
        
                             Johann Wolfgang Goete
                           Wilhelm Meisters Lehrjahre
                                   Erstes Buch
                                  Erstes Kapitel
Das Schauspiel dauerte sehr lange. Die alte Barbara trat einigemal ans Fenster
und horchte, ob die Kutschen nicht rasseln wollten. Sie erwartete Marianen, ihre
schöne Gebieterin, die heute im Nachspiele, als junger Offizier gekleidet, das
Publikum entzückte, mit grösserer Ungeduld als sonst, wenn sie ihr nur ein
mässiges Abendessen vorzusetzen hatte; diesmal sollte sie mit einem Paket
überrascht werden, das Norberg, ein junger reicher Kaufmann, mit der Post
geschickt hatte, um zu zeigen, dass er auch in der Entfernung seiner Geliebten
gedenke.
    Barbara war als alte Dienerin, Vertraute, Ratgeberin, Unterhändlerin und
Haushälterin im Besitz des Rechtes, die Siegel zu eröffnen, und auch diesen
Abend konnte sie ihrer Neugierde um so weniger widerstehen, als ihr die Gunst
des freigebigen Liebhabers mehr als selbst Marianen am Herzen lag. Zu ihrer
grössten Freude hatte sie in dem Paket ein feines Stück Nesseltuch und die
neuesten Bänder für Marianen, für sich aber ein Stück Kattun, Halstücher und ein
Röllchen Geld gefunden. Mit welcher Neigung, welcher Dankbarkeit erinnerte sie
sich des abwesenden Norbergs! Wie lebhaft nahm sie sich vor, auch bei Marianen
seiner im besten zu gedenken, sie zu erinnern, was sie ihm schuldig sei und was
er von ihrer Treue hoffen und erwarten müsse.
    Das Nesseltuch, durch die Farbe der halb aufgerollten Bänder belebt, lag wie
ein Christgeschenk auf dem Tischchen; die Stellung der Lichter erhöhte den Glanz
der Gabe, alles war in Ordnung, als die Alte den Tritt Marianens auf der Treppe
vernahm und ihr entgegeneilte. Aber wie sehr verwundert trat sie zurück, als das
weibliche Offizierchen, ohne auf die Liebkosungen zu achten, sich an ihr
vorbeidrängte, mit ungewöhnlicher Hast und Bewegung in das Zimmer trat, Federhut
und Degen auf den Tisch warf, unruhig auf und nieder ging und den feierlich
angezündeten Lichtern keinen Blick gönnte.
    »Was hast du, Liebchen?« rief die Alte verwundert aus. »Um 's Himmels
willen, Töchterchen, was gibt's? Sieh hier diese Geschenke! Von wem können sie
sein, als von deinem zärtlichsten Freunde? Norberg schickt dir das Stück
Mousselin zum Nachtkleide; bald ist er selbst da; er scheint mir eifriger und
freigebiger als jemals.«
    Die Alte kehrte sich um und wollte die Gaben, womit er auch sie bedacht,
vorweisen, als Mariane, sich von den Geschenken wegwendend, mit Leidenschaft
ausrief: »Fort! Fort! Heute will ich nichts von allem diesen hören; ich habe dir
gehorcht, du hast es gewollt, es sei so! Wenn Norberg zurückkehrt, bin ich
wieder sein, bin ich dein, mache mit mir, was du willst, aber bis dahin will ich
mein sein, und hättest du tausend Zungen, du solltest mir meinen Vorsatz nicht
ausreden. Dieses ganze Mein will ich dem geben, der mich liebt und den ich
liebe. Keine Gesichter! Ich will mich dieser Leidenschaft überlassen, als wenn
sie ewig dauern sollte.«
    Der Alten fehlte es nicht an Gegenvorstellungen und Gründen; doch da sie in
fernerem Wortwechsel heftig und bitter ward, sprang Mariane auf sie los und
fasste sie bei der Brust. Die Alte lachte überlaut. »Ich werde sorgen müssen«,
rief sie aus, »dass sie wieder bald in lange Kleider kommt, wenn ich meines
Lebens sicher sein will. Fort, zieht Euch aus! Ich hoffe, das Mädchen wird mir
abbitten, was mir der flüchtige Junker Leids zugefügt hat; herunter mit dem Rock
und immer so fort alles herunter! es ist eine unbequeme Tracht, und für Euch
gefährlich, wie ich merke. Die Achselbänder begeistern Euch.«
    Die Alte hatte Hand an sie gelegt, Mariane riss sich los. »Nicht so
geschwind!« rief sie aus, »ich habe noch heute Besuch zu erwarten.«
    »Das ist nicht gut«, versetzte die Alte. »Doch nicht den jungen, zärtlichen,
unbefiederten Kaufmannssohn?« - »Eben den«, versetzte Mariane.
    »Es scheint, als wenn die Grossmut Eure herrschende Leidenschaft werden
wollte«, erwiderte die Alte spottend; »Ihr nehmt Euch der Unmündigen, der
Unvermögenden mit grossem Eifer an. Es muss reizend sein, als uneigennützige
Geberin angebetet zu werden.«
    »Spotte, wie du willst. Ich lieb' ihn! ich lieb' ihn! Mit welchem Entzücken
sprech' ich zum erstenmal diese Worte aus! Das ist diese Leidenschaft, die ich
so oft vorgestellt habe, von der ich keinen Begriff hatte. Ja, ich will mich ihm
um den Hals werfen! ich will ihn fassen, als wenn ich ihn ewig halten wollte.
Ich will ihm meine ganze Liebe zeigen, seine Liebe in ihrem ganzen Umfang
geniessen!«
    »Mässigt Euch!« sagte die Alte gelassen, »mässigt Euch! Ich muss Eure Freude
durch ein Wort unterbrechen: Norberg kommt! In vierzehn Tagen kommt er! Hier ist
sein Brief, der die Geschenke begleitet hat.«
    »Und wenn mir die Morgensonne meinen Freund rauben sollte, will ich mir's
verbergen. Vierzehn Tage! Welche Ewigkeit! In vierzehn Tagen, was kann da nicht
vorfallen, was kann sich da nicht ändern!«
    Wilhelm trat herein. Mit welcher Lebhaftigkeit flog sie ihm entgegen! mit
welchem Entzücken umschlang er die rote Uniform! drückte er das weisse
Atlaswestchen an seine Brust! Wer wagte hier zu beschreiben, wem geziemt es, die
Seligkeit zweier Liebenden auszusprechen! Die Alte ging murrend beiseite, wir
entfernen uns mit ihr und lassen die zu Glücklichen allein.
 
                                Zweites Kapitel
Als Wilhelm seine Mutter des andern Morgens begrüsste, eröffnete sie ihm, dass der
Vater sehr verdriesslich sei und ihm den täglichen Besuch des Schauspiels
nächstens untersagen werde. »Wenn ich gleich selbst«, fuhr sie fort, »manchmal
gern ins Teater gehe, so möchte ich es doch oft verwünschen, da meine häusliche
Ruhe durch deine unmässige Leidenschaft zu diesem Vergnügen gestört wird. Der
Vater wiederholt immer, wozu es nur nütze sei, wie man seine Zeit nur so
verderben könne.«
    »Ich habe es auch schon von ihm hören müssen«, versetzte Wilhelm, »und habe
ihm vielleicht zu hastig geantwortet; aber um 's Himmels willen, Mutter! ist
denn alles unnütz, was uns nicht unmittelbar Geld in den Beutel bringt, was uns
nicht den allernächsten Besitz verschafft? Hatten wir in dem alten Hause nicht
Raum genug? und war es nötig, ein neues zu bauen? Verwendet der Vater nicht
jährlich einen ansehnlichen Teil seines Handelsgewinnes zur Verschönerung der
Zimmer? Diese seidenen Tapeten, diese englischen Mobilien, sind sie nicht auch
unnütz? Könnten wir uns nicht mit geringeren begnügen? Wenigstens bekenne ich,
dass mir diese gestreiften Wände, diese hundertmal wiederholten Blumen,
Schnörkel, Körbchen und Figuren einen durchaus unangenehmen Eindruck machen. Sie
kommen mir höchstens vor wie unser Teatervorhang. Aber wie anders ist's, vor
diesem zu sitzen! Wenn man noch so lange warten muss, so weiss man doch, er wird
in die Höhe gehen, und wir werden die mannigfaltigsten Gegenstände sehen, die
uns unterhalten, aufklären und erheben.«
    »Mach' es nur mässig«, sagte die Mutter, »der Vater will auch abends
unterhalten sein; und dann glaubt er, es zerstreue dich, und am Ende trag' ich,
wenn er verdriesslich wird, die Schuld. Wie oft musste ich mir das verwünschte
Puppenspiel vorwerfen lassen, das ich euch vor zwölf Jahren zum heiligen Christ
gab, und das euch zuerst Geschmack am Schauspiele beibrachte.«
    »Schelten Sie das Puppenspiel nicht, lassen Sie sich Ihre Liebe und Vorsorge
nicht gereuen! Es waren die ersten vergnügten Augenblicke, die ich in dem neuen
leeren Hause genoss; ich sehe es diesen Augenblick noch vor mir, ich weiss, wie
sonderbar es mir vorkam, als man uns, nach Empfang der gewöhnlichen
Christgeschenke, vor einer Türe niedersitzen hiess, die aus einem andern Zimmer
hereinging. Sie eröffnete sich; allein nicht wie sonst zum Hin- und Wider
laufen, der Eingang war durch eine unerwartete Festlichkeit ausgefüllt. Es baute
sich ein Portal in die Höhe, das von einem mystischen Vorhang verdeckt war. Erst
standen wir alle von ferne, und wie unsere Neugierde grösser ward, um zu sehen,
was wohl Blinkendes und Rasselndes sich hinter der halb durchsichtigen Hülle
verbergen möchte, wies man jedem sein Stühlchen an und gebot uns, in Geduld zu
warten.
    So sass nun alles und war still; eine Pfeife gab das Signal, der Vorhang
rollte in die Höhe und zeigte eine hochrot gemalte Aussicht in den Tempel. Der
Hohepriester Samuel erschien mit Jonatan, und ihre wechselnden wunderlichen
Stimmen kamen mir höchst ehrwürdig vor. Kurz darauf betrat Saul die Szene, in
grosser Verlegenheit über die Impertinenz des schwerlötigen Kriegers, der ihn und
die Seinigen herausgefordert hatte. Wie wohl ward es mir daher, als der
zwerggestaltete Sohn Isai mit Schäferstab, Hirtentasche und Schleuder
hervorhüpfte und sprach: Grossmächtigster König und Herr Herr! es entfalle keinem
der Mut um deswillen; wenn Ihro Majestät mir erlauben wollen, so will ich
hingehen und mit dem gewaltigen Riesen in den Streit treten. - Der erste Akt war
geendet und die Zuschauer höchst begierig, zu sehen, was nun weiter vorgehen
sollte; jedes wünschte, die Musik möchte nur bald aufhören. Endlich ging der
Vorhang wieder in die Höhe. David weihte das Fleisch des Ungeheuers den Vögeln
unter dem Himmel und den Tieren auf dem Felde; der Philister sprach Hohn,
stampfte viel mit beiden Füssen, fiel endlich wie ein Klotz und gab der ganzen
Sache einen herrlichen Ausschlag. Wie dann nachher die Jungfrauen sangen: Saul
hat tausend geschlagen, David aber zehntausend!, der Kopf des Riesen vor dem
kleinen Überwinder hergetragen wurde, und er die schöne Königstochter zur
Gemahlin erhielt, verdross es mich doch bei aller Freude, dass der Glücksprinz so
zwergmässig gebildet sei. Denn nach der Idee vom grossen Goliat und kleinen David
hatte man nicht verfehlt, beide recht charakteristisch zu machen. Ich bitte Sie,
wo sind die Puppen hingekommen? Ich habe versprochen, sie einem Freunde zu
zeigen, dem ich viel Vergnügen machte, indem ich ihn neulich von diesem
Kinderspiel unterhielt.«
    »Es wundert mich nicht, dass du dich dieser Dinge so lebhaft erinnerst; denn
du nahmst gleich den grössten Anteil daran. Ich weiss, wie du mir das Büchlein
entwendetest und das ganze Stück auswendig lerntest; ich wurde es erst gewahr,
als du eines Abends dir einen Goliat und David von Wachs machtest, sie beide
gegeneinander perorieren liessest, dem Riesen endlich einen Stoss gabst und sein
unförmliches Haupt auf einer grossen Stecknadel mit wächsernem Griff dem kleinen
David in die Hand klebtest. Ich hatte damals so eine herzliche mütterliche
Freude über dein gutes Gedächtnis und deine patetische Rede, dass ich mir
sogleich vornahm, dir die hölzerne Truppe nun selbst zu übergeben. Ich dachte
damals nicht, dass es mir so manche verdriessliche Stunde machen sollte.«
    »Lassen Sie sich's nicht gereuen«, versetzte Wilhelm, »denn es haben uns
diese Scherze manche vergnügte Stunde gemacht.«
    Und mit diesem erbat er sich die Schlüssel, eilte, fand die Puppen und war
einen Augenblick in jene Zeiten versetzt, wo sie ihm noch belebt schienen, wo er
sie durch die Lebhaftigkeit seiner Stimme, durch die Bewegung seiner Hände zu
beleben glaubte. Er nahm sie mit auf seine Stube und verwahrte sie sorgfältig.
 
                                Drittes Kapitel
Wenn die erste Liebe, wie ich allgemein behaupten höre, das Schönste ist, was
ein Herz früher oder später empfinden kann, so müssen wir unsern Helden dreifach
glücklich preisen, dass ihm gegönnt ward, die Wonne dieser einzigen Augenblicke
in ihrem ganzen Umfange zu geniessen. Nur wenig Menschen werden so vorzüglich
begünstigt, indes die meisten von ihren frühern Empfindungen nur durch eine
harte Schule geführt werden, in welcher sie, nach einem kümmerlichen Genuss,
gezwungen sind, ihren besten Wünschen entsagen und das, was ihnen als höchste
Glückseligkeit vorschwebte, für immer entbehren zu lernen.
    Auf den Flügeln der Einbildungskraft hatte sich Wilhelms Begierde zu dem
reizenden Mädchen erhoben; nach einem kurzen Umgange hatte er ihre Neigung
gewonnen, er fand sich im Besitz einer Person, die er so sehr liebte, ja
verehrte; denn sie war ihm zuerst in dem günstigen Lichte teatralischer
Vorstellung erschienen, und seine Leidenschaft zur Bühne verband sich mit der
ersten Liebe zu einem weiblichen Geschöpfe. Seine Jugend liess ihn reiche Freuden
geniessen, die von einer lebhaften Dichtung erhöht und erhalten wurden. Auch der
Zustand seiner Geliebten gab ihrem Betragen eine Stimmung, welche seinen
Empfindungen sehr zu Hülfe kam; die Furcht, ihr Geliebter möchte ihre übrigen
Verhältnisse vor der Zeit entdecken, verbreitete über sie einen liebenswürdigen
Anschein von Sorge und Scham, ihre Leidenschaft für ihn war lebhaft, selbst ihre
Unruhe schien ihre Zärtlichkeit zu vermehren; sie war das lieblichste Geschöpf
in seinen Armen.
    Als er aus dem ersten Taumel der Freude erwachte und auf sein Leben und
seine Verhältnis se zurückblickte, erschien ihm alles neu, seine Pflichten
heiliger, seine Liebhabereien lebhafter, seine Kenntnisse deutlicher, seine
Talente kräftiger, seine Vorsätze entschiedener. Es ward ihm daher leicht, eine
Einrichtung zu treffen, um den Vorwürfen seines Vaters zu entgehen, seine Mutter
zu beruhigen und Marianens Liebe ungestört zu geniessen. Er verrichtete des Tags
seine Geschäfte pünktlich, entsagte gewöhnlich dem Schauspiel, war abends bei
Tische unterhaltend und schlich, wenn alles zu Bette war, in seinen Mantel
gehüllt, sachte zu dem Garten hinaus und eilte, alle Lindors und Leanders im
Busen, unaufhaltsam zu seiner Geliebten.
    »Was bringen Sie?« fragte Mariane, als er eines Abends ein Bündel
hervorwies, das die Alte, in Hoffnung angenehmer Geschenke, sehr aufmerksam
betrachtete. »Sie werden es nicht erraten«, versetzte Wilhelm.
    Wie verwunderte sich Mariane, wie entsetzte sich Barbara, als die
aufgebundene Serviette einen verworrenen Haufen spannenlanger Puppen sehen liess.
Mariane lachte laut, als Wilhelm die verworrenen Drähte auseinander zu wickeln
und jede Figur einzeln vorzuzeigen bemüht war. Die Alte schlich verdriesslich
beiseite.
    Es bedarf nur einer Kleinigkeit, um zwei Liebende zu unterhalten, und so
vergnügten sich unsere Freunde diesen Abend aufs beste. Die kleine Truppe wurde
gemustert, jede Figur genau betrachtet und belacht. König Saul im schwarzen
Samtrocke mit der goldenen Krone wollte Marianen gar nicht gefallen; er sehe
ihr, sagte sie, zu steif und pedantisch aus. Desto besser behagte ihr Jonatan,
sein glattes Kinn, sein gelb und rotes Kleid und der Turban. Auch wusste sie ihn
gar artig am Drahte hin und her zu drehen, liess ihn Reverenzen machen und
Liebeserklärungen hersagen. Dagegen wollte sie dem Propheten Samuel nicht die
mindeste Aufmerksamkeit schenken, wenn ihr gleich Wilhelm das Brustschildchen
anpries und erzählte, dass der Schillertaft des Leibrocks von einem alten Kleide
der Grossmutter genommen sei. David war ihr zu klein und Goliat zu gross; sie
hielt sich an ihren Jonatan. Sie wusste ihm so artig zu tun und zuletzt ihre
Liebkosungen von der Puppe auf unsern Freund herüberzutragen, dass auch diesmal
wieder ein geringes Spiel die Einleitung glücklicher Stunden ward.
    Aus der Süssigkeit ihrer zärtlichen Träume wurden sie durch einen Lärm
geweckt, welcher auf der Strasse entstand. Mariane rief der Alten, die, nach
ihrer Gewohnheit noch fleissig, die veränderlichen Materialien der
Teatergarderobe zum Gebrauch des nächsten Stückes anzupassen beschäftigt war.
Sie gab die Auskunft, dass eben eine Gesellschaft lustiger Gesellen aus dem
Italienerkeller nebenan heraustaumle, wo sie bei frischen Austern, die eben
angekommen, des Champagners nicht geschont hätten.
    »Schade«, sagte Mariane, »dass es uns nicht früher eingefallen ist, wir
hätten uns auch was zugute tun sollen.«
    »Es ist wohl noch Zeit«, versetzte Wilhelm und reichte der Alten einen
Louisdor hin, »verschafft Sie uns, was wir wünschen, so soll Sie's mitgeniessen.«
    Die Alte war behend und in kurzer Zeit stand ein artig bestellter Tisch mit
einer wohlgeordneten Kollation vor den Liebenden. Die Alte musste sich
dazusetzen; man ass, trank und liess sich's wohl sein.
    In solchen Fällen fehlt es nie an Unterhaltung. Mariane nahm ihren Jonatan
wieder vor, und die Alte wusste das Gespräch auf Wilhelms Lieblingsmaterie zu
wenden. »Sie haben uns schon einmal«, sagte sie, »von der ersten Aufführung
eines Puppenspiels am Weihnachtsabend unterhalten; es war lustig zu hören. Sie
wurden eben unterbrochen, als das Ballett angehen sollte. Nun kennen wir das
herrliche Personal, das jene grossen Wirkungen hervorbrachte.«
    »Ja«, sagte Mariane, »erzähle uns weiter, wie war dir's zumute?«
    »Es ist eine schöne Empfindung, liebe Mariane«, versetzte Wilhelm, »wenn wir
uns alter Zeiten und alter unschädlicher Irrtümer erinnern, besonders wenn es in
einem Augenblicke geschieht, da wir eine Höhe glücklich erreicht haben, von
welcher wir uns umsehen und den zurückgelegten Weg überschauen können. Es ist so
angenehm selbstzufrieden sich mancher Hindernisse zu erinnern, die wir oft mit
einem peinlichen Gefühle für unüberwindlich hielten, und dasjenige, was wir
jetzt, entwickelt, sind, mit dem zu vergleichen, was wir damals, unentwickelt,
waren. Aber unaussprechlich glücklich fühl' ich mich jetzt, da ich in diesem
Augenblicke mit dir von dem Vergangnen rede, weil ich zugleich vorwärts in das
reizende Land schaue, das wir zusammen Hand in Hand durchwandern können.«
    »Wie war es mit dem Ballett?« fiel die Alte ein. »Ich fürchte, es ist nicht
alles abgelaufen, wie es sollte.«
    »O ja«, versetzte Wilhelm, »sehr gut! Von jenen wunderlichen Sprüngen der
Mohren und Mohrinnen, Schäfer und Schäferinnen, Zwerge und Zwerginnen ist mir
eine dunkle Erinnerung auf mein ganzes Leben geblieben. Nun fiel der Vorhang,
die Türe schloss sich, und die ganze kleine Gesellschaft eilte wie betrunken und
taumelnd zu Bette; ich weiss aber wohl, dass ich nicht einschlafen konnte, dass ich
noch etwas erzählt haben wollte, dass ich noch viele Fragen tat, und dass ich nur
ungern die Wärterin entliess, die uns zur Ruhe gebracht hatte.
    Den andern Morgen war leider das magische Gerüste wieder verschwunden, der
mystische Schleier weggehoben, man ging durch jene Türe wieder frei aus einer
Stube in die andere, und so viel Abenteuer hatten keine Spur zurückgelassen.
Meine Geschwister liefen mit ihren Spielsachen auf und ab, ich allein schlich
hin und her; es schien mir unmöglich, dass da nur zwo Türpfosten sein sollten, wo
gestern so viel Zauberei gewesen war. Ach, wer eine verlorne Liebe sucht, kann
nicht unglücklicher sein, als ich mir damals schien.«
    Ein freudetrunkner Blick, den er auf Marianen warf, überzeugte sie, dass er
nicht fürchtete, jemals in diesen Fall kommen zu können.
 
                                Viertes Kapitel
»Mein einziger Wunsch war nunmehr«, fuhr Wilhelm fort, »eine zweite Aufführung
des Stücks zu sehen. Ich lag der Mutter an, und diese suchte zu einer gelegenen
Stunde den Vater zu bereden; allein ihre Mühe war vergebens. Er behauptete, nur
ein seltenes Vergnügen könne bei den Menschen einen Wert haben; Kinder und Alte
wüssten nicht zu schätzen, was ihnen Gutes täglich begegnete.
    Wir hätten auch noch lange, vielleicht bis wieder Weihnachten, warten
müssen, hätte nicht der Erbauer und heimliche Direktor des Schauspiels selbst
Lust gefühlt, die Vorstellung zu wiederholen und dabei in einem Nachspiele einen
ganz frisch fertig gewordenen Hanswurst zu produzieren.
    Ein junger Mann von der Artillerie, mit vielen Talenten begabt, besonders in
mechanischen Arbeiten geschickt, der dem Vater während des Bauens viele
wesentliche Dienste geleistet hatte und von ihm reichlich beschenkt worden war,
wollte sich am Christfeste der kleinen Familie dankbar erzeigen und machte dem
Hause seines Gönners ein Geschenk mit diesem ganz eingerichteten Teater, das er
ehemals in müssigen Stunden zusammengebaut, - geschnitzt und - gemalt hatte. Er
war es, der mit Hülfe eines Bedienten selbst die Puppen regierte und mit
verstellter Stimme die verschiedenen Rollen hersagte Ihm ward nicht schwer, den
Vater zu bereden, der einem Freunde aus Gefälligkeit zugestand, was er seinen
Kindern aus Überzeugung abgeschlagen hatte. Genug, das Teater ward wieder
aufgestellt, einige Nachbarskinder gebeten und das Stück wiederholt.
    Hatte ich das erste Mal die Freude der Überraschung und des Staunens, so war
zum zweiten Male die Wollust des Aufmerkens und Forschens gross. Wie das zugehe,
war jetzt mein Anliegen. Dass die Puppen nicht selbst redeten, hatte ich mir
schon das erste Mal gesagt; dass sie sich nicht von selbst bewegten, vermutete
ich auch, aber warum das alles doch so hübsch war, und es doch so aussah, als
wenn sie selbst redeten und sich bewegten, und wo die Lichter und die Leute sein
möchten, diese Rätsel beunruhigten mich um desto mehr, je mehr ich wünschte,
zugleich unter den Bezauberten und Zauberern zu sein, zugleich meine Hände
verdeckt im Spiel zu haben und als Zuschauer die Freude der Illusion zu
geniessen.
    Das Stück war zu Ende, man machte Vorbereitungen zum Nachspiel, die
Zuschauer waren aufgestanden und schwatzten durcheinander. Ich drängte mich
näher an die Türe und hörte inwendig am Klappern, dass man mit Aufräumen
beschäftigt sei. Ich hub den untern Teppich auf und guckte zwischen dem Gestelle
durch. Meine Mutter bemerkte es und zog mich zurück; allein ich hatte doch so
viel gesehen, dass man Freunde und Feinde, Saul und Goliat und wie sie alle
heissen mochten, in einen Schiebkasten packte, und so erhielt meine
halbbefriedigte Neugierde frische Nahrung. dabei hatte ich zu meinem grössten
Erstaunen den Lieutenant im Heiligtum sehr geschäftig erblickt. Nunmehr konnte
mich der Hanswurst, so sehr er mit seinen Absätzen klapperte, nicht unterhalten.
Ich verlor mich in tiefes Nachdenken und war nach dieser Entdeckung ruhiger und
unruhiger als vorher. Nachdem ich etwas erfahren hatte, kam es mir erst vor, als
ob ich gar nichts wisse, und ich hatte recht; denn es fehlte mir der
Zusammenhang, und darauf kommt doch eigentlich alles an.«
 
                                Fünftes Kapitel
»Die Kinder haben«, fuhr Wilhelm fort, »in wohleingerichteten und geordneten
Häusern eine Empfindung, wie ungefähr Ratten und Mäuse haben mögen: sie sind
aufmerksam auf alle Ritzen und Löcher, wo sie zu einem verbotenen Naschwerk
gelangen können; sie geniessen es mit einer solchen verstohlnen wollüstigen
Furcht, die einen grossen Teil des kindischen Glücks ausmacht.
    Ich war vor allen meinen Geschwistern aufmerksam, wenn irgendein Schlüssel
steckenblieb. Je grösser die Ehrfurcht war, die ich für die verschlossenen Türen
in meinem Herzen herumtrug, an denen ich wochen- und monatelang vorbeigehen
musste, und in die ich nur manchmal, wenn die Mutter das Heiligtum öffnete, um
etwas herauszuholen, einen verstohlnen Blick tat, desto schneller war ich, einen
Augenblick zu benutzen, den mich die Nachlässigkeit der Wirtschafterinnen
manchmal treffen liess.
    Unter allen Türen war, wie man leicht erachten kann, die Türe der
Speisekammer diejenige, auf die meine Sinne am schärfsten gerichtet waren. Wenig
ahnungsvolle Freuden des Lebens glichen der Empfindung, wenn mich meine Mutter
manchmal hineinrief, um ihr etwas heraustragen zu helfen, und ich dann einige
gedörrte Pflaumen entweder ihrer Güte oder meiner List zu danken hatte. Die
aufgehäuften Schätze übereinander umfingen meine Einbildungskraft mit ihrer
Fülle, und selbst der wunderliche Geruch, den so mancherlei Spezereien
durcheinander aushauchten, hatte so eine leckere Wirkung auf mich, dass ich
niemals versäumte, sooft ich in der Nähe war, mich wenigstens an der eröffneten
Atmosphäre zu weiden. Dieser merkwürdige Schlüssel blieb eines Sonntagmorgens,
da die Mutter von dem Geläute übereilt ward, und das ganze Haus in einer tiefen
Sabbatstille lag, stecken. Kaum hatte ich es bemerkt, als ich etlichemal sachte
an der Wand hin und her ging, mich endlich still und fein andrängte, die Türe
öffnete und mich mit einem Schritt in der Nähe so vieler langgewünschter
Glückseligkeit fühlte. Ich besah Kästen, Säcke, Schachteln, Büchsen, Gläser mit
einem schnellen zweifelnden Blicke, was ich wählen und nehmen sollte, griff
endlich nach den vielgeliebten gewelkten Pflaumen, versah mich mit einigen
getrockneten Äpfeln und nahm genügsam noch eine eingemachte Pomeranzenschale
dazu; mit welcher Beute ich meinen Weg wieder rückwärts glitschen wollte, als
mir ein paar nebeneinanderstehende Kasten in die Augen fielen, aus deren einem
Drähte, oben mit Häkchen versehen, durch den übel verschlossenen Schieber
heraushingen. Ahnungsvoll fiel ich darüber her; und mit welcher überirdischen
Empfindung entdeckte ich, dass darin meine Helden- und Freudenwelt
aufeinandergepackt sei! Ich wollte die obersten aufheben, betrachten, die
untersten hervorziehen; allein gar bald verwirrte ich die leichten Drähte, kam
darüber in Unruhe und Bangigkeit, besonders da die Köchin in der benachbarten
Küche einige Bewegungen machte, dass ich alles, so gut ich konnte,
zusammendrückte, den Kasten zuschob, nur ein geschriebenes Büchelchen, worin die
Komödie von David und Goliat aufgezeichnet war, das obenauf gelegen hatte, zu
mir steckte und mich mit dieser Beute leise die Treppe hinauf in eine Dachkammer
rettete.
    Von der Zeit an wandte ich alle verstohlenen einsamen Stunden darauf, mein
Schauspiel wiederholt zu lesen, es auswendig zu lernen und mir in Gedanken
vorzustellen, wie herrlich es sein müsste, wenn ich auch die Gestalten dazu mit
meinen Fingern beleben könnte. Ich ward darüber in meinen Gedanken selbst zum
David und Goliat. In allen Winkeln des Bodens, der Ställe, des Gartens, unter
allerlei Umständen studierte ich das Stück ganz in mich ein, ergriff alle Rollen
und lernte sie auswendig, nur dass ich mich meist an den Platz der Hauptelden zu
setzen pflegte und die übrigen wie Trabanten nur im Gedächtnisse mitlaufen liess.
So lagen mir die grossmütigen Reden Davids, mit denen er den übermütigen Riesen
Goliat herausforderte, Tag und Nacht im Sinne; ich murmelte sie oft vor mich
hin, niemand gab acht darauf als der Vater, der manchmal einen solchen Ausruf
bemerkte und bei sich selbst das gute Gedächtnis seines Knaben pries, der von so
wenigem Zuhören so mancherlei habe behalten können.
    Hierdurch ward ich immer verwegener und rezitierte eines Abends das Stück
zum grössten Teile vor meiner Mutter, indem ich mir einige Wachsklümpchen zu
Schauspielern bereitete. Sie merkte auf, drang in mich, und ich gestand.
    Glücklicherweise fiel diese Entdeckung in die Zeit, da der Lieutenant selbst
den Wunsch geäussert hatte, mich in diese Geheimnisse einweihen zu dürfen. Meine
Mutter gab ihm sogleich Nachricht von dem unerwarteten Talente ihres Sohnes, und
er wusste nun einzuleiten, dass man ihm ein paar Zimmer im obersten Stocke, die
gewöhnlich leer standen, überliess, in deren einem wieder die Zuschauer sitzen,
in dem andern die Schauspieler sein, und das Proszenium abermals die Öffnung der
Türe ausfüllen sollte. Der Vater hatte seinem Freunde das alles zu veranstalten
erlaubt, er selbst schien nur durch die Finger zu sehen, nach dem Grundsatze,
man müsse den Kindern nicht merken lassen, wie lieb man sie habe, sie griffen
immer zu weit um sich; er meinte, man müsse bei ihren Freuden ernst scheinen,
und sie ihnen manchmal verderben, damit ihre Zufriedenheit sie nicht übermässig
und übermütig mache.«
 
                                Sechstes Kapitel
»Der Lieutenant schlug nunmehr das Teater auf und besorgte das übrige. Ich
merkte wohl, dass er die Woche mehrmals zu ungewöhnlicher Zeit ins Haus kam, und
vermutete die Absicht. Meine Begierde wuchs unglaublich, da ich wohl fühlte, dass
ich vor Sonnabends keinen Teil an dem, was zubereitet wurde, nehmen durfte.
Endlich erschien der gewünschte Tag. Abends um fünf Uhr kam mein Führer und nahm
mich mit hinauf. Zitternd vor Freude trat ich hinein und erblickte auf beiden
Seiten des Gestelles die herabhängenden Puppen in der Ordnung, wie sie auftreten
sollten; ich betrachtete sie sorgfältig, stieg auf den Tritt, der mich über das
Teater erhub, so dass ich nun über der kleinen Welt schwebte. Ich sah nicht ohne
Ehrfurcht zwischen die Brettchen hinunter, weil die Erinnerung, welche herrliche
Wirkung das Ganze von aussen tue, und das Gefühl, in welche Geheimnisse ich
eingeweiht sei, mich umfassten. Wir machten einen Versuch, und es ging gut.
    Den andern Tag, da eine Gesellschaft Kinder geladen war, hielten wir uns
trefflich, ausser dass ich in dem Feuer der Aktion meinen Jonatan fallen liess und
genötigt war, mit der Hand hinunterzugreifen und ihn zu holen: ein Zufall, der
die Illusion sehr unterbrach, ein grosses Gelächter verursachte und mich
unsäglich kränkte. Auch schien dieses Versehn dem Vater sehr willkommen zu sein,
der das grosse Vergnügen, sein Söhnchen so fähig zu sehen, wohlbedächtig nicht an
den Tag gab, nach geendigtem Stücke sich gleich an die Fehler hing und sagte, es
wäre recht artig gewesen, wenn nur dies oder das nicht versagt hätte.
    Mich kränkte das innig, ich ward traurig für den Abend, hatte aber am
kommenden Morgen allen Verdruss schon wieder verschlafen und war in dem Gedanken
selig, dass ich, ausser jenem Unglück, trefflich gespielt habe. Dazu kam der
Beifall der Zuschauer, welche durchaus behaupteten, obgleich der Lieutenant in
Absicht der groben und feinen Stimme sehr viel getan habe, so peroriere er doch
meist zu affektiert und steif; dagegen spreche der neue Anfänger seinen David
und Jonatan vortrefflich; besonders lobte die Mutter den freimütigen Ausdruck,
wie ich den Goliat herausgefordert und dem Könige den bescheidenen Sieger
vorgestellt habe.
    Nun blieb zu meiner grössten Freude das Teater aufgeschlagen, und da der
Frühling herbeikam und man ohne Feuer bestehen konnte, lag ich in meinen Frei-
und Spielstunden in der Kammer und liess die Puppen wacker durcheinander spielen.
Oft lud ich meine Geschwister und Kameraden hinauf; wenn sie aber auch nicht
kommen wollten, war ich allein oben. Meine Einbildungskraft brütete über der
kleinen Welt, die gar bald eine andere Gestalt gewann.
    Ich hatte kaum das erste Stück, wozu Teater und Schauspieler geschaffen und
gestempelt waren, etlichemal aufgeführt, als es mir schon keine Freude mehr
machte. Dagegen waren mir unter den Büchern des Grossvaters die Deutsche
Schaubühne und verschiedene italienisch-deutsche Opern in die Hände gekommen, in
die ich mich sehr vertiefte und jedesmal nur erst vorne die Personen
überrechnete, und dann sogleich ohne weiteres zur Aufführung des Stückes
schritt. Da musste nun König Saul in seinem schwarzen Samtkleide den Chaumigrem,
Cato und Darius spielen, wobei zu bemerken ist, dass die Stücke niemals ganz,
sondern meistenteils nur die fünften Akte, wo es an ein Totstechen ging,
aufgeführt wurden.
    Auch war es natürlich, dass mich die Oper mit ihren mannigfaltigen
Veränderungen und Abenteuern mehr als alles anziehen musste. Ich fand darin
stürmische Meere, Götter, die in Wolken herabkommen, und, was mich vorzüglich
glücklich machte, Blitze und Donner. Ich half mir mit Pappe, Farbe und Papier,
wusste gar trefflich Nacht zu machen, der Blitz war fürchterlich anzusehen, nur
der Donner gelang nicht immer; doch das hatte so viel nicht zu sagen. Auch fand
sich in den Opern mehr Gelegenheit, meinen David und Goliat anzubringen,
welches im regelmässigen Drama gar nicht angehen wollte. Ich fühlte täglich mehr
Anhänglichkeit für das enge Plätzchen, wo ich so manche Freude genoss; und ich
gestehe, dass der Geruch, den die Puppen aus der Speisekammer an sich gezogen
hatten, nicht wenig dazu beitrug.
    Die Dekorationen meines Teaters waren nunmehr in ziemlicher Vollkommenheit;
denn dass ich von Jugend auf ein Geschick gehabt hatte, mit dem Zirkel umzugehen,
Pappe auszuschneiden und Bilder zu illuminieren, kam mir jetzt wohl zustatten.
Um desto weher tat es mir, wenn mich gar oft das Personal an Ausführung grosser
Sachen hinderte.
    Meine Schwestern, indem sie ihre Puppen aus- und ankleideten, erregten in
mir den Gedanken, meinen Helden auch nach und nach bewegliche Kleider zu
verschaffen. Man trennte ihnen die Läppchen vom Leibe, setzte sie, so gut man
konnte, zusammen, sparte sich etwas Geld, kaufte neues Band und Flittern,
bettelte sich manches Stückchen Taft zusammen und schaffte nach und nach eine
Teatergarderobe an, in welcher besonders die Reifröcke für die Damen nicht
vergessen waren.
    Die Truppe war nun wirklich mit Kleidern für das grösste Stück versehen, und
man hätte denken sollen, es würde nun erst recht eine Aufführung der andern
folgen; aber es ging mir, wie es den Kindern öfter zu gehen pflegt: sie fassen
weite Plane, machen grosse Anstalten, auch wohl einige Versuche, und es bleibt
alles zusammen liegen. Dieses Fehlers muss ich mich auch anklagen. Die grösste
Freude lag bei mir in der Erfindung und in der Beschäftigung der
Einbildungskraft. Dies oder jenes Stück interessierte mich um irgendeiner Szene
willen, und ich liess gleich wieder neue Kleider dazu machen. Über solchen
Anstalten waren die ursprünglichen Kleidungsstücke meiner Helden in Unordnung
geraten und verschleppt worden, dass also nicht einmal das erste grosse Stück mehr
aufgeführt werden konnte. Ich überliess mich meiner Phantasie, probierte und
bereitete ewig, baute tausend Luftschlösser und spürte nicht, dass ich den Grund
des kleinen Gebäudes zerstört hatte.«
    Während dieser Erzählung hatte Mariane alle ihre Freundlichkeit gegen
Wilhelm aufgeboten, um ihre Schläfrigkeit zu verbergen. So scherzhaft die
Begebenheit von einer Seite schien, so war sie ihr doch zu einfach, und die
Betrachtungen dabei zu ernstaft. Sie setzte zärtlich ihren Fuss auf den Fuss des
Geliebten und gab ihm scheinbare Zeichen ihrer Aufmerksamkeit und ihres
Beifalls. Sie trank aus seinem Glase, und Wilhelm war überzeugt, es sei kein
Wort seiner Geschichte auf die Erde gefallen. Nach einer kleinen Pause rief er
aus: »Es ist nun an dir, Mariane, mir auch deine ersten jugendlichen Freuden
mitzuteilen. Noch waren wir immer zu sehr mit dem Gegenwärtigen beschäftigt, als
dass wir uns wechselseitig um unsere vorige Lebensweise hätten bekümmern können.
Sage mir: unter welchen Umständen bist du erzogen? Welche sind die ersten
lebhaften Eindrücke, deren du dich erinnerst?«
    Diese Fragen würden Marianen in grosse Verlegenheit gesetzt haben, wenn ihr
die Alte nicht sogleich zu Hülfe gekommen wäre. »Glauben Sie denn«, sagte das
kluge Weib, »dass wir auf das, was uns früher begegnet, so aufmerksam sind, dass
wir so artige Begebenheiten zu erzählen haben, und, wenn wir sie zu erzählen
hätten, dass wir der Sache auch ein solches Geschick zu geben wüssten?«
    »Als wenn es dessen bedürfte!« rief Wilhelm aus. »Ich liebe dieses
zärtliche, gute, liebliche Geschöpf so sehr, dass mich jeder Augenblick meines
Lebens verdriesst, den ich ohne sie zugebracht habe. Lass mich wenigstens durch
die Einbildungskraft teil an deinem vergangenen Leben nehmen! Erzähle mir alles,
ich will dir alles erzählen. Wir wollen uns womöglich täuschen und jene für die
Liebe verlornen Zeiten wieder zu gewinnen suchen.«
    »Wenn Sie so eifrig darauf bestehen, können wir Sie wohl befriedigen«, sagte
die Alte. »Erzählen Sie uns erst, wie Ihre Liebhaberei zum Schauspiele nach und
nach gewachsen sei, wie Sie sich geübt, wie Sie so glücklich zugenommen haben,
dass Sie nunmehr für einen guten Schauspieler gelten können? Es hat Ihnen dabei
gewiss nicht an lustigen Begebenheiten gemangelt. Es ist nicht der Mühe wert, dass
wir uns zur Ruhe legen, ich habe noch eine Flasche in Reserve; und wer weiss, ob
wir bald wieder so ruhig und zufrieden zusammensitzen?«
    Mariane schaute mit einem traurigen Blick nach ihr auf, den Wilhelm nicht
bemerkte und in seiner Erzählung fortfuhr.
 
                               Siebentes Kapitel
»Die Zerstreuungen der Jugend, da meine Gespannschaft sich zu vermehren anfing,
taten dem einsamen, stillen Vergnügen Eintrag. Ich war wechselsweise bald Jäger,
bald Soldat, bald Reiter, wie es unsre Spiele mit sich brachten; doch hatte ich
immer darin einen kleinen Vorzug vor den andern, dass ich imstande war, ihnen die
nötigen Gerätschaften schicklich auszubilden. So waren die Schwerter meistens
aus meiner Fabrik; ich verzierte und vergoldete die Schlitten, und ein geheimer
Instinkt liess mich nicht ruhen, bis ich unsre Miliz ins Antike umgeschaffen
hatte. Helme wurden verfertiget, mit papiernen Büschen geschmückt, Schilde,
sogar Harnische wurden gemacht, Arbeiten, bei denen die Bedienten im Hause, die
etwa Schneider waren, und die Nähterinnen manche Nadel zerbrachen.
    Einen Teil meiner jungen Gesellen sah ich nun wohlgerüstet; die übrigen
wurden auch nach und nach, doch geringer ausstaffiert, und es kam ein
stattliches Korps zusammen. Wir marschierten in Höfen und Gärten, schlugen uns
brav auf die Schilde und auf die Köpfe; es gab manche Misshelligkeit, die aber
bald beigelegt war.
    Dieses Spiel, das die andern sehr unterhielt, war kaum etlichemal getrieben
worden, als es mich schon nicht mehr befriedigte. Der Anblick so vieler
gerüsteten Gestalten musste in mir notwendig die Ritterideen aufreizen, die seit
einiger Zeit, da ich in das Lesen alter Romane gefallen war, meinen Kopf
anfüllten.
    Das befreite Jerusalem, davon mir Koppens Übersetzung in die Hände fiel, gab
meinen herumschweifenden Gedanken endlich eine bestimmte Richtung. Ganz konnte
ich zwar das Gedicht nicht lesen; es waren aber Stellen, die ich auswendig
wusste, deren Bilder mich umschwebten. Besonders fesselte mich Chlorinde mit
ihrem ganzen Tun und Lassen. Die Mannweiblichkeit, die ruhige Fülle ihres
Daseins taten mehr Wirkung auf den Geist, der sich zu entwickeln anfing, als die
gemachten Reize Armidens, ob ich gleich ihren Garten nicht verachtete.
    Aber hundert und hundertmal, wenn ich abends auf dem Altan, der zwischen den
Giebeln des Hauses angebracht ist, spazierte, über die Gegend hinsah und von der
hinabgewichenen Sonne ein zitternder Schein am Horizont heraufdämmerte, die
Sterne hervortraten, aus allen Winkeln und Tiefen die Nacht hervordrang und der
klingende Ton der Grillen durch die feierliche Stille schrillte, sagte ich mir
die Geschichte des traurigen Zweikampfs zwischen Tankred und Chlorinden vor.
    So sehr ich, wie billig, von der Partei der Christen war, stand ich doch der
heidnischen Heldin mit ganzem Herzen bei, als sie unternahm, den grossen Turm der
Belagerer anzuzünden. Und wie nun Tankred dem vermeinten Krieger in der Nacht
begegnet, unter der düstern Hülle der Streit beginnt, und sie gewaltig kämpfen -
ich konnte nie die Worte aussprechen:
Allein das Lebensmass Chlorindens ist nun voll,
Und ihre Stunde kommt, in der sie sterben soll!,
dass mir nicht die Tränen in die Augen kamen, die reichlich flossen, wie der
unglückliche Liebhaber ihr das Schwert in die Brust stösst, der Sinkenden den
Helm löst, sie erkennt und zur Taufe bebend das Wasser holt.
    Aber wie ging mir das Herz über, wenn in dem bezauberten Walde Tankredens
Schwert den Baum trifft, Blut nach dem Hiebe fliesst, und eine Stimme ihm in die
Ohren tönt, dass er auch hier Chlorinden verwunde, dass er vom Schicksal bestimmt
sei, das, was er liebt, überall unwissend zu verletzen!
    Es bemächtigte sich die Geschichte meiner Einbildungskraft so, dass sich mir,
was ich von dem Gedichte gelesen hatte, dunkel zu einem Ganzen in der Seele
bildete, von dem ich dergestalt eingenommen war, dass ich es auf irgendeine Weise
vorzustellen gedachte. Ich wollte Tankreden und Reinalden spielen und fand dazu
zwei Rüstungen ganz bereit, die ich schon gefertiget hatte. Die eine, von
dunkelgrauem Papier mit Schuppen, sollte den ernsten Tankred, die andere, von
Silber- und Goldpapier, den glänzenden Reinald zieren. In der Lebhaftigkeit
meiner Vorstellung erzählte ich alles meinen Gespannen, die davon ganz entzückt
wurden und nur nicht wohl begreifen konnten, dass das alles aufgeführt, und zwar
von ihnen aufgeführt werden sollte.
    Diesen Zweifeln half ich mit vieler Leichtigkeit ab. Ich disponierte gleich
über ein paar Zimmer in eines benachbarten Gespielen Haus, ohne zu berechnen,
dass die alte Tante sie nimmermehr hergeben würde; ebenso war es mit dem Teater,
wovon ich auch keine bestimmte Idee hatte, ausser dass man es auf Balken setzen,
die Kulissen von geteilten spanischen Wänden hinstellen und zum Grund ein grosses
Tuch nehmen müsse. Woher aber die Materialien und Gerätschaften kommen sollten,
hatte ich nicht bedacht.
    Für den Wald fanden wir eine gute Auskunft: wir gaben einem alten Bedienten
aus einem der Häuser, der nun Förster geworden war, gute Worte, dass er uns junge
Birken und Fichten schaffen möchte, die auch wirklich geschwinder, als wir
hoffen konnten, herbeigebracht wurden. Nun aber fand man sich in grosser
Verlegenheit, wie man das Stück, eh' die Bäume verdorrten, zustande bringen
könne. Da war guter Rat teuer, es fehlte an Platz, am Teater, an Vorhängen. Die
spanischen Wände waren das einzige, was wir hatten.
    In dieser Verlegenheit gingen wir wieder den Lieutenant an, dem wir eine
weitläufige Beschreibung von der Herrlichkeit machten, die es geben sollte. So
wenig er uns begriff, so behülflich war er, schob in eine kleine Stube, was sich
von Tischen im Hause und der Nachbarschaft nur finden wollte, aneinander,
stellte die Wände darauf, machte eine hintere Aussicht von grünen Vorhängen; die
Bäume wurden auch gleich mit in die Reihe gestellt.
    Indessen war es Abend geworden, man hatte die Lichter angezündet, die Mägde
und Kinder sassen auf ihren Plätzen, das Stück sollte angehn, die ganze
Heldenschar war angezogen; nun spürte aber jeder zum erstenmal, dass er nicht
wisse, was er zu sagen habe. In der Hitze der Erfindung, da ich ganz von meinem
Gegenstande durchdrungen war, hatte ich vergessen, dass doch jeder wissen müsse,
was und wo er es zu sagen habe, und in der Lebhaftigkeit der Ausführung war es
den übrigen auch nicht eingefallen; sie glaubten, sie würden sich leicht als
Helden darstellen, leicht so handeln und reden können wie die Personen, in deren
Welt ich sie versetzt hatte. Sie standen alle erstaunt, fragten sich einander,
was zuerst kommen sollte? und ich, der ich mich als Tankred vorne an gedacht
hatte, fing, allein auftretend, einige Verse aus dem Heldengedichte herzusagen
an. Weil aber die Stelle gar zu bald ins Erzählende überging, und ich in meiner
eignen Rede endlich als dritte Person vorkam, auch der Gottfried, von dem die
Sprache war, nicht herauskommen wollte, so musste ich unter grossem Gelächter
meiner Zuschauer eben wieder abziehen, ein Unfall, der mich tief in der Seele
kränkte. Verunglückt war die Expedition; die Zuschauer sassen da und wollten
etwas sehen. Gekleidet waren wir; ich raffte mich zusammen und entschloss mich
kurz und gut, David und Goliat zu spielen. Einige der Gesellschaft hatten
ehemals das Puppenspiel mit mir aufgeführt, alle hatten es oft gesehen; man
teilte die Rollen aus, es versprach jeder sein Bestes zu tun, und ein kleiner
drolliger Junge malte sich einen schwarzen Bart, um wenn ja eine Lücke einfallen
sollte, sie als Hanswurst mit einer Posse auszufüllen, eine Anstalt, die ich,
als dem Ernste des Stückes zuwider, sehr ungern geschehen liess. Doch schwur ich
mir, wenn ich nur einmal aus dieser Verlegenheit gerettet wäre, mich nie, als
mit der grössten Überlegung, an die Vorstellung eines Stücks zu wagen.«
 
                                 Achtes Kapitel
Mariane, vom Schlaf überwältigt, lehnte sich an ihren Geliebten, der sie fest an
sich drückte und in seiner Erzählung fortfuhr, indes die Alte den Überrest des
Weins mit gutem Bedachte genoss.
    »Die Verlegenheit«, sagte er, »in der ich mich mit meinen Freunden befunden
hatte, indem wir ein Stück, das nicht existierte, zu spielen unternahmen, war
bald vergessen. Meiner Leidenschaft, jeden Roman, den ich las, jede Geschichte,
die man mich lehrte, in einem Schauspiele darzustellen, konnte selbst der
unbiegsamste Stoff nicht widerstehen. Ich war völlig überzeugt, dass alles, was
in der Erzählung ergötzte, vorgestellt eine viel grössere Wirkung tun müsse;
alles sollte vor meinen Augen, alles auf der Bühne vorgehen. Wenn uns in der
Schule die Weltgeschichte vorgetragen wurde, zeichnete ich mir sorgfältig aus,
wo einer auf eine besondere Weise erstochen oder vergiftet wurde, und meine
Einbildungskraft sah über Exposition und Verwicklung hinweg und eilte dem
interessanten fünften Akte zu. So fing ich auch wirklich an, einige Stücke von
hinten hervor zu schreiben, ohne dass ich auch nur bei einem einzigen bis zum
Anfange gekommen wäre.
    Zu gleicher Zeit las ich, teils aus eignem Antrieb, teils auf Veranlassung
meiner guten Freunde, welche in den Geschmack gekommen waren, Schauspiele
aufzuführen, einen ganzen Wust teatralischer Produktionen durch, wie sie der
Zufall mir in die Hände führte. Ich war in den glücklichen Jahren, wo uns noch
alles gefällt, wo wir in der Menge und Abwechslung unsre Befriedigung finden.
Leider aber ward mein Urteil noch auf eine andere Weise bestochen. Die Stücke
gefielen mir besonders, in denen ich zu gefallen hoffte, und es waren wenige,
die ich nicht in dieser angenehmen Täuschung durchlas; und meine lebhafte
Vorstellungskraft, da ich mich in alle Rollen denken konnte, verführte mich, zu
glauben, dass ich auch alle darstellen würde; gewöhnlich wählte ich daher bei der
Austeilung diejenigen, welche sich gar nicht für mich schickten, und, wenn es
nur einigermassen angehn wollte, wohl gar ein paar Rollen.
    Kinder wissen beim Spiele aus allem alles zu machen: ein Stab wird zur
Flinte, ein Stückchen Holz zum Degen, jedes Bündelchen zur Puppe und jeder
Winkel zur Hütte. In diesem Sinne entwickelte sich unser Privatteater. Bei der
völligen Unkenntnis unserer Kräfte unternahmen wir alles, bemerkten kein qui pro
quo und waren überzeugt, jeder müsse uns dafür nehmen, wofür wir uns gaben.
Leider ging alles einen so gemeinen Gang, dass mir nicht einmal eine merkwürdige
Albernheit zu erzählen übrigbleibt. Erst spielten wir die wenigen Stücke durch,
in welchen nur Mannspersonen auftreten; dann verkleideten wir einige aus unserm
Mittel und zogen zuletzt die Schwestern mit ins Spiel. In einigen Häusern hielt
man es für eine nützliche Beschäftigung und lud Gesellschaften darauf. Unser
Artillerielieutenant verliess uns auch hier nicht. Er zeigte uns, wie wir kommen
und gehen, deklamieren und gestikulieren sollten; allein er erntete für seine
Bemühung meistens wenig Dank, indem wir die teatralischen Künste schon besser
als er zu verstehen glaubten.
    Wir verfielen gar bald auf das Trauerspiel; denn wir hatten oft sagen hören
und glaubten selbst, es sei leichter, eine Tragödie zu schreiben und
vorzustellen, als im Lustspiele vollkommen zu sein. Auch fühlten wir uns beim
ersten tragischen Versuche ganz in unserm Elemente; wir suchten uns der Höhe des
Standes, der Vortrefflichkeit der Charaktere durch Steifheit und Affektation zu
nähern und dünkten uns durchaus nicht wenig; allein vollkommen glücklich waren
wir nur, wenn wir recht rasen, mit den Füssen stampfen und uns wohl gar vor Wut
und Verzweiflung auf die Erde werfen durften.
    Knaben und Mädchen waren in diesen Spielen nicht lange beisammen, als die
Natur sich zu regen und die Gesellschaft sich in verschiedene kleine
Liebesgeschichten zu teilen anfing, da denn meistenteils Komödie in der Komödie
gespielt wurde. Die glücklichen Paare drückten sich hinter den Teaterwänden die
Hände auf das zärtlichste; sie verschwammen in Glückseligkeit, wenn sie
einander, so bebändert und aufgeschmückt, recht idealisch vorkamen, indes
gegenüber die unglücklichen Nebenbuhler sich vor Neid verzehrten und mit Trotz
und Schadenfreude allerlei Unheil anrichteten.
    Diese Spiele, obgleich ohne Verstand unternommen und ohne Anleitung
durchgeführt, waren doch nicht ohne Nutzen für uns. Wir übten unser Gedächtnis
und unsern Körper und erlangten mehr Geschmeidigkeit im Sprechen und Betragen,
als man sonst in so frühen Jahren gewinnen kann. Für mich aber war jene Zeit
besonders Epoche, mein Geist richtete sich ganz nach dem Teater, und ich fand
kein grösser Glück, als Schauspiele zu lesen, zu schreiben und zu spielen.
    Der Unterricht meiner Lehrer dauerte fort; man hatte mich dem Handelsstand
gewidmet und zu unserm Nachbar auf das Comptoir getan; aber eben zu selbiger
Zeit entfernte sich mein Geist nur gewaltsamer von allem, was ich für ein
niedriges Geschäft halten musste. Der Bühne wollte ich meine ganze Tätigkeit
widmen, auf ihr mein Glück und meine Zufriedenheit finden.
    Ich erinnere mich noch eines Gedichtes, das sich unter meinen Papieren
finden muss, in welchem die Muse der tragischen Dichtkunst und eine andere
Frauengestalt, in der ich das Gewerbe personifiziert hatte, sich um meine werte
Person recht wacker zanken. Die Erfindung ist gemein, und ich erinnere mich
nicht, ob die Verse etwas taugen; aber ihr sollt es sehen, um der Furcht, des
Abscheues, der Liebe und der Leidenschaft willen, die darin herrschen. Wie
ängstlich hatte ich die alte Hausmutter geschildert mit dem Rocken im Gürtel,
mit Schlüsseln an der Seite, Brillen auf der Nase, immer fleissig, immer in
Unruhe, zänkisch und haushältisch, kleinlich und beschwerlich! Wie kümmerlich
beschrieb ich den Zustand dessen, der sich unter ihrer Rute bücken und sein
knechtisches Tagewerk im Schweisse des Angesichtes verdienen sollte!
    Wie anders trat jene dagegen auf! Welche Erscheinung ward sie dem
bekümmerten Herzen! Herrlich gebildet, in ihrem Wesen und Betragen als eine
Tochter der Freiheit anzusehen. Das Gefühl ihrer selbst gab ihr Würde und Stolz;
ihre Kleider ziemten ihr, sie umhüllten jedes Glied, ohne es zu zwängen, und die
reichlichen Falten des Stoffes wiederholten wie ein tausendfaches Echo die
reizenden Bewegungen der Göttlichen. Welch ein Kontrast! Und auf welche Seite
sich mein Herz wandte, kannst du leicht denken. Auch war nichts vergessen, um
meine Muse kenntlich zu machen. Kronen und Dolche, Ketten und Masken, wie sie
mir meine Vorgänger überliefert hatten, waren ihr auch hier zugeteilt. Der
Wettstreit war heftig, die Reden beider Personen kontrastierten gehörig, da man
im vierzehnten Jahre gewöhnlich das Schwarze und Weisse recht nah aneinander zu
malen pflegt. Die Alte redete, wie es einer Person geziemt, die eine Stecknadel
aufhebt, und jene wie eine, die Königreiche verschenkt. Die warnenden Drohungen
der Alten wurden verschmäht; ich sah die mir versprochenen Reichtümer schon mit
dem Rücken an; enterbt und nackt übergab ich mich der Muse, die mir ihren
goldnen Schleier zuwarf und meine Blösse bedeckte.
    Hätte ich denken können, o meine Geliebte«, rief er aus, indem er Marianen
fest an sich drückte, »dass eine ganz andere, eine lieblichere Gotteit kommen,
mich in meinem Vorsatz stärken, mich auf meinem Wege begleiten würde, welch eine
schönere Wendung würde mein Gedicht genommen haben, wie interessant würde nicht
der Schluss desselben geworden sein! Doch es ist kein Gedicht, es ist Wahrheit
und Leben, was ich in deinen Armen finde; lass uns das süsse Glück mit Bewusstsein
geniessen!«
    Durch den Druck seines Armes, durch die Lebhaftigkeit seiner erhöhten Stimme
war Mariane erwacht und verbarg durch Liebkosungen ihre Verlegenheit; denn sie
hatte auch nicht ein Wort von dem letzten Teile seiner Erzählung vernommen, und
es ist zu wünschen, dass unser Held für seine Lieblingsgeschichten aufmerksamere
Zuhörer künftig finden möge.
 
                                Neuntes Kapitel
So brachte Wilhelm seine Nächte im Genusse vertraulicher Liebe, seine Tage in
Erwartung neuer seliger Stunden zu. Schon zu jener Zeit, als ihn Verlangen und
Hoffnung zu Marianen hinzog, fühlte er sich wie neu belebt, er fühlte, dass er
ein anderer Mensch zu werden beginne; nun war er mit ihr vereinigt, die
Befriedigung seiner Wünsche ward eine reizende Gewohnheit. Sein Herz strebte,
den Gegenstand seiner Leidenschaft zu veredeln, sein Geist, das geliebte Mädchen
mit sich emporzuheben. In der kleinsten Abwesenheit ergriff ihn ihr Andenken.
War sie ihm sonst notwendig gewesen, sowar sie ihm jetzt unentbehrlich, da er
mit allen Banden der Menschheit an sie geknüpft war. Seine reine Seele fühlte,
dass sie die Hälfte, mehr als die Hälfte seiner selbst sei. Er war dankbar und
hingegeben ohne Grenzen.
    Auch Mariane konnte sich eine Zeitlang täuschen; sie teilte die Empfindung
seines lebhaften Glücks mit ihm. Ach! wenn nur nicht manchmal die kalte Hand des
Vorwurfs ihr über das Herz gefahren wäre! Selbst an dem Busen Wilhelms war sie
nicht sicher davor, selbst unter den Flügeln seiner Liebe. Und wenn sie nun gar
wieder allein war und aus den Wolken, in denen seine Leidenschaft sie emportrug,
in das Bewusstsein ihres Zustandes herabsank, dann war sie zu bedauern. Denn
Leichtsinn kam ihr zu Hülfe, solange sie in niedriger Verworrenheit lebte, sich
über ihre Verhältnisse betrog oder vielmehr sie nicht kannte; da erschienen ihr
die Vorfälle, denen sie ausgesetzt war, nur einzeln: Vergnügen und Verdruss
lösten sich ab, Demütigung wurde durch Eitelkeit, und Mangel oft durch
augenblicklichen Überfluss vergütet; sie konnte Not und Gewohnheit sich als
Gesetz und Rechtfertigung anführen, und so lange liessen sich alle unangenehmen
Empfindungen von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tage abschütteln. Nun aber hatte
das arme Mädchen sich Augenblicke in eine bessere Welt hinübergerückt gefühlt,
hatte, wie von oben herab, aus Licht und Freude ins Öde, Verworfene ihres Lebens
hinuntergesehen, hatte gefühlt, welche elende Kreatur ein Weib ist, das mit dem
Verlangen nicht zugleich Liebe und Ehrfurcht einflösst, und fand sich äusserlich
und innerlich um nichts gebessert. Sie hatte nichts, was sie aufrichten konnte.
Wenn sie in sich blickte und suchte, war es in ihrem Geiste leer, und ihr Herz
hatte keinen Widerhalt. Je trauriger dieser Zustand war, desto heftiger schloss
sich ihre Neigung an den Geliebten fest; ja, die Leidenschaft wuchs mit jedem
Tage, wie die Gefahr, ihn zu verlieren, mit jedem Tage näher rückte.
    Dagegen schwebte Wilhelm glücklich in höheren Regionen, ihm war auch eine
neue Welt aufgegangen, aber reich an herrlichen Aussichten. Kaum liess das
Übermass der ersten Freude nach, so stellte sich das hell vor seine Seele, was
ihn bisher dunkel durchwühlt hatte. »Sie ist dein! Sie hat sich dir hingegeben!
Sie, das geliebte, gesuchte, angebetete Geschöpf, dir auf Treu und Glauben
hingegeben; aber sie hat sich keinem Undankbaren überlassen.« Wo er stand und
ging, redete er mit sich selbst; sein Herz floss beständig über, und er sagte
sich in einer Fülle von prächtigen Worten die erhabensten Gesinnungen vor. Er
glaubte den hellen Wink des Schicksals zu verstehen, das ihm durch Marianen die
Hand reichte, sich aus dem stockenden, schleppenden bürgerlichen Leben
herauszureissen, aus dem er schon so lange sich zu retten gewünscht hatte. Seines
Vaters Haus, die Seinigen zu verlassen, schien ihm etwas Leichtes. Er war jung
und neu in der Welt, und sein Mut, in ihren Weiten nach Glück und Befriedigung
zu rennen, durch die Liebe erhöht. Seine Bestimmung zum Teater war ihm nunmehr
klar; das hohe Ziel, das er sich vorgesteckt sah, schien ihm näher, indem er an
Marianens Hand hinstrebte, und in selbstgefälliger Bescheidenheit erblickte er
in sich den trefflichen Schauspieler, den Schöpfer eines künftigen
Nationalteaters, nach dem er so vielfältig hatte seufzen hören. Alles, was in
den innersten Winkeln seiner Seele bisher geschlummert hatte, wurde rege. Er
bildete aus den vielerlei Ideen mit Farben der Liebe ein Gemälde auf Nebelgrund,
dessen Gestalten freilich sehr ineinander flossen; dafür aber auch das Ganze
eine desto reizendere Wirkung tat.
 
                                Zehntes Kapitel
Er sass nun zu Hause, kramte unter seinen Papieren und rüstete sich zur Abreise.
Was nach seiner bisherigen Bestimmung schmeckte, ward beiseitegelegt; er wollte
bei seiner Wanderung in die Welt auch von jeder unangenehmen Erinnerung frei
sein. Nur Werke des Geschmacks, Dichter und Kritiker, wurden als bekannte
Freunde unter die Erwählten gestellt; und da er bisher die Kunstrichter sehr
wenig genutzt hatte, so erneuerte sich seine Begierde nach Belehrung, als er
seine Bücher wieder durchsah und fand, dass die teoretischen Schriften noch
meist unaufgeschnitten waren. Er hatte sich, in der völligen Überzeugung von der
Notwendigkeit solcher Werke, viele davon angeschafft, und mit dem besten Willen
in keines auch nur bis in die Hälfte sich hineinlesen können.
    Dagegen hatte er sich desto eifriger an Beispiele gehalten, und in allen
Arten, die ihm bekannt worden waren, selbst Versuche gemacht.
    Werner trat herein, und als er seinen Freund mit den bekannten Heften
beschäftigt sah, rief er aus: »Bist du schon wieder über diesen Papieren? Ich
wette, du hast nicht die Absicht, eins oder das andere zu vollenden! Du siehst
sie durch und wieder durch und beginnst allenfalls etwas Neues.«
    »Zu vollenden ist nicht die Sache des Schülers, es ist genug, wenn er sich
übt.«
    »Aber doch fertig macht, so gut er kann.«
    »Und doch liesse sich wohl die Frage aufwerfen, ob man nicht eben gute
Hoffnung von einem jungen Menschen fassen könne, der bald gewahr wird, wenn er
etwas Ungeschicktes unternommen hat, in der Arbeit nicht fortfährt und an etwas,
das niemals einen Wert haben kann, weder Mühe noch Zeit verschwenden mag.«
    »Ich weiss wohl, es war nie deine Sache, etwas zustande zu bringen, du warst
immer müde, eh' es zur Hälfte kam. Da du noch Direktor unsers Puppenspiels
warst, wie oft wurden neue Kleider für die Zwerggesellschaft gemacht, neue
Dekorationen ausgeschnitten! Bald sollte dieses, bald jenes Trauerspiel
aufgeführt werden, und höchstens gabst du einmal den fünften Akt, wo alles recht
bunt durcheinander ging und die Leute sich erstachen.«
    »Wenn du von jenen Zeiten sprechen willst: wer war denn schuld, dass wir die
Kleider, die unsern Puppen angepasst und auf den Leib festgenäht waren,
heruntertrennen liessen und den Aufwand einer weitläufigen und unnützen Garderobe
machten? Warst du's nicht, der immer ein neues Stück Band zu verhandeln hatte,
der meine Liebhaberei anzufeuern und zu nützen wusste?«
    Werner lachte und rief aus: »Ich erinnere mich immer noch mit Freuden, dass
ich von euren teatralischen Feldzügen Vorteil zog wie Lieferanten vom Kriege.
Als ihr euch zur Befreiung Jerusalems rüstetet, machte ich auch einen schönen
Profit, wie ehemals die Venezianer im ähnlichen Falle. Ich finde nichts
vernünftiger in der Welt, als von den Torheiten anderer Vorteil zu ziehen.«
    »Ich weiss nicht, ob es nicht ein edleres Vergnügen wäre, die Menschen von
ihren Torheiten zu heilen.«
    »Wie ich sie kenne, möchte das wohl ein eitles Bestreben sein. Es gehört
schon etwas dazu, wenn ein einziger Mensch klug und reich werden soll, und
meistens wird er es auf Unkosten der andern.«
    »Es fällt mir eben recht der Jüngling am Scheidewege in die Hände«,
versetzte Wilhelm, indem er ein Heft aus den übrigen Papieren herauszog; »das
ist doch fertig geworden, es mag übrigens sein, wie es will.«
    »Leg' es beiseite, wirf es ins Feuer!« versetzte Werner. »Die Erfindung ist
nicht im geringsten lobenswürdig; schon vormals ärgerte mich diese Komposition
genug und zog dir den Unwillen des Vaters zu. Es mögen ganz artige Verse sein;
aber die Vorstellungsart ist grundfalsch. Ich erinnere mich noch deines
personifizierten Gewerbes, deiner zusammengeschrumpften erbärmlichen Sibylle. Du
magst das Bild in irgendeinem elenden Kramladen aufgeschnappt haben. Von der
Handlung hattest du damals keinen Begriff; ich wüsste nicht, wessen Geist
ausgebreiteter wäre, ausgebreiteter sein müsste als der Geist eines echten
Handelsmannes. Welchen Überblick verschafft uns nicht die Ordnung, in der wir
unsere Geschäfte führen! Sie lässt uns jederzeit das Ganze überschauen, ohne dass
wir nötig hätten, uns durch das Einzelne verwirren zu lassen. Welche Vorteile
gewährt die doppelte Buchhaltung dem Kaufmanne! Es ist eine der schönsten
Erfindungen des menschlichen Geistes, und ein jeder gute Haushalter sollte sie
in seiner Wirtschaft einführen.«
    »Verzeih mir«, sagte Wilhelm lächelnd, »du fängst von der Form an, als wenn
das die Sache wäre; gewöhnlich vergesst ihr aber auch über eurem Addieren und
Bilancieren das eigentliche Fazit des Lebens.«
    »Leider siehst du nicht, mein Freund, wie Form und Sache hier nur eins ist,
eins ohne das andere nicht bestehen könnte. Ordnung und Klarheit vermehrt die
Lust zu sparen und zu erwerben. Ein Mensch, der übel haushält, befindet sich in
der Dunkelheit sehr wohl; er mag die Posten nicht gerne zusammenrechnen, die er
schuldig ist. Dagegen kann einem guten Wirte nichts angenehmer sein, als sich
alle Tage die Summe seines wachsenden Glücks zu ziehen. Selbst ein Unfall, wenn
er ihn verdriesslich überrascht, erschreckt ihn nicht; denn er weiss sogleich, was
für erworbene Vorteile er auf die andere Waagschale zu legen hat. Ich bin
überzeugt, mein lieber Freund, wenn du nur einmal einen rechten Geschmack an
unsern Geschäften finden könntest, so würdest du dich überzeugen, dass manche
Fähigkeiten des Geistes auch dabei ihr freies Spiel haben können.«
    »Es ist möglich, dass mich die Reise, die ich vorhabe, auf andere Gedanken
bringt.«
    »O gewiss! Glaube mir, es fehlt dir nur der Anblick einer grossen Tätigkeit,
um dich auf immer zu dem Unsern zu machen; und wenn du zurückkommst, wirst du
dich gern zu denen gesellen, die durch alle Arten von Spedition und Spekulation
einen Teil des Geldes und Wohlbefindens, das in der Welt seinen notwendigen
Kreislauf führt, an sich zu reissen wissen. Wirf einen Blick auf die natürlichen
und künstlichen Produkte aller Weltteile, betrachte, wie sie wechselsweise zur
Notdurft geworden sind! Welch eine angenehme, geistreiche Sorgfalt ist es,
alles, was in dem Augenblicke am meisten gesucht wird und doch bald fehlt, bald
schwer zu haben ist, zu kennen, jedem, was er verlangt, leicht und schnell zu
verschaffen, sich vorsichtig in Vorrat zu setzen und den Vorteil jedes
Augenblickes dieser grossen Zirkulation zu geniessen! Dies ist, dünkt mich, was
jedem, der Kopf hat, eine grosse Freude machen wird.«
    Wilhelm schien nicht abgeneigt, und Werner fuhr fort: »Besuche nur erst ein
paar grosse Handelsstädte, ein paar Häfen, und du wirst gewiss mit fortgerissen
werden. Wenn du siehst, wie viele Menschen beschäftiget sind; wenn du siehst, wo
so manches herkommt, wo es hingeht, so wirst du es gewiss auch mit Vergnügen
durch deine Hände gehen sehen. Die geringste Ware siehst du im Zusammenhange mit
dem ganzen Handel, und eben darum hältst du nichts für gering, weil alles die
Zirkulation vermehrt, von welcher dein Leben seine Nahrung zieht.«
    Werner, der seinen richtigen Verstand in dem Umgange mit Wilhelm ausbildete,
hatte sich gewöhnt, auch an sein Gewerbe, an seine Geschäfte mit Erhebung der
Seele zu denken, und glaubte immer, dass er es mit mehrerem Rechte tue als sein
sonst verständiger und geschätzter Freund, der, wie es ihm schien, auf das
Unreellste von der Welt einen so grossen Wert und das Gewicht seiner ganzen Seele
legte. Manchmal dachte er, es könne gar nicht fehlen, dieser falsche
Entusiasmus müsse zu überwältigen und ein so guter Mensch auf den rechten Weg
zu bringen sein. In dieser Hoffnung fuhr er fort: »Es haben die Grossen dieser
Welt sich der Erde bemächtiget, sie leben in Herrlichkeit und Überfluss. Der
kleinste Raum unsers Weltteils ist schon in Besitz genommen, jeder Besitz
befestigt, Ämter und andere bürgerliche Geschäfte tragen wenig ein; wo gibt es
nun noch einen rechtmässigeren Erwerb, eine billigere Eroberung als den Handel?
Haben die Fürsten dieser Welt die Flüsse, die Wege, die Häfen in ihrer Gewalt
und nehmen von dem, was durch- und vorbeigeht, einen starken Gewinn: sollen wir
nicht mit Freuden die Gelegenheit ergreifen und durch unsere Tätigkeit auch Zoll
von jenen Artikeln nehmen, die teils das Bedürfnis, teils der Übermut den
Menschen unentbehrlich gemacht hat? Und ich kann dir versichern, wenn du nur
deine dichterische Einbildungskraft anwenden wolltest, so könntest du meine
Göttin als eine unüberwindliche Siegerin der deinigen kühn entgegenstellen. Sie
führt freilich lieber den Ölzweig als das Schwert; Dolch und Ketten kennt sie
gar nicht; aber Kronen teilt sie auch ihren Lieblingen aus, die, es sei ohne
Verachtung jener gesagt, von echtem, aus der Quelle geschöpftem Golde und von
Perlen glänzen, die sie aus der Tiefe des Meeres durch ihre immer geschäftigen
Diener geholt hat.«
    Wilhelmen verdross dieser Ausfall ein wenig, doch verbarg er seine
Empfindlichkeit; denn er erinnerte sich, dass Werner auch seine Apostrophen mit
Gelassenheit anzuhören pflegte. Übrigens war er billig genug, um gerne zu sehen,
wenn jeder von seinem Handwerk aufs beste dachte; nur musste man ihm das seinige,
dem er sich mit Leidenschaft gewidmet hatte, unangefochten lassen.
    »Und dir«, rief Werner aus, »der du an menschlichen Dingen so herzlichen
Anteil nimmst, was wird es dir für ein Schauspiel sein, wenn du das Glück, das
mutige Unternehmungen begleitet, vor deinen Augen den Menschen wirst gewährt
sehen! Was ist reizender als der Anblick eines Schiffes, das von einer
glücklichen Fahrt wieder anlangt, das von einem reichen Fange frühzeitig
zurückkehrt! Nicht der Verwandte, der Bekannte, der Teilnehmer allein, ein jeder
fremde Zuschauer wird hingerissen, wenn er die Freude sieht, mit welcher der
eingesperrte Schiffer ans Land springt, noch ehe sein Fahrzeug es ganz berührt,
sich wieder frei fühlt und nunmehr das, was er dem falschen Wasser entzogen, der
getreuen Erde anvertrauen kann. Nicht in Zahlen allein, mein Freund, erscheint
uns der Gewinn; das Glück ist die Göttin der lebendigen Menschen, und um ihre
Gunst wahrhaft zu empfinden, muss man leben und Menschen sehen, die sich recht
lebendig bemühen und recht sinnlich geniessen.«
 
                                Eilftes Kapitel
Es ist nun Zeit, dass wir auch die Väter unsrer beiden Freunde näher
kennenlernen: ein paar Männer von sehr verschiedener Denkungsart, deren
Gesinnungen aber darin übereinkamen, dass sie den Handel für das edelste Geschäft
hielten und beide höchst aufmerksam auf jeden Vorteil waren, den ihnen
irgendeine Spekulation bringen konnte. Der alte Meister hatte gleich nach dem
Tode seines Vaters eine kostbare Sammlung von Gemälden, Zeichnungen,
Kupferstichen und Antiquitäten ins Geld gesetzt, sein Haus nach dem neuesten
Geschmacke von Grund aus aufgebaut und möbliert und sein übriges Vermögen auf
alle mögliche Weise gelten gemacht. Einen ansehnlichen Teil davon hat er dem
alten Werner in die Handlung gegeben, der als ein tätiger Handelsmann berühmt
war, und dessen Spekulationen gewöhnlich durch das Glück begünstigt wurden.
Nichts wünschte aber der alte Meister so sehr, als seinem Sohne Eigenschaften zu
geben, die ihm selbst fehlten, und seinen Kindern Güter zu hinterlassen, auf
deren Besitz er den grössten Wert legte. Zwar empfand er eine besondere Neigung
zum Prächtigen, zu dem, was in die Augen fällt, das aber auch zugleich einen
innern Wert und eine Dauer haben sollte. In seinem Hause musste alles solid und
massiv sein, der Vorrat reichlich, das Silbergeschirr schwer, das Tafelservice
kostbar; dagegen waren die Gäste selten, denn eine jede Mahlzeit ward ein Fest,
das sowohl wegen der Kosten als wegen der Unbequemlichkeit nicht oft wiederholt
werden konnte. Sein Haushalt ging einen gelassenen und einförmigen Schritt, und
alles, was sich darin bewegte und erneuerte, war gerade das, was niemanden
einigen Genuss gab.
    Ein ganz entgegengesetztes Leben führte der alte Werner in einem dunkeln und
finstern Hause. Hatte er seine Geschäfte in der engen Schreibstube am uralten
Pulte vollendet, so wollte er gut essen und womöglich noch besser trinken; auch
konnte er das Gute nicht allein geniessen: neben seiner Familie musste er seine
Freunde, alle Fremden, die nur mit seinem Hause in einiger Verbindung standen,
immer bei Tische sehen; seine Stühle waren uralt, aber er lud täglich jemanden
ein, darauf zu sitzen. Die guten Speisen zogen die Aufmerksamkeit der Gäste auf
sich, und niemand bemerkte, dass sie in gemeinem Geschirr aufgetragen wurden.
Sein Keller hielt nicht viel Wein, aber der ausgetrunkene ward gewöhnlich durch
einen bessern ersetzt.
    So lebten die beiden Väter, welche öfter zusammenkamen, sich wegen
gemeinschaftlicher Geschäfte beratschlagten und eben heute die Versendung
Wilhelms in Handelsangelegenheiten beschlossen.
    »Er mag sich in der Welt umsehen«, sagte der alte Meister, »und zugleich
unsre Geschäfte an fremden Orten betreiben; man kann einem jungen Menschen keine
grössere Wohltat erweisen, als wenn man ihn zeitig in die Bestimmung seines
Lebens einweiht. Ihr Sohn ist von seiner Expedition so glücklich zurückgekommen,
hat seine Geschäfte so gut zu machen gewusst, dass ich recht neugierig bin, wie
sich der meinige beträgt; ich fürchte, er wird mehr Lehrgeld geben als der
Ihrige.«
    Der alte Meister, welcher von seinem Sohne und dessen Fähigkeiten einen
grossen Begriff hatte, sagte diese Worte in Hoffnung, dass sein Freund ihm
widersprechen und die vortrefflichen Gaben des jungen Mannes herausstreichen
sollte. Allein hierin betrog er sich; der alte Werner, der in praktischen Dingen
niemanden traute als dem, den er geprüft hatte, versetzte gelassen: »Man muss
alles versuchen; wir können ihn ebendenselben Weg schicken, wir geben ihm eine
Vorschrift, wornach er sich richtet; es sind verschiedene Schulden
einzukassieren, alte Bekanntschaften zu erneuern, neue zu machen. Er kann auch
die Spekulation, mit der ich Sie neulich unterhielt, befördern helfen; denn ohne
genaue Nachrichten an Ort und Stelle zu sammeln, lässt sich dabei wenig tun.«
    »Er mag sich vorbereiten«, versetzte der alte Meister, »und so bald als
möglich aufbrechen. Wo nehmen wir ein Pferd für ihn her, das sich zu dieser
Expedition schickt?«
    »Wir werden nicht weit darnach suchen. Ein Krämer in H..., der uns noch
einiges schuldig, aber sonst ein guter Mann ist, hat mir eins an Zahlungs Statt
angeboten; mein Sohn kennt es, es soll ein recht brauchbares Tier sein.«
    »Er mag es selbst holen, mag mit dem Postwagen hinüberfahren, so ist er
übermorgen beizeiten wieder da; man macht ihm indessen den Mantelsack und die
Briefe zurechte, und so kann er zu Anfang der künftigen Woche aufbrechen.«
    Wilhelm wurde gerufen, und man machte ihm den Entschluss bekannt. Wer war
froher als er, da er die Mittel zu seinem Vorhaben in seinen Händen sah, da ihm
die Gelegenheit ohne sein Mitwirken zubereitet worden! So gross war seine
Leidenschaft, so rein seine Überzeugung, er handle vollkommen recht, sich dem
Drucke seines bisherigen Lebens zu entziehen und einer neuen, edlern Bahn zu
folgen, dass sein Gewissen sich nicht im mindesten regte, keine Sorge in ihm
entstand, ja dass er vielmehr diesen Betrug für heilig hielt. Er war gewiss, dass
ihn Eltern und Verwandte in der Folge für diesen Schritt preisen und segnen
sollten, er erkannte den Wink eines leitenden Schicksals an diesen
zusammentreffenden Umständen.
    Wie lang ward ihm die Zeit bis zur Nacht, bis zur Stunde, in der er seine
Geliebte wiedersehen sollte! Er sass auf seinem Zimmer und überdachte seinen
Reiseplan, wie ein künstlicher Dieb oder Zauberer in der Gefangenschaft manchmal
die Füsse aus den festgeschlossenen Ketten herauszieht, um die Überzeugung bei
sich zu nähren, dass seine Rettung möglich, ja noch näher sei, als kurzsichtige
Wächter glauben.
    Endlich schlug die nächtliche Stunde; er entfernte sich aus seinem Hause,
schüttelte allen Druck ab und wandelte durch die stillen Gassen. Auf dem grossen
Platze hub er seine Hände gen Himmel, fühlte alles hinter und unter sich; er
hatte sich von allem losgemacht. Nun dachte er sich in den Armen seiner
Geliebten, dann wieder mit ihr auf dem blendenden Teatergerüste; er schwebte in
einer Fülle von Hoffnungen, und nur manchmal erinnerte ihn der Ruf des
Nachtwächters, dass er noch auf dieser Erde wandle.
    Seine Geliebte kam ihm an der Treppe entgegen, und wie schön! wie lieblich!
In dem neuen weissen Negligé empfing sie ihn; er glaubte sie noch nie so reizend
gesehen zu haben. So weihte sie das Geschenk des abwesenden Liebhabers in den
Armen des gegenwärtigen ein, und mit wahrer Leidenschaft verschwendete sie den
ganzen Reichtum ihrer Liebkosungen, welche ihr die Natur eingab, welche die
Kunst sie gelehrt hatte, an ihren Liebling; und man frage, ob er sich glücklich,
ob er sich selig fühlte.
    Er entdeckte ihr, was vorangegangen war, und liess ihr im allgemeinen seinen
Plan, seine Wünsche sehen. Er wolle unterzukommen suchen, sie alsdann abholen,
er hoffe, sie werde ihm ihre Hand nicht versagen. Das arme Mädchen aber schwieg,
verbarg ihre Tränen und drückte den Freund an ihre Brust, der, ob er gleich ihr
Verstummen auf das günstigste auslegte, doch eine Antwort gewünscht hätte,
besonders da er sie zuletzt auf das bescheidenste, auf das freundlichste fragte,
ob er sich denn nicht Vater glauben dürfe. Aber auch darauf antwortete sie nur
mit einem Seufzer, einem Kusse.
 
