieg - den Wink auf
Joachime. »Sonderbar ists doch,« dacht' er, »dass mir mein Vater fast dasselbe
schreibt! - Aber ein hübsches Gewirre von Absichten! ich machte bei meinen
Absichten auf die Fürstin den Minister zu meinem Deckmantel, und er mich bei
seinen auf den Fürsten zu dem seinigen.« - Das hätt' er ohne mich wissen sollen,
dass böse Menschen die guten nie aus Liebe suchen, und dass Joachimens Herz nichts
ist als ein Köder in der Hand des Ministers; aber dichterische Menschen, die
immer die Flügel der Phantasie aufspannen, werden, wie die Lerchen wegen ihrer
ausgespreizten Flügel, sogar in Netzen festgehalten, welche die weitesten
Maschen haben, wodurch sonst leicht ein glatter Vogelkörper glitte. - Nur noch
ein Wort: warum betrug sich Viktor gegen die besten Menschen, gegen Klotilde,
seinen Vater etc., feiner, anständiger und schöner als der beste Weltmann; und
gegen mittelmässige und schlimme benahm er sich doch so links: warum? - Weil er
alles aus Neigung und Achtung tat, und nichts aus Eigennutz und Nachahmung; die
Weltleute hingegen behaupten ein immer gleiches Betragen, weil sie es nie nach
fremden Verdiensten, sondern nach eignen Absichten abformen. Daher gab ihm sein
Vater auf der Insel unter den Lebenregeln - die überhaupt eine feine versteckte
Weissagung von seinen Fehlern und Begebenheiten waren - diese mit: man begeht
die meisten Torheiten unter Leuten, die man nicht achtet.
    »Da nun Klotilde dem Fürsten gefalle: so werde dieser Mattieu, der um sie
schon vor einigen Jahren geworben, sie zu seinen Eroberungen zu machen suchen,
um durch sie viel wichtigere zu machen.«
    Pfui! rief Viktors ganze Seele, jetzt seh' ich erst alle Stacheln der
Dornenkrone, die auf dein Herz gedrücket wird, du arme Klotilde!
    »Mattieu wäre längst mit seinen Heuratsanträgen weiter herausgegangen,
hätt' er die gegenwärtigen Aussichten (eines - Ehebruchs) näher gehabt.
Vielleicht sei auch Mattieu noch über die Zurückkunft ihres Bruders (Flamins,
wegen ihrer verkleinerten Erbschaft) in Sorge, ob ihn gleich der Tod seiner
Schwester (der beerbten Giulia) ein wenig entschädige. Daher liebe die Fürstin
Klotilden, da deren Heurat mit Mattieu nur eine Sache des Interesse sei. Käm'
es aber wirklich zu einer Vermählung, wie wahrscheinlich sei, da Mattieu sie
schon durch Grobheit dem Kammerherrn abnötigen würde«.... (Es ist ein eigner Zug
des Evangelisten, dass er gegen Schwache grob und oft gegen dieselbe Person rauh
und wieder fein war) - »so könnte jener und Jenner sich im wechselseitigen
Vergeben üben; und das Band der Freundschaft würde sich auf einmal um vier
Personen in verschiedenen Schleifen wickeln. Diese vierfache Verkettung risse
dann keiner mehr auseinander, und alles ginge zum Teufel. Der einzige
Maschinengott, der die Knüpfung dieses Knotens noch verhüten könnte, sei der -
Herr Hofmedikus. Ihm versage Herr Le Baut vielleicht die Tochter nicht, da er
ihr zum Hofdamenamt verholfen - welches damals, da ich mich Ihnen nicht deutlich
erklären durfte, gerade meine wahre Absicht war, die Sie ebensogut errieten als
ausführten - und da das Schicksal des Sohns (Flamins, der nach der allgemeinen
Meinung noch verschollen war) ja in den Händen Sr. Herrlichkeit stehe. Auch
zweifle er am Gewinnen der Fürstin nicht, da er (der Doktor) bisher ihre Gunst
besessen, und sie ihn dem Doktor Kuhlpepper vorgezogen. Durch den Verlust
Klotildens und Agnolas wären den Schleunesschen die Flügel beschnitten.«...
    Schurke! hätte hier Flamin geflucht; aber Viktor, der glaubte, diesen
moralischen Staubbesen verdiene nur ein ganzes Leben, nie eine Handlung, und der
mit der grössten Unduldung der Laster eine zu grosse Duldung der Lasterhaften
verband, dieser sagte, aber mit mehr Hitze, als man nun vermuten wird: »O du
gute Fürstin! die deutschen Skorpionen sitzen um dein Herz und stechen es zur
Wunde und giessen als Balsam Gift in die Wunde, damit sie niemals heile! -
Abscheuliche, abscheuliche Verleumdung!« Viktor lobte und verfocht gern seine
Freunde zu lebhaft - und zwar aus Neigung zum Gegenteil; denn da er bei seiner
eignen Ehre die Belobbriefe seines Gewissens den Schandgemälden der Welt ruhig
und stumm entgegensetzte, so wär's zwar seine Neigung gewesen, die Ehre seiner
Freunde so kalt zu verteidigen wie seine eigne, aber es war Gehorsam gegen sein
Gewissen, es (trotz dem Gefühle der Entbehrlichkeit) mit der grössten Wärme zu
tun.
    so Das höfische und triumphierende Lächeln Zeusels war eine zweite
Verleumdung; der Tropf hielt Viktor für ein Zifferblatt oder Stundenrad bei der
Sache und sich für den Perpendikel. Daher sagte Viktor mit einem aus Wehmut und
Stolz gemischten Unwillen: »Meine Seele erhebt sich zu weit über eure
Hof-Kleinigkeiten, über eure Hof-Spitzbübereien, mich ekelt euer Kram
unaussprechlich. - O du edler Geist in Maiental!« - -
    Er ging mit durchschnittenem Herzen weg - der Nachtwächter, der ihn allemal
im höhern Sinne an die Zeit und an die Ewigkeit dazu erinnerte, rief seines
Lehrers Gestalt vor seine weinende Seele und - Klotilde mit ihren blassen Mienen
kam mit und sagte: »Siehst du noch nicht ein, warum ich so bleiche Wangen habe
und so schnell in das fromme Tal Emanuels ziehe?« - und Joachime tanzte vorüber
und sagte: »Ich lache Sie aus, mon cher!« - und die Fürstin verhüllte ihr
unschuldiges Gesicht und sagte aus Stolz: »Verteidige mich nicht!« -
    Der Leser kann sich leicht denken, dass Viktor den Namen Klotilde für zu gross
hielt, um ihn nur in einer solchen Nachbarschaft über die Lippen zu bringen -
wie die Juden den Namen Jehova nur in der heiligen Stadt, nicht in den Provinzen
auf die Zunge nahmen. Seine Seele heftete sich nun an den Nachflor seiner Liebe,
an die von Zeuseln besprützte Agnola. Es war ihm erwünscht, dass gerade jetzo der
Kaufmann Tostato aus Kussewitz ankommen musste, um seine katolische Osterbeichte
in der Stadt abzutun: er konnte bei ihm doch auf Verschwiegenheit über die
Maskopei-Rolle in der Bude dringen, damit er der gemisshandelten Fürstin
wenigstens den Schmerz über eine gutgemeinte Beleidigung, über die in die Uhr
eingeklebte Lieberklärung, ersparte.
 
                                27. Hundposttag
       Augenverband - Bild hinter Bettevorhang - Gefahr für zwei Tugenden
Klotilde ging in der Leidenwoche, unter Liebkosungen von der Fürstin entlassen,
nach St. Lüne. In der Osterwoche trägt sie ihr Herz voll bedeckter Sorgen nach
Maiental zu ähnlichern Seelen, wenn sie vorher durch die Vorhölle gegangen,
nämlich durch einen schimmernden Ball, den ihr - oder höflicher zu reden, der
Fürstin - der Fürst am dritten Osterfeiertage gibt.... Ist diese Blume mit dem
Melonenheber des Todes oder Schicksals aus meinen biographischen Beeten
ausgestochen und versetzt: so werf' ich die Feder weg und prügle den Spitz
zurück - ich habe mich so sehr an sie gewöhnt wie an eine Verlobte: wo treib'
ich am Hofe wieder einen weiblichen Charakter auf, der wie ihrer heilige und
feine Sitten verbindet, Himmel und Welt, Tugend und Ton, ein Herz, welches (ist
es anders mit etwas Kleinem zu vergleichen erlaubt) der unsern Helden
ängstigenden und auch wie ein Herz aussehenden montre à regulateur ähnlich ist,
welche mit dem Zeiger der Hofstunden einen Zeiger der Sonnenstunden und den
liebenden Magnet verknüpft?
    Jetzo sind wir noch die ganzen Osterfeiertage beisammen; denn Sebastian muss
zum Pfarrer Eymann, um ihn und die britischen Drillinge und seine liebe Kaplänin
und mehr Liebes zu sehen. Er wäre gern schon am Osterheiligenabend dem Regierrat
dahin gefolgt (und dem Lebensbeschreiber wär's so lieb gewesen wie ein
Osterfladen, weil er der Städte und Höfe auf dem Papiere übersatt ist); aber der
Genius der zärtlichsten Freundschaft winkte ihm, nur wenigstens bis den ersten
Ostertag Flamins und Klotildens wegen, welche beide einander so lange entbehret
und so sehnlich gewünschet hatten, sich wechselseitig neue Wunden nun
mitbringend, zurückzubleiben, gleichsam als woll' er fragen: »Die ersten
Freudenblicke dieser so lange auseinandergedrängten Geschwister wird doch mein
unglücklicher Sebastian nicht stören wollen?« - Wahrlich, nein! antwortete seine
Träne.
    Die Stadt war nun von seinen Geliebten ausgeleert - die Leidenwoche war eine
wahre für ihn - nicht einmal die Fürstin, gleichsam die Elektrizitätträgerin
seiner auf sein eignes Herz zurückgewehten Liebeflamme, war ihm seit langen
erschienen - denn mit dieser Stimmung konnt' er nicht zu Joachimen gehen - - -
als ihn der Pater der Fürstin, die heute bei ihm (am heiligen Osterabend)
gebeichtet hatte, besuchte und vor ihm einen Wundzettel ihrer Augen entfaltete
und ihn freundlich schalt, dass der Hofbeichtvater dem Hofmedikus Sünden, statt
zu erlassen, vorzurücken habe. »Ich wollte morgen verreisen«, sagte Viktor -
»Gut!« sagte der Pater, »die Fürstin verlangt schon heute Ihre Hülfe.«
    Auf dem Wege zu ihr sagt' er zu sich: »Hat denn Tostato das Osterbeichten
verschworen, dass er jetzt abends noch nicht da ist? und wo wird ihn der Henker
morgen haben?« - »Hier!« antwortete - Tostato hinter ihm. - So einen lustigen
Bussfertigen hatte noch keine Sakristei gesehen. Das Freuden- und Teufels-und
Beichtkind sagte die Ursache seines frohen Tobens: »die Fürstin hab' ihm als
Landsmann heute das halbe Gewölbe ausgekauft.« - Eh' Viktor auf seinem Gesicht
die ernstaften Mienen in Reih und Glied gestellet hatte, mit welchen er ihm die
Bitte um Verschweigung seines kaufmännischen Vikariats tun wollen, ich meine die
Buden-Verwaltung: so erfreuete ihn der springende Beichtsohn mit der Nachricht,
dass die Fürstin nach seinen und ihren Landsleuten, nach seinen Associés,
gefragt, und dass er ihr gar nicht verborgen, dass einer einmal das letzte ohne
das erste gewesen - nämlich ihr Hofmedikus selber. - »Donner!« sagte der....
    Der arme Narr von Kaufmann meint' es gut, und es war weiter nichts
anzustellen als die Untersuchung, ob nicht Agnolas Fragen Zufall gewesen - ob
sie die Uhr noch habe, oder je aufgemacht, ob kein Wind die Lieberklärung als
einen verschwisterten Wind fortgetrieben. - -
    Bedenklich bliebs, dass gerade der Pater und der Kaufmann, gerade die bösen
Augen und die guten Nachrichten in einen Tag zusammenfielen; in diesen 30sten
März, in den Osterabend. Da dieser Besuch für meinen Helden sehr merkwürdig ist:
so bitt' ich jeden, sich recht bequem zu setzen und die vom Buchbindergolde
verpichten Blätter dieser Erzählung vorher aufzuspalten und achtzugeben wie ein
Spion. -
    Als Viktor im Schloss war: stiess ihm der Pater auf, welcher sagte, er gehe
auch mit. Es war ein Glück; denn ohne diesen Wegweiser hätt' er schwerlich den
Pfad durch ein Labyrint von Zimmern in das veränderte Krankenkabinett gefunden.
Und mit ihm ging wie ein Kibitz die Sorge durch alle Gemächer, er werde auf dem
Gesichte der Fürstin ein Klaglibell gegen das eingesperrte billet doux
erblicken; aber nicht einmal ein Anfangbuchstabe oder das Rubrum eines Urteils
stand auf ihrem Gesichte, als er vor sie trat, und seine Wetterwolke war
seitwärts gegangen. Wenigsten stiess eine, die über der Fürstin selber hing,
seine ab; sie war nämlich krank, aber nicht an Augen bloss, und eine zweite
Botschaft, die ihn holen sollte, hatt' ihn nur verfehlt. Sie empfing ihn im
Bette - nicht ihrer Krankheit, sondern ihres Standes wegen: denn für Damen von
einigem Range ist das Bette das Hoflager - die Moosbank- der Hochaltar - die
Königpfalz - kurz der Fürstenstuhl und Sessel. Wie der Philosoph Descartes, der
Abt Galiani und der alte Shandy, so können sie in diesem Treibhaus am besten
denken und arbeiten. Ob sie gleich im Bette lag, so war sie, wie gesagt, doch
nicht gesund, sondern von Kopf-und Augenschmerzen angefallen. Daher hatte sie
von ihrer fortgeschickten Dienerschaft für heute nichts behalten als eine
Kammerfrau, die sie sehr liebte, und die Mücke an der Wand, die sie irrte, und
unsern Doktor, der eines von beiden unterliess. Ich hätte eine im offenstehenden
Bilderkabinett sesshafte Hofdame gerne mitgezählet; aber sie sass so stumm und
unbeweglich draussen, dass Viktor schwur, sie ist entweder ein Kniestück oder -
eine Deutsche - oder beides. Es ersparte den verbrühten Augen der Fürstin
ebensoviel Schmerzen, dass der grüne Lichtschirm und die grünen Atlastapeten und
die grünen Atlasgardinen im Krankenkabinett ein wogendes blaues Helldunkel
zusammengossen, als es gesunden Augen Vergnügen verschafte. Eine einzige
Wachskerze stand auf einem Leuchter, den alle Jahreszeiten einfassten, nämlich
abgebildete - über welche Sitte der Grossen, die Natur immer nur in Spielmarken,
in effigie und durchs Kopierpapier, nie in natura selber zu geniessen, ich hier
weder meine Meinung noch die Gründe sagen kann, weil ein ganzes
                                   Extrablatt
vonnöten wäre, um nur unter so vielen möglichen Gründen, warum sie überall - auf
den Tapeten - auf den dessus des portes - des trumeaux - des cheminées - auf den
Vasen - auf den Leuchtern - auf den plats de menage - auf den
Lichtscher-Untersätzen - in ihren Gärten - auf jedem Quark eine Landschaft, die
sie nie betreten, einen Salvator Rosa-Felsen, den sie nie besteigen, gern sitzen
sehen... ich sage, weil unter so vielen Gründen, warum sie es tun und der alten
Natur dieses jus imaginum einräumen, der wahre nur von einem Extrablättchen
auszuklauben wäre, indem nur ein solches es weitläuftig entscheiden könnte, ob
es davon komme, dass ihnen die Natur, wie einem Liebhaber die Geliebte, bei der
ewigen Trennung ihr Bild geschenkt - oder davon, dass die Künstler ihnen, wie den
alten Göttern, das gerade am liebsten bringen und opfern, was sie hassen - oder
dass sie dem Kaiser Konstantin gleichen, der zur nämlichen Zeit das wahre Kreuz
abschafte, und die Abbildungen desselben vermehrte und heiligte - oder dass sie
aus feinerem Gefühl das dauerhafte, aber musivische Gemälde der Natur, in
welchem ganze Bergrücken die musivischen Steinchen sind, den zärtem, aber
kleinern Vexierbildern der Künstler nachsetzen müssten - oder dass sie Leuten
glichen (wenns solche gäbe), die auf den Teatervorhang sich die ganze Oper mit
allen Dekorationen abmalen liessen, um sich das Aufziehen des Vorhanges und das
Beschauen der Akte zu ersparen - - - Und doch, wenn das Extrablättchen mitten im
Entscheiden wäre, würde jeder aus Hundhunger nach blossen Vorfällen Reissaus
nehmen und auf nichts auslaufen als auf die Fortsetzung der Vorfälle und auf
                           das Ende des Extrablattes.
Die Fürstin hatte zwei Verhüllungen, wovon er die eine sehr liebte und die andre
sehr hasste. Die geliebte war ein Schleier, der für ihre wunden Augen eine
Heilbinde war; ihm aber war einer die Folie und Fassung des weiblichen Gesichts,
und er machte sich anheischig, den Satz als Respondent und Präses zugleich zu
verteidigen, dass die Tugend nie besser mit Schönheit belohnet werde als in St.
Ferieux bei Besancon: denn beim Sittenfeste bekommt dort das beste Mädchen einen
Schleier zu 6 Livres. - Die verhasste Verhüllung waren die Handschuhe, gegen die
er überall seinen Fehdehandschuh hinwarf: »Eine Frau«-sagt' er im Hannöverischen
- »wag' es einmal und ziehe gegen mich von Leder, nämlich ihre Hand, und
verfechte damit ohne Hülfe der Esaushände die Esaushände und sage, man muss sie
nicht abziehen als im Bette. Anziehen müsste man sie höchstens da, könnt' ich
versetzen; aber ich werde aufragen: zu was dienen denn am Ende die schönsten
Hände, die ich sehe, wenn sie immer unter den Flügeldecken liegen, als wären wir
Männer persische Könige? Und ist es dann zu streng, wenn man Personen, die
solche nachgemachte Hände von Leder oder Seide tragen, ins Gesicht sagt, sie
glichen der Mediceischen Venus, sogar bis auf die Hände77? Man antworte!« -
    Überhaupt ist in diesem dunkeln grünen Kabinett fast alles Agnolas schöne
römische Schultern ausgenommen - zugehüllt; sogar zwei Heiligenbilder warens.
Denn ein gemaltes Marienbild mit einer wahren metallischen Krone - es sollte
kein Sinnbild der Regenten mit Vexier-Köpfen unter echten Kronen sein - deckten
die Zedern der Bette-Federbüsche zu; und über einen sehr hübschen heiligen
Sebastian von Tizian - aus dem Palast Barbarigo in Venedig kopiert - (der Mann
sah mit seinen Pfeilen wie ein Stachelschwein aus und hing doch neben ihrem
Kopfkissen) hatte sie die Bettgardine weiter vorgezogen, als sein Namenvetter
ohne Pfeile kam, der mehr anbetete als angebetet wurde. Viele versicherten mich
seitdem, es sei ein Sebastian von van Dyk aus der Düsseldorfer Galerie gewesen;
aber weiter unten werd' ich zeigen, warum nicht.
    Ausser einem weiblichen Auge, das hinter einem Schleier ruht, gibts nichts
Schöneres als eines, das (hier hat der Teufel sechs End-S hintereinander) ihn
gerade wegleget. Dem armen Doktor schlug eine solche schöne Glut entgegen - da
er als Okulist verfahren wollte -, dass er sogleich als Protomedikus ihres Kopfes
verfuhr, um an ihre Hand zu fühlen und sich dadurch zu retten. Denn während sie
den Handschuh-Kallus von ihrer Hand - es waren aber nur halbe Handschuhe mit
nackten Fingern oder halbe Flügeldecken, d.h. hemiptera - herunterzupfte: so war
der Doktor, weil sie darauf hinsehen musste, in der grössten Sicherheit von der
Welt, und das griechische Feuer fuhr ganz neben ihm vorbei. Daher ist recht mit
Bedacht in die Feuerordnung der Moral ein ganzer, fast zu langer Artikel
hineingesetzt, ders jungen Mädchen verbietet, mit den Augen frei wie mit blossem
Lichte in dem Besuchsaale herumzugehen, weil so viel brennbares Zeug darin steht
- wir sämtlich -, sondern sie müssen solche in einen Strickstrumpf oder
Nährahmen oder in ein dickes Buch - z.B. in die Hundposttage - stecken wie in
eine Laterne.
    - Es ist wahrlich ein Jammer: seit ich und das Publikum im fürstlichen
Zimmer sind, folgt eine Ausschweifung nach der andern - ich meine Sternische. -
    Der fürstliche Puls ging noch etwas erhitzter als dessen seiner, der ihn
hier beschreibt. Sie hatte kurz vorher, eh' er kam, einen warmen Verband aus
zerbratnen Äpfeln von den Augen abgenommen. Sie begehrte einen Zwischenverband,
indes man das zubereiten würde, was der Doktor verordnete. Er konnte aber jetzt
in der Nacht, bei diesem Wirrwarr des Helldunkels, in allen vier Kammern seines
Gehirns und in den acht kleinern Gehirnen der vierten Gehirnkammer keinen
Augendoktor auftreiben als den Doktor v. Rosenstein, welcher darin aufstand und
ihm riet, er solle raten, Safranpulver, ein 5tel Kampfer und zerschmolzene
Winteräpfel auf gezupfte feine Linnen zu streichen. Die Kammerfrau wurde
fortgeschickt, die Zubereitung des Rezeptes zu besorgen oder zu befehlen,
nachdem sie vorher ein schwarzes Taftband mit dem Äpfeln-Überschlage um zwei der
schönsten Augen vorgebunden hatte, die einer angenehmern Binde und Blindheit
würdig waren. Ich bin lebhaft, wenn ich schreibe: der Überschlag schien aus dem
Apfel der Schönheit - und das schwarze Band aus aneinander gestossenen
Schminkmuschen gemacht zu sein. Der Pater ging auch fort, sobald er die Hoffnung
der baldigen Heilung vom Doktor hatte. Für den Medikus wars aber wahrhaftig
jetzt kein Kinderspiel, einem italienischen Rosen- und Madonnengesicht gegenüber
zu sitzen - noch dazu so nahe, dass er den Atem flüstern hören kann, nachdem er
ihn vorher wachsen sehen konnte - einem Gesicht gegenüber zu halten (mein' ich,
war kein Spiel), auf dem Rosen den Lilien eingeimpfet sind wie Abendröte den
lichten Mondwolken, und das ein malerischer Schatten, nämlich ein schwarzes
Ordenband, eine priesterliche Kopfbinde, ein wahrer postillon d'amour, so schön
zerteilt und hebt - ein zugebundnes Gesicht, das er recht bequem in einem fort
anschauen kann, und das sich (in einer malerischen Halbstellung) auf das
Kopfkissen und auf die Hand, ihm zugerichtet, stützt.....
    Ich hätte eine Steigerung versuchen und bei Sebastians Seele anfangen
sollen, die heute aus ihrer eignen Schwermut, aus ihren Sorgen, aus ihrer durch
die Zeuselsche Verleumdung vergrösserten Liebe für Agnola lauter Schönheitlinien
und flüssige Tuschen machte, um damit in dessen eignes Gesicht ein so schönes
neues hineinzumalen, als je eine schöne Seele eines auf Leinwand, oder am eignen
Kopf, oder an einem fremden erschaffen hat.
    Agnola machte wohl diese Bemerkung eher als ich.
    Es tat freilich dem Paare schlechten Vorschub, dass es unter nicht vier Augen
(denn Agnola war zugehangen), sondern unter - zwei Augen war; denn die beiden
andern Augen der Hofdame im Kabinett, aus denen Viktor nicht eher klug werden
konnte als jetzt, da die fürstlichen zu waren und er ohne Fragen durch Blicke
und Anlächeln das starre Ding auf dem Sessel drinnen im Kabinett untersuchen
konnte, waren wahrhaftig gemalt und der Rumpf dazu, der sie trug.
    Es frappierte ihn jetzo, dass er wider alle Hofordnung allein bei der Fürstin
sein durfte; aber er sagte sich, sie ist eine Italienerin eine Patientin - eine
kleine schöne Phantastin - (letztes war sogar aus dem ungewöhnlichen
Winternegligé und Sizilien-Feuer ersichtlich). - Er konnte bisher (und auch
heute vor dem Verbande der Augen) den rechten Ton gar nicht bei ihr treffen;
denn da sie zu fein war für eine Deutsche, zu wenig zärtlich für eine
Engländerin, zu lebhaft für eine Spanierin: so hätt' er auf sie freilich
geschrieben p. p. p. (passé par Paris, welches auf den über Paris gelaufnen
Briefen steht), er hätt' es, sag' ich, wäre sie nicht wieder zu
innig-leidenschaftlich gewesen für eine Pariserin. Daran stiess sichs. - Aber da
zwei Menschen sich mutiger und freier unterreden, wenn einer oder beide im
Finstern sitzen - und Agnola sass da -: so war Viktor doch heute nicht ganz und
gar so einfältig wie ein Schaf. Noch dazu machte ihn der Kleinodienschrank
beherzt, in dem er - sie konnt' es nicht sehen, dass er unhöflich herumsah - zu
seiner Freude unter 20 Uhren keine montre à regulateur ausfand. Sie fragte ihn,
ob sie bis zum dritten Feiertage so hergestellt sein werde, dass sie zum
Vergnügen des Fürsten auf dem Balle etwas beitragen könne. Er bejahete es, ob er
gleich wusste, sie trüge noch mehr bei, wenn sie wegbliebe, und ob sie gleich
dasselbe wusste. - Hier dauerte sie ihn, und er wollt' ihr alles offenbaren. Er
wollte nicht etwan plump sagen: »In Grosskussewitz liess ich mich vom Teufel
breitschlagen, dass ich in die Uhr Ew. Durchlaucht einen Liebesantrag
eingeschwärzet«; sondern er wollte im schönsten Seelenergusse mit dem pochenden
Busen niederfallen und sagen: »Nicht aus Furcht der Strafe, sondern aus Furcht,
dass das Geständnis meines Fehlers einige Ähnlichkeit mit der Wiederholung
desselben erhalte, hab' ichs bisher verborgen, dass ich einmal eine Hochachtung,
in der ich nur Ihren Hof, und nicht den Gebieter desselben nachahmen darf,
weniger zu stark als zu kühn ausgedrückt habe; aber die Stärke der Gefühle wird
leicht mit der Rechtmässigkeit derselben verwechselt.«
    - Er setzte dieses Niederfallen noch aus, weil er hinter der Gardine einen
goldnen Streif wahrnahm, der der Anfang eines Bilderrahmens zu sein schien.
Dieses Einfassgewächs musste doch um etwas herumlaufen, um ein Bild, mein' ich -
und das wollt' er gern wissen.
    Der verdammte Hofapoteker samt seiner Verleumdung hatt' es zu verantworten,
dass er das wollte; nicht als ob er glaubte, dass Matzens Gesicht umgoldet hinter
dem Bette hinge: sondern weil ihm heute allerlei aufgefallen war. Er konnt' es,
da ihres Auges Tapetentür und Sprachgitter schwarz verhangen war, recht leicht
machen: er durfte nur die linke Hand leis' auf die Bettkante aufstemmen und so,
hineingebogen und über ihr mit gehaltenem Atem schwebend, mit der rechten über
das Bette (es war schmal und er lang) hinübergreifen und die Gardine ein wenig
zupfen so wusst' er, was dahinter hing. Ich sag' es noch einmal: ohne den
Apoteker wär's ihm gar nicht eingefallen. Ein Verleumder macht, dass man
wenigstens jede Handlung um ihren Pass befragt - man tuts bloss, um den Verleumder
recht augenscheinlich zu widerlegen - und da oft die unschuldigste keinen
Gesundheitpass hat: so schüttelt man den Kopf und sagt: es ist wahre Verleumdung,
aber aufpassen will ich denn doch.
    Er hatte etlichemal den Versuch gemacht, hinüberzulangen; aber da sie immer
zu sprechen und er immer zu antworten hatte, so gings nicht, wenn er nicht seine
Annäherung an ihre Ohren verraten wollte. Die Gespräche betrafen den Ball - die
Gegenwart und Krankheit ihrer Hofdame Klotilde - die Stellvertreterin der
letzten, Joachime, über deren Anstellung sich Viktor herzlich kalt ausdrückte;
er konnte es bei Agnola niemals über Hof-Neuigkeiten hinaustreiben; sie schien
alles Abstrakte und Metaphysische zu hassen oder zu unkennen; und vollends von
Empfindungen mit ihr zu reden - was er sonst bei jeder am liebsten tat, und wozu
ihm auch des Gemahls seine Anlass und Stoff genug gegeben hätten -, kam ihm nicht
viel besser vor, als sie gar zu haben.
    Als er seine kalte Antwort über die Erhebung Joachimens gegeben hatte - eine
Kälte, die mit seiner heutigen schwärmerischen gefühlvollen Wärme für die
Fürstin einen schmeichelhaften Abstich machte -: so wollt' er in die halbe
Takt-Pause darauf, welche Agnola mit Denken ausfüllte, die Aufhebung des
Vorhangs verlegen. Er stemmte die Hand auf, hielt den Atem auf, zog den Vorhang
auf - aber der heilige Sebastian war dahinter, den ich schon oben besagt, und
der ganz gewiss von Tizian, und nicht von van Dyk war, weil er unserem Viktor so
ähnlich sah78, dass es ihm selber glaublich wurde, der Pater habe ihn nach seiner
Wachsstatue in St. Lüne dazu kopiert. Der Heilige kam ihm noch schlimmer vor als
der Evangelist - nicht weil er dachte, das Porträt sei sein Namenvetter, sondern
weil ihm einfiel, warum die Weiber in Italien zuweilen Heiligenbilder verhängen.
Die Ursache kann bekanntlich einen Holzschnitt zu den zehn Geboten - Göschen und
Unger sollten den Katechismus mit geschmackvollern Schnitten zu den Verboten
herausgeben, als die alten sind - ausfüllen. Auch die Maria über dem Bette war
mit Federbüschen und allem verschleiert.... Zeusel, Zeusel! hättest du nicht
verleumdet, diese ganze Lebensbeschreibung liefe (soviel ich voraussehen kann)
wohl anders! -
    Er erhielt sich, durch Anstemmung der Rechten an die Wand, über der schönen
Blinden schwebend, weil ihn eine kleine Weltkugel bei der Zentripetalkraft
anfasste und ihn aus seinem Zurücklaufe brachte. - Denn weil die Kranke auf der
rechten Seite ruhte: so war vom aufgerollten Haar eine Wolke nach der andern
über das Herz und über den Lilienhügel, welchen Seufzer tragen,
hinübergeflossen, und die zum andern Hügel sinkenden Locken hatten dort nicht so
viel überdecken können, als sie hier entkleidet hatten. Den Locken sank langsam
das Spitzengewebe nach, und die Herzblätten und die reifen Blüten blätterten
sich ab von der aufdringenden Apfel-Frucht... Teurer ästetischer Held dieser
Posttage, wirst du ein moralischer bleiben, jetzt ungesehen hängend über diesem
wahren globe de compression von Belidor - über dieser zunehmenden Mondkugel,
wovon man nie die andere Hälfte sieht - neben dieser Anhöhe, die man wie andre
Anhöhen um keine Festung dulden sollte - und noch dazu an einem Hofe, wo man
sonst alles Erhabne durch die Kleiderordnung erdrückt?
    Sobald er aus dem Bette und Paulinum ist: will ich mich mit dem Leser
weitläuftig über den ganzen Vorfall entzweien - jetzo muss er erst erzählt werden
in einem fort und mit vielem Feuer.
    Er war gleichsam in die Luft geheftet- Aber endlich wars Zeit, aus dieser
heissen Zone aller Gefühle und der Stellung zu weichen. Noch dazu erhöhte ein
neuer Umstand Gefahr und Reiz zugleich. - Ein langer Seufzer schien ihren ganzen
Busen zu überladen und aufzuheben und wie ein Zephyr durch einen Lilienflor zu
wogen, und der überbauende Schneehügel schien vom schwellenden Herzen, das unter
ihm glühte, und vom schwellenden Seufzer zu zittern. - Die Hand der zugehüllten
Göttin bewegte sich mechanisch nach dem eingekerkerten Auge, als wollte sie eine
Träne hinter dem Bande wegdrücken. Viktor, in Sorge, sie verschiebe die Binde,
zieht die Rechte ab von der Wand, und die Linke vom Bette, um, auf den Zehen
schwebend, ohne Bestreifen sich aus diesem Zauberhimmel herauszubeugen. - -
    Zu spät! - Das Band ist herab von ihren Augen - vielleicht war sein Seufzer
zu nahe gewesen oder sein Schweigen zu lange.
    Und die entüllten Augen finden über sich einen begeisterten, in Liebe
zerronnenen, im Anfange einer Umarmung schwebenden Jüngling.... Erstarrt hing er
in der versteinerten Lage - ihre von Schmerzen entbrannten Augen überquollen
schnell vom mildern Lichte der Liebe - sie sagte heiss und leise: »comment?«Und
gelähmt zur Entschuldigung, bebend, sinkend, glühend, sterbend fällt er auf die
heissen Lippen nieder und auf den schlagenden Busen. - Er schloss seine Augen vor
Entzückung und vor Bestürzung zu, und blind und liebestrunken und kühn und bange
wuchs er mit seinen trinkenden Lippen an ihre an.... als plötzlich in sein auf
jeden kommenden Laut gespanntes Ohr der Nachtwächter-Ausruf der zwölften Stunde
fuhr - und als Agnola wie mit einer fremden hereindringenden Hand ihn abstemmte,
um eine blutige Hemdnadel wegzuwerfen - -
    Wie ein Weltgericht in Nachtwolken schmetterte des Wächters einfache
Ermahnung, an den Tod und an die zwölfte Geisterstunde dieses Mitternachtlebens
zu denken, in seine Ohren, vor denen die Blutströme des Herzens vorüberbrausten
- Der Ruf auf der Gasse schien von Emanuel zu kommen und zu sagen: »Horion!
Beflecke deine Seele nicht und falle nicht ab von deinem Emanuel und von dir!
Schau an die Leinwand über ihrem kranken Auge, als verhüllte es der Tod - und
sinke nicht!«
    »Ich sinke nicht!« sagte sein ganzes Herz: er wand sich mit ehrerbietigem
Schonen aus den pulsierenden Armen und fiel, erstarrend vor der Möglichkeit
einer Nachahmung des elenden Mattieu, den er so verachtet hatte, ausserhalb des
Bettes an ihrer hinausgenommenen Hand mit vorströmenden Tränen nieder und sagte:
    »Vergeben Sie dem Jüngling - seinem überwältigten Herzen - seinen
geblendeten Augen - - ich verdiene alle Strafen, jede ist mir eine Vergebung -
aber ich habe niemand vergessen als mich.« - - »Mais c'est moi que j'oublie en
Vous pardonnant«79, sagte sie mit einem zweideutigen Auge, und er stand auf und
suchte sich, da ihm ihre Antwort die Wahl zwischen der angenehmsten und der
demütigsten Auslegung anbot, gern selber mit der letzten heim - Agnolas Auge
blitzte vor Liebe - dann vor Zorn - dann vor Liebe - dann schloss sie es - er
trat in die ehrerbietigste Entfernung zurück - sie öffnete es wieder und kehrte
ihr Gesicht kalt gegen die Wand und gab durch einen geheimen Druck an die Wand,
der, glaub' ich, eine eigene Klingel im Zimmer der Kammerfrau regierte, der
letzten den Befehl zu eilen - und in einigen Minuten kam diese mit der
Augen-Gurt. Natürlicherweise spielte man (wie im Leben des Menschen) den fünften
Akt so hinaus, als wäre der dritte und vierte gar nicht dagewesen. - Dann zog er
höflich ab.
    So! - Nun fangen ich und der Leser darüber zu fechten an, und Viktor darüber
zu denken. Recht war seine Umarmung nicht - seine Entdeckreise nach der Wand und
seine Gemäldeausstellung waren es auch nicht -, aber klug war sie; denn er
konnte doch wahrlich nicht zurückpurzeln und sagen: »Ich dachte, Matz hange
hinter dem Bette.« - - Darauf antworten mir freilich Leute von Erfahrung: »Wir
sind hier nicht darüber mit ihm unzufrieden, dass er die Klugheit der Tugend
vorzog, sondern darüber vielmehr, dass ers nach dem Kusse nicht wieder so machte
- Dieser Kuss ist ein zu kleiner Fehler, als dass ihn Agnola vergeben könnte.« Ich
merke, diese Leute von Erfahrung sind Anhänger von der Sekte, welche in meinem
Buche die Fürstin wegen so vieler halben Beweise unter diejenigen Weiber
rechnet, die, zu stolz und zu hart für die Liebe des Herzens, die Liebe der
Sinne nur flüchtig mit der Liebe zum Herrschen abwechseln lassen, und die es nur
tun, um aus Amors Binde ein Leitseil, aus seinen Pfeilen Sporen und Steigeisen
zu machen. Es sind mir auch die halben Beweise recht gut bekannt, womit sich
diese Sekte deckt - die Bigotterie der Fürstin - ihr Beichtabend - ihre
bisherige Aufmerksamkeit für meinen Helden - das Verdecken der gemalten Marie
und das Entüllen der lebendigern - und alle Umstände meiner Erzählung. Aber ich
kann so etwas von einer Freundin Klotildens (diese müsste sich denn gerade
deswegen von ihr geschieden oder aus Seelengüte diese nur dem männlichen
Geschlechte gewöhnlichern Eilboten des Temperaments gar nicht begriffen haben)
unmöglich eher denken, als bis mich in der Folge offenbare Spuren eines mehr
erbitterten als gekränkten Weibes dazu nötigen. -
    Ich komme von meinem Versprechen ganz ab, einiges näher zu legen, was gewiss
bei Unparteiischen meinen Helden darüber, wo nicht rechtfertigt, doch
entschuldigt, dass er nach dem Kusse sozusagen wieder tugendhaft wurde, und nicht
des leibhaften Teufels lebendig. Ich stelle keck unter die Milderunggründe seine
Unbekanntschaft mit solchen Weibern, die, gleich den Spartern, mutig nicht nach
der Zahl der Feinde ihrer Tugend fragen, sondern nach dem Orte derselben; er war
wohl oft bei ihnen und in ihrem Lager, aber seine Tugend hinderte sie, ihm die
ihrige zu zeigen. - Nicht so viel wie durch jenes wird er durch die Einwirkung
des Nachtwächters und durch das Erinnern an den Tod entschuldigt; denn dieses
muss selber entschuldigt werden; - es ist aber auch nur gar zu gewiss, dass gewisse
Menschen, die zu Philosophen oder auch zu Dichtern organisiert sind, gerade
dann, und zwar allemal, statt ihres Zustandes allgemeine Ideen beschauen, wo es
andere gar nicht können und wo sie nichts sind als Ich, nämlich in den grössten
Gefahren, in den grössten Leiden, in den grössten Freuden. -
    Ein Billiger schiebt alles auf den Apoteker, der Viktors moralischer und
mechanischer Bettzopf oder Bettaufhelfer war; denn da der ihm den edlen Matz in
einer ähnlichen Lage (aber ohne Bettzopf) vorgemalet hatte: so wurde der
Abscheu, welchen Viktor einige Tage vorher gegen des Evangelisten Betragen
empfunden hatte, in ihm zum lähmenden Unvermögen, einige Tage darauf im
geringsten es zu kopieren. - O wenn wir doch jede Sünde, zu der wir oder andre
uns versuchen, ein paar Tage vorher von einem wahren Schuft begehen sähen, den
wir anspeien! - Könnten wir dann dem Schufte nacheifern?
    Endlich braucht man nur zu Viktor in den Erker, wo er jetzo sitzt in einem
sonderbaren Barometerstande, hinzusehen, wenn man den vorigen beurteilen will.
Sein jetziger ist nämlich eine Mischung von Leerheit, Unzufriedenheit (mit sich
und jedem), von grösserer Liebe gegen Agnola, von Rechtfertigungen dieser Agnola,
und doch von einem Unvermögen, sie sich als eine nahe Freundin Klotildens zu
denken. -
    Mich wird das wenige, was ich in der Eile zusammengetragen, niemals reuen,
wenn ich dadurch einige glückliche Winke gegeben hätte, wie gut meinen Held bei
seinem Betragen nach dem Kusse, das strengen Leuten von Welt auffallen muss, eine
unangenehme Vereinigung von moralischen Zwingmitteln vorschützen könne, und wenn
es mir also geglückt wäre, ihm die Hochachtung, um die er sich brachte, weil er
den für seinen Finger zu weiten Fürstenring nicht mit dem langen Seidenfaden der
Liebe überwickelte zum Anpassen, am Ende des 27sten Kapitels wieder zu geben....
 
                                28. Hundposttag
                                   Osterfest
Einen Hundtag, der so lang und wichtig ist wie der 28ste, darf man schon in drei
Feiertage zerfällen.
                              Erster Osterfeiertag
              Ankunft im Pfarrhause - Klub der Drillinge - Karpfe
Am ersten Ostertage schlich Sebastian, voll Schneewolken wie der Himmel über
ihm, aus dem Totenhaus der Tugend, aus den Wirtschaftsgebäuden der
Leidenschaften, ich meine aus der Residenzstadt-aber erst gegen Abend, um heute
mit seinem von einem halbjährigen Gewitterregen bodenlos gewordnen Herzen keinem
Freunde lange zur Last zu sein. Auf dem Berge, hinter welchem Flachsenfingen wie
durch einen Erdfall einsinkt, kehrt' er sich um gegen die dunkle Stadt und liess
vor seiner Seele wie einen Abendnebel die Erinnerung vorüberziehen, wie er vor
drei Vierteljahren im Abendglanze des Sommers und der Hoffnung so fröhlich über
diese Häuser geblickt habe - ich beschrieb es längst -, und er verglich seine
damaligen Aussichten mit seiner heutigen Wüste; er sagte endlich: »Sage dirs nur
geradezu, was du hast und willst du hast nämlich nichts mehr, kein geliebtes und
liebendes Herz in der ganzen Stadt - aber du willst noch einmal nach St. Lüne
marschieren und ganz verarmt vom blassen Engel, den dein ausgestohlnes Herz
nicht vergessen kann, den zweiten Abschied nehmen, wie du der Sonne nachsteigst
und sie, wenn du ihren Untergang aus einem Tale gesehen, noch einmal auf einem
Berge sinken siehest.«...
    Fünf halbe Sabbaterwege vom Dorfe erblickte er den Hofkaplan, von einem
Katechumenen (sowohl des Schneiderhandwerks als des Christentums) gejagt.
Vergeblich suchte er und der junge Schneider den vorausgehetzten Seelenhirten zu
erlaufen. Der Hirt stand nicht eher fest, als bis der Junge in sein Haus hinein
war. Ein Hundertundzwanzigpfünder (das ist mein physisches Gewicht) bekömmt
nicht mehr ästetisches, wenn er die unbedeutende Ursache des unbedeutenden
Rennens so lange bei sich behält und es nicht eher sagt als jetzo, dass der
Kaplan durchaus niemand hinter sich gehen hören konnte, weil er besorgte, der
Mensch erschmeiss' ihn von hinten. Nun wollte der Lehrbursche in die Fussstapfen
seines geistlichen Meisters treten und ihm nachkommen - je ärger der Meister ins
Freie setzte, um jenen zurückzulassen, desto weiter sprang der Schüler vor, ihn
zu ertappen - das war der ganze Bettel; aber so jagen Menschen Menschen.
    Viktor lief mit aufgeflognen Armen an hangende, die der Eigner in der Angst
nicht erheben konnte. Aber im Pfarrhause legten sich zwei wärmere um seinen
ausgefrornen Busen, die seiner Landsmännin; und die Pfarrerin trübte seine und
ihre Aufersteh-Freude nicht mit einer einzigen Klage über seine bisherige
Entfernung - er erwiderte diese freundschaftliche Feinheit, die dem andern
unnütze Entschuldigungen erliess, mit doppelter Wärme und mit einem dich bändigen
Klaglibell gegen seine eigne Narrheiten. Sie führte ihn eine Treppe im
freudigen, heute mit lauter erleuchteten Stockwerken durchbrochnen Pfarrhause
hinauf an ihres lieben Sohnes Brust und vor die Augen der drei verwandten Söhne
aus einem Vaterland, vor die Drillinge....
    O ihr vier Menschen eines Herzens, drückt meines verlassenen Viktors seines
an eurem warm und macht den Guten froh, nur auf einen Abend.... Ich bins
wahrlich selber, seit dem Pascha-Ausgange aus dem flachsenfingischen Ägypten.
Ich will daher das 28ste Kapitel so lang machen, wie das Baddorf selber ist.
Meinem Werke wird dadurch Gewicht erteilt bei wahren Kunstrichtern - aber auch
bei Postmeistern, die von mir, wenn ichs in die Verlagshandlung absende, fürs
Wägen etwas Erhebliches ziehen... Soll aber ein Autor so schäbicht sein und
seine Empfindungen, bloss weil sie ein Postsekretär mehr nach seiner eignen
abwiegt als nach der Posttaxe, des Portos wegen abkürzen? Und muntert mich nicht
die Kur-, die Fürsten- und die Städte-Bank in Regensburg zum Gegenteil auf, zu
verlängerten Empfindungen, indem besagte Bänke mir durch einen Reichsabschied
zwei Drittel Postgeld für Drucksachen erlassen, um die Gelehrsamkeit, hoffen
sie, in Gang zu bringen und die Empfindsamkeit?
    Der edle Evangelist war zwar auch mit droben - er und Joachime hatten die
Hofdame höflich zu den Eltern begleitet -, aber hier auf dem Lande, wo weniger
moralisches Unkraut steht als in Städten (so wie weniger botanisches in Feldern
als in Gärten) und wo man Freuden ohne maitres de déplaisirs geniesst, hier, wo
in Viktor die Liebe des Vaterlandes die Sehnsucht nach jeder andern stillte,
konnte niemand unglücklich sein als der, ders verdiente. Matz verschwand da wie
eine Kröte unter Tulpen. Viktor hätte die Briten geliebt, auch ohne die
vaterländische Blutverwandtschaft - und hätte die Holländer gelästert, auch mit
derselben; daher schreibt sich seine unbesonnene Rede, diese Völker malten sich
in ihren Tabakpfeifen, indem die englischen aufgerichtete Köpfe hätten und die
belgischen hangende.
    Alle drei waren von der Oppositionpartei und verloren ihr kaltes Blut über
das eiskalte von Pitt. Der Korrespondent der Hundtage schreibt mir nicht, warum
- obs war, weil sie vom Minister beleidigt wurden - oder ob sie am
fürchterlichen Weltgerichte und der Totenauferstehung in Frankreich, wo die
Sonne über Phönix-Asche und Krokodileneier zugleich brütet, nähern Anteil nahmen
- oder weswegen sonst. Er berichtet mir überhaupt nichts weiter von ihnen als
ihre Namen, nämlich Kaspar, Melchior und Baltasar, welches die Namen der
heiligen drei Könige aus Morgenland waren80.
    Der, der sich aus Laune Melchior nannte, verbarg unter einer phlegmatischen
Eiskruste eine Gleicherglut und war ein Hekla, der erst seine Eisberge spellt,
eh' er Flammen ausschüttet; mit kaltem Auge und schlaffer Stimme und welker
Stirne sprach er, einsilbig, vielsinnig, gepresst - er sah die Wahrheit nur in
einem Brennspiegel, und seine Dinte war eine wegreissende Wasserhose. - Der
zweite Engländer war ein Philosoph und Deutscher auf einmal. Den ältern Kato,
der zugleich den Mohrenkönig vorstellte, kennt jeder. Es ist mir so lieb, als
wenn ichs selber wäre, dass gerade mein Held durch eine grössere heitere
Besonnenheit der Denkfreiheit von ihnen allen unterschieden war - ich meine
jenes sokratische helle Auge, das frei über und durch den Garten der Bäume des
Erkenntnisses umherblickt und das wählet wie ein Mensch, anstatt dass andre vom
Instinkt irgendeinem Satze, irgendeinem Apfel dieser Bäume ausschliessend
zugetrieben werden, wie jedes Insekt seiner Frucht. Die moralische Freiheit
wirkt so gut auf unsre Meinungen als auf unsre Taten; und trotz der
Entscheidgründe beim Verstande und trotz der Beweggründe beim Willen wählt doch
der Mensch sowohl sein System als sein Tun.
    Daher wären die Drillinge beinahe noch vor dem Abendessen kalt gegen
Sebastian geworden im Lieben, bloss weil ers war im Urteilen. Er war heute mit
ihnen zum ersten Male in einem Falle, worein er mit Flamin jeden Tag dreimal
geriet: gewisse Menschen verschmerzen lieber uneingeschränkten Widerspruch als
eingeschränkten Beifall. Die Sache war die:
    Mattieu gab durch seine satirischen Übertreibungen der kleinen
Unähnlichkeit zwischen Viktor und ihnen ein immer grösseres Hervortreten. Er
sagte (nicht um anzuspielen, sondern um es zu scheinen), die Fürsten, von denen
die Untertanen wie vom sinesischen König die Witterung des Staats erbäten,
hälfen sich wie jener Rektor, der den Kalender selber verfasste und seinen
Schülern (hier den Günstlingen der Fürsten) zuliess, das Wetter dazu zu machen.
Auch sagt' er, die Dichter könnten wohl für die Freiheit singen, aber nicht
sprechen, sondern sie machten in furchtsamer Verfassung unter der Larve der
Tragödienhelden die Stimme der Helden nach, so wie er einen ähnlichen Spass oft
an einem gebratnen Kalbskopfe gesehen, der der ganzen table zu brüllen
geschienen wie ein lebendes Kalb, indes nichts als ein lebender Laubfrosch darin
gesteckt wäre, der sich bloss mit seinem Quaken daraus hören lassen. »Aber eine
noch grössere Feigheit wär's,« sagte Viktor, »nicht einmal zu singen; allein ich
weiss, die Menschen sind jetzo weder barbarisch noch gebildet genug, um die
Dichter zu geniessen und zu befolgen; die Dichter, die Religion, die
Leidenschaften und die Weiber sind vier Dinge, die drei Zeiten erleben, wovon
wir erst in der mittlern sind, sie zu verachten; die vergangne war, sie zu
vergöttern, die künftige ist, sie zu verehren.« Die erzürnten Drillinge glaubten
besonders, die Religion und die Weiber wären bloss für den Staat. Viktors
republikanische Gesinnungen waren ihnen ohnehin schon wegen seiner
aristokratischen Verhältnisse zweideutig. Da er nun gar dazusetzte: die
Staatenfreiheit habe mit den kleinern Abgaben, mit grösserer Sicherheit des
Eigentums, mit besserem Wohlleben, kurz mit der Steigerung des sinnlichen Glücks
gar nichts zu schaffen, alles dies wohne oft noch reichlicher in Monarchien, und
das, wofür man Eigentum und Leben opfere, müsse doch etwas Höheres sein als
Eigentum und Leben - da er ferner sagte: ein jeder Mensch von Bildung und Tugend
lebe in einer republikanischen Regierform trotz den Verhältnissen seines Leibes,
so wie ja Gefangne in Demokratien doch die Rechte der Freiheit geniessen - und da
er gar nicht sowohl für den Minister und das Oberhaus als für das englische Volk
der Waffenträger und Kontradiktor wurde, weil die Grundsätze von den ersten
beiden von jeher des letzten seine bekriegt und doch nicht bestimmt hätten; weil
die jetzige Klage so alt wäre wie die (englische) Revolution; weil der Grundriss
der letzten nur in einer förmlichen Gegenrevolution zerschlitzet werden könnte;
weil alle Ungerechtigkeiten nach dem Schein der Gesetze begangen würden, welches
besser wäre als eine Gerechtigkeit wider den Schein der Gesetze; und weil das
Sprachgitter, das man jetzt um die englische Pressfreiheit81 gemacht, nicht
schlimmer sei als die atenischen Verbote, zu philosophieren, sondern besser als
die Erlaubnisse der römischen Kaiser, auf sie zu pasquillieren - -
    ... Die Engländer lieben lange Röcke und Reden. Da er mit »da« anfing: so
muss in seinem wie in meinem Perioden »so« darauf kommen....
    So wars keinem Teufel recht, und Kato der Ältere sagte: »wenn er diese
Prinzipien im Oberhause vortrüge, so entstünde der grösste Lärm darüber, aber aus
Beifall, und jeder Hörer schriee noch: hear him!« Viktor sagte mit der
Bescheidenheit eines Weltmanns: »er sei ein so warmer Republikaner und Altbrite
wie sie alle, nur heute sei er zu unfähig, um aus diesen Grundsätzen zu
erweisen, dass er ihnen gleiche; - vielleicht im nächsten Klub!« - »Und der kann«
(sagte der Hofkaplan) »an meinem Geburttage gehalten werden, in wenig Wochen.« -
Wenn wirs erleben, ich und die Leser, so wird man uns hoffentlich als
Altgevattern mit dazu einladen; wir waren das erstemal (am 6ten Hundposttage)
bekanntlich auch dabei.
    Mein Held foderte den Menschen (zumal da er sich nicht Mühe gab) zu wenig
Achtung ab. Er arbeitete zwar um diesen Arbeitlohn; wenn sie ihm aber nichts
gaben: so wusst' er tausend Entschuldigungen für die Menschen und zog seinen
Münzstempel heraus und schlug sich selber eine Ehrenmedaille, indem er dabei
schwur: »Ich will verdammt sein, wenn ich mich nicht das nächstemal stolzer
aufführe und minder nachsichtig und überhaupt ernstafter, um eine gewisse
Ehrfurcht zu erregen.« Das nächstemal soll noch kommen. Er vergab daher den
Drillingen so schön, dass sie endlich den Menschenfreund mit leidenschaftlichen
Armen auf immer an ihre Seele schlossen.
    Nach einer solchen Gradualdisputation machte er nichts lieber als etwas
recht Tolles, Galantes, Kindisches - damals wars ein Weg in die Küche. Catinat
sagte: der nur sei ein Held, qui jouerait une partie de quilles au sortie d'une
bataille gagnée ou perdue - oder der nach einer gewonnenen Disputation in die
Küche gehen kann. Entweder nichts oder alles ist in diesem Täusch-Leben wichtig,
sagt' er. In die Küche, die nicht so schmutzig war wie ein französisches
Schlafzimmer, sondern so rein wie ein belgischer Viehstall, war schon ein
anderer Festase und ausserordentlicher Gesandter eingelaufen, der Hofkaplan, der
da seinem Berufe oblag. Er musste zusehen, ob sein Karpfen-Vierpfünder - aus dem
Pastoralteich gebürtig und für den Adoptivsohn Bastian ausdrücklich ausgewintert
- nicht sowohl recht abgeschuppet (darüber setzt' er mit wenig Philosophie sich
hinweg) als recht geschwänzet wurde. Es konnt' ihm doch wahrhaftig nicht
gleichgültig sein, sondern als Mensch musst' er den Schmerz zugleich empfinden
und bekämpfen, wenn ein Karpfe von soviel Pfunden, als ein Sterblicher Gehirn
hat, so jämmerlich hinausgeschlitzet wird, dass das eine Schwanzquotum nicht
kleiner ist wie ein Haarbeutel, und das andre nicht grösser als eine Flossfeder. -
Und doch ist diese ganze Nominalterrition von geringem Belang gegen eine ganz
andere Realterrition (so sehr verschwindet erheblicher Kummer vor grösserem), die
den Pfarrer mit der Drohung ängstigte, dass man die Gallenblase des Vierpfünders
zerdrücke - - Seine hätte sich der andern sofort nachergossen -: »Um Gottes
Willen bedächtiger, Appel! vertrbitter' mir den ersten Ostertag nicht«, sagt'
er. Galle ist nach Boerhaave wahre Seife; daher wäschet die satirische die halbe
Lesewelt gleissend und rein, und die Leber eines solchen Menschen ist die
Seifenkugel eines Weltteils und seiner Kolonien.
    Es lief indes herrlich ab. - Aber beim Himmel! die Welt sollte nach dem
Abdruck dieses Buchs einmal einsehen, dass ein Karpfen von vier Pfund - so lange
gefüttert im Fischkasten, so geschickt ausgeweidet - mehr wiege auf der
Fischwaage der Zufriedenheit als die goldnen Fischgräten in rotem Felde des
Wappens der Grafen von Windischgrätz! -
    Konnt' er denn lange in der Küche - diesem Witwensitz seiner alten
geschiednen Jugend - unter so vielen Freundinnen Klotildens, die ihm alle das
Niedersinken und Weggehen derselben (im doppelten Sinne) vorklagten, stehen,
ohne dass der Honigessig zurückgewünschter Freuden über seinen Gaumen lief und
die Zuckung des Mitleidens durch sein Herz; ob er heute gleich im zweiten
Stockwerk die Disputation über die Freiheit als ein wahres zerteilendes Mittel,
als ein Schusswasser, wenigstens als eine Aderlassbinde über seine offne Adern
übergeschlagen hatte? Ich fragte, ob er an die Gute lange nicht denken konnte. -
Aber ich würde die Antwort gar nicht geben und aus Mitleiden mit dem
unschuldigen Viktor es vor soviel überrindeten Seelen - die in ihrer leeren
Brustöhle die poetischen Freuden der Liebe guteissen und doch die poetischen
Leiden derselben nicht - gar nicht offenbaren, wie oft er jeden Milchzucker des
Schicksals mit dem giftigen Bleizucker der Erinnerung versetzte, wenn ich nicht
deswegen müsste: ...
    - weil die kleine Julia wiederkam aus dem Schloss und das Versprechen
mitbrachte, morgen komme Tante schon (Klotilde). Dieses versprach also, dass die
Ministers-Tochter morgen abfahre. - Man verarge den Pfarrleuten die
Zudringlichkeit um Klotilden nicht: denn am dritten Feiertag geht sie zum Balle,
am Tage darauf nach Maiental - sie hatten ja nur noch morgen und heute....
    Die kleine Julia hatte unser Flamin, dem ihr Penny-Postamt wohlgefiel,
mitgebracht. - Ich bin moralisch gewiss, die Kaplänin sah meinem Helden soviel
an, als ich von ihm schreibe, und sie liebte ihn so sehr, dass, wenn sie statt
des Schicksals hätte dekretieren müssen, sie vor Kummer gestorben wäre, eh' sie
es über sich gewonnen hätte, den Sohn auf Kosten des Freundes zu beglücken. - So
sehr gewann er durch eine schöne Vereinigung von Feinheit, Empfindung und
Phantasie die schönsten und weichsten Herzen, ich meine die weiblichen.
    Diese winzige Julia, der Nachflor der untergegangenen Giulia, band in
Viktors Seele Rosen mit Nesseln zusammen; und alle seine heutigen Blumen der
Freude hatten ihre Wurzeln in tiefen Tränen, die seine Brust verdeckte. Ihn
rührte sogar der Kuss von Klotildens Freundin, von Agaten. Er dachte an das
Stamitzische Konzert und an ihr Nebeneinandersein und an den Florhut, der den
Schmerz von zwei geliebten Augen verhing. Er bat Agaten, sie sollte von
Klotilden diesen Hut entlehnen und ihm ein genaues Ebenbild darnach machen, weil
ers verschenken wolle. - »Wenn sie fort ist« (sagte er zu sich) - - »nein, aber
wenn sie tot ist: dann wein' ich unverhüllt und sage allen Menschen frei heraus,
dass ich sie geliebt habe.« - Du Lieber, über dem Souper - ein Pfarrer kann
eines geben - wird man den Glanz deiner Augen mehr dem sich selber entladenden
Witze zuschreiben als dem zurückgepressten Tränenwasser, und ich könnte dich,
wenn ich mitässe, vor Rührung nicht ansehen, wenn du unter dem Aufhammern und
»Härten« der roten Eier dein überquellendes Auge starr und halbzugedeckt auf
einen roten Eierpol niederzuheften suchtest und schweigend deinen Eier-Giebel
dem Fallbocke des Eymannschen Eies unterstelltest, um Zeit zum Siege über die
Stimme und Augenhöhle zu gewinnen! - Und doch kann ich nicht sehen, was du aus
dieser Maske für einen erheblichen Vorteil dann zu ziehen gedenkst, wenn dir die
alte Appel durch die kleine Iris und Expressin Julia - sie selber kann sichs nie
unterfangen - ein geflecktes tätowiertes Ei, ein wahres gekochtes allegorisches
Gemälde, zuschickt, und wenn du die mit Scheidewasser darauf eingebeizten
Blumenstücke und deinen Namen, mit Vergissmeinnicht umgraset, auf der
zerbrechlichen Schale überliesest; ich sagte, was konnte dir deine vorige
Verstellung helfen, wenn du jetzt, um den Gedanken »Vergissmeinnicht« nicht
hinauszudenken, eilig hinausgehest und den doppelten Vorwand nimmst, du müssest
Apollonien danken und wegen der Ermüdung schon zur Ruhe gehen? - O danken wirst
du wohl, aber ruhen nicht! ...
                             Zweiter Osterfeiertag
    Leichenrede auf sich selber - zweierlei entgegengesetzte Schicksale der
                                  Wachsstatue
Der niedergefallene Schneehimmel lag auf der Gegend. Der Schnee machte traurig
und erinnerte an das winterliche Nestelknüpfen der Natur. Es war der erste
April, wo die Natur sozusagen die Jahrzeit selber in den April schickte. -
Viktor hatte so viel mores längst gelernt, dass man, wenn man bei einem Hofkaplan
im Hause ist, auch mit ihm in seine Predigt gehen müsse. Auch schritt er in
Sakristeien aus demselben Grunde, warum er gern in Schäfer-, Jagd- und
Vogelhütten kroch. Er fand es nicht übertrieben, dass der Kaplan (wie er zuletzt
selber) sein Ersteigen der Kanzel - bloss weil er eine Menge Zurüstungen dazu
machte - dem Ersteigen eines Walles in Hinsicht der Wichtigkeit an die Seite
setzte. Ja er disputierte unter dem Hauptliede mit ihm über die Stolgebühren
eines totgebornen Fötus und tat mit wenigem dar, dass ein Pfarrer von jedem Fötus
- und wär' er fünf Nächte alt - die gehörigen Begräbnisgebühren, die filzigen
Eltern möchten immerhin für das Ding keinen Leichensermon bestellen, fodern
könnte. Der Kaplan machte einen wichtigen Einwurf; aber Viktor hob ihn durch den
wichtigen Vorschlag, dass ein Geistlichesich (weil sonst die besten Fötus
unterschlagen würden) so oft Leichengebühren von jedem Paare zahlen liesse, als
es Taufgelder entrichten könnte. Der Kaplan versetzte: »Es ist dumm, dass die
besten Pastoralteologien über diesen Punkt so hurtig weg sind wie
Schnupftabak.«
    Bei soviel Laune meines Helden und bei soviel Lustigkeit meines Pfarrers -
der an jedem heiligen Abend keifte und urteilte wie ein Revolutionstribunal, und
der sich an jedem ersten Feiertag milderte, bis er am dritten gar ein Engel
wurde - sollte sich die Welt etwas anders versprechen, als was doch kömmt: dass
nämlich Viktor aus jeder Stunde des kommenden Abends, welcher Klotilden zum
vorletzten Male in seine Gesellschaft brachte, ein vorragendes Opfermesser
blinken sah, in das er seinen wunden Busen drücken muss. Sie war auf heute
gleichsam zu einem Valet- Abendmahl geladen - die Drillinge ohnehin.
    Endlich kam sie abends am Arme des verkannten Mattieu. - Wenn Ruska
behauptet, dass die Zahl von 44435556 Teufeln, die nach der Behauptung des
Guliermus Parisiensis um eine sterbende Äbtissin flankieren, viel zu schwach
angegeben sei82: so kann man leicht denken, wieviel Teufel um eine lebende, um
eine blühende schwadronieren mögen; ich meines Ortes nehme um eine Schöne so
viele Teufel an, als es Mannspersonen gibt.
    Als Klotilde erschien mit dem ins Abblühen hineinlächelnden Angesicht, mit
der erschöpften Lautenstimme, die der Schmerz als eine eigne
Fortepianos-Veränderung durch den Drücker aus uns bringt - aber ists nicht mit
den Menschen wie mit den Orgeln, deren Menschenstimme am schönsten mit dem
Tremulanten geht? - als sie so erschien: so hatte ihr schönster Freund die Wahl,
entweder vor ihr niederzusinken mit den Worten: »Lass mich früher sterben«, oder
recht scherzhaft heute zu sein.
    Das letzte wählt' er (ausgenommen gegen sie), um seine Träume zu übertäuben.
Daher warf er mit Historien und gesunden Anmerkungen um sich - Daher schenkte er
in die Reichsoperationskasse gegen die Empfindsamkeit auch diese Satire mit, dass
sie die März- oder Nassgalle am menschlichen Acker sei, d.h. eine immer
nassbleibende Stelle, auf der alles verfault. - - Als das nichts verfing: trat er
mit ganzen Staaten in Allianz und versprach sich, es würde helfen, wenn er von
ihnen anmerkte, dass die Gipfel derselben wie Waldbäume ineinander verwachsen
wären, und dass es nichts wirkte, unten einen durchzusägen - dass die Gleichheit
der Reiche die Gleichheit der Stände ersetzte oder vorbereitete - und dass das
Schiesspulver, das bisher Heftpulver der Mächte war, die wasserscheuen Wunden des
Menschengeschlechts endlich ausbrennen und heilen werde. - Endlich als er
offenbar merkte, dass es ihm geringen Vorschub tat, da er vermutete, Europa werde
einmal zum Nordindien werden und derselbe Norden, der einmal das Brech- und
Bauzeug der Erde war, werd' es noch einmal sein, aber der Norden auf der andern
Halbkugel: so schlug er bei seinem chymischen Prozesse den nassen Weg ein und
nahm (wie ein Gesandschaftsekretär) statt der Politik - Punsch vor.
    Aber nur Sorgen, nicht Wehmut oder Liebe lassen sich vertrinken. Die in
Nervengeist aufgelösten andern Geister ziehen sich mit einem
magisch-schimmernden Zirkel um jede Idee, um jede Empfindung, die du darin hast,
wie in Brauhäusern die Lichter wegen des Dunstes in einem farbigen Kreise
brennen. Das Glas mit seinem heissen Nebel ist ein papinischer Topf sogar des
dichtesten Herzens und zersetzt die ganze Seele; der Trunk macht jeden zugleich
weicher und kühner. Ein weiches Herz war von jeher neben einer tapfern
gehärteten Faust. Da es noch fortschneiete: so bot er Klotilden auf morgen
seinen Muschel-Schlitten und sich (da er ohnehin zum Balle geladen war) zum
fahrenden Ritter an - wodurch er den Evangelisten nötigte, sich als
Schlitten-Gondelierer der Stiefmutter anzutragen.
    Klotilde entfernte sich jetzt von der männlichen lustigen Gesellschaft ins
Nebenzimmer, wo ihre Agate und alles war - es geschah nicht aus Missbilligung
der anständigen männlichen Fröhlichkeit - noch weniger aus Verlegenheit, da es
überhaupt ihrem Geschlechte leichter ist und leichter gemacht wird, sich unter
vierzig Augen unbefangen zu benehmen als unter vier - noch weniger aus
Unvermögen der Verstellung ihrer Schwesterliebe gegen Flamin; denn ihre
fliegende Seele hatte längst die Flügel zusammenzulegen, die Tränen und Wünsche
zu verhüllen gelernt, unter Fremden erwachsen, in schwierigen Verhältnissen und
unter uneinigen Eltern erzogen - sie tat es bloss, wie die Pfarrerin, weil es
britische Sitte ist, dass sich die Damen von Männern und ihrem Punsch-Weihkessel
wegbegeben.
    Da sie aus Viktors Augen war - und da er aus ihrem jetzigen noch bleichern
Aussehen den Schluss zog, dass ihr das Tal Emanuels schwerlich die Lenzfarben
wiedergeben werde, weil die Aussicht der Abreise nichts geheilet habe; und da
ihm diese kleine Abwesenheit gleichsam in einem Taschenspiegel die
Totenerscheinung einer ewigen vorhielt - und da das schwellende Herz doch
endlich den Damm der Verstellung überwältigt -: so eilte er in den Winter hinaus
- deckte die entzündete Brust den kühlenden Flocken auf - und riss den Spalt
weiter, in den das Schicksal seine Schmerzen impfte - und lief durch die weisse
Nacht auf den Wartturm hinauf; - und hier, übergossen von der still aus dem
Himmel steigenden Schneelawine, sah er in die graue, wühlende, zitternde,
flackernde Landschaft hinaus und in die weite, von Schnee durchbrochne Nacht -
und alle Tränen seines Herzens fielen, und alle Gedanken seiner Seele riefen:
»So sieht die Zukunft aus! So schimmernd sinken die Freuden des Menschen vom
Himmel und zerfliessen schon unter dem Sinken! So rinnt alles dahin! Ach welche
Luftschlösser sah ich von dieser Höhe um mich glänzen, und Abendrot glimmte an
ihnen! Ach alle sind unter Schnee verschüttet und unter Nacht!« Er sah in den
Garten Klotildens hinab, in dessen finstern, vom Schnee überflatterten Lauben er
das Eden seines Herzens gefunden und wieder verloren hatte. »Die Töne, die über
diesen Garten flossen, sind versiegt, aber nicht die Tränen, die ihnen
nachrinnen«, dacht' er. Er sah in den Garten ihres Bruders hinab, wo das
Tulpen-K zerblättert und die grünenden Namen vergangen und verhüllet waren.
    Mit dieser Seele, die in diese Gegend wie in das Gebeinhaus verweseter Tage
hineingeschauet hatte, kehrte er zum freudigen Klube zurück. Der Wechsel mit
Kälte und Wärme hatte seine Ähnlichkeit mit dem Punschverein fortgesetzt, der
unterdessen fortgetrunken. Alle und er betraten die Grenze des Trunkes, wo man
in einem Atem lacht und weint; aber es freuet mich, dass der Mensch doch wahre
Nahrung des Geistes und Herzens (wenngleich aus keiner Klosterküche oder
Klosterbibliotek, doch) aus einem - Klosterkeller ziehen kann; - dass er die
Gesundheit seines - Witzes trinkt; - dass ihn ein jeder Kelch (nicht bloss auf dem
Altar) geistlich stärkt, und dass er, wenn die Schlangen ihre Kronen beim Trinken
abnehmen, seine darunter aufsetzt - und dass die Weinrebe Tränen nicht bloss
selber oder aus den Augen eines katolischen Marienbildes vergiesset, sondern
auch aus denen eines Mannes, der von ihr getrunken. Der Klub fiel darauf,
Parlamentreden zu halten. - Der Kaplan schlug Kasualreden vor. - Viktor sprang
auf einen Stuhl und sagte: »Ich halte den Leichensermon auf mich selber - ich
habe hier schon in meiner Kindheit gepredigt.«
    Alle tranken noch einmal, selber die Leiche, und diese perorierte dann so:
               »Geliebteste und traurigste Zuhörer und Mitbrüder!
Ein Mensch, tiefgebeugte Zuhörer, kann in die zweite Welt hinabsinken, ohne dass
ein Trauerpferd nachspringt, so wie er in diese einläuft, ohne dass ein
Paradegaul vorantrabt. - Wir unsers Orts haben sämtlich den Leichentrunk voraus
eingenommen, um alles auszuhalten; denn im Nassen dehnt sich der Mensch aus, und
im Trocknen dorret er ein, ich meine durch feste Speisen, gleich dem Blutigel,
der ausser dem Wasser vier Zoll kürzer ausfällt. Und ich hoffe, ich und das
tiefgebeugte Trauergefolge haben dem Hochseligen zu Ehren getoastet genug.
    Und so seh' ich ihn denn vor mir«...
    - Hier winkte er dem Pfarrer, seine Schlafmütze hinzuwerfen, damit etwas
Totes daläge, an das sich sein Affekt wenden könnte -
    »... vor mir da liegen den unvergesslichen Herrn Hofmedikus Sebastian Viktor
von Horion, und gestorben ist er und will hinab unter das Erde-Zudeck, in die
Stätte voll langer Ruhe. Was sehen wir noch vor uns ruhen als die Täucherglocke,
worin die bedeckte Seele in dieses Dunstleben hereinsank - als die trockne
Schale eines Kerns, der erst in einem zweiten Planeten gesäte wird - als seine
Hülle, als, sozusagen, die weggeworfne Schlafmütze seines erwachten Geistes?
    Besehet, weinende Zuhörer, diese figürliche blasse Mütze! Hier liegt sie,
der Kopf ist heraus, der darin sann - unser Viktor ist dahin und schweigt, der
so oft sprach von Matematik, Klinik, Heraldik, Kautelarjurisprudenz, medicina
forensis, Sphragistik und ihren Hülfwissenschaften. - Wir haben viel an ihm
verloren wer tröstet Sie, vortrefflicher Herr v. Schleunes, über diese Einbusse,
und so die andern Herren auch? - Man hat aber in diesem närrischen Leben, das
wohl eine Art von Vor-Tod sein mag, gar nicht so viel Zeit, um ordentlich zu
trösten. Nicht bloss Kirchenstühle sind oft auf Leichensteine gebauet, sondern
auch Fürstenstühle - die vollends - und selber Kanzeln.
    Sollte wohl deine Seele, hochseliger Sebastian, in ihrem mittlern Zustande
nach dem Tode etwas von ihrem Körper wissen, aus dem sie wie aus ihrem
Hut-Futteral ausgepackt ist, und von der letzten Ehre, die wir hier ihrer Kapsel
antun? Falls sie noch Bewusstsein hat und noch ein Auge für diese Stube, worin
sie so oft war: so wird es sie freuen, dass die heiligen drei Könige, wovon der
Mohr der Kato der Ältere ist, um ihren abgezognen Madensack herumstehen und den
Sack kaum fahren lassen wollen; es muss ihr gefallen, dass wir sämtlich klagen: wo
ist seinesgleichen in der gemeinen Chemie - in der Physiognomik und Physiognomie
- in den neuern Sprachen - in der Bänderlehre, aus der er eine Liebe für alle
Arten von Bändern schöpfte? - Wer suchte weniger als er strengen Zusammenhang
der Gedanken, der den Deutschen verleitet, gute durch schlechte zu verkitten und
mehr Mörtel als Quader zu brauchen? - Nicht einmal der Hof - daher er nicht gern
hinging, wenn dort Spass vorfiel - brachte ihn von einem gewissen ernstaften
gesetzten Wesen ab, das er bis zu einem lächerlichen trieb, auf welches letzte
er allezeit aus war. - - Beim Himmel! durch das Stundenglas des Todes, durch das
er wie durch ein Taschenperspektiv guckte, brach ihm alles so klein hervor, dass
er nicht wusste, weswegen er ernstaft sein sollte - ich will nicht gesund
dastehen, wenn ihm nicht im besagten Glase alle Stufen zum Trone so winzig
vorkamen wie die daumenlange Holztreppe des Laubfrosches in seinem Einmachglase.
    Er war ein recht guter Prediger, besonders ein Leichenredner, daher ihn auch
ein recht guter Prediger zu Gevatter bat, und das Patchen steht mit da und weint
seines Orts über Leibschmerzen.... Nur grosse Hofprediger, die in der Hauptkirche
die fürstliche Leichenpredigt halten, können sich dessen rühmen, was ich zu
meinem grössten Vergnügen jetzo höre, dass das Leichengefolge lacht, und das ist
mir ein Pfand, dass ich tröste....
    Und doch hat einer, der auf dem Totenbette liegt, mehr Trost als einer, der
nur neben dem Bettfuss steht. Das Souterrain der Erdrinde bewohnen lauter stille
ruhende Menschen, die voreinander zusammenrücken; aber auf dem Souterrain stehen
ihre unruhigen Freunde und wollen hinunter in die geliebten Arme aus Staub; denn
die Leinwand auf dem Toten-Auge ist ja ein Fallhut der erkalteten Stirn, der
Sarg ist der Fallschirm des Unglücklichen, und das Leichentuch der letzte
Verband der weitesten Wunden - ach warum fällt der müde Mensch lieber in den
kurzen als in den langen ungestörten sichern Schlaf? - So nimm denn, guter
Sebastian, den Totenschein als ein ewiges Friedensinstrument aus der Hand der
sanften Natur...
    Aber beim Henker! wo haben wir denn den Toten? was soll die weisse Mütze da
unten? - Ich sehe die Leiche im Spiegel gegenüber - sie muss wo stehen - ich muss
sie holen.« - -
    - Mit einem Schauer seines Ich sprang er herab - ein erhabner Wahnsinn ging
in den Stufen der Wehrnut, des Lächelns, des Erstarrens sein Angesicht auf und
ab. Er lief hinter eine spanische Wand, die vor seine Statue aus Wachs gestellet
war - und trug den wächsernen Menschen heraus - und warf ihn hin wie einen
Leichnam - und ein Schleier war über den Leichnam gewickelt - und er stieg
verzerret auf den Stuhl, um fortzufahren:
    »Das ist die Nachtleiche - der verschlackte, der verkohlte Mensch - in
solche starre Klumpen sind die Ich geklebt und müssen sie wälzen - Warum bebet
ihr über mich, Zuhörer, weil ich bebe, dass ich dieses umgeworfene Menschenbild
so starr anblicke? - Ich seh' ein Gespenst um diesen Leichnam schweben, das ein
Ich ist.... Ich! Ich! du Abgrund, der im Spiegel des Gedankens tief ins Dunkle
zurückläuft - Ich! du Spiegel im Spiegel - du Schauder im Schauder! - Ziehet den
Schleier vom Leichnam weg! Ich will den Toten keck anschauen, bis es mich
zerstört.«. . .
    - Jeder schauderte nach; aber ein Engländer zog den Totenschleier weg Starr,
sprachlos, ergriffen, erbebend sah Viktor auf das entüllte Gesicht, das auch
lebendig um seine Seele hing; aber endlich ergossen sich Tränen über seine
kalten Wangen, und er sprach leiser, wie wenn sich sein Herz auflöste:
    »Seht, wie der Leichnam lächelt! Warum lächelst du denn so, Sebastian? Warst
du etwan so glücklich auf der Erde, dass dein Mund in einer Entzückung erkaltete?
... Nein, glücklich warst du wohl nicht - die Freude selber war oft für dich ein
Samengehäuse des Schmerzes - Und du sagtest selber recht oft: ich bin schon
zufrieden, und ich verdiene kaum meine Hoffnungen und Wünsche, geschweige ihre
Erfüllung. -
    Flamin! schaue dieses umgelegte Gesicht hier an - es lächelt aus
Freundschaft, nicht aus Freude - Flamin, diese erloschene Brust war über ein
Herz gewölbt, das dich ohne Grenzen liebte und bis in den Tod.
    Und das ist im ganzen das einzige Unglück des armen Seligen. An und für sich
und seiner originellen Lage und Laune wegen hätte der gute Bastian schon gut
genug fahren können; aber er war zu weich zur Freude - zu unbesonnen - zu heiss -
fast zu phantastisch. Er wollte gar lieben (bei seinen Lebzeiten), und es war
nicht zu tun. Die Blumengöttin der Liebe ging vor ihm vorbei, sie versagte ihm
die Verklärung des Menschen, das Melodrama des Herzens, das goldne Zeitalter des
Lebens.... Kalte Gestalt, richte dich auf und zeige den Menschen die Tränen, die
aus einem weichen Herzen fliessen, das vor Liebe bricht und keine findet! ...
    Wenn unser Horion nicht glücklich war: so mag es ihm freilich gar wohl tun,
wenn er schon am Mittage des Lebens seine Mittagruhe halten darf, wenn er
sterben und, losgemacht vom heisspochenden Herzen, gestillt vom Todesengel, sich
so frühe legen darf unter das lange Leichentuch, das der Menschen-Genius über
ganze Völker, wie der Gärtner das Verdeck über den Blumenflor, gegen Regen und
Sonne zieht - gegen die Glut unsrer Freuden, gegen den Guss unsers Wehs.... Ruhe
du auch, Horion!«...
    - Seine Wehmut bei diesen Worten aus dem alten Traume war so übermannend,
dass er aus ihr - zur Entschuldigung oder zur Erholung - in eine fast wahnsinnige
Laune übertrat.
    »Inzwischen ist der sämtliche Spass halb gegen meinen Geschmack, den ich am
Hofe ausbilden wollte. Das Leben verlohnets gar nicht, dass man seinetwegen den
guten Tod auszankt oder beräuchert und erhebt. Die Furcht zu sterben
ausgenommen, gibts nichts Jämmerlicheres als die Furcht zu leben. Leute von
wahren Talenten sollten sich betrinken, um das Leben aus dem rechten Licht zu
sehen und es uns nachher zu melden. - Am allerelendesten aber (so dass das
menschliche Leben dagegen noch passabel ausfällt) ist das bürgerliche, auf das
ich jahrelang losziehen könnte, bloss weil es nichts hat als lange Tröge für den
Magen, aus denen die Ketten für die Phantasie herabhängen - weils den Menschen
um Kleinstädter umsetzt - weils unser fliehendes Dasein aus einem Fruchtacker
zur Säemaschine macht - weils einen fatalen Dunst ausdampft, der sich dick vor
das Grab und über den Himmel ansetzt, und in dem sich der arme Expeditionrat von
Mensch schwitzend, käuend, feist, beschmieret, ohne einen warmen Sonnenstrahl
für sein Herz, ohne ein Streiflicht für sein Auge herumtreibt, bis ihn der
Fall-Bock des Pflastererst83 auf den morastigen Drehplatz einrammt. - Den
einzigen Nutzen hat so ein armer Marmorstein, aus dem ein Pflaster statt einer
Statue gemacht wird, dass er das ganze Menschenleben für etwas recht Erhebliches
ansieht, das er nicht genug preisen könne. - Inzwischen könnte doch auch uns
guten Narren das Äussere nicht so klein vorkommen, wenn nicht etwas ewiges Grosses
in uns wäre, womit wirs zusammenhalten - wenn nicht ein Sonnenlicht in uns wäre,
das in dieses Operteater so hineinfällt, wie das Taglicht zuweilen, wenn eine
Türe aufgeht, in die nachtlichte Schaubühne - wenn wir nicht, wie Menschen in
alten Auferstehgemälden, halb in der Erde steckten, halb aber ausser ihr - und
wenn dieses Eisleben keine Aiguille percée84 wäre und keine Öffnung in ein
ewiges Blau hinaus hätte .... Amen!
    Ich hab' aber der leidtragenden Versammlung noch zu melden, dass ich sie - in
den ersten April geschickt; denn der Tote, dessen Leichenrede ich halte, bin ich
wirklich selber.«...
    Aber hier umarmten ihn alle seine Freunde, um seinem geistvollen Wahnsinne
Schranken zu setzen - und um ein so heftiges echt-britisches Herz an ihres zu
drücken. Die Umarmung erwärmte alle seine kalten Wunden sanft, und er war
geheilt, obwohl erschöpft; das fremde Leben wuchs in seines hinein, und die
Liebe überwand den Tod. Die Engländer, in deren Augen die Tränen einer doppelten
Trunkenheit waren, konnten sich kaum abreissen vom humoristischen Liebling. -
    Klotilde, die mit ihren Freundinnen der Leichenrede im Nebenzimmer zuhörte,
hielt sie anfangs bittend ab, dieses aufzumachen. Aber als Viktor sagte: »Kalte
Gestalt, richte dich auf und zeige den Menschen die Tränen, die aus einem
weichen Herzen fliessen, das vor Liebe bricht« - so nahm sie eilend von ihnen
gute Nacht, weil sie über eine ihr ganzes Wesen hebende Rührung nicht Meister
werden konnte. Da man ihm die Zeit ihrer Entfernung berichtet hatte: so wurde
er, der jetzo schon so müde, weich und zärtlich war, es in einem
unaussprechlichen Grade - alle durch die Anstrengung erhöhten Lichter auf seinem
Angesicht schienen in Liebe wie Mondschimmer in Tautropfen zu zerfliessen - er
wartete nicht, bis sein Zimmer leer wurde, sondern zeigte das, was Klotilde in
dem ihrigen verbergen wollte - er konnte sogar die unverschleierte Wachsstatue
mit sanftem Geiste anschauen und sagte lächelnd: »Ich glaube, ich habe mich
darum ganz in Wachs wiederholen lassen, warum es der Katolik mit einzelnen
Gliedern tut, um sie an eine Heilige zu hängen und dadurch um Genesung zu danken
oder zu bitten; oder wie die römischen Kaiser, deren Wachsstatue die Ärzte nach
dem Tode des Originals besuchten.«
    Die Gesellschaft ging ab, und er war endlich allein. Der Mond, der um 11 Uhr
57 Minuten aufgegangen war, warf sein noch vertieftes abnehmendes Licht erst
oben an die Fenster von Klotildens Wohnzimmer. Viktor löschte das Nachtlicht aus
und setzte sich, um mit seinem noch wogenden träumenden Herzen nicht in die
Träume des Schlafes zu treten, ans Fenster, beinahe an den gewöhnlichen Standort
seiner Wachskopie und in ähnlicher Stellung - - als das Schicksal es fügte, dass
er, der heute die Wachsmumie für seine Person ausgegeben hatte, jetzt umgekehrt
für das Bild angesehen werden sollte - -
    - von Klotilden! Sie stand in einiger Entfernung von ihrem Fenster, an
welches kein Licht als das vom Himmel fiel; Viktor war, da das letzte noch nicht
zu ihm hineinkonnte, ganz im Schatten und ihr mit Vierfünftel seines Profils
zugekehrt. Kaum sah' er, dass sie einen unverwandten fassenden, gleichsam
einschlagenden Blick auf ihn hefte: so erriet er, dass sie ihn mit dem wächsernen
Menschen vermenge; auch bemerkte er aus dem Augenwinkel, dass etwas Weisses um sie
flattere, d.h. dass sie sich die Augen oft trockne. Aber wie wär' es seinem
feinen Gefühle möglich gewesen, ihr durch die geringste Bewegung ihren Irrtum zu
nehmen und sie für ihr unschuldiges Anblicken verlegen und rot zu machen! - Ein
anderer, z.B. der verkannte Matz, hätte sich in einem solchen Vorfalle gelassen
in die Höhe gerichtet und gleichgültig zum Fenster hinausgesehen; aber er
verknöcherte sich gleichsam in seiner Stellung der Leblosigkeit. Allein nur die
Nacht und Entfernung konnten ihr sein Zittern zudecken, da ihre für seine Leiche
fallenden Tränen wie ein heisser Strom sein zerstörtes Herz ergriffen und das
wenige, was der heutige Abend daran noch fest gelassen, erweichten und auflösten
in eine brennende Welle der Liebe. Den Kindern fliessen die Tränen stärker, wenn
man ihnen Mitleid bezeigt; und in dieser Stunde der Erschöpfung wurde Viktor
weicher, der sonst durch fremdes Mitleid mit ihm härter wurde, und als Klotilde
sich ans Fenster setzte, um das müde Haupt aufzulehnen: so war ihm, als ermahne
ihn etwas, das jetzo wahr zu machen, was er heute zu der Statue gesagt: »Kalte
Gestalt, richte dich auf und zeige den Menschen die Tränen, die aus einem
weichen Herzen etc.«
    Klotilde zog endlich die Vorhänge zu und verschwand. Aber er setzte behutsam
noch lange die Rolle seines Bildes fort, und eben, da er sich weniger
anstrengte, um eine Statue zu spielen, gelang es ihm besser. Alle seine Gedanken
flossen nun wie Balsam über die Narben und aufgerissenen Stellen seines Innern,
und er sagte: »Wenn du auch nur meine Freundin bist, so genüget es mir, und du
kannst diesen von Sehnsucht empörten Busen stillen.
    O dieses volle Herz würde ohnehin auseinandergetrieben, wenn es den Gedanken
fassen sollte, dass du mich liebtest!« - Übrigens fiel ihm heute zum erstenmal
die Unwahrscheinlichkeit seiner neulichen Vermutung ein, dass eine so
zurückhaltende Person wie sie sich auf eine so wenig zurückhaltende Art gegen
den blinden Julius sollte benommen haben, und er fragte sich: »Ists denn zur
Erklärung ihrer Abreise vom Hof nicht genug an Jenners und Mattieus unheiliger
Liebe und an Emanuels heiliger?« - Damit sie aber am Morgen nicht ihre irrige
Verwechslung entdeckte, so gab er seinem wächsernen Figuranten genau die Stelle,
die er selber am Fenster eingenommen.
                             Dritter Osterfeiertag
   F. Kochs doppelte Mundharmonika - die Schlittenfahrt - der Ball - und ...
Der Leser wird mit mir wünschen, dass der dritte Ostertag etwas Schlimmers endige
als den langen 28sten Hundposttag.
    Der Schlitten ging leidlich, soviel vorauszusehen war. - - Ich seh' aber
noch etwas anders voraus: dass sich eine halbe Million meiner Lesekunden (für die
andre halbe steh' ich) nicht aus meinem Helden finden kann. Es ist daher mein
Amt, nur soviel ihnen vorzusagen: Viktor war nie kleinmütig, ihn ekelte die
menschliche Unterjochung unter das Glück; der Tod nahm ihn jeden Tag einmal auf
den erhabenen Arm und liess ihn von da herunter bemerken, wie winzig alle Berge
und Hügel sind, auch Gräber. Jedes Unglück machte ihn stählern, der Medusenkopf
des Totenkopfs machte ihn steinern, und er ärgerte sich nachher über den
schmelzenden Sonnenblick der freudigen Rührung. Seine lustige Laune, sein Ideal
weiblicher Vollkommenheit, der Mangel an Gelegenheit und das Schild Minervens
hatten ihm über die Windmonate des Gefühls hinübergeholfen, und er hatte bisher
keine andre Sonne angebetet als die um 21 Millionen Meilen entlegne - bis der
Himmel oder der Henker die nähere herführte, gerade im Jahr 1792. - Noch wär' es
ganz leidlich gegangen und das Unglück schon auszuhalten gewesen, wenn er
gescheut oder kalt gewesen wäre; ich will sagen, wenn er nicht zu sich gesagt
hätte: »Es ist schön, nie über sich zu weinen, aber doch über den andern; es ist
schön, jeden Verlust zu verbeissen, aber nicht den eines Herzens, und was wird
ein geschiedner Freund aus seiner Höhe grösser finden, entweder wenn ich mir
Trostpredigten über sein Ableben mit wahrer Fassung halte, oder wenn ich dem
Geliebten im freiwilligen übermannenden Kummer nachsinke?« - Dadurch - und aus
Unbekanntschaft mit der Übermacht edler, aber unbezähmter Gefühle - und weil er
seine bisherige zufällige Herzstille mit einer freiwilligen verwechselte - und
aus einer überschwenglichen Menschenliebe hatte er absichtlich seinem innern
Menschen bis jetzt die Fühlhörner zu gross wachsen lassen - und so war er durch
die Wirbel aller bisherigen Einflüsse, der bisherigen Beraubungen, der
bisherigen Rührungen, dieser Ostertage, dieses schönen Jugenddorfes so weit
verschlagen, dass er ungeachtet seiner Besonnenheit, seines Hoflebens, seiner
Laune einiges von seiner alten Unähnlichkeit mit jenen Genies (wenigstens für
Ostern) einbüssete, die gleich dem Seekrabben Fühlfäden aufrichten, die kaum ein
Mann umklaftert....
    Jenes teilnehmende Anblicken Klotildens, das ihm gestern nach der vorigen
Hitze kühlender Balsam gewesen, wurd' ihm heute ein sehr heisser; ihr Auge voll
Tränen seinetwegen richtete alle Tage seiner Liebe für sie und ihr ganzes Bild
in seinem Herzen auf. Ich bin überzeugt, sogar dem Regierrat, der übrigens durch
den gestrigen Leichensermon von seinem Argwohn, so wie durch die republikanische
Zerstreuung einiges von seiner Liebe gegen Klotilden, hätte verlieren können,
entwischte das Trunkne und Träumerische seiner Augen nicht. Das Pfarrhaus selber
war heute zum Glück eine Börse oder ein geistliches Intelligenzkomtoir und
Werbhaus: der Kaplan registrierte - nicht etwan französische car tel est notre
plaisir, sondern - die Katechumenen ein, die auf Pfingsten beichten wollten.
    Er wollte nicht eher ins Schloss hinübergehen - sein verkannter Freund Matz
hatt' ihm schon um 10 Uhr aus dem Fenster Morgengruss und Glückwunsch zum
Schneewetter zugerufen -, als bis sein Schlitten aus der Stadt da war, damit er
sogleich abführe, weil er drüben keine lächerliche Rührung zeigen wollte.
Seitdem ihm die grosse Welt zur Werkeltagwelt geworden war, fiel ihm Verstellung
vor ihr schwerer; man verbirgt sich vor denen am leichtesten, die man achtet.
    Aber die Drillinge und Franz Koch trieben ihn früher hinüber, schon abends
um 5 1/2 Uhr. -
    Ich fuhr in die Höhe beim Namen Franz Koch in des Hunds Papieren. Wenn einer
von meinen Lesern ein Karlsbader Brunnengast ist oder Se. Majestät der König von
Preussen Wilhelm II. oder von dessen Hof oder der Kurfürst von Sachsen oder der
Herzog von Braunschweig oder eine andre fürstliche Person: so hat er den guten
Koch gehört, der ein bescheidner abgedankter Soldat ist und der überall mit
seinem Instrument herumreiset und spielet. Das letzte, das er doppelte
Mundharmonika nennt, besteht aus einem verbesserten Paar zugleich gespielter -
Maultrommeln oder Brummeisen, die er immer nach den Spiel-Stücken umwechselt.
Seine Brummeisen-Handhabung verhält sich zur alten wie Harmonikaglocken zu
Bedientenglocken. Es ist meine Schuldigkeit, solche von meinen Lesern, deren
Phantasie Zaunkönigs-Schwingen hat, oder die wenigstens vom Herzen an Litopädia
(Stein-Fötus) sind, oder die das Ohrentrommelfell zu nichts haben als zum
Trommeln darauf, solche Leser mit der wenigen Oratorie, die ich habe, dahin zu
bringen, dass sie den besagten Franz aus dem Hause werfen, wenn er kommen und vor
ihnen summen will. Denn es ist nichts daran, und die elendste Bratsche und
Strohfiedel schreiet meines Bedünkens lauter; ja sein Getöne ist so leise, dass
er im Karlsbade vor nicht mehr als Kunden auf einmal aufspielte, weil man nicht
nahe genug an ihm sitzen kann, wie er denn sogar bei seinen Hauptliedern das
Licht wegtragen lässet, damit weder Aug' noch Ohr die Phantasien störe. - Ist
aber freilich ein Leser anders - etwan ein Dichter - oder ein Verliebter - oder
sehr zart - oder wie Viktor - oder wie ich: so horch' er ohne Bedenken mit
stiller zerfliessender Seele dem Franz Koch - oder - denn heute wird er nicht
gerade zu haben sein - mir zu.
    Der lustige Engländer hatte Viktor diesen Harmonisten mit der Karte
geschickt: »Überbringer dieses ist der Überbringer eines Echo, das er in der
Tasche führt.« - Viktor nahm ihn daher lieber zur Freundin aller schönen Töne
hinüber, damit ihre Abreise sie nicht um diese melodische Stunde bringe. Es war
ihm, wie wenn er durch eine lange Kirche ginge, da er in Klotildens Lorettohaus
eintrat; ihr einfaches Zimmer war, wie Marias Wohnzimmer, von einem Tempel
eingefasset. Sie hatte schon ihre schwarze Putzkleidung vollendet. Die schwarze
Tracht ist eine schöne Verfinsterung der Sonne, worin man das Auge von ihr gar
nicht wegzubringen vermag. Viktor, der bei seiner sinesischen Achtung für diese
Farbe heute dieser schwarzen Magie eine wehrlose Seele, ein entzündetes Auge
mitbrachte, wurde blass und verwirrt über das aufgehellte Angesicht Klotildens,
über welches der Zug eines herabgeregneten Kummers so wie ein Regenbogen über
den hellen blauen Himmel schwebte. Es war nicht die Heiterkeit der Zerstreuung -
die jedes Mädchen durch das Ankleiden bekömmt -, sondern die Heiterkeit der
frommen Seele voll Geduld und Liebe. Er besorgte, in zweierlei Disteln zu
treten, in die gemalten des Fussbodens, über die er immer wegschritt, und in die
satirischen der feinen Beobachter um ihn, an die er sich immer stiess. Ihre
Stiefmutter war noch über der Stukkatur und Appretur ihres Madensacks, und der
Evangelist war in ihrem Ankleide-Zimmer als Putz-Messhelfer und Mitarbeiter.
Daher hatte Klotilde noch Zeit, den Mundharmonisten zu hören; und der Kammerherr
bot sich der Tochter und meinem Helden - denn er war ein Vater von Lebensart
gegen seine Tochter - zu einem Teil der Zuhörerschaft an, ob er gleich aus der
Musik sich wenig machte, Tafel- und Ball-Musik ausgenommen.
    Viktor sah jetzt erst aus Klotildens Freude über den mitgebrachten Musiker,
dass ihr harmonisches Herz gern mit den Saiten zittere; überhaupt wurd' er oft
über sie irre, weil sie - wie du, teuerster ** - sowohl ihr höchstes Lob durch
Schweigen sagte als ihren höchsten Tadel. Sie bat ihren Vater, der die
Mundharmonika schon im Karlsbad gehöret hatte, ihr und Viktor eine Idee davon zu
geben - er gab sie: »sie drücke nicht sowohl das fortissimo als das piano-dolce
meisterhaft aus und sei wie die einfache Harmonika dem Adagio am
angemessensten.« Sie antwortete darauf - an Viktors Arm, der sie in ein dazu
verfinstertes stilles Zimmer führte -: »die Musik sei vielleicht zu gut für
Trinklieder und für lustige Empfindungen. Da der Schmerz den Menschen veredle
und ihn durch die kleinen Schnitte, die er ihm gebe, so regelmässig entfalte, wie
man die Knospen der Nelke mit einem Messer aufritze, damit sie ohne Bersten
aufblühen: so ersetze die Musik als künstlicher Schmerz den wahren.« - »Ist der
wahre so selten?« sagte Viktor in dem dunkeln, von einem Wachslicht beschienenen
Zimmer. - Er kam neben Klotilde, und ihr Vater sass ihm gegenüber. -
    Selige Stunde! die du einmal mit den Echolauten dieser Harmonika durch meine
Seele zogest - fliehe noch einmal vorüber, und der Nachklang jenes Echos klinge
wieder um dich! -
    Aber als der bescheidne stille Virtuos das Geräte der Entzückung kaum in die
Lippen geleget hatte: so fühlte Viktor, dass er es jetzo (bevor das Licht
hinauskäme) nicht so machen dürfe wie sonst, wo er sich zu jedem Adagio eigne
Szenen vormalte und jedem Stücke besondere Schwärmereien seiner Texte
unterlegte. Denn es ist ein unfehlbares Mittel, den Tönen ihre Allmacht zu
geben, wenn man sie zu Ripienstimmen unserer Stimmung und so aus
Instrumental-Musik gleichsam Vokal-Musik, aus unartikulierten Tönen artikulierte
macht, anstatt dass die schönste Reihe Töne, die kein bestimmter Gegenstand zu
Alphabet und Sprache ordnet, abgleitet vom bespülten, aber nicht erweichten
Herzen. - Als daher die holdesten Laute, die je über Menschenlippen als
Mitlauter der Seele flossen, von der bebenden Mundharmonika zu wehen anfingen;
als er fühlte, dass diese kleinen Stahlringe gleichsam als Fassung und Griffbrett
seines Herzens ihre Erschütterungen zu seinen machen würden: so zwang er sein
fieberhaftes Herz, an dem ohnehin heute alle Wunden aufgingen, sich gegen die
Töne zusammenzuziehen und sich keine Szenen vorzuzeichnen, bloss damit er - -
nicht in Tränen ausbräche, bevor das Licht weg wäre.
    Immer höher stieg das Zuggarn hebender Töne mit seinem ergriffenen Herzen
empor. - Eine wehmütige Erinnerung um die andere sagte in dieser Geisterstunde
der Vergangenheit zu ihm: »Erdrücke mich nicht, sondern gib mir meine Träne« -
Alle seine gefangnen Tränen wurden um sein Herz versammelt, und sein ganzes
Innere schwamm, aus dem Boden gehoben, sanft in ihnen - Aber er fasste sich:
»Kannst du noch nicht entbehren,« (sagt' er zu sich) »nicht einmal ein nasses
Auge? Nein, mit einem trocknen nimm dieses beklommene Echo deiner ganzen Brust,
nimm diesen Nachhall aus Arkadien und alle diese weinenden Laute in eine
zerstörte Seele auf« - Unter einer solchen überhüllten Zerfliessung, die er oft
für Fassung nahm, wars allemal in ihm, als wenn ihn aus einer fernen Gegend eine
brechende Stimme anredete, deren Worte den Silbenfall von Versen hatten; die
brechende Stimme redete ihn wieder an: »Sind nicht diese Töne aus verklungenen
Hoffnungen gemacht? Rinnen nicht diese Laute, Horion, wie Menschentage
ineinander? O blicke nicht auf dein Herz! in das stäubende Herz malen sich wie
in einen Nebel die vorigen schimmernden Zeiten hinein« - Gleichwohl antwortete
er noch ruhig: »Das Leben ist ja zu kurz für zwei Tränen, für die des Kummers
und für die andre« .... Aber als jetzt die weisse Taube, die Emanuel im
Gottesacker niederfallen sah, durch seine Bilder flog - als er dachte: »Diese
Taube hat ja schon in meinem Traum von Klotilden geflattert und sich an die
Eisberge geklammert: ach sie ist das Bild des verwelkenden Engels neben mir« -
und als die Töne immer leiser flatterten und endlich in dem flüsternden Laube
eines Totenkranzes umherliefen - und als die brechende Stimme wiederkam und
sagte: »Kennst du die alten Töne nicht? - Siehe, sie gingen schon in deinem
Traum vor ihrem Wiegenfeste und senkten dort bis ans Herz die kranke Seele neben
dir ins Grab, und sie liess dir nichts zurück als ein Auge voll Tränen und eine
Seele voll Schmerz« - - - »Nein, mehr liess sie mir nicht«, sagte gebrochen sein
müdes Herz, und alle seine bekämpften Tränen drangen in Strömen aus den
Augen....
    Aber das Licht ward eben aus dem Zimmer getragen, und der erste Strom fiel
ungesehen in den Schoss der Nacht.
    Die Harmonika fing die Melodie der Toten an: »Wie sie so sanft ruhn! etc.« -
Ach in solchen Tönen schlagen die zerlaufenden Wellen des Meeres der Ewigkeit an
das Herz der dunklen Menschen, die am Ufer stehen und sich hinübersehnen! -
Jetzo wirst du, Horion, von einem tönenden Wehen aus dem Regendunst des Lebens
hinübergehoben in die lichte Ewigkeit! - Höre, welche Töne umlaufen die weiten
Gefilde von Eden! Schlagen nicht die Laute, in Hauche verflogen, an fernen
Blumen zurück und umfliessen, vom Echo geschwollen, den Schwanen-Busen, der
selig-zergehend auf Flügeln schwimmt, und ziehen ihn von o melodischen Fluten in
Fluten und sinken mit ihm in die fernen Blumen ein, die ein Nebel aus Düften
füllt, und im dunkeln Dufte glimmt die Seele wieder an wie Abendrot, eh' sie
selig untergeht? - - -
    Ach Horion, ruht die Erde noch unter uns, die ihre Todeshügel um das weite
Leben trägt? Zittern diese Töne in einer irdischen Luft? O! Tonkunst, die du die
Vergangenheit und die Zukunft mit ihren fliegenden Flammen so nahe an unsre
Wunden bringst, bist du das Abendwehen aus diesem Leben oder die Morgenluft aus
jenem? - Ja, deine Laute sind Echo, welche Engel den Freudentönen der zweiten
Welt abnehmen, um in unser stummes Herz, um in unsre öde Nacht das verwehte
Lenzgetön fern von uns fliegender Himmel zu senken! Und du, verklingender
Harmonikaton! du kömmst ja aus einem Jauchzen zu uns, das, von Himmel in Himmel
verschlagen, endlich in dem fernsten stummen Himmel stirbt, der aus nichts
besteht als aus einer tiefen, weiten, ewig stillen Wonne....
    »Ewig stille Wonne,« (wiederholet Horions aufgelöste Seele, deren Entzücken
ich bisher zu meinem machte) »ja, dort wird die Gegend liegen, wo ich meine
Augen aufhebe gegen den Allgütigen, und meine Arme ausbreite gegen sie, gegen
diese müde Seele, gegen dieses grosse Herz - Dann fall' ich an dein Herz,
Klotilde, dann umschling' ich dich auf ewig, und die Flut der ewig stillen Wonne
hüllt uns ein - Wehet wieder nach dem Leben, Erdentöne, zwischen meiner und
ihrer Brust, und dann schwimme eine kleine Nacht, ein wallender Schattenumriss
auf euren lichten Wogen daher, und ich werde hinsehen und sagen: das war mein
Leben - dann sag' ich sanfter und weine stärker: ja der Mensch ist unglücklich,
aber auf der Erde nur.«
    O gibts einen Menschen, über welchen bei diesen letzten Worten die
Erinnerung grosse Regenwolken zieht, so sag' ich zu ihm: Geliebter Bruder,
geliebte Schwester, ich bin heute so gerührt wie du, ich achte den Schmerz, den
du verbirgst - ach du entschuldigst mich und ich dich....
    Das Lied stand still und tönte aus. - Welche Stille jetzt im Dunkel! Alles
Seufzen war in ein zögerndes Atmen eingekleidet. Nur die Nebelsterne der
Empfindung funkelten hell in der Finsternis. Keiner sah, wessen Auge nass
geworden war. Viktor blickte in die stille schwarze Luft vor ihm, die vor wenig
Minuten mit hängenden Gärten von Tönen, mit zerfliessenden Luftschlössern des
menschlichen Ohrs, mit verkleinerten Himmeln erfüllt gewesen und die nun dablieb
als nacktes schwarzes Feuerwerks-Gerüst.
    Aber die Harmonika füllte dieses Dunkel bald wieder mit Lufterscheinungen
von Welten an. Ach warum musst' es denn gerade die meinen Viktor nagende Melodie
des »Vergissmeinnicht« treffen, die ihm die Verse vortönte, als wenn er sie
Klotilden vorsagte: »Vergiss mein nicht, da jetzt des Schicksals Strenge dich von
mir ruft - Vergiss mein nicht, wenn lockre kühle Erde dies Herz einst deckt, das
zärtlich für dich schlug - Denk, dass ichs sei, wenns sanft in deiner Seele
spricht: vergiss mein nicht«... O wenn noch dazu diese Töne sich in wogende
Blumen verschlingen, aus einer Vergangenheit in die andre zurückfliessen, immer
leiser rinnen durch die vergangnen, hinter dem Menschen ruhenden Jahre - endlich
nur murmeln unter dem Lebensmorgenrot - nur ungehört aufwallen unter der Wiege
des Menschen - und erstarren in unsrer kalten Dämmerung und versiegen in der
Mitternacht, wo jeder von uns nicht war: dann hört der gerührte Mensch auf,
seine Seufzer zu verbergen und seine unendlichen Schmerzen.
    Der stille Engel neben Viktor konnte sie nicht mehr verhüllen, und Viktor
hörte Klotildens ersten Seufzer. -
    Ja, dann nahm er ihre Hand, als wenn er sie schwebend erhalten wollte über
einem offnen Grabe.
    Sie liess ihm ihre Hand, und ihre Pulse schlugen bebend mit seinen zusammen.
-
    Endlich warf nur noch der letzte Ton des Liedes seine melodischen Kreise im
Äter und floss auseinander über eine ganze Vergangenheit - dann hüllte ihn ein
fernes Echo in ein flatterndes Lüftchen und wehte ihn durch tiefere Echo
hindurch und endlich an das letzte hinüber, das rings um den Himmel liegt - dann
verschied der Ton und flog als eine Seele in einen Seufzer Klotildens. -
    Da entfiel ihr die erste Träne, wie ein heisses Herz, auf Viktors Hand.
    Ihr Freund war überwältigt - sie war dahingerissen - er presste die sanfte
Hand - sie zog sie aus seiner - und ging langsam aus dem Zimmer, um dem zu
weichen Herzen, über dessen holde Zeichen die Nacht ihren Schleier hing, wieder
zu Hülfe zu kommen....
    Das kommende Licht nahm diese Traumwelten hinweg. - Mattieu und die
Kammerherrin erschienen auch. Wir wollen aber in dieser weichen Stimmung, wo man
gerade gegen Schlimme in der härtesten ist, nichts sagen und nichts denken über
das neue Paar, das für den Abstich gegen unsere Erweichung nichts kann. Viktor
sagte sich dies auch, aber mehr als einmal; weil sich die vom Apoteker erlogne
Vermählung Klotildens mit Mattieu ihm mit den grellsten Farben aufdrang,
ähnlich jener platonischen Verbindung, wo der reine Geist aus seinem Äter
getrieben und mit zusammengekrümmten Flügeln in einen befleckten Leib gemauert
wird. Klotilde kam zurück. Sie war in Verlegenheit gegen Viktor, bloss weil er
darin war oder neben ihr auf dem Schlitten noch mehr darin sein musste - ihren
geschwollenen Augapfel entfernte sie vom Licht. - Da Tränen-Versetzungen wie
Milchversetzungen drücken und zerstören: so suchte die in sein Inneres
zurückgedrückte Wehmut einen Ausgang durch die Stimme, die heftig und
abgebrochen war, durch die Bewegungen, welche schnell waren, sogar durch die
Lebhaftigkeit des Ausdrucks - kurz es war gut, dass sie fuhren.
    Er dachte wieder das Gegenteil, als er auf dem Schlitten hinter ihr stand.
Die Nacht schien sich hinter die Wolken gezogen zu haben, deren weites Gewölbe
den Himmel einnahm. Er konnte keine Materie zum Gespräch auftreiben, er mochte
sinnen, wie er wollte - er lief Klotildens, Viktors, aller Bekannten Leben durch
- es stiess ihm nichts auf. Der Grund war, seine Gedanken, die er darauf
ausschickte, kehrten ohne sein Wissen in jeder Minute um und hingen sich wie
Bienen an Klotildens edles Profil, oder an ihr weiches Auge, oder sanken in ihre
auf seine Hand gefallne Träne ein und in das ganze Äter-Meer der heutigen Töne.
Der dunkle Himmel über ihm gab ihm endlich Emanuels letztes Schreiben in den
Sinn, und er konnte ihr daraus des Blinden Einweihung in den höchsten Gedanken
des Menschen erzählen. Klotilde hörte ihm freudig zu und sagte endlich: »Niemand
ist glücklicher als ein Schüler eines solchen Lehrers; aber er muss nie in die
Welt treten - da wird er es nicht sein. Sein Lehrer hat ihm ein zu weiches Herz
gegeben, und ein weiches hängt, wie Sie ja selber sagen, wie das weiche Obst so
tief herab, dass es jeder erreichen und verwunden kann; die harten Früchte hängen
höher.«
    Sie kamen jetzt bei den harten Residenzfrüchten an, und ihre Bemerkung war
ihre eigne Geschichte. Aber die neuen Auftritte - die rauschenden Wagen und
Kleider - der Lärm um nichts und um wenig - die Saalleuchter wie Fixsternsysteme
- die doppelten Mund-Disharmonikas - die männliche Hof-Fauna - die weibliche
Hof-Flora - das ganze mobil gemachte Lustlager, dieses Mess-Getümmel
überschmetterte das gedämpfte Echo, das zwischen zwei harmonischen Seelen
hinüber und herüber ging.
    Unser Held wurde von der Fürstin noch freundlicher angelassen als vom
Fürsten. Joachime, die Amtverweserin Klotildens, hatte noch ausser der kalten
zürnenden Freundlichkeit eine juwelenreiche montre à regulateur. An einem
öffentlichen Orte kostet es weniger als in einem Kabinett, den äussern Menschen
wie eine Charaktermaske über den innern zu decken. Viktor, auf welchen ohnehin
jeder Schmerz die witzige Wirkung des Trunkes machte, verriet den ersten
höchstens durch das Übermass seiner Lebhaftigkeit.
    Eine Frau verrät sich durch das Gegenteil - Klotilde durch nichts. Er sagte
ihr in der sonderbaren Übertäubung, in welche äussere Freudentöne und innere
Phantasien setzen, wenn sie wie zwei Ströme miteinander zusammenkommen, folgende
Ideen: »Wär' ich die Göttin der Wonne (wenns eine gibt), so liess' ich drei Uhr
schlagen - um die Wandleuchter machte ich Farbenprismen oder hinge sie gar in
die Kabinette und zöge über den Tanzsaal durch Weihrauch eine Zauberdämmerung -
dann müsst' ich die Töne des Orchesters in so viele Zimmer zurückstellen, dass
davon nichts hereinkäme als ein weiches Echo - und wenn dann in dem dämmernden,
von Melodien durchwehten Wirrwarr nicht die Leute nach einigen stillen
Bewegungen vor Entzücken vergehen wollten: so wüsst' ich nicht«.... »Setzen Sie
noch dazu,« (sagte sie) »damit wir auch eines haben, dass wir hier bleiben und
die Auflösung beobachten.« -
    Aber seine Fassung überlebte in jedem Balle kaum die Menuett. Nach dem
ersten Geräusch, wenigstens um die Geisterstunde, war allemal seine ganze Seele
in eine eigne poetische, der Augen kaum mächtige Schwermut zersetzt. Ausser den
Tönen kann ich noch die Bewegung zum Erläutern dieser Erscheinung brauchen: alle
Bewegung ist erstlich erhaben - nämlich die von grossen Massen, oder vielmehr
jede schnelle Bewegung gibt dem Gegenstand die Grösse des durcheilten Raums,
daher bei Abstich mit dem Zwecke bewegte Gegenstände komischer sind als ruhige -
zweitens das Bewegen der Menschen stellte ihm ihr Vorüberflattern, ihr Fliehen
in die Gräber dar. Er blieb oft in der Nacht trübe unten an Häusern stehen, in
deren zweitem Stockwerke man tanzte, und sah hinauf, und das Vorüberschweben
freudiger Köpfe war ihm der Gaukelsprung der Irrlichter auf dem Kirchhofe.
    Heute fühlte er dies bei einer zerschmolzenen überlaufenden Seele noch eher
als sonst. Die Anglaise, worin aus der Kolonne ein Paar nach dem andern
verschwindet, war ja das Bild unsers schattigen Lebens, in das wir alle
ausziehen mit Trommeln, und von tausend Spielkameraden eingefasst, und in dem wir
fortrücken, jedes Jahr verarmend, jede Stunde einsamer, und worin wir zu Ende
laufen, von allen verlassen, ausser einem gemieteten Mann, der uns eingräbt
hinter das Ziel. - Aber der Tod breitet gleichsam unsere Arme aus und drückt sie
um unsere geliebten Geschwister; ein Mensch fühlt erst am Rande der Gruft, wo er
ans Reich unbekannter Wesen stösset, wie sehr er die bekannten liebt, die ihn
lieben, die leiden wie er, die sterben wie er.
    Da ein Weib uns mit nichts die ganze selige Vergangenheit rührender
aufdeckt, als wenn sie ihr Augenlid aufhebt und uns ihr schimmerndes Auge zeigt:
so musste er ja wohl wenigstens unter dem Tanze in ein Auge blicken, das ihm
lauter Himmel zeichnete, die versunken waren - und heute sollte ihm alles
versinken, das Auge sogar. Und da Klotilde durch das Tanzen gewöhnlich erblasste:
so zog er durch ihre Augen in ihr Inneres und zählte darin an der stillen Seele
die Tränentropfen, die unerschüttert an ihr hingen - die vielen Impf-Einschnitte
des Schicksals für neue Tugenden - die beschnittenen Wurzeln, die das Schicksal
an dieser Blume, wie wir an niedern Gewächsen, vor der Verpflanzung in eine
andre Erde verkürzt - und die tausend Honiggefässe schöner Gedanken. Und da er an
alle ihre bedeckten Tugenden auf einmal dachte, an die Herrschaft ihrer
weiblichen Vernunft über ihre Empfindsamkeit, an ihr leichtes Einwilligen in den
Ball, den ihr jetzo der Fürst, so wie das in die Schminke, die ihr sonst die
Fürstin aufgedrungen, und an ihre Gefälligkeit, sobald sie nichts aufzuopfern
brauchte wie sich; und da er sich vorhielt, dass sie, nicht ähnlich den Hof- und
Stadtweibern, die wie Gewächse sich ans Fenster des Gewächshauses nach dem
Lichte ausspreizen, sondern ähnlich den Frühlingblumen gern im Schatten blühe,
und doch die Liebe zum Landleben so wenig wie ihre Bescheidenheit zur Schau
auslege: so musst' er das Auge abwenden von der zarten aufgerichteten Blume, auf
die der Tod den Leichenstein niederwarf, von der schönsten Seele, die ihren Wert
noch nicht im Spiegel einer gleichen sah, vom sterbenden Herzen, das doch nicht
glücklich war.
    Alsdann stieg freilich der Gedanke, vor dem er zusammenfuhr, wie ein Sturm
empor: »Ich will ihrs heute sagen, wie gut sie ist - o ich seh' sie doch nicht
wieder, und sie stirbt sonst von sich ungekannt! - Ich will ihr zu Füssen sinken
und meine unaussprechliche Liebe bekennen. - Sie kann nicht zürnen; ich begehre
ja nicht ihr heiliges Herz, das keiner verdient, ich will ja nur sagen: meines
vergisset dich nie, aber es verlanget deines nicht, es will nur sanfter brechen,
wenn es vor dir gezittert und geblutet und geweinet und gesprochen hat«...
    Nahe hinter diesem Gedanken kam Klotilde selber zu ihm an der Hand ihrer
Stiefmutter, und das von der Wärme wie Rosen von der Sonne entfärbte Angesicht,
die kränkern müden Züge taten die stille Bitte, in die frische Luft und nach
Haus zu kommen.
    Sie fuhr; die Stiefmutter entfernt hinter ihr. - Welcher Tausch der Bühnen!
- Unter dem Morgentor des Himmels stand der Mond, der den Leichenschleier aus
Gewölk abgehoben hatte von der Milchstrasse und von dem ganzen blauen Abgrund. Er
trug allmählich einen Grund von Silber auf und zeichnete mit Schatten und
Blitzen ein rückendes Nachtstück hinein. Sein Licht schien der Frost in Körper
zu verdichten, in weisse Auen, in taumelnde Ströme, in schwebende Flocken, es
hing blitzend als weisses Blütenlaub an den Gebüschen, es glimmte die östlichen
Berge hinauf, die die Sonne in Eisspiegel gegossen hatte. - Und alles über dem
Menschen und um den Menschen war erhaben-still - der Schlaf spielte mit dem Tod
- jedes Herz ruhte in seiner eignen Nacht. -
    Und hier bei diesem Eintritt gleichsam aus dem Getümmel der Erde in die
stille überdämmerte Unterwelt flossen kalte Schauer und nach ihnen glühende
Schauer über Viktors Nerven. - Dies geschieht, wenn die Seele des Menschen zu
voll ist und zu sehr erschüttert wird, und alle Fäden ihres zitternden
Körpergewebes schwanken dann mit ihr. - Sein Schlitten wurde jetzt eine
fliegende Gondel. Die entgegenschlagende Nachtluft wehte alle seine Flammen an.
O! der Strom voll Eisspitzen, wenn er über ihn gezogen, die kühle Decke von
Schnee, wenn sie auf ihm gelegen wäre! - Immerfort rief es in ihm: »Du fährst
die Stille, die Geduldige mit ihrem schwarzen Schleier dem Tode zu - es ist ihr
Leichenwagen - die edle Perlenfischerin hat dem Himmel ihr Zeichen gegeben, dass
sie hier unten Schmerzen und Tugenden genug gesammelt habe, damit er sie wieder
hinaufziehe zu sich.« - Die vorüberrückenden Berge, die vorbeistürzenden Bäume,
die wegrinnenden Felder, diese Flucht der Natur schien in einen grossen
Wasserfall zusammenzufliessen, der alles mittrieb und den Menschen zuerst, und
nichts stehen liess als die Zeit. - Und als er in das Tal, wo die Stadt
verschwindet, wie vor einem Jahre seine begleitenden Freundinnen, hinunterrollte
und als der Mond scheinbar hinter den Bäumen durch den Himmel zu fliegen anfing:
so richtete er seine Augen gegen die Sterne auf und redete zurückgebogen,
hinaufstarrend, zertrümmert den Himmel laut an: »Tiefes blaues Grab über den
Menschen, du versteckst deine weiten Nächte hinter zusammengerückten Sonnen! Du
ziehest uns und unsre Tränen hinauf wie Dünste. - Ach wirf nicht die armen, sich
so kurz sehenden Menschen so weit auseinander, nicht so unendlich weit! - Und
warum kann der Mensch nicht hinaufblicken zu dir, ohne zu denken: wer weiss,
welches geliebte Herz ich droben nach einem Jahre suchen muss!« -
    Seine verdunkelten Augen fielen schmerzhaft vom Himmel herab - auf
Klotildens ihre, die aufgehoben seinen gegenüberstanden. Sie konnte die Träne,
die vom Auge erst bis zur Wange gefallen war, weder durch den Schleier
entziehen, noch für eine auf dem Angesicht zergangene Schneeflocke ausgeben, da
der Schleier die Flocken abstiess; aber eine solche Träne hatte keinen Schleier
nötig. Klotilde hatte gedacht, er meine bloss Emanuel, und darum wurde sie
weich.... Wie zwei scheidende Engel schauten beide sich mit weinenden Augen an.
Aber Klotilde zog die ihrigen ab, und ihr Haupt bückte erliegend sich vorwärts.
Gleichwohl wandte sie sich wieder um und tat mit dem Himmels-Angesicht und mit
der Himmels-Stimme die schöne Bitte an ihn: »Würdigen Sie dieser warmen
Freundschaft auch meinen Bruder; und vergeben Sie der Schwester heute diese
Bitte, da ich sie vielleicht lange nicht erneuern kann.« - Er bückte sich tief
und konnte nicht antworten. -
    Aber da ihr Wohnort ihnen jetzt entgegenschimmerte und ihr Schloss, von dem
der Silberregen des Mondes niederrann - da die Minute immer grösser und dunkler
herankam, worin ihm der Abschied (vielleicht die Maske des Todes) diesen stillen
Engel von der Seite nahm - da ihm jede gleichgültige Abschiedformel, die er sich
aussinnen wollte, sein krankes Herz zerschnitt - da er sah, wie sie ihr Haupt
auf die Hand und auf den Schleier lehnte, um unbemerkt die ersten Zeichen ihres
Abschiedes wegzunehmen oder aufzuhalten: so stürzte die ganze Wolke, die so
lange einzelne Tropfen in seine Augen fallen lassen, zerrissen auf ihn nieder
und überflutete sein Herz.... Er hielt plötzlich still.... Er sah mit
unversiegenden Augen gegen St. Lüne.... Klotilde kehrte sich um und erblickte
ein entfärbtes Angesicht, eine Stirn voll Schmerzen und einen zitternden Mund
und sagte blöde: »Ihre Seele ist zu gut und zu weich.« - Ja, dann brach sein
überfülltes Herz entzwei. - Dann quollen alle mit alten Tränen vollgegossenen
Tiefen seiner Seele auf und hoben aus den Wurzeln sein schwimmendes Herz, und er
sank vor Klotilden nieder, glänzend in himmlischer Liebe und rinnendem Schmerz -
von der Tugend überflammt - vom Mondenlicht verklärt - mit der treuen
erliegenden Brust, mit den überhüllten Augen, und die zerrinnende Stimme konnte
nur die Worte sagen: »Engel des Himmels! endlich bricht vor dir das Herz, das
dich unaussprechlich liebt - o ich habe ja lange geschwiegen. - Nein, du edle
Gestalt weichest nie aus meiner Seele. - O Seele vom Himmel, warum haben deine
Leiden und deine Güte und alles, was du bist, mir eine ewige Liebe gegeben, und
keine Hoffnung und einen ewigen Schmerz?« - Von ihm weggebogen lag ihr
erschrocknes Angesicht in ihrer rechten Hand, und die linke deckte nur die
Augen, aber nicht die Tränen zu. Ein sterbender Laut flehete ihn an,
aufzustehen. Man hörte den zweiten Schlitten von ferne. - »Unvergessliche! ich
martere Sie, aber ich bleibe, bis Sie mir ein Zeichen der Vergebung geben.« -
Sie reichte ihm die linke Hand hinaus, und ein heiliges Angesicht voll Rührung
wurde aufgedeckt. Er presste die warme Hand an sein flammendes Angesicht, in
seine heissen Tränengüsse. Er fragte zitternd wieder: »O mein Fehler wird immer
grösser, werden Sie ihn denn ganz verzeihen?«...
    Da verhüllte sie das errötende Angesicht in den verdoppelten Schleier und
stammelte abgewandt: »Ach dann muss ich ihn teilen, edler Freund meines Lehrers.«
- -
    Seliger, seliger Mensch! nach diesem Wort bietet dir das ganze Erdenleben
keinen grössern Himmel an! Ruhe nun in stillem Entzücken mit dem überwältigten
Angesicht auf der Engelhand, in die das edelste Herz das für die Tugend wallende
Blut ausgiesset! Weine alle deine Freudentränen auf die gute Hand, die dir sie
gegeben hat! Und dann: wenn du es vermagst vor Entzücken oder vor Ehrfurcht,
denn hebe dein reines glänzendes Auge auf und zeig ihr darin den Blick der
erhabnen Liebe, den Blick der ewigen Liebe und der stummen und der seligen und
der unaussprechlichen! -
    Ach der, den einmal eine Klotilde geliebt hätte, der könnte jetzo vor
Entzücken nicht weiterlesen - nicht weiterschreiben...... oder auch vor Schmerz!
-
    Jetzt legte er den schönern Weg schweigend und geheiligt zurück - der Mond
hing wie ein betauter, mit weissen Blüten überlegter Morgen vom Himmel herab -
der Frühling bewegte seine Auen und seine Blumen unter dem Schleier von Schnee -
das Entzücken schlug in Viktors Herzen, schwoll in seiner Brust, glänzt' in
seinem Auge - aber die Sprachlosigkeit der Ehrfurcht herrschte über das
Entzücken.... Sie kamen an. Und als beide im Zimmer der Harmonika, wo er abends
vor Schmerzen ihre Hand ergriffen hatte, einander einsam gegenüberstanden, so
verändert, so selig zum ersten Male, zwei solche Herzen, sie wie ein Engel, der
vom Himmel niedersank, er wie ein Seliger, der aus der Erde auferstand, um dem
blöden Engel an das Herz zu fallen und mit ihm sprachlos in den Himmel
zurückzugehen... welche Stunde! - O nur für euch, ihr schönen Seelen, die ihr
solche Stunde nie erlebt und doch verdient, mal' ich diese fort! .... Wie zwei
Selige vor Gott schauen sie einander in die Augen und in die Seelen wie ein
Zephyr, den zwei schwankende Rosen fortsetzen, wehet zwischen den zitternden
Lippen der sprachlose Wonneseufzer, von der Brust in schnellen Zügen
eingetrunken und freudig schauernd in langen ausgezittert - sie schweigen, um
sich anzublicken, sie heben die Augen auf, um durch den Freudentropfen
durchzusehen, und senken sie nieder, um ihn mit dem Augenlide abzutrocknen....
Nein, es ist genug - o es ist eine andre Träne, die jetzo drückend in dem
schönen Herzen liegt, das schweigt und sagen will: ich war niemals glücklich,
und ich werd' es auch nie!
    Viktor hatte ihr so viel zu sagen und hatte so wenige Minuten mehr dazu:
gleichwohl machte ihn nicht sowohl die Freude als die Ehrfurcht stumm - denn
heilig ist dem liebenden Herzen die Gestalt, die zu ihm gesagt: ich bin dein. -
Denket aber nicht, er wollte etwan die rohe Bitte tun, seinetwegen dazubleiben;
nur die Frage, ob er sie in Maiental besuchen dürfe, nur die Bitte, dass sie für
ihr Genesen sorge, kann er wagen. Klotilde hatte nur eine an ihn zu tun, die sie
nicht genug überhüllen konnte; die nämlich, ihres eifersüchtigen Bruders wegen
sie nicht in Maiental zu sehen.
    Unter dem Zögern der Entzückung schellet der zweite Schlitten. Die Eile
nötigte sie zum Mut - - Viktor verwandelte die Bitte in den Wunsch, dass der
Frühling die Absicht ihrer Reise (die Genesung) begünstigen möge, und die Frage
in die Freude, wie glücklich sie in Maiental neben Dahore sein werde, wie selig
er sonst dort gewesen und wie wenig er sonst geglaubt, dass man es da noch mehr
werden könne. Klotilde antwortete (wahrscheinlich auf seinen Wunsch
nachzureisen): »Ich hinterlasse Ihnen ebensoviel, meinen Bruder und Ihren
Freund; vergessen Sie meine vorige Bitte nicht!«
    Erst da die annähernden Eltern Klotilden erinnerten, den Schleier
zurückzuschlagen, und ihren Geliebten anmahnten, den ersten Abschied von dem
errungenen Herzen zu nehmen: da blickten beide weit in das grosse Eden hinein,
das sich um ihr Leben aufgetan - und die helle Minute, die jetzt im Strom der
Zeit vorüberfloss, spiegelte in die Ewigkeit zwei himmlische Gestalten hinauf,
eine entschleierte, blassrote, von Tränen verklärte, und eine von Liebe
verherrlichte, von Hoffnung widerscheinende - und nun lasset nicht länger die
Hand Seelen zeichnen, die nicht einmal das glänzende grosse Auge der Liebe
abmalet...
    Als die Eltern kamen: fühlt' er alle mögliche Kontraste, aber er vergab alle
mögliche. Er nahm bald Abschied, um zu Hause in der Stille der Nacht den ersten
betenden Blick über seinen künftigen Lebensstrom zu werfen, der sich jetzt zum
Grab hinzog in Schönheitlinien, und in welchem bunte Minuten spielten wie
Goldfische.
    In der Nachtstille, nicht weit von seiner Wachsmumie, wollte der Glückliche
niederfallen vor dem unendlichen Genius und ihm mit neuen Tränen danken für
diese Nacht, für diese Freundin, deren erste Liebe er ist. Aber der Gedanke, es
zu tun, ist die Tat, und o wie könnte unser gerührtes Herz, das schon vor
Menschen verstummt, noch andere Worte vor dem Unendlichen finden als Tränen und
Gedanken? -
    - Und in dieser ergebnen Stimmung voll tiefer Ruhe, worin ich die Feder
weglege, mögest du, lieber Leser, dieses Buch weglegen und auch sagen wie ich:
es werden sich wohl mehr trübe Tage so beschliessen wie der achtundzwanzigste
Hundposttag.
 
