
        
                                 Terese Huber
                              Die Familie Seldorf
                                Eine Geschichte
                                   Erster Teil
Im Frühling des Jahres 1784. kam zu Saumür in der ehemaligen Provinz Poitou, ein
ältlicher Mann an, der, nach seiner Kleidung zu urteilen, ein Seeoffizier von
ansehnlichem Rang sein musste. Er war von seinen Kindern begleitet: einem Sohn
und einer Tochter von neun bis dreizehn Jahren, und einer zweiten Tochter, die
noch in der frühesten Kindheit war. Die Kinder trugen tiefe Trauer um ihre vor
kurzem verstorbene Mutter, aber weiter konnte die Neugier der Wirtsleute in dem
wenig besuchten Gastofe anfangs nichts erfahren; denn die beiden Bedienten des
Fremden, ein junger Bursche aus der Gegend von Saumür selbst, der zufällig ganz
kurze Zeit vorher nach Paris gewandert war, um dort Dienste zu suchen, und eine
Kinderwärterin, waren nur gerade vor der Abreise des Fremden aus der Hauptstadt
von ihm angenommen worden, und wussten wenig mehr von ihrem neuen Herrn, als dass
er seinem Namen nach zu urteilen - er hiess Seldorf - kein geborner Franzos sein
müsste, im amerikanischen Kriege gedient hätte, und mit einem zerschmetterten Arm
zurückgekommen wäre. Er äusserte indessen bald, dass er sich einige Zeit in der
Stadt aufzuhalten gedächte; und sobald er seinen Kindern, für welche er die
gröste Sorgsamkeit zu haben schien, alle Bequemlichkeiten verschafft hatte, die
bei der Beschaffenheit des Hauses zu erlangen waren, erkundigte er sich bei dem
Wirt, ob in diesem Strich nicht irgend ein gut gelegenes Landgut, von mässigem
Umfang, zu kaufen sein sollte. Es fand sich, dass dieser durch einen kleinen
Weinhandel mit mehrern Herrschaften in Verbindung stand, und Leute in der Stadt
kannte, die mit Aufträgen zu dergleichen Geschäften versehen waren. Seldorf nahm
auf den folgenden Tag Abrede mit ihm, einige Gänge zu diesen Leuten zu tun, und
kehrte hierauf zu seinen Kindern zurück.
Er fand Sara, seine Aelteste, ein sanftes Geschöpf von neun Jahren, neben der
Kinderwärterin knieen, und ihr Schwesterchen, das ein heftiges Fieber zu haben
schien, liebkosend trösten, indes der Knabe an einem Fenster stand, und mit
grossen ernsten Augen auf die Gruppe blikte. Seldorf näherte sich der Kleinen,
legte seine Hand an ihre glühenden Wangen, sah in ihre trüben Augen, und sagte
zu Sara: Gutes Kind, deine Schwester wird nun gesund werden, diese Luft ist
heilsam - Sara sah freundlich zum Vater auf, der mit Bestürzung wahrnahm, dass
ihr Gesicht von Tränen benezt war. Was hast du? rief er, und zog sie zu sich.
Antoinette ist ja nicht so krank, sie soll leben, und wir wollen sie pflegen,
und für sie sorgen - O Vater, das ist's nicht! wenn sie auch stürbe - ich denke
wohl, Vater, der Tod ist nicht das Betrübteste; aber so lange sie lebt, müssen
wir ihr wohltun, und sie lieb haben - und Teodor - - Ungedultig hatte dieser
der Schwester zugehört, er eilte nun zu ihr - Sara, rief er dringend, du hast
Unrecht, ich will Antoinetten wohltun, ich möchte jeden Schmerz für sie leiden;
du weisst ob es wahr ist, was du mir vorwarfst, was du nun dem Vater sagen willst
- Seldorf unterbrach den stürmischen Knaben, drükte beide Kinder an seine Brust,
und wollte sich eben nach der Entstehung ihres Zwistes erkundigen, als die
kleine Kranke von dem Schoss ihrer Wärterin herabglitschte, und mit zitternden
Schritten zu ihm schlich, seine Kniee mit beiden Armen umfasste, und indem sie
bittend zu ihm hinaufsah, einige süsse Worte lispelte. Seldorfs Gesicht überflog
eine glühende Röte, sein Blik wurde finstrer, er bükte sich aber nach dem
Kinde, dessen Kopf matt auf seine Kniee gesunken war. Teodor nahm es auf seine
Arme, sah auf den Vater, sah auf die lächelnde Kleine, und wollte sie lebhaft an
sich drükken, als sie schmerzhaft ausschrie: Ach mein Hals! und nach einer
breiten Binde grif, die sie bis an das Kinn verhüllte. Des Knaben Tränen
stokten, er gab das Kind eiligst der Wärterin, und ohne den mindesten Ausdruk
von Teilnahme gegen das wimmernde Geschöpf, warf er sich seinem Vater um den
Hals. Vater, rief er, Sara findet mich hart gegen Antoinette, weil ich nicht -
weil mein Herz mir es unmöglich macht - weil wir Knaben wohl helfen mögen, aber
nicht klagen und trösten können. - Ach Teodor, unterbrach ihn Sara, wie ich die
Blattern hatte, konntest du da nicht klagen und trösten? Habe ich da nicht oft
gebeten: Bruder, weine nicht! wie ich blind war, und deine Tränen so kühl auf
meine brennenden Hände fielen? - Sara, quäle mich nicht, denn ich habe recht. Du
bist älter, du bist meine liebe Herzensschwester gewesen, lange eh der Vater uns
allein liess, dich liebte ich ja, eh du nur mit mir sprechen konntest - Seldorf
wollte nun den zärtlichen Streit, dem er gerührt und nachdenkend zugehört hatte,
endigen. Liebreich stellte er Teodor'n vor, wie selten es in der Macht des
guten Mannes stände, den Leiden seiner Mitgeschöpfe abzuhelfen, und wie lindernd
für den Leidenden Teilnahme und sanfte Tröstungen wären. Während dass Beschämung
und Hartnäkkigkeit in des Knaben Seele noch kämpften, wendete sich der Vater zu
Sara, und sagte: Mein Kind, Teodor will nicht hart sein gegen das arme
Geschöpf, das weisst du; von der Art, wie er euch beide liebt, kannst du nicht
urteilen, meine Sara. Wenn du einst älter bist, wirst du lernen, dass es
weibisch wäre, wenn Knaben und Männer liebten und trösteten, wie es deinem
Geschlecht wohl ansteht, es zu tun.
    Sara verstand ihres Vaters Worte kaum zur Hälfte, denn sie war sehr jung und
einfach; aber eben dieser Einfalt prägte sich der Sinn dieser Worte, für welchen
die Natur das weibliche Herz so empfänglich gemacht hat, tief ein, und mit
demselben Achtung für den Unterschied zwischen ihrem Gefühl und dem, was ihr
Vater als Eigenschaft des Mannes zu bestimmen schien, liebende Behutsamkeit, in
den beiden Geschöpfen, die sie so innig ehrte, diesen Unterschied nicht zu
beleidigen.
    Es kam Seldorf darauf an, unverzüglich einen ländlichen Aufentalt zu
finden, und er hatte hiezu bloss die Mühe der Wahl, denn in der Hauptstadt waren
eine Menge Gutbesitzer ungedultig, einen Teil ihres väterlichen Erbes in fremde
Hände zu bringen, um in dem glänzenden Wirbel, wo sie sich wie Strohhalme im
Weltmeer umtrieben, sich einen Augenblick länger eine lügenhafte Wichtigkeit zu
geben. Er entschied sich für ein artiges Landhaus, von welchem ein kleines Dorf
und ziemlich ansehnliche Ländereien abhiengen, das die reizendste Lage hatte,
und von allem Geräusch und Ueberfall von Müssiggang so entfernt war, wie es in
einer Provinz sein konnte, wo es Rittergüter, alte Schlösser mit Türmen und
Gräben und allen feudalischen Ehrenzeichen in zahlloser Menge gab. Das Haus war
zulezt von der verwitweten Gräfin ** bewohnt gewesen, die es als Witwensiz
besessen hatte, und nach deren Tode es ihres Mannes ältestem Sohne aus seiner
ersten Ehe zugefallen war. Diese arme Dame, welche durch verschiedne Umstände
sehr wider ihren Willen vom Hof entfernt gehalten wurde, hatte alle Laster, aus
welchen die Bewohner jener erhabenen Sphäre die Fesseln schmieden, mit denen sie
lächelnd sich selbst geisseln, unter die Einwohner dieser Gegend gebracht. Zu
alt, zu beschränkt in ihren Glüksumständen, und zu verlebt, um einen Zirkel von
Menschen ihres Standes um sich zu versammeln, hatte sie Neid, Intrigue,
Raubsucht, Hass, und alle Würkungen, die es in dem Menschen hat, wenn er nicht
allen Menschen anzugehören glaubt, in die täglich würksamen Verhältnisse des
häuslichen und ländlichen Lebens übergetragen, ihre Untertanen gedrükt, ihre
Nachbarn verscheucht, ihr Gesinde verschlechtert. Nach ihrem Tode sahen sich die
Untertanen mit dumpfer Gleichgültigkeit in eines neuen Herrn Gewalt kommen,
indes mancher unter ihnen weinen mochte, wenn er aus Not gezwungen war, sein
leztes Pferd einem andern Eigentümer zu überlassen. Dass sein Pferd es besser
oder schlimmer haben konnte, wusste er, da er selbst viele Jahre lang sein
schwarzes Brod zwischen diesem Tiere und seinen nakten Kindern geteilt hatte;
aber dass die Bauern jemals von einem Herrn besser als von dem andern wären
behandelt worden, hatte ihm sein alter Vater nie erzählt. Seit vielen
Menschenaltern ohne Genuss von sicherm Eigentum, von Liebe oder Dank, sahen sie
fühllos die lächelnde Sonne ihre Fluren bescheinen; die Trauben die sie rötete,
die Saaten die sie reifte, gehörten nicht ihnen; sie kannten ihre Würkung nur
von dem Schweiss der bittern Mühe her, der ihre erniedrigte Stirne benezte. Nie
hörte man sie von dem Segen ihrer Arbeit sprechen; wenn sie nach einem schwülen
Tag finster vor ihren Hütten sassen, erzählten sie sich höchstens von dem
Hagelwetter, dessen Verwüstungen ihnen Brod und Obdach nahmen. Unglücklich
fühlten sie sich nicht, denn es fiel ihnen nicht ein, sich mit Glüklicheren zu
vergleichen; hätten sie das gekonnt, hätten sie gar sich mit ihren prassenden
Herren zu vergleichen gewagt, es wäre schon der erste, gefährliche Schritt zum
Erwachen aus ihrer Dumpfheit gewesen. Die seelentödtende Erniedrigung dieser
armen Menschen bestand gerade darin, jenes Geschlecht, das sie von allen
Ansprüchen der Menschheit ausschloss, für erhabener als sich selbst zu halten;
und erwachte je ein Funken von Ehrgeiz in ihnen, so befriedigten ihn glänzendere
Zeichen ihrer Dienstbarkeit.
    So waren die Einwohner dieser Gegend, und die paar hundert Menschen
beschaffen, über welche Seldorf nun zu gebieten hatte. Dieser Mann hatte früh
denken gelernt, er hatte früh seinen Geist bereichert; aber in der Einsamkeit
erzogen, hatte er den Menschen nur in seinem eigenen Herzen studiert, und das
Ideal, was er hier fand, leitete ihn auf einen Pfad, wo er ohne Gefährten blieb.
Nirgends begegnete ihm in der Würklichkeit die hohe Tugend, nach welcher er
strebte, die er allein seiner würdig hielt. Oft glaubte sein warmes Herz ihre
Spur gefunden zu haben, er verfolgte sie eifrig, und immer sah er sein schönes
Bild in Luft zerfliessen. Doch riss ihn keine Erfahrung von seinen Schwärmereien
los, bei jeder ward ihm vielmehr sein Ideal teurer, bei jeder strahlte dessen
Glorie heller, und bedekte neues Dunkel den Pfad seines Lebens. Er sehnte sich
nach Mitgefühl, und wachte zu streng über sich selbst, um die Einsamkeit seines
Herzens seiner Vortreflichkeit zuzuschreiben. Indessen sah er sich oft mit
Beifall umringt, wenn er sich kleiner Antriebe bewusst war, und oft ergieng über
ihn das strengste Gericht, wenn seine schöne Seele im Gefühl ihres Adels glühte.
Mistrauen gegen den Schein der Tugend musste also mit Geringschäzung fremden
Urteils in ihm entstehen. Bei einem kältern Herzen wäre er ein
Menschenverächter geworden. Aber Seldorf konnte sich nur von den Einzelnen
losreissen, unter denen ihn so viele betrogen und verkannten, um das ganze
Geschlecht mit desto innigerem Wohlwollen zu umfassen.
    Verschiedne Umstände verschaften ihm schon in früher Jugend, ob er gleich
in Deutschland geboren, und seine Eltern von der nämlichen Nation waren, eine
Stelle im Dienst des königlichen Seewesens in Frankreich. Dies war keine
Gelegenheit für ihn, Menschen nach seinem Bild zu finden; was ihn umgab, war
vielmehr Unrecht, Druk, und Vergessenheit aller Pflichten. Sein Herz litt
unendlich dabei, und da er sich eben so fruchtlos nach Glük als nach Tugend
umsah, fieng er an, beide weniger für den Lohn, als für den Leitstern des
menschlichen Geschlechts zu halten. Seine schönsten Jahre waren in überspanntem
Streben und trüber Ergebung verflossen, als der siebenjährige Krieg ausbrach,
der für Frankreichs Ehre und Wohlstand so verderblich war, in welchem schamlose
Intrigue, Privatinteresse und Weiberlaune Leben und Gut der Nation in die Hände
spottender Feinde lieferten. Seldorf fühlte alle diese Abscheulichkeiten bei
seinem Dienst zehnfach bitter; die wenigen redlichen Seeoffiziere sahen mit
Zähneknirschen, wie sie und ihre brave Mannschaft durch die Pflichtlosigkeit der
Obern dem Hohngelächter der Fremden preisgegeben waren. Wo indessen der Mut der
Seeleute nicht durch die Ungeschiklichkeit oder Verräterei ihrer Anführer
fruchtlos gemacht wurde, behaupteten sie ihre Ehre; und einige durch Tapferkeit
und Klugheit geglückte Unternehmungen brachten Seldorf früher in seinem Dienst
empor, wie er als Ausländer und Bürgerlicher unter andern Umständen je hätte
erwarten können. Die Tätigkeit, zu welcher er dadurch immer mehr Anlass bekam,
hatte den wohltätigsten Einfluss auf seinen Geist; statt müssiger Spekulation,
sah er nun Würklichkeit um sich her, und wenn er auch dabei auf Gestalten stiess,
die gegen die Bilder seiner ehemaligen Betrachtungen ihm sehr verzerrt vorkamen,
so traf er auch freundliche, anziehende Gruppen, die durch ihre menschlichen
Unvollkommenheiten Zutrauen, und durch manche einzelne Züge Ahnungen hoher
Tugend erwekten. In der erzwungnen Achtung seiner unwürdigen Obern schien ihm
die zertretene Menschheit einigermassen gerächt, und ihr richtiges Verhältnis
schien ihm in der zutraulichen Liebe seiner mutigen, sorglosen Untergebenen zum
Teil wieder hergestellt. Sein Herz erweiterte sich, denn er fühlte die
mangelhafte Würklichkeit beglückkender als seine vollkommnen Ideale.
    Der Zustand, in welchen das arme Frankreich immer tiefer versank, sezte den
guten Seldorf, als er nach beendigtem Kriege in das bürgerliche Leben
zurückkehrte, zwar in Gefahr, den kleinen Vorrat von Lebenslust, den er
aufgesammelt hatte, wieder einzubüssen. Allein jene unbestimmten Triebe seiner
Jugend waren nun verraucht, des Mannes ruhiger Sinn begnügte sich mit den
gewöhnlichen Hülfsquellen des gesellschaftlichen Lebens; er wollte sich nun auf
immer vor Schwärmerei schüzzen, und beschloss, so nah er auch seinem Herbst war,
mit noch ganz neuem Herzen eine Gattin zu suchen.
    Das weibliche Geschlecht war ihm bisher unbekannt geblieben. Der Begrif von
weiblicher Tugend und weiblichem Adel war seinem Ideengang überhaupt angemessen.
Das einzige Weib, das er je kannte, seine Mutter rechtfertigte diesen Begrif;
ihr Andenken heiligte bei ihm ihr ganzes Geschlecht, und machte es ihm so
ehrwürdig, dass er die einzigen weiblichen Geschöpfe, die er in seinem Dienst und
durch den Umgang mit seinen Kameraden zu sehen Gelegenheit gehabt, nie mit
diesem Geschlecht in die mindeste Verbindung gebracht hatte.
    Der Zufall führte ihm ein Mädchen zu, die er zu seinem Weibe machte, nachdem
er sie schon durch alle Bande der Dankbarkeit an sich gefesselt hatte.
Leidenschaftlich lieben konnte der vierzigjährige Mann wohl nicht mehr, aber mit
dem vollsten Zutrauen sein ganzes Glük aus den Händen eines reizenden Weibes
erwarten, die ihm mehr wie das Leben zu verdanken hatte, das konnte er mit mehr
Einmischung seiner ganzen Seele als manche heftige Leidenschaft erfordert. Er
ward auch glücklich, und zwei Kinder, Teodor und Sara, schienen ihn auf immer an
die Fehler, Leiden und Genüsse der gebrechlichen Menschheit zu knüpfen, als die
unergründliche Staatskunst des französischen Hofs seine Untertanen nach Amerika
schikte, um dem kühnen Volke eines andern Weltteils ein Gut erkämpfen zu
helfen, das bei ihnen Majestätsverbrechen geheissen hätte. Seldorf konnte bei
seinem Gefühl und seiner Denkungsart dem Ruf seines Monarchen für Freiheit und
Volksglück zu streiten, nicht als blosser Mietling folgen. Erstaunt durch einen
Dienst, wie der seinige, aufgefordert zu sein, für die Sache der Menschheit zu
fechten, flog er auf seinen Posten, und die Freude seiner Seeleute jauchzte ihm
entgegen. Das wohlgemute Volk hatte unter Seldorf gesiegt, und sein Blut
vergossen aus gewohntem Gehorsam, die wenigsten darunter bekümmerten sich
ernstaft um das Wesen und den Grund des Kampfes; indessen trieben sich manche
unbestimmte Begriffe und Sagen von den Taten und dem Vorhaben der neuen
Bundsgenossen jenseit des Oceans in den leichtfassenden Köpfen dieser Nation
umher, und ob es schon verworren genug darum aussah, so gibt es doch einen Ton,
der rein angeschlagen in jedem denkenden Wesen wiedertönt - Freiheit heisst er,
und der Lerche kühner Flug im Duft der Morgenröte verkündet ihn der ganzen
Schöpfung wie das geopferte Leben von Tausenden ihn in das Ohr der Tirannei
ruft.
    Für Seldorf war dieser Krieg ein wichtiges, ernstes Schauspiel. Er hielt
sich lange in den amerikanischen Häfen auf, und folgte mit spähendem Blik der
Schöpfung der Freiheit um ihn her. Jezt sah er die Menschheit in einem neuen und
wohltätigen Lichte, er verglich die Bewohner jenes Landes mit dem braven,
empfänglichen Volke, unter welchem er seit seiner Kindheit lebte, dachte den
Abgrund von Elend, worinn es verschmachtete, und wenn mancher schwarzlokkiger
Knabe mit kindischem Mut den oft gehörten Ruf von Freiheit und Eigentum
nachrief, sah er seines Teodors unterdrüktes Verdienst an den Stufen des Trons
zertreten. Er selbst war mit seinem kleinen Haufen fast immer des Sieges gewiss
gewesen, aber was vermochte die edelmütige Tapferkeit eines Seldorfs gegen die
Machinationen des Eigennuzzes und der treulosen Selbstsucht? Im lezten Jahre des
Kriegs zerschmetterte ihm eine Kugel die rechte Schulter, lange verzweifelte man
an seinem Leben, und unter den unsäglichen Schmerzen seiner Krankheit musste er
über sich selbst lächeln, wenn in den Händen des Wundarztes ihn der Gedanke
stärkte, für die Sache der Freiheit zum Krüppel zu werden, er, der als Söldling
eines Königs in einer fremden Sache sein Blut vergoss!
    Seldorf war nun zu ferneren Kriegsdiensten unfähig, und eilte nach
Frankreich zurück, versöhnter mit dem Schiksal der Menschen, denn er hatte in
jenem Lande den Keim ihrer Veredlung und ihres Glüks gesehen, und alle Freuden
des Gatten und Vaters in seiner Heimat erwartend. Wie viel glücklicher wäre der
Arme gewesen, wenn die Kugel, die seine Schulter zerschmetterte, sein gutes Herz
mit allen seinen Hoffnungen und Aussichten getroffen hätte! Er kam zurück, und
Zerrüttung seines häuslichen Friedens und Schande war der Lohn seines Vertrauens
und seiner Wunden. Seine Gattin machte ihn zum drittenmale zum Vater, und brach
in schuldvolle Tränen aus, als er das Kind mit bitterm Zähneknirschen aus den
Händen der Wehmutter empfieng. Nach kurzer Zeit trennte sie der Tod, und in dem
finstern, tränenlosen Blik, den er ihrem Sarg nachschikte, las man die ewige
Scheidung zwischen ihm und den Freuden des Lebens. Sogleich nach diesem Vorfall
schaffte er alle seine Bedienten ab, brach mit seinen wenigen Bekannten und
verliess die Hauptstadt, welche der Schauplaz dieser Begebenheiten gewesen war.
Seldorf erschien seinen neuen Nachbarn und seinen Untertanen bald als ein Wesen
ganz andrer Art, wie die leztverstorbene Gutsbesizzerin. Jede seiner
Einrichtungen, jedes Tagewerk bewies, dass er um so eifriger darauf bedacht war,
alles um sich her zu beglücken, je ferner jedes frohe Gefühl von seinem eignen
Herzen war. Keiner, der ihm nahte, konnte seinen Willen verkennen, aber aller
Dank, der ihm wurde, konnte ihm nicht den schönsten Lohn seiner Tugend geben; er
konnte Wohltaten austeilen, aber Freude geben konnte der freudenlose Mann nie.
Mit treuer Sorgsamkeit wachte er für seine Kinder, und pflanzte den reinsten
Entusiasmus für alles Edle und Gute in ihren Herzen, innig verehrten sie in ihm
das Vorbild seiner Lehren; aber das teilnehmende Lächeln seines gramvollen
Gesichts verscheuchte ihre jugendliche Fröhlichkeit. Mit weiser Menschlichkeit
zog er seine Untertanen aus Armut und Elend, lehrte sie zuerst nach den
Annehmlichkeiten des Lebens trachten, indem er es ihnen möglich machte, sie zu
erlangen. Wenn aber ein schöner Sommerabend das Landvolk zu lustigen Spielen
versammelt hatte, und er unerwartet erschien, verstummte die Freude vor dem
trüben Blik ihres Schöpfers.
    Sara und Teodor lebten von dem ersten Augenblick ihres ländlichen
Aufentalts ein neues Leben. Die ersten ohne deutliches Bewusstsein verflossenen
Jahre ihrer Kindheit hatten eben keinen Eindruk weiter in ihrem Gedächtnis
zurückgelassen, als dass sie die lange Abwesenheit ihres Vaters mit einem dunkeln
Gefühl von ehemaligem Glük verglichen. Teodor, vier Jahre älter wie seine
Schwester, hatte sich glühende Bilder von den Gefahren und Taten des geliebten
Vaters gemahlt, und von dem Entzüken des Wiedersehens. Unablässig hatte er in
seine Mutter gedrungen, dass sie ihm von Amerika erzählte, und das Wort Freistaat
durchdrang ihn mit Ehrfurcht, seitdem er wusste, dass dafür seines Vaters Blut
geflossen war. Nach des Vaters lang ersehnter Rükkehr lag ein schweres Schiksal
auf der ganzen Familie, der Kinder unschuldiger Sinn entzifferte es nicht, aber
jungen Vögeln gleich, die unter einer finstern drükenden Gewitterwolke leise mit
gebükten Köpfchen an der Erde wegfliegen, war, ihnen selbst unbewusst, alle
Freude gelähmt, und ihr heiterstes Geschwäz lispelte kaum hörbar dahin wie
Gespenstermährchen. In Teodors lebhaftem Geist schienen manchmal wohl
befremdliche Gedanken zu dämmern, aber kindlich begnügte er sich, seines Vaters
Gram zu teilen, ohne tiefer in dessen Ursachen einzudringen. Seit sie indessen
das Land bewohnten, war dieser Zauber gehoben; des Vaters Gesicht blieb zwar von
Kummer umwölkt, aber die neue Lebensweise, Seldorfs unablässiges Bemühen, ihnen
jeden Genuss zu verschaffen, alles gab ihnen das Glük der Jugend zurück. Sein
liebstes Geschäft war, die Kinder eines durch das andre zu bilden; Lage und
Karakter hatten sie einander so genähert, dass der Unterschied ihrer Jahre
verschwunden war. Teodor gewöhnte sich, Sara gleichsam als die Stellvertreterin
ihres ganzen Geschlechts anzusehen, und achtungswürdiger konnte es ihm nie
erscheinen als in ihr. Sara glaubte in ihrem Bruder das Urbild alles Schönen,
das der teure Vater als Ziel der Vervollkommnung schilderte, zu erkennen. Bei
so empfänglichen Herzen, und der Abgeschiedenheit, worinn sie lebten, musste sich
bald Entusiasmus in diese Gefühle mischen. Oft sagte Seldorf zu seinem Sohn:
Willst du ein Mann werden, so lerne die Weiber ehren. Nur wenn sie uns beglücken,
sind sie liebenswürdig; nur wenn wir sie ehren, können sie uns beglücken. Die
Natur sezte die Vollkommenheit beider Geschlechter in der grössten gegenseitigen
Abhängigkeit, indem sie ihr die grösste Verschiedenheit gab. Der feste, treue,
eiserne Mann kann nur der sanftesten Weiblichkeit huldigen; Schwächlinge lieben
Amazonen. Damit aber das Weib diesen Zauber ihres Geschlechtes besize, muss ihr
Herz kindlich bleiben, wie gebildet auch ihr Verstand sei; und unsre Achtung
allein kann das Zutrauen hervorbringen, welches diese Kindlichkeit erhält. Fühlt
das Weib nicht diesen Lohn seiner Liebenswürdigkeit, so sucht es sich von uns
unabhängig zu machen, und dann wird es verächtlich. Die Natur, die uns stärker
machte als sie, verträgt diese Unabhängigkeit nicht; alsdann erniedrigen wir sie
dafür, gewaltsam oder listig, zu unsern Sklavinnen, und pflanzen auch alle
Laster des Sklavensinnes in ihre entartete Brust. Aus Händen, die wir nicht
achten, können wir den Lohn nicht mehr empfangen, der nächst unserm Selbstgefühl
der reinste Antrieb zur Tugend ist, und alle einfachen Bande des geselligen
Lebens lösen sich auf.
    Alle Lehren, die Seldorf seinen Kindern gab, atmeten diese Grundsäze. Nach
ihrem mehr oder weniger gebildeten Alter veränderte sich zwar die Einkleidung,
aber der Sinn blieb derselbe. Er bedachte nicht, wie viel bittere Erfahrungen er
einst in der würklichen Welt zwei einsamen, liebevollen Geschöpfen zubereitete,
die er mit abgezognen Begriffen über Wesen ausrüstete, welche alle in tausend
und aber tausend Abänderungen irgend einen Zug dieses Bildes darstellen, aber
demselben nie gleichen würden. Seine Absicht war indessen berechnet und schön.
Er selbst war auf seiner Laufbahn an einen Abgrund von Unglück geraten, er hatte
sich für Menschen geopfert, die sein Herz zerrissen hatten, und sein hoher
Begriff von der Menschheit hatte sein eignes Selbst vom Untergang errettet,
hatte ihm Mut gegeben, bei einer völlig zerstörten Existenz Schöpfer fremder
Glükseligkeit zu werden. Die bürgerliche Gesellschaft und ihre Verhältnisse
waren ihm verhasst, er dachte mit Schaudern daran, seine Kinder in diesem
schaalen Chaos kalterziger Leidenschaft und geistloser Vernunftanstrengung
zurückzulassen; da er aber keine Einsiedler aus ihnen machen wollte, so sollten
sie in den Stand gesezt werden, sich einst ihren Weg selbst zu bahnen. Die
einzige Sicherheit, die er ihnen gegen alle Gefahren geben zu können glaubte,
war der höchste Begriff von ihrer moralischen Bestimmung; hatten sie den, so
konnten sie unter so vielen entarteten Mitgeschöpfen wohl unglücklich, aber nie
ihnen gleich werden.
Das Landleben und die sanfte Luft schienen anfangs Sara's Wünsche für
Antoinetten, die leztgeborne Tochter von Seldorfs Weib, zu begünstigen, sie
bekam Kräfte, und erwiederte die Liebe ihrer ältern Schwester mit der
rührendsten Zärtlichkeit. Indes Teodor bei dem Vater lernte, oder ihn in seinen
landwirtschaftlichen Geschäften begleitete, war Antoinette beständig um Sara,
liess sich allerlei kleine Spiele und Arbeiten von ihr weisen, oder ward von ihr,
mit süsser Sorgfalt für ihre Gesundheit, im Garten und auf den Wiesen umher
geleitet. Kamen der Vater und der Bruder zurück, so brachte die gute Sara ihren
Pflegling der Wärterin wieder, denn es tat ihrem weichen Herzen zu weh, ihren
Vater bei dem Anblik und den Liebkosungen des kleinen Geschöpfes finster werden
zu sehen. Anfangs, und so lange Antoinette krank war, hielt sie das für Schmerz
über ihr vieles Leiden; nun war sie aber gesund, und wenn Sara ihrem Vater
erzählte, dass ihr Schwesterchen hübsch laufen, und schwazen, und sonst allerlei
niedliche Dinge könnte, und er sie dann mit erzwungner Freundlichkeit anhörte,
oder mit trüben Augen umarmte, und finster abbrach, strengte sie ihren liebenden
Sinn an, um die Ursache dieses Unwillens zu ergründen. Natürlich erwachte dann
in ihr das Andenken der Mutter, um derentwillen sie ihren Vater oft betrübt sah.
So geschah es einmal, da er ihre kindische Freude über ihr Schwesterchen kalt
zurückzustossen schien, dass sie furchtsam fragte: Vater ist es denn Antoinettens
Schuld, dass die Mutter starb? Seldorf trat heftig zurück, und ging mit sich
selbst kämpfend im Zimmer umher. Das gute Mädchen glaubte es nun erraten zu
haben, und ergrif weinend des Vaters Hand: Zürne nicht, verzeih ihr! Sie ist so
allein, weil du sie nicht magst - bringe sie dann her, gute Sara, ich will sie
mögen, ich will ihr verzeihen - - weiter liess ihn seine Bewegung nicht sprechen,
und weiter hätte auch Sara nichts gehört, denn sie war schon hinaus geeilt, um
ihrer Schwester ein Glük zu verschaffen, das sie für das schönste,
wünschenswerteste hielt. Die Kleine spielte im Garten unter den Blumen, und
folgte Sara's freudigem Ruf, zum Vater zu kommen, mit furchtsamen Schritten;
denn sie war seiner Gegenwart fast entwöhnt, und liebte ihn nur aus Sara's
Lehren, wie die unbekannte Gotteit ihres kleinen Herzens. Seldorf empfieng sie
tief gerührt, mit offnen Armen, und Antoinette blikte scheu bei den Tränen und
Liebkosungen des Vaters. Ihre schönen, wenn gleich matten Augen, suchten
kindisch staunend auf Sara's Gesicht eine Erklärung dieses Auftritts; indes, wie
sie ihre kleine Mama so fröhlich sah, ward sie auch munter und wakker, suchte
die schönsten Blumen aus ihrem Körbchen, und stekte sie dem Vater erst in die
Hand, dann gar an die Brust, eilte geschäftig hin und her, und holte alle ihre
kleinen Arbeiten, und zeigte sie ihm mit einem sanften, um Beifall bittenden
Blik; und wenn ihr Wunsch gewährt wurde, rief sie: das hat mich alles Sara
gelehrt, das hat mir meine Sara geschenkt; Sara erzählt mir auch viel schöne
Geschichten, soll ich dir eine erzählen, lieber Vater? - Es war deutlich, dass
Seldorfs Herz bei diesem ganzen Auftritt von tausend Empfindungen zerrissen
wurde; aber je länger er Saras inniger Teilnahme an der liebenden
Geschäftigkeit dieses Kindes zusah, und je vertraulicher die arme Kleine, in der
Bemühung ihm zu gefallen, wurde: je sanfter schien sein Schmerz zu werden. - Ja,
erzähle mir deine schönste Geschichte, die dich Sara zulezt lehrte, die erzähle
mir. - Nun Vater, da war einmal ein Mann, der war sehr gut, so gut wie du, und
hatte auch ein hübsches Haus, und Garten, und allerlei Schönes; und da kam
einmal eine arme Frau zu ihm mit einem kleinen Kinde; das war ein Mädchen, und
Sara sagt, es wäre ganz klein gewesen, und hätte noch nicht gekonnt allein
gehen, und essen, und um nichts bitten. Die Frau bat den guten Mann, dass er ihr
doch ein Stübchen gäbe, und ihrem Nettchen eine Suppe, die bösen Menschen hätten
ihr alles genommen. Und das tat auch der gute Mann, und die Frau bekam auch ein
Stübchen, und durfte in dem schönen Hause wohnen. Einmal, da musste der gute Mann
ausgehen, weit weg, dass er erst spät am Abend wieder kommen konnte, und da gab
er der armen Frau alle Schlüssel, und sagte: sieh hübsch auf das Haus, dass die
Diebe nicht hineinkommen, und - Vater, das habe ich vergessen: der Mann hatte
zwei Kinder, dass es war, wie bei uns, eine grosse Schwester, und einen Bruder
wie Teodor - Liebe Sara, nicht wahr, der Bruder in der Geschichte, der war wie
unser Bruder, aber - aber er hatte das arme kleine Mädchen lieb, ob sie gleich
nur von einer armen Frau war - - der kleinen Erzählerin standen die Augen voll
Tränen. Seldorf sagte: liebe Kleine, Teodor liebt dich auch, erzähle du nur!
nun, der Mann ging fort? - Ja, sagte Antoinette, und blikte auf Teodorn,
dessen flammendes Gesicht schon längst abwechselnd Strenge und Rührung
ausgedrükt hatte - ja, er ging fort, und die Frau legte sich zu Bett, und liess
das Licht brennen, und auf einmal da war grosses Feuer in der Stube, und das
ganze Haus brannte, und wie der gute Mann wiederkam, da sah er sein Haus
brennen, und da rief er: ach meine Kinder! da kamen ihm die Kinder halb nakkend
entgegen, aber die arme Frau war todt vom Rauche, und die Kleine hatte überall
Weh vom Feuer, und des guten Mannes Gesicht war auch verbrannt, dass seine Augen
finster wurden, und er nie mehr die Sonne sah, und die Blumen, und seine Kinder
nicht mehr sah; er nahm aber doch das gute kleine Mädchen auf seine Arme, und
sagte: du armes Mädchen, deine Mutter hat mich zum Bettler gemacht, und es wird
nicht mehr hell um mich sein, denn meine Augen sind finster; aber ich will dich
lieb haben, und dich nicht verlassen - - die Kleine erzählte schon lange mit
stokkender Stimme, die lezten Worte lispelte sie an Seldorfs Brust gelehnt, die
sich gewaltsam hob bei dem kindischen Geschwäz. Teodor war still zum Vater
getreten; wie aber die Kleine verstummte, und der Vater mit inniger Rührung ihre
Stirn küsste, schlug er seine Arme um sie, und drükte sie schweigend an sein
Herz; dann sprang er zu Sara, die stumm auf ihre Arbeit niedersah, indes grosse
Tropfen über ihre glühenden Wangen rollten, und umarmte sie stürmisch.
Ob das Geschichtchen weiter ging, das kindische Nachplauderei, und eben so
kindische Divinationsgabe in den Köpfchen der Erfinderin und der Erzählerin
zusammengesezt hatten, wissen wir nicht; aber das Bündnis schien von nun an
besiegelt, und Seldorfs Schwermut hatte eine weit sanftere Schattirung
erhalten. Mit wehmütiger Sorgfalt beschäftigte er sich mit dem Kinde, dessen
unendlich empfängliches Gefühl und vorzeitig reifer Geist ihn oft überraschten,
wenn er gleich wusste, dass diese Erscheinung bei Kindern, die von ihrer Geburt an
ein kränkliches Dasein fortschleppen, als eine traurige Art von Ersaz für ihr
verkümmertes Leben, nichts seltnes ist. Antoinette genoss die kaum erwachte Liebe
ihres Vaters nur kurze Zeit, plözlich stand sie in der Zunahme ihrer Kräfte
still, und eine schnelle Auszehrung führte sie in ihr frühes Grab. Das
verlöschende Leben des zarten Geschöpfes schien von leisen Ahnungen jener Welt
umgeben; fast schon entkörpert, schien ihr Geist hinter den dichten Schleier zu
blikken, und oft war in den kindischen Bildern, die sie ihren neuen Gefühlen
anpasste, ein Sinn, der Seldorfs ganze Seele traf. Eines Abends hielt er sie auf
seinen Knieen, und das Kind schwazte in matten Träumen von den Freuden, die es
sich in jener Welt verspräche. Der Vater suchte sie von dem Begriff vom Tod
abzulenken - Nein, nein, Vater! Ich will gern sterben, im Himmel ist es schön,
noch schöner als im Garten, wenn es Frühling ist, und die Bäume blühen, und die
Vögel singen - im Himmel ist immer Frühling, Vater! Sie schwieg erschöpft, aber
plözlich fuhr sie auf: Vater, ist die Mutter nicht im Himmel? - Ja, Antoinette.
- Nun Vater, so gieb mir einen Kuss für die Mutter, den will ich ihr bringen bis
du kömmst. - Sie legte ihre Arme um seinen Hals, drükte krampfhaft ihr Gesicht
an seinen Mund, und ihr Kopf fiel leblos auf seine Brust herab. - O bringe ihr
ihn, bringe ihr ihn, und meine Verzeihung für mein vergiftetes Leben! rief
Seldorf, wie er den Tod auf ihrem starren Gesicht las. Sanft küsste er noch
einmal die Lippen, die ihr leztes Leben in Liebe ausgehaucht hatten, und übergab
sie dem Grabe.
Dicht an Seldorfs Ländereien gränzte ein schönes Freigut, dessen Eigentümer,
ein Anwald aus Saumür, es bisher nur sehr selten auf einige Tage besucht hatte,
um Pachtgeschäfte zu berichtigen. Bertier - dies war sein Name - hatte von
Jugend auf die Rechte erlernt. Seinem geraden Verstand, seinem wohlwollenden
Herzen war das Labirint alter Irrtümer, verjährter Misbräuche, willkührlicher
Deutungen, niederträchtiger Bemäntelungen, eigenmächtigen Zwanges, das sein
Gewerb ihn täglich durchzuwandern zwang, schon früh ein Gräuel; er hatte sich
versucht gefunden, die ganze Rechtswissenschaft aufzugeben, und in dem kleinen
Erbteil seiner Väter das Feld zu bauen, als ihm, ziemlich in den ersten Zeiten
seiner Amtsführung, das Glük wiederfuhr, einzig durch gewissenhafte
Aufmerksamkeit in seinen Geschäften einen abscheulichen Betrug zu entdeken, der
eine ganze Familie durch einen Rechtshandel in's Elend gestürzt haben würde. Er
nahm alle seine Kräfte zusammen, um den unterdrükten Teil zu verteidigen; der
mächtige Gegner sah dass er mit einem gefährlichen Mann zu tun hatte, und
versuchte Bestechung. Bertier wies ihn ohne Prunk von sich, verfolgte seinen
Weg mit unerschroknem Eifer, und verschafte der gerechten Sache den Sieg.
    Der ganze Handel hatte nichts ausserordentliches; selbst der verlierende
Teil war durch andere Geschäfte seiner glorreichen Laufbahn zu zerstreut, um
sich lange dabei aufzuhalten, dass ihm eine kluge Maasregel, seine Einkünfte zu
vermehren, unter so vielen mislungen war, und dass sein gelindes Mittel, dem
natürlichen Gang der Gerechtigkeit etwas nachzuhelfen, diesmal bei Herrn
Bertier nicht besser angeschlagen hatte. Auf Bertier war aber die Würkung
dieses Vorfalls dauernder; er hatte bis jezt nur das Widersinnige, das Empörende
der gerichtlichen Formen und der sogenannten Geseze empfunden, jezt erkannte er,
wie wohltätig, gerade im Verhältnis mit der Mangelhaftigkeit dieser
Einrichtungen, ein redlicher Mann in seinen Geschäften sein konnte. Je mehr er
fürchten konnte, dass seine Kollegen manche Gelegenheit, Verteidiger des Rechts
zu sein, entschlüpfen liessen, desto tiefer fühlte er den Beruf, selbst jede zu
ergreifen. Der Dank der geretteten Familie, das Gefühl, durch einfache
Redlichkeit dem Einfluss des gefürchteten Grafen von ** die Wage gehalten zu
haben, entschied seine Bestimmung; er blieb auf der angefangnen Laufbahn, und
hatte in der Zeit, von welcher hier die Rede ist, seinem Amte nah an sechzig
Jahre vorgestanden. Nie hatte ihn sein Entschluss gereut; Gelegenheiten, die
Unschuld zu beschüzen, boten sich oft dar, und er liess sie nie unbenuzt. Stand
es auch nicht immer in seiner Macht, Ungerechtigkeit zu verhindern, so blieb er
sich doch bewusst, nie ein Werkzeug der Unterdrükung gewesen zu sein.
    Von Jahr zu Jahr sah er indessen die Misbräuche zunehmen; in späterem Alter
ward es dem braven Mann oft schwerer, den Zwang seines Amtes mit seinem Gewissen
zu vereinigen; aber der Gedanke, wie viel schädlicher als sein gezwungnes
Erdulden der böse Wille manches andern sein möchte, hielt ihn noch aufrecht.
Endlich ereignete sich bei einem Rechtshandel, in welchen eines von den ersten
Häuptern im Königreich verwikelt war, der Fall, dass ein höherer Befehl dem
Gerichtshof von Saumür andeutete, gegen den Vater einer zahlreichen Familie,
dessen Unschuld sonnenklar war, die Galeerenstrafe zu erkennen; zwei seiner
hofnungsvollen Söhne wurden zugleich mit Schimpf von ihren Regimentern
hinweggejagt. Bertier bot seinen Collegen an, sich aufzuopfern und den
Widerspruch allein über sich zu nehmen; die passivste Rolle von ihrer Seite hätte
alsdann hingereicht einen Frevel zu verhüten, der so ungereimt als abscheulich
war; allein er fand nichts als bestochene Gewissen und verhärtete Herzen, man
verwies ihn zur Ruhe, und drohte mit ernster Ahndung seiner Kühnheit. Nein,
sagte der acht und siebenzigjährige Greis, meine Verdammnis soll wenigstens an
jenem Tag meinen armen König nicht belasten; tut was Ihr nicht lassen könnt,
ich will ruhig sterben! Er legte sein Amt nieder, und bezog mit seinem Enkel,
dem lezten Zweig einer zahlreichen Familie, die ihm der Tod nach und nach
geraubt hatte, sein väterliches Erbteil in Seldorfs Nachbarschaft. Roger war
der Trost und der Liebling des alten Mannes, der ihn erzogen, und seine
unerschütterliche Redlichkeit, seine stille Würksamkeit, seine heitre Fähigkeit
zu geniessen auf den Jüngling übergetragen hatte. Sein Unterricht bestand in
Beispiel, in beständigem Hinweisen auf die Würklichkeit, und der Lohn, den er
dem wilden Knaben und nachher dem feurigen Jüngling anbot, in dem Bewusstsein
erfüllter Pflicht. Bei seiner natürlichen Anlage zum Guten, war Rogers ganze
Jugend eine Reihe praktischer Tugenden, die er in der Einfalt seines Herzens für
eben so wenig ausserordentlich hielt als Essen und Trinken, und die ihm auch
eben so unentbehrlich waren. Seine Leidenschaften, seine Torheiten, die
Wallungen seines heissen Bluts waren, bei seinem frohen Streben nach dem Besten,
nur ein herzliches Band, das ihn mit Nachsicht gegen andrer Schwächen und dem
Bewusstsein, selbst Duldung zu bedürfen, an alle Menschen knüpfte. Ward die Welt
um ihn her der ungebändigten Kraft des jungen Mannes zu schaal, stemmte er sich
gegen einen Zwang, welcher der Tugend selbst so oft eine Hülle aufdringt, gegen
Vorurteile, die noch öfter dem Laster Weihrauch streuen, so sagte ihm der
freundliche Grossvater in der wortreichen Sprache seines Alters: »Lieber Sohn,
ein Mensch allein baut kein Haus, es müssen viele daran arbeiten, und der
Bursche der die Steine im Schurz herbeischleppt, hat auch ein Verdienst dabei,
so gut wie der Baumeister, welcher den sinnreichen Riss angab. Wollte jeder
Arbeiter nur das Ganze ausführen, und an die einzelne Teile keine Mühe wenden,
wollte er das schöne Gebäude errichtet sehen, und doch von Schutt und Leim, von
mismutigen Aufsehern und groben oder ungeschikten Mitgesellen nichts wissen, so
käme nie ein Haus zu Stande. So ist's mit dem Guten das wir tun, es geht dessen
kein Stäubchen verloren, jeder schöne Gedanke deines edeln Geistes gehört mit
zur Schönheit der ganzen Schöpfung. Alles schön und am besten machen kann das
Menschengeschlecht nie, noch weniger ein einzelner Mensch; und in dieser Zeit,
in diesem Lande, wo die lezten Bande der Gesellschaft vom Laster gelöst werden«
- Schnell verlosch hier der glänzende Blik des alten Mannes; er kehrte von dem
schaudernden Bild des Jahrhunderts wieder zu der Lehre zurück, die er dem
aufblühenden Enkel gab. - »Aber glaube mir, Sohn, jede Bemühung etwas Gutes zu
tun pflanzt dir dein verheissenes Paradies, sie ist ein Stein zum Gebäude; und
siehst du es auch nie fertig, so kannst du doch einst zu deinem Enkel sagen, wie
ich zu dir: ich hinderte den Bau niemals!« Dieses menschlich weise Geschwäz war
für Rogers gutes Herz mehr gemacht, als für seinen gewaltigen Sinn. Wenn er - um
in der Allegorie seines Grossvaters zu bleiben - so manchen tauglichen Stein
herbeischleppen sah, den der Baumeister verwarf, oder ein schlechter Arbeiter
verkleisterte, ja wenn er alle Augenblike wahrnahm, das Gebäude könnte nach der
Anlage unmöglich bestehen, sondern müsste krumm und schief und der Welt zum Spott
ausfallen, bis es endlich gar über die saubern Künstler zusammenstürzte; so ward
es ihm heiss vor der Stirne, er sann und mass seine Kräfte, und fragte furchtsam
den freundlichen Ahnherrn: ob es nicht besser sein möchte, die ganze Gaukelbude
umzureissen? Lächelnd über den Feuereifer des Jünglings sagte dieser: Und wenn
der Schutt nun da läge, wo wohnte man dann, und wer hälfe dir wiederbauen? -
Vater, die Natur gab jedem Geschöpf die Freiheit sich seine Wohnung zu wählen,
und sendet nur Sonne, Tau und Regen, damit es habe was es zu seinem Gedeihen
braucht; warum sollte der Mensch nicht frei leben, wie sein Sinn ihn leitet? Und
was braucht er andre Geseze, als die ihn sein bestes Gedeihen lehren? - Roger,
mein Sohn! antwortete Bertier mit Ernst, fehlte dir je die Freiheit
rechtschaffen zu sein? Von der Tugend führt nur Ein Scheideweg - in's Grab; und
kein Missbrauch der Menschen versagte jemals der Seele die Wahl zwischen
Rechttun oder Sterben, und ich - hier nahm er seine Müze zwischen seine
gefalteten Hände, und beugte sein weisses Haupt - Dank sei es meinem gnädigen
Gott, ich entgieng acht und siebenzig Jahre der furchtbaren Wahl. - Tief gerührt
drükte der wakere Jüngling des ehrwürdigen Greises Hände an seinen Mund, und
lenkte heiter in seinen stillen Lebensgang wieder ein.
    So lohnend das Gefühl erfüllter Pflichten für den alten Bertier war, so
mochte er Rogern doch nicht zu eben der dornenvollen Bahn anführen, die er
durchwandert hatte; er hatte ihm vielmehr immer das Landleben als die einzige
noch übrige Freistätte eines unabhängigen Gemüts; und den Akerbau als diejenige
Beschäftigung, die den Menschen zum nüzlichsten Bürger macht, geschildert. Er
hatte ihn einige Reisen machen lassen, um an Ort und Stelle praktische
Kenntnisse zu erwerben, und als ihn der oben erwähnte Vorfall in seinem Amte von
Saumür vertrieb, freute er sich, seinen Liebling in den Würkungskreis, den er
für so wohltätig hielt, selbst einzuführen.
Es waren nun seit Antoinettens Tod einige Jahre verflossen, und hatten das Band
zwischen Sara und Teodor immer fester geknüpft. Der Bruder glaubte die kleine
Abgeschiedne zu versühnen, indem er seiner übrig gebliebnen Schwester alle Liebe
widmete, die er Antoinettens Liebe bedürfendem Herzen versagt hatte; und Sara
vereinigte den ganzen Schaz ihres innigen Zutrauens, ihrer sorgenden
schwärmerischen Herzlichkeit, den ihr armes Pflegkind sonst geteilt hatte, auf
ihren teuren Teodor. Einsam und friedlich floss ihnen die Zeit dahin, und ihr
tätiger Geist, ihre empfängliche Fantasie füllte den Mangel an Begebenheiten,
bei welchem sie ihre erste Jugend verlebten, überflüssig aus. Mit wehmütiger
Freude sah Seldorf diese beiden Geschöpfe, in denen alle seine Pflichten, alle
seine Bande an das Leben vereinigt waren, wachsen und sich vervollkommnen. Sonst
war der Schimmer von Heiterkeit, der sich in der lezten Zeit vor Antoinettens
Tod über ihn verbreitet hatte, mit ihr wieder verschwunden; ihr Grab verschloss
zwar den lezten, erbitternden Zeugen seines Unglücks, aber die stumme Todte
konnte nicht wie die lächelnde Leidende sein vergiftetes Herz mit der
Vergangenheit aussöhnen.
    In dieser Stimmung fand der Besuch des neuen Nachbars die Seldorfsche
Familie. Das Gerücht, das in der ziemlich menschenleeren Gegend von ihr
verbreitet war, konnte Bertier keinen Aufschluss weiter geben, und liess ihn
höchstens etwa auf einen in Ungnade gefallenen oder verarmten Grossen raten. Zu
bekannt mit dieser Art Menschen, um etwas vortrefliches zu erwarten, und viel zu
brav, um unberechtigt das Böse vorauszusetzen, ging er, in Begleitung seines
Enkels, aus blosser altergebrachter Höflichkeit zu Seldorfs. Solche Menschen
waren aber früh genug über einander verständigt. Der Anblik von Seldorfs
Kindern, die einfache und stille Güte in dem Betragen des Vaters gegen sie,
Teodors lebhafte Bereitwilligkeit den Eindruk zu empfangen, den Rogers
Bekanntschaft auf ihn machte, Sara's schüchterne Höflichkeit gegen den Jüngling,
ihre kindlich-ehrerbietige Freundlichkeit gegen den braven Alten - alles flösste
diesem gar bald Achtung und Zutrauen ein. Freimütig empfahl er seinen Roger
Seldorfs Güte, und forderte die beiden jungen Männer auf, nähere Bekanntschaft
mit einander zu machen, um wo möglich Freunde und Gespielen zu werden. Sara
errötete in diesem Augenblick, und mit einem dunkeln Gefühl von Eifersucht trat
sie näher zu Teodor, welcher, Rogers Hand drükend, ihn voll Eifer bat, den
Gedanken, den sein Grossvater angab, nicht fahren zu lassen.
    Bertiers Gespräch, in welchem Wohlwollen, gesunder Verstand, tiefe
Empfindung und Erfahrung die Stelle des Welttons so reichlich ersezten, hatten
auf Seldorf, der seit Jahren schon den Umgang der Menschen floh, einen
ausserordentlichen Eindruk gemacht. Es war ihm bei den Menschen, mit welchen er
bis dahin von Zeit zu Zeit gezwungner Weise zu tun gehabt hatte, sehr leicht
geworden, seiner Abgeschiedenheit getreu zu bleiben: aber dieses graue Haupt,
dieser heitre Blik der so teilnehmend auf ihm ruhte, die Herzlichkeit mit
welcher der Alte ein Band zwischen ihren Kindern zu knüpfen bemüht war, erwekten
das lang unterdrükte Bedürfnis der Mitteilung wieder in seinem Herzen, und
verleiteten ihn, aus seinem einsamen Lebensgang herauszugehen. Wie der arme
Verödete zum erstenmal seinen alten Nachbar aufsuchte, sträubte sich seine
angewöhnte Schwermut dagegen, und er suchte sich selbst zu überreden, als ob er
bloss vermeiden wollte, dem Greis durch Vernachlässigung wehzutun. Einige Tage
darauf dachte er mit Rührung an seinen freien und lebhaften Geist bei seinem
hohen Alter - wer weiss, wie lange dieses reine Flämmchen noch lodert? so fragte
er sich selbst, und betrat unwillkührlich den Weg nach seines Nachbars Haus.
Endlich suchte er ihn willig auf, und überliess sich dem Gefühl, in Gegenwart
eines Weisen, der am Scheideweg des Lebens stand, seine trostlose Fassung auf
Augenblike zur ruhigen Ergebung werden zu sehen.
    Oft fand er den Greis, mit einem alten Schriftsteller in der Hand, in der
Abendsonne sizend; vor ihnen liefen dann die jungen Leute auf einem Wiesenplan
umher, und kämpften und rangen zusammen; Sara sass mit ihrer Arbeit, und sah den
Spielen zu, oder war geschäftig um den Grosvater, (denn bald gaben sie und ihr
Bruder dem alten Bertier diesen Namen,) und verband bei den kleinen Diensten,
die sie ihm zu leisten beflissen war, alle mädchenhafte Liebenswürdigkeit mit
der rührenden Ehrerbietung, welche das hohe Alter jungen unverdorbnen Herzen
unfehlbar einflösst. Manchmal hörten auch die Jünglinge zu, wenn der Alte mit
Entzüken von der Vorwelt sprach, die er in seinen Griechen und Römern studierte.
Sein Auge blizte dann unter den weissen Wimpern hervor, und troz des bleichenden
Alters färbten sich seine Wangen. Das ist, sagte er, die einzige Abschweifung
von der Würklichkeit, die ich mir je erlaubt habe. Manchmal sah ich es in der
Welt so bunt hergehen, dass ich mich selbst kaum mehr von den Menschen um mich
her zu unterscheiden vermochte; wenn es aber nach einem Jahre von Arbeit einmal
eine Feierzeit gab, und ich mich mit meinem Plutarch in meinem Kämmerchen
einschloss, da gewann ich mich wieder lieb, und dachte zu meinem Trost: deine
Schuld ist's ja nicht, wenn du kein Brutus, kein Cato, kein Mark Aurel geworden
bist; vom Weibe geboren wie jene Helden, strebe ihnen nach, so weit deine Kräfte
dich führen! Freilich ist sie vorbei, die Zeit wo es solche Menschen gab - Nach
alter Sitte wagte es Roger selten, sich in die Gespräche seines Grosvaters zu
mischen, wenn dieser seine Worte nicht gerade an ihn richtete; indessen riss ihn
hier seine Teilnahme hin, er unterbrach lebhaft: Warum sollte es aber keine
solchen Männer mehr geben, da sie noch vom Weibe geboren werden wie damals?
Warum lehren wir unsre Jugend durch Beispiele, die wir nicht nachahmen können?
Warum nähren wir unsre Seele mit Idealen, die unser Zeitalter zu Undingen macht,
die uns selbst zu verächtlichen Misgeburten herabwürdigen? - Warum, mein Sohn?
warum wächst dieser Baum - er wies hier auf einen gezognen Pfirsichbaum - nicht
so mächtig und stark wie die Eiche, unter welcher du mir eine Bank bauen willst?
- Weil er verkünstelt ist, Vater, weil er nicht in seinem angebohrnen Erdreich
steht, weil seine Zweige gefesselt und gezwungen sind, Früchte zu tragen, die
unsre Gierde erzwingt, der einfachen Ordnung der Natur zum Troz. Der Baum muss
sich biegen und schneiden, und aus seiner Muttererde reissen lassen, weil er
sich nur leidend verhalten kann; allein der Mensch .... siehst du, Vater! das
Bild passt nicht; denn der Mensch kann wollen - wohl, sagte der Alte ernst und
bedeutend; so sorge dass nie ein Baum verstümmelt werde um deinen Übermut zu
befriedigen, wache über dich, dass du nie durch Wort und Beispiel einen Menschen
verhinderst, jenen grossen Mustern zu folgen; aber vergiss nie, dass du allein
nicht allen verstümmelten Stämmen ihren natürlichen Wuchs zurückgeben kannst;
vergiss nicht, dass Brutus in sein Schwert fiel, weil er allein wollte wozu die
Welt verdorben war. - Roger schwieg erschüttert, da neben einem Namen, vor
welchem der alte Bertier sein Haupt ehrerbietig zu neigen pflegte, der seinige
erwähnt wurde, er fühlte es, als hätte er einen Frevel begangen, und unterbrach
mit keinem Laut die Stille, während deren alle Augen auf dem begeisterten Greis
ruhten: Sara war die erste, die mit schmeichelnder Stimme das Gespräch wieder
belebte.
    Der Geist dieses alten Mannes, der bis zur äussersten Spannung aller Kräfte
ausdauerte, und so wie der Widerstand noch mächtiger wurde als diese Kräfte, in
die heiterste Ergebung übergieng, war, obschon das Widerspiel von Seldorfs
Geist, doch das Vorbild der höchsten menschlichen Weisheit für Seldorfs
unbefangne Vernunft. Oft verglich er die wehmütige Stille, mit welcher er auf
sein vorfrühes Grab zuschlich, und den Siegerschritt, mit welchem Bertier dem
Lohne jenseits entgegeneilte. Auch dieser hatte Betrug statt Wahrheit gefunden,
hatte der Bosheit weichen müssen, und stand nun verkannt am Rande des Grabes;
aber ihm war nicht Undank geworden für Liebe - Hier tönte laut die Stimme des
alten Grams aus seinem armen Herzen, er wandte seinen Blik von Bertiers grauem
Scheitel, und rief seiner Kinder Bild hervor, um damit seine Sehnsucht nach dem
Tod zu bekämpfen.
Teodors Lebensweise hatte sich durch diese neue Nachbarschaft sehr verändert.
So entfernt auch jede Spur von Menschenverachtung von seinem Gemüt und seines
Vaters Grundsäzen war, so hielten ihn doch seine Sitten, sein früh verfeinertes
Gefühl von den Kindern der rohen dürftigen Landleute, und das Lokale seiner Lage
von jedem andern vertraulichen Umgang zurück. Seine Knabenjahre waren ohne
Gefährten verflossen, und als Jüngling vermisste er oft einen Teilnehmer an
seinen Zeitvertreiben; denn einen Freund hatte ihm seine lebhafte Zärtlichkeit
für Sara bis jezt ganz entbehrlich gemacht. Roger war zwar einige Jahre älter
wie er; aber die Einfachheit seines ganzen Wesens, seine ungleich weniger
wissenschaftliche Erziehung, seine offene Art machten diesen Unterschied
unmerklich. Seldorf fühlte den Vorteil, welchen sein Sohn für seine Bildung von
der Gesellschaft dieses wakern Jünglings ziehen konnte; er suchte sie durch
Beschäftigung und Zeitvertreib an einander zu knüpfen. Konnte Teodor bei den
Haushaltsarbeiten seines Freundes auch seinen Eifer für Feld und Wiese und
Weinberge nicht teilen, so horchte er ihm doch aufmerksam zu, und half ihm mit
lustigem Fleiss. Roger nahm dagegen an manchem Unterricht Teil, den Teodor von
seinem Vater empfieng. Er lernte zeichnen und fechten mit ihm, ob er sich gleich
anfangs gegen das lezte geweigert hatte. In meinem Stande brauche ich es nicht,
sagte er mit einem trozigen Wesen, indem er, gewiss unwillkührlich, auf Seldorfs
Ludwigskreuz blikte. Seldorf, der ihn erriet, fragte lächelnd: nun, warum denn
nicht so gut wie Steine schleudern, und Armbrustschiessen? Es soll Ihren Arm
stark machen, und mit keiner dieser Künste werden weder Sie noch Teodor je in
Friedenszeit irgend wen aus der Welt befördern. - Roger lernte mit treuem Fleiss,
hielt fest was er einmal gefasst hatte, blieb aber unaufhörlich hinter Teodors
Schnelligkeit zurück, ohne darum jedoch sich irre machen zu lassen. Teodor
machte hingegen, ohne die mindeste Anstrengung, die schnellsten Vorschritte, und
benuzte alle Vorteile seines gewandten Körpers mit der zierlichsten
Leichtigkeit; galt es aber einen starren Widerstand, so machte ihn seine
unmässige Lebhaftigkeit aller kaltblütigen Gegenwehr unfähig. In andern Uebungen,
beim Kämpfen, Ringen, und in allen Spielen, die Kräfte und Festigkeit erfordern,
war Roger immer Sieger, wenn er nicht absichtlich Blössen gab. Ward Seldorf dies
gewahr, so rief er ihm wohl zu, und ermahnte ihn, redlich mit seinem Gegner zu
verfahren, und dann fehlte es selten, dass Teodor nicht bald am Boden gelegen
hätte; wenn er sich aber wieder aufgerafft hatte, schüttelte er freundlich
seines biedern Ueberwinders Hand.
    So verlebten sie ungetrübt heitre Tage; Sara teilte jede Freude ihres
Bruders, wohnte seinen Lehrstunden bei, und ermunterte ihn durch ihren
eifersüchtigen Beifall. Roger diente ihr bei diesem zarten, zu lauter
überspannten Empfindungen, zum Umgang mit lauter Idealen erzognen Geschöpfe nur
zur Folie; sie liess zwar seinem treuen Sinn, seinem kühnen Mut, seinem
kindlichen Herzen volle Gerechtigkeit wiederfahren; aber gegen Teodors in
glühende Leidenschaft übergehende Gefühle schien ihr das arme Naturkind nichts
als ein froher, auf gut Glük loslebender Junge. Wurde sie von den beiden
Jünglingen aufgerufen, bei ihren Spielen zu entscheiden, und Billigkeit nötigte
sie, für Rogern den Ausspruch zu tun, so sah sie deutlich, dass seine
Geschiklichkeit ihn freute und nicht ihr Ausspruch; hatte hingegen Teodor den
Sieg behalten, so war sein Gefühl nur Dank gegen sie, dass sie ihm den Preis
zuerkannt hatte, und schmeichelnde Liebe, als sei er ihn ihrem Herzen, und nicht
seinem Verdienst schuldig. Waren die beiden jungen Leute durch Feld und Wald
gestreift, so brachte ihr Roger einen ungeheuern Strauss von allen möglichen
Feldblumen, und legte ihr, treuherzig überzeugt, seinem guten Wort könnte die
gute Stätte nicht fehlen, den ganzen Plunder auf den Nähtisch, so dass er von
allen Seiten auf den Boden fiel. Aber Teodor zog eine einzelne Waldrose aus dem
Busen, und stekte sie in ihr braunes Haar, und sie hatte kaum Zeit, dem armen
Roger zu danken, der indessen seinen Kräuterkram geduldig auflas, und ihr anbot,
ihn in's Wasser zu stellen. Erhöhte aber auch jeder Tag der Schwärmerin
schwesterliche Liebe, so nahm sie doch mit der ihr eignen Innigkeit den Eindruk
von Rogers unverkennbaren Tugenden auf. Teodor hatte zu viel Edelmut, um ihn
nicht nach seinem vollen Werte zu schäzen; stolz auf seinen Freund erzählte er
der Schwester jede seiner im Stillen, und doch so offen, ohne prunkvolle
Verhehlung getanen schönen Taten. Einmal hatten die drei jungen Leute einen
etwas weiten Spaziergang gemacht. Bei ihrer Rükkehr kamen sie an einer einzelnen
ärmlichen Hütte vorüber, wo sie klagende Stimmen mitten unter einem heftigen
Zank tönen hörten. Die beiden Jünglinge traten mit dem Gedanken, vielleicht
helfen oder schüzen zu können, hinein, und fanden in einer fast ganz ledigen
Stube ein Weib, dem Anschein nach schon in der Unempfindlichkeit, die dem Tod
oft vorhergeht, auf dem Stroh liegend; ihr Mann hielt ein neugebohrnes, aus
Hunger schreiendes Kind auf seinem Arm, und suchte mit geschwächter, klagender
Stimme einen Frohnvogt zu erweichen, der eben gekommen war, um zur Tilgung des
rükständigen Zehnten seine Kuh in's Amt abführen zu lassen. Teodor fuhr über
die barbarische Härte auf, und kam mit dem Gerichtsdiener in einen heftigen
Wortwechsel über die Strafbarkeit des Schuldners, von welcher dieser, wie
natürlich, überzeugt war; Roger liess sich von dem Manne seine Lage erklären: er
war durch Miswachs in Schulden geraten; voriges Vierteljahr hatte man ihm
seinen Pflug und sein Rind genommen; mit der Kuh allein konnte er nichts
anfangen, da lag nun das Feld brach, und er hatte die nächste Ernte eingebüsst;
seine Frau war in's Kindbett gekommen, und lag jezt den siebzehnten Tag im
hizigen Fieber; da konnte er nicht einmal wilde Kräuter zum Gemüs sammeln; diese
einzige Kuh musste ihn, und das unglückliche Weib, und das umsonst nach der
Mutterbrust schreiende Kind nähren; endlich konnte er sein Weib auch nicht mehr
verlassen, um die Kuh auf die Weide zu führen, denn eines Tages da er abwesend
gewesen war, hatte die Arme in ihrer Raserei das Kind gegen die Mauer
geschleudert; nun nahm man ihm auch diese Kuh, um das ablaufende Vierteljahr zu
bezahlen - Ein neues Wimmern des elenden Kindes unterbrach den verzweifelnden
Vater. Ach, rief er, und schwang das kleine Geschöpf gegen die Mauer, hätte dich
die arme Mutter nur hingerichtet! Gott hätte ihr verziehen, und ich brauchte
dich doch nicht verschmachten zu sehen - Nein, es soll nicht verschmachten! rief
Roger voll Eifer, und hielt unwillkührlich das Kind mit beiden Händen auf; Ihm
soll geholfen werden! - Jezt hatte Teodor den Gerichtsfrohn befriedigt, und die
Kuh wurde dem Bauern gelassen. Teodor zitterte bei der wiederholten Erzählung
seines Elends, und schüttete alles Geld, das er bei sich hatte, in seine Hände
aus; der Mann war betäubt über diesen schnellen Glükswechsel, sein armer
Verstand hatte keinen Dank für so ausserordentliche Wohltaten: in trauriger
Einfalt betete er lateinische Segenssprüche gegen seine Erretter her.
    Sara, welche über die lange Abwesenheit ihrer Gefährten besorgt zu werden
anfieng, und jezt die tiefste Stille in der Hütte zu hören glaubte, wagte sich
endlich bis an die Stubentüre. Roger erblikte sie, legte schnell das Kind, das
er noch hielt, auf das Strohlager, und vertrat ihr, eh sie hereinkommen konnte
den Weg; rasch rief er: nein Fräulein, hier haben Sie nichts zu tun; das wird
mir schon schwer mit anzusehen, Sie sollen deswegen doch helfen. - Warum soll
sie nicht sehen? rief Teodor, dessen Einbildungskraft mit jedem Augenblick
lichter in Flammen stand, warum nicht sehen, Bertier? Halten Sie Sara für zu
empfindsam, um menschlich zu sein? Hier sieh den Raub des grausamsten
Eigennuzes, des tiefsten Elends - Zugleich riss er Sara an das Bett der
Wöchnerin, die todtenbleich, mit starren, weit offenen Augen und zukendem Mund
dalag; das Kind strekte winselnd gelbbraune Hände, an denen eine
zusammengeschrumpfte Haut klebte, aus etlichen zerrissenen Lumpen; der Vater
stand, durch Teodors für ihn ganz unverständliche Heftigkeit scheu geworden, in
einem Winkel, das Bild des Elends, mit langem Bart und struppigen Haaren, die um
ein hagres, fast blödsinniges Gesicht hiengen. Sara hatte das menschliche Unglück
nie in dieser scheusslichen Gestalt erblikt, sie wankte und ward bleich; Teodors
Feuereifer bemerkte es nicht, sondern erzählte ihr stürmend den eben
vorgefallnen Auftritt. Roger fasste das zitternde Mädchen am Arm, machte ihre
Hand von ihrem Bruder los, und führte sie hinaus. Diese Kaltblütigkeit stach zu
sehr gegen Teodors Heftigkeit ab; bald hätte dieser Abend den schönen Bund der
Jugend und Herzensgüte zerrissen. Teodor ging in seinem Ungestüm so weit,
seinen Freund der Unempfindlichkeit und der Lässigkeit im Helfen, bei dem ganzen
Vorgang zu beschuldigen. Roger schien tief gekränkt; aber um Sara's willen, die
sichtbarlich litt, vermied er jede Erklärung bis zu ihrer Rükkehr. In diesem
Streit, sagte er schonend, kann das Fräulein nicht entscheiden; und wenn ihr
Wohlbefinden mich überweist, dass ich zu weichlich gegen sie verfuhr, so will ich
gern von ihr verurteilt werden. Sara fühlte seine Güte, und eben so lebhaft,
aber mit bitterm Kummer, Teodors beleidigendes Unrecht. So bald sie zu Haus
ankamen, trennte sich Roger von ihnen; und so früh es noch am Tag war, so
bedurfte es doch des ganzen Abends, damit Teodors wallendes Blut, und noch mehr
seine falsche Scham sich legte. Endlich erkannte er mit Reue, wie irrig er
Leidenschaft mit Gefühl verwechselt, wie knabenmässig er neben seinem biedern,
langmütigen Freund gestanden hatte. Er eilte am andern Tag nach Rogers Wohnung,
wo er aber den Alten allein bei seinem Frühstük fand; von Rogern wusste dieser
nichts: er müsste wohl irgend etwas vorhaben, denn er wäre gestern erhitzt und
tiefsinnig gewesen, hätte bis tief in die Nacht geschrieben, um einen von ihm
erhaltenen Auftrag zu besorgen, und wäre nun seit Tages Anbruch aus dem Haus.
Unbefriedigt kehrte Teodor zurück, und brachte, unfähig zu jedem Geschäft, einen
trüben Tag zu, bis ihm gegen Abend seine Schwester anlag, sie wieder nach der
Hütte zu begleiten, wohin sie Wäsche für Mutter und Kind, und Speise für das
ganze Haus mitnehmen liess. Auch diese liebe Mildtätigkeit erschien ihm wie ein
Vorwurf; er hatte aus Leidenschaft das Verdienstloseste getan, er hatte Geld
gegeben, und sich seitdem nur mit seinem bösen Bewusstsein geschleppt.
Stillschweigend langten die beiden Geschwister bei der Hütte an. Sie fanden die
Kranke zwar matt, aber wieder völlig bei sich selbst, auf einem neuen reinlichen
Strohsak, in eine warme wollene Deke gehüllt; das Kind war in grobe, aber
saubere Windeln gewikelt, und am Feuerheerd stand ein ältliches Bauerweib von
Seldorfs Gut, das der Familie ein Abendbrod bereitete. Erstaunt über diese
wohltätige Veränderung, fragte Sara ahndend, wo sie herrührte? Mit einer
ehrerbietigen Verbeugung erzählte die Wärterin, dass ihr Herr Roger Bertier
gestern am frühen Abend Geld gegeben hätte, um sogleich alles Nötige im
nächsten Städtchen zu kaufen, und heute mit Tages Anbruch das Eingekaufte, und
einen Korb voll Esswaaren zu diesen Leuten zu bringen; er hätte sie gemietet, da
zu bleiben, bis die Kranke selbst wieder ihrer Arbeit vorstehen könnte. Teodor
schlug bei dieser Erzählung errötend die Augen nieder; Sara vergass auf einen
Augenblick ihres armen Bruders Beschämung, um ihr warmes Herz ganz der Freude
über Rogers stille tätige Menschenliebe zu überlassen. War er schon selbst
hier? fragte sie gerührt. - Ei ja wohl, antwortete die Bäuerin mit einer neuen
Verbeugung; wohl ist er hier, seit Tages Anbruch; er kam mit einem Gespann
Ochsen und dem Knecht, und er bereitet und pflügt die Brachfelder des armen
Nikolas zur Nachernte. - Sie sezte schwazhaft eine Menge Umstände hinzu, die
Rogers Weisheit, in der Art wie er den Bedürfnissen des armen Nikolas aushalf,
noch mehr in's Licht stellten. Geld hatte er ihm noch nicht gegeben, er hatte
ihn um nichts aus seinem Kreis genommen, sondern mit praktischer Kenntnis dessen
was ihm in seinem Stand am meisten nottun mochte, ihm die Mittel verschafft,
durch Fleiss und Tätigkeit sich wieder aufzuhelfen. Herr Roger, schloss sie, ist
noch im Felde, und führt die Ochsen - Teodor kämpfte mit Scham und Liebe für
den einfachen stolzen Bertier, der mit dem Bewusstsein seines Willens und seiner
Fähigkeit zu helfen, gestern so still bei seiner Heftigkeit geblieben war, und
sich heute so empfindlich an ihm rächte. Seine Schwester sah Tränen in seinen
schönen Augen, sie zog ihn gegen die Türe, schlang den Arm um seinen Hals, und
sagte bittend und leise: Komm zu ihm, wir können ihm gewiss noch etwas helfen.
Fort eilten sie, dem Felde zu, das ihnen die Bäuerin angedeutet hatte, und
fanden dort Roger, der mit glühendem Angesicht und schweisbedekter Stirn, in
blossen Hemdermeln, seine Tiere führte. Der Knecht breitete Dünger aus, und
seitwärts unter einem grossen Kastanienbaum stand ein Topf mit Milch und
schwarzes Brod zur Labung für beide. Wie Roger die beiden erblikte, liess er sein
Gespann stehen, lief froh auf sie zu, und fragte nach Saras Gesundheit, nach dem
Grosvater, dem er heute auf den ganzen Tag davongelaufen war - aber ich habe
auch recht geschafft, der Grosvater wird sich selbst freuen und uns helfen, denn
es ist noch längst nicht alles in Stand; Abends wollte ich zu Ihnen kommen,
Fräulein, und Sie und Herrn Seldorf um Rat und Hülfe bitten. - Mit seinem
sorglos heitern Gesicht, und seinen feurigen Augen, die bald auf Sara, bald auf
die Furchen, bald auf die unsaubre Beschäftigung des Knechts umherblickten, hätte
er noch eine Weile fortgeschwäzt; allein Teodor fiel ihm um den Hals, und sein
Stillschweigen, sein redendes Gesicht legten jezt das Geständnis ab, das Roger
gestern so schmerzlich entbehrt hatte, ob ihm gleich nur eben in diesem
Augenblick von guterzigem Leichtsinn das alles wieder entfallen war. Teodors
Beschämung ergrif ihn sehr lebhaft, Tränen standen in den spiegelreinen Augen,
die er jezt gerührt auf seinen Freund heftete. Guter Teodor, sagte er, es ist
mir lieb dass Sie mich nun verstehen; würklich, würklich ich wollte das schon
gestern was ich heute tat, vom ersten Augenblick wollte ich; aber ich dachte nur
wie ich's einrichten sollte, und wenn ich denke, wissen Sie ja dass ich oft
herzlich stumm bin. Dagegen - fuhr er wieder voll Lustigkeit fort - dagegen
schwaze ich wieder tausendmal ohne zu denken. Aber dass Sie so gut sind -
wahrlich der Tag war mir recht trüb, aber wie ich das Fräulein sah, hatte ich
alles vergessen; ich hätte vielleicht nie wieder daran gedacht. - Teodor war
über Rogers kindlichen Sinn entzükt; zum erstenmal hörte er ihn mit dieser
vertraulichen Herzlichkeit sprechen. Schon oft hatte ihm der Eigensinn im Weg
gestanden, mit welchem der störrische Bursche nach Jahrelanger Freundschaft noch
auf einem gewissen Ceremoniel in Ton und Betragen beharrte; jezt nannte ihn
Roger zum erstenmal seinen Teodor, nannte ihn so, mit einer Innigkeit als hätte
es ihm lange gefehlt; Teodors verfeinertes Gefühl fasste in idealischen Zügen
auf, was Roger aus blossem gutmütigen Instinkt tat, und sich selbst des
Kampfes bewusst, den seine gestrige Heftigkeit ihn gekostet hatte, bewunderte er
Rogern, weil er in seiner freudigen Versöhnung einen noch höheren Grad von
Selbstbesiegung zu finden glaubte, als er über sich gewonnen hatte. Aber
würklich tat er dem wakern Jüngling zu viel und zu wenig Ehre. Gestern hatte
Roger Teodors Unart ertragen, weil ihn sein Sinnen auf das heutige Unternehmen
zerstreute, und Saras bleiches Gesicht ihn entwafnete. Wie er heim gekommen war,
hatte ihm alles leid getan was vorgefallen war; und am meisten sezte es ihn in
Verlegenheit, gegen Teodorn so höhnend vernünftig abgestochen zu haben. Bei
seiner heutigen Arbeit hatte er sich in manchem Augenblick vor der ersten
Zusammenkunft mit seinem Freund gefürchtet; was er ohne seine Teilnahme getan,
schien ihm heimlich getan zu sein. Wie er aber Teodorn und Sara auf sich
zukommen sah, behielt die Freude über alles was ihm geglückt war, und der Wunsch,
durch ihre Hülfe noch mehr auszuführen, in diesem Gemisch von Empfindungen die
Oberhand; er dachte an keinen Groll mehr, wo er Liebe und Freude fühlte.
    Sara hatte dieser Scene stillschweigend, aber mit inniger Teilnahme
zugesehen. Sie war nun gegen fünfzehn Jahr alt, aber ihre gänzliche
Abgeschiedenheit von der Welt, ihr in lauter Fantasien schwebender Geist hatte
sie, wie gebildet sie auch in mancher Rüksicht durch Erziehung und natürliche
Anlage war, sehr kindlich erhalten. Sie war sich ihres Herzens nur in ihrer
Liebe für Teodorn bewusst; und dass sie ein Weib, und dass er ein Mann war, wusste
sie nur weil sie seine Schwester hiess. Alles was ihr der Vater sonst über diesen
Gegenstand gesagt haben mochte, hatte sich auf eine abenteuerliche Weise an die
übrigen Träume ihrer reichen Einbildungskraft gereiht, ohne mit ihren Sinnen je
in Verbindung zu kommen. Indessen hatte Rogers gestriges Betragen einen Eindruk
auf sie gemacht, den seine heutige Versöhnung mit ihrem Bruder noch verstärkte;
neue Ideen entwikelten sich in ihrem Kopf, die sie von ihm entfernten und zu ihm
anzogen, die ihr Herz erwärmten und es scheu machten. Ihr Gefühl verstand zum
erstenmal des Vaters oft wiederholte Lehren von der Hülfsbedürftigkeit des
Weibes, und der Pflicht des Mannes, sie zu schüzen, und wie nahe die Natur sie
durch ihre ganz verschiedne Bestimmung mit einander verbunden hätte. Sie war
noch mit ihren schwärmischen Ahnungen beschäftigt, als Rogers einfacher Sinn das
Empfindsame dieses Auftritts beendigte. Er führte die jungen Leute unter den
Kastanienbaum, rief dem Knecht zu, Feierabend zu machen, weil das Vieh müde
wäre, teilte das schwarze Brod und die Milch brüderlich mit ihm, und erschöpft
von der Arbeit speisste er, zu Saras Füssen hingestrekt, seine Portion, als wäre
er zu nichts anderm in der Welt. Es war vielleicht ein Glük, dass diese würklich
patriarchalische Einfalt Saras neue Gefühle wieder mit der Würklichkeit verband;
aber leider schlug es diesmal zu Rogers Nachteil aus. Sein Betragen gegen den
armen Nikolas war so schön wie vorher, seine Grossmut gegen Teodor wurde um
nichts vermindert; aber mitten durch alle die hohen zarten Gefühle, die ihr
liebes Herz durchwandert war, und die sie nun auch eben so glühend in unserm
ächten Naturkind vorausgesezt hatte, einen Napf Milch und ein derbes Stük Brod
aufessen, und gar kein Hehl haben, dass es aus Hunger geschähe - es schadete dem
braven Roger nun just nicht bei ihr, aber es trug dazu bei, der neuen Schöpfung
in ihrem Herzen Teodorn zum Abgott unterzuschieben. Wie reizend lag dieser
neben seinem Freund, sein schönes Gesicht auf einen Arm gestüzt, seine redenden
Augen auf ihn gerichtet, seine ganze Gestalt durch die spielenden Schatten der
breiten Kastanienblätter in den Strahlen der rötlichen Abendsonne, mit
zauberischem Lichte umgossen! - Rogers unseliger Milchnapf entschied vielleicht
das Schiksal ihres Herzens!
Es erschien nun ein Zeitpunkt, in welchem vieles zusammentraf, um Seldorf in der
einfachen Stille, mit der er die Zeit hatte fortschreiten sehen, aufzustören.
Die Welt war ihm seit langer Zeit so verhasst, gegen alles was ausser dem kleinen
Zirkel vorgieng, in welchen sich sein Herz gebannt hatte, war er mit so viel
Härte bepanzert, dass er die grossen Bewegungen, welche die französische Nation
damals zu erschüttern anfiengen, mit erzwungner Verachtung für lauter Komödie
und Kinderspiel erklärte. Am allgemeinen Glük wie an dem seinigen verzweifelnd,
erbitterte ihn jeder Versuch, der dahin abzuzweken schien, weil er eine neue
Fehlschlagung für sein Herz dahinter fürchtete - für ein Herz, das freilich
immer nur zu bereit war, diesen schönsten Traum wieder von vorn zu träumen. Der
alte Bertier sah diese Zeiten aus einem sehr verschiednen Gesichtspunkt; seine
lange Erfahrung hatte manchen Gedanken in ihm entwikelt, der seit dem Anfang des
Jahres 1789 zur Ahnung wurde. Je länger, je mehr schien neue Jugend seinen Geist
zu beleben. Manche Stunde, die er sonst bei seinen unsterblichen Helden der
Vorzeit verträumt hatte, widmete er jezt den ernstesten Gesprächen mit seinem
Enkel, bildete seinen Geist, und erweiterte seine Begriffe von den Rechten und
Ansprüchen der Menschen um ihn her. Jezt gestand er die Notwendigkeit einer
Verbesserung, und suchte ihm den einzigen Leitfaden in einer Zukunft, die er
hell vor sich sah, wenn gleich ihre mannigfaltigen Abscheulichkeiten vor seinem
Sinn vorübergiengen, in die Hand zu geben. Sammle früh, sagte er, einen
Reichtum an gutem Gewissen; denn es wird eine Zeit kommen, wo es dem, der das
einzige Notwendige will, schwer werden muss, seinen Handlungen vor sich selbst
das Zeugnis der Gerechtigkeit zu erhalten, und unmöglich vor den Menschen. Wehe
dir, wenn dein Sinn dann nicht mehr rein und fest ist, um dich der Wahrheit zu
opfern!
    Aber Seldorfs trübes Auge war nicht fähig, mit diesem freien Blik benuzter
Erfahrung in die Zukunft zu dringen. Anfangs wies er jedes Gespräch über diesen
Gegenstand mit einer Abneigung von sich, wie sie ein matter Kranker in der
Zwischenzeit der Leiden gegen jede äussere Anregung empfindet. Als die Umstände
ernster, und die Deutungen auf die Zukunft heller wurden, mischte sich eine Art
von bitterm Spott hinein; denn Bertiers warme Freude, über ein Volk dessen
Verderbnis er so lange studirt hatte, den Augenblick der Wiedergeburt aufgehen zu
sehen, und sein mutiger Entschluss, um dieser Wiedergeburt willen auch das
Fürchterlichste nicht zu scheuen, mahnten den Unglücklichen bloss, dass sein Feuer
erloschen, seine Kraft gelähmt war. Manchmal ergriff es wohl sein angebohren
Gefühl für Wahrheit und Recht; er gedachte des amerikanischen Kriegs, wie er
damals für fremdes Glük willig geblutet, und unter der zur Freiheit
heranwachsenden Jugend disseits des Meeres sich wehmütig seines zur
Dienstbarkeit gebornen Lieblings erinnert hätte. Die ernsten Worte: Vaterland
und Mitbürger, die für den, welcher sie gebrauchen darf, alle Pflichten des
Mannes und allen Lohn der Tugend entalten, drangen auf Augenblike in Seldorfs
zerschlagnes Herz, wie eine geistige Arznei in die Adern des unvermeidlich
Sterbenden: noch einmal klopfen die Pulse, noch einmal strahlt Leben im
gebrochnen Auge, noch einmal ergreift er die Hand der weinenden Gattin, aber die
künstliche Wärme durchdringt das schon erstarrte Blut nicht mehr, die Kälte des
Todes kehrt zurück, und die Hand des getäuschten Weibes, welche den Druk der
Zärtlichkeit erwartete, entwindet sich schmerzlich und schaudernd dem
Todeskrampf. Seldorf musste von der Summe von Glük, die er zu ahnen verführt
ward, zu den einzelnen Quellen sich wenden, aus welchen es fliessen sollte; und
da scheiterten seine Hoffnungen. Unter den Menschen, die sich jezt zu den Rettern
der Nation aufwarfen, waren auch die Namen derer, die sein Leben vergiftet, und
seine Wohlfahrt zerstört hatten. Bitter lachend sagte er zu seinem
glaubensvollen Freunde: also im Grossen sollen diese Menschen das Gute wollen,
das sie einzeln auf tausend Wegen verhinderten? Also dieser ***, welcher
Menschenglück vor sich niedertrat, wie das ungezähmte Ross die Halmen des Feldes
wo es einbricht, dieser soll nun nach dem Wohl des Volkes streben? - Umsonst
ermahnte ihn Bertier, die Werkzeuge vom Endzwek der Arbeit, und den Plan der
Schöpfung von der Entwiklung des Chaos zu unterscheiden. - Nein, nicht Chaos,
menschenliebender Schwärmer! rief Seldorf; mit dem Chaos ist schaffende Kraft
und Keim verbunden, und davon ruht nichts im Schoss des Tods. Kein Chaos kann
sich hier entwikeln, es ist das Reich der Verwesung, das in ekelhafte Gährung
gerät. Die scheussliche Masse wälzt sich, schäumt und wogt eine Weile, und sinkt
dann in sich zusammen, ein todtes Meer, dessen Dünste jedes lebendige Geschöpf
vergiften, hinabziehen was an seine Ufer nur streift. Armer Greis, hinunter in
dein Grab eh das Gift dich ergreift! Erwache dort von deinen gutgemeinten
Träumen; das Erwachen diesseits würde zu schreklich sein.