                                Zwölftes Kapitel
Den andern Morgen erwachte Mariane nur zu neuer Betrübnis; sie fand sich sehr
allein, mochte den Tag nicht sehen, blieb im Bette und weinte. Die Alte setzte
sich zu ihr, suchte ihr einzureden, sie zu trösten; aber es gelang ihr nicht,
das verwundete Herz so schnell zu heilen. Nun war der Augenblick nahe, dem das
arme Mädchen wie dem letzten ihres Lebens entgegengesehen hatte. Konnte man sich
auch in einer ängstlichern Lage fühlen? Ihr Geliebter entfernte sich, ein
unbequemer Liebhaber drohte zu kommen, und das grösste Unheil stand bevor, wenn
beide, wie es leicht möglich war, einmal zusammentreffen sollten.
    »Beruhige dich, Liebchen«, rief die Alte, »verweine mir deine schönen Augen
nicht! Ist es denn ein so grosses Unglück, zwei Liebhaber zu besitzen? Und wenn
du auch deine Zärtlichkeit nur dem einen schenken kannst, so sei wenigstens
dankbar gegen den andern, der nach der Art, wie er für dich sorgt, gewiss dein
Freund genannt zu werden verdient.«
    »Es ahnte meinem Geliebten«, versetzte Mariane dagegen mit Tränen, »dass uns
eine Trennung bevorstehe; ein Traum hat ihm entdeckt, was wir ihm so sorgfältig
zu verbergen suchen. Er schlief so ruhig an meiner Seite. Auf einmal höre ich
ihn ängstliche, unvernehmliche Töne stammeln. Mir wird bange, und ich wecke ihn
auf. Ach! mit welcher Liebe, mit welcher Zärtlichkeit, mit welchem Feuer umarmt
er mich! O Mariane! rief er aus welchem schrecklichen Zustande hast du mich
entrissen! Wie soll ich dir danken, dass du mich aus dieser Hölle befreit hast?
Mir träumte, fuhr er fort, ich befände mich, entfernt von dir, in einer
unbekannten Gegend; aber dein Bild schwebte mir vor; ich sah dich auf einem
schönen Hügel, die Sonne beschien den ganzen Platz; wie reizend kamst du mir
vor! Aber es währte nicht lange, so sah ich dein Bild hinuntergleiten, immer
hinuntergleiten; ich streckte meine Arme nach dir aus, sie reichten nicht durch
die Ferne. Immer sank dein Bild und näherte sich einem grossen See, der am Fusse
des Hügels weit ausgebreitet lag, eher ein Sumpf als ein See. Auf einmal gab dir
ein Mann die Hand; er schien dich hin aufführen zu wollen, aber leitete dich
seitwärts und schien dich nach sich zu ziehen. Ich rief, da ich dich nicht
erreichen konnte, ich hoffte dich zu warnen. Wollte ich gehen, so schien der
Boden mich festzuhalten; konnt' ich gehen, so hinderte mich das Wasser, und
sogar mein Schreien erstickte in der beklemmten Brust. - So erzählte der Arme,
indem er sich von seinem Schrecken an meinem Busen erholte und sich glücklich
pries, einen fürchterlichen Traum durch die seligste Wirklichkeit verdrängt zu
sehen.«
    Die Alte suchte so viel möglich durch ihre Prose die Poesie ihrer Freundin
ins Gebiet des gemeinen Lebens herunterzulocken, und bediente sich dabei der
guten Art, welche Vogelstellern zu gelingen pflegt, indem sie durch ein
Pfeifchen die Töne derjenigen nachzuahmen suchen, welche sie bald und häufig in
ihrem Garne zu sehen wünschen. Sie lobte Wilhelmen, rühmte seine Gestalt, seine
Augen, seine Liebe. Das arme Mädchen hörte ihr gerne zu, stand auf, liess sich
ankleiden und schien ruhiger. »Mein Kind, mein Liebchen«, fuhr die Alte
schmeichelnd fort, »ich will dich nicht betrüben, nicht beleidigen, ich denke
dir nicht dein Glück zu rauben. Darfst du meine Absicht verkennen, und hast du
vergessen, dass ich jederzeit mehr für dich als für mich gesorgt habe? Sag' mir
nur, was du willst; wir wollen schon sehen, wie wir es ausführen.«
    »Was kann ich wollen?« versetzte Mariane; »ich bin elend, auf mein ganzes
Leben elend; ich liebe ihn, der mich liebt, sehe, dass ich mich von ihm trennen
muss, und weiss nicht, wie ich es überleben kann. Norberg kommt, dem wir unsere
ganze Existenz schuldig sind, den wir nicht entbehren können. Wilhelm ist sehr
eingeschränkt, er kann nichts für mich tun.«
    »Ja, er ist unglücklicherweise von jenen Liebhabern, die nichts als ihr Herz
bringen, und eben diese haben die meisten Prätensionen.«
    »Spotte nicht! Der Unglückliche denkt sein Haus zu verlassen, auf das
Teater zu gehen, mir seine Hand anzubieten.«
    »Leere Hände haben wir schon viere.«
    »Ich habe keine Wahl«, fuhr Mariane fort, »entscheide du! Stosse mich da oder
dort hin, nur wisse noch eins: wahrscheinlich trag' ich ein Pfand im Busen, das
uns noch mehr aneinander fesseln sollte; das bedenke und entscheide: wen soll
ich lassen? wem soll ich folgen?«
    Nach einigem Stillschweigen rief die Alte: »Dass doch die Jugend immer
zwischen den Extremen schwankt! Ich finde nichts natürlicher, als alles zu
verbinden, was uns Vergnügen und Vorteil bringt. Liebst du den einen, so mag der
andere bezahlen; es kommt nur darauf an, dass wir klug genug sind, sie beide
auseinander zu halten.«
    »Mache, was du willst, ich kann nichts denken; aber folgen will ich.«
    »Wir haben den Vorteil, dass wir den Eigensinn des Direktors, der auf die
Sitten seiner Truppe stolz ist, vorschützen können. Beide Liebhaber sind schon
gewohnt, heimlich und vorsichtig zu Werke zu gehen. Für Stunde und Gelegenheit
will ich sorgen; nur musst du hernach die Rolle spielen, die ich dir vorschreibe.
Wer weiss, welcher Umstand uns hilft. Käme Norberg nur jetzt, da Wilhelm entfernt
ist! Wer wehrt dir, in den Armen des einen an den andern zu denken? Ich wünsche
dir zu einem Sohne Glück; er soll einen reichen Vater haben.«
    Mariane war durch diese Vorstellungen nur für kurze Zeit gebessert. Sie
konnte ihren Zustand nicht in Harmonie mit ihrer Empfindung, ihrer Überzeugung
bringen; sie wünschte diese schmerzlichen Verhältnisse zu vergessen, und tausend
kleine Umstände mussten sie jeden Augenblick daran erinnern.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Wilhelm hatte indessen die kleine Reise vollendet und überreichte, da er seinen
Handelsfreund nicht zu Hause fand, das Empfehlungsschreiben der Gattin des
Abwesenden. Aber auch diese gab ihm auf seine Fragen wenig Bescheid; sie war in
einer heftigen Gemütsbewegung und das ganze Haus in grosser Verwirrung.
    Es währte jedoch nicht lange, so vertraute sie ihm (und es war auch nicht zu
verheimlichen), dass ihre Stieftochter mit einem Schauspieler davongegangen sei,
mit einem Menschen, der sich von einer kleinen Gesellschaft vor kurzem
losgemacht, sich im Orte aufgehalten und im Französischen Unterricht gegeben
habe. Der Vater, ausser sich vor Schmerz und Verdruss, sei ins Amt gelaufen, um
die Flüchtigen verfolgen zu lassen. Sie schalt ihre Tochter heftig, schmähte den
Liebhaber, so dass an beiden nichts Lobenswürdiges übrigblieb, beklagte mit
vielen Worten die Schande, die dadurch auf die Familie gekommen, und setzte
Wilhelmen in nicht geringe Verlegenheit, der sich und sein heimliches Vorhaben
durch diese Sibylle gleichsam mit prophetischem Geiste voraus getadelt und
gestraft fühlte. Noch stärkern und innigern Anteil musste er aber an den
Schmerzen des Vaters nehmen, der aus dem Amte zurückkam, mit stiller Trauer und
halben Worten seine Expedition der Frau erzählte und, indem er nach eingesehenem
Briefe das Pferd Wilhelmen vorführen liess, seine Zerstreuung und Verwirrung
nicht verbergen konnte.
    Wilhelm gedachte sogleich das Pferd zu besteigen und sich aus einem Hause zu
entfernen, in welchem ihm unter den gegebenen Umständen unmöglich wohl werden
konnte; allein der gute Mann wollte den Sohn eines Hauses, dem er so viel
schuldig war, nicht unbewirtet und ohne ihn eine Nacht unter seinem Dache
behalten zu haben, entlassen.
    Unser Freund hatte ein trauriges Abendessen eingenommen, eine unruhige Nacht
ausgestanden und eilte frühmorgens, so bald als möglich sich von Leuten zu
entfernen, die, ohne es zu wissen, ihn mit ihren Erzählungen und Äusserungen auf
das empfindlichste gequält hatten.
    Er ritt langsam und nachdenkend die Strasse hin, als er auf einmal eine
Anzahl bewaffneter Leute durchs Feld kommen sah, die er an ihren weiten und
langen Röcken, grossen Aufschlägen, unförmlichen Hüten und plumpen Gewehren, an
ihrem treuherzigen Gange und dem bequemen Tragen ihres Körpers sogleich für ein
Kommando Landmiliz erkannte. Unter einer alten Eiche hielten sie stille, setzten
ihre Flinten nieder und lagerten sich bequem auf dem Rasen, um eine Pfeife zu
rauchen. Wilhelm verweilte bei ihnen und liess sich mit einem jungen Menschen,
der zu Pferde herbeikam, in ein Gespräch ein. Er musste die Geschichte der beiden
Entflohenen, die ihm nur zu sehr bekannt war, leider noch einmal, und zwar mit
Bemerkungen, die weder dem jungen Paare noch den Eltern sonderlich günstig
waren, vernehmen. Zugleich erfuhr er, dass man hierher gekommen sei, die jungen
Leute wirklich in Empfang zu nehmen, die in dem benachbarten Städtchen eingeholt
und angehalten worden waren. Nach einiger Zeit sah man von ferne einen Wagen
herbeikommen, der von einer Bürgerwache mehr lächerrlich als fürchterlich umgeben
war. Ein unförmlicher Stadtschreiber ritt voraus und komplimentierte mit dem
gegenseitigen Aktuarius (denn das war der junge Mann, mit dem Wilhelm gesprochen
hatte) an der Grenze mit grosser Gewissenhaftigkeit und wunderlichen Gebärden,
wie es etwa Geist und Zauberer, der eine inner-, der andere ausserhalb des
Kreises, bei gefährlichen nächtlichen Operationen tun mögen.
    Die Aufmerksamkeit der Zuschauer war indes auf den Bauerwagen gerichtet, und
man betrachtete die armen Verirrten nicht ohne Mitleiden, die auf ein paar
Bündeln Stroh beieinander sassen, sich zärtlich anblickten und die Umstehenden
kaum zu bemerken schienen. Zufälligerweise hatte man sich genötigt gesehen, sie
von dem letzten Dorfe auf eine so unschickliche Art fortzubringen, indem die
alte Kutsche, in welcher man die Schöne transportierte, zerbrochen war. Sie
erbat sich bei dieser Gelegenheit die Gesellschaft ihres Freundes, den man, in
der Überzeugung, er sei auf einem kapitalen Verbrechen betroffen, bis dahin mit
Ketten beschwert nebenher gehen lassen. Diese Ketten trugen denn freilich nicht
wenig bei, den Anblick der zärtlichen Gruppe interessanter zu machen, besonders
weil der junge Mann sie mit vielem Anstand bewegte, indem er wiederholt seiner
Geliebten die Hände küsste.
    »Wir sind sehr unglücklich!« rief sie den Umstehenden zu; »aber nicht so
schuldig, wie wir scheinen. So belohnen grausame Menschen treue Liebe, und
Eltern, die das Glück ihrer Kinder gänzlich vernachlässigen, reissen sie mit
Ungestüm aus den Armen der Freude, die sich ihrer nach langen, trüben Tagen
bemächtigte!«
    Indes die Umstehenden auf verschiedene Weise ihre Teilnahme zu erkennen
gaben, hatten die Gerichte ihre Zeremonien absolviert; der Wagen ging weiter,
und Wilhelm, der an dem Schicksal der Verliebten grossen Teil nahm, eilte auf dem
Fusspfade voraus, um mit dem Amtmanne, noch ehe der Zug ankäme, Bekanntschaft zu
machen. Er erreichte aber kaum das Amtaus, wo alles in Bewegung und zum Empfang
der Flüchtlinge bereit war, als ihn der Aktuarius einholte und durch eine
umständliche Erzählung, wie alles gegangen, besonders aber durch ein
weitläufiges Lob seines Pferdes, das er erst gestern vom Juden getauscht, jedes
andere Gespräch verhinderte.
    Schon hatte man das unglückliche Paar aussen am Garten, der durch eine kleine
Pforte mit dem Amtause zusammenhing, abgesetzt und sie in der Stille
hineingeführt. Der Aktuarius nahm über diese schonende Behandlung von Wilhelmen
ein aufrichtiges Lob an, ob er gleich eigentlich dadurch nur das vor dem
Amtause versammelte Volk necken und ihm das angenehme Schauspiel einer
gedemütigten Mitbürgerin entziehen wollte.
    Der Amtmann, der von solchen ausserordentlichen Fällen kein sonderlicher
Liebhaber war, weil er meistenteils dabei einen und den andern Fehler machte,
und für den besten Willen gewöhnlich von fürstlicher Regierung mit einem zu
derben Verweise belohnt wurde, ging mit schweren Schritten nach der Amtsstube,
wohin ihm der Aktuarius, Wilhelm und einige angesehene Bürger folgten.
    Zuerst ward die Schöne vorgeführt, die, ohne Frechheit, gelassen und mit
Bewusstsein ihrer selbst hereintrat. Die Art, wie sie gekleidet war und sich
überhaupt betrug, zeigte, dass sie ein Mädchen sei, die etwas auf sich halte. Sie
fing auch, ohne gefragt zu werden, über ihren Zustand nicht unschicklich zu
reden an.
    Der Aktuarius gebot ihr zu schweigen und hielt seine Feder über dem
gebrochenen Blatte. Der Amtmann setzte sich in Fassung, sah ihn an, räusperte
sich und fragte das arme Kind, wie ihr Name heisse und wie alt sie sei?
    »Ich bitte Sie, mein Herr«, versetzte sie, »es muss mir gar wunderbar
vorkommen, dass Sie mich um meinen Namen und mein Alter fragen, da Sie sehr gut
wissen, wie ich heisse, und dass ich so alt wie Ihr ältester Sohn bin. Was Sie von
mir wissen wollen, und was Sie wissen müssen, will ich gern ohne Umschweife
sagen.
    Seit meines Vaters zweiter Heirat werde ich zu Hause nicht zum besten
gehalten. Ich hätte einige hübsche Partien tun können, wenn nicht meine
Stiefmutter aus Furcht vor der Ausstattung sie zu vereiteln gewusst hätte. Nun
habe ich den jungen Melina kennen lernen, ich habe ihn lieben müssen, und da wir
die Hindernisse voraussahn, die unserer Verbindung im Wege standen,
entschlossen wir uns, miteinander in der weiten Welt ein Glück zu suchen, das
uns zu Hause nicht gewährt schien. Ich habe nichts mitgenommen, als was mein
eigen war; wir sind nicht als Diebe und Räuber entflohen, und mein Geliebter
verdient nicht, dass er mit Ketten und Banden belegt herumgeschleppt werde. Der
Fürst ist gerecht, er wird diese Härte nicht billigen. Wenn wir strafbar sind,
so sind wir es nicht auf diese Weise.«
    Der alte Amtmann kam hierüber doppelt und dreifach in Verlegenheit. Die
gnädigsten Ausputzer summten ihm schon um den Kopf, und die geläufige Rede des
Mädchens hatte ihm den Entwurf des Protokolls gänzlich zerrüttet. Das Übel wurde
noch grösser, als sie bei wiederholten ordentlichen Fragen sich nicht weiter
einlassen wollte, sondern sich auf das, was sie eben gesagt, standhaft berief.
    »Ich bin keine Verbrecherin«, sagte sie. »Man hat mich auf Strohbündeln zur
Schande hierher geführt; es ist eine höhere Gerechtigkeit, die uns wieder zu
Ehren bringen soll.«
    Der Aktuarius hatte indessen immer ihre Worte nachgeschrieben und flüsterte
dem Amtmanne zu, er solle nur weitergehen; ein förmliches Protokoll würde sich
nachher schon verfassen lassen.
    Der Alte nahm wieder Mut und fing nun an, nach den süssen Geheimnissen der
Liebe mit dürren Worten und in hergebrachten trockenen Formeln sich zu
erkundigen.
    Wilhelmen stieg die Röte ins Gesicht, und die Wangen der artigen
Verbrecherin belebten sich gleichfalls durch die reizende Farbe der
Schamhaftigkeit. Sie schwieg und stockte, bis die Verlegenheit selbst zuletzt
ihren Mut zu erhöhen schien.
    »Sein Sie versichert«, rief sie aus, »dass ich stark genug sein würde, die
Wahrheit zu bekennen, wenn ich auch gegen mich selbst sprechen müsste; sollte ich
nun zaudern und stocken, da sie mir Ehre macht? Ja, ich habe ihn von dem
Augenblick an, da ich seiner Neigung und seiner Treue gewiss war, als meinen
Ehemann angesehen; ich habe ihm alles gerne gegönnt, was die Liebe fordert, und
was ein überzeugtes Herz nicht versagen kann. Machen Sie nun mit mir, was Sie
wollen. Wenn ich einen Augenblick zu gestehen zauderte, so war die Furcht, dass
mein Bekenntnis für meinen Geliebten schlimme Folgen haben könnte, allein daran
Ursache.«
    Wilhelm fasste, als er ihr Geständnis hörte, einen hohen Begriff von den
Gesinnungen des Mädchens, indes sie die Gerichtspersonen für eine freche Dirne
erkannten und die gegenwärtigen Bürger Gott dankten, dass dergleichen Fälle in
ihren Familien entweder nicht vorgekommen oder nicht bekannt geworden waren.
    Wilhelm versetzte seine Mariane in diesem Augenblicke vor den Richterstuhl,
legte ihr noch schönere Worte in den Mund, liess ihre Aufrichtigkeit noch
herzlicher und ihr Bekenntnis noch edler werden. Die heftigste Leidenschaft, bei
den Liebenden zu helfen, bemächtigte sich seiner. Er verbarg sie nicht und bat
den zaudernden Amtmann heimlich, er möchte doch der Sache ein Ende machen, es
sei ja alles so klar als möglich und bedürfe keiner weiteren Untersuchung.
    Dieses half so viel, dass man das Mädchen abtreten, dafür aber den jungen
Menschen, nachdem man ihm vor der Türe die Fesseln abgenommen hatte,
hereinkommen liess. Dieser schien über sein Schicksal mehr nachdenkend. Seine
Antworten waren gesetzter, und wenn er von einer Seite weniger heroische
Freimütigkeit zeigte, so empfahl er sich hingegen durch Bestimmteit und Ordnung
seiner Aussage.
    Da auch dieses Verhör geendiget war, welches mit dem vorigen in allem
übereinstimmte, nur dass er, um das Mädchen zu schonen, hartnäckig leugnete, was
sie selbst schon bekannt hatte, liess man auch sie endlich wieder vortreten, und
es entstand zwischen beiden eine Szene, welche ihnen das Herz unsers Freundes
gänzlich zu eigen machte.
    Was nur in Romanen und Komödien vorzugehen pflegt, sah er hier in einer
unangenehmen Gerichtsstube vor seinen Augen: den Streit wechselseitiger Grossmut,
die Stärke der Liebe im Unglück.
    »Ist es denn also wahr«, sagte er bei sich selber, »dass die schüchterne
Zärtlichkeit, die vor dem Auge der Sonne und der Menschen sich verbirgt, und nur
in abgesonderter Einsamkeit, in tiefem Geheimnisse zu geniessen wagt, wenn sie
durch einen feindseligen Zufall hervorgeschleppt wird, sich alsdann mutiger,
stärker, tapferer zeigt als andere brausende und grosstuende Leidenschaften?«
    Zu seinem Troste beschloss sich die ganze Handlung noch ziemlich bald. Sie
wurden beide in leidliche Verwahrung genommen, und wenn es möglich gewesen wäre,
so hätte er noch diesen Abend das Frauenzimmer zu ihren Eltern hinübergebracht.
Denn er setzte sich fest vor, hier ein Mittelsmann zu werden und die glückliche
und anständige Verbindung beider Liebenden zu befördern.
    Er erbat sich von dem Amtmann die Erlaubnis, mit Melina allein zu reden,
welche ihm denn auch ohne Schwierigkeit verstattet wurde.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Das Gespräch der beiden neuen Bekannten wurde gar bald vertraut und lebhaft.
Denn als Wilhelm dem niedergeschlagenen Jüngling sein Verhältnis zu den Eltern
des Frauenzimmers entdeckte, sich zum Mittler anbot und selbst die besten
Hoffnungen zeigte, erheiterte sich das traurige und sorgenvolle Gemüt des
Gefangenen, er fühlte sich schon wieder befreit, mit seinen Schwiegereltern
versöhnt, und es war nun von künftigem Erwerb und Unterkommen die Rede.
    »Darüber werden Sie doch nicht in Verlegenheit sein«, versetzte Wilhelm;
»denn Sie scheinen mir beiderseits von der Natur bestimmt, in dem Stande, den
Sie gewählt haben, Ihr Glück zu machen. Eine angenehme Gestalt, eine
wohlklingende Stimme, ein gefühlvolles Herz! Können Schauspieler besser
ausgestattet sein? Kann ich Ihnen mit einigen Empfehlungen dienen, so wird es
mir viel Freude machen.«
    »Ich danke Ihnen von Herzen«, versetzte der andere; »aber ich werde wohl
schwerlich davon Gebrauch machen können, denn ich denke womöglich nicht auf das
Teater zurückzukehren.«
    »Daran tun Sie sehr übel«, sagte Wilhelm nach einer Pause, in welcher er
sich von seinem Erstaunen erholt hatte, denn er dachte nicht anders, als dass der
Schauspieler, sobald er mit seiner jungen Gattin befreit worden, das Teater
aufsuchen werde. Es schien ihm ebenso natürlich und notwendig, als dass der
Frosch das Wasser sucht. Nicht einen Augenblick hatte er daran gezweifelt, und
musste nun zu seinem Erstaunen das Gegenteil erfahren.
    »Ja«, versetzte der andere, »ich habe mir vorgenommen, nicht wieder auf das
Teater zurückzukehren, vielmehr eine bürgerliche Bedienung, sie sei auch welche
sie wolle, anzunehmen, wenn ich nur eine erhalten kann.«
    »Das ist ein sonderbarer Entschluss, den ich nicht billigen kann; denn ohne
besondere Ursache ist es niemals ratsam, die Lebensart, die man ergriffen hat,
zu verändern, und überdies wüsste ich keinen Stand, der so viel Annehmlichkeiten,
so viel reizende Aussichten darböte, als den eines Schauspielers.«
    »Man sieht, dass Sie keiner gewesen sind«, versetzte jener.
    Darauf sagte Wilhelm: »Mein Herr, wie selten ist der Mensch mit dem Zustande
zufrieden, in dem er sich befindet! Er wünscht sich immer den seines Nächsten,
aus welchem sich dieser gleichfalls heraussehnt.«
    »Indes bleibt doch ein Unterschied«, versetzte Melina, »zwischen dem
Schlimmen und dem Schlimmern; Erfahrung, nicht Ungeduld macht mich so handeln.
Ist wohl irgendein Stückchen Brot kümmerlicher, unsicherer und mühseliger in der
Welt? Beinahe wäre es ebenso gut, vor den Türen zu betteln. Was hat man von dem
Neide seiner Mitgenossen und der Parteilichkeit des Direktors, von der
veränderlichen Laune des Publikums auszustehen! Wahrhaftig, man muss ein Fell
haben wie ein Bär, der in Gesellschaft von Affen und Hunden an der Kette
herumgeführt und geprügelt wird, um bei dem Tone eines Dudelsacks vor Kindern
und Pöbel zu tanzen.«
    Wilhelm dachte allerlei bei sich selbst, was er jedoch dem guten Menschen
nicht ins Gesicht sagen wollte. Er ging also nur von ferne mit dem Gespräch um
ihn herum. Jener liess sich desto aufrichtiger und weitläufiger heraus. - »Täte
es nicht not«, sagte er, »dass ein Direktor jedem Stadtrate zu Füssen fiele, um
nur die Erlaubnis zu haben, vier Wochen zwischen der Messe ein paar Groschen
mehr an einem Orte zirkulieren zu lassen. Ich habe den unsrigen, der soweit ein
guter Mann war, oft bedauert, wenn er mir gleich anderer Zeit Ursache zu
Missvergnügen gab. Ein guter Akteur steigert ihn, die schlechten kann er nicht
loswerden; und wenn er seine Einnahme einigermassen der Ausgabe gleichsetzen
will, so ist es dem Publikum gleich zuviel, das Haus steht leer, und man muss, um
nur nicht gar zugrunde zu gehen, mit Schaden und Kummer spielen. Nein, mein
Herr! da Sie sich unsrer, wie Sie sagen, annehmen mögen, so bitte ich Sie,
sprechen Sie auf das ernstlichste mit den Eltern meiner Geliebten! Man versorge
mich hier, man gebe mir einen kleinen Schreiber- oder Einnehmerdienst, und ich
will mich glücklich schätzen.«
    Nachdem sie noch einige Worte gewechselt hatten, schied Wilhelm mit dem
Versprechen, morgen ganz früh die Eltern anzugehen und zu sehen, was er
ausrichten könne. Kaum war er allein, so musste er sich in folgenden Ausrufungen
Luft machen: »Unglücklicher Melina, nicht in deinem Stande, sondern in dir liegt
das Armselige, über das du nicht Herr werden kannst! Welcher Mensch in der Welt,
der ohne innern Beruf ein Handwerk, eine Kunst oder irgendeine Lebensart
ergriffe, müsste nicht wie du seinen Zustand unerträglich finden? Wer mit einem
Talente zu einem Talente geboren ist, findet in demselben sein schönstes Dasein!
Nichts ist auf der Erde ohne Beschwerlichkeit! Nur der innere Trieb, die Lust,
die Liebe helfen uns Hindernisse überwinden, Wege bahnen und uns aus dem engen
Kreise, worin sich andere kümmerlich abängstigen, emporheben. Dir sind die
Bretter nichts als Bretter und die Rollen, was einem Schulknaben sein Pensum
ist. Die Zuschauer siehst du an, wie sie sich selbst an Werkeltagen vorkommen.
Dir könnte es also freilich einerlei sein, hinter einem Pult über liniierten
Büchern zu sitzen, Zinsen einzutragen und Reste herauszustochern. Du fühlst
nicht das zusammenbrennende, zusammentreffende Ganze, das allein durch den Geist
erfunden, begriffen und ausgeführt wird; du fühlst nicht, dass in den Menschen
ein besserer Funke lebt, der, wenn er keine Nahrung erhält, wenn er nicht geregt
wird, von der Asche täglicher Bedürfnisse und Gleichgültigkeit tiefer bedeckt
und doch so spät und fast nie erstickt wird. Du fühlst in deiner Seele keine
Kraft, ihn aufzublasen, in deinem eigenen Herzen keinen Reichtum, um dem
erweckten Nahrung zu geben. Der Hunger treibt dich, die Unbequemlichkeiten sind
dir zuwider, und es ist dir verborgen, dass in jedem Stande diese Feinde lauern,
die nur mit Freudigkeit und Gleichmut zu überwinden sind. Du tust wohl, dich in
jene Grenzen einer gemeinen Stelle zu sehnen; denn welche würdest du wohl
ausfüllen, die Geist und Mut verlangt! Gib einem Soldaten, einem Staatsmanne,
einem Geistlichen deine Gesinnungen, und mit ebensoviel Recht wird er sich über
das Kümmerliche seines Standes beschweren können. Ja, hat es nicht sogar
Menschen gegeben, die von allem Lebensgefühl so ganz verlassen waren, dass sie
das ganze Leben und Wesen der Sterblichen für ein Nichts, für ein kummervolles
und staubgleiches Dasein erklärt haben? Regten sich lebendig in deiner Seele die
Gestalten wirkender Menschen, wärmte deine Brust ein teilnehmendes Feuer,
verbreitete sich über deine ganze Gestalt die Stimmung, die aus dem Innersten
kommt, wären die Töne deiner Kehle, die Worte deiner Lippen lieblich anzuhören,
fühltest du dich genug in dir selbst, so würdest du dir gewiss Ort und
Gelegenheit aufsuchen, dich in andern fühlen zu können.«
    Unter solchen Worten und Gedanken hatte sich unser Freund ausgekleidet und
stieg mit einem Gefühle des innigsten Behagens zu Bette. Ein ganzer Roman, was
er an der Stelle des Unwürdigen morgenden Tages tun würde, entwickelte sich in
seiner Seele, angenehme Phantasien begleiteten ihn in das Reich des Schlafes
sanft hinüber und überliessen ihn dort ihren Geschwistern, den Träumen, die ihn
mit offenen Armen aufnahmen und das ruhende Haupt unsres Freundes mit dem
Vorbilde des Himmels umgaben.
    Am frühen Morgen war er schon wieder erwacht und dachte seiner vorstehenden
Unterhandlung nach. Er kehrte in das Haus der verlassenen Eltern zurück, wo man
ihn mit Verwunderung aufnahm. Er trug sein Anbringen bescheiden vor und fand gar
bald mehr und weniger Schwierigkeiten, als er vermutet hatte. Geschehen war es
einmal, und wenngleich ausserordentlich strenge und harte Leute sich gegen das
Vergangene und Nichtzuändernde mit Gewalt zu setzen und das Übel dadurch zu
vermehren pflegen, so hat dagegen das Geschehene auf die Gemüter der meisten
eine unwiderstehliche Gewalt, und was unmöglich schien, nimmt sogleich, als es
geschehen ist, neben dem Gemeinen seinen Platz ein. Es war also bald ausgemacht,
dass der Herr Melina die Tochter heiraten sollte; dagegen sollte sie wegen ihrer
Unart kein Heiratsgut mitnehmen und versprechen, das Vermächtnis einer Tante
noch einige Jahre gegen geringe Interessen in des Vaters Händen zu lassen. Der
zweite Punkt wegen einer bürgerlichen Versorgung fand schon grössere
Schwierigkeiten. Man wollte das ungeratene Kind nicht vor Augen sehen, man
wollte die Verbindung eines hergelaufenen Menschen mit einer so angesehenen
Familie, welche sogar mit einem Superintendenten verwandt war, sich durch die
Gegenwart nicht beständig aufrücken lassen; man konnte ebensowenig hoffen, dass
die fürstlichen Kollegien ihm eine Stelle anvertrauen würden. Beide Eltern waren
gleich stark dagegen, und Wilhelm, der sehr eifrig dafür sprach, weil er dem
Menschen, den er geringschätzte, die Rückkehr auf das Teater nicht gönnte und
überzeugt war, dass er eines solchen Glückes nicht wert sei, konnte mit allen
seinen Argumenten nichts ausrichten. Hätte er die geheimen Triebfedern gekannt,
so würde er sich die Mühe gar nicht gegeben haben, die Eltern überreden zu
wollen. Denn der Vater, der seine Tochter gerne bei sich behalten hätte, hasste
den jungen Menschen, weil seine Frau selbst ein Auge auf ihn geworfen hatte, und
diese konnte in ihrer Stieftochter eine glückliche Nebenbuhlerin nicht vor Augen
leiden. Und so musste Melina wider seinen Willen mit seiner jungen Braut, die
schon grössere Lust bezeigte, die Welt zu sehen und sich der Welt sehen zu
lassen, nach einigen Tagen abreisen, um bei irgendeiner Gesellschaft ein
Unterkommen zu finden.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Glückliche Jugend! Glückliche Zeiten des ersten Liebesbedürfnisses! Der Mensch
ist dann wie ein Kind, das sich am Echo stundenlang ergötzt, die Unkosten des
Gespräches allein trägt und mit der Unterhaltung wohl zufrieden ist, wenn der
unsichtbare Gegenpart auch nur die letzten Silben der ausgerufenen Worte
wiederholt.
    So war Wilhelm in den frühen, besonders aber in den spätern Zeiten seiner
Leidenschaft für Marianen, als er den ganzen Reichtum seines Gefühls auf sie
hinübertrug und sich dabei als einen Bettler ansah, der von ihren Almosen lebte.
Und wie uns eine Gegend reizender, ja allein reizend vorkommt, wenn sie von der
Sonne beschienen wird, so war auch alles in seinen Augen verschönert und
verherrlicht, was sie umgab, was sie berührte.
    Wie oft stand er auf dem Teater hinter den Wänden, wozu er sich das
Privilegium von dem Direktor erbeten hatte! Dann war freilich die
perspektivische Magie verschwunden, aber die viel mächtigere Zauberei der Liebe
fing erst an zu wirken. Stundenlang konnte er am schmutzigen Lichtwagen stehen,
den Qualm der Unschlittlampen einziehen, nach der Geliebten hinausblicken und,
wenn sie wieder hereintrat und ihn freundlich ansah, sich in Wonne verloren
dicht an dem Balken- und Lattengerippe in einen paradiesischen Zustand versetzt
fühlen. Die ausgestopften Lämmchen, die Wasserfälle von Zindel, die pappenen
Rosenstöcke und die einseitigen Strohhütten erregten in ihm liebliche
dichterische Bilder uralter Schäferwelt. Sogar die in der Nähe hässlich
erscheinenden Tänzerinnen waren ihm nicht immer zuwider, weil sie auf einem
Brette mit seiner Vielgeliebten standen. Und so ist es gewiss, dass Liebe, welche
Rosenlauben, Myrtenwäldchen und Mondschein erst beleben muss, auch sogar
Hobelspänen und Papierschnitzeln einen Anschein belebter Naturen geben kann. Sie
ist eine so starke Würze, dass selbst schale uns ekle Brühen davon schmackhaft
werden.
    Solch einer Würze bedurft' es freilich, um jenen Zustand leidlich, ja in der
Folge angenehm zu machen, in welchem er gewöhnlich ihre Stube, ja gelegentlich
sie selbst antraf.
    In einem feinen Bürgerhause erzogen, war Ordnung und Reinlichkeit das
Element, worin er atmete, und indem er von seines Vaters Prunkliebe einen Teil
geerbt hatte, wusste er in den Knabenjahren sein Zimmer, das er als ein kleines
Reich ansah, stattlich auszustaffieren. Seine Bettvorhänge waren in grosse Falten
aufgezogen und mit Quasten befestigt, wie man Tronen vorzustellen pflegt; er
hatte sich einen Teppich in die Mitte des Zimmers und einen feinern auf den
Tisch anzuschaffen gewusst, seine Bücher und Gerätschaften legte und stellte er
fast mechanisch so, dass ein niederländischer Maler gute Gruppen zu seinen
Stilleben hätte herausnehmen können. Eine weisse Mütze hatte er wie einen Turban
zurechtgebunden und die Ärmel seines Schlafrocks nach orientalischem Kostüme
kurz stutzen lassen. Doch gab er hiervon die Ursache an, dass die langen, weiten
Ärmel ihn im Schreiben hinderten. Wenn er abends ganz allein war und nicht mehr
fürchten durfte gestört zu werden, trug er gewöhnlich eine seidene Schärpe um
den Leib, und er soll manchmal einen Dolch, den er sich aus einer alten
Rüstkammer zugeeignet, in den Gürtel gesteckt und so die ihm zugeteilten
tragischen Rollen memoriert und probiert, ja in eben dem Sinne sein Gebet
knieend auf dem Teppich verrichtet haben.
    Wie glücklich pries er daher in früheren Zeiten den Schauspieler, den er im
Besitz so mancher majestätischen Kleider, Rüstungen und Waffen und in steter
Übung eines edlen Betragens sah, dessen Geist einen Spiegel des Herrlichsten und
Prächtigsten, was die Welt an Verhältnissen, Gesinnungen und Leidenschaften
hervorgebracht, darzustellen schien. Ebenso dachte sich Wilhelm auch das
häusliche Leben eines Schauspielers als eine Reihe von würdigen Handlungen und
Beschäftigungen, davon die Erscheinung auf dem Teater die äusserste Spitze sei,
etwa wie ein Silber, das vom Läuterfeuer lange herumgetrieben worden, endlich
farbigschön vor den Augen des Arbeiters erscheint und ihm zugleich andeutet, dass
das Metall nunmehr von allen fremden Zusätzen gereiniget sei.
    Wie sehr stutzte er daher anfangs, wenn er sich bei seiner Geliebten befand
und durch den glücklichen Nebel, der ihn umgab, nebenaus auf Tisch, Stühle und
Boden sah. Die Trümmer eines augenblicklichen, leichten und falschen Putzes
lagen, wie das glänzende Kleid eines abgeschuppten Fisches, zerstreut in wilder
Unordnung durcheinander. Die Werkzeuge menschlicher Reinlichkeit, als Kämme,
Seife, Tücher, waren mit den Spuren ihrer Bestimmung gleichfalls nicht
versteckt. Musikrollen und Schuhe, Wäsche und italienische Blumen, Etuis,
Haarnadeln, Schminktöpfchen und Bänder, Bücher und Strohhüte, keines verschmähte
die Nachbarschaft des andern, alle waren durch ein gemeinschaftliches Element,
durch Puder und Staub, vereinigt. Jedoch da Wilhelm in ihrer Gegenwart wenig von
allem andern bemerkte, ja vielmehr ihm alles, was ihr gehörte, sie berührt
hatte, lieb werden musste, so fand er zuletzt in dieser verworrenen Wirtschaft
einen Reiz, den er in seiner stattlichen Prunkwohnung niemals empfunden hatte.
Es war ihm - wenn er hier ihre Schnürbrust wegnahm, um zum Klavier zu kommen,
dort ihre Röcke aufs Bette legte, um sich setzen zu können, wenn sie selbst mit
unbefangener Freimütigkeit manches Natürliche, das man sonst gegen einen andern
aus Anstand zu verheimlichen pflegte, vor ihm nicht zu verbergen suchte - es war
ihm, sag' ich, als wenn er ihr mit jedem Augenblicke näher würde, als wenn eine
Gemeinschaft zwischen ihnen durch unsichtbare Bande befestigt würde.
    Nicht ebenso leicht konnte er die Aufführung der übrigen Schauspieler, die
er bei seinen ersten Besuchen manchmal bei ihr antraf, mit seinen Begriffen
vereinigen. Geschäftig im Müssiggange, schienen sie an ihren Beruf und Zweck am
wenigsten zu denken; über den poetischen Wert eines Stückes hörte er sie niemals
reden und weder richtig noch unrichtig darüber urteilen; es war immer nur die
Frage: »Was wird das Stück machen? Ist es ein Zugstück? Wie lange wird es
spielen? Wie oft kann es wohl gegeben werden?« und was Fragen und Bemerkungen
dieser Art mehr waren. Dann ging es gewöhnlich auf den Direktor los, dass er mit
der Gage zu karg und besonders gegen den einen und den andern ungerecht sei,
dann auf das Publikum, dass es mit seinem Beifall selten den rechten Mann
belohne, dass das deutsche Teater sich täglich verbessere, dass der Schauspieler
nach seinen Verdiensten immer mehr geehrt werde und nicht genug geehrt werden
könne. Dann sprach man viel von Kaffeehäusern und Weingärten, und was daselbst
vorgefallen, wieviel irgendein Kamerad Schulden habe und Abzug leiden müsse, von
Disproportion der wöchentlichen Gage, von Kabalen einer Gegenpartei, wobei denn
doch zuletzt die grosse und verdiente Aufmerksamkeit des Publikums wieder in
Betracht kam und der Einfluss des Teaters auf die Bildung einer Nation und der
Welt nicht vergessen wurde.
    All diese Dinge, die Wilhelmen sonst schon manche unruhige Stunde gemacht
hatten, kamen ihm gegenwärtig wieder ins Gedächtnis, als ihn sein Pferd langsam
nach Hause trug und er die verschiedenen Vorfälle, die ihm begegnet waren,
überlegte. Die Bewegung, welche durch die Flucht eines Mädchens in eine gute
Bürgerfamilie, ja in ein ganzes Städtchen gekommen war, hatte er mit Augen
gesehen; die Szenen auf der Landstrasse und im Amtause, die Gesinnungen Melinas
und was sonst noch vorgegangen war, stellten sich ihm wieder dar und brachten
seinen lebhaften, vordringenden Geist in eine Art von sorglicher Unruhe, die er
nicht lange ertrug, sondern seinem Pferde die Sporen gab und nach der Stadt
zueilte.
    Allein auch auf diesem Wege rannte er nur neuen Unannehmlichkeiten entgegen.
Werner, sein Freund und vermutlicher Schwager, wartete auf ihn, um ein
ernstaftes, bedeutendes und unerwartetes Gespräch mit ihm anzufangen.
    Werner war einer von den geprüften, in ihrem Dasein bestimmten Leuten, die
man gewöhnlich kalte Leute zu nennen pflegt, weil sie bei Anlässen weder schnell
noch sichtlich auflodern; auch war sein Umgang mit Wilhelmen ein anhaltender
Zwist, wodurch sich ihre Liebe aber nur desto fester knüpfte; denn ungeachtet
ihrer verschiedenen Denkungsart fand jeder seine Rechnung bei dem andern. Werner
tat sich darauf etwas zugute, dass er dem vortrefflichen, obgleich gelegentlich
ausschweifenden Geist Wilhelms mitunter Zügel und Gebiss anzulegen schien, und
Wilhelm fühlte oft einen herrlichen Triumph, wenn er seinen bedächtlichen Freund
in warmer Aufwallung mit sich fortnahm. So übte sich einer an dem andern, sie
wurden gewohnt, sich täglich zu sehen, und man hätte sagen sollen, das
Verlangen, einander zu finden, sich miteinander zu besprechen, sei durch die
Unmöglichkeit, einander verständlich zu werden, vermehrt worden. Im Grunde aber
gingen sie doch, weil sie beide gute Menschen waren, nebeneinander miteinander
nach einem Ziel und konnten niemals begreifen, warum denn keiner den andern auf
seine Gesinnung reduzieren könne.
    Werner bemerkte seit einiger Zeit, dass Wilhelms Besuche seltener wurden, dass
er in Lieblingsmaterien kurz und zerstreut abbrach, dass er sich nicht mehr in
lebhafte Ausbildung seltsamer Vorstellungen vertiefte, an welcher sich freilich
ein freies, in der Gegenwart des Freundes Ruhe und Zufriedenheit findendes Gemüt
am sichersten erkennen lässt. Der pünktliche und bedächtige Werner suchte anfangs
den Fehler in seinem eigenen Betragen, bis ihn einige Stadtgespräche auf die
rechte Spur brachten, und einige Unvorsichtigkeiten Wilhelms ihn der Gewissheit
näher führten. Er liess sich auf eine Untersuchung ein und entdeckte gar bald,
dass Wilhelm vor einiger Zeit eine Schauspielerin öffentlich besucht, mit ihr auf
dem Teater gesprochen und sie nach Hause gebracht habe; er wäre trostlos
gewesen, wenn ihm auch die nächtlichen Zusammenkünfte bekannt geworden wären;
denn er hörte, dass Mariane ein verführerisches Mädchen sei, die seinen Freund
wahrscheinlich ums Geld bringe und sich noch nebenher von dem unwürdigsten
Liebhaber unterhalten lasse.
    Sobald er seinen Verdacht soviel möglich zur Gewissheit erhoben, beschloss er
einen Angriff auf Wilhelmen und war mit allen Anstalten völlig in Bereitschaft,
als dieser eben verdriesslich und verstimmt von seiner Reise zurückkam.
    Werner trug ihm noch denselbigen Abend alles, was er wusste, erst gelassen,
dann mit dem dringenden Ernste einer wohldenkenden Freundschaft vor, liess keinen
Zug unbestimmt und gab seinem Freunde alle die Bitterkeiten zu kosten, die
ruhige Menschen an Liebende mit tugendhafter Schadenfreude so freigebig
auszuspenden pflegen. Aber wie man sich denken kann, richtete er wenig aus.
Wilhelm versetzte mit inniger Bewegung, doch mit grosser Sicherheit: »Du kennst
das Mädchen nicht! Der Schein ist vielleicht nicht zu ihrem Vorteil, aber ich
bin ihrer Treue und Tugend so gewiss als meiner Liebe.«
    Werner beharrte auf seiner Anklage und erbot sich zu Beweisen und Zeugen.
Wilhelm verwarf sie und entfernte sich von seinem Freunde verdriesslich und
erschüttert, wie einer, dem ein ungeschickter Zahnarzt einen schadhaften
festsitzenden Zahn gefasst und vergebens daran gerückt hat.
    Höchst unbehaglich fand sich Wilhelm, das schöne Bild Marianens erst durch
die Grillen der Reise, dann durch Werners Unfreundlichkeit in seiner Seele
getrübt und beinahe entstellt zu sehen. Er griff zum sichersten Mittel, ihm die
völlige Klarheit und Schönheit wiederherzustellen, indem er nachts auf den
gewöhnlichen Wegen zu ihr hineilte. Sie empfing ihn mit lebhafter Freude; denn
er war bei seiner Ankunft vorbeigeritten, sie hatte ihn diese Nacht erwartet,
und es lässt sich denken, dass alle Zweifel bald aus seinem Herzen vertrieben
wurden. Ja, ihre Zärtlichkeit schloss sein ganzes Vertrauen wieder auf, und er
erzählte ihr, wie sehr sich das Publikum, wie sehr sich sein Freund an ihr
versündiget.
    Mancherlei lebhafte Gespräche führten sie auf die ersten Zeiten ihrer
Bekanntschaft, deren Erinnerung eine der schönsten Unterhaltungen zweier
Liebenden bleibt. Die ersten Schritte, die uns in den Irrgarten der Liebe
bringen, sind so angenehm, die ersten Aussichten so reizend, dass man sie gar zu
gern in sein Gedächtnis zurückruft. Jeder Teil sucht einen Vorzug vor dem andern
zu behalten, er habe früher uneigennütziger geliebt, und jedes wünscht in diesem
Wettstreit lieber überwunden zu werden als zu überwinden.
    Wilhelm wiederholte Marianen, was sie schon so oft gehört hatte, dass sie
bald seine Aufmerksamkeit von dem Schauspiel ab und auf sich allein gezogen
habe, dass ihre Gestalt, ihr Spiel, ihre Stimme ihn gefesselt; wie er zuletzt nur
die Stücke, in denen sie gespielt, besucht habe, wie er endlich aufs Teater
geschlichen sei, oft, ohne von ihr bemerkt zu werden, neben ihr gestanden habe;
dann sprach er mit Entzücken von dem glücklichen Abende, an dem er eine
Gelegenheit gefunden, ihr eine Gefälligkeit zu erzeigen und ein Gespräch
einzuleiten.
    Mariane dagegen wollte nicht Wort haben, dass sie ihn so lange nicht bemerkt
hätte; sie behauptete, ihn schon auf dem Spaziergange gesehen zu haben, und
bezeichnete ihm zum Beweis das Kleid, das er am selbigen Tage angehabt; sie
behauptete, dass er ihr damals vor allen andern gefallen, und dass sie seine
Bekanntschaft gewünscht habe.
    Wie gern glaubte Wilhelm das alles! wie gern liess er sich überreden, dass sie
zu ihm, als er sich ihr genähert, durch einen unwiderstehlichen Zug hingeführt
worden, dass sie absichtlich zwischen die Kulissen neben ihn getreten sei, um ihn
näher zu sehen und Bekanntschaft mit ihm zu machen, und dass sie zuletzt, da
seine Zurückhaltung und Blödigkeit nicht zu überwinden gewesen, ihm selbst
Gelegenheit gegeben und ihn gleichsam genötigt habe, ein Glas Limonade
herbeizuholen.
    Unter diesem liebevollen Wettstreit, den sie durch alle kleinen Umstände
ihres kurzen Romans verfolgten, vergingen ihnen die Stunden sehr schnell, und
Wilhelm verliess völlig beruhigt seine Geliebte, mit dem festen Vorsatze, sein
Vorhaben unverzüglich ins Werk zu richten.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Was zu seiner Abreise nötig war, hatten Vater und Mutter besorgt; nur einige
Kleinigkeiten, die an der Equipage fehlten, verzögerten seinen Aufbruch um
einige Tage. Wilhelm benutzte diese Zeit, um an Marianen einen Brief zu
schreiben, wodurch er die Angelegenheit endlich zur Sprache bringen wollte, über
welche sie sich mit ihm zu unterhalten bisher immer vermieden hatte.
Folgendermassen lautete der Brief:
    »Unter der lieben Hülle der Nacht, die mich sonst in Deinen Armen bedeckte,
sitze ich und denke und schreibe an Dich, und was ich sinne und treibe, ist nur
um Deinetwillen. O Mariane! mir, dem glücklichsten unter den Männern, ist wie
einem Bräutigam, der ahnungsvoll, welch eine neue Welt sich in ihm und durch ihn
entwickeln wird, auf den festlichen Teppichen steht und während der heiligen
Zeremonien sich gedankenvoll lüstern vor die geheimnisreichen Vorhänge versetzt,
woher ihm die Lieblichkeit der Liebe entgegensäuselt.
    Ich habe über mich gewonnen, Dich in einigen Tagen nicht zu sehen; es war
leicht in Hoffnung einer solchen Entschädigung, ewig mit Dir zu sein, ganz der
Deinige zu bleiben! Soll ich wiederholen, was ich wünsche? Und doch ist es
nötig; denn es scheint, als habest Du mich bisher nicht verstanden.
    Wie oft habe ich mit leisen Tönen der Treue, die, weil sie alles zu halten
wünscht, wenig zu sagen wagt an Deinem Herzen geforscht nach dem Verlangen einer
ewigen Verbindung. Verstanden hast Du mich gewiss, den in Deinem Herzen muss der
Wunsch keimen; vernommen hast Du mich in jedem Kusse, in der anschmiegenden Ruhe
jener glücklichen Abende. Da lernt' ich Deine Bescheidenheit kennen, und wie
vermehrte sich meine Liebe! Wo eine andere sich künstlich betragen hätte, um
durch überflüssigen Sonnenschein einen Entschluss in dem Herzen ihres Liebhabers
zur Reife zu bringen, eine Erklärung hervorzulocken und ein Versprechen zu
befestigen, eben da ziehst Du Dich zurück, schliesst die halbgeöffnete Brust
Deines Geliebten wieder zu und suchst durch eine anscheinende Gleichgültigkeit
Deine Beistimmung zu verbergen; aber ich verstehe Dich! Welch ein Elender müsste
ich sein, wenn ich an diesen Zeichen die reine, uneigennützige, nur für den
Freund besorgte Liebe nicht erkennen wollte! Vertraue mir und sei ruhig! Wir
gehören einander an, und keins von beiden verlässt oder verliert etwas, wenn wir
füreinander leben.
    Nimm sie hin, diese Hand! feierlich noch dies überflüssige Zeichen! Alle
Freuden der Liebe haben wir empfunden, aber es sind neue Seligkeiten in dem
bestätigten Gedanken der Dauer. Frage nicht, wie? Sorge nicht! Das Schicksal
sorgt für die Liebe, und um so gewisser, da Liebe genügsam ist.
    Mein Herz hat schon lange meiner Eltern Haus verlassen; es ist bei Dir, wie
mein Geist auf der Bühne schwebt. O meine Geliebte! Ist wohl einem Menschen so
gewährt, seine Wünsche zu verbinden, wie mir? Kein Schlaf kömmt in meine Augen,
und wie eine ewige Morgenröte steigt Deine Liebe und Dein Glück vor mir auf und
ab.
    Kaum dass ich mich halte, nicht auffahre, zu Dir hinrenne und mir Deine
Einwilligung erzwinge, und gleich morgen frühe weiter in die Welt nach meinem
Ziele hinstrebe. - Nein, ich will mich bezwingen! Ich will nicht unbesonnen
törichte, verwegene Schritte tun; mein Plan ist entworfen, und ich will ihn
ruhig ausführen.
    Ich bin mit Direktor Serlo bekannt, meine Reise geht gerade zu ihm, er hat
vor einem Jahre oft seinen Leuten etwas von meiner Lebhaftigkeit und Freude am
Teater gewünscht, und ich werde ihm gewiss willkommen sein; denn bei Eurer
Truppe möchte ich aus mehr als einer Ursache nicht eintreten; auch spielt Serlo
so weit von hier, dass ich anfangs meinen Schritt verbergen kann. Einen
leidlichen Unterhalt finde ich da gleich; ich sehe mich in dem Publiko um, lerne
die Gesellschaft kennen und hole Dich nach.
    Mariane, Du siehst, was ich über mich gewinnen kann, um Dich gewiss zu haben;
denn Dich so lange nicht zu sehen, Dich in der weiten Welt zu wissen! recht
lebhaft darf ich mir's nicht denken. Wenn ich mir dann aber wieder Deine Liebe
vorstelle, die mich vor allem sichert, wenn Du meine Bitte nicht verschmähst,
ehe wir scheiden, und Du mir Deine Hand vor dem Priester reichst, so werde ich
ruhig gehen. Es ist nur eine Formel unter uns, aber eine so schöne Formel, der
Segen des Himmels zu dem Segen der Erde. In der Nachbarschaft, im
Ritterschaftlichen, geht es leicht und heimlich an.
    Für den Anfang habe ich Geld genug; wir wollen teilen, es wird für uns beide
hinreichen; ehe das verzehrt ist, wird der Himmel weiterhelfen.
    Ja, Liebste, es ist mir gar nicht bange. Was mit so viel Fröhlichkeit
begonnen wird, muss ein glückliches Ende erreichen. Ich habe nie gezweifelt, dass
man sein Fortkommen in der Welt finden könne, wenn es einem Ernst ist, und fühle
Mut genug für zwei, ja für mehrere einen reichlichen Unterhalt zu gewinnen. Die
Welt ist undankbar, sagen viele; ich habe noch nicht gefunden, dass sie undankbar
sei, wenn man auf die rechte Art etwas für sie zu tun weiss. Mir glüht die ganze
Seele bei dem Gedanken, endlich einmal aufzutreten und den Menschen in das Herz
hineinzureden, was sie sich so lange zu hören sehnten. Wie tausendmal ist es
freilich mir, der ich von der Herrlichkeit des Teaters so eingenommen bin, bang
durch die Seele gegangen, wenn ich die Elendesten gesehen habe sich einbilden,
sie könnten uns ein grosses, treffliches Wort ans Herz reden! Ein Ton, der durch
die Fistel gezwungen wird, klingt viel besser und reiner; es ist unerhört, wie
sich diese Burschen in ihrer groben Ungeschicklichkeit versündigen.
    Das Teater hat oft einen Streit mit der Kanzel gehabt; sie sollten, dünkt
mich, nicht miteinander hadern. Wie sehr wäre zu wünschen, dass an beiden Orten
nur durch edle Menschen Gott und Natur verherrlicht würden! Es sind keine
Träume, meine Liebste! Wie ich an Deinem Herzen habe fühlen können, dass Du in
Liebe bist, so ergreife ich auch den glänzenden Gedanken und sage - ich will's
nicht aussagen, aber hoffen will ich, dass wir einst als ein Paar gute Geister
den Menschen erscheinen werden, ihre Herzen aufzuschliessen, ihre Gemüter zu
berühren und ihnen himmlische Genüsse zu bereiten, so gewiss mir an Deinem Busen
Freuden gewährt waren, die immer himmlisch genennt werden müssen, weil wir uns
in jenen Augenblicken aus uns selbst gerückt, über uns selbst erhaben fühlen.
    Ich kann nicht schliessen; ich habe schon zu viel gesagt und weiss nicht, ob
ich Dir schon alles gesagt habe, alles, was Dich angeht; denn die Bewegung des
Rades, das sich in meinem Herzen dreht, sind keine Worte vermögend auszudrücken.
    Nimm dieses Blatt indes, meine Liebe! ich habe es wieder durchgelesen und
finde, dass ich von vorne anfangen sollte; doch entält es alles, was Du zu
wissen nötig hast, was Dir Vorbereitung ist, wenn ich bald mit Fröhlichkeit der
süssen Liebe an Deinen Busen zurückkehre. Ich komme mir vor wie ein Gefangener,
der in einem Kerker lauschend seine Fesseln abfeilt. Ich sage gute Nacht meinen
sorglos schlafenden Eltern! - Lebe wohl, Geliebte! Lebe wohl! Für diesmal
schliess' ich; die Augen sind mir zwei-, dreimal zugefallen; es ist schon tief in
der Nacht.«
 
                              Siebzehntes Kapitel
Der Tag wollte nicht endigen, als Wilhelm, seinen Brief schön gefaltet in der
Tasche, sich zu Marianen hinsehnte; auch war es kaum düster geworden, als er
sich wider seine Gewohnheit nach ihrer Wohnung hinschlich. Sein Plan war, sich
auf die Nacht anzumelden, seine Geliebte auf kurze Zeit wieder zu verlassen,
ihr, eh' er wegging, den Brief in die Hand zu drücken und bei seiner Rückkehr in
tiefer Nacht ihre Antwort, ihre Einwilligung zu erhalten oder durch die Macht
seiner Liebkosungen zu erzwingen. Er flog in ihre Arme und konnte sich an ihrem
Busen kaum wieder fassen. Die Lebhaftigkeit seiner Empfindungen verbarg ihm
anfangs, dass sie nicht wie sonst mit Herzlichkeit antwortete; doch konnte sie
einen ängstlichen Zustand nicht lange verbergen; sie schützte eine Krankheit,
eine Unpässlichkeit vor; sie beklagte sich über Kopfweh, sie wollte sich auf den
Vorschlag, dass er heute nacht wiederkommen wolle, nicht einlassen. Er ahnte
nichts Böses, drang nicht weiter in sie, fühlte aber, dass es nicht die Stunde
sei, ihr seinen Brief zu übergeben. Er behielt ihn bei sich, und da verschiedene
ihrer Bewegungen und Reden ihn auf eine höfliche Weise wegzugehen nötigten,
ergriff er im Taumel seiner ungenügsamen Liebe eines ihrer Halstücher, steckte
es in die Tasche und verliess wider Willen ihre Lippen und ihre Türe. Er schlich
nach Hause, konnte aber auch da nicht lange bleiben, kleidete sich um und suchte
wieder die freie Luft.
    Als er einige Strassen auf und ab gegangen war, begegnete ihm ein
Unbekannter, der nach einem gewissen Gastofe fragte. Wilhelm erbot sich, ihm
das Haus zu zeigen; der Fremde erkundigte sich nach dem Namen der Strasse, nach
den Besitzern verschiedener grosser Gebäude, vor denen sie vorbeigingen, sodann
nach einigen Polizeieinrichtungen der Stadt, und sie waren in einem ganz
interessanten Gespräche begriffen, als sie am Tore des Wirtshauses ankamen. Der
Fremde nötigte seinen Führer, hineinzutreten und ein Glas Punsch mit ihm zu
trinken; zugleich gab er seinen Namen an und seinen Geburtsort, auch die
Geschäfte, die ihn hierher gebracht hätten, und ersuchte Wilhelmen um ein
gleiches Vertrauen. Dieser verschwieg ebensowenig seinen Namen als seine
Wohnung.
    »Sind Sie nicht ein Enkel des alten Meisters, der die schöne Kunstsammlung
besass?« fragte der Fremde.
    »Ja, ich bin's. Ich war zehn Jahre, als der Grossvater starb, und es
schmerzte mich lebhaft, diese schönen Sachen verkaufen zu sehen.«
    »Ihr Vater hat eine grosse Summe Geldes dafür erhalten.«
    
    »Sie wissen also davon?«
    »O ja, ich habe diesen Schatz noch in Ihrem Hause gesehen. Ihr Grossvater war
nicht bloss ein Sammler, er verstand sich auf die Kunst, er war in einer frühern
glücklichen Zeit in Italien gewesen und hatte Schätze von dort mitgebracht,
welche jetzt um keinen Preis mehr zu haben wären. Er besass treffliche Gemälde
von den besten Meistern; man traute kaum seinen Augen, wenn man seine
Handzeichnungen durchsah; unter seinen Marmorn waren einige unschätzbare
Fragmente; von Bronzen besass er eine sehr instruktive Suite; so hatte er auch
seine Münzen für Kunst und Geschichte zweckmässig gesammelt; seine wenigen
geschnittenen Steine verdienten alles Lob; auch war das Ganze gut aufgestellt,
wenngleich die Zimmer und Säle des alten Hauses nicht symmetrisch gebaut waren.«
    »Sie können denken, was wir Kinder verloren, als alle die Sachen
heruntergenommen und eingepackt wurden. Es waren die ersten traurigen Zeiten
meines Lebens. Ich weiss noch, wie leer uns die Zimmer vorkamen, als wir die
Gegenstände nach und nach verschwinden sahen, die uns von Jugend auf unterhalten
hatten, und die wir ebenso unveränderlich hielten als das Haus und die Stadt
selbst.«
    »Wenn ich nicht irre, so gab Ihr Vater das gelöste Kapital in die Handlung
eines Nachbarn, mit dem er eine Art Gesellschaftshandel einging?«
    »Ganz richtig! und ihre gesellschaftlichen Spekulationen sind ihnen wohl
geglückt; sie haben in diesen zwölf Jahren ihr Vermögen sehr vermehrt und sind
beide nur desto heftiger auf den Erwerb gestellt; auch hat der alte Werner einen
Sohn, der sich viel besser zu diesem Handwerke schickt als ich.«
    »Es tut mir leid, dass dieser Ort eine solche Zierde verloren hat, als das
Kabinett Ihres Grossvaters war. Ich sah es noch kurz vorher, ehe es verkauft
wurde, und ich darf wohl sagen, ich war Ursache, dass der Kauf zustande kam. Ein
reicher Edelmann, ein grosser Liebhaber, der aber bei so einem wichtigen Handel
sich nicht allein auf sein eigen Urteil verliess, hatte mich hierher geschickt
und verlangte meinen Rat. Sechs Tage besah ich das Kabinett, und am siebenten
riet ich meinem Freunde, die ganze geforderte Summe ohne Anstand zu bezahlen.
Sie waren als ein munterer Knabe oft um mich herum. Sie erklärten mir die
Gegenstände der Gemälde und wussten überhaupt das Kabinett recht gut auszulegen.«
    »Ich erinnere mich einer solchen Person, aber in Ihnen hätte ich sie nicht
wiedererkannt.«
    »Es ist auch schon eine geraume Zeit, und wir verändern uns doch mehr oder
weniger. Sie hatten, wenn ich mich recht erinnere, ein Lieblingsbild darunter,
von dem Sie mich gar nicht weglassen wollten.«
    »Ganz richtig! es stellte die Geschichte vor, wie der kranke Königssohn sich
über die Braut seines Vaters in Liebe verzehrt.«
    »Es war eben nicht das beste Gemälde, nicht gut zusammengesetzt, von keiner
sonderlichen Farbe und die Ausführung durchaus manieriert.«
    »Das verstand ich nicht und versteh' es noch nicht; der Gegenstand ist es,
der mich an einem Gemälde reizt, nicht die Kunst.«
    »Da schien Ihr Grossvater anders zu denken; denn der grösste Teil seiner
Sammlung bestand aus trefflichen Sachen, in denen man immer das Verdienst ihres
Meisters bewunderte, sie mochten vorstellen, was sie wollten; auch hing dieses
Bild in dem äussersten Vorsaale, zum Zeichen, dass er es wenig schätzte.«
    »Da war es eben, wo wir Kinder immer spielen durften, und wo dieses Bild
einen unauslöschlichen Eindruck auf mich machte, den mir selbst Ihre Kritik, die
ich übrigens verehre, nicht auslöschen könnte, wenn wir auch jetzt vor dem Bilde
stünden. Wie jammerte mich, wie jammert mich noch ein Jüngling, der die süssen
Triebe, das schönste Erbteil, das uns die Natur gab, in sich verschliessen und
das Feuer, das ihn und andere erwärmen und beleben sollte, in seinem Busen
verbergen muss, so dass sein Innerstes unter ungeheuren Schmerzen verzehrt wird!
Wie bedaure ich die Unglückliche, die sich einem andern widmen soll, wenn ihr
Herz schon den würdigen Gegenstand eines wahren und reinen Verlangens gefunden
hat!«
    »Diese Gefühle sind freilich sehr weit von jenen Betrachtungen entfernt,
unter denen ein Kunstliebhaber die Werke grosser Meister anzusehen pflegt;
wahrscheinlich würde Ihnen aber, wenn das Kabinett ein Eigentum Ihres Hauses
geblieben wäre, nach und nach der Sinn für die Werke selbst aufgegangen sein, so
dass Sie nicht immer nur sich selbst und Ihre Neigung in den Kunstwerken gesehen
hätten.«
    »Gewiss tat mir der Verkauf des Kabinetts gleich sehr leid, und ich habe es
auch in reifern Jahren öfters vermisst; wenn ich aber bedenke, dass es gleichsam
so sein musste, um eine Liebhaberei, um ein Talent in mir zu entwickeln, die weit
mehr auf mein Leben wirken sollten, als jene leblosen Bilder je getan hätten, so
bescheide ich mich dann gern und verehre das Schicksal, das mein Bestes und
eines jeden Bestes einzuleiten weiss.«
    »Leider höre ich schon wieder das Wort Schicksal von einem jungen Manne
aussprechen, der sich eben in einem Alter befindet, wo man gewöhnlich seinen
lebhaften Neigungen den Willen höherer Wesen unterzuschieben pflegt.«
    »So glauben Sie kein Schicksal? Keine Macht, die über uns waltet und alles
zu unserm Besten lenkt?«
    »Es ist hier die Rede nicht von einem Glauben, noch der Ort, auszulegen, wie
ich mir Dinge, die uns allen unbegreiflich sind, einigermassen denkbar zu machen
suche; hier ist nur die Frage, welche Vorstellungsart zu unserm Besten gereicht.
Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft
des Menschen stellt sich zwischen beide und weiss sie zu beherrschen; sie
behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiss sie zu
lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, indem sie fest und unerschütterlich
steht, verdient der Mensch ein Gott der Erde genannt zu werden. Wehe dem, der
sich von Jugend auf gewöhnt, in dem Notwendigen etwas Willkürliches finden zu
wollen, der dem Zufälligen eine Art von Vernunft zuschreiben möchte, welcher zu
folgen sogar eine Religion sei. Heisst das etwas weiter, als seinem eignen
Verstande entsagen und seinen Neigungen unbedingten Raum geben? Wir bilden uns
ein, fromm zu sein, indem wir ohne Überlegung hinschlendern, uns durch angenehme
Zufälle determinieren lassen und endlich dem Resultate eines solchen
schwankenden Lebens den Namen einer göttlichen Führung geben.«
    »Waren Sie niemals in dem Falle, dass ein kleiner Umstand Sie veranlasste,
einen gewissen Weg einzuschlagen, auf welchem bald eine gefällige Gelegenheit
Ihnen entgegenkam und eine Reihe von unerwarteten Vorfällen Sie endlich ans Ziel
brachte, das Sie selbst noch kaum ins Auge gefasst hatten? Sollte das nicht
Ergebenheit in das Schicksal, Zutrauen zu einer solchen Leitung einflössen?«
    »Mit diesen Gesinnungen könnte kein Mädchen ihre Tugend, niemand sein Geld
im Beutel behalten; denn es gibt Anlässe genug, beides loszuwerden. Ich kann
mich nur über den Menschen freuen, der weiss, was ihm und andern nütze ist, und
seine Willkür zu beschränken arbeitet. Jeder hat sein eigen Glück unter den
Händen, wie der Künstler eine rohe Materie, die er zu einer Gestalt umbilden
will. Aber es ist mit dieser Kunst wie mit allem; nur die Fähigkeit dazu wird
uns angeboren, sie will gelernt und sorgfältig ausgeübt sein.«
    Dieses und mehreres wurde noch unter ihnen abgehandelt; endlich trennten sie
sich, ohne dass sie einander sonderlich überzeugt zu haben schienen, doch
bestimmten sie auf den folgenden Tag einen Ort der Zusammenkunft.
    Wilhelm ging noch einige Strassen auf und nieder; er hörte Klarinetten,
Waldhörner und Fagotte, es schwoll sein Busen. Durchreisende Spielleute machten
eine angenehme Nachtmusik. Er sprach mit ihnen, und um ein Stück Geld folgten
sie ihm zu Marianens Wohnung. Hohe Bäume zierten den Platz vor ihrem Hause,
darunter stellte er seine Sänger; er selbst ruhte auf einer Bank in einiger
Entfernung und überliess sich ganz den schwebenden Tönen, die in der labenden
Nacht um ihn säuselten. Unter den holden Sternen hingestreckt war ihm sein
Dasein wie ein goldner Traum. - »Sie hört auch diese Flöten«, sagte er in seinem
Herzen; »sie fühlt, wessen Andenken, wessen Liebe die Nacht wohlklingend macht;
auch in der Entfernung sind wir durch diese Melodien zusammengebunden, wie in
jeder Entfernung durch die feinste Stimmung der Liebe. Ach! zwei liebende
Herzen, sie sind wie zwei Magnetuhren: was in der einen sich regt, muss auch die
andere mitbewegen, denn es ist nur eins, was in beiden wirkt, eine Kraft, die
sie durchgeht. Kann ich in ihren Armen eine Möglichkeit fühlen, mich von ihr zu
trennen? und doch, ich werde fern von ihr sein, werde einen Heilort für unsere
Liebe suchen und werde sie immer mit mir haben.
    Wie oft ist mir's geschehen, dass ich, abwesend von ihr, in Gedanken an sie
verloren, ein Buch, ein Kleid oder sonst etwas berührte und glaubte, ihre Hand
zu fühlen, so ganz war ich mit ihrer Gegenwart umkleidet. Und jener Augenblicke
mich zu erinnern, die das Licht des Tages wie das Auge des kalten Zuschauers
fliehen, die zu geniessen Götter den schmerzlosen Zustand der reinen Seligkeit zu
verlassen sich entschliessen dürften! - Mich zu erinnern? - Als wenn man den
Rausch des Taumelkelchs in der Erinnerung erneuern könnte, der unsere Sinne, von
himmlischen Banden umstrickt, aus aller ihrer Fassung reisst! - Und ihre Gestalt
- -« Er verlor sich im Andenken an sie, seine Ruhe ging in Verlangen über, er
umfasste einen Baum, kühlte seine heisse Wange an der Rinde, und die Winde der
Nacht saugten begierig den Hauch auf, der aus dem reinen Busen bewegt
hervordrang. Er fühlte nach dem Halstuch, das er von ihr mitgenommen hatte; es
war vergessen, es steckte im vorigen Kleide. Seine Lippen lechzten, seine
Glieder zitterten vor Verlangen.
    Die Musik hörte auf, und es war ihm, als wär' er aus dem Elemente gefallen,
in dem seine Empfindungen bisher emporgetragen wurden. Seine Unruhe vermehrte
sich, da seine Gefühle nicht mehr von den sanften Tönen genährt und gelindert
wurden. Er setzte sich auf ihre Schwelle nieder und war schon mehr beruhigt. Er
küsste den messingenen Ring, womit man an ihre Türe pochte, er küsste die
Schwelle, über die ihre Füsse aus und ein gingen, und erwärmte sie durch das
Feuer seiner Brust. Dann sass er wieder eine Weile stille und dachte sie hinter
ihren Vorhängen, im weissen Nachtkleide mit dem roten Band um den Kopf in süsser
Ruhe und dachte sich selbst so nahe zu ihr hin, dass ihm vorkam, sie müsste nun
von ihm träumen. Seine Gedanken waren lieblich wie die Geister der Dämmerung;
Ruhe und Verlangen wechselten in ihm; die Liebe lief mit schaudernder Hand
tausendfältig über alle Saiten seiner Seele; es war, als wenn der Gesang der
Sphären über ihm stille stünde, um die leisen Melodien seines Herzens zu
belauschen.
    Hätte er den Hauptschlüssel bei sich gehabt, der ihm sonst Marianens Türe
öffnete, er würde sich nicht gehalten haben, würde ins Heiligtum der Liebe
eingedrungen sein. Doch er entfernte sich langsam, schwankte halb träumend unter
den Bäumen hin, wollte nach Hause und ward immer wieder umgewendet; endlich, als
er's über sich vermochte, ging und an der Ecke noch einmal zurücksah, kam es ihm
vor, als wenn Marianens Türe sich öffnete und eine dunkle Gestalt sich
herausbewegte. Er war zu weit, um deutlich zu sehen, und eh' er sich fasste und
recht aufsah, hatte sich die Erscheinung schon in der Nacht verloren; nur ganz
weit glaubte er sie wieder an einem weissen Hause vorbeistreifen zu sehen. Er
stund und blinzte, und ehe er sich ermannte und nacheilte, war das Phantom
verschwunden. Wohin sollte er ihm folgen? Welche Strasse hatte den Menschen
aufgenommen, wenn es einer war?
    Wie einer, dem der Blitz die Gegend in einem Winkel erhellte, gleich darauf
mit geblendeten Augen die vorigen Gestalten, den Zusammenhang der Pfade in der
Finsternis vergebens sucht, so war's vor seinen Augen, so war's in seinem
Herzen. Und wie ein Gespenst der Mitternacht, das ungeheure Schrecken erzeugt,
in folgenden Augenblicken der Fassung für ein Kind des Schreckens gehalten wird,
und die fürchterliche Erscheinung Zweifel ohne Ende in der Seele zurücklässt, so
war auch Wilhelm in der grössten Unruhe, als er, an einen Eckstein gelehnt, die
Helle des Morgens und das Geschrei der Hähne nicht achtete, bis die frühen
Gewerbe lebendig zu werden anfingen und ihn nach Hause trieben.
    Er hatte, wie er zurückkam, das unerwartete Blendwerk mit den triftigsten
Gründen beinahe aus der Seele vertrieben; doch die schöne Stimmung der Nacht, an
die er jetzt auch nur wie an eine Erscheinung zurückdachte, war auch dahin. Sein
Herz zu letzen, ein Siegel seinem wiederkehrenden Glauben aufzudrücken, nahm er
das Halstuch aus der vorigen Tasche. Das Rauschen eines Zettels, der herausfiel,
zog ihm das Tuch von den Lippen; er hob auf und las:
    »So hab' ich Dich lieb, kleiner Narre! was war Dir auch gestern? Heute nacht
komm' ich zu Dir. Ich glaube wohl, dass Dir's leid tut, von hier wegzugehen; aber
habe Geduld; auf die Messe komm' ich Dir nach. Höre, tu mir nicht wieder die
schwarzgrünbraune Jacke an, Du siehst drin aus wie die Hexe von Endor. Hab' ich
Dir nicht das weisse Negligé darum geschickt, dass ich ein weisses Schäfchen in
meinen Armen haben will? Schick' mir Deine Zettel immer durch die alte Sibylle;
die hat der Teufel selbst zur Iris bestellt.«
 
                                  Zweites Buch
                                  Erstes Kapitel
Jeder, der mit lebhaften Kräften vor unsern Augen eine Absicht zu erreichen
strebt, kann, wir mögen seinen Zweck loben oder tadeln, sich unsre Teilnahme
versprechen; sobald aber die Sache entschieden ist, wenden wir unser Auge
sogleich von ihm weg; alles, was geendigt, was abgetan daliegt, kann unsre
Aufmerksamkeit keineswegs fesseln, besonders wenn wir schon frühe der
Unternehmung einen übeln Ausgang prophezeit haben.
    Deswegen sollen unsre Leser nicht umständlich mit dem Jammer und der Not
unsers verunglückten Freundes, in die er geriet, als er seine Hoffnungen und
Wünsche auf eine so unerwartete Weise zerstört sah, unterhalten werden. Wir
überspringen vielmehr einige Jahre und suchen ihn erst da wieder auf, wo wir ihn
in einer Art von Tätigkeit und Genuss zu finden hoffen, wenn wir vorher nur
kürzlich so viel, als zum Zusammenhang der Geschichte nötig ist, vorgetragen
haben.
    Die Pest oder ein böses Fieber rasen in einem gesunden, vollsaftigen Körper,
den sie anfallen, schneller und heftiger, und so ward der arme Wilhelm
unvermutet von einem unglücklichen Schicksale überwältigt, dass in einem
Augenblicke sein ganzes Wesen zerrüttet war. Wie wenn von ungefähr unter der
Zurüstung ein Feuerwerk in Brand gerät, und die künstlich gebohrten und
gefüllten Hülsen, die, nach einem gewissen Plane geordnet und abgebrannt,
prächtig abwechselnde Feuerbilder in die Luft zeichnen sollten, nunmehr
unordentlich und gefährlich durcheinander zischen und sausen, so gingen auch
jetzt in seinem Busen Glück und Hoffnung, Wollust und Freuden, Wirkliches und
Geträumtes auf einmal scheiternd durcheinander. In solchen wüsten Augenblicken
erstarrt der Freund, der zur Rettung hinzueilt, und dem, den es trifft, ist es
eine Wohltat, dass ihn die Sinne verlassen.
    Tage des lauten, ewig wiederkehrenden und mit Vorsatz erneuerten Schmerzes
folgten darauf; doch sind auch diese für eine Gnade der Natur zu achten. In
solchen Stunden hatte Wilhelm seine Geliebte noch nicht ganz verloren; seine
Schmerzen waren unermüdet erneuerte Versuche, das Glück, das ihm aus der Seele
entfloh, noch festzuhalten, die Möglichkeit desselben in der Vorstellung wieder
zu erhaschen, seinen auf immer abgeschiedenen Freuden ein kurzes Nachleben zu
verschaffen. Wie man einen Körper, solange die Verwesung dauert, nicht ganz tot
nennen kann, solange die Kräfte, die vergebens nach ihren alten Bestimmungen zu
wirken suchen, an der Zerstörung der Teile, die sie sonst belebten, sich
abarbeiten; nur dann, wenn sich alles aneinander aufgerieben hat, wenn wir das
Ganze in gleichgültigen Staub zerlegt sehen, dann entsteht das erbärmliche,
leere Gefahr des Todes in uns, nur durch den Atem des Ewiglebenden zu erquicken.
    In einem so neuen, ganzen, lieblichen Gemüte war viel zu zerreissen, zu
zerstören, zu ertöten, und die schnellheilende Kraft der Jugend gab selbst der
Gewalt des Schmerzens neue Nahrung und Heftigkeit. Der Streich hatte sein ganzes
Dasein an der Wurzel getroffen. Werner, aus Not sein Vertrauter, griff voll
Eifer zu Feuer und Schwert, um einer verhassten Leidenschaft, dem Ungeheuer, ins
innerste Leben zu dringen. Die Gelegenheit war so glücklich, das Zeugnis so bei
der Hand, und wieviel Geschichten und Erzählungen wusst' er nicht zu nutzen. Er
trieb's mit solcher Heftigkeit und Grausamkeit Schritt vor Schritt, liess dem
Freunde nicht das Labsal des mindesten augenblicklichen Betruges, vertrat ihm
jeden Schlupfwinkel, in welchen er sich vor der Verzweiflung hätte retten
können, dass die Natur, die ihren Liebling nicht wollte zugrunde gehen lassen,
ihn mit Krankheit anfiel, um ihm von der andern Seite Luft zu machen.
    Ein lebhaftes Fieber mit seinem Gefolge, den Arzneien, der Überspannung und
der Mattigkeit, dabei die Bemühungen der Familie, die Liebe der Mitgebornen, die
durch Mangel und Bedürfnisse sich erst recht fühlbar macht, waren so viele
Zerstreuungen eines veränderten Zustandes und eine kümmerliche Unterhaltung.
Erst als er wieder besser wurde, das heisst, als seine Kräfte erschöpft waren,
sah Wilhelm mit Entsetzen in den qualvollen Abgrund eines dürren Elendes hinab,
wie man in den ausgebrannten hohlen Becher eines Vulkans hinunterblickt.
    Nunmehr machte er sich selbst die bittersten Vorwürfe, dass er nach so grossem
Verlust noch einen schmerzenlosen, ruhigen, gleichgültigen Augenblick haben
könne. Er verachtete sein eigen Herz und sehnte sich nach dem Labsal des Jammers
und der Tränen.
    Um diese wieder in sich zu erwecken, brachte er vor sein Andenken alle
Szenen des vergangenen Glücks. Mit der grössten Lebhaftigkeit malte er sie sich
aus, strebte wieder in sie hinein, und wenn er sich zur möglichsten Höhe
hinaufgearbeitet hatte, wenn ihm der Sonnenschein voriger Tage wieder die
Glieder zu beleben, den Busen zu heben schien, sah er rückwärts auf den
schrecklichen Abgrund, labte sein Auge an der zerschmetternden Tiefe, warf sich
hinunter und erzwang von der Natur die bittersten Schmerzen. Mit so wiederholter
Grausamkeit zerriss er sich selbst; denn die Jugend, die so reich an eingehüllten
Kräften ist, weiss nicht, was sie verschleudert, wenn sie dem Schmerz, den ein
Verlust erregt, noch so viele erzwungene Leiden zugesellt, als wollte sie dem
Verlornen dadurch noch erst einen rechten Wert geben. Auch war er so überzeugt,
dass dieser Verlust der einzige, der erste und letzte sei, den er in seinem Leben
empfinden könne, dass er jeden Trost verabscheute, der ihm diese Leiden als
endlich vorzustellen unternahm.
 
                                Zweites Kapitel
Gewöhnt, auf diese Weise sich selbst zu quälen, griff er nun auch das übrige,
was ihm nach der Liebe und mit der Liebe die grössten Freuden und Hoffnungen
gegeben hatte, sein Talent als Dichter und Schauspieler, mit hämischer Kritik
von allen Seiten an. Er sah in seinen Arbeiten nichts als eine geistlose
Nachahmung einiger hergebrachter Formen ohne inneren Wert; er wollte darin nur
steife Schulexerzitien erkennen, denen es an jedem Funken von Naturell, Wahrheit
und Begeisterung fehle. In seinen Gedichten fand er nur ein monotones Silbenmass,
in welchem, durch einen armseligen Reim zusammengehalten, ganz gemeine Gedanken
und Empfindungen sich hinschleppten; und so benahm er sich auch jede Aussicht,
jede Lust, die ihn von dieser Seite noch allenfalls hätte wieder aufrichten
können.
    Seinem Schauspielertalente ging es nicht besser. Er schalt sich, dass er
nicht früher die Eitelkeit entdeckt, die allein dieser Anmassung zum Grunde
gelegen. Seine Figur, sein Gang, seine Bewegung und Deklamation mussten
herhalten; er sprach sich jede Art von Vorzug, jedes Verdienst, das ihn über das
Gemeine emporgehoben hätte, entscheidend ab und vermehrte seine stumme
Verzweiflung dadurch auf den höchsten Grad. Denn wenn es hart ist, der Liebe
eines Weibes zu entsagen, so ist die Empfindung nicht weniger schmerzlich, von
dem Umgange der Musen sich loszureissen, sich ihrer Gemeinschaft auf immer
unwürdig zu erklären und auf den schönsten und nächsten Beifall, der unsrer
Person, unserm Betragen, unsrer Stimme öffentlich gegeben wird, Verzicht zu tun.
    So hatte sich denn unser Freund völlig resigniert und sich zugleich mit
grossem Eifer den Handelsgeschäften gewidmet. Zum Erstaunen seines Freundes und
zur grössten Zufriedenheit seines Vaters war niemand auf dem Comptoir und der
Börse, im Laden und Gewölbe tätiger als er; Korrespondenz und Rechnungen und was
ihm aufgetragen wurde, besorgte und verrichtete er mit grösstem Fleiss und Eifer.
Freilich nicht mit dem heitern Fleisse, der zugleich dem Geschäftigen Belohnung
ist, wenn wir dasjenige, wozu wir geboren sind, mit Ordnung und Folge
verrichten, sondern mit dem stillen Fleisse der Pflicht, der den besten Vorsatz
zum Grunde hat, der durch Überzeugung genährt und durch ein inneres Selbstgefühl
belohnt wird, der aber doch oft, selbst dann, wenn ihm das schönste Bewusstsein
die Krone reicht, einen vordringenden Seufzer kaum zu ersticken vermag.
    Auf diese Weise hatte Wilhelm eine Zeitlang sehr emsig fortgelebt und sich
überzeugt, dass jene harte Prüfung vom Schicksale zu seinem Besten veranstaltet
worden. Er war froh, auf dem Wege des Lebens sich beizeiten, obgleich
unfreundlich genug, gewarnt zu sehen, anstatt dass andere später und schwerer die
Missgriffe büssen, wozu sie ein jugendlicher Dünkel verleitet hat. Denn gewöhnlich
wehrt sich der Mensch so lange, als er kann, dem Toren, den er im Busen hegt,
einen Hauptirrtum zu bekennen und eine Wahrheit einzugestehen, die ihn zur
Verzweiflung bringt.
    So entschlossen er war, seinen liebsten Vorstellungen zu entsagen, so war
doch einige Zeit nötig, um ihn von seinem Unglücke völlig zu überzeugen. Endlich
aber hatte er jede Hoffnung der Liebe, des poetischen Hervorbringens und der
persönlichen Darstellung mit triftigen Gründen so ganz in sich vernichtet, dass
er Mut fasste, alle Spuren seiner Torheit, alles, was ihn irgend noch daran
erinnern könnte, völlig auszulöschen. Er hatte daher an einem kühlen Abende ein
Kaminfeuer angezündet und holte ein Reliquienkästchen hervor, in welchem sich
hunderterlei Kleinigkeiten fanden, die er in bedeutenden Augenblicken von
Marianen erhalten oder derselben geraubt hatte. Jede vertrocknete Blume
erinnerte ihn an die Zeit, da sie noch frisch in ihren Haaren blühte; jedes
Zettelchen an die glückliche Stunde, wozu sie ihn dadurch einlud; jede Schleife
an den lieblichen Ruheplatz seines Hauptes, ihren schönen Busen. Musste nicht auf
diese Weise jede Empfindung, die er schon lange getötet glaubte, sich wieder zu
bewegen anfangen? Musste nicht die Leidenschaft, über die er, abgeschieden von
seiner Geliebten, Herr geworden war, in der Gegenwart dieser Kleinigkeiten
wieder mächtig werden? Denn wir merken erst, wie traurig und unangenehm ein
trüber Tag ist, wenn ein einziger durchdringender Sonnenblick uns den
aufmunternden Glanz einer heitern Stunde darstellt.
    Nicht ohne Bewegung sah er daher diese so lange bewahrten Heiligtümer
nacheinander in Rauch und Flamme vor sich aufgehen. Einigemal hielt er zaudernd
inne und hatte noch eine Perlenschnur und ein flornes Halstuch übrig, als er
sich entschloss, mit den dichterischen Versuchen seiner Jugend das abnehmende
Feuer wieder aufzufrischen.
    Bis jetzt hatte er alles sorgfältig aufgehoben, was ihm von der frühsten
Entwicklung seines Geistes an aus der Feder geflossen war. Noch lagen seine
Schriften in Bündel gebunden auf dem Boden des Koffers, wohin er sie gepackt
hatte, als er sie auf seiner Flucht mitzunehmen hoffte. Wie ganz anders
eröffnete er sie jetzt, als er sie damals zusammenband!
    Wenn wir einen Brief, den wir unter gewissen Umständen geschrieben und
gesiegelt haben, der aber den Freund, an den er gerichtet war, nicht antrifft,
sondern wieder zu uns zurückgebracht wird, nach einiger Zeit eröffnen, überfällt
uns eine sonderbare Empfindung, indem wir unser eignes Siegel erbrechen und uns
mit unserm veränderten Selbst wie mit einer dritten Person unterhalten. Ein
ähnliches Gefühl ergriff mit Heftigkeit unsern Freund, als er das erste Paket
eröffnete und die zerteilten Hefte ins Feuer warf, die eben gewaltsam
aufloderten, als Werner hereintrat, sich über die lebhafte Flamme verwunderte
und fragte, was hier vorgehe?
    »Ich gebe einen Beweis«, sagte Wilhelm, »dass es mir Ernst sei, ein Handwerk
aufzugeben, wozu ich nicht geboren ward«; und mit diesen Worten warf er das
zweite Paket in das Feuer. Werner wollte ihn abhalten, allein es war geschehen.
    »Ich sehe nicht ein, wie du zu diesem Extrem kommst«, sagte dieser. »Warum
sollen denn nun diese Arbeiten, wenn sie nicht vortrefflich sind, gar vernichtet
werden?«
    »Weil ein Gedicht entweder vortrefflich sein oder gar nicht existieren soll;
weil jeder, der keine Anlage hat, das Beste zu leisten, sich der Kunst entalten
und sich vor jeder Verführung dazu ernstlich in acht nehmen sollte. Denn
freilich regt sich in jedem Menschen ein gewisses unbestimmtes Verlangen,
dasjenige, was er sieht, nachzuahmen; aber dieses Verlangen beweist gar nicht,
dass auch die Kraft in uns wohne, mit dem, was wir unternehmen, zustande zu
kommen. Sieh nur die Knaben an, wie sie jedesmal, sooft Seiltänzer in der Stadt
gewesen, auf allen Planken und Balken hin und wider gehen und balancieren, bis
ein anderer Reiz sie wieder zu einem ähnlichen Spiele hinzieht. Hast du es nicht
in dem Zirkel unserer Freunde bemerkt? Sooft sich ein Virtuose hören lässt,
finden sich immer einige, die sogleich dasselbe Instrument zu lernen anfangen.
Wie viele irren auf diesem Wege herum! Glücklich, wer den Fehlschluss von seinen
Wünschen auf seine Kräfte bald gewahr wird!«
    Werner widersprach; die Unterredung ward lebhaft, und Wilhelm konnte nicht
ohne Bewegung die Argumente, mit denen er sich selbst so oft gequält hatte,
gegen seinen Freund wiederholen. Werner behauptete, es sei nicht vernünftig, ein
Talent, zu dem man nur einigermassen Neigung und Geschick habe, deswegen, weil
man es niemals in der grössten Vollkommenheit ausüben werde, ganz aufzugeben. Es
finde sich ja so manche leere Zeit, die man dadurch ausfüllen und nach und nach
etwas hervorbringen könne, wodurch wir uns und andern ein Vergnügen bereiten.
    Unser Freund, der hierin ganz anderer Meinung war, fiel ihm sogleich ein und
sagte mit grosser Lebhaftigkeit:
    »Wie sehr irrst du, lieber Freund, wenn du glaubst, dass ein Werk, dessen
erste Vorstellung die ganze Seele füllen muss, in unterbrochenen,
zusammengegeizten Stunden könne hervorgebracht werden! Nein, der Dichter muss
ganz sich, ganz in seinen geliebten Gegenständen leben. Er, der vom Himmel
innerlich auf das köstlichste begabt ist, der einen sich immer selbst
vermehrenden Schatz im Busen bewahrt, er muss auch von aussen ungestört mit seinen
Schätzen in der stillen Glückseligkeit leben, die ein Reicher vergebens mit
aufgehäuften Gütern um sich hervorzubringen sucht. Sieh die Menschen an, wie sie
nach Glück und Vergnügen rennen! Ihre Wünsche, ihre Mühe, ihr Geld jagen
rastlos, und wonach? nach dem, was der Dichter von der Natur erhalten hat, nach
dem Genuss der Welt, nach dem Mitgefühl seiner selbst in andern, nach einem
harmonischen Zusammensein mit vielen oft unvereinbaren Dingen.
    Was beunruhiget die Menschen, als dass sie ihre Begriffe nicht mit den Sachen
verbinden können, dass der Genuss sich ihnen unter den Händen wegstiehlt, dass das
Gewünschte zu spät kommt, und dass alles Erreichte und Erlangte auf ihr Herz
nicht die Wirkung tut, welche die Begierde uns in der Ferne ahnen lässt.
Gleichsam wie einen Gott hat das Schicksal den Dichter über dieses alles
hinübergesetzt. Er sieht das Gewirre der Leidenschaften, Familien und Reiche
sich zwecklos bewegen, er sieht die unauflöslichen Rätsel der Missverständnisse,
denen oft nur ein einsilbiges Wort zur Entwicklung fehlt, unsäglich verderbliche
Verwirrungen verursachen. Er fühlt das Traurige und das Freudige jedes
Menschenschicksals mit. Wenn der Weltmensch in einer abzehrenden Melancholie
über den grossen Verlust seine Tage hinschleicht oder in ausgelassener Freude
seinem Schicksale entgegengeht, so schreitet die empfängliche, leichtbewegliche
Seele des Dichters wie die wandelnde Sonne von Nacht zu Tag fort, und mit leisen
Übergängen stimmt seine Harfe zu Freude und Leid. Eingeboren auf dem Grund
seines Herzens wächst die schöne Blume der Weisheit hervor, und wenn die andern
wachend träumen und von ungeheuren Vorstellungen aus allen ihren Sinnen
geängstiget werden, so lebt er den Traum des Lebens als Wachender, und das
Seltenste, was geschieht, ist ihm zugleich Vergangenheit und Zukunft. Und so ist
der Dichter zugleich Lehrer, Wahrsager, Freund der Götter und der Menschen. Wie!
willst du, dass er zu einem kümmerlichen Gewerbe heruntersteige? Er, der wie ein
Vogel gebaut ist, um die Welt zu überschweben, auf hohen Gipfeln zu nisten und
seine Nahrung von Knospen und Früchten, einen Zweig mit dem andern leicht
verwechselnd, zu nehmen, er sollte zugleich wie der Stier am Pfluge ziehen, wie
der Hund sich auf eine Fährte gewöhnen oder vielleicht gar, an die Kette
geschlossen, einen Meierhof durch sein Bellen sichern?«
    Werner hatte, wie man sich denken kann, mit Verwunderung zugehört. »Wenn nur
auch die Menschen«, fiel er ihm ein, »wie die Vögel gemacht wären und, ohne dass
sie spinnen und weben, holdselige Tage in beständigem Genuss zubringen könnten!
Wenn sie nur auch bei Ankunft des Winters sich so leicht in ferne Gegenden
begäben, dem Mangel auszuweichen und sich vor dem Froste zu sichern!«
    »So haben die Dichter in Zeiten gelebt, wo das Ehrwürdige mehr erkannt
ward«, rief Wilhelm aus, »und so sollten sie immer leben. Genugsam in ihrem
Innersten ausgestattet, bedurften sie wenig von aussen; die Gabe, schöne
Empfindungen, herrliche Bilder den Menschen in süssen, sich an jeden Gegenstand
anschmiegenden Worten und Melodien mitzuteilen, bezauberte von jeher die Welt
und war für den Begabten ein reichliches Erbteil. An den Könige Höfen, an den
Tischen der Reichen, vor den Türen der Verliebten horchte man auf sie, indem
sich das Ohr und die Seele für alles andere verschloss, wie man sich selig preist
und entzückt stille steht, wenn aus den Gebüschen, durch die man wandelt, die
Stimme der Nachtigall gewaltig rührend hervordringt! Sie fanden eine gastfreie
Welt, und ihr niedrig scheinender Stand erhöhte sie nur desto mehr. Der Held
lauschte ihren Gesängen, und der Überwinder der Welt huldigte einem Dichter,
weil er fühlte, dass ohne diesen sein ungeheures Dasein nur wie ein Sturmwind
vorüberfahren würde; der Liebende wünschte sein Verlangen und seinen Genuss so
tausendfach und so harmonisch zu fühlen, als ihn die beseelte Lippe zu schildern
verstand; und selbst der Reiche konnte seine Besitztümer, seine Abgötter, nicht
mit eigenen Augen so kostbar sehen, als sie ihm vom Glanz des allen Wert
fühlenden und erhöhenden Geistes beleuchtet erschienen. Ja, wer hat, wenn du
willst, Götter gebildet, uns zu ihnen erhoben, sie zu uns herniedergebracht, als
der Dichter?«
    »Mein Freund«, versetzte Werner nach einigem Nachdenken, »ich habe schon oft
bedauert, dass du das, was du so lebhaft fühlst, mit Gewalt aus deiner Seele zu
verbannen strebst. Ich müsste mich sehr irren, wenn du nicht besser tätest, dir
selbst einigermassen nachzugeben, als dich durch die Widersprüche eines so harten
Entsagens aufzureiben und dir mit der einen unschuldigen Freude den Genuss aller
übrigen zu entziehen.«
    »Darf ich dir's gestehen, mein Freund«, versetzte der andre, »und wirst du
mich nicht lächerrlich finden, wenn ich dir bekenne, dass jene Bilder mich noch
immer verfolgen, so sehr ich sie fliehe, und dass, wenn ich mein Herz untersuche,
alle frühen Wünsche fest, ja noch fester als sonst darin haften? Doch was bleibt
mir Unglücklichem gegenwärtig übrig? Ach, wer mir vorausgesagt hätte, dass die
Arme meines Geistes so bald zerschmettert werden sollten, mit denen ich ins
Unendliche griff, und mit denen ich doch gewiss ein Grosses zu umfassen hoffte,
wer mir das vorausgesagt hätte, würde mich zur Verzweiflung gebracht haben. Und
noch jetzt, da das Gericht über mich ergangen ist, jetzt, da ich die verloren
habe, die anstatt einer Gotteit mich zu meinen Wünschen hinüberführen sollte,
was bleibt mir übrig, als mich den bittersten Schmerzen zu überlassen? O mein
Bruder«, fuhr er fort, »ich leugne nicht, sie war mir bei meinen heimlichen
Anschlägen der Kloben, an dem eine Strickleiter befestigt ist: gefährlich
hoffend schwebt der Abenteurer in der Luft, das Eisen bricht, und er liegt
zerschmettert am Fusse seiner Wünsche. Es ist auch nun für mich kein Trost, keine
Hoffnung mehr! Ich werde«, rief er aus, indem er aufsprang, »von diesen
unglückseligen Papieren keines übriglassen.« Er fasste abermals ein paar Hefte
an, riss sie auf und warf sie ins Feuer. Werner wollte ihn abhalten, aber
vergebens. »Lass mich!« rief Wilhelm, »was sollen diese elenden Blätter? Für mich
sind sie weder Stufe noch Aufmunterung mehr. Sollen sie übrigbleiben, um mich
bis ans Ende meines Lebens zu peinigen? Sollen sie vielleicht einmal der Welt
zum Gespötte dienen, anstatt Mitleiden und Schauer zu erregen? Weh' über mich
und mein Schicksal! Nun verstehe ich erst die Klagen der Dichter, der aus Not
weise gewordenen Traurigen. Wie lange hielt ich mich für unzerstörbar, für
unverwundlich, und ach! nun seh' ich, dass ein tiefer früher Schade nicht wieder
auswachsen, sich nicht wieder herstellen kann; ich fühle, dass ich ihn mit ins
Grab nehmen muss. Nein! keinen Tag des Lebens soll der Schmerz vor mir weichen,
der mich noch zuletzt umbringt, und auch ihr Andenken soll bei mir bleiben, mit
mir leben und sterben, das Andenken der Unwürdigen - ach, mein Freund! wenn ich
vom Herzen reden soll - der gewiss nicht ganz Unwürdigen! Ihr Stand, ihre
Schicksale haben sie tausendmal bei mir entschuldigt. Ich bin zu grausam
gewesen, du hast mich in deine Kälte, in deine Härte unbarmherzig eingeweiht,
meine zerrütteten Sinne gefangengehalten und mich verhindert, das für sie und
für ich zu tun, was ich uns beiden schuldig war. Wer weiss, in welchen Zustand
ich sie versetzt habe, und erst nach und nach fällt mir's aufs Gewissen, in
welcher Verzweiflung, in welcher Hülflosigkeit ich sie verliess! War's nicht
möglich, dass sie sich entschuldigen konnte? War's nicht möglich? Wieviel
Missverständnisse können die Welt verwirren, wieviel Umstände können dem grössten
Fehler Vergebung erflehen! - Wie oft denke ich mir sie, in der Stille für sich
sitzend, auf ihren Ellenbogen gestützt. - Das ist, sagt sie die Treue, die
Liebe, die er mir zuschwur! Mit diesem unsanften Schlag das schöne Leben zu
endigen, das uns verband!« - Er brach in einen Strom von Tränen aus, indem er
sich mit dem Gesichte auf den Tisch warf und die übriggebliebenen Papiere
benetzte.
    Werner stand in der grössten Verlegenheit dabei. Er hatte sich dieses rasche
Auflodern der Leidenschaft nicht vermutet. Etlichemal wollte er seinem Freunde
in die Rede fallen, etlichemal das Gespräch woanders hinlenken: vergebens! er
widerstand dem Strome nicht. Auch hier übernahm die ausdauernde Freundschaft
wieder ihr Amt. Er liess den heftigsten Anfall des Schmerzens vorüber, indem er
durch seine stille Gegenwart eine aufrichtige, reine Teilnehmung am besten sehen
liess, und so blieben sie diesen Abend: Wilhelm ins stille Nachgefühl des
Schmerzens versenkt, und der andere erschreckt durch den neuen Ausbruch einer
Leidenschaft, die er lange bemeistert und durch guten Rat und eifriges Zureden
überwältigt zu haben glaubte.
 
                                Drittes Kapitel
Nach solchen Rückfällen pflegte Wilhelm meist nur desto eifriger sich den
Geschäften und der Tätigkeit zu widmen, und es war der beste Weg, dem
Labyrinte, das ihn wieder anzulocken suchte, zu entfliehen. Seine gute Art,
sich gegen Fremde zu betragen, seine Leichtigkeit, fast in allen lebenden
Sprachen Korrespondenz zu führen, gaben seinem Vater und dessen Handelsfreunde
immer mehr Hoffnung und trösteten sie über die Krankheit, deren Ursache ihnen
nicht bekannt geworden war, und über die Pause, die ihren Plan unterbrochen
hatte. Man beschloss Wilhelms Abreise zum zweitenmal, und wir finden ihn auf
seinem Pferde, den Mantelsack hinter sich, erheitert durch freie Luft und
Bewegung, dem Gebirge sich nähern, wo er einige Aufträge ausrichten sollte.
    Er durchstrich langsam Täler und Berge mit der Empfindung des grössten
Vergnügens. Überhangende Felsen, rauschende Wasserbäche, bewachsene Wände, tiefe
Gründe sah er hier zum erstenmal, und doch hatten seine frühsten Jugendträume
schon in solchen Gegenden geschwebt. Er fühlte sich bei diesem Anblicke wieder
verjüngt; all erduldeten Schmerzen waren aus seiner Seele weggewaschen, und mit
völliger Heiterkeit sagte er sich Stellen aus verschiedenen Gedichten, besonders
aus dem »Pastor fido«, vor, die an diesen einsamen Plätzen scharenweis seinem
Gedächtnisse zuflossen. Auch erinnerte er sich mancher Stellen aus seinen
eigenen Liedern, die er mit einer besonderen Zufriedenheit rezitierte. Er
belebte die Welt, die vor ihm lag, mit allen Gestalten der Vergangenheit, und
jeder Schritt in die Zukunft war ihm voll Ahnung wichtiger Handlungen und
merkwürdiger Begebenheiten.
    Mehrere Menschen, die aufeinander folgend hinter ihm herkamen, an ihm mit
einem Grusse vorbeigingen und den Weg ins Gebirge durch steile Fusspfade eilig
fortsetzten, unterbrachen einigemal seine stille Unterhaltung, ohne dass er
jedoch aufmerksam auf sie geworden wäre. Endlich gesellte sich ein gesprächiger
Gefährte zu ihm und erzählte die Ursache der starken Pilgerschaft.
    »Zu Hochdorf«, sagte er, »wird heute abend eine Komödie gegeben, wozu sich
die ganze Nachbarschaft versammelt.«
    »Wie!« rief Wilhelm, »in diesen einsamen Gebirgen, zwischen diesen
undurchdringlichen Wäldern hat die Schauspielkunst einen Weg gefunden und sich
einen Tempel aufgebaut? und ich muss zu ihrem Feste wallfahrten?«
    »Sie werden sich noch mehr wundern«, sagte der andere, »wenn Sie hören,
durch wen das Stück aufgeführt wird. Es ist eine grosse Fabrik in dem Orte, die
viel Leute ernährt. Der Unternehmer, der sozusagen von aller menschlichen
Gesellschaft entfernt lebt, weiss seine Arbeiter im Winter nicht besser zu
beschäftigen, als dass er sie veranlasst hat, Komödie zu spielen. Er leidet keine
Karten unter ihnen und wünscht sie auch sonst von rohen Sitten abzuhalten. So
bringen sie die langen Abende zu, und heute, da des Alten Geburtstag ist, geben
sie ihm zu Ehren eine besondere Festlichkeit.«
    Wilhelm kam zu Hochdorf an, wo er übernachten sollte, und stieg bei der
Fabrik ab, deren Unternehmer auch als Schuldner auf seiner Liste stand.
    Als er seinen Namen nannte, rief der Alte verwundert aus: »Ei, mein Herr,
sind Sie der Sohn des braven Mannes, dem ich so viel Dank und bis jetzt noch
Geld schuldig bin? Ihr Herr Vater hat so viel Geduld mit mir gehabt, dass ich ein
Bösewicht sein müsste, wenn ich nicht eilig und fröhlich bezahlte. Sie kommen
eben zur rechten Zeit, um zu sehen, dass es mir Ernst ist.«
    Er rief seine Frau herbei, welche ebenso erfreut war, den jungen Mann zu
sehen; sie versicherte, dass er seinem Vater gleiche, und bedauerte, dass sie ihn
wegen der vielen Fremden die Nacht nicht beherbergen könne.
    Das Geschäft war klar und bald berichtigt; Wilhelm steckte ein Röllchen Geld
in die Tasche und wünschte, dass seine übrigen Geschäfte auch so leicht gehen
möchten.
    Die Stunde des Schauspiels kam heran, man erwartete nur noch den
Oberforstmeister, der endlich auch anlangte, mit einigen Jägern eintrat und mit
der grössten Verehrung empfangen wurde.
    Die Gesellschaft wurde nunmehr ins Schauspielhaus geführt, wozu man eine
Scheune eingerichtet hatte, die gleich am Garten lag. Haus und Teater waren
ohne sonderlichen Geschmack munter und artig angelegt. Einer von den Malern, die
auf der Fabrik arbeiteten, hatte bei dem Teater in der Residenz gehandlangt und
hatte nun Wald, Strasse und Zimmer, freilich etwas roh, hingestellt. Das Stück
hatten sie von einer herumziehenden Truppe geborgt und nach ihrer eigenen Weise
zurechtgeschnitten. So wie es war, unterhielt es. Die Intrige, dass zwei
Liebhaber ein Mädchen ihrem Vormunde und wechselsweise sich selbst entreissen
wollen, brachte allerlei interessante Situationen hervor. Es war das erste
Stück, das unser Freund nach einer so langen Zeit wieder sah; er machte
mancherlei Betrachtungen. Es war voller Handlung, aber ohne Schilderung wahrer
Charaktere. Es gefiel und ergötzte. So sind die Anfänge aller Schauspielkunst.
Der rohe Mensch ist zufrieden, wenn er nur etwas vorgehen sieht; der gebildete
will empfinden, und Nachdenken ist nur dem ganz ausgebildeten angenehm.
    Den Schauspielern hätte er hie und da gerne nachgeholfen; denn es fehlte nur
wenig, so hätten sie um vieles besser sein können.
    In seinen stillen Betrachtungen störte ihn der Tabaksdampf, der immer
stärker und stärker wurde. Der Oberforstmeister hatte bald nach Anfang des
Stückes seine Pfeife angezündet und nach und nach nahmen sich mehrere diese
Freiheit heraus. Auch machten die grossen Hunde dieses Herrn schlimme Auftritte.
Man hatte sie zwar ausgesperrt; allein sie fanden bald den Weg zur Hintertüre
herein, liefen auf das Teater, rannten wider die Akteurs und gesellten sich
endlich durch einen Sprung über das Orchester zu ihrem Herrn, der den ersten
Platz im Parterre eingenommen hatte.
    Zum Nachspiel ward ein Opfer dargebracht. Ein Porträt, das den Alten in
seinem Bräutigamskleide vorstellte, stand auf einem Altar, mit Kränzen behangen.
Alle Schauspieler huldigten ihm in demutvollen Stellungen. Das jüngste Kind
trat, weiss gekleidet, hervor und hielt eine Rede in Versen, wodurch die ganze
Familie und sogar der Oberforstmeister, der sich dabei an seine Kinder
erinnerte, zu Tränen bewegt wurde. So endigte sich das Stück, und Wilhelm konnte
nicht umhin, das Teater zu besteigen, die Aktricen in der Nähe zu besehen, sie
wegen ihres Spiels zu loben und ihnen auf die Zukunft einen Rat zu geben.
    Die übrigen Geschäfte unseres Freundes, die er nach und nach in grössern und
kleinern Gebirgsorten verrichtete, liefen nicht alle so glücklich, noch so
vergnügt ab. Manche Schuldner baten um Aufschub, manche waren unhöflich, manche
leugneten. Nach seinem Auftrage sollte er einige verklagen; er musste einen
Advokaten aufsuchen, diesen instruieren, sich vor Gericht stellen, und was
dergleichen verdriessliche Geschäfte noch mehr waren.
    Ebenso schlimm erging es ihm, wenn man ihm eine Ehre erzeigen wollte. Nur
wenige Leute fand er, die ihn einigermassen unterrichten konnten, wenige, mit
denen er in ein nützliches Handelsverhältnis zu kommen hoffte. Da nun auch
unglücklicherweise Regentage einfielen, und eine Reise zu Pferd in diesen
Gegenden mit unerträglichen Beschwerden verknüpft war, so dankte er dem Himmel,
als er sich dem flachen Lande wieder näherte und am Fusse des Gebirges in einer
schönen und fruchtbaren Ebene, an einem sanften Flusse, im Sonnenscheine ein
heiteres Landstädtchen liegen sah, in welchem er zwar keine Geschäfte hatte,
aber eben deswegen sich entschloss, ein paar Tage daselbst zu verweilen, um sich
und seinem Pferde, das von dem schlimmen Wege sehr gelitten hatte, einige
Erholung zu verschaffen.
 