                          Vorrede zum dritten Heftlein
         (das in der ersten Auflage um ein Dutzend Bogen früher anging)
Da jetzt auch der Schalttag in die Vorrede einfällt und er noch dazu beim
Anfangbuchstaben V anfängt: so können ja beide ungemein glücklich miteinander
abgefertigt werden.
                                       *
 
                              Siebenter Schalttag
                    Ende des Registers der Extra-Schösslinge
                                      U V
Unempfindlichkeit der Leser - Vorrede. Es gab glückliche Zeiten, wo man von
seinem Nebenwilden und Nächsten nichts zu befahren hatte, als totgeschlagen zu
werden - wo nur der Hagel der Knutenmeister der Haut war, anstatt dass jetzt der
Passatwind des Visitenfächers für uns eine Windsbraut ist und der kühle Atem
über die Teetasse hinüber ein Seewind - wo man weniger am Kummer des andern
Anteil nahm als an seinem Frasse - wo die Damen die Herren in Bärenhäuten mit
nichts verwundeten (mit Blicken, Reizen, Locken am allerwenigsten), mit nichts
als mit Keulen, und wo sie sich zwar so gut wie heute und morgen des Herzens
eines ehrlichen Mannes bemächtigten, aber doch nur so, dass sie den Inhaber
desselben vorher auf einen Altar hinstreckten und ordentlich abschlachteten, eh'
sie ihm den Himmelglobus aus dem Brustgehäuse ausschnitten. - -
    Um diese Zeiten sind wir nun alle gebracht; in den jetzigen siehts schlecht
aus. Beim Himmel, man hat ja nicht viel weniger als alles vonnöten, um
glücklich, und nicht viel mehr als nichts, um unglücklich zu sein - zu jenem
braucht man eine Sonne, zu diesem ein Sonnenstäubchen! - Gut wären wir daran und
grosse Zimmer in allen Lustschlössern hätten wir innen, wenn es uns vom Schicksal
bescheret wäre, dass wir etwan so viele Foltern erlitten, wie die Juristen haben,
nämlich drei - nicht mehr Plagen, als die Ägypter trugen, nämlich sieben - nicht
mehr Verfolgungen, als die ersten Christen ausstanden, nämlich zehn. Aber auf
solche Glück-Ziehungen sieht ein Mann von Verstand gar nicht auf; wenigstens
verspricht sich solcher Treffer einer nicht, der sich wie ich hinsetzt und
erwägt unsre Kolibrimägen - unsere weiche Raupenhaut - unsere selber klingende
Ohren - unsere Selberzünder von Augen - und unsere culs de Paris, die nicht von
einem umgestülpten Rosenblatt, sondern schon vom Schatten eines Dornes gestochen
werden - und unsere feine Hautfarbe, die ohne einen Mondschirm im Mondlicht
schwarz würde.... Und doch hab' ich in diese Rechnung unserer Leiden - weil ich
mit Fleiss darauf aus bin, sie kleiner zu machen - noch ganz andere, ganz
verdammte Posten nicht gebracht, sondern z.B. den Reichtum völlig ausgelassen,
dieses Schmerzengeld so vieler tausend Schrammen und Splitterungen der Brust,
und überhaupt Millionen Seelenwunden, die unser durchlöchertes Ich ganz
durchsichtig machen würden, wär' es nicht zum Glück ganz vom Kopf bis zum Fuss in
englisches Taftpflaster gekleidet.... Aber ich liess alles dergleichen weg, weil
ich wusste, es wäre doch so gut wie nichts, o wenn ichs gegen ein ganz anderes
Fegfeuer und Gewitter hielte, in das vorzüglich wir Mannspersonen geworfen
werden, wenn wir so unglücklich sind, dass wir uns selber kielholen - nämlich uns
verlieben, welches meines wenigen Erachtens ein geringer Vorgeschmack der Hölle
ist, so wie des Himmels. Die beste Peeress in diesem Fache schreib' an mich und
kouvertier' es postfrei an die Verlaghandlung in Berlin und nenne sich mir, wenn
sie fähig war, ihren armen Pastor fido nicht zu schinden und zu spiessen, noch
mit Zwickelurteln zu verfolgen, noch ihm mit den Druckmaschinen der Hände sein
Herz voll Quetschwunden, mit der Fächer-Bastonade seinen Kopf voll Fissuren, mit
den Augen die Brust voll Brandblasen zu machen und ihm wie dem Rauchtabak mit
Tränen eine Beize zu geben.... Wenigstens komm' ich selber gegenwärtig gerade
aus einem solchen Zucht- und Hatzhaus her und seh' erbärmlich aus in meiner
Haut, als hätt' ich eine skalpierte um mich geschlagen.
    Wir wollen nichts weiter davon reden. Meine Absicht bei diesem allen ist,
den Leser standhaft zu machen, weil ein ganz neues Regengestirn, das ich gar
nicht namhaft gemacht, für ihn heraufsteigt, um ihn einzuschneien. Das tobet
ärger als alles vorige. Ich meine so: ein Reichsbürger kann schon mit allem zu
Rande sein - seine Kasse und seine Feinde können schon gestürzt und seine
Arbeiten vom Publikum oder vom Kollegium recht gut aufgenommen - seine
Fristgesuche bewilligt sein und die Quinquennells seiner Schuldner abgeschlagen
worden - seine jüngste Tochter, die, wie die älteste des Bruders des
französischen Königs, Mademoiselle heisset, kann schon die Blattern überstanden
haben und die Verlobung nachher: es hilft ihm wenig, das Ärgste, eine ganze
Gehenna erwartet ihn noch - im Bücherbrett; denn dort können die schönen
Geister, er habe immer schon alle bittere Salze des Geschicks
hinuntergeschluckt, unter dem Namen Romanen-Manna ein hartes Tränenbrot ihm
vorgeschnitten haben, das ich für meine Person weder backen noch käuen möchte -
wahrlich sie können (in einer andern Metapher) Totenmärsche und Trauerkantaten
für ihn gesetzt und bereitgelegt haben, die ihn ganz niederwerfen und ihm warm
machen, dass ihm die Augen übergehen.
    Und zum Unglück zeichnen sich gerade warmblütige und weichhäutige herrliche
Männer am wenigsten durch standhaftes mässigendes Ertragen der poetischen Leiden
aus, die ihnen die Schreiber zuschicken. Ich kann daher dieses dritte Heft, das
zu leicht rühret, unmöglich ohne alle Vorrede als eine Widerlage lassen, wenn
ich nicht selber Ursache sein will, dass unschuldige Menschen bei den besten
Auftritten dieses Hefts weinen und mit leiden. Solche zu weiche Menschen, denen
die Natur die ästetische Apatie gegen grosse Leidensfälle in Tragödien und
Romanen versagt hat, sollten sich - sie müssten denn fett sein; denn Fetten tut
der Kummer gut wie Hungerkur und Höllenstein - diese sollten sich durch
Philosophie kalt machen und bewaffnen gegen den tragischen Dichter; sie sollten
sich unter dem Lesen eines grossen Jammers trösten und sagen: »Wie lange dauert
ein solches gedrucktes Unglück? - Wie bald ist ein Buch und Leben hinaus -
Morgen denkst du doch anders - Der unglückliche Zustand, in den ich durch
Shakespeare hier gebracht werde, existiert ja nur in meiner Vorstellung, und der
Schmerz darüber ist ja, nach den Stoikern, nur Täuschung - Man muss, sagt Epiktet
im Handbuch, das nicht bejammern, was nicht in unserem Willen liegt, und hier
die traurige Szene von Klopstock ist ja ein äusseres Ding, das du nicht ändern
kannst - Willst du dich von einem Nordamerikaner, vom Halloren, vom Pöbel, vom
Cretin aus Gex beschämen lassen, der diese ganze Szene aus Goetes Tasso still
und gelassen aushielte, ohne ein Auge nass zu machen?« -
    Ich beteur' es den Lesern, dass ich hier nur gegen ihre Weiber und Schwestern
zu Felde liege: denn unter den Lesern fehlten standhafte Zuschauer ästetischer
Leiden niemals ganz und noch weniger als selber unter dem Pöbel, und ich möchte
am wenigsten den Schein haben, als stritt' ich dem grössern Teile der
Geschäftleute, der Rezensenten, Kriminalisten und Holländer grosse Gelassenheit
unter dem Lesen überflorter trüber Szenen ab, die ich und andre in die Presse
gaben. Ich berede mich vielmehr gern, dass - wenn jemals Hoffnung dazu war - es
gerade jetzt ist, wo der Deutsche jenen belgischen Stoizismus, jene edle
Unempfindlichkeit anzunehmen verspricht, die ihn so ziert und durch die er gegen
Melpomenens Dolch schuss- und stichfest wird und in Dantes Hölle, wie Christus in
der wahren, ohne Leiden ist. Wir hatten zwar nie die Empfindlichkeit der
Franzosen, und ihr Racine wäre immer für uns ein kurzweiliger Rat gewesen; aber
jetzo sind wir, wenns ein Verfasser nicht gar zu kraus macht und nicht gar zu
viele Schlachtfelder und Kelche mit Mäusegift und Rabensteine vorschiebt - denn
das greift uns an -, sondern wenn er nur so halb aufgeräumt - ich seh' ihn
ordentlich reiten - auf einem Trauerpferde dahersetzt und mit der einen Hand
eine Totenglocke schüttelt und mit der andern einen Leichenmarschalls-Stab Wehe
schwenkt, oder wenn er vollends nur die unsichtbaren zugequollenen Stichwunden
der zärtern feinern Seele vorzeichnet, da sind wir jetzo schon imstande, unsere
lustige Laune zu behaupten und zu zeigen, was der Deutsche erträgt. Leute von
geringerer Kraft schlafen wenigstens, damit sie bei einer Goeteschen Iphigenie
nicht leiden, weil der Schlaf Leidende aufrichtet; oder wir vergessen solche
Elegien gar, weil wir nach Platner kein Gedächtnis für Schmerzen haben, und weil
die Vergessenheit - wie ein Fürst schrieb - das einzige Heilmittel der Schmerzen
ist, oder der Himmel schenkt uns, wie nach Leid Freude, nach einer Messiade
(wovon uns eine gute Travestierung anzuwünschen wäre) eine blumauerische
Parodie, worüber wir die vorige Epopöe leicht vergessen können.
                                       W
Weiber. Ihr holden weichen Frühlingblumen und Engel-Absenker neben uns harten
Winterkohlstrünken, ich habe ja schon im vorigen Buchstaben eurer gedacht und
eurer Weichheit im Gegensatz der deutschen Strengflüssigkeit! Was soll ich
weiter sagen, als dass ihr, sobald ihr gut seid, es im höchsten Grad seid, und
dass ihr und das englische Zinn einerlei Stempel habt - nämlich die Figur eines
Engels? -
                    X siehe I K S - Y siehe I - Z siehe T S
 
                                       Tz
Spitz. Der arme Spitz will so gut in Vorreden unter Extra-Schösslinge wie sein
Herr und kömmt gerade recht mit dem 29sten Kapitel. Ich kann stundenlang mit
Spitzhunden reden, wie Yorickmit Eseln. Ich will jetzt den Götterboten auf die
Hinterfüsse stellen und an den vordern halten, damit er mir aufgerichtet zuhört.
- - »Steh, leichte Bestie! - Ich rede nur mit dir über etwas, damit ich dich in
die dritte Vorrede setzen kann. Es verdient, Spitz, bemerkt zu werden, dass du
ein Schelm bist wie Menschen und gleich ihnen nicht gerade, sondern gekrümmt und
niedergebückt verbleiben willst, bloss um recht zu fressen; du und sie wollen wie
Pharokarten durch Beugen und Krümmen gewinnen, wie die gemeinen Engländer ihre
schlechten Silbermünzen krümmen, damit sie nicht für weniger ausgegeben werden,
nämlich zwei für eine. - Du hast falsche Augen, aber du handelst doch gut. - Die
Rezensenten, ungeduldiges Vieh, sagen, wenn sie an deiner Stelle wären, sie
würden das biographische Bauzeug fleissiger zutragen, damit die
Lebensbeschreibung aus wäre, eh' es schneiet - Setze ihnen nicht entgegen, dass
ichs wie Baronius machen könnte, der seine Annalen ohne Bart angefangen und mit
einem grauen ausgemacht Das können ihm nur Rezensenten (ich aber nicht) nachtun,
die Zeit haben zu feilen und die ein Werk unbärtig anfangen können am
Rasiertage, und erst drei Tage darauf vollenden, wenn sie eingeseift sind. - -
Fall nur nieder, Hofmann, und friss; du bist wenigstens nicht ohne allen Verstand
und gibst doch mehr auf das Haranguieren acht als ein Dauphin-Fötus und wedelst
doch, aber der Fötus nicht - Ich habe nun mit ganz andern Leuten zu sprechen,
und die wenigsten wedeln, Spitz!«
                                                                      Jean Paul.
 
                                29. Hundposttag
                    Bekehrung - Billetdoux der Uhr - Florhut
Des Morgens ging Klotilde nach ihrer Pappelinsel ab, und mittags Viktor nach
seinem pontinischen Sumpf-beide mit einer Entfernung zufrieden, die sie würdig
machte, eine Vereinigung zu geniessen.
    Das erste, was der Hofmedikus in Flachsenfingen vornahm, war - dass er
nachsann oder vielmehr nachempfand. Der Mensch ist der Doppelspat der Zeit, der
alle Szenen zweimal nebeneinander zeigt. Die Erinnerung fing in ihrem Spiegel
noch einmal den Mondschein der letzten Nacht und die Engel auf, die darin
schwebten, und kehrte den Spiegel mit diesem Schimmer, mit dieser Perspektive
meinem Viktor zu. Er überdachte Klotildens bisheriges Betragen, aus dem er - und
ich hoffe, mein Leser - die Züge der reinsten Liebe, die nur mit einem Auge aus
dem Schleier blickt, neben den Zügen einer entschiedenen Herrschaft der
weiblichen Gefühle über die weiblichen Wünsche entdeckte. Sie kömmt den ersten
Mai aus Maiental mit einem weinenden Herzen, das, von einer Toten abgerissen,
offen noch fortblutet. - Der Schüler Emanuels begegnet ihr, und sie eilet wieder
zum Grabe zurück, um dort mit den Tränen der Trauer ihre erste Liebe
auszulöschen. - Aber Emanuel teilt dieser Liebe sein heiliges Feuer mit durch
die seinige, durch sein Lob des Geliebten, durch den offnen Brief voll keimender
Liebe, den dieser am Geburtfeste des 4ten Maies an ihn geschrieben. - Sie kehrt
ungeheilet gegen die Zeit seiner nahen Abreise zurück. - Aber ihr guter Emanuel
drückt freundschaftlich-grausam das Bild, das ihr das Herz zu enge macht, tiefer
in die Wunden desselben hinein, indem er ihr Viktors Leben in Maiental und
dessen Geständnis berichtet, dass er sie liebe. - Viktor schweigt vor ihr, aber
sie glaubt, er tu' es, weil er von seinem Vater keine Erlaubnis habe, mit ihr
über Flamins Verwandtschaft zu reden. - Er geht an den Hof und scheint sie zu
vergessen, ja er legt ihr die Ketten des Hofamts um, die doch, wie er weiss, ihre
Seele blutig drücken. - Ihre Eltern nötigen ihr, um sie auszuforschen oder um
ihrem geheimen Werber Mattieu mit ihrer weiblichen Verschleierung zu
schmeicheln, durch eine tyrannische Frage das unglückliche Nein ab, das ihren
Bruder täuscht und ihren Freund entfernt - Viktor weicht an ihrem Festabende aus
dem Garten, ohne sie anzureden, besucht darauf ihre Eltern wieder und ist ganz
erkaltet. - Nun hört sie nichts mehr von ihm als höchstens Berichte seiner
höfischen Freuden und seiner Besuche bei Joachimen - - - Ja, du Gute, so mussten
ja im Kampfe mit Wünschen und mit Sorgen, im kranken Lechzen nach der geliebten
Seele alle deine Freuden einschlafen und deine Hoffnungen aussterben und deine
unschuldigen Wangen erblassen. - - Da nun Viktor so diese trübe Vergangenheit
durchdachte und sich erinnerte, wie ihr im Schauspielhause, wo er ihr seine
Wissenschaft um ihre Verschwisterung zeigte, die letzte Blüte der Wange, der
letzte Zweig der Hoffnung wegbrach, weil sie sein bisheriges Schweigen für ein
von seinem Vater befohlnes halten konnte - und da alle diese Züge in eine
Himmelkönigin zusammenliefen, vor welcher das Niederknien leichter als das
Umarmen ist - und da er weiter bedachte, dass dieses edle, von einem Emanuel
verschönerte und eines Emanuels würdige Herz sich doch mit allen seinen Himmeln
dem wankelmütigen Herzen des Schülers ergab - und dass der Guten nicht einmal
dieser bescheidne Wunsch gelang, weil das Schicksal die Blüte ihrer Liebe wie
die einer Rosenstaude aufschob durch Verpflanzung, durch Setzen in Schatten,
durch Beschneiden der Knospen im Frühjahr und Herbst - und da er sah, dass
gleichwohl diese Edle mit dem Finger auf dem Munde, mit der Hand auf dem trüben
Herzen, ohne einen Wink ihres Grams geschieden wäre nach Maiental, und dass die
moralische Kälte diese Blume, wie die physische andere Blumen, erhob, aber ihr
dadurch die Wurzeln des Lebens abriss - und da endlich sein Traum am dritten
Osterfeiertag, wo ihm vorkam, als säh' er sie auf einem lichten Nebel singend
aus der Erde steigen, wie eine grosse Regenwolke vorüberging, und der Traum mit
ihren erblassten Farben vor seiner schmachtenden Seele stille stand, und eine
Stimme aus dem Traum ihn fragte: »Wirst du sie lange lieben, da sich Engel nach
ihr sehnen und sie aus dem Kummer heben und dir nichts lassen als das Grab des
zu lang verkannten Herzens?«- - da alle diese Gedanken glühend und
aneinandergereihet wie Hügelketten von roten Abendwolken um seine Seele zogen:
so wurde sein Herz wie ein Altar durch ein vom Himmel fallendes Opferfeuer
bedeckt, und alle seine erdigen Lüste, alle seine Flecken vergingen in diesem
Feuer - kurz, er beschloss, sich zu bessern, um durch Tugend würdig zu sein einer
Tugendhaften.
    Er bekehrte sich den 3ten April 1793 gegen Abend, als der Mond - und die
Erde - unter seinen Füssen im Nadir waren. -
    Der Leser kann über diesen Chronometer gelacht haben; aber jeder Mensch, an
dem die Tugend etwas Höheres ist als ein zufälliger Wasserast und Holztrieb, muss
die Stunde sagen können, worin jene die Hamadryade seines Innern wurde - welches
die Teologen Bekehrung und die Herrnhuter Durchbruch nennen. Wie soll die Zeit
nicht unsre geistigen Empfindungen abmarken, da ja bloss diese jene abstecken?
    Es gibt - oder kommt - in jedem mehr solarischen als planetarischen Menschen
eine hohe Stunde, wo sich sein Herz unter gewaltsamen Bewegungen und
schmerzlichen Losreissungen endlich durch eine Erhebung plötzlich umwendet gegen
die Tugend, in jenem unbegreiflichen Übergang, wie der ist, wenn sich der Mensch
von einem Glaubenssystem auf einmal zum andern, oder vom höchsten Punkte des
Grolls schnell zu einer zerschmelzenden Vergebung aller Fehler hinüberhebt -
jene hohe Stunde, die Geburtstunde des tugendhaften Lebens, ist auch die süsseste
desselben, weil dem Menschen ist, als wäre ihm der drückende Körper abgenommen,
weil er die Wonne geniesst, keine Widersprüche in sich zu fühlen, weil alle
seine Ketten fallen, weil er nichts mehr fürchtet im schauerlich-erhabnen All. -
Der Anblick ist gross, wenn der Engel im Menschen geboren wird, wenn alsdann am
Horizont der Erde die zweite Welt aufsteigt und wenn die ganze Sonnenwärme der
Tugend auf das Herz nicht mehr durch Wolken fällt. -
    Aber der arme Mensch, der gebundne, in Blut versunkne, von Fleisch umfasste
Mensch empfindet bald den Unterschied zwischen seinen Entzückungen und seinen
Kräften; er, der das gelobte Land erkämpfen wollte, da ihm die Trauben desselben
entgegenkamen, stockt, wenn er gegen dessen Riesen ziehen soll (gegen die
Leidenschaften). Gleichwohl verwerf' ich nicht einmal die Übertreibung jenes
Entusiasmus; der Mensch muss wie Gebäude in die Höhe geschraubt werden, damit er
umgebauet werde; ein Syllogismus gräbt die Blutströme unserer Begierden nicht
ab. Es ist sonderbar, dass der Teufel in uns allein das Recht haben soll, das
Blut, die Nerven, die Getränke, die Leidenschaften zu seinen Kriegsoperationen
und für seine Reichskasse zu verwenden, der Engel aber nicht...
    Indessen ists so: die Menschen sind lasterhaft, weil sie die Tugend für zu
schwer ansehen, und sie werden es wieder, weil sie sie für zu leicht hielten.
Nicht die Vernunft (d.h. das Gewissen) macht uns gut, sie ist der ausgestreckte
hölzerne Arm am Wege der Tugend; aber dieser Arm kann uns weder hintragen noch
hindrängen - die Vernunft hat die gesetzgebende, nicht die ausübende Gewalt. Die
Kraft, diese Befehle zu lieben, die noch grössere, sich ihnen zu ergeben, ist ein
zweites Gewissen neben dem ersten; und wie Kant nicht das mit Dinte anzeichnen
kann, was den Menschen schlimm macht, so ist auch das nicht darzustellen, was
sein Herz über dem moralischen Kote aufrecht erhält oder aus diesem emporzieht.
    Wer erklärt es, wenn es Menschen gibt, die von Jugend auf ein gewisses
Gefühl von Ehre entweder besitzen oder entbehren im weiblichen Geschlecht ist
diese Abteilung noch schroffer und wichtiger -, wenn es Menschen gibt, die von
Jugend auf eine gewisse Sehnsucht nach dem Überirdischen, nach der Religion,
nach dem Edleren im Menschen (und nach Systemen, die dieses Edlere besiegeln und
nicht bestreiten) entweder empfinden oder ewig entraten? - - (Bei Kindern ist
warmes Gefühl für die Religion oft ein Zeichen des Genies.) Der Mensch wird
nicht gut (obwohl besser), weil er sich bekehrt, sondern er bekehrt sich, weil
er gut ist.
    Wäre die Tugend nichts wie Stoizismus: so wäre sie ein blosses Kind der
Vernunft, deren Pflegetochter sie höchstens ist. Der Stoizismus stellt die
Tugend so nützlich, so vernünftig dar, dass sie nichts weiter ist als ein Schluss;
man hat bei ihr nichts zu überwinden als Irrtümer. Da sie (nach ihm) nicht das
höchste, sondern das einzige Gut ist; da alle Begierden nach ihm auf ein leeres
Nichts losgehen: so ist Tugend kein Verdienst, sondern eine Notwendigkeit. Z.B.
wenn es nichts Hassenswertes gibt: so ist der Sieg über den Zorn und die Liebe
gegen den Feind nicht schwerer oder verdienstlicher als die gegen den Freund,
sondern einerlei.
    Was hat denn der Stoiker der Tugend nach seiner Meinung aufzuopfern als
Vexiergüter, Luftschlösser und Fieberbilder? - Gleichwohl tut der Stoizismus der
Tugend, wie die Kritik dem Genie, negative Dienste; die stoische Erkältung
treibt keinen Frühling heraus, aber sie richtet die Insekten hin, die ihn
zernagen; der stoische Winter nimmt, wie der physische, die Pest hinweg, eh' die
wärmern Monate kommen, die neues Leben reichen....
    Obgleich Viktor sagte: »Du Teure, kein Herz kann rein, still, zart und gross
genug für deines sein, aber das schwache, das du erduldest, wird an deinem sich
heiligen und kömmt gebessert zu dir«: so war doch nicht die blosse Liebe die
Quelle seiner Tugend, sondern umgekehrt konnte nur Tugend sich durch eine solche
Liebe offenbaren. Aber auch ohne das wird eine halb eigennützige Sinnänderung
durch Handeln zur uneigennützigen, wie die Liebe, die von der Schönheit des
Gesichts anfängt, sich zuletzt in Liebe für Schönheit der Seele veredelt.
    Die Absonderung von Klotilden gab ihm durch den Gedanken Freude, dass er
während derselben die eifersüchtigen Irrtümer ihres Bruders schone. Die
Gesamtliebe rückte jetzt der Freundschaft gegen die bessern Weiber zu, und der
Toleranz gegen die schlimmern. Er hob seine satirische Intoleranz - die aber
nicht halb so gross war wie die junger schriftstellerischer Spassvögel - durch
eigne Toleranzmandate auf. Er las Gullivers letzte Reise ins Pferdeland als
Rezept gegen Lügen, wenn man an den Hof geht. Sein Kubach und Schatzkästlein und
sein collegium pietatis bestand aus drei unähnlichen Bänden: Kant, Jacobi und
Epiktet.
    Ich wollt' aber, er machte sich nicht lächerrlich. Von einem Manne, der neun
Monate am Hofe gewesen, war man schon zu erwarten berechtigt, dass er sich anders
benehmen und gegen jene Gleichheit der Stände und der Laster nicht verstossen
werde, da die Menschen die Sünden am besten gemeinschaftlich verüben, wie in den
schweizerischen Kirchen die Zuhörer gemeinschaftlich husten müssen oder die
Rekruten eines Transports zugleich pissen. Wenigstens sucht der Mann von
Lebensart seine Liebe gegen seine Religion so gut zu verbergen wie die gegen
seine Frau. - Ich komme wieder zur Historie:
    Viktor beschloss nun, lauter Besuche zu machen, die ihn ärgerten und dem
Nächsten gefielen. Der nächste war eine ausserordentliche Steuer von Besuch bei
der Fürstin (denn seine tägliche Prinzessinsteuer bei ihr hörte nun auf).
Freilich wurde die dicke Stunden-Uhr des alten Zeidler Linds jede Minute ein
Wecker, der ihm seine vorigen tollkühnen Scherze, seinen Uhr-Einschluss und
Liebebrief an Agnola vorhielt. Ich kann mich der Sorge nicht erwehren, dass die
Leser ausglitschen und sichs nicht träumen lassen, mit welchem Herzen Sebastian
zur Fürstin ging: o! mit einem voll stummer Abbitten und - Lossprechungen, mit
einer ausgedehnten Brust voll stolzer Zuversicht und doch voll teilnehmender
Milde. Woher kam das? - Aus der schönen Seele kam es, die jetzt, von fremder
Liebe ausgesöhnt und ausgefüllt, nichts mehr wünschen konnte als Freundschaft,
und die nun zu glücklich war, um nicht versöhnlich zu sein. Aber er fand zwei
kalte raffinierte Gesichter bei ihr, denen ebenso schwer abzubitten als zu
vergeben ist - nämlich ihr eignes und das des Grafen von O aus Kussewitz, bei
welchem ihre Übergabe geschehen war. Viktor errötete; der Graf schien ihn gar
nicht zu kennen - sie wurden einander nicht vorgestellt - sprachen aber zusammen
so teilnehmend, als wenn sie es wären (zumal da es keinen Unterschied machte) -
und so ging man mit kühlen Gefühlen und mit der grössten Gleichgültigkeit gegen
eigne und fremde Anonymität hofmässig auseinander. Bloss Viktor ängstigte sich
nachher mit Zweifeln, ob er nicht früher als Agnola den unbekannten Grafen einen
Grafen genannt.
    Übrigens fand er erst jetzt, seitdem er Klotilden lichte, die Scheidewand
zwischen Liebe und Freundschaft mit Weibern recht sichtbar und dick: vorher
konnt' er durch die Scheidewand gut hindurchsehen. Eine Frau kann sich keinen
festern und reinern Freund erwählen als den Liebhaber einer andern.
    Viktor musste nun auch, und noch dringender, zu Joachimen gehen. Der böse
Geist, der im Menschen allzeit wie die jüngsten Räte zuerst stimmt, machte die
Motion: »er solle Joachimen den kleinen Irrwahn, dass er sie liebe, lassen« - als
dies nicht durchging, nahm der Filou eine andere Stimme an und schlug damit vor:
»er sollte sie für ihre bisherige Zweideutigkeit durch die deutlichsten Zeichen
seines Hasses strafen«. - Aber er ging willig dem guten Geiste nach, der ihn an
der Hand führte und unterweges sagte: »Gehe jetzt zu ihr - ziehe dich von ihr
ohne ihre Schmerzen los - deine Hand gleite allmählich aus ihrer und räume einen
Finger nach dem andern, wie es Mädchen mit ihrer physischen machen, und stelle
dich weder als ihren Feind noch als ihren Liebhaber an.« Er ging ohne allen
Eigennutz hin; denn letzter wäre eher gewesen, zu Hause zu bleiben und die
Vergangenheit und Zukunft zu geniessen und durchzublättern, oder auch aus dem
Hause zu gehen nach St. Lüne, um sich zu Agaten neben den Florhut Klotildens,
den sie studierte, zu setzen.
    Um aber seinem Besuche nicht zu vieles Gewicht in den Augen Joachimens zu
lassen, nahm er sich vor, sie um die Prospekte von Maiental, die in ihrem
Zimmer hingen, anzugehen auf einige Wochen. O Maiental, wie viel hast du, wenn
schon dein Schattenriss so glücklich macht! - Aber sein Besuch lief sonderbar ab.
Er wünschte unterweges, in ihrem Toilettenzimmer wäre der feine Narr und der
wohlriechende und mehr Zeug - es war nichts da. Sie nahm ihn mit einer sorglosen
Lustigkeit auf, als wäre sie die Kolombine und der Medikus der Pickelhering. Er
wollte aber bloss das allmähliche Abschwächen oder diminuendo seiner moralischen
Dissonanzen ausführen; daher wurd' er durch das ewige Hinsehen auf seinen
Notenpult und auf die Partitur seiner innern Harmonie etwas steif und ungelenk
in seinem Spiel. Weiber unterscheiden leicht Kälte der Vernunft (schon am Mangel
der Übertreibung) von Kälte der Laune. Jetzt verlangte er die Prospekte.
Joachime wurde nicht kälter, sondern warm, d.h. ernstaft, und hob in der hohlen
Hand ihre Uhr empor und sagte, darauf blickend: »Ich geb' Ihnen so viele Minuten
Frist, als Sie Tage weggeblieben sind, um das Wegbleiben zu entschuldigen.« -
Viktor nahm ohne Verlegenheit - wie jeder, der nur nach einem entweder guten
oder bösen Grundsatz handelt - die Bestimm-Frist an und hob die montre à
regulateur unter dem Spiegel aus, um nicht von Joachimen betrogen zu werden.
Diese verdammte Uhr der Fürstin grinste ihn überall an, wie eine Druckkugel und
Pulvermine unter seinen Füssen. Er zog sie auf, um dieses nürnbergische Ei (wie
man sonst die Uhren nannte) aufzumachen und endlich einmal nachzusehen, ob die
Lieberklärung, d.h. das punctum saliens der Liebe oder der Amor - der nach Plato
auch aus einem Ei auskam -, noch darin sei. »Ich weiss schon,« sagt' er zu sich,
»es ist längst heraus, aber ich probier's nur.«
    Es wäre überhaupt die Frage gewesen, obs dieselbe Uhr war, da die in
Tostatos Bude keine Brillanten hatte - wenn nicht aus dieser Pandorabüchse,
sobald er sie am Fenster aufgeschlossen hatte, hervorgeflattert wäre ein dünnes
Blättchen, halb so gross wie ein Schmetterlingflügel, so lang wie ein
Tulpenstaubfaden. Die kleine Folie nahm vor jedem Lüftchen die Flucht. - -
Joachime fing das Ding - las das Ding - fand die Lieberklärung noch darauf -
hielt sie für eine, die er ihr selber eben mache, um seine Abwesenheit
auszusöhnen, und die er der Uhr Witzes halber (er konnte auf ihre Herz-Gestalt
anspielen) einverleiben wollen...
    Jeder kann denken, wie ihm bei der Sache war. - Recht wohl wär' ihm dabei
gewesen, wenn er hätte entsetzlich lügen dürfen oder wenn er nur wenigstens den
wenigen Hof-Leuten hätte nachschlagen dürfen, die unter die 28 Pfund Blut, die
ihren Körper wässern, nicht 28 ehrliche Bluttropfen - ein einziger kann, wie ein
liquor probatorius, in der übrigen Masse verdammte Niederschläge nachlassen -
geschüttet haben. Aber seine Seele ekelte der neue Köder zur Lüge. Der Leser
kann gar noch nicht wissen, dass Viktor fehlschoss, - dass er nämlich (wegen der
Entlegenheit von Joachimens Argwohn) auf diesen gar nicht kam, sondern auf den
nähern, Joachime habe jetzt seinen ganzen närrischen Streich gegen die Fürstin
heraus. Er war niemals fähig, einen fremden Leichnam als Schild den
Pfeilschüssen gegen seinen eignen vorzuhalten - eine Sitte auf dem Hof-Moria,
die nicht wie die alttestamentliche einen Isaak mit einem Widder löset, sondern
einen Widder mit einem Isaak - er war heute am wenigsten fähig, die Fürstin
preiszugeben, um sich zu retten; aber auch nicht einmal das vermocht' er,
Joachimen preiszugeben, um jene zu retten, d.h. den Teufelzettel zu einem
Süssbriefchen an Joachimen umzumünzen. Der Satan schrie sich in ihm heiser, um
ihn nur so weit zu bringen, dass er wenigstens durch schweigende Gebärde löge und
die ihrige rechtfertigte, worin der Schein immer mehr abnahm, als glaubte sie es
an eine fremde Dame gerichtet.
    Er sagte ihr frei heraus, was er sei - ein Narr. Er erzählte den ganzen
Handel in Kussewitz. Er schloss damit, es sei ein Glück für ihn, dass die Fürstin
das tolle Einschiebsel der Uhr gar nicht aufgestöbert habe.... Da er nun dieses
eintönig vorsang ohne eine einzige Schmeichelei, aus der etwan eine neue
verbesserte Auflage des Einschiebsels zu machen gewesen wäre: so war er so
glücklich, bei seinem Abschiede die belehrte Joachime in einem Zustand zu
hinterlassen, der sich nach solchen magnetischen Handhabungen bei gebildeten
Weibern in einer schönen stolzen Erhebung und bei ungebildeten in den Versuchen
äussert, an den Mann die bildende letzte Hand gerade so zu legen, wie sie die
griechischen Künstler an ihre Modelle legten - - nämlich mit den Nägeln der
letzten Hand. Viktor zog mit zweierlei sehr verschiedenen Prospekten ab, mit
denen der Zukunft und mit den maientalischen. -
    Sie behielt das Blättchen. Aber nicht die Furcht, sondern das herbe Gefühl,
dass seine bisherigen Torheiten sich bloss in einem fremden Herzen mit einer
fehlgeschlagnen Hoffnung endeten, floss mit einigen bittern Tropfen in die süsse
verjüngende Empfindung, dass er auf seine Kosten recht gehandelt habe. Eine
Rührung, eine Träne ist ein Schwur vor dem Himmel, gut zu werden; - aber eine
einzige Aufopferung stählet dich mehr als fünf Busstränen und zehn Busspredigten.
    Ich habe nicht den Mut es zu erraten, warum die Fürstin die Uhr mit dem
Einschlusse, den sie (schon nach dem Gespräch mit Tostato) gelesen haben muss,
Joachimen in die Hände gegeben; aber für die argwöhnischen Spitzbuben, deren ich
im Kapitel ihres Augenverbandes und Kusses gedacht, ist das ein Fund; das
Geschenk der Uhr bestätigt sie ganz in ihrem spitzbübisschen Glaubensatz; denn
sie können - ich setze mich vergeblich dagegen - das Geschenk für ein Zeichen
der italienischen Rache ausgeben, die Agnola an der Nebenbuhlerin Joachime, der
sie Viktors Widerstand zuschreiben musste, dadurch habe nehmen wollen, dass sie
ihr seine anderweitigen Lieberklärungen mitgeteilt.
    Viktor nahm sich, indem er zu Hause die grössten physischen Schritte machte,
vor, ähnliche politische zu tun und geradezu dem Fürsten zu bekennen: »Es ist
nicht viel über neun Monate, dass ich Höchstderoselben Braut mit einer schmalen
Lieberklärung behelligt habe, die sie gar noch nicht kann gelesen haben und die
nun aus einer Hand in die andre geht.« Aber jetzo war die Eröffnung der
Uhrbrieftasche nicht tulich: Jenner war durch die Entfernung Klotildens ein
wenig vedriesslich; Viktor war seit einiger Zeit auch weniger um ihn als sonst,
wie doch ein rechtschaffener Günstling nicht sollte, da z.B. der berühmte Graf
von Brühl wie eine Mutter von Morgen bis Mitternacht seinen Herrn umwachte.
Jenner schien in dieser Einsamkeit mehr an seine Kinder zu denken, und Viktor
konnte ihm keine Nachrichten vom Lord erteilen. Die Hauptsache war vollends
seine Frühlingkränklichkeit, die ihn wieder zum gläubigen Jünger des Doktor
Kuhlpeppers und des Podagra machte. Dieser Doktor-Rumpf unter einem Doktorhute,
dessen Gehirnfibern zu Basssaiten gezwirnt waren, versteigerte seine
Einfältigkeiten bloss durch die ernstafte Schwerfälligkeit, womit er ihrer los
wurde, über den Preis; von gewissen Personen, z.B. von Ärzten, von
Finanz-Rechnern, von ökonomischen Geschäftträgern, fodern sogar Leute von feinen
Sitten steife und halten sich an eine Zipfelperücke lieber als an einen
Haarbeutel von Schnallengrösse oder an einen Tituskopf. Sebastian kam den Leuten
viel zu spasshaft vor, als dass sie hätten denken können, er habe was gelernt. Im
Punkte der Ärzte - wie in jedem Hauptpunkte des Vermögens oder des Lebens -
denket der vornehmste Pöbel wie der niedrigste und schätzet Männer und
Schosshunde nach äusserer zottiger Wildnis. Noch dazu hatte Viktor den Fehler,
sich und die Ärzte in den Verdacht der Ruhmsucht zu bringen, indem er sie
geradezu lobte: z.B. »sie wären bei ihrem Matrosen-und Toten-Pressen eine Art
Seelenverkäufer für die andre Welt und dienten den guten Engeln, die den Kern
ohne die Körperschale begehrten, um ihn weiter zu stecken, zu Nussknackern; - wie
oft heben wir nicht« (fuhr er fort) »die gefährlichsten Krankheitversetzungen
durch eine leichte Krankenversetzung! Ich könnte mich auf die refugiés aus
dieser Welt berufen, ob unser Streu- und Tintenfass (das Geräte unserer Rezepte)
nicht die Säemaschine und Giesskanne der menschlichen Wintersaat waren; aber die
Hinterbliebnen sollen reden und antworten, ob sie nicht die Pfründen, die
Regimenter, die Lehngüter, die Ordenbänder, die ihnen zugefallen, unsern
Rezepten und Uriasbriefen zu verdanken haben, und ob sie und sogar Könige im
Trocknen sässen ohne unsere häufigen Abzuggräben im Kirchhof. - Und doch, dünkt
mich, ist unser Ruhm im Heilen und Beleben ebenso gross, wo nicht grösser: dieser
Ruhm - so wie die Sterblichkeitlisten, worauf er sich stützt - ist seit vielen
Jahrhunderten der nämliche geblieben, unsre Teorien, Spezifika, Einsichten
mochten sich ändern, wie sie wollten.«..
    Den Fürsten machten solche Satiren recht lustig und - ungläubig. Doktor
Kuhlpepper hingegen hielt auf seine Würde und würde gegen einen Satirikus, der
vom langsamen Dezimieren der Ärzte gesprochen hätte, seinen Degen gezogen und
ihn durch ein schnelleres vollständig widerlegt haben. Ich rate jedem, der in
der Welt etwas werden will (nämlich etwas anders), bei den Männern auszusehen
wie ein Leichenbitter - bei den Weibern wie ein Gevatterbitter. - Der Fürst
hielt sich im siechen Frühjahr aus zwei Gründen wieder vom Zipperlein besessen,
erstlich weil ich noch keinen Nerven-Schwächling gekannt habe, der sich eine
Krankheit, die ich ihm im Sommer ausgeredet hatte, nicht im nächsten kränklichen
Winter wieder in den Kopf gesetzt hätte - zweitens weil Jenner nachgerechnet,
dass er oft genug vor Damen auf die Knie gefallen war, um das Anbeten daran noch
als Gonagra oder Kniegicht zu spüren.
    So stands, als ein kleiner Zufall unsern Viktor wieder glücklich machte. Ich
muss nur vorher sagen, dass er ohnehin gar nicht unglücklich war; denn ein
Liebhaber bekümmert sich um nichts, um einen Hof gar nicht; er hat Amors Binde
um und verzeiht gern der Fortuna und der Justiz die ihrigen. Und das moralische
Osterfeuer lösete - so wie Aberglaube dem physischen eine eigne Kraft beimisset
- alles Eis, womit man Viktors Blut andämmte, in Freuden-Lymphe auf; der
Osterwind - der nach den Wetterpropheten bis zu Pfingsten fortwehet - setzte
seine alten Freudenblumen in Bewegung und säete aus ihnen den Samenstaub
künftiger weiter; der Schnee zerging auf dem aus dem Winterschlafe erwachenden
heissen Frühling, und die ersten Blumen und die tausend Knospen gaben allen
Herzen Kräfte und Hoffnungen und Liebe. O wenn Viktor draussen dem grünenden
Steige nachsah, der ihn mit frischen Saftfarben mitten aus der Grummetsteppe
(denn im Frühling grünen die Fusswege zuerst) in das maientalische Eden locken
und tragen wollte; und wenn er dann glühend und dürstend umkehrte und in das
gezeichnete Maiental einlief, in die entlehnten Prospekte, und da jeden
Farbenberg erstieg und jeden punktierten Garten umzingelte mit seinen Fingern
und Phantasien: so dachte er selber nicht, dass ein kleiner Zufall ihn noch
froher machen könnte. - Und doch machte ers ihn.
    Es ist nicht wohlgetan von mir, dass ich das - und das hab' ich mir in dieser
Lebensbeschreibung so sehr angewöhnt - immer einen Zufall nenne, was ein naher
Blut-Urenkel voriger Kapitel ist und was ja kommen muss. Denn der Florhut- das
war der Zufall - musste ja kommen, weil er bestellt war. Es war aber das - Urbild
selber. In so schmaler Zeit wäre ohnehin von der flinkesten Putz-Bauherrin kein
Hut zu machen gewesen; aber Sebastian hätt' es doch nicht bedacht, wenn ihn
nicht Puderspuren und aufgegangne Spitzen-Gitter gezwungen hätten, den alten Hut
von einem neuen zu unterscheiden. Kurz: Klotilde hatte ihn Agaten, die es ihr
nicht verschweigen konnte, für wen sie das Nachbild davon nehme, vor dem dritten
Ostertage gegeben zum Abkopieren, und nach dem besagten Tage ihr geschrieben,
ihr die Kopie zu schicken und dem Medikus das Urbild für das Nachbild (wie bei
der Wachsstatue) anzuhängen. - Und warum wohl? - O das fühlte ihr Freund in
süsser Rührung nach: es dauerte sie, dass sie einem scheuen zärtlichen Herzen
nichts geben konnte, keinen Laut, keinen Blick, keine Freude, kein Andenken des
schönsten Abends, als bloss den herbstlichen Nachflor desselben, als nachgenähte
Seidenblumen dieser Freudenblume, den Taftschatten eines Taftschattens.... Nein,
sie bezwang sich, um dem stummen Liebling wenigstens mehr als die Kopie des
Schattens zu geben. -
    O vor wem das liebevolle zugedrückte Herz eines guten Weibes aufginge: wie
viel bekämpfte Zärtlichkeit, verhüllte Aufopferungen und stumme Tugenden würd'
er darin ruhen sehen!
    - Man muss nur dem deutschen Reichstage und seinen Querbänken kein Geheimnis
daraus machen, dass Viktor den neunten Kurhut, oder gar den achten und letzten,
nicht annehmen will, wenn er dafür den Florhut abstehen soll.... Was können,
sagte er, die plumpesten dicksten Kronen, die man mir auf meinen Reisen
vorgezeigt, in der einen Schale wiegen - gesetzt man würfe auch noch einige
Tiaren und Dogemützen mit Bügeln und päpstliche Hüte zu den Kronen hinein -,
wenn auf der andern Klotildens Florhut zieht? Da der Leser ebensoviel Verstand
hat wie ich selber: so entscheid' er hierauf. - Dieser Hut gab ihm ein
unaussprechliches Sehnen nach Maiental und war für ihn ein Dedikationkupfer,
das ihm (wie durch eine investitura per pileum) Klotilden erst schenkte; er
blieb vor dieser Krone als Kronerbe - jede Minute zog seinen Kronwagen - mit
zwei grossen Freudentropfen stehen, die das glückliche Auge nicht fasste, und
sagte, langsam den Kopf wiegend: »Nein, das gütige Schicksal gibt mir zu viel -
Ach wie kann ich diese Seele vom Himmel verdienen? - Ich werde bloss zu ihr
sagen: Ich bin dein! und spät einmal: Du bist mein!« Und als gar seine Phantasie
hinter dem Flor-Gegitter die zwei grossen Augen aufschloss, die sonst darunter die
Tränen eines zurückgestossenen Herzens verborgen hatten, und als er die entrückte
Stimme wieder hinter diesem Sprachgitter aus Schattenfäden reden liess: so konnt'
er sich nicht mehr halten, sondern er schrieb - damit er nach Maiental dürfe -
dem Hute gegenüber den ersten Brief an sie, den ich morgen abends gewiss mit der
Post erhalten werde vom Hunde. -
    Ich glaube, ich hab' es gar noch nicht gesagt, dass Agate ihm den Hut
auslieferte und dass sie ihn - es ist gegen das Ende des Aprils - auf den 4ten
Mai zum Geburttag des Vaters einlud. Viktor dachte an den melancholischen 4ten
Mai vom Jahre 92 und wurde noch sehnsüchtiger nach der entrissenen Freundin.
    Eh' ich das Kapitel schliesse, will ich nur den jüngern Klotilden, den
Vize-Klotilden, den Kebs-Klotilden und den Gegen-Klotilden, die mich und meine
Kapitel auf dem Schosse haben, das noch sagen: seid kalt! Ihr könnt die weibliche
Tugend-Kälte gar nicht zu weit treiben, ihr müsstet ihr denn gar keine Grenzen
stecken. - Ich will euretwegen diese Lehre in weise Sprüche und witzige
Sentenzen kleiden, damit sie besser auf Fächer und in Stammbücher geht.
    Die Liebe muss wie der Aurikelsame auf Schnee gesäet werden, beide wärmen
sich durch das Eis schon durch und gehen dann desto frischer auf - Ihr müsst
euch nie zu einem blossen Geschenke machen, sondern zu einem Frauenzimmerdank der
Ritter - Ihr erhaltet und verdient gerade so viel Achtung, als ihr fodert und
ihr könnt, ihr mögt legiert sein, wie ihr wollt euren Münzstempel oder Prägstock
aus der Tasche ziehen und euch damit prägen zu einem Damend'or für den einen
Herrn und zu einem elenden Fettmännchen für den andern - Ein Wüstling zeigt in
einer Gesellschaft wie ein Luftreinigkeitmesser durch die verschiedenen Grade
seiner Kühnheit die verschiedenen Grade des weiblichen Verdienstes an, aber in
umgekehrtem Verhältnis....
    Sogar wenns nicht zum weiblichen Ehrenpunkte gehörte, müsste mans doch
begehren, um nur eine Mühe mehr zu haben - weil mein Geschlecht hierüber völlig
so denkt wie ich, der ich aus keinem Eidams-Werbehaus eine Tochter verlange, wo
nicht wenigstens die Eltern etwas wider mich haben; - und es kann hiemit bekannt
werden (ich lasse es deshalb nicht in die Zeitung setzen), dass ich mir von
Eltern, die aus ihrem Versteigersaal voll Töchter, aus ihrem
Liebes-Inokulationhospital eine oder die andre abstehen wollen, und denen ein
Berghauptmann, Gerichtalter, Musikmeister und Lebensbeschreiber - das mögen
meine wenigen Ämter sein - keine zu verächtliche Partie ist, dass ich, sag' ich,
von diesen Eltern erwarte, dass sie (wenn ihnen die Sache ein Ernst ist) mir
wenigstens das Haus verbieten oder den häufigen Briefwechsel: - das frischet
Schwiegersöhne an.
                                30. Hundposttag
                                     Briefe
Hätt' ich oder ein anderer hinter einem Busch oder in einem Hohlwege aufgepasset
und wären wir zu rechter Zeit vorgebrochen: so hätten wir die zwei
ineinandergesiegelten Briefe, die Viktor nach Maiental schickte, dem Boten
abnehmen können, der kein Deutsch verstand, nämlich seinem italienischen
Bedienten. Der Brief an Emanuel war der Umschlag des Briefes an Klotilde - die
Freundschaft ist immer das Umschlagtuch der Liebe. Vom Umschlage will ich nur
einen Auszug und einen Ausschnitt geben, eh' ich den Brief an Klotilden ganz
mitteile. Er bat seinen Emanuel, dieses nur für eine Briefdecke zu nehmen und
die Inlage Klotilden allein zu übergeben - er sagt' es ihm ohne weitere
Erklärung, er hänge nicht von seinen Wünschen, sondern von Blumenketten ab, die
ihn zurückzögen von den andern Blumenketten in Maiental, und eine vielfache
Umschnürung mit Girlanden könne man nicht durchbrechen, weil man nicht wolle -
er war absichtlich über sein neues Verhältnis mit Klotilden undeutlich, weil er
ihre Erlaubnis zum Gegenteil nicht voraussetzen durfte - er bat scherzhaft
seinen Freund, seine Freundin zu bitten, dass sie ihm befehle, nach
Flachsenfingen zu reisen, damit sie einander zu sehen bekämen - (ich komm' aus
dem Perioden, wenn ich die Absicht dieser Wendung zeige) - er strich in seinem
Kopfe die Frage wieder aus: ob Klotilde noch des Arztes bedürfe? bloss weil er
einer für sie im doppelten Sinne war, und fragte nur, ob sie genesen sei -
Endlich schloss er so:
    »Und so flatter' ich denn mit ziemlich abgestäubten Schmetterlingschwingen
im unabsehlichen Tempel, der für unser Phalänen-Auge in kleinere zerfällt und
dessen Säulen-Laubwerk wir für die Säulen selber halten und dessen Pfeilerreihen
durch ihre Grösse unsichtbar werden, da flattert der Menschenzweifalter auf und
nieder - zerstösset sich an Fenstern - rudert durch staubige Gespinste - schlägt
seine Flügel endlich um eine hohle Blume - und der grosse Orgelton der ewigen
Harmonie wirft ihn bloss mit einem stummen auf- und niedergehenden Sturme umher,
der zu gross ist für ein Menschenohr. -
    Ach ich kenne jetzo das Leben! Wäre nicht der Mensch sogar in seinen
Begierden und Wünschen so systematisch - ging' er nicht überall auf Zuründungen
sowohl seiner Arkadien als des Reichs der Wahrheit aus: so könnt' er glücklich
sein und mutig genug zur Weisheit - Aber eine Spiegelwand seines Systems, ein
lebendiger Zaun seines Paradieses, die ihn beide nicht ins Unendliche sehen oder
laufen lassen, sprengen ihn sofort auf die entgegengesetzte Seite zurück, die
ihn mit neuen Geländern empfängt und ihn neuen Schranken zuwirft.... Jetzt, da
ich so verschiedene Zustände durchlaufen, leidenschaftliche, weise, tolle,
ästetische, stoische; da ich sehe, dass der vollkommenste entweder meine
irdischen Wurzeln in der Erde oder meine Zweige im Äter verbiegt und einklemmt
und dass er, wenn ers auch nicht täte, doch über keine Stunde dauern könnte,
geschweige ein Leben lang; - da ich also klar einsehe, dass wir ein Bruch, aber
keine Einheit sind und dass alles Rechnen und Verkleinern am Bruche nur Annähern
zwischen Zähler und Nenner ist, ein Verwandeln des 1000/1001 in 10000/10001 so
sag' ich: Meinetwegen! die Weisheit sei also für mich Auffinden und Ertragen
bloss der kleinsten Lücke im Wissen, Freuen und Tun. Ich lasse mich daher nicht
mehr irremachen, und meinen Nachbar auch nicht mehr, durch die gewöhnlichste
Täuschung, dass der Mensch jede Veränderung an sich - jede Verbesserung ohnehin,
aber auch sogar jede Verschlimmerung - für grösser ansieht, als sie hinterher
ist.
    - Genug! aber seit dieser Bemerkung - o noch mehr, seit das hohe Schicksal
mir Freuden gab, damit ich sie verdiente - ist neues Morgenlicht auf meinen
Schattensteig gefallen, und ich habe nun Mut, mich zu bessern.... Der klare
Strom der Zeit geht über einen hinabgelagerten Blumenboden schöner Stunden, auf
welchem ich einmal stand und zu dem ich ganz hinunterschauen kann - o wenn sich
diese Eden-Aue wieder aufwärts hebt und ich kann an deiner Hand darauf treten
und neben dir niederknien und dankend bald zum Morgenhimmel, bald über die
wehenden Blumenfelder dieses Lebens blicken: dann sink' ich stumm an dich zurück
und umfasse dankbar deine Brust und sage: O mein Emanuel, durch dich verdien'
ichs ja erst. - Ja, ich sag' es heute, geliebter Lehrer, und bleibe du recht
lange neben deinem Schüler auf der Erde, so lange, bis er würdig ist, dich zu
begleiten aus ihr.« -
                                       *
So lang auch dieses Schreiben war, so liebte Viktor seinen Lehrer doch zu sehr -
und hasste die fürstliche Unart, Menschen zu Werkzeugen zu machen, zu sehr -, als
dass ers ihm nicht geradezu hätte sagen sollen, dass dieser Brief - nicht sowohl
seine Entstehung als - seinen Geburttag dem Briefe an seine Geliebte verdanke.
Hier ist der an Klotilde, in den er mit folgenden Worten seine Bitte, sie zu
sehen, bringt:
»Wenn ich wüsste, dass ich die geliebte Seele, die jetzo neben dem hohen Emanuel,
neben dem Frühling und unter ihren schönen Gedanken glücklich sein wird, nur
einen Augenblick durch dieses Blatt beklemmte oder störte: o recht gerne opferte
ich diese selige Stunde auf, um sie vielleicht zu verdienen. Aber nein, ewige
Freundin, Ihr weiches Herz begehrt mein Schweigen nicht! Ach der Mensch muss so
oft Kälte und Kummer verbergen, warum noch gar Liebe und Freude? - Und ich würd'
es auch heute nicht können.
    O wenn ein Erdenmensch in einem Traum durch das Elysium gegangen, wenn grosse
unbekannte Blumen über ihn zusammengeschlagen wären, wenn ein Seliger ihm eine
von diesen Blumen gereicht hatte mit den Worten: Diese erinnere dich, wenn du
erwachst, dass du nicht geträumt! wie würde er schmachten nach dem elysischen
Lande, sooft er die Blume ansähe. - Unvergessliche! Sie haben in der
Schimmernacht, wo mein Herz zweimal erlag, aber nur einmal vor Schmerz, einem
Menschen ein Eden gegeben, das hinausreicht über sein Leben; aber mir war
bisher, als würd' ich wacher aus der zurückgehenden Traumnacht - Siehe! da
behielt ich aus dem paradiesischen Traum eine Blume85, die Sie mir gelassen
haben, damit ich unaussprechlich glücklich bliebe - und damit meine Sehnsucht so
gross würde wie meine Seligkeit. Warum zieht dieser Flor alle heissen Tränen tief
aus meinem Herzen herauf, warum seh' ich hinter diesem gewebten Gegitter die
Augen aufgehen, die so weit von mir sind und die mein Inneres so wehmütig
bewegen? O nichts befriedigt die liebende Seele, als was sie mit der geliebten
teilt - darum schau' ich den Frühling mit so süssem Wallen an; denn sie geniesst
ihn auch, sag' ich - darum gefällst du mir so, du lieber Mond und Abendstern;
denn du umspinnst mit deinen Silberfäden auch ihre Schatten und ihre Maiblumen -
darum vertief' ich mich so gern in jedes schattierte Tal Ihres Eldorados86; denn
ich denke: in den vergrösserten Schatten, in den duftenden Blüten dieser Bilder
wandelt sie jetzt, und die Mondsichel wendet die Blitze der Sonne gemildert auf
ihr Auge zurück. Wenn ich dann zu freudig werde, wenn der Abendregen der
Erinnerung auf die heissen Wangen fällt, wenn sich meine Entzückung auf einem
einzigen bebenden langen Dreiklang des Klaviers auf- und niederwiegt: dann tut
dem taumelnden Herzen das Zittern und Schweigen und die unendliche Liebe zu weh,
dann sehn' ich mich nur nach dem kleinsten Laut, womit ich der Geliebten meines
Herzens sagen darf, wie ich sie liebe, wie ich sie ehre, dass ich für sie leben
will, dass ich für sie sterben will. - - O mein Traum, mein Traum tritt mir jetzt
wie eine Träne ans Herz! In der Nacht des dritten Ostertags träumte mir: ich und
Emanuel ständen in einer dunkeln Nachtgegend. Eine grosse Sense am westlichen
Horizont warf widerscheinende laufende Blitze auf die hohen Fluren, die sogleich
vertrockneten und erblichen. Wenn aber ein Blitz in unser Auge flatterte: so zog
sich unser Herz süss zergehend empor in der Brust, und unsere Körper wurden
leichter zum Wegschweben. Es ist die Sense der Zeit, sagte Emanuel, aber von was
hat sie wohl den Widerschein? - Wir schaueten nach Morgen, und dort hing weit in
der Ferne und hoch in der Luft ein weites dunkelglühendes Land aus Duft, das
zuweilen blitzte. Ist das nicht die Ewigkeit? sagte Emanuel. - Da sanken vor uns
lichte Schneeperlen wie Funken nieder; - wir blickten auf, und drei goldgrüne
Paradiesvögel wiegten sich oben und zogen unaufhörlich in einem kleinen Kreis
hintereinander umher, und die fallenden Perlen waren aus ihren Augen oder ihre
Augen selber. - Hoch über ihnen stand der Vollmond im Blauen, aber auf der Erde
war doch kein Licht, sondern ein blauer Schatten; denn das Himmelblau war eine
grosse blaue Wolke, bloss an einer Stelle vom Monde geöffnet, der nur auf die drei
Paradiesvögel und unten auf eine helle, von uns abgekehrte Gestalt Schimmer
niedergoss - Sie waren diese Gestalt und wendeten Ihr Angesicht bloss gegen
Morgen, gegen die hängende Landschaft, als ob Sie etwas da sogleich erblicken
würden. Die Paradiesvögel säeten die Perlen häufiger in Ihre Augen: Es sind die
Tränen, die unsere Freundin weinen muss, sagte Emanuel; auch fielen sie dann aus
Ihren Augen, aber lichter und blieben glimmend auf dem Blumenboden stehen. Das
Blau auf der Erde wurde plötzlich heller als das Blau am Himmel, und eine
schiefe Höhle, deren Mündung gegen die Ewigkeit aufklaffte, wühlte sich
rückwärts durch die Erde gegen Abend bis nach Amerika hinab, wo unten die Sonne
in die Öffnung schien - und ein Strom von Abendröte, so breit wie ein Grab,
schoss aufwärts aus der Erde und legte sich mit seinem Abendscheine an das ferne
Duftland der nebeligen Ewigkeit wie dünne Flammen an. Da zitterten Ihre Arme
ausgebreitet, da zitterten Ihre Lieder voll sehnsüchtiger Wonne, da konnten wir
und Sie die erleuchtete Ewigkeit ganz sehen. Aber sie wechselte schillernd unter
dem Sehen, wir konnten das nicht denken und behalten, was wir sahen, es waren
unfassliche Gestalten und Farbenspiele, sie schienen nahe, schienen fern,
schienen mitten in unseren Gedanken zu sein. - Wölkchen, aus der Erde
aufziehend, schwebten um die glühende Ewigkeit, und jedes hob einen auf ihm
stehenden singenden Menschen hinauf zu dieser Lichtinsel, die sich gegen die
Erde spaltete, bloss mit einer unabsehlichen Reihe von weissen Bäumen, aus Licht
und Schnee gegossen und statt Blüten Purpurblumen treibend - Und wir sahen
unsere drei Schatten erhaben an dem lichtweissen Hain, hinübergeworfen, liegen,
und auf Klotildens Schatten hingen die Purpurblumen wie Kränze nieder; ein Engel
umflog den holden Schatten und lächelte ihn zärtlich an und berührte an ihm die
Stelle des Herzens - Da erbebtest du plötzlich, Klotilde, und wandtest dich um
gegen uns, schöner als der Engel in der Ewigkeit, dein ganzer Boden glimmte
unter den gefallnen Tränen und wurde durchsichtig - Und als deine
niedersinkenden Perlen jetzt den Boden in eine aufdringende Wolke auflöseten:
reichtest du uns eilig die Hand und sagtest: Die Wolke hebt, wir sehen uns
wieder. - Ach mein zerflossenes Herz fasste sein Blut nicht mehr, ich kniete
nieder, aber ich konnte nichts sagen, ich wollte meine Seele in einen einzigen
Laut zerschmelzen, aber die gebundne Zunge vermochte keinen, und ich starrte die
aufsteigende Unsterbliche an mit unendlicher und trostloser Liebe - Ach, dacht'
ich, das Leben ist ein Traum; aber ich könnte ihrs vielleicht sagen, wie ich sie
liebe, wär' ich nur erwacht.
    Dann erwacht' ich - O Klotilde, kann es der Mensch sagen, wie sehr er liebt?
                                                                             H.«
                                       *
Sein Charakter und der Inhalt dieses Traums schliessen den Argwohn der Erdichtung
aus. - Übrigens wenn ihm auch Klotilde den eingehüllten Wunsch, sie in Maiental
zu sehen, versagt: so muss sie es doch auf einem Blättchen und mit drei Zeilen
tun, die er dann tausendmal lesen kann und die das Bilder- und Siegelkabinett,
worin schon Hut und Prospekte liegen, um ein Ansehnliches bereichern. Inzwischen
stand er in seinem schönen Alpental zwischen zwei hohen Bergen, auf deren jedem
sich der Stoff zu einer Schneelauwine regte - vielleicht ist schon oben eine im
erquetschenden Gange, und er kann sie noch nicht sehen. - Die erste Lauwine, die
sein geringster Laut über ihn herunterwerfen kann, ist sein tolles Verhältnis
mit seiner höfischen Bekanntschaft. Er kann sich rühmen, sie sämtlich
aufgebracht zu haben: die Fürstin, Joachimen, Mattieu. Aber auch ohne das muss
schon irgendein Konduktor - bloss weil er nicht auf dem gemeinschaftlichen
Isolierschemel des Trones mit steht - mit einem verjüngten Blitze in seine
Finger oder Augen einschlagen; in Kollegien und an Höfen bleibt ohne Verbindung
keiner aufrecht, es ist da wie auf den Galeeren, wo alle Sklaven ihre Ruder
zugleich bewegen müssen, wenn keiner die Schneide der Kette empfinden soll. Aber
Viktor sagte zu sich: »Sei kein Kind! sei kein umgekehrter Fuchs, der saure
Trauben, bloss weil er sie nicht mehr erspringen kann, für süss ausgibt! Ich
schmeichle mir, du kannst höfische Herzen entraten, die wie ihre Gerichte über
einem Wärmbecken voll flimmernden Weingeist erst aufgewärmt werden müssen. -
Beim Himmel, ein Mensch wird doch essen können, wenn auch das, was er anspiesset,
nicht von einem Gardesoldaten aus der Küche geholt, dann einem Pagen
eingehändigt, dann von einem Kammerherrn oder sonstigen Ordonnanzkavalier
aufgetragen worden ist. - Nur meinen Vater wenns nicht verschlägt!« Das wars
eben; am Sohne war nichts zu fällen, sondern am Vater87, für den man den Wald-
und Opferhammer wahrscheinlich so lang aufgehoben schweben lässet, bis er mit
seinem Kopfe daruntersteht, der ohne seine Zurückkunft nicht zu haben ist.
    Aber ein Pastor fido fragt den Henker nach der ersten Schneelauwine. Auf den
Harmonikaglocken seiner Phantasie hören die äussern Übelklänge des Schicksals,
wie das Wagen-Gerolle des Pflasters auf einem Saitenbezuge, in sanft
auffliegendem Ertönen auf. Bei ihm war, wie bei den Astrologen, der April,
gleich meinem Buche dem Abendsterne, d.h. der Venus geweihet.
    Hingegen die andere Schneelauwine lag schon im voraus auf seiner Brust - der
mögliche Bruch mit Klotildens Bruder. Einen Eifersüchtigen bekehren die zwölf
Apostel und die zwölf kleinen Propheten nicht; - wenn er am Sonntage kuriert
ist: so wird er am Montage wieder krank, am Dienstage raset er, und am Mittwoche
könnt ihr ihn wieder losbinden, er ist matt und klug und - - passet nur auf. Der
eifersüchtige Krebs auf der Brust ist nie ganz zu schneiden, wenn ich grossen
Heilkünstlern glauben soll. - Dasmal war noch dazu etwas Wahres dran; auch
schaffet es der Eifersüchtige zeitig bei; Eifersucht erzwingt Untreue, und das
gequälte Weib will, soviel an ihr ist, den Mann nicht in Irrtum lassen. Ich kann
mir die Mühe nicht machen (sondern der Leser), in meiner Lebensbeschreibung
meinem Helden alle kleinen Fugen und F-Löcher nachzuzählen, wodurch er bisher
seinen Flamin in sein verliebtes Herz sehen und hören lassen: diese Astlöcher
sind desto grösser, da er vor dem dritten Ostertag eben darum unvorsichtiger war,
weil er unschuldiger war, oder vielmehr unglücklicher.
    Dazu kam, dass Flamin - der den teuren Evangelisten Mattäus täglich
aufrichtiger und offner fand (wie ein ausgeschossenes Zündloch) - seinen treuen
Bastian täglich für hinterlistiger und undurchsichtiger ansah. Ich wollt', der
Regierrat wäre gescheuter: aber dichte Seelen, wie Viktors seine, die mehre
Kräfte und eben darum mehre Seiten haben, scheinen freilich weniger porös zu
sein, so wie vollötige Schriftsteller weniger deutlich- ein Mensch, der euch
alle seine ineinanderschillernden Farben seines Herzens mit Offenheit aufdeckt,
verliert dadurch den Ruhm der Offenheit - - einer, der wie Viktor fremde Kniffe
aus Laune sammelt und vormacht, scheint sie nachzumachen - ein veränderlicher,
ein ironischer, ein feiner Mensch ist in eingeschränkten Augen ein falscher Dieb
von Haus aus. - Auch sprang Viktor, wenns ohne Lärm anging, langen Erwähnungen
Klotildens, d.h. langen Verstellungen, aus dem Wege; und eben diese Flucht vor
Hinterlist, eben seine jetzige grössere Menschenfreundlichkeit gegen Flamin
verschatteten gerade seine edle Gestalt; und über den verdrehenden Argwohn
tröstete ihn nichts als die süsse Betrachtung, dass er dem Bruder seiner Geliebten
und seines Herzens zu Gefallen den schönsten Tagen in Maiental den Rücken
zukehre.
 