    Tau und Frühlingssonne können neues Leben in den vom Bliz zerschmetterten
Eichbaum rufen; auf dem eingestürzten Felsen keimen nach Jahren Moose, und
endlich grünende Kräuter - Oede ohne Hoffnung neuer Jugend ist nur im Herzen des
Armen, der einmal den Glauben an Glük und Menschen verlor. Das Auge seines
Geistes ist erloschen, er blikt nur um sich, um Finsternis zu entdeken, und
kennt selbst die Tugend nur um über sie zu weinen. O wäre Seldorf damals
gestorben! dort wäre er erwacht, um dankbar über seinen Irrtum zu lächeln; hier
sank er, ihn fruchtlos erkennend in's Grab.
    Am meisten litten Teodor und Sara bei Seldorfs zunehmender Vereinzelung.
Ihr junges Gemüt konnte seinen traurigen Bildern nicht folgen; und Rogers
Denkart, die ihrem Alter weit angemessner war, und die sie zu ehren gewohnt
waren, weil sie zum Teil immer ein Ausfluss von dem Geist seines Grosvaters
schien, leitete besonders Teodorn auf einen Weg, den er nicht lange mit dem
Beifall seines Vaters wandeln konnte. Von jeher hatte Seldorfs trüber Sinn ihn
zum Freund und Vertrauten seiner Kinder unfähig gemacht; er war ihre Gotteit,
sie riefen ihn an, sie brachten ihm Opfer und Dank; aber mit seinem innern
Selbst nie vertraut, suchten sie ausser ihm, wenn sie des Tausches von Gedanken
und Empfindungen bedurften. Ihre Zärtlichkeit selbst hatte sie zurückgehalten,
vor seinen Augen jemals mehr als die mattesten Strahlen ihres feurigen Geistes
schiessen zu lassen, weil sie seine Rührung, und die finstere, ihnen unbekannten
Erinnerungen, die so oft in seiner Seele angeregt werden konnten; weil sie sogar
den Entusiasmus seiner Tugend scheuten, die in einem einfacheren kindlicheren
Gewand ihre jungen Seelen gewonnen haben würde. Und wenn es ja Augenblike gab,
wo sie diese Schüchternheit vergassen, wenn Teodor, von irgend einer
Leidenschaft überrascht, seinen ganzen Ungestüm, oder Sara ihre gränzenlos
schwärmende Herzlichkeit verriet, dann war der Vater betroffen über den
Ausbruch von Gefühlen, die er nicht kannte ob sie sich gleich nie verläugneten;
und der irrende, und doch so wohlmeinende Mann behandelte als Fehltritt, was er
als entstehendes Vertrauen mit Sorgfalt hätte pflegen sollen. So ward er seinen
Kindern immer fremder; er fühlte es bitter, aber zu unglücklich um die rechte
Hülfe zu schaffen, legte er sein gekränktes Vaterherz mit zu dem Gewicht seines
Grams.
    Dieses Verhältnis begann nun, das Leben seiner Lieblinge mit eisernen Banden
an das Unglück zu schmieden. In Teodors feuriger Seele mahlte sich die Zukunft,
welche aus dem damaligen Zeitpunkt entstehen sollte, mit aller der
Vollkommenheit, die reiner Wille zum Guten und ungeprüfte Erfahrung jedem
Gegenstand, nach welchem die Hoffnung eines Jünglings strebt, so leicht
zuschreiben. Unbekannt mit den geheimen Fäden, woran das Tun seiner
Zeitgenossen hieng, sah er in allen Menschen, die jezt öffentlich glänzten, nur
die Züge, die sie durch Wort und Rede in's Licht stellten, und hielt sie
treuherzig für Erlöser der Nation. Seinem hochfahrenden Geist, seinem unruhigen
Gemüt war es angemessner, der Menge das Glük mit überlegner Weisheit
auszuteilen, als die Menge so zu stellen, dass jeder mit einfacher Kenntnis sein
Glük selbst erlangen könnte. Seine Lage, die ihn bisher zum Freund weniger
Auserlesenen, und zum Wohltäter aller andern Geschöpfe um sich her gemacht
hatte, bereitete ihn dazu ein Anhänger jenes Systems zu werden, nach welchem
Freiheit und Aufklärung ein Gut ist, woran zwar die ganze Nation teilnehmen
soll, dessen inneres Heiligtum aber im Busen einer Anzahl von Erwählten
niedergelegt, das Vorrecht gewisser erhabner Tugenden bleiben muss. Die
Geschichtsbücher aller Nationen schienen ihm diese Meinung zu bestätigen.
Glühend im übermütigen Gefühle, einer der Erwählten zu werden, sah er nicht dass
die treueste Darstellung des Geschichtsschreibers nur das Gemälde von Würkungen
tausend und aber tausend vorhergegangner Ursachen sein kann. Man mag die Quelle,
die man verfolgt, noch so sehr von Sand und Strauchwerk säubern, ihre erste
Entstehung findet man doch nicht, und umsonst forscht man nach dem Ursprung der
Tautropfen welche den Boden befeuchteten, umsonst nach den inneren Schichten
des Hügels den sie durchdrangen, um hier als Quelle zu rieseln: eben so
unbefriedigend ist die Arbeit des Geschichtsschreibers, und nie kann er uns die
Vergleichung mit dem gegenwärtigen Augenblick gewähren. In Teodors Kopf, der
voll kühner Resultate der Vergangenheit war, fand sich wenig Platz für die
anscheinend geringfügigen und oft widrigen Züge der Würklichkeit. Er äusserte
zuweilen seine Ideen gegen seinen Vater, aber die kalte Verachtung, mit welcher
dieser seine glänzenden Luftschlösser zerstörte, stiess ihn zurück ohne ihn zu
belehren, und seine innere Heftigkeit wurde durch das Gefühl von Unterdrükung
vermehrt. Weiblich und schüchtern, entgieng Sara durch ihr Stillschweigen dem
Unwillen des Vaters; aber desto inniger teilte sie des Bruders Träume und
seinen Kummer, zwischen seines Vaters Liebe und seiner Meinung, die ihm schon
anfieng eine Religion zu werden, wählen zu müssen. Natürlich führte dies alles
die jungen Leute näher zusammen. Wenn die arme Sara einen peinlichen Tag lang
ihres Bruders Unruhe und ihres Vaters niederschlagenden Trübsinn ertragen hatte,
hörte sie gern zu, wenn sich die beiden Jünglinge stritten, und da ihr Zwek der
nämliche war, einander voll Herzlichkeit ihre Begriffe aufklärten. Streit war
denn freilich auch zwischen ihnen: Roger hatte nie einem Gözen geopfert, als der
Tugend; er hatte nie einen Sterblichen vergöttert, denn den heiligsten, den er
kannte, seinen Grosvater, kannte er für einen Menschen. Früh hatte er mit andern
gelebt, genossen, gearbeitet, und alle seine Ansprüche unterstüzten nicht
Vorzüge, sondern Billigkeit und Kraft, die seinem Wunsch und Willen nach, allen
Menschen gemein sein sollten. Zum Ausspenden des Heils fühlte er in sich keinen
Beruf, und er empörte Teodorn, indem er sein Heiligtum der Freiheit ein
neugestaltes Gerüst der Selbstsucht nannte. Freiheit erkämpfen und Freiheit
bewahren, war sein einfacher Begrif; und es war sein einziger Glaube, dass diese
Freiheit allen gleich sein müsste, wie die Luft die uns umgibt, wovon jeder so
viel einatmet als seine Lungen bedürfen. Wurden die Toren hizig, und es fehlte
dem Sohn der Natur an Waffen gegen die stürmische Beredsamkeit und den
Ideenreichtum seines Freundes, so legte Sara sanft ihre Hand auf seinen Mund,
und sagte: aber, lieber Wilder, Teodors Auserwählte wollen ja nur eben das,
jeder soll haben was ihm dient - Rogers Stimme konnte ihre donnernden Töne nicht
mehr finden; ohne die Hand zu küssen, die ihm so unbefangen schmeichelte, nahm
er sie von seinem Mund, und sagte in einem Ton der mehr wie Handkuss war: Aber so
wollen sie Götter sein, mein Fräulein, und solche Götter waren es ja, die uns
die Fesseln schmieden wollten, die zu lösen noch Ströme von Blut fliessen
werden. Umsonst war dieser Saz ein neuer Gegenstand des Streits für Teodor. Die
Stimme, welche ihn aussprach, konnte nicht mehr streiten; Roger sezte sich neben
Sara, sah in ihr liebes Gesicht, und liess Teodors Eifer allein austoben. Der
Zwang den Seldorfs Missbilligung seinem Sohn auflegte, die Ungewissheit die durch
Rogers Widerspruch und des alten Bertiers Meinung in ihm entstand, noch mehr
aber sein unruhiger Geist, dem nur ein Schauplaz fehlte, um den Ehrgeiz zu
seiner Leidenschaft zu machen, alle diese Umstände erwekten nach und nach den
Wunsch in ihm, sich dem Mittelpunkt aller Begebenheiten zu nähern. Voll
Selbstvertrauen, hofte er dass ein kurzer Aufentalt in Paris alle seine Begriffe
berichtigen würde; denn sein Wille war lauter, er wollte Wahrheit, wenn er
gleich nicht fühlte dass er nur das von der Wahrheit auffasste, was seine Meinung
bestätigte. Er entdekte diesen Wunsch seiner Schwester und seinem Freunde, indem
er diesem zugleich anlag ihn zu begleiten. Sara schauderte vor dem Gedanken
ihren Bruder zu verlieren; sie hatte nie in die Zukunft geblikt, ihrem Herzen
hatten bis jezt die Gegenstände genügt, denen ihre Sorgfalt gewidmet war;
allvertrauend auf die Liebe derer, die sie umgaben, hatte sie nie an eine
Aenderung in ihrer Lage gedacht, und nur instinktmäsig regten fremde oder neue
Gegenstände sie an, als sollten sie ihr das Glük schmälern, in dessen Besiz sie
war. So war ihr Rogers Dazwischenkunft erst lange lästig gewesen, sie ehrte zwar
gleich seine unverkennbar treue Seele, aber er störte den stillen Gang ihres
Wesens; und wenn er Teodorn von ihr abzog, mit ihm etwas trieb, woran sie
keinen Teil nehmen konnte, oder lustig mit ihm war wenn sie es eben gern anders
gehabt hätte, so dachte sie wohl an ihre arme Antoinette, und meinte in ihrem
Herzen, so möchte es wohl Teodorn mit seinem Schwesterchen gegangen sein wie
ihr mit Rogern. Die kindliche Verwechselung kam dem braven Roger zu gute, denn
unwillkührlich gönnte sie ihm Teodors Liebe und Aufmerksamkeit um desto
williger, als sie sich dunkel bewusst war, eben so würde sie es damals an ihres
Bruders Stelle gegen Antoinetten gemacht haben. Nach und nach verwischte sich
dieses kleine Missverhältnis, und wer jezt die jungen Leute zusammen gesehen
hätte, wäre in Versuchung gewesen, Teodorn und Sara für ein Paar Liebende, und
Rogern für Sara's älteren Bruder zuhalten, so liebte und ehrte sie ihn, so
zutrauensvoll wünschte sie ihren Teodor immer unter seinem Schuz. Wie dieser
nunmehr den Wunsch, ja fast den Entschluss äusserte, die Hauptstadt zu besuchen,
war seine Bitte, dass Roger ihn begleiten möchte, ihr einziger Trost. Roger hörte
alle seine Gründe, alle seine Plane ernstaft und aufmerksam an; aber er stellte
ihm dringend vor, dass Pflicht und Grundsäze ihm verböten, von dem alten Bertier
zu gehen. Hier, sagte er, können wir durch Beispiel und Ermahnung viel nutzen,
bis unsre Mitbürger uns Gelegenheit geben, noch tätiger für sie zu würken. Dort
würden wir uns in dem Wirbel verlieren, ohne zu wissen wohin er uns führte. Hier
ist es mir leicht, die Wahrheit zu unterscheiden, und treu alle meine Gedanken
auf sie zu richten; dort aber ist sie jezt mit so glänzenden und vielfarbigen
Wolken umgeben, dass ich - jung und unerfahren wie ich bin - irre an ihr werden
und gegen mein eignes Gewissen handeln könnte. Lassen Sie uns hier bleiben, mein
Freund; glauben Sie mir, wir brauchen den Begebenheiten nicht entgegen zu gehen,
sie werden uns schon ereilen - und wie schön, wenn wir sie dann zusammen
bestehen, wenn wir für ein Gut kämpfen, nach welchem wir beide mit innigem Eifer
trachten, wenn wir es auch zuweilen aus einem verschiednen Gesichtspunkt
beurteilen! Bis unsre Mitbürger uns rufen, ist dieses Haus Ihr Posten; Ihr
Vater, Ihre Schwester sind Ihr anvertrautes Gut; und ich wenigstens - ich gehe
nicht von meinem alten Vater, bis die einzige Macht, der ich gehorche, es
gebietet. - Rogers Zureden war vergeblich, vergeblich der Ernst mit welchem der
alte Bertier dem Jüngling manche Wahrheit zeigte, manche Aussicht eröfnete;
Teodor hatte diesen Weg einmal erwählt, den jeder Widerspruch ihm nur
glänzender mahlte. Alles was Sara noch über ihn vermochte, war dass er die
Einwilligung des Vaters suchen würde. Aber wie bitter musste sie diesen Sieg
ihres kindlichen Gehorsams bereuen! Seit geraumer Zeit wurden durch einen
stillschweigenden Vertrag zwischen Seldorf und seinen Kindern alle Gespräche
über die Meinung, worinn sie von einander abwichen, vermieden. Die arme Sara
suchte ängstlich andre Gegenstände zur gemeinschaftlichen Unterredung; und nach
ihrem heitern Geschwäz, nach der geistreichen Leichtigkeit, mit welcher sie von
allem ablenkte, was Teodor aus Unbiegsamkeit oder Unbesonnenheit vorbringen
mochte, hätte ein Fremder das gute weiche Geschöpf für sorglos und ruhig
gehalten. Seldorf täuschte sich darüber nicht, er liebte sie um so zärtlicher,
liess sich aber leicht verleiten, der Würkung, die diese betrügerische Stille auf
seinen Sohn haben konnte, nicht weiter nachzudenken. Wie ihm jezt Teodor sein
Anliegen nach der Hauptstadt zu reisen vortrug, traf es ihn daher viel
unvorbereiteter als es billig gesollt hätte, seine ganze Bitterkeit erwachte,
und sein krankes Gemüt schilderte ihm die nachgebende Behutsamkeit, mit welcher
der Jüngling bis jezt geschwiegen hatte, als tükischen Betrug. Diese
Ungerechtigkeit führte Teodorn viel weiter als er je hatte gehen wollen. Er
hatte kindlich gebeten, sich belehren zu dürfen durch diese Reise; hingerissen
von seinem gekränkten Gefühl, forderte er nun vom Gängelband losgelassen zu
werden. Kaum waren ihm die Worte entfahren, so erblasste der unglückliche Vater;
eine Weile blikte er ihm starr in's Gesicht, und sagte dann langsam: Ha, deiner
Mutter Geist ist mächtig in dir! - Weiter liess ihn Sara nicht sprechen, sie lag
zu seinen Füssen, und rief: Vater, Vater! Antoinettens lezter Kuss versöhnte ja
der Mutter Geist - Teodor kniete still und erschüttert neben der Schwester, und
hielt die Hände seines Vaters, der sich gewaltsam von ihm wandte. Lange konnte
indessen Seldorf den Tränen seiner Kinder, und dem Gefühl seines Unrechts nicht
widerstehen, er verzieh Teodorn, aber unter der Bedingung dass er nie wieder an
die Reise denken dürfte.
    Teodors schlecht unterdrükte Sehnsucht nach einem grösseren Würkungskreis,
und Sara's immer mehr sich entwikelndes Gefühl, dass ihre Liebe und ihre
Innigkeit nicht genügten um den Bruder zu fesseln, verbannten indessen die
vorige unbefangne Fröhlichkeit aus diesem kleinen Zirkel. Sara fühlte sich zwar
durch Rogers Gleichmut, durch seine nie sich verläugnende Freundschaft
beruhigter über den Einfluss, den Teodors Sinnesart auf seine zukünftige Ruhe
haben könnte; aber ihr selbst fehlte eine Stüze, die ihr die Heiterkeit gegeben
hätte, welche sie täglich für andre aufwandte; und dabei war in ihrem Innern
etwas, das sie, ihr selbst unbewusst, immer mehr von Roger entfernte, je
herzlicher der brave Jüngling für ihre Ruhe und ihre Wünsche sorgte. In diesem
Zustand von unsicherer Schwermut kam sie eines Tages von einem einsamen
Spaziergang zurück, und wollte von einem kleinen Gehölze durch Bertiers
Weinberge nach ihrem Landhaus gehen. Von dem Gehölze bis zu dem engen Wege
zwischen den Weinbergen lag eine Trift, wo die Heerde eben weidete. Der Hirt
hatte sich entfernt, und der Stier war, von einigen mutwilligen Knaben gehezt,
durch das Gehege auf den Weg geraten, über welchen Sara jezt kam. Das Tier
erblikte sie, hielt sie für den ihn angreifenden Feind, und verfolgte sie mit
wütendem Ungestüm. Umsonst schrie Sara um Hülfe, niemand war in der Nähe; sie
flog mehr als sie lief, und von der Angst verblendet eilte sie in den engen
Fusspfad, wo von jeder Seite mannshohe Mauern die Weinberge stüzten. Der Stier
folgte ihr auf dem Fuss; ihre erschöpfte Brust, der steinige Boden, das Schnaufen
des wütenden Stieres, alles machte ihr jeden Schritt, den sie tat, als den
lezten fühlen dessen sie fähig wäre. Jezt strauchelt sie würklich, und stürzt
mit einem lezten schwachen Schrei zu Boden; Sara war verloren - Doch im
nämlichen Augenblick sprang Roger etwas höher am Weg die Mauer herab, flog neben
Sara vorüber auf den Stier zu, der mit gesenkten Hörnern und gesträubtem Haar
nur noch einige Schritte von dem Mädchen entfernt war, fasste ihn an beiden
Hörnern, und indem er seine ganze Stärke auf einen Arm legte, stürzte er ihn
damit seitwärts auf den Rüken.1
    Schnell eilt er zu Sara zurück, die noch am Boden liegt, fasst sie in seine
Arme, und geht einige dreissig Schritte bis an eine niedrige Stelle der Mauer,
über welche er in seines Grosvaters Baumgarten springt, eh das um sich
schlagende Tier wieder aufrecht steht. Er hatte im Weinberg gearbeitet, als ihn
Sara's Geschrei aufmerksam machte, er begriff nicht sogleich von welcher Seite
es käme, aber der Trieb zu helfen hatte ihn den einzigen Weg zu ihrer Rettung
geführt. Jezt hielt er sie noch in seinen Armen, und rief einige Leute, die sich
ihm näherten, um Hülfe für sie. Sie war nicht ohnmächtig, aber ein
konvulsivisches Zittern und Schluchzen schien sie gegen alles, was um sie her
vorgieng, fühllos zu machen. Bang und erwartend redete ihr der Jüngling, sich
seiner eignen Worte unbewusst, mit den zärtlichsten Ausdrüken zu, als sie endlich
in Tränen ausbrach, und ihr Gesicht an seine Schulter verbarg. Sara, liebste
Sara, hier sind Sie ja sicher! rief er mit dem innigsten Ton, und drükte sie mit
beiden Armen an sich. Waren es diese Worte, oder die erleichternden Tränen, die
jezt ihr Bewusstsein zurückriefen, Sara wand sich schnell aus seinen Armen, warf
einen scheuen Blik auf ihn, und stürzte auf ihren Bruder zu, der sich eben mit
raschen Schritten, voll Schreken über die Gefahr seiner Schwester, ihnen
näherte.
    Der tiefgerührte Dank des Vaters, Teodors feurige Anerkennung, dass sein
Freund ihm sein liebstes gerettet hatte, Sara's sanfte Tränen, selbst des
ehrwürdigen Greises einfaches: Gott segne meinen wakern Jungen! - nichts konnte
Rogern von nun an befriedigen. Ein Schleier war von seinen Augen gefallen, er
hatte mit den Worten: Sara, hier sind Sie ja sicher! eine Empfindung in seine
Seele gerufen, der seit Jahren schon ihre Stätte bereitet war. Er liebte, und
war sich es nun bewusst. Zum erstenmal irrte er in wachen Träumen auf einsamen
Wegen, und nie war ihm die Schöpfung so lebendig, nie lachte ihm so die ganze
Natur. Ihm tönte aus jedem Lüftchen seine Stimme: liebe Sara! in's Ohr, und das
Gekrächz jedes Raben schien ihm Harmonie; musste er den Forst umgehen und die
Bäume messen, so drükte er einen Baum in die Arme, und hörte: liebe Sara, hier
sind Sie ja sicher! Glüklicher hatte nie die Liebe einen Menschen gemacht, und
nie verkehrter. Statt Sara aufzusuchen, war ihm der erste Eindruk genug; um mit
diesem allein zu sein, ging er allen Menschen aus dem Weg, und es brauchte
einige Tage, eh seine reifere Vernunft sein Kinderherz lehrte, mehr zu wünschen.
Hätte sie doch diesmal sich ihrer Rechte entäussert! Sobald sie ihre Stimme
hatte vernehmen lassen, verschwanden Rogers Träume und sein Glük. Er wünschte,
und musste seine Wünsche berechnen, und die Folge war Mistrauen und Furcht. Er
ging nun die ganze Vergangenheit durch, ob sie seine Zukunft zu begünstigen
schiene; aber leider sah er überall nur Gleichgültigkeit in Sara's Betragen. Ihm
schien es, als hätte er sie immer geliebt; Eindrüke, die er längst verwischt
glaubte, standen wieder hell vor seiner Seele; er dachte an Seldorfs
geheimnisvolles Schiksal, an seine ununterbrochne Zurükhaltung, und auch von
dieser Seite fühlte er wenig Hoffnung. Endlich gelangte er doch zu dem Entschluss,
den er ohne die zauberische Würkung eines so neuen Gefühls auf sein kindliches
Herz, viel früher hätte fassen können: er beschloss, um Gegenliebe zu werben. Ob
sie ihm versagt werden könnte? Wie an einem scheusslichen Gespenst, floh er an
diesem Gedanken vorbei, und eilte nach Seldorfs Wohnung, die er nun nach zwei
Tagen zum erstenmal betrat.
    Der Augenblick, welcher Rogern einen so hellen Aufschluss über sein Herz
gegeben hatte, war auch für Sara nicht unbeobachtet vorübergegangen, und er
hatte Begriffe bei ihr entwikelt, deren Dunkelheit bisher so wohltätig für sie
gewesen war. Ein Mädchen, das mehr mit der Welt bekannt gewesen wäre, hätte
Rogers Betragen, ihren Einfluss auf seine frohe Stimmung, ihre Gewalt über seine
lebhafte Aufwallungen früher verstanden. Aber der guten Sara fehlte sogar jeder
Vergleichungspunkt zum Urteilen, sie sah ihn nur in ihrer und ihres Bruders
Gesellschaft; und fanden sie sich ja einmal mit andern Menschen, so mass sie den
Anteil, den sie an seiner Aufmerksamkeit hatte, nach ihrer Achtung für ihn, und
fühlte keinen Vorzug darin. Seitdem ihres Vaters traurige Strenge gegen
Teodors Denkungsart die Kinder unvermerkt zu einem heimlichen Bund gegen ihn
verleitet hatte, war eine Vertraulichkeit in ihr Verhältnis gekommen, durch
welche Rogers brüderliche Herzlichkeit sich allmählig in Liebe verwandelt hatte,
während dass Sara in dem nämlichen Verhältnis ihre Unbefangenheit gegen ihn
verlor. Es bedurfte eines Zufalls wie jenen, wo Rogers warmes Blut seinem Herzen
das Rätsel löste, um Sara den Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe zu
erklären. Die Stunde war nun gekommen, und sie entriss ihr ihren treuesten
Freund, ihren Jugendgefährten, den Schuzgeist ihres Teodors. Sie fieng an, den
Mann zu verabscheuen, der sie zuerst die Liebe kennen lehrte, ohne ihr Liebe
einzuflössen; ihre Sinne empörten sich gegen den Mann, der sie belebt hatte,
ohne ihnen zu gefallen. Das reine unschuldige Geschöpf litt unter allen diesen
neuen Empfindungen. Tausendmal dachte sie ihre Gefahr, und ihre Rettung, und
ihren Dank; wenn sie aber Rogers liebeglühenden Blik, und die Heftigkeit
zurückrief, mit welcher er sie an seine Brust drükte, so hätte sie sein Bild aus
ihrem Gedächtnis vertilgen, und nur ihre Dankbarkeit behalten mögen. Sie
fürchtete seinen nächsten Anblik, und warf sich vor, ihm nicht freudig
entgegenzusehen, da er so edel, und selbst um seiner Liebe willen so edel war;
denn wusste sie nicht jezt, wie lange schon seine Freundschaft Liebe war? und
musste sie nicht erkennen, wie ehrend der Ausbruch seiner Leidenschaft für sie
war? Sie war einfach genug, um ohne Selbstbetrug die mögliche Zukunft, die seine
Liebe ihr bereiten könnte, zu berechnen; aber sie blieb erstaunt stehen bei dem
Widerwillen, mit welchem ihr Herz das Bild des häuslichen Glüks von sich stiess,
wo Roger die Hauptrolle an ihrer Seite spielte. Bei diesen widersprechenden
Empfindungen mussten ihre Äusserungen eben so ungleich sein. So oft von ihrer
Gefahr Erwähnung geschah, gab sie ihre Dankbarkeit für ihren Retter mit desto
mehr Eifer zu erkennen, als es ihr dünkte, ein jeder, der davon spräche, blikte
in ihr Herz, und sähe ihren Undank gegen seine Liebe. Sass sie still in ihr
Sinnen vertieft, und man nannte seinen Namen, so errötete sie, und fuhr auf,
als wäre davon die Rede wie er sie in seine Arme gedrükt. Man war so wenig
gewohnt, Rogern so lange abwesend zu sehen, dass ihn Teodor zweimal aufsuchte;
da er ihn aber immer in der heitersten Laune von der Welt, aus allen Kräften
arbeitend fand, und vom alten Bertier hörte, dass er seit zwei Tagen es so
triebe, als wollte er die Arbeit aller vier Jahrszeiten in acht Tagen vollenden:
so nannte er ihn einen närrischen Menschen, gerade jezt so viel zu schaffen, da
Sara wegen der Folgen ihres Schrekens das Zimmer hüte, und er ihr wohl
Gesellschaft leisten könnte.
    Als Roger endlich wieder bei seinen jungen Freunden erschien, empfieng ihn
Sara mit dem festen Vorsaz, durch ihr Betragen ihre Entdekung und ihr
widerspenstiges Herz zu verbergen. Doch dieses Herz war so weich, so innig in
allen seinen Gefühlen, dass sie bei Rogers erstem Anblik mehr wie das tat; sie
vergass alles, und eilte ihrem Retter mit glänzendem Auge entgegen, und mit einer
Stimme, in welcher ein Reichtum von Liebe war, der den gleichgültigsten erwärmt
hätte, die aber der junge Mann sich kaum entalten konnte, kniend zu vernehmen,
dankte sie ihm, und warf ihm vor dass er so spät käme seine Errettete zu sehen.
Armer, armer Roger, um die Ahnung des höchsten Glüks zu behalten, hättest du
dieses Glük nicht sollen zu achten scheinen! Hingerissen von ihrer Güte,
überliess sich nun sein einfaches Herz seinem Gefühl, seinem Genuss der Liebe; so
wie es aber mit Zutrauen sich ihrem Herzen nahte, stieg ihr Widerwillen wieder
auf, und ward mit jedem Augenblick, wo sie den Freund so sorglos geehrt hätte,
heftiger gegen den Liebhaber. Von nun an war der Friede ihrer Seele geflohen;
denn sie, die nur in Andrer Glükseligkeit lebte, sie sah wie sie das Wohl des
Mannes zerstörte, der in der kleinen Welt ihres Herzens eine so wichtige Stelle
einnahm; sie sah immer mehr, wie Teodor durch die Gewalt, welche die grossen
Angelegenheiten der Zeit über ihn gewannen, von ihr abgezogen wurde; und ihr
Vater, der ungeachtet ihrer Bemühungen Frieden zu erhalten, seinen mit jedem Tag
zunehmenden Entusiasmus bemerkte, sezte ihm allentalben despotische
Unterdrükung oder bittre Kälte entgegen. Wie oft, wenn sie sich nicht hatte
erwehren können, Rogers herzliches Bemühen ihr zu gefallen, bloss mit
entfremdender Freundlichkeit zu beantworten, beweinte sie die Zeit, wo sie mit
offnem Blik ihm entgegen ging, und ihm ihre Unruhe und Sorgen klagte, ihn bat
ihres Teodors Eifer zu mildern, und endlich, durch seine herzliche Munterkeit
erwekt, ihre Sorgen vergass!
    Bei Rogers völliger Unbekanntschaft mit dem weiblichen Herzen, und einem
Karakter, der keiner traurigen Voraussezungen fähig war, brauchte es einige
Zeit, eh er aus seinem frohen Traum erwachte. Geliebt glaubte er sich zwar nie,
aber um den Lohn seiner Liebe zu ringen hatte er lange Mut und Beharrlichkeit.
Ein gerechtes Selbstgefühl und die Erfahrung einer Reihe von Jahren überzeugten
ihn von Sara's Achtung; ob aber jezt ihre zunehmende Zurükhaltung, ihre
ungleiche Stimmung, die von wehmütiger Güte zu zurückstossender Lustigkeit
wechselnd übergieng, mädchenhafte Laune oder Abneigung sei, darüber lag seine
Liebe mit seiner Vernunft noch im Streit. Endlich musste er doch wahrnehmen, dass
Sara ihren Kummer vor ihm verbarg, seinen Trost als einen Anspruch auf ihre
Liebe von sich stiess, und ihn in den Fällen, wo sie ihn sonst als ihre Stüze
aufgesucht hatte, gerade am sorgfältigsten zu meiden schien. Dieser bittern
Prüfung unterlag seine Hoffnung. Er hatte so innig, er hatte nur einmal geliebt;
denn was er in unversehrter Jugendkraft je bei andern Mädchen empfunden hatte,
war durch Sara's Bild längst verwischt, oder bis zur Unkenntlichkeit geheiligt.
Wie in den Frühlingstagen ein lauer Regen aus allen Keimen blühendes Leben
hervorruft, so hatte diese Liebe die lezte Hand an die Schöpfung seiner Jugend
gelegt, und eine Welt von Seligkeit in ihm entwikelt. Das alles war nun
zerstört, er sah sein Herz verschmäht, und hatte mit Sara's Vertrauen und
Freundschaft alles verloren, was ihm so lange die Liebe ersezte, und was ihn
jezt allein - doch wie ärmlich für sein verlangendes Herz! - für Liebe
entschädigen konnte. Innig trauernd, aber voll weiser Güte beobachtete der alte
Bertier seinen zerstörten Lebensgang; wenn er mit immer neuer Fehlschlagung von
Seldorf zurückkam, fragte ihn der Greis wohl mit stiller Besorgnis: Roger, warum
glüht dein Gesicht? wie kannst du so finster und stumm sein? - Hatte er den
ganzen Tag eifrig gearbeitet, und alle seine Geschäfte mit angestrengtem Mut
vollendet, und sass dann tiefsinnig neben dem Vater, so strich ihm dieser sanft
mit der Hand über die Stirn, und sagte mit einem Ton, der, aus Besorgnis wie
Vorwurf zu klingen, zitterte: sonst warst du heiter nach erfüllter Pflicht! -
Oft war der junge Mann im Begrif, seine graue Erfahrung um Waffen gegen eine
Leidenschaft zu bitten, die seinen männlichen Stolz zu stürzen drohte; aber er
schämte sich, einem Mann, der stets nur für andre gelebt hatte, eine Empfindung
zu gestehen, die ihn von allem ausser sich selbst abzog. Oft wollte er Teodorn
zu seinem Vertrauten machen, und in seiner Brust das Gelübde, mit seiner
Leidenschaft zu kämpfen, niederlegen; aber sein Stolz fürchtete in ihm einen
Fürsprecher bei Sara, und in einem geheimeren Winkel seines Herzens lauerte noch
eine andre Furcht: an einem Bruder, der stets die Wünsche seiner Schwester
geteilt hatte, einen Verbündeten ihrer Abneigung zu finden.
    In diesem Zeitpunkt, der so leicht den braven jungen Mann zu einem
verfehlten Dasein hingerissen hätte, wurden die Wolken sichtbarer, welche sich
über die Angelegenheiten des Staates türmten. Aus dem scheinbaren Frieden
zwischen unverträglichen Parteien drohten schon ziemlich sichre Anzeichen der
künftigen Verwirrung, und in allem was getan wurde, um ihren Ausbruch zu
verschieben, lag bloss die Vorbedeutung, wie viel fürchterlicher er darum sein
würde. Hauptsächlich über die vorgehabte Reise des Königs nach Saint-Cloud, und
über die Bewegungen durch welche sie verhindert ward, begannen in der damaligen
Zeit auch in den Provinzen die Meinungen, die Vorurteile, die Leidenschaften,
die kühnen Vorgriffe, für welche so viel Bluts fliessen sollte, schon gegen
einander zu gähren. Aber mit bitterm Schmerz sah Bertier, wie tief Rogers Herz
verwundet sein musste; denn still und kaum gerührt empfieng der Jüngling die
wichtigsten Nachrichten, und kalt hörte er den ernsten Weissagungen des
Grosvaters zu. Jezt blikte der ehrwürdige Greis in des Jünglings verfinstertes
Gesicht: Roger, es kömmt die Zeit, wo du deinem Vaterland deine Kräfte, deine
Tugenden als ein Kapital vorschiessest, für welches dich vielleicht das Glük
deiner Kinder erst lohnt - das Glük meiner Kinder! wiederholte Roger halb
vernehmlich; für mein Glük wäre die Rechnung also doch geschlossen - Bertiers
erste Bewegung war ein Blik, in welchem Zorn und Unwille blizten; er schlug ihn
bald nieder, und sagte nach einer Stille, in welcher Rogers Seele mit Schaam und
Kummer kämpfte, mit einer Stimme, die in jeder andern Brust zum Schrei des
Schmerzens geworden wäre: wohl mir, dass ich dem Grabe so nah bin, denn ich werde
nicht sehen wie meine Enkel vor ihrem Vater erröten! - Zitternd sezte er nach
einem kurzen Schweigen hinzu: Solltest du denn würklich verloren sein, für
Tugend und Vaterland verloren? Länger hielt es Roger nicht aus, er stürzte zu
Bertiers Füssen, und rief ausser Atem von dem Streit in seinem Innern: Nein
Vater, ich bin nicht verloren, dein Sohn gehört dem Vaterland; dem soll er
allein angehören, höre meinen Schwur, und verzeih meinen Irrtum; ich opfre dem
Vaterland Kraft und Tugend bis in den Tod, wenn gleich nie das Glük meiner
Kinder mich belohnen wird! - Schwörst du, Roger? schwörst du das? Ist dein
Schwur dir heilig, so scheide ich mutig von hinnen, denn du sezest mein Leben
fort, und nahe an ein Jahrhundert fortdauerndes Dulden von Unterdrükung wird
durch deinen Kampf um Freiheit gelohnt. Wären die Wünsche deiner Liebe dir
wichtiger als die Forderungen deiner Nation, so hätte ich umsonst gelebt. -
Bertiers lezte Worte hatten Rogers Stolz aufgerufen; er sammelte genug
Unbefangenheit, um seinem alten Vater die Lage seines Herzens und die
Fehlschlagung seiner Hoffnungen zu gestehen. Voll Güte sagte ihm der würdige
Greis, dass nicht seine Wünsche allein betrogen wären, dass auch er durch Sara's
Abneigung eine Tochter verlöre, die er sich lange ausersehen, auf welche sein
Blik schon gefallen wäre, noch ehe die Umstände seine Plane begünstigt hätten:
ein braver Bürger soll Gatte und Vater sein, und gegen dieses reizende Mädchen
wären diese Pflichten doppelt süss gewesen! Gieb sie auf; sie ist zu jung, oder
sie misversteht die Stimme der Natur, indem sie dich flieht, seit du mit allen
Ansprüchen deines Geschlechts dich ihr nahest. Gieb sie auf; du bist jung und
unverdorben, du kannst in späteren Jahren noch lieben. Roger, wie deine
Grosmutter mir ihre Hand gab, war ich zwölf Jahre älter als du; und hätte ich
nicht damals geliebt, so würde ich jezt dich nicht verstanden, und dir nicht
verziehen haben. Und ich, im Druk des Unrechts aufgewachsen, liebte doch noch so
spät; wie viel länger muss nicht eines freien Mannes Herz jung bleiben! Sind mir
doch unsre Jünglinge immer verhasst gewesen, mit ihren früh weisen oder
verbrauchten Herzen - Rogern war bei diesem freundlichen Geschwäz seines
Grosvaters nicht anders zu Mute, wie einem, der sich in der dringenden Gefahr
sähe blind zu werden, und dem man zur Aufheiterung von der Pracht des künftigen
Frühlings vorspräche. In der nächsten einsamen Stunde suchte er einen Entschluss
festzuhalten, und ging nach Seldorfs Haus.
    Er fand die beiden Geschwister in einem eifrigen Gespräch, dessen Inhalt,
nach Sara's verweinten Augen zu urteilen, sehr angreifend für sie gewesen sein
musste: aber bei Rogers Eintritt suchte sie ihren Kummer zu verbergen, und
verliess nach wenigen Augenbliken das Zimmer. Rogern gab der Zwang, den er ihr
auflegte, einen Stich in's Herz; indessen zog sein Freund jezt seine ganze
Aufmerksamkeit auf sich, indem er ihm mit der grössten Entschlossenheit
verkündigte, er wolle das väterliche Haus verlassen. Ich muss, sagte er, vor
jedem Burschen im Dorfe erröten, der frei mit seinen Kameraden sprechen darf;
und mancher Jüngling in meinem Alter wurde schon mit dem Vertrauen seiner
Mitbürger beehrt. Ich muss es von mir scheuchen, weil mein Vater mich in Fesseln
hält. Glaubst du, ich hätte die unsichern, zurückhaltenden Blike nicht bemerkt,
mit welchen deine Freunde und Brüder, die neulich von Saumür kamen, mich
ansahen? Bedurfte es nicht der wiederholten Erklärungen deines Vaters, um einige
Offenheit in ihr Betragen zu bringen? - Roger wusste seiner Heftigkeit keine
Gründe entgegen zu setzen, und fühlte das Peinliche von Teodors Lage zu lebhaft,
um ihm in diesem Stük zu widersprechen; er suchte ihn nur an den ungewissen
Erfolg einer Flucht, und an den allzusichern Kummer seines Vaters zu mahnen.
Ueber Teodors Gesicht ergoss sich bei dieser Vorstellung eine höhere Röte, er
ging unruhig im Zimmer umher; und indem er Sara, die eben wieder hereintrat,
bei der Hand ergriff, und sie zu Roger führte: Ihr sollt ihn trösten, rief er,
Ihr sollt ihn fühlen machen, dass ich hier unnüz verglühe, und ehrlos veralte.
Sara verstand den Sinn dieser Worte nur halb; als aber Teodor fast gewaltsam
Rogers Hand und die ihrige zusammendrükte, erwachte ihre gewöhnliche
Zurükhaltung, und sie sagte mit matter Stimme: O Bruder, folge dem Rat deines
Freundes; der Trost den du deinem Vater zugedacht hast, möchte ihm nachher
gebrechen. Zugleich zog sie ihre Hand weg, und sezte sich an ihren Arbeitstisch.
Vielleicht hatte ihr das Zweideutige in der lebhaften Äusserung ihres Bruders
diese Antwort eingegeben, die einen sehr bittern Sinn für Roger entalten
konnte. Im ersten Augenblick fühlte er seinen Stolz so heftig beleidigt, dass er
sich abwandte, um seine Bewegung zu verbergen; als er aber wieder auf Sara
blikte, und ihrem reuigen tränenvollen Auge begegnete, stand die
Notwendigkeit, seinen Entschluss auszuführen, wieder lebhaft vor ihm, er machte
sich von Teodorn, der ihn noch immer hielt, los, und ging mit einer
gewaltsamen Äusserung seines Muts auf Sara zu. Sein hochklopfendes Herz
versagte ihm anfangs die Stimme, und erst wie er einige Augenblike gesprochen
hatte, ward seine Brust freier. Sara, sagte er, und ergrif eine ihrer Hände,
lassen Sie uns unsern ehemaligen Frieden wieder finden; geben Sie mir für das
unaussprechliche Glük, dem ich von heute an entsage, das Vertrauen zurück, das
ich noch heute verdiene. Ich will wieder Ihr Freund, Ihr Ratgeber sein, und
kann es besser wie sonst; denn wahrlich, wahrlich, das Gelübde, das ich hier
ablege, muss mich weiser machen, oder es würde mir den Verstand kosten. Sie
können mich nicht lieben, Sie können es so wenig, dass Sie - Sie Engel an Güte!
hart und ungerecht darüber wurden, dass Sie ein reines treues Herz, ein Herz das
noch jezt, da es alles verloren hat, Ihnen seine schönsten Freuden verdankt,
grausam zerrissen haben. - Sara hatte bei Rogers ersten Worten erschroken
aufgeblikt, und ihm nachher ängstlich zugehört, bis sie jezt mit einem Strom von
Tränen ihn unterbrach: Nein, mein armer teurer Freund, ich war nicht grausam,
ich war bang und gequält! Nie sah ich Ihr Auge trüb, ohne dass mein Herz die
bittersten Qualen litt; ich litt mehr als Sie, denn ich tat Unrecht, wider
Willen Unrecht - Ja wider Willen, unterbrach sie Roger, das weiss ich, das fühlte
ich, und sonst wäre meine Liebe erloschen. Nun aber, Sara, lassen Sie uns Schwur
gegen Schwur tauschen. Um mich zu retten, um Ihr weiches Herz vor Reue zu
schüzen, lassen Sie nun diesen fürchterlichen Zeitpunkt vergessen sein, lassen
Sie mich wieder in die Rechte eintreten, die ich an jenem Abend verlor - Sara
verstand ihn wohl, und schlug errötend die Augen nieder. Roger sah sie ernst
und gerührt an, und fuhr fort: Meine Wünsche werden ersterben, da ich von heute
an meine Vernunft überzeugt habe, dass Sie ihnen niemals Nahrung gewähren können.
Aber dieses Herz, das Sie zu verwerfen genötigt sind, wird nie für eine andre
glühen, nie - denn wenn ich auch jezt geheilt bin, so werde ich nicht mehr so
jung, nicht mehr des Unglücks so ungewohnt sein; ich werde nie mehr so kindlich
hoffen, wie ich tat, eh Sie mich hofnungslos machten. Wenn Sie einst für einen
andern fühlen werden - Seine Stimme stokte, er suchte sich zu fassen, und
Teodor, der erstaunt und teilnehmend zugehört hatte, trat jezt zu seinem
Freund, und schloss ihn schweigend in die Arme. Sara's Tränen versiegten; zu
wahr und zu weich um jezt sprechen zu können, entzog sie Rogern ihre Hand, und
verbarg damit ihr Gesicht. Roger machte sich sanft von seinem Freunde los,
kniete vor ihr nieder, und sprach gesammelt weiter: Wenn Sie einst für einen
andern fühlen werden, was Sie mir versagen müssen, wenn die treueste,
anmassungsloseste Freundschaft Sie versöhnt hat, so lassen Sie mich, der ich für
Ihr Wohl zittre, Ihren Vertrauten, Ihren Beschüzer sein. - Hier siegte endlich
der Schmerz, er verbarg seine Tränen an Sara's Schoss. Die tiefe Stille, die
jezt auf einige Augenblike erfolgte, und während deren Rogers redliches Herz
eifrig bemüht war, sich mit der Heiligkeit seines Entsagens zu durchdringen,
ward von der guten Schwärmerin Sara unterbrochen. Sie hatte endlich Worte für
ihr überströmendes Gefühl gefunden; begeistert von der Hoffnung, den alten
Frieden wiederkehren zu sehen, begeistert von Bewunderung über Rogers edle
männliche Einfalt, schloss sie ihre Arme um den Hals des Jünglings, der noch
immer an ihrer Seite kniete, küsste mit Engelsreinheit seine offene Stirn, und
rief: Ich schwöre alles, alles! Sie sollen mein Freund und mein Führer sein,
danke ihm, Teodor, danke ihm; er hat mir sehr wohl getan - Sie bemühte sich
umsonst, mehr zu sagen; sie faltete nun ihre Hände, und hob ihre schönen Augen
zum Himmel auf: der Sinn ihres Gebets war Dank gegen Gott, dass er die bittre
Qual, Unrecht zu tun, von ihrem Herzen genommen hatte. Roger stand betäubt auf,
und lehnte sich an seinen jungen Freund; Sara wusste nicht dass ihr unschuldiger
Kuss dem armen Scheidenden das Eden, dem er entsagen musste, noch einmal in seinem
ganzen Glanz gezeigt hatte. Teodor sagte halb laut zu ihm: verzeih mir! Ich
hätte dir und dem guten Mädchen manche peinliche Stunde ersparen können, wenn
mich mein unruhiger Kopf nicht blind und taub gegen alles um mich her gemacht
hätte. Jezt ist mir alles klar: halte dein Versprechen, sei ihr Beschüzer, ihr
Freund. - Er hielt seine Hand, auf seinem Gesicht kämpften Wehmut und
Zärtlichkeit und Härte, er umarmte Rogern, drükte Sara an sein Herz, und eilte
aus dem Zimmer.
Man muss das Gemisch von Kraft und von Unverdorbenheit bedenken, die in Roger
vereinigt war, um zu begreifen, wie er in dem einsamen Gespräch, welches jezt
erfolgte, seinem Entschluss selbst in seinem Innern getreu blieb. Sara war in
einer Spannung, deren nur ihre Unschuld ihr Kinderherz fähig machte. Dies
bewürkte einen Ausbruch von Vertrauen, in welchem sie Rogern alles mitteilte,
was sie seit Monaten ihm entzogen; die feierlichsten Gefühle neben dem
liebenswürdigsten Geschwäz; Tränen im schwärmerischen Auge bei der Erwähnung
irgend eines bittern Abends, den sie durch ihres armen Vaters missverstehende
Härte gehabt hatte, und mutwilliges Lächeln auf den noch benezten Wangen, indem
sie von ihrer lezten Expedition mit einer Brut junger Hüner erzählte. So
verflossen ein Paar Stunden, als Seldorf dem in seiner Art einzigen Tete-a-tete
ein Ende machte; er trat herein, heitrer als er seit langer Zeit geschienen
hatte, und schlug Rogern vor, den Abend bei seinem Grosvater zuzubringen. Sara
hüpfte froh auf, eilte ihre Hausgeschäfte abzutun, kam zurück mit einem Körbchen
voll von einer Art Gebaknes, das, wie sie wusste, der alte Bertier sehr gern zum
Weine ass - das ist für unsern guten alten Vater, sagte sie leise, indem sie es
Rogern zeigte, und zugleich seinen Arm ergrif. Seldorf fragte beim Fortgehen
nach seinem Sohn, es hiess dass er vor einer Stunde ausgeritten wäre. Bertier
empfieng seine Nachbarn mit der treuherzigsten Freude, sah aber Rogern mit einem
fragenden, besorgten Blike an, als ihm Sara mit einer Unbefangenheit, die er
lange bei ihr vermisst hatte, die Hand küsste. Sie fieng indessen mit der
nämlichen Heiterkeit bald an, die beiden Alten in ein Gespräch über ihre
Landwirtschaft hineinzuschwazen, und trieb dann häuslich wie ehemals ihr Wesen
mit Anordnung des Vesperbrods, wobei Roger ihr helfen musste. Ihr ganzes Tun
hatte einen wunderbaren Ausdruk von begeisterter Güte und Innigkeit, es war die
zarteste Weiblichkeit mit der Sorglosigkeit eines Kindes verbunden. Roger,
hingerissen von ihrem Zauber, stimmte in ihr Wesen, und die schwermütige Wolke
auf dem frohesten Gesicht, das die Natur je bildete, gab ihm neben Sara den
Ausdruk der Sehnsucht. Bertier wurde irre an den beiden jungen Leuten; Sara,
der seine beobachtenden Blike nicht entgiengen, benuzte einen Augenblick da ihr
Vater entfernt war, und indem sie Rogern bat, ihr eine Flasche aufpropfen zu
helfen, warf sie mit einer reizenden Hast dem alten Mann die Worte hin: er ist
mein Bruder geworden, wir waren alle im Irrtum. Aber so ungestraft lief die
kleine Kekheit nicht ab, denn Sara musste sich nun über Bertiers Hand beugen, um
ihre Röte zu verbergen; und zu furchtsam ihre Augen zu troknen, fielen ein Paar
Tränen auf die Hand des alten Mannes, der gerührt und betroffen das Geheimnis
der jungen Leute jezt ahnete.
    Bei einbrechendem Abend fieng man an, nach Teodor zu fragen; da man aber
sein weites Umherschweifen gewohnt war, so beunruhigte sich weiter niemand. Nur
Roger ward nachdenkend, und ging gegen das Ende der Abendmahlzeit aus dem
Zimmer. Nach einer kleinen Stunde kam er zurück, mit einem Gesicht in welchem
sich Wehmut und Sorge mahlten; er überreichte Seldorf einen Zettel, indem er
mit zitternder Stimme sagte: ich würde Sie durch Schonung und Umschweife zu
beleidigen glauben. - Was ist es? rief Sara, und sprang erblassend von ihrem
Stuhle auf. - Teodor ist auf dem Weg nach Paris, antwortete Roger. Sara warf
beide Arme um ihres Vaters Hals, und verbarg mit dem bittenden Ausruf:
Verzeihung, mein Vater, Verzeihung! ihr Gesicht an seiner Brust. Seldorf hatte
das Papier gelesen, legte es vor sich hin, und machte sich unfreundlich aus den
Armen der weinenden Sara los, so dass sie an seiner Seite auf die Knie sank, und
ihren Kopf auf seinen Schoos legte, und das fürchterliche Schweigen ihres Vaters
nur durch ihr Schluchzen unterbrach. Anfangs arbeiteten auf Seldorfs Gesicht die
heftigsten Leidenschaften; Zorn, Schmerz, Bitterkeit wechselten darin ab; nach
und nach schien tiefer Gram seine Züge zu versteinern; und wie selbst der alte
Bertier eine Träne abwischte, welche das Leiden des unglücklichen Vaters ihm
entriss, fragte Seldorf mit eiskaltem Ton: Herr Roger, als Mann von Ehre sagen
Sie mir, wussten Sie von Teodors Verräterei? Die Hand auf das Herz, und mit
einem Blik, dessen Himmelsklarheit den Unglaubigsten überzeugt hätte, antwortete
Roger: bei meines Vaters grauem Haar, bei meinem Vaterland schwöre ich, ich habe
ihn sechs Monate von diesem Schritt abgehalten, und wusste von dessen Ausführung
nichts. - Gut, fuhr Seldorf fort, ich hätte mich auch nicht gern von allen
betrogen gesehen. Sara, dich weiss ich unschuldig, der Unglückliche schreibt es,
und du könntest mich nicht betrügen - hier wollte sein Auge nass werden, er
drängte die Träne zurück. - Er richtete Sara's Kopf empor, und sprach weiter:
ich will Teodorn nicht verstossen, den unseligen jungen Menschen wird die
Strafe des Undanks mehr drüken, wie mich mein Kummer. Mein würdiger junger
Freund, schreiben Sie ihm - nein, weiter nichts als er sollte Wort halten, und
uns alles berichten was er täte. Schreiben Sie ihm, da er vor dem Anblik meines
Grams geborgen wäre, sollte er wenigstens, was er auch tun möchte, aufrichtig
gegen mich sein. - Er stand nun auf, nahm ruhig von Bertier Abschied, und sagte
ihm mit einem matten Händedruck; ich hatte einen heitern Abend; es tut mir leid
dass den guten Kindern hier - indem er auf Sara und Roger zeigte - ihr froher
Mut so gestört wurde. - Bertier, welcher zu weise war, um jezt trösten zu
wollen, liess ihn fortgehen: sein ehrwürdiges Gesicht bezeugte ohnehin seine
Teilnahme. Roger begleitete sie, und erzählte unterwegs, auf Seldorfs Frage,
wie er zu dem Billet gekommen? dass ihn einige Worte, welche Teodorn diesen
Nachmittag bei einem Streit über sein Vorhaben, nach Paris zu gehen, entfahren
wären, wegen seines langen Aussenbleibens beunruhigt hätten, dass er im Dorfe
nach ihm gefragt hätte, und dem Boten begegnet wäre, welcher Teodors Brief aus
Saumür gebracht hätte. Vor Seldorfs Haus bat er Sara heimlich, einige an ihn
gerichtete Worte ihres Bruders ohne Vorwissen des Vaters zu lesen. Sara fand
folgendes:
    »Die Höhe der Empfindung, auf welche Ihr männlicher Edelmut und Sara's
wiederkehrendes Glük mich gespannt haben, geben mir die nötige Stimmung um
einen Schritt zu tun, vor welchem ich um meines Vaters willen zitterte. Ich
verlasse euch; ersezt ihm seinen Sohn, bis er - gewiss seiner würdig -
wiederkehrt.«
Mit fürchterlichem Zwange hatte Seldorf sein Herz gehalten, er eilte jezt
wankend auf sein Zimmer, wo selbst Sara's bange Tränen um ihres Bruders
Schiksal ihn nicht aus seiner Dumpfheit rissen. Der einzige Gedanke, durch
welchen Sara, wenn sie ihn in seinem Herzen hätte lesen können, sich überzeugt
haben würde, dass ihr Vater nicht gegen alles Gefühl erstorben wäre, überraschte
ihn durch eine sinnliche Täuschung, wie er tränenlos den Kopf auf sein Küssen
legte. Es schmiegte sich so kühl an sein brennendes Gesicht; indem er sich
dichter hineindrükte, dachte er mit ruhiger Sehnsucht: wäre es doch das kühle
Grab! und schlief ermattet ein. Der folgende Tag und viele andere kamen und
verflossen, und Seldorfs Stille blieb sich gleich; er sprach von Teodor, öfters
und ruhig, mit der Absicht seine Tochter zu überzeugen, dass kein Groll und keine
Bitterkeit in seinem Herzen verborgen wären. Wenn aber ein Fremder in das Zimmer
trat, oder der Anblik irgend eines neuen Gegenstandes ihn überraschte, fuhr er
zusammen, und geriet über die gleichgültigsten Dinge in eine kranke Heftigkeit.
In dieser Zeit schien Antoinettens Andenken sich lebhaft in ihm zu erneuern; er
erinnerte Sara an manchen kleinen Umstand ihres Lebens, und eines Abends, da er
mit einer Handvoll Blumen nach Hause kam, die er tiefsinnig auf seinen Tisch
legte, und ihn Sara fragte, woher die Blumen wären? antwortete er: vom Grabe des
einzigen Wesens, das mir Liebe um Liebe gegeben hat. - Sara war bei diesen
Worten von Wehmut durchdrungen, und schwur weinend, ihm ewig Liebe um Liebe zu
geben. Mit einem matten Lächeln fuhr er sanft über ihre nassen Wangen, und
sagte: um dessen sicher zu sein, müsste ich ja auch von deinem Grabe Blumen
pflüken; so teuer soll ich doch meine Ueberzeugung nicht kaufen?
    Teodors Briefe entielten anfangs nichts, wie schwärmerische Beschreibungen
von allen den zeitlichen Helden der ersten Konstitution; bald aber begann er,
über die wichtigen Verbindungen, in welche er sich einliesse, geheimnisvolle
Winke zu geben. Mit zitternder Hand empfieng nun Seldorf jeden Brief, der von
seinem Sohne kam, und legte ihn, nachdem er ihn gelesen hatte, still vor seine
Tochter hin; aber zu dem alten Bertier, der ihn dringend bat, seinen Sohn
wenigstens vor den Fallstriken des Hofs zu warnen, sagte er kalt: da wo er
wandelt, dringt meine Stimme nicht mehr hin; diese Blätter - hier legte er seine
kalte abgezehrte Hand auf Teodors Briefe - sollen mir nur den Augenblick
andeuten, wo jede Hoffnung zur Rükkehr verschwunden sein wird. - Das Gift des
unheilbaren Grams nagte an seinem Innern; immer nach Täuschung ringend und immer
getäuscht, hatte es seinem reizbaren Gehirn an einem Faden gefehlt, um von
seinem lezten Unglück zu einer neuen Hoffnung überzugehen; ohne Mut, diesen Faden
zu suchen, machte er seinen Kummer zu seinem erkohrnen Liebling, und es bedurfte
nur eines heftigen Sturms, um die wankende Hülle zu zerstieben.
    Sara's Versöhnung mit Rogern war ihre einzige Stüze in dem traurigen
Zeitpunkt, der auf ihres Bruders Entweichung folgte. Heiliger wie dieser edle
junge Mann seine Versprechungen hielt, beobachtete nie ein Gottgeweihter seine
Gelübde, die doch kaum der Natur mehr widersprechen können, wie Rogers neue
Verbindlichkeiten seinem Herzen. Sein Geist war durch das Unglück seiner Liebe um
viele Jahre gereift, er hatte ernste Pflichten und harte Entsagungen vor sich,
und dieser Wechsel seines Schiksals gab ihm eine Liebenswürdigkeit, die ihm
würklich ehemals gefehlt hatte. Seine fast rohe Lustigkeit milderte sich zur
wohlwollenden Heiterkeit, und seine Gradheit, die in den feinen Zirkeln den
Namen Zudringlichkeit erhalten hätte, bildete sich in eine edle Freimütigkeit
um. Sara zog ihn bei allen ihren Sorgen zu Rate; er half ihr in ihren
Geschäften, die durch Seldorfs zunehmende Schwermut und Teodors Abwesenheit,
da diese beide sonst der Landwirtschaft vorgestanden hatten, sich sehr häufen
mussten, und dieses ganze Verhältnis befestigte natürlicher Weise Rogers Fesseln.
Sara empfand den Wert seines Opfers, ihr Dank war nicht Liebe, und konnte nun
nimmermehr Liebe werden; aber es war ein seelenvolles Gefühl, und um so
spannender, als es sich auf einen Betrug der Fantasie gründete. Kummer um ihren
Vater, Furcht bei Teodors unsicherm Schiksal, bange Erwartung bei der
Entscheidung, welche nun über das Vaterland schwebte - alles in ihr und um sie
riss sie über die gewöhnliche Höhe weiblicher Empfindungen empor; in dieser Lage
lohnte sie Rogern mit unbedingtem Vertrauen und der kindlichsten Herzlichkeit,
aber ihm standen noch härtere Prüfungen bevor, die zwar nie seine Treue, wohl
aber seine Kräfte besiegten.
Der ganze Landstrich von la Rochelle bis zur Loire, alles was zu den ehemaligen
Provinzen Bretagne, Poitou, Anjou und Touraine gehörte, war schon in
verschiednen Zeitpunkten der französischen Geschichte ein Schauplaz bürgerlicher
Unruhen, blinden Eifers, und derjenigen hartnäkigen Anhänglichkeit für Meinungen
gewesen, die gewöhnlicher Weise aus dem Zusammentreffen von Kraft, Rohheit und
Unwissenheit entsteht. Die nämlichen Ursachen, welche zur Zeit der
Religionskriege diese Stimmung der Gemüter in dieser Gegend hervorbrachten,
fanden auch jezt statt. Mit körperlicher Kraft ausgerüstet, unter einem
Himmelsstrich, wo die Natur es freundlich zum Lebensgenuss einlud, war dieses
Volk durch die Verfassung weniger gequält als beschränkt; alle Fesseln des
Geistes und der bürgerlichen Existenz erbten von Vater auf Kinder fort; heute
wie vor hundert Jahren baute der Landmann, in ärmliche Lumpen gehüllt, an seiner
leimernen Hütte den kleinen Flek, dessen Ertrag ihm keine Freude machte, weil
ihm das Gefühl des sichern Besizes fehlte, das allein in dem Menschen schaffende
Kräfte erwekt. Gleichgültig sah er viele Meilen weite Streken des schönsten
Landes unbearbeitet liegen, indem sein Aker nicht hinreichte, seine Kinder mit
schwarzem Brod zu sättigen; jedes Wechsels zum Besseren ungewohnt, kam auch kein
Plan von Verbesserung in sein dumpfes Gehirn. Die einzige Leidenschaft dieser
Menschen war ihre Religion, denn die Drohung mit der Hölle, und das freche
Versprechen ihrer Priester, sie mit dem Gott zu versöhnen, aus dessen
Barmherzigkeit die Sünder ihren ausschliessenden Handel machten, trieben sie in
einem ihnen angemessenen, engen Krais von Furcht und sinnlosem Hinbrüten bei
ihren ärmlichen Genüssen umher. Ihre lebendige Gotteit auf Erden mussten ihre
Gutsherren sein, denn ob sie gleich ihre Spur öfter durch Druk und Elend als
durch Wohltat erkannten, so mussten diese blinden Geschöpfe dennoch durch die
Würkung ihrer Allgewalt an sie gefesselt werden. Diesen Druk und diese Gewalt
stellte das ganze Land gleichsam sinnbildlich dar: zahllose Schlösser und
Rittersize, die von ihren Höhen herab die finstern Hütten der Armut
beherrschten; grosse Forsten in welche der halbnakte Bauer das übermütige Wild
zurücktrieb, das ihm, troz seiner Wachen in den kalten Frühlingsnächten, die
junge Saat verwüstete; unabsehliche Heiden, deren todte Stille die Herrschaft
ihres mächtigen Besizers würdig ehrte. Der Hauch der Tirannei verzehrte den
Geist des Fleisses in dem Landmann, wie der Südwind den befruchtenden Tau auf
dem ewig todten Sand im heissen Afrika. Doch klage man den Genius der
Menschheit, der über jene jezt mit Blut gedüngten Streken weint, nicht an, dass
er etwa keinem der vorgezognen Sterblichen, unter welche sie geteilt waren, den
Wunsch zu beglücken eingegeben hätte. Nicht alle waren Tirannen, aber alle
konnten die Mittel, selbst zum Beglücken, nur despotisch gebrauchen; sie mussten
ihren Untertanen befehlen, weniger arm, weniger dumm, weniger gedrükt zu sein,
und der wohltätige Strahl, den sie ausgehen liessen, diente weit mehr dazu, sie
im Gefühl ihrer Gewalt zu bestätigen, als den Untertanen eine Ahnung ihrer
Rechte zu geben.
    Diesem Volk stand ein fürchterlicher Uebergang bevor, um zur Freiheit zu
gelangen. Der Altar dieser Gotteit liess sich nicht unter den Mauern zakiger
Rittertürme erbauen; er sollte auf dem Schutte der ländlichen Hütten errichtet
werden, von den blutigen Schatten der ehemaligen Bewohner umschwebt, von Wittwen
und Waisen bedient sein, und in einen Trauerschleier gehüllt, sollte die erhabne
Göttin den dargebrachten Weihrauch empfangen.
    Die ersten Jahre der Revolution hatten hier weniger Einfluss, als in den
meisten andern Gegenden von Frankreich. Das Volk gebrauchte seine Rechte
höchstens wie Vergünstigungen, und empfieng nicht Licht genug, um die neuen
Vorteile als sein unbestreitbares Eigentum anzusehen. Der Widersezungsgeist
der adlichen Herrschaften, welcher mit jeder Faser ihres Daseins verbunden, auch
nur mit ihrem Dasein aufhören konnte, vermehrte in dem Fortgang der Zeit die
Verwirrung in den Begriffen und den Erwartungen des Volks. Die alte Zuchtrute
war zerbrochen, aber die neue Ordnung wurde nicht gelehrt; die alten Gözen waren
dem Volke genommen, aber die neue Gotteit wurde ihm nicht gepredigt: der Adel
schmeichelte ihm, die Priester gossen das Gift ihres Hasses in seine Seele - so
war der verklommene Sinn dieser verscheuchten Menschen bald zu einer fanatischen
Heftigkeit gereizt, und das duldende Haustier zum Tiger umgebildet.
    Der Augenblick, in welchem Adel und Geistlichkeit die Geburt ihrer
Herrschsucht und ihrer Rachbegierde an das Licht bringen wollten, nahte heran;
mancher Edelmann, der seit der Revolution in beständigem Umherschweifen das
Feuer der Zwietracht überall angefacht hatte, zog sich jezt auf seinen Landsiz
zurück, und erwartete in geschikt benuzter Ruhe das Zeichen zum Handeln. Während
dass diese Menschen pralerisch und listig Volksliebe und Menschlichkeit zur Schau
trugen, und auf diese Weise das unwissende Volk verleiteten, die Wohltaten der
Freiheit mit ihrer eignen väterlichen Denkart zu verwechseln, und für jene
demnach unverbesserlich blind zu bleiben, deuteten die Priester auf eine
unglückschwangere Zukunft, umlagerten das Bett der Sterbenden mit Besorgnissen
über das Schiksal der Zurükbleibenden, verlasen in den Lehrstunden der
Katechumenen die Geschichten der Märtirer und der Gefahren, welche die
streitende Kirche bestanden hätte, und forderten am Altar die schaudernden
Kommunikanten auf, ihr Leben für ihren Glauben zu opfern, und wie der Heiland,
den ihre sündenbeflekte Hand austeilte, sich selbst zur Besiegelung der
Wahrheit hinzugeben.
    Unter den Adlichen, die um diese Zeit in ihre Stammgüter zurückkehrten, war
L***, der Sohn eines alten Hauses, dessen Ahnen seit Jahrhunderten in C** bei
Mortagne ihren Siz hatten. Ob die Natur in diesem jungen Mann einen Satan unter
der Form eines Helden verbarg, oder ob in ihm das Schiksal eine Engelsseele
zwang sich mit Werken der Finsternis zu belasten, oder ob er einer von den
Menschen war, die in einem gewöhnlichen Gang der Dinge übersehen und unbemerkt,
von ausserordentlichen Umständen fortgetrieben bald kühn, bald schwach, bald
frevelnd erscheinen - das wird vielleicht in einem Zeitpunkt, wo so mancher Göze
in Staub zerfällt, und der Nachruhm selbst von dem Machtspruch der Leidenschaft
abzuhängen scheint, nie entschieden werden. Während der kurzen Zeit da sein Name
genannt ward, war L*** in den Augen von mehreren Tausenden Feldherr, Heiliger,
Wundertäter selbst nach seinem Tode; aber weder seine Apoteose, noch die
Flüche, die von einer andern Seite seinen Schatten verfolgen, deken die geheimen
Triebfedern seiner Taten auf.
    ***, Seldorfs Landgut lag auf dem halben Weg von Saumür nach Mortagne, in
einer Gegend, wo sehr häufige Zusammenkünfte des Adels gehalten wurden. Die
nächsten Schlösser um *** gehörten Verwandten und Freunden von L***, und überdem
hatte L*** ein besonders Interesse diesen Flek scharf zu beobachten, weil
Seldorfs Unentschiedenheit in Rüksicht auf die eingeführten Neuerungen, und
Bertiers bekannter kühner Eifer für die Sache des Volks ihm bei seinen
politischen Planen nicht gleichgültig sein konnten. Den ersten, welcher ehemals
Herr über einige hundert streitbare Männer gewesen war, bei denen es ihm auch
jezt nicht an Einfluss fehlte, in seinen Bund zu ziehen, über den andern, der ein
Menschenalter lang der Verteidiger der Unterdrükten gewesen war, ein wachsames
Auge zu behalten, gehörte allerdings mit zu den tief angelegten Vorbereitungen,
von denen seine nachmalige Würksamkeit gezeugt hat.
    Seine ersten Bemühungen, Seldorfs Bekanntschaft zu erlangen, waren in die
Zeit von Teodors Entweichung gefallen; er hatte sich daher leicht beschieden,
dass er in diesem traurigen Augenblick, als ein Fremder, nicht den vertrauten
Zutritt finden würde, den er suchte, und er versparte seinen Besuch auf eine
gelegnere Zeit. Er hatte sich schon mehrere Wochen in C** und der umliegenden
Gegend aufgehalten, als er an einem schönen Frühlingsmorgen, auf einem einsamen
Spazierritt von einem Schloss jenseits des Flüsschens Layon nach Chollet, einen
angenehmen Seitenweg einschlug, den er, da ihm mehr daran lag, jeden Winkel des
Landes kennen zu lernen, als schnell an den Ort seiner Bestimmung zu gelangen,
gern verfolgte. Dieser Weg führte ihn durch ein enges Tal in eine kleine Ebene,
wo er durch eine Pflanzung blühender Obstbäume auf dem schönsten Wiesenplan bis
an eine kleine Gartenpforte kam, die ihm die Aussicht in eine reizende ländliche
Anlage nicht benahm, hinter welcher in einiger Entfernung unter hohen Nussbäumen
ein Kirchturm hervorragte. Die unendliche Schönheit des Morgens, der Gedeihen
und Leben in die ganze Schöpfung hauchte, die strahlende Sonne, welche
schmeichelnd mit dem West eiferte, die Tautropfen von den jungen Blüten zu
küssen, das Rieseln einer nahen Quelle, alles lud L*** ein, sein Pferd an den
nächsten Baum zu binden, und die angelehnte Pforte zu öfnen. Er wendete sich
nach der Seite, wo er das Wasser gehört hatte, und gelangte bald an einen hohen
dunkeln Bogengang von Geisblatt, bei dessen Ausgang eine Reihe Wasserrohre im
Schatten von alten Akazia's sich in ein steinernes Beken ergoss. Sein eilfertiger
Gang ward aber hier durch den Anblik eines jungen Mädchens gehemmt, die neben
dem Wasser stand, und eine Menge Kräuter und Blumen auf dem Rand des Bekens
ausbreitete. War es der Zauber des Morgens, der Sara's Liebenswürdigkeit erhöhte
- denn L*** war in Seldorfs Garten geraten, und sie war es, die frische Blumen
zum Aufpuz für ihres Vaters Zimmer sammelte - oder machte das Romantische des
Orts, des Augenbliks L***s Seele für jeden Eindruk von Schönheit empfänglicher,
oder scheint ein reizendes Weib immer das Meisterstük der Schöpfung: genug L***
vergass jezt seine Neugier und seine Nebenabsicht, in der Gegend zu spähen, und
war bloss in Anschauen verloren. Die Blüte der reinsten Gesundheit, welche bei
ihrer schlanken Gestalt nur den Ausdruk der Jugend und Unschuld hatte, ein
seelenvolles Gesicht, in welchem ein lächelnder Mund mit dem schwermütigen Blik
des grossen schwarzen Auges so anziehend-seltsam abstach, der ernste Eifer, mit
welchem sie ihre kindliche Beschäftigung trieb, und die Blumen so denkend und
teilnehmend ansah, als verstünden sie ihre Meinung - das ganze reizende
Schauspiel fesselte L*** an seinen Platz, bis Sara nach beendigter Arbeit das
Körbchen, in welchem sie ihre Blumen geordnet hatte, aufnahm, noch einen
lächelnden vergnügten Blik darauf warf, und ihren Arm hoch aufstreifte, um sie
mit frischem Wasser zu besprengen. Jezt trat L*** näher hinzu, und mit einer
Entschuldigung wegen des ungewöhnlichen Wegs, auf welchem er sich verirrt hätte,
erzählte er mit ungezwungner Höflichkeit, durch welches Ohngefähr er hieher
geraten wäre. So unbefangen und verbindlich die Art war, mit welcher Sara seine
Anrede erwiederte, so sah er doch jezt den Augenblick kommen, wo er wieder nach
der kleinen Pforte zurückgemusst hätte, als Roger sich näherte, und noch hinter
dem Gebüsch rief: Sind Sie fertig, Fräulein? Ihr Vater fragt nach Ihnen. - Sara
sezte lebhaft einen grossen Strohhut auf, ergrif ihr Blumenkörbchen, und sagte:
das ist gut, lieber Roger, dass Sie kommen; hier ist ein Herr, den ich nicht zum
Frühstük einladen konnte, jezt tun Sie es - Roger trat näher, und die beiden
Männer, welche sich schon öfters bei öffentlichen Versammlungen gesehen hatten,
erkannten sich sogleich; der Anblik würkte aber verschieden auf beide. Bei Roger
war es das sonderbare schnelle Gefühl, hier wie in den Volksversammlungen und
allentalben in einem Menschen wie L*** einem Gegner zu begegnen, der zwar
gefährlich war, den er aber den unerschütterlichen Willen hatte, endlich zu
besiegen: dieses Gefühl gibt allen wahren Republikanern, wenn sie friedlich mit
Anhängern der Gegenpartei zusammentreffen, die nämliche Fassung, die brave
Offiziere von zwei feindlichen Armeen haben, wenn sie durch ein Ohngefähr ausser
dem Schlachtfeld auf einander stossen. Hier kam noch die jedem unverdorbnen
Herzen heilige Ehrfurcht für die Geseze der Gastfreiheit hinzu; Roger
wiederholte also dem Fremden Sara's Anerbietung, zwar mit einer ernsten und eher
trozigen Art, zugleich aber mit der anständigsten Höflichkeit. In L***s Herzen
zu lesen würde schwerer gewesen sein, doch schien es von Sara's Bild zu
eingenommen, um in diesem Augenblick so sehr auf seiner Hut zu sein, als es dem
Karakter dieses Mannes angemessen war. Er sagte, nachdem Sara mit einer leichten
Verbeugung davon gegangen war, mehr spöttisch wie gefasst: Sie haben eine
liebenswürdige Schwester, Herr Bertier? - Roger berichtigte seinen Irrtum, und
forderte ihn auf, Sara's Einladung zu folgen. Die Entdekung war L*** doppelt
erfreulich, da ihm nun ein Ohngefähr dasselbe Haus eröfnete, in welches er so
lange vergeblich einen Zugang gesucht hatte. Roger kehrte mit ihm an die Pforte
zurück, um das Pferd in den Hof zu führen, und begleitete ihn sodann nach dem
Haus, indem er ihm unterwegs von Seldorfs schwacher Gesundheit erzählte, die ihn
seit einiger Zeit genötigt hätte, allen Umgang ausser dem Hause aufzugeben.
L*** hatte sich jezt völlig gesammelt, und ob ihm schon, nachdem er Sara
erblikt, die Vertraulichkeit in welcher er den jungen Bertier hier festgesezt
sah, nicht sonderlich gefiel, so herrschte doch in seinem Kopf eher die
Neugierde, das eigentliche Verhältnis zwischen Leuten zu erforschen, die nach
allem was er von Seldorf wusste, durch etwas anders als ihre politischen
Meinungen verbunden sein mussten. Je länger er Rogern, dessen öffentlichen
Karakter er schon ehrte, so häuslich und doch anmassungslos von der Familie
sprechen hörte, zu welcher sie giengen, desto ungeduldiger ward er, ihn noch
einmal mit Sara beisammen zu sehen, und desto unwillkührlicher schmiegte er sich
wieder in alles Gefällige hinein, was Natur, Erziehung, Bildung ihm in so
reichem Maasse verliehen hatten, und womit er jezt, von seinem guten Geist oder
einem blutdürstigen Dämon geleitet, aller Herzen anzog. Bald darauf, nachdem ein
Frühstük aufgetragen worden war, kam Sara zu ihnen; sie dankte Rogern
vertraulich, dass er so gut für ihren Gast gesorgt hätte, und versicherte L***
mit einer schmeichelhaften Wendung, sein Besuch sei doppelt angenehm, weil er
ihren Vater gerade heute muntrer und gesünder finde, als er seit langer Zeit
gewesen - würklich, denken Sie! sagte sie zu Roger, er will herunterkommen, und
diesen Herrn selbst begrüssen.
    Dieses zuvorkommende Betragen stimmte freilich mit seinem gewöhnlichen Gange
nicht überein. War es aber die Lebhaftigkeit, mit welcher seine unerfahrne Sara
von dem unvermuteten Besuch sprach; oder war es die Erinnerung dass Roger
entschieden gegen L***'s Familie gesprochen hatte, und bei einigen
Veranlassungen schon öffentlich gegen sie aufgetreten war, und überraschte ihn
sein zartes Gefühl, ohngeachtet seiner angewöhnten Apatie, mit der Furcht dass
die beiden Männer allein zusammen nicht taugen möchten; oder war es ein dunkler
Gedanke an seinen Sohn, der in jedem seiner Briefe genauer mit Menschen von der
Art dieses L*** verwikelt schien: genug, Seldorf verfügte sich zu dem Fremden,
dessen Besuch sich bis gegen die Mittagszeit verlängerte. Dieser Proteus
umstrikte Seldorf mit aller Liebenswürdigkeit des geschmeidigsten Geists; fein
genug, um da, wo er von andern abgieng bloss originell zu scheinen, wurde er
anziehender indem er andrer Meinungen widersprach, und wenn sein Gesicht auch
nicht der Spiegel seiner Seele war, so war es doch die vollkommenste Pantomime
eines Geistes, der sich in alles, was zur Empfindung gehörte, hineinstudiert
hatte. Sara's Unerfahrenheit war ihm sehr behülflich, sich von einer
interessanten Seite zu zeigen; indem sie bei Erwähnung ihres Bruders sich ganz
ihrem Gefühl, ganz dem Ausdruk der Besorgnisse ihres liebenden Herzens überliess,
erfuhr er so viel er zu wissen brauchte, von Teodors anfänglicher Vereinzelung
in Paris, und von einem anscheinend unbedeutenden Zufall, der ihn seitdem mit
verschiednen Menschen von seiner Partei in Verbindung gebracht hatte. L*** war
mit dem Geist des Zeitpunkts zu vertraut, um hier etwa den Beschüzer spielen zu
wollen; er wünschte vielmehr der guten Sache, die er aber nicht näher bestimmte,
Glük, wenn Jünglinge wie Teodor so lebhaft dafür fühlten; er sprach mit einem
idealisirenden Entusiasmus von der Vereinigung aller Patrioten, die sich um
ihren guten König drängen müssten, um eigennüzigen Feinden des Volks den Zugang
zu seinem edeln Herzen unmöglich zu machen - dieser Ton fand in Sara's
schwärmerischer Seele einen harmonischen Wiederhall; das Bild von
patriarchalischem Glük, das L*** aufstellte, passte besser zu der kindlichen
Stimmung ihres noch nie betrognen Gemüts, als das dunkle Gewirr von
Aufopferung, Streit und Tod, welches in Bertiers Gesprächen mit Teodor immer
am meisten hervorgestochen hatte. Seldorfs Denkungsart, sein Widerwille, Gutes
zu erwarten, blieb sich gleich; die Weichheit seines Karakters widerstand
indessen der Versuchung nicht, an L*** eine Ausnahme unter seiner Klasse zu
machen, und sich für sein Gespräch um so lebhafter zu interessiren, als er die
Namen mehrerer von den Menschen, in deren Arme sich Teodor jezt geworfen hatte,
mit eifrigem Lob nannte, das er mit Anführung mancher schönen Tat, mancher
Aufopferung von ihrer Seite bewährte. Roger hatte sich bald nach Seldorfs
Ankunft entfernt, und der kleine Zirkel hätte die anrükende Mittagstunde
vielleicht nicht bemerkt, wenn man Sara nicht herausgerufen hätte. Sie fand
Rogern reisefertig; ich muss fort, sagte er innig und gerührt, äussern Sie davon
nichts gegen Ihren Gast - Sara, fuhr er errötend fort, und ergrif ihre Hand,
ich muss Sie bitten, so ungeziemend es scheinen mag: verhindern Sie Ihren Vater,
diesen Mann in sein Haus zu ziehen - Sara stuzte - Nein, nein, bei meinem
Schwur, nicht deswegen! - er drükte ihre Hand an sein Herz: Um Ihres Hauses, um
Ihrer Sicherheit willen - Sara erschrak, und hielt seine Hand fester; er sprach
weiter: Es ist jezt Bewegung im Lande; ich muss es meines Schwester anvertrauen,
damit sie mich nicht misverstehe. Adieu Sara! - Fort eilte er, und Sara ging
tiefsinnig in das Zimmer zurück. Ihre Unbefangenheit war durch die mögliche
Auslegung von Rogers ersten Worten gestört, L*** war nun kein gleichgültiger
Fremder mehr, sondern ein Mann, der sie verleitet haben konnte, ihren braven
Freund miszuverstehen. Die dunkle Nachricht, die ihr Roger gegeben hatte, trug
noch mehr dazu bei, ihre Empfindung zu reizen, und wie sie in das
Gesellschaftszimmer zurückkam, blieb der Ausdruk von Zweifel und Rührung in ihrem
Wesen L***'s scharfem Blik nicht verborgen. Er wollte jezt Abschied nehmen, die
Sonne prallte um diese Zeit brennend von dem Hofpflaster zurück, Seldorf konnte
ihn unmöglich jezt gehen lassen, er nötigte ihn zum Mittagsessen zu bleiben,
und führte ihn in seine Bibliotek, während dass Sara froh war, sich bei ihren
Hausgeschäften wieder sammeln zu können - vielleicht auch schon froh, sie für
L*** vermehrt zu sehen.
    Nachmittags kamen verschiedne Bauern in den Hof, welche mit
widersprechenden, abenteuerlichen Umständen erzählten, dass in **, einer
benachbarten Commüne vom Distrikt Mauleon, Unruhen ausgebrochen wären, und ein
Teil des Volks zu den Waffen gegriffen hätte. Sara erblasste bei dieser
Nachricht, und stand in Begrif, Rogers Ermahnung zur Diskretion zu vergessen;
aber L*** zerstreute den widrigen Eindruk dieser Störung, die ihn selbst anfangs
nicht ganz vorbereitet getroffen hatte, mit der meisterhaftesten Gegenwart des
Geistes. Auf einem Spaziergang im Dorfe bestätigte sich ein Teil jener
Nachrichten, und die Gesellschaft vernahm jezt sogar ziemlich deutlich den
Schall der Sturmgloke gegen Mauleon hin. L*** nahm davon Gelegenheit, schneller
wegzugehen, indem seine Pflicht ihn aufforderte, die Sache selbst näher zu
besichtigen. Er sprach dabei mit der männlichsten Ruhe von der möglichen Gefahr,
wünschte Seldorf Glük, von anerkannt guten Patrioten umgeben zu sein, und
bestieg unter den schmeichelhaftesten Dankesbezeugungen sein Pferd, nachdem er
Seldorf um Erlaubnis gebeten hatte, ihm in den nächsten Tagen von der wahren
Beschaffenheit jener kleinen Gährungen Nachricht zu bringen.
    Seldorf war von einem so ungewohnten Tag ermattet, seine traurige Stimmung
kehrte mit der Stille zurück, und er eilte in sein einsames Zimmer. Sara war von
mehr wie einer Empfindung angegriffen, aber unbekannt mit sich selbst, suchte
sie den Grund ihrer Unruhe ausser ihrem Herzen, und ging zu dem alten Bertier,
um ihn wegen seines Sohnes Reise zu befragen. Doch es sollte heute keine
freundliche Hand der armen Sara aus dem Labirint zurückwinken, in welchem sie
sich zu verstriken anfieng. Bertiers Haus war voll Männer aus der umliegenden
Gegend, welche von dem Lärmgeschrei herbeigeführt zusammen beratschlagten. Auf
Sara's wiederholte Bitte verliess der alte Bertier einen Augenblick die
Versammlung, um sie zu sprechen; aber die Gegenstände der Beratschlagung, sie
mochten nun der Wahrheit getreu oder vergrössert sein, hatten diesmal die
Sanftmut des braven Greises gestört. Er entwarf einige so empörende Züge von
den Verrätereien, mit welchen man das Volk umspinne, von der höllischen
Falschheit, die man anwende es zu verführen, dass Sara zitternd rief: wo ist
Roger? - Gegen C** wo der Siz des Verrats ist - Nein, nein! L*** war den ganzen
Tag hier; er liebt das Volk, er liebt das Vaterland - Urteilen Sie von den
Gesinnungen eines Menschen, der im Schoos der Gastfreiheit seine Ränke
schmiedet! Ich weiss dass er bei Ihrem Vater war, dort - indem er auf das Zimmer
zeigte, wo die Männer versammelt waren, bürgte ich eben mit meinem Leben für die
Treue Ihres Vaters, die jedem redlichen Bürger verdächtig wird, weil er, der
jedem aus unserer Mitte den Zutritt versagt, einem L*** seinen Schmerz über
Teodors glänzende Laufbahn anvertraut - - Sara verstummte; sie stand erst im
Begrif, L*** statt ihres Vaters zu verteidigen; beschämt über ihre Verwirrung,
erschroken über die Gefahr, welche drohend herannahte, hüllte sie sich in ihren
Stolz, und antwortete mit so vieler Kälte, dass der Greis im Unwillen von ihr
ging. Sie kehrte nun schwermütiger, als sie gekommen war, nach ihrem Haus
zurück. Noch niemals hatte sie sich so einsam und trostlos gefühlt, noch niemals
hatte die Arme eines freundlichen Herzens, um Hoffnung und Ruhe darin zu
schöpfen, so schmerzlich bedurft. Aber Teodor war fern, und von ihm erhielt sie
seit langer zeit nichts mehr, als ehrsüchtig schwärmerische Deklamationen; Roger
hatte diesen Morgen ihr Vertrauen zurückgeschrekt, der wehmütigernste Blik, mit
welchem er ihre Hand an sein Herz drükte, hatte die Furcht ihn zu betrüben
erwekt; und diese Furcht, und des alten Bertiers unvorsichtiger Eifer warfen
ein Interesse auf L***, als die erste Ursache ihres Kummers, das er vielleicht
ohnedem nicht gehabt haben würde. L*** schien so edel, er hatte so männlich
gefasst von der Gefahr, so menschlich und schonend von dem verführten Volke
gesprochen: er konnte nicht falsch sein, er war das Opfer der Vorurteile, der
argwöhnischen Stimmung von Menschen, die sie lange geliebt und geehrt hatte, die
aber jezt hart, ungestüm, ja anmassend gegen sie verfuhren. So brachte sie einen
Teil der Nacht schlaflos zu; noch war es dunkel, als sie im Grunde des Tals
den Himmel mit einer Flammenröte überzogen sah, und ihr Ohr den Ton einer
fernen Sturmgloke vernahm, der vom Morgenwind herbeigeführt wurde. Zum erstenmal
dachte sie das Bild der Verwüstung, der Gefahr in einer so fürchterlichen Nähe,
sie dachte verwirrt an Roger, an L***, sie bildete sich ein, sie gegen einander
fechten zu sehen. Ihr Schreken nahm zu, als sie unter ihrem Fenster von
einzelnen Männern, die über den Weg eilten, und leise und ängstlich mit einander
sprachen, die Worte zu hören glaubte: man mordet das Volk - Ein Fieberfrost
ergrif das einsame Mädchen, sie sah nichts als Zerstörung und Tod vor ihren
Augen, indes doch die Natur um sie her Frieden und Ruhe atmete. Endlich
erloschen die Flammenstreifen im Morgenrot, und der schaudervolle Glokenton
ward von dem tausendstimmigen Gesang der Vögel, die den anbrechenden Tag
begrüssten, in der Luft verdrängt. Jezt legte sie sich erschöpft nieder; aber der
leichte Schlummer, der ihre Augen dekte, verschwand bald bei dem Geheul einiger
Bauerweiber, deren Männer entweder zufällig oder durch Anstiftung in dem
Distrikt von Mauleon gewesen waren, an dem Zusammenlauf des gestrigen Tages
Teil genommen hatten, und nun gar übel zugerichtet nach Hause gebracht wurden.