                                Viertes Kapitel
Als er in einem Wirtshause auf dem Markte abtrat, ging es darin sehr lustig,
wenigstens sehr lebhaft zu. Eine grosse Gesellschaft Seiltänzer, Springer und
Gaukler, die einen starken Mann bei sich hatten, waren mit Weib und Kindern
eingezogen und machten, indem sie sich auf eine öffentliche Erscheinung
bereiteten, einen Unfug über den andern. Bald stritten sie mit dem Wirte, bald
unter sich selbst; und wenn ihr Zank unleidlich war, so waren die Äusserungen
ihres Vergnügens ganz und gar unerträglich. Unschlüssig, ob er gehen oder
bleiben sollte, stand er unter dem Tore und sah den Arbeitern zu, die auf dem
Platze ein Gerüst aufzuschlagen anfingen.
    Ein Mädchen, das Rosen und andere Blumen herumtrug, bot ihm ihren Korb dar,
und er kaufte sich einen schönen Strauss, den er mit Liebhaberei anders band und
mit Zufriedenheit betrachtete, als das Fenster eines an der Seite des Platzes
stehenden andern Gastauses sich auftat und ein wohlgebildetes Frauenzimmer sich
an demselben zeigte. Er konnte ungeachtet der Entfernung bemerken, dass eine
angenehme Heiterkeit ihr Gesicht belebte. Ihre blonden Haare fielen nachlässig
aufgelöst um ihren Nacken; sie schien sich nach dem Fremden umzusehen. Einige
Zeit darauf trat ein Knabe, der eine Frisierschürze umgegürtet und ein weisses
Jäckchen anhatte, aus der Türe jenes Hauses, ging auf Wilhelmen zu, begrüsste ihn
und sagte: »Das Frauenzimmer am Fenster lässt Sie fragen, ob Sie ihr nicht einen
Teil der schönen Blumen abtreten wollen?« - »Sie stehn ihr alle zu Diensten«,
versetzte Wilhelm, indem er dem leichten Boten das Bouquet überreichte und
zugleich der Schönen ein Kompliment machte, welches sie mit einem freundlichen
Gegengruss erwiderte und sich vom Fenster zurückzog.
    Nachdenkend über dieses artige Abenteuer ging er nach seinem Zimmer die
Treppe hinauf, als ein junges Geschöpf ihm entgegensprang, das seine
Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein kurzes seidnes Westchen mit geschlitzten
spanischen Ärmeln, knappe, lange Beinkleider mit Puffen standen dem Kinde gar
artig. Lange schwarze Haare waren in Locken und Zöpfen um den Kopf gekräuselt
und gewunden. Er sah die Gestalt mit Verwunderung an und konnte nicht mit sich
einig werden, ob er sie für einen Knaben oder für ein Mädchen erklären sollte.
Doch entschied er sich bald für das letzte und hielt sie auf, da sie bei ihm
vorbeikam, bot ihr einen guten Tag und fragte sie, wem sie angehöre, ob er schon
leicht sehen konnte, dass sie ein Glied der springenden und tanzenden
Gesellschaft sein müsse. Mit einem scharfen schwarzen Seitenblick sah sie ihn
an, indem sie sich von ihm losmachte und in die Küche lief, ohne zu antworten.
    Als er die Treppe hinaufkam, fand er auf dem weiten Vorsaale zwei
Mannspersonen, die sich im Fechten übten, oder vielmehr ihre Geschicklichkeit
aneinander zu versuchen schienen. Der eine war offenbar von der Gesellschaft,
die sich im Hause befand, der andere hatte ein weniger wildes Ansehn. Wilhelm
sah ihnen zu und hatte Ursache, sie beide zu bewundern, und als nicht lange
darauf der schwarzbärtige nervige Streiter den Kampfplatz verliess, bot der
andere mit vieler Artigkeit Wilhelm das Papier an.
    »Wenn Sie einen Schüler«, versetzte dieser, »in die Lehre nehmen wollen, so
bin ich wohl zufrieden, mit Ihnen einige Gänge zu wagen.« Sie fochten zusammen,
und obgleich der Fremde dem Ankömmling weit überlegen war, so war er doch
höflich genug, zu versichern, dass alles nur auf Übung ankomme; und wirklich
hatte Wilhelm auch gezeigt, dass er früher von einem guten und gründlichen
deutschen Fechtmeister unterrichtet worden war.
    Ihre Unterhaltung ward durch das Getöse unterbrochen, mit welchem die bunte
Gesellschaft aus dem Wirtshause auszog, um die Stadt von ihrem Schauspiel zu
benachrichtigen und auf ihre Künste begierig zu machen. Einem Tambour folgte der
Entrepreneur zu Pferde, hinter ihm eine Tänzerin auf einem ähnlichen Gerippe,
die ein Kind vor sich hielt, das mit Bändern und Flintern wohl herausgeputzt
war. Darauf kam die übrige Truppe zu Fuss, wovon einige auf ihren Schultern
Kinder in abenteuerlichen Stellungen leicht und bequem dahertrugen, unter denen
die junge, schwarzköpfige, düstere Gestalt Wilhelms Aufmerksamkeit aufs neue
erregte.
    Pagliasso lief unter der andringenden Menge drollig hin und her und teilte
mit sehr begreiflichen Spässen, indem er bald ein Mädchen küsste, bald einen
Knaben pritschte, seine Zettel aus und erweckte unter dem Volke eine
unüberwindliche Begierde, ihn näher kennenzulernen.
    In den gedruckten Anzeigen waren die mannigfaltigen Künste der Gesellschaft,
besonders eines Monsieur Narziss und der Demoiselle Landrinette,
herausgestrichen, welche beide als Hauptpersonen die Klugheit gehabt hatten,
sich von dem Zuge zu entalten, sich dadurch ein vornehmeres Ansehn zu geben und
grössere Neugier zu erwecken.
    Während des Zuges hatte sich auch die schöne Nachbarin wieder am Fenster
sehen lassen, und Wilhelm hatte nicht verfehlt, sich bei seinem Gesellschafter
nach ihr zu erkundigen. Dieser, den wir einstweilen Laertes nennen wollen, erbot
sich, Wilhelm zu ihr hinüber zu begleiten. »Ich und das Frauenzimmer«, sagte er
lächelnd, »sind ein paar Trümmer einer Schauspielergesellschaft, die vor kurzem
hier scheiterte. Die Anmut des Orts hat uns bewogen, einige Zeit hier zu bleiben
und unsre wenige gesammelte Barschaft in Ruhe zu verzehren, indes ein Freund
ausgezogen ist, ein Unterkommen für sich und uns zu suchen.«
    Laertes begleitete sogleich seinen neuen Bekannten zu Philinens Türe, wo er
ihn einen Augenblick stehen liess, um in einem benachbarten Laden Zuckerwerk zu
holen. »Sie werden mir es gewiss danken«, sagte er, indem er zurückkam, »dass ich
Ihnen diese artige Bekanntschaft verschaffe.«
    Das Frauenzimmer kam ihnen auf einem Paar leichten Pantöffelchen mit hohen
Absätzen aus der Stube entgegengetreten. Sie hatte eine schwarze Mantille über
ein weisses Negligé geworfen, das, eben weil es nicht ganz reinlich war, ihr ein
häusliches und bequemes Ansehen gab; ihr kurzes Röckchen liess die niedlichsten
Füsse von der Welt sehen.
    »Sein Sie mir willkommen!« rief sie Wilhelmen zu, »und nehmen Sie meinen
Dank für die schönen Blumen.« Sie führte ihn mit der einen Hand ins Zimmer,
indem sie mit der andern den Strauss an die Brust drückte. Als sie sich
niedergesetzt hatten und in gleichgültigen Gesprächen begriffen waren, denen sie
eine reizende Wendung zu geben wusste, schüttete ihr Laertes gebrannte Mandeln in
den Schoss, von denen sie sogleich zu naschen anfing. »Sehn Sie, welch ein Kind
dieser junge Mensch ist!« rief sie aus; »er wird Sie überreden wollen, dass ich
eine grosse Freundin von solchen Näschereien sei, und er ist's, der nicht leben
kann, ohne irgend etwas Leckeres zu geniessen.«
    »Lassen Sie uns nur gestehn«, versetzte Laertes, »dass wir hierin wie in
mehrerem einander gern Gesellschaft leisten. Zum Beispiel«, sagte er, »es ist
heute ein sehr schöner Tag; ich dächte, wir führen spazieren und nähmen unser
Mittagsmahl auf der Mühle.« - »Recht gern«, sagte Philine, »wir müssen unserm
neuen Bekannten eine kleine Veränderung machen.« Laertes sprang fort, denn er
ging niemals, und Wilhelm wollte einen Augenblick nach Hause, um seine Haare,
die von der Reise noch verworren aussahen, in Ordnung bringen zu lassen. »Das
können Sie hier!« sagte sie, rief ihren kleinen Diener, nötigte Wilhelmen auf
die artigste Weise, seinen Rock auszuziehen, ihren Pudermantel anzulegen und
sich in ihrer Gegenwart frisieren zu lassen. »Man muss ja keine Zeit versäumen«,
sagte sie; »man weiss nicht, wie lange man beisammen bleibt.«
    Der Knabe, mehr trotzig und unwillig als ungeschickt, benahm sich nicht zum
besten, raufte Wilhelmen und schien so bald nicht fertig werden zu wollen.
Philine verwies ihm einigemal seine Unart, stiess ihn endlich ungeduldig hinweg
und jagte ihn zur Tür hinaus. Nun übernahm sie selbst die Bemühung und kräuselte
die Haare unsres Freundes mit grosser Leichtigkeit und Zierlichkeit, ob sie
gleich auch nicht zu eilen schien und bald dieses, bald jenes an ihrer Arbeit
auszusetzen hatte, indem sie nicht vermeiden konnte, mit ihren Knien die
seinigen zu berühren und Strauss und Busen so nahe an seine Lippen zu bringen,
dass er mehr als einmal in Versuchung gesetzt ward, einen Kuss darauf zu drücken.
    Als Wilhelm mit einem kleinen Pudermesser seine Stirn gereinigt hatte, sagte
sie zu ihm: »Stecken Sie es ein, und gedenken Sie meiner dabei.« Es war ein
artiges Messer; der Griff von eingelegtem Stahl zeigte die freundlichen Worte:
»Gedenkt mein!« Wilhelm steckte es zu sich, dankte ihr und bat um die Erlaubnis,
ihr ein kleines Gegengeschenk machen zu dürfen.
    Nun war man fertig geworden. Laertes hatte die Kutsche gebracht, und nun
begann eine sehr lustige Fahrt. Philine warf jedem Armen, der sie anbettelte,
etwas zum Schlage hinaus, indem sie ihm zugleich ein munteres und freundliches
Wort zurief.
    Sie waren kaum auf der Mühle angekommen und hatten ein Essen bestellt, als
eine Musik vor dem Hause sich hören liess. Es waren Bergleute, die zu Ziter und
Triangel mit lebhaften und grellen Stimmen verschiedene artige Lieder vortrugen.
Es dauerte nicht lange, so hatte eine herbeiströmende Menge einen Kreis um sie
geschlossen, und die Gesellschaft nickte ihnen ihren Beifall aus den Fenstern
zu. Als sie diese Aufmerksamkeit gesehen, erweiterten sie ihren Kreis und
schienen sich zu ihrem wichtigsten Stückchen vorzubereiten. Nach einer Pause
trat ein Bergmann mit einer Hacke hervor und stellte, indes die andern eine
ernstafte Melodie spielten, die Handlung des Schürfens vor.
    Es währte nicht lange, so trat ein Bauer aus der Menge und gab jenem
pantomimisch drohend zu verstehen, dass er sich von hier hinwegbegeben solle. Die
Gesellschaft war darüber verwundert und erkannte erst den in einen Bauer
verkleideten Bergmann, als er den Mund auftat und in einer Art von Rezitativ den
andern schalt, dass er wage, auf seinem Acker zu hantieren. Jener kam nicht aus
der Fassung, sondern fing an, den Landmann zu belehren, dass er recht habe, hier
einzuschlagen, und gab ihm dabei die ersten Begriffe vom Bergbau. Der Bauer, der
die fremde Terminologie nicht verstand, tat allerlei alberne Fragen, worüber die
Zuschauer, die sich klüger fühlten, ein herzliches Gelächter aufschlugen. Der
Bergmann suchte ihn zu berichten und bewies ihm den Vorteil, der zuletzt auch
auf ihn fliesse, wenn die unterirdischen Schätze des Landes herausgewühlt würden.
Der Bauer, der jenem zuerst mit Schlägen gedroht hatte, liess sich nach und nach
besänftigen, und sie schieden als gute Freunde voneinander; besonders aber zog
sich der Bergmann auf die honorabelste Art aus diesem Streite.
    »Wir haben«, sagte Wilhelm bei Tische, »an diesem kleinen Dialog das
lebhafteste Beispiel, wie nützlich allen Ständen das Teater sein könnte, wie
vielen Vorteil der Staat selbst daraus ziehen müsste, wenn man die Handlungen,
Gewerbe und Unternehmungen der Menschen von ihrer guten, lobenswürdigen Seite
und in dem Gesichtspunkte auf das Teater brächte, aus welchem sie der Staat
selbst ehren und schützen muss. Jetzt stellen wir nur die lächerliche Seite der
Menschen dar; der Lustspieldichter ist gleichsam nur ein hämischer Kontrolleur,
der auf die Fehler seiner Mitbürger überall ein wachsames Auge hat und froh zu
sein scheint, wenn er ihnen eins anhängen kann. Sollte es nicht eine angenehme
und würdige Arbeit für einen Staatsmann sein, den natürlichen, wechselseitigen
Einfluss aller Stände zu überschauen und einen Dichter, der Humor genug hätte,
bei seinen Arbeiten zu leiten? Ich bin überzeugt, es könnten auf diesem Wege
manche sehr unterhaltende, zugleich nützliche und lustige Stücke ersonnen
werden.«
    »Soviel ich«, sagte Laertes, »überall, wo ich herumgeschwärmt bin, habe
bemerken können, weiss man nur zu verbieten, zu hindern und abzulehnen, selten
aber zu gebieten, zu befördern und zu belohnen. Man lässt alles in der Welt gehn,
bis es schädlich wird; dann zürnt man und schlägt drein.«
    »Lasst mir den Staat und die Staatsleute weg«, sagte Philine, »ich kann mir
sie nicht anders als in Perücken vorstellen, und eine Perücke, es mag sie
aufhaben, wer da will, erregt in meinen Fingern eine krampfhafte Bewegung; ich
möchte sie gleich dem ehrwürdigen Herrn herunternehmen, in der Stube
herumspringen und den Kahlkopf auslachen.«
    Mit einigen lebhaften Gesängen, welche sie sehr schön vortrug, schnitt
Philine das Gespräch ab und trieb zu einer schnellen Rückfahrt, damit man die
Künste der Seiltänzer am Abende zu sehen nicht versäumen möchte. Drollig bis zur
Ausgelassenheit, setzte sie ihre Freigebigkeit gegen die Armen auf dem Heimwege
fort, indem sie zuletzt, da ihr und ihren Reisegefährten das Geld ausging, einem
Mädchen ihren Strohhut und einem alten Weibe ihr Halstuch zum Schlage
hinauswarf.
    Philine lud beide Begleiter zu sich in ihre Wohnung, weil man, wie sie
sagte, aus ihren Fenstern das öffentliche Schauspiel besser als im andern
Wirtshause sehen könne.
    Als sie ankamen, fanden sie das Gerüst aufgeschlagen und den Hintergrund mit
aufgehängten Teppichen geziert. Die Schwungbretter waren schon gelegt, das
Schlappseil an die Pfosten befestigt, und das straffe Seil über die Böcke
gezogen. Der Platz war ziemlich mit Volk gefüllt und die Fenster mit Zuschauern
einiger Art besetzt.
    Pagliass bereitete erst die Versammlung mit einigen Albernheiten, worüber die
Zuschauer immer zu lachen pflegten, zur Aufmerksamkeit und guten Laune vor.
Einige Kinder, deren Körper die seltsamsten Verrenkungen darstellten, erregten
bald Verwunderung, bald Grausen, und Wilhelm konnte sich des tiefen Mitleidens
nicht entalten, als er das Kind, an dem er beim ersten Anblicke teilgenommen,
mit einiger Mühe die sonderbaren Stellungen hervorbringen sah. Doch bald
erregten die lustigen Springer ein lebhaftes Vergnügen, wenn sie erst einzeln,
dann hintereinander und zuletzt alle zusammen sich vorwärts und rückwärts in der
Luft überschlugen. Ein lautes Händeklatschen und Jauchzen erscholl aus der
ganzen Versammlung.
    Nun aber ward die Aufmerksamkeit auf einen ganz andern Gegenstand gewendet.
Die Kinder, eins nach dem andern, mussten das Seil betreten, und zwar die
Lehrlinge zuerst, damit sie durch ihre Übungen das Schauspiel verlängerten und
die Schwierigkeit der Kunst ins Licht setzten. Es zeigten sich auch einige
Männer und erwachsene Frauenspersonen mit ziemlicher Geschicklichkeit; allein es
war noch nicht Monsieur Narziss, noch nicht Demoiselle Landrinette.
    Endlich traten auch diese aus einer Art von Zelt hinter aufgespannten roten
Vorhängen hervor und erfüllten durch ihre angenehme Gestalt und zierlichen Putz
die bisher glücklich genährte Hoffnung der Zuschauer. Er, ein munteres
Bürschchen von mittlerer Grösse, schwarzen Augen und einem starken Haarzopf; sie,
nicht minder wohl und kräftig gebildet; beide zeigten sich nacheinander auf dem
Seile mit leichten Bewegungen, Sprüngen und seltsamen Posituren. Ihre
Leichtigkeit, seine Verwegenheit, die Genauigkeit, womit beide ihre Kunststücke
ausführten, erhöhten mit jedem Schritt und Sprung das allgemeine Vergnügen. Der
Anstand, womit sie sich betrugen, die anscheinenden Bemühungen der andern um sie
gaben ihnen das Ansehn, als wenn sie Herr und Meister der ganzen Truppe wären,
und jedermann hielt sie des Ranges wert.
    Die Begeisterung des Volkes teilte sich den Zuschauern an den Fenstern mit,
die Damen sahen unverwandt nach Narzissen, die Herren nach Landrinetten. Das
Volk jauchzte, und das feinere Publikum entielt sich nicht des Klatschens; kaum
dass man noch über Pagliassen lachte. Wenige nur schlichen sich weg, als einige
von der Truppe, um Geld zu sammeln, sich mit zinnernen Tellern durch die Menge
drängten.
    »Sie haben ihre Sache, dünkt mich, gut gemacht« sagte Wilhelm zu Philinen,
die bei ihm am Fenster lag, »ich bewundere ihren Verstand, womit sie auch
geringe Kunststückchen, nach und nach und zur rechten Zeit angebracht, gelten zu
machen wussten, und wie sie aus der Ungeschicklichkeit ihrer Kinder und aus der
Virtuosität ihrer Besten ein Ganzes zusammenarbeiteten, das erst unsre
Aufmerksamkeit erregte und dann uns auf das angenehmste unterhielt.«
    Das Volk hatte sich nach und nach verlaufen, und der Platz war leer
geworden, indes Philine und Laertes über die Gestalt und die Geschicklichkeit
Narzissens und Landrinettens in Streit gerieten und sich wechselseitig neckten.
Wilhelm sah das wunderbare Kind auf der Strasse bei andern spielenden Kindern
stehen, machte Philinen darauf aufmerksam, die sogleich nach ihrer lebhaften Art
dem Kinde rief und winkte und, da es nicht kommen wollte, singend die Treppe
hinunter klapperte und es heraufführte.
    »Hier ist das Rätsel«, rief sie, als sie das Kind zur Türe hereinzog. Es
blieb am Eingange stehen, eben als wenn es gleich wieder hinausschlüpfen wollte,
legte die rechte Hand vor die Brust, die linke vor die Stirn und bückte sich
tief. »Fürchte dich nicht, liebe Kleine«, sagte Wilhelm, indem er auf sie
losging. Sie sah ihn mit unsicherm Blick an und trat einige Schritte näher.
    »Wie nennest du dich?« fragte er. - »Sie heissen mich Mignon.« - »Wieviel
Jahre hast du?« - »Es hat sie niemand gezählt.« - »Wer war dein Vater?« - »Der
grosse Teufel ist tot.«
    »Nun, das ist wunderlich genug!« rief Philine aus. Man fragte sie noch
einiges; sie brachte ihre Antworten in einem gebrochenen Deutsch und mit einer
sonderbar feierlichen Art vor; dabei legte sie jedesmal die Hände an Brust und
Haupt und neigte sich tief.
    Wilhelm konnte sie nicht genug ansehen. Seine Augen und sein Herz wurden
unwiderstehlich von dem geheimnisvollen Zustande dieses Wesens angezogen. Er
schätzte sie zwölf bis dreizehn Jahre; ihr Körper war gut gebaut, nur dass ihre
Glieder einen stärkern Wuchs versprachen oder einen zurückgehaltenen
ankündigten. Ihre Bildung war nicht regelmässig, aber auffallend; ihre Stirne
geheimnisvoll, ihre Nase ausserordentlich schön, und der Mund, ob er schon für
ihr Alter zu sehr geschlossen schien, und sie manchmal mit den Lippen nach einer
Seite zuckte, noch immer treuherzig und reizend genug. Ihre bräunliche
Gesichtsfarbe konnte man durch die Schminke kaum erkennen. Diese Gestalt prägte
sich Wilhelmen sehr tief ein; er sah sie noch immer an, schwieg und vergass der
Gegenwärtigen über seinen Betrachtungen. Philine weckte ihn aus seinem
Halbtraume, indem sie dem Kinde etwas übriggebliebenes Zuckerwerk reichte und
ihm ein Zeichen gab, sich zu entfernen. Es machte seinen Bückling wie oben und
fuhr blitzschnell zur Türe hinaus.
    Als die Zeit nunmehr herbeikam, dass unsre neuen Bekannten sich für diesen
Abend trennen sollten, redeten sie vorher noch eine Spazierfahrt auf den
morgenden Tag ab. Sie wollten abermals an einem andern Orte, auf einem
benachbarten Jägerhause, ihr Mittagmahl einnehmen. Wilhelm sprach diesen Abend
noch manches zu Philinens Lobe, worauf Laertes nur kurz und leichtsinnig
antwortete.
    Den andern Morgen, als sie sich abermals eine Stunde im Fechten geübt
hatten, gingen sie nach Philinens Gastofe, vor welchem sie die bestellte
Kutsche schon hatten anfahren sehen. Aber wie verwundert war Wilhelm, als die
Kutsche verschwunden, und wie noch mehr, als Philine nicht zu Hause anzutreffen
war. Sie hatte sich, so erzählte man, mit ein paar Fremden, die diesen Morgen
angekommen waren, in den Wagen gesetzt und war mit ihnen davongefahren. Unser
Freund, der sich in ihrer Gesellschaft eine angenehme Unterhaltung versprochen
hatte, konnte seinen Verdruss nicht verbergen. Dagegen lachte Laertes und rief:
»So gefällt sie mir! Das sieht ihr ganz ähnlich! Lassen Sie uns nur gerade nach
dem Jagdhause gehen; sie mag sein, wo sie will, wir wollen ihretwegen unsere
Promenade nicht versäumen.«
    Als Wilhelm unterwegs diese Inkonsequenz des Betragens zu tadeln fortfuhr,
sagte Laertes: »Ich kann nicht inkonsequent finden, wenn jemand seinem Charakter
treu bleibt. Wenn sie sich etwas vornimmt oder jemanden etwas verspricht, so
geschieht es nur unter der stillschweigenden Bedingung, dass es ihr auch bequem
sein werde, den Vorsatz auszuführen oder ihr Versprechen zu halten. Sie
verschenkt gern, aber man muss immer bereit sein, ihr das Geschenkte
wiederzugeben.«
    »Dies ist ein seltsamer Charakter«, versetzte Wilhelm.
    »Nichts weniger als seltsam, nur dass sie keine Heuchlerin ist. Ich liebe sie
deswegen, ja ich bin ihr Freund, weil sie mir das Geschlecht so rein darstellt,
das ich zu hassen so viel Ursache habe. Sie ist mir die wahre Eva, die
Stammmutter des weiblichen Geschlechts: so sind alle, nur wollen sie es nicht
Wort haben.«
    Unter mancherlei Gesprächen, in welchen Laertes seinen Hass gegen das
weibliche Geschlecht sehr lebhaft ausdrückte, ohne jedoch die Ursache davon
anzugeben, waren sie in den Wald gekommen, in welchen Wilhelm sehr verstimmt
eintrat, weil die Äusserungen des Laertes ihm die Erinnerung an sein Verhältnis
zu Marianen wieder lebendig gemacht hatten. Sie fanden nicht weit von einer
beschatteten Quelle, unter herrlichen alten Bäumen, Philinen allein an einem
steinernen Tische sitzen. Sie sang ihnen ein lustiges Liedchen entgegen, und als
Laertes nach ihrer Gesellschaft fragte, rief sie aus: »Ich habe sie schön
angeführt; ich habe sie zum besten gehabt, wie sie es verdienten. Schon
unterwegs setzte ich ihre Freigebigkeit auf die Probe, und da ich bemerkte, dass
sie von den kargen Näschern waren, nahm ich mir gleich vor, sie zu bestrafen.
Nach unsrer Ankunft fragten sie den Kellner, was zu haben sei, der mit der
gewöhnlichen Geläufigkeit seiner Zunge alles was da war und mehr als da war
hererzählte. Ich sah ihre Verlegenheit, sie blickten einander an, stotterten und
fragten nach dem Preise. Was bedenken Sie sich lange, rief ich aus, die Tafel
ist das Geschäft eines Frauenzimmers, lassen Sie mich dafür sorgen! Ich fing
darauf an, ein unsinniges Mittagmahl zu bestellen, wozu noch manches durch Boten
aus der Nachbarschaft geholt werden sollte. Der Kellner, den ich durch ein paar
schiefe Mäuler zum Vertrauten gemacht hatte, half mir endlich, und so haben wir
sie durch die Vorstellung eines herrlichen Gastmahls dergestalt geängstigt, dass
sie sich kurz und gut zu einem Spaziergange in den Wald entschlossen, von dem
sie wohl schwerlich zurückkommen werden. Ich habe eine Viertelstunde auf meine
eigene Hand gelacht und werde lachen, sooft ich an die Gesichter denke.« Bei
Tische erinnerte sich Laertes an ähnliche Fälle; sie kamen in den Gang, lustige
Geschichten, Missverständnisse und Prellereien zu erzählen.
    Ein junger Mann von ihrer Bekanntschaft aus der Stadt kam mit einem Buche
durch den Wald geschlichen, setzte sich zu ihnen und rühmte den schönen Platz.
Er machte sie auf das Rieseln der Quelle, auf die Bewegung der Zweige, auf die
einfallenden Lichter und auf den Gesang der Vögel aufmerksam. Philine sang ein
Liedchen vom Kuckuck, welches dem Ankömmling nicht zu behagen schien; er empfahl
sich bald.
    »Wenn ich nur nichts mehr von Natur und Naturszenen hören sollte«, rief
Philine aus, als er weg war; »es ist nichts unerträglicher, als sich das
Vergnügen vorrechnen zu lassen, das man geniesst. Wenn schön Wetter ist, geht man
spazieren, wie man tanzt, wenn aufgespielt wird. Wer mag aber nur einen
Augenblick an die Musik, wer an schönes Wetter denken? Der Tänzer interessiert
uns, nicht die Violine, und in ein Paar schöne schwarze Augen zu sehen, tut
einem Paar blauen Augen gar zu wohl. Was sollen dagegen Quellen und Brunnen und
alte morsche Linden!« Sie sah, indem sie so sprach, Wilhelmen, der ihr gegenüber
sass, mit einem Blick in die Augen, dem er nicht wehren konnte, wenigstens bis an
die Türe seines Herzens vorzudringen.
    »Sie haben recht«, versetzte er mit einiger Verlegenheit, »der Mensch ist
dem Menschen das Interessanteste und sollte ihn vielleicht ganz allein
interessieren. Alles andere, was uns umgibt, ist entweder nur Element, in dem
wir leben, oder Werkzeug, dessen wir uns bedienen. Je mehr wir uns dabei
aufhalten, je mehr wir darauf merken und teil daran nehmen, desto schwächer wird
das Gefühl unsers eignen Wertes und das Gefühl der Gesellschaft. Die Menschen,
die einen grossen Wert auf Gärten, Gebäude, Kleider, Schmuck oder irgendein
Besitztum legen, sind weniger gesellig und gefällig; sie verlieren die Menschen
aus den Augen, welche zu erfreuen und zu versammeln nur sehr wenigen glückt.
Sehn wir es nicht auch auf dem Teater? Ein guter Schauspieler macht uns bald
eine elende, unschickliche Dekoration vergessen, dahingegen das schönste Teater
den Mangel an guten Schauspielern erst recht fühlbar macht.«
    Nach Tische setzte Philine sich in das beschattete hohe Gras. Ihre beiden
Freunde mussten ihr Blumen in Menge herbeischaffen. Sie wand sich einen vollen
Kranz und setzte ihn auf; sie sah unglaublich reizend aus. Die Blumen reichten
noch zu einem andern hin; auch den flocht sie, indem sich beide Männer neben sie
setzten. Als er unter allerlei Scherz und Anspielungen fertig geworden war,
drückte sie ihn Wilhelmen mit der grössten Anmut aufs Haupt und rückte ihn mehr
als einmal anders, bis er recht zu sitzen schien. »Und ich werde, wie es
scheint, leer ausgehen«, versetzte Laertes.
    »Mit nichten«, versetzte Philine. »Ihr sollt Euch keineswegs beklagen.« Sie
nahm ihren Kranz vom Haupte und setzte ihn Laertes auf.
    »Wären wir Nebenbuhler«, sagte dieser, »so würden wir sehr heftig streiten
können, welchen von beiden du am meisten begünstigst.«
    »Da wärt ihr rechte Toren«, versetzte sie, indem sie sich zu ihm hinüberbog
und ihm den Mund zum Kuss reichte, sich aber sogleich umwendete, ihren Arm um
Wilhelmen schlang und einen lebhaften Kuss auf seine Lippen drückte. »Welcher
schmeckt am besten?« fragte sie neckisch.
    »Wunderlich!« rief Laertes. »Es scheint, als wenn so etwas niemals nach
Wermut schmecken könne.«
    »So wenig«, sagte Philine, »als irgendeine Gabe, die jemand ohne Neid und
Eigensinn geniesst. Nun hätte ich«, rief sie aus, »noch Lust, eine Stunde zu
tanzen, und dann müssen wir wohl wieder nach unsern Springern sehen.«
    Man ging nach dem Hause und fand Musik daselbst. Philine, die eine gute
Tänzerin war, belebte ihre beiden Gesellschafter. Wilhelm war nicht ungeschickt,
allein es fehlte ihm an einer künstlichen Übung. Seine beiden Freunde nahmen
sich vor, ihn zu unterrichten.
    Man verspätete sich. Die Seiltänzer hatten ihre Künste schon zu produzieren
angefangen. Auf dem Platze hatten sich viele Zuschauer eingefunden, doch war
unsern Freunden, als sie ausstiegen, ein Getümmel merkwürdig, das eine grosse
Anzahl Menschen nach dem Tore des Gastofes, in welchem Wilhelm eingekehrt war,
hingezogen hatte. Wilhelm sprang hinüber, um zu sehen, was es sei, und mit
Entsetzen erblickte er, als er sich durchs Volk drängte, den Herrn der
Seiltänzergesellschaft, der das interessante Kind bei den Haaren aus dem Hause
zu schleppen bemüht war und mit einem Peitschenstiel unbarmherzig auf den
kleinen Körper losschlug.
    Wilhelm fuhr wie ein Blitz auf den Mann zu und fasste ihn bei der Brust. »Lass
das Kind los!« schrie er wie ein Rasender, »oder einer von uns bleibt hier auf
der Stelle!« Er fasste zugleich den Kerl mit einer Gewalt, die nur der Zorn geben
kann, bei der Kehle, dass dieser zu ersticken glaubte, das Kind losliess und sich
gegen den Angreifenden zu verteidigen suchte. Einige Leute, die mit dem Kinde
Mitleiden fühlten, aber Streit anzufangen nicht gewagt hatten, fielen dem
Seiltänzer sogleich in die Arme, entwaffneten ihn und drohten ihm mit vielen
Schimpfreden. Dieser, der sich jetzt nur auf die Waffen seines Mundes reduziert
sah, fing grässlich zu drohen und zu fluchen an: die faule, unnütze Kreatur wolle
ihre Schuldigkeit nicht tun; sie verweigere den Eiertanz zu tanzen, den er dem
Publiko versprochen habe; er wolle sie totschlagen, und es solle ihn niemand
daran hindern. Er suchte sich loszumachen, um das Kind, das sich unter der Menge
verkrochen hatte, aufzusuchen. Wilhelm hielt ihn zurück und rief: »Du sollst
nicht eher dieses Geschöpf weder sehen noch berühren, bis du vor Gericht
Rechenschaft gibst, wo du es gestohlen hast; ich werde dich aufs Äusserste
treiben, du sollst mir nicht entgehen.« Diese Rede, welche Wilhelm in der Hitze,
ohne Gedanken und Absicht, aus einem dunklen Gefühl oder, wenn man will, aus
Inspiration ausgesprochen hatte, brachte den wütenden Menschen auf einmal zur
Ruhe. Er rief: »Was hab' ich mit der unnützen Kreatur zu schaffen! Zahlen Sie
mir, was mich ihre Kleider kosten, und Sie mögen sie behalten; wir wollen diesen
Abend noch einig werden.« Er eilte darauf, die unterbrochene Vorstellung
fortzusetzen und die Unruhe des Publikums durch einige bedeutende Kunststücke zu
befriedigen.
    Wilhelm suchte nunmehr, da es stille geworden war, nach dem Kinde, das sich
aber nirgends fand. Einige wollten es auf dem Boden, andere auf den Dächern der
benachbarten Häuser gesehen haben. Nachdem man es allerorten gesucht hatte,
musste man sich beruhigen und abwarten, ob es nicht von selber wieder
herbeikommen wolle.
    Indes war Narziss nach Hause gekommen, welchen Wilhelm über die Schicksale
und die Herkunft des Kindes befragte. Dieser wusste nichts davon, denn er war
nicht lange bei der Gesellschaft, erzählte dagegen mit grosser Leichtigkeit und
vielem Leichtsinne seine eigenen Schicksale. Als ihm Wilhelm zu dem grossen
Beifall Glück wünschte, dessen er sich zu erfreuen hatte, äusserte er sich sehr
gleichgültig darüber. »Wir sind gewohnt«, sagte er, »dass man über uns lacht und
unsre Künste bewundert; aber wir werden durch den ausserordentlichen Beifall um
nichts gebessert. Der Entrepreneur zahlt uns und mag sehen, wie er zurechte
kommt.« Er beurlaubte sich darauf und wollte sich eilig entfernen.
    Auf die Frage, wo er so schnell hinwolle, lächelte der junge Mensch und
gestand, dass seine Figur und Talente ihm einen solidern Beifall zugezogen, als
der des grossen Publikums sei. Er habe von einigen Frauenzimmern Botschaft
erhalten, die sehr eifrig verlangten, ihn näher kennen zu lernen, und er
fürchte, mit den Besuchen, die er abzulegen habe, vor Mitternacht kaum fertig zu
werden. Er fuhr fort, mit der grössten Aufrichtigkeit seine Abenteuer zu
erzählen, und hätte die Namen, Strassen und Häuser angezeigt, wenn nicht Wilhelm
eine solche Indiskretion abgelehnt und ihn höflich entlassen hätte.
    Laertes hatte indessen Landrinetten unterhalten und versicherte, sie sei
vollkommen würdig, ein Weib zu sein und zu bleiben.
    Nun ging die Unterhandlung mit dem Entrepreneur wegen des Kindes an, das
unserm Freunde für dreissig Taler überlassen wurde, gegen welche der
schwarzbärtige heftige Italiener seine Ansprüche völlig abtrat, von der Herkunft
des Kindes aber weiter nichts bekennen wollte, als dass er solches nach dem Tode
seines Bruders, den man wegen seiner ausserordentlichen Geschicklichkeit den
grossen Teufel genannt, zu sich genommen habe.
    Der andere Morgen ging meist mit Aufsuchen des Kindes hin. Vergebens
durchkroch man alle Winkel des Hauses und der Nachbarschaft; es war
verschwunden, und man fürchtete, es möchte in ein Wasser gesprungen sein, oder
sich sonst ein Leids angetan haben.
    Philinens Reize konnten die Unruhe unsers Freundes nicht ableiten. Er
brachte einen traurigen, nachdenklichen Tag zu. Auch des Abends, da Springer und
Tänzer alle ihre Kräfte aufboten, um sich dem Publiko aufs beste zu empfehlen,
konnte sein Gemüt nicht erheitert und zerstreut werden.
    Durch den Zulauf aus benachbarten Ortschaften hatte die Anzahl der Menschen
ausserordentlich zugenommen, und so wälzte sich auch der Schneeball des Beifalls
zu einer ungeheuren Grösse. Der Sprung über die Degen und durch das Fass mit
papiernen Böden machte eine grosse Sensation. Der starke Mann liess zum
allgemeinen Grausen, Entsetzen und Erstaunen, indem er sich mit dem Kopf und den
Füssen auf ein paar auseinander geschobene Stühle legte, auf seinen
hohlschwebenden Leib einen Amboss heben und auf demselben von einigen wackern
Schmiedegesellen ein Hufeisen fertig schmieden.
    Auch war die sogenannte Herkulesstärke, da eine Reihe Männer, auf den
Schultern einer ersten Reihe stehend, abermals Frauen und Jünglinge trägt, so
dass zuletzt eine lebendige Pyramide entsteht, deren Spitze ein Kind, auf den
Kopf gestellt, als Knopf und Wetterfahne ziert, in diesen Gegenden noch nie
gesehen worden und endigte würdig das ganze Schauspiel. Narziss und Landrinette
liessen sich in Tragsesseln auf den Schultern der übrigen durch die vornehmsten
Strassen der Stadt unter lautem Freudengeschrei des Volkes tragen. Man warf ihnen
Bänder, Blumensträusse und seidene Tücher zu und drängte sich, sie ins Gesicht zu
fassen. Jedermann schien glücklich zu sein, sie anzusehn und von ihnen eines
Blickes gewürdigt zu werden.
    »Welcher Schauspieler, welcher Schriftsteller, ja welcher Mensch überhaupt
würde sich nicht auf dem Gipfel seiner Wünsche sehen, wenn er durch irgend ein
edles Wort oder eine gute Tat einen so allgemeinen Eindruck hervorbrächte?
Welche köstliche Empfindung müsste es sein, wenn man gute, edle, der Menschheit
würdige Gefühle ebenso schnell durch einen elektrischen Schlag ausbreiten, ein
solches Entzücken unter dem Volke erregen könnte, als diese Leute durch ihre
körperliche Geschicklichkeit getan haben; wenn man der Menge das Mitgefühl alles
Menschlichen geben, wenn man sie mit der Vorstellung des Glücks und Unglücks,
der Weisheit und Torheit, ja des Unsinns und der Albernheit entzünden,
erschüttern und ihr stockendes Innere in freie, lebhafte und reine Bewegung
setzen könnte!« So sprach unser Freund, und da weder Philine noch Laertes
gestimmt schienen, einen solchen Diskurs fortzusetzen, unterhielt er sich allein
mit diesen Lieblingsbetrachtungen, als er bis spät in die Nacht um die Stadt
spazierte und seinen alten Wunsch, das Gute, Edle, Grosse durch das Schauspiel zu
versinnlichen, wieder einmal mit aller Lebhaftigkeit und aller Freiheit einer
losgebundenen Einbildungskraft verfolgte.
 
                                Fünftes Kapitel
Des andern Tages, als die Seiltänzer mit grossem Geräusch abgezogen waren, fand
sich Mignon sogleich wieder ein und trat hinzu, als Wilhelm und Laertes ihre
Fechtübungen auf dem Saale fortsetzten. »Wo hast du gesteckt?« fragte Wilhelm
freundlich, »du hast uns viel Sorge gemacht.« Das Kind antwortete nichts und sah
ihn an. »Du bist nun unser«, rief Laertes, »wir haben dich gekauft.« - »Was hast
du bezahlt?« fragte das Kind ganz trocken. »Hundert Dukaten«, versetzte Laertes;
»wenn du sie wiedergibst, kannst du frei sein.« - »Das ist wohl viel?« fragte
das Kind. - »O ja, du magst dich nur gut aufführen.« - »Ich will dienen«,
versetzte sie.
    Von dem Augenblicke an merkte sie genau, was der Kellner den beiden Freunden
für Dienste zu leisten hatte, und litt schon des andern Tages nicht mehr, dass er
ins Zimmer kam. Sie wollte alles selbst tun und machte auch ihre Geschäfte, zwar
langsam und mitunter unbehülflich, doch genau und mit grosser Sorgfalt.
    Sie stellte sich oft an ein Gefäss mit Wasser und wusch ihr Gesicht mit so
grosser Emsigkeit und Heftigkeit, dass sie sich fast die Backen aufrieb, bis
Laertes durch Fragen und Necken erfuhr, dass sie die Schminke von ihren Wangen
auf alle Weise loszuwerden suche und über dem Eifer, womit sie es tat, die Röte,
die sie durchs Reiben hervorgebracht hatte, für die hartnäckigste Schminke
halte. Man bedeutete sie, und sie liess ab, und nachdem sie wieder zur Ruhe
gekommen war, zeigte sich eine schöne braune, obgleich nur von wenigem Rot
erhöhte Gesichtsfarbe.
    Durch die frevelhaften Reize Philinens, durch die geheimnisvolle Gegenwart
des Kindes mehr, als er sich selbst gestehen durfte, unterhalten, brachte
Wilhelm verschiedene Tage in dieser sonderbaren Gesellschaft zu und
rechtfertigte sich bei sich selbst durch eine fleissige Übung in der Fecht und
Tanzkunst, wozu er so leicht nicht wieder Gelegenheit zu finden glaubte.
    Nicht wenig verwundert und gewissermassen erfreut war er, als er eines Tages
Herrn und Frau Melina ankommen sah, welche gleich nach dem ersten frohen Gruss
sich nach der Direktrice und den übrigen Schauspielern erkundigten und mit
grossem Schrecken vernahmen, dass jene sich schon lange entfernt habe, und diese
bis auf wenige zerstreut seien.
    Das junge Paar hatte sich nach ihrer Verbindung, zu der, wie wir wissen,
Wilhelm behülflich gewesen, an einigen Orten nach Engagement umgesehen, keines
gefunden und war endlich in dieses Städtchen gewiesen worden, wo einige
Personen, die ihnen unterwegs begegneten, ein gutes Teater gesehen haben
wollten.
    Philinen wollte Madame Melina, und Herr Melina dem lebhaften Laertes, als
sie Bekanntschaft machten, keinesweges gefallen. Sie wünschten die neuen
Ankömmlinge gleich wieder los zu sein, und Wilhelm konnte ihnen keine günstigen
Gesinnungen beibringen, ob er ihnen gleich wiederholt versicherte, dass es recht
gute Leute seien.
    Eigentlich war auch das bisherige lustige Leben unsrer drei Abenteurer durch
die Erweiterung der Gesellschaft auf mehr als eine Weise gestört; denn Melina
fing im Wirtshause (er hatte in ebendemselben, in welchem Philine wohnte, Platz
gefunden) gleich zu markten und zu quengeln an. Er wollte für weniges Geld
besseres Quartier, reichlichere Mahlzeit und promptere Bedienung haben. In
kurzer Zeit machten Wirt und Kellner verdriessliche Gesichter, und wenn die
andern, um froh zu leben, sich alles gefallen liessen und nur geschwind
bezahlten, um nicht länger an das zu denken, was schon verzehrt war, so musste
die Mahlzeit, die Melina regelmässig sogleich berichtigte, jederzeit von vorn
wieder durchgenommen werden, so dass Philine ihn ohne Umstände ein wiederkäuendes
Tier nannte.
    Noch verhasster war Madame Melina dem lustigen Mädchen. Diese junge Frau war
nicht ohne Bildung, doch fehlte es ihr gänzlich an Geist und Seele. Sie
deklamierte nicht übel und wollte immer deklamieren; allein man merkte bald, dass
es nur eine Wortdeklamation war, die auf einzelnen Stellen lastete und die
Empfindung des Ganzen nicht ausdruckte. Bei diesem allen war sie nicht leicht
jemanden, besonders Männern, unangenehm. Vielmehr schrieben ihr diejenigen, die
mit ihr umgingen, gewöhnlich einen schönen Verstand zu: denn sie war, was ich
mit einem Worte eine Anempfinderin nennen möchte; sie wusste einem Freunde, um
dessen Achtung ihr zu tun war, mit einer besonderen Aufmerksamkeit zu
schmeicheln, in seine Ideen so lange als möglich einzugehen, sobald sie aber
ganz über ihren Horizont waren, mit Ekstase eine solche neue Erscheinung
aufzunehmen. Sie verstand zu sprechen und zu schweigen und, ob sie gleich kein
tückisches Gemüt hatte, mit grosser Vorsicht aufzupassen, wo des andern schwache
Seite sein möchte.
 
                                Sechstes Kapitel
Melina hatte sich indessen nach den Trümmern der vorigen Direktion genau
erkundigt. Sowohl Dekorationen als Garderobe waren an einige Handelsleute
versetzt, und ein Notarius hatte den Auftrag von der Direktrice erhalten, unter
gewissen Bedingungen, wenn sich Liebhaber fänden, in den Verkauf aus freier Hand
zu willigen. Melina wollte die Sachen besehen und zog Wilhelmen mit sich. Dieser
empfand, als man ihnen die Zimmer eröffnete, eine gewisse Neigung dazu, die er
sich jedoch selbst nicht gestand. In so einem schlechten Zustande auch die
geklecksten Dekorationen waren, so wenig scheinbar auch türkische und heidnische
Kleider, alte Karikaturröcke für Männer und Frauen, Kutten für Zauberer, Juden
und Pfaffen sein mochten, so konnt' er sich doch der Empfindung nicht erwehren,
dass er die glücklichsten Augenblicke seines Lebens in der Nähe eines ähnlichen
Trödelkrams gefunden hatte. Hätte Melina in sein Herz sehen können, so würde er
ihm eifriger zugesetzt haben, eine Summe Geldes auf die Befreiung, Aufstellung
und neue Belebung dieser zerstreuten Glieder zu einem schönen Ganzen herzugeben.
»Welch ein glücklicher Mensch«, rief Melina aus, »könnte ich sein, wenn ich nur
zweihundert Taler besässe, um zum Anfange den Besitz dieser ersten teatralischen
Bedürfnisse zu erlangen. Wie bald wollt' ich ein kleines Schauspiel beisammen
haben, das uns in dieser Stadt, in dieser Gegend gewiss sogleich ernähren
sollte.« Wilhelm schwieg, und beide verliessen nachdenklich die wieder
eingesperrten Schätze.
    Melina hatte von dieser Zeit an keinen andern Diskurs als Projekte und
Vorschläge, wie man ein Teater einrichten und dabei seinen Vorteil finden
könnte. Er suchte Philinen und Laertes zu interessieren, und man tat Wilhelmen
Vorschläge, Geld herzuschiessen und Sicherheit dagegen anzunehmen. Diesem fiel
aber erst bei dieser Gelegenheit recht auf, dass er hier so lange nicht hätte
verweilen sollen; er entschuldigte sich und wollte Anstalten machen, seine Reise
fortzusetzen.
    Indessen war ihm Mignons Gestalt und Wesen immer reizender geworden. In alle
seinem Tun und Lassen hatte das Kind etwas Sonderbares. Es ging die Treppe weder
auf noch ab, sondern sprang; es stieg auf den Geländern der Gänge weg, und eh'
man sich's versah, sass es oben auf dem Schranke und blieb eine Weile ruhig. Auch
hatte Wilhelm bemerkt, dass es für jeden eine besondere Art von Gruss hatte. Ihn
grüsste sie seit einiger Zeit mit über die Brust geschlagenen Armen. Manche Tage
war sie ganz stumm, zuzeiten antwortete sie mehr auf verschiedene Fragen, immer
sonderbar, doch so, dass man nicht unterscheiden konnte, ob es Witz oder
Unkenntnis der Sprache war, indem sie ein gebrochenes, mit Französisch und
Italienisch durchflochtenes Deutsch sprach. In seinem Dienste war das Kind
unermüdet und früh mit der Sonne auf; es verlor sich dagegen abends zeitig,
schlief in einer Kammer auf der nackten Erde und war durch nichts zu bewegen,
ein Bette oder einen Strohsack anzunehmen. Er fand sie oft, dass sie sich wusch.
Auch ihre Kleider waren reinlich, obgleich alles fast doppelt und dreifach an
ihr geflickt war. Man sagte Wilhelmen auch, dass sie alle Morgen ganz früh in die
Messe gehe, wohin er ihr einmal folgte und sie in der Ecke der Kirche mit dem
Rosenkranze knien und andächtig beten sah. Sie bemerkte ihn nicht; er ging nach
Hause, machte sich vielerlei Gedanken über diese Gestalt und konnte sich bei ihr
nichts Bestimmtes denken.
    Neues Andringen Melinas um eine Summe Geldes zur Auslösung der mehrerwähnten
Teatergerätschaften bestimmte Wilhelmen noch mehr, an seine Abreise zu denken.
Er wollte den Seinigen, die lange nichts von ihm gehört hatten, noch mit dem
heutigen Posttage schreiben; er fing auch wirklich einen Brief an Wernern an und
war mit Erzählung seiner Abenteuer, wobei er, ohne es selbst zu bemerken, sich
mehrmal von der Wahrheit entfernt hatte, schon ziemlich weit gekommen, als er zu
seinem Verdruss auf der hintern Seite des Briefblatts schon einige Verse
geschrieben fand, die er für Madame Melina aus seiner Schreibtafel zu kopieren
angefangen hatte. Unwillig zerriss er das Blatt und verschob die Wiederholung
seines Bekenntnisses auf den nächsten Posttag.
 
                               Siebentes Kapitel
Unsre Gesellschaft befand sich abermals beisammen, und Philine, die auf jedes
Pferd, das vorbeikam, auf jeden Wagen, der anfuhr, äusserst aufmerksam war, rief
mit grosser Lebhaftigkeit: »Unser Pedant! Da kommt unser allerliebster Pedant!
Wen mag er bei sich haben?« Sie rief und winkte zum Fenster hinaus, und der
Wagen hielt stille.
    Ein kümmerlich armer Teufel, den man an seinem verschabten, graulich-braunen
Rocke und an seinen übelkonditionierten Unterkleidern für einen Magister, wie
sie auf Akademien zu vermodern pflegen, hätte halten sollen, stieg aus dem Wagen
und entblösste, indem er, Philinen zu grüssen, den Hut abtat, eine übelgepuderte,
aber übrigens sehr steife Perücke, und Philine warf ihm hundert Kusshände zu.
    So wie sie ihre Glückseligkeit fand, einen Teil der Männer zu lieben und
ihre Liebe zu geniessen, so war das Vergnügen nicht viel geringer, das sie sich
so oft als möglich gab, die übrigen, die sie eben in diesem Augenblicke nicht
liebte, auf eine sehr leichtfertige Weise zum besten zu haben.
    Über den Lärm, womit sie diesen alten Freund empfing, vergass man auf die
übrigen zu achten, die ihm nachfolgten. Doch glaubte Wilhelm die zwei
Frauenzimmer und einen ältlichen Mann, der mit ihnen hereintrat, zu kennen. Auch
entdeckte sich's bald, dass er sie alle drei vor einigen Jahren bei der
Gesellschaft, die in seiner Vaterstadt spielte, mehrmals gesehen hatte. Die
Töchter waren seit der Zeit herangewachsen; der Alte aber hatte sich wenig
verändert. Dieser spielte gewöhnlich die gutmütigen polternden Alten, wovon das
deutsche Teater nicht leer wird, und die man auch im gemeinen Leben nicht
selten antrifft. Denn da es der Charakter unsrer Landsleute ist, das Gute ohne
viel Prunk zu tun und zu leisten, so denken sie selten daran, dass es auch eine
Art gebe, das Rechte mit Zierlichkeit und Anmut zu tun, und verfallen vielmehr,
von einem Geiste des Widerspruchs getrieben, leicht in den Fehler, durch ein
mürrisches Wesen ihre liebste Tugend im Kontraste darzustellen.
    Solche Rollen spielte unser Schauspieler sehr gut, und er spielte sie so oft
und ausschliesslich, dass er darüber eine ähnliche Art sich zu betragen im
gemeinen Leben angenommen hatte.
    Wilhelm geriet in grosse Bewegung, sobald er ihn erkannte; denn er erinnerte
sich, wie oft er diesen Mann neben seiner geliebten Mariane auf dem Teater
gesehen hatte; er hörte ihn noch schelten, er hörte ihre schmeichelnde Stimme,
mit der sie seinem rauhen Wesen in manchen Rollen zu begegnen hatte.
    Die erste lebhafte Frage an die neuen Ankömmlinge, ob ein Unterkommen
auswärts zu finden und zu hoffen sei, ward leider mit Nein beantwortet, und man
musste vernehmen, dass die Gesellschaften, bei denen man sich erkundigt, besetzt
und einige davon sogar in Sorgen seien, wegen des bevorstehenden Krieges
auseinandergehen zu müssen. Der polternde Alte hatte mit seinen Töchtern, aus
Verdruss und Liebe zur Abwechslung, ein vorteilhaftes Engagement aufgegeben,
hatte mit dem Pedanten, den er unterwegs traf, einen Wagen gemietet, um hierher
zu kommen, wo denn auch, wie sie fanden, guter Rat teuer war.
    Die Zeit, in welcher sich die übrigen über ihre Angelegenheiten sehr lebhaft
unterhielten, brachte Wilhelm nachdenklich zu. Er wünschte den Alten allein zu
sprechen, wünschte und fürchtete, von Marianen zu hören, und befand sich in der
grössten Unruhe.
    Die Artigkeiten der neuangekommenen Frauenzimmer konnten ihn nicht aus
seinem Traume reissen; aber ein Wortwechsel, der sich erhub, machte ihn
aufmerksam. Es war Friedrich, der blonde Knabe, der Philinen aufzuwarten
pflegte, sich aber diesmal lebhaft widersetzte, als er den Tisch decken und
Essen herbeischaffen sollte. »Ich habe mich verpflichtet«, rief er aus, »Ihnen
zu dienen, aber nicht allen Menschen aufzuwarten.« Sie gerieten darüber in einen
heftigen Streit. Philine bestand darauf, er habe seine Schuldigkeit zu tun, und
als er sich hartnäckig widersetzte, sagte sie ihm ohne Umstände, er könnte
gehen, wohin er wolle.
    »Glauben Sie etwa, dass ich mich nicht von Ihnen entfernen könne?« rief er
aus, ging trotzig weg, machte seinen Bündel zusammen und eilte sogleich zum
Hause hinaus. »Geh, Mignon«, sagte Philine, »und schaff' uns, was wir brauchen!
sag' es dem Kellner und hilf aufwarten!«
    Mignon trat vor Wilhelm hin und fragte in ihrer lakonischen Art: »Soll ich?
darf ich?« und Wilhelm versetzte: »Tu, mein Kind, was Mademoiselle dir sagt.«
    Das Kind besorgte alles und wartete den ganzen Abend mit grosser Sorgfalt den
Gästen auf. Nach Tisch suchte Wilhelm mit dem Alten einen Spaziergang allein zu
machen; es gelang ihm, und nach mancherlei Fragen, wie es ihm bisher gegangen,
wendete sich das Gespräch auf die ehemalige Gesellschaft, und Wilhelm wagte
zuletzt nach Marianen zu fragen.
    »Sagen Sie mir nichts von dem abscheulichen Geschöpf!« rief der Alte, »ich
habe verschworen, nicht mehr an sie zu denken.« Wilhelm erschrak über diese
Äusserung, war aber noch in grösserer Verlegenheit, als der Alte fortfuhr, auf
ihre Leichtfertigkeit und Liederlichkeit zu schmälen. Wie gern hätte unser
Freund das Gespräch abgebrochen! Allein er musste nun einmal die polternden
Ergiessungen des wunderlichen Mannes aushalten.
    »Ich schäme mich«, fuhr dieser fort, »dass ich ihr so geneigt war. Doch
hätten Sie das Mädchen näher gekannt, Sie würden mich gewiss entschuldigen. Sie
war so artig, natürlich und gut, so gefällig und in jedem Sinne leidlich. Nie
hätt' ich mir vorgestellt, dass Frechheit und Undank die Hauptzüge ihres
Charakters sein sollten.«
    Schon hatte sich Wilhelm gefasst gemacht, das Schlimmste von ihr zu hören,
als er auf einmal mit Verwunderung bemerkte, dass der Ton des Alten milder wurde,
seine Rede endlich stockte und er ein Schnupftuch aus der Tasche nahm, um die
Tränen zu trocknen, die zuletzt seine Rede unterbrachen.
    »Was ist Ihnen?« rief Wilhelm aus. »Was gibt Ihren Empfindungen auf einmal
eine so entgegengesetzte Richtung? Verbergen Sie mir es nicht; ich nehme an dem
Schicksale dieses Mädchens mehr Anteil, als Sie glauben; nur lassen Sie mich
alles wissen.«
    »Ich habe wenig zu sagen«, versetzte der Alte, indem er wieder in seinen
ernstlichen, verdriesslichen Ton überging. »Ich werde es ihr nie vergeben, was
ich um sie geduldet habe. Sie hatte«, fuhr er fort, »immer ein gewisses Zutrauen
zu mir; ich liebte sie wie meine Tochter und hatte, da meine Frau noch lebte,
den Entschluss gefasst, sie zu mir zu nehmen und sie aus den Händen des Alten zu
retten, von deren Anleitung ich mir nicht viel Gutes versprach. Meine Frau
starb, das Projekt zerschlug sich.
    Gegen das Ende des Aufentalts in Ihrer Vaterstadt, es sind nicht gar drei
Jahre, merkte ich ihr eine sichtbare Traurigkeit an; ich fragte sie, aber sie
wich aus. Endlich machten wir uns auf die Reise. Sie fuhr mit mir in einem
Wagen, und ich bemerkte, was sie mir auch bald gestand, dass sie guter Hoffnung
sei, und in der grössten Furcht schwebe, von unserm Direktor verstossen zu werden.
Auch dauerte es nur kurze Zeit, so machte er die Entdeckung, kündigte ihr den
Kontrakt, der ohnedies nur auf sechs Wochen stand, sogleich auf, zahlte, was sie
zu fordern hatte, und liess sie, aller Vorstellungen ungeachtet, in einem kleinen
Städtchen in einem schlechten Wirtshause zurück.
    Der Henker hole alle liederlichen Dirnen!« rief der Alte mit Verdruss, »und
besonders diese, die mir so manche Stunde meines Lebens verdorben hat. Was soll
ich lange erzählen, wie ich mich ihrer angenommen, was ich für sie getan, was
ich an sie gehängt, wie ich auch in der Abwesenheit für sie gesorgt habe. Ich
wollte lieber mein Geld in den Teich werfen, und meine Zeit hinbringen, räudige
Hunde zu erziehen, als nur jemals wieder auf so ein Geschöpf die mindeste
Aufmerksamkeit wenden. Was war's? Im Anfang erhielt ich Danksagungsbriefe,
Nachricht von einigen Orten ihres Aufentalts und zuletzt kein Wort mehr, nicht
einmal Dank für das Geld, das ich ihr zu ihren Wochen geschickt hatte. O, die
Verstellung und der Leichtsinn der Weiber ist so recht zusammengepaart, um ihnen
ein bequemes Leben und einem ehrlichen Kerl manche verdriessliche Stunde zu
schaffen!«
 
                                 Achtes Kapitel
Man denke sich Wilhelms Zustand, als er von dieser Unterredung nach Hause kam.
Alle seine alten Wunden waren wieder aufgerissen, und das Gefühl, dass sie seiner
Liebe nicht ganz unwürdig gewesen, wieder lebhaft geworden; denn in dem
Interesse des Alten, in dem Lobe, das er ihr wider Willen geben musste, war
unserm Freunde ihre ganze Liebenswürdigkeit wieder erschienen; ja selbst die
heftige Anklage des leidenschaftlichen Mannes entielt nichts, was sie vor
Wilhelms Augen hätte herabsetzen können. Denn dieser bekannte sich selbst als
Mitschuldigen ihrer Vergehungen, und ihr Schweigen zuletzt schien ihm nicht
tadelhaft; er machte sich vielmehr nur traurige Gedanken darüber, sah sie als
Wöchnerin, als Mutter in der Welt ohne Hülfe herumirren, wahrscheinlich mit
seinem eigenen Kinde herumirren, Vorstellungen, welche das schmerzlichste Gefühl
in ihm erregten.
    Mignon hatte auf ihn gewartet und leuchtete ihm die Treppe hinauf. Als sie
das Licht niedergesetzt hatte, bat sie ihn, zu erlauben, dass sie ihm heute abend
mit einem Kunststücke aufwarten dürfe. Er hätte es lieber verbeten, besonders da
er nicht wusste, was es werden sollte. Allein er konnte diesem guten Geschöpfe
nichts abschlagen. Nach einer kurzen Zeit trat sie wieder herein. Sie trug einen
Teppich unter dem Arme, den sie auf der Erde ausbreitete. Wilhelm liess sie
gewähren. Sie brachte darauf vier Lichter, stellte eins auf jeden Zipfel des
Teppichs. Ein Körbchen mit Eiern, das sie darauf holte, machte die Absicht
deutlicher. Künstlich abgemessen schritt sie nunmehr auf dem Teppich hin und
her, und legte in gewissen Massen die Eier auseinander; dann rief sie einen
Menschen herein, der im Hause aufwartete und die Violine spielte. Er trat mit
seinem Instrumente in die Ecke; sie verband sich die Augen, gab das Zeichen und
fing zugleich mit der Musik, wie ein aufgezogenes Räderwerk, ihre Bewegungen an,
indem sie Takt und Melodie mit dem Schlage der Kastagnetten begleitete.
    Behende, leicht, rasch, genau führte sie den Tanz. Sie trat so scharf und so
sicher zwischen die Eier hinein, bei den Eiern nieder, dass man jeden Augenblick
dachte, sie müsse eins zertreten oder bei schnellen Wendungen das andre
fortschleudern. Mit nichten! Sie berührte keines, ob sie gleich mit allen Arten
von Schritten, engen und weiten, ja sogar mit Sprüngen und zuletzt halb knieend
sich durch die Reihen durchwand.
    Unaufhaltsam wie ein Uhrwerk lief sie ihren Weg, und die sonderbare Musik
gab dem immer wieder von vorne anfangenden und losrauschenden Tanze bei jeder
Wiederholung einen neuen Stoss. Wilhelm war von dem sonderbaren Schauspiele ganz
hingerissen; er vergass seiner Sorgen, folgte jeder Bewegung der geliebten
Kreatur, und war verwundert, wie in diesem Tanze sich ihr Charakter vorzüglich
entwickelte.
    Streng, scharf, trocken, heftig und in sanften Stellungen mehr feierlich als
angenehm zeigte sie sich. Er empfand, was er schon für Mignon gefühlt, in diesem
Augenblicke auf einmal. Er sehnte sich, dieses verlassene Wesen an Kindesstatt
seinem Herzen einzuverleiben, es in seine Arme zu nehmen und mit der Liebe eines
Vaters Freude des Lebens in ihm zu erwecken.
    Der Tanz ging zu Ende; sie rollte die Eier mit den Füssen sachte zusammen auf
ein Häufchen, liess keines zurück, beschädigte keines und stellte sich dazu,
indem sie die Binde von den Augen nahm und ihr Kunststück mit einem Bücklinge
endigte.
    Wilhelm dankte ihr, dass sie ihm den Tanz, den er zu sehen gewünscht, so
artig und unvermutet vorgetragen habe. Er streichelte sie und bedauerte, dass sie
sich's habe so sauer werden lassen. Er versprach ihr ein neues Kleid, worauf sie
heftig antwortete: »Deine Farbe!« Auch das versprach er ihr, ob er gleich nicht
deutlich wusste, was sie darunter meine. Sie nahm die Eier zusammen, den Teppich
unter den Arm, fragte, ob er noch etwas zu befehlen habe, und schwang sich zur
Tür hinaus.
    Von dem Musikus erfuhr er, dass sie sich seit einiger Zeit viele Mühe
gegeben, ihm den Tanz, welches der bekannte Fandango war, so lange vorzusingen,
bis er ihn habe spielen können. Auch habe sie ihm für seine Bemühungen etwas
Geld angeboten, das er aber nicht nehmen wollen.
 
                                Neuntes Kapitel
Nach einer unruhigen Nacht, die unser Freund teils wachend, teils von schweren
Träumen geängstigt zubrachte, in denen er Marianen bald in aller Schönheit, bald
in kümmerlicher Gestalt, jetzt mit einem Kinde auf dem Arm, bald desselben
beraubt sah, war der Morgen kaum angebrochen, als Mignon schon mit einem
Schneider hereintrat. Sie brachte graues Tuch und blauen Taffet und erklärte
nach ihrer Art, dass sie ein neues Westchen und Schifferhosen, wie sie solche an
den Knaben in der Stadt gesehen, mit blauen Aufschlägen und Bändern haben wolle.
    Wilhelm hatte seit dem Verlust Marianens alle muntern Farben abgelegt. Er
hatte sich an das Grau, an die Kleidung der Schatten, gewöhnt, und nur etwa ein
himmelblaues Futter oder ein kleiner Kragen von dieser Farbe belebte
einigermassen jene stille Kleidung. Mignon, begierig, seine Farbe zu tragen,
trieb den Schneider, der in kurzem die Arbeit zu liefern versprach.
    Die Tanz- und Fechtstunden, die unser Freund heute mit Laertes nahm, wollten
nicht zum besten glücken. Auch wurden sie bald durch Melinas Ankunft
unterbrochen, der umständlich zeigte, wie jetzt eine kleine Gesellschaft
beisammen sei, mit welcher man schon Stücke genug aufführen könne. Er erneuerte
seinen Antrag, dass Wilhelm einiges Geld zum Etablissement vorstrecken solle,
wobei dieser abermals seine Unentschlossenheit zeigte.
    Philine und die Mädchen kamen bald hierauf mit Lachen und Lärmen herein. Sie
hatten sich abermals eine Spazierfahrt ausgedacht; denn Veränderung des Orts und
der Gegenstände war eine Lust, nach der sie sich immer sehnten. Täglich an einem
andern Orte zu essen, war ihr höchster Wunsch. Diesmal sollte es eine
Wasserfahrt werden.
    Das Schiff, womit sie die Krümmungen des angenehmen Flusses hinunterfahren
wollten, war schon durch den Pedanten bestellt. Philine trieb, die Gesellschaft
zauderte nicht und war bald eingeschifft.
    »Was fangen wir nun an?« fragte Philine, indem sich alle auf die Bänke
niedergelassen hatten.
    »Das kürzeste wäre«, versetzte Laertes, »wir extemporierten ein Stück. Nehme
jeder eine Rolle, die seinem Charakter am angemessensten ist, und wir wollen
sehen, wie es uns gelingt.«
    »Fürtrefflich!« sagte Wilhelm, »denn in einer Gesellschaft, in der man sich
nicht verstellt, in welcher jedes nur seinem Sinne folgt, kann Anmut und
Zufriedenheit nicht lange wohnen, und wo man sich immer verstellt, dahin kommen
sie gar nicht. Es ist also nicht übel getan, wir geben uns die Verstellung
gleich von Anfang zu und sind nachher unter der Maske so aufrichtig, als wir
wollen.«
    »Ja«, sagte Laertes, »deswegen geht sich's so angenehm mit Weibern um, die
sich niemals in ihrer natürlichen Gestalt sehen lassen.«
    »Das macht«, versetzte Madame Melina, »dass sie nicht so eitel sind wie die
Männer, welche sich einbilden, sie seien schon immer liebenswürdig genug, wie
sie die Natur hervorgebracht hat.«
    Indessen war man zwischen angenehmen Büschen und Hügeln, zwischen Gärten und
Weinbergen hingefahren, und die jungen Frauenzimmer, besonders aber Madame
Melina, drückten ihr Entzücken über die Gegend aus. Letztre fing sogar an, ein
artiges Gedicht von der beschreibenden Gattung über eine ähnliche Naturszene
feierlich herzusagen; allein Philine unterbrach sie und schlug ein Gesetz vor,
dass sich niemand unterfangen solle, von einem unbelebten Gegenstand zu sprechen;
sie setzte vielmehr den Vorschlag zur extemporierten Komödie mit Eifer durch.
Der polternde Alte sollte einen pensionierten Offizier, Laertes einen
vazierenden Fechtmeister, der Pedant einen Juden vorstellen, sie selbst wolle
eine Tirolerin machen und überliess den übrigen, sich ihre Rollen zu wählen. Man
sollte fingieren, als ob sie eine Gesellschaft weltfremder Menschen seien, die
soeben auf einem Marktschiffe zusammenkomme.
    Sie fing sogleich mit dem Juden ihre Rolle zu spielen an, und eine
allgemeine Heiterkeit verbreitete sich.
    Man war nicht lange gefahren, als der Schiffer stille hielt, um mit
Erlaubnis der Gesellschaft noch jemand einzunehmen, der am Ufer stand und
gewinkt hatte.
    »Das ist eben noch, was wir brauchten«, rief Philine, »ein blinder Passagier
fehlte noch der Reisegesellschaft.«
    Ein wohlgebildeter Mann stieg in das Schiff, den man an seiner Kleidung und
seiner ehrwürdigen Miene wohl für einen Geistlichen hätte nehmen können. Er
begrüsste die Gesellschaft, die ihm nach ihrer Weise dankte und ihn bald mit
ihrem Scherz bekannt machte. Er nahm darauf die Rolle eines Landgeistlichen an,
die er zur Verwunderung aller auf das artigste durchsetzte, indem er bald
ermahnte, bald Histörchen erzählte, einige schwache Seiten blicken liess und sich
doch im Respekt zu erhalten wusste.
    Indessen hatte jeder, der nur ein einziges Mal aus seinem Charakter
herausgegangen war, ein Pfand geben müssen. Philine hatte sie mit grosser
Sorgfalt gesammelt und besonders den geistlichen Herrn mit vielen Küssen bei der
künftigen Einlösung bedroht, ob er gleich selbst nie in Strafe genommen ward.
Melina dagegen war völlig ausgeplündert. Hemdenknöpfe und Schnallen und alles,
was Bewegliches an seinem Leibe war, hatte Philine zu sich genommen; denn er
wollte einen reisenden Engländer vorstellen und konnte auf keine Weise in seine
Rolle hineinkommen.
    Die Zeit war indes auf das angenehmste vergangen, jedes hatte seine
Einbildungskraft und seinen Witz aufs möglichste angestrengt, und jedes seine
Rolle mit angenehmen und unterhaltenden Scherzen ausstaffiert. So kam man an dem
Ort an, wo man sich den Tag über aufhalten wollte, und Wilhelm geriet mit dem
Geistlichen, wie wir ihn seinem Aussehn und seiner Rolle nach nennen wollen, auf
dem Spaziergange bald in ein interessantes Gespräch.
    »Ich finde diese Übung«, sagte der Unbekannte, »unter Schauspielern, ja in
Gesellschaft von Freunden und Bekannten sehr nützlich. Es ist die beste Art, die
Menschen aus sich heraus- und durch einen Umweg wieder in sich hineinzuführen.
Es sollte bei jeder Truppe eingeführt sein, dass sie sich manchmal auf diese
Weise üben müsste, und das Publikum würde gewiss dabei gewinnen, wenn alle Monate
ein nicht geschriebenes Stück aufgeführt würde, worauf sich freilich die
Schauspieler in mehreren Proben müssten vorbereitet haben.«
    »Man dürfte sich«, versetzte Wilhelm, »ein extemporiertes Stück nicht als
ein solches denken, das aus dem Stegreife sogleich komponiert würde, sondern als
ein solches, wovon zwar Plan, Handlung und Szeneneinteilung gegeben wären,
dessen Ausführung aber dem Schauspieler überlassen bliebe.«
    »Ganz richtig«, sagte der Unbekannte, »und eben was diese Ausführung
betrifft, würde ein solches Stück, sobald die Schauspieler nur einmal im Gang
wären, ausserordentlich gewinnen. Nicht die Ausführung durch Worte, denn durch
diese muss freilich der überlegende Schriftsteller seine Arbeit zieren, sondern
die Ausführung durch Gebärden und Mienen, Ausrufungen und was dazu gehört, kurz
das stumme, halblaute Spiel, welches nach und nach bei uns ganz verlorenzugehen
scheint. Es sind wohl Schauspieler in Deutschland, deren Körper das zeigt, was
sie denken und fühlen, die durch Schweigen, Zaudern, durch Winke, durch zarte,
anmutige Bewegungen des Körpers eine Rede vorzubereiten, und die Pausen des
Gesprächs durch eine gefällige Pantomime mit dem Ganzen zu verbinden wissen,
aber eine Übung, die einem glücklichen Naturell zu Hülfe käme und es lehrte, mit
dem Schriftsteller zu wetteifern, ist nicht so im Gange, als es zum Troste
derer, die das Teater besuchen, wohl zu wünschen wäre.«
    »Sollte aber nicht«, versetzte Wilhelm, »ein glückliches Naturell als das
Erste und Letzte einen Schauspieler wie jeden andern Künstler, ja vielleicht wie
jeden Menschen, allein zu einem so hochaufgesteckten Ziele bringen?«
    »Das Erste und Letzte, Anfang und Ende möchte es wohl sein und bleiben; aber
in der Mitte dürfte dem Künstler manches fehlen, wenn nicht Bildung das erste
aus ihm macht, was er sein soll, und zwar frühe Bildung; denn vielleicht ist
derjenige, dem man Genie zuschreibt, übler dran als der, der nur gewöhnliche
Fähigkeiten besitzt; denn jener kann leichter verbildet und viel heftiger auf
falsche Wege gestossen werden als dieser.«
    »Aber«, versetzte Wilhelm, »wird das Genie sich nicht selbst retten, die
Wunden, die es sich geschlagen, selbst heilen?«
    »Mitnichten«, versetzte der andere, »oder wenigstens nur notdürftig; denn
niemand glaube die ersten Eindrücke der Jugend überwinden zu können. Ist er in
einer löblichen Freiheit, umgeben von schönen und edlen Gegenständen, in dem
Umgange mit guten Menschen aufgewachsen, haben ihn seine Meister das gelehrt,
was er zuerst wissen musste, um das übrige leichter zu begreifen, hat er gelernt,
was er nie zu verlernen braucht, wurden seine ersten Handlungen so geleitet, dass
er das Gute künftig leichter und bequemer vollbringen kann, ohne sich irgend
etwas abgewöhnen zu müssen, so wird dieser Mensch ein reineres, vollkommneres
und glücklicheres Leben führen als ein anderer, der seine ersten Jugendkräfte im
Widerstand und im Irrtum zugesetzt hat. Es wird so viel von Erziehung gesprochen
und geschrieben, und ich sehe nur wenig Menschen, die den einfachen, aber grossen
Begriff, der alles andere in sich schliesst, fassen und in die Ausführung
übertragen können.«
    »Das mag wohl wahr sein«, sagte Wilhelm, »denn jeder Mensch ist beschränkt
genug, den andern zu seinem Ebenbild erziehen zu wollen. Glücklich sind
diejenigen daher, deren sich das Schicksal annimmt, das jeden nach seiner Weise
erzieht.«
    »Das Schicksal«, versetzte lächelnd der andere, »ist ein vornehmer, aber
teurer Hofmeister. Ich würde mich immer lieber an die Vernunft eines
menschlichen Meisters halten. Das Schicksal, für dessen Weisheit ich alle
Ehrfurcht trage, mag an dem Zufall, durch den es wirkt, ein sehr ungelenkes
Organ haben. Denn selten scheint dieser genau und rein auszuführen, was jenes
beschlossen hatte.«
    »Sie scheinen einen sehr sonderbaren Gedanken auszusprechen«, versetzte
Wilhelm.
    »Mitnichten! Das meiste, was in der Welt begegnet, rechtfertigt meine
Meinung. Zeigen viele Begebenheiten im Anfange nicht einen grossen Sinn, und
gehen die meisten nicht auf etwas Albernes hinaus?«
    »Sie wollen scherzen.«
    »Und ist es nicht«, fuhr der andere fort, »mit dem, was einzelnen Menschen
begegnet, ebenso? Gesetzt, das Schicksal hätte einen zu einem guten Schauspieler
bestimmt (und warum sollt' es uns nicht auch mit guten Schauspielern
versorgen?), unglücklicherweise führte der Zufall aber den jungen Mann in ein
Puppenspiel, wo er sich früh nicht entalten konnte, an etwas Abgeschmacktem
teilzunehmen etwas Albernes leidlich, wohl gar interessant zu finden, und so die
jugendlichen Eindrücke, welche nie verlöschen, denen wir eine gewisse
Anhänglichkeit nie entziehen können, von einer falschen Seite zu empfangen.«
    »Wie kommen Sie aufs Puppenspiel?« fiel ihm Wilhelm mit einiger Bestürzung
ein.
    »Es war nur ein willkürliches Beispiel; wenn es Ihnen nicht gefällt, so
nehmen wir ein andres. Gesetzt, das Schicksal hätte einen zu einem grossen Maler
bestimmt, und dem Zufall beliebte es, seine Jugend in schmutzige Hütten, Ställe
und Scheunen zu verstossen, glauben Sie, dass ein solcher Mann sich jemals zur
Reinlichkeit, zum Adel, zur Freiheit der Seele erheben werde? Mit je lebhafterm
Sinn er das Unreine in seiner Jugend angefasst und nach seiner Art veredelt hat,
desto gewaltsamer wird es sich in der Folge seines Lebens an ihm rächen, indem
es sich, inzwischen dass er es zu überwinden suchte, mit ihm aufs innigste
verbunden hat. Wer früh in schlechter, unbedeutender Gesellschaft gelebt hat,
wird sich, wenn er auch später eine bessere haben kann, immer nach jener
zurücksehnen, deren Eindruck ihm zugleich mit der Erinnerung jugendlicher, nur
selten zu wiederholender Freuden geblieben ist.«
    Man kann denken, dass unter diesem Gespräch sich nach und nach die übrige
Gesellschaft entfernt hatte. Besonders war Philine gleich vom Anfang auf die
Seite getreten. Man kam durch einen Seitenweg zu ihnen zurück. Philine brachte
die Pfänder hervor, welche auf allerlei Weise gelöst werden mussten, wobei der
Fremde sich durch die artigsten Erfindungen und durch eine ungezwungene
Teilnahme der ganzen Gesellschaft und besonders den Frauenzimmern sehr empfahl,
und so flossen die Stunden des Tages unter Scherzen, Singen, Küssen und allerlei
Neckereien auf das angenehmste vorbei.
 
                                Zehntes Kapitel
Als sie sich wieder nach Hause begeben wollten, sahen sie sich nach ihrem
Geistlichen um; allein er war verschwunden und an keinem Orte zu finden.
    »Es ist nicht artig von dem Manne, der sonst viel Lebensart zu haben
scheint«, sagte Madame Melina, »eine Gesellschaft, die ihn so freundlich
aufgenommen, ohne Abschied zu verlassen.«
    »Ich habe mich die ganze Zeit her schon besonnen«, sagte Laertes, »wo ich
diesen sonderbaren Mann schon ehemals möchte gesehen haben. Ich war eben im
Begriff, ihn beim Abschiede darüber zu befragen.«
    »Mir ging es ebenso«, versetzte Wilhelm, »und ich hätte ihn gewiss nicht
entlassen, bis er uns etwas Näheres von seinen Umständen entdeckt hätte. Ich
müsste mich sehr irren, wenn ich ihn nicht schon irgendwo gesprochen hätte.«
    »Und doch könntet ihr euch«, sagte Philine, »darin wirklich irren. Dieser
Mann hat eigentlich nur das falsche Ansehen eines Bekannten, weil er aussieht
wie ein Mensch und nicht wie Hans oder Kunz.«
    »Was soll das heissen?« sagte Laertes. »Sehen wir nicht auch aus wie
Menschen?«
    »Ich weiss, was ich sage«, versetzte Philine, »und wenn ihr mich nicht
begreift, so lasst's gut sein. Ich werde nicht am Ende noch gar meine Worte
auslegen sollen.«
    Zwei Kutschen fuhren vor. Man lobte die Sorgfalt des Laertes, der sie
bestellt hatte. Philine nahm neben Madame Melina, Wilhelmen gegenüber, Platz,
und die übrigen richteten sich ein, so gut sie konnten. Laertes selbst ritt auf
Wilhelms Pferde, das auch mit herausgekommen war, nach der Stadt zurück.
    Philine sass kaum in dem Wagen, als sie artige Lieder zu singen und das
Gespräch auf Geschichten zu lenken wusste, von denen sie behauptete, dass sie mit
Glück dramatisch behandelt werden könnten. Durch diese kluge Wendung hatte sie
gar bald ihren jungen Freund in seine beste Laune gesetzt, und er komponierte
aus dem Reichtum seines lebendigen Bildervorrats sogleich ein ganzes Schauspiel
mit allen seinen Akten, Szenen, Charakteren und Verwicklungen. Man fand für gut,
einige Arien und Gesänge einzuflechten; man dichtete sie, und Philine, die in
alles einging, passte ihnen gleich bekannte Melodien an und sang sie aus dem
Stegreife.
    Sie hatte eben heute ihren schönen, sehr schönen Tag; sie wusste mit allerlei
Neckereien unsern Freund zu beleben; es ward ihm wohl, wie es ihm lange nicht
gewesen war.
    Seitdem ihn jene grausame Entdeckung von der Seite Marianens gerissen hatte,
war er dem Gelübde treu geblieben, sich vor der zusammenschlagenden Falle einer
weiblichen Umarmung zu hüten, das treulose Geschlecht zu meiden, seine
Schmerzen, seine Neigung, seine süssen Wünsche in seinem Busen zu verschliessen.
Die Gewissenhaftigkeit, womit er dies Gelübde beobachtete, gab seinem ganzen
Wesen eine geheime Nahrung, und da sein Herz nicht ohne Teilnehmung bleiben
konnte, so ward eine liebevolle Mitteilung nun zum Bedürfnisse. Er ging wieder
wie von dem ersten Jugendnebel begleitet umher, seine Augen fassten jeden
reizenden Gegenstand mit Freuden auf, und nie war sein Urteil über eine
liebenswürdige Gestalt schonender gewesen. Wie gefährlich ihm in einer solchen
Lage das verwegene Mädchen werden musste, lässt sich leider nur zu gut einsehen.
    Zu Hause fanden sie auf Wilhelms Zimmer schon alles zum Empfang bereit, die
Stühle zu einer Vorlesung zurechte gestellt und den Tisch in die Mitte gesetzt,
auf welchem der Punschnapf seinen Platz nehmen sollte.
    Die deutschen Ritterstücke waren damals eben neu und hatten die
Aufmerksamkeit und Neigung des Publikums an sich gezogen. Der alte Polterer
hatte eines dieser Art mitgebracht, und die Vorlesung war beschlossen worden.
Man setzte sich nieder. Wilhelm bemächtigte sich des Exemplars und fing zu lesen
an.
    Die geharnischten Ritter, die alten Burgen, die Treuherzigkeit,
Rechtlichkeit und Redlichkeit, besonders aber die Unabhängigkeit der handelnden
Personen wurden mit grossem Beifall aufgenommen. Der Vorleser tat sein
möglichstes, und die Gesellschaft kam ausser sich. Zwischen dem zweiten und
dritten Akt kam der Punsch in einem grossen Napfe, und da in dem Stücke selbst
sehr viel getrunken und angestossen wurde, so war nichts natürlicher, als dass die
Gesellschaft bei jedem solchen Falle sich lebhaft an den Platz der Helden
versetzte, gleichfalls anklingte und die Günstlinge unter den handelnden
Personen hoch leben liess.
    Jedermann war von dem Feuer des edelsten Nationalgeistes entzündet. Wie sehr
gefiel es dieser deutschen Gesellschaft, sich ihrem Charakter gemäss auf eignem
Grund und Boden poetisch zu ergötzen! Besonders taten die Gewölbe und Keller,
die verfallenen Schlösser, das Moos und die hohlen Bäume, über alles aber die
nächtlichen Zigeunerszenen und das heimliche Gericht eine ganz unglaubliche
Wirkung. Jeder Schauspieler sah nun, wie er bald in Helm und Harnisch, jede
Schauspielerin, wie sie mit einem grossen stehenden Kragen ihre Deutschheit vor
dem Publiko produzieren werde. Jeder wollte sich sogleich einen Namen aus dem
Stücke oder aus der deutschen Geschichte zueignen, und Madame Melina beteuerte,
Sohn oder Tochter, wozu sie Hoffnung hatte, nicht anders als Adelbert oder
Mechtilde taufen zu lassen.
    Gegen den fünften Akt ward der Beifall lärmender und lauter, ja zuletzt, als
der Held wirklich seinem Unterdrücker entging und der Tyrann gestraft wurde, war
das Entzücken so gross, dass man schwur, man habe nie so glückliche Stunden
gehabt. Melina, den der Trank begeistert hatte, war der Lauteste, und da der
zweite Punschnapf geleert war und Mitternacht herannahte, schwur Laertes hoch
und teuer, es sei kein Mensch würdig, an diese Gläser jemals wieder eine Lippe
zu setzen, und warf mit dieser Beteurung sein Glas hinter sich und durch die
Scheiben auf die Gasse hinaus. Die übrigen folgten seinem Beispiele, und
ungeachtet der Protestationen des herbeieilenden Wirtes wurde der Punschnapf
selbst, der nach einem solchen Feste durch unheiliges Getränk nicht wieder
entweiht werden sollte, in tausend Stücke geschlagen. Philine, der man ihren
Rausch am wenigsten ansah, indes die beiden Mädchen nicht in den anständigsten
Stellungen auf dem Kanapee lagen, reizte die andern mit Schadenfreude zum Lärm.
Madame Melina rezitierte einige erhabene Gedichte, und ihr Mann, der im Rausche
nicht sehr liebenswürdig war, fing an, auf die schlechte Bereitung des Punsches
zu schelten, versicherte, dass er ein Fest ganz anders einzurichten verstehe, und
ward zuletzt, als Laertes Stillschweigen gebot, immer gröber und lauter, so dass
dieser, ohne sich lange zu bedenken, ihm die Scherben des Napfes an den Kopf
warf und dadurch den Lärm nicht wenig vermehrte.
    Indessen war die Scharwache herbeigekommen und verlangte, ins Haus
eingelassen zu werden. Wilhelm, vom Lesen sehr erhitzt, ob er gleich nur wenig
getrunken, hatte genug zu tun, um mit Beihülfe des Wirts die Leute durch Geld
und gute Worte zu befriedigen und die Glieder der Gesellschaft in ihren
misslichen Umständen nach Hause zu schaffen. Er warf sich, als er zurückkam, vom
Schlafe überwältigt, voller Unmut, unausgekleidet aufs Bett, und nichts glich
der unangenehmen Empfindung, als er des andern Morgens die Augen aufschlug und
mit düsterm Blick auf die Verwüstungen des vergangenen Tages, den Unrat und die
bösen Wirkungen hinsah, die ein geistreiches, lebhaftes und wohlgemeintes
Dichterwerk hervorgebracht hatte.
 
                                Eilftes Kapitel
Nach einem kurzen Bedenken rief er sogleich den Wirt herbei und liess sowohl den
Schaden als auch die Zeche auf seine Rechnung schreiben. Zugleich vernahm er
nicht ohne Verdruss, dass sein Pferd von Laertes gestern bei dem Hereinreiten
dergestalt angegriffen worden, dass es wahrscheinlich, wie man zu sagen pflegt,
verschlagen habe, und dass der Schmied wenig Hoffnung zu seinem Aufkommen gebe.
    Ein Gruss von Philinen, den sie ihm aus ihrem Fenster zuwinkte, versetzte ihn
dagegen wieder in einen heitern Zustand, und er ging sogleich in den nächsten
Laden, um ihr ein kleines Geschenk, das er ihr gegen das Pudermesser noch
schuldig war, zu kaufen, und wir müssen bekennen, er hielt sich nicht in den
Grenzen eines proportionierten Gegengeschenks. Er kaufte ihr nicht allein ein
Paar sehr niedliche Ohrringe, sondern nahm dazu noch einen Hut und Halstuch und
einige andere Kleinigkeiten, die er sie den ersten Tag hatte verschwenderisch
wegwerfen sehen.
    Madame Melina, die ihn eben, als er seine Gaben überreichte, zu beobachten
kam, suchte noch vor Tische eine Gelegenheit, ihn sehr ernstlich über die
Empfindung für dieses Mädchen zur Rede zu setzen, und er war um so erstaunter,
als er nichts weniger denn diese Vorwürfe zu verdienen glaubte. Er schwur hoch
und teuer, dass es ihm keineswegs eingefallen sei, sich an diese Person, deren
ganzen Wandel er wohl kenne, zu wenden; er entschuldigte sich, so gut er konnte,
über sein freundliches und artiges Betragen gegen sie, befriedigte aber Madame
Melina auf keine Weise; vielmehr ward diese immer verdriesslicher, da sie
bemerken musste, dass die Schmeichelei, wodurch sie sich eine Art von Neigung
unsers Freundes erworben hatte, nicht hinreiche, diesen Besitz gegen die
Angriffe einer lebhaften, jüngern und von der Natur glücklicher begabten Person
zu verteidigen.
    Ihren Mann fanden sie gleichfalls, da sie zu Tische kamen, bei sehr üblem
Humor, und er fing schon an, ihn über Kleinigkeiten auszulassen, als der Wirt
hereintrat und einen Harfenspieler anmeldete. »Sie werden«, sagte er, »gewiss
Vergnügen an der Musik und an den Gesängen dieses Mannes finden; es kann sich
niemand, der ihn hört, entalten, ihn zu bewundern und ihm etwas weniges
mitzuteilen.«
    »Lassen Sie ihn weg«, versetzte Melina, »ich bin nichts weniger als
gestimmt, einen Leiermann zu hören, und wir haben allenfalls Sänger unter uns,
die gern etwas verdienten.« Er begleitete diese Worte mit einem tückischen
Seitenblicke, den er auf Philinen warf. Sie verstand ihn und war gleich bereit,
zu seinem Verdruss, den angemeldeten Sänger zu beschützen. Sie wendete sich zu
Wilhelmen und sagte: »Sollen wir den Mann nicht hören, sollen wir nichts tun, um
uns aus der erbärmlichen Langenweile zu retten?«
    Melina wollte ihr antworten, und der Streit wäre lebhafter geworden, wenn
nicht Wilhelm den im Augenblick hereintretenden Mann begrüsst und ihn
herbeigewinkt hätte.
    Die Gestalt dieses seltsamen Gastes setzte die ganze Gesellschaft in
Erstaunen, und er hatte schon von einem Stuhle Besitz genommen, ehe jemand ihn
zu fragen oder sonst etwas vorzubringen das Herz hatte. Sein kahler Scheitel war
von wenig grauen Haaren umkränzt, grosse blaue Augen blickten sanft unter langen
weissen Augenbrauen hervor. An eine wohlgebildete Nase schloss sich ein langer
weisser Bart an, ohne die gefällige Lippe zu bedecken, und ein langes
dunkelbraunes Gewand umhüllte den schlanken Körper vom Halse bis zu den Füssen;
und so fing er auf der Harfe, die er vor sich genommen hatte, zu präludieren an.
    Die angenehmen Töne, die er aus dem Instrumente hervorlockte, erheiterten
gar bald die Gesellschaft.
    »Ihr pflegt auch zu singen, guter Alter«, sagte Philine.
    »Gebt uns etwas, das Herz und Geist zugleich mit den Sinnen ergötze«, sagte
Wilhelm. »Das Instrument sollte nur die Stimme begleiten; denn Melodien, Gänge
und Läufe ohne Worte und Sinn scheinen mir Schmetterlingen oder schönen bunten
Vögeln ähnlich zu sein, die in der Luft vor unsern Augen herumschweben, die wir
allenfalls haschen und uns zueignen möchten; da sich der Gesang dagegen wie ein
Genius gen Himmel hebt und das bessere Ich in uns ihn zu begleiten anreizt.«
    Der Alte sah Wilhelmen an, alsdann in die Höhe, tat einige Griffe auf der
Harfe und begann sein Lied. Es entielt ein Lob auf den Gesang, pries das Glück
der Sänger und ermahnte die Menschen, sie zu ehren. Er trug das Lied mit so viel
Leben und Wahrheit vor, dass es schien, als hätte er es in diesem Augenblicke und
bei diesem Anlasse gedichtet. Wilhelm entielt sich kaum, ihm um den Hals zu
fallen; nur die Furcht, ein lautes Gelächter zu erregen, zog ihn auf seinen
Stuhl zurück; denn die übrigen machten schon halblaut einige alberne Anmerkungen
und stritten, ob es ein Pfaffe oder ein Jude sei.
    Als man nach dem Verfasser des Liedes fragte, gab er keine bestimmte
Antwort; nur versicherte er, dass er reich an Gesängen sei, und wünsche nur, dass
sie gefallen möchten. Der grösste Teil der Gesellschaft war fröhlich und freudig,
ja selbst Melina nach seiner Art offen geworden, und indem man untereinander
schwatzte und scherzte, fing der Alte das Lob des geselligen Lebens auf das
geistreichste zu singen an. Er pries Einigkeit und Gefälligkeit mit
einschmeichelnden Tönen. Auf einmal ward sein Gesang trocken, rauh und
verworren, als er gehässige Verschlossenheit, kurzsinnige Feindschaft und
gefährlichen Zwiespalt bedauerte, und gern warf jede Seele diese unbequemen
Fesseln ab, als er, auf den Fittichen einer vordringenden Melodie getragen, die
Friedensstifter pries und das Glück der Seelen, die sich wiederfinden, sang.
    Kaum hatte er geendigt, als ihm Wilhelm zurief: »Wer du auch seist, der du
als ein hülfreicher Schutzgeist mit einer segnenden und belebenden Stimme zu uns
kommst, nimm meine Verehrung und meinen Dank! Fühle, dass wir alle dich
bewundern, und vertrau' uns, wenn du etwas bedarfst!«
    Der Alte schwieg, liess erst seine Finger über die Saiten schleichen, dann
griff er sie stärker an und sang:
»Was hör' ich draussen vor dem Tor,
Was auf der Brücke schallen?
Lasst den Gesang zu unserm Ohr
Im Saale widerhallen!«
Der König sprach's, der Page lief,
Der Knabe kam, der König rief:
»Bring' ihn herein, den Alten.«
»Gegrüsset seid, ihr hohen Herrn,
Gegrüsst ihr, schöne Damen!
Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!
Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit
Schliesst, Augen, euch, hier ist nicht Zeit,
Sich staunend zu ergötzen.«
Der Sänger drückt' die Augen ein
Und schlug die vollen Töne;
Der Ritter schaute mutig drein,
Und in den Schoss die Schöne.
Der König, dem das Lied gefiel,
Liess ihm zum Lohne für sein Spiel
Eine goldne Kette holen.
»Die goldne Kette gib mir nicht,
Die Kette gib den Rittern,
Vor deren kühnem Angesicht
Der Feinde Lanzen splittern.
Gib sie dem Kanzler, den du hast,
Und lass ihn noch die goldne Last
Zu andern Lasten tragen.
Ich singe, wie der Vogel singt,
Der in den Zweigen wohnet.
Das Lied, das aus der Kehle dringt,
Ist Lohn, der reichlich lohnet;
Doch darf ich bitten, bitt' ich eins,
Lass einen Trunk des besten Weins
In reinem Glase bringen.«
Er setzt' es an, er trank es aus:
»O Trank der süssen Labe!
O! dreimal hochbeglücktes Haus,
Wo das ist kleine Gabe!
Ergeht's euch wohl, so denkt an mich,
Und danket Gott so warm, als ich
Für diesen Trunk euch danke.«
Da der Sänger nach geendigtem Liede ein Glas Wein, das für ihn eingeschenkt
dastand, ergriff, und es mit freundlicher Miene, sich gegen seine Wohltäter
wendend, austrank, entstand eine allgemeine Freude in der Versammlung. Man
klatschte und rief ihm zu, es möge dieses Glas zu seiner Gesundheit, zur
Stärkung seiner alten Glieder gereichen. Er sang noch einige Romanzen und
erregte immer mehr Munterkeit in der Gesellschaft.
    »Kannst du die Melodie, Alter«, rief Philine, »der Schäfer putzte sich zum
Tanz?«
    »O ja«, versetzte er; »wenn Sie das Lied singen und aufführen wollen, an mir
soll es nicht fehlen.«
    Philine stand auf und hielt sich fertig. Der Alte begann die Melodie, und
sie sang ein Lied, das wir unsern Lesern nicht mitteilen können, weil sie es
vielleicht abgeschmackt oder wohl gar unanständig finden könnten.
    Inzwischen hatte die Gesellschaft, die immer heiterer geworden war, noch
manche Flasche Wein ausgetrunken und fing an, sehr laut zu werden. Da aber
unserm Freunde die bösen Folgen ihrer Lust noch in frischem Andenken schwebten,
suchte er abzubrechen, steckte dem Alten für seine Bemühung eine reichliche
Belohnung in die Hand, die andern taten auch etwas, man liess ihn abtreten und
ruhen und versprach sich auf den Abend eine wiederholte Freude von seiner
Geschicklichkeit.
    Als er hinweg war, sagte Wilhelm zu Philinen: »Ich kann zwar in Ihrem
Leibgesange weder ein dichterisches noch sittliches Verdienst finden; doch wenn
Sie mit eben der Naivetät, Eigenheit und Zierlichkeit etwas Schickliches auf dem
Teater jemals ausführen, so wird Ihnen allgemeiner lebhafter Beifall gewiss
zuteil werden.«
    »Ja«, sagte Philine, »es müsste eine recht angenehme Empfindung sein, sich am
Eise zu wärmen.«
    »Überhaupt«, sagte Wilhelm, »wie sehr beschämt dieser Mann manchen
Schauspieler. Haben Sie bemerkt, wie richtig der dramatische Ausdruck seiner
Romanzen war? Gewiss, es lebte mehr Darstellung in seinem Gesang als in unsern
steifen Personen auf der Bühne; man sollte die Aufführung mancher Stücke eher
für eine Erzählung halten und diesen musikalischen Erzählungen eine sinnliche
Gegenwart zuschreiben.«
    »Sie sind ungerecht!« versetzte Laertes. »Ich gebe mich weder für einen
grossen Schauspieler noch Sänger; aber das weiss ich, dass, wenn die Musik die
Bewegungen des Körpers leitet, ihnen Leben gibt und ihnen zugleich das Mass
vorschreibt, wenn Deklamation und Ausdruck schon von dem Kompositeur auf mich
übertragen werden, so bin ich ein ganz anderer Mensch, als wenn ich im
prosaischen Drama das alles erst erschaffen und Takt und Deklamation mir erst
erfinden soll, worin mich noch dazu jeder Mitspielende stören kann.«
    »So viel weiss ich«, sagte Melina, »dass uns dieser Mann in einem Punkte gewiss
beschämt, und zwar in einem Hauptpunkte. Die Stärke seiner Talente zeigt sich in
dem Nutzen, den er davon zieht. Uns, die wir vielleicht bald in Verlegenheit
sein werden, wo wir eine Mahlzeit hernehmen, bewegt er, unsre Mahlzeit mit ihm
zu teilen. Er weiss uns das Geld, das wir anwenden könnten, um uns in einige
Verfassung zu setzen, durch ein Liedchen aus der Tasche zu locken. Es scheint so
angenehm zu sein, das Geld zu verschleudern, womit man sich und andern eine
Existenz verschaffen könnte.«
    Das Gespräch bekam durch diese Bemerkung nicht die angenehmste Wendung.
Wilhelm, auf den der Vorwurf eigentlich gerichtet war, antwortete mit einiger
Leidenschaft, und Melina, der sich eben nicht der grössten Feinheit befliss,
brachte zuletzt seine Beschwerden mit ziemlich trocknen Worten vor. »Es sind nun
schon vierzehn Tage«, sagte er, »dass wir das hier verpfändete Teater und die
Garderobe besehen haben, und beides konnten wir für eine sehr leidliche Summe
haben. Sie machten mir damals Hoffnung, dass Sie mir so viel kreditieren würden,
und bis jetzt habe ich noch nicht gesehen, dass Sie die Sache weiter bedacht oder
sich einem Entschluss genähert hätten. Griffen Sie damals zu, so wären wir jetzt
im Gange. Ihre Absicht, zu verreisen, haben Sie auch noch nicht ausgeführt, und
Geld scheinen Sie mir diese Zeit über auch nicht gespart zu haben; wenigstens
gibt es Personen, die immer Gelegenheit zu verschaffen wissen, dass es
geschwinder weggehe.«
    Dieser nicht ganz ungerechte Vorwurf traf unsern Freund. Er versetzte
einiges darauf mit Lebhaftigkeit, ja mit Heftigkeit, und ergriff, da die
Gesellschaft aufstund und sich zerstreute, die Türe, indem er nicht undeutlich
zu erkennen gab, dass er sich nicht lange mehr bei so unfreundlichen und
undankbaren Menschen aufhalten wolle. Er eilte verdriesslich hinunter, sich auf
eine steinerne Bank zu setzen, die vor dem Tore seines Gastofs stand, und
bemerkte nicht, dass er halb aus Lust, halb aus Verdruss mehr als gewöhnlich
getrunken hatte.
 
                                Zwölftes Kapitel
Nach einer kurzen Zeit, die er, beunruhigt von mancherlei Gedanken, sitzend und
vor sich hinsehend zugebracht hatte, schlenderte Philine singend zur Haustüre
heraus, setzte sich zu ihm, ja man dürfte beinahe sagen, auf ihn, so nahe rückte
sie an ihn heran, lehnte sich auf seine Schultern, spielte mit seinen Locken,
streichelte ihn und gab ihm die besten Worte von der Welt. Sie bat ihn, er
möchte ja bleiben und sie nicht in der Gesellschaft allein lassen, in der sie
vor langer Weile sterben müsste; sie könne nicht mehr mit Melina unter einem
Dache ausdauern und habe sich deswegen herüberquartiert.
    Vergebens suchte er sie abzuweisen, ihr begreiflich zu machen, dass er länger
weder bleiben könne noch dürfe. Sie liess mit Bitten nicht ab, ja unvermutet
schlang sie ihren Arm um seinen Hals und küsste ihn mit dem lebhaftesten
Ausdrucke des Verlangens.
    »Sind Sie toll, Philine?« rief Wilhelm aus, indem er sich loszumachen
suchte, »die öffentliche Strasse zum Zeugen solcher Liebkosungen zu machen, die
ich auf keine Weise verdiene! Lassen Sie mich los, ich kann nicht und ich werde
nicht bleiben.«
    »Und ich werde dich festalten«, sagte sie, »und ich werde dich hier auf
öffentlicher Strasse so lange küssen, bis du mir versprichst, was ich wünsche.
Ich lache mich zu Tode«, fuhr sie fort; »nach dieser Vertraulichkeit halten mich
die Leute gewiss für deine Frau von vier Wochen, und die Ehemänner, die eine so
anmutige Szene sehen, werden mich ihren Weibern als ein Muster einer kindlich
unbefangenen Zärtlichkeit anpreisen.«
    Eben gingen einige Leute vorbei, und sie liebkoste ihn auf das anmutigste,
und er, um kein Skandal zu geben, war gezwungen, die Rolle des geduldigen
Ehemannes zu spielen. Dann schnitt sie den Leuten Gesichter im Rücken und trieb
voll Übermut allerhand Ungezogenheiten, bis er zuletzt versprechen musste, noch
heute und morgen und übermorgen zu bleiben.
    »Sie sind ein rechter Stock!« sagte sie darauf, indem sie von ihm abliess,
»und ich eine Törin, dass ich so viel Freundlichkeit an Sie verschwende.« Sie
stand verdriesslich auf und ging einige Schritte; dann kehrte sie lachend zurück
und rief: »Ich glaube eben, dass ich darum in dich vernarrt bin, ich will nur
gehen und meinen Strickstrumpf holen, dass ich etwas zu tun habe. Bleibe ja,
damit ich den steinernen Mann auf der steinernen Bank wiederfinde.«
    Diesmal tat sie ihm Unrecht; denn so sehr er sich von ihr zu entalten
strebte, so würde er doch in diesem Augenblicke, hätte er sich mit ihr in einer
einsamen Laube befunden, ihre Liebkosungen wahrscheinlich nicht unerwidert
gelassen haben.
    Sie ging, nachdem sie ihm einen leichtfertigen Blick zugeworfen, in das
Haus. Er hatte keinen Beruf, ihr zu folgen, vielmehr hatte ihr Betragen einen
neuen Widerwillen in ihm erregt; doch hob er sich, ohne selbst recht zu wissen,
warum, von der Bank, um ihr nachzugehen.
    Er war eben im Begriff, in die Türe zu treten, als Melina herbeikam, ihn
bescheiden anredete und ihn wegen einiger im Wortwechsel zu hart ausgesprochenen
Ausdrücke um Verzeihung bat. »Sie nehmen mir nicht übel«, fuhr er fort, »wenn
ich in dem Zustande, in dem ich mich befinde, mich vielleicht zu ängstlich
bezeige; aber die Sorge für eine Frau, vielleicht bald für ein Kind, verhindert
mich von einem Tag zum andern, ruhig zu leben und meine Zeit mit dem Genuss
angenehmer Empfindungen hinzubringen, wie Ihnen noch erlaubt ist. Überdenken
Sie, und wenn es Ihnen möglich ist, so setzen Sie mich in den Besitz der
teatralischen Gerätschaften, die sich hier vorfinden. Ich werde nicht lange Ihr
Schuldner und Ihnen dafür ewig dankbar bleiben.«
    Wilhelm, der sich ungern auf der Schwelle aufgehalten sah, über die ihn eine
unwiderstehliche Neigung in diesem Augenblicke zu Philinen hinüberzog, sagte mit
einer überraschten Zerstreuung und eilfertigen Gutmütigkeit: »Wenn ich Sie
dadurch glücklich und zufrieden machen kann, so will ich mich nicht länger
bedenken. Gehn Sie hin, machen Sie alles richtig. Ich bin bereit, noch diesen
Abend oder morgen früh das Geld zu zahlen.« Er gab hierauf Melinan die Hand zur
Bestätigung seines Versprechens und war sehr zufrieden, als er ihn eilig über
die Strasse weggehen sah; leider aber wurde er von seinem Eindringen ins Haus zum
zweitenmal und auf eine unangenehmere Weise zurückgehalten.
    Ein junger Mensch mit einem Bündel auf dem Rücken kam eilig die Strasse her
und trat zu Wilhelmen, der ihn gleich für Friedrichen erkannte.
    »Da bin ich wieder!« rief er aus, indem er seine grossen blauen Augen freudig
umher und hinauf an alle Fenster gehen liess; »wo ist Mamsell? Der Henker mag es
länger in der Welt aushalten, ohne sie zu sehen!«
    Der Wirt, der eben dazugetreten war, versetzte: »Sie ist oben«, und mit
wenigen Sprüngen war er die Treppe hinauf, und Wilhelm blieb auf der Schwelle
wie eingewurzelt stehen. Er hätte in den ersten Augenblicken den Jungen bei den
Haaren rückwärts die Treppe herunterreissen mögen; dann hemmte der heftige Krampf
einer gewaltsamen Eifersucht auf einmal den Lauf seiner Lebensgeister und seiner
Ideen, und da er sich nach und nach von seiner Erstarrung erholte, überfiel ihn
eine Unruhe, ein Unbehagen, dergleichen er in seinem Leben noch nicht empfunden
hatte.
    Er ging auf seine Stube und fand Mignon mit Schreiben beschäftigt. Das Kind
hatte sich eine Zeit her mit grossem Fleisse bemüht, alles, was es auswendig
wusste, zu schreiben, und hatte seinem Herrn und Freund das Geschriebene zu
korrigieren gegeben. Sie war unermüdet und fasste gut; aber die Buchstaben
blieben ungleich und die Linien krumm. Auch hier schien ihr Körper dem Geist zu
widersprechen. Wilhelm, dem die Aufmerksamkeit des Kindes, wenn er ruhigen
Sinnes war, grosse Freude machte, achtete diesmal wenig auf das, was sie ihm
zeigte; sie fühlte es und betrübte sich darüber nur desto mehr, als sie glaubte,
diesmal ihre Sache recht gut gemacht zu haben.
    Wilhelms Unruhe trieb ihn auf den Gängen des Hauses auf und ab und bald
wieder an die Haustüre. Ein Reiter sprengte vor, der ein gutes Ansehn hatte, und
der bei gesetzten Jahren noch viel Munterkeit verriet. Der Wirt eilte ihm
entgegen, reichte ihm als einem bekannten Freunde die Hand und rief: »Ei, Herr
Stallmeister, sieht man Sie auch einmal wieder!«
    »Ich will nur hier füttern«, versetzte der Fremde, »ich muss gleich hinüber
auf das Gut, um in der Geschwindigkeit allerlei einrichten zu lassen. Der Graf
kömmt morgen mit seiner Gemahlin, sie werden sich eine Zeitlang drüben
aufhalten, um den Prinzen von *** auf das beste zu bewirten, der in dieser
Gegend wahrscheinlich sein Hauptquartier aufschlägt.«
    »Es ist schade, dass Sie nicht bei uns bleiben können«, versetzte der Wirt;
»wir haben gute Gesellschaft.« Der Reitknecht, der nachsprengte, nahm dem
Stallmeister das Pferd ab, der sich unter der Türe mit dem Wirt unterhielt und
Wilhelmen von der Seite ansah.
    Dieser, da er merkte, dass von ihm die Rede sei, begab sich weg und ging
einige Strassen auf und ab.
 