                                31. Hundposttag
Klotildens Brief - der Nachtbote - Risse und Schnitte im Bande der Freundschaft
Ich wollt' es in die Literaturzeitung rücken lassen, ich hätte Herrnschmidts
osculologia zu meinen (gelehrten) Arbeiten vonnöten - Nämlich zu diesem Kapitel:
ich wollte daraus sehen, wie man zu Herrnschmidts Zeiten mit den Weibern umging.
Zu Jean Pauls Zeiten geht man schlecht mit ihnen um, in Romanen nämlich. Bloss
der Engländer kann vortreffliche Weiber porträtieren. Den meisten deutschen
Roman-Formern schlagen die Weiber zu Männern um, die Koketten zu H-, die Statuen
zu Klumpen, die Blumenstücke zu Küchenstücken. Dass die Schuld mehr an den Malern
als an den Urbildern liege, wissen nicht nur die Urbilder selber, sondern auch
der Berghauptmann schon daraus, weil die Romanleserinnen alle noch romantischer
sind als die Romanheldinnen, noch feiner und zurückhaltender. Der Berghauptmann
tut hier - ohne die Absicht zu haben, dass ihn acht vornehme Weiber in Mainz, wie
den Weiber- und Meistersänger Heinrich Frauenlob, zu Grabe tragen - einen
gedruckten Eidschwur (d.h. Schwurschwur), dass er die meisten seiner
Zeitgenossinnen besser antraf, als sie der gute offne, aber leere rohe Kopf des
Verfassers des Alcibiades und Nordenschilds zeichnen kann. In der Tat, wenn die
Weiber nicht den Männern alles verziehen, sogar den Autoribus (und zwar täglich
siebenzigmal, und sie reichen den andern Backen dar, wenn der eine durch Küssen
beleidigt worden): so könnt' es kein Bücherverleiher erklären, wie Menschen,
deren Kopf doch schwerer, deren Zirbeldrüse kleiner ist, und die sechs
Knorpelringe der Luftröhre mehr haben - nämlich 20 überhaupt, wahrscheinlich zum
Mehr-Reden -, deren Brustbein kürzer und deren Brustknochen weicher sind als bei
den Männern, wie doch solche Menschen weiblichen Geschlechts noch die Magd oder
den Kerl in eine Lesebibliotek mit dem Auftrag schicken können: »Einen
Ritterroman für meine Mademoiselle!« Meine Feder-Kollegen - in Rücksicht der
Weiber bin ich nach der Bergsprache bloss von der Feder, nicht von Feuer noch von
Leder - werden zur Erziehung der Leserinnen, wie nach Lessing die Juden zur
Erziehung der Völker, nur darum gewählt, weil sie roher sind als die Zöglinge.
    Jede Frau ist feiner als ihr Stand. Sie gewinnt mehr durch die Bildung als
der Mann. Die weiblichen Engel (aber auch die weiblichen Teufel) halten sich nur
in den höchsten feinsten Menschen-Schubfächern auf; es sind Schmetterlinge, an
denen der Samt-Fittisch zwischen zwei rohen Mannsfingern zum nackten häutigen
Lappen wird - es sind Tulpen, deren Farbenblätter ein einziger Griff des
Schicksals zu einem schmutzigen Leder ausdrückt. - -
    Ich bringe dies alles vor, damit Herr Kotzebue und der freche Poetenwinkel
in Jena88 und das ganze romantische Schiffvolk es meiner Klotilde nicht
übelnehmen, dass sie ihr eignes Geschlecht als das besagte Volk nachahmt, um so
mehr, da sie vorschützen kann, sie habe dieses noch nicht gelesen.
    Durch Agaten kam sehr bald eine von Emanuel überschriebene Antwort
Klotildens an, die innen gesandten-mässig besiegelt, geometrisch beschnitten und
kalligraphisch geschrieben war, weil Frauenzimmer alle Dinge, die sinnliche
Aufmerksamkeit verlangen, besser betreiben als wir, und weil sie - denn kaum
vier aus meiner Bekanntschaft brauch' ich auszunehmen - gerade im Gegensatz der
Männer desto schöner schreiben, je besser sie denken. Lavater sagt, der schönste
Maler gebiert die schönsten Gemälde, und ich sage, schöne Hände schreiben eine
schöne Hand.
    Klotildens Brief stellet sich mit einer Lustecke und einem lebendigen Zaun
voll Blüten unserem Doktor in den Steig und lässet ihn nicht nach Maiental.
Denn er heisset so:
                              »Würdigster Freund!
Kein Mädchen ist vielleicht so glücklich als eine Dichterin; und ich glaube,
hier in diesem aufgeschmückten Tale wird man zuletzt beides. Sie sind überall
glücklich, da Sie sogar an einem Hofe ein Dichter sein können, wie mir Ihre
schöne poetische Epistel beweiset.
    Aber die Phantasie malet gern aus Schminkdosen - das wahre Maiental kann
der Ihrigen nicht soviel geben, als Sie in die drei Landschaft-Blätter desselben
zu legen wissen. Sooft ich und Sie einerlei durch Dichtung ersetzen müssen: so
ist bloss bei Ihnen der Ersatz grösser als das Opfer.
    Wenn ich Ihnen das Vergnügen, Herrn Emanuel zu sehen, durch Überreden hätte
verschaffen können: so hätt' ichs gern getan; aber ich war zuletzt aus
Gewissenhaftigkeit nicht beredt genug, um ihn zu einer Reise zu Ihnen zu
bringen, die seine sieche Brust der Gefahr des Verblutens aussetzte. Sehen Sie
ihn für einen Frühling an, den man alle Jahre neun Monate lang erwarten muss.
    Ach die Besorgnis für meinen unvergesslichen und unersetzlichen Lehrer wirft
einen Schatten über den jetzigen ganzen Frühling, wie ein Grabmal über einen
Blumengarten. Ich habe niemals einen Frühling so gern und so freudig angesehen
wie diesen - ich kann oft noch bei Mondschein an die Bäche hinausgehen und eine
Blume aufsuchen, die vor dem fliessenden Spiegel zittert und um welche ein Mond
oben und einer unten schimmert, und ich stelle mir das Blumenfest in Morgenland
vor, bei dem man (wie man sagt) nachts um jede Gartenblume einen Spiegel und
zwei Lichter setzt. Aber doch kann ich nicht zum Blumenflor meines Lehrers
hinüberblicken, ohne zu weich zu werden, da ich denken muss: wer weiss, ob seine
Tulpen nicht länger stehen als seine zerknickte Gestalt. Hat denn die ganze
Arzneikunst kein Mittel, das seine Hoffnung zu sterben vereitelt? - Ich glaube,
er stimmt mich nach und nach in seinen melancholischen Ton, womit ich mich vor
einem andern als dem Freunde Emanuels lächerrlich machen würde; aber eine stille
verborgene Freude bricht auch gern in Schwermut aus; nur in der kalten, nicht in
der schönen Jahrzeit unsers Schicksals, sagten Sie einmal, tun die warmen
Tropfen weh, die aus den Augen auf die Seele fallen, so wie man bloss im Winter
die Blumen nicht warm begiessen darf. Und warum sollt' ich Ihrer offenherzigen
Seele nicht alle Schwächen der meinigen offenbaren? Dieses Zimmer, worin meine
Giulia ihr schönes Leben endigte, dieser Spiegel sogar, der mir, als ich mich
vor Schmerz von ihrem Sterben wegkehrte, meine erblassende Schwester noch einmal
zeigte, die Fenster, aus denen mein Auge so oft des Tages auf einen traurigen
dornenvollen Rosenstrauch und auf einen ewig geschlossenen Hügel kommen muss,
alles das darf ja wohl meinem Herzen einige Seufzer mehr geben, als eine
Glückliche sonst haben soll. Ich weiss nicht, sagten Sie oder Emanuel es: Der
Gedanke des Todes muss nur unser Besserungmittel, aber nicht unser Endzweck sein;
wenn in das Herz wie in die Herzblätter einer Blume die Grabeserde fällt, so
zerstöret sie, anstatt zu befruchten; aber auf mein Laub hat wohl das Schicksal
und Giulia schon einige Erde geworfen. - Und ich trage sie gern, da ich seit
Ihrer Freundschaft nun zu einem Herzen flüchten kann, vor dem ich meines öffnen
darf, um ihm darin alle Kümmernisse, alle Seufzer, alle Zweifel, alle Fragen
einer gedrückten Seele zu zeigen. O ich danke dem Allgütigen, dass er mir so
viel, als er mir in meinem Lehrer zu entziehen drohet, schon voraus in seinem
Freunde wiedergibt - meine Freundschaft wird unserm Emanuel nachreichen bis in
die andre Welt und seinen Liebling begleiten durch diese; und sollte einmal auf
uns beide der gemeinschaftliche Schlag seines Todes fallen, so würden wir unsere
vereinigten Tränen geduldiger vergiessen, und ich würde vielleicht sagen: ach,
sein Freund hat mehr verloren als seine Freundin!
                                                                      Klotilde.«
                                       *
Das Schlagen meines fremden Herzens misset mir das Schlagen des glücklichern ab.
Aber eh' ich erzähle, was Viktors Freude über diesen Brief anfangs störte und
dann verdoppelte, sei es mir erlaubt, zwei gute Bemerkungen zu machen. Die erste
ist: die vergrösserte Empfindsamkeit ist in einer stolzen Brust (wie Klotildens),
die sonst die Seufzer zurückholte und nur weibliche Satiren über uns Herren
ausschickte, das schönste Zeichen, dass ihr Herz im Sonnenschein der Liebe
zergehe. Denn diese kehret die Weiber um; sie macht aus einer Kolumbine eine
Youngin, aus einer Ordentlichen eine Unordentliche, aus einer Feinen eine
Offenherzige, aus einer Putzmacherin und Putzträgerin eine Philosophin und
wieder umgekehrt. - Und du, liebe Philippine, prüfe die zweite Bemerkung, da du
jetzo so gut bist wie dein eigner Bruder: ist nicht das Verhehlen der Liebe das
schönste Entdecken derselben? Zeigt nicht ein Schleier - ein moralischer, mein'
ich - das ganze Gesicht und ist für nichts unzugänglich als für den Wind - den
moralischen, mein' ich -? Decket nicht das gläserne Gehäuse der Damenuhr das
ganze darauf gefirnisste Uhrporträt am Boden auf und wendet bloss das Beschmutzen,
nicht das Beschauen ab? - Und was wirst du für Bemerkungen machen, wenn ich dir
diese beiden vorlese!
    Der Brief stärkte zugleich Viktors Wunsch, um Klotilde zu sein, und seine
Kraft, ihn aufzugeben - bis des andern Tags in der Nachttisch-Stunde ein Zufall
alles änderte. Mattieu, der fast mehr Besuche bei Feinden als bei Freunden
ablegte, kam vom Apoteker herauf. Er sah die Prospekte von Maiental und den
Florhut; und er da wusste, dass seine Schwester Joachime beides habe: so sagte er
scherzhaft: »Ich glaube, Sie wollen sich verkleiden, oder man hat sich
entkleidet.« Viktor flatterte mit einem leeren lustigen »Beides!« darüber. Er
nahm nicht gern den Namen der Liebe oder eines Weibes vor einem Menschen in den
Mund, der an keine Tugend glaubte, am wenigsten an weibliche, der zwar, wie
andre Spinnen auf andere Musik, sich an seinem Faden auf die Liebe niederliess,
der aber, wie Mäuse aus Liebe zu den Tönen, über die Saiten kroch und sie
zersprengte. Viktor war ungern (vor seinem Hofleben) mit solchen philosophischen
Ehrenräubern unter unbescholtenen Mädchen, weil es ihm schon wehe tat, an den
Gesichtpunkt der ersten erinnert zu werden. »Von meiner Tochter«, sagt' er,
»müssten sie nicht einmal das Dasein erfahren, weil sie einen Vater schon dadurch
beleidigen, dass sie sich sie vorstellen.« -
    Mattieu sprach von dem nächsten patriotischen Klub (den 4ten Mai am
Geburttag des Pfarrers) und fragte, ob er dabei wäre. Agate aber hatte ihn
schon gestern (am vorletzten April) daran erinnert. Endlich führte Matz seine
Frage vor: »ob er nicht auch zu Pfingsten von der Partie sei? - Er habe mit dem
Regierrate (Flamin), der dazu immer Ferien brauche, eine kleine Lustreise
abgekartet nach Grosskussewitz zum Grafen von O - Er habe da zu tun, noch einige
Quartiere des Hofstaats den Kussewitzern zu bezahlen und den Grafen von O zu
einem gütlichen Vergleich über das neuliche Missverständnis umzustimmen, daher er
den Juristen mitaben müsse - Vielleicht seien die Engländer bei diesem
Kongresse - das Reisekorps könne dann so grosse Vergnügungen haben wie ein corps
diplomatique, nachdem es vorher ebensolche Geschäfte gehabt. Der Graf von O
liebe überhaupt Engländer sehr, ob er gleich nicht gern Engländer reite - denn
er hab' es sehr bedauert, dass er neulich mit dem Herrn Hofmedikus bei der
Fürstin gesprochen, ohne ihn zu kennen.« Sebastian hatte seine lange stumme
Aufmerksamkeit mit einem kalten »Nein!« beschlossen, weil die Ausdünstung dieser
falschen fliegenden Katze mit einem ätzenden Gift sein unbeschirmtes Herz
überzog. »Was hab' ich« (dacht' er unter jener Einladung) »diesem Menschen
getan, dass er mich ewig verfolgt - dass er mit einem Messer, dessen eine Seite
vergiftet ist oder beide, meinen Jugendfreund unter unsern doppelten Schmerzen
von meiner Seele schneidet - dass er seine Minier-Höhlen bis an fremde Orte
fortführt, um mich in allen Stellungen über seinem Pulver zu haben!« Viktor
musste nämlich nach allem besorgen, dass die Pfingst-Reise eine Entdeckreise sei,
worauf Joachime dem Bruder, wie Ritter Michaelis den Morgenlandfahrern, Fragen
über die Uhrbriefsache, über Tostato u.s.w. mitgebe, um wohl gar beim Fürsten
eine Anklage daraus zu bilden. Er hielt das Untere seiner Karte, d.h. seines
tugendhaften Schmerzens, so, dass es Mattieu nicht ganz sehen konnte, um ihm
eine boshafte Freude zu entziehen. Dieser, der nicht eine Spitzenmaske, sondern
eine eiserne und noch dazu eine mit einem Halse trug, hatte oft eine solche
Kälte, dass man seinen wütigen Zorn nicht begriff und umgekehrt - aber jene hatte
er im Lager, diesen in dem Gefechte gegen den Feind. Wenn ihn jemand sogleich
aufbrachte, so wars ein gutes Zeichen und bedeutete, dass er nichts gegen ihn im
Schilde führe.
    Nach dem Abmarsch des Evangelisten - als er sich auszankte, dass er ihn den
Florhut finden lassen, den er überhaupt mehr verschlossen hätte, wäre Flamin
öfter gekommen - sah er sich nach Klotildens Schattenriss um, damit der reizende
Schatte sein Zürnen kühle. Er war nicht anzutreffen: seine erste Hypotese war,
Matz hab' ihn still gestohlen, um so mehr da er ihn geschnitten. Hat er den
Schattenriss wirklich eingesteckt: so wäre der Evangelist - denn mir wurde wie
bekanntlich gleich beim Anfange dieser Geschichte die Silhouette übermacht - gar
mein korrespondierendes Mitglied Knef, und er schickte mir die Avisfregatte, den
Spitzhund, zu. - Toll ists, dass mich der Korrespondent durch solche Nachrichten
selber auf den Argwohn bringt.
    Indem Viktor den lieben Florhut als den Ersatz des Bildes in die Hand nahm
und träumend besah: so schlugen am Hute ganz neue frische Blumen für seine Seele
aus. »Wie,« sagt' er zu sich, »muss ich denn gerade den Schattenriss anschauen?
Kann ich nicht das - Urbild selber dazu wählen?« Kurz der Hut wurde ein
Glücktopf, aus dem er eine frohe Stunde zog, nämlich den Vorsatz, auf Pfingsten
zu verreisen, aber nach - Maiental. Er hielt sich ernstlich vor, dass ihm und
Klotilden die zu weit getriebene Schonung eines eifersüchtigen Bruders, dessen
irre Hoffnungen ja keine Schwester zu stärken verpflichtet sei, noch dazu durch
die menschenfeindlichen Eingebungen Mattieus erschweret und vereitelt werde -
dass also ihr Absondern so wenig erleichtere, als ihr Besuchen verbreche - dass es
indessen schön sei, den Bruder zu schonen und bloss in seine Abwesenheit einen
verdächtigen Ausflug zu verlegen, bis ihm einmal die heruntergezogne Binde in
der Ungetreuen die Schwester entdecke und im Nebenbuhler den schonenden Freund -
und dass es immer besser sei, sie in Maiental als bei ihrer Zurückkunft in
seiner Nähe zu sprechen - und dass der über seine Abstammung belehrte Bruder ihm
einmal doch bloss vorrücken könne, er habe ihm keine Täuschungen genommen als
höchstens unangenehme. - O die Liebe und die Tugend haben ein nacktes Gewissen
und entschuldigen ihre himmlischen Freuden länger und mehr als andere ihre
höllischen!
    Als Viktor noch dazu daran dachte, dass den Tagen der Liebe so bald das Laub
und die Blüten abfallen, und dass Emanuel und selber Klotilde zwei hart ans Ufer
des Grabes gerückte Blumen sind, deren lose nackte Wurzeln schon erstorben
hinunterhängen: so war sein Entschluss befestigt, und er schrieb an Emanuel die
Nachricht seiner Ankunft zu Pfingsten, um Klotilden durch keinen Überfall zu
erzürnen und um ihr noch dazu die Gelegenheit eines Verbotes zu lassen. Seine
Wendung war die: »Wenn es ein sokratischer Genius erlaube (d.h. Klotilde), der
ihm immer sage was er nicht tun solle: so komm' er zu Pfingsten, da ohnehin die
Stadt da veröde, da Flamin auf 4, 5 Tage nach Kussewitz reise« etc.
    Als er den Brief fertig hatte: fiel ihm ein, dass er gerade heute an diesem
29. April vor einem Jahre die ganze Nacht gereiset sei, um mit dem ersten Mai am
Morgen durch den Nebel ins Pfarrhaus zu treten. »Ich kann ja wieder die schwüle
Zephyr-Nacht nicht unter dem Deckbette, sondern unter den Sternen verbringen. -
Ich kann in einem fort ins Abendrot nach Maientals Bergen schauen. - Ich kann
ja lieber den halben Weg darauf zugehen - oder gar den ganzen. - Ich kann mich
auf einen Berg stellen und ins Dörfchen schauen - Wahrlich ich kann dann mein
Billet hier irgendeinem Maientaler inkognito einhändigen und wieder Reissaus
nehmen noch vor tags.« -
    Um sieben Uhr nachts ging er wie das Meer von Osten nach Westen. Orion,
Kastor und Andromeda blinken in Westen nicht weit vom Abendrot über den Gefilden
der Geliebten und werden wie diese bald aus einem Himmel in den andern
untergehen. Das von lauter Hoffnungen erschütterte Herz, seine erhitzen
Gehirnkammern, an denen das mit sympatetischer Dinte gezeichnete Maiental
immer lichter und farbiger vortrat, dieses innere, fast schmerzliche Brausen der
Freude raubte ihm anfangs das Vermögen, den in griechischer Schönheit
aufgebaueten Frühlingtempel in eine stille helle Seele aufzufassen. Die Natur
und die Kunst werden nur mit einem reinen Auge, aus welchem die beiden Arten von
Tränen weggewischet sind, am besten genossen.
    Aber endlich überdeckte das ausgebreitete Nachtstück seine heissen
Fieberbilder, und der Himmel drang mit seinen Lichtern und die Erde mit ihren
Schatten in sein erweitertes Herz. Die Nacht war ohne Mondlicht, aber ohne
Wolken. Der Tempel der Natur war wie ein christlicher erhaben verdunkelt. Viktor
konnte sich aus den Laufgräben langer Täler, aus Wälder-Finsternissen und aus
dem schillernden Nebel der Wiesen nicht eher erheben als in der
Mitternachtstunde, wo er einen Berg wie einen Tron bestieg und sich da auf den
Rücken legte, um die Augen in den Himmel unterzutauchen und sich abzukühlen vom
Träumen und Laufen. Das hereinhängende Himmelblau schien ihm eine dünne blaue
Wolke, ein in blaue Dünste zerschlagnes Meer zu sein, und eine Sonne um die
andre teilte mit ihren langen Strahlen diese blaue Flut ein wenig auseinander.
Der Arkturus, der dem liegenden Menschen gegenüberstand, stieg schon von der
Zinne des Himmels herab, und drei grosse Sternbilder, der Luchs, der Stier, der
grosse Bär, zogen weit voraus unter das Abendtor. - Diese nähern Sonnen wurden
von entrückten Milchstrassen mit einem Hof umschwommen, und tausend grosse, in die
Ewigkeit geworfne Himmel standen in unserm Himmel als weisse spannenlange Düfte
als lichte Schneeflocken aus der Unermesslichkeit, als silberne Kreise aus Reif.
- Und die Schichten aneinandergerückter Sonnen, die erst vor dem tausendäugigen
Auge der Kunst den Nebelschleier fallen lassen, spielten, wie Streife unserer
Sonnenstäubchen, im glühenden, durch das Unermessliche brennenden Sonnenstrahl
des Ewigen. - - Und der Widerschein seines durchglühten Trones lag hell auf
allen Sonnen -
    - Plötzlich stellen sich nähere zerschmolzene Lichtwölkchen, nähere Nebel,
aufgeflogen aus Tau, unter der Versilberung, tief herab vor die Sonnen, und der
Silberblick des Himmels läuft mit zertragenen dunkeln Flocken an. - - Viktor
begreifet die überirdische Entzündung nicht und richtet sich bezaubert
empor..... und siehe, der gute verwandte nahe Mond, der sechste Weltteil unserer
kleinen Erde, war still und ohne das Freudengeschrei des Morgens neben der
Triumphpforte der Sonne hereingetreten in die Nacht seiner Mutter-Erde mit
seinem halben Tage.
    Und als jetzt die Schatten von allen Bergen rannen und durch die
aufgedeckten Landschaften nur in Bächen zwischen Bäumen zogen und als der Mond
dem ganzen dunkeln Frühling in der Mitternacht einen kleinen Morgen gab: so
fasste Viktor nicht nächtlich-melancholisch, sondern morgendlich-verjüngt den
grossen runden Spielraum der jährlichen Schöpfung in sein erwachtes Auge, in
seine erwachte Seele, und er überschauete den Frühling unter dem innern
Freudengeschrei mitten in der weiten Verstummung, unter dem Gefühle der
Unsterblichkeit im Kreise des Schlafes. - -
    Auch die Erde, nicht nur der Himmel, macht den Menschen gross!
    Ziehet in meine Seele und in meine Worte, ihr Mai-Gefühle, die ihr in der
Brust meines Viktors schluget, da er über die knospende schwellende Erde sah,
von Sonnen über seinem Haupte bedeckt, von grünendem Leben umstrickt, das von
Gipfeln zu Wurzeln, von Bergen zu Furchen reichte, und von einem zweiten
Frühling unter seinen Füssen getragen, da er sich hinter der durchbrochenen
Erdrinde die Sonne mit einem Glanztage unter Amerika stehend dachte. - Steige
höher, Mond, damit er den quellenden, geschwollenen, dunkel-grünen Frühling
leichter sehe, der mit kleinen blassen Spitzen aus der Erde dringt, bis er sich
herausgehoben voll glühender Blumen, voll wogender Bäume - damit er die Ebenen
erblicke, die unter fetten Blättern liegen und auf deren grünem Wege das Auge
von den aufgerichteten Blumen, an welchen die gespaltenen Reize des Lichtes
wachsen und sich befestigen, zu den in Blüten zerspringenden Büschen und zu den
langsamen Bäumen aufsteigt, deren gleissende Knospen in den Frühlingwinden
auf-und niederschwanken - - Viktor war in Träume gesunken, als auf einmal das
kalte Anwehen der Lenzluft, die jetzo mehr mit kleinen Wolken als mit Blumen
spielen konnte, und das Rauschen der Frühlingbäche, die neben ihm von allen
Bergen und über jedes dunklere Grün wegschossen, ihn erweckte und berührte. - Da
war der Mond ungesehen gestiegen, und alle Quellen glommen, und die Maiblumen
traten weissblühend aus dem Grün, und um die regen Wasserpflanzen hüpften
Silberpunkte. Da hob sich sein wonneschwerer Blick, um zu Gott zu kommen, von
der Erde auf und von den grünenden Rändern der Bäche und stieg auf die
herumgebognen Wälder, aus denen die eisernen Funken und Dampf-Säulent89 über die
Gipfel sprangen, und zog auf die weissen Berge, wo der Winter in Wolken schläft;
- - aber als der heilige Blick in dem Sternen-Himmel war und zu Gott aufsehen
wollte, der die Nacht und den Frühling und die Seele geschaffen hat: so fiel er
mit zurücksinkendem Flügel und weinend und fromm und demütig und selig
zurück.... Seine schwere Seele konnte nur sagen: Er ist! -
    Aber sein Herz sog sich voll Leben an der unendlichen, quellenden, wehenden
Welt um ihn, über ihm, unter ihm, worin Kraft an Kraft, Blüte an Blüte reicht,
und deren Lebensquellen von einer Erde in die andere sprützen, und deren leere
Räume nur die Steige der feinern Kräfte und der Aufentalt der kleinern sind -
die ganze unermessliche Welt Stand vor ihm, deren ausgespannter Wasserfall, in
Düfte und Ströme, in Milchstrassen und Herzen zersprungen, zwischen den zwei
Donnern des Gipfels und des Abgrunds reissend, gestirnt, geflammt herabfährt aus
einer vergangnen Ewigkeit und niederspringt in eine künftige - und wenn Gott auf
den Wasserfall sieht, so malt sich der Zirkel der Ewigkeit als Regenbogen auf
ihn, und der Strom verrückt den schwebenden Zirkel nicht....
    Der selige Sterbliche stand auf und wandelte im Gefühle der Unsterblichkeit
durch das um ihn pulsierende Frühlingleben weiter; und er dachte, dass der Mensch
mitten unter den Beispielen der Unvergänglichkeit den Unterschied zwischen
seinem Schlaf und Wachen irrig zum Unterschied zwischen Sein und Nichtsein
zerdehne. Jetzo war seinen kräftigen strotzenden Gefühlen jedes Getöse
willkommen, das Schlagen der Eisenhämmer in den Wäldern, das Rauschen der
Lenzwasser und der Lenzwinde und das aufprasselnde Rebhuhn. -
    Um drei Uhr morgens sah er Maiental liegen. Er trat auf den von fünf
einzelnen Tannenbäumen gehobnen Berg, auf dem man durchs ganze Dorf und wieder
hinüber zum andern Berge schauen kann, wo die Trauerbirke seinen Emanuel
beschattet. Die überwachsene Zelle des letzten konnt' er nicht erblicken; aber
am Stifte, wo seine Freundin träumte, schimmerten alle Fenster im ausfunkelnden
Mondlicht. In seiner Brust war noch der Rausch der Nacht und auf seinem
Angesicht das Brennen der Träume - aber das Tal zog ihn in die Erde heraus und
gab seinen Freudenblumen bloss einen festern Boden; und der Morgenwind kühlte
seinen Atem und der Tau seine Wangen ab. Die Tränen stiegen in seine Augen, als
sie auf die weissverhangnen Fenster fielen, hinter denen eine schöne, eine weise,
eine geliebte und eine liebende Seele ihre unschuldigen Morgenträume vollendete.
Ach, es träume dir, Klotilde, von deinem Freunde, dass er dir nahe ist, dass er
seine überströmenden Augen auf deine Zelle wendet und dass er verschwindet, wenn
du erscheinst, und dass er doch seliger werde von Minute zu Minute - ach er
träumt ja auch, und wenn die Sonne aufgeht, ist das geliebte Tal wie dein Traum
mit dem Sternenhimmel versunken. - O die Berge, die Wälder, hinter denen eine
geliebte Seele wohnt, die Mauern, die sie umschliessen, schauen den Menschen mit
einem rührenden Zauber an und hangen vor ihm wie holde Vorhänge der Zukunft und
Vergangenheit.
    Der Berg führte ihm das Bild des Malers vor, der sonst hier gewesen war, um
Klotildens Reize gleichsam wie ein goldnes Zeitalter nur aus der Ferne
abzuzeichnen und näher zu ziehen - und dieses führte sein Auge wieder in die
Tage ihrer frühern Jugend und ihres stillen frommen Lebens im Stift, und es
schmerzte ihn, dass eine Zeit sonst gewesen und verloren war, in der er sie nicht
lieben können. Da er sich umsah und sich dachte, auf allen diesen Steigen, neben
diesen Bächen, unter diesen Bäumen ist sie gegangen: so wurde ihm die ganze
Gegend heilig und lebendig, und jeder darüber hinziehende Vogel schien seine
Freundin zu suchen und zu lieben wie er.
    Aber nun wachte mit jedem Stern, der oben im Himmel zurücksank, unten auf
der Erde eine Blume und ein Vogel auf - der Weg von der Nacht zum Tage wurde
schon mit Halbfarben belegt - kleine Nebel stiegen an der Küste des Tages auf -
und Viktor war noch auf dem Berge. Seine Besorgnis, dass sich die weisse
Fensterhülle rege und ihn zeige, war so gross wie sein Wunsch, dass die Besorgnis
immer grösser werde! Zuweilen wankte ein Vorhang, aber keiner ging auf. - Auf
einmal wecken die Vogelkehlen eine Zauberflöte an dem Fusse seines Berges, und
der stille Julius kam der Sonne, die ihm nicht mehr leuchtete, mit seinen
Morgentönen entgegen. Da entschleierte sich plötzlich Klotildens Fenster, und
ihre schönen hellen Augen nahmen den erfrischten Morgen in die fromme Seele auf.
Viktor trat, der Entfernung ungeachtet, von Gesträuch hinter Gesträuch; aber die
Flucht vor den geliebten Augen führte ihn der Flöte näher; er wollte jedoch
ebensowenig vor Emanuel, den er in der Nachbarschaft des Blinden glaubte,
erscheinen als vor Klotilden. Als ihn nur noch einige Gebüsche von den Tönen
schieden, erblickte er auf dem Berge seinen Freund Emanuel unter der
Trauerbirke. Nun eilt' er froh und zitternd zu Julius herab und fand ihn mit dem
Lilienangesicht, schön wie den jüngern Bruder eines Engels, umflogen und
umsungen von Vögeln, an einer Birke lehnen: »Welche Gestalten, welche Herzen«,
dacht' er, »schmücken dieses Paradies!« Wie hätt' er sich an einem solchen
Morgen, an einem so heiligen Orte, gegen einen so guten Jüngling verstellen und
ihm etwa mit der nachgemachten Stimme seines italienischen Bedienten den Brief
an Emanuel übergeben können? - Nein, das konnt' er nicht; er sagte mit leiser
Stimme, um ihn nicht zu erschrecken: »Lieber Julius, ich bins!« - Dann sank er
langsam an den zarten Menschen und umarmte an einer Brust - drei Herzen; und
reichte ihm den Brief mit den Worten: »Gib ihn deinem Emanuel!« und floh mit dem
wärmsten Druck der lieben Hand den Berg tiefer hinab und davon. -
    Gerade um diese Stunde an diesem Tage vor einem Jahr verschwand auch Giulia
aus Maiental und nahm nichts von dem schönen Blumenboden mit als einen -
Grabhügel.
    Als er jetzt hinter Staudengängen ungesehen dem Orte der Seligen entronnen
war: machte seine nächtliche Erheiterung einer unbezwinglichen Wehmut Platz. Die
aufgehende Sonne zog alle hellen Farben aus seinem nächtlichen Traum - »Hab' ich
denn wirklich Maiental und Julius und alle Geliebte gesehen, oder ist nur auf
einer unter dem Monde schillernden Wolke ein zerflossenes Schattenspiel
vorübergeronnen?« sagt' er - und der Tag brütete die frische Nachtluft seiner
Seele zu einem schwülen Flattern des Südwinds an. Anstatt dass der Mensch sonst,
wie Raguel, in der Mitternacht Gräber aushauet und in der Morgensonne sie wieder
verschüttet, kehrte heute Sebastian es um. -
    Eigentlich war es nicht ganz so: sondern das schnelle Vorspringen und
Einsinken der geliebten Gestalten, die vergrösserte Sehnsucht darnach, der
rührende Abstich des Morgen-Getümmels mit der Nacht-Pause, des Sonnenfeuers mit
dem Mond-Dämmern und die mit der Ermüdung der Phantasie und des Körpers
verknüpfte träumende Ermattung der Schlaflosigkeit, alle diese Dinge drückten
aus dem Herzen und Tränendrüsen unsers Nachtwandlers unwillkürliche, süsse Tränen
aus, die keinen Gegenstand betrafen, die weder vor Freude noch vor Kummer
flossen, sondern vor Sehnsucht.
    Auf einmal liess der schöne nebellose erste Maitag das Andenken an den
vorjährigen, wo er, wie ein Frühling und homerischer Gott, im Nebel ankam,
vorübergehen - und der gute Mensch schauete mit den Tautropfen in den Augen die
Tautropfen in den Blumen an und sagte unaussprechlich gerührt: »Ach vor einem
Jahre kam ich so glücklich, wurde so unglücklich, und bin wieder so glücklich -
o ihr fliehenden, spielenden, nachtönenden, zitternden Jahre des Menschen!« - -
und das Feiertag-Geläute aus allen Dörfern (es war Philippi Jakobi) setzte mit
dem sanften Beben eines Echo alle seine Trauersaiten in ein weiteres Zittern.
    »O vor einem Jahre« (tönten ihn die Glocken an) »begleiteten wir Giulia wie
dich aus Maiental heraus.« Dann zog vor der Sonne, die am Himmel ihre weissen
Blüten aufschlug, der warme Gedanke sein Herz auseinander: »Vor einem Jahre, an
diesem Morgen, ging dir dein Flamin entgegen und vergoss an deiner glühenden
Brust so viele Freudentränen - und am Ende des heutigen Tages zog er dich wieder
an sein Herz und sagte gleichsam ahnend: Vergiss mich nicht, verrat mich nicht,
und wenn du mich verlassen willst, so lass mich mit dir untergehen!« -
    »O du Treuer,« (sagten alle seine Gedanken) »wie tröstet es mich heute, dass
ich einmal alle meine Wünsche gern den deinen aufgeopfert habe, um dir getreu zu
bleiben90 - Nein, ich kann ihm nichts verbergen, ich gehe jetzt zu ihm.« - Er
ging gerade zu Flamin, um (wiewohl ohne Meineid gegen den Lord und mit Schonung
der Eifersucht) es zu bekennen, dass er auf Pfingsten nach Maiental verreise.
Sein auseinandergegangnes Herz bedurfte ein entgegenweinendes Auge so sehr -
sein feines Ehrgefühl verschmähte es so sehr, eine fremde Reise zur spanischen
Wand der eignen zu machen - seiner erneuerten Liebe tat das kleinste Verhehlen
vor seinem Freunde so weh - Mattieu war aus diesem himmelblauen Eden unter der
Gehirnschale so gänzlich verstossen - dass er, je länger er dachte und lief, desto
mehr aufschliessen wollte. Er wollt' es nämlich seinem Flamin sogar entdecken,
dass er heute nachts die Einladkarte eigenhändig an den Blinden abgereicht: durch
eine Täuschung wurde ihm die künftige Pfingstreise durch die heutige zulässiger,
und diesen eignen Gesichtspunkt sah er für einen fremden an.
    Aber so weit trieb seine träumerische und nachttrunkne Seele ihre
gefährliche Ergiessung nicht, die desto mehr schaden konnte, da Flamin im Zorne
auf keine Unterschiede und Rechtfertigungen mehr zu hören vermochte und sogar
alte eingeräumte wieder verwarf. Denn beim Eintritt zog ein Maifrost auf Flamins
Gesicht den aufbrechenden Blütenkelch seines Herzens ein wenig zusammen. Er bat
Flamin mit seiner kontrastierenden Wärme des Gesichts um einen Spaziergang an
diesem hellen Tage. Draussen wurde der Abstich noch schneidender, da Flamin
seinen Spazierstock bis zum Knicken einstiess, Blumen köpfte, Laub abschlug, mit
dem Stiefelabsatz Fussstapfen aushieb, indes Viktor in einem fort zu reden
suchte, um seine Seele in der mitgebrachten Wärme zu erhalten.
    Es freuet mich an ihm, dass er sein von den heutigen Entbehrungen
überrinnendes Herz gerade in eines ergiessen wollte, dem er die Entbehrungen
schuld zu geben hatte. Endlich sagte er, um das erschwerte Geständnis nur von
der Seele zu werfen, eilend: »Auf Pfingsten geh' ich nach Maiental« - und ging
fliegend zu den Worten über: »O gerade heute vor einem Jahre gingst du mir. . .«
    Flamin unterfuhr ihn, und das Eisgesicht wurde wie ein Hekla von Flammen
zerspalten: »So so! - Zu Pfingsten? - Nach Kussewitz gehst du nicht mit uns! -
Lass mich doch einmal recht ausreden, Viktor!«- Sie blieben also stehen. Flamin
streifte die Blüten und Blätter von einem Schlehenast mit blutiger Hand und
blickte seinen sanften Freund nicht an, um nicht erweicht zu werden. »Heute vor
einem Jahre, sagst du? Sieh, da ging ich eben abends mit dir auf die Warte, und
wir versprachen uns entweder Treue oder Mord. Du schwurst mir, dich
hinabzustürzen mit mir, wenn du mir alles genommen hättest, alles - oder etwan
ihre Liebe; denn in deinem Beisein sieht sie mich kaum mehr an. - Bin ich denn
beim Teufel blind? Seh' ich denn nicht, die Maschinerie mit ihrer und deiner
Reise ist abgekartet? - Was tust du mit den Maientaler Landschaften gerade
jetzt? Wem gehört der Hut? - Und was soll ich mir aus allem nehmen? - Wem, wem?
sags sags - O Gott! wenns wahr wäre! - Hilf mir, Viktor!« - Dem gemisshandelten,
heute erschöpften Viktor standen die bittersten Tränen in den Augen, die aber
Flamin, der sich durch sein eignes Sprechen erzürnte, jetzt ertragen konnte.
Niemals nahm dieser in einer Ergrimmung Vorstellungen an: gleichwohl erwartete
er sie und staunte über sein Rechtaben und über das fremde Verstummen und
begehrte, dass man widerspräche. Er quetschte seine Hand in die Schlehenstacheln.
Sein Auge brannte in das weinende hinein. Viktor bejammerte den festen Schwur
vor seinem Vater und sah auf die zitternde Waage, worauf der Eid und die
schonende Freundschaft sich ausglichen. Er sammelte noch einmal alle Liebe in
seiner Brust und breitete die Arme auseinander und wollte mit ihnen den
Sträubenden an sich ziehen und konnte doch nichts sagen als: »Ich und du sind
unschuldig; aber bis mein Vater kömmt, eher kann ich mich nicht rechtfertigen.«-
Flamin drückte ihn von sich ab: »Wozu das? - So wars im Gartenkonzert auch, und
du warst seitdem tagtäglich bei ihr und auf Osterbällen und auf Schlitten, ohne
mich- Sag lieber geradezu, willst du sie heiraten? - Schwör, dass du nicht
willst! - O Gott, zöger' nicht - schwör schwör! - Ja ja, Mattieu! - Kannst du
noch nicht? - Nu so lüg wenigstens!«
    »Oh!« - sagte Viktor, und Blutströme schossen verfinsternd durch sein Gehirn
und über sein Angesicht - »beleidigen darfst du mich doch nicht gar zu sehr, ich
bin so gut wie du, ich bin so stolz wie du - vor Gott ist meine Seele rein« - -
Aber Flamins Blut an der Schlehenstaude drückte Viktors zürnende Erhebung
nieder, und er hob bloss das mitleidige Auge voll Freundschaft-Tränen in den
hellern sanftern Himmel. - »Nur die Heirat verschwörst du doch nicht? - Gut,
gut, du hast mich erwürgt - mein Herz hast du zerstampft und mein ganzes Glück -
ich hatte niemand als dich, du warst mein einziger Freund, jetzo will ich ohne
einen zum Teufel fahren - Du schwörst nicht? - O ich reiss' mich von dir blutig
und elend und als dein Feind - wir scheiden uns - gehe nur - weg! es ist aus,
ganz! - Adieu!« - Er entfloh mit dem in den Weg hauenden Stock, und sein
zerrütteter Freund, zu Füssen liegend der Wahrheit, die das Flammenschwert gegen
den Meineid aufhebt, und in Tränen sterbend vor der Freundschaft, die auf das
weiche Herz den schmelzenden Blick voll Bitten wirft, Viktor, sag' ich, rief dem
fliehenden Geliebten im Sterben nach: »Lebe wohl, mein teurer Flamin! mein
unvergesslicher Freund! ich war dir wohl treu! - Aber ein Schwur liegt zwischen
uns Hörst du mich noch? - eile nicht so! - Flamin, hörst du mich? ich liebe dich
noch, wir finden uns wieder, und komm, wann du willst.«... Er rief stärker,
obwohl mit erstickten gedämpften Tönen nach: »Redliche, teure, teure Seele, ich
habe dich sehr geliebt und noch und noch - sei nur recht glücklich - Flamin,
Flamin, mein Herz bricht, da du mein Feind wirst.« - Flamin sah sich nicht mehr
um, aber seine Hand war, wie es schien, an seinen Augen. Der Jugendfreund
schwand aus seinen Augen wie eine Jugend, und Viktor sank unglücklich nieder
unter dem schönsten Himmel, mit dem Bewusstsein der Unschuld, mit allen Gefühlen
der Freundschaft! - O die Tugend selber gibt keinen Trost, wenn du einen Freund
verloren hast, und das männliche Herz, das die Freundschaft durchstochen hat,
blutet tödlich fort, und aller Wundbalsam der Liebe stillet es nicht! -
 
                                32. Hundposttag
   Physiognomie Viktors und Flamins - Siedpunkt der Freundschaft - prächtige
                               Hoffnungen für uns
Wer hätt' es von Cicero gedacht (wenn ers nicht gelesen hätte), dass ein so
bejahrter gescheiter Mann sich in seiner Johannis-Insel hinsetzen und Anfänge,
Eingänge, präexistierende Keime im voraus auf den Kauf verfertigen würde?
Inzwischen hatte der Mann den Vorteil, dass er, wenn er einen Torso über irgend
etwas schrieb, die Wahl unter den fertig liegenden Köpfen hatte, wovon er einen
dem Rumpfe nach der Korpuskularphilosophie aufschrauben konnte. - Von mir, an
dem nichts Gesetztes ist, kanns nicht wundernehmen, dass ich auf meinem
moluckischen Fraskati ganze Zaspeln von Anfängen im voraus geweifet und gezwirnt
habe. Wenn nachher der Spitz einen Hundtag bringt: hab' ich ihn schon angefangen
und stosse nur den historischen Rest gar an die Einleitung. - Eben gegenwärtigen
Anfang hab' ich für heute erlesen.
    Anfangs aber wollt' ich freilich diesen nehmen:
    Mich quälet bei meinem ganzen Buche nichts als die Angst, wie es werde
übersetzt werden. Diese Angst ist keinem Autor zu verdenken, wenn man sieht, wie
die Franzosen die Deutschen und die Deutschen die Alten übersetzen. Im Grunde
ists wahrlich so viel, als werde man exponiert von den untern Klassen und den
Lehrern derselben. Ich kann jene Leser und diese Klassen in Rücksicht ihrer
Seelenkost, die durch so viele Zwischenglieder vorher geht, mit nichts
vergleichen als mit den armen Leuten in Lappland. Wenn da die Reichen sich in
dem Trinkzimmer mit einem Likör, der aus dem teuren Fliegenschwamm gesotten
wird, berauschen: so lauert an der Haustüre das arme Volk, bis ein bemittelter
Lappe herauskömmt und p-ss-t; das vertierte Getränk, die Vulgata von gebranntem
Wasser, kömmt dann den armen Teufeln zugute.
    Aber diesen Anfang heb' ich mir auf für den Vorbericht zu einer Übersetzung.
    Es gehört zu den schönen Gaukeleien und Naturspielen des Zufalls, deren es
recht viele gibt, dass ich dieses Buch gerade in der Philippi-Jakobi-Nacht 1793
anfing, wo Viktor die Hexen-Fahrt zum maientalischen Blocksberg unter die
Zauberer und Zauberinnen vornahm und wo er 1792 aus Göttingen anlangte.
    Ich kann nicht schreiben: »der Leser kann sichs leicht vorstellen, wie
Viktor die ersten Maitage verlebte oder vertrauerte«; denn er kann sichs schwer
vorstellen. Vielleicht wir alle hielten die Bande, die ihn mit Flamin
verschlangen, für dünne wenige Fibern oder unempfindliche Gewohnheitflechsen; es
sind aber weiche Nerven und feste Muskeln das Bindwerk ihrer Seelen. Er selber
wusste nicht, wie sehr er ihn liebe, als da er damit aufhören sollte. In diesen
gemeinschaftlichen Irrtum fallen wir alle, Held, Leser und Schreiber, aus einem
Grunde: wenn man einem Freunde, den man schon lange liebte, lange Zeit keinen
Beweis der Liebe geben konnte, aus Mangel der Gelegenheit: so quälet man sich
mit dem Vorwurfe, man erkalte gegen ihn. Aber dieser Vorwurf selber ist der
schönste Beweis der Liebe. Bei Viktor trat noch mehr zusammen, ihn selber zu
bereden, er werde ein kälterer Freund. Die Vesperturniere um Klotilde, diese
Disputationen pro loco, taten ohnehin das Ihrige; aber immer kränkte er sich mit
der Selbstrezension, dass er zuweilen seinem Freunde kleine Opfer abgeschlagen,
z.B. seinetwegen Versäumung einer Lustpartie, das Wegbleiben aus gewissen zu
vornehmen Häusern, die Flamin hasste. Aber in der Freundschaft sind grosse Opfer
leichter als kleine - man opfert ihr oft lieber das Leben als eine Stunde,
lieber ein Stück Vermögen als eine kleine unangenehme Unart, so wie euch manche
Leute lieber einen Wechsel schenken als ein so grosses leeres Papier. Die Ursache
ist: grosse Aufopferungen macht die Begeisterung, kleine aber die Vernunft.
Flamin, der selber niemals kleine machte, foderte sie vom andern mit Hitze, weil
er sie für grosse nahm. Viktor hatte sich hierüber weniger vorzurücken; aber
Klotilde beschämte ihn, deren längste und kürzeste Tage wie bei den meisten
ihres Geschlechts lauter Opfertage waren. - Auch wurde seine natürliche
Delikatesse, die jetzo durch sein Hofleben den Zusatz der künstlichen gewonnen
hatte, tiefer als sonst von seines Freundes Ecken verletzt. - Die feinen Leute
geben ihrem innern Menschen (wie ihrem äussern) durch Mandelkleien und
Nachtandschuhe weiche Hände, bloss um das Untere der Karten besser zu fühlen, um
niedliche halbe Damen-Ohrfeigen zu geben, aber nicht, wie die Wundärzte, um
damit Wunden zu handhaben.
    Zum Unglück schrieb ihm dieser Wahn der Erkältung ein äusseres freundliches
Bestreben vor, Wärme bei Flamin zu zeigen. Da nun der Regierrat nicht bedachte,
dass auch das Gezwungne ebensooft von Aufrichtigkeit entstehen könne als das
Ungezwungne von Falschheit: so hatte der Teufel immer mehr sein Bestia-Spiel (wo
eine Freundschaft der hohe Einsatz war), bis solcher am Hexentage es gar gewann.
    Aber am 4ten Mai soll er alles wieder verlieren, denk' ich. Denn Viktor,
dessen Herz bei der geringsten Bewegung wieder den Verband durchblutete, nahm
sich vor, nicht nur am 4ten Mai dem Wiegenfeste des Hofkaplans in St. Lüne
beizuwohnen, sondern auch einen Geburttag der erneuerten Freundschaft mit Flamin
zu begehen. Er wollte gern den ersten, zweiten, zehnten Schritt tun, wenn nur
jener stehenbliebe und keinen zurücktäte. Denn er kann ihn nicht vergessen, er
kann die aufgedrungne Entbehrung nicht verwinden, so leicht ihm sonst die
freiwillige wurde. Er drückt alle Abende Flamins schönes Bild, das gemacht war
aus seiner Liebe für ihn, aus seiner unbestechlichen Rechtschaffenheit, seinem
Felsen-Mut, seiner Liebe zum Staat, seinen Talenten, sogar aus seinem
Aufbrausen, das aus dem doppelten Gefühl des Unrechts und der eignen Unschuld
entstand, dieses warme Bild drückte er an das aufgerissene Herz, und wenn er ihn
am Morgen in das Kollegium gehen sah, so liefen ihm die Augen über, und er pries
den Bedienten glücklich, der ihm die Akten nachtrug Wenn der 4te Mai des grossen
Versöhntages mit dem Sühnopfer nicht so nahe wäre: so würde er die kleine Julia
an sich angewöhnen müssen als einen dritten Stand zwischen den zwei andern, als
einen Leitton zwischen Widertönen. Bloss die Hoffnung des Maies setzte seinen
Gedanken statt der Nesseln-Brennspitzen wenigstens Rosenstacheln an. - Der
Jugendfreund, lieber Leser, der Schulfreund wird nie vergessen, denn er hat
etwas von einem Bruder an sich; - wenn du in den Schulhof des Lebens trittst,
welches eine Schnepfentaler Erziehanstalt ist, eine berlinische Realschule, ein
breslauisches Elisabetanum, ein scheerauisches Marianum: so begegnen dir die
Freunde zuerst, und eure Jugendfreundschaft ist der Frühgottesdienst des Lebens.
    Viktor wusste Flamins Versöhnlichkeit gewiss voraus, er sah ihn sogar schon
öfter am Fenster stehen und zum Erker hinüberschielen, aus dem ein freundliches,
um alle Missdeutungen des Ehrenpunktes unbekümmertes Auge frei und gerade zum
Senior schauete; - aber dies nahm doch seine weiche Sehnsucht nicht weg, sondern
sie wurde vermehrt durch die Wiedererblickung des so schönen betrauerten
geliebten Angesichts. Flamin hatte eine grosse männliche Gestalt, seine
ineinander- und zurückgedrängte schmale Stirn war der Horst des Muts, seine
durchsichtigen blauen Augen - welche seine Schwester Klotilde auch hatte und die
sich recht gut mit einer feurigen Seele vertragen, wie ja auch die alten
Deutschen und das Landvolk beides haben - waren von einem denkenden Geiste
entzündet, seine gepressten und eben darum dunkelröteren übervollen Lippen waren
in die menschenfreundliche Erhebung zum Kusse befestigt; bloss die Nase war nicht
fein genug, sondern juristisch oder deutsch gebildet. Die Nase grosser Juristen
sieht meines Erachtens zuweilen so elend aus wie die Nase der Justiz selber,
wenn ihr biegsamer Stoff sich unter zu langen Drehfingern zieht. Nicht zu
erklären ists, beiläufig, warum die Gesichter grosser Teologen - sie müssten denn
noch etwas anderes Grosses sein - etwas von der typographischen Pracht der
Cansteinischen Bibeln an sich haben. Viktors Gesicht hingegen hatte am
wenigstens unter allen, weder jene burschikosen Trivial-Züge mancher Juristen,
noch das Mattgold mancher Teologen; seine Nase lief, ihre Schneide und ihren
Wurzel-Einschnitt abgezogen, griechisch-gerade nieder, der Winkel der
geschlossenen dünnen Lippen war (falls er nicht gerade lachte) ein spitziger von
1''''' und bildete mit der scharfen Nase das Ordenzeichen und Ordenkreuz, das
oft satirische Leute tragen; - seine weite Stirne wölbte sich zu einem hellen
und geräumigen Chor einer geistigen Rotunda, worin eine sokratische gleich
beleuchtete Seele wohnt, obgleich weder diese Helle noch jene Stirn sich mit
angeborner milder Festigkeit, wenn auch mit erworbener gatten; - seine
Phantasie, dieser grosse Gewinn, hatte wie mehrmals gar keine Lotteriedevise auf
seinem Gesicht; - seine Achataugen aus Neapel verkündigten und suchten ein
liebendes Herz; - sein weisses, weiches Gesicht kontrastierte, wie Hof mit Krieg,
gegen Flamins braunes, elastisches, den zwei Glutwangen als Grund dienendes
Angesicht. - Übrigens war Flamins Seele ein Spiegel, der unter der Sonne nur mit
einem einzigen Punkte flammte; an Viktors seiner aber waren mehre Kräfte zu
schimmernden Facetten ausgeschliffen. Klotilde hatte mit ihrem Bruder dieses
ganze Feuerzeug und diese Schwefelminen des Temperaments gemein; aber ihre
Vernunft deckte alles zu. Der reissende Blutstrom, der sich bei ihm von Felsen zu
Felsen schlug, zog bei ihr schon still und glatt durch Blumenwiesen.
    Ich säh' es gern, er erneuerte wieder mit dem Regierrat den Vertrag der
Freundschaft: ich würde dann seine Pfingst-Reise nach Maiental zu beschreiben
bekommen, die vielleicht das Septleva und das Beste wird, wozu es noch der
menschliche Verstand gebracht hat. Aus diesem Septleva wird aber nichts, wenn
sie nicht wieder Friede machen; neben jede Blume in Maiental, neben jede
Entzückung würde sich dem Freunde die abgegrämte Gestalt des Freundes stellen
und fragen: »Kannst du so glücklich sein, da ichs so wenig bin?« -
    Gescheiter wär' es, beide wären Mönche oder Hofleute; dann wäre ihnen
zuzumuten, dass sie, da die Freundschaft die Ehe der Seelen ist, entaltsam im
Zölibate der Seelen verblieben...
    Eben beim Schlusse des Kapitels bringt der Hund das neue, und ich flechte
beide gar ineinander und fahre fort:
    Ohne sonderliche Ärgernis über das Ausbleiben der Antwort aus Maiental ging
Viktor den 4ten Mai einsam nach St. Lüne und mit jedem Schritte, um den er näher
kam, wurde seine Seele weicher und versöhnlicher. - Als er ankam: - -
    Es gibt in jedem Hause Tage, die in der Litanei vergessen wurden -
verdammte, verteufelte, verhenkerte Tage - wo alles gekreuzt geht und die Quere
- wo alles keift und knurrt und mit dem Schwanze wedelt - wo die Kinder und der
Hund nicht Muck! sagen dürfen und der Erb-, Lehn- und Gerichtsherr des Hauses
alle Türen zuwirft und die Haus-Herrin das Schnarrkorpus-Register des
Moralisierens91 zieht und den Silberton der Teller und Schlüsselbunde anschlägt
- wo man lauter alte Schäden aufstöbert, alle Waldfrevel der Mäuse und Motten,
die zerknickten Sonnenschirm- und Fächerstäbe und dass das Schiesspulver und der
wohlriechende Puder und das Kavalierpapier dumpfig geworden und dass der
Wurstschlitten ausgesessen ist zu einem hölzernen Esel und dass der Hund und das
Kanapee im Hären begriffen sind wo alles zu spät kömmt, alles verbrät, alles
überkocht und die Kammerdonna die Stecknadeln ins Fleisch der Frau wie in eine
Puppe treibt - und wo man, wenn man sich bei dieser hundföttischen Krankheit
ohne Materie genugsam ereifert hat ohne Ursache, sich zufrieden gibt wieder ohne
Ursache - -
    Als Viktor anlandete in der Pfarre: hört' er den Geburtelden des Tages, den
Pfarrer, in seiner Studierstube dozieren und schreien. Eymann goss seinen
heiligen Geist in die langen Ohren seiner Katechumenen aus, in die keine
feurigen Zungen zu bringen waren. Er handhabte eine Dunsin aus einer Einöde
(einem einzigen Hause im Walde) und wollte vor ihr den Unterschied des Löse- und
des Bindeschlüssels aufklären. Es war aber nicht zu machen: der Kaplan und
Wiedergeborne hatte schon eine halbe Stunde über die Schulzeit mit dem Aufklären
zugebracht; die Dunsin vergriff sich immer in den Schlüsseln, als wäre sie eine
- Weltdame. Der Kaplan hatte seinen Kopf darauf gesetzt auf die Erhellung des
ihrigen - er stellte ihr alles vor, was Eisenholz und Eisensteine gerührt hätte,
sein heutiges Wiegenfest, die allgemein - versalzene Lust, die halbe
Überschuss-Stunde, um sie zu überreden, dass sie den Unterschied begriffe - sie
tats nicht, sie sah' ihn nicht ein - er liess sich zu Bitten herab und sagte:
»Schatz, Lamm, Bestie, Beichttochter, fass es, fleh' ich - mache deinem
Seelenhirten die Freude und repetier' ihm den ausserordentlichen Unterschied
zwischen Bind- und Löseschlüssel - mein' ichs denn nicht redlich mit dir? - Aber
mein Pfarramt fodert es von mir, dass ich dich nicht wie ein Vieh, ohne einen
Schlüssel zu kennen, weglasse. - Ermanne dich nur und sprich mir nur Wort für
Wort nach, teuer-erkaufte Christen-Bestie.« - Das tat sie endlich, und da sie
fertig war, sagt' er freudig: »So gefällst du deinem Lehrer, und merk ferner
auf.« - Draussen rekapitulierte sie es wieder, und sie hatte alles gut gefasset,
ausgenommen, dass sie statt der Bind- und Löseschlüssel allemal vernommen hatte
Bind- und Löseschüsseln. -
    Die Drillinge wollten erbärmlicherweise erst nach dem Essen kommen - Die
Seele der roten Appel dampfte eben darum ein Wildprets-Fümet aus und roch wie
angebrannte Milchsuppe und klagte, sie behielte alle Arbeit allein auf dem Hals,
und als Agate ihr beispringen wollte, sagte sie: »Ich kann es, Gott sei Dank!
so gut machen wie du!« - Der Regierrat war angelangt, aber leider wieder auf die
Felder hinausgelaufen bis zum Essen - Agatens Gesicht war wie ein Felsenkeller
von der Kälte ihres Bruders gegen Viktor ausgeschlagen - Nur die Pfarrerin war
die Pfarrerin, nicht bloss ein Vaterland, sondern ein Liebeatem reihete ihr Herz
an sein Herz, und es war ihr unmöglich, auf ihn zu zürnen. Sie liebte ein
Mädchen, wenn ers lobte; wäre sie ohne Mann gewesen: so würde sie entweder
Liebebrief-Stellerin oder Brief-Trägerin für ihn geworden sein. - So lieben
Weiber: ohne Mass! Oft hassen sie auch so. - Dazu setzet nun mein Korrespondent
noch, dass er aus dem Baddorfe einen ganzen Zeugenrotul zum Beweise ausziehen
könnte, dass die Pfarrerin nicht bloss allemal, sondern auch am heutigen Ventos-
und Pluvios-Tage es mit ungeschminkter Fassung einer Christin auszuhalten und zu
erleben vermochte, wenn eine etwas fallen liess, eine Tasse oder ein Wort. Zu so
etwas - zur Apatie gegen einen gegenwärtigen gänzlichen Verlust eines Suppen-,
eines Spülnapfes, eines Fruchttellers - ist vielleicht ebensoviel Gesundheit als
Vernunft vonnöten.
    - Endlich trat abends der Hofjunker ein und sagte, Flamin sei noch im
Garten. Viktor nahm es auf, als sei es ihm gesagt, und ging hinaus und trug sein
beklommenes Herz einem andern bangen entgegen. Flamin fand er in einer
überlaubten Ecke hinaufstarrend mit den Augen zum Wachsbilde des verstossenen
Geliebten; Viktors Herz ging wie zwischen Tränen schwer in der übervollen Brust.
Flamins Gesicht war nicht mit dem Panzer des Zorns, sondern mit dem
Leichenschleier des Kummers bedeckt. Denn hier auf dem Vorgrund einer hellen
warmen Jugend, gleichsam auf dem klassischen Boden der vorigen unersetzlichen
Liebe, wurde er zu weich und zu warm - auf dem Dorfe widerrief er die Härte der
Stadt - und was noch mehr war, lauter Freunde seines Freundes, lauter liebevolle
Lobreden auf den verschmähten Liebling drängten und wärmten sein verarmtes Herz,
und er konnte ihn hier noch leichter entschuldigen als entbehren. Viktor
bewillkommte ihn mit der sanften Stimme eines gedrückten Herzens, aber dieser
sagte alle Gedanken und Worte nur halb. Viktor schauete tief in die Seele, die
um die Freundschaft trauerte; denn nur ein Herz sieht ein Herz; so sieht nur der
grosse Mann grosse Männer, wie man Berge nur auf Bergen erblickt. Er hielt es
daher für kein Zeichen des Grolls, da Flamin langsam von ihm wegging; aber er
musste, so einsam da gelassen, seine Augen von der geweihten Erde des Gartens, wo
ihre Freundschaft sonst die Blüten geöffnet hatte, und von der Opferlaube, wo er
bei seinem Vater für Klotildens und Flamins Verknüpfung gesprochen, und von der
hohen Warte, dem Tabor der freundschaftlichen Verklärung, von allen diesen
Begräbnisstätten einer schönern Zeit musst' er die Augen abwenden, um die ärmere
zu ertragen. Allein das, was er nicht anschauen wollte, stellte er sich desto
heller vor.
    Jetzo dehnte die Gebet- und Abendglocke ihre melancholischen Bebungen aus
bis an die Herzen der Menschen - die vergangnen Zeiten schickten die Töne, und
die Abendklagen sanken wie heisse Bitten in die getrennten Freunde: »O söhnet
euch aus und geht zusammen! Ist denn das Leben so lang, dass die Menschen zürnen
dürfen, sind denn der gute Seelen so viele, dass sie einander fliehen können? O
diese Töne zogen um viele Aschen-Leichen, um manches erstarrte Herz voll Liebe,
um manchen geschlossenen Mund voll Grimm, o Vergängliche, liebt, liebt euch!«
- Viktor ging willig (denn er weinte) dem Freunde nach und fand ihn am Beete
stehen, worauf Eymann dessen Namens-F in Kohlrabi pflanzen grünen liess, und er
schwieg, weil er wusste, dass zu allen sympatetischen Kuren geschwiegen werden
muss. O eine solche schweigende Stunde, wo Freunde wie Fremdlinge nebeneinander
stehen und mit dem Verstummen das alte Ergiessen vergleichen, hat zu viele
Herzstiche und tausend erdrückte Tränen und statt der Worte die Seufzer!
    Viktor, so nahe am Freund, wollte, da unter dem Geläute seine schönere
Seele, wie Nachtigallen unter Konzerten, immer lauter wurde, von Minute zu
Minute an dieses schöne edle Gesicht, an diese zum Versöhnkusse geründeten
Lippen fallen - aber er erschrak vor der neulichen Abstossung. Er sah jetzo, wie
Flamin ins Beet immer weiter schritt und die Herzblätter der Kohlrabi langsam
umtrat und auseinander quetschte; endlich merkte er, dieses Zerknirschen des
grünenden Namens sei bloss die stumme Sprache der Trostlosigkeit, die sagen
wollte: »Ich hasse mein gequältes Ich, und ich möcht' es zermalmen wie meinen
Namen hier: für wen soll er?« - Das riss Blut aus Viktors Herzen und weggekehrte
Tränen aus seinem Auge, und er nahm sanft die lang entzogne Hand, um ihn
wegzuführen vom Selbermorde des Namens. Aber Flamin drehte sein zuckendes
Angesicht seitwärts nach dem wächsernen Schatten seines Freundes und sah, starr
abgekrümmt, hinauf. - »Bester Flamin!« sagte Viktor mit dem gerührtesten Laute
und drückte die brennende Hand. Da riss sie Flamin aus seiner heraus und stiess
mit den zwei Handballen die Tränentropfen in die Augen zurück - und atmete laut
- und sagte erstickt: »Viktor!«- und wandte sich mit grossen Tränen um und sagte
noch dumpfer: »Liebe mich wieder!« - Und sie stürzten zusammen, und Viktor
antwortete: »Ewig und ewig lieb' ich dich, so du hast mich ja nie beleidigt«,
und Flamin stammelte glühend und sterbend: »Nimm nur meine Geliebte, und bleibe
mein Freund!« - Viktor konnte lange nicht reden, und ihre Wangen und ihre Tränen
brannten vereinigt aneinander, bis er endlich sagen konnte: »O du! o du! du
edler Mensch! Aber du irrest dich irgendwo! - Nun verlassen wir uns nicht mehr,
nun wollen wir ewig so bleiben. - Ach wie unaussprechlich werden wir uns einmal
lieben, wenn mein Vater kömmt!«
    Hier holte sie die vielleicht um beide besorgte Pfarrerin ab, und Flamin
ehrte sie, was er selten tat, in seiner Erweichung mit einer kindlichen
Umarmung; und aus vier verweinten Augen las sie entzückt die Erneuerung ihres
unvergänglichen Bundes.
    Nichts beweget den Menschen mehr als der Anblick einer Versöhnung, unsere
Schwächen werden nicht zu kostbar durch die Stunden ihrer Vergebung erkauft, und
der Engel, der keinen Zorn empfände, müsste den Menschen beneiden, der ihn
überwindet. - Wenn du vergibst, so ist der Mensch, der in dein Herz Wunden
macht, der Seewurm, der die Muschelschale zerlöchert, welche die Öffnungen mit
Perlen verschliesset.
    Diese Aussöhnung zog gleichsam eine mit dem Glück nach sich - der
Brumaire-Abend wurde zu einem Floréal-Abend - die Drillinge assen vom gebratnen
Ruhm der Appel nach - der Pfarrer hatte mit keinen Schlüsseln weiter zu tun als
mit Löseschlüsseln, den geistigen Musikschlüsseln - und das Geburtfest war zu
einem Bundfeste aufgeblühet, zu einem Oppositionklub, wo sich alles, aber in
einem höhern Sinne als Quäker und Kaufleute, Freund nannte. Die Drillinge
hielten altbritische Reden, die nur freie Menschen verstehen konnten. Viktor
wunderte sich über die allgemeine Freimütigkeit vor einer so gestachelten
Schmeiss-Mouche, wie Mattieu war - aber die Engländer fragten nach nichts. Der
Pfarrer schickte Herzgebete ab und sagte: »er seines Orts nehme wenig Notiz
davon und bitte nur leiser zu haranguieren, damit er nicht in den Ruf käme, als
ob er pietistische Konventikel in seiner Pfarre zuliesse; inzwischen steif' er
sich ganz auf den Herrn Hofmedikus und Herrn Hofjunker, die ihn gegen Fiskalate
gewisslich decken würden; sonst würd' er Frau und Sohn nicht mit dreinsprechen
lassen.« Die Pfarrerin zog die Erinnerungen an ihr freies Vaterland den besten
Verleumdungen und Moden vor. Viktor musste heute sein Versprechen halten, seine
republikanische Ortodoxie ausser Zweifel zu setzen; und da er solches vor unsern
Ohren gab, wollen wir auch mit sehen, wie er es hält und ob er ein Alt-Brite
ist.
    Er ahmte meistens den Stil nach, den er zuletzt gelesen oder - wie heute -
gehört hatte; daher sprach er in Sentenzen wie der eine brennend-kalte
Engländer.
    »Kein Staat ist frei, als der sich liebt; das Mass der Vaterlandliebe ist das
Mass der Freiheit. Was ist denn nun diese Freiheit? Die Geschichte ist der La
Morgue-Platz92, wo jeder die taten Verwandten seines Herzens sucht: fragt die
grossen Toten aus Sparta, Aten und Rom, was Freiheit ist! Ihre ewigen Festtage -
ihre Spiele - ihre ewigen Kriege - ihre steten Opfer des Vermögens und Lebens -
ihre Verachtung des Reichtums, des Handels und der Handwerker können den
kameralistischen Landesflor nicht zum Ziel der Freiheit machen. Aber der
konsequente Despot muss den sinnlichen Wohlstand seiner Neger-Pflanzung
betreiben. Der Druck und die Milde, die Ungerechtigkeit und die Tugend eines
Einzelnen machen so wenig den Unterschied zwischen sklavischer und freier
Regierform aus, dass Rom eine Sklavin war unter den Antoninen, und eine Freie
unter dem Sulla93. - Nicht jeder Bund, sondern der Zweck des Bundes, nicht das
Vereinigen unter gemeinschaftliche Gesetze, sondern der Inhalt derselben geben
der Seele die Flügel des Patriotismus; denn sonst wäre jede Hansa, jeder
Handelsbund ein pytagorischer und zeugte Sparter. Das, wofür der Mensch Blut
und Güter gibt, muss etwas Höheres als beides sein; - eignes Leben und Vermögen
zu beschützen, hat der Gute nicht so viel Tapferkeit, als er hat, wenn er für
fremdes kämpft; - die Mutter wagt nichts für sich und alles für das Kind kurz
nur für das Edlere in sich, für die Tugend, öffnet der Mensch seine Adern und
opfert seinen Geist; nur nennt der christliche Märtyrer diese Tugend Glauben,
der wilde Ehre, der republikanische Freiheit. - Nehmt zehn Menschen, sperrt sie
in zehn verschiedene Inseln: keiner wird den andern (ich habe keine Weltbürger
genommen), wenn er ihm auf seinem Kahn begegnet, lieben oder beschützen, sondern
ihn bloss wie ein unschuldiges ungebildetes Tier unbeschädigt vorüberfahren
lassen. Werft sie aber sämtlich auf eine Insel94: so werden sie gegenseitige
Bedingungen des Beisammenlebens, des Unterstützens u.s.w., d.h. Gesetze machen -
jetzo haben sie öftern Genuss und Gebrauch des Rechts, folglich ihrer
Persönlichkeit, die sie von blossen Mitteln unterscheidet, folglich ihrer
Freiheit. Vorher auf ihren zehn Inseln waren sie mehr ungebunden als frei. Je
mehr die Gegenstände ihrer Gesetze sich veredeln, desto mehr sehen sie, dass das
Gesetz den innern Menschen mehr angehe als der Schuttaufen, den es beschirmt,
das Recht mehr als das Eigentum, und dass der edle Mensch seine Güter, seine
Gerechtsame, sein Leben verfechte, nicht wegen ihrer Wichtigkeit, sondern wegen
seiner Würde. - Ich will die Sache von einer andern Seite beschauen, um den Satz
zu verteidigen, womit ich die Rede anfing. Wenn ein Volk seine Verfassung
hasset: so geht der Zweck seiner Verfassung, d.h. seine Vereinigung, verloren.
Liebe der Verfassung und Liebe für seine Mitbürger als Mitbürger ist eins. Ich
hole so aus: wären alle Menschen weise und gut, so wären sie alle einander
ähnlich, folglich gewogen. Da das nicht ist: so ersetzt die Natur diese Güte
durch Ähnlichkeiten der Triebe, durch Gemeinschaft des Zwecks, durch
Beisammenleben u.s.w. und hält durch diese Bänder - der ehelichen, der
Geschwister-und der Freundesliebe - unsere glatten schlüpferigen Herzen zusammen
in verschiedenen Entfernungen. So erzieht sie unser Herz zur höhern Wärme. Der
Staat gibt ihm eine noch grössere, denn der Bürger liebt schon mehr den Menschen
im Bürger als der Bruder ihn im Bruder, der Vater im Sohn. Vaterlandliebe ist
nichts als eine eingeschränkte Weltbürgerliebe; und die höhere Menschenliebe ist
des Weisen grosse Vaterlandliebe für die ganze Erde. In meinen jüngern Jahren war
mir oft die Menge der Menschen schmerzlich, weil ich mich unvermögend fühlte,
l000 Millionen auf einmal zu lieben; aber das Herz des Menschen nimmt mehr in
sich als sein Kopf, und der bessere Mensch müsste sich verachten, dessen Arme nur
um einen einzigen Planeten reichten.« ...
    - Jetzo setz' ich wie in einer Komödie nur die Namen der Spieler vor die
Anmerkungen. Der kalt-philosophische Baltasar: »Daher muss die ganze Erde einmal
ein einziger Staat werden, eine Universalrepublik; die Philosophie muss Kriege,
Menschenhass, kurz alle mögliche Widersprüche mit der Moral so lange guteissen,
als es noch zwei Staaten gibt. Es muss einmal einen Nationalkonvent der
Menschheit geben; die Reiche sind die Munizipalitäten.«
    Mattieu: »Jetzt leben wir also erst im 11ten Oktober und ein wenig im 4ten
August.«
    Viktor: »Wir sehen, gleich dem David, den salomonischen Tempel nur in
Träumen und die Stiftütte im Wachen; aber die Philosophie wäre jämmerlich, die
von den Menschen nichts foderte, als was diese bisher ohne Philosophie
leisteten. Wir müssen die Wirklichkeit dem Ideal, aber nicht dieses jener
anpassen.«
    Der heiss-philosophische Melchior: »Die meisten jetzigen Bewegungen sind nur
Griffe, die ein unter dem Gehirnbohrer Schlafender nach der blutigen Gehirnhaut
tut. - Aber die fallende Stalaktite der Regentschaft tropfet endlich mit der
steigenden Stalagmite des Volkes zur Säule zusammen.«
    Flamin: »Setzen aber nicht Sparter Heloten voraus, Römer und Deutsche
Sklaven, und Europäer Neger? - Muss sich nicht immer das Glück des Ganzen auf
einzelne Opfer gründen, so wie ein Stand sich dem Ackerbau widmen muss, damit ein
anderer dem Wissen obliege?«
    Kato der Ältere: »Dann spei' ich aufs Ganze, wenn ich das Opfer bin, und
verachte mich, wenn ich das Ganze bin.«
    Baltasar: »Besser ists, das Ganze leidet freiwillig eines einzigen Gliedes
wegen, als dass dieses wider seine gerechte Stimme für das Ganze leide.«
    Mattieu: »Fiat justitia et pereat mundus.«
    Viktor: »Auf deutsch: das grösste physische Übel muss man vorziehen dem
kleinsten moralischen, der kleinsten Ungerechtigkeit.«
    Melchior: »Durch die physische, von der Natur gemachte Ungleichheit der
Menschen wird irgendeine politische so wenig entschuldigt als durch Pest der
Mord, durch Misswachs das Kornjudentum. Sondern umgekehrt muss eben die politische
Gleichheit das Ersatzmittel der physischen sein. Im despotischen Staat kann die
Aufklärung wie das Wohlleben an Innengehalt grösser sein, aber im freien ist sie
an Aussengehalt grösser und unter alle verteilt. Denn Freiheit und Aufklärung
erzeugen einander wechselseitig.«
    Viktor: »Wie Unglaube und Despotie. Ihre Behauptung zeigt den Völkern zwei
Wege, einen langsamern, aber gerechtern, und einen, der beides nicht ist. - Die
wilden Eingriffe ins Zifferblattrad der Zeit, das tausend kleine Räder drehen,
verrücken es mehr, als sie es beschleunigen, oft brechen sie ihm Zähne ab95:
hänge dich ans Gewicht des Uhrwerks, das alle Räder treibt; d.h. sei weise und
tugendhaft, dann bist du gross und unschuldig zugleich und bauest an der Stadt
Gottes, ohne den Mörtel des Bluts und ohne die Quader der Totenköpfe.« -
    Hier wird diese politische Predigt ausgeläutet, unter welcher Viktor seiner
sokratischen Haltung und Mässigung ungeachtet doch diese wilden Köpfe zu Freunden
des seinigen machte. Dem einzigen Mattieu war nur um Spott zu tun, auf den er
jeden Ernst zurückführte, anstatt es umzukehren. Er hatte in einem
eigentümlichen Grade jene Unverschämteit von Stand, gewisse Torheiten zugleich
zu begehen und zu verspotten, gewisse Toren zugleich zu suchen und zu verachten
und gewisse Weise zugleich zu meiden und zu loben. Wo er nur konnte, bewarf er
den gutmütigen Fürsten von Flachsenfingen mit satirischen Distelköpfen und
zeigte eine Feindseligkeit gegen den Ehemann, die sonst das Zeichen einer zu
grossen Freundschaft gegen die Frau ist. - So sagte er heute in Beziehung auf
Jenners oder Januars Neigungen, die mit seinem Monats- und Heiligen-Namen
abstechen: »Für den heiligen Januarius in Puzzolo96 war ein Fisch der Doktor
Kuhlpepper.« -
    Ich gesteh' es, ich habe unter dem ganzen Klub wieder den närrischen
Gedanken gehabt, den ich mir schon oft, so toll er ist, nicht aus dem Kopfe
schlagen konnte - denn er wird freilich ein wenig dadurch bestätigt, dass ich wie
ein Ateist nicht weiss, wo ich her bin, und dass ich mit meinem französischen
Namen Jean Paul durch die wunderbarsten Zufälle an ein deutsches Schreibepult
getrieben wurde, auf dem ich einmal der Welt jene weitläuftig berichten will -
wie gesagt, ich halt' es selber für eine Narrheit, wenn ich mir zuweilen
einbilde, es sei möglich, dass ich etwan - da in der orientalischen Geschichte
die Beispiele davon tausendweise da sind - gar ein unbenannter Knäsensohn oder
Schachsohn oder etwas Ähnliches wäre, das für den Tron gebildet werde und dem
man nur seine edle Geburt verstecke, um es besser zu erziehen. So etwas nur zu
überlegen, ist schon Tollheit; aber so viel ist doch richtig, dass aus der
Universalhistorie die Beispiele nicht auszukratzen sind, wo mancher bis in sein
28stes Jahr - ich bin um zwei Jahr älter - nicht ein Wort davon wusste, dass ein
asiatischer oder anderer Tron auf ihn warte, wovon er nachher, wenn er darauf
kam, prächtig herunter regierte. Setze man aber, ich würde aus einem Jean ohne
Land ein Johann mit Land, so ging' ich sofort aufs Billard und sagte jedem, wen
er vor sich hätte. Wäre einer von meinen Landskindern mit da und stiesse: so
würd' ich ihn dort sofort regieren - und eine Landstochter ohne Bedenken - Ich
würde mit Bedacht verfahren und nur mit Subjekten aus meiner
Billard-Gespannschaft die wichtigern Ämter besetzen, weil der Regent den kennen
muss, den er voziert, welches er beim Spiel bekanntlich am ersten vermag. Ich
würde meinen Landsassen und allen durch ein Generalreglement auf alle Zeiten
strenge befehlen, glücklich und wohlhabend zu sein, und wer arm würde, den
setzte ich zur Strafe auf halben Sold; denn ich denke, wenn ich die Armut so
nachdrücklich untersagte, so würd' es zuletzt so viel sein, als regierten Saturn
und ich miteinander. - Ich würde in meinem Staate nicht, wie ein Sultan in
seinem Harem, physische Stumme und Zwerge begehren, sondern nach Gelegenheit
moralische - Ich gesteh' es, ich hätte eine eigne Vorliebe für Genies und
stellte bei allen, sogar beim elendesten Posten die grössten Köpfe an. - Ich
würde mich vor nichts fürchten (Feinde ausgenommen) als vor der Kopfwassersucht,
vor der ein gekröntes Haupt oder ein infuliertes in Ängsten sein muss, wenn es
wie ich in dem Doktor Ludwig oder auch in Tissot von den Nerven gelesen hat, dass
dergleichen durch starke Binden um den Kopf am ersten entstehe, welches ich noch
mehr von meiner Krone befahre, zumal wenn der Kopf, der hineingetrieben wird,
dick ist und sie eng...
    Wir kommen wieder zur Geschichte. Den andern Tag kehrten Viktor und Flamin,
in den schönen, neu angezognen Schlingen des freundschaftlichen Bundes, nach
Flachsenfingen zurück. Jetzo konnte Viktor durch Maientals Himmelpforte
eingehen, wenn Klotilde sie nicht verriegelte. Alles kam auf Emanuels Antwort
an. Die Mailüfte wehten, die Malblumen dufteten, die Maibäume rauschten. O wie
fachte dieses Wehen die Sehnsucht an, alle diese Seligkeiten in Maiental zu
geniessen und das Einlassblatt zum schönsten Konzertsaal der Natur vom Freunde zu
bekommen. Es kam keines; denn es war schon - gekommen durch den Zeidler Lind aus
Kussewitz, der als Feudal-Postillon vom Grafen O an Mattieu gesendet worden und
den Weg über Maiental genommen hatte. Es war von Emanuel:
                                    »Horion!
Komm eher, Geliebter! Eil in unser Edental, das ein Gartensaal der Natur mit
grünenden Wänden zwischen lauter Gängen ist, die aus dem Himmel in den Himmel
laufen. Die blumigen lichten Stunden rücken vor dem Auge des Menschen vorüber
wie die Sterne vor dem Sehrohre des Himmelmessers. Blütenschlingen aus
Jelängerjelieber sind dir gelegt und mit Düften zugedeckt; und wenn du darin
gefangen bist, fassen die aufwallenden Düfte dich mit einer Wolke ein, und
unbekannte Arme dringen durch die Wolke und ziehen dich an drei Herzen voll
Liebe! Ich habe schon Maiblumen aus dem Walde ausgehoben und neben mich
gepflanzt - deine Stadt ist ja auch ein Wald um dich stille Maiblume. Ich habe
schon zwei Balsaminen und fünf Sommerlevkojen versetzt; aber meine erste
versetzte Balsamine war Klotilde. Du siehst, der Frühling streckt sich mit
seinen üppigen treibenden Säften auch durch meine aufknospende Seele, und der
Mai spaltet an ihr, wie ich jetzt an den Nelken, alle Knospen auf. Erscheine,
erscheine, eh ich wieder trübe werde, und sage dann deinem Julius, wer der Engel
war, der ihm den Brief an mich gereicht.
                                                                       Emanuel.«
                                       *
Julius hatte wahrscheinlich dabei wieder an jenen andern Brief gedacht, den ihm
ein bis jetzt unbekannter Engel zum Aufsiegeln auf diese Pfingsten gegeben -
Aber was gehen mich hier Engel und Briefe an? Kurier-schreiben will ich jetzt,
damit ich das 32ste Kapitel hinausgemacht habe, eh der Hund mit seinem 33sten
Pfingstkapitel auftritt, das nicht bloss, weil es 32 Kapitel-Ahnen hat, sondern
wegen der wahrscheinlichen Ausgiessung eines freudigen heiligen Geistes darin,
oder wegen eines ganzen Taubenflugs von heiligen Geistern, und wegen der
historischen Gemälde darin - und wegen meiner eignen Anstrengung - ein Kapitel
(glaubt man) werden muss, dergleichen in jeder dionysischen Periode kaum ein
halbes und in jeder konstantinopolitanischen ein ganzes kann geschrieben werden
- Der Pfingst-Hundtag kann lang ausfallen, aber gut und göttlich - Philippine
wird den Bruder rütteln und sagen (sie schmeichelt gern): »Paul! Paulus war auch
im dritten Himmel, aber so hat er ihn nicht beschrieben in seinen Briefen an die
Römer!« - Ich wollte selber, ich könnte meinen 33sten Hundtag lesen, bevor ich
ihn gemacht...
    Das Viele, was ich noch mit Wenigem und mit der bisherigen Eile herzuwerfen
habe, ist laut den Kürbis-Akten das: Viktor freuete sich ebenso wie ich auf die
Pfingst-Evangelien. Sein Gewissen setzte seinem Genusse nicht das dünnste
Speisegeländer, nicht den niedrigsten Weidstein weiter in den Weg, und er konnte
wie eine unschuldige Freude zur geliebten Klotilde gehen und sagen: nimm mich
an. Er tat jetzt die Abschied- und Krankenbesuche bei Hofe regelmässig ab und
schor sich um kein Wort voll Höllenstein und um kein Auge voll Basiliskengift.
Er verdoppelte die schönern Besuche bei Flamin, um dessen edle Versöhnung mit
einer wärmern Freundschaft zu belohnen, und er drückte auf die vergangne
Geschichte und auf den Gegenstand der Eifersucht das Sekretinsiegel des
schonenden Schweigens. Seine Träume stellten zwar bei ihrem Teater voll
Schattenspielen und Lufterscheinungen Klotildens Gestalt nicht an (gerade die
geliebtesten Gesichter versaget der Traum), aber indem sie ihn in die alten
dunkeln Regenmonate führten, wo er wieder unglücklich und ohne Liebe und ohne
die teuerste Seele war, so gaben sie ihm durch die niedergeregnete Nacht einen
hellern Tag, und die verdoppelte Wehmut wurde zur verdoppelten Liebe - Und wenn
er am Morgen nach solchen Träumen vom vergangnen Traum durch den Maien-Reif
neben den üppigen Freudentropfen der Weinreben und unter dem Morgenwind, der ihn
mehr trug als kühlte, hinaustrat, um die festen westlichen Wälder, die mit einem
grünen Vorhang die Opernbühne seiner Hoffnung verhingen, wie teure Reliquien mit
den sehnenden Augen zu betasten - - Ein Rezensent, der sich an meine Stelle
setzt, kann mir unmöglich bei dieser Kürze der Zeit und auf meiner
Extrapostkutsche des Phöbuswagen (jetzt in den kürzern Tagen) zumuten, o dem
langen Vorsatze seinen Nachsatz zu geben.
    Sogar der steilrechte Klimax des Barometers und das waagrechte Strömen des
Ostwindes fassten die Segel seiner Hoffnung an und zogen ihn in das stille Meer
der Pfingst-Zukunft und in den Kalender von 1793, um zu sehen, ob der Mond zu
Pfingsten voll wäre - Beim Himmel, er wirds wenigstens halb, welches noch viel
besser ist, weil man ihn sogleich bei der Hand mitten am Himmel hat, wenn man
seinen Abend anfangen will...
    Ich hab's doch durch ausserordentliches Rennen dahin gebracht, dass ich mit
dem 32sten Hundposttage fertig bin, eh Spitz mit seinem Freudenpokal am Halse
über das indische Meer gesetzt ist - Und da ich ohnehin nach der capitulatio
perpetua mit dem Leser (bei der bekanntlich die Fürsten- und Städtebank ins Gras
beisset) jetzt einen Schalttag machen muss: so will ich dazu die Vakanz des Hundes
verwenden; aber ich flehe alle meine Tagwähler und Kunden, die bisher am
Springstabe des Zeigefingers über die Schalttage weggesetzt sind, ernstaft an,
es bei diesem nicht zu tun, erstlich weil ich erbötig bin, mich erschiessen zu
lassen, wenn ich in diesem Schalttage mein obwohl unter mehren Regierungen
bestätigtes Schalttags-Privilegium, die witzigsten und tiefsinnigsten Sachen
vortragen zu dürfen, nur im geringsten exerziere - und zweitens weil der Hund
schon am Schalttage in den Hafen laufen und mir Fakta bringen kann, die ich
nicht im 33sten Hundtage auftische, sondern schon am - VIII. Schalttage oder an
der VIII. Sansculotide.
    - Der Inhalt davon ist, gleich der Gegenwart, ein toller Vorbericht von der
Zukunft. -
    Ich muss sagen, wenn erstlich Bellarmin (der katolische Vorfechter und
Kontradiktor) behauptet, jeder Mensch sei sein eigner Erlöser - woraus meines
Erachtens folgt, dass er auch seine eigne Eva und Schlange für seinen antiken
Adam ist - wenn zweitens die Feder eines ausserordentlich guten Autors eine
Lichtputze der Wahrheit ist, so wie umgekehrt dem Herrn von Moser im Gefängnis
die Lichtputze die Feder war - wenn drittens der Despotismus statt der
lebendigen Baumstämme zuletzt (denn er sägt in die Welt hinein wie blind) den
Tron-Sägebock selber zersägen kann - ferner muss ich sagen, wenn viertens jede
Handlung (sogar die schlimmsten) wie Christus zwei unähnliche Geschlechtregister
hat - wenn vollends fünftens ein und der andere Rezensent sein kritisches Auge,
womit er alles besieht, nicht auf dem Scheitel Wirbel trägt (wie etwan Muhammeds
Selige, um die Schönheiten nicht zu sehen), noch wie Argus hinten und vornen,
sondern wirklich vornen gleich unter dem Magen über dem Gedärm mitten im Nabel,
wenn dieser Mann noch dazu kein anderes Herz besitzt als das leinene, das die
Nähterin unten im Winkel des Hemdjabots einflickt und das auf der Herzgrube
aufliegt, die man gescheuter die Magengrube nennen sollte - endlich muss ich
sagen (wenigstens kann ichs), wenn sechstens wahrer Zusammenhang, strenge
Paragraphen-Verkettung vielleicht die grösste Zierde und Seele der ungebundnen
Rede ist, die aber einem gebundnen Klaviere gleicht, und wenn daher der
Verstand, wie eine epische Handlung, am Ende der (rhetorischen und der Zeit-)
Periode anfangen muss, weil sonst gar keiner da wäre:..
    - Es wird aber auch keiner mehr kommen. - Aber jene vier Punkte sehen wie
die Hasenfährte im Schnee aus. - Kurz: der Spitzhund, unser biographischer
Handlanger und Spediteur, liegt schon unter dem Tische und hat einige elysische
Felder und Himmelreiche abgeladen. - Da ich ohnehin im obigen nicht ganz wusste,
was ich haben wollte (ich will nicht gesund vor dem Publikum sitzen, wenn ichs
gewusst): so erwies mir der Hund einen wahren Liebedienst, dass er dem Perioden
den Nachsatz-Schwanz sozusagen gar abbiss. Es war ohnehin mein Plan, bloss so
lange Hasensprünge zu machen in einem ellenlangen Perioden, bis der Hund mir die
Angst über die Zweifelhaftigkeit der Pfingstreise benommen hätte. - Überhaupt
wollt' ich nie Worte und Gedanken miteinander aufwenden, sondern diese sparen,
wenn ich jene vertat; Peuzer schrieb längst an die Regensburger und Wetzlarer:
viele Gedanken brauchen einen kleinen Wortfluss, aber je grösser der Bach ist,
desto kleiner kann das Mühlrad sein. - Einen rechtschaffenen Rezensenten kränkt
ein lakonisches Buch auch schon darum (nicht bloss weil das Publikum es nicht
versteht), weil ein Deutscher ja an den Juristen und Teologen die besten Muster
vor sich hat, weitschweifig zu schreiben, und zwar mit einer Weitläuftigkeit,
die vielleicht - denn der Gedanke ist die Seele, das Wort der Leib - unter den
Worten jene höhere Freundschaft der Menschen stiftet, die nach Aristoteles darin
besteht, dass eine Seele (ein Gedanke) in mehrern Körpern (Worten) zugleich
wohnet. -
    - Ich hebe Viktors Vigilie, den heiligen Abend vor Pfingsten, jetzt an. Es
war schon Sonnabend - der Wind ging (wie die Wissenschaften) von Morgen - das
Quecksilber sprang in der Barometerröhre (wie heute in meinen Nervenröhren) fast
oben hinaus. - Flamin war friedlich von seinem Freunde am Freitage geschieden
und kehrte vor fünf Tagen nicht zurück. - Viktor will morgen, am ersten
Pfingsttag, vor der Sonne aufbrechen, um am dritten wieder zurückzukommen, wenn
sie in Amerika aussteigt. (Ich wollt', er bliebe länger.) - Es ist ein schöner
blauer Montag in der Seele (jeder blaue Tag ist einer) und eine schöne
Dispensation von der Trauerzeit des Lebens, wenn man (wie mein Held) das Glück
hat, an einem heiligen Abend, unter dem Gebetläuten, und wenn der Mond schon
über die Häuser herauf ist, vor den Aussichten in die schönsten Pfingsttage und
in die schönsten Pfingstgesichter, ruhig und schuldlos in Zeusels Erker zu
sitzen, alle Voressen der Hoffnung anzuschneiden, alle Vorsteckrosen und
Anzeigen des schönsten Morgens zu sammeln und unter den lärmenden
Budenvorspielen des Festes den zweiten Teil der Mumien gerade in den
Freudensektoren zu lesen, wo ich meinen und Gustavs Einzug in das himmlische
Jerusalem zu Lilienbad abzeichne. - - Alles das hatte, wie gesagt, der Held....
    Aber als er, der zwischen seiner Pfingstreise und jener Badreise im Buche so
viele Verwandtschaft ausfand, endlich mit seiner bewegten Seele an die
Zerstörung jenes Jerusalems kam: so sagte er mit dem ersten traurigen Seufzer
für heute: »O du gutes Schicksal, ein solches Schlachtmesser lege nie am Herzen
meiner Klotilde an: ach ich stürbe, wenn sie so unglücklich würde wie Beate.« -
Und er dachte weiter nach, wie die roten Morgenwolken der Hoffnung nur
schwebender erhöhter Regen sind und wie oft der Schmerz der bittere Kern der
Entzückung ist, gleich dem goldnen Reichsapfel des deutschen Kaisers, der zwar 3
Mark und 3 Lot schwer ist, aber innen mit Erde ausgefüllet...
    Beim Himmel! wir versalzen uns da alle mit Nachtgedanken den heiligen Abend
ohne Not, und es weiss keiner von uns, warum er so seufzet. - Ich habe ja das
ganze Pfingstfest schon kopeilich vor mir, und es steht kein einziges Unglück
darin, es müsste denn Viktor noch einen vierten Pfingsttag als Nachsommer
anstossen, und in diesem müsste es etwas absetzen. Ich gestehe es, ich bin gern
ästetischer frère terrible und setze der Welt, die in meine unsichtbare
Mutter-Loge sich hineinlieset, gern den Degen auf die Brust und dergleichen
Streiche mehr - das kömmt aber davon, weil man in der Jugend Werters Leiden
lieset und besitzt, von welchen man, wie ein Messpriester, ein unblutiges Opfer
veranstaltet, ehe man die Akademie bezieht. Ja wenn ich noch heute einen Roman
verfasste: so würd' ich - da der blauröckige Werter an jedem jungen Amoroso und
Autor einen Quasichristus hat, der am Karfreitage eine ähnliche Dornenkrone
aufsetzt und an ein Kreuz steigt - es auch wieder so machen....
    - Aber es ist Zeit, dass ich mein Maiental öffne und jeden einlasse. Ich
will nur nicht länger verheimlichen, dass ich gesonnen bin, dieses ganze Paphos
und Rittergut an den Leser gar zu verschenken, wie Ludwig XI. die Grafschaft
Boulogne der heiligen Maria zuwarf. Ich gedenke dadurch vielleicht über andere
Schriftsteller, die ihren Lesern nur ihre Kiele bescheren, ebenso weit
vorzustechen als der König über den alten Lipsius, der der Maria nur seine
silberne Feder vermachte. Anfangs wollt' ich dieses Elysium mit seinen
dreimähtigen Wiesen und Nadelhölzern selber behalten, weil ich im Grunde ein
armer Teufel bin und wirklich nicht mehr einzunehmen habe als ein Prinz von
Württemberg sonst, nämlich 90 fl. rhn. Apanage und 10 fl. zu einem Ehrenkleide,
und weil ich mir auf die mir von Gott und Rechts wegen zuständigen zwei
Quadratmeilen Landes - denn soviel wirft die ganze Erde bei ihrer gleichen
Zerschlagung nach einem guten Teilplane auf den Mann aus - wahrlich so wenig
Rechnung mache, dass ich die zwei Meilen an jeden gern um einen elenden
Schaf-Pferch hingeben will. - Und was mich am meisten zurückzog, diese Schenkung
unter den Lebendigen mit meinem Maiental zu machen, war die Sorge, dass ich ein
Feudum Leuten, Lesern, Landboten, Knäsen zuwende, die tausendmal grössere
Woiwodschaften und Schatullgüter innenhaben und die man aufbringt, wenn man sie
der Maria ähnlich macht, die aus einer Himmels-Königin eine Gräfin von Boulogne
wurde, oder dem römischen Kaiser, der zugleich am Kröntage ein Mitglied des
Marienstifts zu Aachen werden muss. -
    Aber was können denn alle ihre Majorate - ihre Deutschmeistereien-ihre
Afterlehn - und ihre patrimonia Petri (eine Anspielung auf mein patrimonium
Pauli) - und ihre grossväterlichen Güter und alles ihr auf das Erdenschiff
geladne Schiffgut, kurz ihre europäischen Besitzungen auf der Erde, was können,
sag' ich, diese Holländereien für Produkte liefern, die vor den maientalischen
nur von weitem beständen? Und wachsen auf ihren Kronengütern himmelblaue Tage,
Abende voll seliger Tränen, Nächte voll grosser Gedanken? - Nein, Maiental trägt
höhere Blumen, als die das Vieh abreisset, schönere Hesperiden-Äpfel, als die
Obstkammern bewahren, überirdische Schätze auf unterirdischen,
Eden-Kompetenzstücke, wie Klotilde und Emanuel sind, und alles, was unsre Träume
malen und unsre Freudentränen begiessen. -
    - Und eben dies entschuldigt mich, wenn ich das maientalische
Freuden-Tafelgut tausend Mitwerbern abschlage, wenn ich als dessen Lehnprobst
mit diesem schwäbischen Schupflehn nicht belehnen kann solche Leute, die auch zu
keinem eigentlichen Feudum taugen, moralische Blinde, Lahme, Minderjährige,
Verschnittene etc. - Und hier muss ich mir viele Feinde machen, wenn ich aus den
Vasallen und Mitbelehnten, denen man das Maiental mit allen seinen poetischen
Nutzniessungen zu Lehn gibt, namentlich alte Salbader ausstosse, die den
Rittersprung der Phantasie nicht mehr tun können- 47 Scheerauer und 103
Flachsenfinger, deren Herzen so kalt sind wie ihre Kniescheiben oder wie
Hundschnauzen - die grössten Minister und andere Grosse, an denen wie an grossen
gebratnen Fleischklumpen bloss die Mitte noch roh ist, nämlich das Herz - 1/2
Billion Ökonomen, Juristen, Kammer- und Finanzräte und Plus-, d.h. Minusmacher,
in denen die Seele, wie an Adam der Leib, aus einem Erdenklosse geknetet worden,
die einen Herzbeutel haben, aber kein Herz, Gehirnhäute ohne Gehirn, Pfiffigkeit
ohne Philosophie, die statt des Buchs der Natur nur ihre Manualakten und
Steuerbücher lesen - endlich die, die nicht Feuer genug haben, um vor dem Feuer
der Liebe, der Dichtkunst, der Religion zu entbrennen, die statt weinen greinen
sagen, statt dichten reimen, statt empfinden rasen....
    Bin ich denn toll, dass ich mich hier so erbose, als wenn ich nicht auf der
andern Seite das schönste Leser-Kollegium, das ich zum primus adquirens des
maientalischen Männer- und Kunkellehns erhebe, vor mir hätte; eine mystische
moralische Person, die es einsieht, dass der Nutzen nur eine niedrigere Schönheit
und die Schönheit ein höherer Nutzen ist? - Es ist allen Empfindungen eigen
(aber nicht den Einsichten), dass man sie nur allein zu haben glaubt. So hält
jeder Jüngling seine Liebe für eine ausserordentliche Himmelerscheinung, die nur
einmal in der Welt sei, wie der Stern der Liebe, der Abendstern, oft einem
Kometen gleichsieht. Aber es wird nicht lauter Flachsenfinger und Holländer
geben, die auf die Alpen steigen, weniger um grosse Gedanken und Erhebungen, als
um Sedes97 zu haben, oder zu Schiffe gehen, nicht um auf das erhabne Meer den
Blick des Dichters zu werfen, sondern um die Schwindsucht zu verfahren...
Sondern es wird überall in jedem Marktfleck, auf jeder Insel schöne Seelen
geben, die der Natur am Busen ruhen - die die Träume der Liebe achten, wenn auch
sie selber aus ihren eignen wach geworden - die mit rauhen Menschen umpanzert
sind, vor denen sie ihre Idyllenphantasien über das zweite Leben und ihre Tränen
über das erste verhüllen müssen - die schönere Tage geben, als sie empfangen -
diesem ganzen schönen Bunde mach' ich das verschenkte Feudum von Maiental,
wovon schon so viel Redens war, endlich auf und gehe als beleihender Lehnhof mit
einigen Freunden und Freundinnen und meiner Schwester vorn an der Spitze voran
hinein.
Nachschrift oder eigenhändige Dispensationbulle. Der Berghauptmann kann nicht
leugnen, dass der S.T. Verfasser dieser Lebensbeschreibung dadurch, dass der
Hundfaulist, und dass diese Posttage voluminöser sind, und dass er in diesem
Kapitel gar zwei in eines zusammengeschmolzen hat, hinlänglich bei denen
entschuldigt ist, die das Recht haben, ihn zu fragen, warum er erst in der Mitte
des Septembers oder Fruktidors den 32sten Posttag hinausgebracht. Vier Monate
weit sitzet er noch mit seiner Beschreibung von der Geschichte ab. 1793. J. P.
 
                               Erster Pfingsttag
                               (33. Hundposttag)
        Polizeiordnung der Freude - Kirche - der Abend - die Blütenhöhle
Viktor war am Pfingstmorgen kaum aus seinem Schlafe, obwohl nicht aus seinen
Träumen erwacht: so sagte ihm das Leisereden aller seiner Gedanken, die
elysische Stille durch sein ganzes Herz, dass heute seine Sabbatwochen angehen.
Ohne Vorwürfe und Vorsätze eines Fehltritts, ohne einen Seufzer seines Gewissens
ging er unschuldig der Freude und der Liebe entgegen. Je zärter und weicher eine
Blume der Freude ist, desto reiner muss die Hand sein, die sie abbricht, und nur
tierische Weide verträgt den Schmutz; so wie diejenigen, die den Kaisertee
abpflücken, sich vorher alle grobe Kost versagen, um das gewürzhafte Laub
unbesudelt abzunehmen. - Viktor hatte draussen kaum Morgenröte genug, um auf
seiner breiten Stundenuhr vom Zeidler Lind die erste Stunde seines Sabbats zu
sehen; aber diese Uhr, der Schrittzähler auf dem so schönen Lebenswege des
Bienenvaters, und der Frühgottesdienst der Natur, der in Stille besteht, machten
seinen Vorsatz fester, sein jetziges Leben dem zweiten nach dem Tode als einen
stillen, kühlen, gestirnten Frühlingmorgen vorauszuschicken.
    »Bei euch schwör' ich« - sagt' er, als nach und nach immer mehr Lerchen aus
ihrem Tau mit Singen in die Morgen-Hora stiegen - »ich will, sogar in der
Freude, gelassen bleiben ganze dreissig Jahre lang in einem fort, wenigstens drei
ganze Pfingsttage - ich will ein Universität- und Hausfreund, aber nicht ein
Werterscher Liebhaber der Freude sein - Handelt nicht der Mensch, als müsste
sein Lebensteig eine Brücke zusammengeschobener Honigwaben sein, durch die er
mottenartig sich durchzukäuen habe, als wären seine Hände nur zwei Zuckerzangen
der Lust? - Ich will wieder meinen Freuden und meinen Schmerzen den Scherz als
einen Zaum anlegen. Die warmen Tränen der Melancholie, besonders die der
Entzückung, eine Art heisser Dämpfe, die stärker treiben und zersetzen als
Schiesspulver und papinische Maschinen, will ich wohl noch vergiessen, aber vorher
ein wenig kühlen. - Und wenn ich Klotilde nicht jeden Vormittag ansichtig werde:
so will ich bloss sagen: ein Mensch kann nicht immer im dritten Himmel sein, er
muss auch zuweilen im ersten übernachten.« - - Er hat vielleicht mehr Recht als
Kraft; aber es ist wahr, die Gesundheit des Herzens entfernet sich gleich weit
von hysterischen Zuckungen und von phlegmatischer Erstarrung, und die Entzückung
grenzet näher an den Schmerz als die Ruhe. Aber keine Ruhe und Kälte ist etwas
wert als die erworbene - der Mensch muss der Leidenschaften zugleich fähig und
mächtig sein. Die Überströmungen des Willens gleichen denen der Flüsse, die alle
Brunnen eine Zeitlang verunreinigen; nehmet ihr aber die Flüsse weg, so sind die
Brunnen auch fort. -
    Das Morgenrot deckte eine ferne Sonne nach der andern zu; und als endlich
die nahe aufgegangen war oder vielmehr die Natur: so konnte Viktor - sehen und
lesen und mein Werk (die bekannten Mumien) aus der Tasche ziehen. Ein Buch war
für ihn in der treibenden freien Natur eine Gartenschere seiner üppig
aufschiessenden Träume und Freuden. Dieser mit einem ganzen Frühling prangende
Morgen, dieses Schimmern auf allen Bächen, dieses Summen aus Blüten in Blüten,
dieses hängende blaue Meer, worüber die Sonne wie ein Bucentauro schiffte, um
auf den Meergrund der Erde den Vermählungring zu werfen, eine solche Gegenwart
würde neben einer solchen Zukunft schon in der dritten Stunde ihm die Kraft
genommen haben, seiner neuen Staatverfassung zufolge über seine Wonne zu
regieren und immer soviel Ruhe zu bewahren, als zur Mitteltinte zwischen einem
entzückten und einem trüben Tage nötig ist - ich sage, er würde das nicht
vermocht haben ohne seinen Lebensbeschreiber, ich meine, wenn er nicht mein Buch
vorgenommen hätte, in dessen zweiten Teile er noch den Schulmeister Wutz zu
lesen hatte. Aber dieses gelehrte Werk setzte - getrau' ich mir ohne Eigendünkel
zu schmeicheln - seiner Entzückung die ordentlichen Grenzen. Denn so indem er
lesend ging (wie andere, z.B. Rousseau und ich, lesend essen und bald aus dem
Teller, bald aus dem Buche einen Bissen nehmen) - indem er dem Leben des
Schulmeisters so lange zuschauete, bis ein neues Tal aufging oder ein neues
Wäldchen indem er bald diesem abgedruckten Kantor, bald einem lebenden
zuhorchte, vor dessen Pfingstliedern er vorbeiging: so konnte er seine Ideen bei
allen ihren Rondos und Rösselsprüngen in einer solchen schönen Ballordnung und
Kirchenzucht erhalten, dass er so glücklich war als der gelesene Wutz. Ich schrie
ihm noch dazu in einem fort aus meinen Mumien zu, gescheit zu sein und auf mein
Schulmeisterlein als einen Flügelmann der Freudenhandgriffe achtzugeben und
jeden Tag, jede Stunde auszukernen. »Ich bin ohnehin verdammt,« (sagt' er) »wenn
ichs nicht tue: ist denn nicht, du guter Gott, schon das Gefühl des Daseins ein
stehendes Vergnügen und der erste süsse Imbiss nach jedem Erwachen?« - Er dachte
zwar daran, dass die Kultur uns Brillen gebe und dafür die Zungenwärzchen nehme
und uns die Freuden durch bessere Definitionen derselben vergüte (so wie der
Seidenwurm als Raupe Geschmack, aber keine Augen, und als Schmetterling Augen
ohne jenen hat), er gestand sich zwar zu, er habe zu viel Verstand, um soviel
Vergnügen zu haben wie der Auentaler Schulmann Wutz, und er philosophiere dazu
zu tief; aber er bestand auch darauf: »eine höhere Weisheit müsse doch (weil
sonst der Allweise der Allunglückliche sein müsste) wieder aus dem schwülen
Hörsaal-Parterre den Weg in ein Blumenparterre finden. Hohe Menschen tragen wie
die Berge den süssesten Honig.«...
    Ob er gleich schon im letzten Dorfe, gleichsam der Vorstadt von Maiental,
ausläuten hörte: so erzürnte er sich doch nicht über die Verspätung des
Eintritts. Ja um sich selber zu zeigen, er sei der Philosoph Sokrates, schritt
er mit Fleiss träger fort und libierte nicht wie der Atener den Freudenbecher,
sondern füllte ihn gar noch nicht. »Werde immer«, sagt' er zu einem aus
Lilien-Samenstaub zusammengelaufenen Wölkchen, »vor mir früher über die Guten
geweht, du Wolkensäule vor dem gelobten Land! - Und dein kleiner Schatten
silhouettiere ihnen den festern, der träger nachkömmt und den das Himmelblau
später einsaugt!« - Und eh' ihn der herumgekrümmte Fusssteig vor das mit Blumen
behangne Tor des Tals stellte, worin die geliebte Wiege und Baumschule seiner
schönen dreitägigen Zukunft stand: so hielt ihn noch eine zugeknöpfte Distel
auf, um deren versiegelte Honiggefässe ein weisser Schmetterling seine dritte
Parallele zog - und die musivischen Disteln auf Le Bauts Diele traten vor ihm
ins Leben und zeigten ihm die Stacheln der Vergangenheit; da fand er es jetzt
unbegreiflich, wie er seine Schmerzen ertragen können, und leichter, den
Freudenhimmel zu tragen.....
    Er zog Linds Uhr heraus, um die Geburtstunde seiner Honig- und Flitterzeit
zu wissen - gerade um 11 Uhr trat er vor das nette Dorf, vor das Treibhaus
seines Himmels, vor die Pflanzstadt seiner Hoffnung, vor Eden.... Ach das
säuselnde, in Lauben verwachsene Dörfchen schien alle seine blühenden Zweige als
Arme um ihn zu legen und ihn an sich zu stricken; es war grün und weiss und rot -
nicht angestrichen, sondern überlaubt und überblüht. Und als er unter dem
Ausläuten - um sich die Umarmung seines Emanuels geizig aufzusparen, und um den
maientalischen Kirchengesang mit einem von der Natur geöffneten Herzen zu
beschleichen - in das lange saubere Dörfchen sich stahl und den Freundschaftzoll
auf eine Minute bei Emanuels Hause umfuhr: so war ihm, als wenn sein stillfrohes
Herz sich in den stillen Gassen mit den Vögeln auf den die Fensterscheiben
vergitternden Kirschenzweigen wiegte und mit den Bienen in den Kirschenblüten
schwankte. »Komm nur herein,« (schien alles zu sagen) »du guter Mensch, wir sind
alle glücklich, und du sollst es auch werden.« - Er trat an die blanke Kirche,
deren blendende Übertünchung dem Himmelblau durch den Abstich ein erhabenes
Dunkel zuwarf, und sein pochendes Herz zitterte glücklich mit der wogenden Orgel
darin und mit der vor dem Kirchtore raschelnden eingerammten Birke und mit dem
trocknen, vom Morgenwind gebeugten Maienbaum mitten im Dorfe....
    »Aber«, sagt mein Leser, »konnte denn sein Auge so lange die schönern
Prospekte und sein Herz die geliebtere Schönheit entraten und statt der Abtei
nur die Kirche aufsuchen?« - O er sah zu allererst nach jener, und sein Auge
lief zitternd um alle Fenster seines Sonnentempels; aber da er daran alle offen
und leer und alle Vorhänge aufgezogen antraf: so vermutete er, dass die schönen
Konklavistinnen desselben und darunter die Konklavistin seiner Brust da wären,
wo er sie suchte - - und fand: im Tempel. Er stieg unter dem Heruntertraben der
Kirchgänger ungehört hinauf in die aussen leer scheinende adelige Frontloge,
dieses Blumengestell der Stift-Nonnen. Es war heute nichts darin als entfallne
Birkenblätter; denn die sämtlichen Nonnen und die Äbtissin und Klotilde standen
- unten in der Kirche und fassten den Altar mit einem Chor von singenden Engeln
ein und empfingen daran das Abendmahl. - Mit einem Freudenschauer blickte er die
Königin seines Himmels an, die so teuer Geliebte und so Unverdiente, den
glänzenden Engel, der seine Hülle aus Erdenschnee mit der himmlischen Wärme zu
Tränen zerschmilzt, um bald unsichtbar zu werden. - - Sein Geist bog sich, als
sie kniete: »Himmelfrieden trinke« (sagt' er) »aus dem Ordenkelch des grossen
Menschen, unter dessen Gedanken keine Wolke und kein Seufzer war - o der
Gedanke, den du jetzo mit so fester Andacht anschauest, müsse immer leuchtender
und unbeweglich wie eine Sonne werden und immer ein warmes Abendlicht über die
müde Seele werfen!« - Dieser Engel im Trauerkleide zog in seinem Innern durch
eine Totenauferweckung alle Tugenden seines Lebens und alle Fehler desselben
herauf und gab jenen einen Himmel und diesen ihre Hölle; daher war er jetzt zu
heilig, um eine Heilige zu stören durch seine Erscheinung, wenn anders ihr
ruhendes, nur in fromme Rührungen eingesenktes Auge, das nicht einmal auf die
nähern frommen Schönheiten zur Höhenmessung der Taille fiel, sich bis zu ihm
hätte versteigen können. Die Birke am ersten Fenster der Empor nahm er als
belaubten Fächer vor; - dieser grüne, an seinen Wangen spielende Schleier
bedeckte seine Aufmerksamkeit und seine Freudentränen vor der ganzen Kirche. Der
Ort, wo er so glücklich war, schien, nach einer Glas-Inschrift zu urteilen,
sonst der gewöhnliche Stand Klotildens gewesen zu sein; denn Giulias ihrer war
darneben, wie ich gewiss weiss, weil auf dem Logenfenster ein von einem Kranz
umfasstes G und K eingeschnitten war mit den Worten von Giulia: »So vereinen uns
die Blumen des Lebens und der Zirkel der Ewigkeit.«. ..
    Viktor schlich ungesehen und früh sich aus dieser Bilderblinde weggestellter
Göttinnen fort und trug das von der Liebe gefüllte Herz an die offne Brust der
Freundschaft - an Emanuel. Er sah schon dessen Stiftütte im Tempel der Natur-
als seine Entzückung aufgeschoben wurde durch eine frühere. Julius lag im
blühenden Grase, von dessen Wellen bespült, und hielt einen Kirschenzweig voll
offner Honigkelche in der Hand, um die Bienen an sich zu ziehen und sich an
ihrem summenden Schweben über den Blüten zu belustigen. Viktor umschlang ihn und
vergass in der Entzückung, seinen Namen zu nennen - »Bist du mein Engel?« sagte
er. - »Ich bin nur dein Viktor!« - »O komm, o komm!« sagte der Blinde, wie ein
Wohllaut bebend, und zog den Freund zu Emanuels Haus; aber er führte ihn, hinter
der Wolke seiner Augen, den längern Weg und drehte sich noch dazu bei jedem
vierten Schritte um zu einer erneuerten Umschlingung.
    Als sie ans Wasserrad kamen, das seine Giesskannen laut auf die Blumensaaten
ausschüttete und dessen zersplitterte Blitze an den Fenstern und an der
Stubendecke Emanuels flatterten: so sagte der Blinde: »Umfasse mich noch einmal
recht sehr.« - Aber unter dem Getöse der Regengüsse und unter der Betäubung der
Liebe wurden sie von andern Armen als den ihrigen zusammengedrückt, und die zwei
jungen Herzen wurden an ein drittes angereiht, und der Indier schauete wie ein
Gott der Liebe zwischen sie und sagte: »O ihr guten Jünglinge, bleibet immer so
und weinet fort in eurer seligen Liebe! Sei gesegnet, mein Horion, sei
willkommen im grossen Frühling um uns her!« - Und als Emanuel und Viktor
aneinandersanken, so war es, als ob alle Blumenbeete sich vor Wonne niederbögen,
als ob alle Wogen lichter flammten unter darüberfliegenden überirdischen
Blitzen, als ob die Zephyre von Seufzern der Liebe anschwöllen, als ob höhere
Wesen im freudigen Übermasse flüstern müssten: o, ihr guten Menschen, ihr liebt
ja wie wir! -
    Ein Arm aus einem Paradiesesflusse trug diese liebende Dreieinigkeit hebend
in die übergrünten Zimmer, und hier sah erst Viktor, dass der Frühling auf
Dahores Wangen war und der Sommer in seinen Augen, so wie zwölf Wonnemonate in
seinem Herzen. Die weissen Trauerrosen auf seinen Wangen, die immer als
Mauerkronen des Todes dem Johannistage entgegenzublühen schienen, waren den
roten gewichen - kurz Emanuels Gestalt gab die Hoffnung, dass er über seinen Tod
ein falscher Prophet gewesen sei. - -
    In diesem wehenden Zimmer, dessen goldne Wandleisten Lindenäste und dessen
Prachttapeten Lindenblättern waren, und über dessen Tür als Türgemälde der
Widerschein und die Nebensonnen des schimmernden Wasserrades zitterten, in
diesem vom Freudenmeere der Natur umbrauseten Eiland von Zimmer, durch dessen
offne Fenster die Zephyre Schmetterlinge und Bienen über die Fensterblumen in
die Linden warfen, gingen meinem Helden, dem noch dazu das Mittaggeläute wie ein
Geläute zu einem Friedenfeste der Erde vorkam, die Blumen der Freude, worin er
watete, bis an das Herz. - Emanuels Poesie klang ihm in dieser epischen
Berauschung wie Prose; er war gleichsam eingesunken in ein Blumengebüsch und
erblickte oben darüber einen genesenen Unsterblichen, der die Blütenüberhüllung
auseinanderbog - und noch höher eine ewige Pfingstsonne im endlosen Blau - und
näher das Spriessen des Blumenlaubes und das Bienengewimmel darüber - und eine
goldne Morgenröte als Einfassunggewächs rund um die ganze bunte rauchende
Waldung geschlungen....
    - Beim Himmel! nur in einer unfigürlichen solchen Blumenholzung zu liegen,
wäre schon etwas - geschweige gar in einer metaphorischen! - Viktor war fromm
aus Freude, aus Überfüllung still, aus Dankbarkeit genügsam. Der Anblick des
gemeinschaftlichen Lehrers gab zwar Klotildens Bilde wärmere Farben und seiner
Seele höhere Flammen, aber seinen Wünschen keine Unersättlichkeit und keine
Ungeduld.
    