Seldorfs Wohltätigkeit war so bekannt, dass ihm der traurige Parteigeist das
Recht, die Zuflucht der Bedrängten zu sein, noch nicht genommen hatte. Sara fand
ihn schon mitten unter einem Trupp von Landleuten, die ihm eine schaudervolle
Beschreibung von den Begebenheiten des vorigen Tages machten. Sie waren, sagten
sie, auf einem Viehmarkt in ** gewesen, und hatten sich durch Trinken und
Neugierde aufhalten lassen, bis der Lärm ausgebrochen war. Wo er entstanden,
woher die Bewafneten gekommen, wer sie angeführt, wusste niemand zu sagen; aber
nach den Uebertreibungen dieser armen verstörten Leute, welche Räuberei,
Verwüstung, Mordbrennerei als die Früchte der neuen Ordnung der Dinge anzusehen
begannen, war gestern eine grosse Anzahl von Dörfern verheert, und viel Blut
vergossen worden. Seldorf hörte mit Abscheu zu, und sagte in einem
vorwurfsvollen Ton zu Sara: Bürgerkrieg ist also die Folge aller dieser
Glükseeligkeitsplane! Wäre doch L*** hier, und hörte wie sein Patriotenbund sich
realisirt - Sara schlug ihre tränenschweren Augen bei diesem Namen nieder; die
Bauern fiengen ihn auf, und riefen einstimmig: Er hat das Land gerettet; er und
Herr Roger Bertier flogen von Haufen zu Haufen, sie drangen bis zu den
Aufrührern, und sprachen von Gesez und Treue; sie stellten sich als Brustwehr
vor die erschroknen Weiber und Greise, sie sammelten die Nationalgarden, die
nicht wussten wohin die Sturmgloke sie rief; in dem Augenblick da wir aus dem
Getümmel entkamen, verfolgten sie den Feind - diese Worte hatten eine
Wunderkraft für Sara's zerschlagnes Herz; sie durfte nun bei L***'s Namen
aufbliken, er wurde mit Rogern zugleich als Verteidiger der guten Sache
genannt; sie dachte mit Entzüken, wie gern sie dem alten Bertier verzeihen
wollte, nun sie so gewiss wusste dass er Unrecht hatte, und die Verwüstung verlor
einen grossen Teil ihres Schreklichen, da Roger und - der Mann, dessen Unschuld
ihr so teuer zu werden anfieng, dagegen kämpften. In der Folge des Tages liefen
beruhigendere Nachrichten ein; die Aufrührer waren in die Wälder geflüchtet, die
Nationalgarden standen allentalben unter den Waffen, und im ganzen Distrikt
herrschte die gröste Ruhe. Gegen Abend sprengte ein Reuter in den Hof; es war
L***, der sogleich in das Zimmer trat, und sich mit der einfachsten
Freimütigkeit gegen Seldorf entschuldigte, dass er sich schon die Rechte eines
alten Bekannten anmaasste. Er sprach von dem gestrigen Vorfall, verringerte das
Unglück und die Gefahr, versicherte dass es weit mehr eine zufällige Zwistigkeit
unter den Bauern als eine Parteisache gewesen wäre, dass nur der wohlmeinende
Eifer einiger Patrioten es für ernstafter angesehen, und durch übereilte
Anstalten zum Widerstand die Erbitterung vermehrt hätte. Er erwähnte Rogers mit
vieler Achtung, und lobte seine Wachsamkeit, die ihn so früh zur Hülfe, selbst
eines fremden Departements angetrieben hätte. Sara fühlte sich seit L***'s
Eintritt von einem gewissen stillen Frieden umgeben, durch welchen ihr Herz nur
wohltätigen Empfindungen offen war; sie überliess sich dieser, und genoss nach
dem gestrigen bangen Abend und der traurig durchwachten Nacht, desto inniger ein
Paar heitre Stunden in der Gesellschaft dieses Mannes, dessen Liebenswürdigkeit
und geschikte Wendungen selbst ihren Vater von seinen traurigen Gedanken über
die Lage des Landes zu zerstreuen schienen.
Seitdem schlich der Geist der Zwietracht eine Zeitlang nur still und dumpf in
der Gegend umher, und zeigte sich bloss hie und da in stillschweigenden
Verhöhnungen des Gesezes, in Nekereien gegen die Obrigkeiten, in ungeziemenden
Festen auf den Schlössern und Rittersizen. Roger blieb abwesend; der Auftrag
einer Gesellschaft von Volksfreunden entfernte ihn lange von seiner Heimat, und
die Vereinzelung, worinn sich die gute Sara befand, machte ihr L***'s Besuche,
die er alle Wochen einigemal wiederholte, um so werter. Sie hatte dabei den
Kummer, den alten Bertier von seinem ungerechten Vorurteil gegen den neuen
Freund ihres Vaters nicht zurückbringen zu können, und Seldorf selbst entfernte
sich mehr von jenem, weil ihm die Erinnerungen an politische Gegenstände leicht
verhasst wurden, und L***'s gefällige, biegsame, unerschöpfliche Unterhaltung ihm
wohltätiger war als Bertiers zunehmender Eifer. L*** war zu fein, um nicht
alle Vorteile dieser Umstände bei Sara zu benuzen. Ueber den Platz, welchen
Roger in ihrem Herzen einnahm, hatte er sich bald beruhigende Aufklärung
verschafft; ihre unbefangne Herzlichkeit, und das ehrerbietige, anspruchlose
Betragen, mit welchem Roger diese erwiederte, überzeugten L*** dass von ihrer
Seite wenigstens, vielleicht Entusiasmus, aber nicht Liebe im Spiel wäre. Ihm
kam wenig darauf an, Rogern zu verstehen; denn sobald er ihn nicht als
Nebenbuhler fürchtete, warf er ihn unter die grosse Anzahl derer, die er zu
Werkzeugen oder Opfern ausersehen hatte. Ob das was ihm Sara vom ersten
Augenblick einflösste; ob überhaupt was er für sie empfand, Liebe war, lässt sich
nicht so genau bestimmen. Vielleicht liebte ein L*** ein Mädchen wie Sara,
ohngefähr wie ein Nero den grössten Entusiasmus, den reinsten Geschmak für Musik
haben konnte. Vielleicht auch dass es Menschen gibt, die zu allem Edeln
geschaffen, und durch gewaltsame Umstände von ihrer Bestimmung abgeleitet, in
Einem Gefühl ihres Herzens, das mit keiner von den verstimmten Saiten desselben
in Zusammenhang ist, die Urschönheit ihrer Natur wiederfinden, und dieses Gefühl
mit desto glühenderem Eifer pflegen, weil es das einzige ist, das ihnen die
Ahnung des verloschnen Götterfunkens zurück gibt. Eine solche Liebe muss um so
heftiger und kühner sein, als sie gegen alles Böse in dem Gemüt, dessen sie
sich bemeistert, unaufhörlich ankämpft. Im Ganzen aber war es L***'s Schiksal,
allentalben von Trug umhüllt vor der Nachwelt zu stehen, und auch seine Liebe
für Sara, mit seinen politischen Verhältnissen verbunden, trägt noch mehr dazu
bei, ihn unverständlich zu machen. In der Legende wenigstens, die unter seinen
fanatischen Mitstreitern ihn überlebt haben mag, wird das betrogne Mädchen nicht
mit unter den Wundern gezählt sein, die er verrichtet hat.
    Sara musste für jedes des Schönen empfängliche Herz ein Studium des Schönen
sein. L*** sah sie ihrem Haushalt mit einer Tätigkeit, mit einer Einsicht
vorstehen, als beschränke sich darauf der ganze Kreis ihrer Bestimmung; er sah
sie ihren Vater verpflegen, zerstreuen, aufheitern, mit ihm weinen, und alles
was sie umgab, alles, selbst ihre Liebe, so wie sie entstand und zunahm, zu
seinem Wohl anwenden; er sah sie unter den Landleuten, ihr wohltätiges Herz
oder der Zufall mochte sie zusammenbringen, mit einer Güte die zu holdselig war
um bloss Liebe zur Gleichheit auszudrüken, in alle ihre Sorgen und Freuden
eingehen. Der Genuss eines schönen Abends, der Anblik einer lachenden Gegend
öfnete zuweilen ihr Herz einer kindlichen Heiterkeit, in welcher jede Blume,
jeder grünende Baum, jeder zwitschernde Vogel der Gespiele ihrer Freude wurde;
hüpfend eilte sie dann an L***'s Arm durch die Wiese, pflükte übermütig die
schönsten Blumen, um den Weisdorn am Saum des Gehölzes mit Kränzen zu behängen,
und jauchzte vor Fröhlichkeit, wenn die lüsternen Ziegen sie abweideten. Dann
ging sie wieder ernst und in sich gekehrt, und sah den aufsteigenden Mond; der
Duft der Blumen, der Gesang der Vögel, das ferne Leuchten der Wetterstrahlen
schien ihr eine Feier der Natur, und sie stand einfach, rein und innig wie ihre
erste Priesterin in der jungen Schöpfung. Entzükte sie L*** durch die holde
Vertraulichkeit, mit welcher sie in ihrer fröhlichen Stimmung ihn zum Werkzeug
des unschuldigsten Scherzes gebrauchte, so durchdrang ihn der Blik voll Hoheit,
und die Ahnung von inniger Liebe, womit sie ihm ihren Arm entzog, um einsam
vorauszugehen in den Augenbliken ihrer feierlichen Schwärmerei. Sein überlegner
Geist wurde unwillkührlich angezogen, in Gesprächen und gesellschaftlicher
Unterhaltung, der Lehrer, der Bildner dieser unerfahrnen schönen Seele zu sein;
sein männliches Wesen, sein kaltes Blut mussten ihm tausendfache Gelegenheiten
geben, sie bei ihrer übereilten Kühnheit, bei ihrer oft alles Äussere
vergessenden Empfindung, so verschmolzen wie dies alles in ihr mit weiblicher
Schüchternheit war, im Zaum zu halten. Die Lage der Sachen, die Gährung unter
dem Volt, die Zudringlichkeit der Priester, deren sich Seldorf nicht ganz
erwehren konnte, der Kummer über ihren geliebten Bruder, dessen Briefe immer
unverständlicher und seltner wurden: alles führte sie auf einen Weg, der mit
jedem Tag enger und abschüssiger wurde, und sie mit jedem Tag unbedingter in
L***'s Gewalt lieferte. Sie sah nie eine Ursache, auf ihrer Hut zu sein, denn
nie brachte dieser Mann ihr Herz mit ihrem Verstand in Widerspruch; sie sah in
allem seinem Reden und Tun nichts als Mut, Offenheit, Patriotismus, Wunsch
alles Gute, und alle guten Bürger zu Einem Endzwek zu vereinigen und zu benuzen.
Sie war bloss Mädchen, bloss fühlendes Geschöpf, und die Zeiten hatten damals ihre
schrekliche Reife noch nicht erlangt, da es bei weitem noch nicht hinreichen
sollte, ein menschlicher wohlmeinender Mann zu sein, um kein Verräter zu
scheinen. Verschiedenheit in Meinungen war damals noch kein Hochverrat, und
führte noch nicht zum Verbrechen. Bei den schwachen Ausbrüchen zwischen den
Parteien, die hie und da, vielleicht auf Anstiften der Royalisten, vielleicht
wider ihre Absicht, aber doch gewiss unter ihrem Schuz vorfielen, war L*** bald
mutiger Verteidiger seines Systems, bald Friedensstifter, immer aber ein
Muster von Billigkeit. Alle Unzufriednen versammelten sich um ihn, aber er
schien sie immer zur Ruhe, zum Guten zu lenken, und sein Wort bändigte ihre
feindselige Wut. Einfach bis zur Beschränkteit in seinem Schloss, glich es eher
einem Hospiz, wo jeder Dürftige Pflege und Azung, jeder verirrte Wanderer Obdach
und Schirm fand; und sezte er gestärkt seinen Weg fort, so dachte er sich fortan
C** als den Ort, wo im Drang der Not eine Zuflucht vor Hülflosigkeit ihm offen
stehen würde.
Bei einem seiner Besuche ward Sara eine Unruhe an ihm gewahr, die ihr Herz, das
schon so innig an ihm hieng, mit Besorgnis erfüllte; umsonst aber forschte sie
mit schüchterner Freundlichkeit, woher seine Laune entstünde: ohne sie zu
befriedigen, fesselte sein Stillschweigen das weiche Mädchen durch die süsse
Abhängigkeit der Liebe. Bald nachher gelangte die Nachricht von der Flucht des
unglücklichen Ludwigs in die entferntesten Gegenden, und erfüllte alle Gemüter
mit Schreken, Hass, oder übermütiger Freude. Jede Schenke war jezt eine Schule
des Aufruhrs, wo bald ein feiger, herrschsüchtiger Priester die getreuen Diener
des königlichen Hauses aufbot, bald ein kühner Patriot oder ein feiler Emissar
Königshass, Freiheit und Rache predigte. Es blieb nicht bei müssigem Geschwäz; die
Nachricht von der glücklich gelungenen Flucht ward zwar widerrufen, aber die
losgelassenen wilden Leidenschaften liessen sich nicht so leicht an die Kette
des Gehorsams zurückführen. Zahlreiche Haufen von Menschen, welche durch die
neuen Einrichtungen ihres ehrlichen oder unehrlichen Broderwerbs beraubt waren,
rotteten sich zusammen, überfielen die als patriotisch bekannten Communen, und
plünderten oder mishandelten die Einwohner, wo keine zeitigen
Widerstandsanstalten sie abschrekten. Die ganze benachbarte Gegend stand unter
Waffen, die Nachrichten aus der Hauptstadt lauteten verworren und drohend; alle
Sicherheitsmassregeln die von dem Siz der Herrschaft aus verordnet wurden,
verloren ihre Kraft, indem sie hier mit niederträchtiger Kriecherei gegen die
Vornehmen, und despotischer Härte gegen das Volk, dort mit unvorsichtiger
Vergünstigung gegen das lezte, und leidenschaftlichem Übermut gegen die
Gutsbesizer vollstrekt wurden. Oft begaben sich die Municipalitätsbeamten mit
ängstlicher Demut auf die Schlösser, um die von der Nationalversammlung
anbefohlne Auslieferung aller Waffen zu betreiben. Man empfieng sie mit einem
Schmaus, wo die herablassende Güte der Herrschaft ihre ehrwürdige Sendung
erniedrigte, und sie kehrten, unter tiefen Verbeugungen, mit etlichen
Jagdflinten zurück, die ihnen ein Lakai nicht ohne einige Persiflagen
auslieferte, indes in den unterirdischen Gewölben des Schlosses Tausende von
Patronen verfertigt wurden, und die Gewehre angehäuft lagen. Im Distrikt von
Saumür hingegen war ein Freund des alten Bertier an der Spize der
Municipalitätsbeamten, welche die Auslieferung der Waffen besorgten; und dieser
sezte seinen Auftrag mit der Unerschrokenheit, welche das Bewusstsein der
Gesezmässigkeit immer geben sollte, aber auch mit der Härte lang erwarteter Rache
durch. Der Mann hatte nichts von Bertiers menschlichweiser Güte, er hatte nur
seinen kühnen Geist; alles was ihm sein Freund von Seldorfs Unglück, von seiner
unschädlichen Einsamkeit gesagt hatte, verlöschte den Eindruk nicht von dem
Kaltsinn, mit welchem Seldorf jeden stürmischen Patrioten aufnahm; und der Nahme
seines Sohnes, der jezt unter den Anhängern des Hofs genannt wurde, und dem man
in dem kleinen Zirkel seiner Bekannten mehr Anteil an der Entweichung des
Königs zuschrieb, als er je gehabt hatte, führte den Mann, der zum kalten und
passiven Handhaber des Gesezes bestellt war, mit dem einseitigen beleidigenden
Vorurteil des Argwohns in Seldorfs Haus, als auf seiner Runde dieses die Reihe
traf.
    Seit jenem Abend, an welchem Sara über L***'s Betragen unruhig gewesen war,
hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Alle fürchterlichen, abenteuerlichen
Nachrichten, die sie seitdem vernommen hatte, alle Besorgnisse wegen der Zukunft
hatte sie allein ertragen und bekämpft; die Sehnsucht nach dem Gegenstand ihrer
Zärtlichkeit, und die Bangigkeit über sein Schiksal zerrissen zugleich ihr Herz,
und erschwerten mehr wie jemals ihre Bemühungen, die Bitterkeit ihres Vaters zu
besänftigen. Sie sann umsonst, was in einem Augenblick wo Gefahr von allen Seiten
her drohte, ihren Freund entfernt halten konnte, unter dessen Augen sie sich
geborgen dünkte, wie das Kind in der Mutter Armen. Die schrekliche Erzählung,
die sich von dem Tag des Marsfeldes verbreitete, sezte ihrer Einbildungskraft
von neuem zu; jede laute Stimme unten im Dorf, jedes ferne Getös schien ihr
Tumult und Mord zu verkünden. Ruhig wie ein abgeschiedner Geist von dem Leben im
Staube spricht, wenn er in einer stürmischen Mitternachtsstunde seinen
zurückgelassnen Freunden erscheint, hatte sich indessen Seldorf mit Sara in ein
Gespräch über ihre Kinderjahre, und über das Glük, das sein Vaterherz sich von
ihrer Jugend versprochen hatte, vertieft. Mit grausamer Kälte zerriess er sein
eignes Gefühl, und erzählte wie er gehoft hätte, diesen Teil des Hauses sollte
Teodor einst mit seinem Weibe bewohnen, dort würde Sara sein Alter pflegen; er
sprach weiter, wie er manchen Baum gepflanzt hätte, um mit seinen Enkeln unter
dessen Schatten zu spielen, und wie dort jenes Feld nur mit einer leichten Heke
umzäunt wäre, weil er, wenn die Wirtschaft grösser geworden wäre, des Nachbars
Grundstüke dazu gekauft haben würde. Sara hörte bang diesem hofnungslosen
Herzählen nie genossenen Glükes zu, und suchte, mit einem Herzen das fast von
Wehmut brach, seine Träume an die Zukunft zu knüpfen. Seldorf hielt inne, und
liess sie allein sprechen; ermuntert durch sein Stillschweigen, glaubte das gute
Mädchen, über des Vaters finstern Dämon zu siegen, als Seldorf langsam den Kopf
schüttelte, und mit seinem matten erstorbnen Tone sagte: Du wirst bald vergebens
meine Spur und meiner Träume Denkmäler hier suchen - Diese Worte durchfuhren
Sara mit einem Schauder, und unvermögend zu sprechen, verfolgte sie mit
tränenschwerem Blik seinen wankenden Schritt, mit welchem er unter den Bäumen
verschwand. Sie sass lange in tiefem Gram versunken, als sie plözlich von einem
Wortwechsel, und von der Stimme ihres Vaters erwekt wurde, welcher mit einer
Heftigkeit und Stärke, die ihr ganz unbegreiflich waren, sich zu verantworten
schien. Sie eilte auf das Haus zu, und fand die Municipalitätskommission, deren
Anführer mit Seldorf im Streit begriffen war. Unglücklicher Weise fiel die Scene
auf einem mit Bäumen bepflanzten Plaze vor dem Hause vor, und hatte einen Haufen
von Menschen zu Zeugen, die zum Teil nicht aus den besten Absichten den
Kommissarien auf allen Tritten folgten. Seldorf hatte die ganze Zumutung als
einen Eingrif in das Eigentumsrecht jedes Hausherrn angesehen, und die erste
Anrede mit mehr Stolz als Gleichgültigkeit beantwortet. Uebrigens weit entfernt
sich zu widersetzen, befahl er alles Gewehr herbeizubringen; und ohne den
unzeitigen Eifer von Bertiers Freund hätte die Sache hier endigen können;
dieser konnte sich aber nicht entalten, einige sehr beissende Anmerkungen über
die Zierlichkeit der wenigen Jagdflinten, die man ihm vorlegte, zu machen;
mühsam an sich haltend, sagte Seldorf: um einem jungen Menschen auf der Jagd zu
dienen, nähme man keine Musketen, und einen andern Gebrauch hätten diese Gewehre
nie gehabt, denn sie gehörten seinem Sohn. Der unglückliche Name, und der
Zusammenhang in welchem er hier vorkam, vermehrten die Bitterkeit des
Kommissairs; bald erfolgte die Beschuldigung, es müsste anders Gewehr im Haus
verborgen sein, und wie Sara herbei eilte, drang die Kommission in das Haus um
es zu durchsuchen. Von Schreken ausser sich rief Sara um Hülfe, und hielt ihren
Vater, der vor Wut mit den Zähnen knirschend eines der vor ihm liegenden
Jagdmesser mit seiner linken Hand aufnehmen wollte. Das umstehende Volk ward
unruhig, ein Teil aus Schreken über den Auftritt, ein Teil aus boshafter
Freude am Unfug; hie und da wollte ein bestochner Taugenichts es aufhezen, die
Abgeordneten der Nation zu verteidigen, und war so frech zu versichern, dass
eine aufgehäufte Rüstkammer im Schloss verborgen sei. Um das Unglück zu vollenden,
eilten einige Bedienten des Hauses, die im Feld gearbeitet hatten, mit den
ersten besten Waffen herbei, und stellten sich neben ihren Herrn; der Auftritt
hätte nun wahrscheinlich eine blutige Wendung genommen, wenn nicht der alte
Bertier auf den ersten Lärm, der zu ihm gelangte, herzugeeilt wäre, und mit der
ihm eignen Geradheit die Hize der Kommissairs gemildert hätte. Er liess sie ihre
Nachsuchungen fortsetzen, führte sie sogar in alle ihm bekannte Winkel des
Hauses, und forderte sie endlich ernstaft auf, vor dem nämlichen Haufen, der
die Beschuldigung angehört, Seldorf auch Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen.
Zu einem solchen Schritt hatte aber Bertiers Freund nicht Biegsamkeit genug.
Seldorfs heftige Äusserungen schienen ihm so gefährlich wie verborgne Waffen,
und er kehrte mit einer sehr unüberlegten Ermahnung zu Seldorf zurück. Dieser
hatte in seiner kranken Hize Bertiers Dazwischenkunft, und sein Betragen gegen
die Kommissarien, wovon die erschroknen Hausbedienten, welche Zeugen dabei
waren, ihm einseitige und falsche Berichte hinterbrachten, ganz misverstanden;
zu stolz um gegen den andern noch ein Wort zu verlieren, warf er mit
ausbrechender Bitterkeit dem wohlmeinenden Alten sein treuloses Betragen vor,
und nannte mit einer höhnenden Anwendung diese Misbräuche eine Geburt der neuen
Freiheit. Der patriotische Kommissair schäumte; der alte Mann war über Seldorfs
Unvorsichtigkeit und Gefahr zu betroffen, um sich bei der persönlichen
Beleidigung aufzuhalten - er wandte sich zu den Kommissairs, und sagte fast
ruhig: der Mann ist krank; lasst ihn, ich bürge für ihn. Hierauf legte er seine
Hand auf Sara's Schulter. Ich habe Rogers Stelle vertreten wollen, sagte er,
suchen Sie mich wenn Sie mich brauchen. - Er zog die Kommissairs mit sich fort;
und jezt gelang es endlich dem armen geängsteten Mädchen, ihren Vater zu
bereden, dass er auf sein Zimmer ging.
    Der heftigen Aufwallung folgte eine so grimmige Bitterkeit, dass Sara es
nicht wagen durfte, ihn allein zu lassen. Mit bangem Herzen duldete sie sein
Schelten, seine Ungerechtigkeit, seinen Groll, und nahm zugleich mit
unbeschreiblicher Angst wahr, dass bei einbrechender Dunkelheit Haufen von
Männern um das Haus schlichen, und von der Dorfschenke lautes Geschrei
herschallte. Der Vater, welcher in seinem Unmut ihren innern Kampf nicht
bemerkte, und ihr sogar über ihre Ruhe Vorwürfe machte, nahm ihr endlich zornig
ein Buch aus der Hand, in welchem sie, um Fassung zu finden, einige Minuten
gelesen hatte: Du bist glücklich, sagte er; die erdichteten Leiden deiner
Bücherhelden trösten dich über die Schmach deines Vaters - aber schnell legte er
das offne Buch, das er von Sara's Tränen überflossen fand, vor sich hin, und
blikte erschroken auf seine Tochter, die von Weinen erstikt und sprachlos vor
ihm stand. Einige Augenblike stüzte er den Kopf auf beide Arme, dann stand er
auf, fasste die Hände seiner Tochter, drükte sie an seine Lippen, und rief:
verzeih, Sara! verzeih meinem wachsenden Elend! - welches fühlende Herz denkt
sich nicht das Ende dieses Auftritts? Fast glücklich durch das Uebermaas seines
Unglücks, weil er ein lebhaftes Gefühl für die Würklichkeit darin wiedergefunden
hatte, schikte Seldorf sein geliebtes Kind früh auf ihr Zimmer; und sie war so
müde von Schmerz, dass sie die Nachricht einer Magd, das Dorf sei voll von
fremden Männern, die auf der Strasse herumschwärmten, kaum hörte. Eh sie sich
zur Ruhe legte, dachte sie noch einmal an Bertiers Worte: er hätte Rogers
Stelle vertreten wollen. Wäre er hier! seufzte sie leise - und mit noch
sehnlicherem, aber furchtsamerem Wunsche seufzte sie noch einmal: wäre er hier!
und hatte L***'s Bild vor der Seele.
    Kaum hatte der erste Schlaf sich ihrer bemächtigt, als sie durch ein dumpfes
Getöse erwekt aufsprang. Plözlich wurde ihre Türe aufgerissen, und ihr Vater
trat mit L*** herein: eile, rief er; wir müssen uns retten, die Ungeheuer sind
schon nahe. - Sara erblasste, fragte, warf ihren Mantel um, und fast getragen von
L*** verliess sie das Haus. Gleich darauf schien ein tobender Lärm anzugehen, sie
sah Fakeln, hörte Schüsse fallen, und kam halb entseelt bei einer Chaise an,
welche von einem Haufen von Bewafneten bewacht wurde, denen L*** sie und ihren
Vater übergab, sich sodann auf ein Pferd schwang, und in der dunkeln Nacht
verschwand.
    Sie fuhren einige Meilen, und hielten endlich bei einem abgelegenen
zierlichen Hause still, wo jedoch keine Anstalt zu ihrem Empfang gemacht war;
ihre Begleiter selbst schienen hier eben so fremd und verwundert als sie, und
verloren sich bald nach ihrer Ankunft. Sara's Empfindungen waren zu
widersprechend, als dass ihre Fassung so bald hätte zurückkehren können. Der
fürchterlichste Augenblick ihres Lebens, das sicherste Unglück hatte etwas süsses
für sie, weil sie sich wieder unter L***'s Schuz gefühlt hatte. Indessen war das
Herz, das so innig liebte, nicht abgestumpft für das Gefühl dieses Unglücks; ihr
erstes deutliches Bewusstsein war der Anblik ihres Vaters, der mit finstrer Stirn
und glühenden Wangen heftig auf und nieder ging; sie ergrif seine Hand: Vater,
rief sie, ich bin nicht mutlos; verzeih diesen unwillkührlichen Schreken, der
mich betäubte. Sage, wo sind wir? was drohte, was rettete uns? - Drohen?
antwortete Seldorf, und hielt in seinem raschen Schritt einen Augenblick inne, um
seine von unnatürlichem Feuer blizenden Augen auf sie zu heften; die Menschen,
die mich seit sieben Jahren Vater nannten, wollten den Vater im Schlaf ermorden
- Und L***? rief Sara zitternd. - Ist ihr Helfershelfer oder mein Schuzgeist,
murmelte er, und riss sich los, um seinen Gang fortzusetzen.
    Ihr Herz stand still, sie sezte sich an ein Fenster - durch die Luft
rauschte ein heftiger Gewittersturm, einzelne Blize erleuchteten eine ihr ganz
fremde Gegend, und zeigten ihr Reiter und Männer, die an den Mauern der
Hofgebäude hielten. Endlich hörte sie, nachdem das Wetter einen Augenblick
nachgelassen, eine grosse Pforte öfnen, es entstand ein verwirrtes Getümmel von
Menschen und Rossen, aber ein Bliz, der bald darauf folgte, liess sie nichts
wahrnehmen als eine todte Leere über dem ganzen Hof. Seldorf hatte sich auf
einen Lehnsessel gestrekt, und war endlich nach unnatürlicher Spannung seiner
Nerven in einen betäubten Schlummer gefallen. Rund umher ward es immer stiller,
der Morgen brach an, Sara hörte in der Ferne das Gebell der Dorfhunde, das
Geklirr vorbeifahrender Akersleute. Sie konnte nun die Lage des Hauses
unterscheiden, es war am Eingang eines Waldes, und nur mit Ställen umgeben; nach
und nach vernahm sie dass man darin munter wurde, sie hörte einige Türen auf
und zuschlagen, sah Vieh aus den Ställen treiben - endlich erschienen einige
Reiter mit Jagdflinten bewaffnet, L*** war an ihrer Spize, sie sprengten in den
Hof, bald eilten sie die Treppe herauf. Sara's Herz schlug ungestüm.
Mitschuldiger oder Schuzengel - o ihr Herz hatte längst gewählt, aber die
Ungewissheit ihres Vaters scheuchte die reine Äusserung ihres Kindersinnes
grausam zurück. Seldorf blieb in seinem matten Schlummer versunken; aber bei
L***'s Eintritt war aus Sara's Herzen alles andre verschwunden, unwillkührlich
bloss von der Nähe ihres Schuzgeistes ergriffen, lief sie, so unbefangen als
träte ihr Bruder herein, auf ihn zu - ihre Hand lag in der seinigen, und wie er
reden wollte, deutete sie mit der Heiterkeit eines Engels auf ihren schlafenden
Vater. L*** verstand sie, führte sie in das Vorzimmer, wo seine Begleiter im
Hintergrund um einen Tisch mit Trinkgerät und Speisen sassen, und sezte sich
neben ihr nieder.
    Deutlich genug ist der Gang, den Sara's Herz genommen hatte, und die
Stimmung in welcher sie sich jezt befand. Aber konnte es einen Bösewicht geben,
der nicht wider Willen alle Seligkeit der Tugend geahnet hätte, indem das
unschuldigste, reinste Geschöpf das Bild der höchsten Tugend in ihm verehrte?
Und würklich war es nicht die Seele eines Bösewichts, die sich auf L***'s
schönem Gesicht mahlte, wie er des entzükten Mädchens Dankestränen fliessen
sah, wie er ihre Fragen beantwortete, wie er die schuldlose Unbefangenheit, mit
welcher sie seine Hand an ihre Lippen drükte, so ehrfurchtsvoll und gerührt zu
empfinden schien. Sara erhielt nun die Auflösung des Rätsels, die ihr
zerstörter Kopf so lange umsonst gesucht hatte. Der gestrige unglückliche
Auftritt hatte bestochenen Aufruhrstiftern den abscheulichen Gedanken
eingegeben, das gegen Seldorf entstandene Mistrauen zu reizen, und unter dem
heiligen Vorwand des Patriotismus, sein Betragen als eine offenbare Auflehnung
gegen die constituirten Autoritäten vorzustellen. Wie es schien, waren andre
Bösewichter von demselben Schlag aus einem benachbarten Departement
herübergekommen, und hatten eine Handvoll rüstiger unzufriedner Burschen mit in
das Komplott gezogen, indem sie ihnen vorgespiegelt hatten, es sei Pflicht gegen
das Vaterland, einem so gefährlichen Mann seine Mittel zur Contrerevolution zu
nehmen, und man wolle das Haus bloss von den darin verstekten Waffen reinigen,
damit der Befehl der Gesezgeber doch vollstrekt würde, indem die dazu bestellte
Kommission durch Gewalt zum Abzug genötigt worden wäre. Einige von L***'s
Jägern waren noch spät im Wirtshaus bei Seldorfs Gut gewesen, hatten etwas von
jenem Vorhaben abnehmen können, und waren geeilt, es ihrem Herrn zu
hinterbringen, der erst gestern von einer Geschäftsreise in dem Schloss eines
benachbarten Freundes angelangt war. L*** erkannte die Gefahr des Augenbliks,
Anstalten zur Gegenwehr waren nicht mehr zu treffen, und diese lagen ohnehin der
Obrigkeit des Orts ob; er konnte also bloss für Seldorfs persönliche Rettung
sorgen. Er bat den Freund, bei welchem er war, um eine Kalesche und um
Begleiter, und eilte nach Seldorfs Schloss, dessen Vorderseite schon von den
Bösewichtern umzingelt war. Er erinnerte sich der Gartenpforte, durch welche er
zuerst eingetreten war, brach hier durch, wekte Seldorf, der, von seinen Leuten
verraten oder verlassen, unbesorgt schlief, und überzeugte den unglücklichen
Mann bald von der Nichtigkeit eines Versuchs, den Rasenden ihr Unrecht
vorzustellen. Das Haus, in welches er sie bringen lassen, war ein Jagdhaus, das
einem seiner Freunde zugehörte, und zu keinem andern Gebrauch, als einzelnen
Landfesten, oder höchstens einem Nachtlager bei Jagdpartien bestimmt war. Er
versicherte Sara, das Ganze sähe noch viel zufälliger aus als es würklich wäre,
weil die Leute im Haus nicht einmal etwas von ihrer nächtlichen Ankunft erfahren
hätten, sondern sie erst jezt in seiner Gesellschaft angelangt glaubten; seine
Freunde hätten alles allein besorgt, daher rührte auch der Mangel an allen
Bequemlichkeiten die Nacht über - Wie? unterbrach ihn Sara, die Menge von
Reitern, die diese Nacht den Hof anfüllten, die Zeichen, die ich durch den
Gewittersturm vernahm, konnten den Hausleuten unbekannt bleiben? - Eine
unmerkliche Veränderung ging hier in L***'s Gesicht vor, er sah fest in Sara's
Auge: was Reiter, liebes Fräulein? Meine Freunde blieben doch nicht so lange
hier - Nein, Ihre Freunde liessen uns ja allein, sie verloren sich in dem
Augenblick da wir ankamen; wir blieben ja unbegreiflich einsam in diesem Hause;
aber der ganze Hof war voll von Menschen, die scheu und heimlich ihren Pferden
schmeichelten, dass sie still blieben, und ihre Waffen fest zusammen fassten damit
sie nicht klirrten. Ach L***! diese Nacht, diese Reiter! Sie müssen mir
verzeihen, wenn ich Verrat fürchte sobald mein Schuzgeist fern ist - Sie blikte
ihn so bittend mit gefaltenen Händen an, als fürchtete sie, sein Ohr möchte es
hören, wie laut in diesem Augenblick die Worte ihres Vaters in ihrem Herzen
wiederhallten. Gute Sara! sagte L*** voll Güte und Ruhe; armes banges Mädchen,
werfen Sie die Schreken Ihrer Einbildungskraft von sich, fühlen Sie wie
gefährlich diese Furcht vor Verrat selbst in Ihrem schönen Herzen ist! Meine
Freunde können sich des Gewitters wegen verweilt haben; ich hatte sie so
ernstlich gebeten, Ihnen Ihren Vater allein zu überlassen, dass sie alles getan
haben werden, damit das Haus nicht wach würde. Sie wissen, wie wenig eine
Zuflucht bei dem Vicomte *** dazu gemacht war, die Rasenden, die Ihnen drohten,
zu besänftigen - O so lassen Sie uns dies Haus verlassen! rief Sara erschroken;
guter L***, unser Schuzengel, unser Retter! lassen Sie meinen Vater in sein Haus
zurückkehren; die Menschen werden ihn ja nun in Ruhe lassen, sie haben sich ja
nun überzeugt, wie grausam falsch ihr Verdacht war. - Sie weinte über die neue
Gefahr ihres Vaters, L*** fasste ihre beiden Hände, die sie gegen ihn aufhob:
Meine Freundin, meine teure würdige Freundin, ich will, ich kann Sie trösten
und schüzen, aber ich fordere auch Mut.... ich habe noch nicht auserzählt. Sie
müssen Ihren Vater, mit der Ihnen eignen, liebenswürdigen Schonung vorbereiten
.... zu einem längeren Aufentalt hier oder an einem andern Ort, über welchen
wir einig werden müssen, überreden .... sanftes, gutes Kind, Sie müssen es über
sich nehmen, ihm die Trennung von seiner ehemaligen Wohnung vorzuschlagen. -
Nie, niemals! das kann ich nicht, rief Sara; dort, sagte er noch gestern, wollte
er leben und sterben; es wird bei seinem Erwachen sein erster Gedanke sein,
dahin zurückzugehen - Er kann nicht, Sara! Seine Wohnung liegt in Asche, die
Verwüstung hat alles ergriffen: soll der alte Mann die rauchenden Trümmer
erblicken? - Das unglückliche Mädchen blieb versteinert, ihre aufgehobnen Hände
sanken langsam auf ihren Schoos herab, auf ihrem bleichen Gesicht kämpften
Ergebung und Schreken; mit einem Strom von Tränen rief sie endlich leise aus:
rauchende Trümmer! Armer alter Mann, du selbst solltest noch vergebens die Spur
deines Daseins suchen? - L*** verstand die Veranlassung dieser Worte nicht; aber
dieses Gesicht, von welchem der Kummer so plozlich die Farbe der Jugend
verwischt hatte, und das in seinem unaussprechlichen Schmerz doch so nahe an
kindlichste Ergebung gränzte, benahm ihm auf einen Augenblick die Fähigkeit, sie
zu trösten. Seine Augen ruhten auf ihr, bis sie von Tränen verfinstert sich
abwandten, er stand von seinem Siz auf, und ging mit langsamen leisen Schritten
vor Sara's Stuhle auf und ab. Sie weinte einige Augenblike sanft und still,
horchte dann auf, und winkte L*** zu sich; sie stand auf, und indem sie auf das
innere Zimmer zugieng, sagte sie mit rührender Fassung zu ihm: Jezt habe ich
Mut! Mein Vater ist, glaube ich, aufgewacht, stehen Sie uns mit Ihrem Rate
bei. - Sie fanden den armen Seldorf würklich von seinem tiefen Schlaf erwacht,
aber in einer Mattigkeit, welche die Erinnerung des vorhergehenden Abends sehr
geschwächt zu haben schien; sein Wesen drükte mehr Verwunderung über die Neuheit
der Scene aus, und ein schwaches Lächeln von Freude, wie Sara vor ihm hinkniete,
und seine Hände an ihre Brust drükend, nach seinem Befinden frug. Er erblikte
jezt auch L***, und schien in dem Augenblick von einem unwillkührlichen Schauder
überfahren; die vergangne Nacht trat aus ihrer Finsternis hervor, er fragte nach
der Zeit, nach der Lage der Sachen; und Sara nahm mit einer Fassung, mit einer
Leichtigkeit, durch welche sie sich aufzusparen schien, um nur in den Ausdruk
ihrer Liebe ihre ganze Seele zu legen, das Wort, liess sich für's erste in eine
Erzählung von der Entstehung des Aufruhrs ein, zog ihren Freund, der ihre
Absicht schnell begrif und ihr beistand, mit in's Gespräch, und war
geflissentlich so weitläuftig, dass sie Zeit gewann ihren Vater ein Frühstük
einnehmen zu lassen, für welches L*** gesorgt hatte. Ihre unglaubliche
Empfänglichkeit machte dass sie den gewaltsamen Kampf, wo ihr Mut eben gesiegt
hatte, in der Ruhe des Augenbliks vergass. Die heiterste Luft fächelte durch die
offenen Fenster ihr heisses Gesicht, das Geräusch einer ländlichen Wirtschaft
zauberte ein seltsames Gefühl von häuslichen Freuden in ihr hervor, die
Gegenwart ihres Geliebten, der mit zärtlicher Bangigkeit vor dem Ausgang seine
Blike kaum von ihr verwandte, und ihr in dem fremden Aufentalt hundert kleine
Dienste leistete, wiegte sie täuschend in die anfangs erzwungne Stimmung ein;
kurz alles riss das überspannte Geschöpf zu einer Heiterkeit hin, die unter
diesen Umständen zu sonderbar war, um von Seldorf ganz unbemerkt zu bleiben. Er
blikte sie ein Paarmal halb fragend an; diese Blike und L***'s zärtliche
Geschäftigkeit riefen durch eine ganz entgegengesezte Ideenverbindung jenen
Abend in ihr zurück, wo der alte Bertier ihr und Rogern so ungewiss zusah, wo
Teodor aus dem väterlichen Hause entwich, und wo der erste Pfeil ihres armen
Vaters nun fast verblutetes Herz traf. An jenem Abend, so quälend er war, ahnete
sie noch keine so finstre Zukunft! Und alles, alles, was sie damals liebend
quälte, war nun dahin - Teodor, Roger! beide fern und entfremdet! Und jenes
Haus, jene Gärten! - L***, der allen Bewegungen ihrer Seele folgte, und diese
Wolke vor ihren Geist treten sah, wekte sie aus dem Trübsinn, in welchen sie
verfiel, durch eine zufällige Frage, die zwar ziemlich gleichgültig war, aber
der Wohllaut der Liebe in seinem Ton erinnerte sie dass sie jezt ein Gefühl
gewonnen, das sie an jenem Abend, welchen sie im Begrif stand für den lezten
ihres Glüks zu halten, noch nicht gehabt hätte - sie dachte nicht weiter, sonst
hätte sie sich über diesen Leichtsinn Vorwürfe gemacht; aber sie fühlte sich
gestärkt, und glaubte sich eine Heldin, da sie doch nur liebte.
    Bei dem Fortgang des Gesprächs zeigte es sich, dass die fürchterliche
Nachricht, welche Seldorf von der Verwüstung seines Schlosses erhielt, ihn
nichts weniger, als unerwartet traf. Seine Bitterkeit hatte das Schreklichste
schon vorausgesezt, und er bat mit einer Ruhe, die Sara's Herz durchbohrte, man
möchte nur Erkundigungen einziehen, ob gar nichts gerettet wäre, nicht etwa
soviel, dass er mit seinem Kinde irgendwo auf dem Lande unterkommen könnte, bis
er Mittel gefunden hätte, einen Teil des kleinen Kapitals, das er in Paris
stehen hätte, einzunehmen. Es war dein Erbteil, mein Kind, sagte er, indem er
sich gegen Sara wandte; du wirst es als eine Erleichterung in deinem Unglück
fühlen, deinen Vater mit deinem Vermögen zu ernähren. - Sie dankte ihm voll
Wehmut, und beschäftigte sich nun ernstaft mit L***, einen Aufentalt für die
Zukunft ausfindig zu machen. Er erbot sich sogleich, nach seines Freundes Schloss
zurückzukehren, um von da aus die etwa geretteten Trümmer von Seldorfs
Habseligkeiten an sich zu ziehen, und Bertiers Rat über die Vergütung des
Schadens einzuholen. Der an Leib und Seele kranke Mann liess bei Bertiers Namen
die erste Spur von Leidenschaft wieder bliken, nachdem er den Brand seiner
Wohnung, die Verwüstung seines Jahre lang gepflegten Gartens mit todter
Resignation erfahren hatte, entzündete Bitterkeit wieder das erste Fünkchen
Feuer in diesem Herzen, das sonst nur der Liebe offen war. Er verbat sich heftig
jede Gemeinschaft mit Bertier, und erzählte L*** mit leidenschaftlicher
Verblendung den traurigen Auftritt, in welchem er den redlichen Greis so
unbillig verkannt hatte. L*** las in Sara's Blik, wie unendlich sie litt, und
wie herzlich sie auf Bertiers Hülfe traute, aber Seldorfs unglücklicher Zustand
vertrug keinen Widerspruch.
    Noch am Abend desselben Tags eilte L*** nach der Brandstätte, und fand
würklich alles verwüstet. Die Rasenden hatten den Wink heuchlerischer Anstifter
nur zu gut befolgt. Wehe dem Menschen, der diese Werkzeuge der Hölle zur
Vollstrekung seiner Plane braucht! Er gibt die Fakel der Rache in die Hand des
Unverstandes, und jedes Unheil, das daraus entsteht, lastet auf der Seele des
Frechen, der bei menschlichem Beginnen Gottes Allmacht nachäffen, und die
Leidenschaften der Menschen gebrauchen wollte, wie Tau, Gewittersturm und
Sonnenschein, um das Saatkorn zu pflegen, das er ausersah. Wehe ihm, wenn es ihm
gelang die Menschheit abzulegen, und fühllos über dem Schauplaz seines Handelns
zu schweben; aber zehnfach Wehe, wenn der Anblik ihm noch Tränen entlokt, denn
von dem ausgedorrten Boden, worauf sie fallen, können sie nimmer die
Vergangenheit abwaschen! - Das freundliche Haus, wo man ihn sonst so gastfrei
aufnahm, die blühende Natur umher, alles war eine gestaltlose, grause Masse von
Schutt und Verwüstung. Die Mauern, die gestern noch mit schüzendem Epheu
umwunden unter den hohen Linden hervorblikten, standen jezt schwarz und halb
eingestürzt neben den abgebrannten Stämmen. Der schattige Gang nach dem Garten
war vom niedergerissenen Gesträuch versperrt; den Bogengang, durch welchen er
zuerst hier eingetreten war, fand er von Zweigen entblösst, und an der
niedergestürzten Brunnensäule sammelte sich das Wasser in einen schmuzigen
Pfuhl. L*** wandelte schaudernd unter den Ruinen umher; aus seinem Gesicht
leuchtete nicht die Seele, welche in Sara's Herzen Ruhe, Vertrauen und Hoffnung
gezaubert hatte. Er sah düster und scheu, wie ein Mörder, der noch einmal an den
Leichnamen seiner Erschlagnen vorbei muss: ein Lüftchen, dessen Wehen ihr
blutiges Haar bewegt, erstarrt sein Herz - und ein Schauder, dass ihm die Stimme
versagte, ergrif L***, da Sara's Hündchen winselnd aus einer verfallenen Türe
kroch, und den alten Hausfreund erkennend, mit einer zerbrochnen Pfote zu ihm
hinkte, und seine Füsse lekte. Er nahm das arme Tier schnell auf den Arm, und
eilte nach Bertiers Wohnung. Der Alte empfieng ihn weniger unbefangen als mit
Fassung und Würde. Er wusste zu L***'s Erstaunen die Art von Seldorfs Rettung und
seinen Aufentalt; er ging sogleich mit ihm in die näheren Umstände seines
Verlustes, und in die Möglichkeiten ein, seine Ländereien zu retten. L***
vermochte nicht den tiefen Eindruk zu verbergen, welchen die Brandstätte in ihm
hervorgebracht hatte; da liess der Greis seinen himmelklaren Blik auf ihm ruhen,
als hätte er den Faden zu seinen innersten Gedanken, und mehr ernst wie
bedeutend sagte er: Auf dem Wege wo wir wandeln, werden wir noch manche
Brandstätte vorbeigehen, und manche Verwüstung lenken. - Flammend sah ihm L***
in's Auge, und sprach: Alter Mann, geh neben mir, der Brandstätten werden
weniger sein - Bertier nahm seine Müze ab, und legte seine Hand auf sein
schneeweisses Haupt: Junger Mann, dieser Kopf wusste fast neunzig Jahre allein
frei zu sein. Geh deinen Weg; wir kennen uns nun. - Nach einer tiefen Stille von
einigen Sekunden nahmen beide das Gespräch über Seldorfs Angelegenheiten wieder
auf, und Bertier erbot sich unter einem angenommenen Namen Seldorfs Güter zu
verwalten. Die Sache wurde bei der Commune abgetan, deren Mitglieder allen
Verdacht auf ihren unglücklichen Mitbürger von sich ablehnten; und L*** hatte die
Freude seiner Sara - denn dass sie sein Eigentum war und sein musste, das sagte
ihm jeder Augenblick, den er mit ihr gelebt hatte - seiner Sara Zukunft vor
Mangel zu schüzen. Er kam auch wegen eines Aufentalts überein, den man Seldorf
in demselben Distrikt, wo er immer gelebt hatte, verschaffen sollte, und aus
welchem er, sobald es seine Gesundheit erlaubte, sein Gut wieder besorgen, und
dem Aufbau eines neuen Wohnhauses vorstehen könnte.
    Den armen wiedergefundenen Hund gab L*** seiner Pflegerin zurück, er war ein
Geschenk von Roger, er entkam aus der Verwüstung ihres Hauses, er war von der
geliebtesten Hand gerettet worden - welche Ansprüche an ihr fantastisches
Gefühl! Die kleine Familie wurde nach wenigen Tagen bei Varnier, dem ehemaligen
Pachter eines adlichen Hauses, welcher durch den Lauf der Revolution und durch
ansehnliche Schuldforderungen an seine Herrschaft ein unabhängiger Eigentümer
geworden war, auf eine bequeme Weise untergebracht. Seldorf bestand auf eine
strenge Einschränkung, ohne welche er sich bei seiner mistrauischen, einsamen
Laune nie ohne Zwang und Verbindlichkeiten gefühlt hätte. Sara sah sich in ein
kleines Häuschen verbannt; aber sie ersezte ihrem Vater alles, was ihm an
Bequemlichkeit abgieng, und ihr - ersezte die Liebe alle Freuden der
Vergangenheit, wie sie das Andenken aller Schreken derselben versüsste.
Seldorfs Gesundheit war so zerrüttet, dass sich kurz nach seinem Einzug in die
neue Wohnung ein zehrendes Fieber bei ihm einstellte, welches seine
Leidenschaften, aber freilich auch alle Kraft seiner Seele ausser Tätigkeit
sezte. Jede äussere Berührung war ihm schmerzhaft, und die abgestorbne
Mattigkeit seiner Tage wechselte nur mit der kranken Lebhaftigkeit einiger
Abendstunden ab, wo die Fieberhize alle Bilder seines Gehirns aufregte, ohne dass
sie bei seinem erschöpften Körper zu etwas mehrerem als Fantasien wurden. Sara
pflegte ihn bei seiner Schwäche, und in den Zwischenräumen ihrer Tätigkeit
suchte sie seine Einbildungskraft auf beruhigende Gegenstände zu lenken. Wie ein
guter Engel wachte sie an seinem Lager über seine Träume; L***'s Beifall und
seine kurzen Besuche waren ihr Lohn, ihre Erholung. Ihr Verhältnis, der Zwang,
den ihr ihres Vaters Krankheit auflegte, selbst der Reiz des Geheimnisses, wozu
sie aus Schonung bei vielen ihrer Handlungen genötigt war, stifteten den
innigsten Bund zwischen dem Geliebten und ihr. Es war nie ein Geständnis
vorgefallen, man hatte sich nie erklärt, man hatte sich nie etwas versprochen;
aber im reinsten Einverständnis, das Geist und Herz zwischen einem Weib und Mann
hervorbringen können, nannte sie ihn Freund, und verbarg sich nicht aus falscher
Scham, dass er mehr wie das, dass er Herr ihrer Liebe und ihrer Sinne war. Ihr
reines Herz erschrak nicht davor, sich nach dem Mann zu sehnen, den sie zuerst,
einzig, und auf ewig liebte. Dass er sie zu seinem Weib machen wollte, hatte er
ihr nie gesagt; dass er sie aber wie seine Gattin ehrte, nahm ihr Verstand wahr,
und dass sie nur die Seine und nie eines Andern sein konnte, wusste ihr Gewissen.
Von aller Gemeinschaft mit dem Wohnplaz ihrer Jugendjahre getrennt,
eingeschränkt und einsam, duldete sie in stillem sanftem Frieden manches Leiden,
und vergass die finstre Zukunft über dem Trost, den die Gegenwart ihr darbot.
    Seit der unglücklichen Begebenheit, welche Seldorf aus seiner Heimat
vertrieben hatte, waren mehrere Wochen verflossen, und er hatte immer vergeblich
auf Antwort von seinem Wechsler in Paris, bei welchem die für Sara's Erbteil
bestimmte Summe niedergelegt war, gewartet. Etwas Papiergeld, das er auf L***'s
Erinnerung bei seiner Flucht gerettet, und einige Juwelen hatten ihm bis jezt
die Mittel zu seiner Einrichtung und seinem Unterhalt verschafft; endlich fieng
er aber an unruhig zu werden, und wendete sich an einen alten Bekannten in der
Hauptstadt, um einen Aufschluss über das Stillschweigen zu erhalten. Sara
bemerkte, dass ihr Vater nach bald einlaufender Antwort sichtbar finsterer wurde,
und sie teilte ihrem Freund ihre schweren Ahnungen über den Gegenstand von
ihres Vaters Sorgen mit. Sich vor Mangel zu fürchten, kam der einfachen Seele
nie ein; sie erbat und empfieng mit kindlicher Bescheidenheit L***'s
Unterstüzung, und glaubte, ihre Pflicht geböte ihr den kleinen Betrug, durch
welchen sie ohne sein Vorwissen ihres Vaters Kasse schonte. Aber immer dichter
wurde die Wolke, die seine Mattigkeit in Unruhe, seine kranke Heiterkeit in
heftige Fieberträume verwandelt hatte; nachdem wieder einige Wochen so
vorübergegangen waren, brachte ihm Sara einst, mit bangem Zittern vor dessen
Inhalt, ein Paket das mit der Pariser Post einlief. Seldorf hielt es lange in
der Hand, besah das Siegel und die Aufschrift, und legte es endlich auf den
Tisch vor sich hin. Mit unruhiger Erwartung machte sich Sara einige Geschäfte im
Zimmer, und fragte endlich furchtsam: willst du nicht lesen, ehe ich dir dein
Abendbrod bringe? - Nein, meine Liebe! antwortete Seldorf; es kann viele Briefe
entalten, es kann mich stören, und ich habe Lust heiter zu sein. Komm, seze
dich zu mir; wir wollen nach dem Abendessen die Briefe ansehen. - Sara wusste
nicht, ob sie sich über diese Fassung freuen, oder darum noch banger sein
sollte; sie fasste aber mit herzlicher Teilnahme seine Absicht auf, und suchte
ihm den Abend durch ihre Heiterkeit angenehm zu machen, so deutlich sie auch
wahrnahm, dass er, so oft sein Auge auf die Briefe fiel, gegen eine
unwillkührliche Furcht arbeitete.
    Er betrog sich selbst durch eine lange und mühsam fortgesezte Unterredung,
und erbrach endlich mit einer geflissentlichen Zerstreuung die Briefe, die er im
Gespräch mit den Augen durchzulaufen anfieng. Sara's Herz klopfte, da sie seine
Stimme immer ungleicher, seine Reden immer unzusammenhängender werden hörte;
endlich dekte Todtenblässe sein Gesicht, er las schweigend fort, atmete tief,
schlug sich mit dem zusammengelegten Papier vor die Stirn, und stiess einige
unverständliche, abgebrochne Reden aus, worunter Sara nur die Worte unterschied:
Weib, Weib! Geht die Rache aus deinem Grab hervor? - Sara bat umsonst, bedekte
umsonst seine Hände mit ihren Küssen, suchte umsonst die unseligen Papiere vor
ihm zu verbergen; er stiess sie matt zurück, und rief endlich mit erzwungner
Festigkeit: ich will lesen! - Er las, dachte nach, rief: Nie! nie! .... dieses
verhasste Geschlecht! - Das Blatt fiel ihm aus den Händen: Unglücklicher! ....
Sara du bist eine Bettlerin. Dein Bruder hat dir dein Eigentum gestohlen - Ich
verzeihe ihm, mein Vater! Ich will arbeiten; es soll mir nie fehlen, es soll
dich nie schmerzen, und ihn nicht reuen. Höre nur dein Kind, und verschliesse
mir dein Herz nicht - Es war unmöglich, dem dringenden sanften Flehen zu
widerstehen; es war dem gebrochnen Herzen des armen Seldorf unmöglich, den Trost
ganz von sich zu stossen, den ihm sein weinendes Kind in der Fülle ihrer Liebe
bot. - Sara, sagte er nach langem Kampfe mit sich selbst, dein Bruder zwingt
mich, den Schleier zu zerreissen, mit dem ich von jeher meine Vergangenheit
umhüllte, und sie nach meinem Tod auf ewig zu vertilgen hofte. Nicht meine
Schande habe ich vor euch geheim gehalten, sonst hätte jedes Zeichen eurer
kindlichen Ehrfurcht mein Gewissen empört; aber mein Unglück sollte euch
unbekannt bleiben, die Welt sollte euern jungen Herzen nicht als das Grab meiner
Seligkeit, die Menschen nicht als die Mörder meiner Ruhe erscheinen. Von
Täuschung zu Täuschung verführt, fühle ich schon lange dass die lezte nur im
Grabe verschwinden wird. Mag es dann aber noch einmal Täuschung sein! Mit
Schande sollst du mein Elend nicht krönen, töriger Bube! Du sollst deinem
Vater, du sollst der Natur, oder deinen unsinnigen Entwürfen entsagen - Seine
trüben Augen glühten, indem er dies sprach, und er hob drohend seinen zitternden
Arm auf, als stünde Teodor vor ihm. Er reichte nun seiner Tochter einen langen
Brief ihres Bruders hin, und befahl ihr, ohne eine einzige Frage an ihn zu tun,
denselben zu lesen; er würde ihr nachher durch die Erzählung seiner früheren
Geschichte die Ursache seiner Bewegung erklären. - Opfre mir diese Nacht deinen
Schlaf, sagte er, und zeigte auf seine Uhr, nach welcher es fast Mitternacht
war; ich muss eilen ihn zu retten, wenn er noch zu retten ist; ich muss eilen, eh
diese lezte gespannte Kraft niedersinkt - Er drükte Sara's Hand an seine
brennende Stirn; sie las.
    Dieser Brief, der im Original, ausser einer Menge überflüssiger Details,
viel politisches Raisonnement, und dunkle Hindeutungen auf die verworrnen Plane
entielt, zu denen Teodors fantastische Grundsäze und hochfliegende Erwartungen
sich so leicht misbrauchen liessen, kann hier nur teilweise geliefert werden.
Die hauptsächlichen Plane aller Parteien in der grosen, noch unentschiednen
Sache des Menschengeschlechts sind bekannt genug; und um die Verirrungen und das
Elend einiger unbekannten Unglücklichen aus der zahllosen Menge derer, die in den
lezten fünf Jahren litten, zu bemitleiden, braucht man die verworrnen Fäden der
Ehrsucht und der Falschheit nicht zu verfolgen. Teodors Unglück und Fehltritte
entstanden nicht aus seiner Lage in der Hauptstadt, er brachte den Keim dazu in
seinem Herzen mit; und er hätte des Grafen von Vieilleroche Schwiegersohn oder
Chabots Schwager sein mögen, er wäre doch nie in der Einfalt des Geistes
gewandelt.
                            Teodor an seinen Vater.
»Ihr lezter Brief, mein geliebter Vater, und noch mehr die Erkundigung, die Sie
durch Herrn von Montgrand meinetwegen haben einziehen lassen, überzeugen mich
von meiner Pflicht, Ihnen so weit es heiligere Pflichten zulassen, das Geheimnis
meiner Lage zu entdeken. Da Sie mich zur Wahrheit und Offenheit aufzogen, so
müssen Sie fühlen wie schwer die Notwendigkeit, bis jezt zu schweigen, mich
drükte, und wie wichtig meine Gründe dazu sein mussten. Sollte ich mich Ihnen
nicht ganz verständlich machen, sollte mir Ihr Beifall fehlen, so beschwöre ich
Sie, teilen Sie wenigstens die hohe Ruhe meines Bewusstseins, meiner
Ueberzeugung und meinem König mein Leben geweiht, und vielleicht sogar meine
Pflichten zum Opfer gebracht zu haben. Lesen Sie die folgenden Blätter, und
urteilen Sie selbst.
    Ich verliess meine Heimat mit dem unbestimmten Verlangen, eine Richtschnur
meiner Handlungen, einen festen Punkt für meine Grundsäze, einen Würkungskreis
für meine Kräfte zu finden. Ihr ewig verehrter Wille war es nicht, mir durch
Ihre Erfahrungen fortzuhelfen; aber Sie hatten mir den Gehorsam zu wert
gemacht, als dass ich mich einer Herrschaft, deren Weisheit ich anerkannte, hätte
entziehen mögen; und meiner Jugendfreunde unbegränzte Vorliebe für Freiheit und
Gleichheit verlezte zu oft mein verfeinertes Gefühl für das Schöne und Erhabne,
als dass nicht immer gewisse Ahnungen in mir gelegen hätten, die nur einer
glücklichen Entwikelung durch den Zufall bedurften, um mich meinen ganzen Beruf
als Verteidiger eines beleidigten, edeln Königs fühlen zu lassen.
    Von diesem unerwarteten Zufall, der mir eine würdige Laufbahn öfnete, bin
ich Ihnen, mein teuerster Vater, Rechenschaft schuldig. Ich langte in Paris an,
ohne alle Bekanntschaft, ohne alle Lokalkenntniss; ich folgte dem Strom des
grossen Haufens, der bald hier bald dort hintrieb, besuchte öffentliche Örter,
beobachtete die Vorübergehenden, und fieng schon an, mich in diesem Gewühl
einsamer als in einer Wüste zu fühlen. Die verschiednen Meinungen, die ich um
mich her äussern hörte, waren wie Irrlichter, welche den Wandrer verwirren,
indem sie ihm mehrere Ziele auf einmal zeigen. Eines Abends stiess ich in den
Elisäischen Feldern auf eine Gruppe von Leuten, die, um einen Mann versammelt,
heftig gegen ihn stritten, und ihn mit den leidenschaftlichen Ausdrüken belegte,
welche die getreuen Anhänger unsers guten Königs seit einiger Zeit von der Wut
des Pöbels leiden müssen. Er ward beschuldigt, Botschafter der Emigrirten zu
sein, verfängliche Briefe zu bestellen, und dergleichen mehr; im Vorbeigehen sah
ich ihn seine Roktaschen umkehren, wahrscheinlich zum Beweis dass er keine
Papiere bei sich trüge; der Mann ward alsdann von dem Haufen fortgeführt, und
ich verfolgte meinen Weg. Kurz darauf da ich fünfzehn bis zwanzig Schritte
weiter durch das Gras gegangen war, sah ich etwas farbiges zu meinen Füssen
liegen: es war ein kleines buntes Säkchen, worinn ich etwas rundes, wie eine
Geldmünze, fühlte. Neben mir war eine Allee von hohen Bäumen, in welcher nur
wenige Fusgänger wandelten; ich sezte mich hier auf eine Bank, um die
verschlungene Schnur des Säkchens aufzulösen, weil ich es für erlaubt hielt, den
Sparpfenning eines Schulknaben, wofür ich es hielt, in näheren Augenschein zu
nehmen. Ich zog eine Münze von der Grösse eines drei Livresstüks, mit dem
Bildnis der heiligen Jungfrau heraus, und ein kleines Blatt Pergament, worauf
ein mit einem Pfeil durchbohrtes Herz gemahlt war. Der abenteuerliche Fund
beschäftigte mich noch, als ein Mann, den ich schon ein Paarmal hatte
vorbeigehen sehen, sich neben mich sezte; ich schob meinen Hut auf die Seite, um
ihm Platz zu machen; indem er aber bloss seine Knieschleife band, sagte er mir
in's Ohr: »um Gottes willen, es geht auf Leben und Tod!« stand auf, und ging
mit einer leichten Verbeugung hinweg. Anfangs ergrif mich der leise Zuruf; als
ich aber den Mann so sorglos seinen Gang fortsetzen sah, hielt ich ihn für
verwirrt, und suchte mein Beutelchen, um den symbolischen Schaz, aus welchem ich
nicht klug werden konnte, wieder hineinzusteken. Da ich es nicht gleich wieder
fand, grif ich mit der Hand zwischen der Bank und dem daranstossenden Baumstamm,
weil ich es mit meinem Hut heruntergefallen glaubte; ich zog es würklich da
hervor, und fand zugleich einen Brief, der, obschon zugesiegelt, ohne Adresse
war. Jezt klopfte mein Herz, denn ich konnte mich nicht entalten, den Inhalt
des Beutels, den Ausruf des Unbekannten, und diesen Brief in Verbindung zu
bringen. Ich stekte meinen doppelten Fund schnell ein, und eilte nach Haus, um
mit mir selbst zu beratschlagen, was Klugheit und Ehre mir unter diesen
Umständen gebieten möchten. Bald ward es mir klar, dass ich den Brief öfnen
dürfte und müsste. Ich tat es, und fand ein Blatt, das wie der Inhalt zeigte an
denjenigen gerichtet war, welcher die Münze und die kleine Miniatur besässe; und
aus einigen Umständen musste ich vermuten, dass der Mann, den ich einige Minuten
vorher vom Volk hatte mishandeln sehen, der Besizer dieser Erkennungszeichen
war, und vermutlich Geschiklichkeit genug gehabt hatte, sie beizeiten von sich
in das hohe Gras zu werfen; der Unbekannte aber mochte mich, weil der Zufall sie
mir in die Hände gespielt hatte, und er bei jenem Auftritt nicht gegenwärtig
gewesen war, für den nämlichen gehalten haben, dem er den Auftrag hatte, den
Brief zuzusteken, und der besser darauf vorbereitet sein musste, als er mich,
nach meiner unvorsichtigen Art mit dem gefährlichen Geheimnis umzugehen,
würklich fand. Den übrigen Inhalt des Blattes muss ich verschweigen; durch den
Zufall, der dasselbe und ein Paar andre dabei gelegne Schriften in meine Gewalt
brachte, fand ich mich so glücklich, Personen zu retten, denen ich meine jezige
Würksamkeit zu verdanken habe.« - - -
    Hier folgte eine weitläuftige Zergliederung des royalistischen Systems, dem
Teodor mit der treuen Ergebung eines Sülly, und der Blindheit eines jungen
Ehrgeizigen anhieng. Seine ganze Erzählung, sein ganzes Raisonnement bewies
deutlich dass bei manchen von den wichtigsten Anhängern dieser Partei selbst eben
so viel Schwärmerei als Ehrgeiz im Spiele war; sonst hätten sie nicht so
ungeprüft den Talenten eines Jünglings vertraut, der ohne Erfahrung und
Menschenkenntnis leicht jedem geschikteren Menschenangler in die Hände fallen
konnte. Mit Teodor gelang es ihnen indessen völlig, er ergab sich ihnen mit
Ehre und Gewissen; und die heilige Genovefa glaubte kein gottgefälligeres Werk
zu tun, indem sie ihre Schiffer so teuer bezahlte, als der verblendete
Jüngling, indem er, bald Spion bald Verräter über die Gränzen reiste, in den
Provinzen umherstrich, und das Feuer verbreiten half, das zu löschen nun schon
Ströme von Blut nicht hingereicht haben. Ein Wort des kunstreichsten aller
Weiber, ein Blik von ihr, in welchem wo es nötig war eine Träne des Dankes
glänzte, ihre rührenden Aufforderungen im Namen ihrer reizenden Kinder,
entzündeten in diesem, wie in manchem stärkeren und reiferen Kopf eine
Begeisterung, die glühender war, als die himmlischen Visionen um derentwillen
mancher Märtirer sich in den Scheiterhaufen stürzte. Nachdem die Flucht des
Königs mislungen war, arbeitete man unermüdlich an andern Entwürfen. Teodor
erhielt Aufträge nach **, und dort hätte die unverbesserliche Torheit der **
ihm bald die Augen geöfnet, indem sie seinen, nun fast zur Höhe der Sphäre, in
welche er sich verloren hatte, emporgewachsenen Stolz beleidigte. Die **
achteten eines Abgeordneten wenig, der ohne glänzende Titel mit aller Wärme
eines redlichen Dieners die Vorteile seines Herrn sich angelegen sein liess; und
er hatte auf dem Schauplaz des Gräuels einer gewissen Anstekung nicht entgehen
können, die gegen die bei Zeiten gerettete Glaubensreinheit der ** und ihres
Gefolges genug anstiess, um ihn in ** bei einem Haare in den Ruf eines **** zu
bringen. Die Nebenabsichten mancher seiner Helden erschienen ihm bei der
höhnischen Behandlung, die er erfuhr, in einem weniger trügenden Lichte, und er
stuzte vor der Aussicht, die vor ihm zu dämmern anfieng. Unglücklicher Weise
äusserte er die Betrachtungen, die in ihm aufstiegen, ohne alles Hehl gegen
seine Obern, und sie erschraken, einen Menschen, dem so wichtige Geheimnisse
anvertraut waren, am Rand eines Abwegs zu sehen. Er ward sogleich zurückgerufen,
und durch einen neuen Zauber gefesselt. Sein ganzes Wesen und seine Kenntnis der
deutschen Sprache, die er seinem Vater zu verdanken hatte, machten ihn für
Geschäfte an deutschen Höfen vorzüglich geschikt: es sollte ihm jezt ein solches
aufgetragen werden, dessen Wichtigkeit einen Vertrauten zu fordern schien, der
mit den unauflöslichsten Banden an den Hof gefesselt wäre. In dieser Rüksicht
verstand sich der Graf Vieilleroche zu dem Opfer, Teodorn als seinen
Schwiegersohn anzunehmen.
    So verlieren diese Menschen den einfachen Faden der Glükseligkeit immer
unwiederbringlicher im Labirint des Lebens! Wie hatte jene Zeit sich verändert,
da Seldorfs Familie ihre Freuden und ihre Pflichten noch in dem kleinen Kreis
ihrer ländlichen Heimat beschränkte; da sie das Bewusstsein hatte, durch Liebe
und Güte mit der Menschheit abgerechnet zu haben; da Teodor an Rogers Arm zur
heitern Sara eilte, und Seldorfs still leidendes Gesicht von dem Lächeln der
Hoffnung erhellt wurde! Jezt keimte über dem Schutt von Seldorfs Haus das Gras
langsam empor, weil Hoffnungslosigkeit die Hand des Eigners gelähmt hielt; Sara
weinte am Krankenlager des vom Kummer entstellten Vaters, und hinter ihrem
schönsten, tröstendsten Gefühl lauerte ihre künftige Hölle; Roger lenkte mit
wundem Herzen alles Feuer seines Willens und die feste Redlichkeit seiner
Grundsäze auf ein blutiges - unsichres Ziel; und Teodor wurde das blinde
Werkzeug des selbstsüchtigen Stolzes und der Unterdrükung, er dünkte sich über
die Schwächen der Menschheit erhaben, indem er aus kalterzigem Ehrgeiz der
hirnlosen Erbin eines grossen Namens seine Hand gab, indem er einem Geschöpf
ohne Tugend und Weiblichkeit zuschwor, nie einer andern zu gehören. Wir wollen
ihn selbst hören die Täuschungen auseinander setzen, in welche er sich wiegte.
    »Der erste Vorschlag dieser Heirat überraschte mein eigennüziges Herz. Ich
hatte das Fräulein Vieilleroche bei einigen Gelegenheiten gesehen; und von dem
Augenblick, da ich sie mir als meine Gattin dachte, drängte sich Sara's Bild
neben sie, und mit allen Reizen der weiblichen Tugend umstrahlt, schien ihr
Vestalinnenblik mich zu fragen: ist dieses das Ideal, das deine Sara verdrängen
darf? Mit Schauder sah ich die mir bestimmte Braut neben diesem heiligen Bilde;
wenn es meinem Auge gelungen war, durch die Verstellung der Kunst bis zu ihrem
wahren Gesicht zu dringen, so scheuchte mich ihr kalter, unstäter, Lebhaftigkeit
nachäffender Blik, und die blasse Wange, und der erschlafte, nichts sagende
Mund, auf welchem leeres Lächeln und die Härte des Stolzes abwechseln - O mein
Vater, hatte ich für dieses Weib mein Herz neu und meine Sinne rein erhalten in
meiner glühenden Jugend? Ich zerfleische wieder mein innerstes Gefühl, indem ich
Ihnen die Grösse meines Opfers schildre. Um mir aber einen Schwiegervater, eine
ganze Familie zu verbinden, deren Ehre und Sicherheit es ihr nun zur Pflicht
auflegen, mir in meinen Unternehmungen beizustehen, um die Stüzen des besten
Königs, der erhabensten Frau fester zu gründen, siegte ich über mein
widerspenstiges Herz. Ich schied auf ewig von allen Ansprüchen auf häusliches
Glük - Vater! möge Sara Ihnen bald mit einem würdigen Gatten die
Schwiegertochter ersetzen, die Ihrem Herzen ewig fremd sein wird! Es war eine
Zeit, wo ich ihn zu wissen glaubte, den Mann, mit welchem ich den Namen Ihres
Sohnes zu teilen gewünscht hätte; jezt müsste ich zittern, wenn mich meine
angebetete Schwester zwänge, in meinem Bruder einen Rebellen zu erkennen. - -
    Ich kann mich über so manche, zum Teil äusserst peinliche Schritte, zu
denen mich meine Lage und meine Ueberzeugung zwingt, nicht deutlicher erklären.
Verzeihen Sie Ihrem Sohn die lezte Schwäche, die er sich erlaubt: Ihnen zu
sagen, dass es schwere Pflichten sind, die mir geboten, so manche Neigung zu
erstiken, so manches schöne Gefühl meines Herzens zu ewigem Schweigen zu
verdammen, so manchen lange geehrten Grundsaz beiseite zu stellen, und mir für
diese eiserne Zeit so zu sagen ein neues Gewissen zu machen Die Weichheit,
welche diese Klagen verrät, ist nicht in meinen Handlungen; ich gehe mutig auf
meiner Bahn fort. - Stürzen wir die Rotte von Elenden und Schwärmern, die sich
zwischen das betrogne Volk und dessen gütigen Vater gelagert hat, so ist mein
Loos das schönste, höchste! Und sinke ich früher an den Stufen des erschütterten
Trons, so entschädigt mich ein Blik des vortreflichsten Königs, den er meiner
Treue nicht versagen wird.
    Ihr Wechsler wird Ihnen berichten, dass er das Kapital, welches er von Ihnen
in Händen hatte, auf meine Veranstaltung als Darlehn ausgeliefert hat, wo es für
das Herz eines treuen Bürgers die reichsten Zinsen trägt. Ich weiss, dass mein
Vater diesen Lohn seiner geleisteten Dienste willig dem Wohl des Vaterlandes
aufopfern wird. Durch eine glückliche Wendung der Dinge werden Sie mehr wie
entschädigt, und meine edle Schwester beklagt es sicher nicht, dass sie ihrem
Bruder dazu verhalf seinem Herrn zu dienen. Ihr Wechsler, welcher der guten
Sache ganz ergeben ist, hat keine Schwierigkeit gemacht, meine Ordre als gültig
anzuerkennen. Die Sicherheiten für die Wiedererstattung sind zu heilig, um mich
länger darüber auszubreiten.« - - -
Wie dunkel, unverständlich und schmerzlich der Inhalt dieses Briefes für Sara
sein musste, wird man leicht begreifen, wenn man die reine Einfalt ihres Herzens,
die grosmütige, sich selbst immer vergessende Schwärmerei ihres Geistes, und
jenes noch nie erschütterte Vertrauen auf die Gegenstände ihrer Liebe in
Erwägung zieht. Das Raisonnement ihres Bruders schien ihr matt und schief, seine
Handlungsweise falsch und knechtisch, und doch traf sie allentalben Spuren
seines Herzens; sie sann lange nach, und je mehr sie sann, desto mehr verwirrten
sich ihre Gedanken, bis sie sich endlich in dem ängstigenden Bilde verloren, als
sähe sie ihren Bruder von fremden, widrigen Gestalten fortgezogen, neben einem
grausenvollen Abgrund hinstürmen. Vater, er hätte nie aus unsern Armen gesollt,
rief sie endlich mit hochatmender Brust, und einer Bangigkeit als sähe sie ihn
stürzen; Roger sagte es wohl, und ich weinte umsonst! O Teodor, wenn ich dein
Unglück doch wenigstens verstünde, wenn ich nicht scheu davor erschräke wie vor
einer bösen Tat! Sage mir, Vater, tut er recht? Kann er sich ein neues
Gewissen haben machen müssen? Ein neues Herz, Teodor, kannst du dir nicht
machen; und dein neues Gewissen wird dein treues schönes Herz zermalmen. - So
weinte und klagte sie neben ihrem Vater, der mit festem gesammeltem Ernst ihren
weiblichen, jugendlichen Schmerz austoben liess. Wie sie stiller ihr Haupt auf
seinen Schoos lehnte, redete er sie mit einer Stimme an, die seine gewaltsame
Bemühung, ohne Leidenschaft, ja wenn er es vermöchte, ohne Empfindung zu
sprechen, ausdrükte; es war der entkräftete Nachhall des Schmerzens in der Ruhe
dieser Stimme, und wo sein Gefühl ihn zu überwältigen drohte, ein allmähliges
Verstummen, worauf sein Ton kalt und hohl, wie die eherne Stimme des Todes
wieder anhob.
    Er erzählte ihr seine Jugendgeschichte, bis zu dem erst spät bei ihm
entstandenen Wunsch, in die Verhältnisse des ehelichen Lebens zu treten. Um aus
Liebe zu wählen, war seine Vernunft zu lange an die Oberherrschaft gewöhnt; um
ohne alle Leidenschaft, bloss aus kalter Achtung sich zu entschliessen, war sein
Herz zu gefühlvoll. Die Ungewissheit, welche die Folge einer solchen Stimmung
war, dauerte eine Weile fort; denn die meisten Mädchen, unter denen er sich
umsah, fand er ohne allen Karakter, so lange keine Leidenschaft sie anregte, und
selbstsüchtig, falsch gegen sich selbst, sobald ein unmittelbares Interesse auf
dem Spiel war. Der Gegenstand seiner zärtlichsten Freundschaft war unterdessen
ein junger armer Edelmann aus der Provinz, der mit Mut, Einsicht und
Menschlichkeit unter ihm gedient, und zu dessen Bildung er jede Gelegenheit
benuzt hatte. Einst kam Seldorf nach einer ziemlich langen Abwesenheit nach
Brest zurück, wo sich sein junger Freund unterdessen aufgehalten hatte, und er
bemerkte bald eine Veränderung in seinem Betragen, die ihn anfangs für seine
Sitten, bald aber für seinen innern Frieden besorgt machten. Zutraulich und
Zutrauen erwartend sprach er ihm zu, und bat ihn um die Entdekung der Ursache
seiner ungewöhnlichen Stimmung. Der junge Mann schien heftig gerührt, blieb
lange unentschlossen, und sagte ihm endlich, dass sein Geheimnis nicht sein
ausschliessliches Eigentum wäre, und dass es jezt sein schwerster Kummer sei,
sich ihm nicht offenbaren zu dürfen. Seldorf kannte seinen offenen und einfachen
Karakter, er drang also nicht weiter in ihn, sondern beschwor ihn bloss, sich die
Gewalt über sein Geheimnis zu verschaffen. Die zwei folgenden Tage besuchte er
einige Bekannte auf dem Land; am dritten erfuhr er auf dem Heimweg dass ihn sein
Freund an mehreren Orten, wo er ihn vermutet, ängstlich gesucht hätte; und wie
er des Abends in sein Haus trat, fand er die officielle Meldung, dass der
Lieutenant ** sich heute geschlagen hätte, und im Zweikampf tödtlich verwundet
worden wäre. Seldorf forschte nach seinem Aufentalt, man hatte ihn in ein
abgelegnes Haus geschafft; es war schon Nacht da Seldorf in sein Zimmer trat, der
Verwundete lag in tödtlicher Mattigkeit auf einem Bett; seine Rettung war
unmöglich, und bei der ersten Wallung musste sein Leben entfliehen. Ein Schimmer
von Freude glänzte auf dem Gesicht des Sterbenden, er winkte den Anwesenden, um
mit Seldorf allein zu sein, und sagte eilig, als wollte er dem Tod zuvorkommen:
Mein Vertrauter können Sie nicht mehr sein, wohl aber mein Retter vor
Verzweiflung im Tode. Die Tochter des *** hat mir ihre Liebe geschenkt, ich
betete sie an, ich vergass meine Lage .... sie musste mein Weib werden, damit ihre
Ehre gesichert - Hier hörte ich, sagte Seldorf, einen leisen schnellen Schritt
sich der Türe nähern, ich legte mechanisch den Finger auf den Mund meines
unglücklichen Freundes, die Leute im Vorzimmer schienen sich zu bewegen, die
Türe öfnete sich, und ein verschleiertes Weib flog auf das Bette zu: Neben
deiner Leiche soll meine Schande kund werden, rief sie wild - ** hatte meine
Hand mit einer von den seinigen gefasst, er nahm jezt mit der andern die rechte
der Verschleierten, die sie gegen ihn ausstrekte, richtete sich auf, und sagte
mit festerer Stimme: Sie ist rein wie Schnee, sie ist meine Wittwe; Seldorf, um
die Unschuld zu erhalten, sein Sie so ihr Retter - Er legte ihre Rechte in die
meine, drükte sie fest zusammen, beugte sich über beide ..... ein Strom von Blut
quoll aus seiner Wunde; er war todt! - Nach einer Weile fieng Seldorf leise und
ausdrukslos wieder an: das Mädchen war schwanger, und der Vater gab sie mir,
weil er nicht hart genug war sie in's Kloster zu steken, und ich sie ohne
Aussteuer nahm; denn der Mann hatte drei Söhne, und war so arm wie adlich. Eure
Mutter empfieng meine Hand, als das heilige Vermächtnis ihres ersten Gemahls,
mit dem Schmerz und dem Dank der ihr zukam. Ich war sehr glücklich; ein Gefühl
lebhaft wie die Liebe, und nicht trügend wie sie, verband mich mit einem jungen,
reizenden, für jedes Schöne empfänglichen Weibe, deren moralisches und
bürgerliches Dasein mein Werk war. Wir verreissten nach unsrer Hochzeit; ein
unglücklicher Zufall machte mich an dem Krankenbett eurer Mutter es beweinen,
nicht der Vater von meines edeln ** Waise geworden zu sein. Teodors und deine
Geburt erhöhten nach und nach das Glük meiner Ehe. Einsam auf einem kleinen
Landgut, das ich an den Bretagner Küsten gekauft hatte, verlebte ich die Zeit,
die mein Dienst mir übrig liess, in dem süssesten Frieden. Deine Mutter war
jünger noch wie ihr Alter, sie schien durch den schreklichen Tod ihres ersten
Gemahls von jeder heftigen Leidenschaft geheilt, und sie behielt bei der
abgesonderten Lebensart, die wir führten, ein Gepräg von kindlicher Einfalt, das
mein weiches Herz entzükte. Ich hätte ihrem Glük mehr wie mein Leben geopfert;
es gab Stunden wo ich in ihren innersten Gefühlen zu lesen glaubte, und ich
sagte zu ihr: du bist jung wie ein Kind; wenn dein Herz, das gewiss mehr erstarrt
als kalt ist, sich einst erwärmen sollte, lass mich dieses liebe Herz dann lenken
- - Der amerikanische Krieg brach aus, ich ging an meinen Posten, und stand
treulich einem Volke bei, das nicht wie deine Landsleute durch Verbrechen sich
zur Tugend und zum Glük aufschwingen wollte. Zwei Brüder deiner Mutter fielen
bei Gibraltar; ihr Vater hatte troz seines Standes noch so viel menschliches
Gefühl, seinen Schwiegersohn zu schäzen, und ihm das Glük seiner Tochter
anzurechnen. Er rief sie jezt zu sich nach Paris, um ihn zu trösten, sie musste
aber bald ihm die Augen zudrüken, und sie blieb in der Hauptstadt, in den Händen
ihrer Schwägerin und einiger andrer Weiber dieses Standes. Nach fünf Jahren kam
ich zurück, mit festerem Glauben an Menschenwert und Menschenglück als ich je
gehabt hatte, stolz, meinem sanften Weibe diesen gelähmten Arm zu zeigen - ich
sehnte mich, meinem Teodor zu sagen: Dieses Blut floss der Freiheit. Ich kam zu
meiner Gattin, und fand Kälte, Verlegenheit, künstliche Liebkosungen, ich fand
sie für mich verloren - ich bat sie innig, väterlich - ja väterlich! Ich sagte:
du bist schön, jung, du bliebst allein - kannst du in dem veralteten,
verstümmelten Freund den Gatten nicht mehr lieben, so sprich - Erinnere dich,
dass ich um deines Glükes willen deine Hand erbat, und dir nun Jahrelang das
meinige danke. - Es gelang mir nicht, ihr Herz zurückzuführen; sie beteuerte,
dass ich sie misverstünde. Ein streitiges Dienstgeschäft, das mir der unsinnige
Hochmut meines Gegners, eines der schamlosesten Weichlinge im Seedienst, zur
Ehrensache machte, indem er alle müssigen Höflinge aus seiner Familie gegen mich
aufhezte, gab mir so viel ausser dem Haus zu tun, dass ich deine Mutter wenig
sah, und noch nicht Zeit gehabt hatte, in ihre Vergnügungen und Bekanntschaften,
die mir sehr zahlreich schienen, näher einzugehen - Seldorf wurde hier unruhig,
er suchte sich zu fassen, fieng ein Paarmal wieder an, und fuhr endlich fort,
als eilte er bei einem grässlichen Gegenstand vorüber: Einen Abend schien sie mir
befangner als jemals; ich wiederholte meine herzlichen Bitten um Vertrauen,
meine Beteuerungen dass ich sie als völlig frei ansähe. Sie nahm eine hinreissend
liebenswürdige Wehmut in ihren Antworten an, wiegte mich in Zärtlichkeit und
Hoffnung ein; und ich überredete mich, seit meiner Rükkehr zum erstenmal in ihren
Armen, nicht sie, sondern die Gegenstände um sie her hätten sich verändert. Mit
der frohen Erwartung, bald in unsre Einsamkeit zurückzukehren, trennte ich mich
von ihr, um nach Mitternacht auf mein Zimmer zu gehen, das ich am folgenden
Morgen sehr früh wieder verliess, weil mich Geschäfte aus dem Haus riefen. Ich
war sonst nie so zeitig zu ihr gegangen, weil wir, da wir noch bei ihrer
Schwägerin wohnten, von der Lebensart dieser Frau abhiengen; diesen Morgen .....