                              Dreizehntes Kapitel
In der verdriesslichen Unruhe, in der er sich befand, fiel ihm ein, den Alten
aufzusuchen, durch dessen Harfe er die bösen Geister zu verscheuchen hoffte. Man
wies ihn, als er nach dem Manne fragte, an ein schlechtes Wirtshaus in einem
entfernten Winkel des Städtchens und in demselben die Treppe hinauf bis auf den
Boden, wo ihm der süsse Harfenklang aus einer Kammer entgegenschallte. Es waren
herzrührende, klagende Töne, von einem traurigen, ängstlichen Gesange begleitet.
Wilhelm schlich an die Türe, und da der gute Alte eine Art von Phantasie vortrug
und wenige Strophen teils singend, teils rezitierend immer wiederholte, konnte
der Horcher nach einer kurzen Aufmerksamkeit ungefähr folgendes verstehen:
Wer nie sein Brot mit Tränen ass,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend sass,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr lasst den Armen schuldig werden,
Dann überlasst ihr ihn der Pein,
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.
Die wehmütige, herzliche Klage drang tief in die Seele des Hörers. Es schien
ihm, als ob der Alte manchmal von Tränen gehindert würde, fortzufahren; dann
klangen die Saiten allein, bis sich wieder die Stimme leise in gebrochenen
Lauten darein mischte. Wilhelm stand an dem Pfosten, seine Seele war tief
gerührt, die Trauer des Unbekannten schloss sein beklommenes Herz auf; er
widerstand nicht dem Mitgefühl und konnte und wollte die Tränen nicht
zurückhalten, die des Alten herzliche Klage endlich auch aus seinen Augen
hervorlockte. Alle Schmerzen, die seine Seele drückten, lösten sich zu gleicher
Zeit auf, er überliess sich ihnen ganz, stiess die Kammertüre auf und stand vor
dem Alten, der ein schlechtes Bette, den einzigen Hausrat dieser armseligen
Wohnung, zu seinem Sitze zu nehmen genötigt gewesen.
    »Was hast du mir für Empfindungen rege gemacht, guter Alter!« rief er aus:
»alles, was in meinem Herzen stockte, hast du losgelöst; lass dich nicht stören,
sondern fahre fort, indem du deine Leiden linderst, einen Freund glücklich zu
machen.« Der Alte wollte aufstehen und etwas reden, Wilhelm verhinderte ihn
daran; denn er hatte zu Mittage bemerkt, dass der Mann ungern sprach; er setzte
sich vielmehr zu ihm auf den Strohsack nieder.
    Der Alte trocknete seine Tränen und fragte mit einem freundlichen Lächeln:
»Wie kommen Sie hierher? Ich wollte Ihnen diesen Abend wieder aufwarten.«
    »Wir sind hier ruhiger«, versetzte Wilhelm, »singe mir, was du willst, was
zu deiner Lage passt, und tue nur, als ob ich gar nicht hier wäre. Es scheint
mir, als ob du heute nicht irren könntest. Ich finde dich sehr glücklich, dass du
dich in der Einsamkeit so angenehm beschäftigen und unterhalten kannst und, da
du überall ein Fremdling bist, in deinem Herzen die angenehmste Bekanntschaft
findest.«
    Der Alte blickte auf seine Saiten, und nachdem er sanft präludiert hatte,
stimmte er an und sang:
Wer sich der Einsamkeit ergibt,
Ach! der ist bald allein;
Ein jeder lebt, ein jeder liebt,
Und lässt ihn seiner Pein.
Ja! lasst mich meiner Qual!
Und kann ich nur einmal
Recht einsam sein,
Dann bin ich nicht allein.
Es schleicht ein Liebender lauschend sacht,
Ob seine Freundin allein?
So überschleicht bei Tag und Nacht
Mich Einsamen die Pein,
Mich Einsamen die Qual.
Ach werd' ich erst einmal
Einsam im Grabe sein,
Da lässt sie mich allein!
Wir würden zu weitläufig werden und doch die Anmut der seltsamen Unterredung
nicht ausdrücken können, die unser Freund mit dem abenteuerlichen Fremden hielt.
Auf alles, was der Jüngling zu ihm sagte, antwortete der Alte mit der reinsten
Übereinstimmung durch Anklänge, die alle verwandten Empfindungen rege machten
und der Einbildungskraft ein weites Feld eröffneten.
    Wer einer Versammlung frommer Menschen, die sich, abgesondert von der
Kirche, reiner, herzlicher und geistreicher zu erbauen glauben, beigewohnt hat,
wird sich auch einen Begriff von der gegenwärtigen Szene machen können; er wird
sich erinnern, wie der Liturg seinen Worten den Vers eines Gesanges anzupassen
weiss, der die Seele dahin erhebt, wohin der Redner wünscht, dass sie ihren Flug
nehmen möge, wie bald darauf ein anderer aus der Gemeinde, in einer anderen
Melodie, den Vers eines andern Liedes hinzufügt, und an diesen wieder ein
Dritter einen dritten anknüpft, wodurch die verwandten Ideen der Lieder, aus
denen sie entlehnt sind, zwar erregt werden, jede Stelle aber durch die neue
Verbindung neu und individuell wird, als wenn sie in dem Augenblicke erfunden
worden wäre; wodurch denn aus einem bekannten Kreise von Ideen, aus bekannten
Liedern und Sprüchen, für diese besondere Gesellschaft, für diesen Augenblick
ein eigenes Ganzes entsteht, durch dessen Genuss sie belebt, gestärkt und
erquickt wird. So erbaute der Alte seinen Gast, indem er durch bekannte und
unbekannte Lieder und Stellen nahe und ferne Gefühle, wachende und schlummernde,
angenehme und schmerzliche Empfindungen in eine Zirkulation brachte, von der in
dem gegenwärtigen Zustande unsers Freundes das Beste zu hoffen war.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Denn wirklich fing er auf dem Rückwege über seine Lage lebhafter, als bisher
geschehen, zu denken an und war mit dem Vorsatze, sich aus derselben
herauszureissen, nach Hause gelangt, als ihm der Wirt sogleich im Vertrauen
eröffnete, dass Mademoiselle Philine an dem Stallmeister des Grafen eine
Eroberung gemacht habe, der, nachdem er seinen Auftrag auf dem Gute
ausgerichtet, in höchster Eile zurückgekommen sei und ein gutes Abendessen oben
auf ihrem Zimmer mit ihr verzehre.
    In eben diesem Augenblicke trat Melina mit dem Notarius herein; sie gingen
zusammen auf Wilhelms Zimmer, wo dieser, wiewohl mit einigem Zaudern, seinem
Versprechen Genüge leistete, dreihundert Taler auf Wechsel an Melina auszahlte,
welche dieser sogleich dem Notarius übergab und dagegen das Dokument über den
geschlossenen Kauf der ganzen teatralischen Gerätschaft erhielt, welche ihm
morgen früh übergeben werden sollte.
    Kaum waren sie auseinander gegangen, als Wilhelm ein entsetzliches Geschrei
in dem Hause vernahm. Er hörte eine jugendliche Stimme, die, zornig und drohend,
durch ein unmässiges Weinen und Heulen durchbrach. Er hörte diese Wehklage von
oben herunter, an seiner Stube vorbei, nach dem Hausplatze eilen.
    Als die Neugierde unsern Freund herunterlockte, fand er Friedrichen in einer
Art von Raserei. Der Knabe weinte, knirschte, stampfte, drohte mit geballten
Fäusten und stellte sich ganz ungebärdig vor Zorn und Verdruss, Mignon stand
gegenüber und sah mit Verwunderung zu, und der Wirt erklärte einigermassen diese
Erscheinung.
    Der Knabe sei nach seiner Rückkunft, da ihn Philine gut aufgenommen,
zufrieden, lustig und munter gewesen, habe gesungen und gesprungen bis zur Zeit,
da der Stallmeister mit Philinen Bekanntschaft gemacht. Nun habe das Mittelding
zwischen Kind und Jüngling angefangen, seinen Verdruss zu zeigen, die Türen
zuzuschlagen und auf und nieder zu rennen. Philine habe ihm befohlen, heute
abend bei Tische aufzuwarten, worüber er nur noch mürrischer und trotziger
geworden; endlich habe er eine Schüssel mit Ragout, anstatt sie auf den Tisch zu
setzen, zwischen Mademoiselle und den Gast, die ziemlich nahe zusammen gesessen,
hineingeworfen, worauf ihm der Stallmeister ein paar tüchtige Ohrfeigen gegeben
und ihn zur Türe hinausgeschmissen. Er, der Wirt, habe darauf die beiden
Personen säubern helfen, deren Kleider sehr übel zugerichtet gewesen.
    Als der Knabe die gute Wirkung seiner Rache vernahm, fing er laut zu lachen
an, indem ihm noch immer die Tränen an den Backen herunterliefen. Er freute sich
einige Zeit herzlich, bis ihm der Schimpf, den ihm der Stärkere angetan, wieder
einfiel, da er denn von neuem zu heulen und zu drohen anfing.
    Wilhelm stand nachdenklich und beschämt vor dieser Szene. Er sah sein eignes
Innerstes, mit starken und übertriebenen Zügen dargestellt; auch er war von
einer unüberwindlichen Eifersucht entzündet; auch er, wenn ihn der Wohlstand
nicht zurückgehalten hätte, würde gern seine wilde Laune befriedigt, gern mit
tückischer Schadenfreude den geliebten Gegenstand verletzt und seinen
Nebenbuhler ausgefordert haben; er hätte die Menschen, die nur zu seinem
Verdrusse da zu sein schienen, vertilgen mögen.
    Laertes, der auch herbeigekommen war und die Geschichte vernommen hatte,
bestärkte schelmisch den aufgebrachten Knaben, als dieser beteuerte und schwur,
der Stallmeister müsse ihm Satisfaktion geben, er habe noch keine Beleidigung
auf sich sitzen lassen; weigere sich der Stallmeister, so werde er sich zu
rächen wissen.
    Laertes war hier grade in seinem Fache. Er ging ernstaft hinauf, den
Stallmeister im Namen des Knaben herauszufordern.
    »Das ist lustig«, sagte dieser; »einen solchen Spass hätte ich mir heut abend
kaum vorgestellt.« Sie gingen hinunter, und Philine folgte ihnen. »Mein Sohn«,
sagte der Stallmeister zu Friedrichen, »du bist ein braver Junge, und ich
weigere mich nicht, mit dir zu fechten; nur da die Ungleichheit unsrer Jahre und
Kräfte die Sache ohnehin etwas abenteuerlich macht, so schlage ich statt anderer
Waffen ein paar Rapiere vor; wir wollen die Knöpfe mit Kreide bestreichen, und
wer dem andern den ersten oder die meisten Stösse auf den Rock zeichnet, soll für
den Überwinder gehalten und von dem andern mit dem besten Weine, der in der
Stadt zu haben ist, traktiert werden.«
    Laertes entschied, dass dieser Vorschlag angenommen werden könnte; Friedrich
gehorchte ihm als seinem Lehrmeister. Die Rapiere kamen herbei, Philine setzte
sich hin, strickte und sah beiden Kämpfern mit grosser Gemütsruhe zu.
    Der Stallmeister, der sehr gut focht, war gefällig genug, seinen Gegner zu
schonen und sich einige Kreidenflecke auf den Rock bringen zu lassen, worauf sie
sich umarmten und Wein herbeigeschaft wurde. Der Stallmeister wollte Friedrichs
Herkunft und seine Geschichte wissen, der denn ein Märchen erzählte, das er
schon oft wiederholt hatte, und mit dem wir ein andermal unsre Leser bekannt zu
machen gedenken.
    In Wilhelms Seele vollendete indessen dieser Zweikampf die Darstellung
seiner eigenen Gefühle; denn er konnte sich nicht leugnen, dass er das Rapier, ja
lieber noch einen Degen selbst gegen den Stallmeister zu führen wünschte, wenn
er schon einsah, dass ihm dieser in der Fechtkunst weit überlegen sei. Doch
würdigte er Philinen nicht eines Blicks, hütete sich vor jeder Äusserung, die
seine Empfindung hätte verraten können, und eilte, nachdem er einigemal auf die
Gesundheit der Kämpfer Bescheid getan, auf sein Zimmer, wo sich tausend
unangenehme Gedanken auf ihn zudrängten.
    Er erinnerte sich der Zeit, in der sein Geist durch ein unbedingtes
hoffnungsreiches Streben emporgehoben wurde, wo er in dem lebhaftesten Genusse
aller Art wie in einem Elemente schwamm. Es ward ihm deutlich, wie er letzt in
ein unbestimmtes Schlendern geraten war, in welchem er nur noch schlürfend
kostete, was er sonst mit vollen Zügen eingesogen hatte; aber deutlich konnte er
nicht sehen, welches unüberwindliche Bedürfnis ihm die Natur zum Gesetz gemacht
hatte, und wie sehr dieses Bedürfnis durch Umstände nur gereizt, halb befriedigt
und irregeführt worden war.
    Es darf also niemand wundern, wenn er bei Betrachtung seines Zustandes, und
indem er sich aus demselben herauszudenken arbeitete, in die grösste Verwirrung
geriet. Es war nicht genug, dass er durch seine Freundschaft zu Laertes, durch
seine Neigung zu Philinen, durch seinen Anteil an Mignon länger als billig an
einem Orte und in einer Gesellschaft festgehalten wurde, in welcher er seine
Lieblingsneigung hegen, gleichsam verstohlen seine Wünsche befriedigen und, ohne
sich einen Zweck vorzusetzen, seinen alten Träumen nachschleichen konnte. Aus
diesen Verhältnissen sich loszureissen und gleich zu scheiden, glaubte er Kraft
genug zu besitzen. Nun hatte er aber vor wenigen Augenblicken sich mit Melina in
ein Geldgeschäft eingelassen, er hatte den rätselhaften Alten kennen lernen,
welchen zu entziffern er eine unbeschreibliche Begierde fühlte. Allein auch
dadurch sich nicht zurückhalten zu lassen, war er nach lang hin und
hergeworfenen Gedanken entschlossen, oder glaubte wenigstens entschlossen zu
sein. »Ich muss fort«, rief er aus, »ich will fort!« Er warf sich in einen Sessel
und war sehr bewegt. Mignon trat herein und fragte, ob sie ihn aufwickeln dürfe?
Sie kam still; es schmerzte sie tief, dass er sie heute so kurz abgefertigt
hatte.
    Nichts ist rührender, als wenn eine Liebe, die sich im stillen genährt, eine
Treue, die sich im Verborgenen befestigt hat, endlich dem, der ihrer bisher
nicht wert gewesen, zur rechten Stunde nahe kommt und ihm offenbar wird. Die
lange und streng verschlossene Knospe war reif, und Wilhelms Herz konnte nicht
empfänglicher sein.
    Sie stand vor ihm und sah seine Unruhe. - »Herr!« rief sie aus, »wenn du
unglücklich bist, was soll Mignon werden?« - »Liebes Geschöpf«, sagte er, indem
er ihre Hände nahm, »du bist auch mit unter meinen Schmerzen. - Ich muss fort.« -
Sie sah ihm in die Augen, die von verhaltenen Tränen blinkten, und kniete mit
Heftigkeit vor ihm nieder. Er behielt ihre Hände, sie legte ihr Haupt auf seine
Kniee und war ganz still. Er spielte mit ihren Haaren und war freundlich. Sie
blieb lange ruhig. Endlich fühlte er an ihr eine Art Zucken, das ganz sachte
anfing und sich, durch alle Glieder wachsend, verbreitete. - »Was ist dir,
Mignon?« rief er aus, »was ist dir?« - Sie richtete ihr Köpfchen auf und sah ihn
an, fuhr auf einmal nach dem Herzen, wie mit einer Gebärde, welche Schmerzen
verbeisst. Er hob sie auf, und sie fiel auf seinen Schoss; er drückte sie an sich
und küsste sie. Sie antwortete durch keinen Händedruck, durch keine Bewegung. Sie
hielt ihr Herz fest, und auf einmal tat sie einen Schrei, der mit krampfigen
Bewegungen des Körpers begleitet war. Sie fuhr auf und fiel auch sogleich wie an
allen Gelenken gebrochen vor ihm nieder. Es war ein grässlicher Anblick! - »Mein
Kind!« rief er aus, indem er sie aufhob und fest umarmte, »mein Kind, was ist
dir?« - Die Zuckung dauerte fort, die vom Herzen sich den schlotternden Gliedern
mitteilte; sie hing nur in seinen Armen. Er schloss sie an sein Herz und benetzte
sie mit seinen Tränen. Auf einmal schien sie wieder angespannt, wie eins, das
den höchsten körperlichen Schmerz erträgt; und bald mit einer neuen Heftigkeit
wurden alle ihre Glieder wieder lebendig, und sie warf sich ihm, wie ein
Ressort, das zuschlägt, um den Hals, indem in ihrem Innersten wie ein gewaltiger
Riss geschah, und in dem Augenblicke floss ein Strom von Tränen aus ihren
geschlossenen Augen in seinen Busen. Er hielt sie fest. Sie weinte, und keine
Zunge spricht die Gewalt dieser Tränen aus. Ihre langen Haare waren aufgegangen
und hingen von der Weinenden nieder, und ihr ganzes Wesen schien in einen Bach
von Tränen unaufhaltsam dahinzuschmelzen. Ihre starren Glieder wurden gelinde,
es ergoss sich ihr Innerstes, und in der Verirrung des Augenblickes fürchtete
Wilhelm, sie werde in seinen Armen zerschmelzen, und er nichts von ihr
übrigbehalten. Er hielt sie nur fester und fester. - »Mein Kind!« rief er aus,
»mein Kind! Du bist ja mein! Wenn dich das Wort trösten kann. Du bist mein! Ich
werde dich behalten, dich nicht verlassen!« - Ihre Tränen flossen noch immer. -
Endlich richtete sie sich auf. Eine weiche Heiterkeit glänzte von ihrem
Gesichte. - »Mein Vater!« rief sie, »du willst mich nicht verlassen! willst mein
Vater sein! - Ich bin dein Kind!«
    Sanft fing vor der Türe die Harfe an zu klingen; der Alte brachte seine
herzlichsten Lieder dem Freunde zum Abendopfer, der, sein Kind immer fester in
Armen haltend, des reinsten, unbeschreiblichsten Glückes genoss.
 
                                  Drittes Buch
                                  Erstes Kapitel
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!
Kennst du das Haus? auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht' ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!
Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut,
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut:
Kennst du ihn wohl?
Dahin! Dahin
Geht unser Weg; o Vater, lass uns ziehn!
Als Wilhelm des Morgens sich nach Mignon im Hause umsah, fand er sie nicht,
hörte aber, dass sie früh mit Melina ausgegangen sei, welcher sich, um die
Garderobe und die übrigen Teatergerätschaften zu übernehmen, beizeiten
aufgemacht hatte.
    Nach Verlauf einiger Stunden hörte Wilhelm Musik vor seiner Türe. Er glaubte
anfänglich, der Harfenspieler sei schon wieder zugegen; allein er unterschied
bald die Töne einer Ziter, und die Stimme, welche zu singen anfing, war Mignons
Stimme. Wilhelm öffnete die Türe, das Kind trat herein und sang das Lied, das
wir soeben aufgezeichnet haben.
    Melodie und Ausdruck gefielen unserem Freunde besonders, ob er gleich die
Worte nicht alle verstehen konnte. Er liess sich die Strophen wiederholen und
erklären, schrieb sie auf und übersetzte sie ins Deutsche. Aber die Originalität
der Wendungen konnte er nur von ferne nachahmen. Die kindliche Unschuld des
Ausdrucks verschwand, indem die gebrochene Sprache übereinstimmend und das
Unzusammenhängende verbunden ward. Auch konnte der Reiz der Melodie mit nichts
verglichen werden.
    Sie fing jeden Vers feierlich und prächtig an, als ob sie auf etwas
Sonderbares aufmerksam machen, als ob sie etwas Wichtiges vortragen wollte. Bei
der dritten Zeile ward der Gesang dumpfer und düsterer; das »Kennst du es wohl?«
drückte sie geheimnisvoll und bedächtig aus; in dem »Dahin! Dahin!« lag eine
unwiderstehliche Sehnsucht, und ihr »Lass uns ziehn!« wusste sie bei jeder
Wiederholung dergestalt zu modifizieren, dass es bald bittend und dringend, bald
treibend und vielversprechend war.
    Nachdem sie das Lied zum zweitenmal geendigt hatte, hielt sie einen
Augenblick inne, sah Wilhelmen scharf an und fragte: »Kennst du das Land?« - »Es
muss wohl Italien gemeint sein«, versetzte Wilhelm; »woher hast du das Liedchen?«
- »Italien!« sagte Mignon bedeutend; »gehst du nach Italien, so nimm mich mit,
es friert mich hier.« - »Bist du schon dort gewesen, liebe Kleine?« fragte
Wilhelm. - Das Kind war still und nichts weiter aus ihm zu bringen.
    Melina, der hereinkam, besah die Ziter und freute sich, dass sie schon so
hübsch zurechtgemacht sei. Das Instrument war ein Inventarienstück der alten
Garderobe. Mignon hatte sich's diesen Morgen ausgebeten, der Harfenspieler bezog
es sogleich, und das Kind entwickelte bei dieser Gelegenheit ein Talent, das man
an ihm bisher noch nicht kannte.
    Melina hatte schon die Garderobe mit allem Zubehör übernommen; einige
Glieder des Stadtrats versprachen ihm gleich die Erlaubnis, einige Zeit im Orte
zu spielen. Mit frohem Herzen und erheitertem Gesicht kam er nunmehr wieder
zurück. Er schien ein ganz anderer Mensch zu sein; denn er war sanft, höflich
gegen jedermann, ja zuvorkommend und einnehmend. Er wünschte sich Glück, dass er
nunmehr seine Freunde, die bisher verlegen und müssig gewesen, werde beschäftigen
und auf eine Zeitlang engagieren können, wobei er zugleich bedauerte, dass er
freilich zum Anfange nicht imstande sei, die vortrefflichen Subjekte, die das
Glück ihm zugeführt, nach ihren Fähigkeiten und Talenten zu belohnen, da er
seine Schuld einem so grossmütigen Freunde, als Wilhelm sich gezeigt habe, vor
allen Dingen abtragen müsse.
    »Ich kann Ihnen nicht ausdrücken«, sagte Melina zu ihm, »welche Freundschaft
Sie mir erzeigen, indem Sie mir zur Direktion eines Teaters verhelfen. Denn als
ich Sie antraf, befand ich mich in einer sehr wunderlichen Lage. Sie erinnern
sich, wie lebhaft ich Ihnen bei unsrer ersten Bekanntschaft meine Abneigung
gegen das Teater sehen liess, und doch musste ich mich, sobald ich verheiratet
war, aus Liebe zu meiner Frau, welche sich viel Freude und Beifall versprach,
nach einem Engagement umsehen. Ich fand keins, wenigstens kein beständiges,
dagegen aber glücklicherweise einige Geschäftsmänner, die eben in
ausserordentlichen Fällen jemanden brauchen konnten, der mit der Feder umzugehen
wusste, Französisch verstand und im Rechnen nicht ganz unerfahren war. So ging es
mir eine Zeitlang recht gut, ich ward leidlich bezahlt, schaffte mir manches an,
und meine Verhältnisse machten mir keine Schande. Allein die ausserordentlichen
Aufträge meiner Gönner gingen zu Ende, an eine dauerhafte Versorgung war nicht
zu denken, und meine Frau verlangte nur desto eifriger nach dem Teater, leider
zu einer Zeit, wo ihre Umstände nicht die vorteilhaftesten sind, um sich dem
Publikum mit Ehren darzustellen. Nun, hoffe ich, soll die Anstalt, die ich durch
Ihre Hülfe einrichten werde, für mich und die Meinigen ein guter Anfang sein,
und ich verdanke Ihnen mein künftiges Glück, es werde auch, wie es wolle.«
    Wilhelm hörte diese Äusserungen mit Zufriedenheit an, und die sämtlichen
Schauspieler waren gleichfalls mit den Erklärungen des neuen Direktors so
ziemlich zufrieden, freuten sich heimlich, dass sich so schnell ein Engagement
zeige, und waren geneigt, für den Anfang mit einer geringen Gage vorlieb zu
nehmen, weil die meisten dasjenige, was ihnen so unvermutet angeboten wurde, als
einen Zuschuss ansahen, auf den sie vor kurzem noch nicht Rechnung machen
konnten. Melina war im Begriff, diese Disposition zu benutzen, suchte auf eine
geschickte Weise jeden besonders zu sprechen und hatte bald den einen auf diese,
den andern auf eine andere Weise zu bereden gewusst, dass sie die Kontrakte
geschwind abzuschliessen geneigt waren, über das neue Verhältnis kaum nachdachten
und sich schon gesichert glaubten, mit sechswöchentlicher Aufkündigung wieder
loskommen zu können.
    Nun sollten die Bedingungen in gehörige Form gebracht werden, und Melina
dachte schon an die Stücke, mit denen er zuerst das Publikum anlocken wollte,
als ein Kurier dem Stallmeister die Ankunft der Herrschaft verkündigte, und
dieser die untergelegten Pferde vorzuführen befahl.
    Bald darauf fuhr der hochbepackte Wagen, von dessen Bocke zwei Bedienten
heruntersprangen, vor dem Gastause vor, und Philine war nach ihrer Art am
ersten bei der Hand und stellte sich unter die Türe.
    »Wer ist Sie?« fragte die Gräfin im Hereintreten.
    »Eine Schauspielerin, Ihro Exzellenz zu dienen«, war die Antwort, indem der
Schalk mit einem gar frommen Gesichte und demütigen Gebärden sich neigte und der
Dame den Rock küsste.
    Der Graf, der noch einige Personen umherstehen sah, die sich gleichfalls für
Schauspieler ausgaben, erkundigte sich nach der Stärke der Gesellschaft, nach
dem letzten Orte ihres Aufentalts und ihrem Direktor. »Wenn es Franzosen
wären«, sagte er zu seiner Gemahlin, »könnten wir dem Prinzen eine unerwartete
Freude machen und ihm bei uns seine Lieblingsunterhaltung verschaffen.«
    »Es käme darauf an«, versetzte die Gräfin, »ob wir nicht diese Leute, wenn
sie schon unglücklicherweise nur Deutsche sind, auf dem Schloss, solange der
Fürst bei uns bleibt, spielen liessen. Sie haben doch wohl einige
Geschicklichkeit. Eine grosse Sozietät lässt sich am besten durch ein Teater
unterhalten, und der Baron würde sie schon zustutzen.«
    Unter diesen Worten gingen sie die Treppe hinauf, und Melina präsentierte
sich oben als Direktor. »Ruf' Er Seine Leute zusammen«, sagte der Graf, »und
stell' Er sie mir vor, damit ich sehe, was an ihnen ist. Ich will auch zugleich
die Liste von den Stücken sehen, die sie allenfalls aufführen könnten.«
    Melina eilte mit einem tiefen Bücklinge aus dem Zimmer und kam bald mit den
Schauspielern zurück. Sie drückten sich vor- und hintereinander, die einen
präsentierten sich schlecht, aus grosser Begierde zu gefallen, und die andern
nicht besser, weil sie sich leichtsinnig darstellten. Philine bezeigte der
Gräfin, die ausserordentlich gnädig und freundlich war, alle Ehrfurcht; der Graf
musterte indes die übrigen. Er fragte einen jeden nach seinem Fache und äusserte
gegen Melina, dass man streng auf Fächer halten müsse, welchen Ausspruch dieser
in der grössten Devotion aufnahm.
    Der Graf bemerkte sodann einem jeden, worauf er besonders zu studieren, was
er an seiner Figur und Stellung zu bessern habe, zeigte ihnen einleuchtend,
woran es den Deutschen immer fehle, und liess so ausserordentliche Kenntnisse
sehen, dass alle in der grössten Demut vor so einem erleuchteten Kenner und
erlauchten Beschützer standen und kaum Atem zu holen sich getrauten.
    »Wer ist der Mensch dort in der Ecke?« fragte der Graf, indem er nach einem
Subjekte sah, das ihm noch nicht vorgestellt worden war, und eine hagre Figur
nahte sich in einem abgetragenen, auf dem Ellbogen mit Fleckchen besetzten
Rocke, eine kümmerliche Perücke bedeckte das Haupt des demütigen Klienten.
    Dieser Mensch, den wir schon aus dem vorigen Buche als Philinens Liebling
kennen, pflegte gewöhnlich Pedanten, Magister und Poeten zu spielen und meistens
die Rolle zu übernehmen, wenn jemand Schläge kriegen oder begossen werden
sollte. Er hatte sich gewisse kriechende, lächerliche, furchtsame Bücklinge
angewöhnt, und seine stockende Sprache, die zu seinen Rollen passte, machte die
Zuschauer lachen, so dass er immer noch als ein brauchbares Glied der
Gesellschaft angesehen wurde, besonders da er übrigens sehr dienstfertig und
gefällig war. Er nahte sich auf seine Weise dem Grafen, neigte sich vor
demselben und beantwortete jede Frage auf die Art, wie er sich in seinen Rollen
auf dem Teater zu gebärden pflegte. Der Graf sah ihn mit gefälliger
Aufmerksamkeit und mit Überlegung eine Zeitlang an; alsdann rief er, indem er
sich zu der Gräfin wendete: »Mein Kind, betrachte mir diesen Mann genau! ich
hafte dafür, das ist ein grosser Schauspieler oder kann es werden.« Der Mensch
machte von ganzem Herzen einen albernen Bückling, so dass der Graf laut über ihn
lachen musste und ausrief: »Er macht seine Sachen exzellent! Ich wette, dieser
Mensch kann spielen, was er will, und es ist schade, dass man ihn bisher zu
nichts Besserm gebraucht hat.«
    Ein so ausserordentlicher Vorzug war für die übrigen sehr kränkend, nur
Melina empfand nichts davon, er gab vielmehr dem Grafen vollkommen recht und
versetzte mit ehrfurchtsvoller Miene: »Ach ja, es hat wohl ihm und mehreren von
uns nur ein solcher Kenner und eine solche Aufmunterung gefehlt, wie wir sie
gegenwärtig an Ew. Exzellenz gefunden haben.«
    »Ist das die sämtliche Gesellschaft?« fragte der Graf.
    »Es sind einige Glieder abwesend«, versetzte der kluge Melina, »und
überhaupt könnten wir, wenn wir nur Unterstützung fänden, sehr bald aus der
Nachbarschaft vollzählig sein.«
    Indessen sagte Philine zur Gräfin: »Es ist noch ein recht hübscher junger
Mann oben, der sich gewiss bald zum ersten Liebhaber qualifizieren würde.«
    »Warum lässt er sich nicht sehen?« versetzte die Gräfin.
    »Ich will ihn holen«, rief Philine und eilte zur Türe hinaus.
    Sie fand Wilhelmen noch mit Mignon beschäftigt und beredete ihn, mit
herunterzugehen. Er folgte ihr mit einigem Unwillen, doch trieb ihn die Neugier;
denn da er von vornehmen Personen hörte, war er voll Verlangen, sie näher kennen
zu lernen. Er trat ins Zimmer, und seine Augen begegneten sogleich den Augen der
Gräfin, die auf ihn gerichtet waren. Philine zog ihn zu der Dame, indes der Graf
sich mit den übrigen beschäftigte. Wilhelm neigte sich und gab auf verschiedene
Fragen, welche die reizende Dame an ihn tat, nicht ohne Verwirrung Antwort. Ihre
Schönheit, Jugend, Anmut, Zierlichkeit und feines Betragen machten den
angenehmsten Eindruck auf ihn, um so mehr, da ihre Reden und Gebärden mit einer
gewissen Schamhaftigkeit, ja man dürfte sagen Verlegenheit begleitet waren. Auch
dem Grafen ward er vorgestellt, der aber wenig acht auf ihn hatte, sondern zu
seiner Gemahlin ans Fenster trat und sie um etwas zu fragen schien. Man konnte
bemerken, dass ihre Meinung auf das lebhafteste mit der seinigen übereinstimmte,
ja dass sie ihn eifrig zu bitten und ihn in seiner Gesinnung zu bestärken schien.
    Er kehrte sich bald darauf zu der Gesellschaft und sagte: »Ich kann mich
gegenwärtig nicht aufhalten, aber ich will einen Freund zu euch schicken, und
wenn ihr billige Bedingungen macht, und euch recht viel Mühe geben wollt, so bin
ich nicht abgeneigt, euch auf dem Schloss spielen zu lassen.«
    Alle bezeigten ihre grosse Freude darüber, und besonders küsste Philine mit
der grössten Lebhaftigkeit der Gräfin die Hände.
    »Sieht Sie, Kleine«, sagte die Dame, indem sie dem leichtfertigen Mädchen
die Backen klopfte, »sieht Sie, mein Kind, da kommt Sie wieder zu mir, ich will
schon mein Versprechen halten, Sie muss sich nur besser anziehen.« Philine
entschuldigte sich, dass sie wenig auf ihre Garderobe zu verwenden habe, und
sogleich befahl die Gräfin ihren Kammerfrauen, einen englischen Hut und ein
seidnes Halstuch, die leicht auszupacken waren, heraufzugeben. Nun putzte die
Gräfin selbst Philinen an, die fortfuhr, sich mit einer scheinheiligen,
unschuldigen Miene gar artig zu gebärden und zu betragen.
    Der Graf bot seiner Gemahlin die Hand und führte sie hinunter. Sie grüsste
die ganze Gesellschaft im Vorbeigehen freundlich und kehrte sich nochmals gegen
Wilhelmen um, indem sie mit der huldreichsten Miene zu ihm sagte: »Wir sehen uns
bald wieder.«
    So glückliche Aussichten belebten die ganze Gesellschaft; jeder liess nunmehr
seinen Hoffnungen, Wünschen und Einbildungen freien Lauf, sprach von den Rollen,
die er spielen, von dem Beifall, den er erhalten wollte. Melina überlegte, wie
er noch geschwind durch einige Vorstellungen den Einwohnern des Städtchens etwas
Geld abnehmen und zugleich die Gesellschaft in Atem setzen könne, indes andere
in die Küche gingen, um ein besseres Mittagsessen zu bestellen, als man sonst
einzunehmen gewohnt war.
 
                                Zweites Kapitel
Nach einigen Tagen kam der Baron, und Melina empfing ihn nicht ohne Furcht. Der
Graf hatte ihn als einen Kenner angekündigt, und es war zu besorgen, er werde
gar bald die schwache Seite des kleinen Haufens entdecken und einsehen, dass er
keine formierte Truppe vor sich habe, indem sie kaum ein Stück gehörig besetzen
konnten; allein sowohl der Direktor als die sämtlichen Glieder waren bald aus
aller Sorge, da sie an dem Baron einen Mann fanden, der mit dem grössten
Entusiasmus das vaterländische Teater betrachtete, dem ein jeder Schauspieler
und jede Gesellschaft willkommen und erfreulich war. Er begrüsste sie alle mit
Feierlichkeit, pries sich glücklich, eine deutsche Bühne so unvermutet
anzutreffen, mit ihr in Verbindung zu kommen und die vaterländischen Musen in
das Schloss seines Verwandten einzuführen. Er brachte bald darauf ein Heft aus
der Tasche, in welchem Melina die Punkte des Kontraktes zu erblicken hoffte;
allein es war ganz etwas anderes. Der Baron bat sie, ein Drama, das er selbst
verfertigt, und das er von ihnen gespielt zu sehen wünschte, mit Aufmerksamkeit
anzuhören. Willig schlossen sie einen Kreis und waren erfreut, mit so geringen
Kosten sich in der Gunst eines so notwendigen Mannes befestigen zu können,
obgleich ein jeder nach der Dicke des Heftes übermässig lange Zeit befürchtete.
Auch war es wirklich so; das Stück war in fünf Akten geschrieben und von der
Art, die gar kein Ende nimmt.
    Der Held war ein vornehmer, tugendhafter, grossmütiger und dabei verkannter
und verfolgter Mann, der aber denn doch zuletzt den Sieg über seine Feinde
davontrug, über welche sodann die strengste poetische Gerechtigkeit ausgeübt
worden wäre, wenn er ihnen nicht auf der Stelle verziehen hätte.
    Indem dieses Stück vorgetragen wurde, hatte jeder Zuhörer Raum genug, an
sich selbst zu denken und ganz sachte aus der Demut, zu der er sich noch vor
kurzem geneigt fühlte, zu einer glücklichen Selbstgefälligkeit emporzusteigen
und von da aus die anmutigsten Aussichten in die Zukunft zu überschauen.
Diejenigen, die keine ihnen angemessene Rolle in dem Stück fanden, erklärten es
bei sich für schlecht und hielten den Baron für einen unglücklichen Autor,
dagegen die andern eine Stelle, bei der sie beklatscht zu werden hofften, mit
dem grössten Lobe zur möglichsten Zufriedenheit des Verfassers verfolgten.
    Mit dem Ökonomischen waren sie geschwind fertig. Melina wusste zu seinem
Vorteil mit dem Baron den Kontrakt abzuschliessen und ihn vor den übrigen
Schauspielern geheimzuhalten.
    Über Wilhelmen sprach Melina den Baron im Vorbeigehen und versicherte, dass
er sich sehr gut zum Teaterdichter qualifiziere und zum Schauspieler selbst
keine üblen Anlagen habe. Der Baron machte sogleich mit ihm als einem Kollegen
Bekanntschaft, und Wilhelm produzierte einige kleine Stücke, die nebst wenigen
Reliquien an jenem Tage, als er den grössten Teil seiner Arbeiten in Feuer
aufgehen liess, durch einen Zufall gerettet wurden. Der Baron lobte sowohl die
Stücke als den Vortrag, nahm als bekannt an, dass er mit hinüber auf das Schloss
kommen würde, versprach bei seinem Abschiede allen die beste Aufnahme, bequeme
Wohnung, gutes Essen, Beifall und Geschenke, und Melina setzte noch die
Versicherung eines bestimmten Taschengeldes hinzu.
    Man kann denken, in welche gute Stimmung durch diesen Besuch die
Gesellschaft gesetzt war, indem sie statt eines ängstlichen und niedrigen
Zustandes auf einmal Ehre und Behagen vor sich sah. Sie machten sich schon zum
voraus auf jene Rechnung lustig, und jedes hielt für unschicklich, nur noch
irgendeinen Groschen Geld in der Tasche zu behalten.
    Wilhelm ging indessen mit sich zu Rate, ob er die Gesellschaft auf das
Schloss begleiten solle, und fand in mehr als einem Sinne rätlich, dahin zu
gehen. Melina hoffte bei diesem vorteilhaften Engagement seine Schuld wenigstens
zum Teil abtragen zu können, und unser Freund, der auf Menschenkenntnis ausging,
wollte die Gelegenheit nicht versäumen, die grosse Welt näher kennen zu lernen,
in der er viele Aufschlüsse über das Leben, über sich selbst und die Kunst zu
erlangen hoffte. dabei durfte er sich nicht gestehen, wie sehr er wünsche, der
schönen Gräfin wieder näher zu kommen. Er suchte sich vielmehr im allgemeinen zu
überzeugen, welchen grossen Vorteil ihm die nähere Kenntnis der vornehmen und
reichen Welt bringen würde. Er machte seine Betrachtungen über den Grafen, die
Gräfin, den Baron, über die Sicherheit, Bequemlichkeit und Anmut ihres
Betragens, und rief, als er allein war, mit Entzücken aus:
    »Dreimal glücklich sind diejenigen zu preisen, die ihre Geburt sogleich über
die untern Stufen der Menschheit hinaushebt, die durch jene Verhältnisse, in
welchen sich manche gute Menschen die ganze Zeit ihres Lebens abängstigen, nicht
durchzugehen, auch nicht einmal darin als Gäste zu verweilen brauchen. Allgemein
und richtig muss ihr Blick auf dem höheren Standpunkte werden, leicht ein jeder
Schritt ihres Lebens! Sie sind von Geburt an gleichsam in ein Schiff gesetzt, um
bei der Überfahrt, die wir alle machen müssen, sich des günstigen Windes zu
bedienen und den widrigen abzuwarten, anstatt dass andere, nur für ihre Person
schwimmend, sich abarbeiten, vom günstigen Winde wenig Vorteil geniessen und im
Sturme mit bald erschöpften Kräften untergehen. Welche Bequemlichkeit, welche
Leichtigkeit gibt ein angebornes Vermögen! und wie sicher blühet ein Handel, der
auf ein gutes Kapital gegründet ist, so dass nicht jeder misslungene Versuch
sogleich in Untätigkeit versetzt! Wer kann den Wert und Unwert irdischer Dinge
besser kennen, als der sie zu geniessen von Jugend auf im Falle war, und wer kann
seinen Geist früher auf das Notwendige, das Nützliche, das Wahre leiten, als der
sich von so vielen Irrtümern in einem Alter überzeugen muss, wo es ihm noch an
Kräften nicht gebricht, ein neues Leben anzufangen!«
    So rief unser Freund allen denenjenigen Glück zu, die sich in den höheren
Regionen befinden; aber auch denen, die sich einem solchen Kreise nähern, aus
diesen Quellen schöpfen können, und pries seinen Genius, der Anstalt machte,
auch ihn diese Stufen hinanzuführen.
    Indessen musste Melina, nachdem er lange sich den Kopf zerbrochen, wie er
nach dem Verlangen des Grafen und nach seiner eigenen Überzeugung die
Gesellschaft in Fächer einteilen und einem jeden seine bestimmte Mitwirkung
übertragen wollte, zuletzt, da es an die Ausführung kam, sehr zufrieden sein,
wenn er bei einem so geringen Personal die Schauspieler willig fand, sich nach
Möglichkeit in diese oder jene Rollen zu schicken. Doch übernahm gewöhnlich
Laertes die Liebhaber, Philine die Kammermädchen, die beiden jungen Frauenzimmer
teilten sich in die naiven und zärtlichen Liebhaberinnen, der alte Polterer ward
am besten gespielt. Melina selbst glaubte als Chevalier auftreten zu dürfen,
Madame Melina musste zu ihrem grössten Verdruss in das Fach der jungen Frauen, ja
sogar der zärtlichen Mütter übergehen, und weil in den neuern Stücken nicht
leicht mehr ein Pedant oder Poet, wenn er auch vorkommen sollte, lächerrlich
gemacht wird, so musste der bekannte Günstling des Grafen nunmehr die Präsidenten
und Minister spielen, weil diese gewöhnlich als Bösewichter vorgestellt und im
fünften Akte übel behandelt werden. Ebenso steckte Melina mit Vergnügen als
Kammerjunker oder Kammerherr die Grobheiten ein, welche ihm von biedern
deutschen Männern hergebrachtermassen in mehreren beliebten Stücken aufgedrungen
wurden, weil er sich doch bei dieser Gelegenheit artig herausputzen konnte und
das Air eines Hofmannes, das er vollkommen zu besitzen glaubte, anzunehmen die
Erlaubnis hatte.
    Es dauerte nicht lange, so kamen von verschiedenen Gegenden mehrere
Schauspieler herbeigeflossen, welche ohne sonderliche Prüfung angenommen, aber
auch ohne sonderliche Bedingungen festgehalten wurden.
    Wilhelm, den Melina vergebens einigemal zu einer Liebhaberrolle zu bereden
suchte, nahm sich der Sache mit vielem guten Willen an, ohne dass unser neuer
Direktor seine Bemühungen im mindesten anerkannte; vielmehr glaubte dieser mit
seiner Würde auch alle nötige Einsicht überkommen zu haben; besonders war das
Streichen eine seiner angenehmsten Beschäftigungen, wodurch er ein jedes Stück
auf das gehörige Zeitmass herunterzusetzen wusste, ohne irgendeine andere
Rücksicht zu nehmen. Er hatte viel Zuspruch, das Publikum war sehr zufrieden,
und die geschmackvollsten Einwohner des Städtchens behaupteten, dass das Teater
in der Residenz keineswegs so gut als das ihre bestellt sei.
 
                                Drittes Kapitel
Endlich kam die Zeit herbei, dass man sich zur Überfahrt schicken, die Kutschen
und Wagen erwarten sollte, die unsere ganze Truppe nach dem Schloss des Grafen
hinüberzuführen bestellt waren. Schon zum voraus fielen grosse Streitigkeiten
vor, wer mit dem andern fahren, wie man sitzen sollte. Die Ordnung und
Einteilung ward endlich nur mit Mühe ausgemacht und festgesetzt, doch leider
ohne Wirkung. Zur bestimmten Stunde kamen weniger Wagen, als man erwartet hatte,
und man musste sich einrichten. Der Baron, der zu Pferde nicht lange hinterdrein
folgte, gab zur Ursache an, dass im Schloss alles in grosser Bewegung sei, weil
nicht allein der Fürst einige Tage früher eintreffen werde, als man geglaubt,
sondern weil auch unerwarteter Besuch schon gegenwärtig angelangt sei; der Platz
gehe sehr zusammen, sie würden auch deswegen nicht so gut logieren, als man es
ihnen vorher bestimmt habe, welches ihm ausserordentlich leid tue.
    Man teilte sich in die Wagen, so gut es gehen wollte, und da leidlich Wetter
und das Schloss nur einige Stunden entfernt war, machten sich die Lustigsten
lieber zu Fusse auf den Weg, als dass sie die Rückkehr der Kutschen hätten
abwarten sollen. Die Karawane zog mit Freudengeschrei aus, zum erstenmal ohne
Sorgen, wie der Wirt zu bezahlen sei. Das Schloss des Grafen stand ihnen wie ein
Feengebäude vor der Seele, sie waren die glücklichsten und fröhlichsten Menschen
von der Welt, und jeder knüpfte unterwegs an diesen Tag, nach seiner Art zu
denken, eine Reihe von Glück, Ehre und Wohlstand.
    Ein starker Regen, der unerwartet einfiel, konnte sie nicht aus diesen
angenehmen Empfindungen reissen; da er aber immer anhaltender und stärker wurde,
spürten viele von ihnen eine ziemliche Unbequemlichkeit. Die Nacht kam herbei,
und erwünschter konnte ihnen nichts erscheinen, als der durch alle Stockwerke
erleuchtete Palast des Grafen, der ihnen von einem Hügel entgegenglänzte, so dass
sie die Fenster zählen konnten.
    Als sie näher kamen, fanden sie auch alle Fenster der Seitengebäude
erhellet. Ein jeder dachte bei sich, welches wohl sein Zimmer werden möchte, und
die meisten begnügten sich bescheiden mit einer Stube in der Mansarde oder den
Flügeln.
    Nun fuhren sie durch das Dorf und am Wirtshause vorbei. Wilhelm liess halten,
um dort abzusteigen; allein der Wirt versicherte, dass er ihm nicht den
geringsten Raum anweisen könne. Der Herr Graf habe, weil unvermutete Gäste
angekommen, sogleich das ganze Wirtshaus besprochen, an allen Zimmern stehe
schon seit gestern mit Kreide deutlich angeschrieben, wer darin wohnen solle.
Wider seinen Willen musste also unser Freund mit der übrigen Gesellschaft zum
Schlosshofe hineinfahren.
    Um die Küchenfeuer in einem Seitengebäude sahen sie geschäftige Köche sich
hin und her bewegen und waren durch diesen Anblick schon erquickt; eilig kamen
Bediente mit Lichtern auf die Treppe des Hauptgebäudes gesprungen, und das Herz
der guten Wanderer quoll über diesen Aussichten auf. Wie sehr verwunderten sie
sich dagegen, als sich dieser Empfang in ein entsetzliches Fluchen auflöste! Die
Bedienten schimpften auf die Fuhrleute, dass sie hier hereingefahren seien; sie
sollten umwenden, rief man, und wieder hinaus nach dem alten Schloss zu, hier
sei kein Raum für diese Gäste! Einem so unfreundlichen und unerwarteten
Bescheide fügten sie noch allerlei Spöttereien hinzu und lachten sich
untereinander aus, dass sie durch diesen Irrtum in den Regen gesprengt worden. Es
goss noch immer, keine Sterne standen am Himmel, und nun wurde die Gesellschaft
durch einen holperichten Weg zwischen zwei Mauern in das alte hintere Schloss
gezogen, welches unbewohnt dastand, seit der Vater des Grafen das vordere gebaut
hatte. Teils im Hofe, teils unter einem langen gewölbten Torwege hielten die
Wagen still, und die Fuhrleute, Anspanner aus dem Dorfe, spannten aus und ritten
ihrer Wege.
    Da niemand zum Empfange der Gesellschaft sich zeigte, stiegen sie aus,
riefen, suchten; vergebens! Alles blieb finster und stille. Der Wind blies durch
das hohle Tor, und grauerlich waren die alten Türme und Höfe, wovon sie kaum die
Gestalten in der Finsternis unterschieden. Sie froren und schauerten, die Frauen
fürchteten sich, die Kinder fingen an zu weinen, ihre Ungeduld vermehrte sich
mit jedem Augenblicke, und ein so schneller Glückswechsel, auf den niemand
vorbereitet war, brachte sie alle ganz und gar aus der Fassung.
    Da sie jeden Augenblick erwarteten, dass jemand kommen und ihnen aufschliessen
werde, da bald Regen, bald Sturm sie täuschte und sie mehr als einmal den Tritt
des erwünschten Schlossvogts zu hören glaubten, blieben sie eine lange Zeit
unmutig und untätig, es fiel keinem ein, in das neue Schloss zu gehen und dort
mitleidige Seelen um Hülfe anzurufen. Sie konnten nicht begreifen, wo ihr
Freund, der Baron, geblieben sei, und waren in einer höchst beschwerlichen Lage.
    Endlich kamen wirklich Menschen an, und man erkannte an ihren Stimmen jene
Fussgänger, die auf dem Wege hinter den Fahrenden zurückgeblieben waren. Sie
erzählten, dass der Baron mit dem Pferde gestürzt sei, sich am Fusse stark
beschädigt habe, und dass man auch sie, da sie im Schloss nachgefragt, mit
Ungestüm hierher gewiesen habe.
    Die ganze Gesellschaft war in der grössten Verlegenheit; man ratschlagte, was
man tun sollte, und konnte keinen Entschluss fassen. Endlich sah man von weitem
eine Laterne kommen und holte frischen Atem; allein die Hoffnung einer baldigen
Erlösung verschwand auch wieder, indem die Erscheinung näher kam und deutlich
ward. Ein Reitknecht leuchtete dem bekannten Stallmeister des Grafen vor, und
dieser erkundigte sich, als er näher kam, sehr eifrig nach Mademoiselle
Philinen. Sie war kaum aus dem übrigen Haufen hervorgetreten, als er ihr sehr
dringend anbot, sie in das neue Schloss zu führen, wo ein Plätzchen für sie bei
den Kammerjungfern der Gräfin bereitet sei. Sie besann sich nicht lange, das
Anerbieten dankbar zu ergreifen, fasste ihn bei dem Arme und wollte, da sie den
andern ihren Koffer empfohlen, mit ihm forteilen; allein man trat ihnen in den
Weg, fragte, bat, beschwor den Stallmeister, dass er endlich, um nur mit seiner
Schönen loszukommen, alles versprach und versicherte, in kurzem solle das Schloss
eröffnet und sie auf das beste einquartiert werden. Bald darauf sahen sie den
Schein seiner Laterne verschwinden und hofften lange vergebens auf das neue
Licht, das ihnen endlich nach vielem Warten, Schelten und Schmähen erschien und
sie mit einigem Troste und Hoffnung belebte.
    
    Ein alter Hausknecht eröffnete die Türe des alten Gebäudes, in das sie mit
Gewalt eindrangen. Ein jeder sorgte nun für seine Sachen, sie abzupacken, sie
hereinzuschaffen. Das meiste war, wie die Personen selbst, tüchtig durchweicht.
Bei dem einen Lichte ging alles sehr langsam. Im Gebäude stiess man sich,
stolperte, fiel. Man bat um mehr Lichter, man bat um Feuerung. Der einsilbige
Hausknecht liess mit genauer Not seine Laterne da, ging und kam nicht wieder.
    Nun fing man an, das Haus zu durchsuchen; die Türen aller Zimmer waren
offen; grosse Öfen, gewirkte Tapeten, eingelegte Fussböden waren von seiner
vorigen Pracht noch übrig, von anderm Hausgeräte aber nichts zu finden, kein
Tisch, kein Stuhl, kein Spiegel, kaum einige ungeheure leere Bettstellen, alles
Schmuckes und alles Notwendigen beraubt. Die nassen Koffer und Mantelsäcke
wurden zu Sitzen gewählt, ein Teil der müden Wandrer bequemte sich auf dem
Fussboden. Wilhelm hatte sich auf einige Stufen gesetzt, Mignon lag auf seinen
Knien; das Kind war unruhig, und auf seine Frage, was ihm fehlte, antwortete es:
»Mich hungert!« Er fand nichts bei sich, um das Verlangen des Kindes zu stillen,
die übrige Gesellschaft hatte jeden Vorrat auch aufgezehrt, und er musste die
arme Kreatur ohne Erquickung lassen. Er blieb bei dem ganzen Vorfall untätig,
still in sich gekehrt; denn er war sehr verdriesslich und grimmig, dass er nicht
auf seinem Sinne bestanden und bei dem Wirtshause abgestiegen sei, wenn er auch
auf dem obersten Boden hätte sein Lager nehmen sollen.
    Die übrigen gebärdeten sich jeder nach seiner Art. Einige hatten einen
Haufen altes Gehölz in einen ungeheuren Kamin des Saals geschafft und zündeten
mit grossem Jauchzen den Scheiterhaufen an. Unglücklicherweise ward auch diese
Hoffnung, sich zu trocknen und zu wärmen, auf das schrecklichste getäuscht, denn
dieser Kamin stand nur zur Zierde da und war von oben herein vermauert; der
Dampf trat schnell zurück und erfüllte auf einmal die Zimmer; das dürre Holz
schlug prasselnd in Flammen auf, und auch die Flamme ward herausgetrieben; der
Zug, der durch die zerbrochenen Fensterscheiben drang, gab ihr eine unstäte
Richtung; man fürchtete, das Schloss anzuzünden, musste das Feuer auseinander
ziehen, austreten, dämpfen; der Rauch vermehrte sich, der Zustand wurde
unerträglicher, man kam der Verzweiflung nahe.
    Wilhelm war vor dem Rauch in ein entferntes Zimmer gewichen, wohin ihm bald
Mignon folgte und einen wohl gekleideten Bedienten, der eine hohe,
hellbrennende, doppelt erleuchtete Laterne trug, hereinführte; dieser wendete
sich an Wilhelmen, und indem er ihm auf einem schön porzellanenen Teller Konfekt
und Früchte überreichte, sagte er: »Dies schickt Ihnen das junge Frauenzimmer
von drüben mit der Bitte, zur Gesellschaft zu kommen. Sie lässt sagen«, setzte
der Bediente mit einer leichtfertigen Miene hinzu, »es gehe ihr sehr wohl, und
sie wünsche ihre Zufriedenheit mit ihren Freunden zu teilen.«
    Wilhelm erwartete nichts weniger als diesen Antrag, denn er hatte Philinen
seit dem Abenteuer der steinernen Bank mit entschiedener Verachtung begegnet und
war so fest entschlossen, keine Gemeinschaft mehr mit ihr zu machen, dass er im
Begriff stand, die süsse Gabe wieder zurückzuschicken, als ein bittender Blick
Mignons ihn vermochte, sie anzunehmen und im Namen des Kindes dafür zu danken;
die Einladung schlug er ganz aus. Er bat den Bedienten, einige Sorge für die
angekommene Gesellschaft zu haben, und erkundigte sich nach dem Baron. Dieser
lag zu Bette, hatte aber schon, soviel der Bediente zu sagen wusste, einem andern
Auftrag gegeben, für die elend Beherbergten zu sorgen.
    Der Bediente ging und hinterliess Wilhelmen eins von seinen Lichtern, das
dieser in Ermangelung eines Leuchters auf das Fenstergesims kleben musste, und
nun wenigstens bei seinen Betrachtungen die vier Wände des Zimmers erhellt sah.
Denn es währte noch lange, ehe die Anstalten rege wurden, die unsere Gäste zur
Ruhe bringen sollten. Nach und nach kamen Lichter, jedoch ohne Lichtputzen, dann
einige Stühle, eine Stunde darauf Deckbetten, dann Kissen, alles wohl
durchnetzt, und es war schon weit über Mitternacht, als endlich Strohsäcke und
Matratzen herbeigeschaft wurden, die, wenn man sie zuerst gehabt hätte, höchst
willkommen gewesen wären.
    In der Zwischenzeit war auch etwas von Essen und Trinken angelangt, das ohne
viel Kritik genossen wurde, ob es gleich einem sehr unordentlichen Abhub ähnlich
sah und von der Achtung, die man für die Gäste hatte, kein sonderliches Zeugnis
ablegte.
 
                                Viertes Kapitel
Durch die Unart und den Übermut einiger leichtfertigen Gesellen vermehrte sich
die Unruhe und das Übel der Nacht, indem sie sich einander neckten, aufweckten
und sich wechselsweise allerlei Streiche spielten. Der andere Morgen brach an,
unter lauten Klagen über ihren Freund, den Baron, dass er sie so getäuscht und
ihnen ein ganz anderes Bild von der Ordnung und Bequemlichkeit, in die sie
kommen würden, gemacht habe. Doch zur Verwunderung und Trost erschien in aller
Frühe der Graf selbst mit einigen Bedienten und erkundigte sich nach ihren
Umständen. Er war sehr entrüstet, als er hörte, wie übel es ihnen ergangen, und
der Baron, der geführt herbeihinkte, verklagte den Haushofmeister, wie
befehlswidrig er sich bei dieser Gelegenheit gezeigt, und glaubte, ihm ein
rechtes Bad angerichtet zu haben.
    Der Graf befahl sogleich, dass alles in seiner Gegenwart zur möglichsten
Bequemlichkeit der Gäste geordnet werden solle. Darauf kamen einige Offiziere,
die von den Aktricen sogleich Kundschaft nahmen, und der Graf liess sich die
ganze Gesellschaft vorstellen, redete einen jeden bei seinem Namen an und
mischte einige Scherze in die Unterredung, dass alle über einen so gnädigen Herrn
ganz entzückt waren. Endlich musste Wilhelm auch an die Reihe, an den sich Mignon
anhing. Wilhelm entschuldigte sich, so gut er konnte, über seine Freiheit, der
Graf hingegen schien seine Gegenwart als bekannt anzunehmen.
    Ein Herr, der neben dem Grafen stand, den man für einen Offizier hielt, ob
er gleich keine Uniform anhatte, sprach besonders mit unserm Freunde und
zeichnete sich vor allen andern aus. Grosse hellblaue Augen leuchteten unter
einer hohen Stirne hervor, nachlässig waren seine blonden Haare aufgeschlagen,
und seine mittlere Statur zeigte ein sehr wackres, festes und bestimmtes Wesen.
Seine Fragen waren lebhaft, und er schien sich auf alles zu verstehen, wonach er
fragte.
    Wilhelm erkundigte sich nach diesem Manne bei dem Baron, der aber nicht viel
Gutes von ihm zu sagen wusste. Er habe den Charakter als Major, sei eigentlich
der Günstling des Prinzen, versehe dessen geheimste Geschäfte und werde für
dessen rechten Arm gehalten, ja man habe Ursache zu glauben, er sei sein
natürlicher Sohn. In Frankreich, England, Italien sei er mit Gesandtschaften
gewesen, er werde überall sehr distinguiert, und das mache ihn einbildisch; er
wähne, die deutsche Literatur aus dem Grunde zu kennen, und erlaube sich
allerlei schale Spöttereien gegen dieselbe. Er, der Baron, vermeide alle
Unterredung mit ihm, und Wilhelm werde wohl tun, sich auch von ihm entfernt zu
halten, denn am Ende gebe er jedermann etwas ab. Man nenne ihn Jarno, wisse aber
nicht recht, was man aus dem Namen machen solle.
    Wilhelm hatte darauf nichts zu sagen, denn er empfand gegen den Fremden, ob
er gleich etwas Kaltes und Abstossendes hatte, eine gewisse Neigung.
    Die Gesellschaft wurde in dem Schloss eingeteilt, und Melina befahl sehr
strenge, sie sollten sich nunmehr ordentlich halten, die Frauen sollten
besonders wohnen, und jeder nur auf seine Rollen, auf die Kunst sein Augenmerk
und seine Neigung richten. Er schlug Vorschriften und Gesetze, die aus vielen
Punkten bestanden, an alle Türen. Die Summe der Strafgelder war bestimmt, die
ein jeder Übertreter in die gemeine Büchse entrichten sollte.
    Diese Verordnungen wurden wenig geachtet. Junge Offiziere gingen aus und
ein, spassten nicht eben auf das feinste mit den Aktricen, hatten die Akteure zum
besten und vernichteten die ganze kleine Polizeiverordnung, noch ehe sie Wurzel
fassen konnte. Man jagte sich durch die Zimmer, verkleidete sich, versteckte
sich. Melina, der anfangs einigen Ernst zeigen wollte, ward mit allerlei
Mutwillen auf das Äusserste gebracht, und als ihn bald darauf der Graf holen
liess, um den Platz zu sehen, wo das Teater aufgerichtet werden sollte, ward das
Übel nur immer ärger. Die jungen Herren ersannen sich allerlei platte Spässe,
durch Hülfe einiger Akteure wurden sie noch plumper, und es schien, als wenn das
ganze alte Schloss vom wütenden Heere besessen sei; auch endigte der Unfug nicht
eher, als bis man zur Tafel ging.
    Der Graf hatte Melinan in einen grossen Saal geführt, der noch zum alten
Schloss gehörte, durch eine Galerie mit dem neuen verbunden war, und worin ein
kleines Teater sehr wohl aufgestellt werden konnte. Daselbst zeigte der
einsichtsvolle Hausherr, wie er alles wolle eingerichtet haben.
    Nun war die Arbeit in grosser Eile vorgenommen, das Teatergerüste
aufgeschlagen und ausgeziert, was man von Dekorationen in dem Gepäcke hatte und
brauchen konnte, angewendet, und das übrige mit Hülfe einiger geschickten Leute
des Grafen verfertiget. Wilhelm griff selbst mit an, half die Perspektive
bestimmen, die Umrisse abschnüren, und war höchst beschäftigt, dass es nicht
unschicklich werden sollte. Der Graf, der öfters dazu kam, war sehr zufrieden
damit, zeigte, wie sie das, was sie wirklich taten, eigentlich machen sollten,
und liess dabei ungemeine Kenntnisse jeder Kunst sehen.
    Nun fing das Probieren recht ernstlich an, wozu sie auch Raum und Musse genug
gehabt hätten, wenn sie nicht von den vielen anwesenden Fremden immer gestört
worden wären. Denn es kamen täglich neue Gäste an, und ein jeder wollte die
Gesellschaft in Augenschein nehmen.
 
                                Fünftes Kapitel
Der Baron hatte Wilhelmen einige Tage mit der Hoffnung hingehalten, dass er der
Gräfin noch besonders vorgestellt werden sollte. - »Ich habe«, sagte er, »dieser
vortrefflichen Dame so viel von Ihren geistreichen und empfindungsvollen Stücken
erzählt, dass sie nicht erwarten kann, Sie zu sprechen und sich eins und das
andere vorlesen zu lassen. Halten Sie sich ja gefasst, auf den ersten Wink
hinüberzukommen, denn bei dem nächsten ruhigen Morgen werden Sie gewiss gerufen
werden.« Er bezeichnete ihm darauf das Nachspiel, welches er zuerst vorlesen
sollte, wodurch er sich ganz besonders empfehlen würde. Die Dame bedaure gar
sehr, dass er zu einer solchen unruhigen Zeit eingetroffen sei und sich mit der
übrigen Gesellschaft in dem alten Schloss schlecht behelfen müsse. -
    Mit grosser Sorgfalt nahm darauf Wilhelm das Stück vor, womit er seinen
Eintritt in die grosse Welt machen sollte. »Du hast«, sagte er, »bisher im
stillen für dich gearbeitet, nur von einzelnen Freunden Beifall erhalten; du
hast eine Zeitlang ganz an deinem Talente verzweifelt, und du musst immer noch in
Sorgen sein, ob du denn auch auf dem rechten Wege bist, und ob du so viel Talent
als Neigung zum Teater hast. Vor den Ohren solcher geübten Kenner, im
Kabinette, wo keine Illusion stattfindet, ist der Versuch weit gefährlicher als
anderwärts, und ich möchte doch auch nicht gerne zurückbleiben, diesen Genuss an
meine vorigen Freuden knüpfen und die Hoffnung auf die Zukunft erweitern.«
    Er nahm darauf einige Stücke durch, las sie mit der grössten Aufmerksamkeit,
korrigierte hier und da, rezitierte sie sich laut vor, um auch in Sprache und
Ausdruck recht gewandt zu sein, und steckte dasjenige, welches er am meisten
geübt, womit er die grösste Ehre einzulegen glaubte, in die Tasche, als er an
einem Morgen hinüber vor die Gräfin gefordert wurde.
    Der Baron hatte ihm versichert, sie würde allein mit einer guten Freundin
sein. Als er in das Zimmer trat, kam die Baronesse von C... ihm mit vieler
Freundlichkeit entgegen, freute sich, seine Bekanntschaft zu machen, und
präsentierte ihn der Gräfin, die sich eben frisieren liess und ihn mit
freundlichen Worten und Blicken empfing, neben deren Stuhl er aber leider
Philinen knien und allerlei Torheiten machen sah. - »Das schöne Kind«, sagte die
Baronesse, »hat uns verschiedenes vorgesungen. Endige Sie doch das angefangene
Liedchen, damit wir nichts davon verlieren.«
    Wilhelm hörte das Stückchen mit grosser Geduld an, indem er die Entfernung
des Friseurs wünschte, ehe er seine Vorlesung anfangen wollte. Man bot ihm eine
Tasse Schokolade an, wozu ihm die Baronesse selbst den Zwieback reichte. Dessen
ungeachtet schmeckte ihm das Frühstück nicht, denn er wünschte zu lebhaft, der
schönen Gräfin irgend etwas vorzutragen, was sie interessieren, wodurch er ihr
gefallen könnte. Auch Philine war ihm nur zu sehr im Wege, die ihm als Zuhörerin
oft schon unbequem gewesen war. Er sah mit Schmerzen dem Friseur auf die Hände
und hoffte in jedem Augenblicke mehr auf die Vollendung des Baues.
    Indessen war der Graf hereingetreten und erzählte von den heut zu
erwartenden Gästen, von der Einteilung des Tages und was sonst etwa Häusliches
vorkommen möchte. Da er hinausging, liessen einige Offiziere bei der Gräfin um
die Erlaubnis bitten, ihr, weil sie noch vor Tafel wegreiten müssten, aufwarten
zu dürfen. Der Kammerdiener war indessen fertig geworden, und sie liess die
Herren hereinkommen.
    Die Baronesse gab sich inzwischen Mühe, unsern Freund zu unterhalten und ihm
viele Achtung zu bezeigen, die er mit Ehrfurcht, obgleich etwas zerstreut,
aufnahm. Er fühlte manchmal nach dem Manuskripte in der Tasche, hoffte auf jeden
Augenblick, und fast wollte seine Geduld reissen, als ein Galanteriehändler
hereingelassen wurde, der seine Pappen, Kasten, Schachteln unbarmherzig eine
nach der andern eröffnete und jede Sorte seiner Waren mit einer diesem
Geschlechte eigenen Zudringlichkeit vorwies.
    Die Gesellschaft vermehrte sich. Die Baronesse sah Wilhelmen an und sprach
leise mit der Gräfin, er bemerkte es, ohne die Absicht zu verstehen, die ihm
endlich zu Hause klar wurde, als er sich nach einer ängstlich und vergebens
durchharrten Stunde wegbegab. Er fand ein schönes englisches Portefeuille in der
Tasche. Die Baronesse hatte es ihm heimlich beizustecken gewusst, und gleich
darauf folgte der Gräfin kleiner Mohr, der ihm eine artig gestickte Weste
überbrachte, ohne recht deutlich zu sagen, woher sie komme.
 
                                Sechstes Kapitel
Das Gemisch der Empfindungen von Verdruss und Dankbarkeit verdarb ihm den ganzen
Rest des Tages, bis er gegen Abend wieder Beschäftigung fand, indem Melina ihm
eröffnete, der Graf habe von einem Vorspiele gesprochen, das dem Prinzen zu
Ehren den Tag seiner Ankunft aufgeführt werden sollte. Er wolle darin die
Eigenschaften dieses grossen Helden und Menschenfreundes personifizieret haben.
Diese Tugenden sollten miteinander auftreten, sein Lob verkündigen und zuletzt
seine Büste mit Blumen- und Lorbeerkränzen umwinden, wobei sein verzogener Name
mit dem Fürstenhute durchscheinend glänzen sollte. Der Graf habe ihm aufgegeben,
für die Versifikation und übrige Einrichtung dieses Stückes zu sorgen, und er
hoffe, dass ihm Wilhelm, dem es etwas Leichtes sei, hierin gerne beistehen werde.
    »Wie!« rief dieser verdriesslich aus, »haben wir nichts als Porträte,
verzogene Namen und allegorische Figuren, um einen Fürsten zu ehren, der nach
meiner Meinung ein ganz anderes Lob verdient? Wie kann es einem vernünftigen
Manne schmeicheln, sich in effigie aufgestellt und seinen Namen auf geöltem
Papiere schimmern zu sehen! Ich fürchte sehr, die Allegorien würden, besonders
bei unserer Garderobe, zu manchen Zweideutigkeiten und Spässen Anlass geben.
Wollen Sie das Stück machen oder machen lassen, so kann ich nichts dawider
haben, nur bitte ich, dass ich damit verschont bleibe.«
    Melina entschuldigte sich, es sei nur die ungefähre Angabe des Herrn Grafen,
der ihnen übrigens ganz überlasse, wie sie das Stück arrangieren wollten.
»Herzlich gerne«, versetzte Wilhelm, »trage ich etwas zum Vergnügen dieser
vortrefflichen Herrschaft bei, und meine Muse hat noch kein so angenehmes
Geschäfte gehabt, als zum Lob eines Fürsten, der so viel Verehrung verdient,
auch nur stammelnd sich hören zu lassen. Ich will der Sache nachdenken;
vielleicht gelingt es mir, unsre kleine Truppe so zu stellen, dass wir doch
wenigstens einigen Effekt machen.«
    Von diesem Augenblicke sann Wilhelm eifrig dem Auftrage nach. Ehe er
einschlief, hatte er alles schon ziemlich geordnet, und den andern Morgen bei
früher Zeit war der Plan fertig, die Szenen entworfen, ja schon einige der
vornehmsten Stellen und Gesänge in Verse und zu Papiere gebracht.
    Wilhelm eilte morgens gleich den Baron wegen gewisser Umstände zu sprechen
und legte ihm seinen Plan vor. Diesem gefiel er sehr wohl, doch bezeigte er
einige Verwunderung. Denn er hatte den Grafen gestern abend von einem ganz
andern Stücke sprechen hören, welches nach seiner Angabe in Verse gebracht
werden sollte.
    »Es ist mir nicht wahrscheinlich«, versetzte Wilhelm, »dass es die Absicht
des Herrn Grafen gewesen sei, gerade das Stück, so wie er es Melinan angegeben,
fertigen zu lassen; wenn ich nicht irre, so wollte er uns bloss durch einen
Fingerzeig auf den rechten Weg weisen. Der Liebhaber und Kenner zeigt dem
Künstler an, was er wünscht, und überlässt ihm alsdann die Sorge, das Werk
hervorzubringen.«
    »Mit nichten«, versetzte der Baron; »der Herr Graf verlässt sich darauf, dass
das Stück so und nicht anders, wie er es angegeben, aufgeführt werde. Das Ihrige
hat freilich eine entfernte Ähnlichkeit mit seiner Idee, und wenn wir es
durchsetzen und ihn von seinen ersten Gedanken abbringen wollen, so müssen wir
es durch die Damen bewirken. Vorzüglich weiss die Baronesse dergleichen
Operationen meisterhaft anzulegen; es wird die Frage sein, ob ihr der Plan so
gefällt, dass sie sich der Sache annehmen mag, und dann wird es gewiss gehen.«
    »Wir brauchen ohnedies die Hülfe der Damen«, sagte Wilhelm, »denn es möchte
unser Personal und unsere Garderobe zu der Ausführung nicht hinreichen. Ich habe
auf einige hübsche Kinder gerechnet, die im Hause hin und wider laufen, und die
dem Kammerdiener und dem Haushofmeister zugehören.«
    Darauf ersuchte er den Baron, die Damen mit seinem Plane bekannt zu machen.
Dieser kam bald zurück und brachte die Nachricht, sie wollten ihn selbst
sprechen. Heute abend, wenn die Herren sich zum Spiele setzten, das ohnedies
wegen der Ankunft eines gewissen Generals ernstafter werden würde als
gewöhnlich, wollten sie sich unter dem Vorwande einer Unpässlichkeit in ihr
Zimmer zurückziehen, er sollte durch die geheime Treppe eingeführt werden und
könne alsdann seine Sache auf das beste vortragen. Diese Art von Geheimnis gebe
der Angelegenheit nunmehr einen doppelten Reiz, und die Baronesse besonders
freue sich wie ein Kind auf dieses Rendezvous, und mehr noch darauf, dass es
heimlich und geschickt gegen den Willen des Grafen unternommen werden sollte.
    Gegen Abend, um die bestimmte Zeit, ward Wilhelm abgeholt und mit Vorsicht
hinaufgeführt. Die Art, mit der ihm die Baronesse in einem kleinen Kabinette
entgegenkam, erinnerte ihn einen Augenblick an vorige glückliche Zeiten. Sie
brachte ihn in das Zimmer der Gräfin, und nun ging es an ein Fragen, an ein
Untersuchen. Er legte seinen Plan mit der möglichsten Wärme und Lebhaftigkeit
vor, so dass die Damen dafür ganz eingenommen wurden, und unsere Leser werden
erlauben, dass wir sie auch in der Kürze damit bekannt machen.
    In einer ländlichen Szene sollten Kinder das Stück mit einem Tanze eröffnen,
der jenes Spiel vorstellte, wo eins herumgehen und dem andern einen Platz
abgewinnen muss. Darauf sollten sie mit andern Scherzen abwechseln und zuletzt zu
einem immer wiederkehrenden Reihentanze ein fröhliches Lied singen. Darauf
sollte der Harfner mit Mignon herbeikommen, Neugierde erregen und mehrere
Landleute herbeilocken; der Alte sollte verschiedene Lieder zum Lobe des
Friedens, der Ruhe, der Freude singen, und Mignon darauf den Eiertanz tanzen.
    In dieser unschuldigen Freude werden sie durch eine kriegerische Musik
gestört, und die Gesellschaft von einem Trupp Soldaten überfallen. Die
Mannspersonen setzen sich zur Wehre und werden überwunden, die Mädchen fliehen
und werden eingeholt. Es scheint alles im Getümmel zugrunde zu gehen, als eine
Person, über deren Bestimmung der Dichter noch ungewiss war, herbeikommt und
durch die Nachricht, dass der Heerführer nicht weit sei, die Ruhe
wiederherstellt. Hier wird der Charakter des Helden mit den schönsten Zügen
geschildert, mitten unter den Waffen Sicherheit versprochen, dem Übermut und der
Gewalttätigkeit Schranken gesetzt. Es wird ein allgemeines Fest zu Ehren des
grossmütigen Heerführers begangen.
    Die Damen waren mit dem Plane sehr zufrieden, nur behaupteten sie, es müsse
notwendig etwas Allegorisches in dem Stücke sein, um es dem Herrn Grafen
angenehm zu machen. Der Baron tat den Vorschlag, den Anführer der Soldaten als
den Genius der Zwietracht und der Gewalttätigkeit zu bezeichnen; zuletzt aber
müsse Minerva herbeikommen, ihm Fesseln anzulegen, Nachricht von der Ankunft des
Helden zu geben und dessen Lob zu preisen. Die Baronesse übernahm das Geschäft,
den Grafen zu überzeugen, dass der von ihm angegebene Plan, nur mit einiger
Veränderung, ausgeführt worden sei; dabei verlangte sie ausdrücklich, dass am
Ende des Stücks notwendig die Büste, der verzogene Namen und der Fürstenhut
erscheinen müssten, weil sonst alle Unterhandlung vergeblich sein würde.
    Wilhelm, der sich schon im Geiste vorgestellt hatte, wie fein er seinen
Helden aus dem Munde der Minerva preisen wollte, gab nur nach langem.
Widerstande in diesem Punkte nach, allein er fühlte sich auf eine sehr angenehme
Weise gezwungen. Die schönen Augen der Gräfin und ihr liebenswürdiges Betragen
hätten ihn gar leicht bewogen, auch auf die schönste und angenehmste Erfindung,
auf die so erwünschte Einheit einer Komposition und auf alle schicklichen
Details Verzicht zu tun und gegen sein poetisches Gewissen zu handeln. Ebenso
stand auch seinem bürgerlichen Gewissen ein harter Kampf bevor, indem bei
bestimmterer Austeilung der Rollen die Damen ausdrücklich darauf bestanden, dass
er mitspielen müsse.
    Laertes hatte zu seinem Teil jenen gewalttätigen Kriegsgott erhalten.
Wilhelm sollte den Anführer der Landleute vorstellen, der einige sehr artige und
gefühlvolle Verse zu sagen hatte. Nachdem er sich eine Zeitlang gesträubt, musste
er sich endlich doch ergeben; besonders fand er keine Entschuldigung, da die
Baronesse ihm vorstellte, die Schaubühne hier auf dem Schloss sei ohnedem nur
als ein Gesellschaftsteater anzusehen, auf dem sie gern, wenn man nur eine
schickliche Einleitung machen könnte, mitzuspielen wünschte. Darauf entliessen
die Damen unsern Freund mit vieler Freundlichkeit. Die Baronesse versicherte
ihm, dass er ein unvergleichlicher Mensch sei, und begleitete ihn bis an die
kleine Treppe, wo sie ihm mit einem Händedruck gute Nacht gab.
 
                               Siebentes Kapitel
Befeuert durch den aufrichtigen Anteil, den die Frauenzimmer an der Sache
nahmen, ward der Plan, der ihm durch die Erzählung gegenwärtiger geworden war,
ganz lebendig. Er brachte den grössten Teil der Nacht und den andern Morgen mit
der sorgfältigsten Versifikation des Dialogs und der Lieder zu.
    Er war so ziemlich fertig, als er in das neue Schloss gerufen wurde, wo er
hörte, dass die Herrschaft, die eben frühstückte, ihn sprechen wollte. Er trat in
den Saal, die Baronesse kam ihm wieder zuerst entgegen, und unter dem Vorwande,
als wenn sie ihm einen guten Morgen bieten wollte, lispelte sie heimlich zu ihm:
»Sagen Sie nichts von Ihrem Stücke, als was Sie gefragt werden.«
    »Ich höre,« rief ihm der Graf zu, »Sie sind recht fleissig und arbeiten an
meinem Vorspiele, das ich zu Ehren des Prinzen geben will. Ich billige, dass Sie
eine Minerva darin anbringen wollen, und ich denke beizeiten darauf, wie die
Göttin zu kleiden ist, damit man nicht gegen das Kostüm verstösst. Ich lasse
deswegen aus meiner Bibliotek alle Bücher herbeibringen, worin sich das Bild
derselben befindet.«
    In eben dem Augenblicke traten einige Bedienten mit grossen Körben voll
Bücher allerlei Formats in den Saal.
    Montfaucon, die Sammlungen antiker Statuen, Gemmen und Münzen, alle Arten
mytologischer Schriften wurden aufgeschlagen und die Figuren verglichen. Aber
auch daran war es noch nicht genug! Des Grafen vortreffliches Gedächtnis stellte
ihm alle Minerven vor, die etwa noch auf Titelkupfern, Vignetten oder sonst
vorkommen mochten. Es musste deshalb ein Buch nach dem andern aus der Bibliotek
herbeigeschaft werden, so dass der Graf zuletzt in einem Haufen von Büchern sass.
Endlich, da ihm keine Minerva mehr einfiel, rief er mit Lachen aus: »Ich wollte
wetten, dass nun keine Minerva mehr in der ganzen Bibliotek sei, und es möchte
wohl das erstemal vorkommen, dass eine Büchersammlung so ganz und gar des Bildes
ihrer Schutzgöttin entbehren muss.«
    Die ganze Gesellschaft freute sich über den Einfall, und besonders Jarno,
der den Grafen immer mehr Bücher herbeizuschaffen gereizt hatte, lachte ganz
unmässig.
    »Nunmehr«, sagte der Graf, indem er sich zu Wilhelm wendete, »ist es eine
Hauptsache, welche Göttin meinen Sie? Minerva oder Pallas? Die Göttin des
Krieges oder der Künste?«
    »Sollte es nicht am schicklichsten sein, Ew. Exzellenz«, versetzte Wilhelm,
»wenn man hierüber sich nicht bestimmt ausdrückte und sie, eben weil sie in der
Mytologie eine doppelte Person spielt, auch hier in doppelter Qualität
erscheinen liesse. Sie meldet einen Krieger an, aber nur, um das Volk zu
beruhigen; sie preist einen Helden, indem sie seine Menschlichkeit erhebt; sie
überwindet die Gewalttätigkeit und stellt die Freude und Ruhe unter dem Volke
wieder her.«
    Die Baronesse, der es bange wurde, Wilhelm möchte sich verraten, schob
geschwinde den Leibschneider der Gräfin dazwischen, der seine Meinung abgeben
musste, wie ein solcher antiker Rock auf das beste gefertiget werden könnte.
Dieser Mann, in Maskenarbeiten erfahren, wusste die Sache sehr leicht zu machen,
und da Madame Melina ungeachtet ihrer hohen Schwangerschaft die Rolle der
himmlischen Jungfrau übernommen hatte, so wurde er angewiesen, ihr das Mass zu
nehmen, und die Gräfin bezeichnete, wiewohl mit einigem Unwillen ihrer
Kammerjungfern, die Kleider aus der Garderobe, welche dazu verschnitten werden
sollten.
    Auf eine geschickte Weise wusste die Baronesse Wilhelmen wieder
beiseitezuschaffen und liess ihn bald darauf wissen, sie habe die übrigen Sachen
auch besorgt. Sie schickte ihm zugleich den Musikus, der des Grafen Hauskapelle
dirigierte, damit dieser teils die notwendigen Stücke komponieren, teils
schickliche Melodien aus dem Musikvorrate dazu aussuchen sollte. Nunmehr ging
alles nach Wunsche, der Graf fragte dem Stücke nicht weiter nach, sondern war
hauptsächlich mit der transparenten Dekoration beschäftigt, welche am Ende des
Stückes die Zuschauer überraschen sollte. Seine Erfindung und die
Geschicklichkeit seines Konditors brachten zusammen wirklich eine recht
angenehme Erleuchtung zuwege. Denn auf seinen Reisen hatte er die grössten
Feierlichkeiten dieser Art gesehen, viele Kupfer und Zeichnungen mitgebracht,
und wusste, was dazu gehörte, mit vielem Geschmacke anzugeben.
    Unterdessen endigte Wilhelm sein Stück, gab einem jeden seine Rolle,
übernahm die seinige, und der Musikus, der sich zugleich sehr gut auf den Tanz
verstand, richtete das Ballett ein, und so ging alles zum besten.
    Nur ein unerwartetes Hindernis legte sich in den Weg, das ihm eine böse
Lücke zu machen drohte. Er hatte sich den grössten Effekt von Mignons Eiertanze
versprochen, und wie erstaunt war er daher, als das Kind ihm mit seiner
gewöhnlichen Trockenheit abschlug, zu tanzen, versicherte, es sei nunmehr sein
und werde nicht mehr auf das Teater gehen. Er suchte es durch allerlei Zureden
zu bewegen und liess nicht eher ab, als bis es bitterlich zu weinen anfing, ihm
zu Füssen fiel und rief: »Lieber Vater! bleib auch du von den Brettern!« Er
merkte nicht auf diesen Wink und sann, wie er durch eine andere Wendung die
Szene interessant machen wollte.
    Philine, die eins von den Landmädchen machte und in dem Reihentanz die
einzelne Stimme singen und die Verse dem Chore zubringen sollte, freute sich
recht ausgelassen darauf. Übrigens ging es ihr vollkommen nach Wunsche, sie
hatte ihr besonderes Zimmer, war immer um die Gräfin, die sie mit ihren
Affenpossen unterhielt und dafür täglich etwas geschenkt bekam; ein Kleid zu
diesem Stücke wurde auch für sie zurechte gemacht; und weil sie von einer
leichten nachahmenden Natur war, so hatte sie sich bald aus dem Umgange der
Damen so viel gemerkt, als sich für sie schickte, und war in kurzer Zeit voll
Lebensart und guten Betragens geworden. Die Sorgfalt des Stallmeisters nahm mehr
zu als ab, und da die Offiziere auch stark auf sie eindrangen, und sie sich in
einem so reichlichen Elemente befand, fiel es ihr ein, auch einmal die Spröde zu
spielen und auf eine geschickte Weise sich in einem gewissen vornehmen Ansehen
zu üben. Kalt und fein, wie sie war, kannte sie in acht Tagen die Schwächen des
ganzen Hauses, dass, wenn sie absichtlich hätte verfahren können, sie gar leicht
ihr Glück würde gemacht haben. Allein auch hier bediente sie sich ihres Vorteils
nur, um sich zu belustigen, um sich einen guten Tag zu machen und impertinent zu
sein, wo sie merkte, dass es ohne Gefahr geschehen konnte.
    Die Rollen waren gelernt, eine Hauptprobe des Stücks ward befohlen, der Graf
wollte dabei sein, und seine Gemahlin fing an zu sorgen, wie er es aufnehmen
möchte. Die Baronesse berief Wilhelmen heimlich, und man zeigte, je näher die
Stunde herbeirückte, immer mehr Verlegenheit, denn es war doch eben ganz und gar
nichts von der Idee des Grafen übriggeblieben. Jarno, der eben hereintrat, wurde
in das Geheimnis gezogen. Es freute ihn herzlich, und er war geneigt, seine
guten Dienste den Damen anzubieten. »Es wäre gar schlimm«, sagte er, »gnädige
Frau, wenn Sie sich aus dieser Sache nicht allein heraushelfen wollten; doch auf
alle Fälle will ich im Hinterhalte liegen bleiben.« Die Baronesse erzählte
hierauf, wie sie bisher dem Grafen das ganze Stück, aber nur immer stellenweise
und ohne Ordnung erzählt habe, dass er also auf jedes Einzelne vorbereitet sei,
nur stehe er freilich in Gedanken, das Ganze werde mit seiner Idee
zusammentreffen. »Ich will mich«, sagte sie, »heute abend in der Probe zu ihm
setzen und ihn zu zerstreuen suchen. Den Konditor habe ich auch schon vorgehabt,
dass er ja die Dekorationen am Ende recht schön macht, dabei aber doch etwas
Geringes fehlen lässt.«
    »Ich wüsste einen Hof«, versetzte Jarno, »wo wir so tätige und kluge Freunde
brauchten, als Sie sind. Will es heute abend mit Ihren Künsten nicht mehr fort,
so winken Sie mir, und ich will den Grafen herausholen und ihn nicht eher wieder
hineinlassen, bis Minerva auftritt und von der Illumination bald Sukkurs zu
hoffen ist. Ich habe ihm schon seit einigen Tagen etwas zu eröffnen, das seinen
Vetter betrifft, und das ich noch immer aus Ursachen aufgeschoben habe. Es wird
ihm auch das eine Distraktion geben, und zwar nicht die angenehmste.«
    Einige Geschäfte hinderten den Grafen, beim Anfange der Probe zu sein, dann
unterhielt ihn die Baronesse. Jarnos Hülfe war gar nicht nötig. Denn indem der
Graf genug zurechtzuweisen, zu verbessern und anzuordnen hatte, vergass er sich
ganz und gar darüber, und da Frau Melina zuletzt nach seinem Sinne sprach, und
die Illumination gut ausfiel, bezeigte er sich vollkommen zufrieden. Erst als
alles vorbei war und man zum Spiele ging, schien ihm der Unterschied
aufzufallen, und er fing an nachzudenken, ob denn das Stück auch wirklich von
seiner Erfindung sei? Auf einen Wink fiel nun Jarno aus seinem Hinterhalte
hervor, der Abend verging, die Nachricht, dass der Prinz wirklich komme,
bestätigte sich, man ritt einigemal aus, die Avantgarde in der Nachbarschaft
kampieren zu sehen, das Haus war voll Lärmen und Unruhe, und unsere
Schauspieler, die nicht immer zum besten von den unwilligen Bedienten versorgt
wurden, mussten, ohne dass jemand sonderlich sich ihrer erinnerte, in dem alten
Schloss ihre Zeit in Erwartungen und Übungen zubringen.
 
                                 Achtes Kapitel
Endlich war der Prinz angekommen; die Generalität, die Stabsoffiziere und das
übrige Gefolge, das zu gleicher Zeit eintraf, die vielen Menschen, die teils zum
Besuche, teils geschäftswegen einsprachen, machten das Schloss einem Bienenstocke
ähnlich, der eben schwärmen will. Jedermann drängte sich herbei, den
vortrefflichen Fürsten zu sehen, und jedermann bewunderte seine Leutseligkeit
und Herablassung, jedermann erstaunte, in dem Helden und Heerführer zugleich den
gefälligsten Hofmann zu erblicken.
    Alle Hausgenossen mussten nach Ordre des Grafen bei der Ankunft des Fürsten
auf ihrem Posten sein, kein Schauspieler durfte sich blicken lassen, weil der
Prinz mit den vorbereiteten Feierlichkeiten überrascht werden sollte. Und so
schien er auch des Abends, als man ihn in den grossen wohlerleuchteten und mit
gewirkten Tapeten des vorigen Jahrhunderts ausgezierten Saal führte, ganz und
gar nicht auf ein Schauspiel, viel weniger auf ein Vorspiel zu seinem Lobe
vorbereitet zu sein. Alles lief auf das beste ab, und die Truppe musste nach
vollendeter Vorstellung herbei und sich dem Prinzen zeigen, der jeden auf die
freundlichste Weise etwas zu fragen, jedem auf die gefälligste Art etwas zu
sagen wusste. Wilhelm als Autor musste besonders vortreten, und ihm ward
gleichfalls sein Teil Beifall zugespendet.
    Nach dem Vorspiele fragte niemand sonderlich, in einigen Tagen war es, als
wenn nichts dergleichen wäre aufgeführt worden, ausser dass Jarno mit Wilhelmen
gelegentlich davon sprach und es sehr verständig lobte; nur setzte er hinzu: »Es
ist schade, dass Sie mit hohlen Nüssen um hohle Nüsse spielen.« - Mehrere Tage
lag Wilhelmen dieser Ausdruck im Sinne, er wusste nicht, wie er ihn auslegen,
noch was er daraus nehmen sollte.
    Unterdessen spielte die Gesellschaft jeden Abend so gut, als sie es nach
ihren Kräften vermochte, und tat das mögliche, um die Aufmerksamkeit der
Zuschauer auf sich zu ziehen. Ein unverdienter Beifall munterte sie auf, und in
ihrem alten Schloss glaubten sie nun wirklich, eigentlich um ihretwillen dränge
sich die grosse Versammlung herbei, nach ihren Vorstellungen ziehe sich die Menge
der Fremden, und sie seien der Mittelpunkt, um den und um deswillen sich alles
drehe und bewege.
    Wilhelm allein bemerkte zu seinem grossen Verdrusse gerade das Gegenteil.
Denn obgleich der Prinz die ersten Vorstellungen von Anfange bis zu Ende, auf
seinem Sessel sitzend, mit der grössten Gewissenhaftigkeit abwartete, so schien
er sich doch nach und nach auf eine gute Weise davon zu dispensieren. Gerade
diejenigen, welche Wilhelm im Gespräche als die Verständigsten gefunden hatte,
Jarno an ihrer Spitze, brachten nur flüchtige Augenblicke im Teatersaale zu,
übrigens sassen sie im Vorzimmer, spielten oder schienen sich von Geschäften zu
unterhalten.
    Wilhelmen verdross gar sehr, bei seinen anhaltenden Bemühungen des
erwünschtesten Beifalls zu entbehren. Bei der Auswahl der Stücke, der Abschrift
der Rollen, den häufigen Proben, und was sonst nur immer vorkommen konnte, ging
er Melinan eifrig zur Hand, der ihn denn auch, seine eigene Unzulänglichkeit im
stillen fühlend, zuletzt gewähren liess. Die Rollen memorierte Wilhelm mit Fleiss
und trug sie mit Wärme und Lebhaftigkeit und mit so viel Anstand vor, als die
wenige Bildung erlaubte, die er sich selbst gegeben hatte.
    Die fortgesetzte Teilnahme des Barons benahm indes der übrigen Gesellschaft
jeden Zweifel, indem er sie versicherte, dass sie die grössten Effekte
hervorbringe, besonders indem sie eins seiner eigenen Stücke aufführte, nur
bedauerte er, dass der Prinz eine ausschliessliche Neigung für das französische
Teater habe, dass ein Teil seiner Leute hingegen, worunter sich Jarno besonders
auszeichnete, den Ungeheuern der englischen Bühne einen leidenschaftlichen
Vorzug gebe.
    War nun auf diese Weise die Kunst unsrer Schauspieler nicht auf das beste
bemerkt und bewundert, so waren dagegen ihre Personen den Zuschauern und
Zuschauerinnen nicht völlig gleichgültig. Wir haben schon oben angezeigt, dass
die Schauspielerinnen gleich von Anfang die Aufmerksamkeit junger Offiziere
erregten; allein sie waren in der Folge glücklicher und machten wichtigere
Eroberungen. Doch wir schweigen davon und bemerken nur, dass Wilhelm der Gräfin
von Tag zu Tag interessanter vorkam, so wie auch in ihm eine stille Neigung
gegen sie aufzukeimen anfing. Sie konnte, wenn er auf dem Teater war, die Augen
nicht von ihm abwenden, und er schien bald nur allein gegen sie gerichtet zu
spielen und zu rezitieren. Sich wechselseitig anzusehen, war ihnen ein
unaussprechliches Vergnügen, dem sich ihre harmlosen Seelen ganz überliessen,
ohne lebhaftere Wunsche zu nähren oder für irgendeine Folge besorgt zu sein.
    Wie über einen Fluss hinüber, der sie scheidet, zwei feindliche Vorposten
sich ruhig und lustig zusammen besprechen, ohne an den Krieg zu denken, in
welchem ihre beiderseitigen Parteien begriffen sind, so wechselte die Gräfin mit
Wilhelm bedeutende Blicke über die ungeheure Kluft der Geburt und des Standes
hinüber, und jedes glaubte an seiner Seite, sicher seinen Empfindungen
nachhängen zu dürfen.
    Die Baronesse hatte sich indessen den Laertes ausgesucht, der ihr als ein
wackerer, munterer Jüngling besonders gefiel, und der, so sehr Weiberfeind er
war, doch ein vorbeigehendes Abenteuer nicht verschmähete, und wirklich diesmal
wider Willen durch die Leutseligkeit und das einnehmende Wesen der Baronesse
gefesselt worden wäre, hätte ihm der Baron zufällig nicht einen guten oder, wenn
man will, einen schlimmen Dienst erzeigt, indem er ihn mit den Gesinnungen
dieser Dame näher bekannt machte.
    Denn als Laertes sie einst laut rühmte und sie allen andern ihres
Geschlechts vorzog, versetzte der Baron scherzend: »Ich merke schon, wie die
Sachen stehen, unsre liebe Freundin hat wieder einen für ihre Ställe gewonnen.«
Dieses unglückliche Gleichnis, das nur zu klar auf die gefährlichen Liebkosungen
einer Circe deutete, verdross Laertes über die Massen, und er konnte dem Baron
nicht ohne Ärgernis zuhören, der ohne Barmherzigkeit fortfuhr:
    »Jeder Fremde glaubt, dass er der erste sei, dem ein so angenehmes Betragen
gelte; aber er irrt gewaltig, denn wir alle sind einmal auf diesem Wege
herumgeführt worden; Mann, Jüngling oder Knabe, er sei, wer er sei, muss sich
eine Zeitlang ihr ergeben, ihr anhängen und sich mit Sehnsucht um sie bemühen.«
    Den Glücklichen, der eben, in die Gärten einer Zauberin hineintretend, von
allen Seligkeiten eines künstlichen Frühlings empfangen wird, kann nichts
unangenehmer überraschen, als wenn ihm, dessen Ohr ganz auf den Gesang der
Nachtigall lauscht, irgendein verwandelter Vorfahr unvermutet entgegengrunzt.
    Laertes schämte sich nach dieser Entdeckung recht von Herzen, dass ihn seine
Eitelkeit nochmals verleitet habe, von irgendeiner Frau auch im mindesten gut zu
denken. Er vernachlässigte sie nunmehr völlig, hielt sich zu dem Stallmeister,
mit dem er fleissig focht und auf die Jagd ging, bei Proben und Vorstellungen
aber sich betrug, als wenn dies bloss eine Nebensache wäre.
    Der Graf und die Gräfin liessen manchmal morgens einige von der Gesellschaft
rufen, da jeder denn immer Philinens unverdientes Glück zu beneiden Ursache
fand. Der Graf hatte seinen Liebling, den Pedanten, oft stundenlang bei seiner
Toilette. Dieser Mensch ward nach und nach bekleidet und bis auf Uhr und Dose
equipiert und ausgestattet.
    Auch wurde die Gesellschaft manchmal samt und sonders nach Tafel vor die
hohen Herrschaften gefordert. Sie schätzten sich es zur grössten Ehre und
bemerkten es nicht, dass man zu ebenderselben Zeit durch Jäger und Bediente eine
Anzahl Hunde hereinbringen und Pferde im Schlosshofe vorführen liess.
    Man hatte Wilhelmen gesagt, dass er ja gelegentlich des Prinzen Liebling,
Racine, loben und dadurch auch von sich eine gute Meinung erwecken solle. Er
fand dazu an einem solchen Nachmittage Gelegenheit, da er auch mit vorgefordert
worden war, und der Prinz ihn fragte, ob er auch fleissig die grossen
französischen Teaterschriftsteller lese, darauf ihm denn Wilhelm mit einem sehr
lebhaften Ja antwortete. Er bemerkte nicht, dass der Fürst, ohne seine Antwort
abzuwarten, schon im Begriff war, sich weg und zu jemand andern zu wenden, er
fasste ihn vielmehr sogleich und trat ihm beinah in den Weg, indem er fortfuhr:
er schätze das französische Teater sehr hoch und lese die Werke der grossen
Meister mit Entzücken; besonders habe er zu wahrer Freude gehört, dass der Fürst
den grossen Talenten eines Racine völlige Gerechtigkeit widerfahren lasse. »Ich
kann es mir vorstellen«, fuhr er fort, »wie vornehme und erhabene Personen einen
Dichter schätzen müssen, der die Zustände ihrer höheren Verhältnisse so
vortrefflich und richtig schildert. Corneille hat, wenn ich so sagen darf, grosse
Menschen dargestellt, und Racine vornehme Personen. Ich kann mir, wenn ich seine
Stücke lese, immer den Dichter denken, der an einem glänzenden Hofe lebt, einen
grossen König vor Augen hat, mit den Besten umgeht und in die Geheimnisse der
Menschheit dringt, wie sie sich hinter kostbar gewirkten Tapeten verbergen. Wenn
ich seinen Britannicus, seine Berenice studiere, so kommt es mir wirklich vor,
ich sei am Hofe, sei in das Grosse und Kleine dieser Wohnungen der irdischen
Götter geweiht, und ich sehe durch die Augen eines feinfühlenden Franzosen
Könige, die eine ganze Nation anbetet, Hofleute, die von viel Tausenden beneidet
werden, in ihrer natürlichen Gestalt mit ihren Fehlern und Schmerzen. Die
Anekdote, dass Racine sich zu Tode gegrämt habe, weil Ludwig der Vierzehnte ihn
nicht mehr angesehen, ihn seine Unzufriedenheit fühlen lassen, ist mir ein
Schlüssel zu allen seinen Werken, und es ist unmöglich, dass ein Dichter von so
grossen Talenten, dessen Leben und Tod an den Augen eines Königs hängt, nicht
auch Stücke schreiben solle, die des Beifalls eines Königs und eines Fürsten
wert seien.«
    Jarno war herbeigetreten und hörte unserem Freunde mit Verwunderung zu; der
Fürst, der nicht geantwortet und nur mit einem gefälligen Blicke seinen Beifall
gezeigt hatte, wandte sich seitwärts, obgleich Wilhelm, dem es noch unbekannt
war, dass es nicht anständig sei, unter solchen Umständen einen Diskurs
fortzusetzen und eine Materie erschöpfen zu wollen, noch gerne mehr gesprochen
und dem Fürsten gezeigt hätte, dass er nicht ohne Nutzen und Gefühl seinen
Lieblingsdichter gelesen.
    »Haben Sie denn niemals«, sagte Jarno, indem er ihn beiseitenahm, »ein Stück
von Shakespearen gesehen?«
    »Nein«, versetzte Wilhelm; »denn seit der Zeit, dass sie in Deutschland
bekannter geworden sind, bin ich mit dem Teater unbekannt worden, und ich weiss
nicht, ob ich mich freuen soll, dass sich zufällig eine alte jugendliche
Liebhaberei und Beschäftigung gegenwärtig wieder erneuerte. Indessen hat mich
alles, was ich von jenen Stücken gehört, nicht neugierig gemacht, solche
seltsame Ungeheuer näher kennen zu lernen, die über alle Wahrscheinlichkeit,
allen Wohlstand hinauszuschreiten scheinen.«
    »Ich will Ihnen denn doch raten«, versetzte jener, »einen Versuch zu machen;
es kann nichts schaden, wenn man auch das Seltsame mit eigenen Augen sieht. Ich
will Ihnen ein paar Teile borgen, und Sie können Ihre Zeit nicht besser
anwenden, als wenn Sie sich gleich von allem losmachen und in der Einsamkeit
Ihrer alten Wohnung in die Zauberlaterne dieser unbekannten Welt sehen. Es ist
sündlich, dass Sie Ihre Stunden verderben, diese Affen menschlicher auszuputzen
und diese Hunde tanzen zu lehren. Nur eins bedinge ich mir aus, dass Sie sich an
die Form nicht stossen; das Übrige kann ich Ihrem richtigen Gefühle überlassen.«
    Die Pferde standen vor der Tür, und Jarno setzte sich mit einigen Kavalieren
auf, um sich mit der Jagd zu erlustigen. Wilhelm sah ihm traurig nach. Er hätte
gern mit diesem Manne noch vieles gesprochen, der ihm, wiewohl auf eine
unfreundliche Art, neue Ideen gab, Ideen, deren er bedurfte.
    Der Mensch kommt manchmal, indem er sich einer Entwicklung seiner Kräfte,
Fähigkeiten und Begriffe nähert, in eine Verlegenheit, aus der ihm ein guter
Freund leicht helfen könnte. Er gleicht einem Wanderer, der nicht weit von der
Herberge ins Wasser fällt; griffe jemand sogleich zu, risse ihn ans Land, so
wäre es um einmal nass werden getan, anstatt dass er sich auch wohl selbst, aber
am jenseitigen Ufer, heraushilft und einen beschwerlichen weiten Umweg nach
seinem bestimmten Ziele zu machen hat.
    Wilhelm fing an zu wittern, dass es in der Welt anders zugehe, als er es sich
gedacht. Er sah das wichtige und bedeutungsvolle Leben der Vornehmen und Grossen
in der Nähe und verwunderte sich, wie einen leichten Anstand sie ihm zu geben
wussten. Ein Heer auf dem Marsche, ein fürstlicher Held an seiner Spitze, so
viele mitwirkende Krieger, so viele zudringende Verehrer erhöhten seine
Einbildungskraft. In dieser Stimmung erhielt er die versprochenen Bücher, und in
kurzem, wie man es vermuten kann, ergriff ihn der Strom jenes grossen Genius und
führte ihn einem unübersehlichen Meere zu, worin er sich gar bald völlig vergass
und verlor.
 
