
        
                                  Ludwig Tieck
                                 William Lovell
                                   Erstes Buch
                                        1
                Karl Wilmont an seinen Freund Mortimer in London
                                               Bondly in Yorkshire, am 17. Mai -
Wie kömmt es denn in aller Welt, dass Du nicht schreibst? Hundert Mutmassungen
sind mir schon durch den Kopf geflogen, aber auch nicht eine hat eine bleibende
Stelle finden können. Bald halt ich Dich für tot, bald für verreist, bald glaub
ich Dich irgendwodurch erzürnt zu haben, bald Deine Briefe auf der Post
verloren. Doch, wie gesagt, von allem kann ich nichts glauben. - Oder bist Du
etwa auch ein Überläufer geworden, und hast zur schwarzen Fahne der traurigen,
langweiligen Ernstaftigkeit geschworen? - Es sollte mir leid um Dich tun; aber
wenn Du mir nicht launige Briefe schreiben willst, so schicke mir wenigstens
ernstafte: doch, wie gesagt, ich will es nicht von Dir hoffen, denn Du bist wie
dazu geboren, aus Deinem ganzen Leben einen Scherz zu machen, und in der Laune,
wie in Deinem Elemente zu leben. Ich habe noch bei niemand diese glückliche
Mischung des Temperaments gefunden, die ihn mit vollen Segeln über die tanzenden
Wellen hinführt, indes ihm die zeitlichen Sorgen schwer, unbeholfen und mit
zerrissenem Tauwerk nachrudern, ohne ihn jemals einzuholen. - Ich schreibe Dir
diesen Brief als eine Bittschrift, oder als eine Kriegserklärung, antworte mir
freundschaftlich oder ergrimmt - nur schreib! - Sei traurig, wehmütig,
grossherzig, kriegerisch, lustig, ernstaft; lobe, tadle verachte, schimpfe mich
- nur schreib!
    Nach dieser patetischen Anrufung bleibt mir nun nichts weiter übrig, als
meinen eigentlichen Brief anzufangen, der Dir also vors erste sagen mag, dass ich
hier in dem angenehmen Bondly noch gesund und wohl bin, dass ich an Dich denke,
dass ich Dich zu sehn wünsche, dass London nicht Bondly und Bondly nicht London
ist, und dass, wenn ich diesen Brief in dieser Manier zu schreiben fortfahre, Du
ihn schwerlich zu Ende lesen wirst.
    Nicht wahr, Du siehst mir das langweilige Leben hier auf dem Lande schon an?
- So abgetrieben war mein Witz nicht, als ich in euren lustigen Gesellschaften
in London war, wo Wein, Gesang, Tanz und Küsse von den reizendsten Lippen uns
begeisterten, wo unsre Laune mit sechs muntern Pferden über die ebne Chaussee
des Leichtsinns und der Vergessenheit aller Wichtigkeiten und Armseligkeiten
dieses Lebens dahinrollte - nun, wir werden uns wiedersehn! - Hier komm ich mir
vor wie eine Schnecke, die nur immer furchtsam mit halbem Leibe ihre Behausung
verlässt, und langsam und schwerfällig von einem Grashalme zum andern kriecht; -
zwar ist die Gegend sehr schön, der Garten angenehm, auch veranstaltet uns der
Himmel manchen prächtigen Sonnenuntergang- aber was ist eine Gegend, sei sie
noch so schön, ohne Freunde, die unsre Freuden mit geniessen? nichts als ein Rahm
ohne Gemälde: wir sehen nur die Veranlassung, die uns vergnügen könnte. So leb
ich hier einen Tag fort, wie den andern, zuweilen bekommen wir Besuche und
erwidern sie - und so leben wir im ganzen nicht unangenehm. Wenn nur das ewige
Einerlei nicht wäre!
    Mein beständiger Gesellschafter ist William Lovell, der lebhafte, muntre
Jüngling, den Du im vorigen Jahre einigemal in London sahest, er ist zum Besuche
seines Busenfreundes Eduard Burton hier. William ist ein vortrefflicher junger
Mann, der mir noch viel teurer sein würde, wenn er nur einmal erst neben mir
festen Fuss fassen wollte; aber er gedeiht in keinem Boden. Kein Adler steht mit
dem Äter und allen himmlischen Lüften in so gutem Vernehmen, als er; oft fliegt
er mir so weit aus den Augen, dass ich ganz im Ernste an den armen Ikarus denke -
mit einem Wort: er ist ein Schwärmer. - Wenn ein solches Wesen einst fühlt, wie
die Kraft seiner Fittige erlahmt, wie die Luft unter ihm nachgibt, der er sich
vertraute - so lässt er sich blindlings herunterfallen, seine Flügel werden
zerknickt, und er muss nachher in Ewigkeit kriechen.
    Es mag an feuchten Abenden, besonders für einen Mann im Amte, recht angenehm
sein, einen weiten warmen Mantel zu tragen - aber wenn man ihn nie ablegen
sollte, wenn man ihn zum Schlafrocke und zum Jagdkleide brauchen müsste, so möcht
ich dafür lieber beständig in meinem schlichten Fracke gehn. Der Trank der
Hippokrene mag ein ganz gutes Wasser sein, aber sich damit den Magen zu erkälten
und ein Fieber zu bekommen, kann doch so etwas besonders Angenehmes nicht sein.
Es gibt aber Leute, die sich für die entgegengesetzte Meinung totschiessen
liessen; und unter diesen steht William wahrhaftig nicht im letzten Gliede. Wir
haben sehr oft unsre kleinen Disputen darüber, und was das schlimmste ist, so
werd ich jedesmal aus dem Felde geschlagen; aber ganz natürlich, denn wenn ich
etwa nur Lust habe, mit leichter Reiterei zu scharmutzieren, so schiesst er mir
mit Vierundzwanzigpfündern unter meine besten Truppen: wenn sich zuweilen nur
ein paar Husaren von witzigen Einfällen an ihn machen wollen, so schleppt er mit
einem Male einen ganzen Train schwerer Allgemeinsätze herbei, als: Lachen sei
nicht der Zweck des Lebens, unaufhörliche Lustigkeit setze einen Mangel aller
feinern Empfindung voraus, u.s.w. Oder er zieht sich unter die Kanonen seiner
Festung, seufzt und antwortet gar nicht.
    Du wirst gewiss fragen: was den unbefangenen, leichterzigen William zu einem
so schwermütigen Träumer gemacht habe? - Ich will Dir die Ursache entdecken, ob
er gleich gegen sich selbst geheim damit tut - er ist verliebt! - Liebe, die den
Menschen froher, glücklicher machen, die seinen Ellenbogen einen Zentner Kraft
zusetzen sollte, um alle Sorgen aus dem Wege auf die Seite zu stossen: - die
Liebe - o Himmel! was hat die Liebe nicht schon in der Welt Böses getan?
    Wenn noch irgendein Stück von dem ehemaligen Mortimer an Dir ist, so wett
ich, Du wirst wissen wollen, wer denn die allmächtige Sonne sei, die mit ihren
brennenden Strahlen das Herz des armen William - niemand anders, als meine
Schwester. - Sie hat gewiss seine Liebe bemerkt, aber er scheint es nicht bemerkt
zu haben, dass ihr diese Bemerkung nicht missfallen hat, denn es fehlt nur wenig,
so liebt sie ihn wieder. Es gibt die lächerlichsten Szenen, wie er ihr oft im
Garten ausweicht und sie emsig in der nächsten Allee wieder sucht, wie sie
Stunden lang miteinander zubringen, ohne fast nur eine Silbe zu sprechen; wie er
seufzt und sich wunder wie unglücklich fühlt, dass sie sich ihm nicht freiwillig
in die Arme wirft; um kurz zu sein: er ist unglücklich, weil er glücklich ist -
aber auch wieder glücklich, weil er an Unglück Überfluss hat, denn glaube mir
nur, er würde seine poetischen Leiden um vieles Geld nicht verkaufen.
    Plötzlich kam die Nachricht: meine Schwester solle von hier abreisen. Ihr
Besuch bei mir und beim alten Burton war so immer schon von einer Woche zur
andern verlängert; - der Barometer stieg um viele Grade und immer mehr, je näher
es dem Tage der Abreise kam. Fast jedermann bemerkte seine Schwermut, er
behauptete aber jedem mit einer kecken, verdrossenen Traurigkeit ins Gesicht: er
wäre noch nie so aufgeräumt gewesen. Er machte sich jetzt zuweilen an mich, und
ging auf den Spaziergängen lange neben mir auf und ab; ich fürchtete immer,
plötzlich in die Rolle eines Vertrauten geworfen zu werden, und unter Bedrohung
des Totschlages, des Untergangs der Welt, oder einer ähnlichen Kleinigkeit, ein
öffentliches Geheimnis zu erfahren; aber nein, ich hatte geirrt, dazu hätt ich
wenigstens vorher mein Probestück in Seufzen und Weinen ablegen müssen. - Mit
einer so erzwungenen Kälte, dass ihm fast die Tränen in den Augen standen, fragte
er mich: ob ich meine Schwester nicht zu Pferde begleiten würde? - nun merkte
ich, wo er hinauswollte. - Er wünschte, ich möchte meine Schwester einige Meilen
begleiten, damit er einen Vorwand haben könnte, mitzureiten. Es hat mich
wirklich gerührt, dass ihm an dieser Kleinigkeit so viel lag, er ist ein sehr
guter Junge - ich sagte sogleich ja, und bat ihn selbst um seine Gesellschaft. -
Morgen reiten wir also. -
    Sind die Menschen nicht närrische Geschöpfe? Wie manches Unglück in der Welt
würde sich nicht ganz aus dem Staube machen und sein Monument bis auf die letzte
Spur vertilgt werden - wenn nicht jeder sorgsam selbst ein Steinchen oder einen
Stein auf die grosse Felsenmasse würfe - bloss um sagen zu können: er sei doch
auch nicht müssig gewesen, er habe doch das Seinige auch dazu beigetragen? Gingen
wir stets mit uns selbst gerade und ehrlich zu Werke, liessen wir uns nicht so
gern von kränklichen Einbildungen hintergehn, glaube mir, die Welt wäre viel
glücklicher und ihre Bewohner viel besser. - Aber denkst Du, dass ich es wage,
ihm so etwas zu sagen? - Nie. - Sonderbar, dass ein Mensch vorsätzlich
einschlafen kann, und sich nachher nicht aus seinen Träumen will wecken lassen,
weil er sich schon wachend glaubt - und ihn mit kaltem Wasser zu begiessen, halt
ich für grausam.
    Du siehst, wie mir die Landluft bekömmt, ich, ich fange an zu moralisieren -
doch, auch das gehört unter die menschlichen Schwächen, und irgend eine Abgabe
zur allgemeinen Kasse der Menschlichkeit muss doch jeder brave Erdenbürger
einreichen.
    Gott schenke Dir ein recht langes Leben, damit ich mir keinen Vorwurf daraus
zu machen brauche, dass ich Dir durch einen langen Brief so viel von Deiner Zeit
genommen habe; doch willst Du mein Freund bleiben, so soll es mich eben nicht
sehr gereuen, noch hinzuzusetzen, dass ich bin
                                                                    Der Deinige.
Nachschrift. Soeben lese ich meinen Brief noch einmal durch und bemerke mit
Schrecken, dass ich Dir einen Bündel Stroh schicke, in welchem Du, mit
Shakespeare zu reden, auch nicht ein einziges Korn finden wirst. Ich setzte mich
nämlich nieder, Dir zu schreiben, dass meine Schwester nach London zurückgeht und
dass Du sie nun also kannst kennenlernen; dass ich nicht nach London reise, weil
es der alte Burton ebenso ungern als sein Sohn sehen würde - der alte Mann
scheint an meiner Gesellschaft Geschmack zu finden - und wer weiss, ob ich es
auch ausserdem getan haben würde.
    Wieso? hör ich Dich fragen. - Könnt ich nun den Brief nicht schliessen, und
Dich mit Deiner Frage im offnen Munde stehnlassen und das Petschaft besehn? -
Hättest Du nicht Gelegenheit, in einem Briefe an mich Deinen Scharfsinn zu
zeigen und mir tausend Erklärungen zu schicken, ohne auch nur der wahren mit
einer Silbe zu erwähnen? - -
    Der junge Burton - (der wirklich ein vortrefflicher Jüngling ist; schade,
dass ich zeitlebens nicht so sein werde) - der junge Burton also hat eine
Schwester, die zugleich die Tochter des Alten ist -
    Sei nur ruhig, ich werde nie in die Grube fallen, die sich Lovell gegraben
hat!
    Ich habe mir ernstaft vorgenommen, dass es keine Liebe werden soll - denn -
sieh, wie schön das zusammenhängt! - denn mein Vermögen ist gegen das ihrige
viel zu geringe. -
    Du lachst? - Und würde die Welt nicht über Dich lachen, wenn Du den
Zusammenhang hier vermisstest? -
    Auch William Lovell kömmt nächstens nach London, und darum bilde Dir ein,
dass ich so viel von ihm geschrieben haben könnte -
    Ich bin noch einmal - (denn so etwas kann man nicht zu oft sein) - Dein
zärtlichster Freund.
                                                                   Karl Wilmont.
 
                                       2
                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                    am 18. Mai -
Ich schreibe Dir, Eduard, aus einem Wirtshause hinter York, es ist Nacht und
Karl schläft im Nebenzimmer - alles umher ist feierlich und still, die Glocke
eines entfernten Dorfes tönt manchmal wie Grabgeläute zu mir herüber. -
    Einsam sitz ich hier, wie ein Elender, der aus einem goldenen Traume in
seiner engen Hütte erwacht. - Die schmelzenden Akkorde der Symphonie sind
geschlossen, das Teater ist zugefallen, ein Licht nach dem andern erlischt. -
In diesem Gefühle schreib ich Dir, Freund, Bruder, meine Seele sucht Teilnahme
und findet sie bei Dir am reinsten und wärmsten.
    Ich bin nie so aufmerksam, als in diesen Augenblicken, darauf gewesen, wie
von einem kleinen Zufalle, von einer unbedeutenden Kleinigkeit oft die Wendung
unsers Charakters abhängt. Ein unmerklicher Schlag richtet und formt unsern
Geist oft anders; wer kennt die Regeln, nach denen unser schützender Genius
umgewechselt wird? - Eduard, eine dunkle, ungewisse Ahnung hat mich befallen,
als sei hier, in diesen Momenten eine der Epochen meines Lebens; mir ist, als
säh ich meinen guten Engel weinend von mir Abschied nehmen, der mich nun
unbewacht dem Spiel des Verhängnisses überlässt - als sei ich in eine dunkle
Wüste hinausgestossen, wo ich unter den dämmernden Schatten hin und wider
schwankende feindselige Dämonen entdecke.
    Ja, Eduard, spotte nicht meiner Schwäche, ich bin in diesen Augenblicken
abergläubig wie ein Kind, Nacht und Einsamkeit haben meine Phantasie gespannt,
ich blicke wie ein Seher in den tiefen Brunnen der Zukunft hinab, ich nehme
Gestalten wahr, die zu mir emporsteigen, freundliche und ernste, aber ein ganzes
Heer furchtbarer Gebilde. Der ebne Faden meines Lebens fängt an, sich in
unauflösliche Knoten zu verschlingen, über deren Auflösung ich vielleicht
vergebens meine Existenz verliere.
    Bis jetzt ist mein Leben ein ununterbrochner Freudentanz gewesen, kindlich
habe ich meine Jahre verscherzt und mich lachend der flüchtigen Zeit überlassen,
in der hellen Gegenwart genoss ich und weidete mich an Träumen einer goldenen
Zukunft, in der glücklichsten Beschränkteit liebt ich Gott wie einen Vater, die
Menschen wie Brüder und mich selbst als den Mittelpunkt der Schöpfung, auf den
die Natur mit allen ihren Wohltaten ziele. Itzt steh ich vielleicht auf der
Stufe, von wo ich in die Schule des Elends mit ernster Grausamkeit verwiesen
werde, um mich vom Kinde zum Manne zu bilden: und werd ich glücklicher sein, als
ich war, wenn ich vom harten Unterrichte zurückkehre?
    Und hab ich denn ein Recht über mein Unglück zu klagen? und bin ich wirklich
unglücklich? - Liebt mich denn Amalie, ist sie mein, dass mich ihre Entfernung
traurig machen darf? Bin ich nicht der Sohn eines zärtlichen Vaters, der Freund
eines edlen Freundes? und ich spreche von Elend? - Wozu dieser Eigensinn, dass
ich mir einbilde, nur sie sei meine Seligkeit? Ja, Eduard, ich will meiner
Schwäche widerstehn, aber Sehnsucht und Wünsche sind nicht Verbrechen. Ich will
nicht mit dem Schicksal rechten, aber Klagen sind der Schwäche des Menschen
vergönnt; wer noch nie seufzte, hat noch nie verloren.
    Wie ein Gewicht drückt eine ängstliche Beklemmung meine Brust, wenn ich an
die wenigen glücklichen Tage in Bondly zurückdenke, und damit die lange, lange
freudenleere Zukunft vergleiche. Die Liebe zeigte mir das Licht, das Morgenrot
schwang durch den Himmel seine purpurrote Fahne, alle Berge umher glühten und
flammten im freudenreichen Scheine - jetzt ist die Sonne wieder untergesunken,
eine öde Nacht umfängt mich. Ich habe meinen lieben Gefährten verloren und rufe
durch den dunkeln Wald vergeblich seinen Namen, ein hohles Echo wirft mir ihn
ohne Trost zurück, die weite einsame Leere kümmert sich nicht um meinen Jammer.
Ein schneidender Wind bläst schadenfroh über mein Haupt dahin und schüttelt das
letzte Laub von den Bäumen.
Schwarz war die Nacht und dunkle Sterne brannten,
Durch Wolkenschleier matt und bleich,
Die Flur durchstrich das Geisterreich,
Als feindlich sich die Parzen abwärts wandten
Und zornge Götter mich ins Leben sandten.
Die Eule sang mir grause Wiegenlieder
Und schrie mir durch die stille Ruh
Ein grässliches: Willkommen! zu.
Der bleiche Gram und Jammer sanken nieder
Und grüssten mich als längst gekannte Brüder.
Da sprach der Gram in banger Geisterstunde:
Du bist zu Qualen eingeweiht,
Ein Ziel des Schicksals Grausamkeit,
Die Bogen sind gespannt und jede Stunde
Schlägt grausam dir stets neue blutge Wunde.
Dich werden alle Menschenfreuden fliehen,
Dich spricht kein Wesen freundlich an,
Du gehst die wüste Felsenbahn,
Wo Klippen drohn, wo keine Blumen blühen,
Der Sonne Strahlen heiss und heisser glühen.
Die Liebe, die der Schöpfung All durchklingt,
Der Schirm in Jammer und in Leiden,
Die Blüte aller Erdenfreuden,
Die unser Herz zum höchsten Himmel schwingt,
Wo Durst aus selgem Born Erquicken trinkt,
Die Liebe sei auf ewig dir versagt.
Das Tor ist hinter dir geschlossen,
Auf der Verzweiflung wilden Rossen
Wirst du durchs öde Leben hingejagt,
Wo keine Freude dir zu folgen wagt.
Dann sinkst du in die ewge Nacht zurück!
Sieh tausend Elend auf dich zielen,
Im Schmerz dein Dasein nur zu fühlen!
Ja erst im ausgelöschten Todesblick
Begrüsst voll Mitleid dich das erste Glück. -
Ich komme mir in vielen Momenten wie ein Kind vor, welches jammert, ohne selbst
zu wissen, worüber. Ich komme soeben von einem kleinen Spaziergange aus dem
Felde zurück: der Mond zittert in wunderbaren Gestalten durch die Bäume, der
Schatten flieht über das Feld und jagt sich hin und her mit dem Scheine des
Mondes; die nächtliche Einsamkeit hat meine Gefühle in Ruhe gewiegt, ich sehe
mich und die Welt gemässigter an und kann jetzt mein Unglück nur in mir selber
finden. Ich ahne eine Zeit, in welcher mir meine jetzigen Empfindungen wie leere
Träume vorschweben werden, wo ich mitleidig über diesen Drang des Herzens
lächle, der jetzt meine Qual und Seligkeit ist - und soll ich es Dir gestehen,
Eduard? - Diese Ahnung macht mich traurig. - Wenn dieses glühende Herz nach und
nach erkaltet, dieser Funke der Gotteit in mir zur Asche ausbrennt und die Welt
mich vielleicht verständiger nennt - was wird mir die innige Liebe ersetzen, mit
der ich jetzt die Welt umfangen möchte? - Die Vernunft wird die Schönheiten
anatomieren, deren holder Einklang mich jetzt berauscht: ich werde die Welt und
die Menschen mehr kennen, aber ich werde sie weniger lieben - sobald man die
Auflösung zum sinnreichsten Rätsel gefunden hat, erscheint es abgeschmackt.
    Mein Brief scheint mir jetzt übertrieben, ich möchte ihn zerreissen, ich bin
unwillig auf mich selbst - aber nein, ich will mir meine Beschämung vor Dir
nicht ersparen. Ich will Dir daher auch gestehen, dass, indem ich schrieb, eine
Art von Trost für mich in dem Bewusstsein lag, dass ich auch Dich nun bald
verlassen müsse; dadurch schien mir meine Bitterkeit gegen mein Schicksal
gerechtfertigt. - Doch jetzt sind alle diese Träume verschwunden, jetzt fühl ich
es innig, dass Du meiner Existenz unentbehrlich bist, aber ebenso tief empfind
ich es auch, dass mir das Andenken an Amalien nie wie ein trüber Traum erscheinen
wird, in einem Momente nur konnte mich diese Ahnung hintergehn - ihre Gegenliebe
würde mich unaussprechlich glücklich machen. Nie werde ich den Blick vergessen,
mit dem sie mich so oft betrachtet hat, die holdselige Güte, mit der sie zu mir
sprach, alles, alles hat sich so in alle meine Empfindungen verflochten, so
innig bis an meine frühesten Erinnerungen gereiht, dass ich nichts davon
verlieren kann, ohne an Glück zu verlieren. Ach, Eduard - wenn sie mich liebte!
- Mein volles Herz will vor Wehmut bei dem Gedanken zerspringen - wenn sie mich
liebte - warum bin ich dann nicht an ihren Busen gesunken - warum sitz ich dann
hier und schreibe nieder, was ich empfinde und empfinden könnte? - Als der freie
Platz im Walde kam, wo wir Abschied nehmen wollten - alle Bäume und Hügel
schwankten um mich her - eine unbeschreibliche Angst drängte und wühlte in
meinem Busen - der Wagen wollte halten, ich liess ihn weiterfahren und so immer
in Gedanken von einem Baume zum andern fort - immer noch eine kurze Frist
gewonnen, in der ich sie sah, in der ich den Klang ihrer Stimme hörte - endlich
stand der Wagen. - Wir stiegen ab. - Sie umarmte ihren Bruder lange Zeit, ich
nahte mich zitternd, ich wünschte diesen Augenblick im Innersten meines Herzens
vorüber, sie neigte sich mir entgegen, ich schwankte und sah sie an - ich war
im Begriffe in ihre Arme zu stürzen - - ich bog mich ihr entgegen und küsste ihre
Wange - eine eisige Kälte überflog mich - der Wagen rollte fort.
    Da wurzelte mein Auge in das Gras, es schwärmte in dem Laub der Bäume, und
alles schien mir grüner und glänzender, von den Strahlen ihrer letzten Blicke
beleuchtet. Ich atmete tief auf, und hätte von Bäumen und Gras diesen Geist, der
mich anglänzte, in mich ziehen mögen.
    Bei einer Waldecke sah sie noch einmal mit dem holden göttlichen Blicke
zurück - o mir war's, als würd ich in ein tiefes unterirdisches Gefängnis
geschleppt. -
    Warum hab ich ihr nicht gesagt, wie viel sie meiner Seele sei? - Wenn ich
ihren letzten Blick nicht missverstand - war es nicht Schmerz, Traurigkeit, die
daraus sprachen? - aber vielleicht für ihren Bruder? - Doch die Innigkeit, mit
der sie mich betrachtete? - Oh, eine schreckliche Unruhe jagt das Blut
ungestümer durch meine Adern!
    Itzt schläft sie vielleicht. Ich muss ihr im Traume erscheinen, da ich so
innig nur sie, nur sie einzig und allein denken kann. - Bald kömmt sie nun in
London an, macht Bekanntschaften und erneuert alte, man schwatzt, man lobt, man
vergöttert sie, schmeichlerische Lügner schleichen sich in ihr Herz - und ich
bin vergessen! - Kein freundlicher Blick wendet sich zu mir in die Einsamkeit
zurück, ich stehe dann da in der freudenleeren Welt, einer Uhr gleich, auf
welcher der Schmerz unaufhörlich denselben langsamen, einförmigen Kreis
beschreibt.
    Ihr Bruder Karl lächelte als wir zurückritten. Ich hätte weinen mögen. - Oh,
warum müssen denn Menschen so gern über die Schmerzen ihrer Brüder spotten? -
Wenn es nun auch Leiden sind, von denen sie keine Vorstellung haben, oder die
sie für unvernünftig halten, sie drücken darum das Herz nicht minder schwer. -
Ich bedurfte Mitleid, ein empfindendes Herz - und ein spottendes Lächeln, eine
kalte Verachtung - - oh, Eduard, mir war, als klopft ich, im Walde verirrt, an
eine Hütte, und nichts antwortete mir aus dem verlassenen Hause, als ein leiser,
öder Widerhall. -
    Lebe wohl. Ich will jetzt gleich auf einige Tage meine Tante Buttler in
Waterhall besuchen - grüsse Deine liebe Schwester und verzeih mir meine Schwäche:
doch ich kenne ja Dein Herz, das alle Leiden der Menschheit mitempfindet, über
nichts spottet, was den Mut des schwächern Bruders erschüttert, das sich mit den
Fröhlichen freut und mit den Weinenden weint. -
 
                                       3
          Der alte Willy an seinen Bruder Tomas, Gärtner in Waterhall
                                                                         Bondly.
So wie ich's vernommen, so hält sich ja jetzt mein lieber junger Herr auf Deinem
Gute auf. Bewirte ihn recht ordentlich und ich will es ansehen, als wäre es dem
alten Willy geschehn. Er ist also, wie gesagt, entweder schon da, oder er wird
noch hinkommen, zu Pferde sass er wenigstens schon vorgestern, und das so hübsch
und geschickt, als nur ein Mensch in den drei Königreichen zu Pferde sitzen
kann, der ein Frauenzimmer begleiten will, das in einer Chaise nach London fuhr.
Wie gesagt, Fräulein Malchen ist vorgestern also auch abgereist. So wird's nun
nach und nach bei uns leer, aber der lustige Herr Wilmont ist gestern schon mit
seinem Schimmel zurückgekommen, er war ordentlich etwas müde und hatte nebenher
ein Eisen verloren.
    Der alte Toby hier im Dorfe ist nun endlich wirklich gestorben, von dem wir
es immer schon vor 20 Jahren zusammen prophezeiten, und ich dachte dabei an
Dich, guter Tom, denn Du bist fast ebenso alt, als er nun gewesen ist - aber ich
hoffe, Gott wird Dir noch einmal einen kleinen Vorschuss tun, wie vor zehn
Jahren, als Du die grosse Krankheit hattest und ich immer des Nachts so viel für
Dich beten musste. Dafür rechne ich nun aber auch auf Dich, was das Beten
anbetrifft, vollends da ich nun bald in fremde Länder komme, wo man meine
Sprache nicht mehr versteht.
    Ja, lieber Tom, Du kannst Dich immer wundern, ging es mir doch um kein Haar
besser und ich hatt es doch schon vorher gewusst. - Ich soll mit meinen alten
Augen noch fremde Länder sehn - Italien, Frankreich - je nun, wenn's nur nicht
in die Türkei geht, solange ich noch Religionsverwandte antreffe, denk ich immer
noch unter guten Freunden zu sein, wo aber die Türken angehn, da ist es mit der
Freundschaft aus, denn wer nicht meinen Gott liebt, der kann auch mich nicht
lieben; sie sollen apart einen Gott ganz für sich haben, und des Brot ich esse,
des Lied ich singe.
    Wenn ich aber meinen lieben Bruder nicht wiedersehn sollte? Denn der Herr
William sprach da so etwas von ein paar Jahren, die die Reise kosten würde (das
Geld abgerechnet); ja, wollt ich nur sagen, wenn ich nun so wiederkäme und hätte
die ganze Welt gesehn, was hälf es mir, wenn ich meinen Bruder Tom nicht mehr
sehen könnte? - Mir war schon immer, als säh ich ein schwarzes Kreuz auf einem
grünen Hügelchen da in der Ecke des Kirchhofs stehn, wo der grosse Nussbaum
gewachsen ist, und Deinen Namen, Tomas, mit grossen Buchstaben darauf, so recht
als mir zur Kränkung; oh, lieber Bruder, ich würde lieber wünschen, mit Dir
hinterm Ofen gesessen zu haben, um uns von Krieg und Frieden und vom
Schottischen Kriege zu erzählen. Darum besuche mich. Ich hätte gestern fast
geweint, und das schickt sich doch nicht, Tomas, für so einen alten Mann.
    Vom Gelde sprich nicht wieder. Du bist ja mein Bruder, wir sind ja alte
Männer; könnt ich Dir mit aller meiner Armseligkeit noch Leben ankaufen, frage
nicht, ob ich's täte. Komm nach Bondly, oder lass Dich herfahren, denn Deine Füsse
sind in dem Alter nicht mehr zum Gehn geboren. Das Geld ist Dein, Du bist lange
krank gewesen, und mein Herr gibt mir immer mehr als ich brauche. - Wie kann ein
Bruder dem andern etwas schuldig sein? Gott sind wir alles schuldig, und der
behüte Dich deswegen.
                                                    Willy, Dein Bruder bis ewig.
 
                                       4
                        Eduard Burton an William Lovell
                                                                         Bondly.
Ich vermute, dass Du einige Tage in Waterhall bleiben wirst, und darum schick ich
Dir diesen Brief, der gestern angekommen ist. Wie sehr ich Dich liebe, habe ich
bei Lesung Deines Briefes empfunden. Stets hab ich Dich um die Lebhaftigkeit
Deiner Phantasie, um die Reizbarkeit Deines Gemütes beneidet, aber ich fange
auch an, sie zu fürchten. Liebe, Vertrauen, Freundschaft, Glaube, sie sind Leben
und Glück, aber sie gedeihen nur in gesunden Herzen, sie verlangen Mut und Ruhe.
Oh, Lieber, gewiss gibt es Dämonen, sie sind jene Zweifelsucht, jene dunkle
Angst, jene Lust an Unglück und traurigen Vorstellungen, der sich unsre Seele
nur zu gern ergibt. Ist das Leben erst so dunkel geworden, dass kein Strahl
wahrer Freude hereinbrechen kann, da regieren sie in der Finsternis und führen
auch wohl jene Verhängnisse herbei, die wir früher aus der Ferne mit stummer
Angst wahrgenommen haben. Wirf Dich in die Arme der Freundschaft und Liebe, und
lass dann die Zeit gewähren, es geht und wandelt sich alles ebenso oft in das
Bessere, an das wir nicht glauben konnten, als es sich zum Schlimmern lenkt. Je
inniger Du liebst, je stärker soll Dein Vertrauen sein. -
                                                                  Eduard Burton.
 
                                       5
              Der alte Lovell an seinen Sohn (Einlage des vorigen)
                                                                         London.
Du hast lange nicht geschrieben, lieber William, und daraus schliesse ich, dass es
Dir noch immer in den Armen Deines Freundes und der schönen Natur gefalle. -
Diese Jahre, in denen Du lebst, sind die Jahre des reizendsten Genusses, darum
geniesse, wenn Du auch etwas von dem vergessen solltest, was Du ehemals wusstest:
wenn Dein Geist in der stillen Betrachtung der Natur und ihrer Schätze
bereichert wird, so kannst Du gewisse Gedächtnissachen indes als ein Kapital
irgendwo unterbringen, und Du bekömmst sie nachher mit reichen Zinsen zurück.
Vielleicht wird dadurch auch Deine Gesundheit so sehr befestiget, dass Du nicht,
wie ich, von tausend Unfällen zu leiden hast, und ungehindert alle Deine Kräfte
in der glücklichsten Tätigkeit wirken können, wenn der Schwächere erst von
tausend umgebenden Kleinigkeiten die Erlaubnis dazu erbitten muss.
    Seit einigen Tagen bewohne ich ein Landbaus, ganz nahe bei London, dasselbe,
von dem ich Dir schon mehrmals geschrieben habe, das ich vielleicht kaufen
würde. - Meine Unpässlichkeiten scheinen zurückgeblieben zu sein, ich halte die
Luft hier in der Ebene für reiner und gesunder, als dort auf den Bergen. - Meine
neuliche Krankheit hat mich aber wieder auf die Zerbrechlichkeit des Lebens
aufmerksam gemacht; ich komme in ein Alter, in welchem man sich mehr von der
Welt zurückzuziehen wünscht, und einen kleinen lieben Zirkel zu bilden, in dem
ein jeder Gedanke und jedes Gefühl bekannt ist. Oh, lieber William, ich hab es
mir so schön ausgemalt, was für ein Leben ich führen will, wenn Du nun als
gebildeter Mann von Deinen Reisen zurückgekehrt sein wirst, wie mir dann meine
letzten Tage in vollem, frohem, unbefangenem Genuss hinfliessen sollen: ja ich
will von allen Stürmen ausruhn, die so oft den Horizont meines Lebens trübten.
Nur muss ich mich hüten, diesen Genuss zu weit hinauszuschieben, ich muss anfangen
mit meinen Stunden zu sparen; ein Jahr ist schon eine grosse Summe für mich,
welches der verschwendende, im Überflusse frohlockende Jüngling oft so
gleichgültig vergeudet. Mein Haar wird grau, meine Kraft zerbricht, darum
wünscht ich sehnlich, dass Du Deine Reise sobald als möglich antreten mögest,
noch früher, als wir neulich ausgemacht hatten. Antworte mir doch hierauf
sogleich, oder besuche uns lieber selbst. Für einen ältern Freund zu Deiner
Begleitung will ich indessen Sorge tragen. - Lebe wohl, bis ich Dich wieder an
mein Herz drücken kann.
                                                      Dein Vater, Walter Lovell.
 
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                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                      Waterhall.
In einigen Tagen komme ich zu Dir zurück, um auf lange Abschied zu nehmen. Mein
Vater wünscht meine Abreise aus England früher; er ist fast immer krank und ich
fürchte für sein Leben, daher ich jedem seiner Wünsche zuvorkomme. Es möchte
sonst eine Zeit eintreten, wo es mich sehr reuen würde, nicht ganz seine
Zärtlichkeit gegen mich erwidert zu haben. - Mein Vater wohnt jetzt nahe bei
London - und Eduard, ich werde sie wiedersehn! - Meine traurigen Ahndungen sind
jetzt nichts als Träume gewesen, über deren Schrecken man beim Aufgange der Sonne
lacht. Hoffnungen wachen in meinem Busen auf, ich vertraue der Liebe meines
Vaters. Wenn ich es nun wagte, ihm ein Gemälde von dem Glücke zu entwerfen, wie
ich es in ihren Armen geniessen werde, wenn ich ihn in das innerste Heiligtum
meines Herzens führte und ihm jenes reine und ewige Feuer zeigte, welches der
holden Gotteit lodert? Würde er so hart sein, mich von dem Bilde
zurückzureissen, mir meine schönsten Empfindungen zu nehmen, die Hallen des
Tempels zu schleifen, um von den Ruinen eine armselige Hütte zu erbauen? - Aber
ich fürchte, mein Vater betrachtet mein Glück aus einem ganz verschiedenen
Standpunkte; er ist älter und jenes schöne Morgenrot der Phantasie ist von der
Gegend verflogen, er misst mit dem Massstabe der Vernunft die Verhältnisse des
Palastes, wo der jüngere Entusiast in einer trunkenen Begeisterung anstaunt -
ach Eduard, er berechnet vielleicht mein Glück, indem ich wünsche dass er es
fühlen möchte, er sucht mir vielleicht eine frohe Zukunft vorzubereiten und
schiebt mir seine Empfindungen unter; er knüpft Verbindungen, um mir Ansehn zu
verschaffen, um mich in der grossen Welt emporzuheben, ohne daran zu denken, dass
ich den ländlichen Schatten des Waldes vorziehe und in jener grossen Welt nur ein
unendliches Chaos von Armseligkeiten erblicke.
    Ich habe hier einige Tage in einer süssen Schwermut verlebt, mir selbst und
meinen Empfindungen überlassen, ich behorchte in mir leise die wehmütige Melodie
meiner wechselnden Gefühle. - Der Wald sprach mir mit seinem ernsten Rauschen
freundlichen Trost zu, die Quellen weinten mit mir. Man kann nirgend verlassen
wandeln; dem leidenden Herzen tritt die Natur mütterlich nach, Liebe und
Wohlwollen spricht uns in jedem Klange an, Freundschaft streckt uns aus jedem
Zweige einen Arm entgegen.
    Itzt lacht der Himmel mit mir in seinem hellsten Sonnenscheine, die Blumen
und Bäume stehn frischer und lieblicher da, das Gras nickt mir am See freundlich
entgegen, die Wellen tanzen ans Ufer zu mir heran. - Nein, ich will nicht
verzweifeln, nie wird mein Schmerz mich so unedel machen können, dass ich in
wilder Verzerrung Liebe und Freundschaft von mir stosse. Auch das grösste Leid
soll der edle Geist mit Anstand tragen.
                                                                         Lovell.
 
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                        Eduard Burton an William Lovell
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Ich freue mich innig, dass Du heitrer bist, komm bald nach Bondly, und ich will
noch einige frohe Tage mit Dir geniessen. Dann wirst Du mir entrissen, um jenen
Traum als Wirklichkeit zu begrüssen, den wir so oft miteinander geträumt haben;
Natur und Kunst, Menschen und herrliche Städte empfangen Dich und nur meine
herzlichsten Wünsche, meine Gebete können Dich begleiten.
    Ja könnt ich selbst Dein Begleiter sein! Aber ich habe diese, einst meine
liebste Hoffnung, schon seit lange aufgegeben; mein Vater würde die Zeit, die
ich auf diese Art anwendete, für verloren ansehn, und abtrotzen möchte ich ihm
seine Einwilligung nicht. Er hasst die Begeisterung, mit der ich zuweilen von den
Heroen des Altertums, oder der Göttlichkeit eines Künstlers spreche, er sieht
mit Verachtung auf diese kindischen Aufwallungen des Bluts hinab, wie er jeden
Entusiasmus nennt; an die hohen Gefühle der Freundschaft glaubt er nicht,
alles, was in Dir so gut und heftig ist, belächelt er, und prophezeit aus seinem
Unglauben, dass wir uns niemals verstehn und unsre sogenannte Freundschaft nur
betrübt für uns beide endigen könne. Er liebt Menschen, die sich nie aus den
Gegenständen, von denen sie umgeben werden, verlieren können, er spottet über
alles, was man Erhabenheit der Gedanken und Gefühle nennt. Es gibt vielleicht
wenig Menschen, welche die Vorurteile und Begriffe der Konvention so tief in ihr
ganzes Dasein haben verwachsen lassen. - Ist dies Menschenkenntnis, die aus ihm
spricht, o so beneide ich sie ihm nicht, doch muss er sie teuer erkauft haben, da
er sie für so richtig hält - Aber wir glauben so oft einen Blick in die Seele
anderer getan zu haben, wenn wir bloss das Flüstern unsers eignen Geistes
vernommen hatten.
    Er verzeihe mir die Bitterkeit, die zuweilen und jetzt eben in mir aufsteigt,
aber ich muss zu oft von seiner Kälte leiden. Er ist älter als ich, er kann oft
betrogen sein, die schönsten Gefühle sind vielleicht an ihm meineidig geworden,
er hat wohl mit Mühe alles aus seinem Busen vertilgt, was ehemals so schön und
herrlich blühte; aber er soll nicht verlangen, dass ich seinen Erfahrungen
ungeprüft glaube, oder wenn ich sie bestätigt finde, dass ich darum ein
Harterziger werde und den Glauben an jeden harmonischen Klang verliere, weil
alle Tangenten, die ich anschlage, auf zersprungene Saiten treffen - nein, er
soll in mir einen Sohn erziehen, der einst die Schuld bezahlt, die er mir zum
Erbteile lässt - es tut mir weh, denn er ist mein Vater - aber glaube mir,
William, ich werde manchen Armen zu trösten und mancher Waise zu erstatten
haben.
    Zu Dir und zu niemand anders darf ich also sprechen. - Wie beneid ich Dich
Glücklichen! Du gehst Raffaels und Michelangelos Gebilden entgegen, allen grossen
Erinnerungen aus der Geschichte - indes ich eingekerkert hier in Bondly sitze.
 
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                  Amalie Wilmont an ihren Bruder Karl Wilmont
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Ich bin gestern in London angekommen, das Gewühl der Stadt, das Geräusch der
Wagen und die lärmende Munterkeit kontrastierte sehr mit der Ruhe des Landes,
die ich soeben verliess. Es war traurig, wieder in die Strassen hineinzufahren,
die ich so freudig verlassen hatte, mir war es, als wären es die Mauern eines
grossen Gefängnisses.
    Seitdem hab ich oft an Dich und an meinen schönen Aufentalt in Bondly
gedacht. Die Gegend war so reizend, die kleine Gesellschaft so traulich, alle
machten gleichsam nur eine Seele - und alles das im Glanze der Frühlingssonne -
ach, ich bin vielleicht in sehr langer Zeit nicht wieder so glücklich.
    Grüsse Lovell und danke ihm für seine freundliche Begleitung.
    London kömmt mir, ohngeachtet der vielen Menschen, sehr einsam vor, meine
Zimmer sind mir ganz fremd geworden, alles ist so eng und düster, man sieht kein
Feld, keinen Baum; und wenn ich dagegen die reizenden Hügel und schönen Gebirge
denke, an jene Seen und Wasserfälle, den dichten rauschenden Wald, und an das
mannigfaltige Leben der Natur, so möchte ich gleich wieder umkehren, um dieses
vielfach bewegte, aber tote Chaos wieder hinter mir zu haben.
    Unsre Eltern sind wohl, sie freuten sich recht herzlich, mich wiederzusehn.
-
    Lieber Bruder, weiter hätt ich Dir nun nichts mehr zu sagen, ausser dass Du
Lovell grüssen sollst - doch das hab ich ja schon einmal gesagt, das widerwärtige
Lärmen auf den Strassen hat mich verwirrt gemacht.
 
                                       9
                            Mortimer an Karl Wilmont
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Warum ich Dir so lange nicht geschrieben habe? Du solltest Dich doch schon daran
gewöhnt haben, dass es in dieser Sterblichkeit eine Menge von Vorfällen,
Wirkungen, Handlungen, und Unterlassungen ohne Ursache gibt. - Es gibt Leute,
die bei einem Allegro weinen können, oder die beim schmelzendsten Adagio einen
unwiderstehlichen Beruf zum Tanzen fühlen, wer wird hier nach den Ursachen
fragen? Ebenso habe ich zu gewissen Zeiten Perioden von Trägheit, wo mir jede
Feder zuwider ist, wo mich ein Billet, was ich schreiben soll, in Schrecken
setzen kann; ich bin aber noch nie darauf gefallen, tiefsinnige philosophische
Betrachtungen darüber anzustellen, ob die Seele oder der Körper daran schuld
sei, von welchen Mittelideen und Kombinationen diese Sache abhängen möge.
    Wir wollen also ganz davon abbrechen, erwarte keine Entschuldigungen, denn
ich habe keine, ich kann Dich auch nicht um Verzeihung bitten, denn ich weiss, Du
hast es nicht übelgenommen; nur soviel will ich Dir zur Entschädigung sagen, dass
diese Trägheit mit zu jenen Eigenschaften gehört, die ich mir mit der Zeit
abgewöhnen will.
    Deine Mutmassung ist übrigens nicht ganz unrichtig, dass ich, wenn Du es
durchaus so nennen willst, ernstafter geworden bin. Mit Dir verliess uns der
Geist unsrer lustigen Gesellschaften, und man darf nur etwas aufrichtig gegen
sich selbst sein, so liegt so etwas Oberflächliches in dieser sogenannten
genussreichen Art zu leben, eine Nüchternheit, in der ich mir oft die Langeweile
des Tantalus recht lebhaft habe denken können. Ich habe mich jetzt darum aus
dieser Gesellschaft mehr zurückgezogen, ich bin mehr allein und - Du wirst
vielleicht lachen - ich habe oft wieder angefangen zu studieren und mich dessen
zu erinnern, was ich auf meinen Reisen gelernt habe.
    Halte mich aber nicht für einen so schwachen Menschen, der aus einer
Anwandlung von Langeweile sich gleich über Hals und Kopf in eine so steinharte
Ernstaftigkeit wirft, dass ihn die Hunde auf der Strasse anbellen; denke nur etwa
nicht, dass ich jetzt mit einem essigherben Gesichte dasitze und wunder wie sehr
meinen Geist zu beschäftigen glaube, indem ich mit philosophischem Anstande
gähne und grübelnd eine Prise Tabak zwischen den Fingern zerreibe. Halte mich
nicht für ein Wesen, das sich seine Zeit verdirbt, indem es sich tausend unnütze
Geschäfte macht und sich selbst zur Bewunderung über die Menge seiner Arbeiten
zwingt - nein Karl, ich bin noch immer der unbefangene Mortimer, der noch ebenso
gern lacht, als zuvor, und der nichts sehnlicher wünscht, als einmal mit Dir ein
herzliches Duett lachen zu können. O ich möchte meine Dinte in schwarze
Klagelieder ergiessen, oder die erste beste Stelle aus Youngs Nachtgedanken
abschreiben, um es Dir recht fühlbar zu machen, wie sehr Du mir fehlst.
    Wenn das alles wahr ist, was Du mir von William Lovell schreibst, so steht
es schlimm mit ihm; es tut mir jedesmal weh, wenn ich einen jungen Menschen
sehe, der sich selbst um die Freuden seines Daseins bringt. - Gibt es etwas
Abgeschmackteres, als zu seufzen, zu weinen und alle Freuden der Welt aus einer
Metapher in die andere zu jagen - und zwar, wie äusserst sinnreich und
vernünftig! - weil ein andres Wesen nicht auch jammert und klagt - und zwar
darüber, weil ich es tue. - Denn wahrlich, ich habe schon Liebhaber gesehn, die
so geliebt wurden, dass nur noch ein Gran gefehlt hätte, und es wäre ihnen selber
zur Last gefallen - die aber beständig die unglücklichsten Geschöpfe in der Welt
waren; denn ihr Mädchen war ihnen lachend entgegengekommen, und sie hatten sie
sich gerade weinend gedacht, weil sie einen Abschied auf zwei ewig lange Stunden
nehmen sollten, um eine grosse Reise in die nächste Gasse zu ihrem Onkel zu tun,
der ihnen einen Wechsel auszahlen wollte. - Es sind Schauspieler, die sich einen
ellenhohen Koturn angeschnallt haben, der nur dazu dient, sie in jedem
Augenblicke fallen zu machen; sie sind unendlich über alle fade Sinnlichkeit
erhaben, und sitzen da und können sich tagelang von ihrer Geliebten über die
Farbe eines Bandes unterrichten lassen; der Schosshund ihres Mädchens ist ihnen
mehr wert, als ein halbes Menschengeschlecht, sie schwärmen in allen Regionen
der Phantasie umher, um endlich doch dahin zurückzukommen, wo sie sich wieder in
die Reihe der übrigen sterblichen Menschen finden; denn, ich hoff es zur Ehre
der Menschheit, dass von diesen Mondsüchtigen noch keiner die Ansprüche gemacht
hat, seine Geliebte ohne Augen zu sehn und ohne Ohren zu hören, wenn sie auch
vergessen haben, dass die Sinne zu dem Hause, das sie bewohnen, die erste Etage
ausmachen - am Ende sind sie oben dem Winde ausgesetzt, und sie ziehen wieder
herunter.
    Merkutio hat recht, wenn er sagt, das fadeste Gespräch hätte mehr Sinn, als
das Selbstpeinigen dieser verlornen Söhne der Natur, die sich von Trebern
nähren, und diese in einem beklagenswürdigen Wahnsinne für Ambrosia halten.
    Deine Schwester hab ich heut schon besucht, sie ist schön und scheint ebenso
verständig, ausser - dass sie traurig war und gewiss um Lovell - es tut mir leid um
sie. -
    Es wäre übrigens wohl möglich, dass Du Dich in Deiner Einsamkeit ganz
ernstaft verliebtest. Dein Auge sieht keinen andern Gegenstand, der Dich
zerstreuen könnte, und die Gewohnheit ist auch hierin die zweite Natur. Diese
allmächtige Gotteit macht ja sogar, dass so mancher mit seiner Frau zufrieden
ist, die er ausserdem gegen einen Star austauschen würde. Dazu ist Emilie, die
Schwester Deines Freundes Burton, schön und liebenswürdig, und liebt, wie alle
jungen Mädchen, die hohen Spannungen des Gemütes, es ist daher keinem Zweifel
unterworfen, dass Deine Stimmung die ihrige erschaffen kann, oder umgekehrt.
    Ich erwarte also nächstens einen Brief voller Seufzer und mit einer Träne
gesiegelt; bis dahin bin ich Dein treuer Freund
                                                                       Mortimer.
 
                                       10
                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                         London.
Ich bin auf dem Landhause meines Vaters, nahe bei London, ich sehe die Türme der
Stadt, die Amalie bewohnt, ich höre ihre Glocken aus der Ferne - oh, das Herz
schlägt mir ängstlich und ungestüm, dass ich sie so nahe bei mir weiss und sie
noch nicht gesehen habe - ja, ich muss sie heut noch sprechen.
    Mein Vater war ungemein fröhlich, da er mich wiedersah, seine Freude hatte
einen Anstrich von Melancholie, die mich gerührt hat, er sah bleich und krank
aus, er umarmte mich mit einer Herzlichkeit, in der ich ihn noch nie gesehn
habe, er findet überhaupt sein Glück in dem meinigen und in der Zukunft, die er
mir ebnen will; er sprach so manches von Verbindungen, die er meinetwegen suchen
würde; er schien mir ankündigen zu wollen, wie sehr er einst meine Verheiratung
mit der einzigen Tochter und Erbin des Lord Bentink wünschen würde - wer weiss,
wie viel Unglück mir noch die trübe Zukunft aufbewahrt. - Ich überlasse mich
zuweilen mit einer unbegreiflichen Trägheit der Zeit, dass sie den Knäuel
auseinander wickele, der mir zu verworren scheint.
    Von Dir hab ich also nun auf lange Abschied genommen? - Bald werden sich
Städte und Meere zwischen uns werfen, bald wird ein Brief von Dir zu mir Wochen
auf seiner Reise brauchen. - Den Abend vor meiner Abreise von Bondly ging ich
noch einmal durch die mir so bekannten Gärten, ich nahm von jedem Orte Abschied,
der mir durch die Zeit, oder irgendeine Erinnerung wert geworden war. Aus den
Wipfeln fiel eine schwere Ahndung auf mich herab, dass ich nie dort wieder
wandeln würde, oder im Verluste aller dieser grossen Gefühle, die den Geist in
die Unendlichkeit drängen und uns aus unsrer eigenen Natur herausheben.
    Wenn ich nun einst wiederkehrte, den Busen mit den schönsten Gefühlen
angefüllt, mein Geist genährt mit den Erfahrungen der Vorwelt und eigenen
Beobachtungen, wenn ich nun bemüht gewesen wäre, die Schönheiten der ganzen
Natur in mich zu saugen, um dann ein fades, alltägliches Leben zu führen, von
der Langeweile gequält, von allen meinen grossen Ahndungen verlassen; - wie ein
Gefangener, der seinen Ketten entspringt, im hohen Taumel durch den
sonnbeglänzten Wald schwärmt - und dann zurückgeführt, von neuem an die kalte
gefühllose Mauer geschmiedet wird. -
    Doch, ich sehe Dich lächeln - nun wohl, ich gebiete meiner Phantasie, und
diese schwarzen Gestalten sinken mit ihrem nächtlichen Dunkel vom Tuche herab,
und ein liebliches Morgenrot dämmert empor - da hebt sich nun die ganze
Landschaft majestätisch und schön aus dem chaotischen Nebel empor, wie von der
Hand eines Gottes angerührt steht die Natur in ihrer reizendsten Schöne da und
die Phantasie verliert sich in den Gebirgen, den Grenzen des Horizontes. - Schon
ist die Natur geschäftig, in fernen Landen alle meine Ideale zu realisieren,
schon seh ich jede Landschaft wirklich, die ich einst als Gemälde bewunderte
oder von der ich in einer Beschreibung entzückt ward, die Kunstwerke des grossen
Menschenalters stehn vor mir, die die grausame Hand der unerbittlichen Zeit
selbst nicht zu zernichten wagte, um nicht die glänzendste Periode der
Weltgeschichte auszulöschen. -
    Oh, wenn Amalie mich liebte! - Eduard, ja, ich werde sie heut noch sehn!
 
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                        William Lovell an Eduard Burton
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Eduard, o freue Dich mit mir, Freund mit Deiner brüderlichen Seele, alle Zweifel
sind gehoben, alle Rätsel aufgelöst - Amalie liebt mich! - Dieses neue
Bewusstsein hat mich aus allen kleinen armseligen Gefühlen zum hohen Genusse
eines Gottes emporgerissen, ich bin zu Empfindungen gereift, von denen mir auch
keine Ahndung etwas sagte, ich stehe in einer Welt, wo der gütige Schöpfer
Freude und Wonne aus jedem Zweige blühen und über jeden Hügel glänzen lässt. -
Alles was ich sehe, was ich höre, - alles was lebt ist vom Hauche der Liebe -
vom Hauche Gottes beseelt.
    Wie unter mir alles zusammenschrumpft, was ich einst für gross und wichtig
hielt! Ich nehme es mit der Zukunft und allen ihren Begebenheiten auf.
    Wie gleichgültig und öde kam noch gestern die ganze Welt meinem Blicke
entgegen; alles ist heut mein Freund, alles lächelt mich liebevoll an. - Eduard
- wie soll ich Dir die Empfindung beschreiben, als ich nun die Strasse betrat, in
der sie wohnt - als ich vor ihrem Hause stand - es war schon Abend, ein blasser
Schimmer des Mondes brach durch graue Wolken - mein Herz klopfte hörbar, als ich
dem Bedienten meinen Namen sagte und die Treppen hinaufstieg. - Sie war allein,
ich trat in das Zimmer. - Himmel! war es nicht, als käme mir ein Engel entgegen,
um mich im Paradiese zu bewillkommnen, wie ein heiliger Duft wehte mich die Luft
an, in der sie atmete - ich weiss nicht, was ich ihr sagte, ich weiss nicht, was
sie antwortete, aber meinen Namen sprach sie einigemal mit einer
unaussprechlichen Süssigkeit. - Wir setzten uns, ich war in einer wehmütigen
freudigen Stimmung - sie sprach von der glücklichen Aussicht einer so schönen
Reise - ich hatte Mühe, meine Tränen zurückzuhalten - o Himmel, wie gütig sie zu
mir sprach, wie jeder Ton im Innersten meiner Seele widerklang, jede Silbe
foderte mich auf, mich dieser holdseligen Güte zu entdecken - ich sank an ihren
Busen und stammelte ihr das Bekenntnis meiner Liebe.
    Ich war auf alles gefasst, aber nicht auf diese Milde eines glänzenden
Engels, mit der sie mich schweigend noch fester an ihren Busen drückte. - Ich
zweifelte in diesem Augenblicke an meinem Dasein, an meinem Bewusstsein - an
allem. Meine Freude hatte mich einer Ohnmacht nahe gebracht.
    Unsre Lippen begegneten sich, ihr Mund brannte auf dem meinigen - mein Herz
ging auf vom ersten Sonnenstrahle getroffen - wie Blumen taten sich alle meine
Sinne auf, den Glanz in sich zu saugen, der so freundlich auf sie herabstrahlte.
Ich drückte sie inniger an meine Brust, ich fühlte im Klopfen ihres Herzens das
Unendliche, Unaussprechliche, das sich in diesem Moment mit meinem ewigen Geiste
vermählte, und das wir Menschen stammelnd Liebe nennen.
    Eduard! ich soll ihr schreiben, sie will mir antworten! - Oh sie ist ein
Engel! Sie würde ihr Leben opfern, mich glücklich zu machen!
    Ich bleibe noch länger als eine Woche bei meinen Eltern. Ich werde sie noch
oft sehn; mir ist seit gestern, als dürfte nur dies das Geschäft meines Lebens
sein. - Ich habe auch den Mann kennen lernen, der mich auf meinen Reisen
begleiten soll, er heisst Mortimer. - Mein Freund wird er schwerlich werden
können, er hat eine gewisse kalte beissende Laune, die mich von ihm gestossen hat.
- Er soll viel wissen - er hat diese Reise schon einmal gemacht, er ist älter
als ich; alles dies zusammengenommen hat meinen Vater bewogen, ihn zu meinem
Begleiter auszuwählen. Er scheint sehr unterhaltend zu sein - aber ich liebe
nicht diese Art von Charakteren, das Satirische in ihm gefällt mir nicht, diese
Erhebung über die andern Menschen, diese Bitterkeit führt leicht zur
Menschenfeindschaft - ich liebe die meisten, möchte sie gern alle lieben und mag
über keinen spotten; - jeder bewache seine eigne Schwäche.
 
                                       12
                            Mortimer an Karl Wilmont
                                                                  London 4. Jun.
Wenn ich gerade aufgelegt wäre, über die wunderbaren Wege der Vorsehung
Betrachtungen anzustellen, so hätt ich heute dazu die schönste Gelegenheit. Denn
wahrlich, nichts ist so seltsam, keine Linie läuft in den wunderbarsten
Verschränkungen so schief und krumm, um in sich selbst zurückzukehren, als es so
oft die Begebenheiten und Vorfälle in dieser Welt tun. - Den Schilling den ich
heut meinem Bedienten gebe, erhalt ich morgen vielleicht vom Lord Parton zurück,
um ihn einem Bettler zu schenken. - Du bist begierig, welch Resultat endlich aus
diesem Wirwarr folgen soll; nun so höre denn und erstaune. - (Erstaunst Du
nicht, so gesteh ich, dass Du selbst ein erstaunenswürdiges Wesen bist.)
    Wer hätte Dir wohl damals ins Ohr geraunt, als Du Deinen neulichen Brief an
mich schriebst, in welchem von William Lovell die Rede war, dass Du an den
achtbaren Gouverneur dieses hoffnungsvollen Eleven schriebest? Um ernstaft zu
sprechen: ich reise mit William nach Italien und Frankreich und kehre dann als
ein zweimal gereister Mann in mein sehnsuchtsvolles Vaterland zurück, um auch
hier mein Licht glänzen zu lassen. - Ich sehe die Gegenden noch einmal, die mich
schon einst entzückten. Ich habe hier nichts zu tun, ich versäume nichts, Lovell
ist leidlicher, ja angenehmer, als ich ihn mir vorgestellt hatte, und darum hab
ich das Anerbieten seines Vaters angenommen.
    William ist, soviel ich gleich bei unsrer ersten Zusammenkunft bemerken
konnte, nicht ganz mit mir zufrieden, ich bin ihm zu froh, zu wenig das, was er
ernstaft nennt. Wer von uns beiden nun den andern aus seinen Verschanzungen
zuerst treiben wird, ist die grosse Frage. In einer Woche ungefähr reisen wir.
Ich will mir alle mögliche Mühe geben, meinen Freund aus ihm zu machen.
    Mein alter Onkel hätte beinahe geweint, als ich ihm die Nachricht meiner
Abreise brachte; er ist mir mehr gewogen als ich dachte, er hat es mir so gut
wie versprochen, mich zum Erben einzusetzen, wenn er während meiner Abwesenheit
sterben sollte. -
    Könnt ich über Bondly reisen, so würde die Reise noch eine Annehmlichkeit
mehr für mich haben, aber einige Leute, die Fait von der Geographie machen,
wollen behaupten, es läge ganz auf der entgegengesetzten Seite.
    Deine Schwester ist allerdings ein vortreffliches Mädchen, ausgenommen
darin, dass sie gewiss Lovell liebt - doch vielleicht wird er unter der Anführung
eines gescheiten Mannes anders, das heisst, nach meiner Überzeugung: besser.
    Worüber ich mich verwundre, ist, dass man mich für so gelehrt hält, um mit
Nutzen der Begleiter eines jungen Mannes zu sein, der nicht ohne Kenntnisse ist
- der alte Lovell aber ist ein vernünftiger Mann, der weiss, was meistenteils
hinter der gewöhnlichen Ernstaftigkeit steckt; vielleicht hat auch eben meine
Heiterkeit seine Wahl auf mich fallen lassen, da er mit der zu reizbaren
Empfindsamkeit und Schwärmerei seines Sohnes nicht ganz zufrieden ist. -
    Und wenn nun auch bald viele Meilen zwischen uns liegen, so bin ich auch im
wärmeren Klima, zwar nicht wärmer, aber ebenso warm als jetzt, Dein Freund, und
wenn ich nicht auf dem Kanal untergehe, so erhältst Du aus Frankreich einen
Brief von
                                                                Deinem Mortimer.
 
                                       13
                   Willy an seinen Bruder Tomas in Waterhall
Weiss nicht, lieber Bruder, von wo aus ich Dir schreiben soll, aber ohne dass die
Schuld davon an mir liegt: denn ich bin hier ganz nahe bei London, aber doch
nicht in London, so dass ich lieber gar kein Datum dabeischreiben will, um Dich
nicht konfus zu machen, weil ich weiss, dass Du Dich nicht gut aus den Ortschaften
und Ländereien herausfinden kannst, wenn sie eine Meile von dem Garten in
Waterhall liegen - und London, oder das Landhaus hier nahe bei London, ist nicht
so nahe an Waterhall, als Du glaubst, ob es freilich wohl ganz nahe an London
liegt, so dass man die Glocken kann schlagen hören, wenn sie gerade nicht
unrichtig gehn, wie denn das wohl in so einer grossen Stadt bisweilen der Fall
ist, wo selten alles ganz richtig geht: es macht die Menge.
    Der Herr William ist so ein guter Herr, als nur ein Bedienter verlangen
kann, wenn er nicht selbst der Herr werden will. - Er sagte, er hätte mich mehr
aus alter Freundschaft mitgenommen, als wie einen Bedienten; nun ist er freilich
nicht ganz so alt, als ich, aber so alt er auch immer sein mag, so bin ich doch
wirklich von der Geburt an sein Freund gewesen. Du weisst, Tom, was ich meinen
will, dass ich ihn nämlich schon vor der Geburt gekannt habe, als ich schon lange
vorher beim alten Herrn Lovell als ein Bedienter gestanden habe.
    Du glaubst übrigens nicht, Tomas, wie viel Menschen es auf der Welt gibt;
den Mann wollt ich sehn, der die Leute so zählen könnte, die ich unterwegs alle
Augenblicke gefunden habe. - Der Vikar Winter hat doch recht, so wie in allen
Sachen, die er in der Kirche ausruft, es sind viele Menschen auf der Welt. Dafür
ist die Welt aber auch so ziemlich gross, das hab ich nun auch gesehn, denn wie
wollten sie sonst auch alle Platz darauf finden, wenn nicht neue Einrichtungen
gemacht würden. Bis dahin bin ich
                                                     Dein getreuer Bruder Willy.
Weil sich hier gerade das so vortrefflich passte: bis dahin bin ich u.s.w. so
hatte ich mich dadurch verführen lassen, dass der Brief hier aufhören sollte, ich
hatte Dir aber noch manches sagen wollen, unter andern, dass wir nächstens
abreisen; es komme, wie es geh, ich schreibe Dir manchmal, der gute Herr William
hat mir erlaubt, sooft ich Dir etwas zu sagen habe, meine Sachen in seinen Brief
mit einzulegen, so kostet es mir und Dir nichts und ich habe nicht die Mühe,
Deine Aufschrift zu machen, und Du brauchst sie auch nicht zu lesen, sondern Du
weisst dann gleich auswendig, dass jeder Brief, den Du von mir geschickt kriegst,
an Dich gerichtet ist. - Ferner Dein ewiger Bruder
                                                                           Willy
 
                                       14
                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                          Dover.
London liegt hinter mir mit allem seinem Glücke, Frankreich vor mir! - Ich komme
soeben von den erhabenen Klippen zurück, deren Schilderung wir beide so oft in
dem gigantesken Werke des unsterblichen Shakespeare bewundert haben. - Mir
war's, als könnt ich in die Zukunft hineinsehn, als wären die Schleier eben im
Begriffe herunterzufallen, die sonst vor diesem Schauplatze hängen - die See
rauschte tief unter mir und wogte und schlug ohnmächtig an die
unerschütterlichen Klippengestade, Wolken standen aus dem Meere auf und
schritten durch das ruhige Blau der unübersehbaren Wölbung - ohne fröhlich zu
sein, ohne Traurigkeit sah ich in die unendliche Natur hinaus - der Wind blies
über die See hin, die Dornblumen am Felsen zitterten, ich stand ruhig. Das Wogen
der Flut rauschte leise herauf - tausend Sonnen tanzten in dem wiegenden
Meeresspiegel - ja Freund, der Mensch hält gewiss selbst die Zügel seines
Schicksals, er regiere sie weise, und er ist glücklich; lässt er sie aber mutlos
fahren, so ergreift sie ein ergrimmter Dämon und jagt ihn wutfrohlockend in das
furchtbare, schwarze Tal hinab wo alle Geburten des Unglücks auf ihn lauern. -
Darum wollen wir Männer sein, Eduard, und ohne Zagen unser Schicksal regieren,
auch wenn tausendfaches Unglück den Wagen in den Abgrund zu schleudern droht.
 
                                       15
                        William Lovell an Amalie Wilmont
                                                                          Dover.
Mit Tränen sieht mein Auge rückwärts, das Ihrige blickt mir weinend nach. - Aber
nein, kein Zweifel, kein Zagen soll in unsrer Brust entstehn, ich will mutig
hoffen. - O ja, Amalie, Ordnung, Harmonie ist das grosse Grundgesetz aller
unendlichen Naturen, sie ist das Wesen, der Urstoff des Glücks, die erste
bewegende Kraft - auch wir werden von den Speichen des grossen Rades ergriffen,
wir sind Kinder der Natur und haben Anspruch an ihre Gesetze. Und gäb es für
mich ein Glück ohne Amalien? - Leben Sie wohl - die Segel schwellen, die Winde
rufen zur Abfahrt - leben Sie wohl! - Ihr Bild soll der Schutzgeist sein, der
mich begleitet, in dem Augenblicke, da Sie mich vergessen, bin ich allen
Gefahren preisgegeben, bis dahin fühle ich die Stärke eines Gottes in meinem
Herzen.
 
                                  Zweites Buch
                                        1
                            Mortimer an Karl Wilmont
                                                                          Paris.
Ich bin nun wieder in der Stadt, die die Franzosen die Hauptstadt von Europa
nennen, wo man in einer beständigen Verwirrung von Besuchen und Vergnügungen
lebt, wo man sehr lange leben kann, ohne zu sich selbst zu kommen, und wo man
sich, wie William Lovell täglich behauptet, zu Tode langeweilt und ärgert, wenn
die gesunde Vernunft nur auf einen einzigen Tag aus ihrer Betäubung erwacht.
Sonst sind wir alle wohl und gesund, und die Reise hieher war recht angenehm;
auch William gewöhnt sich an meine Gesellschaft; wir kommen uns näher, so wie
ich es vorhergesehn habe, ich muss mich nur hüten, dass ich nicht auf einen
gewissen Eigensinn gerate, ihm zuviel zu widersprechen, so paradox er auch
manchmal aus seinen dunkeln Gefühlen philosophieren will, dies würde uns von
neuem entfernen und bei ihm die Sucht veranlassen, mir in keiner meiner
Behauptungen recht zu geben: so würden alle unsre Gespräche Gezänke werden, und
dies führt zu einer Bitterkeit, die am Ende in eine völlige Unverträglichkeit
ausartet. -
    Könnt ich ihn doch fast beneiden - ja, lächle nur über den Menschen und
seine Schwäche! - ich fühle in manchen Stunden eine Art von unbegreiflicher
Eifersucht. Er ist trunken im Glücke der ersten Liebe, dies Gefühl hat ihm
Paradiese aufgeschlossen, und wahrlich, erst jetzt, beim Anblick so
mannigfaltiger Schönheiten, weiss ich, wie schön Deine Schwester ist, von ihrem
Geist, von ihrer Liebenswürdigkeit will ich nicht einmal sprechen, die ich hier
nur zu sehr vermisse in dieser Überfülle von Witz und glänzend kalter
Koketterie. - Dann tut es mir aber wieder weh, ihn oft so tief in Träumen
verloren zu sehn - mir dünkt dann wieder, er segelt über einen Strom, der ihm
eine göttliche Aussicht bietet, er fühlt sich selig, indem er sein Auge an der
Schönheit der Landschaft weidet; aber das Fährgeld hinüber ist zu teuer, und er
wird es gewiss selbst bemerken, wenn die Fahrt geendigt ist und er den Fuss ans
Ufer setzt. -
    Der alte Willy ist gegen ihn der seltsamste Kontrast, er ist mehr unser
Freund, als Diener, und William hat ihn nur aus Vorliebe mitgenommen. Ein Wesen,
so natürlich und ungekünstelt, als wenn es die mütterliche Natur nur so eben
hätte in die Welt hineinlaufen lassen. Er gafft und staunt alles an, und teilt
mir dann oft in langen Gesprächen seine Bemerkungen mit.
    William will sich mit dem Eigensinne seiner Empfindung durchaus nicht in den
schnell wandelbaren Charakter des Volks finden, auf den Gassen ist er betäubt,
in Gesellschaft wird er zu Tode geschwatzt, im Trauerspiel ärgert er sich, im
Lustspiel gähnt er, in der Oper hat er einigemal sogar geschlafen. Er ist
unvorsichtig genug, seine Bemerkungen Franzosen mitzuteilen, und diese finden
dann, dass er den Sonderling spielt, dass sein Geschmack noch nicht gebildet ist -
mit einem Worte: dass er kein Franzose ist. Diese Disputen sind mir immer sehr
langweilig, ein jeder hält die Gründe des andern für trivial und keiner versteht
den andern ganz, und beide haben recht und beide unrecht. -
    Unter der Menge von Bekanntschaften haben wir einige sehr interessante
gemacht, einige habe ich von meiner vorigen Reise aufgefrischt. Es ist oft
unendlich leichter, in einer ganz fremden Familie zu einer Art von
Vertraulichkeit zu kommen, als in einem Zirkel, in welchem man ehemals sehr
bekannt war, wenn die Zeit die Erinnerung daran und ihre Farben ausgebleicht
hat. Alles ist verwittert, die neu aufgetragenen Farben wollen nicht stehn,
nichts ist in einem gewissen notwendigen Gleichmass: man fürchtet in jedem
Augenblicke zu sehr den Vertrauten, oder den kalt gewordenen Fremden zu spielen,
man hat die Fugen der Seele indes vergessen und greift auf dem Instrumente
unaufhörlich falsch. Den alten Grafen Melun hab ich wieder aufgesucht, seine
Nichte, die damals ein hübsches Kind war, ist ein sehr schönes Weib geworden,
ihr Verstand hat sich nicht weniger ausgebildet. Sie hat im vorigen Jahre einen
gewissen Grafen Blainville geheiratet, der seit einigen Monaten gestorben ist;
sie hat als Witwe das Ansehn des liebenswürdigsten Mädchens, und sie würde noch
gefährlicher sein, wenn sich die Kokette in ihr nicht bald verriete. Der alte
Graf ist noch ganz der Mann, der er ehedem war, er gehört zu denen Leuten, die,
wenn sie sich ändern sollen, notwendig verlieren müssen, das heisst: sie sind auf
einen gewissen Punkt der Ausbildung gekommen, über den sie ihre ganze Lebenszeit
hindurch nicht wegschreiten, sie sind mit ihrem Verstande und allen ihren
Begriffen glücklich in den Hafen eingelaufen und wagen nun um alles keine zweite
Fahrt. Sein Haus ist noch immer so angenehm, wie vormals, er versammelt gern
witzige Köpfe, schöne Geister, Gelehrte und Politiker um sich her: aus mehreren
Strahlen wird doch endlich ein Schein, und dadurch würde ihn mancher von unsern
Doktoren auf ein ganzes Vierteljahr für einen sehr gescheiten Mann halten. Dort
hab ich auch einen Italiener, Rosa, kennen lernen, dessen genauere Bekanntschaft
ich suchen werde. Ich habe noch wenige so feine Gesichter gesehn, in welchem mir
vorzüglich die sprechenden Lippen auffallen, die sich ebenso willig in das
freundlichste Lächeln, wie in die Falten des bittersten Spotts legen - ich habe
nur noch wenig mit ihm gesprochen, aber alles, was er sagte, hat mich zu ihm
gezogen; ohne es zu wollen, hat er meine Aufmerksamkeit ganz auf sich geheftet.
Er ist kein Entusiast, aber auch kein kalter, verschlossener Mensch, er ist
sehr empfindlich für das Schöne, ohne zum Deklamator zu werden. Es freut mich,
dass er sich an William schliesst, von solchen Menschen kann dieser viel lernen,
wenn er erst den geheimen Hass abgelegt hat, den er gegen Wesen fühlt, die ihm
überlegen sind.
    Wir sind mit einem jungen, aufbrausenden, sonderbaren Deutschen bekannt
geworden, dem sich William ganz und gar hingibt; er heisst Balder und ist auch
nur seit kurzem in Paris. Zwei harmonierendere Töne können nicht so leicht
ineinanderschmelzen, als diese beiden Seelen: beide sind Entusiasten, beide
poetisch gestimmt, beide begegnen sich mit gleicher Liebe. - Ich mag noch jetzt
nichts davon merken lassen, dass eine solche Freundschaft, von zweien so ganz
gleichgestimmten Wesen geschlossen, sich selbst bald aufzehren muss: es ist ein
schnelles aufloderndes Feuer, das aber keine Hitze hat und ohne Dauer ist, denn
wo man nicht fremde Fehler und fremde Vorzüge entdeckt, kann man nicht verehren
und nicht lieben. - Aber William würde mir doch davon nichts glauben und darum
schweig ich lieber, und wenn er selbst mit der Zeit diese Erfahrung macht, so
bietet er gewiss seinem eigenen Gefühle Trotz, um sich diese unvermutete
Erscheinung abzuleugnen.
                                                Lebe wohl und antworte mir bald.
 
                                       2
                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                          Paris.
Paris, liebster Freund, missfällt mir höchlich; ich denke oft an Dich und an das
einsame Bondly zurück, wenn ich mich hier in den glänzenden Zirkeln herumtreibe;
dort war meine Seele in einer steten lieblichen Schwingung, hier bin ich
verlassen in Felsenmauern eingekerkert, ein wüster Müssiggang ist mein Geschäft,
vom Geschwätze betäubt, von keiner Seele verstanden. Doch nein, ich will mich
nicht an dem Schicksal versündigen, ich habe hier einen Menschen gefunden, wie
ihn mein Herz bedarf, ich habe auch hier einen Freund, der mich für so viele
verlorne Stunden entschädigt. Ich habe die Bekanntschaft eines jungen Deutschen
gemacht, er heisst Balder, ein Jüngling, dessen Seele fast allen Forderungen
entspricht, die meine übertreibende Empfindung an einen Freund macht; er ist
sanft und gefühlvoll, sein Herz wird leicht von der Schönheit und Erhabenheit
erwärmt, fast allentalben treffen sich unsre verwandten Geister in einem
Mittelpunkte, ohne dass doch unsrer Natur jene Nuancen mangeln, die, wie man
behauptet, in der Freundschaft und Liebe unentbehrlich sind, um beide dauerhaft
zu machen. Ich habe nicht, wie er, diesen tiefen Hang zur düstern Schwärmerei,
diese Kindlichkeit, mit der er sich an jeden Charakter schmiegt, den er liebt;
ich bin kälter und zurückgezogener, meine Phantasie ist mehr in süssen,
lieblichen Träumen zu Hause, er ist mit der Unterwelt und ihren Schrecknissen
vertrauter. Alles macht auf ihn einen tiefen bleibenden Eindruck, sobald er nur
eine schwermütige Seite auffinden kann, die Freude kann ihn nur aus der Ferne
beleuchten, wie ein sanfter untergehender Abendschimmer. Sein Äusseres hat daher
beim ersten Anblicke etwas Zurückscheuchendes, aber kaum kam ich ihm einen
Schritt entgegen, als er sogleich die ganze zwischenstehende Wand niederwarf,
die so oft auch die innigsten Freunde noch in manchen Stunden trennt. - Mortimer
ist mir um so fremder, er kann kein empfindendes Herz haben, er lacht beständig,
oder lächelt in seiner Kälte über meinen Entusiasmus, auch Balder scheint ihm
nicht zu gefallen. Ich zweifle nicht an seinem Edelmute, er spricht, so scheint
es mir, oft mit vielem Verstande, er ist älter als ich und kennt die Welt mehr -
aber ich zweifle, dass er den holden Einklang jener zarten Gefühle versteht, die
sich nur den feinern Seelen offenbaren. - Zuweilen quält er mich wirklich, wenn
ich eben unter goldenen Träumen der Zukunft und Vergangenheit wandle, von Deinem
Bilde, und der holdseligen Gestalt Amaliens angelächelt; mit ihm zugleich ein
andres feindseliges Wesen, das sich zu mir hinandrängt: ein Italiener, ein
sogenannter feiner und ausgebildeter Mann - mein Herz kann ihm nicht vertraulich
entgegenschlagen, mir ist in seiner Gegenwart ängstlich und beklemmt; ich mag
lieber viele Stunden mit dem alten ehrlichen Willy zubringen, sein gutmütiges
Geschwätz kömmt aus seinem Herzen, ich weiss, dass er nicht über mich spottet, dass
er mich nicht studiert, um seine Menschenkenntnis zu vermehren. -
    Du wirst mir vielleicht wieder Bitterkeit und Übertreibung vorwerfen -
mag's! aber ich wünsche nichts so sehnlich, als den Tag, an welchem ich Paris
verlasse. Ich finde hier nichts von allem, was mich interessiert. - Die Stadt
ist ein wüster, unregelmässiger Steinhaufen, in ganz Paris hat man das Gefühl
eines Gefängnisses, die Pracht des Hofes und der Vornehmen kontrastiert auf eine
widrige Art mit der Armseligkeit der gemeineren Klassen; alles erinnert an
Sklaverei und Unterdrückung. Die Gebäude sind mit kleinlichen Zieraten
überladen, man stösst auf kein Kunstwerk, in welchem sich ein erhabener Geist
abspiegelte, die Göttin der Laune und des lachenden Witzes hat alles Grosse zum
Reizenden herabgewürdigt, und so sind aus den männlichen, kraftvollen Urbildern
Roms und Griechenlands gezierte und unnatürliche Hermaphroditen geworden. Von
dem grossen Zwecke, von der erhabenen Bestimmung der Künste, von jenem Gefühle,
aus welchem die Griechen ihren Homer und Phidias an die Halbgötter richten -
davon ist auch hier die letzte Ahndung verlorengegangen; man lacht, man tanzt -
und hat gelebt. - Ach, die goldenen Zeiten der Musen sind überhaupt auf ewig
verschwunden! Als sich noch die Götter voll Milde auf die Erde herabliessen, als
die Schönheit und Furchtbarkeit noch in gleichgefälligen Gewändern auf den
bunten Wiesen verschlungen tanzten, als die Horen noch mit goldenem Schlüssel
Auroren ihre Bahn aufschlossen und segnende Gotteiten mit dem wohltätigen
Füllhorne durch ihre lachende Schöpfung wandelten - ach damals war das Grosse und
Schöne noch nicht zum Reizenden herabgewürdiget. Versinnlicht stand die erhabene
Weisheit unter den fühlenden Menschenkindern, an mitfühlende Götterherzen
gelangte das Gebet des Flehenden, Götter hielten Wacht an dem Lager des
schlafenden Elenden, keine Wüste war unbewohnt, seine Götter landeten mit dem
Verirrten an fremde Gestade, Sturmwinde und Quellen sprachen in verständlichen
Tönen, in der schönen Natur stand der Mensch unbefangen da, wie ein geliebtes
Kind im Kreise seiner zärtlichen Familie - aber jetzt, o Eduard, schon oft hab
ich es gewünscht und ich sag es Dir ungescheut - ich bedaure es, dass man den
entzückten Menschen so nahe an das schöne Gemälde geführt hat, dass die
täuschenden Perspektiven verfliegen: wir lachen jetzt über die, die sich einst
von diesen grobaufgetragenen Farben, von diesen verwirrten Strichen und Schatten
hintergehn liessen und Leben auf der toten Leinwand fanden - wir haben den Betrug
mit einem dreisten Schritte enträtselt - aber was haben wir damit gewonnen? Die
Gestalten sind verschwunden, aber unser Blick dringt doch nicht durch den
Vorhang - und wenn er es könnte, würden wir mit diesen körperlichen Augen etwas
wahrnehmen? Ist der Mensch nicht zur Täuschung mit seinen Sinnen geschaffen -
wie ist es möglich, dass sie jemals aufhöre? - Ich liebe den Regenbogen, wenn man
mir gleich beweist, dass er nur in meinem Auge existiere - ist mein Auge nicht
ein wirkliches Wesen und darum für mich auch die Erscheinung wirklich? - Ich
hasse die Menschen, die mit ihrer nachgemachten kleinen Sonne in jede trauliche
Dämmerung hineinleuchten und die lieblichen Schattenphantome verjagen, die so
sicher unter der gewölbten Laube wohnten. In unserm Zeitalter ist eine Art von
Tag geworden, aber die romantische Nacht- und Morgenbeleuchtung war schöner, als
dieses graue Licht des wolkigen Himmels; den Durchbruch der Sonne und das reine
Äterblau müssen wir erst von der Zukunft erwarten. -
    Wie mich alles hier anekelt! - Man spricht und schwatzt ganze Tage, ohne
auch nur ein einzigmal zu sagen, was man denkt; man geht ins Konzert, ohne die
Absicht zu haben, Musik zu hören; man umarmt und küsst sich, und wünscht diese
Küsse vergiftet. Es ist eine Welt voller Schauspieler und wo man überdies noch
die meisten Rollen armselig darstellen sieht, wo man die fremdartigen
Maschinerien der Eitelkeit, Nachahmungssucht oder des Neides so deutlich
durchblicken lässt, dass bei manchen keine Täuschung möglich ist. -
    Ich bin aus Langeweile einige Male ins Teater gegangen. Tragödien voller
Epigrammen, ohne Handlung und Empfindung, Tiraden, die mir gerade so vorkommen,
wie auf alten Gemälden Worte den Personen aus dem Munde gehn, um sich deutlich
zu machen - diese hertragiert, auf eine Art, dass man oft in Versuchung kömmt, zu
lachen; je mehr sich der Schauspieler von der Natur entfernt, je mehr wird er
für einen grossen Künstler gehalten, Könige und Königinnen, Helden und Liebhaber
sind mir noch nie in einem so armseligen Lichte erschienen, als auf der Pariser
Bühne - kein Herz wird gerührt, keine Empfindung angeschlagen, genug, man hört
Reime klingeln, und der Vorhang sagt einem am Ende doch, dass nun das Stück
geschlossen sei, und so hat man, ohne zu wissen wie, ein chef d'oeuvre des
grössten tragischen Genies gesehn. - Oh, Sophokles! und göttlicher Shakespeare! -
Wenn man den Busen mit euren Empfindungen gefüllt, von eurem Geiste angeweht
diese Marionettenschauspiele betrachtet!
    Und dann die frostigen, langweiligen Lustspiele! wo ein sogenannter witziger
Einfall das ganze Parterre wie mit einem elektrischen Schlage trifft, wo nicht
Menschen, sondern ausgehöhlte Bilder auftreten, in welche sich der Dichter mit
seinem Witze verkriecht! - Ein schales, leeres Wortgeschwätz, alles ein Wesen,
alles eine wiederkehrende, alltägliche Idee; doch ist für diese Possen das
Schellengeklingel ihrer Reime etwas angemessener. -
    In der grossen, weltberühmten Pariser Oper bin ich eingeschlafen. - Arme und
Füsse eines Giganten an den Körper eines Zwerges gesetzt, machen doch wirklich
ein vortreffliches Ganzes aus! Musiker, Maler, Tänzer, Dichter arbeiten sich
ausser Atem, um ein armseliges Ungeheuer zustande zu bringen, das nicht einmal
das Verdienst der Unterhaltung hat.
    Doch hinweg von diesen Kleinigkeiten! Seit ich Frankreich kennenlerne, fang
ich an, mein Vaterland um so höher zu achten - dort wohnen Freundschaft und
Liebe, dort schämen sich die Menschen nicht, ein Herz zu haben und ihre Gefühle
zu bekennen - oh, Amalie! unaufhörlich denk ich an dich! - An diesen Namen
knüpfen sich tausend süsse und bittre, schwermütige und frohe Empfindungen: diese
Hoffnung ist eine Sonne, die meine neblichten Tage vergoldet, in Amaliens Busen
liegt der Schatz, der mich einst glücklich machen muss. -
    Ich habe indes schon manche schönere Gestalt gesehn, als Amalie ist, aber
ich habe immer selbst in meinem Herzen darüber triumphiert, wie sie in meiner
Phantasie über alle übrigen hinwegragt. Sie gehört nicht zu jenen Schönheiten,
die das Auge augenblicklich fesseln und die Seele kalt und erstorben lassen. So
ist die Nichte eines Grafen Melun hier, vielleicht das reizendste weibliche
Geschöpf, das ich je gesehen habe, aber das Imponierende ihrer feurigen
Lebhaftigkeit ist sehr von jener holdseligen Herrschaft verschieden, die aus
Amaliens Augen über die Seele gebietet. - Alle Vergleichungen, die meine
Gedanken vornehmen, dienen nur, sie mit neuen unwiderstehlichern Reizen als
Siegerin in meine Arme zu führen. -
                                                             Dein ewiger Freund.
 
                                       3
                         Willy an seinen Bruder Tomas
                                                                          Paris.
Da ich Dir nun einmal schreibe, so weiss ich doch wahrhaftig nicht, wo ich
anfangen soll, so voll ist mir der Kopf von merkwürdigen Schreibereien, und ich
möchte die Feder in beide Hände nehmen, um Dich nur recht viel erfahren zu
lassen. - Dass der Herr William ein guter Mann ist, das wirst Du Dir wohl schon
mit Deinem bisschen Verstande zusammenreimen können, aber dass er so gut mit mir
umgeht, wie ein Vater mit seinem Kinde, das die Pocken hat, das wirst Du
vielleicht nimmermehr glauben wollen.
    Hast Du wohl schon ein ordentliches Puppenspiel mit lebendigen Personen
gesehn? Solche sind hier viele und man hat besondre Häuser dazu für die Leute
gebaut, die es auch mit ansehn wollen. Man sollte nicht glauben, dass so viele
Leute eine solche Neugier in sich hätten. Es ist immer sehr hell bei solchen
Gelegenheiten, von den vielen Lichtern nämlich, Tomas, musst Du verstehn, die
ringsum in dem ganzen Hause brennen, denn sonst würden die Leute, die es gern
sehn wollen, wenig sehn, und bei Tage müssen sich doch wohl die
Komödiantentruppen schämen, ihre Sachen vorzuspielen, ich wenigstens würde auch
ebenfalls am Abende nicht mitspielen, und wenn sie mir selbst die vornehmste
Rolle geben wollten. - Eine Art von Stücken gibt es, wo man immer weinen muss,
ich habe es aber, bei aller Mühe, noch nicht dahin bringen können; die vornehmen
Damen sind darin mehr geübt, aber der gute Herr William nimmt mich manchmal doch
wieder mit: er hat auch noch kein einziges Mal darin geweint: ich denke, es
macht, weil wir hier nur Fremde sind. -
    In einem andern grossen Hause lachen die Leute immer aus vollem Halse: es ist
doch wirklich viel, dass das die Komödiantenleute nicht übelnehmen. Ich kann hier
den jungen Italiener nicht leiden, der meinen Herrn manchmal besucht, er hat ein
paarmal angefangen zu lachen, als ich mit meinem Herrn William eine ernstafte
Rede anfing; das Auslachen kann ich gar nicht leiden, Tomas, Du weisst noch, dass
wir uns schon in einigen der ehemaligen Jugendjahre tüchtig ausschlugen, weil Du
mich etlichemal hattest auslachen wollen, doch, das ist jetzt vorbei, und ich hab
es Dir vergeben. -
    Wie ich Dir sagen wollte, so gefällt mir das Ding am besten, was sie
hierzulande die Oper nennen, da braucht man nicht zu tun, als wenn man es
verstünde, denn da wird einem jeden alles weitläuftig vorgesungen, und es ist
ein recht vernünftiger Gedanke, dass wenn sie überdrüssig sind zu singen, so
springen sie etliche Sätze herum. Die Musik ist Dir immer unter sehr viel
Instrumente abgeteilt, damit der Lärm desto grösser wird und die
Komödiantensänger nicht die Herzhaftigkeit verlieren, denn das ist nicht ein
geringer Spass, wenn auf etliche darunter geschossen wird, oder manchmal werden
sie auch ordentlich gestochen und sterben. - Herrlich sind dabei die Bilder,
welche Häuser, oder Gärten, oder so etwas vorstellen, man möchte manchmal
hineingehn, so natürlich scheint es in der Ferne auszusehn. Neulich war eine
grosse Prügelei hier, ich glaube, es war eine Schlacht, die der berühmte
Alexander machte. Sie war gut.
    In Paris gibt es auch sehr viel arme Leute; Tomas, ich denke doch immer,
dass die armen Franzosen auch meine Brüder sind, wenn ich auch im Grunde ein
Engländer bin, ich habe manchem schon etwas von meinem Überflusse gegeben, und
die bedanken sich dann immer so sehr, als wenn ich wunder was! getan hätte. -
Wozu doch der liebe Gott wohl die so ganz armen Menschen in der Welt geschaffen
haben mag? - Wenn ich erst einem etwas gebe, so kommen gleich eine Menge um mich
herum, die mich so mit barmherzigen Augen ansehn, dass ich es gar nicht lassen
kann, ihnen auch was zu geben; der eine drückt mir dann die Hand, der andre
sieht nach dem Himmel, der dritte weint - oh, da hab ich oft mitgeweint und mich
nicht dazu gezwungen, es kamen mir die Tränen ganz unverhofft - ach, es sind
recht gute Leute, wenn sie nur ihr gehöriges Brot in der Welt hätten.
    Die vornehmen Leute fahren hier in der Stadt sehr geschwinde, viel zu
geschwinde, wie ein Jagdpferd. Es werden auch manchmal Leute übergefahren, und
da machen sie sich nicht viel daraus, sie fahren über die Menschen ganz geruhig
weg. - Tomas, auch darüber hab ich neulich geweint, wie sie so einen armen
alten Mann überfuhren, der eben seinen kleinen Kindern Brot eingekauft hatte: es
war gerade ein Fest, und er hatte sich weiss Brot gekauft, um sich doch auch eine
Freude zu machen, und nun fuhren sie ihn gerade so unbarmherzig über, dass er
schon am Abende starb. - Es ist nicht recht, Tomas, ich könnte nicht wieder
recht ruhig schlafen, aber das ist hier nicht anders. Wir beide haben noch
niemand übergefahren, denn wir sind immer zu Fusse gegangen, ausser seit ich mit
meinem Herrn auf Reisen bin. Übrigens bleibe mein Bruder, so wie ich bin
                                                        Dein guter Bruder Willy.
 
                                       4
                         Tomas an seinen Bruder Willy
                                                                         Bondly.
Ich habe Deinen Brief bekommen, Willy, und es freut mich, dass Du auch immer noch
in der grossen weiten Welt an Deinen Bruder denkst, das ist sehr brav von Dir. -
Ich habe schon von solchem närrischen Zeuge und auch von solchen Greueltaten
gehört, wie Du mir da schreiben willst, es ist in der Welt einmal nicht anders.
Ich weiss nicht, ob Du schon davon gehört hast dass ich jetzt in Bondly wohne und
in Diensten beim alten Lord Burton bin. Die Lady Buttler ist gestorben und da
bin ich nun hierhergekommen. - Der alte Lord ist bei weitem nicht der Mann, der
er sein könnte, wenn er ein recht guter Christ wäre - nun, Du wirst ihn ja
kennen, aber der junge Herr ist auch ein desto lieberer Herr, wenn der erst
einmal die Herrschaft kriegen wird, da werden sich die Untertanen recht freuen,
zu denen ich doch jetzt auch gehöre. Ich wünschte wohl, dass ich's noch erlebte,
und dass Du, Willy, mich dann in Bondly besuchtest, oder gar hierbliebest, der
junge Herr Burton nähme Dich gewiss gleich in Dienste, dann wollten wir unsre
letzten Tage noch recht vergnügt zusammenleben. - Grüsse doch Deinen Herrn von
mir und sage ihm, er möchte mein guter Freund bleiben, so wie ich
                                                            der seinige. Tomas.
Nachschrift. Schreibe mir sooft Du kannst, Willy; nur muss ich Dir noch sagen,
dass Deine Art zu schreiben gerade nicht die schönste ist, alles ist immer so
dunkel, wenn man nicht selbst etwas Verstand hätte, so würde man Dich nimmermehr
verstehn. - Demohnerachtet bin ich
                                                 Dein zärtlicher Bruder, Tomas.
 
                                       5
                        Eduard Burton an William Lovell
                                                                         Bondly.
Deine Briefe erfreuen mich um so mehr, um so heiterer und lebensmutiger sie
sind. Ich teile Deine Sehnsucht nach einer entflohenen schönen alten Zeit; aber
soll in dieser Sehnsucht nicht selbst ein Gewinn für uns liegen? Jener Lebensmut
des Altertums ist uns wohl entwichen, aber es ist uns vielleicht vergönnt, Natur
und Kunst mit mehr Inbrunst zu lieben und zu erfassen; denn gewiss muss der Geist
der Menschheit, das Verständnis der Dinge, ebenfalls eine Geschichte haben, und
in keiner Geschichte ist ein ununterbrochenes Rückschreiten möglich: jene
Völker, die uns als Beispiel dienen könnten, haben eben auch ihre Geschichte
verloren. Der Zustand tierischer Wildheit ist kein menschlicher Zustand mehr.
Darum sind uns alle grossen Erinnerungen alter Zeiten so wert, weil sie an sich
selbst schon unser Gemüt erheben, und zugleich in uns den Vor- und Rückblick,
die Ahndung einer wundersamen aber notwendigen Verkettung der Dinge, kurz, eine
wahre Geistergeschichte zum Licht erheben. Darum wirst Du auch, wie die meisten
Reisenden tun, den Erinnerungen und Denkmalen des sogenannten Mittel-Alters
nicht gleichgültig aus dem Wege gehen, denn alles was die Neueren echte Kunst
und Poesie nennen dürfen, scheint mir doch nur als die letzte Verwandelung
dieser noch ziemlich unbekannten und unerkannten Jahrhunderte uns anzuglänzen.
Den Griechen und Römern haben die Künste schwerlich so viel zu danken, als sie
sich selbst immer schmeicheln möchten, und vielleicht ist in diese mehr
Missverständnis als Verständnis aus den klassischen Autoren gekommen. Mit der
Philosophie und Wissenschaft ist es freilich ein ganz anderer Fall, und
insoferne keine Zeit eine Kunst besitzen kann, die von der Wissenschaft keinen
Einfluss erführe, haben Poesie und ihre Geschwister auch gewiss viel Gutes, aber
aus der zweiten Hand, von jenen Alten bekommen.
    Ich lebe hier im einsamen Bondly einförmig und ohne Freund. Am schlimmsten
ist es, dass ich mich oft innerlich härme und quäle, wenn ich die
menschenfeindliche Stimmung meines Vaters und jene traurige Verzweiflung in ihm
wahrnehme, welche er Menschenkenntnis nennt.
    Deine Tante in Waterhall ist gestorben, ihr Gut ist an Dich gefallen -
William - darf ich mir eine schöne Zukunft denken, in welcher Du dort wohnst, so
nahe bei mir? Ich verweise alle meine Wünsche in jene Zeit, aber eine boshafte
Ahndung will es mir manchmal ableugnen, dass sie sich je erfüllen werden. -
 
                                       6
                        William Lovell an Amalie Wilmont
                                                                          Paris.
Oh, Amalie, dürft ich mit diesem Briefe zugleich nach meinem Vaterlande eilen,
in Ihre Arme fliegen, o könnt ich Tage zurückzaubern und alle Seligkeiten von
der Vergangenheit wiederfordern! Ich sitze nun hier und wünsche und sinne, und
fühle so innig die Schmerzen der Trennung. Oh, wie dank ich dir, glücklicher
Genius, der du zuerst das Mittel erfandest, Gedanken und Gefühle einer toten
Masse mitzuteilen und so bis in ferne Länder zu sprechen; gewiss war es ein
Liebender, ein Geliebter, der zuerst diese Zeichen zusammensetzte und so die
Trennung hinterging. Aber doch, was kann ich Ihnen sagen? dass nur Sie mein
Gedanke im Wachen, meine Traumgestalt im Schlafe sind? Dass sich meine Phantasie
oft so sehr täuscht, dass ich Sie in fremden Gestalten wahrzunehmen glaube? dass
ich zittre, wenn auch das fremdeste Wesen von ohngefähr den Namen: »Amalie«
nennt? Mit welchen Worten soll ich die Gefühle ausdrücken, die mein Herz
erweitern und zusammenziehn? Kein Zeichen entspricht der lebendigen Glut in
meinem Innern; oh, der hat nur halb empfunden, der noch Worte suchte und Worte
fand - ich kann, ich mag Ihnen nichts vorschwatzen - nur ein Wunsch, nur eine
Bitte: vergessen Sie nicht Ihren aufrichtigen, zärtlichen William, der Sie ewig
nicht vergessen kann.
 
                                       7
                        Amalie Wilmont an William Lovell
                                                                         London.
Mit einer innigen Wehmut setz ich mich nieder, um Ihnen zu schreiben; ich hätte
Ihnen so manches zu sagen, so manche Antwort von Ihnen zu erbitten, und doch bin
ich in Verlegenheit, wie ich es Ihnen sagen soll. So unerwartet ich Sie in
London wiedersah, ebenso plötzlich sind Sie nun wieder abgereist; alle meine
Empfindungen, frohe und traurige, wiegen mich in einen Traum, in welchem ich
keinen Begriff, kein Gefühl fesseln, nachdenken und empfinden kann. Ach,
William, in der kurzen Zeit, in welcher ich Sie kannte, hatt ich mich so frei,
so kühn, und (ich weiss nicht, wie ich es nennen soll) so gross gefühlt, dass ich
der Zukunft froh und ohne Scheu entgegensah - aber jetzt beklemmt eine unnennbare
Bangigkeit meine Brust, mein Mut verlässt mich, ich fühle mich einsam und
verlassen, ich bin wieder ein Kind, wie ich vorher war. Ich weiss selbst nicht,
was ich von mir will, die Zukunft und die ganze Welt liegt in einer finstern
Ausdehnung vor mir, ich ahnde, dass die Freuden dieses Lebens vielleicht die
zartesten Blumen sind; wehe dem Herzen, in welchem der Frühling zu früh aufgeht,
ein einziger wiederkehrender Wintertag lässt alle Blüten ersterben, dann ruft sie
kein Sonnenschein ins Leben zurück, keine herabfallende Träne erquickt sie
wieder. William, wenn dieser ewige Winter meiner wartete? - Doch, lassen Sie uns
abbrechen, wir können dem Schicksale nicht gebieten, aber Wünsche sind
verzeihlich.
    Ihr Vater ist von neuem unpässlich geworden, er sieht sehr bleich aus, ich
habe ihn neulich in London gesehn; doch sein Sie nicht betrübt darüber, etwas
ist er indes schon besser geworden. Mit welcher Freude sprach er von Ihnen! Oh,
wie liebt ich ihn um dieser Liebe willen! Ich fühlte mich in Ihrem Lobe so
geehrt - und - ich weiss nicht, ob ich weiterschreiben soll - ach, William - und
da sprach er von seinen Planen mit Ihnen, von gewissen Verbindungen, die so gut
wie geschlossen wären, er nannte mehrmals den Namen der jungen Bentink - ich
konnt ihn nicht mehr lieben, alle Freundlichkeit seines Gesichts ward für mich
plötzlich ein furchtbarer Ernst.
    Leben Sie wohl. Weiss ich doch, dass ich in Bondly mein schönstes Leben
gefühlt und gelebt habe; diese Erinnerung bleibt mir ewig, und sie wird mein
Glück sein, wenn ich in Zukunft vielleicht einmal alles verloren habe.
 
                                       8
                         Der alte Lovell an seinen Sohn
                                                                         London.
Ich schreibe Dir, indem ich mich eben von einer neuen Krankheit erholt habe, die
nicht ohne Gefahren war. Itzt ist mir besser, nur leid ich von einer Schwermut,
in welcher ich oft den trüben Gedanken nicht loswerden kann, dass ich Dich bei
Deiner Abreise zum letzten Male gesehn habe. Ich rufe mir dann lebhaft Dein Bild
zurück, und gäbe alles hin, um Dich in einem solchen Augenblicke zu sehn; ich
bin schon oft im Begriffe gewesen, Dir zu schreiben, dass Du in der möglichsten
Eile zurückkommen möchtest; aber nein, bleibe dort, wo Du Dich vergnügst und
unterrichtest, lerne Menschen kennen und bilde Dich aus; ich will meine ganze
Kraft aufbieten, dem Tode zu trotzen, dann will ich den geliebten Sohn desto
inniger an mein Herz drücken, dann will ich mich am Anblicke seines Glückes
laben und ruhig sterben. - Alle Freuden sind mir abtrünnig geworden, aber die
Vaterfreuden werden bei mir aushalten. Dein Glück ist jetzt die einzige Hoffnung,
die mich an diese Welt fesselt, in ihrer Erfüllung will ich am Abende meiner
Tage von allen Beschwerden und Mühseligkeiten der Reise ruhen. Ich habe viel
erlitten, oh, William; lerne die Menschen kennen, wenn sie Dich nicht elend
machen sollen: begegne nicht jedem mit Deiner heissesten Liebe, um nicht einst
das ganze Geschlecht zu hassen; sei sparsam mit Deinem Vertrauen, um nicht einst
in einem ewigen Misstrauen zu verschmachten. Solltest Du in der itzigen Glut
Deiner Phantasie solche Erfahrungen machen, wie ich aushalten musste - wo
wolltest Du jetzt die Stärke hernehmen, um Deine Moralität, Deine Menschheit
nicht untergehn zu lassen? Das Auflodernde in Deinen Gefühlen hat mich oft um
Dich besorgt gemacht; ohne zu untersuchen, traust Du jedem Wesen, das Dir nicht
missfällt, alle Deine Gefühle zu, und findest sie auch in fremden Seelen wieder;
aber wenn Du Dich nun in drei Freunden irrst, so wirst Du allen Glauben an
Freundschaft verlieren; den edelsten Menschen kannst Du leicht missverstehn, wenn
jene aufleuchtende Flamme, an welcher Du jetzt den fühlenden Menschen vom kalten,
den Guten vom Unwürdigen unterscheiden willst, zu einer stillen innern Glut
zurückgesunken ist: unbesonnen vertraust Du Dich dem nichtigen Entusiasmus
eines andern, und findest Dich endlich in einer dunkeln, einsamen Gruft verirrt,
in der Du ängstlich nach der Öffnung tappst. Charaktere wie Du können am
leichtesten um die Freuden ihres Lebens betrogen werden, sie sind Maschinen in
der Hand eines jeden Menschenkenners. - - In meiner Krankheit hab ich mich in
manche Szenen meines Lebens zurückgeträumt: vielleicht schick ich Dir nächstens
kleine Bruchstücke aus meiner Geschichte, vielleicht lernst Du aus Beispielen
mehr, als aus den bloss hingestellten Resultaten meiner teuer erkauften
Erfahrungen. Ich war oft einem allgemeinen Menschenhasse nahe, allentalben ward
meine Liebe verraten; Menschen, die ich für hohe Seelen gehalten hatte,
eröffneten mir plötzlich einen Blick in ihr Innres, und ich sah mit Schrecken
elenden, verächtlichen Eigennutz auf demselben Trone sitzen, auf welchem ich
Wohlwollen und Liebe erwartete: ich war schon im Begriffe, an meinem eignen
Werte zu verzweifeln, aber ich rettete noch die Verehrung der Menschheit und die
Achtung meiner selbst. -
    Was mir jetzt noch mehr als meine Krankheit unangenehm wird, ist, dass ich in
einen weitläufigen Prozess mit dem Baron Burton geraten werde. Du weisst, dass
einer meiner Vorfahren die Güter von einem Ahnen Burtons kaufte; er zweifelt
jetzt, dass die Summen ausgezahlt und die Kontrakte vollzogen sind, so wie sie
damals geschlossen wurden; der Prozess ist schon eingeleitet und er wird mir
vielleicht viele Sorge, wenigstens viele Mühe machen. Ich habe schon Advokaten
angenommen, welche behaupten, kein vernünftiger Mensch könne an der
Rechtmässigkeit meiner Sache zweifeln. Es tut mir weh, mich auch noch jetzt von
ihm verfolgt zu sehn, da er einst, in den glücklichsten Tagen meiner Jugend,
mein Freund war; es ist eine traurige Empfindung, wenn ich mit meinem
Gedächtnisse jene Zeiten zurückrufe, und sie mit den gegenwärtigen vergleiche.
Die Aussicht Deiner künftigen, gewiss festen Freundschaft mit Eduard Burton
tröstet mich etwas. Eduard ist ein edler Jüngling, er hängt fest an Dir, ihm
darfst Du Dich ungescheut vertrauen, oder ich kenne auch noch jetzt die Menschen
nicht. -
 
                                       9
                           Louise Blainville an Rosa
                                                                          Paris.
Welche Ursache in der Welt kann es geben, dass ich Sie so lange nicht gesehn
habe? Sie fangen ja an, so kalt gegen mich zu werden, wie es sich mein
verstorbener Mann kaum erlaubte; wenn ich nun zur Strafe meine Neigung auf den
jungen reizenden Engländer würfe und Sie völlig verabschiedete? Oder sind Sie
vielleicht gar schon eifersüchtig auf ihn? - Wenn dies der Fall wäre, so würden
Sie sich unnötige Mühe machen, denn es scheint mir, als hielte eine langweilige
Duegna von erster Liebe unerbittliche Wache vor seinem Herzen.
Der alte Graf Melun muss irgendeinen Anschlag im Schilde führen, er hat
vielleicht gar die Idee, mich von neuem zu einer Heirat zu bereden - und zwar -
so glaub ich wenigstens, und Sie werden gewiss mit mir lachen - zu einer
Verbindung mit ihm selbst! - Doch davon mündlich, nur machen Sie, dass ich Sie
bald sehe, sonst sollen Sie zur Strafe von diesen Vorfällen nichts erfahren. -
Adieu. -
 
                                       10
                        Rosa an die Comtesse Blainville
                                                                          Paris.
Wenn ich einen Hang zur Eifersucht hätte, so würde ihn Ihr Brief wahrlich nicht
vermindern; ich bemerkte schon neulich, dass Ihnen Lovell nicht missfiel. Doch -
warum ich Sie so lange nicht besucht habe? - Eine Unpässlichkeit - eine
Bekanntschaft - sehen Sie, wie ich mich zu rächen weiss - doch, auch davon
mündlich.
    Wenn Sie den seltsamen Lovell bekehren können, so wünsch ich Ihnen und ihm
Glück; mir scheint es fast unmöglich, denn seine Vorurteile sind zu tief mit ihm
verwachsen - doch, was ist den Weibern unmöglich? Sie lösen die schwersten
Probleme, und auf die leichteste und einfachste Art von der Welt. Ich werde mich
freuen, mit dem jungen Engländer an einem Siegeswagen zu ziehen; dulden Sie es
nicht, dass er ein so schwerer Verbrecher an Ihrer Schönheit wird, strafen Sie
seine Kälte, sie mag nun erzwungen oder natürlich sein, auf eine exemplarische
Art, und ich werde noch mehr sein
                           der innige Verehrer Ihres Verstandes und Ihrer Reize.
 
                                       11
                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                          Paris.
Ja Eduard, auch in meiner Seele haben sich nun schon so manche Träume
entwickelt, wie ich einst glücklich, mit Dir glücklich leben will. - So nahe bei
Dir - vielleicht an Amaliens Seite, im Schosse einer ländlichen Einsamkeit - ich
verliere mich seit Deinem lieben Briefe so oft in diesen Traum und tausend
Vorsätze spinnen sich dann leise in meiner Seele aus. - Mit einem kindischen
Wohlbehagen verweil ich bei meinen Planen und wünsche die Zukunft schon herbei,
um sie wirklich zu machen.
    Es ängstigt mich, Eduard: mein Vater ist krank und hat mir einen sehr
melancholischen Brief geschrieben; er liebt mich gewiss mit der innigsten
Zärtlichkeit, aber ich kann nicht an Amalien denken, ohne mich mit Wehmut meines
Vaters zu erinnern: sooft mir sein Bild vorüberschwebt, werf ich einen
schwermütigen Blick auf Amaliens schnell nachfolgendes; diese
nebeneinandergestellten Ideen zerschneiden meine Seele. Ich hasse mich, Eduard,
wenn ich daran denke, dass durch Amaliens Besitz meines Vaters Tod weniger
schmerzen könnte - aber ich schwöre Dir, es soll, es wird nicht sein. Zu diesem
unedlen Eigennutze wird Dein Freund nie hinabsinken. -
    Ein böser Dämon verfolgt mich in der Gestalt eines Engels, um Amaliens Bild
aus meinem Herzen zu reissen; aber dieser Versuch wird in Ewigkeit nicht
gelingen, ich bleibe ihr und meinen ersten, meinen schönern Gefühlen treu. - Ich
spreche von der Comtesse Blainville, der Nichte des Grafen Melun; sie ist das
Modell einer griechischen Grazie, ein Zauberreiz begleitet jede ihrer
Bewegungen, sie darf nur lächeln, um die Göttin der Liebe zu sein - ein sanfter
Blick ihres Auges - und sie ist das schönste Bild der Schwermut. - Ich kann sie
nicht betrachten, ohne zu erröten, und sooft ihr Blick dem meinigen begegnet,
schlägt sie ihn sogleich furchtsam nieder, sie sucht meine Gesellschaft und
scheint sie doch vermeiden zu wollen; so viel Herzensgüte, Sanftmut und Verstand
hab ich noch bei keinem Mädchen gefunden. Ihre Schönheit ist auffallender, ihr
Auge grösser und sprechender, und ihr ganzes Wesen hat, möcht ich sagen, einen
gewissen Zauber durch Bizarrerie und Pracht, wogegen Amaliens stille Schönheit
für die Phantasie gleichsam in den Schatten tritt. Nie wird sie aber in meinem
Herzen auch nur den kleinsten Sieg über jene himmlische Erscheinung davontragen;
aber darum kann ich mir ja doch gestehn, dass sie liebenswürdig ist, dass sie zu
den Ersten ihres Geschlechts gehört. Auch empfindet sie wirklich tief, ihre
zarte Seele ist nicht durch jenen witzigen Weltton der Franzosen verdorben; sie
ist ein einfaches Kind der Natur, ohne alle Prätension und Verstellung, ich habe
sie beim Anblicke des Elends gerührt gesehn.
    Ich schliesse; Mortimer bringt mir soeben einen Brief. - O Eduard, er ist von
Amalien! - Nein, ich bin ein Elender, wenn ich sie vergessen könnte! - Welche
Freude hat dann noch der Garten aufzuweisen, wenn dieser schönste Baum in mir
verdorrt? - Ich bleibe ewig der ihrige, so wie der Deinige.
 
                                       12
                            Karl Wilmont an Mortimer
                                                                         Bondly.
Ich muss Dir endlich schreiben und sollte auch mein ganzer Brief nichts als die
Wiederholung der Phrase entalten, dass ich Dir nichts zu schreiben weiss. Ich
schäme mich meiner Nachlässigkeit und meine ungelenkigen Finger haben das
Schreiben indes verlernt; oratorische Wendungen, Tropen, Metaphern und alle
Arten von Figuren hab ich rein vergessen, und ich selber spiele hier an meinem
Schreibpulte eine höchst armselige Figur, indem ich die Feder beisse und mir mit
der linken Hand in den Kopf kratze, um mich zu besinnen, was ich Dir wohl zu
sagen haben könnte. Ich möchte den Brief gar gern ins Feuer werfen, aber es reut
mich dann, dass ich ihn einmal angefangen habe, und einen Brief musst Du doch
irgendeinmal von mir bekommen, daher will ich nur einen dreisten Trott
fortreiten, ohne mich um die Künste eines Schulpferdes zu bekümmern. Wenn es nur
Worte sind, so hab ich die Rechnung bezahlt, und ich habe mir einmal
vorgenommen, dass das, was ich hier angefangen habe, ein Brief werden soll, und
nun soll er auch wahrhaftig zustande kommen, und sollt ich mich genötigt sehn,
einige rührende Betrachtungen über die Entfernung zweier Freunde mit einfliessen
zu lassen.
    Ich fange an, mir hier in Bondly zum Teil weniger, zum Teil besser als
ehedem zu gefallen. Der gänzliche Müssiggang behagt mir nicht recht, und doch
würd es mir schwer werden, ihn aufzuheben. Der Mensch ist ein wahres Kind, er
weiss nie recht, was er eigentlich will, er schreit und heult, und eine blecherne
Klapper kann ihn zufrieden und glücklich machen; im folgenden Augenblicke wird
sie wieder weggeworfen, und er sieht sich um, was er denn nun wohl wünschen
könne. Glücklich ist dabei noch immer der, der einer Klapper oder einer Rosine
habhaft werden kann: mischt sich aber die liebe Langeweile ins Spiel und ein
gewisses nüchternes Gefühl, das einem im Leben so oft zur Last fällt, kann man
keine Hoffnung und keinen Wunsch in seinem Gedächtnisse auftreiben; ist das
Steckenpferd lahm, oder gar zu Tode geritten - o wehe dir dann, armer
Sterblicher! entweder musst du dann ein Philosoph werden, oder dich aufhängen.
Diese Langeweile hat schon mehr Unglück in die Welt gebracht, als alle
Leidenschaften zusammengenommen. Die Seele schrumpft dabei wie eine gedörrte
Pflaume zusammen, der Verstand wächst nach und nach zu, und ist so unbrauchbar
wie eine vernagelte Kanone; alles Spirituöse verfliegt - da sitzt man denn nun
hinter dem Ofen und zählt an den Fingern ab, wann das Abendessen erscheinen
wird; die Stunden sind einem solchen Manne länger, als dem, den man am Pranger
mir Äpfeln wirft; man mag nichts denken, denn man weiss vorher, dass nur dummes
Zeug daraus wird; man mag nicht aufstehn, man weiss, dass man sich gleich wieder
niedersetzt, das drückende Gefühl geht mit, wie das Haus mit der Schnecke. - O
Mortimer, Linsen durch ein Nadelöhr zu werfen, ist dagegen eine geistreiche
Beschäftigung - und wie viele Menschen vergähnen auf dieser Erde nicht so ihr
Leben? - Die magnetische Anziehungskraft erlahmt ohne Übung, ungeschlagen
springt kein Funke aus dem Stahle, ungerieben zeigt sich keine Elektrizität an
der Glasscheibe - kein Verstand, kein Gefühl am Menschen ohne Tätigkeit,
Mitteilung und Freunde. Diese sind der Konduktor, welche einen Funken nach dem
andern in die Flasche leiten, bis dann endlich ein grosser leuchtender Funken
schreiend herausspringt - dann kommt Don Quixote oder ein verlornes Paradies zum
Vorschein, u.s.w. ad libitum.
    Weil ich aber in so kläglichen Tönen wimmre, so glaube darum von mir noch
nicht, dass ich schmachtend und hungernd in einer solchen Löwengrube sitze, oder
dass ich ganz und gar an Freuden bankerott gemacht habe - dass ich zu jenen dumm
unbefangenen Menschen gehöre, die es selber nicht ergründen können, wie ihnen
zumute ist, oder die so über und über mit einer bleiernen Unbehaglichkeit
behangen sind, dass man sie auf den ersten Blick nicht vom Elefanten mit dem Turm
unterscheiden kann; die sich mit dem kältesten Blute ersäufen könnten, weil es
gerade Donnerstag ist: - nein, lieber Mortimer, halt mich meines Geschwätzes
ohngeachtet immer noch für einen Menschen, der seine fünf Sinne, im ganzen
genommen, behalten hat; der zur Not, wenn ihn die Langeweile plagt, auf die Jagd
geht, oder nach der nächsten Stadt reitet, oder Whist spielt, oder Romane liest,
oder Dir einen Brief schreibt, wie das zum Beispiel jetzt eben der Fall ist; dann
freilich bin ich etwas vedriesslich und übelgelaunt.
    Ach, lieber Freund, was für herrliche Sachen liessen sich nicht über die
Allmacht der Liebe sagen, über jenen kleinen Jungen, der mit verbundenen Augen
durch die Welt stolpert und mit seinen goldenen Pfeilen alle Leute wie Hasen
zusammenschiesst. - Ja Freund, hier oder nirgends in meinem Leben ist es
angebracht, Dir zu zeigen, dass ich meinen Ovid und Horaz mit Nutzen gelesen
habe; hier wäre es die schönste Gelegenheit, mich durch ein hoch lyrisches
Gedicht bei Dir in eine Art von Achtung zu setzen. - Aber, Mortimer, genau
betrachtet würde nichts weiter herauskommen, als dass ich ein Narr bin, und da
ich Dir das in Prosa fast ebenso deutlich machen kann, so wollen wir's auch
dabei nur bewenden lassen.
    Du lachst schon im voraus. Du freust Dich, dass Deine neuliche Prophezeiung
so genau eingetroffen ist; - aber doch nicht so sehr, als Du nun vielleicht
glaubst. Ja, die Einsamkeit, der Mangel an Beschäftigung, o hundert Ursachen,
nach denen man gar nicht fragen sollte, denn die Erscheinung ist so natürlich,
als der Tag wenn die Sonne am Himmel steht - alle diese machen es, dass ich jetzt
nach und nach verliebt werde. - Ich bemerke es recht gut, und das eben kränkt
mich - und doch kann ich's nicht ändern. Meine Lustigkeit hat abgenommen und
steht jetzt sogar im letzten Viertel; ich fange an so gesetzt zu werden, wie ein
Mann, der zum Parlamentsgliede gewählt ist; ich werde so empfindsam, wie ein
Mädchen, das den ersten Roman mit Verstand liest. - Wenn man nun alle diese
herrlichen Progressen an sich selber bemerkt, sollen einem da nicht die Haare zu
Berge stehn? Doch, man muss sich in den Willen des Schicksals ergeben, und ich
bin jetzt überzeugt, dass man das Verlieben mit vollem Rechte inevitabile fatum
nennen kann.
    Ich muss ihr oft vorlesen, nämlich der Emilie Burton (das ist unter uns
Liebhabern nun einmal Sprachgebrauch, dass wir die Namen weglassen) und das
Vorlesen, besonders empfindsamer und rührender Sachen, ist gewiss die
gefährlichste Angel, die nach einem Menschen ausgeworfen werden kann. - Ich habe
dabei einigemal mit einem Patos deklamiert, dass ich nachher selber erschrocken
bin. - Dass ich aber zur Fahne jener seufzeraushauchenden und träneneintrinkenden
Toren schwören werde, die nur zu leben scheinen, um über ihr Leben zu klagen -
das wirst Du nicht von mir glauben. - Ich werde mich nie auf lange aus dem
gemässigten Klima entfernen. - Emilie selbst ist ein liebes sanftes Geschöpf, die
mit ungekünsteltem Gefühle sich freut und trauert, so wie es gerade die Umstände
fordern; ich mag weder eine Arria, noch eine Ninon, noch eine Clementine lieben.
- Doch, damit ich Dir nicht ein Gemälde von ihr entwerfe, muss ich nur von etwas
anderm sprechen, denn ich merke; dass ich eben in Versuchung war, Dir damit
Langeweile zu machen.
    Ich werde also vielleicht meine Liebe bald aufgeben müssen; hintergehn mag
ich den Vater nicht; sie von ihm geschenkt haben, ebensowenig - ja, ich würde
mich selbst bedenken, sie von ihm auf irgendeine Art zu verdienen. Er ist ein
gemeiner Mensch. - Ich mache mir oft einen Vorwurf daraus, dass ich noch hier und
noch so oft in seiner Gesellschaft bin. - Manche Menschen, die alles entweder
aus einem guten oder schlechten Gesichtspunkte ansehn müssen, könnten es gar für
die niedrigste, schleichendste Art von Schmeichelei halten; doch, diese Insekten
müssen einen im Leben nie viel bekümmern, am wenigsten muss man sich ihretwegen
genieren. Der Sohn, der der edelste junge Mann ist, kennt mich, er ist mein
inniger Freund geworden und er ist jetzt die grösste von allen Ursachen, die mich
noch hier in Bondly zurückhalten. Ich glaube, dass Emilie mich nicht hasst.
    Du wirst vielleicht schon wissen, dass der alte Burton auch mit dem Vater
Deines jungen Freundes einen Prozess angefangen hat; es tut mir weh, die Sachen
scheinen nicht zum besten zu stehn. Sein Sohn ist selbst darüber sehr betrübt. -
    Itzt lebe wohl, denn in der Eil wüsst ich Dir nun nichts mehr zu sagen, so
wenig ich Dir auch Überhaupt gesagt haben mag. -
 
                                       13
                         William Lovell an seinen Vater
                                                                          Paris.
Ihr Brief hat mich sehr betrübt, zärtlichster Vater - o ich möchte zurückeilen,
um Sie zu sehn, wenn ich nicht Ihr Verbot und Ihren Unwillen fürchtete. Sie sind
krank, und ich soll Sie nicht verpflegen? Traurig, und ich soll Sie nicht
trösten? Sie selbst verlangen, dass ich die Pflichten des Sohnes nicht erfüllen
soll? Sie wünschen mir Glück, und ich kann mir jetzt kein anderes Glück denken.
Sie in Gefahr und ich fern von Ihnen! Bis ich wieder einen Brief von Ihnen, mit
der Nachricht Ihrer Besserung erhalte, gibt es keine Freude, ja keine andre
Vorstellung für mich; ich sehe Sie nur schmachtend auf Ihrem Krankenlager, ich
höre Ihre Seufzer, und ein Verbrecher würd ich mir scheinen, wenn ich jetzt
fröhlich sein könnte. O ich beschwöre Sie; mir sogleich, mit jeder Post, wieder
Nachrichten zukommen zu lassen. Mit zitternden Händen werde ich den nächsten
Brief von Ihnen, noch eher als den meines Freundes, erbrechen.
    Neuigkeiten werden Sie von mir nicht erwarten; ich bin wohl, soweit man es
beim Bewusstsein sein kann, dass ein geliebter Vater leidet. In einigen Wochen
werd ich Paris verlassen; - ich habe hier einen Freund gefunden, einen Jüngling
von vortrefflichem Herzen, Balder, einen Deutschen. Er wird mit mir die Reise
nach Italien machen. Sein Sie unbesorgt, diesem darf ich trauen, auch Mortimer
schätzt ihn. - Ein Italiener, Rosa, wird uns auch begleiten; seine Bekanntschaft
wird mir in Italien manche Vorteile verschaffen, er hat viel Verstand und feine
Welt, aber mein Freund wird er nicht leicht werden können. - Ich hoffe in Ihrem
nächsten Briefe zu erfahren, dass Sie gänzlich wiederhergestellt sind; bis dahin
werde ich in beständiger Furcht leben.
    Nachschrift. Der alte Willy ist über Ihre Krankheit sehr traurig, er hat
durchaus ein Blatt an Sie einlegen wollen, und ich habe es dem alten ehrlichen
Manne nicht abschlagen mögen.
 
                                       14
                        Willy an den Herrn Walter Lovell
                                                                          Paris.
Dass Sie noch auf Ihre alten Tage Krankheiten auszustehen haben, hat mich
wahrlich herzlich gejammert; doch freilich kommen sie dann am liebsten, denn
dann hat der Mensch nicht mehr so viele Kräfte sich gesund zu machen. Ich möchte
Sie gar gerne trösten und Ihnen noch viel lieber helfen; aber wenn Gott bei
solchen Gelegenheiten nicht das Beste tut, so will die menschliche Hülfe wenig
sagen. Es ist aber schade, dass ein so guter christlicher Herr, wie Ihre Gnaden
doch in dem vollsten Masse sind; was auch Ihre Feinde nicht von Ihnen ableugnen
können, so viel Unglück und Leiden in dieser Welt erdulden soll; wenn das nicht
nachher, wenn das Leben hier ausgegangen ist, wieder gutgemacht wird, so ist das
nicht ganz recht und billig. Ich wollte, ich könnte Ihnen nur etwas von meiner
überflüssigen Gesundheit abgeben, denn ich bin hier immer, seit ich auf die
Reisen gehe, ganz frisch und gesund, und das ist mein Herr William, Ihren Sohn
mein ich, auch immer. - Trösten Sie sich aber nur, es wird gewiss bald besser
werden; so alt ich bin, so möcht ich doch zu Fusse bis nach London gehn, um Sie
einmal wiederzusehn; nur sind mir die Füsse schwach, und es ist der See
dazwischen, den die Franzosen aus Spass, (wie sie denn bei allen Sachen dummes
Zeug machen) einen Kanal nennen; wenn viel solche Kanäle bei uns in England
wären, so würde von dem Lande eben nicht ausserordentlich viel übrigbleiben. -
Bleiben Sie ja gesund, mein liebster, gnädiger Herr, dass ich Sie mit meinen
alten, schwachen Augen noch einmal wiedersehn kann. Ich würde viel weinen, wenn
ich einmal wieder die Türme von London sähe und Sie wären dann in der ganzen
weiten Gegend umher nicht zu finden, als auf dem Kirchhofe, und auch da nur tot
- es wäre ein Jammer für mich und jeden andern ehrlichen Mann, besonders aber
auch ausserdem für meinen Herrn; wenn Sie können, so bleiben Sie gesund, wie ich.
                                                                      Ihr Willy.
 
                                       15
                        Die Comtesse Blainville an Rosa
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Da Sie mich jetzt nur so selten besuchen, so seh ich mich genötigt, mich
schriftlich mit Ihnen zu unterhalten, so ungern ich es auch tue, denn ganz Ihrem
Umgange zu entsagen, wäre eine zu harte Busse für mich.
    Seit Ihrem neulichen Besuche haben sich einige nicht unwichtige Vorfälle
ereignet. Der Graf wird immer freundlicher und höflicher, er ist schon zehnmal
im Begriffe gewesen, mir durch Umwege einen Heiratsvorschlag zu tun, aber immer
ist ihm noch sein böser Genius wieder in den Zügel gefallen. Solche Leute werden
sehr langweilig, wenn sie nachher in einer Art von Verlegenheit einen andern Weg
einlenken; sie sind gestolpert und haben im Schrecken die Steigbügel verloren.
    Doch, Sie kennen ja den Grafen, dass er sich pikiert gerade dann am
geistreichsten zu sein, wenn er die Gegenwart des Geistes am meisten vermisst.
Ein Hinkender wird aber erst am meisten lächerrlich, wenn er seinen Fehler
verbergen will; dies Stottern, dies Jagen nach Wortspielen und Verdrehungen des
Sinnes - oh, es gibt nichts Hässlicheres, wenn man soeben etwas Vernünftiges
gesprochen hat.
    Lovell ist mit seiner Naivität allerliebst, der Galimatias, den er zuweilen
spricht, kleidet ihn recht gut, und ich habe jetzt die Manier gefunden, ihn zu
attachieren. Er ist eigensinnig genug, nicht durch gewöhnliche Aufmerksamkeit
gefesselt zu werden; ein Franzose würde über die Art der Rolle lachen, die ich
jetzt spiele. Freilich sind die Weiber verdammt, immer nur Rollen auswendig
herzusagen, vielleicht auch viele Männer; aber meine itzige liegt mir so
entfernt, dass ich auf meine Merkworte sehr aufmerksam sein muss, wenn ich nicht
zuweilen das ganze Stück verderben will. Ich bin so empfindsam, wie Rousseaus
Julie, ein wenig melancholisch, eine kleine Teinture aus Young und eine so
langweilige Vernunft- und Moralschwätzerin, als die Heldinnen der englischen
Romane. Sie würden mich hassen, wenn Sie mich in dieser Tragödienlaune sähen;
aber Lovell ist davon bezaubert; er hält mich in Gedanken für ein Ideal
Richardsons, für ein himmlisches und überirdisches Geschöpf. Wir empfinden so
sehr ins Feine hinein, dass mir schon oft ein Gähnen angewandelt ist, das ich nur
mit Mühe verbissen habe; durch hundert Vorfälle ist es nun endlich dahin
gekommen, dass er wirklich verliebt ist; er will sich zwar dies Gefühl selbst
nicht gestehn, aber ich mache mich jeden Tag auf eine sehr patetische Erklärung
gefasst; er ist schon oft auf dem Wege gewesen, aber jedesmal muss ihn noch das
Bild seiner Geliebten zurückgehalten haben. -
    Gestern ging er melancholisch im Garten auf und nieder, ich begegnete ihm,
wie von ohngefähr. Er freute sich und erschrak zu gleicher Zeit, meine Gegenwart
war ihm lieb, aber es war ihm unangenehm, selbst durch mich in seinen Träumen
gestört zu werden; er geriet in eine Art von Verlegenheit. Es war ein schöner
Abend, wir waren allein, ich hörte wenig von dem, was er sagte, seine Bildung,
sein schöner Wuchs, sein feuriges Auge zerstreuten meine Aufmerksamkeit: er ist
einer der schönsten Männer, die ich bis jetzt gesehn habe. Wir kamen zu einer
Laube und setzten uns. Der Abend und die Einsamkeit luden zu mancherlei Träumen
ein; ich sah es, wie Lovell schwer seufzte und ein Geheimnis auf dem Herzen
hatte.
    »An diese Abende«, fing er endlich an, »ich ahnde es, werd ich in der
Zukunft oft mit Schmerzen zurückdenken.«
    »Mit Schmerzen? - Sie verlassen uns also ungern?«
    »Und Sie können noch fragen?«
    »Sie werden neue Freunde und schönere Gegenden finden, und über die
letzteren die ersteren vergessen.«
    »Sie quälen mich«, rief er nach einer kleinen Pause etwas unwillig.
    »Ich habe Ursache zu klagen«; fuhr ich leise fort, um nicht in eine Art von
Zank zu fallen, der so leicht langweilig und widrig, selbst für beide Parteien,
werden kann, wenn man einer sehr zärtlichen Aussöhnung nicht äusserst gewiss ist;
und dies war hier nicht der Fall: - »Ich habe Ursache zu klagen«, sagt ich,
»denn ich bleibe hier in dieser öden langweiligen Welt zurück, ich verliere
einen Freund, der mir in so kurzer Zeit sehr viel wert geworden ist.«
    Er küsste mir sehr feurig die Hand. - »Comtesse!« rief er aus - »wollen Sie
mich nicht vergessen?«
    »Vergessen?« seufzt ich ganz leise. - Meine Rolle ward mir hier äusserst
natürlich, und ich spielte sie mit einer täuschenden Leichtigkeit. Er rührte
mich, denn, wahrlich, er ist mir nicht gleichgültig. - Meine Hand lag in der
seinigen, ich drückte sie ganz leise, er erwiderte es mit Heftigkeit, unsre
Lippen begegneten sich -
    Ich stand auf, wie erzürnt, er suchte mich zu versöhnen. - Wir fingen bald
wieder ein melancholisch empfindsames Gespräch an, und so ward der Streit
darüber vergessen. - Als wir zur Gesellschaft zurückkamen, stand er oft in
Gedanken. -
    Beim Abschiede drückte er auf meine Hand einen sehr feurigen Kuss. Itzt ist
in seinem Herzen die entscheidende Epoche; indes versprech ich mir über meine
unbekannte Nebenbuhlerin den Sieg. -
 
                                       16
                            William Lovell an Balder
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Ich bin die ganze Stadt durchstrichen, ohne Dich zu finden, der Abend ist so
schön, ich hätte Dir so gern alles gesagt, was ich auf dem Herzen habe; ich
schreibe Dir daher, weil ich Dich doch wahrscheinlich heut nicht mehr sehn
werde. Antworte mir noch heut, wenigstens morgen früh, wenn Du mich nicht selbst
besuchen solltest.
    O Balder, könnte doch meine Seele ohne Worte zu der Deinigen reden - und so
alles, alles Dir ganz glühend hingeben, was in meinem Busen brennt, und mich mit
Martern und Seligkeiten quält.
    Ja, Freund, jetzt fühl ich es, wie sehr Rosa recht behält, wenn er sagt: Der
Busen des fühlenden Menschen hat für tausend Empfindungen Raum, warum will der
Mensch seiner eigenen Wonne zu enge Schranken setzen? Des Toren, der da schwört,
dass er nie wieder lieben wolle! Kann er seine Seele zurücklassen?
    Du weisst von Amalien. Soll ich Dir sagen, dass ich ihr treulos bin? Treulos?
das Wort hat keinen Sinn, sie ist meinem Herzen so unentbehrlich wie je. Aber
kann ich denn diesem nämlichen Herzen widerstehn, welches mich zur Blainville
reisst. Soll ich blind sein, und ihre Schönheit nicht sehen? Welche Macht ist es,
die uns zueinander führt?
    Es war ein schöner Abend, ich war mit ihr im Garten des Grafen Melun, wir
gingen lange einsam auf und ab. Balder, sie ist das edelste weibliche Geschöpf,
das ich bis jetzt gekannt habe! so viel Natur und Herzensgüte! Ich sass im stummen
Entzücken in einer dämmernden Laube neben ihr; die Blumen dufteten Liebe, die
Vögel sangen der Göttin Lieder, sie wandelte im Hauche des Zephirs durch den
Garten und gaukelte in den Lindenblüten: mir war's, als könnt ich unter den
goldenen Schimmern des Firmaments den rosengekränzten Engel sehn, der den
tausendfachen Segen über die Natur ausgiesst; wie sich die ganze lebende und
leblose Natur kindlich zu ihm drängt, um zu empfangen und sich zu freuen - o es
war eine der wonnevollsten Stunden meines Lebens.
    Ich war hundertmal im Begriffe, ihr meine Empfindungen zu gestehn, sie in
einer blinden Begeisterung an mein Herz zu drücken, mich kühn zu ihrer Hoheit
emporzureissen - aber Amaliens Andenken hielt mich grausam ernst zurück. - Aber
ich will, ich muss ihr gestehn, was ich empfinde, ohne Mitteilung zersprengt dies
Gefühl meinen Busen.
    Begeh ich dadurch eine Sünde an Amalien? - Antworte mir hierauf, ich glaub
es nicht, ich liebe sie, ich werde sie lieben; aber soll mir diese Liebe ein
Gesetz sein, gegen jede Vortrefflichkeit unempfindlich zu sein? - Liebe erhöht
die Empfindungen, veredelt sie, sonst würd ich wünschen, nie geliebt zu haben. -
 
                                       17
                            Balder an William Lovell
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Ich möchte Dir so gern nicht antworten - da komm ich mit hundert schwermütigen
Träumen, mit tausend lästigen Gefühlen aus der nüchternen Welt nach Hause - und
finde nun noch Dein Billet; - ich will noch einige Zeit anwenden, Dir zu
antworten, besuchen mag ich Dich in meiner itzigen Stimmung nicht, wir würden
nur streiten und morgen hab ich eine Menge lästiger Geschäfte: kurz, ich will
Dir schreiben, nur lass mich nachher nicht öfter darüber sprechen, denn wir
werden nie einig werden.
    Die ganze Welt erscheint mir oft als ein nichtswürdiges, fades
Marionettenspiel, der Haufe täuscht sich beim anscheinenden Leben und freut
sich; sieht man aber den Draht, der die hölzernen Figuren in Bewegung setzt, so
wird man oft so betrübt, dass man über die Menge, die hintergangen wird und sich
gern hintergehen lässt, weinen möchte. Wir adeln aus einem törichten Stolze alle
unsre Gefühle, wir bewundern die Seele und den erhabenen Geist unsrer
Empfindungen und wollen durchaus nicht hinter den Vorhang sehn, wo uns ein
flüchtiger Blick das verächtliche Spiel der Maschinen enträtseln würde. - Ich
sehe in Deiner neuen Liebe nichts, als Sinnlichkeit, Deine Phantasie bedarf
beständig eines reizenden Spiels und Du wirst es auch allentalben sehr bald
finden; jenes hohe, einzige Gefühl der Liebe, das sich weder beschreiben noch
zum zweiten Male empfinden lässt, hat Deine irdische Brust nie besucht, bei Dir
stirbt die Liebe mit der Gegenwart der Geliebten. - Warum willst Du das hohe
Wort entweihen?
    Ich erinnere mich lebhaft aus den wenigen goldenen Tagen meines Lebens, wie
meine ganze Seele nur ein einziges Gefühl der Liebe ward, wie jeder andre
Gedanke, jede andre Empfindung für mich in der Welt abgestorben war; in die
finstern Gewölbe eines romantischen Haines war ich so tief verirrt, dass nur noch
Dämmerung mich umschwebte, dass kein Ton der übrigen Welt an mein Ohr gelangte.
Die ganze Natur wies auf meine Liebe hin, aus jedem Klange sprang mir der
Geliebten holder Gruss entgegen. Sie starb - und wie Meteore gingen alle meine
Seligkeiten auf ewig unter, sie versanken wie hinter einem finstern fernen
Walde, kein Schimmer aus jener Zeit hat mir seitdem zurückgeleuchtet.
    Und auch nie wird ein Strahl zu mir zurückkehren! Ich sitze auf dem Grabmale
meiner Freuden und mag selbst kein Almosen aus der Hand des Vorübergehenden
nehmen, mein Elend ist mein Trost. -
    Ich fürchte, William, Du verstehst mich nicht, unser Gefühl widerspricht
sich hier. Aber wenn Amalie Dich liebt, so ist sie durch Deine Liebe elend, denn
Du wirst ihr dann nie zurückgeben, was sie Dir im vollen Masse ihrer Empfindungen
schenkt. Sie seufzt um Dich, und Du vergissest sie, sie leidet, und Dich
bewillkommnen neue Freuden - taufe Deinen Sinnenrausch nicht mit dem Namen
Liebe, Du beleidigst diese hohe Gotteit: denn ist nicht Liebe eben dadurch
Liebe, dass sie gänzlich unsern Busen füllt? Unsre Seele ist zu eng, um zwei
Wesen mit demselben starken Gefühl zu umfangen, und wer es kann, der ist an
Herzensgefühl arm geworden.
 
                                       18
                        Die Comtesse Blainville an Rosa
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Seit meinem neulichen Briefe hat sich manche sehr wichtige Begebenheit ereignet,
und gestern hielt mich Lovell so belagert, dass ich Ihnen unmöglich etwas davon
sagen konnte, ich muss daher wieder zum Schreiben meine Zuflucht nehmen.
    Mit meinem teuersten Onkel bin ich so gut wie versprochen, endlich ist das
Geständnis über seine Lippen gekommen.
    Der Graf besuchte mich neulich, so wie er oft tut. Ich war gerade mit einer
Stickerei beschäftigt. Natürlich bewunderte er, was gar nicht zu bewundern war,
und lobte, wo nur irgendein Faden lag; man wird an so etwas gewöhnt und ich gab
daher gar nicht besonders darauf acht. Das Kammermädchen ging von ohngefähr
hinaus und nun nahm das Gespräch eine andere Wendung.
    »Sie sind so oft allein, liebe Nichte, wird Ihnen denn nicht zuweilen die
Zeit lang?«
    »Nie - da Sie mir überdies den Gebrauch Ihrer Bibliotek erlaubt haben.«
    Er nahm einige Visitenkarten in die Hand, die auf dem Tische lagen, und sah
sie ganz gleichgültig durch. -
    »Rosa?« fing er an - »wie kömmt's, dass ich ihn so lange nicht gesehn habe?«
    »Ich weiss nicht, welche Geschäfte ihn abhalten müssen -«
    »Wenn er seine Unart nicht wieder gutmacht, so wird er sich Ihren Unwillen
zuziehn.«
    »Er hat über seine Zeit zu gebieten.«
    »Ich glaube gar, Sie sind schon jetzt böse auf ihn«, fuhr er lachend fort. -
    »Wie kommen Sie zu dieser Meinung?«
    »Je nun« - er legte die Karten wieder auf den Tisch und tat, als betrachtete
er die Stickerei, indem er mich verstohlen aufmerksam und fest beobachtete. -
»Sie haben ihn von je ausgezeichnet, und er erwidert Ihre Höflichkeit mit Undank
-«
    »Ausgezeichnet?« indem ich mit der grössten Kälte etwas ausbesserte. »Sie
wollen sagen, dass er mich auszuzeichnen schien, und oft zu meinem grössten
Verdruss.«
    »Verdruss?«
    »Bin ich denn nicht seitdem auf einem hohen Tone mit meiner kleinen Freundin
Cäcilie? hat denn der närrische Belfort nicht seitdem gänzlich mit mir
gebrochen, der mich so oft zu lachen machte? - Ich bin froh, dass dieser Rosa mir
nicht mehr soviel Langeweile macht. -«
    »Wenn Rosa Ihnen Langeweile macht, so muss dies mit Ihren übrigen
Gesellschaftern noch mehr der Fall sein.«
    »Leider!«
    »Und Sie nehmen gar keinen aus?« - Er sah mich mit einem leichten Lächeln
an.
    »Ein Besuch ist mir jederzeit angenehm.«
    Ein plötzlicher Schreck zuckte wie ein Blitz durch seine lächelnden Lippen,
er sah mit einem Male sehr ernstaft aus. - »Und dieser eine?« fragte er, indem
er sich in ein Lachen aufs Geratewohl hineinwarf, das noch so ziemlich natürlich
ward - »darf ich ihn nicht wissen?« -
    »O ja«, antwortete ich ihm munter. »Sollten Sie im Ernste nicht gemerkt
haben, dass ich Sie meine?«
    »Mich? auf dieses Kompliment war ich freilich nicht vorbereitet.«
    »Es soll auch kein Kompliment sein.« -
    »Also Ernst?«
    »Was sonst?«
    »Sie würden diese Versicherung vielleicht bald bereuen, wenn ich in
Versuchung käme, Sie öfter zu sehn?«
    »Sie werden sehn, wie gross mein Vergnügen sein wird.«
    »Wenn ich Ihnen ganz glauben dürfte?«
    »Und warum wollen Sie zweifeln?«
    »Louise, liegt Ihnen wirklich nichts an jenen jungen, witzigen, artigen
Gesellschaftern?«
    »Sie sind mir lästig.«
    »Sie lieben überhaupt nicht die grosse Welt und ihre Freuden.« -
    »Sie macht mir Langeweile.«
    »Sie sind für ein stilles, häusliches Glück geboren.«
    »Ich wünsche mir kein andres und werde nichts darin entbehren.«
    »Glücklich ist der Mann, den Sie einst Ihren Gatten nennen.« - Er stand auf
und ging schweigend auf und ab; ich war stumm und arbeitete an der Stickerei
weiter.
    »Man gewinnt nichts in jener sogenannten grossen Welt«, fuhr er endlich
ernstaft fort, »man verliert sein Leben in einem langweiligen Spiele, man lernt
keine Freude des Herzens kennen, man findet im Entbehren seinen Stolz und ein
eingebildetes konventionelles Glück. Ich habe nun lange in dieser Welt gelebt,
Louise, und kein Glück gekannt.«
    »Weil Sie es vielleicht nicht suchten.«
    »Eine elende Eitelkeit hintergeht uns mit betrügerischen Versprechungen, wir
schämen uns täglich, besser als andre zu sein; wir vergehn alle in einer
Langenweile, weil es die strenge Mode so fordert - aber ich will mich jetzt von
diesem Vorurteile losmachen. - Wenn ich ein Herz fände, das so wie das meinige
fühlte, das eine Ahndung vom wahren Glücke hätte und an einem langweiligen
Traume nichts verlöre -«
    »Sollten diese Herzen so selten sein?«
    »Sie sind es, Louise. Man wagt es nicht, der Natur und ihrer Lockung zu
folgen - wenn ich eine Seele fände, die mich liebte, der es nicht schwer würde,
fade Vorurteile von sich zurückzuweisen - o Louise, wenn Sie diese wären!«
    Ich konnte nicht antworten.
    »Wenn Sie diese wären!« fuhr er feuriger, aber immer sehr ernstaft fort. -
»Antworten Sie mir.«
    »Und wenn -«
    »Ich will Sie nicht übereilen, ich will Sie nicht überreden, fragen Sie Ihr
Herz und antworten Sie mir nach einigen Tagen. - Ich bin der bisherigen Art zu
leben überdrüssig. Ich habe Sie erzogen, ich kenne Sie, Sie haben mir schon
viele Freuden gewährt, meine Vorsorge hat die schönsten Früchte hervorgebracht,
ich gefalle mir in Ihnen, wie in einem verschönernden Spiegel.« - -
    So weit schreibe ich Ihnen ungescheut alle diese Lobeserhebungen, weil mehr
als die Hälfte auf ihn selber zurückfiel, aber die übrigen verschweig ich, weil
sie mich nur allein trafen. - Er verliess mich endlich.
    Soll ich Ihnen gestehn, Rosa, dass ich in einer Art von sonderbaren Stimmung
war, als er mich verlassen hatte? Er war so ernstaft gewesen, wie ich ihn noch
nie gesehn hatte, er hatte mit Rührung gesprochen. - Sein itziges ganzes Leben
ist ihm flach und uninteressant erschienen, ein Herbstwind hat die Blätter von
den Bäumen geschüttelt, die Gegend ist dürr und öde geworden, und er übersieht
mit einem Durchblicke die lichten Stellen des Gartens, wo einst die versteckten
Partieen den höchsten Reiz ausmachten. - Er will ein genussreicheres Dasein
suchen, er appelliert an mein Herz und will sich von mir eine neue,
freudenreichere Existenz erkaufen - und soll ich ihn hintergehn? -
    Ich war wirklich weichherzig geworden, meine Schwäche hatte mich so sehr
überrascht, dass ich mir vornahm, (Rosa, ich schäme mich, es niederzuschreiben,)
zu jenen kindischen Gefühlen und Ideen meiner frühesten Jahre meine Zuflucht zu
nehmen, mir selbst alle meine Erfahrungen und reiferen Gedanken abzuleugnen und
sie Lügner zu schelten. - Kurz, ich war auf dem Wege, eine vortreffliche Matrone
aus der Provinz zu werden, die ihren Töchtern einen gründlichen Unterricht im
Katechismus gibt oder über eine Stelle in der Bibel ihre frommen Tränen
vergisst; - oh, die Schwachheit ist der weiblichen Natur so eigen, dass wir ohne
diese vielleicht aufhören würden, Weiber zu sein: - der eine Liebhaber rührt uns
durch seine Schönheit, der andre durch Geschenke, der dritte durch Zärtlichkeit,
ein vierter durch Aufwand von moralischen Maximen und beweglichen Bitten, und
sollt er selbst unser Onkel sein. -
    Ich kam wieder aus meiner Zerstreuung zurück, meine Eitelkeit, mein Stolz
erwachte; ich schämte mich vor mir selber. So leicht, sagt ich zu mir, bin ich
also zu bewegen, dem angenehmsten Liebhaber den unangenehmern vorzuziehn? Wie
wenig Wert muss mein Verstand haben, da es so wenig kostet, mich dahin zu
bringen, die Gedanken eines glänzenden Lebens so leicht aufzuopfern? - Es fiel
mir ein, wie es vielleicht mehr Eitelkeit als Liebe sei, die den Grafen zu
diesem Schritte treibe.
    Der letzte Gedanke tat meiner eigenen Eitelkeit wehe, es schien mir am Ende
doch, dass er mich wirklich liebe. Ich würde vielleicht noch einmal den Kampf mit
mir selber angefangen haben, als sich Mortimer und Lovell melden liessen: da ich
also jetzt keine Zeit hatte, schob ich mein Nachdenken und alle Empfindungen
darüber bis zu einer bequemern Zeit auf.
    Lovell war sehr ernstaft und zurückhaltend, ich weiss nicht welche Gedanken
ihn mit ganz neuer Kraft überrascht haben mussten, er war still und selbst kalt.
Wir waren auf einige Augenblicke allein, und diese benutzte ich so, dass ich ihn
aus allen seinen Verschanzungen trieb. Er wurde verwirrt, wollte sprechen und
konnte nicht; bald nachher verliess er mich sehr unruhig.
    Schon gestern am Morgen liess er sich anmelden: gleich beim Eintritte bemerkt
ich, dass er heut einen grossen Coup machen wollte, und ich hatte mich nicht
geirrt. Er war in einer beständigen Verlegenheit, er hatte mir immer etwas zu
sagen und wagte es doch nicht, er ward rot und blass.
    Endlich als er mich verliess, fasste er den grossen Entschluss, er küsste mir
ausserordentlich feurig die Hand, gab mir ein Papier und eilte aus dem Zimmer. -
Dieses Blatt will ich Ihnen beilegen.
    Zwei solche aufeinanderfolgende Triumphe müssen meiner Eitelkeit
schmeicheln, nicht wahr? - -
    Ich sehe, dass mein Brief sehr lang geworden ist, das Schreiben fängt an mich
zu ennuyieren, leben Sie wohl.
 