Er atmete tief, seine Lippen zitterten, er blikte endlich streng auf Sara's
bang horchendes Gesicht: Ehre deines Vaters Schwäche, sie war auch der Keim
seiner Tugend. Ich ging durch den Garten, von welchem eine kleine Treppe in ihr
Zimmer führte .... ich trat ein, sie rief erschroken ..... der Elende, der ihr
Bett teilte, war der Graf Vieilleroche, meines Feindes älterer Bruder, der
Vater von Teodors Braut! - -
    Sara tat einen lauten ächzenden Schrei, und bedekte ihr Gesicht mit beiden
Händen. Seldorf fuhr fort:
    Ich musste vor der Welt meine Schande entdeken, oder sie ewig auf meinem
Herzen tragen. Die Unglückliche gab mir ihr Schiksal in die Hände, und ich legte
die Last dieses Bewusstseins auf mein Herz. Nach wenigen Tagen ward ich krank,
die Unglückliche umschlang meine Knie - sie war es! - sie war schwanger -
Antoinette - -
    Seine Zähne schlugen wie im Fieberfrost zusammen, Sara lag mit ihrem Kopf
auf seinen Knien, und schluchzte: Genug, genug! Lass dich versöhnen, sie ruhen im
Grabe - Eine lange todte Stille folgte jezt, während deren Seldorfs Schmerz in
kalte Erstarrung übergieng: sein Gedächtnis erleuchtete die Vergangenheit, wie
der Mond ein Schlachtfeld erhellt, unempfindlich gegen die Schreken die aus der
Finsternis hervorgehen. Mit unverrüktem Blik sah er vor sich hin, und sprach mit
eintöniger Kälte weiter:
    Ich traf sogleich alle Anstalten, um das Haus meiner Schwägerin zu
verlassen, ich untersagte meinem unglücklichen Weib allen Umgang mit den
Menschen, die sie bisher gesehen hatte; Fremde hielten mich für einen
Sonderling, die Familie meines Gegners sah es als Hass an, der Elende, der sein
Leben von mir erbettelt hatte, ward troziger. Er hatte die Frechheit, in der
Sache seines Bruders mit mir zu sprechen, er unterliess indessen die Vorsicht
nicht, es vor Zeugen zu tun. Die Verachtung die ich ihm bewies, und für welche
er mir innerlich Rache schwor, ohne den Mut zu haben seine Empfindlichkeit zu
äussern, brachte alle meine Gegner noch mehr auf; man erregte eine schändliche
Kabale gegen mich, und ich sah mich auf dem Punkt, schimpflich meines Dienstes
entsezt zu werden. Seit dem lezten Geständnis meiner Frau hatte ich sie nicht
wieder allein gesprochen; mein verirrtes zerstörtes Gefühl weidete sich an dem
bittern Possenspiel von ehelichem Frieden, das ich vor den Hausbedienten und den
wenigen Fremden, die wir sehen mussten, spielte; in der Stunde, wo ich die
Nachricht meiner unvermeidlichen öffentlichen Entehrung erhielt, drang ich in
ihre Einsamkeit, um sie mit dem Fortgang ihres Verbrechens bekannt zu machen.
Ihr verschlossnes Gesicht ward bei meinen Worten noch finstrer, sie zeigte mir
einen Dolch, den sie gegen ihre Brust hielt: Du kannst mir das Leben nur bis zu
einem gewissen Punkt aufzwingen, über den hinaus bist du mein Mörder! -
Erniedrigt und beschämt verliess ich sie. Den Tag wo meine Sache entschieden
werden sollte, langte eine Gesandschaft von allen Subalternen der Flotte an;
meine braven Kameraden drohten mit unwiderlegbaren Anklagen gegen alle Oberen,
man zitterte vor den Folgen; die redlichen Seemänner führten mich in den
Gerichtssaal, und empfiengen die abgedrungne Gerechtigkeit, die ich erhielt, mit
einem Freudengeschrei, das in meinem verwüsteten Herzen öde verhallte. Sie
begleiteten mich bis in mein Haus, verlangten mein Weib zu sehen, und ein grauer
Seeoffizier küsste ihr im Namen aller meiner Kameraden die Hand, weil sie durch
einen heimlich von ihr nach Brest abgesandten Expressen erfahren hatten, in
welcher Gefahr sich ihr Waffenbruder befand. Wie sie mit sanfter Würde ihnen
dankte, meiner mit einer ehrerbietigen, feierlichen Bewunderung gedachte, und
dann in ihr Zimmer zurückgieng, fühlte ich mich nahe daran, durch den Zwang, den
ich mir antat, den Verstand zu verlieren. Ich nahm nun meinen Abschied, den die
Vorstellungen, welche der König dagegen machte, und der laut ausgedrükte Schmerz
aller meiner Kameraden ehrenvoll machten. Von dem Zeitpunkt bis zu ihrem Tod
lebten wir wie zwei verdammte Geister, die um dasselbe Grab zu wandeln
verurteilt wären. Unauflöslich zusammen an die Vorstellung der Vergangenheit
geschmiedet, schauderten wir auseinander, so oft eure kindische Unbefangenheit
oder irgend ein Zufall uns erinnerte dass es eine Gegenwart gab. Ich hasste sie
nicht, wahrlich nicht! - aber ihr fürchterliches Verstummen liess mich nie über
den Abgrund, der uns trennte, einen Weg entdeken. Antoinette ward geboren. Der
Keim des Todes, den sie bei ihrer Geburt mitbrachte, von dem schwärzesten Gram
genährt, endigte eurer Mutter Leben. Ihr schimpfliches Leiden, das sie mit
unveränderter Fassung ertrug, beugte mich endlich bis zum wehmütigsten Schmerz.
Vierzehn Tage pflegte ich sie mit schonender Sorgfalt, ich wachte und weinte an
ihrem Lager - wie der herannahende Tod ihr Auge schon verdunkelte, und keine
Bitte etwas über ihr entsezliches Stillschweigen vermochte, drükte ich ihr Kind
an meine Brust, und sagte: Du verkennst mich bis in's Grab, aber diese
Verlassene soll mir deine Grausamkeit mit Liebe ersetzen! - Sie richtete sich in
die Höhe, ihr brechendes Auge sah mich mit wilder Starrheit an, und sie sprach:
Eigennuz und Herrschsucht waren die Quelle deiner Wohltaten: ich sollte dein
Geschöpf sein, und das Glük, das ich nicht aus deinen Händen nahm, wurde mir zum
Verbrechen; deine Sklavin hat dich betrogen, und ihre unendliche Verdammnis
bewies dir, dass sie den Wert ihres Herrn kannte .... ich verzeihe dir mein
Elend, diese hier folgt mir nach - - sie ergrif das Kind, zog es auf ihren
Schoos, und hielt es fest, bis der Tod nach wenigen Minuten ihre Hand
erschlafte. - - Ich habe sie nie verstanden; ein undurchdringliches Dunkel
verhüllt den Weg, auf welchem sie in's Verderben wandelte. Zwölf Jahre lebte ich
nur um ihres Glükes willen, und ihr sterbender Mund beschuldigte mich, ihr
Despot gewesen zu sein. Ihr seid Zeugen meines übrigen Lebens gewesen;
Antoinette hat ihr nun gesagt, ob ich Wort hielt. - - Schreib deinem Bruder,
Sara, ich beföhle ihm sogleich zu uns zu eilen; die Verbindung mit der Tochter
jenes Verworfenen wäre unnatürlich und schändlich, aber sage ihm auch noch, dass
keine Verbindung, von welcher Art sie sein mag, mit irgend einem aus dem
verhassten Stande, um dessen Gunst er so schimpflich buhlt, je meinen Segen haben
wird; sage ihm, dass er dem Namen meines Sohnes, oder dem Bündnis mit diesen
Menschen entsagen soll. Höre, Sara, höre diese Worte, und mache, dass dein Bruder
sie fühle. Meine lezte Kraft ist mit dieser Nacht von mir gewichen, rede mir nie
von dem, was sie dir entdekte, nuze es für deine Zukunft, und ehre mein
künftiges Stillschweigen.
    Seldorf zeigte nun auf die anbrechende Morgendämmerung, und hiess ihr, sich
zur Ruhe begeben. Sie verliess ihn gern, denn ihr Geist erlag beinahe unter der
Menge von Eindrüken, die er heute empfangen hatte. Wie sie aber ihr Zimmer
verschlossen hatte, und sich allein sah, und die Entdekungen dieser Nacht
einzeln vor ihrer Fantasie vorübergiengen, da erschien ihr die Welt in einem
neuen feindseligen Lichte, und es fieng ihr an vor der Stille um sie her zu
schaudern. Dass es Bosheit unter den Menschen gäbe, war bisher fast nur durch
Tradition auf sie gekommen; denn das Schreklichste, was sie von ihnen erlitten
hatte, die Verwüstung der väterlichen Wohnung, hatte kaum einen andern Eindruk
bei ihr zurückgelassen, als wenn das Feuer des Himmels ihre Heimat vertilgt
hätte: die Menge der Frevelnden, und die Vielseitigkeit der Veranlassung
verwischten die Bitterkeit gegen jeden unbekannten Einzelnen aus ihrem Herzen.
Sie hatte Zeitlebens nur geliebt, nur vertraut; und alle Verhältnisse, die
äusserlich den ihrigen glichen, hielt sie für innig und beglückend wie die ihren,
so lange sie das Gegenteil nicht wusste: alsdann aber schienen ihr die
tadelhaftesten Menschen nur unglücklich, und Unglückliche konnte sie nur beweinen,
und zu trösten wünschen. Jezt zum erstenmal trat die Larve des Betrugs, der
Sünde, der Leidenschaft vor ihr jungfräuliches Auge, das noch keine Lüge erkannt
hatte; und ihr war zu Mute, wie einem Kind, das in den Armen der Mutter
eingeschlafen, unter fremden Menschen erwachte. Das Zutrauen der Unschuld war
dahin, in ihrem noch durch keinen Argwohn enteiligten Herzen war ein Schauder
vor der Menschheit aufgeregt - denn die Menschen hatten ihre Mutter vernichtet,
hatten ihren Vater betrogen, sie wollten ihr jezt ihren Teodor entreissen. Aber
ihr Vater blieb ihr, und L***, und Roger - und auch Bertiers graues Haupt war
von keinem Betrug belastet - Sie fühlte ihr Herz glühen in Liebe, sie hätte
diese alle um sich versammeln, sie ewig um sich bannen mögen, wie auf einem
Schiff, das der Sturm umherschleudert und die Wellen peitschen, die Menschen die
sich lieben, sich näher zusammendrängen, und das Geheul der Winde sie weniger
schrekt, wenn sie mit den Augen den kleinen Haufen überzählen, und keiner fehlt.
Sara hätte gern die ganze Welt vergessen, wenn nicht Teodor ihr noch angehangen
hätte. Sie ging eifrig daran, ihm den Befehl ihres Vaters so unausweichlich als
möglich zu verkündigen; und wenn er dann zurückkehrte - dann schwärmte das holde
Geschöpf sich eine rükkehrende Jugendzeit vor; das Schloss ward aufgebaut, der
Garten blühte wieder; mit den beiden Freunden ihrer Kindheit verbunden wandelte
L*** - aber auf einmal vor Schreken erstarrt liess ihre Hand die Feder fallen,
wie sie des Vaters Schwur niederschrieb, nie einer Verbindung mit jenem Stande
seinen Segen zu geben. Er hatte zweimal mit so furchtbarem Nachdruk gerufen:
höre es, Sara, höre es, und mache, dass dein Bruder es fühle - Wollte er auch sie
treffen, da er Teodors Urteil sprach? Von allen Seiten geängstet, mit
erschöpfter Kraft und verweintem Auge ging sie an ihre Hausgeschäfte, und
sehnte sich, des Denkens müde, nach der Stunde, wo der Anblik ihres Freundes
allen Kummer hinwegzaubern würde. Arme Sara, du ahnetest nicht, welch ein
giftiger Tau nun schon auf die Blüte deiner Liebe gefallen war!
    Der Augenblick erschien, und sie eilte L*** entgegen, wie am stillen Gestade
jenseits die müden Sterblichen auf den Quell der Vergessenheit zuwandeln. Aber
zwischen sie und den Geliebten hatte sich des Vaters Geheimnis und des Vaters
Schwur gestellt, und verstimmte den reinen Ton der Liebe, eh er von Herz zu Herz
gelangte. Bei jeder Träne, die ihr Auge füllte, bei jeder trüben Ansicht der
Dinge, auf welcher ihre glühende Fantasie ruhte, bei der bangen Traurigkeit
selbst, mit welcher sie die süssen Bande zwischen ihr und ihrem Freunde fester
anzog, fühlte L***, dass in ihrem Geist etwas vorgegangen war, was ihm unbekannt
blieb. So oft Sara mit gewohntem zärtlichem Hingeben sich an ihn zu lehnen im
Begrif stand, so oft er mit Wort und Blik die Geliebte ansprach, schallten
Seldorfs Worte in ihr armes Herz, und schrekten Trost und Zärtlichkeit zurück.
Der Ausdruk von Fehlschlagung oder Unruhe in L***'s redendem Gesicht
überwältigte wohl jene Phantome, und ihre Zärtlichkeit ward durch wehmütige
Reue erhöht, bis eine neue Frage, eine neue Anregung die traurigen Bilder wieder
hervorrief. Manche Zusammenkunft verstrich in dieser gefährlichen Stimmung, wo
Furchtsamkeit, und Schmerz den Geliebten zu stören, Neugierde, Unruhe, und
endlich Eifersucht in der Seele des Mannes die Harmonie des Gefühls in
Ungleichheit wandelt, und die Leidenschaft bis zur verderblichsten Spannung
reizt. Diesen Zeitpunkt in Sara's Schiksal mag jedes Weib, welche diese Blätter
liest, mit der Kenntnis, die sie von ihrem eignen Herzen und ihrem Geschlechte
hat, ergänzen; die Erzählung muss hier mangelhaft bleiben. - - Weib oder Mädchen,
die du deine Würde anders als im Zulächeln der bunten Menge erkennen lerntest,
fühle die bittre Angst der reinen schuldlosen Sara, als sie in einem Augenblick
ungerechten Vorwurfs und Zornes in L***'s Arme gesunken war, und der Unsinnige -
das kostbarste Pfand ihrer Reue raubte! Nein, ihr guter Engel weinte nicht in
dieser unglücksschwangern Stunde, er weinte nicht - aber er blikte ernst und
wehmütig auf den schweren Pfad, den nun seine Schwesterseele zu dem Ziel der
Verschönerung zu wandeln hatte. Auch Sara weinte nicht, wie L*** zu ihren Füssen
lag, wollusttrunken ihre Knie umfasste, und er rief: du bist mein, du bist mein!
- Sie weinte nicht, aber erschüttert von dem Taumel der eben verflossenen
Stunde, die zwischen der Vergangenheit und allen Bildern der Zukunft eine ewige
Scheidewand niedersenkte, mit dem Blik des Schrekens, als wollte sie in
mitternächtlicher Dunkelheit eine Erscheinung festalten, taub gegen seine
freudejauchzende Stimme, fühllos gegen die feurigen Küsse, mit denen er ihre
Hände bedekte, riss sie sich von dem Rasen auf, ging langsam und staunend unter
dem abgefallnen Laube der hohen Ulme umher, die sie verhüllt und verraten
hatte, und blieb endlich vor L*** stehen, der auf den Boden hingelehnt ihr mit
lächelndem Siegerblik zusah. Ist es möglich? rief die Unglückliche mit hohler
Stimme und fest verschlungnen Armen - Ist es möglich? wiederholte sie, und
verhüllte ihr Gesicht, indem sie von neuem auf und niedergieng. L*** erhaschte
einen Zipfel ihrer Kleidung, den er lebhaft küsste, eh ihr rascher Schritt sie
dahin riss. Sie ging, und kehrte zurück, faltete die Hände, kniete einen
Augenblick, stand auf, und trat noch einmal zu L***, der bei dem Anblik ihrer
zunehmenden Heftigkeit ihr entgegengegangen war. Sie legte ihre kalte zitternde
Hand auf seine Schulter, und sagte mit dem Ton der kältesten Verzweiflung:
wusstest du, was du übernahmst, wie du der Gotteit die Zügel meines Schiksals
entrissest? Weisst du, dass jede Folge dieser Stunde auf deiner Seele lastet? -
Sara! rief er sanft und drükte ihre Hand an seine Lippen - Sara, mein süsses
Weib, rief er und drükte sie fest an mein Herz; was du sagst ist wahr, und
erfüllt mich mit einer Freude, die unaussprechlich ist - Bei dem Worte Weib war
die Arme zusammengefahren: Nein, nicht Weib! Nie, nie! - Er sah sie forschend
und streng an: Warum nicht mein Weib? Frage die Natur um uns her, die Zeugin
unsrer Seligkeit war, frage dein Gewissen und die Rechte der Menschheit, ob du
nicht mein Weib bist? - Die wilde Verzweiflung, welche jedes andre Gefühl in
ihrem Herzen erstikt hatte, konnte diesen Waffen nicht widerstehen; ihr Haupt
sank auf L***'s Schulter, und unter den stillen Tränen, die sie weinte, kehrte
die Wärme des Lebens wieder in ihre erstarrten Hände, in ihr erblasstes Gesicht
zurück. In Sara's Lage, deren völlige Hülflosigkeit sie entweder vernichten oder
zum Kinderglauben zurückführen musste, konnte diese Spannung nicht dauern; L***
kannte das Herz, das sich ihm so unbedingt ergeben hatte, zu gut, um nicht zu
wissen, wohin er ihren dumpfen Schmerz zu leiten hatte. Eine Viertelstunde
reichte nun hin, um ihn hinter Seldorfs Geheimnis, und seinen Schwur, der
Veranlassung zu Sara's Schwäche und ewig verschlossner Rükkehr, kommen zu lassen.
Er schwazte mit der süssesten Beredsamkeit ihre Zweifel und Sorgen hinweg. Bald
als Gatte mit sanften Befehlen, bald bittend und eindringend wie ein weiserer
Freund, bald dankend und eine Zukunft voll Glük in rosenfarbner Ferne
hinmahlend, wie ein siegender Liebhaber: so führte er das schöne reine Herz
durch jedes Gefühl weiblicher Zärtlichkeit zu einer Stimmung ruhiger Ergebung,
die bald in lächelnden Frieden übergieng. Das Geschehene war unwiderruflich, die
Zukunft bis zu Seldorfs Tod unabänderlich; aber ihr Fall hatte ihr weder Tugend
noch Selbstachtung gekostet, er hatte sie unauflöslich mit L*** verbunden, und
schien ihn unaussprechlich beglückt zu haben. Durch Unerfahrenheit und Unschuld
in Irrtum gewiegt, und von L*** sorgsam darin erhalten, begann nun eine
Existenz für dieses liebende Geschöpf, die sich mit jedem Tag mehr von der
gewöhnlichen Würklichkeit entfernte. Geheimnis und Betrug mussten sie von jezt an
umgeben, aber rein und unerniedrigt wie sie war, mischte dieser bittre Druk in
ihre sonst heitre Stimmung eine Art von Wehmut, die jeder ihrer Handlungen den
Ausdruk der innigsten Zärtlichkeit gab. Der Gedanke, dass ihr diese Last erst mit
ihres Vaters Tod genommen werden könnte, machte ihr sein übriges Leben unendlich
teuer; denn ihr grosmütiges Herz litt dabei, auf den Namen von L***'s Gattin
erst dann Anspruch machen zu dürfen, wenn Seldorfs teurer Mund sie nicht mehr
Tochter nennen würde. Ihre ganze Welt war nun auf ihn und L*** beschränkt,
Teodor schien verloren; bei Rogers Andenken klopfte ein banges Gefühl in ihrer
Brust, das vielleicht eine Mahnung an ihre Vernunft hätte hervorrufen können,
und diese hatte sie jezt unter die Gewalt der Liebe gefangen genommen. Sie hielt
sein Bild von sich entfernt, bewahrte aber ihre Zärtlichkeit für ihn wie ein
heilig vertrautes Gut, das selbst L*** nicht angreifen durfte. Durch L***'s
Liebe beglückt, mit tausend kleinen Diensten für ihn beschäftigt - denn sein
Einfluss auf den Mann, der die kleine Familie aufgenommen hatte, und ihres Vaters
Krankheit gaben ihr ausser seinem Zimmer die vollkommenste Freiheit - schien es
als versühnte sie durch die Tätigkeit in ihren häuslichen Pflichten, durch die
Engelsgüte, mit welcher sie den Vater pflegte, das durch kein Gesez geheiligte
Glük ihrer Liebe. Und hätte man sie mit L*** gesehen, geehrt von ihm als hätte
der laute Ruf des Stolzes sie ihm zur Gattin gegeben, mit dem Ausdruk der
reinsten Unschuld jede stille Freude, jedes keiner Beschreibung fähige Glük
gegenseitiger Achtung und Liebe geniessend; man hätte in jedem sanften Lächeln
ihres Gesichts den Lohn der Tugend zu lesen geglaubt.
    Nach einigen Wochen fühlte sich Sara kränkeln; L*** beobachtete sie mit halb
mutwilliger halb entzükter Sorgfalt, und wie er bangen Zweifel auf ihrem
blassen Gesichte las, schmeichelte er ihre Furcht in frohe Gewissheit. - Sara,
willst du nicht für deines Geliebten Kind, für deines Geliebten höchste
Seligkeit leiden? Bei diesem Zuruf kämpfte ein holdes Lächeln mit den Tränen
der errötenden Sara. Keine Angst ihrer ängstlichen Besorgnisse konnte der
Vaterfreude des unbegreiflichen Mannes widerstehen. Klagst du, so sagte er, noch
mehr mein zu sein, als du schon warest? Fürchtest du dich davor, mit der
Mutterwürde mehr Ansprüche auf Achtung wieder zu gewinnen, als du in deiner
Mädchenehre verlorst? O meine Sara, o meine reizende Mutter, deines müden Vaters
Geist wird heiter und vom Irrtum entfesselt auf seinen blühenden Enkel
herablächeln! Lass ihn auskämpfen und dann ruhen, versüsse seine lezten Tage, und
zieh durch keinen Unglauben, durch keine kurzsichtige Reue mir und dir Kummer
zu.
    Sie litt und lächelte in ihre Leiden, sie sorgte und richtete ihr Auge gen
Himmel, wo L***'s allgegenwärtiges Bild ihr neue Täuschung herabwinkte. Dieser
wunderbare beseligende Traum hatte nun vom October bis zu Anfang des neuen Jahrs
(1792.) gedauert, als L*** ihr mit männlicher Fassung verkündigte, dass ihnen
eine Trennung auf eine unbestimmte Zeit bevorstünde. Er hatte ihr zwar nie mit
ungetrübtem Glük geschmeichelt, er hatte sie vielmehr oft mit liebendem Ernst
auf unerwartete Wendungen ihres Schiksals vorbereitet, welche die gespannte Lage
der öffentlichen Angelegenheiten nach sich ziehen könnte; aber doch empfieng sie
diese Nachricht mit einer so heftigen Bestürzung dass L*** erschrak; er fasste die
Arme, die vor Zittern fast niedersank, in seinen Armen auf, sezte sie auf einen
Sessel nieder, stand einige Augenblike mit einer gewissen Wildheit im Blik vor
ihr - dann wandte er sich ab, schlug sich vor die verfinsterte Stirn, und
stürzte zu ihren Füssen: Weib! Weib! wenn es wahr ist, dass dein Elend mich einst
verdammen müsste, so erwarte mit Zuversicht, dass ich dich beglücke - Sie zwang
sich zu einer Fassung, die sie behielt, bis sie seine angebetete Gestalt aus den
Augen verlor. Dass er bald wiederkehren oder ihr zur rechten Zeit seinen
Aufentalt melden würde, war alles was sie von ihm erfuhr; durch die Liebe zur
Sklavin von L***'s Willen gemacht, hörte sie mit einem stillen Seufzer, dass er
aus Ursachen, die mit seiner ihr nie von ihm offenbarten politischen Lage
zusammenhiengen, ihr nur selten schreiben würde, und tröstete sich mit seiner
dringenden Bitte, ihm alles was in ihrem Herzen vorgienge zu melden. Die Aerzte
gaben übrigens ihrem Vater keine Hoffnung, dass er den nächsten Frühling überleben
könnte, und ohne dass sie sich es selbst deutlich erklärte, sah sie in diesem
Zeitpunkt der Auflösung ihres Schiksals entgegen. Aber mit jeder Stunde, die
nach L***'s Abreise verfloss, erlosch allmählig der Zauber, der ein trügerisches
Licht auf ihren dunkeln Pfad geworfen hatte. Wie Rezia nach des Einsiedlers Tod
ihr Paradies in eine Wüste umgewandelt fand, weil die schaffende Kraft der Natur
mit seinem lezten Hauch entflohen war, so war jeder Gegenstand, der sonst der
guten Sara Trost und Freude darbot, in eine Quelle von Schmerz und Kummer
umgeschaffen. Gegen ihres Vaters langsame Leiden hatte sie keine Aufheiterung
mehr in L***'s freundlichem Beifall für ihre Pflege; jeder seiner erstorbnen
Blike, die sich oft fragend auf ihr blasses verweintes Gesicht hefteten, flösste
ihr Entsetzen ein, und die ganze Natur um sie her, in das unfreundliche Gewand
des Winters gehüllt, dünkte ihr der verwüstete Schauplaz ihrer entflohenen
Freuden. So von den Folgen ihrer Irrtümer getroffen, ohne dass ihre reine
Unschuld sie als Strafe ansehen konnte, gewöhnte sich diese unerfahrne glühende
Seele bald, sie als Märtirertum der Liebe hinzunehmen, und glaubend und
lächelnd im Schmerz zu dem Preis ihrer Leiden aufzubliken. Freuden der Gegenwart
konnte sie nicht mehr träumen, aber bei jeder neuen Wunde ihres Herzens erhöhte
ihre Fantasie den Lohn ihres Duldens.
    Ein Brief von Teodor, der um diese Zeit anlangte, befestigte L***'s
Allmacht über seine Geliebte, indem er ihren Kummer vermehrte. Der verblendete
Jüngling hatte gewählt zwischen Vaterland und König, zwischen seines Vaters
Segen und dem Phantom des Ehrgeizes; und er rühmte sich das Opfer seiner Pflicht
zu sein, indem er seinem Vater verkündigte, er habe keinen Sohn mehr. Wir können
seinen verschlungnen Pfaden nun nicht weiter folgen; wo wir ihm aber fortan auch
wieder begegnen, wird es in Falschheit und Unheil sein. Seldorf las den Brief,
faltete seine Hände, schien einen Augenblick zu beten, und liess sich dann alle
Briefe seines Sohnes geben, aus denen er ein Paket machte, es mit einem
schwarzen Siegel verschloss, und neben Antoinettens Todtenschein legte. Sara,
welche die traurige Entwikelung von ihres Bruders Schiksal erriet, warf ihre
Arme schweigend um des Vaters Hals; ihre Tränen benezten ihre Augen, die sie
flehend gen Himmel hob - auch Seldorfs Blike waren nass, als er sie nach einigen
Augenbliken auf seine Tochter richtete; aber er sagte ruhig, indem er ihre Hände
zwischen die seinigen drükte: wir finden ihn einst wieder! du warst bestimmt,
mir alles zu ersetzen - Er umarmte sie zärtlich, und sezte nach einer Weile
hinzu: dein Loos mag schwer sein, aber es ist schön! Sein Geist hatte lange
schon das Bild des nie wiedergebenden Todes mit Teodors Ungehorsam verwechselt;
und er schien jezt seine Entweichung und seine Fortschritte in der Torheit so
zu fühlen, wie ein zärtlicher Vater die unheilbare Krankheit eines geliebten
Kindes betrachtet: der Tod endet sie, und Hoffnung und Schmerz verlieren sich in
genügsame Ergebung. Opferte der langsam Hinscheidende sein zerrissenes Vaterherz
der eisernen Notwendigkeit, so legte Sara den bittern Gram über ihres Bruders
Schiksal am Altar der Liebe nieder; Seldorf fühlte sich zu nah am Grabe, um sich
noch der Verzweiflung zu überlassen, Sara vertraute der ihr so sicher dünkenden
Zukunft zu heilig, um sie nicht auch mit diesem Schmerz erkaufen zu wollen.
    An einem trüben Wintertage harrte einst Sara sehnsuchtsvoll der Stunde, wo
sie in ihrem einsamen Zimmer ihr Herz in Glauben und Hoffnung würde stärken
können. Seldorf war kränker wie gewöhnlich, und seine matten Augen, die auf Sara
ruhten, füllten sich unwillkührlich mit Tränen. Er hatte sich über ihre Lage,
wie über sein ganzes Schiksal, eine Art von Philosophie gemacht, mit welcher er
in gesunden Tagen freilich nicht ausgekommen wäre; er glaubte sie keines
Fehltritts fähig, und wusste dass sie ihr Brod gewinnen könnte, selbst wenn die
Einkünfte seiner Ländereien, die er, nachdem er seinen Sohn verloren, ihr
zugesichert hatte, ihr entrissen würden. Fest überzeugt, dass Unglück das
allgemeine Loos besserer Menschen wäre, hatte er übrigens andern Hoffnungen für
sie entsagt. Wie er sie aber jezt vor sich sah, das Bild der tätigen Güte und
des heitern Ertragens, reizend in dem Ausdruk von Ermattung auf ihrem Gesicht
und in ihrer ganzen Gestalt, wie ihn die einsame Stille, von welcher er sich
umgeben sah, an die noch grössere Einsamkeit mahnte, in welcher sie nach seinem
Tod sein würde, fühlte er seine Brust beklemmt, und er hätte in diesem Augenblick
von Rükkehr zu den Sorgen des Erdenlebens, einen gleichgültigen Fremden anrufen
können: schüze mein verlassnes Kind! - In dieser wehmütigen Stimmung hatten
Vater und Tochter einen grossen Teil des Abends zugebracht, als sie plözlich
einen Reiter in den Hof sprengen hörten, der lebhaft nach Seldorf fragte; und
noch hatte Sara nicht Zeit gehabt an das Fenster zu gehen, als die Türe
aufflog, und Roger zu ihren Füssen stürzte. Meine Schwester, meine geliebte
langentbehrte Schwester! rief er entzükt und umarmte ihre Knie, blikte dann zu
ihr hinauf, und tat einen neuen freudigen Ausruf. Sara's erste Bewegung war
eher Schreken; sie sass atemlos auf ihrem Stuhl, bis endlich Tränen aus ihren
Augen quollen, und sie ihre Hand auf seine Schulter legte - Guter Roger! seufzte
sie, aber Weinen erstikte ihre Stimme, und des jungen Mannes ungestümme Freude
schwieg nun um ihre Wehmut zu schonen. In diesem Augenblick nahm er Seldorfs
Gegenwart erst wahr, der erstaunt und betroffen dem Auftritt zusah. Die edle
Freimütigkeit, die Rogern eigen war, verwischte bald den Ausdruk von
Verwirrung, der sich bei dem Anblik des Vaters über sein Gesicht verbreitet
hatte; er eilte zu ihm, drükte ehrerbietig seine Hand, und sagte, indem er sie
fort hielt und näher zu ihm trat, mit halb leiser Stimme: Ich glaubte Ihre
Tochter allein, aber sein Sie versichert dass ich mit dem Bewusstsein Ihrer
Gegenwart eben so wenig Herr meiner ersten Freude gewesen wäre. Vielleicht hatte
Roger immer in Seldorfs Herz einen Platz besessen, dem er seine jezige Aufnahme
zu danken hatte, vielleicht waren es auch die trüben Betrachtungen des heutigen
Tages, die, dem alten Mann selbst unbewusst dazu beitrugen, ihm Rogers Rükkehr
erfreulich zu machen; gewiss war die matte Freude des Unglücklichen, und seine
stillen Tränen, indem er den edeln guten Roger den übrigen Abend sprechen
hörte, der unbefangnen Dienstfertigkeit mit welcher er ihn behandelte, und
seiner innigen Zärtlichkeit gegen Sara zusah, gewiss waren sie das rührendste
Zeugnis seines Wohlgefallens an der Zurükkunft des jungen Freundes. Roger
erwähnte bald seines Grosvaters, von dem er, sagte er, einen Auftrag hätte; Sara
wollte das Gespräch ängstlich ablenken - Nein, sagte Roger mit bittendem Ernst,
diese Schonung ist falsch; Ihr guter Vater muss die Beruhigung haben, seinen
alten Freund zu lieben. Er ging nun, troz Sara's banger Mine und Seldorfs
finsterm Gesicht, mit so viel Klarheit und Delikatesse an die Erörterung dieses
Misverständnisses, dass die Falten von Seldorfs Stirne wichen, und er, Rogers
Hand fassend, zu ihm sagte: Ich hatte keinen Hass, aber da wohin ich wandle ist
es besser zu lieben; sagen Sie ihm das, sagen Sie ihm aber dass ich zu müde bin,
dass ich schon zu sehr von allen diesen Dingen getrennt bin um ihn wieder zu
sehen - Nein, Herr von Seldorf, nahm Roger das Wort; dann hätte ich meinen
Auftrag übel ausgerichtet. So weit zwang mich schon Gerechtigkeit allein zu
sprechen, jezt hören Sie auch meine Bitte. Die ganze Gemeinde von ** - (dem Ort
wo Seldorfs Schloss gelegen hatte) - ist von Ihrem Unglück, zu welchem vielleicht
einige aus ihrer Mitte mit beitrugen, aufrichtig und innig gerührt; sie bittet
Sie, morgen nach dem Gottesdienst eine Gesandtschaft anzunehmen, durch welche
Sie eingeladen werden sollen, zu Ihren Mitbürgern zurückzukehren. Die Jahrszeit
verbietet, die Arbeit an Ihrem Wohnhaus vorzunehmen; aber die Gemeinde hat einen
Vertrag mit meinem Grosvater gemacht, dem zufolge er Ihnen und Ihrer Tochter
einen Teil seines Wohnhauses, mit allen Bedürfnissen versehen, einsweilen
abtritt - O Roger, rief Sara, dieser Trost, diese Gerechtigkeit ist Ihr Werk;
Sie lenkten diese wilden blinden Menschen - Nein Liebe, sie brauchten das nicht,
sie brauchten nur den Ausdruk für das was sie dachten, sie brauchten nur
jemanden der ihre Art zu fühlen genug kannte, um ihnen ihre eignen Begriffe zu
entwikeln - Der edle junge Mann glaubte das vielleicht selbst was er da sagte,
indessen war er es doch gewesen, der, vor wenig Tagen erst bei seinem Grosvater
angekommen, nachdem er alle Erkundigungen wegen jenes ihm schon längst im
Allgemeinen bekannten Unglücks seines alten Freundes eingezogen, der versammelten
Gemeinde mit eindringender Freimütigkeit die Abscheulichkeit dieses Frevels und
das Unrecht, das sie hätten, es nicht wieder gut zu machen, vorgestellt hatte.
Er gab ihnen die handgreiflichsten Beweise von Seldorfs Unschuld, und
benachrichtigte sie sogar, dass er bei seiner neulichen Anwesenheit in Paris auf
das Zuverlässigste in Erfahrung gebracht, Seldorf habe seinen Sohn wegen der von
ihm ergriffenen Partei verstossen und enterbt. Sein kühner Eifer und der
anerkannte Ruf seiner Denkart verschaften ihm den Sieg sowohl über den Eigensinn
der meisten und ihren Widerwillen Unrecht zu vergüten, als über die schleichende
Bosheit in dem eigentlich tätigen Teil der Commune. So war die Entschliessung,
Seldorf zurückzurufen und zu entschädigen, bewürkt werden; allein der Zustand des
armen Kranken liess jezt in der Mitte des Winters keine Veränderung seines
Aufentalts zu, und die Abgeordneten der Gemeinde, arme starre Kerls, in welchen
selbst diese schöne Handlung von Billigkeit keinen Funken eigentlicher
Begeisterung entzündete, wurden betroffen wie sie ihren ehemaligen Herrn in
einem ausgeweissten, mit schlechtem Gerät versehenen Stübchen, abgezehrt und mit
erloschnem Blik in seinem Sessel zurückgelegt erblikten. Der Aelteste hatte sich
vielleicht auf eine ordentliche Anrede eingerichtet, aber das Gefühl, das ihn
überraschte, tat ihm bessere Dienste als es sein Gedächtnis je gekonnt hätte;
er trat zu Seldorf, ergrif seine dürre matte Hand, und rief in seiner rauhen
Mundart: Verzeiht uns um der heiligen Jungfrau willen! Dies war das Signal für
die beiden andern, welche, die Hände über den abgezognen Hut gefaltet eben den
Ausruf taten. Seldorfs Herz verlor die Fähigkeit zu hassen täglich mehr mit der
Kraft des Lebens; er hatte sich indessen, eh die Männer hereintraten, mit
einigen Entwürfen, ihnen Strenge, Würde wenigstens zu zeigen, beschäftigt; so
wie aber die Bauern in diesem Augenblick nur ihren unglücklichen Herrn in ihm
sahen, so erblikte er auch in ihnen nur den Ausdruk des Mitleidens und der Reue;
er antwortete mit gerührter gebrochner Stimme: Ich verzeihe euch, haltet mein
Andenken in Ehren, und schüzt diese hier - indem er auf Sara zeigte, die an
seiner Seite stand. Der Auftritt griff ihn so an, dass man aus Schonung für ihn
bald ein Ende machen musste.
    Es währte einige Tage nach Rogers Ankunft, eh er eine Gelegenheit fand oder
suchte, allein mit Sara zu sein. Sie vermied es und sehnte sich darnach, und in
dieser widersprechenden Empfindung litt ihr Herz weit mehr bei seiner
Abwesenheit, als wenn seine unbefangne Innigkeit bei seinen Besuchen ihr den
Trost seiner Teilnehmung verschafte, und sie zugleich von dem schmerzlichen
Geheimnis zerstreute. Schon lange eh er zurückkehrte, war sie gesonnen gewesen
ihm alles zu offenbaren; und es gehört zu dem Unbegreiflichen in L***'s
Karakter, dass er ihr die Erlaubnis gegeben hatte, ihn zum Vertrauten zu machen.
Der Ausgang hat unentschieden gelassen, ob er in seiner Liebe von allen
Grundsäzen seines übrigen Lebens abgieng, und hier sich bloss nach der
Anerkennung von Rogers und seiner Geliebten Edelmut bestimmte, oder ob es eine
Komplikation von Unredlichkeit war, zu welcher diese Vertraulichkeit ihm einen
Faden an die Hand geben sollte. Roger beobachtete indessen Sara mit
ununterbrochner Aufmerksamkeit, und ihr Herz schlug ängstlich, wenn seine Blike
immer trüber und nachdenkender auf ihr ruhten. So oft er bis jezt da gewesen
war, hatten Seldorfs Angelegenheiten, die der arme Mann bei seiner zunehmenden
Schwäche und seinem wachsenden Vertrauen ihm ganz übertrug, die meiste Zeit
hingenommen. Einst fand sich indessen Seldorf so matt, dass er allein zu sein
verlangte, und seinen jungen Geschäftsführer bat, nach einer Stunde wieder
heimzukommen. Roger warf einen lebhaften Blik auf Sara, liess ihn aber schnell
wieder sinken, da er sie erröten sah, und sie verlegen anfieng einen Vorwand zu
suchen, um unterdessen bei ihrem Vater zu bleiben. Seldorf verhinderte es, und
Roger zitterte, wie er mit ihr in ihr kleines Zimmer trat. Sein erster scheuer
Blik fiel auf L***'s Bild, das unter dem Spiegel hieng - er fühlte seine Brust
beengt, und wandte sein Auge schweifend auf andre Gegenstände. Noch dauerte
dieser für Sara unendlich qualvolle Augenblick, als ihr Hund an der Kammertüre
lärmte, und wie sie ihm geöfnet wurde, ungeachtet seines Pfötchens, das nicht
recht hatte geheilt werden können, vor Freuden bellend auf Rogern zustürzte, an
ihn hinansprang, ihm die Hände lekte, und ihn so, wie er ehemals zu tun gewohnt
war, an dem Rokzipfel zu Sara hinzog, die tief erschüttert sich niedergesezt
hatte. Anfangs streichelte Roger den Hund, indem über sein verbranntes Gesicht
eine Träne floss; als aber das arme Tier, dessen glücklich eingeschränktes
Gedächtnis die längst verflossene Zeit freudig an die gegenwärtige knüpfte, ihn
zu Sara hinzog, und das geliebte Mädchen den Hund aufhob und mit einer
vielsagenden Heftigkeit an ihre Brust drükte, da sank er ihr zu Füssen, und
rief: Sara, ich weiss alles - alles! Ich bin der Alte, und will nur Ihr Glük.
Früher konnte, durfte ich ja nicht wissen, aber ich hätte ja nie geliebt, meine
Schwester, wenn ich nicht erraten hätte - Er stokte, und verbarg sein Gesicht,
auf welchem Anstrengung und männlicher Schmerz abwechselten. Scham, Dankbarkeit,
und vielleicht Reue, die sich aber gewiss nur als Sorge für die Zukunft zeigte,
kämpften in Sara's Seele. Sie hatte sich nach dem Augenblick der Mitteilung
gesehnt, sie hatte vor dem der Entdekung geschaudert - und doch hatte sie diese
nie so schreklich gedacht, wie sie jezt in Rogers Mund klang, aus welchem doch
Liebe und Schonung sprachen. Ihre Tränen hörten auf zu fliessen: alles wissen
Sie? Alles, Roger? frug sie wild und atemlos. - Alles, antwortete er, indem er
aufstand, und sich mit edler Festigkeit gegen L***'s Bild wandte; meine
Schwester wird dieses Mannes Weib - Roger, ich bin es; heiliger Gott, ich bin
es! Sagen Sie so - Roger schauderte zusammen, er legte beide Hände vor seine
Augen als blendete ihn ein plözliches Licht; aber bald wieder seiner mächtig,
ergrif er ihre Hand und sprach: Sie sind sein Weib - und die Mutter seines
Kindes! vertraut mir, und lohnt mir so diese fürchterliche Stunde. Sara hatte
sich mit einem Schrei in seine Arme geworfen, sie weinte sanft; er hielt sie mit
abwärts gekehrtem Gesicht, er hielt sie, als hätte er gefürchtet, zwei Herzen
neben einander klopfen zu fühlen, zwischen welche Tugend und Sittlichkeit sich
nun auf ewig gelagert hatten. Wie sie sich beide einigermassen gefasst hatten,
gestand er ihr, dass er genug geahnet hätte, dass seine sorgende Freundschaft
deutlich genug auf ihrem Gesicht gelesen hätte, um auf alles vorbereitet zu
sein, dass ihm aber ihr Geständnis demohngeachtet schreklicher als sein erster
Gedanke gewesen wäre, nicht aus Rüksicht auf ihn, nicht als sei ihm irgend eine
Hoffnung zerstört; er habe keine, als sie auf einem Wege, dessen Dunkelheit ihm
noch unerleuchtbar schiene, zu führen und zu leiten. Hier wachte Sara's
Vertrauen auf ihr Schiksal wieder auf, alle Bilder der Vergangenheit glänzten
ihr wieder im hellsten Schimmer, und der Schluss dieser Stunde und viele, die
darauf folgten, weihten den treuen Freund in dem Heiligtum ihrer Liebe und
ihrer Sorgen ein. Der einfache Roger konnte der Schwärmerin nicht folgen in
allen Schattierungen ihres Gefühls; die Strahlen ihrer glühenden Phantasie
erleuchteten zwar auch seine Seele, doch nur mit stiller Klarheit, wie die Sonne
auf einem spiegelhellen Wasserbeken von den ebenen Wellen wiederglänzt, indes
sie auf dem in Schaum zerstiebenden Staubbach alle Farben des Regenbogens mahlt.
Oft zerriss es sein Innerstes, selbst ewig verstossen, so lieben zu sehen; aber
er hatte seine Pflicht als Mann und Freund fest ergriffen, und widerstand jeder
Versuchung, treulos gegen diese Pflicht und das geliebte, verlassne Geschöpf zu
sein. Verlassen! - denn je länger er ihr zuhörte, je mehr er die Würklichkeit,
ja die Wahrscheinlichkeit mit L***'s Tun, mit seinen seltenen, dunkeln,
despotischen Briefen verglich, desto banger ward es ihm für Sara's Schiksal. Sie
verschloss ihre Augen vor jedem aufsteigenden Zweifel, und sog aus der Ruhe, die
Rogers Nähe und die Gewissheit seines Schuzes ihr gaben, neuen Glauben an den
Mann, den sie allein liebte, dem sie allein anzugehören sich so heilig bewusst
war.
    Seldorf gewöhnte sich schnell, den Jugendfreund seiner Kinder um sich zu
sehen; er schien unmutig an den Tagen, wo Roger nicht da gewesen war, und wusste
er ihn neben sich, wenn er in dem leichten Schlummer lag, in welchen jeder
Versuch zu denken ihn einwiegte, so schien er ruhiger zu atmen, und erwachte
oft mit einem wehmütig freundlichen Blik auf den jungen Mann. So nah am Grabe
mit Entschlüssen und Taten unvermischt, verloren seine Urteile und Meinungen
viel von ihrer Bitterkeit; und mit väterlichem Wohlgefallen ruhte oft sein Auge
auf Rogers blizendem Blik, wenn dieser von dem grösten Schwur durchdrungen, so
entfernt er auch von der leichten Pralerei war, ihn bis zum Verbrechen erfüllen
zu wollen, doch mit unerschütterlicher einfacher Treue kein grösseres Verbrechen
zu begreifen schien, als ihn nicht zu erfüllen. Seldorf erkannte, dass sein
ehemaliger Ekel an der Menschheit und ihrem verworrnen Treiben in denen, die ihn
überlebten, schimpflicher Verrat an ihren Zeitgenossen sein würde; und so matt
er nur Rogers: bis in den Tod! segnen konnte, so war es klar, dass er noch Leben
zu fühlen gewünscht hätte, um mit einzustimmen: bis in den Tod! - Der Winter
verstrich unter dieser Lebensweise, und Seldorf nahm wohl wahr, dass die nahe
Frühlingssonne, die in der ganzen Schöpfung das Lebendige vom Erstorbenen
scheidet, auch ihm seinen Platz im Grabe anweisen würde. Wenn er seinen Stuhl an
das Fenster schieben liess, und im Obstgarten neben den todten Blättern einzelne
grüne Halme hervorkeimen sah, dachte er bang, sehnend, kummervoll an das Grab.
Nachdem er gegen das Ende vom Februar einige Tage sehr schlecht zugebracht
hatte, bemerkten einst beide junge Leute, dass er sich in seinem Geist sehr
lebhaft beschäftigte, und bald seine Tochter unruhig ansah, bald finster
nachzudenken schien; er sprach weniger abgespannt, aber unzusammenhängend, wie
jezt alle seine Ideen waren, von der Bekanntschaft mit L***, und sezte seine
Tochter dadurch einer grausamen Folter aus; dann frug er nach dem alten Bertier
, und wünschte, die Jahrszeit möchte es ihm möglich machen, noch einmal zu ihm
zu kommen. Roger, welcher für Sara litt, ergrif eifrig diesen Gegenstand, um das
Gespräch zu verändern, und versicherte die Luft heute so sanft gefunden zu
haben, dass sein Grosvater gewiss diese kleine Reise nächstens würde unternehmen
dürfen. Seldorf schien über diese Aussicht sehr erfreut, als ein neuer Anfall
von Gichtschmerzen seine Gedanken wieder von allem Äusseren abzog. Es war
Vormittags; Roger hatte im Begrif gestanden, nach Haus zurückzureiten; er blieb
aber bis zum Abend, um Sara bei ihrem Vater hülfreiche Hand zu leisten. Seldorf
empfieng seine Dienste mit Dank, und drukte einmal in der Todesangst des
Schmerzens die Hände der beiden jungen Leute zusammen an seine Brust. Endlich
legte sich der Anfall, und Roger wollte nach der ersten ruhigen halben Stunde
fortgehen, als Seldorf seine Hand fasste, um ihn zurückzuhalten. Er ergrif auch
Sara's Hand, und, einige Minuten ausser Stand zu sprechen, drükte er sie bald an
seine Lippen, bald sah er, mit einem bittenden Lächeln auf seinem von Schmerz
erschlaften Gesicht, zu ihr hinauf. In Sara's Seele dämmerte eine schrekliche
Ahnung, die anstatt sie zur Fassung vorzubereiten, ihre Phantasie erhitzte, bis
ihre Gefühle in einer unnatürlichen Spannung unter einander anstiessen. Roger
stand unbefangen, und mit der Aufmerksamkeit eines Sohnes, der jedem Wort des
kranken Vaters entgegen horcht, in gebükter Stellung beim Lager seines alten
Freundes, als Seldorf endlich, obschon sehr matt, doch gesammelt anhob: Sara,
dich allein hat mir das Schiksal nicht geraubt, du allein beweisest mir, dass
mein langes mühseliges Leben nicht ein blosses Spiel wechselnder Truggestalten
war, Sara, du kannst mir ein Pfand geben, dass die Gotteit mich nicht dem Elend
ausschliessend weihte ... meine Sara, du kannst das lezte schwindende Bild des
Lebens mir wohltätig erleuchten - er hielt mit seinem Gefühl kämpfend inne, und
näherte die Hände der beiden jungen Leute - Dieser junge Mann wäre mir mehr als
Sohn geworden ... mehr! denn der Unglückliche, den ich Sohn nannte, wenn dieser
ihm einst auf dem Schlachtfeld begegnen sollte, so darf sein Arm nicht zaudern,
und er sage ihm noch: diesen Streich führe ich für deines Vaters
Nachkommenschaft! .... Ob du ihn liebst, weiss ich nicht; er liebt dich! .... du
wirst dann nicht verlassen sein, und ich werde heiter sterben - Er legte ihre
Hände zusammen, und blikte wieder fast flehend auf Sara. Diese hatte erstarrt
auf des Vaters Worte gehört, wie aber Rogers Hand die ihrige berührte, riss sie
sich los, bedekte mit beiden Händen ihr Gesicht, und rief durchdringend: Nie!
nie! - Roger stand wie von einem Wetterstral getroffen; erst durch Sara's
Heftigkeit ward er zu sich selbst gebracht, küsste fast weinend die Hände des
Kranken, der bestürzt seine Tochter ansah, und wie von einem plözlichen Lichte
erhellt, wandte er sich gegen Sara: Meine geliebte Schwester, geben Sie ihm
diese Beruhigung, geben Sie mir dieses Recht, Sie zu schüzen - Des unglücklichen
Mädchens Begriffe verwirrten sich; der Anblik des sterbenden Vaters, Rogers
dringende Bitte brachten die Empfindung von Zwang, ja von Betrug hervor; sie riss
sich von neuem von Roger los, und rief schaudernd: du! auch du! L***'s Weib ....
bald Mutter - Sara, unterbrach sie Roger ängstlich, fassen Sie Mut; Sie müssen
einen Beschüzer, Ihr teures Kind muss einen Vater haben, und L*** wird mir diese
Würde gönnen - Sara, die mit Todesangst ihre Hände rang, warf jezt einen Blik
auf ihren Vater - er lag in Zukungen. Das schrekliche unvorbereitete Geständnis
seiner Tochter hatte seine gebrechliche Maschine zerstört, ein Schlagfluss riss an
dem lezten zähen Faden des Lebens - man eilte herbei, schaffte Hülfe - Sara stand
sinnlos neben seinem Bette, und folgte mit stierem Blik dem Wechsel von
Erstarrung und Leben auf ihres Vaters Gesicht. Einen Augenblick schien sein
Bewusstsein zurückzukehren, er richtete seinen Blik auf Roger, dann auf Sara, und
ein Paar grosse schwere Tropfen rannen aus seinen gebrochenen Augen, die er
sogleich wieder schloss. Dieser Anblik überwältigte das unglückliche Mädchen, sie
sank ohnmächtig in Rogers Arme; bei dem Geräusch, welches dadurch unter den
Anwesenden entstand, schlug Seldorf die Augen noch einmal auf, und sie fielen
auf die Gruppe, wie Roger, beide Arme um Sara geschlungen, sie fest an sein Herz
drükte - ein mattes Feuer schien noch in seinem Blik zu flimmern, ein schwaches
Lächeln spielte um seine Wangen; er legte sein Haupt seitwärts, und entschlief.
 
                                    Fussnoten
1 Dieses Kunststük sieht riesenmässiger aus, als es würklich ist. In den Gebürgen
des Jura, und an vielen Orten, wo die Heerden in der guten Jahrszeit von den
Dörfern entfernt sind, ist es bekannt genug. Da der Stier sehr ungelenk, und in
einem solchen Augenblick von Wut betäubt ist, so kömmt es darauf an, alle Kraft
in den ersten Anlauf zu setzen, und dem Tier das Gleichgewicht zu nehmen, ehe es
auf seinen vier Füssen den Angrif gemacht hat.
 
                                 Zweiter Teil
Lange noch lag Sara ohne Bewusstsein in den Armen ihres jungen Freundes; denn
Roger besorgte, dass ihre ausbrechende Verzweiflung bei ihrem Erwachen die
entfliehende Seele des unglücklichen Vaters aufhalten möchte. Eine grauenvolle
Stille folgte auf das unruhige Geräusch der Hülfsleistungen um den Sterbenden.
Zwei Weiber aus dem Hause, die ihn aufrecht gehalten hatten, drükten ihm nun
kalt und metodisch den Mund zu. Sie flüsterten gegen einander: er ist ohne den
Segen der Kirche gestorben. - Heilige Jungfrau! rief die eine, und warf ein Tuch
hin, mit welchem sie eben den lächelnden Todten bedeken wollte; heilige
Jungfrau, erbarme dich! wir wollen beten - Die beiden Weiber sanken neben dem
Bett auf die Knie; Roger schauderte, da er diese neue Veranlassung zur Pein für
Saras zerstörtes Herz entstehen sah. Er fasste sie auf, und trug sie aus dem
Zimmer. Diese Vorsicht war sehr notwendig, denn ihr Erwachen war so
fürchterlich, dass ihr Geheimnis und die Geschichte der lezten Augenblike ihres
Vaters durch ihre Reden bekannt geworden wären. Rogers Gegenwart schien ihr
Abscheu einzuflössen: sie rechnete ihm ihres Vaters Tod zu, weil er ihm zu dem
Plan einer unnatürlichen Verbindung die Hand geboten hatte. Bei aller dieser
Verwirrung ihres Geistes war keine Heftigkeit, sondern eine kalte, feste,
finstere Verzweiflung, die taub gegen Güte und Vernunft, nur für die Eingebungen
ihrer zerrütteten Fantasie Gehör hatte. Roger litt unendlich, aber es gelang ihm
durch sein einfach männliches Wesen, ihr zu widerstehen. Er behandelte sie wie
ein Kind, liess sie nicht aus dem Zimmer, besorgte alle Anstalten zu Seldorfs
Begräbnis, und schrieb seinem Grosvater den traurigen Vorfall, der seinen alten
Freund so schnell hinweggeraft hatte. Er bat ihn zugleich um Rat wegen Sara's;
»denn ich gestehe dir, Vater - so drükte er sich aus - dass ich keine Gewalt mehr
über mein Herz habe, seitdem ich sie durch L***'s Verrat frei, und bei allem
was sie umgibt, ohne unsre Stüze, unendlich verlassen weiss. Selbst das Beste zu
wählen, bin ich in diesem Augenblick nicht fähig; eile, Vater, mir jetzt
beizustehen, da ich noch keinen Entschluss in mir aufkommen liess.« -
    Der alte Bertier hatte kaum Zeit gehabt, diesen Brief zu lesen, als er sich
ohngeachtet der rauhen Winternacht auf den Weg machte, und mit Tages Anbruch bei
dem Pachterhof anlangte. Er befreite Rogern von der peinlichsten Lage. Sara
hatte gegen Morgen mit grosser Heftigkeit verlangt, zu ihrem todten Vater
gelassen zu werden, und auf Rogers sanftes Verweigern, das sich vorzüglich auf
die Besorgnis gründete, die Umstehenden möchten aus den Ausdrüken ihres
Schmerzes mehr erraten, als zu ihrer Sicherheit dienlich wäre, sezte sie ihm
die Herrschaft der Verzweiflung entgegen. Er gewann es zwar über sich, als Mann
mit ihr zu sprechen; er beschwor sie bei ihrer Pflicht als Tochter, und bald als
Mutter, ihm zu gehorchen; aber unfähig, sie länger mit Gründen zu bestreiten,
war er gezwungen gewesen, sie in ihrem Zimmer einzuschliessen, und er erwartete
nun neben dem Leichnam des Entschlafnen die Antwort seines Grosvaters. Wie froh
ward er überrascht, als er den edeln Greis selbst ankommen sah! Dieser stand
einige Augenblike mit gefalteten Händen bei der Leiche, und was aus seinem gen
Himmel gerichteten Blik leuchtete, war Gewissheit des Daseins jenseits, in
welchem Seldorf jezt den Endzwek seiner Leiden erkannte. Er legte seine Rechte
auf die kalte Stirne des Todten - so sanft schliefst du nie! sagte er, indem
eine Träne seinen Blik verdunkelte. Roger erzählte ihm nun alles; der Alte
hörte sehr ernst zu, und sass noch lange darauf in tiefem Nachdenken: bald blikte
er auf Rogers von Wachen und Unruhe glühendes Gesicht, bald schien er mit sich
selbst zu sprechen. - Roger, sagte er endlich, meine Tochter soll Sara von
diesem Augenblike sein; ob sie dein Weib wird, hängt von ihr ab; aber ich
verspreche dir meinen Segen dazu. Du musstest Rat fordern, ich aber gäbe dir ein
schlechtes Beispiel, wenn ich dir Vorurteil und Menschenfurcht neben den
Tugenden des Patrioten anpriese. Führe mich jezt zu ihr! - Sie fanden Sara sehr
eifrig schreibend; wie sie Bertier sah, fuhr sie vor Schreken zusammen, und sah
Roger forschend und mit stolzem Unwillen an. Dieser kam ihren Gedanken zuvor: ja
Sara, der Vater kennt alle Ihre Ansprüche auf unsre Liebe, auf unsre Schonung,
er weiss, dass Ihr Vater mir ein Glük zudachte, das ich nie ertrozen will, das
aber ewig das Ziel meiner Hoffnungen bleibt. - Sara geriet bei diesen Worten in
die heftigste Bewegung. Wissen Sie auch, rief sie mit dem Ausdruk der
Verzweiflung, dass er daran Schuld ist, dass mein Vater mir fluchend aus der Welt
schied; und jezt gebraucht er Gewalt, um mich von seinem Leichnam zu trennen. -
Bertier ergriff ihre Hand, und führte sie stillschweigend in das Zimmer des
Todten. Sara! sagte er ernst und feierlich, indem er das Tuch von dem Lager
hinwegzog; dieses lächelnde Gesicht fluchte seinem Kinde nicht im Tod! Die
Hoffnung Ihres Glüks begleitete ihn vor Gott; hier an seinem Sterbebett geloben
Sie mir Gehorsam und Sanfteit, die ihn ehren. - Das arme Mädchen war bei diesem
Anblik, wie von einem Lichtstrahl getroffen, zu Boden gesunken. Sie blieb einige
Minuten unbeweglich, dann stand sie auf, legte ihre kalten Hände in Bertiers
Hand, und fragte mit hohler erloschner Stimme: Versichern Sie mir das? er
fluchte nicht? Und Sie - indem sie sich zu Roger wandte - Sie hatten ja wohl
kaltes Blut um zu hören! Er fluchte nicht? - Nein Sara, er starb mit einem
heitern Gedanken. - Sie hob Hände und Augen gen Himmel, küsste des Vaters Stirne
und Hände, seufzte, als bräche ihr Herz: Gute Nacht, Vater, gute Nacht - o gute
Nacht! rief sie noch einmal, indem sie die gefalteten Hände an ihr Herz drükte,
und ging in ihr Zimmer, wohin ihr die beiden Bertiers folgten. Sie sezte sich
noch einen Augenblick zum Schreiben nieder; aber der alte Bertier erinnerte sie,
ihr Gepäk zu besorgen, weil er sie sogleich nach ihres Vaters Begräbnis mit sich
fort in sein Haus nehmen würde, wo sie sich ganz als sein Kind, als
Miterrschaft ansehen sollte. Ich weiss, dass dies Ihres Vaters Wunsch war, und
dass nur die lezten Vorfälle seines Lebens ihn verleiteten, falsche Wege dazu zu
suchen; Sie können meine Tochter sein, ohne sein Weib zu werden - indem er auf
seinen Enkel deutete - obschon Sie es auf keine ehrendere Art für Sie, auf keine
beglückendere für mich sein könnten. Sie sah finster und unentschlossen auf Roger
; sie nahm das Papier, an welchem sie so eben geschrieben hatte, vom Tisch, und
sagte: Gehorsam, Liebe, Ehrfurcht bin ich Ihnen schuldig, und gibt es ein
Mittel, mir das Leben zu erleichtern, bis mein Schuzgeist erscheint, so ist es,
dass dieser junge Mensch es mir möglich mache, ihn wieder zu lieben, wie ich seit
der ersten Bildung meines Herzens ihn liebte. In diesem Blatte habe ich ihn
darum gebeten, ich habe ihm den Weg dazu gezeigt. - Da Roger! Sie gewähren mir
dieses, oder reissen sich auf ewig aus meinem Herzen. - Sie ging nun mit
scheinbarer Ruhe an das Einpaken ihres Gerätes, und trieb das verschlossne Wesen
ihres Schmerzens so weit, dass sie neben des Vaters Leiche aufräumte; nur
bemerkte man eine zitternde Tätigkeit in ihren Bewegungen, und wenn sie sich
einen Augenblick vergass, flossen einzelne grosse Tropfen aus ihren starren todten
Augen. Sie kam ein paarmal in ihr Zimmer zurück, wo sie den alten Bertier, wegen
der Anstalten zur Beerdigung, und andrer Angelegenheiten, die mit dem plözlichen
Todesfall zusammenhiengen, mit verschiednen Leuten im Gespräch begriffen fand;
Rogern sah sie aber nicht, bis sie an einem Fenster vorbeikam, wo sie ihn unter
den Bäumen erblikte; er ging in der heftigsten Bewegung auf und nieder; sie
stand im Begrif, weich zu werden, aber sie entfernte sich, und hob einen
Augenblick die Deke von des Vaters Gesicht, worüber ihr starrer Mut zurückkehrte.
    Es war jezt Mittag, und sie kam mit den beiden Bertiers wieder zusammen.
Sie schien bei Rogers Anblik zu leiden; der Alte bemerkte es, und nahm das Wort:
Sara, mein Sohn hat mir Ihre Bitte mitgeteilt. Er soll durch einen feierlichen
Schwur Ihrer Hand entsagen, damit Sie seine Grossmut, seine Aufopferungen ohne
Verdacht annehmen, damit Sie die Veranlassung zu Ihres Vaters Tod verschmerzen.
So lange sie L***'s sind, wird er keine Ansprüche auf Sie machen; werden Sie
frei, so haben Sie das Recht, ihn auszuschlagen, aber nicht seinem Willen
Einhalt zu tun. Roger schwört nicht. - Nein Sara, rief der junge Mann innig,
indem er ihre Hand fasste, nein! ich schwöre nicht, aber ich schweige wie das
Grab. - Sara liess ihren Blik ungerührt auf ihm ruhen: Auch so! Trage, was darauf
folgt, ich wollte es gut machen. - Mehr sagte sie nicht, sondern fieng bald
darauf an, von Geschäften zu sprechen. Gegen den Abend ward der Leichnam nach
dem nächsten Kirchhof gebracht, Roger folgte ihm, und Bertier stieg sogleich
mit Sara in seinen Wagen, um nach *** zu fahren. Es war nötig, Sara zu
entfernen; denn in dem Augenblick, wo der Sarg aus dem Hause gebracht wurde,
schien ihr Leben in Gefahr zu sein. Wer ein Wesen, das ihm teuer war, sterben
sah, wird über diese menschliche Täuschung nicht lächeln. Das lezte Röcheln des
Hinscheidenden ist schreklich, aber mit der ersten Schaufel Erde, die auf den
Sarg rollt, fällt erst die furchtbare Scheidewand zwischen uns und der
Geisterwelt ganz nieder. So lange er da lag, lächelnd und sanft im ewigen
Schlummer, sagte sich Sara leise im innersten Herzen: er war versöhnt! Wie aber
der schwarze Sarg ihn verhüllte und dahin fuhr, verschwand das Bild des Lächelns
vor ihrem Blik; sie sah ihn in finstrer Erde wie einige Minuten vor seinem Tod,
da die stummen Tränen aus den erstarrten Augen flossen - wehe, wenn man auf das
Geisterleben warten muss, um versöhnt zu sein mit dem in Verzweiflung
gestorbenen.
Tage und Wochen vergiengen, ehe Sara's Fassung zurückkam. Wie viel Roger damals
von L*** wusste, ist unbekannt. Er konnte während seiner langen Abwesenheit von
ihm gehört haben, indessen war es nicht in seinem Wesen, Erkundigungen
einzuziehen, und er berührte den Gegenstand nie. Ueberhaupt mag der Leser von
hier an einige Lüken finden; denn Menschen, die in der Einfalt ihres Tuns von
der Gewalt allgemeinerer Schiksale fortgerissen werden, beobachten die kleineren
verborgnen Fäden ihrer Geschichte gar wenig, und können dem Frager selten andre
Erklärungen über eine Begebenheit geben, als deren Folgen. Für ein
teilnehmendes erfahrnes Herz aber wird diese Geschichte immer Zusammenhang
genug haben, um die Gefühle der Menschen, die darin handeln, zu begreifen. -
Sara verfolgte Rogers Äusserungen mit mistrauischer Aufmerksamkeit; und so oft
sie abzunehmen glaubte, dass er ihre Verbindung mit L*** für unverlezt hielt, so
oft näherte sie sich in ihrem Betragen wieder ihrer alten Innigkeit und
Unbefangenheit.
    Ihre Schwangerschaft war nicht länger zu verbergen; auch befahl ihr der alte
Bertier, sich mit bescheidner Sittsamkeit jeder Bemühung der Art zu entalten:
in meinem Hause, sagte er, sind Sie geehrt, und so viel die Meinung der Welt sie
noch angeht, sind Sie ihr schuldig, sie durch Erfüllung der Mutterpflichten zu
versöhnen, nachdem Sie als Mädchen sie beleidigt haben. - In der Gegend
herrschte so viel Mistrauen, Unruhe, Gährung, dass es kein bloss
gesellschaftliches Urteil mehr gab; jeder noch so kleine Vorfall ward in die
politischen Meinungen verflochten, und diese wurden mit aller hämischen
Kleinlichkeit, Verläumdungs- und Verkezerungssucht behandelt, welche Priester
und ihre Kreaturen einer Sache geben können, sobald sie wichtigeren Planen damit
dienen. Unter dieser Partei, welche die stärkere war, wurde Bertiers Grosmut
gegen Sara so feindselig ausgelegt, als möglich: Roger sollte das Mädchen
verführt haben, aus Kummer war der Vater gestorben, und jezt hielt sie Bertier
als seines Enkels Buhldirne in seinem Haus. Die Meinung der entgegengesezten
Partei war durch die unvorsichtige oder boshafte Geschwäzigkeit des Pachters,
bei welchem Seldorf nach der Zerstörung seines Guts gewohnt hatte, entstanden,
und sie entielt mehr Wahrheit. In dieser argwöhnte man Sara's geheime
Verbindung mit L***, und dazu gehörte ohnehin wenig Scharfsinn, da Sara bei
ihrer natürlichen edeln Unbefangenheit, bei dem Bewusstsein ihrer innerer Würde
nie zu verhehlen gelernt hatte, bis ihre würkliche Schuld den Bliken neugieriger
Landleute schon in ihren verweinten Augen deutlich werden musste. Man machte
Bertier ein Verbrechen gegen das Vaterland daraus, die Geliebte, Vermählte,
oder - Misbrauchte eines L*** zu beherbergen, und die Unzufriedenheit ging so
weit, dass er von verschiednen seiner Brüder darüber zur Rede gestellt wurde. Er
antwortete mit aller Festigkeit der Tugend, und verschafte sich, vor
unmittelbaren Anklagen Ruhe, indem er in einer Versammlung fragte, ob einer von
ihnen das Kind des offenbarsten Feindes vom Vaterland hülflos von sich stossen
würde wenn es ihn um Schuz anflehte? Und diese sagte er, ist das Kind meines
unglücklichen Freundes; sie wird Mutter eines Geschöpfes das ich dem Gemeinwesen
erhalte; sie hat keinen Fleken auf sich, als dem Wort eines Menschen, den sie
für redlich hielt, getraut zu haben. Sollen sie und ihr Kind deswegen der
Schande und der Sünde blosgestellt werden? soll ich deswegen meinen Freund im
Grabe verraten? Ihr hättet eure Pflichten schlecht erlernt, wenn Menschenliebe
davon ausgeschlossen wäre, und Ihr hättet mich schlecht gekannt, wenn Ihr
Menschenfurcht mit zu meinen Schwächen gerechnet hättet. Seldorfs Waise bleibt
mein Kind, solange sie von ihrem Verführer getrennt bleibt; fordert er sie als
sein Weib zurück, so scheide ich von der Gattin unsers Feindes. Bis dahin troze
ich der Verläumdung - Die rohen Menschen schwiegen gerührt, und die Bosheit
ergrimmte, diese Würde nicht zu ihrer Maske nüzen zu können.
    Der Frühling hatte jezt die Natur neu belebt, und Sara schlich am späten
Abend oft in den Trümmern von ihres Vaters ehemaligem Wohnort umher. Garten und
Feld waren durch Bertiers Sorgfalt so weit hergestellt, dass ihr Ertrag Sara
immer vor dem dringendsten Mangel schüzen konnte; aber die sonst so wohl
erhaltenen Gänge, die schattigen Lauben lagen noch danieder. Wie trüb und bang
stieg die Vergangenheit in Sara's Seele auf, da ihr Irrgang sie zum erstenmal
wieder bis an die eingestürzte Brunnensäule brachte! dort hatte sie Ihn zum
erstenmal gesehen - und alles war zerstört, wie die Stätte dieses heiligen
Andenkens! Jene Sara mit leichtem schwebendem Gang, frisch und hold wie die
Blumen, die sie trug, rein und hell ihr Blik wie der Krystall des Wassers, vor
welchem sie stand, sanft und ruhig ihr Herz wie die Frühlingsluft, die in den
Zweigen umher spielte - und nun! Matt und mühsam schlich die immer noch holde
Gestalt durch das wildverwachsene Gesträuch, umwölkt und zutrauenslos suchte ihr
Blik die verwüsteten Spuren der Vergangenheit. Sie sass erschöpft auf dem
eingefallnen Brunnenbeken nieder, und - betete für L***. Sie hätte um ihn beten
mögen, denn seit Monaten hofte sie umsonst auf Nachricht von ihm, forderte ihn
umsonst auf, seinem Weibe, seinem Kinde beizustehen. Nur einmal nach dem Tod
ihres Vaters hatte sie einen kurzen Brief von ihm erhalten, in welchem er ihren
Aufentalt bei Bertiers billigte, und sie mit dem ganzen Gewicht seiner
Allmacht beschwor, sich still zu verhalten, jezt nicht von ihm zu fordern, dass
er sich öffentlich ihrer annähme, und ihren Glauben an eine Liebe nicht wanken
zu lassen, die nicht von Vorurteilen und gewöhnlichen Grundsäzen, nicht von dem
früheren oder späteren Anfang ihres Glükes abhienge. Er schikte ihr zugleich
eine ansehnliche Summe, die sie mit einem sehr gemischten Gefühl von
unaussprechlichem Kummer über sein hartnäkiges Zögern, und von Freude, noch sein
Eigentum, noch in seiner Abhängigkeit zu sein, empfieng. Seitdem war aber eine
lange Zeit verflossen, sie sah nunmehr den entscheidenden Augenblick heranrüken,
der jedes Weib so wunderbar dem Tode nähert, und zugleich mit so unzerstörbaren
Banden an das Leben bindet. Einsam musste sie dem Schreken dieser Stunde
entgegengehen, einsam das verwaisste Geschöpf empfangen, das seines Vaters
Lächeln nicht in diesem Dasein begrüsste. Und wenn diese Stunde ihr Leben endigte
- sie weinte sanfter bei dieser Vorstellung, dachte sich Ruhe im stillen Grabe,
und ihr Kind in Rogers treuer Hand - wiederum aber bei dem Bilde des Grabes tat
sich ihres Vaters Sarg vor ihrem Blike auf, sie sah seine stummen Tränen, sein
sterbendes starres Gesicht - Schaudernd rief sie: dann verzeihst du mir dort!
Und der Tod blieb ihr der liebste Gedanke, und sie wandelte ruhiger dahin,
gleich als hätte sie einen Weg durch das Labyrint des Lebens gefunden.
    In diese schwermütigen Träumereien wiegte sie sich bis gegen die Mitte des
Junius; sie war glücklicher dabei, und empfänglicher für Rogers edle Sorgfalt,
für Bertiers väterliche Güte. Eine neue Erscheinung in L***'s Liebe störte
diese Stille und Rogers Hoffnungen, so bescheiden er sie in die treueste
Bruderliebe hüllte. Es langte eine Kiste von Saumür an, in welcher Sara ein
vollständiges Kinderzeug, einfach und anspruchlos, aber mit der sorgfältigsten
Sauberkeit verfertigt fand. Jedes Stük war mit den beiden Anfangsbuchstaben von
L***'s Namen bezeichnet, ein Zettel lag dabei, der nur diese Worte entielt:
    »Wann wird die Zeit kommen, wo ich heiligere Pflichten erfüllen, und süssere
Freuden geniessen soll, als ein Befehl an eine Näherin mir verschafft? Gesegnet
sei die holde Mutter mit ihrem Kinde!«
    Dahin war Sara's ruhiger Schmerz und ihre stille Ergebung; neue Hoffnung,
Freude, und Zuversicht traten an die Stelle, und wechselten mit Sehnsucht und
Unruhe von neuem ab. Roger hatte mit väterlicher Sorgfalt der Geburt ihres
Kindes entgegengesehen, er hatte sich darauf gefreut, es mit seiner Liebe zu
empfangen, er hatte den Grosvater beredet, Sara manches Kindergerät zu
schenken, das mit altväterischer Haushältigkeit sauber in Schränken verwahrt
stand, und von Bertiers jüngstem Enkel her, der vor vielen Jahren gestorben
war, für Rogers künftige Wirtschaft aufgehoben wurde. Mit wahrer männlicher
Züchtigkeit hatte er gesucht, Sara die Schaam zu ersparen, die diese Sorgfalt,
wenn sie von ihm herzurühren schiene, bei ihr erregen könnte; aber er genoss eine
wehmütige Freude, sie durch alle diese kleinen Mittel an sich zu fesseln, und
in seine Familie zu verflechten: Bertier nannte sie seine Tochter, ihr Kind
sollte die feinen Kragen haben, die seine Mutter genäht hatte, und den
silbereingefassten Wolfszahn umgehangen bekommen, an welchem schöne silberne
Denkmünzen von Ludwigs des Vierzehnten Siegen gereiht waren, der von Vater auf
Sohn schon über ein Jahrhundert in der Familie fortgeerbt hatte. - Roger, der
glühende Patriot, der wilde Jüngling, war einfach genug geblieben, um diesen
Dingen noch einen ehrwürdigen Wert beizumessen. Das war aber vorbei, seitdem
jene unglückliche Kiste anlangte. Verworfen waren die gestikten Hemdchen, die
altväterischen Spizen, und das ganze Geräte; mit liebenswürdiger Weiblichkeit
ordnete Sara die kleine Wirtschaft ihres künftigen Kindes, die sie des Vaters
Zärtlichkeit zu verdanken hatte. Es war eine Kleinigkeit, aber sie zerstörte die
Täuschung des guten jungen Mannes. Er ging Sara schwermütig aus dem Wege, um
nicht Zeuge ihrer Zufriedenheit zu sein, sie suchte sie zu verschliessen, weil
sie fühlte, dass er litt; aber mit einem einzigen Gedanken beschäftigt, gelang
ihre Bemühung nur schlecht.
    Die entscheidende Stunde kam endlich, und liess Sara das ganze Unglück ihrer
Lage empfinden. Unter allen Schmerzen, welche das strenge Gesez der Natur einer
Mutter auflegt, bei der Angst, die selbst unter den rohesten Völkern alle
Begriffe von Qual zu erschöpfen scheint, vermisste sie den Mann, für welchen,
durch welchen sie litt. Bei dem Bewusstsein ihrer innern Reinheit, wurden die
Tränen, die der körperliche Schmerz ihr auspresste, doch zu bittern Zeugen ihres
Kummers und ihrer Schaam, als die Frau, welche ihr beistand, von ihren Leiden
gerührt, ausrief: es ist nicht recht getan, dass der Vater nicht wenigstens
dabei ist, sie zu trösten! - Diese einfache, ungeschikte Bemerkung machte das
Gefühl, das die arme Leidende unterdrüken wollte, in laute Worte ausbrechen; sie
rang ihre matten Hände, und rief durchdringend um Kraft, diese Stunde zu
überstehen. Wäre es möglich, das Gefühl eines Menschen ganz und unverändert in
die Seele eines andern übergehen zu lassen, wäre es möglich, dem leichtsinnigen
oder boshaften Verführer, dem durch romanhafte Schwärmerei oder unstattafte
Vernünftelei selbst zuerst Verleiteten, den Zustand von unaussprechlichem
Verlassensein, in welchem eine unglückliche Geliebte in dieser Stunde leidet, zu
schildern; es würde vielleicht keines Mannes Herz dem Schreken widerstehen,
Schöpfer dieser Qual zu sein.
    Roger war abwesend, wie Sara von den Schmerzen überfallen ward, und er kam
erst spät nach Haus. Seit vielen Monaten hatte er sich auf diesen Augenblick
gefasst gemacht; als er aber nun herbeigekommen war, als er denken musste: Leben
oder Tod würde jezt über sie entscheiden, da konnte er sich kaum entalten, den
Gesetzen des Anstandes, des Stolzes, der Stimme seiner Vernunft zu trozen, und zu
ihr zu eilen. Er wachte neben ihrem Zimmer, fragte bang einen jeden, der
heraustrat, und wie der Schmerz ihr den ersten Schrei auspresste, stürzte er
erblasst in seines Grosvaters Schlafgemach, und rief: sie stirbt, Vater, sie
stirbt! Der gute Alte war auf: Nein, nein, sagte er, indem er nicht ohne Zittern
nach Sara's Zimmer eilte, es ist keine Gefahr; ich bin unterrichtet, aber ich
will sie sehen. - Der alte Mann erschien dem leidenden Geschöpf wie ein
wohltätiger Engel, er fragte mit inniger Teilnahme nach ihrem Zustand, bat sie
väterlich, nicht aus falscher Schaam seinen Trost von sich zu stossen, und
lehnte ihren Kopf an seine Brust. Ein holdes Mädchen war der Lohn von Sara's
Schmerzen, aber die Mutter war anfangs zu schwach zur Freude; Bertier blikte
das Kind gerührt an, und ging zu seinem Sohn heraus, der in der heftigsten
Unruhe seiner wartete: Sara hat uns eine Tochter gegeben, sagte er ihm
freundlich, sie ist ausser Gefahr, sie wird uns erhalten. Roger war entzükt, er
bat, er flehte sie sehen zu dürfen. Endlich brachte man ihm das Kind. Er
schauderte bei dessen Anblik: das Kind eines glücklichen, eines unwürdigen
Nebenbuhlers - aber Sara's Kind, ein verlassenes, von seiner Geburt bestohlnes
Geschöpf, ein Geschöpf, das einst ein heiliges Band zwischen ihm und Sara
knüpfen konnte! Er nahm es auf seine Arme, und ging tiefsinnig in das Zimmer
der Mutter, die nun zu sehen war. Sie war noch so matt, dass sie im halben
Schlummer dalag, und die Gegenstände kaum unterschied. Roger kniete, das Kind im
Arm, neben ihrem Bette, und sah, zitternd von Liebe, Schaam und Unruhe, auf das
blasse Gesicht, das noch Spuren des wütenden Schmerzens hatte. Sie öfnete
endlich die Augen, blikte ihn lange halbverwundert an, bis ihr Herz nach und
nach erwachte, und sie ihre Arme matt nach dem Kinde ausstrekte. Er reichte es
ihr hin, und sie fühlte seine Tränen auf ihrer Hand; sie hatte die Kräfte nicht
das Kind zu halten, es sank auf ihren Schoss, und sie machte eine Bewegung, es
in Rogers Arme zurückzugeben, indem sie die eine Hand des jungen Mannes mühsam zu
ihrem Munde führte, und mit einem dankbaren Blik küsste. War es Bedürfnis ihres
armen Herzens, sich von Liebe umgeben zu sehen, welches sich jezt, da ihr Geist
in diesem Zustand von Erschöpfung gewissermassen schlummerte, nur deutlicher
äusserte, oder war sie gerührt von der unerschütterlichen Liebe des jungen
Mannes, oder fühlte sie nunmehr als Mutter ihre Rechte auf L*** so gegründet,
dass sie von ihrer Strenge nachlassen dürfte - genug, Rogers Gegenwart schien ihr
wohlzutun, und wenn sie nach einem halben Stündchen leichten Schlafs erwachte,
legte sie mit einem wehmütigen Lächeln ihre Hand auf seinen Arm, als wollte sie
ihn an dieser Stelle festalten.
    Nach drei Tagen hatten Jugend und Pflege die holde Mutter so weit
hergestellt, dass sie ihrem Kind die Brust reichte. Bescheiden entfernte sich
Roger in diesen Augenbliken, aber eines Tages überraschte er sie, und war durch
einen Zufall verhindert, das Zimmer sogleich zu verlassen. Bis jezt hatte Sara
als Mutter zu laut zu seinem Herzen, zu seiner Teilnahme geredet, als dass
eigennüzigere Gefühle in ihm hätten aufkommen können; und einfach und redlich,
wie er war, hatte seine Fantasie seine Sinne selten verführt. Aber der Anblik
dieses geliebten reizenden Weibes, die mit dem Ausdruk der reinsten Unschuld,
mit stiller heiterer Mutterliebe, ihr Kind an den schönsten, bis jezt seinen
Augen immer verhüllt gebliebenen Busen drükte, deren zurückgebliebne Mattigkeit,
deren unbefangnes Vertieftsein in ihre Beschäftigung ihrer Stellung einen
wollüstigeren Reiz gab, wie die studierteste Kunst es je vermocht hätte - dieser
Anblik erregte in Rogers Blut einen Aufruhr, den er nicht bemeistern konnte.
Nachdem er eine Minute lang seine flammenden Blike auf sie geheftet hatte,
stürzte er zu ihren Füssen, umfasste Mutter und Kind, drükte sein glühendes
Gesicht an dieses Heiligtum, das sein Auge noch nie erreicht hatte, riss sich
endlich mit convulsivischer Heftigkeit los, und eilte atemlos fort. Sara blieb
erstaunt, erschroken zurück. Ihre Achtung, ihr langer schwesterlicher Umgang mit
ihm wollte sie überreden, er wäre vielleicht krank, oder er müsste vielleicht
fort, und dies wäre sein Abschied gewesen; aber die Glut seiner Wangen und ihr
innerer Schreken widersprachen der Täuschung, es war ihr, als hätte sie ihn
verloren, und sie zitterte ihn wiederzusehen, nach ihm zu fragen. Sie warf sich
vor, gefehlt zu haben, sie bat L*** mit Tränen ihr Vergehen ab, und weinte um
Rogers Schuld, die ihre Ruhe vernichtete. Der unglückliche Jüngling hatte von dem
Augenblick an Höllenqual gelitten. Er konnte an Sara nicht mehr denken, als mit
wallendem Blut, mit unbändigen Wünschen. Seine Grundsäze, seine Entschlüsse
blieben fest, aber seine Einbildungskraft hatte ihm das Weib, das er seit fünf
Jahren mit übernatürlicher Entsagung liebte, in die Arme geliefert, sie
verschlang ihre Reize mit rasendem Feuer, und er fühlte sich ohnmächtig in dem
Kampf gegen seine verirrten Sinne. Ihr Name, der Anblik ihres Halstuchs, das am
Gartenzaun troknete, der Befehl, den sein Vater ihm am Abend dieses Tages gab,
Sara's Nachtlicht anzuzünden - alles führte eine Reihe der ausschweifendsten
Bilder in seinem Gehirn vorbei, durch welche sein moralisches Gefühl vielleicht
vergiftet, und er zu herabwürdigenden Verirrungen getrieben worden wäre, wenn
ein Zufall ihn nicht aus diesem Zustand gerissen hätte.
    Vor Sara's Gegenwart zitternd, und doch mit unwiderstehlicher Gewalt zu ihr
gezogen, empfand er eine Marter, die endlich eine Ahnung von Hass gegen den
Gegenstand seiner Liebe selbst hervorbrachte. Er war treu und schuldlos, und
doch zerstörte sie sein Dasein. Er hätte sie nur einen Augenblick besizen, halten
- dann ermorden mögen, denn seine Vernunft war betäubt. Sonst durfte er seinen
Vater um Rat, um Hülfe bitten, jezt errötete er zum erstenmal vor sich selbst.
Roger war dieser Demütigung nicht gewohnt, er musste sie enden: er nahm den
folgenden Tag von seinem Vater Abschied, um nach Saumür zu gehen, und dort sich
zu zerstreuen. Er konnte sich nicht entschliessen, Sara zu betrüben, und
abzureisen, ohne sie zu sehen. Sie war verlegen bei seinem Eintritt; als er ihr
aber stotternd sagte: Sara, ich muss fort, muss mich wiederfinden, muss wieder
fähig werden in Ihrer Nähe zu sein; jezt ist's unmöglich! - da sah sie ihn
wehmütig an, Tränen erstikten bald ihre Stimme; er glühte, und wollte fort,
als fürchtete er, sie möchte so wie sonst ihm die Hand zum Abschied reichen,
oder ihren Kopf an seine Schulter lehnen. Aber sie kniete nieder, benezte seine
Hand mit Tränen, und sprach leise: Ja es ist besser, Segen geleite Deine
Schritte, kehre ruhig wieder. - Er hörte nichts mehr, er riss sich los, eilte
nach der Türe, warf noch einen Blik auf die Kniende, und verschwand. Als er in
Saumür ankam, erfuhr er, dass das Departement eben versammelt wäre, um aus der
Nationalgarde die Deputirten zu dem Bundesfest des vierzehnten Julius in Paris
zu erwählen. Dies schien ihm ein Wink des Schiksals, er eilte sich unter die
Bewerber zu stellen, und da man eifrig bedacht war, nur die wärmsten Patrioten
zu dieser Sendung zu gebrauchen, so ward er mit Freuden angenommen. So fand er
sich denn auf eine unbestimmte Zeit erlösst von der Gefahr, die ihm zu Hause
drohte; der neue Gang, den seine Gedanken nahmen, die Anstalten zur Reise
würkten wohltätig auf seine Fantasie; seine Vernunft erhielt wieder ihre
Oberherrschaft, aber es blieb mit dem Gedanken an Sara eine Schwermut in ihm
zurück, die keine Zeit zu heilen versprach. Sie hatte seit Jahren sein Glük in
ihrer Hand, sie war die Gotteit seines einfachen Herzens gewesen, das kindlich
einen grossen Teil seiner angebornen Tugenden ihr zuschrieb - und jezt hatte
sie ihn fast dem Laster in die Arme gestürzt, er hatte gefühlt, dass er, um die
Gährung seines Bluts zu tilgen, zu niedrigen Ausschweifungen hätte schreiten
können, und rettete ihn auch jezt die Festigkeit seines Verstandes, so
schauderte er desto mehr vor dem Gedanken, herzlosen Taumel der Sinne als
Entschädigung für die reinste Liebe zu ergreifen. Er ging noch auf einige Tage
nach *** zurück, um von seinem Grosvater zu dieser langen Abwesenheit Abschied zu
nehmen. Natürlich musste er Sara wiedersehen, seine Schwermut vermehrte sich bei
diesem Anblik; das Gefühl, ungeliebt zu lieben, war in seiner Seele haftend
geworden, und die Hoffnung, den Abgott seines Herzens glücklich zu sehen, diese
einzige Entschädigung für seine unerwiederte Liebe, schwand immer mehr dahin, je
verblendeter Sara für L*** schien, und je unerklärlicher dieses Mannes Betragen
wurde. Der Streit seiner Empfindungen brachte eine Verschlossenheit in ihm
hervor, die sich durch finstre Kälte äusserte, und Sara mit banger Ungewissheit
erfüllte. Sie konnte sich nicht verbergen, dass seine Abwesenheit, durch solche
vorteilhafte Umstände veranlasst, in diesem Augenblick sie beruhigte; aber
äusserst peinlich war es ihr, so von ihm zu scheiden, den Schmerz der Trennung
nicht durch sanftes Vertrauen lindern, das Gefühl ihrer Dankbarkeit und ihres
Unrechts gegen ihn nicht vor seinen Augen ergiessen zu dürfen. Er sah sie wenig,
und wenn er bei ihr war, und Fassung genug erkämpfen konnte, um über ihre Lage
zu sprechen, geschah es mit einem kalten ernsten Wesen, das sein Herz
zusammenpresste. Ihr Stolz hielt sie aufrecht; sie hielt in solchen Augenbliken
ihre tränenschweren Augen auf ihre Arbeit geheftet, und suchte Gleichgültigkeit
in ihre zitternde Stimme zu legen. Roger glaubte, dass seine unglückliche
Verirrung ihr bei längerem Nachdenken beleidigend geschienen hätte, und diese
vermeinte Unbilligkeit mischte noch etwas Bitterkeit in den Zwang seines Wesens.