                                Neuntes Kapitel
Das Verhältnis des Barons zu den Schauspielern hatte seit ihrem Aufentalte im
Schloss verschiedene Veränderungen erlitten. Im Anfange gereichte es zu
beiderseitiger Zufriedenheit; denn indem der Baron das erste Mal in seinem Leben
eines seiner Stücke, mit denen er ein Gesellschaftsteater schon belebt hatte,
in den Händen wirklicher Schauspieler und auf dem Wege zu einer anständigen
Vorstellung sah, war er von dem besten Humor, bewies sich freigebig und kaufte
bei jedem Galanteriehändler, deren sich manche einstellten, kleine Geschenke für
die Schauspielerinnen und wusste den Schauspielern manche Bouteille Champagner
extra zu verschaffen; dagegen gaben sie sich auch mit seinen Stücken alle Mühe,
und Wilhelm sparte keinen Fleiss, die herrlichen Reden des vortrefflichen Helden,
dessen Rolle ihm zugefallen war, auf das genaueste zu memorieren.
    Indessen hatten sich doch auch nach und nach einige Misshelligkeiten
eingeschlichen. Die Vorliebe des Barons für gewisse Schauspieler wurde von Tag
zu Tag merklicher, und notwendig musste dies die übrigen verdriessen. Er erhob
seine Günstlinge ganz ausschliesslich und brachte dadurch Eifersucht und
Uneinigkeit unter die Gesellschaft. Melina, der sich bei streitigen Fällen
ohnehin nicht zu helfen wusste, befand sich in einem sehr unangenehmen Zustande.
Die Gepriesenen nahmen das Lob an, ohne sonderlich dankbar zu sein, und die
Zurückgesetzten liessen auf allerlei Weise ihren Verdruss spüren und wussten ihrem
erst hochverehrten Gönner den Aufentalt unter ihnen auf eine oder die andere
Weise unangenehm zu machen; ja es war ihrer Schadenfreude keine geringe Nahrung,
als ein gewisses Gedicht, dessen Verfasser man nicht kannte, im Schloss viel
Bewegung verursachte. Bisher hatte man sich immer, doch auf eine ziemlich feine
Weise, über den Umgang des Barons mit den Komödianten aufgehalten, man hatte
allerlei Geschichten auf ihn gebracht, gewisse Vorfälle ausgeputzt und ihnen
eine lustige und interessante Gestalt gegeben. Zuletzt fing man an zu erzählen,
es entstehe eine Art von Handwerksneid zwischen ihm und einigen Schauspielern,
die sich auch einbildeten, Schriftsteller zu sein, und auf diese Sage gründet
sich das Gedicht, von welchem wir sprachen, und welches lautete, wie folgt:
Ich armer Teufel, Herr Baron,
Beneide Sie um Ihren Stand,
Um Ihren Platz so nah am Tron,
Und um manch schön Stück Ackerland,
Um Ihres Vaters festes Schloss,
Um seine Wildbahn und Geschoss.
Mich armen Teufel, Herr Baron,
Beneiden Sie, so wie es scheint,
Weil die Natur vom Knaben schon
Mit mir es mütterlich gemeint.
Ich ward mit leichtem Mut und Kopf
Zwar arm, doch nicht ein armer Tropf.
Nun dächt' ich, lieber Herr Baron,
Wir liessen's beide, wie wir sind:
Sie blieben des Herrn Vaters Sohn,
Und ich blieb' meiner Mutter Kind.
Wir leben ohne Neid und Hass,
Begehren nicht des andern Titel,
Sie keinen Platz auf dem Parnass,
Und keinen ich in dem Kapitel.
Die Stimmen über dieses Gedicht, das in einigen fast unleserlichen Abschriften
sich in verschiedenen Händen befand, waren sehr geteilt, auf den Verfasser aber
wusste niemand zu mutmassen, und als man mit einiger Schadenfreude sich darüber zu
ergötzen anfing, erklärte sich Wilhelm sehr dagegen.
    »Wir Deutschen«, rief er aus, »verdienten, dass unsere Musen in der
Verachtung blieben, in der sie so lange geschmachtet haben, da wir nicht Männer
vom Stande zu schätzen wissen, die sich mit unserer Literatur auf irgendeine
Weise abgeben mögen. Geburt, Stand und Vermögen stehen in keinem Widerspruch mit
Genie und Geschmack, das haben uns fremde Nationen gelehrt, welche unter ihren
besten Köpfen eine grosse Anzahl Edelleute zählen. War es bisher in Deutschland
ein Wunder, wenn ein Mann von Geburt sich den Wissenschaften widmete, wurden
bisher nur wenige berühmte Namen durch ihre Neigung zu Kunst und Wissenschaft
noch berühmter; stiegen dagegen manche aus der Dunkelheit hervor und traten wie
unbekannte Sterne an den Horizont, so wird das nicht immer so sein, und wenn ich
mich nicht sehr irre, so ist die erste Klasse der Nation auf dem Wege, sich
ihrer Vorteile auch zur Erringung des schönsten Kranzes der Musen in Zukunft zu
bedienen. Es ist mir daher nichts unangenehmer, als wenn ich nicht allein den
Bürger oft über den Edelmann, der die Musen zu schätzen weiss, spotten, sondern
auch Personen von Stande selbst mit unüberlegter Laune und niemals zu
billigender Schadenfreude ihresgleichen von einem Wege abschrecken sehe, auf dem
einen jeden Ehre und Zufriedenheit erwartet.«
    Es schien die letzte Äusserung gegen den Grafen gerichtet zu sein, von
welchem Wilhelm gehört hatte, dass er das Gedicht wirklich gut finde. Freilich
war diesem Herrn, der immer auf seine Art mit dem Baron zu scherzen pflegte, ein
solcher Anlass sehr erwünscht, seinen Verwandten auf alle Weise zu plagen.
Jedermann hatte seine eigenen Mutmassungen, wer der Verfasser des Gedichtes sein
könnte, und der Graf, der sich nicht gern im Scharfsinn von jemand übertroffen
sah, fiel auf einen Gedanken, den er sogleich zu beschwören bereit war: das
Gedicht könnte sich nur von seinem Pedanten herschreiben, der ein sehr feiner
Bursche sei, und an dem er schon lange so etwas poetisches Genie gemerkt habe.
Um sich ein rechtes Vergnügen zu machen, liess er deswegen an einem Morgen diesen
Schauspieler rufen, der ihm in Gegenwart der Gräfin, der Baronesse und Jarnos
das Gedicht nach seiner Art vorlesen musste und dafür Lob, Beifall und ein
Geschenk einerntete und die Frage des Grafen, ob er nicht sonst noch einige
Gedichte von früheren Zeiten besitze, mit Klugheit abzulehnen wusste. So kam der
Pedant zum Rufe eines Dichters, eines Witzlings und in den Augen derer, die dem
Baron günstig waren, eines Pasquillanten und schlechten Menschen. Von der Zeit
an applaudierte ihm der Graf nur immer mehr, er mochte seine Rolle spielen, wie
er wollte, so dass der arme Mensch zuletzt aufgeblasen, ja beinahe verrückt wurde
und darauf sann, gleich Philinen ein Zimmer im Schloss zu beziehen.
    Wäre dieser Plan sogleich zu vollführen gewesen, so möchte er einen grossen
Unfall vermieden haben. Denn als er eines Abends spät nach dem alten Schloss
ging und in dem dunkeln, engen Wege herumtappte, ward er auf einmal angefallen,
von einigen Personen festgehalten, indessen andere auf ihn wacker losschlugen
und ihn im Finstern so zerdraschen, dass er beinahe liegenblieb und nur mit Mühe
zu seinen Kameraden hinaufkroch, die, so sehr sie sich entrüstet stellten, über
diesen Unfall ihre heimliche Freude fühlten und sich kaum des Lachens erwehren
konnten, als sie ihn so wohl durchwalkt und seinen neuen braunen Rock über und
über weiss, als wenn er mit Müllern Händel gehabt, bestäubt und befleckt sahen.
    Der Graf, der sogleich hiervon Nachricht erhielt, brach in einen
unbeschreiblichen Zorn aus. Er behandelte diese Tat als das grösste Verbrechen,
qualifizierte sie zu einem beleidigten Burgfrieden und liess durch seinen
Gerichtshalter die strengste Inquisition vornehmen. Der weissbestäubte Rock
sollte eine Hauptanzeige geben. Alles, was nur irgend mit Puder und Mehl im
Schloss zu schaffen haben konnte, wurde mit in die Untersuchung gezogen; jedoch
vergebens.
    Der Baron versicherte bei seiner Ehre feierlich: jene Art zu scherzen habe
ihm freilich sehr missfallen, und das Betragen des Herrn Grafen sei nicht das
freundschaftlichste gewesen, aber er habe sich darüber hinauszusetzen gewusst,
und an dem Unfall, der dem Poeten oder Pasquillanten, wie man ihn nennen wolle,
begegnet, habe er nicht den mindesten Anteil.
    Die übrigen Bewegungen der Fremden und die Unruhe des Hauses brachten bald
die ganze Sache in Vergessenheit, und der unglückliche Günstling musste das
Vergnügen, fremde Federn eine kurze Zeit getragen zu haben, teuer bezahlen.
    Unsere Truppe, die regelmässig alle Abende fortspielte und im ganzen sehr
wohl gehalten wurde, fing nun an, je besser es ihr ging, desto grössere
Anforderungen zu machen. In kurzer Zeit war ihnen Essen, Trinken, Aufwartung,
Wohnung zu gering, und sie lagen ihrem Beschützer, dem Baron, an, dass er für sie
besser sorgen und ihnen zu dem Genusse und der Bequemlichkeit, die er ihnen
versprochen, doch endlich verhelfen solle. Ihre Klagen wurden lauter, und die
Bemühungen ihres Freundes, ihnen genugzutun, immer fruchtloser.
    Wilhelm kam indessen, ausser in Proben und Spielstunden, wenig mehr zum
Vorscheine. In einem der hintersten Zimmer verschlossen, wozu nur Mignon und dem
Harfner der Zutritt gerne verstattet wurde, lebte und webte er in der
shakespearischen Welt, so dass er ausser sich nichts kannte noch empfand.
    Man erzählt von Zauberern, die durch magische Formeln eine ungeheure Menge
allerlei geistiger Gestalten in ihre Stube herbeiziehen. Die Beschwörungen sind
so kräftig, dass sich bald der Raum des Zimmers ausfüllt, und die Geister, bis an
den kleinen gezogenen Kreis hinangedrängt, um denselben und über dem Haupte des
Meisters in ewig drehender Verwandlung sich bewegend vermehren. Jeder Winkel ist
vollgepfropft und jedes Gesims besetzt. Eier dehnen sich aus, und
Riesengestalten ziehen sich in Pilze zusammen. Unglücklicherweise hat der
Schwarzkünstler das Wort vergessen, womit er diese Geisterflut wieder zur Ebbe
bringen könnte. - So sass Wilhelm, und mit unbekannter Bewegung wurden tausend
Empfindungen und Fähigkeiten in ihm rege, von denen er keinen Begriff und keine
Ahnung gehabt hatte. Nichts konnte ihn aus diesem Zustande reissen, und er war
sehr unzufrieden, wenn irgend jemand zu kommen Gelegenheit nahm, um ihn von dem,
was auswärts vorging, zu unterhalten.
    So merkte er kaum auf, als man ihm die Nachricht brachte, es sollte in dem
Schlosshofe eine Exekution vorgehen und ein Knabe gestäupt werden, der sich eines
nächtlichen Einbruchs verdächtig gemacht habe und, da er den Rock eines
Perückenmachers trage, wahrscheinlich mit unter den Meuchlern gewesen sei. Der
Knabe leugne zwar auf das hartnäckigste, und man könne ihn deswegen nicht
förmlich bestrafen, wolle ihm aber als einem Vagabunden einen Denkzettel geben
und ihn weiterschicken, weil er einige Tage in der Gegend herumgeschwärmt sei,
sich des Nachts in den Mühlen aufgehalten, endlich eine Leiter an eine
Gartenmauer angelehnt habe und herübergestiegen sei.
    Wilhelm fand an dem ganzen Handel nichts sonderlich merkwürdig, als Mignon
hastig hereinkam und ihm versicherte, der Gefangene sei Friedrich, der sich seit
den Händeln mit dem Stallmeister von der Gesellschaft und aus unsern Augen
verloren hatte.
    Wilhelm, den der Knabe interessierte, machte sich eilends auf und fand im
Schlosshofe schon Zurüstungen. Denn der Graf liebte die Feierlichkeit auch in
dergleichen Fällen. Der Knabe wurde herbeigebracht: Wilhelm trat dazwischen und
bat, dass man innehalten möchte, indem er den Knaben kenne und vorher erst
verschiedenes seinetwegen anzubringen habe. Er hatte Mühe, mit seinen
Vorstellungen durchzudringen, und erhielt endlich die Erlaubnis, mit dem
Delinquenten allein zu sprechen. Dieser versicherte, von dem Überfall, bei dem
ein Akteur sollte gemisshandelt worden sein, wisse er gar nichts. Er sei nur um
das Schloss herumgestreift und des Nachts hereingeschlichen, um Philinen
aufzusuchen, deren Schlafzimmer er ausgekundschaftet gehabt und es auch gewiss
würde getroffen haben, wenn er nicht unterwegs aufgefangen worden wäre.
    Wilhelm, der zur Ehre der Gesellschaft das Verhältnis nicht gerne entdecken
wollte, eilte zu dem Stallmeister und bat ihn, nach seiner Kenntnis der Person
und des Hauses diese Angelegenheit zu vermitteln und den Knaben zu befreien.
    Dieser launige Mann erdachte unter Wilhelms Beistand eine kleine Geschichte,
dass der Knabe zur Truppe gehört habe, von ihr entlaufen sei, doch wieder
gewünscht, sich bei ihr einzufinden und aufgenommen zu werden. Er habe deswegen
die Absicht gehabt, bei Nachtzeit einige seiner Gönner aufzusuchen und sich
ihnen zu empfehlen. Man bezeugte übrigens, dass er sich sonst gut aufgeführt, die
Damen mischten sich darein, und er ward entlassen.
    Wilhelm nahm ihn auf, und er war nunmehr die dritte Person der wunderbaren
Familie, die Wilhelm seit einiger Zeit als seine eigene ansah. Der Alte und
Mignon nahmen den Wiederkehrenden freundlich auf, und alle drei verbanden sich
nunmehr, ihrem Freunde und Beschützer aufmerksam zu dienen und ihm etwas
Angenehmes zu erzeigen.
 
                                Zehntes Kapitel
Philine wusste sich nun täglich besser bei den Damen einzuschmeicheln. Wenn sie
zusammen allein waren, leitete sie meistenteils das Gespräch auf die Männer,
welche kamen und gingen, und Wilhelm war nicht der letzte, mit dem man sich
beschäftigte. Dem klugen Mädchen blieb es nicht verborgen, dass er einen tiefen
Eindruck auf das Herz der Gräfin gemacht habe; sie erzählte daher von ihm, was
sie wusste und nicht wusste; hütete sich aber, irgend etwas vorzubringen, das man
zu seinem Nachteil hätte deuten können, und rühmte dagegen seinen Edelmut, seine
Freigebigkeit und besonders seine Sittsamkeit im Betragen gegen das weibliche
Geschlecht. Alle übrigen Fragen, die an sie geschahen, beantwortete sie mit
Klugheit, und als die Baronesse die zunehmende Neigung ihrer schönen Freundin
bemerkte, war auch ihr diese Entdeckung sehr willkommen. Denn ihre Verhältnisse
zu mehreren Männern, besonders in den letzten Tagen zu Jarno, blieben der Gräfin
nicht verborgen, deren reine Seele einen solchen Leichtsinn nicht ohne
Missbilligung und ohne sanften Tadel bemerken konnte.
    Auf diese Weise hatte die Baronesse sowohl als Philine jede ein besonderes
Interesse, unsern Freund der Gräfin näher zu bringen, und Philine hoffte noch
überdies bei Gelegenheit wieder für sich zu arbeiten und die verlorne Gunst des
jungen Mannes sich womöglich wieder zu erwerben.
    Eines Tags, als der Graf mit der übrigen Gesellschaft auf die Jagd geritten
war und man die Herren erst den andern Morgen zurückerwartete, ersann sich die
Baronesse einen Scherz, der völlig in ihrer Art war; denn sie liebte die
Verkleidungen und kam, um die Gesellschaft zu überraschen, bald als
Bauernmädchen, bald als Page, bald als Jägerbursche zum Vorschein. Sie gab sich
dadurch das Ansehn einer kleinen Fee, die überall, und gerade da, wo man sie am
wenigsten vermutet, gegenwärtig ist. Nichts glich ihrer Freude, wenn sie
unerkannt eine Zeitlang die Gesellschaft bedient oder sonst unter ihr gewandelt
hatte, und sie sich zuletzt auf eine scherzhafte Weise zu entdecken wusste.
    Gegen Abend liess sie Wilhelmen auf ihr Zimmer fordern, und da sie eben noch
etwas zu tun hatte, sollte Philine ihn vorbereiten.
    Er kam und fand nicht ohne Verwunderung statt der gnädigen Frauen das
leichtfertige Mädchen im Zimmer. Sie begegnete ihm mit einer gewissen
anständigen Freimütigkeit, in der sie sich bisher geübt hatte, und nötigte ihn
dadurch gleichfalls zur Höflichkeit.
    Zuerst scherzte sie im allgemeinen über das gute Glück, das ihn verfolge,
und ihn auch, wie sie wohl merke, gegenwärtig hierher gebracht habe; sodann warf
sie ihm auf eine angenehme Art sein Betragen vor, womit er sie bisher gequält
habe, schalt und beschuldigte sich selbst, gestand, dass sie sonst wohl so seine
Begegnung verdient, machte eine so aufrichtige Beschreibung ihres Zustandes, den
sie den vorigen nannte, und setzte hinzu, dass sie sich selbst verachten müsse,
wenn sie nicht fähig wäre, sich zu ändern und sich seiner Freundschaft wert zu
machen.
    Wilhelm war über diese Rede betroffen. Er hatte zu wenig Kenntnis der Welt,
um zu wissen, dass eben ganz leichtsinnige und der Besserung unfähige Menschen
sich oft am lebhaftesten anklagen, ihre Fehler mit grosser Freimütigkeit bekennen
und bereuen, ob sie gleich nicht die mindeste Kraft in sich haben, von dem Wege
zurückzutreten, auf den eine übermächtige Natur sie hinreisst. Er konnte daher
nicht unfreundlich gegen die zierliche Sünderin bleiben; er liess sich mit ihr in
ein Gespräch ein und vernahm von ihr den Vorschlag zu einer sonderbaren
Verkleidung, womit man die schöne Gräfin zu überraschen gedachte.
    Er fand dabei einiges Bedenken, das er Philinen nicht verhehlte; allein die
Baronesse, welche in dem Augenblick hereintrat, liess ihm keine Zeit zu Zweifeln
übrig, sie zog ihn vielmehr mit sich fort, indem sie versicherte, es sei eben
die rechte Stunde.
    Es war dunkel geworden, und sie führte ihn in die Garderobe des Grafen, liess
ihn seinen Rock ausziehen und in den seidnen Schlafrock des Grafen
hineinschlüpfen, setzte ihm darauf die Mütze mit dem roten Bande auf, führte ihn
ins Kabinett und hiess ihn sich in den grossen Sessel setzen und ein Buch nehmen,
zündete die Argantische Lampe selbst an, die vor ihm stand, und unterrichtete
ihn, was er zu tun, und was er für eine Rolle zu spielen habe.
    Man werde, sagte sie, der Gräfin die unvermutete Ankunft ihres Gemahls und
seine üble Laune ankündigen; sie werde kommen, einigemal im Zimmer auf und ab
gehn, sich alsdann auf die Lehne des Sessels setzen, ihren Arm auf seine
Schultern legen und einige Worte sprechen. Er solle seine Ehemannsrolle so lange
und so gut als möglich spielen; wenn er sich aber endlich entdecken müsste, so
solle er hübsch artig und galant sein.
    Wilhelm sass nun unruhig genug in dieser wunderlichen Maske; der Vorschlag
hatte ihn überrascht, und die Ausführung eilte der Überlegung zuvor. Schon war
die Baronesse wieder zum Zimmer hinaus, als er erst bemerkte, wie gefährlich der
Posten war, den er eingenommen hatte. Er leugnete sich nicht, dass die Schönheit,
die Jugend, die Anmut der Gräfin einigen Eindruck auf ihn gemacht hatten; allein
da er seiner Natur nach von aller leeren Galanterie weit entfernt war, und ihm
seine Grundsätze einen Gedanken an ernstaftere Unternehmungen nicht erlaubten,
so war er wirklich in diesem Augenblick in nicht geringer Verlegenheit. Die
Furcht, der Gräfin zu missfallen, oder ihr mehr als billig zu gefallen, war
gleich gross bei ihm.
    Jeder weibliche Reiz, der jemals auf ihn gewirkt hatte, zeigte sich wieder
vor seiner Einbildungskraft. Mariane erschien ihm im weissen Morgenkleide und
flehte um sein Andenken. Philinens Liebenswürdigkeit, ihre schönen Haare und ihr
einschmeichelndes Betragen waren durch ihre neueste Gegenwart wieder wirksam
geworden; doch alles trat wie hinter den Flor der Entfernung zurück, wenn er
sich die edle, blühende Gräfin dachte, deren Arm er in wenig Minuten an seinem
Halse fühlen sollte, deren unschuldige Liebkosungen er zu erwidern aufgefordert
war.
    Die sonderbare Art, wie er aus dieser Verlegenheit sollte gezogen werden,
ahnete er freilich nicht. Denn wie gross war sein Erstaunen, ja sein Schrecken,
als hinter ihm die Türe sich auftat und er bei dem ersten verstohlenen Blick in
den Spiegel den Grafen ganz deutlich erblickte, der mit einem Lichte in der Hand
hereintrat. Sein Zweifel, was er zu tun habe, ob er sitzenbleiben oder
aufstehen, fliehen, bekennen, leugnen oder um Vergebung bitten solle, dauerte
nur einige Augenblicke. Der Graf, der unbeweglich in der Türe stehengeblieben
war, trat zurück und machte sie sachte zu. In dem Moment sprang die Baronesse
zur Seitentüre herein, löschte die Lampe aus, riss Wilhelmen vom Stuhle und zog
ihn nach sich in das Kabinett. Geschwind warf er den Schlafrock ab, der sogleich
wieder seinen gewöhnlichen Platz erhielt. Die Baronesse nahm Wilhelms Rock über
den Arm und eilte mit ihm durch einige Stuben, Gänge und Verschläge in ihr
Zimmer, wo Wilhelm, nachdem sie sich erholt hatte, von ihr vernahm, sie sei zu
der Gräfin gekommen, um ihr die erdichtete Nachricht von der Ankunft des Grafen
zu bringen. »Ich weiss es schon«, sagte die Gräfin, »was mag wohl begegnet sein?
Ich habe ihn soeben zum Seitentor hereinreiten sehen.« Erschrocken sei die
Baronesse sogleich auf des Grafen Zimmer gelaufen, um ihn abzuholen.
    »Unglücklicherweise sind Sie zu spät gekommen!« rief Wilhelm aus; »der Graf
war vorhin im Zimmer und hat mich sitzen sehen.«
    »Hat er Sie erkannt?«
    »Ich weiss es nicht. Er sah mich im Spiegel, so wie ich ihn, und eh' ich
wusste, ob es ein Gespenst oder er selbst war, trat er schon wieder zurück und
drückte die Türe hinter sich zu.«
    Die Verlegenheit der Baronesse vermehrte sich, als ein Bedienter sie zu
rufen kam und anzeigte, der Graf befinde sich bei seiner Gemahlin. Mit schwerem
Herzen ging sie hin und fand den Grafen zwar still und in sich gekehrt, aber in
seinen Äusserungen milder und freundlicher als gewöhnlich. Sie wusste nicht, was
sie denken sollte. Man sprach von den Vorfällen der Jagd und den Ursachen seiner
früheren Zurückkunft. Das Gespräch ging bald aus. Der Graf ward stille, und
besonders musste der Baronesse auffallen, als er nach Wilhelmen fragte und den
Wunsch äusserte, man möchte ihn rufen lassen, damit er etwas vorlese.
    Wilhelm, der sich im Zimmer der Baronesse wieder angekleidet und
einigermassen erholt hatte, kam nicht ohne Sorgen auf den Befehl herbei. Der Graf
gab ihm ein Buch, aus welchem er eine abenteuerliche Novelle nicht ohne
Beklemmung vorlas. Sein Ton hatte etwas Unsicheres, Zitterndes, das
glücklicherweise dem Inhalt der Geschichte gemäss war. Der Graf gab einigemal
freundliche Zeichen des Beifalls und lobte den besondern Ausdruck der Vorlesung,
da er zuletzt unsern Freund entliess.
 
                                Eilftes Kapitel
Wilhelm hatte kaum einige Stücke Shakespeares gelesen, als ihre Wirkung auf ihn
so stark wurde, dass er weiter fortzufahren nicht imstande war. Seine ganze Seele
geriet in Bewegung. Er suchte Gelegenheit, mit Jarno zu sprechen, und konnte ihm
nicht genug für die verschafte Freude danken.
    »Ich habe es wohl vorausgesehen«, sagte dieser, »dass Sie gegen die
Trefflichkeiten des ausserordentlichsten und wunderbarsten aller Schriftsteller
nicht unempfindlich bleiben würden.«
    »Ja«, rief Wilhelm aus, »ich erinnere mich nicht, dass ein Buch, ein Mensch
oder irgendeine Begebenheit des Lebens so grosse Wirkungen auf mich
hervorgebracht hätte als die köstlichen Stücke, die ich durch Ihre Gütigkeit
habe kennen lernen. Sie scheinen ein Werk eines himmlischen Genius zu sein, der
sich den Menschen nähert, um sie mit sich selbst auf die gelindeste Weise
bekannt zu machen. Es sind keine Gedichte! Man glaubt vor den aufgeschlagenen
ungeheuren Büchern des Schicksals zu stehen, in denen der Sturmwind des
bewegtesten Lebens saust und sie mit Gewalt rasch hin und wider blättert. Ich
bin über die Stärke und Zarteit über die Gewalt und Ruhe so erstaunt und ausser
aller Fassung gebracht, dass ich nur mit Sehnsucht auf die Zeit warte, da ich
mich in einem Zustande befinden werde, weiterzulesen.«
    »Bravo«, sagte Jarno, indem er unserm Freunde die Hand reichte und sie ihm
drückte, »so wollte ich es haben! und die Folgen, die ich hoffe, werden gewiss
auch nicht ausbleiben.«
    »Ich wünschte«, versetzte Wilhelm, »dass ich Ihnen alles, was gegenwärtig in
mir vorgeht, entdecken könnte. Alle Vorgefühle, die ich jemals über Menschheit
und ihre Schicksale gehabt, die mich von Jugend auf, mir selbst unbemerkt,
begleiteten, finde ich in Shakespeares Stücken erfüllt und entwickelt. Es
scheint, als wenn er uns alle Rätsel offenbarte, ohne dass man doch sagen kann:
hier oder da ist das Wort der Auflösung. Seine Menschen scheinen natürliche
Menschen zu sein, und sie sind es doch nicht. Diese geheimnisvollsten und
zusammengesetztesten Geschöpfe der Natur handeln vor uns in seinen Stücken, als
wenn sie Uhren wären, deren Zifferblatt und Gehäuse man von Kristall gebildet
hätte, sie zeigen nach ihrer Bestimmung den Lauf der Stunden an, und man kann
zugleich das Räder- und Federwerk erkennen, das sie treibt. Diese wenigen
Blicke, die ich in Shakespeares Welt getan, reizen mich mehr als irgend etwas
andres, in der wirklichen Welt schnellere Fortschritte vorwärts zu tun, mich in
die Flut der Schicksale zu mischen, die über sie verhängt sind, und dereinst,
wenn es mir glücken sollte, aus dem grossen Meere der wahren Natur wenige Becher
zu schöpfen und sie von der Schaubühne dem lechzenden Publikum meines
Vaterlandes auszuspenden.«
    »Wie freut mich die Gemütsverfassung, in der ich Sie sehe«, versetzte Jarno
und legte dem bewegten Jüngling die Hand auf die Schulter. »Lassen Sie den
Vorsatz nicht fahren, in ein tätiges Leben überzugehen, und eilen Sie, die guten
Jahre, die Ihnen gegönnt sind, wacker zu nutzen. Kann ich Ihnen behülflich sein,
so geschieht es von ganzem Herzen. Noch habe ich nicht gefragt, wie Sie in diese
Gesellschaft gekommen sind, für die Sie weder geboren noch erzogen sein können.
So viel hoffe ich und sehe ich, dass Sie sich heraussehnen. Ich weiss nichts von
Ihrer Herkunft, von Ihren häuslichen Umständen; überlegen Sie, was Sie mir
vertrauen wollen. So viel kann ich Ihnen nur sagen, die Zeiten des Krieges, in
denen wir leben, können schnelle Wechsel des Glückes hervorbringen; mögen Sie
Ihre Kräfte und Talente unserm Dienste widmen, Mühe und, wenn es not tut, Gefahr
nicht scheuen, so habe ich eben jetzo eine Gelegenheit, Sie an einen Platz zu
stellen, den eine Zeitlang bekleidet zu haben Sie in der Folge nicht gereuen
wird.« Wilhelm konnte seinen Dank nicht genug ausdrücken und war willig, seinem
Freunde und Beschützer die ganze Geschichte seines Lebens zu erzählen.
    Sie hatten sich unter diesem Gespräche weit in den Park verloren und waren
auf die Landstrasse, welche durch denselben ging, gekommen. Jarno stand einen
Augenblick still und sagte: »Bedenken Sie meinen Vorschlag, entschliessen Sie
sich, geben Sie mir in einigen Tagen Antwort und schenken Sie mir Ihr Vertrauen.
Ich versichre Sie, es ist mir bisher unbegreiflich gewesen, wie Sie sich mit
solchem Volke haben gemein machen können. Ich hab' es oft mit Ekel und Verdruss
gesehen, wie Sie, um nur einigermassen leben zu können, Ihr Herz an einen
herumziehenden Bänkelsänger und an ein albernes, zwitterhaftes Geschöpf hängen
mussten.«
    Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein Offizier zu Pferde eilends herankam,
dem ein Reitknecht mit einem Handpferd folgte. Jarno rief ihm einen lebhaften
Gruss zu. Der Offizier sprang vom Pferde, beide umarmten sich und unterhielten
sich miteinander, indem Wilhelm, bestürzt über die letzten Worte seines
kriegerischen Freundes, in sich gekehrt an der Seite stand. Jarno durchblätterte
einige Papiere, die ihm der Ankommende überreicht hatte; dieser aber ging auf
Wilhelmen zu, reichte ihm die Hand und rief mit Emphase: »Ich treffe Sie in
einer würdigen Gesellschaft; folgen Sie dem Rate Ihres Freundes, und erfüllen
Sie dadurch zugleich die Wünsche eines Unbekannten, der herzlichen Teil an Ihnen
nimmt.« Er sprach's, umarmte Wilhelmen, drückte ihn mit Lebhaftigkeit an seine
Brust. Zu gleicher Zeit trat Jarno herbei und sagte zu dem Fremden: »Es ist am
besten, ich reite gleich mit Ihnen hinein, so können Sie die nötigen Ordres
erhalten, und Sie reiten noch vor Nacht wieder fort.« Beide schwangen sich
darauf zu Pferde und überliessen unsern verwunderten Freund seinen eigenen
Betrachtungen.
    Die letzten Worte Jarnos klangen noch in seinen Ohren. Ihm war unerträglich,
das Paar menschlicher Wesen, das ihm unschuldigerweise seine Neigung abgewonnen
hatte, durch einen Mann, den er so sehr verehrte, so tief heruntergesetzt zu
sehen. Die sonderbare Umarmung des Offiziers, den er nicht kannte, machte wenig
Eindruck auf ihn, sie beschäftigte seine Neugierde und Einbildungskraft einen
Augenblick; aber Jarnos Reden hatten sein Herz getroffen; er war tief verwundet,
und nun brach er auf seinem Rückwege gegen sich selbst in Vorwürfe aus, dass er
nur einen Augenblick die harterzige Kälte Jarnos, die ihm aus den Augen
heraussehe und aus allen seinen Gebärden spreche, habe verkennen und vergessen
mögen. - »Nein«, rief er aus, »du bildest dir nur ein, du abgestorbener
Weltmann, dass du ein Freund sein könntest! Alles, was du mir anbieten magst, ist
der Empfindung nicht wert, die mich an diese Unglücklichen bindet. Welch ein
Glück, dass ich noch beizeiten entdecke, was ich von dir zu erwarten hätte!« -
    Er schloss Mignon, die ihm entgegenkam, in die Arme und rief aus: »Nein, uns
soll nichts trennen, du gutes kleines Geschöpf! Die scheinbare Klugheit der Welt
soll mich nicht vermögen, dich zu verlassen, noch zu vergessen, was ich dir
schuldig bin.«
    Das Kind, dessen heftige Liebkosungen er sonst abzulehnen pflegte, erfreute
sich dieses unerwarteten Ausdrucks der Zärtlichkeit und hing sich so fest an
ihn, dass er es nur mit Mühe zuletzt loswerden konnte.
    Seit dieser Zeit gab er mehr auf Jarnos Handlungen acht, die ihm nicht alle
lobenswürdig schienen; ja, es kam wohl manches vor, das ihm durchaus missfiel. So
hatte er zum Beispiel starken Verdacht, das Gedicht auf den Baron, welches der
arme Pedant so teuer hatte bezahlen müssen, sei Jarnos Arbeit. Da nun dieser in
Wilhelms Gegenwart über den Vorfall gescherzt hatte, glaubte unser Freund hierin
das Zeichen eines höchst verdorbenen Herzens zu erkennen; denn was konnte
boshafter sein, als einen Unschuldigen, dessen Leiden man verursacht, zu
verspotten und weder an Genugtuung noch Entschädigung zu denken! Gern hätte
Wilhelm sie selbst veranlasst, denn er war durch einen sehr sonderbaren Zufall
den Tätern jener nächtlichen Misshandlung auf die Spur gekommen.
    Man hatte ihm bisher immer zu verbergen gewusst, dass einige junge Offiziere
im unteren Saale des alten Schlosses mit einem Teile der Schauspieler und
Schauspielerinnen ganze Nächte auf eine lustige Weise zubrachten. Eines Morgens,
als er nach seiner Gewohnheit früh aufgestanden, kam er von ungefähr in das
Zimmer und fand die jungen Herren, die eine höchst sonderbare Toilette zu machen
im Begriff stunden. Sie hatten in einen Napf mit Wasser Kreide eingerieben und
trugen den Teig mit einer Bürste auf ihre Westen und Beinkleider, ohne sie
auszuziehen, und stellten also die Reinlichkeit ihrer Garderobe auf das
schnellste wieder her. Unserm Freunde, der sich über diese Handgriffe wunderte,
fiel der weiss bestäubte und befleckte Rock des Pedanten ein; der Verdacht wurde
um soviel stärker, als er erfuhr, dass einige Verwandte des Barons sich unter der
Gesellschaft befänden.
    Um diesem Verdacht näher auf die Spur zu kommen, suchte er die jungen Herren
mit einem kleinen Frühstücke zu beschäftigen. Sie waren sehr lebhaft und
erzählten viele lustige Geschichten. Der eine besonders, der eine Zeitlang auf
Werbung gestanden, wusste nicht genug die List und Tätigkeit seines Hauptmanns zu
rühmen, der alle Arten von Menschen an sich zu ziehen und jeden nach seiner Art
zu überlisten verstand. Umständlich erzählte er, wie junge Leute von gutem Hause
und sorgfältiger Erziehung durch allerlei Vorspiegelungen einer anständigen
Versorgung betrogen worden, und lachte herzlich über die Gimpel, denen es im
Anfange so wohlgetan habe, sich von einem angesehenen, tapferen, klugen und
freigebigen Offizier geschätzt und hervorgezogen zu sehen.
    Wie segnete Wilhelm seinen Genius, der ihm so unvermutet den Abgrund zeigte,
dessen Rande er sich unschuldigerweise genähert hatte! Er sah nun in Jarno
nichts als den Werber; die Umarmung des fremden Offiziers war ihm leicht
erklärlich. Er verabscheute die Gesinnungen dieser Männer und vermied von dem
Augenblicke mit irgend jemand, der eine Uniform trug, zusammenzukommen, und so
wäre ihm die Nachricht, dass die Armee weiter vorwärtsrücke, sehr angenehm
gewesen, wenn er nicht zugleich hätte fürchten müssen, aus der Nähe seiner
schönen Freundin, vielleicht auf immer, verbannt zu werden.
 
                                Zwölftes Kapitel
Inzwischen hatte die Baronesse mehrere Tage, von Sorgen und einer unbefriedigten
Neugierde gepeinigt, zugebracht. Denn das Betragen des Grafen seit jenem
Abenteuer war ihr ein völliges Rätsel. Er war ganz aus seiner Manier
herausgegangen; von seinen gewöhnlichen Scherzen hörte man keinen. Seine
Forderungen an die Gesellschaft und an die Bedienten hatten sehr nachgelassen.
Von Pedanterie und gebieterischem Wesen merkte man wenig, vielmehr war er still
und in sich gekehrt; jedoch schien er heiter und wirklich ein anderer Mensch zu
sein. Bei Vorlesungen, zu denen er zuweilen Anlass gab, wählte er ernstafte, oft
religiöse Bücher, und die Baronesse lebte in beständiger Furcht, es machte
hinter dieser anscheinenden Ruhe sich ein geheimer Groll verbergen, ein stiller
Vorsatz, den Frevel, den er so zufällig entdeckt, zu rächen. Sie entschloss sich
daher, Jarno zu ihrem Vertrauten zu machen, und sie konnte es um so mehr, als
sie mit ihm in einem Verhältnisse stand, in dem man sich sonst wenig zu
verbergen pflegt. Jarno war seit kurzer Zeit ihr entschiedener Freund; doch
waren sie klug genug, ihre Neigung und ihre Freuden vor der lärmenden Welt, die
sie umgab, zu verbergen. Nur den Augen der Gräfin war dieser neue Roman nicht
entgangen, und höchst wahrscheinlich suchte die Baronesse ihre Freundin
gleichfalls zu beschäftigen, um den stillen Vorwürfen zu entgehen, welche sie
denn doch manchmal von jener edlen Seele zu erdulden hatte.
    Kaum hatte die Baronesse ihrem Freunde die Geschichte erzählt, als er
lachend ausrief: »Da glaubt der Alte gewiss, sich selbst gesehen zu haben! er
fürchtet, dass ihm diese Erscheinung Unglück, ja vielleicht gar den Tod bedeute,
und nun ist er zahm geworden wie alle die Halbmenschen, wenn sie an die
Auflösung denken, welcher niemand entgangen ist, noch entgehen wird. Nur stille!
da ich hoffe, dass er noch lange leben soll, so wollen wir ihn bei dieser
Gelegenheit wenigstens so formieren, dass er seiner Frau und seinen Hausgenossen
nicht mehr zur Last sein soll.«
    Sie fingen nun, sobald es nur schicklich war, in Gegenwart des Grafen an,
von Ahnungen, Erscheinungen und dergleichen zu sprechen. Jarno spielte den
Zweifler, seine Freundin gleichfalls, und sie trieben es so weit, dass der Graf
endlich Jarno beiseitenahm, ihm seine Freigeisterei verwies und ihn durch sein
eignes Beispiel von der Möglichkeit und Wirklichkeit solcher Geschichten zu
überzeugen suchte. Jarno spielte den Betroffenen, Zweifelnden und endlich den
Überzeugten, machte sich aber gleich darauf in stiller Nacht mit seiner Freundin
desto lustiger über den schwachen Weltmann, der nun auf einmal von seinen
Unarten durch einen Popanz bekehrt worden, und der nur noch deswegen zu loben
sei, weil er mit so vieler Fassung ein bevorstehendes Unglück, ja vielleicht gar
den Tod erwarte.
    »Auf die natürlichste Folge, welche diese Erscheinung hätte haben können,
möchte er doch wohl nicht gefasst sein!« rief die Baronesse mit ihrer
gewöhnlichen Munterkeit, zu der sie, sobald ihr eine Sorge vom Herzen genommen
war, gleich wieder übergehen konnte. Jarno ward reichlich belohnt, und man
schmiedete neue Anschläge, den Grafen noch mehr kirre zu machen und die Neigung
der Gräfin zu Wilhelm noch mehr zu reizen und zu bestärken.
    In dieser Absicht erzählte man der Gräfin die ganze Geschichte, die sich
zwar anfangs unwillig darüber zeigte, aber seit der Zeit nachdenklicher ward und
in ruhigen Augenblicken jene Szene, die ihr zubereitet war, zu bedenken, zu
verfolgen und auszumalen schien.
    Die Anstalten, welche nunmehr von allen Seiten getroffen wurden, liessen
keinen Zweifel mehr übrig, dass die Armeen bald vorwärtsrücken und der Prinz
zugleich sein Hauptquartier verändern würde; ja es hiess, dass der Graf zugleich
auch das Gut verlassen und wieder nach der Stadt zurückkehren werde. Unsere
Schauspieler konnten sich also leicht die Nativität stellen; doch nur der
einzige Melina nahm seine Massregeln darnach, die andern suchten nur noch von dem
Augenblicke soviel als möglich das Vergnüglichste zu erhaschen.
    Wilhelm war indessen auf eine eigene Weise beschäftigt. Die Gräfin hatte von
ihm die Abschrift seiner Stücke verlangt, und er sah diesen Wunsch der
liebenswürdigen Frau als die schönste Belohnung an.
    Ein junger Autor, der sich noch nicht gedruckt gesehn, wendet in einem
solchen Falle die grösste Aufmerksamkeit auf eine reinliche und zierliche
Abschrift seiner Werke. Es ist gleichsam das goldne Zeitalter der Autorschaft;
man sieht sich in jene Jahrhunderte versetzt, in denen die Presse noch nicht die
Welt mit so viel unnützen Schriften überschwemmt hatte, wo nur würdige
Geistesprodukte abgeschrieben und von den edelsten Menschen verwahrt wurden, und
wie leicht begeht man alsdann den Fehlschluss, dass ein sorgfältig abgezirkeltes
Manuskript auch ein würdiges Geistesprodukt sei, wert, von einem Kenner und
Beschützer besessen und aufgestellt zu werden.
    Man hatte zu Ehren des Prinzen, der nun in kurzem abgehen sollte, noch ein
grosses Gastmahl angestellt. Viele Damen aus der Nachbarschaft waren geladen, und
die Gräfin hatte sich beizeiten angezogen. Sie hatte diesen Tag ein reicheres
Kleid angelegt, als sie sonst zu tun gewohnt war. Frisur und Aufsatz waren
gesuchter, sie war mit allen ihren Juwelen geschmückt. Ebenso hatte die
Baronesse das mögliche getan, um sich mit Pracht und Geschmack anzukleiden.
    Philine, als sie merkte, dass den beiden Damen in Erwartung ihrer Gäste die
Zeit zu lang wurde, schlug vor, Wilhelmen kommen zu lassen, der sein fertiges
Manuskript zu überreichen und noch einige Kleinigkeiten vorzulesen wünsche. Er
kam und erstaunte im Hereintreten über die Gestalt, über die Anmut der Gräfin,
die durch ihren Putz nur sichtbarer geworden waren. Er las nach dem Befehle der
Damen, allein so zerstreut und schlecht, dass, wenn die Zuhörerinnen nicht so
nachsichtig gewesen wären, sie ihn gar bald würden entlassen haben.
    Sooft er die Gräfin anblickte, schien es ihm, als wenn ein elektrischer
Funke sich vor seinen Augen zeigte; er wusste zuletzt nicht mehr, wo er Atem zu
seiner Rezitation hernehmen solle. Die schöne Dame hatte ihm immer gefallen;
aber jetzt schien es ihm, als ob er nie etwas Vollkommneres gesehen hätte, und
von den tausenderlei Gedanken, die sich in seiner Seele kreuzten, mochte
ungefähr folgendes der Inhalt sein:
    »Wie töricht lehnen sich doch so viele Dichter und sogenannte gefühlvolle
Menschen gegen Putz und Pracht auf und verlangen nur in einfachen, der Natur
angemessenen Kleidern die Frauen alles Standes zu sehen. Sie schelten den Putz,
ohne zu bedenken, dass es der arme Putz nicht ist, der uns missfällt, wenn wir
eine hässliche oder minder schöne Person reich und sonderbar gekleidet erblicken;
aber ich wollte alle Kenner der Welt hier versammeln und sie fragen, ob sie
wünschten, etwas von diesen Falten, von diesen Bändern und Spitzen, von diesen
Puffen, Locken und leuchtenden Steinen wegzunehmen? Würden sie nicht fürchten
den angenehmen Eindruck zu stören, der ihnen hier so willig und natürlich
entgegenkommt? Ja natürlich darf ich wohl sagen! Wenn Minerva ganz gerüstet aus
dem Haupte des Jupiter entsprang, so scheinet diese Göttin in ihrem vollen Putze
aus irgendeiner Blume mit leichtem Fusse hervorgetreten zu sein.«
    Er sah sie oft im Lesen an, als wenn er diesen Eindruck sich auf ewig
einprägen wollte, und las einigemal falsch, ohne darüber in Verwirrung zu
geraten, ob er gleich sonst über die Verwechselung eines Wortes oder Buchstabens
als über einen leidigen Schandfleck einer ganzen Vorlesung verzweifeln konnte.
    Ein falscher Lärm, als wenn die Gäste angefahren kämen, machte der
Vorstellung ein Ende; die Baronesse ging weg, und die Gräfin, im Begriff, ihren
Schreibtisch zuzumachen, der noch offenstand, ergriff ein Ringkästchen und
steckte noch einige Ringe an die Finger. »Wir werden uns bald trennen«, sagte
sie, indem sie ihre Augen auf das Kästchen heftete. »Nehmen Sie ein Andenken von
einer guten Freundin, die nichts lebhafter wünscht, als dass es Ihnen wohl gehen
möge.« Sie nahm darauf einen Ring heraus, der unter einem Kristall ein schön von
Haaren geflochtenes Schild zeigte und mit Steinen besetzt war. Sie überreichte
ihn Wilhelmen, der, als er ihn annahm, nichts zu sagen und nichts zu tun wusste,
sondern wie eingewurzelt in den Boden dastand. Die Gräfin schloss den
Schreibtisch zu und setzte sich auf ihren Sofa.
    »Und ich soll leer ausgehen«, sagte Philine, indem sie zur rechten Hand der
Gräfin niederkniete; »seht nur den Menschen, der zur Unzeit so viele Worte im
Munde führt und jetzt nicht einmal eine armselige Danksagung herstammeln kann.
Frisch, mein Herr, tun Sie wenigstens pantomimisch Ihre Schuldigkeit, und wenn
Sie heute selbst nichts zu erfinden wissen, so ahmen Sie mir wenigstens nach!«
    Philine ergriff die rechte Hand der Gräfin und küsste sie mit Lebhaftigkeit.
Wilhelm stürzte auf seine Kniee, fasste die linke und drückte sie an seine
Lippen. Die Gräfin schien verlegen, aber ohne Widerwillen.
    »Ach!« rief Philine aus, »so viel Schmuck hab' ich wohl schon gesehen, aber
noch nie eine Dame, so würdig, ihn zu tragen. Welche Armbänder! aber auch welche
Hand! Welcher Halsschmuck! aber auch welche Brust!«
    »Stille, Schmeichlerin«, rief die Gräfin.
    »Stellt denn das den Herrn Grafen vor?« sagte Philine, indem sie auf ein
reiches Medaillon deutete, das die Gräfin an kostbaren Ketten an der linken
Seite trug.
    »Er ist als Bräutigam gemalt«, versetzte die Gräfin.
    »War er denn damals so jung?« fragte Philine; »Sie sind ja nur erst, wie ich
weiss, wenige Jahre verheiratet.«
    »Diese Jugend kommt auf die Rechnung des Malers«, versetzte die Gräfin.
    »Es ist ein schöner Mann«, sagte Philine. »Doch sollte wohl niemals«, fuhr
sie fort, indem sie die Hand auf das Herz der Gräfin legte, »in diese verborgene
Kapsel sich ein ander Bild eingeschlichen haben?«
    »Du bist sehr verwegen, Philine!« rief sie aus; »ich habe dich verzogen. Lass
mich so etwas nicht zum zweiten mal hören.«
    »Wenn Sie zürnen, bin ich unglücklich«, rief Philine, sprang auf und eilte
zur Türe hinaus.
    Wilhelm hielt die schönste Hand noch in seinen Händen. Er sah unverwandt auf
das Armschloss, das zu seiner grössten Verwunderung die Anfangsbuchstaben seiner
Namen in brillantenen Zügen sehen liess.
    »Besitz' ich«, fragte er bescheiden, »in dem kostbaren Ringe denn wirklich
Ihre Haare?«
    »Ja«, versetzte sie mit halber Stimme; dann nahm sie sich zusammen und
sagte, indem sie ihm die Hand drückte: »Stehen Sie auf, und leben Sie wohl!«
    »Hier steht mein Name«, rief er aus, »durch den sonderbarsten Zufall!« Er
zeigte auf das Armschloss.
    »Wie?« rief die Gräfin; »es ist die Chiffer einer Freundin!«
    »Es sind die Anfangsbuchstaben meines Namens. Vergessen Sie meiner nicht.
Ihr Bild steht unauslöschlich in meinem Herzen. Leben Sie wohl, lassen Sie mich
fliehen!«
    Er küsste ihre Hand und wollte aufstehn; aber wie im Traum das Seltsamste aus
dem Seltsamsten sich entwickelnd uns überrascht, so hielt er, ohne zu wissen,
wie es geschah, die Gräfin in seinen Armen, ihre Lippen ruhten auf den seinigen
und ihre wechselseitigen lebhaften Küsse gewährten ihnen eine Seligkeit, die wir
nur aus dem ersten aufbrausenen Schaum des frisch eingeschenkten Bechers der
Liebe schlürfen.
    Ihr Haupt ruhte auf seiner Schulter, und der zerdrückten Locken und Bänder
ward nicht gedacht. Sie hatte ihren Arm um ihn geschlungen; er umfasste sie mit
Lebhaftigkeit und drückte sie wiederholend an seine Brust. O dass ein solcher
Augenblick nicht Ewigkeiten währen kann, und wehe dem neidischen Geschick, das
auch unsern Freunden diese kurzen Augenblicke unterbrach!
    Wie erschrak Wilhelm, wie betäubt fuhr er aus einem glücklichen Traume auf,
als die Gräfin sich auf einmal mit einem Schrei von ihm losriss und mit der Hand
nach ihrem Herzen fuhr.
    Er stand betäubt vor ihr da; sie hielt die andere Hand vor die Augen und
rief nach einer Pause: »Entfernen Sie sich, eilen Sie!«
    Er stand noch immer.
    »Verlassen Sie mich«, rief sie, und indem sie die Hand von den Augen nahm
und ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke ansah, setzte sie mit der
lieblichsten Stimme hinzu: »Fliehen Sie mich, wenn Sie mich lieben!«
    Wilhelm war aus dem Zimmer und wieder auf seiner Stube, eh' er wusste, wo er
sich befand.
    Die Unglücklichen! Welche sonderbare Warnung des Zufalls oder der Schickung
riss sie auseinander?
 
                                  Viertes Buch
                                  Erstes Kapitel
Laertes stand nachdenklich am Fenster und blickte, auf seinen Arm gestützt, in
das Feld hinaus. Philine schlich über den grossen Saal herbei, lehnte sich auf
den Freund und verspottete sein ernstaftes Ansehen.
    »Lache nur nicht«, versetzte er, »es ist abscheulich, wie die Zeit vergeht,
wie alles sich verändert und ein Ende nimmt! Sieh nur, hier stand vor kurzem
noch ein schönes Lager, wie lustig sahen die Zelte aus! wie lebhaft ging es
darin zu! wie sorgfältig bewachte man den ganzen Bezirk! und nun ist alles auf
einmal verschwunden. Nur kurze Zeit werden das zertretene Stroh und die
eingegrabenen Kochlöcher noch eine Spur zeigen; dann wird alles bald umgepflügt
sein, und die Gegenwart so vieler tausend rüstiger Menschen in dieser Gegend
wird nur noch in den Köpfen einiger alten Leute spuken.«
    Philine fing an zu singen und zog ihren Freund zu einem Tanze in den Saal.
»Lass uns«, rief sie »da wir der Zeit nicht nachlaufen können, wenn sie vorüber
ist, sie wenigstens als eine schöne Göttin, indem sie bei uns vorbeizieht,
fröhlich und zierlich verehren.«
    Sie hatten kaum einige Wendungen gemacht, als Madame Melina durch den Saal
ging. Philine war boshaft genug, sie gleichfalls zum Tanze einzuladen und sie
dadurch an die Missgestalt zu erinnern, in welche sie durch ihre Schwangerschaft
versetzt war.
    »Wenn ich nur«, sagte Philine hinter ihrem Rücken, »keine Frau mehr guter
Hoffnung sehen sollte!«
    »Sie hofft doch«, sagte Laertes.
    »Aber es kleidet sie so hässlich. Hast du die vordere Wackelfalte des
verkürzten Rocks gesehen, die immer vorausspaziert, wenn sie sich bewegt? Sie
hat gar keine Art noch Geschick, sich nur ein bisschen zu mustern und ihren
Zustand zu verbergen.«
    »Lass nur«, sagte Laertes, »die Zeit wird ihr schon zu Hülfe kommen.«
    »Es wäre doch immer hübscher«, rief Philine, »wenn man die Kinder von den
Bäumen schüttelte.«
    Der Baron trat herein und sagte ihnen etwas Freundliches im Namen des Grafen
und der Gräfin, die ganz früh abgereist waren, und machte ihnen einige
Geschenke. Er ging darauf zu Wilhelmen, der sich im Nebenzimmer mit Mignon
beschäftigte. Das Kind hatte sich sehr freundlich und zutätig bezeigt, nach
Wilhelms Eltern, Geschwistern und Verwandten gefragt und ihn dadurch an seine
Pflicht erinnert, den Seinigen von sich eine Nachricht zu geben.
    Der Baron brachte ihm nebst einem Abschiedsgrusse von den Herrschaften die
Versicherung, wie sehr der Graf mit ihm, seinem Spiele, seinen poetischen
Arbeiten und seinen teatralischen Bemühungen zufrieden gewesen sei. Er zog
darauf zum Beweis dieser Gesinnung einen Beutel hervor, durch dessen schönes
Gewebe die reizende Farbe neuer Goldstücke durchschimmerte; Wilhelm trat zurück
und weigerte sich, ihn anzunehmen.
    »Sehen Sie«, fuhr der Baron fort, »diese Gabe als einen Ersatz für Ihre
Zeit, als eine Erkenntlichkeit für Ihre Mühe, nicht als eine Belohnung Ihres
Talents an. Wenn uns dieses einen guten Namen und die Neigung der Menschen
verschafft, so ist billig, dass wir durch Fleiss und Anstrengung zugleich die
Mittel erwerben, unsre Bedürfnisse zu befriedigen, da wir doch einmal nicht ganz
Geist sind. Wären wir in der Stadt, wo alles zu finden ist, so hätte man diese
kleine Summe in eine Uhr, einen Ring oder sonst etwas verwandelt; nun gebe ich
aber den Zauberstab unmittelbar in Ihre Hände; schaffen Sie sich ein Kleinod
dafür, das Ihnen am liebsten und am dienlichsten ist, und verwahren Sie es zu
unserm Andenken. dabei halten Sie ja den Beutel in Ehren. Die Damen haben ihn
selbst gestrickt, und ihre Absicht war, durch das Gefäss dem Inhalt die
annehmlichste Form zu geben.«
    »Vergeben Sie«, versetzte Wilhelm, »meiner Verlegenheit und meinen Zweifeln,
dieses Geschenk anzunehmen. Es vernichtet gleichsam das wenige, was ich getan
habe, und hindert das freie Spiel einer glücklichen Erinnerung. Geld ist eine
schöne Sache, wo etwas abgetan werden soll, und ich wünschte nicht in dem
Andenken Ihres Hauses so ganz abgetan zu sein.«
    »Das ist nicht der Fall«, versetzte der Baron; »aber indem Sie selbst zart
empfinden, werden Sie nicht verlangen, dass der Graf sich völlig als Ihren
Schuldner denken soll, ein Mann, der seinen grössten Ehrgeiz darein setzt,
aufmerksam und gerecht zu sein. Ihm ist nicht entgangen, welche Mühe Sie sich
gegeben, und wie Sie seinen Absichten ganz Ihre Zeit gewidmet haben, ja er weiss,
dass Sie, um gewisse Anstalten zu beschleunigen, Ihr eignes Geld nicht schonten.
Wie will ich wieder vor ihm erscheinen, wenn ich ihn nicht versichern kann, dass
seine Erkenntlichkeit Ihnen Vergnügen gemacht hat.«
    »Wenn ich nur an mich selbst denken, wenn ich nur meinen eigenen
Empfindungen folgen dürfte«, versetzte Wilhelm, »würde ich mich, ungeachtet
aller Gründe, hartnäckig weigern, diese Gabe, so schön und ehrenvoll sie ist,
anzunehmen; aber ich leugne nicht, dass sie mich in dem Augenblicke, in dem sie
mich in Verlegenheit setzt, aus einer Verlegenheit reisst, in der ich mich bisher
gegen die Meinigen befand, und die mir manchen stillen Kummer verursachte. Ich
habe sowohl mit dem Gelde als mit der Zeit, von denen ich Rechenschaft zu geben
habe, nicht zum besten hausgehalten; nun wird es mir durch den Edelmut des Herrn
Grafen möglich, den Meinigen getrost von dem Glücke Nachricht zu geben, zu dem
mich dieser sonderbare Seitenweg geführt hat. Ich opfre die Delikatesse, die uns
wie ein zartes Gewissen bei solchen Gelegenheiten warnt, einer höhern Pflicht
auf, und um meinem Vater mutig unter die Augen treten zu können, steh' ich
beschämt vor den Ihrigen.«
    »Es ist sonderbar«, versetzte der Baron, »welch ein wunderlich Bedenken man
sich macht, Geld von Freunden und Gönnern anzunehmen, von denen man jede andere
Gabe mit Dank und Freude empfangen würde. Die menschliche Natur hat mehr
ähnliche Eigenschaften, solche Skrupel gern zu erzeugen und sorgfältig zu
nähren.«
    »Ist es nicht das nämliche mit allen Ehrenpunkten?« fragte Wilhelm.
    »Ach ja«, versetzte der Baron, »und andern Vorurteilen. Wir wollen sie nicht
ausjäten, um nicht vielleicht edle Pflanzen zugleich mit auszuraufen. Aber mich
freut immer, wenn einzelne Personen fühlen, über was man sich hinaussetzen kann
und soll, und ich denke mit Vergnügen an die Geschichte des geistreichen
Dichters, der für ein Hofteater einige Stücke verfertigte, welche den ganzen
Beifall des Monarchen erhielten. Ich muss ihn ansehnlich belohnen, sagte der
grossmütige Fürst; man forsche an ihm, ob ihm irgendein Kleinod Vergnügen macht,
oder ob er nicht verschmäht, Geld anzunehmen. Nach seiner scherzhaften Art
antwortete der Dichter dem abgeordneten Hofmann: Ich danke lebhaft für die
gnädigen Gesinnungen, und da der Kaiser alle Tage Geld von uns nimmt, so sehe
ich nicht ein, warum ich mich schämen sollte, Geld von ihm anzunehmen.«
    Der Baron hatte kaum das Zimmer verlassen, als Wilhelm eifrig die Barschaft
zählte, die ihm so unvermutet und, wie er glaubte, so unverdient zugekommen war.
Es schien, als ob ihm der Wert und die Würde des Goldes, die uns in spätern
Jahren erst fühlbar werden, ahnungsweise zum erstenmal entgegenblickten, als die
schönen blinkenden Stücke aus dem zierlichen Beutel hervorrollten. Er machte
seine Rechnung und fand, dass er, besonders da Melina den Vorschuss sogleich
wieder zu bezahlen versprochen hatte, ebensoviel, ja noch mehr in Kassa habe als
an jenem Tage, da Philine ihm den ersten Strauss abfordern liess. Mit heimlicher
Zufriedenheit blickte er auf sein Talent, mit einem kleinen Stolze auf das
Glück, das ihn geleitet und begleitet hatte. Er ergriff nunmehr mit Zuversicht
die Feder, um einen Brief zu schreiben, der auf einmal die Familie aus aller
Verlegenheit und sein bisheriges Betragen in das beste Licht setzen sollte. Er
vermied eine eigentliche Erzählung und liess nur in bedeutenden und mystischen
Ausdrücken dasjenige, was ihm begegnet sein könnte, erraten. Der gute Zustand
seiner Kasse, der Erwerb, den er seinem Talent schuldig war, die Gunst der
Grossen, die Neigung der Frauen, die Bekanntschaft in einem weiten Kreise, die
Ausbildung seiner körperlichen und geistigen Anlagen, die Hoffnung für die
Zukunft bildeten ein solches wunderliches Luftgemälde, dass Fata Morgana selbst
es nicht seltsamer hätte durcheinander wirken können.
    In dieser glücklichen Exaltation fuhr er fort, nachdem der Brief geschlossen
war, ein langes Selbstgespräch zu unterhalten, in welchem er den Inhalt des
Schreibens rekapitulierte, und sich eine tätige und würdige Zukunft ausmalte.
Das Beispiel so vieler edlen Krieger hatte ihn angefeuert, die Shakespearische
Dichtung hatte ihm eine neue Welt eröffnet, und von den Lippen der schönen
Gräfin hatte er ein unaussprechliches Feuer in sich gesogen. Das alles konnte,
das sollte nicht ohne Wirkung bleiben.
    Der Stallmeister kam und fragte, ob sie mit Einpacken fertig seien. Leider
hatte ausser Melina noch niemand daran gedacht. Nun sollte man eilig aufbrechen.
Der Graf hatte versprochen, die ganze Gesellschaft einige Tagereisen weit
transportieren zu lassen, die Pferde waren eben bereit und konnten nicht lange
entbehrt werden. Wilhelm fragte nach seinem Koffer; Madame Melina hatte sich ihn
zunutze gemacht; er verlangte nach seinem Gelde, Herr Melina hatte es ganz unten
in den Koffer mit grosser Sorgfalt gepackt. Philine sagte: »Ich habe in dem
meinigen noch Platz«, nahm Wilhelms Kleider und befahl Mignon, das übrige
nachzubringen. Wilhelm musste es, nicht ohne Widerwillen, geschehen lassen.
    Indem man aufpackte und alles zubereitete, sagte Melina: »Es ist mir
verdriesslich, dass wir wie Seiltänzer und Marktschreier reisen; ich wünschte, dass
Mignon Weiberkleider anzöge, und dass der Harfenspieler sich noch geschwinde den
Bart scheren liesse.« Mignon hielt sich fest an Wilhelm und sagte mit grosser
Lebhaftigkeit: »Ich bin ein Knabe: ich will kein Mädchen sein!« Der Alte
schwieg, und Philine machte bei dieser Gelegenheit über die Eigenheit des
Grafen, ihres Beschützers, einige lustige Anmerkungen. »Wenn der Harfner seinen
Bart abschneidet«, sagte sie, »so mag er ihn nur sorgfältig auf Band nähen und
bewahren, dass er ihn gleich wieder vornehmen kann, sobald er dem Grafen irgendwo
in der Welt begegnet; denn dieser Bart allein hat ihm die Gnade dieses Herrn
verschafft.«
    Als man in sie drang und eine Erklärung dieser sonderbaren Äusserung
verlangte, liess sie sich folgendergestalt vernehmen: »Der Graf glaubt, dass es
zur Illusion sehr viel beitrage, wenn der Schauspieler auch im gemeinen Leben
seine Rolle fortspielt und seinen Charakter souteniert; deswegen war er dem
Pedanten so günstig, und er fand, es sei recht gescheit, dass der Harfner seinen
falschen Bart nicht allein abends auf dem Teater, sondern auch beständig bei
Tage trage, und freute sich sehr über das natürliche Aussehen der Maskerade.«
    Als die andern über diesen Irrtum und über die sonderbaren Meinungen des
Grafen spotteten, ging der Harfner mit Wilhelm beiseite, nahm von ihm Abschied
und bat mit Tränen, ihn ja sogleich zu entlassen. Wilhelm redete ihm zu und
versicherte, dass er ihn gegen jedermann schützen werde, dass ihm niemand ein Haar
krümmen, viel weniger ohne seinen Willen abschneiden solle.
    Der Alte war sehr bewegt, und in seinen Augen glühte ein sonderbares Feuer.
»Nicht dieser Anlass treibt mich hinweg«, rief er aus; »schon lange mache ich mir
stille Vorwürfe, dass ich um Sie bleibe. Ich sollte nirgends verweilen, denn das
Unglück ereilt mich und beschädigt die, die sich zu mir gesellen. Fürchten Sie
alles, wenn Sie mich nicht entlassen, aber fragen Sie mich nicht, ich gehöre
nicht mir zu, ich kann nicht bleiben.«
    »Wem gehörst du an? Wer kann eine solche Gewalt über dich ausüben?«
    »Mein Herr, lassen Sie mir mein schaudervolles Geheimnis, und geben Sie mich
los! Die Rache, die mich verfolgt, ist nicht des irdischen Richters; ich gehöre
einem unerbittlichen Schicksale; ich kann nicht bleiben und ich darf nicht!«
    »In diesem Zustande, in dem ich dich sehe, werde ich dich gewiss nicht
lassen.«
    »Es ist Hochverrat an Ihnen, mein Wohltäter, wenn ich zaudre. Ich bin sicher
bei Ihnen, aber Sie sind in Gefahr. Sie wissen nicht, wen Sie in Ihrer Nähe
hegen. Ich bin schuldig, aber unglücklicher als schuldig. Meine Gegenwart
verscheucht das Glück, und die gute Tat wird ohnmächtig, wenn ich dazu trete.
Flüchtig und unstät sollt' ich sein, dass mein unglücklicher Genius mich nicht
einholet, der mich nur langsam verfolgt und nur dann sich merken lässt, wenn ich
mein Haupt niederlegen und ruhen will. Dankbarer kann ich mich nicht bezeigen,
als wenn ich Sie verlasse.«
    »Sonderbarer Mensch! du kannst mir das Vertrauen in dich so wenig nehmen als
die Hoffnung, dich glücklich zu sehen. Ich will in die Geheimnisse deines
Aberglaubens nicht eindringen; aber wenn du ja in Ahnung wunderbarer
Verknüpfungen und Vorbedeutungen lebst, so sage ich dir zu deinem Trost und zu
deiner Aufmunterung: geselle dich zu meinem Glücke, und wir wollen sehen,
welcher Genius der stärkste ist, dein schwarzer oder mein weisser!«
    Wilhelm ergriff diese Gelegenheit, um ihm noch mancherlei Tröstliches zu
sagen; denn er hatte schon seit einiger Zeit in seinem wunderbaren Begleiter
einen Menschen zu sehen geglaubt, der durch Zufall oder Schickung eine grosse
Schuld auf sich geladen hat und nun die Erinnerung derselben immer mit sich
fortschleppt. Noch vor einigen Tagen hatte Wilhelm seinen Gesang behorcht und
folgende Zeilen wohl bemerkt:
Ihm färbt der Morgensonne Licht
Den reinen Horizont mit Flammen,
Und über seinem schuld'gen Haupte bricht
Das schöne Bild der ganzen Welt zusammen.
Der Alte mochte nun sagen, was er wollte, so hatte Wilhelm immer ein stärker
Argument, wusste alles zum besten zu kehren und zu wenden, wusste so brav, so
herzlich und tröstlich zu sprechen, dass der Alte selbst wieder aufzuleben und
seinen Grillen zu entsagen schien.
 
                                Zweites Kapitel
Melina hatte Hoffnung, in einer kleinen, aber wohlhabenden Stadt mit seiner
Gesellschaft unterzukommen. Schon befanden sie sich an dem Orte, wohin sie die
Pferde des Grafen gebracht hatten, und sahen sich nach andern Wagen und Pferden
um, mit denen sie weiter zu kommen hofften. Melina hatte den Transport
übernommen und zeigte sich, nach seiner Gewohnheit, übrigens sehr karg. Dagegen
hatte Wilhelm die schönen Dukaten der Gräfin in der Tasche, auf deren fröhliche
Verwendung er das grösste Recht zu haben glaubte, und sehr leicht vergass er, dass
er sie in der stattlichen Bilanz, die er den Seinigen zuschickte, schon sehr
ruhmredig aufgeführt hatte.
    Sein Freund Shakespeare, den er mit grosser Freude auch als seinen Paten
anerkannte, und sich nur um so lieber Wilhelm nennen liess, hatte ihm einen
Prinzen bekannt gemacht, der sich unter geringer, ja sogar schlechter
Gesellschaft eine Zeitlang aufhält und, ungeachtet seiner edlen Natur, an der
Roheit, Unschicklichkeit und Albernheit solcher ganz sinnlichen Bursche sich
ergötzt. Höchst willkommen war ihm das Ideal, womit er seinen gegenwärtigen
Zustand vergleichen konnte, und der Selbstbetrug, wozu er eine fast
unüberwindliche Neigung spürte, ward ihm dadurch ausserordentlich erleichtert.
    Er fing nun an, über seine Kleidung nachzudenken. Er fand, dass ein Westchen,
über das man im Notfall einen kurzen Mantel würfe, für einen Wanderer eine sehr
angemessene Tracht sei. Lange gestrickte Beinkleider und ein Paar Schnürstiefeln
schienen die wahre Tracht eines Fussgängers. Dann verschafte er sich eine schöne
seidne Schärpe, die er zuerst unter dem Vorwande, den Leib warm zu halten,
umband; dagegen befreite er seinen Hals von der Knechtschaft einer Binde und
liess sich einige Streifen Nesseltuch ans Hemde heften, die aber etwas breit
gerieten und das völlige Ansehen eines antiken Kragens erhielten. Das schöne
seidne Halstuch, das gerettete Andenken Marianens, lag nur locker geknüpft unter
der nesseltuchnen Krause. Ein runder Hut mit einem bunten Bande und einer grossen
Feder machte die Maskerade vollkommen.
    Die Frauen beteuerten, diese Tracht lasse ihm vorzüglich gut. Philine
stellte sich ganz bezaubert darüber und bat sich seine schönen Haare aus, die
er, um dem natürlichen Ideal nur desto näher zu kommen, unbarmherzig
abgeschnitten hatte. Sie empfahl sich dadurch nicht übel, und unser Freund, der
durch seine Freigebigkeit sich das Recht erworben hatte, auf Prinz Harrys Manier
mit den übrigen umzugehen, kam bald selbst in den Geschmack, einige tolle
Streiche anzugeben und zu befördern. Man focht, man tanzte, man erfand allerlei
Spiele, und in der Fröhlichkeit des Herzens genoss man des leidlichen Weins, den
man angetroffen hatte, in starkem Masse, und Philine lauerte in der Unordnung
dieser Lebensart dem spröden Helden auf, für den sein guter Genius Sorge tragen
möge.
    Eine vorzügliche Unterhaltung, mit der sich die Gesellschaft besonders
ergötzte, bestand in einem extemporierten Spiel, in welchem sie ihre bisherigen
Gönner und Wohltäter nachahmten und durchzogen. Einige unter ihnen hatten sich
sehr gut die Eigenheiten des äussern Anstandes verschiedner vornehmer Personen
gemerkt, und die Nachbildung derselben ward von der übrigen Gesellschaft mit dem
grössten Beifall aufgenommen, und als Philine aus dem geheimen Archiv ihrer
Erfahrungen einige besondere Liebeserklärungen, die an sie geschehen waren,
vorbrachte, wusste man sich vor Lachen und Schadenfreude kaum zu lassen.
    Wilhelm schalt ihre Undankbarkeit; allein man setzte ihm entgegen, dass sie
das, was sie dort erhalten, genugsam abverdient, und dass überhaupt das Betragen
gegen so verdienstvolle Leute, wie sie sich zu sein rühmten, nicht das beste
gewesen sei. Nun beschwerte man sich, mit wie wenig Achtung man ihnen begegnet,
wie sehr man sie zurückgesetzt habe. Das Spotten, Necken und Nachahmen ging
wieder an, und man ward immer bitterer und ungerechter.
    »Ich wünschte«, sagte Wilhelm darauf, »dass durch eure Äusserungen weder Neid
noch Eigenliebe durchschiene, und dass ihr jene Personen und ihre Verhältnisse
aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtet. Es ist eine eigene Sache, schon durch
die Geburt auf einen erhabenen Platz in der menschlichen Gesellschaft gesetzt zu
sein. Wem ererbte Reichtümer eine vollkommene Leichtigkeit des Daseins
verschafft haben, wer sich, wenn ich mich so ausdrücken darf, von allem Beiwesen
der Menschheit von Jugend auf reichlich umgeben findet, gewöhnt sich meist,
diese Güter als das Erste und Grösste zu betrachten, und der Wert einer von der
Natur schön ausgestatteten Menschheit wird ihm nicht so deutlich. Das Betragen
der Vornehmen gegen Geringere und auch untereinander ist nach äussern Vorzügen
abgemessen; sie erlauben jedem, seinen Titel, seinen Rang, seine Kleider und
Equipage, nur nicht seine Verdienste geltend zu machen.«
    Diesen Worten gab die Gesellschaft einen unmässigen Beifall. Man fand
abscheulich, dass der Mann von Verdienst immer zurückstehen müsse, und dass in der
grossen Welt keine Spur von natürlichem und herzlichem Umgang zu finden sei. Sie
kamen besonders über diesen Punkt aus dem Hundertsten ins Tausendste.
    »Scheltet sie nicht darüber«, rief Wilhelm aus, »bedauert sie vielmehr! Denn
von jenem Glück, das wir als das höchste erkennen, das aus dem innern Reichtum
der Natur fliesst, haben sie selten eine erhöhte Empfindung. Nur uns Armen, die
wir wenig oder nichts besitzen, ist es gegönnt, das Glück der Freundschaft in
reichem Masse zu geniessen. Wir können unsre Geliebten weder durch Gnade erheben,
noch durch Gunst befördern, noch durch Gedanken beglücken. Wir haben nichts als
uns selbst. Dieses ganze Selbst müssen wir hingeben und, wenn es einigen Wert
haben soll, dem Freunde das Gut auf ewig versichern. Welch ein Genuss, welch ein
Glück für den Geber und Empfänger! In welchen seligen Zustand versetzt uns die
Treue! sie gibt dem vorübergehenden Menschenleben eine himmlische Gewissheit; sie
macht das Hauptkapital unsers Reichtums aus.«
    Mignon hatte sich ihm unter diesen Worten genähert, schlang ihre zarten Arme
um ihn und blieb mit dem Köpfchen an seine Brust gelehnt stehen. Er legte die
Hand auf des Kindes Haupt und fuhr fort: »Wie leicht wird es einem Grossen, die
Gemüter zu gewinnen! wie leicht eignet er sich die Herzen zu! Ein gefälliges,
bequemes, nur einigermassen menschliches Betragen tut Wunder, und wie viele
Mittel hat er, die einmal erworbenen Geister festzuhalten! Uns kommt alles
seltener, wird alles schwerer, und wie natürlich ist es, dass wir auf das, was
wir erwerben und leisten, einen grössern Wert legen. Welche rührenden Beispiele
von treuen Dienern, die sich für ihre Herren aufopferten! Wie schön hat uns
Shakespeare solche geschildert! Die Treue ist in diesem Falle ein Bestreben
einer edlen Seele, einem Grössern gleich zu werden. Durch fortdauernde
Anhänglichkeit und Liebe wird der Diener seinem Herrn gleich, der ihn sonst nur
als einen bezahlten Sklaven anzusehen berechtigt ist. Ja, diese Tugenden sind
nur für den geringen Stand; er kann sie nicht entbehren, und sie kleiden ihn
schön. Wer sich leicht loskaufen kann, wird so leicht versucht, sich auch der
Erkenntlichkeit zu überheben. Ja, in diesem Sinne glaube ich behaupten zu
können, dass ein Grosser wohl Freunde haben, aber nicht Freund sein könne.«
    Mignon drückte sich immer fester an ihn.
    »Nun gut«, versetzte einer aus der Gesellschaft, »wir brauchen ihre
Freundschaft nicht und haben sie niemals verlangt. Nur sollten sie sich besser
auf Künste verstehen, die sie doch beschützen wollen. Wenn wir am besten
gespielt haben, hat uns niemand zugehört: alles war lauter Parteilichkeit. Wem
man günstig war, der gefiel, und man war dem nicht günstig, der zu gefallen
verdiente. Es war nicht erlaubt, wie oft das Alberne und Abgeschmackte
Aufmerksamkeit und Beifall auf sich zog.«
    »Wenn ich abrechne«, versetzte Wilhelm, »was Schadenfreude und Ironie
gewesen sein mag, so denk' ich, es geht in der Kunst wie in der Liebe. Wie will
der Weltmann bei seinem zerstreuten Leben die Innigkeit erhalten, in der ein
Künstler bleiben muss, wenn er etwas Vollkommenes hervorzubringen denkt, und die
selbst demjenigen nicht fremd sein darf, der einen solchen Anteil am Werke
nehmen will, wie der Künstler ihn wünscht und hofft.
    Glaubt mir, meine Freunde, es ist mit den Talenten wie mit der Tugend: man
muss sie um ihrer selbst willen lieben oder sie ganz aufgeben. Und doch werden
sie beide nicht anders erkannt und belohnt, als wenn man sie, gleich einem
gefährlichen Geheimnis, im Verborgenen üben kann.«
    »Unterdessen, bis ein Kenner uns auffindet, kann man Hungers sterben«, rief
einer aus der Ecke.
    »Nicht eben sogleich«, versetzte Wilhelm. »Ich habe gesehen, solange einer
lebt und sich rührt, findet er immer seine Nahrung, und wenn sie auch gleich
nicht die reichlichste ist. Und worüber habt ihr euch denn zu beschweren? Sind
wir nicht ganz unvermutet, eben da es mit uns am schlimmsten aussah, gut
aufgenommen und bewirtet worden? Und jetzt, da es uns noch an nichts gebricht,
fällt es uns denn ein, etwas zu unserer Übung zu tun und nur einigermassen weiter
zu streben? Wir treiben fremde Dinge und entfernen, den Schulkindern ähnlich,
alles, was uns nur an unsre Lektion erinnern könnte.«
    »Wahrhaftig«, sagte Philine, »es ist unverantwortlich! Lasst uns ein Stück
wählen; wir wollen es auf der Stelle spielen. Jeder muss sein möglichstes tun,
als wenn er vor dem grössten Auditorium stünde.«
    Man überlegte nicht lange; das Stück ward bestimmt. Es war eines derer, die
damals in Deutschland grossen Beifall fanden und nun verschollen sind. Einige
pfiffen eine Symphonie, jeder besann sich schnell auf seine Rolle, man fing an
und spielte mit der grössten Aufmerksamkeit das Stück durch, und wirklich über
Erwartung gut. Man applaudierte sich wechselseitig; man hatte sich selten so
wohl gehalten.
    Als sie fertig waren, empfanden sie alle ein ausnehmendes Vergnügen, teils
über ihre wohlzugebrachte Zeit, teils weil jeder besonders mit sich zufrieden
sein konnte. Wilhelm liess sich weitläufig zu ihrem Lobe heraus, und ihre
Unterhaltung war heiter und fröhlich.
    »Ihr solltet sehen«, rief unser Freund, »wie weit wir kommen müssten, wenn
wir unsere Übungen auf diese Art fortsetzten und nicht bloss auf Auswendiglernen,
Probieren und Spielen uns mechanisch pflicht- und handwerksmässig einschränkten.
Wieviel mehr Lob verdienen die Tonkünstler, wie sehr ergetzen sie sich, wie
genau sind sie, wenn sie gemeinschaftlich ihre Übungen vornehmen! Wie sind sie
bemüht, ihre Instrumente Übereinzustimmen, wie genau halten sie Takt, wie zart
wissen sie die Stärke und Schwäche des Tons auszudrücken! Keinem fällt es ein,
sich bei dem Solo eines andern durch ein vorlautes Akkompagnieren Ehre zu
machen. Jeder sucht in dem Geist und Sinne des Komponisten zu spielen, und jeder
das, was ihm aufgetragen ist, es mag viel oder wenig sein, gut auszudrücken.
Sollten wir nicht ebenso genau und ebenso geistreich zu Werke gehen, da wir eine
Kunst treiben, die noch viel zarter als jede Art von Musik ist, da wir die
gewöhnlichsten und seltensten Äusserungen der Menschheit geschmackvoll und
ergetzend darzustellen berufen sind? Kann etwas abscheulicher sein, als in den
Proben zu sudeln und sich bei der Vorstellung auf die Laune und gut Glück zu
verlassen? Wir sollten unser grösstes Glück und Vergnügen darein setzen,
miteinander übereinzustimmen, um uns wechselsweise zu gefallen, und auch nur
insofern den Beifall des Publikums zu schätzen, als wir ihn uns gleichsam
untereinander schon selbst garantiert hätten. Warum ist der Kapellmeister seines
Orchesters gewisser als der Direktor seines Schauspiels? Weil dort jeder sich
seines Missgriffs, der das äussere Ohr beleidigt, schämen muss; aber wie selten
hab' ich einen Schauspieler verzeihliche und unverzeihliche Missgriffe, durch die
das innere Ohr so schnöde beleidigt wird, anerkennen und sich ihrer schämen
sehen! Ich wünschte nur, dass das Teater so schmal wäre, als der Draht eines
Seiltänzers, damit sich kein Ungeschickter hinaufwagte, anstatt dass jetzo ein
jeder sich Fähigkeit genug fühlt, darauf zu paradieren.«
    Die Gesellschaft nahm diese Apostrophe gut auf, indem jeder überzeugt war,
dass nicht von ihm die Rede sein könne, da er sich noch vor kurzem nebst den
übrigen so gut gehalten. Man kam vielmehr überein, dass man in dem Sinne, wie man
angefangen, auf dieser Reise und künftig, wenn man zusammenbliebe, eine
gesellige Bearbeitung wolle obwalten lassen. Man fand nur, dass, weil dieses eine
Sache der guten Laune und des freien Willens sei, so müsse sich eigentlich kein
Direktor darein mischen. Man nahm als ausgemacht an, dass unter guten Menschen
die republikanische Form die beste sei; man behauptete, das Amt eines Direktors
müsse herumgehen; er müsse von allen gewählt werden und eine Art von kleinem
Senat ihm jederzeit beigesetzt bleiben. Sie waren so von diesem Gedanken
eingenommen, dass sie wünschten, ihn gleich ins Werk zu richten.
    »Ich habe nichts dagegen«, sagte Melina, »wenn ihr auf der Reise einen
solchen Versuch machen wollt; ich suspendiere meine Direktorschaft gern, bis wir
wieder an Ort und Stelle kommen.« Er hoffte, dabei zu sparen und manche Ausgaben
der kleinen Republik oder dem Interimsdirektor aufzuwälzen. Nun ging man sehr
lebhaft zu Rate, wie man die Form des neuen Staates aufs beste einrichten wolle.
    »Es ist ein wanderndes Reich«, sagte Laertes; »wir werden wenigstens keine
Grenzstreitigkeiten haben.«
    Man schritt sogleich zur Sache und erwählte Wilhelmen zum ersten Direktor.
Der Senat ward bestellt, die Frauen erhielten Sitz und Stimme, man schlug
Gesetze vor, man verwarf, man genehmigte. Die Zeit ging unvermerkt unter diesem
Spiele vorüber, und weil man sie angenehm zubrachte, glaubte man auch wirklich
etwas Nützliches getan und durch die neue Form eine neue Aussicht für die
vaterländische Bühne eröffnet zu haben.
 
                                Drittes Kapitel
Wilhelm hoffte nunmehr, da er die Gesellschaft in so guter Disposition sah, sich
auch mit ihr über das dichterische Verdienst der Stücke unterhalten zu können.
»Es ist nicht genug«, sagte er zu ihnen, als sie des andern Tages wieder
zusammenkamen, »dass der Schauspieler ein Stück nur so obenhin ansehe, dasselbe
nach dem ersten Eindruck beurteile und ohne Prüfung seinen Gefallen oder
Missfallen daran zu erkennen gebe. Dies ist dem Zuschauer wohl erlaubt, der
gerührt und unterhalten sein, aber eigentlich nicht urteilen will. Der
Schauspieler dagegen soll von dem Stücke und von den Ursachen seines Lobes und
Tadels Rechenschaft geben können, und wie will er das, wenn er nicht in den Sinn
seines Autors, wenn er nicht in die Absichten desselben einzudringen versteht?
Ich habe den Fehler, ein Stück aus einer Rolle zu beurteilen, eine Rolle nur an
sich und nicht im Zusammenhange mit dem Stück zu betrachten, an mir selbst in
diesen Tagen so lebhaft bemerkt, dass ich euch das Beispiel erzählen will, wenn
ihr mir ein geneigtes Gehör gönnen wollt.
    Ihr kennt Shakespeares unvergleichlichen Hamlet aus einer Vorlesung, die
euch schon auf dem Schloss das grösste Vergnügen machte. Wir setzten uns vor,
das Stück zu spielen, und ich hatte, ohne zu wissen, was ich tat, die Rolle des
Prinzen übernommen; ich glaubte sie zu studieren, indem ich anfing, die
stärksten Stellen, die Selbstgespräche und jene Auftritte zu memorieren, in
denen Kraft der Seele, Erhebung des Geistes und Lebhaftigkeit freien Spielraum
haben, wo das bewegte Gemüt sich in einem gefühlvollen Ausdrucke zeigen kann.
    Auch glaubte ich recht in den Geist der Rolle einzudringen wenn ich die Last
der tiefen Schwermut gleichsam selbst auf mich nähme und unter diesem Druck
meinem Vorbilde durch das seltsame Labyrint so mancher Launen und
Sonderbarkeiten zu folgen suchte. So memorierte ich, und so übte ich mich und
glaubte nach und nach mit meinem Helden zu einer Person zu werden.
    Allein je weiter ich kam, desto schwerer ward mir die Vorstellung des
Ganzen, und mir schien zuletzt fast unmöglich, zu einer Übersicht zu gelangen.
Nun ging ich das Stück in einer ununterbrochenen Folge durch, und auch da wollte
mir leider manches nicht passen. Bald schienen sich die Charaktere, bald der
Ausdruck zu widersprechen, und ich verzweifelte fast, einen Ton zu finden, in
welchem ich meine ganze Rolle mit allen Abweichungen und Schattierungen
vortragen könnte. In diesen Irrgängen bemühte ich mich lange vergebens, bis ich
mich endlich auf einem ganz besondern Wege meinem Ziele zu nähern hoffte.
    Ich suchte jede Spur auf, die sich von dem Charakter Hamlets in früher Zeit
vor dem Tode seines Vaters zeigte; ich bemerkte, was unabhängig von dieser
traurigen Begebenheit, unabhängig von den nachfolgenden schrecklichen
Ereignissen dieser interessante Jüngling gewesen war, und was er ohne sie
vielleicht geworden wäre.
    Zart und edel entsprossen, wuchs die königliche Blume unter den
unmittelbaren Einflüssen der Majestät hervor; der Begriff des Rechts und der
fürstlichen Würde, das Gefühl des Guten und Anständigen mit dem Bewusstsein der
Höhe seiner Geburt entwickelten sich zugleich in ihm. Er war ein Fürst, ein
geborner Fürst, und wünschte zu regieren nur damit der Gute ungehindert gut sein
möchte. Angenehm von Gestalt, gesittet von Natur, gefällig von Herzen aus,
sollte er das Muster der Jugend sein und die Freude der Welt werden.
    Ohne irgendeine hervorstechende Leidenschaft war seine Liebe zu Ophelien ein
stilles Vorgefühl süsser Bedürfnisse, sein Eifer zu ritterlichen Übungen war
nicht ganz original, vielmehr musste diese Lust durch das Lob, das man dem
Dritten beilegte, geschärft und erhöht werden; rein fühlend, kannte er die
Redlichen und wusste die Ruhe zu schätzen, die ein aufrichtiges Gemüt an dem
offenen Busen eines Freundes geniesst. Bis auf einen gewissen Grad hatte er in
Künsten und Wissenschaften das Gute und Schöne erkennen und würdigen gelernt;
das Abgeschmackte war ihm zuwider, und wenn in seiner zarten Seele der Hass
aufkeimen konnte, so war es nur ebensoviel, als nötig ist, um bewegliche und
falsche Höflinge zu verachten und spöttisch mit ihnen zu spielen. Er war
gelassen in seinem Wesen, in seinem Betragen einfach, weder im Müssiggange
behaglich, noch allzubegierig nach Beschäftigung. Ein akademisches Hinschlendern
schien er auch bei Hofe fortzusetzen. Er besass mehr Fröhlichkeit der Laune als
des Herzens, war ein guter Gesellschafter, nachgiebig, bescheiden, besorgt, und
konnte eine Beleidigung vergeben und vergessen; aber niemals konnte er sich mit
dem vereinigen, der die Grenzen des Rechten, des Guten, des Anständigen
überschritt.
    Wenn wir das Stück wieder zusammen lesen werden, könnt ihr beurteilen, ob
ich auf dem rechten Wege bin. Wenigstens hoffe ich meine Meinung durchaus mit
Stellen belegen zu können.«
    Man gab der Schilderung lauten Beifall; man glaubte vorauszusehen, dass sich
nun die Handelsweise Hamlets gar gut werde erklären lassen; man freute sich über
diese Art, in den Geist des Schriftstellers einzudringen. Jeder nahm sich vor,
auch irgendein Stück auf diese Art zu studieren und den Sinn des Verfassers zu
entwickeln.
 
                                Viertes Kapitel
Nur einige Tage musste die Gesellschaft an dem Orte liegenbleiben, und sogleich
zeigten sich für verschiedene Glieder derselben nicht unangenehme Abenteuer,
besonders aber ward Laertes von einer Dame angereizt, die in der Nachbarschaft
ein Gut hatte, gegen die er sich aber äusserst kalt, ja unartig betrug und
darüber von Philinen viele Spöttereien erdulden musste. Sie ergriff die
Gelegenheit, unserm Freund die unglückliche Liebesgeschichte zu erzählen, über
die der arme Jüngling dem ganzen weiblichen Geschlechte feind geworden war. »Wer
wird ihm übelnehmen«, rief sie aus, »dass er ein Geschlecht hasst, das ihm so übel
mitgespielt hat und ihm alle Übel, die sonst Männer von Weibern zu befürchten
haben, in einem sehr konzentrierten Tranke zu verschlucken gab? Stellen Sie sich
vor: binnen vierundzwanzig Stunden war er Liebhaber, Bräutigam, Ehmann, Hahnrei,
Patient und Witwer! Ich wüsste nicht, wie man's einem ärger machen wollte.«
    Laertes lief halb lachend, halb verdriesslich zur Stube hinaus, und Philine
fing in ihrer allerliebsten Art die Geschichte zu erzählen an, wie Laertes als
ein junger Mensch von achtzehn Jahren, eben als er bei einer Teatergesellschaft
eingetroffen, ein schönes vierzehnjähriges Mädchen gefunden, die eben mit ihrem
Vater, der sich mit dem Direktor entzweiet, abzureisen willens gewesen. Er habe
sich aus dem Stegreife sterblich verliebt, dem Vater alle möglichen
Vorstellungen getan, zu bleiben, und endlich versprochen, das Mädchen zu
heiraten. Nach einigen angenehmen Stunden des Brautstandes sei er getraut
worden, habe eine glückliche Nacht als Ehmann zugebracht, darauf habe ihn seine
Frau des andern Morgens, als er in der Probe gewesen, nach Standesgebühr mit
einem Hörnerschreck beehrt; weil er aber aus allzugrosser Zärtlichkeit viel zu
früh nach Hause geeilt, habe er leider einen ältern Liebhaber an seiner Stelle
gefunden, habe mit unsinniger Leidenschaft dreingeschlagen, Liebhaber und Vater
herausgefordert und sei mit einer leidlichen Wunde davongekommen. Vater und
Tochter seien darauf noch in der Nacht abgereist, und er sei leider auf eine
doppelte Weise verwundet zurückgeblieben. Sein Unglück habe ihn zu dem
schlechtesten Feldscher von der Welt geführt, und der Arme sei leider mit
schwarzen Zähnen und triefenden Augen aus diesem Abenteuer geschieden. Er sei zu
bedauern, weil er übrigens der bravste Junge sei, den Gottes Erdboden trüge.
»Besonders«, sagte sie, »tut es mir leid, dass der arme Narr nun die Weiber hasst:
denn wer die Weiber hasst, wie kann der leben?«
    Melina unterbrach sie mit der Nachricht, dass alles zum Transport völlig
bereit sei, und dass sie morgen früh abfahren könnten. Er überreichte ihnen eine
Disposition, wie sie fahren sollten.
    »Wenn mich ein guter Freund auf den Schoss nimmt« sagte Philine, »so bin ich
zufrieden, dass wir eng und erbärmlich sitzen; übrigens ist mir alles einerlei.«
    »Es tut nichts«, sagte Laertes, der auch herbeikam.
    »Es ist verdriesslich!« sagte Wilhelm und eilte weg. Er fand für sein Geld
noch einen gar bequemen Wagen, den Melina verleugnet hatte. Eine andere
Einteilung ward gemacht, und man freute sich, bequem abreisen zu können, als die
bedenkliche Nachricht einlief, dass auf dem Wege, den sie nehmen wollten, sich
ein Freikorps sehen lasse, von dem man nicht viel Gutes erwartete.
    An dem Orte selbst war man sehr auf diese Zeitung aufmerksam, wenn sie
gleich nur schwankend und zweideutig war. Nach der Stellung der Armeen schien es
unmöglich, dass ein feindliches Korps sich habe durchschleichen, oder dass ein
freundliches so weit habe zurückbleiben können. Jedermann war eifrig, unserer
Gesellschaft die Gefahr, die auf sie wartete, recht gefährlich zu beschreiben
und ihr einen andern Weg anzuraten.
    Die meisten waren darüber in Unruhe und Furcht gesetzt, und als nach der
neuen republikanischen Form die sämtlichen Glieder des Staats zusammengerufen
wurden, um über diesen ausserordentlichen Fall zu beratschlagen, waren sie fast
einstimmig der Meinung, dass man das Übel vermeiden und am Orte bleiben, oder ihm
ausweichen und einen andern Weg erwählen müsse.
    Nur Wilhelm, von Furcht nicht eingenommen, hielt für schimpflich, einen
Plan, in den man mit so viel Überlegung eingegangen war, nunmehr auf ein blosses
Gerücht aufzugeben. Er sprach ihnen Mut ein, und seine Gründe waren männlich und
überzeugend.
    »Noch«, sagte er, »ist es nichts als ein Gerücht, und wie viele dergleichen
entstehen im Kriege! Verständige Leute sagen, dass der Fall höchst
unwahrscheinlich, ja beinah unmöglich sei. Sollten wir uns in einer so wichtigen
Sache bloss durch ein so ungewisses Gerede bestimmen lassen? Die Route, welche
uns der Herr Graf angegeben hat, auf die unser Pass lautet, ist die kürzeste, und
wir finden auf selbiger den besten Weg. Sie führt uns nach der Stadt, wo ihr
Bekanntschaften, Freunde vor euch seht und eine gute Aufnahme zu hoffen habt.
Der Umweg bringt uns auch dahin, aber in welche schlimmen Wege verwickelt er
uns, wie weit führt er uns ab! Können wir Hoffnung haben, uns in der späten
Jahrszeit wieder herauszufinden, und was für Zeit und Geld werden wir indessen
versplittern!« Er sagte noch viel und trug die Sache von so mancherlei
vorteilhaften Seiten vor, dass ihre Furcht sich verringerte und ihr Mut zunahm.
Er wusste ihnen so viel von der Mannszucht der regelmässigen Truppen vorzusagen
und ihnen die Marodeurs und das hergelaufene Gesindel so nichtswürdig zu
schildern und selbst die Gefahr so lieblich und lustig darzustellen, dass alle
Gemüter aufgeheitert wurden.
    Laertes war vom ersten Moment an auf seiner Seite und versicherte, dass er
nicht wanken noch weichen wolle. Der alte Polterer fand wenigstens einige
übereinstimmende Ausdrücke in seiner Manier, Philine lachte sie alle zusammen
aus, und da Madame Melina, die, ihrer hohen Schwangerschaft ungeachtet, ihre
natürliche Herzhaftigkeit nicht verloren hatte, den Vorschlag heroisch fand, so
konnte Melina, der denn freilich auf dem nächsten Wege, auf den er akkordiert
hatte, viel zu sparen hoffte, nicht widerstehen, und man willigte in den
Vorschlag von ganzem Herzen.
    Nun fing man an, sich auf alle Fälle zur Verteidigung einzurichten. Man
kaufte grosse Hirschfänger und hing sie an wohlgestickten Riemen über die
Schultern. Wilhelm steckte noch überdies ein Paar Terzerole in den Gürtel;
Laertes hatte ohnedem eine gute Flinte bei sich, und man machte sich mit einer
hohen Freudigkeit auf den Weg.
    Den zweiten Tag schlugen die Fuhrleute, die der Gegend wohl kundig waren,
vor: sie wollten auf einem waldigen Bergplatze Mittagsruhe halten, weil das Dorf
weit abgelegen sei und man bei guten Tagen gern diesen Weg nähme.
    Die Witterung war schön, und jedermann stimmte leicht in den Vorschlag ein.
Wilhelm eilte zu Fuss durch das Gebirge voraus, und über seine sonderbare Gestalt
musste jeder, der ihm begegnete, stutzig werden. Er eilte mit schnellen und
zufriedenen Schritten den Wald hinauf, Laertes pfiff hinter ihm drein, nur die
Frauen liessen sich in den Wagen fortschleppen. Mignon lief gleichfalls nebenher,
stolz auf den Hirschfänger, den man ihr, als die Gesellschaft sich bewaffnete,
nicht abschlagen konnte. Um ihren Hut hatte sie die Perlenschnur gewunden, die
Wilhelm von Marianens Reliquien übrigbehalten hatte. Friedrich der Blonde trug
die Flinte des Laertes, der Harfner hatte das friedlichste Ansehen. Sein langes
Kleid war in den Gürtel gesteckt, und so ging er freier. Er stützte sich auf
einen knotigen Stab, sein Instrument war bei den Wagen zurückgeblieben.
    Nachdem sie nicht ganz ohne Beschwerlichkeit die Höhe erstiegen, erkannten
sie sogleich den angezeigten Platz an den schönen Buchen, die ihn umgaben und
bedeckten. Eine grosse, sanft abhängige Waldwiese lud zum Bleiben ein; eine
eingefasste Quelle bot die lieblichste Erquickung dar, und es zeigte sich an der
andern Seite durch Schluchten und Waldrücken eine ferne, schöne und
hoffnungsvolle Aussicht. Da lagen Dörfer und Mühlen in den Gründen, Städtchen in
der Ebene, und neue, in der Ferne eintretende Berge machten die Aussicht noch
hoffnungsvoller, indem sie nur wie eine sanfte Beschränkung hereintraten.
    Die ersten Ankommenden nahmen Besitz von der Gegend, ruhten im Schatten aus,
machten ein Feuer an und erwarteten geschäftig, singend, die übrige
Gesellschaft, welche nach und nach herbeikam und den Platz, das schöne Wetter,
die unaussprechlich schöne Gegend mit einem Munde begrüsste.
 
                                Fünftes Kapitel
Hatte man oft zwischen vier Wänden gute und fröhliche Stunden zusammen genossen,
so war man natürlich noch viel aufgeweckter hier, wo die Freiheit des Himmels
und die Schönheit der Gegend jedes Gemüt zu reinigen schien. Alle fühlten sich
einander näher, alle wünschten in einem so angenehmen Aufentalt ihr ganzes
Leben hinzubringen. Man beneidete die Jäger, Köhler und Holzhauer, Leute, die
ihr Beruf in diesen glücklichen Wohnplätzen festält; über alles aber pries man
die reizende Wirtschaft eines Zigeunerhaufens. Man beneidete die wunderlichen
Gesellen, die in seligem Müssiggange alle abenteuerlichen Reize der Natur zu
geniessen berechtigt sind; man freute sich, ihnen einigermassen ähnlich zu sein.
    Indessen hatten die Frauen angefangen, Erdäpfel zu sieden und die
mitgebrachten Speisen auszupacken und zu bereiten. Einige Töpfe standen beim
Feuer, gruppenweise lagerte sich die Gesellschaft unter den Bäumen und Büschen.
Ihre seltsamen Kleidungen und die mancherlei Waffen gaben ihr ein fremdes
Ansehen. Die Pferde wurden beiseite gefüttert, und wenn man die Kutschen hätte
verstecken wollen, so wäre der Anblick dieser kleinen Horde bis zur Illusion
romantisch gewesen.
    Wilhelm genoss ein nie gefühltes Vergnügen. Er konnte hier eine wandernde
Kolonie und sich als Anführer derselben denken. In diesem Sinne unterhielt er
sich mit einem jeden und bildete den Wahn des Moments so poetisch als möglich
aus. Die Gefühle der Gesellschaft erhöhten sich; man ass, trank und jubilierte
und bekannte wiederholt, niemals schönere Augenblicke erlebt zu haben.
    Nicht lange hatte das Vergnügen zugenommen, als bei den jungen Leuten die
Tätigkeit erwachte. Wilhelm und Laertes griffen zu den Papieren und fingen
diesmal in teatralischer Absicht ihre Übungen an. Sie wollten den Zweikampf
darstellen, in welchem Hamlet und sein Gegner ein so tragisches Ende nehmen.
Beide Freunde waren überzeugt, dass man in dieser wichtigen Szene nicht, wie es
wohl auf Teatern zu geschehen pflegt, nur ungeschickt hin und wider stossen
dürfe: sie hofften ein Muster darzustellen, wie man bei der Aufführung auch dem
Kenner der Fechtkunst ein würdiges Schauspiel zu geben habe. Man schloss einen
Kreis um sie her; beide fochten mit Eifer und Einsicht, das Interesse der
Zuschauer wuchs mit jedem Gange.
    Auf einmal aber fiel im nächsten Busche ein Schuss, und gleich darauf noch
einer, und die Gesellschaft fuhr erschreckt auseinander. Bald erblickte man
bewaffnete Leute, die auf den Ort zudrangen, wo die Pferde nicht weit von den
bepackten Kutschen ihr Futter einnahmen.
    Ein allgemeiner Schrei entfuhr dem weiblichen Geschlechte, unsre Helden
warfen die Papiere weg, griffen nach den Pistolen, eilten den Räubern entgegen
und forderten unter lebhaften Drohungen Rechenschaft des Unternehmens.
    Als man ihnen lakonisch mit ein paar Musketenschüssen antwortete, drückte
Wilhelm seine Pistole auf einen Krauskopf ab, der den Wagen erstiegen hatte und
die Stricke des Gepäckes auseinanderschnitt. Wohlgetroffen stürzte er sogleich
herunter; Laertes hatte auch nicht fehlgeschossen, und beide Freunde zogen
beherzt ihre Seitengewehre, als ein Teil der räuberischen Bande mit Fluchen und
Gebrüll auf sie losbrach, einige Schüsse auf sie tat und sich mit blinkenden
Säbeln ihrer Kühnheit entgegensetzte. Unsre jungen Helden hielten sich tapfer;
sie riefen ihren übrigen Gesellen zu und munterten sie zu einer allgemeinen
Verteidigung auf. Bald aber verlor Wilhelm den Anblick des Lichtes und das
Bewusstsein dessen, was vorging. Von einem Schuss, der ihn zwischen der Brust und
dem linken Arm verwundete, von einem Hiebe, der ihm den Hut spaltete und fast
bis auf die Hirnschale durchdrang, betäubt, fiel er nieder und musste das
unglückliche Ende des Überfalls nur erst in der Folge aus der Erzählung
vernehmen.
    Als er die Augen wieder aufschlug, befand er sich in der wunderbarsten Lage.
Das erste, was ihm durch die Dämmerung, die noch vor seinen Augen lag,
entgegenblickte, war das Gesicht Philinens, das sich über das seine
herüberneigte. Er fühlte sich schwach, und da er, um sich emporzurichten, eine
Bewegung machte, fand er sich in Philinens Schoss, in den er auch wieder
zurücksank. Sie sass auf dem Rasen, hatte den Kopf des vor ihr ausgestreckten
Jünglings leise an sich gedrückt und ihm in ihren Armen, soviel sie konnte, ein
sanftes Lager bereitet. Mignon kniete mit zerstreuten blutigen Haaren an seinen
Füssen und umfasste sie mit vielen Tränen.
    Als Wilhelm seine blutigen Kleider ansah, fragte er mit gebrochener Stimme,
wo er sich befinde, was ihm und den andern begegnet sei? Philine bat ihn, ruhig
zu bleiben; die übrigen, sagte sie, seien alle in Sicherheit und niemand als er
und Laertes verwundet. Weiter wollte sie nichts erzählen und bat ihn inständig,
er möchte sich ruhig halten, weil seine Wunden nur schlecht und in der Eile
verbunden seien. Er reichte Mignon die Hand und erkundigte sich nach der Ursache
der blutigen Locken des Kindes, das er auch verwundet glaubte.
    Um ihn zu beruhigen, erzählte Philine: dieses guterzige Geschöpf, da es
seinen Freund verwundet geschen, habe sich in der Geschwindigkeit auf nichts
besonnen, um das Blut zu stillen, es habe seine eigenen Haare, die um den Kopf
geflogen, genommen, um die Wunden zu stopfen, habe aber bald von dem
vergeblichen Unternehmen abstehen müssen. Nachher verband man ihn mit Schwamm
und Moos, Philine hatte dazu ihr Halstuch hergegeben.
    Wilhelm bemerkte, dass Philine mit dem Rücken gegen ihren Koffer sass, der
noch ganz wohl verschlossen und unbeschädigt aussah. Er fragte, ob die andern
auch so glücklich gewesen, ihre Habseligkeiten zu retten? Sie antwortete mit
Achselzucken und einem Blick auf die Wiese, wo zerbrochene Kasten, zerschlagene
Koffer, zerschnittene Mantelsäcke und eine Menge kleiner Gerätschaften zerstreut
hin und wieder lagen. Kein Mensch war auf dem Platze zu sehen, und die
wunderliche Gruppe fand sich in dieser Einsamkeit allein.
    Wilhelm erfuhr nun immer mehr, als er wissen wollte: die übrigen Männer, die
allenfalls noch Widerstand hätten tun können, waren gleich in Schrecken gesetzt
und bald überwältigt; ein Teil floh, ein Teil sah mit Entsetzen dem Unfalle zu.
Die Fuhrleute, die sich noch wegen ihrer Pferde am hartnäckigsten gehalten
hatten, wurden niedergeworfen und gebunden, und in kurzem war alles rein
ausgeplündert und weggeschleppt. Die beängstigten Reisenden fingen, sobald die
Sorge für ihr Leben vorüber war, ihren Verlust zu bejammern an, eilten mit
möglichster Geschwindigkeit dem benachbarten Dorfe zu, führten den
leichtverwundeten Laertes mit sich und brachten nur wenige Trümmer ihrer
Besitztümer davon. Der Harfner hatte sein beschädigtes Instrument an einen Baum
gelehnt und war mit nach dem Orte geeilt, einen Wundarzt aufzusuchen und seinem
für tot zurückgelassenen Wohltäter nach Möglichkeit beizuspringen.
 