    Emanuel sprach sogleich von dieser geliebten Schülerin; gar nicht als ob
Klotilde ihm den dritten Osterfeiertag klar erzählt oder als ob Emanuel ihn
erraten hätte, sondern dieser unschuldige Mensch wusste nur den Unterschied
zwischen Liebe und Freundschaft nicht, und er hätte so gut von sich als von
Viktor gesagt, er liebe sie. Und eben diese kindliche Unbefangenheit, die einer
offnen weiblichen Herzenskammer keine Durchganggerechtigkeit, keine Breschen
ablauerte, sondern die eignen entblösste, und die keine Geständnisse erangelte,
keine verargte, keine benutzte, diese musste mit dem gordischen Nervenknoten der
Sympatie die scheueste weibliche Seele an eine so offne männliche binden. Ja,
ich glaube, Klotilde hätte ihre Liebe leichter ihrem Lehrer als ihrem Geliebten
bekannt. - Da ihm dieser Emanuel nun erzählte, wie er ihr alle Szenen seines
vorigen Hierseins vorgemalet habe - und alle seine Entzückungen - und sein
Geständnis der Freundschaft für sie - wie er ihr seine Briefe vorgelesen und wie
der zweite (jener trostlose in der Nacht des Stamitzischen Konzerts) so viele
Tränen in ihre Augen getrieben - und da Viktor sah, wie sehr sein Freund ihre
Liebe wie einen zugehenden Tulpenkelch auseinandergehaucht habe: so fachte
dieses seine Liebe für sie, seine Freundschaft für ihn bis zur Andacht an, und
er küsste selig verlegen den Blinden. Aus dieser verdoppelten Liebe erklärt' er
sich jetzt Klotildens leichte Einwilligung in seine Pfingstreise.
    Er hätt' es für einen Engels- und Petrus-Abfall von der Freundschaft
gehalten, bei Emanuel nicht geradezu anzufragen, wann er diese Geliebte - der
Tugend sehen dürfe. »Jetzt!« sagte dieser, der ungeachtet seiner indischen
achtenden Milde gegen die Weiber die Nasenringe, Bindeschlüssel und Dämpfer
unserer Harams-Dezenz nicht kannte. Aber Viktor handelte anders und dachte doch
ebenso. Er hatte schon im Auslande gefragt: »Warum lässt man die elende
Reichspolizeiordnung für Mädchen stehen, dass sie z.B. nicht einzeln, sondern
immer wie Nürnberger Juden unter dem Messgeleite einer Alten oder wie die Mönche
paarweise auswandeln müssen? Nicht etwan als ob mich dies beschwerte, wenn ich
einen Roman spielte, aber doch, wenn ich einen schriebe, wo ich mich an das
weibliche Marschreglement auf Kosten des kunstrichterlichen halten und ein
Geleite von Auxiliar-Weibern durchs ganze Buch mit mir zum Verhack meiner Heldin
herumschleppen würde. Müsst' ich nicht, wenn ich sie nur über die Haustüre
hinaushaben wollte, mit einer Kronwache von Siegelbewahrerinnen neben ihr
herziehen? Wär' ich nicht durch diese verdammte Mitbelehnschaft und
Kompagniehandlung mit der Tugend - es fehlte an einer Proprehandlung - genötigt,
meiner Heldin wider alle Wahrscheinlichkeit Freundinnen aufzuheften? Ich würd'
es zwar einem spanischen Mädchen verdenken, wenn sie mir ihren Fuss, und einem
türkischen, wenn sie ihr Gesicht vorwiese, und einem deutschen, wenn es allein
zum besten Jüngling ginge; aber eben weil die tollsten blauen Gesetze, die doch
blauer Dunst an blauen Montagen werden, zum wahren Sittengesetze für sie werden:
so ärger' ich mich über die jämmerliche Kleinherzigkeit und wünsche nichts
verboten zu sehen als das - Walzen und Fallen.«... Er hat hier vielleicht Satire
in petto; denn ernstaft davon zu sprechen, hat diese Heils-Ordnung, dass sich
Mädchen bei uns allemal wie Gesuche bei Fürsten in Duplikaten einreichen müssen,
offenbar die Absicht, sie alle aneinander zu gewöhnen, weil sie ihre
Freundschaft haben müssen zu Besuchen - zweitens sollen Geschwister einander aus
den Haaren kommen, weil sie nicht wissen, wenn sie einander bedürfen zu
Rückbürgen ihrer Tugend und zu Sekundawechseln der Liebe - drittens geben diese
Menschensatzungen der weiblichen Tugend durch den kleinen Sitten-Dienst (weil
grosse Versuchungen zu selten sind) tägliches Religion-Exerzitium und höhere
Wichtigkeit und verhalten sich wie die Talmudischen Artikel zur Bibel, wiewohl
ein rechter Jude lieber gegen die Bibel als den Talmud verstösst - viertes
verdanken wir diesen symbolischen Büchern des Wohlstandes die frühere Bildung
des weiblichen Scharfsinns, dem wir leider keine andern Gelegenheiten der
Aufmerksamkeit verschaffen, als die der Schwur auf jene Bücher gibt.
    Viktor tadelte und befolgte zugleich, wie ein gutes Mädchen, die weiblichen
Ordenregeln; der Hof hatte ihn beherzter, aber auch feiner gemacht, und unter
den Weibern wurd' er wie jeder mit dem Linienblatt des Zeremoniells versöhnt.
Daher wollt' er erst am zweiten Pfingsttage sein ordentliches Gesandtenauffahren
bei der Äbtissin abtun, da heute alles zu spät war und er überdies in die
schönen frommen Bewegungen drüben nicht wie ein Haarstern fahren wollte. Und
seine Zufriedenheit sagte ihm ja auch, wie wenig die Nachbarschaft eines
geliebten Herzens verschieden ist von der Gegenwart desselben, die ohnehin
nichts ist als bloss eine nähere Nachbarschaft.
    Inzwischen überwand er sich doch so weit, dass er mit seinen Zwillingbrüdern
des Herzens - hinausging ins Kolosseum der Natur, ob er gleich sich nicht
verbarg, draussen werd' er den Schrecken haben, Klotilden zu begegnen. Und
Emanuel verringerte diese Sorge schlecht, da er ihm gestand, sie sei bisher alle
Tage mit ihrem verwundeten Leben um die Teiche wie um magnetische Heil-Wannen
und durch die Flur wie durch Feldapoteken gegangen. - Eilet endlich hinaus, ihr
drei guten Menschen, ins Jubiläum des Frühlings, das die Erde jährlich zum
Andenken der Schöpfung begeht. Eilet, eh' die Minuten auf eurem Leben, wie die
breiten Wellen auf den zwei Bächen, jetzo noch fliehend und schillernd und
tönend, zerspringen und auslöschen an einer Trauerweide - eilet, eh' die Blumen
eurer Tage und die Blumen der Wiese von dem Abende überzogen werden, wo sie
statt der Lebens- und Feuerluft nur giftige verhauchen - und geniesst den ersten
Pfingsttag, eh' er verrinnt!
    - Und er ist verronnen, und ein Sommer liegt heute schon wie ein Grab auf
ihm; aber die drei lieben Menschen haben geeilt und ihn genossen, eh' er sich
entfärbte.... Sie wandelten unter die aus allen Gesträuchen fliegenden Zephyre
hinein, welche die Säemaschinen der Blumen sind - sie traten vor die fünf
Taschenspiegel der Sonne, vor die Teiche, da die Flüsse Pfeilerspiegel sind und
die bunten Ufer die Spiegeltische - sie sahen, wie die Natur gleich Christus
ihre Wunder verbirgt, aber sie sahen auch die Brautfackel des vermählenden
Maies, die Sonne, und eine Hochzeitkammer in jedem singenden Gipfel und ein
Brautbett in jedem Blumenkelch - sie, die Hochzeitgäste der Erde, schlugen die
Biene nicht weg, die um sie honigtrunken taumelte, und trieben die ätzende
Mutter nicht auf, vor der der junge Vogel mit zitternden Flügeln zerfloss - und
als sie auf alle Erdenstufen des ewigen Tempels, dessen Säulen Milchstrassen
sind, gestiegen waren: so sank die Sonne, wie die Gedanken des Menschen, einer
andern Welt entgegen....
    Der Springbrunnen im Garten des Endes98, der mitten auf dem Abhange des
südlichen Berges sich emporrichtet und hoch über den Berg wegschimmert, trug
schon auf seiner kristallnen dünnen Säule einen von der Abendsonne zu einem
Rubin umgegossenen schafft, und diese glimmende aufgeblätterte Rose zog sich wie
andere entschlafende Blumen schon zu einer roten Spitze ein - und die hängenden
Marschsäulen der Mücken im letzten Strahle schienen zu sagen: morgen wird es
wieder schön, geht zurück, ach ihr spielt doch länger in der Sonne als wir. -
    Sie gingen zurück; aber als Viktor im Abend die fünf hohen weissen Säulen am
westlichen Ende des geliebten Gartens blinken sah: wurde sein erhöhtes Herz
sehnsüchtig und beklommen, und er wehrte ihm nicht, zu seufzen: »Gute Klotilde!
ach ich möchte wohl dich heute noch sehen, mein Herz ist voll Freudentränen über
diesen heiligen Tag, und ich möchte es wohl ausschütten vor dir.« - Und als der
ganze Park der Abtei sich stolz neben den Abendhimmel stellte und in ihre Herzen
trat: sagte auf einmal Emanuel - der sich immer gleich blieb, sogar in seinen
Entzückungen -: »Ich will es der Äbtissin schon heute sagen, damit Klotilde sich
auf morgen freut«, und er trennte sich.... Schöner Mensch! der du in vier Wochen
aus diesem Blumenfrühling zu gehen hoffst in die Sterne über dir - du denkst
mehr die Unsterblichkeit als den Tod, dich hat keine drohende Rechtgläubigkeit,
sondern die indische Blumenlehre erzogen, darum bist du so selig; du bist ohne
Zorn, wie jeder Sterbende, und ohne Gier und ohne Angst; in deiner Seele, wie am
Pole, wenn jeden Morgen die schwüle Sonne ausbleibt, geht der Mond der zweiten
Welt den ganzen Tag, die ganze Nacht nicht unter! -
    Viktor führte allein den Blinden nach Haus, und beide schwiegen und umarmten
sich mit Brudertränen hinter jeder Verhüllung und fragten einander weder um die
Ursachen der Umarmung noch der Tränen. Da sie durchs stille Dorf waren und dem
Park der Abtei vorbeikamen: sah Viktor seinen Emanuel aus der letzten Laube in
das blendende Kloster treten. Es war ihm, als kennte ihn schon jede darin, als
müsst' er sich verstecken. Der Garten der Begeisterung sollte in dem Tale nur das
Blumenbeet in einer Wiese sein und nicht durch grelle Schranken an der Natur
zurückprallen, sondern sanft wie ein Traum ins Wachen durch blühende, belaubte
Grenzen in sie überhängen und überfliessen durch Hopfengärten, durch grüne, dicht
zusammengerückte Zäune um Fruchtfelder und durch versäete Kindergärtchen. Eine
weite Kastanien-Säulenreihe, von zwei Bächen in Silber gefasset, schloss sich
frei und weit gegen die fünf von Blüten durchbrochenen Teiche auf. Der nördliche
Berg richtete sich dem Parke gegenüber wie eine Terrasse empor und führte das
Eden scheinbar über ungesehene Täler fort.
    Viktor wich jedem aufgehenden Fenster des Klosters durch die Kastanien aus,
unter die er seinen Blinden führte und hinter denen er näher und doch
unbeobachtet beobachten konnte. Auf dem aus grünenden Dachlatten verwachsenen
Wetterdach der Allee lag der Abend, wie ein Herbst, mit rotem durchfallenden
Schimmer. Er ging trotz der Gefahr der Ertappung bis in die Mitte, wo die Allee
in zwei Arme zerspringt; aber hier wählte er den rechten Arm der belaubten
Halle, der sich mit ihm vom Kloster wegbog, so wie von einer Nachtigall, die
mitten im Garten aus einer geheiligten Dornhecke ihre Jungen und ihre Töne
aussandte. Der Baumgang tat ihm durch die sanften Entfernungen von den
Bravourarien der gefiederten Primadonna die Dienste eines Dämpfers und
Lautenzugs - leise wurd' er von den Krümmungen, die die allmähliche Verdunkelung
und Verengerung der Allee verbargen, fortgezogen zwischen den nachfliegenden
Tönen der Nachtigall, zwischen den dünner durch die Blätter tropfenden
Abendstrahlen, zwischen den zwei Bächen, die jetzt innerhalb der Kastaniengasse
dahinschlüpften. - Die Bäche gingen enger aneinander und liessen nur für die
Liebe Raum. - Der Portikus senkte sich tiefer herein. - Die zerstreuten Blumen
der zwei Ufer drängten sich zusammen und gingen in Gesträuche über. - Die
Gesträuche verwuchsen zur Gartenwand und berührten sich anfangs in lose und
durchsichtig zuhängenden Gipfeln und endlich in finster zusammengestrickten. -
Und die Allee und der unter ihr aufgewachsene Laubengang grünten ineinander
hinein, um mit ihren zusammenfallenden Blütenhüllen nur eine einzige Nacht zu
machen. - Dann versperrte in der grünen Dämmerung ein Jelängerjeliebergespinst
und Blütengeniste die Laube, aber fünf aufsteigende Stufen lockten zum Zerreissen
des blühenden Vorhangs an. Und wenn man ihn zerteilte: sank man in ein
Blütengeklüft, in eine enge durchwachsene Gruft, gleichsam in einen vergrösserten
Blumenkelch. In dieser delphischen Höhle der Träume war der Polster aus hohem
Grase gemacht und die Arme des Sitzes aus Blütenzweigen und die Rückenlehne aus
gedrängten Blumen und die Luft aus dem Hauche von stäubendem Zwergobst. Dieses
Blumen-Allerheiligste wurde nur von Bienen und Träumen bewohnt, nur von weissen
Blüten erhellt, es hatte statt des Abendrots nur den Purpur der Nachtviole,
statt des Himmelblaues nur den Azur der Holunderblüte, und der Selige darin
wurde nur von Bienenflügeln und von den um ihn versammelten fünf Mündungen der
Bäche in den Schlummer eingesungen, in welchem die ferne Nachtigall die
Harmonika-und Abendglocken des Traumes anschlug....
    - Und da heute Viktor neben dem Blinden die fünf Stufen betrat und die aus
Blüten gewobene Tapetentür des Himmels auseinandertat: siehe! da - o der Selige
diesseits des Todes! - ruht darin eine Heilige mit weinenden Augen, in
Philomelens verklungne Klagen untergesunken... Du, Klotilde, warst es und
dachtest an ihn mit weicherer Seele und mit grösserer Liebe - und er an dich mit
der erwiderten! O wenn zwei liebende Menschen einander in der nämlichen Rührung
begegnen: dann erst achten sie das menschliche Herz und seine Liebe und sein
Glück! - Decke, Klotilde, mit keiner Blüte die Tränen zu, unter denen deine
Wangen erröten, weil sie nur vor der Einsamkeit niederfallen sollten! Zittere,
aber nur vor Freude, wie die Sonne zittert, wenn sie aus einer Wolke am Horizont
herausrückt! Schlage dein von Blumen verhangnes Auge noch nicht nieder, das zum
erstenmal so ruhig geöffnet und mit einem solchen Strom der Liebe an den
Menschen sinkt, der dein schönes Herz verdient, und der alle deine Tugenden mit
seinen belohnt! .... Viktor wurde vom Blitze der Freude getroffen und musste im
süssen Lächeln der Entzückung erstarren, da die Geliebte hinter dem Blumengewölk
wie ein Mond hinter einem in voller Blüte stehenden Eden aufging und in der
weiblichen Verklärung der Liebe einem in ein Gebet zerflossnen Engel glich.
    Der Blinde wusste noch nichts vom dritten Beglückten. Sie bewegte süssverwirrt
die Hand nach einem zu dünnen Zweige, um sich von der tiefen Grasbank
aufzuheben; dem Geliebten war, als reiche ihm aus den Wolken des zweiten Lebens
diese Hand ein zweites Herz, und er zog die Hand zu sich an und sank mit seinem
stummen überfliessenden Angesicht durch die Blüten auf ihre klopfenden Adern
nieder. Aber kaum hatte Klotilde beide stammelnd willkommen geheissen unter dem
Heraustreten aus dem grünen Klosett: so erschien ihnen der Engel - Emanuel, der
aus dem Kloster geeilet war, um die Freundin aufzusuchen. Er sagte nichts, aber
er sah beide mit einer namenlosen Wonne an, um zu finden, ob sie sich recht
freueten, und gleichsam um zu fragen: »Seid ihr denn jetzt nicht recht
glücklich, ihr Guten, liebt ihr euch denn nicht unaussprechlich?« - - O, zum
Mitleiden gehört nur ein Mensch, aber zur Mitfreude ein Engel; es gibt nichts
Schöneres als den glänzenden Christuskopf, auf welchem das Weglegen der
Mosisdecke den stillen frohen Anteil an fremden unbescholtenen Freuden, an
fremder reiner Liebe zeigt; und es ist ebenso göttlich (oder noch mehr), einer
fremden Liebe mit einem stumm-glückwünschenden Herzen zuzuschauen, als sie
selber zu haben.... Emanuel, dein grösseres Lob wird in verwandten Seelen
aufbehalten, aber auf keinem Papier! -
    Auf dem Kreuzwege der Allee teilte sich der schöne Bund auseinander, und der
linke Zweig derselben führte Klotilde neben der Nachtigall vorbei in die Wohnung
der sanften Herzen zurück. Viktor kam, von der vergrösserten Liebe für drei
Menschen zugleich aufgelöset, in den dunkeln, nur von untergehenden Sternen
erleuchteten Zimmern Emanuels an und fand da einen gedeckten Tisch, den die
feine Äbtissin dem Gaste oder dem Wirte gesendet hatte (weil Emanuel abends nur
Obst genoss). Man will alles mit der Geliebten teilen, sogar die Küche. Emanuel
zündete nach Ostern kein Licht mehr an. Im Helldunkel, aus Mondsilber und
Lindengrün zusammengegossen, blühte das selige Kleeblatt unter dem Abendstern.
Viktor machte heute durch seine ärztlichen Schilderungen der Nachtkälte den
siechen Freund abtrünnig von den Nachtwandlungen und ging nur allein mit dem
Blinden noch hinaus an die Schlafstätte der verstummten Natur... Selig ist der
Abend, der der Vorhof eines seligen Morgens ist. Der Maifrost hatte die Sterne
vom warmen Dunstauch gereinigt und das Blau des Halbhimmels vertieft, um eine
schöne Nacht zum Bürgen eines schönen Tages zu machen. Alles schwieg ums
Dörfchen, ausgenommen die Nachtigall im Garten und die rauschenden Maikäfer,
diese Herolde eines hellen Tages. - Und als Viktor nach Hause ging mit einem
emporgeseufzeten Dank für diese Pfingststunden, von denen jede der andern die
Zuckerstreubüchse gab, um die engen Minuten eines stillen Menschen zu versüssen;
als er vorbeiging vor den gedämpften Beichtliedern, die hier ein zwölfjähriger
Mensch, der morgen das Abendmahl nahm, dort einer neben seiner Mutter sang; und
als endlich ein verhauchtes Abendlied aus der Abtei, das gleichsam auf einem
einzigen Lautenton fortschwamm, den schönen Tag mit einem Schwanengesang zu Ende
führte, und da vom sanften Tage nichts mehr übrig war als dessen Nachhall im
Herzen des Glücklichen und im Abendliede des Klosters, als dessen Widerschein in
der ziehenden Abendröte am Himmel und in dem befriedigten, noch lächelnden
Angesicht des schlafenden Emanuels: so sahen in Viktor die stummen Freuden wie
Gebete aus, die ungestörten Tränen wie überlaufende Tropfen aus dem
Freudenkelch, seine Stille wie eine gute Tat und sein ganzes Herz wie die warme
Freudenzähre eines höhern Genius.
    Viktor führte den blinden Geliebten leise an seine Lagerstelle, wo der Traum
seine zerrütteten Augen herstellte und ihnen die kleinen Landschaften seiner
Kindheit mit Morgenfarben heller um sie stellte. - Er selber legte sich
unentkleidet, dem tief herabgerückten Monde gegenüber, auf die Baustelle unserer
schönern Luftschlösser, auf den Resonanzboden der Kindheit, wo der Morgentraum
den geheiligten Menschen aus der Wüste des Tages auf den Berg Mosis führt und
ihn schauen lässt in das dunkle gelobte Land der Ewigkeit.....
    Der erste Pfingsttag, lieber Leser, hat in diesem Wonne-Dreiklang verhallt;
aber in diesen drei hohen Festen von Freude wird, wie bei denen im Kalender, das
zweite noch schöner, und das dritte am schönsten. Ich werde mit dem Steigen
meiner Feder durch diese drei Himmel gar nicht eilen - ja wenn ich gewiss wissen
könnte, dass die handelnden Personen in dieser Geschichte mein Werk nie zu sehen
bekämen, ich würde (zur Grenzenverrückung dieses Edens) gar manches dazumachen,
was, näher besehen, nicht historisch wahr wäre.
 
                               Zweiter Pfingsttag
                               (34. Hundposttag)
  Der Morgen - die Äbtissin - der Wasserspiegel - stummer Injurienprozess - der
                           Regen und der offne Himmel
Um zwei Uhr zog der Morgenwind lauter und kühler durch Viktors offnes Zimmer und
rüttelte schon Tautropfen von geglättetem Laub, das nahe Blätter-Geflüster
wirbelte sich durch seine Ohren in seine Träume. Die Lerche fuhr als Ouvertüre
des Tages hoch ins Himmelgrau hinauf und läutete das Trommetenfest des Morgens
ein. Dieser Wecker wurde durch sein Träumen zum umherfliegenden Nachhall, das
sich mit dem Morgen vermischte; unter dem sanften Einfallen des nachbarlichen
Getönes schloss er langsam die Augen auf und träumte weiter und tat sie wieder zu
und erwachte mehr, und der Schlaf fuhr nicht wie ein dickes Leichentuch aus
Nacht hinweg, sondern wallete wie ein Schleier aus Morgenduft empor, und seine
Seele schloss sich, ohne eine einzige Bewegung mit dem Körper zu machen, mit dem
stillen Erwachen eines Blumenkelchs vor dem Morgen auseinander....
    - Jetzt bin ich schon wieder im Sieden und Flammen - und doch nehm' ich mir,
sooft ich eintunke, vor, die Kunstrichter zu gewinnen und mit meiner Feder zu
schreiben wie mit einem Eiszapfen. Aber es ist mir unmöglich - erstlich weil ich
in die Jahre komme. Bei den meisten Menschen hört zwar wie bei den Vögeln das
Singen mit der Liebe auf; aber bei denen, die ihren Kopf zu einem Treibhaus
ihrer Ideen machen, geben die Jahre, d.h. die Exerziertage darin, der Phantasie
wie den Leidenschaften einen höhern Wuchs. Dichter gleichen dem Glase, das im
Alter bei dem Zerfallen bunte Farben annimmt. - Aber zweitens, wenn ich auch
erst in meinem zwanzigsten Jahre blühete: so könnt' ich doch jetzo nicht frostig
schreiben, massen der Winter vor der Tür ist. Rousseau sagt, im Stockhause
brächte er das beste Gedicht auf die Freiheit heraus - daher die
staatsgefangenen Franzosen sonst bessere Prosa darüber schrieben als die freiern
Briten - daher dichtete Milton im Winter. Ich nahm oft im Sommer meine
Schreibtafel hinaus und wollte ihn an dieses Silhouettenbrett anpressen und dann
abschatten; aber die Phantasie kann nur Vergangenheit und Zukunft unter ihr
Kopierpapier legen, und jede Gegenwart schränkt ihre Schöpfung ein - so wie das
von Rosen destillierte Wasser nach den alten Naturforschern gerade zur Zeit der
Rosenblüte seine Kraft einbüsset. Daher musst' ich allemal warten, bis ich untreu
wurde, eh' ich mit meinem Reisszeug an die Liebe gehen konnte.... Hingegen ein
Mensch, der jetzt auf einer moluckischen Insel gegen den Nachsommer hin den
Frühling grundiert und auszeichnet, muss ihn aus den vorigen Gründen und noch aus
dem neuen, weil der fliegende Sommer der sehnen-erregende Nachklang und die
Silberhochzeit des Frühlings ist, mit viel zu hellen Saftfarben den
Galerieinspektoren einhändigen. -
    Die bunt ausgenähete Beschreibung von Viktors Aufentalt in Maiental kann
so lang werden wie die von Voltairens seinem in Paris, mit deren Ehrensolde der
magere Spassvogel den Mietzins seiner chambres garnies hätte bestreiten können.
Denn eben hat der Hund gar einen vierten Pfingsttag abgeliefert und die
trinomische Wurzel der Freudenpotenz zu einer quadrinomischen ausgebreitet. Da
in dieser Freuden-Quadruplik wiederum kein Jammer steht, kein Mord, keine
Landplage, sondern nichts als Gutes: so fang' ich freudig die übrigen Bilder
dieses Frühlings in meiner dunkeln Kammer auf und schwebe nicht in der Angst,
dass ich meinen Helden (Knef hat mir alle Pfingsttage übermacht und sendet nur
ein kleines Ergänzblatt gar nach), wie etwan meinen Gustav, aus dem
zusammengestürzten Schutt seines Lust- und Sommerhauses zu ziehen habe. -
    Emanuel tat vormittags sein Schreibtagwerk in seinen astronomischen Tabellen
ab, um den ganzen Nachmittag mit seinem Gaste bei der Äbtissin zu verbringen;
auch trug er ihm eine kleine Mitarbeiterstelle bei seinen Blumen an, nämlich die
Rosmarinblüten auszupflücken und über das Nelkengestell den Sonnenschirm zu
spannen. Bei Emanuel hingen auch in der prosaischen Ruhe des Tages immer die
Flügel noch weit unter den Halbflügeldecken hervor. Viktor hielt die Bitten
seines Lehrers für Geschenke. Da er draussen am Rosmarin abblattete: so öffnete
die aufgehende Sonne das Ventile des Windes, und dann fingen, von ihm angeweht,
alle Register der grossen Wesen-Orgel zu gehen an, und vor seinem Ohre wogte der
Tremulant der Bäche, schrie das Flötenwerk der Vögel und brauste das
zweiunddreissigfüssige Pedalregister der Waldungen. Ein eingepfarrter kleiner Kopf
um den andern, der seine zwölf Jahre samt ebensoviel Herkules-Arbeiten des
Gedächtnisses zum heiligen Abendmahl trug, schlich hinter dem Vater mit einem
Kranz-Knauf und überhaupt mit Goldflittern gestickt und aufgesteift vor ihm
vorüber. Welchen schönen zweiten Pfingsttag, der sonst voll Regenwolken ist,
habt ihr Kleinen jetzt! - Viktor gönnte recht gern der Grandezza des Dorfes,
d.h. den Vollspännern und dem Schulmeisters-Sohne, den Haarformer und
Zopfprediger Meuseler, der am zweiten Pfingsttag die benachbarten Dörfer
frisierte, und der mit seinem Puder-Weihwedel die letzte Pfingstausgiessung auf
die kleinen Köpfe betrieb, die der Pfarrer schon sechs Wochen eingefeuchtet
hatte. Viktors Herz schlug vor Freude, als wenn er ein Kind mit darunter hätte
oder eins wäre, als die bunte gepuderte Wesenkette mit hüpfenden Flittern, mit
hochstämmigen Blumensträussern, mit schwarzgleissenden geistlichen Musenalmanachs,
vor dem Kommando- und Hirtenstab ihrer zwei Konsuln, singend und besungen und
eingeläutet und angeblasen durchs Kirchen-Siegtor einzog. - Ach! Kindern steht
die Freude noch schöner wie uns, so wie ein unglückliches, ein bettelndes, dem
das Schicksal das erste Kindergärtchen zertritt, und vor dessen Augen beim
ersten Aufschlagen ins Sein nichts hängt als schwarzes ungestaltetes
Morgengewölk, unser Herz betrübter macht als der Vater desselben neben ihm. -
    »Beeret jede Minute eures ersten Triumphtages ab, ihr guten Kinder, und ich
wollte, die Predigt würde recht lang, damit ihr den schönen Anzug länger
anbehieltet!« sagte Viktor und sah sich nach dem Kloster um, dessen Fenster voll
unkenntlicher Zuschauerinnen waren; er setzte sich vor, bei der Rückkehr der
Kinder-Prozession sich unter den Fenstern das mit dem schönsten Inhalt
auszusuchen durch ein Taschenperspektiv. - Gehe nur, menschenfreundlicher
Mensch, der die schönen Seelen liebt wie die schöne Natur und die kalten erträgt
wie die Wintergegend, und der sich nie rächt, gehe nur an den Bächen auf und ab,
weil da der Fusssteig der Fischer ist, und weil du auf deinen dichterischen
Ringrennen keinem Bauern nur einen Zwieselwagen voll Heu, wie ihn die Kinder aus
Haselruten flechten, niedertreten willst! Fülle den Zwischenraum zwischen dem
ersten und dem dritten Himmel, wo du mittags nicht mit Abraham, sondern mit
deiner Klotilde am Tische der Äbtissin sitzest, mit einem zweiten, nämlich mit
dem Umarmen der ganzen Natur, die nie holder in die Seele hineinschauet, als
wenn auf ihr nicht weit von der Seele eine - Geliebte wohnt! -
    Ein Wandelgang zwischen zwei zusammenblitzenden Bächen und zwischen ihren
lackierten, von Schaumwürmern beschneieten Weiden überzog das ganze Innere bis
auf jeden Winkel einer dunkeln Träne mit Morgenglanz. - Noch dazu schauete
Viktor immer über die Wiese hinauf zu Emanuels offnem Fenster und liess sich ein
Lächeln von ihm wie eine laufende Welle voll Licht herunterwehen. - Noch dazu
blieb er nicht da, sondern ging zweimal hinauf und störte ihn mitten in seinem
Schreiben durch ein kindliches Umfassen. - Noch dazu legt' er seinen Augen
Meilenstiefel an und lief über die ganze, sich hier bäumende, dort sich
bückende, hier leuchtende, dort schattende Landschaft, um eine Post- und
Reisekarte zu den schönsten Stellen für die Nachmittag-Spaziergänge mit
Klotilden schon hier voraus aufzunehmen und zu leimen, weil nachmittags die
Entzückungen vielleicht die Wahl der Entzückungen verfälschen! - Und so schuf
die Natur in seinem Geiste ihren Morgen und ihren Frühling noch einmal aus dem
Erdenkloss des ersten Frühlings, d.h. aus der heissen Sonne, aus dem kühlen Bache,
aus dem Schmetterling, den der Mai aus er Hülse schälte, aus den bunten Mücken,
welche die gebärende Erde aus dem Larvensamen wie fliegende Blümchen
hervortrieb. - Da schloss er unter dem Spatzen- und Schwalbengetobe im Dorfe und
unter dem Feldgeschrei der Lerchen und vor den blendenden Wellen der Bäche die
Augen zu und liess seine Seele in das klingende Meer und in das vom Augenlid
gemalte Helldunkel untertauchen; aber dann wäre sein Herz erdrückt worden von
der Schöpfungflut, die über dasselbe ging aus allen Röhren und Betten und
Mündungen des Lebens um ihn, aus dem verstrickten Geäder des Lebensstroms, der
zugleich durch Blumenrinnen, durch Baumgossen, durch weisse Mückenadern, durch
rote Blutröhren und durch Menschennerven schiesst.... er wäre Freuden-ohnmächtig
ertrunken im tiefen weiten Lebens-Ozean, den Lebensströme durchkreuzen und
nachfüllen, hätt' er nicht wie jener Ertrunkne ein Glockengeläute in die Wellen
hinunter gehört....
    Kurz - die Kirche war aus, und er musste hinter einen Blätter-Jagdschirm
gehen, um, wenn die kleinen Abendmahls-Panisten aus der nachorgelnden Kirche und
unter dem nachtrompetenden Turm vorbeizögen, dann mit dem Taschenperspektiv
zuzuschauen, wer zuschaue aus dem Kloster. Klotildens Angesicht schwebte, wie
durch Magie vorgerufen aus der zweiten Welt, dicht am Glase, und er konnte
unvertrieben seine Schmetterlingflügel um diese Blume schlagen; er konnte frei
in ihre grossen Augen wie in zwei mit Tauglanz gefüllte Blumenkelche sinken. Er
sah nie einen so reinen Schnee des Augapfels um die blaue Himmelöffnung, die
weit in die schönere Seele ging; und wenn sie das Auge in den Garten
niederschlug, stand das grosse verhüllende Augenlid mit seinen zitternden Wimpern
ebenso schön darüber wie eine Lilie über einer Quelle. Die Liebe fängt sich, wie
das Zeichnen und der keimende Mensch, beim Auge an. - Da die Kinder vorüber
waren: so wandte Klotilde ihr Angesicht langsam und frei gegen Emanuels
Laubhütte und schauete mit dem weiten sehnsüchtigen Blicke der Liebe herüber....
    Und mit einer solchen Liebe, die wie ein Herz in seinem Ich pochte, kam
Viktor samt seinen zwei Freunden droben im Kloster an. Die Äbtissin (ihr Name
wird mir gar nicht berichtet, nicht einmal ein falscher) empfing ihn mit einem
hohen Air, das ihr Stand nicht gegeben, sondern gemildert hatte. Ihre Seele
wurde gekrönt geboren. Die ** Fürstin, deren Oberhofmeisterin sie war, spielte
zuweilen gern das Kind (Kinder erwidern es umgekehrt und repräsentieren ihre
Repräsentanten); aber ob sie gleich einen dreissigjährigen Stolz besass, so fiel
sie doch ihrem Steckenpferd in den Zügel, sobald die monarchische
Oberhofmeisterin erschien, die im ganzen Lande (die Schwanen ausgenommen) den
Kopf am meisten zurückbog. Eine Frau wie diese, deren Blicke Troninsignien und
deren Worte mandata sacrae caesareae majestatis propria waren, hatte aus den
Händen der Natur selber die Huldigungmünze und das Trongerüste, um ihren
Reichsapfel gegen die Schönheitäpfel junger Mädchen abzuwägen - eine solche
konnte die Klotilden beherrschen und formen. Ihre Seele war von drei Meistern
gemalt: der Hintergrund von der Welt - der Vorgrund von der Kirche - der
Mittelgrund von der Tugend. Ihre aszetischen Bestandteile setzten sie auf eine
sonderbare Weise in einige Wahl-Verwandtschaft mit Emanuels indischen. -
    Ich kenne nichts Rührenders und Schöneres als die weibliche Verbeugung aus
jener tiefen Achtung, mit der gute Mädchen ihre Liebe allein zu sagen wagen. - -
Glücklicher Viktor! deine Klotilde empfing dich mit so vieler Achtung wie ihren
Lehrer. Nur die Kokette wird durch die Liebe befehlhaberischer (ein
kieselsteinernes Juristenwort!); aber die Stolze wird dadurch bescheiden und
sanft. - Nie ass er froher als in diesem hellen Lustschloss, vor dessen offnen
Fenstern ein blauer Horizont und näher brausende und mit Musik besetzte Alleen
ruhten, als in dieser geputzten Orangerie aufblühender Mädchen, anstatt dass ein
Gymnasium eine Menagerie ist, und ein Schwesternhaus eine Voliere. - Viktor, der
Weiber noch besser zu lenken verstand als Männer, war im arbeitenden
Ameisenhaufen dieser lebhaften Mädchen so gesund wie in einem Ameisenbad und war
ein zweiter Bienenvater Wildau, der sich aus dem Immenschwarm bald einen Bart
zusammensetzte, bald einen Muff. Es gehört mehr männlicher Verstand zu einer
gewissen feinen Galanterie, als die haben, die sie in ihren Satiren mit der
faden vermengen; so wie nur Gebirge den süssesten Honig darbieten. Der Ernst muss
den Scherz grundieren, die Achtung und das Wohlwollen das Lob. Viktor konnte
leichter vor zwei als vor 32 weiblichen Augen in Verlegenheit geraten, welche
letzte übrigens der gröbste Donatschnitzer und Germanismus in der weiblichen
Grammatik ist. Er hatt' es längst gelernt, die flüchtigen Salze des weiblichen
Witzes mit den fixen des männlichen zu binden, so wie die Kunst, in grossen
Zirkeln jede Seele, jede Raupe auf das rechte Nährblatt zu setzen.
    Für ihn, der einmal gesagt: »Ich wollte, ich hätte wenigstens viermal des
Jahrs mit Damen zu konversieren, bei denen man so viel Tournure anbringen müsste,
dass man gar nicht wüsste, was man wollte, und die fein bis zum Unsinn wären« -
für ihn war eine hohe Dame wie die Äbtissin, die man seit dem Niederlegen ihres
Oberhofmeistertums ein klein, klein wenig mit einer Preziösen verwechseln
konnte, ein wahres Labsal; denn er konnte ihr doch die physiognomischen
Fragmente vom Hofe mit tausend Wendungen, d.h. ein Vollgesicht durch fünf Punkte
vorzeichnen. Aber er hatte dabei die noch edlere Absicht, seine anbetende
Aufmerksamkeit, sein zuweilen in Gestalt einer Träne ins Auge tretendes Herz von
seiner geliebten Klotilde wegzurufen, um ihr eine ganz andere Aufmerksamkeit zu
ersparen als die seinige. Auf eine sonderbare Weise zog immer gerade sein
satirisches Gefühl seinen ernsten Gefühlen, seiner erweichten Seele die
Mosis-Decke ab - er schämte sich nämlich keiner Träne, bloss weil er wusste, dass
ihn seine Laune gegen den Verdacht der Übertreibung ufd gegen den Spötter
beschützen könnte; so wie wieder umgekehrt sein schillernder Witz unter Tränen,
wie Phosphor unter Wasser, sein Licht aufbehielt und nährte. -
    Zum Glück machte jetzt Emanuel, der mitten unter dem Essen in den Garten
gegangen war, da er wiederkam, den Antrag eines Spazierganges. Denn in seiner
Seele standen nur grosse Ideen noch vom Leben übrig, wie vom alten Ägypten nur
Tempel, keine Häuser nachblieben; und seine Unwissenheit in kleinen Dingen muss
kleinen Dingern lächerrlich sein. - Die Äbtissin hatte Klotilde als Unterkönigin
der feurigen Nonnen neben sich auf den Tron genommen. Viktor stellte mit seiner
einzigen Person das kurmärkische Pupillenkollegium unter diesen flatternden
Grazien vor. Klotilde übergab den Blinden gerade einem ganzen Tauben-Fluge der
lebhaftesten Wegweiserinnen, weil sie alle um das Bootmanns- und Zeigefinger-Amt
beim Blinden warben; sie liebten ihn alle wegen seiner himmlischen Schönheit,
aber (da er die ihrige nicht sah) nur so, wie sie einen schönen Knaben von fünf
Jahren herzen.... Zu einer andern Zeit würde Viktor sich gewiss umgesehen und
fein angespielet haben, dass die Schönheit die Blindheit führe; aber heute sah er
sich nur um aus andern Gründen.
    - Endlich war die Insel der Seligen, die schon durch den Nebel seiner
Kinderträume weit, weit vorgeschimmert hatte, jetzo der Boden unter seinen
Füssen, und er machte die Entdeckreisen durch seinen Himmel - er und Klotilde
schwiegen einige Minuten, weil ihre Herzen sanft vor Freude zu wallen anfingen,
dass sie endlich allein nebeneinander und vor der grossen Esplanade des Frühlings
standen. Unter dem seligen Lächeln, dem stummen Buchstaben der Wonne, und unter
zitternden Atemzügen, dieser heiligen Sankritsprache der Liebe, waren sie schon
am ersten Teiche, über dessen Kristallspiegel sich eine Brücke wie vergoldetes
Laubwerk schlängelt. - Sie stockten in der Mitte dieser glatten Mond- und
Spiegelscheibe geblendet, weil der Sonnenschirm nicht gegen zwei Sonnen auf
einmal, die im Wasser dazu gerechnet, decken konnte; sie kehrten sich halb um
und suchten mit den Blicken im malenden Wasser das tiefere Himmelblau und zwei
stille beglückte Gestalten auf, die einander mit ihren feuchten Augen
anblickten. O sein Auge ruhte warm in ihrem widergestrahlten, wie die Sonne in
der unterirdischen Sonne, und sein zitternder Blick wurde das lange Beben und
Aushalten eines einzigen Tons; denn die im Wasser wohnende Göttin sank mit ihren
Augen seiner Seele entgegen, weil sie die verdoppelte Entfernung seiner Gestalt
benutzen wollte, die sich auf 10 Fuss belief. - Um endlich das übermächtige
Entzücken zu schliessen, führt' er seine Augen weg von dieser Glasmalerei und
richtete sie (d.h. er verdoppelte es bloss) an das Urbild selber; und das
Ineinanderrinnen der Blicke, das Zusammenzittern der Seelen warf in den engen
Augenblick die Gefilde eines langen Himmels. - Und sie sahen, dass sie sich
gefunden hatten und dass sie sich geliebt hatten und dass sie sich verdienten.
Unter dem Weitergehen konnte Viktor nur sagen: »O möchten Sie so unaussprechlich
glücklich sein wie ich heute.« - Und sie antwortete leise, wie ein unter weiche
blätterlose Blüten verhauchter Zephyr so leise: »Ich bin es wohl.«.... Ach ich
habe mir oft es vorgemalt, wenn wir uns alle einander so liebten wie zwei
Liebende, wenn die Bewegungen aller Seelen, wie bei diesen, gebundne Noten
wären, wenn die Natur uns allen zugleich den Nachklang ihres bis über die Sterne
reichenden Saitenbezuges ablockte, anstatt dass sie nur ein liebendes Paar wie
ein Doppelklavier bewegt - dann würden wir sehen, dass ein Menschenherz voll
Liebe ein unermessliches Eden einschlösse, und dass die Gotteit selber eine Welt
erschuf, um eine zu lieben. -
    Aber ich will wieder so schreiben, wie Klotilde sprach, die den
dichterischen Geist nur durch Taten, nicht durch Worte offenbarte, gleich
Schauspielern, die den Reim und das Silbenmass ihres Dichters im Sprechen zu
umgehen wissen.
    Das Dorf oder das Wirtshaus vielmehr gab ihrer Himmelleiter eine vierte
Sprosse, den vierten Pfingsttag. - Der Engländer Kato der Ältere fuhr heraus,
der aus Kussewitz mit einem wandernden Orchester Prager Virtuosen von seiner
Gesellschaft weggelaufen war, um das Maiental auch zu sehen. Er konnte nie in
seinem Leben auf etwas warten. Er sagte zu Viktor, morgen komm' er zu ihm, heute
beschau' er die besäeten Prospekte, und er passe mit der Ouvertüre der Prager
nur auf das Ausläuten der Vesperpredigt. Endlich sagt' er ihm, dass Flamin und
Mattieu übermorgen verreiseten und wieder zurückgingen nach Kussewitz und
folglich da länger verweilten, als sie gewollt. Diese Gegenwart des Engländes
und die spätere Zurückkehr des Eifersüchtigen machte auf einmal den letzten
Willen in Viktor fest, auch den vierten Pfingsttag als die vierte Saite auf
dieses Freuden-Tetrachord aufzuziehen. Und da an diesem vierten Tage gerade das
durch alle Heftlein dieses Buchs laufende Rätsel mit dem Engel in die
Entzifferkanzlei der Zeit getragen wird, weil Julius den Brief desselben
Klotilden zum Vorlesen übergibt: so konnt' er sich weismachen, er bleibe bloss
deshalb, und zu sich sagen: »Wundershalber sollte mans doch abwarten, was es mit
dem Engel für eine Bewandtnis habe.« - Guter Held! du vermengst jeden Engel mit
deinem, und ich wüsste nicht, warum nicht! ...
    Jetzo lief ein Wolkenschatten über sie, gleichsam als Vorläufer eines
dunklern, der ihre Seelen suchte. Denn Viktor, der vor einem schönen Herzen
niemals seines versperren konnte, der in der Heiligung der Liebe alle
Verstellung verschmähte, erzählte Klotilden mit jener Herzlichkeit, die sich so
leicht mit Feinheit vermählen lässt, die Ursachen von Mattieus Reise, nämlich
seine eigne kleine Torheit in Kussewitz, wo er der Fürstin das geschriebene
billet doux mitgab. Er hätt' ihr auch ohnedas diese Eröffnung machen müssen, um
der fremden eines Anklägers vorzubauen. Aber er setzte bei Klotilde voreilig die
Zeitrechnung seiner kleinen Jahrbücher voraus und merkte nicht an, dass er das
Billet geschrieben, eh' er wusste, dass Klotilde nicht Flamins Geliebte, sondern
nur dessen Schwester sei99. Sie schwieg lange. Er befürchtete diese Pantomime
des Zürnens; und wagt' es nicht, sich davon zu überzeugen durch einen Blick in
ihr Angesicht. Endlich bat sie ihn an ihrem Lieblings-Grünplatz, wo in der
grössten Vertiefung des Tals grüner Schatten seine gemalten Zweige im Sonnen- und
Wasserscheine wiegt, da bat sie ihn weder mit kalter noch stolzer Stimme,
sondern mit einer fast gerührten, sie ein wenig auf ihrer Lieblings-Grasbank,
deren Seitenlehnen grosse Blumen waren, ausruhen zu lassen. Als er vor ihr stand:
so erblickte er erschrocken in ihrem beseelten Angesicht - nicht einen mit der
Höflichkeit ringenden Groll, sondern - den rührenden Kampf gegen das Schicksal,
das ihr den Liebling ihrer Seele verdunkelte, den uneigennützigen Schmerz über
die geschlossene Narbe, die sie aus seiner Tugend wegwünschte. Ihr war, ihm war,
als wenn das vorige Jahr sich wieder erhöbe von seinem Totenkissen aus
Freudenblumen, die es beiden ertreten hatte; sie waren recht traurig, Klotilde
war kaum ihrer Augen mächtig und Viktor kaum seiner Zunge - bis diesem endlich
das Missverständnis einleuchtete. Er sagte ihr daher leise und auf englisch:
»hätte sein Vater ihm alle seine Eröffnungen früher gemacht, so hätt' er ihm
mehr als einen Kampf, mehr als eine trübe Stunde und zuerst die vorige Torheit
erspart.«
    In der höhern Liebe ist der Zorn nur Trauer über den Gegenstand.
    Klotilde setzte gleichwohl die Sonnenfinsternis ihrer schönen Mienen fort -
aber es kam nicht von Fortdauer des vorigen Seufzers, noch von dem gewöhnlichen
Unvermögen, eine ausgesöhnte Seele sogleich in ein zürnendes Gesicht zu
übertragen, sondern die Unzufriedenheit mit ihrer eignen Voreiligkeit sah
allemal wie eine mit einer fremden aus. Daher stand sie auf, um ihm ihren Arm
und gleichsam das nahe liegende Herz wieder zu geben. Viktor erlaubte sich den
Bruch des doppelstimmigen Schweigens nicht. - Emanuel kam nach, und da sagte
Klotilde bewegt, als wenn sie erst aufs vorige antwortete: »Ach ich bin meinem
Bruder nur zu sehr verwandt von der Seite meiner Fehler.« - Meinte sie Flamins
Eifersucht oder Argwohn oder wahrscheinlicher sein Temperament? - Viktor wandte
sich zu ihr, um sie gleichsam für das um Verzeihung zu bitten, was sie gesagt -
und ihre Augen sagten: »o ich hätte dich nicht verkennen sollen« - und seine
sagten: »ich hätte dich, auch ungekannt, nie verleugnen sollen« - und ihre
Herzen machten Frieden, und der Ölzweig wand zwischen den alten Blumen der
Freude ihre Seelen aneinander.
    Emanuel führte sie, als ihr leitendes Gestirn, auf seine lieben Berge, diese
Frontlogen der Erde - nur von seinem Berg mit der Trauerbirke wehrte er sie aus
unbekannten Gründen freundlich ab -; und sein leichtes Aufsteigen gab ihnen die
Freude über die Genesung seines Atems. Endlich kamen sie auf den Tron der
Gegend, auf den Berg, wo Viktor am Morgen nach der durchreisten Nacht über
Maiental geschauet hatte. O wie zog sich die lebendige Ebene Gottes, der
Vorgrund einer Sonne und eines Edens, in so unbändigen, grünenden, atmenden,
wehenden Massen dahin! Wie hing der Himmel voll Berge aus Duft, voll Eisfelder
aus Licht! Und sein sanfter Morgenwind schlich sich aus dem mit Wolkenflor
verhangnen Morgentor und spielte mit Himmel und Erde, mit dem gelben Blümchen
und mit der breiten Wolke darüber, mit der Augenwimper unter einer Träne und mit
durchwühlten Kornfluren! - Wie wird das Auge so gross, wenn gejagte Nachtstücke
der Wolkenschatten den hellen Sonnenschein der Erde durchschneiden, wie wird das
Herz so gross, wenn der Morgenwind die geflügelten Schatten bald über Berge
schleudert, bald in Glanzteiche, bald in gebückte Saaten! - Aber rund auf die
Wälder hatten sich stille Eisberge aus Wolken gelagert. - - Ach dieses mit Tag
und Nacht gefleckte Gefilde, dieser Wall aus Nebelgletschern stellte ja Viktors
Herz in den alten Traum zurück, wo er Klotilde auf einem Eisberg mit
ausgebreiteten Armen sah! - Ach auf dieser über den südlichen Berg reichenden
Felsenspitze konnte er die Insel der Vereinigung dunkel mit ihren Gipfeln und
mit ihrem weissen Tempel liegen sehen, und das trinkende Herz taumelte voll vom
gemischten Trank aus Sehnsucht und Wehmut und Liebe. -
    Dann sagt' er es ihr gern, dass er an jenem Morgen sie hier gesehen habe, wo
er dem Blinden das Blättchen an Emanuel gegeben, und dass er sich doch ihren
Besuch versaget - - gib ihm nur, Klotilde, den grossen warmen Blick voll Dank für
sein Schonen deines Bruders, für sein edles Lieben und für sein Überschleiern
dieses Liebens! Sie sah ihn an, und als ihr Auge warm von einer Träne wurde,
neigte sich der Himmel auf einem Sonnenwölkchen zu ihnen nieder und berührte die
verwandten Menschen mit heissen herunterflatternden Tropfen. - O du gute Erde, du
gute Natur! Du sympatisierst öfter (und allemal) mit guten Menschen als oft
gute Menschen selber! - Vor ihn trat der Traum, wo Klotildens Tränen den
Fussboden in ein hebendes Wölkchen zerteilten....
    Aber der heranziehende Abend und die kleinen herunterrollenden zerrissenen
Perlenschnüre von Regentropfen riefen die schönen Menschen in die Zimmer zurück.
Die Mädchen, die mit dem Blinden nicht einmal den Berg ganz erklettert hatten,
kehrten schon um und gingen voraus. Emanuel entfernte sich auf seinen
Trauerberg, um dort seine Blumen dem Regen aufzudecken. Als unsere zwei
liebenden Menschen unten im rauchenden Tale ankamen: wie himmlisch wurde der
Abend und die Erde! - Am grossen Abendhimmel über ihnen bewegten sich Tulpenbeete
von rotem Gewölke, zwischen denen blaue Streifen wie dunkle Bäche liefen. -
Hinter ihnen standen unter der Sonne Berge wie Vesuve in Flammen und die Waldung
wie ein feuriger Busch, und das über die Blumen laufende Steppenfeuer ergriff
die Wolkenschatten. - Und alle Lerchen hingen mit ihren Ripienstimmen der Natur
nahe am roten Deckenstücke des Abends, und jeder tiefere Sonnenstrahl hielt eine
summende Wesenkette von Mücken. - Und in der Schäferei am Berge liefen rufend
hundert Mütter an hundert Kinder zusammen, und jedes Schaf eilte lärmend an sein
durstiges niederkniendes Lamm. - -
    Grosser Abend! nur im Tal Tempe blühest du noch und verwelkest nicht; aber in
wenig Minuten, Leser, brechen erst alle seine Blüten prächtig auf! -
    Klotilde und Viktor gingen enger und wärmer aneinandergedrückt unter dem
schmalen Sonnenschirm, der beide gegen den flüchtigen Regen einbauete. Und mit
Herzen, die immer stärker schlugen und statt des Blutes gleichsam andächtige
Freuden-Tränen umtrieben, erreichten sie den Park; die warmen Töne der
Nachtigall zogen ihnen daraus entgegen; die abgewehten Töne des musikalischen
Gefolges, womit der Engländer jetzt über die Berge ging, flossen ihnen wie
Blumendüfte nach. - - Aber siehe, als die Erde noch die Vergoldung im Feuer der
Sonne trug, als noch der Abendspringbrunnen wie eine Fackel oben brannte, als in
einem grossen Eichenbaum des Gartens, in welchem bunte Glaskugeln statt der
Früchte eingeimpfet waren, zwanzig rote Sonnen aus den Blättern funkelten - da
floss eine erwärmte Wolke auseinander und tropfte ganz in das Abendfeuer und auf
die glimmende Wassersäule....
    Die den Bäumen näheren Nonnen flogen unter das Laub; aber Klotilde, die den
langsamen Gang schöner und tugendhafter für eine weibliche Seele fand, ging ohne
Eil der nachbarlichen »Abendlaube« zu, die über den Garten erhoben, ihr dichtes
Blätterwerk nirgends auftut als vor der untergehenden Sonne. - Nein, es war ein
Engel, es war Klotildens Schwester, Giulia, die auf der zarten Wolke ruhte und
durch sie ihre Freudentränen fallen liess, um ihre Freundin, deren Arm in des
Geliebten seinem wie in einem Verbande lag, in die glimmende Laube zu drängen,
wo zwei selige Herzen am seligsten werden sollten. Klotilde verweilte noch unter
dem Perlen- und Goldsand-Regen und glich den stillen Tauben um sie her, die auf
allen Dächern ihre reinen Flügel wie bunte Regenschirme auseinanderschlugen und
dem Bade unterhielten - und vor dem Eintritte zog Viktor sie zurück, der
wonnebeklommen sagte: »Du Allgütiger!« und auf Emanuels Laube hinblickte, auf
welcher die Paradieses-Pforte, aus musivischen Steinen aufgeführt, der
Regenbogen, sich anfing und sich durch den Himmel hinüberwölbte über die
Abendlaube und mit dem himmlischen Zauberkreis die drei liebenden Seelen
einfasste.
    Und als sie in die dunkle Laube traten, die nur eine kleine Öffnung gegen
die durch den Regen hereinbrennende Sonne hatte: lag vor der Öffnung das
Abendgefilde mit den wankenden Feuersäulen, zwischen denen der goldne Fluss der
zerschmolzenen Sonne schlug, und mit den Auen, die bis an die Blumen in einem
Meer von Lichtkügelchen standen. - Und herabgefallene Regenbogen lagen mit ihren
Trümmern auf den Blütenbäumen. - Und kleine Lüftchen wehten das Lauffeuer in den
Wiesenblumen an und warfen Funken aus den Blüten. - Und das Menschenherz wurde
von den Wonneströmen fortgezogen und schwamm brennend in seinen eignen Tränen. -
    Wie eine Verklärte schauete Klotilde in die Sonne, und ihr Angesicht wurde
erhaben zugleich von der Sonne und von ihrer Seele. Und ihr Freund störte die
schöne Seele nicht; aber er nahm das weisse Tuch aus ihrer Hand und trocknete die
aus der Laube tropfenden Farbenkörner, mit Blumenstaub umzogen, sanft hinweg,
und sie gab ihm freiwillig ihre Hand. Als sie ihre Augen voll Tränen auf ihn
wandte: liess er die Tränen stehen; aber sie nahm sie selber hinweg und schauete
ihn mit einer Liebe an, über welche bald die alten zogen, und sagte mit einem
Lächeln, das selig weiterfloss: »Mein ganzes Herz ist unaussprechlich gerührt;
vergeben Sie ihm, teuerster Freund, heute alles, worin es bisher dem Ihrigen
nicht ähnlich war!«...
    - Siehe da wurde die warme Wolke in den Garten gleichsam wie ein ganzer
Paradiesesfluss niedergeschüttet, und auf den Strömen flossen spielende Engel
herab.... und als die Wonne nicht mehr weinen und die Liebe nicht mehr stammeln
konnte, und als die Vögel jauchzeten und die Nachtigall durch den Regen
schmetterte, und als der Himmel freudig-weinend mit Wolkenarmen an die Erde
fiel: ja, dann zitterten zwei begeisterte Seelen zusammen und ruheten ohne Atem
aneinander mit den zuckenden Lippen und Wange an Wange gepresset im glühenden
zitternden Schauer - dann quollen endlich, wie Lebensblut aus dem geschwollnen
Herzen, grosse Wonnetränen aus den liebenden Augen in die geliebten über. - Das
Herz mass die Ewigkeit seines Himmels mit grossen wonne-schweren Schlägen - die
ganze Sichtbarkeit, die Sonne selber war dahingesunken, und nur zwei Seelen
schlugen aneinander einsam in der ausgeleerten dämmernden Unermesslichkeit,
geblendet vom Tränenschimmer und vom Sonnenglanz, übertäubt vom Himmelbrausen
und vom Echo der Philomele und erhalten von Gott im Ersterben aus Wonne.
    Klotilde bog sich ab, um die Augen abzutrocknen; und ihr stummer Liebling
sank um und kniete vor ihr und drückte sein Angesicht auf ihre Hand und
stammelte: »O du Herz aus meinem Herzen, o du ewig, ewig Geliebte - ach könnt'
ich für dich bluten, für dich untergehen -« Plötzlich stand er, wie von einer
unermesslichen Begeisterung gehoben, auf und sagte leiser, sie anschauend:
»Klotilde! dich, Gott und die Tugend lieb' ich ewig.«
    Sie drückte seine Hand und sagte leise: »O wie konnten die Menschen und das
Schicksal ein solches Herz verwunden? Aber meines, Viktor,« (sagte sie noch
leiser) »wird ihm nie mehr unrecht tun.« - - Sie traten aus der Laube - der
Himmel hatte sich wie ihr Herz erschöpft in Freudentränen und war bloss heiter -
die Sonne war zugleich mit der grossen Minute untergegangen. Viktor ging langsam,
als wenn er vor einem weiten Elysium vorbeiginge, das empfangne Eden auf seinem
Herzen tragend, heim in Dahores stille Wohnung. Dahore sank, sitzend
eingeschlummert, sanft hinüber und herüber, und Viktor, ob er gleich gern sein
Herz an einer zweiten ähnlichen Brust auspochen lassen wollte, versagte sich es
doch - und lehnte sich langsam an den wankenden Lehrer. Er hielt recht lange das
schlummernde Haupt an seiner brausenden Brust. Sein Freudengewitter kühlte sich
ab zum heitern Himmel, und die erquickten Freudenblumen schlossen die
Duft-Kelche der Erinnerung auf. Dahore schlug die Arme um seinen Liebling, und
dann erst wurde er wach: denn es hatte ihm geträumt, er umarme ihn, und als er
aufwachte, war er froh, dass es ihm nicht bloss geträumt hatte.
    Genug! - Und ihr, ihr Menschen, die ich liebe, ruht aus an der Erinnerung
oder an der Hoffnung, wenn ihr wie ich diese kleinen Blätter aus den Händen
legt!
 
         Dritter Pfingsttag oder 35. Hundposttag oder Burgunder-Kapitel
          Der Engländer - Wiesenball - selige Nacht - die Blütenhöhle
Bei den Menschen wie bei den Geizigen schlägt es immer nur Viertel zur frohen
Stunde, aber gleich einer schlechten Uhr schlägt es die Schäferstunde unserer
Hoffnung nie aus. Aber in Rücksicht der Pfingsttage ist das grundfalsch - sie
sind prächtig, und wie man sonst die Ausgiessung des Heiligen Geistes in alten
Kirchen durch das Herunterwerfen der Blumen vorstellte: so bilden wir sie in
Maiental durch das Auswerfen figürlicher ab. Ich habe daher gar eine Flasche
Burgunder aufgesiegelt und neben die Dintenflasche gestellt, um erstlich durch
mein grösseres Feuer in diesem Kapitel die Natur- und Kunstrichter auf meine
Seite zu bringen, die leichter den Stab über Autoren als eine Lanze mit Autoren
brechen - und um zweitens überhaupt den Wein zu trinken, welches schon an sich
Endzwecks und Teleologie genug ist. Ein wahres Schlaraffenland und Himmelreich
hätten wir, wenn auch der Leser bei solchen Kapiteln etwas Spirituöses zu sich
nähme. Betrinkt sich der Autor allein, so geht der halbe Eindruck zum Henker;
und es ist ein Unglück, dass die Rezensenten nichts zu leben und zu trinken
haben; sie könnten sonst mir als einem Stern zur Brechung durch ihren Dunstkreis
dienen und mich höher und breiter zeigen, als ich stände.
    Viktor war kaum ins nasse Gras des Morgens gelaufen, als er den Engländer
mit dem Kopfe unter den Giesskannen des Wasserrades aufjagte. Er vergab diesem
Kato dem Ältern gern alle seine Sonderbarkeiten und das Idiotikon seiner tollen
Natur und seinen Kometen-Gang; denn er war in seinem achtzehnten Jahr selber ein
solcher Schwanzstern gewesen und sah diesen für eine auf sich geschlagene
Kometenmedaille an. Obgleich der Brite Sonderbarkeit suchte: so wusste Viktor aus
eigner Erfahrung, dass es nicht aus Eitelkeit (man kann, wenn man will, aus allen
Handlungen, sogar aus den unschuldigsten, Eitelkeit ausziehen, wie aus allen
Körpern Luft), sondern aus Laune geschah, für welche der Genuss einer
exzentrischen Rolle, man mag sie lesen oder spielen, ebenso viele Reize hat wie
für das Gefühl der Freiheit und der innern Kraft. Eitle erliegen dem
Lächerlichen, dem der Sonderling trotzt; und jene hassen, diese suchen ihre
Ebenbilder. Das einzige, was Viktor ihm verübelte, war, dass er andern kleine
Schonungen bloss darum nicht erwies, weil er auch keine begehrte; und eben dieser
vom Humor unzertrennliche Krieg mit allen kleinen Schwächen und Erwartungen der
Menschen hatte dem menschenliebenden Viktor diese exzentrische Bahn verleidet.
Das Unglück macht daher leichter Sonderlinge als das Glück.
    Ihm gab die Freude über die Schilderungen, die ihm Kato von Flamins
ähnlichen Himmelfahrten und Freudenfeuern machte, den Gedanken ein, seine
Quaterne schöner Tage durch etwas anders zu verdienen als durch seine vorigen
trüben - nämlich dadurch, dass er auch fremde seinen ähnlich machte. Kurz er
redete es mit dem ältern Kato ab - dems recht lieb war -, die Prager zu etwas zu
verwenden, nämlich abends in der Kühle damit den maientalischen Kindern einen
Wiesen-Ball zu geben. Was hatten beide dazu nötig, als - was sie sogleich taten
- in die Tasche und in die Börse zu greifen und dem Nachtwächter loci mehr zu
geben, als das Heu seiner grossen Wiese zu Johannis wert sein konnte, die heute
zu einem Tanzsaal ausgemähet werden musste?
    Der Mann gab sie ohnehin mit tausend Freuden her, weil sein Sohn heute -
Hochzeit hatte. Die zwanzig Maienbäume, die Kato in den Saal pflanzen wollte,
standen schon als Autochtonen einverleibt darin. Und als sie noch bei den
Eltern des saubern Dorfes - sonst aber gleicht der arme Ackerbauer dem Schweine,
das nach Älian dessen Ackern erfand - die jungen Tanz-Hälften mit der grössten
Ernstaftigkeit - denn Bauern und Damen finden sich nicht in Sonderbarkeiten -
zusammengebettelt und gepresset hatten: so war alles richtig.
    Das befreundete Trio fand am Mittagtische der Äbtissin den gestrigen Tag.
Viktor war überall sogleich zu Hause, er blieb nicht Gast, damit der andre nicht
Wirt bliebe. Man findet sonst Mädchen selten so wieder, als man sie verliess, so
wie ihr Empfang allemal wärmer oder kälter ist als ihr Briefchen vorher; aber in
Klotildens zergehenden Zügen kündigte ein unendlicher Zauber die Erinnerung von
gestern an, wo sie aus zwei Gründen ihr Herz allen seinen auf dem Altar der
Natur und der Tugend geheiligten Flammen überlassen hatte. Erstlich war sie
gestern wärmer, weil sie vorher kälter gewesen im kleinen Zank, den bloss ihr
Gesicht über die Kussewitzer Uhr-Sache gehabt; nichts macht die Liebe süsser und
zärter als ein kleines Keifen und Frieren vorher, so wie die Weintrauben durch
einen Frost vor der Lese dünnere Schalen und bessern Most gewinnen. Zweitens
betragen sich in einem hohen Grade der Rührung und Liebe die besten Mädchen
gerade so wie die - guten.
    Ich habe erst drei Kaffeetassen Burgunder zu mir genommen, weil ich zur
Karnation und Rötelzeichnung des Nachmittags vielleicht nicht mehr brauche -
aber o Himmel, die Nacht! - Meine Schuld ists nicht, wenn es der Nachwelt nicht
zu Ohren kömmt, dass die meisten nachmittags der Hitze wegen aus dem Garten
blieben. Aber sie sahen aus den Zimmern die Wiese, den Zimmerplatz eines schönen
Abends, wo die Kinder schon im voraus herumliefen, das Gras hinaustrugen und mit
Hornisten auf Bierhebern das Trommetenfest eröffneten. Es würde zu geringfügig
sein, wenn ichs anmerken wollte, dass mehre Jungen durch geschossene rote Kappen
oder Kronen tot hingestreckt wurden, weil sie Hasen vorstellten, der
Mützen-Schütze Jäger und die übrigen Windhunde; man kanns aber metaphorisch
nehmen, und dann wirds satirisch und erheblich genug.
    Die Freude zarter Menschen ist verschämt, sie zeigen lieber ihre Wunden als
ihre Entzückungen, weil sie beide nicht zu verdienen glauben, oder sie zeigen
beide hinter dem Schleier einer Träne. Viktor war so und sah in jeder Freude
seufzend nach Westen, ich weiss nicht, ob er an den Untergang der Sterne und der
Menschen dachte oder an die Schwarzen, deren Ketten bis in unsere Halbkugel
heraufklirren, oder an nähere Weisse, für die man die zersprengten wieder lötet
mit Blut - - Aber dieses Schauen nach seiner Kiblah zwang ihn, seine Entzückung
zu verdienen. Die gestrige und heutige war so gross, dass er gerührt zum Genius
der Erde sagte: »So gross kann meine schwache Tugend nicht werden.« - Es half ihm
nichts, dass er sich selber vor seinem Gewissen herauszustreichen suchte und
diesem vorstellte, wie viel schöne Minuten und frohe Pulsschläge er hier in
diesem Seifersdorfer Tal austeile an seine Freunde und an seine Freundin, die
durch ihn genese, und an die Kinder, die er jetzt schon springen sehe und abends
noch mehr - es fruchtete beim Gewissen etwas, aber doch nicht genug, als er es
fragte, ob er denn vor der Sphärenmusik dieser Tage die Ohren zuhalten sollte;
ob er nicht seine Leidenschaften überwunden habe und ob nicht der grössere
Spielraum und die grössere Tätigkeit eines Menschen bloss in der grössern Zahl
besiegter Leidenschaften bestehe, so dass also eine Hofdame, ja sogar ein König
keinen kleinern Wirkkreis innenhabe als der nützlichste Bürger; und ob nicht der
Mensch wie sehr kleine Kinder bloss in die Erdenschule gesendet worden, um stille
sein zu lernen - aber der eucharistische Religionkrieg des alten und neuen Adams
hörte bloss durch eine Entzückung auf, nämlich durch die Entschliessung, sobald
ihm sein Vater die Hand- und Beinschellen des Hofes abnehme, mehr zu kurieren
als der Stadt- und Landphysikus und alles umsonst und meistens bei Armen. - -
    Nur auf ein Wort, Leser! Tugend kann nicht der Glückseligkeit würdig machen,
sondern nur würdiger, weil schon das Dasein uns wie bei den nicht-moralischen
Tieren ein Recht an Freude gibt - weil Tugend und Freude inkommensurable Grössen
sind und man nicht weiss, wird ein seliges Jahrhundert durch ein tugendhaftes
Jahrzehend oder dieses durch jenes verdient - weil die Jahre der Freude vor den
Jahren der Tugend laufen, so dass der Tugendhafte statt der Zukunft erst die
Vergangenheit, statt des Himmels erst die Erde zu verdienen hätte.
    Der Nachmittag lief wie eine lichte Quelle über bunte Kleinigkeiten wie über
Goldsand hinüber, über kleine Freuden und über grosse Hoffnungen, über zarte
Aufmerksamkeiten und über den Blumenstaub wohlwollender Feinheiten, der das
beste Heftpulver der Herzen ist. Viktor fühlte, dass eine Geliebte, die viel
Verstand hat, der Liebe einen eignen pikanten Geschmack mitteile; sie selber
fühlte, dass das Herz, das man mit weichen bekleideten Händen und nicht mit rohen
Griffen abgepflückt, sich besser erhalte, so wie sich Borsdorfer Äpfel länger
halten, die man nur mit Handschuhen abgenommen. Obgleich nach meinen Tabellen
die Liebe gerade am Tage nach dem ersten Kusse am höchsten, nämlich auf 112°
Fahrenheit oder 10° de l'Isle steht: so war doch mit Viktors Liebe zugleich
seine Ehrfurcht gestiegen - o die Liebe erhebt, worin die Gunstbezeugungen nicht
kühner, sondern blöder machen! -
    Unser Freund fühlte, wie glücklich in der Freude das Ansichhalten mache, und
wie sehr der schäumende Freuden-Pokal durch einige Messerspitzen hineingeworfnes
Temperierpulver sich aufhelle und veredle. Nach einem Nachmittag, wo die ganzen
Stunden reizend waren, ohne dass man einzelne ausserordentliche Minuten hätte
herausheben können - wie die Fasanenfedern nicht einzeln, sondern in ganzen
Büschen glänzen -, nach diesem Nachmittag zog alles in den Garten, aber Emanuel
zuerst. Der Indier vertrug wie Grasmücken keine Zimmer und schwieg darin oder
las nur, und zwar bloss - was mich nicht wundert - die Trauerspiele
Shakespeares....
    Unter dem grossen Abendhimmel, den keine Wolke einschränkte, taten sich die
Seelen wie Nachtviolen auf. Emanuel war der Cicerone und Galerieinspektor dieses
malerischen Gartens. Er führte seinen Freund und die andern zu seinem kleinen
Blumengärtchen, das am höchsten im Park lag. Der Park lief nämlich den Berg
hinab mit fünf gleichsam aus diesem schubladenweise herausgezognen Absätzen und
Stockwerken. Diese fünf Ebenen, diese eingehauenen grünenden Stufen, hielten
ebensoviel verschiedene Gärten, Baumund Staudengärten etc., empor - daher wurde
durch jeden neuen Standpunkt, wie durch einen Umwandel-Spiegel, aus dem alten
Garten ein neuer zusammengerückt. Den abschüssigen Park fassten auf beiden Seiten
zwei Schlangengänge hoher, wankender, brennender Blumen wie zwei hinunterwehende
Treppengeländer ein, und hinter jeder Blumen- ringelte sich oben vom Berge
silbernes Geäder mit hellem, dünnen, auf- und niederspringenden Gewässer herab
100, das in der Abendsonne eine in aufrechten Windungen daliegende Goldschlange
oder Ichor-Schlagader wurde. Auf der obersten letzten Terrasse standen einander
die Abend- und die Morgenlaube als die Pole des Gartens gegenüber, und der
Abendspringbrunnen glimmte über jener und der Morgenspringbrunnen über dieser
empor, und beide sahen zu einander wie Mond und Sonne herüber.
    Und gerade an dem Abendbrunnen hatte Emanuel seinen Zwischengarten. Denn er
liebte als Indier physische Blumen wie poetische, und ihm war im Dezember ein
Blumenbuch eine gewiegte Blumenau, und ein Nelkenblätterkatalog war für ihn die
Hülse und Chrysalide des Sommers. Er führte seine Geliebten auf der blumigen
Region des Berges durch die unschuldigen Blumen hindurch, die wie gute Mädchen
weder Sonne noch Erdreich zum eignen Leben dem fremden nehmen - vor der
Goldquaste der Tulpe vorbei - vor den Miniaturfarben des Vergissmeinnicht - vor
den bunten Glocken, die auch wie die lauten in den Giesslöchern der Erde gegossen
werden - vor den Ohrrosen des Augusts, nämlich den Rosen - vor dem Kato, der
nicht der lustige Engländer, sondern eine ungeflammte Aurikel ist, die bei Herrn
Klefeker in Hamburg zu haben - vor der geliebten Agate, die an die andere in
St. Lüne erinnerte und die eine schöne Schlüsselblume ist....
    Endlich kamen sie an die Abendlaube und an Emanuels Blumen, nämlich an
schneeweisse Hyazinten, in deren Verschattung der durchstrahlte
Abendspringbrunnen eine bleiche Röte tuschte. O wie schön, wie schön wehte da
die Wärme der Abendsonne herüber und die Kühle des Abendwindes! - Aber warum
sinket, Klotilde, dein Auge und dein Haupt hier so traurig gegen die Blumen zu?
Ists, weil die Wassersäule erlischt, weil die Sonne untergeht? - Nein, sondern
weil die weissen Hyazinten in der Blumistensprache Julia heissen - o weil der
Gottesacker herübersieht, dessen hohe wankende Grasblumen mit ihren Wurzeln über
zwei geliebten Augen stehen, über den Augen der blassen Hyazinte Giulia, die
das heutige Fest nicht erlebt. - - Aber Klotilde verbarg sich, um nichts zu
stören.
    Das ausfunkelnde Gold der Wassersäule und die zurückschlagende Abendlohe an
allen Fenstern zogen die Augen zur Sonne, die unter ihre Bühne sank. - Aber ein
rollendes Feuerrad des Allegro, womit die Harmonisten auf der Wiese die
weichende Sonne begleiteten, nahm die Augen zu den Ohren herab, und unten auf
der eingehüllten Wiese stieg ein neues Teater der Freude mit neuen
Schauspielern empor.... Zwei Rosen waren in den Himmel gepflanzt, die rote, die
Sonne, die über der zweiten Halbkugel ihre Blüten auftat, und die weisse, der
Mond, der in unsere niederhing; aber Sonnengold und Lunasilber und
Abendschlacken wurden noch von einem rauchenden Zauberdufte eingesogen, und man
konnte noch nicht die Schatten vom silbernen Grunde des Mondlichts absondern,
und niederflatternde Blüten wurden noch mit Nachtschmetterlingen vermengt.
    Die Glücklichen gingen durch die Kastanienallee hinab zu den jüngern
Glücklichen, zu den Kindern, die, kühner durch die Gegenwart ihrer Mütter,
zwanzig Freiheitbäume in veränderlichen Gruppen umzingelten und umkreiseten und
nur auf tiefere Schatten warteten, um schneller zu tanzen. Der Engländer wurde
von Klotilde wie ein Freund ihrer zwei Freunde empfangen. Das Brautpaar, dem die
Wiese als Erbschaft gehörte, hatte die eigne Musik gegen diese vertauscht, und
das Bundfest desselben rückte in seiner Feier unserem Helden den heitern Tag
näher, wo er, er auch seine Klotilde Braut nennen durfte; aber er hatte nicht
den Mut, sein errötendes Gesicht gegen diese zu wenden, weil er dachte, sie
denke dasselbe und sei auch rot. Nur ein Liebender kann mit der Begeisterung
eines Brautpaars sympatisieren; und nie stiegen schönere Wünsche für eines auf
als für dieses in zwei Seelen voll Liebe. Eine vierjährige Schwester der Braut
drückte sich an Klotilden an - jene war die kleine Luna dieser Venus bei ihren
Spaziergängen - und diese entlud gern ihre Liebe in die kleine Hand, die der
ihrigen den Vorzug vor einem Mittänzer liess.
    Der Mond gab jetzo durch den Widerschein der Sonne, womit er dieses
Kinderparadies versilberte, der Freude hellere Farben, und unter dem vertieften
Schatten der Maienbäume wuchs der kindliche Mut. Alles war beglückt - alles
fesselnlos - alles friedlich - kein giftiges Auge warf Blitze - keine einzige
Härte störte das metrische Leben - in melodischer Fortschreitung klangen die
Minuten im Silbertone vorüber und verfingen und hielten sich in dem
ausschlagenden Rosendickicht der Abendröte auf. - Der laue flatternde Äter des
Frühlings sog an den Blüten sich voll Düfte und trug sie wie Honig in die Brust
des Menschen. - Und als die Pulse voller schlugen, spielten stumme kühlende
Blitze um die Nebel des Horizonts, und der Mond zog Lebenluft101 aus den
Blättern, um auf ihr den abgezognen Geist ihrer Kelche gesünder zuzuführen.
    Viktor und der Engländer und Emanuel und Klotilde nebst einigen von ihren
Freundinnen standen unten wie gebende Götter der Freude neben den Kindern und
wurden durch den Genuss der fremden Labung trunken. Unser Freund hatte eine zu
heilige Liebe, um sie (zumal so vielen Fremden und dem Engländer) zu zeigen, und
legte dem unbändigen tanzenden Herzen Zügel an. In der edeln Liebe ist das Opfer
- und wäre sie es selber - so angenehm wie der Genuss; aber noch leichter wird es
neben einem Emanuel, der - das ist das schimmernde Ordenkreuz der höhern
Menschen - gerade in der Freude seine Augen zu dem höhern Leben aufhebt und zur
Wahrheit. Diesesmal verdoppelte noch dazu das Gefühl seiner steigenden
Gesundheit sein Schmachten nach dem geweissagten Verscheiden. Sein
verherrlichtes Angesicht, seine überirdischen Wünsche und sein stilles Ergeben
waren gleichsam der zweite höhere Mondenschein, der in den dunklern fiel; und er
störte das wachsende Elysium gar nicht, da er z.B. sagte: »Der Sterbliche hält
sich hier für ewig, weil das Menschengeschlecht ewig ist; aber der fortgestossene
Tropfe wird mit dem unversiegenden Strome verwechselt; und keimten nicht immer
neue Menschen nach, so würde jeder die Flüchtigkeit seiner Lebenterzie tiefer
empfinden«- oder da er sagte: »Wenn der Mensch nicht unsterblich wird, so wird
es auch kein höheres Wesen, und die Schlüsse sind dieselben; dann brennte der
stehende Gott aus dem kämpfenden und erlöschenden Sein einsam heraus, gleich der
Sonne, die, wenn es keinen Erdendunstkreis gäbe, aus einem schwarzen Himmel
lodern und die gewölbte Nacht durchschneiden, aber nicht erhellen würde« - oder
da er sagte: »Der Gang des Menschengeschlechts zur heiligen Stadt Gottes gleicht
dem Gange einiger Pilgrime, die nach Jerusalem wallfahrten und allemal nach drei
Schritten vorwärts wieder einen rückwärts tun.«- Oder endlich da er auf seines
Viktors Bemerkung, dass die Besserung nur die groben Fehler, nicht die feinen
Gewissenbisse aufhebe, und dass ein Heiliger so viel Klagen von seinem Gewissen
erhalte als der Schlimme, da er darauf sagte: »Unsere Entfernung von der Tugend
findet man, wie die von der Sonne, durch genauere Berechnungen bloss grösser; aber
die Sonne fliesset doch, aller veränderlichen Rechnungen ungeachtet, immer mit
derselben Wärme in unser Angesicht.« -
    Plötzlich lief der Engländer zu den Spielern und foderte - um die Sprünge
und Läufer seiner Ideen in Musik gesetzt zu sehen von ihnen das beste Adagio und
eilte in das »Florgezelt« oben hinauf, das der Lord Horion aus eisernen Bögen
und einem darüber gespannten schwarzen Doppelflor erbauen liess, um für seine
damals erkrankenden Augen den Sonnenschein in Mondschein umzusetzen. Da jedes
Herz bei der ersten Berührung vom Adagio in selige Tränen zergehen musste: so
zerlegte die Wonne, die sich zu verhüllen suchte, den ruhenden Kreis, und alle
flossen auseinander, um (jeder unter seiner eignen Überlaubung) ungesehen zu
lächeln und ungehört zu seufzen - wie Kurgäste eines Gesundbrunnen zerteilte,
begegnete, entfernte man sich in zufälligen Richtungen.
    Der schöne Blinde ruhte oben nicht weit von der Nachtigall gleichsam an der
Quelle der harmonischen Ströme, und Klotilde blickt' ihn trauernd an, sooft sie
an ihm vorüberging, und dachte: »Arme verschattete Seele, die Seufzer der Musik
dehnen dein sehnsüchtiges Herz aus, und du siehst nie, wen du liebst und wer
dich liebt.« - Emanuel ging einsam den langen Weg zu seinem Berge mit der
Trauerbirke hinauf und zurück. - Viktor irrte den ganzen Garten hindurch: er kam
vor verhüllten Obelisken, Säulen und Würfeln vorüber, die den Platz steinerner
Faunen besser besetzten; - er trat in die dunkle, nur von der Abendröte
schattierte Abendlaube, wo er gestern zu glücklich war für einen Sterblichen und
zu weich für einen Unsterblichen; - er drängte sich durch einen Ring von
Büschen, aus denen ein strahlendes Springwasser vorragte, und schloss geblendet
die Augen zu, als er darin in künstlich belaubten Pfeilerspiegeln einen mit
Mondsilber gesättigten Wasserbogen in zurückweichenden Erbleichungen
millionenmal aufgewölbt und aus weissen Regenbögen in Mondsicheln und endlich in
Schatten zurückgeführt erblickte. - -
    O wie oft hatt' er nicht in seinen Kinderträumen, in seinen
Landschaftgemälden, die er sich von den Tagen des Paradieses entwarf, diese
Nacht gesehen und kaum gewünscht, weil er sie auf der rauhen Erde nie zu erleben
hoffte; und jetzo stand diese Eden-Nacht mit allen um sie hängenden Blüten und
Sternen ausgeschaffen vor ihm! - Und wer von uns hat nicht in irgendeiner
zauberisch beleuchteten Stelle seiner Phantasie und seiner Hoffnung ein ebenso
grosses Nachtstück einer künftigen Lenznacht aufgestellt, wo er wie in dieser mit
allen Freunden auf einmal (nicht immer allein) glücklich ist - wo wie in dieser
die Nacht nur als ein Schleier durchsichtig über den Tag geworfen ist - wo der
rote Gürtel, den die Sonne beim Einsteigen ins Meer abgelegt, bis an den Morgen
auf dem Rand der Erde schimmernd liegen bleibt - wo die langen Seelentöne der
Nachtigall laut durch das auseinanderrinnende Adagio ziehen und sich aus dem
Echo erheben - wo wir lauter befreundeten Seelen begegnen und sie trunken
anblicken und durch das Lächeln fragen: o du bist doch auch so glücklich wie
ich? und wo das fremde Lächeln es bejahet - eine Nacht, o Gott, wo du unser Herz
voll und doch ruhig gemacht, wo wir weder zweifeln noch zürnen noch fürchten, wo
alle deine Kinder an deiner Brust in deinen Armen ruhen und die Hände ihrer
Geschwister halten und nur mit halb geschlossenen Augen schlummern, um sich
anzulächeln? - - Ach da der Seufzer, womit ich dieses schreibe und ihr es leset,
uns daran erinnert, wie selten solche Frühlingnächte auf unsere Erde fallen: so
verübelt es mir nicht, dass ich das schwelgerische Gemälde dieser Nacht nur
langsam vollführe, damit ich einmal in meinen alten Tagen mich an der gemalten
Stunde der jetzigen Begeisterung erquicke und etwan sagen könne: ach du wusstest
es damals wohl, dass du niemals eine solche Nacht erleben würdest, darum warst du
so weitläuftig. Und was anders als versteinerte Blüten eines Klima, das auf
dieser Erde nicht ist, graben wir aus unserer Phantasie aus, so wie man in
unserm Norden versteinerte Palmbäume aus der Erde holt.....
    Viktor ging zum stillen Julius an der Nachtigallenhecke und legte ihm
Nachtviolen in die Hand und küsste ihn auf das verhangne Auge, das nicht sehen,
aber doch weinen konnte vor Freude - und die benachbarte Nachtigall hielt nicht
innen unter dem Kuss. Er kam den Garten hinauf, als Emanuel herunterkam; neben
dem Morgenspringbrunnen sahen sie einander an, und Emanuels Angesicht leuchtete
im Widerschein der Wellen, als wenn er vor dem Engel des Todes stände und
zerflösse, um zu sterben, und er sagte: »Der Unendliche drückt uns heute an sich
- warum kann ich nicht weinen, da ich so glücklich bin?« - Und als sie wieder
auseinander waren, rief er seinen Viktor zurück und sagte: »Schau, wie
blühendrot der Abend gegen Morgen zieht wie ein Sterbender, als wenn ihn die
Töne fortrückten - schau, die Sterne hängen wie Blüten aus der Ewigkeit in
unsere Erde herein - schau die grosse Tiefe - wie viel Frühlinge grünen heute auf
so viel tausend darin ziehenden Erden.« -
    Die Mädchen hatten sich nach kurzen Gängen bald auf die Grasbänke der
Terrassen paarweise oder in der Zahl der Grazien niedergesetzt. Klotilde, die
allein gewandelt war, tat es endlich auch und setzte sich zu einer einsamen
Freundin auf der vierten Terrasse, neben den bunten Sonnen-Regenbogen aus
Blumen, hinter welchem der Mond-Regenbogen aus Wasser blinkte. Diese Freundin
rief den kommenden Viktor zum Schiedrichter eines tugendhaften Zwistes herbei:
»Wir haben gestritten,« sagte die Freundin, »was süsser für gute Menschen sei,
wenn sie vergeben, oder wenn ihnen vergeben wird. Ich behaupte durchaus,
vergeben ist süsser.« - »Und mir kommt es vor,« (sagte Klotilde mit einer
gerührten Stimme, die alle liebreiche Gedanken ihres schonenden Herzens, alle
ihre dankenden Erinnerungen an ihre letzte Entzweiung mit Viktor und an sein
schönes Vergeben entdeckte) »es sei schöner, Vergebung zu erhalten, weil die
Liebe gegen die verzeihende Seele durch die eigne Demut reiner und durch die
fremde Güte grösser wird.« Etwas Lieblicheres wurde wohl unserm Viktor nie
gesagt. Seine Rührung und sein Dank machten ihm das Entscheiden schwer; aber
Klotilde half seinen Träumen durch die Wendung ein oder ab: »Ich habe meine gute
Charlotte schon an vorgestern erinnert, aber sie bleibt dabei.« Sie meinte den
Beicht und Abendmahltag, wo die schönen Herzen alle von einander Vergebung baten
und bekamen. Viktor antwortete endlich zugleich wahr und beziehend und fein:
»Sie setzen beide, glaub' ich, unmögliche Fälle: kein Mensch hat ganz unrecht
und keiner ganz recht; und wer vergibt, dem wird zugleich vergeben, und
umgekehrt - so teilen zwei Menschen, die sich versöhnen, immer die Freude der
Verzeihung und die Freude der reinern und grössern Liebe miteinander.« -
    Viktor ging, um eine Rührung zu verbergen, durch die er eine fremde zu sehr
erhöhte. Aber auf seinen nahen und fernen Wegen zwischen Tönen und Blüten
hielten in ihm Gefühle an, die seine Liebe verdoppelten und verherrlichten: er
fühlte, dass der stärkste Ausdruck der Liebe nicht so fest und innig in die Seele
greife als der feinste. Allein als er vor der Sonnenuhr vorüberging, die mit
einem Massstabe aus Schatten uns andern Schatten ihre engen glücklichen Inseln
zuzählte, und als ihm der Mond auf der Waage mit seiner innenstehenden
Schattenzunge die letzten Minuten dieser frohen Stunde vorwog, weil er nach
Mitternacht hin zeigte, gleichsam als wenn er schriebe: es ist sogleich vorüber:
so trat der Engländer allein langsam und niederblickend aus dem Florgewebe und
ging unter die Töne, um sie wegzuführen mit dem ganzen Himmel um sie. Viktor,
der im stillen Meer der tiefsten Freude nicht mehr nach Gegenden steuerte,
sondern zufrieden darauf taumelte und ruhte und in der Zukunft nichts begehrte
als die Gegenwart, wandelte jetzo nur auf den langen Terrassen hin und her,
anstatt den Garten auf- und abzusteigen - er stand gerade auf der obersten, auf
der Blumenterrasse, an dem Morgenspringbrunnen, und sah den dämmernden Weg
hinüber zum blinkenden Abendbrunnen, und der Schnee des Mondes lag tiefer und
weisser gefallen die glückselige Ebene hinab, und dieses blühende Zuckerfeld kam
seinem träumenden Herzen wie eine in diese Erde hineinreichende Landspitze der
Insel der Seligen vor, und er sah ja lauter selige Menschen auf diesem
Zaubergefilde gehen, ruhen, tanzen, hier einsam, dort in Paaren, dort in
Gruppen, und unschuldige Menschen, stille Kinder, sanfte tugendhafte Mädchen,
und er schauete zum gestirnten Himmel auf, und sein Auge voll Tränen sagte zum
Allgütigen: o gib auch meinem guten Vater und meinem guten Flamin eine solche
Nacht - - als er plötzlich die Töne wie abgewehet vernahm und den Briten mit den
Kindern ziehen sah, und das Schwanenlied eines Maestoso wurde vorausgetragen vor
der entfliehenden Jugend....
    Viktor ging oben mit den wegschwimmenden Tönen, und die Sterne schienen
mitzuschwimmen und die Gegend mitzugehen - auf einmal stockt er am Ende der
Blumenterrasse vor den Ebenbildern Giulias, den weissen Hyazinten, vor der
Freundin Giulias, vor - Klotilde.... Augenblick! der nur in der Ewigkeit
wiederholt wird, schimmere nicht zu stark, damit ich es ertragen kann, bewege
mein Herz nicht zu sehr, damit es dich beschreiben kann! - Ach beweg' es nur wie
die zwei Herzen, denen du erschienst; du begegnest uns allen nicht mehr.... Und
Klotilde und Viktor standen unschuldig vor Gott, und Gott sagte: weint und liebt
wie in der zweiten Welt bei mir! - Und sie schaueten sich sprachlos an in der
Verklärung der Nacht, in der Verklärung der Liebe, in der Verklärung der
Rührung, und Wonnezähren deckten die Augen zu und hinter den erleuchteten Tränen
stiegen um sie verklärte Welten aus der dunkeln Erde auf und der
Abendspringbrunnen legte sich glimmend wie eine Milchstrasse über sie herüber und
der Sternenhimmel schlug funkelnd über sie zusammen und das entweichende
Vertönen spülte die aufgehobnen Seelen vom Erdenufer los.... Siehe! da trieb ein
kleines Wehen die entfliegenden Laute heisser und näher an ihr Herz, und sie
nahmen ihre Tränen von den Augen; und als sie umherschaueten in der Gegenwart:
so bewegte das melodische Wehen alle Blüten im Garten, und die grosse Nacht, die
mit Riesengliedern im Mondschein auf der Erde schlief, regte vor Wonne ihre
Kränze aus abgeschatteten Gipfeln und die zwei Menschen lächelten zitternd
zugleich und schlugen miteinander die Augen nieder und hoben sie miteinander auf
und wusstens nicht. Und Viktor konnte endlich sagen: »O! möge das edelste Herz,
das ich kenne, so unaussprechlich selig sein wie ich und noch seliger! So viel
hab' ich nicht verdient.« - Und Koltilde sagte in einem sanften Tone: »Ich bin
den ganzen Abend meistens allein geblieben, bloss um vor Freude zu weinen, aber
er ist zu schön für mich und die Zukunft.« ... Die umkehrenden Gespielinnen
kamen den Garten herauf, und beide mussten auseinander scheiden; und als Viktor
noch mit erstickten Lauten sagte: »Ruhe wohl, du edle Seele - solche
Freudentränen müssen immer in deinen Augen stehen, solches melodische Getöne
müsse immer um deine Tage rinnen - Ruhe wohl, du himmlische Seele«; und als ein
Blick voll neuer Liebe und ein Auge voll neuer Tränen ihm dankte; und als er
sich tief, tief bückte vor der Heiligen, Stillen, Bescheidnen und aus Ehrfurcht
nicht einmal ihre Hand küsste: so umarmte in der Unsichtbarkeit ihr Genius seinen
Genius vor Entzücken, dass ihre zwei Kinder so glücklich waren und so tugendhaft.
- -
    O wie wohl tat jetzt seiner überschütteten Seele sein geliebter Dahore, dem
er unter den lauten Kastanien nachkam, und an den er mit allen seinen Tränen der
Wonne, mit allen seinen Liebkosungen des trunknen Herzens fallen durfte: »Mein
Emanuel, ruhe sanft! Ich bleibe heute Nacht unter diesem guten warmen Himmel um
uns her.« - »Bleibe nur, Guter,« (sagte Emanuel) »eine solche Nacht zieht durch
keinen Frühling mehr.... Hörst du,« (fuhr er fort, als die in die
Unermesslichkeit entrückten Töne gleichsam wie Abendsterne des untergegangnen
Glanzes, wie Herbststimmen des wegziehenden Sommergesangs in die sehnsüchtige
Seele hineinriefen) »hörst du das schöne Vertönen? Siehe, ebenso töne am
längsten Tage meine Seele aus, ebenso liege dein Herz an meinem, und so sage wie
heute: ruhe wohl!«...
    Dem letzten Geliebten entsunken, schwankte Viktor im gemischten Zwielicht
der wehmütigen Begeisterung zurück durch die vom Mondlicht durchbrochne,
gleichsam von Strahlen tropfende Allee, um in der Blütenhöhle, wo er zuerst
Klotilde hier gefunden, das träumende Haupt an ein Kopfkissen von Blütenkelchen
anzulehnen... Und als er langsam und allein und mit elysischen Erinnerungen und
Hoffnungen durch den in die Allee gewachsenen Laubengang zwischen den
einwiegenden Bächen hinwankte: so schwammen noch niedrige Wogen des weggetragnen
Getönes in die Phantasie mehr als in die Ohren, und nur die Nachtigall regierte
laut über die beseelte Nacht. Da sank unnennbar beglückt und wonneschwer der
letzte Mensch dieser Nacht von den fünf Stufen seines himmlischen Bettes durch
die Zweig-Vergitterung in das dunkle Blüten-Dickicht hinein. - - Betauete
Sprossen fielen kühlend an seine entzündete Stirne, er legte die zwei Arme
ausgestreckt auf zwei Armlehnen von Zwergbäumen und schloss entzückt die heissen
Augenlider zu, und das Forttönen der Nachtigall und der fünf Quellen um ihn
wehten ihn einige Strecken weit in den dämmernden Wahnsinn des Traumes hinüber -
aber die in Freuden-Jubel hinausschreiende Nachtigall schlug durch seinen Traum,
und als er die Augen, in halbe Träume verschlagen, auftat, schoss der Blitz des
Mondes durch das weisse Gesträuch - - dennoch, von den vorigen Szenen befriedigt,
lächelte er nur halb ausser sich und überhüllte das Auge wieder und liess sich
ganz in den harmonischen Schlummer hinunter... nur einige gebrochne Laute sang
er noch in sich... nur einigemal regte er noch die liegenden Arme zu
Umfassungen... und nur im Ersterben des Schlummers und der Wonne stammelte er
einmal noch dunkel: Geliebte! ...
    Und so schön, grosser Allgütiger, lass uns andere Menschen in der letzten
Nacht entschlafen wie Viktor in dieser, und lass es auch unser letztes Wort sein:
Geliebte! -
 