                                       19
              William Lovell an die Comtesse Blainville (Einlage)
                                                                          Paris.
Nicht länger will ich, kann ich schweigen. Überraschen Sie diese Worte, so bin
ich verloren; aber nein, auch ohne Worte müssen Sie längst gefühlt haben, was
Sie mir sind, und warum soll ich nicht gestehn, was ich nicht Kraft zu
verschweigen habe: erfahren Sie es also durch einen irdischen Laut, dass ich Sie
liebe und unaussprechlich liebe. Zürnen Sie mir, so habe ich Sie zum letzten
Male gesehn.
 
                                       20
                             Andrea Cosimo an Rosa
                                                                            Rom.
Wie kömmt es, dass Du uns gar keine Nachrichten von Dir und Deinem Auftrage
gibst? - Hast Du mich und Deine übrigen Freunde vergessen? - Lege unsern
Entwürfen nicht selbst durch Verzögerung Hindernisse in den Weg und vergiss nie,
dass bei uns vom Argwohne zur Verfolgung und Strafe nur ein Schritt ist. -
 
                                       21
                         Willy an seinen Bruder Tomas
                                                                          Paris.
Ich glaube Dir darin, lieber Bruder, was Du mir von wegen meiner Briefe sagst,
ich weiss es auch, dass sie bei weitem nicht die schönsten sind, die einem der
Briefträger bringen kann; aber das kannst Du mir doch auf mein Wort glauben, dass
sie aus dem allerbesten Herzen kommen. Und dann weiss ich ja auch, dass Du Deinen
guten redlichen Verstand hast, der immer gleich weiss, was man sagen will, sonst
würd ich wahrhaftig mit meinem Briefschreiben übel ankommen; aber einem
Gelehrten ist gut predigen. Was ich Dir in dem nächsten Briefe geschrieben
hatte, ist hier immer noch wahr und ich kann Dir keine andern besondern
Neuigkeiten schreiben, ausser dass wir nun bald von Paris abreisen werden. Der
Italiener, von dem ich Dir neulich ein paar Worte schrieb, reist mit uns, und
das ist mir gar nicht ganz lieb; der Mann ist mir sehr fatal, aber ich weiss
selber nicht, warum. Du wirst es auch wohl wissen, Tomas, dass einem manchmal
Menschen zuwider sind, aber man kann es nicht herauskriegen, wie es in aller
Welt zugeht; so geht es mir mit dem Herrn Rosa, der aus Italien gebürtig ist.
Wir haben noch eine neue Gesellschaft an dem Herrn Balder, der aus der Gegend
von Deutschland ist, den mag ich viel lieber leiden: wenn er auch oft etwas
vedriesslich aussieht, so ist ihm doch immer recht freundschaftlich zumute; er
ist ein sehr guter Freund von meinem Herrn William, der Dich auch bei der
Gelegenheit herzlich wieder grüssen lässt. Wir bedauern beide die gute Tante, die
in Waterhall gestorben ist, aus allen Kräften, aber es kann ihr doch nichts mehr
helfen; allein es ist unsre Schuldigkeit und Deine auch, Tomas, und ich traue
Dir auch so viel christliche Nächstenliebe zu, dass Du im stillen dies Bedauern
für Dich treibst, wenn Du mir auch in Deinem Briefe nichts davon geschrieben
hast.
    Was mich wundern soll, ist, wie das Italien aussehen wird, die Landkarte
davon kommt mir närrisch genug vor, an einigen Orten ist es so enge, dass sich
schwerlich zwei Wagen ausweichen können; ich will Dir doch manches darüber
schreiben, so weisst Du es doch von einem Manne, der alles mit Augen gesehn hat,
und noch dazu von einem Bruder, der Dir also nichts vorlügen wird. Viel Künste
sollen sie in Italien können, aber ich glaube doch, dass nichts über das
englische Wettrennen geht, wenigstens hab ich bis jetzt gar nichts Schöneres
gefunden.
    Mir ist hier in Paris die Zeit oft herzlich lang geworden; die Leute, die
Pariser, und die Franzosen überhaupt, wollen mir nicht ganz gefallen, sie
könnten besser sein. In England sehn die Leute viel gesunder und stärker aus;
wir haben auch Krüppel, die sich gewiss gegen jeden französischen dürfen sehen
lassen, aber sie sind nicht so ausgehungert und demütig. -
    Antworte mir, wenn Du Zeit hast; wenigstens bleibe mein treuer Bruder.
                                                                           Willy
 
                                       22
                        Die Comtesse Blainville an Rosa
                                                                          Paris.
Sie zweifelten neulich an meinem Siege, ich schreibe Ihnen, nachdem er errungen
ist.
    Ich hatte Lovell gestern abends zu einem Tête-à-tête zu mir bestellt. Er
stellte sich pünktlich ein, der Graf ist auf mehrere Tage verreist, mein
Kammermädchen hatte ihre gemessene Ordre. Sein Gesicht hatte sehr etwas
anziehend Schwermütiges, worunter eine sanfte Freude hervorleuchtete; er hatte
mir so viel zu sagen, aber wir sprachen nur wenig, Küsse, Umarmungen, zärtliche
Seufzer ersetzten die Sprache. Ich musste ihm mehrere Sachen auf dem Fortepiano
spielen, der Mond goss durch die roten Vorhänge ein romantisches Licht um uns
her, die Töne zerschmolzen im Zimmer in leisen Akzenten. - Sie kennen ja das
Gefühl, wenn die hochgespannte Empfindung uns in äterische und Überirdische
Entzückungen versetzt, die doch so nahe mit der Sinnlichkeit verwandt sind; der
erhabenste Mensch glaubt sich zu veredeln, indem er sinkt, und kniet
wonnetrunken vor dem Altare der irdischen Venus nieder. - Durch alle jene
geheimen Nuancen der Wollust ging Lovell; endlich schwur er in meinen Armen
seine Kälte und Unempfindlichkeit ab; ich freue mich, ihn bekehrt zu haben.
    Leben Sie wohl, ich bin müde und schläfrig. -
                                                              Louise Blainville.
Nachschrift. Apropos! Was macht die kleine Blondine, von der Sie mir neulich
erzählten? Sind Sie noch gesonnen, sie als Jockei mit auf die Reise zu nehmen?
 
                                       23
                            William Lovell an Balder
                                                                          Paris.
Balder, ich schreibe Dir noch einmal, ich darf Dir schreiben, denn Du selber
wirst meinen Gefühlen recht geben. O Freund, ich bin aus einer düstern Grabnacht
entstanden, ein flammendes Morgenrot zieht am Himmel herauf und spiegelt mir
feurig ins Angesicht. Louise ist mein, ewig mein, sie hat sich mir mit dem
heissesten Kusse der Liebe versichert. Ich trotze Deiner Verachtung, der
Verachtung einer Welt; unauflöslich mit glänzenden Fesseln an die Liebe
gekettet, wagt sich kein kleinliches Gefühl der Sterblichkeit in den Umkreis
meines Paradieses, mit einem flammenden Schwerte steht mein Schutzgeist an der
Grenze und geisselt jede unheilige Empfindung hinweg, der siegjauchzende Gesang
der Liebe übertönt im hohen Rauschen des Triumphs jeden Klang des irdischen
Getümmels.
    Ich fürchte, dass ich Dir Wahnsinn spreche, aber ich muss mein Gefühl
mitteilen; sei blosser Freund, wenn Du mir zuhörst - nachher magst Du mich
tadeln; aber ich bedaure den, der mich tadelt, ohne mich zu beneiden; ich
bedaure die Toren, die ewig von der Verächtlichkeit der Sinnlichkeit schwatzen,
in einer kläglichen Blindheit opfern sie einer ohnmächtigen Gotteit, deren
Gaben kein Herz befriedigen; sie klettern mühsam über dürre Felsen, um Blumen zu
suchen, und gehen betört der blühenden Wiese vorüber. Nein, ich habe zum Dienste
jener höheren Gotteit geschworen, vor der sich ehrerbietig die ganze lebende
Natur neigt, die in sich jede abgesonderte Empfindung des Herzens vereinigt, die
alles ist, Wollust, Liebe, für die die Sprache keine Worte, die Zunge keine Töne
findet. - - Erst in Louisens Armen hab ich die Liebe kennen lernen, die
Erinnerung an Amalien erscheint mir wie in einer nächtlichen neblichten Ferne;
ich habe sie nie geliebt.
Ich hatt ihr Liebe zugeschworen,
Ich Tor, mit Liebe unbekannt
Zu keiner Seligkeit erkoren,
In irdscher Nichtigkeit verloren,
Am schwarzgebrannten Felsenstrand.
In schwerer Dumpfheit tief versunken
Lag um mich her die leere Nacht:
Da grüsste mich ein goldner Funken -
Ha! rief ich töricht wonnetrunken,
Dort flammt mir Phöbus' Götterpracht.
Doch alle Ketten sind gesprungen -
Aus Osten sprüht ein Feuerglanz;
Der grosse Kampf ist ausgerungen,
Mir ist der schönste Sieg gelungen -
Herakles trägt den Götterkranz!
Ha, mögen nun mit Feuerschwingen
Sich Blitze dicht an Blitze reihn,
Mag Donner hinter Donner springen,
Ich will mit Tod und Schicksal ringen,
Bleibt sie, bleibt sie nur ewig mein! -
                              Am folgenden Morgen
Ich erwache - und erschrecke, Balder, indem ich dies noch einmal überlese. - Wie
ein Schwindel befällt mich die Erinnerung an gestern - Amaliens Andenken kömmt
in der ganzen Heiligkeit der Unschuld auf mich zu, mit herzdurchschneidender
Wehmut - o Balder, ich möchte vor mir selber entfliehen. - Was ist die Stärke
des Menschen? - Ich bin ein Elender, tröste mich, wenn Du kannst. -
    O ich muss fort, fort von Paris - ich muss! - Mir ist, als wollten die Häuser
über mich zusammenstürzen, der Himmel hängt tief und trübe auf mich herab. - Wir
wollen aufbrechen und nicht mehr säumen. - O Balder, Du hast recht, ich bin ein
Nichtswürdiger, mein Herz ist zu klein für jene Götterempfindungen - verachte,
verlass mich nicht - und zerreiss dies Papier nicht, bewahr es, und wenn Du mich
im Begriffe siehst, Amalien und meine Schwüre zu vergessen, dann reiche mir es
heimlich und schweigend, und mir wird sein, als wenn ein Donnerkeil vor mir
niederfiele. -
 
                                       24
                        Amalie Wilmont an William Lovell
                                                                         London.
Warum hab ich seit so langer Zeit keinen Brief von Ihnen erhalten? Ich bin darin
wie ein Kind, dass mir immer gleich tausend Übel beifallen, die Ihnen zugestossen
sein könnten; reissen Sie mich bald aus meiner Unruhe. - Ich bin oft einsam und
beschäftige mich in meinen Träumereien mit Ihrem Andenken oft durchbohrt der
Gedanke mein Herz: er hat dich vielleicht schon vergessen! und dann wein ich -
und werfe mir dann wieder das Unrecht vor, das ich Ihnen tue, und bitte Ihrem
kleinen Gemälde, das Sie mir hiergelassen haben, meine Übereilung ab. - O
schreiben Sie mir, selbst wenn Sie krank sein sollten; seitdem ich keinen Brief
von Ihnen erhalten habe, seh ich nichts als Räuber und Banditen, die Sie
überfallen und ermorden, ich sehe Sie ohnmächtig gegen die Wellen kämpfen - oder
höre Sie in einem brennenden Hause vergebens nach Rettung rufen - o schreiben
Sie mir ja sogleich, mir treten oft kalte Tränen des Entsetzens in die Augen. -
Ihr Vater ist jetzt wieder besser, aber er ist mit dem Baron Burton in einen
Prozess verwickelt, der ihm viel Zeit kostet und Verdruss verursacht. Es scheint,
es gibt mehr schlimme Menschen in der Welt, als ich glauben konnte. Doch Sie
sind ja mein Freund, mein Wunsch; nur zu Ihnen will ich alle meine zagenden
Gedanken senden. Nur bald wieder einige Worte von Ihnen und ich bin froh und
glücklich.
 
                                       25
                        William Lovell an Amalie Wilmont
                                                                          Paris.
Wie wohl und wehe Ihre zärtlichen Besorgnisse meinem Herzen tun! - ich sollte
Sie vergessen? - Nimmermehr! - Nein, halten Sie mein Herz nicht für so armselig,
dass es je die Gefühle verlieren könnte, die es Ihnen zu danken hat, nein, im
Innersten meiner Seele liegen sie aufbewahrt, als ein Unterpfand meines Wertes.
O Amalie, ich hoffe mit Sehnsucht auf die Zeit meiner Rückkehr, mit Sehnsucht
auf den Augenblick, in dem ich Sie wiedersehe; dies Glück nach einer so langen
Trennung wird mich berauschen, der lange leere Zwischenraum wird mich dann diese
Freude desto lebhafter empfinden lassen. - Ich denke oft mit Traurigkeit an
meinen grausam zärtlichen Vater - oh, die Liebe mag mir diesen Frevel verzeihen
- Ihretwegen wünsch ich oft, dass er mich weniger liebte, dann hätt ich ein
grösseres Recht, ein ungehorsamer Sohn zu sein. - Aber jetzt! - Doch wer weiss,
welche Freuden mir noch die karge Zukunft aufbewahrt, um mich durch ihre
allmäligen Wohltaten glücklich zu machen! Die Hoffnung soll meine Freundin sein;
eben die Liebe meines Vaters ist mein Trost, er gönnt mir jede Freude des
Lebens, er wird mir die nicht missgönnen, die die Grundlage meiner Existenz ist,
an die sich jedes andre Glück nur reihen kann; sehn Sie, wie ich mir aus meinem
Leiden selbst eine Freude heraussuche; denn bei der Gewissheit meines Glücks,
ohne diese Hoffnung, würde mich die Trennung noch länger dünken. - Sein Sie
heiter, auch ich will es sein, verzeihen Sie dem Freunde eine Nachlässigkeit,
durch die er Ihren Zorn verdient hat. Ich wollte stets meine schönsten Stunden
wählen, Ihnen zu schreiben; bald aber machte mir diese, bald eine andre Ursache
böse Laune und so ward alles Schreiben aufgeschoben. - O teuerste, teuerste
Amalie - es gereuen mich die Worte, die ich niedergeschrieben habe; tote Zeichen
können nie die Empfindungen meines Herzens ausdrücken, alles ist kalt und ohne
Sinn; lassen Sie die Liebe diesen Brief lesen, lesen Sie ihn mit der Sehnsucht,
mit der trüben fröhlichen Melancholie, mit der ich ihn schrieb, dann werden Sie
fühlen, wie Ihr Herz klopft, wie eine unerklärbare Bangigkeit Ihren Busen
zusammenpresst, wie die Pulse rascher schlagen, wie der Geist die Hülle des
Körpers zu durchbrechen strebt, um in die Umarmung des verwandten Genius zu
fliegen - o dann werden Sie empfinden, wie ich - dann zerreissen Sie das Papier
und unsre Geister besprechen sich unmittelbar in einer hohen entzückenden
Begeisterung.
 
                                       26
                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                           Lyon.
Wir haben endlich Paris verlassen und mir ist besser. Die Reise hieher hat mich
wieder heiter gemacht, die schöne Natur hat die finstern Phantasieen
verscheucht, die mich marterten, ich denke wieder freudig an Dich und an
Amalien, ich habe mit meiner Seele einen Frieden geschlossen. - Ach, Eduard, es
ist eine traurige Bemerkung für mich, dass die gepriesene Stärke des Menschen so
wenig Konsistenz hat; ohne Versuchung traut man sich die Kräfte eines Herkules
zu - aber wie bald erliegt der Held im Kampfe. - In Louisens Armen vergass ich
Dich und Amalien; errötend schreibt es der Freund dem Freunde nieder, ja ich
schämte mich des Andenkens an euch, weil es mich peinigte, ich suchte ihm zu
entfliehen; - aber vergebens. - Doch kamen meine schönern Gefühle bald zu mir
zurück, ich söhnte mich bald mit meinen teuersten Schätzen aus, der Rausch der
Sinne sank jetzt zu jener Verächtlichkeit hinab, in welche er meine reinern
Empfindungen des Herzens warf. - Und so, Eduard, reich ich Dir nun, wie zu einem
neuen Bunde, die Hand; vergib mir, vergiss meine Schwäche, jetzt soll mich der
äussere Schein und eine elende Heuchelei nicht wieder so leicht hintergehn; in
Louise Blainville hab ich mich geirrt, aber mir wird kein zweiter Irrtum
begegnen; es lebt nur eine Amalie, es gibt nur ein Glück für mich. - Ich muss der
Aussenseite der Menschen weniger trauen, ihr Betrug wird ihnen sonst zu leicht
gemacht, ich will Vorsicht lernen, ohne sie wieder zu erkaufen.
    Balder und Rosa, von denen ich Dir geschrieben habe, begleiten mich nach
Italien. Rosa ist mir jetzt schon viel lieber als vorher; man muss manche Menschen
nur erst so genau kennenlernen, dass das Fremde bei ihnen verschwindet, und man
findet sie ganz anders, als anfangs; eben diese Erfahrung hab ich auch bei
Mortimer gemacht, dessen Laune mich jetzt sehr oft unterhält. - Ja, Eduard, ich
verspreche Dir klüger zu werden, mich nicht so oft von dunkeln Gefühlen
überraschen zu lassen, sondern mehr zu denken und mit freiem Willen zu handeln.
- Balder ist ein sehr liebenswürdiger Jüngling; nur macht ihn seine Melancholie
sehr unglücklich. - Lebe wohl, Du erhältst nächstens noch einen Brief von mir,
ehe ich von Dir eine Antwort haben kann.
 
                                       27
                          Walter Lovell an seinen Sohn
                                                                         London.
Der Onkel Deines Freundes Mortimer liegt auf dem Sterbebette und wünscht nichts
sehnlicher, als seinen Neffen vor seinem Tode zu sehn: Du wirst Dich also
wahrscheinlich von ihm trennen müssen und Deine Reise ohne ihn fortsetzen. - Ich
weiss, dass Du keinen Aufseher brauchst, und da Dich zwei andere Freunde nach
Italien begleiten werden, so wirst Du ihn weniger vermissen. Ich wünsche nicht,
dass er sich durch Gewissenhaftigkeit, oder eine Idee von Verbindlichkeit gegen
Dich zurückhalten liesse, denn ihn scheint hier in London ein Prozess zu erwarten,
der ihm vielleicht, wenn er nicht selbst gegenwärtig wäre, in Ansehung der
Erbschaft manche Schwierigkeit machen könnte; darum sage ihm nur, dass er sich
selbst keine eingebildeten Hindernisse in den Weg legen soll, abzureisen. -
    Meine Gesundheit scheint jetzt fester zu stehn, als jemals, aber mein Prozess
mit Burton macht mir viele Unruhe. Er leugnet, dass die Summe für die beiden
Güter Orfield und Bosring jemals bezahlt sei, er produziert Schriften seines
Grossvaters, die es zu beweisen scheinen: mein unglückliches Gedächtnis, die
Reise hieher und meine neuen Einrichtungen machen, dass ich jene Dokumente nicht
finden kann, die ihn des Gegenteils überführen würden; sein Advokat ist der
verschlagenste in London. - Ich hoffe aber, dass ich dennoch die Sache gut
durchführen werde, denn viele Umstände vereinigen sich gegen Burton.
    Um alle Bedenklichkeiten Mortimers zu heben, hab ich einen Brief an ihn
beigelegt. -
 
                                       28
                            Mortimer an Karl Wilmont
                                                                           Lyon.
Mein Onkel will durchaus sterben und ich soll durchaus nach England
zurückkommen. - Der arme alte Mann hat mich in einem Briefe sehr gerührt, er
wünscht mich noch zu sehen, er kann durchaus nicht eher ruhig sein. Itzt reut
mich der Leichtsinn sehr, mit welchem ich ihn oft behandelt habe, er liess mich
aber auch nie von seiner Liebe gegen mich etwas merken, wenigstens nicht mehr,
als man von jedem, nur mittelmässigem Onkel mit Recht verlangen kann. - Ich grüsse
also bald wieder meinen vaterländischen Boden, und dann, Karl, will ich ganz das
wilde, unstete Leben aufgeben, das ich bis jetzt geführt habe. Ich habe mir schon
einen sehr schönen Plan ersonnen, ich will mich in einer reizenden Gegend
anbauen, dort mir selber und meiner Phantasie leben, Du bleibst dann bei mir,
solange es Dir in meiner Gesellschaft gefällt; wir lesen, schwatzen, reiten,
jagen miteinander. - Die Einsamkeit hat sehr viel Reizendes, wenn man vorher die
Welt gesehn und genossen hat, man zieht sich dann einen engen Kreis um die
Existenz, den man immer ganz mit einem Blicke übersehn kann, man lernt alles
umher in seinen genauesten Verhältnissen kennen. - Um mich in dieser Lebensart
einzurichten, muss ich aber erst vorher ein Mädchen finden, das diesen Genuss mit
mir teilen will. Ob ich sie finden werde, ist die grosse Frage, denn bis jetzt hab
ich noch keine kennen lernen, bei der mir nicht jeder Gedanke an Verheiratung
einen Schrecken verursacht hätte.
    Suche es doch so zu veranstalten, dass ich Dich in London treffe, auch Deine
Eltern würden sich sehr freuen, Dich wiederzusehn. Wenn Dich also nicht Burtons
Schwester zurückhält, so eile nach London; bist Du aber verliebt, so will ich
Dich nicht einladen, denn das hiesse einen Kirchenraub begehn.
    William Lovell lasse ich nun in der Gesellschaft Rosas und Balders
weiterreisen. Er ist weit munterer und menschlicher als ehedem, er fängt etwas
mehr an, aus den unnatürlichen Regionen der Phantasie herauszutreten und sich zu
den Menschen herabzulassen; ich hoffe ihn einst als einen recht gescheiten Mann
in England wiederzusehn, und Rosa ist gerade der Gesellschafter, der ihn dazu
machen kann.
    Der alte Willy ist über meine Abreise am meisten betrübt, er ist überhaupt
auf der Reise melancholisch geworden, und hat mir aus einem Traume beweisen
wollen, dass für mich und Lovell ein Unglück daraus entstehn würde, dass ich ihn
jetzt verlasse.
    Lebe wohl, entweder ich sehe Dich in London, oder Du erhältst von dort einen
Brief von mir.
 
                                       29
                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                       Chambery.
Ich gehe jetzt schon den Örtern entgegen, wo mich so hohe Entzückungen erwarten.
- Mortimer hat mich in Lyon verlassen und ist nach England zurückgegangen, sein
Onkel ruft ihn dahin, Rosa und Balder sind meine Gefährten. So ungleich sich
auch ihre Charaktere sind, so liebe ich sie doch jetzt beide fast gleich stark;
ich fange an, mich mit Empfindungen und ihren Äusserungen zu versöhnen, die ich
sonst hasste, ich schätze am Menschen die Talente, ohne seine Fehler zu übersehn,
es überrascht mich nur selten mein ehemaliges Vorurteil, dass ein einziger Fehler
mir einen Menschen durchaus verhasst macht.
    Die Reise bis hieher hat mir ausserordentlich viel Vergnügen gemacht, so
viele frohe Gesichter, so viele Feste in den Dörfern, ich habe mit Innigkeit an
die Jahre meiner Kindheit bei manchen ländlichen Spielen der Dorfjugend
zurückgedacht. - Allentalben die schönste Natur, die keine trübe oder
menschenfeindliche Empfindung duldet; schönes Klima, Sonnenschein - alles hatte
mich in eine wollüstige Trunkenheit versetzt, in der ich mich oft ganz vergass,
und wie ein Kind der Natur bloss die frohe Empfindung eines erquickenden
    Wie oft hab ich Dich an meine Seite gewünscht! Allein zu geniessen und einsam
zu trauern ist gleich lästig; Balder ist zu melancholisch, zu stumpf für den
Eindruck der Freude, Rosas Empfindung zu flüchtig und keiner eigentlichen
Begeisterung fähig; - o Eduard, Du fehlst mir sehr oft, diese brüderliche Seele
hat mich noch nirgends wieder begrüsst, ich werde sie vergebens suchen. - Könnt
ich doch Dich und Amalien an mein schlagendes Herz drücken; in einer
unaufhörlichen Erinnerung an eure Liebe habe ich mein Verbrechen gegen Amalien
abgebüsst, ich bin jetzt wieder ihrer würdig.
    Dein nächster Brief wird mich in Genua treffen. Lebe wohl.
 
                                  Drittes Buch
                                        1
                            Mortimer an Karl Wilmont
                                                                         London.
Ich habe Dich nicht in London getroffen, ich schliesse daraus, dass Du noch in
Bondly bist.
    Ich bin so schnell hiehergereist, als es nur möglich war, aber dennoch
vergebens - er war schon tot, schon begraben, als ich in das Haus trat. Ich habe
nur sein Grab besuchen können. - Bis jetzt hat mich noch kein Vorfall in meinem
Leben so tief geschmerzt, als dass ich dem guten Manne nicht seine letzte Freude,
seine letzte Hoffnung habe erfüllen können; er hat vielleicht in seinem Bette so
oft nach mir geseufzt, so oft nach der Türe gesehn, in die ich hereintreten
sollte, und immer ist sein Erwarten umsonst gewesen. - Karl, wir fühlen es nie
so lebhaft, wie viel uns ein Mensch ist, als von dem Augenblicke seines Todes
an. Wenn wir auch ein Wesen nicht ganz mit unsrer innigsten Liebe umfangen, so
erregt doch der Gedanke, er war - und ist nicht mehr, einen bangen Schauder in
unsrer Seele, eine seltsame trübe Empfindung, die unser Herz zusammenzieht.
    Doch, genug davon, so viel ich Dir auch noch über dieses Tema sagen könnte,
nur hat mir dieser Tod auf einige Wochen alle Freuden verbittert. Ich hätte
gegen diesen Oheim von Jugend auf dankbarer sein können; erst jetzt fallen mir
die mannigfaltigen Beweise seiner Liebe gegen mich ein, ich nahm seine mürrische
Laune stets von einer zu ernstaften Seite, mit einer kindischen Empfindlichkeit
sucht ich oft mühsam manchen seiner Äusserungen die schlimmste Bedeutung zu
geben: - Ach Karl! der Mensch ist ein schwaches Geschöpf, wie manche Streiche
spielt ihm seine Eitelkeit und seine Selbstliebe trotz allen philosophischen
Vorsätzen! -
    Meine und seine Verwandten scheinen durch meine Ankunft in eine Art von
Schrecken versetzt, wir stehn auf einem fast freundschaftlichen Fusse
miteinander, und da er ihnen gewiss Legate ausgesetzt hat, so hoff ich, dass sich
bei der Eröffnung des Testaments alles ohne Prozess entwickeln werde.
    Wenn meine Bitten etwas über Dich vermögen, so komm nach London und leiste
mir wenigstens einige Wochen hindurch Gesellschaft. Ich bin so trübsinnig, dass
Du mich kaum wiedererkennen wirst; meine gute Laune kann nur durch einen Freund
wieder geweckt werden, der mich so genau kennt, wie Du. Verlass einmal Bondly und
erbarme Dich einer armen, verlassenen Seele, die Deiner so sehr bedarf; ich
möchte oft zu Lovell zurückreisen, um mich in Italien zu zerstreuen: aber ich
bin auch des Herumwanderns so müde, dass es mir ordentlich wohltut, die Türme und
Häuser meiner Geburtsstadt einmal wieder so dicht vor mir zu haben.
    Der alte Lovell, den ich jetzt mehrmals besucht habe, gehört zu den
schätzbarsten Leuten, die ich je habe kennen lernen. Ohne die Prätension, die
bei vielen Gelehrten von Profession ebenso lästig als lächerrlich ist, verbindet
er eine grosse Menge von Kenntnissen mit ebenso vielen Erfahrungen und einem sehr
ausgebildeten Verstande. Er empfindet ebenso fein als tief und steht von den
kalten Menschen ebenso weit als von denen mit glühenden Gefühlen entfernt! aber
vorzüglich wert ist er mir durch diese innige Menschenliebe geworden, mit der er
jedem Unglücklichen entgegenkommt, durch diese Bereitwilligkeit, mit der sein
Mitleid so schnell als seine Hülfe dem Elenden zugesichert wird. Für sich selbst
empfindet er weniger, als für andre, denn er verbirgt gänzlich den Gram, den ihm
der Prozess mit Burton notwendig machen muss, besonders da die Umstände für ihn
nichts weniger als günstig sein sollen. Ich nehme, seit ich ihn mehr kenne, den
wärmsten Anteil an allem, was ihn betrifft: so wie ich, sind alle seine Bekannte
seine Freunde. -
    Auch Deine Schwester habe ich mehrmals gesehn, sie grämt sich über Lovells
Abwesenheit, der sie wahrscheinlich öfter vergisst, als sie ihn, wie es denn
überhaupt wohl gewiss ist, dass das Herz eines zarten weiblichen Geschöpfs fester
und inniger an dem Gegenstande seiner Liebe hängt, ihm mit weit schönern und
bleibendern Gefühlen entgegenkömmt, als ihr der Mann jemals zurückgeben kann. Es
ist mir hundertmal, ihr gegenüber eingefallen, dass ich glücklich sein würde,
wenn sie diese Anhänglichkeit und Liebe zu mir herübertragen könnte; ich habe
oft lange und aufmerksam die zarte und geistreiche Bildung ihres Gesichtes
studiert. Die Physiognomie Deiner Schwester gehört zu den interessantesten, zu
denen, die im flüchtigen Vorüberstreifen das Auge nicht fesseln, die aber im
stillen den Blick auf sich locken, unvermerkt das Herz in Bewegung setzen und
ein bleibendes Bild in der Phantasie zurücklassen. Ich habe hundertmal geträumt
- doch, lebe wohl, wer wird alle seine Träume erzählen? Ich bin jedesmal
aufgewacht- und wenn ich auch niemals Dein Schwager sein werde, so sei doch
überzeugt, dass ich unaufhörlich bleibe
                                                           Dein Freund Mortimer.
 
                                       2
                            Karl Wilmont an Mortimer
                                                                         Bondly.
Ja, Freund, bald, vielleicht in wenigen Tagen, seh ich Dich wieder, es ist
endlich Zeit, dass ich Bondly verlasse. Oder ich hätte es vielmehr früher
verlassen sollen, denn um meine ganze Ruhe wieder mitzubringen, ist es jetzt zu
spät. Wie viele Lächerrlichkeiten und Widersprüche im menschlichen Leben! Seit
Monaten trag ich mich nun mit einer Wunde, deren Verschlimmerung ich recht gut
wahrnahm, die ich aber nicht zu heilen suchte, ausser jetzt, wo sie vielleicht
unheilbar ist. Manche Moralisten mögen dagegen sagen, was sie wollen, ich
wenigstens finde gerade darin einen Trost, dass ich an meinem Schaden selber
schuld bin; ich weiss, wie er nach und nach durch meine eigne Nachlässigkeit
entstanden ist, und indem ich der Geschichte dieser Entstehung nachgehe, und für
jede Wirkung eine hinreichende Ursache entdecke, falle ich unvermerkt in eine
Art von Philosophie, und gebe mich so über das Unabänderliche zufrieden. Ein
Unglück würde mich im Gegenteil toll machen können, das so mit einem Male, wie
aus den Wolken auf mich herabfiele, wo unser Verstand sich lahm räsonniert, die
Ursache davon aufzufinden - ein Rippenstoss, den mir eine unsichtbare Hand
beibringt: - nein, diese Ergebung in das Schicksal, Vorsehung, Zufall, oder
Notwendigkeit, wie man es nennen mag, ist mir völlig undenkbar. Ich fühle gar
keine Anlage in mir zu dieser Art von christlicher Geduld. Der Himmel gebe daher
nur, dass ich so, wie bis jetzt geschehn ist, an allem, was ich leide, selber
schuld sein möge, weil ich sonst wahrscheinlich ein grosses Lärmen und Geschrei
anfangen würde, um mich wenigstens selbst zu betäuben.
    Ich weiss nicht, ob ich es ein Glück oder Unglück nennen soll, dass Emilie
gegen meine Liebe nicht gleichgültig ist. Mich wundert, dass noch kein Franzose
diese Idee zum Sujet einer Tragödie gewählt hat, denn sie ist wirklich so
tragisch, als nur irgendeine im französischen Trauerspiele sein kann. Es ist
eine Tantalusqual, die zu den ausgesuchtesten und raffiniertesten gehört, etwas
recht lebhaft zu wünschen, und doch die Erfüllung seines Wunsches nicht gern
sehn zu dürfen. Denn wenn Emilie mich liebt, muss sie sich notwendig unglücklich
fühlen; ich reise nun bald fort, ihr Vater projektiert wahrscheinlich eine
reiche Heirat - ach, was weiss ich alles, wie viele hundert Umstände sich
miteinander verschwören können, um einem guten frohen Menschen die Freuden
seines Lebens zu verbittern? -
    Wenn man etwas mit sich selber vertraut ist, so muss man sehr oft über sich
lächeln. Man nimmt sich manchmal sehr ernstaft zusammen; mit aller Gravität
setzt sich der Verstand in seinen Grossvaterstuhl und versammelt alle
Leidenschaften und Launen um sich her und hält ihnen eine gesetzte und
ernstafte Rede, ohngefähr folgendermassen: - »Hört, meine Kinder, ihr werdet es
wahrscheinlich alle wissen, wie das Wesen, welches Mensch heisst, von uns in
Gesellschaft bewohnt und abwechselnd regiert wird: ihr werdet es ebenfalls
wissen, (oder wenn es nicht der Fall sein sollte, so bitt ich euch inständig,
diesen Umstand wohl in Überlegung zu ziehn,) wie mir, als dem Gescheitesten
unter euch allen, die Oberherrschaft unter euch anvertraut worden ist. Einige
unter euch aber sind widerspenstig und ungehorsam, du zum Beispiele« (er wendet
sich hier an einen von ihnen, an die Liebe, oder den Zorn, oder die Eifersucht,
usw.) »drohst mir beständig über den Kopf zu wachsen. Aber lieben Freunde, alles
dies erzeugt nichts als innerliche Zerrüttung und Verderben; bedenkt, dass ihr
den sogenannten Menschen dadurch ins Unglück stürzt, der euch am Ende selbst
deswegen verwünschen wird, wie man denn davon mehrere Beispiele hat. Um das
innere Glück und die Ruhe zu erhalten, müsst ihr also notwendig meine
Oberherrschaft anerkennen und euch willig unter meinem Szepter schmiegen, denn
sonst scheine ich hier ganz entbehrlich zu sein. Wir wollen darum von nun an ein
neues Regiment anfangen, und ich lebe der Zuversicht, dass ihr in Zukunft artiger
und bescheidener sein werdet. - Nicht wahr?« - Dann neigen sich alle, und sagen
ein demütiges »Ja«, obgleich einige heimlich unter der Hand lachen, oder nur
etwas in den Bart brummen, was ebensogut »Nein«, als »Ja« heissen kann. Sie
treten in aller Demut ab, und der Verstand fängt an in seinem Grossvaterstuhle zu
überlegen, was er doch eigentlich für ein herrlicher Mann sei, der alles so
hübsch unter dem Pantoffel halte; er macht Entwürfe, wie er künftig immer mehr
seine Herrschaft ausbreiten wolle, dass auch am Ende nicht die kleinste Neigung,
der leiseste Wunsch, ohne seine Einwilligung aus ihren Schlupfwinkeln
hervortreten sollten. Seine grossen Plane wiegen ihn nach und nach in einen süssen
Mittagsschlummer, bis ihn ein taubes Gelärme, Getobe, Gekreische, gar unsanft
wieder erwecken. »Was ist denn schon wieder vorgefallen?« fährt er auf. - »Ach!
da hat die verdammte Liebe wieder tausend Streiche gemacht - da hat sich die
Eifersucht den Kopf blutig gestossen und in drei andre Köpfe gar Löcher
geschlagen - da ist der Zorn mit einem durchgegangen - ach, es lässt sich nicht
erzählen, wie viele Unglücksfälle sich indes ereignet haben.« - Der Verstand
schlägt die Hände über den Kopf zusammen und muss nun mühsam wieder alles ins
Geleise bringen; oft aber legt er, wie ein Regent, der kein Mittel sich zu
helfen sieht, plötzlich die Regierung nieder, entwischt aus seinem eigenen
Lande- und dann ist alles verloren, in einer ewigen Anarchie zerrüttet sich der
Staat selbst. - Der letzte Fall wird hoffentlich nie bei mir eintreten, aber der
erste wahrscheinlich noch oft.
    So hatt ich mir gestern fest vorgenommen, gegen Emilien kälter und
zurückgezogener zu sein, ich hatte mir alle Gründe dazu so dicht vor die Augen
gestellt, dass es mir nicht anders möglich war, sie nicht zu sehn, als gradezu
die Augen zuzudrücken. Ich hatte mir ein ordentliches Schema gemacht, wonach ich
handeln wollte, und mir bestimmt alle Linien vorgezeichnet, um in keinem
Umstande zu fehlen. - Aber mir geht es oft wie einem ungeschickten
Billardspieler, der der Kugel seines Gegners eine ganz andre Richtung gibt, als
er wollte, oder sich gar selber verläuft. Denn kaum hatte ich meinem festen,
unwandelbaren Vorsatze noch die letzte Kraft gegeben, als mir Emilie im Garten,
als geschähe es mir zum Possen, begegnete. - Nun hast du ja die schönste
Gelegenheit, dacht ich bei mir, zu zeigen, wieviel deine Vernunft über dich
vermag, widerstehe der Versuchung wie ein Mann. Ich wich ihr daher nicht aus,
sondern wir gingen unter gleichgültigen Gesprächen auf und ab. Meine Kälte
schien Emilien selbst zu befremden, sie äusserte dies einigemal im Gespräche;
aber ich hielt mich standhaft und freute mich innerlich über meine wundergrosse
Seelenstärke. Wir gingen an einem Strauche vorbei und Emilie brach mit der
unnachahmlichen liebenswürdigen Unschuld eine verspätete Rose ab, und reichte
sie mir mit jener zärtlichen Unbefangenheit, die sich durch keine Worte
ausdrücken lässt. Ich kam mir in diesem Augenblicke mit meinen Vorsätzen so
albern und abgeschmackt vor, so nüchtern und armselig, dass - dass ich ihr hätte
zu Füssen sinken und Abbitte tun mögen. Ich weiss nicht, wie es geschah, aber
plötzlich kam der Geist Lovells über mich - ich drückte mit Entzücken die Rose
an meine Lippen. - Unser Gespräch nahm jetzt eine andre und empfindsamere
Wendung, ich hatte Abreise und alles vergessen, und sprach mich mit der grössten
Unbesonnenheit in eine Wärme und Vertraulichkeit hinein, die sich nachher mit
einer völligen Erklärung meiner Liebe endigte.
    Emilie stand verwirrt, erfreut und betrübt zugleich, wie mir es schien; sie
wagte es nicht, mir zu antworten, sie hatte meine Hand gefasst und drückte sie
schweigend, aber herzlich; o lieber Mortimer, ich hätte einige Jahre meines
Lebens darum gegeben, wenn ich diesen Moment der Seligkeit hätte fesseln, und
nur auf einige Stunden festalten können. Der Vater traf uns in dieser Stellung;
wir waren beide etwas verlegen und Burton warf einen Blick auf mich - o könnt
ich Dir doch diese tötende Kälte, diesen Argwohn, Menschenhass und diese
Bitterkeit beschreiben, die in diesem einzigen streifenden Blicke lagen. - Dies
hat mich vollends bestimmt; ich reise, ich komme zu Dir.
    Emilie ist indes in meiner Gegenwart in einer beständigen liebenswürdigen
Verwirrung gewesen, so heimlich vertraulich und dann wieder so plötzlich
zurückgezogen, so entgegenkommend und freundlich - aber ich reise dennoch, ich
reise eben deswegen. Arme Emilie! und armer Karl!
    Doch, was helfen alle Klagen? die Welt wird darum doch nicht anders, unsre
Verhältnisse werden von dem Wehen unsrer Seufzer nicht umgeworfen. So wenig
Laune mir auch übriggeblieben sein mag, so wollen wir doch beide versuchen, uns
gegenseitig zu trösten; die Freundschaft hat über das Gemüt eine sehr grosse
Gewalt; in Gesprächen, in hundert kleinen Zerstreuungen verlieren sich endlich
jene trüben Empfindungen, eine Freude wäscht nach der andern den Gram aus unserm
Herzen - ja, wir wollen dennoch froh miteinander sein. Man kann sich gegenseitig
tausendfaches Vergnügen erschaffen und die gewöhnlichen Freuden erhöhen; in des
Freundes Gesellschaft spriessen auch Blumen aus dem dürrsten Boden, man lacht und
freut sich über tausend Kleinigkeiten, die man in der Einsamkeit kaum bemerken
würde. - Oh, ich fange wieder an, aufzuleben, wenn ich mir alles dies in einem
schönen Lichte und recht lebendig denke. Vielleicht machen wir auch beide eine
kleine Reise nach Schottland, ein Verwandter hat mich schon seit langer Zeit
dortin eingeladen. -
    Ich wundre mich, dass ich mir die Mühe gebe, Dir so vieles zu schreiben, da
wir uns nun bald mündlich sprechen können - darum werfe ich die langsame und
langweilige Feder aus der Hand und drücke Dich dafür um einige Minuten eher in
meine Arme. -
 
                                       3
                    Der alte Burton an den Advokaten Jackson
                                                                         Bondly.
Sie werden sich vielleicht wundern, hochgeehrter Herr, von einem Manne einen
Brief zu erhalten, gegen den Sie jetzt für den Herrn Lovell arbeiten. Da mir Ihre
Gelehrsamkeit und glückliche Praxis schon seit lange bekannt war, so hätt ich
den Entschluss gefasst, Sie um Ihre Bemühungen zu meinem Besten zu ersuchen: als
mir Lovell hierin zu meiner grössten Unzufriedenheit zuvorkam. Ich bin überzeugt,
dass er durch diesen einzigen Schritt den grössten Vorteil über mich gewonnen hat,
da es mir zu gleicher Zeit leid tut, die Summen, die ich Ihnen bestimmt hatte,
an geringere Talente zu verschleudern, und ich überdies weiss, dass Lovell nie
Ihren Fleiss und Ihre Verdienste hoch genug anschlagen wird. Da Sie Ihr Genie nun
gar für eine ungerechte Sache aufwenden, so geht Ihre Bemühung in jeder
Rücksicht verloren. Ob Sie mir selbst nun zwar nicht mehr dienen können, wollte
ich Sie wenigstens darum bitten, sich von Ihrem Eifer nicht zu einer
eigentlichen Erbitterung gegen mich verleiten zu lassen. Indem Sie auf die Seite
der einen Partei treten, müssen Sie zwar der Widersacher, aber darum doch nicht
der Feind der andern werden; diese Erinnerung entsteht bloss aus Achtung, die ich
für Ihre überwiegenden Fähigkeiten habe, die selbst einer ungerechten Sache den
Schein des Rechts geben könnten. Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir in
einer kleinen Antwort deutlich machten, wie weit meine Besorgnisse gegründet
oder ungegründet sind.
 
                                       4
                         Der Advokat Jackson an Burton
                                                                         London.
Hochgeborner Herr,
    Meine Bemühungen gegen Ew. Gnaden aufzuwenden, ward mir schon seit einigen
Wochen eine unangenehme Pflicht, da ich von der Rechtmässigkeit der Sache, für
die ich streite, nicht überzeugt werden kann; seit ich aber durch Ew. Gnaden
Neuliches mit der Vortrefflichkeit und dem Edelmute der Gesinnungen meines
hochgebornen Herrn bekannt bin, so fühlt Ihr untertänigster Diener seitdem die
Last seines Geschäftes doppelt. Es wird daher stets unmöglich sein, niedrig
genug zu denken, gegen eine nicht unrechtmässige Sache mit Erbitterung zu
streiten, oder einen Herrn zu beleidigen, für den ich die tiefste und innigste
Verehrung empfinde, und Ew. Gnaden können versichert sein, dass ich nichts
eifriger wünsche, als dass meine itzigen Verhältnisse mich nicht zurückhielten,
um ganz zu zeigen, wie sehr ich bin
                                                       Meines Hochgebornen Herrn
                                           ergebenster und untertänigster Knecht
                                                                        Jackson.
 
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                        Burton an den Advokaten Jackson
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Ihre Antwort hat mir viele Freude gemacht, denn ich sehe daraus, dass ich nun dem
Gange des Prozesses etwas ruhiger zusehn kann. Ich wünsche nur, dass Sie zu
meiner Freundschaft ein ebenso grosses Vertrauen hätten, als ich zu Ihren
Talenten habe, dann könnte ich mich noch dreister meiner gerechten Sache und der
Entscheidung des Gerichtes überlassen; dann könnte ich glauben, dass die Absicht
meiner Feinde gewiss nicht gelingen werde. Ich kann und darf Sie jetzt auf keine
Weise überreden, Lovell zu verlassen und auf meine Seite überzutreten; aber da
Sie von der Unrechtmässigkeit der Sache, für die Sie streiten, überzeugt zu sein
scheinen, und da ich sehe, dass ich mit einem verständigen Manne spreche, so
könnten wir uns vielleicht auf einem andern Wege begegnen. Wenn es unsre Pflicht
ist, nach unsrer Überzeugung zu handeln, und das Gute zu befördern, soviel wir
können: warum wollen wir uns denn ängstlich an die äussere Form der Sache halten
und nicht mehr auf unsern Endzweck selber sehn? Wer kann es mir verbieten, Ihre
Talente und Ihre Freundschaft für mich auf das reichlichste zu belohnen, selbst
wenn Sie auch in einem Prozesse mein Gegner sind, und welche vernünftige Ursache
kann Sie zurückhalten, zu meinem Vorteile zu handeln, da dieser mit Ihrer
Überzeugung zusammentrifft? Warum sollte man hier den günstigen Zufall unbenutzt
lassen, der Sie grade an einen Ort gestellt hat, wo Sie mehr für mich tun
können, als mein eigner Advokat? Etwa darum, weil es nur Zufall ist? Als wenn
der Lebenslauf des Weisen und des Toren sich nicht eben dadurch am meisten
unterschiede, dass dieser hin und her schweift, hier die günstige Gelegenheit
rechts, dort eine andre links liegen lässt; der Verständigere aber jede
Kleinigkeit in seinen Plan und Nutzen verbindet und es eben dadurch bewirkt, dass
es für ihn keinen Zufall gibt! - Ich bin überzeugt, dass ein so vernünftiger
Mann, wie Sie, hier nicht lange voller unnützen Zweifel wählen wird. In dieser
Hoffnung bin ich
                                         Ihr Freund und Beschützer Baron Burton.
Nachschrift: Ich mache es, weil dies allentalben meine Gewohnheit ist, zur
Bedingung unsrer Korrespondenz, dass Sie mir diesen, wie meinen ersten Brief und
alle etwanigen künftigen Briefe zurückschicken; wenn Sie es verlangen, will ich
mit den Ihrigen ebenso verfahren.
 
                                       6
                         Willy an seinen Bruder Tomas
                                                                        Florenz.
Wir sind nun, lieber Bruder, schon mitten in dem sogenannten Italien, wo mir
alles hier herum so ziemlich gut gefällt. Was mir immer närrisch vorkömmt, ist,
dass in jedem Lande so eine eigne Sprache Mode ist, so dass mein gutes Englisch
hier kein Mensch versteht, und ich verstehe wieder oft gar nicht, was die Leute
von mir wollen. Wir sind über Savoyen und Genua gereist, aber allentalben wird
Italienisch gesprochen, ob wohl gleich die närrischen Savoyarden nicht zu gut
dazu wären, auch einmal Englisch zu reden; aber es ist, als wenn sich alle Leute
hier meiner Muttersprache schämten.
    Wir sind über hohe Gebirgsgegenden einigemal weggegangen. Wie einem doch von
da Gottes Welt so gross und herrlich aussieht! Ich kann Dir nicht sagen, Tomas,
wie sehr ich mich manchmal gefreut habe; aber die Tränen traten mir doch oft in
die Augen, wie ich denn überhaupt manchmal etwas wie ein altes Weib bin, wie Du
wohl auch ehemals zu sagen pflegtest. Aber ich kann's nicht ändern, wenn sich
mir das Herz umkehrt, wenn ich so von einem Steinfelsenberge so viele Meilen ins
Land hineinsehe, Äcker, Wiesen und Flüsse und Berge gegenüber und die Sonne mit
den roten Strahlen dazwischen - und dabei gesund und froh! O Tomas, es ist ums
Reisen eine herrliche Sache, ich wollt es Dir zeitlebens nicht abraten, wenn Du
jemals zu einer Reise Gelegenheit hast. Was mir ganz ein Rätsel werden könnte,
ist, wie man unter Gottes schönem Himmel so betrübt und vedriesslich sein könnte,
als mir der Herr Balder zu sein scheint. Er tut wahrhaftig unrecht daran. Aber
er sieht manchmal aus, wie ein armer Sünder, der am folgenden Morgen gehängt
werden soll, so verloren und kümmerlich; dem guten Manne muss doch irgend etwas
fehlen, denn sonst, Tomas, würde ich ihn für eine Art von Narren halten, wie es
wohl zuweilen etliche bei uns in England gibt, die sich freventlich und
vorwissentlich totschiessen können, ohne dass sie selber eigentlich wissen, was
sie wollen. - Beim Totschiessen fällt mir doch auch etwas ein, was ich Dir noch
zu erzählen vergessen hatte, denn das Gedächtnis fängt bei mir an in Verfall zu
geraten, und man sieht und erlebt so viele Dinge und mancherlei, Bruder, dass mir
manchmal ist, als wenn ich in einem Traume läge und alle Sachen umher gar nicht
da wären. - Wir fuhren einmal sehr langsam einen steilen Berg herunter, mein
Herr William aber ritt zu Pferde, um die Gegend etwas genauer sehn zu können,
und neben ihm ritt ein gewisser kleiner Bedienter des Herrn Rose, den er sich
noch aus Frankreich mitgenommen hat, weil er ihn so gern leiden mag, wie es denn
auch wirklich ein sehr artiger und flinker junger Bursche ist. Wir alle
bekümmerten uns nicht viel um den Herrn William und er blieb eine gute Strecke
hinter uns zurück; dieser Ferdinand, von dem ich eben geredet habe, ritt auch zu
Pferde neben ihm her. Mit einem Male hörten wir hinter uns etliche Schüsse - und
nun, Tomas, hättest Du sehen sollen, wie alles so geschwind aus dem Wagen
sprang und wie schnell ich von meinem Bocke herunter war - es war, als hätten
wir alle auf Pulver gesessen, das eben anbrennen wollte. - Wer geschossen hatte,
das war niemand anders als mein Herr William, fünf Spitzbuben und der junge
Ferdinand gewesen; einer lag schon davon tot auf dem Boden, das war aber zum
Glücke nichts weiter, als einer von den Spitzbuben. Der Herr William sagte uns,
er wäre in grosser Gefahr gewesen, aber Ferdinand hätte ihm meistenteils durch
seine Courage sein Leben errettet, worüber wir uns denn alle gar gewaltig
wunderten, besonders aber der Herr Rose, denn man sieht es wirklich dem jungen
Burschen gar nicht an; aber so geht es oft in der Welt, Tomas, der Schein
betrügt und aus einem Kalbe kann mit Gottes Hülfe bald ein Ochs werden, und
darauf hoffen wir auch alle jetzt bei dem jungen Ferdinand, aus dem gewiss noch
mit der Zeit ein ganzer Kerl wird, da er schon so früh anfängt, sich tapfer zu
halten. - Er eben hatte den einen Spitzbuben totgeschossen und war einem andern
mit seinem Hirschfänger nachgejagt, als sich mein Herr indes mit den andern
beiden herumbalgte. So waren sie endlich Sieger geworden. Mir tut es leid, dass
ich dabei nichts weiter habe tun können, als zusehn, und auch das nicht einmal
recht, denn wir kamen erst hin, als alles schon vorbei war. Ich hätte mich mit
Herzenslust auf meine alten Tage noch gern einmal mit jemand durchgeschlagen und
wär's auch nur ein Spitzbube gewesen, denn sie sind im Grunde doch auch
Menschen, und wenn sie anfangen zu schiessen und stechen, so treffen ihre Kugeln
oft besser, als die von ehrlichen Leuten: wie denn die ehrlichen Leute überhaupt
selten so viel Glück haben, als die Spitzbuben; ich denke immer, dass es eine
kleine Genugtuung für sie sein soll, dass sie nicht ehrlich sind; - doch, das
weiss Gott allein am besten, und darum will ich mir den Kopf darüber nicht
zerbrechen.
    Wir sind jetzt in Florenz, aber schade, dass wir etwas zu spät angekommen
sind. Da hab ich nämlich mit Wunder und Erstaunen gehört, wie hier mitten im
Sommer viele Pferde ein grosses Wettrennen halten müssen, ganz allein nämlich und
nach ihrem eignen Kopfe; ich meine nämlich, dass keiner darauf reitet. Das muss
herrlich anzusehen sein, und es sollen auch dann immer eine grosse Menge von
Menschen hieherkommen, um es zu sehn. Das ist nun auch gewiss der Mühe wert. Was
das lustigste dabei ist, ist, dass den Pferden bei der Gelegenheit eiserne Kugeln
mit Sporen über den Buckel gelegt werden; wenn sie nun anfangen zu laufen, so
stechen sie sich damit selbst und ganz freiwillig, weil die Kugeln immer hin und
her gehn. Wenn die Pferde nur etwas mehr Verstand hätten, so könnte man sie auf
die herrlichste Art ganz allein Kurier reiten lassen, aber dazu fehlt ihnen noch
bis jetzt die Einsicht, ob ich freilich wohl in England ein paar Pferde gesehn
habe, die so viele Kunststücke machten, dass sie gewiss mehr Verstand haben
müssen, als etliche von meinen besten Freunden; ja manches darunter hätte ich
selber nicht nachmachen können. Aber die Gaben sind oft wunderlich verteilt.
    Von den Gemälden und vielen andern Sachen, die wir hier alle Tage besehen,
kann ich nicht viel halten, ich weiss freilich nicht warum, aber sie gefallen mir
doch nicht recht. Mitunter sind einige freilich wohl recht schön, manchmal ist
das Obst so natürlich, dass man es essen möchte, von diesen hält mein Herr und
Herr Rose aber gar nicht viel. Aber wenn ein Gemälde gut sein soll, so muss es
doch die Sache, die es nachmachen will, so natürlich nachmachen, dass man sie
selber zu sehn glaubt; aber das ist bei den übrigen grossen Gemälden gar nicht
möglich. So glaub ich immer, dass die Maler aus der römischen Schule, (so heissen
die Gemälde, die mir nicht gefallen wollen) keinen recht guten Schulmeister
gehabt haben, der nicht strenge genug mit ihnen umgegangen ist, oder er hat
selber seine Sachen nicht recht verstanden, denn sonst würden sie wohl vieles
besser und natürlicher gemacht haben. - Herr William hält aber diese Gemälde
gerade für die schönsten; ich glaube aber, dass Herr Rose daran schuld ist, weil
der aus Rom gebürtig ist.
    An den Statüen finde ich auch nichts Besonders; die, welche sich als Antiken
ausgeben, wollen mir gar nicht gefallen, diese sollen viele tausend Jahr alt
sein, aber das Alter ist vielleicht das Beste an ihnen; manche sehn auch schon
ganz verfallen und ungesund aus. An allen diesen Arten von Künsten ist nicht
viel, es sind mit einem Worte brotlose Künste.
    Lebe wohl, lieber Bruder Tomas, und denke oft an mich; ich denke sehr oft
an Dich, und wünsche Dich oft her, besonders wenn mir die Zeit lang wird, und
das ist doch manchmal der Fall. Bleibe mein Freund, wie ich
                                                                    Dein Bruder.
 
                                       7
                        William Lovell an Eduard Burton
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Mein Eduard, ich schreibe Dir nun schon aus dem Mittelpunkte von Italien, aus
der freundlichsten Stadt, die ich bis jetzt gesehn habe, die in der
fruchtbarsten Ebne und unter den anmutigsten Hügeln und Bergen liegt. Hier, wo
die Kunstwerke der grössten Genien um mich versammelt sind, bespreche ich mich im
stillen Anschauen mit den erhabenen Geistern der Künstler, die Natur erquickt
meine Seele mit ihrer unendlichen Schönheit. Ich fühle mein Herz oft hoch
anschwellen, wenn mich die tausendfältigen Reize der Natur und Kunst begeistern;
o wie sehr wünsche ich Dich dann an meine Seite, um mit Dir zu geniessen, um in
Deinen trunkenen Augen den Spiegel meiner eigenen Freude zu sehn. Ich vermisse
Dich so oft und gerade dann am meisten, wenn ich die übrige Welt umher vergesse.
So wird denn nun endlich mein Trieb zu Reisen, zu wunderbaren Fernen befriedigt.
Schon als Kind, wenn ich vor dem Landhause meines Vaters stand und über die
fernen Berge hinwegsah und ganz am Ende des blauen Horizonts eine Windmühle
entdeckte, so war mir's, als wenn sie mich mit ihrer Bewegung zu sich winkte,
das Blut strömte mir schneller zum Herzen, mein Geist flog zur fernen Gegend
hin, eine fremde Sehnsucht füllte oft mein Auge mit Tränen. - Wie schlug mir
dann das Herz, wenn ein Postorn über den Wald ertönte und ein Wagen vom Abhange
des Berges fuhr! Am Abend ging ich traurig und mit trüber Seele in mein Zimmer
zurück; meine Gedanken kehrten ungern aus den fernen, fremden Gegenden wieder,
die bekannte Heimat umher drückte meinen Geist zu Boden. Wenn ich an jene
Empfindungen meiner Kindheit zurückdenke, so empfind ich meine itzige glückliche
Lage um so lebhafter.
    Ich muss Dir einen kleinen Vorfall erzählen, der wenigstens in meiner Reise,
die bisher an Begebenheiten so leer gewesen ist, einem Abenteuer noch am meisten
ähnlich sieht. Rosa hat aus Paris einen kleinen Bedienten mitgenommen, einen
jungen Burschen, der sich fast seit dem ersten Tage unsrer Reise an mich
vorzüglich attachiert hat; er ist sehr freundlich, willig und gutgeartet, so dass
ich ihn sehr gern um mich leiden mag. Von Champery habe ich den grössten Teil der
Reise zu Pferde gemacht, und der muntre Ferdinand war sehr oft mein Begleiter,
vorzüglich, als wir die piemontesischen Alpen passierten, wo ihn die rauhe
Gegend und die so plötzlich abwechselnden Aussichten ebensosehr als mich
entzückten. Wir verliessen an einem trüben neblichten Morgen ein Dorf, das tief
im Grunde lag; Rosa und Balder fuhren langsam die Anhöhe hinauf, und ich und
Ferdinand folgten zu Pferde. Oben auf dem Berge gab uns die Natur einen
wunderbaren Anblick. Wie ein Chaos lag die Gegend, so weit wir sie erkennen
konnten, vor uns, ein dichter Nebel hatte sich um die Berge gewickelt, und durch
die Täler schlich ein finstrer Dampf; Wolken und Felsen, die das Auge nicht
voneinander unterscheiden konnte, standen in verworrenen Haufen durcheinander;
ein finstrer Himmel brütete über den grauen, ineinanderfliessenden Gestalten.
Itzt brach vom Morgen her durch die dämmernde Verwirrung ein schräger roter
Strahl, hundertfarbige Scheine zuckten durch die Nebel und flimmerten in
mannigfaltigen Regenbogen, die Berge erhielten Umrisse und wie Feuerkugeln
standen ihre Gipfel über dem sinkenden Nebel. - Ich hielt, und betrachtete lange
die wunderbaren Veränderungen der Natur, die hier schnell aufeinander folgten;
ich hatte es nicht bemerkt, dass der Wagen indes vorangefahren war: als ich
wieder aufsah, erblickte ich fünf Menschen, die aus dem nahen Walde auf uns
zueilten. Ferdinand machte mich zuerst auf ihr zweideutiges Äussere aufmerksam,
und als wir noch darüber sprachen und eben im Begriffe waren, unsre Freunde
wieder einzuholen, ergriff der eine von diesen Kerlen plötzlich den Zügel meines
Pferdes, indem ein anderer in eben dem Augenblicke nach Ferdinand schoss, ihn
aber glücklicherweise verfehlte. - Ich fühlte mich kalt und wenig verlegen, doch
meine beiden Pistolen versagten; Ferdinand aber erschoss sogleich den einen
dieser Räuber und stürzte auf die beiden andern mit einem Mute mit seinem
Hirschfänger zu, den ich ihm nie zugetraut hätte. Ich verwundete jetzt einen
zweiten, der sogleich die Flucht ergriff: kaum sahen die beiden übrigen, dass die
Kämpfenden nun gleich und wir zu Pferde ihnen selbst überlegen waren, als sie
sich schnell in den Wald zurückzogen. Rosa und Balder, die die Schüsse hatten
fallen hören, kamen jetzt herbeigeeilt und bewunderten den Mut Ferdinands,
vorzüglich Rosa; Ferdinand schien sich darin sehr glücklich zu fühlen, dass er
mich gerettet habe; er sagte, für sich selbst sei er nicht besorgt gewesen, aber
die Gefahr, in welcher er mich gesehn, habe ihn anfangs erschreckt. Auch der
alte Willy keuchte jetzt den Berg wieder herauf und bedauerte nichts herzlicher,
als dass die Spitzbuben schon davongelaufen wären, er hätte sich sonst mit ihnen
herumschlagen wollen. - Der Tote ward in das Dorf geschafft, das wir erst
kürzlich verlassen hatten; und so endigte sich dieser Unfall mit einer
allgemeinen Freude über unsre Rettung.
    Der fruchtbare und heitre Herbst gibt den Gegenden hier eine eigentümliche
Schönheit; die üppige Natur prangt mit allen ihren Schätzen; das frische Grün,
der blaue Himmel, erquicken das Auge und die Seele. Ich habe schon Vall' ombrosa
gesehn, die reizendste Einsamkeit, ich bin oft oben auf Fiesola, und gehe über
die Gebirge hinweg und zur lachenden Stadt hernieder; ich besuche die anmutigen
Haine, oder ich durchwandle die Tempel und ergötze mich an den Denkmalen alter
Kunst. Täglich fühl ich mich entzückt, alles ist mir schon bekannt und der Reiz
des Fremdartigen verbindet sich mit dem Gefühl des Heimischen.
    Aber was ist es, (o könntest Du es mir erklären!) dass ein Genuss nie unser
Herz ganz ausfüllt? - Welche unnennbare, wehmütige Sehnsucht ist es, die mich zu
neuen ungekannten Freuden drängt? - Im vollen Gefühle meines Glücks, auf der
höchsten Stufe meiner Begeisterung ergreift mich kalt und gewaltsam eine
Nüchternheit, eine dunkle Ahndung - wie soll ich es Dir beschreiben? - wie ein
feuchter nüchterner Morgenwind auf der Spitze des Berges nach einer durchwachten
Nacht, wie das Auffahren aus einem schönen Traume in einem engen trüben Zimmer.
- Ehedem glaubt ich, dieses beklemmende Gefühl sei Sehnsucht nach Liebe, Drang
der Seele, sich in Gegenliebe zu verjüngen - aber es ist nicht das, auch neben
Amalien quälte mich diese tyrannische Empfindung, die, wenn sie Herrscherin in
meiner Seele würde, mich in einer ewigen Herzensleerheit von Pol zu Pol jagen
könnte. Ein solches Wesen müsste das elendeste unter Gottes Himmel sein: jede
Freude flieht heimtückisch zurück, indem er darnach greift, er steht, wie ein
vom Schicksale verhöhnter Tantalus in der Natur da, wie Ixion wird er in einem
unaufhörlichen martervollen Wirbel herumgejagt: auf einen solchen kann man den
orientalischen Ausdruck anwenden, dass er vom bösen Feinde verfolgt wird. - Man
fühlt sich gewissermassen in eine solche Lage versetzt, wenn man seiner Phantasie
erlaubt, zu weit auszuschweifen, wenn man alle Regionen der schwärmenden
Begeisterung durchfliegt - wir geraten endlich in ein Gebiet so exzentrischer
Gefühle - indem wir gleichsam an die letzte Grenze alles Empfindbaren gekommen
sind, und die Phantasie sich durch hundertmalige Exaltationen erschöpft hat -
dass die Seele endlich ermüdet zurückfällt: alles umher erscheint uns nun in
einer schalen Trübheit, unsre schönsten Hoffnungen und Wünsche stehn da, von
einem Nebel dunkel und verworren gemacht, wir suchen missvergnügt den Rückweg
nach jenen Extremen, aber die Bahn ist zugefallen, und so befällt uns endlich
jene Leerheit der Seele, jene dumpfe Trägheit, die alle Federn unsers Wesens
lahm macht. Man hüte sich daher vor jener Trunkenheit des Geistes, die uns zu
lange von der Erde entrückt; wir kommen endlich als Fremdlinge wieder herab, die
sich in eine unbekannte Welt versetzt glauben, und die doch die Schwingkraft
verloren haben, sich wieder über die Wolken hinauszuheben. Auch bei den
poetischen Genüssen scheint mir eine gewisse Häuslichkeit notwendig; man muss
nicht verschwenden, um nachher nicht zu darben - sonderbar! dass ich alles dies
vor wenigen Monaten von Mortimer schon hörte und es doch damals nicht glauben
wollte! Seit ich es aber selbst erfunden zu haben glaube, bin ich vollkommen
davon überzeugt. - Ist dies nicht ein ziemlich kleinlicher Eigensinn?
    Doch ich vermeide jetzt jene hohen Spannungen der Einbildungskraft, und sie
sind auch nicht immer die Ursache, die jenes niederschlagende Gefühl in mir
erzeugen, das mich zuweilen wider meinen Willen verfolgt. Keiner, als Du Eduard,
kennt so gut den seltsamen Hang meiner Seele, bei fröhlichen Gegenständen
irgendeinen traurigen, melancholischen Zug aufzusuchen und ihn unvermerkt in das
lachende Gemälde zu schieben; dies würzt die Wollust durch den Kontrast noch
feiner, die Freude wird gemildert, aber ihre Wärme durchdringt uns um so
inniger; es sind die Ruinen, die der Maler in seine muntre Landschaft wirft, um
den Effekt zu erhöhen. Dieser Art von feinstem Epikureismus habe ich manche
Stunden zu danken, die zu den schönsten meines Lebens gehören - aber jetzt
gewinnen die traurigen Vorstellungen zuweilen so sehr die Übermacht in meiner
Seele, dass sich ein düstrer Flor über alle andere Gegenstände verbreitet. Die
Reise von Lyon durch Frankreich war die reizendste; allentalben frohe und
singende Winzer, die ihre Schätze einsammelten - aber viele Meilen beschäftigte
meine Phantasie ein weinender Bettler, den ich am Wege hatte sitzen sehn und dem
ich im schnellen Vorüberfahren nichts hatte geben können. Mit welchen Gefühlen
muss er den Frohsinn seiner glücklichen Brüder angesehn haben, da er gerade sein
Elend so tief empfand! Mit welchem Herzen muss er dem schnell dahinrollenden
Wagen nachgeseufzt haben! - Dann so manche kleine Szenen der Feindschaft und
Verfolgung, einer kläglichen Eitelkeit, in der so viele Menschen den kleinen
Winkel, in dem sie vegetieren, für den Mittelpunkt der Welt halten - ach,
hundert so unbedeutende Sachen, die den meisten Reisenden gar nicht in die Augen
fallen, haben mir in sehr vielen Stunden meine frohe Laune geraubt.
    Wohl mag dies übertriebne Reizbarkeit sein, die Abspannung notwendig macht
und wohl in Hypochondrie ausarten kann. So quälte mich in manchen Stunden auf
der Reise eine andre seltsame Vorstellung. Es war mir nämlich oft, als hätte ich
eine Gegend oder eine Stadt schon einmal und zwar mit ganz anderen Empfindungen
und unter ganz verschiedenen Umständen gesehn; ich überliess mich dann dieser
wunderlichen Träumerei und suchte die Erinnerungen deutlicher und haltbarer zu
machen und mir jene Gefühle zurückzurufen, die ich ehemals in denselben Gegenden
gehabt hatte. - Oft wehte mich wohl auch aus einem stillen Walde, oder aus einem
Tale herauf das schreckliche Gefühl an: »dass ich eben hier wieder wandeln würde,
aber elend und von der ganzen Welt verlassen, das Abendrot würde über die Berge
ziehn, ohne dass ich auf die Umarmung eines Freundes hoffen dürfte - das
Morgenrot würde wieder aufdämmern, ohne dass meine Tränen getrocknet würden.« Ich
betrachtete dann die Gegend genauer, um sie in diesem unglücklichen Zustande
wiederzuerkennen und oft trat mir unwillkürlich eine Zähre ins Auge. -
    Aber wie komme ich zu diesen Vorstellungen? Du hast recht, die Melancholie
ist ein ansteckendes Übel und ich glaube, dass sie bei mir nur eine fremdartige
Krankheit sei, die mir Balder mitgeteilt hat. Er macht mich jetzt sehr besorgt,
denn er ist verschlossener und trauriger als je; zuweilen begegne ich einem
seiner verirrten Blicke und ich erschrecke vor ihm. Ich habe schon einigemal in
ihn gedrungen, mir deutlicher von der Ursache seines tiefen Grams zu sprechen,
aber vergebens. Sollte die Freundschaft keinen Trost für seine Leiden haben? -
    Lebe wohl, Du erhältst meinen nächsten Brief aus Rom. -
 
                                       8
                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                            Rom.
Lieber Eduard, ich bin heut noch zu voll von den mannigfaltigen Eindrücken, die
alles umher auf mich macht, um Dir einen langen Brief schreiben zu können. Die
Asche eines Heldenalters liegt unter meinen Füssen, mit ernster Grösse sprechen
mich die erhabenen Ruinen der Vorzeit an, die Kunstwerke der neuern Welt
erzwingen meine Anbetung. Ich lebe hier wie in einem unendlich grossen Tempel,
der heilige Schauer auf mich herabgiesst; bei jedem Schritte betret ich eine
Stelle, wo einst ein verehrungswürdiger Römer ging, oder wo eine grosse Handlung
vorfiel. Ein Drang zu Taten weht mich aus jeder Bildsäule an, begeisternde
Schauder wohnen in den Trümmern aus der grossen Heroenzeit; in der Abenddämmerung
denk ich oft, es müsse hinter dem Bogen des Janus, oder bei der Quelle der
Egeria mir der Geist eines alten Römers erscheinen, und ich vertiefe mich dann
so sehr in meinen Gedanken und den Erinnerungen der alten Zeit, dass es mir oft
schwer wird, mich nachher wieder zurechtzufinden.
    Als ich ins Tor hineinfuhr und schon lange vorher den Vatikan und die
Peterskirche gesehn hatte, war meine Empfindung so hoch gespannt, dass mir der
erste Anblick des Platzes Popolo und der drei grossen Strassen, samt dem Obelisk
nicht den Eindruck machten, den ich erwartet hatte. Ich stieg in meinem
Quartiere auf dem Spanischen Platze ab, und verirrte mich auf meinem
Spaziergange in der unbekannten Stadt, indem die Sonne unterging. So geriet ich
an das Panteon, ich ging hinein und ein heiliger Schauer umfing mich, ich
wartete bis der volle Mond über der Öffnung der Kuppel stand und sah nun das
herrliche Rund vom wunderbarsten Glanze erleuchtet.
    Wie kann man sich in Rom allen seinen trüben und kränkelnden Empfindungen so
überlassen, wie Balder tut? - Wie ist es möglich, dass nicht ein verzehrend Feuer
durch alle Adern brennt und den Lebensgeistern zehnfache Kraft gibt? Rosa ist
ein vortrefflicher Mensch, er ist ein geborner Römer und stolz auf seine
Vaterstadt; erst seit wir hier sind, fängt sich an, seine Seele in ihrer ganzen
Herrlichkeit zu entwickeln, er ist hier wie neubelebt, ich entdecke in ihm
täglich neue Vorzüge und Talente, die ich vorher nicht erwartet hatte. Er
scheint mir ein Muster zu sein, nach dem man sich bilden kann; dieser
allesumfangende Geist mit diesem zarten Gefühle und diesem richtigen Verstande,
verbunden mit einem grossen Reichtume von Kenntnissen - alles dies kann gewiss nur
das Eigentum einer grossen Seele werden. -
    Die Sonne geht unter, ich eile die grosse Treppe hier am Platze hinauf, um
die Kuppel der Peterskirche, des Vatikan und die ganze Stadt unter mir in Gold
und Purpur brennen zu sehn.
 
                                       9
                      Walter Lovell an seinen Sohn William
                                                                         London.
Meine Zeit wird jetzt durch den unangenehmen Prozess mit Burton beschränkt, ich
kann Dir daher nur selten schreiben. - Doch will ich ein Versprechen erfüllen,
das ich Dir in einem neulichen Briefe tat, Dir nämlich kurz einige Szenen meines
Lebens zu erzählen, wo meine Standhaftigkeit auf eine harte Probe gesetzt ward
und wo ich Misstrauen und Menschenkenntnis zu einem ziemlich hohen Preis
einkaufen musste.
    Mein Vater wohnte in Yorkshire; sein Landgut lag in der Nähe von Bondly. Ich
war sein einziger Sohn, nachdem ihm zwei Töchter und ein Knabe gestorben waren,
und er erzog mich daher mit der zärtlichsten Sorgfalt; er versäumte nichts in
der Ausbildung meiner Fähigkeiten und suchte mir schon früh ein zartes und
bleibendes Gefühl für alles Edle und Schöne einzupflanzen. Da er aber einen
übertriebenen Hang für die ländliche Einsamkeit hatte, so waren wir beide selten
in Gesellschaft andrer Menschen; Bondly ward von uns noch am häufigsten besucht.
So wuchs ich gleichsam in seinen Armen auf und lernte nur aus einigen meiner
Lieblingsschriftsteller die Welt und die Menschen kennen; ich war mehr in der
kindlichen, unbefangenen Zeit Homers zu Hause, als in der gegenwärtigen; alle
Menschen mass ich nach meinen eigenen Empfindungen, alles was ausser mir lag, war
mir ein unbekanntes Land. Auf diese Art war es natürlich, dass tausend Vorurteile
in mir aufwuchsen und feste Wurzel schlugen, die ganze Welt umher war nur ein
Spiegel, in dem ich meine eigne Gestalt wiederfand. Unter allen meinen Bekannten
zog mich keiner so an, als der junge Burton, der damals zwanzig Jahr alt war,
nur wenig älter als ich selbst; unsre Bekanntschaft ward bald die vertrauteste
Freundschaft: eine Freundschaft, wie gewöhnlich die erste unter fühlenden
Jünglingen geknüpft zu werden pflegt, nach meiner Meinung für die Ewigkeit.
Damon und Pylades waren mir noch zu geringe Ideale, meine erhitzte Phantasie
versprach für den Freund alles zu tun, so wie sie jedes Opfer von ihm verlangte.
In diesen Jahren gibt man sich nicht die Mühe, den Charakter des Freundes zu
beobachten, oder man hat vielmehr nicht die Fähigkeit, dies zu tun; man glaubt
sich selbst zu kennen und folglich auch den Freund, man trägt alles aus sich in
ihn hinüber und das geblendete Auge findet auch in den beiden Charakteren die
täuschendste Ähnlichkeit. - Eine solche Freundschaft dauert selten über die
ersten Jünglingsjahre hinaus; es kommt bei den meisten Menschen doch bald eine
Zeit, wo sie durch tausend Umstände gezwungen werden, aus ihrem poetischen
Traume zu erwachen, dann finden sich beide, wenigstens einer von ihnen,
getäuscht; dieser Moment, wo die rosichte Dämmerung der betrogenen Phantasie
nach und nach verschwindet, gehört zu den unglücklichsten des Lebens.
    Mein Vater, so wie jeder andere Unbefangene sah auf den ersten Augenblick,
dass Burton mir völlig unähnlich sei; er war kalt und verschlossen, verschlagen
und listig: ich kam ihm offenherzig, mit einer erhitzen Phantasie, mit einer
übertriebenen Empfindsamkeit entgegen. - Aber ich glaubte, Burton besser zu
kennen, als ihn jeder andre kannte, ich war überzeugt, dass die Augen der übrigen
Menschen für seine Vorzüge blind wären, und so hielt ich meine Menschenkenntnis
für richtiger und über der meines Vaters erhaben. So wie der Barbar einen
sinnlich dargestellten Gott braucht, und sich irgendeinen Klotz dazu behaut, so
braucht der schwärmende Jüngling ein Wesen, dem er sich mitteilt; er drückt das
erste, das ihm begegnet, an seine Brust, unbekümmert, ob ihn jener willkommen
heisse, oder nicht.
    So lebte ich manches Jahr hindurch, ohne dass mein Geist eine andere Wendung
nahm; die fast ununterbrochene Einsamkeit mochte wohl die vorzüglichste Ursache
davon sein. Als ich kaum mündig geworden war, starb mein Vater und ich war mir
nun ganz selber überlassen. Mein Schmerz über meines Vaters Verlust war heftig
und anhaltend, aber Burtons Liebe tröstete mich. - Doch bald lernt ich in der
Nachbarschaft ein schönes weibliches Wesen kennen, die nach wenigen Wochen so
mein ganzes Herz gewann, dass ich wie im Zustande einer Bezauberung mein ganzes
voriges Leben vergass und endlich innewurde, dass ich liebte, da ich bis dahin die
Liebe nur Torheit gescholten, und das höchste Glück in der Freundschaft hatte
finden wollen. Maria Milford war aus der reichsten Familie in der Nachbarschaft,
und obgleich mein Vermögen selbst ansehnlich war, so war ich doch zu furchtsam,
ihrem rauhen Vater einen Antrag zu tun; meine Erziehung hatte mir eine
Menschenscheu eingeflösst, die ich nur erst sehr spät abgelegt habe, auch wollte
ich überdies erst ihre persönliche Neigung zu gewinnen suchen; ein Wunsch, der
auch in kurzer Zeit erfüllt wurde. Burton ward der Vertraute meiner Liebe, er
war mein Ratgeber und zuweilen auch der Teilnehmer meines Kummers. Ich zögerte
noch immer, mich dem Vater meiner Geliebten zu entdecken, als ein Oheim meines
Freundes, Waterloo, von seinen Reisen aus Italien zurückkam. Er war ein Mann von
ohngefähr vierzig Jahren; seine Reisen hatten seinen Verstand ausgebildet und
seine Sitten verfeinert. Er war höflich und zuvorkommend, ohne fade, und gegen
jedermann freundschaftlich, ohne abgeschmackt zu sein; sein Gesicht und
vorzüglich sein Blick hatten etwas Imponierendes, das anfangs zurückschreckte,
bei einer nähern Bekanntschaft sich aber in Liebenswürdigkeit verwandelte, kurz,
er schien mir das vollendete Ideal eines Mannes, der mich bald völlig
bezauberte. Er interessierte sich vorzüglich für mich und ich übergab mich ihm
gänzlich mit einer vollkommnen kindlichen Resignation; ich glaubte in ihm einen
zweiten Vater gewonnen zu haben, er leitete alle meine Schritte, er war bald der
Mitwisser aller meiner Geheimnisse, der Vertraute meiner Liebe, die ich ganz
seiner Führung überliess.
    Waterloos Witz, so wie seine übrigen Talente machten ihn nach kurzer Zeit zu
einem gesuchten Gesellschafter in der Nachbarschaft umher, er ward allentalben
eingeladen, und war nach dem ersten Besuche jedermanns Freund; so gewann er auch
bald das nähere Vertrauen des alten Milford, den er vorzüglich oft besuchte. Er
ward in wenigen Wochen dort der Freund des Hauses und er kam mir selbst mit dem
Antrag entgegen, den Vater auf eine Verbindung zwischen mir und seiner Tochter
vorzubereiten. Ich umarmte ihn tausendmal, ich dankte ihm für seine
Freundschaft, ich sah dreister einer glücklichen Zukunft entgegen. - Als ich
nach einiger Zeit Milford und seine Tochter besuchte, bemerkte ich mit
Vergnügen, dass Waterloo schon sein Versprechen gehalten haben müsse; man empfing
mich freundschaftlicher als je, Marie war weniger zurückgezogen, und als man uns
im Garten einige Minuten allein liess, sagte sie mir, dass mein Freund zuerst
ihren Vater auf mich aufmerksamer gemacht habe, und sehr oft von mir mit vielen
Lobeserhebungen spreche. - Ich glaubte meines Glücks schon gewiss zu sein, ich
machte hundert Entwürfe, ich dankte Waterloo wie ein entzückter Liebhaber, ich
schwur, dass ich ihn mehr als meinen Vater, oder jeden andern Menschen liebe. -
Meine Zuneigung für Marie Milford fing sich jetzt an öffentlicher zu zeigen, ich
war weniger scheu und zurückhaltend, meine Liebe ward erwidert, ich war der
glücklichste Mensch unter der Sonne.
    Plötzlich ward meine Freude durch einen Schlag unterbrochen, der für mich
desto schrecklicher war, je weniger ich ihn erwartet hatte. Ich erhielt an einem
Morgen ein Billet vom Vater meiner Geliebten, worin er mich in wenigen Worten
bat, ich möchte künftig aus Ursachen, die er mir jetzt nicht deutlich machen
könne, sein Haus vermeiden. - Ich stand lange wie betäubt, ich konnte mich kaum
von der Wirklichkeit dessen, was ich las, überzeugen. Ich suchte hundert
Ursachen zu entdecken, die diesen empörenden Brief könnten veranlasst haben, aber
ich fand keine, um dies Rätsel aufzulösen; ich ritt eiligst nach dem Landgute
Milfords, um mit ihm selber zu sprechen und sein Betragen mir erklären zu
lassen, aber ich ward nicht vorgelassen. - Zornig eilte ich nach Hause und
überliess mich meinen trübsinnigen Untersuchungen von neuem, aber meine Gedanken
fanden keinen Ausweg aus diesem Labyrinte, ich entdeckte Waterloo meine
seltsame Lage, der mich auf jede Art zu trösten suchte; er versprach mir zu
ergründen, was diesen Vorfall veranlasst habe. Er hatte es durch die Kunst seiner
Überredung und durch die freundschaftliche Art, mit der er mich zu zerstreuen
suchte, dahin gebracht, dass ich etwas zufriedener von ihm ging. - Meine
peinliche Lage dauerte einige Wochen hindurch, in welcher Zeit mir Waterloo bald
tröstende, bald niederschlagende Nachrichten brachte; ich ritt einigemal an
Milfords Hause vorbei und sah Marien weinend am Fenster stehn. Waterloo tat
alles, meinen Schmerz zu erleichtern, er war jetzt mein einziger Freund, denn
Burton war schon seit einigen Wochen nach London gereist. Wir machten
mannigfaltige Pläne, die wir alle wieder verwarfen. Endlich schlug mir Waterloo
eine Reise nach London vor, die mich zerstreuen sollte, er wollte indes als mein
Anwalt meine Sache unermüdet beim alten Milford fortführen; einige Verleumdungen
und Missverständnisse müssten mir bei diesem Schaden getan haben, die sich gewiss
binnen kurzem von selbst widerlegen und aufklären würden. Nach langem Streiten
hin und her liess ich mich endlich überreden. Wir nahmen zärtlich Abschied, das
Herz blutete mir, mich auch von meinem Freunde zu trennen; doch tröstete mich
der Gedanke, dass ich Burton in London antreffen würde.
    Ich reiste zu Pferde und ohne Begleitung; niemand sollte mich in meinen
Träumen stören. Meine Reise ging nur langsam fort. Ich kam daher erst spät in
London an. Burton empfing mich mit grosser Freude, er zog mich wider meinen
Willen zu tausend Ergötzlichkeiten: Briefe von Waterloo nährten mich indes mit
Hoffnung und besänftigten oft meinen wieder aufwachenden Schmerz. So ging nach
und nach eine längere Zeit vorüber, als ich anfangs für meine Abwesenheit
bestimmt hatte, denn ich war jetzt schon seit zwei Monaten in London gewesen. -
    Ich erschien mir wie ein Tor, der sein Unglück fast verdiene; und so quält
ich mich schlaflos in einer stürmischen Nacht auf meinem Lager; mit neuem Glanz
trat Mariens Bild vor meine Seele, das Benehmen ihres Vaters war mir noch immer
unerklärbar. Was konnte er von mir wollen? Was hatte er mir vorzuwerfen? - Ich
bereute es, dass ich entfernt von ihr die Zeit verträumte und kaum den Gang
meines Schicksals kannte. London war mir mit seinem lärmenden Getümmel verhasst,
der Wunsch in mir lebendig, dass ich wieder in ihrer Nähe leben wollte, auf
meinem einsamen Landsitze, dass es mir jetzt vielleicht gelänge, ihren Vater mit
mir auszusöhnen.
    Als ich aufstand, war ich wie berauscht, es war als wenn mich mein Genius
aus London forttriebe. Ich liess mir nicht Zeit einzupacken, nicht einmal Burton
meine Reise zu melden; ich nahm mit dem Anbruche des Tages die Post, und fuhr im
schnellsten Trabe meiner Heimat zu. Ich verweilte nirgend, die grösste Eile war
mir noch zu langsam, ich fuhr auch in der Nacht, um desto früher mein Landhaus
wiederzusehn. - Ich mochte etwa nur noch wenige Meilen von dem Schloss Milfords
entfernt sein, als mir ein Zug geputzter und fröhlicher Bäuerinnen in die Augen
fiel. Ich erschrak, ich fragte sie, welches Fest sie heute feierten. Die Älteste
unter ihnen trat hervor, und sagte mir mit einem naiven Lächeln, sie wollten
dort nach dem Schloss, (indem sie auf den Landsitz Milfords in der Ferne
zeigte) um die Verlobung des Fräuleins und des Herrn Waterloo feiern zu helfen.
- Ich verstummte, ich war wie vom Blitze getroffen, ich liess mir diese Nachricht
wohl zehnmal wiederholen, ohne sie zu hören; ich glaubte, alles dies sei ein
Traum, der mich noch in London ängstige, ich verlor alle Besinnung und liess
endlich mit der grössten Geschwindigkeit vor das Schloss Milfords fahren.
    Schon in einiger Entfernung weckten mich Trompeten und lärmende Musik aus
meiner Betäubung. Ich sprang aus dem Wagen, die beschäftigten Bedienten
bemerkten mich kaum; ich stürze wie wahnsinnig die Treppen hinauf, reisse die Tür
auf und stehe im Saale, unter einer Menge von bekannten und unbekannten
Menschen; Marie stösst einen Schrei aus, und fliegt unwillkürlich in meine Arme.
    Alle waren erstaunt, Waterloo und der alte Milford werfen sich zwischen uns,
sie trennen uns mit Gewalt. Marie wird fast ohnmächtig auf ihr Zimmer geführt,
Waterloo folgt ihr, endlich bin ich mit dem Vater allein.
    »Sie wagen es«, fährt er auf, »hier zu erscheinen? So zu erscheinen? Haben
Sie mein strenges Verbot vergessen?«
    »Ja, ich wage es«, rief ich aus, »ich wage dies und noch mehr. Waterloo ist
ein Verräter, er soll mir seine Niederträchtigkeit mit seinem Leben büssen!«
    Ich weiss nicht mehr, was ich alles sagte, aber eine heftige Wut hatte sich
meiner bemeistert, ich fühlte Konvulsionen durch meinen Körper zucken, mein Blut
siedete und meine Zähne knirschten. Milford war gelassen genug, mich austoben zu
lassen; dann nahm er das Wort:
    »Sie sehn«, sagte er kalt, »wie ich Ihren wahnsinnigen Ungestüm erdulde, und
meine Nachgiebigkeit macht Sie vielleicht so frech. - Sie sind mir überhaupt ein
Rätsel. - Welches Recht haben Sie auf meine Tochter? - Sie lieben sie, wie Sie
sagen, aber dieses Wort reicht nicht hin, meine Einwilligung zu erzwingen: und
dennoch kommen Sie mit der Wildheit eines Verrückten zurück, ob Sie gleich recht
gut wissen, dass Sie sich durch hundert Niederträchtigkeiten einer Verbindung mit
meiner Familie unwürdig gemacht haben.«
    »Niederträchtigkeiten?« schrie ich auf und riss den Degen aus der Scheide.
    »Nicht also!« rief Milford mit einem kalten Grimme, »lassen wir diese
Spiegelfechterei; ich kann Ihnen Beweise geben.«
    Und nun fing er an, mir ein Register von Bosheiten, die ich verübt haben
sollte, vorzulegen. Das meiste war gänzlich erdichtet, oder einige ganz
unbedeutende Kleinigkeiten und Zufälle in ein verhasstes Licht gestellt; alles
zeugte von der schändlichsten Erfindungsgabe, ich errötete oft über die Frevel,
die man mir zur Last legen wollte. - »Und diesem«, schloss Milford endlich, »soll
ich mein Kind, die einzige Freude meines Lebens, überantworten? - Sie lieber
hinrichten!«
    Ich zwang mich gemässigt zu sein. - »Wer«, fragt ich kalt, »ist der Erfinder
dieser, wenigstens sinnreichen Lüge?«
    »Einer, den Ihr Charakter am meisten kränkt - Ihr Freund Waterloo! Ihr
ehemaliger Lobredner.«
    Itzt wunderte ich mich, dass ich nicht längst das ganze Gewebe der Bosheit
durchgesehn hatte; der Schleier fiel jetzt ganz von meinen Augen. Grosse Tränen
stürzten über meine Wangen herab, ich verlor in diesem Augenblicke einen Freund,
den ich unaussprechlich geliebt hatte; mein Herz wollte zerspringen. Ich warf
mich in einen Sessel, um die mannigfaltigen Empfindungen, die in meinem Innern
wühlten, erst austoben zu lassen; Milford sah kalt und gelassen auf mich herab,
er war ungewiss, ob er diesen Schmerz für Reue, oder für tiefe Kränkung halten
sollte. - Endlich gewann ich die Sprache wieder, und nachdem ich mich völlig
gesammelt hatte, war es mir ein leichtes, den Vater vom Ungrunde aller
Beschuldigungen zu überzeugen. Er wütete jetzt gegen Waterloo, der ihn auf die
boshafteste und schändlichste Art hintergangen, der ihn durch alle Künste der
Verstellung zu seinem warmen Freunde gemacht hatte. - Er hatte anfangs meinen
Freund und Bewunderer gespielt, und auf eine Verbindung zwischen mir und Marien
eingelenkt, nach und nach war er zurückhaltender, endlich kalt geworden. Man
hatte um den Grund dieses Betragens in ihn gedrungen; nach langen Umschweifen,
nach vielen Klagen war er endlich mit der Entdeckung vorgerückt, dass er sich
gänzlich in mir geirrt habe, dass er auf diese schmerzliche Weise einen werten
Freund in mir verliere, nebst andern Ausbeugungen und moralischen
Gemeinsprüchen. Itzt ward eine Erdichtung nach der andern ausgesponnen, und als
er mich bei Milford verhasst genug gemacht, suchte er in eben dem Verhältnisse
dessen Liebe auf sich zu lenken. Dies gelang ihm auch endlich; aber Marie hasste
ihn beständig, sie hatte niemals seinen Worten geglaubt. Unsre Aussöhnung von
allen Seiten war bald gemacht, die Verlobung mit Marien nach einigen Tagen
gefeiert; ich forderte Waterloo, der aber nicht erschien, sondern dafür ein
sicheres Mittel fand, sich an mir zu rächen. -
    Ich ward bald nachher krank, ein anhaltender Schwindel mit Krämpfen und
Ohnmachten verbunden, peinigte mich; der Arzt entdeckte noch zur rechten Zeit,
dass ich Gift bekommen hatte, und nur die grösste Aufmerksamkeit konnte mein Leben
retten; ich entging aber darum nicht einer langen und qualvollen Krankheit, die
auch die Ursache aller meiner nachherigen Unfälle gewesen ist. Alles dies tat
ein Mensch, der mein Freund war, den ich mit der grössten Zärtlichkeit liebte, um
mit Marien eine ansehnliche Aussteuer zu erhalten. -
    Waterloo hatte sich schon vorher entfernt, man wusste nicht, wo er geblieben
war; nach einigen Monaten kam die Nachricht seines Todes. Ich ward, als ich
genas, mit Marien verbunden, die mir aber nach einem kurzen Jahre wieder
entrissen ward, indem Du mir geschenkt wurdest. - Ich weinte meinen Schmerz am
Busen meines Freundes Burton aus, der über meinen Kummer Tränen vergoss; - bald
nachher fiel mir ein Brief in die Hände, woraus ich sah, dass Burton mit Waterloo
einverstanden gewesen war, dass eine ansehnliche Belohnung, die man ihm aus
Mariens Vermögen hatte zusichern wollen, ihn verführt hatte, ebenfalls
Teilnehmer an diesem Komplott zu werden. -
    Seit der Zeit hat mich Burton unablässig verfolgt. So wurde mein offnes Herz
hintergangen, auf diese Art meine zärtliche Freundschaft belohnt!
    Dies ist aber nur eine Szene meines Lebens, ich habe mehrere Stürme
ausgehalten, wo meine Liebe auf eine ähnliche Art verraten ward - ich suchte
Dich darum schon früh mit Menschen bekannt zu machen, und jenen jugendlichen
Entusiasmus zu mildern; bis jetzt ist diese Bemühung vergebens gewesen, aber Du
siehst wenigstens aus meiner Geschichte, wie notwendig es ist. Lebe wohl, ich
hoffe, dass Du die Anwendung auf Dich selbst am besten daraus wirst machen
können. -
 
                                       10
                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                            Rom.
Der italienische Winter kündigt sich schon durch häufige Regenschauer an. Ich
verspare auf unser Wiedersehn alle meine Bemerkungen über die Kunstschätze und
verweise Dich auf mein Tagebuch hierüber. Wie will ich mich freuen, wenn ich
alle meine Papiere vor Dir in dem geliebten Bondly ausbreiten kann, und Du mich
belehrst, und ich mit Dir streite. Ich will Dir lieber dafür von meinem Umgange
und meinen Freunden erzählen. Rosa interessiert mich mit jedem Tage mehr; ohne
dass er es selbst will, macht er mich auf manche Lücken in meinem Wesen
aufmerksam, auf so viele Dinge, über die ich bisher nie nachgedacht habe und die
doch vielleicht des Denkens am würdigsten sind, aber mein Verstand hatte sich
bis jetzt nie über eine gewisse Grenze hinausgewagt. Rosa ermuntert mich, meine
Schüchternheit fahrenzulassen, und er selber ist mein Steuermann in manchen
dunkeln Regionen. Balder zieht sich oft ganz von uns zurück, er träumt gern für
sich in der Einsamkeit, meine Besorgnis für ihn nimmt mit jedem Tage zu, denn er
ist sich oft selbst nicht ähnlich. Neulich war das Wetter schöner, als es
gewöhnlich um diese Jahrszeit zu sein pflegt, wir gingen im Felde spazieren und
ich suchte ihn auf die Schönheiten der Natur aufmerksam zu machen, aber er
brütete düster in sich selber gekehrt. - »Worüber denkst du«, fragte ich ihn
dringend; »du bist seit einiger Zeit verschlossen, du hast Geheimnisse vor
deinem Freunde, gegen den du sonst immer so offenherzig warst. - Was fehlt dir?«
    »Nichts«, antwortete er kalt und ging in seinem Tiefsinne weiter.
    »Sieh die reizende Schöpfung umher«, redete ich ihn wieder an, »sieh wie
sich die ganze Natur freut und glücklich ist!« -
    Balder: »Und alles stirbt und verwest; - vergissest du, dass wir über Leichen
von Millionen mannigfaltiger Geschöpfe gehn - dass die Pracht der Natur ihren
Stoff aus dem Moder nimmt - dass sie nichts als eine verkleidete Verwesung ist?«
    »Du hast eine schreckliche Fähigkeit, allentalben unter den lachendsten
Farben ein trübes Bild zu finden.«
    »Freude und Lachen?« fuhr er auf, »was sind sie? Dies Grauen vor der
Schönheit, ja vor mir selbst ist es, was mich verfolgt; vertilge dies in mir und
ich werde dich und die übrigen Menschen nicht mehr abgeschmackt finden.«
    »Warum aber«, fuhr ich fort, »willst du diese Art die Dinge zu sehn, die
doch wahrlich nur eine Verwöhnung und kranke Willkür ist, nicht wieder
fahrenlassen, und mit frohem Mut die wahre Gestalt der Welt wieder suchen?«
    »Um so zu sehn, wie du siehst«, antwortete er, »ist aber dieser Anblick der
wahre? Wer von uns hat recht? Oder werden wir alle getäuscht?«
    »Mag es sein, aber so lass uns doch wenigstens den Betrug für wahr
anerkennen, der uns glücklich macht.«
    Balder: »Deine Täuschung macht mich nicht glücklich, die Farben sind für
mich verbleicht, das verhüllende Gewand von der Natur abgefallen, ich sehe das
weisse Gerippe in seiner fürchterlichen Nackteit. - Was nennst du Freude, was
nennst du Genuss? - Könnten wir der Natur ihre Verkleidung wieder abreissen - o
wir würden weinen, wir würden ein Entsetzen finden, statt Freude und Lust.«
    »Und warum? - Mögen wir doch zwischen Rätsel und Unbegreiflichkeiten
einhergehn, ich will die frohe Empfindung meines Daseins geniessen, dann wieder
verschwinden, wie ich entstand - genug, im Leben liegt meine Freude. - Deine
Gedanken können dich zum Wahnsinn führen.«
    Balder: »Vielleicht.«
    »Vielleicht? - Und das sagst du mit dieser schrecklichen Kälte?«
    Balder: »Warum nicht? - Der Mensch und sein Wesen sind mir in sich selbst so
unbegreiflich, dass mir jene Zufälligkeiten, unter welchen er so, oder anders
erscheint, sehr gleichgültig sind.«
    »Gleichgültig? - Du bist mir fürchterlich Balder.«
    Balder: »Dieses Gedankens wegen? - Es ist immer noch die Frage, ob ich beim
Wahnsinne gewinnen oder verlieren würde.«
    »Diese dumpfe Unempfindlichkeit, jenes Dasein, das unter der Existenz des
Wurmes steht, diese wilde Zwittergattung zwischen Leben und Nichtsein wirst du
doch für kein Glück ausgeben wollen?«
    Balder: »Wenn du dich glücklich fühlst, warum soll es der Wahnsinnige nicht
sein dürfen? - Er empfindet ebensowenig die Leiden der Natur, sein Sinn ist
ebenso für das, was mich betrübt, verschlossen, als der deinige; warum soll er
elend sein? - und sein Verstand -«
    »Und dieses göttliche Kennzeichen des Menschen ist in ihm ausgelöscht? -
Oder findest du auch in der Sinnlosigkeit seine Wollust?«
    Balder: »Seine Vernunft! - O William, was nennen wir Vernunft? - Schon viele
wurden wahnsinnig, weil sie ihre Vernunft anbeteten und sich unermüdet ihren
Forschungen überliessen. Unsre Vernunft, die vom Himmel stammt, darf nur auf der
Erde wandeln; noch keinem ist es gelungen, über Ewigkeit, Gott und Bestimmung
der Welt eine feste Wahrheit aufzufinden wir irren in einem grossen Gefängnisse
umher, wir winseln nach Freiheit und schreien nach Tageslicht, unsre Hand klopft
an hundert eherne Tore, aber alle sind verschlossen und ein hohler Widerhall
antwortet uns. - Wie wenn nun der, den wir wahnsinnig nennen -«
    »Ich verstehe dich, Balder: weil unsre Vernunft nicht das Unmögliche
erschwingen kann, so sollen wir sie geringschätzen und ganz aufgeben dürfen.«
    Balder: »Nein, William, du verstehst mich nicht. - Statt einer weitläuftigen
Auseinandersetzung meiner Meinung will ich dir eine kurze Geschichte erzählen. -
Ich hatte einen Freund in Deutschland, einen Offizier, einen Mann von gesetzten
Jahren und kaltblütigem Temperamente; er hatte nie viel gelesen oder viel
gedacht, sondern hatte vierzig Jahre so verlebt, wie sie die meisten Menschen
verleben; die wenigen Bücher, die er kannte, hatten seinen Verstand gerade so
weit ausgebildet, dass er eine grosse Abneigung gegen jede Art des Aberglaubens
hatte; er sprach oft mit Hitze gegen die Gespensterfurcht und andre ähnliche
Schwachheiten des Menschen. Diese Aufklärungssucht ward nach und nach sein
herrschender Fehler, und seine Kameraden, die ihn von dieser Seite kannten,
neckten ihn oft mit einem verstellten Wunderglauben, und so entstanden häufig
hitzige und hartnäckige Streitigkeiten; in diesen zeichnete sich gewöhnlich ein
Herr von Friedheim durch seinen Widerspruch am meisten aus; er war ein Freund
von Wildberg (so hiess der andre Offizier), aber er suchte ihm auf diese Art
seinen lächerlichen Fehler am auffallendsten zu machen. Ein Fall, der oft bei
Dispüten eintritt, die gewöhnlich mit einem Gelächter endigen, ereignete sich
auch hier. Friedheim sagte einst nach vielen Debatten, und wenn seinem Freunde
auch kein andrer Geist erschiene, so wünsche er selbst bald zu sterben, um bei
ihm die Rolle eines Gespenstes zu spielen. Das Gelächter ward allgemein und der
Streit in eben dem Augenblicke hitziger und empfindlicher. Wildberg fühlte sich
bald aufs heftigste beleidigt, Friedheim war zornig geworden, die Gesellschaft
trennte sich, und Friedheim ward von dem erhitzen Wildberg gefordert. - Die
Sache ward sehr in der Stille getrieben, ich war der Sekundant Wildbergs, ein
anderer Freund begleitete seinen Gegner, wir taten alles, um eine Aussöhnung zu
bewirken, aber die beleidigte Ehre machte unsre Versuche vergebens. Der Platz
ward ausgemessen, die Pistolen geladen, Friedheim fehlte, Wildberg schoss,
Friedheim fiel nieder, eine Kugel durch den Kopf hatte ihm das Leben geraubt. -
Mehrere günstige Umstände trafen zusammen, so dass der Vorfall halb verheimlicht
blieb; Wildberg hatte nicht nötig zu entfliehen. - Alle seine Freunde waren über
die glückliche Wendung seines Schicksals vergnügt, nur er selber versank in eine
tiefe Melancholie. Alle schoben dies natürlich auf den Tod seines Freundes, den
er selber auf eine gewaltsame Art verursacht hatte; da sich aber sein Gram nicht
wieder zerstreute, da jeder Versuch, ihn wieder fröhlich zu machen, vergeblich
war, da er endlich manche unverständliche Winke fallenliess, so drang man in ihn,
die Ursache seines Tiefsinns zu entdecken. Itzt gestand er nun, erst einem, dann
mehreren, dass sein Freund Friedheim allerdings Wort halte, ihn nach seinem Tode
zu besuchen; er komme zwar nicht selbst, aber in jeder Mitternacht rolle ein
Totenkopf, von einer Kugel durchbohrt, durch die Mitte seines Schlafzimmers,
stehe vor seinem Bette stille, als wenn er ihn mahnend mit den leeren
Augenhöhlen ansehen wolle, und verschwinde dann wieder; diese schreckliche
Erscheinung raube ihm den Schlaf und die Munterkeit, er könne seitdem keinen
frohen Gedanken fassen. - Von den meisten ward diese Erzählung für eine
unglückliche Phantasie, von wenigen nur, und gerade von den einfältigsten, für
Wahrheit gehalten. - Wildbergs Krankheit aber nahm indessen zu; er fing jetzt an,
häufiger und öffentlicher seine Vision zu erzählen, er bestritt den Aberglauben
nicht mehr, sondern liess sich im Gegenteile gern von Gespenstern vorsprechen,
und so kam es bald dahin, dass man ihm den Namen eines Geistersehers beilegte und
ihn für einen sonst ziemlich vernünftigen Mann hielt, der nur eine unglückliche
Verrückung habe. - Wildberg bat jetzt zuweilen einige seiner Freunde zu sich, um
in der Nacht mit ihm zu wachen, weil seine Angst und sein Schauder bei jeder
Erscheinung höher stieg; auch ich leistete ihm einigemal Gesellschaft. Gegen
Mitternacht ward er jedesmal unruhig - wenn es zwölfe schlug, fuhr er auf und
rief: Horch! jetzt rasselt es an der Tür! - Wir hörten nichts. - Dann richtete
Wildberg seine Augen starr auf den Boden: Sieh, sprach er leise; wie er zu mir
heranschleicht! O vergib, vergib mir, mein lieber Freund, ängstige mich nicht
öfter, ich habe genug gelitten. - Nachher ward er ruhiger und sagte uns, der
Kopf sei verschwunden; wir hatten nichts gesehn. - Es ward allen seinen Freunden
stets wahrscheinlicher, dass alles dies nichts weiter, als eine unglückliche
hypochondrische Einbildung sei, heftige Reue über den Tod seines Freundes, die
in eine Art von Wahnsinn ausgeartet sei; wir suchten ein Mittel, ihn von der
Nichtigkeit seiner Vorstellung zu überführen und ihm so seine Ruhe
wiederzugeben. Viele Hypochondristen sind schon dadurch geheilt, dass man ihre
Einbildung ihnen wirklich dargestellt und sie nachher auf irgendeine Art vom
Betruge unterrichtet hat; auf eben diese Art beschlossen wir, sollte Wildberg
geheilt werden. - Wir verschaften uns also einen Totenkopf, durch dessen Stirn
wir ein Loch bohrten, wo den unglücklichen Friedheim die Kugel seines Freundes
getroffen hatte, wir befestigten ihn an einen Faden, um ihn in der Mitternacht
durch das Zimmer zu schleifen, Wildberg dann zu beobachten und ihn nachher zu
unterrichten, wie er von uns hintergangen sei. - Wir versprachen uns von diesem
Betruge die glücklichste Wirkung; alle Anstalten waren getroffen und wir
erwarteten mit Ungeduld den Augenblick, in welchem es vom Kirchturme zwölf Uhr
schlagen würde. Itzt verhallte der letzte Schlag und Wildberg rief wieder:
Horch! da rasselt er an der Tür! In eben dem Augenblicke ward von einem in der
Gesellschaft unser Totenkopf hineingezogen, und bis in die Mitte des Zimmers
geschleift. Wildberg hatte bis jetzt die Augen geschlossen, er schlug sie auf,
und bleich, zitternd, und fast in ein Gespenst verwandelt sprang er aus dem
Bette; mit einem entsetzlichen Tone rief er aus: Heiliger Gott, Zwei Totenköpfe!
Was wollt ihr von mir?«
    Balder hielt hier inne. - Ich muss gestehn, der unerwartete Schluss der
Erzählung hatte mich frappiert, und beschäftigte jetzt meine Phantasie; ich war
nur noch begierig, welche Anwendung er daraus auf seine vorigen Gedanken ziehen
wollte; nach einigem Stillschweigen fuhr er fort:
    »Jeder Denker, der über jene grossen Gegenstände forschen will, die ihm am
wichtigsten sind, über Unsterblichkeit, Gott und Ewigkeit, über Geister und den
Stoff und Endzweck der Welt, fühlt sich wie mit eisernen Banden von seinem Ziele
zurückgerissen, die menschliche Seele zittert scheu vor der schwarzen Tafel
zurück, auf der die ewigen Wahrheiten darüber geschrieben stehn. Wenn die
Vernunft alle ihre Kräfte aufbietet, so fühlt sie endlich, wie sie fürchterlich
auf einer schmalen Spitze schwankt und im Begriffe ist, in das Gebiet des
Wahnsinns zu stürzen. Um sich zu retten, wirft sich der erschrockene Mensch
wieder zur Erde - aber wenige haben den raschen frechen Schritt vorwärts getan,
mit einem lauten Klang zerspringen die Ketten hinter ihnen, sie stürzen
unaufhaltsam vorwärts, sie sind dem Blicke der Sterblichen entrückt. Das
Geisterreich tut sich ihnen auf, sie durchschauen die geheimen Gesetze der
Natur, ihr Sinn fasst das Ungedachte, in flammenden Ozeanen wühlt ihr nimmermüder
Geist - sie stehn jenseit der sterblichen Natur, sie sind im Menschengeschlechte
untergegangen - sie sind der Gotteit näher gerückt, sie vergessen der Rückkehr
zur Erde - und der verschlossene Sinn brandmarkt mit kühner Willkür ihre
Weisheit Wahnsinn, ihre Entzückung Raserei!«
    Balder sah mich hier mit einem verwegenen Blicke an. - Er fuhr fort:
    »Mein Freund Wildberg sah, trotz aller Täuschung, etwas, was wir nicht sahen
- können wir wissen, was jene erblicken? Die Geschichte ist wahr, aber wäre sie
auch nichts als ein guterfundenes Märchen, so würde sie mir doch sehr wert sein,
da sie für mich einen so tiefen Sinn entält.«
    »Und wo steht denn«, fragte ich, »bei dir die Grenze zwischen Wahrheit und
Irrtum?« -
    »Lass das«: indem er abbrach; »ich bin heute wider meinen Willen ein
Schwätzer gewesen; da wir aber einmal davon sprachen, wollt ich dir diese
seltsame Idee nicht zurückhalten.«
    Wir gingen jetzt wieder zur Stadt zurück und Balder war wieder tief in sich
gekehrt.
    Ich habe Dir, mein Eduard, dies Gespräch, so gut ich konnte,
niedergeschrieben, Du kannst daraus die wunderbare Wendung kennenlernen, die der
Geist meines Freundes genommen hat. - Ich will jetzt schliessen. Lebe wohl. -
    Und doch, lieber Freund, ergreif ich die Feder noch einmal, um Dir einen
Vorfall zu melden, der seltsam genug ist, so geringfügig er auch sein mag.
Vielleicht dass mich heut das oben niedergeschriebene Gespräch sonderbar gestimmt
hat, oder dass es eine Schwachheit ist, weil ich seit einigen Nächten fast nicht
geschlafen habe, genug, ich will Dir die Sache erzählen, wie sie ist, Du wirst
über Deinen Freund lächeln - aber, was ist es denn mehr? der Fall wird noch oft
vorkommen. - - Damit Du mich aber ganz verstehst, muss ich etwas weit ausholen.
    Mein Vater hat eine kleine Gemäldesammlung, die nur sehr wenige historische
Stücke und Landschaften entält, sondern meistenteils aus Porträten seiner
Verwandten, oder andern, ihm merkwürdigen Personen besteht. Ich ging als Knabe
nie gern in dieses Zimmer, weil mir immer war, als wenn die Menge von fremden
Gesichtern mit einem Male lebendig würde: vorzüglich aber fiel mir ein Bild
darunter stets auf eine unangenehme Art auf. Der Kamin des Zimmers ist in einem
Winkel angebracht, wo ein starker Schatten fiel und ein Gemälde, das darüber
hing, fast ganz verdunkelte. Es war ein Kopf, Eduard, ich weiss nicht, wie ich
ihn Dir beschreiben soll - ich möchte sagen, mit eisernen Zügen. Ein Mann von
einigen vierzig Jahren, blass und hager, sein Auge vorwärts stierend, indem das
eine in einer kleinen Richtung nach dem andern schielt, ein Mund, der zu lächeln
scheint, der aber, wenn man ihn genauer betrachtet, soeben die Zähne fletschen
will; - eine beständige Dämmerung schwebte um dieses Gemälde und ein heimliches
Grauen befiel mich, sooft ich es betrachtete, und doch heftete sich mein Blick
jedesmal unwillkürlich darauf, sooft ich durch dies Zimmer ging, daher hat meine
Phantasie bis jetzt dies Bild so treu und fest aufbewahrt. Ich habe auch nie jene
kindische Furcht vor diesem Kopfe ganz ablegen können: mein Vater sagte mir, es
wäre kein Porträt, sondern die Idee eines sehr geschickten Malers.
    Ich hatte den Brief an Dich geendigt; ich gehe durch die Stadt, die Sonne
war schon untergegangen und ein roter Dämmerschein flimmerte nur noch um die
Dächer und auf den freien Plätzen. So will ich mich nach Hause wenden, eile vor
den einsamen Weinbergen und dem alten Tempel des heiligen Teodor vorüber, gehe
dann weiter nach dem Bogen des Janus, um in die belebte Stadt zurückzukehren,
als ich hinter der Mauer ein Wesen auf mich zuwanken sehe; als es etwas mehr auf
mich zukam, zweifelte ich, ob es ein Mensch sei, ich hielt es für einen Geist,
so alt, zerfallen, bleich und unkenntlich schlich es einher - jetzt stand es mir
gegenüber und - - Eduard, Du errätst es vielleicht - es war jenes grauenhafte
Bild meines Vaters! - Alle Gefühle meiner frühesten Kindheit kamen mir plötzlich
zurück, ich glaubte in Ohnmacht zu sinken. - Es war ganz derselbe, nur jetzt um
dreissig Jahre älter, aber alle jene schrecklichen Grundlinien, jenes
unerklärliche Furchtbare, jenes verdammnisvolle Schreckliche. - Er hatte mein
Erschrecken bemerkt - er sah mich an - und lächelte - und ging fort! - Eduard,
ich kann keine Worte finden, Dir diesen Blick und dieses Lächeln zu beschreiben.
Mir war's, als stände mein böser Engel in sichtbarlicher Gestalt vor mir, als
hört ich in diesem Augenblicke alle glücklichen Blätter aus dem Buche meines
Lebens reissen, wie ein Prolog zu einem langen unglückseligen Lebenslauf fiel
dieser Blick, dieses Lächeln auf mich - o Eduard, es hat mich erschüttert, darum
verzeih mir, wenn ich zu ernstaft davon spreche.
    Wer mag es sein? frag ich mich jetzt unaufhörlich - und wie hat mein Vater
ein ihm so ähnliches Bild erhalten? -
 
                                       11
                            Karl Wilmont an Mortimer
                                                                        Glasgow.
Ich bin nun ganz Schottland durchstrichen und ich glaube, ich könnte ebensogut
noch nach Irland und Abyssinien reisen, ohne gescheiter zurückzukommen. - Alle
meine Onkeln, Vettern, Basen, Muhmen, Tanten und Geschwisterkinder haben mich
gar nicht wiedergekannt, sie hätten darauf geschworen, ich wäre ausgetauscht, so
übel hat mir die Liebe mitgespielt; ich fange an in der ganzen Welt meinen Ruf
als Lustigmacher zu verlieren, die Empfindsamkeit hat alle meine Spässe gar
armselig zugerichtet. - Ach, Freund, jetzt bin ich in der niedlichsten Stadt, die
ich bis jetzt auf dem weiten Erdboden habe kennen lernen, die Schotten sind so
herrliche und gastfreie Leute-aber ihr Gast taugt wirklich gar zu wenig, und
darum werd ich wohl mit der Zeit wieder zurückreisen müssen. Hast Du mir aber
irgend etwas zu schreiben, so tue es ja, denn einige Wochen denk ich noch
hierzubleiben.
    Mortimer, mir ist eingefallen, dass wir uns beide den Spass machen können,
einander Elegieen zu dedizieren, und so unsre Namen auf die Nachwelt zu bringen,
in der Poesie soll ja überdies ein Trost für alle möglichen Leiden liegen; statt
uns die Haare auszuraufen, wollen wir dann Federn zerkäuen, statt an unsre Brust
zu schlagen und zu seufzen, Verse an den Fingern abzählen; ich habe schon einige
herrliche Gedanken dazu im Kopfe, wenn mir nicht ein Hagelschlag daruntergerät,
kann das eine vortreffliche Ernte werden.
    Sonst bin ich gesund, aber das Wetter wird unangenehm, ich wollte es wäre
Frühling, und ich sähe Emilien wieder. - Sieh doch! und wäre mit ihr verheiratet
und Vater von zehn Kindern - und - und - ich versichere Dich, dass ich jeden
Satz, den ich anfange, mit Emilien endigen möchte. - Das weiss Gott, wie das mit
mir werden soll. - Mit dem neuen Jahre hoff ich, soll es besser werden, das
haben wir ja nun bald, und ich wünsche Dir und mir und allen Menschen, die vom
neuen Jahre etwas wissen, alles mögliche Gute.
    Ob sie wohl zuweilen an mich denkt? - Ich hoffe wohl. - Wie lebst Du in
London, und fährst Du noch immer mehr fort, Dich in meine Schwester zu
verlieben? - Ich möchte oft herzlich über uns beide lachen, ich fange auch wohl
zuweilen an, aber es will nicht recht gelingen. - Bald komm ich zu Dir zurück,
dann wollen wir wechselseitig unseren kranken Herzen Erleichterung schaffen.
 
                                       12
                            Mortimer an Karl Wilmont
                                                                         London.
Mich freut es, dass der Ton in Deinem Briefe noch so ziemlich munter klingt; dies
beweist, dass Deine Lage noch nicht so gefährlich ist, als Du sie gerne machen
möchtest. Ich bin heut in grosser Versuchung, sehr ernstaft mit Dir zu sprechen;
solltest Du also vielleicht bei gar zu fröhlicher Laune sein, so lege meinen
Brief so lange beiseite, bis sie vorüber ist. Doch ich weiss, dass bei Dir Lachen
und Ernst seine Zeit hat, dass Du nicht zu jenen Humoristen gehörst, die nichts
lieber, als den Ton ihrer eigenen Zunge hören und sich mit ihrem eigenen
Geschwätze betäuben. - Das Wetter wird sehr stürmisch, mir scheint es daher am
vernünftigsten, Du kömmst bald nach London zurück, denn welches Vergnügen kannst
Du jetzt bei Deinem Herumstreifen haben?
    Lovell fängt an ein nachlässiger Briefschreiber zu werden, er hat sehr lange
nicht an Amalien geschrieben. Sie hat mir ihren Kummer darüber mit ihrer
liebenswürdigen Offenherzigkeit geklagt, und ist es Leichtsinn, der Lovell
abhält, so verdient er wirklich nicht die Betrübnis dieser schönen Seele.
    Karl, ich mache mir unendlich oft Vorwürfe, dass ich sie so oft sehe, ich
mache mir einen Vorwurf daraus, dass ich durch meine Zuneigung Lovell beleidige,
und dann wieder - darf er je die Einwilligung seines Vaters zu dieser Verbindung
hoffen? und liebt er sie auch wirklich? Hat er sie nicht vielleicht schon
vergessen? - Wenn dies der Fall wäre, vielleicht dass sie dann ihre Liebe nach
und nach zu mir übertrüge. - Dann, Karl, hab ich mir einen schönen Plan
ausgedacht: glaube mir, dass man erst als Hausvater ein eigentlicher Bürger
dieser Erde wird. Sie würde dann mein Weib; ich habe mir schon einen stillen
reizenden Ort ausgesucht, wo ich mich anbauen will. Ich habe mir keinen
poetischen und empfindsamen Plan entworfen, ich habe alles genau gegeneinander
berechnet, ich weiss so ziemlich, welche Freuden man von dieser Welt zu erwarten
hat, und meine Foderungen sind also nicht zu hoch gespannt; ich habe mir das
Vergnügen gemacht, mir meine Einrichtung bis auf die kleinsten Umstände
auszudenken, nur schade, dass ich noch auf die Hauptsache so wenig rechnen darf.
Die Freuden des Herzens sind gewiss die reinsten und edelsten in dieser Welt, und
jeder kann sie geniessen, wenn er sie nur nicht selbst verachtet. - Ich erwarte
Dich also nächstens wieder in London. Lebe wohl.
 
                                       13
                           Der Graf Melun an Mortimer
                                                                          Paris.
Sie verliessen, lieber Freund, Paris, als ich eben Anstalten zur Hochzeit mit der
Comtesse Blainville traf; da Sie sich stets für mein Schicksal interessiert
haben, so halte ich es für meine Pflicht, Ihnen einige nähere Nachrichten von
dem Erfolge dieser Narrheit zu geben.
    Sie würden jetzt mein Haus in Paris nicht wiederkennen, so sehr ist alles
durcheinandergeworfen und verändert und modernisiert; ich bin so eingeschränkt,
dass ich weniger Freiheiten habe, als meine Bedienten; alle meine vormaligen
Freunde fliehen mein Haus und eine Schar von Zugvögeln gewöhnt sich nach und
nach herein, die von der Freigebigkeit, oder vielmehr von der Verschwendung
meiner Gebieterin leben; - ach Mortimer, ich sehe noch in meinem Alter einer
drückenden Armut entgegen. So hart ist die Torheit eines alten Mannes bestraft,
der nach so vielen Jahren von Erfahrung noch die närrische Foderung machte, ein
Herz zu finden, das ihn um sein selbstwillen liebte. Ich wollte die letzte
Periode meines Lebens recht schön beschliessen, ich wollte mir gleichsam so
manches verlorne Jahr zurückerkaufen, und ich habe eine Hölle um mich her
versammelt. Die Comtesse hat mich durch ihre Verstellung betrogen, ich traute
ihr ein Herz zu, aber sie lacht über diesen altfränkischen Galimatias, sie
freut sich meines Kummers und wünscht meinen Untergang. Schon nach einigen
Wochen meiner Heirat resignierte ich auf eine eigentlich glückliche Ehe, aber
ich glaubte doch nicht so vielen Kummer erdulden zu müssen. Es gibt keine
Kränkung, die ich nicht erleide, ja man macht sich ein Vergnügen daraus, recht
öffentlich zu verfahren; mein Vermögen wird auf die unsinnigste Art
verschwendet, sie hat ihren erklärten Liebhaber, einen Elenden, den sie
bereichert, und der weder Witz noch Verstand hat, um andern zu gefallen. Eine
Auszehrung scheint meinem Leiden ein Ende machen zu wollen, denn mit jedem Tage
fühle ich mich matter. Dies ist nun der trübe Beschluss eines meist langweiligen
Lebens, das ich fast ganz einer albernen Konvenienz zum Opfer brachte. -
Bedauern Sie ihren Freund und geraten Sie nie in ein Unglück, das dem meinigen
ähnlich ist.
 
                                       14
                         Walter Lovell an Eduard Burton
                                                                         London.
Ich schreibe Ihnen in einer grossen Verlegenheit, selbst Traurigkeit, in welche
mich das lange Stillschweigen meines Sohnes versetzt. Ich kann mir die Ursache
nicht erklären, wenn er nicht gefährlich krank ist, und diese Erklärung vermehrt
nur meinen Kummer. Sollte er Ihnen etwa in dieser Zeit Nachrichten von sich
gegeben haben, so ersuche ich Sie um die Gefälligkeit, mir diese mitzuteilen;
Sie werden dadurch den Kummer eines Vaters lindern, dem tausend Bilder, eins
trüber und schrecklicher als das vorige, vor der Seele schweben. Ich bitte Sie
also, mir bald zu antworten, denn ich weiss, dass Sie stets mit meinem Sohne
korrespondiert haben; er hat vielleicht den Freund weniger als den Vater
vernachlässigt.
 
                                       15
                        Amalie Wilmont an Emilie Burton
                                                                         London.
Was ich mache, meine liebste Freundin? Ich weiss es selbst nicht genau, ich bin
nicht krank, und doch auch nicht wohl. Wenn ich zu Ihnen nach Bondly kommen
könnte, würde ich einmal wieder recht vergnügt sein, so vergnügt, wie damals,
als Lovell bei Ihnen war. - Ich weiss nicht, wie der böse Mensch seinen Vater und
uns alle so ängstigen kann, er hat seit langer Zeit nicht geschrieben, und man
fürchtet nun, er sei tot. Sollte es blosse Nachlässigkeit sein, so wäre sie
unverzeihlich. - Sagen Sie mir, was Sie denken, ich wollte lieber, wir könnten
so freundschaftlich und vertraut wie ehemals darüber sprechen. - Sie waren stets
so gütig gegen mich, wir waren immer so froh miteinander, vielleicht könnten Sie
mich jetzt etwas erheitern; die Munterkeit ist mir wirklich nötig, ich fühle es,
wie ein beständiger Schmerz an meinem Herzen nagt. Mortimer tut alles mögliche,
um mich vergnügt zu machen, aber wenn ich auch zuweilen lache, so denke ich doch
indes an Lovell, und weine innerlich, und Lovell - Gott! wenn er tot wäre - oder
- o meine Emilie, was sagen Sie? Ist es möglich? Warum sollten mir vom
Schicksale so grosse Leiden zugedacht sein, da ich nichts verbrochen habe? oder
war mein Glück, waren meine Hoffnungen Sünde? -
 
                                       16
                             William Lovell an Rosa
                                                                         Tivoli.
Sie haben recht, Rosa, ich fange erst jetzt an, Sie zu verstehn. Was mir seit
unsrer Bekanntschaft dunkel und rätselhaft war, tritt nun wie aus einem Nebel
allgemach hervor; die Täler, die zwischen den Bergen liegen, werden sichtbar,
mein Blick umfängt die ganze Landschaft. - Ihr Geist zieht den meinigen zu sich
hinüber; eben da, wo ich mich einst mit einer zu jugendlichen Voreiligkeit (ich
darf es Ihnen nun wohl gestehn) über Ihnen erhaben fühlte, seh ich mich jetzt um
so mehr gedemütigt.
    Was machen Sie und Balder in Neapel? Seit Ihrer Abreise fühl ich mich hier
einsam und verlassen; es scheint, als wenn mir stets ein Freund zur
Unterstützung notwendig wäre. Kommen Sie bald zurück!
    Aber dennoch hab ich Ihnen, nur Ihnen allein jene Selbstständigkeit zu
danken, die mir noch vor kurzem so fremd war. Sie haben mich aus jenen Wesen
hervorgehoben, die in einer bejammernswürdigen Feigheit ihr Leben nicht zu
geniessen wagen, die sich von unaufhörlichen Zweifeln tyrannisieren lassen und
wie Tantalus mitten im Überflusse schmachten; oder die sich von den Schätzen der
lebendigen Natur mit Verachtung hinwegwenden, um eine dürre Klippe zu besteigen,
wo sie sich dem Himmel näher dünken. Aber dort oben stehn sie verlassen;
Felsenwände, die kein sterblicher Arm hinwegrücken wird, begrenzen ihre
Aussicht; - um den Göttern ähnlich zu werden, sterben sie, ohne gelebt zu haben.
- Nein, Rosa, hinweg mit diesem trostlosen Stolze! - Ich begnüge mich mit der
Empfindung, ein Mensch zu sein; rasch entflieht das Leben, wehe dem, der vom
irdischen Schlafe erwacht, ohne angenehm geträumt zu haben, denn wüste und
dunkel ist die Zukunft.
    Seit ich an diesem Glauben hange, lacht mir der Himmel freundlicher, jede
Blume duftet mir süsser, jeder Ton klingt melodischer; die ganze Welt betrachte
ich als mein Eigentum, jede Schönheit gehört mir, indem ich sie verstehe. So muss
der freie Mensch durch die Natur wandeln, ein König der Schöpfung, das edelste
geschaffene Wesen, indem er am edelsten zu geniessen weiss. - Ich höre auf, nach
Weisheit zu ringen, der sich kein Sterblicher nähern kann - warum lässt Sisyphus
seinen boshaften Stein nicht endlich liegen? Warum werden die Danaiden ihrer
unglückseligen Arbeit nicht überdrüssig? - Warum schaffen sich Tausende aus
dieser schönen Welt freiwillig eine Hölle? -
    Gönnen Sie mir diesen poetischen Entusiasmus, denn in einer schönen Stunde
schreibe ich Ihnen, in dem Garten, der schon oft die Szene unsrer Freuden war.
Die Luft ist durch ein Gewitter abgekühlt, und die schwarzen Wolken ziehn jetzt
hinweg, ein schmaler Strahl bricht aus der Dunkelheit hervor und wirft einen
roten Streif über die grüne Wiese, golden stehn die Spitzen der Hügel da, wie
elysäische Inseln in einem trüben Ozean, in der Ferne wandelt ein Regenbogen
durch den grünen Wald, die Natur ist wieder frisch, die Wiesen duften; nur Ihre
Freundschaft fehlt dem glücklichen Lovell.
 
                                       17
                             Rosa an William Lovell
                                                                         Neapel.
Seitdem ich Ihren Brief erhalten habe, tut es mir mehr leid als je, dass ich mit
dem melancholischen Balder hiehergereist bin; ich werde so schnell als möglich
zurückkommen. Er wird mit jedem Tage finsterer und verschlossener, eine seltsame
Art von Schwärmerei scheint seinen Geist in einer unaufhörlichen Spannung zu
erhalten. Sie werden wissen, dass bei ihm die gewöhnlichen Zerstreuungen und
Freuden des Lebens übel angebracht sind, sie dienen nur, seiner Laune einen noch
finstrern Anstrich zu geben. - Ist es nicht kindisch, sich selbst und der ganzen
Natur deswegen zu fluchen, weil nicht alles so ist, wie wir es mit unsern
beschränkten Sinnen fordern? - Aber ich kenne auch die Reize, die diese
Schwärmerei uns anfangs gewährt, wir ahnden eine Vertraulichkeit mit Geistern,
die uns entzückt, die Seele badet sich im reinsten Glanze des Äters und vergisst
zur Erde zurückzukehren; aber die Kraft, die die Welt nach dem innern Bilde der
erhitzen Phantasie umwandelt, stirbt bald, die Sinnlichkeit, (denn was ist ein
solcher Zustand anders) ist auf einen so hohen Grad exaltiert, dass sie die
wirkliche Welt leer und nüchtern findet; je weniger Nahrung sie von aussen
erhält, je mehr erglüht sie in sich selbst; sie erschafft sich neue Welten und
lässt sie wieder untergehn: bis endlich der zu sehr gespannte Bogen bricht und
eine völlige Schlaffheit den Geist lähmt und uns für alle Freuden unempfänglich
macht; alles verdorrt, ein ewiger Winter umgibt uns. Welche Gotteit soll dann
den Frühling zurückbringen? -
    Wohl Ihnen, dass Sie diesem Zustande entflohen sind! - Sie wissen es jetzt,
welche Forderungen Sie an das Leben zu machen haben. Der Schwärmer kennt sich
selbst und seine dunkeln Wünsche nicht, er verlangt Genüsse aus einer fremden
Welt, Gefühle, für die er keine Sinne hat, Sonne und Mond sind ihm zu irdisch: -
wir, William, wollen hier unten bleiben, nicht nach Wolken und Nebeldünsten
haschen, Mond und Sterne hoch über uns sollen uns nicht kümmern - und so rasch
mit dem Wagen ins Leben hinein, fort über die Berge und durch die Täler mit den
unermüdeten Rossen, bis wir endlich angehalten werden und aussteigen müssen. -
Bald bin ich wieder in Rom; leben Sie wohl.
                                                                           Rosa.
 
                                       18
                            Balder an William Lovell
                                                                         Neapel.
Ich versprach mir manche Freuden von dieser Reise und jetzt bin ich vedriesslich,
dass ich Rom verlassen habe: ja fast bin ich unzufrieden, dass ich mich je über
den kleinen unbekannten Winkel meines Vaterlandes hinauswünschte. Der Geist
dürstet nach Neuem, ein Gegenstand soll den andern drängen - wie süss träumt man
sich die Reise durch das schöne Italien - ach und was ist es nun am Ende weiter,
als das langweilige Wiederholen einer und eben der Sache? was war es nun, dass
ich zwischen Rom und Neapel, Berge, Meere und blauen Himmel sah? - Alles gleitet
vor meiner Seele kalt und freudenleer vorüber.
    Warum ist doch der Mensch dazu bestimmt, keine Ruhe in sich selber zu
finden? - Itzt denke ich es mir so erquickend, in einer kleinen Hütte am Saume
eines einsamen Waldes zu leben, die ganze Welt vergessend und auf ewig von ihr
vergessen, nur mit der Erde bekannt, so weit mein Auge sieht, von keinem
Menschen aufgefunden, nur vom Morgenwinde und dem Säuseln der Gesträuche begrüsst
- eine kleine Herde, ein kleines Feld - was braucht der Mensch zu seinem Glücke
weiter? - Und doch, wenn mich eine Gotteit nun plötzlich dortin versetzte,
würd ich nicht wieder nach der Ferne jammern? Würde sich mein Blick nicht wieder
wie ehemals an des Abends goldenes Gewölk hängen, um mit ihm unterzusinken und
zauberreiche, mir unbekannte Fluren zu besuchen? Würd ich nicht unter der Last
einer dumpfen Einsamkeit erliegen und nach Mitteilung, nach Liebe, nach dem
Händedruck eines Freundes schmachten? - Das Leben liegt wie ein langer
verwickelter Faden vor mir, den auseinanderzuknüpfen mich ein boshaftes
Schicksal zwingt; hundertmal werf ich die lästige Arbeit aus der Hand,
hundertmal beginn ich sie von neuem, ohne weiterzukommen; o wenn mich doch ein
mitleidiger Schlaf überraschte! -
    Ein Fieber hat mir die Reise hieher völlig verdorben, Rosa ist mir zur Last,
ich selber bin mir unerträglich. - In der Einsamkeit, unter abenteuerlichen
Phantomen, schrecklichen Gemälden meiner Phantasie und trübseligen Ideen ist mir
noch am besten - aber wenn ich an einen Ort komme, wo Menschen stehn und sich
freuen! - wo vielleicht Musik ist und getanzt wird! - o William, es will mir die
Seele zerschneiden. Ich darf nur einen verlornen Blick unter den jauchzenden
Haufen fallen lassen, und er findet in allen sogleich die nackten Gerippe
heraus, die Beute der Vernichtung. - Ich komme mir vor wie ein verlarvtes
Gespenst, das ungekannt und düster, still und verschlossen durch die Menschen
hingeht: sie sind mir ein fremdes Geschlecht.
    Antworte mir, wenn Du mich noch nicht ganz vergessen hast, wenn Du nicht zu
jenen Menschen gehörst, die sich wie die Schnecke ganz in sich selber
zurückziehn, unbekümmert um das Wohl oder Weh ihres Bruders. - Doch weiss ich
nicht, dass ihr alle Egoisten seid und sein müsst? -
 
                                       19
                            William Lovell an Balder
                                                                            Rom.
Der Schluss Deines Briefes zwingt mich zu dieser Antwort, ob ich Dir gleich
dadurch unmöglich beweisen kann, dass ich nicht zu jenen Egoisten gehöre, von
denen Du sprichst. Dieser Beweis dürfte bei Dir schwer zu führen sein, so wie
der, dass Du alles in der Welt aus einem unrichtigen Gesichtspunkte betrachtest
und daher nichts als Elend und Jammer findest. Deinetwegen wünscht ich ein
tiefsinniger Philosoph zu sein, um Dich zu überzeugen. - Ich kann Dir freilich
nichts sagen, was Du nicht schon ebensogut wüsstest - aber lieber Balder, lass
doch jene Grübeleien fahren, die Deinen Körper und Geist verderben; geniesse und
sei froh. - Das heisst, wirst Du antworten, so viel, als wenn Du zum Blinden
sagen wolltest: tue die Augen auf und sieh! - Aber Du hast mich noch nie
überführt, dass der Wille über diesen Zustand nicht alles vermöchte; ich halte
ihn für keine physische Krankheit allein, und selbst diese wäre gewiss zu heilen.
- Wenn Du aufrichtig sein willst, so wirst Du eingestehn, dass es jene
unbegreifliche heimliche Wollust ist, die Dich unter Schaudern und Grausen so
freundlich grüsst; jene wilde Freude, jene Entzückungen des Wahnsinns, die Dich
in Deinen unterirdischen Wohnungen so fest halten. - Wenn Du dies zugibst, so
sind wir beide wenigstens gleich grosse Egoisten. - Aber lass diese Genüsse der
abenteuerlichen Phantasie fahren, die Dich zugrunde richten, kehre zur Welt und
zu den Menschen zurück, vereinige Dich mit dem brüderlichen Kreise und nimm die
Blumen, die Dir die mütterliche Natur mit freundlichem Lächeln hinreicht. - O
könnt ich den bösen Geist beschwören, der in Dir wohnt, damit nach wenigen
Wochen der glückliche Lovell den glücklichen Balder wieder in seine Arme
schliessen könnte.
 
                                       20
                            Balder an William Lovell
                                                                         Neapel.
Meine Lage hat sich seit meinem neulichen Briefe sehr geändert. Mein Fieber
nimmt mit jedem Tage zu, so wie mein Widerwille gegen die ganze Welt. - Unter
allen Menschen, die ich bisher habe kennen lernen, hat noch keiner meine
Erwartungen befriedigt; auch über Dich, William, kann ich mich mit Recht
beklagen, aber doch entsprichst Du noch dem, was ich von einem Menschen und
meinem Freunde fordre, am meisten: darum höre jetzt die Bitte Deines kranken
Freundes, und erfülle Dein halb im Scherze gegebenes Versprechen, mich hier in
Neapel zu besuchen. Auf eine wunderbare Weise fühl ich mich einsam, ein
Schatten, ein Laut kann mich erschrecken, die Fibern meines Körpers erzittern
bei jedem Anstosse auf eine schmerzhafte Art; ich weiss nicht, welches seltsame
Grausen mich umgibt, meine Brust ist beklemmt, wie von fremden unsichtbaren
Wesen umgeben fühl ich mich fürchterlich beschränkt; komm, vielleicht kannst Du
mich trösten. - Wenn ich nach und nach der Welt wie ein verdorrter Baum
absterbe, so möcht ich gern in den Armen eines Freundes verscheiden; wenn Du der
bist, so lass mich nicht zu lange nach Deiner Gegenwart schmachten.
    Shakespeares Hamlet ist meine tägliche Lektüre; hier finde ich mich wieder,
hier ist es gesagt, wie nüchtern, arm und unerspriesslich das Leben sei, wie
Wahnsinn und Vernunft ineinandergehn und sich einander vernichten, wie der
nackte Schädel endlich über sich selber grinset und hohnlacht, und von aller
Schönheit und Lust, von allem Ernst und aller Affektation nichts mehr als diese
weisse widerwärtige Kugel übrigbleibt. - O meine Phantasie sieht Gestalten! -
    Oder war es mehr als Phantasie, was mich in der gestrigen Mitternacht so
sehr erschreckte? - Wenn es etwas mehr wäre! - Und doch kann es nicht sein. -
Doch welcher Sterbliche wagt es, die Grenze zu ziehn, wo die Wirklichkeit
aufhören soll? Wir vertrauen unserm aus Staube gebildeten Gehirne zu viel, wenn
wir nach eben den Massen, die wir hier unten gebrauchen, auch eine Welt messen
wollen, die mit der hiesigen keine Ähnlichkeit hat - voll Scham über seine
Anmassung sinkt einst der Geist vielleicht zu Boden, wenn die körperliche Hülle
von ihm genommen wird.
    Es war gegen Mitternacht, mein Bedienter schlief und das Nachtlicht warf nur
matte Strahlen durch das Zimmer; alles war still, eine Grille zirpte im Kamine
ihre einförmige Melodie ununterbrochen fort. - Ein wunderbares Ideenspiel begann
in meinem Kopfe als ich zu lesen anfing.
    Ich sah die abenteuerliche Nacht, den Stern oben, der durch den Wipfel eines
Baumes flimmerte, grosse Schatten vom Palaste her, und Lichter in der Ferne,
Horatio in der Spannung, der der seltsamen Erzählung seines Freundes zuhört -
und nun tritt plötzlich der Geist auf, langsam und leise schwebt er her, ein
schwarzer Schatten, um den ein bleicher Schimmer fliesst, matt wie das blaue
Licht einer auslöschenden Lampe. - Ich fühlte, wie mir ein Grauen mit kalter
Hand über den Nacken hinab zum Rücken fuhr, die Stille um mich her ward immer
toter, ich selber ging immer weiter in meinem Innern zurück, und betrachtete in
meiner innersten Phantasie mit grauendem Wohlbehagen die Erscheinung, aus der
umgebenden Welt verloren.
    Plötzlich hört ich einen langen, leise gezogenen Schritt durch das Zimmer,
ich blickte wieder auf - und ein Mann ging hinter mir, nach der Tür meines
Schlafzimmers zu, sein Auge begegnete mir, als ich mich umsah; ein
unwillkürlicher Ausruf entfuhr mir - er ging unbefangen in mein Schlafzimmer,
ich sah ganz deutlich die weissen Haare auf seinem Kopfe; der Schatten an der
Wand folgte ihm nach, auf eine fürchterliche Art verzogen. -
    Es ist mir selber unbegreiflich, warum ich im ganzen so kalt und fast ruhig
blieb, da ich doch einen Schauder in meinen innersten Gebeinen fühlte; in dem
Entsetzen lag eine Art von wütender Freude, ein Genuss, der vielleicht ausserhalb
den Grenzen des Menschen liegt. - Ich kann mir nichts Fürchterlicheres denken,
als diese Erscheinung zum zweiten Male zu sehn; und doch wiederhol ich mir
vorsätzlich den Schreck, das starrende Grausen dieses Augenblicks. -
    Ich rief meinen Bedienten; er hatte nichts gehört, in der Kammer war keine
Spur, ich hatte sogar den Schlüssel noch auf dem Tische liegen, und sie war
verschlossen. Ich liess Rosa kommen, er kannte mich nicht wieder, er blieb bei
mir, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, stets sah ich den fremden Mann
mit dem leisen bedächtlichen Schritte durch das Zimmer schleichen.
    Wenn es nicht Phantasie war - und mein Bewusstsein kämpft gegen diese Meinung
- was war es denn? - War dies keine Wirklichkeit, so steh ich im Begriffe, alle
Erscheinungen der Dinge ausser mir für Täuschung meiner Sinne zu erklären; und
fällt dann nicht alles zusammen? Wunder und Alltäglichkeit? - und wer bin ich
dann?
    Dann sitz ich hier in einer weiten milden ausgestorbenen Leere, bilde mir
ein, einen Brief zu schreiben, an ein Wesen, das sich nur meine Phantasie
erschaffen hat - o ich muss aufhören, auf diesem Wege kann man wahnsinnig werden;
- und wenn ich es würde? Vielleicht wäre dann die Schranke durchbrochen, die
meinen Geist jetzt noch von allem trennt, was ihm unbegreiflich ist. -
 
                                       21
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Balder hat mir geschrieben und ein merkwürdiges Beispiel gegeben, wie weit ein
Mensch sich verirren könne, wenn er einer kranken Phantasie die Zügel seiner
selbst überlässt. Von Phantomen seiner Einbildungskraft erschreckt, von einer
Krankheit gelähmt, ist er jetzt im Begriffe, an seiner eigenen Existenz zu
zweifeln; der sonderbarste und widersinnigste Widerspruch, den sich ein
moralisches Wesen nur erlauben darf.
    Aber ich kenne den Gang, den die Phantasie bei Balder genommen hat; auch ich
war einst dieser unglückseligen Stimmung nahe. Wenn es noch irgend möglich ist,
Rosa, so suchen Sie ihn zu heilen, söhnen Sie ihn mit dem Leben wieder aus und
schieben Sie ihm statt des ernsten Shakespeare den jugendlichen mutwilligen
Boccaz unter; die Farben sind von dem Gemälde abgesprungen, darum sieht es so
finster und widrig aus; machen Sie die Probe, neue aufzutragen, und es wird so
hell und frisch werden, wie ehedem. - Wenn er erwacht ist, wird er die Zeit
bedauern, die er so unangenehm verträumt hat.
    Freilich kann ich mich nicht verbürgen, ob die äussern Dinge wirklich so
sind, wie sie meinen Augen erscheinen: - aber genug, dass ich selbst bin; mag
alles umher dasein, auf welche Art es will, tausend Schätze sind über die Natur
ausgestreut uns zu vergnügen, wir können nicht die wahre Gestalt der Dinge
erkennen, oder könnten wir es, so ginge vielleicht das Vergnügen der Sinne
darüber verloren - ich gebe also diese Wahrheit auf, denn die Täuschung ist mir
erfreulicher. - Was ich selbst für ein Wesen sei, kann und will ich nicht
untersuchen, meine Existenz ist die einzige Überzeugung, die mir notwendig ist,
und diese kann mir durch nichts genommen werden. - An dies Leben hänge ich alle
meine Freuden und Hoffnungen - jenseits - mag es sein, wie es will, ich mag für
keinen Traum gewisse Güter verloren geben.
                                                          Ihr zärtlicher Freund.
 