                                Sechstes Kapitel
Unsere drei verunglückten Abenteurer blieben indes noch eine Zeitlang in ihrer
seltsamen Lage, niemand eilte ihnen zu Hülfe. Der Abend kam herbei, die Nacht
drohte hereinzubrechen; Philinens Gleichgültigkeit fing an in Unruhe
überzugehen, Mignon lief hin und wider, und die Ungeduld des Kindes nahm mit
jedem Augenblicke zu. Endlich, da ihnen ihr Wunsch gewährt ward und Menschen
sich ihnen näherten, überfiel sie ein neuer Schrecken. Sie hörten ganz deutlich
einen Trupp Pferde in dem Wege heraufkommen, den auch sie zurückgelegt hatten,
und fürchteten, dass abermals eine Gesellschaft ungebetener Gäste diesen
Waldplatz besuchen möchte, um Nachlese zu halten.
    Wie angenehm wurden sie dagegen überrascht, als ihnen aus den Büschen, auf
einem Schimmel reitend, ein Frauenzimmer zu Gesichte kam, die von einem
ältlichen Herrn und einigen Kavalieren begleitet wurde; Reitknechte, Bedienten
und ein Trupp Husaren folgten nach.
    Philine, die zu dieser Erscheinung grosse Augen machte, war eben im Begriff
zu rufen und die schöne Amazone um Hülfe anzuflehen, als diese schon erstaunt
ihre Augen nach der wunderbaren Gruppe wendete, sogleich ihr Pferd lenkte,
herzuritt und stille hielt. Sie erkundigte sich eifrig nach dem Verwundeten,
dessen Lage in dem Schosse der leichtfertigen Samariterin ihr höchst sonderbar
vorzukommen schien.
    »Ist es Ihr Mann?« fragte sie Philinen. »Es ist nur ein guter Freund«,
versetzte diese mit einem Ton, der Wilhelmen höchst zuwider war. Er hatte seine
Augen auf die sanften, hohen, stillen, teilnehmenden Gesichtszüge der
Ankommenden geheftet; er glaubte nie etwas Edleres noch Liebenswürdigeres
gesehen zu haben. Ein weiter Mannsüberrock verbarg ihm ihre Gestalt; sie hatte
ihn, wie es schien, gegen die Einflüsse der kühlen Abendluft von einem ihrer
Gesellschafter geborgt.
    Die Ritter waren indes auch näher gekommen; einige stiegen ab, die Dame tat
ein Gleiches und fragte mit menschenfreundlicher Teilnehmung nach allen
Umständen des Unfalls, der die Reisenden betroffen hatte, besonders aber nach
den Wunden des hingestreckten Jünglings. Darauf wandte sie sich schnell um und
ging mit einem alten Herrn seitwärts nach den Wagen, welche langsam den Berg
heraufkamen und auf dem Waldplatze stille hielten.
    Nachdem die junge Dame eine kurze Zeit am Schlage der einen Kutsche
gestanden und sich mit den Ankommenden unterhalten hatte, stieg ein Mann von
untersetzter Gestalt heraus, den sie zu unserm verwundeten Helden führte. An dem
Kästchen, das er in der Hand hatte, und an der ledernen Tasche mit Instrumenten
erkannte man ihn bald für einen Wundarzt. Seine Manieren waren mehr rauh als
einnehmend, doch seine Hand leicht und seine Hülfe willkommen.
    Er untersuchte genau, erklärte, keine Wunde sei gefährlich, er wolle sie auf
der Stelle verbinden, alsdann könne man den Kranken in das nächste Dorf bringen.
    Die Besorgnisse der jungen Dame schienen sich zu vermehren. »Sehen Sie nur«,
sagte sie, nachdem sie einigemal hin und her gegangen war und den alten Herrn
wieder herbeiführte, »sehen Sie, wie man ihn zugerichtet hat! Und leidet er
nicht um unsertwillen?« Wilhelm hörte diese Worte und verstand sie nicht. Sie
ging unruhig hin und wider; es schien, als könnte sie sich nicht von dem Anblick
des Verwundeten losreissen, und als fürchtete sie zugleich den Wohlstand zu
verletzen, wenn sie stehenbliebe, zu der Zeit, da man ihn, wiewohl mit Mühe, zu
entkleiden anfing. Der Chirurgus schnitt eben den linken Ärmel auf, als der alte
Herr hinzutrat und ihr mit einem ernstaften Tone die Notwendigkeit, ihre Reise
fortzusetzen, vorstellte. Wilhelm hatte seine Augen auf sie gerichtet und war
von ihren Blicken so eingenommen, dass er kaum fühlte, was mit ihm vorging.
    Philine war indessen aufgestanden, um der gnädigen Dame die Hand zu küssen.
Als sie nebeneinander standen, glaubte unser Freund nie einen solchen Abstand
gesehn zu haben. Philine war ihm noch nie in einem so ungünstigen Lichte
erschienen. Sie sollte, wie es ihm vorkam, sich jener edlen Natur nicht nahen,
noch weniger sie berühren.
    Die Dame fragte Philinen verschiedenes, aber leise. Endlich kehrte sie sich
zu dem alten Herrn, der noch immer trocken dabei stand, und sagte: »Lieber
Oheim, darf ich auf Ihre Kosten freigebig sein?« Sie zog sogleich den Überrock
aus, und ihre Absicht, ihn dem Verwundeten und Unbekleideten hinzugeben, war
nicht zu verkennen.
    Wilhelm, den der heilsame Blick ihrer Augen bisher festgehalten hatte, war
nun, als der Überrock fiel, von ihrer schönen Gestalt überrascht. Sie trat näher
herzu und legte den Rock sanft über ihn. In diesem Augenblicke, da er den Mund
öffnen und einige Worte des Dankes stammeln wollte, wirkte der lebhafte Eindruck
ihrer Gegenwart so sonderbar auf seine schon angegriffenen Sinne, dass es ihm auf
einmal vorkam, als sei ihr Haupt mit Strahlen umgeben, und über ihr ganzes Bild
verbreite sich nach und nach ein glänzendes Licht. Der Chirurgus berührte ihn
eben unsanfter, indem er die Kugel, welche in der Wunde stak, herauszuziehen
Anstalt machte. Die Heilige verschwand vor den Augen des Hinsinkenden; er verlor
alles Bewusstsein, und als er wieder zu sich kam, waren Reiter und Wagen, die
Schöne samt ihren Begleitern verschwunden.
 
                               Siebentes Kapitel
Nachdem unser Freund verbunden und angekleidet war, eilte der Chirurgus weg,
eben als der Harfenspieler mit einer Anzahl Bauern heraufkam. Sie bereiteten
eilig aus abgehauenen Ästen und eingeflochtenem Reisig eine Trage, luden den
Verwundeten darauf und brachten ihn unter Anführung eines reitenden Jägers, den
die Herrschaft zurückgelassen hatte, sachte den Berg hinunter. Der Harfner,
still und in sich gekehrt, trug sein beschädigtes Instrument, einige Leute
schleppten Philinens Koffer, sie schlenderte mit einem Bündel nach, Mignon
sprang bald voraus, bald zur Seite durch Busch und Wald und blickte sehnlich
nach ihrem kranken Beschützer hinüber.
    Dieser lag, in seinen warmen Überrock gehüllt, ruhig auf der Bahre. Eine
elektrische Wärme schien aus der feinen Wolle in seinen Körper überzugehen;
genug, er fühlte sich in die behaglichste Empfindung versetzt. Die schöne
Besitzerin des Kleides hatte mächtig auf ihn gewirkt. Er sah noch den Rock von
ihren Schultern fallen, die edelste Gestalt, von Strahlen umgeben, vor sich
stehen, und seine Seele eilte der Verschwundenen durch Felsen und Wälder auf dem
Fusse nach.
    Nur mit sinkender Nacht kam der Zug im Dorfe vor dem Wirtshause an, in
welchem sich die übrige Gesellschaft befand und verzweiflungsvoll den
unersetzlichen Verlust beklagte. Die einzige kleine Stube des Hauses war von
Menschen vollgepfropft: einige lagen auf der Streue, andere hatten die Bänke
eingenommen, einige sich hinter den Ofen gedruckt, und Frau Melina erwartete in
einer benachbarten Kammer ängstlich ihre Niederkunft. Der Schrecken hatte sie
beschleunigt, und unter dem Beistande der Wirtin, einer jungen, unerfahrenen
Frau, konnte man wenig Gutes erwarten.
    Als die neuen Ankömmlinge hereingelassen zu werden verlangten, entstand ein
allgemeines Murren. Man behauptete nun, dass man allein auf Wilhelms Rat, unter
seiner besonderen Anführung diesen gefährlichen Weg unternommen und sich diesem
Unfall ausgesetzt habe. Man warf die Schuld des übeln Ausgangs auf ihn,
widersetzte sich an der Türe seinem Eintritt und behauptete, er müsse anderswo
unterzukommen suchen. Philinen begegnete man noch schnöder; der Harfenspieler
und Mignon mussten auch das Ihrige leiden.
    Nicht lange hörte der Jäger, dem die Vorsorge für die Verlassenen von seiner
schönen Herrschaft ernstlich anbefohlen war, dem Streite mit Geduld zu; er fuhr
mit Fluchen und Drohen auf die Gesellschaft los, gebot ihnen, zusammenzurücken
und den Ankommenden Platz zu machen. Man fing an, sich zu bequemen. Er bereitete
Wilhelmen einen Platz auf einem Tische, den er in eine Ecke schob; Philine liess
ihren Koffer danebenstellen und setzte sich drauf. Jeder druckte sich, so gut er
konnte, und der Jäger begab sich weg, um zu sehen, ob er nicht ein bequemeres
Quartier für das Ehepaar ausmachen könne.
    Kaum war er fort, als der Unwille wieder laut zu werden anfing, und ein
Vorwurf den andern drängte. Jedermann erzählte und erhöhte seinen Verlust, man
schalt die Verwegenheit, durch die man so vieles eingebüsst, man verhehlte sogar
die Schadenfreude nicht, die man über die Wunden unseres Freundes empfand, man
verhöhnte Philinen und wollte ihr die Art und Weise, wie sie ihren Koffer
gerettet, zum Verbrechen machen. Aus allerlei Anzüglichkeiten und Stichelreden
hätte man schliessen sollen, sie habe sich während der Plünderung und Niederlage
um die Gunst des Anführers der Bande bemüht und habe ihn, wer weiss durch welche
Künste und Gefälligkeiten, vermocht, ihren Koffer freizugeben. Man wollte sie
eine ganze Weile vermisst haben. Sie antwortete nichts und klapperte nur mit den
grossen Schlössern ihres Koffers, um ihre Neider recht von seiner Gegenwart zu
überzeugen und die Verzweiflung des Haufens durch ihr eigenes Glück zu
vermehren.
 
                                 Achtes Kapitel
Wilhelm, ob er gleich durch den starken Verlust des Blutes schwach und nach der
Erscheinung jenes hülfreichen Engels mild und sanft geworden war, konnte sich
doch zuletzt des Verdrusses über die harten und ungerechten Reden nicht
entalten, welche bei seinem Stillschweigen von der unzufriednen Gesellschaft
immer erneuert wurden. Endlich fühlte er sich gestärkt genug, um sich
aufzurichten und ihnen die Unart vorzustellen, mit der sie ihren Freund und
Führer beunruhigten. Er hob sein verbundenes Haupt in die Höhe und fing, indem
er sich mit einiger Mühe stützte und gegen die Wand lehnte, folgendergestalt zu
reden an:
    »Ich vergebe dem Schmerze, den jeder über seinen Verlust empfindet, dass ihr
mich in einem Augenblicke beleidigt, wo ihr mich beklagen solltet, dass ihr mir
widersteht und mich von euch stosst, das erstemal, da ich Hülfe von euch erwarten
könnte. Für die Dienste, die ich euch erzeigte, für die Gefälligkeiten, die ich
euch erwies, habe ich mich durch euren Dank, durch euer freundschaftliches
Betragen bisher genugsam belohnt gefunden; verleitet mich nicht, zwingt mein
Gemüt nicht, zurückzugehen und zu überdenken, was ich für euch getan habe; diese
Berechnung würde mir nur peinlich werden. Der Zufall hat mich zu euch geführt,
Umstände und eine heimliche Neigung haben mich bei euch gehalten. Ich nahm an
euren Arbeiten, an euren Vergnügungen teil; meine wenigen Kenntnisse waren zu
eurem Dienste. Gebt ihr mir jetzt auf eine bittre Weise den Unfall schuld, der
uns betroffen hat, so erinnert ihr euch nicht, dass der erste Vorschlag, diesen
Weg zu nehmen, von fremden Leuten kam, von euch allen geprüft und so gut von
jedem als von mir gebilligt worden ist. Wäre unsre Reise glücklich vollbracht,
so würde sich jeder wegen des guten Einfalls loben, dass er diesen Weg angeraten,
dass er ihn vorgezogen; er würde sich unsrer Überlegungen und seines ausgeübten
Stimmrechts mit Freuden erinnern; jetzo macht ihr mich allein verantwortlich,
ihr zwingt mir eine Schuld auf, die ich willig übernehmen wollte, wenn mich das
reinste Bewusstsein nicht freispräche, ja wenn ich mich nicht auf euch selbst
berufen könnte. Habt ihr gegen mich etwas zu sagen, so bringt es ordentlich vor,
und ich werde mich zu verteidigen wissen; habt ihr nichts Gegründetes anzugeben,
so schweigt und quält mich nicht, jetzt, da ich der Ruhe so äusserst bedürftig
bin.«
    Statt aller Antwort fingen die Mädchen an, abermals zu weinen und ihren
Verlust umständlich zu erzählen; Melina war ganz ausser Fassung: denn er hatte
freilich am meisten, und mehr, als wir denken können, eingebüsst. Wie ein
Rasender stolperte er in dem engen Raum hin und her, stiess den Kopf wider die
Wand, fluchte und schalt auf das unziemlichste; und da nun gar zu gleicher Zeit
die Wirtin aus der Kammer trat mit der Nachricht, dass seine Frau mit einem toten
Kinde niedergekommen, erlaubte er sich die heftigsten Ausbrüche, und einstimmig
mit ihm heulte, schrie, brummte und lärmte alles durcheinander.
    Wilhelm, der zugleich von mitleidiger Teilnehmung an ihrem Zustande und von
Verdruss über ihre niedrige Gesinnung bis in sein Innerstes bewegt war, fühlte
unerachtet der Schwäche seines Körpers die ganze Kraft seiner Seele lebendig.
»Fast«, rief er aus, »muss ich euch verachten, so beklagenswert ihr auch sein
mögt. Kein Unglück berechtigt uns, einen Unschuldigen mit Vorwürfen zu beladen;
habe ich teil an diesem falschen Schritte, so büsse ich auch mein Teil. Ich liege
verwundet hier, und wenn die Gesellschaft verloren hat, so verliere ich das
meiste. Was an Garderobe geraubt worden, was an Dekorationen zugrunde gegangen,
war mein: denn Sie, Herr Melina, haben mich noch nicht bezahlt, und ich spreche
Sie von dieser Forderung hiemit völlig frei.«
    »Sie haben gut schenken«, rief Melina, »was niemand wiedersehen wird. Ihr
Geld lag in meiner Frau Koffer, und es ist Ihre Schuld, dass es Ihnen
verlorengeht. Aber, o! wenn das alles wäre!« - Er fing aufs neue zu stampfen, zu
schimpfen und zu schreien an. Jedermann erinnerte sich der schönen Kleider aus
der Garderobe des Grafen, der Schnallen, Uhren, Dosen, Hüte, welche Melina von
dem Kammerdiener so glücklich gehandelt hatte. Jedem fielen seine eigenen,
obgleich viel geringeren Schätze dabei wieder ins Gedächtnis; man blickte mit
Verdruss auf Philinens Koffer, man gab Wilhelmen zu verstehen, er habe wahrlich
nicht übel getan, sich mit dieser Schönen zu assoziieren und durch ihr Glück
auch seine Habseligkeiten zu retten.
    »Glaubt ihr denn«, rief er endlich aus, »dass ich etwas Eignes haben werde,
solange ihr darbt, und ist es wohl das erste Mal, dass ich in der Not mit euch
redlich teile? Man öffne den Koffer, und was mein ist, will ich zum öffentlichen
Bedürfnis niederlegen.«
    »Es ist mein Koffer«, sagte Philine, »und ich werde ihn nicht eher
aufmachen, bis es mir beliebt. Ihre paar Fittiche, die ich Ihnen aufgehoben,
können wenig betragen, und wenn sie an die redlichsten Juden verkauft werden.
Denken Sie an sich, was Ihre Heilung kosten, was Ihnen in einem fremden Lande
begegnen kann.«
    »Sie werden mir, Philine«, versetzte Wilhelm, »nichts vorentalten, was mein
ist, und das wenige wird uns aus der ersten Verlegenheit retten. Allein der
Mensch besitzt noch manches, womit er seinen Freunden beistehen kann, das eben
nicht klingende Münze zu sein braucht. Alles, was in mir ist, soll diesen
Unglücklichen gewidmet sein, die gewiss, wenn sie wieder zu sich selbst kommen,
ihr gegenwärtiges Betragen bereuen werden. Ja«, fuhr er fort, »ich fühle, dass
ihr bedürft, und was ich vermag, will ich euch leisten; schenkt mir euer
Vertrauen aufs neue, beruhigt euch für diesen Augenblick, nehmet an, was ich
euch verspreche! Wer will die Zusage im Namen aller von mir empfangen?«
    Hier streckte er seine Hand aus und rief: »Ich verspreche, dass ich nicht
eher von euch weichen, euch nicht eher verlassen will, als bis ein jeder seinen
Verlust doppelt und dreifach ersetzt sieht, bis ihr den Zustand, in dem ihr
euch, durch wessen Schuld es wolle, befindet, völlig vergessen und mit einem
glücklichern vertauscht habt.«
    Er hielt seine Hand noch immer ausgestreckt, und niemand wollte sie fassen.
»Ich versprech' es noch einmal«, rief er aus, indem er auf sein Kissen
zurücksank. Alle blieben stille; sie waren beschämt, aber nicht getröstet, und
Philine, auf ihrem Koffer sitzend, knackte Nüsse auf, die sie in ihrer Tasche
gefunden hatte.
 
                                Neuntes Kapitel
Der Jäger kam mit einigen Leuten zurück und machte Anstalt, den Verwundeten
wegzuschaffen. Er hatte den Pfarrer des Orts beredet, das Ehepaar aufzunehmen;
Philinens Koffer ward fortgetragen, und sie folgte mit natürlichem Anstand.
Mignon lief voraus, und da der Kranke im Pfarrhaus ankam, ward ihm ein weites
Ehebette, das schon lange Zeit als Gast- und Ehrenbette bereitstand, eingegeben.
Hier bemerkte man erst, dass die Wunde aufgegangen war und stark geblutet hatte.
Man musste für einen neuen Verband sorgen. Der Kranke verfiel in ein Fieber,
Philine wartete ihn treulich, und als die Müdigkeit sie übermeisterte, löste sie
der Harfenspieler ab; Mignon war mit dem festen Vorsatz, zu wachen, in einer
Ecke eingeschlafen.
    Des Morgens, als Wilhelm sich ein wenig erholt hatte, erfuhr er von dem
Jäger, dass die Herrschaft, die ihnen gestern zu Hülfe gekommen sei, vor kurzem
ihre Güter verlassen habe, um den Kriegsbewegungen auszuweichen und sich bis zum
Frieden in einer ruhigern Gegend aufzuhalten. Er nannte den ältlichen Herrn und
seine Nichte, zeigte den Ort an, wohin sie sich zuerst begeben, erklärte
Wilhelmen, wie das Fräulein ihm eingebunden, für die Verlassenen Sorge zu
tragen.
    Der hereintretende Wundarzt unterbrach die lebhaften Danksagungen, in welche
sich Wilhelm gegen den Jäger ergoss, machte eine umständliche Beschreibung der
Wunden, versicherte, dass sie leicht heilen würden, wenn der Patient sich ruhig
hielte und sich abwartete.
    Nachdem der Jäger weggeritten war, erzählte Philine, dass er ihr einen Beutel
mit zwanzig Louisdorn zurückgelassen, dass er dem Geistlichen ein Douceur für die
Wohnung gegeben und die Kurkosten für den Chirurgus bei ihm niedergelegt habe.
Sie gelte durchaus für Wilhelms Frau, introduziere sich ein für allemal bei ihm
in dieser Qualität und werde nicht zugeben, dass er sich nach einer andern
Wartung umsehe.
    »Philine«, sagte Wilhelm, »ich bin Ihnen bei dem Unfall, der uns begegnet
ist, schon manchen Dank schuldig geworden, und ich wünschte nicht, meine
Verbindlichkeiten gegen Sie vermehrt zu sehen. Ich bin unruhig, solange Sie um
mich sind: denn ich weiss nichts, womit ich Ihnen die Mühe vergelten kann. Geben
Sie mir meine Sachen, die Sie in Ihrem Koffer gerettet haben, heraus, schliessen
Sie sich an die übrige Gesellschaft an, suchen Sie ein ander Quartier, nehmen
Sie meinen Dank und die goldne Uhr als eine kleine Erkenntlichkeit; nur
verlassen Sie mich; Ihre Gegenwart beunruhigt mich mehr, als Sie glauben.«
    Sie lachte ihm ins Gesicht, als er geendigt hatte. »Du bist ein Tor«, sagte
sie, »du wirst nicht klug werden. Ich weiss besser, was dir gut ist; ich werde
bleiben, ich werde mich nicht von der Stelle rühren. Auf den Dank der Männer
habe ich niemals gerechnet, also auch auf deinen nicht; und wenn ich dich lieb
habe, was geht's dich an?«
    Sie blieb und hatte sich bald bei dem Pfarrer und seiner Familie
eingeschmeichelt, indem sie immer lustig war, jedem etwas zu schenken, jedem
nach dem Sinne zu reden wusste und dabei immer tat, was sie wollte. Wilhelm
befand sich nicht übel; der Chirurgus, ein unwissender, aber nicht ungeschickter
Mensch, liess die Natur walten, und so war der Patient bald auf dem Wege der
Besserung. Sehnlich wünschte dieser, sich wiederhergestellt zu sehen, um seine
Pläne, seine Wünsche eifrig verfolgen zu können.
    Unaufhörlich rief er sich jene Begebenheit zurück, welche einen
unauslöschlichen Eindruck auf sein Gemüt gemacht hatte. Er sah die schöne
Amazone reitend aus den Büschen hervorkommen, sie näherte sich ihm, stieg ab,
ging hin und wider und bemühte sich um seinetwillen. Er sah das umhüllende Kleid
von ihren Schultern fallen; ihr Gesicht, ihre Gestalt glänzend verschwinden.
Alle seine Jugendträume knüpften sich an dieses Bild. Er glaubte nunmehr die
edle, heldenmütige Chlorinde mit eignen Augen gesehen zu haben: ihm fiel der
kranke Königssohn wieder ein, an dessen Lager die schöne, teilnehmende
Prinzessin mit stiller Bescheidenheit herantritt.
    »Sollten nicht«, sagte er manchmal im stillen zu sich selbst, »uns in der
Jugend wie im Schlafe die Bilder zukünftiger Schicksale umschweben und unserm
unbefangenen Auge ahnungsvoll sichtbar werden? Sollten die Keime dessen, was uns
begegnen wird, nicht schon von der Hand des Schicksals ausgestreut, sollte nicht
ein Vorgenuss der Früchte, die wir einst zu brechen hoffen, möglich sein?«
    Sein Krankenlager gab ihm Zeit, jene Szene tausendmal zu wiederholen.
Tausendmal rief er den Klang jener süssen Stimme zurück, und wie beneidete er
Philinen, die jene hülfreiche Hand geküsst hatte. Oft kam ihm die Geschichte wie
ein Traum vor, und er würde sie für ein Märchen gehalten haben, wenn nicht das
Kleid zurückgeblieben wäre, das ihm die Gewissheit der Erscheinung versicherte.
    Mit der grössten Sorgfalt für dieses Gewand war das lebhafteste Verlangen
verbunden, sich damit zu bekleiden. Sobald er aufstand, warf er es über, und
befürchtete den ganzen Tag, es möchte durch einen Flecken oder auf sonst eine
Weise beschädigt werden.
 
                                Zehntes Kapitel
Laertes besuchte seinen Freund. Er war bei jener lebhaften Szene im Wirtshause
nicht gegenwärtig gewesen, denn er lag in einer obern Kammer. Über seinen
Verlust war er sehr getröstet, und half sich mit seinem gewöhnlichen »Was
tut's?« Er erzählte verschiedene lächerliche Züge von der Gesellschaft;
besonders gab er Frau Melina schuld, sie beweine den Verlust ihrer Tochter nur
deswegen, weil sie nicht das altdeutsche Vergnügen haben könne, eine Mechtilde
taufen zu lassen. Was ihren Mann betreffe, so offenbare sich's nun, dass er viel
Geld bei sich gehabt und auch schon damals des Vorschusses, den er Wilhelmen
abgelockt, keineswegs bedurft habe. Melina wolle nunmehr mit dem nächsten
Postwagen abgehn und werde von Wilhelmen ein Empfehlungsschreiben an seinen
Freund, den Direktor Serlo, verlangen, bei dessen Gesellschaft er, weil die
eigne Unternehmung gescheitert, nun unterzukommen hoffe.
    Mignon war einige Tage sehr still gewesen, und als man in sie drang, gestand
sie endlich, dass ihr rechter Arm verrenkt sei. »Das hast du deiner Verwegenheit
zu danken«, sagte Philine und erzählte, wie das Kind im Gefechte seinen
Hirschfänger gezogen und, als es seinen Freund in Gefahr gesehen, wacker auf die
Freibeuter zugehauen habe. Endlich sei es beim Arme ergriffen und auf die Seite
geschleudert worden. Man schalt auf sie, dass sie das Übel nicht eher entdeckt
habe, doch merkte man wohl, dass sie sich vor dem Chirurgus gescheut, der sie
bisher immer für einen Knaben gehalten hatte. Man suchte das Übel zu heben, und
sie musste den Arm in der Binde tragen. Hierüber war sie aufs neue empfindlich,
weil sie den besten Teil der Pflege und Wartung ihres Freundes Philinen
überlassen musste, und die angenehme Sünderin zeigte sich nur um desto tätiger
und aufmerksamer.
    Eines Morgens, als Wilhelm erwachte, fand er sich mit ihr in einer
sonderbaren Nähe. Er war auf seinem weiten Lager in der Unruhe des Schlafs ganz
an die hintere Seite gerutscht. Philine lag quer über den vordern Teil
hingestreckt; sie schien auf dem Bette sitzend und lesend eingeschlafen zu sein.
Ein Buch war ihr aus der Hand gefallen; sie war zurück und mit dem Kopf nah an
seine Brust gesunken, über die sich ihre blonden aufgelösten Haare in Wellen
ausbreiteten. Die Unordnung des Schlafs erhöhte mehr als Kunst und Vorsatz ihre
Reize; eine Lindische lächelnde Ruhe schwebte über ihrem Gesichte. Er sah sie
eine Zeitlang an und schien sich selbst über das Vergnügen zu tadeln, womit er
sie ansah, und wir wissen nicht, ob er seinen Zustand segnete oder tadelte, der
ihm Ruhe und Mässigung zur Pflicht machte. Er hatte sie eine Zeitlang aufmerksam
betrachtet, als sie sich zu regen anfing. Er schloss die Augen sachte zu, doch
konnte er nicht unterlassen, zu blinzen und nach ihr zu sehen, als sie sich
wieder zurechtputzte und wegging, nach dem Frühstück zu fragen.
    Nach und nach hatten sich nun die sämtlichen Schauspieler bei Wilhelmen
gemeldet, hatten Empfehlungsschreiben und Reisegeld, mehr oder weniger unartig
und ungestüm, gefordert und immer mit Widerwillen Philinens erhalten. Vergebens
stellte sie ihrem Freunde vor, dass der Jäger auch diesen Leuten eine ansehnliche
Summe zurückgelassen, dass man ihn nur zum besten habe. Vielmehr kamen sie
darüber in einen lebhaften Zwist, und Wilhelm behauptete nunmehr ein für
allemal, dass sie sich gleichfalls an die übrige Gesellschaft anschliessen und ihr
Glück bei Serlo versuchen sollte.
    Nur einige Augenblicke verliess sie ihr Gleichmut; dann erholte sie sich
schnell wieder und rief: »Wenn ich nur meinen Blonden wieder hätte, so wollt'
ich mich um euch alle nichts kümmern.« Sie meinte Friedrichen, der sich vom
Waldplatze verloren und nicht wieder gezeigt hatte.
    Des andern Morgens brachte Mignon die Nachricht ans Bette, dass Philine in
der Nacht abgereist sei; im Nebenzimmer habe sie alles, was ihm gehöre, sehr
ordentlich zusammengelegt. Er empfand ihre Abwesenheit; er hatte an ihr eine
treue Wärterin, eine muntere Gesellschafterin verloren, er war nicht mehr
gewohnt, allein zu sein. Allein Mignon füllte die Lücke bald wieder aus.
    Seitdem jene leichtfertige Schöne in ihren freundlichen Bemühungen den
Verwundeten umgab, hatte sich die Kleine nach und nach zurückgezogen und war
stille für sich geblieben; nun aber, da sie wieder freies Feld gewann, trat sie
mit Aufmerksamkeit und Liebe hervor, war eifrig, ihm zu dienen, und munter, ihn
zu unterhalten.
 
                                Eilftes Kapitel
Mit lebhaften Schritten nahete er sich der Besserung; er hoffte nun in wenig
Tagen seine Reise antreten zu können. Er wollte nicht etwa planlos ein
schlenderndes Leben fortsetzen, sondern zweckmässige Schritte sollten künftig
seine Bahn bezeichnen. Zuerst wollte er die hülfreiche Herrschaft aufsuchen, um
seine Dankbarkeit an den Tag zu legen, alsdann zu seinem Freunde, dem Direktor,
eilen, um für die verunglückte Gesellschaft auf das beste zu sorgen, und
zugleich die Handelsfreunde, an die er mit Adressen versehen war, besuchen und
die ihm aufgetragnen Geschäfte verrichten. Er machte sich Hoffnung, dass ihm das
Glück wie vorher auch künftig beistehen und ihm Gelegenheit verschaffen werde,
durch eine glückliche Spekulation den Verlust zu ersetzen und die Lücke seiner
Kasse wieder auszufüllen.
    Das Verlangen, seine Retterin wiederzusehen, wuchs mit jedem Tage. Um seine
Reiseroute zu bestimmen, ging er mit dem Geistlichen zu Rate, der schöne
geographische und statistische Kenntnisse hatte und eine artige Bücher- und
Kartensammlung besass. Man suchte nach dem Orte, den die edle Familie während des
Kriegs zu ihrem Sitz erwählt hatte, man suchte Nachrichten von ihr selbst auf;
allein der Ort war in keiner Geographie, auf keiner Karte zu finden, und die
genealogischen Handbücher sagten nichts von einer solchen Familie.
    Wilhelm wurde unruhig, und als er seine Bekümmernis laut werden liess,
entdeckte ihm der Harfenspieler, er habe Ursache zu glauben, dass der Jäger, es
sei, aus welcher Ursache es wolle, den wahren Namen verschwiegen habe.
    Wilhelm, der nun einmal sich in der Nähe der Schönen glaubte, hoffte einige
Nachricht von ihr zu erhalten, wenn er den Harfenspieler abschickte; aber auch
diese Hoffnung ward getäuscht. So sehr der Alte sich auch erkundigte, konnte er
doch auf keine Spur kommen. In jenen Tagen waren verschiedene lebhafte
Bewegungen und unvorgesehene Durchmärsche in diesen Gegenden vorgefallen;
niemand hatte auf die reisende Gesellschaft besonders achtgegeben, so dass der
ausgesendete Bote, um nicht für einen jüdischen Spion angesehn zu werden, wieder
zurückgehen und ohne Ölblatt vor seinem Herrn und Freund erscheinen musste. Er
legte strenge Rechenschaft ab, wie er den Auftrag auszurichten gesucht, und war
bemüht, allen Verdacht einer Nachlässigkeit von sich zu entfernen. Er suchte auf
alle Weise Wilhelms Betrübnis zu lindern, besann sich auf alles, was er von dem
Jäger erfahren hatte, und brachte mancherlei Mutmassungen vor, wobei denn endlich
ein Umstand vorkam, woraus Wilhelm einige rätselhafte Worte der schönen
Verschwundenen deuten konnte.
    Die räuberische Bande nämlich hatte nicht der wandernden Truppe, sondern
jener Herrschaft aufgepasst, bei der sie mit Recht vieles Geld und Kostbarkeiten
vermutete, und von deren Zug sie genaue Nachricht musste gehabt haben. Man wusste
nicht, ob man die Tat einem Freikorps, ob man sie Marodeurs oder Räubern
zuschreiben sollte. Genug, zum Glücke der vornehmen und reichen Karawane waren
die Geringen und Armen zuerst auf den Platz gekommen und hatten das Schicksal
erduldet, das jenen zubereitet war. Darauf bezogen sich die Worte der jungen
Dame, deren sich Wilhelm noch gar wohl erinnerte. Wenn er nun vergnügt und
glücklich sein konnte, dass ein vorsichtiger Genius ihn zum Opfer bestimmt hatte,
eine vollkommene Sterbliche zu retten, so war er dagegen nahe an der
Verzweiflung, da ihm, sie wiederzufinden, sie wiederzusehen, wenigstens für den
Augenblick alle Hoffnung verschwunden war.
    Was diese sonderbare Bewegung in ihm vermehrte, war die Ähnlichkeit, die er
zwischen der Gräfin und der schönen Unbekannten entdeckt zu haben glaubte. Sie
glichen sich, wie sich Schwestern gleichen mögen, deren keine die jüngere noch
die ältere genannt werden darf, denn sie scheinen Zwillinge zu sein.
    Die Erinnerung an die liebenswürdige Gräfin war ihm unendlich süss. Er rief
sich ihr Bild nur allzugern wieder ins Gedächtnis. Aber nun trat die Gestalt der
edlen Amazone gleich dazwischen, eine Erscheinung verwandelte sich in die
andere, ohne dass er imstande gewesen wäre, diese oder jene festzuhalten.
    Wie wunderbar musste ihm daher die Ähnlichkeit ihrer Handschriften sein! denn
er verwahrte ein reizendes Lied von der Hand der Gräfin in seiner Schreibtafel,
und in dem Überrock hatte er ein Zettelchen gefunden, worin man sich mit viel
zärtlicher Sorgfalt nach dem Befinden eines Oheims erkundigte.
    Wilhelm war überzeugt, dass seine Retterin dieses Billett geschrieben, dass es
auf der Reise in einem Wirtshause aus einem Zimmer in das andere geschickt und
von dem Oheim in die Tasche gesteckt worden sei. Er hielt beide Handschriften
gegeneinander, und wenn die zierlich gestellten Buchstaben der Gräfin ihm sonst
so sehr gefallen hatten, so fand er in den ähnlichen, aber freieren Zügen der
Unbekannten eine unaussprechlich fliessende Harmonie. Das Billett entielt
nichts, und schon die Züge schienen ihn, so wie ehemals die Gegenwart der
Schönen, zu erheben.
    Er verfiel in eine träumende Sehnsucht, und wie einstimmend mit seinen
Empfindungen war das Lied, das eben in dieser Stunde Mignon und der Harfner als
ein unregelmässiges Duett mit dem herzlichsten Ausdrucke sangen:
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiss, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh' ich ans Firmament
Nach jener Seite.
Ach! der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide.
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiss, was ich leide!
 
                                Zwölftes Kapitel
Die sanften Lockungen des lieben Schutzgeistes, anstatt unsern Freund auf
irgendeinen Weg zu führen, nährten und vermehrten die Unruhe, die er vorher
empfunden hatte. Eine heimliche Glut schlich in seinen Adern; bestimmte und
unbestimmte Gegenstände wechselten in seiner Seele und erregten ein endloses
Verlangen. Bald wünschte er sich ein Ross, bald Flügel, und indem es ihm
unmöglich schien, bleiben zu können, sah er sich erst um, wohin er denn
eigentlich begehre.
    Der Faden seines Schicksals hatte sich so sonderbar verworren; er wünschte
die seltsamen Knoten aufgelöst oder zerschnitten zu sehen. Oft, wenn er ein
Pferd traben oder einen Wagen rollen hörte, schaute er eilig zum Fenster hinaus,
in der Hoffnung, es würde jemand sein, der ihn aufsuchte und, wäre es auch nur
durch Zufall, ihm Nachricht, Gewissheit und Freude brächte. Er erzählte sich
Geschichten vor, wie sein Freund Werner in diese Gegend kommen und ihn
überraschen könnte, dass Mariane vielleicht erscheinen dürfte. Der Ton eines
jeden Postorns setzte ihn in Bewegung. Melina sollte von seinem Schicksale
Nachricht geben, vorzüglich aber sollte der Jäger wiederkommen und ihn zu jener
angebeteten Schönheit einladen.
    Von allem diesem geschah leider nichts, und er musste zuletzt wieder mit sich
allein bleiben, und indem er das Vergangene wieder durchnahm, ward ihm ein
Umstand, je mehr er ihn betrachtete und beleuchtete, immer widriger und
unerträglicher. Es war seine verunglückte Heerführerschaft, an die er ohne
Verdruss nicht denken konnte. Denn ob er gleich am Abend jenes bösen Tages sich
vor der Gesellschaft so ziemlich herausgeredet hatte, so konnte er sich doch
selbst seine Schuld nicht verleugnen. Er schrieb sich vielmehr in
hypochondrischen Augenblicken den ganzen Vorfall allein zu.
    Die Eigenliebe lässt uns sowohl unsre Tugenden als unsre Fehler viel
bedeutender, als sie sind, erscheinen. Er hatte das Vertrauen auf sich rege
gemacht, den Willen der übrigen gelenkt und war, von Unerfahrenheit und Kühnheit
geleitet, vorangegangen; es ergriff sie eine Gefahr, der sie nicht gewachsen
waren. Laute und stille Vorwürfe verfolgten ihn, und wenn er der irregeführten
Gesellschaft nach dem empfindlichen Verluste zugesagt hatte, sie nicht zu
verlassen, bis er ihnen das Verlorne mit Wucher ersetzt hätte, so hatte er sich
über eine neue Verwegenheit zu schelten, womit er ein allgemein ausgeteiltes
Übel auf seine Schultern zu nehmen sich vermass. Bald verwies er sich, dass er
durch Aufspannung und Drang des Augenblicks ein solches Versprechen getan hatte;
bald fühlte er wieder, dass jenes gutmütige Hinreichen seiner Hand, die niemand
anzunehmen würdigte, nur eine leichte Förmlichkeit sei gegen das Gelübde, das
sein Herz getan hatte. Er sann auf Mittel, ihnen wohltätig und nützlich zu sein,
und fand alle Ursache, seine Reise zu Serlo zu beschleunigen. Er packte nunmehr
seine Sachen zusammen und eilte, ohne seine völlige Genesung abzuwarten, ohne
auf den Rat des Pastors und Wundarztes zu hören, in der wunderbaren Gesellschaft
Mignons und des Alten, der Untätigkeit zu entfliehen, in der ihn sein Schicksal
abermals nur zu lange gehalten hatte.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Serlo empfing ihn mit offenen Armen und rief ihm entgegen: »Seh' ich Sie?
Erkenn' ich Sie wieder? Sie haben sich wenig oder nicht geändert. Ist Ihre Liebe
zur edelsten Kunst noch immer so stark und lebendig? So sehr erfreu' ich mich
über Ihre Ankunft, dass ich selbst das Misstrauen nicht mehr fühle, das Ihre
letzten Briefe bei mir erregt haben.«
    Wilhelm bat betroffen um eine nähere Erklärung.
    »Sie haben sich«, versetzte Serlo, »gegen mich nicht wie ein alter Freund
betragen; Sie haben mich wie einen grossen Herrn behandelt, dem man mit gutem
Gewissen unbrauchbare Leute empfehlen darf. Unser Schicksal hängt von der
Meinung des Publikums ab, und ich fürchte, dass Ihr Herr Melina mit den Seinigen
schwerlich bei uns wohl aufgenommen werden dürfte.«
    Wilhelm wollte etwas zu ihren Gunsten sprechen, aber Serlo fing an, eine so
unbarmherzige Schilderung von ihnen zu machen, dass unser Freund sehr zufrieden
war, als ein Frauenzimmer in das Zimmer trat, das Gespräch unterbrach und ihm
sogleich als Schwester Aurelia von seinem Freunde vorgestellt ward. Sie empfing
ihn auf das freundschaftlichste, und ihre Unterhaltung war so angenehm, dass er
nicht einmal einen entschiedenen Zug des Kummers gewahr wurde, der ihrem
geistreichen Gesicht noch ein besonderes Interesse gab.
    Zum erstenmal seit langer Zeit fand sich Wilhelm wieder in seinem Elemente.
Bei seinen Gesprächen hatte er sonst nur notdürftig gefällige Zuhörer gefunden,
da er gegenwärtig mit Künstlern und Kennern zu sprechen das Glück hatte, die ihn
nicht allein vollkommen verstanden, sondern die auch sein Gespräch belehrend
erwiderten. Mit welcher Geschwindigkeit ging man die neuesten Stücke durch! Mit
welcher Sicherheit beurteilte man sie! Wie wusste man das Urteil des Publikums zu
prüfen und zu schätzen! In welcher Geschwindigkeit klärte man einander auf!
    Nun musste sich bei Wilhelms Vorliebe für Shakespearen das Gespräch notwendig
auf diesen Schriftsteller lenken. Er zeigte die lebhafteste Hoffnung auf die
Epoche, welche diese vortrefflichen Stücke in Deutschland machen müssten, und
bald brachte er seinen »Hamlet« vor, der ihn so sehr beschäftigt hatte.
    Serlo versicherte, dass er das Stück längst, wenn es nur möglich gewesen
wäre, gegeben hätte, dass er gern die Rolle des Polonius übernehmen wolle. Dann
setzte er mit Lächeln hinzu: »Und Ophelien finden sich wohl auch, wenn wir nur
erst den Prinzen haben.«
    Wilhelm bemerkte nicht, dass Aurelien dieser Scherz des Bruders zu missfallen
schien; er ward vielmehr nach seiner Art weitläufig und lehrreich, in welchem
Sinne er den Hamlet gespielt haben wolle. Er legte ihnen die Resultate
umständlich dar, mit welchen wir ihn oben beschäftigt gesehn, und gab sich alle
Mühe, seine Meinung annehmlich zu machen, so viel Zweifel auch Serlo gegen seine
Hypotese erregte. »Nun gut«, sagte dieser zuletzt, »wir geben Ihnen alles zu;
was wollen Sie weiter daraus erklären?«
    »Vieles, alles«, versetzte Wilhelm. »Denken Sie sich einen Prinzen, wie ich
ihn geschildert habe, dessen Vater unvermutet stirbt. Ehrgeiz und Herrschsucht
sind nicht die Leidenschaften, die ihn beleben; er hatte sich's gefallen lassen,
Sohn eines Königs zu sein; aber nun ist er erst genötigt, auf den Abstand
aufmerksamer zu werden, der den König vom Untertanen scheidet. Das Recht zur
Krone war nicht erblich, und doch hätte ein längeres Leben seines Vaters die
Ansprüche seines einzigen Sohnes mehr befestigt und die Hoffnung zur Krone
gesichert. Dagegen sieht er sich nun durch seinen Oheim, ungeachtet scheinbarer
Versprechungen, vielleicht auf immer ausgeschlossen; er fühlt sich nun so arm an
Gnade, an Gütern und fremd in dem, was er von Jugend auf als sein Eigentum
betrachten konnte. Hier nimmt sein Gemüt die erste traurige Richtung. Er fühlt,
dass er nicht mehr, ja nicht so viel ist als jeder Edelmann; er gibt sich für
einen Diener eines jeden, er ist nicht höflich, nicht herablassend, nein,
herabgesunken und bedürftig.
    Nach seinem vorigen Zustande blickt er nur wie nach einem verschwundnen
Traume. Vergebens, dass sein Oheim ihn aufmuntern, ihm seine Lage aus einem
andern Gesichtspunkte zeigen will; die Empfindung seines Nichts verlässt ihn nie.
    Der zweite Schlag, der ihn traf, verletzte tiefer, beugte noch mehr. Es ist
die Heirat seiner Mutter. Ihm, einem treuen und zärtlichen Sohne, blieb, da sein
Vater starb, eine Mutter noch übrig; er hoffte, in Gesellschaft seiner
hinterlassenen edlen Mutter die Heldengestalt jenes grossen Abgeschiedenen zu
verehren; aber auch seine Mutter verliert er, und es ist schlimmer, als wenn sie
ihm der Tod geraubt hätte. Das zuverlässige Bild, das sich ein wohlgeratenes
Kind so gern von seinen Eltern macht, verschwindet; bei dem Toten ist keine
Hülfe, und an der Lebendigen kein Halt. Sie ist auch ein Weib, und unter dem
allgemeinen Geschlechtsnamen Gebrechlichkeit ist auch sie begriffen.
    Nun erst fühlt er sich recht gebeugt, nun erst verwaist, und kein Glück der
Welt kann ihm wieder ersetzen, was er verloren hat. Nicht traurig, nicht
nachdenklich von Natur, wird ihm Trauer und Nachdenken zur schweren Bürde. So
sehen wir ihn auftreten. Ich glaube nicht, dass ich etwas in das Stück hineinlege
oder einen Zug übertreibe.«
    Serlo sah seine Schwester an und sagte: »Habe ich dir ein falsches Bild von
unserm Freunde gemacht? Er fängt gut an und wird uns noch manches vorerzählen
und viel überreden.« Wilhelm schwur hoch und teuer, dass er nicht überreden,
sondern überzeugen wolle, und bat nur noch um einen Augenblick Geduld.
    »Denken Sie sich«, rief er aus, »diesen Jüngling, diesen Fürstensohn recht
lebhaft, vergegenwärtigen Sie sich seine Lage, und dann beobachten Sie ihn, wenn
er erfährt, die Gestalt seines Vaters erscheine; stehen Sie ihm bei in der
schrecklichen Nacht, wenn der ehrwürdige Geist selbst vor ihm auftritt. Ein
ungeheures Entsetzen ergreift ihn; er redet die Wundergestalt an, sieht sie
winken, folgt und hört. - Die schreckliche Anklage wider seinen Oheim ertönt in
seinen Ohren, Aufforderung zur Rache und die dringende, wiederholte Bitte
Erinnere dich meiner!
    Und da der Geist verschwunden ist, wen sehen wir vor uns stehen? Einen
jungen Helden, der nach Rache schnaubt? Einen gebornen Fürsten, der sich
glücklich fühlt, gegen den Usurpator seiner Krone aufgefordert zu werden? Nein!
Staunen und Trübsinn überfällt den Einsamen; er wird bitter gegen die lächelnden
Bösewichter, schwört, den Abgeschiedenen nicht zu vergessen, und schliesst mit
dem bedeutenden Seufzer: Die Zeit ist aus dem Gelenke; wehe mir, dass ich geboren
ward, sie wieder einzurichten.
    In diesen Worten, dünkt mich, liegt der Schlüssel zu Hamlets ganzem
Betragen, und mir ist deutlich, dass Shakespeare habe schildern wollen: eine
grosse Tat auf eine Seele gelegt, die der Tat nicht gewachsen ist. Und in diesem
Sinne find' ich das Stück durchgängig gearbeitet. Hier wird ein Eichbaum in ein
köstliches Gefäss gepflanzt, das nur liebliche Blumen in seinen Schoss hätte
aufnehmen sollen; die Wurzeln dehnen sich aus, das Gefäss wird zernichtet.
    Ein schönes, reines, edles, höchst moralisches Wesen, ohne die sinnliche
Stärke, die den Helden macht, geht unter einer Last zugrunde, die es weder
tragen noch abwerfen kann; jede Pflicht ist ihm heilig, diese zu schwer. Das
Unmögliche wird von ihm gefordert, nicht das Unmögliche an sich, sondern das,
was ihm unmöglich ist. Wie er sich windet, dreht, ängstigt, vor- und
zurücktritt, immer erinnert wird, sich immer erinnert und zuletzt fast seinen
Zweck aus dem Sinne verliert, ohne doch jemals wieder froh zu werden.«
 
                              Vierzehntes Kapitel
Verschiedene Personen traten herein, die das Gespräch unterbrachen. Es waren
Virtuosen, die sich bei Serlo gewöhnlich einmal die Woche zu einem kleinen
Konzerte versammelten. Er liebte die Musik sehr und behauptete, dass ein
Schauspieler ohne diese Liebe niemals zu einem deutlichen Begriff und Gefühl
seiner eigenen Kunst gelangen könne. So wie man viel leichter und anständiger
agiere, wenn die Gebärden durch eine Melodie begleitet und geleitet werden, so
müsse der Schauspieler sich auch seine prosaische Rolle gleichsam im Sinne
komponieren, dass er sie nicht etwa eintönig nach seiner individuellen Art und
Weise hinsudele, sondern sie in gehöriger Abwechslung nach Takt und Mass
behandle.
    Aurelie schien an allem, was vorging, wenig Anteil zu nehmen, vielmehr
führte sie zuletzt unsern Freund in ein Seitenzimmer, und indem sie ans Fenster
trat und den gestirnten Himmel anschaute, sagte sie zu ihm: »Sie sind uns
manches über Hamlet schuldig geblieben; ich will zwar nicht voreilig sein und
wünsche, dass mein Bruder auch mit anhören möge, was Sie uns noch zu sagen haben,
doch lassen Sie mich Ihre Gedanken über Ophelien hören!«
    »Von ihr lässt sich nicht viel sagen«, versetzte Wilhelm, »denn nur mit wenig
Meisterzügen ist ihr Charakter vollendet. Ihr ganzes Wesen schwebt in reifer,
süsser Sinnlichkeit. Ihre Neigung zu dem Prinzen, auf dessen Hand sie Anspruch
machen darf, fliesst so aus der Quelle, das gute Herz überlässt sich so ganz
seinem Verlangen, dass Vater und Bruder beide fürchten, beide geradezu und
unbescheiden warnen. Der Wohlstand, wie der leichte Flor auf ihrem Busen, kann
die Bewegung ihres Herzens nicht verbergen, er wird vielmehr ein Verräter dieser
leisen Bewegung. Ihre Einbildungskraft ist angesteckt, ihre stille
Bescheidenheit atmet eine liebevolle Begierde, und sollte die bequeme Göttin
Gelegenheit das Bäumchen schütteln, so würde die Frucht sogleich herabfallen.«
    »Und nun«, sagte Aurelie, »wenn sie sich verlassen sieht, verstossen und
verschmäht, wenn in der Seele ihres wahnsinnigen Geliebten sich das Höchste zum
Tiefsten umwendet und er ihr statt des süssen Bechers der Liebe den bittern Kelch
der Leiden hinreicht.«
    »Ihr Herz bricht«, rief Wilhelm aus, »das ganze Gerüst ihres Daseins rückt
aus seinen Fugen, der Tod ihres Vaters stürmt herein, und das schöne Gebäude
stürzt völlig zusammen.«
    Wilhelm hatte nicht bemerkt, mit welchem Ausdruck Aurelie die letzten Worte
aussprach. Nur auf das Kunstwerk, dessen Zusammenhang und Vollkommenheit
gerichtet, ahnte er nicht, dass seine Freundin eine ganz andere Wirkung empfand,
nicht, dass ein eigner tiefer Schmerz durch diese dramatischen Schattenbilder in
ihr lebhaft erregt ward.
    Noch immer hatte Aurelie ihr Haupt, von ihren Armen unterstützt, und ihre
Augen, die sich mit Tränen füllten, gen Himmel gewendet. Endlich hielt sie nicht
länger ihren verborgnen Schmerz zurück; sie fasste des Freundes beide Hände und
rief, indem er erstaunt vor ihr stand: »Verzeihen Sie, verzeihen Sie einem
geängstigten Herzen! die Gesellschaft schnürt und presst mich zusammen; vor
meinem unbarmherzigen Bruder muss ich mich zu verbergen suchen; nun hat Ihre
Gegenwart alle Bande aufgelöst. Mein Freund!« fuhr sie fort, »seit einem
Augenblicke sind wir erst bekannt, und schon werden Sie mein Vertrauter.« Sie
konnte die Worte kaum aussprechen und sank an seine Schulter. »Denken Sie nicht
übler von mir«, sagte sie schluchzend, »dass ich mich Ihnen so schnell eröffne,
dass Sie mich so schwach sehen. Seien Sie, bleiben Sie mein Freund, ich verdiene
es.« Er redete ihr auf das herzlichste zu; umsonst! ihre Tränen flossen und
erstickten ihre Worte.
    In diesem Augenblicke trat Serlo sehr unwillkommen herein und sehr
unerwartet Philine, die er bei der Hand hielt. »Hier ist Ihr Freund«, sagte er
zu ihr; »er wird sich freun, Sie zu begrüssen.«
    »Wie!« rief Wilhelm erstaunt, »muss ich Sie hier sehen?«
    Mit einem bescheidnen, gesetzten Wesen ging sie auf ihn los, hiess ihn
willkommen, rühmte Serlos Güte, der sie ohne ihr Verdienst bloss in Hoffnung, dass
sie sich bilden werde, unter seine treffliche Truppe aufgenommen habe. Sie tat
dabei gegen Wilhelmen freundlich, doch aus einer ehrerbietigen Entfernung.
    Diese Verstellung währte aber nicht länger, als die beiden zugegen waren.
Denn als Aurelie ihren Schmerz zu verbergen wegging und Serlo abgerufen ward,
sah Philine erst recht genau nach den Türen, ob beide auch gewiss fort seien;
dann hüpfte sie wie töricht in der Stube herum, setzte sich an die Erde und
wollte vor Kichern und Lachen ersticken. Dann sprang sie auf, schmeichelte
unserm Freunde und freute sich über alle Massen, dass sie so klug gewesen sei,
vorauszugehen, das Terrain zu rekognoszieren und sich einzunisten.
    »Hier geht es bunt zu«, sagte sie, »gerade so, wie mir's recht ist. Aurelie
hat einen unglücklichen Liebeshandel mit einem Edelmanne gehabt, der ein
prächtiger Mensch sein muss, und den ich selbst wohl einmal sehen möchte. Er hat
ihr ein Andenken hinterlassen, oder ich müsste mich sehr irren. Es läuft da ein
Knabe herum, ungefähr von drei Jahren, schön wie die Sonne; der Papa mag
allerliebst sein. Ich kann sonst die Kinder nicht leiden, aber dieser Junge
freut mich. Ich habe ihr nachgerechnet. Der Tod ihres Mannes, die neue
Bekanntschaft, das Alter des Kindes, alles trifft zusammen.
    Nun ist der Freund seiner Wege gegangen; seit einem Jahre sieht er sie nicht
mehr. Sie ist darüber ausser sich und untröstlich. Die Närrin! - Der Bruder hat
unter der Truppe eine Tänzerin, mit der er schöntut, ein Aktrischen, mit der er
vertraut ist, in der Stadt noch einige Frauen, denen er aufwartet, und nun steh
ich auch auf der Liste. Der Narr! - Vom übrigen Volke sollst du morgen hören.
Und nun noch ein Wörtchen von Philinen, die du kennst; die Erznärrin ist in dich
verliebt.« Sie schwur, dass es wahr sei, und beteuerte, dass es ein rechter Spass
sei. Sie bat Wilhelmen inständig, er möchte sich in Aurelien verlieben, dann
werde die Hetze erst recht angehen. »Sie läuft ihrem Ungetreuen, du ihr, ich dir
und der Bruder mir nach. Wenn das nicht eine Lust auf ein halbes Jahr gibt, so
will ich an der ersten Episode sterben, die sich zu diesem vierfach
verschlungenen Romane hinzuwirft.« Sie bat ihn, er möchte ihr den Handel nicht
verderben und ihr so viel Achtung bezeigen, als sie durch ihr öffentliches
Betragen verdienen wolle.
 
                              Funfzehntes Kapitel
Den nächsten Morgen gedachte Wilhelm Madame Melina zu besuchen; er fand sie
nicht zu Hause, fragte nach den übrigen Gliedern der wandernden Gesellschaft und
erfuhr, Philine habe sie zum Frühstück eingeladen. Aus Neugier eilte er hin und
traf sie alle sehr aufgeräumt und getröstet. Das kluge Geschöpf hatte sie
versammelt, sie mit Schokolade bewirtet und ihnen zu verstehen gegeben, noch sei
nicht alle Aussicht versperrt; sie hoffe durch ihren Einfluss den Direktor zu
überzeugen, wie vorteilhaft es ihm sei, so geschickte Leute in seine
Gesellschaft aufzunehmen. Sie hörten ihr aufmerksam zu, schlürften eine Tasse
nach der andern hinunter, fanden das Mädchen gar nicht übel und nahmen sich vor,
das Beste von ihr zu reden.
    »Glauben Sie denn«, sagte Wilhelm, der mit Philinen allein geblieben war,
»dass Serlo sich noch entschliessen werde, unsre Gefährten zu behalten?« - »Mit
nichten« versetzte Philine, »es ist mir auch gar nichts daran gelegen, ich
wollte, sie wären je eher je lieber fort! Den einzigen Laertes wünscht' ich zu
behalten; die übrigen wollen wir schon nach und nach beiseitebringen.«
    Hierauf gab sie ihrem Freunde zu verstehen, dass sie gewiss überzeugt sei, er
werde nunmehr sein Talent nicht länger vergraben, sondern unter Direktion eines
Serlo aufs Teater gehen. Sie konnte die Ordnung, den Geschmack, den Geist, der
hier herrsche, nicht genug rühmen, sie sprach so schmeichelnd zu unserm Freunde,
so schmeichelhaft von seinen Talenten, dass sein Herz und seine Einbildungskraft
sich ebensosehr diesem Vorschlag näherten, als sein Verstand und seine Vernunft
sich davon entfernten. Er verbarg seine Neigung vor sich selbst und vor Philinen
und brachte einen unruhigen Tag zu, an dem er sich nicht entschliessen konnte, zu
seinen Handelskorrespondenten zu gehen und die Briefe, die dort für ihn liegen
möchten, abzuholen. Denn ob er sich gleich die Unruhe der Seinigen diese Zeit
über vorstellen konnte, so scheute er sich doch, ihre Sorgen und Vorwürfe
umständlich zu erfahren, um so mehr, da er sich einen grossen und reinen Genuss
diesen Abend von der Aufführung eines neuen Stücks versprach.
    Serlo hatte sich geweigert, ihn bei der Probe zuzulassen. »Sie müssen uns«,
sagte er, »erst von der besten Seite kennenlernen, eh' wir zugeben, dass Sie uns
in die Karte sehen.«
    Mit der grössten Zufriedenheit wohnte aber auch unser Freund den Abend darauf
der Vorstellung bei. Es war das erste Mal, dass er ein Teater in solcher
Vollkommenheit sah. Man traute sämtlichen Schauspielern fürtreffliche Gaben,
glückliche Anlagen und einen hohen klaren Begriff von ihrer Kunst zu, und doch
waren sie einander nicht gleich; aber sie hielten und trugen sich wechselsweise,
feuerten einander an und waren in ihrem ganzen Spiele sehr bestimmt und genau.
Man fühlte bald, dass Serlo die Seele des Ganzen war, und er zeichnete sich sehr
zu seinem Vorteil aus. Eine heitere Laune, eine gemässigte Lebhaftigkeit, ein
bestimmtes Gefühl des Schicklichen bei einer grossen Gabe der Nachahmung musste
man an ihm, wie er aufs Teater trat, wie er den Mund öffnete, bewundern. Die
innere Behaglichkeit seines Daseins schien sich über alle Zuhörer auszubreiten,
und die geistreiche Art, mit der er die feinsten Schattierungen der Rollen
leicht und gefällig ausdrückte, erweckte um soviel mehr Freude, als er die Kunst
zu verbergen wusste, die er sich durch eine anhaltende Übung eigen gemacht hatte.
    Seine Schwester Aurelie blieb nicht hinter ihm und erhielt noch grösseren
Beifall, indem sie die Gemüter der Menschen rührte, die er zu erheitern und zu
erfreuen so sehr imstande war.
    Nach einigen Tagen, die auf eine angenehme Weise zugebracht wurden,
verlangte Aurelie nach unserm Freund. Er eilte zu ihr und fand sie auf dem
Kanapee liegen; sie schien an Kopfweh zu leiden, und ihr ganzes Wesen konnte
eine fieberhafte Bewegung nicht verbergen. Ihr Auge erheiterte sich, als sie den
Hereintretenden ansah. »Vergeben Sie!« rief sie ihm entgegen; »das Zutrauen, das
Sie mir einflössten, hat mich schwach gemacht. Bisher konnt' ich mich mit meinen
Schmerzen im stillen unterhalten, ja sie gaben mir Stärke und Trost; nun haben
Sie, ich weiss nicht, wie es zugegangen ist, die Bande der Verschwiegenheit
gelöst, und Sie werden nun selbst wider Willen teil an dem Kampfe nehmen, den
ich gegen mich selbst streite.«
    Wilhelm antwortete ihr freundlich und verbindlich. Er versicherte, dass ihr
Bild und ihre Schmerzen ihm beständig vor der Seele geschwebt, dass er sie um
Vertrauen bitte, dass er sich ihr zum Freund widme.
    Indem er so sprach, wurden seine Augen von dem Knaben angezogen, der vor ihr
auf der Erde sass und allerlei Spielwerk durcheinander warf. Er mochte, wie
Philine schon angegeben, ungefähr drei Jahre alt sein, und Wilhelm verstand nun
erst, warum das leichtfertige, in ihren Ausdrücken selten erhabene Mädchen den
Knaben der Sonne verglichen. Denn um die offenen Augen und das volle Gesicht
kräuselten sich die schönsten goldnen Locken, an einer blendend weissen Stirne
zeigten sich zarte, dunkle, sanftgebogene Augenbrauen, und die lebhafte Farbe
der Gesundheit glänzte auf seinen Wangen. »Setzen Sie sich zu mir«, sagte
Aurelie: »Sie sehen das glückliche Kind mit Verwunderung an; gewiss, ich habe es
mit Freuden auf meine Arme genommen, ich bewahre es mit Sorgfalt; nur kann ich
auch recht an ihm den Grad meiner Schmerzen erkennen, denn sie lassen mich den
Wert einer solchen Gabe nur selten empfinden.
    Erlauben Sie mir«, fuhr sie fort, »dass ich nun auch von mir und meinem
Schicksale rede; denn es ist mir sehr daran gelegen, dass Sie mich nicht
verkennen. Ich glaubte einige gelassene Augenblicke zu haben, darum liess ich Sie
rufen; Sie sind nun da, und ich habe meinen Faden verloren.
    Ein verlassnes Geschöpf mehr in der Welt! werden Sie sagen. Sie sind ein Mann
und denken: Wie gebärdet sie sich bei einem notwendigen Übel, das gewisser als
der Tod über einem Weibe schwebt, bei der Untreue eines Mannes, die Törin! - O
mein Freund, wäre mein Schicksal gemein, ich wollte gern gemeines Übel ertragen;
aber es ist so ausserordentlich; warum kann ich's Ihnen nicht im Spiegel zeigen,
warum nicht jemand auftragen, es Ihnen zu erzählen! O wäre, wäre ich verführt,
überrascht und dann verlassen, dann würde in der Verzweiflung noch Trost sein;
aber ich bin weit schlimmer daran, ich habe mich selbst hintergangen, mich
selbst wider Wissen betrogen, das ist's, was ich mir niemals verzeihen kann.«
    »Bei edlen Gesinnungen, wie die Ihrigen sind«, versetzte der Freund, »können
Sie nicht ganz unglücklich sein.«
    »Und wissen Sie, wem ich meine Gesinnung schuldig bin?« fragte Aurelie; »der
allerschlechtesten Erziehung, durch die jemals ein Mädchen hätte verderbt werden
sollen, dem schlimmsten Beispiele, um Sinne und Neigung zu verführen.
    Nach dem frühzeitigen Tode meiner Mutter bracht' ich die schönsten Jahre der
Entwicklung bei einer Tante zu, die sich zum Gesetz machte, die Gesetze der
Ehrbarkeit zu verachten. Blindlings überliess sie sich einer jeden Neigung, sie
mochte über den Gegenstand gebieten oder sein Sklav' sein, wenn sie nur im
wilden Genuss ihrer selbst vergessen konnte.
    Was mussten wir Kinder mit dem reinen und deutlichen Blick der Unschuld uns
für Begriffe von dem männlichen Geschlechte machen? Wie dumpf, dreist,
ungeschickt war jeder, den sie herbeireizte; wie satt, übermütig, leer und
abgeschmackt dagegen, sobald er seiner Wünsche Befriedigung gefunden hatte. So
hab' ich diese Frau jahrelang unter dem Gebote der schlechtesten Menschen
erniedrigt gesehen; was für Begegnungen musste sie erdulden, und mit welcher
Stirne wusste sie sich in ihr Schicksal zu finden, ja mit welcher Art diese
schändlichen Fesseln zu tragen!
    So lernte ich Ihr Geschlecht kennen, mein Freund, und wie rein hasste ich's,
da ich zu bemerken schien, dass selbst leidliche Männer im Verhältnis gegen das
unsrige jedem guten Gefühl zu entsagen schienen, zu dem sie die Natur sonst noch
mochte fähig gemacht haben.
    Leider musst' ich auch bei solchen Gelegenheiten viel traurige Erfahrungen
über mein eigen Geschlecht machen, und wahrhaftig, als Mädchen von sechzehn
Jahren war ich klüger, als ich jetzt bin, jetzt, da ich mich selbst kaum
verstehe. Warum sind wir so klug, wenn wir jung sind, so klug, um immer
törichter zu werden!«
    Der Knabe machte Lärm, Aurelie ward ungeduldig und klingelte. Ein altes Weib
kam herein, ihn wegzuholen. »Hast du noch immer Zahnweh?« sagte Aurelie zu der
Alten, die das Gesicht verbunden hatte. »Fast unleidliches« versetzte diese mit
dumpfer Stimme, hob den Knaben auf, der gerne mitzugehen schien, und brachte ihn
weg.
    Kaum war das Kind beiseite, als Aurelie bitterlich zu weinen anfing. »Ich
kann nichts als jammern und klagen«, rief sie aus, »und ich schäme mich, wie ein
armer Wurm vor Ihnen zu liegen. Meine Besonnenheit ist schon weg, und ich kann
nicht mehr erzählen.« Sie stockte und schwieg. Ihr Freund, der nichts
Allgemeines sagen wollte und nichts Besonderes zu sagen wusste, drückte ihre Hand
und sah sie eine Zeitlang an. Endlich nahm er in der Verlegenheit ein Buch auf,
das er vor sich auf dem Tischchen liegen fand; es waren Shakespeares Werke und
»Hamlet« aufgeschlagen.
    Serlo, der eben zur Tür hereinkam, nach dem Befinden seiner Schwester
fragte, schaute in das Buch, das unser Freund in der Hand hielt, und rief aus:
»Find' ich Sie wieder über Ihrem Hamlet? Eben recht! Es sind mir gar manche
Zweifel aufgestossen, die das kanonische Ansehen, das Sie dem Stücke so gerne
geben möchten, sehr zu vermindern scheinen. Haben doch die Engländer selbst
bekannt, dass das Hauptinteresse sich mit dem dritten Akt schlösse, dass die zwei
letzten Akte nur kümmerlich das Ganze zusammenhielten, und es ist doch wahr, das
Stück will gegen das Ende weder gehen noch rücken.«
    »Es ist sehr möglich«, sagte Wilhelm, »dass einige Glieder einer Nation, die
so viel Meisterstücke aufzuweisen hat, durch Vorurteile und Beschränkteit auf
falsche Urteile geleitet werden; aber das kann uns nicht hindern, mit eigenen
Augen zu sehen und gerecht zu sein. Ich bin weit entfernt, den Plan dieses
Stücks zu tadeln, ich glaube vielmehr, dass kein grösserer ersonnen worden sei;
ja, er ist nicht ersonnen, es ist so.«
    »Wie wollen Sie das auslegen?« fragte Serlo.
    »Ich will nichts auslegen«, versetzte Wilhelm, »ich will Ihnen nur
vorstellen, was ich mir denke.«
    Aurelie hob sich von ihrem Kissen auf, stützte sich auf ihre Hand und sah
unsern Freund an, der mit der grössten Versicherung, dass er recht habe, also zu
reden fortfuhr: »Es gefällt uns so wohl, es schmeichelt so sehr, wenn wir einen
Helden sehen, der durch sich selbst handelt, der liebt und hasst, wenn es ihm
sein Herz gebietet, der unternimmt und ausführt, alle Hindernisse abwendet und
zu einem grossen Zwecke gelangt. Geschichtsschreiber und Dichter möchten uns
gerne überreden, dass ein so stolzes Los dem Menschen fallen könne. Hier werden
wir anders belehrt; der Held hat keinen Plan, aber das Stück ist planvoll. Hier
wird nicht etwa nach einer starr und eigensinnig durchgeführten Idee von Rache
ein Bösewicht bestraft; nein, es geschieht eine ungeheure Tat, sie wälzt sich in
ihren Folgen fort, reisst Unschuldige mit; der Verbrecher scheint dem Abgrunde,
der ihm bestimmt ist, ausweichen zu wollen und stürzt hinein, eben da, wo er
seinen Weg glücklich auszulaufen gedenkt. Denn das ist die Eigenschaft der
Greueltat, dass sie auch Böses über den Unschuldigen, wie der guten Handlung, dass
sie viele Vorteile auch über den Unverdienten ausbreitet, ohne dass der Urheber
von beiden oft weder bestraft noch belohnt wird. Hier in unserm Stücke, wie
wunderbar! Das Fegefeuer sendet seinen Geist und fordert Rache, aber vergebens.
Alle Umstände kommen zusammen und treiben die Rache, vergebens! Weder Irdischen
noch Unterirdischen kann gelingen, was dem Schicksal allein vorbehalten ist. Die
Gerichtsstunde kommt. Der Böse fällt mit dem Guten. Ein Geschlecht wird
weggemäht, und das andere sprosst auf.«
    Nach einer Pause, in der sie einander ansahen, nahm Serlo das Wort: »Sie
machen der Vorsehung kein sonderlich Kompliment, indem Sie den Dichter erheben,
und dann scheinen Sie mir wieder zu Ehren Ihres Dichters, wie andere zu Ehren
der Vorsehung, ihm Endzweck und Plane unterzuschieben, an die er nicht gedacht
hat.«
 
                              Sechzehntes Kapitel
»Lassen Sie mich«, sagte Aurelie, »nun auch eine Frage tun. Ich habe Opheliens
Rolle wieder angesehen, ich bin zufrieden damit und getraue mir, sie unter
gewissen Umständen zu spielen. Aber sagen Sie mir, hätte der Dichter seiner
Wahnsinnigen nicht andere Liedchen unterlegen sollen? Könnte man nicht Fragmente
aus melancholischen Balladen wählen? Was sollen Zweideutigkeiten und lüsterne
Albernheiten in dem Munde dieses edlen Mädchens?«
    »Beste Freundin«, versetzte Wilhelm, »ich kann auch hier nicht ein Jota
nachgeben. Auch in diesen Sonderbarkeiten, auch in dieser anscheinenden
Unschicklichkeit liegt ein grosser Sinn. Wissen wir doch gleich zu Anfange des
Stücks, womit das Gemüt des guten Kindes beschäftigt ist. Stille lebte sie vor
sich hin, aber kaum verbarg sie ihre Sehnsucht, ihre Wünsche. Heimlich klangen
die Töne der Lüsternheit in ihre Seele, und wie oft mag sie versucht haben,
gleich einer unvorsichtigen Wärterin, ihre Sinnlichkeit zur Ruhe zu singen mit
Liedchen, die sie nur mehr wach halten mussten. Zuletzt, da ihr jede Gewalt über
sich selbst entrissen ist, da ihr Herz auf der Zunge schwebt, wird diese Zunge
ihre Verräterin, und in der Unschuld des Wahnsinns ergötzt sie sich vor König
und Königin an dem Nachklange ihrer geliebten losen Lieder: vom Mädchen, das
gewonnen ward; vom Mädchen, das zum Knaben schleicht, und so weiter.«
    Er hatte noch nicht ausgeredet, als auf einmal eine wunderbare Szene vor
seinen Augen entstand, die er sich auf keine Weise erklären konnte.
    Serlo war einigemal in der Stube auf und ab gegangen, ohne dass er irgendeine
Absicht merken liess. Auf einmal trat er an Aureliens Putztisch, griff schnell
nach etwas, das darauf lag, und eilte mit seiner Beute der Türe zu. Aurelie
bemerkte kaum seine Handlung, als sie auffuhr, sich ihm in den Weg warf, ihn mit
unglaublicher Leidenschaft angriff und geschickt genug war, ein Ende des
geraubten Gegenstandes zu fassen. Sie rangen und balgten sich sehr hartnäckig,
drehten und wanden sich sehr lebhaft miteinander herum; er lachte, sie ereiferte
sich, und als Wilhelm hinzu eilte, sie auseinander zu bringen und zu
besänftigen, sah er auf einmal Aurelien mit einem blossen Dolch in der Hand auf
die Seite springen, indem Serlo die Scheide, die ihm zurückgeblieben war,
verdriesslich auf den Boden warf. Wilhelm trat erstaunt zurück, und seine stumme
Verwunderung schien nach der Ursache zu fragen, warum ein so sonderbarer Streit
über einen so wunderbaren Hausrat habe unter ihnen entstehen können.
    »Sie sollen«, sprach Serlo, »Schiedsrichter zwischen uns beiden sein. Was
hat sie mit dem scharfen Stahle zu tun? Lassen Sie sich ihn zeigen. Dieser Dolch
ziemt keiner Schauspielerin; spitz und scharf wie Nadel und Messer! Zu was diese
Posse? Heftig, wie sie ist, tut sie sich noch einmal von ungefähr ein Leides.
Ich habe einen innerlichen Hass gegen solche Sonderbarkeiten: ein ernstlicher
Gedanke dieser Art ist toll, und ein so gefährliches Spielwerk abgeschmackt.«
    »Ich habe ihn wieder!« rief Aurelie, indem sie die blanke Klinge in die Höhe
hielt; »ich will meinen treuen Freund nun besser verwahren. Verzeih mir«, rief
sie aus, indem sie den Stahl küsste, »dass ich dich so vernachlässigt habe!«
    Serlo schien im Ernste böse zu werden. - »Nimm es, wie du willst, Bruder«,
fuhr sie fort; »kannst du denn wissen, ob mir nicht etwa unter dieser Form ein
köstlicher Talisman beschert ist; ob ich nicht Hülfe und Rat zur schlimmsten
Zeit bei ihm finde; muss denn alles schädlich sein, was gefährlich aussieht?«
    »Dergleichen Reden, in denen kein Sinn ist, können mich toll machen!« sagte
Serlo und verliess mit heimlichem Grimme das Zimmer. Aurelie verwahrte den Dolch
sorgfältig in der Scheide und steckte ihn zu sich. »Lassen Sie uns das Gespräch
fortsetzen, das der unglückliche Bruder gestört hat«, fiel sie ein, als Wilhelm
einige Fragen über den sonderbaren Streit vorbrachte.
    »Ich muss Ihre Schilderung Opheliens wohl gelten lassen«, fuhr sie fort; »ich
will die Absicht des Dichters nicht verkennen; nur kann ich sie mehr bedauern
als mit ihr empfinden. Nun aber erlauben Sie mir eine Betrachtung, zu der Sie
mir in der kurzen Zeit oft Gelegenheit gegeben haben. Mit Bewunderung bemerke
ich an Ihnen den tiefen und richtigen Blick, mit dem Sie Dichtung und besonders
dramatische Dichtung beurteilen; die tiefsten Abgründe der Erfindung sind Ihnen
nicht verborgen, und die feinsten Züge der Ausführung sind Ihnen bemerkbar. Ohne
die Gegenstände jemals in der Natur erblickt zu haben, erkennen Sie die Wahrheit
im Bilde; es scheint eine Vorempfindung der ganzen Welt in Ihnen zu liegen,
welche durch die harmonische Berührung der Dichtkunst erregt und entwickelt
wird. Denn wahrhaftig«, fuhr sie fort, »von aussen kommt nichts in Sie hinein;
ich habe nicht leicht jemanden gesehen, der die Menschen, mit denen er lebt, so
wenig kennt, so von Grund aus verkennt wie Sie. Erlauben Sie mir, es zu sagen:
wenn man Sie Ihren Shakespeare erklären hört, glaubt man, Sie kämen eben aus dem
Rate der Götter und hätten zugehört, wie man sich daselbst beredet, Menschen zu
bilden; wenn Sie dagegen mit Leuten umgehen, seh' ich in Ihnen gleichsam das
erste, grossgeborne Kind der Schöpfung das mit sonderlicher Verwunderung und
erbaulicher Gutmütigkeit Löwen und Affen, Schafe und Elefanten anstaunt und sie
treuherzig als seinesgleichen anspricht, weil sie eben auch da sind und sich
bewegen.«
    »Die Ahnung meines schülerhaften Wesens, werte Freundin«, versetzte er, »ist
mir öfters lästig, und ich werde Ihnen danken, wenn Sie mir über die Welt zu
mehrerer Klarheit verhelfen wollen. Ich habe von Jugend auf die Augen meines
Geistes mehr nach innen als nach aussen gerichtet, und da ist es sehr natürlich,
dass ich den Menschen bis auf einen gewissen Grad habe kennen lernen, ohne die
Menschen im mindesten zu verstehen und zu begreifen.«
    »Gewiss«, sagte Aurelie, »ich hatte Sie anfangs in Verdacht, als wollten Sie
uns zum besten haben, da Sie von den Leuten, die Sie meinem Bruder zugeschickt
haben, so manches Gute sagten, wenn ich Ihre Briefe mit den Verdiensten dieser
Menschen zusammenhielt.«
    Die Bemerkung Aureliens, so wahr sie sein mochte, und so gern ihr Freund
diesen Mangel bei sich gestand, führte doch etwas Drückendes, ja sogar
Beleidigendes mit sich, dass er still ward und sich zusammennahm, teils um keine
Empfindlichkeit merken zu lassen, teils in seinem Busen nach der Wahrheit dieses
Vorwurfs zu forschen.
    »Sie dürfen nicht darüber betreten sein«, fuhr Aurelie fort; »zum Lichte des
Verstandes können wir immer gelangen; aber die Fülle des Herzens kann uns
niemand geben. Sind Sie zum Künstler bestimmt, so können Sie diese Dunkelheit
und Unschuld nicht lange genug bewahren; sie ist die schöne Hülle über der
jungen Knospe; Unglücks genug, wenn wir zu früh herausgetrieben werden. Gewiss,
es ist gut, wenn wir die nicht immer kennen, für die wir arbeiten.
    O! ich war auch einmal in diesem glücklichen Zustande, als ich mit dem
höchsten Begriff von mir selbst und meiner Nation die Bühne betrat. Was waren
die Deutschen nicht in meiner Einbildung, was konnten sie nicht sein! Zu dieser
Nation sprach ich, über die mich ein kleines Gerüst erhob, von welcher mich eine
Reihe Lampen trennte, deren Glanz und Dampf mich hinderte, die Gegenstände vor
mir genau zu unterscheiden. Wie willkommen war mir der Klang des Beifalls, der
aus der Menge herauftönte; wie dankbar nahm ich das Geschenk an, das mir
einstimmig von so vielen Händen dargebracht wurde! Lange wiegte ich mich so hin;
wie ich wirkte, wirkte die Menge wieder auf mich zurück; ich war mit meinem
Publikum in dem besten Vernehmen; ich glaubte eine vollkommene Harmonie zu
fühlen und jederzeit die Edelsten und Besten der Nation vor mir zu sehen.
    Unglücklicherweise war es nicht die Schauspielerin allein, deren Naturell
und Kunst die Teaterfreunde interessierte; sie machten auch Ansprüche an das
junge, lebhafte Mädchen Sie gaben mir nicht undeutlich zu verstehen, dass meine
Pflicht sei, die Empfindungen, die ich in ihnen rege gemacht, auch persönlich
mit ihnen zu teilen. Leider war das nicht meine Sache; ich wünschte ihre Gemüter
zu erheben, aber an das, was sie ihr Herz nannten, hatte ich nicht den mindesten
Anspruch; und nun wurden mir alle Stände, Alter und Charaktere, einer um den
andern, zur Last, und nichts war mir verdriesslicher, als dass ich mich nicht wie
ein anderes ehrliches Mädchen in mein Zimmer verschliessen und so mir manche Mühe
ersparen konnte.
    Die Männer zeigten sich meist, wie ich sie bei meiner Tante zu sehen gewohnt
war, und sie würden mir auch diesmal nur wieder Abscheu erregt haben, wenn mich
nicht ihre Eigenheiten und Albernheiten unterhalten hätten. Da ich nicht
vermeiden konnte, sie bald auf dem Teater, bald an öffentlichen Orten, bald zu
Hause zu sehen, nahm ich mir vor, sie alle auszulauern, und mein Bruder half mir
wacker dazu. Und wenn Sie denken, dass vom beweglichen Ladendiener und dem
eingebildeten Kaufmannssohn bis zum gewandten, abwiegenden Weltmann, dem kühnen
Soldaten und dem raschen Prinzen alle nach und nach bei mir vor beigegangen
sind, und jeder nach seiner Art seinen Roman anzuknüpfen gedachte, so werden Sie
mir verzeihen, wenn ich mir einbildete, mit meiner Nation ziemlich bekannt zu
sein.
    Den phantastisch aufgestutzten Studenten, den demütigstolz verlegenen
Gelehrten, den schwankfüssigen genügsamen Domherrn, den steifen aufmerksamen
Geschäftsmann, den derben Landbaron, den freundlich glatt-platten Hofmann, den
jungen aus der Bahn schreitenden Geistlichen, den gelassenen sowie den schnellen
und tätig spekulierenden Kaufmann, alle habe ich in Bewegung gesehen, und beim
Himmel! wenige fanden sich darunter, die mir nur ein gemeines Interesse
einzuflössen imstande gewesen wären; vielmehr war es mir äusserst verdriesslich,
den Beifall der Toren im einzelnen mit Beschwerlichkeit und langer Weile
einzukassieren, der mir im ganzen so wohl behagt hatte, den ich mir im grossen so
gerne zueignete.
    Wenn ich über mein Spiel ein vernünftiges Kompliment erwartete, wenn ich
hoffte, sie sollten einen Autor loben, den ich hochschätzte, so machten sie eine
alberne Anmerkung über die andere und nannten ein abgeschmacktes Stück, in
welchem sie wünschten mich spielen zu sehen. Wenn ich in der Gesellschaft
herumhorchte, ob nicht etwa ein edler, geistreicher, witziger Zug nachklänge und
zur rechten Zeit wieder zum Vorschein käme, konnte ich selten eine Spur
vernehmen. Ein Fehler, der vorgekommen war, wenn ein Schauspieler sich versprach
oder irgendeinen Provinzialism hören liess, das waren die wichtigen Punkte, an
denen sie sich festielten, von denen sie nicht loskommen konnten. Ich wusste
zuletzt nicht, wohin ich mich wenden sollte; sie dünkten sich zu klug, sich
unterhalten zu lassen, und sie glaubten mich wundersam zu unterhalten, wenn sie
an mir herumtätschelten. Ich fing an, sie alle von Herzen zu verachten, und es
war mir eben, als wenn die ganze Nation sich recht vorsätzlich bei mir durch
ihre Abgesandten habe prostituieren wollen. Sie kam mir im ganzen so linkisch
vor, so übel erzogen, so schlecht unterrichtet, so leer von gefälligem Wesen, so
geschmacklos. Oft rief ich aus: Es kann doch kein Deutscher einen Schuh
zuschnallen, der es nicht von einer fremden Nation gelernt hat!
    Sie sehen, wie verblendet, wie hypochondrisch ungerecht ich war, und je
länger es währte, desto mehr nahm meine Krankheit zu. Ich hätte mich umbringen
können; allein ich verfiel auf ein Extrem: ich verheiratete mich, oder vielmehr
ich liess mich verheiraten. Mein Bruder, der das Teater übernommen hatte,
wünschte sehr, einen Gehülfen zu haben. Seine Wahl fiel auf einen jungen Mann,
der mir nicht zuwider war, dem alles mangelte, was mein Bruder besass, Genie,
Leben, Geist und rasches Wesen, an dem sich aber auch alles fand, was jenem
abging: Liebe zur Ordnung, Fleiss, eine köstliche Gabe hauszuhalten und mit Gelde
umzugehen.
    Er ist mein Mann geworden, ohne dass ich weiss, wie; wir haben zusammen
gelebt, ohne dass ich recht weiss, warum. Genug, unsre Sachen gingen gut. Wir
nahmen viel ein, davon war die Tätigkeit meines Bruders Ursache; wir kamen gut
aus, und das war das Verdienst meines Mannes. Ich dachte nicht mehr an Welt und
Nation. Mit der Welt hatte ich nichts zu teilen, und den Begriff von Nation
hatte ich verloren. Wenn ich auftrat, tat ich's, um zu leben; ich öffnete den
Mund nur, weil ich nicht schweigen durfte, weil ich doch herausgekommen war, um
zu reden.
    Doch, dass ich es nicht zu arg mache, eigentlich hatte ich mich ganz in die
Absicht meines Bruders ergeben; ihm war um Beifall und Geld zu tun; denn, unter
uns, er hört sich gerne loben und braucht viel. Ich spielte nun nicht mehr nach
meinem Gefühl, nach meiner Überzeugung, sondern wie er mich anwies, und wenn ich
es ihm zu Danke gemacht hatte, war ich zufrieden. Er richtete sich nach allen
Schwächen des Publikums; es ging Geld ein, er konnte nach seiner Willkür leben,
und wir hatten gute Tage mit ihm.
    Ich war indessen in einen handwerksmässigen Schlendrian gefallen. Ich zog
meine Tage ohne Freude und Anteil hin, meine Ehe war kinderlos und dauerte nur
kurze Zeit. Mein Mann ward krank, seine Kräfte nahmen sichtbar ab, die Sorge für
ihn unterbrach meine allgemeine Gleichgültigkeit. In diesen Tagen machte ich
eine Bekanntschaft, mit der ein neues Leben für mich anfing, ein neues und
schnelleres, denn es wird bald zu Ende sein.«
    Sie schwieg eine Zeitlang stille, dann fuhr sie fort: »Auf einmal stockt
meine geschwätzige Laune, und ich getraue mir den Mund nicht weiter aufzutun.
Lassen Sie mich ein wenig ausruhen; Sie sollen nicht weggehen, ohne ausführlich
all mein Unglück zu wissen. Rufen Sie doch indessen Mignon herein und hören, was
sie will!«
    Das Kind war während Aureliens Erzählung einigemal im Zimmer gewesen. Da man
bei seinem Eintritt leiser sprach, war es wieder weggeschlichen, sass auf dem
Saale still und wartete. Als man sie wieder hereinkommen liess, brachte sie ein
Buch mit, das man bald an Form und Einband für einen kleinen geographischen
Atlas erkannte. Sie hatte bei dem Pfarrer unterwegs mit grosser Verwunderung die
ersten Landkarten gesehen, ihn viel darüber gefragt und sich, soweit es gehen
wollte, unterrichtet. Ihr Verlangen, etwas zu lernen, schien durch diese neue
Kenntnis noch viel lebhafter zu werden. Sie bat Wilhelmen inständig, ihr das
Buch zu kaufen. Sie habe dem Bildermann ihre grossen silbernen Schnallen dafür
eingesetzt und wolle sie, weil es heute abend so spät geworden, morgen früh
wieder einlösen. Es ward ihr bewilligt, und sie fing nun an, dasjenige, was sie
wusste, teils herzusagen, teils nach ihrer Art die wunderlichsten Fragen zu tun.
Man konnte auch hier wieder bemerken, dass bei einer grossen Anstrengung sie nur
schwer und mühsam begriff. So war auch ihre Handschrift, mit der sie sich viele
Mühe gab. Sie sprach noch immer sehr gebrochen deutsch, und nur wenn sie den
Mund zum Singen auftat, wenn sie die Ziter rührte, schien sie sich des einzigen
Organs zu bedienen, wodurch sie ihr Innerstes auf schliessen und mitteilen
konnte.
    Wir müssen, da wir gegenwärtig von ihr sprechen, auch der Verlegenheit
gedenken, in die sie seit einiger Zeit unsern Freund öfters versetzte. Wenn sie
kam oder ging, guten Morgen oder gute Nacht sagte, schloss sie ihn so fest in
ihre Arme und küsste ihn mit solcher Inbrunst, dass ihm die Heftigkeit dieser
aufkeimenden Natur oft angst und bange machte. Die zuckende Lebhaftigkeit schien
sich in ihrem Betragen täglich zu vermehren, und ihr ganzes Wesen bewegte sich
in einer rastlosen Stille. Sie konnte nicht sein, ohne einen Bindfaden in den
Händen zu drehen, ein Tuch zu kneten, Papier oder Hölzchen zu kauen. Jedes ihrer
Spiele schien nur eine innere heftige Erschütterung abzuleiten. Das einzige, was
ihr einige Heiterkeit zu geben schien, war die Nähe des kleinen Felix, mit dem
sie sich sehr artig abzugeben wusste.
    Aurelie, die nach einiger Ruhe gestimmt war, sich mit ihrem Freunde über
einen Gegenstand, der ihr so sehr am Herzen lag, endlich zu erklären, ward über
die Beharrlichkeit der Kleinen diesmal ungeduldig und gab ihr zu verstehen, dass
sie sich wegbegeben sollte, und man musste sie endlich, da alles nicht helfen
wollte, ausdrücklich und wider ihren Willen fortschicken.
    »Jetzt oder niemals«, sagte Aurelie, »muss ich Ihnen den Rest meiner
Geschichte erzählen. Wäre mein zärtlich geliebter, ungerechter Freund nur wenige
Meilen von hier, ich würde sagen: Setzen Sie sich zu Pferde, suchen Sie auf
irgendeine Weise Bekanntschaft mit ihm, und wenn Sie zurückkehren, so haben Sie
mir gewiss verziehen und bedauern mich von Herzen. Jetzt kann ich Ihnen nur mit
Worten sagen, wie liebenswürdig er war, und wie sehr ich ihn liebte.
    Eben zu der kritischen Zeit, da ich für die Tage meines Mannes besorgt sein
musste, lernt' ich ihn kennen. Er war eben aus Amerika zurückgekommen, wo er in
Gesellschaft einiger Franzosen mit vieler Distinktion unter den Fahnen der
Vereinigten Staaten gedient hatte.
    Er begegnete mir mit einem gelassnen Anstande, mit einer offnen Gutmütigkeit,
sprach über mich selbst, meine Lage, mein Spiel, wie ein alter Bekannter, so
teilnehmend und so deutlich, dass ich mich zum erstenmal freuen konnte, meine
Existenz in einem andern Wesen so klar wiederzuerkennen. Seine Urteile waren
richtig, ohne absprechend, treffend, ohne lieblos zu sein. Er zeigte keine
Härte, und sein Mutwille war zugleich gefällig. Er schien des guten Glücks bei
Frauen gewohnt zu sein, das machte mich aufmerksam; er war keinesweges
schmeichelnd und andringend, das machte mich sorglos.
    In der Stadt ging er mit wenigen um, war meist zu Pferde, besuchte seine
vielen Bekannten in der Gegend und besorgte die Geschäfte seines Hauses. Kam er
zurück, so stieg er bei mir ab, behandelte meinen immer kränkern Mann mit warmer
Sorge, schaffte dem Leidenden durch einen geschickten Arzt Linderung, und wie er
an allem, was mich betraf, teilnahm, liess er mich auch an seinem Schicksale
teilnehmen. Er erzählte mir die Geschichte seiner Kampagne, seiner
unüberwindlichen Neigung zum Soldatenstande, seine Familienverhältnisse; er
vertraute mir seine gegenwärtigen Beschäftigungen. Genug, er hatte nichts
Geheimes vor mir; er entwickelte mir sein Innerstes, liess mich in die
verborgensten Winkel seiner Seele sehen; ich lernte seine Fähigkeiten, seine
Leidenschaften kennen. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eines
herzlichen, geistreichen Umgangs genoss. Ich war von ihm angezogen, von ihm
hingerissen, eh' ich über mich selbst Betrachtungen anstellen konnte.
    Inzwischen verlor ich meinen Mann, ungefähr wie ich ihn genommen hatte. Die
Last der teatralischen Geschäfte fiel nun ganz auf mich. Mein Bruder,
unverbesserlich auf dem Teater, war in der Haushaltung niemals nütze; ich
besorgte alles und studierte dabei neue Rollen fleissiger als jemals. Ich spielte
wieder wie vor alters, ja mit ganz anderer Kraft und neuem Leben, zwar durch ihn
und um seinetwillen, doch nicht immer gelang es mir zum besten, wenn ich meinen
edlen Freund im Schauspiel wusste; aber einigemal behorchte er mich, und wie
angenehm mich sein unvermuteter Beifall überraschte, können Sie denken.
    Gewiss, ich bin ein seltsames Geschöpf. Bei jeder Rolle, die ich spielte, war
es mir eigentlich nur immer zumute, als wenn ich ihn lobte und zu seinen Ehren
spräche; denn das war die Stimmung meines Herzens, die Worte mochten übrigens
sein, wie sie wollten. Wusst' ich ihn unter den Zuhörern, so getraute ich mich
nicht, mit der ganzen Gewalt zu sprechen, eben als wenn ich ihm meine Liebe,
mein Lob nicht geradezu ins Gesicht aufdringen wollte; war er abwesend, dann
hatte ich freies Spiel, ich tat mein Bestes mit einer gewissen Ruhe, mit einer
unbeschreiblichen Zufriedenheit. Der Beifall freute mich wieder, und wenn ich
dem Publikum Vergnügen machte, hätte ich immer zugleich hinunterrufen mögen: Das
seid ihr ihm schuldig!
    Ja, mir war wie durch ein Wunder das Verhältnis zum Publikum, zur ganzen
Nation verändert. Sie erschien mir auf einmal wieder in dem vorteilhaftesten
Lichte, und ich erstaunte recht über meine bisherige Verblendung.
    Wie unverständig, sagt' ich oft zu mir selbst, war es, als du ehemals auf
eine Nation schaltest, eben weil es eine Nation ist. Müssen denn, können denn
einzelne Menschen so interessant sein? Keinesweges! Es fragt sich, ob unter der
grossen Masse eine Menge von Anlagen, Kräften und Fähigkeiten verteilt sei, die
durch günstige Umstände entwickelt, durch vorzügliche Menschen zu einem
gemeinsamen Endzwecke geleitet werden können. Ich freute mich nun, so wenig
hervorstechende Originalität unter meinen Landsleuten zu finden; ich freute
mich, dass sie eine Richtung von aussen anzunehmen nicht verschmähten; ich freute
mich, einen Anführer gefunden zu haben.
    Lotar - lassen Sie mich meinen Freund mit seinem geliebten Vornamen nennen
- hatte mir immer die Deutschen von der Seite der Tapferkeit vorgestellt und mir
gezeigt, dass keine bravere Nation in der Welt sei, wenn sie recht geführt werde,
und ich schämte mich, an die erste Eigenschaft eines Volkes niemals gedacht zu
haben. Ihm war die Geschichte bekannt, und mit den meisten verdienstvollen
Männern seines Zeitalters stand er in Verhältnissen. So jung er war, hatte er
ein Auge auf die hervorkeimende hoffnungsvolle Jugend seines Vaterlandes, auf
die stillen Arbeiten in so vielen Fächern beschäftigter und tätiger Männer. Er
liess mich einen Überblick über Deutschland tun, was es sei, und was es sein
könne, und ich schämte mich, eine Nation nach der verworrenen Menge beurteilt zu
haben, die sich in eine Teatergarderobe drängen mag. Er machte mir's zur
Pflicht, auch in meinem Fache wahr, geistreich und belebend zu sein. Nun schien
ich mir selbst inspiriert, sooft ich auf das Teater trat. Mittelmässige Stellen
wurden zu Gold in meinem Munde, und hätte mir damals ein Dichter zweckmässig
beigestanden, ich hätte die wunderbarsten Wirkungen hervorgebracht.
    So lebte die junge Witwe monatelang fort. Er konnte mich nicht entbehren,
und ich war höchst unglücklich, wenn er aussen blieb. Er zeigte mir die Briefe
seiner Verwandten, seiner vortrefflichen Schwester. Er nahm an den kleinsten
Umständen meiner Verhältnisse teil; inniger, vollkommener ist keine Einigkeit zu
denken. Der Name der Liebe ward nicht genannt. Er ging und kam, kam und ging -
und nun, mein Freund, ist es hohe Zeit, dass Sie auch gehen.«
 
                              Siebzehntes Kapitel
Wilhelm konnte nun nicht länger den Besuch bei seinen Handelsfreunden
aufschieben. Er ging nicht ohne Verlegenheit dahin, denn er wusste, dass er Briefe
von den Seinigen daselbst antreffen werde. Er fürchtete sich vor den Vorwürfen,
die sie entalten mussten; wahrscheinlich hatte man auch dem Handelshause
Nachricht von der Verlegenheit gegeben, in der man sich seinetwegen befand. Er
scheute sich nach so vielen ritterlichen Abenteuern vor dem schülerhaften
Ansehen, in dem er erscheinen würde, und nahm sich vor, recht trotzig zu tun und
auf diese Weise seine Verlegenheit zu verbergen.
    Allein zu seiner grossen Verwunderung und Zufriedenheit ging alles sehr gut
und leidlich ab. In dem grossen, lebhaften und beschäftigten Comptoir hatte man
kaum Zeit, seine Briefe aufzusuchen; seines längern Aussenbleibens ward nur im
Vorbeigehn gedacht. Und als er die Briefe seines Vaters und seines Freundes
Werner eröffnete, fand er sie sämtlich sehr leidlichen Inhalts. Der Alte, in
Hoffnung eines weitläufigen Journals, dessen Führung er dem Sohne beim Abschiede
sorgfaltig empfohlen, und wozu er ihm ein tabellarisches Schema mitgegeben,
schien über das Stillschweigen der ersten Zeit ziemlich beruhigt, so wie er sich
nur über das Rätselhafte des ersten und einzigen, vom Schloss des Grafen noch
abgesandten Briefes beschwerte. Werner scherzte nur auf seine Art, erzählte
lustige Stadtgeschichten und bat sich Nachricht von Freunden und Bekannten aus,
die Wilhelm nunmehr in der grossen Handelsstadt häufig würde kennen lernen. Unser
Freund, der ausserordentlich erfreut war, um einen so wohlfeilen Preis
loszukommen, antwortete sogleich in einigen sehr muntern Briefen und versprach
dem Vater ein ausführliches Reisejournal mit allen verlangten geographischen,
statistischen und merkantilischen Bemerkungen. Er hatte vieles auf der Reise
gesehen und hoffte daraus ein leidliches Heft zusammenschreiben zu können. Er
merkte nicht, dass er beinah in eben dem Falle war, in dem er sich befand, als
er, um ein Schauspiel, das weder geschrieben, noch weniger memoriert war,
aufzuführen, Lichter angezündet und Zuschauer herbeigerufen hatte. Als er daher
wirklich anfing, an seine Komposition zu gehen, ward er leider gewahr, dass er
von Empfindungen und Gedanken, von manchen Erfahrungen des Herzens und Geistes
sprechen und erzählen konnte, nur nicht von äussern Gegenständen, denen er, wie
er nun merkte, nicht die mindeste Aufmerksamkeit geschenkt hatte.
    In dieser Verlegenheit kamen die Kenntnisse seines Freundes Laertes ihm gut
zustatten. Die Gewohnheit hatte beide jungen Leute, so unähnlich sie sich waren,
zusammen verbunden, und jener war bei allen seinen Fehlern, mit seinen
Sonderbarkeiten wirklich ein interessanter Mensch. Mit einer heitern,
glücklichen Sinnlichkeit begabt, hätte er alt werden können, ohne über seinen
Zustand irgend nachzudenken. Nun hatte ihm aber sein Unglück und seine Krankheit
das reine Gefühl der Jugend geraubt und ihm dagegen einen Blick auf die
Vergänglichkeit, auf das Zerstückelte unsers Daseins eröffnet. Daraus war eine
launichte, rhapsodische Art, über die Gegenstände zu denken, oder vielmehr ihre
unmittelbaren Eindrücke zu äussern, entstanden. Er war nicht gern allein, trieb
sich auf allen Kaffeehäusern, an allen Wirtstischen herum, und wenn er ja zu
Hause blieb, waren Reisebeschreibungen seine liebste, ja seine einzige Lektüre.
Diese konnte er nun, da er eine grosse Leihbibliotek fand, nach Wunsch
befriedigen, und bald spukte die halbe Welt in seinem guten Gedächtnisse.
    Wie leicht konnte er daher seinem Freunde Mut einsprechen, als dieser ihm
den völligen Mangel an Vorrat zu der von ihm so feierlich versprochenen Relation
entdeckte. »Da wollen wir ein Kunststück machen«, sagte jener, »das
seinesgleichen nicht haben soll.
    Ist nicht Deutschland von einem Ende zum andern durchreist, durchkreuzt,
durchzogen, durchkrochen und durchflogen? Und hat nicht jeder deutsche Reisende
den herrlichen Vorteil, sich seine grossen und kleinen Ausgaben vom Publikum
wiedererstatten zu lassen? Gib mir nur deine Reiseroute, ehe du zu uns kamst;
das andere weiss ich. Die Quellen und Hülfsmittel zu deinem Werke will ich dir
aufsuchen; an Quadratmeilen, die nicht gemessen sind, und an Volksmenge, die
nicht gezählt ist, müssen wir's nicht fehlen lassen. Die Einkünfte der Länder
nehmen wir aus Taschenbüchern und Tabellen, die, wie bekannt, die
zuverlässigsten Dokumente sind. Darauf gründen wir unsre politischen
Räsonnements; an Seitenblicken auf die Regierungen soll's nicht fehlen. Ein paar
Fürsten beschreiben wir als wahre Väter des Vaterlandes, damit man uns desto
eher glaubt, wenn wir einigen andern etwas anhängen; und wenn wir nicht geradezu
durch den Wohnort einiger berühmten Leute durchreisen, so begegnen wir ihnen in
einem Wirtshause, lassen sie uns im Vertrauen das albernste Zeug sagen.
Besonders vergessen wir nicht, eine Liebesgeschichte mit irgendeinem naiven
Mädchen auf das anmutigste einzuflechten, und es soll ein Werk geben, das nicht
allein Vater und Mutter mit Entzücken erfüllen soll, sondern das dir auch jeder
Buchhändler mit Vergnügen bezahlt.«
    Man schritt zum Werke, und beide Freunde hatten viel Lust an ihrer Arbeit,
indes Wilhelm abends im Schauspiel und in dem Umgange mit Serlo und Aurelien die
grösste Zufriedenheit fand und seine Ideen, die nur zu lange sich in einem engen
Kreise herumgedreht hatten, täglich weiter ausbreitete.
 