                         Vierter und letzter Pfingsttag
                               (36. Hundposttag)
Hyazinte - die Stimme vom Vater Emanuels - Brief vom Engel - Flöte auf dem Grab
              - zweite Nachtigall - Abschied - Geistererscheinung
Eben ist der Anhang zum vierten Freudentage eingelaufen. Ich komme nach dem
Seufzer, womit man gewöhnlich am Tage nach den Festtagen sagt, dass man sie
begrabe, wieder vor das blühende Bette meines Freundes und öffne den grünenden
Vorhang; gegen neun Uhr erst zog ihn eine nah an seinen Händen schlagende
Grasmücke mühsam aus einem tiefen Traummeer. Aber die Schattenfiguren, die der
Hohlspiegel des Traums in der Luft aufgerichtet hatte, waren alle vergessen; nur
die Tränen, die sie ihm ausgepresset, standen noch in seinen Augen, und er
entsann sich nicht mehr, warum er sie vergossen hatte. Es war heute Quatember,
der wie andere Wetter- und Mondveränderungen unser Traum-Echo lauter und
vielsilbiger macht. - In einer sonderbaren Erweichung schlug er die Augen auf
vor der weissen Dämmerung des Apfelblüten-Überhangs, vor dem Wirrwarr des grünen
Gespinstes - sein Hand jagte die Grasmücke durch das Gebüsch - es war schwül um
diesen Schatten, die Baumgipfel waren stumm und alle Blumen gerade - Bienen
bogen sich von Sandkörnchen herab in die Quellen um ihn und schlurften Wasser -
von den Weiden tropften weisse Flocken, und alle Riechfläschchen der Blüten und
die Rauchgefässe der Blumen übergossen seine Schlafstätte mit einem süssen
schwülen Dunst...
    Er führt seine rechte Hand ans nasse Auge und erblickt darin mit Erstaunen
eine weisse Hyazinte, die ihm jemand heute musste hineingelegt haben... Er
verfiel auf Klotilde; und sie wars auch gewesen. Vor einer halben Stunde trat
sie an dieses Blumen-Bette - liess sogleich das Gesträuch leise wieder
zusammenschlagen - zog es aber doch wieder auseinander, weil sie die Tränen des
vergessenen Traums über das Angesicht des glühenden Schläfers rinnen sah - ihre
ganze Seele wurde nun ein weicher segnender Blick der Liebe, und sie konnte sich
nicht entalten, das Denkmal ihres Morgenbesuchs, die Blume, in die Hand zu
legen - und eilte dann leise in ihr Zimmer zurück.
    Er trat eilig in den leuchtenden Tag, um die Geberin einzuholen, deren
Morgengabe er leider aus Besorgnis der Zerstörung so wenig wie sie ans Herz
anpressen durfte. O wie tat es ihm wehe, als er im Freien vor dem herrnhutischen
Gottesacker der heimgegangnen Himmelnacht, vor dem ruhenden Garten, stand und
als er auf die kahlen ausgemähten eingetretenen Tanztennen und auf die
verstummte Nachtigallenstaude blickte und auf die Berge, woran die Kinder
weideten, vom gestrigen Schmucke entkleidet! Da erschien der vergessene Traum
wieder und sagte: weine noch einmal, denn das Rosenfest deines Lebens
beschliesset sich heute, und der letzte von den vier Flüssen des Paradieses
trocknet in wenig Stunden gänzlich aus! - »O ihr schönen Tage,« sagte Viktor,
»ihr verdient es, dass ich euch verlasse mit einer Erweichung ohne Mass und mit
Tränen ohne Zahl!« - Er floh aus dem zu harten Taglicht in die Zelle aus Flor,
damit sie den hellen Vorgrund des Tages zu einem dämmernden Hintergrund ummalte,
mit dem gestrigen Mondschein überdeckt; und unter diesem Leichenschleier der
erblichenen Nacht setzte er sich vor, dem verarmenden Herzen heute seine letzte
Freude ganz im Übermass zu gönnen, nämlich sein Sehnen. Er trat aus dem Flor,
aber der nächtliche Mondschein wich nicht von der Flur; er schaute auf in den
blauen Himmel, der uns mit einer langen Flamme betastet, aber die verhüllten
Sterne der Winternacht schickten herausquellende kleine Strahlen an die
verdunkelte Seele; er sagte sich zwar: »Der Eisberg, auf dem bisher meine
Vernunft halbe Bergpredigten abgelegt, ist unter der Freudenglut zu einem
Maulwurfhügel eingelaufen«, aber er setzte hinzu: »Heute frag' ich nach nichts.«
    Er kam zu Emanuel mit nassen Augen. Dieser sagte ihm, dass sich das erste
Glied der gestrigen Blumenkette, nämlich der Brite mit seinen Leuten, schon in
der Nacht abgelöset habe. Aber je länger er Emanuel ansah und an morgen dachte -
denn morgen lehnt auch er vor tags die Gartentüre dieses Paradieses leise hinter
sich zu, und heute nachmittags nimmt er von der Äbtissin und abends von der
Geliebten Abschied, um diese nicht im Ablesen der bekannten Engels-Epistel zu
hemmen -, desto drückender waren seine Augen gespannt, und er ging lieber mit
einem sich selber vollblutenden Herzen hinaus ins Freie und führte den Blinden
mit, der nichts erriet, nichts erblickte und vor dem man ohnehin wie vor einem
Kinde gern sein Innerstes entkleidete.
    Aber diesesmal war Julius in derselben Erweichung, weil er den ganzen Morgen
den Engel in seiner dämmernden Seele spielen und fliegen sehen. Die Sehnsucht
nach dem Engel brütete sein ruhendes Herz zum Pochen an, und er sagte mit einem
ungewöhnlichen Schmerz: »Wenn ich nur sehen könnte, nur etwas, nur meinen Vater
oder dich!« Die überstäubten Erinnerungen an seine Kindheit wurden
aufgeschüttelt; und aus dieser in Wolken stehenden Zeit trat besonders ein Tag
heraus vor ihn, morgenhell, blau und voll Gesang, und trug drei Gestalten auf
seinem Nebelboden, Julius' eigne und die der zwei Kinder, von denen er sich vor
ihrer Einschiffung nach Deutschland geschieden hatte - es entflossen ihm
Tropfen, ohne dass er es merkte, da er gerade diesem Viktor, der das Folgende
getan hatte, das Küssen und Umhängen und Nachrufen des einen Kindes malte, das
ihn am meisten liebte und immer trug. »Und ich denke,« fuhr er fort, »jeder, den
ich gern höre, habe das Gesicht dieses guten Kindes und auch du. Oft wenn ich
einsam diese Gestalt in meinem Dunkeln anschaue und warme Tropfen auf den Lippen
spüre und in eine schmachtende schlummernde Wonne falle: mein' ich, es quelle
Blut aus meinen Lippen, und mein Herz siedet - aber mein Vater sagt, wenn dann
meine Augen plötzlich aufgetan würden und ich sähe meinen Engel an oder das gute
Kind oder einen schönen Menschen, dann würde ich sterben müssen vor Liebe.« - -
»O Julius, Julius,« (rief sein Viktor) »wie edel ist dein Herz! Das gute Kind,
das du so liebst, wird bald mein Vater an dich legen, es wird dich so küssen, so
lieben, so drücken wie ich jetzt.« -
    Er führte ihn zum Essen zurück; er selber aber blieb bis nachmittags unter
dem Himmel, und sein Herz legte stille Trauer an unter Bäumen voll Bienen, neben
Gesträuchen voll ätzenden Vögeln, auf allen bisherigen Spaziergängen und
Sonnenwegen dieses sterbenden Festes - und es standen alle Kinderstunden aus dem
Winterschlafe des Gedächtnisses auf und berührten sein Herz, aber es zerfloss. -
- O wenn uns weit entlegne Minuten mit ihrem Glockenspiel antönen, so fallen
grosse Tropfen aus der weichen Seele, wie das nähere Herüberklingen ferner
Glocken Regen bedeutet. Ich verdenke dir nichts, Viktor - du bist doch nur weich
, aber nicht weichlich - so gut dir dein Biograph deine Erweichung
nachzuschreiben und dein Leser sie nachzufühlen vermag, ohne die festen Muskeln
des Herzens abzuspannen, ebensogut vermagst du es auch, und nur ein Mann, der
bittere Tränen erpressen kann, wird süsse verhöhnen und keine selber vergiessen.
    Endlich ging Viktor zur letzten Freude, in den Garten des Endes, um mit
sanften Tränen in der Abtei von allen Freundinnen abzuscheiden. Ein sonderbarer
Vorfall verschob es ein wenig: denn indem er von Emanuel wegging, stiess ihm
Julius auf, der aus dem Garten kam und ihm sagte: »wenn er zu Emanuel wolle, er
sei im Garten.« - Sie erhoben einen freundschaftlichen Streit, weil jeder ihn
gerade jetzo gesprochen haben wollte. Viktor ging mit ihm zu Emanuel zurück, und
hier erzählte Julius seinem Lehrer jedes Wort des vorgeblichen Gartengesprächs
mit ihm: »z.B. über Viktor, über Klotilde, über seinen heutigen Abschied, über
die bisherigen frohen Tage.«
    Während der Erzählung wurde Emanuels Angesicht glänzend, als wenn
Mondschimmer davon niederflösse - und anstatt dem geliebten Kinde die
Unmöglichkeit seiner Erscheinung im Garten vorzustellen, räumte er ihm die
Erscheinung ein und sagte entzückt: »Ich werde sterben! - Es war mein
abgeschiedener Vater - seine Stimme klingt wie meine - er verhiess mir in seinem
Sterben, aus der zweiten Welt in diese zu kommen, eh' ich von hinnen ginge. -
Ach ihr Geliebten drüben über den Gräbern, ihr denkt also noch an mich - o! du
guter Vater, dringe jetzt mit deinem tödlichen Glanze vor mich heran und löse
mich an deinem Munde auf!« -
    Er wurde noch mehr darin befestigt, weil Julius dazu erzählte, die Gestalt
habe sich von ihm den Brief des Engels reichen lassen, ihn aber nach einem
kleinen Lispeln wieder zurückgegeben. Das Siegel war unbeschädigt. Emanuels
freudiger Entusiasmus über diese Telegraphen des Todes setzte unzufriedene
Schlüsse aus seiner bisherigen Gesundheit voraus. Viktor lehnte sich nie gegen
die erhabnen Irrtümer seines Lehrers auf; so stellte er z.B. niemals die Gründe,
die er hatte und die ich im nächsten Schalttage anzeigen will, dem unschuldigen
Wahn entgegen: »aus dem Traume und aus der Unabhängigkeit des Ich vom Körper
könne man auf die künftige nach dem Tode schliessen - im Traume stäube sich der
innere Demant ab und sauge Licht aus einer schönern Sonne ein.«-Viktor erschrak
darüber, aber aus andern Gründen: Julius nahm beide an den Ort der Unterredung
mit, der in der verfinsterten Allee neben der Blütenhöhle war. Niemand war da,
nichts erschien, Blätter lispelten, aber keine Geister, es war der Ort der
Seligkeit, aber der irdischen. -
    Viktor ging in den andern, in die Abtei. Klotilde war nicht droben, sondern
im verschlungnen Labyrint des Parks, wahrscheinlich um dem Inhaber vom
Engels-Briefe, Julius, die Gelegenheit des Vorlesens zu erleichtern. Er nahm,
als die Sonne gerade den Fensterscheiben gegenüber brannte, von der guten
Äbtissin mit jener feinen gerührten Höflichkeit Abschied, auf die sich in ihrem
Stande der höchste Entusiasmus einschränkt. Die feine Äbtissin sagte ihm: »der
Besuch sei so kurz, dass er unverzeihlich wäre, wenn nicht Viktor es dadurch
gutmachte, dass er ihren zweiten Frühling-Gast (Klotilden) überredete, den
ihrigen zu verlängern; denn auch diese verlasse sie bald.« - Er schied mit einer
gerührten Achtung von ihr: denn sein weiches Herz wusste ebensogut hinter der
Spitzenmaske der Feinheit und Welt als hinter der Leder-Kruste der Roheit das
fremde weiche auszufühlen.
    Als er freilich in den Garten eilte: stiegen die Tränen seines Herzens höher
und wärmer - und ihm war, als müsste er den im Angesichte der Sonne aufgehenden
Mond umschliessen, da er dachte: »Ach wenn deine bleiche Flocke heute lichter
droben hängt, wenn du allein niederschauest, bin ich geschieden von meiner
Schäferwelt oder scheide noch.«- Und unten ruhte neben der Nachtigallenhecke
sein Julius, der helle Tränenströme vergoss - denn dieser ganze Abend wimmelt von
immer grössern Meerwundern des Zufalls - er eilt zu ihm herab, der Brief des
Sogenannten Engels ist geöffnet in seiner Hand, Viktor sagt leise: »Julius,
warum weinest du so?« - »O Gott,« sagte dieser gebrochen, »führe mich unter eine
Laube!« - Er leitete ihn zur überflorten. Julius sagte darin: »Recht, hier
brennt die Sonne nicht!« und schlug den rechten Arm um Viktor und gab ihm den
Brief und legte den Arm herum bis an sein Herz und sagte: »Du guter Mensch! sage
mir, wenn die Sonne nieder ist, und lies mir noch einmal den Brief des Engels
vor!«
    Viktor fing an: »Klotilde!« - »An wen ist er?« sagt' er. - »An mich!« (sagte
Julius) »und Klotilde hat mir ihn schon vorgelesen; aber ich konnte sie wegen
ihrem Weinen nicht verstehen, und ich war auch zu betrübt. - Ich werde vor
Kummer sterben, du gute Giulia, warum hast du mir es nicht vor deinem Tode
gesagt? - Die Tote hat ihn geschrieben, lies nur!« - Er las:
 
                                   »Klotilde!
Ich hülle meine errötenden Wangen in den Leichenschleier. Mein Geheimnis ruht in
meinem Herzen verborgen und wird mit ihm unter den Leichenstein gelegt. Aber
nach einem Jahre wird es aus dem zerfallenen Herzen dringen - o dann bleib' es
ewig in deinem, Klotilde! - und ewig in deinem, Julius! - Julius, war nicht oft
eine schweigende Gestalt um dich, die sich deinen Engel nannte? Legte sie nicht
einmal, als die Totenglocke ein blühendes Mädchen einläutete, eine weisse
Hyazinte in deine Hand und sagte: Engel pflücken solche weisse Blumen? Nahm
nicht einmal eine stumme Gestalt deine Hand und trocknete sich damit ihre Tränen
ab und konnt' es nicht sagen, warum sie weine? Sagte nicht einmal eine leise
Stimme: Lebe wohl, ich werde dir nicht mehr erscheinen, ich gehe in den Himmel
zurück? Diese Gestalt war ich, o Julius; denn ich habe dich geliebt und bis in
den Tod. Siehe! hier steh' ich am Ufer der zweiten Welt, aber ich schaue nicht
hinüber in ihre unendlichen Gefilde, sondern ich kehre mein Angesicht noch
sinkend nach dir zurück, nach dir, und mein Auge bricht an deinem Bilde. - Jetzo
hab' ich dir alles gesagt. - Nun komm, stillender Tod, drücke langsam die weisse
Hyazinte nieder und teile bald das Herz auseinander, damit Julius darin die
verschlossene Liebe sehe. - Ach wirst denn du eine Tote in deine Seele nehmen?
Wirst du weinen, wenn du dieses lesen hörest? Ach wenn mein zugedeckter,
eingesunkner Staub dich nicht mehr berühren kann, wird mein entfernter Geist von
deinem geliebt werden? - Aber ich beschwöre dich, o Unvergesslicher, geh an dem
Tage, wo dir dieses Tränenblatt vorgelesen wird, da gehe, wenn die Sonne
untergeht, hinauf zu meinem Grabe und bringe dem bleichen Angesicht darunter,
das der alte Hügel schon entzweidrückt, und dem zerronnenen Herzen, das für
nichts mehr schlagen kann, da bringe der Armen, die dich so sehr geliebt und die
deinetwegen sich unter die Erde gehüllet, dein Totenopfer - bring ihr auf deiner
Flöte die Töne meines geliebten Liedes: Das Grab ist tief und stille. - Sing es
leise nach, Klotilde, und besuch mich auch. - Ach arme Giulia, richte deine
Seele auf und erliege jetzt nicht, da du deinen Julius dir an deinem Grabe
denkest! - Wenn du da das Totenopfer bringst, so wird zwar mein Geist schon
höher stehen; ich werde ein Jahr jenseits der Erde gelebet haben, ich werde die
Erde schon vergessen haben - aber doch, aber o Gott, wenn du die Töne über
meinem Grabe ins Elysium dringen liessest, dann würd' ich niedersinken und heisse
Tränen vergiessen und die Arme ausbreiten und rufen: ja! hier in der Ewigkeit
lieb' ich ihn noch - es geh' ihm wohl auf der Erde, sein weiches Herz ruhe weich
und lange auf dem Leben drunten. - Nein, nicht lange! Komm herauf, Sterblicher,
zu den Unsterblichen, damit dein Auge genese und die Freundin erblicke, die für
dich gestorben ist!
                                                                        Giulia.«
»Ich will gehen,« - sagte Julius stockend, aber mit Zuckungen im Gesicht - »wenn
auch die Sonne nicht hinab ist: mein Vater soll mich bis zum Untergange trösten,
damit mein Herz nicht so heftig an die Brust anschlägt, wenn ich am Grabe stehe
und das Totenopfer bringe.«- - Lass mich nichts sagen, Leser, von der Beklemmung,
womit ich weitergehe - noch von dieser zu weichen Giulia, die wie eine
Morgensonnenuhr vor dem Mittage im Schatten und Kühlen war, die wie eine Taube
die Flügel dem Regen und Weinen auseinanderfaltete - noch von ihren
Seelen-Schwestern, die im zweiten Lebens-Jahrzehend das Gerippe des Todes ganz
mit Blumen überhängen, dass sie seine Glieder nicht sehen können, und die ihren
weissen Arm bloss auf einen Myrtenzweig der Liebe stützen wie auf einen
Aderlassstock und ruhig dem Verbluten seiner zerschnittenen Adern zuschauen! -
    Ich hätte nicht einmal dieses gesagt, wenn nicht Viktor es gedacht hätte,
dessen Herz ein unendlicher Gram und eine unendliche Liebe tödlich
auseinanderzogen; denn ach wie weit war nicht seine unersetzliche Klotilde schon
auf dem Wege, ihrer Freundin nachzukommen und das ungeliebte Herz in der Erde zu
verbergen, wie man im Froste Nelken niederlegt!
    Die Sonne stieg tiefer - der Mond stieg höher - Viktor sah Klotilden wie
eine Heilige, wie einen äterisch verkörperten Engel in einer gegen Abend
geöffneten Nische ruhen-das kleine, gestern genannte Mädchen spielte auf ihrem
Schoss mit einer neuen Puppe - ihm war, als seh' er sie gen Himmel schweben - und
als sie ihre grossen Augenlider aus den Tränen für die geschiedne Freundin, deren
Geheimnis sie längst erraten und verborgen hatte, gegen den aufhob, der sie
heute durch seinen Abschied vermehrte; und als sie auch sein Angesicht in
Rührung zerschmolzen sah: so erdrückten die gleichen Trauergedanken in beiden
sogar die ersten Laute des Empfangs, und beide wandten ihr Gesicht ab, weil sie
über die Trennung weinten. - - »Haben Sie« (sagte Klotilde, wenigstens mit einer
gefassten Stimme) »eben mit Julius gesprochen?« - Viktor antwortete nicht, aber
seine Augen sagten Ja, indem sie bloss heftiger strömten und sie unverwandt
anschaueten. Sie schlug sie tief nieder, mit einem kleinen Erröten für Giulia.
Das kleine Kind hielt die über die grossen Tropfen herüberfallenden Augenlider
für schläfrig und zog der Puppe das schmale, mit Heu gepolsterte Kopfkissen weg,
breitete es Klotilden hin und sagte unschuldig: »Da leg dich drauf und schlaf
ein!« Es schauerte ihren Freund, da sie antwortete: »Heute nicht, Liebe, auf
Kissen mit Heu schlafen nur die Toten.« Es schauerte ihn, da er auf ihrem
bewegten Herzen eine schneeweisse Federnelke, in deren Mitte ein grosser
dunkelroter Punkt wie ein blutiger Tropfen ist, erzittern sah. Die fürchterliche
Nelke schien ihm die Lilie zu sein, die der Aberglaube sonst im Chorstuhle des
Priesters antraf, dessen Sterben prophezeiet werden sollte.
    Sie heftete schmerzlich ihren Blick auf die tiefe Sonne und den o
Gottesacker, hinter dem diese in den Maitagen wie ein Mensch unterging.
»Verlassen Sie diese Aussicht, Teuerste,« (sagt' er, wiewohl ohne Hoffnung des
Gehorsams) - »eine zarte Hülle wird von einer zarten Seele am leichtesten
zerstört. - Ihre Tränen tun Ihnen zu wehe.« Aber sie erwiderte: »Schon lange
nicht mehr - nur in frühern Jahren brannten mir davon die Augenhöhlen, und der
Kopf wurde betäubt.« - Plötzlich als der Gedanke an die bewölkte Perspektive
ihrer verweinten Tage ihm das Herz aus dem Busen wand, erstarb das Sonnenlicht
auf ihren Wangen - Tränenströme brachen gewaltsam aus ihren Augen - er wandte
sich um - drüben auf dem Gottesacker sank der Verhüllte auf dem Hügel der
Verhüllten nieder - die Sonne war schon unter die Erde, aber die Flöte hatte
noch keine Stimme, der Schmerz hatte nur Seufzer und keine Töne.... Endlich
richtete der schöne Blinde sich unter zuckenden Schmerzen empor zum Totenopfer,
und die Flötenklagen stiegen von dem festen Grabe auf in das Abendrot - drei
Herzen zergingen wie die Töne, wie das vierte eingesunkne. Aber Klotilde riss
sich gewaltsam aus dem stummen Jammer auf und sang zu dem Totenopfer leise das
himmlische Lied, um das die Verstorbne sie gebeten hatte und das ich mit
unaussprechlicher Rührung gebe:
Das Grab ist tief und stille
Und schauderhaft sein Rand;
Es deckt mit schwarzer Hülle
Ein unbekanntes Land.
Das Lied der Nachtigallen
Tönt nicht in seinen Schoss;
Der Freundschaft Rosen fallen
Nur auf des Hügels Moos.
Verlassne Bräute ringen
Umsonst die Hände wund;
Der Waisen Klagen dringen
Nicht in der Tiefe Grund.
Doch sonst an keinem Orte
Wohnt die ersehnte Ruh' ;
Nur durch die dunkle Pforte
Geht man der Heimat zu.
O Salis! in diesem Doch sind alle unsere verwehten Seufzer, alle unsere
vertrockneten Tränen und heben das steigende Herz aus seinen Wurzeln und Adern,
und es will sterben!
    Die Stimme der edeln Sängerin unterlag der Wehmut, aber sie sang doch die
letzte der Strophen dieses Sphären-Liedes, obwohl leiser in der schmerzhaften
Überwältigung:
Das arme Herz, hienieden
Von manchem Sturm bewegt,
Erlangt den wahren Frieden
Nur, wo es nicht mehr schlägt.
Ihre Stimme brach, wie ein Auge bricht oder ein Herz.... Ihr Freund hüllte sein
Haupt in die Blätter der Laube - das ganze Erdenleben zog wie eine Klage
vorüber. - Klotildens schwere Vergangenheit, Klotildens düstere Zukunft rückten
zusammen vor seinem Auge und warfen im Dunkeln den Leichenschleier über diesen
Engel und zogen sie verhüllet in das Grab zur Schwester.... Er hatte sogar den
Abschied vergessen... er hatte nicht den Mut, die grosse Szene um sich
anzuschauen und die Gebeugte neben sich....
    Er hörte die Kleine gehen und sagen: »Ich hole dir ein grösseres Kissen unter
den Kopf.«
    Klotilde stand auf und fasste seine Hand - er kehrte sich wieder um in die
Erde - und sie schauete ihn an mit einem verweinten, aber zärtlichen Auge,
dessen Tropfen zu rein waren für diese schmutzige Welt; aber in diesem grossen
Auge stand etwas gleichsam wie die fürchterliche Frage: »Lieben wir uns nicht
vergeblich für diese Welt?« - Und ihr schlagendes Herz erschütterte die blutige
Nelke. - Der Mond und der Abendstern glimmten einsam wie eine Vergangenheit im
Himmel. - Julius ruhte stumm und niedergedrückt mit umschliessenden Armen auf dem
eingesunknen Hügel, der auf den Staub seines zersplitterten Paradieses gewälzet
war. -
    Die Töne der Nachtigall schlugen jetzo gleich hohen Wellen an die Nacht - da
ermannte er sich, um ihr Lebewohl zu sagen.... Leser! erhebe deinen Geist zu
keiner Entzückung, denn sie wird bald in einem Krampf erstarren - aber ich
erhebe meine Seele dazu, weil sogar das tödliche Niederstürzen an der Pforte des
Paradieses schön ist unter dem Weggehen daraus!
    Dem ersten Rufe der vertrauten Nachtigall antwortete plötzlich noch höher
eine neue hergeflatterte, von dicken Blüten gedämpfte Nachtigall, die immer
unter dem Singen flog und jetzt aus der Blütenhöhle ihr melodisches Schmachten
ziehen liess. Die beiden Menschen, die das Scheiden verschoben und fürchteten,
irrten betäubt der gehenden Nachtigall nach und waren auf dem Wege zur seligen
Blütenhöhle; sie wussten nicht, dass sie allein waren; denn in ihrem Herzen war
Gott; vor ihrem Auge schimmerte die ganze zweite Welt voll auferstandner Seelen.
Endlich erholte sich Klotilde, kehrte um vor der Nachtigall und gab das traurige
Zeichen der Trennung. - Viktor stand am Ufer seiner bisherigen glückseligen
Insel - alles, alles war nun vorüber - er blieb stehen, nahm ihre zwei Hände,
konnte sie noch nicht anschauen vor Schmerz, bog sich mit Tränen nieder,
richtete sich auf, als er leise reden konnte: »Lebe wohl - mehr kann mein
schweres Herz nicht - recht wohl lebe, viel besser als ich - weine nicht so oft
wie sonst, damit du mich nicht etwan verlassen musst. - Denn ich ginge dann
auch.« - Lauter und feierlicher fuhr er fort: »Denn wir können nicht mehr
geschieden werden - hier unter der Ewigkeit reich' ich dir mein Herz - und wenn
es dich vergisset: so zerquetsch' es ein Schmerz, der über die zwei Welten
reicht«... (Leiser und zärtlicher) »Weine morgen nicht, Engel - und die
Vorsehung gebe dir Ruhe.« - Wie ein Verklärter an eine Verklärte neigte er sich
zurückgezogen an ihren heiligen Mund und nahm in einem leisen andächtigen Kusse,
in dem die schwebenden Seelen nur von ferne mit aufgeschlagnen Flügeln zitternd
einander entgegenwehen, mit leiser Berührung von den zerflossenen weichenden
Lippen die Versieglung ihrer reinen Liebe, die Wiederholung seines bisherigen
Edens und ihr Herz und sein Alles - - -
    - Aber hier wende die sanftere Seele, die die Donnerschläge des Schicksals
zu sehr erschüttern, ihr Auge von dem gelben grossen Blitze weg, der plötzlich
durch das stille Eden fährt! -
                                       *
»Schurke!« - schrie der herausstürzende Flamin mit sprühenden Blicken, mit
schneeweissen Wangen, mit wie Mähnen herunterhängenden Locken, mit zwei
Taschenpistolen in den Händen - »Da nimm, nimm, Blut will ich« und stiess ihm das
Mordgewehr entgegen - Viktor drängte Klotilden weg und sagte: »Unschuldige!
vermehre deine Schmerzen nicht!« - Flamin rief in neuer Entflammung: »Blut! -
Treuloser, nimm, schiess!« Mattieu fiel ihm in den rechten Arm, aber der linke
drang bebend dem Viktor das Geschoss auf. - Viktor riss es zu sich, weil die
Mündung um Klotilden herumwankte. - »Du bist ja mein Bruder«, rief die
Gemarterte, bloss durch Todesangst vom Tode der Ohnmacht weggequält. - Flamin
warf mit beiden Armen alles von sich und sagte grässlich-leise langgedehnt in
wütender Erschöpfung: »Blut! Tod!« - Klotilde sank um - Viktor blickte auf sie
und sprach gegen ihn: »Feuer' nur, hier ist mein Leben!« - Flamin schrie laut:
»Du zuerst!« - Viktor schoss, hob den Arm weit empor, um in die Luft zu schiessen,
und der zersplitterte Gipfel wurde von seiner Kugel heruntergestürzt. - Klotilde
wachte auf - Emanuel flog her - warf sich an seines Schülers Herz - seiner seit
Jahren zum ersten Male von Leidenschaft auseinandergerissenen Brust quoll das
sieche Blut aus - Flamin schleuderte stolz seine Pistole weg und sagte zu
Mattieu: »Komm! es ist der Mühe nicht wert« und ging mit ihm davon.
    Als Klotilde Emanuels Blut auf ihres Geliebten Kleidern sah, hielt sie ihn
für getroffen und legte ihr Tuch auf das Blut und sagte: »Ach das haben Sie
nicht um mich verdient.« - Emanuel atmete wieder durch sein Blut hindurch,
niemand konnte weiter sprechen, niemand überlegen, jeder fürchtete sich, zu
trösten, die tödlich zermalmten Herzen schieden mit verbissenem Weh auseinander;
bloss Viktor, den das grässliche Wort »Schurke« bei jeder Erinnerung wie ein Dolch
durchstiess, sagte noch zur Schwester: »Ich lieb' ihn nicht mehr, aber er ist
unglücklicher als wir, ach er hat alles verloren und nichts behalten als einen
Teufel.«
    Nämlich Mattieu. Dieser hatte heute die Stimme Emanuels, die mit Julius
gesprochen und die Dahore für des Vaters seine gehalten, und nachher die Stimme
der Nachtigall, der Viktor nachgegangen, nachgemacht, um den Regierungrat durch
seine eigne Ohren und Augen von Viktors Liebe gegen Klotilden zu überführen.
    Viktor führte den schwachen Lehrer in die indische Hütte. Er fühlte jetzo
nach so vielen auflösenden Tagen seine Nerven durch dieses Ungewitter gekühlt
und gestählt; der Seelenschmerz und die Aufopferung hatten sein Blut, wie engere
versperrende Wege die Ströme, schneller und heftiger gemacht, und die Liebe zu
Klotilden war männlicher und kühner durch den Gedanken geworden, dass er sie nun
ganz verdiene. Nichts gibts ausser Grossmut und Sanftmut Schöneres als das Bündnis
derselben.
    Emanuel war nichts weiter als matt und setzte sich, da der Abend schwül auf
allen brütete, mit Viktor auf die Grasbank seines Hauses, um mit der zuckenden
Brust aufrecht zu bleiben, und eine sanfte Freude glänzte in seinen Mienen über
jeden gefallnen Bluttropfen, weil jeder ein rotes Siegel auf seine Hoffnung zu
sterben war. Aber als Viktor das müde Haupt des guten Mannes an seinen Busen
nahm und ihn darauf entschlummern liess: so wurde ihm im stillen Abend wieder
weh, und sein Herz schmerzte ihn erst. Er dachte sich es einsam, wie sich drüben
heisse Schwerter durch die schuldlose blutende Seele zischend ziehen würden - er
fühlte, wie nun das zweisilbige, zweischneidige Zornwort Flamins durch das ganze
Band ihrer Freundschaft geschnitten - er stellte sich das neben ihm blühende
Teater der schönen Tage verödet vor und das Vorüberwehen der Freuden, die uns
nur wie Schmetterlinge in weiten Kreisen umspielen, indes der Nervenwurm des
Grams sich tief in unsere Nerven einbeisset. Endlich lehnt' er sich weinend an
den schlummernden Vater und drückte ihn leise und sagte: »Ach ohne Freundschaft
und Liebe könnt' ich die Erde nicht ertragen.« - Und endlich wurde auch seine
zersetzte und versiegte Seele vom schweren Körper in den dicken Schlaf gedrückt
und hinabgezogen.
                                       *
Leser! der letzte Augenblick in Maiental ist der grösste - erhebe deine Seele
durch Schauder und steige auf Gräber wie auf hohe Gebirge, um hinüberzusehen in
die andere Welt!
    Um Mitternacht, wo die Phantasie die verhüllten Toten aus den Särgen zieht
und sie aufgerichtet in die Nacht um sich stellt und aus der zweiten Welt
unbekannte Gestalten zu uns verschlägt - so wie unkenntliche Leichname aus
Amerika an die Küsten der alten Welt antrieben und ihr die neue verkündigten -,
in der Geisterstunde schlug Viktor die Augen auf, aber unaussprechlich heiter.
Ein vergessener Traum hatte die heutige Vergangenheit mit allem ihrem Getöse und
Gewölke weit hinabgesenkt; - der lichte Mond stand oben in der blauen
Verfinsterung wie die silberne Spalte und quellenhelle Mündung, aus der der
Lichtstrom der andern Welt in unsere bricht und in äterischem Dufte
niedersinkt. - »Wie ist alles so still und so licht!« sagte Viktor. »Ist diese
dämmernde Gegend nicht aus meinem Traume übrig geblieben, ist das nicht die
magische Vorstadt der überirdischen Stadt Gottes?« - Eine vorübereilende Stimme
sagte: »Tod! ich bin schon begraben.«
    Emanuel öffnete darüber die Augen, warf sie durch das Laubwerk in den über
das Dörfchen erhöhten Kirchhof und sagte mit einer Zuckung seines ganzen Wesens:
»Horion, wach auf, Giulia hat die Ewigkeit verlassen und steht auf ihrem
Grabe.«- Viktor blickte fieberhaft hinauf; und in einem schneidenden Eisschauer
wurden alle warmen Gedanken und Nerven des Lebens hart und starr, da er oben am
Grabe eine weisse verschleierte Gestalt ruhen sah. Emanuel riss sich und seinen
Schüler auf und sagte: »Wir wollen hinauf auf das Teater der Geister:
vielleicht ergreift die Tote meine Seele und nimmt sie mit.«... Fürchterlich
schwiegen die Gegenden um ihren Weg... die Menschen fahren aus dem Fussboden wie
stumme Knechte, wie Maschinen zur Bedienung, und fallen wieder hinunter, wenn
sie abgeleeret sind.... Das Menschengeschlecht zieht wie ein fliegender Sommer
durch den Sonnenschein, und das betauete Gewebe hängt sich flatternd an zwei
Welten an, und in der Nacht vergehts.... So dachten beide Menschen auf der
Wallfahrt zur Toten, sie wunderten sich über ihre eigne schwere Verkörperung und
über das Geräusch ihrer Tritte. - Emanuel knüpfte seinen Blick auf die
verschleierte Gestalt, die jetzt niederkniete; er dachte, sie höre seine
Gedanken und fliege zu seinem Herzen durch das Mondlicht herüber....
    Die Brust der zwei Menschen hob sich gleichsam unter zwei Leichensteinen auf
und nieder, da sie die übergrasten langen Stufen zum Kirchhof aufstiegen und das
schwere Tor, das mit verwitterten, weggewaschenen Auferstandenen angemalet war,
berührten und aufdrehten. Das warme Erdenblut friert ein und das weiche Gehirn
gerinnt zu einem einzigen Schreckenbilde, wenn von der Ewigkeit und von der
Pforte der Geisterwelt die grosse Wolke wegrückt; Emanuel rief auf der Bühne der
Toten wie ausser sich: »Schauderhafter Geist, ich bin ein Geist wie du, du stehst
auch unter Gott, willst du mich töten: so töte mich durch keinen Schauer, durch
keine zermalmende Gestalt, sondern lächle wie die Menschen und drehe still mein
Herz ab.« - Da stand die verhüllte Gestalt auf und kam - Emanuel griff wild nach
seinem Freund, hüllte sich in das Angesicht desselben und sagte angedrückt: »An
dir sterb' ich, an deinem warmen Herzen - o lebe glücklich, wenn du nicht mit
mir erkaltest, ach! ziehe mit!«...
    »Ach, Klotilde!« - sagte Viktor; denn sie war die Gestalt. Sie war stumm wie
das Geisterreich, denn die besuchte Tote umklammerte noch ihr Herz; aber sie war
gross wie ein Geist daraus: denn der äterische Lichtnebel des Mondes, der Stand
auf Toten, der Blick in die Ewigkeit, die hohe Nacht und die Trauer erhoben ihre
Seele, und man vergass fast, dass sie weinte. - Emanuel hielt seine Flügel noch
ausgebreitet über die Szene und schauete erhaben über die Gräber: »Wie alles
hier schläft und ruht auf dem grossen grünen Totenbette! Ich möchte darauf
erliegen - Sprach jetzo nichts? - Die Gedanken der Menschen sind Worte der
Geister. - Wir sind schleichende Nachtvögel im dämmernden Dunstkreis, wir sind
stumme Nachtwandler, die in diese Höhlen fallen, wenn sie erwachen - Ihr Toten!
verstäubet nicht so stumm, ihr Geister, die ihr aus euren begrabnen Herzen
zieht, flattert nicht so durchsichtig um uns! - - O der Mensch wäre auf der Erde
eitel und Asche und Spielwerk und Dunst, wenn er nicht fühlte, dass ers wäre - -
o Gott, dieses Gefühl ist unsere Unsterblichkeit!« - -
    Klotilde, um ihn von dieser verheerenden Begeisterung herabzuziehen, nahm
ihn bei der Hand und sagte: »Leben Sie wohl, Verehrungswürdiger, ich nehme heute
noch Abschied, weil ich morgen aus Maiental gehe - leben Sie glücklich -
glücklich, bis wir uns wiedersehen; mein Herz vergisset Ihre Grösse nie, aber ich
sehe Sie bald wieder.«... Ihre Wehmut über den Gedanken an sein geweissagtes
Sterben, ihre Furcht eines ewigen Abschieds erdrückten die andern Worte, denn
sie wollte mehr sagen und wärmer danken. Emanuel sagte: »Wir sehen uns nicht
wieder, Klotilde; denn ich sterb' in vier Wochen.« - »O Gott! nein!« sagte
Klotilde mit dem innigsten heissesten Tone. - »Mein guter Emanuel,« sagte Viktor,
»quäle diese Gequälte nicht. - Fasse dich, Gemarterte! unser Freund bleibt gewiss
bei uns.« - Hier hob Emanuel sein Auge in den Himmel und sagte mit einem Blick,
in dem eine Welt war: »Ewiger! könntest du mich bisher so getäuscht haben? -
Nein, nein, am längsten Tage ziehen mich deine Sterne auf, und deine Erde kühlt
mein Herz. - Und dich, du gute Klotilde, du Seele vom Himmel, dich seh' ich also
heute gewiss, bei Gott! zum letztenmal mit deinen schönen Wangen und in deiner
Erdengestalt - ich segne dich und sage dir Lebewohl, aber schwer und trübe, weil
ich noch so viele Tage leben soll ohne dich. Ziehe sanft umweht durchs Leben,
halte dein Herz hoch über den bunten Dunst der Erde und über ihre Wetterwolken -
du hörst mich ja nicht, du bitter-weinendes Angesicht, Gott giesse Trost in deine
Seele, scheide froher! - Dein Freund ist bei mir, wann ich von hinnen gehe.« -
Hier fasste Viktor die Hände der wankenden verweinten Gestalt, die sich
vergeblich die Tränen abstreifte, um den Lehrer noch einmal zu sehen und in die
Seele zu drücken; und als Viktor ohne Besinnung rief: »Giulia! Selige! mildere
das Weh deiner Freundin in dieser Stunde, halte dieses brechende Herz«, so sagte
Emanuel, unbeschreiblich zärtlich beide anblickend: »Ich segne euch ein wie ein
Vater, heiliges Seelen-Paar! Nie verlasset, nie vergesset einander! - O ihr
seligen Geister hier über dem glimmenden Moder der zerstückten Särge, gebet
diesen zwei Herzen Frieden und Glück, und wenn ich einmal gestorben bin, will
ich um eure Seelen schweben und sie beruhigen. Und du, Ewiger unter deinen
Sternen, mache diese zwei Menschen so glücklich wie mich - o nimm ihnen nichts,
nichts auf der Erde als das Leben. - Gute Nacht, Klotilde!«....
    - Die Pfingsttage sind vorüber! -
    Und dir, gutes Schicksal, dank' ich, dass du mir die Gesundheit zur Freude
gereicht, ein solches flüchtiges goldnes Zeitalter abzuschatten, da mein
schwaches, so ungleich schlagendes Herz nicht verdient, solche Entzückungen
nachzumalen. - Und dir, mein lieber Leser, möge das Pfingstfest irgendeinen
Brandsonntag oder eine Marterwoche deines Lebens versüsset haben! -
                           Ende des dritten Heftleins
 
                                Viertes Heftlein
                                 Vierte Vorrede
oder abgedrungene Antikritik gegen eine oder die andere Rezension, die mir etwan
                             nicht gefallen sollte
Gute Romanenschreiber erschaffen aus Dinten- und Druckerschwärze einen neuen
entsetzlichen Tyrannen, geben ihm entweder in Italien oder im Orient einen Tron
- und dann treten sie (ungleich den Kindern, die vor der Gestalt entlaufen, die
sie gezeichnet haben) beherzt vor den gemalten gekrönten Wüterich und sagen ihm
die herrlichsten, aber die kühnsten Wahrheiten in das Angesicht, die den freien
Mann verraten, und die wohl kein gebückter Dikasteriant vor seinem Regenten
wiederholt. Solche Waghälse erinnern mich so oft an zwei Abcschützen, als ich
bei einem Tore im Habergässchen in Hof vorbeigehe, auf dem ein gemalter Löwe sich
und seine Mähne aufbäumt und den Schwanz und die Zunge ringelt und hebt. Denn
einer der gedachten Abcschützen sagte unter meinem Vorüberlaufen zum andern:
»Hör, ich fass' ihn doch am Schwanz an, ich fürchte mich gar nicht.« Aber der
andere Schütz, der viel dreister dachte, bestieg kalt einen Eckstein und sagte:
»Ich erst, Herr, ich fahr' ihm gleich so in den Rachen!« -
    Es ist dieselbe Kühnheit, womit oft ein Autor auf dem Papier, ausser dem
gedachten grausamen König der Tiere, auch das kritische Katzengeschlecht
angreift - das Linné zur königlichen Linie der Löwen zählt -, indem er
Richterstühle so kalt und kühn, als wärens gemalte Tronen, erschüttert und so
im Allgemeinen Journale durch seine Vorreden schilt und fällt. Das kann ein
Schriftsteller von Kraft. Ich meines Orts bin hierin vielleicht so vermessen wie
einer und male mir ausdrücklich folgende Rezensenten-Katze hin, um frei und
ungebunden mit ihr anzubinden und an ihr zu zeigen, was Mut tut.
    Erstlich muss der Rezensent, der mir vorwerfen wird, ich wäre zwei ganze
Schalttage schuldig - den nach dem 40sten und den nach dem 44sten Hundposttag -,
diese zweite Ausgabe gar nicht angesehen haben; die beiden Vorreden, womit ich
sie bereichert habe, die erste und diese, gelten bei allen Verständigen für
wahre Schalttage.
    Zweitens hält mein Rezensent sich (künftig) über meine Schonung meiner
Manier auf. Er höre aber jetzt den Philosophen (nämlich mich): Manier ist an und
für sich weiter nichts als folgendes: das ästetische Ideal und Intregal wird,
wie jedes, nur von einer unendlichen Kraft erreicht, wir aber mit unserer
endlichen kommen ihm unaufhörlich näher, nicht einmal nah; Manier ist also, wie
es der Philosoph nimmt, ein endlicher Spiegel der Unendlichkeit, oder der
Ausdruck des Verhältnisses, in welchem jede Temperatur und Saitenzahl
irgendeiner gegebenen Äolsharfe mit der Partitur der unendlichen Sphärenmusik
steht, der sie nachzuklingen hat. Jedes Gewebe menschlicher Kräfte gibt nur eine
Manier, und höhere Geister würden in Homer und Goete wenigstens die menschliche
finden; ja die höhere Engel-Hierarchie fände die niedere manieriert, der Seraph
den Engel der Gemeine. Da ich aber nicht einmal ein gewöhnlicher Engel bin -
geschweige ein Seraph -: so würde ein anderer Rezensent als der, der mich
beurteilen wird, sogleich von vorne vorausgesetzt haben, dass ich eine Manier
haben würde. - Und diese hab' ich offenbar. - Aber noch mehr: da der Grad und
das Verhältnis unserer Kräfte sich von Jahr zu Jahr verwandelt - und mitin auch
die Frucht und der Ertrag derselben, die Manier -: so wirft leider gewöhnlich
die Manier des funfzigsten Jahrs sich zum Korrektor der Manier des
fünfundzwanzigsten auf; oder vielmehr, es geht eine heterogene Einkindschaft von
Kindern zweier Ehen vor, bei welcher beide verlieren. Ein solches
Simultan-Hysteronproteron ist noch ärger, als wenn man die griechischen Statuen
aus dem einen Winkelmannschen Kunstzeitalter nach den Statuen aus einem andern
behacken und zuschleifen wollte. Giesse lieber ein reines flüssiges Werk in deine
jetzige Form, und treibe nicht erst das gegossene erhartete darein! - Gesetzt
auch, ich würde künftig klüger und anders, niemals würd' ich den Greis auf den
Jüngling pfropfen.
    Der Mensch hält sich im Konzertsaal des Universums, wenn nicht für den
Solospieler, doch für ein Instrument darin - anstatt für einen einzigen Ton -,
wie denn der Fürst sich für ein Oberons- oder doch Parforcehorn ansieht - der
Poet für ein Haberrohr - der Autor für ein Setzinstrument102 - der Papst für das
Orgelwerk - die Schöne für Bestelmeiers Handstahlharmonika oder für eine
Wachtelpfeife - mein Rezensent für eine Stimmpfeife - und ich mich selber für
Mälzels grosses Panharmonikon. Aber wir alle sind nur Töne, wie in Potemkins
Orchester jede der 60 metallenen Flöten nur einen Ton angab. Daher bin ich über
jede Individualität, über jede Manier als über einen neuen Halbton in der
Kirchenmusik der Wesen froh.
    Drittens weiss ich nichts, woraus ich meines künftigen Rezensenten
Verlegenheit um sündige Materie zum Tadeln besser sehen kann, als dieses, dass er
sich an solche jämmerliche Kleinigkeiten hält - in Zukunft -, wie folgende
augenscheinlich sind, dass ich z.B. diese Vorrede beigefügt, dass ich das Werklein
in vier Hefte auseinandergebunden und durch dieses vierte Heft einem frühern
Besitzer und Bücherwurm den Bogenwurm103 der alten Ausgabe ganz unbrauchbar
gemacht. Aus dergleichen Proben und Sprüchen, womit mir ein solcher spartischer
Ephorus Emerepes die vierte und höchste Saite nehmen will, die ich auf meiner
Geige voll steigender Quinten aufziehe, mache sich der geneigte Leser einen
Begriff, wie es mit dem Ganzen der Rezension aussehen mag. Ich schäme mich
fortzufahren.
    Viertens find' ich überall, wenn ein Autor sich in der Vorrede mit einem
leichten Tadel, den er doch selber kaum glaubt, belegt, dass alsdann die Kritiker
diesen Tadel sogleich akzeptieren und verdoppeln, wie die Römer einen
Selbermörder, dem die Tat verunglückte, nachher ordentlich hinrichteten. Schlägt
der gewitzigte Autor die Sache in ein anderes Fach und belegt sich vornen mit
einigem Lob - und nicht mit scheinbarem -: so wird dieses gar nicht akzeptiert,
geschweige verdoppelt. Da mag der Teufel Vorredner sein! -
    Inzwischen scheint er auch nur Rezensent zu sein und weniger ein schlauer
als ein grober Gast. Viele und wirklich auffallende Unhöflichkeiten vergeb' ich
aber meinem künftigen Rezensenten gern, indes ich einem gallischen oder
britischen nichts verziehe, weil er weiss, wie man mit Leuten umgeht. - Ich
spiele ihm selber in der Antikritik nicht sonderlich höflich mit und ziehe
nicht, wie der Landmann vor höhern Blitzen, die Mütze vor seinen ab. Die Richter
sagen nach der Spezial-Rezension ohnehin zum Inkulpaten Du. Ein gelinder
(kritischer) Winter ist ungesund für den, den er betrifft. Übrigens lauer' ich
bloss darauf, dass ich berühmt werde und Lorbeerblätter aufhabe: dann werd' ich so
gut wie andre Zeitgenossen, die jetzt Lorbeerbäume aufgesetzt, nicht leiden, dass
man mich tadelt; und wenige werden sichs unterfangen, so wie auch auf Gemälde,
die mit Lorbeeröl bestrichen worden, keine Fliegen fallen.
    Fünftens und letztens. Es ist bekannt, dass die verstorbene Schriftstellerin
Ehrmann den Advokaten Ehrmann, als er eines ihrer Werke in der Strassburger
Zeitung mit vielen Beifall aufgenommen und angezeigt, der Rezension wegen
geheiratet hat. Will es der Redakteur eines Journals heimlich so karten, dass
eine Mitarbeiterin desselben meine zweite Auflage des Hesperus (oder
Venussterns) mit dem Beifalle aufnimmt und bekannt macht, den die erste ihrer
Reize wegen allgemein erhält; und will er mir nur einen Wink über das Geschlecht
meines Rezensenten zuspielen - wobei aber darauf gesehen werden muss, dass die
kritische Person sich noch im besten blühenden Alter eines Rezensenten überhaupt
befinde, worin man das Feuer des Abend- oder Venussternes noch leicht empfinden
und mitteilen und günstig rezensieren kann, um so mehr, da schon in der Physik
nur grünes Holz ein Leiter der elektrischen Flamme ist, dürres aber ein
Nichtleiter -, will der Redakteur alles dieses besorgen und abtun: so macht sich
der Verfasser dieser Antikritik mit seiner Namenunterschrift anheischig, der
Mitarbeiterin sogleich nach Empfang der Rezension aufzuwarten und solche mit den
gewöhnlichen Zeremonien zu heiraten.
    Hof im Voigtland, den 8. Jun. 1797.
                                                          Jean Paul Fr. Richter.
 
                               Neunter Schalttag
           Viktors Aufsatz über das Verhältnis des Ich zu den Organen
Viktor war ebensosehr dem ausschliessenden Geschmack in der Philosophie als in
der Dichtkunst feind. In allen Systemen - selber der Ketzer des Epiphanius und
Walchs - drückt sich die Gestalt der Wahrheit, wie im Tierreich die menschliche,
wiewohl in immer kühnern Zügen ab. Kein Mensch kann eigentlichen Unsinn glauben,
obwohl ihn sagen. Sonderbar ists, dass gerade die konsequenten Systeme, ohne das
Atomen-Klinamen des Gefühls, am weitesten auseinanderlaufen. Die Systeme werfen,
wie die Leidenschaften, nur im Fokalabstande den hellsten Lichtpunkt auf den
Gegenstand; - wie jämmerlich läuft z.B. die grosse Teorie von der
Selberbeherrschung aus dem Christentum in den Stoizismus - dann in den
Mystizismus - dann in den Monachismus über, und der Strom sickert endlich
ausgedehnt im Fohismus ein, wie der Rhein im Sand! - Die kantische Teorie hat
mit allen folgerechten Systemen diese Versandung, und mit den unkonsequenten
jenes Gefühls-Klinamen104 gemein, das die vertrocknenden Arme wieder zu einer
labenden Quelle zusammenführt. Die zwei Hände der reinen Vernunft, die einander
in der Antinomie zerkratzten und schlugen, legt die praktische friedlich
zusammen und drückt sie gefaltet ans Herz und sagt: hier ist ein Gott, ein Ich
und eine Unsterblichkeit! - -
    Viktor befruchtete seine Seele vorher durch die grosse Natur oder durch
Dichter, und dann erst erwartete er das Aufgehen eines Systems. Er fand (nicht
erfand) die Wahrheit durch Aufflug, Umherschauen und Überschauen, nicht durch
Eindringen, mikroskopisches Besichtigen und syllogistisches Herumkriechen von
einer Silbe des Buchs der Natur zur andern, wodurch man zwar dessen Wörter, aber
nicht den Sinn derselben bekömmt. Jenes Kriechen und Betasten gehört, sagt' er,
nicht zum Finden, sondern zum Prüfen und Bestätigen der Wahrheit; wozu er sich
allezeit von Bayle Schulstunden geben liess: denn niemand lehrt die Wahrheit
weniger finden und besser prüfen als Scharfsinn oder Bayle, der ihr Münzwardein,
aber nicht ihr Bergmann ist.
                                       *
                                  Der Aufsatz
Schrieb' ich ihn in Göttingen: so könnt' ich ihn in Paragraphen und gründlicher
machen, weil mich die Flachsenfinger nicht störten. Indessen muss er doch hier
geschrieben werden, damit ich an mir selber einen Schirmherrn und Anwalt gegen
die Hofjunker habe, die meinen Geist in meinen Körper verwandeln wollen.
    Das Gehirn und die Nerven sind der wahre Leib unsers Ich; die übrige
Einfassung ist nur der Leib jenes Leibes, die nährende und schirmende Borke
jenes zarten Marks. - Und da alle Veränderungen der Welt uns nur als
Veränderungen jenes Markes erscheinen: so ist die Mark- und Bleikugel mit ihren
Streifen die eigentliche Weltkugel der Seele. Der umgekehrte Nervenbaum
entspriesset aus dem geschwollnen Fötus-Gehirn wie aus einem Kerne, dem es auch
ähnlich sieht, und steigt mit Sinnen-Ästen als Rückenmarkstamm empor bis zum
zergliederten Gipfel des Pferdeschweifs. Dieses markige Gewächs ist auf den
Adernbaum wie eine zehrende parasitische Pflanze geimpft. Und wie jeder Zweig
ein kleinerer Baum ist, so sind - denn das alles ist nicht Ähnlichkeit des
Witzes, sondern der Natur - die Nervenknoten vierte Gehirnkammern im kleinen.
Die Nerven-Enden blättern sich ausgebildet auf der Netzhaut, auf der
Schneiderischen Haut, in der Geschmackknospe etc. zu Blüten auf. Daher wird z.B.
nicht mit dem Fortsatze des Sehnervens gesehen, sondern mit seiner zarten
Staubfäden-Zerfaserung; denn die grosse wankende Gemäldegalerie auf der Netzhaut
kann unmöglich durch eine Bewegung des Nervengeists (oder was man nehmen will -
denn auf Bewegung läuft es doch hinaus) sich zurückschieben ins Gehirn, wobei
noch dazu die zwei Galerien der zwei Augen durch die zwei Zinken des Sehenervens
durchrücken und in dessen Stiel zu einem Gemälde zusammenfallen müssten.
    Folglich muss das Bild im Auge, Ohre etc., wenn es zu etwas dienen soll, vorn
an der Spitze des Nervens empfunden werden - mit einem Wort, es ist noch
närrischer, die Seele in den Zwinger der vierten Gehirnkammer, d.h. in einen
Porus dieses Knollengewächses zu sperren, als es wäre, wenn einer, der, wie ich,
ein beseelendes Ich in die Blume setzt, dasselbe ins Erdstockwerk des dumpfen
Kerns heftete. Lieber wollt' ich die Seele doch in das feinste Honiggefäss der
Sinnen, in die Augen, verlegen als ins unempfindlichere Gehirn, wenn ich nicht
überhaupt glaubte, dass sie wie eine Hamadryade jedes Nervenästchen dieser
Tierpflanze bewohne und wärme und rege. Der unterbundene oder durchschnittene
Nerve bringt zwar keine Empfindung mehr zu, aber nicht wegen unterbrochenem
Zusammenhang mit der Seele und ihrer Wohn-Gehirnkammer, sondern weil ihm der
nährende Lebensgeist abgeschnitten ist; denn die Nerven brauchen wie alle
feinere Organisationen so sehr fortdauernden Kost-Zuguss, dass der stockende Herz-
und Arterienschlag in einer Minute alle ihre Kräfte aufhebt.
    Ich gehe weiter und sage - um zwei Irrtümern zu widersprechen - vorher
heraus: die Organe empfinden nicht, sondern werden empfunden; zweitens die
Organe sind nicht die Bedingung alle Empfindung überhaupt, sondern nur einer
gewissen.
    Das letzte zuerst: da das Organ (d.h. seine Veränderung), das so gut ein
Körper ist als irgendein grober Gegenstand, dessen seine jenes an die Seele
legt, dennoch von dem geistigen Wesen unmittelbar und ohne ein zweites Organ
empfunden wird: so müssen alle körperliche Wesen dem geistigen so gut
Empfindungen geben als die Nerven, und eine unverkörperte Seele ist nur darum
nicht möglich, weil sie im Falle des abgelöseten Körpers alsdann das ganze
materielle Universum als einen plumpern trüge.
    Meine erste Behauptung war: man sollte nicht sagen empfindende Organisation,
sondern empfundene. Die Nerven empfinden nicht den Gegenstand, sondern verändern
nur den Ort, wo er empfunden wird, und ihre Veränderungen und die des Gehirns
sind nur Gegenstände des Empfindens, nicht Werkzeuge desselben oder gar es
selber. Aber warum? -
    Ich habe mehr als ein Darum. Ein Körper ist nur der Bewegung fähig, ob sie
gleich freilich nur der Schein der gedachten Zusammensetzung und das Resultat
der in einfache Teile verhüllten Kräfte ist. Die Saite, die Luft, die
Gehörknöchelchen, die Gehörnerven erzittern; aber die Erzitterung der letzten
erkläret so wenig das Empfinden eines Tons, als das Erzittern der Saite es
könnte, wenn die Seele an diese gekettet wäre. So ist trotz aller Bilder im Auge
und Gehirn das Ersehen derselben doch noch ungetan und unerklärt; oder ist wohl
darum, weil die Sinne Spiegel voll Bilder sind, etwan das geistige Auge
entbehrlich oder ersetzt? Und setzt die Veränderung des Nervens nicht eine
zweite in einem zweiten Wesen voraus, wenn sie soll bemerkt werden? Oder stellet
sich in diesem Wesen wieder eine Bewegung die Bewegung vor?
    Dieses bringt mich aufs Gehirn. Dieser grösste und gröbste Nerve - der
Resonanzboden aller andern - hält der Seele die Schattenrisse derer Bilder vor,
die von den andern zugeführt wurden. Im ganzen, glaub' ich, dient das Gehirn
mehr den Muskelnerven, den Glieder-Zügeln, die da in der Hand der Seele
zusammenlaufen, und mehr allen überhaupt als nährende Wurzel; aber weniger dient
es als Reisszeug der malenden Seele. Da unsere meisten Vorstellungen auf
grundierende Gesichtbilder aufgetragen sind: so denken wir wahrscheinlich mehr
mit dem Sehnerven als mit dem Gehirn. Warum bemerkte Bonnet, dass tiefes Denken
die Augen und scharfes Sehen das Gehirn ermüde? Warum stumpfen gewisse
Ausschweifungen zugleich das Gedächtnis und die Augen ab? Die ausserhalb des
Auges gaukelnden Fieberbilder der Kranken und der lebhaften Menschen wie Kardan,
der im Dunkeln sah, was er feurig dachte, erklären sich aus meiner Vermutung.
    Über das Gehirn hat man zwei Irrtümer; aber der Himmel bewahre meine Freunde
nur vor dem einen. Denn vor dem andern kann sie Reimarus bewahren, der recht
erwiesen hat, dass das Gehirn keine Äolsharfe mit zitternden Fibern, noch eine
dunkle Kammer mit geschobnen Bildern ist, noch eine Spielwelle mit Stiften für
jede Idee, die der Geist umdreht, um an sich seine Ideen ab- und vorzuorgeln.
Ist nun nicht einmal die vorherbestimmte Harmonie des Gehirns und des Geistes
oder das Akkompagnement beider begreiflich: so ist die Identität derselben gar
unmöglich; und eben vor diesem Irrtum hat eben der oben gedachte Himmel meine
Freunde zu bewahren. Der Materialist muss erstlich alles das aufstellen, was
Reimarus umgestossen hat; er muss im Gehirnbrei die Millionen Bilderkabinetter von
70 Jahren versteinern und doch wieder wie Eidophysika beweglich machen und die
gemischten Karten-Bilder an jede Terzie austeilen; er muss darauf sehen, dass
diese beseelten tanzenden Bilder in Reih und Glied gezwungen werden. Und dann
geht doch seine Not erst recht an; denn nun muss er - wenn wir ihm auch zugeben,
dass die Bilder sich selber sehen, die Gedanken sich selber denken, dass jede
Vorstellung alle andere und sogar das Ich, wie eine Monade das All, dunkel
nachspiegle, und dass sonach jede Idee eine ganze Seele sei - nun muss er (sagen
wir) erst einen Generalissimus herschaffen, der dieses unermessliche flüchtige
Ideenheer kommandiere und stelle, einen Setzer, der das Ideen-Buch nach einem
unbekannten Manuskripte setze und, wenn Träume, Fieber, Leidenschaften alle
Schriftkästen ineinandergeschüttet haben, alle Buchstaben wieder alphabetisch
lege. Diese regelnde Einheit und Kraft - ohne welche die Symmetrie des
Mikrokosmus so wenig wie des Makrokosmus, der vorgestellten Welt so wenig wie
der wirklichen zu erklären steht - nennen wir eben einen Geist. Freilich ist
durch diese unbekannte Kraft weder die Entstehung noch die Folge der Ideen
vermittelt und erklärt; aber bei der bekannten der Materie, bei der Bewegkraft,
ists nicht bloss unbegreiflich, sondern gar unmöglich; und Leibniz kann leichter
die Bewegung aus dunkeln Vorstellungen erklären, als der Materialist
Vorstellungen aus Bewegungen. Dort ist die Bewegung nur Schein und existiert nur
im zweiten betrachtenden Wesen, aber hier wäre die Vorstellung Schein und
existierte im zweiten - vorstellenden Wesen.
    Ich habe oft mit Weltleuten, die gut beobachten und elend schliessen, mich
gezankt, weil sie bei der kleinsten Abhängigkeit der Seele vom Körper - z.B. im
Alter, Trunke etc. - die eine zum blossen Repetierwerk des andern machten; ja ich
habe sogar gesagt, kein Tanzmeister sei so dumm, dass er so schlösse: »Weil ich
in bleiernen Schuhen plump, in hölzernen flinker und in seidnen am besten tanze:
so seh' ich wohl, dass die Schuhe mich mit besondern Springfedern aufschnellen;
und da ich kaum mit bleiernen Schuhen aufkann, so brächt' ichs barfuss nicht zu
einem einzigen Pas.« Die Seele ist der Tanzmeister, der Körper der Schuh.
    Wir fassen keine Einwirkung weder von Körpern auf Körper noch von Monaden
auf Monaden; mitin eine von Organen auf das Ich noch minder. Dieses wissen wir,
dass die Kohäsion und Gütergemeinschaft zwischen Leib und Seele immer einerlei
oder höchstens in den Zeiten grösser ist, wo sie andere kleiner vermuten; denn
der grösste Tiefsinn, die heiligsten Empfindungen, der höchste Aufschwung der
Phantasie bedürfen gerade das wächserne Flugwerk des Körpers am meisten, wie
auch seine darauf kommende Ermattung es verbürgt; je unkörperlicher der
Gegenstand der Ideen ist, desto mehr körperliche Hand- und Spanndienste sind zu
dessen Festaltung vonnöten, und höchstens in die Zeiten der dummen
Sinnlichkeit, der geistigen Abspannung, des dunkeln Blödsinns müsste man die
Zeiten der Loskettung vom Körper fallen lassen. Sogar die moralische Kraft,
womit wir aufschiessende üppige Triebe des Leibes niedertreten, arbeitet mit
körperlichem Brech- und Handwerkzeug; und die Seele bietet hier bloss das Gehirn
gegen den Magen auf. - Dazu kömmt, dass die Grenzen und die Hindernisse einer
solchen Losfesselung und Ankettung ebensowenig anzugeben wären als die Ursachen
derselben. Noch weniger können, wie einige meinen, im Traume die Bande der Seele
schlaffer und länger werden. Der Schlaf ist die Ruhe der Nerven, nicht des
ganzen Körpers. Die unwillkürlichen Muskeln, der Magen, das Herz arbeiten darin
fort, nicht viel weniger als im wachenden Liegen. Nur die Nerven und das Gehirn,
d.h. das Denken und Empfinden stocken. Daher erquickt der Schlummer reitende und
fahrende Menschen, die also mit nichts als den Nerven ruhen. Daher werden
Nervenschwache, die jede Ruhe abmattet, vom traumlosen Schlaf erfrischt.
Beiläufig: ohne die Teorie der Desorganisation, die negative und positive
Nerven-Elektrizität annimmt, sind die Meteore des Schlafes unerklärlich - z.B.
unerklärlich ist dann, warum gerade Opium, Wein, Manipulieren, Tierheit,
Kindheit, Pletora, nahrhafte Kost, Gerüche auf der einen Seite Schlaf
befördern; und doch Tortur, Ermattung, Alter, Mässigkeit, Gehirndruck, Winter,
Blutverlust, Furcht, Gram, Phlegma, Fett, geistige Abspannung ihn auf der andern
auch erregen. - - Höchstens im tiefen Schlafe, wo der Nervenkörper ruht, könnte
man die Seele vom Irdischen losgekettet denken; im Traum hingegen eher enger
angeschlossen, weil der Traum so gut wie das tiefe Denken, das wie er die fünf
Sinnenpforten abschliesst, ja kein Schlafen ist. Daher zehren Träume die Nerven
aus, zu deren innern Überspannungen jene noch äussere Eindrücke gesellen. Daher
verleiht der Morgen dem Gehirn und dem Traum gleiche Belebung. Daher geht dem
schlafende Tiere - ausgenommen dem weichlichen zahmen Hund - das ungesunde
Träumen ab. Daher gibt schon Aristoteles ungewöhnliche Träume für Vorläufer des
Krankenwärters aus. Daher hab' ich jetzt geträumt genug und der Leser geschlafen
genug. -
 
                                37. Hundposttag
  Der Amoroso am Hofe - Präliminarrezesse der Hochzeit - Rettung des höflichen
                                    Krümmens
Am Morgen nach jener grossen Nacht nahm Viktor von dieser geweihten Graberde
seiner schönsten Tage mit unverhüllten Tränen Abschied. Er sah sich oft um nach
diesen Ruinen seines Palmyra, bis nichts davon übrig stand als der Bergrücken
als Brandmauer. »Wenn du nach vier Wochen wieder hieher gehest,« dachte er, »so
ists nur, um dem Todesengel zuzusehen, wie er deinen Emanuel auf den Altar und
unter das Opfermesser legt.« Er sagte sichs, wie teuer er dieses Laubhüttenfest
durch den Tod eines Freundes bezahle; und wie dieser ohne einen solchen Ersatz
einen ebenso grossen Verlust erleide. Denn er fühlte, dass das fürchterliche Wort
»Schurke« als eine ewige Felsenwand zwischen ihre auseinandergeteilten Seelen
nun getreten sei. - Er stellte sich zwar vor und recht gern, was den vergangnen
Freund lossprach, besonders die Verhetzung durch Mattieu und Flamins Zuhorchen,
als er Klotilden ewige Liebe zuschwor; ja er verfiel sogar darauf, dass der
Evangelist den armen Flamin vielleicht besondere (die vom Apoteker
vorgeschlagnen) Beweggründe einer Liebe, durch deren Gegenstand die Gunst des
Fürsten festzumachen war, weit im Hintergrunde sehen lassen - aber sein Gefühl
sagte ihm unaufhörlich: »Er hätte doch nicht glauben sollen! - Ach hättest du
mich doch« (sagte er gerührt bei der Erblickung der Stadt) »mit Kugeln oder mit
andern Schmähungen durchbohrt, damit ich dir hätte leicht vergeben können! -
Aber gerade mit diesem fortfressenden Giftlaute!« - Er hat recht; die
Beleidigung der Ehre wird darum nicht kleiner, weil sie der andere aus voller
Überzeugung des Rechts begeht. Denn die Überzeugung ist eben die Beleidigung;
und die Ehre eines Freundes ist etwas so Grosses, dass die Zweifel an ihr fast nur
durch eigenes Geständnis entstehen dürfen. Aber so werden aus kleinen
Verhehlungen leicht Trennungen, wie aus Nebeln im März Gewitter im Julius. Nur
eine vollendete edle Seele vermag es, den geprüften Freund nicht mehr zu prüfen
- zu glauben, wenn die Feinde des Freundes leugnen - zu erröten wie über einen
unreinen Gedanken, wenn ein stummer verfliegender Argwohn das holde Bild
beschmutzt - und wenn endlich die Zweifel nicht mehr zu bezwingen sind, diese
noch lange aus den Handlungen fortzuweisen, um lieber in eine kameralistische
Unvorsichtigkeit zu fallen als in die schwere Sünde gegen den heiligen Geist im
Menschen. Dieses feste Vertrauen ist leichter zu verdienen als zu haben.
    Im lärmenden Hammer- und Mühlenwerk der Stadt war ihm wie in einer öden
Waldung. An zarte Seelen verwöhnt, kamen ihm die städtischen alle so stachlicht
und ungeschliffen vor; denn die Liebe hatte wie die Tragödie seine
Leidenschaften gereinigt, indem sie solche erregte. Alles hing so verfallen, so
verraset zum Einbrechen herüber, indes die reinen Spiegelwände in Maiental fest
und glänzend aufstiegen. Denn die Liebe ist das einzige, was das Herz des
Menschen bis an den Rand vollgiesset, wiewohl mit einem bald einsinkenden
Nektar-Schaume; sie allein fasset ein Gedicht von etlichen tausend Minuten ab
ohne den klirrenden R-Buchstaben, wie der Dominikaner Cardone über sie ein
ebenso grosses Gedicht unter dem Namen: L'R sbandita ohne ein einziges R
verfertigte - daher ist sie wie die Krebse in den Monaten ohne R am schönsten.
    Das erste, was er in Flachsenfingen zu machen hatte, war ein Brief an
Klotilde. Denn da nun der Evangelist Mattieu aller Wahrscheinlichkeit nach in
alle Welt ausgehen und das Evangelium vom Schuss-Zweikampf der beiden Freunde
allen Völkern predigen wird: so war nichts anders für den heiligen Ruf seiner
Geliebten zu tun, als sie in eine Braut zu verwandeln durch eine öffentlich
erklärte Verlobung. Flamins neues Ereifern konnte gegen Klotildens
Rechtfertigung in keine Betrachtung kommen. Der Ausruf »Du bist mein Bruder«,
den die Konvulsionen der Angst Klotilden entrissen hatten, war natürlich für
Flamin unbegreiflich und ohne Wirkung geblieben; für den lauernden Matz aber war
er ein herrlicher Kernspruch und ein dictum probans seines Lehrgebäudes von
ihrer Verschwisterung geworden. - Im Briefe also ging Viktor seine Freundin um
die stumme Erlaubnis zu seinem Werben an; er überliess es ihr schweigend, die
uneigennützigsten Beweggründe seiner Bitte zu erraten. -
    Er erschien jetzt auf dem Kriegschauplatz der Seelen, von dem man selten
eine genaue Karte erwischt, am Hofe; - seinem mit Paradiesen angefüllten Herzen
kamen sogar die Zimmer vor wie Glaskästen einer ausgebälgten Voliere, die man
mit Streuglanz, Konchylien und Blumen übersäet, und die lebendigen Stücke der
Zimmer wie getrocknetes, mit Arsenik oder Holz ausgestopftes Gevögel; durch die
Schlangen war Draht geführt, wie durch die Schwänze der grossen Tiere, und die
Baumläufer am Tron standen auf Draht. - - So sehr wurde er bloss durch das
Pfingstfest der Gegenfüssler von uns, die wir bei kälterm Blute das Erhabene und
Edle eines Hofs leicht bemerken. - Das Neueste, was er da hörte, war, dass der
Fürst in Gesellschaft der Fürstin zum Gesundbrunnen in St. Lüne abreise, um die
gichtbrüchigen Füsse, wie jene die Augen, heil zu baden. Viktor war wirklich
nicht ganz tolerant, da er bei sich dachte: »Wenn ihrs nicht besser haben wollt,
so geht meinetwegen zum T-.« Das Paulinum war für ihn ein Schlachtaus und jedes
Vorzimmer eine Marterkammer; der Fürst behandelte ihn nicht höfisch-höflich,
sondern kalt, welches ihm desto weher tat, da es bewies, er habe ihn geliebt -
die Fürstin stolzer - bloss Mattieu, der mit Leuten am liebsten sprach, die ihn
tödlich hassten, hatte ein Gesicht voll Sonnenschein. Von diesem und von seiner
Schwester und einigen Ungenannten hatt' er leichtes Schlangengift der Persiflage
über seinen Zweikampf einzunehmen und zu verwinden, das wohl der Magen wie
anderes Schlangengift verdaut, das aber, in Wunden gesprützt, das Lebensblut
auflöset. - Gerät denn nicht sogar mein Korrespondent in Eifer und schickt mir
seinen Eifer durch meinen capsarius105, den Spitzhund, zu und sagt: »Es bleibe
doch einer einmal kalt, der warm ist, nämlich verliebt, und den noch nicht der
Tod kalt gemacht, er verbleib' es, sag' ich, vor dem stechenden Lächeln einer
Hof-Schwesterschaft über seine empfindsame Liebe, zumal vor solchen höhern
Damen, die Gotteiten sind, auf deren cyprischem Altar allemal (wie bei den
Skyten) der Fremde geopfert wird, und denen (wie die Gallier von ihren Göttern
glaubten) Übeltäter, Roués, Orleans die liebsten Opfer sind! - Oder er höre
sich, wenn er auch das hinnimmt, gelassen von einem Evangelisten über seine
Liebe persiflieren, der darin folgende Grundsätze erfindet und einkleidet: La
décence ajoute aux plaisirs de l'indécence: la vertu est le sel de l'amour; mais
n'en prénez pas trop. - J'aime dans les femmes les accès de colère, de douleur,
de joie, de peur: il y a toujours dans leur sang bouillant quelque chose qui est
favorable aux hommes. - C'est là oú la finesse demeure courte, qu'il faut de
l'entousiasme. - Les femmes s'étonnent rarement d'être crues faibles; c'est du
contraire qu'elles s'étonnent un peu. - L'amour pardonne toujours à l'amour,
rarement à la raison. - Glücklich sind« (seufzet Knef) »Widersacher, die
einander prügeln dürfen.«
    Der Evangelist warf einen beizenden Tropfen auf Viktors Herznerven, da er,
trotz seiner Wissenschaft um Flamins adelige Abstammung, ihn damit aufzog, »dass
er wie ein neufranzösischer Äquilibrist der Freiheit sich mit Bürgerlichen -
zwar nicht vermähle, aber doch - schiesse«. Und es ging ihm durch die Seele,
seinen ausgestohlnen Freund so sehr an Freunden verarmt zu sehen, dass dieser
Mattieu der letzte und der Stammhalter war, der sich nicht einmal vor Viktor
die Mühe gab, in den höhern Zirkeln die Rolle eines Freundes von Flamin zu
nehmen und fortzuspielen. Einem guten Menschen wird das weiche Herz gleichsam in
eine Quetschform eingeschraubt, wenn er vor Leuten stehen muss (wie hier Viktor
vor so vielen), die ihn hassen und beleidigen - anfangs ist er heiter und kalt
und freuet sich, dass er sich nichts darum schiert - aber er rüstet sich
unwissend mit immer mehr Verachtung, um der Beleidigung etwas entgegenzustellen
- endlich meldet sich der Anwachs der Verachtung durch das unbehagliche Gefühl
der entfliehenden Liebe und des eindringenden Hasses an, und das bittere
Scheidewasser ergreift und zerfrisst sein eignes Gefäss, das Herz. - Dann werden
die Schmerzen so gross, dass er die alte Menschenliebe, die das warme Element
seiner Seele war, wieder in Strömen in den Busen rinnen lässt. Bei Viktor kam
noch etwas zur Erbitterung - seine Erweichung; man ist nie kälter als nach
grosser Wärme, so wie Wasser nach dem Kochen eine grössere Kälte annimmt, als es
vorher hatte. Liebe, Rausch und zuweilen die aus dem Anblick der Natur getrunkne
Begeisterung machen uns gegen unsere Lieblinge zu gut, und gegen unsere
Gegenfüssler zu hart. Als nun Viktor in dieser bittern Laune neben einem
Spieltisch zusah und über die ganze Assemblee sich innerliche Vorlesungen hielt,
lectures upon heads106, wo er sich statt der Köpfe aus Pappendeckel bloss mit
dickern behalf: so fiel durch die Erinnerung an die stille Menschenbildung,
womit Klotilde sich in eben diese Menschen ihren Eltern zu Liebe bequemet hatte,
der ganze Eispanzer, der sich um sein Herz wie um eine Blume gelegt hatte,
zerflossen herab, und sein erwärmtes Herz sagte mit der ersten heutigen Freude:
»Warum hass' ich denn diese ebenso gequälten als quälenden Gestalten so hart?
Sind sie nur meinetwegen? Haben sie nicht auch ihr Ich? Müssen sie sich mit
diesem mangelhaften, gepeinigten Selbst nicht durch die ganze Ewigkeit
schleppen? Wird nicht jeder von irgendeiner fremden Seele noch geliebt? Warum
willst denn du nur Stoff zum Abscheu an ihnen sehen und aus jeder Miene, aus
jedem Laute Säure ziehen? - Nein, ich will die Menschen bloss lieben, weil sie
Menschen sind« - Jawohl! die Freundschaft kann Vorzüge begehren, aber die
Menschenliebe bloss Menschengestalt. Daher haben wir eben alle eine so kalte,
eine so wechselnde Menschenliebe, weil wir den Wert der Menschen mit ihrem Recht
vermengen und nichts an ihnen lieben wollen als Tugenden.
    Unserm Viktor wurde so leicht wie nach einem Gewitter; das Bitterste, womit
uns Beleidigungen angreifen, ist, dass sie uns zu hassen nötigen. Auf der andern
Seite fühlte er jetzo, wie unrein unser für Tugend ausgegebener Widerstand gegen
Schlimme sei, und wie sauer es selber einer edeln Seele werde, Feinde zu
bekämpfen, ohne sie anzufeinden; denn dieses ist noch schwerer, als sie zu
beglücken und zu beschützen, ohne sie zu lieben.
    So strichen einige Wochen unter seinen erzwungnen Landungen am feindlichen
Hofe vorüber - denn die Bitte seines Vaters beherrschte sein Herz - und unter
vergeblichen Hoffnungen auf Klotildens Entscheidung und unter tränendem
Zurücksehnen in die innehaltenden Tage der Liebe und in die verheerten Tage der
Freundschaft. Klotildens Schweigen willigte aber eben in seine Ankunft ein; doch
meldete er ihr durch einen zweiten Brief noch zum Überfluss den Tag derselben.
Übrigens wurde ihm - so an den Tron wie an eine Säule zum Geisseln gebunden, so
aus allen Gegenständen seiner Liebe herausgeschleudert, so auf nichts geheftet
als auf eine von weitem donnernde Zukunft, in der sein Emanuel nach vierzehn
Tagen unter die Erde einsinkt und seine Klotilde in tausend Schmerzen - die
Gegenwart schwül und eng. Um ihn ging ein unreifes Gewitter herum, und wie an
den Tag - und Nachtgleichen ruhten die Wolken unbeweglich wie ein grosser Nebel
über ihm, und das verborgne Arbeiten im hohen Gewölke des Schicksals hatte noch
nicht das Zusammenfliessen in Tränen entschieden oder das Zerteilen in Blau.
    Endlich ging er nach St. Lüne... Wahrlich nur wehmütigbeglückt! O! konnt' er
auf den Lüner Fusssteig blicken oder auf das Pfarrhaus, das die Bühnen der
begrabnen Freundschaft bedeckte, ohne das Auge überfliessend abzuwenden, ohne
daran zu denken, wie viel eitler das Lieben als das Leben der Menschen sei, wie
das Schicksal gerade die wärmsten Herzen zur Zerstörung der besten anwende (so
wie man nur Brennspiegel zum Einäschern der Edelsteine gebraucht), und wie
manche stille Brust nichts ist als der gesunkne Sarg eines erblassten geliebten
Bildes? - Es ist ein namenloses Gefühl, einen Freund lieben zu wollen aus
Erinnerung und ihn fliehen zu müssen aus Ehre: Viktor wünschte, er dürfte seinem
betörten Liebling vergeben; aber vergeblich: das arsenikalische Wort, das mich
in seinem Namen schmerzt, blieb trotz aller, aller versüssenden Säfte, mit denen
ers einwickelte, doch unaufgelöset und fressend und tödlich in seiner Seele
liegen. Guter Flamin! ein Fremder könnte dich lieben, ich z.B., aber dein
Jugendfreund nicht mehr!
    Viktor schritt zögernd vor dem Bilder- und Musiksaal seiner nachgespielten
und nachgetönten Kindheit vorbei, vor dem Pfarrhaus, desgleichen vor der
scheuernden Apollonia, die er gern tiefer grüsste, als sein Stand zuliess, und vor
dem alten Mops, der sich in keinen Familienzwist einmengte, sondern ihn
freimütig mit dem Schwanz invitierte. - Nicht sein Stolz hielt ihn ab, die
(vorgeblichen) Eltern seines Widersachers zu besuchen, sondern die Ängstlichkeit
tats, die ihn besorgen liess, die guten Menschen würden sich vielleicht vor ihm
im verlegenen Kampfe zwischen Höflichkeit, zwischen alter Liebe und neuem Groll
abquälen. Aber er beschloss, durch einen Brief an die edelmütige Pfarrfrau seine
Liebe zu befriedigen und ihre Empfindlichkeit.
    Dann trat er vor seine Geliebte! - Ich hab' es vor-vorgestern unter dem
Lesen der deutsch-französischen Geschichte, wo bekanntlich auch der gekrönte
Name Klotilde regiert, an den verdoppelten Schlägen meines Herzens gemerkt, wie
mir erst sein würde, wenn ich diese Klotilde, die ich seit drei Vierteljahren
gelobt habe, vollends gar sähe; denn dass Knef so wie der Hund keine Spitzbuben
sind, und dass die ganze Historie nicht bloss vorgefallen ist, sondern auch noch
vorfällt, erseh' ich aus hundert Zügen, die wohl keine Phantasie erfinden kann.
Würde der Biograph der Heldin ansichtig: dann entstände nichts als ein neues
Heft und ein neuer - Held, welcher ich wäre....
    Sie war krank; jener Abend war wie ein Stossvogel auf ihr Herz gefahren und
hatte die blutigen Krallen noch nicht herausgezogen. Ihre Seele schien nur der
Engel zu sein, der die entseelte Hülle eines Frommen hütet. Der Kammerherr
begegnete dem Hofmedikus, als ob er von keinem Duellieren wisse. Was sonst
Mütter tun, tat der Vater: er vergab jedem, der von Stande war und der die
Tochter wollte. Der Antrag, den ihm Viktor endlich machte, frappierte ihn nur,
weil er bisher gedacht hatte, dieser verschieb' ihn bloss wegen der Ungewissheit
über Klotildens Erbschaft und Verwandtschaft. Seine Antwort bestand in
unendlichem Vergnügen, in unendlicher Ehre etc. und andern Unendlichkeiten; denn
bei ihm war alles eine; daher auch Platner mit Recht behauptet, der Mensch könne
im Grunde bloss das Endliche nicht denken. Le Baut hätte die Tochter hergegeben,
wenn er auch nicht gewollt hätte; er konnte ins Gesicht nichts abschlagen, nicht
einmal eine Tochter. Auch konnte keiner kommen und um Klotilden ansuchen, der
nicht in irgendeines seiner Projekte (seine vier Gehirnkammern lagen bis an die
Decke davon voll) hineingepasset hätte. Natürlicherweise war ihm also ein
Schwiegersohn jetzt am meisten erwünscht, da ihm etwan die Tochter gar mit Tod
abgehen könnte, ohne dass er sie noch zu einem Springstab und Hebebaum seines
Leibes gebraucht hätte - und da ihm zweitens das Duell-Gerede das Herz anfrass;
nicht als ob er nicht durch gesunde wurmförmige Bewegungen die härtesten Dinge
verdauet hätte, sondern weil er, wie gebildete Menschen ohne Ehre, bei kleinen
Beleidigungen gern mit Lärmkanonen und Feuertrommeln erschien, um sich das Recht
zu erschleichen, bei vollständigen, aber ergiebigen und mit Silberadern
durchzognen Entehrungen mausestill dazuliegen. Das einzige, was der Kammerherr
nicht gern sah, was er aber sogleich dadurch hob, dass er dem Hofmedikus das Wort
(über die Tochter) gab, das war, dass er vorher das nämliche Wort (ingeheim)
unserem Matz gegeben hatte. Da ihm der bald wiederkommende Lord mehr schaden und
helfen konnte als der Minister: so brach er gern das alte Wort, um das neueste
zu halten; denn nicht bloss den letzten Willen, sondern auch jeden kann der
Mensch ändern, wie er will, und wenn er ein Mann von Wort ist, so wird er gern
ganz entgegengesetzte Versprechungen tun, um sich zum Halten zu nötigen. Wenn
das lügende Betragen des Kammerherrn nach solchen Entschuldigungen noch eine
braucht: so hat er die für sich, dass er gewiss hoffte, Klotilde werde, wenn er
sein Ja gegeben, Nein antworten und statt seiner wagen und - büssen. Wenigstens
schützte er diese Hoffnung bei seiner zornigen Gemahlin vor und verwies sie auf
Klotildens ehemaliges Nein, das unserem Viktor so schwere Stunden aufgelegt, und
auf ihre Unveränderlichkeit. Ich wünschte, man hätte nachher sein Gesicht in der
Verfassung versteinern oder in Gips abgiessen können, in die es durch die
Nachricht von Klotildens Ja geriet. Was konnte die Schwiegermutter, die
Kammerherrin, die immer die Waffenträgerin und Liguistin des Evangelisten war,
weiter dabei machen als ein freundliches Gesicht und die Bemerkung: niemand ist
schwerer zu regieren als ein Ehemann, den jeder regiert.
    Die Formalien der Verlobung selber warteten auf die Zurückkehr des Lords und
auf andere Verhältnisse. - - Lasset mich nichts sagen von der durch so viele
Leiden veredelten Liebe dieses Paars. Wenn mit der Liebe sich gar die
Menschenliebe noch vermählt (welches mancher gar nicht verstehen wird); - wenn
im Atem der Liebe alle andere Reize des Herzens schöner werden, alle feine
Gefühle noch feiner, jede Flamme für das Erhabne noch höher, wie in der Feuer-
und Lebenluft jeder Funke ein Blitz und jedes Johanniswürmchen eine Flamme wird;
- wenn beide Menschen einander selten mit den Augen, und oft mit den Gedanken
begegnen; - wenn Viktor ein Herz fast zu behalten scheuet, dem er soviel kostet,
soviel dunkle Tage, soviel Sorgen und fast einen Bruder; - und wenn Klotilde
eben dieses zarte Scheuen errät und ihn für ihre Leiden belohnt: dann ists
unmöglich, vielen Menschen den Umriss einer solchen Äterflamme, geschweige die
Farben derselben zu geben; für wenige ists unnötig.
    Gegen eine geliebte Person fängt in jedem neuen Verhältnis, worein sie
kömmt, die Liebe wieder von vornen und mit neuen Flammen an, z.B. wenn wir sie
in einem andern Hause - oder unter neuen Personen finden - oder als Reisende -
oder als Hauswirtin - oder als Blumengärtnerin - oder als Tänzerin - oder (das
wirkt am meisten) als Verlobte. Das war Viktors Fall; denn von der Stunde an, wo
der Wunsch der Neigung sich zu einem Gebot der Pflicht erhebt, und wo die teuere
Seele sich und alle ihre Hoffnungen und den Zügel ihrer ganzen Zukunft in die
geliebten Hände liefert, muss es in jedem guten Männerherzen rufen: »Nun hat sie
niemand auf der Erde mehr als dich - nun sei sie dir heilig, o! nun schone und
bewahre und belohne die liebe Seele, die an dich glaubt!« - Viktor wurde von
diesem Verhältnis noch durch den Nebenumstand unaussprechlich gerührt, dass eben
diese Klotilde, diese feste stolze Ball- und Himmelkönigin, die mit so vielen
Kräften und so unabhängig über die männlichen Schlingen und unter den männlichen
Lorbeerkränzen wegging, nun durch die Verlobung ihre Independenzakte mit sanftem
Lächeln in Viktors Hände gibt und jetzo nichts mehr wünscht, als zu lieben und
geliebt zu werden; für dieses holde Beugen einer so grossen Gestalt wusste Viktor
kein Opfer, keine Wunde, keine Gabe, die ihm gross genug geschienen hätte, es zu
bezahlen. - So muss man lieben; und jedes neue Recht und Opfer, das den gemeinen
Menschen erkältet, macht den guten wärmer und zarter.
    Obgleich Viktor durch die Rechte seiner neuen Verwandtschaft ein mehr
einheimisches und bequemes Leben unter seinen Schwiegereltern fand: so tat es
ihm doch wehe, dass er täglich die unvergesslichen Pfarrleute in ihrem Garten
sehen musste, und doch durch das eiserne Stabgeländer des vorigen Duells und der
jetzigen Verlobung von ihren Herzen abgelöset blieb. Daher musst' er auch die
Briten und ihren fortwährenden Klub entbehren. Le Baut fand es aber vorsichtig:
»denn man wisse von sicherer Hand, es seien Jakobiner und verkappte Franzosen.«
-
    Aber Klotildens Seele konnte den erratenen tiefen Schmerz ihrer Freundin,
der Pfarrerin' nicht länger tragen; sie bestellte sie durch ein Blättchen zu
einem Spaziergange. An der Warte trafen sich beide; und Viktor sah mit innerster
Rührung, wie Klotilde sogleich die Hand seiner ältesten Freundin nahm und sie
auf dem ganzen Weg nicht mehr aus ihrer gab.
    Klotilde kam wieder mit einem froh erhelleten Angesicht und mit Augen, die
sehr geweinet hatten, und mit himmlischen Zügen, in denen eine unnennbare, nicht
sowohl heissere als weichere Liebe glänzte. Erst spät war sie ihrer Rührungen
mächtig genug, um Viktor etwas von der Unterredung mitzuteilen: denn ich glaube
zu erraten, dass es nicht alles war. Die Pfarrerin - erzählte Klotilde - empfing
sie mit einer Miene voll drückender Schmerzen, aber weder mit Kälte noch
Verdacht. Beide konnten anfangs gar nichts als weinen und sprachen nicht;
Klotilde war noch mehr erweicht, und ihre Tränen flossen noch fort, als sie
anfing, ihre Verlobung zu erzählen. Sie legte die Hand ihrer Freundin auf ihr
Herz und sagte: »Jetzo wird unsere Freundschaft hart geprüft. Ich glaube an die
Ihrige fort - glauben Sie an meine. - O bleibe, teure Freundin, nur diesesmal
fest! Schwere Geheimnisse, über die ich kein Recht und wenig Aufschluss habe,
bringen uns alle diesen grausamen Missverständnissen so nahe. Nur diesesmal
vertrauen Sie fest, dass ich und Sie so wenig unser Verhältnis gegeneinander
ändern wie unsern Charakter.« - Hier sah die Pfarrerin sie mit einem grossen
Blicke, in dem noch die alte Liebe für Viktor nachglimmte, an und umarmte sie
denn auf einmal mit trocknen Augen und mit diesen Worten: »Ja, ich vertraue auf
Sie, tun Sie, was Sie wollen, und blieb' ich zuletzt die einzige Seele.« - Der
letzte Zusatz hätte zu einer andern Zeit Klotilden beleidigt; ach jetzt konnt'
ers nicht; o sie war froh, dass sie etwas zu verzeihen hatte.
    Nach der Erzählung sagte sie ihrem Freunde, sie unternehme vielleicht, falls
die Unsichtbarkeit und das Schweigen des Lords noch länger dauere, lieber die
mühsame Reise zu ihrer und Flamins Mutter nach London, um diese als die
Auflösung aller dieser gefährlichen Rätsel nach Deutschland zu bereden. - Ach
konnte Viktors aufopferndes Herz eine Einwendung gegen fremde Aufopferungen
machen? - Nein! sein Kummer wurde verdoppelt, aber auch seine Achtung und Liebe.
    In dieser Lage kam an Klotilde ein kleiner Brief von Emanuel:
    »Gestern abends kam mein Julius mit einem Korb voll Gartenerde zu mir und
bat mich um Blumentöpfe und um Hyazinten, weil er für beide die Erde bringe. Er
hatte den Boden für seine Blumen von dem Hügel deiner Giulia geholt. - - Ich
nahm sein weiss- und rotblühendes Angesicht, das der Federnelke mit dem roten
Punkte gleicht, an meine Brust und sagte: Ach, wer wartet die Blumen des
Menschen, wenn er vorüber ist? Und ich meinte auch ihn mit seiner zarten Blüte,
in welche der Schmerz nie seinen schweren Regen werfe! - O Viktor und Klotilde,
wenn mich die Lilien der Erde betäuben und in den letzten Schlummer legen, so
nehmet meinen blinden Julius auf, und diese Seele voll Liebe werde durch
liebende Seelen behütet!
    Klotilde! ich bitte oder wünsche jetzo von dir etwas, was du mir wohl
schwerlich geben kannst. Ach komme am längsten Tage nach Maiental, du schöne
Seele! Kann es dein Herz nicht ertragen? Hast du nicht deine Giulia bis an das
blinde Tor des Grabes begleitet und da ihre Seele auffliegen sehen und ihren
Körper niederfallen! O wenn du und dein Freund in der letzten Stunde, wo das
Leben seine schillernden Pfauenspiegel zusammenfaltet und sie farbenlos und
schwer in das Grab einsenkt, bei mir blieben als die zwei ersten Engel der
künftigen Welt! - Denn in der Minute, wo die ganze Erde wie eine Rinde vom
Herzen abbricht, hängt das nackte Herz fester an Herzen und will sich erwärmen
gegen den Tod, und wenn alle Bande der Erde abreissen, so blühen die Blumenketten
der Liebe fort. O Klotilde! wie himmlisch schlösse sich vor deiner elysischen
Gestalt mein Leben! Ich würde schon entfesselt auf den Flügeln der Ewigkeit um
dich schweben, um dich anzublicken, und ich würde, wenn ich mit der äterischen
Hand nicht deine Tränen nehmen könnte, dein schweres Herz mit einer fremden
Entzückung trösten! Ja, und wenn der Mensch im Vorhof der zweiten Welt
erblindete, so würde deine Gestalt wie ein nachleuchtendes Sonnenbild vor meinen
geschlossenen Augen bleiben! - O Klotilde, wenn du kämest! Ach, du kommst wohl
nicht; und nur der Ewige, der die Stunden des zweiten Lebens zählet, weiss, wenn
ich dich wiedersehe auf der zweiten Erde und wie gross auf ihr die Schmerzen der
Sehnsucht sind. Und so lebe denn wohl und ziehe, hohe Seele, deine Bahn unter
den Wolken hindurch - wenn ich deinen Freund erblicke, wirst du rührend vor mir
stehen - und wenn ich an seinem Herzen sterbe, werd' ich für dich beten und zu
Gott sagen: gib mir sie wieder, wenn auf ihrem Haupte der Blumenkranz der Erde
gross genug ist - oder die Dornenkrone zu gross! - Klotilde, ändre dich nie, und
dann frag' ich das Verhängnis nicht: wie lange wird sie drunten lächeln, wie
lange wird sie drunten weinen? Ändre dich nie!
                                                                       Emanuel.«
                                       *
Sie fielen beide einander sanft ans Herz und schwiegen über ihre Gedanken;
Emanuels Liebe verherrlichte die ihrige, und Viktor achtete seinen Freund und
seine Freundin zu gross, um diese zu trösten. Er fragte sie gar nicht, wie sie
Emanuels Bitten beantworte; er wusste, dass sie es versagen müsse, weil sonst ihr
Herz neben dem geliebten bräche.
    Da er endlich von ihr und St. Lüne schied, und da sie daran denken musste,
dass er in wenigen Tagen nach Maiental gehe - und da in ihren und seinen Augen
Tränen standen, die mehr als einen Schmerz bezeichneten, und die nicht der
Mensch abtrocknet, sondern der Tod oder Gott; - so schauete Viktor sie unter dem
Abschiede mit der stummen Frage an: »Sag' ich unserem Geliebten nichts?« -
Klotildens Seele blieb unter Lasten am meisten aufrecht, und sie erschien nie
grösser als hinter Tränen, wie die Sterne am Himmel voll Regen lichter und grösser
herankommen; sie sah gen Himmel, gleichsam fragend: »Könntest du, Allgütiger,
uns so tief zerschlagen?« - dann wog sie gepresset den schweren Schmerz - dann
fand sie ihn zu gross für die Sprache - und zu gross für ihre Kraft - und sie
glaubt' ihn nicht mehr und sagte doppelsinnig mit nassen Augen und mit
doppelsinnigem Lächeln: »Nein, Viktor, wir sehen uns ja alle einmal wieder!«
    Viktor ging nicht lange vorher fort, eh' die zwei gekrönten Badgäste mit
einigem Gefolge ankamen. - Ich bemerk' es mit ebenso wenigem Groll, als Viktor
dabei empfand, dass Agate, ungeachtet des mütterlichen Beispiels, ganz, erstlich
von Viktor, d.h. vom Antipoden und Antichrist ihres geliebten Bruders, abfiel;
zweitens von Klotilden noch mehr.
    - Es kann kund werden, dass ich den vorigen Brief Emanuels bloss darum in der
ersten Auflage unterdrückte - denn in meinen Händen hatt' ich ihn frühe genug,
so gut wie viele andere Dokumente dieser Historie, die gleichwohl (aus Gründen)
niemals publizieret werden -, weil ich besorgte, er rühre; eine weiche Seele
findet ohnehin zu viele Schmerzen in diesem Band! - Allein eben darum wollen wir
nichts aus der ersten Ausgabe weggeben, was scherzt, und ich fahre demnach fort:
    Wir Leser wollen wie Viktor uns vom Kammerherrn beurlauben, der mit seinen
halbaufrechten Augenbraunen - bei der Nasenwurzel neigen sie einander sich in
Gestalt des matematischen Wurzelzeichens zu - mit wahrer verbindlicher
Höflichkeit sich von uns trennt. Ich weiss, wenn wir fort sind, lässt er uns
Gerechtigkeit widerfahren und macht zuviel aus uns; denn er verleumdet nie,
weder aus Bosheit noch Leichtsinn, und wen er verleumdet, den hat er die
ernstafte Absicht zu stürzen, weil er lieber unglücklich als schwarz macht. -
Als ich ihn sich so bücken sah gegen uns: verfertigte ich in Gedanken eine halbe
Satire auf ihn, wovon das Wahre und Ernstafte das sein mag: dass die Menschen
wirklich dazu erschaffen sind, sich so krumm zu machen, wie der spiritus asper
ist. Ich baue eben nicht darauf viel, dass Geometer geschrieben haben, wenn die
Götter eine Gestalt annähmen, so müsst' es die vollkommenste, die eines Zirkels
sein; ich könnte zwar daraus folgern, ein krummer Rücken sei wenigstens eine
Annäherung zur Göttergestalt, weils ein Bogen aus einem Zirkel sei - aber ich
mag nicht; denn das Physische ist Kinderei dabei und nur insofern von Belang,
als es das innere Krümmen und Kriechen der Seele teils anzeigt, teils (z.B.
durch Verengerung der Brust) befördert. Sogar am Hofe würde man das äussere
Krümmen erlassen, wenn man gewiss wissen könnte, dass das edlere, innere der
Denkart da wäre, ohne das Zeichen; denn da nach Kant Unterwürfigkeit und
Niederschlagung unsers Eigendünkels die Foderung der reinern und der
christlichen Moral ist: so muss einer, der gar keine moralischen Vorzüge hat, mit
dem Selberbewusstsein davon noch tiefer nieder als zur Demut, die schon der
Tugendhafte hat, er muss zu dem sinken, was ich ein edles Kriechen nenne. Ich
gestehe, ich verachte die Übung nicht, die darin die kleinen Regeln der
Lebensart gewähren, die ja ohnehin nichts sein soll als die Tugend in
Kleinigkeiten, die Regeln nämlich, dass man sich bückt, wenn man widerspricht -
wenn man lobt - wenn man eine Beleidigung erfährt - wenn man eine antut - wenn
man den andern bückt - wenn man gerade eben des Teufels werden möchte. Aber gut
ists, dass eine solche Tugend der Krümmung ihre eigenen Exerzierplätze hat und
nicht vom Zufall abhängt. Am Hofe würde ein Mensch mit geradem Leibe und Geiste
als höfisch-tot ausgeschossen werden, wie ein Krebs mit einem geraden Schwanze'
den nur ein krepierter führet. Wenn sonst die Einsiedler niedrige Zellen
erwählten, um nicht aufrecht zu stehen: so braucht der Weltmann dies nicht; ihn
drücken die hohen Speisesäle, die Lusttempel, die Tanzsäle desto tiefer nieder,
je höher sie sind. - Es wäre schlimm, wenn diese so wichtige Tugend der
Niederbückung erst eine besondere geistige oder körperliche Stärke, die sich ja
niemand geben kann, voraussetzte; aber gerade umgekehrt will sie nur Schwäche
haben, welches bei Pferden nicht so ist, die den Schwanz nicht mehr
niederbringen, wenn dessen Sehnen abgeschnitten sind. Wenn die Pharisäer Blei in
den Mützen führten, um sich das Bücken zu erleichtern:107 so tut das Blei, das
man auf die Welt bringt und das im Kopfe liegt, vielleicht noch grössere Dienste.
Daher ists eine schöne Einrichtung, dass aus grossen Seelen, denen wie langen
Staturen das Bücken sauer fällt, zum Glück (aber zu ihrer Strafe) nichts wird,
anstatt dass mittelmässige, die sich nichts daraus machen, gedeihen und eine
schöne Krone treiben; so sah ich oft beim Brotbacken, dass jeder mässige Laib im
Backofen sich schön erhob und wölbte, der grosse aber blieb platt und miserabel
sitzen. - Wir wären aber bedauernswürdig, wenn eine Tugend, die den Wert des
bürgerlichen Menschen ausmacht, die Tugend, nicht bloss wie Kinder zu werden,
sondern wie Fötus, die sich im Mutterleibe zusammenstülpen, wenn diese nur an
dem höchsten Orte gediehe, wie man fast denken sollte, da der Hofmann nach dem
Falle auf seinem Landgute schon wieder aufrecht geht - anstatt dass die Schlange
vor dem Falle und unter dem Verführen nicht kroch. - Allein in allen
bürgerlichen Verhältnissen sind Erziehanstalten zu Krümmlingen vorhanden;
überall streckt sich in der Luft bald ein geistlicher, bald ein weltlicher Arm
mit Händen aus, die uns ordentlich einkrempen, und noch höher sind die
allerlängsten angebracht, die über ganze Völker reichen. Der Gelehrte selber
bückt sich am Schreibepult unter der Geburt der Zueignungen und Hofschriften und
Urtel. Durch das blosse graue Alter reift sowohl der Körper zum verknöcherten
Bücklinge als die Seele. Und die niedrige Geistlichkeit arbeitet sich, weil sie
immer niederwärts ins Grab sieht, in die gekrümmte Stellung hinein. - Ich
schliesse mit dem Troste, dass Bücken Aufgeblasenheit nicht ausschliesse, sondern
ein; da eben der Zirkel, dessen Ausschnitt man wird, unzählig um die geschwollne
Kugelfläche läuft.....
    Ich würde wahrhaftig dieses Extrablatt eines überschrieben haben - so dass es
also der Leser hätte überspringen können -, wenn ich nicht gewollt hätte, dass
ers läse, um sich zu zerstreuen und die trüben Stunden meines Viktors leichter
mit ihm auszudauern. Denn jeder Glockenschlag ist der aus einer Totenglocke
gehende Totenmarsch seiner schönern gescheiterten Stunden.
    Noch am Abend, da er in Flachsenfingen eintrat, kamen ihm ebenso fatale als
wahrscheinliche Geschichten zu Ohren: Matz hatte dem Apoteker viel erzählt;
aber dasmal pflicht' ich seinen Sagen bei.
    Der Pfarrer hatte sich nämlich, sobald er die Verlobung vernommen, auf den
Weg in die Stadt gemacht, um Mordtaten und Duelle seines Sohnes zu
hintertreiben. Da unter dem Ankleiden nicht augenblicklich seine ganze
Reiseuniform um ihn lag, so warf er seiner Familie leichte Rötelzeichnungen von
den blutigen Auftritten und Blutgerüsten hin, auf die er sich, sagt' er,
Rechnung mache, da er wahrscheinlich wegen des Anziehens zu spät ankomme. Der
eingeschrumpfte Stiefel, den Appel am Feuer ein wenig abgetrocknet hatte, war
nicht an das Bein zu bringen - Eymann keuchte - zerrete - »es ist möglich,«
sagt' er, »dass sie jetzt schon einander zu Leibe gehen«; endlich liess er die
Arme kraftlos zurückfallen und setzte sich ruhig und aufrecht fest und wartete
schweigend auf Anfeuern und Anfragen. Da nichts kam, sagt' er ergrimmt: »Welcher
Satan nun in meinem Hause mir den Stiefel so hat einlaufen lassen (in einen
ledernen Zopf, durch ein Nadelöhr wollt' ich den Fuss treiben, aber darein
nicht), der hat den Mord meines Kindes auf seiner Seele. - Ist denn kein
Unglückkind da, das mir nur die Ferse mit ein wenig Schmierseife poliert?«-
Unter dem Einfahren sah er Appeln noch eifrig an seinem Halbhemd platten:
»Genug, Appel, recht gut!«- sagt' er - »ich knöpfe mich wahrlich nicht auf.« -
Sie glitt auf der Platte, dem Schrittschuh ihrer Hand, leicht dahin. »Tochter,
das Hemd! wünscht dein Vater. Das Leben deines eignen Bruders wird von dir
hasardiert - es ist so viel, als gibst du ihm noch einen Gnadenstoss.« Sie fuhr
auf ihrem Handschlitten nur noch einmal behend über das Ganze und reichte ihms
dann gern.
    Unterweges entwarf sich der Kaplan einen haltbaren Geschäftgang bei der
Sache. Er wollt' ihm erstlich nichts von der Verlobung eröffnen - dann wollt' er
ihm nur den Busstext über den Maientaler Zweikampf lesen - dann ihm die Urfehde
oder den Eid, zu ruhen, abgewinnen - und erst zuletzt mit dem Bericht
hervorbrechen. Unter dem Überdenken des Geschäftganges und der Gefahr lief er
sich in eine immer heissere Angst hinein. So wie er sich und einen Patienten, der
ein leichtes Ohrenbrausen hatte, einmal durch langes Folgern so weit
hinauftrieb, dass sie beide in der nächsten Minute auf Schlagfluss und halbseitige
Lähmung aufsahen: so benahm er sich durch eine malerische Behandlung der
einzelnen Umstände eines gedenklichen Zweikampfs zuletzt so sehr alle Zweifel
über einen schon vorgegangnen, dass er mit der festen Meinung unter dem Stadttor
ankam, der Regierrat liege entweder in Ketten oder auf der Bahre. »Gott sei
Dank, dass ich dich ohne Wunden sehe und ohne Ketten!« entfuhr ihm beim
Eintritte; und er hätte beinahe seinen ganzen Geschäftgang verdorben, oder doch
umgekehrt. Flamin bezog es auf das erste Duell: Eymann konnte desto leichter der
Prozessordnung und Aderlasstafel seiner Massregeln nachkommen und sich sozusagen
mit dem Duelle duellieren. Der schweigende Sohn setzt' ihm nichts entgegen als -
Weissbier. Unter der Anschaffung hatte der Pfarrer an allen Stöcken den Knopf
gezogen, um zu sehen, ob es keine Stockdegen wären. Ein Pistolenfeuerzeug blieb
ihm von weitem verdächtig. Eine nahe Doppelflinte an der Wand entzog ihm mit dem
auf ihn gerichteten - Schafte viel von seinem Mut. Flamin entschuldigte seine
Sprachlosigkeit mit der juristischen Überfüllung und Überfracht seines Kopfs und
zeigte auf den Stoss Kriminalakten vor ihm. Als er ihm einen Erzählauszug daraus
geben musste und als natürlich die Schlachtwörter Kerker, Blutschuld,
Richtschwert wie ein zischender Kugelregen um Eymanns Ohren schweiften: so
streckte sich die Angst, die er durch die schnellere Dusche des Weissbiers
reizte, so gewaltig in ihm aus, dass die Doppelflinte in die Kammer gehangen
werden musste: »Ich habe«, sagt' er, »nichts davon, wenn sie losbrennt und
zerspringt und mir das Flintenschloss ins Gesicht sprengt, oder wenn der schafft
mich gar umbringt!« Jetzt fing er gerührt und trunken zugleich zu weinen und zu
ermahnen an: dass ein Mensch an die fünfte Bitte im Vaterunser denken müsse - dass
ein Landgeistlicher mit schlechtem Erfolge seinem geistlichen Schafstall
Versöhnung predige, wenn er seinen Sohn in der Stadt habe, der unter der Predigt
sich schiesst - und dass Flamin nie sagen solle, er sei sein Sohn gewesen, wenn
er in einem Duelle entweder umkomme oder umbringe. - Bei nichts fuhr in Flamin
der Sturmwind seines Zorns so leicht aus der Höhle als bei einer kläglichen
Stimme und bei langen Religionedikten: »Um Gottes willen,« schrie Flamin,
»lassen Sie es nun genug sein - Gott soll mich strafen, in alle Ewigkeit will
ich verloren sein, ich schwör's Ihnen, rühr' ich ihn nur noch an.« Dieser
entfahrne Eid war herrlicher Lederzucker und weiches Gefrornes für den heissen
Hofkaplan, der aus Vergessen seines Geschäftganges jetzo in der Meinung stand,
die Verlobung sei dem Regierrate schon ganz gut bekannt: »Meinst du nicht,
Sohn,« (sagt' er froh) »dass ein solcher Schwur einen besorgten Vater wie
Spatregen erfrischt und letzt, zumal da ich mich seit ihrer Verlobung mit ihm
gar nichts Bessers zu versehen hatte als Mord und Totschlag? Hab' ich recht oder
nicht?« - Flamin hob durch eine einzige Frage die Decke von diesem mörderischen
gewaffneten Gespenste seines Herzens ab - und nun hörte er seinen Vater nicht
mehr; bleich, voll Krämpfe sass er still da - die Lehne des Stuhls knarrte unter
seinem Druck - die Uhrkette wickelte und schnürte er um seine Finger und riss sie
ab und klemmte das Trumm wieder um den wunden Finger und zerbröckelte es - in
seinen gläsernen Augen standen zwei dicke feste kalte Tropfen - sein Herz kroch
leer und entkräftet vor einer nahen grässlichen Todeskälte zusammen, die allemal,
wenn eine Freundschaft in unserer Brust gemordet wird, dem brennenden Grimme
darüber vorausgeht. - Ach welchen von uns dauert die unglückliche verlassene
Seele nicht? - Eymann schied getäuscht und hielt diese Ruhe für blosse Ruhe und
die erstickte gebrochne Stimme für Rührung.
    Und in dieser blutigen Lage fand ihn Mattieu, der eben gekommen war, um dem
Regierrate (aus einem Handbriefchen der Kammerherrin) Viktors Sieg über sie
alle, gleichsam mit 24 blasenden Postillons, zu melden. Dieser setzte nun erst
den Eisberg in einen Vulkan um und machte, dass Flamin in eingesperrtem Grimm
gern einen Weltteil an dem andern zersplittert hätte.
    Viktor hörte jetzt einige Tage nichts. Flamin sperrte sich ein. Mattieu
besuchte ihn oft, aber nicht des Apotekers Haus. Das gekrönte Paar reisete
endlich ins St. Lüner Bad.
    So blieb alles bis an den Morgen, wo Viktor vom Apoteker Abschied nahm, um
nach Maiental vor den Vorhang einer schweren Szene zu gehen. Hier konnte sich
der Apoteker das Vergnügen nicht versagen, dem Hofmedikus seines zu nehmen,
indem er die (wahrscheinlich falsche) Botschaft brachte, der Hofjunker habe den
Kammerherrn gefordert wegen des über Klotilden gebrochnen Versprechens. Wenig
oder nichts ist an der Botschaft schon darum, weil der Apoteker nur sein
Eigenlob loshusten und in das Lob Viktors verkleiden wollte, dass dieser mit so
unendlicher Feinheit seine neulichen Winke, den Evangelisten zu untergraben, zu
vollführen gewusst. Die Winke waren, wie man sich erinnert, die zwei Vorschläge,
der Liebhaber der Fürstin und der Ehemann Klotildens zu werden, um den Fürsten
zu gewinnen und, wie ein Schwein die Klapperschlange, so Matzen ohne Schaden zu
verschlucken. Man muss der von einem Wurmstock von Schmerzen angenagten Seele
Viktors vergeben, dass er aufbrauste und mit einem Auge voll tiefster Verachtung
Zeuseln anfuhr: »Ich weiss nicht, wer verdiente, solche Vorschläge anzuhören -
wenns nicht einer ist, der sie machen kann.«
    Der Korrespondent hört traurig und kurz mit den Worten auf: »Abends kam
Viktor spät und mit geschwollnen Augen in Maiental an, um zu sehen, ob am
andern Tage der schönste Lehrer und der grösste Freund verwelke.« - - Wir können
uns alle denken, wie die Umarmung eines Geliebten wenige Schritte von seinem
Grabe sein musste. Der Freund, der uns sein Sterben drohet, greift schmerzhaft
unsere Seele an, auch wenn wir es bezweifeln. Wir können uns alle das nasse Auge
denken, das Viktor über die noch blühende Stätte seines verwelkten Rosenfests
geworfen. - Was ihn tröstet, ist die Unwahrscheinlichkeit des prophezeiten
Sterbens, da Emanuel sich wie sonst befindet, und da der Selbermord noch
unmöglicher bei diesem frommen Geiste ist, der den Selbermörder schon längst mit
dem Hummer verglich, der die eine Schere, die er selber mit der andern aus
Stumpfsinn zerknirscht und kneipt, nicht herauszieht, sondern absprengt. - Möge
mir der Leser zur Beschreibung des längsten Tages108, die ich einsam unter der
erhebenden Stille der Nacht machen werde, ein Herz wie des Indiers mitbringen,
das gleich alten Tempeln stumm und dunkel, aber weit und voll heiliger Bilder
ist!
 