                                       22
                             Rosa an William Lovell
                                                                         Neapel.
Wie sehr haben Sie in Ihrem Briefe aus meinem Herzen gesprochen! - Ach Freund,
wie wenig Menschen verstehen es zu leben, sie ziehn an ihrem Dasein wie an einer
Kette, und zählen mühsam und gähnend die Ringe bis zum letzten. - Wir, William,
wollen an Blumen ziehen und auch noch bei der letzten lächeln und uns von ihrem
Dufte erquicken lassen.
    Mögen die Dinge ausser mir sein, wie sie wollen; ein buntes Gewühl wird mir
vorübergezogen, ich greife mit dreister Hand hinein und behalte mir, was mir
gefällt, ehe der glückliche Augenblick vorüber ist. -
    Ja, Lovell, lassen Sie uns das Leben so geniessen, wie man die letzten
schönen Tage des Herbstes geniesst; keiner kömmt zurück, man darf keinem
folgenden vertrauen. Ist der nicht ein Tor, der in seinem dunkeln Zimmer sitzen
bleibt und Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit berechnet? Der Sonnenschein spielt
mutwillig vor seinem Fenster, die Lerche singt durch den blauen Himmel - aber er
hört nur seine Philosophie, er sieht nur die kahlen Wände seiner engen
Behausung.
    Wer ist die Gestalt, die in dem frohen Taumel uns in die Zügel des
fliehenden Rosses fällt? - die Wahrheit - die Tugend; - ein Schatten, ein
Nebelphantom, dessen Schimmer mit der Sonne untergehn. - Aus dem Wege mit dem
jämmerlichen Bilde! Es gehört keine Kraft, nur ein gesunder Blick gehört dazu,
um dieses Märchen zu verachten.
    Ja, Lovell, ich folge diesem Gedanken weiter nach. Wohin wird er mich
führen? - Zur grössten, schönsten Freiheit, zur uneingeschränkten Willkür eines
Gottes.
    Alle unsre Gedanken und Vorstellungen haben einen gemeinschaftlichen Quell -
die Erfahrung. In den Wahrnehmungen der Sinnenwelt liegen zugleich die Regeln
meines Verstandes und die Gesetze des moralischen Menschen, die er sich durch
die Vernunft gibt. - Alles aber, was die Sprache des Menschen Ordnung und
Harmonie, den Widerschein des ewigen Geistes nennt, alles was sie von der
leblosen Natur auf den geistigen Menschen überträgt; - was sind diese Worte mehr
als Worte? - Unser Verstand findet allentalben in der Natur die Spuren des
göttlichen Fingers, allentalben Ordnung, und die Elemente freundlich
nebeneinander - er versuche es doch einmal, die Unordnung und das Chaos zu
denken, oder in der Zerstörung nur den Ruin zu finden! - Es ist ihm unmöglich.
Unser Geist ist an diese Bedingung geknüpft; in unserm Gehirne regiert der
Gedanke der Ordnung, und wir finden sie auch ausser uns allentalben: ein Licht,
das durch die Laterne den Kerzenschimmer in die finstere Nacht hineinwirft.
    Es ist Mitternacht und vom Turme her schlägt es zwölfe. Wenn ich mir diese
Uhr beseelt und verständig vorstelle, so müsste sie notwendig in der Zeit, die
sie nach willkürlichen Abteilungen misst, diese Abteilungen wiederfinden, und
nicht ahnden, dass es ein grosser, göttlicher, ungemessener Strom ist, der
vorübersaust, kühn und herrlich und auch nicht eine Spur der kläglichen
Einteilung trägt.
    Willkommen denn wüstes, wildes, erfreuliches Chaos! - Du machst mich gross
und frei, wenn ich in der geordneten Welt nur als ein Sklave einherschreite.
    Sie sehn, Lovell, ich fange an, mit Ihnen zu phantasieren: ich hoffe aber
nicht, dass meine Phantasieen so wild und ungeordnet sind, dass sie der Freund
nicht verstehen sollte. - O wenn mich nur Balder verstände oder verstehen
wollte!
 
                                       23
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Nein, Rosa, Ihre Ideen sind dem Freunde nicht unverständlich. Ist es nicht
endlich einmal Zeit, dass ich Sie und Ihre Meinung ganz fasse?
    Freilich kann alles, was ich ausser mir wahrzunehmen glaube, nur in mir
selber existieren. Meine äussern Sinne modifizieren die Erscheinungen, und mein
innerer Sinn ordnet sie, und gibt ihnen Zusammenhang. Dieser innere Sinn gleicht
einem künstlich geschliffenen Spiegel, der zerstreute und unkenntliche Formen in
ein geordnetes Gemälde zusammenzieht.
    Geh ich nicht wie ein Nachtwandler, der mit offenen Augen blind ist, durch
dies Leben? Alles, was mir entgegenkommt, ist nur ein Phantom meiner innern
Einbildung, meines innersten Geistes, der durch undurchdringliche Schranken von
der äussern Welt zurückgehalten wird. Wüst und chaotisch liegt alles umher,
unkenntlich und ohne Form für ein Wesen, dessen Körper und Seele anders, als die
meinigen organisiert wären: aber mein Verstand, dessen erstes Prinzip der
Gedanke von Ordnung, Ursach und Wirkung ist, findet alles im genausten
Zusammenhange, weil er seinem Wesen nach das Chaos nicht bemerken kann. Wie mit
einem Zauberstabe schlägt der Mensch in die Wüste hinein und plötzlich springen
die feindseligen Elemente zusammen, alles fliesst zu einem hellen Bilde
ineinander - er geht hindurch und sein Blick, der nicht zurücke kann, nimmt
nicht wahr, wie sich hinter ihm alles von neuem trennt und auseinanderfliegt.
Willkommen, erhabenster Gedanke,
Der hoch zum Gotte mich erhebt!
Es öffnet sich die düstre Schranke,
Vom Tod genest der matte Kranke
Und sieht, da er zum ersten Male lebt,
Was das Gewebe seines Schicksals webt.
Die Wesen sind, weil wir sie dachten,
In trüber Ferne liegt die Welt,
Es fällt in ihre dunkeln Schachten
Ein Schimmer, den wir mit uns brachten:
Warum sie nicht in wilde Trümmer fällt?
Wir sind das Schicksal, das sie aufrecht hält!
Ich komme mir nur selbst entgegen
In einer leeren Wüstenei.
Ich lasse Welten sich bewegen,
Die Element' in Ordnung legen,
Der Wechsel kommt auf meinen Ruf herbei
Und wandelt stets die alten Dinge neu.
Den bangen Ketten froh entronnen,
Geh ich nun kühn durchs Leben hin,
Den harten Pflichten abgewonnen,
Von feigen Toren nur ersonnen.
Die Tugend ist nur, weil ich selber bin,
Ein Widerschein in meinem innern Sinn.
Was kümmern mich Gestalten, deren matten
Lichtglanz ich selbst hervorgebracht?
Mag Tugend sich und Laster gatten!
Sie sind nur Dunst und Nebelschatten!
Das Licht aus mir fällt in die finstre Nacht,
Die Tugend ist nur, weil ich sie gedacht.
So beherrscht mein äussrer Sinn die physische, mein innerer Sinn die moralische
Welt. Alles unterwirft sich meiner Willkür, jede Erscheinung, jede Handlung kann
ich nennen, wie es mir gefällt; die lebendige und leblose Welt hängt an den
Ketten, die mein Geist regiert, mein ganzes Leben ist nur ein Traum, dessen
mancherlei Gestalten sich nach meinem Willen formen. Ich selbst bin das einzige
Gesetz in der ganzen Natur, diesem Gesetz gehorcht alles. Ich verliere mich in
eine weite, unendliche Wüste - ich breche ab.
 
                                       24
                         Willy an seinen Bruder Tomas
                                                                            Rom.
Du hast lange keinen Brief von mir bekommen, lieber Bruder, und das macht, weil
ich Dir gar nichts zu schreiben hatte. Uns allen hier, ich meine, mir, meinem
Herrn und seinen Freunden, uns allen geht es hier recht wohl, ausser dem Herrn
Balder, der in Neapel krank liegt, weil er einen Anstoss vom Fieber bekommen hat.
Man erzählt sich allerhand von ihm; so sagt man unter andern, er habe in manchen
Stunden den Verstand ganz verloren und sei gar nicht bei sich, da rede er denn
wunderlich Zeug durcheinander. - Wenn ich so etwas höre, Tomas, so danke ich
Gott oft recht herzinniglich, dass mir so etwas noch nicht begegnet ist:
vielleicht aber auch, Tomas, dass, um verrückt zu werden, mehr Verstand dazu
gehört, als wir beide haben; ich meine nämlich, wenn man nur immer so viel
Versrand hat, als man zur höchsten Notdurft braucht, so kann man ihn ohne
sonderliche Mühe in Ordnung halten. Wer aber zu viel hat, dem wird das Regiment
saurer, und da geht dann manchmal alles bunt übereck. - Ich denke, es muss
ohngefähr so sein, wie mit dem Gelde: wer seine Einkünfte immer in der Tasche
bei sich trägt, ist meistenteils ein guter Wirt; wer aber so viel Geld hat, dass
er es nicht gleich im Kopfe zusammenrechnen kann, der gibt oft so viel aus, dass
er noch Schulden obendrein macht.
    Der Herr Rosa will mir immer noch nicht gefallen. Er kömmt mir vor, wie ein
Religionsspötter, von denen ich schon manchmal in unserm Vaterlande habe
erzählen hören; solche Leute können kein gutes Herz haben, weil sie nicht auf
die Seligkeit hoffen, und wer darauf nicht hofft, Tomas, der hat keinen festen
Grund, worauf er seinen Fuss setzen kann, und das hiesige Leben kommt mir doch
immer nur als eine Probearbeit vom künftigen vor; sie machen also ihre Probe
sehr flüchtig und nachlässig, und tun Gott und allen Menschen so vielen
Schabernack, als sie nur immer können. Ich weiss nicht, Tomas, wie es diesen
Leuten künftig ergehen wird; im Himmel würden sie doch nur die Ruhe und
Einigkeit stören; - mag's sein, wie es will, ich will nichts mit ihnen zu tun
haben.
    Aber der Herr William lässt sich jetzt viel mit diesem gefährlichen Menschen
ein. Sie sind jetzt recht vertraut und der Herr William kommt mir manchmal ganz
kuriose vor, es ist manchmal gar nicht mehr derselbe gute Herr, der er wohl vor
Zeiten war. Wenn der Italiener ihn nur nicht verführt! Ich könnte mich darüber
zu Tode grämen. Der ganze Himmel mit aller seiner Seligkeit würde mir künftig
nicht gefallen, wenn ich meinen lieben Herrn anderswo (Du weisst wohl, Tomas, wo
ich meine) wissen sollte.
    Du siehst, lieber Bruder, dass ich jetzt viel an den Tod und über die
Unsterblichkeit der Seele denke: das macht, weil ich jetzt fast beständig so
betrübte Gedanken habe, dass ich mich nicht zu lassen weiss. An allem ist mein
Herr William schuld; er ist nicht mehr so freundlich gegen mich, wie sonst, er
bekümmert sich wenig um mich, ja, Tomas, er lacht mich sogar manchmal aus, ob
ich doch gleich um viele Jahre älter bin, als er. Du wirst gewiss nicht sagen
können, dass er daran recht tut. Neulich kam mir das Weinen in die Augen, dass ich
es nicht verstecken konnte, und da lachte er noch weit mehr. Mag ihm das Gott
vergeben, so wie ich es ihm vergeben habe. Auch ist hier keine rechte Kirche für
unsereinen, das ist schlimm, mein Herr geht oft in die Messe, doch hoffe ich
immer noch, er tut es mehr der Weiber wegen, denn wenn er gar Andacht da hätte
und katolisch würde, nein, Tomas, das könnt ich nimmermehr verwinden. Und es
ist ein verführerisches Wesen mit dem Singsang und den prächtigen Kleidern; ja,
lieber Bruder, ich habe mich wohl auch hinein verleiten lassen, und habe ein -
oder zweimal (erschrick nur nicht), selbst eine Art von Andacht gespürt. Das
darf nicht wieder kommen. Ei, wenn ich meine rechtgläubige, englische
Gottesfurcht nicht wieder ganz heil und gesund mit mir zurückbrächte, was
würdest Du oder jeder Christ von mir denken müssen?
    Ich will nur zu schreiben aufhören, um Dir nur nicht noch mehr vorzuklagen.
Aber ich wünschte, ich sässe bei Dir in unserm frommen England; wenn es anginge,
möchte ich wohl zurückreisen: wie froh wollt ich Dich in meine alten Arme nehmen
und mit einer Freude, wie ein kleines Kind, ausrufen: Gottlob, dass ich wieder da
bin, dass ich Dich wiederhabe! - Nun so lebe wohl, gebe der Himmel nur, dass wir
uns noch einmal wiedersehn!
 
                                       25
                            Balder an William Lovell
                                                                         Neapel.
Rosa will nach Rom zurückreisen; wenn Du noch einiges Mitleids fähig bist, so
leiste mir einige Tage über Gesellschaft. Ich bin in einer fürchterlichen Lage,
meine Krankheit, (wenn ich es so nennen kann) nimmt mit jedem Tage zu, alle
Freuden und Hoffnungen verlassen mich, in einem kalten Trübsinne sehe ich der
Leere jedes folgenden Tages entgegen. Mein Gehirn ist wüst, eine heisse
Trockenheit brennt in meinem Kopfe, alles flieht, ich kann keinen Gedanken
festalten: alles saust mir vorüber, kein Ton dringt mehr in meine Seele.
    Mir ist zuweilen, als stehe ich auf dem Scheidewege, um vom Leben Abschied
zu nehmen, oft ist mir sogar zumute, als wenn schon alles in einer weiten,
weiten Ferne läge, wie von der Spitze eines Turmes seh ich mit trübem Auge in
die Welt hinunter und vermag keinen Gegenstand deutlich zu unterscheiden.
Zuweilen aber werde ich wieder zurückgerissen, meine Sinne tun sich den
Eindrücken wieder auf, und die Seele kömmt zu ihrem Körper zurück. - Komm doch
zu mir, William, in Deiner Gegenwart gewinne ich vielleicht eine bestimmtere
Existenz, entweder ich komme ganz wieder zu den Menschen hinüber, oder ich werde
jenseits in ein dunkles, chaotisches Gebiet geschleudert, das sich dann
vielleicht meinem Geiste entwickelt: dass ich dann mit der Seele einheimisch bin,
wohin mir kein Gedanke der übrigen Sterblichen folgt.
    Ja, Lovell, ich bin immer noch in Zweifel darüber, was aus mir werden würde,
wenn die Leute mich wahnsinnig nennen; o ich fühle es, dass ich in vielen
Augenblicken diesem Zustande so nahe bin, dass ich nur noch einen einzigen
kleinen Schritt vorwärts zu tun brauche, um nicht wieder zurückzukehren. Ich
brüte oft mit anhaltendem Nachdenken über mir selber; zuweilen ist's, als risse
sich eine Spalte auf, dass ich mit meinem Blicke in mein innerstes Wesen und in
die Zukunft dringen könnte; aber sie fällt wieder zu, und alles, was ich fesseln
wollte, entflieht treulos meinen Händen. - Als Kind stand ich oft mit Ehrfurcht
und ahnender Seele vor dem Klavier meiner Eltern und betrachtete stumm und
unverwandt den künstlich ausgeschnjetzten Stern des Resonanzbodens; ich sah
scheu durch ihn in die Dunkelheit hinein, weil ich wähnte, dort unten wohne der
Genius des Gesanges, der leise mit den Flügeln rausche, wenn die Tasten
angeschlagen wurden. Ich sah ihn oft in meinen Gedanken emporsteigen, wie er
leise schwebend von seinen süssen Tönen getragen wird und immer höher und höher
steigt und ein glänzendes Gewimmel von Harmonieen sich um ihn versammelt, dann
wieder still und langsam in seine Tiefe hinabsinkt und schweigend unten wohnt. -
Als ich älter ward, dachte ich oft mit Lächeln an diese seltsame Idee meiner
Kindheit und fühlte mich, wunder wie klug! - Aber verstand ich darum die
Entstehung und seltsame Wirkung der Töne?
    So kommen mir jetzt mehr Ideen aus meinen frühesten Jahren wieder; ich sehe
ein, dass ich jetzt ebenso mit ahndender, ungewisser Seele vor dem Rätsel meiner
Bestimmung und der Beschaffenheit meines Wesens stehe. - Vielleicht, dass das
Kind, das im ersten Augenblicke den Lichtstrahl des Tages erblickte, klüger ist
als wir alle. Die Seele weiss noch nicht die ihr aufgeladenen Sinne und Organe zu
gebrauchen, die Erinnerung ihres vorigen Zustandes steht ihr noch ganz nahe, sie
tritt in eine Welt, die sie nicht kennt und die ihrer Kenntnis unwürdig ist; sie
muss ihren höhern eigentümlichen Verstand vergessen, um sich mühsam in vielen
Jahren in die bunte Vermischung von Irrtümern einzulernen, die die Menschen
Vernunft nennen. - Vielleicht, dass ich wieder dahin zurückkommen kann, wo ich
war, als ich geboren ward.
    Vergib mir mein Geschwätz, das Dir vielleicht überdies unverständlich ist;
aber komm zu mir, komm! o lass mich nicht vergebens bitten.
    Ich habe schreckliche Träume, die mir alle Kräfte rauben, und fürchterlich
ist es, dass ich auch im Wachen träume. Heere von Ungeheuern ziehn mir vorüber
und grinsen mich an, wie ein heulender Wassersturz fallen Grässlichkeiten auf
mich herab und zermalmen mich. Ich schlafe nicht und kann nicht wachen; wenn ich
schlafe, ängstigt mich meine boshafte Phantasie, ich wache dann auf und kann
nicht erwachen, sondern setze meine Träume fort. - Heulende Orkane jagen hinter
mir her, und betäuben mich mit ihrem Brausen; ich fahre erbleichend zusammen,
wenn ich meine Hand aufhebe: wer ist der Fremdling, frage ich erschrocken, der
mir den Arm zum Grusse entgegenstreckt? - Ich greife ängstlich darnach und
ergreife schaudernd meine eigne, leichenkalte Hand, wie ein fremdartiges Stück,
das mir nicht zugehört. - Phantome jagen sich mir vorüber, die all mein Blut in
Eis verwandeln. Fürchterliche Gesichter drängen sich aus der Mauer, und wenn ich
hinter mich sehe, streckt sich mir ein schneebleiches Antlitz entgegen, und
begrüsst mich mit wehmütig entsetzlichem Lächeln. - Komm, William, und rette mich
- je nun, so komm, komm doch! hörst Du nicht das ängstliche Geschrei Deines
armen Freundes? - Du lachst? O wehe Dir und mir, wenn Du mich verspottest; dann
schicke ich Dir einst alle Gespenster zu, dass sie Dir auch den Schlaf und die
Ruhe wegquälen. - Vergib mir, aber komm.
    Eine blinde Wut könnte mich ergreifen, wenn ich das armselige Geschwätz der
Ärzte von Fieberhitze und Paroxysmus höre. Die Narren! weil ihre Sinnen
erblindet und betäubt sind, so halten sie den für töricht, der mehr sieht, als
sie. - O ich höre recht gut das leise schauerliche Rauschen, von den Flügeln
meines Schutzgeistes, ich sehe recht gut die Hand, die mich ernst hinüberwinkt.
- Lebe wohl, William! Ich folge, und werde nie zu Dir zurückkehren.
 
                                       26
                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                            Rom.
Du klagst darüber, dass ich Dir und meinem Vater in so langer Zeit nicht
geschrieben habe? Du siehst, dass ich in diesem Briefe meinen Fehler wieder
gutzumachen suche; besorge die Einlage an meinen Vater.
    O ja, teurer Freund, ich fürchte selbst es ist schon lange, dass ich Dir
nicht geschrieben habe. Alles hier hat mich verwickelt und verstrickt, eine
Gesellschaft, eine Zerstreuung hat mich der andern aus dem Arme genommen; ich
bin in ein Labyrint hineingeraten, in welchem ich mich nur an Deiner Hand,
durch Deine Hülfe wieder ans Tageslicht finden kann. O mir ist, als säss ich in
eisernen Banden und träumte vergebens von Befreiung; alles umher, was ich
ansehe, wird mir zu einem Geheimnisse, ganz Italien kommt mir wie ein Kerker
vor, in welchem mich ein böser Dämon gefangenhält: darum will ich zu Dir, zu Dir
und Amalien zurück.
    Amalie! o dass ich diesen süssen Namen wieder nennen kann! - Wie geht es ihr?
Denkt sie noch an mich? - Erinnerst Du Dich noch so oft, wie sonst, Deines
Freundes William? - O ich muss hier auf einen Augenblick die Feder niederlegen;
meine Seele ist zu voll, meine Hand zittert.
    Ich fange wieder an zu schreiben, nur muss Dir bis hieher dieser Brief wie
ein Rätsel vorkommen. Ach, Eduard, Deiner Freundschaft muss ich von neuem das
Bekenntnis meiner Schwäche ablegen, verzeihe mir wiederum, denn nach jeder Probe
komme ich mit erneuerter Liebe zu Dir zurück.
    Seit Mortimers Abreise ward Rosa mein vertrauter Freund, diese Freundschaft
wuchs mit jedem Tage. Unsre Seelen wurden immer inniger aneinandergefesselt,
hundert neue Gedanken und Vorstellungen gingen aus ihm in meinen Geist über; in
kurzer Zeit war ich sein Schüler, der Schüler einer egoistischen, sinnlichen
Philosophie. Er war jetzt meine liebste und häufigste Gesellschaft; allentalben
wo ich war, traf ich auch ihn, und allentalben wünschte ich ihn zu treffen.
    Balder war indes in Neapel krank geworden; seine Melancholie, die durch ein
Fieber verstärkt worden, artete zuweilen in völlige Verrückung aus. In
dringenden Briefen bat er mich, ihn zu besuchen: ich reiste endlich ab.
    Ich fand ihn entstellt, bleich, mit tiefeingesunkenen Augen, einem irren
Blicke und allen Spuren einer gefährlichen Seelenkrankheit. Als ich in sein
Zimmer trat, war sein Geist abwesend, und er erkannte mich nicht, er kämpfte mit
Phantomen seiner Einbildungskraft, die ihn ängstigten, er sah Gespenster um sein
Bette stehn, seine scheuen Augen funkelten auf eine entsetzliche Art, er sprach
einen zusammenhängenden Unsinn, dessen seltsame und fürchterliche Bilder mich
oft erschreckten. - Eduard, er beschrieb in seiner Phantasie einen Alten, der
vor seinem Bette stehe, und - o denke Dir mein Entsetzen! - seine Beschreibung
passte Zug für Zug auf den fürchterlichen Greis, von dem ich Dir neulich erzählt
habe, der einem Porträt in unserm Hause so ähnlich ist. - Ich sah mich ängstlich
im Zimmer um, es war niemand zugegen, aber er muss ihn kennen, Eduard - o wer
weiss, wie wunderbar sich die Fäden meines Schicksals ineinanderfügen!
    Lächle nicht über mich, Eduard; noch ehe Du diesen Brief zu Ende gelesen
hast, wirst Du einsehn, dass Du keine Ursache hast. Du wirst mir recht geben und
das Grauen des Freundes mitempfinden.
    Balder erregte mein tiefes Mitleid; ich betrachtete ihn, wie einen, der ohne
es zu wissen, mit meinen innersten Gedanken zusammenhinge; ich konnte in der
Nacht nicht schlafen, seine Beschreibung hatte das Bild jenes seltsam
schrecklichen Greises wieder gar zu lebhaft in meiner Phantasie erweckt.
    Ich fühlte, dass Balders Krankheit für mich ansteckend sein könnte; ich
reiste also schon gestern nach Rom zurück. Es war gegen Abend, als ich in die
Nähe der Stadt kam, die Sonne ging sehr schön unter, und ich liess den Wagen
fahren, um durch einen Umweg nach dem Tore zu kommen. Ich gehe seitwärts, und
entferne mich immer mehr von der grossen Strasse; plötzlich seh ich in einiger
Entfernung von mir zwei Gestalten in einem tiefen Gespräche vorübergehn - o
Eduard! und ich wünschte, der Boden möchte unter mir brechen - es war Rosa, Rosa
am Arme jenes fürchterlichen Ungeheuers! jenes entsetzlichen Gespenstes, das
hohl und leise hinter mir geht und sich der Fäden bemeistert hat, an denen es
mein Schicksal lenkt. - Es ist kein Mensch, Eduard, denn so hat noch nie ein
Mensen ausgesehn - und Rosa, Rosa der Vertraute meines Herzens, dem ich meine
Seele aufzubewahren gegeben hatte - an seinem Arme! im vertrauten freundlichen
Gespräche mit ihm! - Meine Liebe und mein Abscheu gehn mir Arm in Arm vorüber
und die Zukunft öffnet sich mir, wie mit einem gewaltigen Risse, und ich sehe
tief, tief hinunter nichts als Unglück und Grässlichkeiten.
    O Eduard! wer könnte dabei kalt und gelassen bleiben? Von diesem Augenblicke
ist mir Rosa ein fremdes Wesen geworden, Rom ist mir seitdem verhasst, der Himmel
über Italien trübe und verderbenschwanger; wie ein verirrtes Kind sehn ich mich
nach meiner Heimat zurück.
    Ja, Eduard, nun will ich, nun muss ich nach meinem lieben Englande
zurückkehren! Ich muss mich von den Fesseln losmachen, die man mir anlegte, indes
ich schlief. O wie schmachte ich nach der Freude des Wiedersehens an Deiner
Brust! Eine wehmütige Wonne macht meine Hand erzittern, wenn ich an Amalien und
ihre Liebe denke. Mit einem frischen Glanze übergossen, kömmt mir mein künftiges
Leben entgegen, ich atme froh und frei, und mein Herz fühlt sich leicht bei
dieser Aussicht. - Schicke die Einlage an meinen Vater und schreibe ihm selbst
einige Worte, denn er hat viel Vertrauen zu Dir; er muss mir seine Einwilligung
zu meinem Glücke geben, er muss Amaliens Hand in die meinige legen, ach und er
tut es gewiss. Bange seh ich der Antwort entgegen, furchtsam schleicht bis dahin
die Zeit: öde und finster, verworren und lästig ist mir die Gegenwart. - Wenn
aber jener Sonnenstrahl, auf den ich hoffe, durch die Verwüstung bricht - wenn
ich nun das Siegel von dem erwünschten Briefe löse, wenn ich keinen Freund hier
habe, dem ich mein Entzücken mitteilen kann - o so will ich weinend auf die
Kniee fallen, und jenem unbekannten fernen Freunde meine kindische Freude, meine
Wonnetränen zum Opfer bringen, dass er es verstattet, dass ich wieder zu meinen
frühern frommen Empfindungen zurückwandeln darf. - Beneide mich, Freund, um
diesen glückseligen Augenblick meines Lebens!
    Und wenn er nicht kömmt! - Wenn kalte Worte meine Verzweiflung und mein
Entzücken gleich stark zu Boden schlagen. - Kalte Tränen treten mir bei dem
Gedanken in die Augen. - Ach, Freund, es mag immerhin etwas Kindisches sein,
manche abenteuerliche Gespenstergeschichten, die man mir in meiner Jugend
erzählte, fallen mir jetzt täglich ein, und ich finde immer Anwendungen darin auf
mich. Kennst Du das Märchen, in welchem ein Knabe unaufhörlich von einem
grässlichen Unholde verfolgt wird? ihm immer entflieht und von neuem in die Arme
läuft?
    Du hast kein Gefühl dafür, wie seltsam mir alles vorkömmt; seit gestern
betrachte ich jeden Gegenstand mit starren Augen, als wenn ich allentalben ein
Wunder erwartete: mir ist jetzt nichts unwahrscheinlich. Ich bin eingeschlossen,
um nicht von Rosa überrascht zu werden, ich könnte bei seinem Eintritte wie beim
Anblicke eines Basilisken erschrecken.
    Ich denke jetzt daran, wie Ferdinand, Rosas Bedienter, seit einiger Zeit ein
so geheimnisreiches Wesen hat, dass ich schon oft über ihn nachgedacht habe. Er
drängt sich bei allen Gelegenheiten an mich, es scheint, als wollte er mir etwas
eröffnen, wobei er doch seinen Herrn fürchte. - Wohin ich sehe, reckt sich mir
aus der Dunkelheit etwas entgegen: ich stehe vor einem Rätsel, dessen Sinn sich
mir gewiss mit Schrecken auftun wird. -
    Es klopft jemand. - Es ist gewiss Rosa. Ich kann nicht aufmachen, ich denke
recht lebhaft an Dich, um des Grauens loszuwerden, das sich zu mir
hinanschleicht. - O Freund, er ging an seinem Arme! -
    Er ist fortgegangen und ich bin wieder frei. - O wenn ich doch erst wieder
die Küste meines Vaterlandes begrüsste! - Ich hoffe bald.
 
                                       27
          William Lovell an seinen Vater (Einlage des vorigen Briefes)
                                                                            Rom.
Das lange Stillschweigen des Sohnes hat dem zärtlichsten Vater Kummer gemacht? -
das muss nicht öfter kommen; Ihr Sohn muss nicht neuen Gram zu jenen Sorgen
hinzufügen, von denen Sie gedrückt werden. - Sie haben gefürchtet, ich hätte
irgendein Unglück erlitten? O lieber Vater, lassen Sie sich von diesem Briefe
beruhigen und beruhigen Sie dafür Ihren Sohn, der Ihnen eine Bitte vorzutragen
hat, an deren Erfüllung das Glück seines Lebens hängt.
    Der Gedanke, dass mein Wohl Sie unaufhörlich bekümmert, macht mich heute zu
einem Geständnisse dreist genug, das ich bis jetzt nie gewagt habe: aber Ihr
zärtlicher Brief hat mein Herz ganz eröffnet: auch keinen Wunsch, nicht einen
Gedanken will ich vor Ihnen verborgen halten.
    Ich wünsche nach England zurückzukommen und Sie wieder in meine Arme zu
schliessen: ich wünsche meine Reise geendigt, von Ihren teuren Lippen wünsche ich
die Einwilligung zu meinem Glücke zu holen.
    Ich liebe, mein Vater! O wenn ich es doch vermöchte, Ihnen alles das zu
sagen, was ich Ihnen sagen müsste, um Sie von meiner Liebe zu überzeugen! Lassen
Sie Ihr Herz für mich sprechen und ersparen Sie mir Worte, die doch nur Dunst
und Nebel gegen das Feuer sind, das rein und hell in meiner Seele brennt. -
Amalie Wilmont heisst meine Geliebte, jetzt beruht mein Glück auf dem Ausspruche
Ihres Mundes. O lassen Sie mich glücklich werden!
    Mein Genius ängstigt mich fort aus Italien, er treibt mich nach meiner
Heimat zurück; o um aller väterlichen Liebe willen, nehmen Sie mich gütig auf!
Ich weiss alles, was Sie gegen diese Verbindung sagen könnten, ich habe alles
lange und reiflich überlegt. Sie wünschen und suchen vielleicht mein Glück auf
einem andern, auf einem glänzenderen Wege; aber kehren Sie zurück, wenn sie
Ihren einzigen Sohn lieben.
    O Gott, mein Vater, welch ein armseliges, dürftiges Gewebe ist unser Leben!
Grob und ungeschickt sind alle Farben aufgetragen: alle Freuden sind nur
Langeweile, die etwas weniger drückt, alles verrinnt und verfliegt; wie Bettler
stehn wir am Ende unsrer Wanderschaft, die unterwegs schon alle die dürftigen
Almosen verzehrt haben, die sie gesammelt hatten, sie sind ebenso arm, als indem
sie ihren Weg antraten. - Ach nur ein Glück geleitet uns über den dürren Pfad
und bestreut ihn mit Blumen; alle Erscheinungen, die uns entgegenkommen, grüssen
uns und gehn flüchtig vorüber; nur die Liebe allein ergreift herzlich unsre
Hand, und begleitet uns treulich durch das Leben. Um dieser Liebe willen, um der
Liebe willen, mit der Sie einst meine Mutter liebten, geben Sie Ihre väterliche
Einwilligung in mein Glück. Glauben Sie nicht, dass es eine vorübergehende
Torheit ist, die mich zu dieser Bitte bewegt; an Amaliens Seele ist die Kette
meines Lebens und meiner Tugend befestigt, das fühle ich unwidersprechlich im
Innersten meines Herzens; wenn Sie uns auseinanderreissen, so zerschneiden Sie
mein Glück, mein Leben, meine Tugend. Nur in diesem Kreise sind alle meine
Wünsche und Glückseligkeiten gelagert; o mein Vater, erwärmen Sie Ihr
väterliches Herz so, dass es die Vorteile der Welt und ihre Glücksgüter vergisst:
ich beschwöre Sie, schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab. - Könnten Sie sich in
meinen Geist versetzen, wahrlich, Sie würden mit zitternder Hand eilen, den
Brief zu schreiben, der mich meiner Seligkeit versichert; Sie würden keinen
Augenblick anstehn und sich bedenken - denn rasch rennen die Stunden vorüber,
die Blüten der Freude verwelken schnell. - O nein, mein Vater, ich fürchte Ihre
Antwort nicht, ich habe keine Ursache, sie zu fürchten. Sie sind bekümmert und
haben schlaflose Nächte, weil Sie mich krank glauben; o Sie werden nicht mit
einem harten Federzuge mein Unglück entscheiden. - Leben Sie wohl und glücklich!
Ich wünsche diesem Briefe Flügel und dem Ihrigen die Schnelligkeit des Windes.
 
                                       28
                      Walter Lovell an seinen Sohn William
                                                                         London.
Ich habe Deinen Brief, William, zugleich mit einem andern Deines Freundes Burton
erhalten. Ich bin froh darüber, dass ich ohne Ursache bekümmert gewesen bin;
doch, was sag ich ohne Ursach? Soll der Leichtsinn eines Sohnes dem Vater nicht
ebensoviel Gram machen, als es eine Krankheit tun würde? Und Leichtsinn,
William, war es denn doch wohl, was Dich so lange vom Schreiben zurückhielt, und
Leichtsinn, jugendlicher Leichtsinn, was Dich Deinen letzten Brief schreiben
hiess. - Ich kann mir denken, dass Du jetzt den Erstaunten spielst, dass Du Dich in
Deiner Leidenschaft so weit vergissest, Deinen Vater, dessen zärtliche Liebe
gegen Dich ohne Grenzen ist, herabzusetzen und seine Liebe Eigennutz zu
schimpfen; aber ich vergebe Dir im voraus, William, eben weil ich Dich liebe.
Aber meine Liebe macht mich nicht blind für Dein wahres Glück, darum schreib ich
mit väterlichem wohlwollenden Herzen eine abschlägige Antwort nieder.
    Wenn Du Dir nur nicht anmassen wolltest, zu behaupten, dass Du alles reiflich
erwogen hast, was ich ohngefähr gegen Deinen Antrag einzuwenden haben möchte.
Dass ihr jungen Leute doch so gar leicht glaubt, die Ideen eines alten erfahrnen
Mannes zu erschöpfen: ihr seht nur mit einem Blicke der Phantasie in die
Verhältnisse der Welt hinein, wenn ihr glaubt, mit dem Verstande alles reiflich
und von allen Seiten überlegt zu haben. Du weisst nicht, was ich für Dich tun
will und zum Teil schon getan habe; Du siehst nicht die Umstände, die sich
günstig vereinigen, um Dir die Bahn zum Glücke zu ebnen: was Dein Vater seit
Jahren mühsam zusammenträgt, darfst Du nicht wie ein mutwilliger Knabe mit einem
einzigen Steinwurfe vernichten. - Nein, mein Sohn, ich kann Dir zu Deiner
vorgeschlagenen Verbindung nie meine Einwilligung geben. Glaube nicht durch eine
Menge von Briefen über diesen Gegenstand meine Einwilligung zu erbitten, oder zu
ertrotzen, ich dürfte hierin mehr Standhaftigkeit besitzen, als Du mir
vielleicht zutraust.
    Führe nicht meine Liebe zu Deiner Mutter an; ich liebte nicht töricht, wie
Du; unsre Familien waren sich gleich, an Ansehn und Vermögen; mögen diese
Hindernisse Zufall sein; meinetwegen, aber der weise Mann geht dem
undurchdringlichen Zufalle aus dem Wege, da im Gegenteile das Leben des Toren
nichts als ein rastloser ohnmächtiger Kampf gegen Zufall und Notwendigkeit ist.
Glaube mir, dass ich meine Liebe würde zu bekämpfen gewusst haben, wenn sich diese
Schwierigkeiten unsrer Verbindung in den Weg gestellt hätten. Darum folge dem
Rate und dem Beispiele Deines Vaters.
    Es scheint mir überhaupt, als dürftest Du etwas die Vergleichung mit mir in
Ansehung unsrer Liebe scheuen. Deine Mutter war die verehrungswürdigste Frau,
sanft und verständig, gefühlvoll ohne Empfindelei, ein Herz schlug in ihrer
Brust, wie sie nur selten auf dieser Erde gefunden werden: und Du wagst es, mit
ihr Amalie Wilmont zu vergleichen? Ein Wesen, dessen Gutmütigkeit und Weichheit
sie vielleicht etwas aus den ganz gewöhnlichen Frauenzimmern herausheben. - Und
dann liebst Du sie auch nicht einmal wirklich! - Diese sogenannte Liebe ist eine
leichte Nahrung Deiner Phantasie, eine sanfte Empfindsamkeit, die sich Deines
Herzens bemeistert hat und deren Ursprung Du nun in einer Liebe gegen dieses
Mädchen suchst. - Glaubst Du denn wirklich, dass Du mit einem Herzen voll Liebe
hättest nach Italien reisen können? bis jetzt froh und unbefangen leben und die
Luft da einziehn, wo sie nicht atmet? - Du siehst wenigstens, dass ich nicht die
Kälte von Dir verlange, die unbesonnene Jünglinge gewöhnlich ihren Vätern
vorwerfen; um desto mehr aber überzeuge Dich auch, dass ich in diesem
Verhältnisse richtiger und weiter sehe, als Du. - Schon im ersten Monate Eurer
Ehe würdet Ihr Euch beide getäuscht finden; man würde erstaunen, dass die Wärme
so schnell verflogen wäre; es würde eine von den gewöhnlichen Ehen werden, deren
trauriges Gemälde ich nur zu oft sehe, um zu wünschen, dass es durch meinen Sohn
noch einmal wiederholt würde.
    Willst Du nach England zurückkommen, so wirst Du mir viel Freude machen: ich
strecke Dir die Arme entgegen, meine Kraft nimmt mit jedem Tage ab, ich werde
dem Grabe zugebeugt, lass mich in Deinen Armen sterben! - Viele neue Freunde
erwarten Dich sehnsuchtsvoll in London; du sollst die Lady Bentink kennenlernen,
ein Frauenzimmer, deren Vortrefflichkeit allen Foderungen eines Mannes von Kopf
und Herz entspricht; in ihrer Gesellschaft wirst Du die Bedeutung des Wortes
Liebe verstehen lernen.
    Ich traue Deinem guten, edlen Herzen zu, dass Du dieses Briefes wegen nicht
lange auf Deinen Vater zürnen wirst. -
 
                                       29
                        William Lovell an Amalie Wilmont
                                                                            Rom.
Es ist entschieden, und ich kann nun nichts weiter sagen, als: leben Sie wohl!
leben Sie ewig wohl! - Im Vertrauen zu der Liebe meines Vaters hab ich um seine
Einwilligung gebeten - aber - o ich möchte seiner scharfsinnigen, überweisen
Antwort lachen - aber, o nicht wahr, Sie raten es gewiss schon, was er
geantwortet hat? - O Amalie, ich will nicht mehr von meiner Liebe, meinen
Hoffnungen mit Ihnen sprechen, alle diese Träume sind nun ausgeträumt, und
erwacht stehn wir nun da und lächeln über die verflogenen, bunten Gemälde. -
Vergessen Sie mich, denn ich selbst arbeite schon daran, mich zu vergessen. Ich
bin ausgerottet aus der Reihe der Glücklichen, aus dem Paradiese mit dem Worte
der Willkür hinausgestossen, und nun will ich auch das Mass meines Elendes bis
oben anfüllen! - Wenn wir dem Verhängnisse zum grausamen Spiele dienen, nun so
wollen wir dem Zuchtmeister, der uns in das eherne Joch spannt, wenigstens ein
verächtliches Lächeln entgegengrinsen. - Leben Sie wohl!
    Warum machen wir denn auch die lächerliche Foderung, glücklich zu sein?
Wunderbar! - Gähnend durchs Leben hinzuschlendern, mit einer Gefährtin, deren
Vater genauso viele Goldstücke aufweisen kann, als der meinige, so recht gleich
und gleich gesellt, dem Tode entgegenzukriechen, dies ist unsre grosse,
ehrenvolle Bestimmung! - Sie denken, ich bin erhitzt und bitter. O ich bin so
kalt, dass ich meinem Vater eine Abhandlung schreiben könnte, um zu beweisen, wie
sehr er recht hat. - O Amalie! Soll ich denn ganz Ihren Namen aus meinem armen,
blutenden Herzen reissen? Soll ich auch die Wurzel meiner Seligkeit ausrotten,
damit mich nie der grüne Schimmer einer jungen Pflanze wieder erquickt? - Ich
kann es nicht, und will es nicht.
    Über die weite Entfernung hinüber reiche ich Ihnen meine zitternde Hand zum
ewigen, schrecklichen Abschiede. - Mein Vater mag es mir verzeihen, o seine
Furcht ist unnütz, dass ich ihn mit bettelnden Briefen belagern werde, kein Wort
mehr soll er darüber hören, wie ein Diener seinem Herrn will ich ihm schreiben:
ich schwöre, dass er dann meine Briefe vernünftig findet.
    Rasen möcht ich dann wieder, wenn ich mir Ihr Bild recht lebhaft in die
Seele zurückrufe! - Nun gut, gut, er mag es haben! Schon seh ich die wilden
Pferde die Zügel zerreissen, rasselnd springen sie mit dem Wagen den schroffen
Felsenweg hinunter, an den Klippen zerschmettert liegt das Fuhrwerk da, und er
steht und beweint den Verlust. - Er hat es gewollt, es sei! -
    Lebe wohl, teure Seele, unsre Wege nehmen von jetzt eine verschiedene
Richtung: der meinige in das wildverwachsene Dickicht des Waldes hinein, wo der
Wind aus unterirdischen Klüften pfeift, und der Deine? - Ich wünsche Dir Glück,
mag er führen wohin er will! -
 
                                       30
                        Amalie Wilmont an Emilie Burton
                                                                         London.
Mein Schicksal ist entschieden! - William hat dem Vater seine Liebe entdeckt,
und - ach, Emilie, Tränen sind auf diese Stelle hinabgefallen, die deutlich
genug sprechen. - Ein kalter Schauder überfällt mich, wenn ich daran denke, dass
es nun entschieden ist; entschieden, was ich immer fürchtete, aber das Endurteil
immer noch weit, weit, von einem Monate zum andern hinausschob. Nun ist endlich
so plötzlich die Stunde hereingebrochen, die unbarmherzig alles zu Boden schlägt
und auch keiner einzigen Hoffnung Raum zum Wachsen übriglässt. - Ach Emilie,
Freundin! - Keinen Trost, denn ich verstehe ihn nicht, da Sie nicht meinen
Schmerz verstehn, schenken Sie mir eine Träne und mehr will ich nicht. - Sehn
Sie, dass Sie unrecht taten, mir zuweilen meine schwarzen Ahndungen abzuleugnen!
O meine Liebe sah über die Zukunft hinweg und zitterte schon im voraus vor dem
fürchterlichen Schlage. - Mortimer will mich trösten; ich sehe sein gutes Herz
und seinen guten Willen, aber ich muss doch weinen, wenn es mir einfällt, dass nun
alles entschieden ist. Ich habe die ganze Nacht geweint; aber was ist das nun
mehr? Fodre ich denn Ihr Mitleid für meine Tränen? Ach mein wundes Herz - wie es
langsam und krampfhaft emporzuckt, wenn ich daran denke! - Ach, was kann mir
Mitleid helfen? -
 
                                       31
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Ich bin kälter geworden, seit einiger Zeit? - Wahrlich, lieber Freund, wenn dies
war, so war es nur, um desto glühender zu Ihnen zurückzukommen. Nein, Ihre
Freundschaft ist mir noch immer ebenso teuer, ja teurer als ehemals, lassen Sie
uns nicht den Bund zerreissen, den wir geschlossen hatten.
    Hoch triumphierend steh ich oben, über dem Leben und seinen Freuden und
Leiden erhaben, ich sehe mit stolzer Verachtung in das Gewühl der Welt hinab. -
Wer sind jene armseligen Geschöpfe, die so schwer und keuchend an den Bürden der
Pflichten und der Tugenden tragen? - Meine Brüder? - Nimmermehr! - Die Willkür
stempelt den freien Menschen; von allen Banden losgelassen, rausch ich wie ein
Sturmwind dahin, Wälder niederreissend und mit lautem und wildem Geheul über die
steilen Gebirge hinfahrend. Mag's hinter mir stürzen und vor mir wanken, was
sind mir die Ruinen, die mich in meinem Laufe aufhalten sollten? -
    Fliege mit mir, Ikarus, durch die Wolken, brüderlich wollen wir in die
Zerstörung jauchzen, wenn unser Verlangen nach Genuss nur ersättigt wird! Wir
sind unsre Gesetzgeber und unsre Untertanen: im jugendlichen Rausche wollen wir
der Abendröte entgegentaumeln und in ihrem Schimmer untersinken. -
 
                                       32
                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                            Rom.
Ich muss Dir schreiben, Eduard, und wär es auch nur der lieben Gewohnheit wegen.
Sollte man doch fast schwören, das Leben wäre bei den meisten Menschen nichts
weiter, als eine Gewohnheit, so nüchtern unbefangen, so jämmerlich und
phlegmatisch schleppen sie sich durch die spannenlange Zeit, die ihnen vom
kargen Verhängnisse gegönnt ist.
    Dass mein Vater mir meine Bitte abgeschlagen hat, wirst Du wissen; eine
Sache, die mir jetzt ganz gleichgültig ist. Es kommt mir manchmal vor, als würde
mir überhaupt das sehr gleichgültig werden, was man im gemeinen Leben Unglück
nennt. Da ich auf dieser Seite nicht mein Glück habe finden können, muss ich es
natürlicherweise auf der andern suchen. Ich will von Stufe zu Stufe klettern, um
die oberste und schönste Spitze der Freude zu finden und hoch herab auf alle
Trübsale und Demütigungen blicken, womit die Sterblichen in diesem Leben
verfolgt werden. Stürz ich schwindelnd von oben hinunter, was ist es denn mehr?
    Ich stehe jetzt an einem Scheidewege, der manches Gehirn zum Schwindeln
bringen könnte, aber ich bin fast gleichgültig geblieben. Ich fange überhaupt
an, wie es mein Vater will, kalt und vernünftig zu werden; ich hoffe es am Ende
wohl noch dahin zu bringen, den Entusiasmus in meiner Brust auszulöschen, den
er und auch Du so oft an mir getadelt habt. - Doch, ich wollte Dir einen
sonderbaren Vorfall erzählen, der sich seltsam genug an die übrigen reiht.
    Vorgestern erhielt ich von einem Unbekannten folgendes Billet:
    Folgen Sie dem Überbringer, wenn Sie etwas erfahren wollen, was Ihnen
    ausserordentlich wichtig sein muss.
Ich ging mit dem Unbekannten, der mich jenseits Maria Maggiore in die Einsamkeit
nach Santa Cruce zu führte; in einem abgelegenen Garten trete ich in ein kleines
Häuschen, das an einen alten Tempel gebaut ist; alles war still und einsam; ich
öffne die Tür eines Zimmers, und ein Mädchen kömmt mir entgegen. Ich dachte ein
lustiges Abenteuer zu finden und erschrak etwas, als ich in dem Mädchen den
blonden Ferdinand, den Bedienten Rosas erkannte.
    Wir setzten uns, ich war betreten und in Verlegenheit.
    »Um Gottes willen«, fing sie an sehr ängstlich zu sprechen, »ich kann es
Ihnen nicht länger bergen, es drückt mir sonst das Herz ab: seit dem ersten
Tage, da ich Sie kennenlernte, ward ich unwillkürlich zu Ihnen hingezogen; ich
weiss manches, was Sie nahe angeht - hüten Sie sich vor Rosa!«
    Sie sagte die letzten Worte mit einer sonderbaren Bedeutung; der
fürchterliche Alte ging meiner Seele wieder vorüber, ein kalter Schauer schlich
über meinen Rücken hinab. - In demselben Augenblicke trat Rosa herein, der eben
von Neapel kam. Er war anfangs verlegen, mich hier zu finden, und entdeckte mir
endlich das Geheimnis, das er mir schon lange habe eröffnen wollen, dass nämlich
sein Bedienter Ferdinand ein artiges Mädchen sei, das er schon aus Paris
mitgenommen habe.
    Seitdem habe ich das Mädchen nicht wiedergesehn; die Szene hat meiner
Vertraulichkeit gegen ihn Schaden getan, und er bemerkt es recht gut. - Wir
suchen oft beide zu einer Erklärung zu kommen, und brechen wieder ab. -
    Hüten Sie sich vor Rosa! - Was hat man mit mir vor? - Diese Frage würde
manchen an meiner Stelle sehr beschäftigen. - Je nun, es ist ja das Spielwerk
des Lebens, dass sich die Menschen betrügen; alles ist maskiert, um die übrige
Welt zu hintergehn, wer ohne Maske erscheint, wird ausgezischt: was ist es denn
nun mehr? -
 
                                  Viertes Buch
                                        1
                         Willy an seinen Bruder Tomas
                                                                            Rom.
Gottes Segen möge zu Dir kommen, lieber Bruder, so wie er mich nun ganz
verlassen hat. Wenn Du in Deinem Herzen noch an den armen Willy denkst, so bete
für mich, dass ich bald unser gutes englisches Ufer wiedersehe, und Dich mitten
drin im schönen gottesfürchtigen Lande, wo alle Menschen meinen frommen,
einfältigen Glauben haben, und die ganze Christenheit einen stillen,
einträchtigen Wandel führt. Hier scheint zwar die Sonne schöner und wärmer, weil
es Gottes gnädiger Wille ist, dass sie auch über die Gottlosen scheinen soll:
aber nach meiner Einsicht tut er daran gar nicht ganz recht.
    Du bist noch immer beim alten Herrn Burton, nicht wahr, Tomas? - Der Garten
in Bondly ist noch schön und frisch, und der Fischer Peter spielt noch jeden
Abend auf der Schalmei? - Ach mir ist, als könnt ich Dich jetzt so mit Deinen
übereinandergeschlagenen, krummen Beinen vor dem Tor des Hofes sitzen sehn, wo
ich sonst immer ehemals sass, und den lustigen Schalmeiklang anhörte, der alle
Bauern und selbst das liebe Vieh fröhlich machte, wenn es von der Weide
zurückkam: - hier sitz ich jetzt in meinem kleinen, dunkeln Kämmerchen, und
weine, dass ich nicht bei Dir bin. Nun, Gott wird alles zum Besten lenken.
    Du wirst mir abmerken, dass ich in der Fremde gar nicht mehr so vergnügt bin,
wie ehemals; Lachen hat seine Zeit und Weinen hat seine Zeit. Freilich wohl!
Aber es ist doch nicht recht, dass man einen alten Mann so zur Betrübnis zwingt,
der sich wegen der Seelen anderer Menschen abhärmt, dass ihm kein Bissen Brot und
kein Tropfen Wein mehr schmeckt. Wir sind hier jetzt so lustig, Bruder, dass wir
sogar auf dem Rande von Felsen tanzen und springen; - ich sah einmal einen
Jungen, der aus purem lieben Mutwillen in einen tiefen Brunnen fiel und
elendiglich ersaufen musste. Ich kann nicht schwimmen, Tomas, ich bin zu alt, um
jemand wieder aus dem Wasser ans Tageslicht zu ziehn. Was Herr William denkt,
kann ich nicht wissen, aber Gott mag ihm beistehn, wenn er ganz verlassen ist.
    Du wirst aus meinen Jammerliedern nicht recht klug werden können, lieber
Bruder! - Ach, wohl dem Manne, dem das Elend eine wallisische Mundart spricht,
und der nicht sitzet, wo die Spötter sitzen, noch wandelt den Weg der Gottlosen,
den ich jetzt alle Tage mit meinem Herrn gehn muss. Er ist nicht mehr derselbe,
er ist völlig ausgetauscht, er bringt sein Geld durch, als wenn er die
Schatzkammer hätte; - aber das Geld ist doch am Ende immer nur ein irdisches
Gut, an dem Gott keinen Wohlgefallen hat; aber seine Seele, Tom, seine Seele,
die er von Gott geliehen bekommen hat, und die er ihm dereinst wieder bezahlen
sollte, verschwendet er auch, als wenn Seelen nur so auf allen Jahrmärkten zum
Kaufe ständen. - Wenn er sich nicht bald wieder ändert, wird es mit seiner
Rechnung an dem grossen Wechseltage übel aussehen. Doch richtet nicht, so werdet
ihr auch nicht gerichtet.
    Ja, Bruder, unsre Heilige Schrift ist jetzt noch mein einziger Trost in
meinen trüben Jammerstunden; Du glaubst gar nicht, was für Kraft in dem Buche
steckt. Ich packte es so sorgfältig mit in meinen Koffer ein, und ich sitze nun
oft ganze Stunden und lese so andächtig, als wenn ich bald vor Gott geführt und
ein Engel aus mir gemacht werden sollte. Man kann nicht wissen, wie schnell sich
manchmal etwas fügt; es ist noch nicht aller Tage Abend, und sollte ich den
grossen Schritt tun müssen, so denke ich in meinem Examen nicht ganz schlecht zu
bestehen.
    Sage mir einmal, lieber Bruder, warum manche Menschen so dumm, und bei allem
ihrem eingebildeten Verstande vor Dummheit ordentlich wie vor den Kopf
geschlagen sind? dass sie die grosse breite Heerstrasse des göttlichen Worts
durchaus nicht sehn wollen, die ihnen vor den Füssen steht, und sich lieber durch
einen dichten wildverwachsenen Wald einen Weg hauen, sich immer in dem
Gesträuche reissen und stechen, und sich weismachen, sie haben die schönste
Chaussee von der Welt vor sich! Mein Herr und Herr Rosa bilden sich immer ein,
ich verstehe ihre hohen freigeisterischen Reden gar nicht, die sie manchmal
führen, wenn ich dabei bin, - Ach, ich verstehe alles recht gut, wie sie es
gerne meinen wollen; wenn man in seinem dummen einfältigen Herzen den Gedanken
an Gott, und den Glauben an ihn so recht warm und kräftiglich fühlt, so fasst man
auch recht gut den Sinn von all den irdischen Irrlehrern, die in der Finsternis
wandeln, und da aus den Händen ihre Augen machen müssen. - - Aber wir sind
besser dran, Tomas, die wir vom Herrn erleuchtet sind; wir sehn mit unsern
eigenen Augen, wir fühlen mit unserm eigenen Herzen, die Gott uns mit auf die
Welt gab und seinen Stempel dreinsetzte: sie haben nachgemachte Herzen, die im
Sturm und Ungewitter nicht ausdauern, die in der Hitze zergehen und in der Kälte
zusammenschrumpfen; Gott hat mir einen Glauben gegeben, der für alle Tage in der
Woche aushält, und des Sonntags schenkt er mir zuweilen noch eine fromme
christliche Erleuchtung, dass es mir wie ein Morgenrot durch meine Seele geht,
und sie wieder jung und frisch macht: nicht solche Erscheinungen, Tomas, die
bei uns manche närrische Leute haben; so eine sanfte stille Wärme, wie das erste
Tauwetter im Frühjahr. - Darum könnt ich mich auch immer noch trösten, wenn das
ganze Unglück nicht grade meinen Herrn beträfe, den ich so ausserordentlich von
ganzer Seele liebhabe, dass ich für ihn sterben könnte, wenn es sein müsste: aber
er macht sich aus dieser Liebe gar nichts mehr: ich würde gegen einen Hund, der
aus meiner Hand lieber als von einem andern sein Stückchen Brot ässe, mehr
Anhänglichkeit haben. Die Mädchen und Weiber hier mit ihrem gezierten und
hochfahrenden Wesen sind ihm lieber, so ein Herr Rosa, der nicht an Gott und
Ewigkeit glaubt, ist sein Herzensfreund, solche Leute, die ihren Verstand für
turmgross halten, wenn sie den Himmel mit allen seinen Sternen nicht sehen
wollen, und sich einbilden, sie könnten dies alles auch so und noch besser
machen, wenn sie nur Zeit und Handwerkszeug hätten. Gott mag ihnen vergeben und
ein Einsehn in ihre Narrheit haben; die Hunde bellen den Mond an, und wenn der
Mond so denkt wie ich, so nimmt er es ihnen gewiss nicht übel.
    Ein Traum, sagt man freilich wohl, ist nur ein Schaum; aber ein Schiffer hat
mir doch einmal erzählt, dass es auf dem Meere einen gewissen kuriosen Schaum
gebe, der ordentlich Sturm und Schiffbruch voraus prophezeie! - Könnt es denn
nicht auch mit manchen Träumen dieselbe Bewandtnis haben? - So hatt ich schon in
Frankreich einen gar bedenklichen Traum, damals als der gute Herr Mortimer von
uns wieder nach England zurückreiste. Wir alle standen nämlich unten an einem
hohen, hohen Berge, ich, mein Herr, Herr Mortimer, Herr Balder und der Italiener
Rosa; oben wollten sie alle gerne hinauf, aber Herr Mortimer wurde müde und
setzte sich unten an einer schönen grünen Stelle nieder. Mit einem Male war ich
weg und ich konnte gar nicht klug daraus werden, wo ich geblieben wäre; die drei
übrigen gingen den Berg hinauf, und Herr Balder hatte einen sehr wunderlichen
Gang; als sie fast oben waren, fiel Herr Balder herunter, und aus dem Italiener
ward ein ganz fremder, unbekannter Mensch. Jetzt ging nun ein schwarzer, alter
Pudel dicht hinter meinem Herrn, hielt immer den Kopf nahe über der Erde, und
ging so recht aufmerksam und liebreich; Du kennst wohl die närrische Art an den
Pudeln, Tomas, wenn sie so zutraulich und gesetzt hinter einem hergehen. Oben
stand Herr William und sah so recht dreist in den tiefen fürchterlichen Abgrund
hinein, als wenn er da in den Steinklippen zu Hause gehörte: ich kann es nicht
leiden, Tomas, wenn ein Mensch so recht oben auf einer Felsenklippe nicht etwas
schwindlicht wird, denn es liegt in der Natur und es ist eine Art von Frechheit,
sich nicht da oben ein bisschen zu fürchten. Nun, wie gesagt, Herr William tat
das gar nicht, sondern grade umgekehrt, er bückte sich noch so recht mutwillig
über. Der Hund, der mein Gemüt haben musste, fasste ihn beim Rockschoss, um ihn
festzuhalten; Herr William sah sich so mit seinen grossen Augen um, und gab dem
redlichen Pudel einen tüchtigen Stoss mit dem Fusse, dass der Hund sich
zusammenkrümmte, umkehrte und mit einem recht kläglichen Gewinsel den Berg
hinuntertrabte, so langsam, als wenn er zur Leiche ginge. In der Mitte sah sich
der Hund noch einmal um, und so, wie ich es vorausgedacht hatte, fiel der Herr
William jetzt plötzlich in das Felsental hinunter. -
    Nun, Tomas, möcht ich wohl ein gross Stück Geld darauf wetten, dass niemand
anders als ich der Pudel gewesen ist. Herr Mortimer wollte auf diesen Traum
damals gar nicht achten; aber er ist mir heute wieder recht lebhaft eingefallen.
-
    Wie gesagt, ich wollte, ich könnte nach England zurückreisen; gebe Gott, dass
sich bald dazu eine Gelegenheit findet, denn es gefällt mir nun in den fremden
Ländern hier gar nicht mehr. - Vielleicht geht aber noch alles wieder gut: lebe
recht wohl, lieber Bruder, und bleibe Du mein guter Freund, ich bin gewiss
zeitlebens
                                                                    der Deinige.
 
                                       2
                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                            Rom.
Dein Brief, lieber Freund, der mich trösten, der mir den Zusammenhang der Dinge
im wahren Gesichtspunkte zeigen sollte, ist zu spät gekommen. Ich war vielleicht
schon ruhig, als Du die Feder ansetztest, um mich zu beruhigen. Es ist so etwas
Jämmerliches in allen Bekümmernissen dieser Sterblichkeit, dass der Gram schon
von selbst verschwindet, wenn man ihn nur genauer ins Auge fasst. Sollt ich
jammern und klagen, weil nicht jeder meiner übereilten Wünsche in Erfüllung
geht? Da müsst ich mein ganzes Leben verklagen und ich wäre ein Tor. Das Flehen
der Sterblichen schlägt gegen die tauben Gewölbe des Himmels, weil alles sich in
einem nichtigen schwindelnden Zirkeltanz dreht, nach Genüssen greift, die nur
der Widerschein von wirklichen Gütern sind, und so jeder fühlt, wie ihm sein
geträumtes Glück aus den Händen entschwindet. Wer aber vorher weiss, welche
Gerichte er an dieser Tafel findet, der wählt klug aus, und kostet von jedem,
wenn die Nachbarn hungrig vom Tische gehn, indem sie auf eine Lieblingsspeise
warteten, die nicht aufgetragen wurde. - Und ist es nicht so leicht, den
Küchenzettel von diesem Leben zu erhalten?
    Du wirst mir schon nach diesem Tone meines Briefes glauben, dass ich völlig
getröstet bin; ich glaube jetzt, oder bilde mir es ein, alle Partien dieses
Lebens überblicken zu können, dass mich keine Anlage dieses seltsam geordneten
Parks überrascht, dass ich es weiss, wenn ich durch krumme Labyrinte auf meine
Fussstapfen zurückgekehrt bin, und den Zaun recht gut bemerke, der sich hinter
Gebüsche verstecken soll. Ich bin sogar seitdem in eine mutwillige Laune
gefallen, in einen gewissen humoristischen Rausch, in welchem mir die Freuden
und Leiden dieses Lebens weder wünschenswürdig noch verabscheuungswert
erscheinen; es ist alles um mich her ein breiter, mühsam erfundener Scherz, der,
wenn man ihn zu genau beobachtet und anatomiert, nüchtern erscheint: aber wenn
man sich auf dieser Maskerade dem Lachen und der guten Laune gutwillig hingibt,
so verfliegt der Spleen, und wir fühlen es, dass wir auch im Lachen weise sein
können.
    Ist denn überhaupt nicht alles auf dieser Erde ein und ebendasselbe? Wir
drücken uns selbst die Augen fest zu, um nur nicht diese Wahrheit zu bemerken,
weil dadurch die Schranken einfallen, die Menschen von Menschen trennen. Ich
könnte hier viel wiedererzählen, was ich vordem meinem guten Mortimer nicht
glauben wollte, denn bloss durch diesen Eigensinn unterscheiden sich die
Charaktere der Menschen; wir würden alle einen Glauben haben, wenn wir uns nicht
von Jugend auf ein Schema machten, in das wir uns nach und nach mühsam
hineintragen, das Gerüst und Sparrwerk eines Systems, und daraus unsere
eingebildete Wahrheit herausschreien, und dem Nachbar gegenüber nicht glauben
wollen, der in einem andern Käfig steckt und eine andre Lehre predigt. Frei
stehe der kühnere Mensch, ohne Stangen und Latten, die ihn umgeben, in der hohen
Natur da, aus Baumwipfeln und Morgenrot ziehe er seine Philosophie, und schreite
wie ein Riese über die Zwerge hinweg, die gleich Ameisen zwischen seinen Füssen
kriechen und sich mit kläglicher Emsigkeit mit Sandkörnern schleppen, um den
gewaltigen Bau aufzuführen, den ein einziger Fusstritt aus seinen Wurzeln hebt.
    Was wollt ich nur mit mir selber, als ich jene Briefe an Dich und an meinen
Vater schrieb, in welchen ich so flehentlich um Amalien bat? - Bin ich denn in
diesem Namen, in diesem Laut eingekerkert, dass meine Seele nach ihrem Besitz und
nach Freiheit schmachtet? Weiss ich doch nicht, ob ich sie durch den Besitz nicht
mehr verloren hätte, als jetzt, denn meine schönsten Gefühle können sich mit den
Erinnerungen dieses Namens vermählen, ewig reich und klar kann sie mir im Herzen
wohnen, da ich im Gegenteil oft genug wahrgenommen habe, dass die meisten Ehen
nur eine Entweihung der Liebe sind.
    Freilich ist Wollust das grosse Geheimnis unsers Wesens, freilich will auch
die reinste inbrünstigste Liebe sich in diesem Brunnen kühlen; sie soll eben
sterben, damit wir fühlen, dass wir Menschen sind, dass wir von täuschenden
Phantomen erlöst werden, die uns als Engelsgestalten besuchen, und doch Furien
werden, wenn sie das glänzende Gewand fallen lassen. Denn schläft nicht die
wildeste Verzweiflung, die grässlichste Angst, der blutigste Hass, Selbstmord und
alle Greuel im Innern dieses Gefühls? Erwachen, treten sie nicht hervor aus
ihrem Dunkel diese entsetzlichen Gestalten, wenn ewig unbefriedigt dieser Trieb
des bewegten Herzens in sich selber kreiset, wenn die glutaugige Eifersucht mit
dem Schlangenhaar dazwischenheult? Nur Leichtsinn, nur das Erkennen der
Täuschung kann uns retten, und darum ist mir in diesem Sinne, in welchem ich
sonst nach der Geliebten strebte, Amalie verlorengegangen, seit ich weiss, dass
Poesie, Kunst, und selbst die Andacht nur verkleidete, verhüllte Wollust ist,
die von innen heraus ihren Glanz ausstrahlt und ungekannt der Menschensinn in
allen seinen Kräften zu sich ruft.
    Ich muss über mich und meinen Zustand lachen, wenn ich länger fortfahre, mir
ihn deutlich zu entwickeln. - Dass wir Sinnlichkeit haben, ist keineswegs
verächtlich und kann es nicht sein - und doch streben wir unaufhörlich, sie uns
selber abzuleugnen und sie mit unserer Vernunft in eins zu schmelzen, um nur in
jedem der vorüberfliegenden Gefühle uns selbst achten zu können. Denn freilich
ist nichts als Sinnlichkeit das erste bewegende Rad in unserer Maschine, sie
wälzt unser Dasein von der Stelle, und macht es froh und lebendig; ein Hebel,
der in uns hineinreicht, und mit kleinen Gewichten grosse Lasten zieht. Alles,
was wir als schön und edel träumen, greift hier hinein. Sinnlichkeit und Wollust
sind der Geist der Musik, der Malerei und aller Künste, alle Wünsche der
Menschen fliegen um diesen Pol, wie Mücken um das brennende Licht.
Schönheitssinn und Kunstgefühl sind nur andere Dialekte und Aussprachen, sie
bezeichnen nichts weiter, als den Trieb des Menschen zur Wollust; an jeder
reizenden Form, an jedem Bilde des Dichters weidet sich das trunkene Auge, die
Gemälde, vor denen der Entzückte niederkniet, sind nichts als Einleitungen zum
Sinnengenuss, jeder Klang, jedes schöngeworfene Gewand winkt ihn dortin; daher
sind Boccaz und Ariost die grössten Dichter, und Tizian und der mutwillige
Correggio stehen weit über Dominichino und den frommen Raffael.
    Ich halte selbst die Andacht nur für einen abgeleiteten Kanal des rohen
Sinnentriebes, der sich in tausend mannigfaltigen Farben bricht, und auf jede
Stunde unsers Lebens einen Funken wirft. - Da mir die Augen nun darüber geöffnet
sind, will ich mich geduldig in mein Schicksal ergeben, ich darf kein Engel
sein, aber ungestört will ich als Mensch dahinwandeln, ich will mich hüten, mir
selbst um mein Dasein ängstigende Schranken zu ziehn. - So ist mir der Name
Amalie fremd geworden; war meine hohe, taumelnde, hingegebene Liebe, etwas
anders, als das rohe Streben nach ihrem Besitze? ein Gefühl, das wir uns von
Jugend auf verkünsteln, und uns das simple Gemälde unsers Lebens mit unsinnigen
Arabesken verderben. - Darum eben verachtet der Greis diese jugendlichen
Aufwallungen und wilden Sprünge des Gefühls, weil er zu gut erfahren hat, wohin
sich alle diese glänzende Meteore am Ende senken; sie fallen wieder wie Raketen
zur Erde und verlöschen. - Aber diese Greise sind zugleich für Künste und
Entusiasmus tot, weil die Blüte der Sinnlichkeit für sie abgeblüht ist, die
Seele ist in ihnen ausgeloschen, und sie sind nur noch die matte Abbildung eines
Lebendigen.
    Ich will dem Pfade folgen, der sich vor mir ausstreckt, die Freuden begegnen
uns, solange die Spitzen in unsern Sinnen noch scharf sind. Das ganze Leben ist
ein taumelnder Tanz; schwenkt wild den Reigen herum, und lasst alle Instrumente
noch lauter durcheinanderklingen! Lasst das bunte Gewühl nicht ermüden, damit uns
nicht die Nüchternheit entgegenkömmt, die hinter den Freuden lauert, und so
immer wilder und wilder im jauchzenden Schwunge, bis uns Sinne und Atem stocken,
die Welt sich vor unsern Augen in Millionen flimmernde Regenbogen zerspaltet,
und wir wie verbannte Geister auf sie von einem fernen Planeten herunterblicken.
Eine hohe bacchantische Wut entzünde den frechen Geist, dass er nie wieder in den
Armseligkeiten der gewöhnlichen Welt einheimisch werde!
 
                                       3
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Warum schwärmen Sie schon wieder in Neapel herum, und verlassen Ihren Freund? -
Ich mag nicht Ihr Begleiter sein, weil ich Baldern fürchte, sein Anblick und
seine Art des Wahnsinns schneiden durch mein Herz. Ich fühle mich hier in
manchen Stunden ausserordentlich einsam, ich gehe aus, um Sie zu sehen und
vergesse, dass Sie nicht in Rom sind. Ich habe soeben einen Brief an meinen
Freund Eduard gesiegelt und die Tränen stehen mir noch heiss in den Augen; alles,
was ich je empfand, kam ungestüm, wie ein Waldstrom in meine Seele zurück; ich
unterdrückte dies Gefühl, das immer heftiger in mir emporquoll, und schrieb
endlich in einer Angst, in der ich mir selber trotzte, mich einer blinden Sucht
zu übertreiben ergab, musste aber den Brief plötzlich abbrechen, weil die Tränen
endlich ihrer Fesseln ledig wurden und ich laut schluchzend und klagend in
meinen Sessel sank. Wie aus den Wolken schwindelte ich herunter, alles, was mich
aufrecht erhielt, verliess mich treulos; - der Mensch ist ein elendes Geschöpf!
    Ja das Blendwerk der jugendlichen Phantasie ist jetzt von meinen Augen
genommen, ich habe mich über meine Empfindungen belehrt, und verachte mich jetzt
eben da, wo ich mir einst als ein Gott erschien - aber ach, Rosa, ich wünsche
mir jetzt in manchen Stunden dies kindische Blendwerk zurück. Was ist aller
Genuss der Welt am Ende, und warum wollen wir die Täuschung nicht beibehalten,
die uns auf jedem Felsen einen Garten finden lässt? -
    Und ist denn meine jetzige Meinung nicht vielleicht ebensowohl Täuschung,
als meine vorhergehende? - Mir fällt es erst jetzt ein, dass beide Ansichten der
Welt und ihrer Schätze einseitig sind, und es sein müssen - alles liegt dunkel
und rätselhaft vor unsern Füssen; wer steht mir dafür ein, dass ich nicht einen
weit grösseren Irrtum gegen einen kleineren eingetauscht habe?
    Als ich mich so meiner vorigen Existenz erinnerte, als ich alle Szenen, die
mich sonst entzückten, meinen Augen vorübergehen liess, als ich an die Aussichten
des Lebens dachte, wie sie damals vor mir lagen - o Rosa, wie eine untergehende
Sonne beschien mich der blasse Strahl, ohne mich zu erwärmen; es fiel eine
seltsame, rätselhafte Ahndung meine schwankende Seele an - ich kann Ihnen meinen
Zustand unmöglich deutlich machen. - Mir war's, als käme es wie eine göttliche
Offenbarung auf mich herab, es gingen die verschlossenen Türen in meinem
Innersten auf, und ich schaute in die seltsame verworrene Werkstatt meiner
Seele. Wie wüst und ungeordnet lag alles umher, was ich so schön und zierlich
aufgepackt glaubte, in allen Gedanken fand ich ungeheure Klüfte, die ich aus
trunknem Leichtsinn vorher übersehen hatte, das ganze Gebäude meiner Ideen fiel
zusammen und ich erschrak vor der leeren Ebene, die sich durch mein Gehirn
ausstreckte. Nun stiegen alle Erinnerungen noch schöner und goldener in mir auf,
die Vergangenheit stand noch frischer und lebendiger vor mir, und ich sah nur,
wie viel ich verloren hatte, und konnte keinen Gewinn entdecken.
    Ist in jeglichem Lebenslaufe nicht vielleicht eine schöne blumenreiche
Stelle, aus der sich ein Bach ergiesst, und dem Wanderer durch sein ganzes Dasein
frisch und erquickend nachfolgt? Hier muss er dann anfangen, sein Glück zu
gründen; Liebe, Freundschaft und Wohlwollen wandeln in dieser schönen Gegend,
und warten nur darauf, dass er ihre Hand ergreife, um ihn zu begleiten. Wenn nun
der Mensch hindurchgeht und nicht auf den Gesang der Vögel horcht, die ihn
anrufen, dass er hier verweilen solle - wenn er wie ein nüchterner Träumer einen
öden Pfad sucht, und der Quelle vorübergeht - wenn ihm Liebe und Freundschaft,
alle zarten Empfindungen vergebens nachwinken, und er lieber nach dem Gekrächze
des heisern Raben hinhorcht - ach, so verliert er sich endlich in Wüsten von
Sand, in verdorrte Gegenden des Waldes; alles hinter ihm ist zugefallen, und er
kann den Rückweg nicht entdecken; er erwacht endlich, und fühlt die Einsamkeit
um sich her. - -
    Lieber Rosa, was sagen Sie zu diesem Briefe und zu Ihrem Freunde? - so weit
hatte ich geschrieben, als ich unwillig die Feder niederwarf, und im roten
Abendschein durch die Strassen ging. Bald floss mein Blut schneller durch meine
Adern, als mir so manche von den bekannten Gesichtern begegneten, als ich unsre
Donna Bianca an ihrem Fenster sah. Die Einsamkeit, die engen Wände sind es, die
uns vedriesslich und melancholisch machen; mit der freieren Luft atmet der Mensch
eine freiere Seele ein, und fühlt sich wie der Adler, der sich mit regerem
Flügelschlag über die finstern Wolken hinaushebt. - Ich komme jetzt eben von der
schönen Bianca zurück, und mein Brief ist mir unverständlich. Ich bin oft darauf
gefallen, dass man nur immer suchen sollte, recht viele Menschen und ihre
Gemütsart und Ansicht der Dinge kennenzulernen, wir verlieren uns sonst gar zu
leicht in klägliche Träumereien: aber jedes neue Gesicht und jedes fremde Wort
eröffnet uns die Augen über unsre Irrtümer. Ich kann oft einem einfältigen
Menschen wie einem Orakel zuhören, weil er mich durch seine Reden in einen ganz
neuen Gesichtspunkt stellt, weil ich mich so in ihn hineindenken kann, und dabei
zugleich meine eigene Gemütsstimmung vergleiche, dass ich selbst in seinem
einfältigsten Geschwätz einen tiefen gedankenreichen Sinn entdecke. Bei Weibern
vorzüglich habe ich aus jedem gesprochenen Worte, selbst aus dem
unbedeutendsten, etwas gelernt.
    Bianca lässt grüssen; sie ist ein liebenswürdiges Geschöpf. Wir sprachen heute
lange darüber, wie ich sie zuerst durch Sie hätte kennen lernen; ich finde sie
jetzt noch schöner als damals, ihr grosses feuriges Auge hat einen Strahl in
seiner Gewalt, der bis ins Innerste des Herzens dringt, sie hat alle meine Sinne
in Aufruhr gesetzt, und ich habe sie verlassen, auf die schönste glücklichste
Art beruhigt.
    Ich werde von ihr und von Ihnen träumen antworten Sie mir bald.
 
                                       4
                             Rosa an William Lovell
                                                                         Neapel.
Ihr Brief hat mich sehr amüsiert, lieber Freund; er macht so ein wahres Gemälde
des Menschen aus, dass ich ihn oft gelesen habe. - Vorzüglich lustig ist die
Schwermut, mit der er anhebt; und der Übergang aus diesem Adagio in das gesetzte
und feste Andante ist so überraschend und doch so natürlich, dass mir alles so
deutlich war, als hätte ich es selbst geschrieben. Ich denke, Sie werden noch
öfter ähnliche Erfahrungen an sich machen, und die Klagen werden sich, wenn Sie
sonst wollen, ebenso kalt und philosophisch schliessen, wie dieser Brief es tut.
Es ist leider ebenso demütigend als wahr, dass bei Ihrer Melancholie nicht die
philosophische, sondern die medizinische Untersuchung die richtigere war. Bianca
hat Sie von einer Krankheit geheilt, die kein Weiser, kein Dichter, kein
Spaziergang, kein Gemälde, keine Musik heilen konnte.
    Die klemmende unbekannte Sehnsucht, die so oft den Busen des Jünglings und
des aufkeimenden Mädchens zusammenzieht, was ist sie anders, als das Vorgefühl
der Liebe? Und was ist die Liebe mit allen ihren fröhlichen Qualen und ihren
peinigenden Freuden weiter, als das Drängen nach dem Genusse, dem Ziele, nach
welchem jeder rennt, ohne es zu glauben? Meinen Sie nicht, dass wenn man den
Petrarka in seine Muttersprache übersetzte, seine langweiligen Gedichte die
lustigste Lektüre von der Welt sein müssten?
    Grüssen Sie Bianca von mir und weihen Sie ihr eine Ihrer feurigsten Oden,
denn sie hat es um Sie verdient. Diese Mädchen verdienen nicht nur mit dem
Rosenkranze der Liebe, sondern auch mit der eichenlaubigen Bürgerkrone
geschmückt zu werden. Dante war gewiss ebenso entaltsam, als Sie, sonst hätte er
sein finsteres Gedicht nicht geschrieben, an dessen Existenz wir nichts gewonnen
haben: folgen Sie meinem Rate, denn nur der Phlegmatische wird nicht bei einer
ähnlichen Art zu leben düster und melancholisch.
    Ich sehe die Gegenden um Neapel und die Mädchen der Stadt mehr, als den
finstern Balder, der wie eine Mumie in einer Katakombe in seinem Zimmer liegt,
und selbst das Licht der Sonne verachtet, weil es ihm ein Bild der Fröhlichkeit
ist. - Ich möchte, wenn ich ein Dichter wäre, nichts als lachende Satiren
schreiben, ohne Bitterkeit und schiefe Spitzen; wenn man die Menschen genauer
ansieht, so gibt es keinen, den man bemitleiden kann, sie erschüttern nur das
Zwerchfell und die Tränen sind bei den Menschen nur eine andre Art zu lachen,
ebenso wollüstig, ohne traurig zu machen. Beides Schwäche, aber liebenswürdige
Schwäche der Muskeln, ein Krampf, ohne den die Gesichter ganz ihre
Mannigfaltigkeit verlieren würden. Ihr Shakespeare hat nie so etwas Wahres
gesagt, als wenn er den Puck zum Oberon sagen lässt:
                       Lord, what fools tese mortals be!
Lesen Sie die Stelle und den ganzen Zusammenhang im Midsummernight's dream, sie
ist der beste Kommentar über meine Meinung.
 
                                       5
                            Balder an William Lovell
                                                                         Neapel.
Ich will Worte schreiben, William, Worte - das, was die Menschen sagen und
denken, Freundschaft und Hass, Unsterblichkeit und Tod - sind auch nur Worte. -
Wir leben jeder einsam für sich, und keiner vernimmt den andern, antwortet aber
wieder Zeichen aus sich heraus, die der Fragende ebensowenig versteht; - aber so
wie unser ganzes Leben ein unnützes Treiben und Drängen ist, das elendeste und
verächtlichste Possenspiel, ohne Sinn und Bedeutung, so will ich Dir in einer
schwermütig lustigen Stimmung einen Brief schreiben, über den Du lachen sollst.
    Ich weiss selbst nicht, warum ich schreibe - aber ebensowenig weiss ich, warum
ich Atem schöpfe. - Es ist alles nur um die Zeit auszufüllen und etwas zu tun,
die elende Sucht, das Leben mit sogenannten Geschäften auszufüllen - Länder
erobern, Menschen bekehren, oder Seifenblasen machen, eine Sucht, die bei der
Geburt unserer Seele eingeimpft ist - denn sonst würde schon der Knabe die Augen
zumachen, sich vom langweiligen Schauspiel entfernen und sterben; diese Wut also
etwas zu tun, macht, dass ich Papier und Feder nehme, und Gedanken schreiben will
- das Unsinnigste, was der Mensch sich vorsetzen kann.
    Ich wette, Du lachst schon jetzt, so wie ich über den Anfang meines Briefes
gelacht habe, dass mich die Brust schmerzt. - Du liesest den ganzen Brief nämlich
nur aus Dir heraus, und ich schreibe Dir im Grunde keinen Buchstaben. Aber mag's
sein. Bin ich doch auch wohl ehedem ein Tor gewesen, ganze Bücher mit Vergnügen
durchzulesen, und mir einzubilden, dass ich den Geist des Verfassers dicht vor
meinen Augen habe. Mein Bedienter ist gutwillig genug und so geschäftig, mir
Papier, Dinte, Feder und alles übrige zu besorgen, als wenn von diesem meinem
Schreiben das Heil ganzer Länder abhinge. Dass es noch Menschen gibt, die das,
was man Geschäfte nennt, ernstaft treiben können, ist das Wunderbarste in der
Welt: - oder, ob sie noch gar nicht darauf gefallen sind, sich selbst und andre
näher zu betrachten, wie lächerrlich, possenhaft und weinerlich alles, alles,
selbst Sterben und Verwesen ist? -
    Manche von den Menschen, die mich besuchen, geben sich viele Mühe, sich zu
meinem kranken Verstande herabzulassen, wenn sie von ihren wichtigen
Armseligkeiten sprechen. Sie glauben, ich verstehe sie nicht, wenn ich über dem
düstern Abgrunde meiner Seele brüte, und setzen mir dann auf eine ekelhafte Art
ihre Zwerggedanken auseinander. Ich höre sie in meiner Spannung zuweilen wie aus
einer tiefen Ferne in meine Seele hineinreden, wie ein unartikulierter
Wasserfall, der gegen die Ufer schlägt, ich antworte ihnen mit Worten, ohne sie
zu überlegen, und sie verlassen mich mit tiefem Bedauern und halten mich für
höchst unglückselig, weil ich ihre tiefe Ideen nicht verstehe.
    Neulich war ich in einer Gesellschaft von einigen Menschen, die sich
untereinander Freunde nannten. Es waren Künstler, und zwei darunter hielten sich
für Dichter. Man hatte mich aus Mitleid gebeten, um mich zu zerstreuen und
meinen trüben Geist aufzuheitern. Ich sass wie eine Statue unter ihnen, und hörte
dabei jedes Wort, das sie sprachen. Man machte sich gegenseitige Komplimente,
einer sprach von den ungeheuern Talenten des andern, liess aber dabei doch seinen
Neid ziemlich deutlich hervorblicken. Der eine sprach von seinen Idyllen, die
einer seiner Feinde in einer gelehrten Schrift heruntergesetzt habe, weil er ihm
seinen grossen Ruhm beneide; er bat den andern Dichter, eine Satire auf diese
Zurücksetzung zu schreiben, und man sprach mit einem Eifer und Feuer von der
ganzen Kinderei, als wenn das Wohl der Welt darauf beruhe. Der Dichter sprach
immer langsam und akzentuierte jedes Wort hart und feierlich; der andere bildete
sich wieder ein, lebhafter zu sein, und schrie und sprach schneller, jeder hielt
es für notwendig, irgend etwas Charakteristisches an sich zu haben, damit nicht
die grossen Seelen so leicht miteinander verwechselt würden. Ach das Brausen von
Mühlrädern ist verständiger und angenehmer als das Klappern der menschlichen
Kinnbacken; der Mensch steht unter dem Affen, eben deswegen, weil er die Sprache
hat, denn sie ist die kläglichste und unsinnigste Spielerei: mir gingen hundert
wilde Gedanken mit harten Tritten durch den Kopf, alle diese Menschen wurden
plötzlich so weit von mir weggerückt, dass ich sie nur noch wie Larven in einem
fernen Nebel dämmern sah, dass ich ihr Gekreisch wie Sumsen von Grillen hörte;
ich stand in einer fernen Welt und gebot herrschend über die niedrigen
Schwatztiere, tief unter mir. - Ich ward begeistert und stand prophetisch auf,
und rief den Fleischmassen zu: »O ihr Armseligen! - ihr Verblendeten! - Merkt
ihr denn nicht auf eure Nichtigkeit und bedenkt nicht, was ihr seid? - Klumpen
von toter Erde, die über kurzem wieder in Staub verwehen; deren Andenken wie
Schatten von Wolken vorüberfliegen - euer Leben fährt wie ein Rauch dahin und
euer Ruhm ist eine halbe Stunde, in der ein müssiger Schwätzer von euch spricht
und euch verachtet. Und ihr steht, als wenn ihr Erde und Himmel beherrschtet; du
hältst dich für Gott und betest dich selber an, weil du jämmerliche Verse
gezimmert hast! - Ihr werdet sterben: sterben; - die Verwesung empfängt euch und
fragt nicht nach eurem überirdischen Genie! die Hunde wühlen einst eure Gebeine
aus, und fragen nicht darnach, ob das derselbe Kopf war, der einst Stanzen
schrieb! - O Eitelkeit, du nichtswürdigster Teil des Menschen! - Tiere und Bäume
sind in ihrer Unschuld verehrungswürdiger, als die verächtliche Sammlung von
Staub, die wir Mensch nennen!«
    Ich kann mich nicht erinnern, was ich ohngefähr weiter gesagt haben mag;
aber ich verachtete sie so tief, dass ich sie mit den Füssen hätte zertreten
können, dass ich es für eine Wohltat an ihnen selbst hielt, sie zu vernichten. -
Als ich zum gewöhnlichen Leben zurückkehrte, fand ich mich von ihren Armen
festgehalten, man hatte meine Wut gefürchtet, und man schaffte den überlästigen
Redner nach Hause.
    Könnt ich nur Worte finden, um die Verachtung zu bezeichnen, in der mir
alles erscheint, was Mensch heisst! - mein Arzt ist sehr für meine Gesundheit
besorgt, weil es sein Gewerbe mit sich bringt. Wenn ich nicht gern vom Wetter
mit ihm spreche, findet er meine Umstände bedenklicher, will es mich aber nie
merken lassen, dass er mich für wahnsinnig erklärt. Er gibt mir viele kühlende
Mittel und behandelt mich wie eine tote Maschine, ob er mir gleich selber so
erscheint. Er schüttelt zu allen meinen verwirrten Gedanken den Kopf, weil er
sie nicht in seinen Büchern gefunden hat, und im Grunde bin ich wahnsinnig, weil
ich nicht dumm und phlegmatisch bin. Dass Gewohnheit und Dummheit die Menschen so
wie ein dicker Nebel umgeben kann, aus dem sie nie herauszuschreiten vermögen!
Lag es nicht von Jugend auf wie eine Gewitterwolke in mir, die ich mir selbst
mit Armseligkeiten verdeckte, und mir log, ich sei froh? Kündigte sich nicht oft
der innerste dunkle Genius durch einen Ton an, dem ich eigensinnig mein Ohr
verstopfte? - Ich verstelle mich nicht mehr und bin wahnsinnig! - Wie vernünftig
die Menschen doch sind!
    O ich muss fort, fort, ich will in wilden Wäldern die Seelen suchen, die mich
mehr verstehn, ich will Kinder erziehn, die mit mir sympatisieren: es ist nur
nicht Mode so zu denken, wie ich, weil es nicht einträglich ist.
    Ich spiele mit den Menschen, die zu mir kommen, wie mit bunten Bildern. Ich
gab mir neulich die Mühe, mich zu dem dummen Geschwätze meines Arztes
herunterzulassen; wir sprachen über Stadtneuigkeiten, über Anekdoten, die er
ungemein lächerrlich fand; ich lieh ihm meine Zunge zum Dreinklingen und er fand,
dass ich mich ungemein bessere. Mit Selbstzufriedenheit verliess er mich, und ich
konnt es nicht unterlassen, ihm nach unsrer feierlichen Unterhaltung ein so
lautes Gelächter nachzuschicken, dass er sich erblassend umsah, und wieder alle
Hoffnung verloren gab.
    Ich habe ehedem einen Menschen gekannt, der taub, stumm und blind war. Keine
Seele schien sich in ihm zu offenbaren, und er war vielleicht der Weiseste unter
den Sterblichen.
    Rosa hält sich für sehr klug, und sieht mich immer mit Mitleid an, und ich
möchte nicht er sein; ein Narr, den jeder Blick eines Mädchens entzückt, der
immer, wenn er spricht, Epigramme drechselt und seine Worte nur für ein
dankbares Lächeln verkauft; dessen Lebenslauf kleine Zirkel sind, die er
unaufhörlich von neuem durchläuft. Wenn er stirbt, wird ihm die Scham gewiss am
meisten weh tun, dass er ordentlich verwesen muss.
    Ich wohne jetzt in einem Garten vor dem Tore. Wie auf der See treiben meine
Gedanken ungestüm hin und wider, ich fürchte mich vor dem blauen gewölbten
Himmel über mir, der dort gebogen wie ein Schild über der Erde steht, unter
welchem wir Gewürme wie gefangene Mücken sumsen, und nichts sehen und nichts
kennen und fühlen. - Ich mag auch gar nichts mehr denken und ersinnen. - Es geht
ein Sturm durch die Wölbung und die fernen Wälder zittern rauschend, die See
fürchtet sich und murmelt leise und verdrossen, es donnert fernab im Himmel, als
wenn ein Gewitter zurechtgelegt wird, und der Werkmeister unachtsam den Donner
zu früh aus der Hand fallen lässt. - -
    Ich schreibe beim heftigsten Gewitter. - Es braust mit Hagel und Regengüssen
und der Sturmwind und Donner stimmen sich, und einer singt dem andern den
tobenden Wechselgesang nach. Wie fliehende Heere jagen Wolken Wolken, und die
Sonne flimmert bleich auf fernen Inseln, die ganz weit weg wie goldene
Kinderjahre in der Sturmfinsternis dastehen; das Meer schlägt hohe Wogen und
donnert in seinem eigentümlichen Ton. - Ich lache und wünsche das Wetter immer
lauter und lauter, und schreie dazwischen und schelte den Donner furchtsam: -
brause du und stürme wirbelnd, und reisse die Erde und ihre Gebilde zusammen,
damit ein andres Geschlecht aus ihren Ruinen hervorgehe!! -
    Die Alltäglichkeit kömmt wieder, und das Wetter fliegt weiter. Wie eine
reisende Komödiantentruppe spielen die Wolken in einer andern Gegend nun
dasselbe Schauspiel; dort zittern andre Menschen jetzt, wie vor kurzem hier
viele bebten - und alles verfliegt und verschwindet und kehrt wieder, ohne
Absicht und Zusammenhang -
    Ich fürchte mich des Nachts nicht mehr. - Als ich neulich allein um
Mitternacht in meinem Zimmer stand und aus dem Fenster den Zug der trüben Wolken
sah, und mir alles wie Menschengedanken und Empfindungen am Himmel dahinzog, als
ich sichtbarlich in Dunstgestalt manche Erinnerung vor mir fliegen sah - und ich
zu ruhen und zu sterben wünschte - da drehte ich mich plötzlich leise um, wie
wenn mich ein Wind anders stellte. Und alle meine Vorfahren sassen still und in
Mänteln eingehüllt an meinem Tische, sie bemerkten mich nicht und assen mit den
nackten Gebissen von den Speisen, heimlich reckten sie die dürren Totenarme aus
den schwarzen Gewändern hervor, um kein Geräusch zu machen, und nickten
gegenseitig mit den Schädeln. Ich kannte sie alle, aber ich weiss nicht woran.
Als ich meinen Vater bemerkte und daran dachte, wie vielen Kummer, wie vielen
Verdruss ich ihm gemacht hätte, musste ich weinen, dass er jetzt so abgehärmt und
jämmerlich aussah, und verschämt das nackte Gerippe mehr verdeckte als die
andern. Sie hörten mich schluchzen und gingen still, wie mit bösem Gewissen zur
Tür hinaus, aber doch so langsam und gesetzt, dass sie glauben mussten, ich hätte
sie nicht bemerkt. - Wenn wir ohne Schauder unter unsern Möbeln sitzen, warum
wollen wir uns denn vor Totengerippen fürchten? Aus den Knochen der Tiere
arbeiten sich die Menschen Putz heraus, und entsetzen sich vor den näher
verwandten Gebeinen.
    Ich durchstrich noch in derselben Mitternacht das tote Gefilde, und rief
alle Gespenster herbei und gab ihnen Gewalt über mich. Ich rief es in alle
Winde, aber ich ward nicht gehört. - Die Glocken schlugen aus der Ferne, und
sprachen so langsam und feierlich wie betende Priester; Wälder und Winde sangen
Grabgesang, und prophezeiten allem, was da lebt, den unausbleiblichen Tod, aber
alle Geschöpfe schliefen fest und hörten nichts davon, der Mond sah weinend in
die verschleierte Welt hinein; - es gibt nichts mehr, das mich entsetzt; und das
macht mich betrübt. Der menschliche Geist kann alle Ideen sehr schnell
erschöpfen, weil er nur wenige fassen kann. Er hat wie ein Monochord nur sehr
wenige Töne.
    Lebe wohl, wenn es in dieser Welt möglich ist; sei recht glücklich, mag ich
nicht hinzufügen, weil es kein Glück gibt, als zu sterben, und ich weiss, dass Du
den Tod fürchtest. - Ich habe schon oft heimliche Verwünschungen ausgestossen und
grässliche Sprüche versucht, um die Gegenstände um mich her in andre zu
verwandeln. Aber noch hat sich mir kein Geheimnis entüllt, noch hat die Natur
nicht meinen Bezauberungen geantwortet: es ist grässlich, nichts mehr zu lernen,
und keine neue Erfahrung zu machen, ich muss fort - in die Wildnisse der
Apenninen und Pyrenäen hinein - oder einen noch kürzern Weg in das kalte
würmervolle Grab.
 
                                       6
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Die kleinen Bitterkeiten in Ihrem Briefe habe ich recht gut verstanden, und ich
gebe zu, dass Sie im ganzen recht haben mögen. Der Scherz eines Freundes kann auf
keine Weise beleidigen.
    Balder hat mitten in den Ausbrüchen seines Wahnsinns einen Brief an mich
geschrieben, in dem mir manche Ideen dunkel sind; er ist entweder seiner Heilung
nahe, oder gefährlicher krank als je. Was ich in seinem Briefe verstanden habe,
hat mich betrübt. Lassen Sie doch ja etwas Acht auf ihn geben, er scheint die
Idee zu haben, sich von Neapel zu entfernen. Er gewinnt freilich wenig, wenn man
ihm das Leben erhält, aber es sollte mir leid um ihn tun, wenn er ganz zugrunde
ginge. -
 
                                       7
                             Rosa an William Lovell
                                                                         Neapel.
Balder ist fort, niemand weiss wohin. Ob er entflohen ist, ob er sich ermordet
hat, alles ist ungewiss. - Er ist in den letzten Tagen zuweilen bis auf die
höchste Stufe der Raserei gekommen; in einer Gesellschaft von Fremden hat er
neulich alle mit den verächtlichsten Reden beschimpft, geschmäht und endlich
bewusstlos mit dem Messer nach ihnen gestochen. - Er ist zu beklagen, sein Tod
wäre Gewinn für ihn. - Grüssen Sie Bianca und Ihre übrigen schönen Freundinnen
von mir, nur keine von den spröden Tugendhaften, die uns so oft zur Last
gefallen sind. Leben Sie recht wohl, und suchen Sie den Unglücklichen zu
vergessen.
 
                                       8
                            Karl Wilmont an Mortimer
                                                                         Bondly.
Du wunderst Dich gewiss über diesen Brief, besonders wenn Du bemerkst, von wo er
datiert ist. Wundre ich mich doch selbst darüber, ich kann es Dir also nicht
übelnehmen. Du hast mich nun gewiss spätestens in diesen Tagen in London
vermutet; auch ich selbst war fest überzeugt, dass ich morgen dort sein würde,
und nun sitz ich plötzlich hier auf Burtons Gut und fange einen Brief an Dich
an, der eine Entschuldigung, Erzählung, wie es gekommen, und das Versprechen,
dass Du mich nun ehestens sehen wirst, entalten soll.
    Die Entschuldigung, Mortimer, magst Du mir erlassen. - In Glasgow sass ich
wochenlang in dem Hause eines alten Onkels, ohne zu wissen, wie ich die Zeit
hinbringen sollte. - Wie wir uns verändert haben! Ich dachte unaufhörlich an
Emilien und an die Zukunft. Man wollte mich gern lustig haben, aber ich hatte
alle Elektrizität verloren, und war dumm und gefühllos; selbst der Wein konnte
nur auf einzelne Minuten meine frohe Laune zurückbringen.
    Langeweile ist gewiss die Qual der Hölle, denn bis jetzt habe ich keine
grössere kennengelernt; die Schmerzen des Körpers und der Seele beschäftigen doch
den Geist, der Unglückliche bringt doch die Zeit mit Klagen hinweg, und unter
dem Gewühl stürmender Ideen verfliegen die Stunden schnell und unbemerkt: aber
so wie ich dasitzen und die Nägel betrachten, im Zimmer auf und nieder gehn, um
sich wieder hinzusetzen, die Augenbraunen reiben, um sich auf irgend etwas zu
besinnen, man weiss selbst nicht worauf; dann wieder einmal aus dem Fenster zu
sehen, um sich nachher zur Abwechselung aufs Sofa werfen zu können - ach,
Mortimer, nenne mir eine Pein, die diesem Krebse gleichkäme, der nach und nach
die Zeit verzehrt, und wo man Minute vor Minute misst, wo die Tage so lang und
der Stunden so viel sind, und man dann noch nach einem Monate überrascht
ausruft: »Mein Gott, wie flüchtig ist die Zeit! Wo sind denn diese vier Wochen
geblieben?«
    Oft ärgerte ich mich, dass ich noch in Schottland war, und machte doch nicht
die kleinsten Anstalten zur Abreise; ich führte mit meinen Verwandten das
elendeste und platteste Leben von der Welt; ein Viehverkäufer geniesst es auf
eine gesundere Art; ja ein Mensch, der mit einem armseligen Schattenspiel von
einem Dorfe zum andern wandert und in jedem seine elenden Spässe wiederholt,
beschäftigt sich geistreicher, als ich in dieser ganzen unermesslich langen Zeit
getan habe. Mein Blut war so träge und phlegmatisch, dass ich manchmal meine
Finger gegen die Tischecke schlug, um mir nur Schmerz zu machen, mich zu ärgern
und zu erhitzen, denn nichts ist widriger, als wenn in der Sanduhr unsers
Körpers so recht gemach ein Tropfen nach dem andern langsam und zögernd unser
Leben abmisst, je mehr die Ströme des Bluts durcheinanderrauschen, und freilich
die Maschine etwas mehr abnutzen, um so heller und deutlicher lebt der Mensch -
Ich wünschte oft in Glasgow mit Sehnsucht, dass ein Gezänk oder Schlägerei auf
der Gasse vorfallen möchte, damit ich nur etwas hätte, wofür ich mich
interessieren könnte; es ward mir am Ende wichtig, wenn der dicke Mann im
benachbarten Hause einen andern Rock als gewöhnlich trug. Ich schäme mich noch
jetzt dieses Lebens, so qualvoll und langsam, so schleichend und doch so ohne
Ruhe, wie eine Schnecke leben muss, die bei ihren Wanderungen ihr Schalenhaus
verloren hat, und es im heissen Sonnenschein wieder sucht.
    Endlich dacht ich an Dich und an London, an die Zerstreuungen dort, an alle
die philosophischen Gespräche, die wir miteinander führen könnten: ich
unterdrückte es gewaltsam, wenn mir auch diese Aussicht manchmal langweilig
vorkommen wollte. Ich entschloss mich kurz, nahm von allen meinen Freunden und
Bekannten zärtlichen Abschied, setzte mich zu Pferde, und ritt mit frischem
Leben erfüllt davon.
    Mein Herz schlug immer gewaltiger, je mehr Meilen ich auf englischem Boden
zurücklegte. Ei! dacht ich, ein paar Tage mehr oder weniger! und beschloss dicht
vor Bondly vorüberzureiten, aber ja niemand da zu besuchen; es könne doch von
ohngefähr sein, dass ich Emilien durch das Gartentor erblickte. Ich machte gar
keinen Plan, wie ich mich nehmen würde, wenn dies der Fall sein sollte, denn ich
handle sehr gern aus dem Stegreif, und habe mich von jeher besser dabei
befunden; denn meine dümmsten Streiche waren immer die, die aus einem
weitläuftigen, recht vernünftigen Plan entstanden.
    Ich ritt so in Gedanken vertieft hin und näherte mich dem Landhause Burtons
früher als ich geglaubt hatte. Ein junger Mensch zu Fuss fragt mich plötzlich, wo
der Weg nach Bondly gehe, er sei bis zur nächsten Stadt gefahren und habe sich
nun verirrt. Ich führte ihn auf den Weg und ritt gedankenvoll neben ihm hin.
Warum sollt ich nicht den jungen Burton auf einen halben Tag besuchen dürfen?
sagt ich zu mir selbst. Am Ende sieht mich selbst der Vater gern. Und könnte
mich nicht jemand von ohngefähr durch das Dorf reiten sehn, Emilie es erfahren
und für die grösste Gleichgültigkeit auslegen? - Ich könnte überdies zum Alten
sagen, dass ich deswegen einen kleinen Umweg genommen hätte, um den Boten, der
ihn sprechen wollte, gewiss und sicher nach Bondly zu bringen. - Ach ich hatte
noch hundert andre Vorstellungen, tausend Stimmen in mir, die alle laut riefen:
ich solle und müsse im Schloss absteigen! - Ich gehorchte, denn was tut man
nicht alles, um nur eines solchen Lärmens loszuwerden?
    Ich sprach den jungen Burton, den Vater und Emilien. - Sie ist doch sehr
schön, und so gut, so liebenswürdig! Ist es hier Sünde, wenn man wünscht? - Alle
Federn meines Wesens haben neue Spannkraft erhalten, ich denke mit Schrecken an
meinen Aufentalt in Schottland. Hier leb ich doch, noch hab ich nicht ein
einzigmal gegähnt; die Stunden verfliegen mir wie Minuten, und ich erobre ein
Lächeln, einen freundlichen Blick nach dem andern von Emilien! - Eduard hat mir
seltsame Sachen von Lovell erzählt, er muss sich sehr geändert haben; indes ich
gebe auf diese Änderungen nicht viel; je mehr er auf der andern Seite
übertreibt, um so eher kann er zu seiner vorigen Torheit zurückkommen. Und ist
er denn überhaupt ein Tor gewesen? Damals glaubt ich es; jetzt glaub ich, dass
ich ihn verkannt habe.
    Emilie scheint sehr auf sich achtzugeben; ich kann manchmal nicht klug
daraus werden, ob diese Kälte und Zurückgezogenheit erzwungen oder natürlich
ist.
    Schreibe mir ja, denn sonst habe ich noch einen Vorwand länger
hierzubleiben, als ich sollte, weil ich dann noch auf Deinen Brief warten würde.
- Eduard lässt Dich grüssen; er ist ein vortrefflicher, herzensguter Mensch, und
der Vater ist wieder ganz freundlich gegen mich, aber dann wieder plötzlich
fremde, abwechselnd wie Herbstwetter; ich habe schon diese Gesichter bei
mehreren reichen Leuten gefunden, sie setzen mich leicht in Verlegenheit. - Lebe
wohl und antworte bald.
 
                                       9
                            Mortimer an Karl Wilmont
                                                                         London.
Wenn Du noch nicht bald des seltsamen Herumtreibens überdrüssig bist, so weiss
ich nicht, was ich von Dir denken soll.
    Manches stimmt mich melancholisch; der alte Melun ist in Paris an einer
Auszehrung gestorben, die Comtesse mit ihrem Liebhaber entlaufen, niemand weiss
wohin. Dass so viele von den Leuten, die ich gekannt habe, schon begraben sind!
dass sich schon so manche dem Verderben in die Arme geworfen haben!
    Was ist es überhaupt für ein armseliges Ding um das, was man gewöhnlich
Ausbildung nennt. In den meisten Fällen ist es nur Veränderung. Wie weise habe
ich mich so oft in meinem zwanzigsten Jahre gefühlt, dass ich mich über manche
Narrheiten des Menschengeschlechts erhaben fühlte: und jetzt rücken mir manche
der Torheiten so nahe, dass sie sich, wenn das Verhältnis so fortschreitet, bald
mit meinem innersten Selbst vereinigen werden.
    Du wirst bemerken, dass ich hier vorzüglich von meiner Liebe zu Amalien
spreche. Eine Liebe, die vielleicht noch glühender ist, als die, mit der Lovell
sie einst beglückte. Er hat sie vergessen, und fühlt sich grösser; ich habe meine
Unempfindlichkeit abgelegt, und fühle mich edler. Sie ist mir weit ergebener als
ehemals, aber es tut mir sehr leid, dass sie für meinen Verstand Achtung, eine
viel zu übertriebene Achtung empfindet. Alle Gefühle, die ich ihr zeige, hält
sie nur für Spiele meines Witzes, und sie behält sich daher beständig in ihrer
Gewalt. Auch sie hat den leichtsinnigen William etwas mehr vergessen; nur seh
ich, wie zuweilen die alten Erinnerungen in ihrer Seele wieder aufwachen, und
sie dann meinen Umgang plötzlich fade und abgeschmackt findet.
    Die Seelen sind viel wert, die sich noch nicht ganz der Mode und der
sogenannten Lebensart zum Opfer gebracht haben. Sie sind sehr selten, und man
sollte sie darum köstlich achten.
    Grüsse Eduard Burton, und komme bald nach London.
 
                                       10
                   Der Baron Burton an den Advokaten Jackson
                                                                         Bondly.
Ich bin Ew. Wohledlen für die Nachrichten, die mir Dieselben durch den jungen
Fenton haben zukommen lassen, ausserordentlich verbunden. Ich freue mich sehr
über den Eifer und über die Tätigkeit, womit Sie unaufhörlich zu meinem Besten
beschäftigt sind; ich gebe Ihnen von neuem die Versicherung meiner ewigen
unveränderlichen Dankbarkeit. Ich bin überzeugt, dass Ihre Bemühungen nun bald
sichtbarere Folgen haben werden, die bis jetzt ein ungünstiger Zufall immer noch
zurückgehalten hat. Eilen Sie aber, damit meine Hoffnungen nicht immer nur
Hoffnungen bleiben, damit ich endlich aufhöre, mit jedem Tage wieder meinen
Genuss auf viele Tage aufzuschieben. Ich bin alt, und nicht mehr so für
Hoffnungen gemacht, wie der jüngere Mann; die Unentschiedenheit ängstigt mich,
und je gewisser ich meiner Sache zu sein glaube, um so mehr Einwürfe und Zweifel
fallen mir wieder ein: alles dies beschäftigt meine Seele zu sehr, und macht sie
unruhig. Das Alter kann diese Wogen nicht so leicht in Ruhe legen, als der
Jüngling. Vor zwanzig Jahren würde mich dieser Prozess beschäftigt und zugleich
unterhalten haben; aber jetzt kann ich nur in dem entscheidenden Moment einen
freudigen Moment erblicken. Sie sehen, wie fest ich darauf vertraue, dass sich
alles zu meinem Vorteile entscheiden wird, aber Sie sehn auch zugleich, wie
nötig es ist, dass Sie meinen Besorgnissen so früh als möglich ein Ziel setzen.
Denn ich finde es sehr natürlich und billig, dass Sie in Ihrer Lage durch
Aufschub und Verlängerung meine Dankbarkeit verlängern und meine Verbindlichkeit
vermehren wollen. Sie glauben, dass ich jetzt in einer gewissen Abhängigkeit von
Ihnen existiere, bei der Sie unvermerkt einen Teil meiner Schwächen nach dem
andern für sich erobern können. Ich finde an dieser Klugheit nichts zu tadeln,
sondern sie ist lobenswürdig, und der ist ein Tor, der in dem verworrenen
Wechsel des Lebens nicht die wiederkehrende Flut geschickt benutzt, um sein
Fahrzeug flottzumachen. Sie sehen, wie sehr ich Ihren Verstand schätze; nur muss
ich Ihnen sagen, dass Ihre Klugheit bei mir unnütz ist, der ich mich Ihnen
ausserordentlich verbunden erkenne, wenn der Prozess auch morgen geendigt ist, und
der ich Sie grade ebenso belohnen würde, als wenn das Endurteil noch einige
Jahre hindurch von einem Tage zum andern aufgeschoben würde. Sie können auf die
Art alle Interessen, die Sie gewinnen wollen, auf eine weit schnellere und
entschiedenere Art zusammenziehn, als wenn Sie auf ein langweiliges Sparen
ausgingen, das am Ende denn doch ungewiss sein dürfte. Für Ihre Sorgfalt mir den
jungen Fenton zu schicken, muss ich Ihnen Dank sagen; nur gestehe ich Ihnen
zugleich, dass ich die Notwendigkeit dieser Abgesandtschaft nicht eingesehen
habe. Durften Sie alle diese nicht ausserordentlich bedeutenden Nachrichten
keiner Post vertrauen? In diesem Falle treiben Sie die Besorglichkeit zu weit,
und kein Mann handelt gut und richtig, wenn er ängstlich handelt. Sie dürfen
also nur künftig dreister verfahren, und nicht einen Mitwisser unsers
Geheimnisses erschaffen, der uns beiden auf jeden Fall zur Last fällt.
Wenigstens kommt es meinem Verstande so vor, und ich denke, auch Sie werden mir
darin vollkommen recht geben, denn jeder andre, als ich, würde dadurch in Ihrer
Hand stehn, und einem so billigen Manne, wie Sie, muss es weh tun, wenn man auch
nur auf einen Augenblick einen solchen Gedanken von ihm hegen könnte. Ich würde
mich aber auf keinen Fall abhalten lassen, so zu handeln, wie ich mir zu handeln
vorgesetzt habe. Ich habe schon oft mit meinen Freunden über den Satz
gestritten, dass es so gut wie unmöglich sei, einem Manne, dem seine Plane ernst
sind, das Kleinste oder das Grösste in den Weg zu legen, das er nicht wieder
fortschaffen, oder selbst zu seinem Vorteile brauchen könnte. Ich habe schon
manchen meiner Verfolger mit seinen eigenen Waffen geschlagen; denn nichts ist
dem Manne von Kopf unerträglicher, als zu sehn, wie jeder nach den Fäden greifen
will, an denen er regiert wird; ich halte es nicht für unmöglich, sie alle
durchzuschneiden, so dass dann der Mensch frei und ungehindert seinen Weg
fortgeht. Ew. Wohledlen sind mir auch noch den letzten meiner Briefe schuldig,
den Sie mir nach unserm Übereinkommen sogleich hätten zurückschicken sollen. Sie
verzeihen, dass ich Sie an diese Zerstreuung erinnert habe, ebenso, dass ich Ihnen
mit einem so weitläuftigen Briefe zur Last gefallen bin. Die Zeit eines jeden
Geschäftsmannes ist edel und fast unbezahlbar; ich bitte um Vergebung, wenn ich
Ihre bessere Gedanken mit meinen schlechten unterbrochen habe; sollte ich aber
so glücklich gewesen sein, Ihren Eifer von neuem zur Beschleunigung des
Prozesses etwas anzufeuren, so haben wir beide bei diesem kleinen Stillstande
gewonnen, und in dieser Hoffnung bin ich
                                                   Ihr Gönner und Freund Burton.
 
                                       11
                             Rosa an Andrea Cosimo
                                                                            Rom.
Deine Meinung ist auch vollkommen die meinige. Ich finde es so wahr, was Du in
Deinem neulichen Briefe sagst, es ist so schwer und wieder so leicht, die Seelen
der Menschen zu beherrschen, wenn man nur etwas die Fähigkeit besitzt, sich in
die Gesinnungen anderer zu versetzen, ihre Verschiedenheiten zu bemerken, und
dann Fassung und Gleichmütigkeit genug zu behalten, um in keinem Augenblicke
ihnen sein eignes Selbst darzustellen. So wie die Sprache nur in konventionellen
Zeichen besteht, und jedermann doch mit dem andern spricht, ob er gleich recht
gut weiss, dass jener durch seine Worte vielleicht keinen Begriff so bekömmt, wie
er es wünscht: ebenso sollte aller unser Umgang beschaffen sein. Ich spreche mit
dem Franzosen französisch und mit dem Italiener seine Muttersprache; ebenso rede
ich mit jedermann nur die Meinungen, die er versteht, das heisst, die ich ihm
zutraue; ich suche mich selbst ihm niemals aufzudrängen, sondern ich locke seine
Seele allgemach über seine Lippen, und gebe ihm seine eigne Worte anders gewandt
ins Ohr zurück. Welche Gesinnungen stehen dann in uns so fest und hell, um sie
fremden Gemütern aufzudrängen? Und wenn es der Fall sein könnte, wo finde ich
Brücken, um sie nach fremden Ufern hinüberzuschlagen?
    So ging ich lange Zeit mit Lovell um, ich sprach mich ganz in ihn hinüber,
und er erstaunte nicht wenig über die Sympatie unsrer Seelen, und traute mir
nun jeden seiner flüchtigsten Gedanken, jede seiner seltsamen Empfindungen zu.
Diejenigen, die er nicht bei mir wahrzunehmen glaubte, hielt er bald von selbst
für unreif und töricht, dagegen fing er emsig einen hingeworfenen Wink von mir
auf, und dachte lange über den darin liegenden Sinn. In kurzer Zeit täuschte er
sich selbst so, dass er unsre Seelen für verschwistert hielt, nur dass ihm die
meinige einige Jahre voraus sei.
    Nichts ist dem Menschen so natürlich, als Nachahmungssucht. Lovell ward in
einigen Monaten eine blosse Kopie nach mir. Jeder Ausspruch, jedes Wort, das wir
für klug nehmen, rückt an der Form unsrer Seele. Er verachtet jetzt tief alle
Meinungen, die seinen jetzigen widersprechen.
    Die Eitelkeit ist gewiss das Seil, an welchem die Menschen am leichtesten zu
regieren sind; sobald man es nur dahin bringen kann, dass sie sich ihrer
gestrigen Empfindung schämen, handeln sie morgen gewiss anders; ein Freund oder
Bekannter darf ihnen nur zu verstehen geben, was er für gross hält, und morgen
suchen sie sich ihm in dieser Grösse unvermerkt zu präsentieren. Die Sucht, sich
auszubilden, ist im Grunde nur die Sucht zu gefallen, und zuerst denen, die uns
umgeben; so formt sich der Mensch wider seinen Willen, und steht am Ende seiner
Wanderschaft schwer behangen mit einem Trödelkram erlogner Meinungen und
Gefühle.
    Ich habe Dir meine Auslegung über Deine Ideen zu geben gesucht, und
überreiche Dir errötend meine Übung; eine Verbesserung von Dir wird mehr wert
sein, als mein ganzer Brief; nur lass mich es wissen, wo ich Dich vielleicht
missverstanden habe.
 
                                       12
                             Andrea Cosimo an Rosa
                                                                         Neapel.
Dein Brief hat mir gefallen, weiter kann ich Dir nichts sagen. Nicht eben
deswegen, weil ich so ganz Deiner Meinung beiträte, oder weil ich glaubte, dass
Du alles, was ich Dir neulich schrieb, ganz so, wie ich es wünschte, gefasst
habest, sondern weil ich in diesem Briefe Dich so ganz wiederfinde. O ihr
Menschenkenner! die ihr aus der Seele der Menschen ein Exempel macht, und dann
mit euren armseligen fünf Spezien hineinaddiert und dividiert! Ihr wollt einen
Aufriss von einem Gebäude machen, das ihr nicht kennt. Ich habe von je die freche
Hand bewundert, die mit dem Rätselhaftesten und Unbegreiflichsten gewöhnlich so
umgeht, wie ein Bildhauer mit seinem Marmor; er wird geschlagen und geschliffen,
als wenn alle die heruntergerissenen Stücke nun wirklich von dem Wesen getrennt
wären, und am Ende ein Bild daraus entstünde, wie man es zu seinem Wohlgefallen,
oder zu seiner Bequemlichkeit haben wollte. Wenn nun plötzlich eine lange
zurückgehaltene Empfindung wie ein Waldstrom in die Seele zurückschiesst? O biete
denn einmal im Moment der Überraschung deine Rednerkünste auf, suche die
Schleuse, die ihn wieder zurückdrängt! - Dankt Gott, dass der Mensch die
Konsequenz nicht hat, auf die ihr eure Berechnungen gründet, denn dadurch allein
trifft er oft zufälligerweise mit euern Exempeln zusammen.
    Du sprichst über die Eitelkeit gut und richtig, weil Du über Dich selbst
sprichst. Es ist gar nicht nötig, dass die Menschen aufrichtig sind, man findet
ihre Meinung doch unter dem Wust von Lügen heraus. Aber glaube mir, dass bei Dir
nur ein paar Zufälle nötig wären, um Dich aus Deiner Philosophie, oder
Überzeugung oder Stimmung (nenn es wie Du willst) herauszuwerfen. Die meisten
Menschen gehören gern zu irgendeiner Schule, alle Vorzüge und Vortrefflichkeiten
ihrer Vorgänger ziehn sie dann stillschweigend auf sich, weil sie den Namen
ihrer Anhänger tragen: sie haben es gern, wenn sie alle Meinungen und
Empfindungen wie in einem Schema vor Augen haben, dass sie in vorkommenden Fällen
nur unter den gemachten Linien und Einteilungen nachsuchen dürfen, um nicht im
Zweifel zu bleiben, daher sind sie aber auch meistenteils so leicht aus ihren
Überzeugungen herauszuschrecken.
    Bei Lovell magst Du übrigens im ganzen recht haben, aber er ist auch unter
den Menschen einer von denen, die ich die Scheidemünze nennen möchte. Er gehört
nicht zu den freien Geistern, die jede Einschränkung der Seele verachten, er
verachtet nur die, die ihm grade unbequem ist, und seine Verachtung ist dann
Hass. Er findet sich und alles was er denkt, viel zu wichtig, als dass es nicht
sehr leicht sein sollte, auch seine innersten Gedanken von ihrem Trone zu
stossen. Wenn er die Menschen aber wie vorübergehende Bilder, und ihre
Gesinnungen, wie das zufällige Kolorit ansähe, dann sollte es Dir gewiss
unmöglich werden, irgend etwas auf ihn zu wirken.
    Jeder Mensch ist im Grunde gescheiter wie der andere, nur will dies keiner
von ihnen glauben. Die Ecke des einen greift in die Fuge des andern, und so
entsteht die seltsame Maschinerie, die wir das menschliche Leben nennen.
Verachtung und Verehrung, Stolz und Eitelkeit, Demut und Eigensinn: alles eine
blinde, von Notwendigkeiten umgetriebene Mühle, deren Gesause in der Ferne wie
artikulierte Töne klingt. Vielleicht ist es keinem Menschen gegeben, alles aus
dem wahren Standpunkte zu betrachten, weil er selbst irgendwo als umgetriebenes
und treibendes Rad steckt.
 
                                       13
                        Amalie Wilmont an Emilie Burton
                                                                         London.
Liebe Freundin, wenn ich doch bei Ihnen wäre, oder Sie bei mir sein könnten! Das
ist die wiederholte Klage in allen meinen Briefen; ich sehne mich, wenn ich
allein bin, mit einem unbeschreiblichen Gefühle nach Ihrem Garten hin, ich gehe
in Gedanken durch alle Gänge spazieren, und höre Ihr angenehmes und
unterrichtendes Gespräch. Ach, in Ihrer Gesellschaft würde ich gewiss fröhlicher
sein, denn Sie würden mir zeigen, wie ungereimt mein Schmerz ist, es würde mir
manches gleichgültiger werden, was mir jetzt so ausserordentlich wichtig
vorkömmt. An Ihrer Seite habe ich im vorigen Jahre so viel gelernt; ich würde
gewiss ruhig werden, und Sie würden viele meiner Zweifel auflösen, die mich jetzt
ängstigen.
    Lovell hat mich vergessen, ich muss es mit jedem Tage mehr glauben, und alle
Nachrichten von ihm bestätigen es. Und es ist auch recht gut, dass ich nicht eine
Ursache mehr werde, seinem kranken Vater Kummer zu machen. Er kömmt mir jetzt
nur vor, wie ein Bild aus einem Traume der Kindheit, schön und glänzend, aber
entfernt und unkenntlich.
    Mortimer spricht oft über alle diese Gegenstände sehr klug, und überredet
mich manchmal auf ganze Tage; nur sagt er denn zuweilen wieder etwas, das meiner
Seele ganz fremd und zuwider ist. In den recht verständigen Menschen liegt
zuweilen eine zurückstossende Kälte. Man schämt sich oft etwas zu sagen, was man
für wahr hält, weil man nicht gleich die passendsten Worte dazu findet. Ich
glaube, dass Mortimer mir nur in manchen Sachen recht gibt, um mir nicht zu
widersprechen, weil er mich für zu einfältig hält, ihn ganz zu verstehen. Sein
Herz ist nicht warm genug, er hat zu sehr die Welt und die Menschen
kennengelernet. Und doch fühl ich mich ihm zuweilen so geneigt, dass ich meine,
ich habe ihm mit diesem Gedanken das grösste Unrecht getan. Wenn mir nur nicht
immer wieder so manches von meinen vorigen Empfindungen zurückkäme! dann ist
mir, wie wenn man von grossen Schätzen träumt, und plötzlich in der stillen
dürftigen Nacht aufwacht: man sucht mit den Händen nach den Perlen und
Diamanten, und stösst sich an der harten Wand.
    Bin ich nicht töricht? Was sagen Sie dazu, liebe, nachsichtige Freundin? Ich
bin ein Kind, nicht wahr, das ist Ihre ganze Meinung? -
 
                                       14
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Ich lebe hier in einem Taumel von einem Tage zum andern, ohne Ruhepunkt oder
Stillstand fort. Mein Gemüt ist in einer ewigen Empörung, und alles vor meinen
Augen hat eine tanzende Bewegung. Man urteilt nur dann über das Leben am
richtigsten, wenn man im eigentlichen Sinne recht viel lebt, nicht nur den
Becher einer jeden Freude kostet, sondern ihn bis auf die Hefen leert, und so
durch alle Empfindungen geht, deren der Mensch fähig ist. - Mein Blut fliesst
unbegreiflich leicht, und meine Imagination ist frischer.
    Mit der ersten Gelegenheit denke ich meinen Willy nach England
zurückzuschicken; mit seinem altväterschen Wesen und seiner gutgemeinten
Überklugheit fällt er mir zur Last. Er will mit aller Gewalt mein Freund sein,
und es möchte hingehn, wenn er nur nicht den Bedienten ganz darüber vergässe. Als
ich neulich spät in der Nacht, oder vielmehr schon gegen Morgen mit dem
fröhlichsten Rausche nach Hause kam, hielt er mir eine patetische Rede, und
verdarb mir meine Laune. Er will gern fort, und sein Wille soll geschehn. -
    Sie munterten mich ehedem auf, das Leben zu geniessen, und jetzt sind Sie
zurückgezogener als ich. Kommen Sie her, damit ich den verworrenen Rausch in
Ihrer Gesellschaft geniesse, und meine Sinne noch trunkener werden. Ich bin eben
bei unsrer Signora Bianca gewesen, die das Muster der Zärtlichkeit ist, sie kann
den teuren Rosa immer noch nicht vergessen, und spricht mit Entusiasmus von
ihm; Sie tun unrecht, das zärtliche Geschöpf so ganz zu vernachlässigen, ich
habe noch viele andre Grüsse zu bestellen, die Sie mir erlassen mögen, genug, Sie
stehn bei allen unsern schönen Bekanntschaften im besten Angedenken. Ich bin auf
heut abend zur schwarzäugigen Laura hinbestellt, die jetzt schon meine ganze
Phantasie beschäftigt.
    Wer kann die unbegreiflichen Launen zählen und beschreiben, die im Menschen
wohnen? Die seit einigen Wochen in mir erwacht sind, und aus meinem Leben das
bunteste und wunderlichste Gemälde bilden? Frohsinn und Melancholie, seltsame
Ideen in der ungeheuersten Verbindung, schweben und gaukeln vor meinen Augen,
ohne sich meinem Kopfe oder Herzen zu nähern. Man nenne doch die schöne
Erweckung der innersten Gefühle nicht Rausch! man sehe nicht mit Verachtung auf
den Menschen hinab, dem sich plötzlich in der glücklichsten Erhitzung neue Tore
der Erfahrungen auftun, dem neue Gedanken und Gefühle wie schiessende Sterne
durch die Seele fliegen, und einen blaugoldnen Pfad hinter sich machen.
    O Wein! du herrliche Gabe des Himmels! fliesst nicht mit dir ein Göttergefühl
durch alle unsre Adern? Flieht nicht dann alles zurück, was uns in so manchen
unsrer kalten Stunden demütigt? Nie stehn wir in uns selbst auf einer so hoch
erhabnen Stufe, als wenn die Augen wie Sterne funkeln, und der Geist wie eine
Mänade wild durch alle Regionen der frechsten und wildesten Gedanken schwärmt.
Dann pochen wir auf unsre Grösse, und sind unserer Seele und Unsterblichkeit
gewiss, kein lahmkriechender Zweifel holt den fliegenden Geist ein; wir
durchschauen wie mit Seherblicken die Welt, wir bemerken die Klüfte in unsern
Gedanken und Meinungen, und fühlen mit lachendem Wohlbehagen, wie Denken und
Fühlen, Träumen und Philosophieren, wie alle unsre Kräfte und Neigungen, alle
Triebe, Wünsche und Genüsse nur eine, eine glänzende Sonne ausmachen, die nur in
uns selbst zuweilen so tief hinuntersinkt, dass wir ihre verschiedene
Strahlenbrechung für unterschiedene getrennte Wesen halten.
    Spotten Sie nicht, Rosa, wenn ich Ihnen sage, dass jetzt eben diese Glut des
Weins aus mir spricht: oder spotten Sie vielmehr, so viel Sie wollen, denn auch
das gehört zu den Vortrefflichkeiten des Menschen.
Ha! welche Wesen sind es, die das Tor
Der dunkeln Ahndungen entriegeln?
Was hebt den Geist auf goldbeschwingten Flügeln
Zum sternbesäten Himmelsplan empor? -
Es schlägt der schwarze Vorhang sich zurücke,
Und wundervolle Szenen tun sich auf,
Seltsame Gruppen meinem starren Blicke:
Gleich Traumerinnerung! mit frischem Glücke
Beginn ich froh den neuen Lebenslauf!
Ich fühle mich von jeder Schmach entbunden,
Die uns vom schönen Taumel rückwärts hält,
Die jämmerlichen Ketten sind verschwunden,
Mit Freudejauchzen stürzen goldne Stunden
Rasch auf mich ein, und ziehn mich tanzend durch, die Welt.
Es sammlen sich aus den verborgnen Klüften
Die Freuden wie Mänaden um mich her,
Es klingen ungesehne Lieder in den Lüften,
Es wogt um mich ein ungestümes Meer,
Und Töne, Jauchzen, Wonne schwebt auf Blumendüften,
Und alles stürmt um mich, ein wildes Heer.
Ich steh im glanzgewebten Feenlande,
Und sehe nicht zur dürren Welt zurück,
Es fesseln mich nicht irdischschwere Bande,
Entsprungen bin ich kühn dem meisternden Verstande,
Und taumelnd von dem neugefundnen Glück! -
Hinweg mit allen leeren Idealen,
Mit Kunstgefühl und Schönheitssinn,
Die Stümper quälen sich zumalen,
Und nagen an den dürren Schalen
Und stolpern über alle Freuden hin.
Hinweg mit Kunstgeschwätz und allen Musen,
Mit Bilderwerk, leblosem Puppentand -
Hinweg! ich greife nach der warmen Lebenshand,
Mich labt der schön geformt lebendge Busen.
Ach, alles flieht wie trübe Nebelschatten,
Was ihr mit kargem Sinne schenken wollt:
Nur der besucht Elysiums schöne Matten,
Nur dem ist jede Gotteit hold,
Der keinem Sinnentrug sein Leben zollt.
Der nicht in Lustgefilden schweift,
Und sich an Dunstphantomen weidet,
Durch kranke Wehmut und Begeistrung streift -
Nein, der die schlanke Nymphe rasch ergreift,
Die sich zum kühlen Bad entkleidet.
Ihm ist's vergönnt zum Himmel sich zu schwingen.
Es sinkt auf ihn der Götter Flammenschein,
Er hört das Chor von tausend Sphären klingen,
Er wagt es zum Olymp hinaufzudringen,
Und wagt es nur ein Mensch zu sein.
Sie haben schon oft über meine Verse gespottet, und hier gebe ich Ihnen eine
neue und noch bessere Gelegenheit, denn ich habe die Silben und ihre Längen und
Kürzen nicht nachzählen mögen; ein so korrekter Kritiker, wie Sie, findet also
für seine Bemerkungen Stoff genug. -
    Ich durchschweife oft in meinen abenteuerlichen Stimmungen die Stadt, und
labe mich in der magischen Nacht an den wunderbaren und rätselhaften Bildern der
äussern Gegenstände. Oft schwebt die Welt mit ihren Menschen und Zufälligkeiten
wie ein bestandloses Schattenspiel vor meinen Augen. - Oft erschein ich mir dann
selbst wie ein mitspielender Schatten, der kömmt und geht, und sich wunderlich
gebärdet, ohne zu wissen warum. Die Strassen kommen mir dann nur vor, wie Reihen
von nachgemachten Häusern mit ihren närrischen Bewohnern, die Menschen
vorstellen; und der Mondschein, der sich mit seinem wehmütigen Schimmer über die
Gassen ausstreckt, ist wie ein Licht, das für andere Gegenstände glänzt, und
durch einen Zufall auch in diese elende lächerliche Welt hineinfällt.
    Dann schweif ich im wundervollsten Genuss der Phantasie auf den freien
Plätzen und zwischen den Ruinen umher, und ergötze mich an den Gestalten, die
vorübergehn und mein Gefühl nicht kennen, und von mir nichts wissen. - Am
liebsten aber begleite ich irgendeines der vorüberstreifenden Mädchen, oder
besuchte eine meiner Bekanntinnen und träume mir, wenn mich ihre wollüstigen
Arme umfangen, ich liege und schweige an Amaliens Busen. - Nichts macht mir dann
meine eingebildete, alte schwärmerische Liebe so abgeschmackt und lächerrlich,
als dieser vorsätzliche Betrug.
    Wie seltsam wird mir oft, wenn ich einem Mädchen nachfolge, die mich in ihre
finstre enge Wohnung führt, wo ein Kruzifix über dem Bette hängt, und die Bilder
der Madonne und von Märtyrern neben Schminktöpfen und schmutzigen Gläsern mit
Schönheitswassern; oder wenn ich im Gedränge von Lazzaronis und Handarbeitern in
einer Herberge hinter einer andern stehe, und mit ebenso vieler Andacht den
pöbelhaften Spässen eines Pulicinello zuhöre, mit der ich ehedem den Shakespeare
sah. - Das Leben ist nichts, wenn man es nicht auf die sinnlichroheste Art
geniesst; der Widerschein der Wollust fällt auf alle Gegenstände, und färbt auch
die uninteressantesten mit einem goldenen Schimmer. - Amalie ist auch nur einer
von den wandelnden Schatten, die Zeit ergreift sie ebenso, wie mich, und wirft
das abgenutzte, veraltete Bild in ihre dunkeln Tiefen, in die kein Auge dringt,
und wo die Marionetten von tausend Jahrhunderten in bunter Vermischung
aufgehäuft übereinanderliegen.
    Leben Sie wohl, und kommen Sie nach Rom, es ist endlich Zeit, kommen Sie
gleich nach Empfang dieses Briefes; ein wiederkehrender Freund erregt eben die
Empfindung in uns, wie dem Kinde der wiederkehrende Frühling.
 
                                       15
                         Willy an seinen Bruder Tomas
                                                                             Rom
Jetzt muss ich fort, Tomas, ich muss nach England, oder der Gram macht, dass ich
mich hier in dem fremden, fatalen Lande muss begraben lassen. Ach, wer hätte das
wohl noch vor einem Jahre gedacht! Wer mir es gesagt hätte, den hätte ich für
einen Lügner gescholten, oder ihn wohl gar geschlagen, wenn es sich sonst hätte
tun lassen. Aber kein Mensch kann auf solche Sachen fallen, das ist gewiss, weil
bei der ganzen Geschichte der böse Feind sein Spiel haben muss, das glaube ich
nunmehr gewiss und ganz festiglich. Ach Tomas, wenn man jetzt noch nach Dir
schlagen und stossen wollte, Leute, die Du hast gross werden sehn, es würde mir
wie kalt Wasser durch die ganze Seele gehn, ja, und so muss Dir nun auch als
einem redlichen Bruder zumute werden, wenn Du so was von mir hörst, da ich noch
älter bin, als Du bist. - Mein Herr - denke Dir, letzt kam er ganz betrunken
nach Hause, wie er fast alle Tage oder Nächte tut, und ich hatte die ganze lange
kalte Nacht auf ihn warten müssen; ich dachte an seinen alten kranken Vater, und
die Tränen kamen mir darüber in meine beiden Augen. Ich stellte ihm also seinen
ganzen Lebenswandel vor, und dass er sich bessern und ändern solle, ich sagte ihm
so alles recht aus meinem alten ehrlichen Herzen heraus, und da, Tomas, lachte
er mich aus, wie ein wahrer Heide. Da wurde ich denn auch hitzig, denn ich bin
auch nur ein Mensch, lieber Bruder, und jetzt schon alt und schwächlich,
gebrechlich und baufällig, ich fuhr mit so etlichen gottselichen Redensarten und
Kernsprüchen heraus, und da - lieber Bruder, seit der Zeit ist mir, wie einem
armen Sünder zumute, da schlug er mit dem kleinen Stocke nach mir, den er noch
aus unserm lieben England mitgenommen hat, mit demselben Stocke, den ich ihm
noch in London gekauft habe; hätt ich das wohl damals denken können!
    Nun lässt es mir hier keine Ruhe mehr, ich habe viel geweint, denn ich bin
einmal etwas weibisch, ich kann es immer nicht vergessen, und der junge Lovell
kommt mir nun ganz anders vor; ich kann ihn nicht mehr mit derselben Liebe
ansehn, ich bin so kleinmütig und so gedemütigt, als wenn ich jemand ermordet
hätte, welches Gott zeit meines Lebens verhüten möge.
    Und sollt ich zu Fuss nach England gehn, so muss ich jetzt fort, und sollt ich
heimlich wie ein Schelm fortlaufen, so kann ich nicht hierbleiben. Ach Bruder,
stirb mir ja nicht vorher, denn sonst hätt ich gar keine Freunde auf dieser Erde
mehr, sondern lebe im Gegenteil recht wohl, bis Dich mündlich wiedersieht
                                                        Dein armer Bruder Willy.
 
                                       16
                        Eduard Burton an William Lovell
                                                                         Bondly.
Deine Briefe, so wie der Gedanke an Dich betrüben mich seit einiger Zeit
ausserordentlich. Ach William, ich möchte Dir alles schicken, was Du mir ehemals
geschrieben hast, dann solltest Du Dich selbst wie in einem Gemälde betrachten,
und Dich fragen: Bin ich diesem Bilde noch ähnlich? Aber ich fürchte, Du wirfst
alles ungelesen ins Feuer, obgleich die Tat wahrlich ein Mord an der Liebe zu
nennen wäre.
    Durch Deine Abtrünnigkeit von unserm Bunde bin ich gedemütigt, ich fühle
mich verstossen und enterbt, und seh, indem ich schreibe, über die Wiese nach der
mittägigen fernen Gegend, als wenn Du dort vom Hügel herunterkommen müsstest, als
wenn dann die ganze ehemalige Zeit wieder da wäre. -
    Sollten wir denn aber wirklich ganz voneinandergerissen sein? Ach ja, es
ist, denn ich erkenne in Deinem Briefe den Lovell nicht wieder, den ich ehemals
liebte. Damals war Dein Leben und Deine Art zu fühlen, wie ein sanfter Bach, den
meine Wellen mit einer stillern und unmusikalischern Melodie begleiteten - jetzt
erscheinst Du wie ein Wassersturz, dem ich erschrocken aus dem Wege trete.
    Eine schwarze Ahndung geht mir durch die Seele, dass Du vielleicht den
altväterischen lahmen Ton in meinem Briefe belachst, und mir mit einer neuen,
noch frechern Dityrambe antwortest. Aber wenn Du es nun deutlich bemerkt hast,
wie vieles, was man wahr und gross nennt, in sich selbst zusammenfällt, wenn man
den Grund des Gebäudes untersuchen will; so wage es nun auch, Dich selbst wie
ein Mann anzurühren, und den Stoff Deiner eigenen Gedanken näher zu betrachten.
Sei aufrichtig gegen Dich selbst, und Du findest dann vielleicht, dass Du in
denselben Fehler gefallen bist, den Du so hitzig vermeiden wolltest, dass Du ein
eifriger Systematiker bist, indem Du auf alle Systeme schmälst.
    Hast Du wohl den wahren Gesichtspunkt, wenn Du jetzt mit so vielem
Mutwillen, mit solcher verachtenden Ereiferung über Dein voriges Leben sprichst?
Wir sollten doch immer daran denken, dass jede unsrer jetzigen Meinungen mit
einer früheren zusammenhängen muss, dass die vorhergehende die spätere erzeugt,
und dass aus unsern jetzigen Ideen wieder neue hervorgehen werden und müssen, und
dass wir uns so durch unmerkliche Abstufungen endlich wieder einer längst
veralteten Vorstellungsart nähern können: - alles dies sollte uns bewegen, nicht
immer aus den vorigen Wohnungen unsrer Seelen Ruinen zu schlagen, um aus dem
jetzigen Palaste mit lachendem Spotte auf sie hindeuten zu können. Wie den
Aufentalt meiner Kindheit, wie meine alten Bilderbücher liebe ich alles, was
ich einst dachte und empfand, und oft drängt sich eine Vorstellung aus den
frühsten Knabenjahren auf mich ein, und belehrt mich über meine jetzigen Ideen.
Der Mensch ist so stolz, sich für vollendet zu halten, wenn er sein ganzes
voriges Leben für verworfen ansieht - und wie unglückselig müsste der sein, der
nicht mit jedem Tage etwas Neues an sich auszubessern fände, der das schönste
und interessanteste Kunstwerk gänzlich aufgeben müsste, mit dem sich die
menschliche Seele nur immer beschäftigen kann: die allmählige höchstmögliche
Vollendung ihrer selbst.
    Was soll ich Dir sagen, William? Ich fühl es, dass alle Worte vergebens sind,
wenn sich der Gegner einer eigensinnigen, rechtaberischen Sophisterei ergeben
hat, die doch nur einseitig ist. Diese mit der Leidenschaft verbunden, ist der
Sirenengesang, dem vielleicht kein Sterblicher widerstehen kann, wenn er nicht
wie der griechische Held von der Unmöglichkeit zurückgehalten wird. Und es kann
sein, dass auch dann die giftigen Töne durch das ganze Leben nachklingen, dass die
Seele beständig wie eine versengte Ähre, selbst im Wachstume, die Spur davon
behält. - Dein Vater ist sehr krank, und ich fühle, dass ich es auch werden kann,
wenn ich recht lebhaft an Dich denke; wir gewöhnen uns so leicht daran, das
Unglück, das wir nicht wirklich vor uns sehen, als eine poetische Fiktion zu
betrachten, dass alle Jammertöne gleichsam unbefiedert in uns anschlagen. Aber
wenn ich mich dann zu Dir hinversetze, wenn mir die Bücher in die Hand fallen,
die wir ehemals zusammen lasen, und ich noch einzelne Papierzeichen finde, oder
angestrichne Stellen von Dir entdecke - O komm zurück, komm zurück, William!
Gedenke der süssen Harmonieen, die Dich sonst umschwebten, ein frommer kindlicher
Sinn wohnte Dir im Busen, Du machtest Dir das Kleinste gross, und vergassest
darüber das Grosse; ach vergib, dass ich Dich damals so oft dieses zarten
Kunstsinns wegen schalt, ich sehe jetzt mit Bedauern ein, dass die Seelen feinere
Fühlfäden haben, die sich um Tautropfen und Lilien mit Wohlbehagen legen, als
die sich an Felsen ansaugen müssen, um mit einer ungeheuren Masse ein Wesen zu
werden, damit sie sich selber interessieren. Ich dachte Dich dahin zu lenken, wo
ich zu stehen glaubte, und Du bist nun, wie mit zu stark gewachsenen Flügeln,
unwissend über das Ziel hinausgeflogen, das ich Dir setzen wollte.
    Wenn Dir jetzt Deine ehemalige Liebe so abgeschmackt erscheint, in welchem
Lichte muss dann unsre Freundschaft vor Dir stehn? War sie nicht auch ein Werk
jugendlicher Begeisterung, das Bedürfnis einer schönen Eingeschränkteit des
Gemütes? War ich nicht etwas eifersüchtig, als ich zuerst Deine Neigung zu
Amalien bemerkte? Ach Lieber, untersuche doch ums Himmels willen nicht die
kleinen Widersprüche, die so oft in unsern edelsten Neigungen und Gefühlen
liegen. Es ist der grüne duftlose Stengel der Blume, aber beide können nur
zusammen existieren. - Was ist der Mensch nach Deinen Ideen, die sich doch in
sich selber widersprechen? Die nichtswürdigste Verbindung seelenloser Glieder -
was gibt Dir denn nun diesen feurigen Entusiasmus für Deine Meinung, wenn Du
nichts mehr, als diese verworfene Maschine bist? Und könntest Du ihn ohne jene
edlere Gefühle haben; so wärst Du eben durch diese trunkene Schwärmerei das
verächtlichste unter allen denkbaren Wesen.
    Überlege, dass das Leben eines so reizbaren Geistes, als der Deinige ist, nur
einer magischen Laterne gleicht, die an der Wand die bunten Gegenstände
abspiegelt, die ihr vorgehalten werden; dass es nur Sinnenreiz ist, was aus Dir
spricht, nicht die innere, durch Gefühl und Nachdenken gereifte Überzeugung. Gib
mir wenigstens zu, dass dies möglich sein kann, und untersuche Dich genauer, und
kehre zurück, wenn Du es so findest. - Ach es sind vielleicht nur die
wiederholten Sprüche eines kalten, verschlossenen Freundes, der mich aus Deinem
Herzen verdrängt hat, dessen Philosophie nichts als ein blendendes Feuerwerk
sein soll, das seine Eitelkeit seinen Freunden gibt, und die Du, törichter
Jüngling, aus übelverstandener Anhänglichkeit in Dein Herz aufnimmst. - - Oh,
vergib mir, William, es ist wahrlich nicht Härte, die aus mir spricht, nur mein
herzliches Gefühl, das ich mir und Dir unmöglich verbergen kann.
    Gib Deiner Seele einmal das traurige Fest, lass die wehmütigen tragischen
Empfindungen ungehindert zu Dir kommen, und denke recht lebhaft mich, Deinen
Vater und Amalien! denke sie mit der Frühlingsempfindung wieder, wenn Du jemals
für sie empfunden hast, und Deine ganze Liebe nicht Affektation war. Mir schien
es, als würde Dir in einem Deiner letzten Briefe die Entsagung Amaliens gar zu
leicht, weil Du nun um so erlaubter Deine neue Lebensbahn antreten konntest. - -
Wie komme ich zu diesem Argwohn gegen meinen William? - Ja, in manchen
Augenblicken tritt es, wie der böse Feind, zwischen uns, und will mein Herz ganz
dem Deinigen abwendig machen; aber es soll gewiss nicht geschehn.
    Wärest Du mir nicht zu wichtig; so könnte ich Dir noch von meinem und Deinem
Vater manche Umstände schreiben, Dich auf manches vorbereiten, Dir zeigen, wie
oft mit dem Unglücke das Glück des Menschen zusammenhängen könne: aber ich will
lieber schliessen. Findest Du noch einiges Interesse für Deine ehemaligen
Wünsche, so soll Dich der nächste Brief von mir weitläuftig darüber
unterrichten.
    Lebe wohl, lebe wohl, teurer William! antworte mir bald, und zeige mir, dass
Du noch etwas von Deinem ehemaligen Gefühle für Deinen Eduard übrig hast. - Es
ist mir ängstlich den Brief zu schliessen, weil ich nicht weiss, ob ich Dich im
mindesten überzeugt habe, aber ich kann kein Wort mehr hinzusetzen. In manchen
Rechtshändeln des Lebens kann nur das Gefühl allein das Wort führen, ein
Händedruck, eine Träne ersetzt eine ganze Abhandlung - ach und meine Tränen
kannst Du ja nicht sehn, die Seufzer hab ich nicht niedergeschrieben. -
 
                                       17
                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                            Rom.
Ja, Freund, Geliebter, Einziger, ich will, ich muss Dir antworten. Welchen
Eindruck hat Dein Brief auf mich gemacht! - O wie ein Gewitter ist jedes Wort
durch meinen Busen gegangen, und die Frühlingssonne ist auf einzelne Momente
zwischen den Regenschauern zurückgekehrt. - Ich wollte Dir so vieles sagen, und
weiss nun keine Worte zu finden. Ich bin beklemmt, die Angst drängt mein Blut
nach der Kehle - ach, ein Blutsturz würde mir Linderung schaffen, und meinem
Herzen ein Labsal sein. - Und doch könnt ich nicht froh sein, ich möchte mein
ganzes Dasein in stürzenden Tränengüssen dahinweinen, um nur der drückenden
Bürde des Lebens loszuwerden. - Wenn ich an mein voriges Glück denke, und der
gestrige Taumel noch wie ein Dampf voll ungeheurer Gestalten vor meinen trüben
Augen zittert - Du hast gewaltig an die Kette gerissen, die unsre Seelen
aneinanderbindet; die Wunde, die sich gespaltet hat, ist schmerzhafter, als
jene, die Du hast heilen wollen.
    Ach Eduard, wenn ich nicht meinen Vater fürchtete, so flög ich jetzt nach
England zurück, und stürzte als reuiger und beschämter Sünder vor Amaliens Füssen
nieder, dass sie mir vergäbe, oder ich den Tod von ihrer Hand empfinge.
    Es ist wie Wetterleuchten am Horizont meines Lebens - wie Glocken, die aus
der Ferne den Gotteslästerer zur Kirche und zur Strafe rufen. - Vergib Du mir
zuerst, mein Eduard - ach, weiss ich denn nicht, dass, wenn mein Schicksal in
Deiner Hand stände, ich der Glücklichste der Menschen wäre!
    Möcht ich wenigstens nicht wieder von diesem Taumel der Angst erwachen, die
mich allmächtig ergriffen hat - ach ich fühle schon jetzt die düstere
entsetzliche Leere, die ihr folgen wird. - Lebe wohl, Teurester meiner Seele,
und erquicke mich durch Deine Briefe, so wie Du mir durch diesen den letzten Mut
entrissen hast.
    Ich kann nicht weiter. -
 
                                       18
                    Der Advokat Jackson an den Baron Burton
                                                                         London.
Hochwohlgeborner Herr!
    Ich bin den Befehlen, die mir Ew. Gnaden neulich zukommen liessen, auf das
treulichste gefolgt. Soviel es von mir abhängen konnte, habe ich den Gang des
Prozesses beschleunigt, und ich bin fest überzeugt, dass ich jetzt so viel getan
habe, als nur in meinen Kräften stand. Dieselben werden auch Ihre neulichen
Briefe allbereits zurückerhalten haben, so dass ich den Befehlen, die Sie mir
erteilten, die genauste Folge geleistet habe.
    Jetzt hat sich nun ein Vorfall ereignet, der den ganzen Prozess in kurzer
Zeit völlig beendigen könnte, aber leider zu Ew. Gnaden Nachteil. Neulich sass
ich noch spät in der Nacht in einem Zimmer auf dem Lovellschen Landgute, das mir
der Besitzer eingeräumt hat, um dort zu arbeiten. Man hat mir die Erlaubnis
gegeben, alles zu durchsuchen, wo ich irgend nur Belege und Papiere zur
Aufklärung der Sache zu finden hoffte. Ich hatte schon ganz, so wie mein Patron,
die Hoffnung aufgegeben, die bewussten Dokumente, die die Bescheinigung der
Bezahlung entalten, jemals aufzufinden, ich hatte schon alles durchforscht, was
mir zu meinem Endzwecke nur irgend merkwürdig schien. Jetzt geriet ich in der
Nacht über eine Schublade, die ich schon oft aufgezogen habe, und entdecke in
dieser einen verborgenen Kasten, ich öffne ihn mit zitternder Hand, und finde,
dass mich meine Ahndung nicht betrogen hatte. Die bewussten wichtigen Dokumente
sind nunmehr in meiner Hand.
    Ich würde es für Ungerechtigkeit halten, wenn ich nunmehr sogleich den
Prozess zu Lovells Vorteil beendigte, wie es jetzt allerdings nur eine
Kleinigkeit wäre. Ich glaubte, ich sei es Ew. Hochwohlgeboren schuldig,
Denenselben zuvor wenigstens von dieser Begebenheit Nachricht zu erteilen, um zu
erfahren, ob Sie nicht noch vielleicht neue und wichtige Gründe vorzubringen
hätten, die nachher etwas von ihrer Kraft verlieren möchten: oder ob Dieselben
nicht überhaupt zuvor die Dokumente in Augenschein nehmen wollten, um ihre
Rechtmässigkeit zu prüfen. Ich darf sie aber auf keinen Fall der Post
anvertrauen, und Ew. Gnaden haben mir, einen Boten zu senden, ausdrücklich
untersagt: es bleibt mir also kein andrer Weg übrig, als Ew. Gnaden zu ersuchen,
die Reise hieher selber zu machen, oder mich nach Bondly kommen zu lassen; oder
ich könnte Ihnen auch auf dem halben Wege bis Nottingham entgegenkommen. Ganz,
wie Sie es befehlen.
    Bis ich das Glück gehabt habe, Ew. Gnaden persönlich zu sprechen, bleibt
dieser ganze Vorfall übrigens ein Geheimnis.
    Dass ich es nicht am Diensteifer habe fehlen lassen, wird ein so
scharfsichtiger Beobachter, als Ew. Gnaden sind, gewiss nicht zu bemerken
unterlassen haben; wie sehr ihn Dieselben werden zu schätzen wissen, dies zu
erfahren, hängt von der ersten mündlichen Unterredung ab, der ich mit grossen
Erwartungen entgegensehe. - In der tiefsten Verehrung habe ich die Ehre mich zu
nennen
                                               Ew. Gnaden treuergebenster Diener
                                                                        Jackson.
 