                              Achtzehntes Kapitel
Nicht ohne das grösste Interesse vernahm er stückweise den Lebenslauf Serlos;
denn es war nicht die Art dieses seltnen Mannes, vertraulich zu sein und über
irgend etwas im Zusammenhange zu sprechen. Er war, man darf sagen, auf dem
Teater geboren und gesäugt. Schon als stummes Kind musste er durch seine blosse
Gegenwart die Zuschauer rühren, weil auch schon damals die Verfasser diese
natürlichen und unschuldigen Hülfsmittel kannten, und sein erstes »Vater« und
»Mutter« brachte in beliebten Stücken ihm schon den grössten Beifall zuwege, ehe
er wusste, was das Händeklatschen bedeutete. Als Amor kam er zitternd mehr als
einmal im Flugwerke herunter, entwickelte sich als Harlekin aus dem Ei und
machte als kleiner Essenkehrer schon früh die artigsten Streiche.
    Leider musste er den Beifall, den er an glänzenden Abenden erhielt, in den
Zwischenzeiten sehr teuer bezahlen. Sein Vater, überzeugt, dass nur durch Schläge
die Aufmerksamkeit der Kinder erregt und festgehalten werden könne, prügelte ihn
beim Einstudieren einer jeden Rolle zu abgemessenen Zeiten; nicht, weil das Kind
ungeschickt war, sondern damit es sich desto gewisser und anhaltender geschickt
zeigen möge. So gab man ehemals, indem ein Grenzstein gesetzt wurde, den
umstehenden Kindern tüchtige Ohrfeigen, und die ältesten Leute erinnern sich
noch genau des Ortes und der Stelle. Er wuchs heran und zeigte ausserordentliche
Fähigkeiten des Geistes und Fertigkeiten des Körpers und dabei eine grosse
Biegsamkeit sowohl in seiner Vorstellungsart als in Handlungen und Gebärden.
Seine Nachahmungsgabe überstieg allen Glauben. Schon als Knabe ahmte er Personen
nach, so dass man sie zu sehen glaubte, ob sie ihm schon an Gestalt, Alter und
Wesen völlig unähnlich und untereinander verschieden waren. dabei fehlte es ihm
nicht an der Gabe, sich in die Welt zu schicken, und sobald er sich einigermassen
seiner Kräfte bewusst war, fand er nichts natürlicher, als seinem Vater zu
entfliehen, der, wie die Vernunft des Knaben zunahm und seine Geschicklichkeit
sich vermehrte, ihnen noch durch harte Begegnung nachzuhelfen für nötig fand.
    Wie glücklich fühlte sich der lose Knabe nun in der freien Welt, da ihm
seine Eulenspiegelspossen überall eine gute Aufnahme verschaften! Sein guter
Stern führte ihn zuerst in der Fastnachtszeit in ein Kloster, wo er, weil eben
der Pater, der die Umgänge zu besorgen und durch geistliche Maskeraden die
christliche Gemeinde zu ergötzen hatte, gestorben war, als ein hülfreicher
Schutzengel auftrat. Auch übernahm er sogleich die Rolle Gabriels in der
Verkündigung und missfiel dem hübschen Mädchen nicht, die als Maria seinen
obligeanten Gruss mit äusserlicher Demut und innerlichem Stolze sehr zierlich
aufnahm. Er spielte darauf sukzessive in den Mysterien die wichtigsten Rollen
und wusste sich nicht wenig, da er endlich gar als Heiland der Welt verspottet,
geschlagen und ans Kreuz geheftet wurde.
    Einige Kriegsknechte mochten bei dieser Gelegenheit ihre Rollen gar zu
natürlich spielen; daher er sie, um sich auf die schicklichste Weise an ihnen zu
rächen, bei Gelegenheit des Jüngsten Gerichts in die prächtigsten Kleider von
Kaisern und Königen steckte und ihnen in dem Augenblicke, da sie, mit ihren
Rollen sehr wohl zufrieden, auch in dem Himmel allen andern vorauszugehen den
Schritt nahmen, unvermutet in Teufelsgestalt begegnete und sie mit der
Ofengabel, zur herzlichsten Erbauung sämtlicher Zuschauer und Bettler, weidlich
durchdrosch und unbarmherzig zurück in die Grube stürzte, wo sie sich von einem
hervordringenden Feuer aufs übelste empfangen sahen.
    Er war klug genug, einzusehen, dass die gekrönten Häupter sein freches
Unternehmen nicht wohl vermerken und selbst vor seinem privilegierten
Ankläger-und Schergenamte keinen Respekt haben würden; er machte sich daher,
noch ehe das tausendjährige Reich anging, in aller Stille davon und ward in
einer benachbarten Stadt von einer Gesellschaft, die man damals »Kinder der
Freude« nannte, mit offnen Armen aufgenommen. Es waren verständige, geistreiche,
lebhafte Menschen, die wohleinsahn, dass die Summe unsrer Existenz, durch
Vernunft dividiert, niemals rein aufgehe, sondern dass immer ein wunderlicher
Bruch übrigbleibe. Diesen hinderlichen und, wenn er sich in die ganze Masse
verteilt, gefährlichen Bruch suchten sie zu bestimmten Zeiten vorsätzlich
loszuwerden. Sie waren einen Tag der Woche recht ausführlich Narren und straften
an demselben wechselseitig durch allegorische Vorstellungen, was sie während der
übrigen Tage an sich und andern Närrisches bemerkt hatten. War diese Art gleich
roher als eine Folge von Ausbildung, in welcher der sittliche Mensch sich
täglich zu bemerken, zu warnen und zu strafen pflegt, so war sie doch lustiger
und sicherer; denn indem man einen gewissen Schossnarren nicht verleugnete, so
traktierte man ihn auch nur für das, was er war, anstatt dass er auf dem andern
Wege durch Hülfe des Selbstbetrugs oft im Hause zur Herrschaft gelangt und die
Vernunft zur heimlichen Knechtschaft zwingt, die sich einbildet, ihn lange
verjagt zu haben. Die Narrenmaske ging in der Gesellschaft herum, und jedem war
erlaubt, sie an seinem Tage mit eigenen oder fremden Attributen charakteristisch
auszuzieren. In der Karnevalszeit nahm man sich die grösste Freiheit und
wetteiferte mit der Bemühung der Geistlichen, das Volk zu unterhalten und
anzuziehen. Die feierlichen und allegorischen Aufzüge von Tugenden und Lastern,
Künsten und Wissenschaften, Weltteilen und Jahrszeiten versinnlichten dem Volke
eine Menge Begriffe und gaben ihm Ideen entfernter Gegenstände, und so waren
diese Scherze nicht ohne Nutzen, da von einer andern Seite die geistlichen
Mummereien nur einen abgeschmackten Aberglauben noch mehr befestigten.
    Der junge Serlo war auch hier wieder ganz in seinem Elemente; eigentliche
Erfindungskraft hatte er nicht, dagegen aber das grösste Geschick, was er vor
sich fand zu nutzen, zurechtzustellen und scheinbar zu machen. Seine Einfälle,
seine Nachahmungsgabe, ja sein beissender Witz, den er wenigstens einen Tag in
der Woche völlig frei, selbst gegen seine Wohltäter, üben durfte, machte ihn der
ganzen Gesellschaft wert, ja unentbehrlich.
    Doch trieb ihn seine Unruhe bald aus dieser vorteilhaften Lage in andere
Gegenden seines Vaterlandes, wo er wieder eine neue Schule durchzugehen hatte.
Er kam in den gebildeten, aber auch bildlosen Teil von Deutschland, wo es zur
Verehrung des Guten und Schönen zwar nicht an Wahrheit, aber oft an Geist
gebricht; er konnte mit seinen Masken nichts mehr ausrichten; er musste suchen,
auf Herz und Gemüt zu wirken. Nur kurze Zeit hielt er sich bei kleinen und
grossen Gesellschaften auf und merkte bei dieser Gelegenheit sämtlichen Stücken
und Schauspielern ihre Eigenheiten ab. Die Monotonie, die damals auf dem
deutschen Teater herrschte, den albernen Fall und Klang der Alexandriner, den
geschraubt-platten Dialog, die Trockenheit und Gemeinheit der unmittelbaren
Sittenprediger hatte er bald gefasst und zugleich bemerkt, was rührte und gefiel.
    Nicht eine Rolle der gangbaren Stücke, sondern die ganzen Stücke blieben
leicht in seinem Gedächtnis und zugleich der eigentümliche Ton des
Schauspielers, der sie mit Beifall vorgetragen hatte. Nun kam er zufälligerweise
auf seinen Streifereien, da ihm das Geld völlig ausgegangen war, zu dem Einfall,
allein ganze Stücke besonders auf Edelhöfen und in Dörfern vorzustellen und sich
dadurch überall sogleich Unterhalt und Nachtquartier zu verschaffen. In jeder
Schenke, jedem Zimmer und Garten war sein Teater gleich aufgeschlagen; mit
einem schelmischen Ernst und anscheinendem Entusiasmus wusste er die
Einbildungskraft seiner Zuschauer zu gewinnen, ihre Sinne zu täuschen und vor
ihren offenen Augen einen alten Schrank zu einer Burg und einen Fächer zum
Dolche umzuschaffen. Seine Jugendwärme ersetzte den Mangel eines tiefen Gefühls;
seine Heftigkeit schien Stärke, und seine Schmeichelei Zärtlichkeit. Diejenigen,
die das Teater schon kannten, erinnerte er an alles, was sie gesehen und gehört
hatten, und in den übrigen erregte er eine Ahnung von etwas Wunderbarem und den
Wunsch, näher damit bekannt zu werden. Was an einem Orte Wirkung tat, verfehlte
er nicht am andern zu wiederholen und hatte die herzlichste Schadenfreude, wenn
er alle Menschen auf gleiche Weise aus dem Stegreife zum besten haben konnte.
    Bei seinem lebhaften, freien und durch nichts gehinderten Geist verbesserte
er sich, indem er Rollen und Stücke oft wiederholte, sehr geschwind. Bald
rezitierte und spielte er dem Sinne gemässer als die Muster, die er anfangs nur
nachgeahmt hatte. Auf diesem Wege kam er nach und nach dazu, natürlich zu
spielen und doch immer verstellt zu sein. Er schien hingerissen und lauerte auf
den Effekt, und sein grösster Stolz war, die Menschen stufenweise in Bewegung zu
setzen. Selbst das tolle Handwerk, das er trieb, nötigte ihn bald, mit einer
gewissen Mässigung zu verfahren, und so lernte er, teils gezwungen, teils aus
Instinkt, das, wovon so wenig Schauspieler einen Begriff zu haben scheinen: mit
Organ und Gebärden ökonomisch zu sein.
    So wusste er selbst rohe und unfreundliche Menschen zu bändigen und für sich
zu interessieren. Da er überall mit Nahrung und Obdach zufrieden war, jedes
Geschenk dankbar annahm, das man ihm reichte, ja manchmal gar das Geld, wenn er
dessen nach seiner Meinung genug hatte, ausschlug, so schickte man ihn mit
Empfehlungsschreiben einander zu, und so wanderte er eine ganze Zeit von einem
Edelhofe zum andern, wo er manches Vergnügen erregte, manches genoss und nicht
ohne die angenehmsten und artigsten Abenteuer blieb.
    Bei der innerlichen Kälte seines Gemütes liebte er eigentlich niemand; bei
der Klarheit seines Blicks konnte er niemand achten, denn er sah nur immer die
äussern Eigenheiten der Menschen und trug sie in seine mimische Sammlung ein.
dabei aber war seine Selbstigkeit äusserst beleidigt, wenn er nicht jedem gefiel,
und wenn er nicht überall Beifall erregte. Wie dieser zu erlangen sei, darauf
hatte er nach und nach so genau achtgegeben und hatte seinen Sinn so geschärft,
dass er nicht allein bei seinen Darstellungen, sondern auch im gemeinen Leben
nicht mehr anders als schmeicheln konnte. Und so arbeitete seine Gemütsart, sein
Talent und seine Lebensart dergestalt wechselsweise gegeneinander, dass er sich
unvermerkt zu einem vollkommnen Schauspieler ausgebildet sah. Ja, durch eine
seltsam scheinende, aber ganz natürliche Wirkung und Gegenwirkung stieg durch
Einsicht und Übung seine Rezitation, Deklamation und sein Gebärdenspiel zu einer
hohen Stufe von Wahrheit, Freiheit und Offenheit, indem er im Leben und Umgang
immer heimlicher, künstlicher, ja verstellt und ängstlich zu werden schien.
    Von seinen Schicksalen und Abenteuern sprechen wir vielleicht an einem
andern Orte und bemerken hier nur so viel, dass er in spätern Zeiten, da er schon
ein gemachter Mann, im Besitz von entschiedenem Namen und in einer sehr guten,
obgleich nicht festen Lage war, sich angewöhnt hatte, im Gespräch auf eine feine
Weise teils ironisch, teils spöttisch den Sophisten zu machen und dadurch fast
jede ernstafte Unterhaltung zu zerstören. Besonders gebrauchte er diese Manier
gegen Wilhelm, sobald dieser, wie es ihm oft begegnete, ein allgemeines
teoretisches Gespräch anzuknüpfen Lust hatte. Dessenungeachtet waren sie sehr
gern beisammen, indem durch ihre beiderseitige Denkart die Unterhaltung lebhaft
werden musste. Wilhelm wünschte alles aus den Begriffen, die er gefasst hatte, zu
entwickeln und wollte die Kunst in einem Zusammenhange behandelt haben. Er
wollte ausgesprochene Regeln festsetzen, bestimmen, was recht, schön und gut
sei, und was Beifall verdiene; genug, er behandelte alles auf das ernstlichste.
Serlo hingegen nahm die Sache sehr leicht, und indem er niemals direkt auf eine
Frage antwortete, wusste er durch eine Geschichte oder einen Schwank die artigste
und vergnüglichste Erläuterung beizubringen und die Gesellschaft zu
unterrichten, indem er sie erheiterte.
                              Neunzehntes Kapitel
Indem nun Wilhelm auf diese Weise sehr angenehme Stunden zubrachte, befanden
sich Melina und die übrigen in einer desto verdriesslichern Lage. Sie erschienen
unserm Freunde manchmal wie böse Geister und machten ihm nicht bloss durch ihre
Gegenwart, sondern auch oft durch flämische Gesichter und bittre Reden einen
verdriesslichen Augenblick. Serlo hatte sie nicht einmal zu Gastrollen gelassen,
geschweige, dass er ihnen Hoffnung zum Engagement gemacht hätte, und hatte
dessenungeachtet nach und nach ihre sämtlichen Fähigkeiten kennen gelernt. Sooft
sich Schauspieler bei ihm gesellig versammelten, hatte er die Gewohnheit, lesen
zu lassen und manchmal selbst mitzulesen. Er nahm Stücke vor, die noch gegeben
werden sollten, die lange nicht gegeben waren, und zwar meistens nur teilweise.
So liess er auch nach einer ersten Aufführung Stellen, bei denen er etwas zu
erinnern hatte, wiederholen, vermehrte dadurch die Einsicht der Schauspieler und
verstärkte ihre Sicherheit, den rechten Punkt zu treffen. Und wie ein geringer,
aber richtiger Verstand mehr als ein verworrenes und ungeläutertes Genie zur
Zufriedenheit anderer wirken kann, so erhub er mittelmässige Talente durch die
deutliche Einsicht, die er ihnen unmerklich verschafte, zu einer
bewundernswürdigen Fähigkeit. Nicht wenig trug dazu bei, dass er auch Gedichte
lesen liess und in ihnen das Gefühl jenes Reizes erhielt, den ein
wohlvorgetragener Rhytmus in unsrer Seele erregt, anstatt dass man bei andern
Gesellschaften schon anfing, nur diejenige Prosa vorzutragen, wozu einem jeden
der Schnabel gewachsen war.
    Bei solchen Gelegenheiten hatte er auch die sämtlichen angekommenen
Schauspieler kennen lernen, das, was sie waren, und was sie werden konnten,
beurteilt und sich in der Stille vorgenommen, von ihren Talenten bei einer
Revolution, die seiner Gesellschaft drohete, sogleich Vorteil zu ziehen. Er liess
die Sache eine Weile auf sich beruhen, lehnte alle Interzessionen Wilhelms für
sie mit Achselzucken ab, bis er seine Zeit ersah und seinem jungen Freunde ganz
unerwartet den Vorschlag tat, er solle doch selbst bei ihm aufs Teater gehen,
und unter dieser Bedingung wolle er auch die übrigen engagieren.
    »Die Leute müssen also doch so unbrauchbar nicht sein, wie Sie mir solche
bisher geschildert haben«, versetzte ihm Wilhelm, »wenn sie jetzt auf einmal
zusammen angenommen werden können, und ich dächte, ihre Talente müssten auch ohne
mich dieselbigen bleiben.«
    Serlo eröffnete ihm darauf unter dem Siegel der Verschwiegenheit seine Lage:
wie sein erster Liebhaber Miene mache, ihn bei der Erneuerung des Kontrakts zu
steigern, und wie er nicht gesinnt sei, ihm nachzugeben, besonders da die Gunst
des Publikums gegen ihn so gross nicht mehr sei. Liesse er diesen gehen, so würde
sein ganzer Anhang ihm folgen, wodurch denn die Gesellschaft einige gute, aber
auch einige mittelmässige Glieder verlöre. Hierauf zeigte er Wilhelmen, was er
dagegen an ihm, an Laertes, dem alten Polterer und selbst an Frau Melina zu
gewinnen hoffe. Ja, er versprach dem armen Pedanten als Juden, Minister und
überhaupt als Bösewicht einen entschiedenen Beifall zu verschaffen.
    Wilhelm stutzte und vernahm den Vortrag nicht ohne Unruhe, und nur um etwas
zu sagen, versetzte er, nachdem er tief Atem geholt hatte: »Sie sprechen auf
eine sehr freundliche Weise nur von dem Guten, was Sie an uns finden und von uns
hoffen; wie sieht es denn aber mit den schwachen Seiten aus, die Ihrem
Scharfsinne gewiss nicht entgangen sind?«
    »Die wollen wir bald durch Fleiss, Übung und Nachdenken zu starken Seiten
machen«, versetzte Serlo. »Es ist unter euch allen, die ihr denn doch nur
Naturalisten und Pfuscher seid, keiner, der nicht mehr oder weniger Hoffnung von
sich gäbe; denn soviel ich alle beurteilen kann, so ist kein einziger Stock
darunter, und Stöcke allein sind die Unverbesserlichen, sie mögen nun aus
Eigendünkel, Dummheit oder Hypochondrie ungelenk und unbiegsam sein.«
    Serlo legte darauf mit wenigen Worten die Bedingungen dar, die er machen
könne und wolle, bat Wilhelmen um schleunige Entscheidung und verliess ihn in
nicht geringer Unruhe.
    Bei der wunderlichen und gleichsam nur zum Scherz unternommenen Arbeit jener
fingierten Reisebeschreibung, die er mit Laertes zusammensetzte, war er auf die
Zustände und das tägliche Leben der wirklichen Welt aufmerksamer geworden, als
er sonst gewesen war. Er begriff jetzt selbst erst die Absicht des Vaters, als
er ihm die Führung des Journals so lebhaft empfohlen. Er fühlte zum ersten Male,
wie angenehm und nützlich es sein könne, sich zur Mittelsperson so vieler
Gewerbe und Bedürfnisse zu machen und bis in die tiefsten Gebirge und Wälder des
festen Landes Leben und Tätigkeit verbreiten zu helfen. Die lebhafte
Handelsstadt, in der er sich befand, gab ihm bei der Unruhe des Laertes, der ihn
überall mit herumschleppte, den anschaulichsten Begriff eines grossen
Mittelpunktes, woher alles ausfliesst, und wohin alles zurückkehrt, und es war
das erste Mal, dass sein Geist im Anschauen dieser Art von Tätigkeit sich
wirklich ergötzte. In diesem Zustande hatte ihm Serlo den Antrag getan und seine
Wünsche, seine Neigung, sein Zutrauen auf ein angeborenes Talent und seine
Verpflichtung gegen die hülflose Gesellschaft wieder rege gemacht.
    »Da steh' ich nun«, sagte er zu sich selbst, »abermals am Scheidewege
zwischen den beiden Frauen, die mir in meiner Jugend erschienen. Die eine sieht
nicht mehr so kümmerlich aus wie damals, und die andere nicht so prächtig. Der
einen wie der andern zu folgen, fühlst du eine Art von innerm Beruf, und von
beiden Seiten sind die äussern Anlässe stark genug; es scheint dir unmöglich,
dich zu entscheiden; du wünschest, dass irgendein Übergewicht von aussen deine
Wahl bestimmen möge, und doch, wenn du dich recht untersuchst, so sind es nur
äussere Umstände, die dir eine Neigung zu Gewerb, Erwerb und Besitz einflössen,
aber dein innerstes Bedürfnis erzeugt und nährt den Wunsch, die Anlagen, die in
dir zum Guten und Schönen ruhen mögen, sie seien körperlich oder geistig, immer
mehr zu entwickeln und auszubilden. Und muss ich nicht das Schicksal verehren,
das mich ohne mein Zutun hierher an das Ziel aller meiner Wünsche führt?
Geschieht nicht alles, was ich mir ehemals ausgedacht und vorgesetzt, nun
zufällig ohne mein Mitwirken? Sonderbar genug! Der Mensch scheint mit nichts
vertrauter zu sein als mit seinen Hoffnungen und Wünschen, die er lange im
Herzen nährt und bewahrt, und doch, wenn sie ihm nun begegnen, wenn sie sich ihm
gleichsam aufdringen, erkennt er sie nicht und weicht vor ihnen zurück. Alles,
was ich mir vor jener unglücklichen Nacht, die mich von Marianen entfernte, nur
träumen liess, steht vor mir und bietet sich mir selbst an. Hierher wollte ich
flüchten und bin sachte hergeleitet worden; bei Serlo wollte ich unterzukommen
suchen, er sucht nun mich und bietet mir Bedingungen an, die ich als Anfänger
nie erwarten konnte. War es denn bloss Liebe zu Marianen, die mich ans Teater
fesselte? oder war es Liebe zur Kunst, die mich an das Mädchen festknüpfte? War
jene Aussicht, jener Ausweg nach der Bühne bloss einem unordentlichen, unruhigen
Menschen willkommen, der ein Leben fortzusetzen wünschte, das ihm die
Verhältnisse der bürgerlichen Welt nicht gestatteten, oder war es alles anders,
reiner, würdiger? Und was sollte dich bewegen können, deine damaligen
Gesinnungen zu ändern? Hast du nicht vielmehr bisher selbst unwissend deinen
Plan verfolgt? Ist nicht der letzte Schritt noch mehr zu billigen, da keine
Nebenabsichten dabei im Spiele sind, und da du zugleich ein feierlich gegebenes
Wort halten und dich auf eine edle Weise von einer schweren Schuld befreien
kannst?«
    Alles, was in seinem Herzen und seiner Einbildungskraft sich bewegte,
wechselte nun auf das lebhafteste gegeneinander ab. Dass er seine Mignon behalten
könne, dass er den Harfner nicht zu verstossen brauche, war kein kleines Gewicht
auf der Waagschale, und doch schwankte sie noch hin und wider, als er seine
Freundin Aurelie gewohnterweise zu besuchen ging.
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Er fand sie auf ihrem Ruhebette; sie schien stille. »Glauben Sie noch morgen
spielen zu können?« fragte er. »O ja«, versetzte sie lebhaft; »Sie wissen, daran
hindert mich nichts. - Wenn ich nur ein Mittel wüsste, den Beifall unsers
Parterres von mir abzulehnen! sie meinen es gut und werden mich noch umbringen.
Vorgestern dacht' ich, das Herz müsste mir reissen! Sonst konnt' ich es wohl
leiden, wenn ich mir selbst gefiel; wenn ich lange studiert und mich vorbereitet
hatte, dann freute ich mich, wenn das willkommene Zeichen, nun sei es gelungen,
von allen Enden widertönte. Jetzo sag' ich nicht, was ich will, nicht, wie ich's
will; ich werde hingerissen; ich verwirre mich, und mein Spiel macht einen weit
grössern Eindruck. Der Beifall wird lauter, und ich denke: Wüsstet ihr, was euch
entzückt! Die dunkeln, heftigen, unbestimmten Anklänge rühren euch, zwingen euch
Bewunderung ab, und ihr fühlt nicht, dass es die Schmerzenstöne der Unglücklichen
sind, der ihr euer Wohlwollen geschenkt habt.
    Heute früh hab' ich gelernt, jetzt wiederholt und versucht. Ich bin müde,
zerbrochen, und morgen geht es wieder von vorn an. Morgen abend soll gespielt
werden. So schlepp' ich mich hin und her; es ist mir langweilig, aufzustehen,
und verdriesslich, zu Bette zu gehen. Alles macht einen ewigen Zirkel in mir.
Dann treten die leidigen Tröstungen vor mir auf, dann werf' ich sie weg und
verwünsche sie. Ich will mich nicht ergeben, nicht der Notwendigkeit ergeben -
warum soll das notwendig sein, was mich zugrunde richtet? Könnte es nicht auch
anders sein? Ich muss es eben bezahlen, dass ich eine Deutsche bin: es ist der
Charakter der Deutschen, dass sie über allem schwer werden, dass alles über ihnen
schwer wird.«
    »O, meine Freundin«, fiel Wilhelm ein, »könnten Sie doch aufhören, selbst
den Dolch zu schärfen, mit dem Sie sich unablässig verwunden! Bleibt Ihnen denn
nichts? Ist denn Ihre Jugend, Ihre Gestalt, Ihre Gesundheit, sind Ihre Talente
nichts? Wenn Sie ein Gut ohne Ihr Verschulden verloren haben, müssen Sie denn
alles übrige hinterdrein werfen? Ist das auch notwendig?«
    Sie schwieg einige Augenblicke, dann fuhr sie auf: »Ich weiss es wohl, dass es
Zeitverderb ist, nichts als Zeitverderb ist die Liebe! Was hätte ich nicht tun
können! tun sollen! Nun ist alles rein zu nichts geworden. Ich bin ein armes,
verliebtes Geschöpf, nichts als verliebt! Haben Sie Mitleiden mit mir, bei Gott,
ich bin ein armes Geschöpf!«
    Sie versank in sich, und nach einer kurzen Pause rief sie heftig aus: »Ihr
seid gewohnt, dass sich euch alles an den Hals wirft. Nein, ihr könnt es nicht
fühlen, kein Mann ist imstande, den Wert eines Weibes zu fühlen, das sich zu
ehren weiss! Bei allen heiligen Engeln, bei allen Bildern der Seligkeit, die sich
ein reines, gutmütiges Herz erschafft, es ist nichts Himmlischeres als ein
weibliches Wesen, das sich dem geliebten Manne hingibt! Wir sind kalt, stolz,
hoch, klar, klug, wenn wir verdienen, Weiber zu heissen, und alle diese Vorzüge
legen wir euch zu Füssen, sobald wir lieben, sobald wir hoffen, Gegenliebe zu
erwerben. O wie hab' ich mein ganzes Dasein so mit Wissen und Willen
weggeworfen! Aber nun will ich auch verzweifeln, absichtlich verzweifeln. Es
soll kein Blutstropfen in mir sein, der nicht gestraft wird, keine Faser, die
ich nicht peinigen will. Lächeln Sie nur, lachen Sie nur über den teatralischen
Aufwand von Leidenschaft!«
    Fern war von unserm Freunde jede Anwandlung des Lachens. Der entsetzliche
halb natürliche, halb erzwungene Zustand seiner Freundin peinigte ihn nur zu
sehr. Er empfand die Foltern der unglücklichen Anspannung mit: sein Gehirn
zerrüttete sich, und sein Blut war in einer fieberhaften Bewegung.
    Sie war aufgestanden und ging in der Stube hin und wider. »Ich sage mir
alles vor«, rief sie aus, »warum ich ihn nicht lieben sollte. Ich weiss auch, dass
er es nicht wert ist; ich wende mein Gemüt ab, dahin und dortin, beschäftige
mich, wie es nur gehen will. Bald nehm' ich eine Rolle vor, wenn ich sie auch
nicht zu spielen habe; ich übe die alten, die ich durch und durch kenne,
fleissiger und fleissiger ins einzelne und übe und übe - mein Freund, mein
Vertrauter, welche entsetzliche Arbeit ist es, sich mit Gewalt von sich selbst
zu entfernen! Mein Verstand leidet, mein Gehirn ist so angespannt; und mich vom
Wahnsinne zu retten, überlass' ich mich wieder dem Gefühle, dass ich ihn liebe. -
Ja, ich liebe ihn, ich liebe ihn!« rief sie unter tausend Tränen, »ich liebe
ihn, und so will ich sterben.«
    Er fasste sie bei der Hand und bat sie auf das inständigste, sich nicht
selbst aufzureiben. »O«, sagte er, »wie sonderbar ist es, dass dem Menschen nicht
allein so manches Unmögliche, sondern auch so manches Mögliche versagt ist. Sie
waren nicht bestimmt, ein treues Herz zu finden, das Ihre ganze Glückseligkeit
würde gemacht haben. Ich war dazu bestimmt, das ganze Heil meines Lebens an eine
Unglückliche festzuknüpfen, die ich durch die Schwere meiner Treue wie ein Rohr
zu Boden zog, ja vielleicht gar zerbrach.«
    Er hatte Aurelien seine Geschichte mit Marianen vertraut und konnte sich
also jetzt darauf beziehen. Sie sah ihm starr in die Augen und fragte: »Können
Sie sagen, dass Sie noch niemals ein Weib betrogen, dass Sie keiner mit
leichtsinniger Galanterie, mit frevelhafter Beteurung, mit herzlockenden
Schwüren ihre Gunst abzuschmeicheln gesucht?«
    »Das kann ich«, versetzte Wilhelm, »und zwar ohne Ruhmredigkeit; denn mein
Leben war sehr einfach, und ich bin selten in die Versuchung geraten, zu
versuchen. Und welche Warnung, meine schöne, meine edle Freundin, ist mir der
traurige Zustand, in den ich Sie versetzt sehe! Nehmen Sie ein Gelübde von mir,
das meinem Herzen ganz angemessen ist, das durch die Rührung, die Sie mir
einflössten, sich bei mir zur Sprache und Form bestimmt und durch diesen
Augenblick geheiligt wird: Jeder flüchtigen Neigung will ich widerstehen und
selbst die ernstlichsten in meinem Busen bewahren; kein weibliches Geschöpf soll
ein Bekenntnis der Liebe von meinen Lippen vernehmen, dem ich nicht mein ganzes
Leben widmen kann!«
    Sie sah ihn mit einer wilden Gleichgültigkeit an und entfernte sich, als er
ihr die Hand reichte, um einige Schritte. »Es ist nichts daran gelegen!« rief
sie; »so viel Weibertränen mehr oder weniger, die See wird darum doch nicht
wachsen. Doch«, fuhr sie fort, »unter Tausenden eine gerettet, das ist doch
etwas, unter Tausenden einen Redlichen gefunden, das ist anzunehmen! Wissen Sie
auch, was Sie versprechen?«
    »Ich weiss es«, versetzte Wilhelm lächelnd und hielt seine Hand hin.
    »Ich nehm' es an«, versetzte sie und machte eine Bewegung mit ihrer Rechten,
so dass er glaubte, sie würde die seine fassen; aber schnell fuhr sie in die
Tasche, riss den Dolch blitzgeschwind heraus und fuhr mit Spitze und Schneide ihm
rasch über die Hand weg. Er zog sie schnell zurück, aber schon lief das Blut
herunter.
    »Man muss euch Männer scharf zeichnen, wenn ihr merken sollt!« rief sie mit
einer wilden Heiterkeit aus, die bald in eine hastige Geschäftigkeit überging.
Sie nahm ihr Schnupftuch und umwickelte seine Hand damit, um das erste
hervordringende Blut zu stillen. »Verzeihen Sie einer Halbwahnsinnigen«, rief
sie aus, »und lassen Sie sich diese Tropfen Bluts nicht reuen. Ich bin versöhnt,
ich bin wieder bei mir selber. Auf meinen Knieen will ich Abbitte tun, lassen
Sie mir den Trost, Sie zu heilen.«
    Sie eilte nach ihrem Schranke, holte Leinwand und einiges Gerät, stillte das
Blut und besah die Wunde sorgfältig. Der Schnitt ging durch den Ballen gerade
unter dem Daumen teilte die Lebenslinie und lief gegen den kleinen Finger aus.
Sie verband ihn still und mit einer nachdenklichen Bedeutsamkeit in sich
gekehrt. Er fragte einigemal: »Beste, wie konnten Sie Ihren Freund verletzen?«
    »Still«, erwiderte sie, indem sie den Finger auf den Mund legte; »still!«
 
                                  Fünftes Buch
                                  Erstes Kapitel
So hatte Wilhelm zu seinen zwei kaum geheilten Wunden abermals eine frische
dritte, die ihm nicht wenig unbequem war. Aurelie wollte nicht zugeben, dass er
sich eines Wundarztes bediente; sie selbst verband ihn unter allerlei
wunderlichen Reden, Zeremonien und Sprüchen und setzte ihn dadurch in eine sehr
peinliche Lage. Doch nicht er allein, sondern alle Personen, die sich in ihrer
Nähe befanden, litten durch ihre Unruhe und Sonderbarkeit; niemand aber mehr als
der kleine Felix. Das lebhafte Kind war unter einem solchen Druck höchst
ungeduldig und zeigte sich immer unartiger, je mehr sie es tadelte und
zurechtwies.
    Der Knabe gefiel sich in gewissen Eigenheiten, die man auch Unarten zu
nennen pflegt, und die sie ihm keineswegs nachzusehen gedachte. Er trank zum
Beispiel lieber aus der Flasche als aus dem Glase, und offenbar schmeckten ihm
die Speisen aus der Schüssel besser als von dem Teller. Eine solche
Unschicklichkeit wurde nicht übersehen, und wenn er nun gar die Türe aufliess
oder zuschlug und, wenn ihm etwas befohlen wurde, entweder nicht von der Stelle
wich oder ungestüm davonrannte, so musste er eine grosse Lektion anhören, ohne dass
er darauf je einige Besserung hätte spüren lassen. Vielmehr schien die Neigung
zu Aurelien sich täglich mehr zu verlieren; in seinem Tone war nichts
Zärtliches, wenn er sie Mutter nannte, er hing vielmehr leidenschaftlich an der
alten Amme, die ihm denn freilich allen Willen liess.
    Aber auch diese war seit einiger Zeit so krank geworden, dass man sie aus dem
Hause in ein stilles Quartier bringen musste, und Felix hätte sich ganz allein
gesehen, wäre nicht Mignon auch ihm als ein liebevoller Schutzgeist erschienen.
Auf das artigste unterhielten sich beide Kinder miteinander; sie lehrte ihm
kleine Lieder, und er, der ein sehr gutes Gedächtnis hatte, rezitierte sie oft
zur Verwunderung der Zuhörer. Auch wollte sie ihm die Landkarten erklären, mit
denen sie sich noch immer sehr abgab, wobei sie jedoch nicht mit der besten
Metode verfuhr. Denn eigentlich schien sie bei den Ländern kein besonderes
Interesse zu haben, als ob sie kalt oder warm seien. Von den Weltpolen, von dem
schrecklichen Eise daselbst und von der zunehmenden Wärme, je mehr man sich von
ihnen entfernte, wusste sie sehr gut Rechenschaft zu geben. Wenn jemand reiste,
fragte sie nur, ob er nach Norden oder nach Süden gehe, und bemühte sich, die
Wege auf ihren kleinen Karten aufzufinden. Besonders wenn Wilhelm von Reisen
sprach, war sie sehr aufmerksam und schien sich immer zu betrüben, sobald das
Gespräch auf eine andere Materie überging. So wenig man sie bereden konnte, eine
Rolle zu übernehmen, oder auch nur, wenn gespielt wurde, auf das Teater zu
gehen, so gern und fleissig lernte sie Oden und Lieder auswendig und erregte,
wenn sie ein solches Gedicht, gewöhnlich von der ernsten und feierlichen Art,
oft unvermutet wie aus dem Stegreife deklamierte, bei jedermann Erstaunen.
    Serlo, der auf jede Spur eines aufkeimenden Talentes zu achten gewohnt war,
suchte sie aufzumuntern; am meisten aber empfahl sie sich ihm durch einen sehr
artigen, mannigfaltigen und manchmal selbst muntern Gesang, und auf eben diesem
Wege hatte sich der Harfenspieler seine Gunst erworben.
    Serlo, ohne selbst Genie zur Musik zu haben oder irgendein Instrument zu
spielen, wusste ihren hohen Wert zu schätzen; er suchte sich so oft als möglich
diesen Genuss, der mit keinem andern verglichen werden kann, zu verschaffen. Er
hatte wöchentlich einmal Konzert, und nun hatte sich ihm durch Mignon, den
Harfenspieler und Laertes, der auf der Violine nicht ungeschickt war, eine
wunderliche kleine Hauskapelle gebildet.
    Er pflegte zu sagen: »Der Mensch ist so geneigt, sich mit dem Gemeinsten
abzugeben, Geist und Sinne stumpfen sich so leicht gegen die Eindrücke des
Schönen und Vollkommnen ab, dass man die Fähigkeit, es zu empfinden, bei sich auf
alle Weise erhalten sollte. Denn einen solchen Genuss kann niemand ganz
entbehren, und nur die Ungewohnteit, etwas Gutes zu geniessen, ist Ursache, dass
viele Menschen schon am Albernen und Abgeschmackten, wenn es nur neu ist,
Vergnügen finden. Man sollte«, sagte er, »alle Tage wenigstens ein kleines Lied
hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es
möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.«
    Bei diesen Gesinnungen, die Serlo gewissermassen natürlich waren, konnte es
den Personen, die ihn umgaben, nicht an angenehmer Unterhaltung fehlen. Mitten
in diesem vergnüglichen Zustande brachte man Wilhelmen eines Tags einen
schwarzgesiegelten Brief. Werners Petschaft deutete auf eine traurige Nachricht,
und er erschrak nicht wenig, als er den Tod seines Vaters nur mit einigen Worten
angezeigt fand. Nach einer unerwarteten kurzen Krankheit war er aus der Welt
gegangen und hatte seine häuslichen Angelegenheiten in der besten Ordnung
hinterlassen.
    Diese unvermutete Nachricht traf Wilhelmen im Innersten. Er fühlte tief, wie
unempfindlich man oft Freunde und Verwandte, solange sie sich mit uns des
irdischen Aufentaltes erfreuen, vernachlässigt und nur dann erst die Versäumnis
bereut, wenn das schöne Verhältnis wenigstens für diesmal aufgehoben ist. Auch
konnte der Schmerz über das zeitige Absterben des braven Mannes nur durch das
Gefühl gelindert werden, dass er auf der Welt wenig geliebt, und durch die
Überzeugung, dass er wenig genossen habe.
    Wilhelms Gedanken wandten sich nun bald auf seine eigenen Verhältnisse, und
er fühlte sich nicht wenig beunruhigt. Der Mensch kann in keine gefährlichere
Lage versetzt werden, als wenn durch äussere Umstände eine grosse Veränderung
seines Zustandes bewirkt wird, ohne dass seine Art zu empfinden und zu denken
darauf vorbereitet ist. Es gibt alsdann eine Epoche ohne Epoche, und es entsteht
nur ein desto grösserer Widerspruch, je weniger der Mensch bemerkt, dass er zu dem
neuen Zustande noch nicht ausgebildet sei.
    Wilhelm sah sich in einem Augenblicke frei, in welchem er mit sich selbst
noch nicht einig werden konnte. Seine Gesinnungen waren edel, seine Absichten
lauter, und seine Vorsätze schienen nicht verwerflich. Das alles durfte er sich
mit einigem Zutrauen selbst bekennen; allein er hatte Gelegenheit genug gehabt,
zu bemerken, dass es ihm an Erfahrung fehle, und er legte daher auf die Erfahrung
anderer und auf die Resultate, die sie daraus mit Überzeugung ableiteten, einen
übermässigen Wert und kam dadurch nur immer mehr in die Irre. Was ihm fehlte,
glaubte er am ersten zu erwerben, wenn er alles Denkwürdige, was ihm in Büchern
und im Gespräch vorkommen mochte, zu erhalten und zu sammeln unternähme. Er
schrieb daher fremde und eigene Meinungen und Ideen, ja ganze Gespräche, die ihm
interessant waren, auf und hielt leider auf diese Weise das Falsche so gut als
das Wahre fest, blieb viel zu lange an einer Idee, ja man möchte sagen an einer
Sentenz hängen, und verliess dabei seine natürliche Denk- und Handelsweise indem
er oft fremden Lichtern als Leitsternen folgte. Aureliens Bitterkeit und seines
Freundes Laertes kalte Verachtung der Menschen bestachen öfter, als billig war,
sein Urteil; niemand aber war ihm gefährlicher gewesen als Jarno, ein Mann,
dessen heller Verstand von gegenwärtigen Dingen ein richtiges, strenges Urteil
fällte, dabei aber den Fehler hatte, dass er diese einzelnen Urteile mit einer
Art von Allgemeinheit aussprach, da doch die Aussprüche des Verstandes
eigentlich nur einmal, und zwar in dem bestimmtesten Falle gelten und schon
unrichtig werden, wenn man sie auf den nächsten anwendet.
    So entfernte sich Wilhelm, indem er mit sich selbst einig zu werden strebte,
immer mehr von der heilsamen Einheit, und bei dieser Verwirrung ward es seinen
Leidenschaften um so leichter, alle Zurüstungen zu ihrem Vorteil zu gebrauchen
und ihn über das, was er zu tun hatte, nur noch mehr zu verwirren.
    Serlo benutzte die Todespost zu seinem Vorteil, und wirklich hatte er auch
täglich immer mehr Ursache, an eine andere Einrichtung seines Schauspiels zu
denken. Er musste entweder seine alten Kontrakte erneuern, wozu er keine grosse
Lust hatte, indem mehrere Mitglieder, die sich für unentbehrlich hielten,
täglich unleidlicher wurden; oder er musste, wohin auch sein Wunsch ging, der
Gesellschaft eine ganz neue Gestalt geben.
    Ohne selbst in Wilhelmen zu dringen, regte er Aurelien und Philinen auf; und
die übrigen Gesellen, die sich nach Engagement sehnten, liessen unserm Freunde
gleichfalls keine Ruhe, so dass er mit ziemlicher Verlegenheit an einem
Scheidewege stand. Wer hätte gedacht, dass ein Brief von Wernern, der ganz im
entgegengesetzten Sinne geschrieben war, ihn endlich zu einer Entschliessung
hindrängen sollte. Wir lassen nur den Eingang weg und geben übrigens das
Schreiben mit weniger Veränderung.
 
                                Zweites Kapitel
»- So war es und so muss es denn auch wohl recht sein, dass jeder bei jeder
Gelegenheit seinem Gewerbe nachgeht und seine Tätigkeit zeigt. Der gute Alte war
kaum verschieden, als auch in der nächsten Viertelstunde schon nichts mehr nach
seinem Sinne im Hause geschah. Freunde, Bekannte und Verwandte drängten sich zu,
besonders aber alle Menschenarten, die bei solchen Gelegenheiten etwas zu
gewinnen haben. Man brachte, man trug, man zahlte, schrieb und rechnete; die
einen holten Wein und Kuchen, die andern tranken und assen; niemanden sah ich
aber ernstafter beschäftigt als die Weiber, indem sie die Trauer aussuchten.
    Du wirst mir also verzeihen, mein Lieber, wenn ich bei dieser Gelegenheit
auch an meinen Vorteil dachte, mich Deiner Schwester so hülfreich und tätig als
möglich zeigte und ihr, sobald es nur einigermassen schicklich war, begreiflich
machte, dass es nunmehr unsre Sache sei, eine Verbindung zu beschleunigen, die
unsre Väter aus allzugrosser Umständlichkeit bisher verzögert hatten.
    Nun musst Du aber ja nicht denken, dass es uns eingefallen sei, das grosse
leere Haus in Besitz zu nehmen. Wir sind bescheidner und vernünftiger; unsern
Plan sollst Du hören. Deine Schwester zieht nach der Heirat gleich in unser Haus
herüber, und sogar auch Deine Mutter mit.
    Wie ist das möglich? wirst Du sagen ihr habt ja selbst in dem Neste kaum
Platz. Das ist eben die Kunst, mein Freund! Die geschickte Einrichtung macht
alles möglich, und Du glaubst nicht, wieviel Platz man findet, wenn man wenig
Raum braucht. Das grosse Haus verkaufen wir, wozu sich sogleich eine gute
Gelegenheit darbietet; das daraus gelöste Geld soll hundertfältige Zinsen
tragen.
    Ich hoffe, Du bist damit einverstanden, und wünsche, dass Du nichts von den
unfruchtbaren Liebhabereien Deines Vaters und Grossvaters geerbt haben mögest.
Dieser setzte seine höchste Glückseligkeit in eine Anzahl unscheinbarer
Kunstwerke, die niemand, ich darf wohl sagen niemand, mit ihm geniessen konnte;
jener lebte in einer kostbaren Einrichtung, die er niemand mit sich geniessen
liess. Wir wollen es anders machen, und ich hoffe Deine Beistimmung.
    Es ist wahr, ich selbst behalte in unserm ganzen Hause keinen Platz als den
an meinem Schreibpulte, und noch seh' ich nicht ab, wo man künftig eine Wiege
hinsetzen will; aber dafür ist der Raum ausser dem Hause desto grösser. Die
Kaffeehäuser und Klubs für den Mann, die Spaziergänge und Spazierfahrten für die
Frau und die schönen Lustörter auf dem Lande für beide. dabei ist der grösste
Vorteil, dass auch unser runder Tisch ganz besetzt ist und es dem Vater unmöglich
wird, Freunde zu sehen, die sich nur desto leichtfertiger über ihn aufhalten, je
mehr er sich Mühe gegeben hat, sie zu bewirten.
    Nur nichts Überflüssiges im Hause! nur nicht zu viel Möbeln, Gerätschaften,
nur keine Kutsche und Pferde! Nichts als Geld, und dann auf eine vernünftige
Weise jeden Tag getan, was dir beliebt. Nur keine Garderobe, immer das Neueste
und Beste auf dem Leibe; der Mann mag seinen Rock abtragen und die Frau den
ihrigen vertrödeln, sobald er nur einigermassen aus der Mode kömmt. Es ist mir
nichts unerträglicher, als so ein alter Kram von Besitztum. Wenn man mir den
kostbarsten Edelstein schenken wollte, mit der Bedingung, ihn täglich am Finger
zu tragen, ich würde ihn nicht annehmen; denn wie lässt sich bei einem toten
Kapital nur irgendeine Freude denken? Das ist also mein lustiges
Glaubensbekenntnis: seine Geschäfte verrichtet, Geld geschafft, sich mit den
Seinigen lustig gemacht und um die übrige Welt sich nicht mehr bekümmert, als
insofern man sie nutzen kann.
    Nun wirst Du aber sagen: Wie ist denn in eurem saubern Plane an mich
gedacht? Wo soll ich unterkommen, wenn ihr mir das väterliche Haus verkauft, und
in dem eurigen nicht der mindeste Raum übrigbleibt?
    
    Das ist freilich der Hauptpunkt, Brüderchen, und auf den werde ich Dir
gleich dienen können, wenn ich Dir vorher das gebührende Lob über Deine
vortrefflich angewendete Zeit werde entrichtet haben.
    Sage nur, wie hast Du es angefangen, in so wenigen Wochen ein Kenner aller
nützlichen und interessanten Gegenstände zu werden? So viel Fähigkeiten ich an
Dir kenne, hätte ich Dir doch solche Aufmerksamkeit und solchen Fleiss nicht
zugetraut. Dein Tagebuch hat uns überzeugt, mit welchem Nutzen Du die Reise
gemacht hast; die Beschreibung der Eisen- und Kupferhämmer ist vortrefflich und
zeigt von vieler Einsicht in die Sache. Ich habe sie ehemals auch besucht; aber
meine Relation, wenn ich sie dagegen halte, sieht sehr stümpermässig aus. Der
ganze Brief über die Leinwandfabrikation ist lehrreich und die Anmerkung über
die Konkurrenz sehr treffend. An einigen Orten hast Du Fehler in der Addition
gemacht, die jedoch sehr verzeihlich sind.
    Was aber mich und meinen Vater am meisten und höchsten freut, sind Deine
gründlichen Einsichten in die Bewirtschaftung und besonders in die Verbesserung
der Feldgüter. Wir haben Hoffnung, ein grosses Gut, das in Sequestration liegt,
in einer sehr fruchtbaren Gegend zu erkaufen. Wir wenden das Geld, das wir aus
dem väterlichen Hause lösen, dazu an; ein Teil wird geborgt, und ein Teil kann
stehenbleiben; und wir rechnen auf Dich, dass Du dahin ziehst, den Verbesserungen
vorstehst, und so kann, um nicht zu viel zu sagen, das Gut in einigen Jahren um
ein Drittel an Wert steigen; man verkauft es wieder, sucht ein grösseres,
verbessert und handelt wieder, und dazu bist Du der Mann. Unsere Federn sollen
indes zu Hause nicht müssig sein, und wir wollen uns bald in einen
beneidenswerten Zustand versetzen.
    Jetzt lebe wohl! Geniesse das Leben auf der Reise und ziehe hin, wo Du es
vergnüglich und nützlich findest. Vor dem ersten halben Jahre bedürfen wir
Deiner nicht; Du kannst Dich also nach Belieben in der Welt umsehen, denn die
beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen. Lebe wohl, ich freue
mich, so nahe mit Dir verbunden, auch nunmehr im Geist der Tätigkeit mit Dir
vereint zu werden.«
    So gut dieser Brief geschrieben war, und so viel ökonomische Weisheit er
entalten mochte, missfiel er doch Wilhelmen auf mehr als eine Weise. Das Lob,
das er über seine fingierten statistischen, technologischen und ruralischen
Kenntnisse erhielt, war ihm ein stiller Vorwurf, und das Ideal, das ihm sein
Schwager vom Glück des bürgerlichen Lebens vorzeichnete, reizte ihn keineswegs;
vielmehr ward er durch einen heimlichen Geist des Widerspruchs mit Heftigkeit
auf die entgegengesetzte Seite getrieben. Er überzeugte sich, dass er nur auf dem
Teater die Bildung, die er sich zu geben wünschte, vollenden könne, und schien
in seinem Entschlusse nur desto mehr bestärkt zu werden, je lebhafter Werner,
ohne es zu wissen, sein Gegner geworden war. Er fasste darauf alle seine
Argumente zusammen und bestätigte bei sich seine Meinung nur um desto mehr, je
mehr er Ursache zu haben glaubte, sie dem klugen Werner in einem günstigen
Lichte darzustellen, und auf diese Weise entstand eine Antwort, die wir
gleichfalls einrücken.
 
                                Drittes Kapitel
»Dein Brief ist so wohl geschrieben und so gescheit und klug gedacht, dass sich
nichts mehr dazusetzen lässt. Du wirst mir aber verzeihen, wenn ich sage, dass man
gerade das Gegenteil davon meinen, behaupten und tun, und doch auch recht haben
kann. Deine Art zu sein und zu denken geht auf einen unbeschränkten Besitz und
auf eine leichte, lustige Art zu geniessen hinaus, und ich brauche Dir kaum zu
sagen, dass ich daran nichts, was mich reizte, finden kann.
    Zuerst muss ich Dir leider bekennen, dass mein Tagebuch aus Not, um meinem
Vater gefällig zu sein, mit Hülfe eines Freundes aus mehreren Büchern
zusammengeschrieben ist, und dass ich wohl die darin entaltenen Sachen und noch
mehrere dieser Art weiss, aber keinesweges verstehe, noch mich damit abgeben mag.
Was hilft es mir, gutes Eisen zu fabrizieren, wenn mein eigenes Inneres voller
Schlacken ist? und was, ein Landgut in Ordnung zu bringen, wenn ich mit mir
selber uneins bin?
    Dass ich Dir's mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin,
auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht. Noch
hege ich eben diese Gesinnungen, nur dass mir die Mittel, die mir es möglich
machen werden, etwas deutlicher sind. Ich habe mehr Welt gesehen, als Du
glaubst, und sie besser benutzt, als Du denkst. Schenke deswegen dem, was ich
sage, einige Aufmerksamkeit, wenn es gleich nicht ganz nach Deinem Sinne sein
sollte.
    Wäre ich ein Edelmann, so wäre unser Streit bald abgetan; da ich aber nur
ein Bürger bin, so muss ich einen eigenen Weg nehmen, und ich wünsche, dass Du
mich verstehen mögest. Ich weiss nicht, wie es in fremden Ländern ist, aber in
Deutschland ist nur dem Edelmann eine gewisse allgemeine, wenn ich sagen darf,
personelle Ausbildung möglich. Ein Bürger kann sich Verdienst erwerben und zur
höchsten Not seinen Geist ausbilden; seine Persönlichkeit geht aber verloren, er
mag sich stellen, wie er will. Indem es dem Edelmann, der mit den Vornehmsten
umgeht, zur Pflicht wird, sich selbst einen vornehmen Anstand zu geben, indem
dieser Anstand, da ihm weder Tür noch Tor verschlossen ist, zu einem freien
Anstand wird, da er mit seiner Figur, mit seiner Person, es sei bei Hofe oder
bei der Armee, bezahlen muss, so hat er Ursache, etwas auf sie zu halten und zu
zeigen, dass er etwas auf sie hält. Eine gewisse feierliche Grazie bei
gewöhnlichen Dingen, eine Art von leichtsinniger Zierlichkeit bei ernstaften
und wichtigen kleidet ihn wohl, weil er sehen lässt, dass er überall im
Gleichgewicht steht. Er ist eine öffentliche Person, und je ausgebildeter seine
Bewegungen, je sonorer seine Stimme, je gehaltner und gemessener sein ganzes
Wesen ist, desto vollkommner ist er. Wenn er gegen Hohe und Niedre, gegen
Freunde und Verwandte immer ebenderselbe bleibt, so ist nichts an ihm
auszusetzen, man darf ihn nicht anders wünschen. Er sei kalt, aber verständig;
verstellt, aber klug. Wenn er sich äusserlich in jedem Momente seines Lebens zu
beherrschen weiss, so hat niemand eine weitere Forderung an ihn zu machen, und
alles übrige, was er an und um sich hat, Fähigkeit, Talent, Reichtum, alles
scheinen nur Zugaben zu sein.
    Nun denke Dir irgendeinen Bürger, der an jene Vorzüge nur einigen Anspruch
zu machen gedächte; durchaus muss es ihm misslingen, und er müsste desto
unglücklicher werden, je mehr sein Naturell ihm zu jener Art zu sein Fähigkeit
und Trieb gegeben hätte.
    Wenn der Edelmann im gemeinen Leben gar keine Grenzen kennt, wenn man aus
ihm Könige oder königähnliche Figuren erschaffen kann, so darf er überall mit
einem stillen Bewusstsein vor seinesgleichen treten; er darf überall vorwärts
dringen, anstatt dass dem Bürger nichts besser ansteht, als das reine, stille
Gefühl der Grenzlinie, die ihm gezogen ist. Er darf nicht fragen Was bist du?,
sondern nur Was hast du? welche Einsicht, welche Kenntnis, welche Fähigkeit,
wieviel Vermögen? Wenn der Edelmann durch die Darstellung seiner Person alles
gibt, so gibt der Bürger durch seine Persönlichkeit nichts und soll nichts
geben. Jener darf und soll scheinen; dieser soll nur sein, und was er scheinen
will, ist lächerrlich oder abgeschmackt. Jener soll tun und wirken, dieser soll
leisten und schaffen; er soll einzelne Fähigkeiten ausbilden, um brauchbar zu
werden, und es wird schon vorausgesetzt, dass in seinem Wesen keine Harmonie sei
noch sein dürfe, weil er, um sich auf eine Weise brauchbar zu machen, alles
übrige vernachlässigen muss.
    An diesem Unterschiede ist nicht etwa die Anmassung der Edelleute und die
Nachgiebigkeit der Bürger, sondern die Verfassung der Gesellschaft selbst
schuld; ob sich daran einmal etwas ändern wird und was sich ändern wird,
bekümmert mich wenig; genug, ich habe, wie die Sachen jetzt stehen, an mich
selbst zu denken, und wie ich mich selbst und das, was mir ein unerlässliches
Bedürfnis ist, rette und erreiche.
    Ich habe nun einmal gerade zu jener harmonischen Ausbildung meiner Natur,
die mir meine Geburt versagt, eine unwiderstehliche Neigung. Ich habe, seit ich
Dich verlassen, durch Leibesübung viel gewonnen; ich habe viel von meiner
gewöhnlichen Verlegenheit abgelegt und stelle mich so ziemlich dar. Ebenso habe
ich meine Sprache und Stimme ausgebildet, und ich darf ohne Eitelkeit sagen, dass
ich in Gesellschaften nicht missfalle. Nun leugne ich Dir nicht, dass mein Trieb
täglich unüberwindlicher wird, eine öffentliche Person zu sein, und in einem
weitern Kreise zu gefallen und zu wirken. Dazu kömmt meine Neigung zur
Dichtkunst und zu allem, was mit ihr in Verbindung steht, und das Bedürfnis,
meinen Geist und Geschmack auszubilden, damit ich nach und nach auch bei dem
Genuss, den ich nicht entbehren kann, nur das Gute wirklich für gut und das
Schöne für schön halte. Du siehst wohl, dass das alles für mich nur auf dem
Teater zu finden ist, und dass ich mich in diesem einzigen Elemente nach Wunsch
rühren und ausbilden kann. Auf den Brettern erscheint der gebildete Mensch so
gut persönlich in seinem Glanz als in den obern Klassen; Geist und Körper müssen
bei jeder Bemühung gleichen Schritt gehen, und ich werde da so gut sein und
scheinen können als irgend anderswo. Suche ich daneben noch Beschäftigungen, so
gibt es dort mechanische Quälereien genug, und ich kann meiner Geduld tägliche
Übung verschaffen.
    Disputiere mit mir nicht darüber; denn eh' Du mir schreibst, ist der Schritt
schon geschehen. Wegen der herrschenden Vorurteile will ich meinen Namen
verändern, weil ich mich ohnehin schäme, als Meister aufzutreten. Lebewohl.
Unser Vermögen ist in so guter Hand, dass ich mich darum gar nicht bekümmere; was
ich brauche, verlange ich gelegentlich von Dir; es wird nicht viel sein, denn
ich hoffe, dass mich meine Kunst auch nähren soll.«
    Der Brief war kaum abgeschickt, als Wilhelm auf der Stelle Wort hielt und zu
Serlos und der übrigen grossen Verwunderung sich auf einmal erklärte, dass er sich
zum Schauspieler widme und einen Kontrakt auf billige Bedingungen eingehen
wolle. Man war hierüber bald einig, denn Serlo hatte schon früher sich so
erklärt, dass Wilhelm und die übrigen damit gar wohl zufrieden sein konnten. Die
ganze verunglückte Gesellschaft, mit der wir uns so lange unterhalten haben,
ward auf einmal angenommen, ohne dass jedoch, ausser etwa Laertes, sich einer
gegen Wilhelmen dankbar erzeigt hätte. Wie sie ohne Zutrauen gefordert hatten,
so empfingen sie ohne Dank. Die meisten wollten lieber ihre Anstellung dem
Einflusse Philinens zuschreiben, und richteten ihre Danksagungen an sie.
Indessen wurden die ausgefertigten Kontrakte unterschrieben, und durch eine
unerklärliche Verknüpfung von Ideen entstand vor Wilhelms Einbildungskraft in
dem Augenblicke, als er seinen fingierten Namen unterzeichnete, das Bild jenes
Waldplatzes, wo er verwundet in Philinens Schoss gelegen. Auf einem Schimmel kam
die liebenswürdige Amazone aus den Büschen, nahte sich ihm und stieg ab. Ihr
menschenfreundliches Bemühen hiess sie gehen und kommen; endlich stand sie vor
ihm. Das Kleid fiel von ihren Schultern; ihr Gesicht, ihre Gestalt fing an zu
glänzen, und sie verschwand. So schrieb er seinen Namen nur mechanisch hin, ohne
zu wissen, was er tat, und fühlte erst, nachdem er unterzeichnet hatte, dass
Mignon an seiner Seite stand, ihn am Arm hielt und ihm die Hand leise
wegzuziehen versucht hatte.
 
                                Viertes Kapitel
Eine der Bedingungen, unter denen Wilhelm sich aufs Teater begab, war von Serlo
nicht ohne Einschränkung zugestanden worden. Jener verlangte, dass »Hamlet« ganz
und unzerstückt aufgeführt werden sollte, und dieser liess sich das wunderliche
Begehren insofern gefallen, als es möglich sein würde. Nun hatten sie hierüber
bisher manchen Streit gehabt, denn was möglich oder nicht möglich sei, und was
man von dem Stück weglassen könne, ohne es zu zerstücken, darüber waren beide
sehr verschiedener Meinung.
    Wilhelm befand sich noch in den glücklichen Zeiten, da man nicht begreifen
kann, dass an einem geliebten Mädchen, an einem verehrten Schriftsteller irgend
etwas mangelhaft sein könne. Unsere Empfindung von ihnen ist so ganz, so mit
sich selbst übereinstimmend, dass wir uns auch in ihnen eine solche vollkommene
Harmonie denken müssen. Serlo hingegen sonderte gern und beinah zu viel; sein
scharfer Verstand wollte in einem Kunstwerke gewöhnlich nur ein mehr oder
weniger unvollkommenes Ganze erkennen. Er glaubte, so wie man die Stücke finde,
habe man wenig Ursache, mit ihnen so gar bedächtig umzugehen, und so musste auch
Shakespeare, so musste besonders »Hamlet« vieles leiden.
    Wilhelm wollte gar nicht hören, wenn jener von der Absonderung der Spreu von
dem Weizen sprach. »Es ist nicht Spreu und Weizen durcheinander«, rief dieser,
»es ist ein Stamm, Äste, Zweige, Blätter, Knospen, Blüten und Früchte. Ist nicht
eins mit dem andern und durch das andere?« Jener behauptete, man bringe nicht
den ganzen Stamm auf den Tisch; der Künstler müsse goldene Äpfel in silbernen
Schalen seinen Gästen reichen. Sie erschöpften sich in Gleichnissen, und ihre
Meinungen schienen sich immer weiter voneinander zu entfernen.
    Gar verzweifeln wollte unser Freund, als Serlo ihm einst nach langem Streit
das einfache Mittel anriet, sich kurz zu resolvieren, die Feder zu ergreifen und
in dem Trauerspiele, was eben nicht gehen wolle noch könne, abzustreichen,
mehrere Personen in eine zu drängen, und wenn er mit dieser Art noch nicht
bekannt genug sei oder noch nicht Herz genug dazu habe, so solle er ihm die
Arbeit überlassen, und er wolle bald fertig sein.
    »Das ist nicht unserer Abrede gemäss«, versetzte Wilhelm. »Wie können Sie bei
so viel Geschmack so leichtsinnig sein?«
    »Mein Freund«, rief Serlo aus, »Sie werden es auch schon werden! Ich kenne
das Abscheuliche dieser Manier nur zu wohl, die vielleicht noch auf keinem
Teater in der Welt stattgefunden hat. Aber wo ist auch eins so verwahrlost als
das unsere? Zu dieser ekelhaften Verstümmelung zwingen uns die Autoren, und das
Publikum erlaubt sie. Wieviel Stücke haben wir denn, die nicht über das Mass des
Personals, der Dekorationen und Teatermechanik, der Zeit, des Dialogs und der
physischen Kräfte des Akteurs hinausschritten? und doch sollen wir spielen, und
immer spielen, und immer neu spielen. Sollen wir uns dabei nicht unsers Vorteils
bedienen, da wir mit zerstückelten Werken eben soviel ausrichten als mit ganzen?
Setzt uns das Publikum doch selbst in den Vorteil! Wenig Deutsche, und
vielleicht nur wenige Menschen aller neuern Nationen, haben Gefühl für ein
ästetisches Ganze; sie loben und tadeln nur stellenweise; sie entzücken sich
nur stellenweise; und für wen ist das ein grösseres Glück als für den
Schauspieler, da das Teater immer nur ein gestoppeltes und gestückeltes Wesen
bleibt.«
    »Ist!« versetzte Wilhelm; »aber muss es denn auch so bleiben, muss denn alles
bleiben, was ist? Überzeugen Sie mich ja nicht, dass Sie recht haben; denn keine
Macht in der Welt würde mich bewegen können, einen Kontrakt zu halten, den ich
nur im gröbsten Irrtum geschlossen hätte.«
    Serlo gab der Sache eine lustige Wendung und ersuchte Wilhelmen, ihre öftern
Gespräche über »Hamlet« nochmals zu bedenken und selbst die Mittel zu einer
glücklichen Bearbeitung zu ersinnen.
    Nach einigen Tagen, die er in der Einsamkeit zugebracht hatte, kam Wilhelm
mit frohem Blicke zurück. »Ich müsste mich sehr irren«, rief er aus, »wenn ich
nicht gefunden hätte, wie dem Ganzen zu helfen ist; ja, ich bin überzeugt, dass
Shakespeare es selbst so würde gemacht haben, wenn sein Genie nicht auf die
Hauptsache so sehr gerichtet und nicht vielleicht durch die Novellen, nach denen
er arbeitete, verführt worden wäre.«
    »Lassen Sie hören«, sagte Serlo, indem er sich gravitätisch aufs Kanapee
setzte; »ich werde ruhig aufhorchen, aber auch desto strenger richten.«
    Wilhelm versetzte: »Mir ist nicht bange; hören Sie nur. Ich unterscheide
nach der genauesten Untersuchung, nach der reiflichsten Überlegung in der
Komposition dieses Stücks zweierlei: das erste sind die grossen innern
Verhältnisse der Personen und der Begebenheiten, die mächtigen Wirkungen, die
aus den Charakteren und Handlungen der Hauptfiguren entstehen, und diese sind
einzeln vortrefflich, und die Folge, in der sie aufgestellt sind,
unverbesserlich. Sie können durch keine Art von Behandlung zerstört, ja kaum
verunstaltet werden. Diese sind's, die jedermann zu sehen verlangt, die niemand
anzutasten wagt, die sich tief in die Seele eindrücken, und die man, wie ich
höre, beinahe alle auf das deutsche Teater gebracht hat. Nur hat man, wie ich
glaube, darin gefehlt, dass man das zweite, was bei diesem Stück zu bemerken ist,
ich meine die äussern Verhältnisse der Personen, wodurch sie von einem Orte zum
andern gebracht oder auf diese und jene Weise durch gewisse zufällige
Begebenheiten verbunden werden, für allzu unbedeutend angesehen, nur im
Vorbeigehn davon gesprochen oder sie gar weggelassen hat. Freilich sind diese
Fäden nur dünn und lose, aber sie gehen doch durchs ganze Stück und halten
zusammen, was sonst auseinanderfiele, auch wirklich auseinanderfällt, wenn man
sie wegschneidet und ein übriges getan zu haben glaubt, dass man die Enden
stehenlässt.
    Zu diesen äussern Verhältnissen zähle ich die Unruhen in Norwegen, den Krieg
mit dem jungen Fortinbras, die Gesandtschaft an den alten Oheim, den
geschlichteten Zwist, den Zug des jungen Fortinbras nach Polen und seine
Rückkehr am Ende; ingleichen die Rückkehr des Horatio von Wittenberg, die Lust
Hamlets dahin zu gehen, die Reise des Laertes nach Frankreich, seine Rückkunft,
die Verschickung Hamlets nach England, seine Gefangenschaft beim Seeräuber, der
Tod der beiden Hofleute auf den Uriasbrief: alles dieses sind Umstände und
Begebenheiten, die einen Roman weit und breit machen können, die aber der
Einheit dieses Stücks, in dem besonders der Held keinen Plan hat, auf das
äusserste schaden und höchst fehlerhaft sind.«
    »So höre ich Sie einmal gerne!« rief Serlo.
    »Fallen Sie mir nicht ein«, versetzte Wilhelm, »Sie möchten mich nicht immer
loben. Diese Fehler sind wie flüchtige Stützen eines Gebäudes, die man nicht
wegnehmen darf, ohne vorher eine feste Mauer unterzuziehen. Mein Vorschlag ist
also, an jenen ersten grossen Situationen gar nicht zu rühren, sondern sie sowohl
im ganzen als einzelnen möglichst zu schonen, aber diese äussern, einzelnen,
zerstreuten und zerstreuenden Motive alle auf einmal wegzuwerfen und ihnen ein
einziges zu substituieren.«
    »Und das wäre?« fragte Serlo, indem er sich aus seiner ruhigen Stellung
aufhob.
    »Es liegt auch schon im Stücke«, erwiderte Wilhelm, »nur mache ich den
rechten Gebrauch davon. Es sind die Unruhen in Norwegen. Hier haben Sie meinen
Plan zur Prüfung.
    Nach dem Tode des alten Hamlet werden die ersteroberten Norweger unruhig.
Der dortige Stattalter schickt seinen Sohn Horatio, einen alten Schulfreund
Hamlets, der aber an Tapferkeit und Lebensklugheit allen andern vorgelaufen ist,
nach Dänemark, auf die Ausrüstung der Flotte zu dringen, welche unter dem neuen,
der Schwelgerei ergebenen König nur saumselig vonstatten geht. Horatio kennt den
alten König, denn er hat seinen letzten Schlachten beigewohnt, hat bei ihm in
Gunsten gestanden, und die erste Geisterszene wird dadurch nicht verlieren. Der
neue König gibt sodann dem Horatio Audienz und schickt den Laertes nach Norwegen
mit der Nachricht, dass die Flotte bald anlanden werde, indes Horatio den Auftrag
erhält, die Rüstung derselben zu beschleunigen; dagegen will die Mutter nicht
einwilligen, dass Hamlet, wie er wünschte, mit Horatio zur See gehe.«
    »Gott sei Dank!« rief Serlo, »so werden wir auch Wittenberg und die hohe
Schule los, die mir immer ein leidiger Anstoss war. Ich finde Ihren Gedanken
recht gut: denn ausser den zwei einzigen fernen Bildern, Norwegen und der Flotte,
braucht der Zuschauer sich nichts zu denken; das übrige sieht er alles, das
übrige geht alles vor, anstatt dass sonst seine Einbildungskraft in der ganzen
Welt herumgejagt würde.«
    »Sie sehen leicht«, versetzte Wilhelm, »wie ich nunmehr auch das übrige
zusammenhalten kann. Wenn Hamlet dem Horatio die Missetat seines Stiefvaters
entdeckt, so rät ihm dieser, mit nach Norwegen zu gehen, sich der Armee zu
versichern und mit gewaffneter Hand zurückzukehren. Da Hamlet dem König und der
Königin zu gefährlich wird, haben sie kein näheres Mittel, ihn loszuwerden, als
ihn nach der Flotte zu schicken und ihm Rosenkranz und Güldenstern zu
Beobachtern mitzugeben; und da indes Laertes zurückkommt, soll dieser bis zum
Meuchelmord erhitzte Jüngling ihm nachgeschickt werden. Die Flotte bleibt wegen
ungünstigen Windes liegen; Hamlet kehrt nochmals zurück, seine Wanderung über
den Kirchhof kann vielleicht glücklich motiviert werden; sein Zusammentreffen
mit Laertes in Opheliens Grabe ist ein grosser, unentbehrlicher Moment. Hierauf
mag der König bedenken, dass es besser sei, Hamlet auf der Stelle loszuwerden;
das Fest der Abreise, der scheinbaren Versöhnung mit Laertes wird nun feierlich
begangen, wobei man Ritterspiele hält und auch Hamlet und Laertes fechten. Ohne
die vier Leichen kann ich das Stück nicht schliessen; es darf niemand
übrigbleiben. Hamlet gibt, da nun das Wahlrecht des Volks wieder eintritt, seine
Stimme sterbend dem Horatio.«
    »Nur geschwind«, versetzte Serlo, »setzen Sie sich hin und arbeiten das
Stück aus; die Idee hat völlig meinen Beifall; nur dass die Lust nicht
verraucht!«
 
                                Fünftes Kapitel
Wilhelm hatte sich schon lange mit einer Übersetzung Hamlets abgegeben; er hatte
sich dabei der geistvollen Wielandschen Arbeit bedient, durch die er überhaupt
Shakespearen zuerst kennen lernte. Was in derselben ausgelassen war, fügte er
hinzu, und so war er im Besitz eines vollständigen Exemplars in dem Augenblicke,
da er mit Serlo über die Behandlung so ziemlich einig geworden war. Er fing nun
an, nach seinem Plane auszuheben und einzuschieben, zu trennen und zu verbinden,
zu verändern und oft wiederherzustellen, denn so zufrieden er auch mit seiner
Idee war, so schien ihm doch bei der Ausführung immer, dass das Original nur
verdorben werde.
    Sobald er fertig war, las er es Serlo und der übrigen Gesellschaft vor. Sie
bezeugten sich sehr zufrieden damit; besonders machte Serlo manche günstige
Bemerkung.
    »Sie haben«, sagte er unter andern, »sehr richtig empfunden, dass äussere
Umstände dieses Stück begleiten, aber einfacher sein müssen, als sie uns der
grosse Dichter gegeben hat. Was ausser dem Teater vorgeht, was der Zuschauer
nicht sieht, was er sich vorstellen muss, ist wie ein Hintergrund, vor dem die
spielenden Figuren sich bewegen. Die grosse, einfache Aussicht auf die Flotte und
Norwegen wird dem Stücke sehr gut tun; nähme man sie ganz weg, so ist es nur
eine Familienszene, und der grosse Begriff, dass hier ein ganzes königliches Haus
durch innere Verbrechen und Ungeschicklichkeiten zugrunde geht, wird nicht in
seiner ganzen Würde dargestellt. Bliebe aber jener Hintergrund selbst
mannigfaltig, beweglich, konfus, so täte er dem Eindrucke der Figuren Schaden.«
    Wilhelm nahm nun wieder die Partie Shakespeares und zeigte, dass er für
Insulaner geschrieben habe, für Engländer, die selbst im Hintergrunde nur
Schiffe und Seereisen, die Küste von Frankreich und Kaper zu sehen gewohnt sind,
und dass, was jenen etwas ganz Gewöhnliches sei, uns schon zerstreue und
verwirre.
    Serlo musste nachgeben, und beide stimmten darin überein, dass, da das Stück
nun einmal auf das deutsche Teater solle, dieser ernstere, einfachere
Hintergrund für unsre Vorstellungsart am besten passen werde.
    Die Rollen hatte man schon früher ausgeteilt; den Polonius übernahm Serlo,
Aurelie Ophelien; Laertes war durch seinen Namen schon bezeichnet; ein junger,
untersetzter, muntrer, neuangekommener Jüngling erhielt die Rolle des Horatio;
nur wegen des Königs und des Geistes war man in einiger Verlegenheit. Für beide
Rollen war nur der alte Polterer da. Serlo schlug den Pedanten zum Könige vor,
wogegen Wilhelm aber aufs äusserste protestierte. Man konnte sich nicht
entschliessen.
    Ferner hatte Wilhelm in seinem Stücke die beiden Rollen von Rosenkranz und
Güldenstern stehen lassen. »Warum haben Sie diese nicht in eine verbunden?«
fragte Serlo; »diese Abbreviatur ist doch so leicht gemacht.«
    »Gott bewahre mich vor solchen Verkürzungen, die zugleich Sinn und Wirkung
aufheben!« versetzte Wilhelm. »Das, was diese beiden Menschen sind und tun, kann
nicht durch einen vorgestellt werden. In solchen Kleinigkeiten zeigt sich
Shakespeares Grösse. Dieses leise Auftreten, dieses Schmiegen und Biegen, dies
Jasagen, Streicheln und Schmeicheln, diese Behendigkeit, dies Schwänzeln, diese
Allheit und Leerheit, diese rechtliche Schurkerei, diese Unfähigkeit, wie kann
sie durch einen Menschen ausgedruckt werden? Es sollten ihrer wenigstens ein
Dutzend sein, wenn man sie haben könnte; denn sie sind bloss in Gesellschaft
etwas, sie sind die Gesellschaft, und Shakespeare war sehr bescheiden und weise,
dass er nur zwei solche Repräsentanten auftreten liess. Überdies brauche ich sie
in meiner Bearbeitung als ein Paar, das mit dem einen, guten, trefflichen
Horatio kontrastiert.«
    »Ich verstehe Sie«, sagte Serlo, »und wir können uns helfen. Den einen geben
wir Elmiren (so nannte man die älteste Tochter des Polterers); es kann nicht
schaden, wenn sie gut aussehen, und ich will die Puppen putzen und dressieren,
dass es eine Lust sein soll.«
    Philine freute sich ausserordentlich, dass sie die Herzogin in der kleinen
Komödie spielen sollte. »Das will ich so natürlich machen«, rief sie aus, »wie
man in der Geschwindigkeit einen Zweiten heiratet, nachdem man den Ersten ganz
ausserordentlich geliebt hat. Ich hoffe, mir den grössten Beifall zu erwerben, und
jeder Mann soll wünschen, der Dritte zu werden.«
    Aurelie machte ein verdriessliches Gesicht bei diesen Äusserungen; ihr
Widerwillen gegen Philinen nahm mit jedem Tage zu.
    »Es ist recht schade«, sagte Serlo, »dass wir kein Ballett haben; sonst
sollten Sie mir mit Ihrem ersten und zweiten Manne ein Pas de deux tanzen, und
der Alte sollte nach dem Takt einschlafen, und Ihre Füsschen und Wädchen würden
sich dort hinten auf dem Kinderteater ganz aller liebst ausnehmen.«
    »Von meinen Wädchen wissen Sie ja wohl nicht viel«, versetzte sie
schnippisch, »und was meine Füsschen betrifft«, rief sie, indem sie schnell unter
den Tisch reichte, ihre Pantöffelchen heraufholte und nebeneinander vor Serlo
hinstellte: »hier sind die Stelzchen, und ich gebe Ihnen auf, niedlichere zu
finden.«
    »Es war Ernst!« sagte er, als er die zierlichen Halbschuhe betrachtete.
Gewiss, man konnte nicht leicht etwas Artigers sehen.
    Sie waren Pariser Arbeit; Philine hatte sie von der Gräfin zum Geschenk
erhalten, einer Dame, deren schöner Fuss berühmt war.
    »Ein reizender Gegenstand!« rief Serlo; »das Herz hüpft mir, wenn ich sie
ansehe.«
    »Welche Verzuckungen!« sagte Philine.
    »Es geht nichts über ein Paar Pantöffelchen von so feiner, schöner Arbeit«,
rief Serlo; »doch ist ihr Klang noch reizender als ihr Anblick.« Er hub sie auf
und liess sie einigemal hintereinander wechselsweise auf den Tisch fallen.
    »Was soll das heissen? Nur wieder her damit!« rief Philine.
    »Darf ich sagen«, versetzte er mit verstellter Bescheidenheit und
schalkhaftem Ernst, »wir andern Junggesellen, die wir nachts meist allein sind
und uns doch wie andre Menschen fürchten und im Dunkeln uns nach Gesellschaft
sehnen, besonders in Wirtshäusern und fremden Orten, wo es nicht ganz geheuer
ist, wir finden es gar tröstlich, wenn ein guterziges Kind uns Gesellschaft und
Beistand leisten will. Es ist Nacht, man liegt im Bette, es raschelt, man
schaudert, die Türe tut sich auf, man erkennt ein liebes pisperndes Stimmchen,
es schleicht was herbei, die Vorhänge rauschen, klipp! klapp! die Pantoffeln
fallen, und husch! man ist nicht mehr allein. Ach der liebe, der einzige Klang,
wenn die Absätzchen auf den Boden aufschlagen! Je zierlicher sie sind, je feiner
klingt's. Man spreche mir von Philomelen, von rauschenden Bächen, vom Säuseln
der Winde und von allem, was je georgelt und gepfiffen worden ist, ich halte
mich an das Klipp! Klapp! - Klipp! Klapp! ist das schönste Tema zu einem
Rondeau, das man immer wieder von vorne zu hören wünscht.«
    Philine nahm ihm die Pantoffeln aus den Händen und sagte: »Wie ich sie krumm
getreten habe! Sie sind mir viel zu weit.« Dann spielte sie damit und rieb die
Sohlen gegeneinander. »Was das heiss wird!« rief sie aus, indem sie die eine
Sohle flach an die Wange hielt, dann wieder rieb und sie gegen Serlo hinreichte.
Er war gutmütig genug, nach der Wärme zu fühlen, und »Klipp! Klapp!« rief sie,
indem sie ihm einen derben Schlag mit dem Absatz versetzte, dass er schreiend die
Hand zurückzog. »Ich will euch lehren bei meinen Pantoffeln was anders denken!«
sagte Philine lachend.
    »Und ich will dich lehren alte Leute wie Kinder anführen!« rief Serlo
dagegen, sprang auf, fasste sie mit Heftigkeit und raubte ihr manchen Kuss, deren
jeden sie sich mit ernstlichem Widerstreben gar künstlich abzwingen liess. Über
dem Balgen fielen ihre langen Haare herunter und wickelten sich um die Gruppe,
der Stuhl schlug an den Boden, und Aurelie, die von diesem Unwesen innerlich
beleidigt war, stand mit Verdruss auf.
 
                                Sechstes Kapitel
Obgleich bei der neuen Bearbeitung Hamlets manche Personen weggefallen waren, so
blieb die Anzahl derselben doch immer noch gross genug, und fast wollte die
Gesellschaft nicht hinreichen.
    »Wenn das so fortgeht«, sagte Serlo, »wird unser Souffleur auch noch aus dem
Loche hervorsteigen müssen, unter uns wandeln und zur Person werden.«
    »Schon oft habe ich ihn an seiner Stelle bewundert«, versetzte Wilhelm.
    »Ich glaube nicht, dass es einen vollkommenern Einhelfer gibt«, sagte Serlo.
»Kein Zuschauer wird ihn jemals hören; wir auf dem Teater verstehen jede Silbe.
Er hat sich gleichsam ein eigen Organ dazu gemacht und ist wie ein Genius, der
uns in der Not vernehmlich zulispelt. Er fühlt, welchen Teil seiner Rolle der
Schauspieler vollkommen innehat, und ahnet von weitem, wenn ihn das Gedächtnis
verlassen will. In einigen Fällen, da ich die Rolle kaum überlesen konnte, da er
sie mir Wort vor Wort vorsagte, spielte ich sie mit Glück; nur hat er
Sonderbarkeiten, die jeden andern unbrauchbar machen würden: er nimmt so
herzlichen Anteil an den Stücken, dass er patetische Stellen nicht eben
deklamiert, aber doch affektvoll rezitiert. Mit dieser Unart hat er mich mehr
als einmal irregemacht.«
    »So wie er mich«, sagte Aurelie, »mit einer andern Sonderbarkeit einst an
einer sehr gefährlichen Stelle steckenliess.«
    »Wie war das bei seiner Aufmerksamkeit möglich?« fragte Wilhelm.
    »Er wird«, versetzte Aurelie, »bei gewissen Stellen so gerührt, dass er heisse
Tränen weint und einige Augenblicke ganz aus der Fassung kommt; und es sind
eigentlich nicht die sogenannten rührenden Stellen, die ihn in diesen Zustand
versetzen; es sind, wenn ich mich so ausdrücke, die schönen Stellen, aus welchen
der reine Geist des Dichters gleichsam aus hellen, offenen Augen hervorsieht,
Stellen, bei denen wir andern uns nur höchstens freuen, und worüber viele
Tausende wegsehen.«
    »Und warum erscheint er mit dieser zarten Seele nicht auf dem Teater?«
    »Ein heiseres Organ und ein steifes Betragen schliessen ihn von der Bühne,
und seine hypochondrische Natur von der Gesellschaft aus«, versetzte Serlo.
»Wieviel Mühe habe ich mir gegeben, ihn an mich zu gewöhnen! aber vergebens. Er
liest vortrefflich, wie ich nicht wieder habe lesen hören; niemand hält wie er
die zarte Grenzlinie zwischen Deklamation und affektvoller Rezitation.«
    »Gefunden!« rief Wilhelm, »gefunden! Welch eine glückliche Entdeckung! Nun
haben wir den Schauspieler, der uns die Stelle vom rauhen Pyrrhus rezitieren
soll.«
    »Man muss so viel Leidenschaft haben wie Sie«, versetzte Serlo, »um alles zu
seinem Endzwecke zu nutzen.«
    »Gewiss, ich war in der grössten Sorge«, rief Wilhelm, »dass vielleicht diese
Stelle wegbleiben müsste, und das ganze Stück würde dadurch gelähmt werden.«
    »Das kann ich doch nicht einsehen«, versetzte Aurelie.
    »Ich hoffe, Sie werden bald meiner Meinung sein«, sagte Wilhelm.
»Shakespeare führt die ankommenden Schauspieler zu einem doppelten Endzweck
herein. Erst macht der Mann, der den Tod des Priamus mit so viel eigner Rührung
deklamiert, tiefen Eindruck auf den Prinzen selbst; er schärft das Gewissen des
jungen, schwankenden Mannes: und so wird diese Szene das Präludium zu jener, in
welcher das kleine Schauspiel so grosse Wirkung auf den König tut. Hamlet fühlt
sich durch den Schauspieler beschämt, der an fremden, an fingierten Leiden so
grossen Teil nimmt; und der Gedanke, auf eben die Weise einen Versuch auf das
Gewissen seines Stiefvaters zu machen, wird dadurch bei ihm sogleich erregt.
Welch ein herrlicher Monolog ist's, der den zweiten Akt schliesst! Wie freue ich
mich darauf, ihn zu rezitieren:
    O! welch ein Schurke, welch ein niedriger Sklave bin ich! - Ist es nicht
ungeheuer, dass dieser Schauspieler hier nur durch Erdichtung, durch einen Traum
von Leidenschaft, seine Seele so nach seinem Willen zwingt, dass ihre Wirkung
sein ganzes Gesicht entfärbt: - Tränen im Auge! Verwirrung im Betragen!
Gebrochene Stimme! Sein ganzes Wesen von einem Gefühl durchdrungen! und das
alles um nichts! - um Hekuba! - Was ist Hekuba für ihn oder er für Hekuba, dass
er um sie weinen sollte?«
    »Wenn wir nur unsern Mann auf das Teater bringen können!« sagte Aurelie.
    »Wir müssen«, versetzte Serlo, »ihn nach und nach hineinführen. Bei den
Proben mag er die Stelle lesen, und wir sagen, dass wir einen Schauspieler, der
sie spielen soll, erwarten, und so sehen wir, wie wir ihm näherkommen.«
    Nachdem sie darüber einig waren, wendete sich das Gespräch auf den Geist.
Wilhelm konnte sich nicht entschliessen, die Rolle des lebenden Königs dem
Pedanten zu überlassen, damit der Polterer den Geist spielen könne, und meinte
vielmehr, dass man noch einige Zeit warten sollte, indem sich doch noch einige
Schauspieler gemeldet hätten, und sich unter ihnen der rechte Mann finden
könnte.
    Man kann sich daher denken, wie verwundert Wilhelm war, als er unter der
Adresse seines Teaternamens abends folgendes Billett mit wunderbaren Zügen
versiegelt auf seinem Tische fand:
    »Du bist, o sonderbarer Jüngling, wir wissen es, in grosser Verlegenheit. Du
findest kaum Menschen zu deinem Hamlet, geschweige Geister. Dein Eifer verdient
ein Wunder; Wunder können wir nicht tun, aber etwas Wunderbares soll geschehen.
Hast du Vertrauen, so soll zur rechten Stunde der Geist erscheinen! Habe Mut und
bleibe gefasst! Es bedarf keiner Antwort; dein Entschluss wird uns bekannt
werden.«
    Mit diesem seltsamen Blatte eilte er zu Serlo zurück, der es las und wieder
las und endlich mit bedenklicher Miene versicherte, die Sache sei von
Wichtigkeit; man müsse wohl überlegen, ob man es wagen dürfe und könne. Sie
sprachen vieles hin und wider; Aurelie war still und lächelte von Zeit zu Zeit,
und als nach einigen Tagen wieder davon die Rede war, gab sie nicht undeutlich
zu verstehen, dass sie es für einen Scherz von Serlo halte. Sie bat Wilhelmen,
völlig ausser Sorge zu sein und den Geist geduldig zu erwarten.
    Überhaupt war Serlo von dem besten Humor; denn die abgehenden Schauspieler
gaben sich alle mögliche Mühe, gut zu spielen, damit man sie ja recht vermissen
sollte, und von der Neugierde auf die neue Gesellschaft konnte er auch die beste
Einnahme erwarten.
    Sogar hatte der Umgang Wilhelms auf ihn einigen Einfluss gehabt. Er fing an,
mehr über Kunst zu sprechen, denn er war am Ende doch ein Deutscher, und diese
Nation gibt sich gern Rechenschaft von dem, was sie tut. Wilhelm schrieb sich
manche solche Unterredung auf, und wir werden, da die Erzählung hier nicht so
oft unterbrochen werden darf, denjenigen unsrer Leser, die sich dafür
interessieren, solche dramaturgische Versuche bei einer andern Gelegenheit
vorlegen.
    Besonders war Serlo eines Abends sehr lustig, als er von der Rolle des
Polonius sprach, wie er sie zu fassen gedachte. »Ich verspreche«, sagte er,
»diesmal einen recht würdigen Mann zum besten zu geben; ich werde die gehörige
Ruhe und Sicherheit, Leerheit und Bedeutsamkeit, Annehmlichkeit und
geschmackloses Wesen, Freiheit und Aufpassen, treuherzige Schalkheit und
erlogene Wahrheit da, wo sie hingehören, recht zierlich aufstellen. Ich will
einen solchen grauen, redlichen, ausdauernden, der Zeit dienenden Halbschelm
aufs allerhöflichste vorstellen und vortragen, und dazu sollen mir die etwas
rohen und groben Pinselstriche unsers Autors gute Dienste leisten. Ich will
reden wie ein Buch, wenn ich mich vorbereitet habe, und wie ein Tor, wenn ich
bei guter Laune bin. Ich werde abgeschmackt sein, um jedem nach dem Maule zu
reden, und immer so fein, es nicht zu merken, wenn mich die Leute zum besten
haben. Nicht leicht habe ich eine Rolle mit solcher Lust und Schallheit
übernommen.«
    »Wenn ich nur auch von der meinigen so viel hoffen könnte«, sagte Aurelie.
»Ich habe weder Jugend noch Weichheit genug, um mich in diesen Charakter zu
finden. Nur eins weiss ich leider: das Gefühl, das Ophelien den Kopf verrückt,
wird mich nicht verlassen.«
    »Wir wollen es ja nicht so genau nehmen«, sagte Wilhelm; »denn eigentlich
hat mein Wunsch, den Hamlet zu spielen, mich bei allem Studium des Stücks aufs
äusserste irregeführt. Je mehr ich mich in die Rolle studiere, desto mehr sehe
ich, dass in meiner ganzen Gestalt kein Zug der Physiognomie ist, wie Shakespeare
seinen Hamlet aufstellt. Wenn ich es recht überlege, wie genau in der Rolle
alles zusammenhängt, so getraue ich mir kaum, eine leidliche Wirkung
hervorzubringen.«
    »Sie treten mit grosser Gewissenhaftigkeit in Ihre Laufbahn«, versetzte
Serlo. »Der Schauspieler schickt sich in die Rolle, wie er kann, und die Rolle
richtet sich nach ihm, wie sie muss. Wie hat aber Shakespeare seinen Hamlet
vorgezeichnet? Ist er Ihnen denn so ganz unähnlich?«
    »Zuvörderst ist Hamlet blond«, erwiderte Wilhelm.
    »Das heiss' ich weit gesucht«, sagte Aurelie. »Woher schliessen Sie das?«
    »Als Däne, als Nordländer ist er blond von Hause aus und hat blaue Augen.«
    »Sollte Shakespeare daran gedacht haben?«
    »Bestimmt find' ich es nicht ausgedrückt, aber in Verbindung mit andern
Stellen scheint es mir unwidersprechlich. Ihm wird das Fechten sauer, der
Schweiss läuft ihm vom Gesichte, und die Königin spricht Er ist fett, lasst ihn zu
Atem kommen. Kann man sich ihn da anders als blond und wohlbehäglich vorstellen?
denn braune Leute sind in ihrer Jugend selten in diesem Falle. Passt nicht auch
seine schwankende Melancholie, seine weiche Trauer, seine tätige
Unentschlossenheit besser zu einer solchen Gestalt, als wenn Sie sich einen
schlanken, braunlockigen Jüngling denken, von dem man mehr Entschlossenheit und
Behendigkeit erwartet?«
    »Sie verderben mir die Imagination«, rief Aurelie, »weg mit Ihrem fetten
Hamlet! stellen Sie uns ja nicht Ihren wohlbeleibten Prinzen vor! Geben Sie uns
lieber irgendein Quiproquo, das uns reizt, das uns rührt. Die Intention des
Autors liegt uns nicht so nahe als unser Vergnügen, und wir verlangen einen
Reiz, der uns homogen ist.«
 
                               Siebentes Kapitel
Einen Abend stritt die Gesellschaft, ob der Roman oder das Drama den Vorzug
verdiene? Serlo versicherte, es sei ein vergeblicher, missverstandener Streit;
beide könnten in ihrer Art vortrefflich sein, nur müssten sie sich in den Grenzen
ihrer Gattung halten.
    »Ich bin selbst noch nicht ganz im klaren darüber«, versetzte Wilhelm.
    »Wer ist es auch?« sagte Serlo, »und doch wäre es der Mühe wert, dass man der
Sache näher käme.«
    Sie sprachen viel herüber und hinüber, und endlich war folgendes ungefähr
das Resultat ihrer Unterhaltung:
    Im Roman wie im Drama sehen wir menschliche Natur und Handlung. Der
Unterschied beider Dichtungsarten liegt nicht bloss in der äussern Form, nicht
darin, dass die Personen in dem einen sprechen und dass in dem andern gewöhnlich
von ihnen erzählt wird. Leider viele Dramen sind nur dialogierte Romane, und es
wäre nicht unmöglich, ein Drama in Briefen zu schreiben.
    Im Roman sollen vorzüglich Gesinnungen und Begebenheiten vorgestellt werden;
im Drama Charaktere und Taten. Der Roman muss langsam gehen, und die Gesinnungen
der Hauptfigur müssen, es sei auf welche Weise es wolle, das Vordringen des
Ganzen zur Entwicklung aufhalten. Das Drama soll eilen, und der Charakter der
Hauptfigur muss sich nach dem Ende drängen und nur aufgehalten werden. Der
Romanheld muss leidend, wenigstens nicht im hohen Grade wirkend sein; von dem
dramatischen verlangt man Wirkung und Tat. Grandison, Clarisse, Pamela, der
Landpriester von Wakefield, Tom Jones selbst sind, wo nicht leidende, doch
retardierende Personen, und alle Begebenheiten werden gewissermassen nach ihren
Gesinnungen gemodelt. Im Drama modelt der Held nichts nach sich, alles
widersteht ihm, und er räumt und rückt die Hindernisse aus dem Wege oder
unterliegt ihnen.
    So vereinigte man sich auch darüber, dass man dem Zufall im Roman gar wohl
sein Spiel erlauben könne, dass er aber immer durch die Gesinnungen der Personen
gelenkt und geleitet werden müsse; dass hingegen das Schicksal, das die Menschen,
ohne ihr Zutun, durch unzusammenhängende äussere Umstände zu einer unvorgesehenen
Katastrophe hindrängt, nur im Drama stattabe; dass der Zufall wohl patetische,
niemals aber tragische Situationen hervorbringen dürfe; das Schicksal hingegen
müsse immer fürchterlich sein und werde im höchsten Sinne tragisch, wenn es
schuldige und unschuldige, voneinander unabhängige Taten in eine unglückliche
Verknüpfung bringt.
    Diese Betrachtungen führten wieder auf den wunderlichen Hamlet und auf die
Eigenheiten dieses Stücks. Der Held, sagte man, hat eigentlich auch nur
Gesinnungen; es sind nur Begebenheiten, die zu ihm stossen, und deswegen hat das
Stück etwas von dem Gedehnten des Romans; weil aber das Schicksal den Plan
gezeichnet hat, weil das Stück von einer fürchterlichen Tat ausgeht, und der
Held immer vorwärts zu einer fürchterlichen Tat gedrängt wird, so ist es im
höchsten Sinne tragisch und leidet keinen andern als einen tragischen Ausgang.
    Nun sollte Leseprobe gehalten werden, welche Wilhelm eigentlich als ein Fest
ansah. Er hatte die Rollen vorher kollationiert, dass also von dieser Seite kein
Anstoss sein konnte. Die sämtlichen Schauspieler waren mit dem Stücke bekannt,
und er suchte sie nur, ehe sie anfingen, von der Wichtigkeit einer Leseprobe zu
überzeugen. Wie man von jedem Musikus verlange, dass er bis auf einen gewissen
Grad vom Blatte spielen könne, so solle auch jeder Schauspieler, ja jeder
wohlerzogene Mensch sich üben, vom Blatte zu lesen, einem Drama, einem Gedicht,
einer Erzählung sogleich ihren Charakter abzugewinnen und sie mit Fertigkeit
vorzutragen. Alles Memorieren helfe nichts, wenn der Schauspieler nicht vorher
in den Geist und Sinn des guten Schriftstellers eingedrungen sei; der Buchstabe
könne nichts wirken.
    Serlo versicherte, dass er jeder andern Probe, ja der Hauptprobe nachsehen
wolle, sobald der Leseprobe ihr Recht widerfahren sei: »denn gewöhnlich«, sagte
er, »ist nichts lustiger, als wenn Schauspieler von Studieren sprechen; es kommt
mir ebenso vor, als wenn die Freimäurer von Arbeiten reden.«
    Die Probe lief nach Wunsch ab, und man kann sagen, dass der Ruhm und die gute
Einnahme der Gesellschaft sich auf diese wenigen wohlangewandten Stunden
gründete.
    »Sie haben wohl getan, mein Freund«, sagte Serlo, nachdem sie wieder allein
waren, »dass Sie unsern Mitarbeitern so ernstlich zusprachen, wenn ich gleich
fürchte, dass sie Ihre Wünsche schwerlich erfüllen werden.«
    »Wieso?« versetzte Wilhelm.
    »Ich habe gefunden«, sagte Serlo, »dass, so leicht man der Menschen
Imagination in Bewegung setzen kann, so gern sie sich Märchen erzählen lassen,
ebenso selten ist es, eine Art von produktiver Imagination bei ihnen zu finden.
Bei den Schauspielern ist dieses sehr auffallend. Jeder ist sehr wohl zufrieden,
eine schöne, lobenswürdige, brillante Rolle zu übernehmen; selten aber tut einer
mehr, als sich mit Selbstgefälligkeit an die Stelle des Helden setzen, ohne sich
im mindesten zu bekümmern, ob ihn auch jemand dafür halten werde. Aber mit
Lebhaftigkeit zu umfassen, was sich der Autor beim Stück gedacht hat, was man
von seiner Individualität hingeben müsse, um einer Rolle genugzutun, wie man
durch eigene Überzeugung, man sei ein ganz anderer Mensch, den Zuschauer
gleichfalls zur Überzeugung hinreisse, wie man, durch eine innere Wahrheit der
Darstellungskraft, diese Bretter in Tempel, diese Pappen in Wälder verwandelt,
ist wenigen gegeben. Diese innere Stärke des Geistes, wodurch ganz allein der
Zuschauer getäuscht wird, diese erlogene Wahrheit, die ganz allein Wirkung
hervorbringt, wodurch ganz allein die Illusion erzielt wird, wer hat davon einen
Begriff?
    Lassen Sie uns daher ja nicht zu sehr auf Geist und Empfindung dringen! Das
sicherste Mittel ist, wenn wir unsern Freunden mit Gelassenheit zuerst den Sinn
des Buchstabens erklären und ihnen den Verstand eröffnen. Wer Anlage hat, eilt
alsdann selbst dem geistreichen und empfindungsvollen Ausdrucke entgegen, und
wer sie nicht hat, wird wenigstens niemals ganz falsch spielen und rezitieren.
Ich habe aber bei Schauspielern, so wie überhaupt, keine schlimmere Anmassung
gefunden, als wenn jemand Ansprüche an Geist macht, solange ihm der Buchstabe
noch nicht deutlich und geläufig ist.«
 
                                 Achtes Kapitel
Wilhelm kam zur ersten Teaterprobe sehr zeitig und fand sich auf den Brettern
allein. Das Lokal überraschte ihn und gab ihm die wunderbarsten Erinnerungen.
Die Wald- und Dorfdekoration stand genau so wie auf der Bühne seiner Vaterstadt,
auch bei einer Probe, als ihm an jenem Morgen Mariane lebhaft ihre Liebe
bekannte und ihm die erste glückliche Nacht zusagte. Die Bauernhäuser glichen
sich auf dem Teater wie auf dem Lande, die wahre Morgensonne beschien, durch
einen halb offenen Fensterladen hereinfallend, einen Teil der Bank, die neben
der Türe schlecht befestigt war, nur leider schien sie nicht wie damals auf
Marianens Schoss und Busen. Er setzte sich nieder, dachte dieser wunderbaren
Übereinstimmung nach und glaubte zu ahnen, dass er sie vielleicht auf diesem
Platze bald wiedersehen werde. Ach, und es war weiter nichts, als dass ein
Nachspiel, zu welchem diese Dekoration gehörte, damals auf dem deutschen Teater
sehr oft gegeben wurde.
    In diesen Betrachtungen störten ihn die übrigen ankommenden Schauspieler,
mit denen zugleich zwei Teater- und Garderobenfreunde hereintraten und
Wilhelmen mit Entusiasmus begrüssten. Der eine war gewissermassen an Madame
Melina attachiert; der andere aber ein ganz reiner Freund der Schauspielkunst,
und beide von der Art, wie sich jede gute Gesellschaft Freunde wünschen sollte.
Man wusste nicht zu sagen, ob sie das Teater mehr kannten oder liebten. Sie
liebten es zu sehr, um es recht zu kennen; sie kannten es genug, um das Gute zu
schätzen und das Schlechte zu verbannen. Aber bei ihrer Neigung war ihnen das
Mittelmässige nicht unerträglich, und der herrliche Genuss, mit dem sie das Gute
vor und nach kosteten, war über allen Ausdruck. Das Mechanische machte ihnen
Freude, das Geistige entzückte sie, und ihre Neigung war so gross, dass auch eine
zerstückelte Probe sie in eine Art von Illusion versetzte. Die Mängel schienen
ihnen jederzeit in die Ferne zu treten, das Gute berührte sie wie ein naher
Gegenstand. Kurz, sie waren Liebhaber, wie sie sich der Künstler in seinem Fache
wünscht. Ihre liebste Wanderung war von den Kulissen ins Parterre, vom Parterre
in die Kulissen, ihr angenehmster Aufentalt in der Garderobe, ihre emsigste
Beschäftigung, an der Stellung, Kleidung, Rezitation und Deklamation der
Schauspieler etwas zuzustutzen, ihr lebhaftestes Gespräch über den Effekt, den
man hervorgebracht hatte, und ihre beständigste Bemühung, den Schauspieler
aufmerksam, tätig und genau zu erhalten, ihm etwas zugute oder zuliebe zu tun
und ohne Verschwendung der Gesellschaft manchen Genuss zu verschaffen. Sie hatten
sich beide das ausschliessliche Recht verschafft, bei Proben und Aufführungen auf
dem Teater zu erscheinen. Sie waren, was die Aufführung Hamlets betraf, mit
Wilhelmen nicht bei allen Stellen einig; hie und da gab er nach, meistens aber
behauptete er seine Meinung, und im ganzen diente diese Unterhaltung sehr zur
Bildung seines Geschmacks. Er liess die beiden Freunde sehen, wie sehr er sie
schätzte, und sie dagegen weissagten nichts weniger von diesen vereinten
Bemühungen als eine neue Epoche fürs deutsche Teater.
    Die Gegenwart dieser beiden Männer war bei den Proben sehr nützlich.
Besonders überzeugten sie unsre Schauspieler, dass man bei der Probe Stellung und
Aktion, wie man sie bei der Aufführung zu zeigen gedenke, immerfort mit der Rede
verbinden und alles zusammen durch Gewohnheit mechanisch vereinigen müsse.
Besonders mit den Händen solle man ja bei der Probe einer Tragödie keine gemeine
Bewegungen vornehmen; ein tragischer Schauspieler, der in der Probe Tabak
schnupft, mache sie immer bange; denn höchst wahrscheinlich werde er an einer
solchen Stelle bei der Aufführung die Prise vermissen. Ja, sie hielten dafür,
dass niemand in Stiefeln probieren solle, wenn die Rolle in Schuhen zu spielen
sei. Nichts aber, versicherten sie, schmerze sie mehr, als wenn die Frauenzimmer
in den Proben ihre Hände in die Rockfalten versteckten.
    Ausserdem ward durch das Zureden dieser Männer noch etwas Gutes bewirkt, dass
nämlich alle Mannspersonen exerzieren lernten. »Da so viele Militärrollen
vorkommen«, sagten sie, »sieht nichts betrübter aus, als Menschen, die nicht die
mindeste Dressur zeigen, in Hauptmanns- und Majorsuniform auf dem Teater
herumschwanken zu sehen.«
    Wilhelm und Laertes waren die ersten, die sich der Pädagogik eines
Unteroffiziers unterwarfen, und setzten dabei ihre Fechtübungen mit grosser
Anstrengung fort.
    So viel Mühe gaben sich beide Männer mit der Ausbildung einer Gesellschaft,
die sich so glücklich zusammengefunden hatte. Sie sorgten für die künftige
Zufriedenheit des Publikums, indes sich dieses über ihre entschiedene
Liebhaberei gelegentlich aufhielt. Man wusste nicht, wieviel Ursache man hatte,
ihnen dankbar zu sein, besonders da sie nicht versäumten, den Schauspielern oft
den Hauptpunkt einzuschärfen, dass es nämlich ihre Pflicht sei, laut und
vernehmlich zu sprechen. Sie fanden hierbei mehr Widerstand und Unwillen, als
sie anfangs gedacht hatten. Die meisten wollten so gehört sein, wie sie
sprachen, und wenige bemühten sich, so zu sprechen, dass man sie hören könnte.
Einige schoben den Fehler aufs Gebäude, andere sagten, man könne doch nicht
schreien, wenn man natürlich, heimlich oder zärtlich zu sprechen habe.
    Unsre Teaterfreunde, die eine unsägliche Geduld hatten, suchten auf alle
Weise diese Verwirrung zu lösen, diesem Eigensinne beizukommen. Sie sparten
weder Gründe noch Schmeicheleien und erreichten zuletzt doch ihren Endzweck,
wobei ihnen das gute Beispiel Wilhelms besonders zustatten kam. Er bat sich aus,
dass sie sich bei den Proben in die entferntesten Ecken setzten und, sobald sie
ihn nicht vollkommen verstünden, mit dem Schlüssel auf die Bank pochen möchten.
Er artikulierte gut, sprach gemässigt aus, steigerte den Ton stufenweise und
überschrie sich nicht in den heftigsten Stellen. Die pochenden Schlüssel hörte
man bei jeder Probe weniger; nach und nach liessen sich die andern dieselbe
Operation gefallen, und man konnte hoffen, dass das Stück endlich in allen
Winkeln des Hauses von jedermann würde verstanden werden.
    Man sieht aus diesem Beispiel, wie gern die Menschen ihren Zweck nur auf
eigene Weise erreichen möchten, wieviel Not man hat, ihnen begreiflich zu
machen, was sich eigentlich von selbst versteht, und wie schwer es ist,
denjenigen, der etwas zu leisten wünscht, zur Erkenntnis der ersten Bedingungen
zu bringen, unter denen sein Vorhaben allein möglich wird.
 