                                38. Hundposttag
  Die erhabene Vormitternacht - die selige Nachmitternacht - der sanfte Abend
Heute übergeb' ich Emanuels längsten Tag, der nun erloschen und abgekühlt unter
den Tagen der Ewigkeit liegt, mit bleichen Abrissen den Phantasien der Menschen.
Meine Hand zittert und mein Auge brennt vor den Szenen, die in Leichenschleiern
um mich treten und so nahe an mir die Schleier aufheben. - - Ich schliesse mich
diese Nacht ein - ich höre nichts als meine Gedanken - ich sehe nichts als die
Nachtsonnen, die über den Himmel ziehen - ich vergesse die Schwächen und die
Flecken meines Herzens, damit ich den Mut erhalte, mich zu erheben, als wär' ich
gut, als wohnt' ich auf der Höhe, wo um den grossen Menschen wie Sternbilder
nichts als Gott, Ewigkeit und Tugend liegen. Aber ich sage zu denen, die besser
sind - zum stillen grossen Herzen, das seine Pflichten vermehrt, indem es sie
erfüllt, und das sich beim Wachstum seines Gewissens täglich bloss mit grössern
Verdiensten befriedigt - zu den hohen Menschen, welche die Hand des Todes warm
gedrückt haben, die ihn, wenn er auf Morgenauen herumgeht, friedlich fragen
können: »Suchest du mich heute?«- zur lechzenden Seele, die sich unter dem
Zypressenbaum kühlet - zu den Menschen mit Tränen, mit Träumen, mit Flügeln, zu
allen diesen sag' ich: »Verwandte meines Emanuels, euer Bruder streckt nach euch
seine Hand durch die kürzeste Nacht aus, ergreifet sie, er will von euch
Abschied nehmen!«
                          Die erhabene Vormitternacht
Viktor stand aus seinen Träumen, in denen er nichts als Gräber und Trauergerüste
für seinen Freund gesehen hatte, wehmütig auf; aber er fasste beim Morgengruss
geheime Hoffnungen, da er ihn ohne Fieber, ohne Beklemmungen, ohne Änderungen in
seinen angeblichen Todesmorgen treten sah. Ihm war bloss vor dem Eindruck bange,
den die getäuschte Hoffnung des Scheidens auf das schon halb aus dem irdischen
Boden gerissene und von Erde entblösste Herz des Geliebten machen würde. Dieser
hingegen hielt noch seine Träume fest, denen sogar seine nächtlichen Nahrung
gaben; und er sah sehnend in das ungestirnte Blau und berechnete den langen Weg
bis zur zwölften Nachtstunde, wo aus dem Himmel die Sterne und der Tod mit
seinem dunkeln unermesslichen Mantel, in dem er uns durch sein kaltes Reich
trägt, vordringen würden. Sein Herz lag in einer süssen Mittagruhe, die zum Teil
vom körperlichen Ermatten und vom schönen Tag herkam. Eine innere Windstille,
die nirgends so gross und so magisch ist als in Seelen, an denen Wirbelorkane hin
und her gerissen haben, überdeckte sein ganzes Wesen mit einer sehnsüchtigen
Wonne, die in andern Augen als seinen in Tränentropfen zerflossen wäre.
    O Ruhe, du sanftes Wort! - Herbstflor aus Eden! Mondschein des Geistes! Ruhe
der Seele, wann hältst du unser Haupt, dass es still liege, und unser Herz, dass
es nicht klopfe? Ach eh' jenes bleich und dieses starr ist, so kommst du oft und
gehst du oft, und nur unten bei dem Schlafe und bei dem Tode bleibest du, indes
oben die Stürme die Menschen mit den grössten Flügeln gleich Paradiesvögeln am
meisten umherwerfen!
    Emanuels Ruhe, womit er die Gastrolle des Lebens bis aufs letzte Merkwort
ausspielte, womit er alles einpackte - zurechtstellte - anbefahl -
verabschiedete, trieb im gequälten Freunde Tränen und Stürme zusammen. Sein Herz
war zwar vom Schicksal über einem steinichten Weg wund geschleift, aber die
Entzündungen desselben kühlte jetzt der Gedanke des Todes sanft ab; doch konnt'
er es - beim grössten Unglauben an Emanuels Tod nicht aushalten, es zu hören, wie
ihm Emanuel den blinden Julius, dem man diesen Tod verbarg, von weitem mit den
leisen Worten übergab: »Hab' ihn lieb wie ich, versorge, beschirme den Armen,
bis du ihn dem Lord Horion übergeben kannst.« Seine bebenden Hände konnten kaum
ein Paket an diesen Lord annehmen, das ihm der Freund mit zärtlichen Augen und
mit den Worten reichte: »Wenn diese Siegel geöffnet werden, so haben meine Eide
aufgehört, und du erfährst alles.« Denn sein zartes Gewissen verstattete ihm nur
den Inhalt, nicht das Dasein von Geheimnissen zu verbergen. - Es wird uns nicht
wundern, da Viktors Adern eine Wunde um die andere empfingen, dass er, um nicht
durch Wallungen ihr Bluten zu vermehren, den Flötenspieler bat, heute nicht zu
spielen; Musik hätte an diesem Tag über sein zerflossenes Herz zu viele Gewalt
gehabt.
    Den Morgen verbrachten sie in Abschiedbesuchen bei alten Steigen, Lauben und
Anhöhen; aber Emanuel machte hier nicht die grelle, tobende Gewaltrolle des
fünften Akts; er schlug auf einer Erde, wo der Tod graset, keinen
unphilosophischen Lärmen darüber auf, dass er die Blumen und die Saaten nicht
mähen und das grüne Obst nicht gelben werde sehen; sondern mit einem höhern
Entzücken, das sich jenseits des Erden-Lenzes noch schönere versprach, machte er
sich von jeder Blume los, ging er durch jedes Laub-Gewinde und
Schatten-Nachtstück hindurch, zog er seine gleichsam in der Erde liegende
verklärte Gestalt aus jedem Spiegelteiche, und eine liebevollere Aufmerksamkeit
auf die Natur zeigte an, dass er heute nachts dem näher zu kommen hoffte, der sie
geschaffen. Er versuchte und Viktor vermied von allem diesen zu reden. »Nur
nicht zum letzten Male!« sagte dieser. »Nicht?« (sagte Emanuel) - »Geschieht
nicht alles nur einmal und zum letzten Male? - Scheidet uns nicht der Herbst und
die Zeit so gut wie der Tod von allem? - Trennt sich nicht alles von uns, wenn
wir uns auch nicht von ihm trennen? - Die Zeit ist nichts als ein Tod mit
sanftern dünnern Sicheln; jede Minute ist der Herbst der vergangenen, und die
zweite Welt wird der Frühling einer dritten sein. - - Ach wenn ich einmal wieder
aus der Blumenfläche einer zweiten weiche, und wenn ich am himmlischen Sterbetag
das Zwielicht von der Erinnerung zweier Leben sehe - - o in der Zukunft ruht
eine Anlage zur unendlichen Wonne so gut wie zur Qual; warum schauert der Mensch
nur vor dieser?« - Viktor bestritt die künftige Erinnerung. »Ohne Erinnerung«
(sagte Emanuel) »gibts kein Leben, nur Dasein, keine Jahre, nur Terzien - kein
Ich, nur Vorstellungen desselben - Ein Wesen zerfährt in so viel Millionen
Wesen, als es Gedanken hat - Erinnerung ist bloss Bewusstsein der gegenwärtigen
Existenz.« - Auch der Dichter philosophiert, wenigstens für Dichtung und gegen
Philosophie. - Viktor dachte: »Du Guter! mir, nicht dir macht' ich diese
Einwürfe.«
    Es war gegen Mittag: der Himmel war rein, aber schwül; die Blumen meldeten
das Zusammenziehen der Blitze durch ihr Verschliessen an; alle Auen waren
Rauchaltäre, und Düfte gingen als Propheten der Gewitterwolken voraus. Mit der
physischen Gewittermaterie häufte sich in Viktor die moralische an - er dachte
daran, dass oft ein heisser Tag den Schwindsüchtigen das Leben nehme; - er
verwechselte zuweilen die Bitterkeit des Abschieds mit der Wahrscheinlichkeit
desselben; denn der von der Luftperspektive der Furcht betrogne Mensch findet
ein Schreckenbild desto näher, je grösser es ist; - er weinte, wenn er bloss daran
dachte, dass er weinen könnte; aber gleichwohl würde die Vernunft die Oberhand
über die Gefühle behalten haben, hätte nicht beide folgender Zufall betäubt.
    In Maiental wohnte ein Wahnsinniger, den man bloss das tolle Totengebein
hiess. Aus drei Gründen wurd' er so genannt: erstlich weil er ein Knochenpräparat
von Magerheit war; zweitens weil er die fixe Idee herumtrug, der Tod setze ihm
nach und woll' ihn an der linken Hand, die er deswegen verdeckte, ergreifen und
wegziehen; drittens weil er vorgab, er seh' es denen, die bald sterben würden,
am Gesichte an, über welches sich alsdann schon die Einschnitte und Abszesse der
Verwesung ausbreiteten. In Moritz' Erfahrungseelenkunde109 ist ein ähnlicher
Mensch beschrieben, der auch imstande sein soll, die Vorposten des Todes und
seine zerreibende Hand auf Gesichtern vorauszusehen, die andern glatt und rot
vorkommen, indes er sie mit dem Höllenstein der Verwesung ausgestrichen
erblickt. - Dieses Totengebein wars, das in der Nacht des vierten Pfingsttages,
als Klotilde auf dem Kirchhof war, ausrief: »Tod! ich bin schon begraben.« -
Viktor und Emanuel gingen unter dem Geläute der zwölften Stunde nach Hause und
vor einem Hügel vorüber, woran das Totengebein beklemmt sass; es bohrte sich die
linke Hand, wornach der Tod griff, tief unter die Achsel: »Brrr!« (sagt' es
schüttelnd zu Emanuel) »Er hat dich, aber nicht mich! Lauter Moder hängt an dir
'runter! Die Augen sind weg! Brr!«
    Die Worte der Wahnsinnigen sind dem Menschen, der an der Pforte der
unsichtbaren Welt horcht, merkwürdiger als die des Weisen, so wie er
aufmerksamer den Schlafenden als den Wachenden, den Kranken als den Gesunden
zuhört. Viktors Blut erstarrte unter dem eiskalten Griff in sein warmes Leben.
Das tolle Gebein rannte fort, die linke Hand mit der rechten verbauend. Viktor
nahm seines Freundes linke, blickte zur warmen Sonne auf und suchte sich zu
verbergen und zu erwärmen und konnte nichts sagen. Unten am tiefblauen Himmel
rauchten kleine Nebel auf, die Keime eines Abendgewitters; und in der schwülen
Luft flog nichts als Gewürm.
    Emanuel war stiller und fast ängstlich, aber es war nicht die Bangigkeit der
Furcht, sondern jene Bangigkeit der Erwartung, mit der wir allemal auf die
Falten und Bewegungen des Vorhangs grosser Szenen blicken. Die stechende Sonne
erhielt das Paar zu Hause. Dem vom schwülen Dunstkreis gedrückten Emanuel wurde
fast der letzte Nachmittag zu lange. Aber sein Freund sah in diesem Dunstgewölbe
immer ein moderndes Angesicht hängen, das sich in das geliebte frische
einzuarbeiten schien, und immer hört' er das tolle Totengebein in seine Ohren
sagen: »Seine Augen sind 'raus!«
    In der schwülen Stille, wo die Sonne die Miniergänge des Donners grub und
lud, und wo die zwei Freunde vor den Ohren des blinden Julius nur mit Blicken
von der heutigen Zukunft reden durften, stand gegen 4 Uhr ein fächelnder
Abendwind auf, der alle hängende Flügel und Häupter erfrischte. Emanuel liess
diese kühlen Wogen herein, die einwiegend und beruhigend über die gebückten
Blumen am Fenster liefen und an den schwankenden Falten der Vorhänge
niederflossen und verirrt durch das duftende Laubwerk des Zimmers plätscherten.
Da kam eine unendliche Stille, eine auflösende Wonne, ein unaussprechliches
Sehnen in Emanuels Herz. Seine Kindheitfreuden - die Züge seiner Mutter - die
Bilder indischer Gefilde - - alle geliebte verstäubte Gestalten - der ganze
gleitende Widerschein des Jugendmorgens floss vor ihm glimmend vorüber - eine
wehmütige Sehnsucht nach seinem Vaterland, nach seinen gestorbnen Menschen
dehnte seinen Busen mit süssen Beklemmungen aus. Dieses immergrüne Palmenlaub der
Jugenderinnerung legte er als kühlendes Kraut um seine und Horions Stirne, und
den ganzen ersten Kreis seines Daseins trug er aus dem indischen Eden in dieses
enge Gehäuse vor seine zwei letzten Geliebten herüber. Aber da er so die Asche
der Freuden - Phönixe auf dem Altar der Abendsonne aufhäufte - da er so am
Ausgange über alle hintereinander liegende elysische Felder seines Lebens
hinübersah - da vor ihm die ganze Erde und das Leben, mit Morgentau und
Morgenrot überzogen, sich in den dämmernden Spielplatz des Menschen
verwandelten: so war er seiner Rührung und seines zerschmolznen Herzens nicht
mehr mächtig, sondern im seligen Zittern, im bebenden Dank gegen den Ewigen bat
er den Blinden, die Flöte zu nehmen und ihm das Lied der Entzückung, das er sich
allemal am Morgen des neuen Jahrs und seines Geburttages spielen liess, als Echo
des austönenden Lebens nachzusenden.
    Julius nahm die Flöte. Horion ging hinaus unter einen laut rauschenden Baum
und sah in die tiefere Abendsonne. Emanuel stellte sich am wehenden Fenster dem
Purpurstrom des Abendlichtes entgegen, und das Lied der Entzückung fing an und
floss in Strömen in sein Herz und um die eingesunkne Sonne.
    Und da die Sphären-Laute von der Sonne auszuwallen schienen, die in der
Abendröte wie ein Schwan, in Melodien aufgelöset, in Goldrauch und in Freudentau
vor Gott aus Entzücken starb und da vor Emanuel alle Blumen, womit die ewige
Güte unser Herz bedeckt, und alle Wonnegefilde, durch die ihre sanfte Hand den
ungewissen Menschen führt, wie Engel vorüberflogen - und da er die künftigen
Himmel näherrücken sah, in die der Weg des Lebens geht - und da er sah diese
unendlichen Arme alle wunde Herzen decken, über alle Jahrtausende reichen, alle
Welten tragen und ihn, ihn kleinen Erdensohn doch auch: o da konnte er unmöglich
das volle Herz mehr halten, es brach ihm vor Dank, und aus seinen Augen fielen
wieder die ersten - Tränen nach langen langen Jahren. Diese heilige Tropfen
verwischte er nicht; in ihnen zerlief die Abendröte in ein loderndes Meer; die
Flöte verhallete; Viktor fand die schimmernden Augen noch; Emanuel sagte: »O
sieh, ich weine vor Freude über meinen Schöpfer« - - Dann gab es unter den
erhobnen Menschen, an dieser heiligen Stätte keine Worte mehr - der Tod hatte
seine Gestalt verloren - eine erhabne Trauer betäubte die Schmerzen der Trennung
- die Sonne, mit Erde bedeckt, berührte mit ihren aufgerichteten Strahlen den
Himmel und die Nacht und den Boden der Wolken - die Erde schimmerte magisch wie
eine Traum-Landschaft, und doch war es leicht, aus ihr zu weichen, denn den
Himmel bedeckten die andern Traum-Landschaften.
    Die Erden der Nacht (die Planeten) traten schon auf, die Sonnen der Nacht
(die Fixsterne) gingen schon nach ihnen hervor, der Mond hatte schon das
südöstliche Gewitter um sich gehüllt: als Emanuel sah, dass es Zeit sei, die
Szenen des Tals zu endigen und auf sein Tabor zu gehen, um dem Tod das
Flügelkleid seiner Seele zu geben. Stockend bat er seinen Viktor, ein wenig
vorauszugehen, damit er nicht das Trennen vom Blinden sähe und sich etwan durch
eine Teilnahme verriete; denn bei dem Blinden hatte Viktor die Reise in die
andre Welt nur für eine auf dieser ausgegeben. Er stellte sich unglücklich
hinaus vor die verstummten schwülen Gefilde, in denen einmal die
Paradieses-Ströme seiner Liebe gegangen waren, auf denen er einmal an Klotildens
Seite schönere Abende gesehen hatte; auf der Erde war Totenstille wie in einer
Kirche nachts, bloss den Himmel umbrausete ein auf die Erde gekrümmtes
Bleigewölk, und der Tod schien von Wolke zu Wolke zu gehen und sie zur Schlacht
zu ordnen.
    Endlich hört' er Julius' Weinen. Emanuel floh heraus, aber in seinen Augen
hingen schwerere Tropfen, als seine vorigen waren. Und da der verlassene Blinde
sein dunkles Haupt unter der Haustür von seinen Freunden wegdrehte, entweder
weil er ihren Weg nicht wusste oder weil er horchen wollte, welchen sie nähmen,
so konnte Viktor dem Gebeugten, der in einer doppelten Nacht wohnte, kaum vor
inniger Wehmut zurückrufen: er komme nach zwölf Uhr wieder.
    In dem kahlen Abendgruss: »Gute Nacht, schlaft wohl«, den Emanuel gab und
bekam, war mehr Tränenstoff als in ganzen Elegien und Abschiedreden: so sehr
sind die Worte nur die Inschriften auf unsern Stunden und die Ripienstimmen und
die Bezifferung unserer Grundnoten.
    Sobald Emanuel vor den Nachtimmel, vor den daran angeketteten Orkan und vor
seinen Totenberg trat: so hoben Engel seine erweichte Seele wieder - er sah den
Tod vom Himmel steigen und auf seinem Grabe den Freiheitbaum aufrichten - er sah
die freundlichen Sterne näherkommen, und es waren die himmlischen Augen seiner
Freunde und aller seligen Wesen. Viktor durfte seine dichterischen Hoffnungen
durch keine Gründe stören; vielmehr wurd' er selber von Stunde zu Stunde tiefer
in den Glauben an seinen Tod hineingezogen; wenigstens fürchtete er, dass der
heutige Entzückung-Sturm die mürbe Wohnung dieses schönen Herzens und seiner
Seufzer zertrennen und dass der Tod so lange um die edle Seele schleichen würde,
bis er sie an ihren Flügeln, wenn sie in Wonne sie aufrichtete, vom Leben
pflücken könnte, wie Kinder den Schmetterling so lang umgehen, bis er auf seiner
Blume die Schwingen aneinandergefaltet in die räuberischen Finger erhebt.
    Emanuel verschob durch Umwege das Ersteigen des Berges, um seinen gebrochnen
Freund, dessen Augen nicht mehr trocken wurden, von einer Sonne in die andre zu
heben, damit er in dieser hohen Stellung aus Lichtern herunterblickte auf diese
Schattenerde und darauf den befreundeten Leichnam vor Kleinheit kaum bemerkte.
»Darum« (sagt' er) »wird ja diese Erde alle Tage verfinstert, wie Käfige der
Vögel, damit wir im Dunkeln leichter die höheren Melodien fassen. - Gedanken,
die der Tag zu einem dunkeln Rauch und Nebel macht, stehen in der Nacht als
Flammen und Lichter um uns, wie die Säule, die über dem Vesuv schwebt, am Tage
eine Wolkensäule scheint und in der Nacht eine Feuersäule ist.« Viktor merkte
die Absicht zu trösten und wurde desto untröstlicher und schwieg immer.
    Sie gingen nicht an der Seite des Berges zur Trauerbirke hinauf, sondern an
seinem langsam aufsteigenden Rücken. Sie übersahn das Teater der Nacht, über
welches der Mond und das Gewitter verhüllet heraufrückten. Emanuel stand still
und sagte: »O blick hinauf und sieh die ewig funkelnden Morgenauen, die um den
Tron des Ewigen liegen! - Hätte aus dem Himmel nie ein Stern geschienen, nur
dann würde sich der Mensch ängstlich in den letzten Schlaf auf einer wie ein
Leichengewölbe überbauten dunkeln Erde ohne Öffnung legen.« Vor den Augen, die
sich an Sonnen hefteten, schweiften blinkende Johanniswürmchen, und eine
Fledermaus zischte nach einem grauen Nachtschmetterling - drei Johannisfeuer,
vom Aberglauben angeschürt, zogen drei ferne Hügel aus der Nacht - alles Leben
schlief unter seinem Blatt, unter seinem Zweig, näher an seiner Mutter, und in
den herumgestreueten Träumen waren Gewitter - Fische taumelten wie Leichen auf
der Wasserfläche als Vorboten des Donners.
    Plötzlich fing Emanuel mit einer unpassenden, nicht genug bezwungnen Stimme
an: »Wahrlich wir würden gefasster neben dem Genius stehen, der die letzten
Schlummerkörner auf die Augen unsrer Lieben fallen lässt, wenn sie nachher nicht
in Kirchengewölben, in Kirchhöfen, sondern auf Auen ausschliefen, unter dem
Himmel, oder als Mumien in Zimmern.... Jetzt, mein Geliebter,« (sie hörten schon
das Wehen der Trauerbirke) »herrsche also über deine Phantasie; du wirst neben
der Birke meine Ruhehöhle offen sehen - ich habe sie seit vier Wochen mit Blumen
ausgesäet und überkleidet, die jetzt meistens blühen - du legst mich morgen ohne
alles andre so in meinem Schlafkleide unter die Blumen - und deck es morgen zu -
gib aber nicht, du Guter, meinem kleinen Blumenstück solche harte Namen wie
andre Menschen - morgen, sag' ich; heute geh sogleich heim zu deinem Julius,
wenn ich....« (gestorben bin, wollt' er sagen, konnt' aber die weiche
Umschreibung vor Rührung nicht finden.) -
    Ach das gebrochne Auge riss Horion mit einem Seufzer heraus aus der kalten
offnen Grotte seines Geliebten, und er konnte nicht hinabsehn zu dem Blumenflor
darin. Er schluchzete laut und sah aus Tränen zergangen in Emanuels Angesicht,
um zu sehen, ob er lebe oder sterbe. Zwei Johanniswürmchen durchkreuzten
einander in glimmendem Bogen über dem Grabe, sie senkten sich daneben hin und
löschten aus, denn ihr Licht vergeht mit ihrer Bewegung.
    In Viktors Wunden griff jetzt der Donner mit seinem ersten Schlag - den
östlichen Horizont deckte ein zerfliessender Blitz, und die Flamme lief über die
Alpengebirge - die Gewitterstange auf dem Pulverturm schimmerte, seine
Gewitterstürmer erklangen, die Irrwische spielten um den Turm, und mitten in der
Luft rückte ein schwebender Lichtpunkt fürchterlich auf ihn zu.
    In Maiental wurde elf Uhr ausgerufen - um zwölf Uhr glaubte Emanuel dahin
zu sein. - Endlich fiel Emanuel, selber vom fremden Kummer übermannt, an seinen
Freund und sagte: »Was hast du mir noch zu sagen, mein Geliebter, mein
unaussprechlich teurer Freund? - Meine Stunden sind dahin - unser Lebewohl kömmt
- sage deines und störe dann mein Sterben nicht. - Sei still, wenn der Tod den
Berg heraufsteigt, und jammere nicht nach, wenn er mich erhebt. - Was hast du
mir noch zu sagen, mein ewig Geliebter?« - »Nichts mehr, du Engel des Himmels!
ich kann auch nicht«, sagte der verblutete Mensch und legte das gedrückte Haupt
mit Tränenströmen auf Emanuels Schulter.
    »Nun so brich dein Herz von meinem ab und lebe wohl - sei glücklich, sei
gut, sei gross - ich habe dich sehr geliebt, ich werde dich noch einmal lieben
und dann unendlich - Guter! Treuer! Sterblicher wie ich! Unsterblicher wie ich!«
    Die Gewitterstürmer läuteten heftiger - der schwebende Licht- punkt trat an
den Pulverturm - alle eingehüllten Wolken-Vulkane tobten nebeneinander und
warfen ihre Flammen zusammen, und die Donner gingen wie Sturmglocken zwischen
ihnen - die beiden Menschen lagen aneinander dicht, stumm, keuchend, drückend,
zitternd vor dem letzten Wort.
    »O sprich noch einmal, mein Horion, und nimm Abschied von deinem Freund -
sage nur zu mir: Ruhe wohl! und lasse den Sterbenden.«
    Horion sagte: »Ruhe wohl!« und liess ihn. Seine Tränen hörten auf, und seine
Seufzer verstummten. Der Donner schwieg fürchterlich. Die Natur ordnete stumm
ihr Chaos im Gewitter. Kein Blitz schimmerte durch das Trauergerüste am Himmel.
Bloss das Totengeläute der Gewitterstürmer sprach noch fort, und der Lichtpunkt
rückte noch fort.
    Unter der weiten Stille lag der Schlaf, die Träume und eines Freundes
trostloses Herz.
    In dieser Ewigkeit-Stille trat Emanuel ohne eine fremde Hand an die hohe
Pforte, die schwarz hinaufsteigt über die Zeit.
    Die Stille ist die Sprache der Geisterwelt, der Sternenhimmel ihr
Sprachgitter - aber hinter dem Sternengitter erschien jetzt kein Geist, und Gott
nicht.
    Es kam die Minute, wo der Mensch seinen Körper ansieht und dann sein Ich und
dann schaudert. - Das Ich steht allein neben seinem Schatten - ein Schaumglobus
von Wesen zittert, knistert und wird niedriger, und man hört die Bläschen
verschwinden und ist eines.
    Emanuel schaute hinein in die Ewigkeit, sie sah wie eine lange Nacht aus.
    Er sah um sich, ob er keinen Schatten werfe - ein Schatten wirft keinen
Schatten.
    Ach ein Stummer legt den Menschen in die Wiege, ein Stummer drückt ihn ins
Grab. - Wenn er eine Freude hat, sieht es aus, als lachte ein Schlafender - wenn
er jammert und weint, sieht es wie das Weinen im Schlafe. - Wir blicken alle zum
Himmel auf und bitten um Trost; aber droben im unendlichen Blau ist keine Stimme
für unser Herz - nichts erscheint, nichts tröstet uns, nichts antwortet uns. -
    Und so sterben wir....
    - O Allgütiger! wir sterben froher; allein der arme Emanuel kämpfte in der
stillen Finsternis mit grimmigen Gedanken, die er so lange nicht gesehen hatte
und die nach seinem erbleichenden Angesicht krallten. Aber diese Larven rennen
davon, wenn ein freundliches Bruderangesicht vor dich tritt und dich umarmt. -
Horion richtete sich auf und erwärmte den Gebeugten durch einen stummen Abschied
wieder. Ein Sturmwind stürzte sich aus dem klaren Westen in die stumme
arbeitende Hölle und jagte alle Blitze und alle Donner heraus. Siehe da flog aus
dem zurückgewehten Gewölke der lichte Mond wie ein Engel des Friedens in das
unbesudelte Blaue heraus - da unterschied sich im Lichte Emanuel von seinem
Schatten - da beschien der Mond einen Regenbogen aus blassen Farbenkörnern, der
in Südosten (der Pforte nach Ostindien) durch die dunklen Flutsäulen drang und
sich über die Alpen bog - da sah Emanuel die vorige Himmelleiter wieder über die
Erdennacht gelehnt - - da kam die Entzückung ohne Mass, und er rief mit
ausgebreiteten Armen: »Ach dort in Morgen, in Morgen, über die Strasse nach dem
Vaterland, da schimmert der Triumphbogen, da öffnet sich die Ehrenpforte, da
ziehen die Sterbenden hindurch«...
    Und da es jetzt zwölf Uhr schlug: so breitete er seine Hände verzückt gegen
den Himmel, der blau war über dem Berge, und gegen den Mond, der heiter neben
dem Gewitter ruhte, und rief brechend mit seligen Tränen: »Habe Dank, Ewiger,
für mein erstes Leben, für alle meine Freuden, für diese schöne Erde.« -
    Um Maiental zogen Julius' Flötentöne, und er sah auf die Erde nieder.
    »Und bleibe du gesegnet, du gute Erde, du gutes Mutterland, blühet, ihr
Gefilde Hindostans, lebe wohl, du schimmerndes Maiental mit deinen Blumen und
mit deinen Menschen - und ihr Brüder alle, kommt mir nach einem langen Lächeln
selig nach. Jetzt, o Ewiger, nimm mich hinauf und tröste die zwei Bleibenden.«
    Die Todesengel standen auf allen Wolken und zogen ihre blitzenden Schwerter
aus den Nächten - ein Donner schlug hinter dem andern, wie wenn aufgeworfen
würde eine Gefängnistür des Erdenlebens nach der andern.
    Der schreckliche Lichtpunkt hatte sich verkrochen aus der Mitte der Luft in
den Pulverturm.
    Die Todesstunde war schon vorüber und doch das Leben noch nicht.
    Emanuel zitterte sehnend und bange, weil er noch kein Sterben fühlte -
bewegte die Hände, als wenn er sie jemand geben wollte - starrte in die Blitze,
als wenn er sie auf sich ziehen wollte....
    »Tod! fasse mich,« rief er ausser sich - »ihr gestorbnen Freunde! o Vater! o
Mutter! brecht ab mein Herz, nehmet mich - ich kann, ich kann nicht mehr leben.«
- -
    Da fuhr ins Gewitter eine lodernde rasselnde Weltkugel hinauf, und der
Pulverturm zerschoss wie eine auseinandergesprengte Hölle. -
    Der Knall warf den flammenden Emanuel erblasst in sein Blumengrab; der ganze
donnernde Osten zitterte; der Mond und der Regenbogen wurden zugehüllt....
                           Die selige Nachmitternacht
Viktor regte, sinnlos darniedergeworfen, endlich den Arm und tastete damit an
das kalte Angesicht, aus dem heute das tolle Totengebein diese Nacht gelesen
hatte und das aus dem Grabe ragte, gen Himmel gekehrt. Er warf sich darüber und
drückte seins an das bleiche. Eh' noch seine Tränen durch den harten Schmerz
sich durchgerissen hatten: trugen die Wolken ihre Sturmfässer und ihre
Leichenfackeln zurück, und durchsichtige Schaumflocken überflossen weichend den
Mond und senkten sich endlich über das ganze Tal und über das stille Paar in
tausend warmen Tropfen nieder, die den Menschen so leicht an seine erinnern. Der
von einem der drei Engländer aufgesprengte Pulverturm hatte das Seetreffen der
brennenden Wolken zertrennt.
    Das zerstückte Gewitter hatte sich in kleinen Wolken herumgezogen und stand
über der Mitternachtröte in Nordosten, als die kalte Betäubung die beiden
Menschen noch zusammenheftete; endlich kam von oben herab eine heisse Hand
zwischen ihre Angesichter, und eine furchtsame Stimme fragte: »Schlafet ihr?«
    »O Julius,« (sagte Horion) »komm ins Grab, dein Emanuel ist gestorben«....
    Ich mag die grausamen Minuten nicht zählen, die zwei Unglückliche liegen
liessen mit dem Stachelgürtel des Jammers an einen Erblassten gebunden. Aber
schönere kamen, die vorher jedes Wölkchen aus dem Himmel drückten und den
angelaufnen Mond abwischten und dann die heissen Augen öffneten vor der
gereinigten abgekühlten Silbernacht.
    »Ach er ist wohl nur ohnmächtig?« sagte Viktor sehr spät. Sie richteten sich
seufzend auf. Sie zogen müde den Geliebten aus dem Grabe. Sie wollten ihn in
seine Wohnung hinuntertragen, um da die Sonnenwende dieser schönen Seele wie der
Johannissonne wieder zu erzwingen. Mit den dünnen Kräften, die ihnen der Gram
noch übrig gelassen, und mit dem wenigen Licht, das noch in zwei nasse Augen
kam, rangen sie sich mit dem zerknickten Engel, indes zwei arbeitende Schatten
neben ihnen fürchterlich einen dritten im Schimmer trugen, vom Berge in die
Wiesen herunter. Hier ging Viktor allein ins Dorf, um vielleicht einen
tröstlichern als einen Leichenwagen zu besorgen. Der Blinde hielt sich an einen
Birkenbaum, Emanuel schlief wie die andern Blumen, und auf ihnen, vor dem
Monde... Aber Julius hörte plötzlich den Toten reden und ihn durch das Gras
streifen; und er rannte, von Entsetzen verfolget, davon....
    - Genius der Träume! der du durch den neblichten Schlaf der Sterblichen
trittst und vor der einsamen, in einen Leichnam gesperrten Seele die glücklichen
Inseln der Kindheit heraufziehest, o der du darin unsern verwesten Freunden
wieder Wangenblüte gibst und unserm armen wahnsinnigen Herzen vergangne Himmel
zeigst und Eden-Widerschein und rinnende Auen auf Wolken! - Magischer Genius!
tritt in diese heilige Nacht vor einen Menschen, der nicht schläft, und wende
deinen überflorten Spiegel auf mein offnes Auge, damit ich darin die elysische
Lichtwelt, die mit unserm Erdschatten kämpfet, in der doppelten Verfinsterung
als eine blasse Luna sehe110 und male! -
    Die entzückte Stimme des Toten rief: »Sei gegrüsset, du stilles Elysium! o du
schimmerndes Land der Ruhe! nimm den neuen Schatten auf- ach wie glimmst du
sanft - wie wehest du sanft wie ruhest du sanft«....
    Emanuels Augen waren aufgegangen; aber in seinem Gehirn brannte der
elysische Wahnsinn, er sei gestorben und erwache in der zweiten Welt. O du
Überseliger! dich umfing ja auch ein blinkendes Eden - ach dieses Schimmern,
dieses Wehen, dieses Duften, dieses Ruhen war zu schön für eine Erde. Der Mond
überwebte mir Silberfäden wie mit fliegendem Sommergespinste das Nacht-Grün -
von Blatt zu Blatt, von Bäumen zu Bäumen reichte die Funkendecke des
überstrahlten Regens - über allen Wassern wankten flimmernde Nebelbänke - ein
leises Wehen warf tropfende Edelsteine von den Zweigen in die Silberflüsse - die
Bäume und die Berge stiegen wie Riesen in die Nacht - der ewige Himmel stand
über den fallenden Funken, über den eilenden Düften, über den spielenden
Blättern, er allein unveränderlich, mit festen Sonnen, mit dem ewigen
Welten-Bogen, gross, kühl, licht und blau. - So glimmte, so duftete, so lispelte,
so zauberte niemals ein Tal....
    Emanuel umarmte den funkelnden Boden und rief aus der brennenden, der Wonne
erliegenden, stockenden Brust: »Ach ist es denn wahr? halt' ich dich wirklich,
mein Vaterland? - Ja, in solchen Gefilden der Ruhe werden die Wunden geheilt,
die Tränen gestillt, keine Seufzer gefodert, keine Sünden begangen, da
zerfliesset ja das kleine Menschenherz vor zu voller Wonne und erschafft sich
wieder, um wieder zu zerfliessen So hab' ich dich längst gedacht, seliges,
magisches, blendendes Land, das an meine Erde grenzt... O! liebe Erde, wo bist
du wohl?«
    Er hob das trunkne Auge in den mit Sternen betaueten Himmel und sah den
erniedrigten Mond gelb und matt in Süden hängen; diesen hielt er für die Erde,
aus der ihn der Tod in dieses Elysium getragen habe. Hier zerging seine Stimme
in Rührung über den geliebten ersten Garten seines Lebens, und er redete die
oben über die Sterne fliehende Erde an:
    »Kugel der Tränen! Wohnung der Träume! Land voll Schatten und Flecken! - Ach
auf deinen breiten Schattenflecken111 werden jetzt die guten Menschen beben und
untersinken! ... Ein Ring aus Nebeln112 umkreiset dich, und sie sehen das
Elysium nicht..... Ach wie still trägst du durch den seligen stillen Himmel dein
Schlachtgeschrei - deine Stürme - deine Gräber; deine Dunstkugel schliesset wie
ein Sarg alle Klagstimmen um dich ein, und du rinnest mit überdeckten Gebeugten
bloss als eine blasse stille Kugel über das Elysium hinüber! ...
    - Ach ihr Teuern, mein Horion! mein Julius! ihr seid noch droben im
Gewitter, ihr deckt meinen Leichnam zu, ihr blickt weinend gen Himmel und könnt
das Elysium nicht sehen... O! dass ihr durch das nasse Gewölk des Lebens schon
durch wäret - aber vielleicht hab' ich schon lange geschlafen und gewacht,
vielleicht geht die Zeit auf der Erde anders als in der Ewigkeit - Ach dass ihr
hernieder kämet in die stillen Gefilde!« Er sah im magischen vergrössernden
Schimmer zwei Gestalten gehen. »O wer ists?« rief er, entgegenfliegend. »O
Vater! o Mutter! seid ihr hier?« - Aber da er näher kam: sank er in vier andre
Arme und stammelte: »Selig, selig sind wir jetzt, mein Horion! mein Julius!« -
Endlich sagt' er: »Wo sind meine Eltern und meine Brüder und Klotilde und die
drei Brahminen? Wissen sie nicht, dass ihr Dahore in Elysium ist?«
    Viktor sah trostlos dem wahnsinnigen Entzücken seines Geliebten zu und sagte
weder Ja noch Nein. Dieser schauete himmlisch-lächelnd und liebe-strömend in
Julius' Angesicht und sagte: »Blick mich an, du hast mich auf der Erde nicht
gesehen.« - »Du weisst ja, dass ich blind bin, mein Emanuel!« sagte der Blinde.
Hier floh der Wahnsinnige mit wegzuckenden Augen und mit einem Seufzer gegen den
Mond von den Freunden hinweg und sagte leise zu sich: »Die zwei Gestalten sind
nur Schattenträume aus der Erde - ich will sie nicht ansehen, damit sie
zerfliessen. - So reichet also der Schatten- und der Traumkummer der Erde bis ins
Eden herüber. Ich bin wohl noch im Totentraum, denn die Gegend hier sieht wie
die Gegenden in meinen Lebensträumen aus - oder ist dieses nur der Vorhof des
Himmels, weil ich meine Eltern nicht finde«.... Er sah gegen die hohen Sterne:
»Wo steh' ich jetzt unter euch? Neue Himmel liegen an neuen Himmeln. - - Ach
sehnet man sich hier denn auch?«
    Er seufzete, und wunderte sich, dass er seufzete. Er lehnte sich an den
perlenden Blumenhügel, gekehrt mit dem Rücken gegen die geliebten Schatten, und
mit den Augen gegen das anglimmende Morgenrot, und suchte und träumte - aber
endlich deckte die Morgenkühle die suchenden, geblendeten, brennenden Augen, die
heute bald auf Schreckgestalten, bald in Wonnemeere gefallen waren, mit leisem
Schlummer und mit ähnlichen Träumen zu.... »Ruhe sanft, du müder Mensch!« sagte
sein Freund; aber der Schläfer erglühte mit dem Horizont, und der alte Wahnsinn
spielte in ihm weiter....
    Ein Traum und der Morgen legten für ihn ein noch höheres Elysium an.
    Ihm träumte, Gott werde von seinem Sonnentrone steigen und in Gestalt eines
unsichtbaren unendlichen Zephyr-Wehens über das Elysium gehen.
    Der erste Morgen des Sommers häufte um ihn den Brautschmuck der Erde - er
durchzog die Gefilde mit Perlenbänken von Tau und warf über die wühlenden Bäche
das Zitter- und Glanzgold des herabgeschwommenen Morgenrots und legte den
Büschen das Armgeschmeide von brennenden Tropfen an. - Aber erst als er alle
Blumen auseinandergespalten - alle freudigzitternde Vögel in den Glanzhimmel
gestreuet - in alle Gipfel Singstimmen gehüllt -als er den verwelkten Mond unter
die Erde versenkt und die Sonne wie einen Göttertron über aufgeblühte
Wolkenkränze aufgerichtet und über alle Gärten und um alle Wälder
ineinandergewundne Regenbogen von Tau gehangen hatte - und als der Selige
träumend stammelte: »Allgütiger, Allgütiger, erscheine im Elysium!« - da weckte
ihn der langsam fliessende Morgenwind und führte ihn in die tausendstimmigen
Jubelchöre der Schöpfung hinein und liess ihn erblindend ins brausende flammende
Elysium taumeln. - - -
    O siehe! jetzo überfloss ein unermessliches Atmen kühlend, regend, lispelnd
das ganze entbrannte Paradies und die kleinen Blumen bogen sich schweigend
nieder und die grünen Ähren walleten säuselnd zusammen und die erhabnen Bäume
zitterten und brausten - aber nur die grosse Brust des Menschen trank den
unendlichen Atem in Strömen ein, und Emanuels Herz zerfloss, eh' es sagen konnte:
»Das bist du, Alliebender!«
    
    - Du, der du mich hier liesest, leugne Gott nicht, wenn du in den Morgen
trittst oder unter den Sternenhimmel, oder wenn du gut oder wenn du glücklich
bist! -
    - Aber, unglücklicher Emanuel!
    Du sahest fünf spielenden Trauermänteln zu und hieltest die schönen
Schmetterlinge für selige Psychen. - Du hörtest hinter deinem Hügel in die Erde
hauen, als mache man ein Grab. - Du sahest deinen guten Blinden an und sagtest
doch: »Schatten! Weiche..... Fürchte dich vor Gott, der vorüberging, und
verschwinde!« - Aber du sagtest vorher noch etwas, was ich heute nicht entülle
-
    - Mein Herz zittert vor der künftigen Zeile! -
    Heulend vor Schmerz, grinsend vor freudiger Wut, sprang das tolle
Totengebein in die selige Ebene hinter dem Hügel hervor und trug in seiner
Rechten eine abgehauene blutige Hand und schüttelte aus dem linken Stumpfe, dem
sein Wahnsinn sie abgehacket hatte, rieselnde Blutbögen und drückte mit dem
rechten Arme ein Grabscheit an sich, um die Hand zu begraben, und schrie jubelnd
und greinend: »Der Tod erschnappte mich daran, ich hab' sie aber abgezwickt -
und wenn er das Grab der Faust sieht, ist er so dumm und denkt, ich lieg'
drin... Ach! du da! Leg dich doch in den Sarg zu Bett; er hat dir die Augen
ausgebohrt und das Maul mit Moder beklebt Brr!«
    »O Allgütiger, du hast mich verdammt!« stammelte Emanuel; aus seiner
zermalmten Lunge riss sich das gejagte Blut, und der Trostlose schwankte sterbend
auf die vollgebluteten Blumen seines verlornen Himmels nieder....
    So nimmt ein Tag dem andern den Himmel, und eh' der beraubte Mensch dort in
das letzte Paradies eintritt, hat er hier zu viele verloren! - Ach eine von
Wunden geöffnete Brust tragen wir in jede Frühlingluft dieses Lebens und in den
Äter des zweiten; und sie muss erst zugeschlossen werden, eh' sie sich füllen
kann!....
                                Der sanfte Abend
Gegen Mittag macht' er die müden Augen auf, aber bloss um sie ins Grab fallen zu
lassen, das der Tod neben ihm unter seinem Schlafe aufgeschlossen hatte. Jedoch
der eine Wahnsinnige war der Arzneigott des andern gewesen; sein Traum vom
Elysium war ausgeträumt, kurz vorher, eh' er erfüllet zu werden schien, und er
war wieder vernünftig. Viktor sah aus allen Zeichen, dass wenigstens gegen
Sonnenuntergang der Tod mit seinem Obstpflücker diese weisse Frucht von ihrem
Gipfel brechen werde; aber er sah es ruhiger als gestern. Da er schon die
Proberolle der Trostlosigkeit gemacht hatte, so sägten die Werkzeuge des Grams
keinen neuen Riss ins Herz, sondern gingen nur im alten blutig hin und her. Wer
einen im Sarg Erwachten nach Jahren zum zweitenmal hineinträgt, trauert
schwerlich so heftig wie das erstemal.
    Mit welchen veränderten Augen erwachte Emanuel in der Abendstube, wo er
gestern die ersten Tränen vor Freude vergessen hatte! Seine Seele hatte, wie der
traurige Baum von Goa, am Tage das nächtliche Gedränge von Blüten fallen lassen;
seinem erkalteten Haupte kehrte die Erde nicht mehr die Auen-Seite der
Dichtkunst zu, sondern die lichte der kalten Vernunft. Er gestand jetzt, dass er
die edlern Teile seines innern Menschen auf Kosten der niedern vollblütig
gemacht - dass seine Todes-Hoffnung zu gross gewesen, wie seine dichterischen
Flügelfedern - dass er die Erde nicht aus der Erde, sondern zu sehr aus dem
Jupiter betrachtet, auf dessen Sternwarte sie zu einem Feuerfunken einkriechen
musste, und dass er also die Erde verloren, ohne doch den Jupiter dafür zu
bekommen. Vergeblich widersprach ihm Viktor mit dem wahren Satze, dass der höhere
Mensch, gleich den Malern mit Wasserfarben, allezeit sein Lebensstück mit dem
Hintergrunde und mit dem Himmel anfange, welchen Ölmaler und niedere Menschen
zuletzt machen; seine Antwort war die Klage, dass er leider nicht fortgemalet bis
zum Vorgrunde. Endlich warf er sich auch vor, dass er zu viele Umstände bei einer
so kleinen Trennung gemacht, als der Tod wenigstens für den, der gehe, sei, da
die andern Trennungen auf der Erde doch länger, herber und doppelseitig wären.
    Sie kamen dadurch auf die Erkennungen jenseits dieses Teaters. Viktor
sagte, er könne Vermutungen über die Erde hinaus nicht so verschreien wie
mancher Weise; denn wir müssten doch über die Erde hinaus vermuten und denken,
wir möchten bejahen oder verneinen. »Ohne die Fortdauer der Erinnerung« (sagte
er) »ist mir die Fortdauer meines Ich so viel wie die eines fremden, d.h. keine;
sobald ich mein jetziges Ich vergesse, so könnte ja jedes fremde statt meiner
unsterblich sein. Auch folgt der Untergang meiner Erinnerung nicht aus der
irdischen Abhängigkeit von meinem Körper; denn diese Abhängigkeit haben alle
geistige Kräfte mit ihr gemein, und es müsste dann aus dieser Abhängigkeit auch
der Untergang der andern folgen; und was bliebe denn noch zur Unsterblichkeit
übrig?« - Emanuel sagte: der Gedanke der Wiedererkennung, so viel er auch
Sinnliches voraussetze, sei so süss und hinreissend, dass, wenn sich die Menschen
gewiss davon machen könnten, keiner eine Stunde hier würde zögern wollen,
besonders wenn man den Himmels-Gedanken ausmalte, alle grosse und edle Menschen
auf einmal zu finden. »Ich habe mir oft« (sagt' er) »die künftige Erinnerung
nach Ähnlichkeit der jetzigen ausgebildet und musste immer vor Entzückung
aufhören, wenn ich mir dachte, wie in jener Erinnerung die Erde zu einer dunkeln
Morgen-Aue und unser Leben zu einem weit entrückten, mit Mondschein erhellten
Tag eingehen werde. - O wenn wir schon vor dem Bilde einiger Kinderjahre
zerfliessen, wie sanft wird uns einmal das Bild aller Kinderjahre anblicken.« -
Viktor wehrte diese tödlichen Entzückungen ab, und nachdem er zum Übergange
gesagt: »Eine Verbindung muss in jedem Fall diese Erde mit der zweiten haben«,
kam er auf etwas anders, das ihm in dieser Nacht so aufgefallen war
.................
    Ich verhüll' es heute noch, was Viktor fragte und was Emanuel entdeckte; die
neue Perspektive würde unser Auge zu lange vom grossen Kranken abziehen.
    Der Blinde hielt ängstlich die heisse Hand desselben in einem fort, um den
geliebten Vater nicht zu verlieren; und wenn ihm Emanuel lange sanften Trost
über seinen Tod, gleichsam kühle Blätter um die entzündeten Schläfe herumgelegt
hatte: so sagte er nichts als innigst flehend: »Ach Vater, wenn ich dich nur
gesehen hätte, nur einmal!« -
    Emanuel schien gefasst zu sein; aber er täuschte sich; seine jetzige
Gleichgültigkeit gegen die Erde war im Grunde schneidender als die nächtliche,
die bloss ein anderer, mit den Zaubertränken der Phantasie vermischter Genuss des
Lebens war. In seine Reue über seinen dichterischen Selbermord schien sich fast
Freude über die Folgen zu mengen. Daher sagte er mit einem rührend-gewissen
Blicke: »heute gegen Abend werd' er gewiss gehen und seine zwei letzten und
besten Freunde nicht mehr mit diesen Verzögerungen des Abschiedes quälen. - Der
Genius der Welten werde ihm seine letzten Fehler vergeben und auf die hiesige
Entfernung von ihm, die ihm zu lange wurde, dort keine zweite folgen lassen.«
    Je länger er sprach, desto mehr rückte das alte Blüten-Eden wieder in seine
matte Seele ein. - Jetzt tat er eine sonderbare herzzerschneidende Bitte an
seine Freunde. Da bekanntlich das Gehör den Sterbenden am längsten bleibt, indes
schon alle andere Sinnen sich gegen die Erde zugeschlossen haben: so sagte
Emanuel zu Viktor: »Sobald du siehest, dass es sich mit mir ändern will, so gib
deinem Julius die Flöte, und du! spiele mir dann das alte Lied der Entzückung,
damit ich an den Tönen sterbe, wie ich schon oft wünschte, und spiele es auch
noch einige Minuten nach dem Ende fort.«
    Er dachte nun darüber nach, wie schön um seine letzten Gedanken Töne ziehen
würden, wie Vogelgesang um die untergehende Sonne; und in seinem erloschenen
Geiste flogen wieder die alten Funken auf: »Ach ich werde selig von hinnen
ziehen. O meine Seele konnte in dieser Nacht schon diesem Erdboden einen
überirdischen Schmuck anlegen und ihn für Eden halten: ach erst wenn der Boden
schöner und die Seele grösser ist...«
    Er wurde wieder ohnmächtig, aber der Puls schlug noch leise. - Und hier in
diesem Hinbrüten war es, wo er von der Erde als letzte Gabe den
schauderhaft-süssen Traum empfing, in welchen der Körper die Gefühle seiner
Kränklichkeit mischte und den er nach seiner Wiederbelebung mit einem neuen
Nachträumen erzählte. Es ist der letzte sanfte Dreiklang unsers Körpers mit
unserer weichenden Seele, dass er ihr noch in seiner Auflösung (wie wir von
Ohnmächtigen, von Scheintoten unter dem Wasser etc. wissen) süsse Spiele und
Träume zuführt. -
              Traum Emanuels, dass alle Seelen eine Wonne vernichte
Er ruhte verklärt in einem durchsichtigen farbicht-dunkeln Tulpenkelch, der ihn
hin- und herwiegte, weil ein sanftes Erdbeben die Tulpenlaube auf der gebognen
Stütze zu taumeln zwang. Die Blume stand in einem magnetischen Meer, das den
Seligen immer stärker zog; endlich drückte er, hinausgesogen, sie nieder und
sank als eine Tauperle aus dem umgebognen Kelche heraus...
    Welch eine Farben-Welt! Ein Flockengewimmel von Ätergestalten wie seine
stand schwebend über einer weiten Insel, um welche ein rundes Geländer von
grossen Blumen aufgeblättert spielte - mitten über den Himmel der Insel flogen
Abendsonnen hinter Abendsonnen - tiefer neben ihnen liefen weisse Monde nahe am
Horizont kreiseten Sterne - und sooft eine Sonne oder ein Mond hinunterflog,
schaueten sie himmlisch wie Engelaugen durch die grossen Blumen am Ufer hindurch.
Die Sonnen wurden von den Monden durch Regenbogen geschieden, und alle Sterne
liefen zwischen zwei Regenbogen und stickten silbern die bunte Ringkugel des
Himmels. Übereinander stiegen hinauf bunte Wolken, in denen ein Kern von Gold,
von Silber, von Edelsteinen brannte - von Schmetterlingflügeln waren Staubwolken
abgestreift, die wie fliegende Farben den Boden überhüllten, und aus dem Gewölke
blitzten reissende Lichtflüsse, die sich alle ineinander verschlangen...
    Und in diesem Farben-Getümmel ging eine süsse Stimme umher und sagte überall:
Vergehet süsser am Lichte.
    Aber die Seelen erblindeten nur und vergingen noch nicht.
    Da überfielen Abendwinde und Morgenwinde und Mittagwinde miteinander die Aue
und wehten die hell-blauen und goldgrünen Wolken nieder, die aus Blumenduft
entstanden waren, und falteten den Blumenring am Horizonte auf und trieben den
süssen Rauch an die Herzen der Seligen. Der Blütennebel schlang sie in sich ein,
das Herz wurde in die dunkeln Düfte wie in ein Gefühl aus der tiefsten Kindheit
eingetaucht und wollte, vom heissen Blumendunste überflossen, darin
auseinandertropfen. - Jetzo kam die unbekannte Stimme näher und lispelte sanft:
Vergehet süsser am Duft.
    Aber die Seelen taumelten nur und vergingen noch nicht.
    Tief in der Ewigkeit aus der Mitternacht bog sich auf und nieder ein
einziger Ton - ein zweiter stand in Morgen auf - ein dritter in Abend - endlich
tönte aus der Ferne der ganze Himmel, und die Töne überströmten die Insel und
ergriffen die erweichten Seelen... Als die Töne auf der Insel waren, weinten
alle Menschen vor Wonne und Sehnsucht... Dann liefen plötzlich die Sonnen noch
schneller, dann stiegen die Töne noch höher und verloren sich wirbelnd in eine
schneidende, unendliche Höhe ach dann gingen alle Wunden der Menschen wieder auf
und wärmten sanft mit dem rinnenden Blute jede Brust, die in ihrer Wehmut
erstarb - ach dann kam ja alles fliehend vor uns, was wir hier geliebt haben,
alles, was wir hier verloren haben, jede teure Stunde, jedes beweinte Gefild',
jeder geliebte Mensch, jede Träne und jeder Wunsch. - - Und als die höchsten
Töne verstummten und wieder einschnitten und länger verstummten und tiefer
einschnitten: so zitterten Harmonikaglocken unter den Menschen, die auf ihnen
standen, damit das einschneidende Schwirren jeden Bebenden zerlegte. - Und eine
hohe Gestalt, um die ein dunkles Wölkchen zog, trat auf in einem weissen Schleier
und sagte melodisch: Vergehet süsser an Tönen.
    Ach! sie wären vergangen und gern vergangen an der Wehmut der Melodie, wenn
jedes Herz das Herz, nach dem es schmachtete, an seiner Brust gehalten hätte;
aber jeder weinte noch einsam ohne seinen Geliebten fort.
    Endlich schlug die Gestalt den weissen Schleier auf, und der Engel des Endes
stand vor den Menschen. Das Wölkchen, das um ihn ging, war die Zeit - sobald er
das Wölkchen ergriffe, so würde ers zerdrücken, und die Zeit und die Menschen
wären vernichtet.
    Als der Engel des Endes sich entschleiert hatte: lächelte er die Menschen
unbeschreiblich lieblich an, um ihr Herz durch Wonne und durch das Lächeln zu
zertreiben. Und ein sanftes Licht fiel aus seinen Augen auf alle Gestalten, und
jeder sah die Seele vor sich stehen, die er am meisten liebte - und als sie
einander vor Liebe sterbend anschaueten und aufgelöset dem Engel nachlächelten:
griff er nach dem nahen Wölkchen - aber er erreichte es nicht.
    Plötzlich sah jeder neben sich noch einmal Sich - das zweite Ich zitterte
durchsichtig neben dem ersten, und beide lächelten sich zerstörend an und wurden
miteinander höher - das Herz, das im Menschen bebte, hing noch einmal bebend im
zweiten Ich und sah sich darin sterben. - -
    O da musste jeder von seinem Ich zu seinem Geliebten wegfliehen und,
ergriffen von Schauder und Liebe, die Arme um fremde teure Menschen winden. -
Und der Engel des Endes öffnete die Arme weit und drückte das ganze
Menschengeschlecht in eine Umarmung zusammen. - Da glimmt, duftet, tönt die
ganze Au - da stocken die Sonnen, aber die Insel wirbelt sich selber um die
Sonnen - die zwei gespaltnen Ich rinnen ineinander ein - die liebenden Seelen
fallen aneinander wie Schneeflocken - die Flocken werden zur Wolke - die Wolke
schmilzt zur dunkeln Träne. -
    Die grosse Wonneträne, aus uns allen gemacht, schwimmt durchsichtiger und
durchsichtiger in der Ewigkeit. -
    Endlich sagte leise der Engel des Endes: Sie sind am süssesten vergangen an
ihren Geliebten. -
    Und er zerdrückte weinend das Wölkchen der Zeit. -
                                       *
In Emanuels Augen glänzten die Fieberbilder des Todes, mit denen sich jeder
Schlaf, sogar der letzte, anfängt. Sein Geist hing wiegend in seinen schlaffen
Nerven, von sanften Lüften angeweht; denn er war schon in jener zersetzenden
Nerven-Entzückung der Ohnmächtigen, der Gebärenden, der Verbluteten, der
Sterbenden. Aber seine ausgeleerte Brust stieg leichter auf, sein ziehender
Geist dehnte den Lebensfaden dünner aus.
    Viktor würde den Trost der dumpfen Betäubung genossen haben, womit
übereinander gehäufte Schmerzen uns zusammendrücken, wenn er nicht dem armen
Blinden jede Minute diese Schmerzen, d.h. alle Zurüstungen des Todes, hätte
sagen müssen. Ach der Blinde besorgte vielleicht, seinem Lehrer zu spät mit dem
Liede der Entzückung nachzurufen.
    Es kam der Abend. Emanuel wurde stiller und sein Auge starrer, und es schien
die Phantasien seines arbeitenden Gehirns in der Stube zu sehen, bis der
Goldstreif der vorgesunknen Abendsonne, den ein Spiegel auf ihn richtete,
gleichsam wie ein Blitz durch seine Traumwelt fuhr. Leise, aber mit anderer
Stimme sagte er: »In die Sonne!« - Sie verstanden ihn und rückten sein Bette und
sein Haupt dem schönen Abendregen der Abendsonne, dem er sonst so oft sein
weiches Herz aufgeschlossen hatte, entgegen. Viktor erschrak, als er sah, dass
seine Augen der Sonne ungeblendet und unbeweglich offenstanden.
    Es war erhaben-still um drei zerrüttete Menschen; bloss ein Abendlüftchen
flatterte in den Lindenblättern des Zimmers, und eine Biene zog um die
Lindenblüten; aber draussen ausserhalb dem Teater der Beängstigung ruhete ein
seliger Abend auf den rot übersonnten Fluren unter freudigen, flatternden,
singenden, trunknen Wesen.
    Emanuel schauete still in die Sonne, die tiefer in die Erde drang; er
krallte nicht am Deckbette wie andre, sondern hob seine Arme empor wie zu einem
Fluge oder zu einer Umarmung. Viktor nahm seine geliebten Hände, aber sie hingen
ohne Druck in seine nieder. Und als die Sonne wie eine lodernde Welt am
Gerichtstage untersank in einer aufschiessenden letzten Lohe: so blieb der Stille
mit kalten Augen an der leeren Stelle der Sonne und merkte den Untergang nicht;
und Viktor sah plötzlich wechselnde Blitze der Todessense gelb über das
unverrückte Antlitz gehen. - Da gab er zerrüttet dem Julius die Flöte und sagte
gebrochen: »Spiele das Lied der Entzückung, jetzt stirbt er.« -
    Und Julius presste mit strömenden verfinsterten Augen den schluchzenden Atem
in die Flöte und erhob seine Seufzer zu himmlischen Tönen, um die entrinnende
Seele unter ihrer Auswurzelung mit dem Nachklange der ersten Welt, mit dem
Vorklange der zweiten Welt zu verhüllen und zu betäuben. -
    Und als unter dem Liede ein seliges Lächeln über einen unbekannten Traum das
erkaltende Gesicht verklärte - und als bloss eine Zuckung der Hand die Hand des
trostlosen Freundes drückte, und bloss die Zuckung mit dem Augenlid winkte und
weiter hinab die blassen Lippen öffnete und verging - und als die Abendröte die
bleiche Gestalt bedeckte - - siehe da trat der Tod, kalt gegen die Erde und
unsern Jammer, eisern, aufgerichtet und stumm, durch den schönen Abend unter die
Lindenblüte hin zur überdeckten Seele im beruhigten Leichnam und reichte die
verhüllte Seele mit unermesslichem Arm von der Erde durch unbekannte Welten
hindurch in deine ewige warme väterliche Hand, die uns geschaffen hat - in das
Elysium, für das du uns gebildet hast - unter die Verwandten unsers Herzens - in
das Land der Ruhe, der Tugend und des Lichts....
    Julius stockte aus Schmerz, und Viktor sagte: »Spiele das Lied der
Entzückung fort, er ist erst gestorben.« - Unter den Tönen drückte Viktor dem
Geliebten die Augen zu und sagte mit einem Herzen über der Erde: »Nun schliesset
euch zu - der Geist ist über der Erde, dem ihr das Licht gegeben - du blasse
geheiligte Gestalt, du geheiligtes Herz, der Engel in dir ist ausgezogen, und du
fällst in die Erde zurück.« - Und hier umschlang er noch einmal die leere kalte
Hülle und drückte das Herz, das ja nicht mehr schlug, ihn nicht mehr kannte, an
sein heisses an; denn die Flötentöne rissen seine bleichen Wunden zu weit
auseinander. - O es ist gut, dass bei dem Menschen, wenn er im grimmigen Weh zu
festem Eis erstarrt, keine Töne sind: die weichen Töne leckten aus der
durchbohrten Brust alles traurige Blut, und der Mensch würde an seinen Qualen
sterben, weil er vermöchte, seine Qualen auszudrücken....
    - Hier falle mein Vorhang vor alle diese Szenen des Todes, vor Emanuels Grab
und vor Horions Schmerz! - Ich und du, mein Leser, wollen nun aus dem fremden
Sterbezimmer gehen, um in nähere zu schauen, wo wir selber erliegen, oder wo
unsere Teuersten erlagen. Wir wollen in jenen Zimmern unser Totenbette
erblicken, aber unser Auge falle nicht nieder; - die Flamme der Liebe und der
Tugend lodert aufwärts über die Verwesungen wir sehen um das Totenbette eine
Bahre als Ruhebank, auf die alle Lasten abgelegt sind und das
auseinandergedrückte Herz auch - wir sehen um das Totenbette eine grosse
unbekannte Gestalt, die vom Ebenbilde Gottes den Erden-Rahmen bricht. - Aber
wenn das Herz gross wird neben unserem Ruheort, so wird es weich neben dem
fremden. - Wenn du, mein Leser, und wenn ich jetzt mit dieser bewegten Seele in
die Zimmer blicken, wo wir die ewigen Wunden der Erde empfingen, so werden uns
die blassen Gestalten, die darin ihre Totenaugen noch einmal gegen uns aufheben,
zu sehr erschüttern und verwunden. - Ach, das dürft ihr auch, ihr geliebten
Stummen - was haben wir euch denn noch zu geben als eine Träne, die uns
schmerzet, als einen Seufzer, der uns beklemmt? Ach wenn der Trauerflor auf
unserm Angesicht so bald zerreisset wie der Leichenschleier auf eurem - wenn der
Grabmarmor mit eurem Namen sich auf eurer Leiche umkehren muss, um eine neue mit
ihrem neuen Namen zu bedecken - o! wenn wir alle die ewige Liebe, das ewige
Erinnern so leicht vergessen, das wir euch in eurer letzten Stunde versprochen
haben; - ach so ist ja in diesen brausenden Tagen des Lebens eine stille Stunde
wie diese heilig und schön, wo wir uns gleichsam an die eingefallnen Gräber mit
den Ohren niederlegen und tief aus der Erde, obwohl jeden Tag dunkler, die
Stimmen, die wir kennen, rufen hören: »Vergesset uns nicht - vergiss mich nicht,
mein Sohn - mein Freund - meine Geliebte, vergiss mich nicht!«
    Nein, wir wollen euch auch nicht vergessen. Und wenn es uns immerhin zu wehe
tut: so rufe doch jeder von uns in dieser Minute die teuersten Gestalten aus
ihren Ruhestätten vor sich und schaue die verwesten Züge, die wieder geöffneten
Augen voll Liebe, die so lange geschlossen waren, und das teure aufgedeckte
Angesicht recht lange an, bis ihm die alten Erinnerungen an die schönen Tage
ihrer Liebe das Herz zerbrechen, und er nicht mehr weinen kann.
 
                                39. Hundposttag
                       Grosse Entdeckung - neue Trennungen
Ich will jetzt entüllen, was ich im vorigen Kapitel verbarg. - Da Emanuel an
jenem elysischen Morgen des Wahnsinus zu Julius gesagt hatte: »Schatten!
weiche!« so fuhr er fort: »Gaukle den blinden Sohn meines Horions (des Lords)
nicht nach, der mich noch für seinen Vater hält - fürchte dich vor Gott, der
vorüber ging, und verschwinde!« - Und zu Viktor wandte er sich: »Schatten! wenn
du nicht weisst, wer du bist, und deinen Vater Eymann nicht kennst: so falle
wieder auf die Erde hinab und in den Schatten hinein, den dort mein Viktor
wirft.« - - Und da Viktor am andern Tag den Sterbenden auf diese Worte führte:
so fragte er beklommen: »Ach hab' ichs denn nicht im Wahnsinn gesagt, als ich
wähnte, im Lande jenseits der Erden-Eide zu sein?« und er kehrte stumm das
erschrockene Angesicht gegen die Wand....
    Er hat es also im Wahnsinn des Todes herausgesagt, dass Julius der Sohn des
Lords und Viktor der Sohn des Pfarrers Eymann ist.... Aber welche helle weite
Beleuchtung gibt nicht dieser Vollmond unserer ganzen Geschichte, auf die bisher
nur eine Mondsichel schien! -
    Ich gesteh' es, schon beim ersten Kapitel fiel es mir auf, dass Viktor ein
Arzt war: jetzt ists erklärt; denn der medizinische Doktorhut war die beste
Montgolfiere und das Wünschhütlein für einen bürgerlichen Legaten des Lords, um
damit leichter um den Tron zu schweben und auf den mürben Jenner einzuwirken;
auch konnte Viktor nach seiner künftigen Devalvation und nach dem Verlust des
Federhuts am besten in den medizinischen sein tägliches bürgerliches Brot
einsammeln - sah der Lord. Das war ein Grund, warum dieser jenen für seinen Sohn
ausgab. Ein an derer ist: Viktor war der Rolle beim Fürsten durch seine Laune,
Gewandteit, Gefälligkeit u.s.w. am meisten gewachsen, wozu noch die empfehlende
Ähnlichkeit trat, die er mit dem fünften, bis jetzt noch verlornen Sohne, den
Jenner so liebte, in allem, das Alter ausgenommen, besass. Da nur ein Leibarzt
der Günstling sein sollte: so konnte der Lord keinen von den fürstlichen Söhnen
dazu nehmen, weil diese Juristen werden mussten, um in die künftigen Ämter
einzupassen. - Seinen eignen Sohn Julius konnt' er nicht brauchen, weil er blind
war - beiläufig! der Lord war auch einmal blind und vermehret also die Beispiele
der von Vater auf Sohn forterbenden Blindheit durch seines -; aber auch ohne die
Blindheit konnt' er wegen seiner uneigennützigen Delikatesse unmöglich seinen
Sohn die Vorteile der fürstlichen Gunst erbeuten lassen, indes er die eignen
Söhne Jenners von ihnen entfernte. -
    Du guter Mann ohne Hoffnung! wenn ich jetzt deine dichterische Erziehung des
Blinden mit deinen kalten Grundsätzen vergleiche, wenn ich berechne, wie du -
abgestorben den lyrischen Freuden - verhärtet für die Tränen des Entusiasmus -
gleichwohl die mit Augenlidern verhangne dunkle Seele deines Julius von seinem
Lehrer füllen lässest mit dichterischen Blumenstücken - mit Tauwolken der
Rührung - und mit dem Nebelstern des zweiten Lebens: so vermehret es ebensosehr
meine Schmerzen als meine Hochachtung, dass du nichts auf der Erde findest, was
du an dein ausgehungertes Herz drücken kannst, und dass du dein auf leeren
Tränendrüsen verwelktes Auge kalt aufhebst gegen den Himmel und auch da nichts
siehest als ein wüstes ödes Blau! -
    Diese schmerzliche Betrachtung machte Viktor noch früher als ich. - Aber zur
Geschichte! Die vergangne zog tausend Stacheln durch sein Herz. Wir kennen jetzt
unsern sonst frohen Sebastian nicht mehr - er hat vier Menschen verloren,
gleichsam um die vier Pfingsttage damit abzuzahlen: Emanuel ist verschwunden,
Flamin ist ein Feind geworden, der Lord ein Fremder und Klotilde - eine Fremde.
Denn er sagte zu sich: »Jetzt, da sie so weit über mich gerückt ist, will ich
der Leidenden, der ich schon so viel genommen, nicht gar alles kosten, nicht gar
die Liebe ihres Vaters und ihren Stand - ich will nicht auf ihre in der
Unwissenheit meiner Verhältnisse geschenkte Liebe dringen. - Nein, ich will gern
meine Seele von der teuersten ablösen unter tausend Wunden meiner Brust und mich
dann einsam hinlegen und zu Tod bluten.« - Jetzt wurd' ihm dieser Vorsatz
leicht; denn nach dem Tode eines Freundes nehmen wir ein neues schweres Unglück
gern auf unsere Brust, es soll sie eindrücken, denn wir wollen sterben.
    Doch hatte das Schicksal in seinen zwei Armen noch zwei Geliebte gelassen:
seinen Julius und seine Mutter. In jenem liebt' er so viele schöne Beziehungen;
sogar das war eine, die es macht, dass man allzeit den liebt, mit dem man
verwechselt wurde; und er wollte Vaterstelle bei jenem vertreten wie der Lord
bei ihm, um diesem edlen Manne nicht sowohl zu danken als nachzueifern. Und noch
heisser umfing er mit seiner Seele die vortreffliche Pfarrerin, der schon bisher
sein Herz in der sanften Wärme eines Sohnes entgegengeschlagen hatte. Ach wie
wohl hätte es der kindlichen Brust, von welcher der bisherige Vater weggestossen
war, in ihrem Sehnen getan, ans mütterliche Herz gedrückt zu werden und von der
Mutter die Worte zu hören: »Guter Sohn, warum kömmst du so unglücklich und so
spät zu mir?« Aber er durfte nicht, weil er sonst den Schwur, die Abkunft
Flamins unter der Decke des Geheimnisses zu lassen, gebrochen hätte.
    Er sperrte sich vier Tage mit dem Blinden ins Sterbhaus ein - er sah niemand
- besuchte das trauernde Kloster nicht, wo aus allen schönen Augen ähnliche
Tränen flossen - tat Verzicht auf den duftenden Park und auf den blauen Himmel -
und liess den Blumenflor dem Verstorbenen nachwelken. - Er tröstete den
verlassenen Blinden, und den ganzen Tag ruhten sie aneinander geschlungen und
malten sich weinend ihren Lehrer und seine Lehren und die lichten Stunden ihrer
Kindheit vor. Endlich am vierten Tage führte er den Blinden auf immer aus dem
schönen Maiental - die Abendglocke sandte ihnen weit das Totengeläute eines
ganzen eingesargten Lebens nach - Julius weinte laut - aber Viktor hatte nur ein
feuchtes Auge und tröstete nicht sich, sondern den Blinden; denn seine Seele war
jetzo anders, als man erraten wird: seine Seele war erhöht über dieses
Abend-Leben, sein Verstorbner hielt sie wie ein Genius hoch empor über die
Wolken und über die Spiele einer kleinen Zeit. Viktor stand auf dem hohen
Gebirg, wo man am Begräbnis-Tage eines Freundes steht, unten am Gebirge ging das
Totenmeer des Abgrunds weit hin113 und sog an einem ausgedehnten zitternden
Nebel, der sich auf dem Meere aufrichtete - und auf dem Nebel waren bunte Städte
gefärbt, und schwankende Landschaften hingen in ihm, und die kleinen Völker mit
roten Wangen liefen auf den Landschaften aus Duft - und alles, Völker und
Städte, tropften wie Tränen hinab ins saugende Meer - - bloss am Horizont war
unten im düstern Nebel ein angeglommener Saum wie Morgenglut: denn eine Sonne
steigt hinter der Dämmerung auf, und dann ist der Nebel vergangen, und eine neue
grüne feste Welt liegt in die Unermesslichkeit hinein. - -
    Er wollte die ganze Nacht gehen, aber er wurde durch etwas Fürchterliches im
nächsten Dorfe, das Obermaiental heisset, angehalten. Er erkannte in der
Wagenremise des Gastofs den Wagen des Kammerherrn am Wappen. Er liess den
Blinden auf einer steinernen Bank an der Türe nieder, wo dieser dem Geräusche
des Heu-Abladens zuhorchte. Viktor bekam im Hause auf seine Frage die Nachricht:
»es wären zwei Damen droben, die eine kenne man nicht« (er entdeckte aber im
ersten Abriss ihres Anzugs sogleich die Pfarrerin) - »die andere sei oft hier
durchpassiert, es sei die Tochter des Obrist-Kammerherrn und habe Ganz-Trauer
an, weil ihr Vater vor einigen Tagen totgeschossen worden im Duell mit dem
Regierrat Flamin, und beide reiseten, wie ihre Leuten sagten, nach England.«
    Er schrie vergeblich, halb in Blut und Qual erstickend: »Es ist unmöglich,
mit dem Hofjunker von Schleunes meint ihr.« Aber es war doch so - Flamin war im
Gefängnis - Mattieu ausser Landes - Le Baut schon unter der Erde.... Fodert aber
die Geschichte dieses Mordes jetzo nicht! - Viktor zog langsam die Uhr des
glücklichen Zeidlers heraus und sah starr den Zeiger froher Stunden an, der
schon einige Tage unaufgezogen stockte; in ihm riet etwas der wilden
Verzweiflung an, er sollte sie gegen den steinernen Boden schleudern und
schmettern. Aber drei Lauten-Hauche der Flöte, mit der der Blinde eine schönere
wärmere Vergangenheit vor die erstarrte Seele zog, löseten sein gerinnendes Herz
in ein nasses Auge auf, und er hob es überfliessend empor und sagte bloss: »Vergib
mirs, Allgütiger - ach ich will gern nur weinen!« - Wenn die Schmerzen in uns zu
reissend werden: so knirscht etwas in uns gegen das Schicksal, und das Herz
ballet sich gleichsam zur Wehre ergrimmt zusammen - aber diese Stärke ist
Lästerung. O! es ist schöner gegen dich, Allgütiger, mit dem entzweigepressten
Herzen hinzurinnen und zur Träne zu werden und so lange zu lieben und zu
schweigen, bis man stirbt!
    Die bekannten Flötentönen drangen in Klotildens dicke Regenwolke des Grams -
sie zitterte ans Fenster - sie sah den Blinden - aber sie ging schnell zurück
und hüllte ihr Herz tiefer in die kalte Wolke - denn jetzo wusste sie alles: der
Blinde war der Todesbote, dass ihr grosser Freund die Erde und die Trostlosen
verlassen habe. »Mein Lehrer ist auch tot«, sagte sie zur Begleiterin; und als
Viktor um eine Unterredung bitten liess: konnte sie nur sprachlos mit dem Kopfe
nicken. - Dann bat sie die Pfarrerin, in ein anderes Zimmer zu treten, weil ihr
der Anblick Viktors aus vielen Gründen drückend sein musste. Viktor stieg die
Treppe gleichsam zu einem Blutgerüst hinauf, auf dem ihm das Schicksal sein Herz
herausnehmen werde, nämlich die gute Klotilde, von der er heute sowohl durch
ihre Reise als durch seinen Vorsatz, sie zu entbehren, abgeschieden wurde. Als
er aufmachte und die Bekümmerte erblickte, bleich und müde an die Wand gelehnt;
und als beide einander mit niedergesunknen Händen in die rotgeweinten Augen
sahen und bebten in dem düstern Zwischenraum zwischen dem Anblick und dem ersten
Wort wie in der schrecklichen Zeit zwischen dem Feuer eines grossen Geschosses
und zwischen der Ankunft der Kugel, und da endlich Klotilde leise fragte: »Es
ist alles wahr?« und er sagte: »Alles!« - so legte sie ihr schönes Haupt langsam
um gegen die Wand und wiederholte in einem fort, aber leise-klagend, mit den
sanften gedämpften Trauertönen des ermüdeten Jammers die Worte: »Ach! mein guter
Lehrer, mein unvergesslicher Freund! - Ach du grosser Geist! du schöne
Himmelseele, warum zogest du so bald meiner Giulia nach! - - O, teuerster
Freund, zürnen Sie nicht, ich wünschte jetzo bloss zu sein, wo mein Vater ist, im
stillen Grabe.« - - Viktor fing bebend die Frage an: »Hat ihn Flamin....« - aber
er konnte nicht dazusetzen: »umgebracht«: denn sie richtete das Haupt empor und
blickte ihn an mit einem schwellenden, mit einem arbeitenden unsäglichen
Schmerz, und dieser Schmerz war ihr Ja. - -
    Sie wollte, von der Tränenverblutung erschlafft und zuckend unter den
Erinnerungen, die wie Gehirnbohrer die Seele betasteten, endlich an der Wand
zusammensinken; aber Viktor fasste sie mit unaussprechlichem Mitleid auf und
erhielt sie aufgerichtet an seiner Brust und sagte: »Komm, unschuldiger Engel,
komm an mein Herz und weine dich aus daran - wir sind unglücklich, aber
unschuldig - o ruhe aus, du gequältes Haupt, ruhe sanft unter meinen Tränen.« -
- Aber im höchsten Weh fing allezeit eine Bergluft um ihn zu flattern an, ihm
war, als richtete ein Hebeisen die eingebrochne Hirnschale auf, als zöge
Lebenluft durch die angebohrte, innen modernde Brust hinein; es war ihm darum
so, weil ihm das Leben der Menschen klein wurde, der Tod gross und die Erde zu
Staub. »Schlafe, Gequälte« - sagt' er zu Klotilde, die welkend an ihm lehnte -
»verschlafe das Weh - das Leben ist ein Schlaf, ein gedrückter heisser Schlaf,
Vampyren sitzen auf ihm, Regen und Winde fallen auf uns Schlafende, und wir
greifen vergeblich aus zum Erwachen - - o das Leben ist ein langer, langer
Seufzer vor dem Ausgehen des Atems. - O dass aber die elende Lufterscheinung
gerade diese gute Seele, gerade dich, dich so quälen darf!« - »Ach,« sagte
Klotilde, »wenn doch die zu traurige Flöte aufhörte! Mein Herz zerspringt vor
Qual«; aber ihr Freund riss grausam alle Quellen ihrer Tränen weiter auf und goss
seine in die ihrigen und malte ihr die Vergangenheit ab: »Vor vier Wochen war es
anders, da gingen die Flötentöne über ein schöneres Land durch die glücklichen
Klagen der Nachtigall hindurch in unsere Herzen, die damals so froh waren - am
ersten Pfingsttage fand ich dich, als die Nachtigall schlug - am zweiten sank
ich vor Wonne und Hochachtung vor dir nieder, als der Regen um uns glänzte - am
dritten ging oben an der Abendfontäne ein weiter Himmel auf, und ich sah einen
einzigen Engel glänzend und lächelnd darin stehen. - - Unsere drei Tage waren
Träume von schönen Blumen, denn Träume von Blumen bedeuten Jammer.«- Er hatte
bisher seine weiche Seele gegen dieses grausame Gemälde verhärtet; aber als er
gar mit gepresster Stimme dazugefügt hatte: »Damals lebte unser Emanuel noch und
besuchte abends sein offnes Grab....«: so musste sein Herz zerreissen, und alle
Tränen quollen über das tief hineingedrückte Schwert wie blutige Tropfen heraus,
und er sagte, sie heftiger an sich fassend: »O komm, wir wollen weinen ohne Mass:
wir wollen uns nicht trösten. Wir sind nicht lange mehr beisammen: o ich möchte
mich jetzt zerrütten durch Kummer. - Erhabner Dahore! schau diese Sterbende an
und ihre Tränen um dich und vergilt ihre Trauer und gib der müden Seele einmal
Ruhe und deinen Frieden und alles, was den Menschen fehlt!«
    Die zwei Seelen sanken verschlungen hin in eine einzige Träne, und die
Stille der Trauer heiligte den Augenblick - und mehr lasset mich mit dem
beklommenen Atem nicht davon sagen.
    - Wie erwachend zog sie ihr Haupt von seinem Herzen und nahm mit einem
entkräfteten Lächeln seine Hand - denn sie liebte ihn aller Unglück-Zufälle
ungeachtet unaussprechlich und war eben auf dem Wege nach Maiental, um ihn noch
einmal zu erblicken - und sagte: »Ich gehe nach England zu meiner Mutter, um den
Lord auszufinden und zu erbitten, dass er früher komme und sich ins Mittel
schlage und fremde Schmerzen und meine endige.«- Ihr Stocken, das ihr Blick
ausfüllte, entdeckte ihm soviel, als es der unglücklichen Pfarrfrau verschwieg,
die im Nebenzimmer vieles hören konnte - was sie verdeckte, war, dass sie bei dem
Lord die Beschleunigung der Entdeckung, dass Flamin der Sohn des Fürsten sei,
betreiben wollte. Ausserdem rückte dieser Weg ihre Augen von so vielen Bildern
des Grames, so wie ihre Ohren von so manchem Missgetön des Gespöttes hinweg.
Freilich war die Absicht, auf dem Kutschkissen und auf dem Schiffe die Bewegung
wie eine Eisentinktur einzunehmen, nur ihr Vorwand bei Hofe gewesen, wo man
ehrerbietige Unwahrheiten nicht bloss vergibt' sondern auch verlangt.
    Viktor verhiess ihr, in dunkler Ahnung seiner Kraft und Uneigennützigkeit-
denn der Unglückliche opfert freigebiger und leichter als der Glückliche auf -:
»er wolle wie eine Schwester für ihn sorgen.«- Ihre Augen trugen einander ihre
Geheimnisse und eben darum ihre Liebe vor, und Klotilde floss von weinender Liebe
über, erstlich der Reise wegen (weil für ihr Geschlecht eine Reise der
Seltenheit wegen etwas Wichtiges ist), zweitens des Kummers wegen, da die Liebe
ein weibliches Herz in ganzer Trauer wärmer macht als eins in halber, wie
Brennspiegel schwarz gefärbte Dinge stärker erhitzen als weisse.
    Gerade heute, wo sie ihm mit so viel erneuter Liebe in die Augen blickte,
sollt' er von ihr abgerissen werden. Er verschonte sie zwar mit der Entdeckung
seiner Geburt und seiner ewigen Trennung, um an ihr zerrissenes Herz nicht neue
ziehende Qualen zu hängen; aber er wollte diese letzte Minute seiner schönen
Liebe, diese Nachlese und diesen Nachflor seines Lebens ganz abernten. Ach er
wollte sie anschauen wie nie - er wollte ihr die Hand drücken heftig wie nie -
er wollte ihr ein Lebewohl sagen wie ein Sterbender - - Denn es ist alles, rief
unaufhörlich sein Innerstes, zum letzten, letzten Male! - Nur küssen wollt' er
sie nicht: eine scheue Ehrfurcht, der Gedanke an die ausgespielte Liebhaberrolle
verbot es ihm, von ihrer Unwissenheit einen eigennützigen Gebrauch zu machen.
Aber als er den letzten Blick der Liebe auf sie richten wollte: so schlug das
Schicksal alle die geschliffnen Waffen, die bisher in seine Nerven gedrungen
waren, noch einmal in die blutenden Öffnungen, wie man in die Wunden der
Ermordeten die alten Instrumente wieder hält, um zu sehen, obs dieselben sind -
- ach es waren dieselben - das Zimmer benebelte gleichsam ein Lichterdampf - die
Flötentöne erstickten im innern Brausen - er musste sie ansehen und konnte doch
nicht vor Wasser - er musste sie lange, fassend ansehen, weil er ihr schönes
Angesicht als ein Schattenbild des Schatten-Edens auf ewig niederlegen wollte in
seine Seele - - Endlich konnt' ers, mit tausend Schmerzen blickte er ihr
beträntes Angesicht, durch das die Tugend wie ein Herz schlug, ergreifend an und
schattete es ab in seiner öden Seele bis auf jede Linie, bis auf jeden Tropfen -
So viel nahm er mit von ihr, mehr nicht; ihr liess er alles, sein Herz und seine
Freude - Ach weiche Klotilde! wenn du es erraten hättest! - Das Schluchzen
seiner Mutter riss ihn ans Nebenzimmer, er stiess die Tür auf, rief zertrümmert
der weggekehrten Mutter zu: »Teuerste! Beim Allmächtigen, Ihr Sohn ist kein
Mörder und kein Verlorner«- und drückte die ihm hinter dem Rücken gegebne Hand
sinnlos zusammen.
    Seht dem düstern Augenblicke, meine Freunde, jetzo nicht zu, wo er zum
letzten Male Klotildens Hand nimmt und sein Herz von ihrem spaltet und doch nur
sagt: »Reise glücklich, Klotilde, lebe ruhig, Klotilde, werde froh, Klotilde!«
    - Und weit vom Dorfe fiel er neben dem Blinden auf die Knie mit einem
stummen Gebet für das trauernde Herz, das er nun zum leztenmal verloren hatte. -
    Erst morgens um 4 Uhr kam er ohne Müdigkeit und ohne Tränen und ohne
Gedanken in Flachsenfingen mit dem Blinden an.
 