So erhielt sich das Misverständniss, und stieg immer höher, bis an den Tag, der
zur Abreise bestimmt war. Roger sass finster und tiefsinnig neben Sara und seinem
alten Vater, dessen Stolz auf die Sendung, die sein edler Enkel erhalten hatte,
durch den Anblik seiner vernichteten Heiterkeit sehr getrübt ward. Man fragte
Roger, ob sein Pferd nun gesattelt werden sollte; Sara fuhr erschroken zusammen,
und bükte sich tiefer auf ihr Nähzeug; Roger atmete hoch auf, und liess sich
zweimal wiederholen, was man von ihm wollte, ohne die Antwort zu vernehmen. Dann
stand er auf, und ging mit ängstlicher Heftigkeit durch das Zimmer umher; der
alte Bertier gab endlich mit erzwungner Gleichgültigkeit den Befehl, das Pferd
zu satteln, sein trüber Blik folgte den unstäten, nach Fassung kämpfenden
Schritten seines Lieblings. Rogers Stimmung war sehr gewaltsam, alle Gefühle
seines Herzens, seine feurigsten Wünsche und seine redlichsten Entschlüsse
stritten noch einmal gegen einander in diesem bangen Augenblick; er rechnete
darauf, seinen Verdacht gegen L*** in Paris aufzuklären oder zu bestätigen, dann
aber - würde er dann an Sara's zunehmendem Widerwillen einen schlimmeren Feind
als L***'s Anspruch zu bekämpfen haben? Und wenn er L*** Unrecht täte, wenn er
nur darum mehr erführe, um sich zu überzeugen, dass seine Leidenschaft gegen
Geseze und Möglichkeit strebte? - er ward in diesem unruhigen Kampf durch das
Erwachen von Sara's Kind unterbrochen, das nach seiner Mutter weinte. Sara
verstand sein Verlangen, unwillkührlich rief es ihr jenen traurigen Ausbruch von
Rogers Heftigkeit zurück, und sie beugte sich verlegen über die Wiege, um durch
ihre Stimme die Kleine zu besänftigen. Diese liess sich betrügen, und schlummerte
lächelnd wieder ein. Mechanisch war Roger der Mutter bis zum Kinde nachgefolgt,
und stand nun fast gedankenlos bei dem kleinen holden Geschöpf. Vielleicht war
es der Ausdruk von Ruhe auf dem sanften Gesicht des Kindes, vielleicht würkte
die bange Stille, die in dem Zimmer herrschte, auf sein gespanntes Gehirn,
vielleicht nahmen ihm selbst unbewusst seine Gedanken einen sanfteren Gang: kaum
hatte er einige Sekunden auf das Kind geblikt, so wurden seine Augen nass, und
wie jezt der Knecht unter dem Fenster rief, dass alles bereit wäre, stürzte er
lautweinend neben dem Bettchen auf die Knie, drükte das Kind an sich, und rief
in der Bitterkeit seines Schmerzens: er wird sie nie so innig lieben - nie so
unaussprechlich wie ich! Sara konnte sich nicht mehr halten, sie eilte zu ihm,
sie wollte ihm mit der süssen Beredsamkeit der gekränkten Liebe, des
unwillkührlich schuldigen Gewissens beweisen, dass sie ihn nie zärtlicher lieben
könnte, wie sie ihn als Schwester liebte, dass er nie sie mehr beglücken könnte,
wie er sie als Bruder beglückte. Dieser Zauber konnte Rogers Herz noch treffen,
aber sein Verstand war nicht mehr zu verblenden; er sah jezt die Unmöglichkeit
eines Bundes, wie der, welchen er mit Sara geknüpft hatte. Dennoch nahm ihre in
diesem Augenblick ausbrechende Herzlichkeit diesem Abschied den quälenden Zwang,
den die bisherige Verstimmung zwischen ihnen hervorgebracht hatte. Er antwortete
ihr sanft und fest, dass nur eine späte unbestimmte Zukunft ihm die Wahrheit
dessen, was sie jezt so kühn versicherte, dartun könnte, dass alles, was er bis
dahin seinem Gram entgegenzusetzen hätte, die Liebe für das Vaterland wäre, das
ihn riefe - und alles, Sara, was Sie für mich tun können, ist für meine Tugend
zu beten, die Ihr Bild nicht mehr aufrecht hält! - Der alte Bertier hatte
Sara's schwärmerische Äusserungen unwillig angehört, und sein redendes Gesicht
war bei Rogers männlichem Ernst heitrer und stolzer geworden, bis diese lezten
Worte ihm wieder bewiesen, dass mehr Verzweiflung als Entschlossenheit aus Rogers
Munde sprach. Nicht so, rief er streng, beten muss sie, dass deinem Herzen der
Friede wiederkehre; deine Tugend gehört nicht ihr, und nicht dein eigen. Sie
gehört wie dein Leben dem Vaterland, das dich zu seinem Streiter weihte: wehe,
wenn ein so eigennüziges Gefühl, wie das, welches jezt in deinem Busen kämpft,
seine edelsten Söhne entnervte, wenn unsre Weiber sie von ihren heiligsten
Pflichten abwendeten, anstatt sich ihrer Macht für diesen einzig grossen Zwek zu
bedienen! - Roger unterbrach ihn ehrerbietig und ruhig: Nein Vater, so entlass
deinen Sohn nicht! so lass mich nicht eine Bahn betreten, die mich erst spät
wieder in deine Arme führt! Teilte ich dein Zutrauen auf meine Tugend nicht, so
hätte ich den Augenblick nicht überlebt, wo ich das Jahre lang gehegte Traumbild
meiner brüderlichen Liebe zerstört sah. Gönne mir aber jezt den Genuss meines
Schmerzens, das Vaterland soll nicht dabei verlieren, und einen andern Ersaz für
mein ewig verlornes Glük, einen andern als diesen Genuss - Vater, dring mir ihn
nicht auf, jezt in dieser bittern Stunde nicht!
    Er ging, und sein Abschied hinterliess einen traurigen Eindruk bei den
Zurükgebliebnen. Sara's weiches schwärmerisches Herz konnte dem Gedanken, der
sie so lange unablässig beschäftigt hatte, L***'s Glük und Rogers Frieden zu
verbinden, nicht entsagen. Roger hatte ihr moralisches Dasein verdoppelt, indem
er fast von der ersten Bildung ihres Gefühles an, ihr Geschöpf, ihr Eigentum,
und sie die Meisterin seines Schiksals gewesen war. Seit sie zuerst wusste, was
Liebe sei, wusste sie sich von ihm geliebt; er hatte nie gewankt, sie hatte sich
nie geändert, sie hatte ihm stets jede Empfindung im vollsten Maasse gewährt,
ausser der einzigen, welche die Natur ihr für ihn versagt hatte. Ohne seine
Liebe und ihren wehmütigen Dank hatte sie niemals eine Zukunft sich als möglich
gedacht - und jezt zerriss Roger diesen mühsam unter stetem Kampf erhaltenen
Bund, warf ihren Einfluss, ihre Macht von sich, wollte kein Glük mehr von ihr
empfangen. Ach sie wusste, dass sie ihn nie ganz beglückt hätte, wusste, dass ihn
doch keine andre je beglücken würde! Der bittre Gedanke, ihn Jahre lang um den
Genuss seines Daseins betrogen zu haben, stritt mit der Kränkung, dass er seine
Fesseln zu zerbrechen vermochte; und weibliche Schwärmerei mahlte ihr seinen
männlichen Entschluss als Undankbarkeit vor. Des alten Bertiers Misfallen an der
Würkung einer Verbindung, zu welcher er in seinem einfachen Sinne selbst die
Hand geboten hatte, war nicht dazu behülflich, den verschlossnen Gram der armen
Schwärmerin zur ruhigen Anerkennung des Vernünftigsten und Besten
zurückzubringen. Er war edel und wahr, und hatte sich in Rogers Stelle versezt;
so um Sara zu leben, sie so zu beschüzen, unter solchen Bedingungen die Zukunft
abzuwarten, das musste Roger wünschen, und das gewährte er ihm. Aber er hatte
sich mit seinem abgekühlten Blut, mit seinem Bewusstsein, die Rechnung über
seines Herzens Glük nun schon längst mit dem Schiksal abgeschlossen zu haben, in
Rogers Stelle versezt, und auf diese Weise die unausbleibliche Gefahr, der sich
der junge Mann aussezte, übersehen. Rogers Wille blieb immer gleich grosmütig
und uneigennüzig, aber es musste ein Augenblick kommen, wo Natur und Liebe diesem
Willen eine andre Richtung gaben, als die sein wohlmeinender Grosvater sich
gedacht hatte. Es war also ungerecht von dem redlichen Alten, Sara des übeln
Ausschlags zu beschuldigen, und über sie, die Rogern niemals ihre Liebe
verheissen hatte, zu zürnen, dass es ihn nun unglücklich machte, ihre Liebe zu
entbehren.
Auch der Gang der öffentlichen Angelegenheiten, der sich immer mehr verwikelte,
trug dazu bei, den alten Bertier von der unschuldig irrenden Sara zu entfernen.
Die Parteien wurden immer heftiger; und alles, was zu L***'s Anhang gehörte,
wendete allen Einfluss, alle List und Dreistigkeit an, um die Begriffe des Volks
zu verwirren, und jeder wahren Nachricht oder richtigen Vorstellung den Eingang
zu versperren. Man befleissigte sich, die rohesten, wildesten und
bestechlichsten Menschen aus Bertiers Bunde zu den schlimmsten Bubenstüken zu
verleiten oder aufzuhezen, um diese nachher, als eine Folge ihrer Grundsäze, dem
Volke vor die Augen zu stellen. Bertier, welcher von allen geheimen
Kunstgriffen dieser Art unterrichtet war, oder ihren Zusammenhang mit dem
grossen System der Revolutionsfeinde wenigstens erriet, konnte sich bei aller
seiner weisen Billigkeit nicht entalten, die arme Sara einigermassen mit in die
Verdammnis der L***schen Rotte zu ziehen; unter seiner nie zu trübenden Güte
drang doch oft die heimliche Misbilligung ihrer Gefühle, und der Würkung, die
sie auf seines Enkels Glük hatten, hervor. Endlich ereignete sich ein an sich
kleiner Vorfall, der Sara's Schiksal schneller entwikelte. Ein kleiner Teil vom
Volke hatte den vierzehnten Julius mit brüderlichem Entzüken gefeiert, für
manche war er ein Tag wüster Fröhlichkeit, aber bei weitem die meisten Einwohner
jenes Landstrichs sahen ihn mit blindem Mistrauen an, als einen neuen Schritt
zur Empörung und Gottlosigkeit. Die Priester taten alles mögliche, um diese
Meinung zu rechtfertigen, und sie mischten unter die hier und da angestellten
Feste nur zu gut zum Unheil abgerichtete Aufhezer, die alles anwandten, um die
freudige Begeisterung in Unordnung und Ausschweifung zu verwandeln. Das Land war
voll von unbeeidigten Priestern; in einem Gränzort des Distrikts von ** geriet
einer von diesen, der in die Schenke einkehrte, unter verschiedne dort
versammelte, patriotisch gesinnte Bauern. Sie liessen sich anfangs nur mit
einigen Stichelreden gegen ihn aus; wie er diese aber mit schäumender
Priesterwut aufnahm, überhäuften sie ihn mit bittern Vorwürfen wegen seines
verweigerten Eides. Der hochmütige Pfaffe war unfähig, sich in Zeit und
Umstände zu fügen, sondern donnerte einen Bannstrahl über den andern gegen die
Frevler heraus. Er kam gerade von ***, einer zu L***'s Gütern gehörigen
Einsiedlerkapelle, die mit einem wundertätigen Heiligenbilde prangte. Der
folgende Tag war zur Feier dieses Heiligen, welche durch ausserordentliche
Ablassspenden begangen wurde, bestimmt; und Stolz und Unverstand gaben dem
Priester ein, die betrunknen Bauern um ihn her zu bedrohen, dass ihnen, statt der
Fürsprache des heiligen Fulgentius, dessen Fluch werden würde. Die bis dahin
unerhörte Frechheit, dem Zorn eines Priesters zu trozen, erhitzte die Trinker in
ihrem Fortschritt so weit, dass sie sich vermassen, der Heilige sollte ihnen
nicht allein morgen die Absolution nicht versagen, sondern sie ihnen sogar noch
heute, vor des hochwürdigen Herrn Augen, hier an Ort und Stelle geben. Sogleich
teilte sich der tolle Haufen; eine Hälfte bewachte den wütenden Pfaffen, die
andre eilte durch die hinter dem Hause gelegnen Weinberge und Baumstüke in den
nächsten Wald, wo eine halbe Stunde entfernt der Heilige seine Kapelle hatte.
Der Einsiedler war beschäftigt, mit einigen hiezu von einem benachbarten Kloster
gekommenen Mönchen, die geweihte Stätte mit Blumen und Wachskerzen für die nahe
Feier zu schmüken, als die wilde Rotte hereinstürmte, und mit tobendem Geschrei
die erschroknen Klausner auseinander trieb. Der Einsiedler mochte schon
Unglaubige aller Art gesehen haben; er liess sich von diesen nicht irre machen,
sondern eilte, die Kerzen am Altar auszulöschen, und stellte sich in die immer
zunehmende trübe Dämmerung vor seinen Heiligen, in dessen Namen er den
Verruchten mit lauten Flüchen die augenblikliche Rache des Himmels verhiess. Die
Scene war grauenvoll genug, um geübteren Freveln einigen Schreken einzujagen:
eine alte gotische Kapelle, deren düstres Gemäuer von dem roten Lichtstrahl
der ewigen Lampe nur bei ihrem Aufflakern überschossen wurde; die Lampe selbst
hieng neben einem halb eingefallnen Bogen von Laubwerk und Blumen, die sie
malerisch mit blutigem Schimmer umgoss, indem sie zugleich zwei grosse weisse
Heiligenbilder, die den von Flittergold blizenden Altar unterstüzten, etwas
erleuchtete; unter dem Laubbogen stand der Einsiedler, eine lange, fast
entkörperte Figur, mit kahlem Schedel und dichtem weissen Bart, die mit
Grabesstimme die Qualen der Verdammten, die Blize der rächenden Gotteit auf die
Entweiher des Heiligtums herabrief, und dumpf schallte jeder Fluch aus dem
nahen Gruftgewölbe zurück. Die berauschten Bilderstürmer waren schon durch die
Finsternis des Orts, in welchen sie aus der blendenden Abendsonne traten,
überrascht; seine feuchte Kühle mochte auch auf ihr brausendes Gehirn würken -
sie hielten einen Augenblick in ihren Stürmen inne, und nun waren sie verloren;
denn die schrekenden Bilder, die ihnen der Wächter des Heiligen vorgehalten
hatte, frischten leicht ähnliche und bekannte in ihrem Gedächtnis auf, und
gleich den Sclaven, welche der Anblik der Geisel zum Gehorsam zurückbrachte,
verwischten bei ihnen die Moderkühle, der Weihrauchsdampf und die Mönchskutte
den jungen Freiheitstaumel; sie sanken zähneklappernd vor dem fluchenden
Priester nieder, und murmelten ihr Bussgebet. Aber ihrer Zerknirschung war noch
ein weiterer Spielraum aufbewahrt, denn ehe noch die erflehte Absolution aus des
Einsiedlers doppeltzüngigem Munde tönte, kam ein Haufe bewafneter Bauern, um die
Verbrecher zu fangen. Der Wirt der Schenke, in welcher sich der ganze Unfug
entspann, hatte gerichtlichen Beistand aufgefordert, und einige Bauern waren dem
gefangenen, von ihnen in Freiheit gesezten Priester, der den Heiligen so
unvorsichtig compromittirt hatte, nach dem Schauplaz des kezerischen Komplotts
gefolgt. Die umgestürzten Betstühle und das herabgerissne Altartuch verkündigten
die Untat der Frevler so deutlich wie ihr Zittern und Zagen; sie wurden
gefangen genommen, und nach ** gebracht. Der älteste und wütendste unter ihnen,
der jezt furchtsamer als die übrigen schien, machte ein Paar Versuche zu
entspringen, und wie ihm diese mislangen, suchte er dem Priester einige Worte
insgeheim zu sagen. Nach einer kurzen Unterredung mit dem Bilderstürmer fieng
der, man weiss nicht wie, versöhnte Diener der Kirche von weitem an, darauf
einzuleiten, dass der Mensch im Grunde einige Nachsicht verdiente, er sei fremd
in dem Dorfe, und sei nur von ohngefähr unter die Zechbrüder geraten; aber den
ehrlichen Bauern, welche sich zu Rittern des heiligen Fulgentius aufgeworfen
hatten, lag der Heilige mehr am Herzen als der Pfaffe, und die übrigen Gefangnen
brachen in laute Schimpfreden gegen ihren Mitschuldigen aus, versicherten, er
sei ihr Anstifter und Verführer gewesen, ja einer, der niedergeschlagner war als
alle andere, sagte endlich, nun er ihn zum zweitenmal verführt hätte, sollte er
auch seinen Teil an der Strafe haben; auf das Zureden dieses nämlichen Menschen
wäre er schon im lezten Sommer mitgezogen, wie sie des braven ehrlichen
Gutsherrn Schloss zerstört hätten. Seitdem, sezte der Bauer bleich und zitternd
hinzu, bin ich aus Angst zum Söffer geworden, denn alle Heiligen haben mich
verlassen, und mir keine Ruhe gegönnt, ob uns gleich der selige Herr durch die
Aeltesten sagen liess, er habe uns vergeben; und wie uns der heilige Klausner
verfluchte, war mir's, als stöhnte der arme selige Herr: Amen aus dem
Gruftgewölbe heraus. Diese Entdekung diente dem Verbrecher nicht zur Empfehlung;
und wie am folgenden Morgen bei dem Verhör herauskam, dieser Mensch sei der Sohn
des Verwalters in C**, L***'s Schloss, und ein Vertrauter des dortigen Kapellans,
verbreitete sich bei dem hellsehenden und braven Teil der Commune ein
allgemeines Kopfschütteln. Es trafen so viele bedenkliche Zeugnisse gegen den
Menschen zusammen, dass seine Sache sehr weitläuftige Aussichten gab, als ganz
unerwartet, es sei von Ohngefähr oder auf Veranlassung, L*** selbst in C**
ankam. Seine Erscheinung flösste dem zahlreicheren Teil der Partei, welche bei
des Bilderstürmers Prozess interessirt war, Troz, dem andern aber die Art von
Bitterkeit ein, welche die Erwartung einer Ungerechtigkeit, die zu hintertreiben
man zu schwach ist, so leicht geben kann. Kaum aber hatte sich L*** die Sache,
die ihm ganz fremd schien, berichten lassen, und mit den Richtern gesprochen, so
erhielt der Beklagte sein Todesurteil als Mordbrenner und Aufrührer, und wurde
in der möglich kürzesten Frist hingerichtet. Der Elende schien wütend, er wollte
zu dem anwesenden Volke reden, allein sein zitternder Mund brachte nur die
wiederholten Worte vor: Ihr seid betrogen, ich bin geopfert - Der Geistliche,
der ihn begleitete, schwang das Kruzifix und betete lauter, bis die Todesmarter
des Sterbenden Bemühung zu sprechen zum Gewinsel machte.
    Sara erhielt die erste Nachricht von L***'s Ankunft in der Gegend durch den
alten Bertier. In der Art, wie er sie ihr mitteilte, hätte sie seine ganze
Guterzigkeit lesen können, wenn sie nicht schon ein gewisses Mistrauen gegen
ihn in ihrer Seele hätte Wurzel fassen lassen. Das höchst zweideutige Licht, in
welchem L*** von neuem erschien, brachte den rechtschaffnen Alten auf, und
erfüllte ihn mit bittern Sorgen über den Gang der Zukunft; aber in dem nämlichen
Grad, wie er L*** misbilligte, beklagte er Sara's Schiksal. Er hatte sie so
lange geliebt, und nicht, weil sie seine Liebe weniger verdiente, war er jezt
unzufrieden mit ihr, sondern weil sie nicht für seinen Roger so liebenswürdig
war. Er sagte ihr fast störrig, um nicht betrübt zu scheinen, L*** sei
angekommen, und eben zur rechten Zeit, um einem Eindruk vorzubeugen, der seinem
Hause nicht zur Ehre gereiche; er erzählte ihr sodann, was sich am Abend des
Bundesfestes ereignet hatte, und wie man erstaunt gewesen war, in dem Anführer
der Unruhstifter einen Menschen zu finden, der, wie die ganze Gegend um C**
wusste, zu L***'s Hauswesen gehörte. Bedenklich sezte er hinzu: Sara, der Vater
Ihres Kindes soll unter meinem Dache geehrt werden, den Mann, von welchem Sie
Ihr Glük erwarten, hoffe ich rechtschaffen und gut zu finden; aber aus Schonung
für Ihren alten Pflegvater, gehen Sie vorsichtig zu Werke! Bis ich nicht
überführen kann, habe ich keinen Verdacht; aber sehen Sie um sich, wie seine
Genossen unsern armen Brüdern Zutrauen und Gewissensruhe rauben - diesen müssen
Sie es verzeihen, wenn sie nicht so nachsichtig sind.
    Man seze sich an Sara's Stelle, um von ihren Empfindungen bei diesen Worten
zu urteilen. Sie, die dennoch Entehrte, so rein ihr Herz sich fühlte, so
zärtlich ihre Freunde sie schonten, sie, die Einsame, Verwaisste, durch Mistrauen
Vereinzelte, sie sah nun auf einmal den lang ersehnten Augenblick vor sich; ihres
Schiksals Gebieter, ihr Gatte, ihres Kindes Vater war da; jeder Augenblick konnte
ihn in ihre Arme führen - sie hörte halb erstarrt Bertiers Rede an, hörte
anfangs nur die Nachricht von L***'s Ankunft, dann fühlte sie einen Augenblick
bloss den Schmerz des Tadels, der wieder auf ihn fiel; dann erinnerte sie sich,
wie es damals war, da ihr Haus verbrannt wurde, wie ihr Vater damals auch auf
L*** gezürnt, und sich hernach doch seiner Führung überlassen hatte. Alles
stritt und wälzte sich in ihrem Kopfe: Unwille über den redlichen alten Bertier
, Liebe, Angst, Ungeduld, und endlich weibliche, mütterliche Zärtlichkeit, die
über alles siegte. Lächelnd und mit perlenden Tränen eilte sie zu ihrem Kinde,
weinte laut, schwazte der Kleinen vom Vater, kleidete sie, war von ihrem
Liebreiz überzeugt, und schmükte sie von neuem, und schmükte sich selbst, und
neue Tränen und Schaamröte überflossen ihr Gesicht, wie sie ihr Halstuch um
den mütterlichen Busen schlang. Wollust, und inniger Schmerz, und züchtige
Furcht, ob das Weib ihm so reizend scheinen möchte wie das Mädchen, kämpften in
ihrer Seele. Endlich fiel ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Greis, der unruhig
aus- und eingieng, und sie zuweilen tiefsinnig ansah. Sie ergriff seine Hände:
jezt kein Mistrauen! Vater, nach so langem Leiden, lassen Sie mir einen
Augenblick Kinderglück - o ich werde allein die Weise gewesen sein, denn ich
glaubte der Liebe! sezte sie begeistert hinzu, und hob die nassen schönen Augen
zum Himmel, mit der Zuversicht einer Märtirerin, welcher die göttliche Glorie
entgegenstrahlt. Der Alte hörte ihr ernst zu: Gott gebe es, meine Tochter! und
indem er ihr sanft die triumphirende Stirne küsste, fuhr er leise, wie zu sich
selbst sprechend, fort: Könnte ich allein fallen, für dich und ihn! - Er schwieg
erschüttert, und eilte von ihr. Aber die Stunden vergiengen, der Abend brach
ein, und L*** kam nicht. Mehrmals erwachte die Kleine, und weinte, und Sara
ängstigte sich, er möchte nun gerade jezt kommen, da sie weinte; schnell reichte
sie ihr die reizende Brust, und glühte bei dem Gedanken, dass er jezt
hereintreten, und das Kind an ihrem Busen finden könnte. Endlich wandelte sich
die zarte Glut der Liebe auf ihren Wangen in ein tieferes Rot, indem ihr Herz
von peinlicher Erwartung hoch aufklopfte; bei jedem neuen Schlag der Dorfuhr,
nachdem sie schon bang die Sonne hinter die Hügel sinken gesehen hatte, zog es
sich krampfhaft zusammen; jedes ferne Geräusch machte sie stuzen, sie lauschte,
und zürnte innerlich, so oft einer der Hausgenossen in das Zimmer trat, und doch
sang sie selbst sich mit unsichrer Stimme etwas vor, um die bleierne Zeit zu
betrügen. Aber auch ihre Stimme verstummte in der immer zunehmendenden Stille;
die Dunkelheit liess sie auf den Weg hin, und den Hügel hinauf nichts mehr
erbliken, mit trüben Augen und eiskalten Händen fasste sie ihren Stuhl an, und
rükte ihn weit weg vom Fenster an das Bett ihres Kindes. Sie fürchtete sich vor
dem Augenblick, da der alte Bertier zu ihr zu kommen pflegte, denn sie musste
dann ruhig scheinen, und sprechen - doch plözlich hörte sie einen Knecht im Hofe
reden, und auf die Treppe zugehen - bald war es ihr, als ob ein ruhiger leiser
Schritt sich ihrer Türe nahte - sie zitterte - die Türe ging auf, und - L***
stand im Zimmer. Nach einem flüchtigen Blik auf die Gegenstände umher, die
spärlich erleuchtet waren, weil die herzliche Mutter einen Lichtschirm gegen die
Wiege gekehrt hatte, flog er auf sie zu; von Entzüken überwältigt, vermochte sie
es kaum, ihm ein Paar Schritte entgegenzuwandern, und er empfieng sie in seine
Arme. - O sie hätte diese Stunde noch ungetrübt geniessen können! noch war ihr
Gewissen rein von Unrecht, noch hatte keine wilde Leidenschaft ihr Inneres
verwüstet! Hätte dieser Mann die Stimme der Menschheit und Natur noch hören
können, so wäre diese Stunde die erste von Sara's Glük gewesen. Reizender als
je, rein, treu, und ehrwürdig neben dem Zeugen ihrer Schwäche, lag jezt das
holde Weib in seinen Armen; sie erwartete alle ihre Seligkeit von seiner Hand,
er hatte alle Verantwortung ihres Glükes auf sich genommen, da er sie zu seinem
Eigentum machte - warum erwiederte sein Blik, sein Kuss, selbst sein Entzüken
nicht das kindliche Zutrauen der wonnetrunknen Sara? Die Natur siegte zwar einen
Augenblick, wie die von Freude zitternde Mutter ihm das schlafende Kind
hinreichte, wie es ruhig atmend das Köpfchen an seine Brust sinken liess, und im
Vaterarm fortschlummerte, wie Sara aufrief: O es zeigt mir, dass diese Brust mir
noch treu ist! Klopfte sie nicht für mich, es würde erschroken aufwachen. - Sie
schmiegte sich nun an ihn, ihr Auge blizte unter Tränen, ihr kindliches Gemüt
liebkosste ihn lange spielend, und in ihre eigne Freude vertieft, ohne den
Ausdruk seines Gesichts auszulegen. Endlich musste sie seinen unruhigen Blik,
seine ungleiche Stimme, sein öfteres Verstummen wahrnehmen; sie musste fühlen,
dass er über diesen seligen Augenblick hinaus dachte. Sie fragte, und ihr süsser
Ton, der Reiz ihres ganzen Wesens riss ihn wieder zur Heiterkeit hin; er wollte
antworten, und dann verwirrte er sich wieder in seinen eignen dunkeln Gedanken.
Sie erfuhr endlich so viel, dass er von unangenehmen Geschäften verfolgt, alles
abgebrochen habe, um sich über ihre Lage zu beruhigen, ehe ein neuer Strom von
Begebenheiten ihn auf noch längere Zeit von ihr fortrisse. - Diese lezten Worte
durchschauderten das zärtliche Weib; sie hielt ihn mit beiden Händen fest, als
wollte sie ihn der ganzen Welt streitig machen, und beteuerte, keine Wendung
der Umstände, keine Bürgerpflicht sollte sie mehr von ihm entfernen. Die Furcht
vor einer neuen Trennung überwand ihre zärtlich stolze Schaam, mit dem
feierlichsten Ernst forderte sie L*** auf, sie nun in den Besiz des Rechtes, an
seiner Seite zu leben, einzusetzen. Deine Treue, sezte sie mit dem Ausdruk der
innigsten Liebe hinzu, will ich nicht binden, die sichert mir dieses Herz zu,
das jezt an deinem schlägt; aber jener schlummernde Engel fordert einen Vater,
der ihn vor der Welt anerkenne! Er wird seine Mutter nach ihrem Gatten fragen. -
Ein Strom von heissen Tränen überfloss ihre Wangen, die von Schaamröte glühten;
L*** drükte sie an seine Brust, und der wechselnde Ausdruk seines Gesichts
bewies, dass er nach Fassung kämpfte. Er konnte ihr endlich zureden, Leidenschaft
und Ueberredung ergossen sich von seinen Lippen, aber sein zweideutiger Blik lud
zu keinem Glauben ein, und in seinem ganzen Wesen war mehr Spannung als
teilnehmender Schmerz. Er stellte ihr vor, wie unmöglich bei seinem jezigen
Unternehmen die öffentliche Verkündigung der heiligen Verpflichtung wäre, die
seine Liebe und ihr Wert, auch ohne ihr Kind, ohne dieses teure Pfand seines
Glükes und ihres Vertrauens, ihm auflegten; wie pflichtwidrig er als
Staatsbürger handeln würde, wenn er, um ihre zärtlichen Besorgnisse zu heben,
sich zu dem Dienst seines Vaterlands unfähig machte, indem er durch die Wahl
seiner Gattin seiner Partei Mistrauen einflösste. Er verwirrte nun Sara's banges
Gemüt durch ein scheussliches Gemälde, das er ihr von den Absichten der
Bundesbrüder ihres alten Freundes entwarf, und er wusste künstlich seiner Sache
den schönen Schmuk der Freiheit und der Vaterlandsliebe anzulegen. Bertier
sprach er von allen bösen Absichten frei, er nannte ihn einen edeln Schwärmer,
der um einige Menschenalter zu spät lebte. Seine reine Römertugend, sagte er,
wird von den Bösewichtern, die ihn umgeben, gemisbraucht, und er wird endlich
ihr Opfer sein; denn ihnen ist Redlichkeit ein Gräuel, sie rechnen ihm den
Schuz, den er dir und meinem Kinde gewährt, zum Verbrechen an, und wenn ich es
nicht über dich vermag, dass du mir ohne Bedingung folgst, so kannst du über den
alten Mann die blutige Rache seiner eignen Rotte ziehen. - Die Arme war nun in
ein Meer von Zweifeln gestürzt, die zu lösen ihre Erfahrung nicht hinreichte;
und in dieser bangen Stimmung musste L*** sie für diesen Abend verlassen. Es ward
ihm schwer: oft wollte er gehen, und seine Unruhe und ihr Schmerz führten ihn
zurück; er kniete lange vor ihr, während dass ihre Tränen auf ihr lächelndes Kind
herabfielen, das auf ihrem Schoss spielte; Liebe und finstre Unentschlossenheit
wechselten in ihm, und umsonst rief ihn Sara's holde Stimme zum unbefangnen
Genuss dieses Augenblikes auf, der ihn zwar fesselte, aber nicht erheiterte. Nach
seinem Abschied suchte sich Sara zu sammeln, er hatte ihr versprochen den
folgenden Abend wieder zu kommen, und sie wünschte, seine Plane dann mit frohem
Herzen annehmen, oder widerlegen zu können. Sie musste ihm folgen, ohne in den
Augen der Welt sein Weib zu sein, oder sie musste bleiben, und ihren ehrwürdigen
Pflegvater in Gefahr setzen; denn jezt reihte sie L***'s Wink, und des alten
Mannes lezte Worte zusammen, und zitterte für des Greises Sicherheit. Diesen
Abend tat Bertier keine Frage an sie; er blikte ihr gütig forschend, aber
schweigend in's Auge, das sie bei diesem Blik, in welchem der ganze Friede der
menschenfreundlichsten Tugend glänzte, wehmütig niederschlug. Den andern Tag
bat er sie, ihrem alten Freund ihre Freude mitzuteilen, wenn sie froh wäre, und
ihren Schmerz nicht zu verhehlen, wenn der Besuch ihres Gatten sie betrübt
hätte. Dieser Ton, dieser Ausdruk erwekte das Zutrauen der unentschlossnen Sara,
sie entdekte ihm ihre Zweifel und ihre Besorgnisse, verschwieg aber aus Schonung
oder Vorsicht, und weil die Sache ihr in diesem umfassenderen Gesichtspunkt
nicht am Herzen lag, das abschrekende Gemälde, das ihr L*** von Bertiers Partei
gemacht hatte. Wie sie mit ihrer Erzählung zu Ende war, schwor der Alte mit
bittrer Heftigkeit, dass er sie nie anders, als wie L***'s anerkannte Gattin aus
seinem Hause lassen würde - ja, mein Leben, rief er, mag ihr Opfer werden, denn
er mag der Helfershelfer mehr haben, die meine eignen Brüder, die diese
ehrlichen Landleute, welche mich zehn Jahre lang liebten und achteten, gegen
mich aufhezen; aber so lange diese Augen sind, soll meines Rogers Liebe nicht
seine Beute sein. Nein Sara, er hat die Rechte deines Gatten, oder gar keine;
und dann mache ich die meinen geltend. Ich will ihn heute selbst sprechen. -
Diese Erklärung konnte die verscheuchte Sara nicht beruhigen, sie sah dem
Gespräch der beiden Männer mit Angst entgegen, und hatte keine Klarheit in ihre
Seele bringen können. Die bittre Herabwürdigung, mit welcher Bertier von dem
Abgott ihres Herzens sprach, flösste ihr von neuem eine geheime Entfernung gegen
den Greis ein; sie bereute es, ihm nicht alles verschwiegen zu haben, sie warf
sich das Vertrauen, das sie ihm gezeigt hatte, als einen Verrat an L*** vor,
und eilte bei seiner Ankunft seine Verzeihung zu erhalten. Er war heute froher,
und dem Glük des Wiedersehens offner. Anfangs schien er über Bertiers Absicht,
mit ihm zu sprechen, verlegen; bald aber schalt er Sara lachend über die
Ehrensache, die sie ihm angestiftet hätte, und versicherte ihr, wenn ihr Herz
ihm genug traute, um als treue Gattin ihm zu folgen, eh eine müssige Cäremonie
es ihr zur Pflicht machte, so stünde er dafür, auch des alten Mannes
Einwilligung zu erhalten. Sara seufzte, blikte auf den verführerischen Mann, aus
welchem heute Leben und frohe Zuversicht sprach, und wähnte in seinem unstäten
Auge nichts als Liebe zu lesen.
    Der alte Bertier liess L*** bitten, auf sein Zimmer zu kommen; so kurz ihre
Unterredung war, so empfand Sara dennoch die peinlichste Unruhe, bis sie beide
zusammen hereintreten sah. Sie richtete ihre Augen fragend auf L***, der mit
erhitztem, aber freudigem Gesicht ihre Hand ergriff; ehe er noch sprechen konnte,
kam Bertier ihm zuvor, Unwille und tiefe Traurigkeit lag in seinen Zügen. -
Sara, sagte er, dieser Mann hat mich überzeugt, dass meine Ansprüche den seinigen
nachstehen müssen; er hat mich überzeugt, dass nur das würkliche Eintreffen
dessen, was ich fürchte, mich berechtigen könnte, Sie von dem Vater Ihres Kindes
zu trennen. Also nichts mehr davon! Ich kann seine Rechte nicht schmälern, wenn
Ihr Wille sie heiligt; ziehen Sie mit ihm - er richtete seine trüben Augen gen
Himmel: Verzeih mir, unglücklicher Vater, dass ich hier meine Verpflichtung
aufhören lasse! Aber noch einmal wende ich mein väterliches Ansehen an, hören
Sie mich, Sara - Ihnen, mein Herr, fuhr er fort, indem er sich gegen L***
wandte, kann, was ich sagen werde, gleichgültig sein, sobald Sie rechtschaffen
sind; wo nicht, so wäre es unrecht, es bloss hinter Ihrem Rüken zu sagen. Der
Mann, Sara, dessen unzusammenhängenden Gründen, gegen Sitte und Gesez zu
handeln, Sie nachgeben, ist der Feind seines Vaterlands und der Verräter seines
Volks; wer die Sache der Freiheit verrät, wird sich nicht scheuen, die hülflose
Unschuld aufzuopfern! Suchen Sie sich vor Verzweiflung zu schüzen, wenn der
Erfolg meinen Argwohn rechtfertigt. So kunstvoll er ist, kann er Sie nie
erniedrigen, solange Sie nur von ihm betrogen, und nie seine Mitschuldige sind.
Gott erhalte Ihr Gewissen rein! Herr von L***, ob Sie mich Ihrer Politik oder
Ihrer Rache opfern, gilt mir gleich; ungewarnt sollte sie nicht aus meiner
Pflege - Mit diesen Worten, indem er noch einen festen ruhigen Blik auf L***
heftete, entfernte sich der Greis. Sara blieb, ein Bild des Entsetzens, wie
angezaubert stehen; des grausamen Alten Beschuldigungen umwölkten die reine
Glorie nicht, in welcher L*** ihrem liebenden Herzen erschien; aber fürchterlich
ergriff es sie, den Mann, den sie über alles ehrte, so hartnäkig verfolgt und
angefeindet zu sehen. L*** führte schnell den gefährlichen Schwindel ihrer
Gedanken vorbei, der doch endlich in Zweifel an ihm hätte übergehen können; er
nahm sein Kind in seine Arme, und fragte sie ernst und eindringend: mein Weib,
sagt dir nicht Pflicht und Natur, dass du mir mehr vertrauen musst, als dem
traurigen Parteigeist dieses kühnen Alten? Ich betrog dich noch nie, und werde
dich nie betrügen; misverstand deine ehrwürdige Unerfahrenheit auch zuweilen
meine Worte, so war dir meine Liebe doch immer deutlich, und von dieser
erwartest du ja dein Glük, nicht von dem Einfluss meiner äusseren Lage, nicht von
den politischen Verhältnissen, die Bertier so hinterlistig auszulegen sucht. -
Sara musste in diesem Augenblick dem Glük ihres Lebens, dem Glauben an seine
Redlichkeit entsagen, oder mehr wie je hingegeben, in ihm alle ihre Erwartungen
von Frieden und Seligkeit vereinigen - konnte sie da wohl anstehen? In dem
lezten Zeitpunkt von ihres Vaters Leben, und seit seinem Tode hatte Einsamkeit,
Liebe, Kummer, sie gegen alle Unterschiede der Parteien und gegen ihre Absichten
sehr gleichgültig gemacht. Die Sache der Freiheit und der Gleichheit konnte zwar
nicht anders als ihr teuer bleiben, allein war L*** denn ein Bundsgenosse der
Gegner dieser Sache? Bei dieser Frage war es ihr jezt unmöglich zu verweilen,
sie wollte nichts als sich aus der hülflosen Ungewissheit retten, in welcher ihre
Trennung von dem Geliebten sie hielt, sie wollte dem Manne gehören, für welchen
sie Rogers Liebe, Bertiers Vertrauen verloren hatte - ach und einen noch
teuerern Kaufpreis durfte sie sich um ihrer Ruhe willen nicht nennen, aber der
Gedanke an die Todesstunde ihres Vaters rief ihr diesen doch unzähligemal zu -
Diesem Mann, der ihr nun alles war, wollte sie gehören, und Vertrauen auf ihn
konnte sie allein beglücken. L*** wusste diesen fantastischen, gleich weichen und
starren Sinn zu behandeln: durch ein Spiel der Empfindung beruhigte er ihren
Verstand, und durch Ermahnungen an ihren Verstand fesselte er wiederum ihr
weiblich schüchternes Herz. Kaum war einiger Zusammenhang in ihre Unterredung
gekommen, so sprach er ernst und fast gebieterisch über die Pflicht, welche jezt
mehr wie jemals den Weibern obläge, sich vor leidenschaftlichen Meinungen über
öffentliche Vorfälle zu hüten. Er äusserte den entschiedensten Widerwillen gegen
allen politischen Geist an Weibern; er bat sie, niemals, was auch geschehen
möchte, den zärtlichen Gatten mit dem Geschäftsmann zu verwechseln; er stellte
ihr mit den reizendsten Farben der Liebe und Schmeichelei das Glük vor, sich bei
ihr auszuruhen, zu erholen, an ihrer Seite Mensch zu sein, wenn er allentalben
nur das Gespenst der Politik vor Augen gehabt hätte. Sara fühlte nicht das
Einseitige seines Raisonnements, sie fühlte nur die Wonne der häuslichen Scenen,
die L*** ihr schilderte, sie ergab sich mit glühendem Herzen in den Willen ihres
Gebieters, und hatte nie eine Ausübung der Herrschaft gekannt, die so süss
gewesen wäre als die Anerkennung dieses Gesezes.
    Zwischen Bertier und Sara war in der darauf folgenden Zeit von L*** nicht
mehr die Rede; doch nahm in den wenigen Tagen, die dieser noch in der Gegend
zubrachte, während deren der Prozess des Kirchenschänders geendigt wurde, des
Alten Unmut sichtbar zu. Sara hatte von L*** alle nötigen Mittel und
Anweisungen bekommen, um sich unterdessen zu ihrer Abreise zu bereiten. Ihr Herz
war bei diesen Veranstaltungen zwischen Unruhe, Sehnsucht und Kummer geteilt.
Sie getraute sich nicht mehr, in der Gegend umherzugehen; bei jedem Denkmal
ihrer früheren Jugend beklemmte ahnungsvoller Schmerz ihren Busen. Oft stieg sie
bis auf den Hügel, der zwischen Bertiers Haus und dem Gut ihres Vaters lag, und
blikte auf die Trümmer ihrer ehemaligen Wohnung; dann sah sie rechter Hand über
die Wiese hin, wo Roger sie von dem wütenden Stier rettete, dann irrte ihr Auge
in die Ferne, und überall traf es auf Spuren ihres verschwundnen Glükes. Wenn
sie nun träumte, welche Zukunft ihr Vater für sie gewünscht, erwartet hatte, und
dem Pfad hinabfolgte, auf welchem sie nun wandelte, so schienen ihr alle Fäden
zwischen der Vergangenheit und der Zukunft abgeschnitten, sie schien sich ein
ganz verschiednes Geschöpf von der Sara, die in den Schatten jener Ulmen
aufblühte, und es war ihr, als erblikte sie ihr zitterndes wandelndes Bild in
den spielenden Wellen eines Stroms: jezt wirft die Welle einen Teil der Gestalt
zurück, ein andrer fliesst dahin, das Auge will den Umriss verfolgen, und verliert
sich in den schwimmenden Zügen, immer ist die Gestalt dieselbe, nie ist sie es
ganz. - Trüb und mit schwerem Herzen kehrte sie dann zurück, und ging sie durch
den Garten, so erkannte sie überall Rogers liebende Sorgfalt, hier eine
Rosenheke, die er für sie angelegt hatte, dort einen Mandelbaum, von dem er ihr
Früchte brach. - So irrte sie einst bis in einen kleinen Schoppen, wo er eine
ganze Schreinerwerkstatt hatte. Als Kinder hatten sie oft hier gesessen; die
Brüder, wie Teodor und Roger damals hiessen, zimmerten dort Laubengeländer,
Nelkenstäbchen, und allerlei Spielereien; sie brachte ihnen in der Schürze ihr
Vesperbrod, Obst und Semmeln, und Teodor suchte ungestümm ihren Vorrat durch,
indes Roger ihr geschäftig seine Arbeit zeigte. Späterhin erhielt sie von Roger
manches Geschenk seiner Geschiklichkeit, Nähkästchen, Fussschemel, Blumenkisten.
- In diese Erinnerungen vertieft, sezte sie sich auf der Hobelbank nieder, und
ihr Blik fiel auf den oberen Teil eines kleinen Rollwagens, der unter den
Spänen verborgen stekte; sie sah zugleich auf einem Tisch vor sich ein Brett,
auf welchem ein Wagenrad abgezeichnet war, und Rogers Taschenbuch liegen, aus
dem er seinen Bleistift genommen hatte, der noch auf dem Brete lag. Roger hatte
einen ihrer flüchtigen Wünsche, einen kleinen Wagen für ihr Kind zu haben,
aufgefasst, er war fast damit fertig geworden - heisse Tränen stürzten aus ihren
Augen, bei diesem neuen Beweis seiner stillen innigen Sehnsucht, ihr Freude zu
machen. Sie hörte seine verzweifelnde Stimme, als er in der Abschiedsstunde
rief: nie, nie wird er sie lieben wie ich! - sie erschrak, nahm das Taschenbuch
zu sich, und eilte von diesem Ort hinweg, wo vorwurfsvolle Geister sie zu
umschweben schienen. Aus den zulezt geschriebnen Aufzeichnungen im Taschenbuch
sah sie, dass dieser Wagen ihn noch an dem unseligen Tage beschäftigt hatte,
welcher seinen Entschluss sich zu entfernen veranlasste.
    Wenige Tage nach L***'s Abreise kam eine ehrbare Frau, seine ehemalige Amme,
die seitdem in der Familie gedient hatte, und holte am frühen Morgen Sara mit
ihrem Kinde ab. Sie war davon benachrichtigt gewesen, und hatte den Abend vorher
von Bertier Abschied nehmen wollen; aber der Greis sagte zitternd: Schone mein
Alter! Vor vier und zwanzig Jahren nahm mir der Tod mein leztes Kind, ich
dachte, nur er würde dich mir nehmen. - Er schloss sich in sein Zimmer ein, wo
Sara die ganze Nacht Licht sah. Sie stieg von Schmerz betäubt in den Wagen; wie
der Knecht die Hofpforte hinter ihr zuschloss, schien ihr die eherne Pforte der
unwiederbringlichen Vergangenheit in ihren Angeln zu klirren, sie schlug die
gefalteten Hände über ihre Augen zusammen, und schluchzte halb von Sinnen: Auch
dieses um deinetwillen! - -
Sie sah die Gipfel ihrer vaterländischen Hügel vor ihren Bliken verschwinden,
und es war ihr, wie einem armen Verwiesenen, dem jenseits des Weltmeers eine
Existenz angewiesen wird. Das Mutterland ist verödet für ihn, er war dort auf
der Menschen Geheiss bürgerlich todt, eh die Natur seine Laufbahn abgeschnitten
hatte; die weite See stellt sich zwischen ihn und den Schauplaz seines
ehemaligen Daseins, aber weder seine stürmenden Wogen noch seine plätschernden
Wellen waschen das Bild der zerstörten Vergangenheit aus, sein Geist umirrt ewig
die verbotne Stätte, wo er lebte, litt, und genoss. Je fremder für Sara die
Gegenstände um sie her wurden, desto unmöglicher wurde es ihr, ihr Kind aus
ihren Armen zu geben; ihre Begleiterin stellte ihr umsonst vor, wie sehr sie
sich ermüdete, sie beobachtete das Weib mit scheuer Aufmerksamkeit, und wünschte
allein weinen zu können. Marton hatte nichts Widriges, und sie behandelte ihre
neue Herrschaft mit aller Ehrerbietung; aber sie war die erste fremde Person,
bei welcher Sara die Verlegenheit empfand, sie von ihrer ganzen Lage
unterrichtet zu glauben, und der gleichgültige Gehorsam gegen ihres Herrn Befehl
war die Triebfeder ihres Betragens, keine Teilnahme an Sara, an ihrem Kinde.
Beim Eintritt in Paris nahm Sara's Beklemmung zu: hier war also ihre Bestimmung,
hier ihrer Liebe Lohn und Glük ihr aufbewahrt; in diesem geräuschvollen
Labirint sollte sie L*** finden, ihn beglücken, unter Tausenden verloren nur ihm
leben; hier, um sie, neben ihr vielleicht musste Roger sein, aber sie konnte
nicht erwarten ihn zu sehen; hieher konnte auch Teodor zurückkommen, und keines
von ihnen beiden würde wissen, wie nahe sie einander wären!
    An der Barriere wurden sie von einem bescheiden gekleideten Bedienten
empfangen, der sie in die Gegend der Honoré-Strasse begleitete, wo Sara in einem
ungeheuer grossen Hause eine zwar einfach, aber sehr zierlich eingerichtete
Wohnung fand. Der Bediente überreichte ihr bei ihrem Eintritt einen Zettel von
L***, der das zärtlichste Willkommen entielt, und ihr seinen Besuch für den
Abend versprach. Sara's Gedanken verwirrten sich in der Neuheit ihrer Lage. Sie
hatte noch nie in einer Stadt übernachtet, sie hatte nur einmal in Saumür einer
Nonneneinkleidung beigewohnt, und war aus dem Klostersaale wieder in den Wagen
gestiegen; sie war gewohnt, mit allen Menschen, die sie umgaben, wie mit ihrer
Familie zu leben, in aller herzlichen Einfalt, Teilnahme und Gastfreiheit
patriarchalischer Sitten; Liebe oder Hülfsbedürftigkeit war das Band zwischen
ihr und allen Wesen ausser ihr gewesen, von allen hatte sie empfangen, oder
ihnen gegeben. Als Kind hatte ihr der Nachbar über den Steg geholfen, als
aufblühendes Mädchen hatte sie den Hochzeitstrauss für eine Tochter gepflükt, bei
deren erstem Kinde Teodor, kurz ehe er aus dem väterlichen Hause entwich,
Taufzeuge geworden war. Jede Hütte im Dorfe hatte sie neu erbauen, veralten,
oder ausbessern sehen; bei manchem Baum, von welchem sie ihrem Vater Früchte
brach, erinnerte sie sich, Antoinetten abgewehrt zu haben, dass sie ihn nicht mit
ihren schwachen Händchen schüttelte - Wo war sie jezt? Dieser ganze weite
Häuserhaufen, dieses zahllose Volk umher, dieses Gewühl auf den Strassen, das in
der einbrechenden Dämmerung dahin wogte, alle diese fremden Gestalten, die ihr
ungeübtes Auge doch immer mit ehemals gekannten zu vergleichen versucht war -
Bald glaubte sie Roger an dem festen schnellen Gang eines jungen Nationalgarden
zu erkennen, dann bemerkte sie eine zierliche leichte Figur, die auf einem
raschen Pferde daher eilte: so ritt Teodor, so schien die Schnelligkeit seines
Rosses der über alle seine Bewegungen verbreiteten Ungeduld noch nicht Genüge zu
tun. Die Nacht verhüllte ihr nun die Gegenstände, ihr Kind schlief, Marton, die
mit L***'s verstorbner Mutter mehrmals in der Hauptstadt gewesen war, hatte,
nachdem sie ausgepakt, tausend Fragen an den Bedienten zu tun, und plauderte
mit ihm im Vorzimmer. Sara fieng an, sich ängstlich einsam zu fühlen: sie war,
mitten unter Menschen, wie auf einer wüsten Insel, und bei ihrer Unkunde des
Bodens, bei ihrer furchtsamen Fremdheit, in ihrem Zimmer sichrer eingesperrt als
in einem Gefängnis. So oft sie jemanden an dem Haus klopfen hörte, erschrak sie;
denn L*** konnte es noch nicht sein, und jedes neue fremde Geschöpf unter Einem
Dache mit ihr, ängstigte und störte sie. Sie hörte indes, wie sie über das
Vorzimmer ging, eine weibliche Stimme zu einem Kinde sprechen, das ihr auch in
einem herzlichen Ton antwortete, und dies war der erste beruhigende Laut, den
ihr Ohr vernahm: sie wusste doch ein weibliches Geschöpf in der Nähe, das auch
Mutter war, das also wenigstens Ein übereinstimmendes Verhältnis mit ihr hatte.
Noch vor dem erwarteten Augenblick riss sie L***'s Ankunft aus der bangen
Einsamkeit; er umfasste sie mit Entzüken und Dank, er fragte mit der zärtlichsten
Besorgnis nach allen Umständen ihrer Reise, nach seinem Kinde, detaillirte ihr
die Einrichtung ihres Hauswesens, das Einkommen, welches er ihr bestimmte, ging
mit einer bürgerlichen Einfachheit in alle Kleinigkeiten ihrer Lage, in die
Bedürfnisse ihres Kindes ein, und schien bloss zärtlicher Gatte und Vater. Er
schloss die Schränke auf, die Sara noch nicht berührt hatte, liess lachend in
einem derselben einiges Silbergerät, das er mitgebracht hatte, aufheben, und
übergab ihr ein Verzeichnis des Leinenzeugs, das sie finden würde - Sara, sagte
er, ich hätte dich aus deiner ehrwürdigen Sitteneinfalt reissen können, ich
hätte dir, ohne den Namen meiner Gattin, den mit diesem Namen verbundnen Glanz
und Luxus geben können; aber so würde ich dich wie eine Maitresse behandelt, und
mein ganzes Glük zerstört haben. In dieser Lage fand ich dich, betete ich dich
an, in dieser Lage vertrautest du mir, lehrtest mich die Freuden der Menschheit
kennen; in dieser Lage bist du mein bürgerliches Weib, und von Geschäften, von
Sorgen ermüdet, fliehe ich zu dir - Er schien tiefsinnig zu werden, und drükte
sein Gesicht in ihre Hände. Könnte ich wahrhaft, ungeteilt hier mein Leben
geniessen! sezte er halb in sich gekehrt, halb zerstreut hinzu. Sara war von
diesen lezten Worten gerührt und - sich selbst vielleicht unbewusst -
aufgeschrekt. Wahrhaft, ungeteilt? wiederholte sie mit einer Art von
Aengstlichkeit. Seine Liebkosungen zerstreuten ihre Unruhe, und die wenigen
Worte, mit denen er sich über seine sonstige Lage ausliess, legten ihr wie
gewöhnlich Stillschweigen auf, indem sie von neuem ihre Besorgnisse wegen
endlichen Ausgangs so geheimnisvoller Geschäfte bei ihr erregten. L*** bat sie,
mit niemanden im Hause Umgang zu haben, er forderte mit zärtlicher Zuversicht
und männlichem Ernst von ihr, sich niemanden anzuvertrauen, weil die traurige
Ungewissheit ihrer äusseren Lage, sie sonst aussetzen würde, da hingegen bei einer
völligen Eingezogenheit es selbst der frechsten Neugierde der Nachbarn nicht
einfallen würde, in einer so eingeschränkten Lebensart etwas anders als eine
Offiziersfrau, oder die Gattin irgend eines Deputirten zu vermuten. Marton
unterbrach ihr Gespräch mit der Nachricht, dass das Abendessen bereit sei, und
fragte Sara zugleich nach dem Gedek; freudig errötend wies ihr diese L***'s
Geschenk an, worauf er sie in ein kleines Zimmer führte, dessen Fenster auf
einen langen Hof ging, welcher mit bewohnten Gebäuden rings umgeben war. Heute,
meine Liebe, hat Marton unsern Geschmak zu erraten gesucht, sagte L*** mit
heiterer Vertraulichkeit, indem er sich mit ihr zu der einfachen Mahlzeit
niedersezte; aber fortan übernimmst du deine Wirtschaft, und wenn deine Mittage
einsam sind, so denkst du, dass dein bürgerlicher Freund alle Abende wenigstens
um acht Uhr nach Hause eilt. - Ihr Abendessen war ein wahres Hochzeitmahl, durch
Zärtlichkeit, Neuheit des Verhältnisses, und Ahnung einer seligen Zukunft in
Sara's entzüktem Herzen; und doch glich es, durch Einfachheit und beschränkten
Genuss, dem stillen Beisammensein eines lang vertrauten häuslichen Paares. Gegen
zehn Uhr erwachte die Kleine; ehe Sara aufstehen konnte, eilte L*** hin, brachte
sie der Mutter herüber, und wie diese sich mit ihr entfernen wollte, rief er mit
feurigen Augen, und einer von Liebe und Sehnsucht gedämpften Stimme: o meine
Sara, lass mir, der ich so viel entbehre, jeden möglichen Genuss, jede süsse
Täuschung! Ich sah mein Kind noch nie an der Brust meines Weibs - Er hatte sie
an ihren Siz zurückgeführt, er zog mit Bliken, die eben so viel Ehrfurcht als
Liebe ausdrükten, einige Nadeln aus ihrem Halstuch, und begnügte sich dann, ihre
Hand an seine zitternden Lippen zu drüken, indes sie das kleine Geschöpf
umschlang, das seinem Vater bald gierig den schönen Busen entzog. Sara vermochte
keine Worte zu finden, bei allen den neuentzükenden Empfindungen, in welche sie
der Zauber, den L*** um sich her zu verbreiten wusste, versenkt hatte; stumm
beugte sie ihr holdes Gesicht zu dem Geliebten herunter, und ihr nasses Auge
blikte dankend gen Himmel, und schien ihres Vaters Geist zum Zeugen einer so
reinen Glükseligkeit aufzurufen. L*** verliess sie nach zehn Uhr in Sehnsucht,
Dankbarkeit und freudiger Hoffnung auf den morgenden Tag; er verliess sie in einer
Stimmung, deren stiller, inniger, und doch an Wehmut gränzender Friede das
weiche, schwärmerische Herz des guten Weibs völlig von allen ehemaligen Banden
losriss, und sie ihm unbedingt übergab.
    So verlebte sie eine Reihe von Tagen, deren Genuss sie verdiente, und die nur
reinen Seelen, wie die ihrige damals war, aufbewahrt sein sollten. Ihr Kind, ihr
kleines Hauswesen beschäftigte sie den Morgen, den übrigen Tag brachte sie mit
ihrer Handarbeit, oder mit Büchern zu, an denen ihr Geliebter es ihr nicht
fehlen liess; und sobald die Abendlüfte es gestatteten, fuhr sie mit Marton bis
in's Freie, wo sie dann zu Fuss umherirrte, bis zu dem immer ersehnten Augenblick,
da sie nach Haus eilte, um den Abgott ihres Herzens zu empfangen. Die trüben
Wolken, die sie oft auf seiner Stirne sah, zerstreute ihre unerschöpfliche
Liebe, und sie wusste ihm Dank für den geheimen Schauder, der ihn meistens
befiel, wenn sie in hingegebner Innigkeit von dem Zeitpunkt sprach, wo kein
trauriges politisches Verhältnis ihm mehr eine doppelte Art von Existenz, in dem
öffentlichen Leben und in seinem häuslichen, aufzwingen würde - denn so wenig
Stunden er nur bei ihr zubringen konnte, so nannte er ihre Wohnung doch immer
seine Heimat - wenn sein Auge bei diesen Äusserungen von ihr abglitt, und
umherirrte, als suchte es einen festen Blik, verbarg sie zärtlich ihr Gesicht an
seiner Brust, und bat ihn, die unersättliche Begierde nach Glük ihr zu
verzeihen: denn mehr Seligkeit, sagte sie, zu geniessen, als du mir jezt
schenkst, mein Geliebter, ist kaum möglich; es kann deren mehr geben, dennoch
aber würde ich bei jedem Wechsel erzittern. Wenn ich dich umfasse; wenn du mir
zusprichst, wenn du unser Kind liebkosest, so möchte ich in jedem solchen
Augenblick mein ganzes Leben zusammendrängen; es könnte nicht schöner verfliessen
- L*** schien sich bei diesen Worten zu erheitern: Möchtest du immer so denken,
mein Weib! möchte nie das Streben nach einem andern Glüke uns vernichten! -
    Sie hatte ihn gleich bei ihrer Ankunft nach Teodor gefragt, und erfahren,
dass er seit seiner Heirat im Ausland wäre; von Roger hatte L*** zuerst mit ihr
gesprochen, er hatte das Opfer von ihr verlangt, ihn nicht zu sehen - Unter
andern Umständen müsste er unser Bruder sein, sagte er mit edler Wärme, aber als
Bertiers Glaubensgenossen würde ich ihn jezt vermeiden, wenn auch die Art
seines hiesigen Aufentalts, unter einem Schwarm junger Leute, welche der
öffentlichen Ruhe im Weg stehen, seinen Besuch bei meinem Weibe nicht ohnehin
unstattaft machte. - Sara fühlte das Gewicht dieser Gründe, und freute sich,
dass Paris so gross wäre, einer solchen Entfremdung das Unnatürliche zu benehmen.
Eines Abends in den ersten Tagen des Augusts 1792. wurde sie durch muntere und
in zahlreichem Chor gesungene patriotische Lieder aufmerksam gemacht, welche aus
einem oberen Stock ihres Hauses herüber schallten. Es waren ihr bekannte Weisen,
die Roger oft gesungen hatte, und der harmonische Zusammenklang einer Menge
jugendlicher Stimmen vermehrte den lebhaften, halb wehmütigen Eindruk, den
einfache Musik immer auf sie machte. L*** traf sie über diesem Genuss, den sie
ihm zu teilen geben wollte. Aber nachdem er einige Augenblike aufgehorcht
hatte, rief er mit Heftigkeit dem Bedienten, und befahl ihm in Erfahrung zu
ziehen, wer diese Leute wären. Der Bescheid lautete, dass es der Bürger sei, der
den oberen Teil des Hauses bewohne, welcher heute einige Landsleute aus seiner
Provinz bewirte, die sich unter den Föderirten befinden - Ich habe nicht
gewusst, sezte der Mensch mit sichtbarer Verlegenheit hinzu, dass die Leute oben
aus Saumür sind, noch dass sie dergleichen Gesellschaften halten. L*** befahl ihm
mit einer Härte, die für Sara sehr unverständlich war, den folgenden Morgen zu
ihm zu kommen, weil er ihm Aufträge zu geben habe. Da die gute Sara fürchtete,
dieser Mensch, welcher viel Anhänglichkeit für sie zeigte, möchte bei der
Gelegenheit Verdruss haben, so suchte sie L*** scherzend von der Geringfügigkeit
dieses Zufalls zu überzeugen; sie sähe wohl ein, dass es unziemlich für sie sein
möchte, in einem Hause zu wohnen, wo junge Leute tränken, dies wäre ja aber nur
ein Familienfest - Und vielleicht ist Roger dabei, sezte sie gerührt hinzu; da
wird alles ehrbar zugehen. Mir war's würklich, als hörte ich seine Stimme bei
dem hübschen Liedchen - Sie war hier liebkosend um L*** beschäftigt, streichelte
seine Stirne, und küsste seine Augen, um sich von ein Paar hellen Tränen zu
zerstreuen, die sie bei Rogers Erwähnung in den ihrigen merkte, und die troz
ihrer Bemühung auf L**'s Gesicht fielen. - Meine arglose Sara, meine unschuldige
Taube, rief L*** bewegt; du weisst nichts, du ahnest nichts! Meine Arme sind
deine Welt, und du ahnest nicht, wie ich sorge, dich sicher in diesen liebenden
Armen zu erhalten. Die Stadt ist in einer Lage! die Gemüter sind in einer
Stimmung! - Mein Weib, ich habe dieses Haus unter Tausenden ausgesucht, damit
nichts, keine Gefahr, keine Anregung dieses bedenklichen Augenbliks dir zu nahe
käme; und jezt sehe ich mich betrogen - Erschrik nicht, meine Teure; vertraue
mir! Ich werde alle Gefahr von dir wenden. - So gleichgültig wie ihr der Vorgang
an sich schien, so machte er doch einen tiefen Eindruk auf Sara's Gemüt, und
sie fragte L*** dringend, wie lange diese Sorgen noch dauern möchten? wenn er
endlich die Menschen als Freunde, nicht als lauter Verschworne betrachten würde?
Aber er liebte diesen Gegenstand nicht, und er suchte Sara durch allgemeine
Beruhigungen davon abzuziehen.
    Das späte Auseinandergehen der Gäste, und eine kleine Unpässlichkeit ihres
Kindes, hielten Sara diesen Abend noch lange, nachdem L*** sich entfernt hatte,
in ihrem Esszimmer auf, dem einzigen, das auf den Hof ging. Wie es still zu
werden anfieng, bemerkte sie eine weibliche Stimme, die mit dem Ausdruk der
tiefsten Schwermut die Lieder wiederholte, welche die muntre Gesellschaft
vorher so lustig gesungen hatte. Der Kontrast zwischen einer gedämpften,
unendlich sanften Stimme, welche manchmal von Tränen zu stoken schien, und dem
kühnen Geist ihrer Lieder, hatte etwas so auffallendes als rührendes. Sara sah
hinaus, und erblikte zur Seite im Erdgeschoss, durch die Fenster, aus welchen die
Stimme kam, eine weibliche Gestalt, die eben von einem niedrigen Stuhl aufstand,
und eine kleine Lampe in die Hand nahm, mit welcher sie emsig in alle Winkel des
Zimmers zu leuchten schien. Wie sie noch damit beschäftigt war, trat eine andere
weibliche Person in das Zimmer, und sprach ihr freundlich zu: Nanny, was machst
du wieder? Suche nicht, arme Nanny; komm zu Bett, es ist spät. - Ach er ist
nirgends, nirgends! rief die erste mit einem durchdringenden Schmerzenston, und
liess sich geduldig aus dem Zimmer führen. In der stillen Sommernacht, welche
jeden Ton hörbar machte, konnte Sara den Auftritt genau beobachten, und sie ward
sehr begierig zu wissen, wer die beiden Weiber wären. Marton konnte ihr indessen
keinen andern Bescheid geben, als dass sie erst seit etlichen Tagen da wohnten,
Schwestern zu sein schienen, und vermutlich sei die eine davon verrükt;
wenigstens habe man sie in den wenigen Tagen meistens weinen und auf den Knien
liegen sehen. Sara gab noch ein Paar Abende auf diese Nachbarinnen Acht, und
bemerkte dasselbe, sah die wahrscheinlich vorrükte Kleine, hörte sie singen,
worauf sie dann mit der Lampe allentalben umhersuchte, bis die Schwester sie
fortführte.
    Von dem Eindruk dieser sonderbaren Erscheinung zerstreute sie L***'s
Stimmung in diesen Tagen. Er war sehr tiefsinnig, und schien mit seinen Gedanken
oft ganz abwesend zu sein. Zuweilen umarmte er Sara mit einer schmerzvollen
Heftigkeit, die ihr Innerstes bewegte. Sie fühlte die Veränderung um so
lebhafter, als in den wenigen Wochen, die sie in Paris zugebracht hatte, ihre
stille Eintracht noch durch nichts gestört worden war; jeder kleine Umstand
hatte ihre Liebe erhöht, und L*** hatte in der Entfaltung von Sara's Geist,
welchen jezt kein Zwang mehr drükte, in der unerschöpflichen Zärtlichkeit dieses
kindlichen Geschöpfs, den höchsten Genuss zu finden geschienen. Am Morgen des
neunten Augusts kam er, zum erstenmal in dieser Tageszeit, zu Sara, die über die
unvermutete Erscheinung innig erfreut und dennoch erschrekt, ihn um die Ursache
des ungewöhnlichen Besuches fragte. Er sagte ihr, seine Pflicht würde ihn den
Abend und die ganze Nacht abrufen, er hätte indessen nicht so völlig entbehren
wollen, und da er seine stille Abendstunde einbüssen würde, bäte er sie
wenigstens um ein Frühstük. Er schien gespannt munter, und liess nur
vorübergehend fallen, man fürchtete einige Unruhe in der Stadt, die Wachen im
Schloss wären verdoppelt, und er würde die ganze Nacht dort sein. - Fahr heute
Abend nicht aus, Liebe; sezte er hinzu, und halte morgen früh deine Zimmer
verschlossen, bis du von mir hörst. - Sara war äusserst ängstlich, er lachte
aber ihre Besorgnisse hinweg, und sprach voll Zuversicht von einer nahen
Veränderung zum Besten in den öffentlichen Angelegenheiten, die auch auf ihr
Schiksal würde Einfluss haben können. Sara entgieng es nicht, dass seine
Munterkeit von manchen widersprechenden Empfindungen durchkreuzt wurde, und sie
suchte mühsam ihre Angst zu zerstreuen. Sie hielt ihn unter tausend Vorwänden
auf, er gab ihrer Bemühung zärtlich nach, beschäftigte sich lange mit seinem
Kinde, und nahm endlich den herzlichsten Abschied, indem er zugleich sein
Möglichstes zu tun versprach, um den folgenden Morgen wiederzukommen.
    Sara brachte nun den Tag in der bangen Erwartung gewaltsamer Auftritte hin.
Sie sah mehrere Haufen von bewafneten Föderirten über die Strasse ziehen, hörte
auch von fern das Rasseln von schwerem Geschüz über dem Pflaster; aber noch
schien alles friedlich, und sogar eher festlich zu sein. Wie gegen die
einbrechende Nacht alles um sie her in die tiefste Stille versunken war, wobei
der wilde Gesang einzelner Bewafneter desto schauderhafter abstach gegen die
bürgerliche Ruhe in den Häusern, sezte sie sich neben das Bett ihres Kindes, und
horchte auf jeden Ton, der von der Seite des Schlosses herrschallte. Gegen eilf
Uhr ward die Strasse lebhafter; stillschweigend, aber mit schnellen Schritten
fiengen zahlreiche Gruppen an, gegen den Ludwigsplaz zuzueilen, und Sara suchte
sich damit, dass alle hinströmten, niemand aber von dort zurückkäme, zu beruhigen.
Sie sah zahlreiche Abteilungen von der Nationalgarde diesen Weg nehmen, und
glaubte nun den Pallast vor jeder Gefahr gesichert, da brave Bürger ihn
beschüzen würden. Plözlich riss sie der Ton der ersten Sturmgloke aus dieser
Zuversicht; ihr Herz stockte, ihr Atem selbst hielt inne, sie strengte sich an,
diesem furchtbaren ihr noch unbekannten Klang einen Sinn zu geben, als ein
leiser Nachtwind von dem Innern der unermesslichen Stadt herwehte, und einen
ähnlichen Ton nach dem andern mit sich führte. Bald lebte die Luft von dem
verworrenen und schnellen durcheinander Läuten der vielen Gloken, durch die
Krenzwege schmetterte die Lärmtrommel, alle Fenster wurden erleuchtet, und
furchtsam sah man die friedliebenden Bewohner der Häuser herausbliken, indes die
junge Männer und die ärmeren Mietsleute der Bodenkammern, die in diesem Aufruhr
auf ein unentgeldliches Schauspiel rechneten, dem Ludwigsplaze zueilten. Sara
rief nach Marton und Tomas, sie bat den leztern zitternd, sich nach der Ursache
dieses Auflaufs zu erkundigen, zu seinem Herrn zu eilen. Der junge Mensch war
blass und traurig, er antwortete, sein Herr hätte ihm verboten sie zu verlassen,
bis Nachrichten von ihm eingegangen wären. Der Lärm nahm überhand, fern über der
Stadt hin färbte ein blasses Rot den grauenden Himmel, und eine schaurige Luft
vermehrte den Fieberfrost von Angst, welche Sara immer heftiger ergriff. Sie
hörte jezt das laut wiederholte Losungsgeschrei der Menge: Es lebe die Nation!
Nieder mit dem König. - Der König! rief Sara, und stürzte nach der Türe; dein
Herr verteidigt den König, rette ihn, eile zu ihm. - Tomas schüttelte
schweigend den Kopf; ausser sich schrie sie: Zeige mir den Weg! - und riss ihn mit
sich fort. Er bat sie flehend, ruhig zu bleiben: ich muss, sagte er, Gewalt
brauchen, um Sie von allem heftigen Tun abzuhalten; und Gott weiss, wie mich das
schmerzt, wenn ich bedenke, was in diesem Augenblike alles geschehen kann. - Du
wüsstest was geschehen könnte, und erwartest du denn deinen Herrn nicht? Sara
stiess ihn von der Türe, sie erschöpfte sich, um ihren Zwek zu erreichen; Tomas
kniete endlich vor der Türe hin, und rief wehmütig: gnädige Frau, dort wird
Blut vergossen, dort können Sie nicht helfen. - In dem nämlichen Augenblick tönte
zufällig ein schallendes Geschrei die Strasse herauf. Deswegen muss ich hin! rief
Sara, indem sie mit einer lezten Anstrengung ihrer Kräfte die Türe aufriss.
Tomas fiel von der gewaltsamen Bewegung die sie machte, nieder; aber indem sie
über ihn weg eilen wollte, rief er noch einmal flehend: Und Ihr Kind, gnädige
Frau? - Sara stand betroffen still, und kehrte mit gerungenen Händen in das
Zimmer zurück. Sie sezte sich wieder neben die Wiege, und hob ihre troknen, von
Angst und Wachen geschwollenen Augen zum Himmel auf, den sie um Fassung und Mut
anzuflehen schien. Sie sah, dass der junge Mensch sein Gesicht mit seinem
Schnupftuch bedekte: Tomas, sagte sie, was soll diese schrekliche Nacht? warum
musste dein Herr sich dieser Gefahr aussetzen? Gnädige Frau, antwortete er mit
niedergeschlagnem Wesen, ich weiss zu wenig, um Ihnen Auskunft zu geben. Die
Menschen, die mich beredet haben, bei meinem Herrn Dienste zu suchen, mögen es
auf ihrer Seele haben, wenn nicht alles, was sie tun recht ist; aber allwissend
schienen sie zu sein, und selbst jezt, indem ich mit Ihnen spreche, bereiten sie
mir vielleicht die Strafe meines Verrats. Ich sollte ihnen alles hinterbringen,
was mein Herr vornähme; mein gutgemeinter Eifer, uns alle frei und gleich zu
sehen, hatte sie wohl hoffen gemacht, dass mir jedes Mittel dazu gut wäre. Ich
dachte auch, ich könnte ihnen ja wohl sagen, was mein Herr so vor meinen Augen
täte; sie verlangten, dass ich ihm nachforschen, nachgehen sollte, wenn er sich
dessen nicht versähe, da ward mir bang, den Handel eingegangen zu sein, und ich
war froh wie ich zu der gnädigen Frau kam. Nun mögen sie mich aber als einen
Abtrünnigen ansehen, und Gott weiss, was mir bevorsteht, wenn sie heute die
Oberhand behalten. - Bis dahin hatte Sara in der dumpfen fast gedankenlosen
Stille zugehört, die oft auf einen heftigen Ausbruch von Leidenschaft folgt; bei
den lezten Worten fuhr sie auf: Wer soll die Oberhand haben? Wer kann
unterliegen? - Aber starres Entsetzen ergriff sie, da ein tausendstimmiges
Geschrei auf der Strasse erschallte: Sie morden sie alle! - Tomas riss die
Fenster auf; das Volk rannte gegen einander: alle Schweizer! alle nieder -
nieder! rief es mit heulendem Ungestüm. - Heiliger Gott, wie sich die armen
Menschen wehren! seufzte Tomas mit zusammengeschlagnen Händen. Sara hatte in
dem ersten Schreken über dieses neue Geschrei ihr schlafendes Kind aus der Wiege
gerissen, und hielt es jezt fest an ihr Herz gedrükt; ein fürchterliches
Getümmel gerade unter ihren Fenstern rief sie dahin. Sie sah zwei Schweizer, die
sich durch das Volk drängten, und ihre Uniformen herabrissen, eine Anzahl
Menschen umringte sie, in der Absicht, sie zu retten, indes andere in einem
grösseren Kreis um sie wüteten, und schrien; plözlich riss ein Bürger seinen
grauen Ueberrok ab, und warf ihn einem von den Unglücklichen über, der nun gegen
die Türe von Sara's Haus floh. - Hilf, guter Tomas, hilf ihm! rief Sara mit
innigem Mitleid. Tomas flog herab, riss die Türe auf, und der verkleidete
Schweizer stürzte atemlos herein, und durch das Vorhaus in den Hof, die
mitleidigen Bürger hatten seinem armen Kameraden den nämlichen Dienst leisten
wollen: aber von dem Mordgeschrei seiner Verfolger, die den um ihn geschlossnen
Kreis durchbrechen wollten, betäubt, stiess er den ihm angebotnen Kittel eines
Taglöhners von sich, und drängte sich in der Uniformsweste selbst seinen Feinden
entgegen, um seinem entflohenen Waffenbruder nachzueilen. Die aufgebrachte Menge
brach mit ihm zugleich in das Haus, er eilte die Treppe hinauf, stürzte in
Sara's Zimmer, zu ihren Füssen - Barmherzigkeit, Barmherzigkeit! rief er in
seiner Mundart, und umfasste Sara's Knie. Aber einige von seinen Verfolgern
hatten ihn schon ergriffen, und hauten ihn vor Sara's Augen nieder. Im nämlichen
Augenblick zitterte die Luft von dem Abbrennen der ersten Kanonen in den
Tuilerien. Man mordet das Volk! rief der Haufen in der Strasse. Lautes Geheul
mischte sich in den Lärm, alles drängte sich nach dem Ludwigsplaz, die Mörder
des unglücklichen Schweizers horchten am Fenster auf die wiederholten Schüsse,
und eilten die Treppe herab. In stummer Betäubung stand Sara, ihr Kind im Arm,
der Blutende zu ihren Füssen. Des armen Fremden leztes Röcheln rief sie jezt zu
sich, sie trat entsezt zurück, der Sterbende strekte die Hand krampfhaft nach ihr
aus, und verschied. Die Strasse war jezt einen Augenblick leer, man hörte nur ein
fernes Summen von Menschenstimmen, und nach jedem neuen Schuss ein dumpfes
Geschrei. Mord vor ihren Augen, Tod und Verderben um sie her, und alles was sie
liebte im Mittelpunkt dieses Verderbens - ihr Gehirn brannte, sie dachte sich
L*** unter den Händen dieser Unmenschen, die den wehrlosen Schweizer zu ihren
Füssen niedergemezelt hatten. Sie wikelte ihr Kind in ihren Morgenmantel, und
rief Marton, die sie noch im Nebenzimmer glaubte, ihr zu folgen. Sie rief
umsonst, Marton war fort, auch Tomas fand sich nirgends, das Haus war leer,
todtenstill - sie konnte es in der fürchterlichen Stille nicht aushalten, sie
ging, eilte die Strasse hinauf; L*** war ihr einziger Gedanke!
    So schritt sie fast ohne Besinnung fort, jedes lebendige Geschöpf, das sie
sah, floh vor ihr her, kein freundliches Wesen kam ihr entgegen sie
zurückzuführen. Auf dem Ludwigsplaz begegneten ihr einzelne Gruppen von Menschen,
die Verwundete trugen, und mit bitterm Lachen ihnen den Trost zuriefen, der
Schauplaz ihres Todes sollte bald ein Steinhaufen sein. Wie von bösen Geistern
getrieben, suchte Sara den Eingang des Schlosses, wo man ihr einmal bei einer
Spazierfahrt eine Reihe Fenster gezeigt hatte, die man ihr die Gallerie des
Königs nannte. Dort musste sie hin, denn dort musste L*** sein! Sie drängte sich
in den ersten Hof, mit einer Hand wehrte sie alle Umstehenden von ihrem Kinde
ab, das sie fest an sich drükte; man machte ihr Platz, aber je näher sie dem
Hauptgebäude kam, desto gedrängter standen die Haufen. Endlich trieb ein Trupp
sie vor sich her in einen kleinen Hof, man schrie wütend um sie: »die Ritter
vom Dolch sind dort im Hinterhalt!« Sie konnte nicht zurück, ob sie gleich Schuss
auf Schuss um sich her, wahrscheinlich aus den Fenstern, fallen hörte. Endlich
erblikt sie einen Eingang in das Schloss, und will nun voran; aber wie ward ihr,
als L***, in einen grossen blauen Ueberrok gehüllt, zwei gespannte Pistolen in
der Hand, ihr entgegen stürzte! Funfzehn bis zwanzig Männer, mit Dolchen oder
Pistolen bewafnet, folgten ihm, und L*** schrie wild: Feuer! Stosst nieder! - »Es
ist ein Weib dabei!« rief einer von den Männern, und warf sich vor den
andrängenden Haufen. L***! schrie Sara; halt ein, halt ein! - Die Unglückliche
stürzte auf ihn zu, das bewafnete Volk ihr nach, und umringte sie; L***, nur auf
Verteidigung der Seinen bedacht, verblendet, vielleicht gar wähnend, dass Sara's
wilde Bewegung ein Angriff auf ihn wäre, schoss sein Gewehr los, und
zerschmetterte die Schulter seines unglücklichen Kindes, das Sara mit ihren Armen
umschlungen hielt. Mit einem lauten Schrei sank sie nieder, die Kämpfenden
würden sie unter ihren Füssen zertreten haben, wenn nicht ein Paar Männer, in
diesem wütenden Getümmel noch menschlich, sie aufgerafft, und von dieser Stelle,
die nun mit Blut und Leichen bedekt wurde, hinweggeschleppt hätten. Sie war ohne
Besinnung, aber nicht ohnmächtig; krampfhaft hielt sie ihr blutendes Kind im
Arm; und wie die Männer sie auf der Terrasse der Feuillans in das Gras legten,
behielt sie es noch immer an sich gedrükt. Neben ihr lag ein Knabe von sieben
Jahren, dem das Gehirn zerschmettert war, und ein noch viel jüngeres Mädchen,
das ohne sichtbare Beschädigung, in der Brust verlezt, schon sterbend sich
strekte; die Mutter dieser beiden Kinder kniete vor ihnen; beide Hände über
ihrem Schoss gefaltet, blass, unbeweglich, ohne Tränen, ohne einen Seufzer; nur
wenn der Todeskrampf dem Mädchen noch einen röchelnden Atemzug auspresste, hob
sich die Brust der Mutter gewaltsam empor, dann wandte sie die Augen auf den
Knaben, der gestaltlos da lag, ihr Blik schauderte vor dem fürchterlichen Anblik
zurück, und ruhte wieder in todter Stille auf der Tochter. Um die jammervolle
Gruppe her trieb sich der zahllose Haufen; Verwundete, Todte wurden vorbei
geführt, Fliehende verfolgt, neue Bewafnete drängten sich vorwärts; von fern
donnerte das Geschüz, und wirbelnd stieg schon aus dem Schloss Feuer und Rauch
empor. Bei den Weibern standen Leute, die für sie auf Hülfe zu warten schienen,
endlich langte auch würklich eine Tragbahre an, auf welche man die beiden todten
Kinder legte; und in diesem Augenblick nahte sich ein junger Mensch, der mit
zerstörtem Gesicht schon einigemal vorbeigelaufen war. Es war Tomas, welcher
unter den eindringenden Männern, die bis in Sara's Zimmer den Schweizer verfolgt
hatten, einige seiner alten Bekannten erkannt, und einen Augenblick seinem
Schreken nachgebend, sich aus dem Hause geflüchtet hatte; als er zurückkehrte,
war Sara schon entflohen, und von Furcht und Reue, um seiner Sicherheit willen
sie in diesem Augenblick verlassen zu haben, getrieben, hatte er jezt schon lange
in der Gegend des Schlosses nach ihr umhergespäht. Wie er die Kinder aufheben
sah, eilte er herbei; und erkannte Sara, die sich aufgerichtet hatte, und mit
starrem, halb gleichgültigem halb fragendem Blike um sich herum blikte, wie ein
Todtgeglaubter, der im Grabgewölbe erwachte. Meine Herrschaft, meine arme
Herrschaft! rief er und stürzte zu ihren Füssen; rettet sie! bringt sie fort! Sie
ist verwundet - Sie war es nicht, aber ihres Kindes Blut hatte ihren Hals und
ihre Kleidung gefärbt. Sie stand matt vom Boden auf, sah die Umstehenden mit
einem Blike an, der das Gefühl des tiefsten, unerwartetsten und eben darum
unwiderstehlichsten Schmerzens ausdrükte. - »Er hat es selbst getödtet!« sagte
sie leise und doch durchdringend, indem sie ihnen ihr winselndes Kind
hinreichte. Man verstand den Sinn dieser Worte nicht, aber bei ihrem Anblik
schien Mitleid die Stelle des Schrekens bei den Zuschauern einzunehmen, und
ihnen auf die grossen Abscheulichkeiten, von denen sie Zeugen gewesen waren,
wohlzutun. In einen weissen Mantel gehüllt, den halb offnen Busen von dem Blut
ihres Kindes gefärbt, ohne Haube, ihre Schultern von ihren schönen Haaren
bedekt, stand sie da, und obgleich keine Klage aus ihrem Munde, keine Träne aus
ihren Augen floss, forderte doch ihr hülfloser Schmerz die Menschlichkeit zum
Beistand, oder selbst zur Rache auf. Tomas wollte ihr Kind nehmen, sie stiess
ihn heftig zurück; er nahm ehrerbietig ihren Arm, sie liess sich still wegführen.