                                       19
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Sie fragten mich gestern, was mir fehle. - Was hilft es mir, wenn ich nicht ganz
aufrichtig bin? - Ich will es Ihnen gestehen, dass ein Brief des jungen Burton
mir allen Mut und alle Laune genommen hatte. Die Vergangenheit kam so freundlich
auf mich zu, und war so glänzend, wie mit einem Heiligenschein umgeben. Sie
werden sagen: Das ist sie immer, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil sie
Vergangenheit ist. Aber nein, es lag noch etwas anders darin, ein Etwas, das ich
nicht beschreiben kann, und das ich um alles nicht noch einmal fühlen möchte.
    Sie werden vielleicht die Erfahrung an sich gemacht haben, dass nichts uns so
sehr demütigt, als wenn uns plötzlich über irgendeine Sache oder Person die
Augen aufgetan werden, die wir bis dahin mit Entusiasmus verehrt, ja fast
angebetet haben. Der nüchterne Schwindel, der dann durch unsern Kopf fährt, die
Nichtswürdigkeit, in der wir uns selbst erscheinen, alles dies und Reue und
Missbehagen, alle üble Launen in einem trüben Strome, alles stürzte auf mich zu,
und ergriff mich und riss mich mit sich fort. - Alles, was ich empfunden und
gedacht hatte, ging wie in einem alles verschlingenden Chaos unter; alle
Kennzeichen, an denen ich mich unter den gewöhnlichen Menschen heraushob, gingen
wie Lichter aus, und plötzlich verarmt, plötzlich zur Selbstverachtung
hinabgesunken, war ich mir selbst zur Last, und Himmel und Erde lagen, wie die
Mauern eines engen Gefängnisses, um mich.
    Ich erinnerte mich jetzt der trübseligen Augenblicke, die mich so oft im
heftigsten Taumel der Sinne ergriffen hatten; der widrigen Empfindungen, die so
oft schon mein Herz zusammenzogen, so vieler Vorstellungen, die mich unablässig
wie Gespenster verfolgt hatten. - Wozu bin ich so umständlich? Bloss um Ihnen zu
zeigen, wie aufrichtig ich bin; ich weiss, Sie werden meine Schwäche verachten,
aber dem Freunde muss man keine Torheit verbergen. Heilen Sie mich von meinen
Albernheiten, und beweisen Sie dadurch, dass ich Ihnen nicht gleichgültig bin.
    Doch ich eile zu einer Begebenheit, die wichtiger ist, und die mich im
Grunde schon alles hat vergessen lassen. Ich durchstreifte in der Dämmerung die
Stadt; mir fiel ein, wie sehr ich mich in meiner Kindheit und Jugend
hiehergesehnt hatte; mit diesen Empfindungen begrüsste ich die Kirchen und
Plätze, und verlor mich aus der belebten Stadt in die einsamen unangebauten
Gegenden. So ging ich durch die stille Flur und geriet endlich an die Porta
Capena, oder Sebastiana. Ich ging hindurch.
    Träumend verfolgte ich meinen Weg. Da stand ich vor dem runden Grabmal der
Cäcilia Metella, das schauerlich im Dunkel leuchtete; dahinter die vielfachen
Ruinen, wie eine zerstörte Stadt, wo durch die Sträucher, die zwischen Fenster
und Türen gewachsen waren, Wolken von Feuerwürmchen schwärmten. Hinter Hügeln
versteckt lag eine kleine Hütte, in welcher die Fenster hell und freundlich
brannten. Ich hatte einen unwiderstehlichen Trieb nach diesem Hause hin, und
fand einen kleinen Fusssteig. - Die Töne einer Laute kamen mir silbern durch die
stille Nacht entgegen, und ich wagte nicht, den Fuss hörbar aufzusetzen. Bäume
flüsterten geheimnisvoll dazwischen, und vor dem Hause goss sich ein goldner
Lichtstreif durch das kleine Fenster auf den grünen Rasen. Jetzt stand ich dicht
vor dem Fenster, und sah in eine kleine, nett aufgeputzte Stube hinein. Eine
alte Frau sass in einem abgenutzten Lehnstuhle, und schien zu schlummern; ihr
Kopf, mit einem reinen weissen Tuche umwickelt, nickte von einer Seite zur
andern. Auf einem niedrigen Fussschemmel sass ein Mädchen mit einer Laute; ich
konnte nur das freundliche Gesicht sehen, die kastanienbraunen Locken, die unter
einer Kopfbinde zurückgepresst waren, die freundlichen hellen Augen, die frische
Röte der Lippen -
    Ich stand wie bezaubert, und vergass ganz, wo ich war. Mein Ohr folgte den
Tönen, und mein Auge jeder Bewegung des Mädchens. Ich sah wie in eine neue Welt
hinein, und alles kam mir so schön und reizend vor, es schien mir das höchste
Glück in dieser Hütte zu leben, und dem Saitenspiele des Mädchens zuzuhören, dem
Geschwätze der Alten und den kleinen Grillen in den Wänden. - Das Mädchen stand
auf, das Licht zu putzen, das heruntergebrannt war, und ich ging scheu zurück,
denn sie trat dicht ans Fenster. - Der schlankeste Wuchs, die Umrisse, wie von
dem Busen der Grazien entlehnt, sogar den weissesten Arm konnte ich noch auf
meinem schnellen Rückzuge bemerken. - Ich wagte es nicht, näher zu kommen, und
sah nur Schatten hin und her fahren und über den Rasen hinzittern.
    Die Lautentöne waren jetzt verstummt, und als ich endlich wieder näher trat,
sah ich eben die Alte durch eine kleine Tür in die angrenzende Kammer wanken.
Das Mädchen stand mit herabrollenden Locken in der Mitte des Zimmers, und löste
halbschläfrig das Busentuch auf. - O Rosa, ich habe bis jetzt noch gar kein Weib
gesehn, ich habe nicht gewusst, was Schönheit ist; gehen Sie mit Ihren Antiken
und Gemälden; diese lebendigen, schöngeschlungenen zarten Umrisse hat noch kein
Maler darzustellen gewagt. - Plötzlich sah sie auf, wie aus einer Zerstreuung
erwachend, und trat ans Fenster. In demselben Augenblicke taten sich
Fensterladen vor, und das Licht und die herrliche Szene, die es beleuchtet
hatte, verschwand.
    Ich fuhr wie aus einem Traume auf; wie man im Bette nach dem Gegenstande
fasst, von dem man geträumet hat, so sah ich mich betäubt nach allen Seiten um,
sie zu entdecken. - Ich taumelte in die Stadt zurück, und träumte die ganze
Nacht nur von dem schönen unbekannten Mädchen.
    Heute am Morgen war mein erster Weg durch die Porta Capena. Es war mir
schwer, die Häuser zu entdecken, so in Träumen verloren war ich gestern. Endlich
fand ich sie auf. - Aber es war mir doch alles anders. Ein kleiner Garten, fast
nicht grösser, als mein Zimmer, ist neben dem Hause mit einem bäuerischen Staket
umgeben, darin stand das Mädchen; ich kannte sie gleich wieder, und mein Herz
schlug schon, noch ehe sie mein Auge sah. - Aber aller Verstand und alle
Überlegung verliess mich, ich wagte es kaum, das göttliche Geschöpf zu grüssen;
sie dankte fremd - warum lächelte sie mich nicht an? - Ihr Lächeln muss wohltun,
wie die Frühlingssonne. - Sie war fort, als ich wieder umkehrte. - Ich habe
keine Ruhe, ich werde heut am Abend wieder dort sein; wenn ich in der Gegend
stehe, ist mir zumut, wie in meiner Kindheit, wenn ich die schönen und
abenteuerlichen Märchen hörte, die die jugendliche Phantasie gänzlich aus dieser
Welt entrücken. -
 
                                       20
                        Emilie Burton an Amalie Wilmont
                                                                         Bondly.
Meine Meinung, geliebte Freundin, meinen Rat wollen Sie haben? Wissen Sie auch,
welche gefährliche Rolle Sie mir da zuteilen? Denn ohne Zweifel ist es
gefährlich, beim wichtigsten Schritt des Lebens den Ratgeber spielen zu wollen,
und wenn ich recht aus dem Herzen Ihnen schreiben soll, wie ich denke, so muss
ich fürchten, Ihnen Schmerz zu erregen. Aber wahre Freunde sollen nur einen
Busen und ein Herz haben, und darum will ich es wagen, zu Ihnen ganz wie zu mir
selbst zu sprechen.
    Liebste, ich habe längst für Sie dem Himmel im stillen gedankt, dass der
charakterlose Lovell sich von Ihnen zurückgezogen, dass er Sie vergessen hat.
Ihre Jugend, Ihre Unerfahrenheit und Wohlwollen hat Sie über ihn und Ihre
Empfindungen getäuscht. Er ist ein Elender, der keine Liebe verdient, am
wenigsten meiner Freundin zartes und treues Herz. Ja, Geliebte, sehn Sie Ihre
Verblendung für ihn als Krankheit an, und tun Sie zu Ihrer willigen Genesung die
letzten Schritte, wenn auch Ihr Herz noch etwas dabei leiden sollte. Mortimer
ist gewiss ein edler Mann, der Sie wahrhaft liebt. Gehn Sie dreist einem sichern
ruhigen Glück entgegen, und nach einiger Zeit werden Sie sich wundern, dass Sie
jetzt nur irgend zweifeln konnten. Sehn wir doch auf das Spielzeug unserer
Kindheit mit Lächeln hinab. Ja, Geliebte, nicht Ihre Empfindungen, aber den
Gegenstand Ihrer Empfindungen werden Sie verachten lernen: wenigstens weiss ich
gewiss, dass ich in Ihrer Lage so fühlen und handeln würde. Nun vergeben Sie mir
aber auch aus vollem Herzen, wenn ich Sie irgend kränke, so wie ich aus vollem
Herzen gesprochen habe.
 
                                       21
                            Mortimer an Karl Wilmont
                                                                         London.
Mit Erstaunen hab ich von Deiner Schwester gehört, dass Du schon wieder, und zwar
von neuem nach Bondly gereist bist! O Du unsteter Landstreicher! Möchtest Du
doch auch erst einen Ort gefunden haben, wo Du Lust bekämest, Dich anzusiedeln.
So bist Du mir nun schon wieder entlaufen, ehe ich noch angefangen habe, Dich
recht zu geniessen.
    Wünsche mir Glück, Karl, denn alles was ich wünschte, ist nun in Erfüllung
gegangen. Deine Schwester hat sich plötzlich entschlossen, sie will die Meinige
werden. Ich danke Gott, dass es endlich so weit gekommen ist. - Die Verlobung ist
bei Deinen Eltern gestern gefeiert, und in einem Monate ohngefähr zieh ich nach
dem kleinen Landgute in der Nähe von Soutampton, und feire dann meine Hochzeit
mit Amalien. - Ich versetze mich schon ganz in die stillen häuslichen Szenen,
und erträume mir nicht das Glück aus einem Feenlande, sondern rechne nur auf ein
kleines, irdisches Glück, und das wird mir nun gewiss nicht fehlen.
    Mein Landhaus liegt angenehm, und hat umher die reizendsten Spaziergänge;
ich will nun dort nach meinem Herumstreifen den ländlichen Freuden leben.
    Was Deine Schwester so plötzlich bestimmt hat, weiss ich nicht. Meine
ausdauernde Liebe, mein Gefühl, das sich immer gleich blieb, scheint sie endlich
überzeugt zu haben, dass nur dies die wahre Liebe sei. - Ich habe Dir heute
nichts mehr zu sagen. Lebe wohl.
 
                                       22
                            Karl Wilmont an Mortimer
                                                                         Bondly.
Ja wohl bin ich wieder Dir und der Stadt entlaufen. Aber ich verdiente auch
wahrhaftig nicht den unbedeutendsten Blick von Emilien, wenn ich eine so schöne
Gelegenheit ungenutzt gelassen hätte. - Du weisst, dass der alte Burton seines
Prozesses wegen in London war: da er gerade einige Häuser in der Nachbarschaft
besuchte, kam er auch zu uns. Er war ausserordentlich vergnügt, und dann sind die
Menschen gewöhnlich höflich und freundlich; er liess sich mit mir in ein
weitläuftiges Gespräch ein, und da ich ihm unter andern erzählte, ich hätte
schon längst die schönen Seen in Nortumberland besuchen wollen; so schlug er
mir vor, es jetzt beim schönsten Frühlingswetter zu tun, und ihn bis Bondly zu
begleiten. Ich versprach es, ohne mich zu bedenken, und musste Wort halten; und
so rollte ich schon am folgenden Morgen mit leichtem Herzen durch die Vorstadt
von London.
    Und wie vergnügt bin ich darüber, dass ich nicht ein so grosser Narr gewesen
bin, zurückzubleiben. Emilie freute sich sehr, als sie mich so unerwartet
wiedersah. Wir haben viel miteinander gesprochen, wir sind sehr zärtlich
gewesen, und es kömmt mir nun ganz närrisch vor, dass ich ordentlich wieder
abreisen soll. Indessen darf ich doch nicht zu lange hierbleiben, um mir kein
Dementi zu geben; ich muss sogar nach Nortumberland reisen, um dem Vater und
allen Menschen nicht wie ein Narr vorzukommen.
    Wie manches in der Welt muss man nicht bloss andern Leuten zu Gefallen tun! -
Indes mag auch dies unangenehme Geschäft noch vorübergehn, wie so viele andere;
es ist hier schön, ich will die paar Tage, die ich hier zubringe, recht geizig
geniessen, und für die Zukunft den Himmel sorgen lassen. Denn wie es am Ende noch
mit meiner Liebschaft ablaufen soll, kann ich wahrhaftig nicht einsehn.
    Wer weiss aber, wie wunderbar sich manchmal alles fügt! - Ich habe Leute
gekannt, die auf einen Gewinst, den sie im Lotto hofften, Schulden machten; sie
waren weise, und ich will ihnen nachahmen. Und Du bist also mit meiner Schwester
jetzt wirklich verheiratet? Ich wünsche Dir Glück aus vollem Herzen, und werde
Euch nächstens auf Eurem angenehmen Landhause besuchen. Lebe wohl, Du gesetzter
Mann, aus den Bergen in Nortumberland erhältst Du wieder einen Brief von mir.
 
                                       23
                        Amalie Wilmont an Emilie Burton
                                                                         London.
Ich bin Ihrem Rate gefolgt, liebste Freundin, um nur endlich der marternden
Unruhe loszuwerden. Ich bin mit Mortimer verlobt, und fühle mich recht froh und
leicht. - Sie haben recht, es sind meistenteils nur kränkliche Einbildungen, mit
denen wir uns ängstigen, Sorgen, deren zehnter Teil nur aus Wirklichkeit
besteht, das übrige ist Traumgestalt. Ich denke mir jetzt mein zukünftiges Leben
recht schön und froh. Mortimer ist weit herzlicher, als ich je von ihm geglaubt
hätte, denn er freute sich über meine Einwilligung so sehr, dass es mich bei
einem so gescheiten Manne ordentlich überraschte. - Er findet mich gewiss viel zu
gut und verständig; ich weiss es zu gut, dass ich kindisch und voller Torheiten
bin: ach, wenn er sich nur nicht so mit mir betrogen findet, wie ich mich an
Lovell geirrt habe.
    Wir werden beide künftig recht einsam wohnen, in keiner grossen Stadt, selbst
von einer grossen Heerstrasse abgelegen. Ach, so wird ja nun endlich doch mein
Lieblingswunsch erfüllt, in der freien Natur zu leben. Ich bedarf um froh zu
sein keiner Zerstreuung und keiner grossen Gesellschaften; ich wünsche, dass uns
niemand besuche, als gute Freunde, so wie Sie und Ihr Bruder, dann wollten wir
dort einmal das schöne Leben von neuem führen, das ich bei Ihnen im vorigen
Frühjahre genoss, als ich zuerst Lovell kennenlernte.
    Doch, ich wollte ja nicht mehr an ihn denken. Ich soll mich ja mehr in
meiner Gewalt haben, wie Sie mir selbst geraten haben. Ich finde auch, dass ich
es so ziemlich gelernt habe: nur manchmal widerstreben mir törichte
Erinnerungen. - O ich werde gewiss, auch wenn ich zuweilen an Lovell denke, an
Mortimers Seite glücklich sein. - Er kömmt mir jetzt immer vor, wie ein
gestorbener Bruder, und ich muss noch manchmal weinen, aber es sind nicht mehr
die brennenden Tränen, die ich ehemals vergoss.
    Sie sehen, dass ich immer bleibe, wie ich war. Ich habe Sie schon oft um
diesen schönen graden Sinn beneidet, den ich nie erlangen werde. -
    Mein Bruder hat Ihren Vater nach Bondly begleitet, und mich dünkt, ich habe
die Ursache erraten. - Sind Sie gar nicht begierig, sie zu wissen? - Doch still,
ich darf wohl über meine, aber nicht über die Geheimnisse andrer Leute
schwatzen. Das letztere ist unerlaubt, wenn das erste nur kindisch ist.
 
                                       24
                             Rosa an William Lovell
                                                                         Tivoli.
Sie dauern mich mit Ihrer neuen Liebschaft. Rosaline mag nach Ihrer Beschreibung
ein ganz hübsches Mädchen sein, aber Sie sind und bleiben doch wahrhaftig ein
Schwärmer. - Und die Not, bekannt mit ihr, und von ihr erhört zu werden! -
Lieber Lovell, haben Sie denn Ihren ganzen Cursum mit so geringem Nutzen
gemacht? - Es ist höchst unrecht, dass Sie noch von irgendeinem Mädchen können in
Verlegenheit gesetzt werden.
    Wenn Sie einmal so sehr von ihr entzückt sind, so müssen Sie alles
versuchen, ihr näherzukommen. Es gibt nichts Verdriesslichers, als Leute zu sehn,
die ein Gut über alles wünschen, und nicht die kleinsten Mittel anwenden, seiner
habhaft zu werden. Ich wollte, ich könnte Pandarus sein, um meinen armen Troclus
zu beruhigen. Wenn gar nichts helfen sollte (woran ich zweifle), müssen Sie ihr
die Ehe versprechen; am dritten Tage glaubt sie das Märchen, und am vierten ist
sie die Ihrige. Am zehnten spätestens wird sie Ihnen denn doch nicht mehr wie
eine Gotteit erscheinen.
    Nehmen Sie meinen Brief nicht übel; ich bin hier durch einen Zufall in eine
Stimmung versetzt, in welcher mir Ihre Anbetung eines kleinen unbedeutenden
Mädchens notwendig kindisch erscheinen muss.
    Wenn mancher von unsern armseligen Bekannten dies Billet sähe, würde er mich
mit hochweiser Miene Ihren Verführer nennen, und wunder meinen, wie viel er
dabei dächte. Ich höre von so manchen Menschen dies unschuldige Wort auf so
unschuldige Leute anwenden, dass ich jetzt immer darüber lachen muss. Es gibt
keinen grössern Unsinn, als zu glauben, dass der Verstand auf unsre Gefühle und
Handlungen Einfluss habe, und nun gar, dass eine fremde Idee jemals die meinige
werden könne, wenn ich sie nicht schon vorher gehabt habe. -
    Leben Sie wohl, und geben Sie mir von Ihren Progressen Nachricht. Ich werde
dieses Abenteuer als den guten oder schlechten Plan einer Komödie ansehn; zeigen
Sie sich daher im dramatischen Fache, wenigstens als ein ebenso guter, wo
möglich noch besserer Dichter, als Sie bis jetzt im Lyrischen getan haben.
 
                                       25
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Es ist alles vergebens. Ich bin mir in meinem Leben noch nicht so einfältig
vorgekommen, als seit einigen Tagen. - Oder sollte das seltsame Ding, was in
einem Lande Schande, im andern Ehre bringt, woran keiner glaubt, und wogegen die
ganze Natur sich empört - sollte die sogenannte weibliche Tugend hier wirklich
einmal kein Vorurteil sein? Und doch ist es nicht möglich, mein Benehmen ist nur
linkisch und ungeschickt. Das Mädchen mit diesen glänzenden Augen muss
Temperament haben, nur versteh ich nicht die Kunst, Sinnlichkeit, Eigenliebe und
Eigennutz bei ihr auf die wahre Art in Bewegung zu setzen.
    Spotten Sie übrigens, wie Sie wollen, es ist gewiss ein himmlisches Geschöpf!
 
                                       26
                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                            Rom.
Ich bin Dir noch die Nachricht schuldig, dass ich mich jetzt besser befinde, und
dass ich nunmehr bei kälterem Blute Deinen Brief gründlicher zu verstehen glaube.
Was Du gegen meine Ideen sagst, ist sehr wahr und gegründet; allein jeder Mensch
hat seine eigene Philosophie, und die langsamere oder schnellere Zirkulation des
Blutes macht im Grunde die Verschiedenheit in den Gesinnungen der Menschen aus.
Daher hast Du in Deiner Person völlig recht, und ich in der meinigen nicht
unrecht. Das ist eben das Hohe in der menschlichen Seele, dass sich ihr einfacher
Strahl in so unendlich mannigfaltige Farben brechen kann; ich gebe Dir zu, dass
keine von allen die wahre sei, aber ebensowenig kannst Du behaupten, jene ist
ganz verwerflich, weil jedes Auge jede Farbe anders sieht, und Du das vielleicht
blau nennst, was mir als rot erscheint.
    Doch wir wollen darüber nicht weiter disputieren. Du irrst aber darin
völlig, wenn Du meinst, dass meine Gedanken nur Wiederholungen von fremden sind.
Von Jugend auf habe ich die Menschen gehasst und verachtet, die nur das Echo
andrer sind, denn ihnen fehlt das Kennzeichen der Menschen; in die Klasse dieser
kläglichen Geschöpfe wirst Du mich hoffentlich niemals geworfen haben; und dann
liesse sich wohl immer noch die Frage aufwerfen, ob es bei einem Menschen von
einigem Verstande möglich sei, ihn zu einer andern Denkungs- oder Handelsweise
zu verleiten, bei der seine sogenannte Moralität litte.
    Schilt mich nicht wieder einen Sophisten, denn ich will nun einmal recht
kalt und gemässigt sprechen. - Denke Dir den Fall, dass man einen guten
unbefangenen Menschen nach und nach so betäubt, dass er unvermerkt in irgendeine
Handlung hineintaumelt, die unsere strengere Moral nicht guteissen kann; bei
diesem Umstande ist nur zweierlei möglich. Entweder er ist nach begangener Tat
ebenso unschuldig, als vorher, er hat sie, ohne den Vorsatz Böses tun zu wollen,
ausgeführt: nun so ist er zwar im Angesichte des buchstäblichen Gesetzes
schuldig, aber wahrlich nicht in den Augen der Vernunft, die nicht bloss die
grobe äussere, meistenteils nur zufällige Erscheinung, sondern den innern
boshaften Sinn bestraft, selbst wenn dieser keine Handlungen hervorbringt. - Der
zweite Fall ist also nun dieser: dass schändliche Handlungen aus einem
schändlichen Vorhaben entstehen. - Wie kann aber meine Seele fremde Überzeugung
wirklich als die ihrige annehmen? Wo willst Du den Punkt, den Moment auffinden,
in welchem eine reine Seele zu einer schlechten wird? Geschieht es durch einen
Zufall: wie ist es möglich, dass sich dadurch ein Flecken im Geiste erzeugt, da
er nur immer gute Gedanken und Vorsätze fassen kann? - Durch die Meinung eines
andern? Er wird mit reinem Sinne den fremden nicht begreifen, und wenn er ihn
begreift, so setzt dies schon voraus, dass er selbst verdorben sei. - Du wirst
Dich aus diesem Labyrinte von Widersprüchen nicht herausfinden können; nimm
also meine Meinung an, und gib mir zu, dass Deine Furcht gänzlich ungegründet
ist.
    Aber unmöglich kann mein verständiger Eduard zu den Toren gehören, die nur
ihresgleichen lieben können; ich weiss, wie entfernt er von diesem
Sektierergeiste ist, daher brauch ich nicht zu heucheln, wenn ich von seiner
Meinung abweiche, um nur seine Freundschaft nicht zu verlieren. Ich darf mich
daher ebenso dreist wie sonst unterschreiben, meines geliebten
                                      Freundes zärtlicher Freund William Lovell.
 
                                       27
                          Walter Lovell an seinen Sohn
                                                                         London.
Lieber Sohn!
    Ich weiss nicht, ob Du noch immer auf Deinen unglücklichen Vater zürnest,
Deine sparsamen und wortkargen Briefe lassen es mich befürchten. Ich habe Dir
bis jetzt unausgesetzt das verlangte Geld geschickt, ohne bisher ein Wort
darüber zu verlieren, ob Du gleich in jedem Vierteljahre mehr als im vorigen
gebraucht hast. Du findest hierbei auch den Wechsel, den Du so ungestüm
gefordert hast; nur zwingen mich diesmal die äussern Umstände, einige Worte
hinzuzufügen, die Dir und mir gleich unangenehm sein müssen.
    Ich habe seit mehrern Jahren nur in Dir und in der Aussicht einer schönen
Zukunft gelebt: aber seit einem halben Jahre hat sich Dein Herz von Deinem Vater
abgewandt; ich wüsste kaum, dass Du noch lebtest, wenn Deine Briefe, in denen Du
mich, wie ein ungestümer Gläubiger um Geld mahnest, mich nicht mittelbar davon
benachrichtigt hätten. Ich gab Dir alles gern, denn ich habe mein Vermögen von
je als ein Mittel angesehn, Dich glücklich zu machen; ich war dabei überzeugt,
dass sich das Herz meines William wieder erweichen würde, und so liess ich Deinen
Torheiten freien Lauf.
    Wenn Du aus diesem Briefe schliesst, dass ich wieder krank bin, so irrst Du
nicht, ich bin es, und vielleicht gefährlicher, als je. Ich fühle die
Lebenskraft gleichsam nur noch tropfenweise durch meinen Körper rinnen, darum
kehre bald nach England zurück, teurer Sohn damit ich Dich noch wiedersehe, und
mir wenigstens noch ein Glück auf dieser Erde übrigbleibt.
    Ich kann nicht umhin, meine anfängliche Drohung zu erfüllen, denn Du musst ja
doch einmal alles erfahren. Meine schöne erträumte Zukunft, der Glanz unsers
Hauses, Deine Grösse - alle meine Hoffnungen sind dahin, und auf ewig zernichtet!
- Ich habe meinen Prozess verloren, und Burton ist jetzt Herr meiner Ländereien.
Wie es möglich geworden, auf welchen Wegen er dahin gekommen ist, das alles kann
ich nicht begreifen: aber genug, dass es geschehen ist! - Mir bleibt nun nichts
weiter übrig, als die kleinen beiden Güter in Hampshire, wo ich in dem alten
verfallenen Hause freilich noch zum Sterben Raum genug finde. - Ich sehe es
schon voraus, wie sich alle meine Bekannten, die mir bisher schmeichelten,
zurückziehen werden. Man kümmert sich so wenig um den Unglücklichen, der sich
aus der grossen Welt verliert, alles ist kalt und empfindungslos, wie die Lichter
am Firmamente, wenn ein Stern heruntersinkt. Dies ist das passendste Bild meines
Unglücks.
    Burton besuchte mich schadenfroh einige Tage vorher, ehe das Urteil meines
Prozesses gesprochen ward. Er war ungewöhnlich freundlich, er betrachtete das
Haus und den Garten aufmerksam, schon als sein Eigentum - und ich will ihm auch
mein hiesiges Gut verkaufen, um nicht in der Nähe von London zu leben.
    Tröste Dich, mein Sohn, und wenn Du vielleicht von diesem Schlage weniger
getroffen sein solltest, als ich, so versuche Deinen Vater zu trösten. Ich ziehe
in zwei Wochen von hier fort; Du weisst also, wohin Du Deinen Brief zu
adressieren hast.
    Dass Du jetzt weniger Aufwand machen musst; dass es das letztemal ist, dass ich
Dir einen so ansehnlichen Wechsel schicke, brauche ich wohl nicht erst
hinzuzufügen. - Ach, mein Sohn! stände Dein Glück in meiner Hand! - Doch ich
will abbrechen. Lebe wohl.
 
                                       28
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Ich habe mancherlei Nachrichten aus England, die mich interessieren sollten,
allein ich kann einzig an die schöne Rosaline denken. Himmel! welch ein Mädchen.
Ich sehe unaufhörlich die hellen braunen Augen vor mir, ich kann nichts anders
denken, als ihren Gang und ihren schlanken Wuchs. Ich habe sie seitdem mehr als
einmal gesprochen; aber alles ist vergebens. Sie hat eine Menschenscheu, die
unüberwindlich ist, sie geht mir aus dem Wege, und wenn ich vor ihr stehe,
schlägt sie die Augen zur Erde, und sieht mich nicht einmal an. - Es ist, als
wenn ich zu dem Mädchen hingezaubert wäre, ich habe noch nie ein Geschöpf mit
dieser Heftigkeit, ich möchte sagen, mit diesem Wahnsinne geliebt. Sowie ich nur
die Augen schliesse, steht sie vor mir; ich bin seit einigen Tagen wie verrückt.
    Ich mag weder Bianca noch Laura sehen; jedes andre Mädchen erscheint mir
langweilig und abgeschmackt. - Ach, Rosaline! Ich möchte nach ihrem Hause
hinüberfliegen, oder unsichtbar neben ihr sein. - Sie spotten bloss, weil Sie
kälteres Blut haben, weil Sie sie nicht kennen.
    O wie lebt man anders, wenn man ein Wesen kennt, für das man lebt! Alles
steht mir in Bezug mit Rosalinen. - Die menschliche Seele ist doch ein kleines,
armseliges Ding: denn ganz dasselbe sagt der Dichter und der religiöse Schwärmer
auch von seiner Kunst. Der Philosoph findet allentalben seine Systeme wieder,
der Gelehrte zieht alles nach seinem Mittelpunkte - Oh, so will ich denn einzig
für sie leben! Sie soll die Sonne sein, um die wie Planeten meine Gedanken und
Gefühle laufen.
 
                                       29
                         Willy an seinen Bruder Tomas
                                                                            Rom.
Ich bin jetzt hier, Tomas, so Gott will, etwas besser dran, darum werde ich
auch wohl noch eine Zeitlang hierbleiben. Mit meinem Herrn steh ich wieder auf
einem recht guten Fuss, er hat mir alles ganz ordentlich abgebeten, und er ist
seit etlichen Tagen weit freundlicher mit mir, als er zeit seines Lebens gewesen
ist. Es ist gar nicht möglich, Tomas, dass man auf ihn recht böse sein kann, ich
habe sogleich alles vergessen und vergeben. - Mir ist wieder ganz wohl und
leicht, aber doch gar nicht so, wie im vorigen Jahre; ich reise doch sobald als
möglich fort, ich kann nicht hierbleiben.
    Sieh Tomas, die ganze Geschichte hat, so wie man zu sagen pflegt, ihren
Haken. Mein Herr ist da vor dem Tore einem Mädchen gut, da wohn ich jetzt - ach,
nein Tomas, glaube nichts Böses von mir. Ich kann wahrhaftig nicht dafür, dass
ich es meinem Herrn versprochen habe, dass ich mich so sehr weit eingelassen
habe. Ich stellte ihm alles ganz ordentlich und christlich vor, aber da half
kein Reden und Ermahnen, er wusste mir auf alle meine Worte sehr schön Bescheid
zu geben, so dass ich am Ende gar nicht mehr wusste, was ich sagen sollte, und wie
ein alter Narre vor ihm stand, so weichherzig hatte er mich gemacht. Er sagte,
dass er dem Mädchen so ganz wunderer gut sei, dass er sterben würde, wenn ich ihm
nicht den Gefallen täte, und, da konnt ich's denn nicht übers Herz bringen. Nun
war mir die Freude auch noch etwas Neues, dass ich wieder gut Freund mit ihm war;
das hat denn auch viel dabei getan.
    Nun wohn ich hier vor dem einen Tore recht hübsch, aber zwischen lauter
eingefallenen Häusern und alten Steindenkmalen, da hat man die vergängliche
menschliche Eitelkeit und die Nichtigkeit aller Dinge recht vor Augen, und kann
so ernstafte Betrachtungen wie auf einem Kirchhofe anstellen. Aber ich weiss
doch auch recht gut, dass es nicht ganz recht ist, und ich gräme mich in manchen
Stunden recht sehr darüber, dass ich den Schritt getan habe; aber der Mensch ist
doch ein gar zu schwaches Geschöpf, und denn bin ich meinem Herrn Lovell gar zu
gut, als dass ich ihm was abschlagen könnte, wenn er mich so recht herzbrechend
darum bittet. - Je nun, Gott muss ja bei so vielen Sachen ein wenig durch die
Finger sehn, so mag er mir denn auch einmal von seiner Gnade etwas zukommen
lassen.
    Lebe wohl, lieber Bruder. Du hast mir lange nicht geschrieben, tu es doch
nächstens einmal wieder, und sage mir Deine Bedenklichkeiten darüber, und wie
man es ändern müsste. - Bis dahin lebe wohl.
 
                                       30
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Ich habe Ihnen seit einigen Tagen keine Nachrichten gegeben, weil ich so
vielerlei einzurichten und zu besorgen hatte, dass mir wirklich keine Zeit
übrigblieb.
    Ich habe nach vielen Umständen meinen alten Willy beredet, in die
benachbarte leerstehende Hütte neben Rosalinen einzuziehen; dort gilt er für
meinen Vater, einen alten Venezianer, der hiehergekommen ist, um in Rom sein
dürftiges Auskommen zu finden. Ich heisse Antonio. - Ich bin nun den grössten Teil
des Tages in einer gemeinen Tracht, die mich recht gut verstellt, bei Willy. Wir
haben schon mit unsern Nachbarinnen Bekanntschaft gemacht, die gegen Leute, die
so arm wie sie scheinen, ausserordentlich zuvorkommend sind. So ist alles im
schönsten Zuge, und ich verspreche mir den glücklichsten Fortgang.
    Was das Mädchen närrisch ist! Sie hat nun schon viel mit mir gesprochen, und
ist ausserordentlich zutraulich und redselig. Sie ist von einer bezaubernden
lebhaften Laune, und bat mich, wenn ich nicht sehr irre, gern. Doch ich zweifle
noch, denn in nichts in der Welt irrt man so leicht.
    Wenn ich ein Maler wäre, schickt ich Ihnen ihr Bild, und Sie sollten dann
selbst entscheiden, ob ich wohl zu viel von ihr spreche. Wie versteinert
betracht ich oft die reizendste Form, die je aus den Händen der schaffenden
Natur ging, den sanften, zartgewölbten Busen, der sich manchmal bei einer
häuslichen Beschäftigung halb entüllt, den schönsten kleinen Fuss, der kaum im
Gange die Erde berührt. -
    So leb ich denn hier zwischen den Ruinen, entfernt von der Stadt und allen
Menschen ein sonderbares, traumähnliches Leben. Einen grossen Teil des Tages bin
ich in der Hütte, und sehe Rosalinen im kleinen Garten arbeiten; ich sehe in der
Ferne Leute, die stolz vorüberfahren und - reiten, und ich bedaure sie, denn sie
kennen Rosalinen nicht; sie jagen mühsam nach Vergnügen, und denken nicht daran,
dass die höchste Seligkeit hier in einer seitwärts gelegenen Hütte wohnt. Mittags
und abends ess ich bei Rosalinen, das haben wir gleich am zweiten Tage
miteinander richtig gemacht; wir sparen, wie die Alte bemerkte, beide dabei. -
Ach, Rosa, wie wenig braucht der Mensch, um glücklich zu sein! Ich gebe, seitdem
ich hier wohne, nicht den hundertsten Teil von meinem Gelde aus, und bin froh. -
Daran denkt man so selten in jenem Taumel; - aber wie viel gehört auch wieder
zum Glücke! - Würd ich diese dumpfe Eingeschränkteit ertragen, wenn mir
Rosaline nicht diese Hütte zum Palaste machte? O jetzt versteh ich erst diesen
so oft gebrauchten und gemissbrauchten Ausdruck.
    Es tut mir leid, wenn ich fortgehen muss, um zu tun, als wenn ich irgendwo
arbeitete. Einmal habe ich schon auf den einsamen Spaziergängen, die ich dann
mache, die Alte getroffen, die in einem Korbe dürre Reiser sammelte. Ich muss
mich also in acht nehmen, und ich kleide mich daher oft bei Willy um, und
schleiche nach der Stadt.
    Warum liebt sie mich nicht so, wie ich sie anbete? - Mein Leben ist ein
rastloses Treiben ungestümer Wünsche, wie ein Wasserrad vom heftigen Strome
umgewälzt, jetzt ist das unten, was eben noch oben war, und der Schaum der Wogen
rauscht und wirbelt durcheinander, und macht den Blick des Betrachtenden
schwindlicht.
 
                                       31
                             Rosa an William Lovell
                                                                         Tivoli.
Sie fangen an mit Ihrer Geschichte recht amüsant zu werden. Es ist ja alles so
schön, wie man es nur im besten Romane verlangen kann. Ich wünsche Ihnen Glück,
denn es ist gewiss, dass nichts uns unser trocknes, prosaisches Leben so poetisch
macht, als irgendeine seltsame Situation, in die wir uns selber versetzen. Im
Grunde besteht unser ganzes Leben nur aus solchen Situationen, und ich tadle Sie
daher gar nicht, wenn Sie sich Ihre Empfindungen so lebhaft als möglich machen.
Fahren Sie nur fort, ebenso aufrichtig gegen mich zu sein, als bisher, so werden
mir Ihre Nachrichten viel Vergnügen machen. Sein Sie aber auch, wenn es irgend
möglich ist, aufrichtig gegen sich selbst: denn sonst entsteht am Ende eine
gewisse fade Leere, die man sich mit Entusiasmus auszufüllen zwingt; dies sind
die widrigsten Epochen des Lebens. Man quält sich dann, das Interesse noch an
denselben Gegenständen zu finden, weil es uns scheint, als machten sie unsern
Wert aus. Jede Illusion aber, die kein Vergnügen macht, muss man emsig vermeiden.
Man sollte sich überhaupt von Jugend auf daran gewöhnen, die äussern Gegenstände
um sich nur als Spiegel zu betrachten, in denen man sich selber wahrnimmt, um in
keinem Augenblicke des Lebens von ihnen abzuhängen. Je mehr alles um uns her von
uns abhängt, um so sklavischer es uns gehorcht, um so höher steht unser
Verstand. Denn darin kann die Vernunft des Menschen unmöglich bestehen, seltsame
Dinge zu erfinden, oder zu begreifen, sondern damit er durch sie ihm
gleichgeschaffne Wesen nach seiner Willkür lenke. Auf die Art kann der kluge
Mensch allen gebieten, mit denen er nahe oder fern in Verbindung steht. Die
Herrschaft des Verstandes ist die unumschränkteste, und Rosaline wird gewiss bald
unter dem Gebote meines verständigen Freundes stehn, wenn er sich nicht von ihr
beherrschen lässt, und selbst seine Vernunft unterdrückt. Ich wünsche Ihnen
Glück, um nie in diesen Fall zu kommen.
 
                                       32
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Es ist gewiss, dass man unter unschuldigen Menschen selbst wieder unschuldig wird.
Jetzt kommen mir manche meiner Ideen zu gewagt vor, die mir sonst so natürlich
schienen; ich bin hier in der kleinen Hütte demütiger, ja ich fühl es, dass ich
ganz einer von den Menschen werden könnte, die ich mir bisher gar nicht deutlich
denken konnte; die in einer engen dunkeln Stube geboren, nur so weit ihre
Wünsche richten, als sie um sich sehen können; die mit einem Gebete erwachen und
schlafen gehen, Märchen hören und im stillen überdenken, mit einem dumpfen,
langsamen Fleisse eine Handarbeit lernen, und nichts so sehnlich als den Abend
und die Schlafstunde erwarten. O Rosa, wenn man dies Leben näher kennenlernt, so
verliert es sehr viel von seiner drückenden Beklemmung. Wir machen aus unserm
Leben so gern ein ununterbrochnes Vergnügen, und suchen Unannehmlichkeiten
mühsam auf, um die Freude durch den Kontrast zu würzen: bei diesen Menschen aber
ist jedes unerwartete Vergnügen ein Weihnachtsfest, wie ein plötzlicher
Sonnenblick an einem kalten Regentage scheint es hell und frisch in ihre Seele
hinein. Ich werde mich künftig hüten, die Menschen mit dumpferem Sinne so sehr
zu verachten.
    Wenn ich in meinem kleinen Besitztum jetzt auf und ab gehe, über das Feld
und nach der Stadt hinübersehe, Rosalinens Stimme von nebenan höre, und ich mich
so recht ruhig und glücklich fühle, der Tag ohne Verdruss und Widerwillen sich
schliesst; so komme ich manchmal auf den Gedanken, in dieser Lage zu bleiben,
hier ein Bauer zu werden, und das reinste, frischeste Glück des Lebens zu
geniessen. - Vielleicht bliebe ich hier immer froh und zufrieden - vielleicht! -
ach, die Wünsche, die Neigungen des Menschen! - Welcher böse Genius hat diesem
Bilde, als es vollendet war, so viel der widersprechenden Triebe beigemischt!
    Doch hinweg davon. O Rosa, nennen Sie mir ein Schauspiel, das dem an Reiz
gleichkäme, wenn sich eine schöne, unbefangne Seele mit jeder Stunde mehr
entwickelt. Wir sind jetzt bekannter miteinander, ich und Rosaline, ich habe sie
täglich gesehn und gesprochen, mein anscheinendes Unglück hat sie gerührt. - Sie
ist so das reine Bild einer Mädchenseele, ohne die feinere Ausbildung, die die
Erscheinung zugleich verschönert und entstellt. Da uns die Verschiedenheit des
Standes kein Hindernis in den Weg gelegt hat, so sind wir auf einem recht
vertrauten Fusse miteinander. - Wir sitzen oft im finstern Winkel, und sprechen
über unser Schicksal, sie erzählt mir Familiengeschichten, oder wunderbare
Märchen, die sie mit ausserordentlicher Lebhaftigkeit vorträgt; dann singt sie
wieder ein kleines Volkslied, und begleitet es mit den Tönen der Laute. - Es
gibt keine Musik weiter, als diese kleinen, tändelnden, fast kindischen Lieder,
die so gleichsam im simpeln Gang des Gesanges das Herz auf der Zunge tragen, und
wo nicht Töne, wie ungeheure Wogen steigen und fallen, und sich in einen wilden
Zug mischen, der kreischend sich durch alle Tonarten schleppt, und dann in ein
Chor aller stürmenden Instrumente versinkt. Das Herz bleibt um so leerer, je
voller das Ohr ist; die Seele kann nur diesen stillen Gesang so recht aus dem
Grunde geniessen, hier schwimmt sie mit dem silbernen Strome in ferne dunkle
Gegenden hinunter, die leisesten Ahndungen erwachen in den Winkeln, und gehn
still durch das Herz, und Rückerinnerung eines früheren Daseins, wunderbares
Vorgefühl der Unsterblichkeit rührt die Seele an.
    Wenn ich ihr gegenübersitze - o wie Feuer weht mich ihr Atem an! Ich habe
ihr schon an den Busen stürzen wollen, und diese Reize mit unzähligen Küssen
bedecken; ich träume oft so lebhaft vor mir hin, dass ich nachher ungewiss bin, ob
ich es nicht schon getan habe. Es reisst mich eine unbekannte Kraft zu ihr
hinüber, die Töne ihrer Laute klingen mir oft schmerzhaft im Kopfe nach - und
bald, bald muss es sich ändern, oder ich verliere den Verstand.
    Als ihre Mutter neulich schlafen gegangen war, und ich mit ihr vor der Türe
sass, entdeckt ich ihr meine Liebe. Sie war gerührt und zärtlich, und sagte mir
sehr naiv, dass sie schon einen Bräutigam habe, und mich daher nicht lieben
dürfe, wenn sie auch herzlich gern wolle. Es ist ein armer Fischer, der jetzt
einer kleinen Erbschaft wegen zu Fusse nach Kalabrien gegangen ist; sie beschrieb
ihn mir sogleich, und gestand mir ganz unverhohlen, dass er so hübsch nicht sei,
als ich.
    Sie rührte mich, als sie mir die Einrichtung ihrer künftigen kleinen
Wirtschaft beschrieb. Wie beschränkt sind die Wünsche dieser Menschen! Wenn ich
an meine Verschwendung denke, wie ein weggeworfner oder verspielter Teil meines
Vermögens dies herrliche Geschöpf glücklich machen würde! - Ich lerne viel in
diesen Hütten, Rosa, ich glaube, ich lerne hier mehr ein Mensch sein, und mich
für das Unglück der Menschen interessieren. - Und sie sollte hier für einen
armseligen Schiffer aufgeblüht sein? Für einen Verworfenen, der sich vielleicht
glücklich schätzen würde, wenn er mein Bedienter werden könnte? - Nimmermehr! -
Dagegen muss ich Vorkehrungen treffen, und ich denke, das Beste ist schon
geschehen. Wir nennen uns du. Gestern sass sie auf einem niedrigen Schemel, und
schaukelte sich während dem Erzählen; plötzlich wollte sie fallen, ich fing sie
auf, und fühlte die schöne Last in meinen Armen. Ich drückte sie an mich und sie
wand sich verlegen und errötend von meinem ungestümen Busen.
    Sie ist sich mit ihren dunkeln Trieben selbst ein Rätsel: sie kommt mir in
manchen Augenblicken mit ihrer Unschuld wie eine heilige Priesterin, oder wie
eine unverletzliche Gotteit vor; - und dann wieder die feurigen Augen! Der
mutwillige Zug um den Mund! -
    Ich habe neulich in der Ferne für mich ein paar schalkhafte italienische
Liedchen gesungen, und ich ertappte sie gestern, wie sie eben, wie
unwillkürlich, die ersten Takte griff, und den Anfang sang. - Plötzlich hielt
sie inne, ward ohne zu lachen, rot, und legte die Laute fort, gleichsam wie eine
gefährliche, nicht genug verschwiegene Freundin. - Ich kenne nichts Schöners,
als diese ungeschminkte Natur zu studieren; o sie wird, sie muss die Meinige
werden! - Stammelnd hab ich ihr die Ehe versprochen, und, das weiss Gott!
wenigstens halb im Ernst. -
    Soeben seh ich sie vor die Türe treten, ich gehe zu ihr; - leben Sie wohl.
 
                                       33
                              Rosaline an Antonio
Du bist schon wieder fort, Lieber, und ich glaubte Dich so gewiss zu treffen. Ich
liess Dich gestern gern die Laute mitnehmen, und tat, als merkt ich es nicht,
weil ich sie heut wieder abholen wollte. - Du böser Mensch! mich vergebens
kommen zu lassen! - Dein Vater sieht immer so verdriesslich aus, ich glaube, es
will ihm noch gar nicht bei uns gefallen: ich scheue mich vor ihm, weil er mich
immer so ernstaft ansieht. - Komm doch ja heut abend, ich will Dir ein neues
Lied spielen, das ganz wie auf Dich gemacht ist. Komm ja und bleib hübsch lange.
Die Abende sind jetzt so schön, und wir wollen denn noch miteinander singen.
Aber Du musst nicht wieder böse werden, ich will ja auch kein Wort wieder vom
armen Pietro sprechen.
 
                                       34
                              Antonio an Rosaline
Nein, Liebe, sprich nicht wieder von ihm, denn sein Name geht mir immer wie ein
Dolchstoss durchs Herz. Ich hoffe immer noch, dass er nie wieder zurückkommen
wird; wer weiss, was ihm begegnet ist, da er gar keine Nachrichten von sich gibt.
- Tut es mir nicht selber weh, dass ich so oft von Deiner Seite muss? Du hättest
mich aber gewiss getroffen, wenn ich daran gedacht hätte, dass Du kommen könntest.
    O Rosaline, lass die Gesänge, die den kranken Rest meines Herzens
zerschmelzen, und meine Seele ganz mit sich nehmen. Leb ich nicht schon ganz bei
Dir, nur allein in Deiner Gegenwart? Keine Arbeit will mir jetzt von der Hand
gehn, da ich immer nach der Gegend hinsehe, in welcher Dein Haus steht. - Ach,
wenn Du mich doch so lieben könntest, wie ich Dich liebe! o Rosaline, welche
Aussicht würde sich mir eröffnen! - O ja, ja, singe das Liedchen, wenn es so wie
auf mich gemacht ist, und wenn von einem weichherzigen Mädchen und einem
erhörten Liebhaber darin die Rede ist, o so lass es auch denn noch auf mich
passend werden. Ich sehe Dich gewiss heut abend, ich bleibe mit Dir vor der Türe
sitzen - ach, könnt ich zeitlebens nur um Dich sein, könnt ich ewig den süssen
Ton Deiner Stimme hören! Alles, was ich vernehme, klingt mir wie Dein Gesang, so
tief bin ich in Träume versunken, ich fahre auf, wenn man meinen Namen nennt,
wenn jemand mich ruft. - O glaub es, glaub es, teures Mädchen, dass ich nie ohne
Dich würde leben können: dass ich für Dich alles, selbst das Gewagteste und
Schrecklichste ausführen könnte.
 
                                       35
                              Rosaline an Antonio
Und warum wurdest Du denn nun doch so verdriesslich, als ich gestern das Liedchen
sang? - Was willst Du von mir? Seh ich Dich nicht gern kommen und ungern
fortgehen? Denk ich nicht fleissig an Dich? Hab ich nicht gestern die
versprochenen Küsse gewissenhaft abbezahlt, und sogar noch einige, ich weiss
nicht wie viel, mehr gegeben? Was kannst Du denn noch verlangen? - Aber Du
machst mich immer mit traurig, und ich weiss gar nicht, was ich Dir zu Gefallen
tun kann; Dir ist nichts recht, und Du weisst gewiss selbst nicht, was Du willst.
- Siehst Du, ich kann auch einmal böse werden, aber gewiss nur jetzt, nicht, wenn
ich Dich vor mir sehe, dann hab ich alles vergessen, worüber ich klagen könnte.
    Meine Mutter hat heute schon ein ernstaftes Gespräch mit mir gehabt, ich
soll nicht so viel bei Dir sein, hat sie gesagt. Ich seh aber nicht, warum. Sie
ist alt und ein wenig eigensinnig, fast so ein Gemüt, wie Dein Vater; Du
gefällst ihr nicht recht, denn Du bist ihr etwas zu leichtsinnig. Du musst
darüber nicht böse werden, sie ist schon alt, und das macht es, denn wer möchte
Dich wohl sonst nicht gern leiden? Jeder Mensch, der Dich sieht, muss Dein Freund
sein. Nur das ernstafte, finstre Wesen kleidet Dich gar nicht, das kann ich
Dich versichern, Du kömmst mir dann mit einemmal ganz fremd vor; schaff es ab.
    Auch mit Deinem Vater bist Du nicht recht gut, der meint es mit seinen
Ermahnungen doch gewiss sehr rechtschaffen. Mach es, wie ich, ich lasse meine
Mutter oft lange reden, und tu, als hör ich ihr zu, und denke unterdessen an
Dich.
    Aber wie viel hab ich nun an Dir getadelt! Ach glaube nur nichts davon, das
ist grade so, als wenn ich ein Lied von bösen Menschen singe, ich kann immer
nicht daran glauben. Ich habe meine Altklugheit nur vom Hörensagen. - Noch eins,
sei heut abend etwas artiger, als gestern, denn sonst werd ich noch den Hund
abrichten, dass er Dich beissen soll. - Adieu, und komm hübsch früh. Wie schön,
dass kluge Menschen die Erfindung gemacht haben, dass Du durch ein stummes Papier
mit mir reden kannst, dass ich Dir kann Antwort geben. O ja, ein liebendes Herz
ist der Zauberkunst nahe.
 
                                       36
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
O Rosa, warum bin ich nicht zufrieden und glücklich? Warum bleibt ein Wunsch nur
so lange Wunsch, bis er erfüllt ist? Hab ich nicht alles, was ich verlangte? und
dennoch werd ich immer weiter vorgedrängt, und auch im höchsten Genusse lauert
gewiss schon eine neue Begierde, die sich selbst nicht kennt. Welcher böse Geist
ist es, der uns so durch alle Freuden anwinkt? Er lockt uns von einem Tage zum
andern hinüber, wir folgen betäubt, ohne zu wissen, wohin wir treten, und sinken
so in einer verächtlichen Trunkenheit in unser Grab. Ich schwöre Ihnen, dass mir
in manchen Momenten aller Genuss der Sinne verabscheuungswürdig erscheint, dass
ich mich vor mir selber schäme, wenn ich diese holden Züge betrachte, diese
Unschuld, die sich auf der weissen reinen Stirn abspiegelt; es ist mir manchmal,
als wenn mich eine Gotteit durch ihre hellen Augen anschaute, und ich erröte
dann wie ein Knabe.
    Gestern war ich in der höchsten Verwirrung; sie wollte mir ein Lied singen,
das, wie sie sagte, auf mich recht passend sei. Fühlen Sie, wie mir zumute ward,
wie gedemütigt. Es war wirklich das Lied, welches mich zuerst auf die Idee
meiner Verkleidung führte, und aus dem ich sogar meinen Namen Antonio entlehnt
habe. Kann die bitterste Satire mich tiefer erniedrigen, als dieses kindliche,
fromme, unschuldige Wesen? Nie hab ich vor einem Menschen so in aller Nackteit
gestanden, nie bin ich so durch und durch beschämt worden. Bei jedem andern
Mädchen würd ich überzeugt sein, sie habe mich vollkommen erraten; allein ich
schwöre Ihnen, dass es hier nicht der Fall ist.
    Und was ist denn nun von einer andern Seite mein ganzes ängstliches Gefühl?
Wozu alle diese seltsamen Windungen? Ich liebe sie, und sie liebt mich.
    Sie haben nie ein Wesen, wie diese Rosaline, gekannt, und Sie kennen daher
auch die schönste Blüte des Vergnügens nicht. Sie sollten sie sehn, wie sie mir
entgegenläuft, und denn wieder stillesteht, und plötzlich tut, als habe sie nur
irgendwas gesucht; die List, die sie bei aller frommen Unschuld hat, und die
jedem Mädchen mit auf die Welt gegeben wird, und die, wenn ich so sagen darf,
die Unschuldigen noch unschuldiger macht. Die Mutter schlief neulich in ihrem
Lehnstuhle, und ich küsste sie, indem sie neben mir sass; von ohngefähr schallte
der Kuss etwas stärker, und die Mutter wachte auf; in demselben Augenblicke aber
hatte sie ihren kleinen Hund schon ein wenig gezwickt, so dass er schreien musste,
und die Mutter keinen Argwohn schöpfte.
    Ja, ich mache sie selbst glücklich, wenn ich sie über ihr eignes Wesen
aufkläre, sie wird sich selbst im Kelche der Wonne berauschen, und mir noch für
mein höchstes Glück Dank sagen.
    Werden Sie nicht bald nach Rom zurückkehren? Ich vermisse täglich Ihre
Gesellschaft, vorzüglich, wenn ich nicht bei Rosalinen bin. In Rom fang ich an,
allen Leuten fremd zu werden, ich mag niemand besuchen, ich mag nichts tun:
schon seit lange ängstigt mich ein Brief, den ich an meinen Vater schreiben muss,
ich kann nichts anders denken und sprechen. -
 
                                       37
                      Walter Lovell an seinen Sohn William
                                                            Kensea in Hampshire.
Ich bekomme keine Antwort auf meinen Brief, und ich werde mit jedem Tage
schwächer. Der Arzt findet es jetzt bedenklich, und ich fühl es, dass die Uhr
meines Lebens zu Ende gelaufen ist. - Alles wird mir gleichgültig, was mir sonst
wichtig war, meine ehemaligen Plane habe ich völlig vergessen, komm also ohne
alle Scheu nach England zurück, lieber Sohn, heirate, wenn Du durchaus willst,
Amalien, ich will und kann nichts weiter dagegen einwenden, nur brich Dein
Schweigen und komm. Ach, wenn Du willst, muss ich Dich freilich auch noch wegen
einer meiner Briefe um Vergebung bitten, ich meinte es gut mit Dir, und damals
war auch die Lage der Sachen anders.
    Wenn der Wind hier durch den Wald bläst, und die losgegangenen Tapeten im
Nebenzimmer rauschen und klatschen, o dann, lieber William, fühl ich mich so
einsam, so heimatlos. Ich sehe trostlos dem trüben Beschluss eines trüben Lebens
entgegen. Ich sehe keine Freunde, keine andre Gesichter, als die meiner
Bedienten, alle haben sich von mir zurückgezogen, und ich befinde mich wohl
dabei. Nur Dich wünsch ich bei Tage und in der Nacht zu mir her; ich war ein
Tor, dass ich mühsam erst ein Gebäude meines Glückes aufführen wollte, und nicht
die Freuden annahm, die mir das Schicksal an der Brust meines Sohnes, in den
Armen einer guten Tochter, vielleicht in einem Zirkel von fröhlichen Enkeln
anbot. Jetzt ist mir die Binde gelöst, und es ist vielleicht zu spät. - Doch
nein, mein William gibt mir gewiss Freude und Trost zurück; wer weiss, welche
einsamen Gegenden er schon durcheilt, um seinen alten kranken Vater noch
wiederzusehn! Wo Du auch seist, Gott sei mit Dir!
 
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                              Rosaline an Antonio
Die ganze, ganze lange Nacht hab ich nicht schlafen können. Und daran bist bloss
Du schuld! Immer war mir, als schliefest Du neben mir, ich hatte Dich in meinen
Armen, und wachte von Deinen Küssen auf. Als der Mond durch eine Ritze der
Fensterladen in meine Stube schien, und der Strahl sich so über den Boden goss
und an der Decke schimmerte, hab ich recht herzlich geweint, weil ich mich zum
erstenmal im Leben so einsam fühlte. O Du böser Mensch kannst die Not gar nicht
verantworten, die Du mir machst. Mein Vater ist tot und meine Mutter stirbt auch
vielleicht bald; wenn nun Pietro nicht zurückkömmt, so bist Du der einzige
Mensch auf der Welt, der mir noch beistehn kann. Aber wenn Du alle meine Liebe
nicht verdientest! Ach Antonio, Du hast Dich so oft über meine Lustigkeit
gefreut, ich bin nur fröhlich, wenn ich Dich sehe, Du siehst, wie betrübt ich
werde, wenn ich allein bin. Drum sollten wir uns gar nicht trennen, dann würden
wir beide immer recht vergnügt sein.
    Du bleibst jetzt oft viel länger weg, als anfangs. Du freust Dich nicht mehr
wie sonst darüber, wenn ich Dir einen Kuss gebe; sage mir, was habe ich Dir
getan, Du Unzufriedner? Oder ist es die Sitte in eurem Lande, dass man immer so
ernst und verdriesslich ist?
 
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                              Antonio an Rosaline
Was Du mir getan hast, liebstes, bestes Mädchen? Nichts, als dass Du mich nicht
ebensosehr liebst, wie ich Dich liebe. - Warum verlässt Du mich oft so plötzlich?
Warum darf ich nicht in der Nacht bei Dir bleiben, wenn Du Dich ohne mich so
einsam fühlst? Die wahre Liebe ist mit diesem Eigensinne unbekannt. Wenn Du mich
nur hier sähest, wie oft ich in der Nacht nach Deinem Hause hinüberblicke, wie
ich nicht schlafen kann, und mir schweigend Deine Lieder wiederhole, um mich nur
etwas zu beruhigen, wie ich Dein Bild tausend und tausendmal küsse, das ich
neulich bei Dir zeichnete! Das Papier ist von meinen Tränen nass; das Haus wird
mir zu enge, und ich schweife im trüben Mondlichte dann zwischen den Ruinen
umher, und Deine Gestalt begleitet mich allentalben. O Rosaline, dieses Zagen,
diese Angst kennst Du nicht, denn sonst würdest Du meinen Zustand mehr
bemitleiden. Nein, Harterzige! Du kennst die Liebe nicht, denn Du verhöhnst
meine Empfindung. Undankbare! Du weidest Deine Eitelkeit an meinem Gram, und
wirst Dich über meine Verzweiflung freuen! - Stand ich nicht gestern noch eine
Stunde länger vor Deiner Türe, und Du kamst nicht wieder, wie Du mir versprochen
hattest? Spieltest Du nicht, um mich zu kränken, dies verhasste Lied von dem
Antonio? - Nein, Du betrügst mich nur mit einem Schein von Liebe, Du freust Dich
darüber, dass Du mich gedemütigt hast, und alle Deine Küsse, Deine Umarmungen
sind Heuchelei. Labe Dich an meinem Anblicke, wenn Du mich wahnsinnig gemacht
hast!
    O vergib mir, Teure, wenn ich Dir Unrecht tue! Betrüben möcht ich Dich
nicht.
 
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                              Rosaline an Antonio
Du kannst das Lied vom Antonio nicht leiden? Mein liebstes Lied, weil es Deinen
Namen führt? Ach, Lieber, wie unrecht tust Du mir! Dir zum Possen soll ich es
singen, und ich will mich dadurch trösten, weil ich nicht wieder herausgehen
konnte. Die Mutter war böse und hatte mir es streng verboten, und ich muss ihr
doch gehorchen. Sie will nicht gern, dass ich so viel bei Dir bin. Nein, wenn es
Dir nicht gefällt, will ich das Lied nie mehr spielen, sosehr ich es auch liebe.
Ich Dich kränken! Ach, Antonio, wie sollt ich das können? - Wenn Du da bist,
schäm ich mich nur immer zu sagen, wie gut ich Dir bin: man hat keine Worte
dazu, ich müsste neue ausdenken. Aber wenn Du so weggegangen bist, und ich Dir
nun nachsehe, oder wenn ich einen Deiner Briefe lese, sieh, so kehrt sich mir
das ganze Herz um, und ich möchte Dir nachrennen, Dich vor der ganzen Welt in
meine Arme drücken, Dein liebes Gesicht küssen, und in Tränen vergehn und rufen:
Ja, Menschen seht es, Bäume und Berge hört es, so, so lieb ich ihn; was kümmert
ihr mich alle, wenn er mir nur, der einzig Teure in der Welt, übrigbleibt? Sieh,
wenn Du nichts nach mir fragtest; so könnt ich zu Deinen Füssen niederknien, und
um Deine Liebe bitten; ich könnte meine Religion verlassen und nicht mehr zur
göttlichen Madonne beten, wenn Du es wolltest: ich könnte mit Dir in fremde,
wüste Länder ziehn, wo man andre Sprachen spricht, wo, wie man mir einst erzählt
hat, Eis und Winter fast immer die Luft zusammenzieht; o ich könnte für Dich
sterben - alles, alles, nur Dich nicht vergessen, nur nicht Deinen Tod, oder
Deine Verachtung überleben. - Ach, kannst Du mich noch unempfindlich und
undankbar schelten? Kannst Du noch auf mein liebes Lied böse sein?
 
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                              Antonio an Rosaline
Nein, ich will Dein Lied nicht mehr schelten, liebe Rosaline. Ich habe Dir und
ihm Unrecht getan, und ich will es ihm abbitten: Schicke mir zur Versöhnung die
Abschrift, die Du davon hast, ich will es zu Deinen Briefen, zu Deinem Bilde, zu
Deiner Locke legen; mehr kann ich ihm zur Ehre doch nicht tun. - Wie hat mich
Dein lieber Brief gerührt! Oh, ich habe ihn um Vergebung gebeten, und will es
mündlich bei Dir wiederholen. Bin ich Dir wirklich so teuer, als Du da
schreibst? Ich kann es nicht glauben, und glaub es doch so gern. Deine Stimme
klingt mir, wie ein Ton aus einem Traume, der mir die Schätze der Erde
verspricht, und dem die wirkliche Natur nicht Wort halten kann. Ach nein! die
Liebe macht das Unmögliche leicht. Sie ersetzt uns jedes Glück der Erde. -
 
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                              Rosaline an Antonio
Siehst Du nun wohl, dass ich recht habe? Dafür will ich Dir nun auch das Lied so
zierlich und schön abschreiben, als es mir nur immer möglich ist. -
                             Der Arme und die Liebe
Es kam an einem Pilgerstab
Wohl übers graue Meer
Ein Wandersmann ins Tal herab,
Von fremden Landen her.
Erbarmt euch meiner, rief er aus,
Ich komm aus fernem Land,
Verloren hab ich Gut und Haus,
Antonio genannt.
Die Eltern starben mir schon lang,
Ich war noch schwach und klein,
War ohne Gut, war ohne Rang,
Und niemand dachte mein.
Da nahm ich diesen Wanderstab
Und trat die Reise an,
Stieg hier ins frische Tal herab,
Fleh euer Mitleid an. -
Da ging er wohl von Tür zu Tür,
Ging hier und wieder dort,
Ward abgewiesen dort und hier,
Und schlich sich weinend fort.
»Was suchst du in der Fremde Glück?
Wir sind dir nicht verwandt!
Geh, wo du herkömmst, nur zurück,
Bist nicht aus unserm Land. -
Genug der Freunde leiden Not,
Der Landsmann sucht hier Trost,
Für sie wächst unser schönes Brot,
Für sie der süsse Most.«
Still und beschämt mit Ach und Oh!
Schlich er die Strasse hin,
Da ruft es sanft: Antonio!
Ein Mädchen winkt ihn hin.
O nimm von meiner Armut an,
Spricht sie mit frommen Sinn,
Ich gebe, was ich geben kann,
Nimm alles, alles hin.
Lucindens grosses Auge weint,
Er dankt mit heissem Kuss,
Und sieh! die Liebenden vereint
Ein rascher Tränenguss.
Ach nein, du bist mir nicht verwandt,
Dennoch erbarm ich mich,
Und bist du gleich aus fremden Land,
So lieb ich dennoch dich.
Die Liebe kennt nicht Vaterland,
Sie macht uns alle gleich.
Ein jedes Herz ist ihr verwandt,
Sie macht den Bettler reich!
Ich habe schon oft versucht, statt Lucinde Rosaline zu singen, allein es will
nicht in den Takt passen. - Wir wollen heut abend einmal versuchen, ob wir das
Lied nicht noch ein wenig abändern können. Du musst mir helfen, denn Du weisst ja
damit Bescheid. Ich lese Deine Verse alle Tage, und versteh sie jedesmal etwas
besser. - O ich bin in manchen Stunden ordentlich stolz auf Dich, und dass Du
unter den tausend, tausend Mädchen grade mich nur einzig und allein liebst. Und
doch wieder nicht stolz, nur so froh, dass ich dann dem Himmel mit weinenden
Augen danke, dass er es so gelenkt hat, dass Du mich aufgefunden hast. - - Warum
meine Mutter nicht ganz so denken will, wie ich? Ich kann gar nicht begreifen,
wie man etwas gegen Dich haben kann. Alle Menschen sollten so sein, wie Du, so
wäre das die schönste Welt. - Adieu, und bleibe ja heut länger.
 
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                              Antonio an Rosaline
Also heut, wirklich nun heut! - So ist denn doch endlich die zögernde Stunde
herangeschlichen, die mich vollkommen glücklich machen soll. - O wie dank ich
Dir! Aber Du wirst doch Wort halten? -
 
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                             William Lovell an Rosa
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Es ist wunderbar, wie lange ich in dem Vorhofe der Seligkeit aufgehalten werde;
tausend Zufälle vereinigen sich, um mich immer wieder von der höchsten Wonne zu
entfernen. Rosaline ist mein, unbedingt mein. - Sie hatte sich neulich für meine
Bitten erweicht, und mir versprochen, mich in der Nacht heimlich zu sich kommen
zu lassen, aber die Mutter wurde krank, und sie musste bei ihrem Bette wachen.
Welche Nacht hatt ich! Die Sehnsucht regte sich mit allen ihren Gefühlen in mir,
ich konnte nicht eine Minute schlafen, und doch auch nicht wachen. Ich lag in
einer Art von Betäubung, in der sich Bilder auf Bilder drängten, und mein
kleines Zimmer zum Tummelplatze der verworrensten Szenen machten. Es war eine
Art von Fieberzustand, in welchem mir hundert Sachen einfielen, über die ich
noch lange werde denken und träumen können.
 
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                             William Lovell an Rosa
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Es ist um rasend zu werden! Alles ist dahin! Alle meine Ruhe, alle meine Liebe
ist gänzlich, durchaus verloren! Ich kenne mich kaum wieder, ich verachte und
hasse mich selbst, ob ich gleich nur auf den Zufall fluchen sollte. Denken Sie
nur selbst, alles war bestimmt und fest gemacht, Rosaline war so zärtlich gegen
mich, wie sie noch nie gewesen ist, sie war völlig davon überzeugt, dass ich sie
heiraten wollte, und bei Gott, ich hätt es auch getan; sie hatte mir die
gestrige Nacht zugesagt, und ich erwartete mit Ungeduld die Abendröte; ich
konnte mir meine Phantasieen und Hoffnungen gar nicht als wirklich denken - o
und sie sind es auch nun nicht geworden! Ich stehe hier wie ein Schulknabe, der
seinen Lehrer fürchtet, ich bin beschämt und verworfen: gestern kam noch bei
Tische ein alter Mann als Bote, der Pietros, des armseligen Fischers, des
Bräutigams Zurückkunft ansagte. In wenigen Tagen wird er hiersein. Ich war wie
vom Schlage getroffen, alle meine Sinne waren gelähmt, bleich, und wie aus der
Ferne hört ich nur die genaueren Nachrichten, die der Schurke mitbrachte. Schon
das verdammte Gesicht des Kerls, als er zur Türe hereintrat, kündigte mir nichts
Gutes an. Es war eine von den Physiognomieen, die dazu gemacht sind,
Unglücksbotschaften zu bringen.
    Und dann die Freude der Mutter! Die stille Beschämung Rosalinens, die mir
plötzlich durch die blosse Nachricht ganz abgewandt wurde! O mich wundert, dass
ich nicht den Verstand verloren habe! Sie weicht mir seitdem ängstlich aus, sie
ist kalt und fremde, und ich stehe auf demselben Punkte, auf dem ich mich am
ersten Tage unsrer Bekanntschaft befand. - Ich könnte den Kerl ermorden, der
sich so ungerufen zwischen uns drängt, und all mein Glück und meine schönen
Träume vernichtet. -Warum hängen wir so oft von nichtswürdigen Zufälligkeiten
ab! - Und nun jetzt, jetzt, da sich soeben alle meine Wünsche krönen wollten. -
Wenn ich sie sehe, mit all ihren Reizen, und die Phantasie mir die heiligen, von
keinem Blicke entweihten vor die Augen zaubert! Wenn ich mir das alles so ganz
hingegeben denke, und nun geht sie mir vorüber, und kennt mich nicht, und heut
abend war das letzte Ziel meines Glücks! - Ich könnte sie ergreifen, und im
Gefühle der Begierde erwürgen, und wütend an ihrem Busen sterben. - Raten Sie
mir, Rosa, was ist zu tun? Ich habe allen Verstand, alle Besinnung völlig
verloren.
 
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                             William Lovell an Rosa
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Ich bin noch wie im Traume, es ist Nacht, indem ich Ihnen schreibe, und ich weiss
noch immer nicht, was morgen geschehen wird. Seit einer Stunde bin ich von einer
Reise zurückgekommen, ich bin müde und kann doch nicht schlafen. - Die Ankunft
Pietros hatte mir mein Leben geraubt; ich, wusste den Weg, den er kommen, und
wann er anlangen würde. Ich ritt auf die Strasse nach Neapel: bei Rosalinen
schützte ich eine notwendige Arbeit vor, die ich in der Stadt zu Ende bringen
müsste. Hinter Sezza liegt ein einzelnes einsames Haus, dort erwartete ich den
Bösewicht, den ich schon im innersten Herzen hasste, noch ehe ich ihn gesehn
hatte. Er wollte gestern abend dort ankommen, und kam nicht. Endlich tat sich
nach Mitternacht die Tür auf, und er trat herein; er hatte noch gegenüber ein
kleines Dorf besucht, und hatte sich jetzt bei unruhigem Wetter über den Fluss
setzen lassen; dadurch war er so lange aufgehalten. - Nun ich ihn vor mir sah,
erwachte mein Hass noch grimmiger. - Ein ganz gemeiner Mensch, der kaum sprechen
kann, verdriesslich obendrein, und zwar deswegen, weil die gehoffte Erbschaft
nicht so ansehnlich ist, als er erwartet hatte. Das widrigste Gemisch von
bäurischem und schurkischem Wesen, schmutzig und gefrässig; dieses Tier ging
jetzt dem Besitze der göttlichen Rosaline entgegen, von der er in seinem ganzen
Leben nicht die kleinste ihrer Vortrefflichkeiten verstehen wird.
    Er brach auf, weil er gern bald nach Rom wollte; es war Mondschein, und er
fühlte sich noch frisch. Ich ritt dieselbe Strasse, und stieg vom Pferde, um mit
ihm zu sprechen. Der Schändliche sprach von Rosalinen, wie er von einem
Mittagsessen sprach, ohne alle Teilnahme, er wolle sie bloss des ganz kleinen
Vermögens wegen heiraten, das ihre Mutter besitze. Ich fragte, ob sie schön sei,
und der Niederträchtige, dem meine Gesellschaft nicht gelegen sein mochte, brach
in die gemeinsten und ekelhaftesten Zweideutigkeiten aus. Ich konnte mich nicht
länger halten. Er schimpfte in pöbelhaften Ausdrücken und da ich ihm drohte,
fühlte ich plötzlich die Faust des Nichtswürdigen an meiner Brust, indem er mit
der andern Hand ein Messer zuckte. Da bewältigte ich mich nicht mehr, ich riss
ihm den Dolch weg, verfehlte ihn aber und streifte ihn den Hals damit hinunter.
    Die Nacht und der heutige Tag sind mir in einem ununterbrochenen Schwindel
verflossen. Ich erwarte den Schurken in jeder Minute. - Ich hätte vielleicht
einen Handel mit ihm treffen können, dass er weiter keine Ansprüche auf Rosalinen
machen solle, wenn ich bei kaltem Blute gewesen wäre: ich weiss nun nicht, wie
alles sich endigen wird. Warum hab ich den tückischen Bösewicht nicht ermordet,
der meinem Leben drohte? Ich begreife diese Schwäche nicht, und dann ist es mir
wieder lieber, dass es nicht geschehen ist.
    Wäre Pietro nicht dazwischengekommen, so hätt ich Rosalinen geheiratet, wäre
mit ihr nach England gezogen, und hätte ihr und der Natur gelebt. -
    Wenn ich es noch tun könnte! Was hindert mich, mich der Mutter zu entdecken?
Aber der Bräutigam: er wird nun vielleicht etwas länger bleiben, da ihn die
Wunde wahrscheinlich am Gehen hindert, und diese paar Tage will ich noch in
Rosalinens Gesellschaft geniessen. - Ich bin zu müde, leben Sie wohl.
 
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                             William Lovell an Rosa
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Ich habe mehrere Tage hindurch in einer Verworrenheit aller Begriffe und
Empfindungen gelebt; ich mochte Ihnen nicht schreiben, weil ich zu träge war.
Jetzt aber will ich Ihnen den Verfolg meiner Liebe melden, und ich bin auf Ihre
Antwort äusserst begierig.
    Ich habe soeben eine Flasche Cyperwein getrunken, und meine Hand zittert,
indem ich schreibe; ich bin äusserst froh und zufrieden, und mir ist so leicht,
dass ich bei jedem Absatze aus vollem Halse lachen muss. Willy sieht mich von der
Seite mit misstrauischen Augen an, und scheint dabei halb eingeschlafen. Das
Leben ist das Allerlustigste und Lächerrlichste, was man sich denken kann; alle
Menschen tummeln sich wie klappernde Marionetten durcheinander, und werden an
plumpen Drähten regiert, und sprechen von ihrem freien Willen. - Heut am Morgen
kam die Nachricht von Pietros Tode; man hatte den Leichnam an der Landstrasse
gefunden, und ein Vorübergehender hatte ihn zufälligerweise erkannt. Sagen Sie,
was Sie wollen, es ist nicht möglich, dass ich schuld an seinem Tode sein sollte,
wenigstens kann ich es nicht glauben. An jener unbedeutenden Streifwunde kann
unmöglich ein so rauher, eisenfester Mensch verbluten: und wenn es der Fall sein
könnte, so hatte es der Schurke reichlich an mir verdient.
    Es war ein gross Geheul im Hause, vorzüglich von der Alten; Rosaline grämte
sich auch, aber ich bemerkte deutlich, wie sie sich im stillen von leisen
Gedanken trösten liess. Ich ging fort, weil mir die Szene zur Last fiel, und fand
Nachmittag Rosalinen allein in Tränen gebadet. Die Alte war ausgegangen, und kam
vor dem Abende nicht wieder. O wie sie schön war, als sie auf dem Fussschemel
sass, und den Kopf auf den weissen Arm auf dem Sessel stützte! Wie sich die
Umrisse aller Glieder aneinanderschmiegten, und das reizendste Bild, wie
hingegossen, dalag! Ich vergass alles, und verschlang die vereinigte Schönheit
mit gierigen Blicken. Sie sank weinend in meine Arme, und ihre Tränen lockten
die meinigen hervor. Ich fühlte ihr Herz klopfen, ich küsste sie, sie war ganz
Schmerz, und liess mich alles tun, was ich wollte. Meine Augen verschlangen die
Reize, und sie sah mich seufzend an. O Rosa, ich werde von neuem trunken, wenn
ich mich nur dieser Szene erinnre. - Wir sprachen von ihrem Unglücke, durch die
Tränen war sie weicher geworden. - Bald wurden ihr meine Scherze zu dreist, sie
stand auf und lief in ihre Kammer, ich folgte ihr nach. Sie bat, sie weinte von
neuem, und drückte mich dann heftig in ihre Arme, indes ich mich damit
beschäftigte, sie auszukleiden. Welche himmlische Reize entwickelten sich nach
und nach unter meinen geschäftigen Händen! Die letzte Hülle sank, und sie stand
nun nackt mit schamhafter Röte und brennendem Auge vor mir in einer grünen
Dämmerung die mediceische Venus, indem vor dem Fenster das grüne Weinlaub
zitterte, und einen Flimmerschein durch das Gemach warf. Wir sanken auf das
Lager und ich war der Glücklichste der Menschen.
    O mag alles um mich dunkel und ungewiss liegen, kein ander Gefühl gibt uns
Befriedigung, kein Genuss des Geistes erquickt uns. Nur hier, hier versammelt
sich alles, was durch unser ganzes Leben an Freuden und seligen Empfindungen
zerstreut liegt. Nur dies ist der einzige Genuss, in welchem wir die kalte, wüste
Leere in unserm Innern nicht bemerken; wir versinken in Wollust, und die hohen
rauschenden Wogen schlagen über uns zusammen, dann liegen wir im Abgrunde der
Seligkeit, von dieser Welt und von uns selber abgerissen. - Nein, nur für sie,
für Rosalinen allein will ich jetzt leben; Pietro ist ausgeblieben, und ich
nehme sie mit mir, ich hab es versprochen, nur ihr zu leben, und ich will ihr
und mir mein Versprechen halten.
    Alles dämmert vor meinen Augen, und ich sehe sie immer noch vor mir stehen,
halb in sich geschmiegt, halb an mich gedrückt. Nein, keine andre Erinnerung
verdient seit diesem Augenblicke einen Platz in meiner Seele - ich möchte zu ihr
hinüberstürzen, aber die Mutter ist jetzt dort. - Über die elende Narrheit! dass
es unsre sogenannte Tugend, unsre Lebensweise mit sich bringt, dass wir nicht so
glücklich sein dürfen, als wir sein könnten! - Die Menschen haben ordentlich
darauf studiert, alle ihre Freuden schon in der Geburt zu ersticken; da muss erst
Hochzeit, Trauung gehalten werden, tausend unangenehme und widrige Sachen um
sich her versammelt, Glückwünsche von alten Narren und Muhmen, damit ja das
Allerhöchste, der himmlischste Genuss im Menschen zum niedrigsten und
langweiligsten Spasse herabgewürdigt werde, damit wir uns ja auf keinen
Augenblick von dieser jämmerlichen Erde entfernen, und aus ihrem Dunstkreise von
Armseligkeiten mit den Flügeln der Wonne hinüberheben.
    Sie hätten sie sehn sollen, Rosa, wie Scham und Wonne in den hellen Augen
kämpften: wie sich mich zurückstossen wollte, und doch nur fester an sich
drückte; wie sie klagen wollte, und doch ihren Mund meinen wollüstigen Küssen
darbot. - Nein, bis jetzt hab ich noch nie diesen Genuss empfunden; das Vergnügen
an anderen Weibern ist nur wie ein Vorgefühl, eine Ahndung dieser Seligkeit. In
den Armen der Blainville fühlt ich nur den Anfang des Rausches, und log mir eine
Entzückung der Götter; Reue und Überdruss bemeisterten sich meiner sehr bald.
Laura, Bianca und alle übrigen dieser Zunft sind verworfene Geschöpfe, die ihre
Entzückungen heucheln, und nach dem Preise erhöhn. - Rosaline, Rosaline ist das
einzige Weib in der Welt, die übrigen sind ihr nur gleichsam nachgebildet.
    Ich fange jetzt wirklich an, schläfrig zu werden; die Traumbilder, die mich
begrüssen wollen, tanzen schon jetzt um mich herum, und necken mich. Alle haben
die entkleidete Rosaline in ihrer Mitte. - Ich werfe mich aufs Lager. Willy, seh
ich, ist schon zu Bette gegangen; in Rom schlägt es drei Uhr. - Leben Sie recht
wohl, lieber Rosa; ich beneide jetzt keinen Menschen, sondern bedaure sie alle.
Noch nie hab ich mich so darüber gefreut, dass ich Lovell bin. -
 
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                              Rosaline an Antonio
Ach, Antonio, Antonio! Komm doch so bald, als möglich. Ich getraue mir gar
nicht, meinte Mutter anzusehen; alles was ich sonst gern tat, ist mir jetzt zur
Last, mir ist, als gehört ich gar nicht mehr in dieses Haus. - Ich möchte einsam
und unbemerkt im Winkel sitzen, und den ganzen Tag über weinen. Ach, Antonio!
was hast Du aus mir gemacht? - Ich lebte so still vor mich hin, und war mit
allem zufrieden, und jetzt ist mir das ganze Haus zu enge, ich denke
unaufhörlich an Dich und an gestern, und mit einer quälenden Unruhe; mein Herz
schlägt schwer und gewaltsam. O komm heut recht früh, damit ich nur wieder ein
Paar Augen finde, die ich ansehn darf, und die ich, ach! so gern betrachte.
 
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                              Rosaline an Antonio
Ach, Antonio, Du geisst es war zu gut, dass ich Dir nichts abschlagen kann, und
das macht Dich so stark und dreist, weil ich nur zu schwach bin. Aber habe
Mitleid mit mir. - Ach, was kann mir nun alles noch helfen? Meine Laute macht
mir keine Freude mehr, meine Mutter ist mir oft in der Seele zuwider; und doch
möcht ich ihr manchmal um den Hals fallen, und ihr alles, alles sagen. Aber es
hält mir die Zunge fest, es drängt mir in der Kehle, dass mir die Sprache
versagt. Ich weine viel, und sie meint, es sei um den armen Pietro. - Ach,
Antonio, halte nur Dein Versprechen, ich beschwöre Dich bei der Muttergottes,
denn sonst bin ich gänzlich verloren.
 
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                             William Lovell an Rosa
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Wenn man recht froh und zufrieden lebt, in einer schönen Einförmigkeit, den
einen Tag, so wie den andern, so schreibt man ungern, weil man nichts zu
schreiben hat. Ich habe mich mit Rosalinen nun ganz gut eingerichtet, und ich
fühle nach langer Zeit die schöne Behaglichkeit wieder, die Erfüllung aller
Wünsche zu sehn, ohne jenen Sturm des Bluts, ohne jenes ängstliche Herzklopfen,
das aus unserm Leben unangenehme Abschnitte macht. Ich wäre ganz glücklich, wenn
mich der Eigensinn und die Launen Rosalinens nicht zuweilen störten. Dass sich
doch keine von den Schwachheiten ihres Geschlechtes losmachen kann! Sie ist
unzufrieden mit der Art, mit der ich Willy behandle, täglich wird sie
dringender, dass ich sie heiraten soll, und, was das Traurigste ist, alle ihre
Munterkeit, ihre Laune ist hin, und mit ihr jener unaussprechliche Zauberreiz.
Soll ich es mir gestehn, dass sie mich nicht liebt? Denn sonst könnte sie das
nicht beweinen, was mich glücklich gemacht hat.
    Willy hätte jetzt Gelegenheit, nach England zu reisen, wenn es nur nicht
mein Verhältnis mit Rosalinen störte.
 
                                       51
                             Rosa an William Lovell
                                                                         Tivoli.
Ja ich will nur endlich kommen, denn es scheint mir selbst, als wenn Sie meiner
bedürften. Lieber Freund, Sie sind in Ihren Briefen nicht mehr so aufrichtig,
als Sie es anfangs waren; Sie fangen an, sich zu maskieren, aber ich sehe gar
nicht warum. Schämen Sie sich zu gestehen, dass Ihre Leidenschaft nun nach dem
Genusse nicht mehr jenes stürmende, drängende Gefühl ist, voller Ahndung und
Ungewissheit? Sagen Sie es nur dreist heraus, denn die Schuld davon liegt nicht
an Ihnen, sondern an der Einrichtung unsrer Natur, der wir uns unbedingt
unterwerfen müssen. - Erinnern Sie sich, was ich Ihnen mit prophetischem Geiste
schon in einem meiner frühern Briefe sagte, dass man sich nie zwingen müsse, mit
Entusiasmus die Leere auszufüllen, die sich oft plötzlich in alle unsre Gefühle
reisst, denn dies ist die höchste Qual des Lebens, die wahre Tortur der Seele.
Geben Sie sich und Ihren Empfindungen nach, denn alle Ihre Schwüre, alle Ihre
poetischen Beteuerungen haben Sie im Grunde gar nicht getan, sondern es sind nur
notwendige Äusserungen des Gefühls das Sie damals hatten; Sie haben nicht
gesprochen, sondern Ihre Leidenschaft; diese ist jetzt fort, und mit ihr das
Wesen, das Sie so sprechen liess. - Doch mündlich ein mehreres. In wenigen Tagen
bin ich selbst in Rom; dann will ich doch auch Ihre Gotteit sehn und sprechen.
-
 
                                       52
                         Willy an seinen Bruder Tomas
                                                                            Rom.
Gottlob, Bruder, der Tag der Erlösung ist nun endlich da. Ach, mir ist recht
froh und leicht, fast so, wie wenn ich manchmal von einem recht schlimmen Traume
aufwache, und mich im warmen sichern Bette wiederfinde; ich kann nun doch
endlich nach England zurückreisen. Ein Franzose, ein Bekannter meines Herrn,
auch so einer von den Herzensfreunden, reist nach England; je nun, er ist immer
noch gut genug, dass ich mit ihm reisen kann, und doch nun meinen lieben Bruder
wiedersehe. Ich hätte auch hier das gotteslästerliche Leben nicht mehr aushalten
können, das kannst Du mir glauben, lieber Tomas; ich war hier ganz, wie unter
Heiden und Türken geraten, und hatte keinen einzigen frohen Augenblick. Mein
Herr ist verloren, der böse Feind hat ihn gänzlich und ganz und gar eingenommen;
lauter Unglück hat er angestiftet. Da ist hier ein armes, blutarmes und
unschuldiges Kind, ein hübsches Mädchen, das hat er verführt, das merk ich so
aus ihrem stillen, jammernden Wesen. Ich mag Dir nur nicht alles schreiben, wie
ich es denke, und es ist unrecht von mir, dass ich so denke: aber ich kann nicht
dafür, lieber Bruder, die Gedanken kann man sich nicht geben und nicht nehmen,
sie kommen ganz ungerufen, und quälen uns oft ebenso, wie Mücken und
Stechfliegen. Die sind hier sehr häufig, und auch so bei mir die schlimmen
Gedanken. - Nun ich denke, Gott wird mich schon wieder zurechtbringen, sobald
ich nur wieder auf unserm frommen, väterlichen Boden stehe. O wie freue ich
mich, Dich und meinen alten Herrn, den guten Herrn Lovell wiederzusehn! - Grade,
wie sich ein Kind auf den Heiligen Christ freut, so ist mir zumute. - Lebe wohl
bis dahin, bester Bruder.
 
                                       53
                              Rosaline an Antonio
Wo bleibst Du doch, Antonio, dass ich Dich gestern gar nicht gesehn habe? Willst
Du mich denn ganz allein lassen? - Ach, ich habe viel zu Gott und seinen Engeln
gebetet, aber mir ist keine Erhörung geworden, recht ohne Trost bin ich vom
Himmel, wie eine Sünderin, abgewiesen. - Die Saiten auf meiner Laute sind
gesprungen, und ich mag keine neue aufziehn: meine Laute, die ich von Kindheit
auf kenne, die ich sonst so innig liebte. Siehst Du, so weit ist es schon mit
mir gekommen. Die Tränen sind eine Gabe des Himmels, ich kann manchmal
ordentlich gar nicht weinen, wenn ich es auch so gerne möchte. - O komm, komm,
Antonio, ich bin sonst wie ein Kind, das sich im Walde verirrt hat. Alles
erschreckt mich, aber wenn Du da bist, ist es wieder wie ein Frühlingsschein um
mich her. - Wenn ich Dich heut nicht sehe, kann ich wieder die ganze Nacht nicht
schlafen; mir fällt so mancherlei ein, wovor mir graut. - Ach, wohl dem armen
Pietro, dass er tot ist! -
 
                                       54
                              Rosaline an Antonio
Ja wohl möcht ich sterben, sterben, Antonio. Du kömmst also nicht und siehst
nach der kranken Rosaline, der Du sonst so viel von Deiner innigen Liebe
vorgesprochen hast? - Ach, bleib noch ein paar Tage länger, und Du kömmst dann
vergebens, um sie zu suchen. - Wer ist nun treulos? Hab ich es nicht immer
gefürchtet, dass Du so sein würdest? - Wenn ich erst tot bin, so will ich Dir
erscheinen, Dich gewiss auffinden, und Deine Seele martern. - Dein Vater ist auch
fort; Gott, wie mag das alles zusammenhängen? - Ich will den Brief zu Dir
hinübertragen, ich weiss nicht, ob Du ihn erhalten wirst. Ach, was kann es mir
auch helfen? - Mein Bild, das Du gezeichnet hattest, lag bei Dir auf dem Boden,
man hatte schon daraufgetreten, es war ganz unkenntlich, ach, und es sieht mir
jetzt gewiss sehr ähnlich. - Siehst Du, so ist Deine Liebe! - Ach, Antonio, wenn
Du schon so bist, welche Ungeheuer müssen dann die übrigen Männer sein! - Ich
habe Dein Halstuch mitgenommen, und bewahr es wie ein Heiligtum. - Ach Du
geliebter Bösewicht, wohl versteh ich es jetzt, was ich sonst nicht begreifen
konnte, wenn Menschen sich vom Bösen versuchen liessen; Deine Gestalt, Dein Wesen
hat er dann angenommen. - Ich kann nicht weiter, ich muss laut schluchzen; sollt
ich Dich denn auch heut nicht wiedersehn?
 
                                       55
                           Rosaline an William Lovell
Ja, ja, nun ist mein Unglück gewiss. - Gott, ich werd es nicht überleben. -
Welche Ostern hab ich gefeiert! es sind die letzten, das fühl ich. - Du bist
also nicht der, für den Du Dich, ausgibst? O Himmel! Mein Antonio ist ein
Betrüger! - Mein Antonio? - Nein, Du bist nicht mein; Du bist mir fremd, Du bist
vornehm, Du kannst nie der meinige werden. Und jetzt könnt ich Dich auch nicht
mehr lieben. - Ach, wo ist alles, alles so plötzlich hingekommen, was ich für
Dich empfand? Hast Du mich denn wirklich nicht auf dem Platze der Peterskirche
gesehn? O gewiss, denn Deine Augen waren immer nach mir hingerichtet. Aber Du
schämst Dich jetzt meiner - Du - ich sollte Dich nicht so nennen, denn Du bist
nicht meinesgleichen, Du liebst mich nicht. - Mein Herz klopfte ängstlich - ich
kannte Dich gleich am Ziehen der rechten Augenbraune, an der Art zu lächeln - an
dem kleinen Flecke am Munde, ich wollte mich zu Dir drängen, ich konnte nicht;
ich dachte in Ohnmacht zu sinken. - Ich konnte nicht den Heiligen Vater ansehn,
als er den Segen sprach, denn ich sah nur Dich, Dich einzig und allein in der
ungeheuren Volksversammlung; meine Mutter stand hinter mir, und blieb zurück,
als ich mich vordrängte. - Ach wohin wollt ich mich drängen? - Lebe wohl, ich
sterbe bald, der Segen des Heiligen Vaters ist meine Einsegnung zum Grabe
gewesen. - Und Du warst so froh - ach, Antonio - vergib, dass ich Dich immer noch
bei diesem schönen Namen nenne - Antonio - o was kann ich sagen! Mein Kopf
schwindelt. - Soeben sang meine Mutter still vor sich hin eins von unsern alten
Liedern. - Ach, diese Lieder kennen mich nicht mehr, sie wollen mich nicht mehr
trösten. - Nein, ich will auch nicht getröstet sein, ich will verzweifeln, ich
will wahnsinnig werden, und so zu Dir rennen, so Dir mit fliegenden Haaren wild
vor die Augen treten, und Dich verlachen, wenn Du mich dann nicht mehr kennst. -
Ich glaube, mir ist im Kopfe eine Ader gesprungen, ich blute heftig, und bin wie
betäubt. O Ungetreuer, mit diesem Blatte empfängst Du zugleich meine
Blutstropfen; bald soll man meine Leiche vor Dir vorübertragen; freue Dich dann
Deines Werks! -
 
                                       56
                           Rosaline an William Lovell
Verwünschungen, Flüche hinter Dir her! - Sie werden Dich ereilen und ergreifen.
- Nein, ich kann nicht länger im Hause bei meiner Mutter bleiben, ich kann nicht
länger in dieser Welt bleiben, wo jeder Baum, jeder Grashalm mich an Dich
erinnert. - Mir ist seltsam, ich will durch die Welt wandern, und Dich suchen,
und wenn ich sterbe, sieh! dann treff ich Dich doch jenseits; denn Du musst auch
sterben, da kannst Du meinen Vorwürfen nicht entlaufen. - O weh Dir, Antonio,
dass Du sterben musst; dann wird Dir das Verzeichnis Deiner Sünden, aller, von der
kleinsten, bis zur grössten, verlesen. Mir ist der Tod ein Trost, Dir wird er
wehe tun. - Ich hab es schon lange heimlich geglaubt, aber keinem Menschen und
auch Dir nicht sagen mögen, dass Du an Pietros Tode schuld bist. - O wehe Dir,
wenn es so ist! - Ich werde hingejagt vom unbekannten Geiste in Tod und Grab, es
brennt in meinen Eingeweiden, und die Fluten der Tiber sollen diese Flammen
löschen. - Aber ich muss Dich noch sehn vorher, ich will Dir Deine Briefe
zurückbringen; ich will - ach, ich weiss selbst nicht, was ich will - sterben
gewiss.
 
                                       57
                        Leonore Silva an William Lovell
Ach, gnädiger Herr! Sie verzeihen es wohl einer alten Frau, wenn sie sich
untersteht, Ihnen zur Last zu fallen. - Meine Tochter, die letzte Stütze meines
Alters, ist tot; Gott mag ihrer Seele gnädig sein! Sie ist in die Tiber
gesprungen, gestern am Abend; vorher ist sie die ganze Stadt durchlaufen, und
hat immer nach Ihnen gefragt. Dann haben sie einzelne Leute in den Gärten vor
der Porta St. Angelo gesehn, sie hatte die Haare los, und schrie und sang, man
hielt sie für verrückt, konnte sie aber nicht einholen. Mit der Dämmerung und
dem aufgehenden Monde ist sie in die Stadt zurückgekommen. Auf der Brücke St.
Angelo stand sie endlich still, und sah ins Wasser, sie deutete auf den
Mondschein, und sagte: sie wolle jetzt in das goldene Paradies; ein Mann, der
dort stand, hat es ganz deutlich gehört: so stürzte sie sich vom Geländer
hinunter. - Man zog sie tot ans Land. - Ach, lieber gnädiger Herr, nun bin ich
ganz verlassen, erzeigen Sie mir doch die Ehre, mich noch einmal zu besuchen,
und eine arme, alte, verlassne Frau etwas zu unterstützen. Gott sei Rosalinens
Seele gnädig: ich bete fleissig einen Rosenkranz zu ihrem Heil, und auch für Sie,
dem Gott gnädig sein wolle, wenn Sie mir gnädig sind. Helfen Sie mir die wenigen
traurigen Tage leben. Meinen Gram, meine Klagen will ich Ihnen nicht
vorschwatzen. Gott ist über uns alle.
 
                                  Fünftes Buch
                                        1
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Wenn man sich noch einige Zeit nach dem geendigten Schauspiele verweilt, dann
der Vorhang wieder in die Höhe geht, und einzelne Stücke von Dekorationen an den
kahlen Wänden hängen, Waffen und Rüstungen zerstreut auf dem Boden liegen, die
emsigen Aufseher die Lichter auslöschen und sammeln, hin und wieder ein
schlechter Schauspieler noch mit tragischem Schritte auf und nieder geht, und
seine Rolle nicht vergessen kann: so, Rosa, in diesem armseligen Lichte
erscheint mir jetzt das Leben. Die Menschen sind mir nichts als schlechte
Komödianten, Tugendhelden oder witzige Köpfe, Liebhaber oder zärtliche Väter,
nachdem es ihre Rolle mit sich bringt, die sie so schlecht, wie es nur immer
eine wandernde Truppe tun kann, zu Ende spielen. Auch ich bin unter dem Haufen
einer der Mitspieler, und so wie ich die andern verachte, werde ich wieder von
ihnen verachtet.
    Warum schlagen so oft die höchsten Wogen in unsrer Seele, und dann so
plötzlich ein träger dumpfer Stillstand? So wie das moosige, schlammige Gestade
bei der Ebbe. - O ich möchte mir wieder Stürme in diese träge Blutmasse
wünschen, Gefühle, die die Tränen aus ihren tiefen Kerkern reissen, Seufzer und
Schmerz, Qual und Wollust, um wieder in den Kreis der übrigen Menschen zu
treten, den ich jetzt aus der Ferne anschaue und verachte.
    Willy und sein altes, gutmütiges Gesicht fehlt mir in jeder Stunde, er war
sehr froh, dass er sein Vaterland wiedersehen sollte. Wie gern sich der Mensch
doch an Erinnerungen und leblose Gegenstände fesselt, und jeden Berg und
einheimischen Baum für einen Freund und Wohltäter ansieht!
    Rosalinens Mutter ist befriedigt, und alles mit ihr abgetan; ich glaube, sie
wird nicht lange leben, und also auch meiner Unterstützung nicht auf lange
bedürfen, sie war sehr schwach, als ich sie sah. - Wie die Fäden eines
Weberstuhls flimmert und zittert das menschliche Leben vor meinen Augen, ein
ewiges Wechseln und Durcheinanderschiessen, und dabei doch das langweilige, ewige
Einerlei!
 
                                       2
                        Eduard Burton an William Lovell
                                                                         Bondly.
Mein geliebter Freund, noch immer muss ich Dich so nennen, sosehr Du Dich auch
von mir wendest. Ich kann mein früheres Leben nicht so wie Du aufgeben, um ein
neues in der Wüste zu suchen, ich bin nur Mann, weil ich Kind war, und alle
meine Erinnerungen und Gemütsstimmungen wie ein Ganzes zusammengehören. O
William, kehre zu uns zurück, sei wieder kindlich, heiter und unschuldig, wirf
jene glänzenden Sophismen von Dir, die nur Deine Ketten verkleiden.
    Ach ich sollte in einem ernstern Tone, mit tiefer Trauer sprechen, denn
welche Nachricht hab ich Dir zu hinterbringen! - Dein Vater ist nicht mehr, Gram
und Krankheit haben endlich seinem mürben Leben ein Ende gemacht, das gleichsam
nur noch an einem Faden hing. - Ach, William, ich kann Dir unmöglich alles
sagen, was ich denke. - Mit weinenden Augen habe ich die Papiere gesiegelt, die
ich Dir hierbei überschicke, halte sie in Ehren, denn es sind die letzten
Federzüge Deines Vaters, er muss oft in seinen einsamen Stunden nach Dir
hinübergedacht, nach Dir sich hingesehnt haben. - Auch mein Vater ist jetzt
krank, und ich habe viel mit seiner Pflege zu tun; o Freund, wenn man fürchtet,
dass jemand, den wir so wohl kannten, nun von uns scheiden will, nach einem
unbekannten Lande hin, und er selbst uns dann fremde wird - o dann verdoppeln
wir unsre Liebe und Sorgfalt, wir vergessen uns selbst, und eben deswegen
vieles, was wir ehedem an ihm tadelten. - -
    Amalie Wilmont ist mit Deinem Freunde Mortimer verheiratet. Ich weiss nicht,
wie Du diese Nachricht aufnehmen wirst; mir ist oft wie einem melancholischen
Zuschauer zumute, der im Schauspiele mit Widerwillen den Schluss des Stücks
herannahen sieht, wie sich alles verläuft, die Hauptpersonen ausbleiben, die
muntern Scherze schon erstorben sind - endlich fällt der Vorhang, und unsre
Freuden, unsre Teilnahme, unser Leben, alles, was wir hatten, ist dahin!
 
                                       3
                          Einlage des vorigen Briefes
Die grösste Schwachheit des Menschen ist, Plane für die Zukunft zu machen, und
doch besteht darin das Leben: auf nichts sollte man vertrauen, denn nie
entspricht die Zukunft unsern Erwartungen, wenn sie zur Gegenwart wird, und wir
selbst und unsre innersten Empfindungen sind ebensogut dem Wechsel unterworfen,
wie alles, was uns umgibt. Reut mich nicht jetzt, was mir vordem Freude machte?
Ach, mein Sohn, könnt ich Dich nur in meine Arme schliessen, wie froh wollt ich
sein, dass ich von meinem Traume erwacht bin! -
Wie alles von mir zurückweicht, was mich sonst aufrecht erhielt! Meine Hände
zittern, mein Gedächtnis wird schwach, und alle schönen Vorstellungen
verfliegen, wie die Dünste eines Rausches. Mein ganzes Leben liegt wie ein
dunkler Abgrund da, in den ich hineintaumelte, ohne Besinnung dalag, und mich
jetzt mühsam an den feuchten Wänden zum Lichte emporarbeite.
Nein, ich kann den Tod nicht fürchten, der mir in jeder Stunde näher tritt, ich
sehe ihm mit festen Augen, ja mit einer Art von Sehnsucht entgegen. Jeder Klang
ist versunken, nur eine innige Wehmut schlägt unermüdet ihre Töne in mir an, so
wie sich jedes fröhliche Geräusch in den ziehenden ernsten Kirchengesang
verliert. Alle Gedanken sind nach dem Grabe hingerichtet, Sonnenaufgang und
Untergang, alle Erscheinungen der Natur sind mir Boten, die mich dortin rufen.
- Ich begreife die Veränderung nicht, die in mir vorgegangen ist; vieles steht
verjüngt, wie in der Kindheit vor mir, ja ich bin wieder zum Kinde geworden, und
gehe nun durch dasselbe rosenrote Tor wieder aus dem Leben hinaus, durch welches
ich eintrat. So ist mein ganzer Lebenslauf nur ein Kreis gewesen, indem ich
immer glaubte, in grader Richtung fortzugehen. Die Welt mit allen Freuden und
Leiden liegt hinter mir, wie ein weites Gebirge, das der Nebel unkenntlich
macht, nur das Tal, in welchem ich Ruhe finden soll, seh ich deutlich vor mir.
Schwarze, im Winde flatternde Totengewänder mit tiefen steifen Falten, Gräber
und Totengerippe stehn vor meinen Augen, ohne dass ich mich, wie sonst, davor
entsetze: ist nicht alles um uns her Tand und Spiel, womit wir uns so ernstaft
beschäftigen? Wie wir die Trümmer alter Paläste besuchen und ausmessen, so
sollten wir mit Künstleraugen das Knochengebäude des Menschen betrachten, und
das erhabene Kunstwerk bewundern, von dem uns dort in nackter Entblössung
gleichsam die Latten und Grundlinien hingelegt sind, wie die Contoure einer
Zeichnung neben dem Menschen, dem vollendeten Gemälde. Wie ein veraltetes Kleid
legen wir den Körper ab, Blumen, Gräser und Insekten nähren sich von unserm
Stoff, so wie wir von der Pflanzennatur unser Dasein erbetteln, aber der Geist
schwingt sich aufwärts, und sieht mit Ruhe auf die Verwesung seines Körpers
hinab.
O könnt ich den raschen Jüngling, könnt ich Dich, lieber Sohn, nur einen Blick
so in die Welt und ihren durchheinandergezogenen verwirrten Wirbel hineinwerfen
lassen, wie ich jetzt alles sehe. Der Künstler wirft oft eine wunderbare
Erleuchtung in unsre Seele, indem er längst bekannte und oft gesehene
Gegenstände in seinem Gemälde so ordnet und zusammenstellt, ein eignes Kolorit
und seltsame Zufälligkeiten hinzufügt, dass seine Darstellung eine neue und
wundersame Bedeutung erhält. Aber für meine Gefühle und Ideen hat die
gewöhnliche Sprache, das fühl ich, keine Worte, ich müsste eine Art von Gedicht
schreiben, um Dich etwas näher in meine Atmosphäre zu ziehn, so wie vielleicht
alles recht Gute und Verständige immer ein Gedicht sein müsste, weil das, was den
Menschen ganz befriedigen soll, sein Gefühl und seinen Verstand zugleich
ausfüllen muss. Reine Sätze der Vernunft auf die gründlichste Weise
hintereinandergestellt, lassen die grössere Hälfte im Menschen leer, und noch
niemand ist auf diese Weise geändert oder gebessert worden. Könnt ich Dir doch,
wie durch tausend Hohlspiegel, das Bild so zuwerfen, wie ich es vor mir sehe, o
William, Du würdest es nicht der Mühe wert finden, zu leben, alles das tief
verachten, was die gewöhnlichen Menschen Fröhlichkeit und Lebensgenuss nennen.
Nichts macht mich ernstafter, als ein lachendes Gesicht, als jene hohe Festtage
im menschlichen Leben, wo man recht darauf sinnt, und sich zwingt, alles
Gewöhnliche abzulegen; aber die neuen Kleider veralten ebenfalls, und werden
verächtlich in einen Winkel hingeworfen. Die Zeit rinnt Tropfen für Tropfen
unmerklich und unaufhaltsam fort, und alles ist dann leer und vorüber, in den
Wind zerstreut und verflogen, dass der Mensch sich wie berauscht umsieht, und
nicht begreifen kann, wo alles ihm unter den Händen fortgekommen ist, was er
innig an sein Herz geheftet glaubte. - Ein Bauer hat heute hier in meinem Dorfe
Hochzeit gemacht, der Zug ging vor meinem Hause vorüber, und ich musste ihnen aus
dem Fenster Glück wünschen, ja die freudetrunkenen Menschen liessen mir nicht
eher Ruhe, bis ich mich in ihre Wohnung tragen liess, um an dem Getümmel, an den
Anstalten, die schon seit Wochen gemacht waren, und nun endlich, endlich
gebraucht und verbraucht wurden, teilzunehmen. Für die beiden Neuvermählten war
dieser Tag nun der wichtigste, seit die Welt steht; sie meinen, dass von diesem
Tage ein Abschnitt durch die Zeit in ganz Europa gehe, dass alles um ihre
Hochzeit wisse, und jede Seele sie beneide: sie geben sich der stürmenden Freude
und dem lauten Lachen preis, ach! und bedenken nicht, dass sich alle
Empfindungen, frohe und traurige, in uns nur, wie in einem Behältnisse sammeln,
dass dies Vermögen ihrer Fröhlichkeit in einigen Stunden verschwendet wird, und
dass sie dann in einer nüchternen Leerheit darben, und fröhliche Minuten
erbetteln, die sie jetzt wegwerfen. Wenn ihr bei der Feldarbeit schwitzt, und
unter dem Joche der Dürftigkeit seufzt, ach so werdet ihr sehr bald den heutigen
Tag vergessen, eure Kinder werden euch nicht so entzücken, als an dem Tage ihrer
Geburt, wenn sich nach und nach die Leiden entwickeln, die ihr um ihrentwillen
duldet; die seidnen schöngeschürzten Quäste auf eurem Bette werden alt und
unkenntlich, und den Kindern zum Spiele heruntergerissen werden, die die Braut
gestern mit so emsiger Zierlichkeit aufsteckte, die neugeweisste Stube wird von
der Lampe und vom Feuer schwarzgeräuchert, eure glatten Gesichter legen sich in
Falten, Zwietracht und Zank, Krankheit und Gram hemmen den Strom eures Lebens,
der euch jetzt so eben und glänzend erscheint. - Ach, William, ich dachte an den
frohen Tag zurück, der mich mit Deiner Mutter verband; wie alles sich verwandelt
hat, und nichts in mir dem Lovell ähnlich sieht, der ich an jenem Tage war. Ein
rauher Wind bläst über den Wald her, die halb abgelösten Tapeten rauschen und
klatschen im Nebenzimmer, der Regen schlägt gegen die Fenster. Und doch,
William, wenn ich Dir nur die Anstalten zu Deiner Hochzeit hätte besorgen
helfen, ach ich wäre gewiss schwach genug gewesen, alles zu vergessen, und in der
Einfalt des menschlichen Herzens zu glauben, die Natur schliesse uns von ihren
harten Gesetzen aus, und alles werde so golden und freundlich bleiben. - Und ist
dies auf der andern Seite nicht vielleicht die höchste Weisheit des Menschen?
Muss ich nicht alle Zirkel um mich her aus meinem Mittelpunkte ziehen? -
Ich will immer anfangen einen Brief an Dich zu schreiben, und nehme die Feder
und schreibe mancherlei nieder, und vergesse Dich dabei. Dann fällst Du mir
plötzlich wieder ein, und der ganze Brief wird dann durch einen Zufall
abgebrochen, und es ist mir unmöglich, den Faden wiederzufinden. So habe ich
schon einige Blätter vollgeschrieben, aber ich habe sie vergebens gesucht. -
Wenn ich die Augen zumache, unterrede ich mich mit Dir und trage Dir allen Gram
und alle Sorgen vor. Ich finde dabei nichts zu lachen, denn was tun unsre Briefe
denn anders? Vielleicht dass sich in einem andern Leben die entfernten Gedanken
schneller und edler zusammenfinden, als durch Sprache und tote Zeichen;
vielleicht dass wir dann erst besitzen, was wir jetzt nur zum Lehn erhalten
haben; vielleicht tut sich uns dann das Verständnis auf, dass alle, alle Menschen
das Gute wollten und hatten, aber dass die grobe unbeholfene Aussenseite nicht
gelenk genug war; und so finde ich denn, William, dass Du mir auch jetzt nicht
entfremdet bist. Der Gedanke beruhigt mich, und macht mich heiter.
Keine Antwort von Dir! Kein Laut aus der fernen Gegend herüber! - Wie ich mich
hinsehne, wie sich oft mein Geist in mir ausstreckt, als wenn er zu Dir
hinüberreichen wollte. Ich erinnre mich mancher Kindermärchen, und kann
stundenlang an das Wünschhütchen denken, das einen plötzlich von einem Orte zum
andern versetzt; dann könnt ich Dich sehn und an Deinen Hals fliegen. Aber es
ist unrecht, dass Du mir nicht schreibst, wodurch hab ich das um Dich verdient? -
Kannst Du noch immer jenes Briefes wegen auf Deinen Vater zürnen? - Ich habe
Dich schon um Verzeihung gebeten, und will es noch einmal tun.
Mir sind die Schilderungen der Schlachten nicht fürchterlich, die sonst so
leicht unsre Phantasie erschrecken. Hier fällt ein Mann zur Rechten, dort zur
Linken, streifende Kugeln quetschen ganze Glieder nieder, Köpfe und
blutbesprützte Arme liegen umher, und der Soldat marschiert mit geradem Sinn den
Gefahren entgegen, sieht nicht nach seinem Kameraden links, nicht nach seinem
gefallenen Bruder zur Rechten, tritt auf den Leichnam, der vor ihm liegt. - Ich
kann diesen Mut nicht bewundern, denn tun wir alle etwas anders im gewöhnlichen
Leben? Freunde sterben zur Rechten und zur Linken, und wir gehn dreist und grade
fort, als würde uns der Tod niemals ereilen: wir erschrecken nicht vor dem
Gifte, das diesen und jenen wohl von uns Gekannten hinrichtete. Wir haben nur
unsre Plane und Entwürfe im Auge, ach und bemerken es nicht, dass die Zeit hinter
uns schleicht, und uns unvermerkt in Staub und Asche verwandelt. O wehe der
menschlichen Eitelkeit! Wohl dem, der sich aus dem Strudel rettet, der uns alle
mit sich fortwälzt! - Die höchste einzige Weisheit des Menschen ist: nicht
diesem elenden Götzen zu opfern, dem, wie dem Moloch, alle unsre Kinder in die
glühenden Arme gelegt werden. - Ach William, es gibt kein einziges ernstaftes
Geschäft in dieser Zeitlichkeit, als zu sterben.
Ach ja wohl könnte der Mensch viel besser sein, wenn er immer in sich den kurzen
Raum des Lebens bedächte. - Wie würden wir alles mit Liebe umfangen, wie warm
jedem Gegenstande, dem wir nahe sind, die Hand drücken, wenn wir immer
bedächten: Ach, auch dieses Gebild zerfällt in kurzem, und du weisst dann nicht,
wohin es gekommen ist; es sehnt sich nach deiner Liebe, o gib sie ihm, solange
du es noch, vor dir siehst. Mein Vater steht jetzt vor mir, und mahnt mich an
allen Gram den ich ihm so oft ohne Ursache machte, wie wenig ihm mein Herz in so
manchen Stunden entgegenkam. Auf seinem Sarge und jetzt hab ich es recht lebhaft
gefühlt, wie viel ich ihm hätte sein können. - Auch Du, William, wirst einst
nach mir in den Wind seufzen, und meinen Grabhügel fragen, ob ich Dir denn auch
ganz und aus vollem Herzen vergeben habe; ja, ja, geliebter Sohn, lass keinen
Seufzer der Reue dann in Deinem Busen aufsteigen; ach freilich habe ich in
manchen Stunden sehr auf Dich gezürnt, aber alles, alles ist jetzt fort, und
mein Herz ist nur mit reiner Liebe angefüllt.
Ich habe einen Blick hinab ins Tal des Todes getan, und nun taumeln alle Wesen
dieser Welt nüchtern und leer meinen Augen vorüber. Alles sind nur Larven, die
sich einander selbst nicht kennen, wo einer dem andern vorübergeht, und ihm ein
hohles Wort gibt, das jener durch ein unverständliches Zeichen beantwortet. -
Wie wüst ist mir seitdem, und wie alles durcheinander verworren! alles wie trübe
und unkenntliche Schatten eines veralteten Gemäldes. - Ich weiss mich kaum noch
des gestrigen Tages zu erinnern, in der Zukunft wandelt mein Geist, wie einen
Fremden betrachte ich mich selbst, und wünsche den Augenblick meines Todes.
Nur Dich, William, vermiss ich noch, sonst nichts in der Welt, ich übersehe mein
Leben und alle meine Erfahrungen gleichsam in einem Register. Unsre heftigen
Begierden, unsre Entzückung und Verzweiflung entsteht nur daher, weil wir uns
selbst und den kleinen Punkt unsers Lebens, auf dem wir grade stehen, zu sehr
vor Augen haben, über unser kleines Unglück denken wir nicht daran, dass in
demselben Momente viele Tausende unendlich elender sind, als wir, dass sich der
Nachbar indessen freut, und in dieser Fröhlichkeit vielleicht schon unbemerkt
die Quelle künftiger Trübsale sprudelt. - Alles ist mir jetzt gleich, nur nach
Dir sehnt sich noch mein schwaches, väterliches Herz - Du bist krank, mein Sohn,
es leidet keinen Zweifel, sonst würdest Du schon vor mir stehen.
Mein Herz arbeitet schwer in mir - nur unwillig tut es die letzten mühseligen
Schläge, der Tod hat es mit seiner kalten Hand berührt, und die Lebenskraft
hinweggenommen - das Licht des Tages flieht. - Lebe wohl. -
 
                                       4
                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                            Rom.
Ja wohl verfliegt alles und geht hinweg, und ich bin der betrübte Zuschauer des
Possenspiels. Mein Vater ist also tot, und Amalie verheiratet? - O möge es
beiden gut gehen, das ist alles, was ich zu dieser Nachricht sagen kann. - Was
ist es denn nun mehr? Ist es nicht so, und muss es nicht so sein? - Der Toren,
die sich die Haare ausraufen, wenn ein Vorfall eintrifft, der notwendig ist, und
der in der Natur der Dinge gegründet liegt! Tod könnte nicht ohne Leben und
Leben nicht ohne Tod sein. - Mag es dahingehn, was mir einst so wert und teuer
war, denn was können wir in dieser Welt unsern Besitz nennen?
    O ihr Menschen mit euren gepriesenen Grundsätzen! den Pfeilern, an denen ihr
euch lehnt, und die sogenannten schwächeren Menschen um euch her verachtet! -
Was ist denn diese eure gepriesene Vernunft? Diese Seelenstärke, mit der ihr
euch brüstet? Alles ist nur Feigheit, weil ihr euch selbst und euren Gefühlen
nicht vertraut; oder vielmehr ihr habt kein Gefühl, aller menschliche Instinkt
ist in euch untergegangen, und ihr behelft euch nun mit elenden Formeln, die ihr
mühsam erfunden habt, um eure Blösse zu decken!
    Welcher Mensch ist denn der edlere - derjenige, der stets nach dem Gefühle
handelt, das ihn gerade in diesem Momente beseelt und ergreift, das ihn wie ein
Gott im Busen vorwärts treibt, und er nun geht, ohne mit feiger Ängstlichkeit
hinter sich zu blicken? Oder der, der nur als ein Sklave nach einem Gesetze
sucht, nach dem er handeln müsse, weil es ihm lästig fällt, frei zu sein, und er
also auch die Freiheit nicht verdient? Der Mensch ist nur denn geadelt, wenn er
aus stillen unbewussten Gefühlen auf die Art gut ist, wie das Tier durch
Instinkt, Nahrung und Gesundheit erwirbt, wie die Pflanze von innen
herauswächst, ohne ihren Willen. -
    Die Grundsätze werden von den Menschen nur erfunden, um in einer trägen
Bequemlichkeit ihr Leben so vor sich hin zu treiben, und in jedem Moment das
Ganze übersehn zu können. Sie haben es in irgendeinem Augenblicke ihres Daseins
recht lebendig gefühlt, dass kein Gedanke und keine Vorstellung fest und
unerschütterlich in uns stehen, dass eine strömende Empfindung, die oft plötzlich
hereinbricht, das niederreisst und hinwegführt, was oft seit Jahren mühsam
aufgebaut wurde; darum haben sie etwas ersinnen wollen, was die Gefühle wie mit
eisernen Klammern aneinanderhält, sie haben die meisten Saiten der Laute
zerrissen, um alle Töne im Gedächtnisse zu behalten, und sich durch keinen Klang
überraschen und verwirren zu lassen. - Aber wohl dem Menschen, der diese dürre
Bahn verlässt, auf der er sich erniedrigt fühlen muss, der sich vor keinem Gefühl
und Gedanken in sich selber entsetzt, der alle Segel seines Geistes anspannt,
und alle Flaggen im Winde fliegen lässt, ihm allein ist es vergönnt, sich selber
und seine geheimen Wunder in der Brust kennenzulernen; er findet tausend
Widersprüche in sich selber, alle Töne schlagen in ihm an, und er bildet aus
allen eine reiche Harmonie, die freilich dem gröberen Ohre unverständlich ist;
er sammlet alle die Tausend der seltsamen Erfahrungen, um sich endlich über sein
eigenes Wesen zu beruhigen.
    Ich habe mit Andacht die Blätter von der Hand meines Vaters gelesen; seine
Stimme tönt wie die Stimme eines unsichtbaren Geistes jenseit eines breiten
Stromes zu mir herüber; er sagt in seiner Verklärung mit andern Worten eben das,
was ich soeben behauptet habe. -
    Ihr Edlen und Vollendeten! die ihr aus dem verklärten Himmel mit Hohn auf
die Welt hinunterseht, und doch so sehr den gefallenen Engeln ähnlich seid! -
Warum hast Du mir keine Silbe von dem verlornen Prozesse meines Vaters
geschrieben? - Er ist verloren, und mein Vater und Amalie sind mir auch
verloren! - - Du konntest es aber nicht unterlassen, mir die Krankheit Deines
Vaters zu melden, weil Dir die Hoffnung Deiner baldigen unumschränkten Freiheit
zu sehr im Sinne lag; eine heimliche Freude führte bei dieser Stelle Deine
Feder, das wirst Du mir nie ableugnen können, wenn Du aufrichtig bist. Um Dich
aber vor Dir selbst zu rechtfertigen, gebieten Dir Deine Grundsätze die Wartung
des Kranken, die Liebe eines Sohnes für ihn - o mehr kannst Du ja gar nicht tun,
Du beweinst dann noch seinen Tod - und welch ein vortrefflicher Mensch bist Du!
- O hinweg mit diesen Grundsätzen, mit allem ähnlich klingenden Galimatias! -
Larven, die den Eigennutz verbergen sollen, die der Dünkel erfunden hat, um sich
zu verschönern. O glaube mir, man kennt die Menschen, wenn man sich selbst
kennt. - Und ich kann Dir auch diesen Eigennutz, diese heimliche Freude nicht
verübeln, nur bin ich vedriesslich, dass Du alles so absichtlich zu verstecken
suchst, und mit glänzendem Firnis anzustreichen. Du ziehst Dich von mir zurück,
seit unsre Meinungen sich getrennt haben, und Deine Freundschaft für mich
entstand vielleicht bloss, weil ich Deine Eitelkeit nährte.
    Ach, wenn ich den trüben Strom meiner Erfahrungen hinuntergehe, und daran
denke, aus wie seltsamen Vorfällen sich so oft mein Leben zusammenfügte! Wie
gedemütigt stehe ich dann an denselben Plätzen, an denen ich mich ehemals so
gross und edel fühlte, bloss weil ich mir selber meine innern Empfindungen
abstritt. - Eitelkeit, sagt ich, verband uns vielleicht, und ich möchte jetzt
hinzusetzen, dass ich nicht mehr daran zweifle.
    Erinnerst Du Dich noch des Tages, an welchem zuerst aus einer Bekanntschaft
unsre sogenannte Freundschaft entstand? - Wir waren auf einem Spaziergange, es
war ein schöner Tag, und wir bestiegen den Berg, auf welchem schauerlich und
wild die Ruinen eines alten Schlosses liegen. - Du klettertest mir mit
jugendlichem Mute voran, um mich in der Kühnheit zu übertreffen, und mein
Wetteifer vermehrte sich mit Deiner Geschicklichkeit. Wir standen oben, und
sahen mit Entzücken in die romantische Gegend hinab; ich hatte Dich bewundert,
aber Dir war es noch nicht genug, Du stelltest Dir jetzt auf den äussersten Punkt
eines hervorragenden, zerbröckelten Gesteins, so dass mir hinter Dir schwindelte.
Ich sah Dich frei in der Luft schweben, und eine unbegreifliche Lust ergriff
mich, Dich von der Spitze des Felsen in die Tiefe hinunterzustossen; je mehr ich
mich dieser Begierde erwehren wollte, desto heftiger ward sie in mir; endlich um
mich selbst zu überwältigen, riss ich Dich mit gewaltigen Armen zurück, und
schloss Dich an meine Brust, und weinte laut; Du weintest mit mir, denn Du
glaubtest, meine Tränen wären nur Zeugen meiner Liebe, meiner Besorglichkeit für
Dich; - und so band Dich ein blosser, schrecklicher Irrtum an mich. Hätte ich Dir
mein Gefühl gestanden; so hättest Du mich mit Abscheu zurückgestossen, und einen
verworfenen Menschen genannt: Du wärest von dem Augenblicke an mein Feind
geworden. - Aber jetzt gesteh ich Dir dies Gefühl, weil Du doch immer so strenge
Wahrheit verlangst. Wie sich dieser ganze Brief in dem verkleinernden Glase
Deiner Seele abspiegeln wird, kann ich nicht berechnen. - Wer sich selbst etwas
näher kennt, wird die Menschen für Ungeheuer halten. -
 
                                       5
                           Mortimer an Eduard Burton
                                                       Roger Place in Hampshire.
Ich vereinige meine mit Amaliens Bitten, um Sie zu bewegen, uns mit Ihrer
Schwester hier auf einige Tage zu besuchen. Ich finde mich hier ausserordentlich
glücklich und froh. - Ach, lieber Freund, folgen Sie meinem Beispiele, verlieben
Sie sich, und heiraten Sie dann, dies ist die schönste Epoche, das fühl ich
jetzt innig, die der Mensch erleben kann. Mag man doch vom Genusse der
Philosophie und von den wunderbaren Empfindungen, die uns das Studium der
schönen Wissenschaften gewähren soll, sprechen, was man will, es gibt immer
Augenblicke im Leben, in denen der Mensch die Leere fühlt, die ihn dabei umgibt
wie wenig alle seine Beschäftigungen mit ihm selbst zusammenhängen. Aber wenn
zwei Seelen miteinander verbunden sind, und der eine den andern mit jedem Tage
mehr versteht, und sich ihr Band immer fester schlingt, wenn man selbst neue
Schwachheiten entdeckt, und dabei doch sieht, wie innig diese mit den
Vortrefflichkeiten zusammenhängen - o so fühlt man sich fest an diese Erde
gekettet, auf der man vorher nur Gast und Fremdling war. Der Baum, der schon
verdorren will, und den der Gärtner nun plötzlich in andere fruchtbare Erde
setzt, so dass sich seine Wurzeln mit neuer Kraft ausstrecken und durch den Boden
schlagen, diesem Baume muss ohngefähr so zumute sein, wie mir jetzt gegen ehedem
in meinem freien Stande war, als ich mich noch für nichts, als für mich selbst
interessierte.
    Lächeln Sie immerhin über mich was tut es mir? Nennen Sie mich einen
Schwärmer, und ich will Ihnen danken. Zeigen Sie mir den Menschen, der im Grunde
nicht schwärmt, wenn er sich froh und glücklich fühlt.
    Ich weiss es selbst recht gut, dass, sowenig ich auch eigentlicher
entusiastischer Verliebter bin, ich doch selbst nach einigen Monaten noch etwas
kälter sprechen werde als jetzt; aber wahrlich bloss darum, weil ich mich dann an
mein Glück schon etwas gewöhnt habe, nicht, weil ich es weniger innig fühlen
werde. - Ach, wir wollen lieber die ganze Untersuchung fahrenlassen, sosehr der
Mensch auch dahin neigt, alle seine Empfindungen zu zergliedern, ob sie es
gleich nicht vertragen wollen.
    Dass die meisten Leute in einem bejammernswürdigen Irrtume ihre Sinnlichkeit
für rohe Liebe und für das Ebenbild der Gotteit halten, ist gewiss, und hat mir
selbst ehedem zu manchen witzigen Einfällen Gelegenheit gegeben: aber die Zeit
ist jetzt vorüber, wo mir der höhere Mensch nicht denkbar war, der beide
Empfindungen in eine verbindet, und eben dadurch beide veredelt. Wenn der Mensch
sich in keiner Stunde durch diese Verbindung gestört fühlt, dann glaub ich hat
er seine schönste Vollendung als Mann erhalten, er ist über niedriger Wollust
und über schaler, fein ausgesponnener und langweiliger Zärtlichkeit gleich weit
erhaben.
    Mein Landsitz begrüsste uns mit einem der schönsten Tage, als wir
hieherzogen, und das Wetter ist sich seitdem fast gleichgeblieben. Ich lerne
mich jetzt in die Reize des Landlebens und einer schönen Einförmigkeit ein, die
in der Ferne oft so langweilig aussieht, aber nur deswegen, weil sie nicht wie
eine Weihnachtspyramide mit Freuden ausgeputzt ist, die ins Auge fallen; aber
der stille, leise Genuss, der unser Herz ausfüllt, ohne dass es selbst der
Gegenstand unserer Liebe weiss, dies ist eigentlich die reinste Freude dieser
Erde, durch keine Worte und durch kein Klapperwerk entweiht. Kandaules fühlte
sich gewiss nicht glücklich, als er durchaus einen Zeugen seines Glückes haben
wollte: in den meisten Fällen ist eine solche stürmende Prunkglückseligkeit nur
Eitelkeit; wir sind nur glücklich, damit uns andere beneiden sollen. - Hinweg
damit, und hinweg mit aller Deklamation darüber! -
    Kommen Sie und sehn Sie mich selbst und mein kleines Paradies um mich her;
Neid, mehr zu besitzen, Widerstreben gegen eine Eingeschränkteit, die uns doch
so wohltätig und nötig ist, diese Laster sind es, die jeden Menschen aus seinem
Paradiese vertreiben, das er sonst ungestört geniessen könnte: ach, und wer
einmal über die glückliche Grenze gekommen ist, dem stellt sich auch ein Engel
mit einem feurigen Schwerte entgegen, dass er nicht zurückkann. Unsere vorige
Seligkeit sieht dann in der Ferne so dürftig aus, wie mit entblätterten Bäumen
und verdorrten Gebüschen. - Leben Sie wohl, Sie sehn schon, dass ich zum Poeten
geworden bin.
 
                                       6
                        Amalie Wilmont an Emilie Burton
                                                                    Roger Place.
Teure Freundin, ich bin hier ausserordentlich froh und gesund; ich wünsche, dass
Sie uns hier besuchten, und mit uns die frische Luft und angenehme Gegend
genössen. Kommen Sie, sobald Sie können. - Ich bin in grosse Versuchung gekommen,
Ihnen meinen hiesigen Aufentalt zu beschreiben, weil ich gern schwatze, wenn
ich mich so recht glücklich fühle. -
    Vor unserm Hause ist eine grosse Allee von schönen Bäumen, die weit hinunter
gehn, bis sie sich in ein angenehmes Wäldchen verlieren; unter den Bäumen
trinken wir des Morgens Tee, und gehn dann spazieren. Auf der andern Seite des
Hauses hat man eine schöne weite Aussicht über Wiesen und Ebenen, die alle so
frisch, wie hingegossen daliegen: ich kenne schon alle Dörfer in der Nähe, und
so weit mein Auge sieht, bin ich wie zu Hause. Bei unsrer Wohnung ist zugleich
ein sehr schöner Garten mit Teichen und niedlichen Brücken, alles so hübsch hell
und natürlich, nicht mit Felsen vollgepackt, oder voll ängstlicher dunkler
Alleen bergauf und - ab, die einen nur ermüden und ängstigen, und aus denen man
sich oft gar nicht wieder herausfinden kann; nein, dieser Garten sieht recht aus
wie das Leben eines glücklichen Menschen; dunkle Alleen mit hohen Bäumen, die
sich oben wie das Dach einer Kirche wölben, die wie seine ernsten schönen Tage
dastehn, in denen er sich und die Zukunft jenseits des Grabes denkt;
Blumenstücke, in denen sich die Winde jagen, und blaue und rote Schmetterlinge
mit ihren breiten Flügeln sich herumtreiben, das Bild seiner launigen Stunden,
in denen ohne Zusammenhang eine frohe Empfindung die andre drängt; kleine
Gebüsche, die zerstreut wie die heitern Tage umher stehen, wo man sich schon im
voraus auf einen andern freut, der so nahe ist, dass man ihn und viele andre
bequem mit den Augen abreichen kann.
    Und dann die Menschen hier! - Ich gehe sonntags mit grosser Andacht in die
Kirche, was ich in der dumpfen Stadt niemals konnte. Dort war mir, als wenn ich
von einem Gefängnisse in das andre wanderte. Aber hier ist alles, selbst die
Art, wie man zu Gott betet und ihm dankt, weit natürlicher; man kann sich hier
die alten Erzählungen von der grossen Frömmigkeit, von der hohen Liebe der
Menschen zu Gott und untereinander recht lebhaft denken. - O liebe Freundin! ich
fühle, dass ich hier nach und nach weit besser werde, als ich sonst war, ich
lerne die Menschen mehr kennen, und liebe sie mehr. In den ersten Tagen war mir
alles hier freilich so einsam, von Eltern und vom Bruder entfernt, alles kam
mir, wie eine Wildnis vor. - Mortimer, der viel gereist ist, und sich nicht mehr
erinnern kann, wie lieb man das Haus hat, wo man geboren ist, lächelte über
mich, und dies trübselige Gefühl verlor sich auch sehr bald.
    Was mich am meisten froh macht, ist, dass ich nun doch oft Gelegenheit habe,
manchen Armen zu trösten, und auf Tage glücklich zu machen. - Ach, wie viel hab
ich oft in London gelitten, wenn ich aus dem Fenster, aus dem warmen Zimmer das
Elend der Menschen sah, und gern helfen wollte und nicht konnte. Ich verschenkte
oft alles, was ich hatte, und schämte mich innerlich, wenn ich berechnete, wie
viel mir mein unnützer Putz, Tapeten, Spitzen und dergleichen Kindereien
kosteten, die ich noch alle hätte entbehren können. Ich weinte oft, wenn ich
nichts mehr wegzugeben hatte, und gelobte kindisch, wie viel ich einst tun
wollte, wenn ich einmal durch einen Zufall reicher würde. - Jetzt sind mir die
Gemälde des Jammers aus den Augen gerückt, und ich bilde mir ein, dass plötzlich
alle getröstet sind, und im Überflusse leben, weil ich sie nicht mehr vor mir
sehe. Hier hab ich freiere Hand, weil ich mehr dazu anwenden darf, und weniger
Gegenstände meines Mitleids finde. Es ist das schönste Gefühl, einen Armen
wieder auf einen Tag beruhigt zu haben, der wie eine lange Wüste vor ihm lag,
durch die er noch wandern musste. Die Männer sind doch seltsame Wesen! Mein
Mortimer gehört nicht zu den härtesten, und doch scheint er in manchen Stunden
für dergleichen ganz gefühllos. Ich hatte neulich einen ordentlichen Streit mit
ihm. Schon seit einigen Wochen trieb sich hier eine arme Französin herum, sie
schien aus einem guten bürgerlichen Hause, und erzählte viel von ihren Eltern,
die ihr früh in der Jugend gestorben waren, und von mancherlei Unglücksfällen,
die sie seitdem erduldet hatte. Ich will gerne glauben, dass manches davon
erdichtet war; aber verdient ein Unglücklicher darum weniger unser Mitleid, weil
er es nicht jedem Fremden vertrauen will, durch welche Schwächen er so
unglücklich ward? Ich dachte mich in die Lage der Frau hinein, und wollte sie in
meine Dienste nehmen, aber Mortimer setzte sich dagegen, und zwar aus keinem
bessern Grunde, als weil sie ausgezeichnet hässlich und dabei einäugig sei, er
sagte, dass er einem solchen Wesen nie trauen könne. - Bedenken Sie, liebe
Emilie, bloss weil sie hässlich war! - Aber ich gab mich nicht eher zufrieden, bis
mein kleiner Eigensinn die Oberhand behalten hatte; und so ist jetzt die Düpüis,
oder Charlotte, wie wir sie auch nennen, Aufwärterin in meinem Hause. - Wollten
wir alle Physiognomien, die uns nicht anziehen, als fremde, widerwärtige Wesen
betrachten, wie oft würden wir ungerecht sein! - Aber ich muss aufhören zu
schwatzen; leben Sie wohl, teure Freundin. -
 
                                       7
                           Eduard Burton an Mortimer
                                                                         Bondly.
Ich beneide Ihnen Ihr ruhiges, anspruchloses Glück, und wünschte, ich könnte ein
Zeuge davon sein, aber die Krankheit meines Vaters, die mit jedem Tage
bedenklicher wird, vernichtet alle ähnliche Pläne und Entwürfe. Sein mürrisches
Wesen, mit seiner Schwachheit verbunden, der Groll, den er auf die ganze Welt
geworfen hat, verderben mir alle Laune; indessen trag ich diese Schwäche des
Alters gern, und sehe alles nur als eine notwendige Äusserung seiner Krankheit
an. - Aber dann hat mir noch ein Brief von Lovell so alle Munterkeit, alle
Energie des Herzens genommen, dass ich mich recht innig bedrängt fühle, von
tausend Empfindungen angefallen, die ich bisher gar nicht kannte. Ich bemerke
jetzt zuerst einen ungeheuren Irrtum, der mich durch mein ganzes Leben begleitet
hat, der jetzt zum ersten Male in seiner ganzen Grässlichkeit auf mich zutritt;
ich fühle es, dass ich bisher einsam gelebt habe, und meinen Schatten für meinen
Freund hielt, und ihn liebte; sind wir denn alle nicht vor dieser
Selbsttäuschung gesichert, dass wir unsere Empfindungen in andre übertragen, und
so uns nur selbst aus ihnen herauslesen? - Ich lege Ihnen Lovells Brief bei; bis
jetzt konnte ich mir ihn bei jedem Briefe recht lebhaft vorstellen, ich sah im
Geiste alle den jugendlichen Leichtsinn, gepaart mit der Reue und einer innern
Langeweile, wie er dann von neuem noch lauter in seine Harfe schlug, und mir
noch poetischer schrieb, um sich selbst zu betäuben; ich sah jede Miene und
Gebärde, und nahm darum nicht alles ganz so ernstaft, wie es auf dem Papiere
stand. Aber plötzlich ist mir Lovell ganz fremd geworden, er hat gleichsam die
ganze Larve abgenommen und erscheint nun in seiner natürlichen Gestalt: dieser
Menschenhass, diese Verachtung seiner selbst, o sagen Sie, würden Sie zu einem
solchen Menschen je einen freundschaftlichen Zug empfinden können? Diesen Brief
kann ich unmöglich beantworten, und wozu auch die Antwort, da ich es innig
fühle, dass er mich ganz und auf ewig von William getrennt hat? Eine Frau, die
ihren Mann geliebt hat, kann den Scheidebrief nicht mit einer tiefern Rührung
betrachten, als mit der ich diesen Brief ansehe. - Ich bin voller Schmerzen und
Unruhe; leben Sie recht wohl; den besten Gruss an Ihre Gattin.
 