                                40. Hundposttag
Das mörderische Duell - Rettung der Duelle - Gefängnisse als Tempel betrachtet -
        Hiobsklagen des Pfarrers - Sagen meiner biographischen Vorzeit,
                               Kartoffelnstecken
Indem ich in den 40sten Tag mit der Anmerkung einschreiten will: »Die Historie
des Duells ist noch voll Banal-Chiffern und ein wahrer unbezifferter Generalbass«
- langt ein Stück vom 43sten an und beziffert den Bass oder punktiert die
hebräischen Konsonanten. Diesem jungen Vorlauf aus dem 43sten Kapitel hat man es
zu danken, dass ich die Schuss-Historie mit froherem Mut erzählen kann.
    Man wird es nicht erraten, wer über Klotildens Verlobung am meisten
aufkochte - der Evangelist nämlich. Ihn verdross die kühne Treulosigkeit des
Kammerherrn, über dessen Höflichkeit er bisher durch Grobheit regiert hatte,
darum so sehr, weil eine menschliche Mixtur von Kraftlosigkeit und Schmeichelei,
wie Le Baut, uns unsäglich erbittert, wenn sie von Schmeicheleien zu
Beleidigungen übergeht. Noch mehr hetzte ihn, der Flamin aufhetzte, die Witwe
des Kammerherrn auf und schürte in sein Elementarfeuer sanftes Öl und einige
Zündruten nach; sie hasste Klotilden, weil diese geliebt wurde, und unsern
Helden, weil er nicht, wie der Evangelist, die Stiefmutter über die Stieftochter
erhob. Eine Frau, die für einen Mann in den Tod gegangen ist, d.h. in einen
kurzen Schlaf (welches der Tod für Fromme ist), nämlich in eine Ohnmacht - wie
eben die Frau Witwe im 8ten Posttage -, darf schon diesen Mann hassen, wenn er
sich nicht lieben lässet. Der Evangelist, der bisher Klotildens und Viktors
Liebe nur für die zufällige Galanterie einer Minute gehalten und der die
flüchtige Verbindung mit seiner Schwester Joachime auch für keine längere
angesehen hatte, war teufelstoll über den Fehlschuss im ersten Falle und über den
Königschuss im zweiten; und er beschloss, sich und seine Schwester, die er mehr
als seinen Vater liebte, an jedem zu rächen.
    Joachime war noch dazu bitter gegen Viktor erzürnt, da sie sich und ihre
Liebe zum blossen Deckmantel der seinigen gegen Klotilden bisher gemissbraucht
glaubte. Ich habe oben berichtet, dass Mattieu nach dem Besuche Eymanns den
seinen bei Flamin machte. Als ihm der Rat die Unterredung mit dem Pfarrer und
seinen Haupteid eröffnet hatte: fasste sich Matz und wälzete viel auf den
Kammerherrn: »dieser sei ein kleiner Filou und ein grosser Hofmann - er habe
vielleicht mehr als der Liebhaber Klotildens Badreise nach Maiental vermittelt
- er, und nicht so sehr Viktor, suche aus der Tochter ein Nachtgarn des
fürstlichen Herzens und einen gradus ad Parnassum des Hofes zu machen.« Flamin
war ordentlich froh, dass seine Rachbegierde noch einen andern Gegenstand bekam
als den, dessen Fehde er seinem Vater abgeschworen hatte. Indessen verbarg er
dem Rate (um unparteiisch zu sein) doch nicht, dass der Apoteker überall aus
Erbitterung gegen Sebastian aussagte, dieser habe den Plan dieser Heirat als
eines Erhöh-Mittels bloss von ihm, von Zeuseln. Flamin griff bei solchen
Knochenzersplitterungen der Brust nur zur Stahlkur des Degens, zum Bleiwasser
der Kugeln und zum Brenneisen des Säbels; und da ihn das Duell mit dem adeligen
Viktor verwöhnt hatte, wollt' ers in der ersten Hitze dem Dreiknöpfler Le Baut
auch vorschlagen, als Matz den turnierunfähigen Roturier auslachte. Flamin
vermaledeite in vergeblichem Grimm seinen Ahnen-Defekt, der ihn hinderte, sich
erschiessen zu lassen von einem Ahnen-Begüterten; ja er wäre - da er schnell
anglühte und doch langsam erkaltete - fähig gewesen, bloss eines adeligen
Schimpfwortes wegen (wie schon einmal einer tat) Soldat zu werden, dann Offizier
und Edelmann, bloss um nachher den stift- und schussfähigen Injurianten vor seine
Pistolenmündung zu laden.
    Aber der treue Mattieu - dessen fleckige Seele sich vor jedem anders
drehte, der Sonne gleich, die nach Ferguson sich ihrer Flecken wegen um sich
wendet, um allen Planeten gleiches Licht zu schenken - wusste zu raten; er sagte,
er wolle in seinem eignen Namen den Kammerherrn fodern, und zwar auf ein
vermummtes Duell, und dann könne in der Verkappung Flamin seine Rolle nehmen,
indes er selber unter dem Namen des dritten Engländers dabei wäre und die zwei
andern als Sekundanten.
    Flamin wurde durch Schnelligkeit übermannt; aber nun fehlte es wieder an
etwas, das noch weniger als der Adel zu einem Fechterspiel zu entraten ist - an
einer guten ordentlichen Beleidigung. Mattieu war zwar mit Vergnügen bereit,
dem Manne eine anzutun, die zu einem Duelle hinlänglich befugte; aber der Mann
mit dem kammerherrlichen Dietrich liess befahren, er werde sie vergeben - und
niemand käme zum Schuss. - Recht glücklicherweise entsann sich der Evangelist,
dass er ja selber schon eine von ihm erhalten habe, die er nur nützlich und
redlich zu verwenden brauche: »Le Baut hab' ihm ja vor drei Jahren die Tochter
so gut wie versprochen; und so gleichgültig dieser Meineid an sich sei, so
behalt' er doch als Vorwand zur Züchtigung für einen grössern Fehler seinen guten
Wert.«... So nimmt auf einer schmutzigen Zunge die Wahrheit die Gestalt der Lüge
an, sobald sich die Lüge nicht in die der Wahrheit kleiden kann. Und Flamin
ahnete nicht, dass sein angeblicher Brautführer nichts sei als sein wahrer
sabinischer Räuber derselben.
    Ich bin in Angst, man denke, dass Mattieu einem Kammerherrn, zumal einem,
bei dem Versprechen und Halten die weitläuftigsten Vettern waren, die
Machtvollkommenheit zu lügen mehr abspreche als einem Hofjunker, und dass er
vergesse, wie man überhaupt über den Strom des Hofs und Lebens wie über jeden
physischen nie gerade hinübergelange, sondern die Quere und schief. Aber der
Schlimme verachtet den Schlimmen noch mehr, als er den Guten hasset. Noch dazu
handelte er so nicht bloss aus Leidenschaft, sondern auch aus Vernunft: wurde
Flamin totgemacht, so musste er von Agnola, die jetzt immer mehr die Fürstin des
Fürsten wurde, und für die natürlicherweise ein Nachflor von Jenners und des
Lords vorigen Sämereien ein Distel - Gehege war, das Schiessgeld und Messgeschenk
empfangen und eine höhere Stelle auf der Meritentafel des Hofs; - ferner konnte
dann der Lord nicht mehr zum Tor hereinrollen und hinterbringen: »Ew.
Durchlaucht Sohn ist zu haben und am Leben.« - Wurde der Kammerherr erlegt, so
wars auch nicht zu verachten; dieser vorige Kostgänger und Prezist der
fürstlichen Krone war doch zum Teufel, und der Lord musste sich wenigstens
schämen, durch sein Schweigen den Regierrat in das mörderische Verhältnis mit
einem Manne verflochten zu haben, dem er in jedem Falle öffentlich die Verehrung
eines Sohnes abzutragen hatte. Mattieu konnte nicht verlieren - noch dazu
konnte er seine Wissenschaft um Flamins Abkunft verstecken oder aufdecken, wie
es etwa not tat.
    Da gar die Engländer die Sekundanten sein konnten: so sagte Flamin Ja; aber
Le Baut sagte Nein, als er das Manifest und Krieginstrument von Matzen erhielt;
des Todes war er fast schon über ein Todes-Rezept ohne das Ingredienz der Kugel.
Ich werde einen Hofmann nie so verkleinern, dass ich vorgebe, er lehne einen
solchen Kartoffelnkrieg aus Tugend ab oder aus Feigherzigkeit - solche Menschen
zittern gewiss nicht vor dem Tode, sondern bloss vor einer Ungnade -; aber eben
die letzte, die Le Baut vom Minister und Fürsten besorgte, schreckte ihn ab. Er
hielt daher auf feinem Papier und mit feinen Wendungen, die den Streusand
überschimmerten, Matzen die vorige Freundschaft vor und verbindliche Abmahnungen
von diesem auffallenden »Gozsurtel« und erklärte sich überhaupt bereitwillig,
gern alles zu leisten, was seine Ehre - beleidigte, falls er nur nicht durch das
Lusttreffen gegen das Duellmandat verstossen müsste. Aber er musste - Mattieu
schrieb zurück, er verbürge sich für das Geheimnis so wie für das Schweigen der
Sekundanten, und er schlage ihm zum Überfluss vor, sich einander in der Nacht und
in Masken die Drachen- zu insinnieren; »übrigens bleib' er auch in Zukunft sein
Freund und besuch' ihn, denn nur die Ehre fodere ihm diesen Schritt ab.«... Und
dem Kammerherrn auch; - denn diese Leute verschlucken wohl grosse, aber nicht
kleine Beleidigungen, so wie die von tollen Hunden Gebissenen zwar feste Sachen,
aber keine flüssigen hinunterbringen - und damit ist in meinen Augen ein Hofmann
wie Le Baut genugsam entschuldigt, wenn er sich stellt, als wär' er ein
redlicher Mann oder als ginge er von denen sehr ab, die das ganze Jahr ihre Ehre
zum Pfand einsetzen und das Pfand - wie Reichspfandschaften oder wie lebendige
Pfänder der Liebe - nie einlösen.
    Auf den Abend, wo Viktor in Maiental trauernd eintraf, war alles
festgesetzt - das Kriegsteater war zwischen St. Lüne und der Stadt.
                       Extrablatt zur Rettung der Duelle
Ich glaube, der Staat begünstigt die Duelle, um der Vermehrung des Adels Grenzen
zu stecken, wie eben darum Titus die Juden einander fodern liess. Da in Kanzleien
immerfort Edelleute gemacht werden, aber keine Bürgerliche - da noch dazu
allemal ein Bürgerlicher darangewendet und eingerissen werden muss, eh' die
Reichskanzlei einen Edelmann auf seiner Baustätte aufführen kann - da die
stehenden Armeen und die Krönungen zugleich zunehmen und folglich die Bauten
Adeliger mit: so würde der Staat sicher eher zu viel als zu wenig Edelleute (wie
doch nicht ist) besitzen, wäre ihnen nicht gegenseitiges Erschiessen oder
Erstechen verstattet. In Rücksicht der kleinen Fürsten, die in der Kanzlei -
Bäckerei gemacht werden, wäre weiter nichts zu wünschen, als dass zugleich auch
Untertanen - ein oder ein paar Rudel mit jedem Fürsten - mit abfielen von der
Drehscheibe; so wie ich überhaupt auch nicht weiss, warum die Reichskanzlei nur
Poeten machen will, da sie doch ebensogut Geschichtschreiber, Publizisten,
Biographen, Rezensenten von ihrer Salpeterwand abkratzen könnte. - Man wende mir
nicht ein, am Hofe schiesse man sich selten; hier hat die Natur selber auf eine
andere Art wohltätige Grenzen der Hofleute gesteckt, etwan so wie bei den
Hamstern, bei denen Bechstein die weise Absicht ihrer Entvölkerung darin findet,
dass sie, so boshaft bissig sie auch sonst das Ihrige verfechten, gleichwohl ihre
Brut nicht zum Ihrigen rechnen, sondern sie gern fahren lassen. Auch dürfte
Doktor Fenk mehr Recht haben, der ihre Partei nimmt und sagt, er gebe zu, sie
nützten nichts den wichtigern Gliedern des Staats, dem Lehr-, dem Bauernstande
etc., aber doch viel den kleinern unnützen Gliedern, den Messhelfern des Magens
und des Luxus, den Mätressen, der Lakaienschaft etc., und ein Unparteiischer
müsse sie mit den Brennnesseln vergleichen, auf denen sich, da sie für Menschen
und grosse Tiere wenig Nutzen haben, die meisten Insekten beköstigen.
                       Ende dieses rettenden Extrablattes
Flamins Seele arbeitete sich den ganzen Tag in Bildern der Rache ab. In einem
solchen Sieden des Bluts wurden ihm moralische Leberflecken zu Beinschwarz, die
Druckfehler des Staats kamen ihm wie Donatschnitzer vor, die peccata splendida
des Regierkollegiums wie schwarze Laster. Heute sah er noch dazu den Fürsten
immer vor Augen, den er in den Klubs der Drillinge und noch mehr in Hinsicht auf
Klotilden tödlich hasste. Er verschmähte das belastete Leben, und in dieser
Hitze, worin alle Materien seines Innern in einem einzigen Fluss zerlassen waren,
suchte die innere Lava einen Ausbruch in irgendeinem Wagstück. Seine heutige
Ergrimmung war am Ende eine Tochter der Tugend, aber die Tochter wuchs der
Mutter über den Kopf. Die Drillinge, die, obwohl nicht mit der Zunge, doch mit
dem Kopfe so wild waren wie er, zündeten gar den ganzen Schwaden seiner vollen
Seele an.
    Endlich ritten nachts die zwei Sekundanten und Flamin und der in den dritten
Engländer verlarvte Mattieu auf den Schiessplatz hinaus. Flamin kämpfte
entflammt mit seinem aufsteigenden dampfenden Hengst. Später trug in Kurbetten
ein Schimmel den Kammerherrn daher. Stumm misset man die Mord-und Schussweite und
tauschet das Geschoss. Flamin als Beleidigter bricht zuerst wie ein Sturm gegen
den andern los; und auf dem schnaubenden Pferde und im Zittern des Grimms
schiesst er seine Kugel über das fremde - Leben hinaus. Der Kammerherr feuerte
absichtlich und offenbar weit vor dem Gegner vorbei, weil die Niederlage des
(vermeintlichen) Mattieu sein ganzes Hofglück mit niedergeschlagen hätte.
Mattieu, bei aller Schlauheit zu jähzornig und zu kraftvoll, schon unter den
Zurüstungen des Gefechtes schäumend und noch mehr ergrimmt über das Verfehlen
seines Wechsel-Ziels und zu stolz, um sich vor den Engländern mit dem Geschenk
seines Lebens unter einem fremden Namen und von einem so verächtlichen Widerpart
beschämen zu lassen, stiess seine eigene Maske herab und Flamins seine dazu und
ritt kalt auf den Kammerherrn zu und sagte, um ihn durch die Entdeckung seines
ahnenlosen Gegners zu demütigen: »Sie haben sich im Stande geirrt - aber jetzt
schiessen wir uns.«... Le Baut stotterte verwirrt und beleidigt - aber Mattieu
drängte sein Pferd zurück - stand schrie - schoss mit versteinertem Arme und traf
und zerstörte tödlich das kahle Leben des armen Le Baut... Blitzschnell sagte er
allen: »Zum Grafen O!« und trabte - mit dem Bewusstsein der frühen, leichten
Vergebung von seiten des Fürstenpaars und der Witwe - über die Grenze hinüber
nach Kussewitz.
    Flamin wurde ein Eisberg - dann ein Vulkan - dann eine wilde Flamme - dann
ergriff er die Hände der Briten und sagte: »Ich, bloss ich habe den hier getötet.
Mein Freund hätte nichts mit ihm gehabt. Aber da er für mich gesündigt hat: so
ists Pflicht, dass ich für ihn büsse. - Ich will sterben; ich gebe mich bei den
Richtern für den Mörder aus, damit ich hingerichtet werde - und ihr müsst wie
ich aussagen.« - Aber er entdeckte ihnen jetzt einen viel höhern Antrieb zu
seiner kühnen Lüge: »Wenn ich sterbe,« sagt' er immer glühender, »so müssen sie
mich auf dem Richtplatz sagen lassen, was ich will. Da will ich Flammen unter
das Volk werfen, die den Tron einäschern sollen. Ich will sagen: seht, hier
neben dem Richtschwert bin ich so fest und froh wie ihr, und ich habe doch nur
einen Nichtswürdigen aus der Welt geworfen. Ihr könntet Blutigel, Wölfe und
Schlangen und einen Lämmergeier zugleich fangen und einsperren - ihr könntet ein
Leben voll Freiheit erbeuten, oder einen Tod voll Ruhm. Sind denn die tausend
aufgerissenen Augen um mich alle starblind, die Arme alle gelähmt, dass keiner
den langen Blutigel sehen und wegschleudern will, der über euch alle hinkriecht
und dem der Schwanz abgeschnitten ist, damit wieder der Hofstaat und die
Kollegien hinten daran saugen? Seht, ich war sonst mit dabei und sah, wie man
euch schindet - und die Herren vom Hofe haben eure Häute an. Seht einmal in die
Stadt: gehören die Paläste euch, oder die Hundshütten? Die langen Gärten, in
denen sie zur Lust herumgehen, oder die steinigen Äcker, in denen ihr euch
totbücken müsst? Ihr arbeitet wohl, aber ihr habt nichts, ihr seid nichts, ihr
werdet nichts - hingegen der faulenzende tote Kammerherr da neben mir«...
Niemand lächelte; aber er kam zu sich. Die Drillinge, für die der Körper und die
Zeit und der Tron eine Brandmauer oder ein Ofenschirm ihrer in sich selber
zurückbrennenden Freiheitlohe war, gelobten ihm gebundene Zungen, feste Herzen
und tätige Hände; doch waren sie schweigend entschlossen, ihn nach der
sprühenden Rede mit ihrem Blute zu retten und seine Unschuld zu entüllen. Eine
Folge dieses Freiheit-Dityrambus war, dass Kato der Ältere den Tag darauf den
Pulverturm bei Maiental, der das einzige Pulvermagazin im Lande war
(Kornmagazine hatte man nicht so viele), ins Gewitter aufsprengte, als er nach
Kussewitz zu Mattieu ritt. -
    Nun trugen sie die Lüge ins Dorf, Flamin habe die Verkappung Mattieus
benutzt und in einer ähnlichen dem Kammerherrn, den er wegen Mangel an Ahnen
nicht erschiessen konnte, mit der Pistole das Lebenslicht ausgeputzt. Der
Regierrat wurde auf einer kleinen scheinbaren Flucht inhaftiert und als eine
göttliche Statue allein in jenen Tempel gesetzt, der, wie die alten Tempel, ohne
Fenster und Gerätschaft war, und den die darin sesshaften Götter, wie Diogenes
sein Fass, mit Inschriften versehen, und den der gemeine Mann bloss ein Gefängnis
nennt. - - - Ich will aber vor allen Dingen diese und die folgenden Worte ein
                                   Extrablatt
benennen. Die Kapelle oder das Filial eines solchen Tempels heisset man ferner
ein Hundeloch. Die Priester und Sodalen dieser Pagoden sind die Stockmeister und
Stadtknechte. Überhaupt sind die Zeiten nicht mehr, wo die Grossen gleichgültig
gegen Wahrheiten waren; jetzo suchen sie einen Mann, der wichtige gesagt hat,
vielmehr auf und setzen ihm nach und machen ihn (mit mehr Recht als die Tyrier
ihren Gott Herkules) in besagten Tempeln mit Kettchen und eisernen postillons
d'amour fest, damit er da auf diesem Isolierschemel (Isolatorio) sein
elektrisches Feuer und Licht besser beisammen behalte und anhäufe. Ist einmal
ein solcher Merkur so fixiert, und hat er mit den Fixsternen ausser dem Lichte
auch die Unbeweglichkeit lange genug gemein gehabt: so kann man ihn, wenn mehr
aus ihm geworden ist, endlich gar an den Dreifuss so heisst der Galgen - als ein
hängendes Siegel der Wahrheit schaffen, wo er zur ordentlichen aufgetrockneten
Naturalie ausdorrt, weil er sonst als kein taugliches Exemplar in das Herbarium
vivum des philosophischen Martyrologium geklebt werden kann. Ein solches Hängen
ist eine würdigere und nützlichere Nachahmung der Kreuzigung Christi, als ich in
so vielen katolischen Kirchen an Karfreitagen sah, und im Grunde um nichts
schwächer als die, so Michelangelo nach der Sage veranstaltete, der den
Menschen, der ihm zum Gekreuzigten sass, oder vielmehr hing, re vera kreuzigte.
Daher sind in katolischen Ländern neben den unblutigen Messopfern mehre blutige;
denn ein solcher Quasichristus, der nicht in den dritten Himmel, aber doch in
den Zitterhimmel114 (coelum trepidationis) erhöht wird durch ein wenig Hanf,
soll - deswegen erlegt man ihn - seinen Lehren durch seinen Tod die Dienste
erweisen, die der höhere Kreuzestod einmal erwies. Und wahrlich die Toten
predigen fort - für die Wahrheit sterben ist ein Tod nicht für das Vaterland,
sondern für die Welt - die Wahrheit wird wie die Mediceische Venus in dreissig
Trümmern der Nachwelt übergeben, aber diese wird sie in eine Göttin
zusammenfügen - und dein Tempel, ewige Wahrheit, der jetzt halb unter der Erde
steht, ausgehöhlt von den Erdbegräbnissen deiner Märtyrer, wird sich endlich
über die Erde heben und eisern mit jedem Pfeiler in einem teuren Grabe stehen!
                                     Ende!
Kato ritt dem nach Kussewitz geflüchteten Mattieu nach und legte ihm mit
französischer Beredsamkeit den Plan Flamins, zu sterben, und ihren eignen, ihn
zu retten, vor. Matz genehmigte alles, aber er glaubte nichts; er blieb noch
ausser Landes. Doch erbat er sich, es ihm nicht übelzunehmen, wenn er Flamins
edle Aufopferung mit etwas vergelte, was wider ihren Plan, aber über ihre
Hoffnungen wäre. Will er etwan dem Fürsten es sagen, dass sein Sohn in der Haft
sitzt? -
In drei Minuten gehen die Leser und ich in die Apoteke zum Helden, wenn nur
vorher berichtet worden ist, dass, als der leere blutige Gaul des Kammerherrn und
die Drillinge mit der lügenhaften Hiobspost des Mordes ans Pfarrfenster kamen,
der Hofkaplan eingeseift und halb rasiert war. Er musste daher stillsitzen und
nur langsam unter dem Messer reden: »O Jammer über allen Jammer - scher' Er doch
fixer zu, mein Herr Feldscher - Frau, heule für mich.« - Er schwenkte in seiner
verhaltenen Pein die Hand schlotternd, um den Arm und das Kinn nicht zu
erschüttern: »Um Gottes willen, kann Er mich denn nicht hurtig schinden? - Er
hat einen armen Hiob unter dem Messer - es ist mein letzter Bart - man wird mich
und mein Haushalten gefänglich einziehen. - Du Rabenkind, dein Vater kann
deinetwegen dekolliert werden, du Kain du!« Er lief an alle Fenster: »Dass Gott
erbarm'! das wird schon im ganzen Pfarrspiel ruchtbar. - Siehst du, Frau, einen
solchen Satanas haben wir miteinander erzogen und geboren, du bist schuld. - Was
lauscht Er denn da! Scher' Er sich einmal fort zu Seinen Kunden, Herr Feldscher,
und schwärz' Er Seinen Seelenhirten nirgends an, und breit' Ers nicht aus!« - -
Jetzo kam die sanfte Klotilde, niedergesenkt und mit dem Schnupftuch in der
Hand, weil sie erriet, was das Herz einer untröstlichen Mutter bedürfe, nämlich
zwei liebende Arme als einen Verband um die zerschmetterte Brust und tausend
Balsamtropfen fremder Tränen auf das unter den Splittern schwellende Herz. Sie
ging auf die Mutter mit offnen Armen zu und schloss sie darin sprachlos weinend
ein. Der närrische Pfarrer fiel ihr zu Füssen und schrie: »Gnade! Gnade! wir
sämtlich wussten um nichts. Ich hab' den Totschlag erst unter dem Balbieren
gehört. Ich bejammre nur Dero hochseligen Herrn Vater und dessen Relikten. - Wer
hätt' es vor zehn Jahren sagen sollen, gnädiges Fräulein, dass ich eine Ranke
aufzöge, die meinen eignen Patronatsherrn niederschiesst? Ich bin ein geschlagner
Mann und meine Frau dazu. Ich kann nun aus Scham nicht mehr Senior Consistorii
werden - ich darf keinen Patenbrief an Se. Durchlaucht erlassen, gesetzt auch,
meine Frau kreisete auf dem Platze. - Und wenn sie meinen armen Sohn köpfen, so
werd' ich vor Jammer grau in die Grube fahren.« - Als ihm Klotilde, ohne zu
lächeln, mit ihrem heiligen Worte zusicherte, es gebe ein unfehlbares Mittel der
Rettung - womit sie Flamins fürstliche Abkunft meinte -: so sah der Kaplan sie
mit funkelnden Augen und verblüfften Mienen an und nannte sie immer halblaut
dazwischen: Himmelsengel! - Gottesengel! Erzengel! - Aber die zwei Freundinnen
zogen sich begierig in ein Kabinett zurück; und hier goss Klotilde das erste
Wundwasser in die weit aufgerissene Seele der Mutter, indem sie ihr die
Dazwischenkunft eines rettenden Geheimnisses beteuerte und verbürgte und mit ihr
deswegen die Reise nach London abredete. - Diese Entfernung wurde ihr zum Teil
noch durch ihr Missverhältnis mit der Kammerherrin abgedrungen, deren letzter
Windenschmied samt allen Hebemaschinen ihres gesunknen Schicksals nun mit ihrem
Manne begraben worden, und welche, da sie alle Schuld auf Klotildens Betragen
schob, diesen trauernden Geist durch ein absichtliches Übermass eigner Trauer
noch mehr zu kränken suchte. Da die Le Baut übrigens nichts so lieb hatte als
Gebetbücher und Freigeister: so ersetzte sie jetzo sich diese durch jene.
    Einige meiner Leser werden mir schon vorgeflogen sein und in den Erker
Viktors hineingeschauet haben, um seinen von vier Wänden versteckten Gram zu
finden - fürchterlich steht die Einsamkeit vor ihm und faltet ihm ein grosses
schwarzes Gemälde mit zwei frischen Gräbern auf; in einem grossen Grabe liegt die
verlorne Freundschaft, im andern die verlorne Hoffnung. Ach er wünscht das
dritte, worein auch er sich verlöre. Er hatte die erhabne Stimmung Hamlets. Der
verhüllte Julius kam ihm wie ein zuckender Toter vor. Er mied ganz den Hof; denn
sein Selbgefühl war viel zu bescheiden und stolz, um mit dem gestohlnen Adel und
den erschlichenen Rechten eines Lords-Sohnes ein flüchtiges Gepränge zu treiben.
Auch setzte sich an seinem Herzen eine kleine Frostbeule durch den Gedanken an,
dass der Lord, nach der Unart aller Staatsleute und Staatsmaschinenmeister, die
Menschen zu handhaben nur wie Körper, nicht wie Geister, nur wie Karyatiden,
nicht wie Mietleute des Staatsgebäudes, kurz bloss wie Tänzerinnen von Golkonda
115, die sich zum Lastvieh eines einzigen Reiters mit ihren Gliedern
zusammenschlingen und verschränken - dass der Lord, sag' ich, diese sonst
erhabene Seele, auch seinen Viktor zu sehr zum Arbeitzeuge seiner Tugend
verbrauchet hatte. Aber er vergabs dem Mann, dem er doch nichts vorzuwerfen
hatte, als dass er nur die Gütigkeiten eines Vaters gehabt, ohne die Rechte
desselben.
    Da Viktor niemand den Hof mehr machte: so wollte natürlich der Apoteker ihm
auch keinen mehr machen. Jener lächelte dazu und dachte: »So sollte jeder gute
Hofmann handeln und, wie ein geschickter Fährmann in seinem Boote, allemal die
Seite verlassen, die sinkt, und auf die andere übertreten.« Zeusel trat über zum
begünstigten Brunnendoktor Kuhlpepper, dessen Einsichten man die Heilung Jenners
zuschrieb, die vom Sommer herkam, und er legte sich hin, um mit seiner kleinen
Schlangenzunge die Füsse zu lecken, in deren Ferse er vorher mit seinem Giftgebiss
gestochen hatte - aber Grobiane vergeben nie; Kuhlpepper verachtete den
»Neunundneunziger« und der Neunundneunziger wieder meinen Hofmedikus, wiewohl er
ihn aus Furcht - wie der Fürst aus Gemächlichkeit - weder vor den Kopf noch aus
dem Hause zu stossen wagte.
    Armer Viktor! der Unglückliche braucht Tätigkeit, wie der Glückliche Ruhe;
und doch musstest du gebunden in die Zukunft wie in ein ausgedehntes
herantreibendes Gewitter schauen. - Du konntest sie weder verdrängen noch lenken
noch beschleunigen und hattest nicht einmal den Trost, dem Schmerze die Waffen
zu schmieden und wie Simson den Krampf der Qual durch Erschütterungen der Säulen
auszulassen und - auszulöschen! - Er konnte nicht einmal für den gefangenen
Liebling etwas tun, den er in einen noch grössern Jammer getrieben; denn Flamins
Leiden führten wieder die Freundschaft für ihn in seinen Busen ein, obwohl
verkappt in den Domino der Menschenliebe. Er musst' es erwarten, aber er konnt'
es nicht erraten, ob der Lord komme oder lebe - welches beides durch dessen
Schweigen und durch die Unsichtbarkeit des fünften Fürstensohnes wenig für sich
hatte. - Zuletzt stand er in Furcht vor dem - Schlaf, zumal dem
nachmittäglichen; denn der Schlummer legt zwar seine Sommernacht über unsere
Gegenwart wie über eine Zukunft, er zieht zwei Augenlider wie den ersten Verband
über die Wunden des Menschen und deckt mit einem kleinen Traume ein Schlachtfeld
zu; aber wenn er wieder weggeht mit seinem Mantel, so fallen die hungrigen
Schmerzen desto heisser auf den nackten Menschen los, unter Strichen fährt er aus
dem ruhigern Traume empor, und die Vernunft muss die ausgesetzte Kur, den
vergessenen Trost von vorn anfangen. - Und doch - du gutes Schicksal! - zeigtest
du unserem Viktor noch einen abendrötlichen Streif an seinem weiten Nachtimmel;
es war die Hoffnung, von Klotilden, die sein Herz nicht mehr die Seinige nennen
durfte, vielleicht einen Brief aus London zu erhalten....
    Ich wollte dieses Kapitel erstlich mit der Nachricht schliessen, dass die
Kapitel in immer weiterm Zeitraume und in kleinerem Format einlaufen - welches
das Ende der Historie bezeichnet -, und nachher mit der Bitte, es nicht
übelzunehmen, dass die Leute darin immer romantischer spielen und spekulieren;
das Unglück macht romantisch, nicht der Biograph.
    Aber ich schliesse gar nicht - eben der letztern Bitte wegen -, sondern
frische lieber im Kopf des Lesers das Bild des alten lustigen Viktors ein wenig
auf, den er sich kaum mehr wird denken können. Es ist ein ungemein glücklicher
Zufall, dass mir der Hund am dritten Hundposttage eines und das andere Faktum
eingeliefert, das ich damals gar ausgelassen habe. Deswegen kann ichs jetzo
unvermutet hinterbringen. Es muss ordentlich mir und dem Leser das grösste
Vergnügen machen, wenn mein Schilderei - sie war damals schon ganz fertig - hier
auf diesem Blatte aufgehangen wird.
    Der Hiatus des dritten Kapitels, worin ich Viktors Ankunft aus Göttingen im
Pfarrhaus male, lautet, vollgemacht, also:
    Der Kaplan hatte das Eigne mancher Leute, dass er mitten im Freuden- und
Visiten-Chor an seine winzigsten Geschäfte dachte, z.B. am Hochzeittage an seine
Maulwurffallen. Heute schnitt er in der Gesindestube - während der Lord dem
Hofmedikus die geheime Anleitung erteilte - die Säekartoffeln entzwei. Er konnte
den Schnitt dieser Früchte wenigen anvertrauen, weil er wusste, wie selten ein
Mensch Stereometrie des Auges genug besass, um eine Kartoffel in zwei gleiche
Kegel- oder Kugelschnitte zu zerfällen. Er hätte lieber die Säezeit versessen,
als einen Keimglobus in ungleiche Sektores zerlegt, und sagte: »Nur Ordnung will
ich haben.«- Es kann meinen Helden verschatten, wenn es auskommt - und durch den
Druck muss es ja - und wenn es zumal Nürnberger Patriziern und Leuten in Ämtern
und reichsgerichtlichen membris zu Ohren gelangt, dass Viktor nachmittags hinter
dem Kaplan und Appeln einen Ehrenzug auf den Krautacker hielt und daselbst das
vollführte, was man in einigen Provinzen Kartoffelnstecken nennt. Man liess ihm
das Lob, dass er in ebenso symmetrischen Fernen wie der Kaplan die unterirdische
Brotfrucht dem Boden einverleibe; überhaupt sannen beide der Kartoffelnallee
scharf nach, und ihre Augen waren die Linienteiler der Beete. Der Kaplan hatte
schon vorher dem Ackerpflug hinter einem Diopterlineal nachgesehen und
nachgeholfen, damit das Feld, um welches ich und die reichsgerichtlichen membra
jetzo stehen, in gleiche Prismata oder Beete ausgeschnitten wurde. Als beide
abends nach Hause kamen mit grossem Ernst und kleinen Wämsern: so hatt' ihn das
ganze Haus lieb zum Fressen; und die Pfarrerin fragte ihn, was er in seinem
Wams, wenn ihm die Kammerherrin begegnet wäre, gemacht hätte, eine Verbeugung,
eine Entschuldigung oder nichts?
    »O du liebes Deutschland!« (rief er und schlug die Hände zusammen) »soll
sich denn das ganze Land keinen Spass machen, als den der Hof dekretiert?«
(Viktor sah hier den alten tauben Kutscher Zeusel an; denn jede humoristische
Ergiessung richtete er ordentlicherweise an den, der sie am wenigsten verstand;
ich wills aber hier an die Patrizier und membra gerichtet wissen.) »Gibts denn,
mein lieber Mann, hierzulande nichts als Galgen und Zimmerleute und
Justizbeamten, ich meine so, dass also die ersten keine Axt anrühren, wenn nicht
die letzten damit den ersten Hieb getan? Will Er denn alle Narrheiten wie die
Moden von oben herab bekommen, wie ein Wind allemal in den obern Luftgegenden
sauset, eh' er unten an unsere Fenster anpfeift? - Und wo ist denn ein
Reichsabschied oder ein Vikariatkonklusum, das einem Reichs-Deutschen verböte,
närrisch zu sein? Ich hoffe, Zeusel, es soll noch eine Zeit kommen, wo Er und
ich und jeder so viel Verstand hat, dass er seinen eigenen hat und seine eigene,
aus seinem Fleisch und Blut gezeugte Privat-Narrheit, als Autodidaktus in jeder
Toll- und Weisheit. - O ihr armen Menschen! fangt doch nach den Flügel- und
Schwanzfedern der Freude unter den Gewalt-Märschen euerer Tage! O ihr Armen!
Will denn kein guter Freund einen Imperialfolianten zusammenschmieren und euch
dartun, dass ihr wenig Zeit habt, gleich dem Teufel in der Apokalypsis? Ach der
Genuss verspricht so wenig - die Hoffnung hält so wenig - der Säe- und Pflanztage
der Freude stehen im berlinischen Kalender so wenige - wenn ihr nun vollends so
dumm wäret und ganze Stunden und Olympiaden voll Lust als Eingemachtes
wegsetztet und aufhöbet im Keller, um, der Henker weiss wenn, darüber zu geraten
über ganze eingepökelte marinierte 60 Jahre - - ich sage, wenn ihr nicht an
jeder Stundentraube die Minutenbeere auskeltertet wenigstens mit einigen
Zitronendrückern - - - was würde denn am Ende daraus werden? ... weiter nichts
als die Moral zu meiner ersten und letzten Fabel, die ich einmal vor einem
Hannoveraner gemacht«...
    Ich wollt', der Leser wollte sie; denn sie lautet so:
    »Der dumme Hamster, heisst der Titel. Diesen brachte einmal der volle Kropf
einer Taube, den er ausfrass, auf die Preisfrage, ob es nicht besser wäre, wenn
er statt einzelner Körnchen lieber Tauben mit ganzen Kornmagazinen am Halse
eintrüge. Er tats. An einem langen Sommertag inhaftierte er einen halben
Taubenflug mit gefüllten Kröpfen; aber er riss keinen Kropf entzwei, sondern
sparte sich hungernd alles zusammen auf Abend und Morgen, erstlich um recht viel
Tauben einzufangen, zweitens um den Körner-Knaul abends durchgeweicht zu
schmausen. Er schljetzte endlich abends seinen Zehend-Offizianten die Kröpfe auf,
sechsen, neunen, allen - kein Körnchen war mehr da, die Inhaftaten hatten alles
schon selber verdaut; und der Hamster war so dumm gewesen wie ein - Geizhals.«
    So weit der dritte und der vierzigste Hundposttag-Armer Viktor!
    Nachschrift. Die Geschichte hält jetzt im Monat August und der
Geschichtschreiber vorn am Oktober - bloss ein Monat liegt zwischen beiden.
 
                                41. Hundposttag
  Brief - zwei neue Einschnitte des Schicksals - des Lords Glaubensbekenntnis
Man schenke einem Menschen, der, gleich Pferden, in der Nähe der Nacht und der
Heimat stärker läuft, den zehnten Schalttag; am Ende eines Lebens und eines
Buchs macht der Mensch wenig Ausschweifungen.
    Ich hab' es schon gesagt, dass nichts das Seelen-und Rückenmark mehr aus
einem Menschen presset, als wenn ihm sein Unglück kein Handeln vergönnt; das
Schicksal hielt unsern Viktor noch fest mit der einen Hand, um ihn wund zu
schlagen mit der andern, als in diesen Trauerwochen das Schöpfrad der Zeit zwei
neue Tränenkrüge im Herzen der Menschen einschöpfte und in die Ewigkeit
hinausgoss. Erstlich kam die trübe Nachricht wie Trauergeläute an Viktors Ohr,
dass sein ehemaliger Jugendfreund Flamin einen Schritt, zu dem es ohne das
Überwerfen mit ihm nie gekommen wäre, wohl mit dem Tode büssen werde. Einige Tage
nach den Kanikularferien - gerade als vor einem Jahre der arme Gefangne sein
neues Amt mit so vielen menschenfreundlichen Hoffnungen angetreten hatte - zog
jenes Gerücht wie eine Pestwolke aus den Sessionzimmern heraus. Viktor flüchtete
eilig und ungläubig und doch zitternd zum Apoteker, um ihm die Widerlegung
abzufragen. Dieser schlug vor ihm - eben weil er den Hofmedikus verachtete und
beschämen wollte - aufrichtig alle Hof- Rapportzettel und Cercle- oder
Kreis-Berichte auseinander und las ihm daraus so viel vor: es sei nicht anders.
Viktor hörte, was er schon voraussetzte, dass jetzt der Fürst den Laufzaum oder
das Stangengebiss seiner eignen Frau umhabe, und dass sie ihm durch Klotildens
Entfernung näherkomme und mit dem Ohr-und Ring-finger den in den Nasenring
eingefädelten Zügel bewege, als wäre sie in der Tat nichts Geringeres als seine
- Mätresse, welches ein neues trauriges Beispiel ist, wie leicht in den jetzigen
Zeiten eine feine Ehefrau sich die Rechte einer Kebsfrau erschleiche. Zeusel
fand es natürlich, »dass sie, als die Freundin des Ministers, der, so wie sein
Sohn Mattieu, der Freund des Kammerherrn gewesen, den Tod des letztern an
Flamin zu rächen suche, und dass der Minister, um seine Hand besser in die Griffe
der Parzenschere zu bringen und dem Regierrat den Lebensfaden
entzweizuschneiden, selber die fortdauernde Entfernung seines Sohns verhänge und
unterhalte, damit dieser nicht etwan den unglücklichen Liebling decke«. - Nicht
ein wahres Wort war daran, das wusste Viktor besser; aber desto schlimmer; o
verrät nicht alles, dass Mattieu die Fürstin durch Winke über Flamins Geburt in
sein treuloses Interesse gezogen, um, wie Zauberer, in der Ferne und durch
wenige Charaktere umzubringen? Würd' ihn wohl bloss die Furcht vor der Rüge der
Ausfoderung so lange ausser den Grenzsteinen des Landes festalten? - Noch dazu
brütete die Fürstensonne den ministerialischen Krötenlaich immer lebendiger an.
Es ist wahr - und Viktor leugnete es nicht - man darf erwarten von der Fürstin,
dass sie die Mattäus- oder Jakobsleiter, auf der sie das fürstliche Herz
erstieg, da sie vorher nur an Jenners Hand reichte, mit der Zeit umschnellen
wird mit dem Fuss, so wie der Marder sich vom schlaftrunknen Adler in die Höhe
reissen lässt und ihn erst droben so lange zerhackt, bis der Träger fällt und
stirbt; aber jetzt ist, glaub' ich, ihre fortdauernde Dankbarkeit gegen
Schleunes schon genugsam bei Rechtschaffenen dadurch entschuldigt, dass noch mehr
zu holen steht von der unvollendeten Gabe. Ein alter Gesetzmacher setzte auf
jeden Undank Strafe; ich glaube, man verfällt in den nämlichen Fehler wie er,
wenn man jede Dankbarkeit tadelt und bestraft, da oft der Eigennützigste am Hofe
zu ihr seine guten Gründe haben kann.
    Viktor ging trübe in sein Zimmer und sah Flamins Bild an und sagte: »O! das
wolle der Himmel nicht, dass du Armer nicht mehr zu retten wärest.« Viktor konnte
sich überhaupt drei Tage nach einer Beleidigung nicht mehr rächen: »Ich vergebe
jedem,« sagt' er sonst, »nur Freunden und Mädchen nicht, weil ich beide zu lieb
habe.« Aber welche Hand, welchen Zweig konnt' er dem sinken den Flamin
hinunterreichen ins Gefängnis? - Alles, was er vermochte, war, zum Fürsten zu
gehen mit einer nackten Bitte um dessen Begnadigung. Tausend Aufopferungen
unterbleiben, weil man nicht ganz gewiss ist, dass sie ihre rechten Früchte
bringen. Aber Viktor ging doch; er hatte sich die goldne Regel gemacht: für den
andern euch dann zu handeln, wenn der Erfolg nicht gewiss zu hoffen ist. Denn
wollten wir erst diese Gewissheit abwarten: so würden Aufopferungen ebenso selten
als unverdienstlich werden.
    Er ging zum Fürsten nach langer Zeit zum erstenmal - hatte den Nachteil
wider sich, eine lange Abwesenheit mit einer Bitte zu endigen - sprach mit dem
Feuer des Einsamen für seinen Flamin - flehte den Fürsten um den Aufschub des
Schicksals desselben an, bis der Lord wiederkehrte - erhielt die Entscheidung:
»Ihr Herr Vater und ich müssen es bloss der Justiz überlassen« und wurde kalt und
stolz verabschiedet.
    Jetzo, gerade am 5. September dieses Jahres, wo eine grosse Sonnenfinsternis
die Seele wie die Erde trübe und bange machte, jetzo hatte das Wasserrad des
Schicksals den ersten Tränenkrug in seiner Brust gefüllt - es wälzte sich
weiter, und der zweite floss über: Klotildens Brief kam den 22. September zu
Herbstes-Anfang an.
                                »Teurer Freund!
Ihr Herr Vater war in London noch zu Anfang des Februars und hatte viel
französischen Briefwechsel; dann ging er ab nach Deutschland, und seitdem weiss
meine Mutter nichts von ihm. Das Schicksal wache über sein wichtiges Leben. An
drei Eiden116, die seine Abwesenheit unauflöslich macht, hängen viele Tränen,
viele Herzen und, o Gott! ein Menschenleben. - Ich lege ein Blatt von Ihrem
Herrn Vater bei, das er bei meiner Mutter geschrieben und worin eine Philosophie
ist, die meinen Geist und meine Aussichten immer trüber macht. Ach, ob Sie
gleich einmal sagten: weder die Furcht noch die Hoffnungen des Menschen treffen
ein, sondern immer etwas anders: so hab' ich doch das traurige Recht, meiner
Bangigkeit und allen Träumen der Angst zu glauben, da ich mich bisher in nichts
irrte als in der Hoffnung. - Wie ungenügsam ist der Mensch! - Aber wenn auch
alles einträfe und ich zu unglücklich würde: so würd' ich doch sagen: wie könnt'
ich jetzt zu unglücklich sein, wär' ich nicht einmal zu glücklich gewesen? - -
    Sie werden mir es gern vergeben, dass ich über London und über den Eindruck
schweige, den es auf ein so zerstreutes Herz wie meines machen konnte. Das
tätige Gewühl der Freiheit und der Schimmer des Luxus und des Handels beklemmen
eine kummerhafte Seele bloss und machen nicht froher, wenn man es nicht vorher
ist. Sei glücklich, geliebte Vaterstadt, sagte mein Herz, sei es lange und sehr,
wie ichs in dir gewesen bin in meiner Jugend! - Aber dann eil' ich lieber mit
meiner Mutter auf ihr Landhaus zu, wo einmal drei gute Kinder117 so fröhlich
grünten, und da werd' ich unaussprechlich erweicht, und dann bild' ich mir ein,
ich sei hier glücklicher als unter den Glücklichen. Ich bilde mir es wohl nur
ein; denn wenn ich da das gesammelte Spielzeug dieser guten Kinder, ihre
Exerzitienbücher und ihre engen Kleider anschaue; wenn ich mich unter drei
aneinandergesäete Kirschbäume setze, die sie scherzend in dem zu engen
Kindergarten eingelegt hatten; und wenn ich dann denke, auf dieser Bühne zogen
sie ihre Herzen für ein glücklicheres Leben gross, als sie gewonnen, für eine
höhere Tugend, als die Verhältnisse zugelassen, und für bessere Menschen, als
sie gefunden haben: dann werd' ich sehr betrübt, und dann ist mir, als müsst' ich
weinen und dürft' ich sagen: auch ich bin in England geboren und wurde in
Maiental von Emanuel erzogen.
    Ach ich kann mein Herz nicht verbergen, wenn ich den Namen dieser grossen
Seele schreibe. - Er war hier oft auf einem Berge, wo eine auseinandergefallene
Kirche liegt, und wo er auf eine noch nicht umgeworfene Säule stieg, um sein
Auge zu den Sternen zu erheben, über denen er nun wohnt. - Ich wollte Ihnen
jetzo das schreiben, was mir meine Mutter von seinem Abschied erzählte; aber es
tut mir zu wehe, und ich werd' es Ihnen mündlich sagen. Ich besuche diesen Berg
sehr oft, weil man die ganze Ebene nach Osten hinuntersehen kann: hier hängt
noch der alte Baum mit seinen Wurzeln und Zweigen in den Steinbruch hinunter,
der voll zerstückter Tempelsäulen liegt; Emanuel nahm oft abends das Kind dahin,
das er am meisten liebte118 und das, wenn er auf der Säule betete, mit dem einen
Arm um den Baum geschlungen, sehnsüchtig und singend über die weite Gegend
hinüberblickte und sich hinauslehnte und, ohne es zu wissen, in süsser
Beklommenheit über die eignen Töne und die entlegnen Gefilde weinte und über das
blasse Morgenrot, das von der Abendröte zurückglimmte. Einmal, da der Lehrer das
Kind fragte: Warum bist du so still und singest nicht mehr? - gab es zur
Antwort: Ach, ich sehne mich in die Morgenröte, ich möchte darin liegen und
dadurch gehen und in die hellen Länder dahinter hineinschauen. - Ich setze mich
oft unter jenen Baum und lehne den Kopf an ihn und verfolge stumm die Entfernung
bis an den Horizont, der vor Deutschland steht, und niemand stört mein Weinen
und mein stilles Beten.
    Ich war heute zum letzten Male dort, denn morgen gehen wir mit meiner
Mutter, ohne die mein verwaistes Herz nicht mehr leben kann, nach Deutschland
zurück zum besten Freunde der
                                                              treuesten Freundin
                                                                            Kl.«
                                       *
O du gute Seele! - -
    Hart klingt jetzt das sonderbare Blatt vom Lord, das kein Brief, sondern
eine kalte Schutzrede seines künftigen Betragens zu sein scheint:
    »Das Leben ist ein leeres kleines Spiel. Wenn mich meine vielen Jahre nicht
widerleget haben: so ist eine Widerlegung durch die wenigen übrigen weder nötig
noch möglich. Ein einziger Unglücklicher wiegt alle Trunkne auf. Für uns
nichtige Dinge sind nichtige Dinge gut genug; für Schläfer Träume. Darum gibt es
weder in noch ausser uns etwas Bewundernswertes. Die Sonne ist in der Nähe ein
Erdball, ein Erdball ist bloss die öftere Wiederholung der Erdscholle. - Was
nicht an und für sich erhaben ist, kanns durch die öftere Setzung so wenig
werden als der Floh durchs Mikroskop, höchstens kleiner. Warum soll das Gewitter
erhabner sein als ein elektrischer Versuch, ein Regenbogen grösser als eine
Seifenblase? Lös' ich eine grosse Schweizergegend in ihre Bestandteile auf: so
hab' ich Tannennadeln, Eiszapfen, Gräser, Tropfen und Gries. - Die Zeit zergeht
in Augenblicke, die Völker in Einzelwesen, das Genie in Gedanken, die
Unermesslichkeit in Punkte; es ist nichts gross. - Ein oft gedachter
trigonometrischer Satz wird zum identischen, ein oft gelesener Einfall schal,
eine alte Wahrheit gleichgültig. - Ich behaupte wieder: was durch Stufen gross
wird, bleibt klein. Wenn die Dichtkraft, die entweder Bilder oder Leidenschaften
malt, nicht in der Erfindung des alltäglichsten Bildes schon zu bewundern ist,
so ist sie es nirgends. In die Stelle eines andern kann sich jeder, wie der
Dichter, wenigstens in irgendeinem Grade setzen. - Die Begeisterung ist mir
verhasst, weil sie ebensogut durch Liköre als durch Phantasien entsteht, und weil
man in und nach ihr am meisten sich zur Unduldung und zur Wollust neigt. - Die
Grösse einer erhabnen Tat besteht nicht in der Ausführung, die auf körperliche
Armseligkeiten, auf Bewegen, Stehen, ausläuft, nicht im einfachen Entschluss,
weil der entgegengesetzte, z.B. der, zu morden, ebensoviel Kraft bedarf als der,
zu sterben, nicht in der Seltenheit, weil wir alle in uns dieselbe Tüchtigkeit
dazu, nur aber nicht die Beweggründe dazu empfinden, nicht in allen diesem,
sondern in unserer Prahlerei. - Wir halten unsern allerletzten Irrtum für
Wahrheit, und nur den vorletzten für keine, unser Heute für fromm, und jeden
künftigen Augenblick für den Kranz und Himmel der vorigen. Im Alter hat der
Geist nach so vielen Arbeiten, nach so vielen Stillungen denselben Durst,
dieselbe Qual. - Da alles sich verkleinert in einem höhern Auge: so müsste ein
Geist oder eine Welt, um gross zu sein, es sogar dem sogenannten göttlichen Auge
sein; aber dann müsst' er oder sie grösser sein als Gott, weil man nie sein
Ebenbild bewundert. - In meiner Jugend gab ich in einem Trauerspiel dem Helden
alle jene Grundsätze und liess ihn kurz vorher, eh' er sich den Dolch ins Herz
trieb, noch sagen: Aber vielleicht ist der Tod erhaben; denn ich fass' ihn
nicht. Und so will ich denn die Blutbögen, die aus dem Herzen aufspringen und so
spielend das Menschenhaupt und Menschen-Ich in der Höhe erhalten, wie ein
Springbrunnen die daraufgelegte Hohlkugel schwebend trägt, diesen Springbrunnen
will ich mit dem Dolche ableiten, damit das Ich niederfalle. - Ich schauderte
damals über diesen Charakter; aber ich dachte nachher über ihn nach, und es
wurde mein eigner!« -
                                       *
Fürchterlicher Mensch! Dein Blut-Strahl und das Ich darüber ist vielleicht schon
umgefallen, oder bricht bald darnieder. - Und eben diese schwarze Weissagung ist
auch im Herzen Klotildens und Viktors - - O möchtest du, anderer gebückter Mann,
den ich hier vor dem Publikum nicht nennen darf, es erraten, dass ich dich meine,
dass du ebenso wie der unglückliche Lord dein eigenes Ich abfrissest gleich
blutsaugenden Leichen, und dass du in der Sternennacht des Lebens noch einen
eignen tödlichen Nebel um dich trägst! O der Anblick eines grossmütigen Herzens,
das sich bloss durch Ideen hülflos macht, und das unzugänglich und betäubt in
seiner Laube aus philosophischen Giftbäumen liegt, färbt oft Tage schwarz! -
Glaube nicht, dass der Lord irgendwo recht habe! Wie kann er etwas klein finden,
ohn' es gegen etwas Grosses zu halten? Ohne Achtung gäb' es keine Verachtung,
ohne das Gefühl der Uneigennützigkeit keine Bemerkung des Eigennutzes, ohne
Grösse keine Kleinheit. So wenig du aus dem Schwanken der Saiten die Tränen des
Adagio oder aus den Blutkügelchen und dreifachen Häuten eines schönen Gesichts
deine Achtung für dasselbe erklärst: ebensowenig kannst du dein Entzücken für
das Geistige in der Natur mit den körperlichen Fasern derselben rechtfertigen
wollen, die nichts sind als die Flöten-Ansätze und Dis- und Fisklappen der
ungespielten Harmonie. Das Erhabne wohnt nur in den Gedanken, es sei des Ewigen,
der sie ausdrückt durch Buchstaben aus Welten, oder des Menschen, der sie
nachlieset! -
    Ich verschiebe die Widerlegung des Lords auf ein anderes Buch, obwohl dieses
auch eine ist. -
 
                                42. Hundposttag
  Aufopferung - Valetreden an die Erde - Memento-mori - Spaziergang - Herz von
                                     Wachs
Es gibt einen Schmerz, der sich mit einem grossen Saugestachel ans Herz legt und
Tränen durstig zieht - das ganze Herz rinnt und quillt und drückt zuckend die
innersten Fasern zusammen, um zu einem Tränenstrom zu werden, und fühlt den Zug
des Schmerzens nicht unter der tödlich-süssen Ergiessung... So tödlich-süss
schmerzte unsern Viktor Klotildens Brief.
    Aber tödlich-bitter war der des Lords. »O dieser müd-gequälte Geist« - rief
er aus - »sehnte sich ja schon auf der Insel der Vereinigung nach Toten-Ruhe-ach
er ist gewiss schon aus der schwülen Erde geflohen, die ihm so klein und drückend
vorkam.« War das: so waren alle Schwüre, an deren Erlassung Flamins Leben hing,
ewig gemacht und dieser verloren. Wars nicht, so war wenigstens keine Zurückkehr
zu hoffen, da Emanuels Tod und Geständnis, Flamins Gefangenschaft und alle
bisherigen Zufälle, die der Lord alle erfahren konnte, seinen ganzen schön
liniierten Plan ausgestrichen hatte. Jetzo riefs laut in Viktors Seele: »Rette
den Bruder deiner Geliebten!« - Ja, es war ein Mittel dazu da; - aber der
Meineid wars. Wenn er nämlich den beging, dass er dem Fürsten entdeckte, wer
Flamin sei: so war er erlöset. Aber sein Gewissen sagte: Nein! - »Der Untergang
einer Tugend ist ein grösseres Übel als der Untergang eines Menschen - nur
Sterben, aber nicht Sündigen muss sein - soll es mich noch mehr kosten, mein Wort
zu brechen, als mich bisher kostete, es zu halten?«
    Bekanntlich war am Tage der heurigen Tag- und Nachtgleiche, wo er die zwei
Londner Blätter empfangen hatte, ein kalter schneidender regnender Sturm, aus
dem nachher der Sommer gleichsam zum zweitenmal aufblühte. - Viktor grübelte
weiter nach. Er zog jenen grossen Tag auf der Insel der Vereinigung noch einmal
mit allen Minuten vor sich und fand, dass er dem Lord durchaus geschworen hatte,
immer zu schweigen, ausgenommen eine Stunde vor seinem eigenen Tode. Wir werden
noch wissen, dass er sich diesen besondern Artikel damals ausbedungen, weil er
einmal Flamin zugeschworen hatte, sich mit ihm von der Warte zu stürzen, wenn
sie sich feindlich trennen müssten, und weil er jetzt, da ihm Klotildens
Verschwisterung berichtet wurde, voraus befürchtete, es könne zu jenem Trennen
und Stürzen kommen. Dann wollte er sich wenigstens die Freiheit vorbehalten, nur
eine Stunde vor dem Sterben seinem Freunde zu sagen, dass er unschuldig und die
Geliebte Flamins nur eine - Schwester sei.
    »Also eine Stunde vor meinem Tode darf ich alles offenbaren? - O Gott! - Ja!
- - Ja! - ich will sterben, damit ich reden kann!« rief er entzündet, pochend,
aufgeweht, über das Leben gehoben. - Der Sturmwind schlug die Giessbäche des
Himmels und die zerstäubten Eisfelder an die Fenster, und der Tag sank dunkel
unter in der zusammenschlagenden Flut »O!« (sagte unser Freund) »wie sehn' ich
mich aus diesem schwarzen Sturm des Lebens hinaus - in den stillen lichten Äter
- an die feste unbewegliche Brust des Todes, die den Schlaf nicht stört....«
    Wenn er dem Fürsten es entdeckte, dass Flamin sein eigner Sohn sei: so war
dieser errettet, und er brauchte nur eine Stunde darauf sich - umzubringen.
    Und das wollt' er gern; denn was hatt' er auf der Erde noch als -
Erinnerungen? O der Erinnerungen zu viel, der Hoffnungen zu wenig! - Wen kümmert
sein Fall? - die Geliebte, die ihn doch entbehret, oder ihren Bruder, den er
rettet und fliehet, oder seinen guten Lord, der vielleicht schon im Erdball
ruht, oder seinen Emanuel, dessen liebende Arme schon zerfallen? - »Ja bloss
diesen geht mein Sterben an,« (sagt' er:) »denn er wird sich sehnen nach seinem
treuen Schüler, er wird in einer Sonne die Arme öffnen und auf den Weg zur Erde
niederschauen, und ich werde heraufkommen mit einer grossen Wunde auf der Brust,
und mein strömendes Herz wird nackt auf der Wunde liegen - o Emanuel, verschmäh
mich nicht, werd' ich schreien, ich war ja unglücklich, seit du gestorben bist,
nimm mich an und heile die Wunde!«
    - »Siehst du meinen Vater?« sagte der blinde Julius, und sein Angesicht
nahte sich einer lächelnden Entzückung. Viktor erschrak und sagte: »Ich rede mit
ihm, aber ich sehe ihn nicht!« - Aber dies hemmte sein Erheben. Er war bisher
der Paraklet und Krankenwärter des armen Blinden gewesen; er konnt' ihn nicht
verlassen, er musste den Retraiteschuss des Lebens verschieben auf Klotildens
Ankunft, damit diese den Hülflosen beschirme. Ach der gute Nachtwandler und
Nachtsitzer (im eigentlichen Sinn) hatte anfangs jeden Tag seinen Viktor
gebeten, ihm ins Auge zu stechen und das Licht wiederzugeben, eh' sein teuerer
Vater auseinandergefallen wäre, damit er das schöne, von Würmern noch nicht
untergrabene Angesicht nur einmal sähe, nur noch einmal, ja er wollte wenigstens
die kalte Larve blind betasten - das hatt' er anfangs gebeten; aber in wenig
Wochen hatt' er seine Arme unter dem Toten weggezogen und sie ganz (wie ein
wahres Kind) mit aller seiner liebkosenden Liebe um den immer bei ihm zu Hause
bleibenden Viktor geschlungen. Auch in der Nacht reichten sie sich aus ihren
zwei nahen Betten die warmen Hände zu und gingen, so verknüpft, in die
Abendländer der Träume hinein. Den kindlichen Blinden hatte sogar das
fortklingende Getöse des Stadtgetümmels, das seinem Dorfe abgegangen war,
getröstet....
    Viktor erwartete also vorher die Ankunft Klotildens - ach, er hätt' es auch
ohne den Blinden getan. - Musst' er nicht seine gute Mutter noch einmal sehen,
seine unvergessliche Geliebte noch einmal hören? - Ich kann es übrigens nicht
verheimlichen, dass ihm nicht bloss die Rettung Flamins, sondern eigentlicher
Lebensekel die Hand bei seinem Todesurteil führten. Im Urteil des mörderischen
Ekels standen als Entscheidgründe der Sonnenuntergang Emanuels - Viktors
geläufige Nachtgedanken über unser Lukubrieren des Lebens - seine gänzliche
Umstürzung seiner bürgerlichen Verhältnisse - das ähnliche vergangene oder
künftige Muster des Lords - sein Lechzen nach einer Tat voll Stärke - und am
meisten die Todeskälte um seine nackt gelassene Brust, die sonst von so vielen
warmen Herzen zugedeckt wurde. Man kann Liebe und Freundschaft nur so lange
entbehren, als man sie noch nicht genossen hat - aber sie verlieren und ohne
Hoffnung verlieren, dies kann man nicht, ohne zu sterben. Seinem Gewissen macht'
er den optischen Betrug und Teaterstreich vor, dass er es fragte, ob er nicht
seinen Freund aus dem Wasser mit Gefahr des Lebens holen, ob er nicht vom
Brette, das nur einen trüge, in die Wellen stürzen dürfe, um den Tod zum
Kaufschilling eines andern Lebens zu machen. - Zwei sonderbare Vorstellungen
versüsseten ihm seinen Todes-Entschluss am meisten.
    Die erste war, dass er am Todestage (nach der Entdeckung beim Fürsten)
hingehen könnte ins Gefängnis zu Flamin und seine Hand anfassen und sagen
dürfte: »Komm heraus - heute sterb' ich für dich, damit ich dir beweisen kann,
dass Klotilde deine Schwester war und ich dein Freund - ich lösche das schwarze
Wort, das erst am Todestage vergeben werden kann, mit meinem unschuldigen Blute
aus, und der Tod drückt mich wieder in deinen Arm. - O ich tu' es gern, damit
ich dich nur noch einmal recht lieben und zu dir sagen kann: mein guter,
teuerer, unvergesslicher Jugendfreund!« - Dann wollt' er ihm mit tausend Tränen
um den Hals fallen und ihm alles vergeben: denn neben dem Tode und nach einer
grossen Tat kann und darf der Mensch dem Menschen alles, alles verzeihen.
    Die weichere Seele errät leicht die zweite Versüssung seines Todes. - Diese,
dass er noch einmal zur Geliebten hingehen und es vor ihr denken, obwohl nicht
sagen konnte: ich falle für dich. Denn er fühlte es jetzo doch, dass die
beschlossene Scheidung durch das Leben zu schwer sei und nur eine durch Sterben
leicht - o recht leicht und süss, empfand er, ists, vor der Geliebten das nasse
Auge zu schliessen, dann nichts mehr weiter anzusehen auf der Erde, sondern mit
den hohen Flammen des Herzens und mit dem an die Brust gedrückten teuren Bilde,
wie die eingesargte Mutter mit dem toten Liebling, blind an den Rand dieser Welt
zu treten und sich hinabzustürzen ins stille, tiefe, dunkle, kalte Totenmeer...
»Du bist«, sagt' er oft, »in mein Ich gemalt, und nichts macht dein Bild von
meinem Herzen los; beide müssen, wie in Italien Mauer und Gemälde darauf,
miteinander versetzet werden.« - Und da er jetzo nichts mehr nach seinem Körper
zu fragen brauchte: so durft' er die Tränen, die ihn zerrütteten, absichtlich
vorreizen - er wollte ordentlich etwas von seinem Leben Klotilden bringen -
daher macht' er einige Tage hintereinander die Proberolle der blutigsten
Abschiedszene bis zur Erschöpfung und zeichnete seinen Schmerz mit Dinte ab und
sagte zu sich, wenn ihn darüber Kopfschmerzen und Herzklopfen befielen: »So kann
ich doch etwas für sie leiden, wenn sie es auch nicht weiss.« -
    Hier ist ein solches Trauerblatt:
»O du Engel! Tät' es dir nur nicht zu wehe, so ging' ich zu dir und füllete vor
deinen Augen mein Herz so lange mit Tränen an, mit Bildern der schönern Zeit,
mit den bittersten Schmerzen, bis es zersprengt wäre und sänke - oder ich
erlegte mich in deiner Gegenwart, ach es wäre süss, wenn ich mein Herz mit Blei
zerschljetzte, indem es an deinem Busen lehnte, und wenn ich mein Blut und Leben
an deiner Brust abrinnen liesse. - Aber o Gott! nein, nein! Sondern, Gute,
lächelnd will ich zu dir gehen, wenn du wiederkömmst - lächelnd will ich vor dir
weinen, als wär' es bloss vor Freude über deine Wiederkehr - nur die Federnelke
mit dem roten Tropfen werd' ich von dir bitten, damit mein geschmücktes Herz
unter der letzten Blume des Lebens verwese. - Ich werde wohl so nah vor dir
bluten, himmlische Mörderin, wie die Leiche vor der Mörderin, aber doch nur
innerlich, und jeder Bluttropfe wird bloss von einem Gedanken auf den andern
fallen. - Dann endlich werd' ich lange verstummen und gehen und auf immer und
nur sagen und mehr nicht: Denk' an mich, Geliebte, aber sei glücklicher als
bisher. - - Wo werd' ich dann gehen nach einer Stunde? Ich werde gehen auf dem
öden stummen Wege zum giftigen Buo-Upas-Baum119, zum einsam stehenden Tode, und
dort ganz allein sterben, ganz allein. - - Die Toten sind Stumme, sie haben
Glocken, und ein Stummer wird im Blauen schweben und die Totenglocke läuten... O
Klotilde, Klotilde, dann ist unsere Liebe auf der Erde vorüber!«
                                       *
Kennst du, Leser, noch die Stimme, die in seinem Innern allzeit unter dem Weinen
der Musik im Tonfall der Verse erklang? Hier klingt sie wieder. - Aber sein
Orkan des Entschlusses machte bald sanfteren Taten und Stunden Platz, so wie der
Herbststurm der Tag und Nachtgleiche sich in stille Nachsommertage auflösete.
Der Gedanke: »In einigen Wochen flüchtest du unter die Erde« machte ihn zum
Freigebornen und zum Engel. Er verzieh jedem, sogar dem Evangelisten. Er füllte
seine kleine Sphäre mit einem Lebens-Nachflor von Tugenden; und widmete seine
kurzen Stunden nicht süssen Phantasien, sondern dürftigen Kranken. Er untersagte
sich jeden Aufwand, um seinem Julius das väterliche Vermögen ungeschmälert zu
lassen. Er war weder eitel noch stolz. Er sprach freimütig über und gegen den
Staat; - denn was ist so nahe neben dem Sturm- und Wetterdache des Sargdeckels
wohl zu fürchten? - Aber eben weil er bloss die Liebe zum Guten und keine
Leidenschaften und keine Feigheit in seinem Innern spürte: so widerstand er
sanft und ruhig; denn sobald nur der Mensch für sich selber überführt ist, dass
er Mut für den Notfall verwahre: so sucht er nicht mehr ihn vor andern
auszukramen. Der Gedanke des Todes machte ihn sonst zu humoristischen Torheiten
geneigt; jetzo aber nur zu guten Handlungen. Ihm war so wohl, ihm erschienen die
Menschen und die Szenen um ihn in dem milden stillenden Abendlichte, worin er
beide allemal in den Krankheiten seiner Kindheit erblickte. Es schien, als
wollt' er (und es gelang ihm) durch diese Frömmigkeit sein Gewissen zur
leserlichen Unterschrift seines eigenhändigen Todesurteils bestechen. Wie dem
verewigten Emanuel kamen ihm die Menschen wie Kinder vor, das Erdenlicht wie
Abendlicht, alles sanfter, alles ein wenig kleiner, er hatte keine Angst und
Gier; die Erde war sein Mond: jetzt erriet er erst die Seele seines Dahore....
    - Und du, mein Leser, fühlest du nicht, du würdest dich so nahe vor der
Klosterpforte des Todes ebenso veredeln? Aber ich und du stehen ja schon davor;
ist unser Tod nicht so gewiss als Viktors seiner, wiewohl in einem längern
Zwischenraum? O wenn jeder nur gewiss glaubte, nach Jahren an einem bestimmten
Tage führte ihn die Natur auf ihren Richtplatz: er wär' anders; aber wir alle
werfen das Bild des Todes aus unserer Seele, wie die Schlesier es am
Lätare-Sonntag aus den Städten werfen. Der Gedanke und die Erwartung des Todes
bessern so sehr als die Gewissheit und Wahl desselben.
    Jetzo zogen die schönen blauen Nachsommertage des heurigen Oktobers auf
zarten Phalänenflügeln von Spinnengeweben über den Himmel. Viktor sagte zu sich:
»Schöner Erdenhimmel, ich will noch einmal unter dir wandeln! Gutes Mutterland,
ich will dich noch einmal mit deinen Bergen und Wäldern überschauen und dein
Bild in die unsterbliche Seele heften, eh' dein gelbes Grün mein Herz
überwächset und darin einwurzelt - ich will dich sehen, St. Lüne meiner
Kindheit, und meine schönen Pfingstwege und dich, du seliges Maiental, und
dich, du guter alter Bienenvater120, und will dir deine Freudenstunden-Uhr
zurückgeben - - und dann werd' ich genug gelebt haben.«
    Er fragte sich: »Bin ich denn reif für die Obstkammer des Kirchhofs? - Aber
ist denn irgendein Mensch reif? Ist er nicht im 90sten Jahr noch unvollendet wie
im 20sten?« - Jawohl! der Tod nimmt Kinder ab und Feuerländer; der Mensch ist
Sommerobst, das der Himmel brechen muss, eh' es zeitigt. Die andere Welt ist
keine gleichgestellte Allee und Orangerie, sondern die Baumschule unserer
hiesigen Samenschule.
    Ehe Viktor mit Küssen und Weinen vom Blinden ging: beschied er abends vorher
die arme Marie ins Kabinett und empfahl ihr (wie dem italienischen Bedienten)
die Pflege des Blinden. Aber seine Absicht war, der zerbrochenen kraftlosen
Seele die Hoffnung einiger 100 fl. - soviel durft' er schon als Erbschaft von
seinem bemittelten Vater Eymann begehren - vorauszugeben und anzukündigen. Der
Eigennutz dieser Erniedrigten, der andere kalt gemacht hätte, rührte gerade sein
Innerstes; schon längst hatt' er gesagt: »man sollte mit keinem Menschen Mitleid
haben, der philosophisch oder erhaben dächte, am wenigsten mit einem Gelehrten -
bei einem solchen gingen die Wespen-Stiche des Schicksals kaum durch den Strumpf
- hingegen mit der armen Pöbelseele leid' er und wein' er unendlich, die nichts
Grösseres kenne als die Güter der Erde, und die, ohne Grundsätze, ohne Trost,
bleich, hülflos, zuckend und erstarret niederfalle vor den Ruinen ihrer Güter.«
- Es verdoppelte daher bloss sein Mitleiden, da diese Marie in sinnloser
Dankbarkeit vor ihm mit abgerissenen Danksagungen - Ausrufungen - Freudengüssen
- mit Rockkuss, einfältigem Lachen und Niederknien wechselte.
    Als er den andern Morgen ging - zuerst auf St. Lüne - und vor dem
Marienkloster vorüberkam, wo einmal die angenommene Tochter des Italieners
Tostato einen sechsten Finger opfern wollte: so kam Marie aus einer Glieder-Bude
121 heraus und hatte zwei wächserne Herzen erhandelt. Viktor brachte durch
langes und künstliches Fragen aus ihr heraus: sie wolle das eine, das ihres
vorstelle, der heiligen Marie umhenken, weil ihres ihr nicht mehr so wehe tue
und nicht so eingepresset sei wie vorige Woche. - Über das zweite wollte sie
lange nicht heraus; endlich gestand sie: es sei Viktor seines, das sie der
heiligen Mutter Gottes opfern wollte, weil sie dachte, es tu ihm auch recht
weh', da er so bleich aussehe und so oft seufze. - - »Gib mirs, Liebe,« (sagte
er zu tief bewegt) »ich will mein Herz selber opfern.«
    »Ja,« wiederholt' er unter dem stillen Himmel draussen, »das Herz hinter der
Brust will ich opfern - es ist auch von Wachs - und der Mutter Erde will ichs
geben, damit es heile - heile....«
    Lasset ihn immer weinen, meine Freunde, jetzo da er lächelnd die stille
blasse Erde anblickt, hinauf bis zu ihren Bergen voll Duft. - Denn Weichheit der
Empfindung verträgt sich gern mit Versteinerung und Passauer Kunst gegen das
verletzende Geschick. - Lasset ihn immer weinen, da er diese blumenlose,
gleichsam in die Seide des fliegenden Sommers sich einspinnende Erde ansieht und
ihm ist, als müss' er niederfallen und die kalte Aue wie eine Mutter küssen und
sagen: blühe früher wieder auf als ich, du hast mir Freuden und Blumen genug
gegeben! - Das stille Auseinander gehen der Natur, auf deren Leiche die
vollblühende Zeitlose gleichsam wie ein Totenkranz stand, legte durch dieses auf
lösende Reiben seine Kräfte sanft auseinander - er war ermüdet und gestillt -
die Natur ruhte um ihn, er in ihr - die Erschöpfung floss beinahe in eine süsse
kitzelnde Ohnmacht über - die Tränendrüse schwoll und drückte nicht mehr, eh'
sie übertrat, sondern ihr Wasser lief wie Tau aus Blumen leicht und ohne Stocken
nieder, wie das Blut durch seine Brust.
    Er sah jetzo St. Lüne liegen, aber gleichsam entrückt von ihm, in einem
Mondschein. Er ging nicht hindurch, um nicht die Wachsstatue zu erblicken, deren
Leichenpredigt er gehalten und zu der er auch ein Herz aus Wachs besass, sondern
er ging aussen herum: »Werde immer breiter und lauter, schöner Ort, nie umzingle
dich ein Feind!« Mehr sagt' er nicht. Denn als er vor dem Kirchhof vorüberging,
dacht' er: »Haben denn nicht diese auch alle von dem Orte Abschied genommen; und
tu' ichs allein?« -Bloss der Zurückblick nach dem Pfarr-Schieferdach entzündete
noch einen Blitz des Schmerzens durch den Gedanken an die mütterlichen Tränen
über seinen Tod; aber er sagte sich bald den Trost, dass das an Flamin gewöhnte
Mutterherz der Pfarrerin den Kummer über das Opfer heilen werde durch die Freude
über den geretteten Liebling.
    Er ging nun auf Maiental zu und zog mit Fleiss seine träumenden Gedanken von
dessen erhabnen Stellen ab, um (abends bei der Ankunft) desto mehr - Schmerz zu
geniessen. Aber nun spann sich sein Ich in ein neues Gedankengewebe ein: er
überdachte das Vergnügen, ohne alle Krankennächte hell und gerade, nicht
liegend, sondern aufgerichtet wie der Riese Cänäus122 in die Erde einzusinken -
er fühlte sich geschirmet gegen alle Unfälle des Lebens und gereinigt von der
stets in jedem Herzen fortnagenden Furcht - alles dieses und die Freude an
erfüllten Pflichten und an bezwungnen Trieben und die Lichter des blauen,
gleichsam im Blumenstaube stehenden Tages klärten seinen umgerüttelten
Lebensstrom so auf, dass er zuletzt länger (wenns ihm nicht sein Beschluss
verböte) im hellen Strome hätte spielen wollen... So gross wird durch die
Verachtung des Todes die Schönheit des Lebens - so gewiss ist jeder, der mit
kaltem Blut sich das Leben abspricht, vermögend, es zu ertragen - so wahr rät
Rousseau, vor dem Tode eine gute Tat zu unternehmen, weil man jenen dann
entbehren kann.... - Als Viktor so dachte: trat das Schicksal vor ihn und fragte
ihn zürnend: »Willst du sterben?«- Er antwortete: »Ja!« - da er vor
Sonnenuntergang in Obermaiental Klotildens Wagen, den er da bei der Abreise
gesehen, wieder erblickte. Jetzo fiel die Todeswolke über die Gegend nieder. Er
eilte vorüber - am Fenster sah er seine Mutter und die Lady, die Mutter Flamins
- sein Inneres brauste - seine Augen glühten trocken - denn er wählte unter den
Waffen des Todes. - Warum ging er so spät, im Dunkeln, mit einem stürmenden
Innern, das alle süssen Träume verfinsterte, noch nach Maiental? - Er wollte zu
Emanuels Grabe: nicht um da zu trauern, nicht um da zu träumen; sondern um sich
da eine Höhle zu suchen, nämlich die letzte. Der reissende Gram hatte ein Gemälde
seines Sterbens entworfen, und er hatte den Riss gebilligt: er wollte nämlich,
sobald das Verhängnis die Notwendigkeit seines Todes durch das Verschwinden
seines Vaters und durch die Gefahr Flamins entschieden hätte, neben der
Trauerbirke sein Grab aushöhlen, sich hineinlegen, sich darin töten und sich
dann von dem blinden Julius, der nichts wissen und sehen kann, mit Erde
überschütten lassen und so, verhüllt, unbekannt, namenlos aus dem Leben fliehen
an die modernde Seite seines Emanuels....
    Schwarze Leichenzüge von Raben flogen langsam wie Gewölk durch den
sonnenlosen Himmel und senkten sich wie Gewölk in die Wälder nieder - der halbe
Mond hing über der Erde - ein kleiner fremder Schatten, so gross wie ein Herz,
lief fürchterlich neben ihm, er sah auf, es war der Schatten eines langsam
schwebenden Geiers. - Er riss sich durch Maiental, er sah nicht den
entblätterten Garten und Dahores verschlossenes Haus, sondern lief durch die
Kastanienallee der Trauerbirke entgegen. - -
    Aber unter den Kastanien am Orte, wo ihn Flamin töten wollte, sah er
Klotildens welke Federnelke mit dem blutigen Kelch-Tropfen liegen... Und da noch
eine Lerche, die letzte Sängerin der Natur, über dem Garten zitterte und allen
Frühlingen des Lebens mit zu heissen Tönen nachrief und das Herz mit einem
unendlichen tödlichen Sehnen durchschnitt: so weinte mein Viktor laut hinauf,
und als er oben auf dem Grabe die grossen düstern Tränen abgewischt hatte, stand
- Klotilde vor ihm.
    Er erzitterte einmal und verstummte.... Sie kannte kaum die abgebleichte
Gestalt und fragte zitternd: »Sie sinds? Sehen wir uns wieder?« - Seine Seele
war auseinandergetrieben, und er sagte, aber in anderem Sinn: »Wir sehen uns
wieder.« Sie blühte, durch die Reise genesen. Aber Blut war in ihrem Schnupftuch
- es war das Blut, das Emanuel unter dem Duell in der Allee aus seinem Busen
vergossen. Er starrte fragend das Blut an - sie wies auf das Grab und verhüllte
ihr weinendes Auge. - Mit der Frage: »Ist Ihr Herr Vater gekommen?« wollte die
Gute sanft ablenken - aber sie lenkte ihn an sein Grab - sein Auge suchte wild
den Raum zur letzten kühlen Grotte des Lebens - sie hatte ihren sanften
Geliebten niemals so gesehen und wollte seine Seele mildern durch stilles
Erinnern an Emanuel - sie füllte die leere Stelle ihres Briefes aus und
erzählte, wie gefasst und still der Tote aus England gegangen und vorher beim
Abschiede in eine ausserordentlich tiefe Höhle des verfallnen Tempels alle seine
ostindischen Blumen, drei Bilder, beschriebene Palmblätter und geliebte
Aschensammlungen hinabgesenkt habe....
    Viktor war ausser sich - er stemmte seine Hand aufs taukalte nasse gelbe Grab
- er weinte in einem fort und konnte die Geliebte nicht mehr sehen - er stürzte
an ihren bebenden Mund und gab ihr den Abschiedkuss des Todes. Er durfte sie
küssen, denn Tote haben keinen Rang. Er fühlte ihre strömenden Tränen, und eine
harte Sehnsucht ergriff ihn, diese Tränen hervorzureizen; aber er konnte nur
nicht reden. Er erstickte ihre Worte durch Küsse und seine durch Qual. Endlich
konnte er sagen: »Lebe wohl!« Sie wand sich erschrocken los und blickte ihn an
mit grössern Tränen und sagte: »Wie ist Ihnen? Sie brechen mir das Herz!« - Er
sagte: »Nur meines muss brechen!« und riss das Herz von Wachs heraus und quetschte
es auf dem Grabe auseinander und sagte: »Ich opfre dir mein Herz, Emanuel, ich
opfre dir mein Herz.« Und als Klotilde fürchtend entflohen war: konnt' er ihr
nur mit erschöpften Tönen noch nachrufen: »Lebe wohl, lebe wohl!«
 
                                43. Hundposttag
                    Mattieus vier Pfingsttage und Jubiläum
Es ist ein Kunstgriff, dass ich wahre Spitzbuben-Szenen in den höhern Ständen
vorher französisch niederschreibe und dann verdolmetsche, wie Boileau seine
welken Verse vorher in Prose aufsetzte. - Da mir am 43sten Hundtage gelegen ist
- weil der edle Matz darin seinen Flamin sogar mit Aufopferung seiner Tugend und
des Lords zu retten sucht -: so gedenk' ich ihn aus dem Französischen, worin ich
ihn geschrieben, so getreu ins Deutsche zu übersetzen, dass mein französischer
Autor selber mir seinen Beifall schenken soll.
    Kaum hörte Mattieu, dass Klotildens und Flamins Mutter aus London gekommen:
so marschierte dieser Reineke aus seinem Fuchshau nach Flachsenfingen, weil er
sich die Ehre, Flamin zu erlösen, von niemand nehmen lassen wollte. Er griff,
seines Feuers ungeachtet, dem Zufall selten vor, sondern er passte und schob nur
da oder dort nach; - wie in einem Roman, so häkeln sich im Leben tausend leise
zusammengerückte Geringfügigkeiten endlich fest ineinander, und ein guter Matz
zwirnet aus zertragenen Spinngeweben des Zufalls zuletzt einen ordentlichen -
Seidenstrick für seinen Nebenmenschen. - Er liess sich kühn beim Fürsten eine
geheime Audienz auswirken, »weil er lieber der Strafe (wegen der Foderung zum
Duell) entgegenkommen, als über einige wichtige Dinge länger schweigen wolle«.
Wichtige und gefährliche waren längst bei Jenner verwandt, jetzt aber gar
identisch, weil ihn die Fürstin an jedem Morgen mit einigen Strophen aus dem Buss
- und Eulenliede über Aufruhr, Ankerströme und Propagandisten ansang. Sie und
Schleunes bliesen in ein Horn, wenigstens aus ihm eine Melodie.
    Mattieu trat ein und langte das grosse Wichtige hervor - die kahle Bitte um
Flamins Leben. Jenner sagte ein ebenso kahles Nein; denn der Mensch ist ebenso
unwillig auf den, der ihn in eine ungegründete Furcht, als auf den, der ihn in
eine gegründete jagt. Mattieu wiederholte kalt sein Gesuch: »Ich bitte Ew.
Durchlaucht bloss, nicht zu glauben, dass ich jemals die blosse Freundschaft für
eine hinlängliche Entschuldigung einer solchen kühnen Bitte halten würde - die
Pflicht eines Untertanen ist meine Entschuldigung.« - Jenner, den das unhöfliche
Zurückziehen verdross, brach es ab: »Der Schuldige kann nicht für den Schuldigen
bitten.« »Gnädigster Herr,« sagte der Evangelist, der ihn in Furcht und Harnisch
zugleich zu jagen suchte - »zu jeder andern Zeit als in der unsrigen würd' es
ebenso sträflich sein, gewisse Dinge zu erraten oder zu weissagen, als sie zu
beschliessen - aber in unserer sind diese drei Dinge leichter. Auf den Tag, wo
der Regierrat sein Leben verlieren sollte, ist ein Plan berechnet, den einige
zur Erhaltung des seinigen auf Kosten des ihrigen gemacht haben.« Der Fürst -
entrüstet über die Kühnheit, die sonst nicht in der Schneelinie123 der Höfe,
sondern nur in der demokratischen Gleicherlinie wohnt - sagte mit dem
Todesurtel, das Matz längst in sein Gesicht hineinhaben wollte: »Ich werde Ihnen
morgen die Namen der Elenden abfodern lassen, die ihr Leben preisgeben wollen,
um die Gerechtigkeit zu stören« Hier fiel dieser vor ihm nieder und sagte
schnell: »Mein Name ist der erste - jetzt ists meine Pflicht, unglücklich zu
werden - mein Freund hat niemanden getötet, sondern ich - er ist nicht der Sohn
eines Priesters, sondern der erstgeborne Sohn des getöteten Herrn Le Baut«...
    Solang' es noch Pfeilerspiegel gab, so sah nie ein so bestürztes
auseinandergefahrnes Gesicht aus ihnen als heute. Jenner liess ihn abtreten, um
sich wieder zusammenzulesen.
    Wir wollen jetzo in dem Vorzimmer drei Worte über den Abwesenden reden. Mir
sagte einmal ein feiner Mann, er habe einmal zu einem grossen Weltkenner gesagt:
»der Fehler der Grossen wäre, sich selber nichts zuzutrauen, und daher würden sie
von jedem gelenkt«; und der Weltkenner habe geantwortet: er treff' es. - Jenner
war Matzen gram, und das bloss seines satirischen und wollüstigen Gesichts wegen
- aber nicht etwan seiner Laster wegen. Ich setze voraus, der Leser wird doch
Höfe genug gesehen haben - auf dem Teater, wo die höheren Stände ihre Begriffe
von Landleuten und wir unsere von ihnen abholen -, um zu wissen, was man da
hasset - - keine Lasterhaften, nicht einmal Tugendhafte, sondern beide liebt man
wirklich (gerade wie dasige Bratschisten, Handwerker, Wetzlarer Prokuratoren,
Intendanten), sobald man sie nötig hat. - -
    Der Junker kam wieder vor. Jenner hatte das süsse väterliche Wallen über die
Neuigkeit, da er bisher alle seine Kinder verloren gegeben, gestillt, aber er
begehrte jetzt den Beweis, dass Flamin der (angebliche) Sohn des Kammerherrn sei.
Ums Duell kümmerte er sich gar nicht. Der Beweis war der aufrichtigen Seele
leicht zu führen: die Seele berief sich geradezu auf die Mutter, die eben gerade
aus London eingetroffen, um den Sohn zu retten, und auf die Schwester selber. -
Die Seele hatte wieder den Vordersatz, dass beide Kenntnis davon hätten, zu
erweisen; - Mattieu berief sich auf den Brief der Mutter, den er vor einigen
Jahren dem blinden Lord mit der angenommenen Stimme Klotildens vorgelesen, und
auf der Schwester Ausruf unter dem Duell im Maientaler Park: »Es ist mein
Bruder« - und zuletzt führt' er noch einen Hauszeugen in der Sache auf, den
Nachsommer, der jetzt bald erscheinen und das Äpfel-Muttermal, das Le Bauts Sohn
auf der Schulter trage, neu aufmalen werde.
    Mattieu hatte zu viel Hochachtung gegen seinen Fürsten und Herrn, um den
Herrn des Sohns den Vater des Sohns zu nennen. Jetzt hörte er damit auf: »er
wisse nicht, aus welchen Gründen der Lord Horion bisher Flamins Abkunft
verborgen habe - welche es aber auch seien, alle Entschuldigungen desselben
wären auch seine, warum er selber bisher geschwiegen - um so mehr, da ihm der
Beweis dieser Abstammung schwerer fallen müssen als dem Lord. - Nur jetzt durch
die Ankunft der Mutter sei die Leichtigkeit des Beweises so gross wie die
Notwendigkeit desselben. - Alles, was er tun können als ein Hausfreund des
Kammerherrn, sei gewesen, Flamins Vertrauter zu werden, um sein Wächter zu
werden.«
    Dadurch wurde notwendig der Fürst auf die Materie des Duells zurückgeführt,
die jener anfangs nach wenigen Winken fallen lassen. Es war sein Geschäftgang,
von einer ihm wichtigen Angelegenheit bald abzubrechen, über andere Dinge ebenso
lange zu sprechen, dann jene wieder vorzuholen und so das Wichtige unter ebenso
grosse Lagen von Unwichtigem zu verpacken, wie die Buchhändler konfiszierte
Bücher bogenweise unter weisses oder anderes Papier verschlichten. Auch war jetzt
Flamins Unschuld am Mord für Jenner wichtiger; dieser fragte also
natürlicherweise, warum er seinen Freund dem Scheine des Zweikampfes
preisgegeben habe.
    Mattieu sagte, es werde lange, und es sei kühn, Se. Durchlaucht um so viel
Aufmerksamkeit zu flehen. Er hob an zu berichten, was - die Hundposttage bisher
berichtet haben. Er log wenig. Er hinterbrachte, er habe, um Flamins Liebe für
seine unbekannte Schwester Klotilde zu brechen - wenigsten mehren wollt' er sie
-, ihn eifersüchtig machen wollen, aber er habe ihn mit niemand entzweien können
als mit dem Liebhaber; ja, es habe nicht einmal etwas gefruchtet, dass er ihn
selber den Ohrenzeugen der sehr verzeihlichen Untreue Klotildens werden lassen,
sondern jener habe noch zuletzt über die Verlobung der Schwester eine Wut
geäussert, die er durch nichts als durch die Vorspiegelung eines verkappten
Duells mit dem Vater befriedigen können - denn um einen zweiten Kampf zwischen
Vater und Sohn, den das Schweigen des Lords angezettelt, abzuwenden, hab' er ihn
selber unternommen, aber leider zu unglücklich.
    So weit der Edle. Die uns bekannten wahren Einschiebsel unterschlag' ich.
Jenner, der nun dem Evangelisten für die Wegnahme einer Furcht gewogen wurde, in
die er ihn selber gesetzt hatte, tat die natürliche Frage: »warum Flamin den
Mord auf sich nehme?« - Mattieu: »Ich flüchtete sogleich, und es stand nicht
bei mir, seine Unwahrheit, deren ich mich nicht versehen konnte, zu verhüten;
aber es stand bei mir, sie zu widerlegen.« - Jenner: »Fahren Sie in Ihrer
Freimütigkeit fort, sie ist Ihre Schutzschrift, weichen Sie nicht aus!« -
Mattieu mit einer freiern Miene: »Was ich zu sagen wusste, hab' ich schon gesagt
im Anfange, um ihn zu retten; und jetzt ist er gerettet.« - Jenner sann zurück,
begriff nichts und bat: »Noch deutlicher!« Mattieu mit der absichtlichen Miene
eines Menschen, der Versilberungen seines Vortrags zurechtmacht: »aus Grossmut
würd' er für den gestorben sein (für Matzen), der für ihn gesündigt hatte, wenn
ihn nicht seine Freunde retteten.« Jenner schüttelte ungläubig den Kopf. »Denn«,
fuhr jener fort, »da er seinen höhern Stand nicht kennt, so nahm er einige
französische Grundsätze leichter an, die ihm seinen Tod ebensosehr erleichtert
hätten, als einige Engländer sie würden beim Volke genutzt haben, um ihn zu
verhüten.« Zum Beweis führt' er den angezündeten Pulverturm nebenher an.
    Jenner sah staunend ein Licht in eine dunkle Höhle gleiten und sah weit in
die Höhle hinein.
    Man tut dem vortrefflichen Evangelisten unrecht, wenn man denkt, es tu' ihm
genug, bloss seinen Freund gerettet zu haben; sein gutes Herz war auch noch
darauf aus, dem Lord eine Ehrensäule zu setzen und ihn unter die Säule als
Grundstein zu legen. Er quartierte gern (wie in Hamlet) in dem Schauspiel wieder
eines ein und zog zwei Teatervorhänge auf. Wir wollen uns in die erste Loge
setzen. Sein bisheriges Betragen gegen den Regierrat zeigt genug, wie weit er
wahre Freundschaft zu treiben fähig war, ohne andere Freunde, z.B. die Fürstin,
vor den Kopf zu stossen; denn für die letzte war der Wiederfund des verlornen
Sohns des Fürsten ohne sonderlichen Nachteil, da der Sohn als jakobinischer
Logenmeister und als Rebell gegen den Stief- und den Vater zugleich präsentiert
wurde, und da noch dazu der Lord so entsetzlich dabei verlor. Aber weil Mattieu
sich nichts dabei vorzuwerfen hatte als sein Übermass an Menschenliebe: so suchte
er diesem Übermass durch ein entgegengesetztes in der Bosheit zu begegnen, weil
Bako schreibt: Übertreibungen werden am besten durch entgegengesetzte kuriert.
Nach seinen zu feurigen Begriffen von der Freundschaft konnt' er auch kein
echter Freund des Lords sein, da man nach Montaigne nur einen echten, wie einen
Liebhaber, haben kann, und der Lord schon einen dergleichen an Jennern
aufzeigte.
    Man vergönne mir, mit drei Worten kurz zu sein und angenehm: wenn die Araber
200 Namen für die Schlange haben, so sollten sie gar den 201sten dazulegen, den
eines Höflings - ferner erlaube man mir zu sagen, dass ein Mann von Einfluss und
Ton durch sogenannte Blutschuld ebensogut blühe als ein ganzer Staat durch
elendere metallische. -
    Jenner war jetzo vorbereitet, alles zu glauben, was die vorigen sonderbaren
Dinge erklärte. Eine Lüge, die einen Knoten löset, ist uns glaublicher als eine,
die einen knüpft. Mattieu fuhr fort: »er habe allen republikanischen concerts
spirituels beigewohnt, um Massregeln gegen Flamins Ansteckung zu nehmen; und er
übertreibe die Freundschaft gegen die drei Engländer und den Lords-Sohn (Viktor)
nicht, wenn er jene und diesen mehr für Arbeitzeug irgendeiner andern verborgnen
Hand ansehe als für Arbeiter an einem Plane selber. - Das bestätige der bisher
vom unschuldigen Flamin gemachte Missbrauch.« - Um Viktor zu entschuldigen, sagt'
er - wobei er ihn immer den Hofmedikus benamsete, so dass Jenner in dieser
Verfassung an einen Hofvergifter eher dachte als an etwas anderes - um also ein
vorteilhaftes Licht auf diesen zu werfen, sagt' er, selbiger liebe bloss das
Vergnügen und führe nur gehorsam das aus, was sein Vater entworfen - Viktor habe
sich in einen Italiener verkleidet, um die Prinzessin zu beobachten, und um es
nachher dem Lord, auf dessen Befehl ers vermutlich getan, in einer geheimen
Zusammenkunft auf einer Insel zu berichten. - Als Italiener hab' er der Fürstin
eine Uhr überreicht, in die er ein Blättchen versteckt, worin er den höhern Rang
vergessen, um dem seinigen zu schmeicheln.
    Der Fürst, der seine Gemahlin mit grösserer Eifersucht liebte als seine
Braut, fegte mit dem schlagenden Puterhahns-Flügel den Boden und machte den
Nasen-Zapfen lang und fragte stolz: wie er das wisse? - Mattieu versetzte
ruhig: »von Viktor selber denn die Fürstin wiss' es selber nicht«....
    Mir verdankt es der Leser, dass er tausend Dinge besser weiss - Agnola wusste
den Inhalt der Uhr gewiss recht gut; ja ich stelle mir sogar vor, sie habe, da
ihr die erzürnte Joachime Viktors gerades Geständnis seines concepit
hinterbrachte, Matzen oder Joachimen erlaubt, den gegenwärtigen Gebrauchzettul
zu entwerfen, nach welchem hier der Eheherr das Sebastiansche billetdoux
einzunehmen bekömmt. -
    - »sie habe vielmehr« (fuhr er fort) »seiner Schwester lange dar auf die Uhr
mit dem Blättchen geschenkt - Joachime hab' es in Viktors Gegenwart
herausgezogen, und der hab' es für schicklich gehalten, ihr eben dieses frei zu
bekennen, was sie und er selber aus Ehrfurcht noch nicht der Fürstin entdeckt
hätten. - Inzwischen sei ihm seine Schwester darauf ausgewichen - worauf er sich
Klotilden genähert, vielleicht nach einer väterlichen Instruktion, um den Bruder
in nähern Verhältnissen zu haben. - Aber allemal misch' er in väterliche Plane
des Ehrgeizes eigne des Vergnügens und sei gutgesinnt, so wie die Engländer, die
er für verkappte Franzosen halte.«
    Der Fürst versteckte unter dem ganzen Vorhalten dieser artigen
Schlangenpräparate seine Furcht unter Zorn; Mattieu, der die Maske und das
Gesicht sah, schnitt bisher alles nach jener zu und machte den scheinbaren
Mangel an Furcht zum Deckmantel seiner Kühnheit, sie zu erregen. - Und so ging
er vom Fürsten weg in einen unbestimmten spasshaften Arrest für den Mord; Jenner
fing aber an, die Sachen und Zeugen zu untersuchen.
    Vor dem Berichte des Erfolges lasset mich es gern gestehen, dass Matz, der
Edle, schon lügen kann, um so mehr, da er die Wahrheit als Sparrwerk seines
Lügen-Mörtels hinsetzt. Wie im polnischen Steinsalzbergwerk lässet der gute
Lügner beim Untergraben immer so viele Wahrheiten zu Säulen stehen, als gegen
das Einbrechen des Gewölbes nötig sind. Überhaupt ist jede Lüge ein glückliches
Zeichen, dass es noch Wahrheit in der Welt gibt; denn ohne diese würde keine
geglaubt und also keine versucht. Bankerutte machen dem Rechtschaffenen Freude
als neue Belege des unerschöpften Religionfonds von fremder Ehrlichkeit, die
vorhanden sein musste, wenn sie sollte betrogen werden. Solange noch Krieg- und
Friedentraktate schändlich gebrochen werden, so lange ist noch Hoffnung genug
da, und so lange fehlt es Höfen an echter Redlichkeit nicht; denn jeder Bruch
eines Vertrags setzet voraus, dass man einen gemacht hat - und gemacht könnte
keiner mehr werden, wenn kein einziger mehr gehalten würde. Es ist mit den
Lügen, wie mit den falschen Zähnen, die der Goldfaden nur an ein paar echte
hinterbliebene schliessen kann. -
    Jenner fing die Münzprobationtage des Mattäischen Evangeliums an.
    1) Der Pfarrer wurde vorgeladen, um in Gegenwart der landesherrlichen Hoheit
zu bekennen, was er für Zusammenrottungen im Priesterhause geduldet. Der schlug
in Oemlers Pastoralteologie nach, um zu ersehen, wie sich ein Pfarrer zu
benehmen habe, der gehenkt werden soll. Ohne Murren legte er jetzo den Hals vor
kleinern mässigen Unglückfällen auf den Block und unter das Beil, vor dem
Rattenkönig, der durch seine Behausung sausete, vor dem Strumpfband, das unter
dem Gehen langsam über die Kniescheibe abglitt, und vertauschte die
Ängstlichkeit des Glücklichen gegen die Angst des Unglücklichen. Im Verhöre
sagt' er, er habe an heiliger Stätte und an anderer auf die Klubs so gut als
einer geschmälet und sich deswegen den Girtanner gekauft. Auf die Frage: ob
Flamin sein Sohn sei? versetzte er traurig: er hoffe, seine Frau breche seine
und ihre Ehe nie. - Als er wieder nach Hause kam, nahm er, um nur nicht in der
Angst der Verhaftung zu sein, einen Bündel alter Predigtmanuskripte in einen
Steinbruch hinein und lernte sie da auf drei bis vier Sonntage vorher auswendig.
    2) An demselben Tage stattete der Minister von Schleunes (aus Gefälligkeit
gegen die Fürstin) einen Besuch in Le Bauts Hause ab und teilte der Lady und
Klotilden aufrichtig die laufenden Gerüchte über Flamins Abkunft mit. Beide
Damen mussten glauben, Viktor habe die letzte dem Fürsten entdeckt, um den
Unglücklichen zu retten. Wie hätten sie ihm nicht nachahmen sollen, da ihnen die
eiserne Birn des Schwurs von der Zunge und aus dem Munde genommen war, und da
man ein Geheimnis verletzen darf, wenn man sonst die Wahrheit verletzen müsste,
und da die zarten Seelen sich nun so herzlich über diese offne Jubeljahrtür im
Gefängnis ihres Lieblings freueten? - Mit einem Wort: der Minister brachte
nichts zurück als Bekräftigungen der Hypotesen seines Sohnes.
    3) An demselben Tage wurde der Kaufmann Tostato vom Grafen O über seinen
Buden-Mitarbeiter und Viktor vom Pater über den Verfasser des Hirten-oder
Schäferbriefes in der Uhr erforscht und dann vernommen. Auch hier hatte
Mattieu, wie zu erwarten, die Wahrheit ganz auf seiner Seite; Viktor war jetzt
zu stolz, zu fromm, zu resigniert, um zu verhehlen.
    4) Alle Sünden-Kerbhölzer in Kussewitz und überall griffen ineinander ein;
sogar aus Viktors vorigem Mittleramt, das er sonst beim Fürsten für Agnola
versah, aus seinen kleinen Unbesonnenheiten, aus seinen Satiren, aus seiner
Hosen-Einkleidung der Soldatenjungen, aus seiner Reise mit dem Fürsten wurde nun
lauter Zugwerk und Grundstriche einer gegen den Tron entworfenen
Schlachtordnung zusammenbuchstabiert. Überhaupt wars notwendig, Jenner musste, je
mehre Sehröhre er auf diese Lufterscheinung der Lüge richtete, sie nur desto
grösser erblicken. -
    Ich habe die Fürstin vergessen, die sich bei Jenner über das Billet sehr
beleidigt und unwissend anstellte und kaum mit der Strafe zufrieden war, dass dem
Helden der Hundposttage der Hof verboten wurde. - Der Hof- dir, guter Viktor!
der du bald die Erde dir verbieten willst!
    Jenner übersah leicht vergangne Beleidigungen, aber er rügte streng
zukünftige. Und da noch dazu Matz wie eine Klapperschlange so arg klapperte,
nicht um zu warnen, sondern um, wie auch die Nevern an der andern fanden, den
Raub steif und scheu zu machen: so war der Lord so über alle Tronstufen aus
Jenners Herzen herabgepurzelt, dass es ihm nicht einmal etwas helfen konnte, wenn
er sogleich aus der Luft herausgetreten wäre. Flamin war ohne ihn gefunden. -
Den drei Engländern schickte man die Erlaubnis in das Haus, nach ihrer Insel
(England) abzusegeln, wenn sie wollten. Sie liessen zurücksagen, sie brauchten
nur einen Tag, um auf ihrer Insel anzukommen, und warteten nur auf ihren
Reisegefährten. Unter der Insel meinten sie aber die Insel der Vereinigung - und
unter dem Reisegefährten den gefesselten Flamin, den sie mit bereden wollten.
    Es gefällt mir, dass meinem Viktor der Hof verboten wurde. Das Hof-Verbot ist
sonst eine Wohltat - diesen Namen verdient nun wohl eine Befreiung von den
Hofdiensten -, die sonst nicht immer an den Würdigsten erteilt wird, sondern oft
einem Teufel wie Louvois so gut als einem Apostel wie Tessin. Heisst aber das
nicht einer vorzüglichen Gnade, einem Orden pour le mérite allen Wert benehmen,
wenn man sie Schelmen zuwirft, da sie doch nur für den rechtschaffensten,
freimütigsten, ältesten Mann am Hofe als die grösste und letzte Belohnung, als
ein Treff- und Spiessfolgedank, als eine Ovation sollte aufgehoben bleiben? -
    Im nächsten Kapitel kann man sich auf einen Lärm gefasst machen, dergleichen
man in wenig deutschen Kapiteln hört; die Lärmkanonen der Hofpartei, das
Herabpoltern der Bühnen und das Umschmeissen der Stühle nach gehegtem peinlichen
Gericht werd' ich bis in meine Insel herüber hören können. Der schwarzhaarige
und schwarzherzige Hofjunker wird, wenn er aus dem Arreste los ist, mit seiner
ironischen Miene und mit der eignen leisen Stimme - die Ripienstimme seines
boshaftesten Hohns, wie sie bei andern die des erhabensten Entusiasmus ist -
überall herumstreichen und sagen: er wünsche, der Lord erschiene, er habe bisher
in seinen Sachen nach Vermögen gearbeitet. Am Hofe ist man zuweilen erhaben
durch eine vorstehende Bosheit, wie nach Burke kein Geruch erhaben ist als der
allerstinkendste und kein Geschmack als der bitterste. Und ebenso verbirgt allda
jeder die mitleidige Teilnahme am fallenden Günstling leicht, ähnlich dem weisen
Vater, der beim Fall eines Kindes das mitleidige Gesicht unter ein lustiges
versteckt.
    Den 21. Oktober kommt Mattieu los und darf zu Flamin gehen - er hat sichs
ausgebeten - und ihm die Freiheit und die Standerhöhung miteinander ansagen In
wenig Tagen könnten die Begebenheiten und mein Protokoll derselben aus einem
Zeit-Stundenglase rinnen, wenn der Hund ordentlich käme; aber er kommt, wenn er
will.
 