Ein Bürger ging auf der andern Seite. Tomas sagte ihm ihre Wohnung, er sah die
Bahre mit den beiden Kindern, und die unglückliche Mutter den nämlichen Weg
nehmen. Der Zug schritt langsam fort, und wurde durch den Zulauf des Volkes oft
unterbrochen; die beiden kinderlosen Mütter schienen ohne besondere Anstrengung,
aber auch ohne Besinnung dahin zu wandeln. Endlich langte man vor dem Hause an,
Tomas erstaunte, die Frau mit den beiden Kindern ebenfalls hineinführen zu
sehen, und er erkannte jezt in ihr die Gattin des Bürgers, bei welchem sich vor
wenigen Tagen die Föderirten versammelt hatten, und die Kinder waren die
nämlichen, deren Geschwäz mit ihrer Mutter auf die arme Sara am Abend ihrer
Ankunft einen tröstenden Eindruk gemacht hatte. Tomas überliess seine Herrschaft
einen Augenblick der Obhut seines unbekannten Begleiters, und eilte die Treppe
hinauf, um die Zimmer zu öfnen. Der erste Gegenstand, der ihm hier in die Augen
fiel, war der Leichnam des Schweizers, der noch auf der Stelle, wo er ermordet
worden war, in seinem Blute lag. Er schauderte zurück, besann sich, wohin er die
gebeugte Mutter wohl bringen könnte, um ihr diesen Anblik zu ersparen - er war
schon unten, da erblikte er die Schwester des armen Geschöpfs, dessen rührendem
Gesang er in der Nacht oft aufmerksam zugehört hatte; sie öfnete eben vorsichtig
ihre Türe; er bat sie, Sara einsweilen zu beherbergen. Sie schien es anfangs
verweigern zu wollen; wie sie aber Sara stumm und fühllos an einem Pfeiler
gelehnt stehen sah, trat sie mit dem einfachsten Ausdruk von Teilnahme zu ihr,
und fragte ihre Begleiter, ob sie verwundet wäre. Tomas erzählte ihr mit
wenigen Worten, wie er seine Herrschaft auf der Terrasse gefunden hätte, und wie
ihr Kind mit den Kindern der Bürgerin im obern Stok ein gleiches Schiksal gehabt
haben müsste. Hier schien die erste Wärme von Gefühl bei Sara wiederzukehren,
eine schwache Röte färbte ihr Gesicht, ihre Züge arbeiteten sich gewaltsam aus
der starren Ausdrukslosigkeit hervor, und sie brach unter lautem Schluchzen in
die Worte aus: O nein, nein! der Vater hat sie nicht selbst ermordet. - Diese
Tränen schienen die Krisis ihres bisherigen Zustandes zu machen, jezt erst
zeigte sie, dass sie sich bewusst wäre, ihr Kind in ihren Armen zu halten, willig
folgte sie der Nachbarin, die sie in ihre Wohnung führte, jedoch unter dem
Beding, dass Tomas nicht mit gienge, sondern in den Zimmern seiner Herrschaft
bliebe. Auch litt Sara, dass sie die Kleine entkleidete, indes sie selbst,
zitternd und zukend bei jeder Bewegung, welche die Frau mit dem Kinde vornahm,
ihre fragenden Blike auf sie heftete. - Es lebt, es lebt! rief die Frau
wiederholt; es ist vom Bluten erschöpft, jezt will ich es nur erleichtern, nur
tun, was für's erste nötig sein mag! dann hole ich den Wundarzt. - Wie sie die
zerschmetterte Schulter entblösste, schauderte sie, und dekte sie schnell zu;
denn die arme Sara hatte durch die Art wie sie das Kind gehalten und gedrükt
hatte, die Wunde in einen schreklichen Zustand gesezt, und sie wollte der Mutter
diesen Anblik ersparen. Sie wies sie nun an, ihr aus diesem oder jenen Winkel
des Zimmers allerlei was das Kind brauchte herbeizuschaffen, weil sie es gern in
seiner jezigen Lage erhalten wollte, um ihm nicht von neuem wehzutun, aber Sara
war unfähig sie zu hören, sie zu verstehen; ihr Gesicht verriet Anstrengung,
aber ihre Bemühung zu denken wekte nun ihr erstarrtes Gedächtnis, und führte das
Gefühl ihres Unglücks nach und nach vor ihre Seele. Sie ward immer unruhiger,
ging finster und mit schweren Seufzern im Zimmer umher; die gute Frau, die so
bald sie ihren Zustand wahrgenommen hatte, behutsam aufgestanden war, um das
Kind auf das Bett zu legen, und selbst nach den Dingen, die sie verlangt hatte,
zu gehen, rief ihr freundlich dringend zu: wenigstens rühren Sie es nicht an! -
da kniete sie nieder, ohne zu antworten, küsste leise die Zipfel des Küssens,
worauf das Kind lag, seufzte tief, und fieng von neuem an, wie in einem
schreklichen Traum umherzugehen. Die Frau brachte das Kind wieder so weit in's
Leben, dass es ein Paar Löffel voll Milch schlukte; bei diesem Anblik überflossen
heisse Tränen Sara's Gesicht, ein zukendes Lächeln schwebte um ihren blassen
Mund, sie küsste die Hände, die Kleider der Nachbarin, ihre eigne Hand, und legte
sie sachte auf die Deke des Kindes, das sie zu beunruhigen fürchtete.
    Jezt entfernte sich Frau Tirion - so hiess die Nachbarin - auf einige
Augenblike, kam aber bald mit ihrer Schwester zurück, der sie zuzureden schien,
indem sie noch im Hereintreten zu ihr sagte: Sie ist krank, liebe Nanette, du
must recht vorsichtig sein, und ja das Kind nicht anrühren. - Wie Nanettens
Blike auf das Kind gefallen waren, schien sie ängstlich zu werden; sie hielt die
Schwester beim Arm zurück, und mit scheuer verwirrter Mine sagte sie: das Kind
ist blutig - träumt die Frau auch? - Nein, meine Liebe, nein! Ich habe dir ja
gesagt, dass die arme Mutter in's Gefecht geraten war; du hast ja den ganzen
Morgen schiessen gehört - denke doch nur an das was du jezt siehst; bleib bei der
Frau so lange ich aus bin, und wenn der Bruder und der Schwager kommen sollten,
so sage ihnen, dass die Frau unsre Hülfe braucht. - Sie ging nun, den Wundarzt
zu holen. Sara blieb mit Nanni allein, sie schien aber nicht auf sie zu merken,
sondern versank in immer tiefere Finsternis des Schmerzens. Anfangs sah ihr
Nanni von weitem zu, bald trat sie teilnehmend neben sie, und sagte ein Paarmal
mit wehmütig tröstendem Tone: Arme Liebe! O diese Träume sind fürchterlich. -
Da Sara sie nicht hörte, wandte sich ihre Aufmerksamkeit auf das Kind, an dessen
Bett sie sich sezte. Sie erblikte die Schaale mit Milch, gab der Kleinen einige
Löffel voll, machte sich behutsam allerlei um sie her zu schaffen, wobei sie
leise sang, und wie das halb entseelte Geschöpfchen wieder ohne Bewegung da lag,
erhob sie ihre Stimme lauter, weil sie es im Einschlafen glaubte, und Sara's Ohr
ward plözlich von den rührenden Worten des bekannten Wiegenlieds getroffen:
Deux victimes infortunées
Se doivent de tendres secours;
Je veillerai sur tes jeunes années,
Tu auras soin de mes vieux jours!
Sie heftete jezt den ersten Blik auf Nanni: eine lange magre Gestalt, mit grossen
Augen, deren verwirrter umherirrender Blik sich nur fixirte, wenn er ein Paar
fliessende schwere Tränen zurückhalten zu wollen schien; ein Mund, der ehemals
gewiss schön war, jezt aber immer aussah, als verhielte er den Schrei des
Schmerzens, und den bei den ungleichsten Veranlassungen ein zukendes Lächeln
bewegte, womit der übrige Ausdruk des Gesichts nie übereinstimmte; schöne
schwarze Haare fielen auf ihre Stirne, ihr Anzug war ärmlich, reinlich,
bürgerlich, aber vernachlässigt; nichts wie die Stimme schien an ihr noch
unzertrümmert, denn Gang und Bewegung drükten träumende Verwirrung aus. Sie
sang, ein Strikzeug in der Hand haltend, mit starrem tränenvollem Auge, als
wenn sie bei einem sehr ernsten Geschäft begriffen wäre. Sara's armes Gemüt war
durch die ihr bekannten Worte tief zerrissen, denn sie hatte dieses Lied oft an
der Wiege ihres Kindes gesungen, und so überzeugt wie sie von L***'s Treue war,
sich dennoch selten der Tränen dabei entalten können. Jezt hörte sie eine
ferne Ahnung ihres Unglücks in einem fremden Munde, es kam ihr vor wie die Stimme
des Schiksals; und indem sie ihre eine Hand auf Nanni's Schulter, die andre auf
ihr eignes Herz legte, rief sie ängstlich: nein, er konnte er konnte es nicht
sein, nein, es ist nicht möglich! - Nanni besann sich eine Weile, und sagte
dann: nein, Liebe, er war es auch nicht; aber das machte es nicht besser, denn
seine schöne Stirne trägt doch nun das entehrende Zeichen - o da kömmt er!
still, still! Er darf mich nie davon sprechen hören. - Sie lief an die Türe,
und zwei Männer traten herein, ein ältlicher, rechtlicher, mit einer ernsten
Phisiognomie, in Nationalgardenkleidung, und ein jüngerer, der den Ausdruk der
finstersten Ueberspannung auf seinem mit schwarzen Haaren umfangnen Gesicht
trug. Nanni! rief dieser, unsre Rache beginnt. - Er erblikte Sara und stutzte.
Der andre fragte, wer die junge Fremde wäre? Nanni führte ihn zum Kinde, und
sagte mit ihrem verwirrten Lächeln und wilden Blik: Sieh, es ist gerade wie
Henriot; aber die Schwester sagt, es werde nicht so lange schlafen. - Der
Auftritt wäre vielleicht noch unverständlicher für alle Teile geworden, wenn
Frau Tirion nicht jezt mit dem Wundarzt zurückgekommen wäre. Wie sie die Männer
erblikte, fiel sie dem älteren lebhaft um den Hals: Gott sei Dank, dass du wieder
da bist! darauf reichte sie dem andern die Hand, und sagte noch einmal: Ihr seid
mir erhalten! Ich habe es aber verdient, denn ich hätte Mut gehabt, wenn man
euch auch blutend wiedergebracht hätte. - Braves Weib! war alles was ihr Gatte
(denn das war der ältere) ihr antwortete. Sie unterrichtete ihn nun mit wenigen
Worten von der Veranlassung zu Sara's Anwesenheit, und stand alsdann dem
Wundarzt in der Verpflegung des Kindes bei, dessen Zustand dieser für nicht ganz
hofnungslos ansah. Sara hieng an seinem Munde, und schien wieder aufzuleben. Sie
fragte jezt nach ihrer Wohnung, nach Tomas, nach Marton. Ihre guterzige
Wirtin berichtete ihr, dass jene nach den traurigen Begebenheiten des Morgens
erst in Ordnung gebracht würde, und dass ihre Leute damit beschäftigt wären. Mit
jedem Augenblick wurde Sara wieder fähiger, die Gegenwart an die Vergangenheit zu
reichen, sie bat dass man Tomas rufen möchte, und Frau Tirion erfüllte jezt
ihren Wunsch, nachdem sie ihres Mannes Einwilligung erhalten hatte. Tomas kam,
und zeigte bei dem Anblik seiner Herrschaft die lebhafteste Rührung; Sara trat
beiseite mit ihm, kämpfte gegen ihren Schmerz, bis sie die Frage herausbrachte:
er schikte nicht? - Nein, war die traurige Antwort. Sara zitterte, besann sich,
zeigte ihm das Kind, und sagte: geh zu ihm, sag ihm das. - Sie konnte nichts
mehr sagen; der arme Bursche machte eine bejahende Verbeugung, und wollte gehn.
Sara hielt ihn beim Arm zurück, suchte lange nach Worten, endlich fragte sie:
sind sie alle ermordet? - Lebhaft erwiederte Tomas: die ganze Familie
unversehrt! Alle unter dem Schuz der Nation, keines ja berührt! - Sara schien
einen Augenblick heitrer: eile, eile! rief sie; und Tomas ging.
    Es war gegen Abend, die Hausfrau trieb ihre Geschäfte, und bereitete den
Männern, welche den ganzen Tag unter den Waffen gewesen waren, ein kleines Mahl.
Diese sassen indes am Heerd, und während dass Frau Tirion im Hin- und Hergehen
ihrem Mann die Vorgänge des Tages abfragte, blikte Joseph, ihr Bruder, finster
in das Feuer. Sara blieb neben ihrem Kinde, ängstlich auf Tomas Rükkehr
harrend; Nanni sass in ihrer stillen Zerstreuung, und arbeitete. Wenn Joseph von
Zeit zu Zeit in die Stube kam, richteten sich ihre Augen mit einem
seelenvolleren Blike auf ihn, und ihr Lächeln ward bedrükender; er hingegen
schien dann finster hinauszugehen. Einmal sezte er sich hin, einige Papiere in
einem Tischkasten zu suchen; Nanni legte ihre Arbeit aus der Hand, stellte sich
neben ihn, und winkte Sara gleichsam verstohlen, indem sie die Haare von seiner
Stirne strich, und sie lebhaft küsste. Der junge Mann fuhr bei dieser Liebkosung
auf, rief heftig ein Paar unverständliche Worte, und stürzte, seine Papiere
zusammenraffend, mit verbissnen Zähnen hinaus. Nanni seufzte, schüttelte den
Kopf, und nahm ihre Arbeit wieder. Sara war nicht fähig, diese kleinen
Bewegungen zu deuten, ob sie gleich mechanisch darauf merkte: ihr Körper fieng
an, einer Erschütterung, die gegen vier und zwanzig Stunden anhielt, zu
unterliegen, ihre Nerven wurden von einem brennenden Fieber gespannt. Die
Veränderungen in ihrem Aussehen entgieng der Frau Tirion nicht, sie fühlte ihre
glühenden Hände und Wangen, sie bat sie freundlich, sich auf dem Bett
niederzulegen. Wie Sara sich heftig weigerte, fragte sie mit bescheidner
Teilnehmung: kann ich denn niemand zu Ihnen rufen? kennen Sie keinen Menschen?
- Nein, nein! rief Sara in der schreklichsten Bewegung, und bedekte ihr Gesicht
mit den Händen. Die Frau beruhigte sie, sagte ihr, sie wollte zusehen, ob ihre
Zimmer fertig wären, und sie dann mit dem Bedienten hinaufbringen; Sara hörte
kaum etwas mehr, jeder Augenblick vermehrte ihr Uebel. Auch war Marton nirgends
zu finden, und Tomas kehrte nicht wieder. Wie die Nacht vollends einbrach,
brachten sie die guten Menschen selbst auf ihr Zimmer; die Männer mussten wieder
unter die Waffen, und Frau Tirion machte Anstalt mit Nanni bei Sara und ihrem
Kinde zu wachen. Die Angst und die Stärke des Fiebers überwanden Sara's
bisherigen Entschluss, sich niemanden anzuvertrauen. Sie fragte tausendmal nach
Tomas, und bat endlich Frau Tirion flehend, ihn aufsuchen zu lassen. - Und wo
das? - Sara nannte ihr L***'s Wohnung. Es war fast zehn Uhr, der Weg war lang,
aber die gute Frau schien ihre Angst zu teilen, sie übernahm selbst Sara's
Auftrag, und ging, nachdem sie ihrer Schwester auf das dringendste eingeschärft
hatte, sie nicht zu beunruhigen, und sie sorgsam zu pflegen. Nanni tat Anfangs
auch pünktlich darnach; aber Sara, deren Gehirn in der bangen Stille, welche
diese Nacht hindurch in Paris herrschte, noch mehr erhitzt wurde, fieng selbst
an, mit ihr zu sprechen, bat sie zu singen, und fragte sie nachher, ob Joseph
ihr Gatte oder ihr Bruder wäre? - Gatte? wiederholte Nanni lächelnd, und
schwieg. Sara glaubte, sie hätte sich nicht deutlich genug ausgedrükt, und sie
fragte wieder, ob der dessen Stirne sie geküsst hätte, ihr Mann wäre? Nanni
schien unruhig zu werden, und sagte, wie halb im Vertrauen: Nein, nein! Ich weiss
nicht wo er ist, Joseph will ihn ja ermorden. - Wen? rief Sara erschroken und
teilnehmend. Die Unglückliche gab noch viele unverständliche Antworten, aus
denen nur deutlich war, dass ihr armer verwirrter Kopf Sara für ganz unterrichtet
von ihrem Schiksal hielt. Sara fand eine ihrer bangen Stimmung angemessene
Zerstreuung in dieser Unterhaltung, und sie machte, indem sie teilnehmend
darin fortfuhr, die arme Nanni immer zutraulicher. Auf die Frage, ob sie schon
lange in der Hauptstadt wäre? antwortete sie traurig: Fast seitdem ich nicht
aufwachen kann! - Weil dieser Begrif von Schlafen und Träumen es hauptsächlich
war, der alle ihre Gedanken zu verwirren schien, so fragte Sara sie freundlich
um die Ursache dieses langen Schlafs. - Sie wissen es also gar nicht mehr, wie
ich aus Hunger einschlief in der kleinen Hütte im Wald? Und mein Henriot wekte
mich immer, weil er auch hungerte, und schrie; und endlich träumte ich, Henriot
müsste ja doch sterben, weil ich kein Brod hatte, und Joseph gar nicht wiederkam;
und da schnitt ich meinen armen Henriot in seinen kleinen Hals, bis er auch
schlief; und wie ich denn da neben ihm sass, und mich am Feuer wärmte, kam Joseph
wieder, und rief: da bringe ich zu essen, meine Nanni! und hatte ein ganzes Reh,
und das blutete wie mein Henriot; aber wie er den sah, war er sehr böse - und
hernach mussten wir alle im Keller wohnen, und der arme Joseph stiess sich vor die
Stirn, wie er meinen Henriot wieder aus der Erde graben wollte; davon hat er
noch das Mal, das ich heute küsste; aber im Traum halte ich's immer für ein
Brandmal, das ihm der grausame Graf hätte aufdrüken lassen, weil er das Reh
schoss - und er wollte doch sein Kind damit vom Hungertodt retten! - Nanni hatte
höchst abgebrochen geredet, als suchte sie bloss fürchterliche Erscheinungen, die
an ihrem Blik vorübergiengen, zu beschreiben und zu nennen; jezt schien sie vor
Angst dem Erstiken nahe, und ihr Zustand rührte Sara so innig, dass sie einen
Augenblick ihre eigne Lage weniger empfand, und auf Nanni's kalte Hände weinte.
Nanni fühlte ihre Tränen, besah ihre Hand, und sagte schluchzend: Seitdem kann
ich nicht weinen! Marta sagt oft, wenn Henriot endlich aufwachte, würde ich vor
Freude weinen. Es währt aber so lange! sezte sie sehnsuchtsvoll hinzu, könnte
ich nur sein Bett finden! wie ich ihn zulezt schlafen legte, stand es dort - da!
- Sie stand auf, nahm das Licht, suchte im ganzen Zimmer umher; endlich kam sie
wieder zu Sara, und rief hofnungslos: O es ist nirgends - nirgends zu finden!
    Sara hatte jezt eine Art von Aufschluss über das traurige Geschäft, bei
welchem sie das arme Geschöpf einige Zeit vorher schon belauscht hatte; aber
folgendes ist die zusammenhängende Geschichte ihres Unglücks, die sie nur
zerstükelt erfuhr. Armand, der Vater der drei Geschwister, war Pachter auf einem
grossen Teil der Güter des Grafen von**, die in dem jezigen Departement der
Charente lagen. Er hatte Gelegenheit gehabt, in früheren Jahren einige Bildung
zu erhalten, er hatte ein wohlhabendes Mädchen geheiratet, stand also besser
als die meisten Landbauern seiner Gegend, und gab seinen Kindern eine sorgsame
Erziehung. Marta, die älteste, heiratete einen Seemann, mit welchem sie nach
la Rochelle zog; Joseph folgte dem Gewerb seines Vaters, und die zärtlichste
Bruderliebe verband ihn mit Nanni, der jüngsten, einem damals blendend schönen
Mädchen, deren schwärmerisches Gefühl keinen andern Gegenstand hatte, als ihren
Bruder. Den Grafen von ** nötigten seine Verschwendungen, sich für eine gewisse
Zeit auf seine Güter zurückzuziehn; hier warf er ein gnädiges Auge auf Nanni, bei
der er sich in diesen Umständen einen ganz angenehmen Zeitvertreib versprach.
Bei den ehrwürdigen Grundsätzen von Tugend und Pflicht, die sie von ihrem Vater
überkommen hatte, konnte er sie weder von diesem kaufen, noch sie selbst, ohne
ihr Herz in das Spiel zu ziehen, verführen. Aber Nanni war für ihren Stand zu
gebildet, und der Elende war in diesen Künsten ein Meister; ihr Herz empfieng
also die ersten Eindrüke der Liebe mit unbefangenem Zutrauen. Schwüre und
Versprechen von seiner Seite, Unerfahrenheit und glühende Jugend von der
ihrigen, bereiteten ihren Fall. Der alte Armand schöpfte Verdacht, und forderte
seinen Abschied, um, wie er noch hofte, sein Kind einer Beschimpfung zu
entziehen, für welche kein Gesez ihn rächte. Eh sein Gesuch bewilligt war, nahm
ihn ein Schlagfluss hinweg; in der Betäubung des ersten Schmerzens entdekte Nanni
ihrem Bruder ihren Zustand; dieser reizte durch stolzen Ungestümm die Rache des
vornehmen Verführers; der Graf machte Chikanen über die Pachtrechnungen des
Vaters, die er doch selbst aus Unordnung, seit vielen Jahren zu berichtigen sich
geweigert hatte; und die Kinder wurden fast des ganzen väterlichen Nachlasses
beraubt, und aus dem Pachtof gestossen. Marta war mit ihrem Manne, wegen einer
kleinen Handelsspekulation, nach England gereist; die Familie ihrer vor vielen
Jahren verstorbnen Mutter war ihnen fremd geworden - kurz, manche unglückliche
Zufälle trafen so zusammen, dass ihnen in der harten Jahrszeit keine Zuflucht
übrig blieb, als die Hütte eines alten Jägers, welche in der Gegend von Saint
Hyppolite mitten im Walde lag. Joseph fühlte die Schmach die dem Andenken seines
Vaters, das Unrecht, das seiner Schwester angetan war, in einem so hohen Grade,
dass er auf die abenteuerlichsten Anschläge verfiel, um sich an dem Grafen
persönlich zu rächen. Einsamkeit und halbe Ausbildung hatten seinen Kopf zu
überspannten Begriffen gestimmt; er wollte in Seedienste gehen, und hofte sich
durch die schnellen Fortschritte seiner Geschiklichkeit so weit zu bringen, dass
ihm der Mörder seiner Ehre im Zweikampf würde Rechenschaft geben müssen. Nanni's
Verzweiflung, und ihre völlig hülflose Lage vermochten ihn, die Ausführung
seines Plans bis auf das Frühjahr zu verschieben. Sie gebahr einen Knaben, bei
dessen ersterm Weinen Joseph einen feierlichen Schwur, sich und ihn zu rächen,
ablegte; und seine Bitterkeit hatte bei der grausen Abgeschiedenheit seiner
Wohnung, bei dem beständigen Kampf gegen herannahendes höchstes Elend, nur zu
viel Nahrung. Indessen teilte der alte Jäger sein tägliches Brod redlich mit
ihnen, und Joseph half es ihm auf der Jagd verdienen; aber auch diese Stütze
wurde ihnen bald entrissen, der Alte kam in einer rauhen Winternacht,
wahrscheinlich, weil er nicht nüchtern aus Saint Hyppolite zurückkehrte, im
Schnee um. Von Gram und Mangel an Hülfe ermattet, lag Nanni seit ihrer
Niederkunft krank; Joseph ging umsonst in die benachbarten Dörfer, um Arbeit zu
finden; wegen der eben sehr harten Witterung brauchte man keine Taglöhner, und
als Knecht sich zu verdingen, erlaubte ihm der Zustand seiner Schwester nicht.
Ihr Jammer stieg auf's höchste, Nanni's Kopf fieng an zu leiden, sie gab sich
alles Unglück Schuld, und wünschte sich und ihrem kleinen Henriot den Tod. Der
Hunger, den sie öfters litt, würkte noch mehr auf ihr Gehirn, und an einem
unseligen Tage, dem dritten dass Joseph gefastet hatte, und wo Nanni das lezte
trokne Brod ass, ohne dass ihr schmachtendes Kind Nahrung an ihrem Busen fand,
ging Joseph mit der Flinte in den Wald, um, was auch daraus werden möchte,
Speise zu finden; das Ohngefähr brachte ihn in ein Gehege, das zu den Gütern des
Grafen von ** gehörte, er erlegte dort ein Reh, sah sich entdekt; da ihm aber
die Schlupfwinkel von der Jagdgränze an bekannt waren, gelangte er glücklich bis
zur Hütte. Bitter triumphirend wirft er die Beute vor Nanni's Füsse, die er an
dem Heerd vor einem grossen Feuer sizend findet. Sie winkt ihm verwirrt, still zu
sein - die Vernunft der Armen war unterlegen; was ihre eigentliche Absicht
gewesen war, konnte man nicht erraten, ihr blutendes Kind zeugte bloss von ihrer
Tat. Sie hatte ihm die Kehle abgeschnitten, und glaubte nun, dass es schliefe.
Der unglückliche Bruder schaudert - ein natürlicher Sicherheitstrieb gibt ihm
ein, den kleinen Leichnam vor der Hütte zu vergraben, indes Nanni in ruhiger
Abwesenheit des Geistes sich schlafen legt. Kaum war er mit dem traurigen
Geschäft zu Ende, so sah er die Hütte von Menschen umringt; man war dem Wilddieb
auf die Spur gefolgt, und er wurde nun auf dasselbe Gut, wo sein Vater ehrenvoll
gelebt hatte, in's Gefängnis geschleppt. Nanni wäre vor Hunger und Raserei
gestorben, hätte sich ihrer nicht einer von den Häschern erbarmt, dem sie in
guten Tagen, in ihres Vaters Haus, manches Glas Wein gereicht hatte. Dieser nahm
sie zu sich, bis er bald darauf Gelegenheit fand, sie nach la Rochelle zu ihrer
Schwester zu schiken, die eben nach einem vorteilhaft beendigten Handel aus
England zurückgekommen war. So oft Nanni auch von ihrem schlafenden Kinde sprach,
so liess doch ihre unverkennbare Verstandesverwirrung, und die Stumpfsinnigkeit,
vielleicht sogar die Guterzigkeit derer, die sie umgaben, keinen Argwohn
aufkommen; und ihre Schwester benuzte diese Fantasie, deren Grund ihr freilich
bald klar werden musste, um sie in der Unwissenheit oder Vergessenheit der noch
fürchterlicheren Wahrheit zu erhalten. Man liess sie dabei, ihr Kind schliefe,
und sein Tod habe ihr geträumt; alles, was nachher sie schmerzhaft berührte,
oder die Erinnerung des Geschehenen wieder in ihr weken konnte, reihte sie an
diese Idee, und gab es sich für Traum aus. Ihren armen, durch sein Schiksal
ergrimmten Bruder hatten Gram und Elend in den wenigen Monaten so entstellt, dass
er bei seinem Eintritt in's Gefängnis, auf sein Verlangen vor den Grafen
gelassen wurde, ohne dass man ihn für den Sohn des lezten Pachters erkannt hatte.
So wie er vor ihm stand, warf er ihm mit wütender Bitterkeit vor, der Mörder
seines eignen Kindes zu sein, und drohte ihm, dass früh oder spät keine Macht auf
Erden ihn vor der gerechten Strafe schüzen sollte. Der kleinmütige Wollüstling
schauderte, als er von dem blutigen Auftritt hörte, aber er schäumte über die
Kühnheit des jungen Menschen, und er bewies ihm hönisch, wie er sich durch das
Geständnis von Nanni's Verbrechen in seine Gewalt gegeben hätte; die Reihe zu
drohen wäre an ihm, sagte er, und er rühmte sich seiner Milde, wenn er ihn und
seine Schwester nicht einer weit schreklicheren Ahndung überlieferte, als seine
Wilddieberei nach sich ziehen würde. Bei diesem niederträchtigen Misbrauch der
Macht vergass der Unglückliche seiner wehrlosen Lage, unsinnig fiel er den Grafen
an, der vielleicht ein Opfer seiner Wut geworden wäre, wenn man ihm auf sein
Geschrei nicht zur Hülfe geeilt wäre. Seine Sache war nun sehr verschlimmert,
der Gang des Rechtshandels blieb indessen unbekannt, wie so manches Werk der
Finsternis in jenen Zeiten; allein der Richterspruch verurteilte ihn, auf der
Stirne gebrandmarkt zu werden, und zu vierjähriger Galeerenstrafe. Tirion,
Martens Gemahl, sah sich nun in seiner Frau, durch die schändende Strafe die
ihr Bruder erlitt, selbst entehrt; aber zu redlich und edel, um es den
unglücklichen Schwestern entgelten zu lassen, verliess er la Rochelle, und trat in
der Hauptstadt einen Spezereihandel an. Der Kummer seiner Frau, Nanni's
Wahnsinn, der zwar sanft blieb, aber für unheilbar erkannt wurde, das
fürchterliche Schiksal seines Schwagers, den er sehr geliebt hatte, ein von
seinem früh getriebnen Seeleben sich herschreibender Hang zur Freiheit - alles
traf zusammen, um ihn an der grossen Revolution, welche ein Jahr nach dem Unglück,
das seine Familie betroffen hatte, ausbrach, einen schwärmerischen Anteil
nehmen zu lassen. Er hatte sich ein Bild von Freiheit und Gleichheit gemacht,
das seinen Begriffen angemessen war; diese Vorteile seinem Vaterland zu
verschaffen, war sein Ziel, und er verfolgte es mit einer Starrheit, die bei
jedem Schritte, über die Mittel es zu erreichen, gleichgültiger werden musste.
Anfangs schien ihm jedes Opfer zur Sühne für Nanni's zerrüttete Vernunft, für
des redlichen Josephs gebrandmarkte Stirne zu fallen; bald wog er jedes gegen
die Tausende ab, die der ränkevolle Widerstand der Feinde der Freiheit
vernichtete; endlich lieferte er selbst die Unglücklichen unter das Beil, weil er
bei jedem hofte, dieser würde die Zahl der Ruhestörer schliessen! - Im Frühjahr
1791 hatte Joseph seine schändliche Strafe auf der Galeere abgebüsst. Mit einem
durch und durch vergifteten Herzen, mit einem Gehirn, das die Langeweile, und
die heisse Sonne des mittelländischen Meeres ausgetroknet hatte, das unter seinen
Mitgefangnen die verzerrtesten Züge der alten Sklaverei, der durch den Misbrauch
der Geseze erniedrigten Menschenwürde, der abscheulichsten Unsittlichkeit
aufgefasst hatte, durchbettelte er Frankreich. Menschen hatten ihn, den
Unschuldigen, gebrandmarkt, und jezt scheuchte dieses Zeichen die Menschen von
ihm, als hätte Gottes Finger es seiner Stirne aufgedrükt. Mit glühendem
Freiheitssinn, und dürstend nach Recht betrat er den Boden, der nun der Freiheit
und Gleichheit geweiht sein sollte, und dennoch flohen seine Brüder die
Gemeinschaft mit ihm. In einem andern Zeitpunkt wäre er ein gemeiner Mörder
geworden, um sich an dem Menschengeschlecht zu rächen; jezt geriet er bald
unter Menschen, von denen er die tröstende Nachricht erhielt, dass die Revolution
noch nicht vollendet wäre; er gelobte in ihrer Mitte, erst bei dem Blut des
lezten aus der verfluchten Caste, die sein Leben vergiftet hatte, seinen Dolch
abzutroknen, und sie liessen ihn seine empörte Leidenschaft in die grosse Masse
niederlegen, aus welcher die Wunder und die Gräuel des ausgehenden Jahrhunderts
hervorgähren sollten. Seitdem war er blosses Werkzeug des Todes, er hatte keinen
Gedanken mehr als Rache; aber von dem Augenblick an, da sich das Gefühl der
ersten Blutschuld in seinem Herzen niederliess, hatte er fest beschlossen, die
lezte, die er als die endliche Gründung der Freiheit erkennen würde, mit seinem
eignen Tode zu versiegeln. Zufällig erfuhr er seines Schwagers Aufentalt in
Paris, und suchte ihn sogleich auf. Welch ein Wiedersehen für Nanni, und die
gute einfache Marte! Ihm war der jüngsten fortwährende Verstandeszerrüttung
unbekannt, und die Heftigkeit, mit welcher er von seinem vierjährigen Elend
sprach, die wiederholten Schwüre, dass Nanni's Verführer seiner Rache nicht
entgehen würde, die Verzweiflung, in welcher er mit der Stirne gegen die Wand
stiess, als Nanni, um sie freundlich zu küssen, die Haare daran heraufstrich, und
zum erstenmal die eingebrannten Lilien erblikte - das alles trug dazu bei,
Nanni's Zustand seitdem um vieles schlimmer zu machen. Und so hatte sie, bis zu
diesem Augenblick, der Sara's und dieser unglücklichen Familie Schiksale auf eine
Weile in einander verwikelte, ihr trübes Dasein fortgeschleppt.
    Marte kam mit der Nachricht zurück, dass Tomas, eine halbe Stunde eh sie
nach ihm gefragt hätte, in Verhaft genommen, und nach den Gefängnissen der Abtei
gebracht worden wäre: ich habe, sezte sie hinzu, aus Besorgnis für den guten
Menschen mich nach seinem Herrn erkundigt, aber diesen hat seit gestern niemand
gesehen, das ganze Haus ist in der äussersten Angst, und die Gräfin hat Wache vor
ihrer Türe - - Sara erstarrte, und fragte Atemlos: wer? wer hat Wache? - die
Gräfin L***, antwortete Marte, und sezte mit ahnender Schonung hinzu: seine
Mutter oder Schwester. - O nein, nein! rief Sara, und wollte aus dem Bett
stürzen - aber diesem neuen Schreken, der entsezlichen Ungewissheit, die nun bei
ihr begann, erlagen ihre Kräfte, und sie sank steif und leblos in Martens Arme.
Ihr zwischen Todesschwäche und Fieberfantasie abwechselnder Zustand war mehrere
Tage verzweifelt, und die gute Marte musste alle ihre Tätigkeit anwenden, um
sich unter ihrer und ihres Kindes Pflege, und der Sorge für ihren eignen
Haushalt zu teilen. Erst nach vierzehn Tagen kehrte ihr Bewusstsein zurück; als
sie aus dem langen Schlummer erwachte, in welchem ihr Geist gelegen hatte,
erkannte sie wohl, dass das Kind ihrer Liebe, dieser Zeuge ihres nunmehr
vernichteten Glükes, dem Grabe entgegen schmachtete. Die arme Kleine hätte
vielleicht die Gefahr ihrer Wunde überstanden, wenn nicht die Veränderung ihrer
Nahrung, da Angst und Krankheit Sara's mütterliche Brust schnell ausgetroknet
hatten, und selbst die Milch, die sie noch in der schreklichen Nacht des zehnten
Augusts die Unvorsichtigkeit gehabt hatte, ihr zu reichen, ihre Säfte verderbt
hätten. Der Zustand ihres Kindes, und das fürchterliche Rätsel ihrer eignen
Lage gaben Sara's Nerven bald eine solche Spannung, dass ihre Kräfte wie durch
ein Wunder aufzuleben schienen. Sobald sie sich stark genug fühlte, schlich sie
sich, Martens sorgende Wachsamkeit betrügend, aus dem Hause, und fand Mittel,
sich bis nach L***'s Wohnung hinzufragen. Sie wollte selbst unverzögert den
lezten Zug aus dem Kelch des Unglücks tun. Sie fragte nach dem Herrn des Hauses,
und mit zweideutig verlegnem Wesen sagte man ihr, er sei abwesend. Sie forderte
nun, die Gräfin zu sprechen: sie fühlte ihren Mund troken, wie sie eine Person
ihres Geschlechts bei L***'s Namen nannte. Sie musste lange im Vorzimmer warten,
alles um sie her verkündigte Luxus und grossen Ton; ein jeder, der vorübergieng,
blikte auf sie, wie auf eine Bittende, Untergeordnete - und sie war in L***'s
Haus! Ihr Zustand war unbeschreiblich. Sie wusste nicht, was ihr bevorstand,
nicht was sie tun würde, nicht ob sie es würklich ausdachte, dass sie im
nächsten Augenblick vor L***'s Gemahlin stehen würde. So oft die Türe der
inneren Zimmer aufgieng, fühlte sie ihr Herz zusammengezogen, und so oft sie in
ihrer Erwartung getäuscht war, hob sich ihre gepresste Brust freier, um gleich
nachher desto schmerzlicher wieder zu stoken. Endlich wurde sie von einem
zierlich gekleideten Kammermädchen abgerufen, und durch ein glänzendes Zimmer in
ein Kabinet geführt, wo die Gräfin sie erwartete. Nicht zitternd, aber von
Spannung fast erstarrt, trat sie herein, warf einen Blik auf die Gräfin, und mit
einem lauten Schrei, ihr Gesicht mit beiden Händen bedekend, sank sie auf den
Boden - ein junges Weib hatte vor ihr gestanden, schön, stolz, kalt und
neugierig auf die Unbekannte blikend, nachlässig einen Spizenmantel
zusammenziehend, der ihre nahe Hoffnung, Mutter zu werden, darum nur reizender
entdekte. - -
    Sara ward aufgehoben, man sezte sie in einen Sessel, reichte ihr Salz,
Riechfläschchen; die Gräfin selbst trat näher zu ihr, und ermahnte sie
herablassend, sich nicht zu fürchten, sondern frei zu ihr zu sprechen. Sara war
nicht ohnmächtig; was in ihrer Seele vorgieng, war unaussprechlich - eine
plözliche Umschaffung ihres moralischen Wesens! der Geist der Liebe entschwebte
ihrem betäubten Gehirn, und der Dämon des Verderbens zog in dieses Herz ein, wo
bis heute nur sanfte und wohlwollende Gefühle gewohnt hatten. Die Schöpfung
eines feindseligen Schiksals war in ihr vollendet, seufzend entfloh ihr guter
Engel, und irrte einsam umher, bis die geläuterte Seele wieder zu ihm kehrte.
Sie wies mit völligem Bewusstsein die Hülfsleistungen von sich, und trat nun vor
die Gräfin mit einer Hoheit, einer Kälte, die jeden, welcher dieses holde
Gesicht ehemals kannte, mit Schauder erfüllt hätte. Mit kalter fester Hand
ergrif sie beide Hände der erschroknen Frau, und fragte mit ehern hohler Stimme:
Sind Sie L***'s Gemahlin? - Ohne den Eindruk, den die Sonderbarkeit des
Augenbliks auf die Gräfin machte, würde sie auf eine so befremdende Art
schwerlich eine eigentliche Antwort erteilt haben; und auch jezt drükte sich
der Stolz des Weibes und der Frau von Stande bei ihr aus - ernstaft
zurücktretend erwiederte sie: mich dünkt, mein Anblik und alles was Sie umgibt,
macht die Frage unnötig. - Sara's Augenbraunen zogen sich finster zusammen:
»Als seine Wittwe sehen Sie mich wieder!« sagte sie, in dem vorigen Tone und
ging langsam aus dem Zimmer.
    Bei ihrer Rückkehr fand sie Nanni vor ihrer Schwester kniend, um den Kopf
des Kindes zu halten, das in heftigen Zukungen auf Martens Schoss lag. Mit
freundlicher Angst suchte diese den schreklichen Anblik vor Sara zu verbergen,
und bat sie, sich zu schonen, da der unvorsichtige Ausgang ihr vielleicht schon
geschadet haben könnte. - Er tat gut! sagte Sara mit ihrer Grabesstimme, und
stellte sich vor das Kind, das sie mit starren Augen betrachtete. Sollte es wohl
sterben? fragte sie nun. Hoffentlich; antwortete Marte, mit einer Stimme, die
von Tränen erstikt wurde. Nun, dann ist's auch so recht! sprach Sara, und blieb
stehen. Marta erstaunte: das Kind lag neun Stunden in diesem Zustand, Nanni
sang Todtenmetten und flocht Rosmarinkränze, Sara ging in starrer Fühllosigkeit
im Zimmer umher, sah zuweilen finster auf das Kind, und ging wieder umher. Die
Kleine hauchte ihren lezten Atem aus; Sara wartete eine Weile, stand betäubt,
hielt ihr Herz mit beiden Händen fest, und rief schaudervoll: nun er! Und dann -
dann! - Wild klopfte sie in die Hände, und schlug ihre blizenden Augen aufwärts.
    Dieses Betragen fiel Martens weichem und gesundem Gefühl so auf, dass Sara's
Zustand ihr sehr bang zu machen anfieng. Sie bat sie, diesen Abend zu ihnen
herunter zu kommen. Sara willigte hastig ein. Die verschlossne Tätigkeit, mit
welcher sie alle ihre Geschäfte verrichtete, der harte schneidende Ton ihrer
Antworten auf alle Fragen die man an sie tat - jede ihrer Bewegungen zeugte von
der schreklichen Veränderung, die in ihr vorgieng. Gegen das Nachtessen kam
Tirion mit einem Mann, den sie nicht kannte, nach Hause. Er fragte hastig nach
seinem Schwager, mit welchem er, sogleich nach dessen Eintritt, eine kurze, aber
wie es schien leidenschaftliche Unterredung hatte. Bald trat er zu den Weibern,
und indem er sich mit seinem finstern Wesen an Sara wandte, Bürgerin! sagte er;
wenn Sie das scheuen, was Rache und Recht hier zu sprechen haben mögen, so
erlauben Sie meiner Frau, Sie auf Ihr Zimmer zu führen. Ich kenne Ihre Meinungen
nicht, und schone Ihr Geschlecht. - Sara hatte die Männer mit einem wilden,
forschenden Blik betrachtet: Rache und Recht kennt und braucht auch das Weib,
antwortete sie kalt; Rache und Recht geben mir allein noch Denkkraft - ich
bleibe bei euch! - Eine hohe überfliegende Röte vertilgte die angeborne
Zarteit von ihren Zügen; kühn blikte ihr Auge; von ihrer Stirne fielen die
dunkeln Loken zurück, indem sie ihr Haupt erhob, und den Arm drohend strekte, als
fasste er einen Dolch. Die Männer standen betroffen. Tirion runzelte finstrer
die Stirn: ein neues Opfer der Verräter! rief er aus. Was willst du aber unter
uns? sezte er hinzu, indem er sich wieder zu ihr wandte; du bist Mutter. - Sara
schauderte: Ich war Mutter! Und am Tag der Rache schoss der Vater meines Kindes
die Kugel ab, die des zarten Geschöpfes Leben zerstörte. Ich hielt mich für
seine Gattin, und nun habe ich das Weib gesehen, die seinen Namen führt, vor
welcher er mich verbarg, wie eine Verbrecherin. - Sie schwieg, als stiege eine
blutige Erscheinung vor ihr auf. Sie sah im Geiste ihres Vaters Schloss brennen,
sie sah ihren Vater vor sich stehen, wie er in jener fürchterlichen Nacht L***
den Helfershelfer seiner Feinde nannte, sie sah ihn, wie bei eben diesem Namen
der Tod ihn ergriff; sie sah den alten Bertier, wie er weissagend ausrief: wer
sein Vaterland verrät, wird auch die Unschuld verraten! O hätte nur hier ihr
treuloses Gedächtnis nicht geschwiegen! hätte es ihr auch zurückgerufen, wie er
damals sagte: so lange du nur sein Opfer, nicht seine Mitschuldige bist, wirst
du nicht erliegen! Aber das Schiksal riss sie gewaltsam fort; zerstört hatte das
erlittne Unrecht jedes weiche Gefühl ihrer Seele, und aus der Vergessenheit
traten nur die Bilder wieder vor ihren Geist, die ihren Geist, die ihre Rache
erhizen, ihr Herz vergiften konnten. Morgen, fieng sie von neuem an, und
schüttelte ihr finsteres Haupt, als wollte sie es aus den schwarzen Bildern
erheben; morgen empfängt die Erde mein Kind, und L*** ist dann nichts mehr als
mein Verderber. - L***? rief der Mann, der mit Tirion hereingekommen war, und
fasste sie noch schärfer in's Auge; wären Sie Sara Seldorf? - Seldorf? Ja,
Seldorf, sagte sie, hiess der Mann, in dessen friedliche Hütte der Verderber sich
einschlich, dessen friedliche Hütte seine grausame Rotte verbrannte; der
Märtirer, den sein Kind aus Liebe für den Verführer in das Grab stürzte.
Unmenschlich betrogen, unmenschlich im Innern meines Herzens vergiftet, ruft
mich das Schiksal zur Rache! Sara Seldorf ist nicht mehr; abgerissen von den
Menschen durch Treulosigkeit und Verrat, will sie in Rache das zehrende Feuer
löschen, das in ihr brennt. - Joseph hatte ihr staunend zugehört; wie sie jezt,
von ihrer Heftigkeit erschöpft, inne hielt, strekte er seine Arme nach Nanni
aus, die furchtsam zur Seite stand, und Sara anstarrte: Arme Wahnsinnige, rief
er, einen Tropfen dieses Rachgefühls in dein kindlich Herz, und du wärest dem
Bewusstsein wiedergegeben! - Nanni warf sich ihm schluchzend um den Hals: sie war
so gut und so schön, sagte sie leise, wie ihr Kind noch weinte; jezt schläft es
so sanft, und sie macht mich furchtsam mit ihrer Stimme! Liesse sie es doch
schlafen, bis es überall hell wird! - der Fremde nahm jezt das Wort: Sara, Sie
haben einen Freund, der vorgestern nach der Gränze aufbrach. Roger Bertier
glaubte Sie in dem Haus seines Vaters wohl aufbewahrt; warum entwichen Sie aus
dieser Freistatt? - Die Entdekung, dass dieser Mann Rogern kannte, ihren Namen
kannte, die Art seiner Anrede hatte sie etwas erschüttert; aber bei dem Vorwurf,
der in seinen lezten Worten lag, erwiederte sie stolz: das Weib glaubte dem
Gatten zu folgen! - Und Sara wusste Bertiers Enkel in ihrer Nähe, und liess ihn
im Irrtum, sie sei unter den Augen seines Vaters? Er wachte für Sie, und nur
höhere Pflichten hielten ihn ab, selbst zu Ihnen zu eilen, und Ihnen L***'s
Verbrechen zu offenbaren. Er schrieb, und ängstigte sich bei Ihrem, bei seines
Vaters Stillschweigen. Er eilte endlich mit seinen Waffenbrüdern gegen den
Feind, und seine lezten Worte trugen mir auf, jede Gelegenheit nach seinem
Departement zu benuzen, L***'s Schritte zu beobachten - sie ist frei, sagte er,
und ich komme ihrer würdiger zurück! Und Sie waren es, die der Verräter hier in
diesem Hause, unter meinen Augen, verborgen hielt? - Sara hörte finster zu: In
diesem Hause unter Ihren Augen? So waren es wohl Ihre Kinder, die an jenem Tag
mit dem meinen bluteten? - Und mein unglückliches Weib stirbt in diesem Augenblick
vor Gram! - Sara stand in düsterm Nachdenken; deine jauchzende Stimme rief Rache
auf unsre Feinde, du bist gegangen sie zu erfüllen; dein Loos ist schön - ich
gehe hier dem meinigen nach! Rogers Freund! sprach sie weiter, indem Schwermut
einen Augenblick die Wildheit ihres Ausdruks milderte, nehmen Sie mich zur
Gefährtin Ihrer Rache. Er zog hin, für das Vaterland zu streiten; mein Arm soll
hier Unschuld und Menschheit rächen. - Rächen durch Blut und Tod! rief Joseph,
und bot ihr die Rechte. - Du streitest für Jene? fragte Sara, auf die zitternde
Nanni deutend. - Für jene Wahnsinnige, für den Geist des gemordeten Knaben, der
mich nächtlich aufruft, für die Tausende, die litten wie sie, die
verschmachteten wie er, für ein ehrenvolles Grab, in welchem diese geschändete
Stirn einst ruhe! - Er schlug hier wütend mit der andern Hand gegen sein Haupt,
und Sara legte die ihrige in die ihr dargebotne Rechte. Nanni verbarg schreiend
ihr Gesicht, die Männer blikten finster in den unnatürlichen, blutigen Bund - da
trat Marta weinend in die Türe, und rief: Nachbar Raimond, euer Weib will euch
ihren lezten Segen geben. Sie erfuhr euern Beschluss, abzureisen; und der Jammer
brach ihr krankes Herz. Eilt, wenn Ihr sie noch sehen wollt. - Raimond seufzte
schwer, und folgte der guten Marta. Kommt, rief diese noch im Fortgehen; sie
stirbt wie eine Heilige. Nehmt ihren Segen, Ihr könnt dessen noch bedürfen. -
Jedes Bild des Todes war jezt Sara willkommen; sie ging mit den übrigen in das
obere Stokwerk, wo die Frau, von einer Nachbarin unterstüzt, auf einem Lehnstuhl
sass. Der Ausdruk ihres Gesichts war Begeisterung, eine schwache Röte wechselte
mit der Blässe des Todes ab, sie winkte ihren Mann zu sich, der sie herzlich an
seine Brust drükte. - Der Gott, der meine Kinder zu sich nahm, sprach sie, hat
dich von jedem Bande befreien wollen, das dich an Menschen knüpfte, er wusste was
du littest, von mir zu gehen, und er ruft mich, dass ich dich dort erwarten möge.
Geh hin im Dienst des Vaterlands, als dessen stumme hülflose Opfer deine Kinder
fielen; verzeih mir, dass die Bande meines Lebens nicht so stark waren wie meine
Liebe und mein Mut. Strafe das Verbrechen, rette die Freiheit - dort winkt sie
mir - dort erwarte ich meinen siegreichen Gatten! - Sie hatte mit Anstrengung,
mit sichtbarer Spannung gesprochen, ihr verklärtes Auge war gen Himmel
gerichtet; sie drükte mit einer Hand das Haupt ihres halbknienden Gatten an ihre
Brust, mit der andern zeigte sie in die Höhe - jezt sank sie zurück, ihr Gesicht
entstellte sich. - Da rief die fromme Marte, auf Joseph und ihren Mann deutend;
auch diese segne, mutige Märterin! Segne sie, dass sie recht tun in ihrer
Rache, und dich wiederfinden mögen vor Gottes Tron! - Unwillkührlich sanken die
Umstehenden auf die Knie; die Scheidende strekte beide Arme mühsam aus, und liess
sie erstarrt sinken. Alles schwieg, und der Augenblick wo dieses Opfer der
Mutterliebe in das Land des Friedens eingieng, besiegelte die blutigen
Entschlüsse in den Herzen der Ueberlebenden.
    Sara war von nun an in einen Strom geraten, der sie unaufhaltsam mit sich
fortriss. Raimond wäre noch das einzige menschliche Geschöpf gewesen, von dem ihr
in diesem Augenblick Rettung hätte kommen können, aber es war zu spät, und ihn
selbst hatte der nämliche Strom schon gefasst. So waren alle Zufälle gegen sie
verschworen gewesen. Roger hatte, in der Meinung dass Sara noch bei seinem
Grossvater sein müsste, alle Entdekungen, die er in Rüksicht auf L*** gemacht
hatte, nach seiner Heimat berichtet; und da der Briefwechsel zwischen den
Patrioten jenes Departements und der Hauptstadt damals aufgehalten wurde, so
erhielt er keine Nachricht von seinem Grosvater, und Sara's Abreise aus dem
Hause des alten Bertier blieb ihm unbekannt. Von einem neuen Ankömmling aus
Saumür hatte er erst die Vorfälle bei der Bundesfeier des vierzehnten Julius,
und L***'s Anwesenheit in der dortigen Gegend erfahren; mit jeder Falschheit
unbekannt, und zu allem geheimen Nachforschen zu unbiegsam, war es ihm bis jezt
nicht in den Sinn gekommen, L*** nachzuspüren: zufrieden, die Nachricht seiner
Heirat eingezogen zu haben, mit welcher er Sara zu retten hofte, hatte er ihn
voll Verachtung ganz aus den Augen gelassen. Roger konnte der Tirannei und dem
Tode trozen, er konnte für seine gerechte Sache eine Welt zum Kampfe
herausfordern, er konnte den Verbrecher mit eigner Hand schlachten; aber ihm
nachgehen, ihn lange ausforschen konnte der einfache Jüngling nicht - nicht um
des Vaterlandes willen, wie viel weniger also um seiner selbst willen! So konnte
Sara wohl vor ihm verborgen bleiben, ob er es gleich würklich gewesen war, dessen
Stimme sie bei dem Fest, das Raimond seinen Landsleuten gab, in ihrer Nähe
gehört hatte. Seitdem er indessen wusste, dass L*** sie bei seinem lezten
Aufentalt in der Gegend von Saumür gesehen haben müsste, war er unruhiger
geworden, und fürchtete mit brennender Eifersucht, was würklich geschehen war.
Er bewachte nun L***, und fand ihn täglich überall, und blikte ihm überall mit
der offenen Verachtung in's Auge, die seine Redlichkeit dem Verrat zugeschworen
hatte. Suchte er ihn auf, so war es seine Absicht, ihn auszuforschen; hatte er
ihn gefunden, so schien es ihm, als könnte der Verräter ihm doch nicht
entgehen, und das Ausforschen war bald rein vergessen. Auch hielt es bei L***'s
Behutsamkeit, selbst für ein geübteres Auge, schwer ihn zu erraten; und überdem
trat nun der entscheidende zehnte August ein, durch welchen L*** ausser Stand
gesezt sein musste, Sara weiter zu verfolgen, und Roger genötigt war, Paris zu
verlassen. Noch immer ohne Nachrichten von seiner Heimat, wagte er es aber vor
seiner Abreise, sich seinem Landsmann Raimond zu entdeken, einem feurigen Kopf
und warmen Freund der Volksklasse, die er als Arzt in einem Stadtospital von
Jugend auf beobachtet hatte. Er bat ihn, auf welche Art es immer gehen möchte,
seinem Vater Nachrichten von ihm zukommen, und Sara von dem was L*** beträfe,
unterrichten zu lassen. Wie Raimond diese zuerst sah, hatte er den Vorsaz, sie
von dem schreklichen Pfade, auf welchem er sie traf, zurückzureissen; er wollte
sie seinem Weibe zuführen, deren Tod er nicht so nah glaubte. Allein in eben der
Stunde, wo er diesen Plan entworfen hatte, starb sie; und ihr Tod schien seinem
gespannten Gehirn ein Zuruf, Sara ihrem Schiksal folgen zu lassen. Sein Weib,
seine unschuldigen Kinder waren durch einen traurigen Zufall unter den Opfern
des zehnten Augusts gewesen; die lezten Worte dieses sterbenden Weibes, die ihn
zehn Jahre mit seltner Innigkeit geliebt, ihm in mancher drükenden Lage das
schönste häusliche Glük gewährt hatte, schienen ihm ein Spruch der Weihe, der
seine Laufbahn bestimmte - und Sara war verlassen wie er, sie war zehnfach
elender wie er: warum konnte sie das Schiksal nicht zur Rächerin ihres
Geschlechts ersehen haben? Er folgte der unerklärlichen Gewalt, welche die
ungeheure Menschenmasse von Paris damals in unsichtbaren Banden gefesselt hielt,
und einen Teil zu Anstiftern der entsezlichsten Gräuel, einen andern zu
Werkzeugen des Mords, und die ganze zahllose Menge zu stummen und geduldigen
Zeugen der schaudervollen Grausamkeit machte. Wenn der Gesichtspunkt einmal
verrükt ist, aus welchem man die Menschen gewöhnlich betrachtet, wenn die
Moralität der Handlungen durch ausserordentliche Umstände einmal unsicher
geworden ist, können Grundsäze der friedlichen Ruhe nicht mehr über die Frevler
richten. Gesez und Recht mögen sie ergreifen; aber die Menschen müssen mit
heiligem Schauder auf sie bliken, als stünde das Zeichen Kains auf ihrer Stirne,
oder wie die mildere Vorwelt jene Unglücklichen betrachtete, die von den
Unrechtstrafenden Göttern in die Gewalt der Erinnyen gegeben waren.
    Auf diese Weise war der lezte warnende Zuruf durch Rogers Namen, wie ihn
Raimond vor ihr aussprach, in Sara's betäubten Ohren verhallt, und er hatte nur
neuen Durst nach Rache erwekt. In den wenigen Stunden, die sie nach diesen
gewaltsamen Auftritten allein zubrachte, schritt sie, wie von bösen Geistern
getrieben, umher, und durchdachte ihr durch L*** zerrüttetes Schiksal; und je
schärfer sie sann, desto klarer erkannte sie seinen tief angelegten Plan, sie zu
hintergehen, verstand die berechnete Zweideutigkeit seiner Äusserungen, die ihn
sogar vor dem Vorwurf schüzen sollten, dass er sie hätte betrügen wollen. In ihr
unbegränztes Zutrauen eingewiegt, durch ihre Unkunde des Bösen sicher gemacht,
durch den Wert der Opfer von der Gröse, der Allmacht ihres Gözen immer mehr
durchdrungen, hatte sie ihren Vater betrogen, ihre jungfräuliche Würde verloren,
Rogers Treue von sich gestossen, Bertiers Fürsorge verschmäht und endlich den
einzigen Lohn ihrer Leiden, ihr geliebtes Kind, dem Tod in die Arme geworfen.
Von diesen Betrachtungen, die ihr Gehirn versengten, rief sie Joseph zu den
Versammlungen seiner Gefährten ab, wo sie allgemeine Schmach, allgemeines Elend
um Rache schreien hörte; und so löste sich ihr ganzes Wesen in Hass und Wut.
    In diesen höllischen Zusammenkünften wurde ein Teil der Gräuel verabredet,
welche die ersten Tage des Septembers 1792. auf ewig zu den schwärzesten machen,
die jemal die Jahrbücher der Freiheit geschändet haben. Sara ward bald in den
Schrekensgeheimnissen eingeweiht, insoweit wenigstens Rache und blinder
Fanatismus dabei mitwürkten; denn die noch verhassteren, geheimen Triebfedern der
Politik, der Herrschsucht, des Eigennuzes entgiengen ihrem leidenschaftlichen
Blik. Wenn indessen noch etwas ihr einen geheimen Schauder vor dem Pfad
einflösste, auf welchem sie wandelte, so war es die Gemeinschaft mit einigen
Weibern, die sie bei jenen Beratschlagungen antraf. Diese entarteten Geschöpfe
hatten Mord und Aufruhr zu ihrem Gewerbe gemacht, weil sie nur darin erlangten,
was der Mensch von der Wiege an bis zum Grabe sucht: einen Platz im
gesellschaftlichen Dasein. Wenn sie aber Sara als ihres gleichen ansahen, und
diese sie im stolzen Grimm von sich schleuderte, so sehnte sie sich um so
schreklicher nach den Opfern der reinen Rache, zu welcher die Herabwürdigung
ihres Geschlechts, selbst in diesen Furien, sie aufzufordern schien. Seitdem ihr
Wille und ihre Kräfte zurückgekehrt waren, hatte sie vorzüglich gestrebt, L***'s
Aufentalt zu erforschen, und so blutig ihre Absicht war, so fühlte sie sich
doch noch so menschlich, ihm der ihren Glauben an Tugend, Liebe und Treue
vernichtet hatte, nur das Leben rauben zu wollen. Sie verschloss anfangs ihren
Plan in ihrem innersten Herzen, aber noch war dieses Herz an Wut und Rache
nicht gewöhnt; die feindseligen wilden Gefühle pressten es quälend zusammen, und
schrekten ihren Geist mit den entsezlichsten Bildern, bis die Menschen, mit
welchen der Zufall sie in Verbindung gebracht hatte, sie aus diesem unbestimmten
Zustand emporrissen. Joseph erbot sich zum Gehülfen ihrer Rache, und sie trug
ihm auf, L***'s Schlupfwinkel ausfindig zu machen. Treu und eifrig befolgte er
ihre Befehle, denn ein dunkles Gefühl fesselte ihn an das unglückliche Weib.
Liebe war dieses Gefühl nicht: bei dem völlig zermalmten Streben nach andrer
Achtung, unter welchem dieses Schlachtopfer gemissbrauchter Geseze seit Jahren
schon ächzte, war Liebe unmöglich. Aber er hatte immer zärtlich an Schwester
Nanni gehangen, er war um Nanni's willen vernichtet, und nun schien ihm Sara wie
ein höheres Wesen in seine Rache einzuwürken; sein Wille ward dem ihrigen
dienstbar, und ob er gleich nicht lieben konnte, so fesselte ihn doch auch die
Macht der Schönheit an sie - denn schön stand Sara noch im schreklichen Abgrund,
unter den Verworfnen gross und furchtbar, wie Medea, wenn sie von den
Unterirdischen umringt, Befehle erteilte, die ihre eigne Gotteit enteiligten,
und ihr menschliches Herz mit Jammer erfüllten.
    Am Morgen des zweiten Septembers erschien Joseph vor ihr, und rief ihr
frohlokend zu, der Verräter sei gefunden, und für sie und das Volk falle er
noch heute zum gerechten Opfer; er sei im Karmeliterkloster unter einer Menge
andrer Gefangnen, und, wie sie alle, der schreklichen Volksrache preis gegeben.
Jezt erst vernahm Sara bestimmt und zusammenhängend den Plan dieses Tages. Sie
schauderte vor der fürchterlichen Tat, die sie nicht mehr abscheulich nannte;
aber der Gedanke dass er, den sein Verbrechen ihr zugeeignet hatte, fallen sollte
ohne die Hand, die ihn träfe, zu kennen, ohne es um diese Hand verdient zu
haben, füllte sie mit Eifersucht und Unmut. Lange wälzten sich die wildesten
Fantasien in ihrem Gehirn - dort wo er war, konnte sie ihn nicht befreien,
retten wollte sie ihn nicht, und selbst dass er zum Tode bestimmt war, milderte
ihr unbewusst das entsezliche des Mords, den ihre Seele dachte. Sie sah ihn vor
sich in seinem ganzen Zauber, sie hörte die Stimme, die sie in den Abgrund des
Elends gezogen hatte, und liebte ihn noch einmal, um ihn zu ihrem eignen Opfer
zu ersehen. Nein, rief sie glühend und zitternd vor dem schreklichen Entschluss,
nein, so sollst du nicht fallen, grösster, unmenschlicher Verräter! das Herz,
für das ich meine Seligkeit verkaufte - das Herz ist mein, und meine Hand muss es
durchbohren. O, ich weiss ja was Mord ist! ich sah jenen Unglücklichen bluten, und
vergieng nicht; und damals glaubte ich mich geliebt - damals war ich Weib,
Mutter. - - Sie verstummte, von dem unnatürlichen Streit zwischen dieser
Erinnerung und ihrem Vorsaz überwältigt. Sie nahm nun mit ihrem finstern
Unglücksgesellen Abrede; er musste um das Gefängnis herumschleichen, seine
höllischen Gehülfen hatten bei jedem Posten Aufpasser; und gegen Mittag wusste er
genau das Gemach, worin L*** festsass, die Zahl seiner Mitgefangnen, seine
Kleidung selbst. Er beschrieb der gierig horchenden Sara jeden Umstand; und wie
der abscheuliche Zeitpunkt erschien, war sie an der Spize einer Rotte, die in
jene Wohnung des Schrekens eindrang. Um sie her jauchzte der blutdürstige
Haufen, jauchzte convulsivisch aus ihm selbst die sich sträubende Menschheit,
und wollte das Aechzen der Erschlagenen, durch die er seinen Weg bahnte,
überjauchzen. Mit jedem Schritt in der entweihten Freistatt des Gesezes ersann
die Verzweiflung des Verbrechens neue Gräuel, um sich gegen die eben begangenen
zu betäuben. Flüche, wildes Geschrei, schallendes Gelächter tobten um Sara, die
schweigend mit gezüktem Dolch, im Ausdruk des bittersten Grimms vor ihnen
hergieng - und immer starrer ward ihr Grimm durch die Abscheulichkeiten, die
ihre Sinne bestürmten und abstumpften, und hielt ihre schaudernde Seele
zusammen. Vor ihr stürzten die Unglücklichen, Erbarmen flehend, nieder; hoch
stand sie mit erhabnem Angesicht unter dem wälzenden wogenden Gewühl der
Mordenden und der Sterbenden, liess ihr Auge kalt über die Erschlagnen
hingleiten, und spähte nur nach ihrem Opfer. Jezt drängten sich die Henker gegen
seine Türe, deren Eingang die arme Schlachtopfer zu erschweren gesucht hatten;
die schwachen Bollwerke stürzen ein, sie fliegt auf, die Gefangnen innerhalb
treten in einem halben Zirkel zusammen, entschlossen ihr Leben teuer zu
verkaufen - in ihrer Mitte steht L***. Sara, mit fliegendem Haar, das weisse
Gewand vom Blut der Erschlagnen, über welche sie schritt, beflekt, hebt den Arm,
hebt das Eisen, das sie für diesen Augenblick rein bewahrt harte. - Du bist mein,
ruft sie, nur ich darf dich richten! - und stürzt auf ihn zu. Sara, Sara!
erschallt plözlich eine bekannte Stimme aus dem Mordgewühl um sie her - es ist
Teodors Stimme! Nur diese, nur die Stimme der Natur vermochte noch in dem durch
Rache verwilderten Herzen wiederzutönen; bei der leisen unerwarteten Anregung
brach die Kraft ihrer gespannten Nerven: und Sara sank sinnlos unter den
Geschlachteten nieder.
    Joseph hatte sich nicht von seiner Heldin entfernt; wohin er sich auch in
seinem blutigen Geschäft wandte, hatte er sich immer wieder gegen die Seite
hingedrängt, wo sie fürchterlich und bewegungslos stand; jezt hörte er ihre
dumpfe, erschütternde Stimme ihres Verderbers Todesurteil rufen, und in eben
dem Nu sah er sie stürzen. Er eilte zu ihr, riss sie auf vom blutigen Boden, und
dem Unmenschen fluchend, den sie, wie er glaubte, nicht früh genug ereilt hatte,
trug er sie von dem abscheulichen Schauplaz hinweg. Erst spät kam Sara in einem
Hof des Gefängnisses wieder zu sich. Ihr erster Laut rief ihren Bruder. Sie
fragte ungestümm, mit irrendem Blik, ob ihr Bruder gerettet sei? Erstaunt und
verwirrt fordert Joseph Erklärung, sie weiss ihm keine zu geben, rafft sich auf,
fliegt durch die schaudernden Zuschauer, durch die brüllenden Mörder, dringt
wieder in das Gefängnis, findet Blut, Leichen, Gewinsel - aber ihr Opfer und ihr
Retter von der Blutschuld waren nicht unter den Todten, nicht unter den
Sterbenden. War es eine Täuschung gewesen? War es des Bruders Geist gewesen, der
sich zwischen sie und noch grössere Gräuel stellte? war sein zerrissner Leichnam
so entstellt, dass sie ihn nicht unterscheiden konnte? oder hatte er sie
gerettet? - Zitternd, L*** zu erkennen, und ihren Bruder umsonst zu suchen,
blikt sie unter den Todten umher. Nur Teodors Stimme im Ohr, ruft sie sich
selbst zu: Sara, Sara! als würde der Ruf jenes Echo erwecken - umsonst, die
Todten bleiben stumm!
    Um der Menschheit willen, deren Genius damals sein weinend Angesicht
verhüllte, um unsers Mitgefühls willen bei den früheren Leiden der noch
schuldlosen Sara, lasst mich schweigen, wo ich keine Worte habe, für die
Finsternis ihrer Seele, für den Wechsel von Wut und Schmerz, in welchem sie ein
unnatürliches Dasein hinschleppte. In ihren wilden, düstern Stunden gab Marta
schonend auf sie Acht, und tröstete Nanni, die vor Weinen vergieng, über den
Traum der Unglücklichen, der ihren Geist mit so blutigen Bildern gefangen hielt.
War sie ruhiger, so nahte sie sich ihr mit freundlicher Furchtsamkeit, sang ihr
vor, und schmeichelte ihr bittend, bis sie einen Augenblick Ruhe oder Nahrung
genoss. Raimond und Tirion waren nun nach der Gränze gewandert, und Joseph blieb
allein bei den Weibern zurück. Aber er lebte ganz in seinem fanatischen Taumel,
und nur Sara's Interesse mochte ihn auf Augenblike herausreissen. Seit jenem
entsezlichen Tage war es ihr einziges Bestreben gewesen, Nachricht zu erhalten,
ob L*** gefallen sei, und ob Teodor noch lebe. Es gelang endlich Joseph durch
seine unermüdeten Nachforschungen, ihr ein Mittel anzuzeigen, wie sie dies
erfahren könnte; und sie wusste sich bei einem von den Männern, welche die ächten
Septemberlisten besassen, Eingang zu verschaffen. Ihre Stimmung, ihre Sprache,
ihr ganzes Wesen fiel auf; man erkannte in ihr einen Stoff, den man einst für
gewisse Plane würde benutzen können; ihre Bitte wurde gewährt, und es ergab sich
aus den geheimen Registern, dass Teodor würklich mit L*** auf der Liste der zum
Tod bestimmten Gefangenen gestanden hatte, dass aber jener allein unter den
würklich Ermordeten gewesen sein musste. - L*** war, wie durch unsichtbare
Geister, gerettet worden, und es fand sich bald, dass seine Existenz jenen
revolutionnairen Staatsmännern nicht viel weniger zu schaffen machte, als der
unglücklichen Sara. Sie hörte dort, dass ihr Verderber eben so treulos an seinem
Vaterland gehandelt hatte, wie an seiner Geliebten - in dem neuen Kreis von
Begriffen und Verbindungen, in welchen sie bei dieser Veranlassung geriet,
schraubte sich ihr Geist, der angefangen hatte, in eine vielleicht heilsame
Dumpfheit zu versinken, zu einem neuen Fieber auf, das sie immer weiter von
ihrer Bestimmung entfernte.
    Nun schwindelte sie eine Weile auf den Höhen des Berges fort; und wahrlich,
sie war unter den Handlungen des Mords am zweiten September der Menschheit näher
gewesen, als unter diesen politischen Rechenkünstlern, die in dieser Zeit
besonders anfiengen, ihr Zerstörungssystem zu gründen. Schon damals hörte sie
über die blutigen Zwangsmittel, über das Reich des Schrekens, über die
Proskriptionen, über alle die Plagen, welche späterhin vom Berge herab auf das
unglückliche Frankreich gehäuft wurden, beratschlagen. Auch sie ward, mit so
vielen andern, verführt, die heilige Freiheit für ihre zum Teil zufälligen
Symbole und Formeln aufzuopfern; auch sie trug das ihrige bei, sie in die Hände
ihrer abgesagtesten Feinde zu liefern, die unter der Larve von Beschüzern, mehr
mit Nebenbuhlern als mit Gegnern um den Preis der Unterdrükung und der Tirannei
kämpften. Sie traf auf dieser Laufbahn wiederum mit Wesen ihres Geschlechts
zusammen; nur waren es hier meistens feine, zierliche, verkehrte Geschöpfe, die
in die kalte Raserei dieses oder jenes Demagogen einstimmten, weil sie überhaupt
eines Gözen bedurften, der sie aus Dankbarkeit an dem Weihrauch des blinden
Haufens teilnehmen liesse. Wenn aber ein solches Weib die Deklamationen, die
Sophismen, die Phrasen, auf welchen ihr Freund seine Herrschaft über das
getäuschte Volk, über Gut und Leben jedes Bürgers gründete, im sinn-und
herzlosen Eifer nachplapperte - wie verschieden war davon Sara's
leidenschaftliche, aber immer wahre und innige Stimmung, ihr in den traurigsten
Verirrungen immer nach sittlichen Beziehungen, nach sittlichem Zusammenhang
strebender Geist, die edle und reine Glut, mit welcher sie für die Wahrheiten
entbrannte, die von der unseligen List der Heuchelei mit dem verderblichsten
Irrtum vermischt wurden! So zeichnete ihr angeborner Wert sie auch unter den
Abarten ihres Geschlechts aus, mit denen ihr feindseliges Schiksal sie in die
unwürdige Gemeinschaft gebracht hatte; aber die notwendige Rache der
beleidigten Weiblichkeit blieb darum bei ihr nicht aus. Wie jeder Tag ihren Kopf
mit neuen politischen Tollheiten füllte, so starb jeden Tag eine Faser ihres
Herzens ab; selbst die Erinnerung, Tochter, Geliebte, Weib, Mutter gewesen zu
sein, äusserte sich endlich nur in heftigeren Ausbrüchen des Parteigeists auf den
Tribünen der Volksgesellschaften, in den Sälen der Sektionsversammlungen - denn
dortin drängte sich jezt jene Sara, deren Stimme ehemals aus mädchenhafter
Schaam lieblich zitterte, wenn sie einem fremden Knecht einen Auftrag ihres
Vaters ausrichtete, dort stand sie jezt, und stürmte ihrer Partei wilden Beifall
zu, oder höhnte kek die schwächeren Gegner.
    Der grosse Streit über das Schiksal Ludwigs beschäftigte jezt die
Stellvertreter des Volks; und Sara, die am zehnten August seinetwegen gezittert
hatte, weil L*** für ihn stritt, sah nun dem Augenblick seines Todes ungeduldig
entgegen, weil L*** auch um seinetwillen sie verraten hatte, weil Teodor um
seinetwillen seinem Vater entsagt, und vor den Augen seiner unglücklichen
Schwester das Loos der Volksverräter geteilt hatte, weil seine falschen
treulosen Verteidiger die Wiege ihrer Kindheit zerstört, das Alter ihres Vaters
unter Armut und Gram gebeugt hatten. Höchst erbitternd vermischte sich bei ihr
das Gefühl ihres Schiksals mit jener Angelegenheit, deren Wichtigkeit selbst ihr
wundes Herz beleidigte, und sie mit unmutigen Zweifeln an Vorsehung und Würde
der Menschheit erfüllte. Tiefer konnte ihr moralisches Wesen nicht sinken,
trauriger konnte der Abglanz der Gotteit auf ihrem schönen Gesicht nicht
verlöschen, als in dieser Zeit, wo ihre Züge entweder von todter Abspannung,
oder zwekloser Unruhe, Hass und Hohn entstellt wurden. Ihrer zerrütteten Seele
fehlte nur noch ein Stoss, um den gespannten Faden ihrer Vernunft zu zerreissen,
und diesen Stoss führte das Schiksal herbei.
    Das Todesurteil über den König war gesprochen: kalte, menschenfeindliche
Neugierde trieb sie an, sich als Nationalgarde verkleidet zu dem Dienst im
Tempel zu drängen, um seine lezten Stunden zu beobachten. Die heldenmütige
Fassung, die einfache Güte, welche das ferne Europa an diesem Schlachtopfer der
Politik bewundert hat, schrumpften vor ihrem bittern Hass zur elenden
Alltäglichkeit zusammen. Am Tage seiner Hinrichtung stand sie unter den
weiblichen Zeugen dieses schreklichen Schauspiels, und lachte bitter auf, dass,
um diesen Menschen zu tödten, eine ganze Stadt im Auflauf, ein Heer unter den
Waffen war - und vor ihren Augen war Teodor gemordet worden, ohne dass die
Ruhestätte seines Leichnams zu finden gewesen war! Sie befand sich nahe genug am
Richtplaz, um die Heiligsprechung des unglücklichen Königs durch den Priester,
der ihn begleitete, zu vernehmen. - Heilig! murmelte sie knirschend - was ist
der Gotteit heilig? was ist es den Menschen? - Sie tauchte ihr Schnupftuch in
das herabrinnende Blut: Im Blut eines noch Heiligeren will ich dich wieder rein
waschen! rief sie, an L*** denkend. Ihr Kopf fieng an, so vieler Wut zu
erliegen; ermüdet drängte sie sich aus dem Gewühl heraus, und eilte ohne
bestimmten Endzwek durch einige entfernte Strassen, wo eine bange, feierliche
Stille herrschte. Sie sank endlich erschöpft auf einer steinernen Bank, an der
Türe eines bürgerlichen Hauses nieder. Gedankenlos sass sie in anscheinender
Ruhe, als der ungewohnte Ton von Kinderstimmen in ihr Ohr drang. Sie blikte auf,
und sah einen Knaben und ein Mädchen von sieben bis neun Jahr vor dem Hause
spielen. Der Knabe hatte sich eine Nationalfahne gemacht, die er hoch
emporschwang, und ein Kriegslied dazu sang; das Mädchen baute mit Steinen am
Boden. Wie der Knabe ein Paarmal das Refrain seines Liedes gesungen hatte,
welches Triumph über den Tod des Tirannen ausdrükte, sah das Mädchen, das ältere
von den beiden Kindern, auf, und sagte mit einem sanft traurigen Wesen: Henri,
es ist nicht recht, dass du so jauchzest, da die Mutter weint, und der Vater so
ernst von uns ging. - Ach, sprach der Bube leichtin, ich singe das Siegeslied
über den Fall des Tirannen, das die Bürger gestern beim Trinken sangen. - Lieber
Henri, weisst du nicht, wie der Vater neulich sagte: bei einem todten Feind
jauchzt nur der Feige? Er ist ja nun todt! Lass auch dein hässliches Jauchzen. -
Der Knabe war näher zu seiner Schwester getreten, und sah sie nun fragend an:
wer ist todt? - der Tirann, von welchem du singst - der arme König! wie die
Trommel so fern tönte, ward er ja geköpft - der arme König! spottete Henri nach;
man sieht wohl, dass du eine Aristokratin bist. - Henri! sagte das Mädchen,
errötend vor Zorn, und warf ihre Steinchen zusammen; das ist nicht recht von
dir, dass du mich schimpfest. Dass der König todt ist, geht mich nichts an; aber
die Mutter sagt, wenn er denn auch ein Verräter gewesen wäre, seine Kinder
wären doch arme Waisen, und wir sollten Gott bitten, dass ihr Unglück das Heil des
Volks gründen möchte - und Henri, sprach sie in Tränen ausbrechend, die Mutter
sagt, mit Hass im Herzen könnte man Gott um nichts bitten. - Henri nahm ängstlich
ihre Hände, bat, versicherte, er wollte ja dem kleinen Kapet nichts tun, er
wolle ja Gott für ihn bitten; die Kleine liess sich lange nicht versöhnen.
Endlich ward aber doch aus ihrem Streit ein kindliches Geschwäz, indem die
Schwester ihrem Henri von dem Jammer einer Familie erzählte, wo der Vater vor
kurzem hingerichtet worden wäre. Sie sagte, nun müsste der kleine Kapet auch so
weinen, wie die Kinder dieses armen Mannes, und - sezte sie schluchzend hinzu -
wenn nun unser Vater auch so fortgerissen und gerichtet würde? - der Knabe
richtete sich schnell auf; sein offenes Auge blizte unter Tränen: O nie, nie!
er ist ein Patriot - er kann im Kriege fallen; aber dann weinen wir nicht, dann
starb er für die Freiheit. - Die Kleine schüttelte den Kopf, und weinte still
fort. Der Uebergang, den dieses kindische Gemisch von natürlichem Gefühl und
nachbetendem Heroismus in Sara's Wesen hervorbrachte, war nur bei der dumpfen
Abspannung möglich, zu welcher ihre Nerven gesunken waren. Sie war aufgestanden,
und hatte sich dem Mädchen genähert, ihr selbst unbewusst füllten Tränen der
Teilnahme an ihrem Kummer ihre Augen, sie streichelte des Kindes Wangen - das
weiche Geschöpf weinte, durch fremdes Mitleid gerührt, noch heftiger; und von
einem Anblik, dessen sie so entwöhnt war, hingerissen, sass jezt Sara neben ihr,
tröstete sie, rief den Bruder herbei, und versöhnte ihn mit der Schwester, die
ihn wiederum um Vergebung bat, als wäre ihre Heftigkeit weit schlimmer gewesen,
wie das Wort, durch welches er sie erregt hatte. Während dieses Gesprächs trat
ein noch ziemlich junges Weib, mit einem Säugling im Arm aus dem Hause. Es war
die Mutter dieser Kinder; wie sie eine Fremde mit ihren Kindern beschäftigt sah,
ging sie näher hinzu - ohne alle Erklärung entstand nun ganz natürlich zwischen
diesen Menschen ein scheinbarer Einklang von Empfindungen. Sara's Tränen waren
eine wohltätige Erschlaffung ihres gepeinigten Gehirns, die guten Kinder, die
sie zuerst veranlasst hatten, weinten jezt aus blinder Teilnahme mit, und bei
ihrer Mutter brauchte es keiner grossen Anregung, um ihre Traurigkeit zu erneuern
- sie drükte den Schmerz aus, den so manches stille Herz in dieser unermesslichen
Stadt heute so tief empfand; eben den Schmerz glaubte sie auch in Sara's Tränen
zu lesen, und fühlte sich dadurch zu der schönen Fremden hingezogen. Der
Säugling schmiegte sich unterdessen schmeichelnd an die Mutter, und wie diese
sich nicht mit ihm abgab, bog er sich zu der Fremden, spielte mit einem Bande an
ihrer Kleidung, blikte mit heitern Kinderaugen an ihr hinauf, und legte seine
kleinen Hände lächelnd an ihr Gesicht, als wollte er ihr beweisen, was er tue
sei Zutrauen und Liebe.
    Hier zersprang die harte Rinde, die sich um Sara's Herz gebildet hatte. Im
Gewühl der Menschen war sie des Anbliks der Menschheit entwöhnt worden: hier
lachte sie ihr zum erstenmal wieder in ihrem reinsten, sanftesten Abdruk
entgegen - das war ihres Kindes rührender Blik, so berührte seine schwache
schmeichelnde Hand ihre Wangen! Ihr Herz brach fast unter dem gewaltsamen
Zuströmen so fremdgewordner Empfindungen. Schluchzend, tief atmend riss sie das
Kind an sich, drükte es gegen ihre Brust, vergass sich und die Vergangenheit in
dem dunkeln Bewusstsein, wieder einmal Weib zu sein. Die Mutter sah ihr
befremdet, aber gerührt zu, als der Knabe aufsprang, und fröhlich rief: der
Vater! der Vater kömmt! indem er einem Nationalgarden entgegen lief, der im
Hintergrunde der Strasse sich von seinem Haufen trennte, und auf sie zukam. Das
Weib liess den Säugling in Sara's Armen, und ging zu ihrem Mann, der seinen
Kindern liebkosend an der Türe stehen blieb. - Du musstest ihn morden sehen!
sagte sie schmerzlich, indem sie sich an ihn lehnte. Er richtete sie auf,
reichte ihr sein Gewehr, seine Patrontasche, und sagte ernst und gütig: Liebes
Weib, du folgtest sonst meinem Rat, du hieltest mich für den Weiseren; willst
du dich in dem wichtigsten Zeitpunkt unsers Lebens von andern stimmen lassen? -
Sie weinte ungestümmer bei dieser Zurechtweisung, und nachdem er ihr eine Weile
vergebens zugesprochen hatte, schien er noch ein leztes Mittel versuchen zu
wollen, indem er herzlich nach dem jüngsten Kinde fragte, und heiter und sanft
ihren Arm nahm, um mit ihr hineinzugehen und es zu sehen. Nun zeigte sie es ihm
in Sara's Armen: Sieh, da ist es bei einer guten fremden Frau; die kost ihm
schon lange, und weint - die magst du nur auch trösten! - der Mann betrachtete
jezt Sara, und wie diese sich aufrichtete, stuzte er, sein Gesicht drükte sogar
Schreken aus; er blieb stehen, und fragte leise: wie kömmt dieses Weib zu euch?
- die Kinder erzählten nun schwazhaft, wie sie sich zu ihnen gesezt, wie sie so
herzlich mit der Kleinen geweint hätte, und am Schluss ihrer lebhaften,
verwirrten Erzählung näherten sie sich Sara, und wollten sie zum Vater führen.
Aber dieser hatte unterdessen seine Frau beiseite gezogen, und kaum hatte sie
ausgehört, was er ihr mit einem ziemlich heftigen und leidenschaftlichen Ausdruk
zu sagen schien, so stürzte sie pfeilschnell auf Sara zu, riss ihr den Säugling
vom Arm - Furie, rief sie erbost, wolltest du auch des Kindes Blut trinken? Geh,
und vergifte meine armen Kinder, mein Haus nicht mit deiner Gegenwart. - Sara
wankte; die beiden älteren Kinder prallten erschroken zurück; der Säugling hieng
schreiend an der Mutter, die ihn heftig an sich drükte - da trat der Mann hinzu,
nahm den Knaben und das Mädchen bei der Hand, und sagte missbilligend zu seinem
Weibe: ist sie nicht elend genug durch unsern Abschen vor ihr? Geht hinein, lasst
sie - armes Weib, was machte dich so unmenschlich? rief er noch, indem er einen
traurigen Blik auf sie warf, und in das Haus eilte. Die Türe ward verschlossen,
Sara blieb allein! - man floh sie also, als wäre ihr Anblik vergiftend; der Mann
hatte also ihre Taten genannt, und durch diese erschien sie diesen
schmeichelnden Kindern, diesem weichen Weibe, wie ein Ungeheuer! - Sara betrog
sich nicht; der Mann hatte bei der Hinrichtung seinen Posten in ihrer Nähe
gehabt, er hatte sie unter ihren abscheulichen Gefährtinnen erblikt, und sie
nach ihrer Handlung wohl mit denselben verwechseln können - nun fand er
schaudernd seinen Säugling an dem Busen des Weibes, die ihr blutiges Schnupftuch
an eben diesem Busen verbarg!
    Von diesem Augenblick an war Sara vernichtet; sie fühlte sich gebrandmarkt,
ausgestossen von den Menschen, unfähig ihr Antliz aufzuheben vor ihnen; aber
diese, die sie von sich gestossen hatten, konnte sie nicht hassen - hassen konnte
ihr einmal erweichtes Herz nicht mehr! Sie warf sich in unaussprechlicher,
dumpfer Verzweiflung auf die Bank. Die Nacht brach ein, und vermehrte noch mit
ihrem Dunkel das Grauen ihrer Seele. Sie irrte, an diese Gegend wie gebannt,
umher - schaudernd vor der Rükkehr nach Haus, wo Joseph und seine Gesellen
versammelt waren, schaudernd vor der Stille ihrer Zimmer, wo sie die Bilder der
Vergangenheit mit kalter Bitterkeit abzuwehren, nicht mehr die Kraft in sich
fühlte, und mehr noch schaudernd vor den gewöhnlichen Tummelplätzen der wütenden
Parteien. Unter dem Gewühl von quälenden Vorstellungen, mahlte sich dann und
wann des Säuglings Lächeln, mit ihres Kindes Bilde verschmolzen, vor ihren
Augen; sie fühlte seinen sanften Atem an ihrem Hals, sie sah seinen hellen
Blik, das fremde Kind und L***'s Tochter wurden Eins in ihrer Fantasie - und sie
weinte endlich laut nach ihrem Kinde, das Grab ihres Kindes schien ihr endlich
der einzige Flek in der ungeheuern Stadt, der sie gastfrei aufnehmen würde. Sie
eilte durch die Strassen, und suchte den Kirchhof, wo sie so oft die Bitterkeit
ihres Herzens auf dem Erdhügel, der das unschuldige Schlachtopfer dekte, genährt
hatte; und von Finsternis umflossen, sank sie endlich sinnlos, und von Jammer
erstarrt, dort nieder.