                                       8
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Sie haben recht, Rosa, dass uns das Ungewöhnliche und Seltsame sehr oft näher
liegt, als wir gemeiniglich glauben, ja, dass es oft mit dem Gewöhnlichen ganz
dasselbe ist, nur dass es sich hier in einer andern Beziehung zeigt, als dort.
Ich habe soeben den Brief Balders vor mir, und vergleiche ihn mit einigen Ideen
meines Vaters, die er kurz vor seinem Tode niederschrieb, und ich finde, dass
beide dasselbe nur mit andern Worten sagen, dass ich alles selbst schon
ausserordentlich oft gedacht, nur niemals ausgedrückt habe. Die
verschiedenartigsten Meinungen der Menschen, zwischen denen ungeheure Klüfte
befestigt scheinen, vereinigen sich wieder im Gefühle, die Worte, die äussern
Kleider der Seele, sind es nur, die sie verschieden erscheinen lassen. Unsre
kühnsten Gedanken, unsre frechsten Zweifel, die alles vertilgen, und gleichsam
durch eine ungeheure Leere streifen, durch ein Land, das sie selbst entvölkert
haben, beugen sich wieder unter einem Gefühle, das die verlassne Wüste anbaut.
Die verschiedenen Gedankensysteme der Menschen sind nur zufällige Kunstwerke,
die jeder sich so oder so aufbaut, und mit diesen oder jenen Zieraten aufputzt,
je nachdem es ihm gutdünkt. So wie dieser die Tragödie, jener die Komödie liebt,
ein andrer das lyrische, ein andrer das didaktische Gedicht; so macht sich der
eine die stoische, der andre die epikurische Philosophie zu eigen: aber alles
sind nur die Aussenwerke des Menschen, das Gefühl ist er selbst, das Gefühl ist
die Seele, der Geist, die Philosophie der Buchstabe dieses Geistes; tote
Zeichenschrift, wenn der Mensch sich nicht am Ende über alle Philosophie und
Systeme, selbst über das System der Systemlosigkeit erhebt. Dieses Gefühl stösst
so Zweifel als Gewissheit um, es sucht und bedarf keiner Worte, sondern
befriedigt sich in sich selbst, und der Mensch, der auf diesen Punkt gekommen
ist, kehrt zu irgendeinem Glauben zurück, denn Glaube und Gefühl ist eins: so
wird selbst der wildeste Freigeist am Ende religiös, ja er kann selbst das
werden, was die Menschen gewöhnlich einen Schwärmer nennen, und wobei sich die
meisten, die das Wort aussprechen, nichts denken. Irgendein Glaube drängt sich
der Seele auf, bei allen Menschen ein und ebenderselbe, nur erscheint er
verschieden, weil ihn die grobe, unbeholfene Sprache entstellt. - Und wenn es
kein Gefühl in uns geben kann, das uns nicht auf Wirklichkeit hinweist, das
nicht mit dem wirklichen Dinge gleichsam korrespondiert, so lässt sich aus dem
Hange zum Wunderbaren gewiss weit mehr folgern, als man bisher getan hat. Das
Bewusstsein unsrer Seele und der tiefe innige Wunsch nach Unsterblichkeit, das
Gefühl, das uns in ferne unbekannte Regionen hinüberdrängt, so dass wir uns eine
Nichtexistenz gar nicht denken können, diese Gefühle sprechen am lautesten und
innigsten für das Dasein der Seele, so wie für ihre Fortdauer. - Aber wenn ich
nun diesen überzeugendsten von allen Beweisen auch auf die Existenz der
Gespenster, auf das Dasein von ungeheuren Wundern und Schrecklichkeiten anwenden
wollte? Und lasse ich ihn hier fallen, so fällt er dort von selbst. - Und was
nennen wir denn Wunder? Die Menschen bezeichnen damit bloss das Ungewöhnliche,
nicht das an sich Wunderbare, denn in manchen Stunden könnt ich mich vor einem
Baume, einem Tiere, ja vor mir selbst innerlich entsetzen. - Wer sind die
fremden Gestalten, die mich umgeben und so bekannt mit mir tun? Mein Auge hat
sich von meiner Kindheit an sie gewöhnt, und mein Sinn sich vertraulich an ihre
Formen geschmiegt; aber wenn ich diese Bekanntschaft aufhebe, und sie mir als
neu und zum ersten Male gefunden vorstelle? - O und wer bin ich selbst? - Wer
ist das Wesen, das aus mir heraus spricht? Wer das Unbegreifliche, das die
Glieder meines Körpers regiert? Oft kommt mir mein Arm, wie der eines Fremden
entgegen; ich erschrak neulich heftig, als ich über eine Sache denken wollte,
und plötzlich meine kalte Hand an meiner heissen Stirn fühlte. - Ich erinnre mich
aus meiner Kindheit, dass uns die weite Natur mit ihren Bergen in der Ferne, mit
dem hohen gewölbten blauen Himmel, mit den tausend belebten Gegenständen wie mit
einem gewaltigen Entsetzen ergreifen kann; dann streift der Geist der Natur
unserm Geiste vorüber, und rührt ihn mit seltsamen Gefühlen an, die wankenden
Bäume sprechen in verständlichen Tönen zu uns, und es ist als wollte sich das
ganze Gemälde plötzlich zusammenrollen, und das Wesen unverkleidet hervortreten
und sich zeigen, das unter der Masse liegt und sie belebt; wir wagen es nicht
den grossen Moment abzuwarten, sondern entfliehn ohne hinter uns zu sehen, und
halten uns an einer von den tausend Kindereien fest, die uns in den gewöhnlichen
Stunden interessieren. - Oft ist mir jetzt, als wollte das Gewand der
Gegenstände entfliehen wie von einem Sturmwinde ergriffen und ohnmächtig fällt
mein Geist zu Boden, und die Gewöhnlichkeit kehrt an ihre Stelle zurück. In uns
selber sind wir gefangen und mit Ketten zurückgehalten; der Tod zerreisst
vielleicht die Fesseln, und die Seele des Menschen wird geboren. -
    Aber sagen Sie mir, Rosa, warum mir sonst diese Gedanken fernblieben, ob sie
gleich in mir lagen? Warum ich Balders Worte damals nicht verstand, ob sie ihm
gleich im stillen mein Geist nachsprach, so wie er sie schon lange vor ihm so
gesprochen hatte? Warum sind wir uns selbst oft so fremd, und das Nächste in uns
so fern? Wir sehn oft in uns hinein, wie durch ein künstlich verkleinerndes
Glas, das die Hand, die ich mir vorhalte, tausendmal kleiner macht, und wie auf
hundert Fuss von mir entrückt. -
 
                                       9
                             Rosa an William Lovell
                                                                            Rom.
Ich kann Ihre Frage nicht so beantworten, lieber Freund, dass Sie mit meiner
Antwort zufrieden sein werden. Die Gedanken und Empfindungen drehen sich im
Menschen wie zwei Zirkel herum, die sich in einem Punkte berühren, an diesem
wissen wir nicht zu unterscheiden, was Idee und Gefühl ist, und wir halten uns
dann für vollendet. Die Zirkel drehn sich weiter, und wir glauben uns dann
wieder verständiger, weil wir beides zu sondern wissen. Der Mensch ist sich
selbst so rätselhaft, dass er entweder gar nicht über sich nachdenken, oder aus
diesem Nachdenken sein Hauptstudium machen muss: wer in der Mitte stehenbleibt,
fühlt sich unbefriedigt und unglücklich. - Ich sinne oft dem Gange meiner Ideen
nach, und verwickele mich nur um so tiefer in diese Labyrinte, je mehr ich
nachsinne. So viel ist gewiss, dass wir gewöhnlich viel zu sehr den gegenwärtigen
Moment vor Augen haben, und darüber unser ganzes voriges Leben ausser acht
lassen; die gegenwärtige Empfindung verschlingt alle früheren, und die jetzige
Idee macht, dass uns alle vorhergehenden nicht mehr als Ideen, sondern als
kindische ungeschickt entworfene Skizzen erscheinen. Daher leugnen wir uns so
oft unsre innerste Überzeugung ab; und so wie der Mörder den noch halbbelebten
Leichnam ängstlich mit Erde bedeckt, so verscharren wir mutwillig Empfindungen,
die sich in uns zum Bewusstsein emporarbeiten wollen. - Oh, wenn wir doch
Teleskope erfinden könnten, um in das tiefe Firmament unsrer Seele zu schauen,
die Milchstrasse der Ahndungen zu beobachten, die nie unserm eigentlichen Geiste
näherrücken, sondern wie Nebelflor die Sonne in uns verdunkeln, ohne dass man
sagen kann: jetzt geschieht es!
    Die Träume sind vielleicht unsre höchste Philosophie, die Schlüsse der
Schwärmer sind für uns deswegen vielleicht unverständlich und lückenvoll, weil
wir es nicht begreifen, wie in ihnen Vernunft und Gefühl vereinigt ist. So kömmt
mir das jetzt ehrwürdig vor, was ich noch vor einem halben Jahre belachte, und
ich möchte jetzt manchmal über das lächeln, was mir damals so wichtig erschien.
- Es ist nichts in uns Festes, lieber William, mit unsrer veränderten Nahrung
werden wir andere Menschen; je nachdem unser Blut schnell oder langsam fliesst,
sind wir ernstaft oder lustig; sollten alle diese Erscheinungen von gar keinem
Gesetze in oder ausser uns abhängen, wie wenig Wert hätten dann die jedesmaligen
Resultate! - Doch oft scheint das äusserlich Zufall, was eine lange berechnete
innerliche Notwendigkeit war; und so gleicht der Mensch vielleicht den
Trauerspielen Ihres Shakespeare, wo, wie Sie mir selber gesagt haben, der Schluss
so oft von einem plötzlich eintretenden Vorfalle abzuhängen scheint, da er doch
schon in den ersten Versen des Stücks, in allen Kombinationen gegründet liegt,
und daher notwendig war.
    Wir übersehn immer nur die Stelle unsers Lebens, auf der wir stehn, und alle
unsre Gedanken, Empfindungen und Handlungen sind nur auf dieser Stelle
einheimisch, jeder steht anders, alle Gesinnungen brechen sich in verschiedenen
Richtungen, und laufen nur für den geradeaus, in dem sie sind; daher wollen wir,
wenn wir nichts anders sein können, nachsichtig sein, und nicht den Nachbar
beurteilen und tadeln, der uns von unserm Standpunkte vielleicht in einer
seltsamen Verkürzung erscheint. -
 
                                       10
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Es müsste nichts Schöners sein, als sich selbst recht genau kennenzulernen, und,
lieber Freund, wenn man sich recht fleissig beobachtet, warum sollte es der
Mensch nicht auch hierin zu einer gewissen mechanischen Fertigkeit bringen
können, wie in so manchen andern Sachen, die uns doch so durchaus geistig
vorkommen? so dass wir am Ende eine Festigkeit des Blickes erhalten, der die
ungewissen, flatternden Gestalten fest und stehend werden lässt? Mir sind
wenigstens seit einiger Zeit tausend Sachen aus den fernsten Jahren, aus den
verworrensten Gemütsstimmungen eingefallen, an die ich bisher entweder gar nicht
dachte, oder sie mir doch nicht so deutlich auseinandersetzen konnte. Man steigt
vielleicht immer höher, alles erscheint dann immer mehr als Zufälligkeit, was
wir jetzt als unser Wesen betrachten, bis wir uns unserm eigentlichen Selbst
immer mehr nähern, je mehr wir unser jetziges Selbst aus den Augen verlieren. -
Wenn ich manchmal in der Abenddämmerung sitze und sinne, da ist es manchmal, als
schwingt sich mir etwas im Herzen empor, ein Gefühl, das mich überrascht und
erschreckt und dabei doch so still und selig befriedigt: ich greife dann mit dem
Gedächtnis, wie mit einer Hand darnach, um es mir selber aufzubewahren. Aber
sonderbar, Rosa, es ist in mir, und verschwindet mir dann doch gänzlich wieder,
so dass ich seiner nicht habhaft werden kann. Alle meine Gedanken stehn mir zu
Gebot, alle meine Erinnerungen und Anschauungen, aber dies ist ein Gefühl, das
feiner und geistiger ist, als alles übrige; aber was ist es, und woher kömmt es
und wohin geht es wenn es nicht mehr in mir bleibt? - Sollten diese Zustände
vielleicht ebenso in uns sein, wie das Sonnenlicht in einer gläsernen Flasche,
das kömmt und geht, so wie die Wolken ziehn?
    Wie mag es überhaupt wohl um unsre Willkür stehen? Wer weiss, was es ist, was
uns regelt und regiert, welcher Geist, der ausser uns wohnt, und nur allmächtig
und unwiderstehlich in uns hineingreift. Aus meinen Kinderjahren fallen mir
manche Tage ein, wo ich unaufhörlich etwas Greuliches und Entsetzliches denken
musste, wo ich statt meinem stillen Gebete Gott mit den grässlichsten Flüchen
lästerte und darüber weinte, und es doch nicht unterlassen konnte, wo es mich
unwiderstehlich drängte, meine Gespielen zu ermorden, und ich mich oft schlafen
legte, bloss um es nicht zu tun - nun Rosa, damals war ich gewiss unschuldig und
unverdorben, und doch war diese Entsetzlichkeit in mir einheimisch - was war es
denn nun, das mich trieb, und mit grässlicher Hand in meinem Herzen wühlte? -
Mein Wille und meine Empfindung sträubten sich dagegen, und doch gewährte mir
dieser Zustand wieder innige Wollust. -
    O wir sollten überhaupt zu unsern Kinderjahren in die Schule gehn, und das
lernen, was wir so gern verlernen, und es dann mit nichtiger Eitelkeit die
Ausbildung unserer Seele nennen. Es ist, als wenn noch ein flüchtiger Schein
einer früheren Existenz in die zarten Kinderjahre hineinspiegelte, wie der
Widerschein eines Glanzes, bedeutend und doch rätselhaft; wie Töne klingt es
herüber, durch die der Wind fährt, die einzeln schallen, und in denen man doch
Zusammenhang wahrnimmt.
    Als Kind träumt ich einst, die ganze Welt ginge unter, und aus allen den
ungeheuren Massen schmolzen einzelne Töne heraus, die sich nun durch den leeren
Raum spielend bewegten und umeinandergaukelten, und sich verschlangen, und bunt
durcheinanderwühlten. Bald versank der helle Ton in den tiefern, und dann
erklang ein wunderbares Gemisch; bald spaltete sich ein dumpfer tiefer Klang,
wie ein Farbenstrahl in viele helle Streifen, die wie Sonnenblitze hochklingend
ausfuhren, und wieder in den mütterlichen Ton zurückfielen. Ich hörte das
wunderbarste Konzert, das mich in der ungeheuren Leere mit Schwindel erfüllte,
so dass ich bald nichts mehr hörte, und in einen tiefen bewusstlosen Schlaf
versank.
    Ich weiss, dass dies für die meisten Menschen Unsinn ist, aber vielleicht
liesse sich in dieser Ahndung der Wahrheit (denn das sind gewiss immer diese
Spiele der Phantasie) ein sehr tiefer Sinn erforschen, wenn meine Beobachtung
ebenso fein wäre, als der Sinn, der diese Erscheinung hervorbrachte, wenn ich
nicht von den Armen des Irdischen zu fest gehalten würde, und sich immer wieder
neue Bilder zwischen mein Auge und den beobachtenden Gegenstand schöben: kurz,
wenn ich mich in einer ebenso glücklichen Himmelsverklärung, in einem ähnlichen
Traume kommentieren könnte.
 
                                       11
                         Karl Wilmont an Emilie Burton
                                                                    Roger Place.
Erschrecken Sie nicht, ums Himmels willen nicht, teuerste Freundin, wenn Sie
diesen Brief eröffnen und die Unterschrift gewahr werden; lesen Sie ihn lieber
zu Ende, und tun Sie, als wüssten Sie nicht von wem er käme; o erstaunen Sie
wenigstens so sehr, dass Sie in Gedanken immer weiterlesen, und sich nur beim
Schlusse von Ihrer Verwunderung erholen können. Hören Sie mich wider Ihren
Willen, so wie ich wider meinen Willen unaufhörlich an Sie denken muss. - Und
doch - was werde ich Ihnen nun sagen? - Meine Feder und mein Kopf stockt; ich
hatte keine Ruhe, ich wurde hin- und hergetrieben, und eine unbekannte Gewalt
mahnte mich, an Sie zu schreiben - nun gut, und hier sitze ich, und weiss
wahrhaftig nicht eine Silbe, nachdem ich den Anfang niedergeschrieben habe. -
    Meine Gedanken wandern von Osten nach Westen und von Süden nach Norden, und
gehn nach allen Richtungen, und kommen aus allen Richtungen, wie die Ameisen in
den Stock meines Kopfes zurück, und alle schleppen so schwer und mühsam, ich
denke wunder welche neue Systeme und Erfindungen, welche unendliche Rechnungen
und Auflösungen von algebraischen Rätseln sie mit sich führen - und wenn ich sie
nun am Eingange mustere, so schleppt sich dieser mit Ihrem Bilde, dieser mit
einem lahmen Sonette, jener mit einem künstlichen Seufzer, dieser mit einer
Anekdote, die Sie irgendeinmal erzählt haben - ach, und können Sie mir etwas
Schöners bringen? Ich lege alles auf den Winter und die teure Zeit hin, und
denke mich in der Einsamkeit daran zu erquicken. Ach, eine bittersüsse
Erquickung!
    Ich möchte manchmal alle Leute, die das Unglück und unsre verdammten
Verhältnisse erfunden haben, zum Henker wünschen! Müssen wir denn in dieser öden
lumpigen Welt noch so tun, als wenn wir wunder wie viel gewonnen hätten, wenn
man uns die schwarzen Brandstellen zeigt, an denen vorher so herrliche Bäume
standen? Es ist jetzt in der ganzen Welt ein unglückliches Jahr, ein Misswachs an
Glück, das Unkraut, das zwar auch Blüten hat, hat den Weizen verdrängt - und
keiner von den Arbeitern will es merken, und wenn einer hie und da über die
herrliche Ernte die Achseln zuckt, so wird er noch obendrein für einen Felddieb
erklärt, und mit Hunden gehetzt und mit Verwünschungen verfolgt.
    Ich reiste von London hieher, um ruhiger zu werden, und ich bin nun
unzufriedener, als je. O Emilie, verzeihen Sie den rauhen Ton meines Briefes,
verzeihen Sie den ganzen Brief, ach verzeihen Sie mir, dass ich so
unbeschreiblich an Ihnen hange. -
    Wir sprechen täglich von Ihnen und von Ihrem lieben Bruder, wir ersetzen uns
durch häufige Erzählungen von Ihnen Ihre Gegenwart, so gut wir es können: aber
ich denke leider nur desto öfter an Sie, je mehr von Ihnen gesprochen wird, um
so mehr fühl ich Ihre Entfernung. -
    Wir pflanzen und säen im Garten, und haben alle eine glückliche Hand. Meine
Schwester wird hier ganz zur Bäuerin, und lebt in ihren Stauden und Blumen, und
pflegt jede mit einer mütterlichen Sorgfalt; ich suche indes von einem Ende des
Gartens zum andern, im Felde und im benachbarten Walde ein Etwas, das ich selbst
nicht kenne; ich strebe Sie zu vergessen, und mich Ihrer recht lebhaft zu
erinnern.
    Es wird Abend, und mein Trübsinn nimmt zu, je mehr die Sonne hinuntergeht: o
noch eine Bitte, teuerste Freundin, wenn Sie diesen Brief zu Ende gelesen haben,
so würdigen Sie mich einer kleinen Antwort, wenn es auch nur einige Worte sind,
die Sie meiner Schwester einlegen, damit ich doch so stolz sein kann, dass ich
etwas von Ihrer Hand besitze, das einzig und allein an mich gerichtet ist.
    Ich siegle schnell und schicke den Brief fort.
 
                                       12
                         Emilie Burton an Karl Wilmont
                                                                         Bondly.
Ich fühle es zwar recht gut, dass ich nicht schreiben sollte, allein es ist
derselbe Fall, wie mit Ihnen, ich tu es wider meinen Willen. Lieber, seltsamer
Freund, warum machen Sie sich mutwillig Ihr Leben so unruhig und freudenleer?
Wenn ich Sie überführen könnte, dass Sie unrecht haben, so sollte mich ein sehr
langer Brief gar nicht gereuen, aber ich glaube, dass Sie sich selbst alles
ebenso gut und noch besser sagen, was ich Ihnen sagen könnte, daher ist meine
Weisheit überflüssig. Es ist zwar schon eine alte Bemerkung, dass die Menschen
nie so sind, wie sie sein sollten und könnten; allein versuchen Sie es einmal,
diese Bemerkung durch Ihre Handlungen zu widerlegen, und Sie werden finden, dass
es weit leichter ist, als man gemeiniglich glaubt. Wenn ich mündlich mit ihnen
sprach, waren Sie oft gutmütig genug, mir recht zu geben und zu tun, als hielten
Sie sich für überzeugt, aber ich wette, dass Sie jetzt, indem ich Sie nicht sehe,
die Achseln über mich zucken. - So sind die Männer, ihre Freundschaft ist
Galanterie, und diese Galanterie verbietet ihnen, offenherzig zu sein, weil sie
uns für so töricht und schwach halten, dass wir nur Schmeicheleien und
Komplimente ertragen können. -
    Mein Vater ist sehr schwach, und ich bin sehr um ihn besorgt: dieser Kummer
hat mir alle gute Laune geraubt.
    Sehn Sie, wie freigebig ich bin! Sie verlangten nur einige Worte, und ich
schicke Ihnen einen ganzen Brief, der noch überdies moralischen Inhalts ist. -
Grüssen Sie Ihre liebe Schwester, und leben Sie recht wohl.
 
                                       13
                         Willy an seinen Bruder Tomas
                                                                          Paris.
Lieber Bruder, mir kömmt nun unser liebes England schon ganz nahe vor, so weit
es mir auch bei meiner ersten Reise war. Ich bin jetzt schon wieder in Paris,
und meine übrige Reise ist mir nur noch wie ein Traum. Ach, lieber Bruder, es
war mir alles recht sonderbar, als ich wieder durch dieselben Gegenden und
Steingebirge reiste, durch die ich mit meinem Herrn Lovell gefahren bin; oft war
ich so in Gedanken, dass ich meinte, ich reise noch mit ihm, und dann war ich so
zutraulich und behende mit dem Franzosen, wie mit meinesgleichen. Ich wurde
recht betrübt, wenn ich dann beim hellen Scheine der Lichter das fremde Gesicht
sah, und ich hatte dann ein ordentliches Heimweh nach meinem Herrn, wenn er mich
auch nicht mehr liebt.
    Sei nicht böse über mich, lieber Bruder, wenn ich mich so gar sehr darauf
freue, Dich wiederzusehn; ich kann es ebensowenig leiden, wie Du, wenn alte
Leute sich wie die Kinder gebärden, es ist auch gar nicht mein Fall, und ich
mache immer nur so viel unnützes Geschwätz, weil ich zu dem Rechten, was ich Dir
sagen will, die Worte nicht finden kann. Es ist doch mit dem Menschen eine
kuriose Einrichtung! Ich kann überhaupt mit dem Sprechen und Schreiben noch
immer nicht recht ins reine kommen, es laufen mir immer tausend Worte aus dem
Munde heraus, die ich nicht haben wollte, und das sind die unnützen Worte, die
ich so wenig wie ein andrer Mensch gebrauchen kann, die echten und gediegenen
aber sitzen mir inwendig fest, und wollen sich nicht losarbeiten. Noch
närrischer ist es, dass ich manchmal wohl auch so einen recht vernünftigen
Brocken herausbringen könnte, aber dann ist mir, als wenn ich mich ordentlich
schämte, so gescheit wie andre Menschen zu sein, und ich rede denn lieber dumm,
um nur die Last wieder loszuwerden. Ich glaube, Tomas, es gibt mehr solche
Leute, wie ich bin, und die Anzahl der Dummen ist nicht so gross, als man
gewöhnlich glaubt; drum hab ich auch immer einen ordentlichen Respekt vor jedem
einfältigen Menschen, weil ich immer meine, er trägt unter seinem schlechten
Überrocke ein kostbares Unterfutter.
    Wenn ich erst zu Hause bin, und Dich besuche, will ich Dir sehr viel von
meiner Reise erzählen. Das ist denn doch am Ende meine ganze Freude, die ich in
der langen Zeit gehabt habe.
    Hier in Paris bin ich ordentlich wie zu Hause, so bekannt ist mir noch
alles, und alles ist noch gerade so, wie damals, als ich hier war. Es ist eine
närrische Gotteswelt, in der wir leben, und sie könnte gewiss besser sein, wenn
alle Menschen sich nur für Arbeiter in dem Weinberge hielten; aber alle wollen
essen, und viele tun doch gar nichts, sondern verderben noch im Gegenteile die
Reben, und stören andre Menschen in der Arbeit; und das soll denn heissen, dass
sie den ganzen Weinberg regieren und in Ordnung halten.
    Je mehr die Menschen nach obenhin klettern, je mehr vergessen sie, dass sie
auch nur Menschen sind, sie kennen dann ihre armen Brüder nicht mehr, und Gott
nicht mehr. Die Gottesfurcht wohnt überhaupt nur bei den armen und geringen
Leuten, die haben sie als ein ordentliches Privilegium und wie ein
Schmerzengeld, weil sie viel irdische Übel zu leiden haben; sie dürfen sich auch
in ihrem Stande der Furcht des Herrn nicht schämen; sie ist ihr einziger Hausrat
und bestes Einkommen. - Ich denke an alle die Sachen, weil ich Dir schon damals
schrieb, lieber Bruder, dass es mir hier nicht gefalle. Jetzt geh ich nun in
keine Komödie, aber es tut mir auch gar nicht leid. Wenn die Leute, die da so
mit Bequemlichkeit über eine Prinzessin weinen, die ihren Galan nicht heiraten
soll, nur wüssten, wie viel und grösseres Elend es in der Welt gibt. Aber darum
wollen sie sich nicht bekümmern, und es rührt keinen, weil die armen Menschen
nicht so geputzt sind, und sich nicht mit so schönen Reden aussteuern können.
    Gott segne Dich und erhalte Dich gesund, denn in einigen Wochen bin ich bei
Dir!
                                                             Willy, Dein Bruder.
 
                                 Sechstes Buch
                                        1
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Ich war durch unser gestriges Gespräch ausserordentlich erhitzt, und ging wie
berauscht nach Hause. Es waren so viele der fernsten Erinnerungen in mir
geweckt, die noch immer in wiederholten Gängen durch meinen Busen zogen. Es ist
manchmal, als wollte sich das Rätsel in uns selber aufschliessen, als sollten wir
plötzlich die Anwendung aller unsrer Empfindungen und seltsamen Erfahrungen
kennenlernen. Die Nacht umgab mich mit hundertfachen Schauern, der monderhellte
durchsichtige Himmel wölbte sich wie ein Kristall über mir, und spiegelte die
seltsamsten Empfindungen wie Schatten in diese Welt hinein. - Rosalinens
wehmütige Gestalt war mit unter den bunten Schatten, sie ging neben mir, und
verlor sich im krausen Dunkel jedes Baums, und stand im hellen Mondscheine
wieder da: wie Tapeten voll seltsamer Geschichten gewirkt, hing die ganze Natur
um mich her. Vergangenheit und Zukunft waren auf eine wunderbare Weise
dargestellt, ich ahndete eine Menge von trüben und fröhlichen Empfindungen
gleichsam im voraus.
    Es fällt mir oft ein, warum ich gerade so und nicht anders empfinde, und
warum ich vorzüglich auf diese Frage geführt bin, die mir gewiss in keiner andern
Seelenstimmung beifallen würde. Die Vorstellung unserer Individualität ist die
seltsamste, die uns überraschen kann.
    Ich bin äusserst begierig, um endlich den wunderbaren Mann kennenzulernen,
von dem wir fast täglich gesprochen haben. Ich kann mir sehr gut einen Menschen
vorstellen, der eine unumschränkte Gewalt über alle Gemüter hat, die ihn
umgeben; aber es muss das interessanteste Studium sein, einen solchen näher
kennenzulernen, selbst zu fühlen, auf welche Art er an unsern Ideen und Gefühlen
reisst, und sich so gleichsam zu ihm hinaufzuheben, indem wir lernen, wie er auf
uns wirkt, und er begreift, wie er auf uns wirken kann. Ich wünsche seine
Bekanntschaft, und fürchte mich doch vor unsrer ersten Unterredung. Sie haben
gewiss viel zu freundschaftlich das Wort geführt, und er findet mich vielleicht
einfältig und abgeschmackt, denn sosehr ich auch eine Zeitlang die höhere
Achtung vor allen Menschen hatte, so war es mir doch leichter, mit ihnen
umzugehn, und mein Benehmen freier, als jetzt, da ich die meisten verachte. Wenn
ich einen Mann von Verstand zum ersten Male sehe, bin ich leicht in
Verlegenheit, ich fühle mich so entfernt von ihm, die fremde Art, dieselben
Gedanken, die ich habe, zwar auch zu denken, aber in seinen Begriffen anders zu
ordnen, macht mich verwirrt, und durch die Bemühung, mich ihm recht verständlich
zu machen und näherzubringen, werd ich immer weiter von ihm entfernt, vorzüglich
aber, wenn ich noch obenein bemerke, dass er sich nach mir bequemen will. - Ich
wollte, man könnte sich immer erst nach einigen Vorreden kennenlernen, so wie
man manche Schriftsteller nur nach einigen vorausgeschickten, allgemeinen Ideen
verstehen kann. -
 
                                       2
                             Rosa an William Lovell
Ihre Besorgnisse, lieber Freund, sind ungegründet; der Mann, von dem wir
gesprochen haben, gehört nicht zu jenen verständigen Leuten, die mit dem
Fragmente ihrer Vernunft so ungeschickt umgehn, es so linkisch handhaben und
widerwärtig regieren, dass man von ihrer Aufklärung keinen Genuss empfängt,
sondern nur Verworrenheit der Begriffe, und Resultate, die fremd und unpassend
unter den eigenen Mobilien unsers Gehirnes stehen. Diesem Manne wird es leicht,
sich alle Gedanken, selbst die entferntesten, zu vergegenwärtigen, und sie zu
seinen eigenen zu machen; für ihn gibt es keine fremde Seele, und darum
behandelt er keine mit der Verachtung, die wir so oft an andern sogenannten
verständigen Menschen, mit so tiefem innerlichen Widerstreben gewahr werden.
Wenn ich Ihnen sage, dass er Sie vielleicht schon besser kennt, als Sie glauben,
so ist dadurch wahrscheinlich alle Ihre Furcht gehoben, und damit Ihre
Bekanntschaft nicht beim ersten Male jene steife, widerwärtige Art erhalte, mit
der man nach hergebrachten Formeln, wie in einem Spiele, sich seltsam genug die
gegenseitige Vertraulichkeit abgewinnen will, so sollen Sie ihn auf einem
Spaziergange treffen, wenn Sie heut abend nach Sonnenuntergange die Ruinen vor
dem Kapenischen Tore besuchen.
 
                                       3
                             William Lovell an Rosa
O Freund, welche seltsame Nacht hab ich gehabt! - Wie verhüllte Spiegel hing es
in meinem Innern; heut ist der Vorhang hinuntergezogen, und ich erblicke mich
selbst in veränderter Gestalt, und tausend sonderbare Gegenstände um mich her.
    Ich kann immer noch nicht zur Ruhe und zur Besinnung kommen; ich weiss noch
immer nicht, was ich denke oder schreibe; ich liege noch wie in einem Traume,
und hefte mein Auge auf das Papier und die hingeschriebenen Worte, um zu
erwachen.
    Ein andermal, morgen, will ich Ihnen erzählen, wenn ich etwas beruhigter
bin. Ich werfe mich ins Bette, um mich vor dem Grauen zu verbergen, das mir
nachschleicht.
 
                                       4
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Ich habe zu Ihnen geschickt, und vom Boten leider vernehmen müssen, dass Sie
schon wieder nach Tivoli abgereist sind, ich hätte Sie so gern gesprochen und
Ihren Rat und Beistand erbeten.
    Ich habe in dieser Nacht nur wenig geschlafen, und bin im Schlafe von
unangenehmen Träumen verfolgt. Ach Freund, ich kann Ihnen unmöglich sagen, was
ich alles empfunden und gelitten habe, mir ist, als wenn sich vom gestrigen
Abende eine Epoche durch mein ganzes künftiges Leben ausstrecken würde; viele
Ahndungen sind mir nähergetreten, und tausend ungewisse Zweifel haben sich
inniger mit meiner Natur verbunden.
    Ich ging vor das Kapenische Tor. Der letzte Schimmer der Abendröte glänzte
in dem durchsichtigen Moose, das zwischen den Gebäuden hängt, alles umher
vereinigte sich zu grossen Massen, und die Schatten kamen immer grösser von Osten
her; ich wandelte mit stillem Erstaunen und vorbereitender Furcht unter den
Ruinen, und dachte an meinen Vater und Rosalinen, und an jene Zeit, als diese
Trümmern hier stattliche Landhäuser waren. - O ich bin heut ruhig genug, um
Ihnen alles weitläuftig zu beschreiben, das helle Morgenlicht glänzt über mein
Papier, und ich schildere Ihnen meine gestrige Empfindung nur wie eine poetische
Fiktion.
    Ach ist nicht alles nur Erfindung und Gedicht, was vergangen ist? Die
Gegenwart ist nur ein Traum, die Vergangenheit dunkle Erinnerungen aus dem
Traume, die Zukunft eine Schattenwelt, deren wir uns einst auch nur mit Mühe
erinnern werden.
    In Rosalinens Fenstern brannte kein Licht, keine Lautentöne erklangen durch
die Nacht, keine Schatten bewegten sich auf dem grünen Rasen. Ich konnte es
nicht unterlassen, dicht zum verlassenen Hause hinzugehn, und meine Arme, wie in
Gedanken nach dem verödeten Gebäude auszustrecken: ich konnte es nicht
begreifen, warum die Hütte jetzt unbewohnt war; alles in meinen Erinnerungen war
so ungewiss und doch so quälend, ich trat schnell vom Hause hinweg, und die Welt
lag so dürr und ausgestorben da, ich hörte Menschenschritte, die dumpf und
unerquicklich in der Einsamkeit widerhallten, Vögel mit ziehenden Gesängen und
rauschende Bäume, alles, alles umher, wie mühsam zusammengebracht, um die
Totenstille zu unterbrechen. Jeder Ton hatte seinen Klang verloren, der uns
entzückt und begeistert, jeder Gegenstand die Bedeutung, die ihm unsre erhitzte
Phantasie beilegt. Die Berge standen fern hinauf wie Totenhügel, das ganze
Menschengeschlecht kam mir arm und bejammernswürdig vor, wie sie alle mit den
Füssen schon in ihren Gräbern wandeln, und immer tiefer und tiefer untersinken,
nach Hülfe schreien, und kläglich die Hände ausstrecken, aber kein
Vorübergehender sie hört und keiner sich der armen Verlassenen erbarmt. Keine
Dämmerung und Morgenröte wollte sich an meinem Horizonte emporringen, unermüdet
lag die melancholische Nacht mit ihren Flügeln über mir; ach und ich konnte
nicht weinen und schluchzen, ich konnte meinen heissen dürren Jammer nicht in
Tränen und Töne auflösen, kein Mitleid mit mir selbst stieg wie eine Blume in
meinem Herzen auf, um mich mit ihrem poetischen Dufte zu laben, keine goldene
Täuschung kam meinen müden Sinnen zu Hülfe; ich fühlte mich wie in einem
Gefängnisse unter Millionen Elenden verriegelt, dürr und kalt die Mauern um uns
her, ach ich glaubte nicht der einzig Verstossene zu sein, und konnte mich darum
nicht trösten.
    Ich hatte vergessen, wen ich erwartete, als mir eine schreckliche, ach nur
zu bekannte Gestalt näher trat. Die Furchtbarkeit meiner Empfindung kam in
sichtbarer Bildung auf mich zu, und ich entsetzte mich innig. - Was soll ich
hier von kindischen Träumereien reden, an die ich selbst nicht glauben kann,
warum soll ich mich wie ein Knabe gebärden, wenn mich ein seltsamer oder auch
nicht seltsamer Zufall überrascht? - Aber es mag sein, mir ist als habe mein
Vater schon diesen wundervollen Andrea gekannt, den ich nun zum dritten Male mit
innigem Entsetzen und in immer nähern Beziehungen auf mich gesehen habe.
    Ich weiss nicht, was ich gesprochen haben mag, ich weiss ebensowenig, was
jener sagte, und was mich umgab. Wie wenn alle meine seltsamsten Träume wirklich
würden, wie wenn ich jetzt zum eigentlichsten Leben erwachen wollte, wie wenn
die ganze Natur mich plötzlich festielte, und jeder Baum und jeder Stern mit
geheimnisvollen Winken auf mich hindeutete; wie wenn sich jedes Rätsel von der
Kette, die es lange zurückhielt, losreissen wollte - so Rosa - o ich habe keine
Worte für dies Gefühl - so wie einem Verbrecher, der sich plötzlich in seinen
widersprechenden Lügen gefangen fühlt, und dem nun das Wort im Munde erstarrt -
so war mir in meinem Innern.
    Im innersten Grausen sprach ich beherzt, ja frech, so wie im Rausche; der
Alte schien verwundert. Ich sagte tausend Dinge, die ich nie gedacht habe, und
die ich auch nur in diesen Augenblicken zur Hälfte dachte; ich war mir meiner
selbst nur dunkel und ungewiss bewusst, und es stand kein fremder Mann vor mir;
ich sprach nur zu mir selber, und wie Wolken, Lichter und Schatten flatterten
Gedanken durch meinen Kopf, wie wunderbare Töne von fremden ziehenden Vögeln
erscholl es in meinem Innern, wie Mondschein, mit dem der Glanz der Morgenröte
kämpft, und beide ihre strahlenden Gewebe durcheinanderspinnen, so seltsam
erleuchtet war mein Gemüt.
    Wir gingen auf und ab, und ich hörte ihn sprechen wie einen fernen
Wasserfall, wie rätselhafte Donner, die beim Sonnenschein aus der Ferne den
gewölbten Himmel hinaufklimmen. - Wir verliessen die Ruinen und ich folgte ihm
schweigend nach seiner Wohnung.
    Ein blasses Licht erhellte sein altes, abgezehrtes Gesicht, in dem jede
Falte und jeder Zug eine andere Sprache redeten. Wie wenn sich plötzlich der
wohlbekannte Bruder an der Seite des Bruders in einen alten Mann umwandelt, so
müsste jener die Empfindungen haben, die mich peinigten. Er ward mir so bekannt
und blieb mir doch so fremd, ich musste ihn lieben und hassen, o ich hätt ihn
erwürgen mögen, um nur des Kampfes, um nur der Zweifel loszuwerden. - Und ich
kannte ihn dennoch, und sein Bild war von Jugend auf tief meiner Phantasie
eingeprägt!
    Es ist ein mühsames Geschäft zu leben, unaufhörliche Zweifel und Furcht,
Pein und Angst, das ganze Heer der Erinnerungen, alle jagen uns durch furchtbare
Waldlabyrinte, wo wir in jedem dunklen Gange, in jeder neuen Krümmung ein
seltsames und grauenvolles Unding erwarten; wir haben nicht Zeit zu überlegen,
nicht Zeit, vor uns zu sehn, nicht Atem, um zu klagen - bis wir niederstürzen,
und alle Furchtbarkeiten zugleich über uns herfallen, und das ereilte Wild
zerfleischen. Bis man erwacht, heissen unsre Phantasieen Träume, bis dahin unser
Dasein Leben.
    Ich trat ans Fenster. Ein kleiner Rasenplatz und Rosalinens Hütte gerade vor
mir; ich sah in dem kleinen Garten deutlich die wankenden Malven stehn, und der
Mond stieg jetzt dunkelrot herauf, und sah zuerst in ihr Fenster hinein, und
fand sie nicht. - Der Alte muss mich hier oft gesehn haben, wie ein Geist hat er
mich umgeben, ich schämte mich nicht vor ihm, sondern sah ihm nur um so
unbefangener ins Auge. Dann flog ich mit meinen Gedanken zu Rosalinen hinüber,
und ich sah sie sitzen, und stumm und zwecklos in die Saiten der Laute schlagen,
ich tröstete sie über ihren Tod, und sah ein bitteres Lächeln auf ihrem
Gesichte; dann hört ich mich von meinem Vater rufen, mit denselben Tönen, mit
denen er mich in der Kindheit zu sich lockte, ich hörte den grossen Hund, den
treusten Freund meiner Knabenjahre, bellen - und alles verschwand dann, und ich
sass dem alten freundlich melancholischen Andrea und seinem grübelnden Auge
gegenüber. -
    Und jetzt sitz ich hier und bin einsam, und sehe ihn doch im nebenstehenden
Stuhle sitzen. Ich werde ihn wiedersehn und werde anders fühlen, und er wird
vergehen, so wie ich, und keiner wird unsrer denken. -
 
                                       5
                                Bianca an Lovell
                                                                            Rom.
Ist es Dir denn möglich, mich so ganz zu vergessen? Unsere munteren
Gesellschaften haben an Dir ihre Seele verloren, und jede Freude ist stumm und
sitzt verlassen im Winkel. Denkst Du gar nicht mehr an unsere heiligen
Bacchanale zurück und an die stürmende Fröhlichkeit, die uns so wild und
göttergleich begeistert? Sind Dir Deine schwermütige Träumereien und Dein leeres
Nachsinnen lieber als das Mädchen, das Dich so innig liebt. - Schenke uns
wenigstens den heutigen Abend, den wir allen Scherzen gewidmet haben und lass
mich durch ein paar Worte, die Du mit dem Boten zurückschicken kannst, Deinen
Entschluss erfahren. -
                                                                         Bianca.
Ich komme.
                                                                      W. Lovell.
 
                                       6
                             Rosa an Andrea Cosimo
                                                                         Tivoli.
Dass meine Reise hieher eine Art von Verbannung ist, fällt mir immer schwerer auf
das Herz, je mehrere Tage ich von Rom entfernt bin. Dass ich gerade in diesem
Zeitpunkte Deinen Umgang entbehren muss! Zu einer Zeit, wo ich mich immer mehr zu
Dir hingedrängt fühle, wo sich gleichsam die Flügel meiner Seele
voneinanderfalten, um mich desto inniger an Dein Herz zu schliessen. Du hast mich
seit einiger Zeit mit neuen Ideen und Gefühlen überschüttet und eine neue Welt
hat sich in mir eröffnet, eine Schaubühne, die unaufhörlich mit den
wunderbarsten Szenen wechselt. Ich betrachtete mein Leben seit jenem
merkwürdigen Abende als ein neues, es hat sich mir ein Weg zu Deiner Seele
gebahnt, den ich weiter zu verfolgen brenne. Aber warum verwirfst Du mich und
würdigst mich nicht Deines fernern Vertrauens? Darf ich den Argwohn schöpfen,
dass Du Dich dem jugendlichen Lovell inniger hingibst? Was kannst Du jetzt noch
ferner mit ihm wollen, da sein Vater tot ist? Ist es mir überhaupt erlaubt,
zuweilen über Deine Plane im stillen nachzugrübeln, und manchmal einen
wirklichen Eigensinn und weitläuftige, mir unnütz scheinende Maschinerie
anzutreffen? Doch ich will schweigen, um mir nicht Dein Missfallen zuzuziehn.
 
                                       7
                             Andrea Cosimo an Rosa
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Es kann und soll nicht anders sein als es ist, überlass es mir, meine Plane zu
ersinnen und zu regieren, wenn sie Dir gleich noch wunderlicher erscheinen
sollten. Was kümmert es Dich, wenn ich mir ein seltsames Spielwerk erlese, das
mir die Zeit ausfüllt und auf meine eigene Art meinen Geist beschäftigt? Wenn
ich bemerke, auf welche sonderbare Art die eine Seele auf die andere wirken
kann? Du hast wohl mehrere Nächte unter Karten und Würfeln hingebracht; so
vergönne mir, dass ich mir aus Menschen ein Glücksspiel und ernstaft
lächerliches Lotto bilde, dass ich ihre Seelen gleichsam entkörpert vor mir
spielen lasse, und ihre Vernunft und ihr Gefühl wie Affen an Ketten hinter mir
führe, und danke dann mir, dass ich Dich als Freund und nicht als Spielzeug
gebrauche.
 
                                       8
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Sie fragen mich: wie ich lebe. Ich bin seit langer Zeit in einer Verfassung, dass
ich nicht ohne Sie leben kann. Ich habe Sie immer nötig, um jeden Gedanken und
jedes Gefühl in Ihren Busen auszuschütten. - Mir ist jetzt oft zumute, als wären
Flügel an meine Brust gewachsen, die mich immer höher und höher heben, und durch
die ich bald die Erde mit ihren Armseligkeiten aus den Augen verlieren werde.
    Ich sehe jetzt den alten Andrea täglich; ich habe noch nie einen Menschen
mit dieser hohen Bewunderung betrachtet, ich habe aber auch noch nie eine Seele
angetroffen, die alles, was sonst schon einzeln die Menschen vortrefflich macht,
so in sich vereinigte. Die Erinnerung macht mir jetzt eine seltsame Empfindung,
dass ich ehedem vor seiner Gestalt zurückschauderte; und doch will sich noch
zuweilen ein quälendes dunkles Andenken in mir emporarbeiten. - O Rosa, könnte
man sich doch in manchen Stunden vor sich selber verbergen! Ach was kann uns
nicht betrüben, und uns mit scharfen Empfindungen anfallen, da wir alle so nackt
und wehrlos sind? Je mehr man die Menschen lieben möchte, um so mehr wird man
misstrauisch sein, ob sie es auch verdienen; keiner kennt den andern, jede
Gesinnung geht verlarvt durch unsern eigenen Busen: wer vermag es, das Edle vom
Unedlen zu sondern?
    Schon seit lange hatte mir Andrea versprochen, mich in eine Gesellschaft von
Männern zu führen, die sich um ihn, wie um einen Mittelpunkt versammelt haben,
und so gleichsam eine Schule bilden; ich brannte, um sie kennenzulernen. Gestern
wurde ich dort eingeführt.
    Mir war während der Zeit manches durch den Sinn gegangen; der Argwohn, als
wenn Andrea das Haupt irgendeiner geheimen Gesellschaft sei, da man sagt, dass
unser Zeitalter von der Wut besessen sei, auf diese Art seltsam und
geheimnisvoll zu wirken. Ich hatte so manches von abenteuerlichen und unsinnigen
Zeremonien sogar in Büchern gelesen, und alles war mir immer als äusserst
abgeschmackt erschienen; ich machte mich daher gegen Gebräuche und
Einweihungsfeierlichkeiten gleichsam fest, und als ich Andrea hinbegleitete, war
mir das Gefühl sehr gegenwärtig, dass nichts auf mich wirken würde, was sonst
unsre Phantasie so leicht in Aufruhr setzt. Ich erstaunte und schämte mich zu
gleicher Zeit, als ich ohne weitere Umstände in ein Haus und dann in einen
geräumigen Saal geführt ward, in welchem sich die Gesellschaft schon versammelt
hatte. Ich hatte mich gegen Abenteuerlichkeiten gewaffnet und doch überlief mich
nun ein feierliches Grauen, als mir jeder von ihnen auf eine einfache Art die
Hand gab und mich als Freund und Bruder begrüsste. Ich stand versteinert unter
ihnen wie damals, als ich das erste grosse Raffaelsche Gemälde betrachtete, denn
noch nie habe ich so viele charaktervolle Köpfe nebeneinander gesehn, noch nie
hab ich in einer grossen Gesellschaft ein so ruhiges und gedankenreiches Gespräch
gehört.
    Als ich mich etwas genauer umsah, entdeckte ich bald mehrere Bekannte, die
mit mir Nächte durchschwärmt, oder beim Spiele durchwacht hatten. Sie kennen ja
auch den launigen Francesco, der uns mit seinen Einfällen so oft unterhalten
hat, aber in dieser Gesellschaft war es mir nicht möglich, über ihn zu lachen,
oder einen Spass von ihm zu fordern, so ernst und ehrwürdig sass er unter den
übrigen, von denen manche ihm aufmerksam zuhörten. Adriano, an dessen Einfalt
wir uns so oft belustigt haben, hatte einen grossen Zirkel um sich her versammelt
und sprach mit grossem Entusiasmus und ebenso vielem Verstande; ich konnte nicht
müde werden ihn anzuhören, und mich über meinen bisherigen Irrtum zu verwundern.
Es war mir, als wäre ich plötzlich in die Gesellschaft von abgeschiedenen
Geistern entrückt, die im Tode alles Irdische von sich werfen, und selbst ihren
Brüdern unkenntlich sind. - Alle begegneten dem alten Andrea mit der
ausgezeichnetsten Achtung, alle beugten sich vor ihm, wie vor einem höheren
Wesen, und meine Ehrfurcht vor meinem alten Freunde ward dadurch nur um so
grösser.
    Es ist, als wenn uns in der stillen Nacht tiefere Gedanken und ernstere
Betrachtungen begrüssten, denn mit jeder Stunde ward die Gesellschaft
feierlicher, der Gegenstand ihres Gesprächs erhabener. Ich habe nie mit dieser
Andacht in einem Tempel gestanden, noch in keinem Buche habe ich diese Gedanken
gefunden, die mich hier durchdrangen. In solchen Stunden vergisst man seine
vorige Existenz gänzlich, und nur die Gegenwart ist deutlich in unserer Seele.
Ich werde diese Nacht nie vergessen.
    Wir gingen erst am Morgen auseinander. Ein glühendes Rot streckte sich am
Horizont empor und färbte Dächer und Baumwipfel; die freie Morgenluft und der
helle Himmel kontrastierten seltsam mit dem dunklen nächtlichen Zimmer. Scharen
von Vögeln durchflatterten die Luft mit muntern Tönen, die Bewohner der Stadt
schliefen fast noch alle und unsre Schritte hallten die Strassen hinab. - Der
frische Morgen ist mir immer das Bild eines frohen und tätigen Lebens, die Luft
ist gestärkt und teilt uns ihre Stärke mit, das wunderbare Morgenrot strömt eine
Erinnerung der frühesten Kindheit herauf und fällt in unser Leben und unsere
gewöhnlichen Empfindungen hinein, wie wenn ein roter Strahl an den eisernen
Stäben eines Kerkers zittert, in dem ein Gefangener nach Freiheit seufzt.
 
                                       9
                             William Lovell an Rosa
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Wenn ich Andrea oft betrachte und mich stumm in Gedanken verliere, so möcht ich
ihn in manchen Stunden für ein fremdes, übermenschliches Wesen halten; ich habe
mir im stillen manche wunderbare Träume ausgesponnen, die ich mich schämen
würde, Ihnen mit so kaltem Blute niederzuschreiben, sosehr sie auch meine
Phantasie gefangenhalten. Er begegnet oft auf eine unbegreifliche Weise meinen
Schwärmereien mit einem einzigen Worte, das sie mir deutlicher macht, und in ein
helleres Licht stellt.
    Neulich war ich durch seine Reden in eine ungewöhnlich feierliche Stimmung
versetzt, er sprach von meinem gestorbenen Vater und schilderte ihn genau nach
seiner Gesichtsbildung und Sprache. Ich war gerührt und er fuhr fort, ja er
sprach endlich ganz mit seinem Tone und sagte einige Worte, die sich mein Vater
angewöhnt hatte, und die ich unendlich oft von ihm gehört habe. Ich fuhr auf,
weil ich dachte, mein Vater sei wirklich zugegen, ich fragte ihn, ob er ihn
gekannt habe und er beteuerte das Gegenteil; ich war in die Jahre meiner
Kindheit entrückt und sah starr auf die Wand, um nicht in meiner Täuschung
gestört zu werden. Plötzlich fuhr wie ein Blitz ein Schatten über die Wand
hinweg, der ganz die Bildung meines Vaters hatte, ich erkannte ihn und er war
verschwunden; seltsame Töne, wie ich sie nie gehört habe, klangen ihm nach, das
ganze Gemach ward finster und der alte Andrea sass gleichgültig neben mir, als
wenn er nichts bemerkt hätte.
    Ein gewaltiger Schauder zog meine Seele heftig zusammen, alle meine Nerven
zuckten mächtig, und mein ganzes Wesen krümmte sich erschrocken, als wenn ich
unvorsichtig an die Tore einer fremden Welt geklopft hätte, und sich zu meiner
Vernichtung die Flügel öffneten und tausend Gefühle auf mich einstürzten, die
der gewöhnliche Mensch zu tragen zu schwach ist. - Andrea erscheint mir jetzt
als ein Türhüter zu jenem unbekannten Hause, als ein Übergang alles
Begreiflichen zum Unbegreiflichen. Vielleicht löst ein Aufschluss alle Rätsel in
und ausser uns, unser Gefühl und unsre Phantasie reichen vielleicht mit
unendlichen Hebeln da hinein, wo unsre Vernunft scheu zurückzittert; am Ende
verschwindet alle Täuschung, wenn wir auf einen Gipfel gelangen, der der übrigen
Welt die höchste und unsinnigste Täuschung scheint. Balder kömmt mit seinen
Erscheinungen in meine Seele zurück - o Rosa, was ist Unsinn und was Vernunft?
Alles Sichtbare hängt wie Teppiche mit gaukelnden Farben und nachgeahmten
Figuren um uns her; was dahinter liegt, wissen wir nicht, und wir nennen den
Raum, den wir für leer halten, das Gebiet der Träume und der Schwärmerei, keiner
wagt den dreisten Schritt näher, um die Tapeten wegzuheben, hinter die Kulissen
zu blicken und das Kunstwerk der äussern Sinne so zu zerstören - aber wenn - o
Rosa, nein ich schwindele, es ist mir innerlich alles so deutlich und ich kann
keine Worte finden; aber ich mag sie auch nicht suchen. Sie werden ebenfalls
diese Gefühle kennen und mir alles übrige erlassen.
 
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                             Rosa an William Lovell
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Manche Ihrer Gedanken über Andrea sind mir aus der Seele geschrieben, in seiner
Gegenwart fühle ich mich immer wie in der Nähe eines Überirdischen. Auch manches
ist mir begegnet, was ich mir auf keine Art zu erklären weiss. Als ich neulich
mit ihm hier in Tivoli war, waren wir fast täglich zusammen und unser Gespräch
fiel vorzüglich auf den Aberglauben und die wunderbare Welt, vor der unser Geist
so oft steht, und dringend Einlass begehrt. Meine Phantasie ward mit jedem Tage
mehr erhitzt, alle meine bisherigen Zweifel verloren immer mehr von ihrem
Gewicht; Sie können sich vorstellen, welchen seltsamen Eindruck Ihre Briefe
damals auf mich machen mussten, in denen Sie immer mit so vielem Eifer von
Rosalinen sprachen. An einem schönen Abende schweiften wir vor den Toren umher,
unsre Gespräche wurden immer ernstafter und ich vergass es darüber ganz, zur
engen unangenehmen Stadt zurückzukehren. Es war indes dunkle Nacht geworden und
wir trennten uns. Alle meine Begriffe waren verwirrt, die Finsternis ward noch
dichter und ich näherte mich, wie es schien, immer noch nicht der Stadt. Ich
versuchte einen neuen Weg, weil ich glaubte, ich habe mich verirrt, und so ward
ich immer ungewisser. Die Einsamkeit und die Totenstille umher erregte mir eine
gewisse Bangigkeit; ich strengte mein Auge noch mehr an, um ein Licht von der
Stadt her zu entdecken, aber vergebens. Endlich bemerkt ich, dass ich einen Hügel
hinanstiege und nach einiger Zeit befand ich mich oben, neben der Kirche des
heiligen Georgs. Der Wind zitterte in den Fenstern und pfiff durch die
gegenüberliegenden Ruinen, ich glaubte in der Kirche gehn zu hören und ich irrte
mich nicht; mit hallenden Tritten kamen zwei unbekannte Männer aus dem Gewölbe
und fragten mich, was ich suche. Ihre unbekannte Gestalt, der feierliche Ton
ihrer Stimme und eine kleine Blendlaterne, die nur mich und den einen von ihnen
beleuchtete, machte mich schaudern. Ich fragte furchtsam nach dem Wege zur
Stadt, und der eine von ihnen erbot sich, mich bis an das Tor zu bringen, der
andere versprach so lange bei der Kirche zu warten.
    Die kleine Laterne erhellte sparsam unsern Weg und Bäume und Stauden glitten
uns, mit einem durchsichtigen Grün bekleidet, vorüber, mein Begleiter war stumm
und ich ging wie im Traume hinter ihm. Jetzt waren wir nahe am Tore und der Mann
mit der Laterne stand still; wir nahmen mit wenigen Worten Abschied und ein
breiter Schimmer fiel auf sein Gesicht. Ich fuhr zusammen, denn es war ganz das
bleiche Antlitz einer Leiche, die Augen waren wie weit hervorgetrieben, die
Lippen blass und wie in einem Totenkrampfe verzerrt: ich glaubte ein Gespenst zu
sehn, und erschrak nur noch inniger, als ich nach einigen Augenblicken die Züge
Andreas erkannte. Jetzt wandte er sich um, und ging zurück, ich stand noch wie
versteinert, und rief endlich laut und halb wahnsinnig: »Andrea!« - In demselben
Augenblicke verschwand die Gestalt und das Licht, und betäubt und zitternd ging
ich in die Stadt.
    Aber wie fuhr ich zusammen, als mir Andrea vor meiner Wohnung entgegentrat
und mich fragte, wo ich so lange geblieben sei. Ich konnte ihm nur wenige Worte
sagen und die ganze Nacht hindurch lag ich in einem abwechselnden Fieber.
    Und war es nicht eben die Gestalt unsers Andrea, mit Schrecken denke ich
daran, die der unglückliche Balder so oft in den Exaltationen seiner Phantasie
beschrieb? - Und doch hatte er ihn niemals gesehen. - Wer weiss, ob er mich nicht
jetzt umgibt, indem ich diesen Brief schrieb, und jeden Gedanken kennt, den ich
denke! -
 
                                       11
                             William Lovell an Rosa
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Mein Herz ist die Höhle des Aeolus geworden, in dem alle Stürme
durcheinandermurren und sich mit wildem Grimme von ihren Ketten losreissen
wollen. Oh, lassen Sie mich diesen Andrea begreifen, und ich will mich
zufriedengeben und ich will alles übrige vergessen.
    Ist die Welt nicht ein grosses Gefängnis, in dem wir alle wie elende
Missetäter sitzen, und ängstlich auf unser Todesurteil warten? O wohl den
Verworfenen, die bei Karten oder Wein, bei einer Dirne oder einem langweiligen
Buche sich und ihr Schicksal vergessen können!
    Doch der schwarze Tag bricht endlich, endlich herein. Er kann nicht
ausbleiben. Alle vorhergehenden Tage waren nur Vorbereitungen zum letzten
schrecklichen. Die finstre Parze findet endlich die Stelle, wo sie den Faden
zerreisst. - O wehe uns, Rosa, dass wir geboren wurden!
    O des klagenden Toren! mit ohnmächtiger Kraft sperrt sich das arme Tier, in
den Stall zu gehn, wo das schlachtende Messer seiner wartet. Die Zeit, dieser
unbarmherzige Henkersknecht, schleppt dich hinein, das Tor schlägt hinter dir zu
und du stehst einsam unter deinen Mördern.
    Was kann der Mensch wollen und vollbringen? Was ist sein Tun und Streben? -
    O dass wir wandern könnten in ein fremdes, andres Land; ausziehn aus der
Knechtschaft, in der uns unsre Menschheit gefangenhält!
    Grässlich werden wir zurückgehalten, und die Kette wird immer kürzer und
kürzer. Alle täuschenden Freuden schlagen rauschend die Flügel auseinander und
sind im Umsehn entflogen. Der Putz des Lebens veraltet und zerfällt in Lumpen;
alle Gebrechen werden sichtbar.
    Einsam steh ich, mir selbst meine Qual und mein Henker, in der Ferne hör ich
die Ketten der andern rasseln. - Schauder stehn vor unserm Gefängnisse zur
Wacht. - Da lässt sich keiner bestechen - eisenfest und unwandelbar stehn sie da.
- -
    Ich habe den Ruf vom jenseitigen Ufer gehört; ich habe den seltsamen Wink
verstanden, und das Boot eilt schon herüber, mich abzuholen; ich trage meine
Sünden in meiner Hand und gebe sie als Fährgeld ab. - - Die Wogen rauschen, es
schwankt das Boot, das Steuer ächzt, und bald tret ich an das düstre fremde
Gestade, und in doppelter Vereinigung kommen mir alle meine Schmerzen entgegen.
    Gestern war ich bei Andrea und seiner Gesellschaft. Sie sprachen viel
durcheinander und sassen in Reihen hinab, wie gefüllte Bilder aus Erde. Alle
waren mir fremd und armselig, mit allen, selbst mit dem wunderbaren Andrea hatt
ich ein inniges Mitleiden. Sie waren ernst und feierlich, und mir war, als müsst
ich lachen. - Dass Gedanken und Vorstellungen den sogenannten Frohsinn aus unserm
Gesichte verjagen können, ist bejammernswürdig.
    Ich streckte meine Hand aus und berührte den Nächstsitzenden, und wie ins
Reich der Vernichtung griff ich hinein und war ein Glied der zerbröckelnden
Kette. Ich gehörte nun mit zum Haufen, und war mir selber fremd und armselig, so
wie die übrigen.
    Aller Augen waren starr auf die Wand geheftet, in allen spiegelte sich der
Widerschein des Todes. Die Kerzen brannten dunkler, die Vorhänge rauschten
geheimnisvoll, das Blut in meinen Adern wollte aufsieden und erstarrte.
    Töne schlugen das Ohr mit seltsamer Bedeutung, wie Arabeskengebilde fuhr es
durch meinen Sinn; ich erwartete etwas Fremdgestaltetes und lechzte nach etwas
Ungeheuerm. Und ich vergass hinter mir zu sehn und stand unter meinen Freunden
einsam, wie in einem Walde von verdorrten Bäumen.
    Schatten fielen von oben herunter und sanken in den Boden. Dämpfe standen
wie Säulen im Gemache, Dämmerung wankte hin und wider wie ein Vorhang. Die Seele
vergass sich selbst und ward ein Bild von dem, was sie umgab.
    Es kreiste und wogte gewaltig durcheinander; wie ein Unding, das zum
Entstehen reif wird, so kämpfte die Masse gegen sich selbst. - Es schritt näher
und glich einer Nebelgestalt; vor mir vorüber wie ein pfeifender Wind - und oh -
Rosaline!
    Sie war es, ganz, wie sie lebte. Sie warf einen Blick auf mich und wie ein
Messer traf er meine Augen, wie ein Berg mein Herz. Ich sträubte mich gegen
meine innerliche Empfindung und es zog mich ihr nach; - ich stürzte laut
schreiend nach ihrem Gewande und stiess mit dem Kopfe an die Mauer.
    Ich erschrak nicht, verwunderte mich nicht und erwachte auch nicht. Wie
andre Elemente umgab mich alles, ich sah die Freunde wieder, ich hörte wieder
die Bäume und Wasser, die ganze Mühle der gewöhnlichen Welt, mit allen ihren
Gängen.
    Andrea und die übrigen waren stumm und kalt, aber sie standen fern, fern von
mir hinunter, ich kannte sie alle und verstand sie nicht, ich kam zurück und war
nicht unter ihnen.
    Man öffnete die Fenster; die Morgenluft brach herein, der Himmel war wie
eine Platte buntgestreifter Marmor, die Wände der Welt waren wie immer mit ihren
seltsamen Gewächsen ausgelegt, und wie ein wildes Tier, so fiel eine nüchterne
Empfindung mein Herz an.
    Wo steht die letzte Empfindung, dass ich zu ihr gehe? Wo wandeln die
seltsamsten Gefühle, dass ich mich unter sie mische? Dass ich von diesem Traume
erwache und einen andern noch fester träume!
    Wolken fliehn und kommen wieder, das seltsamste Morgenrot wird Tagesschein.
- So wird es mit diesem Herzen gehn. - Leider, dass ich das schon jetzt empfinde!
 
                                       12
                             William Lovell an Rosa
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Wie alles mich immer bestimmter zu jenen Schrecken hinwinkt, denen ich
entfliehen wollte! Wie es mich verfolgt und drängt, und doch die grässliche Leere
in mir nicht ausfüllt! - Wie in einem Ozean schwimm ich mit unnützer Anstrengung
umher; kein Schiff, kein Gestade, so weit das Auge reicht! unerbittlich streckt
sich das wilde Meer vor mir aus, und Nebel streichen verspottend wie Ufer herum,
und verschwinden.
    Nebelbänke sind unser Wissen und alles, was unsere Seele zu besitzen glaubt;
der Zweifel rauft das Unkraut zusamt dem Getreide aus, und in der leeren Wüste
schiessen andre Pflanzen mit frischer Kraft hervor, deren Farben noch schöner und
glänzender spielen. Der Mensch muss denken und eben darum glauben, schlafen und
also träumen.
    Der Wechsel der Jahreszeiten zerstört die Berge und Felsen, die ewigen
Pfeiler der Erde zerbröckeln sich durch Regengüsse, der Mensch durch den Lauf
seines Bluts, ein Totenwurm in ihm, der ihn von innen heraus zernagt. Jedes Ding
ist Bild und Gegenbild zugleich, es erklärt sich selbst und man sollte nie
fragen: Wie hängt diese Erscheinung mit jener zusammen? - Der Geist des
Forschens ist die Erbsünde, die uns von unsern ersten gefallenen Eltern
angestammt ist.
    Alles, was ich sonst meine Gefühle nannte, liegt tot und geschlachtet um
mich her, zerpflücktes Spielzeug meiner unreifen Jugend, die zerschlagene
magische Laterne, mit der ich meine Zeit vertändelte.
    Ich nenne mir manchmal den Namen Amalie oder Rosaline, um alles, wie mit
einem Zauberspruche, wieder zum Leben zu erwecken, aber auch die Erinnerung ist
abgeblüht, und wenn ich mein ganzes Leben hinuntersehe, so ist mir, als wenn ich
über ein abgemähtes Stoppelfeld blicke; ein trüber Herbst wandelt näher, der
Nebel wird dichter, und der letzte Sonnenschein erlischt auf den fernen Bergen.
    Ich möchte in manchen Stunden von hier reisen und eine seltsame Natur mit
ihren Wundern aufsuchen, steile Felsen erklettern, und in schwindelnde Abgründe
hinunterkriechen, mich in Höhlen verirren, und das dumpfe Rauschen
unterirdischer Wasser vernehmen, ich möchte Indiens seltsame Gesträuche besehen,
und aus den Flüssen Wasser schöpfen, deren Name mich schon in den Kindermärchen
erquickte; Stürme möcht ich auf dem Meere erleben, und die ägyptischen Pyramiden
besuchen; - o Rosa, wohin mit dieser Ungenügsamkeit? und würde sie mir nicht
selbst zum Orkus und in Elysium folgen? -
    Und lern und erfahr ich denn nicht hier in Rom genug? Genügt mir nicht dies
tiefe wunderbare Leben, in dem die Wunder mit den Stunden wechseln? Wohin von
hier? Das Gewand der ganzen Erde ist kahl und dürftig - o Balder, ich möchte
Dich in den tiefen Gebirgen aufsuchen, um von Dir zu lernen und mit Dir zu
leben.
    Mein Geist knüpfet sich immer vertrauter an Andrea; ich verstehe ihn, soviel
sich zwei Menschen verstehen können, die immer das nämliche meinen und ganz
etwas anders sprechen; in jedem Körper liegt die Seele, wie ein armer Gequälter
in dem Stiere des Phalaris, sie will ihren Jammer und ihre Schmerzen ausdrücken,
und die Töne verwandeln sich und dienen zur Belustigung der umgebenden Menge. -
    Doch ich vergesse ganz, was ich erzählen wollte. Man vergisst über Worte sich
und alles übrige, wir sprechen selten von uns selbst, sondern meist nur darüber,
wie wir von uns sprechen könnten; jeder Brief ist eine Abhandlung voll erlogener
Sätze mit einem falschen Titel überschrieben, und so möcht ich denn gern
fortfahren zu schwatzen, wenn mich mein Gefühl nicht zu sehr ängstigte und zur
Erzählung einer seltsamen Begebenheit hinrisse.
    Es war vorgestern, als ich mich im Korso unter dem Gedränge des Karnevals
umtrieb; das Geräusch der Menschen und Wagen, das Geschrei, die tausendfältigen
Verunstaltungen des menschlichen Körpers und endlich der Glanz der Lichter
versetzten mich in einen angenehmen Rausch: am Abend fuhr ich nach dem Festino,
in welchem viele der Masken, mit neuen vermehrt, sich wiederfanden.
    Eine weibliche Gestalt strich zu wiederholten Malen bei mir vorüber. Ich
hatte schon oft das Rauschen ihres seidnen Gewandes gehört und ward jetzt erst
aufmerksamer. Mir war, als wenn sie mich recht geflissentlich vor allen übrigen
Masken auszeichnete und eine Bekanntschaft mit mir suchte. Wir näherten uns mit
den gewöhnlichen Formeln, und mir ward es wunderbar leicht, recht abgeschmackt
zu sein; es sammleten sich daher bald mehrere Karikaturmasken, die mich ungemein
witzig fanden.
    Ich verfolgte die unbekannte Maske bald durch das dickste Gedränge, ich
begleitete sie, als sie in eins der Zimmer ging, um sich mit Gefrornem zu
erquicken.
    Hier sah ich den schönen Wuchs genauer und die zarten Arme; ich bat und
flehte, aber sie wollte um keinen Preis die Maske abnehmen. -
    Ich verlor sie im Saale wieder aus den Augen, dessen Getön und Gebrause mir
jetzt nach der augenblicklichen Ruhe, nach der stillen Erleuchtung des Zimmers
innig zuwider war. Ich ging daher fort, um in meinen Wagen zu steigen. Zu meinem
Erstaunen finde ich dieselbe Maske vor der Tür, sie vermisst ihren Wagen, ich
biete ihr den meinigen an, und sie schlägt das Anerbieten nicht aus. -
    Nun waren wir allein im Wagen, und ich wandte alle meine Beredsamkeit an, um
sie zu bewegen, die entstellende Maske abzunehmen. Sie tut es endlich mit einer
kaltblütigen Bewegung - und oh - die Haare richten sich mir noch empor - -
Rosaline sitzt neben mir!
    Sie warf mir einen drohenden Blick zu, und wie ein lauter Donnerschlag warf
es sich in den Wagen hinein. - Nun hört ich bloss das Rasseln der Räder, wie eine
ferne Kaskade - ich fand mich am Morgen in meinem Zimmer wieder.
    Meine Hände zittern noch, wenn ich daran denke, und doch ist es vorüber und
ich zweifle jetzt selbst daran, dass es war. Weiss ich doch kaum, was ich jetzt
tue und denke.
 
                                       13
                        Andrea Cosimo an William Lovell
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Freilich, lieber William, täuscht uns alles in und ausser uns, aber eben deswegen
sollte uns auch nichts hintergehen können. Wo sind denn nun die Qualen, von
denen ich so oft muss reden hören, die unsre Irrtümer, unsre Zweifelsucht, der
erste Sonnenstrahl unserer Vernunft uns erschaffen? Es ist die Zeit, die auf
ihrem Wege durch die grosse weite Welt auch durch unser Inneres zieht, und dort
alles auf eine wunderbare Weise verändert. Veränderung ist die einzige Art, wie
wir die Zeit bemerken, und weil wir die Fähigkeit haben zu denken, haben wir
auch zugleich die Fertigkeit verschiedenartige Gedanken hervorzubringen. Weil
eine Gedankenfolge uns ermüdet und am Ende nicht mehr beschäftigt, so macht eben
dies eine andere notwendig; und dies nennen die Menschen gewöhnlich eine
Veränderung ihres Charakters und ihrer Seele, weil sie sich immer viel zu
wichtig finden, und sich gern über und über so mit Lichtern bestecken möchten,
dass man sie aus dem Glanze nicht herausfinden kann. Kann sich denn aber das
Wesen verändern, das wir unsere Seele nennen? Hat es Teile, die von ihm
losgerissen, oder die ihm angesetzt werden? Wechselt es sich mit einem andern
aus? - O Freund, wir wechseln mit den Federn, mit denen wir schreiben, die Seele
mit ihrem Spielzeuge, den Gedanken, die von ihr selbst ganz unabhängig und nur
ein feineres Spiel der Sinne sind.
    Alles, was wir in uns kennen, ist Sinnlichkeit, dortin führen alle
Fussstapfen, die wir in der einsamen Wüste entdecken; zu dieser einzigen Höhle
werden wir immer wieder zurückgeführt, so seltsam sich der Weg auch krümmen mag.
Nur in der Sinnlichkeit können wir uns begreifen, und sie regiert und ordnet das
Gewebe, das wir immer von unserm Geiste getrieben glauben. Bloss hierauf können
sich alle Plane und Entwürfe, Wünsche und stille Ahndungen gründen; in dieser
Körperwelt bin ich mir selbst nur mein erstes und letztes Ziel, denn der Körper
ordnet alles nur für seinen Körper an, er findet bloss Körper in seinem Wege, und
eine Verbindung zwischen ihm und dem Geiste ist für unser Fassungsvermögen
unbegreiflich. Die Seele stehet tief hinab in einem dunkeln Hintergrunde und
lebt im weiten Gebäude für sich, wie ein eingekerkerter Engel: sie hängt mit dem
Körper und seinen vielfachen Teilen ebensowenig zusammen, wie der Verbrecher mit
der Stadt, in der er gefangen sitzt; wie man ebensowenig glauben würde, dass alle
Strassen mit den Toren und Türmen umher bloss für den Gefangenen angelegt wären.
    Was kann ich also für meine Seele tun, die wie ein unaufgelöstes Rätsel in
mir wohnt? die dem sichtbaren Menschen die grösste Willkür lässt, weil sie ihn auf
keine Weise beherrschen kann? - Er ist, das ist sein Verbrechen und seine
Tugend, sein Dasein ist seine Strafe und seine Wohltat, und wer hat dies nicht
schon in sich selber empfunden? Ich mag keinen verdammen und keinen vergöttern,
es ist alles ein Gefolge, in dieselben Gewänder eingehüllt, mir alle gleich
unkenntlich und gleich gut, ein Trauerzug, der auf Bergeswegen dahin geht, und
hinter einem dunkeln Walde verschwindet.
    Damit die verächtlichen Maschinen sich brüsten können, haben sie Namen und
Unterschiede wie bunte, klägliche Ordenszeichen erfunden; nur der Pöbel hat die
tiefe Achtung vor diesen.
    Was bleibt uns übrig, William, wenn wir alle leere Namen verbannen wollen? -
Freilich nichts zu philosophieren und mit Entusiasmus für die Tugend und gegen
das Laster zu reden, kein Stolz, kein Gepränge mit Redensarten, aber immer noch
eben so viel Raum, um zu leben.
    Die Empfindung geht daher einen kürzern und richtigern Weg, als der
grübelnde Verstand; denn das Gefühl ist der Haushofmeister unserer Maschine, der
erste Oberaufseher, der dem alten pedantischen Verstande alles überliefert, der
es weitläuftig und auf seine ihm eigene Art bearbeitet. Gefühl und Verstand sind
zwei nebeneinanderlaufende Seiltänzer, die sich ewig ihre Kunststücke nachahmen,
einer verachtet den andern und will ihn übertreffen.
    Wenn wir nicht blosse Maschinen sind, so reisst sich die Seele einst gewiss von
allem los, was sie so lästig gefangenhält, sie wird nicht schliessen und
unterscheiden, nicht ahnden und glauben, sondern im raschen, reissenden Fluge
nach ihrem ungekannten Vaterlande eilen, wo sie wirken und ungefesselt dauern
kann.
    Wenigen wundervollen Menschen war es vielleicht gegönnt, sich schon hier,
von den Gauklern, ihren Sinnen, noch umgeben, kennenzulernen, und in ihre
innerste, verborgenste Tiefe zu schauen. Aber die Natur widerstrebt mit allen
ihren Kräften, sie sind seltsame Wunderdinge, die sich vor sich selber
entsetzen; die Fugen sind gerissen, der Geist sieht unmittelbar, ohne Sinne und
ohne das Mittelglas des Verstandes, in das Dasein und die Gegenstände hinein,
und der Körper schaudert unter heftigen Zuckungen.
 
                                       14
                            Balder an William Lovell
Heut scheint die Sonne freundlich und ich denke an Deinen Namen, denn er ist wie
blauer Himmel. Da war mir, als hört ich Deinen Gang hinter mir in den Gebüschen
und ich sah mich um. Aber der Wind kletterte nur in den Bäumen umher, und
pflückte einige reife Blätter, die er der Erde, seiner Mutter, zum Verzehren
hinlegte. Nun hab ich noch in meiner Schreibtafel ein Blatt Papier und ich will
es nehmen, und jetzt mit Dir sprechen: vielleicht findet sich einst ein Mann,
der es zu Dir hinüberträgt.
Wechselnd gehn des Baches Wogen
Und er fliesset immerzu,
Ohne Rast und ohne Ruh,
Fühlt er sich hinabgezogen,
Seinem dunkeln Abgrund zu.
Also auch des Menschen Leben,
Liebe, Tanz und Saft der Reben,
Sind die Wellenmelodie,
Sie verstummt spät oder früh.
Ewig gehn die Sterne unter,
Ewig geht die Sonne auf,
Taucht sich rot ins Meer herunter,
Rot beginnt ihr Tageslauf.
Nicht also des Menschen Leben,
Seine Freuden bleiben aus,
Denn dem Tode übergeben
Bleibt er dort im dunkeln Haus. -
So werd ich jetzt gezwungen, nach einem gewissen Klange zu reden, der wie ein
Wasserfall in meiner Seele auf- und niedersteigt. Mich besuchen oft Leute in
meiner einsamen Waldwohnung, und sagen es ganz laut, so dass ich es höre, ich sei
ein Prophet von Gott gesandt. Die guten Leute meinen es aber in ihrem Sinne
recht gut, nur schieben sie das meiste auf meinen Bart, der mir wider meinen
Willen so lang gewachsen ist.
    Die Sonne spielt fröhlich zwischen den dunkelgrünen Zweigen herab und ich
sehe, wie jedes Tier sich in ihr goldnes Netz so gern und willig fängt. Die
ganze Natur ist begeistert und die Waldvögel singen lange und schöne Lieder, und
die Bäume stimmen drein mit lautem ehrwürdigem Rauschen und wie Harfensaiten
zittert und klingt alles um mich her, und ich singe innerlich Gesänge, ohne dass
ich es weiss.
Alte graue Helden treten
So vertraulich zu mir her,
Ehrfurchtsvolle Priester beten,
Und es rauscht das griechsche Meer.
Circes Weberstühle sausen,
Die Charybdis strudelt wild,
Pan erwacht, die Wälder brausen,
Jäger fliehn zusamt dem Wild.
Lanzenkämpfer tummeln rüstig
Sich auf Rossen hin und her,
Und Ariost ersinnet listig
Seine wundervolle Mär,
Singt Orland' und Rodomant; -
Wie er sich in Liedern sonnt,
Bricht verstummend plötzlich ab,
Ihn verschlingt das offne Grab.
Ach und keine Reime sprechen
Sanften Trost dem Armen zu,
Alle Harfensaiten brechen,
Um ihn furchtbar dumpfe Ruh.
Ich denke noch daran, dass wir oft über alles sprachen, was ich jetzt immer
wirklich vor mir sehe.
    Alle diese Leute sind nicht tot, sondern nur verdunkelt; sie kommen, wenn
ich sie rufe, und vertragen sich brüderlich mit mir.
    Denkst Du noch zuweilen an mich, wie ich an Dich und Deine Torheiten denke?
Es ist mir jetzt ein neues ruhiges Leben aufgegangen, ich weiss es nicht zu
sagen, wie sehr ich innerlich froh bin. Eine andere stillere Seele ist in mich
eingezogen, und die hat über mich eine bessere Herrschaft gewonnen.
    Ich weiss nicht, in welchem Waldgebirge ich wohne, denn ich erkundige mich
nie mehr nach Namen. Es sieht um meine Wohnung wunderlich und doch schön aus.
Felsen stehn hoch und ernstaft da, und Ulmen und Pappeln, und an den
senkrechten Wänden hängt der Efeu dick wie Riesenlocken herunter. Es ist alles
hier um mich lebendig und voll Freundschaft; die Bäume grüssen mich, wenn ich
aufwache, der Himmel zieht purpurrot über meinen Kopf weg und seine bunten
Lichter spielen um mich herum und necken mich. - Ach Freund, wenn man die Blumen
und Pflanzen näher kennenlernt, was sie dann anders sind, als man gewöhnlich
glaubt, sie sind klüger als die Leute denken, und haben auch mehr Gewalt, als
man meint. Die Menschenwissenschaft kennt nur einen Teil ihrer geheimen Kraft.
Blumen sind uns nah befreundet,
Pflanzen unserm Blut verwandt,
Und sie werden angefeindet,
Und wir tun so unbekannt.
Unser Kopf lenkt sich zum Denken
Und die Blume nach dem Licht,
Und wenn Nacht und Tau einbricht
Sieht man sich die Blätter senken.
Wie der Mensch zum Schlaf einnickt,
Schlummert sie in sich gebückt.
Schmetterlinge fahren nieder,
Summen hier und summen dort,
Summen ihre träge Lieder,
Kommen her und schwirren fort.
Und wenn Morgenrot den Himmel säumt,
Wacht die Blum und sagt, sie hat geträumt,
Weiss es nicht, dass voll von Schmetterlingen,
Alle Blätter ihres Kopfes hingen.
O was würden die Menschen in der Nacht erblicken, wenn sie plötzlich in ihren
Träumen aufwachen könnten. Der Traum steht vor ihnen und weiss, wenn der Mensch
nicht mehr schläft, der gewöhnliche Betrug gibt auf den ersten Wink acht und
rennt wieder an seine Stelle. - Aber ich war einmal krank und sah alles mit
Augen, und griff es mit diesen Händen, mit denen ich jetzt schreibe, ich weiss
selbst nicht, warum; da hielt ein jedes Wunder ordentlich stand und ich lachte
über die andern Menschen.
    Auch die Vögel und die Tiere, die Berge und die Felsen sind anders, als die
Menschen sich einbilden wollen, es zu wissen. Es ist nur zu weitläuftig, sonst
könnt ich hier viel davon schreiben und es würde doch weder Dir noch einem
andern Menschen nützen, denn wer's nicht schon vorher weiss, kann mich doch nicht
verstehn. So geht es mit allem Guten.
    Da hab ich hier in einem Felsen einen Menschen gefunden, der alles so sehn
kann, wie ich. Dass sich die Klugen doch so gern aus der Welt zurückziehn! Aber
in der Einsamkeit denkt und fühlt die Seele anders, sie wird nicht durch das
unordentliche Gezwitscher und Gepolter unterbrochen. In der freien Natur ist
alles mit der Seele verwandt und auf einen Ton gestimmt, in jedes Lied stimmt
sie freiwillig ein und ist das Echo und ebensooft der Vorsänger von allem, was
ich denke: ein kleiner Vogel kann mir vielen Verstand in meinen Kopf
hereinlocken. Der Mensch ist taub und kann mich nicht reden hören; aber wozu
brauchen Menschen die Sprache? Sie ist unnütz und eine seltsame Erfindung. Sie
ist erfunden, um zu lügen, nicht um die Wahrheit zu reden, denn sonst wäre sie
besser und verständlicher; ein boshafter Lügner weiss alles damit zu machen, dem
Verständigen fällt sie zur Last.
    Wir leben wie Brüder beieinander und er hat gar kluge Einfälle. Uns beiden
kommt die Welt anders vor, wie den übrigen Leuten, und doch ist die Kunst nur so
klein und einfach.
    Ich halte mir auch Tauben, die ganz zahm geworden sind und doch ihren
natürlichen Mut und Verstand behalten haben. Ich habe sehr viel von ihnen
gelernt, wenn sie manchmal so unter sich mit dem Kopfe nickten und girrten und
sich ihre Zeichen machten, mit denen sie manchmal über den Menschen spotten.
Diese und die Lämmer, die mit mir essen, sind die unschuldigsten und besten
Geschöpfe von der Welt, und wenn sie Dich kennten, würden sie Dich grüssen
lassen. Es ist nur um die Reise zu tun, so könntest Du hier mit mir leben.
    Von den grossen Dingen, die ich weiss, kann und darf ich Dir nichts schreiben.
Es ist bloss darum ein Geheimnis, weil Du es nicht verstehen würdest.
Den Namen Gottes denen nennen,
Die ihn nicht mit dem Herzen kennen,
Ist Missetat.
Es hängen um mich Geisterchöre,
Und sprechen laut, dass ich es höre; -
Sie halten Rat.
»Lass Mensch jetzt deine Zunge schweigen,
Bis sich die runden Jahre neigen«,
So tönt's herab;
»Was willst du vor der Zeit entüllen?
Den Durst nach dieser Weisheit stillen
Ja Tod und Grab!«
Und so will ich denn lieber enden, um mir kein Missfallen zuzuziehn.
    Lebe wohl, William, so schreibe ich hier in meinen Bergen. - Die Stauden
winken mir, zu ihnen zu kommen, und ein Wort mit ihnen zu sprechen, denn sie
halten alle viel von mir; meinen Rosen muss ich noch Wasser zu trinken geben, und
dann muss ich die kranke Pappel besuchen, die der Wind eingeknickt hat. Es ist
ganz mein freier Wille, aber ich habe es mir selbst zum Gesetze gemacht; ich
helfe ihnen in vielen Sachen, und die Blumen und Bäume hier würden sich sehr
grämen, wenn ich einmal fortzöge.
    Die Lämmer wundern sich weil ich schreibe, was sie von mir noch nicht gesehn
haben. Die unschuldigen Tiere können nur auf ihre Art sprechen, und es ist auch
eben so gut.
    Lebe recht wohl, ich will das Blatt einem fremden Manne geben.
 
                                       15
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Wohin soll ich mich mit meinen Gedanken und Empfindungen wenden? Überall bin ich
mir fremd, und überall find ich mit meinen Ideen einen wundervollen
Zusammenhang. Der höchste Klang des Schmerzes und der Qual fliesst wieder in den
sanften Wohllaut der Freude ein, das Verächtliche steht erhaben und die
Erhabenheit fällt zu Boden, wie im Abgrunde der See Geschmeide und Kostbarkeiten
unter Schlamm und neben verweseten Gerippen glänzen.
Es funkelt Gold in wilden Trümmern,
Tief im verborgenen Gestein,
Ich sehe ferne Schätze schimmern,
Mich lockt der rätselhafte Schein.
Und hinter mir fällt es zusammen,
Ha! um mich her ein enges Grab,
Die Welt, der Tag entflieht, die Flammen
Der Kerzen sinken, sterben ab.
Die Hand klopft zitternd an die Wände,
Der unterirdsche Wandrer schaut
Nach Licht und Rettung, ohne Ende
Das Dunkel! - Ihn erquickt kein Laut.
Er hämmert in den Felsgemächern
Mit einer dumpfen Lebensgier,
Gefangen von den dunkeln Rächern,
Zur Strafe seiner Wissbegier.
Da äugelt aus der fernsten Ritze
Ein blaues Lichtchen nach mir hin,
Ich krieche zu der schroffen Spitze,
Und taste mit entzücktem Sinn.
Und ach, es ist das Goldgestein,
Das mich zuerst hieher versucht,
Nun labt mich nicht der Flimmerschein,
Der boshaft mich zuerst versucht.
Es sehnt der Geist sich nach dem Bande,
Das ihn mit zarter Fessel hielt,
Als er sich wie im Vaterlande
In seiner stillen Brust gefühlt.
Fern liegt das heimische Gestade,
Am wilden Taurien verirrt,
Kniet er umsonst und flehet Gnade,
Das blutge Opfermesser klirrt!
Doch Blumen blühn in diesem Schrecken,
Die hell mit rotem Purpur glühn,
Die Todesschatten, die ihn decken,
Sie lassen prächtge Funken sprühn.
Liegt alles nur im Sinnenglücke?
Vereint sich jeder Ton zum Chor?
Für tausend Ströme eine Brücke?
Gehn alle Pilger durch dies Tor?
So öffnet mir die dunkeln Reiche,
Dass ich ein Wandrer drinnen geh,
Dass ich nur einst das Ziel erreiche
Und jedes Wunder schnell versteh.
Eröffnet mir die finstern Pforten,
An denen schwarze Wächter stehn,
Lasst alle grässlichen Kohorten,
Mit mir durch jene Pfade gehn!
Je wildre Schrecken mich ergreifen,
Je höher mich der Wahnsinn hebt,
So lauter alle Stürme pfeifen,
Je ängstlicher mein Busen bebt,
So inniger heiss ich willkommen,
Was grässlich sich mir näher schleift,
Dem irdschen Leben abgenommen,
Zum Geisterumgang nun gereift.
Alles Wilde, was ich je gedacht,
Alle Schrecken, die ich je empfunden,
Rückerinnrung aus der trübsten Nacht,
Grauen meiner schwärzsten Stunden,
O vereinigt euch mit meinen Freuden,
Stürmet alle um mich her,
Schlinget euch an alle meine Leiden,
Flutet um mich gleich dem wilden Meer,
Dass das Morgenrot sich in dem Abgrund spiegle,
Graun und Schrecken meine Heimat sei,
Dass der Wahnsinn immer rascher mich beflügle,
Und zum dunkeln Tor der Hölle zügle,
Nur Erinnyen! gebt mich von den Zweifeln frei!
Lesen Sie doch aufmerksam Balders wunderbaren Brief, der wie der Gesang eines
fremden, verirrten Vogels zu uns herübertönt.
 
                                       16
                         Willy an seinen Bruder Tomas
                                                                         Kensea.
Lieber Bruder!
Ich habe Dich also doch nun wirklich endlich gesehen, und ich bin nun wieder
umgekehrt, und sitze und denke hier in Kensea wieder an Dich, wo ich nach dem
Willen meines lieben verstorbenen Herrn als ein Verwalter bleiben soll, bis mein
Herr William aus Italien zurückkömmt. Wie ist die Zeit und das menschliche Leben
doch so gar flüchtig! Es ist nicht anders, als wenn wir nur solche Bilder wären,
die auf den Schiessplätzen den Schützen oft vorbeigezogen werden, man sieht sie
kaum, so sind sie auch schon wieder weg.
    Hier leb ich nun recht ruhig und von der ganzen Welt abgesondert. Ich denke
oft an den guten alten Herrn Lovell, der nun auch gestorben ist, und an alles,
was ich so zeit meines Lebens erfahren habe. Ich bin innerlich recht zur Ruhe
gekommen und es ist mir, als wenn ich mich immerfort im stillen grämte. Das ist
nun hier dasselbe Haus, in das ich als ein junger Bursche so munter und flink
eintrat und mir alles in der Welt so herrlich und wie angeputzt vorkam;ich
dachte immer: Ei, Willy, Du bist jung, wie vieles Glück kann Dir noch begegnen,
nur frisch und munter! Ich schrieb Dir damals auch einen langen und recht
übermütigen Brief, denn ich bildete mir auf die blanken Tressen auf meinem Rocke
nicht wenig ein; es war mir mein Blut so warm, dass ich ordentlich glaubte, die
ganze Welt sei nur mir zu Gefallen erschaffen. - Und nun, lieber Bruder, wenn
ich daran denke, wie manche schwere Krankheit ich seitdem überstanden habe, wie
oft es Dir so recht schlecht gegangen ist, dass ich herzlich weinen musste, was
alles der gute Herr Lovell gelitten hat, wie wir uns beide nur im Grunde wenig
gesehn haben, wie ich mit der Herrschaft bald hier und bald da gewohnt habe, und
wie ich nun als ein alter abgelebter Mann wieder über dieselbe Schwelle schritt,
über die ich als ein junger Bursche sprang - o lieber Bruder, so kann ich Dir
gar nicht sagen, wie seltsam mir dabei zumute wird. Ich möchte sagen, ich hätte
mich damals bloss in einen jungen Menschen verkleidet, oder mich nur jung
angestellt, so unnatürlich kömmt es mir von damals vor. Herr Mortimer und seine
Frau ist einmal hier durchgefahren und er hat mich bei der Gelegenheit besucht.
Er ist munter und gesund und dabei recht freundlich gegen mich.
    Ich gehe fleissig in die Kirche und halte mich jetzt mit meinen Gedanken mehr
zu Gott, als jemals. Alles übrige ist doch nur eitel und vergänglich.
    Der Garten hier ist gegen ehemals recht verwildert und ich kann ihn mit dem
Gärtner unmöglich wieder recht in Ordnung bringen; das liebe Unkraut hat sich
allentalben eingeschlichen und tiefe Wurzel gefasst; wir tun beide, was wir
können, aber es will immer nichts fruchten.
    Bleib ja gesund, lieber Bruder, dass wir uns vor unserm Tode noch einmal sehn
können; endlich muss es doch ans Sterben gehn, da hilft kein Widerstreben, und
dann wollen wir sanft und geruhig in dem Herrn entschlafen.
 
                                       17
                         Tomas an seinen Bruder Willy
                                                                         Bondly.
Deine Briefe, lieber Willy, sind mir jetzt immer gar zu fromm. Es ist freilich
wohl wahr, dass man sich in Deinem Alter von dem Irdischen etwas abziehen kann,
und man tut ganz recht und wohl daran, aber alles Ding, Willy, hat auch sein Mass
und Ziel. Wir sind in der Welt, um zu arbeiten, und etwas zu tun, und dazu
möchte man alle Courage verlieren, wenn man immer nur an die Vergänglichkeit der
Dinge denken wollte; darum bilde ich mir manchmal ein, dass manches, was ich tue
und verfertige, ewig dauern würde, und mir ist ganz wohl dabei zumute.
    Was Du mir von Deinem Garten schreibst, will ich gar gern glauben, weil Du
und der Gärtner vielleicht nicht mit dem Dinge umzugehen wissen. Auch gehören zu
solchem Werke viele Arbeiter und Gartenknechte, wie Du wohl auch hier an meinem
Garten in Bondly wirst gesehn haben; die Natur hängt einmal nach dem Verwildern
hin, und darum muss man Tag und Nacht dagegen arbeiten.
    Der alte Herr Burton ist recht gefährlich krank und ich glaube, dass er schon
zum Grabe reif ist. Die Untertanen sind alle vergnügt, und seine Kinder sind die
einzigen, die ich weinen sehe. Es ist ihre Pflicht als Kinder, sonst hat er von
den andern nicht leicht eine Träne verdient; er bekehrt sich vielleicht noch in
seinen letzten Stunden, welches ich von Herzen wünschen will. Auf den Sohn
hoffen wir aber alle recht mit Sehnsucht, und ich denke, es soll denn auch mit
meinem Garten hier ein ander Ansehn gewinnen. Ich habe mit allen meinen
Herrschaften bisher immer Unglück gehabt; die alte Dame in Waterhall liess den
Garten fast ganz verwildern, und der alte Herr Burton hat gar keinen recht guten
Geschmack, und man darf ihm nichts einmal dagegen sagen, sonst wird er noch
obendrein böse. So alt ich bin, so höre ich es doch gerne, wenn fremde
Herrschaften den Garten und den Fleiss des Gärtners loben, und der Sohn, der
junge Herr, hat auch schon manchmal mit mir darüber gesprochen. Man soll den
hiesigen Garten gewiss weit und breit loben, die Leute sollen weit hieher reisen,
um ihn zu sehn. Siehst Du, Willy, noch in meinen alten Tagen denke ich Ehre
einzulegen, ich tue nicht so verzagt wie Du. Lebe wohl und bleibe nur gesund.
 
                                       18
                        Andrea Cosimo an William Lovell
                                                                            Rom.
Ist denn Dein umherschweifendes, unruhiges Gemüt nun endlich zur Ruhe gebracht?
Deine wilden Zweifel sind aufgelöst und Du wirst Dich und die Welt wieder
unbefangener betrachten können. Ich habe alles für Dich getan, was ich tun
konnte.
 
                                       19
                        William Lovell an Andrea Cosimo
Ich danke Dir, dass Du mich endlich aus den verworrenen Labyrinten wieder zum
Lichte des Tages geführt hast, denn meine Seele erlag. Aber jetzt ordnet sich
alles Unstete und Umherschweifende in meinem Gemüte wie an Fäden, die alle in
einem Mittelpunkte zusammentreffen. Du hast mich von der Wirklichkeit einer
wunderbaren Welt überzeugt und alles hat sich in mir zufriedengegeben, alle
Ideen und Empfindungen nehmen wieder ihre natürliche Stelle ein und die Harmonie
mit mir selbst ist hergestellt.
 
                                       20
                           Mortimer an Eduard Burton
                                                                    Roger Place.
Ich habe seit lange, teurer Freund, keine Nachrichten von Ihnen erhalten, und
ich gerate fast in die Besorgnis, dass Sie ebenfalls krank sind. Mit Ihrem Vater
hat es sich wahrscheinlich nicht gebessert, denn sonst würden Sie mir wohl
einige Nachricht davon gegeben haben.
    Ich fühle mich in der Einförmigkeit des Landlebens noch immer sehr
glücklich; es scheinen mir lauter Missverständnisse zu sein, wenn die Menschen so
emsig nach ihrem Glücke suchen; selten denkt man sich bei dem Worte Glück etwas
Deutliches, und die Wandrer gehn nun oft auf wunderbaren Wegen um das Ziel
herum. Amalia ist ebenso froh und gesund, als ich bin, und ich möchte sagen, dass
sie mit jedem Tage heiterer wird.
    Ich habe mich jetzt daran gewöhnt, eine eigene Haushaltung zu führen, und
ich und meine Frau haben uns noch nie gestritten, ein paar recht
freundschaftliche Zänkereien abgerechnet, die über ein hässliches Weib
entstanden, die Amalia aus zu grosser Guterzigkeit in ihre Dienste genommen hat.
Dies Wesen hat ganz das Ansehen einer verzauberten Fee, wenigstens habe ich noch
in keinem Märchen eine Beschreibung von einer hässlichern gefunden; ihre
Physiognomie ist mir im höchsten Grade zuwider, es ist nicht meine Schuld, wenn
ich sie zugleich für boshaft halten muss.
    Leben Sie recht wohl und antworten Sie mir bald.
 
                                       21
                           Eduard Burton an Mortimer
                                                                         Bondly.
Ich konnte Ihnen bisher nicht schreiben, teurer Freund, weil die Krankheit
meines Vaters, die mit jedem Tage zunahm, mich zu sehr beschäftigte und
zerstreute. Sie ahnden es vielleicht aus diesem Anfange, dass er nicht mehr ist,
und diese Nachricht war es, die der Inhalt meines Briefes werden sollte. Ja,
Mortimer, er hat endlich alle Schmerzen, die ihn folterten, überstanden, und
auch ich bin nun ruhiger. Seine Seele schied schwer von ihrem Körper, der sie
doch nicht mehr zurückhalten konnte; ich kann es nicht unterlassen, ihn stets
von neuem zu beweinen, wenn es mir wieder lebhaft einfällt, dass er nicht mehr
ist. Er war in seinen letzten Stunden sehr freundlich und zärtlich gegen mich;
er hätte sich mit der ganzen Welt so gern versöhnt, und sprach oft mit vieler
Rührung von Lovell, seinem gestorbenen Feinde. - Vor seinem Tode hat er noch
viele Papiere verbrannt, die er mit nassen Augen betrachtete.
    Leben Sie recht wohl und glücklich; ich werde Sie auf einige Tage besuchen,
um mich zu zerstreuen. Morgen ist das Begräbnis.
                                 Siebentes Buch
                                        1
                            Karl Wilmont an Mortimer
                                                                         London.
Du vermutest mich vielleicht noch in Bondly und wunderst Dich, den Brief von
London datiert zu sehn? Nein, Mortimer, ich wünschte nicht, dass Du lange in
Deinem Erstaunen bleiben mögest, denn ich fühle es, dass ich hiersein muss.
    Ich habe vier glückliche Tage in Bondly an Emiliens Seite verlebt, und bei
Gott, es hat mich noch nicht einen Augenblick gereuet, dass ich wieder so schnell
abgereist bin. Ich sollte unwürdig genug sein, sie sogleich mit ihrer reichen
Aussteuer zu heiraten und dann gemächlich von ihrem Vermögen zu leben? Es kam
bloss auf mich an, aber bei der ersten Nachricht von Burtons Tode ging mir der
Gedanke durch den Kopf, dass ich ein unwürdiger Mensch wäre, wenn ich es täte. Du
weisst, dass ich mehrere gute Empfehlungen an den Minister hatte, und er nahm mich
freundlicher auf als ich erwarten konnte: bei ihm arbeite ich jetzt. Ich teilte
Emilien sogleich, als ich in Bondly ankam, meinen Plan mit, und sie konnte ihn
auf keine Weise missbilligen. Das Bewusstsein ihrer Liebe begleitet mich an meinen
Arbeitstisch und die schwersten Geschäfte lächeln mich an; wir sind beide jung,
und so mag unsere Vereinigung noch immer ein Jahr oder etwas länger aufgeschoben
bleiben; in dieser Zeit denke ich befördert zu werden und ihr dann doch mit
einem kleinen Glücke entgegenzukommen.
    Ich lächle über mich selber, wie ich bisher alles ernstere, festere Leben
verabsäumt habe, sie nur so oft als möglich zu sehn suchte, und dass ich jetzt
hier sitze, freiwillig von ihr verbannt und mir noch aus meinem kältern Sinn ein
grosses Verdienst mache. Aber bisher war sie mir ungewiss.
    Zuweilen mache ich mir Vorwürfe darüber, dass ich innerlich so froh bin. Die
Menschen, (und ich mit eingerechnet,) sind ausgemachte Narren. Einen trüben,
verkehrten Sinn, in dem sich alle Gegenstände dunkel und unkenntlich abspiegeln,
halten sie viel leichter für den Rahmen der Tugend, als die frohe
Gemütsstimmung. Ich freue mich ja nicht über Burtons Tod, nicht dass er mir aus
dem Wege gegangen ist - o nein, nur über die Ebene, die plötzlich, ohne mein
Zutun, vor meinen Füssen liegt. Die Menschen sind darin ganz gute Geschöpfe, und
wohl mir, dass auch ich mir jetzt so recht wichtig und bedeutend vorkomme, dass
ich alle Vorstellungen auf mich und mein künftiges Glück beziehe! Man lasse doch
alle grosse kosmopolitische Plane, allen Kummer über Weltbegebenheiten fahren,
und liebe sich und die Menschen recht innig, die der gütige Himmel dicht um uns
angepflanzt hat! Dieser Empfindung, diesem Vorsatze will ich folgen, und Du,
mein lieber Mortimer, bist mit unter meine Geliebten eingeschlossen; aber auch
meine Schwester, die Du grüssen sollst, und jeden, der sonst im Hause nach mir
frägt, selbst die hässliche Charlotte nicht abgerechnet, die Dir so zuwider ist.
 
                                       2
                            Mortimer an Karl Wilmont
                                                                    Roger Place.
Deinen Gruss an Charlotten magst Du bei der ersten Gelegenheit selbst bestellen,
denn ich spreche nur ungern mit ihr, die übrigen sind besorgt und alle sagen von
Herzen Dank, dass Du Dich ihrer mit einem so fröhlichen Wohlwollen erinnerst.
Dein Brief, Karl, hat mir sehr gefallen, denn eine liebenswürdige Menschlichkeit
führt darin das Wort; wir sollten alle so empfinden, und die Menschen würden
sich aus dieser dürren Erde einen Garten machen.
    Nein, Du brauchst Dir keine Vorwürfe zu machen, lieber, unbefangener Mensch.
Liegt es denn nicht in unserer Natur, dass wir das Glück willkommen heissen, wo
wir es finden? Deine Seele hat ihre Unschuld behalten und Du wirst nie schlecht
empfinden, und wenn auch bei der Betrübnis andrer Dein Mund sich zum frohsten
Lachen zieht.
    Mit Deinem Plane bin ich ebenfalls sehr zufrieden, die Tätigkeit wird Dich
zum Manne machen, denn das ist der grosse Vorteil der Beschäftigung, dass sie
unsern Geist reift, wenn sie gleich in sich selbst oft keinen grossen Wert hat.
Die meisten Menschen wissen immer nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen,
wenn sie nicht von einer geordneten Tätigkeit mitgenommen werden; sie werden
dann nur gar zu leicht auch im Geiste müssig und faul und sind nachher für jede
Arbeit unbrauchbar, wenn sie auch gerne arbeiten wollten, ihr Dasein wird dann
durch ewige unbedeutende Zerstreuungen zerschnitten und sie werden sich selbst
zur Last. Du wirst bald fühlen, wie Dein Geist durch eine nicht übertriebene und
verworrene Tätigkeit elastischer wird und Emilie wird mehr als einen Gewinn
davon haben.
    Alle Deine Wünsche mögen in Erfüllung gehn, nur erliege nicht unter Deinen
Vorsätzen.
 
                                       3
                            Bianca an William Lovell
                                                                            Rom.
Ich sehe Dich jetzt nur so selten, Du eigensinniger Träumer! und dann nur auf
einzelne flüchtige Augenblicke! Umsonst werden alle Scherze und jeder Mutwille
wach, wenn Du bei mir bist; Du bleibst in Deiner Verschlossenheit, und lächelst
nur zuweilen halb mitleidig, halb erzwungen, um mich nur nicht rasend zu machen.
- Ist das derselbe Lovell, den sich vor einem Jahre mein lüsternes Auge
wünschte?
    Laura ist bei mir und wir haben eben von Deiner unerträglichen Laune
gesprochen. Dass wir uns so an Dich gewöhnt haben, ja dass wir Dich so lieben, ist
um zu verzweifeln! Es fehlt nicht viel, dass wir Sonette auf Dich machten; aber
nimm Dich in acht, dass es nicht Satiren werden!
    O ihr Männer! seid ihr nicht unbegreifliche Toren, dass ihr erst mit so
vielen Erniedrigungen um unsre Gunst bettelt, und sie verachtet, wenn ihr
endlich erhört seid! Müsstest Du Dich nicht hoch glücklich schätzen, dass zwei
römische Mädchen, ich und meine Freundin, Dich so lieben? nicht für Dein Geld,
sondern weil Du Lovell bist. Aber Du bist ein kalter, nördlicher Teufel, der
mich martert und mich mit meiner innigen Liebe verächtlich stehnlässt und
vorübergeht! - Ich will auch nicht mehr an Dich denken!
    Hast Du Verdruss, Händel und Prozesse vielleicht in Deinem Vaterlande? - O
lass alles fahren und freue Dich des Lebens und der Liebe! Was ist alles übrige?
- Nicht der Mühe wert, um davon zu reden. - O das habe ich Dich so oft an meinem
Busen beschwören hören, Du Ungetreuer! Komm und sei jetzt nicht meineidig,
sondern wiederhole Deinen Schwur.
    Sehr närrisch macht sich die Feder in meinen zum Schreiben ungelenken
Fingern, aber möchten die ungeschickten verwirrten Striche doch Zaubercharaktere
sein, die Dich unaufhaltsam herbannten!
 
                                       4
                          Francesco an William Lovell
                                                                            Rom.
Sie waren gestern ganz ohne Zweifel böse auf mich, weil ich Sie mit Adriano bei
Ihrer Bianca störte, aber ich hoffe, ich habe mich doch schnell genug wieder
entfernt, dass Sie nicht unversöhnlich sein werden. Ich reiche Ihnen mit aller
meiner Gutmütigkeit die Hand zum Frieden, denn es wäre unverzeihlich, wenn wir
beide noch vor Ihrer Abreise Feinde werden sollten.
    Wenn ich nicht etwas zu fett wäre, so würde ich Sie begleiten und bei der
Gelegenheit auch einmal andre Länder, als Italien zu sehn bekommen; aber so bin
ich in mir selber gefangen, denn das Reisen bekömmt mir nie. Sonderbar, dass wenn
man es sich gut schmecken lässt, man es nachher mühsam findet, einen Berg zu
erklettern. - Indessen es lassen sich nicht alle Genüsse und alle
Vortrefflichkeiten verbinden.
    Wenn ich mir meine neugierige Seele denke, die so in schweren unbeholfenen
Fesseln sitzt, und doch gern manches Neue lernen und erfahren möchte, so bekomme
ich ein wahres Mitleiden mit mir selber. Als ich noch zuweilen weit zu Fusse
ging, nahm ich mir vor, den grössten Teil der Welt recht genau zu betrachten, und
jetzt habe ich nun alles im verjüngten Massstabe, in Kupferstichen vor mir und
muss mich daran begnügen. - Doch, was hat man von einer ganzen Reise, wenn man
wiederkömmt?
    Trinken Sie ja nicht gleich kalt Wasser, wenn Sie aus dem Wagen oder vom
Pferde steigen, denn ich habe es aus eigner Erfahrung, dass das sehr schädlich
ist.
    Bleiben Sie einem Frauenzimmer zu Gefallen nie einen Tag länger an einem
Orte; man hat nur Undank davon.
    Lassen Sie fleissig nachsehn, ob keine Linse am Wagen fehlt, damit Ihnen
nicht plötzlich ein Rad abläuft und Sie einen gewaltigen Stoss bekommen.
    Nehmen Sie auf jeden Fall einige Flaschen vorzüglich guten Wein mit, man
weiss sonst manchmal nicht, was man in den schlechten Wirtshäusern anfangen soll,
wo man oft in den miserabelsten Speisen die Zähne bewegt, um nur mit dem Wirte
keine Händel zu bekommen.
    Die Postillione sind am besten, wenn sie halb betrunken sind.
    Wenn Sie Ihren Freunden Naturseltenheiten mitbringen sollen, so ist es am
bequemsten, dass Sie diese auf der letzten Station kaufen, und dann schwören, Sie
hätten sie mit eigenen Händen aus dem oder dem Berge gebrochen; man kann manchen
Leuten damit eine sehr fröhliche Stunde machen.
    Nehmen Sie sich besonders vor dem Morgentau in acht; es ist widerwärtig, auf
einer Reise krank zu werden.
    Unterlassen Sie es nie, an die Aufwärterinnen einige Liebkosungen
wegzuwerfen, Sie bekommen durch dieses Hausmittel allentalben weit bessere
Suppen.
    Die Rechnungen der Wirte braucht man nie zu überrechnen, denn richtig
addiert werden sie selbst vom Einfältigsten; man spart beim Einsteigen in den
Wagen damit einige Zeit.
    Ihren Bedienten behandeln Sie ja recht schlecht, sonst ist er auf der Reise
Ihr Herr. In einem fremden Lande können Sie ihm am meisten bieten, weil er schon
Gott dafür danken wird, wenn Sie ihn nur wieder zurückbringen.
    Ich halte Sie für meinen wahren Freund, denn ich bin wenigstens der Ihrige,
und darum habe ich Ihnen einige Kenntnisse mitgeteilt, die ich mir ehemals auf
meinen Reisen abstrahiert habe. Der ganze Brief macht wenigstens, dass Sie auf
der Reise vielleicht an mich zuweilen denken; damit habe ich schon genug und
übergenug gewonnen, und gegen unsern Andrea will ich recht damit prahlen, dass
ich Ihnen manchen vortrefflichen Rat auf den Weg gegeben habe.
    Besuchen Sie mich aber noch morgen abend, Sie werden eine Gesellschaft von
lustigen Freunden finden.
 
                                       5
                             William Lovell an Rosa
                                                                       Chambery.
Ich habe mich nirgend aufgehalten, und darum haben Sie bis jetzt noch keinen
Brief von mir erhalten; hier aber will ich einige Tage von den
Beschwerlichkeiten der Reise ruhn.
    Ich hätte nicht noch jenen lustigen Abend bei unserm Francesco geniessen
sollen, denn die Einsamkeit, die Entfernung von Ihnen und allen unsern Freunden
drückt mich nun um so schmerzhafter. Schon unter der Munterkeit, unter dem
lauten Lachen sah ich in Gedanken meinen einsamen Wagen zwischen düstern Bergen
fahren, und nun sitz ich hier in einer fremden Stadt, so ganz abgesondert, tief
in Betrachtungen und Erinnerungen mancherlei Art versenkt.
    Nichts ist für mich widriger und betrübter als jeder Abend vor einer
Abreise, man ist ermüdet und verwirrt vom Einpacken und Anordnen, wobei endlich
die Finsternis hereinbricht, und man mit dem Lichte bald in dieses, bald in
jenes Zimmer wandert, um nur nichts zu vergessen; Koffer und Mantelsäcke werden
dann zugeschlossen, und wir werden so recht darauf aufmerksam gemacht, wie unser
ganzes Leben aus so elenden Bedürfnissen zusammengeflickt ist, wie wir mit einem
Prass von unnützen Notwendigkeiten beladen, wie wir an uns selbst so wenig, ja
fast nichts sind. Das ängstliche Herumtreiben der Aufwärter, die grössere Leere
der Zimmer, der Gedanke der Reise - alles gibt dann eine dunkle Allegorie von
der widrigen Maschinerie des menschlichen Lebens, wo alle Räder und alle
Getriebe so kreischend hervorschrein, wo das Bedürfnis die erste bewegende Kraft
ist. Dann gehn Berge und Täler wie Schatten meinem Sinn vorüber, ich erwarte den
Anbruch des Tages mit einer Ängstlichkeit, als wenn ich sterben sollte.
    Mit dem ersten Ruck des Wagens hören gewöhnlich meine Beklemmungen auf, ich
vergesse dann, dass ich den Ort, den ich verlasse, vielleicht nie, oder mit ganz
umgeänderten Gefühlen wiedersehe.
    In den wildesten Gegenden der Piemontesischen Gebirge fühlte ich mich oft
auf eine seltsame Art glücklich, ich dachte an den Vorfall mit den Räubern, der
mir vor mehr als zwei Jahren hier begegnete. Ich glaubte oft, dass Balder jetzt
aus einem dunkeln Gebirgpfad heraustreten müsste, oder dass niemand anders als
Amalie in der Kutsche vor mir fahren könne; oft hatten auch die Gesichter, denen
ich begegnete, eine auffallende Ähnlichkeit mit jenen, die ich suchte.
Mit trübem Auge
In finstrer Nacht,
Geht durch das Leben
Das Kind, geleitet
Vom ernsten Führer,
Den es nicht kennt.
Im Tal, am lauten Wasserfall,
Stehn beide Wandrer still,
Der Führer spricht zum Horchenden:
Sieh, hier blühen alle Blumen,
Alle Wünsche, alle Freuden,
Pflücke, denn wie fliessend Wasser
Rauscht das Leben dir vorüber.
Fort weicht die Gestalt
Und tiefbekümmert
Sieht ihr mit langem Blicke
Der einsam Verlassene schmachtend nach.
Wind säuselt in den Blumen,
Wellen murmeln wie zum fröhlichen Tanz,
Da beugt sich der Fremdling
Und mäht mit raschen zitternden Händen
Die kleine Stelle,
Auf der er steht.
Und Blumen und Gräser
Und giftiges Unkraut
Und stachlicht Gewürme
Fühlt zitternd die Hand.
Und halb erschrocken
Und halb entschlossen
Wirft Gräser und Unkraut,
Gewürme und Blumen
Das Kind mit Gewinsel
In die Fluten des lauten abrollenden Stroms.
»Wo sind die Freuden?
Wo sind meine Wünsche?
Du hast mich betrogen,
Und einsam, verlassen,
Zittr' ich noch einmal
Die Hand nach den täuschenden Blumen zu strecken.«
Da fliesst des Mondes goldnes Licht
Durch Tal und Wies und über den Strom
Und rätselhaft steht rings die Gegend
Im Glanz des Abends.
»Wo find ich die Heimat?
Wo find ich Gefährten?
Ich sehe nur Schatten,
Die dunkel und dunkler
Vom Strom herüber,
Bald hierhin, bald dortin
Wie Wolken gehn.
Liegt alles jenseits,
Was ich mir wünsche
Und herzlich suche?
Ich höre Töne -
Sind's ferne Wasser?
Sind's tönende Wälder?
Sind's Menschenstimmen?
So fremd und vertraulich,
So ernst und so freundlich
Klingt's fern herüber.
Ach wie trotzig braust der Strom sein Lied fort,
Ziehende Vögel spotten meiner in der Ferne,
Wolken sammeln sich um den Mond und nehmen ihn mit sich,
Ach kein Wesen, das meiner sich erbarmte.«
»Ist dies das Leben,
Voll Lieb und Freude?
Wo find ich die schöne,
Verlassene Heimat?« - -
Wie mag sich in meinem Vaterlande jetzt alles verändert haben? - Wie habe ich
mich selbst verändert! -
    Das Wetter ist sehr trübe und ich will mich niederlegen, um zu schlafen.
 
                                       6
                           Eduard Burton an Mortimer
                                                                         Bondly.
Ich schicke Ihnen hier einige Papiere, die Sie, wie ich glaube, mit Interesse
lesen werden. Unsre neulichen herzlichen Gespräche geben mir ein Recht, nicht
geheimnisvoll gegen Sie zu sein, ob ich Sie gleich ersuche, diese Blätter in
keine andre Hände zu geben, denn sie sind von meinem Vater.
    Vorn habe ich mehrere Bogen weggeschnitten, die, wie es scheint, zu
Exerzitien in der Sprache gedient haben; zufällig hat er in diesem Buche dann
für sich weitergeschrieben und so sind diese Geständnisse entstanden.
    Auch in seiner Krankheit hat er noch daran geschrieben, er suchte das Buch
selbst und liess es sehr emsig suchen, weil er mir es geben wollte, aber es war
nirgends zu finden. Jetzt hab ich es bei dem Aufräumen der Zimmer von ohngefähr
unter dem Bette entdeckt, in welchem er starb. -
    Schicken Sie es mir zurück, sobald Sie es geendigt haben.
 
                                       7
                          Einlage des vorigen Briefes
                                       In meinem sechszehnten Jahre geschrieben.
Ja, ja, Herr Wilkens, ich habe Ihre Regeln recht gut verstanden, und vielleicht
besser als Sie es glauben. Ihr ganzer Unterricht bezieht sich am Ende dahin, dass
ich die Sprache zu meinem Nutzen gebrauchen lerne, und dann ist der Mensch
gebildet. Habe ich mich nicht noch gestern an einem schwierigen Briefe üben
müssen, in welchem eine gut angebrachte captatio benevolentiae gleich im Anfange
mein Hauptaugenmerk sein musste?
    Ich bin seit gestern gegen jedermann, besonders gegen die Bedienten sehr auf
meiner Hut, denn ich sehe in jedem freundlichen Gesichte, in jedem ehrerbietigen
Gruss nur eine captatio benevolentiae; und gegen meinen Vater habe ich sie selbst
auf die glücklichste Art benutzt, denn ich habe nun endlich die schöne goldene
Uhr, nach der so lange mein Sinn trachtete. - Nur muss ich dafür sorgen, dass
niemanden diese Betrachtungen über meine Lehrstunden in die Hände fallen.
    Es ist aber, als wenn der Unterricht aller meiner Lehrer, ja selbst meines
Vaters, nur dahin ginge, dass ich lügen und mit den Worten spielen lernte,
wenigstens ist die kluge Schmeichelei gewiss die Poesie, die am unmittelbarsten
auf die Seele wirkt. - Ich glaube, alle Komplimente, die meinem Vater gemacht
werden, und die er zurückgibt, sind nur Repetitionen aus einem früheren
Unterrichte.
    Ich muss selbst die Probe an den Menschen machen, die mich umgeben,
vorzüglich am Koch und am Gärtner. Wenn der Satz richtig ist, so hat vielleicht
jedermann eine schwache Seite, die man ihm abgewinnen muss, um ihn nach Gefallen
zu benutzen. Das wäre wenigstens ein sehr lustiges Leben, wenn mir plötzlich
alle Trauben des Gartens, alle Leckerbissen der Küche, ja selbst alle Goldstücke
meines Vaters zu Gebote ständen.
    Der Schlüssel zur ganzen Welt könnte wohl gar nichts anders, als die
gepriesene captatio benevolentiae sein.
    Es muss aber doch Menschen geben, die auf dieselben Gedanken gefallen sind,
und ich fürchte, mein Vater, und die mehresten alten Herren, die ihn besuchen,
gehören zu diesen. Gegen diese müsste man denn wie gegen einen ausgelernten
Schachspieler, sein Spiel maskieren, sich als unbefangen und dumm gutmütig
ankündigen, und so ihre Aufmerksamkeit einschläfern. Ich will wenigstens gegen
meinen Vater sehr auf meiner Hut sein, denn wenn man einmal die Spur eines
Menschen entdeckt hat, so muss es leicht sein, ihm zu seinem versteckten Lager zu
folgen.
    Wenn Herr Wilkens nur nicht wieder darauf fällt, dass ich Verse machen soll,
eine andre Art Lügen zu bauen, die ich verabscheue, weil sie zu gar nichts
führt. Man sage mir doch ja nicht vor, dass Empfindungen diese trostlosen
abgezirkelten Zeilen hervorbringen; ich habe schon manchen weinen sehen, aber
nie auf eine ähnliche Art sprechen gehört. Ich begreife auch nicht, wie ich oder
irgend jemand durch ein fingiertes Trauerspiel gerührt werden kann. -
Diejenigen, die Tränen vergiessen können, sind wohl wieder eine andere Art von
Lügnern vor sich selber, so wie jene, die die herzbrechenden Verse
niederschreiben konnten. - So leben wir vielleicht auf einer unterhaltenden
abwechselnden Maskerade, auf der sich der am besten gefällt, der am
unkenntlichsten bleibt, und lustig ist es, wenn selbst die Maskenhändler, unsere
Geistlichen und unsere Lehrer, von ihren eigenen Larven hintergangen werden.
                                                             Zwei Jahre nachher.
Gottlob! dass ich endlich von meinen lästigen Lehrern befreit bin! Nichts als
Worte und Phrasen! Ich habe bei diesem Unterricht nur die Menschen
kennengelernt, die ihn mir erteilten, die so schwach und blöde waren, dass sie es
gar nicht bemerkten, wie sie von mir und meinem Eigensinne abhingen.
Nichts kann mich so sehr aufbringen, als die Unbeholfenheit im Menschen, jene
Blindheit, in der sie nicht sehen, welche Talente zu ihrem Gebote stehen, und
wie Fremde ihnen plötzlich Zügel und Gebiss anlegen, und aus einem freien Tiere
ein dienstbares machen. Durch ein paar unbesonnene Streiche ist der Kammerdiener
meines Vaters, der sonst ein gescheiter Mensch ist, so in mein Interesse
verwickelt, dass er es jetzt gar nicht wagt, ehrlich oder gegen mich zu handeln.
Der Verwalter ist der guterzigste Narr von der Welt, aber er hält mich für
einen noch grössern, und dadurch habe ich sein unbedingtes Zutrauen gewonnen.
    In der Sprache muss man sich gewisse Worte und Redensarten merken, die wie
Zaubergesänge dazu dienen, eine gewisse Gattung von Leuten einzuschläfern. Auf
jeden Menschen wirken Worte, nur muss man ihn etwas kennen, damit man die rechten
nimmt, um sein Ohr zu bezaubern. Der Verwalter hört gern von Ehrlichkeit der
Menschen reden, er liebt es, wenn man auf die Niederträchtigen schimpft; wenn
ich dies tue, und die Worte mit einer gewissen Hitze ausspreche, so weiss er sich
vor Freuden nicht zu lassen, und drückt mir in seinem Entzücken die Hände. Auf
diese Art muss man den Schatz unserer Sprache studieren, um die wahre Art zu
sprechen zu finden. Es fällt mir immer ein, dass die Menschen offenbar Narren
sind, die so reden wollen, wie sie denken, die ganze Welt dadurch beleidigen,
und sich nur Schaden stiften. Ich denke für mich und spreche für die andern,
folglich muss ich nur sagen, was diese gern hören. Es wird auch niemand erwarten,
dass ich die sogenannte Wahrheit rede, so wenig wie ich es von einem andern
fordere, denn sonst müsste ich nie jemanden etwas Schmeichelhaftes sagen, so
wenig wie ich von irgendeinem ein Kompliment bekommen würde. Die Sprache ist nur
dazu erfunden, um etwas zu sagen, was man nicht denkt; und wie selten denkt man
selbst ohne zu lügen!
    Die sogenannten Wahrheitsfreunde sind daher Menschen, die ausgemachte Toren
sind, die selbst nicht wissen, was sie wollen, oder sie sind eine andere Art von
Lügnern. Sie haben sich in den Kopf gesetzt, dass in ihrer Wahrheitssagerei ihr
Charakter bestehet, und sie sagen daher von sich und andern Leuten eine Menge
Sachen, die sie wirklich nicht denken, sie wollen sich nur auf diese Art
auszeichnen, und sich freiwillig verhasst machen. Sie sehen nicht ein, dass unsere
ganze Sprache schon für die Begriffe und Dinge, die sie bezeichnen soll, äusserst
unpassend ist, dass schon diese die Unwahrheit sagt, und dass es daher unsere
Pflicht ist, ihr nachzuhelfen.
    Der Grund von allen unsern Künsten, von allen unsern Vergnügungen, von
allem, was wir denken und träumen - was ist er anders als Unwahrheit? - Plane
und Entwürfe, Tragödien und Lustspiele, Liebe und Hass, alles, alles ist nur eine
Täuschung, die wir in uns selber erzeugen; unsere Sinne und unsere Phantasie
hintergehen uns, unsere Vernunft muss daher falsche Schlüsse machen; alle Bücher,
die geschrieben sind, sind nur Lügen, wovon die letzteren die ersteren in ihrer
Blösse darstellen sollen; und doch soll ich den kleinen Teil meines Körpers, die
Zunge, der Wahrheit widmen? Und wenn ich es wollte, wie kann ich es?
                                                               Ein Jahr nachher.
Mein Vater ist gestorben, und die ganze Welt wünscht mir Glück, mit Worten, die
wie Kondolenzen gestellt sind. Viele suchen sich mir zu empfehlen, und manche
darunter meine schwache Seite ausfindig zu machen. Die Menschen, die meinem
Vater viel zu danken haben, ziehen sich ganz zurück, und tun, als wenn er nie
auf der Erde gewesen wäre. Alle Weiber, die mich als Kind manchmal auf ihren
Schoss genommen haben, präsentieren mir ihre Töchter, die sich mit allen Reizen
aussteuern. Die Bedienten haben Pensionen und sind froh, selbst der Verwalter,
dem etwas an seinem Gehalte zugelegt ist. - Wo sind denn nun die Menschen, die
so viel fühlen wollten? Wer kann denn nun noch mit seinen Empfindungen prahlen?
- Ein Bettler geht unten vorbei, den ich weinen sehe, weil mein Vater ihm
wöchentlich etwas gab. Er weint, weil er fürchtet, dass er jetzt sein Einkommen
einbüssen wird. - - Ich habe ihm etwas heruntergeschickt, und er geht mit einem
frohen Gesichte fort; er weinte vielleicht bloss, um mein Mitleiden zu erregen.
    Die Menschen sind gewiss nicht wert, dass man sie achtet, aber doch muss man
sich die Mühe geben, mit ihnen zu leben. Ich will sie kennenlernen, um nicht von
ihnen betrogen zu werden, denn wie kann ich dafür stehen, dass nicht irgendeinmal
meine Eitelkeit, oder eine andre meiner Schwächen meine Vernunft verblendet?
    Alles schmeichelt mir jetzt, selbst die Menschen, von denen ich weiss, dass
sie mich nicht leiden können und mich verachten. Alle denken, wenn sie mich
erblicken, an mein Vermögen, und alle Bücklinge und Erniedrigungen gelten diesem
Begriff, der nur auf eine zufällige Weise mit mir selber zusammengefallen ist.
Diese Vorstellung von meinem Reichtum beherrscht alle die Menschen, die in meine
Atmosphäre geraten, und wohin ich trete, folgt mir diese Vortrefflichkeit nach.
Ich kann es also niemand verargen, wenn er sein Vermögen und seine Herrschaft
über die Gemüter zu vergrössern sucht, denn dadurch wird er im eigentlichsten
Verstande Regent der Welt. Ein goldner Zauberstab bewaffnet seine Hand, der
allen gebeut. Dies ist das einzige, was noch mehr wirkt, als alle möglichen
Captationes benevolentiae.
    Solange man bei recht vielen Leuten den Gedanken erzeugen kann, dass man
ihnen wohl nützlich sein könnte, hat man viele Freunde. Alle sprechen von
Aufopferung und hohen Tugenden, bloss um uns in eine solche heroische Stimmung zu
versetzen. Diese Situation aber gibt zugleich Gelegenheit, sie auf mancherlei
Art zu nutzen, und sie so zu verwickeln, dass sie am Ende schon froh sind, wenn
sie nur aus den Netzen freigelassen werden.
    Man lebt in der Gesellschaft wie ein Fremdling, der an eine wilde
barbarische Küste verschlagen ist; er muss seine ganze Bedachtsamkeit, alle seine
List zusammennehmen, um nicht der Rotte zu erliegen, die ihn mit tausendfachen
Künsten bestürmt. Wenn man es vermeiden kann, dass das Leben ein Hasardspiel
wird, so hat man schon gewonnen. Seltsam, dass alle zu gewinnen trachten, und
manche doch die Karten nicht zu ihrem Vorteile mischen wollen! Für den Klügern
muss es keinen Zufall geben.
                                                           Im zwanzigsten Jahre.
Der junge Lovell ist ein Narr, recht so, wie man sie immer in den Büchern
findet. Ich habe das wunderbare Glück gehabt, ihn zu meinem Freunde zu machen.
Er spricht gerade so wie die Dichter, die er sehr fleissig liest, und ich möchte
wetten, er macht selber Verse. Er hat mir schon in den ersten Tagen alles
anvertraut, und es ist schade, dass seine Geheimnisse so unbedeutend und kindisch
sind. Sein Vater ist ebenfalls ein einfältiger Mensch, aber er scheint mir doch
nicht ganz zu trauen; es mag wohl irgend etwas in meinen Mienen oder Gebärden
liegen, was ich noch wegzuschaffen suchen muss. Unser Körper soll in allen unsern
Wendungen mit unserer Sprache korrespondieren, und das ist dann die eigentliche
Lebensart.
    Freundschaft ist eines von den Worten, die im Leben am häufigsten genannt
werden, und man muss ebensowohl Freunde als Kleider haben, und von ebenso
verschiedener Art. Freunde, die mit uns spazierengehn, und uns Neuigkeiten
erzählen; Freunde, die uns mit Leuten bekannt machen, mit denen wir gern in
Konnexion kommen möchten; Freunde, die uns gegen andere loben, und uns Zutrauen
erwerben; andere Freunde, von denen wir im gesellschaftlichen Gespräche manches
lernen, was zu wissen nicht unnütz ist; Freunde, die für uns schwören; Freunde,
die, wenn wir es so weit bringen können, und die Gelegenheit es erfordert, sich
für uns totschlagen lassen. Aus dem Lovell könnte vielleicht einer von den
letzten gemacht werden, denn er gibt mir selbst freiwillig alle die Fäden in die
Hand, an denen er gelenkt werden kann. Ich halte es für eine Notwendigkeit, dass
ich mich hüte, mich irgendeinem Menschen zu vertrauen, weil er in demselben
Augenblicke über mir steht.
    Lovell ist etwas jünger als ich, und er macht vielleicht noch dieselben
Erfahrungen, die ich schon jetzt gesammelt habe. Das Alter ist bei gleich jungen
Menschen oft sehr verschieden, und ich bin mir durch einen Zufall vielleicht
selbst um viele Jahre vorausgeeilt; ich fühle wenigstens von dem Jugendlichen
und Kindischen nichts in mir, das ich an den meisten Jünglingen und an Lovell so
vorzüglich bemerke. Mich verleitet die Hitze nie, mich selbst zu vergessen; ich
werde durch keine Erzählung in einen Entusiasmus versetzt, der mir schaden
könnte. Mein Blick richtet sich immer auf das grosse Gemälde des verworrenen
menschlichen Lebens, und ich fühle, dass ich mich selbst zum Mittelpunkte machen,
dass ich das Auge wieder auf mich selbst zurückwenden muss, um nicht zu
schwindeln.
    Jeder redet im Grunde eine Sprache, die von der des andern völlig
verschieden ist. Ich kann also mich, meine Lage, und meinen Vorteil nur zur
Regel meiner Denk- und Handelsweise machen, und alle Menschen treffen zusammen,
und gehen einen Weg, weil alle von demselben Grundsatze ausgehn. Ein buntes
Gewebe ist ausgespannt, an dem ein jeder nach seinen Kräften und Einsichten
arbeitet, ein jeder hält das, was er darin tut, für das Notwendigste, und doch
wäre der eine ohne den andern unnütz. Inwiefern mein Nachbar wirkt, kann ich nur
erraten, und ich muss daher auf meine eigene Beschäftigung achtgeben.
    Viele Menschen wissen gar nicht, was sie von den übrigen fordern sollen, und
zu diesen gehört Lovell. In Gedanken macht er sehr grosse Prätensionen an meine
Freundschaft. Ich fordre von den Menschen nicht mehr, als was sie mir leisten;
und dies vorher zu wissen, ist der Kalkül meines Umgangs; je gewisser ich diesen
rechne, je mehr kenne ich die Menschen, und das ganze übrige Wesen von Zuneigung
und Wohlwollen, uneigennütziger Freundschaft, und reiner Liebe, ist nichts als
poetische Fiktion, die mir gerade so vorkömmt, wie die Gedichte an die Diana und
den Apollo in unsern Dichtern. - Wer sich daran erlustigen kann, dem gönne ich
es recht gern, aber allen diesen Menschen, die im Ernste davon sprechen können,
ist die Binde der Kindheit noch nicht von den Augen genommen. Diese sind
nützliche Mobilien für den ältern und klügern, der sie auf eine gute Art
anzustellen weiss.
                                                       Bald nachher geschrieben.
Immer ist es mir zuwider gewesen, wenn ich den Namen Cromwell nennen höre, oder
ihn lese, um das Muster eines schlechten und ausgearteten Menschen aufzustellen,
denn es wird mir fast bei keinem Charakter so leicht und natürlich, mich in ihn
hineinzudenken, und so für mich alle seine seltsamen Widersprüche aufzulösen.
Alle die Laster, die man ihm gewöhnlich vorwirft, sind es nur deswegen, weil die
Menschen nicht die Fähigkeit besitzen, ihre Seele in Gedanken mit einem andern
Charakter zu bekleiden; sie sind zu sehr in sich selbst eingesperrt, und dies
macht ihren Blick beschränkt. Vielleicht dass die Unterschiede überhaupt
aufhörten, wenn sich die Menschen die Mühe gäben, den Erscheinungen
näherzutreten, die ihnen in der Ferne ganz anders geformt zu sein scheinen.
    Cromwell war vielleicht der reinste und eifrigste Schwärmer, als er sich im
Anfange zur Partei der Puritaner schlug. Wider sein Erwarten fand er, dass es
leichter sei, die Menschen unter seinen Geist zu beugen, als er im Anfange
gedacht hatte. Er durchdrang mit seinem scharfen Blicke die Gemüter aller derer,
die ihn umgaben, er bemerkte es, auf welchen Armseligkeiten meistenteils das
Ansehen beruhte, das er unter seinen Freunden hatte, und er schämte sich vor
sich selber, und verachtete die Menschen. Seine Schwärmerei und sein
Entusiasmus waren es vorzüglich, die die Menge an ihn band, denn der Schwärmer
zieht einen weiten Feuerkreis um sich her, und selbst in die kälteren Menschen
gehen Funken über, dass sie sich unwillkürlich mit Liebe und Wohlwollen zu ihrem
Anführer drängen. Er sah ein, dass er in einzelnen Stunden, wenn ihn jener
glückliche Entusiasmus verliess, diesen auf eine erzwungene und halb gewaltsame
Art ersetzen müsse, und er erstaunte, da er fand, dass die Begeisterung sich auf
die Art, sogar wider ihren Willen, vom Himmel ziehen lasse. Denn im Menschen
liegt ein seltsamer und fast unbegreiflicher Vorrat von Gefühlen, dicht neben
der Ahndung liegt die Empfindung und die Idee, die wir ahndeten; der Lügner kann
auf seine eigene Erfindungen schwören, ohne einen Meineid zu tun, denn er kann
in diesem Augenblicke völlig davon überzeugt sein. Die wunderbarste
Geistererscheinung kann vor mir stehen, und doch nur von meiner Phantasie
hervorgebracht sein. - Auf die Art musste der grosse Mann bald zweifelhaft werden,
was in ihm wahr, was falsch, was Erdichtung, was Überzeugung sei; er musste sich
in manchen Stunden für nichts als einen gemeinen Betrüger, in andern wieder für
ein auserwähltes Rüstzeug des Himmels halten. Wie durcheinander musste sich bei
ihm alles das verwirren, was die gewöhnlichen Menschen ihre Moralität nennen!
Kann man nun wohl dieselben Forderungen an ihn machen, die man an jene tut? -
    Das Glück folgte ihm auf seinen Fussstapfen, und welcher Sterbliche kann sich
wohl von der Schwachheit losreissen, den glücklichsten Erfolg seiner kühnsten
Plane nicht für den wahren Orakelspruch der Natur und der Gotteit zu halten?
Fast jeder Unglückliche zweifelt an seinem Werte, er hält nur gar zu oft sein
Unglück für seine Strafe. So glaubt der Sieger im Glück seinen Lohn zu finden,
seine Bestätigung von oben her. Vom Erfolge begünstiget, schrieb er neue Zirkel
in seine Plane, und alles erfüllte sich immer auf die wunderbarste Weise. Durch
ein unruhiges tatenreiches und glückgekröntes Leben, sah er sich plötzlich wie
durch einen muntern Traum an die Spitze des Staats gestellt, und sein ganzes
voriges Leben war nur Zubereitung und Gerüst zu diesem grossen Momente.
    An ihm war die Wohlfahrt seiner Partei gekettet; und was war natürlicher und
einem Menschen verzeihlicher, als dass er jetzt seine Persönlichkeit mit seiner
Sache verwechselte? Er glaubte für seine Partei zu kämpfen, wenn er nur noch für
seine eigene Sicherheit stritt, und aus dem Wege räumte, was ihn in seinem Gange
hindern könnte. Er musste sich gleich gross und gleich wunderbar vorkommen, er
mochte sich nun als einen Liebling des Himmels betrachten, oder als einen
Helden, der alles durch seine eigene Kraft gewonnen und in Besitz genommen
hatte, ja, diese beiden Gedanken mussten sich in seinem Kopfe beinahe begegnen.
Er vertraute sich jetzt mehr als jemals, und trauete den Menschen, die ihn
umgaben, noch weniger als vordem. Fortuna hatte ihre volle Urne gleichsam in
seinen Schoss geschüttet, und er glaubte nun das Glück selbst zu sein; sein Stolz
und seine Eigenliebe, die Bewundrung seiner selbst ist daher ebenso denkbar als
verzeihlich.
    Er konnte gegen seine Freunde nicht dankbar sein, denn er glaubte durch
eigne Kraft alles errungen zu haben, er konnte sie nicht achten, da er sie nicht
kannte. Ihre Verehrung seiner aber, so wenig Autorität sie auch für ihn hätte
haben sollen, trug er doch gern und ganz zu seinen Verdiensten über, denn denen
Menschen, die uns loben, übertragen wir gern die Beurteilung unsers Werts; ja
wir glauben oft, dass diejenigen ihn am besten zu schätzen wissen, die selbst am
meisten ohne Verdienste sind. Die grösste Inkonsequenz der Menschen, die Gegend,
in der vielleicht in jeder Seele die meisten Verächtlichkeiten liegen, ist das
Gebiet der Eitelkeit. Jede andre Schwäche ist unzugänglich, oder man muss
wenigstens fein und behutsam die Brücke hinüberschlagen, um das Ufer nicht
selbst einzureissen; aber die Eitelkeit verträgt selbst die Behandlung der
rauhesten Hände.
    Ich will mir heute ernstaft vornehmen, nie daran zu glauben, wenn man
meinen Gang, meine Häuser, meinen Scharfsinn, oder meine Gesichtsbildung lobt,
und wer weiss, ob ich nicht darauf falle, mir einzubilden, dass in meinem Garten
die besten Blumen stehen, und dass hier dann ein elender Schmeichler seine volle
Ernte findet! Der Himmel ist vielleicht so grausam mir in den Kopf zu setzen,
ich hätte mehr Geschmack als andere Menschen. - Oh! statt memento mori sollte
man in seine Taschenuhr setzen lassen: Hüte dich vor der Eitelkeit!
    Cromwell war so glücklich viele wirkliche Freunde zu finden, ob er gleich
keinen liebte; er konnte sie zu Aufopferungen auffordern, und keiner wagte es,
ihn um ähnliche Opfer zu mahnen, da ihn keiner in seiner Gewalt hatte. Alle
fürchteten ihn, und er wusste, wie weit er jene nicht zu fürchten hatte; er war
daher nicht tollkühn. Er hatte es empfunden, wie fein die Grenzen im Menschen
zwischen Empfindungen sind, die wir Extreme nennen, weil wir sie uns wie den
Nord- und Südpol gegenüber denken: aber zwischen gut und böse, zwischen Freund
und Feind, dem Pietisten und Gotteslästerer, dem Patrioten und dem
Landesverräter liegt nur eine Sekunde. Cromwell wusste dies, und setzte seine
Freunde daher in keine Spannung gegen sich.
    Je mehr ich seinen Charakter überdenke, je menschlicher finde ich ihn; nur
dass er ein grosser Mensch, ein leuchtendes Meteor war. Wer ihn ein Ungeheuer
nennt, hat nie über ihn, oder über sich selber nachgedacht.
    Er hatte das Unglück, einen einfältigen Sohn zu haben.
                                                             Drei Jahre nachher.
Die Menschen sind Narren, denn obgleich einer den andern betrügt, so nehmen sie
doch nichts so sehr übel, als dass sie betrogen werden, besonders wenn man sie
auf eine andre Art hintergeht, als sie die übrigen Menschen täuschen. Lovell ist
mein unversöhnlicher Feind, wenn er erfährt dass ich mit daran arbeiten half, ihm
seine zärtliche Braut zu entführen, und er würde es nie zur Entschuldigung
dienen lassen, dass Waterloo auch mein Freund und sogar mein Oheim sei. - Aber da
der ganze Plan doch verunglückt ist, so denke ich mich auf jeden Fall wieder mit
ihm zu versöhnen.
    Aber Waterloo, ob er gleich mein Oheim ist, ob er gleich älter ist als
vierzig Jahre, ob er gleich schon grosse Reisen gemacht hat, ist dennoch ein weit
grösserer Narr, als der jugendliche Lovell. Er glaubt alles zu haben, indem er
Witz hat, er meint die Menschen genug zu kennen, wenn er nur weiss, wodurch er
sie zum Lachen bewegen kann, er wäre vielleicht ein guter Komödiendichter
geworden, aber zum Umgange mit Menschen ist er verdorben. - Er beklagt sich über
mich, dass ich ihn hintergangen habe, ob ich gleich mit ihm an demselben Plane
gearbeitet habe. Aber die besten und amüsantesten Coups müssten offenbar ganz
unterbleiben, wenn es nicht erlaubt sein sollte, dass ein Schelm den andern
hintergeht. Er macht mir Vorwürfe, dass ich nun der einzige bin, der bei dem
ganzen Handel etwas gewonnen hat; aber das war ja eben der Bewegungsgrund, warum
ich mich einmengte, weil ich die Gewissheit hatte, dass ich auf jeden Fall
gewinnen müsse. - Wenn ich hintergangen wäre, ich würde mich nie beklagen,
sondern mich nur zu rächen suchen.
    Waterloo ist abgereist, und wie ich eben höre, gestorben. Er ist vielleicht
töricht genug gewesen, sich selbst umzubringen.
                                             In meinem vierundzwanzigsten Jahre.
Ich hoffe, es soll mir gelingen, die Tochter der reichen Lady Sackville zur Frau
zu bekommen. Die Mutter spielt die Aufgeklärte und die Tochter ist ziemlich
empfindsam und pietistisch. Die Mutter spottet über die Tochter, die Tochter
zuckt die Achseln über ihre irreligiöse Mutter. Beiden muss ich beitreten, um ihr
Vertrauen zu gewinnen.
    Wie platt sind doch alle die Komödien, in denen eine ähnliche Situation
dargestellt wird! Eine Karikatur treibt sich zwischen allen mit schlecht
erfundenen Lügen herum, um am Ende an allen seinen Spöttern zu scheitern. Ich
finde es ebenso leicht als sicher, sich als Mittelsperson zwischen
widersprechende Charaktere einzuschieben, denn man muss sich jedem nur unter
gewissen Bedingungen nähern, die so gestellt sind, dass jener glaubt, es komme
nur auf eine nähere Bekanntschaft, auf ein vertraulicheres Gespräch an, um auch
diese Bedingungen wegzuschaffen. Die Mutter glaubt, ich spiele nur aus Liebe zu
ihrer Tochter den Religiösen und um diese nachher von ihren Irrtümern
zurückzubringen; die Tochter ist überzeugt, nur aus grosser Liebe zu ihr finde
ich die Mutter erträglich. Man darf nur ernstaft vor sich selber heucheln, so
ist die Heuchelei das leichteste Handwerk auf der Erde. Alle unsere Gespräche in
der Welt, unser Umgang, unsre Freundschaftsbezeugungen, unsre Vergnügungen,
alles ist nur Heuchelei, folglich kommt es mir als gar nichts Schwieriges, ja
nicht einmal als etwas Neues vor, hier eine Art von Rolle zu spielen, um eine
reiche Frau zu bekommen.
    Ich bin schon so glücklich gewesen, einige Liebhaber zu verdrängen, und wenn
ich an den Tod oder an andere betrübte Gegenstände in der Gesellschaft meiner
Geliebten denke, so wird es mir ganz leicht, eine melancholische Miene zu
machen, und empfindsame Sachen zu sagen. - Oft verschiebe ich viele ernstafte
Betrachtungen, die sich mir aufdrängen, bis ich dortin komme, und Tochter und
Mutter sind immer mit mir zufrieden, und ich kann auf die Art noch Zeit in
meinen Geschäften sparen. Diese Sparsamkeit kömmt mir jetzt selber lächerrlich
vor, aber genug, dass es mir bequem ist.
    Ich will dieses Buch aufbewahren, um mir im Alter das Vergnügen zu machen,
es wieder durchzulesen. Man kann dann nur eine richtige Vorstellung von sich
selber haben, wenn man solche Proben von den ehemaligen Kleidern zurückbehält.
Aus diesem Grunde würde ich fast in jeder Woche etwas niederschreiben, wenn ich
nicht zu träge wäre.
    Warum sollt ich nicht auf eine recht gute Art den empfindsamen Verliebten
spielen können, da es viele Dichter gibt, die sich poetisch irgendeine
Liebschaft ersinnen, um poetische und herzrührende Verse darüber zu machen?
Meine Rolle ist bei weitem leichter, da ich doch einen wirklichen Gegenstand,
und noch überdies mit einem reichen Vermögen ausgestattet, vor mir habe.
                                 In meinem fünfundvierzigsten Jahre geschrieben.
Eine sonderbare Empfindung befällt mich, da ich dies alte, staubige Buch wieder
in die Hände nehme und durchblättere. Ich kehre aus der Welt und zur Ruhe
zurück, und finde hier die skizzierte Geschichte meiner Jugendideen. Manches
finde ich noch wahr, und ohne dass ich es wusste, habe ich mir während meines
geschäftigen Lebens den hier beschriebenen Charakter Cromwells zum Muster
gewählt. Gefiel mir dieser Charakter, weil verwandte Züge in mir lagen; oder
entwickelten sich diese, weil ich das Bildnis dieses Menschen immer mit
Wohlgefallen betrachtet hatte? - Doch diese Spitzfindigkeit zerfällt in sich
selber.
    In der Welt hat mir der Zufall den verhassten Lovell stets gegenübergestellt,
er kreuzte durch alle meine Plane und unaufhörlich musst ich mit ihm kämpfen. Er
war gleichsam das aufgestellte Ziel, an dem ich meinen Verstand und Scharfsinn
üben musste.
    Meine Gemahlin ist tot und nur in den letzten Jahren war ich so glücklich,
einen Sohn und eine Tochter von ihr zu bekommen. Ihr ist jetzt wohl, denn sie
fühlte sich immer unglücklich. Sie gehörte zu den Menschen, die sich durch
abgeschmackte Erwartungen den Genuss ihres Lebens selber verbittern. Man sollte
es schon in den Schulen lernen, was man von der Welt und den Menschen fordern
kann, um sich und andre nachher nicht zu peinigen. Ich war keiner von den
Menschen, wie sie ihr einige Dichter geschildert hatten; diese luftigen,
bestandlosen Wesen hatte sie ihrer Phantasie fest imprimiert, und an diese
Schimären mass sie alle wirkliche Menschen, die ihr aufstiessen. Dass sich die
Menschen aus diesem wirklichen prosaischen Leben so gern einen bunten, schön
illuminierten Traum machen wollen, und sich dann wundern, wenn es unter den
Rosen Dornen gibt, wenn die Gebilde umher ihnen nicht so antworten, wie sie es
mit ihrem träumenden Sinne vermutet hatten! - Wer kann es mit diesen Narren
aushalten?
    Man gebe mir den abgefeimtesten Schurken, den Menschen, der in einem Atem
zehn Lügen sagt, den Eiteln, der hoch von seinem eigenen Werte aufgeblasen ist,
den rohen, ungebildeten Menschen, dem die gemeinste Lebensart fehlt, und ich
will mit allen fertig werden, nur nicht mit dem, der allentalben die reine
Bruderliebe erwartet, der mit den Menschen, wie mit Blumen oder Nachtigallen,
umgehen will.
                                                               Nach einem Jahre.
Mein Sohn Eduard fängt an, mir in einem hohen Grade zu missfallen. Er wird
altklug, ehe er noch Verstand genug hat, um listig zu sein. Solche frühreife
Tugend ist gewöhnlich nichts, als ein Gefühl des Unvermögens, eine
Empfindsamkeit, die späterhin zur völligen Schwachheit wird.
    Emilie ist halb das Bild ihrer Mutter, und halb eine Kopie nach ihrem
Bruder. Ich hoffe, beide werden noch richtigere Ideen über das Leben gewinnen.
Stolz darf man nicht auf sich sein, denn das erzeugt eine Menge empfindsamer
Torheiten, aber man muss sich schätzen, um sich nicht unter die übrigen Menschen
zu erniedrigen, um ihnen nicht dadurch unmittelbar Gelegenheit zu geben, dass sie
Vorteile über uns gewinnen.
                                                            Nach mehrern Jahren.
Mein Sohn wird mit jedem Tage ein grösserer Tor und er lässt es mich sogar merken,
dass er mich und meine Grundsätze nicht achtet. Er schliesst sich mit Innigkeit an
jedes übertriebene und unnatürliche Gefühl. Es schmerzt ihn nicht, dass er sich
dadurch von meinem Herzen entfernt, denn er ist unter Luftgestalten einheimisch.
    Die Erfahrungen, die mir aus dem Gewühle der Welt hiehergefolgt sind, haben
mich nun völlig beruhigt. Ich habe es deutlich erfahren, in wie hohem Grade die
Menschen verächtlich sind. Alle meine jugendlichen Vermutungen haben sich
erfüllt, und es war heilsam, dass ich so ausgerüstet unter die boshafte Schar
trat. Argwohn ist die Wünschelrute, die allentalben richtig zeigt, man irrt
sich in keinem Menschen, wenn man gegen jeden misstrauisch ist, denn selbst die
Einfältigsten haben Minuten der Erleuchtung, in denen sie uns Schaden zufügen.
    Wenn man mit Leuten umgeht, die aus Unwissenheit, oder weil sie selbst
keinen Grund davon anzugeben wissen, rechtschaffen sind, so muss man ihre Tugend
nie auf die Probe stellen, wenn sie uns dadurch nützlich bleiben sollen; denn in
dem Augenblicke, in welchem sie darüber nachdenken, werden sie verwandelt, und
wenn sie auch ihre Ehrlichkeit noch aus dem gegenwärtigen Gedränge bringen, so
kann man sich im nächstfolgenden zweifelhaften Falle niemals auf sie verlassen.
- Wie viel ist aber die Ehrlichkeit wert, wenn sie nur darin besteht, dass der
Mensch gar nicht weiss, dass man ihm diesen Vorzug beilegt? Selbst der Pöbel hat
diese Armseligkeit der Tugend bemerkt und ein Sprichwort darüber gemacht, dass
der ein Dieb bleibt, der nur einmal gestohlen hat. - Scheint es nicht, als wenn
es völlig etwas Physisches wäre, was wir im Menschen immer zum Geistigen erheben
wollen, dass sich die Erscheinung durch eine einzige Umwälzung in einem einzigen
Momente verlieren kann?
    Ich bin darum nur wenig hintergangen, weil ich den Betrug immer als möglich
voraussetzte.
Ich fühle mich sehr matt, und meine Gedanken werden schwach und unstet. Dies
unnütze Buch ist mit mir alt geworden, es läuft zu Ende, so wie vielleicht mein
Leben. Alles hat für mich heut dunkle und melancholische Umrisse; Lovell ist vor
einem Monate gestorben und ich bin nicht viel älter, als er.
    Ich habe nur schlecht geschlafen, und ihn bleich und abgefallen beständig in
meinen abgerissenen Träumen gesehn. Sein Andenken verfolgt mich noch nach seinem
Tode und mattet meine Kräfte ab.
Ich bin wieder gesund gewesen und dachte, es würde nun jahrelang so bleiben, und
doch bin ich von neuem krank geworden. Eine seltsame Wehmütigkeit hat mich
ergriffen. Der Mensch hängt mit allen seinen Empfindungen bloss von seinem Körper
ab.
    Sollte ich Dir doch vielleicht Unrecht getan haben, alter Lovell? - Warum
richtet sich mein Gedanke so unaufhörlich nach Dir hin, wie die Magnetnadel nach
Norden? - Ich habe Dir vergeben, vergib Du mir auch, unsre Spiele und Kämpfe
sind jetzt geendigt.
Ich fühle mich freundlicher nach meinem Sohne und nach allen Menschen
hingezogen. - Wer weiss, in welchem gesundern Teile meines Körpers meine vorige
Empfindung lag, wer weiss, aus welchem umgeänderten meine jetzige entspringt.
Das Leben und alles darin ist nichts, alles ist verächtlich, und selbst, dass man
die Verächtlichkeit bemerkt - - -
 
                                       8
                             William Lovell an Rosa
                                                                          Paris.
Ich bin nun wieder in Paris, das zuerst die Bühne meiner Irrtümer war.
    Ob Amalie noch lebt, und wie sie leben mag! - Mir kömmt alles frisch und neu
in die Erinnerung, was ich ehemals für sie empfand.
    Die Blainville ist mit einem Chevalier de Valois von hier fortgegangen, der
sich nach einigen Erzählungen in England erschossen hat. Was aus ihr geworden
ist, weiss man nicht.
    In wenigen Tagen reise ich von hier ab. - Alle Strassen und alle
Gesellschaften sind mir zuwider.
    Ich wünsche und fürchte das englische Ufer. - Doch kalt und phlegmatisch
dehnt sich die Zeit weiter und kümmert sich nicht um unser geängstigtes,
pochendes Herz - es muss doch endlich alles und selbst das Leben vorüber sein.
 