                                44. Hundposttag
      Die Bruderliebe - die Freundliebe - die Mutterliebe - die Liebe - -
Der Hund ist da, aber der Lord nicht - der Lärm ist klein, aber die Freude nicht
- alles ist vorbereitet, aber doch unerwartet - das Laster behauptet das
Schlachtfeld, aber die Tugend die elysischen Felder. - Kurz es ist recht
närrisch, aber recht hübsch. -
    Ich denke, das ist das letzte Kapitel dieses Buchs. Ich schaue ordentlich
den Postund - meinen pommerischen Boten124- der Schwanz ist sein Botenspiess -
mit Rührung an, und mich ärgerts, dass er mit Adam gefallen und einen Knochen
unter dem verbotenen Baum gefressen hat: denn im Paradies leuchteten die ersten
Hundeltern wie Diamanten, und man konnte durch sie sehen, wie Böhme behauptet. -
Eben darum, da der Berghauptmann bald ausgeschrieben hat, verzeih' mans ihm, dass
er in diesem Kapitel der Liebe feuriger und angenehmer ist als je und überhaupt
jetzo schreibt, als wär' er besessen.
    Anfangs ziehen den Himmelwagen noch Trauerpferde.... Sehr früh den 21.
Oktober 1793 wars, wo der Hofjunker ins Stockhaus Flamins lief aus dem eigenen
und diesem darin büssenden Bruder alles verkündigte, seine Entlassung - seine
Verschwisterung mit Klotilden - seine Einkindschaft ins fürstliche Haus - seine
aufsteigende Laufbahn und zugleich die Amnestie des mörderischen Boten, die
eigne nämlich. O wie glühte die Freude über Mattieus Lossprechung und
Vorsprache und über die eigne Standerhöhung seine stockenden Adern an. Denn
Flamin bestieg den höhern Stand als eine Anhöhe, um seine Wohltaten und Entwürfe
weiter zu werfen; Viktor hingegen war über seinen Standes-Bankerutt froh
gewesen, weil er Stille begehrte, wie jener Getöse. Viktor wollte mehr sich,
jener mehr andere umbessern. Flamin stiess lebendiges Schiffvolk über den Bord
ins Meer und nagelte den Staats-Bucentauro mit Rudersklaven voll, um ihn
schneller gegen Winde anzutreiben. Viktor aber erlaubte sich nur eine Leiche zur
Erleichterung des Kaperschiffs zu machen - seine eigne. Er sagte zu sich: »Wenn
ich nur den Mut allezeit heilig aufbewahre, mich selber aufzuopfern: dann
brauch' ich keinen grössern; denn der grössere opfert doch gestohlne Güter. - Das
Schicksal kann Jahrhunderte und Inseln opfern, um Jahrtausende und Weltteile zu
beglücken125; der Mensch aber nichts als sich.«
    Jubelnd lief Flamin mit seinem Erlöser nach St. Lüne, um die treue Schwester
in der untreuen Geliebten dankend und abbittend zu umfassen - ach als die hohe
Warte in seine Augen aufstieg: so zog sich blutig und schmerzhaft wie ein
Augenfell die Decke von ihnen herab, die bisher die Unschuld seines besten
Freundes, Viktors, verfinstert hatte. »Ach wie wird er mich hassen! O hätt' ich
ihm mehr getrauet!« seufzete er, und nichts freuete ihn mehr; denn den Schmerz
eines guten Menschen, der ungerecht gewesen, auch in der Meinung der vollesten
Gerechtigkeit, kann nichts trösten, nichts als viele, viele Aufopferungen. Er
schlich sich seufzend nicht zur neuen Mutter, sondern sank den treuen Drillingen
sanft an das unbeleidigte Herz. Die redlichen Seelen bewillkommten alle den
Evangelisten als einen helfenden Freund; und diese bunte Spinne kroch mit ihren
unreinen Spinnwarzen auf allen diesen edeln Gewächsen einer offenen Liebe herum;
die Spinne hörte alles, sogar die Abrede, dass die Engländer den Befehl, nach der
Insel abzugehen, nach dem Buchstaben nehmen und sich in die englische Insel des
Lords so lange einsperren wollten, bis Flamin und die Lady mit ihnen allen in
ihre grössere Insel - ins Werkhaus der Freiheit - in den klassischen Boden
aufgerichteter Menschen abzuschiffen imstande wären.
    Denselben Morgen zog der Kaplan in seinen Steinbruch und legte sich da vor
Anker, weil er vom Neuesten noch nichts wusste. Draussen versass er die Angst, und
nachts zog er wieder ein. Er ging da mit niemand um als mit seinem Körper - wie
manche sich mit ihrer Seele, so unterhalten sich andere mit ihrem Körper - und
sah von Zeit zu Zeit nicht die Natur, sondern sein Wasser an, um daraus - da
dessen Farbenlosigkeit nach der Physiologie Kummer bedeutet - die Kenntnis zu
schöpfen, ob er sich sehr abhärme oder nicht; wiewohl kein Protomedikus für ihn
stehen wird, dass er nicht urinam chyli oder sanguinis für urinam potus wird
angesehen haben. Da die Ärzte behaupten, dass Seufzer nützen, den Puls schneller
und die Lungenflügel leichter machen - ein Regent kann also ganzen Ländern auf
einmal nützen, wenn er sie zu seufzen nötigt -: so schrieb sich Eymann eine
bestimmte Anzahl Seufzer vor, die er zum Besten seiner Lunge täglich zu holen
hatte.
    Denselben Morgen ging die Lady zur Pfarrerin, um ihr zu sagen, dass Flamin
ein Unschuldiger, aber ihr Sohn nicht sei; und Klotilde ging mit ihr, um die
Hände der zwei Töchter zu nehmen und ihnen zu sagen: ihr habt einen andern
Bruder. Denn Viktor hatte seine Abkunft noch verhehlt. »O Gott!« (sagte die
verarmende Pfarrerin und schloss Flamins Mutter und Schwester an die schmachtende
Mutterbrust, die mit heissen Seufzerzügen einen Sohn begehrte) - »wo ist denn
mein Kind? - Führen Sie meinen wahren Sohn mir zu! - Ach ich ahnete es wohl, dass
mich das Duell doch ein Kind kosten würde! Er findet alles wieder, aber ich büsse
alles ein. - O Sie sind eine Mutter, und ich bin eine Mutter, helfen Sie mir!« -
Klotilde schauete sie mit dem weinenden Wunsche des Trostes an; aber die Lady
sagte: »Ihr Sohn lebt und ist auch glücklich, aber mehr kann ich nicht sagen.«
    Und denselben Morgen war dieser Sohn, unser Viktor, nicht glücklich. Ihm
war, bei dem Gerüchte von Flamins Loskettung und von Mattieus Dienstfertigkeit,
als wenn er das Zischen und den Kugelpfiff des herabschiessenden Stossvogels
vernähme, der bisher unverrückt gleichsam mit angenageltem Fittich hoch im
Blauen über dem Raub geruhet hatte. - Verarget es dem Doktor nicht gar zu sehr,
dass ihn die verlorne Gelegenheit kränkte, seinen Freund aus dem engen Gefängnis
und sich aus dem weiten des Lebens loszumachen. Denn er hat zu viel verloren und
ist zu einsam; die Menschen kommen ihm wie die Leute in dem polnischen
Steinsalzbergwerk vor, die herumtappen mit einem an dem Kopf gebundnen Licht,
das sie ein Ich nennen, vom genusslosen Blinken des Salzes umzingelt, weiss
gekleidet und mit roten Binden, als wären es Aderlassbinden. - Die Sprache seiner
Bekannten ist, wie die der Sineser, einsilbig. - Er muss dem beschämenden Tag
entgegenleben, wo Jenner und die Stadt die Niedrigkeit seines Standes ihm zum
Betrug anrechnen. - Vor jedem Auge steht er in einem andern Lichte oder Schatten
vielmehr: Mattieu hält ihn für grob, Jenner für intrigant, die Weiber für
tändelnd, so wie Emanuel für fromm und Klotilde für zu warm -, denn jeder
vernimmt an einem vollstimmig besetzten Menschen nur sein Echo. Welches Herz
konnt' ihn nun noch bewegen - seines ohnehin nicht -, das Ruder im Sklavenschiff
des Lebens länger zu halten? O eines konnt' es, ein mächtiges warmes, das
mütterliche: »Stürze dich nur aus der Erde,« - sagte sein Gewissen - »dann
stirbt dir deine Mutter voll Liebe nach und tritt in der zweiten Welt vor dich
mit so vielen Tränen, mit allen heissen Wunden und sagt: Sohn, dieser Schmerz ist
dein Werk!« - Er gehorchte und sah ein, wenn es edel ist, für eine Geliebte zu
sterben, so sei es noch edler, für eine Mutter zu leben.
    Daher beschloss er, noch heute abends - abends, damit die Nacht sich vor
einige verwitternde Ruinen der bessern Zeit, vor einige vorüberziehende
Nachtleichen der Erinnerung stellte - nach St. Lüne zu gehen, seine Mutter zu
rufen und ihr müdes sieches Herz wenigstens mit einer Freudenblume zu stärken
und ihr - da ihn kein Eid mehr band - zu sagen: du gibst mir jetzt zum
zweitenmal das Leben. Wie wohl wurd' ihm! - Ein einziger guter Vorsatz bettet
und lüftet das scharfe Siechbette eines zerrissenen Lebens.
    Aber am Abende, ihr guten Bedrängten, am Abende - nicht des Lebens, sondern
- des 21. Oktobers wird euch leichter und frischer werden, und die Kugel eurer
Fortuna wird sich aus der Wetterseite in die Sonnenseite drehen!
    Abends kam Viktor in St. Lüne an und hüllte sich in die Laube des
Pfarrgartens ein, wo er Klotilden die ersten Tränen der Liebe gegeben. - Das
Pfarrhaus, das Schloss, die Warte, die zwei Gärten lagen wie verfallne
Ritterschlösser um ihn, aus denen alle Freuden und Bewohner längst gezogen sind!
- Alles so herbststill, so stehend um ihn - die Bienen sassen stumm auf dem
Flugbrett neben hingerichteten Drohnen - sogar der Mond und ein Wölkchen standen
fest nebeneinander - die Wachsmumie war mit dem starren Gesicht gegen das stille
Zimmer umgewandt! - Endlich kam die Pfarrerin durch den Garten, um ins Schloss zu
gehen. Er wusste, wie sehr sie ihn wieder lieben musste, da seine Treue gegen den
eifersüchtigen Flamin jetzt ans Licht gekommen war. O sie sah so müde und
kränklich aus, so rotgeweint und verblutet und veraltet! Ihn dauerte es, dass er
erst ein gleichgültiges Wort sagen musste, um sie in die Laube zu rufen. Als sie
hineintrat: erhob er sich und bückte sich tief und legte sich auslöschend an die
teure Brust, hinter der eine Welt voll Seufzer und ein Herz voll Liebe war, und
sagte: »O Mutter, ich bin dein Sohn - nimm mich auf, dein Sohn hat nichts, er
liebt nichts mehr auf der ganzen weiten Erde, nichts mehr als dich - O liebe
Mutter, ich habe viel verloren, bis ich dich fand. - Warum siehst du mich so an?
- Wenn du mich verschmähest: so gib mir deinen Segen und lass mich entfliehen...
O! ich wollte ohnehin nur deinetwegen leben bleiben.« - Sie schauete ihn,
zurückgebogen, mit einem nassen Blick voll unaussprechlicher Zärtlichkeit und
Trauer an und sagte: »Ists denn wahr? O Gott! wenn Sie mein Sohn wären! Ach,
gutes Kind! - ich habe dich längst geliebt wie eine Mutter. Aber täusche mich
nicht, mein Herz ist so wund!« - Der Sohn schwur.... und hier sinke der Vorhang
langsam an der mütterlichen Umarmung herab, und wenn er Sohn und Mutter ganz
bedeckt: so schaue ein gutes Kind in seine eigne Seele zurück und sage: hier
wohnet alles, was du nicht beschreiben kannst!
    Jetzt abends schlich der Kaplan vom Felde heim und durch den Garten hindurch
und rief seinem neuen Sohne entgegen: »Ach! Herr Hofmedikus, ich schwinde
lästerlich ein. Ich sehe ja offenbar aus wie ein Ecce homo und Fieberhafter. Es
wird mir zugesetzt - ich soll eine persona miserabilis, einen souffre douleurs,
einen Patropassianer abgeben.« - Da Viktor ihm berichtet hatte: »es sei alles
vorüber, der Regierrat sei los und unschuldig«: so blickte Eymann fest auf die
Warte und sagte: »Wahrlich droben sitzt der Rat und guckt 'rüber« und wollte
hinauf zu ihm; aber Viktor hielt ihn sanft und sagte zärtlich: »Ich bin Ihr
Sohn« und offenbarte ihm alles. - »Wie? - Sie? - Du? - Der Sohn eines so
vornehmen Lords wäre mein Sohn? - Meinen Herrn Gevatter hätt' ich gezeugt? - Das
ist unerhört, ein Bruder der Pate des andern - zwei Sebastiane hab' ich auf
einmal im Hause.« - Er wurde die Pfarrerin ansichtig und fing einen Hader an -
welches allemal ein Zeichen seiner Freude war. - »So, Frau? Das weisst du heute
den ganzen Tag, und mich lässest du draussen im Steinbruch im Notstall sitzen,
mitten im Harm, und ich läute bis nachts an der Armensünderglocke? Hättest du
nicht den Kalkanten hinauslassen können zum Notifizieren? Das war recht schlecht
- die Frau steckt zu Hause und trinkt Bitterwasser, in das ihr ganze
Zuckerfässer und Konfektteller hineingeworfen sind - und der Mann hält sich in
Steinbrüchen auf und säuft seine bittern Extrakte aus einem Brechbecher fort.«-
Sie antwortete nie darauf.
    Jetzt erfuhr erst Viktor von seiner Mutter, dass Flamin bloss für den Freund
(Mattieu) und für das Vaterland habe sterben wollen - dass er seine
eifersüchtige Ungerechtigkeit bereue und die verscherzte Freundschaft bejammere
und dass sie ihn eben darum abhole, um ihn in die Hände der wahren Mutter und vor
das Angesicht der gekränkten Schwester zu führen. Es war heute am Morgen
menschliche Schwäche gewesen, dass das erfrorne Glied der Freundschaft, sein
Herz, ein wenig kälter und unempfindlicher gegen Flamin geworden war, da er
dessen Rettung aus dem Gefängnis vernahm - aber es war jetzt abends menschliche
Güte, dass Flamins grosser Entschluss, zu sterben, wie eine Frostsalbe seinem
starren Herzen Wärme und Bewegung wiedergab. Sein Inneres regte sich gewaltsam,
quoll auf, überströmte den erdrückten Groll, und das Bild des Jugendfreundes
stand auf und sagte: »Viktor, gib dem Schulfreund wieder deine Hand - o er hat
so viel gelitten und so edel gehandelt!« Tränen schossen ihm aus den zuckenden
Augen, als er sich entschloss, auf die Warte zu gehen und zum alten Liebling zu
sagen: »Es sei vergessen - komm, wir wollen miteinander zu deiner Schwester
gehen.« Er ging allein auf die Warte, um ihn nachher der Lady vorzustellen. Die
Pfarrerin sprang einige Minuten von Viktor ab, um seine zwei Schwestern zu
benachrichtigen und zu bringen und den blinden Julius aus der Stadt führen zu
lassen, damit in der goldnen Halskette der Liebe kein Gelenk abginge.
    Welche Himmelleiter, in der jede Minute eine höhere Sprosse ist, steht in
dieser Nacht auf der wankenden Erde, und gute Menschen steigen hintereinander
hinauf! -
    Unten an der Treppe des Trones der Versöhnung arbeitete Viktors Herz
gewaltsam im heissen durchwühlten Blute. Flamin sah ihn langsam hinaufsteigen;
aber er kam ihm nicht entgegen, weil es ungewiss war, komme Viktor zürnend oder
vergebend. Als dieser endlich oben war: so stützte Flamin sein abgekehrtes
Gesicht beschämt in das Gezweig; denn er konnte dem so sehr gemisshandelten
Geliebten nicht ins Auge blicken, bis er wusste, dass er ihm verziehen habe. Sie
schwiegen schauerlich nebeneinander unter dem rieselnden Lindengipfel - sie
errieten einander nicht ganz, und das machte das Schweigen finsterer und das
Versöhnen zweifelhaft. Endlich reichte ihm Flamin, heftig atmend und mit dem ins
Laub gelegten Gesicht, die zitternde Hand entgegen. Da Viktor diese stumme, um
Versöhnung flehende Hand zittern sah: so tropften siedende Tränen durch sein
Herz und zertrennten es, und nur aus Wehmut und liebender Schonung verschob er
es, die demütige Hand zu nehmen. Aber hier kehrte sich Flamin (im falschen
Argwohn) stolz, errötend und voll Tränen und voll alter Liebe um und sagte: »Ich
bitte dich recht gern um Vergebung, dass ich gegen dich Engel ein Teufel war;
aber dann, wenn du mir keine erteilst, so schleudere ich mich hinunter, damit
mich nur der Teufel holt.« - Sonderbar! dieses Erpressen der Verzeihung zog
Viktors offne Seele ein wenig zusammen; aber er umfasste doch den
freundschaftlichen Wilden und sagte mit der milden Stimme der stillen Liebe:
»Aus dem Grunde der Seele hab' ich dir heute vergeben; aber geliebt hab' ich
dich immer und allezeit, und in wenig Wochen würd' ich für dich gestorben sein,
um dein Leben zu retten.« - Nun traten ihre Seelen nahe und unverhüllt
voreinander und deckten ihr Leben auf - - und da sich beide alles erzählt und
Viktor ihm eröffnet hatte, dass er an seine Stelle ein gerückt und der Sohn der
beraubten Mutter geworden sei: so wollte Flamin vor Reue vergehen und drückte
verschämt sein Angesicht tiefer nur an Viktors Brust - und ihre Seelen feierten
neuvermählt auf dem Traualtar der Warte ihre Silberhochzeit unter der
Brautfackel des Mondes, und ihre Seligkeit wurde von nichts erreicht als vor
ihrer Freundschaft.
    Sie wandelten im zärtlichen Taumel langsam in Le Bauts Garten, und der Strom
der Wonne wurde immer tiefer; aber eiskalte Wellen wie vom Flusse Styx
erschreckten plötzlich den sanft erwärmten Viktor, da er in die Trauerlaube kam,
wo er gerade heute vor einem Jahre, am 21sten Oktober - also ist heute
Klotildens Geburttag -, aus seinem zerrütteten Herzen ihr Bild gerissen hatte,
und wo er wieder ankam, um es aus den alten Narben vielleicht wieder
auszureissen. Denn das Senken seines Standes hatt' ihn ein wenig - stolzer
gemacht und seine Liebe für Klotilden scheuer. Die Wahrheit zu sagen, so glaubt'
ers selber nicht recht, dass ihr seine niedrige Abkunft unbekannt gewesen; er
schloss vielmehr das Widerspiel aus dem Anteil, den sie der Lord an seinen
Briefen und an allen Geheimnissen nehmen lassen - aus ihrem anfänglichen Kampf
gegen ihre aufkeimende Liebe und aus dem kleinen Stolze gegen ihn am ersten Tage
- aus ihrem Lobe der Missheiraten - aus ihrer Begünstigung der Liebe Giulias
gegen Julius, den sie als Lords-Sohn kannte - aus ihrer leichten Einwilligung in
die Verlobung, die ja sonst ihr Vater nach der Erkennung nicht mehr zugelassen
hätte - und aus andern Zügen, die man bei der zweiten Lesung dieses Werks
leichter selber sammelt. Wie gesagt, diese Hoffnung, dass sie ihn allemal
gekannt, widerlegte einige Einwürfe seiner Delikatesse und seiner Entsagung; und
blühte heute noch höher auf unter so vielen Freuden und schönen Zufällen. - Ach!
wenn er ohne alle Hoffnung gewesen wäre: so hätt' er ja mitten im Kreise so
vieler Beglückten als die letzte Opferleiche niederfallen müssen! - Aber das
Etwas im Menschen, das ihm allemal einen grossen Verlust so wahrscheinlich und
einen grossen Gewinn so unwahrscheinlich vormalt, quälte, vereinigt mit
wehmütigen Erinnerungen, ihn jetzo.
    Er bat daher Flamin, ihn ein wenig in der Laube zu lassen und allein (da die
Pfarrerin schon im Garten war) in die befreundeten Arme der gefundenen Schwester
und Mutter zu eilen, und setzte dazu, er komme bald nach. Als Flamin fort war:
fing Viktor immer vor Klotildens Erschütterung zu zittern an, die sich ihrer
vielleicht bei der Nachricht seiner Abstammung bemeistern werde; und es drückte
ihn sehr, da er dachte, dass für alle im Garten die Trauer von dem schwarz
ausgeschlagnen Trauerzimmer der Erde abgenommen werde, nur für ihn wohl nicht. -
    Aber da kam, von neuen Entzückungen widerscheinend, seine Mutter und
trocknete ihm, eh' sie fragte, erst die Augen ab. Ihre neuen Entzückungen kamen
davon her, dass Klotilde ihr, da sie seine Abkunft erzählet hatte, um den Hals
gefallen und sie um Verzeihung des so langen Verhehlens, des so lange
fortgesetzten Raubes des Kindes gebeten - und dass sie die Mutter an ein auf dem
Spaziergang nach der Verlobung gegebenes und nun gehaltenes Versprechen erinnert
hatte. Der Mutter - und ich sorge, dem Leser - war vieles entfallen, und
Klotilde flog nur eilig und errötend über die Sache weg; hatte sie aber dort
nicht zu ihr gesagt: »Wir ändern unser Verhältnis nicht«, nämlich das einer
Schwägerschaft? - Die Pfarrerin beschloss den Bericht mit dem Gesuch der Lady,
ihr den neuen Sohn recht schnell zu bringen. Viktor konnte vor weinendem
Entzücken nichts sagen als: »Ist denn meine gute Agate und der Blinde noch
nicht da?« - Und beide standen - hinter ihm; und er verbarg das Übermass seiner
Wonne unter Liebkosungen der Schwester und des Freundes; sein weiter Leidenkelch
war ja ganz mit Freudentränen vollgegossen.
    Als er den schönen Weg zu den lieblichen Verbündeten antrat im gehenden
Zirkel drei liebender Seelen: so kamen sie ihm alle entgegen mit glänzenden
Zügen - mit schwimmenden Blicken - mit verschmerzten Erinnerungen, oder vielmehr
mit genossenen, denn von den zertretenen Freudenblumen auf dem Lebenswege wehet
Wohlgeruch auf die jetzige Stunde herüber, wie ziehende Heere oft aus Steppen
den Wohlgeruch zerquetschter Kräuter ausschicken. Die Lady wurde von ihren zwei
Kindern geführt und sagte verbindlich lächelnd: »Hier stell' ich Ihnen meine
geliebten Kinder vor, setzen Sie die Freundschaft gegen sie fort, die Sie ihnen
bisher gegeben haben.«- Ihr Sohn Flamin flog, gleichgültig gegen Sitte, an
seinen Hals. Klotilde bückte sich tiefer, als sie vor einem Fürsten getan hätte,
und in ihrem Auge schwamm die Frage der wehmütigen Liebe: »Bist du noch
unglücklich? hab' ich noch dein Herz? Warum ist dein Auge benetzt, warum deine
Stimme gebrochen?« - Viktor erwiderte mit ebensoviel Zärtlichkeit als Anstand,
indem er sich gegen die Lady wandte: »Sie konnten an keinem schönern Tage Ihren
Sohn wiederfinden als am Geburttage Ihrer Tochter.«....
    Daran hatte in den bisherigen Wirbelwinden keiner gedacht. Welches frohe
Chaos! Welch eine herzliche liebende Sprachverwirrung von glückwünschenden
Improvisatoren! Welch ein gerührter Augendank Klotildens für ein so
verbindliches Gedächtnis!
    Man zog trunken durch den kühlen Garten in das Schloss. O, wenn
Schwesterliebe, Kindesliebe, Mutterliebe, Geliebtenliebe und Freundschaft
nebeneinander auf den Altären brennen: so tut es dem guten Menschen wohl, dass
das Menschenherz so edel ist und den Stoff zu so vielen Flammen verwahrt, und
dass wir Liebe und Wärme nur fühlen, wenn wir sie ausser uns verteilen, so wie
unser Blut uns nicht eher warm vorkömmt, als bis es, ausserhalb den Adern
fliessend, im Freien ist. - O Liebe! wie glücklich sind wir, dass du, von einer
zweiten Seele angeschauet, dich wiedererzeugst und verdoppelst, dass warme Herzen
warme ziehen und schaffen wie Sonnen Planeten, die grössern die kleinern und Gott
alle - und dass selber der dunkle Planet nur eine kleinere, überzogene,
eingehäusige Sonne ist.... Alle Seelen standen heute hoch auf ihrer Alpe und
sahen - wie auf einer physischen - den Regenbogen des Menschenglücks als einen
grossen vollendeten Zauberkreis zwischen der Erde und der Sonne hängen. - Im
Schloss bat die Lady ihre Tochter, allein in das dunkle Zimmer der
Mundharmonika zu gehen, sie woll' ihr das Angebinde des Wiegenfestes geben.
Klotildens Auge nahm vom bleibenden Freund mit einem zweiten Dank für seine
Seele einen zärtlichen Abschied.
    Nach ihrer Entfernung gab ihm die Lady einen Wink, mit ihr hinter den andern
nachzubleiben - da sank er gern vor Klotildens Mutter, die um ihre Einwilligung
in seine Liebe noch nicht gebeten war, mit den Worten auf das Knie: »Wenn Sie
meine Bitte nicht erraten: so hab' ich nicht den Mut, sie anzufangen.« Sie hob
ihn auf und sagte: »Bitten, die so stillschweigend geschehen, werden ebenso
still erfüllt - aber jetzt kommen Sie lieber und sehen zu, womit ich meine
Tochter beschenke.« - Aber er musste erst lange die Hand benetzen und küssen, die
ihm den Lindenhonig eines ganzen Lebens reichen will.
    Beide gingen nun in diesem aus dem tausendjährigen Reiche herübergeschickten
Abende ins dunkle Zimmer zur Tochter. Warum entflossen Klotilden Tränen vor
Wonne, noch eh' die Mutter sprach? - weil sie schon alles erraten konnte. Die
Mutter führte den Geliebten an die Geliebte und sagte zur Braut: »Nimm hin das
Angebinde deines Festtages. Wenige Mütter sind reich genug, ein solches zu geben
- aber auch wenige Töchter sind gut genug, es zu erhalten.« - Das Brautpaar
wurde vom Druck der schweren Wonne, des grossen stummen Dankes vor ihr
niedergedrückt auf die Knie und teilte sich in die zwei wohltätigen Hände der
Mutter; aber diese zog sie sanft aus fremden weg und legte den Liebenden die
ihrigen ineinander und schlüpfte davon mit dem Laute: »Hieher will ich unsre
Gäste bringen!« - -
    - O ihr zwei endlich beglückten, nebeneinander knienden guten Seelen! wie
unglücklich muss ein Mensch sein, der ohne eine Träne der Freude - oder wie
glücklich einer, der ohne eine Träne der Sehnsucht euch sehen kann jetzo stumm
und weinend einander in die Arme fallen - nach so vielen Losreissungen endlich
verknüpft - nach so vielen Verblutungen endlich geheilt - nach tausend, tausend
Seufzern doch endlich beglückt - und unaussprechlich beglückt durch
Herzenunschuld und durch Seelenfrieden und durch Gott! - Nein, ich kann heute
meine nassen Augen nicht von euch wenden - ich kann heute die andern guten
Menschen nicht anschauen und abzeichnen - sondern ich lege meine Augen mit den
zwei Tränen, die der Glückliche und der Unglückliche hat, fest und sanft auf
meine zwei stillen Geliebten im dunkeln Zimmer, wo einmal der Hauch der
Harmonikatöne ihre zwei Seelen wie Gold- und Silberblättchen aneinanderwehte. -
O, da sich mein Buch jetzt endigt und meine Geliebten entweichen: so ziehe dich
langsam weg, dunkles Allerheiligstes mit deinen beiden Engeln - töne lange nach,
wenn du auffliehest mit deinen melodischen Seelen, wie Schwanen in der Nacht mit
Flötentönen durch den Himmel ziehen. - - Aber ach, steht nicht schon hoch und
weit von mir das Allerheiligste und hängt als Silberwölkchen am Horizont des
Traums? - O, diese guten Menschen, dieser gute Viktor, dieser gute Emanuel,
diese gute Klotilde, alle diese Lenz-Träume sind aufgestiegen, und mein Herz
blickt schmerzlich auf und rufet ohne Hoffnung nach: »Träume des Frühlings, wann
kommt ihr wieder?«
    O warum würd' ichs tun, wenn nicht die Freude, die wir so fest an den Händen
fassen, auch Träume wären, die aufsteigen? Aber diesen rufet das auf dem
Grabstein zuckende, zurückgefallne jammernde Herz nicht nach: »Träume des
Frühlings, wann kommt ihr wieder?« -
 
                          Nachtrag zum 44. Hundposttag
                                    Nichts -
Da dieser Nachtrag zu einem Posttäglein zu klein war: so wartete ich immer auf
den Hund und auf neuen biographischen Pfeifenton und Teig. - Weil aber die poste
aux chiens ausbleibt, so will ich nur die wenigen Katzen-Töne, die ich aus dem
liebenden Konzert des vorigen Kapitels weggelassen, hier auf meine Noten setzen.
Es ist lauter verdrüssliches Zeug, was ich hier noch nachzuholen habe, und eben
jene Knarrtöne können wieder eine neue Lauwine herabwerfen und neuen Unfug
stiften. Es ist nur dumm, dass so das Buch aus und doch nicht aus ist, da der
Hund von einem - Hund ganz unerwartet weg ist, wie Schnupftabak.
    Die stiefmütterliche Kammerherrin, die vom biographischen Geister- und
Körperbanner seit langem aus diesen Blättern landesverwiesen ist, war bei der
Ankunft der Lady aus sehr natürlicher Antipatie wegmarschiert auf ein kleines
Landgut. Reise zu, du bist ohnehin meine Amancebada nicht! - Mattieu war im
vorigen Kapitel nach seiner alten Kühnheit unter lauter Widersachern seines
dunkelbraunen Ich ein wenig dageblieben; und sass im Schloss, als die glückliche
Prozession aus dem Garten einzog. Er wusste noch nicht, dass der Hoffmann Viktor
wahrhaftig nichts ist als ein blosser platter Pfarrsohn. Anfangs setzte er den
antiken Spass seiner Lieberklärung gegen Agaten fort und reizte den Pfarrer zu
Komplimenten und Dankadressen für die Dienste an, die er allen heute erwiesen.
Als er aber zu viel Gleichgültigkeit gegen seine kalte Bosheit vorfand, benahm
er seiner Verachtung die Zweideutigkeit. Überhaupt war sein Herz aufrichtig und
stellte sich lieber boshafter als tugendhafter an, als es war; er hasste eine
Verstellung, wodurch sich mancher Höfling leicht jene Miene des Tugendhaften
gibt, die am besten durch Lavaters Bemerkung zu erklären ist, dass der Zornige
auf seinem Gesicht die Mienen dessen, den er hasset, bekomme.
    Endlich erriet Mattieu die Geheimnisse, und der Pfarrer bestätigte sie ihm.
Ein solches Wasser für seine Schneide- und Sägemühle, auf der er Menschen für
sein Trongerüste zurechtschnitt, war noch nie auf ihn zugeflossen - wenn er
dieses neue Falsum, diesen neuen entsetzlichen abscheulichen Betrug, den der
Lord dem Fürsten gespielt, dem Fürsten vorträgt: so muss - schliesset er - Jenner
ausser sich kommen vor Erstaunen über Lord Horions Lügen und über Mattieus
Wahrheiten. - Jetzt hielt ers für Pflicht, zu lächeln zwar, aber nicht mehr
schadenfroh wie Matz, sondern ordentlich verachtend, wie ein Hof-Lehnmann soll;
auch fühlte er, wie sehr es unter seiner Würde sei, sich länger in dieses
bürgerliche Quodlibet, ohne es doch zum Narren zu haben, mit einquirlen zu
lassen. Er ging mitin - um die Neuigkeit aus seinem Säetuch in gutes Land
auszuwerfen - nach einem kurzen, aber aufrichtigen Glückwunsche zur Vermählung
noch dieselbe Nacht an den Hof zurück - - - und der Teufel folgte ihm als
Kammermohr anständig hinterdrein.
    Ich wollte, der Spitzbube täte keinen Tritt mehr in meine biographische
Schreibstube und casa santa; er ist sich so vieler unmoralischer Hülfquellen
bewusst, dass er ordentlich im Kraftgefühl derselben mit den Sünden spielt und
immer einige mehr wagt, als er braucht; so wie er z.B. in der Maientaler Allee
mit der Stimme der Nachtigall aus blossem Übermut Viktor und Klotilde in seine
Nähe lockte, obgleich Flamin beide ohne jene Philomelenmaschinerie hätte
belauschen können. Von dieser Seite wünsch' ich fast gar nicht mehr, dass der
Postund weiter kömmt; ich muss zu sehr besorgen, dass Mattieu neuen Krötenlaich
und eine neue Essigmutter des Elends an die Wärme Jenners bringt, damit sie
neues giftiges scharfes Unglück aushecke; denn er wird es gewiss höchsten Orts
berichten, dass die drei Engländer sich in die Insel wie in eine Katakombe
verstecken - dass Flamin sich ihnen zugeselle - dass Viktor bisher einen Fürsten
belogen, dessen Untertan er sei - noch anderer Dinge zu geschweigen, welche die
ministerialische Spionin und Kammerherrin von Le Baut mitteilt und sein so
antiklubistischer Vater schwarz färbt, und die jene zeichnet und dieser
koloriert. Und wenn ich bedenke, dass in dieser Lebensbeschreibung ein kleines
Unglück immer die Eierschale und das Eiweiss eines grossen war: so bin ich sehr
geneigt zu glauben, dass der Ausdruck des Pfarrers am 21. Oktober mehr Witz als
Wahrheit entalte: »dass sie gegenwärtig alle statt des Tränenbrots den
Brautkuchen der Freude anschnitten.«... Ihr guten Menschen! worin mag jetzt in
dieser Minute euer Busen auf- und niedergehen, im weichen dünnen Äter der
Freude oder im Gewitter-Brodem der Angst? -
                             Nachtrag zum Nachtrag
Ich habe hierzu, während sich die erste Auflage vergriff, einige recht
interessante Umstände für die zweite erfahren. Julius umhalsete im Garten seinen
Viktor recht fest und sagte: »Ich bin sehr froh, dass ich wieder da bin - ich war
den ganzen Tag so allein und hörte keinen Menschen - dein italienischer
Bedienter ist ganz fortgelaufen.« In Viktor stieg über diese unerklärliche
Entweichung eines treuen glücklichen Dieners, wenn nicht eine Gewitterwolke,
doch ein Nebel auf. Die stille Marie hatte dem Blinden die Dienste des
Flüchtlings emsig getan. »Ich hätte dem Italiener gern vorher seinen Brief
gegeben,« (fuhr Julius fort) »aber da hab' ich ihn noch.« Viktor besah ihn und
fand voll Erstaunen die Adresse von der Hand des - Lords. Der Brief wurde einige
Minuten nach des Menschen Flucht an den Blinden mit der Bitte abgereicht, ihn
niemand als dem Welschen zu geben. Wiewohl Flamin und die Lady und die Pfarrerin
versprachen, das Erbrechen des Briefes zu verantworten: so ging Viktor doch an
diese Auflösung einer neuen Scharade seines Lebens ungern; denn Klotilde schwieg
dazu. Hier ist die vidimierte Kopie:
    »Sie haben recht. Aber reisen Sie nicht erst morgen, sondern auf der Stelle
zum Mr.***. Der Ort bleibt . Aber VI sind notwendig.«
    Mr. konnte den Monsieur (den fünften Sohn) bedeuten. Weiter war aus diesem
Wolkenzug nichts vom künftigen Wetter durch die besten Wetterpropheten zu
erraten. Aber nur aus ihrer eignen bangen Wissbegierde nach der Deutung dieser
Himmelzeichen können sich die Leser eine Vorstellung von der grossen unsers
Helden machen.
 
                          45stes oder letztes Kapitel
 Knef - die Stadt Hof - Schweissfuchs - Räuber - Schlaf - Schwur - Nachtreise -
                               Gebüsch - Ende....
Ich sage nur so viel voraus: solange man noch Dinte - wie den Johannisbeerwein -
aus Federspulen verzapfte; solange noch Kiele geschnitten wurden, um
Friedeninstrumente zu machen - oder verkohlet, um Krieginstrumente zu machen
(denn die Kohle des Schiesspulvers bereitet man aus Federn) - und noch länger
vorher: so lange ist der sonderbare Vorfall gar noch nicht vorgefallen, den ich
der Welt jetzo zu berichten habe. Wie gesagt, ich sage nur das voraus: der
Vorfall ist leidlich.
    Weil der Postund seit dem 44sten Kapitel von diesem gelehrten Werke die
Hand oder Pfote abgezogen: so wollt' ichs allein hinausmachen und nur noch ein
letztes Kapitel - aber nicht dieses - als Schlussstein und Schwanengesang gar
anstossen, damit das opus einmal auf die Post und auf die Welt käme. Gute
Rezensenten, dacht' ich, lässest du über den Mangel an einer Finalkadenz sich
mit dem Postunde und biographischen Leitammel so lange herumbeissen, als sie
wollen Es war schon gegen das Ende des Oktobers und meiner Robinsonade auf der
Johannisinsel, als der alte gute Freitag dieses Robinsons, mein Doktor Fenk, von
seiner langen botanischen Alpenreise nach Scheerau heimkehrte, aber sogleich
wieder in die See stach und auf meinem Johannitermeistertum ausstieg.
    Wir setzten uns nieder zu zwei oder drei Gängen mit historischem
Eingeschneizel (Ragout) von Reiseanekdoten. Zuletzt macht' ich ihn - wie alle
Gelehrte tun - auf das aufmerksam, was ich schriebe, auf mein neuestes
Opusculum, das so verdammt hoch vor uns aufgebettet stand wie ein Sternenkegel:
»Es ist ganz flüchtig« (sagt' ich) »von mir gefallen, oft in der Nacht, so wie
Voltaire oder die Pfauhennen im Schlafe Eier aufs Stroh herunterspringen lassen.
Ich habe die Welt mit diesem Vermächtnis von vier Heftlein gern bedacht; aber
das Vermächtnis wartet noch aufs letzte Kapitel - sonst wird die Hundarbeit im
edeln Sinn eine im schlechten.« Er las das ganze Vermächtnis vor meinen Augen
durch - welches für einen Autor eine närrisch schwüle Empfindung ist - und
schwepperte oft mit den zwei Armen auf und nieder und wollte den Verfasser rot
machen durch übertreibendes Lob; aber es verfing nichts; denn ein Verfasser hat
sich jedes schon vorher tausendmal erteilt und ist zugleich seine eigne
Fleischwaage, sein eignes Fleischgewicht und sein eignes Fleisch, weil er wie
ein Tugendhafter mit seinem eignen Beifall zufrieden ist. -
    »Der Held deiner Posttage« - sagt' er - »ist ein wenig nach dir selber
gebosselt.« - »Das«, versetzte ich, »entscheide die Welt und der Held, wenn mich
beide kennen lernen; es tuns aber alle Autores, ihr Ich steht entweder
abgezeichnet vor dem Titelblatte oder darhinter mitten im Werke, wie der Maler
Rubens und der Zeichner Ramberg fast in allen ihren Arbeiten einen Hund
anbringen.«
    Nun aber denke man sich mein staunendes Händezusammenschlagen, als der
Doktor mir das Ländchen nannte, wo die ganze Geschichte vorging: *** heisset
wirklich das Ländchen. »Ich solle nur hin,« sagt' er, »so könnt' ich das 45ste
Schwanz-Kapitel aus der Quelle schöpfen. Bei seinem Durchmarsch wäre man in
Flachsenfingen erst über dem 40sten Hundposttage her gewesen. Wenn ich eigne
Pferde nehmen wollte (das will ich, sagt' ich, ich kaufe mir heute noch eigne):
so könnt' ich vielleicht einem vornehmen Passagier nachkommen, der, wenn ihn
nicht alles tröge, der Lord leibhaftig sei.« Wegen einiger Lot Teufeldreck, die
Fenk unterweges nötig hatte, war er sogar bei Zeuseln in der Apoteke gewesen,
dem, sagt' er, die Zahl 99 so leserlich wie dem Nummernvogel (Catalanta) die
Zahl 98 anerschaffen sei.
    Verdenken kann mans wahrlich keinem Autor, der nach seinem 45sten Schwanz-
und Schleppen-Kapitel krebset und fischet, dass er wie unsinnig weglief -
aufpackte - anschirrte - einsass - fortjagte und so wütig zufuhr im
Vorüberschiessen vor Hotels, vor Landhäusern, vor Prozessionen, vor Sternen und
Nächten, dass ich nicht etwan in ** Tagen, sondern schon in *** Tagen (mancher
wird gar denken, ich mache Wind) in den Gastof zum goldnen Löwen bestäubt, aber
ungepudert hineinsprang. Besagter Gastof liegt nämlich in der Stadt Hof, die
ihrerseits wieder in etwas Grösserem liegt, nämlich im Voigtland. Ich nenne mit
Fleiss weder die Tage meiner Reise noch das Tor, wodurch ich zu Hof einschoss,
damit ichs nicht neugierigen Schelmen und mouchards durch die Marschroute
verrate, wie Flachsenfingen heisset. Hof konnt' ich ohne Schaden herausnennen,
weil man von da aus-sobald man über die Tore hinaus ist - nach allen Punkten des
Kompasses fahren kann; und so kann man da (welches recht gut ist) auch aus allen
Orten ankommen, aus Mönchberg, Kotzau, Gattendorf, Sachsen, Bamberg, Böheim und
aus Amerika und aus den Spitzbubeninseln und aus dem ganzen Büsching und Fabri.
    Nicht weit vom goldnen Löwen (eigentlich im Habergässchen) stand ein
vornehmer Engländer und sah zu, wie seine vier rauchenden Pferde eine Medizin
von 2/3 gemeinem Salpeter und 1/3 Rossschwefel gegen das Verschlagen einbekamen.
Der Fremde - der ungefähr so viel Jahre haben mochte als dieses Buch Tage - war
schwarz gekleidet, lang, ehrwürdig, reich (nach der Equipage zu urteilen) und
männlich gebildet. Sein heller und fixierter Blick lag wie ein Brennpunkt
zündend auf den Menschen - sein Gesicht war fein und kalt - auf seiner Stirne
stand die lotrechte Sekante als der Taktstrich der Geschäfte, als Ausrufzeichen
über die Mühen des Lebens - mit bleichen waagrechten Linien war dieser
Taktstrich rastriert, beide Arten von Linien waren gleichsam als Zeichen in die
zu hohe Stirne eingeschnitten, wie hoch das Tränenwasser der Trübsal schon an
dieser Stirne, an dieser Seele aufgestiegen sei. »Ich wollte den Lord Horion« -
dacht' ich - »anders geschildert haben, wenn mir dieses Gesicht eher vorgekommen
wäre.« Vielleicht denkt der Leser, das war der Lord selber.
    Als der Engländer mein Terzett von Schweissfüchsen erblickt hatte: ging er
gerade auf mich zu und leitete ein Tauschprojekt ein und wollte meinen Fuchs
gegen einen Rappen einwechseln. Er hatte die Phantasie der vornehmen Russen, mit
einem ordentlichen Zento ungleichfärbiger Pferde zu fahren - so wie er die
schönere Sitte der Neapolitaner hatte, ein freies lediges Pferd wie einen Hirsch
neben dem Wagen hertanzen zu lassen -; daher, des Ross-Quodlibets halber, wollt'
er meinen elenden Fuchs erstehen, der, die Wahrheit zu sagen, nirgends sein
eignes Haar trug als hinten auf dem Bürzel. Ich sagte es ihm geradezu - um ihm
keinen Argwohn eines Eigennutzes und einer Absicht zu lassen -: »meine drei
Füchse sähen wie die drei Furien aus und stellten die drei Kavitäten der
Anatomie ein wenig vor; bloss der Schweissgaul, den er wolle, sei herrlich
gebauet, besonders um den Kopf herum, und ich verlör' ihn ungern gerade jetzt,
da mir der Kopf erst recht einschlagen will.« - »So?« sagte der Brite.
»Natürlich,« sagt' ich, »denn ein Pferdekopf ist das beste Mittel gegen Wanzen,
und der muss nun bald, wie eine reife Pflaume, vom Gaul abfallen - den Kopf kann
ich in mein Bettstroh tun.« Der Engländer lächelte nicht einmal; unter dem
ganzen Handel regte er keinen Finger, keine Miene, keinen Muskel. Erst als ich
selber gesagt hatte: »Wenn nur die drei Parzen so lange auf den Beinen bleiben,
bis ich das 45ste Kapitel abgeholt habe auf der Achse«, so fiel es mir auf, dass
er mich auf eine entfernte Art mehr zu studieren und auszufragen getrachtet als
den Schweissfuchs - und ich geriet auf die Hypotese, ob er nicht gar den ganzen
Rosstausch nur zum Deckmantel seiner verdächtigen Ausforschfragen gemissbraucht
habe.
    Der Leser lese nur weiter! - Der Engländer fuhr mit meinem
Fuchs-Muskelnpräparat davon - und ich später hintennach mit dem Rappen, der so
stark, schwarz und gleissend war wie der alte Adam des Menschen.
    Aber ich muss erst sagen, was ich in Hof wollte; - zueignen wollt' ich.
Anfangs sollte jedes dieser Heftlein einer Freundin zugeeignet werden; aber ich
musste besorgen, es würde mich gereuen, weil ich mich jeden Monat mit einer
andern - mit allen auf einmal nie - zu zanken pflege. Ich möchte wissen, unter
welcher geographischen Breite der Mann läge, der nicht mit seiner Freundin
tausendmal öfter keifte als mit seinem Freund. Der Lebensbeschreiber musste also
aus Not - weil er zu veränderlich ist - mit seinen vier Heftlein quer aus dem
goldnen Löwen über die Gasse ziehen und zu dem einzigen ins Haus gehen, gegen
den er sich nicht ändert und ders auch nicht tut, und zu ihm sagen: »Hier, mein
lieber guter Christian Otto, eigne ich dir wieder etwas - vier Heftlein auf
einmal - hübsch wär' es, wenn du jedes wieder an die Deinigen dediziertest,
dreie langen gerade zu, und deines bleibt dir auch - ich reite nun dem 45sten
Kapitel nach, und du schneide und raupe indes an den 44 andern Rabatten so viel
ab, als du willst.«
    Und hier, mein Treuer, musst du das letzte Kapitel auch gar haben, und ich
setze nur noch dazu: »Diesen Hesperus, der als Morgenstern über meinem frischen
Lebensmorgen steht, kannst du noch anschauen, wenn mein Erdentag vorüber ist;
dann ist er ein stiller Abendstern für stille Menschen, bis auch er hinter
seinem Hügel untergeht.«
    Da alle Briefe an mich, wie bekannt, in der emsigen und etwas grämlichen
Stadt Hof abgegeben werden; und da überhaupt viele Reisende sie passieren: so
kann man mir schon den kleinen Platz zu zwei Bemerkungen vergönnen, welche die
Stadt über die Stadt selber gemacht. Die Höfer bemerken nämlich alle und
tadelns, dass sie sich nicht recht zusammengewöhnen können; wir sollten uns
sämtlich, sagen sie' einander recht gut ausstehen können und schon dadurch des
grossen Montesquieu Bemerkung widerlegen, dass der Handel Völker verknüpfe und
Einzelwesen zertrenne. Zweitens werfen es alle einander vor, dass sie von Jahr zu
Jahr weite Düten voll Balsaminen-, Rosen-, Klee- und Liliensamen und hohe
Schachteln voll herrlicher Apfelkerne (besonders Kerne von Herrenäpfeln,
Violenäpfeln, Adams- und Jungfernäpfeln und holländischen Ketterlingen) in Menge
antauschten und aufschütteten und in Winterhäusern aufspeicherten - - dass sie
aber von diesem Gesäme wenig oder nichts versäeten oder aussteckten: »Im Alter«,
sagen sie, »sollen uns gute Früchte und Blumen zupasse kommen, wenn wir aus den
jetzigen recht viel Samen ziehen und ihn dann versäen.« - Einem Kandidaten
(einem akademischen Stubenkameraden von mir) gaben diese zwei Bemerkungen Anlass
zu zwei recht guten Teilen in einer Nachmittagpredigt: im ersten Teile zeigte er
seinen Höfern aus der Epistel, dass sie einander in der flüchtigen
Lufterscheinung des Lebens nicht raufen, sondern recht lieben sollten, ohne
Rücksicht auf die Nummern der Häuser - und im zweiten Pars tat er dar, sie
sollten sich im kurzen abnehmenden Lichte des Lebens von Zeit zu Zeit einen und
den andern Spass machen.....
    Als ich kaum einige Stunden - Tage - Wochen gefahren (denn die Wahrheit sag'
ich nicht) und gegen Mitternacht in meinem Wagen bergauf in einem dicken Forste
eingeschlafen war: so stürzten zwei Hände, die von hinten durch das
Rückenfenster sich hereingearbeitet hatten, eine Bienenkappe über meinen Kopf,
schnallten sie hurtig um den Hals mit einem Vorlegschloss, verschränkten und
verdeckten meine Augen, und mich selber ergriffen, hielten und banden zehn bis
zwölf andere Hände. Das Schlimmste bei so etwas ist, dass man denkt, man werde
totgeschlagen und von seinen Juwelenkästchen entblösst; nun kann man aber einen
Autor, der sein Buch noch nicht hinausgemacht hat, nicht ärgerlicher und
verdriesslicher machen, als wenn man ihn erschlägt. Kein Mensch will in einem
Plane sterben; und doch trägt jeder zu jeder Stunde des Tages zugleich
aufknospende, grüne, halb reife und ganz reife Plane. Ich suchte also mein Leben
mit einer Tapferkeit zu verfechten - weil mir ums 45ste Kapitel und dessen
Kunstrichter zu tun war-, dass ich - ich kann es sagen - vier bis fünf
Prinzenräuber leicht übermeistert hätte, wär' es nicht ein halbes Dutzend
gewesen. Ich streckte das Gewehr, behauptete aber das Schlachtfeld, nämlich das
Kutsch-Kissen, und merkte überhaupt, dass man den Berghauptmann nicht sowohl tot
machen wollen als blind. Es wurde noch abenteuerlicher - mein eigner Kerl wurde
nicht vom Trone seines Bocks gestürzt - mein Wagen blieb auf dem Wege nach
Flachsenfingen - zwei Herren setzten sich zu mir hinein, die, nach ihren
Mädchenhänden zu urteilen, von Stande waren - und noch sonderbarer, es boll ein
Hund, der, dem Bellen nach, als Messhelfer und Mitmeister an diesem gelehrten
Werke gearbeitet hatte.
    Wir soupierten und goutierten unter freiem Himmel. Hier wurde mir ein
chirurgisches Ordenband auf blossen Leib umgetan, weil ich unter den
Viertelschwenkungen und Hand-Evolutionen meiner Gegenwehr unglücklicherweise
mein Schulterblatt in eine Degen-Spitze getrieben hatte. Essen konnt' ich recht
gut, weil das blecherne Kanarienbauer-Türchen an meiner Bienen- kappe weit
aufgedrehet war. O lieber Himmel! wenn das Publikum den Verfasser der
Hundposttage hätte seine Esswaren in die aufhängenden Torflügel von Blech
einschieben sehen: er wäre vergangen vor Scham! - Unter dem Essen lockte ich den
Hund mit dem Namen »Hofmann!« zu mir: er kam wirklich; ich fühlte ihn aus, ob an
seinem Halse kein 45stes Kapitel hinge - er war leer.
    Nach einem langen Wechsel von Fahren - Essen - Schweigen - Schlafen - Tagen
- Nächten wurd' ich endlich in eine See gesetzt und so lange herumgefahren (oder
kams von einem Schlaftrunk), bis ich schlief wie eine Ratte. Was darauf geschah:
mach' ich - so wunderbar es immer ist - erst bekannt, wenn ich die Bemerkung
ausgeschrieben habe, dass die grosse Freude und der grosse Schmerz die edlern
Neigungen in uns beleben und verjüngen, dass aber die Hoffnung und noch weit mehr
die Angst den ganzen Wurmstock elender Begierden, den Infusionslaich kleiner
Gedanken anbrüten und auseinanderringeln und ins Nagen bringen - so dass also der
Teufel und der Engel in uns eine ärgere Parität ihrer zwei Religionen, als
selber in Augsburg bei zwei andern ist, zu erhalten wissen, und dass jede von den
zwei Religionparteien im Menschen ebensogut ihren eignen Nachtwächter, Zensor,
Wirt, Zeitungschreiber besoldet als, wie gesagt, in Augsburg....
    - Ich hatte die Augen noch geschlossen, als ein Lispeln, von tausend Gipfeln
weitergewirbelt, mich umschwamm, das getriebene Luftmeer zog durch enge
Äolsharfen und schlug daran Wellen, und die Wellen überspülten mich mit Melodien
- eine hohe Bergluft, von einer vorüberschiessenden Wolke herzuschlagend, fuhr
wie ein Wasserstrahl kühl an meine Brust - ich öffnete die Augen und dachte, ich
träumte, weil ich ohne die eiserne Maske war - ich war an die fünfte Säule auf
der obersten Stufe eines griechischen Tempels gelehnt, dessen weissen Fussboden
die Gipfel taumelnder Pappeln umzingelten - und die Gipfel von Eichen und
Kastanien liefen nur wie Fruchtecken und Geländerbäume wallend um den hohen
Tempel und reichten dem Menschen darin nur bis an das Herz. -
    Ich muss ja diese wühlende Gipfelsaat kennen, sagt' ich - dort hängen
Trauerbirken die Arme - da draussen knien Stämme vor dem Donner, der sie
getroffen - flattern nicht neun Flöre und zerstäubte Springbrunnen in gefleckten
Zweigen durcheinander? und die Gewitter haben hier ihre Ableiter als fünf
eiserne Zepter in die Erde gepflanzt. - Das ist doch gewiss ein Traum von der
Insel der Vereinigung, die so oft bisher den Nebel des Schlafs mit Strahlen
durchschnitten und himmlisch und ziehend meine Seele angeschimmert hat. - -
    Es war aber kein Traum. Ich stand von der Stufe auf und wollte in den
griechischen durchhellten Tempel, der bloss aus einem griechischen Dache und aus
fünf Säulen und der ganzen um ihn gelagerten Erde bestand, eintreten, als mich
acht Arme umfassten und vier Stimmen anredeten: »Bruder! - wir sind deine
Brüder.« Eh' ich sie anschauete, eh' ich sie anredete: fiel ich gern mit
ausgebreiteten Armen zwischen drei Herzen, die ich nicht kannte, und vergoss
Tränen an einem vierten, das ich nicht kannte, und hob endlich, nicht fragend,
sondern beglückt, die Augen von den unbekannten Herzen auf in ihr Angesicht, und
unter dem Anschauen sagte hinter mir mein geliebter Doktor Fenk: »Du bist der
Bruder Flamins, und diese drei Engländer sind deine leiblichen Brüder.«... Die
Freude zuckte durch mich wie ein Schmerz - ich drückte mich stumm an die Lippen
der vier Umarmten und Umarmenden - aber ich stürzte dann an den ältern Freund
und stammelte: »Guter lieber Fenk! sag mir alles! Ich bin zerrüttet und
bezaubert von Dingen, die ich doch nicht fasse.«
    Fenk ging lächelnd mit mir wieder zu den vier Brüdern und sagte zu ihnen:
»Seht, das ist der Monsieur, euer fünfter, auf den sieben Inseln verlorner
Bruder und euer Biograph dazu - nun hat er endlich sein 45stes Kapitel
erwischt.« - Da wandte er sich an mich: »Du siehst doch,« (sagt' er) »dass das
die Insel der Vereinigung ist - dass die Drillinge hier die drei Söhne des
Fürsten sind, die unser Lord bringen wollte. - Deinetwegen, weil du schon lange
von den sieben Inseln weg bist, ist er durch alle Marktflecken und um alle
Inseln von Europa gefahren. Endlich schrieb ich ihm«....
    »Du bist gewiss auch« (unterbrach ich ihn) »mein Korrespondent mit dem Hund
gewesen.« -
    »Fahr nur fort«, sagt' er.
    »Und Knef ist der umgekehrte Fenk - und hast dich bei Viktor für einen
Italiener, der kein Deutsch kann, ausgegeben - und ihm den ganzen Tag seine
eigne Konduitenliste für den Lord abgeschrieben, und für mich im Grunde auch, um
sein und mein Spion zu sein.« -
    »So ists - und habe also« (sagt' er) »dem Lord auch geschrieben, dein
französischer Name Jean Paul mache dich verdächtig, und da du noch dazu selber
nicht weisst, wo du her bist, und dazu gerechnet dein närrisches Stück Lebensweg,
der wie in einem englischen Garten nicht eine Meile lang geradeaus geht« - -
    »Der Biograph«, sagt' ich, »sollte überhaupt sein eigner sein.126« -
    »Jetzo wird mirs unbegreiflich, wie ich nur nicht gleich darauf fallen
können; denn deine Ähnlichkeit mit Sebastian, die der fünfte Sohn des Fürsten
haben sollte, merktest du längst selber - und dein Stettiner-Dosenstück auf dem
Schulterblatt, das die Herren da alle aufhoben, und das der Lord vorgestern
selber unter deinem Verbande angesehen.«
    »So, so!« (sagt' ich) »Deswegen bekam also euer Biograph die Falkenhaube,
die Rückenwunde, den hübschen Rappen, und der Fremde in Hof war der Lord?« -
    Kurz bei allem diesen hatte der Lord sich gar völlig überzeugt, dass ich der
sei, den er so lange gesucht; denn vorher hatte er schon lange das Schreiben von
Fenk durch funfzehn Hände erhalten, indem es von Hamburg oder auch aus dem Lande
Hadeln nach Ziegenhain in Niederhessen lief, dann in die Herrschaft Schwabeck,
dann in die Grafschaft Holzapfel, nach Schweinfurt, nach Scheer-Scheer und doch
wieder zurück nach ** und nach *** und endlich nach Flachsenfingen, wo ers erst
erhielt: dort, in der Insel der Vereinigung, war er lange versteckt gewesen, bis
ihn das Schreiben, der endigende Oktober, der die Muttermäler gleichsam mit
roter Dinte unterstrich, und am meisten die drei aus St. Lüne verwiesenen
Briten, die auf der Insel ausstiegen, nach Scheerau oder vielmehr nach Hof im
Voigtland abzureisen zwangen. Hier musst' ich ihm nach einer Verabredung mit dem
italienischen Bedienten, d.h. mit dem Doktor Fenk, derenwegen er mich eben aus
meiner Insel dem 45sten Kapitel nachschickte und deren Wiederholung in dem vom
Blinden aufgefangnen, nun entzifferten Billet vorkam, natürlich begegnen, und
mein altes Gesicht, das er sofort mit einem jüngern Nachstich vom fünften
Fürstensohne zusammenhielt, warf sogleich im »Habergässchen« über alles das
reichlichste Licht.
    Sobald er das wusste, liess er mich allein hinter meiner Bienen- Blechkappe
und Mosis-Decke fahren und eilte voraus zum Fürsten gerade eine Minute früher,
eh' es - zu spät war. Denn Mattieu hatte alles verraten; und die Drillinge
wollte man eben aus der Insel, worein sie geflohen waren, und unsern Viktor aus
seiner Mutter Hause, worin er schon Hof und Adel über Patienten und
Wissenschaften und Braut vergessen hatte, abholen zum Verhaft, als der Lord sich
bei dem Fürsten melden liess. Der Fürst fürchtete von ihm, wie Cäsar von Cicero,
überredet zu werden. Der Lord - dessen Seele ohnehin eine petrographische Karte
erhabener Ideen war - verwirrte die Massregeln des Fürsten durch einen kühnern
Trotz, als die Massregeln berechnet hatten. Er fing mit der Nachricht an, dass er
nicht bloss einen Sohn dem Fürsten bringe, sondern alle, welches letzte er darum
nicht versprochen habe, weil er nicht wissen können, inwiefern ihn das Schicksal
vielleicht verlasse oder trage. - Er drang dem Fürsten eine lange kalte Rede
auf, worin er ihm den Studienplan der fünf Söhne und ihre Entwicklung,
Geschichte und Bestimmung vorlegte. Indem er die Beweise ihrer Abstammung
vorauszusetzen schien, webte er sie doch in die Schlüsse aus der Abstammung
künstlich ein. So sagt' er z.B., niemand habe um das wichtige Geheimnis gewusst
als die Lady und Klotilde und Emanuel, dessen heilige, alles mit dem Tode
beschwörenden Dokumente er ihm hier neben andern für die Kinder gebe; bloss ein
gewisser Hofjunker habe während der Blindheit von fünf Geheimnissen eines
entwendet und gemissbraucht. Der Lord zerfaserte diese Fallstrick-Seele nicht, da
sie, wie er sagte, zu unbedeutend zur Genugtuung, zu schwarz gebeizet zur Strafe
sei, und da er selber ohnehin bald aus diesen Gegenden auf immer komme. Kurz, er
griff so mit seiner Allmacht den Fürsten an und zog so rein der Vergangenheit
alle Schleier ab, dass er diesen fast zwang, statt zu verdammen oder
loszusprechen, bloss abzubitten und Anklage und Misstrauen mit Dankbarkeit zu
vertauschen. Das einzige Gute, endigte Lord Horion, was der Junker getan, sei,
dass er durch seine Säemaschinen des Unkrauts die grosse schöne Erkennung gerade
auf eine Monatzeit gereift und beschleunigt habe, worin die Fruchtschnur der
fünf Schultern (die Muttermale) in Blüte stehe. Der Fürst wurde trotz des
fremden Eises geschmolzen, denn seine väterliche Liebe war mit neuen Schätzen
bereichert. Doch mischt' er in seinen Dank diesen feinen Vorwurf wegen Viktors
vorgeblichen Adel: »Ich bin voll Dankbarkeit für Sie, ob Sie mir gleich zu bald
die Gelegenheit nehmen, sie zu zeigen. Bisher freuet' ich mich, dass ich
wenigstens an dem Sohne beweisen konnte, wie sehr ich dem Vater, wenn nicht
dankbar, doch verbunden wäre. Aber Sie kennen meinen Irrtum.« Der Lord - jetzo
biegsamer durch den Sieg - versetzte: »Ich weiss nicht, ob mich gute Absichten
und schlimme Verhältnisse entschuldigen; aber ich konnte nur einen Menschen für
würdig halten, Ihr Leibarzt zu sein, den ich für würdig erkannte, mein Sohn zu
sein.« - Der Fürst umarmte ihn aufrichtig; der Lord erwiderte es ebenso warm und
sagte: am 31sten Oktober (der ist heute, und gestern sagte ers) woll' er seine
redlichen Gesinnungen gegen den Fürsten auf eine Weise besiegeln, die mehr als
alle Worte entscheide - -
    Edler Mann! Du verzehrst nichts weiter auf der Erde als dich und bist ein
Sturmvogel, durch dessen Fett ein Docht des Leuchtens gefädelt ist und den jetzo
sein eignes Licht ausbrennt und verkohlt - mir ahnet, als wenn deine schöne
Seele bald auf einer andern, auf einer höhern Insel der Vereinigung sein werde
als auf dieser irdischen!
    Ich schreibe dieses den 31sten Oktober vormittags um 10 Uhr auf der Insel.
                                       *
                          Abends um 6 Uhr in Maiental
Womit wird dieses Buch noch enden? - mit einer Träne oder mit einem Jauchzen?
    Der Doktor Fenk warf bis um 2 Uhr (wo der Lord erst kommen wollte) den Koch-
oder Lumpen-Zucker der Laune auf unsere Minuten und Schmerzen; sein närrisches
rotes Gesicht war das violette Zuckerpapier der Süssigkeit. Mein guter Viktor war
mit Klotilden in Maiental. Fenk lachte mich in einem fort aus als einen
Dauphin. Er macht viel Gleichnisse, er sagt: ich bekäme erst am Ende eines Buchs
und der ganzen Komödie den rechten Titel' wie man den Journalen den Haupttitel
erst im letzten Heft beidruckt - oder ich avanciere, gleich einem Schachbauern,
erst auf dem letzten Felde zu einem Offizier. Es ist mir aber aus der Geschichte
recht gut bekannt, dass in Frankreich schon unter Ludwig XIV. das jetzige
Gleichheitsystem, obwohl erst für Prinzen, da war, die der König gleichmachte,
sie mochten als Mestizen oder Kreolen oder Quarteronen127 oder Quinteronen oder
Eingeborne des Trons ans Leben ausgestiegen sein. Da man nun ebensogut in
Deutschland neue Gesetze und Novellen der Reichsgesetze hervorzubringen vermag
als ausser den Grenzen desselben: so könnt' es ja bei meinen Lebzeiten geschehen,
dass legitimierte Prinzen für tronfähig erklärt würden - wodurch ich freilich
zur Regierung käme. Gut wär's für Flachsenfingen, wenns geschähe, weil ich mir
vorher die besten französischen und lateinischen Werke über das Regieren kaufen
und es darin so studieren will, dass ich nicht fehlen kann. Ich glaube, ich darf
mir vorsetzen, das arme Menschengeschlecht, das ewig im ersten April lebt und
das nie vom Gängelwagen steigt - bloss mehre Räder werden dem Wagen angesetzt -,
ein wenig auf die Beine zu bringen durch meinen Zepter. Sonst war ein Edelmann
und das Pferd eines englischen Bereiters imstande, den Hut abzuziehen, ein
Pistol loszuschiessen, Tabak zu rauchen, zu wissen, ob eine Jungfer in der
Gesellschaft war u.s.w.; jetzt aber haben sich Pferd und Edelmann durch die
Kultur so voneinander getrennt, dass es eine wahre Ehre ist, letzter zu sein, und
dass es meinem Adel nichts schadet (ob ichs gleich anfangs besorgte), dass ich
mehr als gemeine Kenntnisse habe. In unsern Tagen sind die adeligen Vorderpferde
nicht mehr so weit wie vor hundert Jahren vor den bürgerlichen Deichselpferden
am Staatswagen vorausgespannt; daher ists Pflicht, wenigstens Klugheit (auch für
einen neuen Edelmann wie ich), dass er (oder ich) sich herablässet und das Gefühl
seines Standes - warum soll mir das nicht so gut gelingen wie andern? - unter
die Verzierung einer gefälligen leichten Lebensart versteckt, und sich überhaupt
auf keine Ahnen etwas einbildet als auf die künftigen, deren sämtliche
Verdienste ich mir nicht gross genug denken kann, weil die Erde noch blutjung und
erst im Flügelkleide und, wie Polen, im polnischen Röckchen ist.
    Ich komme zurück. Um 2 Uhr kam der Lord mit seinem blinden Sohn, gleichsam
die Philosophie mit der Dichtkunst. Schöner, schöner Jüngling! die Unschuld hat
deine Wangen gezeichnet, die Liebe deine Lippen, die Schwärmerei deine Stirne.
Der Lord mit der Laudons-Stirne und mit einem heute mehr als in Hof verdunkelten
schattigen Gesicht, an das die Flitterwochen der Jugend und die Marterwochen des
spätern Alters vermischtes Helldunkel warfen, dieser trat heute fast wärmer zu
uns, obwohl mit lauter Zügen des Gefühls, dass das Leben ein Schalttag sei und
dass er nur die Menschenliebe, nicht die Menschen liebe. Er sagte, wir sollten
ihm und dem Hofmedikus den Gefallen tun, letzten noch heute in Maiental zu
besuchen und herzubringen, weil er hier ohne Augenzeugen noch allerlei
Anordnungen für die Ankunft des Fürsten zu vollenden habe; wir sollten aber in
der Nacht mit Viktor wiederkommen, weil unser Herr Vater morgen sehr frühe
eintreffe. Der Blinde konnte als Blinder dableiben. Es fiel mir nicht auf, dass
er dem guten verhüllten Julius verbarg, dass er sein Vater war, denn er sagte
zwei- und dreideutig: »Da der Gute schon einmal den Schmerz, einen Vater zu
verlieren, überstanden hat, so muss man ihn diesem Schmerze nicht zum zweiten
Male aussetzen.« Aber dies fiel mir auf, dass er uns bat, ihn für das, was er
bisher für Flachsenfingen tun wollen, dadurch zu belohnen, dass wirs selber
täten, und ihm eidlich zu versichern, dass wir in den Staatsämtern, die wir
bekommen würden, seine kosmopolitischen Wünsche, die er uns schriftlich übergab,
erfüllen würden, wenigstens so lange bis er uns wiedersähe. Der Fürst hatt' ihm
dieselbe feierliche Versicherung geben müssen. Wir sahen zu ihm hinauf wie zu
einem bewölkten Kometen und schwuren mit Trauer.
    Wir traten den Weg nach Maiental an. Ein Engländer erzählte uns, dass er
hinter dem Trauergebüsch - der Schlafkammer der Mutter des Blinden, der
Geliebten des Lords, die unter einer schwarzen Marmorplatte ausruht - einen
zweiten Marmor habe aufgestellt gesehen, den die anflatternden Flortücher
überdecken sollten und doch nicht konnten. O da sah jeder von uns sich beklommen
nach der Insel um, wie nach einer unterminierten Stadt, eh' sie zerrissen
aufgeschleudert wird. - Aber meine Sehnsucht, Viktor und Maiental, diesen Irr-
und Blumengarten meiner wärmsten Träume, zu erblicken, übertäubte die Angst.
    Endlich erstiegen wir den südlichen Berg, und das bunte Eden wuchs mit
seiner Blätter-Fülle und mit dem Gewimmel seiner pulsierenden Zweige rauschend
ins Tal hinab - drüben lag in Ästen wie ein Nachtigallennest Emanuels stille
Hütte, in der jetzo mein Viktor war - näher an uns brauste die Kastanienallee,
und oben draussen ruhte der abgemähte Kirchhof. - Mir, der ich alles dieses
bisher nur im Traum der Phantasie gesehen, war jetzo wieder, als zögen Träume
heran; und der undurchsichtige Boden wurde ein durchsichtiger voll Duft-Gebilde
- und ich sank voll Wehmut auf den Berg.... Ich ging endlich hinab wie in ein
gelobtes Land, aber meine ganze Seele wickelte ein weicher Leichenschleier ein.
    - Und mein Viktor riss den Schleier weg und drückte seine warme Seele an
meine, und wir schmolzen ein zu einem glühenden Punkt. - Aber ich will ihm
nachher, wenn er wiederkommt aus der Abtei, noch einmal und noch wärmer an die
Brust fallen und ihm dann erst meine Liebe recht sagen.... O Viktor, wie bist du
so milde und so harmonisch, so veredelt und so erweicht, wie schön in der
Freudenträne, wie gross in der Begeisterung! - Ach Menschenliebe, die du dem
innern Menschen das griechische Profil und seinen Bewegungen Schönheitlinien und
seinen Reizen Brautschmuck gibst, verdopple deine Wunder- und Heilkräfte in
meiner hektischen Brust, wenn ich Toren sehe, oder Sünder, oder unähnliche
Menschen, oder Feinde, oder Fremde!
    Viktor, der nie die Angst eines Menschen noch grösser machte, gab uns einige
Beruhigung über den Lord. Er ging zu Klotilden ins Stift, um uns bei ihr und der
Äbtissin anzumelden - der späte Besuch wird durch die Notwendigkeit der
nächtlichen Zurückkehr entschuldigt. Bis er wiederkömmt, halt' ich mit meiner
Geschichte still. Ich sah ihm nach auf seinem Wege zur Braut, und seine Hand,
sein Auge und sein Mund waren voll Grüsse für jeden, besonders für verschmähte
Menschen, für Greise, für alte Witwen. Die Freude meines Helden wird die
meinige; die Zeit arbeitet an dem schönen Tage, wo sein Herz auf immer mit dem
verlobten verschmilzt, wo er, ohne ein Gelenke der entzweigeschnittenen Floh-
und Affenkette des Hofes, frei durch die Natur geht, nichts ist als ein Mensch,
nichts macht als Kuren statt der Cour, nichts liebt als die ganze Welt und zu
glücklich ist, um beneidet zu werden. Dann will ich einmal, mein Bastian, abends
im Mondschein unter Linden-Dampf und Linden-Gesumse bei dir essen und mich auf
den Ballen gerade ausgepackter abgedruckter Hundposttage setzen. Übrigens bin
ich - ob ich mir gleich mein eignes Ich sitzen liess, um seines abzufärben - nur
ein elender zerflossener ausgewischter Schieferabdruck von ihm, nur eine sehr
freie paraphrasierte Verdolmetschung von dieser Seele; und ich finde, dass ein
gebildeter Pfarrsohn im Grunde besser ist als ein ganz ungebildeter Prinz, und
dass die Prinzen nicht wie die Poeten geboren werden, sondern gemacht.
    Ich hoffe, ich habe so lange Materie zum Schreiben, bis er wiederkömmt. Ich
habe überhaupt in dieser Lebensbeschreibung als Supernumerarkopist der Natur
allezeit die Wirklichkeit abgeschrieben - z.B. bei Flamins Charakter hatt' ich
einen Dragonerrittmeister im Kopf - bei Emanuels seinem dacht' ich an einen
grossen Toten, einen berühmten Schriftsteller, der gerade am Tage, wo ich
Emanuels Traum von der Vernichtung mit süsser schauernder Trunkenheit schrieb,
aus der Erde ging und halb unter sie. - Die Göttin Klotilde fügt' ich aus zwei
weiblichen Engeln zusammen, und ich werde in wenig Minuten selber sehen, ob ich
sie getroffen. Verdriesslich ists, dass ich aus Gewohnheit den Leuten dieses Buchs
in Gesprächen die hundposttäglichen Namen gebe, da doch Flamin eigentlich **
heisset und Viktor ** und Klotilde gar **. Es wäre zu wünschen - ich hab' es
nicht verschworen - ich machte die wahren Namen nach dem Tode einiger
moralischer Maroden und Pestkranken dieser Hefte oder nach meinem eignen der
Welt bekannt. Tu' ichs, so wird das gelehrte Europa hinter alle die Gründe
kommen, die das politische schon weiss, welche den Berghauptmann abgehalten
haben, in einige Partien seiner Historie (zumal über den Hof) so viel Licht
einfallen zu lassen, als er wirklich hätte geben können; und ich erwarte, ob
nach der Ausstellung dieser Gründe der Zeitungschreiber Y. und der
Gesandtschaftsekretär Z. - die zwei grössten Feinde des flachsenfingischen Hofes
und meiner Person - noch behaupten werden, ich sei dumm. Ja ich bin so kühn,
mich hier öffentlich auf den ** Agenten in ** zu berufen, ob ich nicht manche
Personen in der Geschichte ganz ausgelassen habe, die darin mitgehandelt hatten
und die in meiner biographischen Zuckermühle als unterschlächtige Räder mit im
Gange gewesen waren; noch mehr, ich gebe meinem Widersacher-Paar sogar die
Erlaubnis, die weggelassenen Personagen - letzte haben einige Gewalt, zu schaden
- der Welt zu nennen, wenn dieser doppelte Geier das Herz dazu hat....
    Der gute Spitzius Hofmann wedelt jetzt und springt vor mir in die Höhe.
Guter, fleissiger Postund! biographische Egerie Jean Pauls! ich werde dich zur
Aufmunterung, sobald ich Zeit habe, ausschinden und nett ausbälgen und mit einer
Heu-Wurstfülle durchschiessen, um dich in eine öffentliche Ratbibliotek als dein
eignes Brustbild neben andere Gelehrte von Rang einzustellen! - Meusel ist ein
billiger Mann, den ich in einem eignen Privatschreiben um einen Sitz im
gelehrten Deutschland für den Spitz ansprechen will. Dieser Gelehrte wird, so
gut wie ich, nicht einsehen, warum ein so fleissiger Handlanger und Kompilator
und Spediteur der Gelehrsamkeit, als mein Hund ist, bloss darum ein elenderes
kälteres Schicksal erleiden soll als andere gelehrte Handlanger, bloss darum,
sag' ich, weil er einen Schwanz trägt, der sein Steiss-Toupet vorstellt. Bloss der
setzt das arme Vieh auf der Rangliste der Gelehrten herunter.
    - Ich sehe jetzo Viktor durch die Lauben des Gartens von Lichtern begleitet;
ich will nur noch eiligst herwerfen, dass ich in der mit entblättertem Gesträuch
vergitterten Sakristei Emanuels sitze. Eile nicht so, Sebastian, der du wegen
deiner bisherigen Verwechslungen den drei oder vier Pseudo-Sebastianen in
Portugal gleichst, eile nicht, damit ich nur noch zu meiner Schwester sagen
kann: du geliebte Ex-Schwester, dein toller Bruder schreibt sich von, aber du
hast nur seine Brust, nicht sein Herz verloren. Wenn ich nach Scheerau komme,
will ich mich um nichts scheren und an dir unter dem Umarmen weinen und endlich
sagen: es hat nichts auf sich. Mein Geist ist dein Bruder, deine Seele ist meine
Schwester, und so verändere dich nicht, verschwistertes Herz.
    - Der gute Viktor geht hastig. Ach Menschen, die der Schmerz oft erkältet
hat, haben weder in den körperlichen noch moralischen Bewegungen die langsame
Symmetrie des Glücks, so wie Leute, die im Wasser waten, grosse weite Schritte
tun. - Armer Viktor! warum weinest du jetzo so und kannst dich gar nicht
trocknen? ...
                                       *
                   Früh um 4 Uhr in der Insel der Vereinigung
Ach es ist lange, dass ich fragte: wird sich dieses Buch mit einer Träne
schliessen? - Viktor kam heute nachts um 8 Uhr mit zwei grossen unbeweglichen
Tränen auf dem Augenrand zurück und sagte: »Wir wollen nur ein wenig schnell auf
die Insel zurückeilen; Klotilde bittet uns selber darum, sie lieber ein
anderesmal zu sehen. Ein Unglück - (habe ihr geträumt) - richte sich jetzo gross
und hoch wie eine Meerschlange auf und werfe sich nieder auf Menschenherzen, wie
jene auf Schiffe, und drücke sie hinunter.« Sie war mit jeder Minute banger und
enger geworden, wie man an einer dumpfen Stelle wird, über der noch der Blitz
zielet und zischt. Was setzte dies anders voraus, als dass der Lord seiner treuen
Freundin Dinge entdeckt hatte, die wir in dieser Nacht zu erleben besorgten? Und
wir konnten uns alle die Sorge nicht mehr verhehlen, dass sein müder Geist
vielleicht wie Lykurg das Siegel seiner Leiche auf seine Versicherung drücken
wolle, dass wir Jenners Söhne sind, ferner auf unsern Schwur, gut zu sein, und
auf den fürstlichen, meinen Brüdern zu folgen, bis er wiederkomme.
    »Weine nicht so sehr, Viktor!« (sagt' ich) »es ist doch noch nicht gewiss.«
Er trocknete sich still und gern die Augen ab und sagte bloss: »So wollen wir
denn auf die Insel jetzo gehen - es wird schon 9 Uhr.«
    Wir gingen fern, fern vor der fleckigen Trauerbirke vorüber, die ihr
abgerissenes Laub der welken Hülle des grossen Menschen nachwarf. Viktor konnte
vor Schmerz nicht hinübersehen; aber ich blickte mit einem kalten Zittern nach
ihrem Schwanken im heitern Nachtimmel. Erst seit einigen Tagen, wo Viktor
glücklicher geworden war, hatte sich der Staub Emanuels gleichsam wieder in eine
blasse Gestalt zusammengezogen und sich auf das Totengrün herausgestellt und die
Arme weit für seinen alten Liebling aufgetan - und Viktor jammerte und
schmachtete und wollte vergeblich sich sterbend an den weissen Schatten pressen.
    Er lächelte schmerzlich, da er uns und sich durch die Worte zerstreuen
wollte: »Der närrische Mensch duckt (bückt) sich wie ein Vogel, wenn nur das
Unglück von weitem auf ihn zugeht.« Seine Tränen machten ihn zum Blinden, und
ich und Flamin waren seine Führer, dennoch grüsste er in seinem Schmerze einen
Nachtboten.
    Ich habe nichts gesagt (denn ich kann nicht) vom Garten des Endes, von dem
verblühenden Boden abgeblühter abgelaubter Freudentage.
    Über die Stoppeln und über die Puppen der Nachtschmetterlinge (der Gaukler
in künftigen Frühlingnächten) und über den festen unterirdischen Winterschlaf
fuhren die einsamen Nachtwinde - ach der Mensch musste wohl denken: »Lüfte, kommt
ihr nicht über Gräber her, über teure, teure Gräber?« -
    Ich sagte: »Wie schmal ist der blassgrüne Zwischenraum von Erde zwischen
Menschenleibern und Menschengerippen!« - Viktor sagte: »Ach die Natur ruht
soviel, und warum unser Herz so wenig?«
    Es war gegen Mitternacht. Der Himmel blinkte näher an der Erde, der Schwan,
die Leier, der Herkules128 schimmerten untergesunken durch ein anderes
Himmelblau. Grosser Himmel - sagte jedes Herz -, gehörest du für den
Menschengeist, nimmst du ihn einmal auf, oder gleichst du nur dem Deckengemälde
eines Doms, das die gemauerten Schranken verbirgt und mit Farben die Aussicht in
einen Himmel auftut, der nicht ist? - Ach jede Gegenwart macht unsere Seele so
klein, und nur eine Zukunft macht sie gross.
    Viktor war ausser sich und sagte wieder: »Ruhe! dich geben weder die Freude
noch der Schmerz, sondern nur die Hoffnung. Warum ruht nicht alles in uns wie um
uns?«
    Da schlug der von allen Wäldern nachgelallte Knall eines Schusses durch die
stille Nacht - und die Insel der Vereinigung schwamm im Nachtblau auf, und ihr
weisser Tempel hing über ihr - und neben dem Trauergebüsch, das über das
Zerfallen eines jungen Herzens hinüberwuchs, schossen gen Himmel neun schmale
Flammen, die an den neun Flören aufliefen, gleichsam Freudenfeuer zu einem
Friedenfeste.
    Bleich, eilend, seufzend, schweigend berührten wir das erste Ufer der Insel.
Das Wasser war vom Boden trocken eingesogen. Das schwarze Morgentor hatte sich
weit aufgerissen und seine weisse Farbensonne an Bäume gelehnt und verdeckt.
Viele Leichenfackeln auf weissen Gueridons knüpften sich ans Morgentor an, gingen
den langen grünen Weg hinein, flimmerten über Ruinen, Sphinxe und Marmortorsos
und endigten sich dunkel im Trauergebüsch.
    Flatterndes Getöne der Äolsharfen wurde am Eingang von langen Tönen
durchzogen. Unter dem Morgentor ruhte still der Blinde und spielte froh auf
seiner Flöte - so wie eine Taube in den Donner fliegt.
    Er fiel freudig an seinen Viktor und sagte: »Es ist gut, dass du kömmst; ein
stiller langer Mann hat sich eine halbe Viertelstunde an mein Herz gelegt und in
meine Hand geweint und mir ein Blatt an dich gegeben.«
    Viktor riss das Blatt zu sich, es hiess: »Ihr alle habt geschworen, so lange
meine Bitten zu erfüllen, bis ihr mich wieder hört; aber decket den schwarzen
Marmor nicht auf.« - Der Lord hatt' es dem blinden Sohne gegeben. Viktor rief:
»O Vater, o Vater, ich konnte dir also nichts belohnen!« und sank an die Brust
des Sohns. Er wollte sich von ihr reissen, aber der Blinde umklammerte ihn und
lächelte freudig unwissend in die Nacht. - Wir eilten ins Trauergebüsch - und
indem darin die zwei Leichenfackeln ausbrannten, so sahen wir, dass ein zweites
Grab darin ausgehöhlt war, dessen frische Erde daneben lag - dass ein schwarzer
Marmor die Höhle zudeckte, und dass das schwarze Kleid des Lords ein wenig aus
der Höhle vorsah, und dass er sich darin getötet hatte. - Und auf seinem
schwarzen Marmor stand, wie auf dem Marmor seiner Geliebten, ein blasses
Aschenherz, und unter dem Herzen stand mit weissen Buchstaben:
                                    Es ruht
                                        
                                 Ende des Buchs
 
                                    Fussnoten
1 Dessen sämtliche Werke. B. 3 S. 68
2 Ein Jude schied sich sonst von seiner Frau, wenn sie mit nackten Armen
erschien; es ist aber schwer, die jetzigen häufigen Ehescheidungen in Paris
daraus herzuleiten.
3 Er zielt auf den Essenkehrer seiner Perücken.
4 Im obern Elsass, wo alle drei Jahre bloss der beste Jüngling Kranz und
Schaumünze und die Verwaltung der Aue empfängt.
5 Es ist bekannt, wie wenig ich vom Bergwesen verstehe; ich habe daher Ursache
zu haben geglaubt, bei meinen Obern um einen Sporn anzuhalten der mich antriebe,
dass ich in einer so wichtigen Wissenschaft etwas täte und so ein Sporn ist eine
Berghauptmannstelle allemal.
6 Ausser den zwei Kaisern Silluk und Atnach und den vier Königen Sgolta, Sakeph
Katon etc. bin ich weiter mit keinen umgegangen; und das nur als Primaner, weil
wir Juristen mit Teufels Gewalt hebräisch lernen mussten; worin eben die
gedachten sechs Potentaten als Akzente der Wörter vorkommen. Vielleicht meint
aber der Briefsteller die grossen, scharfen, gekrönten Akzente der Völker.
7 Ihre Ehre leidet z.B. dabei, wenn ihr Wagen einem andern Wagen von Stande
nicht vorfährt.
8 Nach dem Starstechen bildet die empfindlichere Netzhaut alles grösser vor.
9 Das Ideal des Schönen.
10 Wie die Rabbinen nach Eisenmengers Judentum P. II. 7. glauben.
11 Petrarca mied (wie deutsche Rezensenten) die Nachtigallen und suchte die
Frösche.
12 Vielleicht eine Anspielung auf das für die Phantasie liebliche Märchen dass in
Neapel ein Kruzifix, da darin Alphons 1439 belagert wurde, den Kopf vor einer
Kanonenkugel neigte, die also nur die Dornenkrone nahm. Voyage d' un François,
T. VI. p. 303.
13 Dieser Klee macht, zufällig gefunden, dass man nicht mehr zu täuschen ist.
Bisher fanden ihn nur - Fürsten und Philosophen.
14 Gerade der Besitz ungleichartiger Kräfte in gleichem Grade macht inkonsequent
und widersprechend, Menschen mit einer vorherrschenden Kraft handeln gleicher
nur nach ihr. In Despotien ist mehr Ruhe als in Republiken; am heissen Äquator
ist ein gleicherer Barometerstand als in den Zonen mit vier Jahrzeiten.
15 Die Büste des Vatikanischen Apollo, an der er keine andre Gestalt bilden
lernen wollte als seine eigne.
16 Ein Sonnensystem ist nur ein punktiertes Profil des Weltgenius, aber ein
Menschenauge ist sein Miniaturbild. Die Mechanik der Weltkörper können die
matematischen Rechenmeister berechnen, aber die Dioptrik des unter lauter
trüben Feuchtigkeiten helle gewordnen Auges übersteigt unsre algebraischen
Rechenkammern, die daher von den nachgeäfften Augen (von den Gläsern) den
Diffusionraum und das enge Feld nicht wegzurechnen vermögen.
17 Hieronym. cont. Jov. L. 2
18 Bayles Dictionnaire art. François d'Assise not. C.
19 Sowohl der Hund als ich wissen davon, was das für eine Insel ist, weiter
nichts.
20 Den Schmetterlingen entfallen in ihrer letzten Verwandlung rote Tropfen, die
man sonst Blutregen hiess.
21 Wenn man lange ins Himmelblaue schauet: so fängt es an zu wallen, und diese
Luftwogen hält man in der Kindheit für spielende Engel.
22 Dieser Monolog ist ein Stück aus einer frühern schwarzen Stunde, die jedes
Herz von Empfindung einmal ergreift.
23 So heisset der Fisch, in dessen Maule Petrus die Steuer Christi gefunden.
24 Ein König von Frankreich schickte einmal einem Vasallen illum baculum, quo se
sustentabat, in symbolum traditionis zu. Du Fresne Gloss. Aus du Fresne'
Glossario ist meines Wissens noch kein guter und brauchbarer Auszug für
Frauenzimmer gemacht worden.
25 So wie es Hörschwestern (les Tourières oder Soeurs écoutes) gibt, die mit den
Nonnen ins Sprachzimmer gehen, um auf ihr Reden achtzugeben.
26 Der flachsenfingische Hofstaat küsste zwar die Hand eher; aber man wird schon
sehen, warum ichs umkehre.
27 Bekanntlich eine Damenuhr, wie ein Herz gestaltet, auf dem Rücken mit
Sonnenweiser und Magnetnadel versehen. Letzte zeigt den Damen, die die Kälte
hassen, im Grunde auch Süden, und der Sonnenweiser taugt zum Mondweiser.
28 Rom verbarg den Namen seines Gottes, aber es hatte unrecht; ich verberge
meiner Göttin ihren, aber ich habe recht.
29 Eine vierte Ursache wäre, dass ihm jetzt jede Liebe gegen eine andre als gegen
Klotilde ein Verdienst um seinen Freund zu sein schien.
30 Die unsichtbare Loge; eine Biographie in 2 Teilen. 8°.
31 So hiess die Gemahlin des Lords, die im 23sten Jahre der Ruhe in die ewigen
Arme fiel.
32 Daher sie auch, solange Viktor im Pfarrhause war, der Gesellschaft Flamins
auswich.
33 Es lief glücklicher und ohne Verlust der Steine ab; und ich hatte die
Genugtuung, dass keine, welche die erste Auflage dieses Werks gelesen, im
weiblichen Rochieren oder Chargentausche des das und lass etwas geändert hat. -
Ja sogar die Leserinnen der zweiten. Auflage sind sich gleich geblieben.
34 Aufklärung in einem leeren Herzen ist bloss Gedächtniswerk, sie strenge
übrigens den Scharfsinn noch so sehr an; die meisten Menschen unserer Tage
gleichen den neuen Häusern in Potsdam, in die (nach Reichard) Friedrich II. zu
nachts Lichter setzen liess, damit jeder und selber Reichard denken sollte, sie
seien - bewohnt.
35 Die meisten Menschen haben vielleicht nur eine gleiche Zahl guter Gedanken
und Taten; aber es ist noch nicht bestimmt, wie lange der Tugendhafte die guten
Gedanken, die weniger als gute Handlungen der äussern Welt bedürfen, durch
gleichgültige unterbrechen darf.
36 Denn der edelste Mensch hängt eben am meisten von liebenden Seelen ab, oder
doch von seinen Idealen derselben, mit denen er aber nur insofern ausreicht, als
er sie für Pfänder künftiger Urbilder ansieht. Ich nehme den Stoiker (diesen
epikurischen Gott) und den Mystiker nicht aus: beide lieben in dem Schöpfer nur
den Inbegriff seiner Geschöpfe; wir jenen in diesen.
37 Der Leser dieses Briefes wird leicht voraussetzen, dass Klotilde, da sie nicht
weiss, in wessen Hände er fallen werde - ist er doch gar in unsern -, über ihre
Verhältnisse und Geheimnisse (z.B. wegen Flamin, Viktor etc.) in einer
Dunkelheit hinübereilen müsse, die für ihren rechtmässigen Leser hell genug war.
38 Der Leser erinnere sich, dass sie so viel von dieser Lebensbeschreibung innen
hat wie er, wenn nicht mehr.
39 Sie meint die Giulia, von deren Leichnam sie der Schmerz weggetrieben hatte.
40 »Fliehe mich nicht, weil mich immer ein grosser Schatten umgibt, der sich
vergrössert, bis er mich einbauet.«
41 Wie die Flecken im Monde Blumen- und Pflanzenfelder sind.
42 Er ist zwar nur gegen die typographische Geschichte gelehrter Werke
aufgebracht und verachtet nur das ängstliche Forschen nach den Geburttagen etc.
verstorbener und dummer Bücher mitten in einer Welt voll Wunder; aber auch hier
muss er bedenken, dass Köpfe, die über nichts als das Drucken selber drucken
lassen können, doch besser dieses kleine Etwas tun, das den Besseren am meisten
wuchert und erspart, als gar nichts, oder etwas über ihre Kraft.
43 Ein bekannter guter Schriftsteller über die Augen.
44 Geschabtes Fischbein fanden die Briten als das weichste Lager aus.
45 So heisset der Schimmer um den Kopf, wenn man elektrisiert ist.
46 Kuhlpepper tat ihm nie den Gefallen, um den er ihn so oft bat, dass er dem
Fürsten ein Klistier verordnete, welches alsdann der Apoteker selber gesetzet
hätte, um nur einmal dem Regenten beizukommen und dessen schwache Seite in seine
eigne Sonnenseite zu verwandeln.
47 Es ist der mit den langen Schuhen, in seiner »Erziehung eines jungen Prinzen«
1705.
48 So sprach bloss die erste Auflage 1795 von Wienern, eine dritte verbesserte
erkennt auch 1819 eine verbesserte von ihnen an, ob sie gleich die Schatten
ihrer Vorzeit lebendig aufbewahrt.
49 Der Dezember begünstigt die Beobachtungen der Astronomen am meisten.
50 Ich habe den Buchstaben N ganz umgegossen, weil ich in der ersten Auflage
leider einen guten Einfall gehabt den ich ohne mein Erinnern seines ersten
Herausgebens als mein eigner geilehrter Dieb im Kommentar der Holzschnitte
wieder bekannt gemacht.
51 Ein Beispiel ist jetzo das erste Prinzip der Moral und das der Regierformen.
52 S. dessen amoen. acad., die Abhandlung von der bewohnten Erde.
53 Hysterische Kugel, d.h. die hysterischen Krankenempfindung, als rolle sich
eine Kugel die Kehle herauf.
54 Instrument, das Blau des Himmels zu bestimmen.
55 Dieser freche Unsinn steht wirklich in Pascals Briefen. S. den 10ten.
56 d.h. Dadurch, dass sie einen ärgern, machen sie nur, dass man sie mehr liebt -
Schmollen ist Lieben - O ich bitte Sie inständig, böse zu werden.
57 Der Schlangenstein saugt sich so lange an die Wunde an, bis er ihren Gift
weggesogen.
58 Joachime, Klotilde, Viktor und der Teufel.
59 d.h. O Klarisse! Da haben Sie Ihren Lovelace, wollen wir die vier ersten
Bände überspringen und wie Epopöendichter gleich beim Oberrest anfangen.
60 Er irret, Leibniz sagte bloss: alles Schwere werd' ihm leicht, alles Leichte
schwer.
61 Adjuvans ist das Ingredienz, das die Kräfte der Hauptingredienzien stärkt;
constituens ist, was der Arzenei die Form einer Pille oder Latwerge oder Mixtur
erteilt.
62 Wie man sagt: Erbsenkoch, Nudelkoch.
63 Der Gott des Schlafes wurde von drei Wesen umgeben, von Phantasus, der sich
nur in leblose Dinge verwandeln konnte, von Phobetor, der alle Tiergestalten,
und von Morpheus, der alle Menschengestalten annehmen und vorgaukeln konnte.
Metamorph. L. II. Fab. 10.
64 Auch nicht durch den Luxus, dessen Grösse man - indem man ihre Ausgabe mit
unserer Einnahme vergleicht - übertreibt, und der ihnen nur dadurch schadete,
dass sie die Völker gleichsam wie ostindische Vettern beerbten. Es war der eines
Schusters, der das grosse Los gewonnen, es war die Verschwendung eines Soldaten
nach der Plünderung. Daher hatten sie Luxus ohne Verfeinerung. Es konnte sich
ihre Grösse nur durch Vergrösserung erhalten. Hätte man ihnen Amerika mit seinen
Goldstangen vorgeworfen, sie hätten bei grösserm Luxus noch einige Jahrhunderte
länger an dieser Krücke gehen können.
65 Bekanntlich wird der Kopf des armen Negers in einen hohlen von Eisen
gesperrt, der seine Zunge niederdrückt.
66 Im Jahr 1792 geschrieben.
67 Der Millionär setzt Bettler, der Gelehrte Heloten voraus, die höhere Bildung
der Einzelnen wird mit der Verwilderung der Menge erkauft.
68 1792 geschrieben. Jetzo liegt sogar das Gewitter, das sonst am Himmel über
ganz Europa stand, dort auf platter Erde.
69 Denn nach 400000 Jahren steht die Erdachse, wie Jupiter jetzt, senkrecht auf
ihrer Bahn.
70 Julius wurde erst im zwölften Jahre blind und hatte also Vorstellungen des
Gesichts.
71 Planeten mit Monden.
72 Der Professor Hoffmann und seine Zeitschrift, worin er im Anfange der
Revolution jeden freien Geist als Tronenstürmer gefangen nahm, ist freilich
längst vergessen; aber man kann ja den nächsten neuesten deutschen Ultra statt
seiner setzen.
73 Daher war es in Aten erlaubt, die Götter zu verspotten, aber nicht zu
verneinen.
74 Emprostotonus ist der Krampf, der den Menschen vorwärts krümmt - der
Opistotonus beugt ihn rückwärts.
75 Siehe die Wochenschrift »Der Jude«, S. 380; z.B. nachdem Buch Lebusch Atteret
Sahaph ist ein Mensch mit einem Tierkopf eine menschliche Erstgeburt, aber ein
Insekt, ein ganzes Tier ist es nicht.
76 Die Spinner nennen das Abfällige der Baumwolle so.
77 Die Hände der Mediceischen Venus sind neu und ergänzt.
78 Denn der Sebastian van Dyks soll diesem Maler selber ähnlich sein.
79 Aber ich vergesse hingegen mich, wenn ich verzeihe.
80 Nach der gemeinen Meinung, denn ich bin der andern zugetan, nach der sie
heissen Ator, Sator, Peratoras. - Diese Namen unterscheiden die Könige ganz von
den Hirten, die Misael, Acheel, Cyriakus und Stephanus heissen und auch eher
kamen, was ich alles aus Casaub. exercit. ad Ann. Baron. II. 10 . hier
abschreibe, weil ich mich gar nicht schäme, etwas Unnützes zu wissen, sobald ein
Casaubonus sich desselben nicht schämt und sobald es noch dazu ein gelehrtes
ist.
81 Überall ist von den Jahren 1792, 1793 die Rede.
82 Voetii select. disputat. teol. P. I. p. 918.
83 Er nennt den Tod und den Staat einen Pflasterer, obwohl in verschiedenem
Sinn.
84 So nennt man eine hohe Felsenpyramide neben dem Montblanc, in der ein Loch
ist wodurch man den Himmel sieht. Für mich ists eine sanfte Phantasie, mir neben
dem höchsten Berg, der so viel Himmel als Erde nimmt, einen kleinern
vorzustellen, der sich in eine kleine Aussicht auftut, die unserem Auge eine
blaue Perspektive reicht, aus welcher unsere Hoffnung die Wölbung des Himmels
bauet.
85 Den Florhut.
86 Die Prospekte von Maiental.
87 Weil die Hofleute auch hierin den ersten Christen gleichen, die nur solche
Statuen zerschlugen, die an Gottes Statt Anbetung empfangen hatten.
88 Nämlich in den Jahren der Lucinde, der Herders Feinde etc.
89 von den Eisen- und Kohlenhütten.
90 Es war, als er in der Laube mit seinem Vater für Klotildens Verbindung mit
Flamin sprach - und als er sich vorsetzte, vor derselben sogar ihre Freundschaft
zu entbehren.
91 Die meisten Weiber sind nicht eher Galgenpatres (eigentlich: Galgenmatres)
und Kasernenpredigerinnen, als bis sie teufelstoll sind, wie Sterne die meisten
Einfälle hatte, wenn er nicht wohl war.
92 Ein vergitterter Platz in Paris, wo man die in der Nacht gefundenen Toten
ausstellet, damit jeder Verwandte den seinigen aussuche.
93 Gross ist die Seele, die wie er unter lauter Feinden aller Gewalt entsagt
grösser ist das Volk, vor dem mans tun durfte. Ein anderes wäre den Läusen Sullas
zuvorgekommen.
94 Viktor nahm zu seinem Bunde zehn Personen, vielleicht weil gerade so viele zu
einem Tumulte gehören. Hommel rhapsod. observat. CCXXV.
95 Denn es gibt keine grossen Begebenheiten aus kleinen Ursachen, sondern nur
grosse aus 1000000 kleinen Ursachen, wovon man immer die letzte für die Mutter
der grossen Geburt ausgibt. Ist denn das Zündpulver die Ladung des Geschosses?
96 Für diese Statue konnte nämlich kein Bildhauer eine zweite Nase machen, die
passte - denn die erste war abgebrochen -; endlich nach 400 Jahren fand ein Kind
in einem grossen Fische die marmorne, welche anlag. Labats Reisen 5ter Teil.
97 Nach Scheuchzer sind Alpen die beste Arznei gegen Verstopfung.
98 So hiess der Park der Abtei, den der Lord Horion in seinem romantischen
Geschmack anfangen, aber nicht vollenden lassen, weil er auf die Insel der
Vereinigung fiel. Ich webe die Beschreibung davon nur stückweise in die
Begebenheiten ein.
99 Denn erst als er von Kussewitz zurückkam, erfuhr er auf der Insel von seinem
Vater die Verwandtschaft Klotildens.
100 Man hielt den in Bogen auf- und niedergehenden Silberfaden für eine
herunterrieselnde Quelle; aber die Bogen mehrer schief-springender Springbrunnen
waren in solche Entfernungen gestellt, dass der eine den andern fortsetzte.
101 Im Mondschein sondern die Pflanzen Feuer- oder Lebenluft ab.
102 So heisset ein Klavier, das alles aufnotiert, was es vortönt.
103 So heisset der unten auf jedem Bogen abgekürzt wiederkommende Titel des
Buchs.
104 Das Orientieren durch die praktische Vernunft.
105 So hiess der römische Sklave, der den Kindern die Schulbücher nachtrug.
106 So nannte Steevens sein satirisches Kollegienlesen über Köpfe aus
Pappendeckel, dem halb London zulief.
107 Die Pharisäer taten es - wie gewisse Juden, die auch immer gekrümmt
einherzogen und darum Krümmlinge hiessen -, um Gott, der die ganze Erde ausfüllt,
ein wenig Platz zu machen. Altes und neues Judentum. 2. B. S. 47.
108 So nennte Emanuel immer den Johannistag, obwohl nicht ganz
astronomisch-richtig.
109 Im zweiten Stück des 2ten Bandes.
110 Die Sonne wird in ihrer Verfinsterung durch den Mond von uns im beflorten
Spiegel angeschaut.
111 Unsere Erdmeere sehen in der Ferne wie die Flecken des Mondes aus.
112 Der Mondhof.
113 Anspielungen auf den mit abgebildeten Ländern und Inseln erfüllten Nebel,
den man am Morgen vom Ätna herunter sieht.
114 Die alten Astronomen schalteten zwischen den Fixsternen und den Planeten
einen Zitterhimmel ein, um ihm die kleinen Anomalien der letzteren schuld zu
geben.
115 Neun Tänzerinnen verstricken sich zu einem Elefanten für den König, eine
macht den Rüssel, viere die Beine, viere den Rumpf. Historie aller Reisen. 10.
Band.
116 Diese Eide der Verschwiegenheit hatte sich bekanntlich der Lord von Viktor,
von Klotilde und von ihrer Mutter unter jenem tragischen Apparat, der besonders
in weibliche Herzen so stark eingreift, ablegen lassen.
117 Viktor, Julius, Flamin.
118 Sie weiss es wohl, dass es Viktor war.
119 Dieser Giftbaum steht in einer kahlen Wüste, weil er alles um sich tötet,
und der Missetäter reiset einsam zu seinem Gift, aber kehret selten zurück.
120 Zeidler Lind in Kussewitz.
121 Um mehre Kapellen (s. Schlötzers Briefwechsel T. III. Heft XVIII. 45) stehen
Warenlager von wächsernen Gliedern und Tieren, die man als Ohren - und
Armgehenke für Heilige kauft, damit die Urbilder genesen.
122 Die Zentauern konnten ihn nicht mit Bäumen umschlagen, sondern mussten ihn
stehend in die Erde drücken. Orph. Argonaut. 168.
123 So heisset die von Bouguer bestimmte Erhebung über das Meer, auf der die
Berge in allen Zonen beschneiet sind.
124 Auf der Universität Paris dauert noch der Bote von Pommern fort, der
jährlich nach Pommern etc. abging, um von den Eltern Briefe für die Pariser
Studenten abzuholen.
125 Und auch da nur in Beziehung auf Unsterblichkeit und Wiederersatz. Wir
fühlen keine Ungerechtigkeit, wenn ein Wesen ein Plantagenneger, ein anderes ein
Sonnenengel wird; aber ihre Schöpfung beginnt ihre Rechte, und der Ewige kann
ohne Ungerechtigkeit nicht einmal mit den Schmerzen des winzigsten Wesens die
Freuden aller bessern kaufen, wenn es nicht jenem wieder vergütet wird.
126 Und ich mache hier mit Vergnügen dem Publikum zu meiner eignen
Lebensbeschreibung Hoffnung, womit ich es, wenn ich nur noch einige nötige
Kapitel daraus erlebt habe, unter dem Titel beschenken werde: Jean Pauls
Apostelgeschichte, oder dessen Taten, Begebenheiten und Meinungen.
127 Quarteronen sind Kinder von Terzeronen, die wieder Kinder von Mulatten und
Weissen sind.
128 Der Schwan ist die Giulia, die Leier des Apollo Emanuel, der Herkules
erinnerte an den Lord.
 
    