    Es mochte schon tief in der Nacht sein, als ein neuer Zufluss von Leben die
Würkung der Winterkälte, des feuchten Bodens und ihrer tödtlichen Erschöpfung
überwand, und sie aus diesem schreklichen Zustand erwekte. Der Himmel war mit
finsterm Gewölke bedekt, dessen zerrissene Massen nur selten eine trügerische
Dämmerung auf die Gegenstände umher fallen liessen. Anfangs sezte sich Sara, ganz
unbewusst wo sie war, auf das Fussgestell eines alten Grabmals, und starrte das
schwarze Gebäude vor sich an, das sie erst nach einigem Nachsinnen für eine
Kirche erkannte. Jezt flimmerten ein Paar Sterne über dem gotischen Dach, und
in dem dunkeln Gewirr von Gestalt und Chaos, das vor ihren Augen schwamm,
unterschied sie einige morsche Denkmäler des Todes. O mein Kind! seufzte sie mit
sterbender Stimme, und warf sich, den Schauplaz nunmehr ganz erkennend, mit
ausgebreiteten Armen über den kleinen, versunknen Hügel. Sie drükte ihren
zerfleischten Busen jezt schweigend an die kalte Erde, und suchte ihre irrenden
Begriffe wieder zur Verzweiflung zu sammeln. Plözlich aber vernahm sie hinter
sich ein leises Gemurmel von Stimmen, erst achtete sie dessen nicht; doch bald
mit den zischenden Lüften in den Mauerzaken der Kirche, bald mit dem Grächzen
der Nachtvögel vermengt, erregten die Menschenstimmen Entsetzen in ihrer Seele.
Auf ihre Knie gestüzt, beugte sie sich, um einen aufgerichteten Grabstein, nach
der Gegend hin, wo die Töne herkamen. Eine flüchtige Helle erleuchtete den Teil
des Kirchhofs, wo ihr Auge umherspähte - ein grosses weisses Kreuz erhob sich
dort am Eingang eines Gruftgewölbes; an dessen Fuss knieten zwei Gestalten, aus
eben dem Steine gebildet, die von trübem Lichte umflossen, bald von dem Schatten
eines sich bewegenden Menschen bedekt wurden, bald durch das Vorübergleiten des
Schattens wiederum ganz hell erschienen. Sara unterschied endlich zwei Männer,
deren einer an dem Eingang der Gruft gelehnt, der andre frei neben ihm stand;
sie schienen sich leise zu unterhalten - eine neue Wolke entzog sie Sara's Blik,
doch waren sie nur wenige Schritte von ihr entfernt, und gespannter horchte sie
nun auf. Der eine fieng an, lauter zu murmeln, die Stimme des andern schien von
Seufzern erstikt; doch jezt schwieg jener, und Sara hörte den andern im Ton des
unaufhaltbaren Schmerzens rufen: O meine verlorne Schwester! - Ihres Bruders
Namen stürzte über ihre Lippen, aber er ward zu einem unverständlichem Schrei;
sie raffte sich auf, eilte über die Grabhügel der Erscheinung zu - es fiel ein
Schuss, und von Ueberraschung und Schwäche niedergeworfen, sank sie wieder
zwischen den Gräbern hin.
    Eine von den zahlreichen Wachen des Viertels war auf den Schuss herbeigeeilt;
man sprengte die Türe des Kirchhofs, die während Sara's Ohnmacht am Abend
geschlossen worden war, man durchsuchte alle Winkel, und fand nur Sara, ohne
alles Bewusstsein bei den Gräbern liegend; die Kugel war neben ihr in einen Stein
gefahren, aber es liess sich keine Spur dessen, der sie abgeschossen hatte,
entdeken. Nach vielen Bemühungen brachte man Sara in das Leben zurück, aber ihr
Verstand kehrte nicht wieder. Sie war in eine trübe, stumpfsinnige Raserei
gefallen, während deren sie kein Zeichen von Erinnerung gab, ausser einem
zerreissend wehmütigen Lächeln bei dem Anblik kleiner Kinder, und einem
ängstlichen Zittern bei dem Ton der Trommel, welches wahrscheinlich der Würkung
beizumessen war, das dieses schmetternde Instrument am 21. Januar auf ihre
Nerven gehabt hatte. Hörte sie einen Schuss, so rief sie oft: Teodor, Teodor !
und fuhr über ihre eigne Stimme zusammen; schien sich besinnen zu wollen, und
versank wieder in ihre Dumpfheit. - Da in dieser Gegend der Stadt niemand sie
gekannt hatte, und sie selbst nicht im Stande gewesen war, die geringste
Nachweisung zu geben, hatte sie die ersten Tage unter der Aufsicht und Pflege
der dortigen Sektionspolizei zugebracht; allein die treue Marta hatte sie nicht
lange in fremden Händen gelassen. Vom ersten Morgen nach der unseligen Nacht, wo
sie umsonst auf Sara's Rükkehr gewartet hatte, war sie in ihren Nachforschungen
mit dem ängstlichsten Eifer fortgegangen, bis das Gerücht jenes abenteuerlichen
Zufalls ihr die Sektion ausfindig machen half, in welcher Sara aufgehoben war.
Mit den gehörigen Beweisen versehen reklamirte sie die Unglückliche, als ihre
Pflegbefohlne und ihre Freundin; man übergab ihr das verlassne Geschöpf, und sie
führte sie in Nanni's Arme, der das Schiksal Vernunft genug gelassen hatte, um
über die Rasende zu weinen.
Der erste Ton, den Sara bei rükkehrendem Bewusstsein unterschied, war ein Schrei
der Freude, der in ihr dumpfes Ohr schallte, sie wusste nicht woher, sie wusste
nicht aus wessen Munde. Ihr Auge öfnete sich, oder es führte zum erstenmal
wieder das aufgefasste Bild ihrem lange gelähmten Geiste zu, und sie sah sich in
einem ihr unbekannten, kleinen Zimmer, das von einem halben Lichte, wie der
Strahl der Abendsonne, erleuchtet wurde. In dessen feurigstem Schimmer standen,
Arm in Arm vest verschlungen, ein junges weibliches Geschöpf, das sie nicht
kannte, und ein junger Mann in Soldatenkleidung. Ihr Kopf schwindelte, wie in
einem Traum, und sie hielt ihre Augen eine Weile wieder geschlossen. Du lebst,
du lebst! hörte sie nun ein Paarmal, bald lauter, bald erstikter rufen. Sie
schlug die matten Augen von neuem auf, und sah jezt das junge Weib neben dem
Mann auf den Knien, mit aufgehobnen und gefalteten Händen, mit einem von
Freudentränen bedekten Gesicht; sie schien stumm, und doch mit sich bewegenden
Lippen, zu beten. Der rührende Anblik riss gewaltsam an Sara's schwachem Gehirn;
nicht Teilnahme - denn noch war ihre Seele ein blosser Spiegel, in welchem diese
Gestalten sich abbildeten, ohne einen Begrif hervorzubringen - sondern bloss die
äussere Anregung ehemaliger Eindrüke, mochte Tränen in ihr Auge ziehen wollen;
aber zu ausgetroknet, um Tränen zu liefern brannte ihr feuchtes Auge, und tiefe
Seufzer drängten sich in ihrer Brust. Jezt sah sie eine alte Bäuerin, die
wahrscheinlich neben ihrem Bett gestanden hatte, vor sie treten, und erstaunt
sich gegen das zärtliche Paar wenden. - Babet, sie lebt! rief sie. Sie rief
umsonst; Babet kniete, stand auf, umarmte wieder den jungen Mann, betete wieder,
weinte und lachte wechselsweise. Die Alte beugte sich über Sara, die unfähig zu
sprechen, ihr die Hand auf den Arm zu legen suchte; wahrscheinlich war es eine
fragende Bewegung, aber ihre Kräften reichten dazu nicht hin, und ihre Hand sank
nieder - Babet, sie blikt sanft und lebt! rief noch einmal die Alte, und holte
das Mädchen beim Arm herbei. Babet schien sich jezt zu sammeln, blikte anfangs
noch zerstreut auf Sara, dann trat sie, ohne den jungen Mann loszulassen, näher.
- Wäre es möglich? Arme Sara - ja gewiss, sie lebt! Matieu, du bringst allen
Leben mit. - Bei diesen abgebrochenen frohen Worten nahm sie leise Sara's Hand,
und schien ihr Leben fühlen, ja sogar behorchen zu wollen; denn sie legte ihr
Ohr an Sara's Mund. Diese machte einen neuen Versuch zu sprechen, und sagte kaum
hörbar: wo ist Marta? - Marta, antwortete Babet traurig, und weinend umfasste
sie wieder den Fremden: O die arme Marta! Matieu, unsre arme Baase, unser
armer Vater! - die Alte hatte Arznei geholt, die sie jezt Sara brachte, indem
sie zugleich vedriesslich zu Babet sagte: Junge Frau, eure Freude ist gut und
erlaubt, aber Ihr wisst doch, dass der Arzt auf Leben und Tod befohlen hat, sie
ruhig zu erhalten, wenn sie wieder zu sich käme. - Babet hörte sie an, sah
zärtlich auf Matieu, dann auf Sara, deren schwachen Kopf die Unruhe grausam
anstrengte. - - Geht in den Garten mit dem Liebsten, fuhr die Alte fort, und
lasst mich mit ihr allein, bis Ihr über die erste Freude weg seid. Babet schien
unentschlossen, und beugte sich zu Sara, die noch einmal, und ängstlicher, nach
Marten fragte. Marte grüsst Sie, sagte nun Babet verwirrt; sie hat mir vieles
an Sie aufgetragen; Sie sind in guten Händen. - Der junge Mann sprach halb leise
mit ihr, und zog sie ungeduldig fort; das alte Mütterchen blieb bald mit Sara
allein, deren Zustand in diesem Augenblick unbeschreiblich war. Sie fühlte sich
wie aus einem tiefen Schlafe erwacht, konnte aber durchaus nicht urteilen, wie
lange sie geschlafen hatte. Das erste Bild, das aus der Vergangenheit wieder vor
ihr aufstieg, war die Nacht vom 21. Januar, aber es war nur Bild, nicht Gefühl,
nicht Gedanke, und da sie, indem es vor ihr stand, nahe an ihrem Bett grüne
Ranken erblikte, die in das Fenster sich bogen, und Sommerluft fühlte, so
stellte sich dieses Lokale neben dem Lokalen jener Winternacht, und machte sie
unsicher, welches von beiden Traum wäre. Sie wollte die Alte fragen, aber das
erstemal sagte ihr diese mit feierlichem Wesen: im Namen des gütigen Gottes, der
euch das Leben so wunderbar wiedergibt, schweiget! Euch wird besser werden. -
Und so oft sie wieder versuchen wollte, mit ihr zu sprechen, legte das
Mütterchen ihr freundlich den Finger auf den Mund, und schüttelte mit dem Kopf.
Sie reichte ihr aber sorgsam in sehr kleinen Zwischenräumen ein Arzneimittel,
und schien sie jedesmal mit grösserem Wohlgefallen anzubliken. Sara schwieg
endlich, und suchte zu denken. Ausser dem lezten Augenblick vor ihrer
Verstandesverwirrung, war ihr alles wie ein wogendes Meer - bald Bilder der
Kindheit, bald des Vaters, Rogers, L***'s Bild; aber alle schwanden so leise, so
im Nebel vorüber, dass sie manches festzuhalten suchte, um sich zu besinnen, ob
es schreklich wäre. Nach und nach reihten sich die abgerissnen Vorstellungen
zusammen; sie war sich der grausamsten Augenblike bewusst, aber wie nun
überstandner Leiden; sie dachte die Todten, ihren Vater, ihr Kind, Teodorn -
hier zog sich ihre Brust bänger zusammen, aber wie ein Kind, das die Erinnerung
an ein Gespenstermährchen entfernt, um sich nicht im Finstern zu fürchten, wich
sie diesem schreklichen Andenken aus, und spann neue Fäden aus ihrer
Vergangenheit zusammen. So lag sie eine ganze Weile, bis es dunkel ward. Der
Mond schien in das Zimmer, die Alte brummte ein Paarmal vor sich hin, über die
jungen Leute, die so lange ausblieben, getraute sich aber nicht, von der
Bettseite wegzugehen. Endlich hielt ein Pferd vor dem Haus, ein Mann trat in's
Zimmer - ach der Bürger Doktor! ging ihm die Alte entgegen; Wunder, Wunder! sie
lebt; und so mir Gott helfe, sie ist vernünftig! - Nun gut, liebe Frau; daran
zweifelte ich ja nie, fiel der Doktor mit einer freundlichen Stimme ein, aber
denkt ein andermal besser an das, was ich euch sagte, und holt mir jezt Licht,
damit ich meine Kranke sehe - die Alte schaffte Licht, der Arzt nahte sich Sara,
betrachtete sie aufmerksam, fühlte ihren Puls, und fand ihn heftig bewegt. Sara
hatte in dem gutmütigsten Zuruf der Alten eine schrekliche Aufklärung über
ihren Zustand erhalten; sie wusste jezt was ihr Schlaf gewesen war, konnte jezt
den kalten Reif auf ihres Kindes Grabe, und die sanfte Sommerluft, die hier
durch das Fenster hauchte, zusammen reimen. - Ich hatte den Verstand verloren?
sagte sie zu dem Arzt. Der Mann sprach sehr leutselig mit ihr, und suchte
anfangs nur dahinter zu kommen, wie weit sie wieder bei sich wäre; je mehr er
sich aber von der Rükkehr ihrer Vernunft überzeugte, desto männlicher
aufrichtend behandelte er sie. Er sagte ihr endlich selbst, dass sie
fürchterliche Unglücksfälle zu beweinen hätte; aber, sezte er hinzu, Ihr
wunderbar wiedergekehrter Verstand, Ihr neugeschenktes Leben fordern Sie auf,
die Vergangenheit zu überwinden, und das können Sie nur durch Ruhe, und durch
Mässigung Ihres Gefühls, bis Ihr Körper wieder Kräfte gesammelt hat - So
freundlich und tröstend sprach er ihr noch einige Augenblike zu, und wandte sich
dann gegen die Alte, die er nach Babet fragte. Sogleich fieng sie an, mit
lebhafter Treuherzigkeit ihm zu erzählen, wie nichts auf der Welt, wenn es nicht
der Zustand gewesen wäre, in welchem das arme Weib - auf Sara deutend - gelegen
hätte, sie hätte abhalten können, um die jungen Leute zu sein, denn denkt nur,
Bürger, Matieu ist zurück! Er ist mit der lezten Abteilung der Mainzer Garnison
angekommen, und ist frisch und gesund, und wird nun nach der Vendee marschiren.
- Indem trat Babet selbst mit ihrem Manne herein; diese vier Menschen bildeten
nun eine einfach häusliche Gruppe, Babet hatte ihre herzliche Freude über die
Achtung, mit welcher der Doktor ihren Helden behandelte, der ihm seine Fragen
über den Feldzug mit vielem Anstand beantwortete. Sie blieb neben Sara, und
schien halb verlegen halb furchtsam, sie unterhalten zu wollen, und war doch nur
mit ihrem Matieu beschäftigt. So hielt sie denn Sara's Hände, und erzählte mit
neuen Freudentränen: er war vier Monate eingesperrt; sieben Monate habe ich
nicht gewusst, ob er noch lebte, oder schon längst unter freiem Himmel
schlummerte - ach es fielen so viele arme Bürger! es weinen so viel unglückliche
Weiber! - und heller flossen der guten Babet Tränen, bei dem Gedanken, dass auch
sie dieses Loos hätte treffen können. Plözlich erinnerte sich Sara, dass Roger
auch in der Gefahr wäre, aus welcher Matieu nur eben zurückkehrte - lebt Roger?
fragte sie, ohne zu überlegen, ob auch hier jemand Rogern kennte. - Roger?
wiederholte Babet befremdet, und blikte fragend auf ihren Mann; Matieu hat ihn
vielleicht gekannt - wer ist Roger, liebe Sara? - Hier erwachte neues Bewusstsein
in der Unglücklichen, und neues Gefühl ihrer Lage. Sie erkannte sich nun unter
Fremden, und diese Entdekung, denn das war es für ihren Geist, erschrekte sie,
wie ein Kind, das sich plözlich allein sähe. - Wo ist Marte? Nanni? - wo sind
sie? wo ist Joseph? fragte sie verwirrt, und machte eine angestrengte Bewegung,
sich aufzurichten. Sie hatte so laut gefragt, dass der Arzt sich erschroken gegen
das Bett wandte, und ihr von neuem zusprach, sich nicht durch Angst und Unruhe
zu schaden. Aber sie fuhr fort, mit Ungestüm nach ihren alten Bekannten zu
fragen, und wo sie wäre, und wer Babet wäre? - der Arzt besann sich einen
Augenblick; dann sezte er sich zu ihrem Bett, und hob freundlich an: Liebes Kind,
Babet ist Martens Nichte durch ihren Mann; Marta liebte Sie zärtlich - und wie
sie starb - - denn es soll Ihnen nicht länger verhehlt sein, Marta ist ihrem
guten Mann, der als braver Soldat fiel, nachgefolgt! Und bei ihrem Tode übertrug
sie ihrer Nichte und dieser redlichen alten Frau die Sorge für Sie! Nanni und
Joseph waren ihr schon vorausgegangen; ihnen allen folgte Ihre brave Freundin
willig nach, denn sie wusste, dass Sara in guten Händen blieb. - - Sara hatte ihn
still angehört - also todt? alle todt? - Ja mein gutes Kind, antwortete der
menschenfreundliche Arzt, bang auf den Eindruk lauschend, welchen diese
traurigen Nachrichten auf die erschöpfte Maschine machen würden. Sie blieb
ruhig, ja sie war nun viel ruhiger als vorher; ausser dass sie ein Paarmal die
Lippen bewegte, wie eine Person, die mit sich selbst beschäftigt ihre Gedanken
in einzelnen Worten ausbrechen lässt, schwieg sie den übrigen Abend ganz still,
und blieb es auch die folgenden Tage, während deren ihre Kräfte so zunahmen, dass
sie bald von ihrem Lager aufstehen und anfangen konnte, sich in der warmen Sonne
zu erquiken. Nach vier bis sechs Wochen war ihre Gesundheit fester, als sie
jemals gewesen war, und ihr Geist hatte sich so erholt, dass man ihr nach und
nach alles, was sich in jenem schreklichen Zeitpunkt zugetragen hatte,
beibringen konnte.
    Bald nachdem Marta ihre unglückliche Freundin wieder unter ihre Pflege
bekommen hatte, war Tirion's Schwestersohn, der junge Matieu, auf seinem
Durchmarsch mit einer Abteilung neuer Kriegsvölker von den westlichen Seeufern,
zu ihr gekommen. Die herzliche Aufnahme, die er hier fand, und seine eigne
Unruhe, bewogen ihn, der guten Frau anzuvertrauen, dass ein Mädchen, als
Kriegskamerad verkleidet, ihn begleitete, und dass die Gefahren, denen die Ehre
und das Leben dieses geliebten Mädchens, jeden Augenblick ausgesezt wären, ihn
Tag und Nacht verfolgten und quälten. Seine Babet war eine arme Waise, die
Matieus Mutter, ihre weitläuftige Verwandte, erzogen hatte; sie liebten sich
von früher Jugend, aber der Eigensinn seiner Eltern hatte sich einer Verbindung
zwischen dem wohlhabenden Matieu und der armen Babet entgegengesezt. Von
jugendlichem Eifer für das Vaterland zu streiten, begeistert, wäre er schon als
Freiwilliger an die Gränzen geflogen, wenn ihn Babets verlassner Zustand nicht
zurückgehalten hätte; als aber jezt der Befehl des Konvents ihn rief, hatte Babet
, die mutige zärtliche Babet, weder zurückbleiben, noch durch eine schleunige
Heirat, in welche die Eltern unter diesen Umständen vielleicht gewilligt
hätten, um ihren einzigen Sohn bei sich zu behalten, ihren Geliebten entehren
wollen. Sie entschloss sich, an seiner Seite zu fechten, seine Lorbeern zu
teilen, oder neben ihm zu fallen. Matieu liebte zu zärtlich, Patriotismus und
Bewunderung von Babets Mut spannten seine Einbildungskraft zu hoch, als dass er
sogleich alles Bedenkliche dieses Vorhabens übersehen hätte: er liess sie voll
Entzüken den Marsch an seiner Seite antreten. Noch aber hatten sie Paris nicht
erreicht, so fühlte er, was durch die Nähe des Mädchens und durch ihre
Verkleidung, seinem Mut und seiner Liebe drohte. Der redliche junge Mann
zitterte, so oft bei den Waffenübungen die Kameraden über die schwachen Glieder
des kleinen André lachten; er fühlte seine Brustschmerzen, wenn sie im Eifer zu
lernen, das schwere Gewehr gegen ihren zarten Busen stiess; schlaflos lag er
neben ihr auf der Streu, gepeinigt, dass er neben ihr lag, und noch mehr, dass
zehn bis zwölf andere junge Bursche sie umgaben; tranken sie unter einander, so
gab jeder Tropfen, den sie schlürfen musste, jeder ausgelassne Scherz der wilden
Kameraden, jede ihrer Spöttereien über den jüngferlichen André, ihm einen Stich
in's Herz. Wie er zu seiner Baase Marta kam, hatte er Gelegenheit, ihre sanfte
häusliche Sorgfalt für Nanni, deren von Jammer vergiftetes Leben in einer
langsamen Auszehrung erlosch, ihren rührenden Kummer über Josephs immer mehr
verwildernde Fantasie zu beobachten - und noch entgieng ihm ein Teil ihres
Verdienstes, denn sie verbarg Sara vor seinen Bliken, weil diese in der
damaligen Zeit zu heftig erschüttert war, um unter Menschen zu erscheinen. Was
er aber sah, flösste ihm den Wunsch ein, seine mutige, treue Geliebte in den
Händen dieser vortreflichen Frau zu lassen. Er führte Babet zu ihr; seine
Bitten, seine Schwüre, und vorzüglich die Angst, die das arme Mädchen schon jezt
unter dem lärmenden Haufen seiner Kameraden ausgestanden hatte, erschütterten
ihren Entschluss. - Martens Vorschlag, nur als Matieu's rechtmässiges Weib
zurückzubleiben, besiegte vollends ihre Schwärmerei; das Band ihrer Ehe ward von
dem Gesez geknüpft, und Matieu zog allein mit seinen Waffenbrüdern an den
Rhein. Babet teilte nun die menschenfreundlichen Geschäfte ihrer Baase, und
besonders ihre Sorge für Sara, deren trauriger Zustand sie um so lebhafter
interessirte als die Gattung ihres Unglücks und der wilde Heroismus ihrer Rache
mit der kühnen Begeisterung ihrer eignen Liebe in einiger Berührung standen. Sie
ward in kurzem der treuen Marta, über deren Haupt jedes häusliche Unglück
zusammenschlug, eine unentbehrliche Gehülfin. Seit zwei Monaten hatte die gute
Frau nicht die mindeste Nachricht von ihrem Gatten; doch wusste sie ihn am Rhein,
und sein lezter Brief war aus einer kleinen Festung in der dortigen Gegend
gewesen. Die anfangs sehr übertriebnen Gerüchte von dem Unfall, der die
republikanischen Truppen am 2. December in Frankfurt betroffen hatte, und von
dem mannichfaltigen Verrat, der sie dort der Wut des Feindes preisgegeben
haben sollte, hatten sie zwar erschrekt; indessen hatte sie nach allen
Erkundigungen, die sie einzog, geschlossen, dass die Garnison jener kleinen
Festung bis dahin nicht gewechselt hätte. Die grosse Unordnung, die in allen
Kriegsgebieten herrschte, schnitt alle bestimmten und regelmässigen Nachrichten
aus der Gegend ab, und Martens sanftes Herz überredete sich in frommer
Ergebung, dass ihr Mann in Mainz eingeschlossen sein möchte. Gegen Ende des
Winters trat eines Abends ein verstümmelter Kriegskamerad, der vom Rheine kam,
in Martens traurige Wohnung. Er fand sie mit Babet bei dem Krankenlager ihrer
Schwester Nanni, die dem Tod sanft entgegen lächelte; denn in dem Verhältnis wie
ihre Lebenskraft verlosch, kehrte die Helle ihres Geistes zurück, die
Würklichkeit schied sich von ihren schauderhaften Träumen, und ihre Sehnsucht
nach dem Grabe mehrte sich mit jedem deutlich gewordnen Bilde der fürchterlichen
Vergangenheit. Der Soldat kündigte ihnen seinen Namen an, und schien
vorauszusetzen, dass sie diesen kannten: es war mir nicht genug, sagte er zu
Marten, bloss geschrieben zu haben; ich bin vom Hospital zu Landau hieher
geeilt, um auch bei meiner Rükkehr in mein Vaterland, meines braven Kameraden
lezten Auftrag selbst auszurichten, - Marta erblasste: heiliger Gott, was macht
mein Tirion? - Der Soldat ward betreten; sein Brief war nicht angekommen. Gute
Frau, sagte er bewegt, hätte ich das gewusst, ich wäre vorsichtiger gewesen.
Tirion fiel in Frankfurt, unter den Säbelhieben der wütenden Hessen. Ich hatte
ihn wenig gekannt; wenn wir uns aber Abends auf der Wache manchmal trafen, sah
ich ihn immer traurig sizen, während dass unsre frohen Landsleute schwärmten; und
gerade so wars mir auch um's Herz, denn wie er an euch dachte, so war ich bei
meinem Weibe und vier lieben Kindern. Das machte uns bekannter; und wie an dem
abscheulichen Morgen unsre braven Krieger von ihren elenden Anführern verraten,
umherirrten, begegnete ich ihm auf der Strasse, focht mit ihm - aber ohne Gewehr,
mit dem blossen Säbel bewafnet, ohne Anführung und Befehle, von den feindseeligen
Einwohnern umgeben, fielen meine Landsleute - euer guter Mann stürzte
verstümmelt an meiner Seite, - mein armes Weib! rief er, und wie er den lezten
Hieb auf dem Kopf empfieng, ächzte er mir noch zu: Grüsst meine Marta - - Nanni
blikte mit glänzendem Auge zum Himmel, als erkennte sie dort des Bruders Geist;
Babet lag schluchzend neben dem Bett auf den Knien, und betete angstvoll, dass
Matieu noch leben möchte; Marta sass mit gefalteten Händen, ein Bild des
Kummers und der Ergebung: still rannen ihre Tränen an den kalten Wangen herab,
nur bei dem lezten Gruss des blutenden Gatten seufzte sie krampfhaft auf; der
Krieger selbst hielt die Hand über den Augen, - nur die elende Sara sass dumpf
nachsinnend in einem Winkel des Zimmers, und hörte nichts von dem schmerzvollen
Bericht. - Ich entkam, fuhr Tirions Kriegsgefährte fort; kurz darauf schlugen
wir uns im Felde gegen die Deutschen, da nahm eine Kanonenkugel meinen Fuss mit
weg, - ich wurde geheilt; sobald ich meine Krüke führen konnte, eilte ich
hieher. Nun habe ich seinen lezten Willen erfüllt. Gott tröste euch! Wäre euer
Mann im Felde gefallen, ich sagte euch: sein Tod war schön; aber so - auf der
Schlachtbank! - Gott tröste euch, und gebe uns treue Anführer! Geduldig werden
noch Tausende fallen wie er, Tausende verstümmelt zu ihren Weibern heimkehren
wie ich, um unsre Freiheit zu sichern, - aber so geopfert, so verraten zu
werden. - - Er warf noch einen Blik auf die traurige Gruppe, und indem er ging,
sagte er für sich: Gutes Weib, wenn du dieses sähest, du würdest nicht über mein
abgeschossenes Bein jammern. - - Noch schwerere Prüfungen standen der guten Seele
bevor. Die fürchterlichen Scenen, in denen ihr Bruder verwikelt gewesen war,
hatte sein ohnehin so schwarzes Blut in einem so unnatürlichen Grad erhitzt, dass
er in einen Zustand von Raserei verfiel, der alle Umstehenden mit Entsetzen
erfüllte. Die Schreknisse der Septembertage verfolgten ihn wie Furien, und
peitschten sein belastetes Gewissen. Erstarrt und schweigend sahen die Nachbarn
und Freunde den Ausbrüchen seiner Wut zu, und flüsterten dann unter einander
von der Rache des erzürnten Himmels, welche mehrere von den verführten
Werkzeugen jene Abscheulichkeiten auf eine ähnliche Weise ergriffen hatte, - und
wenn sie die satanischen Verführer noch im hohen Gepränge geheuchelter Tugend
und Vaterlandsliebe daherfahren sahen, so ahndete ihr gestärkter Glaube an
Vorsehung auch für diese eine richtende Zukunft, oder schauderte vor der Hölle,
die troz der eisernen Stirne schon jezt in dem finstern Abgrund ihres Herzens
lauern möchte. Bang erwekte das Angstgeschrei des unglücklichen Bruders die arme
Nanni aus dem matten Schlummer, der sie in dieser lezten Zeit umhüllt hatte, bis
Joseph endlich unter den rächenden Dolchen der Erschlagnen, die sein brennendes
Gehirn ihm vormahlte, sich windend, den gemarteten Geist aufgab. Nanni folgte
ihm bald nach, sanft hinüberschlummernd, und in ihrem innern Bewusstsein nun hell
überzeugt, dass sie bald mit ihrem Henriot von allen schreklichen Träumen
erwachen würde. Unter der Witwe Trauer und des jungen Weibes ängstlicher Furcht
vor gleichem Unglück, unter der Pflege ihrer armen Freundin, die nun der einzige
Gegenstand von Martens und Babets Sorgfalt war, und den Handarbeiten mit
welchen sie sich bei ihren eingeschränkten Umständen fortalfen, ging der
Winter dahin. In dieser ganzen Zeit schien Sara nur selten auf einen flüchtigen
Augenblick ihre Freunde zu kennen; sie sass meistens stumm und fast bewegungslos,
und man würde sie für ein steinernes Bild angesehen haben, wenn nicht von Zeit
zu Zeit ein leichter Schauder über ihre Glieder geschlichen wäre. In lichteren
Zwischenräumen arbeitete sie maschinenmässig und gedankenlos neben den beiden
Weibern; Nanni's Abwesenheit bemerkte sie gar nicht; wenn sie die Weiber viel
weinen sah, schien sie sich besinnen zu wollen, fuhr mit der Hand über ihre
troknen Augen, und besah sie dann mit geistloser Verwunderung. Nach der
politischen Revolution, die im Mai und Junius des Jahres 1793. ein nach Freiheit
dürstendes, heldenmütig um Freiheit kämpfendes, und nur durch die Zauberformeln
der Freiheir zu unterjochendes Volk, der eisernen blutigen Herrschaft des
finstersten, frechsten, unbegreiflichsten aller Tirannen zuführte - nach dieser
Revolution geriet Marta an einem Morgen wo einige ausgezeichnete Patrioten von
der gestürzten Partei hingerichtet wurde, durch ein Geschäft in die Gegend des
blutigen Schauplazes. Die Sache für welche ihr Gatte gefallen war, für welche
der Gemahl ihrer geliebten Babet stritt, war ihr zu teuer geblieben, als dass
ihr der Gang der öffentlichen Angelegenheiten, so weit ihr stiller einfacher
Sinn ihn zu verfolgen wusste, hätte gleichgültig sein können; und der Fall der
milderen Partei hatte sie tief bekümmert. Durch ein trauriges Ohngefähr
verspätete sie sich, und fand sich unversehens in den wilden Haufen verwikelt,
der zum Richtplaz strömte; blass und zitternd eilte sie, sich durchzudrängen und
ihren Rükweg zu suchen, aber ihre Verwirrung diente ihr schlecht, sie stiess auf
den Zug, der die Verurteilten begleitete, und ausser sich von Schreken und
Angst, ward sie wieder nach dem Richtplaz fortgerissen. Ihr Abscheu verratendes
Wesen zog die Aufmerksamkeit einiger elenden Spionen der blutgierigen Anstifter
dieses Schauspiels an; ihre rechtliche Kleidung, ihr Anstand liess nicht
vermuten, dass sie den empörenden Anblik aufgesucht hätte; mit boshaftem
Mutwillen umringte man sie, versperrte ihr den Ausgang, und die weiche, gute
Marta musste halb entseelt der Todesscene beiwohnen. Wie diese mutigen Opfer
des Schiksals sich ihrem lezten Augenblick nahten, und indem sie mit lauter
Stimme den Gesang der Freiheit anstimmten, ihre Unschuld besiegelten, und durch
den lezten Gedanken ihrer fliehenden Seele tausend neue Jünger der Freiheit
aufriefen, da konnte Marta nicht mehr widerstehen; sie fiel bei der heiligen
Hymne ohne Bewusstsein den Umstehenden in die Arme. Man brachte sie fort, einige
von den schadenfrohen verworfenen Buben folgten ihr nach, um jede ihrer
Bewegungen zu bewachen. Ihre ersten Worte als sie wieder zu sich kam, die
bittern Tränen, die sie jenen Märtirern weinte, deren Blut eben geflossen war -
denn als Märtirer, als triumphirende Märtirer waren sie ihr erschienen - gaben
Stof genug, den grausamen Mutwillen zu üben. Man warf ihr hönisch ihren Schmerz
vor, man schwazte von Verrat, von Aristokratismus, und wie sie mit dem Stolz
der Unschuld antwortete, führte man sie vor den nächsten revolutionairen
Sektionsausschuss. Dort ward sie vom Unwillen und von der Erbitterung über die
abscheuliche Behandlung endlich zu der unüberlegt trozigen Behauptung
hingerissen, dass sie nicht einmal zu tadeln sein würde, wenn sie alle die
elenden Beschuldigungen verdiente, denn vor dem zehnten August hätte man keine
Opfer mit dem Gesang der Freiheit auf den sterbenden Lippen fallen gesehen.
Schweigen deke Martens Grab, und das Grab der vielen Unschuldigen, aus deren
Blut Frankreichs Glük entspriessen möge! Die Freiheit, die Tugend des kommenden
Geschlechts sei der Lohn ihres Todes - Marta sah ihre traurige Wohnung, ihre
verlassenen Freundinnen nicht wieder; das richtende Eisen leitete sie zu ihrem
Gatten, zu ihrer erlössten Nanni, und einst zu Josephs geläuterten Geist. - - Nun
war Babet allein, schreklich allein, denn seit den lezten Niederlagen am Rhein
hörte sie nichts von Matieu, und nebst Sara's fast lebloser Gestalt waren nur
die Geister ihrer Verwandten ihre tägliche Gesellschaft. Auch musste sie sich
immer mehr einschränken, denn gewissenhaft sparte sie für Sara die kleine Summe,
die Marta teils bei ihr vorgefunden, teils aus dem Verkauf ihres Silbers,
ihres Gerätes, und einiger Kostbarkeiten die sie besass, gelösst hatte. So lange
Marta gelebt hatte, war nie die Rede davon gewesen, Sara nach ihrer Provinz
zurückzuschiken; jezt wusste Babet kaum Bertiers Namen, und es war ihr bekannt,
dass die Rebellen in dem Lande hausten, wo dieser lezte Freund der verlassenen
Sara wohnen müsste; übrigens hatte sie, so gut wie Marta, Sara's frühere
Geschichte immer nur sehr unvollkommen gewusst, aus Raimonds Reden, und aus ihren
Handlungen, denn erzählt hatte sie nie etwas - willig trug sie also die durch
namenloses Elend geheiligte Unglückliche. Der Zufall erleichterte ihr indessen
diese Last: eine wohlhabende Landmannsfrau aus einem benachbarten Dorfe, deren
Sohn ehemals in Tirions Würzladen gedient hatte, wollte bei ihrer Anwesenheit
in der Stadt Marten besuchen; von der Lage des jungen Weibes, von Martens Tod
gerührt, nahm die guterzige Alte jene nebst Sara zu sich auf das Land, räumte
ihnen ein Stübchen ein, und schaffte Babet Arbeit. Sara, die seit ihrer Krankheit
in einem kleinen engen Quartier in einem Winkel von Paris eingesperrt gewesen
war, schien in der Landluft aufzuleben, aber dieses neue Erwachen ihrer Geister
war ihrem zerrütteten Gehirn gefährlicher als die todte Dumpfheit, in welcher
sie bisher gelegen hatte. Eine heftige Unruhe fieng an, sie umherzutreiben; so
wie sie vorher zu halben Tagen sinnlos hinstarrte, so irrte sie nun mehrere
Stunden nach einander durch den Garten, durch das Feld, rastlos wie von einem
unsichtbaren Feind getrieben, ohne Klage, von innerem Feuer still glühend. Babet
sprach ihr umsonst zu, sie schien niemanden zu verstehen; schloss man sie aber
ein, so erstikte sie fast vor Angst, und glich einem Vogel, der in ein Zimmer
verlaufen, jedes helle Flekchen für freie Luft ansieht, und sich das arme
Köpfchen gegen die Glasscheiben zerschlägt. Sie rannte dann unablässig im Zimmer
umher, mass die Fenster mit ihren Augen, suchte den Ausgang an jeder Leiste des
Getäfels. So wie man sie herausliess, ward sie ruhiger, wandte ihren troknen Mund
gegen die Gegend wo die Luft herwehte, und schien sie mit ihren aufgeborstenen
Lippen zu trinken. Einmal begegnete sie einem Bataillon Freiwillige, die nach
der Hauptstadt zogen; sie sezte ihren Weg bei der hohen Mittagsonne fast neben
ihnen fort, und schien sie nicht zu bemerken; wie sie aber bei ihrem Einzug in
das Dorf ihre Trommeln zu rühren anfiengen, tat die arme Sara einen
fürchterlichen Schrei, und stürzte durch die Strassen, Teodors und ihres Kindes
Namen wechselten in ihrem Munde ab, sie rief nach dem Grabe ihres Kindes,
glaubte allentalben es zu finden, und in diesem Zustand von wilder Heftigkeit
ward sie nach Haus gebracht. Der Anfall liess ein Fieber zurück, dessen Krisis der
Todesschlaf war, aus welchem sie bei Matieu's Ankunft erwachte, und worauf ihre
Vernunft so wunderbar wiederhergestellt ward.
Sara's Geist war nun geheilt, aber ihr Herz war gebrochen, ihr
gesellschaftliches Dasein zerstört - kein Band fesselte sie mehr an die
Menschen; Babet selbst war für sie fast eine Fremde, und seitdem sie alles, was
während ihrer Krankheit vorgefallen war, erfahren hatte, war sie in verschlossner
Verzweiflung unaufhörlich bloss damit beschäftigt, das traurige Schiksal von
Tirions Familie mit an die schwarzen Fäden des ihrigen zu spinnen. Aber mit
dieser düstern Untätigkeit war ihr Verhängnis noch nicht erfüllt, und die
Umstände stürzten sie bald in einen neuen Strom von Begebenheiten.
    Matieu hatte sein junges Weib von neuem verlassen müssen; ihre Liebe war so
feurig wie ehemals, während einer ängstlichen Trennung hatte sie sich zu
kühneren Schritten für die Zukunft vorbereitet, der Schuz, dessen sie damals
genoss, war ihr noch dazu durch das Schiksal entrissen, und das treue Weib
zitterte nicht mehr vor den Gefahren, welche das entflohne Mädchen bedroht
hatten - fest beschloss also Babet, ihrem Gatten in den neuen Kriegen zu folgen.
Die Geister waren damals zu einer solchen Höhe gespannt, dass alle Begriffe von
Gesez und Pflicht von dem Gesichtspunkt jedes einzelnen abhiengen, und nie
kämpften wohl so verschiedne Gefühle in den Herzen braver Streiter, als bei dem
schreklichen Bürgerkrieg, zu welchem Matieu mit seinen vom Rhein zurückkehrenden
Waffenbrüdern berufen war. Tief trauernd ergriffen so manche gute, für Freiheit
glühende Bürger das Schwert, um ihre Brüder selbst der Freiheit zu opfern; aber
mit innerem unaussprechlichem Grimm betrachteten sie oft das Blut der teuren
Opfer, das an ihren Schwertern klebte, wie sie wahrnehmen mussten, dass man sie zu
Werkzeugen der Grausamkeit, des Verrats, der satanischen Selbstsucht, der
tiefsten Greuel gebrauchte. Doch stritten sie mutig fort, unwandelbar auf das
Ziel blikend, und kaum der zehnte Teil der tapfern Schaar kehrte späterhin von
dem Grabe ihrer Landsleute, von den rauchenden Brandstätten zurück, um unmutig
für den traurigen Ruhm, verirrte Unglückliche geschlachtet zu haben, das dumpfe,
zweideutige Zujauchzen der unterdrükten Nation zu empfangen! - Als sie dahin
zogen, waren sie indessen weit entfernt, die wahre Beschaffenheit der Dinge in
jenem Fabellande zu kennen, und bei einer Unternehmung, wo es, wie mancher sich
gern überredete, bloss darauf ankommen würde, durch den Mut und durch alle
übrigen Tugenden der Freiheit, einen von tükischen Priestern und stolzen Grossen
erregten Hauszwist beizulegen, fand Matieu ungleich weniger Bedenklichkeiten,
seine Babet mitzunehmen, als auf einen Feldzug gegen fremde Feinde. Er hätte
sich daher gleich bei seinem Abmarsch von ihr begleiten lassen, wenn ihr gutes
Herz und seine Menschlichkeit es ihnen damals erlaubt hätten, die noch sehr
schwache Sara allein zurückzulassen. Auch bis sie nicht vollkommen genesen war,
konnte es Babet nicht über sich gewinnen, sie mit ihrem Entschluss bekannt zu
machen, den sie ohnehin der guten Alten, von welcher sie so gastfrei aufgenommen
worden war, verschweigen musste. Nunmehr aber, wie sie ihr endlich ihr Vorhaben
entdekte, forschte sie schonend, was ihre eignen Plane wären. Sara hatte seit
der Rükkehr ihrer Vernunft schon oft in die Zukunft geblikt; aber diese stand
finster, wesenlos, wie ein weiter öder Raum vor ihrem trüben Auge; keine Gestalt
der Vergangenheit schwebte neben ihr dahin, keine winkte ihr dort, sie alle
dekte das Grab - sie alle, denn jene Stimme, die auf dem Kirchhof ihren Verstand
zerstört hatte, hielt sie jezt für eine Erscheinung - sie alle, denn an Roger zu
denken, war die einzige lebendige, schmerzhafte Seite ihres Herzens, die einzige
die kaum hörbar nach Hoffnung tönte, und vor der Hoffnung schauderte die vom
Schiksal zertretene zurück! Endlich aber stieg Bertiers ehrwürdige Gestalt in
der leeren Ferne auf - erst kaum sichtbar in dem Entsetzen vor der Erinnerung an
glückliche Tage zerfliessend, doch bald hatte sie sich klarer ausgebildet, und
jezt - jezt hörte Sara jene Worte des tugendhaften Greises wieder: So lange du
nicht seine Mitschuldige bist, wirst du nicht ganz erliegen! - Schuldig,
zehnfach schuldig war sie durch unbändige Leidenschaft, durch den höchsten Grad
des menschlichen Unglücks, durch die Zerstörung aller weiblichen Verhältnisse;
aber Seine Mitschuldige war sie nie geworden, nie treulos an ihm, nie
Verräterin am Vaterland - und wiewohl sie mit tiefem Gram sich todt fühlte für
diesen grossen Namen, todt für jedes hohe Gefühl, so sehnte sie sich doch aus
der öden Verlassenheit nach einem angewiesenen Pfad durch ein unglückliches
Dasein, das sie nicht enden durfte, nachdem es die Natur so sorgsam erhalten
hatte. Sich in Bertiers Arme zu retten, ward erst zum Gedanken bei ihr, dann
zum Entschluss, und endlich zum wehmütigen Bedürfnis. Babet war sehr damit
einverstanden, bis sie sich erschroken besann, dass die Rebellen hauptsächlich in
jener Gegend ihre Fortschritte gemacht hätten. Allein sie riet ihr umsonst an,
zu warten bis die Ihrigen es dort wieder sicher gemacht haben würden; Sara
bestand auf ihren Entschluss, wie ein matter Pilger eigensinnig lieber auf hartem
Fels unter dem Schuz der Gesträuche ruht, als sich der Gefahr aussezt, während
des kurzen Wegs zur nächsten Herberge zu verschmachten. Wenn er lebt, sagte sie,
so nimmt er die müde Unglückliche auf, und ich diene ihm wo er auch leben mag -
und ist er dahin, so kann ich ja dort dem Tod mich entgegen sehnen wie hier, so
habe ich meine Pflicht getan, und noch einmal versucht, mein Elend zu lindern.
- - Sie kamen überein, die Reise zusammen anzutreten; wenige Tage vor der dazu
bestimmten Zeit erhielt Babet einen Brief von ihrem Mann, worinn er ihr meldete,
dass sein Haufen gegen Saumür rükte, und sie bat, ihren Weg ebenfalls dahin zu
nehmen. Diese Nachricht war den beiden Freundinnen sehr willkommen, Babet
versprach nun, bis *** mit Sara zu gehen, und dort, bei dem alten Bertier, ihre
Verwandlung in einen Streiter des Vaterlands vorzunehmen. Die gute Alte erfuhr
von dem Zwek der Reise nur was Sara betraf, und das billigte sie von ganzem
Herzen; auch konnte sie es nicht tadeln, dass Babet sie begleiten und bei ihr
bleiben wollte, um ihrem Matieu näher zu sein.
    Mit unaussprechlich wehmütigem Gefühl betrat nun Sara denselben Weg zurück,
den sie im vorigen Jahre nach Paris gekommen war. Oft erkannte sie deutlich, dass
ihr Gehirn schon durch Wahnsinn gegangen sein musste, um nicht von allen
Erinnerungen, die diese Reise aufregte, zerrüttet zu werden. Sie wandelte wie
ein Geist neben ihrer treuen Gefährtin; schweigend, ohne Tränen, sanft und
ernst liess sie ihren Blik auf manchem Gegenstand haften, der ihr kleine Scenen
aus jenem Zeitpunkt zurückrief - hier hatte sie mit ihrem Kinde übernachtet, dort
bei jenem heiter gelegnen Pachtaus hatte sie sich frische Milch für die Kleine
geben lassen; dort hatte eine freundliche Wirtin es an ihrer Brust schlafen
sehen, und das schöne Kind und die zärtliche junge Mutter gesegnet. Aber bald
kamen sie an Stäten, wo der gegenwärtige Jammer die Bilder entflohner Seligkeit
verdrängte - sie eilten grausend über Schlachtfelder, und umsonst fragte sie in
den zerstörten Dörfern nach einem Bissen Brod, umsonst in den mit Blut
durchströmten Strassen verödeter Städte nach einer Herberge. Bleiche Gesichter,
Töne der Verzweiflung, finstre Blike schrekten sie von Ort zu Ort. Ueberall wo
sie rasteten, von Bildern des Elends, von fürchterlichen Erzählungen empfangen,
eilten sie nach Saumür, wie verscheuchte Vögel, die verspätet dem drohenden
Nordwind entfliehen wollen, und von Schneefloken verfolgt, über öde Felder und
entlaubte Haine flattern.
    Menschenalter werden verfliessen, eh sich die schaudervollen Spuren jener
Verwüstung verlieren, und das gegenwärtige Geschlecht wird aussterben, ohne dass
Glaube an Freiheit, Treue und Frieden in den durch alle Schreknisse gefolterten
Seelen der elenden Einwohner sich niederlasse. Der Strich, wo Sara's ehemalige
Heimat lag, war seit dem Anfang des Vendeekriegs gerade am unausgeseztesten und
grausamsten mitgenommen worden. Saumür selbst war wechselsweise der Royalisten
und der Patrioten Grab gewesen; jezt bei der Ankunft der beiden Freundinnen
besezten es die Patrioten, obgleich nur mit sehr wenigen Truppen. Hier wollte
Sara mit ihrer Gefährtin ausruhen, um neue Kräfte zu ihrer traurigen
Wanderschaft zu sammeln, und aus der Gegend, nach welcher sie hinwollten,
Erkundigungen einzuziehen. Hier, in einem kleinen abgelegenen Haus - denn das
allgemeine Mistrauen, der gegenseitige Verfolgungsgeist machte ihnen die
behutsamste Entfernung von allem was sie mit Menschen zusammenbringen konnte,
zur Notwendigkeit - hier hörte Sara zum erstenmale wieder, gleich einer dunkeln
Geistersage, L***'s Namen. Vertieft in finstre Betrachtungen über ihr eignes
Schiksal, das so fürchterlich mit der Verwüstung um sie her einstimmte, war sie
lange nur mit halbem Ohr gegenwärtig, wie die armen Leute, bei denen sie
eingekehrt war, von den Leiden, von den Abscheulichkeiten erzählten, die seit
mehreren Monaten sie der Reihe nach belagerten. Sie sah zu einem Fenster hinaus,
über die Stadtmauer weg, auf die Hügel, die im vorigen Jahr ihr die lezte
Aussicht auf ihre Heimat entzogen, und erblikte von fern schon Schuttaufen, wo
damals freundliche Dörfer, unter Eichen und Kastanienbäumen verstekt, ihr auf
jedem Schritt die Wiege ihrer Kindheit vormahlten. Endlich ward sie aber durch
Babets unruhige Blike aufmerksam gemacht, und noch mehr durch die Hoffnungen,
welche ihre Wirtsleute, eine heimlich royalistische Familie, durch ihr eignes
Geschwäz erhitzt, immer weniger verstekt äusserten, bis sie endlich mit der
lebhaftesten Schwärmerei von einem der Anführer ihrer Partei wie von einem
Halbgott sprachen, der zum Erlöser der unterdrükten Gläubigen gesandt wäre. Noch
war sein Name nicht ausgesprochen; Babet war nur betroffen, unter diese Partei
geraten zu sein, und Sara beobachtete mit schmerzlichem Mitleiden den finstern
Fanatismus, die unterdrükte Wut, die nagende Furcht vor Elend, in den Worten
dieser Unglücklichen. Je mehr Teilnehmung sie bei Sara zu bemerken glaubten,
desto näher rükten sie zu ihr, und erzählten ihr, oder zischelten, wo sie sich
geheimnisvoller dünkten, jedoch immer noch hörbar, unter sich, von den Wundern
der Heiligen zum Besten ihrer Sache, von ihrer festen Zuversicht, dass der grosse
Held sie endlich retten würde, und mit dunkeln Winken gaben sie zu verstehen,
dass sie alle für die Sache der Kirche Erschlagenen lebendig wieder in ihre
Heimat einziehen zu sehen erwarteten. - Hat man euch schon gesagt, fragte jezt
der Sohn vom Haus, ein achtzehnjähriger Jüngling, dessen plumpe starre Züge
durch rohe Begeisterung ein zukendes Leben erhielten - hat man euch gesagt, wie
in den Trümmern von C** jeden Abend eine feurige Kugel auf dem Gewölbe
niedersinkt, wo man seine Gattin und sein Kind ermordet hat, und wie in der
stillen Mitternacht eine Gestalt, die einem frommen Einsiedler gleicht, auf dem
Stein, wo sie fielen, eine Messe liest? Oft wollten die Ruchlosen ihn stören,
aber nie konnten sie durch den unsichtbaren Kreis dringen, den die Heiligen um
die geweihte Stätte ziehen. - Der fromme Schwärmer schwieg schon lange, schon
lange lauschten die andern mit Ehrfurcht noch auf den Nachhall der schon
hundertmal gehörten Erzählung: Sara sass zwischen Erstaunen, Unwillen, und dem
leisen Aufbrausen erstikter Rachgier geteilt, wie sie in dem Helden, dem
Erlöser des Volks, dem Halbgott, ihren Verderber erkannte. Denn war noch daran
zu zweifeln? Er hatte ein ganzes Volk zu seinen Füssen - wer wusste besser als er,
Herzen zu gewinnen? Und in C** war es ja gewesen, wo die wilden Krieger Sara's
Schmach an seinem Weibe, an seinem Kinde gerächt hatten. - Nun fieng ein andrer
aus der kleinen Gemeinde an: wo des holden Knäbleins Blut floss, da sprang ein
klarer Wasserquell hervor, aber zu der Stunde wo der Geist die heilige Messe
sagt, strömt jedesmal helles Blut daraus in den Forellenbach am Fusse des Felsen.
Als er ihren Tod erfuhr, gelobte er, ihnen dort eine Kapelle zu bauen; und der
heilige Vater will sie in den Kalender setzen, denn wie leztin die Katolischen
sagten, die sich über den Fluss stahlen, so soll ein Tropfen von dem fliessenden
Blut aus der Quelle, Wunden und schwere Krankheiten heilen. - - Krampfhaft zog
es Sara's mütterlichen Busen zusammen, da sie L** und sein Kind, und ein andres
als das Kind ihrer Liebe nennen hörte, da sie vernahm, wie der vielseitige
schwarze Betrüger die Wunder der Religion zur Verherrlichung dieses Kindes
aufgeboten hatte, wie er das Blut dieses Sohnes rächen wollte, er, der Mörder
ihres Kindes! Sie hätte sich beinahe verraten, indem sie heftig fragte: und wo
ist dieser Held? warum verteidigte er nicht sein Kind, seinen Heerd? - Etwas
befremdet antwortete man ihr, dass er damals gegen die Seeseite mit seinen Haufen
gestanden, und durch die frommen Priester wohl gewusst hätte, wie sein Weib und
sein Sohn zum Besten des Volks fallen müssten.
    In einer unaussprechlichen Verwirrung von Gefühlen, begab sich Sara mit
ihrer Freundin auf ihre Kammer, und nun fachte die ungebildete, feurige Babet
ihre Leidenschaft durch ihre ungestümme Teilnahme noch an. Ihr kriegerischer
Geliebter hatte sie Priesterlist und Aberglauben als die schändlichsten Fesseln,
welche ihre Nation gedrükt hätten, betrachten gelehrt; und alles was eben von
L*** erzählt worden war, beschuldigte ihn, sich mit der frechsten Heuchelei
dieser Kunstgriffe zu bedienen. Heftig rief sie: er opfert ein ganzes Volk, wie
er das Weib, das ihn anbetete, geopfert hat! - Sara blieb schweigend und in sich
gekehrt; das Licht in welchem L*** ihr jezt erschienen war, erfüllte ihre Seele
mit so viel Abscheu, dass ihr ganzes Schiksal ihr um so schreklicher vorkam, je
tiefer der Göze sank, zu dessen Opfer sie geworden war. Sie fühlte sich immer
mehr vom Menschengeschlecht geschieden, sie fühlte sich immer mehr ein Spiel des
grausamsten Zufalls; unsicher, welche neue unerwartete Wunden ihr der nächste
Augenblick schlagen würde, sah sie ihm untätig entgegen, und sezte Babet durch
ihre finstre Ruhe in Erstaunen. So viel sie durch ihre behutsame Erkundigungen
herausgebracht hatte, war der Strich Landes, welcher bis *** vor ihnen lag, und
von da bis **, ein Raub der grausamsten Verheerung. Seit einigen Wochen
vollzogen höllische Ungeheuer den unseligen Beschluss, die Schlupfwinkel der
Rebellen zu zerstören, an jedem menschlichen Wohnplaz, wo ihr Durst nach Unheil
sich lezen konnte, und so hielten sie die fürchterliche Nachlese von Greueln und
Untaten, wo die Rebellen schon ihre blinde Wut gestillt hatten. Sara
schmeichelte sich, dass Bertiers bekannte Freiheitsliebe sein Haus vor den
Strafgerichten dieser Partei geschüzt haben würde - ja, sie die an der Vorsehung
verzweifelte, glaubte sogar, noch instinktmäsig, so weit an Menschlichkeit, dass
sie hofte, sein ehrwürdiges graues Haupt würde selbst den Fanatismus der
Rebellen entwafnet haben. Auf jeden Fall folgte sie dem Trieb, der sie dahin
rief, und wich jeder Möglichkeit, sich auch hier getäuscht zu finden, furchtsam
aus. Ungeduldig, sich von Menschen zu entfernen, deren Religion Verrat an ihren
Gegnern zur Pflicht machte, verliessen sie Saumür schon am folgenden Tag, und
nahten bald der Gegend, wo Sara, wie ehmals ein von den Göttern Verfolgter im
delphischen Tempel, aus Bertiers Mund die Weisung für ihr künftiges Leben
erwartete. Kaum bezeichneten ihr noch Hügel und Felsen den wohl bekannten Weg,
denn alles was Menschenhand zerstören kann, lag zertrümmert am Boden. Verbrannt
strekten die Bäume des Walds ihre Zweige empor, oder lagen in Asche zerfallen
über dem Weg, oder bedekten mit ihren zerschlagnen Aesten halb verscharrte
Leichname. Rauchende Brandstätten sagten ihnen, wo ehemals Dörfer gestanden
hatten, und stiessen sie irgendwo noch auf eine bewohnte Hütte, so scheuchte der
Anblik von Menschen die elenden Bewohner heraus. Die Felder lagen zerstampft von
den wilden Rossen, zerzaust das Getraide von den Wagenrädern, die Weinberge von
Kugeln aufgewühlt. Schwerer und schwerer wurde Sara's Herz. Endlich nahm man sie
wenige Stunden von *** in einem Städtchen auf, von welchem Sara sich erinnerte,
dass Bertiers Geschäfte ihn sonst öfters hinriefen. Sie merkte bald, dass ihre
Wirtsleute und der ganze Ort dem Betrug der Priester entgangen waren, und bei
allem Jammer über das gränzenlose Elend, es dennoch der Knechtschaft vorzogen,
mit welcher ihnen der Sieg der Katoliken gedroht haben würde. Hier konnte also
Sara nach dem Schiksal von *** fragen. Sie hatte unterwegs genug gesehen, um in
der schaudervollen Beschreibung, die man ihr von dem Schiksal dieser Commüne
machte, keinen neuen Zug zu finden; aber sie ward dadurch zur Verfinsterung des
lezten Strahls, der ihrem Pfad leuchtete, vorbereitet - sie erwartete nun
Bertiers Tod, denn wie konnte der achtzigjährige Greis diese Greuel wohl
überlebt haben? Mit unglaublicher Schnelligkeit wog sie gegen einander ab, was
sie jezt noch sein könnte, und was mit ihr werden möchte, wenn die Hoffnung
verschwände, die sie hieher geführt hatte. Zum erstenmal, seitdem sie den
Entschluss gefasst hatte, sich in Bertiers Arme zu werfen, erklärte sie sich
selbst, dass ein dunkles Verlangen in ihr auf Ruhe, weibliche Bestimmung - auf
ein Wesen, das sie mit Liebe umfasste, hindeutete. Lebte Bertier, so war sie
noch einmal Weib, Tochter - Arme, arme Sara! - Im tiefsten Winkel ihrer
zerrissnen Brust sprach eine öde, furchtsame - ach eine nach menschlichem Dasein
sich sehnende Stimme Rogers Namen - schaudernd vor der Ahnung von Glük wandte
sie sich wieder zu den guten Leuten, die indes ihr Gespräch mit Babet fortgesezt
hatten; und wie der gemarterte Kranke, sein Uebel dem Messer darbietet, und vom
nächsten Augenblick Genesung oder Tod erwartet, fragte sie: überlebte der
ehrwürdige Bertier das Unglück seiner Landsleute? - Bertier? Ihr kanntet ihn?
Er fiel ein frühes Opfer der Rasenden die von C** herstürmten; bei seinen
weissen Haaren haben sie ihn in die Kirche geschleift, und dort ermordet, weil
er einige Tage vorher eben da zwei wütende Priester ergriffen hatte, die sich am
Altar vor dem tausendfach von ihnen beleidigten Gesez retten wollten. Er war der
Vater des Volks! Er warnte uns oft vor den Ränken, mit denen man uns umstrikte,
er lebte nur für uns, seitdem sein Sohn in das Feld gezogen war, seitdem eine
Pflegtochter, die er zärtlich liebte, ihn verlassen hatte - Ja, fiel der Wirt,
ein Alter mit redlichem Gesicht, dem Sprechenden in's Wort; wie ich bei der
lezten Ernte dort war, fragte ich nach dem guten alten Herrn, der sonst sein
Nachbar gewesen war, und da erzählten mir die Leute vieles von seiner Tochter,
die der Bürger Bertier so gut wie an Kindesstatt angenommen hatte, und wie ich
mit ihm sprach, sagte er: Gott hat mir sie genommen, dass ich gar keine Freude
mehr auf Erden hätte als unsre Freiheit! - nun, dort wird er sie haben, denn
jeder, der nach ihm gemordet wurde, und jeder, der für die Freiheit starb, wird
es ihm dort sagen, wir tun und leiden alles, um sie unsern Kindern zuzusichern
- - Der Alte hatte in einfacher Begeisterung gesprochen, und ein matter Strahl
von Hoffnung goss Leben auf die bleichen, von Schreken entstellten Gesichter um
ihn her; aber Sara hörte nichts; wie er die Frage ausgesprochen hatte: kanntet
Ihr ihn? hatte sie sich matt auf einen Stuhl niedergesezt - Der lezte
Lichtstrahl war geschwunden, und sie fand sich in besinnungslosem Dunkel.
    Die treue Babet sah die ganze Hülflosigkeit ihrer Freundin; doch glaubte
sie, dass Sara in Bertiers Sohn, dessen man eben erwähnt hatte, noch einen Schuz
haben könnte, und sie forschte begierig nach ihm. Schon nach dem
Föderationsfest, hiess es, sei der brave Roger nach den Gränzen gegangen - die
lezten Nachrichten von ihm hatte man aus Mainz gehabt. Bei dem Namen Roger spann
Babet in ihrem Kopf einen luftigen Plan für ihre verlassne Sara, denn eben diesen
Namen erinnerte sie sich von der armen, nur erst aus dem Todesschlummer
Erwachten gehört zu haben, und seitdem hatte Sara manche Frage wegen des
Schiksals der Föderirten bei der Armee getan. Roger war in Mainz gewesen, ihr
jugendlich hoffendes Herz zweifelte nicht, dass er die Belagerung überlebt hätte,
und mit seinen Waffenbrüdern in der Vendee sein müsste - schon überredete sie
sich, er könne gar Matieu's Zeltkamerad sein, denn Bertiers Sohn war edel und
brav, und mit allen solchen Männern war ihr Matieu bekannt. Sara war verwaist,
ohne Schuz, ohne Zuflucht auf Erden, ohne Zukunft - was wurde aus ihr in dem
verheerten Lande, wenn ihre Freundin, ihrem Entschluss treu, zu dem Haufen ihres
Mannes stiess? Und der Entschluss war bei jeder eingeäscherten Hütte, bei jedem
trauernden Gesichte ihr als heilige Pflicht erschienen - aber Sara sollte ihn
teilen, sollte, ausgeschlossen von jeder Bestimmung, diese ergreifen. Mit
lebhafter Freude über diese Ideen wekte sie Sara aus ihrer gedankenlosen
Starrheit, sezte ihr alles was sie gedacht hatte stürmisch aus einander, und
drang heftig in sie, ihrem gefährlichen Umherirren ein Ziel zu setzen, und mit
ihr zur Armee zu gehen. Sara war auf den Punkt gekommen, wo bei Neulingen im
Unglück tobende Verzweiflung anfängt, das von den Schlägen des Schiksals
gestählte Haupt hingegen, mit kalter Geringschäzung der Gefahr, jedem Winke des
Zufalls folgt. Hätte ihr Babet einen Dolch gereicht, und gesagt: hier endet
deine Verpflichtung zu leben! - sie würde ihn eben so gleichgültig in ihr Herz
gedrükt haben, als sie jezt diesen Vorschlag anhörte, und antwortete: auch das,
wenn dieser Arm es vermag! -
    Babet sorgte nun für alles was zu der Verwandlung erforderlich war, und nach
zwei Tagen standen sie und Sara, unter dem Namen André und Verrier, bei
derjenigen Abteilung der Armee, mit welcher das Corps der Mainzer Garnison, wo
Matieu diente, kombinirt war. Nach der ersten Feier, der ersten rührenden
Freude des Wiedersehens, befragte Babet ihren Mann auf das genaueste wegen
Rogers; aber Matieu hatte nie etwas von ihm gehört, er konnte in Mainz gewesen
sein, aber schwerlich während der Belagerung; übrigens war er selbst bei dem
geschlagenen Corps von einigen Tausenden gewesen, das sich erst kurz vor der
Blokade in die Festung geworfen hatte, und dennoch konnte Roger schon längst
vorher zu andern Unternehmungen gebraucht worden sein. Sara hatte bei Babets
froher Gewissheit, dass sie Rogern unter ihres Mannes Kameraden finden würden, den
Wiederwillen empfunden, den jede Hoffnung ihr einflösste. Matieu's Antworten
veränderten keinen ihrer Züge, nur wie sie Babets betrübte, und über die
Fehlschlagung halb unwillige Mine sah, schlich ein trübes Lächeln über ihr
kaltes Gesicht: lass die Todten ruhen, gute Babet, sagte sie sanft; je mehrere
mir schon voran sind, desto eher darf ich den langen Zug beschliessen! - Da ihr
Entschluss von Babets heitern Erwartungen unabhängig gewesen war, so änderte
diese Täuschung nichts daran. Von dem Geheimnis ihres Geschlechts war ausser
Matieu und Babet niemand unterrichtet; auch ward es ohnedem durch die Vorfälle
des Kriegs gesichert, die sie auf lange Zeit von den zärtlichen Eheleuten
trennten, und sie sah ihre treue Babet nur wieder, um auch an ihr den Willen
ihres alten Schiksals zu erkennen.
    Kaum hatte Sara Zeit gehabt, sich mit den unentbehrlichsten Handgriffen
ihrer neuen Lebensart bekannt zu machen, als das unerhörte Waffenglück der
Royalisten die republikanische Armee zwang, das ganze südliche Ufer der Loire zu
räumen, und nach den blutigsten Niederlagen eine neue Anstrengung der Nation
abzuwarten, um dem überall sich vervielfältigenden Feinde die Spize zu bieten.
Sara kämpfte nicht für ihr Leben, sie kannte also keine Furcht; die Namen
Freiheit, Vaterland, schallten dumpf und bedeutungslos, wie aus Gräbern, aus
ihrer verödeten Brust zurück - sie kannte also eben so wenig die Uebereilung der
Schwärmerei. Sie ging ruhig in den Streit, betrachtete den Tod in allen seinen
Zügen, und wenn er sich ihr nahte, hatte sie ihm seine Schwäche so abgesehen,
dass sie ihn wie einen verratenen Ueberfall von sich schüttelte. Ihre Kameraden
nannten sie anfangs den finstern Jungfernknecht, weil ihr schweigender Ernst bei
ihrer unter Mannskleidern sehr jugendlich und zart scheinenden Gestalt, ihren
Spott erregte. Aber nach dem ersten Gefecht sagten sie ihren Offizieren, dieser
Knabe müsse schon in Mutterleibe gefochten haben; er sehe den Kugeln nach als
spielte er Federball. Und nun hiess Sara bald der tapfre Verrier; die
schwärmenden Jünglinge bei der Armee verhiessen ihm Unsterblichkeit in den
Jahrbüchern der Republik, und wenn er fiele, eine Stelle im Panteon, und sie
ward nach einem der blutigsten Tage, auf dem Schlachtfeld selbst, von ihren
Kameraden zum Rang ihres Kapitains erhoben.
    Ohne dass sie sich dessen bewusst war, da sie jeden hellen Gedanken in die
innersten Tiefen ihres Herzens zurückdrängte, hatte sich Sara doch wohl bei ihrem
unnatürlichen Entschluss die Waffen zu tragen, L*** als ihren Gegner gedacht; es
war nicht so wohl der Wunsch, ihn Arm gegen Arm, Schwert gegen Schwert, vor sich
zu haben, als ein düstres Verlangen, in seinem Anblik ihre Seele wieder aufleben
zu fühlen, wenn es gleich zur Rache, oder zur Verzweiflung wäre - sie ahnete in
diesem Augenblick einen Ausweg aus dem unbestimmten Stillstand ihrer Gefühle.
Auch wusste sie diesen sonderbaren Menschen, dessen Karakter, ja dessen Dasein
selbst immer etwas fabelhaftes behalten hat, sehr oft in ihrer Nähe. Unzählige
male hörte sie seinen Namen von den Unglücklichen, die unter ihren Streichen
fielen, inbrünstig anrufen; und wo die Haufen der Patrioten flohen, war er fast
immer Anführer der Feinde. Oft drang sie, Verderben verbreitend, ungestümmer
vorwärts, weil sie dort sein weisses Ross sich bäumen zu sehen meinte; aber immer
war es, als entzöge ihn eine Wolke ihrem Blik, sobald sie sich ihm näherte; und
dann mischte sich ein Tropfen Wildheit in ihr kaltes Blut, und nicht mehr wie
ein Todesengel, der mit höheren Befehlen gerüstet, die Sterblichen vernichtet,
sondern mit der schreklichen Feindseeligkeit, die Menschenleben gegen eignes
Elend aufwiegt, tödtete sie L*** in jedem bewafneten Gegner, und indem sie so
über Leichen schritt, wie der Fuss des gleichgültigen Wanderers in welken
Blättern rauscht, hatte sie oft sich selbst gleichsam nur durch ein Wunder
erhalten. Ihr war jedes Elend, jede Verirrung beschieden, die den Menschen nur
treffen können; aber mit der schreklichen Genugtuung, die ihr trauriger Wahn
verfolgte, wollte das Schiksal sie doch verschonen, und L***'s bleiche, blutige
Gestalt sollte nicht mit unter den Erscheinungen sein, die ihre Fantasie
marterten. In der Schlacht bei Laval, wo L*** den Sieg, den er erfocht, mit
tödtlichen Wunden erkaufte, ward sie gleich bei'm ersten Angrif von dem Schlag
eines mit Eisen beschlagenen Stoks niedergeworfen, und sie wäre den Feinden in
die Hände gefallen, wenn ihre Leute nicht das äusserste gewagt hätten, um ihren
tapfern Kapitain zu retten. Man schleppte sie vom Schlachtfeld hinweg, und wie
sie wieder zu sich kam, fand sie sich unter den Händen des Wundarztes im
Hospital zu Angers. Das eiserne Ende des Stoks hatte ihre linke Schulter
gestreift, und den Hinterteil des Kopfs so heftig verlezt, dass der Wundarzt
anfangs mit schreklichen Operationen drohte, welche aber, da ihr Blut so kalt
und ruhig wie ihr erstorbner Geist dahinfloss, entbehrlich wurden. Wie ihr
Bewusstsein zurückkehrte, und sie zugleich den Schmerz an ihrer Schulter empfand,
erschrekte sie der Gedanke, dass diese Verlezung entdekt werden, und bei dem
Verband den sie notwendig machen würde, ihr Geschlecht an den Tag kommen
möchte. Sie hatte den Mut, über vierzehn Tage lang eine Quetschung, die ihren
linken Arm lähmte, und die Schulter bis zur Brust hinab mit gestoktem Blut
schwärzte, für sich im Stillen zu ertragen. Das einzige Mittel, das Zufall und
List ihr zu erhalten möglich machten, Salz und kaltes Wasser, durfte sie sogar
nur verstohlen anwenden, und sie musste sich das frische Wasser, wonach ihr
Fieberdurst so heiss verlangte, entziehen, um ihr darein getauchtes Schnupftuch,
mit etwas Salz, das sie unter allerlei Vorwänden sich verschafte, des Nachts auf
ihre Quetschung zu legen, die durch den heftigsten Schmerz in Eiterung
überzugehen drohte.
    Jedes neue Leiden schien ihr ein Schritt zu dem Ziel ihrer Laufbahn. Still
und lauschend auf die Annäherung des freundlichen Genius, der endlich die Fakel
ihres Lebens umstürzen würde, lag sie da in unsäglichen Schmerzen, und studierte
die mannigfaltigen Wendungen des Todes in ihren Unglücksgefährten um sie her.
Wenn ihre Gedanken in die Vergangenheit schweiften, so lächelte sie, wie alle
ihre Hoffnungen, alle ihre Entwürfe, sie mochten Gutes oder Böses zum Ziel haben,
gescheitert waren. Sie ging alle Erwartungen ihres Lebens durch, von den
guterzig frohen Aussichten, die ihr Antoinettens Kindheit gegeben hatte, bis zu
dem Tag, da wilder Durst nach L***'s Blut sie in das Gefängnis vom
Karmeliterkloster getrieben hatte, bis zu der lezten Schlacht, von deren
Ausgang, so wie von L***'s kurz darauf in Fougeres erfolgten Tod, sie
unterrichtet war; und sie fand überall nur Fehlschlagen, Blindheit, Leitung
eines feindlichen Geschiks. L***'s Tod schien ihr der lezte Auftritt des
Schauspiels, und sie sehnte sich nur noch nach der Gewissheit, dass auch Roger ihr
vorausgegangen wäre; den Mangel an Nachricht hinüber fühlte sie wie einen
lästigen Aufentalt im Augenblick der Abreise. Zur Bitterkeit war sie ihrem Ende
zu nahe, und zu sehr Weib, um ohne Liebe zu sterben, versöhnte sie sich in ihrem
Innern mit der Gotteit, um jenseits mit Liebe zu beginnen. Aber nicht der Tod
sollte den Vorhang vor ihren Augen hinwegziehen, ihr Erdenleben selbst sollte
den Nebel des Irrtums, der ihre Seele verdunkelte, noch zerstreuen - sie genas,
und eilte, das neu erhaltene Dasein, für welches sie keine bessere Bestimmung
kannte, wiederum auf das Spiel zu setzen.
    Ihre Compagnie war mit unter den Truppen, welche in der neuen Vendee
zusammengezogen wurden, um die tapfre Gegenwehr von Granville, und den Abzug der
Royalisten, nach ihrem vereitelten Angrif auf diesen wichtigen Platz, zu benuzen.
Auf dem Marsch dahin hörte Sara manche Umstände von L*** und seinem Tode
erzählen; seitdem sie aber selbst sich auf dem Krankenlager so friedlich mit dem
Tod besprochen hatte, war keine Rache mehr in ihrem Herzen - sie gönnte auch ihm
Ruhe im Grab, und es war ihr oft, als wäre ein Art Schleier über seinen
Verbrechen gefallen, da ihn und sein Kind, und ihren hingeschiednen Engel, und
alle, alle, dasselbe Element nun beherbergte. So zu einer Art von sanfter
Melancholie gestimmt, und von den sehr beschwerlichen Märschen ermüdet, bezog
sie ihr Quartier in der Gegend von Avranches, mit einer Sehnsucht nach Stärke
und Heiterkeit des Geistes für den folgenden Tag, von welcher sie sich keinen
Grund anzugeben wusste. Sie legte sich sogleich zur Ruhe, und blieb ungestört bis
nach Sonnenuntergang, da ein Befehl vom General anlangte, um Mitternacht einen
wichtigen Posten in der Nähe des Feindes zu besetzen, und die Nacht dort zu
kampiren. Gleich darauf stürmte eine Anzahl junger Leute von ihrer Compagnie,
mit lärmendem Gelächter, und dabei einer gewissen Indignation in ihren Zügen, zu
ihr herein, und sie hatte Mühe, einen Augenblick Stillschweigen zu erhalten,
während dessen sie ihnen den eben angekommenen Befehl mitteilen konnte.
Kapitain, sagte ein junger Mensch, der im Hospital neben ihr verwundet gelegen
hatte, und später wie sie wieder hergestellt, mit sanfter Güte von ihr gepflegt
wurde, wofür er mit herzlicher Dankbarkeit an ihr hieng - Kapitain, weisst du,
dass wir nicht mehr mit Menschen, nicht mehr mit Rebellen, mit Verrätern
streiten? Weisst du, dass Proteus L***, mit dem wir, als er Held, Prophet, und
sogar halber Pfaffe war, schon so viele Not hatten, nun auch als Heiliger gegen
uns steht? Da haben sie eben eine ganze Heerde solcher Unsinnigen in die
Ewigkeit geschikt; die haben sich alle darauf todtschlagen lassen, in drei Tagen
hätten sie die Ehre uns wiederzusehen, die Ueberreste ihres grossen Helden
brauchten nur ihre Leichname zu berühren, so ströme neues Leben in sie, wie
bei'm Schall der Posaune. Und kurz und gut, L*** tut Wunder, und unsre
Kameraden balgen sich nun wer weiss wie lange, um seinen Sarg zu erobern, den die
Wahnsinnigen mit sich herum schleppen, und mit unerhörter Wut verteidigen. -
Jezt sprachen alle auf einmal, und von der lächerlichen Seite des Gegenstands zu
der wichtigeren übergehend, legten sie einander gegenseitig den Schwur ab,
dieses Pfaffenblendwerk bis morgen zu zerstören, oder in dem Versuch zu sterben
- Kapitain, rief der erste; du hörst den Schwur! du führst uns, und wir dringen
vor; man sagt ohnehin, diesmal werde es Sieg gelten oder Tod - - Tod oder den
schändlichen Heiligen! tobten sie alle, und Sara stand betäubt und starr, und
empfieng fast ohne Bewusstsein den Schwur in ihre kalte Hand. Nun liess sie der
tolle Haufen mit ihrem aufgeregten Herzen allein - also nicht einmal im Grabe
sollte das feindselige Verhältnis enden? Dem sie lebend, Schwert gegen Schwert,
Arm gegen Arm zu begegnen gewünscht hatte, vor dessen Sarg schauderte sie jezt
zurück. Umsonst rief sie ihre Vernunft auf, dies Gefühl zu bekämpfen; als die
Zeit heranrükte, war die Sehnsucht, morgen nicht wieder zu kehren, die einzige
klare Empfindung ihrer zerissenen Seele geblieben.
    Die Nacht war trüb und regnigt, feuchte Wolken zogen vom Winde getrieben
über die Flur, und nur selten loderten die Wachtfeuer matt aus dem Nebel auf.
Verrier lagerte sich bei einer Grube, in welcher einige Bündel Rebstöke
brannten, um ihn herum standen oder lagen mehrere seiner Kameraden, hinter ihm
im Finstern waren deren zwei, die vertraulich zusammen zischelten. Nach einer
Stunde trat der eine an das Feuer, das er schürte, und bat Verrier und die
Umliegenden, ihm und seinem Kameraden ein Pläzchen zum Wärmen zu räumen. Indem
er Verrier anredete, schien er zu stuzen, und sprach bei'm Niedersizen leise und
lebhaft mit dem andern; dieser wandte sich plözlich gegen Sara, die aber nicht
Acht auf ihn gab, bis der junge Soldat vor sie trat, und ehrerbietig fragte:
Bürger betraten wir nicht vor drei Monaten zusammen diese rühmliche, gefährliche
Laufbahn? - Sara erkannte ihre treue Babet; mit der freudigsten Bewegung, die
sie seit dem lezten Röcheln ihres Kindes gefühlt hatte, reichte sie ihr die
Hand, und ging mit ihr in die Verschanzung, wohin ihnen Matieu, der neben
Babet gesessen hatte, sogleich folgte. Sara hatte nichts zu sprechen; Babets
herzliche Freude, ihres Mannes redlichen Glükwunsch über ihren ehrenvollen
Dienst erwiederte sie bloss mit der Frage: liebt Ihr euch noch? - Die beiden
drükten sich die Hände - Wenn man so oft in Gefahr ist, mit einander zu sterben!
rief Matieu - Wenn er so oft sich vor mich stellt, den Tod statt meiner zu
empfangen! sagte Babet - Sara seufzte tief; sie wurden gestört - auf Morgen!
sagte Sara, und gab Babet ihre Hand. - Morgen Abend sage ich dir noch einmal was
du jezt hörtest, oder unser Tod hat es dir wiederholt! antwortete Babet, und
umschlang ihren Geliebten. -
    Kalt und stürmisch brach nun der Morgen an. Die Truppen versammelten sich,
und erhielten das Zeichen zum Angrif des feindlichen Tages. Der gestrige Schwur
schien von dem ganzen Heer abgelegt, mit einer so hartnäkigen Tapferkeit trozte
man der unerhörten Gegenwehr des Feindes! Sara's kleiner Haufen stampfte den
Boden, denn sie standen weit hinter dem ersten Angrif zurück; und nur der
furchtlose Tod der vorderen Reihen tröstete sie mit der Hoffnung, dass es auch für
sie noch siegen oder sterben! gelten würde. Durch den Rauch unterschied Sara in
einer kleinen Entfernung Matieu und Babet, die ihrem Blik begegnete, und ihr
freundlich zunikten. Jezt erhielten sie den Befehl vorzurücken, Sara sah die
Beiden, Aug an Auge hangend, den ersten Schrit tun, im nächsten Augenblick riss
eine Kugel sie beide nieder - Babet wankte, Matieu umschlang sie, sie stürzten,
die Reihe schloss sich, und schritt über sie fort, dem gleichen Schiksal
entgegen.
    Auch noch diese! tönte es schmerzlich in Sara's Brust; und sie führte nun
die Ihrigen vorwärts, und es war ihr, als habe nun ihre Stunde geschlagen: Tod
drohte ihr von allen Seiten, Tod verbreitete sie nach allen Seiten. Bald waren
die Vorteile der neueren Kriegskunst hier unnüz, Mann gegen Mann focht auf
Leben und Tod den schreklichen Kampf aus. Plözlich erblikte Sara das grosse
weisse Panier nahe vor sich, und durch den dünner werdenden Haufen der Feinde
ein schwarzes Gerüst mit wallenden Flören - die Märtirerkrone zu den Füssen des
Gekreuzigten auf dem hohen Sarg! Sie tat einen lauten Schrei; eine Reihe von
Leiden verschwand aus ihrem Gedächtnis; Sieg oder Tod! rief begeistert das
unglückliche Weib, und stürzte fort, den Leichnam des Geliebten zu erobern. Sieg
oder Tod! übertäubte es das Geheul des Schmerzes und der Wut - und den Sarg
umwehten dreifarbige Fahnen, und Sara hielt betäubt das herabgerissene weisse
Panier.
    Die Rebellen, mit ihrem Heiligtum aller ihrer Kraft beraubt, flohen von
allen Seiten, und mit unaussprechlichem Schmerz belastet, folgte Sara dem
Triumphzug ihrer Siegsgefährten, finster lächelnd, dass sie noch hätte zweifeln
können, ob ihr widersinniges Schiksal sie zwingen würde, seiner Leiche zu
folgen. Den folgenden Tag wurde der Sarg, mit vielen erbeuteten Fahnen,
Reliquien, Heiligenbildern, auf dem behaupteten Schlachtfeld verbrannt. Der
tapfre Haufe, dem man den Sieg verdankte, schloss den nächsten Kreis um den
Holzstoss, und Sara's zitternde Stimme erstarb in dem rauschenden Hymnus der
Menge, da sie die lezten Ueberreste dessen der ihr alles gewesen war, der sie
dem Glük und der Menschheit entrissen hatte, in rötlichen Flammen emporlodern
sah. -
Nun lernte sie sich nach und nach wie einen abgeschiednen Geist betrachten, den
ein wunderbarer Götterspruch verurteilte, auf dieser Erde die Schuld seiner
Menschheit zu büssen. Hätte sie noch ein Glük zu verlieren gehabt, so würde sie
es lächelnd hingegeben haben; denn sie fand den Schmerz ihres Herzens nun so
kindisch! Es war ja zum Schmerz geschaffen! - Diesen Ideengang hätte sie
schwerlich ohne einen Rükfall in ihren Wahnsinn ertragen, wenn nicht alle
Umstände, die sie umgaben, sie so völlig aus ihrer ursprünglichen Bestimmung
gerissen hätten. Nun ging sie jeden Tag mit einer Art von Neugierde Scenen des
Elends entgegen, und im Elend fand die Arme eine geheime Labung für ihr Herz.
Sie hatte den Abscheulichkeiten, die man verübte, wie dem Spiel höherer Wesen
mit dem verirrten Geschlechte der Menschen zugesehen. Sie hatte geschlachtet,
wie ihre blutbelasteten Gefährten, wo ein unumgänglicher Befehl sprach, ihr
empörtes Herz bitter verhöhnend, und sich als willenloses, blindes Werkzeug
betrachtend; sie hatte gerettet, so oft ihr gegen den unbewehrten flehenden
Feind freie Hand gelassen war. Man gönnte jezt den Truppen, welche die meisten
Mühseligkeiten bestanden hatten, so weit es die Umstände gestatteten, einige
Ruhe, indem man sie vom Mittelpunkt des Kriegs hinweg, in jene abgelegnere
Gegenden zog, wo die unglücklichen Feinde, von ihren Sammelpläzen abgeschnitten,
von allen Hülfsmitteln entblösst, in den öden Wäldern und Morästen wie wilde
Tiere gejagt wurden. Der tausendfache Jammer, den diese abscheulichen
Maasregeln hervorbrachten, bot Sara tausend Veranlassungen, zu helfen und zu
retten. Oft ging sie, mit einigen Kriegsgefährten, die zu menschlich fühlten,
um unbarmherzigen Feindeshass mit Tapferkeit zu verwechseln, in feuchten kalten
Nächten auf die Menschenjagd; und sie brachten halb verhungerte Kinder,
Jungfrauen und Weiber, als ehrenvolle Beute zurück, und übergaben sie in dieser
oder jener kleinen Stadt den mitleidigen Bürgern, die sie mit reiner
Menschlichkeit aufnahmen, pflegten, verbargen, keinen Verrat von Geschöpfen
befürchtend, an welchen sie Bruderpflichten erfüllten. Wenn die Unglücklichen,
mit Speise erquikt, ihre Retter segneten, wenn die zitternden Mädchen ihren Dank
auf den Händen der gerührten Krieger weinten, wenn die hülflosen Kinder, in
Sara's Mantel gehüllt, an ihrem, unter der Verkleidung, von mütterlichen
Erinnerungen klopfenden Busen erwärmt, ihre kleinen Arme um ihren Hals schlugen,
und bis ein schüzendes Dach erreicht war, oft an ihrer Schulter einschliefen -
da konnte Sara wohl zu Augenbliken ihres Schiksals vergessen, oder mit
feierlicher Rührung in den Wegen selbst, die es sie zu diesem Genuss geführt
hatte, einen wunderbaren und hohen Sinn ahnen. Der schöne Bund blieb unentdekt,
der wohltätige Ungehorsam ungestraft - Bosheit entgeht dem Verrat nicht,
Mitschuldige selbst werden Verräter; aber selbst der Bösewicht verrät die
Tugend selten, wenn sie nur seinen Vorteil nicht schmälert.