                                       9
                         Willy an seinen Bruder Tomas
                                                                         Kensea.
Lieber Bruder, ich schreibe Dir heute einen Brief und in wenigen Tagen mache ich
mich auf, um zu Dir zu kommen; denn ich habe keine Ruhe, ich habe keine Rast, es
treibt mich weg und ruft mir in die Ohren, dass ich Dich vor meinem Tode noch
einmal sehen soll, dass ich unter Deinen Augen sterben soll.
    Schon seit einigen Tagen ist mir so gar heimlich und einsam zumute, die
Fahne des Kirchturms knarrt so betrübt, und wenn ich am Abend am Fenster stehe,
ist es, als wenn ich auf dem Kirchhofe schwarze Männer stehen sehe, die mit den
Fingern nach mir hinweisen. Ich habe im stillen geweint und gebetet, und bin mir
dabei hier so verlassen vorgekommen, und so auch alle Menschen um mich her, sie
waren mir alle fremd. - Der Tod treibt sich hier im Hause herum; das ist nicht
anders, lieber Bruder, und nach mir sucht er, das ist gewiss, und darum will ich
fort von hier und zu Dir hin.
    Sieh, ich habe so an Dein altes freundliches Gesicht gedacht und an Deine
Art zu reden, und an alles, was Du an Dir hast und was mir immer so gefällt und
das Dein Name Tomas so recht ausdrückt und beschreibt. Und da hab ich geweint
und mir die weite Reise von neuem vorgenommen. Diese Nacht ist es aber erst
recht gewiss geworden.
    Sieh, mir träumte, als stünde ich in einer wüsten, schwarzen Gegend, rund
mit Bergen eingefasst. Und oben von den Bergen guckte ein Kopf herüber, und das
war mein Herr Lovell, ich kannte gleich das alte, blasse Gesicht. Da fing ich
vor Freude laut an zu schreien, und ich glaubte, mir hätte nur immer geträumt,
dass er gestorben sei, und jetzt käme es nun heraus, dass es nur eine Einbildung
von mir wäre. Er sagte ganz freundlich: Guten Tag, lieber Willy! - Ich wollte
gleich munter die Berge hinaufklettern und ich nahm mir vor, mich nicht zu
schämen, sondern ihm dreist um den Hals zu fallen. Er musste es merken, denn er
sagte: Bleib nur, Willy, wir sehn uns bald. Und in demselben Augenblicke wurde
sein Gesicht ganz jämmerlich, noch eingefallener und beinahe wie ein Totenkopf.
Ich fing an zu weinen, als ich das sah, und streckte die Arme nach ihm aus, aber
er schüttelte stillschweigend mit dem Kopfe, und es war nun, als würd er
ordentlich recht mit Gewalt heruntergezogen. Da konnt ich's nicht lassen,
sondern ich wollte nachsehn, was aus ihm geworden wäre; ich fing an zu laufen,
um die Berge hinaufzuklettern; aber sieh, da liefen sie vor mir weg, und ich
wurde ungeduldig und rannte immer schneller, und die Berge fuhren weg vor mir,
geschwinder wie das beste Pferd im Wettrennen. Jetzt standen sie ganz weit weg,
so dass sie nur noch so gross aussahen, wie Kinderköpfe, das war mir bedenklich;
ich kehrte mich um, und hinter mir waren die übrigen Berge ebenso weit
weggelaufen. Es war alles um mich her so weit, eben und schwarz, wie die See. -
Da kam mir ein grosser Schwindel in den Kopf, und ein schreckliches Grausen auf
den ganzen Körper, denn ich merkte nun, dass ich den Herrn Lovell als einen Geist
gesehen hatte. Es war mir immer, als wollte ein schwarzes Ungeheuer aus dem
Himmel herunterschiessen, um mich zu verschlingen, oder als wenn der Himmel
selber brechen wollte. Ich vergass alles Vorhergehende beinahe und fürchtete mich
doch noch immer fort; meine ganze unsterbliche Seele krümmte sich in mir
zusammen und ich rief den allmächtigen Gott um Hülfe an.
    Da wacht ich mitten in der dunkeln Nacht müde und ermattet auf, und es war
mir noch immer, als stünde ich noch in der schwarzen Wüste. -
    Siehst Du, Bruder, der verstorbene Herr hat mich gerufen, ich muss kommen und
nun will ich nur noch von Dir Abschied nehmen. Es ist ja so nur noch so wenige
Zeit übrig, in der wir uns lieben und gut sein können, wir wollen also das
wenige noch mitnehmen.
    Gott segne meinen Herrn William, ich wünschte, ich könnte auch von dem noch
Abschied nehmen, und dass er mir noch zur völligen Versöhnung die Hand drückte,
dass ich doch ganz als ein guter Freund von ihm zu seinem Herrn Vater in den
Himmel ankommen könnte und einen Gruss von ihm bestellen.
    Wie gesagt, in etlichen Tagen bin ich bei Dir, und wenn Du mich auch wieder
für etwas närrisch hältst, lieber Bruder, so mache mir doch ein freundliches
Gesicht, wenn ich komme.
 
                                  Achtes Buch
                                        1
                             William Lovell an Rosa
                                                                          Dover.
Es ist nicht anders, ich stehe wirklich hier, und sehe nach den weissen,
schroffen Klippen hinauf. Ich bin endlich wieder zurückgekommen, und alles
vorige liegt hinter mir; es ist nicht anders, und konnte vielleicht nicht anders
werden.
    Ich danke dem Andrea unaufhörlich, dass ich jetzt in den widerwärtigsten
Situationen mit einer grossen Kälte in das Leben sehen kann. Die Verächtlichkeit
der Welt liegt in ihrer grössten Betrübnis vor mir; ich stosse sie nur um so
geringschätzender von mir, je wunderbarer ich mir selbst erscheine. Durch meine
Ahndungen und seltsamen Gefühle, hat er mich vom Dasein einer fremden
Geisterwelt überzeugt, ich habe eigenmächtig meinen Zweifeln ein Ziel gesetzt,
und ich freue mich jetzt innig, dass ich auf irgendeine Art mit unbegreiflichen
Wesen zusammenhänge, und künftig mit ihnen in eine noch vertrautere
Bekanntschaft treten werde. Unaufhörlich begleitet mich diese Überzeugung, und
alle Gegenstände umher erscheinen mir nur als leere Formen, als wesenlose Dinge.
Ich errege oft jene geheimen unbegreiflichen Gefühle in mir, in der Nacht, oder
in der Einsamkeit, jene seltsamen schauernden Ahndungen, die uns unwiderstehlich
wunderbaren Mächten entgegendrängen.
    Alle betrübten Stunden, die ich hier in England erleben werde stehen
gleichsam noch hinter den Kulissen und warten nur auf ihr Stichwort, um schnell
hervorzutreten, ich muss in meiner Rolle fortfahren, und vor keinem plötzlichen
Auftritt erschrecken -
    Der nördliche Himmel hier, mit seinen grossen und tiefhängenden Wolken, macht
einen seltsamen Eindruck auf mich, nachdem ich mich in so langer Zeit in Italien
verwöhnt habe. Die Umrisse der Berge und Wälder bilden sich so hart und widrig
in dieser rauhen Luft, ich fühle schon jetzt ein Heimweh nach Italiens lauem
Himmel, nach Ihnen und Andrea und meinen übrigen Freunden.
 
                                       2
                           Eduard Burton an Mortimer
                                                                         Bondly.
Wir haben nun endlich unser gewöhnliches Leben wieder angefangen, nachdem wir
von Ihrem schönen Landsitze zurückgekehrt sind, und die Zeit fliesst uns eben und
ohne widrige Abschnitte vorüber. Viele Menschen irren darinnen sehr, wenn sie
streben, recht viele frohe und glänzende Epochen in ihren Lebenslauf zu bringen,
denn jede dieser Epochen zieht mehrere Tage nach sich, die durch ihre
Nüchternheit unsere Seele leer und melancholisch machen; je einförmiger und
ruhiger die Zeit vorüberfliesst, um so mehr geniesst man seines Lebens. Wir beide,
lieber Freund, haben uns in diesen Genuss eingelernt, und ich hasse jetzt das
Planmachen, wodurch man immer in einer fernen Zukunft lebt, unsinnigerweise die
Gegenwart verschleudert, und sich im Leben gleichsam übereilt, um nur desto
früher zu jenem Ziele zu kommen, das man sich aufgesteckt hat.
    Gestern kam der alte Willy matt und atemlos hier an, um seinen Bruder Tomas
zu besuchen. Er war die letzten Meilen, so alt er auch ist, zu Fuss gelaufen, um
seinen Bruder nur desto früher zu sehen. Der alte Mann hat sich eingebildet, er
müsse jetzt sterben, und darum will er noch vorher von Tomas Abschied nehmen.
Die Ermüdung, so wie sein Aberglaube haben es wirklich dahin gebracht, dass er
krank geworden ist. Er hat mich innig durch seine Liebe gegen seinen Bruder
gerührt, den seine eingebildete Klugheit hindert, dieselbe Liebe zurückzugeben.
Willy spricht viel vom Lovell, und mit einer ausserordentlichen Inbrunst; mir
standen die Tränen in den Augen, als ich ihm zuhörte. Meine ganze Seele streckt
sich in mir aus, sooft ich diesen Namen nennen höre, es ist jedesmal, als wollte
man mir einen Vorwurf damit machen, weil er nicht mehr mein Freund ist. Und
konnt ich anders handeln? - Tat ich nicht alles, um mir seine Liebe
aufzubewahren? - Aber er hat sein Herz verspielt, und kann mich nicht mehr
lieben.
    Leben Sie wohl, und ersetzen Sie mir durch Ihre Freundschaft den Verlust der
seinigen.
 
                                       3
                 Tomas an den Herrn Fenton, Gärtner in Kensea
                                                                         Bondly.
Sie werden es verzeihen, wertgeschätzter Herr und Kollege, wenn mein Bruder
vielleicht einige Tage länger ausbleibt, als er sich anfangs vorgesetzt hatte,
und Sie indessen die Aufsicht des ganzen Gutes besorgen müssen, denn er ist hier
krank geworden, so dass er wohl so bald noch nicht wird zurückreisen können. Er
ist ein klein wenig närrisch der alte Mann, und das werden Sie ebensogut wissen
als ich. Alte Leute haben, wie man zu sagen pflegt, ihre wunderlichen Launen,
und mein Bruder hat sie gewissermassen im vollsten Grade.
    Er hat mir viel von Ihrem Garten erzählt, und es tut mir recht sehr leid,
dass Sie mit dem wilden Werke so viele Mühwaltung vorzunehmen haben. Ich habe
jetzt Gottlob! einen Gönner an meinem Herrn, der die Kunst schätzt und viel an
die Vortrefflichkeit des Gartens wendet. Ein solcher Gönner fehlt Ihnen
freilich, und doch ist er gewissermassen unentbehrlich, um etwas Grosses zustande
zu bringen, denn ohne Geld, und ohne die nötigen Arbeiten lässt sich in dieser
Welt nur wenig ausrichten.
    Mein Bruder glaubt, dass er hier wird sterben müssen, denn er ist noch so
sehr von der alten Welt, und wenn ihm etwas träumt, so glaubt er auch immer, dass
es eintreffen muss, was denn die vernünftigen Leute mit Recht einen Aberglauben
nennen können, denn er weiss wirklich nicht viel von einer bessern Aufklärung,
wie man zu sagen pflegt. - Ich denke aber wohl, dass er in einigen Tagen sowohl
gesunder, als auch vernünftiger werden wird. Gott gebe seinen Segen dazu, damit
er bald wieder an seine Geschäfte gehen könne!
    Verzeihen Sie übrigens, wertgeschätzter Herr und Kollege, dass ich mir die
Freiheit genommen habe, Ihnen mit meinem schlechten Briefe beschwerlich zu
fallen; da aber mein Bruder noch bis dato die Feder nicht führen kann, so habe
ich solches für meine Pflicht gehalten. - Ich wünsche eine fortdauernde
Gesundheit und langes Leben, und nenne mich
                           Ihr wertschätzender Freund Tomas, Gärtner in Bondly.
 
                                       4
                             William Lovell an Rosa
                                                                         London.
Ich treibe mich jetzt wie ein abgerissener Zweig in den Fluten und Wirbeln des
wühlenden Lebens auf und ab. Ohne Ruhe bin ich bald hier, bald dort, bald in
einem gemeinen Wirtshause, unter den niedrigsten, aber originellsten Menschen,
bald in einer Gesellschaft von Spielern, bald auf den öffentlichen
Spaziergängen, bald in den vollgedrängten Teatern.
    In manchen Stunden verlier ich mich selber. Sagen Sie mir, Rosa, ob meine
innere Ahndungen recht haben. Mein Vater, Pietro und Rosaline starben durch
mich, Amalie ist durch mich vielleicht unglücklich geworden; wer weiss, wie
manches Auge meinetwegen nass ist, von dem ich nichts weiss, und dem ich mittelbar
und unbekannt Schmerzen übersendet habe. - Ich kann manchmal alles vergessen,
was ich vormals darüber dachte, und eine heisse Röte breitet sich dann von innen
heraus über meine Wangen. - Und doch - wie wenig sind alle diese Menschen wert!
Wen unter ihnen kann man bedauern? Von wem sollen wir uns in unserm Wege
zurückhalten lassen? - Ich richte mich durch jene hohe Ahndungen und wunderbaren
Gefühle wieder auf, deren die übrigen Menschen entbehren müssen.
    So wenige Menschen mich hier auch kennen, so hüte ich mich doch sehr,
erkannt zu werden. Neulich sprach ich einen Bekannten des jungen Valois, der mit
der Blainville hierhergereist war; dieser Valois hat sich erschossen, aber von
der Komtesse wusste er mir keine Nachricht zu geben.
    Manche Strassen hier reden mich mit einer wunderbaren Sprache an, vorzüglich
die, in denen Amalie wohnt. Ich bin schon mehrmals ihrem Hause vorübergegangen;
aber weder am Fenster noch auf irgendeiner Promenade habe ich sie gesehen. Auch
noch keine Nachrichten habe ich von ihr erhalten können, aber sie muss hier in
London sein. - Gestern war ich im Teater. Es wurde Macbet gegeben, und ich war
mit einer echten Jugendempfindung in die Darstellung vertieft. Im letzten Akte
zog ein Gesicht in einer Loge meine ganze Aufmerksamkeit auf sich, denn es glich
Amalien vollkommen. Ich vergass das Stück, und suchte mir nur die Erinnerung
ihrer recht gegenwärtig zu machen, um sie mit diesem Bilde zu vergleichen.
    Ich war noch immer verwirrt und in tiefen Gedanken, als das Stück schon
geschlossen war. Ich drängte mich mit den andern hinaus, und erwartete an der
Treppe die Herunterkommenden. Viele Gesichter liefen durcheinander, und meine
Augen wurden müde sie zu bemerken, um dasjenige, was ich erwartete,
herauszufinden. Endlich erschien die Dame, die ich für Amalien hielt, und in
einem Augenblicke schoss mir die Überzeugung durch den Kopf, dass sie es auch
wirklich sei. - Und bei Gott sie war es! - Hundert Menschen liefen mir vor und
wieder zurück, es war mir unmöglich, näher zu kommen. Man stiess und drängte
mich, und ich stiess und drängte ebenfalls, und die Gestalt war verschwunden.
Meine Augen fanden sie nachher nicht wieder.
    Es muss Amalia gewesen sein, es ist nicht anders möglich. Ihre Schleppe und
der Saum ihres Kleides war mir in dem Momente heilig, als ich ihm nachzufolgen
strebte. Ich hasste die Menschen recht innig, die mich durch ihr wildes widriges
Gedränge hinderten, ihr zu folgen.
 
                                       5
                             William Lovell an Rosa
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So bin ich denn endlich wieder hier, hier, wo der Frühling meines Lebens zu
blühen anfing. Jede Hecke und jeder Teich erinnert mich an meine damaligen
Empfindungen.
    Hier war's, wo Melodieen aus jedem Baumwipfel sumseten; hier hing der
Morgenhimmel voll goldener Hoffnungen; jeder Ton in der Natur klang mir Gesang,
und ich ging unter einem ewigen lautrauschenden Konzerte. - Und was ist nun aus
allem dem geworden? - Und was war es auch, das ich hoffte? Jugendlich und
unbesonnen kannt ich mich selbst nicht, und wusste nicht, was ich von mir und der
Welt verlangte.
    Ich sass wieder in demselben Zimmer des Wirtshauses, in dem ich damals einen
traurigen Brief an Eduard Burton schrieb, wohl gar, wenn ich nicht irre, Verse
machte. Es ist eine niedrige unangenehme Stube, und mir würde jetzt kein
poetischer Gedanke dort einfallen. Die Gegend umher, die mir im Mondschein
damals so romantisch vorkam, ist nichts als ein weiter grüner Heideplatz, mit
einigen Bäumen, in der Ferne sieht man Wald.
    Auch die Stelle im Walde habe ich wiedergekannt, auf der ich damals von
Amalien Abschied nahm, als sie von Bondly nach London reiste. Alle diese Plätze
sind stumm geworden, ich finde sie widerwärtig und armselig, da sie mir damals
so teuer, so überaus teuer waren. Manchmal ist es, als liefe noch durch die
Gebüsche säuselnd eine der lieblichen Erinnerungen, aber sie können nicht zu
mir, sie treten scheu vor mir zurück.
    Verkleidet bin ich schon einigemal im Garten hier in Bondly auf und ab
gegangen. Hier hatten alle Empfindungen, alle Erinnerungen in den grünen Lauben,
auf den schönen Rasenstellen, unter den dichten Zweigen der Alleen geschlafen;
sie wachten auf, als mein Fuss den Garten betrat, und kamen mir alle stürmend
entgegen. Alle haben mich begrüsst, und jeder Baum scheint mich zu fragen: wo ich
so lange geblieben sei? Ach Rosa! die Tränen stiegen mir in die Augen, und ich
konnte keine Antwort geben.
    Ach! ich bin ein Träumer - ich möchte sagen: Die leblose Natur hat inniger
an mir gehangen, als je die Menschen.
    Lange stand ich vor der Linde still, in der ich meinen und Amaliens Namen
eingrub. Nur wenig haben sich die Züge durch den Wachstum des Baumes verändert.
- Wie vieles nahm ich mir damals vor, als ich diese Züge langsam und bedächtlich
dem Baume einschnitt! -
    Vieles im Garten ist geändert, und seit dem Tode des alten Burton mit
mehrerem Geschmacke angelegt. - Aber alle Veränderungen hier haben mir wehe
getan. Ich wollte manche der alten Anlagen besuchen, und fand eine neuere,
bessere. Der Gärtner ist ein Bruder von meinem Willy.
    Willy selbst ist hier zum Besuche, und ich erschrak, als ich ihm gestern
plötzlich begegnete, aber er hat mich nicht erkannt.
    Ich habe mich nach allen Sachen genau erkundiget, und darauf einen Plan
gegründet, um in das Haus zu kommen. Dass ich nicht erkannt werde, dafür will ich
schon sorgen, und diese Schwierigkeit ist im Grunde die unbedeutendste.
    Wie schwach ist der Mensch! - Seit wie lange glaubte ich nun schon, über
alle diese Eindrücke erhaben zu sein, und doch haben sie mich nun mit neuer
Gewalt angefallen, und dann lach ich wieder über mich, und finde mich selbst
kindisch.
 
                                       6
                           Mortimer an Eduard Burton
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Ich schicke Ihnen hier das Manuskript Ihres Vaters zurück, das ich mit grosser
Aufmerksamkeit gelesen habe. Wie viele Wege gibt es in unserm Verstande, die den
Menschen so leicht auf eine falsche Bahn bringen können! Die Sucht über uns
selbst zu grübeln, liegt in uns, und doch lernen wir beim aufmerksamsten Studium
nichts, und alles Einfache und Gute verliert sich aus uns bei diesen
Betrachtungen. Der Mensch gewöhnt sich dabei gar zu leicht, sich nur als ein
spekulierendes Wesen anzusehen, und mit eben den Augen die übrigen Geschöpfe zu
betrachten. - Ich sage Ihnen für Ihr Zutrauen vielen Dank; solche Aufsätze sind
Wegweiser und Leuchttürme für andere Menschen.
    In mir ist wieder die Sucht aufgewacht, eine kleine Reise zu machen, und
wenn ich durch nichts gehindert werde, will ich auch diese Neigung nächstens
befriedigen. Dann besuche ich zugleich Sie und Ihre liebenswürdige Schwester. -
Amalia ist auf ein paar Tage in der Stadt gewesen, um ihre Eltern und ihren
fleissigen Bruder zu besuchen. - In einigen Monaten hoffe ich Vater zu sein, und
ich bin neugierig, wie mich diese neue Würde kleiden wird.
 
                                       7
                            Emilie Burton an Amalie
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Liebe Freundin, ich fühle mich zum Schreibtische ordentlich mit Gewalt
hingezogen, um mich mit Ihnen zu unterhalten. Sie haben so oft Ihren Kummer in
Briefen gegen mich ausgeschüttet, und ich denke eben darüber nach, ob jetzt
vielleicht an mich die Reihe ist. Ich habe oft von Rührung reden hören und
selbst gesprochen, aber bis jetzt ist es nur ein Wort für mich gewesen, dessen
eigentliche Bedeutung ich erst heute habe kennen lernen.
    Schon seit einigen Tagen hält sich ein kranker armer Mensch in unserm Hause
auf, dem mein Bruder aus Mitleid ein kleines Zimmer hat einräumen lassen, weil
der Gärtner für ihn bat. Die Bedienten haben ihn bis jetzt verpflegt, und wir
bekamen ihn fast gar nicht zu sehn, denn er hielt sich immer ausserordentlich
still und eingezogen, und jedermann im Hause glaubte, dass seine Krankheit
vorzüglich in einer tiefen Melancholie bestehe.
    Mein Bruder war gestern ausgeritten und ich sass allein im Garten. Sie kennen
die Laube, in der ich am liebsten bin, wo man nur den einen schmalen Gang
hinuntersehn kann und allentalben von dichten Hecken eingeschlossen ist. Ich
las und arbeitete, und bemerkte nach einiger Zeit den Kranken, der tiefsinnig im
Gange auf und ab ging, bald mit verschränkten Armen stille stand und den Blick
starr auf den Boden heftete, bald Blumen abriss und sie mit seinen Tränen
benetzte. Ich war auf alle seine Bewegungen aufmerksam, denn aus jeder schien
ein tiefer Kummer zu sprechen. Ich weiss selbst nicht, auf welche wunderbare
Weise mein Herz in mir bewegt ward, es war mir ganz wie bei einer guten Tragödie
zumute, wo ein unbekannter Elender unsre ganze Teilnahme an sich reisst.
    Ich konnte es nicht unterlassen, ich musste aufstehn und ihm näher treten. Er
schien bewegt und erschreckt, als er mich erblickte, er wusste nicht, ob er gehen
sollte, oder bleiben. Ich redete ihn freundlich an, um ihn über seinen Kummer zu
trösten. Er antwortete und jedes Wort war ein tiefes Gefühl seines Unglücks, mit
jeder Antwort ward meine Rührung grösser und ich konnte am Ende meine Tränen
nicht verbergen.
    Was ist es doch, was unser Herz oft so gewaltsam zusammenzieht? Wer kann
jene Gefühle beschreiben, die wir Rührung nennen, und wer kann ihre Entstehung
begreifen? - Wenn das Mitleid in unser Herz eintritt, o Freundin, dann breitet
es sich gewaltsam wie mit Engelschwingen darin aus, dass unser armes irdisches
Herz erzittert und sich zu klein für den göttlichen Fremdling fühlt, dann
möchten wir in diesem schönen Augenblicke sterben, weil wir empfinden, dass unser
voriges Leben kalt und dürr dagegen war, weil wir es wissen, dass die Zukunft
nach diesem schönen Augenblicke nur leer und nüchtern sein wird: wir möchten
ganz in wollüstigen Tränen zerfliessen, wir können uns nicht darüber
zufriedengeben, dass wir nach dieser Seligkeit noch leben sollen. Das Herz
begehrt zu brechen, und die Seele den Flug aufwärts zu nehmen - nein, ich kann
keine Worte für diese Gefühle finden, ob mir gleich auch jetzt die Augen voll
von grossen Tränen sind. - Kann es denn wirklich Menschen geben, die nie das
Mitleid empfunden haben, die nie Tränen vergossen? - O denen sei es erlaubt, die
Unsterblichkeit ihrer Seele zu bezweifeln, ihnen sei es vergönnt, die Menschen
zu hassen, denn sie müssen es nicht begreifen können warum man sie liebt. -
    Ich kann nicht dafür, liebe Freundin, dass ich hier deklamiert habe, denn
meine ganze Seele hat sich in mir aufgetan. Sie kennen ja auch diese zarten
Regungen des Herzens, Sie werden mich verstehen, und mich keine Schwärmerin
nennen. Mit Männern kann man überhaupt nicht so sprechen, sie sind viel zu sehr
in die Geschäfte des Lebens verwickelt, um ihre Gefühle rein und hell in ihrem
Busen zu behalten, sie handeln und denken und eben dadurch wird alles übrige in
ihnen verdunkelt. Nur der Mann, von dem ich Ihnen erzählen wollte, nur er,
vielleicht unter seinem Geschlechte der einzige, ist fähig mich ganz zu
verstehn, aber er kommt aus der Schule des Unglücks und der Leiden, die dem
Herzen die verlorne Menschlichkeit wiedergeben.
    Zeigen Sie niemanden diesen Brief, liebste Freundin, denn er ist nur für Sie
allein geschrieben, jedes andre Auge würde ihn entweihen und nur über meine
Schwachheit spotten. So wenige Menschen verstehen es, fröhlich zu sein, und noch
weit wenigere zu trauern, der Schmerz redet sie in einer himmlischen Sprache an
und sie können nur mit ihren unbeholfenen, irdischen Tönen antworten. Wer sich
freuen oder wer weinen will, ziehe sich ja zu Blumen und zu Bäumen zurück.
    Der Unbekannte redete sehr herzlich und bald schien mir seine Sprache so
bekannt. Es kamen wunderbare Erinnerungen in meine Seele; ich betrachtete ihn
genauer, und auch seine Gesichtszüge schienen mir nun nicht mehr fremd. - O
Amalie, welche Empfindung ergriff mich, als ich in dem armen Verstossenen, in dem
kranken Bettler einen alten, wohlbekannten Freund von mir entdeckte - und wie er
sich mir nun selbst zu erkennen gab und viel von den Menschen und ihrer
Grausamkeit sprach - wie Tränengüsse aus seinen Augen stürzten und er zu meinen
Füssen sank und um Vergebung flehte - o Freundin, ich wusste nicht, ob ich lebte,
oder tot sei - ob ich mich nicht plötzlich im Lande der wunderbarsten Träume
befände - ach, ich kann immer noch nicht zu mir selber kommen.
    Seinen Namen darf ich Ihnen noch nicht nennen, so wie er auch unserm ganzen
Hause ein Geheimnis ist, aber bald, bald will ich Ihnen alles auflösen, und Sie
werden ebensosehr erstaunen. - Alle Gegenstände flimmern mir seit diesem
Augenblicke vor den Augen, ich kann nichts recht fest angreifen, und mein Gemüt
ist zu den seltsamsten Vorfällen und Verwandlungen vorbereitet. Meine Augen
wollen unaufhörlich weinen und jeder freundlich lachende Mund rührt mich innig:
eine grosse Wehmut hat mir alle Gegenstände der Welt in die Ferne gerückt und der
Schreck beim Erkennen zittert immer noch in mir fort.
    Wunderbar gehn die Schicksale und Leiden der Welt und noch nie ist mir
dieser fürchterliche Gang so deutlich vor die Augen getreten. Ich habe noch
wenig gelitten, und ich möchte nun fürchten, dass ich noch viel zu leiden habe.
    Sehn Sie, liebe Amalia, so melancholisch hat jener Unglückliche Ihre
Freundin gemacht; der ganze Brief ist ein Beweis von der Spannung meiner
Phantasie. - Leben Sie recht wohl und glücklich.
 
                                       8
                            Karl Wilmont an Mortimer
                                                                         London.
Ich habe doch hier, bei aller meiner Philosophie manche ungeduldige Stunde, und
ich glaube, ich habe so gut wie jeder andre Verliebte ein Recht dazu.
    In den ersten Tagen kam es mir so ausserordentlich leicht vor, von Emilien
entfernt zu sein, dass ich wohl gar im stillen wünschte, man möchte mir eine
schwerere Probe auflegen. Es ging mir grade wie dem Kranken, der eine
gefährliche Krisis überstanden hat, sich in den ersten Tagen nach dieser schon
für genesen hält, und sich nicht genug darüber wundern kann, wie ihn die übrigen
Menschen noch bedauern: aber bald fühlt er die Krankheit und Mattigkeit in allen
seinen Gliedern von neuem, er wird von neuem ungeduldig und vergisst die
schmerzhaften Tage gänzlich, die jetzt hinter ihm liegen. Du wirst mir
wenigstens zugeben, dass der Mensch immer bei dieser kuriosen Einrichtung seiner
Natur die herrlichsten Ursachen hat, unzufrieden zu sein.
    Wie unermesslich lang kommt mir jetzt oft bei meinen Arbeiten ein Bogen vor,
den ich vollschreiben soll, da er mir in den ersten Tagen nur wie ein
Spaziergang war. Alle dummen und klugen Streiche laufen in der Welt doch
wahrhaftig auf eins hinaus. Du nennst es nun selbst einen vernünftigen Plan, dass
ich beim Minister angestellt bin, und wie wenig hab ich daran gedacht, als ich
mich anstellen liess? Wahrlich, ich liess mich eben mit der phlegmatischen
Unbefangenheit zu ihm schleppen, als wäre die Reise nach einem Weinhause
gegangen; meine allerdummsten Streiche haben mir weit mehr Kopfbrechens
gekostet. Ich glaube, ich könnte der edelste und tugendhafteste Mann von der
Welt werden, ohne dass ich ein Wörtchen davon wüsste. Lieber Mortimer, wenn das
irgendeinmal der Fall sein sollte, so mache mich doch um des Himmels willen
aufmerksam darauf, damit ich nicht so in meiner Dummheit hin ausserordentlich
edel bin und selbst gar keine Freude daran habe.
    Du bist mir zum ersten Male in Deinem Leben mit Deinem neulichen, so überaus
ernstaften Briefe ein wenig närrisch vorgekommen. Seit Du ein Ehemann bist,
führst Du einen gewissen altklugen Ton und übst Dich an mir zum künftigen
Erzieher Deiner Kinder. Du bist bei weitem nicht mehr so launicht als ehedem,
ich wette, dass Du jetzt nie einen Perioden anfängst, ohne zu wissen, wie Du ihn
endigen willst; und doch gefiel mir eben das sonst so sehr an Dir, dass Du selbst
einen weisen Spruch zuweilen anhubst, ohne zu wissen, wie er schliessen solle. Du
verlierst vielleicht nach und nach das wahre Leben und wirst am Ende nur eine
Ruine vom ehemaligen Mortimer. Wenn ich Dich denn besuche und Du hinter Deinem
Tische mit dem ernstaften Gesichte sitzest; so muss ich in Gedanken alle Deine
ehemaligen Vortrefflichkeiten in Dich hineinlegen, um nicht auf die Meinung zu
geraten, dass ich den leibhaftigen Grandison vor mir sehe.
    Aber lass uns einmal ernstaft sprechen. - Dein neulicher Brief kann Dir
unmöglich ganz Ernst gewesen sein, denn was Du da von den Geschäften und der
Elastizität sagst, ist so altfränkisch, so philosophisch und so unwahr, dass ich
beinahe Lust hätte, Dir alle meine Geschäfte zu übertragen, damit Du es selber
mit Händen griffest, wie sehr Du gelogen hast. Du hast in Deiner ländlichen Ruhe
gut sprechen, aber wenn Du nur die langweiligsten, unbedeutendsten Sachen mit
einer Emsigkeit und Genauigkeit abschreiben müsstest, als wenn daran die
Seligkeit von zehn Märtyrern hinge, wenn Du es nur selber fühltest, wie bei
einer solchen Arbeit die Wände umher immer enger zusammenrücken, und das Herz
ängstlich klopft und Du nach dem letzten Worte mit der fliegenden Feder
hinrennst, als wenn das Haus einfallen wollte, ei, wie anders sprächest Du! Dann
holt man Atem, um es von neuem durchzulesen, und kaum ist man eine halbe Stunde
ausgegangen, so findest Du schon neue Stösse, die auf Deine Abfertigung warten.
Wo da die Elastizität herkommen soll, kann ich gar nicht einsehn. Die Gedanken
im Kopfe werden immer dünner, und gehn am Ende gar aus; statt dass ich sonst
Stellen aus dem Tristram Shandy auswendig wusste, übe ich meine Memoire jetzt an
den mancherlei Titulaturen.
    Ich bin mir in manchen Stunden schon ungemein abgeschmackt vorgekommen, dass
ich mir so viele edelmütige Bedenklichkeiten ausgedacht und Emilien nicht auf
der Stelle geheiratet habe. Glück! ist das nicht das höchste Wort im Leben,
unsre erste Pflicht, ein Wort, gegen das jede Delikatesse albern erscheint? Doch
ich bin einmal eingespannt, und so werde ich denn auch wohl aushalten müssen.
 
                                       9
                            Emilie Burton an Amalie
                                                                         Bondly.
Ich bin auf Ihre Antwort begierig, da Ihr Herz mit dem meinigen immer
sympatisiert hat. Ach liebe Freundin, ich kann Ihnen nicht alles so sagen, wie
ich es gern möchte, ich spare dies Vertrauen noch für eine andre Zeit auf.
    Welch ein Mensch ist jener Unbekannte, von dem ich Ihnen neulich schrieb! Er
ist ganz über das kleinliche Leben hinüber, in dem sich die gewöhnlichen
Menschen so ängstlich abarbeiten. Sein Geist ist durch und durch geläutert und
gereinigt und er gehört nicht mehr der Erde an. Ich kann es nicht unterlassen,
ihn zu bewundern, sooft ich ihn sehe oder spreche, er hat eine andre als die
gewöhnliche Menschensprache. Wenn ich an ihn denke, geht eine innige Rührung
durch meine Brust, ich möchte beständig in seiner Gesellschaft sein, sein tiefes
Urteil über das und über jenes hören, und ihm mit meinem Troste den Gram etwas
aus seinem düstern Angesichte schmeicheln.
    Niemand kennt ihn hier und niemand weiss, dass ich ihn kenne, ich muss Ihnen
seinen Namen auch noch verhehlen, weil es sein Wille so ist und weil er
gegründete Ursache dazu hat.
    Es ist so etwas Wunderbares um ihn her, dass man sich in seiner Gegenwart wie
in eine andre Welt entrückt fühlt. Alle, selbst die alltäglichsten Sachen,
erhebt er zur höchsten Poesie, so dass er wie ein fremder Geist auf dieser Erde
wandelt. Wenn ich dabei an sein Unglück denke, so kann ich nicht müde werden,
von ihm zu sprechen; mich freut es, dass er mich seine Freundin nennt, da ihn
kein Wesen auf dieser Erde weiter liebt. Denken Sie sich den schrecklichen
Gedanken: ich bin das einzige Geschöpf, das sich für ihn interessiert!
    Wozu sind die Millionen Menschen auf dieser Erde, da so wenige nur einen
finden, der sie liebt! - Ach, sie kömmt mir wüst und entvölkert vor, sie ist nur
eine grosse Masse, voller stummen Leichen, die in und auf ihr sind. Sind sich
alle die Armseligen selber genug? Haben Sie kein Bedürfnis nach Liebe und
Mitempfindung? Sie sterben alle, ohne gelebt zu haben, sie sind Leichen, die
sich bewegen, und denn auch diese Fähigkeit an die Natur abgeben und sich
hinlegen und verwesen.
    Nennen Sie mich nicht trübsinnig, liebe Amalie, denn es ist so: Der ganze
Lebenslauf des Unbekannten entält nur diese Wahrheit.
 
                                       10
                        William Lovell an Emilie Burton
Hier sitz ich nun, teureste Emilie, in meinem engen einsamen Zimmer und denke
und träume nur Sie. Mein Fenster stösst auf den Gang, in welchem ich schon damals
mit Amalien so oft an Ihrer Seite sass. Amalie, die mich vergessen, die mich
niemals geliebt hat. Ach, Unglücklicher! und du darfst noch klagen? Hat sich der
huldreichste Engel nicht deiner mit einem himmlischen Mitleid angenommen? Kannst
du von dieser irdischen Erde noch mehr Glück, noch eine höhere Wonne erwarten?
    Ach, Emilie, immer, immer möcht ich bei Ihnen sein und den süssen Ton Ihrer
tröstenden Stimme hören, immer den sanften Augen begegnen, die dem Verstossenen,
dem Elenden so kostbare Tränen schenkten. Die ganze Welt verkennt und verlässt
mich. Ihr harter Bruder hat mir seine Freundschaft aufgekündigt. - Oh, mag er
sie zurücknehmen, wenn ich nur das Herz seiner göttlichen Schwester behalte. -
Was kümmern mich die Augen der übrigen Welt, wenn mich nur die Ihrigen bemerken
und nicht zürnend auf mich blicken!
    Sie kennen, Sie dulden und lieben den Menschen, o das hab ich daran
erfahren, dass Sie mich nicht verstiessen, als ich die freche Erklärung wagte, als
ich Ihnen entdeckte, warum ich verkleidet dieses Haus betreten habe. Was kann
ich denn auch für die heissen Empfindungen meines Herzens? Ist es ein Verbrechen,
Sie zu lieben? - O ja, so bin ich ein Verbrecher, verachten und hassen Sie mich
und mit dem Ende dieses unerträglich schweren Lebens ist meine Sünde abgebüsst. -
Aber nein, Sie haben mir verziehen, Sie haben sich meines Elendes mit der
Gütigkeit eines Engels erbarmt, Sie wollen mich gegen meine wilde Verzweiflung
schützen, Sie haben es mir zugesagt - warum bin ich denn nicht froh und
glücklich? - Weil ich immer noch an diesem Glücke zweifle, weil ich in diesem
Leben gelernt habe, dass uns alle Hoffnungen hintergehn, weil ich es nur für eine
schuldlose Verstellung halte, um mich auf einige Tage zu trösten. O Emilie!
bedenken Sie, wie ich denn zu meinem gewöhnlichen Leben wieder erwachen werde!
    Warum sollte aber nicht ein Unglücklicher in seinem dürren Lebenslaufe,
unter den unzähligen leeren Larven, die ihm begegnen, auch einmal einen Boten
des Himmels antreffen, der ihm von oben her Frieden verkündigt? Ach, mein ganzes
verschlossenes, verwelktes Herz würde sich wieder wie eine Blume aufrichten, die
ein warmer Frühlingsregen trifft. Ein schöner Regenbogen würde den Horizont
meines dunklen Daseins umarmen, und Hoffnung, Liebe, Glück und Seligkeit würde
aus jedem Sterne der Nacht, wie aus einem goldnen Auge auf mich
herniederblicken.
    Wenn ich leben soll, so müssen Sie mir diese Hoffnung nicht nehmen; wenn ich
lächeln soll, o so müssen Sie sie erfüllen.
 
                                       11
                        Emilie Burton an William Lovell
Ich halte es für meine Pflicht, Sie zu beruhigen; - doch nein, das Wort ist zu
kalt und ängstlich. - Ich bin es meinem klopfenden Herzen schuldig: ich kann
nicht anders, wenn ich auch wollte. Aber ich will nun so und nicht anders. -
Können Sie einen grössern Beweis fordern, als dass ich Ihnen schreibe, dass ich Ihr
Geheimnis verschweige, dass ich gern und geheim mit Ihnen spreche? - Ach, könnten
Sie alle die Tränen sehn, die ich Ihrentwillen vergiesse, Sie würden nicht länger
zweifeln.
    Und darf ich denn mehr tun? - Hab ich nicht schon zu viel getan? - O
unglücklicher Lovell, Sie haben Ihre Emilie vielleicht mit unglücklich gemacht;
Sie haben vielleicht den schwarzen Samen in diesem friedlichen Hause ausgestreut
- und dann - was soll ich dann tun? Was soll ich dann sagen? -
    O beruhigen Sie sich und lesen Sie nicht alle Worte zu ernstaft und
aufmerksam. - Mir ist, als wenn mein Herz in mir springen wollte, ich kann kaum
mehr Atem schöpfen. -
 
                                       12
                        William Lovell an Emilie Burton
Und ich soll nicht seufzen und klagen? Nicht trauern und verzweifeln? - Mehr hat
Emilie getan als sie durfte? - O dann wird es sie auch gereuen, dann - o dreimal
unglücklicher Lovell - dann ist auch kein Herz auf der weiten Erde, das für dich
schlüge! - Ach nein, denn das einzige, das übrig war, bereut es, dass es gewagt
hat, dich zu bemitleiden!
 
                                       13
                        Emilie Burton an William Lovell
Ich fürchtete Ihre Klagen und Ihren betränten Blick, das war's, warum ich Sie
heute gern vermeiden wollte. Gott! Und nun Ihr Gespräch im Garten! - O ich fühle
noch das Erstarren in allen meinen Adern. - O Lovell, Sie haben mich heut viel
dulden lassen, ich sagte es, Sie machen mich zur Gefährtin Ihres Unglücks.
 
                                       14
                        William Lovell an Emilie Burton
O würden Sie die Gefährtin meines Unglücks! Wie schnell würde der arme Lovell
der frohste und glücklichste unter den Menschen werden! - Aber nein, Sie haben
sich ganz deutlich von mir zurückgezogen; - o warum hofft ich denn auch noch auf
Freuden? - Bin ich nicht langsam zum höchsten Elende gereift, und nun sollte
sich plötzlich alles umwandeln? - - Nein, ich will fort, fort ohne Trost und
Abschied, über niemand soll mein Elend kommen; besser dass ich vergehe! -
    O dass ich nie hiehergekommen wäre! - Dass ich nie die letzte Blume gefunden
hätte, die ein höhnischer Fuss zertritt! - Leben Sie wohl! - Wohin soll ich mich
wenden? - Wohin? - Der Tod wohnt in allen Weltgegenden, für ein Grab ist die
Erde noch allentalben gut genug!
 
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                             William Lovell an Rosa
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O Rosa! was, was sind die Menschen? - Eduard besitzt ganz ruhig meine Güter,
ohne dass ihm sein zartes Gewissen einen Vorwurf darüber macht. Hat er sie doch
in einem rechtmässigen Prozesse gewonnen. - Um diese Menschen sollte man sich
härmen? - Man sollte fürchten ihnen Unrecht zu tun? -
    Doch ich wollte Ihnen meine Lage schildern, ich wollte Ihnen von Emilien
erzählen.
    Ich stellte mich als ein verarmter Kranker, der Gärtner sprach von mir mit
Burton, und dieser liess mich in das Schloss bringen, mir ein Zimmer anweisen, und
mich mit Essen und Trinken versorgen. Emilie kannte ich schon etwas aus vorigen
Zeiten, und ich beschloss mit ihr einen Versuch zu machen. Ich konnte darauf
rechnen, dass sie vorzüglich neugierig war, wer ich sein möchte, ich suchte daher
ihre Aufmerksamkeit noch mehr auf mein stilles, melancholisches Wesen zu
richten. Es gelang mir. Ihr Bruder war an einem Tage abwesend, und ich sehe sie
allein nach dem Garten gehen und sich in ihre Lieblingslaube setzen. Sie hat
sich wirklich sehr verschönert, seitdem ich sie nicht gesehen habe; ihr Wuchs
ist sehr graziös, und ihr Auge klug und sanft.
    Sie hat einen gewissen Verstand, den sie besonders an sich schätzt; sie hat
viele Bücher gelesen, und manches darüber gedacht, daher ist sie im Leben ihrer
Sache immer sehr gewiss, sie meint , dass es keine kritische Fälle gebe, in denen
man zweifeln könne, wie man sich zu betragen habe. Ich brauche Ihnen, Rosa, wohl
nicht zu sagen, dass diese Geschöpfe grade am leichtesten zu gewinnen sind, dass
sie selber jedem Plane entgegenlaufen, und eben durch ihre Weisheit einfältiger
sind als die Dümmeren.
    Ich ging trübsinnig in dem Gange auf und ab, der an ihre Laube stiess, und
sie bemerkte mich sehr bald. Sie konnte ihre Neugierde nicht unterdrücken,
sondern stand auf und trat mir näher. Unser Gespräch nahm eine sehr schwermütige
Wendung, und ich sagte vieles über die Welt und über die Menschen, was ich
wirklich so meinte: meine Rolle ward mir also dadurch um vieles leichter. Ich
bemerkte, dass sie weinen musste, und als sie auf die stärkste Art gerührt war,
entdeckte ich ihr, wer ich sei.
    Ich konnte auf ihrem Gesichte bemerken, dass die wunderbarsten Empfindungen
schnell in ihrem Innern wechselten. Sie war auf eine solche Überraschung, auf
den Schmerz, der darin lag, nicht vorbereitet; um sie völlig zu verwirren,
suchte ich sie daher noch einmal, und am kräftigsten zu überraschen.
    Ich warf mich plötzlich zu ihren Füssen nieder, und gestand ihr, dass zu
dieser Verkleidung, zu meinem Aufentalt im Schloss, mich allein eine heftige
Liebe zu ihr vermocht habe; dies solle mein letzter Versuch sein, ob es
irgendein menschliches Herz gebe, das sich meiner noch annehme, um mich mit dem
Leben und dem Schicksale wieder auszusöhnen. Sie war schön, und wie in einem
Schauspiele spielte ich meine Rolle, auf eine wunderbare Weise begeistert, fort;
es gelang mir alles, was ich sagte, ich sprach mit Feuer und doch ohne
Affektation. - Sie stand unbeweglich vor mir, und wusste immer noch nicht, wie
sie alles in ihrem Kopfe reimen sollte.
    Haben Sie mich nicht gehört, schönste Emilie? rief ich aus.
    Sie fuhr auf, und gab eine unverständliche Antwort; ich erhob mich, und
setzte meine Klagen fort. Sie erweichte sich sehr für mich und mein Unglück traf
ihr Herz. Ich klagte über Amalien und ihren Bruder, über die ganze Welt, die
mich von sich gestossen habe; ich nahm meine Zuflucht zu ihrem weichen und
zärtlichen Herzen, und schwur, dass sie mich nicht verwerfen könne, sondern dass
sie mitleidiger sein würde als die übrige Welt.
    Nie, Rosa, habe ich so gut gesprochen, und nie so tief empfunden. Es war als
wenn sich mein ganzes Herz in mir eröffnete, und ich musste über mich selbst
erstaunen. Ach was ist Wahrheit und Überzeugung im Menschen! Ich war jetzt von
allem überzeugt, was ich da sagte, ich war schwermütig und in sie verliebt, ich
hätte mich wirklich in diesem Augenblicke ermorden können. Oh! man rede mir doch
künftig nicht von Menschen, die sich verstellen. Was ist die Aufrichtigkeit in
uns?
    Emiliens Rührung ward immer heftiger, und sie legte am Ende ihre Hand in die
meinige; sie hatte meinen Worten geglaubt, und ihr Herz neigte sich mir
unwiderstehlich entgegen. Sie sagte mir: dass sie mich trösten wolle, wenn sie
mich trösten könne, dass sie mich gern für mein Unglück entschädigen wolle, wenn
es in ihrer Gewalt stehe. Die ganze Szene schloss sich in der Manier, wie sie
angefangen hatte.
    Jetzt suchte ich sie nun immer mit den Augen: wenn es möglich war, sprach
ich sie allein im Garten, da wir aber oft gehindert wurden, suchte ich ihr ein
kleines Billet zuzustecken. - Es ward beantwortet, wie ich gar nicht gehofft
hatte; nun hatte ich die deutlichsten Proben ihrer Liebe. Das Briefschreiben
ging fort, und meine Schwermut machte, dass ich ihr nie weniger interessant
erschien.
    Gestern war sie ganz allein im Garten, ihr Bruder war ausgeritten, um jemand
in der Nachbarschaft zu besuchen. Es war gegen Abend, und ich suchte sie auf.
Wir gingen auf und ab, und unser Gespräch ward immer hitziger und verwickelter;
wir kamen zur Laube zurück, der Mond schien, und wir setzten uns auf die
Rasenbank nieder.
    Sie war sehr weich gestimmt, und ich bemerkte die Tränen deutlich, die
heimlich aus ihren Augen tröpfelten; rasch umarmte ich sie, und küsste ihre
Tränen weg, dann fielen meine Lippen auf ihren zarten Mund. Sie wusste nicht, was
sie antworten sollte, sie war völlig in meiner Gewalt, davon war ich innig
überzeugt. Sie lehnte ihren Kopf an meine Schulter, und fing laut an zu weinen,
dann umarmte sie mich freiwillig, und drückte einen herzlichen Kuss auf meine
Lippen. - Ich liebte sie heftig in dieser Minute, ich drückte sie an meine
Brust, und unsere Seufzer begegneten sich. Ungewiss war alles umher und in mir,
ich wusste nicht, ob ich Amalien, oder sie, oder Rosalinen in den Armen hielt;
der ganze Sturm meiner Sinnlichkeit wachte in mir auf, und entzündete sie
zugleich.
    Als sie wieder ihrer Sinne mächtig wurde, wusste sie nicht, ob sie mir
Vorwürfe machen, oder ob sie weinen sollte. Ich tröstete sie durch Küsse, wir
gingen stumm Hand in Hand aus dem Garten, am Eingange küsste ich sie noch einmal,
dann ging sie fort.
    Ich ging im Mondlicht durch die dichtbelaubten Gänge; jetzt fiel mir ein,
dass sie mit dem jungen Wilmont so gut wie verlobt sei. Ich wusste nicht, sollte
ich lachen, oder heisse, brennende Tränen vergiessen: mein Mund zog sich zum
höhnischen Lächeln, und grosse Tränen fielen aus meinen Augen.
    Ist das der Mensch, und der edlere Mensch? - Was mag sie jetzt denken, wenn
sie überlegt, wohin sie von ihrer regen Empfindsamkeit geführt ist?
    Ich könnte meine Eitelkeit sehr nähren und mir einbilden, sie liebe mich
ganz unbeschreiblich, und nur diese grenzenlose Liebe habe den Fall ihrer Tugend
verursacht. Aber die Schwäche des Menschen allein hat sie dortin getrieben. Und
wenn sie mich auch liebte, wie könnt ich eitel darauf werden? - Denn was ist
Liebe? - Ein vorübergehendes dunkles Gefühl, und ein Wort. - Sie liebt
vielleicht auf einige Tage den Begriff des Unglücklichen in mir, und hasst mich,
wenn sie mich näher kennenlernt. -
    Burton bringt mich auf, sooft ich ihn nur sehe; schon mehr als einmal war
ich im Begriffe, mich ihm zu entdecken, um meiner Hitze nur freien Lauf zu
lassen, aber bald, bald muss ich ihn für das strafen, was er gegen mich
verbrochen hat.
    Leben Sie wohl! Da ich diesen Brief jetzt nicht gut fortschicken kann, so
will ich ihn so lange liegen lassen, bis Sie ihn zugleich mit einem zweiten
erhalten.
 
                                       16
                           Eduard Burton an Mortimer
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Wie soll ich diesen Brief anfangen, mein Freund, wie soll ich ihn endigen? Noch
nie bin ich auf diese Art erschüttert gewesen, noch nie so sehr aller meiner
Besinnung beraubt. Ich sitze hier einsam auf meinem Zimmer und weine, und bin
noch immer erstarrt. - Dass ich das erleben musste! - Haben Sie Geduld mit mir,
ich kann mich noch immer nicht trösten.
    Seit einigen Tagen hatte ich einen armen Kranken in meinem Hause
aufgenommen, der mich durch einen meiner Leute um eine Freistätte auf einige
Tage bitten liess. Man beschrieb ihn mir als so schwermütig und unglücklich, dass
ich mich lebhaft für ihn interessierte.
    Ich liess mir heute am Morgen wie gewöhnlich, ein Glas Wein vom Bedienten
bringen, er stellte es hin, und ich wollte eben zu frühstücken anfangen als der
alte Willy plötzlich bleich und mit weinenden Augen hereinstürzte und mich
beschwur, den Wein nicht anzurühren; ich wusste nicht, was ich sagen sollte; und
Willy stand immer noch wie in einer Begeisterung vor mir.
    Ich fragte ihn endlich: was ihm fehle; ich glaubte, er sei wahnsinnig
geworden: er wollte nicht bestimmter antworten, er zitterte am ganzen Körper, er
stammelte und vermochte nicht ein Wort deutlich hervorzubringen. - In den Wein
ist etwas hineingeschüttet! rief er endlich laut. - Ich weiss selbst nicht, wie
mich die Verwirrung darauf brachte, dass ich ihn fragte: ob er es getan habe?
Aber sein Zittern, seine Angst, seine bleiche Gestalt schienen mir ein solches
Geständnis vorzubereiten. - Da weinte der alte Mann, und schluchzte laut, sein
Gemüt ward durch diesen Argwohn noch verwirrter; ehe ich es bemerkte, fasste er
zitternd das Glas, und trank es aus.
    Seine Kräfte verliessen ihn, er sank in einen Stuhl; ich rief um Hülfe, und
es währte nicht lange, so offenbarten sich die Wirkungen des Giftes. Er war fast
ohne Besinnung, und wollte doch noch immer nicht sprechen; sein Bruder warf sich
auf ihn, und bedeckte ihn mit Tränen und Küssen, alle weinten und drangen in
ihn, dass er reden sollte. Ich konnte bei diesem Anblicke meine Tränen nicht
zurückhalten, ich konnte nicht begreifen, wie sich das Rätsel auflösen würde.
Wie von einer hohen Angst gedrückt, rief er nun plötzlich den Namen Lovell aus.
Ach! und der Ton schnitt durch mein Herz, er sagte seinem Bruder ein paar Worte
heimlich - alle erstarrten - jener fremde verstellte Kranke - niemand anders als
Lovell war es - er hatte den Wein vergiftet.
    Was ich in dieser Minute empfand, kann ich nicht beschreiben. Wie dürftig
ich mich plötzlich fühlte, dass ich ein Mensch war! Ach, Mortimer, es gibt
Stunden im Leben, deren Hefen selbst das höchste Glück nicht aus dem Herzen
wieder wegspülen kann, das fühle ich jetzt innig. Mein ganzes künftiges Leben
ist durch diesen Augenblick krank geworden; ein Pfeil ist in meine Brust
gedrungen, den ich nicht wieder werde herausziehen können, ohne zu verbluten.
    Es war schrecklich, wie dem alten Willy jetzt seine zu rasche Tat gereute,
wie er dann weinte und schluchzte, weil er den Namen seines Herrn genannt hatte,
und wie er wieder nicht leben wollte, wie er sich freuete, dass er sterben müsste,
weil sein Lovell die Bahn der Tugend so ganz verlassen habe. Dann phantasierte
er wieder und war mit seinen Gedanken weit weg, und kam nur wieder zu sich, um
über Lovell von neuem zu weinen.
    Wie wenn ich aus einem Traume erwacht wäre, so stand ich unter ihnen, ich
konnte jetzt nicht an die Menschheit, nicht an die Freundschaft glauben. - Ach!
und mein Kopf schwindelt noch jetzt.
    Endlich verlangte der sterbende Willy seinen Herrn noch einmal zu sprechen.
Man holte ihn. Alles im Zimmer ging mit mir herum. Ich sah wie Willy niedersank,
sich auf seine Hand beugte und sie küsste - er war es - ich erkannte ihn und
taumelte aus dem Zimmer.
    Wie schwer mein Herz in mir pochte! - Mir ward leichter, als die Tränen
endlich ausbrachen. - Aber ganz leicht wird mir nie wieder werden.
    Willy ist gestorben. -
    Ich habe die Vorhänge heruntergelassen, denn das Licht beleidigt meine
Augen. - Mein Kopf schmerzt heftig. - Ich fühle ein inniges Mitleiden mit mir
selber - und doch möchte ich mich hassen und verabscheuen.
    Ist es denn möglich: dass dies aus dem Menschen werden kann? - O Freund! ich
möchte sterben. In einzelnen Sekunden fühle ich eine selige Ruhe durch mein Herz
gehen, und dies habe ich schon einigemal für den Anfang des Todesschlafes
gehalten. - -
    Aber ich muss mich ermannen. - Ich muss den ganzen Vorfall meiner schwachen
reizbaren Schwester zu verbergen suchen; ich muss für Lovells Sicherheit bedacht
sein! - Wo werde ich den Mut hernehmen, nur die Augen aufzuschlagen? - Aber es
muss sein. -
    Leben Sie recht wohl, lieber Freund. - Was ist so plötzlich aus mir und
meinem Hause geworden!
    Ach! die arme Amalia! - Es ist wohl am besten, Sie verschweigen ihr alles;
wie soll ihr Herz das ertragen, da schon das meinige bricht? -
 
                                       17
                           Eduard Burton an Mortimer
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Mein Brief hat Sie gewiss recht sehr erschreckt; auch Sie müssen trübe und
melancholisch sein, da auch Sie sein Freund waren. - Jetzt bin ich etwas mehr
gesammelt, ich habe ihn gesprochen, und ich zwinge mich ruhiger zu sein.
    Ich ging auf sein Zimmer, er war finster und in sich verschlossen, er wollte
mich nicht ansehen. - So musst ich ihn nach so langer Zeit wiederfinden!
    Lovell! rief ich unwillkürlich aus. -
    Was verlangen Sie, sagte er schwer und mit einem unterdrückten Tone.
    Es fiel eine dichte Scheidemauer zwischen uns. Ich hatte ihn nicht so
erwartet. Er war mir plötzlich ganz fremd geworden, und ich konnte unmöglich
darauf kommen, ihn um seine Absichten zu fragen, und um die Gründe seiner
Verkleidung oder Niederträchtigkeit.
    Dies ist also der Mensch, in welchem mein Geist den Bruder ehemals zu
entdecken glaubte; diesem wollt ich mein ganzes Leben widmen?
    Er hat sich ausserordentlich verändert, er ist bleich und entstellt, sein
Auge unruhig, sein Blick starr, ganz das Bild eines Menschen, der mit sich
selber zerfallen ist.
    Willys Tod ist ruchtbar geworden, und ich muss ihn noch in dieser Nacht
fortzuschaffen suchen, um ihn den Gerichten und dem Gefängnisse zu entziehen.
    Wär es zu verwundern, wenn ich in dieser Situation alle Besinnung verlöre? -
Ach, ich sagte Ihnen, ich wäre ruhiger, ich bin bloss noch verwirrter, und das
hat meinen scharfen Schmerz etwas abgestumpft.
    So ist meine Jugend wiedergekehrt - so sind meine Träume in Erfüllung
gegangen! Er sollte hier nahe bei mir in Waterhall wohnen, wir wollten uns
täglich sehen, wir wollten nur ein Leben geniessen, und gleichsam mit einer Seele
haushalten, und nun! - Warum hat das Schicksal alles so umgeändert, und mir
nichts, gar nichts übriggelassen? - Wenn meine Augen noch weinen könnten, würd
ich unaufhörlich weinen.
 
                                       18
                           Eduard Burton an Mortimer
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Er ist fort; es ist Nacht, und ich will Ihnen noch schreiben, weil ich doch
nicht schlafen kann.
    Die Erde kömmt mir vor wie ein dunkles Reich von Schatten, wie ein
Traumland, worin nichts wesentlich, nichts beständig ist; der Schein des Tages
ist ein betrügerisches Licht, nur das Dunkel der Nacht ist die wahre Farbe
dieser düstern Kugel. - Wir sehen dunkle Schatten in der Ferne stehen, und
nennen sie Freundschaft und Liebe, als Fremdlinge ziehen sie vorüber, und ein
schwärzeres Dunkel folgt ihnen nach. Die Menschen sehen in dieser schwarzen
Nacht nur aus wie eine dichtere Finsternis, kein Strahl in ihrem Herzen, ach!
kein Funke in ihrer Brust. Dies Gefühl, das mich jetzt durchdringt, hatten gewiss
die Einsiedler, die sich in schwarzen einsamen Wäldern anbauten, und mit Felsen
und Bäumen die Gesellschaft der Menschen vertauschten. - Die stillste Einsamkeit
ist mir jetzt erwünscht, der ferne Gesang der Nachtigall stört mein Gemüt, das
Rauschen der Bäume tönt mir zu froh und heiter. Ich glaube nicht, dass ich ihn
wiedersehe, und wenn ich seine Briefe noch einmal überlese, so scheint es wie
ein goldener Traum in meine Seele hinein. - Alles Schöne und Poetische in der
Natur ist plötzlich für mich untergesunken, ich sehe nur Tod und Verwesung, ich
kann an keinen Edelsinn mehr glauben, ja ich kann meinem eigenen Herzen nicht
vertrauen. Die Blumen und Kräuter, die Pflanzen, von denen sich der Mensch
nährt, kommen mir vor wie verführerische Winke, wie bunte Nichtswürdigkeiten,
die aus der finstern kalten Erde ein boshafter Dämon emporstreckt, um uns wie
Kinder zutraulich zu machen; wir folgen nach, argwöhnen nichts, und werden so in
unser schwarzes, enges Grab gelockt.
    Um Mitternacht eröffnete ich Lovells verschlossenes Zimmer. Es war alles
still im Hause, die Bedienten schliefen, ich hatte die Schlüssel zu mir
gesteckt, und eine Laterne angezündet. Ich sagte ihm, er solle mir folgen, weil
er in meinem Hause nicht mehr sicher sei. Er antwortete nichts, sondern
betrachtete mich mit einem düstern Blicke und stand auf.
    Wir gingen über die schallenden Gänge, und ich sah mich zuweilen nach ihm
um; ein bleicher Schein meines Lichtes fiel auf sein Gesicht, und entstellte es
auf eine wunderbare Weise. Ich schloss das Haus auf, und wieder hinter mir zu.
Der Himmel war dick und schwarz rundumher bezogen.
    Wie im Traume ging ich mit ihm fort, keiner von uns liess einen Laut
vernehmen, wie zwei Gespenster schlichen wir durch den Garten. Es war mir
wunderbar, als wir den Lauben und den Bänken vorübergingen, wo ich so oft mit
ihm gesessen hatte; die Bäume neigten sich wehmütig, als wir unter ihren Wipfeln
hinweggingen. - Arm in Arm war ich sonst hier mit Lovell auf und ab gegangen,
hier hatte sich uns mit Entzücken die Welt Shakespeares aufgeschlossen, hier
hatte ich ihn am Morgen zuerst gesucht, und noch der Abend traf uns in diesen
Gebüschen, wenn die übrigen schon längst zu den Zimmern zurückgekehrt waren -
hier hatte er mir sein ganzes Herz entüllt, und ich ihm das meinige; - oh! und
nun gingen wir mit dicht verschleierten Seelen nebeneinander; kein Mund öffnete
sich, keine Hand streckte sich nach einem Drucke aus.
    Wir kamen an das Gartentor, und ich benutzte diesen Stillstand, um ihm
einige Wechsel in die Hand zu geben. Ich hatte zum Glück eine grosse Summe in
meinem Besitz; ich hoffe, sie beträgt mehr als der Wert seiner Güter. Er sagte
nichts, sondern steckte die Brieftasche mechanisch ein. - Stillschweigend gingen
wir nun wieder den Fusssteig im Walde hinab, die Laterne schoss nur einzelne
bleiche Strahlen durch die schwarze Nacht des Forstes, alle Bäume sahen seltsam
aus. In einzelnen Momenten grauste mir vor der Einsamkeit, mein Herz zitterte,
wenn ich mir wiederholte, dass die Gestalt, die neben mir gehe, Lovell sei.
    So waren wir an die Grenze von Bondly gekommen. Ich stand still, er
ebenfalls. Ich konnte ihn nicht ansehen und nicht sprechen; und doch schien er
es zu erwarten, dass ich ihm etwas sagen sollte. Im Herzen arbeiteten tausend
Empfindungen durcheinander, und ich wartete nur auf einen Laut von ihm, ach! um
ihm um den Hals zu fallen, um zu weinen und ihm alles zu vergeben. - Aber er
blieb stumm, und jedes Wort blieb in meiner Brust zurückgedrängt. - Wir standen
immer noch still, und die Zeit schien mit uns stillzustehen, und nur auf den
ersten Ausbruch der Angst zu warten, um alles in einem rascheren Laufe wieder
einzuholen.
    Hier muss ich zurückgehen, sagte ich endlich mit schwacher Stimme, und wandte
mich um. Es war als wenn sich die ganze Welt und mein eignes Herz von mir
abwendete, und ich stand wieder und sah nach dem stummen, tief in sich
versunkenen Lovell hin. Der Bruder des Missetäters kann in der Stunde der
Hinrichtung nicht mehr empfinden als ich jetzt fühlte.
    Er redete immer nicht, und es ging plötzlich wie ein eiskalter Wind durch
das Innerste meines Herzens; ich hasste ihn jetzt nicht, aber ich wendete mich
gleichgültig um, und ging einige Schritte in den Wald zurück. - Das Licht war
heruntergebrannt, und die Laterne erlosch; - ich hörte seinen Fusstritt, der sich
von mir entfernte. - Dickes Dunkel war umher und der glimmende Docht beleuchtete
nur auf einen Augenblick noch eine kleine grüne Stelle auf dem Boden.
    Oh! jetzt hätt ich ihn gegenüber haben mögen! ich hätte ihn mit Tränen und
Küssen erstickt. - Sein Schritt tönte schon viel schwächer - ach! ich sehe ihn
nicht wieder, sagte ich zu mir selber, und die Tränen rannen heiss und
dichtgedrängt über meine Wangen. - Ich sehe ihn nicht wieder, und es ist Lovell!
- Ich wollte ihm nach und stiess an einen Baum, ich sank zur Erde, und rief so
laut als ich konnte, von gewaltigem Schluchzen unterbrochen: Lebe wohl, recht
wohl! - Ich weiss nicht, ob er mich gehört, ob er es verstanden hat.
    Ich lag auf der feuchten Erde und streckte mich ganz aus, ich verbarg mein
heisses Gesicht in dem nassen Grase.
    Kalt und ohne Besinnung suchte ich dann den Rückweg. Wie ein grosses eisernes
Gefängnis hing der dunkle Himmel um mich her.
    In meinem Zimmer sitze ich nun hier, und die Morgenröte bricht schon hervor.
Lovell sieht sie jetzt auch, und unsere trüben Gedanken begegnen sich
vielleicht.
    Ach Freund, mich quält eine gewaltige Unruhe; - habe ich nicht dem Armen zu
viel getan? - Bin ich nicht verführt worden, schon seinen letzten Brief an mich
zu ernstaft zu nehmen? - Warum habe ich ihn nicht so wie die vorigen
beantwortet? Alles wäre dann vielleicht anders geworden. - Oh! es war unrecht,
es war schlecht, Mortimer, wenn Sie aufrichtig sind. Ich bin nun schuld an
Lovells Verzweiflung und an seinem Unglücke; ich verdiene seinen Hass und seine
Verachtung, und das war es auch, warum er nicht mit mir sprechen wollte. - Oh!
wenn ich nur einen Händedruck von ihm mitgenommen hätte: so könnte ich mich doch
zufriedengeben.
    Jetzt geht er nun einsam auf dem kalten Felde, und weicht den
Menschengesichtern aus, und ich bin die Ursache, dass er sich vor ihnen fürchtet!
- Sein Eduard, der Freund seiner Kindheit, ist von ihm abgefallen, jedes
Menschen Auge kündiget ihm nun Krieg an. - Wohin soll ich mich vor mir selbst
verbergen? -
    Wenn er nur gesagt hätte: Eduard, lebe wohl, oh! so hätt ich doch die
Hoffnung, dass er mir vielleicht vergeben habe. - Aber ich scheuchte ihn mit
meiner Harterzigkeit zurück.
    Wie soll ich künftig einem fühlenden Menschen unter die Augen treten? - Ach
wie sehr bin ich in mir selber gedemütigt! - Ich kann nicht weiter, mein Körper
zittert - ich will mich schlafen legen. - Leben Sie recht wohl, lieber Mortimer,
verachten Sie mich nicht, und stossen Sie mich nicht zurück; ich will besser
werden, ich verspreche es Ihnen.
 
                                       19
                           Eduard Burton an Mortimer
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Sie werden von meinen Briefen bestürmt, lieber Mortimer. - Man weckt mich eben
mit einer schrecklichen Nachricht auf: Emilie wird vermisst!
    Ein Schlag trifft nach dem andern mein Herz. - Wo kann sie sein? - Sie wird
allentalben gesucht, und ich sitze hier und zittre in banger Erwartung. -
    Noch keine Nachricht! noch keine Spur! Man geht auf dem Gange. Nein! Sie ist
es nicht. - Gott! wo kann sie sein! - Sie kann nicht fort sein, und doch ist sie
nicht da, und es ist schon spät nach Mittag. -
    Ich will sie selbst suchen. - Aber vielleicht ist sie nur im Garten
spazierengegangen; - vielleicht hat sie im Dorfe eine arme Familie besucht. -
    Willy wird soeben begraben; wenn sie nur von dem ganzen Vorfalle nichts
erfahren hat!
    Wie mein Herz klopft! - Mein Blut drängt sich gewaltig nach meinen Augen.
    Noch keine Nachricht! Sie ist nicht im Garten, sie ist nicht im Dorfe. - - -
    Ich bin auf ihrem Zimmer gewesen, und das Rätsel hat sich nun auf eine
schreckliche Art aufgelöst. - In eben dieser Nacht, in der ich um Lovell klagte,
ist sie entflohn und mit ihm entflohn. - Können Sie es glauben, können Sie's nur
denken? Alle Begriffe in meinem Kopfe verwirren sich. - Beide waren
einverstanden. - O Lovell! Nun hast du meinem Herzen den letzten Stoss gegeben. -
    Ich lege Ihnen den unvollendeten Brief bei, den sie an ihre Freundin
geschrieben hat. - Sie tun wohl am besten, ihn Ihrer Gattin nicht in die Hände
zu geben. - Hätt ich ihn selber nicht gelesen! -
    Oh! ich beschwöre Sie, eilen Sie, wenn sie irgend etwas von meiner
unglücklichen Schwester hören; eilen Sie, sie zu retten.
    Nun bin ich ganz einsam, nun ist mir nichts übriggeblieben, und ich habe nun
wenigstens den Trost, dass ich nichts mehr verlieren kann.
 
                                       20
             Einlage des vorigen Briefes (Emilie Burton an Amalie)
                                                                         Bondly.
Endlich, endlich muss ich es Ihnen bekennen, dass jener Unbekannte, von dem ich
sprach, Lovell ist. - Sie werden erschrecken, Sie werden bei dem Namen zittern.
Oh! Amalie, Sie haben ihn nie gekannt, Sie haben sein Herz nie genug gewürdiget.
-
    Wie wäre es möglich gewesen, dass ich seinen Tränen, seinen Klagen hätte
widerstehen können? Sein Jammer hat mein Herz getroffen, und, nein, Amalie, ich
kann mir keine Vorwürfe darüber machen.
    Ach der Arme! er ist von der ganzen Welt verstossen und höhnisch von jedem
Herzen zurückgewiesen, er sieht sich um, ob sich nicht noch irgendwo ihm eine
Seele wohlwollend entgegenneigt, und nirgends, nirgends. - Ohne Freunde, ohne
Liebe muss er seinen Kummer tragen; ja, ich habe mein Glück dem seinigen
aufgeopfert, ich will ihm folgen, und seine harten Schicksale mit ihm teilen. -
Mein Bruder hat kein Herz, da er ihn so unbarmherzig verstossen kann; ich bin die
einzige in der Welt, die ihn liebt, die einzige, die ihn wieder mit der Welt und
den Menschen versöhnen wird. Ist mein ganzes Leben nicht verdienstlich genug,
wenn ich diese eine Seele von der Verzweiflung gerettet habe?
    In dieser Nacht fliehe ich mit ihm fort, ich folge ihm, wohin er mich führt.
- Der Wagen hält eine Meile von hier im Walde, um ein Uhr bin ich dort. Ich kann
von meinem Bruder nicht Abschied nehmen.
    Meinetwegen war er hier in Bondly ungekannt, gleich am zweiten Tage
entdeckte er sich mir. Er gehört mir nur einzig an, und niemand weiter in der
Welt, so wie ich allein die Seinige bin.
    Und wenn ich ihn auch nicht liebte, so würd ich ihm doch folgen, so innig
hat er mich erschüttert, so sehr bin ich von seinen schweren Leiden
durchdrungen. Ich würde ihm meine Gegenliebe heucheln, bloss um ihn wieder zu
trösten, mit Freuden würde ich mein eigenes Herz aufopfern, bloss um das seinige
zu retten.
    Sie werden mich eine Schwärmerin nennen, aber glauben Sie mir, ich kann
nicht anders. - Wenn er fort ist, was sollt ich dann noch hier bei meinem Bruder
im einsamen Schloss? - Nein, ich muss ihm folgen, auch wenn ich nicht wollte.
    Grüssen Sie Ihren Bruder. - Ich weiss nicht, was er sagen wird, aber ich kann
meinem Schicksale nicht entgegenhandeln. - Jeder muss nach seiner Überzeugung
leben, und ich fühle in mir, dass ich recht tue. - Ich fürchte Karls Hitze,
suchen Sie ihn daher zu beruhigen, wenn es irgend möglich ist. - Er hat mich nie
recht herzlich geliebt, das habe ich immer sehr deutlich empfunden, so wenig wie
ich ihn lieben konnte. -
    Wie in der Zukunft alles werden wird, kann ich jetzt nicht wissen, aber in
diesem Augenblicke kümmert es mich wenig.
    Ich hätte Ihnen noch mehr zu sagen, aber die Zeit wird zu kurz; grüssen Sie
Mortimer- entschuldigen Sie mich bei den harten Menschen, die mich verdammen,
und bleiben Sie immer meine Freundin.
    Ihrem Bruder sagen Sie: er soll mich vergessen und es wird auch geschehen.
Sie selbst, liebste Freundin -
 
                                       21
                             William Lovell an Rosa
                                                                     Nottingham.
Wie mögen Sie in Rom und Tivoli leben? Ich denke kaum noch an meine Existenz, so
bunt und verworren wirft sich alles übereinander. Ich fange Zufälle und
Begebenheiten auf, ohne zu wissen, was ich mit ihnen tun soll.
    Wenn ich aus meinem Herzen nur den innigen Widerwillen fortschaffen könnte,
mit dem ich jede menschliche Gestalt betrachte, wenn ich den Neid unterdrücken
könnte, gegen jedermann, der lächelt und froh ist! - Warum müssen sich Tausende
unter den nichtswürdigen Menschen glücklich fühlen, und nur ich allein bin in
mir selbst zu Boden getreten?
    Sie sehn aus der Überschrift, dass ich nicht mehr in Bondly bin, alles ist
misslungen, ich bin in Verzweiflung. Eduard hat triumphiert und ich bin besiegt.
- Doch nein, ich habe mich wenigstens an ihm gerächt.
    Als ich in Bondly war, erwachte alles in mir, wie er die Güter meines Vaters
gewiss auf eine unrechtmässige Weise besitze, wie mir nun nichts übrig sei, als
das unbedeutende Waterhall und das armselige Kensea. Der Hass stand verdoppelt in
meiner Brust auf, wenn ich bedachte, dass dies derselbe Mensch sei, der immer so
viel über Edelmut und Tugend geschwatzt habe. Es kam mir von neuem in den Sinn,
wie mir von je alle Plane misslangen, wie der heimtückische Mortimer mir nun
Amalien entrissen hat, wie sie selbst mich so schnell vergessen konnte, der
Eigensinn meines Vaters, die Niederträchtigkeit des alten Burton - o alles kam
so frisch und neu in meine Seele, dass ich mit den Zähnen knirschte, dass ich
wütend daran dachte, wie armselig es um mein eignes Herz aussehe, dass ich mir
zürnend vornahm, mich endlich zu rächen, Bosheit gegen Bosheit zu setzen und
durch einen grossen Streich dem Kriege ein Ende zu machen. Wir können nichts
anders tun, als siegen oder besiegt werden; die sogenannte Tugend ist nur
Geschwätz und besteht meistenteils in Trägheit oder Einfalt, bei den andern ist
sie erzwungen, oder hängt mit ihrem Vorteile zusammen; sie ist ebensogut ein
Gewerbe, wie irgendein anderes.
    Meine Liebschaft mit der abgeschmackten Emilie ging indessen immer ihren
Gang fort. Durch meine zerstörte Zufriedenheit bin ich nun wenigstens manchem
aberwitzigen Mädchen interessant; wahrlich, bei jedem Verlust ist doch immer
noch irgendein Gewinn.
    Nach jenem Abend, von dem ich Ihnen neulich erzählte, wusste sie nicht recht
wie sie sich mit mir nehmen solle, ihre Empfindsamkeit war etwas gestört, und
ihr eigentliches Gefühl mehr in Bewegung gebracht. Aber sie empfand es jetzt,
dass sie mir einzig angehöre, sie war leicht dahin zu bereden, dass sie mit mir
entfliehen wolle, ja sie war auf dem Wege, es mir selber anzutragen, wenn ich es
nicht getan hätte. Tag und Stunde ward festgesetzt, und sie war mit ihrem Plane
und ihrer hohen Aufopferung ausserordentlich zufrieden.
    Ich glaubte schon in jeder Rücksicht sicher zu sein, und dennoch hatte mich
ein Mensch im Schloss erkannt, mein alter Bedienter Willy. Ohne dass ich es
merkte, war er auf alle meine Bewegungen sehr aufmerksam, er beobachtete mich
beständig und seine Blicke waren mir oft ängstlich. Die Liebe dieses Menschen
hat mich von je verfolgt, und jetzt hat sie mich elend, ja unsinnig gemacht. Ich
hasste Eduard aus dem tiefsten Herzen und dachte dabei unaufhörlich an meine
Aufträge; unbemerkt, wie ich glaubte, schüttete ich an einem Morgen ein feines
Gift in ein Glas mit Wein, um mich so zu rächen und alles wieder gutzumachen.
    Bald darauf entsteht ein gewaltig Gelaufe im Hause, Türen werden
zugeschlagen, man schreit laut nach Hülfe, ich werde endlich mit Gewalt von
meinem Zimmer heruntergeschleppt - und Willy hat mich bemerkt, Eduard gewarnt,
und endlich in einer Art von Verrückung und um zu beweisen, dass er recht habe,
selbst den Wein getrunken. Er war schon halb ohne Bewusstsein, das Gift wirkte
auf den alten schwachen Körper unmittelbar, das in dem stärkern, jugendlichern
erst nach einigen Wochen seine Folgen gezeigt hätte. - Willy küsste meine Hände,
weinte und klagte, ich war völlig betäubt. Er sank zu meinen Füssen nieder, und
beschwur mich auf meine Seligkeit bedacht zu sein. Ich wusste nicht, was ich
sagen sollte und ward endlich gerührt. Ich weinte laut, und mir war zumute, wie
einem Kinde. - Willys Bruder konnte sich über dessen Tod gar nicht
zufriedengeben, er heulte laut und die Bedienten weinten mit ihm. Das ganze
Zimmer ertönte vom Klaggeschrei, Eduard war nicht zugegen.
    Aber bald versiegten meine Tränen, ein kalter Hass ging durch mein Herz und
durch meine ganze Brust, ich sah mich mit gleichgültigem Auge um, ob nicht in
jedem Winkel eine Furie stände, mit Schlangen in den Haaren. Ich wünschte sie
alle herbei, und ich hätte mich vor keiner entsetzt. - Ich berechnete jetzt, wie
lange der Schmerz wohl noch in allen diesen Menschen kämpfen würde, und es war
interessant zu beobachten, wie nach und nach die gewöhnliche Trägheit zu jedem
zurückkehrte. Sie erschienen mir nun wie unbeholfene Maschinen, die an groben
Fäden bewegt werden, sie drehen die verschiedenen Gliedmassen nach
vorgeschriebenen Regeln, und setzen sich dann wieder in Ruhe. Keiner schien mir
lebendig und ich ging kalt auf mein Zimmer zurück und konnte mich gar nicht
davon überzeugen, dass Willy gestorben sei.
    Und was ist denn das Leben, und was ist es denn mehr, wenn einer von ihnen
sich um einige Tage früher in die Erde legt? Rafft Krieg und Pest nicht Tausende
hinweg? Werden nicht Tausende Schlachtopfer ihrer Leidenschaften? Und wenn ich
unversehends die Hand ausstrecke und plötzlich einer zu Boden stürzt, das sollte
mich kümmern und mir Ruhe und Schlaf rauben? - Man sollte gar nichts in der Welt
ernstaft nehmen. Eine schreckliche Seuche kömmt mir vor wie ein ungeschickter
Spieler, der unter dem Spiele die Schachfiguren mit dem Ärmel
durcheinanderwirft. Man kann nur darüber lachen.
    Am andern Tage kam Eduard auf mein Zimmer. O wie verhasst war mir seine
kalte, philosophische Miene, der mitleidige Blick, mit dem er mich von oben
herab betrachtete! Wie zerreissen die Menschen unser Herz, die sich für edel und
vollendet halten und nie etwas erfahren und gelitten haben! die in ihrer sichern
Landheimat von den Wogen und Stürmen des Meers, von Schiffbruch und
schrecklichen Gefahren, wie von Fabeln reden hören und lächelnd den Kopf
schütteln! - Welche Geduld ist hier eisern genug, um nicht zu brechen? Man
möchte bei einem solchen Anblicke rasend werden!
    O ihr Sichern und Überzeugten! ihr richtet und wisset nicht, was ihr tut.
Ihr würfelt mit plumpen Händen darum, was ihr gut und was ihr böse nennen wollt,
ihr seid kalte und alberne Zuschauer, die eine Tragödie in einer Sprache spielen
sehen, die sie nicht verstehen, und die sich nur zunicken und bedeutende Winke
geben, um einer vor dem andern seine Unwissenheit zu verbergen.
    Eduard sprach nur wenig mit mir, er spielte den gnädigen Herrn; es war mir
lieb, dass er bald ging. Er verdiente nicht, dass ich ihm antwortete, und er
bemerkte es recht gut, wie sehr ich ihn verachtete.
    Es nahte sich die Nacht, in der ich mit Emilien entfliehen wollte. Ich war
eben im Begriffe aus dem Fenster zu klettern, als sich die Türe eröffnete und
Burton mit einer kleinen Laterne hereintrat. Er sagte mir, ich solle ihm folgen,
weil ich in seinem Hause nicht mehr sicher sei. Wir gingen stillschweigend durch
den Garten und er gab mir Papiere, die, wie ich nachher gesehen habe, viele sehr
ansehnliche Wechsel waren. Hinter dem Garten liegt ein Wald und wir gingen auf
einem schmalen gewundenen Fusssteige. Ich wartete immer darauf, dass Burton
sprechen solle, aber er war heimtückisch und still. In meinem Innern war ich
dürr und ausgestorben, und aus einer gewissen Furcht hätt ich ein paarmal die
Stille beinahe durch ein lautes Gelächter unterbrochen.
    Wir standen endlich still. Wir schwiegen und wie drückende Gewitterluft
ängstigten mich diese Minuten. Ich suchte nach Gedanken, um das Grässliche, das
darin lag, zu verscheuchen - ich wollte fort, und verzögerte dann gern wieder
den Moment der Trennung - es war eine von jenen seltsamen Pausen, in denen die
Seele unschlüssig ist, ob sie über den Körper gebieten soll, in denen sie an
ihrem Willen zweifelt und sich an der trägen Maschine nicht auf eine bedenkliche
Probe stellen will.
    Durch ein paar Worte unterbrach Eduard das Stillschweigen und ging zurück;
er kehrte wieder um, als wenn er etwas vergessen hätte; dann ging er wieder, und
eine grosse Träne presste sich in mein Auge, eine Angst drängte fürchterlich aus
der Brust zur Kehle hinauf; mir war, als wenn ich ersticken sollte. Ich ging
einige Schritte und suchte durch meinen lauten Gang mein Schluchzen zu
übertönen. - Ich sah zurück, er hatte die Laterne schon ausgelöscht, damit ich
ihn nur desto früher aus dem Gesichte verlieren möchte.
    Was empfand ich in diesem Augenblicke! - Rosa, Sie können es nicht
begreifen. - Ich habe ihn noch vor einigen Jahren so innig geliebt, ich glaubte
damals, dass es ihm eine Kleinigkeit sei, sein Leben für mich zu versprützen -
und jetzt, in dieser Stunde meines Lebens, in der er wusste, dass er mich nie
wiedersehen würde, jetzt liess er mich gehen, ohne ein Wort zum Abschiede zu
sagen, ohne meine Hand zu nehmen, ohne ein Lebewohl! Ich habe ihm so oft die
Hand gedrückt, ohne dass er es verdiente, er hätte es ja wohl auch jetzt tun
können, und wenn es auch nur Verstellung gewesen wäre.
    Doch besser, dass es nicht geschehen ist. Ich war zu weich; hätt er nur ein
gutes Wort gesagt, so wär ich ihm an die Brust gestürzt, und hätte ihm alles
bekannt, ich wäre wieder in meine Kindheit zurückgesunken, ich hätte alle meine
Erfahrungen abgeschworen; ich hätte ihm die Flucht Emiliens, und alles entdeckt,
ich wäre in der gewaltigen Rührung vielleicht zugrunde gegangen. Er verdiente es
nicht, wie sehr ich ihn liebte; alles kam mir zurück, was er mir einst gewesen
war, und was ich von ihm gehofft hatte; - es war mir als wenn er mich riefe, und
ich stand stille und wollte umkehren, aber es war nur der Schall des Windes im
Forste.
    Ich wusste immer noch nicht, ob ich nicht dennoch zurückgehen sollte; je
weiter ich fortschritt, je ängstlicher klopfte mein Herz - ach und er hat sich
nicht nach mir umgesehen, er hat nicht weiter an mich gedacht.
    Ich war zweifelhaft, ob ich nach dem Orte hingehen sollte, wo Emilie auf
mich wartete. Alles war mir jetzt zuwider. Ich hätte mich niederwerfen mögen,
und weinen und sterben. Aber mein Hass kehrte endlich zurück. Sonderbar! dass er
mich selbst auf den Weg nach Emilien hatte bringen müssen, den ich ohne ihn in
der finstern Nacht vielleicht verfehlt hätte! - Sie hatte schon seit einer
halben Stunde ängstlich auf mich gewartet, ich setzte mich in den Wagen, und wir
fuhren davon.
    Emilie hielt mich fest in ihren Armen; der Wind ging scharf, und ein feiner
Regen trieb in den halboffenen Wagen hinein. Meine Lebensgeister waren
erschöpft; ich schlief ein, und erwachte nur, als sich ein blasses Morgenrot am
Himmel heraufzog.
    Wie nüchtern kam mir die ganze Welt mit ihren Bergen, Wäldern und Menschen
entgegen! Ich hatte angenehm geträumt, und die wirkliche Natur stand schroff und
unbeholfen vor mir da; Emilie neben mir, mit ihrer affektierten hochbetrübten
Miene. Wie ein bettelhaftes Winkelteater kam mir die ganze Welt vor, oh! ich
hätte aus ihr entlaufen mögen. - Und was würde mich noch auf dieser trüben
Dunstkugel zurückhalten, wenn es nicht die Hoffnung wäre, Sie, Andrea und meine
übrigen Freunde bald wiederzusehen? mich der unbekannten, geheimnisvollen Welt
noch mehr zu nähern, und als der Schüler einer höhern Weisheit mit Recht jede
irdische verachten zu können?
    Ich bin mit Burtons Schwester unter fremden Namen hiehergereiset, und ich
merke es sehr deutlich, dass sie es sich selber nicht gestehen will, dass sie sich
nicht mehr so sehr für mich interessieret. Natürlicherweise! weil es
wahrscheinlich, ja gewiss ist, dass ich gegen sie kälter geworden bin.
    Leben Sie wohl. Sie werden diesen Brief mit einem frühern zu gleicher Zeit
erhalten.
 
                                       22
                           Eduard Burton an Mortimer
                                                                         Bondly.
Wie ich mich jetzt hier einsam fühle, lieber Mortimer, kann ich Ihnen nicht
beschreiben. Ich gehe oft noch in Gedanken nach dem Zimmer meiner Schwester, um
sie dort anzutreffen; ich suche sie im Garten auf und weine. Ich fühle jetzt
nicht mehr recht deutlich, warum ich lebe, denn alle Wesen, die mit mir in so
naher Beziehung standen, sind mir entrissen. - Sollte ich auch meine Schwester
niemals wiedersehen? - Wenn ich nur wüsste, wo ich sie suchen sollte, wenn nur
nicht ein Fieber meinen Körper erschöpft hätte. - Und dann ist es ja ihr Wille
gewesen, mich zu verlassen.
    Oh! wie vielen Menschen habe ich Unrecht getan! War ich durch ein
kränkendes, menschenfeindliches Misstrauen nicht Ursache, dass der arme,
geängstete Willy nach dem Gifte griff, um mich von seiner Unschuld zu
überzeugen? Ich habe seitdem oft an den alten frommen Mann gedacht, und ich kann
mich recht in seine Seele versetzen: halb wahnsinnig, aus Gram über Lovell, den
er so innig liebte, in der schrecklichsten Verlegenheit, mich zu warnen, und
doch seinen Herrn nicht zu verraten, überrascht und erschreckt durch meinen
Argwohn - von allen Seiten gedrängt, greift er zerstreut und unwillkürlich nach
dem Tode, um nur seinem Leben ein Ende, und seine Unschuld deutlich zu machen. -
Hätt ich ihm nicht mit Liebe entgegengehen sollen, um seinen Jammer zu lindern?
- Ach Mortimer, ich war es, der ihm die schrecklichste Minute seines Daseins
erleben liess; ich war schuld an seinem Tode.
    Hab ich nicht durch eigne Schuld Lovells Seele verloren? Konnt ich ihn nicht
vielleicht mir und sich selber wiedergeben? - Ich war gespannt, und mein Schmerz
hatte mich so weit überwältigt, dass ich unmenschlich war. Durch meine Kälte habe
ich meine Schwester von hier vertrieben; kein Mensch liebt mich, keiner fragt
nach mir, alle fliehen weit von mir weg, um mich nur aus dem Gesichte zu
verlieren.
    Nein, Mortimer! ich will mich nie wieder so überraschen lassen. Ich will
alle Menschen, ohne irgendeine Ausnahme, lieben, und mir so ihre Gegenliebe
verdienen. Ach! wenn auch Schwächen und Gebrechen an ihnen sichtbar sind, sie
sollen mich dadurch nicht wieder zurückstossen, denn eben das sind ihre
Kennzeichen, dass sie Menschen und meine Brüder sind. Warum wollen wir denn auch
immer die Bessern und die Schlechtern voneinander sondern? Können wir es mit
diesen schwachen irdischen Augen? Wenn wir sie alle lieben, so tun wir keinem
Unrecht. - Müssen sie nicht alle in einer kurzen Zeit sterben und in Staub
zerfallen? Wir sollten uns beständig in acht nehmen, keines dieser gebrechlichen
Gebilde zu verletzen. Mögen sie doch lachen und uns hassen und verfolgen; - oh!
ich will lieber von Tausenden betrogen werden, als einem Unrecht tun.
    Könnt ich nur alles wieder gutmachen! Aber Lovell ist fort, und es ist zu
spät. - Wir können unsere Übereilungen gewöhnlich nur bereuen; und eben das
sollte uns bewegen, uns mehr vor ihnen in acht zu nehmen.
 
                                       23
                             William Lovell an Rosa
                                                                         London.
Ich bin wieder hier auf dem grossen Tummelplatze einer dichtgedrängten,
geräuschvollen Welt. Ich konnte unmöglich länger in Emiliens Gesellschaft
bleiben, die mir mit ihrer aufdringlichen Liebe alle Laune verdarb. - Sie ist
noch in Nottingham, und ich habe bei ihr eine notwendige Reise nach einer der
nächsten Städte vorgegeben. Wenn sie erfährt, dass ich nicht dort bin, mag sie zu
ihrem Bruder zurückkehren.
    Der Hass und die Liebe der Menschen ist mir jetzt in einem gleich hohen Grade
zuwider, es soll sich keiner um mich kümmern, so wie ich nach keinem zurücksehe,
um ihn mit einem freundlichen oder verdriesslichen Gesichte zu betrachten. Für
mich gibt es nichts Widrigers als das Aufdringen der Menschen, um mir ihre
Freundschaft, ihre Liebe zu schenken; es sind Narren, die nicht wissen, was sie
mit sich selber machen sollen, und daher andere Narren nötig haben, um mit ihnen
aus Langeweile zu sympatisieren. Wie verächtlich ist die kindische
Empfindsamkeit einer Emilie, die gleichsam seit Jahren darauf gewartet hat, um
ihre tragische Aufopferung an den Mann zu bringen. Sollte ich nun ein so grosser
Tor sein, und ihre teatralische Affektation für Ernst nehmen, und mich wunder!
wie sehr gerührt fühlen? - Man kann wirklich etwas Besseres tun, als jede
Narrheit der Menschen mitmachen, und der ist der verächtlichste Tor, der diese
Narrheiten abgeschmackt findet, und sich dennoch scheut sie als Kindereien zu
behandeln. Sie weint jetzt vielleicht, und bald trocknet sie aus Langeweile ihre
Tränen, dann ist sie böse auf mich, dann schämt sie sich vor sich selber, und
dann hat sie mich vergessen.
    Dass sie sich selbst auf einige Zeit ihr häusliches Glück zerstört hat, ist
ihre eigene Schuld; dass sie sich nach dem Übereinkommen jetzt vor manchen
Menschen schämen muss, kann mir zu keinem Vorwurfe gereichen. Ich übte eine Rolle
an ihr, und sie kam mir mit einer andern entgegen, wir spielten mit vielem
Ernste die Komposition eines schlechten Dichters, und jetzt tut es uns wieder
leid, dass wir die Zeit so verdorben haben.
    Ich bin indessen durch Kensea gereist, den Ort, wo ich jetzt eigentlich
wohnen sollte. - Ein altes gotisches Gebäude steht hier in einer wüsten waldigen
Gegend, der Garten ist verwildert, alle Bedienten sehen aus wie Barbaren, das
ganze Haus hat ein kaltes unbequemes Ansehen, viele Fenster sind zerschlagen,
die eine Mauer hat Risse. - Oh! mit welchem Widerwillen habe ich alles
betrachtet! - Hier sollt ich leben, in einer dunkeln, langweiligen drückenden
Einsamkeit? - Von der ganzen Welt abgerissen, wie ein vertriebener Bettler?
einer scheuen Eule gleich, die vor dem lästigen Tageslichte endlich einen
düstern Schlupfwinkel findet? - Nein, die ganze weite Welt steht mir freundlich
offen, und ich kehre dem einsiedlerischen Schloss verächtlich den Rücken. So
wie ich hier leben würde, kann ich es allentalben; und in einem fremden Lande,
unter einem andern Klima würde mich selbst Sklaverei so hart nicht drücken, als
das Leben hier.
    Ich bin hier in London unter dem bunten Gewühle; ich spiele und mache
ansehnliche Gewinste. Dies rasche und doch ungewisse Leben, in dem die
Leidenschaften unaufhörlich in Bewegung gesetzt sind, hat einen grossen Reiz für
mich. Und welche lehrreiche Schule, um hier die Menschen erst völlig verachten
zu lernen! - Wie der niedrigste Eigennutz, die kleinsten Begierden sich in den
Gesichtern so hart und widrig abspiegeln! Wie jeder nur alles für sich hinraffen
möchte, und dem Verlust und der Verzweiflung seines Nachbars gelassen zusieht. -
Ich bin schon einigemal schwach genug gewesen, meinen Gewinst wieder
zurückzugeben, um nur die Mienen der Niederträchtigen, die mir so unausstehlich
waren, wieder aufzuheitern. Dann nennt man mich grossmütig und edel. Oh, es ist
um toll zu werden!
    Lange werde ich es unter diesen Menschen nicht mehr aushalten, ich muss zu
Ihnen zurück. Ich sehe Italien jetzt als mein Vaterland an, denn Andrea ist
dort. Ich erstaune oft, mich hier unter diesen gemeinen Menschen zu finden, wenn
ich an die wunderbare Welt denke, mit der er mich vertraut machte. Ich kann
Ihnen die Empfindung nicht beschreiben, die mich zuweilen schon mitten in einem
Gespräche befallen hat, wenn ich plötzlich daran dachte, dass ich sonst mit
Andrea gesprochen hatte. In diesen Augenblicken fühle ich mich hier ganz am
unrechten Orte, ich fühle eine Sehnsucht fortzugehn, dass ich mich dann nicht zu
lassen weiss. Ich möchte oft alle wunderbaren Phantome herbeirufen, die mir dort
vorübergingen; ich möchte mich in die grauenvolle Nacht hinuntertauchen, aus der
die Schauder emporsteigen, die so gewaltig das schwache menschliche Herz
ergreifen und es beinahe zerdrücken. Oh! wenn doch die Zeit erst wieder da wäre,
in der meine ungeduldige Brust völlig mit Wundern gesättiget würde, in der ich
völlig die Erde und ihre Menschen und auch mich selbst vergessen könnte! -
 
                                       24
                        Emilie Burton an William Lovell
                                                                     Nottingham.
Lieber Lovell, Sie halten nicht Wort, Sie sind nun schon sechs Tage länger
ausgeblieben, als Sie mir bei Ihrer Abreise versprochen hatten. O sechs ewig
lange Tage und heute ist es schon der siebente. Gott! wenn Sie nicht gezählt
hätten, wenn Ihnen die Tage nicht so lang wie mir erschienen wären!
    Ach nein, William, so lang können sie Ihnen nicht geworden sein, aber das
kann und will ich auch nicht verlangen; denn mir war, als wenn die Zeit indessen
stillstände und mir langsam und bedächtig einen Tropfen ihres Schmerzes nach dem
andern auf das Herz fallen liesse. Ich habe viel unterdes gelitten, und ich
fürchte, dass ich krank werde. Mein Kopf ist in Verwirrung und alle meine Glieder
zittern.
    Ach Lovell, kehre schnell, schnell zurück. Ich weiss mich in der Einsamkeit
nicht zu lassen: ach, ich bedarf Deiner Hülfe in mehr als einer Rücksicht. Du
weisst, dass ich kein Vermögen mitnehmen konnte, und das wenige, das ich hatte,
ist fort. Was soll ich anfangen, wenn Du noch länger ausbleibst? Aber nein, Du
kömmst, Du bist nicht grausam, Du bist nicht leichtsinnig; und beides müsstest Du
sein, wenn Dich meine Bitte nicht rührte.
    Ich werde hier auf das benachbarte Dorf ziehn, das uns beiden auf der Reise
hieher so sehr gefiel, dort wirst Du mich antreffen.
    Mein Brief wird Dich doch finden? - Es wäre ein Unglück, wenn Du nicht grade
da wärest, und er müsste einen Tag oder noch länger liegenbleiben. Lovell, ich
würde untröstlich sein.
    Ich habe schlimm geträumet, denn es war mir im Schlafe als habest Du mich
verlassen, und ich hörte Dich ganz deutlich über meine Schwäche und meine Liebe
lachen. Da tat sich die ganze Welt wie ein Gefängnis eng und immer enger über
mir zusammen, alles Helle wurde dunkel, die ganze Zukunft war schwarz und ohne
Morgenrot. - Aber nein, Du liebst mich? nicht wahr Lovell? - Oh, die Träume
werden uns nur geschickt, um unser armes Leben zu ängstigen; schon von Kindheit
auf haben sie mich dadurch gequält, dass sie mir alles als nichtig und
verächtlich zeigten, was ich so innig liebte. Ich will mich dadurch nicht
irremachen lassen.
    Aber warum bist Du noch nicht gekommen? - O Lovell, wenn Dir meine Liebe zur
Last gefallen wäre! - Mir fällt jetzt so manches ein, was ich wohl ehedem in
Büchern gelesen, und nachher wieder vergessen habe. Oh, es wäre schrecklich! -
Aber wie könnte Liebe und Wohlwollen Dich ängstigen, wie könntest Du es
vergessen, dass ich Dir alles aufgeopfert habe? - Ach nein - wär es möglich, o so
würd ich wünschen, dass ich dann auch alles vergessen könnte.
    Du siehst, wie schwermütig ich geworden bin; das macht bloss die Einsamkeit
und weil ich Dich nicht sprechen höre. Du hast mir Deine Liebe aufgedrungen, und
jetzt solltest Du mich vergessen? - Ich habe um Dich Tage und Nächte hindurch
geweint, und Du solltest jetzt nicht kommen, um meine Tränen zu trocknen? -
Nein, es ist nicht möglich; wenn ich daran glauben könnte, o so wäre mir besser,
ich wäre nie geboren worden.
    Meine Schwachheit nimmt zu, ich fühle mich sehr krank; glaube ja nicht,
William, dass ich übertreibe, komm ja sogleich; und findest Du mich denn
vielleicht etwas besser, als Du glaubtest; so sei nur, ohne dass ich es sage,
überzeugt, dass mich die Hoffnung, Dich wiederzusehn, stärker machte.
 
                                       25
                            Karl Wilmont an Mortimer
                                                                         Bondly.
Himmel! was habe ich hier erfahren müssen! - Unbefangen reist ich von London
hieher, weil es mir dort keine Ruhe mehr liess, und nun bin ich hier, o Mortimer,
nicht wie im Traum und doch nicht wie wachend, mit kochendem Herzen und ohne
Besinnung, entschlossen etwas zu tun, und doch nicht wissend, was. - O der
schönen Reise! - meiner Aussichten, meines Glücks!
    Kann ich Worte finden, um Dir zu sagen, was ich denke und fühle? - Ich bin
bis jetzt wie ein Kind durch die Welt gegangen, und ich nehme nun mit Entsetzen
wahr, dass sie weit seltsamer, weit abgeschmackter und weit unglückseliger ist,
als ich geglaubt hatte. - O ich möchte mir den Kopf an einen Baum zerstossen, ich
möchte mich selbst zerreissen, dass es so und nicht anders ist. - Wer konnte nun
diesen Schlag erwarten? Hab ich hierbei irgend etwas verschuldet? Eine
unsichtbare Gewalt greift nach meinem Herzen und zerquetscht es, und ich kann
nichts weiter tun, als an der Wunde sterben.
    Mit meinen Geschäften hat es nun von selbst ein Ende, mit meinem Glücke,
vielleicht mit meinem Leben. - Emilie hat mich also nie geliebt? - Oh, was ist
doch der Mensch! Wer kann ihn verstehn, wer darf über ihn urteilen? - Und ich
hätte sie nicht geliebt? Das ist eine schreckliche Lüge! Ich konnte nicht weinen
und ich schämte mich, die Empfindungen meines heissen Herzens bei jeder
Gelegenheit zu äussern; o ich war zu gut, um Emilien zu gefallen, ich putzte
meine Empfindungen zu wenig auf, ich konnte nicht lügen, so wie der
niederträchtige Lovell - o Emilie! so warst Du denn auch nur eins der
gewöhnlichen Weiber, die es nicht unterlassen können, sogar ihre Empfindungen zu
schminken, die die natürlichen guten Menschen verachten, und ihre Zuneigung den
Elenden schenken, die sie durch Grimassen und studierte Seufzer, durch
teatralische Stellungen und auswendig gelernte Worte unterhalten!
    Nie hab ich einen Menschen so wie diesen Lovell gehasst! Sein Name brennt
schmerzhaft in meiner Brust, wenn ich ihn nur nennen höre. Es flimmert mir alles
vor den Augen, wenn ich an ihn denke; ich könnte ihn mit den Zähnen zerreissen,
den nichtswürdigen Komödianten! - Aber ich werde ihn irgendeinmal finden und
dann soll er mir standhalten und Rechenschaft ablegen: dann soll er mir nicht
entfliehen, und er soll mir alles doppelt bezahlen.
    Dass uns der Gedanke der Rache im Unglücke nicht erquicken kann! - O ich Tor!
dass ich in London sass und mit dem Fleisse einer Ameise arbeitete! - Dies ist mein
Lohn. - Sie hat mich nie geliebt - o wenn ich mich nur davon überzeugen könnte!
Aber ich werde von meinen unsteten Gedanken hiehin und dortin geworfen, kein
Gedanke wird in meinem Kopfe einheimisch. - Ach, Emilie! Wo bist Du jetzt
vielleicht und sprichst reuig meinen Namen aus? - Könnt ich Dich finden und dann
mich rächen!
    Ich möchte so lange Wein trinken, bis ich alle Besinnung verlöre und mich
dann zum festen Schlafe hinwerfen, denn mir ist wie einem Mörder, der von allen
Seiten verfolgt wird. Ich kann mir selber nicht entfliehn.
    Ich muss sie suchen, ich muss ihn finden, ich will das ganze Land nach ihnen
durchstreichen; irgendwo müssen sie sein. - Lebe wohl, bis ich Dich selbst auf
meinem Zuge besuche.
 
                                       26
                             William Lovell an Rosa
                                                                    Roger Place.
Ich habe ansehnliche Summen gewonnen, und ich denke bald damit England zu
verlassen. Es ist nichts leichter, als eine Rolle in der Welt zu spielen und es
gibt tausend Arten sich interessant zu machen. Man riss sich nach mir, weil ich
mir in London einen sonderbaren italienischen Namen gegeben hatte und immer
viele Seltsamkeiten von mir vermuten liess; ich erzählte zuweilen einigen
Freunden abenteuerliche Bruchstücke aus einer erdichteten Geschichte, die es
dann nicht unterliessen, sie andern wieder unter dem Siegel der Verschwiegenheit
anzuvertrauen. Man war in allen Familien neugierig, mich kennenzulernen, in
vielen Gesellschaften gab ich den Ton an und entschied, wenn streitige Fälle
vorkamen. Man fand mich ungemein klug, weil ich ein paarmal etwas gesagt hatte,
was ich selbst nicht verstand, man dachte darüber nach, und es gab mir selbst
Stoff zum Spekulieren. Es lässt sich für und gegen jede Idee in der Welt
sprechen, und es ist daher gar keine Kunst, mit jedermann zu streiten, und da
ich nach meiner Überzeugung immer der Skeptiker sein muss, und ihn manchmal noch
mehr spiele, als ich es bin, so wird es mir leicht, selbst den Gescheitesten
scheinbar zu besiegen. Frauenzimmern besonders gefiel ich ungemein, erstlich,
weil ich blass und krank aussah, dann weil sie mich für einen Fremden und für
eine Art von Ateisten hielten. Sie mögen nichts in der Welt so gern bewundern,
als wovor sie sich fürchten, ja Furcht und Bewunderung ist bei ihnen einerlei.
Sie boten immer ihren ganzen Verstand auf, um eben die Gedanken zu äussern, die
ich meinte, und stets trafen sie auf ganz verschiedene. Ihr Verstand besteht
überhaupt mehr in Schlauheit als Überlegung; sie überlegen, nachdem sie einen
Schluss gemacht haben, und ihre Philosophie ist aus Eigensinn entstanden, und
wird daher immer mit Hartnäckigkeit verteidigt. Sie kennen die Menschen nie, die
sie lieben, weil sie sich keine der Bemerkungen, die sie über diese gemacht
haben, eingestehn, und kein Wesen ist daher so leicht zu hintergehn, als ein
verliebtes Weib. Wen sie hassen, kennen sie bis auf seine verstecktesten Züge,
ja sie kennen ihn besser, als er sich selbst, sie finden seine vorzüglichsten
Schwachheiten heraus und beweisen daraus augenscheinlich, dass aus ihnen zugleich
das fliesse, was die übrigen Menschen an einem solchen gut und lobenswürdig
nennen. Wenn sie neue Gedanken in ihren Kopf aufnehmen, so besteht ihr Denken
darin, dass sie selbst ihre vorigen Gedanken überlisten und sie dann despotisch
vertreiben, ohne sie nachher auch nur der Mühe wert zu halten, darüber zu
sprechen, und wer das Unglück hat, diese Ideen grade zu äussern, den halten sie
unter allen Einfältigen für den Einfältigsten. In jedem Lustrum wechseln sie mit
einigen Hauptgedanken, die sich ganz verschieden organisieren, je nachdem sie
heiraten, oder ledig bleiben; je älter sie werden, je mehr beleidigt man sie
durch Nachlässigkeiten und um so weniger durch wirkliche Beleidigungen: aber
selbst in der höchsten Vertraulichkeit, selbst in der aufrichtigsten Stimmung
kann man es nie dahin bringen, dass ein Weib gegen einen Mann ganz aufrichtig
sei, denn das Gefühl verlässt sie nie, dass die Männer ein fremdartiges
Tiergeschlecht sind, und diese verletzen durch ihre Unbeholfenheit ihren feinern
Sinn auch unaufhörlich. Wer bis in sein zwanzigstes Jahr nur untern Weibern
lebte, müsste nachher alle Männer betrügen können.
    Wie komme ich aber zu dieser weitläuftigen Charakteristik? - Nichts kam mir
in den Gesellschaften so abgeschmackt vor, als das Drängen der jungen und alten
Männer, um bei Tische neben irgendeinem weiblichen Geschöpfe zu sitzen, wie sie
sich dann glücklich priesen und affektierten, als wenn dies ihnen mehr als alles
gälte. Wenn man dies Geschlecht erst gekannt und genossen hat, so kann man durch
diese Ziererei ganz schwermütig werden. - Aber unser Leben läuft in einer ewigen
Affektation fort, und wer sie nicht mitmacht, den nennen die übrigen einen
affektierten Narren.
    Manche unter den vorzüglichsten Schönheiten hätten mich vielleicht gar
geheiratet, wenn ich hätte darauf schwören wollen, dass ich entweder bald sterben
oder zeitlebens so närrisch bleiben würde. Keins von beiden war mein Wille, und
ich liess mich daher gar nicht in nähere Traktaten ein.
    Ich war endlich des Gewühls müde und reiste ab. Ich konnte es nicht
unterlassen, Roger Place zu besuchen, den Ort, wo Mortimer mit Amalien wohnt:
von hier erhalten Sie diesen Brief. Es trieb mich fast wider meinen Willen
hieher, und nun will ich Amalien noch einigemal sehn und dann abreisen.
    Sie geht alle Morgen mit Mortimer spazieren, denn es ist eine angenehme
Allee vor ihrem Hause, die sich in einen schönen Wald verliert; dann trinken sie
Tee. Amalie ist recht heiter und Mortimer hat sich ganz umgeändert, er kommt mir
weit menschlicher oder vielmehr weiblicher vor. Amalie sieht älter und
verständiger aus. Ich habe einigemal des Abends unter den rauschenden Bäumen
gelegen und nach ihren Fenstern hinaufgesehn. Ich war gestern in Versuchung,
hineinzusteigen. Mein Herz kocht Hass und Wut gegen Mortimer, und doch wüsst ich
jetzt grade nicht warum. Aber ich hatte Amalien nicht vergessen, ich log es nur
mir und andern, und Mortimer, der meine Liebe gegen sie so tief verachtete,
hätte sie mir nicht entreissen sollen! - O und was ist es denn mehr? Würde ich
ihrer nicht ebenso wie Emiliens überdrüssig werden? - Doch nein, denn diese habe
ich nie geliebt.
    Es ist eine sehr hässliche Aufwärterin im Hause, diese will ich zu sprechen
suchen; es müsste sonderbar kommen, wenn ich sie nicht auf meine Seite brächte.
Wenn ich erst die genauern Umstände weiss; so lässt sich auf diese vielleicht ein
kluger Plan gründen.
    Ob Amalie auch zu den Weibern gehört, von denen ich vorher sprach? Ich habe
sie damals zu sehr geliebt, um sie zu beobachten und damals hasst und liebt ich
die Menschen überhaupt noch, ohne sie vorher zu kennen. Jeder Mensch hat eine
Periode im Leben, in der Liebe und Freundschaft mit der Selbstliebe
zusammenfallen; von beiden weiss er sich dann keine Gründe anzugeben.
    Leben Sie wohl und grüssen Sie Andrea. -
 
                                       27
                             William Lovell an Rosa
                                                                    Roger Place.
Es gibt Stunden im Leben, Rosa, in denen Zufälle zusammentreten, so kindisch
wunderbar aneinandergereiht, dass wir die Welt umher auf einzelne Augenblicke für
ein Hirngespinst halten müssen. Ich bin noch immer in dieser Stimmung, wenn ich
an alles zurückdenke; es kommt mir oft in der Welt nichts so seltsam vor, als
dass irgendein Zufall mit einem früheren zusammenhängt, so dass wir oft wirklich
auf die Idee von dem geführt werden, was die Menschen gewöhnlich Schicksal
nennen.
    Ich habe nämlich in jener hässlichen Aufwärterin, von der ich Ihnen sagte,
eine alte Bekannte wiedergefunden. Ich suchte sie auf, und wir waren bald
miteinander vertraut, sie nannte meinen wahren Namen, und ich erschrak. Es war,
als wenn ein böser Genius aus ihr sprach, der mich nun meinen Feinden verraten
würde. Ich betrachtete sie genauer, und konnte mich doch durchaus nicht
erinnern, sie irgendwo gesehn zu haben. - Endlich entdeckte sie sich mir, und o
Himmel! - es war niemand anders, als die Comtesse Blainville!
    Lange wollte ich es nicht glauben. Die Blainville, jenes junge, lebhafte,
reizende Weib - und hier stand ein Ungeheuer vor mir, von Pockengruben
entstellt, einäugig, mit allen möglichen Widrigkeiten reichlich ausgestattet -
und dennoch war sie es, selbst unter der groben Hülle lagen einige ihrer
ehemaligen Züge, wie fern, verborgen.
    Ihre Geschichte kann ich Ihnen mit wenigen Worten sagen. Der Graf Melun
starb bald, nachdem er sie geheiratet hatte, sie liess sich durch ihren
Liebhaber, den Chevalier Valois, zu jeder Verschwendung verleiten; sie verliess
mit ihm Paris und ging nach England, ihr Vermögen war bald vom Valois verspielt,
sie ward krank, denn die Blattern offenbarten sich an ihr, der Chevalier erschoss
sich, sie genas, aber ihre Schönheit, ihre Jugend war jetzt zugleich mit ihrem
Vermögen dahin. Sie suchte Hülfe bei den Menschen, weil sie diese nicht kannte,
und diese stiessen sie verächtlich von sich, wie sie es auch in ihrer Stelle
getan haben würde; zur drückendsten Armut erniedrigt, suchte sie endlich
Dienste, und Amalie, hier in Roger Place, nahm sich ihrer an. Und hier muss ich
sie nun treffen; meine beiden Geliebten in einem seltsamen Kontraste
nebeneinander.
    Ich habe ihr das strengste Stillschweigen gelobt, so wie sie mir: Mortimer,
der sie einst so schön fand, weiss es nun nicht, dass sie in seinem Hause wohnt.
    Es ist schauderhaft, wenn ich überlege, dass dies Ungeheuer doch schon damals
verlarvt in dem schönen Weibe lag, das ich umarmte - bei jedem Weibe und Mädchen
fällt mir jetzt der Gedanke ein: Die Alte, die mit grauen Haaren, abgefallen,
mit roten Augen und auf einer Krücke vorüberhinkt, war auch einmal jung und
hatte ihre Anbeter, sie dachte damals nicht daran, dass sie sich ändern könne;
ihrem begeisterten Liebhaber fiel es nicht ein, über sich selbst zu lachen, denn
er kannte die Gestalt nicht, gegen die er seine Deklamationen richtete. - O
hinweg davon! - Aber was sind alle Freuden dieser Welt? - Es ist mir ein
widriger Anblick, wenn ich ein Paar gehn sehe, das zärtlich gegeneinander tut.
In der Kindheit wünschen wir uns Glasperlen, dann Liebe, dann Reichtum, dann
Gesundheit, dann nur noch das Leben; auf jeder Station glauben wir
weitergekommen zu sein und fahren doch im Kreise herum, so dass wir nie sagen
können: jene Gegend liegt jetzt fern von mir.
 
                                       28
                             William Lovell an Rosa
                                                                    Soutampton.
Ich muss zurückkehren, denn ich weiss mich hier in England nicht mehr zu lassen. -
O es gibt Menschen, die noch unendlich tiefer stehen, als ich, die Schandtaten
mit einer Kälte begehn, als wenn sie gar nicht anders könnten und müssten.
    Ich zittre noch, wenn ich daran denke, wie tief ich hätte sinken können, wie
nahe ich dem Versuche war, der mich ganz aus der Reihe der Menschen ausgerottet
hätte. - Ich fühle es, dass ich bisher in meiner Frechheit zu weit ging, ich war
meiner selbst zu sehr versichert, und dachte nicht daran, wie nahe jedes
Verbrechen, wie dicht es mir vor den Füssen lag. Meine Empfindung verabscheut das
Laster, ob mir gleich die Sophismen des Verstandes beweisen wollen, dass es kein
Laster gibt, und auch Sie, Rosa, und auch Andrea - es ist unmöglich, Sie können
nicht davon überzeugt sein.
    Ich will England verlassen, um wieder zu mir selbst zu kommen. Oh, lieber
Rosa, ertragen Sie heute noch einmal meine Stimmung, so wie Sie es schon so oft
getan haben; ich fühle mich heute ganz von dem Mute verlassen, der gewöhnlich
aus mir spricht. Alles ist noch die Folge einer Begebenheit, die mich in Roger
Place zu Boden geworfen hat.
    Ich kann Ihnen die Empfindungen nicht beschreiben, mit denen ich dort
umherging; bald im Hass gegen Mortimer, der mir unauslöschlich schien und doch
bald wieder von einer tiefen Selbstverachtung verdrängt ward, dann war mir alles
gleichgültig und ich stand wie ein müssiger Zuschauer in der Welt da, der an
ihren mannigfaltigen Rollen keinen Anteil bekommen hatte. Wenn ich denn Amalien
wieder sah, o so ergriff mich eine so heisse, so inbrünstige Sehnsucht, sie in
meine Arme zu schliessen, an meinen Mund, an mein schlagendes Herz zu drücken,
sie nur in einem armseligen Augenblicke mein nennen zu können, dass mich ein
Zittern und eine Fieberhitze ergriff. Es war, als gehörte es zu meinem Leben,
als sei es der letzte und einzige Zweck, weswegen ich bisher gelebt hätte, ihr
nur noch einmal zu sagen, dass ich noch lebe, dass ich sie noch, wie ehemals,
liebe. Ich glaubte, dass ich nach diesem Augenblicke ruhig und zufrieden sein
würde, dass ich dann Tod und Leben mit gleich festem Auge betrachten könnte. Alle
Empfindungen meiner früheren Jugend kamen zurück, ich wünschte im Momente der
Erkennung an ihrem Halse zu sterben, kein Gefühl und keinen Gedanken weiter nach
diesem Stillstande meiner Seele zu erleben. O wär ich, wär ich gestorben! Tod
und Grab sind das einzige Asyl der verfolgten Elenden. Dürft ich diese Wohnung
der Ruhe besuchen, losgeschüttelt vom wilden Getümmel der lebendigen Welt: aber
alles, worauf ich mich freute, kömmt mir kalt und freudenleer näher, und geht so
vorüber, ich bleibe einsam zurück, und sehe dem Zuge nach, der sich nicht weiter
um mich kümmert. Ich will auch auf keine Freude weiter hoffen, ich will die
kalte Luft als meinen Freund umfangen, ich will tot sein, in der toten Masse,
die mich umgibt, kein Gefühl soll mir nähertreten, ich will alle Sehnsucht,
alles Schmachten nach Liebe in diesem Busen vertilgen und mir wie ein frecher,
hohnsprechender Bettler selber genügen - ach, meine Sehnsucht ist jetzt nach der
Verwesung hingerichtet, nach der kalten Erde, die endlich dies klopfende Herz
zur Ruhe bringen wird. Mir ist, als sollt ich mit dem Messer dem siedenden Blute
einen freien Ausweg machen, das in meinem Hals drängt und nach dem Gehirne
strömt.
    Was werden Sie zur Blainville sagen? Was empfinden, wenn Sie es hören, wie
tief der Mensch sinken kann? - Seit sie mich erkannt hatte, verfolgte sie mich
unaufhörlich mit ihren freundschaftlichen Liebkosungen, sie erinnerte mich an
unsere Vertraulichkeit in Paris und auf welche Art sie mich damals hintergangen
habe; ich spottete über mich selbst, und wünschte doch innerlich die Unschuld
und Unbefangenheit jener Zeit zurück. Ich entdeckte ihr meinen Wunsch, Amalien
nur einmal zu sehn und zu sprechen, und sie versprach mir ein Mittel
auszufinden, wenn ich mich dazu verstehen wollte, ihr eine Nacht hindurch
Gesellschaft zu leisten. O Freund, wie kamen mir in dieser Nacht Liebe, Wollust
und alle Freuden dieser Welt vor!
    »Ein ungesäuberter Garten, wo alles in Samen schiesst und mit Unkraut und
Disteln überwachsen ist; - o pfui, pfui der Welt!«
    Ich erröte noch jetzt, wenn ich daran zurückdenke; es ist, als wenn ich von
je alle Gelegenheiten begierig ergriffen hätte, um mich selbst zu erniedrigen.
In dieser Nacht versprach mir die Blainville, eine Gelegenheit zu verschaffen,
Amalien im Garten hinter dem Hause allein zu sprechen. Mortimer reise am
folgenden Morgen fort, und sie wolle dann auf den Abend einen gewaltigen Rauch
und ein unschädliches Feuer erregen, ein lautes Geschrei erheben, alle Bedienten
würden mit den Anstalten beschäftigt sein und Amalie würde sich auf ihren Rat
nach dem Garten retten; dann wolle sie mir das Haus eröffnen und mich zu Amalien
führen.
    Schon früh am Morgen sah ich Mortimer zu Pferde steigen und wegreiten. Mit
welcher Unruhe erwartete ich den Untergang der Sonne! Amalie liess sich nicht
blicken, und ich konnte auch die Blainville nicht wieder sprechen. Endlich ward
es Abend; ich ging in der Allee vor dem Hause auf und ab, die Bäume rauschten
gewaltig und verkündigten ein herannäherndes Gewitter, ich sah ein Licht in
Amaliens Zimmer brennen und mein Herz klopfte ängstlich und ungestüm. Die letzte
Blume meines Glücks sollte jetzt gewaltsam hervorgetrieben werden, und meine
ganze Seele war nach diesem Augenblicke hingespannt.
    Der Himmel war dunkler, der Wind sauste stärker und ich sah bange und
unverwandt nach dem Hause hin. Kein Laut von innen, vom Dorfe aus der Ferne hört
ich den Nachtwächter und das Bellen der Hunde.
    Endlich sah ich einen starken Rauch aus dem Fenster von der Seite dringen.
Es blieb noch immer ruhig. - O wie beklommen ward mir, als jetzt eine Nachtigall
über mir in den Bäumen laut zu schlagen anfing. Sie können es nicht fassen und
nicht begreifen, Rosa, kein Mensch kann mir dies Gefühl nachempfinden.
    Die Bedienten mussten schon schlafen gegangen sein, denn es regte sich nichts
im ganzen Hause und doch stieg schon eine helle Flamme aus dem Fenster zum Dache
hinauf, der Rauch stieg in grössern Wolken zum Himmel und wälzte sich nach der
Vorderseite hin. Es entstand noch immer kein Geschrei, die Blainville eröffnete
mir auch nicht die Tür; das Licht in Amaliens Zimmer blieb ruhig an seiner
Stelle. Ich zitterte vor Ungeduld, vor Angst und Vergnügen. Wie man im Traume
zuweilen auf einer schwindelnden Höhe steht, sich vor dem Abgrunde entsetzt und
dennoch weiss, dass man hinunterstürzen wird, wie man denn in unbeschreiblicher
Angst den Augenblick des Hinabfallens wünscht, so, grade so kamen mir diese
Sekunden vor. Ich konnte nicht begreifen, wo die Blainville so lange zögerte:
ich ging heftig auf und ab und stand dann wieder still, ich traute meinen Augen
und meinen Ohren nicht, dass alles, gegen die Abrede, noch still blieb und sich
die Tür noch immer nicht eröffnete, und dennoch rückte die Zeit unaufhaltsam und
fürchterlich weiter. Die Flammen brannten hell zum Dache hinauf, Ziegel stürzten
herunter, der Widerschein zitterte in den grünen Bäumen, das ganze Haus war mit
Rauch umgeben und jetzt glaubte ich eine schwache Stimme zu hören, die nach
Hülfe rief. Als ich noch ungewiss war, was ich tun sollte, eröffnete sich
Amaliens Fenster, sie sah heraus und fuhr mit einem Schrei des Entsetzens wieder
zurück: lauter und geängstigter rief sie dann um Hülfe; das Zimmer war voller
Rauch, ich sah es deutlich. Da fiel mir plötzlich eine Stelle aus einem ihrer
Briefe ein, den sie mir Unwürdigen noch nach Paris schickte, und in dem sie mit
liebenswürdiger Besorglichkeit schrieb, weil sie seit lange keine Nachrichten
von mir erhalten hatte:
    Ich sehe Sie ohnmächtig gegen die Wellen kämpfen - oder in einem brennenden
Hause vergebens nach Rettung rufen. -
    Das schrieb sie mir damals, als ich sie über die elende Blainville vergessen
hatte, dieselbe Blainville, die jetzt die verzehrenden Flammen gegen ihre
Wohltäterin ausschickte. - Wie ein Wirbelwind fasste es mich nun an, es war das
Schicksal selbst, das mich allmächtig ergriff; - ich nahm eine grosse Leiter und
legte sie an das Fenster - ich wusste nicht, was ich tat. - Ich stand in Amaliens
Zimmer, sie lag ohne Besinnung auf einem Sofa. Ich drückte sie an meine Brust,
meine Arme umschlossen ihren zarten Körper und so trug ich sie die Leiter hinab
und legte sie auf eine Rasenstelle unter den Bäumen nieder. - Sie sah mich mit
einem matten Blicke an, ich kniete neben ihr nieder. - Alle meine Sinne wandten
sich um, ich dachte nichts, und sah sie nur vor mir liegen, und die holden
blauen Augen und den sanften, menschenfreundlichen Mund, der sonst meinen Namen
so oft getönt hatte. - Sie zitterte und ich stammelte einige Worte, ich weiss
selbst nicht was, dann drückt ich mein Gesicht an ihren Busen, ich wünschte zu
sterben - meine heisse Wange ruhte dann an der ihrigen, und sie war kalt - ich
hielt sie für tot und umarmte sie noch einmal - ein verworrenes Getümmel umgab
das brennende Haus - dann stand ich auf und eilte fort - sie rief mir etwas
nach, ich habe es nicht verstanden. Ich wollte umkehren, aber mir selbst zum
Trotze ging ich weiter. -
    Im Walde sank ich unter einem alten Baume nieder. - Ich hörte ein Geschrei
aus der Ferne und grosse Funken stiegen zum Himmel und erloschen dann: ich sah
ihnen kalt nach, und weinte endlich laut und heftig. Die Winde rauschten durch
den Wald und wie Millionen scheltender und verhöhnender Zungen bewegten sich die
Blätter tönend umher. Verlassen von allem was lebt, verlassen von der leblosen
Natur stiess ich meinen Kopf verzweifelnd gegen den Stamm des Baumes: eine wüste
Dunkelheit erfüllte mein Inneres, ich war von mir selbst abgetrennt, und
betrachtete und bemitleidete mich als ein fremdartiges Wesen. - O ich hätte nur
einen Hund haben mögen, der sich winselnd an mich gedrückt hätte, er hätte mich
getröstet, ich hätte ihn für meinen Freund gehalten.
    Das Gewitter brach jetzt herein. Laute Donnerschläge hallten den Wald hinab
und Regengüsse rauschten durch die Bäume. Die ganze Natur schien zu erwachen und
sich zu entsetzen. Blitze flogen durch das Dunkel und schienen mich zu suchen,
Tiere winselten aus der Ferne, Eulen flogen scheu umher, und die grossen Wolken
arbeiteten sich mühsam durch den Himmel. - Vom Regen durchnässt schlief ich
endlich ein, als sich das Getöse vermindert hatte.
    Der Morgen grauete als ich erwachte, der Traum verflog und übergab mich
meiner eigenen Existenz wieder. - Ich wandte keinen Blick zurück, sondern ging
in gerader Richtung fort; jedem Menschen ging ich aus dem Wege, ich schlich um
die Dörfer herum. -
    Ich freue mich jetzt darüber, dass ich Amalien gerettet habe; - aber für
Mortimer! - Doch ich will fort; sie soll mich weiter nicht kümmern, ich will sie
und alles vergessen. -
    Sie sehn mich bald wieder. -
 
                                       29
                           Mortimer an Eduard Burton
                                                                    Roger Place.
Ich schreibe, um Ihnen einen sonderbaren Vorfall zu melden. Ich bin innig
erschüttert und ich wünsche nur, dass diese Begebenheit für Amalien keine üblen
Folgen haben möge.
    Vorgestern ritt ich nach einem Dorfe, ohngefähr dreissig Meilen von hier,
weil ich gehört hatte, dass sich dort seit einiger Zeit ein Frauenzimmer
aufhalte, von der man nicht genau wisse, wer sie sei. Manches in der
Beschreibung passte auf Ihre unglückliche Schwester, so dass ich sogleich
hineilte, sie selbst zu sehen. Es war aber die Tochter eines armen Edelmanns,
die sich nach vielen erlittenen Unglücksfällen mit ihrem armen Vater in das Dorf
niedergelassen hatte. Ich war von ihrer Erzählung gerührt, und kehrte schon
gestern wieder zurück. - Wie erstaunt ich aber, als ich näher kam und mein
Wohnhaus so ganz verwüstet fand! Allentalben die deutlichsten Spuren eines
Brandes und ein Nebengebäude rauchte noch. Amalie war krank.
    Ich erfuhr, dass an dem Abend meiner Abwesenheit wirklich Feuer ausgekommen,
das aber bald durch die Anstalten und durch einen einfallenden Regenguss gelöscht
worden sei. Amalie war als noch niemand weiter das Feuer bemerkt hatte, von
einem Fremden gerettet, den niemand weiter nachher gesehn hatte.
    Das Ganze erhielt aber noch ein weit abenteuerlicheres Ansehn, als man jetzt
die erstickte Charlotte fand, die sich in der Angst aus einer verschlossenen
Türe nicht hatte retten können, ob sie gleich den Schlüssel in der Tasche hatte.
Man fand zugleich eine Brieftasche bei ihr, die ich untersuchte, und zu meinem
Erstaunen aus einigen Papieren sah, dass eben diese hässliche Charlotte die
Comtesse Blainville war, die ich in Paris gekannt hatte. - Seit dieser
Entdeckung habe ich allerhand seltsame Vermutungen, die auf der einen Seite aber
so unwahrscheinlich sind, dass ich sie Ihnen nicht einmal mitteilen mag. - Ich
danke Gott, dass der Vorfall sich noch so glücklich geendigt hat.
    Amalie weiss noch immer nicht das unglückliche Schicksal Ihrer Schwester, sie
will daher durchaus einen Brief an diese einlegen; ich kann ihr ihr Verlangen
nicht abschlagen, ohne Verdacht bei ihr zu erregen, ihr aber noch weniger die
Geschichte ihrer Freundin entdecken, weil es sie jetzt zu sehr erschüttern
würde. Sie erhalten also in diesem Briefe zugleich einen andern an Ihre
Schwester.
 
                                       30
             Einlage des vorigen Briefes (Amalie an Emilie Burton)
                                                                    Roger Place.
Schon seit lange, liebe Emilie, habe ich auf Briefe von Ihnen gehofft, ich
wollte Ihnen nicht eher antworten, bis Sie mir Ihrem Versprechen gemäss den Namen
des interessanten Unbekannten genannt hätten. Ihr Stillschweigen aber und ein
Vorfall, den Sie schon durch Mortimers Brief werden erfahren haben, macht, dass
ich Ihnen früher schreibe. - Ach, Emilie, ich habe die Furcht des Todes auf eine
recht fürchterliche Art empfunden. Ich las am Abend, weil ich allein und
Mortimer auf einige Tage verreist war; ich war müde und wollte schon schlafen
gehen, als ich in meinem Zimmer einen Rauch bemerkte. Ich konnte nicht
begreifen, wo er herkomme; ich ging umher, der Dampf verstärkte sich, ich musste
husten, in einem Augenblicke aber ward er so stark, dass ich zu ersticken
fürchtete; ich wollte das Zimmer verlassen, allein ich hatte die Tür schon
verschlossen, und konnte jetzt in der Dunkelheit, in der Verwirrung den
Schlüssel nirgends finden. Das Atmen ward mir schwer, und ich fühlte es, wie
mich mein Bewusstsein nach und nach verliess. Ich rief nach Hülfe, aber meine
Stimme war nur schwach. In der grössten Angst öffnete ich endlich das Fenster und
Dampf und Feuerflammen fuhren mir entgegen. - Niemand war in der Nähe, ich sah
einen unvermeidlichen furchtbaren Tod vor und neben mir: ich sank ohnmächtig
nieder. - Wie in einem Wagen fühlte ich mich nun fortgeführt, eine kalte Luft
wehte mich an, ich erwachte und lag unter den Bäumen vor meinem Hause. Es war
finster, die Flammen erhellten die Nacht; Getümmel von Bedienten in der Ferne,
und ein Unbekannter kniete neben mir. Ich wusste nicht, ob ich träumte oder
wachte; der Fremde, der mich gerettet hatte, schloss mich in seine Arme - ich bin
Lovell! keuchte er mir mit erstickter Stimme entgegen. - Mein Bewusstsein verliess
mich wieder; die seltsamsten Bilder, die fernsten Erinnerungen gingen durch
meinen Kopf - o Lovell - Unglücklicher - lieber Lovell: rief ich ihm laut nach,
denn er war schon davongeeilt -
    O was empfand ich nun, liebste Emilie! - Ich habe so oft gewünscht, ihn nur
noch einmal zu sehen, und nun kömmt er und verschwindet in demselben Augenblicke
wieder. - Warum hab ich ihm nicht manches sagen können, was ich schon seit so
langer Zeit auf dem Herzen habe? - Warum ist er hiehergekommen, und durch
welchen Zufall muss er es gerade sein, der mich rettet? - Ich habe ihm nicht
einmal danken können - - ach! ich habe viel deswegen geweint, dass ich ihn nicht
gesprochen habe.
    Die Bedienten trugen mich ins Gartenhaus; ein schreckliches Gewitter tobte
jetzt in der Luft; alles vereinigte sich, mich zu betrüben.
    Die arme Charlotte hat man in einem Zimmer tot gefunden; o wie bemitleide
ich sie, da ich selbst das Schreckliche ihrer Lage empfunden habe! - Sie hat
sich gewiss nicht retten können; auch darüber habe ich geweint. - Ach wie viel
Unglück, liebe Freundin, gibt es im menschlichen Leben!
 
                                       31
                           Eduard Burton an Mortimer
                                                                         Bondly.
Wie hat mich die Einlage Ihres Briefes von neuem gerührt! Es ist keine Emilie
mehr hier, an die ich sie, wie wohl sonst geschah, hätte abgeben können. Und
noch immer keine Nachrichten von meiner Schwester? - Wilmont ist umhergestrichen
und wiedergekommen; er hat nichts von ihr erfahren können. Er will jetzt von
neuem umherreisen; ich fürchte für seine Gesundheit. - Sie haben eine
Unglückliche getroffen, die Sie anfangs für meine Schwester gehalten haben, und
auch Wilmont hat mir von mehrern erzählt, die ihn oft auf die Vermutung
brachten, dass es wohl die arme Emilie sein könnte. Sehn Sie, Mortimer, wie viele
Menschen noch ausser uns leiden. - Wenn ich doch nur in diesem Gedanken einigen
Trost finden könnte!
    Das Gefühl der Einsamkeit quält mich fast zu Tode, alle Zimmer sind mir zu
eng, die Luft im Garten ist mir nicht frei genug. Unaufhörlich träume ich von
Emilien; es gibt nichts Schrecklichers, als geliebte Menschen unglücklich zu
wissen, der Zweifel nur ist vielleicht noch schrecklicher, ob sie gut sind. Mich
vernichtet dies doppelte Gefühl.
    Ich wünsche es oft innig, krank zu werden, und so zu sterben, denn es ist ja
doch niemand, der über mich weinen würde. - Ich suche den Armen wohlzutun, aber
was ist das dagegen, wenn ich Emilien wohltun, wenn ich den unglücklichen Lovell
wieder zu meinem Freunde machen könnte? - Jedes Almosen, das ich gebe, jede
Linderung, die ich verschaffe, ist nur ein kleiner Abtrag von meiner grossen
Schuld.
    Ich war vor einiger Zeit schwach genug, dass ich Emilien und Lovelln an
dunkeln Stellen meines Gartens Denkmäler errichten wollte; ich vergass über diese
kindische Spielerei meinen Schmerz während eines halben Tages, aber da ich
wieder einige ihrer Kleidungsstücke sah, da ich meinen Schreibtisch öffnete, und
mir etwas Geschriebenes von ihr in die Hände fiel, o da kam der Jammer von neuem
über meine Seele, und ich empfand es, dass mein armes, zerrissenes Herz keiner
Denkmäler brauche, um zu trauern. Es ist betrübt, dass wir alles gern putzen und
verschönern mögen und oft über den Putz und die Zufälligkeiten die Sache selbst
vergessen. - Dein blosser Name, Emilie, ruft alles in meine Seele zurück; alle
Erinnerungen ehemaliger Freude, jede Liebkosung von Dir, jeden Scherz, die
Spiele der Kinderjahre- ach Mortimer, ich möchte manchmal verzweifeln, wenn es
mir so ganz frisch wieder einfällt, dass alles nun wirklich vorüber ist, dass es
nicht ängstliche Einbildung von mir, sondern dass es wirklich ist. - O ich
glaube, dass ich nicht genug leiden, dass ich nicht laut genug klagen kann.
    Könnt ich doch die Vergangenheit zurückrufen! O ihre zärtlichste Liebe
sollte mir nun gewiss nicht entgehen, sie sollte jetzt gewiss nicht vor mir
fliehen! - Aus übelverstandener Männlichkeit, mit einem schlecht angebrachten
Ernste war ich von je zu kalt gegen sie: ich fühlte oft die schönste brüderliche
Liebe, die wärmste Zuneigung gegen sie, dass ich hätte an ihre Brust sinken mögen
und sie umarmen und küssen, als wäre sie eben von einer schweren Krankheit
genesen, oder als wäre sie von einer langen Reise zurückgekommen. Aber dann
überraschte mich wieder die kleinliche Furcht, für affektiert oder sonderbar zu
gelten, und ich blieb in dem gewöhnlichen Tone des Umgangs; ich war oft gegen
ihre herzlichen Äusserungen zurückstossend, und das hat sie mir am Ende fremd
gemacht; sie hat mir ihre Gefühle nicht zugetraut und aus Verdruss und Schmerz
hat sie ein näher verwandtes Herz suchen wollen. - Auch gegen Lovell war ich
immer zu kalt, ich fühlte seine Übertreibung in der Freundschaft, und um nicht
in denselben Fehler zu fallen, war ich frostig. - O die Menschen wissen es gar
nicht, sie können es nicht wissen, wie sehr ich sie liebe - und darum möcht ich
sie wieder hier haben, um ihnen alles zu sagen und mich zu erkennen zu geben, um
wie ein Verirrter die Heimat wiederzufinden. - Aber, ach! der Rückweg ist mir
verschlossen; ich bin in meinen gegenwärtigen Gefühlen eingekerkert und sie
werden meine Heimat bleiben.
 
                                       32
                             William Lovell an Rosa
                                                                    Soutampton.
Sie erhalten jetzt aus England meinen letzten Brief, denn in einigen Tagen will
ich abreisen. Ich habe meinen Mut wieder, den ich neulich ganz verloren hatte;
ich bin wandelbarer wie Proteus oder ein Chamäleon, das gebe ich Ihnen gern zu.
- Die Nichtswürdigkeit des ganzen Menschengeschlechts hat mich von neuem
getröstet, ich gebe mich über mich selbst zufrieden, weil ich so sein muss und
nicht anders sein kann.
    Die Betrübnis ist so gut eine Trunkenheit, wie die Freude, beide verfliegen,
und um so früher, je heftiger sie sind: im Augenblicke des Affekts aber will man
nur schwer daran glauben, und dies ist auch sehr gut, denn sonst würden wir nur
immer ein träges phlegmatisches Dasein schleppen, das nicht aus der Stelle will;
alle Leidenschaften werden wie muntre Pferde angespannt, um die schwerfällige
Masse über Hügel und Berge, durch Täler und Ströme, immerzu und unaufhaltsam
fortzureissen: wohin? - daran denkt man nur, wenn man wieder Schritt vor Schritt
weiterschleicht.
    Ich sehne mich jetzt oft nach der Einsamkeit, denn ich bin mit den Menschen
zu bekannt, als dass sie noch Interesse für mich haben könnten. Sie täuschen mich
nicht mehr, und alles Vergnügen an diesem Schauspiele ist dahin, es erscheint
mir fade und abgeschmackt. Die Menschen sind weit besser dran, die sich und ihre
sogenannten Brüder noch gar nicht kennen, denn ihnen sieht das Leben bunt und
angenehm aus, sie trauen jedem und werden von jedem betrogen; eine Überraschung
folgt dicht auf die andere, und sie bleiben in einer beständigen Verwickelung,
in einem unaufhörlichen Erstaunen. - Aber jetzt lächle ich und drücke die Hand,
ich mache Gebärden, wie man es verlangt, und sammle andre von andern ein und
doch bin ich dabei nicht beschäftigt. Ich schwöre, wie die übrigen, auf tausend
Sachen, und weiss nicht, wovon die Rede ist, ich bejahe und verneine und bin
dieser und dann wieder jener, eine Kugel, die sich nach allen Seiten wenden kann
- aber wie langweilig, wie zuwider ist mir nun auch jedes Gesicht! Keiner
erreget meine Aufmerksamkeit, weil ich ihn bis auf seinen kleinsten Gedanken
auswendig weiss.
    Ich sprach in einem meiner Briefe über die Weiber - aber o Himmel! - was
sind denn die Männer? - Wenn ich die Menschen achten müsste, so würde ich mir
doch nur die Weiber auswählen, denn dies unbeholfene, linkische, aufgeblasene
und kriechende Tier, das wir Mann nennen - o ich kenne nichts Verächtlichers,
als diese widersprechende Mischung von Verstand und Narrheit, Festigkeit und
veränderlichem Wesen. - In der Jugend hängen die Männer von den Blicken, von dem
Lächeln der Weiber ab: sie suchen zu gefallen und formen sich nach hingeworfenen
Winken, sie halten sich für die Herren der Welt und lassen sich einer
Nichtswürdigkeit wegen tyrannisieren. Ihre kühnsten Wünsche, ihre frechsten
Plane sind nur Lakaien und nachtretendes Gefolge der sinnlichen Begierde. - Der
stupide Bauer schätzt sich glücklich, wenn der vorbeifahrende Minister seinem
Grusse dankt, er glaubt einfältig, es sei ihm nur allein geschehn, und er
unterlässt nicht, es der ganzen Dorfschaft zu erzählen: und der Minister sieht
dreimal öfter in den Spiegel, wenn ihn ein Mädchen angelächelt hat, das ihn bis
dahin kalt betrachtete. - Nach jedem Betruge glaubt der Mann, das sei nun auch
das letzte Weib, das ihn hintergangen habe: er hält am folgenden Tage eine
andere für vollständig tugendhaft, er schwört darauf, alle übrigen wären nichts
wert gewesen, aber diese nur, diese sei ordentlich für ihn geboren, dann ist er
auf jeden Blick eifersüchtig, dann fängt er jedes ausgesprochene Wort auf, damit
es ja kein anders Ohr, als das seinige, beglücke. - Ein ewiger, rastloser Kampf,
beständige Disharmonie, alle Kräfte und Anlagen widersprechen sich, er will
herrschen, und ist Sklave, er will lieben und hasst, Blicke lenken ihn gegen
seinen Willen, er verachtet die Eitelkeit und ist selbst eitel - er - o er
verdient wahrlich am Ende nicht, dass man sich die Mühe gibt, über ihn zu
sprechen! -
    Wenn nun das Blut langsamer durch die Adern fliesst, dann treten die
Leidenschaften nach und nach in den Hintergrund zurück. Das Hirngespinst des
Stolzes besetzt den Tron allein. Vorher konnte der Mann nur von Weibern regiert
werden, jetzt aber von jedermann. Kinder haben ihn in den Händen und werfen sich
ihn abwechselnd, wie ein Spielzeug, zu. Wer ihm schmeichelt, ist sein Freund,
und selbst wenn er das Grobe, das Unzusammenhängende in der Schmeichelei
bemerkt, so beleidigt sie ihn doch nicht, er lässt sich freiwillig fangen, er
glaubt selbst an alle Vortrefflichkeiten, die ihm der unverschämteste Poet in
einem Geburtstagsgedichte beilegt. Er ist eine Blume, die von allen Insekten
ausgesogen wird, er denkt über sich selbst nie mehr nach, sondern hat sich
völlig unter fremden Urteilen gebeugt, er kennt sich selbst nur vom Hörensagen,
und meint, andre Leute hätten für unsre Vorzüge und Fehler ein schärferes Auge,
als wir selbst. Der grösste Dummkopf kann dann diese Maschine zu seinem Vorteile
regieren, und der klügere Mensch wird die ganze Welt nur für eine grosse Fabrik
ansehn, in der diese Maschinen hingestellt sind, und die er zu seinem Vorteile
in den Gang bringen muss.
    Ich will fort, und zu Ihnen zurückkehren, ich brenne vor Begierde, von
Andrea mehr zu erfahren und zu lernen; je mehr ich diese Welt hasse und
verachte, je mehr fühle ich mich zu jener überirdischen hingezogen, die mir
Andrea aufschliessen will. Diese Bekanntschaft ist die letzte frohe Aussicht, die
ich habe.
                                       33
                           Emilie Burton an Mortimer
                                                           C.... bei Nottingham.
Sie werden erstaunen, indem Sie diesen Brief eröffnen; Sie werden vielleicht
unwillig, wenn Sie die Unterschrift sehen, aber der Freundschaft wegen, die Sie
für meinen Bruder haben, würdigen Sie mich, meine Worte anzuhören. - Mein
unglücklicher Irrtum wird Ihnen schon bekannt sein, verschonen Sie mich mit der
Erzählung, wie ich elend ward. O teurer Freund, (wenn ich Sie so nennen darf)
wüssten Sie, wieviel ich gelitten habe, Sie würden mir gern vergeben.
    Ich scheue mich an meinen Bruder zu schreiben, ich schäme und fürchte mich
ihn zu sehn; ich habe ihn zu sehr beleidigt. Seine Liebe würde mir weh tun. Ich
verliess ihn in einer Trunkenheit, in einer Raserei, ich wusste nicht, was ich
tat. Ich folgte einem Unwürdigen, dem ich mein ganzes Herz gegeben hatte. - Ich
bildete mir mancherlei ein; ach, schon auf dem Wege, schon eine Stunde nachher,
als ich das Haus verlassen hatte, erwacht ich; der glänzende Irrtum, die
Täuschung, die Eigenliebe, alles verschwand; ich sah ein, dass Lovell mich nicht
liebte, ach! und ich entdeckte in meinem eigenen Herzen, dass es ihn nie geliebt
hatte. Ich sah meine Verächtlichkeit ein, die erzwungene Spannung einer
hochfliegenden Phantasie, die Sucht etwas Eigenes und Besonderes zu empfinden -
oh, wie ich mich seit der Zeit verachtet und gehasst habe! - Aber ich habe
hinlänglich dafür gelitten. - O teureste, teureste Amalie, vergib mir, dass ich
mich immer über Dich erhaben fühlte, dass ich Dein Betragen und Deine Gefühle
unaufhörlich meisterte. - O Gott! wie gross, wie heilig erscheinst Du mir jetzt
in Deinem einfältigen Wandel!
    Ich kann die Feder kaum halten - ich fühle mich sehr schwach. - Er hat mich
verlassen, unter fremden Menschen lieg ich hier ohne Hülfe, krank auf dem
Totenbette, das fühl ich; der Gram, die Verzweiflung, sie haben die Kraft meines
Lebens hinweggenommen. Oh, er hätte mich doch nicht so verlassen sollen, das
hatt ich doch nicht um ihn verdient!
    Warum verliess ich jenes ruhige, schöne Glück, das bei mir wohnte? Liebe und
Wohlwollen, die mich von allen Seiten umgaben? - Ach! mein Bruder! wenn er mir
nur vergeben hat! wenn er nur keine Träne um seine unwürdige Schwester vergisst!
- Doch wünscht ich ihn zu sehn, ihn um Vergebung zu bitten: ach, ich würde
seinen Anblick nicht aushalten können.
    Erbarmen Sie sich meiner und besuchen Sie mich; helfen Sie mir; vergelten
Sie den armen Leuten hier, was sie an mir getan haben. -
    O Amalie! liebste Freundin! - wenn ich Ihr Angesicht noch einmal sehen
könnte! -
    Ich kann nicht weiter. -
 
                                       34
                           Mortimer an Eduard Burton
                                                                     Nottingham.
O Freund, sein Sie ein Mann, bezähmen Sie Ihren Gram. - Ihre Schwester ist nicht
mehr. Ich fand sie bloss, um sie sterben zu sehn.
    Meine Augen sind noch immer von Tränen nass, ob ich gleich fast nie geweint
habe; aber diese Szenen haben mich durch und durch erschüttert und alle
Standhaftigkeit in mir umgeworfen. Sie nannte Ihren Namen oft, sie wünschte Sie
herbei, sie lässt Sie durch mich um Verzeihung bitten. - Wilmont war gerade bei
mir, als der Brief ankam, er ritt mit mir hieher. - Als sie ihn sah, wandte sie
mit der grössten Betrübnis ihr Gesicht abwärts. Karl sah fürchterlich aus. Er
starrte mit seinen Augen immer gerade vorwärts - sie schluchzte - ein grosser
Krampf drückte an ihrem matten Herzen.
    Trösten Sie sich; und doch kann ich Ihnen nichts zu Ihrem Troste sagen: ich
bedarf selbst eines tröstenden Freundes.
    O Lovell! wie viele Seufzer und Tränen brennen auf Deiner Seele!
    Leben Sie wohl, ich kann nichts weiter hinzufügen. - -
 
                                       35
                         Karl Wilmont an Eduard Burton
                                                                     Nottingham.
So ist es denn aus, völlig aus! - Alle Hoffnungen sind tot! - Ach Emilie!
Emilie! - O könnt ich Dir folgen! - Aber bald; erst muss ich aber den
Niederträchtigen aufsuchen und strafen. Er kann nicht mehr in England sein, ich
will fort und ihn finden. - Dann, Emilie, sehn wir uns wieder. - Sie nannte
seinen Namen, noch ehe sie starb; es war ein Feldgeschrei zur Rache! -
    Leben Sie wohl, Freund! Trösten Sie sich, ich will nicht getröstet sein. -
Mortimer nannte meinen neulichen Brief unmenschlich und er hat recht, ich bin
kein Mensch mehr, ich mag es nicht sein; ein Dämon der Rache bin ich, der jetzt
durch die Welt zieht, die Strafe, die den Verbrecher aufsucht. -
 
                                       36
                           Eduard Burton an Mortimer
                                                                         Bondly.
Ich kann mich kaum überwinden, Ihnen einige Worte zu schreiben. Meine Hände
zittern, Tränengüsse haben meine Augen verdunkelt. - O Gott! ich habe sie nicht
noch einmal gesehn! - Sie hat sich in der Stunde des Todes nicht an mich
gewandt. - Siehst du, Eduard, so wirst du geliebt! - Ach, was kann ich sagen? -
Ich kann nur schluchzen und jammern! - Musste es so mit Emilien endigen? - Und
durch Lovell, durch Lovell musste mir dieser Jammer zubereitet werden? - O
Emilie! hättest Du mir vertraut, früher vertraut, so hätte ja noch alles können
gut werden! - Aber nun - wüst und tot ist alles; keine Aussicht, keine Hoffnung!
    Der Kirchhof sieht mir so schön und freundlich aus; ich wünschte dort zu
ruhen. -
    Ach Willy! Du tatest recht, dass Du starbest. - Was gibt es hier für Freuden?
-
 
                                  Neuntes Buch
                                        1
                              Adriano an Francesco
                                                                        Florenz.
Schon seit ich von Rom entfernt bin, wollte ich Ihnen schreiben, ja ich wollte
Sie schon vor meiner Abreise einmal mündlich sprechen, allein eine gewisse
Blödigkeit hielt mich immer davon zurück. Ich bin wirklich darin unglücklich,
dass ich meinem Verstande den übrigen Menschen gegenüber zu wenig zutraue, ich
muss erst in einen gewissen Entusiasmus gebracht werden, und dann traue ich
meinen Überzeugungen vielleicht wieder zu viel: wenn ich also bis jetzt gegen
Sie zurückhaltend war, so schieben Sie es allein auf diese Unentschlossenheit,
auf kein Misstrauen, das ich wahrlich gegen Sie am wenigsten kenne.
    Andrea hat mir geschrieben, und sein Brief ist ein Beweis seines Unwillens
darüber, dass ich Rom verlassen habe; und dennoch, was kann ihm an mir liegen, da
er andre Freunde hat, mit denen er öfter und lieber umgeht?
    Seit einem Jahre kenne ich Sie und Andrea, und ich hielt im Anfange Andreas
Bekanntschaft für das höchste Glück meines Lebens. Er gab meinem Geiste eine
gewisse entusiastische Richtung, die ich bis dahin noch nicht gekannt hatte.
Meine Seele ward durch ihn für mündig erklärt, und sie erschrak im ersten
Augenblicke über das grosse Vermögen, das ihr jetzt plötzlich zu Gebote stand,
und eben dieses Erschrecken war die Ursache, dass ich es viel zu hoch anschlug;
ich hatte viel gewonnen, aber doch noch nicht die Kunst, mich selbst zu
beobachten und richtig zu schätzen. Andrea nahm mir Vorurteile und Irrtümer; ich
hatte vieles bis dahin angenommen, ohne je darüber gedacht zu haben, meine
eigene Seele war mir gleichsam fremd geblieben, ich hatte das grosse Feld des
Denkens nicht gekannt, und auch keine Sehnsucht nach dieser Bekanntschaft
gefühlt. Andrea lehrte mich die grosse Kunst, alles auf mich selbst zu beziehn
und so die ganze Natur meinem Innern näherzurücken. Wie hab ich diesen Mann
damals verehrt! mit welcher Liebe habe ich in der ersten Zeit an ihm gehangen!
    Nicht, dass ich ihn nicht noch jetzt achtete, aber meine ehemalige Liebe hat
er verloren. Er hat oft über mich gespottet, dass ich mit meinem Verstande immer
nur gradeaus will, und alle Gedanken rechts und links am Wege liegenlasse, er
hat mir immer eine gewisse Einfalt zugesprochen, und ich weiss, dass mich sein
Scherz nie erbittert hat, denn er hatte vollkommen recht: es fehlt meinem Geiste
jene Fähigkeit gänzlich, durch das ganze Gebiet verwandter Gedanken zu streifen,
eine Überzeugung zu finden, und gegenüber den Zweifel dazu zu suchen, alle
Kombinationen zu ahnden und sie dann mit dem Scharfsinne wirklich zu entdecken,
mit den Analogien zu spielen, und die entfernteste kühn mit der ersten zu
verbinden; mein Blick ist beschränkt, die Natur hat mir wie einem Zugpferde die
Augen zu beiden Seiten bedeckt, und ich kann immer nur die gebahnte Strasse vor
mir sehen. Dränge mein Blick in die ungeheuren Abgründe der Zweifelsucht, die
neben meinem Wege liegen, und sähe er seitwärts die unübersteiglichen Gebirge,
so würde ich vielleicht scheu werden, und mein wilder Geist über unebene Wege
mit mir davonrennen, um sich in die Abgründe zu stürzen.
    Ich fand daher die Zweifelsucht, als die erste Veranlassung des Denkens sehr
ehrwürdig, aber ich erschrak vor dem Gedanken immer nur zweifeln zu können,
keine Wahrheit, keine Überzeugung aus dem grossen Chaos der kämpfenden Gedanken
zu erringen. Wenn der Geist zweifeln muss und sich auf dieses Bedürfnis die wahre
Verehrung des Skeptizismus gründet, so verlangt eben dieser Geist auch endlich
einen Ruhepunkt, eine Überzeugung, und ich kann also darauf auch die
Notwendigkeit der Überzeugungen gründen.
    Sollten wir denn auch die trostvolle Aussicht haben, unser Leben hindurch zu
denken, Gedanken gegen Gedanken und Zweifel gegen Zweifel unaufhörlich
abzuwägen, indes die Waage ewig in einem ermüdenden Gleichgewichte steht? Sollte
unser Geist nur immer die Reihe von Gedanken wie bunte Bilder mustern, ohne sich
selbst in einem einzigen zu erkennen?
    Als die Zeit vorüber war, in der mich meine Eitelkeit vorzüglich an Andrea
knüpfte, glaubte ich doch in ihm selbst eine gewisse Unvollendung zu entdecken,
die Sucht, mehr durch seine Gedanken zu glänzen und zu erschrecken, als die
Wahrheit und das letzte Bedürfnis der Seele zu suchen. Er verachtet die übrigen
Menschen so wie sich selbst, ihm ist daher nichts in seinem Innern ehrwürdig, er
spielt mit den Menschen nur so wie mit seinen Gedanken, er ist nichts als ein
gefährlicher philosophischer Scharlatan, bei dem ein witziger Einfall und ein
scharfsinniger und grosser Gedanke einerlei ist, der sich selbst bis auf den
Grund zu kennen glaubt, indem er nur seine Fähigkeiten und Anlagen bemerkt hat.
Er ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, die Skizze zu einer kolossalischen
Figur, aber die Vollendung, die Verteilung des Lichtes und Schattens fehlt ihm
gänzlich.
    Ich glaube, dass Sie mich kennen und dass Sie es mir zutrauen, wie gern ich
mich unter den grössern Fähigkeiten einer höhern Seele beuge; ich werde mich nie
darüber wundern, wenn ein Freund eine Gefälligkeit von mir und Nachsicht gegen
seine Meinungen verlangt, denn es werden sich Gelegenheiten finden, wo ich von
ihm dasselbe fordre; - aber welcher Freund wird den andern tyrannisieren wollen,
wie es Andrea unaufhörlich tat? Hielt er uns nicht alle wie ein Heer von
Dienern, die auf alles schwören mussten, was er sagte, die bestimmt waren, ihm in
den wunderlichsten und seltsamsten Grillen nachzugeben? Ja, ist es Ihnen nie
eingefallen, dass er uns nicht vielleicht zu noch schlimmeren Absichten
gemissbraucht hat? - O gewiss, nur waren Sie zu gutmütig, den Argwohn in sich
deutlich werden zu lassen und meine Zurückhaltung veranlasste die Ihrige.
    Wozu waren jene seltsamen nächtlichen Versammlungen, in denen er uns in eine
gewaltsame Spannung zu versetzen suchte? Ich war Tor genug, einigemal dort mit
Heftigkeit zu deklamieren, um von einer Schar von Dummköpfen bewundert zu
werden, die bei Andrea in der verächtlichsten Knechtschaft stehen. - Aus welchen
Ursachen kettete Andrea den jungen Lovell so fest an sich? Wozu jene Gaukeleien
und Erscheinungen, von denen Sie doch so wenig wie ich werden hintergangen sein,
und die den jungen Engländer fast wahnsinnig machten? Ich stand seitwärts und
zum ersten Male schlich ein verachtender Widerwille gegen Andrea in mein Herz. -
Wozu Lovells geheimnisvolle Abreise? - Was will er mit diesem jungen Menschen,
und warum muss er uns als mittelbare Maschinen brauchen, seine Plane, seien sie
auch welche sie wollen, durchzusetzen?
    Alle diese Gedanken fielen mir schon seit lange ein, aber ich traute mir
selber nicht. Ich hatte Andrea sonst so sehr verehrt, dass ich es für
wahrscheinlicher hielt, dass ich seine Grösse nicht begreifen könne, als dass er
nicht ganz gross sein sollte: aber seit ich hier in einem ruhigern Leben und
unter einfachern und einfältigern Menschen bin, kömmt mir alles von Rom aus so
seltsam wie ein Traum vor. Andrea erscheint mir in einem andern Lichte und
alles, was sonst in mir nur ferne, leise Ahndung war, ist nun zur Gewissheit
geworden. Aus diesem Grunde werde ich nicht nach Rom zurückkehren, um mich nach
und nach dem Andrea und seinen Gesellschaftern fremd zu machen; denn mögen Sie
es Einfalt nennen oder wie Sie wollen, ich habe jetzt vor ihm und seinen
Meinungen eine gewisse Scheu; ich möchte mein Herz und meinen Verstand
beruhigen, und er würde alles anwenden, um beides zu zerstören. Ich könnte
leicht durch neue Wendungen zu einer vielleicht noch schlimmern Verehrung
hingerissen werden, wer weiss, welche Schwächen er noch in mir entdeckte, die er
zu seinem Vorteile nützen könnte! - Freilich ist es etwas Törichtes, sich vor
sich selber und vor etwas, das man noch nicht kennt, zu fürchten, aber vieles
Törichte ist sehr menschlich, das fühl ich und vielleicht eben darum gut, und
deswegen will ich nach diesem Gefühle handeln. Ich bin nicht leichtsinnig genug,
um ein Rosa, und nicht Entusiast genug, um ein Lovell zu werden, und beide sind
vielleicht schon sehr unglücklich.
    Sagen Sie mir über meinen Brief Ihre aufrichtige Meinung.
 
                                       2
                              Francesco an Adriano
                                                                            Rom.
Mich freut das Zutrauen, das Sie in Ihrem Briefe zeigen, ich kann Ihnen nichts
weiter darauf antworten, als dass ich glaube, Sie haben recht, und dass ich sogar
darauf schwören wollte, dass Sie recht haben. - Sie kennen mich sehr gut, wenn
Sie meinen, dass ich im stillen ebenso wie Sie über Andrea gedacht habe, aber ich
gestand mir selbst nicht, wie ich dachte, es war mir grade so wie einem, der
sich selbst gern eine Krankheit ableugnen möchte, um sich nur eine langweilige,
mühselige Kur zu ersparen. Nun ich aber die erste Medizin genommen habe, kann
ich unmöglich wieder zurücktreten, ohne alles zu verderben.
    So wie man sich an alles in der Welt gewöhnt, so hatte ich mich auch daran
gewöhnt, unsern Andrea zu bewundern; ich schob dabei immer die Schuld auf mich,
wenn mir mancherlei an ihm seltsam und abenteuerlich vorkam. - Man kann wirklich
annehmen, dass wir, so wie Andrea und alle Menschen, in einem gewissen Grade
wahnsinnig oder toll sind, wir glauben es aber nur von denen, bei denen diese
Tollheit eine solche Konsistenz erhalten hat, dass sie zur sichtbaren Einheit
wird und dass man sie als ein seltsames Kunstwerk betrachten kann. Aber jedermann
hat irgend etwas an sich, das wahrhaftig nicht im mindesten mit seinem
ordinären, sogenannten Verstande zusammenhängt. Ich habe Leute gesehen, die
Geschmack hatten und die abgeschmacktesten verschimmelten Scharteken mit einem
solchen Eifer zusammenkauften, als wenn es ihre Lieblingsschriftsteller gewesen
wären; andere, die philosophische Schriften über alles rühmten und von einigen
behaupteten, dass man sie nicht oft genug lesen könne, die sie aber nie lasen;
Freigeister gibt es, die vor ihrem Schatten zittern, Abergläubische, die so
handeln, als wenn kein Gott wäre. Es ist als wenn dieser Kampf von
ungleichartigem Wesen in uns das hervorbrächte, was wir einen gewöhnlichen
Menschen nennen; wer von dieser Komposition abweicht, auf der einen oder andern
Seite ausschweift und alle Tollheit oder allen Verstand in sich erstickt, der
ist einer von jenen ungewöhnlichen Menschen, die wir wohl anstaunen, aber nicht
begreifen können, einer von jenen schrecklichen Magiern, die wir in
Felsenschlüften, oder in Tollhäusern besuchen; wir übrigen stehn am Kreuzwege
zwischen einem Heiligen und einem Wahnsinnigen. - So macht ich mir im Andrea
jenes Närrische zum Menschlichen, und fand ihn darum nur um so liebenswürdiger,
es war das, was seine Glorie verdunkelte, die wahre Narrenkappe, an der man den
Menschen von den Tieren und den Engeln unterscheiden kann.
    Andrea gab dem kalten, einfachen Menschen sehr viele Blössen. Er geht mit
seinen sogenannten Freunden auf eine seltsame Art um, er scheint selbst
mutwillig das von sich zu entfernen, was man Zutrauen und Wohlwollen nennt, um
es dann doch auf einem andern mühseligern Wege wiederzusuchen; er liess uns in
Zweifel, ob wir seine Geistererscheinungen für Spass oder Ernst nehmen sollten,
aber alles dies schrieb ich auf die Rechnung der schon oft erwähnten Tollheit,
die mich nach und nach ansteckte, so dass sie mir am Ende gar nicht mehr seltsam
vorkam, sosehr sie mir auch im Anfange aufgefallen war. - Jetzt aber bin ich
ganz und gar Ihrer Meinung, ich ahnde Plane und Maschinerien, und dies wird mich
bewegen, mich ebenfalls von Andrea zurückzuziehn. - Wenn es nur möglich ist! Ich
bin zu bequem, um grosse Schritte zu tun und die kleinen dienen bei einem solchen
Menschen nur dazu, uns ihm wieder näherzubringen. - Wir sollten an Rosa
schreiben, vielleicht dass er uns die besten Winke geben könnte, da er immer mit
Andrea am vertrautesten gewesen ist.
    Lovell ist mir immer als ein Narr vorgekommen, aber seine Narrheit ist eine
tragische, und das tut mir um so mehr leid, da ich ihm gut bin.
 
                                       3
                              Francesco an Adriano
                                                                            Rom.
Ich bin Ihrem Rate gefolgt und ich finde, dass selbst Unbequemlichkeiten bei
weitem nicht so unbequem sind, als man sich im Anfange vorstellt. Andrea hat
mein verändertes Betragen bemerkt, aber er scheint keine besondre Teilnahme
darüber zu äussern. Es ist wirklich gut, dass Sie mich in Ihrem neulichen Briefe
auf alles aufmerksam gemacht haben. Warum sollen wir denn nicht auf unsre eigne
Hand vernünftig sein dürfen, und immer nur auf die Bestätigung dieses Andrea
warten? Darf er denn nur unserm Kopfe das Privilegium erteilen, zu denken? Ich
könnte es niemals übers Herz bringen, irgendeinen Menschen auf eine ähnliche Art
zu beherrschen; ich würde mich vor mir selber schämen.
    Hat denn nicht jede Schule und jede Sekte etwas sehr Verächtliches? Muss
jeder Stifter und jedes Oberhaupt einem Bärenführer gleichen, der seine
Untergebenen zu gewissen Künsten abrichtet, die sie nach seinem Belieben
wiederholen? Warum soll ich nun nicht so denken dürfen, wie mir der Kopf
gewachsen ist? -
    Ich habe an Rosa geschrieben und ich bin auf die Antwort begierig.
 
                                       4
                               Rosa an Francesco
                                                                         Tivoli.
Sie haben mir durch Ihren Brief sehr weh getan, lieber Francesco. Soll ich Ihnen
sagen, dass Sie recht haben, soll ich den Versuch machen, Ihnen das Gegenteil zu
beweisen? Beides wag ich nicht. Schon seit lange bin ich von allen Seiten mit
Irrtümern und Zweifeln umgeben; ich kann keinen Schritt vor und keinen zurück
tun, ohne zu straucheln. Wie glücklich sind Sie und Adriano, da Sie sich so
ungebunden fühlen, da Sie überzeugt zu sein glauben!
    Sie können sich meine Lage vielleicht gar nicht vorstellen. In einer
Ungewissheit, dass ich darüber würfeln möchte, wie ich von Andrea denken soll,
bald zu einer tiefen Verehrung hingerissen, bald von einem niedrigen Argwohn
angelockt - mir bewusst, wie sehr ich gegen mich selbst geheuchelt und wie viel
ich ihm zu danken habe - o Francesco, es wäre um wahnsinnig zu werden, wenn man
diesen Gedanken nachhängen wollte. Was habe ich je gedacht, was nicht
ursprünglich aus Andreas Kopfe gekommen wäre? Ich fühle und bekenne meine
Schwäche. Sollte ich ihn aufgeben, so würde ich mit ihm alles dahingeben, was
mich zusammenhält, ich habe so vieles getan, um ihm nahezukommen, und alles
sollte nun vergeblich sein!
    Und dann ist es unmöglich! Ich kann Ihnen nicht sagen, warum, aber glauben
Sie mir, es ist unmöglich. Wenn der Mensch wüsste, zu welchen Folgen ihn ein ganz
gleichgültig scheinender Schritt führen könnte, er würde es nicht wagen, den Fuss
aus der Stelle zu setzen.
    Am wenigsten kann ich mir jene Lügen vergeben, die ich mir selber vorsagte;
in einer gewissen Spannung sucht man das Wunderbare und stellt selbst das
Gewöhnliche auf eine seltsame Weise. Diese Übertreibung drückt mein Herz schwer
nieder, ob ich gleich nicht ganz Ihrer Meinung sein kann, dass Andrea nicht in
einem hohen Grade Verehrung verdiene; wenn wir ihn auch nicht begreifen können,
so berechtigt uns das noch gar nicht, ihn gänzlich zu verwerfen.
    Ich habe oft abgesetzt und war sehr oft ungewiss, ob ich den Brief abschicken
sollte. Mögen Sie ihn indes nehmen, wie Sie wollen, bei einem billigdenkenden
Manne wird er mich entschuldigen.
 
                                       5
                             William Lovell an Rosa
                                                                          Paris.
Ich bin auf der Rückreise nach Italien, ich schreibe Ihnen diesen Brief aus
Paris. - Hier befinde ich mich besser, als auf der Reise hieher; wenn man die
Menschen in einem dicht gedrängten Gewühle sieht, so sind sie weit erträglicher.
Man sieht sie dann so einzeln und abgerissen, und jede Armseligkeit an ihnen
erscheint dann vergrössert. Wie sie alles nur auf sich, einzig auf sich beziehn!
Wie der armseligste Bauer meint, dass man ihm sein Haus und seinen wüsten Garten
beneide - wie jeder von der Narrheit und von den Schwächen des andern spricht,
ihn mustert und sich so unendlich über ihn erhaben fühlt! - Wie keiner daran
denkt, dass er einst mit den Würmern und den wilden Blumen des Kirchhofs verwandt
werden wird - ach! wie sie den ekelhaften Körper, jeglicher auf seine eigene
Art, ausputzen und verherrlichen! -
    Hier in den betäubenden Zirkeln, in denen sich alle Maschinen auf die
lebendigste Weise bewegen, und jeder den andern durch witzige Einfälle, oder
durch Reichtum, oder Glück, oder Schönheit verdrängt, hier in diesen bunten
abwechselnden Szenen ist mir um vieles besser. Man rührt sich mit unter den
beweglichen Puppen, man lacht, trinkt und spielt, und vergisst dabei, dass man ein
Mensch ist; eben je mehr man unter ihnen ist, je mehr vergisst man, dass man zu
ihnen gehört.
    Ich spiele viel und ich habe bei weitem nicht so viel Glück, als in England.
- Tadeln Sie mich nicht, denn ist nicht alles, was wir Genuss der Seele nennen,
etwas, das darauf hinausläuft? Ob ich mit Worten oder Karten, Definitionen,
Würfeln oder Versen spiele, gilt das nicht alles gleich? - An die Karten und
ihre wunderbaren, unerwarteten Abwechselungen kann man alle Empfindungen
knüpfen; das Glück steigt und fällt, wie Ebbe und Flut, mit jedem Spiele beginnt
ein neues Schicksal und unser Innres bewegt sich harmonisch mit den
Abwechselungen der bunten Bilder. Die Seele interessiert sich für diese
gefärbten Zeichen und wird vertraut mit ihnen, und das Leben bleibt in einem
unaufhörlichen muntern Schwunge, die Leidenschaften sinken nie unter, Freude und
Schreck wechseln und jagen immer schneller und schneller das Blut durch die
Adern - was kömmt gegen diese Empfindungen das unbeholfene Geld in Rechnung?
Jeder Mensch braucht eine Erschütterung; der eine sucht sie im Teater, der
andere in irgendeinem Steckenpferde, dem er sich mit der innigsten Liebe
hingibt; ein andrer macht Plane, ein vierter ist verliebt - das Spiel ersetzt
mir alles, es entfernt mich vom Bewusstsein meiner selbst und taucht mich in
dunkle Gefühle und wunderbare Träumereien unter. Es ist oft, als käme man dem
eigensinnigen Gange des Zufalls auf die Spur, als ahndete man die Regel, nach
der sich die durcheinandergezogenen Kreise bewegen.
    Auf der Fahrt von Soutampton nach Guernsei hatten wir einen heftigen Sturm.
Der Blitz zersplitterte den einen Mast und die Wogen donnerten und brausten
fürchterlich. Wir alle kämpften mit der Furcht des Todes und dicke Nacht lag um
uns her. Die Winde strichen pfeifend über das empörte einsame Meer hin, und beim
Leuchten des Blitzes sahen wir den Aufruhr der Flut; das Geschrei der Matrosen
dazwischen, das Wehklagen der Geängstigten - es waren fürchterliche Stunden! Nie
hab ich mich so verlassen gefühlt und dem blinden Ohngefähr so gänzlich
preisgegeben. Mit der Kälte der Verzweiflung erwartete ich riesengrosse Wogen,
die das Schiff verschlängen, krachende Blitze, die es zerschmetterten, den
Orkan, der es auf eine Klippe schleuderte. Eine fremde, bis dahin unbekannte
Gewalt, die Liebe zum Leben, der Instinkt alles Lebendigen stand in meiner Brust
auf und beherrschte mich und mein Bewusstsein. Ich lernte zum ersten Male die
Furcht, die Angst vor dem Tode kennen; ich klammerte mich an den Mast so fest,
als wenn ich das Schiff durch meine eigne Kraft über den Fluten emporhalten
wollte. Ich wünschte nur zu leben, und vergass jedes andere Glück und Elend der
Erde; der Tod war mir jetzt ein grässliches, riesenmässiges Ungeheuer, das seine
Hand kalt und unerbittlich nach mir ausstreckte; von allen Seiten hatten mich
seine Wächter eingesperrt und das Entrinnen war unmöglich! Wie lieb gewann ich
in diesen Augenblicken den Arm, der mich an den gefühllosen Mast kettete, wie
sehr liebt ich mich selbst! -
    Das Wetter ward endlich ruhiger und alle erwachten wie aus einem schweren
Träume; das Land, das wir erreichten, kam uns so neu und doch wie ein alter
Freund vor. -
    Ich mag nicht noch eine solche Stunde erleben, und wie leicht ist es
möglich, dass sie mich plötzlich überrascht. - Ach, noch weit entsetzlicher ist
das einsame Krankenbette, in das der Tod nach und nach mit hineinkriecht, sich
mit uns unter einer Decke verbirgt und so vertraulich tut. - Ich entsetze mich
in manchen Stunden davor, dass ich irgendeinmal sterben muss; man denkt daran nur
so selten ernstaft, und doch ist es wahr. Wie zittert der Sünder vor dem Tage
seiner Hinrichtung - und kann einer von uns diesem Schicksale entgehn? - Ach,
das Leben ist verächtlich und fürchterlich, aber der Tod ist entsetzlich und
abscheulich; der arme, geängstigte Mensch steht in der Mitte und weiss nicht,
wonach er greifen soll. - Wie kaltblütig uns die Dichter immer Sterbliche!
anreden, und wie wenig wir selbst meistenteils dabei empfinden!
 
                                       6
                           Eduard Burton an Mortimer
                                                                         Bondly.
Wie geht es Ihnen, lieber Mortimer? Ich habe lange keine Nachrichten von Ihnen
bekommen. - Der alte Sir Ralph mit seiner Tochter, von denen Sie mir neulich
schrieben, in der Sie Emilien zu finden hofften, wohnt jetzt in meiner Gegend,
und er scheint sich in seinem einsamen Hause recht wohlzubefinden. Es ist eine
Erquickung meines Herzens, es ist eine Schuld, die ich abbezahle, wenn ich
diesen Leuten wohltue. Ich besuche sie oft, und ich muss Ihnen gestehn, dass ihr
Umgang mich fast am meisten getröstet hat.
    Der alte Mann, der gut erzogen war, und nun am Rande des Grabes in die
schrecklichste Armut versinkt, halb blind, mit allen Bequemlichkeiten des Lebens
vertraut, und nun plötzlich von allem entblösst, der gern ein Stoiker sein
möchte, wenn er nur könnte, der sein Elend so innig fühlt und sich doch, sosehr
er Hülfe wünscht, davon zu sprechen schämt: er ist mir nach und nach so
interessant geworden, dass es mir vorkömmt, als fehle mir irgend etwas, wenn ich
ihn an einem Tage nicht gesehn habe.
    Seine Tochter ist ein reizendes Bild der Unschuld, ohne alle Prätension. Sie
wundert sich über Glück und Unglück gleich wenig in der Welt, und nicht aus
Standhaftigkeit, sondern weil sie so unbefangen ist, dass sie glaubt, es muss so
sein. Sie ist ein erwachsenes Kind, das mit allen Gegenständen spielt, die es
erreichen kann. O wohl dir, glückliches Wesen! Wie bunt und lustig sieht dir
selbst in deinem Elende die Welt aus, du gehst mit neugierigem Auge hindurch,
und betrachtest eifrig jede Nichtswürdigkeit als etwas sehr Merkwürdiges. - Sie
geniesst das Leben, wie man sonst nur ein Kunstwerk geniesst, es ist ihr ein
grosser Jahrmarkt, mit nett ausgeputzten Seltenheiten. -
    Ach ich denke an Emilien zurück. Alle meine Sorgen, alle schlaflosen Nächte
fallen mir ein, wenn ich ein liebenswürdiges Gesicht sehe. Wo ich mich freuen
will, tritt mir eine schwarze Erinnerung entgegen, und wenn ich mich zuweilen
vergesse, so mache ich mir nachher über meinen Leichtsinn nur desto
schmerzhaftere Vorwürfe. - Als nun ihr Rausch nach und nach entfloh, was muss sie
gelitten haben! als sie sich die Entdeckungen in dem Innern ihrer Seele gestand
und alles wie nichtiges schales Spielzeug dalag, das sie in der Entfernung mit
so vieler Ehrerbietung betrachtet hatte. Ihre hohe Empfindung hatte sie für
etwas Einziges gehalten, sie hatte unvollendete schöne Eigenschaften darin
geahndet, und sich selbst als ein Wesen betrachtet, das mit seinen grossen und
mannigfaltigen Fähigkeiten unbekannt sei. Dies ist der gefährlichste Stolz im
Menschen, er macht ihn frech und zuversichtlich auf Gaben, die er nicht besitzt,
und unglücklich, wenn die Seele endlich selbst jene eingebildeten Schwingen
versuchen will. - Wenn das Sterben ein Erwachen vom Leben ist, so war sie schon
vor dem Tode auf eine ähnliche Art erwacht, das beweiset ihr letzter Brief. Sie
muss es innig gefühlt haben, dass sie nur geträumt und nicht gelebt habe; wie muss
sie erschrocken gewesen sein, als sie sich beim Erwachen an einem so fernen und
fremden Orte wiederfand?
    Ach Emilie! Dein Name tönt in meinen Ohren so süss, meine ganze Kindheit
liegt in dem Laute. - Ich schwärme oft und bilde mir ein, dass sie mich hört, dass
sie es sieht, wenn ich ihre Papiere küsse und mit meinen Tränen benetze. - Ich
habe aus dem Gedächtnis ihr Bildnis gezeichnet, und es ist, nach meiner Meinung,
sehr ähnlich; bei jedem Zuge, der mir gelang, entstürzten Tränenströme meinen
Augen, es war als wenn sie selbst plötzlich wieder aus dem Papiere hervorbrechen
würde, und mir sagen, alles, alles sei nur eine unnütze Angst gewesen, dass sie
mir dann, wie in der Kindheit, den Kopf herumdrehen würde, und ich über den
grausamen Schelmstreich lachen müsste.
    Was mich in meinen Schmerzen am meisten niederschlug, war, dass die Natur und
alle Gegenstände umher so kalt und empfindungslos schienen. In mir selbst war
der Mittelpunkt aller Empfindungen, und je mehr ich aus mir hinausging, je
weiter lagen die Empfindungen auseinander, die in meinem Herzen dicht
nebeneinander wohnten. - Aus dieser Ursache fühlt sich der Unglückliche in der
Welt unter allen Geschöpfen so fremd, denn man nimmt auf seinen Schmerz nie
Rücksicht genug, man achtet ihn nie so, wie er es wünscht. - Die Menschen, die
mich umgaben, trockneten bald ihre Augen, andre hatten nie geweint, noch
entferntere Emilien nie gekannt. - Ich schalt auf alle und war ungerecht. Dieses
mannigfaltige und widersprechende Interesse der grossen Menschheit sollte uns im
Gegenteile im Unglücke trösten.
 
                                       7
                           Mortimer an Eduard Burton
                                                                    Roger Place.
Es ist im Leben nicht anders, es wechselt alles wie Sonne und Mond, wie Licht
und Finsternis. Hoffnung und Furcht ist die Lebenskraft, die unser Herz in
Bewegung erhält und in jedem Moment der Leidenschaft sollten wir schon auf diese
Abwechslung rechnen. Das Leben ist nichts weiter, als ein ewiges Lavieren
zwischen Klippen und Sandbänken, die Freude verdirbt unser Herz ebensosehr als
die Qual, und eine feste Ruhe und gleichförmige Heiterkeit ist unmöglich.
Unglück macht menschenfeindlich, misstrauisch, verschlossen, der Mensch wird
dadurch ein finstrer Egoist, und indem er auf alles resigniert, hat er den Stolz
sich selbst zu genügen. Das Glück ist die Mutter der Eitelkeit, selbst der
Vernünftigste wird sich im stillen für wichtiger halten, als er ist; Eitelkeit
und Selbstsucht lassen den Menschen vielleicht nie ganz los, im ewigen Kampfe
mit ihnen besteht am Ende sein Verdienst.
    Ich spreche aus dem Herzen, lieber Burton. Ich bin noch einer von den
kältern Menschen, und doch bin ich immer mit Wogen gestiegen und gesunken. -
Wenn ich einmal melancholisch würde, so könnte ich mit Hamlet sagen:
    »Ich bin noch keiner der Schlimmsten, und doch könnt ich mich solcher
Verbrechen anklagen, dass es besser wäre, man hätte mich nicht geboren.« -
    Im Glücke war ich stolz und eigensinnig, beim kleinsten Unglücke glaubt ich,
dass dergleichen mir nur allein begegne, jedermann hatt ich dann im Verdachte,
dass er mich verfolge und hasse, ich hielt die Menschen sogleich für viel besser
und schlechter, als ich war; ich übertrieb alles auf eine kindische Art, um mir
nur recht unglücklich, zuweilen, um mir selbst nur recht schlecht vorzukommen.
Ich unterschied mich von andern nur dadurch, dass ich weniger sprach und mich
mehr verstellte, dass ich einige Philosopheme hersagte, die mir immer zu Gebote
standen und die die Augen der Menschen verblendeten. - Wahrlich, wir sind am
Ende alle Brüder einer Mutter.
    Trauen Sie es mir wohl zu, dass ich lange für mich glaubte, Lovell habe mein
Haus angezündet, weil er mir meinen Frieden beneide? Ich hatte eben keine Gründe
zu diesem Argwohne, als mein misstrauisches Herz. - Aber ich habe es ihm auch mit
diesem Herzen wieder abgebeten.
    Ach, ich muss die Feder niederlegen, denn ist nicht auch das, dass ich so über
mich spreche, vielleicht wieder Eitelkeit? - Es gibt gewisse Gedanken, die man
zu den Kuriositäten der Seele rechnen sollte.
    Ich bete alle Nächte für Amaliens Niederkunft - und ist es nicht wieder die
Hoffnung, die mir diese Laune gibt, die vielleicht unbarmherzig genug gegen Ihre
Melancholie anrennt? - Aber verzeihen Sie mir und dem Menschen, und leben Sie
wohl.
 
                                       8
                           Eduard Burton an Mortimer
                                                                         Bondly.
Ihr Brief hat mich nicht beleidigt, sondern getröstet. Warum verstand ich jenen,
der mich zuerst gegen Lovell aufbrachte, nicht ebenso gut? Bin ich denn nicht
aller derselben Schwächen schuldig, ach! und noch vieler andern. - Eben unser
Herz, das uns von innen veredelt und bessert, indem Empfindungen auf- und
niedersteigen, um es zu erwärmen und zu reinigen, eben dies bewegt uns am Ende
wieder, diese Empfindungen für ganz etwas Einziges zu halten, sie viel zu hoch
uns selber anzurechnen, und dadurch eine Scheidemauer zwischen uns und den
übrigen Menschen zu ziehn. In Lovells Bekenntnissen finde ich jetzt mich selbst
wieder, nur dass er übertreibt, wie denn alles übertrieben ist, was man
absondert, um es einzeln hinzustellen, damit es andre fassen und begreifen.
Unser Sprechen besteht darin, dass wir ganze Massen von Gedanken und Bildern als
einen Begriff hinstellen, wir nehmen die Phantasie zu Hülfe, um der fremden
Seele zu erläutern, was uns selbst nur halb deutlich ist; und auf diese Art
entstehn Gemälde, die dem kälteren Geiste, der nicht gespannt ist, Missgeburten
scheinen. Es ist ein Fluch, der auf der Sprache des Menschen liegt, dass keiner
den andern verstehn kann, und dies ist die Quelle alles Haders und aller
Verfolgung: die Sprache ist ein tödliches Werkzeug, das uns wie unvorsichtigen
Kindern gegeben ist, um einer den andern zu verletzen. - Ach, habe ich nicht
dadurch Lovell und Emilien verloren?
    Ich sehe Ralph und seine Tochter täglich. Sie ist in ihrer Unschuld
verehrungswürdig, und diese Menschen söhnen mich nach und nach mit der Welt und
ihren Bewohnern wieder aus. - Ich wünsche Sie bald als einen glücklichen Vater
begrüssen zu können. Es ist doch recht erfreulich, wenn jeder die kleine Stelle,
auf der er steht, für die vornehmste auf der Erde hält.
 
                                       9
                           Mortimer an Eduard Burton
                                                                    Roger Place.
Es ist endlich entschieden, lieber Freund, Amalie ist ausser Gefahr, und ich bin
der Vater eines jungen hoffnungsvollen Sohnes. Man kann nicht in die Zukunft
sehn, sonst würde ich mich vielleicht noch mehr freuen, als es geschieht; Amalie
ist sehr glücklich.
    Ob denn auch bei mir jene Eitelkeit eintreten wird, die mir an andern Vätern
oft so sehr missfallen hat? Man kann freilich für nichts stehn, am wenigsten für
irgendeine menschliche Schwäche, allein ich glaube es doch nicht. Ich habe schon
sehr genau auf mich achtgegeben, aber ich muss Ihnen gestehn, dass mir das
Schreien meines Kindes ebenso unharmonisch vorkömmt, als das aller übrigen; dass
ich es nicht schön finde, so wie es bis jetzt ist, dass ich auch noch keinen
Funken von Verstand oder Genie an ihm entdeckt habe; ich habe Väter gekannt, die
darin unendlich scharfsichtiger waren, die es übelnahmen, wenn sich jemand beim
Gekreisch ihres Sohnes die Ohren zuhielt, oder meinte, dass er die Fragen, die
man an ihn tat, wohl noch nicht verstehn möchte.
    Ich bin nicht so lustig, als es neue Väter gewöhnlich zu sein pflegen; der
Anblick des Kindes macht mich sehr ernstaft. Kann ich wissen, von welchen
Zufälligkeiten, die schon jetzt eintreten und die ich nicht einmal bemerke, sein
künftiges Schicksal abhängt? Die ganze unendliche Schar der Gefühle und
Erfahrungen wartet auf ihn, um ihn nach und nach in Empfang zu nehmen. Glück und
Unglück wechselt, er wird in alle Torheiten eingeweiht und glaubt sich in jeder
verständig. So treibt er den Strom des Lebens hinunter, um endlich wieder, wie
wir alle, unterzugehn.
    Nein, das Leben kann nicht das Letzte und Höchste sein, da wir so oft das
Leere und Unzusammenhängende darin empfinden. Jedesmal, wenn wir ernstaft
werden, ohne zu wissen warum, erinnern wir uns vielleicht dunkel eines besseren
ehemaligen Zustandes. Dem Schwärmer ist es vielleicht gegönnt, diese flüchtigen
Erinnerungen festzuhalten, und er entfernt sich daher mit jedem Tage mehr vom
gewöhnlichen Leben.
    Auf diesem Wege könnte man aber auf eine recht vernünftige Art verrückt
werden, und dieser Zustand mag nun in sich selbst so vortrefflich sein, als er
will, so sieht er doch in der Entfernung zu abschreckend aus, als dass ich ihm
sollte näherkommen wollen.
 
                                       10
                                Adriano an Rosa
                                                                        Florenz.
Sie irren, Rosa, wenn Sie vielleicht glaubten, dass Ihre Spötterei mich
aufbringen würde, noch mehr aber, wenn Sie der Meinung waren, mich dadurch zu
überzeugen. Ich mag und kann Ihnen hier meine Gründe nicht weitläuftig
auseinandersetzen, warum ich jetzt noch nicht nach Rom zurückkehren werde. Ich
wünschte durch mein ganzes Leben einen geraden Weg vor mir zu haben, den ich
übersehn kann, von dem ich weiss, wohin er mich führt. Ich mag lieber nicht weit
kommen, als mich aufs Ungewisse einem unbekannten Fusssteige vertrauen.
    Das Gleichnis wird Ihnen vielleicht lächerrlich dünken - aber mag's! Es ist
vielleicht notwendig, dass manche Menschen uns verachten, damit uns andre wieder
schätzen. - Ich besitze freilich nicht jene Fähigkeit, jede Meinung sogleich zu
verstehn und in ihr zu Hause zu sein, ich bin ungelenk genug, manches für Unsinn
zu halten, weil ich es nicht begreifen kann, aber verzeihen Sie mir meine
Schwäche so wie ich Ihre Grösse bewundre. - Ich spotte jetzt nicht, Rosa, sondern
es ist mein völliger Ernst; ich habe über mich selbst nachgedacht und gefunden,
dass alle meine Schwächen mit meinen bessern Seiten zusammenhängen, wie es
vielleicht bei jedem Menschen ist: die gewaltsamen Änderungen sind auf jeden
Fall immer ein sehr missliches Unternehmen, es gibt keine so geschickte Hand, die
mit dem Unkraute nicht zugleich die guten Pflanzen ausraufte. Lassen Sie mich
darum lieber so, wie ich bin, Sie mochten mich sonst ganz verderben.
    Auch dass ich dies fürchte, ist eins von den Vorurteilen, die Sie verlachen.
Aber, lieber Freund, entkleiden Sie den Menschen von allen Vorurteilen, und sehn
Sie dann, was Ihnen übrigbleibt. Die Sucht, ganz als freier Mensch zu handeln,
führt am Ende wieder den schlimmsten Vorurteilen, oder dem Wahnsinne entgegen.
Ich will lieber manches glauben, um nur mit mir selbst zur Ruhe zu kommen. Sagen
Sie mir aufrichtig, ob es auf Ihrem Wege möglich ist?
    Doch lassen Sie mich lieber die ganze Untersuchung abbrechen, denn sie führt
doch zu nichts.
 
                                       11
                                Bianca an Laura
                                                                            Rom.
Besuchen Sie mich doch, liebste Freundin, ich habe den ganzen Tag geweint. Der
Arzt hat mir heute morgen endlich angekündigt, dass ich die Schwindsucht habe.
Ich weiss vor Betrübnis nicht zu bleiben. - Ich habe gebeichtet, allein ich bin
nur wenig getröstet; kommen Sie und heitern Sie mich durch einige lustige
Erzählungen auf.
    Wen haben Sie denn jetzt zum erklärten Liebhaber? O erzählen Sie mir doch
von ihm recht viele Torheiten, damit mir die Welt nur wieder etwas lustig
vorkömmt. - Ob denn die Schwindsucht immer so gefährlich sein mag, als man sagt?
- Ach, liebe Freundin, der Gedanke an den Tod ist sehr bitter. - Wenn Sie nicht
kommen, weiss ich nicht, wie ich den Abend zubringen soll. Ich werde dann wieder
weinen und beten. - Aber kommen Sie ja, ich beschwöre Sie.
 
                                       12
                                Laura an Bianca
Ich kann Sie heute unmöglich besuchen, aber morgen. Alle unsre Bekanntschaften
haben mich verlassen und ich habe eine Zeitlang recht einsam gelebt; aber seit
gestern habe ich wieder einen guten Freund angetroffen. - Mit Ihrer Krankheit
wird es mit der Zeit wohl besser werden, Sie müssen nur nicht die Hoffnung
verlieren, denn die Hoffnung ist die beste Arznei. - Wenn Sie aber wirklich die
Schwindsucht hätten, so könnte diese Krankheit für andre leicht ansteckend sein:
wenigstens sagt man es so. Aber ich will doch morgen zu Ihnen kommen, nur müssen
Sie auch hübsch heiter und lustig sein, denn wenn ich jemand sehe, der weint, so
werde ich gleich mit betrübt, und nichts in der Welt fällt mir so zur Last, als
die Betrübnis. Man sollte nie betrübt sein, wenn man es möglich machen könnte,
es ist so nicht viel an dieser Welt, und wir müssen sie uns also nicht noch
mutwillig verbittern. Der junge Lovell hat mir sonst mit seinem sauren Gesichte
manche böse Stunde gemacht und ich weiss nicht, warum mir an einem Manne die
Ernstaftigkeit noch fataler ist als an einem Frauenzimmer. - Schicken Sie mir
doch etwas von Ihrer Schminke, die meinige ist zu Ende und ich kann noch keine
neue bekommen. Es ist doch wirklich unangenehm, dass die Haut davon so gelb wird,
ich bemerke das seit drei Wochen: auf jedem Topfe steht, dass die Schminke
unschädlich sei, und doch ist es dann nicht wahr, wenn man es untersucht. - Was
haben Sie für einen Arzt? - Armes Kind, ich kann mir Ihre Betrübnis recht denken
und Sie haben auch Ursache dazu; aber Sie müssen sich dennoch trösten, denn das
Klagen und Weinen macht es nur schlimmer. Wenn Sie ausgehn dürfen, so kommen Sie
heute vor abends zu mir.
 
                                       13
                             William Lovell an Rosa
                                                                          Paris.
Ich weiss nicht, warum ich immer noch hier bin. Ich sollte endlich zurückkehren.
Es ist unbegreifliche Trägheit von mir, dass ich noch nicht in Rom bin. Wie kann
man so ganz von aller Kraft, von aller innern Stärke verlassen sein!
    Mein Glück im Spiele hat aufgehört und doch bin ich an den Tisch wie
festgezaubert. Wenn ich Karten sehe, läuft mein Blut lebendiger, und ich träume
nur von glücklichen oder unglücklichen Spielen. Ich verstehe jetzt, was man
unter der Leidenschaft des Spiels sagen will. Ich habe schon ansehnlich
verloren, das Geld, was ich aus England mitbrachte und einen grossen Teil von
Burtons Wechseln: ich ärgre mich darüber nicht, aber über die platte Freude der
jämmerlichen Menschen, die von mir gewinnen. Sie halten das blinde Glück für
einen Vorzug, der ihnen eigentümlich ist, sie verachten mich, indem ich
verliere. Ich lerne jetzt zuerst den Wert des Geldes empfinden, und kann doch
nicht zurück, wenn ich die verdammten Bilder sehe. - Raten Sie mir, was ich tun
soll. Und weiss ich nicht alles im voraus, was Sie sagen werden? Oh, es ist um
toll zu werden, dass man so närrisch ist!
    Der Begriff von Zeit ist mir jetzt fürchterlich. Wenn ich einen Tag vor mir
habe, ohne zu wissen, was ich mit ihm anfangen soll - oh, und dann den Blick
über die leere Wüste von langweiligen Wochen hinaus! Und wieder eine Stunde nach
der andern von der Zeit zu betteln, sich vor dem Gedanken des Todes zu
entsetzen! Wie elend ist der Mensch, dass er sterben muss, und wie höchst
unglückselig müsste er sein, wenn er ewig lebte! Wie toll und unsinnig ist unser
Leben durch diese unaufhörlichen Widersprüche!
    Wie verächtlich ist alles um mich her, durch unsre Sinnlichkeit, die uns
unerbittlich an Nichtswürdigkeiten fesselt. Alles, was Freude, Schönheit, Genuss
und Witz heisst, bezieht sich unmittelbar auf die gröbste Sinnlichkeit; das
Menschengeschlecht ermüdet nicht bei denselben frostigen Spässen, die Phantasie
bekömmt keinen Ekel vor sich selber. Oh, mir zittert oft das Herz, wenn ich die
Menschen um mich her lachen sehe, wenn ich junge Leute betrachte, die sich in
ihrer Verächtlichkeit so glücklich fühlen. Kein Gedanke hebt dies Geschlecht
über seine jämmerliche Eingeschränkteit hinaus. Ach, wenn ich dann aus ihrer
Gesellschaft unter den freien Himmel trete, und die ewige Schar der unendlichen
Welten über meinem Haupte funkeln, wenn ich mich mit Schwindeln in die Millionen
dieser Erden verliere und andre und noch höhere ahnde, wenn ich den Mond
betrachte und Städte, Berge und Wälder auf seiner Scheibe entdecken möchte - und
ich komme dann zu mir und zur gewöhnlichen Heimat meiner Gedanken zurück!
Karten, Würfel und unzüchtige Gespräche. Die Seele leugnet sich selbst ihre
Schwingen ab und wohnt mit Wohlbehagen in einem schmutzigen Kerker, weil der
Äter und die Sonne und jede freie und glänzende Bahn eine strenge Rechenschaft
von ihr fordert.
    O Rosa! Wie oft erwachen jetzt kindliche Gefühle in meiner Brust, die wie
unvermutete, längstvergessene Freunde bei mir einkehren und den Hauch des
ehemaligen Frühlings mit sich bringen. Bilder von Gegenden, die mich sonst
schwermütig entzückten, kommen in mein Gemüt und machen mich von neuem
melancholisch: es reichen süsse Stimmen über alle Abgründe zu mir herüber und
nennen sehnsuchtsvoll und anlockend meinen Namen. Ach, wie unaussprechlich
unglücklich macht mich alles! - Und dann kehre ich zu den Karten und zu meinen
gemeinen Gesellschaftern zurück.
    Oft, wenn ich mich in wüste Träume verliere und die Erde mit allen ihren
Schätzen wie ausgebrannte Schlacken vor mir lieget, geht Amaliens Name wie die
erste Blume nach dem Winter in meinem Herzen auf. Wie von vorüberfliegenden
Engeln werd ich dann begrüsst, wie Morgenrot umgibt es mich, das mühsam nach mir
hinüberklimmt. Dann möcht ich die unendlichen Gefilde des Himmels vergessen und
zur Erde, wie zu einer lieben Hütte zurückkehren. - Ach, meine Träume sind mehr
wert, als die Wirklichkeit! Und musst ich erst die Wirklichkeit so kennenlernen,
um auf diese Art träumen zu können?
 
                                       14
                            Karl Wilmont an Mortimer
                                                                          Paris.
Ich habe keine Ruhe und kann ihn auch nicht finden. Es ist mir oft, als triebe
es mich in ein Haus hinein, dass er dort sein müsse, und wenn ich hineintrete,
ist er doch nicht da. Eine unbeschreibliche Ungeduld quält mich Tag und Nacht,
ich träume nur von ihm, und oft glaub ich am Morgen, dass er zu mir in das Zimmer
trete. Ich laufe an öffentlichen Örtern herum, ohne zu sehn und zu hören. Dann
empört sich meine Wut in mir von neuem und eine gänzliche Erschlaffung aller
Kräfte folgt dieser Anspannung.
    Ach, wie kömmt mir das Leben vor? Von Torheiten wird es zusammengehalten,
damit es nicht zerfällt; je älter und schwächer der Mensch wird, je mehrere
dieser Narrheiten fallen ihm aus, und der Tod besteht am Ende darin, dass die
letzte Torheit aus dem Menschen springt und so dem Geiste Platz macht; und so
sterbe ich vielleicht, wenn ich meine Rache ganz aufgebe. Denn was will ich denn
damit, oder was kann sie mir helfen? Man möchte zuweilen alles nur für Scherz
halten.
    Ich verzweifle an mir selber; ich wünschte, dies klägliche Leben wäre erst
zu Ende, damit mir besser und ruhiger würde. - Und doch muss ich ihn suchen und
finden, dann werde ich sterben! -
 
                                       15
                           Eduard Burton an Mortimer
                                                                         Bondly.
Was sagen Sie, lieber Freund, wenn ich ganz offenherzig gegen Sie werde? - Doch
weiss ich nicht schon Ihre Meinung im voraus? Und es kann sein, dass eben dies die
Ursache ist, warum ich noch frage.
    Ich sehe den alten Ralph und seine Tochter täglich; Betty hat sich meines
Herzens bemächtigt, ich kann es mir selber nicht ableugnen, mein Blut fliesst
wieder froher durch die Adern, die Welt und das Leben sind mir wieder lieb. Wenn
ich ihr nun meine Hand gebe, und ich dann ein stilles und glückliches Leben mit
ihr führe; - kann ich mehr und anders wünschen? Das Bild Ihres häuslichen Glücks
hat mich zuerst auf diesen Wunsch geführt. - Ich mag nichts weiter hinzusetzen;
leben Sie wohl!
 
                                       16
                           Mortimer an Eduard Burton
                                                                    Roger Place.
Was kann ich Ihnen sagen? - Erwarten Sie keine langweiligen Spässe von mir, denn
ich betrachte jetzt manche Dinge in der Welt recht ernstaft; ich liess es mir
wohl ehedem zuschulden kommen, über manche Arten des menschlichen Glücks zu
spotten, aber die Zeiten sind jetzt vorüber. - Heiraten Sie das Mädchen und
kümmern Sie sich um die ganze übrige Welt nicht; so lautet mein Rat. Es freut
mich, dass die Menschen dadurch glücklich werden, die ich damals so innig
bemitleidete, als ich sie zum ersten Male sah.
    Mein kleiner Georg ist frisch und gesund. Amalie lässt grüssen.
 
                                       17
                       Ralph Blackstone an Eduard Burton
                                                                          Paris.
Dieselben haben mir gestern Ihre gütige Meinung eröffnet, und ich will nun nach
der bewilligten Bedenkzeit meine Antwort auf Dero gütigen Antrag sagen. Sie
erhalten sie hiemit schriftlich, wie wir ausgemacht hatten. Ich kann über die
Ehre und über den gütigen Vorschlag nichts sagen, ich kann nichts dagegen
einwenden, mein Herr Baron, als dass wir es nicht verdienen. - Doch das Glück
verdient der Mensch nie, und habe ich doch auch mein bisheriges Unglück nicht
verdient. - Ich bin, indem ich schreibe, gerührt bis zu Tränen, meine Augen tun
mir weh und das Schreiben wird mir ungemein sauer, denn ich habe seit lange
keine Feder in die Hand genommen. Mag es denn also geschehn wie der Himmel will;
meine Tochter betet Sie an, noch aber weiss sie keine Silbe von dem Plane. Sie
wird vor Freude aus den Wolken fallen, sie wird sich in ihrem Glücke nicht zu
finden wissen. Doch, das lernt sich bald, leichter als Elend, die menschliche
Natur neigt mehr zum Glücke hin, und das ist auch natürlich. Ich bin aber selbst
wie im Traume, denn ich flehte freilich wohl oft zu Gott um Lindrung meines
Elends, aber doch nicht um so viel Freude und Ehre; dergleichen freche Gedanken
sind mir nie in den Sinn gekommen. Ich glaube, dass manche Menschen schon auf
dieser Welt zu Engeln werden, und zu solchen Menschen gehören Sie ganz gewiss und
ohne Zweifel: solche Menschen muss es geben, damit man an Gott und an seine
Barmherzigkeit glaubt. - Nehmen Sie meine Schreiberei nicht übel, mein Herr, in
der Jugend wusste ich eine Büchse gut loszuschiessen, aber mich nicht in Worten
gut auszudrücken, und Sie wissen, wie es geht, im Alter holt man so etwas nur
selten nach: aber Sie nehmen wohl den guten Willen für die Tat, und ich wünschte
wirklich von Herzen, es stünde hier eine recht feine und zierliche Antwort, die
Hand und Fuss hätte, wie man zu sagen pflegt, und Lebensart verriete und in
lauter ehrerbietigen Ausdrücken abgefasst wäre. Es ist mir aber nicht gegeben,
und ich nenne mich auf meine einfältige Art
                          Ihren ergebensten Freund und Diener, Ralph Blackstone.
 
                                       18
                             William Lovell an Rosa
                                                                          Paris.
Und sollt ich den letzten Pfennig wagen und verlieren, so muss ich weiterspielen,
und entweder nichts übrigbehalten, oder meinen Verlust wiedergewinnen! Rund ist
das Rad der Glücksgöttin, und sie ist blind. Ich will es mit dem Zufalle und mit
allen Teufeln aufnehmen; bleiben Sie mir doch, bleibt mir doch Andrea übrig. Was
ist Furcht und Vorsicht? - Schwache Stützen des Schwachen! - Ich kann auch ohne
ihre Hülfe auskommen, und es ist bis jetzt geschehn. Trinken, trinken will ich,
bis sich alle Zufälle nach meinem tollen Willen bequemen, und wenn alles
schiefgeht, je nun, so darf ich ja nur an Sie schreiben, und die Summen Goldes
kommen auf meinen Wink zu mir herübergeflogen. Nicht wahr, da kann ich der
übrigen jämmerlichen Menschen lachen?
    Tod und Hölle! Ich habe von je im stillen vermutet, dass Andrea grosse Schätze
besitzt, und ich bin ja doch, wie Sie wissen werden, sein bester Freund! Mir
wird er's ja nicht fehlen lassen, wenn es so weit kommen sollte, oder ich würde
ihn öffentlich für einen Schurken erklären! Öffentlich, verstehn Sie mich wohl,
das will viel sagen.
    Ich bin schon darauf aus gewesen, die dunkeln heimlichen Regeln in den
Hasardspielen ausfindig zu machen, es liegt gewiss alles nur an Kleinigkeiten,
allein ich kann es nicht deutlich herauskriegen. Je nun, mag's laufen! Ich will
einmal mit Andrea darüber sprechen.
    Ich freue mich darauf, dass ich ihn wiedersehe. Er soll mir Geister zitieren,
bis mir der Verstand vergeht; das soll ein lustiges Leben werden. Mit einer
Wette habe ich zwei Bouteillen Champagner gewonnen und die sind nun fast leer;
ich muss jetzt so armselig wetten, sehn Sie, weil ich, unter uns gesagt, nicht
mehr viel Geld übrighabe. So geht's in der Welt! -
    Was machen Sie jetzt? Ich habe seit lange nichts von Ihnen gehört. Wie kömmt
das? Sie sind im Briefschreiben noch saumseliger als ich, das ist ein grosser
Fehler von einem Menschen, der ein guter Freund sein will. - Apropos von guten
Freunden! Ich glaube, ich habe keinen einzigen mehr in Paris, seit die Leute
merken, dass ich kein Geld mehr habe: das ist eine magnetische Kraft des Metalls,
die man bis jetzt noch nicht bemerkt hat; die Naturgeschichte könnte dadurch
eine grosse Verbesserung erleiden. Denn was die Leute oft Liebe, Instinkt,
Sympatie, häusliches Glück nennen - was ist es oft anders, als die Attraktion
des gemünzten Metalles?
    Ich muss fort. Man wartet beim Spieltische auf mich. Es wäre doch viel, wenn
man das Glück nicht zwingen könnte. Sterben will ich eher, als verlieren: die
Leute nennen es Aberglauben, wenn man manches beim Spiele beobachtet, aber ich
habe mir eine Menge von Sachen ausgedacht, die gewiss helfen, und die kein
Aberglaube sind. - Was nennen wir denn Aberglauben? Haben wir eine andre
Weisheit? Eine ohne Aberglauben? Am Ende ist es ein Aberglaube, dass ich
existiere; ein Satz, den ich so auf gut Glück annehme, weil es mir so vorkömmt.
Aber wer ist jenes Ich, dem es so vorkömmt? - Die Frage kann mir keiner
beantworten, und das wäre doch wahrhaftig äusserst notwendig.
    Leben Sie wohl, Rosa, und schicken Sie mir bei Gelegenheit etwas Geld; denn
wenn ich auch gewinne, es kann nie schaden, wenn man Geld hat, das werden Sie
hoffentlich auch zugeben. - Was machen unsre übrigen Freunde? Ich kann mir
denken, wie sich Andrea nach mir sehnt; trösten Sie ihn, denn ich werde bald
zurückkommen.
 
                                       19
                                Betty an Amalie
                                                                         Bondly.
O liebste, liebste Freundin! Ich kann Ihnen noch immer nicht beschreiben, wie
mir zumute ist. - Wir haben Sie recht hieher gewünscht und Ihre Kränklichkeit
recht bedauert; bei der Hochzeit nämlich. Mein Vater hat mir freilich wohl
gesagt, ich soll mich in meinem Glücke nicht übernehmen, aber das lässt sich
leicht sagen und schwer tun. Ich weiss immer noch nicht, wie mir zumute ist, ich
ziehe mich manchmal am Arme, um zu erwachen. Wenn ich im Garten oder im Dorfe
spazierengehe, so grüssen mich alle Leute sehr freundlich, und betrachten mich
als ihre Herrschaft; Eduard darf ich bei seinem Vornamen und ihn Du nennen,
denselben Menschen, den ich bis jetzt nur aus der Ferne, wie eine Gotteit,
angebetet habe. Mein Vater ist fröhlich und hat einigemal vor Rührung geweint,
mit seinen schwachen Augen kannte er mich gestern in den neuen Kleidern selbst
nicht - ach, liebste Freundin, kann man wohl dem Himmel für eine solche
Veränderung genug danken? Gewiss nicht. Wenn doch meine Mutter noch lebte und
alle diese Herrlichkeiten sähe! Die ist nun im Kummer und Elend gestorben, und
jetzt könnte ich sie so schön trösten. Aber es hat nicht sein sollen, und es
ist, so wie es ist, schon Glück genug. - Wer hätte das damals gedacht, als Sie
mich und meinen Vater mit so himmlischer Güte in unsrer Armut unterstützten? Oh,
und Eduard ist ein himmlischer Mensch; er lässt es mich gar nicht fühlen, dass ich
ohne ihn nichts war, er spricht mit mir, als wenn ich sein Glück gemacht hätte.
So gute Menschen, wie ihn, gibt es gewiss nicht viele. - Sie hätten nur hier den
Aufwand bei der Hochzeit sehen sollen; nun, Herr Mortimer kann Ihnen ja
erzählen, ob es nicht kostbar war. - Besuchen Sie uns doch sobald Sie können. -
 
                                       20
                                Betty an Amalie
                                                                         Bondly.
Wie freue ich mich, Sie wiederzusehn und Ihnen hier alles zu zeigen! Ich getraue
mich oft noch gar nicht, zu tun, als wenn ich hier zu Hause wäre. Geben Sie mir
einen Rat, wie ich mir immer die Liebe Eduards erhalten kann, auf welche Art ich
sein Wohlwollen und seine Zuneigung verdienen soll. Er tut mir alles zu
Gefallen, wenn er nur irgend glaubt, dass es mir Vergnügen machen könnte, er ist
so gut, dass ich mich immer schäme, dass ich nicht besser bin: aber ich will das
zusammengezogen von ihm lernen. Mein Vater lässt sich Ihnen recht sehr empfehlen;
der alte Mann beschäftigt sich jetzt vorzüglich mit dem Gartenbau und mit der
Jagd; die Jagd ist ihm etwas recht Neues, und er trifft ordentlich noch, so
schwach auch seine Augen sind. Es wird jetzt überhaupt vielleicht mit seinen
Augen besser, da er fröhlicher lebt und sich nicht mehr so zu grämen braucht,
wie sonst. - Leben Sie wohl, liebste Freundin, und spotten Sie nicht über meine
Briefe.
 
                                       21
                             William Lovell an Rosa
                                                                          Paris.
Lieber Rosa, ich habe nun mein Vermögen völlig, durchaus verloren. Ich erinnere
mich dunkel meines neulichen Briefes und seines Inhalts; verzeihen Sie mir, er
mag entalten, was er will, denn ich schrieb ihn in einer Stimmung, in der ich
mich selbst nicht kannte. Es geschieht zuweilen, dass wir gegen unsern Willen
etwas sagen oder tun, was der Freund immer als völlig ungeschehen ansehn muss.
Ich weiss nicht, wie ich zu Ihnen nach Italien kommen soll: ich bereue jetzt
meinen Wahnsinn, und verachte mich eben dieser Reue wegen. Hätt ich jetzt nur
die Hälfte, nur das Viertel von jenen Summen zurück, die ich in England als
Dummkopf an Dummköpfe verschenkte! Gegen mich ist keiner so grossmütig gewesen,
die übrigen Menschen sind klüger, und halten ihren Gewinst für ihr förmliches
Eigentum. Oh, in welcher Welt ist man gezwungen zu leben! Alles zieht sich von
mir zurück, meine vertrautesten Freunde kennen mich nicht mehr, wenn sie mir auf
der Strasse begegnen, und noch vor kurzem waren sie lauter Höflichkeit, lauter
Demut. Im Grunde ist das menschliche Geschlecht und vor allem der kultivierte
Teil desselben eine grosse Herde von Kannibalen. Im gewöhnlichen Umgange sieht
man Verbeugungen gegeneinander, die höchste Aufmerksamkeit, dass keiner den
andern verletze, oder auf irgendeine Art beleidige, man tut als würde man durch
Hochachtung, durch Blicke und Komplimente beglückt - oh, und wenn diese Menschen
dadurch reich werden könnten, sie zerrissen denselben Gegenstand lebendig mit
den Händen, ja mit den Zähnen. - Es hat hier Kerls gegeben, die mir eine
entfallene Feder, eine kleine Münze mit der grössten Ehrerbietung wieder
reichten, zehn beeiferten sich um die Wette, mir den Dienst zu tun, und jetzt
würden alle zehn mir keinen Taler geben, und wenn sie mich dadurch von dem
Verhungern retten könnten. - Noch nie, als jetzt, habe ich den Druck der Armut
gefühlt und ihre Leiden sind fürchterlich; man kann leicht die Menschen
verachten, wenn sie sich mit ihrer Verehrung zu uns drängen, aber jetzt wird es
mir schwer. Ich wage es kaum, den Reichen ins Gesicht zu sehn, ich habe eine
sklavische Ehrfurcht vor den Vornehmen, und es ist mir, als gehörte ich gar
nicht in die Welt hinein, als wäre es nur eine vergönnte Gnade, dass ich die Luft
einatme und lebe; ich fühle mich in der niedrigsten Abhängigkeit. - Dulden Sie
es nicht, lieber Rosa, dass Ihr Freund auf diese Art leidet, machen Sie es mir
möglich, dass ich Sie und Italien wiedersehe. Sollte es nötig sein, so entdecken
Sie Andrea meine Lage, und er wird keinen Augenblick zaudern oder sich bedenken.
Sollt ich hier noch länger bleiben müssen? Schon leb ich unter den niedern
Volksklassen und esse in den Wirtshäusern in der Gesellschaft von gemeinen
Leuten, die jetzt auf ihre Art ebenso höflich gegen mich sind, wie noch vor
kurzem die Reichen; wenn ich nun auch das wenige Geld ausgegeben habe, so werden
sie mich ebenfalls verachten und laufen lassen. Jede Bezeugung der Höflichkeit
kränkt mich jetzt innig, weil sie mich an meine Lage erinnert. - Retten Sie
mich, Freund, und ohne Zögern, ich beschwöre Sie! Sie haben von meiner
Verlegenheit keinen Begriff. Jene Summen, die wir ehedem der armseligen Bianca
und Laura gaben, wären jetzt grosse Schätze für mich; ich beneide manchem Bettler
das, was ich ihm in bessern Zeiten gab, ich habe noch nie eine solche Ehrfurcht
vor dem Gelde empfunden. - Denken Sie sich das hinzu, was Ihnen ein Freund sagen
könnte, um Sie zu bewegen: - doch, ich vergesse, mit wem ich spreche; ich weiss
ja, dass ich zu Rosa rede, alle meine Besorgnisse sind unnütz; die gemeinen
Menschen leben nur hier. - Es reut mich jetzt lebhaft, dass ich nicht schon
früher abgereist bin, allein bin ich darum um so besser dran? - Leben Sie wohl,
ich sehe mit Sehnsucht einer Antwort entgegen.
 
                                       22
                             Rosa an William Lovell
                                                                            Rom.
Ihre Briefe, lieber William, haben die lebhafteste Teilnahme bei mir erregt. Ich
halte es für den betrübtesten Anblick, wenn ein Freund, der unser Herz so nahe
angeht, sich und seine Vorsätze so sehr aus den Augen verliert. Ihre Briefe sind
alle ein Beweis eines gewissen zerrütteten Zustandes, der Sie verhindert, sich
selbst in Ihrer Gewalt zu haben. Mit Freuden würde ich Sie aus Ihrer
unangenehmen Lage ziehn, wenn es auf irgendeine Art in meiner Gewalt stände,
aber ich weiss nicht, ob Sie es nie bemerkt haben, als Sie hier waren, (wenn es
nicht ist, so muss ich es Ihnen jetzt offenherzig gestehn) dass ich in der
allergrössten Abhängigkeit von Andrea lebe. Er sucht mich selbst immer in einer
gewissen Verlegenheit zu erhalten, aus Ursachen, die ich freilich nicht
begreifen kann. Er ist eigensinnig, sosehr er mir auch meistenteils gewogen
scheint, und ich darf nicht leicht irgend etwas Wichtiges, oder nur Auffallendes
gegen seine Einwilligung tun. Ich habe ihn seit lange nicht gesehn, sosehr ich
ihn auch seit einiger Zeit aufgesucht habe; es war mir daher unmöglich, ihm Ihre
Lage zu entdecken, und ich kann mich auch nicht verbürgen, ob er etwas oder viel
für Sie zu tun imstande wäre, da ich ihm schon zur Last falle, da er Sie immer
für reich gehalten hat, und da es vielleicht der Fall ist, dass Sie seine
Aufträge nicht auf die glücklichste Art ausgerichtet haben. Doch wie ich Ihnen
sage, alles dies kann ich nicht beurteilen, und ich hoffe, dass er sich ganz zu
Ihrem Besten erklären wird, sobald ich ihn spreche.
    Mich wundert nur, und es ist mir unbegreiflich, wie Sie so gänzlich
unvorsichtig handeln konnten. Die Art Ihrer Verschwendung scheint Sie gar nicht
belustigt zu haben, und dennoch konnten Sie diesem Hange nicht widerstehn. Sie
verachten die Menschen, und dennoch haben Sie recht darnach gestrebt, sich von
ihnen abhängig zu machen, weil Sie das Drückende der Abhängigkeit noch nie
empfunden haben. Warum rissen Sie sich nicht aus Ihren langweiligen Zirkeln los
und kamen früher zurück? Sie hätten mir, Ihrem Freunde, dadurch die
Unannehmlichkeit erspart, Ihnen eine so dringende Bitte abschlagen zu müssen.
Überhaupt, um aufrichtig zu reden, wie konnte der verständige Lovell in den
Irrtum jener gemeinen Menschen verfallen, die morgen auf mein Eigentum Anspruch
machen, weil ich gestern mit ihnen in Gesellschaft lustig gewesen bin. Das ist
eben das Kennzeichen der rohern Menschen, die nicht eine Stunde vertraulich sein
können, ohne auf den Gedanken zu kommen, zu borgen, sie setzen dadurch sich und
den andern in eine fatale Situation. Die feinern Menschen werden immer suchen
nebeneinander, statt einer durch den andern, zu leben; sie werden jeden andern
Dienst eher als die Unterstützung durch das Eigentum verlangen, denn auf jeden
Fall muss der andre sich derangieren, er muss sich Bequemlichkeiten versagen, die
ihm vielleicht zu Bedürfnissen geworden sind. - Doch alles das, lieber Lovell,
sagt ich nicht im Bezuge auf Sie, denn könnt ich Ihnen helfen, so würde ich es
sogleich, ohne weitere Einleitung, tun, denn es ist mir eben ein Beweis von der
Grösse Ihrer Verlegenheit, dass Sie alle diese Vorstellungen beiseite gesetzt
haben; aber um so mehr bedaure ich es auch, dass ich nicht imstande bin, Ihnen zu
helfen. - Leben Sie recht wohl indes, und suchen Sie bald zu uns zu kommen; ich
will mit
    Andrea Ihretwegen sprechen, sobald ich ihn finde.
 
                                       23
                             William Lovell an Rosa
                                                                          Paris.
Es ist gut, Rosa, alles was Sie mir da schreiben, und doch auch wieder nicht
gut. Sie haben recht, und doch kann ich es nicht glauben; am Ende ist alles
einerlei. Nur Vorwürfe hätten Sie mir nicht machen sollen. In der Gesellschaft
muss man vergessen, dass man unter Menschen lebt; und ich will es auch vergessen.
O der schönen, der teuren Freundschaft! Doch lassen Sie es gut sein, Rosa, ich
will nicht weiter daran denken. - Ich war ein Tor, auf Hülfe zu hoffen, das sehe
ich jetzt sehr deutlich ein, vergessen Sie es auch, und rechnen Sie es zu meinen
übrigen Torheiten, die Sie so oft bemitleidet haben.
    Und was will ich denn auch mehr? Lebe ich nicht hier noch ebenso, wie sonst?
Was kann man mehr verlangen, als zu leben? Ich bin jetzt mit dem Elende der
unglücklichsten Geschöpfe vertraut, keine Menschenklasse ist mir nun mehr fremd;
ich habe viel erfahren und gelernt. - Ich wohne jetzt unter Bettlern und lebe in
ihrer Gesellschaft, ich sehe es, wie sich die Menschheit im niedrigsten Auswurfe
zeigt, wie alle Anlagen, alle Niederträchtigkeiten hier in ihrer schönsten Blüte
prangen: es zerreisst mir oft das Herz, wenn ich den Anblick des Jammers genau
betrachte, wie sie von allen Bedürfnissen entblösst sind und ihre Sinnlichkeit
sie beherrscht, wie sie gierig verschlingen, was sie zusammengebettelt haben,
und ohne Tränen für ihr eignes Elend sind; wie sie sich verleumden und
gegenseitig verachten, wie es unter ihnen selbst Prahler und Verschwender gibt.
    Neulich lag ich im Sonnenschein in der Ecke eines freien Platzes. Ein altes
zerlumptes Weib kam und führte ihren blinden Sohn an der Hand; sie setzten sich
nicht weit von mir nieder. - Mutter, fing der Blinde an, es brennt mir so auf
den Augen, die Sonne scheint gewiss, wie du immer sagst. - Ja, sagte die Mutter,
liebes Kind, setze dich hier nieder und ruhe aus. - Er hob langsam den Kopf in
die Höhe, als wenn er den Himmel und seinen Sonnenschein suchen wollte.
    Die Alte kramte nun jetzt ihre Beute aus. Brot mit Stücken rohen Fleisches,
einige kleine Würste, Kuchen, alles lag vermischt in einem schmutzigen leinenen
Sacke; sie biss oft von den einzelnen Stücken mit grosser Gier etwas ab; dann gab
sie dem Sohne einen Kuchen, und befahl ihm, hierzubleiben und ihre Rückkehr
abzuwarten.
    Der Junge betastete den Kuchen mit allen Zeichen der Freude und des
Wohlbehagens: er drehte den Kopf oft nach der Sonne, als wenn er sich gewaltig
anstrengte, um endlich einmal zu sehn. Ein anderer Bettelbube schlich sich
indessen näher, hob plötzlich den Kuchen von der Erde auf, und lief schnell
davon. Der Blinde suchte nun seine Nahrung, auf die er sich gefreuet hatte, und
fand sie nicht; schwermütig senkte er den Kopf nieder, und wie an alle Leiden
gewöhnt und auf alle mögliche Unglücksfälle vorbereitet, legte er sich hin und
schlief ein. Sein Schlaf war wie ein Ausruhn in einer bessern Welt. - Ich
schlich mich davon, um nicht, wenn die Mutter zurückkäme, für den Dieb angesehn
zu werden.
    Dies ist das Bild der Menschheit! Oh, wie ist meine Phantasie mit Schmutz
und ekelhaften Bildern angefüllt! - Wie oft leid ich hier in der grössten
Versammlung der Menschen heimlichen Hunger, und keiner weiss es und keiner fragt
darnach. - O Amalie, wenn Du es wüsstest, gewiss, Du würdest mir helfen. - Doch
nein, nein, auch Du gehörst den Menschen an; Du würdest Dir eine Bequemlichkeit
versagen müssen, die Dir vielleicht zum Bedürfnisse geworden ist. - Ich würde
Dich nicht darum bitten, wenn ich Dich auch vor dem Lager meines Elends
vorübergehen sähe. - Es soll aber anders werden! Es muss sich ändern! Es gibt
keine Liebe und ich kann bei dieser keine Hülfe suchen; ich muss mir durch mich
selber helfen. Ist es nicht schändlich, dass ich hier liege und in meiner
Trägheit jede Gelegenheit vorbeischlüpfen lasse? - Es ist endlich Zeit, dass ich
mich zusammenraffe. Sie werden mich nicht tadeln, Rosa, und Sie haben auch kein
Recht dazu. - Leben Sie wohl, bis Sie einen bessern Brief von mir erhalten.
 
                                       24
                             William Lovell an Rosa
                                                                       Chambery.
Es ist gelungen, Rosa, es ist gelungen, und ich bin wieder mutiger. Ich Tor! dass
ich nun schon seit lange die Menschen kenne, und diese Kenntnis doch noch nicht
benutzte! Nein, ich will nicht mehr ruhig neben ihnen, sondern durch sie leben;
Sie haben unrecht, Rosa, offenbar unrecht, denn unser Verstand, die
Notwendigkeit, alles fordert uns dazu auf. Sie haben mir müssen standhalten, das
Glück hat mir gehorchen müssen, und alles ist nun wieder gut.
    Schon seit lange waren mir durch eine zufällige Bekanntschaft einige
Spielerkniffe geläufig geworden, die ich albern genug war, niemals anzuwenden.
Ich Narr sass immer mit meinen ehrlichen Händen da, und hob tölpisch und
unbeholfen die Karten ab, indes mein Geld und mit ihm die Achtung der Menschen,
aller Lebensgenuss, jede Freude von meiner Seite schwanden. Wenn ich mir jetzt
nicht als der grösste Dummkopf vorkomme, Rosa, so sollen Sie mich nie wieder
Ihren Freund nennen: ich tat in meiner Einfalt mehr, als je die berühmtesten
Philosophen, zusammengenommen, getan haben, ich war ehrlich, in der schlimmsten
Situation meines Lebens, ich verschenkte mein Geld, wenn ich gewonnen hatte, und
war die Grossmut selbst, ich übte die grösste Selbstverleugnung aus, indem ich
beim verdrüsslichsten Verluste, der mich elend machte, kalt blieb, und ganz
vergass, dass ich ein Betrüger sein konnte. O der dummen, ungehirnten Ehrlichkeit!
Nachher lag ich mit meiner Ehrlichkeit auf den Marktplätzen und bettelte, statt
zu morden, ich flehte das Wohlwollen der Menschen an, statt ihnen ihr Eigentum
mit Gewalt zu entreissen; o Himmel! es waren oft dieselben Menschen, die durch
mich waren reich geworden und die nun so kalt und mit so vieler Verachtung an
mir vorübergingen, als wenn ich der unbekannteste und verworfenste Gegenstand
wäre! Und doch hatten sie mich wahrscheinlich, ja gewiss, um mein Geld betrogen,
und sie fuhren jetzt durch ihren Diebstahl in Kutschen, und ich lag mit meiner
Ehrlichkeit am Wege und bettelte! - Das empört jeden Menschen, und auch mein
Blut ward endlich erhitzt. Ich schwur mir selbst, dass es anders werden sollte,
und wahrhaftig, es ist nun auch anders geworden. Ich tat nichts weiter, als dass
auch ich meinen Beitrag zum allgemeinen Betruge lieferte, dass ich die Künste
spielen liess, die in meiner Gewalt waren. - Warum gab es Narren, die sich mit
mir einliessen? Sie haben mir nur meine verlorne Zeit und die Niederträchtigkeit
ihrer Brüder bezahlt: jetzt ist nun alles wieder von allen Seiten richtig; ich
bin sogar mit den Menschen auf eine gewisse Art wieder ausgesöhnt, soviel man
sich mit ihnen wieder aussöhnen kann, wenn man sie einmal gekannt hat, und wär
es auch nur in dem kleinen Raume einer Stunde.
    Ich spielte anfangs nur niedrig, und nach und nach höher und immer höher.
Sie hätten sehn sollen, Rosa, wie alle die Menschen sich wieder um mich
versammelten, und mir schmeichelten, und herzlich gegen mich waren, die mich
noch vor wenigen Tagen auf der Strasse hatten liegen und hungern lassen. Ihrer
aller Leben, aller Vermögen stand mir zu Gebote; man bewunderte die seltsame
Laune des kühnen Engländers, der sich so gut habe verstellen können, um sich auf
einige Zeit mit dem Elende der menschlichen Natur recht bekannt zu machen. Ich
hätte jedem ein Pistol vor den Kopf schiessen mögen, wenn ich nicht gehofft
hätte, von ihnen zu gewinnen und mich so zu rächen. Es geschah; mein eignes
schönes Geld floss in meine Börse zurück, und je reicher ich wurde, je mehr
Freunde bekam ich wieder. Die ganze Welt mit allen ihren Freuden war mir nun
wieder aufgeschlossen. - O Gold! allmächtiges Gold! Ich will deinen Besitz
künftig nicht wieder so gutmütig fahrenlassen, ich habe dich nun erst kennen und
schätzen gelernt, ich verehre deine Allmacht! -
    Ich möchte in manchen Stunden anfangen, meine eigne Geschichte und meine
Empfindungen über mich und die Menschen niederzuschreiben. Wenn ich mich so
mancher Bücher erinnere, die ich ehedem gelesen habe, und in denen uns die
tugendhaften Menschen so viele Langeweile machen, indes die Lasterhaften wie
Vogelscheuchen dastehn, um die Leser scharenweise, wie Sperlinge, von der Bahn
des Bösen zurückzuschrecken - und mir dann einfällt, dass irgendein eingebildeter
Dummkopf sich hinsetzen könnte, um meine Geschichte, die er stückweise durch die
dritte oder vierte Hand erfahren hat, bedächtig aufzuschreiben: so möchte ich
lachen, und selbst die Feder nehmen, nicht zu meiner Rechtfertigung, denn diese
brauche ich nicht, sondern bloss um zu zeigen, wie ich bin und wie ich denke.
Meilenweit stehn jene Armseligen, die in drei Büchern die Menschen studiert
haben und die sie nun schildern wollen, von der Menschheit zurück. Sie haben
nichts erfahren und nichts geduldet, sie sind nur von den kleinlichsten
Leidenschaften gestreift, kein Sturm ist an ihrem Herzen vorübergefahren, und
voll Vertrauen setzen sie sich nieder und massen sich an, die Herzen der Menschen
zu richten und ihre Gefühle darzustellen. Wie jämmerlich würde ich mich in einem
solchen Buche ausnehmen! Wie würde der Verfasser unaufhörlich meine guten
Anlagen bedauern und über die Verderbteit meiner Natur jammern, und gar nicht
ahnden, dass alles ein und eben dasselbe ist, dass ich von je so war, wie ich bin,
dass von je alles berechnet war, dass ich so sein musste.
    Jetzt will und kann ich zu Ihnen zurückkehren; ich bin schon auf dem Wege.
Ich habe alles vergessen, Rosa, und Sie dürfen mir ohne Scheu oder Zurückhaltung
näherkommen; ich hoffe, auch Sie haben alles das von mir vergessen, was mich in
Ihrer Gesellschaft in Verlegenheit setzen könnte: für vernünftige Menschen muss
nie eine Verlegenheit entstehen können, denn das Höchste, was sie tun können,
ist, dass sie gestehn, dass sie irgendeinmal Narren waren, und das versteht sich
ja immer von selbst, und sie sind von neuem Narren, indem sie es gestehen, Also
können wir beide darüber ganz ruhig sein. - Grüssen Sie vor allen Dingen Andrea;
er wird doch nicht krank sein, da Sie ihn damals so lange nicht gesehn hatten? -
Leben Sie wohl, bald seh ich Sie wieder. -
 
                                       25
                          Ralph Blackstone an Mortimer
                                                                         Bondly.
Wie befinden Sie sich, lieber Freund, wenn ich Sie so nennen darf? - Doch, warum
sollte ich es nicht dürfen? Sie sind ja mein bester und mein aufrichtiger
Freund; ohne Ihre Hülfe wäre ich ja damals schon mit meiner Tochter Todes
verblichen. Ach, ich glaubte damals nicht, unter den Menschen noch Hülfe und
Erbarmen anzutreffen, und da kamen Sie gerade und fanden mich durch einen
glücklichen Zufall. Was wäre aus mir geworden, wenn Sie mich nicht angetroffen
hätten? Ich kann es immer noch nicht vergessen. Manche Menschen wissen gar
nicht, was Elend heisst, sie können sich daher die grosse menschliche Not, aber
auch die menschliche Dankbarkeit nicht vorstellen, und es ist ihnen nicht zu
verargen, wenn sie glauben, es gäbe gar keine dankbare Menschen. Es gibt auch
viele undankbare Leute in der Welt, aber ich denke, dass ich nicht zu diesen
gehöre; nachher gibt es solche, die, wenn sie aus der Armut in einen gewissen
Wohlstand versetzt sind, sich nachher ihrer ehemaligen Armut schämen, und
wünschen, dass alle Menschen die Wohltaten und Unterstützungen vergessen möchten,
die sie ihnen in schlimmern Zeiten erwiesen haben, ja sie suchen sie sogar
selbst zu vergessen, und daraus entsteht wieder eine andre Art von
Undankbarkeit, die aus einer falschen Scham herrührt; man kann nicht sagen, dass
die Ursache ganz schlecht sei, aber der Erfolg davon wird oft recht
niederträchtig. Ich glaube, dass der Mensch auf recht verschiedenen Wegen schlimm
werden kann, aber dafür hat der Mensch auch seinen Verstand, um sich vor solchen
Abwegen zu hüten. Nehmen Sie mir mein weitläuftiges Geschwätz nicht übel, denn
es kommt wirklich aus dem Herzen. - Ich lebe hier sehr froh und vergnügt, wie
ein Vogel in den Lüften und in den grünen Baumzweigen. Ich suche, soviel es mir
in meinem Alter noch möglich ist, meinem Schwiegersohne auf irgendeine Art
nützlich zu sein, ich führe daher eine fleissige Aufsicht über den Garten, und
mit meinen Augen bessert es sich täglich und zusehends, so dass ich diesem
Geschäfte mit Bequemlichkeit vorstehen kann. Mit dem Gärtner, der ein etwas
eigensinniger, aber sonst ganz guter Mann ist, habe ich manchen Streit, er
bildet sich ein, einen gewissen guten Geschmack zu haben, und will mir den
Garten immer viel zu künstlich machen. Man muss aber bei einem Manne eine
Schwäche übersehn, wenn er sonst gute und lobenswürdige Eigenschaften hat, und
die kann man wirklich dem alten Tomas nicht so ganz und geradezu abstreiten:
nur hat er ein Unglück, welches vielen ältern Leuten begegnet, dass er sich für
klüger hält, als er wirklich ist, er macht mir daher oft mit seinen langwierigen
Gesprächen eine ziemliche Langeweile. Er wurde neulich sehr böse, als er
manches, was er eingerichtet hatte, wieder einreissen musste, aber die Ordnung
machte es nötig. Die Jagd hatte mein Schwiegersohn und sein seliger Vater fast
ganz eingehn lassen, aber ich denke sie noch mit Gottes Hülfe wieder in Flor zu
bringen. Es wäre sonst wirklich um das schöne und herrliche Revier schade.
    Meine Tochter ist immer munter und vergnügt, dabei ist sie ausserordentlich
gesund, und liebt ihren Mann ungemein; und wie sollte es auch möglich sein, dass
sie ihn nicht liebte? Jedes Kind muss ihm gut sein, und ich habe hier auch noch
keinen Menschen getroffen, der ihn nicht leiden möchte; selbst die schlechten
Menschen mögen ihn gern. Nur von einem gewissen Lovell habe ich hier unter der
Hand manches gehört, der sein unversöhnlicher Feind sein soll, dieser muss dann
gewiss ein äusserst schlechter Mensch sein. Er ist aus Italien hiehergekommen, und
hat hier die italienische Mode mit Vergiften einführen wollen, aber das geht in
unserm England nicht so, wie er vielleicht gedacht hat, und darum hat er auch
heimlich wieder abreisen müssen. Man sagt, er sei in der Fremde gestorben, und
ein solcher Mensch verdient auch nicht, dass er lebt, denn er wendet sein Leben
nur zum Schaden und zur Ärgernis seiner Nebenchristen an, und das ist auf keinen
Fall recht und löblich. - Ich habe diesen ganzen Brief meiner Tochter diktiert,
weil sie schneller und fertiger schreibt, als ich. Leben Sie recht wohl und
glücklich; ich nenne mich
                                     Ihren aufrichtigen Freund Ralph Blackstone.
 
                                       26
                                Betty an Amalie
                                                                         Bondly.
Wie befinden Sie sich, teuerste Amalie? Wenn Sie ebensoviel an mich denken, wie
ich an Sie, so denken Sie recht oft an mich; doch das darf ich nicht hoffen. Sie
sind immer so gut und Ihre Briefe sind so gut, dass ich glaube, ich könnte auf
Erden keine bessere Freundin finden. Nach Eduard liebe ich Sie und meinen alten
lieben Vater am meisten, der zwar zuweilen etwas viel spricht, es aber doch
immer herzlich gut meint. Manche Leute haben ihm daraus zuweilen einen Vorwurf
gemacht, aber man lasse doch den alten Mann, wenn es ihm nur Vergnügen macht.
Sehn Sie, in seinem Elende konnte er sich manchmal recht gut trösten, wenn er
selbst lange Reden über das Unglück, oder über seine Standhaftigkeit hielt; er
sagte selbst, dass im Sprechen eine grosse Erleichterung stecke. Freilich wird
mein Vater keinem andern Menschen so liebenswürdig vorkommen, wie ich ihn sehe,
indessen wird ihn doch gewiss jeder für einen guten und rechtschaffenen Mann
halten, und das ist für mich weit mehr, als die Liebenswürdigkeit. Mich freut es
immer von neuem, dass er sich jetzt so glücklich fühlt, da er wieder Bedienten
befehlen und ausreiten, und Anordnungen über die Jagd treffen kann, und Eduard
tut ihm alles Ersinnliche zu Gefallen.
    Mir ist oft recht sonderbar zumute, wenn ich jetzt unter Eduards Büchern
manche wiederfinde, die ich in meiner unglücklichen Lage las, und die mich oft
trösteten; ich habe sie von neuem und mit einer unbeschreiblichen Sehnsucht
durchgelesen, sie haben mich wieder gerührt und ich halte sie in grossen Ehren.
Von je hab ich unsern armen Otway recht innig bemitleidet, der so grossen Mangel
litt, um den sich niemand kümmerte, und aus dem doch so oft ein recht
himmlischer Engel schreibt: wie konnten die Menschen so wenig für ihn sorgen!
Sie verdienen es gar nicht, dass sie ihn lesen dürfen. - Ich möchte alle jene
Bücher wieder zurückhaben, mit denen ich im trüben Wetter so vertraut ward, die
ich mit verweinten Augen und mit einem mattklopfenden Herzen las: ich kann mich
in manchen Stunden so in jene Zeit zurückfühlen, dass ich noch jetzt über manche
Vorfälle von neuem weinen muss, und wenn ich dann meine Tränen auf den Wangen
fühle, so ist mir oft plötzlich, als wäre alles noch ebenso, als wären alle
bisherigen Freuden nur ein leichter Schlummer gewesen. Wenn man erst über das
Unglück hinüber ist, so erinnert man sich seiner mit einer gewissen stillen und
unbeschreiblichen Freude.
                                       27
                             William Lovell an Rosa
                                                 Aus den piemontesischen Bergen.
»Ich bin wohl recht der Narr des Schicksals.« Hierhin und dortin werd ich
gestossen; wie eine wunderbare Seltenheit gehe ich durch alle Hände. - Ich weiss
noch nicht, wie Sie diesen Brief erhalten werden, aber ich muss mich zerstreuen,
ich muss mich beschäftigen, und darum schreibe ich Ihnen. - Ich bin nun hier in
einer ganz neuen Situation, ich kann nicht fort und möchte doch nicht gerne
bleiben: doch, ich will Ihnen ruhig erzählen, wie ich hiehergekommen bin.
    Ich reisete mit meinem neuerworbenen Gelde von Chambery aus; mein Herz war
ziemlich leicht, mein Gemüt zuweilen heiter gestimmt, die ganze Welt kam mir vor
wie eine grosse Räuberhöhle, in der alles gemeinschaftliches Gut ist, und wo
jedermann so viel an sich reisst, als er bekommen kann; kaum besitzt er es, so
wird es ihm von neuem entrissen, um auch dem neuen Eroberer nicht zum Genusse zu
dienen. Ich vergab Burton, ich vergab mir selbst, denn jedermann tut nur, was er
vermöge seiner Bestimmung tun muss; wir sind von Natur eigennützig, und durch
diese Einrichtung der Natur Räuber, die sich dessen, wonach sie gelüstet, mit
Gewalt oder mit Schlauheit zu bemächtigen suchen. Dies ist der Grundsatz der
Politik im Grossen und Kleinen, es gibt keine andre Philosophie wie diese, und es
kann keine andre geben, denn jedes System nähert sich dieser Klugheit mehr oder
weniger, sie ist mehr oder weniger darin versteckt, alle Spitzfindigkeiten des
Verstandes ruhen am Ende auf dem Egoismus. Warum sollen wir also nicht gleich
lieber den einfachen Satz annehmen, vor dem jedermann zurückzuschrecken
affektiert, und an den doch jeder glaubt?
    Ich bin seit kurzer Zeit mehr mit mir einig geworden, das heisst eigentlich,
ich betrachte die Ideen kälter, die ich bis jetzt nur ahndete, und deren dunkles
Vorgefühl mich in eine Art von Erschütterung setzte. Ich habe jene Gutmütigkeit
abgelegt, die mich vor andern oft so lächerrlich und mich selbst so unruhig
machte. Ich ertrug sonst die Affektation der Menschen mit einer unglaublichen
Geduld. Stundenlang konnte ich einem zuhören, der sich für einen unglücklichen
oder verfolgten Tugendhaften hielt, ohne eine Miene zu verziehen. Welche
Unverschämteit besitzen diese Menschen, alle ihre Lehrsätze, alle ihre niedrige
Heuchelei einem Wesen vorzutragen, das vor ihnen steht und an dem sie doch einen
Kopf gewahr werden! Kann man sie besser bestrafen, als wenn man ihnen zeigt, wie
sehr man sie verachtet, wenn man sie dadurch bewegt, sich selbst auf eine Stunde
zu verachten? Ich tat es jetzt, und ward in der ganzen Welt als ein Boshafter
verschrieen: jene jämmerlichen Wesen sprachen mir das menschliche Gefühl ab,
weil ich mit ihren kläglichen, zusammengeflickten Leiden nicht sympatisieren
wollte. Bosheit ist nichts, als ein Wort; es gibt keine Bosheit; diesen Satz
will ich gegen die ganze Welt verteidigen.
    Aber ich wollte Ihnen ja meine Geschichte erzählen. Von Chambery machte ich
die Reise zu Pferde. Es war ein wunderbarer Weg, und ich verirrte mich, ich
hatte die grosse Strasse ganz verlassen und befand mich nun auf Nebenwegen, die
bald ausgingen, bald dahin zurückzukehren schienen, woher ich kam. Ich fand nur
einzelne Hütten, in denen ich einkehren konnte, und die Kohlenbrenner oder
Holzhauer, die ich dort traf, wussten den Weg selber nicht, den ich suchte. An
einem Morgen, als ich einen steilen Hügel hinaufritt, befiel mich eine seltsame
Beklemmung so gewaltig, als wenn sie mein Herz zerdrücken wollte; alles um mich
her war mir plötzlich so bekannt, keine dunkle, sondern eine ganz deutliche
Erinnerung trat mir entgegen, dass ich an diesem Platze schon gewesen sei. Ein
wüster Rauch lag auf den fernen Bergen, und eine grauenvolle Dämmerung machte
die tiefen Abgründe noch furchtbarer. Mit gewaltigem Schrecken ergriff mich das
Gefühl der Einsamkeit, es war, als wenn mich die Gebirge umher mit entsetzlichen
Tönen anredeten; ich ward scheu, als ich die grossen und wilden Wolkenmassen so
frech am Himmel über mir hängen sah. Ich hielt mein Pferd an, um über meinen
eigenen Zustand nachzusinnen: jetzt brach ein Sonnenstrahl herein und ich
erkannte plötzlich mich und die Gegend. - Es war dieselbe, Rosa, Sie werden sich
ihrer noch erinnern, in der ich von Räubern angefallen wurde, als ich mit Ihnen
zuerst nach Italien reiste: es war derselbe Ort, an welchem mich Ihre
verkleidete Geliebte so tapfer verteidigte. Die Spitzen der fernen Bergen hoben
sich wieder, wie damals, golden aus dem Nebel heraus, das tiefe Tal flimmerte in
tausend bunten Sonnenstreifen: ein Wagen fuhr den grossen Weg mühsam den Berg
herauf. - Ich bildete mir ein, dass Sie mit Balder darin sässen, Willy vorne auf
dem Bock: ich sah genauer hin und es war mir sogar, als könnte ich die
Gesichtszüge des alten Willy erkennen. Ich folgte dem Wagen mit den Augen und
konnte mich immer noch nicht von meinen Träumereien losreissen, als ein Schuss,
der mein Pferd zu Boden streckte, mich aus meiner Betäubung aufriss. Vier
Menschen stürzten aus dem Gebüsche auf mich zu: alles war mir wie ein
wiederholtes Possenspiel und ich sah mich kalt nach dem blonden Ferdinand um,
dass er mir mit seinem Hirschfänger zu Hülfe eilen solle. Aber er kam nicht, er
war nicht da, und ich gab mich ohne Gegenwehr gefangen; ich übergab den Räubern
selbst alles Geld, das ich bei mir hatte: sie schienen über meine Kaltblütigkeit
erstaunt. - Man schleppte mich auf geheimen Wegen zu ihrer Wohnung. Ich wusste
immer noch nichts von mir selbst, nicht aus Verzweiflung, sondern weil ich
ungewiss war, ob ich schliefe, oder wachte; ich glaubte, ich dürfte mir nur recht
ernstaft Mühe geben, aufzuwachen, und es würde auch geschehen, das heisst, ich
würde sterben.
    Als ich einige Stunden so zugebracht hatte, schlug mir ein ansehnlicher Mann
vor, ein Mitglied ihrer Gesellschaft zu werden. Sie erraten es vielleicht, Rosa,
dass ich ohne alles Bedenken diesen Vorschlag annahm. Dieser lächerrlich
wunderbare Umstand fehlte meinem Leben noch bis jetzt, er schloss sich so
herrlich an alles Vorhergehende, er bestärkte mich so in meinem Traume, ich war
so überzeugt, dass ich hier sein müsse und nicht anderswo sein könne, dass ich den
Räubern, als sie mich kaum gefragt hatten, schon mein Jawort gab. - Und sagen
Sie selbst, was kann unser Leben anders sein, als ein leeres groteskes
Traumbild? Wir halten es immer für etwas so Ernstaftes, und es ist eine plumpe,
unzusammenhängende Farce, der nüchterne, verdorbene Abhub einer alten, bessern
Existenz, eine Kinderkomödie ex tempore, eine schlechte Nachäffung eines
eigentlichen Lebens.
    Jetzt sitze ich nun hier in einer tiefen Einsamkeit, denn alle meine
Gefährten sind ausgegangen. Der Wind pfeift durch die gewundenen Felsen, die
Zweige knarren laut, und die tote Stille wiederholt jeden Schall. Nichts als
Felsen, Bäume und ferne Gebirge sieht mein Auge, das Geschrei des Wildes tönt
durch die feierliche Ruhe. Einzelne Wolken ziehn schwer durch die Gebirge; der
Sonnenschein geht und kömmt wieder. - Warum sitz ich nun hier und denke und
schreibe an Sie? - Was soll ich hier? - Und doch kann ich nicht fort: die Räuber
haben aus meinem Äussern geschlossen, ich könnte ein tüchtiges Mitglied ihrer
Bande werden, und darum wollen sie mich behalten. Aus einem verdorbenen Menschen
wird vielleicht noch ein ganz guter Räuber. Zum Menschen bin ich verdorben, das
heisst, dass ich für einen Menschen jetzt viel zu gut bin: man muss seinen Verstand
und seine Gefühle nur bis auf einen gewissen Punkt aufklären, tausend Dinge muss
man blindlings und auf gut Glück annehmen, um ein Mensch zu bleiben. - Leben Sie
wohl, ich will in diesem Briefe bei Gelegenheit fortfahren, ob ich gleich noch
nicht einsehe, auf welche Art Sie ihn bekommen sollen.
Es ist Nacht, und ich muss jetzt schreiben, weil ich meine Gesellschafter nicht
gerne diesen Brief sehen lassen möchte. Ich habe eigentlich nichts zu schreiben,
aber ich bin nicht ruhig genug, um einzuschlafen. Es liegen einige erbeutete
französische Tragödien da, die mich aber anekeln: ich ärgre mich, dass ich nichts
von Shakespeare hier habe, der mein Gefühl vielleicht noch mehr empörte, um es
zu beruhigen.
    Ich komme mir hier in der dunkeln einsamen Hütte wie ein vertriebener Weiser
vor, der die Welt und ihre Albernheiten verlassen hat. Wenn ich mir einen
solchen Eremiten recht lebendig vorstelle, so wird mir gleich recht verständig
zumute. Balder sollte jetzt mit mir diese Wüste bewohnen, ich würde jetzt recht
leicht mit ihm sympatisieren.
    Ich möchte scherzen, um die Schauer von mir zu entfernen, die mich umgeben.
Der Wind rauscht einsam über die Wälder daher, und die Sterne stehn wehmütig
über Bäumen und Felsen: Mondschein schimmert herüber und dichte Schatten fallen
von den Bergen herunter. Ich strecke in Gedanken die Hand aus, um der Hand eines
Freundes zu begegnen, vorzüglich sehn ich mich nach dem alten ehrlichen Willy:
ich bilde mir ein, er sitzt neben mir und ich führe ein tiefsinniges Gespräch
mit ihm. Es ist, als wollten wohlbekannte Stimmen aus der Wand herausreden, und
ich entsetze mich vor jedem Schalle. Wirft das Licht nicht seltsame Schatten
gegen die Mauer? Wer kann wissen, was ein Schatten ist und was er zu bedeuten
hat? - Schläfrige Nachtschmetterlinge sind zum offnen Fenster hereingeschlüpft,
und wüst und träge summen sie jetzt durch das Gemach: in immer engeren Kreisen
treiben sie sich um die Flamme des Lichtes, um sich zu versengen und zu sterben.
Ein Zweig des Baumes klatscht gegen mein Fenster, er fährt auf und nieder und
verdeckt mir bald die Sterne, bald zeigt er sie mir im bläulicht grünen
Luftraume. Ich weiss nicht, warum mich alles erschreckt, warum der Himmel mit
seinen Sternen so wehmütig über mir steht. - In der Einsamkeit liegt eine
Bangigkeit, die unsre ganze Seele zusammenzieht; wir entsetzen uns vor der
grossen, ungeheuren Natur, wenn kein Sonnenschein die grosse Szene beleuchtet und
unsern Blick und unsre Aufmerksamkeit auf die einzelnen Partien richtet, sondern
die Finsternis alles zu einem unübersehlichen Chaos vereinigt. Dann gehen wir
völlig im wilden, ungeheuern Meere unter, wo Wogen sich auf Wogen wälzen und
alles gestaltlos und ohne Regel durcheinanderflutet. Nirgends kann man sich
festalten; unsre Welt sieht dann aus wie eine ehemalige Erde, die soeben in der
Zertrümmerung begriffen ist - und wir werden unbemerkt mit verschlungen.
    Ich wünsche in Rom zu sein und Andrea zu sehn und zu sprechen. - Das Leben
hier missfällt mir seiner Einförmigkeit wegen, mein Geist muss jetzt einen andern
Schwung nehmen, oder ich gebe mich selbst verloren. Eine grössere Seele muss mich
jetzt beschützen, oder ein Elend, wie es vielleicht noch keinem Menschen zuteil
ward, ist mein Los. -
    Wer ist das, der unter unsern Wipfeln hinweggeht? so scheinen mir die Bäume
nachzurufen: jede Wolke und jeder Berg macht eine drohende Gebärde - ach, und
die Menschen um mich her! sie demütigen mich am meisten. Auf eine betrübte Art
sind sie sich selbst genug, ihre Trägheit und einen jämmerlichen Leichtsinn
halten sie für Stärke der Seele; sie bemerken die Leere in ihrem Geiste nicht,
die Anlage im Verstande, die ohne die mindeste Vollendung liegenblieb. Sie sind
nichts als redende Bilder, die den Menschen und mich verachten, weil sie sich
selbst nicht achten können.
    Sie sprechen oft viel von einem Rudolpho und Pietro, die sich immer durch
ihre Bravheit ausgezeichnet hätten, und die bei einem Überfalle umgekommen
wären. Sie wissen es nicht, Rosa, dass sie durch mich und durch Ihren Ferdinand
umkamen; sie würden mich sogleich ermorden; wenn ich es ihnen entdeckte. - Ich
habe ihre Leichensteine besuchen müssen, die ihnen die ganze Gesellschaft
gesetzt hat; sie dienen diesen Menschen zur Kirche. -
    Warum könnt ich nicht nächstens Rosalinen, oder meinen Vater wiederfinden? -
In dieser seltsamen Welt ist nichts unmöglich. -
    Der Morgen bricht an, der Mondschein wird bleicher, ich will mich
niederlegen, um noch einige Stunden zu schlafen. - Jetzt habe ich vor dem
Schaudern Ruhe: die Gespensterzeit ist vorüber. - Sie lachen vielleicht, Rosa -
leben Sie wohl.
    Ich durchsuche heute meine Brieftasche und finde noch ein altes, uraltes
Blatt darin; es ist ein Gedicht, das ich einst auf Amaliens Geburtstag machte.
Das Papier ist schon gelb und abgerieben, die Worte kaum noch zu lesen: darin
lag ihre Silhouette, die ich im Garten in Bondly an einem schönen Nachmittage
schnitt. Mein ganzes Herz hat sich bei diesen Entdeckungen umgewandt. Alles
Ehemalige, Längstverflossene und Längstvergessene kömmt mir zurück, ich sehe sie
vor mir stehn, ich höre die Bäume im Garten von Bondly rauschen, die ganze
Landschaft zaubert sich vor meine Augen hin. - Ich will Ihnen die Phantasie
hiehersetzen, die mich so innig gerührt hat.
                                 Erster Genius
Wo find ich wohl den Bruder?
Schwärmt er im Regenbogen?
Schwebt er auf jener Wolke?
Bald müssen wir uns finden,
Die Sonne sinkt schon unter.
                                 Zweiter Genius
Hier bring ich Tau von Blumen,
Den Duft von jungen Rosen,
Und aus der Abendröte
Die kleinen goldnen Punkte;
Nun lass uns fürder eilen
Und holden Abendschimmer
Ihr auf die Wangen streuen,
Den Mund ihr röter färben,
Mit lichter Äterbläue
Die sanften Augen tränken,
Und in die blonden Locken
Die goldnen Lichter streuen,
Die wir vom Regenbogen,
Vom Abendschein erbeutet.
                                     Beide
Wir schweben auf Blumen,
Wir tanzen auf Wolken
Vorüber dem Mond.
Es leuchten uns freundlich
Zum nächtlichen Tanze
Die Stern' und der Mond.
Dann sammeln wir Blumen,
Dann suchen wir Kräuter,
Von uns nur gekannt,
Und kehren zum Schutze
Der glücklichsten Menschen
Vom Wandern zurück.
                                  Der Dichter
Schützende Genien, wenn ihr zu ihr flieget
Und die Schönste mit neuer Schönheit schmücket,
O so hört noch, höret die fromme Bitte:
Nehmet die Seufzer, nehmt die schönsten Tränen,
Tragt das treueste Herz als Gabe zu ihr,
Dann ach! wird sie meiner gewiss gedenken! -
Diese Verse sind schlecht und die ganze Idee ist gesucht, aber ich schrieb es
damals mit der wärmsten Empfindung nieder; meine Spannung erlaubte mir es nicht,
mich in die Schranken einer natürlichen und einfachen Empfindung zu halten.
Jedes Wort dieses Gedichts bringt mir tausend süsse und schmerzliche Erinnerungen
zurück, die Vergangenheit zieht mir schadenfroh durch das Herz, noch schöner
vielleicht, als sie damals war. -
Seid mir gegrüsst, ihr frohen goldnen Jahre,
Sosehr ihr auch mein Herz mit Wehmut füllt!
Ach! damals! damals! - immer strebt mein Geist zurück
In jenes schöne Land, das einst die Heimat war.
Das goldne, tiefgesenkte Abendrot,
Des Mondes zarter Schimmer, der Gesang
Der Nachtigallen, jede Schönheit gab
Mir freundlich stillen Gruss, es labte sich
Mein Geist an allen wechselnden Gestalten
Und sah im Spiegel frischer Phantasie
Die Schönheit schöner: Willig fand die Anmut
Zum Ungeheuren sich, und alles band sich stets
In reine Harmonie zusammen. - Doch
Entschwunden ist die Zeit, das ehrne Alter
Des Mannes trat in alle seine Rechte.
Mich kennt kein zartes, kindliches Gefühl,
Zerrissen alle Harmonie, das Chaos
Verwirrter Zweifel streckt sich vor mir aus.
Von jäher Felsenspitze schau ich schwindelnd
In schwarze, wüste, wildzerrissne Klüfte.
Ein wilder Reigen dreht sich grässlich unten,
Ein freches Hohngelächter schallt herauf,
Und bleiche Fackeln zittern hin und her.
Dämonen, fürchterliche Larven feiern
Mit raschem Schwung ein nächtlich Lustgelage.
Wer ist der schwarze Riese unter ihnen? -
Er nennt sich Tod und streckt den bleichen Arm
Nach mir herauf! - Hinweg du Grässlicher! -
Was rührt sich in den Bäumen? - Ist's mein Vater?
Er will zu mir! er kömmt mit Rosalinen
Und langsam geht Pietro hinter ihm,
Auch Willys Kopf streckt sich aus feuchtem Grabe! -
Hinweg! - ich kenn euch nicht! - zur Höll hinab!! -
Doch laut und immer lauter rauscht die Waldung,
Es braust das Meer und schilt mit allen Wogen -
Und in mir klopft ein ängstlich feiges Herz. -
Ihr alle richtet mich? verdammt mich alle? -
Du selbst bist gegen dich? - O Tor, lass ja
Den Geist in dir, den frechen Dämon nie
Gebändigt werden! Lass das Schicksal zürnen,
Lass Lieb und Freundschaft zu Verrätern werden,
Lass alles treulos von dir fallen: ha! was kümmern
Dich Luftgestalten? - sei dir selbst genug!
Was meinen Sie? - Wenn ich über mich selbst ein Trauerspiel machte, müsste sich
da diese Tirade nicht am Schlusse des vierten Akts ganz gut ausnehmen?
    Die Räuber verachten mich von Herzen, weil sie sehen, dass ich zu ihrem
Gewerbe ganz unbrauchbar bin. Sie gehen aus und lassen mich meistenteils zurück,
um die Wohnungen zu bewachen.
    Einer von ihnen ist erschossen. Ich bin zuweilen der Zeuge der
niederschlagendsten Szenen, ich möchte mir oft selber entfliehen. - Ich bin
wieder allein und schwarze Gewitterwolken bedecken den ganzen Horizont. - Wie
wüste und verlassen ist alles um mich her! - Der Blitz zuckt durch den schwarzen
Wolkenvorhang und ein Donnerschlag läuft krachend durch die Gebürge. Ein wildes
Gebrause von Regen und Hagel stürzt herab, alle Bäume wanken bis in ihre Wurzeln
-
    Ich erinnere mich meines Aufentaltes in Paris. - Wie ist es möglich, dass
manche Menschen, die ich dort kannte, noch den Wunsch nach dem Leben haben
können? - Von allem, was das Leben teuer und angenehm macht, waren sie entblösst,
sie mussten sich unter Schimpf und Verfolgung von einem Tage zum andern
hinüberbetteln, sie wurden von Not und Mangel erdrückt, und dennoch sahen sie
dem näherschreitenden Tode mit einer bleichen Wange entgegen. - Ich kann es
nicht begreifen und würde es in einer Erzählung nicht glauben.
Nein, ich muss mir vor mir selber endlich Ruhe schaffen. - Soll mir alles nur
dräuen und kein Wesen liebevoll die Hand nach mir ausstrecken? Ist für mich der
Name Freundschaft und Wohlwollen tot? - Und wenn der Himmel noch lauter zürnte,
so will ich mich dennoch nicht entsetzen. In einer noch höhern Wildheit, im
stürmendsten Wahnsinne will ich einen Zufluchtsort suchen und mich dort gegen
alles verschanzen! Ich will so lange trinken, bis mir Sinne, Atem und Bewusstsein
entgehn, und so als ein taumelnder Schatten zum Orkus wandern, damit mir dort
alles noch seltsamer und unbegreiflicher erscheine.
    Hoch möcht ich mit den Stürmen durch des Himmels Wölbung fahren, mich in das
schäumende Meer werfen und gegen die donnernden Wogen kämpfen, mit den
Abgründen, mit den tiefen, undurchdringlichen Schachten der Erde will ich mich
vertraut machen, und endlich, endlich irgendwo die Ruhe entdecken. -
    Und warum will ich ruhig sein? Warum dies lächerliche Streben nach einer
Empfindung, die an sich nichts ist? die nur aus einer Abwesenheit von Gefühlen
entsteht? - Nein, ich will anfangen, in den Folterschmerzen, im Kampfe des
Gewissens meine Freuden zu finden! - Alle Verbrecher, alle Bösewichter sollen
leben! Der Tugend, der Gotteit zum Trotz sollen sie sich nicht elend fühlen!
ich will es so, und ich hab es mir selber zugeschworen.
    Mit meinen jämmerlichen Gesellen ist nichts anzufangen, sie trinken und
spielen nicht. Raub und Mord und Mord und Raub ist ihr einziges Beginnen, und
wenn sie spielen, ist man in Gefahr, von ihnen umgebracht zu werden.
    Wie mir der Kopf, wie mir alle Sinne schwindeln. Es gibt nichts Höheres im
Menschen, als den Zustand der Bewusstlosigkeit; dann ist er glücklich, dann kann
er sagen, er sei zufrieden. Und so wird er im Tode sein. Dumpfe Nacht liegt dann
über mir, kein Stern leuchtet zu mir in den finstern Abgrund hinein, kein Schall
aus der Oberwelt findet den Weg dahin, unauflöslich an gänzliche Vergessenheit
gebunden, lieg ich dann da und bin nicht mehr ich selbst, ich kenne mich nicht
mehr und die Steine umher sind meine Brüder - nun, warum sollt ich mich denn
also vor dem Tode fürchten? Er ist nichts, er hebt die Furcht auf, er ist die
letzte Spitze, in der alle menschliche Gefühle und Besorgnisse zusammenlaufen
und in nichts zerschmelzen.
    Wohl mir, wenn der Tod erst mein Gehirn und Herz zertreten hat, wenn Steine
über mir liegen und Gewürme von meinem Leichname zehren! -
    Der Mensch ist nichts als ein alberner Possenreisser, der den Kopf
hervorsteckt, um Fratzen zu ziehn, dann drückt er sich wieder zurück in eine
schwarze Öffnung der Erde, und man hört nichts weiter von ihm.
    Mein Blut läuft schmerzhaft schnell durch meine Adern. Aber es wird einst
stillestehn, kein Wein wird es dann schneller herumtreiben und nach dem Gehirne
jagen, es wird stehn und verwesen. -
    Wo die Menschen bleiben! - Wenigstens mag ich noch jetzt nicht allein sein,
dazu habe ich im Tode noch Zeit genug.
    Reisen Sie ja nicht hieher, Rosa, glauben Sie mir, wir würden Sie ohne alle
Barmherzigkeit rechtschaffen plündern, denn hier gilt keine Freundschaft, keine
Ausnahme der Person. Ja, wir schonen nicht einmal andrer Diebe, so strenge
halten wir auf Gerechtigkeit. -
    O Freund, was kann der Mensch denken und niederschreiben, wenn er ohne
Besinnung ist! Jetzt, da ich nüchtern bin, schäme ich mich vor mir selber, ich
wache in mir selbst auf, und alles wird zunichte, was schon in sich selbst so
nichtig war. Seit ich hier bin, ist mein Herz mehr zerrissen als je, ich habe
mich nie vorher mit diesen Augen betrachtet. In der düstern Einsamkeit reissen
sich alle Sophismen, alle Truggestalten mit Gewalt von mir los, ich fühle mich
von allen jenen Kräften verlassen, die mir sonst so willig zu Gebote standen.
Eine schreckliche Nüchternheit befällt mich, wenn ich an mich selbst denke, ich
fühle meine ganze Nichtswürdigkeit, wie jetzt nichts in mir zusammenhängt, wie
ich so gar nichts bin, nichts, wenn ich aufrichtig mit mir verfahre. O es ist
schrecklich, Rosa! sich selbst in seinem Innern nicht beherbergen zu können,
leer an jenen Stellen, auf denen man sonst mit vorzüglicher Liebe verweilte,
alles wüst durcheinandergeworfen, was ich sonst nach einer schönen und
zwanglosen Regel dachte und empfand: von den niedrigsten Leidenschaften
hingerissen, die ich verachte und die mich dennoch auf ewig zu ihrem Sklaven
gemacht haben. Ohne Genuss umhergetrieben, rastlos von diesem Gegenstand zu jenem
geworfen, in einer unaufhörlichen Spannung, stets ohne Befriedigung, lüstern mit
einer verdorbenen, in sich selbst verwesten Phantasie, ohne frische Lebenskraft,
von einem zerstörten Körper zu einer drückenden Melancholie gezwungen, die mir
unaufhörlich die grosse Rechnung meiner Sünden vorhält: - nein, Rosa, ich kann
mich selber nicht mehr ertragen. Wäre Andrea nicht, so würde ich wünschen, ewig
ein Kind geblieben zu sein, der Dümmste zu sein, den Sie nicht eines Wortes,
nicht Ihres Anblicks würdigen, ach, ich wäre zufrieden auch mit Ihrer
Verachtung, ich würde von keiner andern Heimat wissen und mich in der dunkeln,
beschränkten Hütte glücklich fühlen. Aber ich weiss, dass noch nicht alles
verloren ist, die grössere und bessere Hälfte meines Lebens ist noch zurück.
Andrea hat den Schlüssel zu meiner Existenz, und er wird mir wieder ein freieres
Dasein aufschliessen: er wird mich in eine höhere Welt hinüberziehn und ich werde
dann die Harmonie in meinem Innern wieder antreffen. So muss es sein, oder es
gibt für mich keinen Trost auf dieser weiten Erde, keinen Trost im Grabe,
vielleicht keinen Trost in einer Unsterblichkeit. Glauben Sie nicht, Rosa, dass
ich in einer trüben Laune übertreibe, dass ich mich mit Beschuldigungen überlade,
um mir nur die Entschuldigung wieder desto leichter zu machen: nein, ich habe
dies in allen Stimmungen empfunden, selbst im Wahnsinne der Trunkenheit schwebte
diese Überzeugung fürchterlich deutlich vor meinen Augen, nur habe ich sie mir
selber abgeleugnet; ich kann jetzt mit diesen Lügen nicht weiterkommen, ein
unbestechlicher, unsichtbarer Genius verdammt mich von innen heraus, und was
mich am meisten zu Boden wirft, ist, dass ich mir nicht als ein Ungeheuer,
sondern als ein verächtlicher, gemeiner Mensch erscheine. Wäre das erstere der
Fall, so läge in der Vorstellung selbst ein Stolz und also auch ein Trost. - Oh,
Sie glauben es nicht, wie abgeschmackt ich mir vorkomme, wenn ich irgendeinen
Schluss machen, oder etwas Gescheites sagen will; alles erscheint mir dann so
ohne Zusammenhang mit mir selber, so aus der Luft gerissen, so im Widerspruche
mit dem jämmerlichen Lovell, dass ich wie ein Schulknabe erröten möchte.
    Sie sehn, Rosa, ich muss zurück und Andrea muss mich von mir selbst erlösen.
 
                                       28
                          Ralph Blackstone an Mortimer
                                                                         Bondly.
Es geht alles glücklich und über die Massen wohl mit den Verbesserungen: ich
halte es für meine Schuldigkeit, Ihnen einige summarische Nachrichten davon zu
geben, weil Sie sich für den hiesigen Garten vorzüglich interessierten. Die
alten Linden, die vertrocknet waren, sind abgehauen und ausgegraben, es fand
sich der Name Ihrer Gemahlin in der einen, neben ihr stand Lovell
eingeschnitten; man hat junge Birken dort gesetzt; der Teich ist ausgetrocknet,
weil der Garten doch an Wasser Überfluss hat: einiges Nadelholz am Abhange des
Berges ist fortgeschaft, weil es oben die schöne, herrliche Aussicht
einschränkte. Manche kleine Verbesserungen werden Sie noch antreffen, wenn Sie
sich wieder selbst einmal herbemühen wollen; der Garten kann sich nun bald vor
jedem Kenner sehen lassen; manches freilich könnte besser sein, aber man muss
nicht alles in der Welt auf die beste Art haben wollen, sonst bleibt es am Ende
ganz schlecht. An mir liegt freilich nicht die Schuld, sondern immer nur an dem
Gärtner Tomas, von dem ich Ihnen schon neulich schrieb, dass ich vielen Streit
mit ihm hätte; ein Mensch, der seinen wahren und echten Geschmack gar nicht
ausgebildet hat, und der nun doch immer in allen Sachen recht haben will. Nun
ist das eine sehr grosse und fast unausstehliche Prätension, selbst von einem
sehr gescheiten Menschen, und nun vollends von einem Manne, der nicht drei
vernünftige Gärten zeit seines ganzen Lebens gesehn hat. Aber es ist ein
schlimmer Umstand bei diesem Manne, er wird sehr gekränkt, wenn man ihm zu sehr
widerspricht, oder ganz gegen seinen Willen handelt, er hat eine Art von
empfindsamem Eigensinn, den man gar nicht brechen kann, ohne ihm selber das Herz
zu brechen. Er war neulich heftig gerührt, als ich ein Blumenbeet angebracht
hatte, von dem er nichts wusste. Er hielt mir das Unrecht, das ich ihm, als einem
so alten Manne, tue, dass ich seinen Respekt bei den Gartenknechten vermindre,
recht beweglich vor, und ich alter Narr liess mich übertölpeln und wurde
ordentlich mit gerührt. Seit der Zeit sind wir nun sehr gute Freunde, ich tue
ihm sehr vieles zu Gefallen und er tut mir auch dagegen manches zu Gefallen: ich
habe es mir überlegt, dass ich lieber den Garten und den guten Geschmack, als
einen lebendigen Menschen etwas kränken will, und darum sehe ich jetzt durch die
Finger, und lasse manchmal fünfe gerade sein.
    Von der Jagd sind Sie ebensowenig, wie mein Schwiegersohn, ein grosser
Liebhaber, und darum will ich Ihnen von ihren Fortschritten lieber nichts
erzählen. Mein Schwiegersohn ist willens, das benachbarte Gut Waterhall zu
kaufen, und ich glaube, dass er vernünftig daran tut, denn es ist zu einem sehr
billigen Preise zu haben. - Ich empfehle mich Ihrer fernern Gewogenheit und
nenne mich
                                      Ihren ergebensten Freund Ralph Blackstone.
 
                                       29
                             William Lovell an Rosa
                                                                          Nizza.
Wohin soll ich mich wenden? - Ein entsetzlicher Schreck hat mich bis hieher
gejagt, und nun weiss ich nicht, ob ich hierbleiben, ob ich rückwärts oder
vorwärts gehen soll.
    Die Räuber waren endlich meines müssigen Lebens überdrüssig, sie forderten,
dass auch ich ein nützliches Mitglied der Gesellschaft werden sollte. Man gab mir
ein Pferd, und ich musste an einem Morgen mit zwei andern ausreiten.
    Wir lagen noch nicht lange am Wege, als ein Reiter in grosser Eile
vorübertrabte; wir lenkten auf einen verborgenen Fusssteg ein, so dass wir ihm
entgegenkamen. Er schien uns nicht zu fürchten, denn er suchte nicht
auszuweichen, wir stiessen aufeinander - und o Himmel! nie werd ich diesen
Augenblick vergessen - Karl Wilmonts Gesicht stand vor mir, bleich und
entstellt. - Kaum erkannte er mich, als in seinen Augen ein höheres Feuer
aufloderte. Ich sah es, wie er nach meinem Blute lechzte, er sprach den Namen
Emilie aus und stürzte wie ein wildes Tier auf mich ein. Ich konnte seinen Blick
nicht aushalten, er zwang mich unwiderstehlich zu entfliehn; ich hörte ihn
hinter mir, indem er grässliche Flüche ausstiess: mein Haar stand empor, das Pferd
lief mir immer noch nicht schnell genug, eine unbeschreibliche Angst drängte
mich vorwärts. - Meine beiden Gefährten waren weit zurück, und als ich mich
nachher noch einmal umsah, war auch Wilmont verschwunden. -
    Wo ist er geblieben? - Soll ich nun nach Rom kommen, soll ich nach
Frankreich zurückkehren? Wo bin ich vor diesem Verzweifelten sicher? Aller Mut,
der mir sonst zu Gebote steht, verlässt mich, wenn ich an ihn denke. Er kömmt, um
mich zu suchen; - und wenn er mich findet? - Wie vermag ich's, ihm
standzuhalten? -
 
                                       30
                            Karl Wilmont an Mortimer
                                                                           Pisa.
Ich hatte ihn, bei meiner Seele, ich hatte ihn schon! Aber er ist mir wieder
entkommen, der schändliche Bösewicht. - Von Räubern ward ich in den
piemontesischen Alpen angefallen, und denke Dir, Mortimer, er war unter ihnen.
Ich erkannte ihn sogleich, und er erkannte mich und flohe. - Mein lahmer Gaul
kam nicht nach. Schon gegen mir über, dass ich ihn erreichen konnte, hatt ich ihn
gehabt. Mein Pferd stürzte an einem hervorragenden Stein und brach den Schenkel,
ich lag eine Weile ohne Besinnung; als ich wieder zu mir selbst kam, sah ich ihn
nirgend. - Aber ich muss ihn finden! - Wüsst ich nur, wohin ich mich wenden
sollte! - In welchen Schlupfwinkel hat sich der Elende jetzt vor meiner Wut
verkrochen? - Aber darüber bin ich unbesorgt; endlich muss ich ihn treffen,
Emiliens Geist wird meine ungewissen Schritte leiten: fand ich ihn doch da, wo
ich ihn am wenigsten vermutet hatte.
 
                                  Zehntes Buch
                                        1
                           Mortimer an Eduard Burton
                                                                    Roger Place.
In einigen Wochen komme ich zu Ihnen, und dann will ich mit eigenen Augen die
Verwandlungen in Bondly betrachten, die ich bis jetzt nur aus Beschreibungen
kenne. Ihr Schwiegervater hat mir in mehreren Briefen davon geschrieben, und
alles hat meine Neugierde äusserst rege gemacht. Durch gewisse Torheiten kann
mich ein Mensch sehr zu seinem Vorteile einnehmen. Ich mag die Eitelkeit nicht
so grimmig anfeinden, die den Menschen oft aufrecht hält, wenn ihn alles übrige
verlässt; sie ist eine gutmütige Torheit, die ihn über alle seine übrigen
Torheiten tröstet, sie ist der Wundarzt in der Welt des Menschen, und der Mensch
leidet gewiss am meisten, wenn dieser sein Chirurgus krank darniederliegt; wenn
ihn die Eitelkeit verlässt, oder er seine Eitelkeit verachtet, so durchlebt er
die unglücklichsten Stunden seiner Existenz. Wenn sich nun ein Mann irgendein
Spielzeug aussucht und sehr ernstaft damit umgeht, soll man ihn denn deswegen
tadeln? Im Grunde sind überhaupt die Menschen gut, man sollte sich nicht
anmassen, über die feinen Nuancen und Schattierungen ein Urteil zu sprechen, denn
indem mir die eine Torheit anklebt, muss ich notwendig eine andre falsch
beurteilen, und durch Torheit sind doch Menschen den Menschen verwandt, man
sollte daher nicht immer selbst so viel von den Familienfehlern sprechen. -
 
                                       2
                      Tomas an den Herrn Ralph Blackstone
                                                                      Waterhall.
Wohlgeborner Herr!
Ich habe die Ehre Ihnen zu melden, dass ich mit den Einrichtungen des hiesigen
Gartens, so zu sagen, über Hals und Kopf beschäftigt bin. Es bringt mir viele
Mühe, aber ich denke immer, es soll mir auch einige Ehre bringen, und damit gebe
ich mich denn über die Mühe zufrieden. Dieselben werden wissen, dass wir in
dieser Welt fast gar nichts ohne Mühe haben, und obgleich die gemeinen Leute
immer zu behaupten pflegen, umsonst sei der Tod, so müssen sich doch die meisten
ganz ausserordentlich bemühen, ja fast quälen, ehe sie nur ans eigentliche
Sterben kommen; ich meine nämlich die letzten Züge, in denen man immer zu liegen
pflegt; mit dem letzten Atemholen müssen wir das bequeme Luftolen für unser
ganzes Leben bezahlen.
    Der Garten hier ist in einige Unordnung geraten; ich muss Ew. Wohlgeboren die
Ehre haben zu versichern, dass ich hier sonst schon einmal Gärtner gewesen bin
und noch jeden Busch und jeden Steg kenne; aber damals hatte ich keine freie
Hand, denn die gnädige Besitzerin hatte, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben
soll, nicht sehr viel Geschmack, es war ihr nur darum zu tun, dass der Garten
grün sei, und damit war dann alles gut und fertig. Dieselben aber werden wohl
einsehn, dass das noch lange keinen Garten ausmacht, und wir beide wissen es am
besten, was wir in Bondly für Arbeit gehabt haben, und gewiss noch haben werden.
Seit unsere Eltern aus dem Paradiese getrieben sind und auf die Erde ein Fluch
gelegt wurde, hängt sie ganz ausserordentlich nach dem Verwildern hin; nun muss
der Mensch immer dagegen streiten und arbeiten, um nur alles in der gehörigen
Ordnung zu halten; und so sind die Gärten entstanden. Die Gartenkunst ist gewiss
eine grosse Kunst, und ich höre, dass man jetzt auch ordentliche gedruckte Bücher
darüber hat, und das verdient sie auch ganz ohne Zweifel. Ew. Gnaden schätzen
auch die Kunst nach ihren Würden und lassen sich sogar selbst mit der Arbeit
ein, das muntert denn unsereinen auf, alle seine Kräfte daran zu wagen. Ich
wünschte nur, ich wäre erst hier mit allem fertig, um nach unserm Bondly
zurückkommen zu können. - Ich empfehle mich Ihrer fernern gnädigen Freundschaft
und habe die Ehre mich zu nennen
                           Ew. Wohlgeboren ergebenster Freund und Diener Tomas.
 
                                       3
                                Bianca an Laura
Es wird mit jedem Tage schlimmer, liebe Laura; es will mir nichts mehr einen
rechten Zeitvertreib machen, sondern alles kömmt mir ganz gemein und verächtlich
vor. Ist es nicht genug, dass ich krank bin? Muss mir auch das noch zustossen? Und
kein Mensch bekümmert sich um mich, ich bin mir selber ganz überlassen; wär es
ein Wunder, wenn ich jetzt melancholisch würde? - Sie besuchen mich auch fast
gar nicht; ist Ihre Freundschaft nur für die frohen und gesunden Tage? Ach, wenn
sie mich erst werden begraben haben, werden Sie es gewiss bereuen, und dann ist
es zu spät; bedenken Sie das, liebe Laura. Sie sind freilich jetzt gesund und
noch ziemlich jung, aber die Zeit wird auch vorübergehn, und dann werden Sie
sich ebenso wie ich nach einer Freundin umsehn. Glauben Sie mir, liebes Kind,
die Einsamkeit ist unsereinem fürchterlich, man erinnert sich an tausend Sachen,
die man schon längst vergessen zu haben glaubte. - Genau genommen, Laura, haben
wir nicht recht gelebt; doch, das steht nun nicht mehr zu ändern.
 
                                       4
                                Laura an Bianca
Wie ich es gleich befürchtete, liebste Freundin, Sie sind viel zu ängstlich, das
verdirbt jedermann die Laune, der Sie besucht, und ich muss Ihnen aufrichtig
gestehn, dass man Sie eben darum ungern besucht, denn die menschliche Natur hat
einen Widerwillen gegen alle Traurigkeit und Finsternis; alles in der Welt kömmt
einem dann gleich so klein und unbedeutend vor, und auf diese Art nutzt sich am
Ende das Leben so wie ein Kleid ab. Sie nehmen auch alles gar zu genau, liebe
Bianca; wer wollte es im Leben genau nehmen? Sind nicht Priester und Prälaten
bei uns gewesen und haben sich mit uns gefreut? Auf sie fällt grössere Schuld,
als auf uns selbst, denn sie haben uns in unserm Lebenswandel bestärkt. Beichten
Sie, liebste Freundin, und sein Sie dann ausser Sorgen; gegen alles ist Hülfe,
nur nicht gegen den Tod, und diesen werden Sie durch Ihre Traurigkeit
beschleunigen. Wenn ich Sie öfter besuchen soll, müssen Sie durchaus lustig
sein. Sie sagen mir, ich werde alt werden. Ich fange wirklich selbst an, so
etwas zu merken. Es ist eine schlimme Sache mit der Zeit, die immer so
unmerklich weiterrückt, und die, wenn man sich dann umsieht, einen ungeheuern
Weg zurückgelegt hat. Man muss aber an so etwas gar nicht denken, das ist mein
Grundsatz, Bianca; es gibt ja noch tausend andre Dinge in der Welt, die unsern
Verstand und unsre Phantasie beschäftigen können. Leben Sie recht wohl, und
vergessen Sie nicht wieder, was ich Ihnen gesagt habe.
 