    Sara's militairische Bestimmung führte sie auf einige Zeit nach Nantes. Im
Mittelpunkt dieser grossen, jezt von den Feinden nicht mehr beunruhigten Stadt,
giengen damals Greuel vor, die ihr, welche seit Monaten in den blutigsten Scenen
des Bürgerkriegs lebte, bisher unbekannt gewesen waren. Sie sah mit ihren
tapfern Gefährten einige von den unmenschlichen Gerichten, an denen ein grosser
Teil von Europa vielleicht noch zweifeln würde, wenn nicht seitdem die
Revolution selbst diese Untaten vor ihr Tribunal gezogen hätte. Während ihres
Aufentalts in Nantes erhielt man die Nachricht, dass in der Gegend von C** sich
wieder einzelne Rotten von Rebellen sehen liessen, denen verschiedne zerstörte
Schlösser, und unter andern auch dieses Stammschloss ihres berühmten Anführers,
zum Schlupfwinkel dienten. Eine Anzahl Truppen, wozu auch Verriers Haufen
gehörte, wurde beordnet über die Loire zu gehen, um die disseits befindlichen
Kriegsvölker zu verstärken. Die armen Menschen, welche durch die unerbittliche
Grausamkeit ihrer Gegner und ihr rettungsloses Elend jezt mehr wie durch die
Anhänglichkeit an ihre Partei, bei dem Aufruhr erhalten wurden, waren in der
unwirtbaren Jahrszeit bald bezwungen und aufgetrieben. Nur C** blieb übrig, das
man in der ganzen Gegend noch immer für einen Sammelplaz der Rebellen hielt;
unter Menschen, denen das Abenteuerlichste immer das Glaublichste war, trug man
sich noch mit manchen Sagen, die mehr oder weniger mit den schauderhaften
Mährchen zusammenstimmten, welche Sara vor einigen Monaten in Saumür gehört
hatte. Die Nähe dieser Ruinen hatte für Sara etwas ahnungsvolles, dem sie mit
Wohlgefallen nachhieng - als ihr Glaube an Glük und Menschheit noch blühte,
waren diese schwarzen Steinhaufen das unbekannte Eden, in welches ihre Träume
sie zu versetzen pflegten; dort als L***'s Gattin zu leben, dort sein Kind zu
erziehen, diese Ueberbleibsel alter Tugenden und Vorurteile mit den sanften
Farben der Freiheit, der Gleichheit, und der allgemeinen Glükseligkeit zu
verjüngen, war damals so oft die frohe Aussicht ihres liebevollen Herzens. Jezt
keimten Moose aus den umgestürzten Trümmern, und Geister der Erschlagenen waren
ihre einzigen Bewohner! Sara's Schiksal, das sie mit unbarmherzigem gleichem
Schritt der Erfüllung zuführte, liess den Auftrag, diese verdächtigen Ruinen zu
untersuchen, auf sie fallen; ein kleiner Haufen wurde mit ihr beordnet und zog
nach dem Schloss, dessen weitläuftiger Bezirk auf jeder zugänglichen Stelle,
jedoch ohne allen Erfolg, durchstrichen wurde. Man fand in keinem der noch
vorhandnen Gemächer, in keinem der vielen Gewölbe, die mindeste Spur irgend
eines lebendigen Wesens - nichts als ausgebrannte Mauern über der Erde, Moder
und Verwesung und verschüttete Leichname unter derselben. Sara schritt bei
dieser Nachforschung vor den andern her, selbst einer der nächtlichen
Erscheinungen gleichend, von welchen die sie begleitenden Landleute ohne
Unterlass erzählten. In einem der Höfe, am Eingang eines verfallenen Turms, der
dicht am Abhang eines Felsen gebaut war, führten sie die Bauern vor einen
grossen Stein, der vom Gesimse der Warte herabgefallen schien - hier, sagten
sie, erschlug man seine Gattin und sein Kind; und nun erfolgte fast die nämliche
Litanei von Zeichen und Wundern, mit welcher ihre frommen Wirtsleute in Saumür
sie unterhalten hatten. Hier war es, wo jede Mitternacht die feurige Kugel
niedersank, und mit einem dumpfen Donner zerfloss; dieser Stein war es, wo die
Quelle entspringen, wo jede Nacht der Eremit Messe lesen sollte.
Unwillkührliches Entsetzen ergrif Sara an dieser Stelle; aber halb aus
Wohlgefallen an den schreklichen Bildern, die hier sie umgaben, halb weil es
ihre Pflicht war, jede Vorsicht zu gebrauchen, beschloss sie, einige Nächte mit
den Ihrigen in diesen Ruinen zu wachen. Ihre ungeduldigen Landsleute bequemten
sich ziemlich ungern, die harten Winternächte in diesen unwirtbaren Trümmern
zuzubringen; und wie die ersten vier und zwanzig Stunden verstrichen waren, ohne
dass man das mindeste wahrnahm, lagen sie ihrem Kapitain an, sie nach dem
nächsten Fleken zurückgehen zu lassen. Selbst von der Unnötigkeit eines längern
Aufentalts überzeugt, gab Sara ihre Einwilligung. War es aber eine dunkle
Ahnung, dass ihr Geschäft hier doch noch nicht vollbracht sein möchte, oder war
es Liebe zum Wunderbaren, die in uns wächst, je mehr unser Weg von der
gewöhnliche Bahn abweicht, oder hieng sie bloss jener bei unwiderruflich
Unglücklichen so natürlichen Freude an Gräbern und Gegenständen des Jammers nach
- genug sie tat einigen von den jüngern Männern, die auf ihren menschlichen
Zügen in die Wälder disseits der Loire ihre Begleiter gewesen waren, den
Vorschlag, noch eine Nacht mit ihr auf dem Schloss zu wachen; er wurde fröhlich
genehmigt, und Sara brach mit einem sonderbaren heitern Mut, und zugleich mit
einem unerklärlichen Schauder, dahin auf. Wenigstens wusste sie, dass mit ihren
heutigen Gefährten Rache und Mutwillen gegen den wehrlosen Feind das
Unternehmen nicht befleken würde. Sie lagerten sich ihrer zwanzig, einige
Stunden nach Sonnenuntergang, in einem Gemäuer am Eingang des ersten Vorhofs,
dessen Torgewölbe so verschüttet war, dass man nicht anders als von der
entgegengesezten Seite, oder über eine der Breschen, in das Innere des Schlosses
dringen konnte. Dieser Ort mochte ehemals die Wohnung des Torwärters gewesen
sein, und er war von allen Gebäuden des Schlosses noch der unversehrteste. Hier
hatten sie über die Schuttaufen hin die Aussicht auf den Turm, wo der
fabelhafte Stein lag, und näher vor sich auf den Eingang eines Gewölbes, in
dessen Tiefe ein verfallner Brunnen war, der am Fuss des Felsen in das Tal floss.
Verriers Begleiter - so wenig eine so grosse Anzahl Menschen durch feinere
Gefühle ganz zusammenhängen konnten - hatten doch schon alle das Glük des
Wohltuns, und den Stolz der Tapferkeit geschmekt, sie hatten zusammen dem Tode
getrozt und das Leben von Unschuldigen gerettet, in beiden Fällen ihren braven
Kapitain an ihrer Spize: sie hatten also einen menschlicheren, aber auch
strengeren Begrif von ihrer Pflicht als Krieger und Patrioten. Selten war ihnen
eine so stille Nachtwache geworden wie die heutige, und wohl niemals hatten die
Umstände sie so feierlich gestimmt. Es war eine wunderbar milde Nacht für die
Jahrszeit; mit Sternen übersäet, flimmerte der Himmel durch einen leichten
Nebelflor; die Luft wehte stossweise, als bemühte sie sich umsonst, den
verhüllenden Schleier durchzureissen. Tiefes ödes Schweigen umgab die treuen
Kriegsgefährten, sie hörten jedes Gewürm in dem Gemäuer neben ihnen, sie
vernahmen das Rollen jedes Steines, der vom Regen losgeweicht bei den leichten
Windstössen von den morschen Massen herabbrach. Sara stand am Eingang des
Gebäudes, ihr Blik irrte unablässig auf dem öden Schauplaz umher, und ruhte nur
von Zeit zu Zeit auf der Gegend des Turms, bei'm Opferaltar ihrer ehemaligen
Feinde. Immer weicher und sanfter ward ihr Herz, die lezten Spuren von
Bitterkeit schienen sich an dieser Stätte zu verlieren; sie fühlte sich nur in
dem allgemeinen Strudel der menschlichen Schiksale mit fortgerissen, und hätte
sie so bei dem blutigen Felsstük gestanden, sie hätte mit der Versöhnung Tränen
ihn rein gewaschen! -
    Mitternacht mochte sich jezt nahen. Zwar verkündete sie keine Gloke aus den
verwüsteten Dörfern rings umher, diese verstummten längst; statt dem Landmann
ihr stündliches: Gedenke an den Tod zuzurufen, schleuderten sie jezt, in Kanonen
und Mörser umgestaltet, Vernichtung in seine friedliche Hütte - aber einzelner
Hahnenruf tönte durch die Stille, und heller flimmerten die Sterne in ihrer
nächtlichen Höhe. Jezt hörte Sara zu ihrer Linken ein dumpfes Geräusch, wie aus
der Tiefe des Brunnenkellers. Sie zog leise einen ihrer Gefährten zu sich, um
mit ihm zu lauschen. Bald sahen sie aus dem Bergschlund eine Gestalt in
Eremitenkleidung hervorschleichen, eine schwere Last auf dem Haupte, die sie
tief keuchend zu tragen schien. Ein Schauder überlief alle, ihr Anführer nahm
die Stellung eines Menschen, der einen Angrif erwartet; mechanisch wollte ihre
physische Kraft ihr aushelfen, da ihr Geist erstarrte. Die Erscheinung wandelte
über den Hof, schien über dem Schutt zu schweben, und schon glaubten sie die
Zuschauer verschwunden, als sie im andern innern Hof wieder hervortrat, und
gegen den Stein wankte. Hier hob sie ihre Last vom Haupte, und verbarg sich
einen Augenblick im Innern des Turms. Bald kam sie wieder heraus, und bükte sich
neben dem Felsstük, wo in dem Augenblick ein blutig feuriger Schein aufstieg,
der, in einen schwarzen Rauch aufgelöst, die Gegenstände mit Nebel umzog.
Dortin! flüsterten die Krieger sich jezt leise zu, und schlugen Feuer, um
Fakeln, die sie mitgebracht hatten, anzuzünden. Sara wies ihnen ihre Posten an,
und rief ihnen feierlich zu: Tod den Verrätern, und Schuz den Hülflosen! -
Schuz den Hülflosen, antworteten alle, und unerbittliche Strenge den Rebellen! -
Sie folgten ihrem Kapitain, der einige von ihnen am Eingang des Brunnenlochs
stellte, und die andern um eine enge Höle, die sie jezt, nachdem der rote
Schein vor dem Fakellicht erloschen war, an der Stelle des Steins entdekten.
Sara stieg durch die Oefnung hinab, die sich bald erweiterte, und sie fand sich
in einem Gewölbe, das von einer Lampe erhellt war, und worinn eine Menge Waffen
aufgehäuft lagen. Hier sammelten sich sechs von ihren Begleitern; allein indem
sie sich nach einem weiteren Ausgang umsahn, hörten sie zuerst ein Gemurmel,
dann ein durchdringendes Geschrei, worauf plözlich hinter den Waffenhaufen
einige Menschen hervordrangen, die mit verzweifelter Wut auf sie stürzten. Sie
fochten wie Geister; ohne einen Laut von sich zu geben, hieben sie vor sich zu:
(Schiessgewehr schienen sie nicht zu haben, und in dem Handgemenge, zu welchem
der enge Raum zwang, ward es auch Verriers Haufen unnüz) - eben so stumm
empfiengen sie ihre Wunden, und stürzten zu Boden. Doch aus dem Innern des
Gewölbes tönte Jammergeheul, Gewinsel, und wenn ein Augenblick von Stille
dazwischenkam, konnte man die klagende Stimme eines Kindes unterscheiden, die
aber jedesmal von lauterem Geheul bedekt wurde, so oft neue Gespenster aus dem
Dunkel hervortraten, die Gefallnen zu ersetzen. Sara und ihre Gefährten hatten
bei dem sonst so unverhältnissmässigen Kampf diesen Vorteil, dass sie mit dem
Gesicht gegen die Seite standen, von welcher der Angrif sich beständig
erneuerte, und so wegen des Mangels am Platz, der ihren Feinden in dem Hinterhalt
übrig war, aus welchem sie hervortraten, deren nie mehr als eine höchstens ihnen
gleiche Anzahl abzuwehren hatten. Vier Republikaner waren indes gefallen, allein
andre, die auf ihres Anführers Ruf hinunterstiegen, hatten die Reihe ergänzt.
Das Geschrei in der Höle ward jezt schwächer, und obwohl noch einige Feinde
fielen, drangen deren keine mehr an ihre Stelle. Sara wollte nun das traurige
Gefecht enden, sie wich im Mittelpunkt zurück gegen den Eingang; einer von den
Feinden, der am heftigsten, und immer an der Spize gefochten hatte, den die
andern mit ihren Leibern zu deken schienen, drang ihr nach; die Feinde gewannen
Raum, aber Sara's List gelang, ihre Leute umzingelten die Unvorsichtigen am
Eingang ihrer Höle, und bald waren sie niedergeworfen und entwafnet. Ihr
Anführer allein stand noch unbezwungen, allein kaum sah er, dass seine Gefährten
keinen Widerstand mehr tun konnten, so senkte er sein Schwert, und näherte sich
Sara mit einem Anstand, der keinen der Sieger über seine Absichten in Zweifel
liess. - Mein Leben ist verwürkt, sagte er mit einer männlichen Ruhe; ich könnte
es zwar noch teuer verkaufen, aber auf euren Blutgerüsten kann es jenen
Unglücklichen - er deutete auf das Innere der Höle, die Verriers Leute besezt
hielten - mehr nüzen, als wenn ich es hier opfre. - Er griff nach Verriers Hand:
Kommen Sie; wenn Sie kein Ungeheuer sind, so wird es mir gelingen. Und meine
Abgeordneten nannten mir ja den tapfern Verrier, den mit seinem Haufen die
Unglücklichen an der Loire und Mayenne segnen - -
    Sara's innerstes Herz war aufgeregt, seitdem der Fremde seine Stimme erhoben
hatte; unfähig die Worte zu vernehmen, hörte sie nur diesen Ton, den ein
tausendfaches Echo in ihrer bebenden Brust wiederholte, und der ihr doch
unbekannt war. Sie folgte ihm mechanisch in die innere Höle. Diese war schwach
erleuchtet, aber bald erhellten sie die Fakeln von Verriers Leuten so gut, dass
man alle Gegenstände unterscheiden konnte. Ein junges schönes Weib lag, wie es
schien, todt auf einem Lager hingestrekt. Ein blühender Knabe, dessen
himmelblaues Auge in Tränen schwamm, hob den Kopf von dem Schoss der Todten
auf, und lief, wie er den Fremden erblikte, mit offnen Armen auf ihn zu, und
lallte klagend: Teodor, die Mutter! die Mutter! - Sara fuhr zusammen, wie von
einem Blizstrahl getroffen, fasste den Fremden in's Auge, der sich gebükt hatte,
um das Kind aufzunehmen, und dessen Gesicht jezt von der niedrig hängenden Lampe
erleuchtet ward - Teodor! rief sie, wankte, und fiel ihren herbei eilenden
Begleitern in die Arme.
    Der Fremde sezte verwundert das Kind nieder, und sah den Soldaten zu, die
einander zuriefen, es sei die Luft im Gewölbe, von der er erstike, und ihren
Kapitain gegen die Oefnung führen wollten - Nein, sagte einer aus dem Haufen, er
kann verwundet sein - Und sogleich riss man Sara's Kleid auf, und entblöste ihre
Brust, und alle, die sie umgaben, riefen mit dem Ausdruk des unbeschreiblichsten
Erstaunens: Es ist ein Weib! - Verrier ein Weib! wiederholten die ferner
Stehenden, und der Fremde trat mit ihnen herbei. Sara lag, auf die Knie eines
ihrer Soldaten gestüzt, am Boden; ihr Arm war durch das Herabziehen ihrer
Kleidung ganz unbedekt, ihr Busen offen und weiss wie Schnee, ihr Gesicht zwar
von der Sonne und der Luft geschwärzt, aber noch so schön, von so feinem
schwarzen Haare beschattet, das bei der zurückgebognen Stellung ihres Kopfes ihre
edle Stirne bliken liess - Der Fremde starrte sie an, rief mit dem Ausdruk des
Entsetzens: Sara, meine Schwester! - und stürzte zu ihren Füssen.
    Verriers Gefährten standen betäubt; - das ohnmächtige Weib, das sich jezt
langsam aus dem Todesschlaf erhob, war ihr tapfrer Kapitain, und war dieses
Rebellen Schwester! Aber in ihren rauhen Sitten vergassen sie Spott und
Verwunderung, und stiessen nur mit Abscheu den Verräter von ihrem Kameraden
zurück. Sara war jezt erwacht, sie raffte sich langsam auf, machte sich von ihnen
los, und schloss schweigend, doch nicht mit dem Verstummen der Freude, sondern
mit jenem fürchterlichen Schweigen, da der erschöpfte Geist seine lezten Kräfte
aufbietet, den wiedergefundenen Bruder in ihre Arme. Der Knabe hatte den kurzen
Augenblick ängstlich zugesehen, jezt klammerte er seine beiden Arme um die
unglücklichen Geschwister: sein kleines gepresstes Herz hofte Trost und Hülfe, wo
er den Ausdruk der Liebe erblikte. Unter Sara's Gefährten entstand ein unruhiges
Murren; der älteste, ein redliches, rauhes Gesicht, zog sie von ihrem Bruder
hinweg: Kapitain, sagte er trozig, bis du deine Autorität bei unserm Chef
niedergelegt hast, sind wir Dir Gehorsam schuldig, so wenig dein Geschlecht sich
mit dieser Autorität reimt; vergissest Du aber Deine Waffenbrüder über diesen
Rebellen, so bin ich der nächste, meine Kameraden von Verlezung des Gesezes
zurückzuhalten - Sara entfernte sich einige Schritte von Teodor, und übersah mit
einem Blik, der nach Fassung rang, den ganzen Schauplaz - sie hielt eine Minute
schaudernd die Hand über die Augen, versuchte zu sprechen, und wandte sich
endlich mit einer Stimme, deren hohler, gewaltsam angestrengter Ton in den
Winkeln des schwarzen Gewölbes wie die lezten Worte eines Sterbenden verhallte,
gegen die Umstehenden: Nein, Brüder und Freunde, wenn ich so glücklich war, euch
oft zum Sieg, immer zur Befolgung der Geseze und zur Ausübung der Menschlichkeit
anzuführen, so ward ich selbst von Grundsäzen geleitet, die auch in diesem
Augenblick, da mich der grausamste Schlag des Schiksals trift, mich noch würdig
machen, zum leztenmal Gehorsam von euch zu fordern - - Sie hielt inne; über sich
selbst erhaben, in reiner Begeisterung stand sie da; ihr Auge blizte, wie sie
wieder anhob, war ihre Stimme fest; ihr schöner, noch halb entblösster Busen
klopfte hoch, und indem er bewies, dass sie ein Weib war, löste sich der
Schauder, den ihr Wesen erregte, in stiller Bewunderung auf - ihre
Kriegsgefährten fühlten diesen Zauber, und traten ehrerbietig zurück. Dieser Mann
ist mein Bruder, sagte sie; seit drei Jahren trennte ihn sein trauriger Irrtum
von mir, vom väterlichen Haus. Ich glaubte ihn nach dem zehnten August für jeden
Irrtum bestraft - er lebt, und meine und eure Pflicht übergibt ihn jezt dem
Gesez, mit allen, die unserm Schwert entgiengen. Dieses Kind - Hier unterbrach
sie sich, und ergriff die Hand des Knaben: Bruder, sage dort deiner Gattin, ich
werde ihm Mutter sein; sage ihr, dieses Kind allein mache mich diese Stunde
überstehen - Teodor schien von ihr zu gleicher Begeisterung emporgehoben; er
hörte ihr ruhig zu, und wie sie geendet hatte, sagte er gerührt: Ja ich erkenne
den Gang unsers Schiksals! Nur auf diesen blutigen Wegen sollten wir uns wieder
treffen, aber unsre Seelen sind ewig vereint - Ja empfange diesen holden Knaben
von meiner Hand; doch nicht, wie du glaubst, hängt er mit dem Fluche zusammen,
der schon bei unsrer Geburt, der vor uns schon über unsern Vater ausgesprochen
ward. Jene Erblasste, die der Schreken über euern Sieg tödtete, war nicht mein
Weib; mein Weib hat nie Unglück und Gefahr mit mir geteilt - Er nahm den Knaben
in die Höhe, und legte ihn in Sara's Arme: Weihe L***'s Sohn dem Vaterland,
gegen das wir Rasende stritten! Diese Rache sparte dir das Schiksal auf, zum
Ersaz für grausame Leiden, zur Büssung deines fürchterlichen Unglücks! -
    Sara hielt den Knaben, der sie und alles umher ängstlich anstaunte, und jezt
vom Arme des Unbekannten sich zur todten Mutter hinbog - Sara hielt ihn fester,
ja heftiger, sie zitterte unter dem Sturm, der ihre Seele zerriss. Endlich hatte
sie den Sturm überstanden; sie kniete, den Knaben im Arm, im Kreis der
erstaunten Gefährten: Ja, ich folge deinem Ruf, unbegreifliches Schiksal! Hier
vor dieser Entselten, vor dem Bruder, vor diesen allen, die mit ihm dem Tode
geweiht sind, hier in eure Hände, meine Mitbürger, lege ich den Schwur ab: Des
Knaben Tugenden sollen einst seines Vaters Verbrechen versöhnen! - Sie stand
auf, eine schöne Verwandlung schien in ihrem ganzen Wesen vorzugehen: ehemals
hatte ihr finsterer Blik, der ausdrukslos dumpfe Ton ihrer Stimme, ihre trozig
feste Stellung, jeden Verdacht, den ihre zarte Haut, ihre sanft herabfallenden
Schultern, ihre schnell erschöpfte Brust erregen konnten, abgeleitet; jezt stand
sie unverkennbar ein weiches, unglückliches Weib, wehmütig zukte der Mund, der
so lange das Gefühl wegtrozte, unverhalten drängten sich grosse Tränen aus dem
nun milderen Auge - mit einer schmerzvollen Stimme, die tief in den Herzen der
Anwesenden erklang, mit einem Arm das Kind fest an ihren Busen drükend, mit der
andern Hand den Hut herabnehmend, und den Säbel von der Seite losgürtend, wandte
sie sich zu dem Mann, der sie vorher so störrisch angeredet hatte, und indem sie
ihm beides übergab: Braver Mann, sagte sie, du brauchtest dich deines Kapitains
nie zu schämen! Nun führe mich zu unserm Chef, dass ich ihm Rechenschaft von
dieser Nacht ablege, - erst aber verordne, was unterdessen mit deinen Gefangenen
geschehen soll. Und ihr, Kameraden - noch einmal lasst mich euch so nennen - Ihr
werdet alle für mich zeugen, damit man mir dieses Kind nicht entreisse. Lebt
wohl - dienet dem Vaterland - sichert unsre Freiheit - Sie hob ihre schönen
Augen gen Himmel, hielt das Kind in ihren Armen empor: Freiheit! Für die mein
Blut floss, für die ich so vieles fliessen sah - zum erstenmal mir wahrhaft
heilig und teuer, um dieses verwaissten Geschöpfs willen! - - Teodor schien
sein Schiksal, seine Zukunft vergessen zu haben, er stand, sein Auge entzükt auf
Sara geheftet - er sah in ihr dasselbe Wesen wieder, in welchem er seit seiner
ersten Jugend das Ideal des Weibes angebetet hatte. Die Krieger drängten sich,
die meisten mit nassem Blik, zu Sara, jeder schwor ihr Achtung und Liebe, jeder
schwor, das Kind zu verteidigen und zu erhalten; jeder bat sie wehmütig, ihm
zu verzeihen, wenn seine Pflicht ihm gegen ihren Bruder nicht ein Gleiches
erlaubte.
    Die Gefangenen wurden versammelt und abgeführt, die Todten wurden
verscharrt; und auf Sara's Bitte begrub man L***'s unglückliche Wittwe in dem
nämlichen Gewölbe, wo sie ihr angstvolles Ende gefunden hatte. Sara stand neben
der Leiche, bedekte das blasse Gesicht der Entseelten, und gedachte ihrer eignen
ahnungsvollen Worte: Als seine Wittwe sehen Sie mich wieder!
    Auf dem Weg von den Ruinen zu dem Hauptquartier wetteiferten Sara's
ehemalige Gefährten, den kleinen Hyppolit seiner Pflegmutter abzunehmen; keinem
fiel ein ungeziemender Scherz ein, sie schienen ihre ganze Achtung für Verrier,
den braven Soldaten, auf Sara, das unglückliche Weib, übergetragen zu haben.
Diese ging matt, als wäre mit der Entdekung ihres Geschlechts dessen ganze
Schwäche zurückgekehrt, neben ihrem Bruder; und mit Bliken und Minen, die wohl
bezeugten, dass er sich vom Leben hienieden schon losgerissen hatte, winkte ihr
Teodor Mut und Liebe zu. Wenn von Zeit zu Zeit der Zug anhielt, nahte sie sich
ihm, und küsste das Ende der Strike, die ihn mit seinen Unglücksgefährten
zusammenfesselten. Als sie gegen Mittag ankamen, war ihnen ihr nächtliches
Abenteuer, auf hunderderterlei Art erzählt, schon vorausgeflogen; Sara verlor
keine Zeit, um sich einen weiblichen Anzug zu verschaffen, und in diesem, ihren
Pflegsohn auf dem Arm, begab sie sich sogleich zu ihrem General. Sie gab ihm mit
bescheidnem Wesen, und einem Erröten, das auf ihren durch den Kriegsdienst
verhärteten Zügen den vollen Ausdruk der Weiblichkeit wiederherstellte,
Rechenschaft von den Gründen, die sie bewogen hatten, die neueren Dekrete zu
umgehen, durch welche ihr Geschlecht von der unnatürlichen Laufbahn des Kriegs
ausgeschlossen war; sie gab ihm Rechenschaft von ihrer hülflosen Lage, von ihrer
Verzweiflung über Bertiers Tod, als sie diesen Entschluss ergriff; sie nannte
ihm die Gefechte, an denen sie, seit ihrer Aufnahme unter den Truppen,
teilgenommen hatte, und forderte dann mit edelm Stolz das Zeugnis ihrer
Waffenbrüder auf, ob sie nicht stets als ihr Kamerad, ohne einen Schatten von
Verdacht auf ihr Geschlecht, von ihnen geliebt und geehrt worden wäre?
Einstimmig lautete dieses Zeugnis, und das reinste herzlichste Lob aus dem Munde
aller. Der junge Mensch, der neben ihr im Hospital gelegen, den sie gepflegt und
nie verlassen hatte, sezte unter hervorstürzenden Tränen hinzu: nur der
kleinste Teil von uns ist übrig geblieben, seitdem sie uns anführt, die meisten
liegen im Felde verscharrt; aber ich war immer an ihrer Seite, ich sah sie mit
dem Tode kämpfen, und weder Mut noch Ehrbarkeit verliessen sie je - der General
gab ihr einen rühmlichen Abschied; doch ehe sie ging, sagte sie noch mit
erstikter Stimme, und die Hand auf ihr bebendes Herz gelegt: Ich höre, dass mein
Bruder morgen früh zum Tode geführt wird - ob ich einen Versuch machte, den
Rebellen zu retten, werden diese redlichen Bürger mir bezeugen! Vergönne mir,
den sterbenden Bruder zu trösten! - Es ward ihr bewilligt.
    Teodor und Sara brachten die ganze Nacht mit einander zu. Der Inhalt ihres
Gesprächs ist leicht zu erraten. Wenn ein verunglückter Reisender mit seinem
Weibe, seinen Kindern, mit allem, was ihm teuer ist, an eine wüste, unwirtbare
Küste geworfen würde, wenn er, die ersten Tage noch von Hoffnung belebt, die
Geliebten in das wilde Land hineinführte, dann sie mit Bedürfnissen umringt
sähe, und umsonst nach Hülfe umher irrte, so würde bei dem ersten Gegenstand
seiner Sorge, der dem Verhängnis unterläge, sein ganzes Wesen sich empören -
doch bei dem zweiten wafnet er sich mit fürchterlichem Mute, und jezt verliert
er sie nach und nach alle, durch den grausamen Hunger, oder zerrissen von wilden
Tieren, oder verglühend von der Schlangen giftigem Biss - da blikt er auf die
übrigen, schaudert nur vor der Dauer des Kampfes zwischen ihrem Leben und dem
unvermeidlichen Tod - endlich sizt er neben dem lezten Sterbenden, müde harrend,
wie eine Mutter auf den Schlaf ihres Säuglings, um selbst zur Ruhe zu gehen! So
vergiengen erst seine Hoffnungen, dann seine Wünsche, dann auch sein Groll gegen
das Unglück - Er lauscht auf den nahen Tod, wie er den lezten Geliebten aus
seinen Armen windet - jezt ist auch dieser dahin, und auf seinem Grabhügel
schlummert er den ersten Schlaf. Einem solchen Schlaf entgegen sehend, erzählte
Sara ihrem Bruder, oder hörte abgebrochen die Hauptzüge seiner Geschichte, von
seiner Flucht bis zu diesem schröklichen Wiedersehen. Es war ein Gewebe von
Irrtum und Schwärmerei, die, von Bosheit und Eigennuz gemisbraucht, den edeln
Jüngling zu einem Pfade hinrissen, wo er, von seinem reinen Selbstgefühl
verlassen, den Mut verlor, seiner Eitelkeit zum Troz, zur Wahrheit
zurückzukehren. Sein Vater hatte ihn um eines Weibes willen verstossen, die
seinem Herzen wie seinem Geiste ewig fremd blieb; und kaum hatte er ihr seine
Freiheit geopfert, so suchte sie in einer fernen Hauptstadt des Auslandes
ungestörte Befriedigungen ihres Leichtsinns und ihres Stolzes. Ohngefähr zu eben
der Zeit, wie Sara nach Paris kam, kehrte er in sein beleidigtes Vaterland
zurück. Hier arbeitete er, durch Verrat und Intrigue an seine Partei gefesselt,
gleich einem nächtlichen Räuber, auf dunkeln und verborgnen Wegen für Menschen,
die er endlich verachten gelernt hatte, für eine Sache, deren Güte ihm täglich
zweifelhafter wurde. Seine Liebe für Sara war indessen nicht mit seinen übrigen
Tugenden ein Raub des Parteigeists geworden, und er hörte auf seine
Erkundigungen mit unaussprechlichem Schmerz den Ruin seines Vaters, seinen Tod,
und Sara's Schiksal, das er nach verfälschten Gerüchten als ganz schimpflich
kennen lernte, indem sie aus dem Haus ihres Beschüzers, des ehrwürdigen Bertier
, entwichen sein sollte, um Rogern zu folgen. Von L***'s Einfluss auf das Unglück
seiner Familie hatte er keine Ahnung; und als die Geschäfte ihrer Partei sie
zusammenbrachten, erlag auch Teodor dem Zauber dieses Mannes, dessen
unbegreiflicher Geist in seinen Planen mit dem Bruder vielleicht einen Ersaz für
seinen Verrat an der Schwester bezwekte. So lebten Teodor und Sara mehrere
Wochen einander nahe, und oft reichte der grausame L*** dieser eine Hand, die
jener in der Stunde vorher gedrükt hätte, und verhinderte sie, eines durch des
andern Hülfe und Schuz, vielleicht wieder in den Schoss der Tugend zu kehren. Am
zehnten August hatte Teodor an L***'s Seite gefochten, und er war es gewesen,
der ohne Sara zu erkennen, bloss aus mechanischer Menschlichkeit, ihm zugerufen
hatte: es ist ein Weib! - Bei dem Tode von Sara's Liebling hatten in diesem
Augenblick von allgemeinem Aufruhr, wo nichts als Selbstverteidigung handeln
konnte, beide nicht mehr Schuld gehabt, und beide hatten eben so wenig darum
gewusst, als die Kugel selbst, die in des Kindes Schulter gefahren war. Sie
wollten sich nachher durch einen ihnen bekannten Schlupfwinkel im Schloss
retten, aber sie verliessen ihn zu früh, und wurden ergriffen. Selbst unter den
Mördern am 2. September war ihre Partei nicht unwürksam, und es waren Mittel
verabredet, um sie während des Getümmels entkommen zu lassen. Doch hätten sie im
geltenden Augenblick diese Mittel beinahe versäumt, so erschüttert waren sie von
Sara's fürchterlicher Erscheinung gewesen. L*** hatte sich zuerst gefasst, und
ihm verdankte Teodor sein Leben. Lange in den vergessenen Kreuzgängen eines
Klosters verstekt, trachtete Teodor nur darnach, von seiner verlornen Schwester
etwas zu erfahren, und L*** bahnte sich den Weg nach dem neuen Schauplaz, auf
welchem er bald darauf eine so glänzende und abenteuerliche Rolle spielte. Sie
hatten Verbindungen nach aussen, und ein Grabgewölbe im nächsten Kirchhof diente
zu ihren geheimen Zusammenkünften mit ihren Vertrauten, die sich des Abends in
den Kirchhof verschliessen liessen, während dass sie durch einen unterirdischen
Weg, dessen Ausgang, in einer von den Nischen der Gruft, mit einem Sarg bedekt
war, an den verabredeten Platz gelangten. Am Abend des 21. Januars hinterbrachte
einer von jenen Unterhändlern Teodorn die Umstände dieses wichtigen Tags; eben
derselbe hatte auch Sara's Aufentalt, ihre damaligen Verbindungen entdekt, und
war Augenzeuge ihrer unnatürlichen Wut bei dem Blutgerüste des Königs gewesen.
Bei diesem schmerzlichen Bericht vergass Teodor alle Vorsicht, er brach in laute
Klagen aus - und es war würklich wieder seine Stimme gewesen, welche Sara's
gepeinigtes Gehirn vollends zerrissen hatte. In der ersten Bestürzung über ihren
Schrei und ihr Herbeistürzen schoss er blindlings eine Pistole gegen den
vermeinten Feind ab; sein kühlerer Gesellschafter riss ihn fort, und ihr
Schlupfwinkel war schon längst wieder unter dem nachgezognen Sarge verborgen,
ehe man in dem Gewölbe nachsuchte. Bald darauf entwich er glücklich mit L*** an
die Ufer der Loire. Die beiden Geschwister waren bestimmt, ihren Pfad bis zum
Ausgang im grausesten Dunkel zu suchen; wenn indessen alles, was Sara erfuhr,
unmittelbarer ihr Herz bestürmte, so blieb sie doch, selbst in Verirrung und
Raserei, sich und ihrem Gefühle treuer - Teodor hingegen hatte seinen Antrieb
und seinen Lohn immer ausser sich gesucht, und war so das Spiel der Listigeren,
die ihn umgaben, geworden, bis er, mit sich selbst unzufrieden, mistrauisch
gegen seine Sache, seinen Unmut mit einem trügerischen System von Grundsäzen
dämpfte, nach welchem der moralische Mensch, von dem handelnden getrennt, bei
der Kenntnis der Wahrheit im Irrtum beharren durfte, wenn die Umstände es
erforderten. Mit diesem Widerspruch in seinem Inneren, der seine Selbstachtung
tödtete und seinen Mut lähmte, war er L*** in die Vendee gefolgt; doch musste er
sogleich mit geheimen Aufträgen seiner Partei nach England, und kam erst kurz,
nachdem die katolische Armee über die Loire gegangen war, wieder in diese
Gegenden. Hier ward er bald, wie die meisten Menschen von solchen Anlagen und in
solchen Verhältnissen, vom Betrognen zum Betrüger. Nachdem er lange für König
und Gesez geschwärmt, sein Gewissen, sein Glük dafür geopfert hatte, warb er um
andre für den Glauben, den er selbst verloren hatte, und kein Mittel war ihm zu
empörend oder zu verächtlich. Sein stolzer Geist, sein aufgeklärter Verstand
fügte sich in jede Mummerei der Priester; sein weiches Herz panzerte sich gegen
alle Unmenschlichkeiten, die um ihn her vorgiengen, die er selbst vollstrekte,
und die den schröklichen Wetteifer von Grausamkeit unter Mitbürgern und Brüdern
einführten. In den seltenen Augenbliken, wo der Sturm einer solchen Würksamkeit
ihm Freiheit liess, sich mit sich selbst zu beschäftigen, versank er entweder in
die finsterste Verzweiflung, oder spannte sich zu einer unnatürlichen Höhe, auf
welcher er sich dünkte die Wage des Schiksals selbst zu halten, und dem
Menschengeschlechte Elend, das zum Heil führe, zuzuwägen. Er focht bei Laval an
L***'s Seite, und rettete ihn mit Gefahr seines Lebens, als er nach seinen
empfangnen Wunden im Begrif war, den Feinden in die Hände zu fallen. L*** zog
siegend, aber auch sterbend in Fougeres ein. Wie er seinen Tod fühlte, der ihn
mitten in seinen Planen, auf dem Gipfel seines Glüks überraschte, machte er
seine Verordnungen mit der Kälte, mit der Ruhe eines Hausvaters, der sich zu
einer kleinen Abwesenheit rüstet. Nachdem er für die Angelegenheiten seines
Heeres, für die Sicherheit seiner Vertrauten, so weit es in seiner Macht stand,
gesorgt hatte, schloss er sich mit Teodorn ein, der seinem nahen Tod, halb mit
Schreken, halb mit der Art von Spannung entgegen sah, welche der Ehrgeizige bei
dem erlöschenden Ruhm eines andern immer fühlt, auch wenn er nie sein
Nebenbuhler gewesen ist. Der Sterbende schien sich jezt seinen Gefühlen zu
überlassen; er drükte lange seines Freundes Hände, und schien ihn mehr in seine
weiche Stimmung ziehen, als Stärke bei ihm finden zu wollen. Nach einer
feierlichen Vorbereitung, mit einem Wesen, in welchem ein mehr geübter
Menschenkenner als Teodor vielleicht Zwang und innern Kampf erkannt haben
würde, entdekte er ihm, dass seine Gattin und sein Kind noch lebten; dass er das
Gerücht ihres Todes selbst genährt hätte, um sie sichrer zu verbergen; dass sie
ihren Aufentalt im Gewölbe des alten Schlosses von C** seit den Niederlagen der
Seinigen jenseits der Loire, nicht verlassen hätten; dass eine langsame
Krankheit, die dem Leben seiner Gattin drohte, ihr Entweichen nach England,
selbst wenn es bei der Wachsamkeit des Feindes ratsam gewesen wäre, unmöglich
gemacht haben würde - Sie verdiente ein besseres Loos! sezte er, in tieferen
Ernst versinkend, hinzu. Ich verband mich im Ausland mit ihr, weil ich ihre
Familie brauchte. Ihre verächtlichen Verwandten hatten sie mit sich in das
Ausland geschleppt; das junge furchtsame Mädchen gab ihre Hand mit Vergnügen
einem Manne, bei welchem sie ihre ganze ehemalige Existenz wieder zu erhalten
hofte. Ich habe ihr Zutrauen mit Betrug gelohnt; denn mein Ziel - - Er legte
seine Hand auf die tiefe Wunde unter seiner Brust, und schwieg einen Augenblick.
Er fuhr fort: die sanfte Seele ward flüchtig, verfolgt - sie tröstete sich mit
dem Sohn, den sie mir gebahr. Sie klagte nie, und schmachtet nun, in einem
ehemaligen Kerker verborgen, seit sieben Monaten dem Tode entgegen. Einige
bewährte Diener meines Hauses pflegen sie, bringen ihr die nötigsten
Bedürfnisse, und sie entgeht der Mordlust des Feindes nur, weil man ihr
lebendiges Grab von Geistern bewohnt glaubt. Wie wird aber die Unglückliche
widerstehen, wenn das Gerücht meines Todes zu ihr dringt? Und wird es nicht den
Mut der Getreuen, die stündlich ihr Leben für sie aussetzen vollends
niederschlagen? Wird dann mein Sohn, werden sie nicht vielleicht beide in die
Gewalt der Feinde fallen? - Teodor! Ich begehre Ihren Schuz für die Meinigen -
Indem Sie diese Verbindlichkeit übernehmen, müssen Sie freilich für jezt Ihren
Ehrgeiz der Menschlichkeit aufopfern - aber nicht Mitleid allein, nicht
Freundschaft, wie Sie Betrogner wähnen, fordert Sie auf - eine höhere Tugend,
die den Menschen zum Helden, die ihn über sich selbst erhebt! Teodor! - Ihr
ärgster Feind, der Zerstörer Ihrer Familie - der Verführer, der Verderber Ihrer
Sara, bittet Sie, sein Weib und sein Kind zu retten - - Teodor riss seine Hände
los, die der Verwundete hielt, und stand mit rollendem Auge, Entsetzen in jedem
Zug, erstarrt vor dem Bett. L*** lehnte sich erschüttert zurück, und sagte mit
bebenden Lippen: Sterbend musste freilich Ihr Feind sein, um Ihrem rächenden Arm
zu entgehen! - Teodor ballte seine Hände krampfhaft zusammen, und wie er sein
Seitengewehr, an das er heftig stiess, klirren hörte, stürzte er beide Arme
verschlingend an das andere Ende des Zimmers, als fürchte er sich, es wider
Willen zu entblössen. - Mit einer Stimme, an deren Erschöpfung und Anstrengung
fast nur sein körperlicher Zustand Schuld zu sein schien, mit beinahe trokner
Kürze, ohne Erklärung, ohne Beschönigung wie ohne Uebertreibung, erzählte nun
L*** die Geschichte seiner Verbindung mit der unglücklichen Sara. Oefter von den
Ausbrüchen des unbeschreiblichen wütenden Jammers bei seinem Zuhörer
unterbrochen, als von seiner eignen Schwäche oder Bewegung, hielt er jedesmal
inne, bis jene vorüber waren, und Teodor wieder bereit stand, den Giftbecher
vollends auszuschlürfen. Sara's Schiksal war ihm bis zu der schröklichen
Krankheit bekannt, in welche sie nach dem 21. Januar verfallen war. Von dieser
hatte Teodor nichts gewusst; das Bild seiner wahnsinnigen Schwester ergriff ihn
mit einer solchen Gewalt, dass er den Kopf auf beide Hände gestüzt, selbst der
Wut vergessend, laut weinte - da fuhr ein leichtes Zuken über L***'s Gesicht:
hätte ich nun versäumt, die Täuschung über mein Leben hinaus zu verlängern, und
ich stürbe in diesem Augenblick, so könnte die Welt denken, ich wäre nicht selig
gestorben! Gut dass die Priester schon da waren - und um des Besten unsrer
Angelegenheiten willen wirst Du mich nicht verraten, Teodor - Bitter lachend
murmelte er noch: Heiliger L***! Bitt für uns - - Teodor widerstand kaum dem
wieder erwachten Zorn; er knirschte: Heuchlerischer - kalter Bösewicht! - Eine
flüchtige Röte ergoss sich auf einen Augenblick über die Wangen des Kranken; dann
hob er sein bleiches Haupt: Nein, Teodor! Ich liebte sie! - - Gewaltsam schien
er sich nun zu spannen: Höre, Teodor! Vielleicht sind die Geheimnisse dieser
Brust noch ein Vermächtnis, mit welchem ich an Deinem vergifteten Leben etwas
wieder gut machen kann - Er wollte sich sammeln, um fortzufahren; es ist zu
vermuten, dass in diesem Augenblick Wahrheit aus seinem Herzen und über seine
Lippen gekommen wäre; aber das Schiksal wollte das Rätsel dieses Geistes
unaufgelöst lassen. Die heftige Bewegung brachte innerlich eine Krisis hervor,
die seine Sprache hemmte. Er griff matt nach Teodors Hand, die ihm dieser
schaudernd entzog. Ein unmerkliches Lächeln, das Resignation sein konnte,
schwebte um seinen blassen Mund; er faltete die ausgestrekte Hand wieder in die
andre. - Eine kurze Pause erfolgte; Verklärung und Verdammnis schienen jezt auf
dem Gesicht des Sterbenden in einander verschmolzen. Zu schwach, um sich zu
erheben, wandte er langsam den Kopf gegen einen Tisch an der andern Seite seines
Betts. Fast ohne seine Lage zu verändern, und als belebte die entfliehende Seele
zum leztenmale noch leise die äussersten Spizen seiner Glieder, nahm er eine
Feder, schrieb ein Paar Worte auf einem Blatt Papier, winkte Teodorn, es zu
holen - Teodor stand mechanisch auf - er las die bebende Schrift: Mein Weib und
mein Kind! Durchdrungen suchte er L***'s Blik - Sein Kopf war wieder gegen die
vorige Seite gekehrt; Teodor bog sich über ihn - L*** hatte sein leztes Wunder
getan, und war verschieden.
    Teodor verliess die Armee, und stahl sich durch tausend Gefahren bis zu den
Trümmern von C**, wo die ihm von L*** anvertrauten Zeichen ihm den Eingang in
das Gewölbe öfneten. Hier fand er ein Paar Geschöpfe, die den innern Grimm, mit
welchem er an diese menschenfreundliche Handlung ging, bald in sanftes Mitleid
umschmolzen. Auf dem Krankenlager lechzte L***'s schöne, junge Gemahlin nach
Trost und Erquikung. Im ersten Schreken über die Nachricht von der tödtlichen
Verwundung ihres Herrn waren die Hausbedienten, unter deren Schuz er sie
gelassen hatte, aus einander geflohen, bis auf drei, welche nur mit den
abwechselndsten Kunstgriffen einen kümmerlichen Unterhalt herbeischaften. An
Geld fehlte es ihnen zwar nicht, L*** hatte einen Teil seiner Schäze und
Kostbarkeiten in diesen Gewölben vergraben; aber der geringste Umstand, ein
Becher, ein silbernes Geschirr, ein Geldstük selbst, konnte sie verraten, und
ausserdem war die umliegende Gegend so verwüstet, dass man mit Tonnen Goldes
keine Erquikung für die arme zarte Kranke auftreiben konnte. Die gröbsten
Gemüse, oft rohe Kastanien, wozu nur selten ein Stük Brod kam, erhielten jezt
diese Frau, die, zu solcher Weichlichkeit gewöhnt, so wenig mit Schmerz und Not
bekannt gewesen war, dass sie bei der sanftesten Anlage kaum jemals etwas dem
Mitleiden ähnliches gefühlt hatte. Ihr Knabe allein hielt sie aufrecht, und war
zugleich der Gegenstand ihres peinlichsten Kummers; neben ihm durchweinte sie
die langen Winterabende, indes er unbesorgt schlummerte, denn er wusste diesen
Kerker, in welchem die erste Entwikelung seiner kindischen Seele vor sich
gegangen war, mit nichts besserem zu vergleichen, und seine früheren
Erinnerungen hatten sich hier so verwischt, dass er, als man ihn an jenem
schröklichen Tag heraustrug, von der Sonne geblendet, fragte, was das für ein
grosses Licht wäre? Wenn aber seine arme Mutter ihre elenden Gefährten
herbeischleichen hörte, erstarrt, ermüdet, und oft von der ängstlichen
Wanderschaft, wo jeder Schritt ihnen mit Entdekung und Tod drohte, nichts
zurückbringend als Schrekensposten, da troknete sie ihre müden Augen, und
sammelte sich zu neuem Schmerz und neuer Geduld. Ein Zufall verbesserte indessen
ihre Lage. Ein ehemaliger Pachter ihres Gemahls, ein Mann der seine Habe für die
Sache der Freiheit zugesezt hatte, und für einen der festesten Patrioten galt,
erkannte eines Abends einen von den drei Getreuen, der, um Lebensmittel zu
suchen, in seine halb abgebrannte Hütte gekommen war. Der Unglückliche glaubte
sich verloren, machte aber dem Mann eine so rührende Beschreibung von dem Elend
der Gräfin, von dem Liebreiz des Knaben, dass dieser, von Mitleid hingerissen,
der Retter dieser bedrängten Familie ward. Er war die nächtliche Erscheinung im
Eremitenkleid, welche den Wahn des Landvolks veranlasste; so oft er Lebensmittel
zusammenbringen konnte, stieg er durch einen fast verschütteten heimlichen
Fusspfad, neben der am Fuss des Berges fliessenden Quelle, den Brunnenkeller
herauf, und gelangte auf dem mühseligsten Weg mitten in den Schlosshof; ein
Stein, den er in dem Innern des Turms durch das Luftloch des Verliesses herunter
warf, war das Zeichen seiner Ankunft, worauf man ihm die verrammelte Höle
öfnete. Noch mehr Hülfe aber schaffte nun Teodors sinnreicher Mut in einer
Gegend, die ihm von Jugend auf bekannt war, und seitdem das arme Weib in dieser
Einöde schmachtete, war er das erste menschliche Geschöpf, das, anstatt sie mit
Klagen zu quälen, die ihrigen vernehmen konnte. Indem er aber ihr Elend
milderte, sezte er auch ihre Sicherheit aus: er zog mehrere herumirrende
Flüchtlinge von seiner Partei an sich, und sein unruhiger Kopf machte nach und
nach diese Zuflucht der Unschuld zu einem neuen Tummelplaz politischer Plane,
die ihn und die Unglückliche, die er beschüzen wollte, verdarben, indem sie
Unvorsichtigkeiten veranlassten, welche die Aufmerksamkeit der Gegenpartei
erwekten. Schon mehrere Tage vor dem Ueberfall befand sich die Gräfin sehr
schlecht, sie sprach oft mit Teodor von ihrem nahen Ende, von dem Traum ihres
jungen Lebens, von dem schröklichen Wechsel, der sie nun hinraffte. Sie erwähnte
mit tiefem Gefühl, aber ohne Bitterkeit, wie wenig ihr Gemahl für sie gewesen
wäre - Und jung, wie ich war, sezte sie hinzu, hätte ich ihn doch zu meinem
Abgott gemacht, und die Herrschaft über mein reines Herz hätte ihn sicher mehr
beglückt, als der blutige Zepter, mit welchem er stumpfsinnige Elende lenkte! Sie
hatte ein Paarmal geäussert, dass sie wohl nicht die Einzige gewesen sein möchte,
welche das Loos des Unglücks aus ihres Gatten Hand empfangen hätte. Am lezten
Abend erklärte sie sich hierüber noch deutlicher: Ich habe, sagte sie wehmütig
lächelnd, einmal eine Erscheinung gehabt - die aber einen solchen Eindruk auf
mich gemacht hat, dass ich nachher, wie ich so viel Unglück erfuhr, dass ich es in
die kurzen Jahre meines Lebens gar nicht hineindrängen konnte, immer von dieser
Erscheinung an rechnete. Sie erzählte nun den kurzen Besuch, den sie von einer
Unbekannten gehabt hätte; wie erschüttert sie gewesen wäre; wie sie geforscht
hätte, etwas von der Unglücklichen zu erfahren; wie einer von den Bedienten
endlich herausgebracht hätte, es sei ein junges Mädchen, die sein Herr
unterhalte, sie sei Mutter gewesen, aber ihr Kind sei todt, und was aus ihr
selbst geworden sei, wisse man nicht; wie sie dies gerührt hätte, indem sie
damals eben ihren Sohn geboren hätte; und wie sie, seitdem sie einsam und
verlassen in diesem Gewölbe lebte, oft an das Mädchen gedacht, und gemeint
hätte, wenn sie damals aufzufinden gewesen wäre, sie hätten zusammen weinen und
leiden wollen - Im Glük, sagte sie, wäre ich vielleicht ihre Feindin gewesen,
aber wir waren ja beide verlassen, beide so unglücklich, und ich hatte ja doch
meinen Sohn, und war Gattin - Das Mädchen sah so rührend aus! Seit Sie da sind,
fuhr sie gegen Teodor fort, denke ich noch öfter daran - sie sah Ihnen, glaube
ich, ähnlich, besonders wenn Sie wild reden - das arme Mädchen! Als seine Wittwe
wollte sie mich wiedersehen - da wäre es nun Zeit! - So schwazte die arme,
liebende Seele ihre wenig entwikelten Gefühle her, und sah nicht, welchen
Eindruk sie auf Teodor machte, der seine unglückliche Schwester in diesem Bilde
erkannte, aber zu viel Schonung gegen die Kranke hatte, um ihr sein nahes
Verhältnis mit dieser Erscheinung zu entdeken. - Als das Gewölbe bestürmt wurde,
suchte sie eine Zeitlang ihren Sohn zu trösten und zu beruhigen; bald aber
lösten Schrecken und Angst die abgenuzten Fäden auf, die sie noch an das Leben
hielten; und sie war verschieden, ehe noch die Sieger in das Behältnis gedrungen
waren, das ihr so lange schon zum Grabe gedient hatte. Sie war eben achtzehn
Jahre da sie starb: still und unschädlich hatte ihre schöne Jugend geblüht; man
hatte sie keinen Gebrauch ihrer angebornen Güte gelehrt, die Menschen um sie her
wussten diesen Funken der Gotteit nicht zu schäzen - so konnte sie, um
wohlzutun, nichts als lieben, um zu geniessen, nichts als lachen und scherzen.
Ihre Liebe ward von den kalten abgestorbnen Seelen, mit denen ihr Stand sie
verband, zurückgewiesen, von ihrem Gemahl nie angenommen; und Scherz und Lachen
wandelte sich früh in Elend, Not und Angst. Ihr Leben glich einer kleinen
Lampe, die in einem menschenleeren Raume brennt und erlöscht; sie leuchtete
niemand, und ihr Erlöschen wird von niemand bemerkt. Mögen so manche, deren
Schiksal wie das ihrige anfieng, nie ein so trauriges Ende erfahren! - -
    Der Morgen brach an, welcher Teodor und seine Gefährten zum Tode rief.
Seine Fassung war wehmütig. Er musste sich selbst sagen, dass er seit dem
erstenmal, da sein treuer Roger ihn warnte, bis zu diesem Augenblick, immer die
Wahl zwischen dem Besseren und Schlimmeren gehabt hatte; sein Geist war
erstorben, sein Herz ausgeglüht, nur seine Liebe für Sara erleuchtete, gleich
dem Abendrot an einem stürmischen Tag, dessen Morgen doch heiter anbrach, noch
einmal sein finsteres Dasein; er heftete auf sie seine schweren Augen, und
schloss sie gern auf ewig. In Sara waltete eine über das Schiksal erhabene Ruhe;
sie hielt des Bruders kalte Hände, drükte sie an ihr Herz, an ihre Lippen, und
in dem sinnenden Blik ihres ernsten Auges schienen Ahnungen eines freieren,
reineren Daseins zu liegen. Wie die Wachen den Unglücklichen abholten, schauderte
sie auf; er stand sprachlos, zeigte auf den sanft schlummernden Hyppolit - dann
rief er mühsam: ohne ihn risse ich Dich mit mir fort! - Ohne ihn folgte ich Dir!
sprach sie zitternd, umarmte den Bruder, wandte sich gegen die Soldaten, und
sagte mit gebrochnem Ton und gefalteten Händen: Fasst ihn scharf in's Auge - es
ist meine lezte Bitte! - Jezt erstikten die Tränen ihre Stimme, und Teodor
ward fortgeführt.
Sara's Betragen im Kriegsdienst, gegen ihren Bruder, gegen den verwaisten Knaben
hatte ihre Obern, und alle, die in der Gegend von ihr hörten, so gewonnen, dass
es ihr an Unterstüzung nicht fehlte, die sie, an ihren Pflegsohn denkend, ohne
Widerwillen annahm. Sie sann indessen darauf, sich in eine Einsamkeit
zurückzuziehen, wo sie, fern von Menschen, fern von dem Geräusch der Waffen -
denn beides presste ihr Herz zusammen - sich nach und nach wieder an das Leben
gewöhnen könnte, dessen Last zu tragen sie nun so feierlich verpflichtet war.
Der herannahende Frühling bestärkte sie in einem Plane, den sie in ihrem Innern
seit jenem Augenblick entworfen hatte, da sie neben Hyppolits erblasster Mutter
ihren Bruder dem Tode überantworten, und sich selbst zum Leben verurteilen
musste. Das kleine Gebäude in den Ruinen von C**, wo sie mit ihren
Kriegsgefährten eine Nacht im Hinterhalt gelegen hatte, liess sich mit einer
kleinen Ausbesserung bewohnbar machen; unter diesen grausenvollen Trümmern
vermutete man keines lebendigen Geschöpfes Aufentalt, und sie fand da Nahrung
für ihren Schmerz, reine Luft für ihren Zögling, und den ungestörten Anblik der
sich aus der Verwüstung hervorarbeitenden Natur, von den hohen Felsen in die
Täler herab. Ein Bauer, bei welchem sie in der damaligen Zeit im Quartier
gelegen hatte, war durch ihr sanftes Betragen, durch die menschliche,
regelmässige Aufführung ihrer Untergebnen, für sie eingenommen worden, und hatte
den Auftritt im Schloss, und was darauf erfolgt war, mit herzlicher Teilnehmung
gehört. Sara hatte auch zu ihm Zutrauen gefasst, und sie teilte ihm ihren Wunsch
mit, sich in den Ruinen einzurichten. Ein Geheimnis wollte sie daraus nicht
machen; aber um künftig ungestörter zu sein, bat sie ihn, nur seinen Sohn zum
Gehülfen bei der Arbeit zu nehmen, und so ward die kleine Wohnung bald zu Stande
gebracht, ohne dass die Nachbarschaft es ahnete. Eine kleine Küche, welche das
Vorhaus zugleich vorstellte, und eine einzige Kammer, woraus das ganze Gebäude
bestand, war in wenigen Tagen vom Schutt gereinigt, mit Fenstern versehen, und
so viel Geräte hineingebracht, wie Sara und ihr Pflegsohn brauchten. Eine
wunderbar stille Empfindung war es für Sara, als sie zum erstenmal neben ihrem
brennenden Heerd die Nacht erwartete. Es war eine Nacht wie jene schrökliche, da
sie Teodorn fand, um ihn auf ewig zu verlieren; eben so flimmerten die Sterne
im Nebel - Sie stellte sich einen Augenblick vor die Türe, blikte nach jenem
Turm; sie hatte nun den Kelch des Leidens geleert, keine Erwartung mehr - wie
war sie so ruhig! Indessen erwachte der Knabe in der anstossenden Kammer, und
lallte schmeichelnd: Sara, willt Du nicht schlafen gehen? - Sara's Herz
zerschmolz in Wehmut; es war ihr, als riefen mit dieser Stimme alle Geister,
die sie jezt eben umschwebten: Sara, Sara! komm in das Grab - und doch lokte sie
diese Stimme in das Leben, knüpfte sie an das Leben durch alle Bande des
Mitleids und der Grossmut.
    Neben der Hütte war eine kleine Pforte, die in einen Zwinger ging, wo
ehemals Jagdhunde und Kaninchen gehalten wurden. Diesen reinigte Sara von
Steinen und Schutt, und mit den ersten Frühlingsregen keimten da Gemüse heraus,
und wilde Blumen, die sie für ihren Kleinen sorgfältig pflegte. Von Zeit zu Zeit
besuchte sie ihr Vertrauter, der alte Bauer, und freute sich über ihren Fleiss,
über das frohe Wesen des Knaben; und wenn er ihr bleiches ernstes Gesicht ansah,
auf welchem das freundliche Lächeln so wehmütig zukte, sprach er ihr zu: Junge
Frau, wem Gott solch Gedeihen gibt in dem, was er unternimmt, wie der Knabe
wächst und der Sallat draussen aus dem steinigen Boden keimt - wahrlich, der muss
nicht so trostlos drein sehen! Gott, der Keime aus den Trümmern ruft, kann auch
wehe Herzen heilen - Sara drükte ihm die Hand - Ergebung und Ausharren sind sich
also immer gleich! Diesen Sinn hatten Bertiers weise Lehren, und die treue
Einfalt dieses Mannes atmete eben diesen Sinn - Der Alte half ihr von dem Teil
des Schlosshofs, der an ihre Hütte stiess, die Mauersteine wegräumen, und bald
bekleidete er sich mit jungem Gras, auf welchem Hyppolit, dessen Schritt nun
fester wurde, in der warmen Sonne spielte.
    Es kamen jezt Stunden, wo Sara's Herz mit der Natur um sie her einstimmte -
Keime, die den grausen Trümmern entsprossten! Sie unterdrükte nicht, wie ehemals,
jeden Wunsch nach Heiterkeit, sie verdrängte nicht mehr jedes Bild der
glücklichen Jugend mit dem Andenken ihres schwarzen Schiksals. Ihre
wohltätigsten Stunden waren die, wo sie berechnete, wie viel zerstörender das
Elend gewesen sein würde, dem sie entgangen war, als das, welches sie würklich
erfahren hatte. Wenn der Knabe auf ihrem Schoss scherzte, wenn er an ihrem
Busen einschlief, wenn er schmeichelnd sie Mutter, gute Mutter! nannte; so hob
sich ihr Auge gen Himmel, und suchte dort ein Wesen, dem sie danken möchte, dass
nicht, so wie sie einst darauf ausgegangen war, seines Vaters Blut an ihren
Händen klebte. Jede ihrer Sorgen für ihn besänftigte jezt ihr Herz; hätte damals
der Zufall ihre Rache begünstigt, so war jede seiner Liebkosungen nunmehr ein
Dolch in ihr Gewissen!
    Wenn sie indessen nach ihrem Tagewerk ausruhte, der Mond am Himmel aufstieg,
oder die zahllosen Sterne hinter den verfallnen Türmen hervorfunkelten, und ihr
Herz die stille Feier ihrer Verstorbnen begann, da schwebte, seitdem die Ahnung
des Friedens bei ihr wieder eingezogen war, manchmal der leise Gedanke vor ihr,
dass in der Reihe der geliebten Todten noch ein Name fehlte - Roger war nicht
zurückgekehrt, und ob er todt sei, hatte niemand ihr zu sagen gewusst! Je ruhiger
ihr Herz, je weiblicher ihr Tun wurde, desto schmerzlicher dachte sie, dass er,
allein von allen übrig, vielleicht noch in den Schreken des Krieges lebte, und
nie erfahren würde, wie sie gelitten, und wie sie gebüsst hätte. dabei schauderte
sie vor der Möglichkeit, ihn je wiederzusehen; es war eine Kluft zwischen ihnen
entstanden, die ihr von allen menschlichen Wesen nun losgerissenes Herz nicht
mehr auszufüllen wusste. Wie sie ihn gekannt hatte, in einfacher Tugend und
weichem, reinem Kindersinn fortwandelnd, übte er seine männliche Kraft nur in
Augenbliken, wo er eine Leidenschaft zu bekämpfen hatte; sein Herz glich der
milden Sonnenwärme - und das ihrige, war es nicht ein ausbrennender Vulkan? Sie
fühlte, welches Misverhältniss dieser Unterschied zwischen dem Weib und dem Mann
stiften müsste. Alle Harmonie war gestört, alle Gleichheit; Roger konnte in ihr
nur ihr Unglück ehren - und sie wollte und konnte nun keinem menschlichen Wesen
mehr nahen, das sie ehemals gekannt hatte, das denken musste: wie glücklich war
sie einst! Sie konnte nur Hippolits Liebe ertragen, denn sein Lallen sagte ihr
bloss: wie gut bist du jezt!
    Eines Abends arbeitete sie in dem kleinen Garten im Zwinger, und da ihr der
Bube überall im Wege war, geschäftig die Pflanzen ausrupfte, die sie eben
sorgsam gesezt hatte, schikte sie ihn in den Schlosshof, um da seinen Unfug zu
treiben. Nach einer kleinen Weile hörte sie ihn zusammenhängend reden, und mit
mütterlicher Freude über den kleinen Schwäzer, wollte sie sehen, welchen Stein
oder welche Pflanze seine kindische Fantasie belebt, und zum Spielkameraden
umgeschaffen hätte. Sie ging an die Pforte, und erblikte das Kind zwischen den
Knieen eines Soldaten, der auf der Bank vor der Türe ihrer Hütte sass. Sara
konnte des Mannes Gesicht nicht sehen, weil die Abendsonne sie blendete, und er
ihr halb den Rüken zukehrte; doch unterschied sie, dass der Knabe mit ihm
spielte, und der Fremde das Kind freundlich liebkoste, indem er mit der Hand auf
einen Haufen Steine zeigte, die es zusammengetragen hatte. Hyppolit holte jezt
mühsam einen grossen Stein, den er dem Soldaten zu halten gab; dieser fasste den
Stein mit einer Hand an - nein, rief der Kleine, und zog an seiner andern Hand;
mit beiden Händen! dann will ich klopfen - Ich kann nicht, mein Kind, sagte der
Fremde, die andre ist todt - Todt? fragte Hyppolit, und machte grosse Augen; die
Hand todt, und Du nicht todt? - Sie ist im Kriege abgeschossen - Armer Mann!
sprach der Knabe klagend, und streichelte leise den ausgestopften Aermel - soll
heilen, die Mutter soll ein Pflaster geben; ich war auch recht krank am Kopfe
von einem grossen Stein, da hat mich die Mutter geheilt - Und wird die Mutter
denn mir Pflaster geben? fragte der Fremde. - Wenn Du weh hast? rief der Kleine,
und zog ihn am Aermel gegen die Pforte des Zwingers, wo er jezt die Mutter
erblikte. Bei der Annäherung eines Fremden, des ersten in dieser wilden
Einsamkeit, war ihre erste Bewegung Schreken; doch konnte sie ihren Hyppolit
nicht allein lassen, da er sie suchte; sie trat also aus der Türe, und sah den
Mann aufstehen, und seinen Stok und das Kind in einer Hand haltend, auf sie
zukommen. Der Fremde stuzte bei dem ersten Anblik, kam aber sogleich näher, liess
den Knaben stehen, und zog mit der einzigen Hand seinen Hut ab - Gute Bürgerin,
sagte er mit einem heitern Ton, Ihr Kleiner versprach mir ein Pflaster für
meinen abgeschossenen Arm; wollen Sie mir einen Trunk Wasser geben für meine
herzliche Müdigkeit? - Die Art, die Stimme des Mannes hatten etwas, das Sara
auffiel; selbst sein Rok, dieser Rok, den sie so lange getragen hatte, rührte
sie - Gern, antwortete sie freundlich, möchte ich doch auch für meinen Knaben
Wort halten können! - Wie sie sprach, fuhr der Fremde erschroken zusammen; sie
bemerkte es nicht, und ging neben ihm weiter auf die Hütte zu - Das sind
ehrwürdige Andenken, Bürger Soldat! sagte sie; und wo Ihr hinkommt, findet Ihr
gewiss tausend Arme, die sich beeifern, Euch den Verlust des Eurigen zu ersetzen -
Sie traten jezt in den Schatten der Hütte; der Fremde schwieg, und fasste Sara
schärfer in's Auge, sein Gesicht schien zu glühen, er warf bald auf sie bald auf
den Knaben unruhige Blike - sie liess das alles gut sein, und ging hinein. Als
sie zurückkam mit Wein und Brod, und es ihm auf die Bank sezte, und zugleich
fragte, wie er auf eine so abgelegne Höhe geraten wäre? näherte er sich
äusserst bewegt - Vielleicht von meinem guten Engel geleitet, sagte er; ich kann
nicht begreifen - und doch! - die Stimme, der Gang! - Sara Seldorf! Roger kann
doch keine andre für Sie ansehen - - Ein Schleier fiel von Sara's Augen, und
ohngeachtet der tiefen Narbe über seiner Stirne, der Nat über die linke Wange,
die seinen ehemals schönen Mund entstellte, erkannte sie jezt alle seine Züge,
und wankte, zwischen der Freude und dem Schreken einer solchen Ueberraschung
geteilt, zurück - Meine Schwester! rief Roger, und fasste sie in seine Arme,
führte sie auf die Bank, lehnte ihren Kopf an seine Brust, und weinte und
jauchzte vor Entzüken - Aber Sara wand sich aus seinen Armen, sie stand auf, sah
ihn mit einem Blik voll unaussprechlicher Wehmut an - Schwester! wiederholte
sie schaudernd - o, eine arme verirrte, durch Unglück bis an den Rand des
Verbrechens geführte Schwester - - Nein, meine teure, ewig geliebte Schwester -
o ich Kind! ich Kind! da wandle ich zum Grabe meines Grosvaters, und bitte Gott
um Mut, es zu erbliken, und die abgebrannte Hütte wieder zu bauen, und statt
der niedergeworfnen Bäume wieder andre zu pflanzen; und Gott schikt Dich mir
entgegen, die ich so lange schon unter den Todten glaubte - Unter den Todten,
fiel Sara ein, die Hand feierlich auf die Brust gelegt - ja, todt für das Glük,
für die Menschheit - Sara, antwortete der redliche Mann lächelnd, und zog das
Kind zu sich; Sara, Mutter! - und todt für die Menschheit, die hier so schön
aufblüht? - Eine schwache Röte über seinen Irrtum ward bald von bittern
Tränen über die Erinnerung an ihr Kind, das ihn veranlasste, hinweggewaschen -
Dies ist L***'s, nicht mein Sohn, sagte sie; mein Kind, und alles was mein war,
alles, was ich liebte und was mich liebte, liegt im Grabe - die Sara, die Ihre
Schwester war, ist unter den Todten - der Schmerz erstikte ihre Worte - die Sara
, sprach Roger, die noch so fühlt, so weint, ist meine Schwester - nie, so lange
dieses Auge Tränen, so lange dieser Körper Leben hat, kannst Du aufhören, es zu
sein! Und selbst dann - wie ich Sie todt glaubte, Sara, seit drei Monaten, dass
ich diese schrökliche Gewissheit hatte, war meine Liebe im Grabe, so wie sie nun
wieder auf Erden ist - Er schwieg, Sara's Hand haltend; dann das Kind ungewiss
betrachtend, dann mit glänzendem Auge, mit einem Ausdruk von verklärter Freude,
vor welchem seine grässlichen Narben zu schwinden schienen, in das ferne Tal
hinblikend - armes Land! rief er aus; arme Menschen! So viel Seligkeit wohnte in
diesen Trümmern, - so viel Heldenmut! - Er drükte das Kind an sich, sah es
nachdenkend an, spielte mit seinem blonden Haar, das es dem Vater so ähnlich
machte, und blikte nach Sara's dunkeln Loken, die sich unter dem grossen Tuch,
das ihren Kopf verhüllte, hervordrängten. Der frohe Fantast schien etwas
angenehmes in dieser Vergleichung zu finden; er nahm den Knaben in die Höhe, und
herzte ihn - man sah es ihm an, dass er einen Arm zu wenig hatte, um alles, was
er fühlte, in seine Gebehrden zu legen. - L***'s Sohn! wiederholte er leise, -
und nicht meiner Sara Kind - und doch in ihrem Schuze! - - In sprachlosem
Schmerz, von ihren Erinnerungen überwältigt, hatte Sara den wunderbar kindlichen
Menschen betrachtet; jeder Ausdruk seines unzerstörbar heitern Sinnes machte sie
schaudern - sie konnte es nun nicht länger ertragen. O diese fürchterliche
Freude! rief sie aus; Mann mit dem Kinderherzen, weisst Du, was seit dem Abend
Deines Abschieds mit mir ward? - Alles, alles, meine Schwester, bis zu Ihrer
Krankheit bei der alten Bauersfrau - dort, sagte man, wären Sie gestorben - Ihr
ganzes Unglück weiss ich, die ganze Güte des Schiksals, das meine Sara vor einer
Reue schüzte, die meine treue Liebe selbst nicht zu heilen gewusst hätte - O Sara
, wie der brave Kriegskamerad, der Marten die Kundschaft von ihres Mannes Tod
gebracht hatte, mit den Worten schloss: und in der Bauerhütte starb sie - wie ich
nun meine Liebe ewig vergraben wusste mit Dir, da war es mein erster heitrer
Gedanke: sie kann dort ohne Schreken erwachen - sie blieb rein von Mord!
    Würklich wusste er durch jenen Soldaten, der seiner Pension wegen nach Paris
zurückgekommen war, und dort alles, was Marten und ihr Haus betraf, so weit es
den Nachbarn bekannt war, erfragt hatte, ziemlich die Hauptzüge von Sara's
Geschichte, bis zu ihrer Abreise nach dem Dorf, und das übrige war in den
dienstfertigen Berichten, die der ehrliche Mann eingezogen hatte, wahrscheinlich
genug ergänzt worden. Rogers Rührung war jezt unbeschreiblich, als ihm Sara nach
und nach, in mehreren Tagen, ihr Schiksal, von ihrer Abreise in die Provinz bis
zu diesem Augenblick, erzählte. Oft musste sie inne halten, weil er ausser sich
vor Schmerz bei der Schilderung ihrer Leiden, die sie ihm so kalt, mit so
abgestorbnem Tone machte, sie nicht mehr hörte, sondern auf dem Rasenplaz so
heftig auf- und abgieng, dass der kleine Hyppolit sein Spiel verliess, und sich
bittend an ihn klammerte, und wenn er ihn ungestümm von sich wies, weinend zur
Mutter lief. Mit stillen Tränen, mit verhaltenen Seufzern lehnte sie dann ihr
Gesicht an ihn, bis er sich wieder gefasst hatte, und sie leise, mit ruhiger
Stimme, weiter erzählte. Zuweilen musste er sie unterbrechen, weil der Zwang, in
dem sie ihre Gefühle hielt, sie bis zu Verzukungen angriff. So war es, wie sie
an dem Augenblick war, wo sie bei L***'s Todtenbahre gestanden hatte - Roger war
diesen Tag spät gekommen, es war schon Abend, als sie zu sprechen anfieng -
starr hiengen die schweren Tropfen in ihrem Auge, aber die Natur durchbrach den
gewaltsamen Zwang, und ein heftiges Erstiken hemmte ihre Stimme. Roger legte ihr
seine Hand auf den Mund, holte ihr schweigend einen Trunk Wasser, sah sie
ruhiger werden, küsste den Knaben, und indem er noch einmal wehmütig auf Sara
blikte, ging er stumm hinweg. Wie sie zu dem Gefecht im Gewölbe, zu der
Erkennung ihres Bruders kam, war es ganz anders - er kniete vor Sara, weinte,
verbarg sein Gesicht, küsste ihre Hände, rief, als wollte er das taube Grab
erbitten: o Teodor, mein Bruder! Gespiele meiner Jugend - Und wie Sara's
Geschichte sich ihrem Ende nahte, und ihre Stimme leiser aus ihrer schweren
Brust atmete, und ihre Tränen unverhaltner flossen, da lag er still vor ihr,
blikte sie schweigend an; sie sprach fort, ohne Stoken, aber langsam und
abgesezt, ruhte mit dem nassen Auge auf Rogers Stirne, fuhr sanft mit ihrer Hand
über sein redendes Gesicht - und nun verstummte die bange Geschichte, nur leises
Schluchzen vernahm man noch, ihr Kopf sank matt auf seine Schulter; der Kleine
sah sie an, kam herbei, lehnte sich klagend an Sara's Schoss, und Roger, der
Sara nicht berührt hatte, zog ihn an sich, und schloss jezt sie und ihn zugleich
in seinen Arm.
    Seine Schiksale waren so einfach wie sein Herz und sein Sinn, und doch
erzählte er länger daran, als wenn sie mit tausend Abenteuern angefüllt gewesen
wären; denn er verflocht damit jeden schönen Zug seiner Kameraden, jede Scene
des Elends und der Verwüstung, die sein Gefühl zerrissen hatte, die Geschichte
jedes Unglücklichen, dem er zu helfen Gelegenheit gehabt hatte. Sprach er von den
Siegen der Feinde, so blizte in seinen Augen ein Feuer, das ihnen noch jezt
Rache zu drohen schien; war es ein Triumph seiner Landsleute, dann dehnte sich
seine Brust, und er schien es dem Weltall zuzujauchzen: so kämpft man für
Freiheit und Vaterland! Er hatte auf seiner kriegerischen Laufbahn zu allen
diesen wechselnden Gefühlen Veranlassung genug gehabt; denn seit er an die
Gränzen gegangen war, hatte er, ausser einigen Wochen, die er zweimal im
Hospital zubrachte, um von den schröklichen Wunden über seiner Stirne und an
seinem Munde geheilt zu werden, immer im Angesicht des Feindes gestanden, und
sein gut Geschik liess ihn dem Vaterland dienen, bis bei dem Entsaz von Landau
die Grenzen befreit waren. Dort zerschmetterte eine Kugel seinen rechten Arm, er
rief noch einmal seinen stürmenden Gefährten zu: Landau oder Tod! und sank
heulend von Schmerz unter die stampfenden Rosse. Zerquetscht, unkenntlich raffte
ihn ein mitleidiger Landmann auf - und mit einem Arm weniger, mit einem von dem
Hufschlag der Pferde steif gebliebenem Knie, das Lied der Freiheit laut singend,
verliess er erst nach mehrern Wochen das Strasburger Hospital. In Paris erhielt
er von den Repräsentanten des Volks die Belohnung der Tapferkeit, aber weder
dort noch in seinem verwüsteten Geburtsland fand er mehr seine Geliebten, um mit
ihnen sich der erworbnen Ehre zu freuen; und so irrte er eine Weile ziemlich
ohne Zwek umher, bis ihn der Zufall, und das sehr gemischte Interesse, das die
Trümmer von L***'s Schloss für ihn haben mussten, auf einer einsamen Wanderung,
vor Sara's Hütte führten.
    Gleich vom ersten Tag an, da er hier sein ganzes Glük, seine Jugend, seine
Freude am Leben wiedergefunden hatte, gab er für jezt jedes andre Vorhaben auf,
und mietete sich in einem benachbarten Dorfe ein, wo er den Tag über, so weit
es bei dem Verlust seines Arms angieng, sich mit dem Feldbau beschäftigte, und
hauptsächlich durch seinen Rat, seine Aufmunterung, und seine wesentliche
Hülfe, den mutlosen Landmann anfeuerte, den Schutt wegzuräumen, die Hütten
wieder aufzubauen, die Felder von neuem zu besäen; und Abends stieg er dann auf
die Ruinen, und so oft er zurückkehrte, hatte seine treue Liebe die Lüke zwischen
dem Abschied und dem Wiedersehen mehr ausgefüllt, und bald fehlte ihm nur der
segnende Blik seines Ahnherrn, um den ganzen Schauplaz seiner frohen Jugend
unter C**'s schwarzen Trümmern hinzuzaubern. Das scheue, ernste, vom Unglück
gebeugte Weib erschien ihm noch als seine Sara, nur ihr Kind war erwachsener -
er sah es nicht mehr an ihrer schönen Brust, er konnte schon ihre mütterlichen
Sorgen teilen. Dass er nur für Sara leben würde, dass sie sein gehörte, wo sie
lebte, wie sie ihn nennte, wohin sie sich verbärge - das wusste er vom ersten
Wiedersehen an, daran zweifelte er nie; aber dass er sie noch immer am liebsten
als sein Weib, in seiner Hütte, an seinem Heerde sich denken musste, das erfuhr
er erst nach und nach, wie er im verwüsteten Dorfe die Hütten wieder aufsteigen,
die Felder wieder sich beleben sah, wie er, von allem, was sie tat und litt,
unterrichtet, nicht ein einzigesmal sich mehr fragte: wird sie mir alles, alles
noch ersetzen können? Nun fieng er an, sich nach dem Boden zu sehnen, wo sein
Vater gelebt hatte, wo sein Schatten durch Wohltun versöhnt, der Schauplaz
seines schröklichen Todes neu erschaffen werden musste, um den Zeugen -
vielleicht den Mitschuldigen seiner Ermordung die Sonne wieder lieb zu machen.
Sollte er aber ohne Sara dort leben und würken? Unglück und Leidenschaft hatten
freilich ihre Jugend gewelkt, und gaben ihr Jahre voraus; aber er war der
Weisere durch die ungetrübt gebliebne Einfachheit seines Geistes - nicht mehr
ängstlich und mit der Ungewissheit der Liebe, sondern mit dem ruhigen Zutrauen
einer unbefangnen Seele, betrat er einst den Weg zu Sara's Wohnung, in der
Absicht, der treuen Freundin sein ganzes Herz aufzuschliessen.
    Es war ein schwüler Sommerabend; schwarze Wolken hiengen über den alten
Türmen; scheu und von der schweren Luft gedrükt, flogen die Vögel unter die
Mauersteine und Vorsprünge; nur die Schwalbe durchschnitt noch in niedrigen
Zirkeln am Boden die brennende Luft. Sara war heute schwermütiger wie sonst, es
war der Jahrestag ihres Abschieds von Bertiers Haus. So schwer, wie die Luft
auf der stillen Landschaft, lag damals die Ahnung ihres Schiksals auf ihr! Sie
sah in das Tal hinab, sah die Felder grünen, die Aeste an den Bäumen von ihren
Früchten sich beugen; und die finstern Wolken änstigten sie, als würden sie
allgemeine Vernichtung bringen. Immer tiefer in traurige Erinnerungen
versinkend, wollte sie sich losreissen, und ging, den Knaben an der Hand, gegen
die Seite des Schlosses, von welcher Roger kommen musste. In kurzem erhob sich
ein heftiger Sturm, und sie stieg, um sich vor den grossen Regentropfen zu
schüzen, und von ihrer Stimmung hingerissen, in das Gewölbe hinab, welches
L***'s Gemahlin zur Grabstätte diente. Indes sie am Eingang des innern Gewölbes
sass, die zunehmende Finsternis beobachtete, und die kindischen Fragen des
Knaben, den die neuen Gegenstände beschäftigten, langsam beantwortete, geriet
dieser auch auf die Erhöhung über dem Grabe seiner Mutter, und fragte neugierig,
wer den kleinen Berg dahin gebracht hätte? Sara hatte ihm von dem Schiksal
seiner unglücklichen Eltern schon oft so viel erzählt, als sein kindischer
Verstand begreifen konnte; aber dieses Grab hatte sie ihm, aus milder Schonung,
noch nie gezeigt. Die unbesorgte Frage des Knaben, der, unter Ruinen und in der
Einsamkeit erzogen, so furchtlos in diesen dunkeln Hölen spielte, ergriff ihr
Herz - Unter diesem Hügel schläft Deine gute Mutter, antwortete sie sanft
weinend. - Und der Vater? fragte er weiter, und blikte forschend in der Höle
umher. - Der Vater - der Schmerz erstikte ihre Stimme; sie sah im Geist den
traurigen Holzstoss, hörte das Knistern der Flamme und den Gesang der
Kriegsgefährten - der Vater ruht weit von hier, Du wirst sein leztes Bett nie
finden - Willst Du denn auch hier schlafen? fragte nun Hyppolit, und lehnte
sich, mit frohen Augen sie ansehend, an ihren Schoss - Ich auch; Du sollst mir
hier mein Bett machen - Der Kleine klopfte hüpfend in die Hände, und meinte,
dann wolle er ihr auch Blumen auf ihr Bett werfen, wie gestern Abends, und bei
ihr singen wie heute früh - In dem Augenblick trat Roger an den Eingang der Höle,
und rief Sara's Namen. Er war heraufgestiegen, hatte sie überall gesucht, hatte
ein Gefühl von Schreken in den einsamen Mauern gefunden, die überall nur seine
Stimme und den fernen Donner wiederhallten, und er hatte von neuem erfahren, wie
verödet ohne Sara die Schöpfung für ihn war. Endlich wollte er noch in dem
Gewölbe nachsehen, das er allein schon öfters besucht, von welchem er aber Sara
immer entfernt gehalten hatte. Sein heitrer Mut war schon bei dem ängstlichen
Suchen gefallen; und wie er ihre sanfte Stimme: hier bin ich, mein Freund! aus
der Gruft herauftönen hörte, schien es ihm, seiner Vernunft zum Troz, eine
Vorbedeutung fehlgeschlagner Wünsche. - Sara, sprach er, indem er sich näherte:
welch ein Aufentalt! bei dem drohenden Wetter, mit dem frohen Kinde - lassen
Sie uns eh der Regen zunimmt - Aber sie bat ihn, zu bleiben, um hier die Würkung
des Gewitters zu sehen, und sie machte ihm neben sich auf den Steinen Platz. Mit
einer Ergiessung ihrer düstern Fantasie zeigte sie ihm, wie alles um sie her Tod
und Vernichtung predige, sprach von dem Andenken, das mit dem heutigen Tag
verknüpft wäre, von der Reihe Leiden, die sie seit jener Reise zählte. So
verschieden die Gefühle, mit welchen Roger gekommen war, von dem Auftritt waren,
der ihn hier empfieng, so fühlte sich doch der starke Mann unwillkührlich in
ihren Schmerz gezogen, und es hätte ihm eine unstattafte Härte geschienen, jezt
Sara's tiefen, so natürlich veranlassten Kummer, mit seinen Wünschen, seinen
Vorschlägen zu unterbrechen. Von diesem schaudervollen Ort hätte er sie gern
hinweggeführt, aber schon heulte der Sturm, und der Regen schlug gegen die
Mauern, so dass er sie und ihr Kind auszusetzen fürchtete. Sie hatte geschwiegen,
und betrachtete den Wiederschein der Blize auf der schwarzen Mauer - Wie sie nun
alle, alle ruhen wie diese! fieng sie langsam wieder an, und deutete auf das
Grab - in zwei Jahren alle! Alle fühllos dem Schmerz, unzugänglich dem Elend - -
Meine Schwester! Vielleicht nicht unzugänglich dem Trost, uns neben einander,
uns eines dem andern zur Stüze dienen zu sehen - - Erst mein Kind - das süsse
Leben! Schon damals glaubte ich kaum, dass meine Mutterliebe hinreichte, meine
Schuld zu versöhnen - - Und Sara, versöhnst Du hier nicht überschwänglich? - Er
zeigte auf den Knaben, der bei dem Schein der Blize spielte - - Was ich kannte,
zog ich in den Strudel meines Schiksals! Weder Unschuld noch Unwürdigkeit
schüzten - sie mussten alle fallen, damit ich allein stehen bliebe, ein warnendes
Denkmal meines Elends - - Der Donner rollte langsam über sie hin, ihre Stimme
klang hohl und kalt; Roger ergriff ihre Hand, um zu reden, aber sie sprach fort,
die Hand des Freundes bei jeder Pause an die bebenden Lippen führend, und er,
der ihre einzelnen schweren Tränen fühlte, verstummte vor Mitleid. - - So
mussten die redlichen Männer dahin - Tirion, der keine Freude an meiner Raserei
hatte - und Raimond, mein lezter guter Engel, der Rogers Namen sprach - und der
fürchterliche Joseph - Ein geheimer Schauder. schien sie bei diesem Namen zu
ergreifen - Die arme Nanni, die treue redliche Marta! - O wie sinnreich hat
doch das Schiksal mir jede Art von Wunden versezt! Meine teilnehmende Babet,
ihr Gatte - und dann der Mann, dem die Erde nicht einmal ein Grab gegönnt hat! -
Ein heftiger Donnerschlag, mit einem roten Blize begleitet, trieb jezt den
erschroknen Hyppolit auf Rogers Schoss, der, ihn streichelnd, auf sein leises
Geschwäz nicht Acht gab; die Unterbrechung, welche dadurch einen Augenblick
entstand, gab ihm aber Zeit, sich zu ermannen. Er reichte Sara seine Hand
wieder, die er zurückgezogen hatte, um das Kind aufzunehmen, und sprach innig
gerührt: sie ruhen nun alle, meine Sara; auch unser Teodor - auch der sanfte
Weise, der so früh, so oft uns zum Glük einsegnete - - O Dein Vater! Und heller
flossen Sara's Tränen - - Sieh, meine Schwester, und was er wünschte - was auch
Dein sterbender Vater wünschte - es kann noch geschehen! - Er drükte ihre beiden
Hände an seinen Mund. Sie schien zu ahnen, sie wollte ihre Hände losmachen. Er
hielt sie, und fuhr mit sanft bittendem Tone fort: Sara, wir wollen seine Hütte
wieder aufbauen! Wir wollen seine Bäume wieder pflanzen - um seine Ruhestätte
ein Paradies schaffen! - - Sie riss ihre Hände aus den seinigen, und bedekte ihr
Angesicht: O nie, nie! rief sie schaudernd - Dein reines Kinderherz neben mir,
der von Geistern umringten? -
    Roger verstummte. So weit vom Frieden entfernt, hatte er sich sie nicht
gedacht! Hyppolit legte ihm jezt seinen Arm um den Hals, damit er auf sein
Geschwäz hören sollte - Dort, dort wo meine Mutter schläft, sagte er
schmeichelnd - Was dort? fragte Roger erschroken, und blikte hin. - Dort mache
ich Sara ihr leztes Bett - - Roger schauderte; der Sturm heulte in den Mauern,
ein heller Bliz erleuchtete das Gewölbe, und laut schluchzend sank Roger zu
Sara's Füssen.
 
    