                                       5
                             William Lovell an Rosa
                                                                          Padua.
Ich komme bald, Rosa, sehr bald, ich brauche nur noch eine kleine Frist, um auf
dem Wege manches zu erfahren, was ich schon seit lange gerne wissen möchte. Ich
sagte es schon neulich, dass es nichts Wunderbares gibt und dass sich alles um
mich her vereinigt, um mich an Seltsamkeiten zu gewöhnen.
    Ich streifte gestern abends durch die Gassen der Stadt, der Mondschein und
die kühle Luft lockten mich heraus. Ich wollte mich einmal wieder im Taumel der
Phantasie vergessen, wie ich mich denn jetzt zuweilen mit Vorsatz in einen
gewissen poetischen Rausch versetze, um alle Gegenstände anders zu sehn und zu
fühlen. Einzelne Mädchen streiften in den einsamen Gassen umher, und es währte
nicht lange, so folgte ich einer nach ihrer abgelegenen Wohnung. Warum mich
diese gerade und keine andre anzog, weiss ich nicht zu sagen.
    Als in der Stube ein Licht angezündet war, sah ich ein entstelltes
schmutziges Geschöpf vor mir, mit triefenden Augen, von mittlerer Grösse, und,
wie alle ihres Gelichters, mit einem schamlosen Betragen. Als wir uns genauer
betrachteten, schrie sie laut auf, und ich erinnerte mich ihrer Züge dunkel. Sie
befreite mich bald von meiner Ungewissheit und nannte mir ihren Namen. Denken Sie
sich mein Erstaunen, als ich erfuhr, dass es niemand anders, als die kleine
Blondine war, die Sie von Paris mitgenommen hatten, die unter dem Namen
Ferdinand Sie begleitete.
    Sie wusste jetzt nicht recht, wie sie sich mit mir nehmen sollte; sie fing
an, auf die unverschämteste Weise in der Stube umherzuschwärmen, freche Lieder
zu singen und mich dann in ihre Arme zu schliessen; ich blieb ernstaft, und
plötzlich brachen ihre Tränen, wie ein lange zurückgehaltener Strom, hervor, sie
warf sich in einer Ecke des Zimmers auf den Boden und schluchzte laut. Ich war
ungewiss, ob ich bleiben sollte; ihre Stellung rührte mich, sie hatte das Gesicht
mit den Händen verdeckt, es schien, als wollte sie sich aus Scham in die Mauern
hineindrängen. Ich ging endlich zu ihr und richtete sie auf; sie wandte ihr
Gesicht ab, sie konnte vor Zittern und heftigem Weinen sich nicht aufrecht
erhalten und sank in einen kleinen Sessel. Wie von gewaltigen Krämpfen ward sie
hin und her geworfen; nach diesem heftigen Sturme erlebte sie endlich einen
Stillstand aller Empfindungen, und sie sah mich nun mit einem unbeschreiblich
beruhigten Gesichte an.
    Ich musste weinen, alle Erinnerungen, alle Empfindungen drangen so lange auf
mich ein, bis ich meiner Schwäche freien Lauf liess. Dadurch schien sie getröstet
und aufgerichtet zu werden. Wir sprachen nun miteinander, die Erhitzung hatte
ihr Gesicht angenehmer gemacht, sie sah nicht mehr so verzerrt aus.
    Ich glaube, ich habe Ihnen schon ehemals erzählt, dass sie mich einst in Rom
in einem Billette vor Ihrer Gesellschaft gewarnt habe, sie sagte mir jetzt die
Ursache davon, sie habe einst durch einen Zufall gehört, dass Sie irgendeinen
Plan auf mich hätten, der mir schädlich sein könnte. Doch diese Kinderei ist
längst vergessen und ich hörte kaum darnach hin, als sie mir von neuem davon
erzählte. Es kommt mir jetzt lächerrlich vor, dass mich jenes kleine Billett und
jener Argwohn damals so sehr erschreckten. Es ist im Laufe des Lebens etwas
Läppisches, sich immer für verfolgt zu halten, die Menschen nicht zu verstehn,
und sich auch keine Mühe zu geben, sie kennenzulernen, sondern statt dessen sie
bloss zu fürchten. Sie hatten den Plan mich klüger zu machen, und es ist nachher
auch geschehn; freilich mag das wohl etwas Unerlaubtes sein, etwas, das die
meisten Menschen fürchten, und dem sie aus dem Wege gehn. Klüger zu werden ist
das grösste Verbrechen, das man sich in der Welt nur immer erlauben kann, dadurch
empört man alle Menschen gegen sich, es heisst die Ordnung der Dinge umstossen und
sich gegen die Gesetze der Natur auflehnen, nach denen der Mensch mit jedem
Jahre mehr zusammenschrumpfen und in eine immer engere Einfalt hineinkriechen
muss. Die sich von dieser Notwendigkeit losmachen, werden daher von allen übrigen
Bürgern dieser Erde verfolgt, die auf Recht und Ordnung halten.
    Als wir uns beide etwas getröstet und beruhigt hatten, fragte ich sie um
ihre Geschichte, die mir in diesem Augenblick unendlich interessant war. Es
waren ihr aus einem ehemaligen Leben so viele schöne Fragmente von Unschuld
übriggeblieben, dass ich mich innig sehnte zu hören, wie sie gerade so tief und
immer tiefer gesunken sei. Sie sah mich lange mit einem aufmerksamen Blicke an,
dann sagte sie, dass sie meine Neugier befriedigen wolle.
    Ich bin noch jetzt gerührt, und ich will versuchen, Ihnen die eigenen Worte
des Mädchens herzusetzen, soviel ich mich noch ihrer erinnern kann.
    Ich bin, fing sie an, in einer Vorstadt von Paris geboren. Das erste, was
ich von der menschlichen Sprache verstand, war, dass ich keine Mutter mehr hatte;
die erste Empfindung, die ich kennenlernte, war der Hunger. Mein alter Vater
sass, das ist meine frühste Erinnerung, vor meinem Bette und weinte, indem er
eine Laute in den Händen hielt, auf der er ein wunderbares Lied spielte. Als ich
nur sprechen konnte, suchte er mich mit diesem Instrumente bekannt zu machen und
mir die Kunst, es zu spielen und mit Gesang zu begleiten, beizubringen, soviel
es in seiner Gewalt stand. Alle meine Erinnerungen aus der Kindheit ruhen auf
Lautentönen aus, alle meine Empfindungen, mein ganzes Leben ist aus diesen Tönen
herausgeflossen; sie umschliessen wie ein unübersehliches, melodisches Meer die
Grenze meiner Erinnerung und meiner Kindheit. Fromme Ahndungen und Gefühle
schweben leise von dort herüber und ziehn langsam meinem Herzen vorbei, es ist,
als wenn mich einer ruft, dessen Stimme ich nicht kenne, den ich nicht verstehe.
- Ach! wenn ich jetzt manchmal in der tiefen einsamen Nacht Lautentöne höre -
zuweilen dieselben Lieder, die ich sonst spielte - o Lovell, mein Herz wollen
diese Töne aus mir herausreissen. -
    Als ich etwas grösser geworden war, musste ich meinen Vater auf seinen
Wanderungen durch die Stadt und in den nahgelegenen Gärten begleiten. Noch oft
spät in der Nacht zogen wir durch die Strassen, indem mein Vater die Laute
spielte und ich dazu sang, und bei manchen Stellen eine kleine Handpauke schlug.
Wir erhielten auf die Art ein mageres Almosen, das wir am folgenden Tage
verzehrten. Mein Vater fürchtete sich vor Gespenstern, und sah oft in den Ecken
etwas stehn, vor dem er sich innig entsetzte; er teilte mir diese unbekannte und
unbegreifliche Furcht mit. Bei Tage sassen wir oft unter einer grossen und
lärmenden Gesellschaft von gemeinen Leuten, und liessen unsre Lieder hören; das
Getümmel, die Verschwendung, Unmässigkeit und die wenige Aufmerksamkeit auf uns
rührte mich ausserordentlich; mein Vater tröstete mich dann und sagte mir, dass
dies so die Weise der Menschen sei, dass daraus das menschliche Leben bestehe. -
O wie lebhaft und schmerzlich fällt mir heute alles, alles wieder ein, was ich
immer zu vergessen suchte.
    Ein paar arme Mädchen gesellten sich zu mir und manchmal waren wir
jugendlich lustig, und es kam mir dann ordentlich vor, als gehörte ich auch mit
zur Welt, ich war dann in mir selber dreister. - Wenn ich aber wieder unter die
andern Menschen trat, so schlug mich jeder gute Anzug nieder, jede
vorbeifahrende Kutsche beschämte mich, und ich verachtete mich selbst ebenso,
wie mich alle übrigen Menschen verachteten. - Die mutwilligen Gespräche der
Mädchen versetzten mich dann wieder in einen gewissen Rausch, den ich selbst in
der Freude nur als eine Trunkenheit ansah und in denselben Augenblicken recht
gut wusste, dass ich zu einer nüchternen Selbstverachtung, zu einer elenden,
kriechenden Geistesdemütigung wieder erwachen würde. - Ich verachtete aber meine
Freundinnen ganz von Herzen, ja ich weinte über sie, als ich bald nachher von
meinem Vater hörte, dass sie sich in ein schlechtes Haus als gemeine Dirnen
hingegeben hätten. - Wer hätte mir damals sagen können - oh, und doch ist es gar
nicht wunderbar, es ist so begreiflich - ach! Lovell, der Mensch ist in sich
nichts wert.
    Unser Unglück wurde noch vergrössert; von innigem Grame, von vielen
vergossenen Tränen ward mein Vater blind. Ich war ihm jetzt ganz unentbehrlich;
ich war jetzt sein einziger Trost. Ich tat ihm alle Dienste gern und willig, ich
liebte ihn nur um so mehr, je unglücklicher er war. Meine Phantasie hatte jetzt,
bei der gänzlichen Unterdrückung von aussen, einen hohen Schwung genommen, ich
war innerlich zufrieden, und ersetzte mir durch erhabene Träume den Verlust der
wirklichen Welt.
    Spät in der Nacht las ich oft noch die Schilderung grosser Menschen, in den
Erzählungen von Richardson; mich erquickte die Welt voll erhabener Geister, die
mich dann umgab, und ich war überzeugt, dass die Menschen mich nur nicht genug
kennten, um sich mit mir auszusöhnen. Dann war ich über alles Ungemach
getröstet, dann war ich über alle Leiden beruhigt, die mich einst noch treffen
könnten. Welchen Eindruck machten aber dann wieder die gemeinen Gesichter auf
mich, von denen ich durch meinen Gesang ein Almosen erbetteln musste: ihre
plumpen Spässe, ihre groben Zweideutigkeiten, die ich ertragen musste. Ich war
gezwungen, einer kleinen Münze wegen jede Demütigung zu erleiden.
    Ach, Lovell, was mögen Sie von mir denken, dass ich jetzt noch so sprechen
kann? - Nicht wahr, Sie möchten lächeln? Die Zeit geht grausam mit dem armen
Menschen um; erst stellt sie ihn als ein schönes und liebenswürdiges Kunstwerk
hin, und dann arbeitet sie so lange an ihm, bis er endlich selbst eine Satire
auf seinen ehemaligen Zustand wird.
    Jetzt kam eine Zeit, die ich nie vergessen werde, die mir immer ein Rätsel
bleiben wird. So widrig mir anfangs die elenden Witzeleien, die unausstehlichen
Liebkosungen dieser gemeinen Menschen gewesen waren, so gewöhnte ich mich doch
am Ende daran, ja sie gefielen mir sogar. Ich horchte während dem Singen auf
ihren unzüchtigen Witz, und wiederholte mir in Gedanken die Einfälle, die ich
gehört hatte. Mein Blut war in einer beständigen Erhitzung, ich lebte wie in
einer unaufhörlichen Trunkenheit. Meine Bücher waren mir jetzt zuwider, sie
kamen mir lächerrlich vor: die schöne Natur zog meine Blicke und meine
Aufmerksamkeit nicht mehr auf sich, sie kam mir vor wie eine strenge,
langweilige Sittenpredigerin. Meine Phantasie ward in gemeinen und unangenehmen
Bildern einheimisch, alle meine ehemaligen Vorstellungen erschienen mir albern
und unwürdig. - Zuweilen war es dann wieder, als wenn ich aus meinem Schlafe
erwachte; dann erinnerte ich mich meiner vorigen schönen Empfindungen, ich bekam
dann einen Abscheu vor mir selber, mein Leben kam mir in diesen Augenblicken
wüste und dunkel vor, ich beschloss, mich zu meinem sonstigen Zustande
zurückzuretten - aber dann trat es mir wieder wie ein steiler Berg entgegen,
mein gemeiner Sinn ergötzte sich wider meinen Willen an schändlichen
Vorstellungen, und das schöne Land der kindlichen Unschuld lag wieder weit
zurück und wie von einem schwarzen Nebel verfinstert. Um diese Zeit sah mich
Rosa, ich gefiel ihm, er kam mir entgegen und ich machte die andre Hälfte des
Weges, er lehrte mich das Laster kennen, und ohne Besinnung, ohne einen Gedanken
verliess ich meinen armen, unglücklichen, blinden Vater, und folgte ihm. - Ach,
er wird nun wohl schon gestorben sein; aber ich bin bestraft, sein Fluch ist mir
nachgefolgt. - - -
    Sie hielt hier ein und weinte von neuem. Ich erinnerte mich jetzt eines
alten blinden Bettlers, den ich in Paris gekannt und der mir selbst einmal von
einer undankbaren, entlaufenen Tochter erzählt hatte. Er ist ganz ohne Zweifel
derselbe. An manchen Tagen war er wahnsinnig und sang wilde und prophetische
Lieder, indem er dazu auf seiner Laute phantasierte: dann liefen ihm die Jungen
in den Gassen nach, um ihn zu verspotten.
    Sie hatte sich jetzt wieder erholt und fuhr in ihrer Erzählung fort:
    Es erwachte jetzt ein ganz neues Leben in mir, ich sah mich zum ersten Male
geschätzt und geliebt, in guten Kleidern, vertraut mit einem Menschen, den ich
noch vor wenigen Tagen als ein fremdartiges Wesen, als einen Gott verehrt hatte.
Ich kaufte jetzt alle Zuversicht, allen Genuss zurück, die ich bis dahin entbehrt
hatte. Meine Munterkeit wurde zur Frechheit, denn ich hielt mich für eines der
vorzüglichsten Geschöpfe in der Welt, ich hatte den Unterschied unter den
Menschen nie gelernt, ich kannte jetzt nur die reichern und ärmern, mir fehlte
jetzt zu einem angenehmen Leben nichts, und ich verachtete alle Menschen, die
nicht so gut leben konnten wie ich. - In diesem Zustande sah ich Sie, Lovell,
und ein Gefühl, wie ich noch nie gekannt hatte, bemächtigte sich meiner. Es war
die Liebe, die mir bis dahin fremd geblieben war. Ohne zu wissen, was ich tat,
rettete ich Ihr Leben bei jenem Überfalle der Räuber. Meine Zuneigung wuchs mit
jedem Tage, aber ich bemerkte, dass Rosa eifersüchtig wurde. Von jetzt lebt ich
ein schweres Leben, denn alle meine Empfindungen lagen im Kampfe miteinander,
meine Gefühle waren so rein und schön, und eben durch sie erhielt ich einen
Aufschluss über meine eigene Verächtlichkeit. - Sie wissen, wie ich Sie bat, zu
mir zu kommen; Rosa überraschte uns. Seit der Zeit war ich ihm zuwider, ja er
hasste mich endlich und überliess mich meinem Schicksale. - Ich konnte von Ihnen
damals nichts weiter erfahren, als dass Sie mit einer gewissen Rosaline lebten:
als ich dies hörte, wagte ich es nicht, zu Ihnen zu kommen, ich fürchtete mich
auch vor Rosa. - Es fanden sich einige Menschen, die mich einer nach dem andern
unterhielten, denn ich war einmal an diese Lebensart gewöhnt und hatte viele
Bedürfnisse. - Ich sank immer tiefer, ich verliess Rom und zog von einer Stadt
zur andern - und nun, Lovell - Reue im Herzen, ohne Geld, mit den gemeinsten
Geschöpfen verschwistert, krank - - -
    Sie konnte nicht weitersprechen. Ich war erschüttert, ich gab ihr alles
Geld, das ich bei mir hatte, und verliess sie. - Ich will sie heute besuchen und
sie mit mehrerem Gelde versorgen, damit sie wenigstens ihre Gesundheit
wiederherstellen kann.
    Sie hätten sie nicht so ganz verlassen sollen, Sie haben nicht recht getan.
- Doch, habe ich an Rosalinen nicht noch schlimmer gefrevelt?
 
                                       6
                           Ralph Blackstone an Tomas
                                                                         Bondly.
Es ist hier noch immer alles beim alten, mein lieber Tomas, ausser dass im Garten
wieder manche kleine Veränderungen vorgefallen sind. Ich finde doch, dass Er bei
allen den Anlagen unentbehrlich ist, denn die übrigen Menschen sind dumm und es
ist nichts mit ihnen anzufangen. Ich habe noch allerhand neue Projekte im Kopfe,
die sich vielleicht mit der Zeit ausführen lassen. Er muss nur den Garten in
Waterhall bald zustande zu bringen suchen, denn im Grunde gehören wir beide
zusammen, wenn wir uns auch manchmal ein wenig gestritten haben. Vier Augen sehn
immer weiter, als zwei, das ist mein Wahlspruch und ich finde es immer
bestätigt, dass ich daran nicht unrecht habe. Man muss nur immer suchen, in der
Welt irgend etwas zustande zu bringen, es mag auch dann sein, was es will; es
ist zwar nichts Merkwürdiges eben, wenn wir den hiesigen Garten beide
verschönern, es wird immer noch keinen Einfluss auf die Weltgeschichte haben,
aber es ist doch immer sehr angenehm und sehr löblich. Wenn man im Kleinen etwas
Gutes tut, so kann man es doch berechnen, wie weit es sich erstreckt, und das
ist sehr viel wert; von dem Guten aber, das im Grossen geschieht, oder geschehn
soll, kann man nie wissen, wie weit es gehn wird, es geht oft gar zu weit und
ist nachher nicht mehr zu ändern, eben weil es gleich in der Anlage zu gross war.
Er tut mir daher einen sehr grossen Gefallen, lieber Tomas, wenn Er so bald als
möglich wieder zurückkommt, mit Ihm kann man reden, und Er ist ein Mann, der den
Verstand da hat, wo er hingehört; das kann man nicht von allen Leuten sagen,
Tomas, denn manche haben ihn in den Fusssohlen, andre im Rücken, andre auf der
Zunge; das sind solche Leute, die man zu gar nichts brauchen kann. Er sieht, wie
hoch ich Ihn schätze, und Er wird darum machen, dass Er bald zurückkömmt. Ich
nenne mich
                                                 Seinen Freund Ralph Blackstone.
 
                                       7
                             William Lovell an Rosa
                                                                        Florenz.
Es neigt sich alles zum Ende, mein Leben kömmt mir vor, wie eine Tragödie, von
der der fünfte Akt schon seinen Anfang genommen hat. Alle Personen treten nach
und nach von der Bühne und ich bleibe allein übrig.
    Ich besuchte in Padua das Mädchen am folgenden Morgen wieder. Meine Rührung
hatte den ganzen Tag über fortgedauert; ich stellte mir recht lebhaft vor, wie
sehr sie mir danken würde, und als ich nun hinkam, fand ich sie im hitzigen
Fieber, so dass sie mich nicht wiedererkannte. Ich liess das Geschenk zurück, das
ich für sie bestimmt hatte. - Ich reiste ab, und ein Zufall, oder eine seltsame
Laune, verschlug mich nach Genua.
    Ich labte mich hier am Anblicke des grossen allmächtigen Meeres. Mein Geist
ward in mir grösser, und ich fühlte mich einmal wieder über die Menschen und über
die Natur hinausragen. Die unübersehliche Fläche redete mich erhaben an, und ich
antwortete ihr innerlich mit bestimmter Kühnheit. Alle meine Sorgen, die mich
sonst so schwer drückten, waren hinweggeflogen, und ich war frei und
unbeängstigt. Aber Wolken stiegen am fernen Horizonte auf und mit ihnen trübe
Zweifel in meiner Seele, alles stand wieder still, die Uhr zeigte wieder jene
traurige, schwarze Stunde - ich ward mir selbst wie ein entsprungener Gefangener
zurückgegeben. O über den verhassten Wechsel in unserm Innern!
    Ich ging an einem Morgen durch eine einsame Strasse, und hinter einem
vergitterten Fenster glaubte ich Balders Gesicht zu sehn. Ich erstaunte, ich
erkundigte mich unten im Hause nach ihm, man bestätigte, dass er dort wohne, und
wies mir mit einem Lächeln, das ich nicht verstand, die Treppe nach seinem
Zimmer. - Ich trat hinein, er war es wirklich, er erkannte mich sogleich und
umarmte mich mit grosser Herzlichkeit. Er war gut gekleidet, seine Miene war ganz
geändert, sein Auge schien heiter und ungetrübt. Er war ganz zu den gewöhnlichen
Menschen wieder zurückgekehrt, er war froher und menschlicher, als er selbst
damals war, als ich ihn in Paris zuerst kennenlernte. Mein Erstaunen war ohne
Grenzen und ich konnte mich immer noch nicht überzeugen, dass jener unglückliche,
wahnsinnige Balder wirklich vor mir stehe.
    Wir frühstückten miteinander, und ich konnte nicht müde werden, ihn
aufmerksam zu betrachten. Sein Gesicht war voller und gesunder, in seinen
tiefliegenden Augen waren einige Spuren des Wahnsinns zurückgeblieben, ob sie
gleich ziemlich hell und lebhaft waren. Alle seine Bewegungen waren lebendiger,
er war durchaus körperlicher geworden, und deswegen kam er mir in einzelnen
Momenten ganz fremd vor. Das Zimmer war ordentlich und aufgeräumt, nur an der
hintern Wand lag ein grosser roter Mantel über den Boden und über Stühlen
ausgebreitet.
    Balder war sehr gesprächig, und wir unterhielten uns von manchen Vorfällen
aus der Vergangenheit. Ich bat ihn endlich, mir zu erzählen, durch welche
Zufälle er sich plötzlich so sehr verändert habe; sein Gesicht ward trauriger,
indem er darüber zu reden anfing; ich will es versuchen, Rosa, Ihnen seine
eigenen Worte niederzuschreiben.
    Du wirst vielleicht, fing er an, meinen seltsamen Brief aus den Apenninen
erhalten haben, denn dass ich dort gewohnt hatte, erfuhr ich nachher. Ich kann
mich jenes Zustandes nur noch dunkel und mit Mühe erinnern. Ich weiss, dass mich
ein unaufhörlicher, wunderbarer Traum umgab. Mein Bewusstsein lag gleichsam
fernab in mir verborgen, die äussere Natur schimmerte nur dunkel in mich hinein,
mein Auge starrte vorwärts und die Gegenstände veränderten sich dem stieren,
angestrengten Blicke. Zu allen meinen Empfindungen und Ideen führten gleichsam
keine Tasten mehr, die sie anschlagen konnten, sondern eine unbekannte Hand fuhr
über den Resonanzboden auf den gespannten Saiten umher und gab nur dunkle,
verworrene und einsilbige Töne an. Wie in Bergwerken eine Leuchte oft hin und
wider geht und das Licht an den Quarzwänden und dem nassen Gestein wundersam
zurückschimmert, so erschien mir der Gang meiner Vorstellungen in mir selber.
    Plötzlich ergriff mich wieder, so wie in meinen gesunden Tagen, das Gefühl
einer heftigen Unruhe, ich fand mich in mir selber unzufrieden. Das fernstehende
prosaische Leben kam wieder näher auf mich zu und eine unbeschreibliche
Sehnsucht zog mich nach sich. Ich kam zu mir selbst zurück und fand mich wie
sonst eingeengt und gepresst, ich wünschte und wusste nicht was: in der Ferne, in
einer andern Heimat schien alles zu liegen, und ich verliess endlich den Ort, wo
ich so lange gewohnt hatte.
    Andre Gegenden begrüssten mich wieder mit denselben Empfindungen, die ich
sonst gehabt hatte, die Zirkel und das Getümmel des menschlichen Lebens
ergriffen mich von neuem, ich legte meine seltsame Kleidung ab und beschloss nach
Deutschland, nach meiner Heimat, zurückzureisen. Es war als wenn sich die
verschlungenen Gegenstände mehr voneinander absonderten; was zusammengehörte,
flog zusammen, und ich stand in der Mitte der Natur. Die Postörner nahmen nun
wieder über Berge und Seen nach fernen Gegenden meine Seele mit sich, der Trieb
zur Tätigkeit erwachte wieder und das dumpfe, unverständliche Geräusch, das mich
bisher innerlich betäubt hatte, verlor sich immer ferner und ferner.
    Ich hatte noch einiges Geld übrigbehalten und mit diesem kam ich in Genua
an. - O Freund, ich wusste nicht, dass ich hier meine frühste Jugend wiederfinden
sollte, ein neues Leben, um es nachher noch einmal zu verlieren. - Ich lernte
hier ein Mädchen kennen - o Lovell, du lächelst und verachtest mich - nein, ich
kann dir nicht sagen, wer sie war, du kannst es nicht begreifen. Ich hatte schon
einst vor langer Zeit meine Henriette begraben, ich hatte viel auf ihrem Grabe
geweint, und hier fand ich sie nun ganz und gar wieder und sie hiess Leonore. -
Ach, wie glücklich war ich, als sie mich wiederliebte, als sie meine Göttin
ward.
    Ich weiss nicht, wie es geschah, aber jetzt verliess mich alle meine
Schwermut, ich konnte selbst nicht mehr an meinen ehemaligen Zustand glauben.
Mein Leben war ein glückliches, gewöhnliches Menschenleben, und keiner meiner
Gedanken verlor sich auf jener wüsten Heide, auf der bis dahin meine Seele
rastlos umhergestreift war. Ich liess mir mein Vermögen aus Deutschland
überschicken, die Familie meiner Gattin war reich, es fehlte meinem Glücke
nichts weiter, als dass mich das Schicksal in Ruhe liess. - - -
    Er hielt hier ein und fing an zu weinen. Ist dies derselbe Mensch, sagte ich
zu mir, der sonst das Leben mit allen seinen Menschen so innig verachtete? der
von jeder Menschenfreude auf ewig losgerissen war? Ein Weib also konnte jene
entsetzlichen Phantasieen verscheuchen, die ihn belagert hielten? - dabei
ergriff mich ein Schauder, dass eben der Balder, den ich im heftigsten Wahnsinne
gesehn hatte, jetzt als ein ganz gewöhnlicher Mensch vor mir stand.
    Er fiel in meine Arme und fing von neuem an zu sprechen: - Ach Lovell! rief
er aus, auch diese hat mir der Tod entrissen. Und ich darf den Kirchhof, ich
darf ihr Grab nicht besuchen! Wie sehn ich mich oft nach meiner einsamen Wohnung
in den Apenninen zurück! - -
    Ich wollte ihn trösten; ich liess einige Worte über den gewöhnlichen Gang des
menschlichen Lebens fallen.
    Recht! rief er mit grosser Bitterkeit, das Leben würde kein Leben sein, wenn
es nicht nach dieser tyrannischen Vorschrift geführt würde. Wir sind nur darum
auf kleine armselige Augenblicke glücklich, um unser Unglück nachher desto
schärfer zu fühlen. Es ist der alte Fluch, Glück muss mit Unglück wechseln, und
eben darin besteht unser Leben und unser Elend.
    Er war heftig erschüttert und ich ging im Zimmer auf und ab; ich näherte
mich dem Mantel und wollte ihn in Gedanken aufheben. Halt! rief mir Balder
plötzlich zu, um Gottes willen halt ein! - Seine Stimme war ganz unkenntlich,
ich stand erschrocken still und sah ihn befremdet an. - Da unten, sagte er mit
zitterndem Tone, liegen die Denkmäler, die man Henrietten gesetzt hat. -
Neugierig hob ich den Mantel auf - und wie entsetzte ich mich, als ich einen
dicken Pfahl und starke Ketten erblickte. Einige Glieder der Kette fielen
rasselnd herunter und Balder tobte nun wie ein wildes Gespenst im Zimmer auf und
ab, er rannte mit dem Kopfe gegen die Wände, er schrie und zerfleischte sich das
Gesicht, er warf sich laut lachend auf den Boden nieder.
    Bösewichter! schrie er mit einer grässlichen Stimme, so geht ihr mit mir um?
- Das ist also der Mensch? - Gebt sie mir zurück und nehmt diese Ketten wieder!
-
    Die Raserei erstickte bald seine Sprache. Sein Gesicht war jetzt blau und
aufgetrieben, alle Glieder seines Körpers bewegten sich mit einer unglaublichen
Schnelligkeit, in seinen grässlichen Bewegungen lag etwas Niedriges und
Komisches, das mein Entsetzen noch vermehrte. Jetzt sprang er auf mich zu und
warf mich mit einem gewaltigen Stosse gegen die Wand, er grinste mich mit einem
höhnischen Lächeln an und drückte seine Faust gegen meine Brust; es war mir
unmöglich mich von ihm loszumachen. Noch nie hab ich ein so inniges Entsetzen
gefühlt, als in diesem Augenblicke: ich wusste nicht mehr, welche verzerrte
Gestalt vor mir stand, ich war in Versuchung, laut aufzuschreien und zu singen,
und aus einem fast unwiderstehlichen Triebe Balders grässliche Possen
nachzuahmen. Schon fühlt ich, wie mir Sinne und Bewusstsein vergingen, ich musste
mich ganz sammeln, um imstande zu sein, nach Hülfe zu rufen.
    Mehrere Menschen mit grossen Ruten und Knütteln traten herein. Balder liess
von mir ab. Man schleppte ihn nach dem Winkel des Zimmers und schloss ihn an den
Block. Er liess alles ruhig geschehn und lächelte nur dazu; als er sich aber
festgeschlossen fühlte, brach seine Wut von neuem aus, er schleuderte sich wie
ein wildes Tier in den Ketten hin und wider, alle seine Sehnen waren angespannt,
sein Gesicht glühte, seine Augen waren keine menschlichen. Er stemmte sich mit
den Ketten, um sich vom Blocke loszureissen, so dass die Ringe laut erklangen:
seine Wärter schlugen jetzt ohne Erbarmen auf ihn zu, aber er schien keine
Empfindung zu haben. Unter der Anstrengung aller Kräfte schien er grösser zu
werden, sein Gesicht war rund und glühend wie der Vollmond: ich konnte den
Anblick nicht länger aushalten, ich verliess schnell das Zimmer. Noch unten, noch
auf der Strasse hört ich ihn schreien; Tränen kamen in meine Augen.
    So hab ich ihn wiedergefunden; doch beruhigen Sie sich, Rosa, er ist schon
nach zweien Tagen in dieser Raserei gestorben. Alles, was er mir erzählt hatte,
ist wahr, gleich nach dem Tode seiner Frau ist er wieder rasend geworden, in
Zwischenzeiten kalt und vernünftig gewesen. Die Verwandten seiner Frau haben für
seinen Unterhalt gesorgt.
    Scheint diesem Unglücklichen der Wahnsinn nicht von der Geburt an schon
mitgegeben zu sein? Zuerst ging er langsam alle Grade desselben durch, bis er
durch eine neue Liebe schneller und rascher zum letzten Extreme hingetrieben
ward. - In einigen Tagen sehn Sie mich in Rom. -
 
                                       8
                              Adriano an Francesco
                                                                        Florenz.
Je länger ich über Andrea nachdenke, je seltsamer, ich möchte sagen, je alberner
kömmt er mir vor. Es fügen sich in meinem Gedächtnisse erst jetzt so manche Züge
zusammen, die mir bedeutender als damals erscheinen. Ich kann es nicht
unterlassen, die Menschen jetzt zu verachten, die sich so ernstaft in die Mitte
der Welt hinstellen; jeder simple Bauer, der auf dem Felde arbeitet und nachher
ein Weib nimmt, ist mir bei weitem ehrwürdiger. Muss denn alles am Menschen
schwülstig und aufgedunsen sein? Will keiner den Weg zu jener Simplizität gehn,
die den Menschen zum wahren Menschen macht, und zwar aus keiner andern Ursache,
als weil uns dieser Weg zu sehr vor den Füssen liegt? Es ist sehr schlimm, dass
der feinere Verstand gewöhnlich nur dazu dient, die Einfalt zu verachten, statt
dass wir lieber den Versuch machen sollten, ob wir nicht auf einem bessern Wege
zu denselben Resultaten kommen könnten. Es ist ein ewiger Streit im ganzen
menschlichen Geschlechte, und keiner weiss genau, was er von dem andern verlangt;
die Menschen stehn sich wie zwei gedungene Heere gegenüber, die sich einander
bekämpfen, ohne dass einer den andern kennt. Mag mein Leben doch recht prosaisch
weiterlaufen, dieser Zweifel soll mich nun nicht mehr kümmern, denn ich werde es
dann nur um so höher achten; mein Vater wünscht, dass ich heirate, damit er noch
Enkel sieht, und ich will das auch bei der ersten Gelegenheit tun. Jene
seltsamen Stimmungen, jene sonderbaren Exaltationen, mit denen uns Andrea
bekannt machen wollte, sind der verbotene Baum im Garten des menschlichen
Lebens. Was meinen Sie, Francesco, wollen wir uns nicht unter jene verachteten
Spiessbürger einschreiben lassen? Wir laufen wenigstens mit der Menge, und können
uns darum um so sicherer halten.
 
                                       9
                              Francesco an Adriano
                                                                            Rom.
Recht so, Adriano! Sie glauben nicht, in welche lustige Stimmung mich Ihr Brief
versetzt hat. Es ist, als seh ich uns beide schon verheiratet, die
Bräutigamswochen überstanden, und dann als gesetzte und wohlkonditionierte
Ehemänner. Wir schliessen den Roman unsers Lebens mit dieser alltäglichen, aber
stets interessanten Entwickelung. - Ich glaube, Sie haben bei Ihrem Briefe eine
Ahndung von meinem Zustande gehabt. Ich habe hier nämlich ein Frauenzimmer
kennengelernt - ein Frauenzimmer - verlangen Sie keine Beschreibung von mir,
denn die ist mir viel zu umständlich, aber wenn ich Ihnen sage, dass ich sie
interessant finde, so hoffe ich, ich habe Ihnen damit alles gesagt. Man kann mir
von einem Frauenzimmer alles mögliche erzählen, ein guter Freund kann mir ihre
Schönheit, ihren Verstand, ihren Witz, ja sogar ihren Reichtum loben, ohne dass
ich auf den Gedanken fallen werde, der gute Freund möchte sich vielleicht
verheiraten: sobald er mir aber von einem Frauenzimmer sagt, es sei interessant,
so fass ich ihn genauer ins Auge, ich betrachte alle seine Züge, um zu bemerken,
in welcher Rücksicht er sich nachher als Ehemann verändern wird.
    Hab ich mir nun nicht schon seit meinem sechszehnten Jahre eine Menge von
vortrefflichen Bemerkungen über die Frauenzimmer gemacht? Ich versichre Sie,
wenn ich in irgendeiner Sache scharfsinnig bin, so ist es in den Beobachtungen,
die ich Ihnen über die Weiber mitteilen könnte. Wenn ich manchmal alles für mich
allein überlegte, so war ich hinlänglich überzeugt, nicht nur, dass mich keine
mehr hintergehn würde, sondern dass auch nie irgendein weibliches Geschöpf eine
grosse Gewalt über mich haben könnte. Die Probe nachher hat aber nie mit dem
ausgerechneten Exempel zusammenstimmen wollen. Ich habe schon tausend Ausnahmen
von meinen Regeln gemacht, ja mehr Ausnahmen als Regeln gefunden und nachher
wieder eingesehn, dass meine Regel doch dauerhafter sei, als ich vermutet hatte.
Lieber Adriano, ich habe wunderbare Erfahrungen über meine Erfahrungen gemacht,
ich habe endlich nach einem mühseligen Studium eingesehn, dass ich ein Narr bin.
Das Wort ist leicht ausgesprochen, aber Sie werden es nicht glauben wollen, wenn
ich Ihnen sage, dass ich zwanzig Jahre daran studiert habe, um die ganze tiefe
Bedeutung dieses kleinen einsilbigen Wortes einzusehn.
 
                                       10
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
So bin ich denn wieder in Rom! Es ist Nacht; mit dem Untergange der Sonne kam
ich an. Ich stieg die breite Treppe hinauf, und sah noch in der letzten Glut
die Peterskirche und das Vatikan brennen, dann war unter mir in der Strasse Dampf
und Nebel, Schatten wandelnd und wüstes Getöse. Ich konnte es nicht unterlassen,
ich ging hinab zu den mir so bekannten Plätzen, über die Strada de' Condotti zum
Korso. Da kamen mir die alten Gesichter entgegen, dieselben Bettler, dasselbe
Geschrei. So näherte ich mich durch die Kreuzstrassen dem Panteon. Auch hier das
Getöse der Käufer und Verkäufer, und im Hintergrund der erhaben ruhige Schatten,
die edle Halle. Ich trete hinein unter wenige Betende. Die Dämmerung des Rundes,
die hohe Grösse redeten erhabene Sprache. Ich weile, und der Vollmond tritt über
die Öffnung der Kuppel, so wie damals, als ich in Rom angekommen war. Mein Herz
war voll, weinend eile ich zum Coliseum, ich werfe mich nieder und versuche zu
beten. Umsonst, aller Spott voriger Zeit kömmt mir aus Altären und Ruinen
entgegen, und geht mit dem Schauder Hand in Hand. Ja, meine Jugend, mein Leben
ist verloren. Das rief mir auch mit den donnernden Wogen in der Mitternacht die
Fontana Trevi zu. So möcht ich mich in Tränen ergiessen können, wie diese Brunnen
weinen und schluchzen. - Ich möchte fast noch Andrea besuchen. Wie harr ich auf
den ersten Klang seiner Worte! wie wohl wird sein ernstes Gesicht meinem wunden
Herzen tun! - O Andrea! - er kann es nicht wissen, wie sehr ich ihn liebe, er
würde mir's nicht glauben, wenn ich's ihm sagte. In ihm liegt jetzt alles
versammelt, was mir sonst teuer und schätzenswürdig war. - Wie ungeduldig werd
ich den morgenden Tag erwarten! - Kommen Sie, Rosa, eilen Sie, ich beschwöre
Sie, noch nie hat ein Freund den Freund mit der Ungeduld erwartet, mit der ich
Sie hieherwünsche.
 
                                       11
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Ich weiss nicht, was ich denken, ich weiss nicht, was ich sagen soll. Sie kommen
nicht, Rosa, und seit drei Tagen wünsch ich Andrea zu sprechen und er lässt mich
immer zurückweisen. Er sei krank, lässt er mir sagen. Was soll ich beginnen? Oh,
schreckliche Gedanken, vernichtende Gedanken steigen in meiner Seele auf. Warum
muss er mich zurückweisen? -
    Bianca habe ich gesehn, sie ist bleich und abgefallen, die Schwindsucht
nimmt ihre Kräfte hinweg. Ihr Anblick hat mich erschreckt, denn er brachte ein
sonderbares Bild in meinen Kopf, ich kann mich aber nicht erinnern, welches.
Francesco ist kalt und zurückgezogen. Alle übrigen, die ich sonst häufig bei
Andrea sah, tun, als kennten sie mich nicht. - O Himmel! welche Ursache kann es
geben, dass Andrea mich nicht sprechen will! Soll dies der Schlussstein meines
trüben Lebens werden? So schal und nüchtern sollte sich nun alles endigen? - O
nein, es ist nicht möglich, er wird mich endlich vor sich lassen, und geschähe
es auch nur, um meines Andringens loszuwerden. Ich weiss jetzt keinen meiner
Sinne recht zu gebrauchen, fast ohne Bewusstsein geh ich umher. - Erbarmen Sie
sich, Rosa, und kommen Sie zu mir nach Rom, dann wird alles gut werden, dann
wollen wir beide Andrea mit Bitten bestürmen: kommen Sie ja.
 
                                       12
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Ich kann Ihnen kaum schreiben. - Warum sind Sie nicht gekommen, oder warum haben
Sie mir wenigstens nicht geantwortet? - Ach, wozu diese Fragen?
    Ich habe Andrea gesprochen. Mit Zittern ging ich gestern wieder hin; man
sagte mir, ich könne hineintreten. Nur in wenigen Momenten meines Lebens bin ich
von einer Freude so ganz und gar durchdrungen gewesen, so sehr durch ein
plötzliches, unerwartetes Entzücken überrascht. - O wie teuer, wie
unaussprechlich teuer hab ich die kurze Freude bezahlen müssen!
    Ich trat in Andreas Zimmer. Er lag auf einem Ruhebette und schrieb; er hob
die Augen bei meinem Eintritte nicht empor. Er war sehr eingefallen, sein ganzes
Gesicht war nur ein Skelett von seinem ehemaligen, die Augen brannten heftiger
als je. Ich wagte es nicht, mich zu regen, ich vergass, dass ich sonst vertraut
mit ihm gewesen war, ich stand in ehrerbietiger Entfernung. Endlich bemerkte er
mich, oder er hörte vielmehr nur auf zu schreiben. - O Rosa, mit welchem Blicke
durchbohrte er mich! Es war, als wenn sich meine Seele in mir furchtsam
zusammenkrümmte, so entsetzlich ward ich von diesem durchschneidenden Blicke
getroffen.
    »Nun, Lovell?« fragte er mit einer matten Stimme.
    Ich wusste nichts zu antworten; ich fing an zu zittern. Alles, was ich je
gedacht hatte, ging in raschen verwirrten Zügen durch meinen Kopf. Ich wusste
mich nicht zu fassen.
    »Was willst du?« fragte er mit einer eisigen Winterkälte, mit einem
verdammlichen, schändlichen Tone, als wenn er mich necken und unsrer ehemaligen
Vertraulichkeit spotten wollte.
    Ich konnte mich nicht länger halten: ich musste laut weinen. »Andrea!« rief
ich, aber er konnte nur mein Schluchzen hören, so sehr erstickte der Ton in sich
selber.
    »Du weinst?« fragte er lächelnd.
    »Soll ich das nicht?« rief ich aus; »bin ich nicht ganz elend?« -
    »Elend?« - Und - o Rosa! hören Sie's, fühlen Sie's, wenn es eine andre
Menschenbrust, so wie ich, fühlen kann - o Rosa, nun fing er an so laut und so
grässlich zu lachen, dass es mir durch Mark und Bein drang, dass sich mir die Haare
aufrichteten. - Hab ich mich wohl schon je in der Welt so fremd gefühlt, als in
diesem Augenblicke? Ich wusste nicht, ob ich rasete, ob Andrea wahnsinnig sei; er
lachte noch immer fort, und so eifrig, als wenn er mit diesem Lachen der
Menschheit den Kauf aufkündigen wollte. - Mein Entsetzen war ihm ein Spass, meine
tödliche Todesblässe ein lustiges Spiel.
    Wie ich zur Türe wieder hinausgekommen bin, weiss ich jetzt nicht, aber ich
stand plötzlich draussen, dann war ich auf der Strasse und fremde
Menschengesichter rannten vor mir vorüber, und alle waren mir lieber und
verwandter, als Andreas Blick.
    Wo ist nun alles hin, was ich hoffte und wünschte? Zukunft und Vergangenheit
sind erloschen und die Spuren von beiden gleich unsichtbar. - Kann ich jetzt
etwas anders tun, als sterben? - Doch, auch dazu gehört Ruhe.
 
                                       13
                           Mortimer an Eduard Burton
                                                                    Roger Place.
Dass Sie glücklich, dass Sie zufrieden sind, erfahre ich aus jedem Ihrer Briefe;
dasselbe muss ich Ihnen antworten, wenn ich aufrichtig sein will, und dass nur der
glücklich sein kann, der vom Leben nicht zu grosse Erwartungen hegt, und in
seinen Forderungen davon und in seinen Vorstellungen von sich bescheiden ist.
Dies letztere werden Sie mir vielleicht nur zum Teil zugeben wollen, aber wer
hat doch schon etwas Rechtes gefunden, der recht weit ausholte? Nur der arme
Sünder soll recht in sich gehn, um sich zu bessern: der Stolze, auf sein Genie
Vermessene, der sich recht in sein Gemüt vertiefen will, um die Grösse seiner
Schätze kennenzulernen, kommt immer verunglückt und bettelarm zurück. Also, mein
Freund, bekenne ich mich hiermit zu dem grossen, vielfach verachteten Orden der
Mittelmässigen, der Ruhigen, der Dürftigen. Im Mässigsein, im Resignieren liegt
jenes, was die Entusiasten nicht Glück nennen wollen, und dem ich doch keinen
andern Namen zu geben weiss. Das Schwelgen an den Kräften des Gemütes ist die
unerlaubteste aller Verschwendungen, die schlimmste aller Verderbteiten.
Freilich wohl ist nun alles was ich erlebt und erfahren habe, ein Negatives; und
wenn ich mich manchmal vor den Spiegel stelle und zu mir sage: da siehst du nun
den vortrefflichen Herrn Mortimer, der so viele Länder gesehn und Menschen
gekannt, der so manches Kluge gedacht und gelernt hat - so muss ich über mein
Bild im Spiegel und über mich selber lachen. Ich erinnere mich dann der
unzählichen Entwürfe und Vorsätze, der so schön berechneten Plane für mein
Leben, der mannigfachen Bemerkungen, die ich über den Menschen in meiner Seele
niedergeschrieben und wieder ausgestrichen habe. Unser Leben ist nichts, als ein
ewiger Kampf der neuen Eindrücke mit der eigentümlichen Bildung unsers Geistes:
wir glauben oft, dass unser Charakter auf immer eine neue Wendung nimmt, und
plötzlich sind wir dann wieder ebenso, wie wir ehedem waren. Ich habe mich über
alle Heiraten lustig gemacht, bis ich selbst heiratete; nun glaubte ich, gäbe es
nichts Ernstafteres in der Welt, und jetzt wäre es mir doch wieder möglich, in
die unschuldigen Scherze mit einzustimmen. Es gibt eine Urverfassung in uns
selbst, die nichts zerstören kann, sie wird plötzlich wieder dasein, ohne dass
wir es selbst begreifen können, wie wir uns so schnell in einen alten fast
vergessenen Menschen wieder haben umändern können. Dass wir aber mit einem
gewissen neuen und bessern Verstande zu dieser alten Verfassung zurückkehren,
glaube ich selbst, denn sonst müsste man bei diesem zirkelmässigen Leben in
Verzweiflung fallen; aber so liegt in diesem Wiederkehren ein grosser Trost, der,
dass wir uns innerlich nie aus den Augen verlieren können, soviel wir uns auch
manchmal äusserlich bemühen, es zu tun.
 
                                       14
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
So ist es denn nun aus? völlig aus? - Ich weiss mich noch immer nicht zu fassen.
Ich möchte laut schreien und klagen, ich möchte es in die ganze weite Natur
hineinheulen, wie elend ich bin. - O wie unbeschreiblich nüchtern und armselig
endigt sich alles, was mich einst in so hohe Begeisterung setzte, was mir eine
so selige Zukunft aufschloss. - O eine wilde, blinde Wut ergreift mich, wenn ich
daran denke, wenn ich mir alles und jeden Umstand von neuem in die Seele
zurückrufe: eine Raserei erschöpft nicht alles, was ich fühle, es gibt keine
Äusserung dafür, die menschliche Natur könnte sie nicht aushalten, so wie ich
meinen Schmerz und Verlust darstellen müsste.
    Und warum das? werden Sie fragen. - Ach, Rosa, bei Ihnen ist es blosse
Neugier, die so fragt. - Sie sind ein glücklicher Mensch. Ich kann mein Unglück
an den Gefühlen keines andern Wesens ermessen. - So hören Sie dann: - Andrea ist
tot. -
    Ich sah ihn sterben. - Nie habe ich einen Menschen in seiner letzten Stunde
so gesehn. Er lachte und verwünschte dann sich und die Welt; er schien selbst
den Tod und seine Zuckungen als ein lächerliches Possenspiel anzusehn, das keine
Aufmerksamkeit verdiente: er verbarg und unterdrückte sein Zittern, er schien
die Angst des Todes zu besiegen. - Über mein zerrissnes Herz, über meine
zermalmte Glückseligkeit lachte er immer wieder von neuem und sagte, das alles
käme mir nur so vor, weil ich ein Narr sei. Dann stöhnte er wieder dazwischen,
und nannte den Namen Gottes mit bebenden Lippen, und schlug dann wieder ein
helles Gelächter auf. Ich konnte mich am Ende nicht mehr finden, wo ich war, in
einem Wahnsinnstaumel war ich von der Erde und aus mir selber hinausgerückt, ich
konnte zuletzt mit kaltem, starrem Auge die Todeszuckungen Andreas betrachten,
sein pochendes Herz, seine schwer arbeitende Brust. - Als wenn ein fremdes,
unbekanntes Wesen in ihm hämmerte und zum Tageslichte herauswollte, so lag er
mit seinen Krämpfen vor mir da, und ich lachte am Ende selbst über die seltsamen
Verzerrungen seines alten Gesichts. - Und nun war er tot. - Kein Atemzug, kein
Pulsschlag mehr in ihm: es graute mir nicht, ich entsetzte mich nicht vor dem
Leichnam, und doch stürzte ich mit bebendem Knie zum Zimmer hinaus.
    Und nun fühlte ich's mit aller Gewalt des ganzen schrecklichen Gefühls - dass
nun alles aus sei - keine Wiederkehr einer Empfindung, kein Zittern und Zagen,
sondern alles eine dumpfe, nüchterne Gewissheit; alles in ein jämmerliches Grab
hineingesunken, was einst mein war und mein werden sollte. - Fühlen Sie's, Rosa?
- Nein, es ist nicht möglich.
    O ich könnte - - ach, was? - wahnsinnig werden! sterben! - sonst seh ich
nichts. - Ich drohe mir selber, um vor mir selber zu zittern, ich fühle mich bis
in mein innerstes Wesen hinein vernichtet, bis in die letzte Tiefe meiner
Gedanken zerstört.
    Wollen Sie mich besuchen? - Sie werden es nicht tun, weil ich Sie nicht
unterhalten kann. - Ich weiss nicht mehr, was ich empfinden soll: alles in der
Welt kömmt mir gleich armselig vor, und so ist es auch. Aber warum es gerade so
kommen musste? So, wie ich es am wenigsten erwartete? -
    O Rosa, wie herzerhebend müsste jetzt das Gefühl sein, sich als einen recht
grossen Bösewicht zu kennen; sich selbst zu fürchten und zu achten: dies Glück
war mir nicht gegönnt. -
    Wollen wir in Gesellschaft sterben?
 
                                       15
                           Eduard Burton an Mortimer
                                                                         Bondly.
Meine Betty hat mir eine Tochter geboren, die wir Amalie genannt haben. Das
Leben tut sich bei mir immer enger zusammen, ich habe alle Reisen und alle meine
jugendlichen Plane aufgegeben, jedem glänzenden Glücke entsagt, aber eben
dadurch eröffnet sich mir eine immer hellere Ebene, die Aussicht der Zukunft
wird lichter und erfreulicher. Unglück und Schmerz sind wie ein heftiger Regen,
der zwar die Pflanzen niederschlägt, sie aber nachher nur desto frischer wieder
aufrichtet: so ist es auch vielleicht mit mir und mit meinen Empfindungen
gewesen. Lovells Schicksal wird mir immer wie ein Gewicht in meiner Seele liegen
und so die Spannung derselben erhalten. Ich habe von ihm viel gelernt, ich habe
gesehn, wie leicht blosser Eigensinn und die Sucht, etwas Besonderes zu sein, den
Menschen viel weiter locken können, als er anfangs gedacht hat, ich bin dadurch
gegen die Unglücklichen toleranter geworden, die wir oft zu schnell und zu
strenge Bösewichter nennen, da wir ihnen nur den Namen der Toren beilegen
sollten.
    Wir müssen irgendein Mittel ausfinden, lieber Mortimer, um uns öfter zu
sehn; wie wär es, wenn Sie das nahgelegene Waterhall von mir zu einem billigen
Preise kauften und Ihr Roger Place einem andern überliessen? Dann wären wir ganz
nahe Nachbarn, dann könnte ich Sie recht geniessen. Je mehr ich darüber
nachdenke, je fester wird der Gedanke bei mir, so dass es mir sehr wehe tun
würde, wenn er Ihnen missfiele. Ich habe das Gut in einen bessern Stand setzen
lassen, der Garten, der sonst ganz verwildert war, ist wieder eingerichtet, die
Gegend um Waterhall ist bei weitem schöner und interessanter, als die um Roger
Place: kurz, Sie sehn wohl ein, ich möchte Sie gerne überreden. Antworten Sie,
lieber Freund, was Sie über meinen Vorschlag denken.
 
                                       16
                           Mortimer an Eduard Burton
                                                                    Roger Place.
Ich wünsche Ihnen Glück und zwar recht von Herzen. Wir können jetzt ein recht
schönes Parallelleben führen, und so langsam und unvermerkt in das Alter
hineinkriechen. Es gibt eine Periode im Leben, in der der Mensch plötzlich alt
und reif wird; bei manchen Menschen bleibt diese Periode freilich ganz aus, sie
bleiben immer nur Subalternen in der grossen Armee, ihnen ist es nie vergönnt,
den Plan und die Absicht des Ganzen zu übersehn, sondern sie müssen sich unter
elenden Mutmassungen und lächerlichen Hypotesen abquälen; sie werden immer
fortgetrieben, ohne dass sie wissen, wohin sie kommen: ich glaube, dass wir beide
uns freier umsehn können und jetzt in den Zufällen selbst das Notwendige
entdecken, die Rechenschaft von ihnen zu fordern verstehn, warum sie so und
nicht anders eintreten. Insofern die Kunst, glücklich zu sein, die Kunst ist, zu
leben, insofern besitzen wir diese Kunst.
    Sie haben doch auch den Vorsatz, sich bei Ihrem Kinde nicht auf eine
sogenannte gute oder feine Erziehung einzulassen, keine von den jetzigen Moden
mitzumachen, die schon die Kinderseelen im achten Jahre mit Eitelkeit füllen und
sie durch diese verderben. Ich habe beschlossen, meinen Georg ganz einfach
aufwachsen zu lassen, ich hoffe, er soll auf die Art am ersten ein guter und
einfacher Mensch werden; Kinder merken nichts leichter, als wenn sie mit einer
gewissen Wichtigkeit behandelt werden; dies ist die Ursache, warum viele sich
schon früh selbst sehr wichtig vorkommen, jede Art von Affektation wird dadurch
bei ihnen erzeugt, sie halten sich für Genies und ausserordentliche Menschen, und
denken nie daran, sich und der Welt Beweise davon zu geben. Ich bin überzeugt,
dass Lovell von seinem Vater mit zu vieler Sorgfalt erzogen wurde, und dass dies
die erste Quelle seiner Torheit und seines Unglücks war. Die Liebe der Eltern
artet gar zu leicht in etwas aus, das keine Liebe mehr ist, sondern an
lächerliche Ziererei und Weichlichkeit grenzt, besonders wenn sie nur ein
einziges Kind haben: dies soll dann mit allen Vortrefflichkeiten überladen
werden, es darf sich nicht der kleinsten Zugluft des gemeineren Lebens
aussetzen, die doch so oft dazu dient, unsern Geist abzuhärten und ihn männlich
zu machen, und daher kömmt es denn, dass wir an diesen Sonntagsgeschöpfen
meistenteils so wenig Energie und Kraft bemerken; ein Mensch, der Geschwister
hat, ist schon deswegen glücklicher. Ich wurde offenbar nur deswegen besser als
meine gestorbenen Brüder, weil mich meine Eltern vernachlässigten, ja fast
verachteten; sie glaubten, ihre Sorgfalt sei an mir doch verloren, und daher
gaben sie mir die Erlaubnis, mich selbst erziehn zu dürfen: ich erzog mich
freilich durch Ungezogenheiten, aber immer noch besser, als ganz verzogen zu
werden. Ich ward häufiger gedemütigt, als meine Brüder, und eben dadurch
stolzer; ein gewisser Stolz ist die Feder, die den Menschen in den Gang bringt,
die den Wunsch in ihm erzeugt, von keinen fremden Meinungen und Gesichtern
abzuhängen, und die ihm die Kraft gibt, diesen Wunsch sich selber zu erfüllen.
    Wenn wir nun alt sind, erleben wir vielleicht die Freude, dass unsre Kinder
sich verheiraten. Doch, ich will mir das nicht in den Kopf setzen, wenn diese
Kinder nicht selbst auf den Gedanken kommen sollten, wenn sie nämlich die Zeit
erleben, in der der Mensch sich verlieben muss. Man sollte überhaupt keine Plane
für die Zukunft machen, am wenigsten solche, deren Ausführung nicht von uns
selber abhängt. - Ich bemerke aber, dass ich, seit ich Vater geworden bin,
unaufhörlich in Sentenzen spreche; eine Sache, die ich sonst nie an einem andern
Menschen leiden konnte, denn es ist im Grunde nichts weiter, als die Sucht, sich
selbst immer in kleine Stücke zu zersägen und beständig Proben von unsrer
Vortrefflichkeit herumzureichen: unsern Geist in vielen Silhouetten abzuzeichnen
und diese dann aus dem Fenster an die Vorübergehenden auszuteilen. Dies ist die
Schwäche, wodurch manche Menschen so unausstehlich werden, als ein moralischer
Schriftsteller im Umgange nur sein kann, der uns immer seine längstvergessenen
Bücher repetiert.
    Jetzt will ich auf Ihren Vorschlag kommen. Der Gedanke ist mir gewiss ebenso
erfreulich, als er Ihnen nur immer sein kann; denn ich wäre beinahe schon bei
dem Verkaufe von Waterhall so unverschämt gewesen, Sie zu überbieten, doch es
ist besser, dass es nicht geschehn ist, denn ich kann es jetzt auf eine
ehrlichere Art bekommen. Roger Place kann ich gerade jetzt unter sehr
vorteilhaften Bedingungen verkaufen, und alles vereinigt sich, um mich zu
bewegen, nach Waterhall zu ziehn. Amalie hat sich zwar an den hiesigen
Aufentalt sehr gewöhnt und sie liebt ihn gewiss ausserordentlich, indessen hat
sie mir doch schon ihre Einwilligung gegeben: sie freut sich ebenfalls sehr,
Ihrer liebenswürdigen Gattin näher zu kommen. - Kurz, ich reise morgen ab, um
Sie zu besuchen, Waterhall zu sehn, und mich mit Ihnen über die Bedingungen zu
vereinigen: ich denke aber daran, dass ich eben deswegen diesen Brief hier
abbrechen kann.
 
                                       17
                      Tomas an den Herrn Ralph Blackstone
                                                                      Waterhall.
Gnädiger Herr,
Der Garten wäre nun hier in so weit fertig und es fehlt im Grunde nichts weiter,
als dass ich noch auf den Befehl warte, nach Bondly zurückzureisen. Ich hätte
selbst im Anfange nicht gedacht, dass man aus der hiesigen Wildnis noch so viel
zu machen imstande sei: doch Gottes Segen und fleissige Arbeit kann beinahe
Wunderwerke hervorbringen, das bin ich hier gewahr geworden. Wie würde sich die
alte gnädige verstorbene Frau wundern, wenn sie jetzt wieder aus dem Grabe
auferstehn sollte! Sie würde gar nicht glauben wollen, dass es dasselbe Gut sei,
und sie würde es sogar schlechter finden als vorher, denn darin kenne ich sie,
sie war, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben soll, ein wenig eigensinnig, wie
es denn im Grunde alle alten Frauen sind, besonders aber die vornehmen: sie
haben dann nur noch an dem Befehlen in der Welt ihre Freude.
    Ich bin ordentlich neugierig, Ew. Gnaden und den Garten in Bondly
wiederzusehn. Es mag sich unterdessen manches auf Ew. Gnaden Befehl verändert
haben. Das Erdreich hier in Waterhall ist beinahe besser, als auf unserm Gute,
weil es tiefer liegt, das Wasser in der Nähe macht es frischer. Das Obst, das
hier gezogen wird, ist offenbar schöner, als das unsrige, ich habe es selber
gegessen, und kann daher recht gut darüber urteilen. - Ich empfehle mich Ihnen,
gnädiger Herr, mit der ergebensten Bitte, mich nun bald nach Hause kommen zu
lassen.
                                                                         Tomas.
 
                                       18
                           Ralph Blackstone an Tomas
                                                                         Bondly.
Es ist mir sehr lieb zu hören, lieber Tomas, dass Er in Waterhall fertig ist, Er
kann sich also aus diesem Grunde zur Abreise nur immer fertigmachen. Hier hat
sich indessen mancherlei zugetragen, was wohl grosse und beträchtliche
Veränderungen nach sich ziehen dürfte. Vor allen Dingen muss ich Ihm nur melden,
dass ich jetzt Grossvater bin, und mein Kopf mit allerhand wichtigen Gedanken
angefüllt ist. Es ist eine junge Tochter, die meine Betty zur Welt gebracht hat,
und ich überlege eben jetzt immer, wie man sie wohl am besten erziehn könnte.
Das wendet meine Gedanken nun von dem Garten und von den Baumschulen gänzlich
ab, denn eine junge menschliche Seele ist ein zarterer und besserer Baum, der
den Menschen näher angeht. Ich habe meine Tochter, wie die ganze Welt sagt, sehr
gut erzogen, ich werde daher auch wohl noch imstande sein, einen kleinen Enkel
zu erziehn. Alles dies hat mich bewogen, einen Entschluss zu fassen, der Ihm,
Tomas, gewiss sehr lieb sein wird: ich will Ihm nämlich künftig ganz allein die
Einrichtung und Bearbeitung des Gartens überlassen, ich behalte mir nur die Jagd
vor, um dort so zu schalten und zu walten, so wie es mir gutdünkt. Auch habe ich
noch einen andern Plan entworfen, nämlich den, die hiesigen Fischteiche zu
verbessern: wir müssen oft Fische aus fernen Gegenden kommen lassen, und das ist
sehr unangenehm, sie haben dann bei weitem nicht ihren guten und natürlichen
Geschmack; dem Übel muss auf irgendeine Art abgeholfen werden, und ich weiss es
auch schon, wie ich mich dazu anstellen will. Vielleicht weiss Er mir einen
tüchtigen Mann vorzuschlagen, der unter meiner Aufsicht die Besorgung über sich
nehmen könnte. - Komm Er jetzt übrigens nur nach Bondly, oder vielmehr bleibe Er
nur da, bis wir Ihn abholen, denn wir alle werden hinreisen und Herr Mortimer
noch obendrein mit uns, denn unter uns gesagt, ich habe ein Vögelchen singen
hören, dass Herr Mortimer das ganze Gut Waterhall gekauft hat; doch, das bleibt
in den ersten drei Tagen noch unter uns, bis es ihm abgetreten wird, welches
sehr bald geschehen soll. Es ist uns um eine gute Gesellschaft in der Nähe zu
tun, und dazu ist Herr Mortimer ganz ohne Zweifel ein sehr tüchtiger Mann. -
Wegen Seiner Verdienste, lieber Tomas, soll Er auch Zulage bekommen, und wenn
Er es wünscht, eine ganze stille und ruhige Pension geniessen, denn Er ist schon
alt, muss Er wissen, und wenn Ihm der Garten nicht gar zu sehr am Herzen liegt,
so mag Er nun nur die ganze Arbeit wegwerfen. - - Lebe Er recht wohl, bis wir
uns persönlich wiedersehn; mein Schwiegersohn lässt grüssen.
 
                                       19
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Nun ist es entschieden. - Es fehlt nichts weiter. - Ich kann mich nun hinlegen
und sterben, denn alles, alles ist vorüber. - Lesen Sie das beigelegte Paket, es
ist von Andrea, es ist sein Testament, in dem er mich unbarmherzig verstösst, in
dem er nichts von mir wissen will. - Es ist wahrscheinlich dasselbe, woran er
noch in seiner Krankheit schrieb, als ich ihn besuchte. -
    Kann ich noch etwas sagen, oder auch nur denken? - O Gott, ich bin aus dem
Reiche der Schöpfung hinausgeworfen. - Lesen Sie und fühlen Sie dann, wenn es
möglich ist, wie jedes Wort mich zermalmt hat. - Ach, Rosa! - Es ist, als wenn
ich zuweilen über mich selber lachen und spotten könnte. - Weinen kann ich
nicht, und doch würde es mir wohltun: - ach, jetzt ist alles einerlei.
 
                                       20
                          Einlage des vorigen Briefes
Ich erwarte Deine Zurückkunft, Lovell, und bis dahin will ich für Dich diese
Aufsätze schreiben, damit Du endlich die so sehnlich gewünschte Erklärung
erhältst. Du hast recht, wenn Du glaubst, dass es nicht möglich sei, immer unter
Träumen umherzugehn, dass der Geist endlich nach einer trocknen Überzeugung
schmachtet, und diese soll Dir auch jetzt werden. - Ich habe alle Deine Briefe
an Rosa gelesen und alles hat mich in meiner Meinung von Dir bestätigt; ich habe
Dich jetzt kennen lernen und Du sollst nun auch erfahren, soviel es möglich ist,
wie ich beschaffen bin.
    Du wirst aber alle meine Gedanken vielleicht zu ernstaft nehmen und sie
eben darum weniger verstehn: es ist sehr Deine Sache, aus allzugrosser Heftigkeit
in einem Gedanken etwas ganz anders zu finden, als der andere gemeint hat. Du
gehörst zu jenen Lesern, die in allen Büchern nur sich selber suchen, und nicht
die Fähigkeit besitzen, sich in fremde Wesen hineinzudenken. - Ich hoffe, Du
sollst durch einige Nachrichten erschüttert, durch manche Gedanken sollst Du
klüger werden, und wenn beides geschieht, will ich meine Zeit und Mühe nicht
bereuen. - Meine Krankheit zwingt mich zu irgendeiner Beschäftigung; ich will
Dir also diese Papiere als ein Denkmal von mir zurücklassen, als ein Testament,
als die Erbschaft selbst, die Du von mir erwarten kannst.
                                  Meine Jugend
So wisse denn, dass ich Waterloo heisse und ein Engländer bin. Ich bin mit Deinem
Freunde Burton nahe verwandt, denn ich bin der Oheim seines Vaters, Du kennst
durch Deinen Vater vielleicht schon meinen Namen, ja Du musst sogar oft mein
Gemälde gesehn haben, welches in einem von euern Zimmern hängt.
    Ich habe schon seit lange darauf gedacht, meine Geschichte kurz
niederzuschreiben, nur habe ich noch nie eine gelegene Zeit dazu finden können:
jetzt, da ich nichts zu tun habe, da alle meine Bekannten mich verlassen, will
ich mir die Vergangenheit zurückrufen, um mit ihr und mit mir selber zu tändeln,
so wie ich bisher mit den Menschen spielte. -
    Mein Vater war ein rauher und strenger Mann, ich war sein einziges Kind. Er
hatte sein Vermögen in der englischen Revolution verloren, er lebte daher auf
dem Lande äusserst sparsam und eingezogen, die Eitelkeit und die Pracht der Welt
kannte ich nur vom Hörensagen. In einem einsamen Tale wuchs ich auf, und fast
immer mir selbst überlassen, entwickelten sich in meiner Seele wunderbare
Träume, die ich für die Wirklichkeit ansah. Frömmigkeit erfüllte mein Herz, ich
war in einem beständigen andächtigen Taumel, es verging alles vor meinen Sinnen
und Gedanken, wenn ich mir Gott und die Unsterblichkeit vorzustellen suchte.
Heilige Stimmen liefen oft durch den Wald, wenn ich allein dort lag, alle Wipfel
vereinigten sich dann zu einem leise brausenden Chor, und der Gesang der Vögel
erschallte munter dazwischen, wie ein Weltgesang der weltlichen Freuden mit dem
Segen des Himmels. Ich schlummerte oft ein und fasste dann die grössten und
frömmsten Entschliessungen: dann hob ich meine Hände kindlich zum Himmel empor,
und alle Gefühle zerrannen in meinem Herzen und vereinigten sich in einen Punkt.
Tränen stürzten dann aus meinen Augen und endigten so meinen hohen Taumel. Ich
hatte von der grossen Liebe Gottes zu den Menschen gehört, und dies Gefühl hielt
ich für diese Liebe, denn es war, als wenn mein Herz ein magnetischer
Mittelpunkt wäre, der vom Himmel unwiderstehlich angezogen würde und den die
körperliche Hülle kaum noch auf der Erde zurückhielte. Mein Vater war selbst im
Alter fromm geworden, und seine Gespräche dienten sehr dazu, meine Phantasie
noch mehr zu erhitzen. Ich kann sagen, dass ich in den überirdischen Regionen so
einheimisch wurde, wie in unserm Garten, dass mir die seltsamsten Träumereien so
geläufig wurden, wie meine Kinderspiele, und dass ich mich mit der ruhigsten
Sicherheit für die frömmste und auserwählte Seele hielt, die dem höchsten Engel
nur die Hand bieten durfte, um gleich mit ihm in Brüderschaft zu treten.
                                  Entusiasmus
Ich hielt mich in meinem Sinne, wenn ich die Geschichte, oder andre Bücher über
Menschen las, für einen ganz vorzüglichen Geist. Ich traute keiner andern Brust
die Empfindungen zu, die wie eine sanftwechselnde Musik in meinem Herzen auf-
und niederstiegen. Diese Vorstellungen hoben mich über die ganze Welt hinaus,
ich vergass alle Dürftigkeiten des Lebens und war nur in reinen Strahlen
einheimisch.
    Fast jeden Menschen beherrscht in der Zeit, wenn er vom Kinde zum Jünglinge
übergeht, ein hoher Entusiasmus; der ist glücklich, der sehr schnell den Zirkel
aller täuschenden Empfindungen durchläuft, um endlich, wenn er die Runde gemacht
hat, sich selber anzutreffen. Die hohe Reizbarkeit dient dazu, uns in tausend
Torheiten zu verwickeln, aber auch, uns über diese Torheiten zu belehren; je
feinere Sinnlichkeit ein Mensch besitzt, um so eher ist es ihm möglich, recht
früh klug zu werden.
    Ich möchte den jugendlichen Entusiasmus, so wie manches andre im Menschen,
nichts als eine Anlage nennen, die sich zur Geschicklichkeit ausbilden lässt. Es
ist eine Kunst, die man sich durch Übung erwirbt, keine von den Armseligkeiten
zu erblicken, die uns in der spätern Zeit oft zurück und auf der Erde
festalten, wenn uns eben ein fliegender Taumel ergreifen will; wir stellen in
der Jugend alles in einen dunkeln Hintergrund, was vor uns hin die schöne
Aussicht verdecken könnte. Man nimmt sich nur vor, ein grosser Mensch zu werden,
solange man die Menschen und sich selber nicht kennt: es ist ein Spiel, das uns
erhaben vorkömmt, weil wir uns so lange zwingen, bis wir es so finden. Dem
kälteren Menschen erscheint der Entusiasmus gerade so, wie derjenige, der kein
Spiel versteht, denen zusieht, die sich mit vieler Aufmerksamkeit mit einem
scharfsinnigen Kartenspiele beschäftigen.
    Der Entusiast meint, die ganze Welt sei nur darum da, um seine Entwürfe
darin auszuführen, die Welt sei nur darum so sonderbar aus Übeln und
Vortrefflichkeiten zusammengesetzt, damit er durch die Überwindung der
Schwierigkeiten ein desto grösseres Verdienst erringe. Er würde nicht mehr gut
sein wollen, wenn es leicht wäre, gut zu sein, und wenn es alle Menschen mit ihm
zugleich wären.
                                     Liebe
Bei den meisten Menschen ist der Entusiasmus für das Grosse und die Tugend nur
eine Vorbereitung zur Liebe, es ist derselbe Trieb, der sich in die
Allgemeinheit verliert und Ideen sucht, weil er keinen Gegenstand vor sich hat:
die Liebe verarbeitet die Menschen eine Zeitlang und führt sie nachher zur
Sinnlichkeit, einem Wege, auf dem sie verständiger, aber auch weit grössere Toren
als vorher werden können. Es ist der Kreuzweg, auf dem die meisten sich in
verwickelten Irrgängen verlieren und umzukehren glauben, wenn sie immer tiefer
in die Wildnis hineinrennen.
    Mein Vater starb, als ich sechszehn Jahr alt war, ein tauber Schmerz
erdrückte und verfinsterte meinen Geist, ich glaubte alles verloren zu haben;
ein Irrtum, den jeder Mensch beim ersten Verluste begeht, weil er noch nicht in
den Wechsel des Lebens eingelernt ist. - Ich trieb mich lange in der Einsamkeit
herum, um meinem Schmerze nachzuhängen und aus ihm nach der ersten Betäubung
eine Art von Kunstwerk zu bilden, in welchem ich mir wieder gefiel. Ich zog nach
und nach meine vorigen Ideen in meinen jetzigen Zustand hinein, und so war es,
als wenn sich ein sanfter Mondschimmer über mir bildete, in dessen
melancholischer Dämmerung ich gerne wandelte.
    Ich lernte eine Familie in der Nachbarschaft kennen, oder vielmehr, ich
besuchte sie nur fleissig, weil mein Vormund mich dort eingeführt hatte. Antonie,
die einzige Tochter des Hauses, lenkte nach kurzer Zeit alle meine
Aufmerksamkeit auf sich; die Dämmerung um mich her ward immer traulicher, und
ich hatte am Ende meinen Schmerz vergessen, indem ich immer noch sehr
unglücklich zu sein glaubte.
    Mein ganzes Leben bekam einen neuen Schwung und es ward mir auf eine andere
Art lieb. Alle meine grossen Entwürfe fielen zusammen, meine grosse heroische
Biographie kroch in einen Seufzer ein, ein einziger holdseliger Blick erfüllte
alle meine Wünsche.
    In dieser Zeit ist man von allen Frauenzimmern gern gesehn, weil man sie
verehrt und für göttliche Wesen hält; sie sind immer in der Gesellschaft eines
jungen unerfahrnen Menschen glücklich und unbefangen; je blöder, je verlegener
er sich nimmt, je lieber ist er ihnen, wenn sie ihn öffentlich auch noch so sehr
verspotten. Als ich in mehrern Familien bekannt ward, war ich bei allen
Frauenzimmern eine ordentliche Modeware; alle bildeten sich ein, dass sie mich
erziehn wollten, um mich zu einem ganz vorzüglichen Menschen zu machen, jede
entdeckte in mir Talente, die sich unter ihrem hohen Schutze gewiss vortrefflich
in mir entwickeln würden. Es ward nun an mir so fein erzogen, dass ich es sogar
in meiner damaligen Verstandesblödigkeit bemerkte, man wandte alles an, um mich
eitel und verkehrt zu machen, meine Erzieher arbeiteten recht mühsam dahin, dass
ich sie verachten musste, weil sie eine noch höhere Verehrung von mir erzwingen
wollten.
    Antonie war das einzige Mädchen, das sich nicht um mich zu kümmern schien.
Ich hörte so oft mit Verachtung von ihr sprechen, dass ich mir selbst am Ende
einbildete, sie wäre mir verächtlich; man sagte von ihr, dass sie keinen Verstand
besitze, und so schien es auch, denn sie sprach nur selten und sehr furchtsam
mit, wenn die übrigen ihre feinen Gedanken auf eine glänzende Art entwickelten.
Wenn ich allein bei ihr war, fühlte ich mich aber auf eine unbegreifliche Art zu
ihr hingezogen, im einfältigen, fast kindischen Gespräche wurde mir dann der
Verstand aller übrigen weit zurückgerückt, sie interessierten mich dann nicht,
ich konnte sie selbst in der Erinnerung nicht achten. Ich wunderte mich oft über
diese seltsamen Widersprüche, ich überlegte in der Einsamkeit, wodurch ich so
wunderbar gestimmt werden könne, dass ich immer die entgegengesetzte Seite fände
und sie jedesmal für die wahre hielte. In kurzer Zeit ward dieser Widerspruch in
mir gehoben, denn ich gab mich gegen meine Überzeugung Antonien ganz hin, die
Gesellschaft aller übrigen Menschen war mir schal und ermüdend, ich lebte nur
für sie, ich dachte nur sie, ich träumte nur von ihr. - Selbst jetzt in der
Erinnerung könnt ich mir, ein achtzigjähriger Greis, jene schöne Zeit
zurückwünschen.
    Meinem Ohre gab die ganze Natur jetzt nur einen einzigen Ton an, es war als
wenn die Poesie mit himmelbreiten Flügeln über die Welt hinrauschte, und Sonne,
Mond und Sterne anrührte, dass sie tönten: alles Volk stand unten und staunte
aufwärts, vom neuen Glanz, von der nie gehörten Harmonie betäubt und verzaubert.
    Ohne dass ich oft vernahm, was sie sagte, konnte mich der blosse Ton ihrer
Stimme in Entzücken versetzen, alle meine Gedanken schliefen gleichsam in Blumen
und in süssen Tönen, meine Seele ruhte in der ihrigen aus, und in einem Elemente,
das für den Menschen zu fein ist, schwamm und spielte ich umher.
    Meine übrigen Freundinnen sahen nun mit Hohngelächter auf mich hinab; sie
gaben mich verloren und meinten, ich werde nun ebenso einfältig bleiben, als es
meine Geliebte sei.
    Ich wünschte tausendmal, für Antonien sterben zu können, für sie irgendein
Verdienst zu erringen. Ich wünschte sie arm und in Unglück, um sie zu retten, in
Todesgefahr, ich flehte, dass wenn sie mich nicht lieben könne, so wie ich sie
liebte, der Himmel sie möchte sterben lassen, damit ich dann Ruhe hätte, damit
ich auf ihrem Grabhügel so lange weinen könnte, bis ich ihr nachstürbe. - Der
Mensch kann nie in irgend etwas gross sein, ohne zugleich ein Tor zu sein.
    Ich bemerkte nur zu bald, dass sie mich nicht liebte; sie war zwar immer
freundlich gegen mich und mehr, wie gegen manchen andern, allein sie war mit mir
nie in Verlegenheit: sie erriet mich und doch kam sie mir nicht entgegen, in
jedem Worte, das sie sprach, fühlte ich es innig, dass sie mich nicht liebe. Alle
meine Empfindungen peinigten mich mit Folterschmerzen, ich wusste nicht, was ich
wollte, ich begriff nicht, was ich dachte, alles war im Widerspruche mit sich
selber, die Natur umher ward wieder stumm, die dürre Wirklichkeit kroch wieder
langsam und träge aus ihrem Winkel hervor, in den sie sich versteckt hatte: es
war, als würde das Instrument mit allen seinen klingenden Saiten in tausend
Stücken geschlagen.
    In einer recht vertraulichen Stunde gestand sie mir nun selbst, dass sie mich
nicht lieben könne, weil sie schon an einen reichen jungen Menschen versprochen
sei, dem sie ihr ganzes Herz hingegeben habe.
    Alles in mir löste sich auf. Ein tauber Schmerz sass in meinem Herzen und
dehnte sich immer weiter und weiter aus, als wenn er das Herz und die Brust
zersprengen wollte, und doch kam ich mir zugleich albern und abgeschmackt vor.
Ich verachtete meine Tränen und Seufzer, ich hielt alles in mir für Affektation,
alle lebendige Poesie flog weit von mir weg, alle Empfindungen zogen vorüber wie
etwas Fremdes, das mir nicht zugehörte. -
    Der Liebhaber kam, um sie abzuholen. Sie reiste ab, und dachte nicht daran,
in welcher Einsamkeit sie mich zurückliess: ich hatte ihr noch selber alles zur
Reise einpacken helfen. Die Zimmer waren ausgeleert, und in der
Mitternachtstunde ging ich dem öden Hause vorüber, und hörte nur noch drinnen
eine Wanduhr, die ewig und langweilig ihre wiederkehrenden Schwingungen abmass.
Es war mir, als hörte ich den Takt, der kalt und empfindungslos das menschliche
Leben abmisst: ich ahndete im voraus den Gang der Zeit und alle die trüben
Veränderungen, die sich träge in der Einförmigkeit ablösen und gähnend
wiederkehren.
                                  Melancholie
Es ist, als wenn die Liebe wie ein Frühlingsschein in den Vorhof unsers Lebens
hingelegt wäre, damit wir diese schöne Empfindung in uns recht lange nähren und
fortsetzen, damit uns der schönste Genuss der Seele durch unser ganzes Leben
begleite, und durch die blosse Erinnerung uns dies Leben teuer mache. Wenige nur
wagen es, nachdem sie durch dies goldene Tor gegangen sind, das Leben und seine
Freuden zu verachten. Begrüsste uns nicht die Liebe am Eingange des Lebens, so
würden sich alle Menschen ohne Mühe von ihren Vorurteilen losmachen können,
keiner würde sich um die Tugend kümmern und keiner über den Verlust seiner
jugendlichen Gefühle Reue empfinden. Aber so wird uns ein Talisman mitgegeben,
der uns beherrscht, ohne dass wir es wissen.
    Ich fühlte mich jetzt von der ganzen Welt losgerissen, ohne allen
Zusammenhang mit irgend etwas, das in ihr war. Oft lag ich ganze Tage hindurch
im Walde und weinte, mit unsichtbaren Wesen führte ich Gespräche und klagte
ihnen mein Leid. Oft war es, als wenn die Natur und die rauschenden Bäume meinem
Herzen plötzlich näherrückten, und ich streckte dann meine Arme aus, um sie mit
einer unnennbaren Liebe zu umfangen, aber dann fiel es wieder vor meine Seele
nieder, ich war in meinem Schmerze mit mir selber nicht befreundet, und alles
übrige erschien mir kalt und ohne Interesse. Menschen, die dann in der Ferne
vorübergingen, beneidete ich, indem ich sie verachtete: ein verworrenes Gewühl
von tausend Gestalten lag drückend in meiner Phantasie; keine konnte sich
losarbeiten, um als ein einzelnes, anschauliches Bild dazustehn. - Dies sind die
Empfindungen eines jungen unentwickelten Menschen, der nach etwas greift, das er
selbst nicht kennt.
    Das hohe Ideal der Tugend und der Vortrefflichkeit des Menschen kam jetzt in
meine Seele zurück. Ich nahm mir vor, alle meine Gefühle in dieser Vorstellung
zu verbinden, ich sah jetzt meine unglückliche Liebe als ein Opfer an, das ich
der Tugend und der Notwendigkeit gebracht hatte. Ich fand in vielen Stunden
Trost in diesem Gedanken, und ich nahm mir von neuem vor, ein recht edler und
vollendeter Mensch zu werden, alle die gewöhnlichen Armseligkeiten wegzuwerfen
und mich ganz der hohen Vorstellung zu weihen, die mein Herz erweiterte. Dieser
Vorsatz ist es eigentlich nur, der den Menschen so oft über diese Welt
hinüberhebt, denn in der langsamen und weitschweifigen Ausübung geht bald aller
Entusiasmus verloren. Mir ging es aber bei weitem übler. Die Menschen witterten
etwas von meinen Ideen, die sie Schwärmerei nannten; um mich zu bessern,
verfolgten sie mich mit falschem Witze auf die gemeinste Weise. Alles, was ich
tat und sagte, war ihnen nicht recht und zu jugendlich; sie liessen mir nicht die
Zeit, selbst Erfahrungen zu machen, um meine Torheiten einzusehn, sondern ich
sollte in einem Treibhause klüger werden.
    Es ist gewiss leicht, ein grosser Mensch zu werden und zu bleiben, wenn sich
uns sogleich grosse Unglückfälle in den Weg werfen, die die Bahn zu versperren
drohen. Dann nimmt der Mann alle seine Kräfte zusammen, um keinen Schritt
zurückzutun. Gefängnis und Ketten, Todesgefahr und allgemeiner Hass sind nur
Mittel, die seine Seele stärken und verhärten, er lebt in einem ewigen Kampfe
gegen die wilden Massen, die ihn umgeben, und dieser Kampf erhält ihn munter und
lebendig. Eigensinn wird endlich seine Haupttugend werden, an dem sich seine
übrigen Tugenden nur lehnen, er wird sich selbst verachten, wenn er fühlt, dass
er innerlich nachzugeben im Begriff ist, und auf die Art wird die Spannung
seiner Seele niemals nachlassen. Das Bild eines solchen Mannes ist gross, wenn
man will, aber noch grösser wäre der, der seinen Vorsatz durchführt, wenn er
gleich nicht bemerkt wird, dem nichts Grosses entgegengeht, sondern der in einer
schalen Unbedeutenheit lebt und von allen verachtet wird; vor dem der eine Tag
so wie der andere vorüberzieht, und um den sich die Zeit und das Unglück gar
nicht zu kümmern scheint. Ein solcher Mensch wird seinen Wert bald aufgeben,
alles wird ihm nur ein Hirngespinst scheinen, und er wird entweder zu den ganz
gewöhnlichen Menschen hinabsinken, oder sich an diesen zu rächen suchen.
    Wie oft ward mein guter Wille verkannt und das Beste in mir verhöhnt: wem
ich mit meiner Freundschaft entgegenging, der wies mich kalt zurück, meine
jugendliche Empfindung nannte man sich gemein machen. Alle Menschen waren
klüger, verständiger und besser, als ich, und ich glaubte es am Ende selbst; ich
verachtete mich jetzt ohne Grund, so wie ich mich vorher ohne alle Ursache
verehrt hatte; ich hielt es am Ende nicht der Mühe wert, an mich selbst zu
denken, es war mir lächerrlich, dass ich mich verbessern wollte, die Welt und ich
selber ward mir gleichgültig, und so schlief ich von einem Tage zum andern
hinüber, ohne Wünsche und ohne Reue, in mir selber ausgestorben und ohne
Lebenskraft, neue Blüten zu treiben.
    Denn Blüten sind gewöhnlich nur das, was wir schon Früchte nennen, und die
Früchte selbst sind für uns nur deswegen ein Bild der Vollendung, weil sie
unsern Bedürfnissen zustatten kommen: in ihnen liegt der Stamm, der in der
Zukunft wieder Blüten und Früchte bringen würde. -
    Plötzlich erwachten in mir ganz alte und vergessene Träume. Bilder von
Ländern, Landkarten, die ich in meiner Kindheit betrachtet hatte, gingen meiner
Phantasie vorüber, ich hörte entfernte Ströme rauschen und sah einen fremden
Himmel über mir. Eine unbeschreibliche Lust, die Menschen und die wohlbekannten
Gegenden zu verlassen, ergriff mich, ich ahndete so viel Neues, und in dem Neuen
so viel Mannigfaltigkeit, dass ich plötzlich mein Vermögen zusammenraffte, und in
der grössten Eile England verliess.
                                  Sinnlichkeit
Es war alles nicht so, wie ich es mir gedacht hatte. Ich traf allentalben
dieselben Menschen wieder an, eben das flache, abgegriffene Gepräge, das mich in
meiner Heimat innerlich so oft empört hatte. - Ich glaubte endlich, es sei
Narrheit, anders sein zu wollen, ich zwang mich in diese Form hinein, und nun
war ich allen lieb.
    Schon vorher hatte ich von einigen sogenannten Vertrauten gehört, dass in
meinem Gesichte etwas liege, das die Menschen im Anfange von mir zurückstosse;
eine verborgene Widrigkeit, die man nicht genau zu beschreiben wisse, die mich
aber bald lächerrlich, bald wieder zu einem Gegenstande der Furcht mache. Nun
wusst ich doch, warum die Menschen mich hassten und verfolgten; weil meine Nase
etwas anders stand als sie es wünschten, fanden sie mich verwerflich.
    Ich überliess mich jetzt dem frohern Genuss des Lebens, alle meine dunkeln
Empfindungen lösten sich in Sinnlichkeit auf, ich glaubte, alles frühere sei nur
ein Weg hierher gewesen, eine Vorbereitung zu dieser Vollkommenheit.
    Ich verachtete jetzt alles in mir selbst, was mir als gross und erhaben
erschienen war; mir selbst zum Trotz zeichnete ich mir meine Liebe als das
Lächerrlichste vor, ich machte mich mit den widrigsten Vorstellungen vertraut,
und galt nun bald allentalben für einen witzigen Kopf, weil ich im Grunde den
Verstand verloren hatte.
    So durchschwärmte ich ohne Genuss Italien und Frankreich. Man sah mich
allentalben gern, und allentalben war ich mir selbst zur Last: ich bemerkte
endlich mit Schrecken, dass mein kleines Vermögen fast gänzlich verloren sei, ich
war meinem Vaterlande ganz fremd geworden, weil ich schon sechszehn Jahre
entfernt gewesen war; ein Zeitraum, der mich jetzt ausserordentlich kurz dünkte.
- Mit dem Gelde, das mir übrigblieb, beschloss ich nach England zurückzukehren,
weil mir indes das Alte etwas Neues geworden war. - Ich betrat das englische
Ufer, um hier neue Erfahrungen zu machen.
                                    Klugheit
Ich kam mit der festen Überzeugung zurück, die Menschen zu kennen. Ich hatte im
Laufe meines wilden Lebens nicht unterlassen, sie zu beobachten, aber ich war
mir dieser Beobachtungen viel zu sehr bewusst, als dass sie hätten richtig sein
können. Es ist schwer, die Menschen in der Gegenwart zu kennen, weit richtiger
beurteilt man sie in der Entfernung, wenn wir nach und nach die wahrgenommenen
Merkmale sammeln. Über meine Freunde in Italien fing ich daher an, ganz richtig
zu denken, und doch brachten mich die Menschen, die ich in England traf, von
neuem in Verwirrung: ich suchte mich in jede Gestalt, die mir aufstiess,
hineinzustudieren, und darüber geschah es denn unvermerkt, dass ich selbst
manches von dem Menschen annahm, den ich mir nur verständlich machen wollte; es
ist dieselbe Erfahrung, die jeder Übersetzer macht, der während der Arbeit sein
Original zu hoch anschlägt.
    Meine ehemalige Geliebte traf ich als eine zänkische, eigensinnige Hausfrau
wieder, selbst in ihrer Gestalt waren nur wenige Spuren ihrer sonstigen
Liebenswürdigkeit zurückgeblieben. Wir gingen miteinander um, wie alle übrigen
Menschen miteinander sprachen, und alle meine jugendlichen Empfindungen für sie
erschienen mir schal und abgestanden, alle Festtage waren für mich im
menschlichen Leben ausgestrichen, und mein Blick verlor sich in der
unabsehlichen Folge der alltäglichen Stunden und Vorfälle, von keinem Gefühle
aufgeputzt, von keiner Schwärmerei beglänzt. Wie albern erschien mir jetzt die
Erinnerung meines ehemaligen Lebens und meiner jugendlichen Gefühle! Ich trat
unter den Haufen der Menschen, und betrachtete jedes Gesicht mit einem kalten
Blicke: keiner ging mein Herz näher an, als der andre.
    Ich erhielt bald in vielen Häusern Zutritt, weil ich, ich weiss nicht durch
welchen Zufall, den Namen eines witzigen Kopfes bekommen hatte. Man ist sehr oft
in der Welt witzig, wenn man auf eine gewisse Art einfältig ist, wenn man jeden
Einfall und Gedanken wagt, ohne an alle die Rücksichten zu denken, die der
klügere Mensch nie aus den Augen verlieren wird. Ich sprach alles, was mir in
den Sinn kam, und machte mich besonders durch abgeschmackte Anekdoten sehr
beliebt; der wahre Witz wird in Gesellschaften selten geachtet und verstanden,
die meisten Leute haben immer nur die Vorstädte des Verstandes und des Witzes
kennengelernt, sie behalten daher zeitlebens ihre kleinstädtischen, entfernten
Begriffe von diesen Vortrefflichkeiten. Durch den allgemeinen Beifall, dessen
ich genoss, liess ich mich verleiten, immer witziger zu werden, ich fand Behagen
an mir selbst, und setzte am Ende in meine Armseligkeiten einen ebenso hohen
Wert, als es die übrigen Menschen taten. Man wird meistenteils durch den Umgang
einfältiger und eitler, selten klüger und besser. Ich hatte damals überhaupt
gerade so viel Verstand und Erfahrung, um mich sehr dumm zu betragen, der ganz
Einfältige geht einen weit bessern und sicherern Weg, als der Mensch, dessen
Klugheit im Wachstume ist; die einzig schädliche Dummheit ist jene halbe
Klugheit, die sich allentalben zurechtfinden will, alles zu ihrem Vorteile
benutzen, das Widerspenstige auf eine sinnige Art verbinden und so durch einen
feinen, unbemerkten Despotismus die ganze Welt regieren. Diese Klugheit war eben
bei mir grün in die Höhe geschossen, so dass ich sie zwar bemerken, aber noch
keine Früchte davon einernten konnte: diese unreife Klugheit kann höchstens
einem Schriftsteller zugute kommen, der in seinen Büchern mit den Menschen
machen kann, was er will, ohne dass sie sich eben zu sehr widersetzen; aber in
der wirklichen Welt ist sie eben der Angelhaken, mit dem diese Goldfische von
klügern Fischern gefangen werden. Man sollte daher entweder zeitlebens einfältig
bleiben, oder schnell jene gefährliche Periode der Entwickelung zu überstehen
suchen.
    Damals lernte ich einen jungen Menschen, Deinen Vater, kennen. Er stand noch
in der empfindenden Periode, und ich war ihm mit meiner Ausbildung so sehr
gewachsen, dass er mich bald für das Muster eines Mannes hielt. Er wünschte
nichts so sehr, als meine Freundschaft, und es traf sich, dass wir in kurzer Zeit
recht vertraut miteinander wurden. Er entdeckte mir seine Liebe zur Lady
Milford, und bat mich um meine Vermittelung, weil ich in ihrem Hause oft war,
und viel beim Vater galt. Ich nahm mich seiner redlich an, und es kam so weit,
dass die Verlobung in kurzem gefeiert werden sollte. Marie Milford war ein
treffliches Mädchen, die mir mit jedem Tage mehr gefiel; ohne dass ich sagen
könnte, wie es geschah, war ich selbst in sie verliebt, noch ehe ich glaubte,
dass es möglich wäre. Ich dachte jetzt darauf, Lovell von ihr zu entfernen, ich
tat vieles, ohne genau zu überlegen, was und wie es sei, und so gelang es mir am
Ende wirklich, dass ihm der Vater das Haus verbot. Der junge Burton, der Lovells
Freund war, ward jetzt heimlich mein Vertrauter, wir errichteten einen
ordentlichen Vertrag. So jung dieser Mensch damals auch war, so war er mir
dennoch überlegen; ob ich gleich sein Oheim war, so konnte ich es doch nicht
unterlassen, im stillen eine grosse Achtung vor ihm zu empfinden. Es zeigte sich
auch in der Folge, dass ich hierin recht hatte, ob ich mich gleich im ganzen in
ihm irrte.
    Marie war unglücklich, und alle meine Bemühungen, ihr Wohlwollen auf mich zu
lenken, waren vergebens. Je mehr sie mir widerstand, um so heftiger wurde meine
Begierde. Ich glaubte daher, dass diese Liebe noch stärker sei, als meine erste
jugendliche zu Antonien. Der Vater ward immer mehr für mich eingenommen, und er
wünschte nichts so sehnlich, als mich zum Schwiegersohne zu bekommen.
    Ich hatte Lovell nach und nach und mit einigem Scharfsinne beim Vater
verleumdet, ich hatte allen meinen Aussagen den Anstrich der Wahrheit zu geben
gewusst, aber doch war die ganze Intrige ohne einen eigentlichen Plan angelegt,
ich verliess mich mehr auf den Zufall und auf die Leichtgläubigkeit der Menschen,
als auf mich selbst. Ich dachte eigentlich nur selten an den Erfolg, sondern
liess sich die Maschine selber umtreiben, so wie es die meisten Menschen machen,
die wahrlich mehr ihre Plane ausbessern und den üblen Folgen derselben aus dem
Wege treten, als dass sie diese Plane selbst durchsetzen. Diese Schläfrigkeit in
der Bosheit macht, dass die Menschen noch so ziemlich miteinander fertig werden,
dass es dem einen nicht sauer wird, den andern zu überlisten, und dass dieser sich
wieder nicht sehr widerspenstig erzeigt, überlistet zu werden.
    Die Tochter schien mir immer abgeneigter zu werden, aber sie war bei Tage
und in der Nacht mein einziger Gedanke. Ich gab mein ganzes voriges Leben
verloren, und beschloss, durch ihren Besitz gleichsam von neuem geboren zu
werden, mich und mein Glück in jeder Stunde recht bedächtlich zu geniessen und
mit mir selber ernstafter umzugehen. Es schien mir jetzt, als habe ich alle
meine Jahre in einem wilden, drückenden Rausche verschleudert, ich erschrak vor
dem Gedanken, leer durch das Leben zu gehen und dann so hinzusterben. Und doch
überfiel mich oft die Überzeugung, dass es so kommen würde und müsse, denn ich
fühlte es in allen Stunden innig, dass sich Mariens Seele gänzlich von mir
zurückneigte, wie eine Blume von dem kalten Schatten. Ich war verzweifelt. Ich
gewann mir selber die Überzeugung ab, dass jetzt die Täuschungen aller Art im
Begriff seien, von mir abzufallen, mein Herz erwachte aus seinem Taumel, was in
meiner Jugend Traum war, wollte sich jetzt zur Wahrheit emporarbeiten, und ich
fühlte durch mein ganzes Wesen den Glanz der Liebe schlagen, die sich mir jetzt
in allen ihren Kräften offenbaren wollte. O welche selige Wirklichkeit konnte
die Stelle früherer glänzender Phantome einnehmen! Marie ward in einer Stunde
offenherzig und gestand mir ihr Gefühl, wie alles sie von mir zurückstosse, mein
Wesen, ein Etwas, das sie nicht beschreiben könne, das ihr aber in manchen
Stunden sogar fürchterlich sei. In demselben Augenblicke zog ein grimmiger, ein
entsetzlicher Hass durch meine Brust, ein Hass gegen die ganze Welt und gegen mich
selbst. Alle Blüten meines Geistes, alle Selbstachtung, jede Heiligkeit
erstarben in meinem Innern. Aber ich nahm mir nun um so fester vor, sie unter
jeder Bedingung zu besitzen, ihr und mir zum Trotze; sie von Lovell loszureissen,
war jetzt schon meine Glückseligkeit.
    Der bestimmte Tag, an dem ich mit ihr verheiratet werden sollte, nahte sich
wirklich; alle Gäste waren zugegen, Musik ertönte, Marie war traurig und der
Vater froh, als Lovell plötzlich hineinstürzte, der bis dahin in London gewesen
war, und nun sich alles zu meinem Schimpfe entwickelte, indes ich kaum ein
einziges Wort erwidern konnte.
    Alles verliess mich, ich musste Burton nach meinem Versprechen einige hundert
Pfund geben, die gerade den Rest meines Vermögens ausmachten; er hatte mich
wider meinen Willen in seiner Gewalt.
                                      Hass
Ich stand einsam da. Ich hatte nur eine Empfindung in meiner Brust, die mein
Herz zu zerreissen drohte; ein tiefer, unversöhnlicher, brennender Hass gegen
Lovell. Mein ganzes Leben hätte ich daransetzen mögen, um das seinige zu
verbittern. Ich konnte nicht an seinen Namen denken, ohne vor Wut zu zittern:
mein Innres bewegte sich auf die gewaltsamste Weise, wenn ich an alle Vorfälle
dachte, und ich dann sein Vorhaben gekrönt, ihn glücklich sah. Ich schwur es
mir, ihn ewig nicht zu vergessen, mich nie im Herzen mit ihm auszusöhnen. Mein
Leben hatte nun einen Faden gefunden, an dem es sich hinunterspinnen konnte.
    Ich wusste es zu bewerkstelligen, dass er Gift bekam, allein er wurde
wiederhergestellt. Ich erstaunte, als ich inneward, dass mein Hass einen noch
höhern Grad erreichen könne. Marie starb im ersten Wochenbette, und nun fühlte
ich erst ganz, wie ich sie geliebt hatte, wie ich sie hätte lieben können. Ihr
Kind, an welchem der Vater sich freute, war mir der Mörder alles meines Glückes,
mein Herz brannte an diesem Rache zu nehmen. In diesem Gefühl zehrte ich fort,
es erhielt mich, alle mein Sinnen war darauf gerichtet, diese Rache einmal zu
schmecken, mich in ihr zu sättigen.
                                     Elend
Es war jetzt die Zeit gekommen, dass ich die Menschen wirklich sollte
kennenlernen. Der Mensch ist nichts, wenn ihm seine Nebengeschöpfe fremd
bleiben, und indem er sie kennenlernt, verliert er alles, was ihm Wert gab: es
ist ein klägliches und wieder lächerliches Rätsel.
    Alle Menschen entfernten sich nun von mir, ich war von allen Gesellschaften
ausgeschlossen, ich suchte Hülfe oder nur Mitleid, aber ich ward kalt und
höhnisch zurückgewiesen. Man hatte mich gesucht und an sich gezogen, und jetzt
verachtete mich jeder Dummkopf, ohne dass er sich einen auch nur halbklugen Grund
anzugeben wusste. Ich ärgerte mich innig über diese Menschen, die mich vorher
ohne alle Ursache geschätzt hatten, und mich nun so plötzlich fallenliessen, und
sich dabei so hoch über mir erhaben dünkten. Ich war gebrandmarkt, und jedermann
vermied mich als einen Angesteckten; sie hatten sonst einmal etwas von Tugend
und Rechtschaffenheit gehört, und nun meinten sie, die Leute könnten wohl gar
denken, sie hielten nicht viel von diesen hohen Dingen, wenn sie sich mit mir
abgäben. Es waren Menschen darunter, die nicht ihre einfältigsten Gedanken mit
der Sprache von sich zu geben wussten.
    Die weite Welt lag jetzt vor mir, aber ich begriff nicht, wie ich darin
leben wollte. Mein ganzes Vermögen war verloren, ich hatte keine Freunde und
keine Aussichten, keinen Mut, mir selber zu vertrauen, um das Verlorne
wiederzugewinnen. Ich hätte in London eine Zeitlang bleiben können, aber ich war
es müde, Anekdoten zu erzählen, oder hin und her zu schwatzen, und mich
abzuquälen, um einen witzigen Einfall zusammenzubringen. Die Menschen hatten mir
selbst den Mut genommen, zu schmeicheln, um damit ein kümmerliches Dasein
durchzuschleppen.
    So tief war ich gesunken. Ich sah zurück, wer ich war, wer ich in Mariens
Armen geworden wäre. Besser zurückgekehrt zu allem Hohen, mein Herz wäre dann
aufgeblüht, mein Geist erschlossen. Ewig hinter mir war dies Paradies
verriegelt, und mir selber und der leeren Welt preisgegeben, ich sah einem
ewigen Schmachten, einer unendlichen Dürre entgegen, in der der einzige arme
Trost keimte, dass ich mich vielleicht zerstreuen, mich vergessen, mich mir
selbst entfremden könne.
    Ich reiste wieder nach Frankreich, und vermied die Gesellschaft der Menschen
soviel als möglich. Im Schatten von rauschenden Wäldern überlas ich oft alle die
Erfahrungen, die ich in meinem Gedächtnisse aufbewahrt hatte, es taten sich
viele Lichter da hervor, wo bis jetzt in meiner Seele dickes Dunkel, oder
verworrene Dämmerung geherrscht hatte. Nichts lehrt uns so sehr die Menschen
verachten, als die Einsamkeit, jede Armseligkeit dieses Geschlechts erscheint
noch ärmer, wenn man sich im einsamen Forste ihrer erinnert, indem ein Gewitter
rabenschwarze Schatten hinunterwirft, und der Donner ungewiss über die zitternden
Baumwipfel geht.
    Ich suchte endlich Hülfe bei Menschen, die sonst meine vertrauten Freunde
gewesen waren, und denen ich aus schlecht angebrachter Guterzigkeit sonst
tausend Dienste, selbst mit meinem Schaden, geleistet hatte. Keiner kannte mich
wieder, einige wurden sogar auf meine Unkosten witzig; ich sah jetzt ein, dass
Achtung und Freundschaft nur so lange dauern können, als jeder der sogenannten
Freunde ohngefähr gleich viel Geld in der Tasche hat; sie verhalten sich wie
Waageschalen, die nur im Gleichgewichte stehn, wenn in jeder ein gleiches
Gewicht liegt.
    Eine Krankheit überfiel mich. Ich musste zum Schmählichsten meine Zuflucht
nehmen; auf mein inständiges, wiederholtes Bitten nahm man mich in einem
Hospitale auf. Ich kann nicht sagen, dass man für mich sorgte, denn selbst der
trägste Gärtner behandelt die Blumen, die schon verwelken wollen, liebreicher
und mit mehr Aufmerksamkeit, als hier die kranken, mit dem Tode ringenden
Menschen gehandhabt wurden. Manche werden dennoch wieder gesund, und zu diesen
gehörte auch ich. Man entliess mich, ein Geistlicher gab mir sogar fromme Wünsche
mit, und die Sonne schien mir nun wieder auf der freien Strasse entgegen. Ich war
noch sehr schwach, abgefallen und bleich, aber dennoch ward niemand zum
Mitleiden bewegt. Es gibt gar zu viele Elende! rief man mir von allen Seiten
entgegen, weil selten ein Mensch so gewissenhaft ist, es aufrichtig zu gestehn,
dass er sich nicht berufen fühle, die Not der Menschen zu erleichtern. Ich
bettelte gleich dem Verworfensten, aber mein Anzug war noch zu gut, um das
flüchtige Mitleid gefangenzunehmen: wer mir einen Sous gab, hielt sich zugleich
für berufen, mir tausend Bitterkeiten zu sagen, die mich noch mehr schmerzten,
als Hunger und Krankheit, ja manche taten es gewiss nur, um eine Gelegenheit zu
haben, ihre guten Lehren an den Mann zu bringen.
    Ich ward meines Lebens überdrüssig, das wie eine Kette um mich lag. Ich sass
auf Pont neuf, und hatte schon seit Sonnenaufgang das Mitleid der
Vorübergehenden angefleht. Hunger und Durst zehrten mich auf, ich erinnerte mich
der Märchen von wohltätigen Zauberern und Kobolden, und sah jedem
Vorübergehenden ins Gesicht, aber alle sahen zu sehr den Menschen ähnlich, als
dass ich etwas hätte hoffen können. Die Sonne ging unter, und die roten Wellen
winkten mir, der Fluss schien mir ein goldenes Bette, in dem ich endlich alle
Sorgen und allen Verdruss verschlafen könne. Immer gingen noch Menschen vorüber,
und keiner von allen warf mir nur auch die kleinste Münze zu. Ich beschloss noch
zwölf Vorübergehende abzuwarten, und mich dann, wenn mir von diesen keiner etwas
mitteile, in den Strom zu stürzen.
    Da es schon spät war, gingen die Leute schon seltner, ich verdoppelte mein
Flehn, aber man hörte nun in der Dämmerung noch weniger auf mich. Schon waren
eilf Unbarmherzige vorübergegangen, und auch der zwölfte kam und sah sich nicht
nach meinen Bitten um: schon war ich aufgestanden, um mich köpflings über das
Geländer der Brücke zu stürzen, als ich einen singenden Menschen hörte, der sich
näherte. Ich hielt ein, um auch noch mit diesem einen Versuch zu machen, von dem
ich schon im voraus überzeugt war, dass er vergeblich sein würde, denn der
Spaziergänger war froh und guter Dinge. Er kam näher. Es war ein Trunkener, der
sich kaum mehr aufrecht zu erhalten wusste, sein Bewusstsein hatte ihn fast
gänzlich verlassen, und er brummte ein unverständliches Lied zwischen den
Zähnen. Es kam mir vor wie eine Satire auf mich selbst und auf die Menschheit,
als ich mit demütigen Bitten sein Wohlwollen und sein christliches Herz in
Anspruch nahm. Er stand still, betrachtete mich und lachte dann über mein
kümmerliches Aussehen aus vollem Halse. Ich hätte beinahe mit eingestimmt. Mit
einem widrigen Gesichte griff er jetzt in die Tasche, und zog gähnend eine
schwere Börse hervor, er machte sie auf und gab mir ein Goldstück: ich dankte
und er ging fort. Kaum war er einige Schritte gegangen, als er aus
Nachlässigkeit die Börse verlor und es nicht bemerkte. So schnell ich konnte,
lief ich hinzu, und hob sie auf, neben ihr lag ein Taschenbuch, das er ebenfalls
verloren hatte: er hatte mich nicht gesehen, und ich war schon jenseits der
Brücke, als er hinter mir drein keuchte und mich fragte, ob ich seine Börse
nicht gesehn habe. Ich verneinte es fest, und er fing nun an zu suchen, er kroch
die Brücke auf und ab, und ich musste ihm helfen, wobei ich sein Unglück sehr
beklagte. Er bog sich endlich über das Geländer, stieg hinüber, um auch dort
nachzusehn, er kam aus dem Gleichgewichte und stürzte in das Wasser. Da ich ihn
nicht schreien hörte, ging auch ich stillschweigends fort. Ich weiss nicht, ob
man ihn wieder ans Land gezogen hat.
    Das Geld machte mich bald wieder angesehen; ausserdem fand ich noch
bedeutende Banknoten und Wechsel in dem Taschenbuch; ich verliess die Stadt, und
setzte bei der ersten günstigen Gelegenheit alles in bares Geld um; mit einem
nicht unbeträchtlichen Vermögen ging ich unter einem erborgten Namen nach
Italien.
                                    Verstand
Ich kam nun mit dem festen Vorsatze aus der Schule, besonnener zu leben. Ich
verglich mich mit den übrigen Menschen, und fand, dass sie häufig, ja
meistenteils einfältiger waren, als ich; es gereute mich doppelt, dass ich mich
so von ihnen hatte beherrschen lassen. Ich sah ein, dass wenn ich versteckter und
feiner handelte, als sie, ich sie alle um desto eher würde beherrschen können.
Denn soviel ist gewiss, dass man die Gesellschaft entweder verlassen, oder sich
zum Beherrscher aufwerfen, oder sich beherrschen lassen muss.
    Ich hatte es an allen Menschen mit so vielem Unwillen bemerkt, dass sie sich
zuweilen recht kluge Regeln aus ihren Lebenserfahrungen abstrahiert hatten, dass
diese ihnen aber immer nur dazu dienten, in Gesellschaften angenehm und
sinnreich zu sprechen; sie dachten alle nur, um über ihr Denken zu reden, nicht
aber um ihre Resultate in Ausübung zu bringen. Daher kömmt es denn auch, dass sie
im Denken, so wie in einem Hasardspiele, wagen, dass sie oft ohne alle
Überzeugung überzeugt tun, damit sie nur Gelegenheit finden, scharfsinnig zu
sein. Diese kläglichste von allen Schwächen hatte ich schon seit lange
verachtet; ich nahm mir vor, jeden Gedanken über die Welt und den Menschen recht
genau zu nehmen, ihn treu aufzubewahren, damit er mir nützen könne. So legte ich
es freilich wenig darauf an, über Menschen gut zu sprechen, aber desto mehr, sie
von ihrer wahren Seite zu begreifen.
    Jeder Mensch sucht aus seinem Leben etwas recht Bedeutendes zu machen, und
jeder glaubt, er sei der Mittelpunkt des grossen Zirkels. Keiner lebt im
Allgemeinen, keiner kümmert sich um das grosse Intresse des Ganzen, sondern jeder
weiss in diesem unendlichen Stücke nur seine kleine armselige Rolle auswendig,
die oft nur so wenig zum Ganzen beiträgt. Man kann sich daher nicht besser gegen
die verächtlichen Schwächen der Menschen, gegen blinde Eitelkeit und
kurzsichtigen Stolz waffnen, als wenn man sich das bunte Leben immer unter dem
Bilde eines Schauspiels vorstellt; es ist ein wirkliches Drama, weil jedermann
es dazu zu machen strebt, denn keiner kommt auf den Gedanken, so in den Tag,
oder ins Blaue hineinzuleben, sondern selbst zum kürzesten Auftritte bürstet ein
unbemerkter Bediente seinen Hut ab, und will durch die Tressen auf dem Rocke
blenden. Nie muss man sich ganz in einzelne Menschen verlieren, sondern immer
daran denken, dass diese von andern wieder anders betrachtet werden, als wir sie
betrachten; denn sobald jemand Einfluss auf uns hat, so ist unser Blick auch
schon bestochen.
                                    Vorsätze
Wie jedermann Vorsätze fasst, wär es auch nur am Geburts- oder Neujahrstage, so
fasste ich auch die meinigen. Wer nicht konsequent handeln kann, sollte lieber
gleich unbesehen alle Handlungen aufgeben, weil er sich sonst beständig selber
etwas in den Weg legen wird, und zwar eben durch den Versuch, sich manches aus
dem Wege zu räumen. Ich hatte nun einmal eine gewisse Art zu leben und zu denken
angenommen, und ich musste so fortfahren, oder von neuem ins Hospital oder
Narrenhaus geschickt werden. Ich überlegte aber, was man mir entgegensetzen
könne, und fand es alles abgeschmackt. Dass die Welt nicht bestehen könne, wenn
alle Menschen so dächten und handelten, dieser Gedanke ist es ja eben, der
einzelne Köpfe aufrufen muss, von der gewöhnlichen Art abzuweichen, weil sie
durch die Gewöhnlichkeit der andern Menschen imstande sind, ihr falsches Geld
für echtes auszugeben. Sie sind in dem wilden Kampfe des menschlichen Lebens die
Heerführer, die es wissen, wovon die Rede ist, die übrigen sind ihre
Untergebenen, und die echt Tugendhaften die ewige schöne Ursache, dass dieser
Krieg nie zu Ende kömmt, sie giessen die Kugeln und teilen sie gratis beiden
Parteien aus. - Der wichtigste Einwurf ist nun, dass etwas in uns wohne, das in
uns schlägt und zittert, wenn wir von dem Wege abweichen, von dem man sagt, dass
ihn die Natur vorgezeichnet habe. Aber eben von diesem unsichtbaren Dinge, oder
sogenanntem Gewissen konnt ich mich nie überzeugen. Es gibt mehrere dergleichen
fabelhafte Traditionen beim Menschengeschlechte, wodurch der grösste Teil
desselben wirklich in einer gewissen Furcht gehalten wird, die manchen in
müssigen Stunden, wenn er nicht zu sehr gedrängt und getrieben wird, tugendhaft
machen; es sind die philosophischen Nebenstunden, auf Schreibpapier gedruckt und
mit Vignetten verziert. Ich beschloss, es mit dieser unsichtbaren Gewalt
aufzunehmen, und ihr nicht minder, als dem gewöhnlichen Gerede, das man unter
dem Namen Grundsätze so oft ablesen hört, Trotz zu bieten, und bis jetzt habe
ich keinen Anstoss, keinen innern Ruf bemerkt, ob ich gleich jeden Fehler, der
mir im Wege lag, mitnahm; es sind mannigfaltige Sünden von mir begangen worden,
aber bis jetzt bin ich immer noch ruhig geblieben. - So hatte sich nach und nach
das Ideal eines Menschen verändert, das ich mit ungeübtem Finger in der Kindheit
entworfen hatte. Ich habe oft jene bekannten tugendhaften Bücher gelesen, um mir
die Sache recht nahezubringen, aber weder Poesie noch Prosa haben in mir etwas
angeschlagen, ob ich mir gleich jene armseligen gequälten Menschen ziemlich
deutlich vorstellen kann.
    Doch ich werde zu weitläuftig, und Du verstehst mich doch nicht ganz; ich
will daher hier mehrere Jahre übergehen, um mich dem Schlusse meiner Erzählung
zu nähern.
                              Geheime Gesellschaft
Als ich etwas älter geworden war, fand ich mich damit nicht beruhigt, dass mich
die Menschen nicht betrügen konnten. Jeder Mensch hat irgendein Spielwerk, ein
Steckenpferd, dem er sich mit ganzer Seele hingibt, und da jetzt bei mir der
Trieb zur Tätigkeit erwachte, so wünschte ich mir auch irgend etwas
einzurichten, worin ich mit Vergnügen arbeiten könnte. Ich hatte von je einen
grossen Hang zu Seltsamkeiten in mir verspürt, und so war es auch jetzt die Idee
eines geheimen Ordens, die mich vorzüglich anlockte. Man hatte mir so viel davon
erzählt, ich hatte so oft behaupten hören, dass es ein ausserordentlicher Mann
sein müsse, der an der Spitze einer solchen Gesellschaft stehe, dass ich den
Wunsch nicht unterdrücken konnte, mich selbst zu einem ähnlichen Oberhaupte
aufzuwerfen. Die Menschen erschienen mir in einem so verächtlichen Lichte, dass
ich es für die leichteste Sache von der Welt hielt, sie zu beherrschen, kurz,
ich nahm mir vor, den Versuch anzustellen, möchte er gleich ausfallen, wie er
wollte.
    Ich hielt mich in Rom auf, und man hielt mich für einen eingebornen
Italiener. Mein seltsames, eingezogenes Wesen hatte schon die Aufmerksamkeit
mancher Leute auf sich gezogen, man konnte aus mir nicht recht klug werden, und
es geschah daher sehr bald, dass ich für einen interessanten, ja für einen
äusserst interessanten Menschen ausgeschrien wurde, im Grunde nur, weil man nicht
ausfindig machen konnte, in welcher Gegend ich geboren war und wovon ich lebte.
Ich ward nach und nach mit manchen jüngern und ältern Leuten bekannter, und es
ward mir nicht schwer, sie um mich zu versammeln. Ich sah jetzt erst ein, wie
leicht man die Menschen in einer gewissen Ehrfurcht erhalten könne, alles was
sie nicht recht verstehen, halten sie für etwas ganz Ausserordentliches, eben
deswegen, weil selbst sie es nicht begreifen können.
    Ich liess nur einige, die ich für die Klügeren hielt, mit mir vertrauter
werden, die übrigen blieben stets in einer demütigen Abhängigkeit. Unsere
Gesellschaft breitete sich bald in mehrern Städten aus, und bekam entfernte
Mitglieder, und jetzt war es die Zeit, etwas durchzusetzen, denn sonst wäre sie
immer nur ein albernes Possenspiel geblieben. Es war mein Zweck, das Vermögen
andrer Leute auf ein oder die andre Art in den Schatz der Gesellschaft zu
leiten, und es glückte mir mit manchem. Derjenige, der mehrere Grade bekommen
und viel zum Vorteile der Gesellschaft gewirkt hatte, konnte dann auf die
Teilnahme an dieser allgemeinen Kasse Ansprüche machen. So wurden alle mit
Hoffnungen hingehalten, und jeder einzelne war zufrieden; nur wenige wussten um
den Zweck des Meisters, und selbst diese durften nur mehr ahnden, als sie
überzeugt sein konnten.
    Ich fürchtete anfangs, dass klügere Menschen meinem Plane auf den Grund sehn
möchten, allein diese Besorgnis fand ich in der Folge sehr ungegründet. Sobald
man sich nur selbst für gescheiter hält, als die übrigen Menschen, sind diese
auch derselben Meinung. Man muss sich nur nicht hingeben, sondern sich kostbar
machen, nie ganz vertraut werden, sondern immer noch mit tausend Gedanken
zurückzuhalten scheinen, so gerät jeder Beobachter in eine gewisse Verwirrung,
sein Urteil ist wenigstens nicht sicher, und damit ist schon alles gewonnen.
Jeder wird suchen, einem solchen wunderbaren Menschen näherzukommen, und um ihn
zu studieren wird man es unterlassen, ihn zu beobachten: selbst der
scharfsinnigste Kopf wird besorgt sein, dass jener schon alle seine Ideen habe,
und jede Widerlegung bei ihm in Bereitschaft stehe. Alle werden auf die Art die
Eigenschaften zu besitzen streben, die sie jenem zutrauen, und so werden sie am
Ende selbst die Fähigkeiten verlieren, eine vernünftige Beobachtung anzustellen.
- Den meisten Menschen tut es ordentlich wohl, wenn man ihnen imponiert, und sie
kommen selbst auf dem halben Wege entgegen. Es waren auch gar nicht die
scharfsinnigen Köpfe, die mir auf die Spur kamen, sie bemerkten die Blössen gar
nicht, die ich gab, als ich mich etwas zu sehr gehnliess, als mich Dein
einfältiges Benehmen in England aufbrachte und eine Krankheit mich vedriesslich
machte; sondern die Einfältigsten reichten mit ihrem kurzen Sinne gerade so
weit, um auf meine Schwäche zu treffen.
                              Hang zum Wunderbaren
Dieser war es vorzüglich, der die Menschen an mich fesselte, weil alle etwas
Ausserordentliches von mir erwarteten. Die meisten Leute glauben über den
Aberglauben erhaben zu sein, und doch ist nichts leichter, als sie von neuem
darein zu verwickeln. Es liegt etwas Dunkles in jeder Brust, eine Ahndung, die
das Herz nach fremden unbekannten Regionen hinzieht. Diesen Instinkt darf man
nur benutzen, um den Menschen aus sich selbst und über diese Erde zu entrücken.
Ich fand, dass ich gar nicht nötig hatte, feine Sophistereien, oder seltsam
schwärmerische und doch vernünftig scheinende Ideen zu gebrauchen, die den
gesunderen Verstand nach und nach untergrüben: der Sprung, den diese Menschen
immer zu tun scheinen, ist wirklich nur scheinbar. Deswegen, weil nichts die
Unmöglichkeit der Wunder beweisen kann, glaubt jedes Herz in manchen Stunden
fest an diese Wunder.
    So ist dieses seltsame Gefühl eine Handhabe, bei der man bequem die Menschen
ergreifen kann. Ich habe dadurch mehr wirken können, als durch das klügste
Betragen. Es war mein Grundsatz, dass wenn man die Menschen betrügen wolle, man
ja nicht darauf ausgehn müsse, sie recht fein zu betrügen. Viel Feinheit würde
voraussetzen, dass die andern auch einen feinen Sinn haben, dann wäre sie
angewandt: aber eben darum verderben recht viele gute Plane, weil sie viel zu
sehr kalkuliert waren; die nahe, unbeholfene Einfalt tritt dazwischen und
zerreisst alle Fäden, die zum leisen Gefangennehmen dienen sollten. Wer recht
vorsichtig und vernünftig ist, dem wird auch bei der feinsten Machination der
Gedanke naheliegen, dass man wohl darauf ausgehn könne, ihn zu täuschen, und so
ist diese Feinheit in jedem Falle verlorne Mühe. Das Unwahrscheinliche und Grobe
glauben die Menschen eben darum am ersten, weil es unwahrscheinlich ist, sie
meinen, es müsse denn doch wohl irgend etwas Wahres dahinterstecken, weil sich
ja sonst kein Kind dadurch würde hintergehn lassen.
    Haben die Menschen in die Wissenschaft des Glaubens erst einen Schritt
hineingetan, so ist nachher kein Aufhalten mehr; sie fühlen sich nun über die
aufgeklärten Menschen erhaben, sie glauben über den Verstand hinweggekommen zu
sein, und jedes Kindermärchen, jede tolle Fiktion hat sie jetzt in der Gewalt.
                                      Rosa
Schon früh suchte ich einen Schildknappen zu bekommen, der mir meine Waffen
nachtrüge, damit ich es um so bequemer hätte. Jedermann wird, wenn er sich
einige Mühe gibt, einen Menschen antreffen, der es über sich nimmt, auf die
Worte seines Meisters zu schwören, ihm jeden Gedanken auf seine eigene Weise
nachzudenken, diese dann wie Scheidemünze auszugeben, und so den Ruf seines
Herrn mit seinem eigenen zugleich zu verherrlichen. Man trifft allentalben
Menschen, die nichts so gern tun, als sich an einen andern hängen, den sie für
klüger halten. - Ich fand bald einen jungen Menschen, der bei seinen armen
Eltern in einer sehr drückenden Lage lebte; er schien nicht ohne Kopf, er konnte
schnell etwas auffassen, dachte aber nie weiter, als es ihm vorgeschrieben war.
Diese schnelle Langsamkeit schien mir gerade zu meinem Endzwecke am
dienlichsten. Ich nahm ihn zu mir, und lehrte ihn den Genuss eines freieren
Lebens kennen; er ward nach und nach meine hauptsächlichste Maschine, denn man
darf solchen leichtsinnigen lebhaften Menschen nur die Aussicht auf ein
angenehmes, untätiges Leben geben, so kann man sie zu allem bewegen. Rosa ist
ein ganz erträglicher Mensch, sein grösster Fehler ist, dass er seinen Leichtsinn
für Verstand hält; er hat gerade so viel Scharfsinn, um einzusehn, dass er eine
Stütze bedarf, an der er sich festalten kann. Ich konnte ihn recht gut
gebrauchen, nur war er töricht genug, dass er zuweilen seine Aufträge zu gut
besorgen wollte. So hatte er den Gedanken, den jungen Valois in unsre
Gesellschaft zu ziehn, um das Vermögen der Blainville hieherzubekommen; er hatte
sich mit einem Narren eingelassen, der mit sich selbst nicht fertig werden
konnte, noch weniger mit der Welt, und der sich am Ende erschiessen musste, um nur
irgendeinen Schluss, eine Art von vollendeter Handlung in seinen Lebenslauf zu
bringen.
    Das Gefühl hat dieser Rosa nie gekannt, ebensowenig die eigentliche
Denkkraft, er hat immer nur gesprochen, und sich dabei ganz wohl befunden. Für
seine treuen Dienste habe ich ihm das Gut in Tivoli geschenkt. Ich hätte ihn
leicht betrügen können, aber irgendeinem Menschen muss ich ja doch mein Vermögen
hinterlassen; ich hoffe immer noch, er soll es sehr bald verschwenden.
                                     Balder
Mit Dir kam dieses seltsame Geschöpf nach Italien, an das Du anfangs sehr
attachiert warst. Er war mir wegen seiner Originalität interessant. Es war eine
schöne Anlage zur Verrückteit in ihm, um die es sehr schade gewesen wäre, wenn
sie sich nicht entwickelt hätte. Da aber die meisten Menschen selber nicht
wissen, was in ihnen steckt, so nahm ich mir vor, den Funken aus diesem
seltsamen Steine herauszuschlagen. So unterhielt es mich denn, dass ich ein
paarmal als ein Gespenst durch seine Stube ging, und er nachher nicht begreifen
konnte, wo ich geblieben sei. Ich habe ihn nachher fleissig beobachtet, und ich
fand zugleich, dass diese Vorfälle meine künftige Bekanntschaft mit Dir sehr gut
präparierten. Nachher wurde mir dieser Mensch gleichgültig und langweilig, weil
er sich immer zu ähnlich blieb, und er tat recht wohl daran, fortzulaufen.
                              Herr William Lovell
Ich muss fast lachen, indem ich Deinen Namen niederschreibe und nun von Dir die
Rede sein soll. Soll ich weitläuftig von Dir sprechen, der Du fast nichts bist?
    Ich hatte Nachrichten von Dir und wusste um Deine Reise nach Italien. Rosa
kam Dir bis Paris entgegen. Mein alter Hass gegen Deinen Vater, gegen Dich, eine
Erinnerung an Marie, eine Wut, die sich immer gleichgeblieben, wachte jetzt
gewaltig in mir auf, ich glaubte jetzt die beste Gelegenheit gefunden zu haben,
mich an ihm und an Dir zu rächen. Dich selbst wollt ich gegen den Vater empören;
Du solltest von ihm und von Dir selber abfallen, dann wollt ich Dich
zurückschicken. So liess ich Dich durch alle Grade gehen, um Dich zu einer
seltsamen Missgeburt umzuschaffen. Du kränktest Deinen Vater, und er starb nun
weit früher, als ich es geglaubt hatte. Ich fuhr indessen mit meinen Künsten
fort, weil die Maschinen einmal in den Gang gebracht waren und ich mich daran
gewöhnt hatte, Dich als mein gehegtes Wild zu betrachten. Du wirst hier nicht
von mir verlangen, dass ich Dir weitläuftig auseinandersetze, auf welche plumpe
Art Du Dich hintergehen liessest, es würde Deiner Eitelkeit nur zu wehe tun. Es
gelang mir, Dich immer in Spannung zu erhalten; ein Zustand, der am leichtesten
die Vernunft verdunkelt. Jetzt hörte ich, dass der alte Burton gestorben sei, und
ich schickte Dich mit Aufträgen nach England, die Du so ungeschickt wie ein
unwissender Knabe ausrichtetest. Wenn Eduard nicht mehr lebte, und seine
Schwester auch aus dem Wege geschafft war, so hatte ich die nächsten Ansprüche
auf das ansehnliche Vermögen dieser Familie, Du hättest dann Deine verlornen
Güter wieder zurückbekommen, und alles wäre in einem ganz guten Zustande
gewesen. Weil ich Dir aber damals noch nicht sagen mochte, dass ich Waterloo sei,
so hast Du Dich wie ein wilder, unsinniger Mensch in Frankreich und England
herumgetrieben, hast da manches fühlen und seltsame Dinge denken wollen, die für
Dich gar nicht gehören. - Nun wirst Du zurückkommen und Dich selbst darüber
wundern, dass es nicht so gegangen ist, wie Du es Dir vorgenommen hattest.
    Du hast Dich bis jetzt überhaupt für ein äusserst wunderbares und seltenes
Wesen gehalten, und bist doch nichts weniger; Du verachtest jetzt die Menschen
mit einer gewissen Grosssprecherei, die Dich sehr schlecht kleidet, weil Du nie
imstande sein wirst, sie zu kennen, und wenn Du sie auch kennst, sie zu
beurteilen und in das wahre Verhältnis gegen Dich selbst zu stellen. Du hast Dir
seit lange eine unbeschreibliche Mühe gegeben, Dich zu ändern, und Du bildest
Dir auch ein, gewaltsame Revolutionen in Deinem Innern erlitten zu haben, und
doch ist dies alles nur Einbildung. Du bist immer noch derselbe Mensch, der Du
warst; Du hast gar nicht die Fähigkeit, Dich zu verändern, sondern Du hast aus
Trägheit, Eitelkeit und Nachahmungssucht manches getan und gesagt, was Dir nicht
aus dem Herzen kam. Deine Philosophie war Eigensinn, alle Deine Gefühle nichts
weiter, als ein ewiger Kampf mit Dir selber. Du hättest ein recht ordentlicher,
gewöhnlicher, einfältiger Mensch werden können; auf einem Kupferstich in einer
Waldgegend, neben einer jungen Frau sitzend, würdest Du Dich ganz gut
ausgenommen haben, aber nun hast Du alles darangewandt, um ein
unzusammenhängender philosophischer Narr zu werden. - Ich bin neugierig, Dich zu
sehn, und so magst Du denn hereinkommen. - Wahrhaftig, ich kann aufhören, Dich
zu beschreiben, denn da stehst Du ja nun leibhaftig vor mir. -
    Zum Schluss
                         Einige Worte über mich selbst
Und wer bin ich denn? - Wer ist das Wesen, das hier so ernstaft die Feder hält,
und nicht müde werden kann, Worte niederzuschreiben? Bin ich denn ein so grosser
Tor, dass ich alles für wahr halte, was ich gesagt habe? Ich kann es von mir
selbst nicht glauben. - Ich setze mich hin, Wahrheit zu predigen, und weiss am
Ende auch nicht, was ich tue. - Ich habe mich auch in manchen Stunden für etwas
recht Besonderes gehalten - und was bin ich denn wirklich? War es nicht sehr
närrisch, mich unaufhörlich mit abenteuerlichen Spielwerken zu beschäftigen,
indes ich in guter Ruhe hätte essen und trinken können? Ich freute mich sehr,
das Haupt einer geheimen, unsichtbaren Räuberbande zu sein, ein Gespenst zu
spielen, und andre Gespenster herbeizurufen, die ganze Welt zum Narren zu haben,
und jetzt fällt mir die Frage ein, ob ich mich bei dieser Bemühung nicht selber
zum grössten Narren gemacht habe. - Ich bin vielleicht jetzt ernstafter als je,
und doch möchte ich über mich selber lachen.
    Und dass ich mit solcher Gutmütigkeit hier sitze, und noch kurz vor meinem
Tode mich mit Schreiben abquäle, um eine jämmerliche Eitelkeit zu befriedigen,
ist gar unbegreiflich und unglaublich. - Wer ist das seltsame Ich, das sich so
mit mir selber herumzankt? - Oh, ich will die Feder niederlegen, und bei
Gelegenheit sterben.
 
                                       21
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Was sagen Sie nun zu Andreas grausamen Erklärungen? Ich kann manche Stellen gar
nicht aus dem Gedächtnisse verlieren. - Wie freute ich mich, als mir eine Woche
nach seinem Tode diese Papiere überreicht wurden! Ich hoffte nun noch eine Art
von Beruhigung zu finden, und eben nun war alles vorüber.
    Hab ich mein ganzes Leben nicht verschleudert, um diesem entsetzlichen
Menschen zu gefallen, um ihm näherzukommen? War sein Umgang, die Hoffnung auf
seinen Betrug nicht die letzte meines Lebens? Doch, das habe ich Ihnen ja oft
genug in meinen Briefen gesagt.
    Ich mag gar nicht mehr klagen, denn selbst dazu ist die Kraft in mir
erloschen. Bianca ist gestorben, ich besuchte sie einige Tage vor ihrem Tode.
Sie gestand mir, dass sie schon seit lange etwas auf dem Herzen habe, das sie mir
entdecken müsse. Sie sagte mir, dass sie durch Andrea, oder eigentlich Waterloo,
bewegt worden sei, auf einer Maskerade mich zu erschrecken, und die Rolle der
Rosaline zu spielen. Ich betrachtete sie genauer, und erschrak, als ich wirklich
eine auffallende Ähnlichkeit entdeckte; ich konnte es aber immer noch nicht
begreifen, dass ich mich so hätte können hintergehen lassen; um mich völlig zu
überzeugen, schminkte sie sich daher etwas, färbte die Augenbraunen dunkler,
kämmte die Haare in die Stirn hinein, und schlug um den Kopf ein lockeres
seidnes Tuch. Ich schrie laut auf, als sie so wieder zu mir hineintrat; geradeso
trug sich Rosaline, und ich weiss jetzt, warum ich mich neulich so innerlich
entsetzte, als ich Bianca besuchte. Biancas matter Blick machte, dass ich sie in
einzelnen Sekunden für Rosalinens Geist hielt: in der Finsternis und im Wagen
war mein Erschrecken damals noch viel heftiger, weil mich die Gestalt noch mehr
überraschte. - Bianca sagte mir nun, dass sie mich schon vor meiner Abreise aus
Italien gern gesprochen hätte, aber ich sei auf ihre dringende Bitte nicht zu
ihr gekommen, sonst hätte sie mir wahrscheinlich schon damals den ganzen Vorfall
erzählt. - An manchen Zufälligkeiten hängt oft ein wichtiger Teil unsers Lebens!
Ich erinnere mich jetzt dieses Billetts, und auch, dass ich aus Trägheit nicht zu
ihr ging.
    Ich habe mir oft im stillen eingebildet, dass Rosaline noch lebe, und dass ich
sie gewiss einmal wiedersehen würde. Dieser Gedanke, so seltsam es auch klingen
mag, hat mich heimlich in manchen Stunden beruhigt; ich glaubte selbst, dass das
Wesen, das im Wagen neben mir gesessen hatte, die wirkliche Rosaline gewesen sei
- und nun ist mir auch diese Hoffnung genommen.
    Ich darf wohl kaum noch fragen, wie es denn eigentlich mit der Erscheinung
zusammenhängt, von der Sie mir einmal schrieben? -
    Bianca wird heute begraben. Ich habe sie gesehn. Laura hat sie mit Blumen
aufgeputzt, und die Leiche sieht wieder Rosalinen so ähnlich, dass mir ein
Schauder durch alle Gebeine ging. Ich habe schon oft in den Kirchen vor den mit
Gold, Blumen und Bändern geschmückten Reliquien gezittert: die Skelette mit den
Kränzen und ihren entblössten Schädeln, das flimmernde Gold und die einzelnen
Blumen, die um die leeren Augenhöhlen wanken, der gläserne Schrank, alles schien
mir dann so seltsam und rätselhaft zusammengestellt, mich erschreckte hernach
auch in den vollen blonden Locken der Blumenkranz. Und so lag Bianca vor mir.
    Laura sass daneben und weinte. Sie nennt die Gestorbene unaufhörlich ein
gutes, liebes Mädchen, und putzt sich so ihren Schmerz auf, und idealisiert sich
selbst und ihren Zustand. Es ist gut, wenn es die Menschen noch können, denn es
ist nötig, sich selber etwas vorzulügen; in mir ist die Kraft und der Wille dazu
erloschen.
 
                                       22
                             Rosa an William Lovell
                                                                         Tivoli.
Lieber Freund, Andreas Papiere haben mich vielleicht ebenso gedemütigt, wie Sie
dadurch niedergeschlagen sind. Ich kann mir Ihren Zustand denken, ich fühle mit
Ihnen.
    Sie sollten mich nicht an jenen Brief erinnern, in dem ich Ihnen von Andreas
wunderbaren Doppelheit sagte; ich schäme mich, sooft ich daran denke. Nicht, dass
die ganze Sache eine zu Andreas Besten erfundene Lüge gewesen wäre, sondern weil
ich mich damals von diesem Menschen ganz wie ein Kind behandeln liess, so dass ich
mir gleichsam auf seinen Befehl tausend Dinge einbildete und sie fest glaubte.
Er fand es für gut, mich noch früher als Sie zu verblenden, weil er allen
Menschen nur bis auf einen gewissen Punkt traute; er wollte mich nicht ganz zu
seinem eigentlichen Vertrauten machen, weil es denn doch immer in meiner Willkür
stand, ihn zu verraten: dies machte er mir unmöglich, denn es war ihm nicht
genug, dass ich ihm verbunden war. Ich war zwar über seinen Charakter ungewiss, er
kam mir aber doch nie so nahe, dass ich irgendeine bestimmte Idee über ihn hätte
bekommen können: seine Klugheit bestand hauptsächlich darin, dass er alle
Gelegenheiten vermied, um näher gekannt zu werden, er verlor sich darum so gern
in allgemeine Gedanken und grosse Tiraden, um die Aufmerksamkeit zuweilen von
sich selber abzulenken.
    Er erhielt mich hier in Tivoli, als er mich besuchte, in einer steten
Spannung, alle unsre Gespräche drehten sich um die wunderbare Welt, und es
kostete ihm wenig, meine Phantasie zu erhitzen, denn Sie wissen es selbst, in
welchem hohen Grade er die Gabe der Darstellung besass. Ich konnte den Wunsch in
mir nicht unterdrücken, recht wunderbare Erfahrungen zu machen, und wenn man
diesen Wunsch lebhaft hat, so kömmt man in Gefahr, diese seltsamen Erfahrungen
auch wirklich anzutreffen. Die Phantasie ist für jeden Eindruck empfänglicher,
und der Verstand ist bereit, sich unterdrücken zu lassen. Das Schlimmste dabei
aber ist eine gewisse dunkle, gefährliche Eitelkeit, die uns mit der Phantasie
im Bunde leicht für das Gewöhnliche etwas Abenteuerliches unterschiebt, damit
wir nur nicht vergebens hoffen dürfen. So erging es mir in jener Nacht. Andrea
ging zur Stadt zurück, und ich war immer noch voll von den seltsamen Geschichten
und Gedanken, die er mir mitgeteilt hatte, ich verirrte mich, und meine
Bangigkeit nahm mit der Finsternis zu. Endlich traf ich auf jene Menschen. Der
eine, der mich bis ans Tor brachte, hatte ein etwas seltsames Gesicht, allein
erst nachher, als ich Andrea schon wiedergefunden hatte, fiel es mir ein, dass
jener ihm entfernt ähnlich sehe, ja vielleicht dacht ich nur, dass es interessant
wäre, wenn er ihm ähnlich gesehn hätte. So stellte meine Phantasie das Bild
zusammen, und nach einer halben Stunde glaubte ich es selbst, und entsetzte mich
davor. Auf die Art entstand jener Brief, und ich war dabei selbst von allem
überzeugt, was ich niederschrieb. - Die Phantasie hintergeht uns im gewöhnlichen
Leben oft auf eine ähnliche Art, indem sie uns ihre Gedichte für Wahrheit
unterschiebt, am ersten aber dann, wenn wir in einer wunderbaren Spannung leben.
Die Lügen, die wir uns selbst vorsagen, sind ebenso unverzeihlich, als die,
womit wir andre hintergehen.
 
                                       23
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Wie wahr ist Ihr Brief, und wie schlimm ist's, dass es mit dem Menschen so
bestellt ist, dass er wahr ist! - O wenn ich doch meine verlornen Jahre von der
Zeit zurückkaufen könnte! Ich sehe jetzt erst ein, was ich bin und was ich sein
könnte. Seit langer Zeit hab ich mich bestrebt, das Fremdartige, Fernliegende zu
meinem Eigentume zu machen, und über dieser Bemühung habe ich mich selbst
verloren. Es war nicht meine Bestimmung, die Menschen kennenzulernen und sie zu
meistern, ich ging über ein Studium zugrunde, das die höheren Geister nur noch
mehr erhebt. Ich hätte mich daran gewöhnen sollen, auch in Torheiten und
Albernheiten das Gute zu finden, nicht scharf zu tadeln und zu verachten,
sondern mich selbst zu bessern.
    War es mir wohl in meiner Verworfenheit vergönnt, so über die Menschen zu
sprechen? - O Amalie! dein heiliger Name macht, dass ich Tränen vergiesse. Hätte
mich Dein schützender Genius nie verlassen! - Wie glücklich hätt ich werden
können!
    Was ist alles Grübeln und Träumen, was alle Freigeisterei? Luxus und
Verschwendung, bei denen der arme menschliche Geist am Ende darben muss. - Ich
könnte jetzt in ein Kloster gehn, ich könnte mich in eine Einsiedelei vergraben.
 
                                       24
                             Rosa an William Lovell
                                                                         Tivoli.
Lieber Lovell, Sie sollen einsehn, dass sowohl Andrea als Sie sich in mir geirrt
haben. Ich denke mein Vermögen nicht zu verschwenden, sondern auf eine angenehme
Weise zu geniessen, und zwar in Ihrer Gesellschaft. Sie stehn jetzt einsam und
verlassen in der Welt; kommen Sie zu mir nach Tivoli, hier ist Raum für uns
beide, und in einer schönen Einsamkeit wird Ihr kranker Geist vielleicht etwas
wiederhergestellt. Denken Sie nicht mehr an meinen unmenschlichen Brief, den Sie
in Paris erhielten, damals war ich gezwungen, so zu schreiben, weil Andrea noch
lebte, jetzt aber kann ich nach meinem eignen, bessern Willen handeln.
    Wir sind durch Andrea klüger gemacht, und so mag denn seine trübe,
hyperphysische Weisheit fahren! Wir wollen das Leben sanft geniessen. Ich habe
eine rechte Sehnsucht nach Ihnen, kommen Sie ja recht bald. Ich habe hier schon
alles für Ihren Aufentalt eingerichtet. Sie sollen jetzt erfahren, wie sehr ich
Ihr Freund gewesen bin, seit ich Sie kenne, und wie sehr mich oft die Rolle
gedemütigt hat, die ich an Ihrer Seite spielen musste. -
 
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                             William Lovell an Rosa
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Ja, Rosa, ich nehme Ihren Vorschlag an, ich komme zu Ihnen, aber nicht um von
neuem ein wildes und unstetes Leben zu beginnen, sondern mich ganz einer
dunkeln, träumevollen Einsamkeit zu überlassen. - Was ich an den Menschen
verbrochen habe, will ich durch Sorgfalt an Blumen und Bäumen wieder abbüssen.
Wie ein schwacher Regenbogen in Gewitterwolken, so steigt die Aussicht meines
künftigen Lebens empor: ich glaube, ich könnte dort manches vergessen, und in
einem tiefern Traume meine vorigen unruhigen Träume begraben. Es ist mir, als
könnte ich mich freuen, als würde ich wieder wohl und gesund werden. - -
    Ja, ich komme bald zu Dir, lieber Rosa. Warum sollt es nicht möglich sein,
dass die quälenden Geister endlich wieder von mir wichen und ich freier atmete?
    Mein ganzes Leben habe ich wie einen Toten zur Erde bestattet, und auf dem
Grabmal will ich meine heissesten Tränen, meine innigste Reue, eine süsse und
schmerzliche Busse zum Opfer bringen. Schwer hab ich mich an Lieb und
Freundschaft versündigt, in der Erinnerung, in der Sühne, in der Vergangenheit
will ich leben, und so geht vielleicht in meinem Herzen ein wehmütiger
Nachsommer mit scheinender Freundlichkeit auf. Fühl ich es ja doch, dass ich noch
lieben kann, mein erstorbenes Innre beherbergt noch Strahlen der Ewigkeit, die
wieder durchbrechen wollen; so will ich mich aus der Ferne mit Eduard, mit
Amalien, Rosalinen und mir selbst zu versöhnen suchen. Bin ich reiner geworden,
darf ich auch zum Ewigen selbst, zur unvergänglichen Liebe meine Hoffnung wieder
erheben. Stiesse er mich in den tiefsten Abgrund, so soll doch mein Sehnen, mein
Liebeverlangen zu ihm hinaufreichen; diese Wurzel meiner Seele kann und wird er
mir nicht nehmen, und so werden meine Schmerzen selber einen Blumenkelch von
Glück ausblühen. So will ich sterben, und Du auch wirst mich lieben, und ich
werde Dein Freund sein. Gebessert, geweiht, gereinigt treten wir dann vor den
Tron des Richters. - -
    O ich muss eilen, zu Ihnen zu kommen, sonst ist alles vergebens. Karl Wilmont
ist hier in Rom; ich glaube, er hat mich gesehn. - Ich komme so schnell als
möglich.
 
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                            Karl Wilmont an Mortimer
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Es ist geschehen: wir sind beide zur Ruhe, er und ich. Von Lovell ist die Rede.
Ich fand ihn in Rom; er erschrak, als er mich erblickte, und suchte sich seit
der Zeit vor mir zu verbergen. - Ich gab acht auf ihn, und traf ihn am folgenden
Morgen ganz früh auf der Strasse. Er konnte mir nun nicht entrinnen; er musste mir
folgen.
    Ich hatte zwei Pistolen bei mir; er war still und in sich verschlossen. Wir
gingen durch die Porta Capena und von da durch die Ruinen. Er schien fast ausser
sich zu sein, denn er sprach für sich verwirrte Reden. Wir kamen vor einem
kleinen Hause vorbei, er stand lange still und sah in das Fenster hinein, bis
ich ungeduldig wurde und ihn weitertrieb. Er sah auf, brach aus einem kleinen
nebenliegenden Garten eine Malve ab, und rief mit Verwunderung aus: die Malven
blühen schon wieder! - Dann heftete er die Blume auf seine Brust und sagte, dass
ich nun sein Herz nicht verfehlen könne.
    Wir waren jetzt von der Landstrasse entfernt genug. Wir massen unsre Plätze;
er nahm ein Pistol. Nachdem er sich noch einigemal umgesehen hatte, drückte er
los und verfehlte mich: ich schoss, und die Blume und seine Brust waren
zerschmettert. - Ich eilte nach Neapel.
    Und jetzt bin ich mit mir unzufrieden. Es ist mir unbegreiflich, wie das
rohe Gefühl der Rache mich so bezaubern konnte, dass er mich nicht rührte. Konnt
ich ihm nicht dies ärmliche Leben lassen, da er ausser diesem vielleicht nichts
besessen hat? - Was ist mir und Emilien damit geholfen, dass er die Luft nicht
mehr einatmet? -
    Adieu! - Ich fahre von hier nach Amerika. Der Krieg lockt mich dahin; es
wird in der englischen Armee wohl eine Stelle für einen Lebenssatten übrig sein,
der sich dann wenigstens noch einbilden kann, zum Besten seines Vaterlandes zu
sterben. - Grüsse meine Schwester und Eduard.
 
    