                                Neuntes Kapitel
Man fuhr nun fort, die nötigen Anstalten zu Dekorationen und Kleidern, und was
sonst erforderlich war, zu machen. Über einige Szenen und Stellen hatte Wilhelm
besondere Grillen, denen Serlo nachgab, teils in Rücksicht auf den Kontrakt,
teils aus Überzeugung, und weil er hoffte, Wilhelmen durch diese Gefälligkeit zu
gewinnen und in der Folge desto mehr nach seinen Absichten zu lenken.
    So sollte zum Beispiel König und Königin bei der ersten Audienz auf dem
Trone sitzend erscheinen, die Hofleute an den Seiten und Hamlet unbedeutend
unter ihnen stehen. »Hamlet«, sagte er, »muss sich ruhig verhalten; seine
schwarze Kleidung unterscheidet ihn schon genug. Er muss sich eher verbergen als
zum Vorschein kommen. Nur dann, wenn die Audienz geendigt ist, wenn der König
mit ihm als Sohn spricht, dann mag er herbeitreten und die Szene ihren Gang
gehen.«
    Noch eine Hauptschwierigkeit machten die beiden Gemälde, auf die sich Hamlet
in der Szene mit seiner Mutter so heftig bezieht. »Mir sollen«, sagte Wilhelm,
»in Lebensgrösse beide im Grunde des Zimmers neben der Haupttüre sichtbar sein,
und zwar muss der alte König in völliger Rüstung, wie der Geist, auf eben der
Seite hängen, wo dieser hervortritt. Ich wünsche, dass die Figur mit der rechten
Hand eine befehlende Stellung annehme, etwas gewandt sei und gleichsam über die
Schulter sehe, damit sie dem Geiste völlig gleiche in dem Augenblicke, da dieser
zur Türe hinausgeht. Es wird eine sehr grosse Wirkung tun, wenn in diesem
Augenblick Hamlet nach dem Geiste und die Königin nach dem Bilde sieht. Der
Stiefvater mag dann im königlichen Ornat, doch unscheinbarer als jener,
vorgestellt werden.«
    So gab es noch verschiedene Punkte, von denen wir zu sprechen vielleicht
Gelegenheit haben.
    »Sind Sie auch unerbittlich, dass Hamlet am Ende sterben muss?« fragte Serlo.
    »Wie kann ich ihn am Leben erhalten«, sagte Wilhelm, »da ihn das ganze Stück
zu Tode drückt? Wir haben ja schon so weitläufig darüber gesprochen.«
    »Aber das Publikum wünscht ihn lebendig.«
    »Ich will ihm gern jeden andern Gefallen tun, nur diesmal ist's unmöglich.
Wir wünschen auch, dass ein braver nützlicher Mann, der an einer chronischen
Krankheit stirbt, noch länger leben möge. Die Familie weint und beschwört den
Arzt, der ihn nicht halten kann: und so wenig als dieser einer
Naturnotwendigkeit zu widerstehen vermag, so wenig können wir einer anerkannten
Kunstnotwendigkeit gebieten. Es ist eine falsche Nachgiebigkeit gegen die Menge,
wenn man ihnen die Empfindungen erregt, die sie haben wollen, und nicht die, die
sie haben sollen.«
    »Wer das Geld bringt, kann die Ware nach seinem Sinne verlangen.«
    »Gewissermassen; aber ein grosses Publikum verdient, dass man es achte, dass man
es nicht wie Kinder, denen man das Geld abnehmen will, behandle. Man bringe ihm
nach und nach durch das Gute Gefühl und Geschmack für das Gute bei, und es wird
sein Geld mit doppeltem Vergnügen einlegen, weil ihm der Verstand, ja die
Vernunft selbst bei dieser Ausgabe nichts vorzuwerfen hat. Man kann ihm
schmeicheln wie einem geliebten Kinde, schmeicheln, um es zu bessern, um es
künftig aufzuklären; nicht wie einem Vornehmen und Reichen, um den Irrtum, den
man nutzt, zu verewigen.«
    So handelten sie noch manches ab, das sich besonders auf die Frage bezog,
was man noch etwa an dem Stücke verändern dürfe, und was unberührt bleiben
müsse. Wir lassen uns hierauf nicht weiter ein, sondern legen vielleicht künftig
die neue Bearbeitung Hamlets selbst demjenigen Teile unsrer Leser vor, der sich
etwa dafür interessieren könnte.
 
                                Zehntes Kapitel
Die Hauptprobe war vorbei; sie hatte übermässig lange gedauert. Serlo und Wilhelm
fanden noch manches zu besorgen; denn ungeachtet der vielen Zeit, die man zur
Vorbereitung verwendet hatte, waren doch sehr notwendige Anstalten bis auf den
letzten Augenblick verschoben worden.
    So waren zum Beispiel die Gemälde der beiden Könige noch nicht fertig, und
die Szene zwischen Hamlet und seiner Mutter, von der man einen so grossen Effekt
hoffte, sah noch sehr mager aus, indem weder der Geist noch sein gemaltes
Ebenbild dabei gegenwärtig war. Serlo scherzte bei dieser Gelegenheit und sagte:
»Wir wären doch im Grunde recht übel angeführt, wenn der Geist ausbliebe, die
Wache wirklich mit der Luft fechten und unser Souffleur aus der Kulisse den
Vortrag des Geistes supplieren müsste.«
    »Wir wollen den wunderbaren Freund nicht durch unsern Unglauben
verscheuchen«, versetzte Wilhelm; »er kommt gewiss zur rechten Zeit und wird uns
so gut als die Zuschauer überraschen.«
    »Gewiss«, rief Serlo, »ich werde froh sein, wenn das Stück morgen gegeben
ist; es macht uns mehr Umstände, als ich geglaubt habe.«
    »Aber niemand in der Welt wird froher sein als ich, wenn das Stück morgen
gespielt ist«, versetzte Philine, »so wenig mich meine Rolle drückt. Denn immer
und ewig von einer Sache reden zu hören, wobei doch nichts weiter herauskommt
als eine Repräsentation, die, wie so viele hundert andere, vergessen werden
wird, dazu will meine Geduld nicht hinreichen. Macht doch in Gottes Namen nicht
so viel Umstände! Die Gäste, die vom Tische aufstehen, haben nachher an jedem
Gerichte was auszusetzen; ja, wenn man sie zu Hause reden hört, so ist es ihnen
kaum begreiflich, wie sie eine solche Not haben ausstehen können.«
    »Lassen Sie mich Ihr Gleichnis zu meinem Vorteile brauchen, schönes Kind«,
versetzte Wilhelm. »Bedenken Sie, was Natur und Kunst, was Handel, Gewerke und
Gewerbe zusammen schaffen müssen, bis ein Gastmahl gegeben werden kann. Wieviel
Jahre muss der Hirsch im Walde, der Fisch im Fluss oder Meere zubringen, bis er
unsre Tafel zu besetzen würdig ist, und was hat die Hausfrau, die Köchin nicht
alles in der Küche zu tun! Mit welcher Nachlässigkeit schlürft man die Sorge des
entferntesten Winzers, des Schiffers, des Kellermeisters beim Nachtische
hinunter, als müsse es nur so sein! Und sollten deswegen alle diese Menschen
nicht arbeiten, nicht schaffen und bereiten, sollte der Hausherr das alles nicht
sorgfältig zusammenbringen und zusammenhalten, weil am Ende der Genuss nur
vorübergehend ist? Aber kein Genuss ist vorübergehend; denn der Eindruck, den er
zurücklässt, ist bleibend, und was man mit Fleiss und Anstrengung tut, teilt dem
Zuschauer selbst eine verborgene Kraft mit, von der man nicht wissen kann, wie
weit sie wirkt.«
    »Mir ist alles einerlei«, versetzte Philine, »nur muss ich auch diesmal
erfahren, dass Männer immer im Widerspruch mit sich selbst sind. Bei all eurer
Gewissenhaftigkeit, den grossen Autor nicht verstümmeln zu wollen, lasst ihr doch
den schönsten Gedanken aus dem Stücke.«
    »Den schönsten?« rief Wilhelm.
    »Gewiss den schönsten, auf den sich Hamlet selbst was zugute tut.«
    »Und der wäre?« rief Serlo.
    »Wenn Sie eine Perücke aufhätten«, versetzte Philine, »würde ich sie Ihnen
ganz säuberlich abnehmen; denn es scheint nötig, dass man Ihnen das Verständnis
eröffne.«
    Die andern dachten nach, und die Unterhaltung stockte. Man war aufgestanden,
es war schon spät, man schien auseinandergehen zu wollen. Als man so
unentschlossen dastand, fing Philine ein Liedchen, auf eine sehr zierliche und
gefällige Melodie, zu singen an.
Singet nicht in Trauertönen
Von der Einsamkeit der Nacht!
Nein, sie ist, o holde Schönen,
Zur Geselligkeit gemacht.
Wie das Weib dem Mann gegeben
Als die schönste Hälfte war,
Ist die Nacht das halbe Leben,
Und die schönste Hälfte zwar.
Könnt ihr euch des Tages freuen,
Der nur Freuden unterbricht?
Er ist gut, sich zu zerstreuen;
Zu was anderm taugt er nicht.
Aber wenn in nächt'ger Stunde
Süsser Lampe Dämmrung fliesst,
Und vom Mund zum nahen Munde
Scherz und Liebe sich ergiesst;
Wenn der rasche, lose Knabe,
Der sonst wild und feurig eilt,
Oft bei einer kleinen Gabe
Unter leichten Spielen weilt;
Wenn die Nachtigall Verliebten
Liebevoll ein Liedchen singt,
Das Gefangnen und Betrübten
Nur wie Ach und Wehe klingt:
Mit wie leichtem Herzensregen
Horchet ihr der Glocke nicht,
Die mit zwölf bedächt'gen Schlägen
Ruh' und Sicherheit verspricht!
Darum an dem langen Tage
Merke dir es, liebe Brust:
Jeder Tag hat seine Plage,
Und die Nacht hat ihre Lust.
Sie machte eine leichte Verbeugung, als sie geendigt hatte, und Serlo rief ihr
ein lautes Bravo zu. Sie sprang zur Tür hinaus und eilte mit Gelächter fort. Man
hörte sie die Treppe hinunter singen und mit den Absätzen klappern.
    Serlo ging in das Seitenzimmer, und Aurelie blieb vor Wilhelmen, der ihr
eine gute Nacht wünschte, noch einige Augenblicke stehen und sagte:
    »Wie sie mir zuwider ist! recht meinem innern Wesen zuwider! bis auf die
kleinsten Zufälligkeiten. Die rechte braune Augenwimper bei den blonden Haaren,
die der Bruder so reizend findet, mag ich gar nicht ansehn, und die Schramme auf
der Stirne hat mir so was Widriges, so was Niedriges, dass ich immer zehn
Schritte von ihr zurücktreten möchte. Sie erzählte neulich als einen Scherz, ihr
Vater habe ihr in ihrer Kindheit einen Teller an den Kopf geworfen, davon sie
noch das Zeichen trage. Wohl ist sie recht an Augen und Stirne gezeichnet, dass
man sich vor ihr hüten möge.«
    Wilhelm antwortete nichts, und Aurelie schien mit mehr Unwillen
fortzufahren:
    »Es ist mir beinahe unmöglich, ein freundliches, höfliches Wort mit ihr zu
reden, so sehr hasse ich sie; und doch ist sie so anschmiegend. Ich wollte, wir
wären sie los. Auch Sie, mein Freund, haben eine gewisse Gefälligkeit gegen
dieses Geschöpf, ein Betragen, das mich in der Seele kränkt, eine
Aufmerksamkeit, die an Achtung grenzt, und die sie, bei Gott, nicht verdient!«
    »Wie sie ist, bin ich ihr Dank schuldig«, versetzte Wilhelm; »ihre
Aufführung ist zu tadeln, ihrem Charakter muss ich Gerechtigkeit widerfahren
lassen.«
    »Charakter!« rief Aurelie; »glauben Sie, dass so eine Kreatur einen Charakter
hat? O ihr Männer, daran erkenne ich euch! Solcher Frauen seid ihr wert!«
    »Sollten Sie mich in Verdacht haben, meine Freundin?« versetzte Wilhelm.
»Ich will von jeder Minute Rechenschaft geben, die ich mit ihr zugebracht habe.«
    »Nun, nun«, sagte Aurelie, »es ist spät, wir wollen nicht streiten. Alle wie
einer, einer wie alle! Gute Nacht, mein Freund! gute Nacht, mein feiner
Paradiesvogel!«
    Wilhelm fragte, wie er zu diesem Ehrentitel komme.
    »Ein andermal«, versetzte Aurelie, »ein andermal. Man sagt, sie hätten keine
Füsse, sie schwebten in der Luft und nährten sich vom Äter. Es ist aber ein
Märchen«, fuhr sie fort, »eine poetische Fiktion. Gute Nacht, lasst Euch was
Schönes träumen, wenn Ihr Glück habt.«
    Sie ging in ihr Zimmer und liess ihn allein; er eilte auf das seinige.
    Halb unwillig ging er auf und nieder. Der scherzende, aber entschiedene Ton
Aureliens hatte ihn beleidigt: er fühlte tief, wie unrecht sie ihm tat. Philine
konnte er nicht widrig, nicht unhold begegnen; sie hatte nichts gegen ihn
verbrochen, und dann fühlte er sich so fern von jeder Neigung zu ihr, dass er
recht stolz und standhaft vor sich selbst bestehen konnte.
    Eben war er im Begriff sich auszuziehen, nach seinem Lager zu gehen und die
Vorhänge aufzuschlagen, als er zu seiner grössten Verwunderung ein Paar
Frauenpantoffeln vor dem Bett erblickte; der eine stand, der andere lag. - Es
waren Philinens Pantoffeln, die er nur zu gut erkannte; er glaubte auch eine
Unordnung an den Vorhängen zu sehen, ja es schien, als bewegten sie sich; er
stand und sah mit unverwandten Augen hin.
    Eine neue Gemütsbewegung, die er für Verdruss hielt, versetzte ihm den Atem;
und nach einer kurzen Pause, in der er sich erholt hatte, rief er gefasst:
    »Stehen Sie auf, Philine! Was soll das heissen? Wo ist Ihre Klugheit, Ihr
gutes Betragen? Sollen wir morgen das Märchen des Hauses werden?«
    Es rührte sich nichts.
    »Ich scherze nicht«, fuhr er fort, »diese Neckereien sind bei mir übel
angewandt.«
    Kein Laut! Keine Bewegung!
    Entschlossen und unmutig ging er endlich auf das Bett zu und riss die
Vorhänge voneinander. »Stehen Sie auf«, sagte er, »wenn ich Ihnen nicht das
Zimmer diese Nacht überlassen soll.«
    Mit grossem Erstaunen fand er sein Bette leer, die Kissen und Decken in
schönster Ruhe. Er sah sich um, suchte nach, suchte alles durch und fand keine
Spur von dem Schalk. Hinter dem Bette, dem Ofen, den Schränken war nichts zu
sehen; er suchte emsiger und emsiger; ja, ein boshafter Zuschauer hätte glauben
mögen, er suche, um zu finden.
    Kein Schlaf stellte sich ein; er setzte die Pantoffeln auf seinen Tisch,
ging auf und nieder, blieb manchmal bei dem Tische stehen, und ein schelmischer
Genius, der ihn belauschte, will versichern, er habe sich einen grossen Teil der
Nacht mit den allerliebsten Stelzchen beschäftigt; er habe sie mit einem
gewissen Interesse angesehen, behandelt, damit gespielt und sich erst gegen
Morgen in seinen Kleidern aufs Bette geworfen, wo er unter den seltsamsten
Phantasien einschlummerte.
    Und wirklich schlief er noch, als Serlo hereintrat und rief: »Wo sind Sie?
Noch im Bette? Unmöglich! Ich suche Sie auf dem Teater, wo noch so mancherlei
zu tun ist.«
 
                                Eilftes Kapitel
Vor- und Nachmittag verflossen eilig. Das Haus war schon voll, und Wilhelm
eilte, sich anzuziehen. Nicht mit der Behaglichkeit, mit der er die Maske zum
erstenmal anprobierte, konnte er sie gegenwärtig anlegen; er zog sich an, um
fertig zu werden. Als er zu den Frauen ins Versammlungszimmer kam, beriefen sie
ihn einstimmig, dass nichts recht sitze; der schöne Federbusch sei verschoben,
die Schnalle passe nicht; man fing wieder an aufzutrennen, zu nähen,
zusammenzustecken. Die Symphonie ging an, Philine hatte etwas gegen die Krause
einzuwenden, Aurelie viel an dem Mantel auszusetzen. »Lasst mich, ihr Kinder!«
rief er, »diese Nachlässigkeit wird mich erst recht zum Hamlet machen.« Die
Frauen liessen ihn nicht los und fuhren fort zu putzen. Die Symphonie hatte
aufgehört, und das Stück war angegangen. Er besah sich im Spiegel, drückte den
Hut tiefer ins Gesicht und erneuerte die Schminke.
    In diesem Augenblick stürzte jemand herein und rief: »Der Geist! der Geist!«
    Wilhelm hatte den ganzen Tag nicht Zeit gehabt, an die Hauptsorge zu denken,
ob der Geist auch kommen werde. Nun war sie ganz weggenommen, und man hatte die
wunderlichste Gastrolle zu erwarten. Der Teatermeister kam und fragte über
dieses und jenes; Wilhelm hatte nicht Zeit, sich nach dem Gespenst umzusehen,
und eilte nur, sich am Trone einzufinden, wo König und Königin schon von ihrem
Hofe umgeben in aller Herrlichkeit glänzten; er hörte nur noch die letzten Worte
des Horatio, der über die Erscheinung des Geistes ganz verwirrt sprach und fast
seine Rolle vergessen zu haben schien.
    Der Zwischenvorhang ging in die Höhe, und er sah das volle Haus vor sich.
Nachdem Horatio seine Rede gehalten und vom Könige abgefertigt war, drängte er
sich an Hamlet, und als ob er sich ihm, dem Prinzen, präsentiere, sagte er: »Der
Teufel steckt in dem Harnische! Er hat uns alle in Furcht gejagt.«
    In der Zwischenzeit sah man nur zwei grosse Männer in weissen Mänteln und
Kapuzen in den Kulissen stehen, und Wilhelm, dem in der Zerstreuung, Unruhe und
Verlegenheit der erste Monolog, wie er glaubte, missglückt war, trat, ob ihn
gleich ein lebhafter Beifall beim Abgehen begleitete, in der schauerlichen
dramatischen Winternacht wirklich recht unbehaglich auf. Doch nahm er sich
zusammen und sprach die so zweckmässig angebrachte Stelle über das Schmausen und
Trinken der Nordländer mit der gehörigen Gleichgültigkeit, vergass, so wie die
Zuschauer, darüber des Geistes und erschrak wirklich, als Horatio ausrief: »Seht
her, es kommt!« Er fuhr mit Heftigkeit herum, und die edle grosse Gestalt, der
leise, unhörbare Tritt, die leichte Bewegung in der schwerscheinenden Rüstung
machten einen so starken Eindruck auf ihn, dass er wie versteinert dastand und
nur mit halber Stimme: »Ihr Engel und himmlischen Geister, beschützt uns!«
ausrufen konnte. Er starrte ihn an, holte einigemal Atem und brachte die Anrede
an den Geist so verwirrt, zerstückt und gezwungen vor, dass die grösste Kunst sie
nicht so trefflich hätte ausdrücken können.
    Seine Übersetzung dieser Stelle kam ihm sehr zustatten. Er hatte sich nahe
an das Original gehalten, dessen Wortstellung ihm die Verfassung eines
überraschten, erschreckten, von Entsetzen ergriffenen Gemüts einzig auszudrücken
schien.
    »Sei du ein guter Geist, sei ein verdammter Kobold, bringe Düfte des Himmels
mit dir oder Dämpfe der Hölle, sei Gutes oder Böses dein Beginnen, du kommst in
einer so würdigen Gestalt, ja ich rede mit dir, ich nenne dich Hamlet, König,
Vater, o antworte mir!« -
    Man spürte im Publiko die grösste Wirkung. Der Geist winkte, der Prinz folgte
ihm unter dem lautesten Beifall.
    Das Teater verwandelte sich, und als sie auf den entfernten Platz kamen,
hielt der Geist unvermutet inne und wandte sich um; dadurch kam ihm Hamlet etwas
zu nahe zu stehen. Mit Verlangen und Neugierde sah Wilhelm sogleich zwischen das
niedergelassene Visier hinein, konnte aber nur tiefliegende Augen neben einer
wohlgebildeten Nase erblicken. Furchtsam ausspähend stand er vor ihm; allein als
die ersten Töne aus dem Helme hervordrangen, als eine wohlklingende, nur ein
wenig rauhe Stimme sich in den Worten hören liess: »Ich bin der Geist deines
Vaters«, trat Wilhelm einige Schritte schaudernd zurück, und das ganze Publikum
schauderte. Die Stimme schien jedermann bekannt, und Wilhelm glaubte eine
Ähnlichkeit mit der Stimme seines Vaters zu bemerken. Diese wunderbaren
Empfindungen und Erinnerungen, die Neugierde, den seltsamen Freund zu entdecken,
und die Sorge, ihn zu beleidigen, selbst die Unschicklichkeit, ihm als
Schauspieler in dieser Situation zu nahe zu treten, bewegten Wilhelmen nach
entgegengesetzten Seiten. Er veränderte während der langen Erzählung des Geistes
seine Stellung so oft, schien so unbestimmt und verlegen, so aufmerksam und so
zerstreut, dass sein Spiel eine allgemeine Bewunderung, so wie der Geist ein
allgemeines Entsetzen erregte. Dieser sprach mehr mit einem tiefen Gefühl des
Verdrusses als des Jammers, aber eines geistigen, langsamen und unübersehlichen
Verdrusses. Es war der Missmut einer grossen Seele, die von allem Irdischen
getrennt ist und doch unendlichen Leiden unterliegt. Zuletzt versank der Geist,
aber auf eine sonderbare Art: denn ein leichter, grauer, durchsichtiger Flor,
der wie ein Dampf aus der Versenkung zu steigen schien, legte sich über ihn weg
und zog sich mit ihm hinunter.
    Nun kamen Hamlets Freunde zurück und schwuren auf das Schwert. Da war der
alte Maulwurf so geschäftig unter der Erde, dass er ihnen, wo sie auch stehen
mochten, immer unter den Füssen rief: »Schwört!« und sie, als ob der Boden unter
ihnen brennte, schnell von einem Ort zum andern eilten. Auch erschien da, wo sie
standen, jedesmal eine kleine Flamme aus dem Boden, vermehrte die Wirkung und
hinterliess bei allen Zuschauern den tiefsten Eindruck.
    Nun ging das Stück unaufhaltsam seinen Gang fort, nichts missglückte, alles
geriet; das Publikum bezeigte seine Zufriedenheit; die Lust und der Mut der
Schauspieler schien mit jeder Szene zuzunehmen.
 
                                Zwölftes Kapitel
Der Vorhang fiel, und der lebhafteste Beifall erscholl aus allen Ecken und
Enden. Die vier fürstlichen Leichen sprangen behend in die Höhe und umarmten
sich vor Freuden. Polonius und Ophelia kamen auch aus ihren Gräbern hervor und
hörten noch mit lebhaftem Vergnügen, wie Horatio, als er zum Ankündigen
heraustrat, auf das heftigste beklatscht wurde. Man wollte ihn zu keiner Anzeige
eines andern Stückes lassen, sondern begehrte mit Ungestüm die Wiederholung des
heutigen.
    »Nun haben wir gewonnen«, rief Serlo, »aber auch heute abend kein vernünftig
Wort mehr! Alles kommt auf den ersten Eindruck an. Man soll ja keinem
Schauspieler übelnehmen, wenn er bei seinen Debüts vorsichtig und eigensinnig
ist.«
    Der Kassier kam und überreichte ihm eine schwere Kasse. »Wir haben gut
debütiert«, rief er aus, »und das Vorurteil wird uns zustatten kommen. Wo ist
denn nun das versprochene Abendessen? Wir dürfen es uns heute schmecken lassen.«
    Sie hatten ausgemacht, dass sie in ihren Teaterkleidern beisammen bleiben
und sich selbst ein Fest feiern wollten. Wilhelm hatte unternommen, das Lokal,
und Madame Melina, das Essen zu besorgen.
    Ein Zimmer, worin man sonst zu malen pflegte, war aufs beste gesäubert, mit
allerlei Dekorationen umstellt und so herausgeputzt worden, dass es halb einem
Garten, halb einem Säulengange ähnlich sah. Beim Hereintreten wurde die
Gesellschaft von dem Glanz vieler Lichter geblendet, die einen feierlichen
Schein durch den Dampf des süssesten Räucherwerks, das man nicht gespart hatte,
über eine wohlgeschmückte und bestellte Tafel verbreiteten. Mit Ausrufungen
lobte man die Anstalten und nahm wirklich mit Anstand Platz; es schien, als wenn
eine königliche Familie im Geisterreiche zusammenkäme. Wilhelm sass zwischen
Aurelien und Madame Melina, Serlo zwischen Philinen und Elmiren; niemand war mit
sich selbst noch mit seinem Platz unzufrieden.
    Die beiden Teaterfreunde, die sich gleichfalls eingefunden hatten,
vermehrten das Glück der Gesellschaft. Sie waren einigemal während der
Vorstellung auf die Bühne gekommen und konnten nicht genug von ihrer eignen und
von des Publikums Zufriedenheit sprechen; nunmehr ging's aber ans Besondere;
jedes ward für seinen Teil reichlich belohnt.
    Mit einer unglaublichen Lebhaftigkeit ward ein Verdienst nach dem andern,
eine Stelle nach der andern herausgehoben. Dem Souffleur, der bescheiden am Ende
der Tafel sass, ward ein grosses Lob über seinen rauhen Pyrrhus; die Fechtübung
Hamlets und Laertes' konnte man nicht genug erheben; Opheliens Trauer war über
allen Ausdruck schön und erhaben; von Polonius' Spiel durfte man gar nicht
sprechen; jeder Gegenwärtige hörte sein Lob in dem andern und durch ihn.
    Aber auch der abwesende Geist nahm seinen Teil Lob und Bewunderung hinweg.
Er hatte die Rolle mit einem sehr glücklichen Organ und in einem grossen Sinne
gesprochen, und man wunderte sich am meisten, dass er von allem, was bei der
Gesellschaft vorgegangen war, unterrichtet schien. Er glich völlig dem gemalten
Bilde, als wenn er dem Künstler gestanden hätte, und die Teaterfreunde konnten
nicht genug rühmen, wie schauerlich er ausgesehen habe, als er unfern von dem
Gemälde hervorgetreten und vor seinem Ebenbilde vorbeigeschritten sei. Wahrheit
und Irrtum habe sich dabei so sonderbar vermischt, und man habe wirklich sich
überzeugt, dass die Königin die eine Gestalt nicht sehe. Madame Melina ward bei
dieser Gelegenheit sehr gelobt, dass sie bei dieser Stelle in die Höhe nach dem
Bilde gestarrt, indes Hamlet nieder auf den Geist gewiesen.
    Man erkundigte sich, wie das Gespenst habe herein schleichen können, und
erfuhr vom Teatermeister, dass zu einer hintern Türe, die sonst immer mit
Dekorationen verstellt sei, diesen Abend aber, weil man den gotischen Saal
gebraucht, frei geworden, zwei grosse Figuren in weissen Mänteln und Kapuzen
hereingekommen, die man voneinander nicht unterscheiden können, und so seien sie
nach geendigtem dritten Akt wahrscheinlich auch wieder hinausgegangen.
    Serlo lobte besonders an ihm, dass er nicht so schneidermässig gejammert und
sogar am Ende eine Stelle, die einem so grossen Helden besser zieme, seinen Sohn
zu befeuern, angebracht habe. Wilhelm hatte sie im Gedächtnis behalten und
versprach, sie ins Manuskript nachzutragen.
    Man hatte in der Freude des Gastmahls nicht bemerkt, dass die Kinder und der
Harfenspieler fehlten; bald aber machten sie eine sehr angenehme Erscheinung.
Denn sie traten zusammen herein, sehr abenteuerlich ausgeputzt; Felix schlug den
Triangel, Mignon das Tamburin, und der Alte hatte die schwere Harfe umgehangen
und spielte sie, indem er sie vor sich trug. Sie zogen um den Tisch und sangen
allerlei Lieder. Man gab ihnen zu essen, und die Gäste glaubten den Kindern eine
Wohltat zu erzeigen, wenn sie ihnen so viel süssen Wein gäben, als sie nur
trinken wollten; denn die Gesellschaft selbst hatte die köstlichen Flaschen
nicht geschont, welche diesen Abend als ein Geschenk der Teaterfreunde in
einigen Körben angekommen waren. Die Kinder sprangen und sangen fort, und
besonders war Mignon ausgelassen, wie man sie niemals gesehen. Sie schlug das
Tamburin mit aller möglichen Zierlichkeit und Lebhaftigkeit, indem sie bald mit
druckendem Finger auf dem Felle schnell hin und her schnurrte, bald mit dem
Rücken der Hand, bald mit den Knöcheln darauf pochte, ja mit abwechselnden
Rhytmen das Pergament bald wider die Knie, bald wider den Kopf schlug, bald
schüttelnd die Schellen allein klingen liess, und so aus dem einfachsten
Instrumente gar verschiedene Töne hervorlockte. Nachdem sie lange gelärmt
hatten, setzten sie sich in einen Lehnsessel, der gerade Wilhelmen gegenüber am
Tische leer geblieben war.
    »Bleibt von dem Sessel weg!« rief Serlo, »er steht vermutlich für den Geist
da; wenn er kommt, kann's euch übel gehen.«
    »Ich fürchte ihn nicht«, rief Mignon, »kommt er, so stehen wir auf. Es ist
mein Oheim, er tut mir nichts zuleide.« Diese Rede verstand niemand, als wer
wusste, dass sie ihren vermeintlichen Vater den grossen Teufel genannt hatte.
    Die Gesellschaft sah einander an und ward noch mehr in dem Verdacht
bestärkt, dass Serlo um die Erscheinung des Geistes wisse. Man schwatzte und
trank, und die Mädchen sahen von Zeit zu Zeit furchtsam nach der Türe.
    Die Kinder, die, in dem grossen Sessel sitzend, nur wie Pulcinellpuppen aus
dem Kasten über den Tisch hervorragten, fingen an, auf diese Weise ein Stück
aufzuführen. Mignon machte den schnarrenden Ton sehr artig nach, und sie stiessen
zuletzt die Köpfe dergestalt zusammen und auf die Tischkante, wie es eigentlich
nur Holzpuppen aushalten können. Mignon ward bis zur Wut lustig, und die
Gesellschaft, so sehr sie anfangs über den Scherz gelacht hatte, musste zuletzt
Einhalt tun. Aber wenig half das Zureden, denn nun sprang sie auf und raste, die
Schellentrommel in der Hand, um den Tisch herum. Ihre Haare flogen, und indem
sie den Kopf zurück und alle ihre Glieder gleichsam in die Luft warf, schien sie
einer Mänade ähnlich, deren wilde und beinah unmögliche Stellungen uns auf alten
Monumenten noch oft in Erstaunen setzen.
    Durch das Talent der Kinder und ihren Lärm aufgereizt, suchte jedermann zur
Unterhaltung der Gesellschaft etwas beizutragen. Die Frauenzimmer sangen einige
Kanons, Laertes liess eine Nachtigall hören, und der Pedant gab ein Konzert
pianissimo auf der Maultrommel. Indessen spielten die Nachbarn und Nachbarinnen
allerlei Spiele, wobei sich die Hände begegnen und vermischen, und es fehlte
manchem Paare nicht am Ausdruck einer hoffnungsvollen Zärtlichkeit. Madame
Melina besonders schien eine lebhafte Neigung zu Wilhelmen nicht zu verhehlen.
Es war spät in der Nacht, und Aurelie, die fast allein noch Herrschaft über sich
behalten hatte, ermahnte die übrigen, indem sie aufstand, auseinanderzugehen.
    Serlo gab noch zum Abschied ein Feuerwerk, indem er mit dem Munde auf eine
fast unbegreifliche Weise den Ton der Raketen, Schwärmer und Feuerräder
nachzuahmen wusste. Man durfte die Augen nur zumachen, so war die Täuschung
vollkommen. Indessen war jedermann aufgestanden, und man reichte den
Frauenzimmern den Arm, sie nach Hause zu führen. Wilhelm ging zuletzt mit
Aurelien. Auf der Treppe begegnete ihnen der Teatermeister und sagte: »Hier ist
der Schleier, worin der Geist verschwand. Er ist an der Versenkung
hängengeblieben, und wir haben ihn eben gefunden.« - »Eine wunderbare Reliquie!«
rief Wilhelm und nahm ihn ab.
    In dem Augenblicke fühlte er sich am linken Arme ergriffen und zugleich
einen sehr heftigen Schmerz. Mignon hatte sich versteckt gehabt, hatte ihn
angefasst und ihn in den Arm gebissen. Sie fuhr an ihm die Treppe hinunter und
verschwand.
    Als die Gesellschaft in die freie Luft kam, merkte fast jedes, dass man für
diesen Abend des Guten zu viel genossen hatte. Ohne Abschied zu nehmen, verlor
man sich auseinander.
    Wilhelm hatte kaum seine Stube erreicht, als er seine Kleider abwarf und
nach ausgelöschtem Licht ins Bett eilte. Der Schlaf wollte sogleich sich seiner
bemeistern; allein ein Geräusch, das in seiner Stube hinter dem Ofen zu
entstehen schien, machte ihn aufmerksam. Eben schwebte vor seiner erhitzen
Phantasie das Bild des geharnischten Königs; er richtete sich auf, das Gespenst
anzureden, als er sich von zarten Armen umschlungen, seinen Mund mit lebhaften
Küssen verschlossen und eine Brust an der seinen fühlte, die er wegzustossen
nicht Mut hatte.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Wilhelm fuhr des andern Morgens mit einer unbehaglichen Empfindung in die Höhe
und fand sein Bett leer. Von dem nicht völlig ausgeschlafenen Rausche war ihm
der Kopf düster, und die Erinnerung an den unbekannten nächtlichen Besuch machte
ihn unruhig. Sein erster Verdacht fiel auf Philinen, und doch schien der
liebliche Körper, den er in seine Arme geschlossen hatte, nicht der ihrige
gewesen zu sein. Unter lebhaften Liebkosungen war unser Freund an der Seite
dieses seltsamen, stummen Besuches eingeschlafen, und nun war weiter keine Spur
mehr davon zu entdecken. Er sprang auf, und indem er sich anzog, fand er seine
Tür, die er sonst zu verriegeln pflegte, nur angelehnt und wusste sich nicht zu
erinnern, ob er sie gestern abend zugeschlossen hatte.
    Am wunderbarsten aber erschien ihm der Schleier des Geistes, den er auf
seinem Bette fand. Er hatte ihn mit heraufgebracht und wahrscheinlich selbst
dahin geworfen. Es war ein grauer Flor, an dessen Saum er eine Schrift mit
schwarzen Buchstaben gestickt sah. Er entfaltete sie und las die Worte: »Zum
ersten- und letztenmal! Flieh! Jüngling, flieh!« Er war betroffen und wusste
nicht, was er sagen sollte.
    In eben dem Augenblick trat Mignon herein und brachte ihm das Frühstück.
Wilhelm erstaunte über den Anblick des Kindes, ja man kann sagen, er erschrak.
Sie schien diese Nacht grösser geworden zu sein; sie trat mit einem hohen, edlen
Anstand vor ihn hin und sah ihm sehr ernstaft in die Augen, so dass er den Blick
nicht ertragen konnte. Sie rührte ihn nicht an, wie sonst, da sie gewöhnlich ihm
die Hand drückte, seine Wange, seinen Mund, seinen Arm oder seine Schulter
küsste, sondern ging, nachdem sie seine Sachen in Ordnung gebracht,
stillschweigend wieder fort.
    Die Zeit einer angesetzten Leseprobe kam nun herbei; man versammelte sich,
und alle waren durch das gestrige Fest verstimmt. Wilhelm nahm sich zusammen, so
gut er konnte, um nicht gleich anfangs gegen seine so lebhaft gepredigten
Grundsätze zu verstossen. Seine grosse Übung half ihm durch; denn Übung und
Gewohnheit müssen in jeder Kunst die Lücken ausfüllen, welche Genie und Laune so
oft lassen würden.
    Eigentlich aber konnte man bei dieser Gelegenheit die Bemerkung recht wahr
finden, dass man keinen Zustand, der länger dauern, ja der eigentlich ein Beruf,
eine Lebensweise werden soll, mit einer Feierlichkeit anfangen dürfe. Man feire
nur, was glücklich vollendet ist; alle Zeremonien zum Anfange erschöpfen Lust
und Kräfte, die das Streben hervorbringen und uns bei einer fortgesetzten Mühe
beistehen sollen. Unter allen Festen ist das Hochzeitsfest das unschicklichste;
keines sollte mehr in Stille, Demut und Hoffnung begangen werden als dieses.
    So schlich der Tag nun weiter, und Wilhelmen war noch keiner jemals so
alltäglich vorgekommen. Statt der gewöhnlichen Unterhaltung abends fing man zu
gähnen an; das Interesse an Hamlet war erschöpft, und man fand eher unbequem,
dass er des folgenden Tages zum zweitenmal vorgestellt werden sollte. Wilhelm
zeigte den Schleier des Geistes vor; man musste daraus schliessen, dass er nicht
wiederkommen werde. Serlo war besonders dieser Meinung; er schien mit den
Ratschlägen der wunderbaren Gestalt sehr vertraut zu sein; dagegen liessen sich
aber die Worte »Flieh! Jüngling, flieh!« nicht erklären. Wie konnte Serlo mit
jemanden einstimmen, der den vorzüglichsten Schauspieler seiner Gesellschaft zu
entfernen die Absicht zu haben schien.
    Notwendig war es nunmehr, die Rolle des Geistes dem Polterer und die Rolle
des Königs dem Pedanten zu geben. Beide erklärten, dass sie schon einstudiert
seien, und es war kein Wunder, denn bei den vielen Proben und der weitläufigen
Behandlung dieses Stücks waren alle so damit bekannt geworden, dass sie sämtlich
gar leicht mit den Rollen hätten wechseln können. Doch probierte man einiges in
der Geschwindigkeit, und als man spät genug auseinanderging, flüsterte Philine
beim Abschiede Wilhelmen leise zu: »Ich muss meine Pantoffeln holen; du schiebst
doch den Riegel nicht vor?« Diese Worte setzten ihn, als er auf seine Stube kam,
in ziemliche Verlegenheit; denn die Vermutung, dass der Gast der vorigen Nacht
Philine gewesen, ward dadurch bestärkt, und wir sind auch genötigt, uns zu
dieser Meinung zu schlagen, besonders da wir die Ursachen, welche ihn hierüber
zweifelhaft machten und ihm einen andern, sonderbaren Argwohn einflössen mussten,
nicht entdecken können. Er ging unruhig einigemal in seinem Zimmer auf und ab,
und hatte wirklich den Riegel noch nicht vorgeschoben.
    Auf einmal stürzte Mignon in das Zimmer, fasste ihn an und rief: »Meister!
Rette das Haus! Es brennt!« Wilhelm sprang vor die Türe, und ein gewaltiger
Rauch drängte sich die obere Treppe herunter ihm entgegen. Auf der Gasse hörte
man schon das Feuergeschrei, und der Harfenspieler kam, sein Instrument in der
Hand, durch den Rauch atemlos die Treppe herunter. Aurelie stürzte aus ihrem
Zimmer und warf den kleinen Felix in Wilhelms Arme.
    »Retten Sie das Kind!« rief sie; »wir wollen nach dem übrigen greifen.«
    Wilhelm, der die Gefahr nicht für so gross hielt, gedachte zuerst nach dem
Ursprunge des Brandes hinzudringen, um ihn vielleicht noch im Anfange zu
ersticken. Er gab dem Alten das Kind und befahl ihm, die steinerne Wendeltreppe
hinunter, die durch ein kleines Gartengewölbe in den Garten führte, zu eilen und
mit den Kindern im Freien zu bleiben. Mignon nahm ein Licht, ihm zu leuchten.
Wilhelm bat darauf Aurelien, ihre Sachen auf eben diesem Wege zu retten. Er
selbst drang durch den Rauch hinauf; aber vergebens setzte er sich der Gefahr
aus. Die Flamme schien von dem benachbarten Hause herüberzudringen und hatte
schon das Holzwerk des Bodens und eine leichte Treppe gefasst; andre, die zur
Rettung herbeieilten, litten wie er vom Qualm und Feuer. Doch sprach er ihnen
Mut ein und rief nach Wasser; er beschwor sie, der Flamme nur Schritt vor
Schritt zu weichen, und versprach, bei ihnen zu bleiben. In diesem Augenblick
sprang Mignon herauf und rief: »Meister! Rette deinen Felix! Der Alte ist
rasend! der Alte bringt ihn um!« Wilhelm sprang, ohne sich zu besinnen, die
Treppe hinab, und Mignon folgte ihm an den Fersen.
    Auf den letzten Stufen, die ins Gartengewölbe führten, blieb er mit
Entsetzen stehen. Grosse Bündel Stroh und Reisholz, die man daselbst aufgehäuft
hatte, brannten mit heller Flamme; Felix lag am Boden und schrie; der Alte stand
mit niedergesenktem Haupte seitwärts an der Wand. »Was machst du,
Unglücklicher?« rief Wilhelm. Der Alte schwieg, Mignon hatte den Felix
aufgehoben und schleppte mit Mühe den Knaben in den Garten, indes Wilhelm das
Feuer auseinanderzuzerren und zu dämpfen strebte, aber dadurch nur die Gewalt
und Lebhaftigkeit der Flamme vermehrte. Endlich musste er mit verbrannten
Augenwimpern und Haaren auch in den Garten fliehen, indem er den Alten mit durch
die Flamme riss, der ihm mit versengtem Barte unwillig folgte.
    Wilhelm eilte sogleich, die Kinder im Garten zu suchen. Auf der Schwelle
eines entfernten Lustäuschens fand er sie, und Mignon tat ihr möglichstes, den
Kleinen zu beruhigen. Wilhelm nahm ihn auf den Schoss, fragte ihn, befühlte ihn
und konnte nichts Zusammenhängendes aus beiden Kindern herausbringen.
    Indessen hatte das Feuer gewaltsam mehrere Häuser ergriffen und erhellte die
ganze Gegend. Wilhelm besah das Kind beim roten Schein der Flamme; er konnte
keine Wunde, kein Blut, ja keine Beule wahrnehmen. Er betastete es überall, es
gab kein Zeichen von Schmerz von sich, es beruhigte sich vielmehr nach und nach
und fing an, sich über die Flamme zu verwundern, ja sich über die schönen, der
Ordnung nach wie eine Illumination brennenden Sparren und Gebälke zu erfreuen.
    Wilhelm dachte nicht an die Kleider und was er sonst verloren haben konnte;
er fühlte stark, wie wert ihm diese beiden menschlichen Geschöpfe seien, die er
einer so grossen Gefahr entronnen sah. Er drückte den Kleinen mit einer ganz
neuen Empfindung an sein Herz und wollte auch Mignon mit freudiger Zärtlichkeit
umarmen, die es aber sanft ablehnte, ihn bei der Hand nahm und sie festielt.
    »Meister«, sagte sie (noch niemals, als diesen Abend, hatte sie ihm diesen
Namen gegeben, denn anfangs pflegte sie ihn Herr und nachher Vater zu nennen),
»Meister! wir sind einer grossen Gefahr entronnen, dein Felix war am Tode.«
    Durch viele Fragen erfuhr endlich Wilhelm, dass der Harfenspieler, als sie in
das Gewölbe gekommen, ihr das Licht aus der Hand gerissen und das Stroh sogleich
angezündet habe. Darauf habe er den Felix niedergesetzt, mit wunderlichen
Gebärden die Hände auf des Kindes Kopf gelegt und ein Messer gezogen, als wenn
er ihn opfern wollte. Sie sei zugesprungen und habe ihm das Messer aus der Hand
gerissen; sie habe geschrieen, und einer vom Hause, der einige Sachen nach dem
Garten zu gerettet, sei ihr zu Hülfe gekommen, der müsse aber in der Verwirrung
wieder weggegangen sein und den Alten und das Kind allein gelassen haben.
    Zwei bis drei Häuser standen in vollen Flammen. In den Garten hatte sich
niemand retten können wegen des Brandes im Gartengewölbe. Wilhelm war verlegen
wegen seiner Freunde, weniger wegen seiner Sachen. Er getraute sich nicht, die
Kinder zu verlassen, und sah das Unglück sich immer vergrössern.
    Er brachte einige Stunden in einer bänglichen Lage zu. Felix war auf seinem
Schosse eingeschlafen, Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand fest. Endlich
hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer Einhalt getan. Die ausgebrannten
Gebäude stürzten zusammen, der Morgen kam herbei, die Kinder fingen an zu
frieren, und ihm selbst ward in seiner leichten Kleidung der fallende Tau fast
unerträglich. Er führte sie zu den Trümmern des zusammengestürzten Gebäudes, und
sie fanden neben einem Kohlen und Aschenhaufen eine sehr behagliche Wärme.
    Der anbrechende Tag brachte nun alle Freunde und Bekannte nach und nach
zusammen. Jedermann hatte sich gerettet, niemand hatte viel verloren.
    Wilhelms Koffer fand sich auch wieder, und Serlo trieb, als es gegen zehn
Uhr ging, zur Probe von »Hamlet«, wenigstens einiger Szenen, die mit neuen
Schauspielern besetzt waren. Er hatte darauf noch einige Debatten mit der
Polizei. Die Geistlichkeit verlangte, dass nach einem solchen Strafgerichte
Gottes das Schauspielhaus geschlossen bleiben sollte, und Serlo behauptete, dass
teils zum Ersatz dessen, was er diese Nacht verloren, teils zur Aufheiterung der
erschreckten Gemüter die Aufführung eines interessanten Stückes mehr als jemals
am Platze sei. Diese letzte Meinung drang durch, und das Haus war gefüllt. Die
Schauspieler spielten mit seltenem Feuer und mit mehr leidenschaftlicher
Freiheit als das erste Mal. Die Zuschauer, deren Gefühl durch die schreckliche
nächtliche Szene erhöht und durch die Langeweile eines zerstreuten und
verdorbenen Tages noch mehr auf eine interessante Unterhaltung gespannt war,
hatten mehr Empfänglichkeit für das Ausserordentliche. Der grösste Teil waren
neue, durch den Ruf des Stücks herbeigezogene Zuschauer, die keine Vergleichung
mit dem ersten Abend anstellen konnten. Der Polterer spielte ganz im Sinne des
unbekannten Geistes, und der Pedant hatte seinem Vorgänger gleichfalls gut
aufgepasst; daneben kam ihm seine Erbärmlichkeit sehr zustatten, dass ihm Hamlet
wirklich nicht unrecht tat, wenn er ihn trotz seines Purpurmantels und
Hermelinkragens einen zusammengeflickten Lumpenkönig schalt.
    Sonderbarer als er war vielleicht niemand zum Trone gelangt; und obgleich
die übrigen, besonders aber Philine, sich über seine neue Würde äusserst lustig
machten, so liess er doch merken, dass der Graf, als ein grosser Kenner, das und
noch viel mehr von ihm beim ersten Anblick vorausgesagt habe; dagegen ermahnte
ihn Philine zur Demut und versicherte: sie werde ihm gelegentlich die Rockärmel
pudern, damit er sich jener unglücklichen Nacht im Schloss erinnern und die
Krone mit Bescheidenheit tragen möge.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Man hatte sich in der Geschwindigkeit nach Quartieren umgesehen, und die
Gesellschaft war dadurch sehr zerstreut worden. Wilhelm hatte das Lustaus in
dem Garten, bei dem er die Nacht zugebracht, liebgewonnen; er erhielt leicht die
Schlüssel dazu und richtete sich daselbst ein; da aber Aurelie in ihrer neuen
Wohnung sehr eng war, musste er den Felix bei sich behalten, und Mignon wollte
den Knaben nicht verlassen.
    Die Kinder hatten ein artiges Zimmer in dem ersten Stocke eingenommen,
Wilhelm hatte sich in dem untern Saale eingerichtet. Die Kinder schliefen, aber
er konnte keine Ruhe finden.
    Neben dem anmutigen Garten, den der eben aufgegangene Vollmond herrlich
erleuchtete, standen die traurigen Ruinen, von denen hier und da noch Dampf
aufstieg; die Luft war angenehm und die Nacht ausserordentlich schön. Philine
hatte beim Herausgehen aus dem Teater ihn mit dem Ellenbogen angestrichen und
ihm einige Worte zugelispelt, die er aber nicht verstanden hatte. Er war
verwirrt und verdriesslich und wusste nicht, was er erwarten oder tun sollte.
Philine hatte ihn einige Tage gemieden und ihm nur diesen Abend wieder ein
Zeichen gegeben. Leider war nun die Türe verbrannt, die er nicht zuschliessen
sollte, und die Pantöffelchen waren in Rauch aufgegangen. Wie die Schöne in den
Garten kommen wollte, wenn es ihre Absicht war, wusste er nicht. Er wünschte sie
nicht zu sehen, und doch hätte er sich gar zu gern mit ihr erklären mögen.
    Was ihm aber noch schwerer auf dem Herzen lag, war das Schicksal des
Harfenspielers, den man nicht wiedergesehen hatte. Wilhelm fürchtete, man würde
ihn beim Aufräumen tot unter dem Schutte finden. Wilhelm hatte gegen jedermann
den Verdacht verborgen, den er hegte, dass der Alte schuld an dem Brande sei.
Denn er kam ihm zuerst von dem brennenden und rauchenden Boden entgegen, und die
Verzweiflung im Gartengewölbe schien die Folge eines solchen unglücklichen
Ereignisses zu sein. Doch war es bei der Untersuchung, welche die Polizei
sogleich anstellte, wahrscheinlich geworden, dass nicht in dem Hause, wo sie
wohnten, sondern in dem dritten davon der Brand entstanden sei, der sich auch
sogleich unter den Dächern weggeschlichen hatte.
    Wilhelm überlegte das alles in einer Laube sitzend, als er in einem nahen
Gange jemanden schleichen hörte. An dem traurigen Gesange, der sogleich
angestimmt ward, erkannte er den Harfenspieler. Das Lied, das er sehr wohl
verstehen konnte, entielt den Trost eines Unglücklichen, der sich dem Wahnsinne
ganz nahe fühlt. Leider hat Wilhelm davon nur die letzte Strophe behalten.
An die Türen will ich schleichen,
Still und sittsam will ich stehn,
Fromme Hand wird Nahrung reichen,
Und ich werde weiter gehn.
Jeder wird sich glücklich scheinen,
Wenn mein Bild vor ihm erscheint,
Eine Träne wird er weinen
Und ich weiss nicht, was er weint.
Unter diesen Worten war er an die Gartentüre gekommen, die nach einer entlegenen
Strasse ging; er wollte, da er sie verschlossen fand, an den Spalieren
übersteigen; allein Wilhelm hielt ihn zurück und redete ihn freundlich an. Der
Alte bat ihn, aufzuschliessen, weil er fliehen wolle und müsse. Wilhelm stellte
ihm vor, dass er wohl aus dem Garten, aber nicht aus der Stadt könne, und zeigte
ihm, wie sehr er sich durch einen solchen Schritt verdächtig mache; allein
vergebens! Der Alte bestand auf seinem Sinne. Wilhelm gab nicht nach und drängte
ihn endlich halb mit Gewalt ins Gartenhaus, schloss sich daselbst mit ihm ein und
führte ein wunderbares Gespräch mit ihm, das wir aber, um unsere Leser nicht mit
unzusammenhängenden Ideen und bänglichen Empfindungen zu quälen, lieber
verschweigen als ausführlich mitteilen.
 
                              Funfzehntes Kapitel
Aus der grossen Verlegenheit, worin sich Wilhelm befand, was er mit dem
unglücklichen Alten beginnen sollte, der so deutliche Spuren des Wahnsinns
zeigte, riss ihn Laertes noch am selbigen Morgen. Dieser, der nach seiner alten
Gewohnheit überall zu sein pflegte, hatte auf dem Kaffeehaus einen Mann gesehen,
der vor einiger Zeit die heftigsten Anfälle von Melancholie erduldete. Man hatte
ihn einem Landgeistlichen anvertraut, der sich ein besonders Geschäft daraus
machte, dergleichen Leute zu behandeln. Auch diesmal war es ihm gelungen; noch
war er in der Stadt, und die Familie des Wiederhergestellten erzeigte ihm grosse
Ehre.
    Wilhelm eilte sogleich, den Mann aufzusuchen, vertraute ihm den Fall und
ward mit ihm einig. Man wusste unter gewissen Vorwänden ihm den Alten zu
übergeben. Die Scheidung schmerzte Wilhelmen tief, und nur die Hoffnung, ihn
wiederhergestellt zu sehen, konnte sie ihm einigermassen erträglich machen; so
sehr war er gewohnt, den Mann um sich zu sehen und seine geistreichen und
herzlichen Töne zu vernehmen. Die Harfe war mit verbrannt; man suchte eine
andere, die man ihm auf die Reise mitgab.
    Auch hatte das Feuer die kleine Garderobe Mignons verzehrt, und als man ihr
wieder etwas Neues schaffen wollte, tat Aurelie den Vorschlag, dass man sie doch
endlich als Mädchen kleiden solle.
    »Nun gar nicht!« rief Mignon aus und bestand mit grosser Lebhaftigkeit auf
ihrer alten Tracht, worin man ihr denn auch willfahren musste.
    Die Gesellschaft hatte nicht viel Zeit, sich zu besinnen; die Vorstellungen
gingen ihren Gang.
    Wilhelm horchte oft ins Publikum, und nur selten kam ihm eine Stimme
entgegen, wie er sie zu hören wünschte, ja öfters vernahm er, was ihn betrübte
oder verdross. So erzählte zum Beispiel gleich nach der ersten Aufführung Hamlets
ein junger Mensch mit grosser Lebhaftigkeit, wie zufrieden er an jenem Abend im
Schauspielhause gewesen. Wilhelm lauschte und hörte zu seiner grossen Beschämung,
dass der junge Mann zum Verdruss seiner Hintermänner den Hut aufbehalten und ihn
hartnäckig das ganze Stück hindurch nicht abgetan hatte, welcher Heldentat er
sich mit dem grössten Vergnügen erinnerte.
    Ein anderer versicherte, Wilhelm habe die Rolle des Laertes sehr gut
gespielt; hingegen mit dem Schauspieler, der den Hamlet unternommen, könne man
nicht ebenso zufrieden sein. Diese Verwechslung war nicht ganz unnatürlich, denn
Wilhelm und Laertes glichen sich, wiewohl in einem sehr entfernten Sinne.
    Ein dritter lobte sein Spiel, besonders in der Szene mit der Mutter, aufs
lebhafteste und bedauerte nur, dass eben in diesem feurigen Augenblick ein weisses
Band unter der Weste hervorgesehen habe, wodurch die Illusion äusserst gestört
worden sei.
    In dem Innern der Gesellschaft gingen indessen allerlei Veränderungen vor.
Philine hatte seit jenem Abend nach dem Brande Wilhelmen auch nicht das
geringste Zeichen einer Annäherung gegeben. Sie hatte, wie es schien
vorsätzlich, ein entfernteres Quartier gemietet, vertrug sich mit Elmiren und
kam seltener zu Serlo, womit Aurelie wohl zufrieden war. Serlo, der ihr immer
gewogen blieb, besuchte sie manchmal, besonders da er Elmiren bei ihr zu finden
hoffte, und nahm eines Abends Wilhelmen mit sich. Beide waren im Hereintreten
sehr verwundert, als sie Philinen in dem zweiten Zimmer in den Armen eines
jungen Offiziers sahen, der eine rote Uniform und weisse Unterkleider anhatte,
dessen abgewendetes Gesicht sie aber nicht sehen konnten. Philine kam ihren
besuchenden Freunden in das Vorzimmer entgegen und verschloss das andere. »Sie
überraschen mich bei einem wunderbaren Abenteuer!« rief sie aus.
    »So wunderbar ist es nicht«, sagte Serlo; »lassen Sie uns den hübschen,
jungen, beneidenswerten Freund sehen; Sie haben uns ohnedem schon so zugestutzt,
dass wir eifersüchtig sein dürfen.«
    »Ich muss Ihnen diesen Verdacht noch eine Zeitlang lassen«, sagte Philine
scherzend; »doch kann ich Sie versichern, dass es nur eine gute Freundin ist, die
sich einige Tage unbekannt bei mir aufhalten will. Sie sollen ihre Schicksale
künftig erfahren, ja vielleicht das interessante Mädchen selbst kennen lernen,
und ich werde wahrscheinlich alsdann Ursache haben, meine Bescheidenheit und
Nachsicht zu üben; denn ich fürchte, die Herren werden über ihre neue
Bekanntschaft ihre alte Freundin vergessen.«
    Wilhelm stand versteinert da; denn gleich beim ersten Anblick hatte ihn die
rote Uniform an den so sehr geliebten Rock Marianens erinnert; es war ihre
Gestalt, es waren ihre blonden Haare, nur schien ihm der gegenwärtige Offizier
etwas grösser zu sein.
    »Um des Himmels willen!« rief er aus, »lassen Sie uns mehr von Ihrer
Freundin wissen, lassen Sie uns das verkleidete Mädchen sehen! Wir sind nun
einmal Teilnehmer des Geheimnisses; wir wollen versprechen, wir wollen schwören,
aber lassen Sie uns das Mädchen sehen!«
    »O, wie er in Feuer ist!« rief Philine, »nur gelassen, nur geduldig, heute
wird einmal nichts draus.«
    »So lassen Sie uns nur ihren Namen wissen!« rief Wilhelm.
    »Das wäre alsdann ein schönes Geheimnis«, versetzte Philine.
    »Wenigstens nur den Vornamen.«
    »Wenn Sie ihn raten, meinetwegen. Dreimal dürfen Sie raten, aber nicht
öfter; Sie könnten mich sonst durch den ganzen Kalender durchführen.«
    »Gut«, sagte Wilhelm, »Cecilie also?«
    »Nichts von Cecilien!«
    »Henriette?«
    »Keineswegs! Nehmen Sie sich in acht! Ihre Neugierde wird ausschlafen
müssen.«
    Wilhelm zauderte und zitterte; er wollte seinen Mund auftun, aber die
Sprache versagte ihm. »Mariane?« stammelte er endlich, »Mariane!«
    »Bravo!« rief Philine, »getroffen!« indem sie sich nach ihrer Gewohnheit auf
dem Absatze herumdrehte.
    Wilhelm konnte kein Wort hervorbringen, und Serlo, der seine Gemütsbewegung
nicht bemerkte, fuhr fort in Philinen zu dringen, dass sie die Türe öffnen
sollte.
    Wie verwundert waren daher beide, als Wilhelm auf einmal heftig ihre
Neckerei unterbrach, sich Philinen zu Füssen warf und sie mit dem lebhaftesten
Ausdrucke der Leidenschaft bat und beschwor. »Lassen Sie mich das Mädchen
sehen«, rief er aus, »sie ist mein, es ist meine Mariane! Sie, nach der ich mich
alle Tage meines Lebens gesehnt habe, sie, die mir noch immer statt aller andern
Weiber in der Welt ist! Gehen Sie wenigstens nur zu ihr hinein, sagen Sie ihr,
dass ich hier bin, dass der Mensch hier ist, der seine erste Liebe und das ganze
Glück seiner Jugend an sie knüpfte. Er will sich rechtfertigen, dass er sie
unfreundlich verliess, er will sie um Verzeihung bitten, er will ihr vergeben,
was sie auch gegen ihn gefehlt haben mag, er will sogar keine Ansprüche an sie
mehr machen, wenn er sie nur noch einmal sehen kann, wenn er nur sehen kann, dass
sie lebt und glücklich ist!«
    Philine schüttelte den Kopf und sagte: »Mein Freund, reden Sie leise!
Betrügen wir uns nicht; und ist das Frauenzimmer wirklich Ihre Freundin, so
müssen wir sie schonen; denn sie vermutet keinesweges, Sie hier zu sehen. Ganz
andere Angelegenheiten führen sie hierher, und das wissen Sie doch, man möchte
oft lieber ein Gespenst als einen alten Liebhaber zur unrechten Zeit vor Augen
sehen. Ich will sie fragen, ich will sie vorbereiten, und wir wollen überlegen,
was zu tun ist. Ich schreibe Ihnen morgen ein Billett, zu welcher Stunde Sie
kommen sollen, oder ob Sie kommen dürfen; gehorchen Sie mir pünktlich, denn ich
schwöre, niemand soll gegen meinen und meiner Freundin Willen dieses
liebenswürdige Geschöpf mit Augen sehen. Meine Türen werde ich besser
verschlossen halten, und mit Axt und Beil werden Sie mich nicht besuchen
wollen.«
    Wilhelm beschwor sie, Serlo redete ihr zu; vergebens! Beide Freunde mussten
zuletzt nachgeben, das Zimmer und das Haus räumen.
    Welche unruhige Nacht Wilhelm zubrachte, wird sich jedermann denken. Wie
langsam die Stunden des Tages dahinzogen, in denen er Philinens Billett
erwartete, lässt sich begreifen. Unglücklicherweise musste er selbigen
Abendspielen; er hatte niemals eine grössere Pein ausgestanden. Nach geendigtem
Stücke eilte er zu Philinen, ohne nur zu fragen, ob er eingeladen worden. Er
fand ihre Türe verschlossen, und die Hausleute sagten: Mademoiselle sei heute
früh mit einem jungen Offizier weggefahren; sie habe zwar gesagt, dass sie in
einigen Tagen wiederkomme, man glaube es aber nicht, weil sie alles bezahlt und
ihre Sachen mitgenommen habe.
    Wilhelm war ausser sich über diese Nachricht. Er eilte zu Laertes und schlug
ihm vor, ihr nachzusetzen und, es koste, was es wolle, über ihren Begleiter
Gewissheit zu erlangen. Laertes dagegen verwies seinem Freunde seine Leidenschaft
und Leichtgläubigkeit. »Ich will wetten«, sagte er, »es ist niemand anders als
Friedrich. Der Junge ist von gutem Hause, ich weiss es recht wohl; er ist
unsinnig in das Mädchen verliebt und hat wahrscheinlich seinen Verwandten so
viel Geld abgelockt, dass er wieder eine Zeitlang mit ihr leben kann.«
    Durch diese Einwendungen ward Wilhelm nicht überzeugt, doch zweifelhaft.
Laertes stellte ihm vor, wie unwahrscheinlich das Märchen sei, das Philine ihnen
vorgespiegelt hatte, wie Figur und Haar sehr gut auf Friedrichen passe, wie sie
bei zwölf Stunden Vorsprung so leicht nicht einzuholen sein würden, und
hauptsächlich, wie Serlo keinen von ihnen beiden beim Schauspiele entbehren
könne.
    Durch all diese Gründe wurde Wilhelm endlich nur so weit gebracht, dass er
Verzicht darauf tat, selbst nachzusetzen. Laertes wusste noch in selbiger Nacht
einen tüchtigen Mann zu schaffen, dem man den Auftrag geben konnte. Es war ein
gesetzter Mann, der mehreren Herrschaften auf Reisen als Kurier und Führer
gedient hatte und eben jetzt ohne Beschäftigung stille lag. Man gab ihm Geld,
man unterrichtete ihn von der ganzen Sache, mit dem Auftrage, dass er die
Flüchtlinge aufsuchen und einholen, sie alsdann nicht aus den Augen lassen und
die Freunde sogleich, wo und wie er sie fände, benachrichtigen solle. Er setzte
sich in derselbigen Stunde zu Pferde und ritt dem zweideutigen Paare nach, und
Wilhelm war durch diese Anstalt wenigstens einigermassen beruhigt.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Die Entfernung Philinens machte keine auffallende Sensation weder auf dem
Teater noch im Publiko. Es war ihr mit allem wenig Ernst; die Frauen hassten sie
durchgängig, und die Männer hätten sie lieber unter vier Augen als auf dem
Teater gesehen, und so war ihr schönes und für die Bühne selbst glückliches
Talent verloren. Die übrigen Glieder der Gesellschaft gaben sich desto mehr
Mühe; Madame Melina besonders tat sich durch Fleiss und Aufmerksamkeit sehr
hervor. Sie merkte wie sonst Wilhelmen seine Grundsätze ab, richtete sich nach
seiner Teorie und seinem Beispiel und hatte zeiter ein ich weiss nicht was in
ihrem Wesen, das sie interessanter machte. Sie erlangte bald ein richtiges Spiel
und gewann den natürlichen Ton der Unterhaltung vollkommen und den der
Empfindung bis auf einen gewissen Grad. Sie wusste sich in Serlos Launen zu
schicken und befliss sich des Singens ihm zu Gefallen, worin sie auch bald so
weit kam, als man dessen zur geselligen Unterhaltung bedarf.
    Durch einige neu angenommene Schauspieler ward die Gesellschaft noch
vollständiger, und indem Wilhelm und Serlo jeder in seiner Art wirkte, jener bei
jedem Stücke auf den Sinn und Ton des Ganzen drang, dieser die einzelnen Teile
gewissenhaft durcharbeitete, belebte ein lobenswürdiger Eifer auch die
Schauspieler, und das Publikum nahm an ihnen einen lebhaften Anteil.
    »Wir sind auf einem guten Wege«, sagte Serlo einst, »und wenn wir so
fortfahren, wird das Publikum auch bald auf dem rechten sein. Man kann die
Menschen sehr leicht durch tolle und ungeschickte Darstellungen irremachen; aber
man lege ihnen das Vernünftige und Schickliche auf eine interessante Weise vor,
so werden sie gewiss darnach greifen.
    Was unserm Teater hauptsächlich fehlt, und warum weder Schauspieler noch
Zuschauer zur Besinnung kommen, ist, dass es darauf im ganzen zu bunt aussieht,
und dass man nirgends eine Grenze hat, woran man sein Urteil anlehnen könnte. Es
scheint mir kein Vorteil zu sein, dass wir unser Teater gleichsam zu einem
unendlichen Naturschauplatze ausgeweitet haben; doch kann jetzt weder Direktor
noch Schauspieler sich in die Enge ziehen, bis vielleicht der Geschmack der
Nation in der Folge den rechten Kreis selbst bezeichnet. Eine jede gute Sozietät
existiert nur unter gewissen Bedingungen, so auch ein gutes Teater. Gewisse
Manieren und Redensarten, gewisse Gegenstände und Arten des Betragens müssen
ausgeschlossen sein. Man wird nicht ärmer, wenn man sein Hauswesen
zusammenzieht.«
    Sie waren hierüber mehr oder weniger einig und uneinig. Wilhelm und die
meisten waren auf der Seite des englischen, Serlo und einige auf der Seite des
französischen Teaters.
    Man ward einig, in leeren Stunden, deren ein Schauspieler leider so viele
hat, in Gesellschaft die berühmtesten Schauspiele beider Teater durchzugehen
und das Beste und Nachahmenswerte derselben zu bemerken. Man machte auch
wirklich einen Anfang mit einigen französischen Stücken. Aurelie entfernte sich
jedesmal, sobald die Vorlesung anging. Anfangs hielt man sie für krank; einst
aber fragte sie Wilhelm darüber, dem es aufgefallen war.
    »Ich werde bei keiner solchen Vorlesung gegenwärtig sein« sagte sie, »denn
wie soll ich hören und urteilen, wenn mir das Herz zerrissen ist? Ich hasse die
französische Sprache von ganzer Seele.«
    »Wie kann man einer Sprache feind sein«, rief Wilhelm aus, »der man den
grössten Teil seiner Bildung schuldig ist, und der wir noch viel schuldig werden
müssen, ehe unser Wesen eine Gestalt gewinnen kann?«
    »Es ist kein Vorurteil!« versetzte Aurelie; »ein unglücklicher Eindruck,
eine verhasste Erinnerung an meinen treulosen Freund hat mir die Lust an dieser
schönen und ausgebildeten Sprache geraubt. Wie ich sie jetzt von ganzem Herzen
hasse! Während der Zeit unserer freundschaftlichen Verbindung schrieb er
deutsch, und welch ein herzliches, wahres, kräftiges Deutsch! Nun, da er mich
los sein wollte, fing er an, französisch zu schreiben, das vorher manchmal nur
im Scherze geschehen war. Ich fühlte, ich merkte, was es bedeuten sollte. Was er
in seiner Muttersprache zu sagen errötete, konnte er nun mit gutem Gewissen
hinschreiben. Zu Reservationen, Halbheiten und Lügen ist es eine treffliche
Sprache; sie ist eine perfide Sprache! ich finde, Gott sei Dank! kein deutsches
Wort, um perfid in seinem ganzen Umfange auszudrücken. Unser armseliges treulos
ist ein unschuldiges Kind dagegen. Perfid ist treulos mit Genuss, mit Übermut und
Schadenfreude. O, die Ausbildung einer Nation ist zu beneiden, die so feine
Schattierungen in einem Worte auszudrücken weiss! Französisch ist recht die
Sprache der Welt, wert, die allgemeine Sprache zu sein, damit sie sich nur alle
untereinander recht betrügen und belügen können! Seine französischen Briefe
liessen sich noch immer gut genug lesen. Wenn man sich's einbilden wollte,
klangen sie warm und selbst leidenschaftlich; doch genau besehen, waren es
Phrasen, vermaledeite Phrasen! Er hat mir alle Freude an der ganzen Sprache, an
der französischen Literatur, selbst an dem schönen und köstlichen Ausdruck edler
Seelen in dieser Mundart verdorben; mich schaudert, wenn ich ein französisches
Wort höre!«
    Auf diese Weise konnte sie stundenlang fortfahren, ihren Unmut zu zeigen und
jede andere Unterhaltung zu unterbrechen oder zu verstimmen. Serlo machte früher
oder später ihren launischen Äusserungen mit einiger Bitterkeit ein Ende; aber
gewöhnlich war für diesen Abend das Gespräch zerstört.
    Überhaupt ist es leider der Fall, dass alles, was durch mehrere
zusammentreffende Menschen und Umstände hervorgebracht werden soll, keine lange
Zeit sich vollkommen erhalten kann. Von einer Teatergesellschaft so gut wie von
einem Reiche, von einem Zirkel Freunde so gut wie von einer Armee lässt sich
gewöhnlich der Moment angeben, wenn sie auf der höchsten Stufe ihrer
Vollkommenheit, ihrer Übereinstimmung, ihrer Zufriedenheit und Tätigkeit
standen; oft aber verändert sich schnell das Personal, neue Glieder treten
hinzu, die Personen passen nicht mehr zu den Umständen, die Umstände nicht mehr
zu den Personen; es wird alles anders, und was vorher verbunden war, fällt
nunmehr bald auseinander. So konnte man sagen, dass Serlos Gesellschaft eine
Zeitlang so vollkommen war, als irgendeine deutsche sich hätte rühmen können.
Die meisten Schauspieler standen an ihrem Platze; alle hatten genug zu tun, und
alle taten gern, was zu tun war. Ihre persönlichen Verhältnisse waren leidlich,
und jedes schien in seiner Kunst viel zu versprechen, weil jedes die ersten
Schritte mit Feuer und Munterkeit tat. Bald aber entdeckte sich, dass ein Teil
doch nur Automaten waren, die nur das erreichen konnten, wohin man ohne Gefühl
gelangen kann, und bald mischten sich die Leidenschaften dazwischen, die
gewöhnlich jeder guten Einrichtung im Wege stehen und alles so leicht
auseinanderzerren, was vernünftige und wohldenkende Menschen zusammenzuhalten
wünschen.
    Philinens Abgang war nicht so unbedeutend, als man anfangs glaubte. Sie
hatte mit grosser Geschicklichkeit Serlo zu unterhalten und die übrigen mehr oder
weniger zu reizen gewusst. Sie ertrug Aureliens Heftigkeit mit grosser Geduld, und
ihr eigenstes Geschäft war, Wilhelmen zu schmeicheln. So war sie eine Art
Bindungsmittel fürs Ganze, und ihr Verlust musste bald fühlbar werden.
    Serlo konnte ohne eine kleine Liebschaft nicht leben. Elmire, die in weniger
Zeit herangewachsen und, man könnte beinahe sagen, schön geworden war, hatte
schon lange seine Aufmerksamkeit erregt, und Philine war klug genug, diese
Leidenschaft, die sie merkte, zu begünstigen. »Man muss sich«, pflegte sie zu
sagen, »beizeiten aufs Kuppeln legen; es bleibt uns doch weiter nichts übrig,
wenn wir alt werden.« Dadurch hatten sich Serlo und Elmire dergestalt genähert,
dass sie nach Philinens Abschiede bald einig wurden, und der kleine Roman
interessierte sie beide um so mehr, als sie ihn vor dem Alten, der über eine
solche Unregelmässigkeit keinen Scherz verstanden hätte, geheimzuhalten alle
Ursache hatten. Elmirens Schwester war mit im Verständnis, und Serlo musste
beiden Mädchen daher vieles nachsehen. Eine ihrer grössten Untugenden war eine
unmässige Näscherei, ja, wenn man will, eine unleidliche Gefrässigkeit, worin sie
Philinen keinesweges glichen, die da durch einen neuen Schein von
Liebenswürdigkeit erhielt, dass sie gleichsam nur von der Luft lebte, sehr wenig
ass und nur den Schaum eines Champagnerglases mit der grössten Zierlichkeit
wegschlürfte.
    Nun aber musste Serlo, wenn er seinen Schönen gefallen wollte, das Frühstück
mit dem Mittagessen verbinden und an dieses durch ein Vesperbrot das Abendessen
anknüpfen. dabei hatte Serlo einen Plan, dessen Ausführung ihn beunruhigte. Er
glaubte eine gewisse Neigung zwischen Wilhelmen und Aurelien zu entdecken und
wünschte sehr, dass sie ernstlich werden machte. Er hoffte den ganzen
mechanischen Teil der Teaterwirtschaft Wilhelmen aufzubürden und an ihm wie an
seinem ersten Schwager ein treues und fleissiges Werkzeug zu finden. Schon hatte
er ihm nach und nach den grössten Teil der Besorgung unmerklich übertragen,
Aurelie führte die Kasse, und Serlo lebte wieder wie in früheren Zeiten ganz
nach seinem Sinne. Doch war etwas, was sowohl ihn als seine Schwester heimlich
kränkte.
    Das Publikum hat eine eigene Art, gegen öffentliche Menschen von anerkanntem
Verdienste zu verfahren: es fängt nach und nach an, gleichgültig gegen sie zu
werden, und begünstigt viel geringere, aber neu erscheinende Talente, es macht
an jene übertriebene Forderungen und lässt sich von diesen alles gefallen.
    Serlo und Aurelie hatten Gelegenheit genug, hierüber Betrachtungen
anzustellen. Die neuen Ankömmlinge, besonders die jungen und wohlgebildeten,
hatten alle Aufmerksamkeit, allen Beifall auf sich gezogen, und beide
Geschwister mussten die meiste Zeit nach ihren eifrigsten Bemühungen ohne den
willkommenen Klang der zusammenschlagenden Hände abtreten. Freilich kamen dazu
noch besondere Ursachen. Aureliens Stolz war auffallend, und von ihrer
Verachtung des Publikums waren viele unterrichtet. Serlo schmeichelte zwar
jedermann im einzelnen, aber seine spitzen Reden über das Ganze waren doch auch
öfters herumgetragen und wiederholt worden. Die neuen Glieder hingegen waren
teils fremd und unbekannt, teils jung, liebenswürdig und hülfsbedürftig und
hatten also auch sämtlich Gönner gefunden.
    Nun gab es auch bald innerliche Unruhen und manches Missvergnügen; denn kaum
bemerkte man, dass Wilhelm die Beschäftigung eines Regisseurs übernommen hatte,
so fingen die meisten Schauspieler um desto mehr an, unartig zu werden, als er
nach seiner Weise etwas mehr Ordnung und Genauigkeit in das Ganze zu bringen
wünschte und besonders darauf bestand, dass alles Mechanische vor allen Dingen
pünktlich und ordentlich gehen solle.
    In kurzer Zeit war das ganze Verhältnis, das wirklich eine Zeitlang beinahe
idealisch gehalten hatte, so gemein, als man es nur irgend bei einem
herumreisenden Teater finden mag. Und leider in dem Augenblicke, als Wilhelm
durch Mühe, Fleiss und Anstrengung sich mit allen Erfordernissen des Metiers
bekannt gemacht und seine Person sowohl als seine Geschäftigkeit vollkommen dazu
gebildet hatte, schien es ihm endlich in trüben Stunden, dass dieses Handwerk
weniger als irgendein anders den nötigen Aufwand von Zeit und Kräften verdiene.
Das Geschäft war lästig und die Belohnung gering. Er hätte jedes andere lieber
übernommen, bei dem man doch, wenn es vorbei ist, der Ruhe des Geistes geniessen
kann, als dieses, wo man nach überstandenen mechanischen Mühseligkeiten noch
durch die höchste Anstrengung des Geistes und der Empfindung erst das Ziel
seiner Tätigkeit erreichen soll. Er musste die Klagen Aureliens über die
Verschwendung des Bruders hören, er musste die Winke Serlos missverstehen, wenn
dieser ihn zu einer Heirat mit der Schwester von ferne zu leiten suchte. Er
hatte dabei seinen Kummer zu verbergen, der ihn auf das tiefste drückte, indem
der nach dem zweideutigen Offizier fortgeschickte Bote nicht zurückkam, auch
nichts von sich hören liess, und unser Freund daher seine Mariane zum zweitenmal
verloren zu haben fürchten musste.
    Zu eben der Zeit fiel eine allgemeine Trauer ein, wodurch man genötigt ward,
das Teater auf einige Wochen zu schliessen. Er ergriff diese Zwischenzeit, um
jenen Geistlichen zu besuchen, bei welchem der Harfenspieler in der Kost war. Er
fand ihn in einer angenehmen Gegend, und das erste, was er in dem Pfarrhofe
erblickte, war der Alte, der einem Knaben auf seinem Instrumente Lektion gab. Er
bezeugte viel Freude, Wilhelmen wiederzusehen, stand auf und reichte ihm die
Hand und sagte: »Sie sehen, dass ich in der Welt doch noch zu etwas nütze bin;
Sie erlauben, dass ich fortfahre, denn die Stunden sind eingeteilt.«
    Der Geistliche begrüsste Wilhelmen auf das freundlichste und erzählte ihm,
dass der Alte sich schon recht gut anlasse, und dass man Hoffnung zu seiner
völligen Genesung habe.
    Ihr Gespräch fiel natürlich auf die Metode, Wahnsinnige zu kurieren.
    »Ausser dem Physischen«, sagte der Geistliche, »das uns oft unüberwindliche
Schwierigkeiten in den Weg legt und worüber ich einen denkenden Arzt zu Rate
ziehe, finde ich die Mittel, vom Wahnsinne zu heilen, sehr einfach. Es sind
ebendieselben, wodurch man gesunde Menschen hindert, wahnsinnig zu werden. Man
errege ihre Selbsttätigkeit, man gewöhne sie an Ordnung, man gebe ihnen einen
Begriff, dass sie ihr Sein und Schicksal mit so vielen gemein haben, dass das
ausserordentliche Talent, das grösste Glück und das höchste Unglück nur kleine
Abweichungen von dem Gewöhnlichen sind, so wird sich kein Wahnsinn
einschleichen, und, wenn er da ist, nach und nach wieder verschwinden. Ich habe
des alten Mannes Stunden eingeteilt, er unterrichtet einige Kinder auf der
Harfe, er hilft im Garten arbeiten und ist schon viel heiterer. Er wünscht von
dem Kohle zu geniessen, den er pflanzt, und wünscht meinen Sohn, dem er die Harfe
auf den Todesfall geschenkt hat, recht emsig zu unterrichten, damit sie der
Knabe ja auch brauchen könne. Als Geistlicher suchte ich ihm über seine
wunderbaren Skrupel nur wenig zu sagen, aber ein tätiges Leben führt so viele
Ereignisse herbei, dass er bald fühlen muss, dass jede Art von Zweifel nur durch
Wirksamkeit gehoben werden kann. Ich gehe sachte zu Werke; wenn ich ihm aber
noch seinen Bart und seine Kutte wegnehmen kann, so habe ich viel gewonnen; denn
es bringt uns nichts näher dem Wahnsinn, als wenn wir uns vor andern
auszeichnen, und nichts erhält so sehr den gemeinen Verstand, als im allgemeinen
Sinne mit vielen Menschen zu leben. Wie vieles ist leider nicht in unserer
Erziehung und in unsern bürgerlichen Einrichtungen, wodurch wir uns und unsere
Kinder zur Tollheit vorbereiten!«
    Wilhelm verweilte bei diesem vernünftigen Manne einige Tage und erfuhr die
interessantesten Geschichten, nicht allein von verrückten Menschen, sondern auch
von solchen, die man für klug, ja für weise zu halten pflegt, und deren
Eigentümlichkeiten nahe an den Wahnsinn grenzen.
    Dreifach belebt aber ward die Unterhaltung, als der Medikus eintrat, der den
Geistlichen, seinen Freund, öfters zu besuchen und ihm bei seinen
menschenfreundlichen Bemühungen beizustehen pflegte. Es war ein ältlicher Mann,
der bei einer schwächlichen Gesundheit viele Jahre in Ausübung der edelsten
Pflichten zugebracht hatte. Er war ein grosser Freund vom Landleben und konnte
fast nicht anders als in freier Luft sein; dabei war er äusserst gesellig und
tätig und hatte seit vielen Jahren eine besondere Neigung, mit allen
Landgeistlichen Freundschaft zu stiften. Jedem, an dem er eine nützliche
Beschäftigung kannte, suchte er auf alle Weise beizustehen; andern, die noch
unbestimmt waren, suchte er eine Liebhaberei einzureden; und da er zugleich mit
den Edelleuten, Amtmännern und Gerichtshaltern in Verbindung stand, so hatte er
in Zeit von zwanzig Jahren sehr viel im stillen zur Kultur mancher Zweige der
Landwirtschaft beigetragen und alles, was dem Felde, Tieren und Menschen
erspriesslich ist, in Bewegung gebracht und so die wahrste Aufklärung befördert.
Für den Menschen, sagte er, sei nur das eine ein Unglück, wenn sich irgendeine
Idee bei ihm festsetze, die keinen Einfluss ins tätige Leben habe oder ihn wohl
gar vom tätigen Leben abziehe. »Ich habe«, sagte er, »gegenwärtig einen solchen
Fall an einem vornehmen und reichen Ehepaar, wo mir bis jetzt noch alle Kunst
missglückt ist; fast gehört der Fall in Ihr Fach, lieber Pastor, und dieser junge
Mann wird ihn nicht weitererzählen.
    In der Abwesenheit eines vornehmen Mannes verkleidete man mit einem nicht
ganz lobenswürdigen Scherze einen jungen Menschen in die Hauskleidung dieses
Herrn. Seine Gemahlin sollte dadurch angeführt werden, und ob man mir es gleich
nur als eine Posse erzählt hat, so fürchte ich doch sehr, man hatte die Absicht,
die edle, liebenswürdige Dame vom rechten Wege abzuleiten. Der Gemahl kommt
unvermutet zurück, tritt in sein Zimmer, glaubt sich selbst zu sehen und fällt
von der Zeit an in eine Melancholie, in der er die Überzeugung nährt, dass er
bald sterben werde.
    Er überlässt sich Personen, die ihm mit religiösen Ideen schmeicheln, und ich
sehe nicht, wie er abzuhalten ist, mit seiner Gemahlin unter die Herrenhuter zu
gehen und den grössten Teil seines Vermögens, da er keine Kinder hat, seinen
Verwandten zu entziehen.«
    »Mit seiner Gemahlin?« rief Wilhelm, den diese Erzählung nicht wenig
erschreckt hatte, ungestüm aus.
    Und leider, versetzte der Arzt, der in Wilhelms Ausrufung nur eine
menschenfreundliche Teilnahme zu hören glaubte, »ist diese Dame mit einem noch
tiefern Kummer behaftet, der ihr eine Entfernung von der Welt nicht widerlich
macht. Eben dieser junge Mensch nimmt Abschied von ihr, sie ist nicht vorsichtig
genug, eine aufkeimende Neigung zu verbergen; er wird kühn, schliesst sie in
seine Arme und drückt ihr das grosse mit Brillanten besetzte Porträt ihres
Gemahls gewaltsam wider die Brust. Sie empfindet einen heftigen Schmerz, der
nach und nach vergeht, erst eine kleine Röte und dann keine Spur zurücklässt. Ich
bin als Mensch überzeugt, dass sie sich nichts weiter vorzuwerfen hat, ich bin
als Arzt gewiss, dass dieser Druck keine üblen Folgen haben werde, aber sie lässt
sich nicht ausreden, es sei eine Verhärtung da, und wenn man ihr durch das
Gefühl den Wahn benehmen will, so behauptet sie, nur in diesem Augenblick sei
nichts zu fühlen; sie hat sich fest eingebildet, es werde dieses Übel mit einem
Krebsschaden sich endigen, und so ist ihre Jugend, ihre Liebenswürdigkeit für
sie und andere völlig verloren.«
    »Ich Unglückseliger«, rief Wilhelm, indem er sich vor die Stirne schlug und
aus der Gesellschaft ins Feld lief. Er hatte sich noch nie in einem solchen
Zustande befunden.
    Der Arzt und der Geistliche, über diese seltsame Entdeckung höchlich
erstaunt, hatten abends genug mit ihm zu tun, als er zurückkam und bei dem
umständlichern Bekenntnis dieser Begebenheit sich aufs lebhafteste anklagte.
Beide Männer nahmen den grössten Anteil an ihm, besonders da er ihnen seine
übrige Lage nun auch mit schwarzen Farben der augenblicklichen Stimmung malte.
    Den andern Tag liess sich der Arzt nicht lange bitten, mit ihm nach der Stadt
zu gehen, um ihm Gesellschaft zu leisten, um Aurelien, die ihr Freund in
bedenklichen Umständen zurückgelassen hatte, womöglich Hülfe zu verschaffen.
    Sie fanden sie auch wirklich schlimmer, als sie vermuteten. Sie hatte eine
Art von überspringendem Fieber, dem um so weniger beizukommen war, als sie die
Anfälle nach ihrer Art vorsätzlich unterhielt und verstärkte. Der Fremde war
nicht als Arzt eingeführt und betrug sich sehr gefällig und klug. Man sprach
über den Zustand ihres Körpers und Geistes, und der neue Freund erzählte manche
Geschichten, wie Personen, ungeachtet einer solchen Kränklichkeit, ein hohes
Alter erreichen könnten; nichts aber sei schädlicher in solchen Fällen, als eine
vorsätzliche Erneuerung leidenschaftlicher Empfindungen. Besonders verbarg er
nicht, dass er diejenigen Personen sehr glücklich gefunden habe, die bei einer
nicht ganz herzustellenden kränklichen Anlage wahrhaft religiöse Gesinnungen bei
sich zu nähren bestimmt gewesen wären. Er sagte das auf eine sehr bescheidene
Weise und gleichsam historisch und versprach dabei seinen neuen Freunden eine
sehr interessante Lektüre an einem Manuskript zu verschaffen, das er aus den
Händen einer nunmehr abgeschiedenen vortrefflichen Freundin erhalten habe.
    »Es ist mir unendlich wert«, sagte er, »und ich vertraue Ihnen das Original
selbst an. Nur der Titel ist von meiner Hand: Bekenntnisse einer schönen Seele.«
    Über diätetische und medizinische Behandlung der unglücklichen aufgespannten
Aurelie vertraute der Arzt Wilhelmen noch seinen besten Rat, versprach zu
schreiben und womöglich selbst wiederzukommen.
    Inzwischen hatte sich in Wilhelms Abwesenheit eine Veränderung vorbereitet,
die er nicht vermuten konnte. Wilhelm hatte während der Zeit seiner Regie das
ganze Geschäft mit einer gewissen Freiheit und Liberalität behandelt, vorzüglich
auf die Sache gesehen und besonders bei Kleidungen, Dekorationen und Requisiten
alles reichlich und anständig angeschafft, auch, um den guten Willen der Leute
zu erhalten, ihrem Eigennutze geschmeichelt, da er ihnen durch edlere Motive
nicht beikommen konnte; und er fand sich hierzu um so mehr berechtigt, als Serlo
selbst keine Ansprüche machte, ein genauer Wirt zu sein, den Glanz seines
Teaters gerne loben hörte und zufrieden war, wenn Aurelie, welche die ganze
Haushaltung führte, nach Abzug aller Kosten versicherte, dass sie keine Schulden
habe, und noch so viel hergab, als nötig war, die Schulden abzutragen, die Serlo
unterdessen durch ausserordentliche Freigebigkeit gegen seine Schönen und sonst
etwa auf sich geladen haben mochte.
    Melina, der indessen die Garderobe besorgte, hatte, kalt und heimtückisch,
wie er war, der Sache im stillen zugesehen und wusste, bei der Entfernung
Wilhelms und bei der zunehmenden Krankheit Aureliens, Serlo fühlbar zu machen,
dass man eigentlich mehr einnehmen, weniger ausgeben und entweder etwas
zurücklegen oder doch am Ende nach Willkür noch lustiger leben könne. Serlo
hörte das gern, und Melina wagte sich mit seinem Plane hervor.
    »Ich will«, sagte er, »nicht behaupten, dass einer von den Schauspielern
gegenwärtig zu viel Gage hat: es sind verdienstvolle Leute, und sie würden an
jedem Orte willkommen sein; allein für die Einnahme, die sie uns verschaffen,
erhalten sie doch zu viel. Mein Vorschlag wäre, eine Oper einzurichten, und was
das Schauspiel betrifft, so muss ich Ihnen sagen, Sie sind der Mann, allein ein
ganzes Schauspiel auszumachen. Müssen Sie jetzt nicht selbst erfahren, dass man
Ihre Verdienste verkennt. Nicht weil Ihre Mitspieler vortrefflich, sondern weil
sie gut sind, lässt man Ihrem ausserordentlichen Talente keine Gerechtigkeit mehr
widerfahren.
    Stellen Sie sich, wie wohl sonst geschehen ist, nur allein hin, suchen Sie
mittelmässige, ja, ich darf sagen, schlechte Leute für geringe Gage an sich zu
ziehen, stutzen Sie das Volk, wie Sie es so sehr verstehen, im Mechanischen zu,
wenden Sie das übrige an die Oper, und Sie werden sehen, dass Sie mit derselben
Mühe und mit denselben Kosten mehr Zufriedenheit erregen und ungleich mehr Geld
als bisher gewinnen werden.«
    Serlo war zu sehr geschmeichelt, als dass seine Einwendungen einige Stärke
hätten haben sollen. Er gestand Melinan gern zu, dass er bei seiner Liebhaberei
zur Musik längst so etwas gewünscht habe; doch sehe er freilich ein, dass die
Neigung des Publikums dadurch noch mehr auf Abwege geleitet, und dass bei so
einer Vermischung eines Teaters, das nicht recht Oper, nicht recht Schauspiel
sei, notwendig der Überrest von Geschmack an einem bestimmten und ausführlichen
Kunstwerke sich völlig verlieren müsse.
    Melina scherzte nicht ganz fein über Wilhelms pedantische Ideale dieser Art,
über Anmassung, das Publikum zu bilden, statt sich von ihm bilden zu lassen, und
beide vereinigten sich mit grosser Überzeugung, dass man nur Geld einnehmen, reich
werden oder sich lustig machen solle, und verbargen sich kaum, dass sie nur jener
Personen los zu sein wünschten, die ihrem Plane im Wege standen. Melina
bedauerte, dass die schwächliche Gesundheit Aureliens ihr kein langes Leben
verspreche, dachte aber gerade das Gegenteil. Serlo schien zu beklagen, dass
Wilhelm nicht Sänger sei, und gab dadurch zu verstehen, dass er ihn für bald
entbehrlich halte. Melina trat mit einem ganzen Register von Ersparnissen, die
zu machen seien, hervor, und Serlo sah in ihm seinen ersten Schwager dreifach
ersetzt. Sie fühlten wohl, dass sie sich über diese Unterredung das Geheimnis
zuzusagen hatten, wurden dadurch nur noch mehr aneinander geknüpft und nahmen
Gelegenheit, insgeheim über alles, was vorkam, sich zu besprechen, was Aurelie
und Wilhelm unternahmen, zu tadeln und ihr neues Projekt in Gedanken immer mehr
auszuarbeiten.
    So verschwiegen auch beide über ihren Plan sein mochten, und so wenig sie
durch Worte sich verrieten, so waren sie doch nicht politisch genug, in dem
Betragen ihre Gesinnungen zu verbergen. Melina widersetzte sich Wilhelmen in
manchen Fällen, die in seinem Kreise lagen, und Serlo, er niemals glimpflich mit
seiner Schwester umgegangen war, ward nur bitterer, je mehr ihre Kränklichkeit
zunahm, und je mehr sie bei ihren ungleichen, leidenschaftlichen Launen Schonung
verdient hätte.
    Zu eben dieser Zeit nahm man »Emilie Galotti« vor. Dieses Stück war sehr
glücklich besetzt, und alle konnten in dem beschränkten Kreise dieses
Trauerspiels die ganze Mannigfaltigkeit ihres Spieles zeigen. Serlo war als
Marinelli an seinem Platze, Odoardo ward sehr gut vorgetragen, Madame Melina
spielte die Mutter mit vieler Einsicht, Elmire zeichnete sich in der Rolle
Emiliens zu ihrem Vorteil aus, Laertes trat als Appiani mit vielem Anstand auf,
und Wilhelm hatte ein Studium von mehreren Monaten auf die Rolle des Prinzen
verwendet. Bei dieser Gelegenheit hatte er, sowohl mit sich selbst als mit Serlo
und Aurelien, die Frage oft abgehandelt, welch ein Unterschied sich zwischen
einem edlen und vornehmen Betragen zeige, und inwiefern jenes in diesem, dieses
aber nicht in jenem entalten zu sein brauche.
    Serlo, der selbst als Marinelli den Hofmann rein, ohne Karikatur vorstellte,
äusserte über diesen Punkt manchen guten Gedanken. »Der vornehme Anstand«, sagte
er, »ist schwer nachzuahmen, weil er eigentlich negativ ist und eine lange
anhaltende Übung voraussetzt. Denn man soll nicht etwa in seinem Benehmen etwas
darstellen, das Würde anzeigt; denn leicht fällt man dadurch in ein förmliches,
stolzes Wesen; man soll vielmehr nur alles vermeiden, was unwürdig, was gemein
ist, man soll sich nie vergessen, immer auf sich und andere achtaben, sich
nichts vergeben, andern nicht zu viel, nicht zu wenig tun, durch nichts gerührt
scheinen, durch nichts bewegt werden, sich niemals übereilen, sich in jedem
Momente zu fassen wissen und so äusseres Gleichgewicht erhalten, innerlich mag es
stürmen, wie es will. Der edle Mensch kann sich in Momenten vernachlässigen, der
vornehme nie. Dieser ist wie ein sehr wohlgekleideter Mann: er wird sich
nirgends anlehnen, und jedermann wird sich hüten, an ihn zu streichen; er
unterscheidet sich vor andern, und doch darf er nicht allein stehenbleiben; denn
wie in jeder Kunst, also auch in dieser soll zuletzt das Schwerste mit
Leichtigkeit ausgeführt werden: so soll der Vornehme, ungeachtet aller
Absonderung, immer mit andern verbunden scheinen, nirgends steif, überall
gewandt sein, immer als der Erste erscheinen und sich nie als ein solcher
aufdringen.
    Man sieht also, dass man, um vornehm zu scheinen, wirklich vornehm sein
müsse; man sieht, warum Frauen im Durchschnitt sich eher dieses Ansehen geben
können als Männer, warum Hofleute und Soldaten am schnellsten zu diesem Anstande
gelangen.«
    Wilhelm verzweifelte nun fast an seiner Rolle, allein Serlo half ihm wieder
auf, indem er ihm über das Einzelne die feinsten Bemerkungen mitteilte und ihn
dergestalt ausstattete, dass er bei der Aufführung, wenigstens in den Augen der
Menge, einen recht feinen Prinzen darstellte.
    Serlo hatte versprochen, ihm nach der Vorstellung die Bemerkungen
mitzuteilen, die er noch allenfalls über ihn machen würde; allein ein
unangenehmer Streit zwischen Bruder und Schwester hinderte jede kritische
Unterhaltung. Aurelie hatte die Rolle der Orsina auf eine Weise gespielt, wie
man sie wohl niemals wieder sehen wird. Sie war mit der Rolle überhaupt sehr
bekannt und hatte sie in den Proben gleichgültig behandelt; bei der Aufführung
selbst aber zog sie, möchte man sagen, alle Schleusen ihres individuellen
Kummers auf, und es ward dadurch eine Darstellung, wie sie sich kein Dichter in
dem ersten Feuer der Empfindung hätte denken können. Ein unmässiger Beifall des
Publikums belohnte ihre schmerzlichen Bemühungen, aber sie lag auch halb
ohnmächtig in einem Sessel, als man sie nach der Aufführung aufsuchte.
    Serlo hatte schon über ihr übertriebenes Spiel, wie er es nannte, und über
die Entblössung ihres innersten Herzens vor dem Publikum, das doch mehr oder
weniger mit jener fatalen Geschichte bekannt war, seinen Unwillen zu erkennen
gegeben und, wie er es im Zorn zu tun pflegte, mit den Zähnen geknirscht und mit
den Füssen gestampft. »Lasst sie!« sagte er, als er sie von den übrigen umgeben in
dem Sessel fand, »sie wird noch ehstens ganz nackt auf das Teater treten, und
dann wird erst der Beifall recht vollkommen sein.«
    »Undankbarer!« rief sie aus, »Unmenschlicher! Man wird mich bald nackt dahin
tragen, wo kein Beifall mehr zu unsern Ohren kommt!« Mit diesen Worten sprang
sie auf und eilte nach der Türe. Die Magd hatte versäumt, ihr den Mantel zu
bringen, die Portechaise war nicht da; es hatte geregnet, und ein sehr rauher
Wind zog durch die Strassen. Man redete ihr vergebens zu, denn sie war übermässig
erhitzt; sie ging vorsätzlich langsam und lobte die Kühlung, die sie recht
begierig einzusaugen schien. Kaum war sie zu Hause, als sie vor Heiserkeit kaum
ein Wort mehr sprechen konnte; sie gestand aber nicht, dass sie im Nacken und den
Rücken hinab eine völlige Steifigkeit fühlte. Nicht lange, so überfiel sie eine
Art von Lähmung der Zunge, so dass sie ein Wort fürs andere sprach; man brachte
sie zu Bette, durch häufig angewandte Mittel legte sich ein Übel, indem sich das
andere zeigte. Das Fieber ward stark und ihr Zustand gefährlich.
    Den andern Morgen hatte sie eine ruhige Stunde. Sie liess Wilhelm rufen und
übergab ihm einen Brief. »Dieses Blatt«, sagte sie, »wartet schon lange auf
diesen Augenblick. Ich fühle, dass das Ende meines Lebens bald herannaht;
versprechen Sie mir, dass Sie es selbst abgeben und dass Sie durch wenige Worte
meine Leiden an dem Ungetreuen rächen wollen. Er ist nicht fühllos, und
wenigstens soll ihn mein Tod einen Augenblick schmerzen.«
    Wilhelm übernahm den Brief, indem er sie jedoch tröstete und den Gedanken
des Todes von ihr entfernen wollte.
    »Nein«, versetzte sie, »benehmen Sie mir nicht meine nächste Hoffnung. Ich
habe ihn lange erwartet und will ihn freudig in die Arme schliessen.«
    Kurz darauf kam das vom Arzt versprochene Manuskript an. Sie ersuchte
Wilhelmen, ihr daraus vorzulesen, und die Wirkung, die es tat, wird der Leser am
besten beurteilen können, wenn er sich mit dem folgenden Buche bekannt gemacht
hat. Das heftige und trotzige Wesen unsrer armen Freundin ward auf einmal
gelindert. Sie nahm den Brief zurück und schrieb einen andern, wie es schien, in
sehr sanfter Stimmung; auch forderte sie Wilhelmen auf, ihren Freund, wenn er
irgend durch die Nachricht ihres Todes betrübt werden sollte, zu trösten, ihn zu
versichern, dass sie ihm verziehen habe, und dass sie ihm alles Glück wünsche.
    Von dieser Zeit an war sie sehr still und schien sich nur mit wenigen Ideen
zu beschäftigen, die sie sich aus dem Manuskript eigen zu machen suchte, woraus
ihr Wilhelm von Zeit zu Zeit vorlesen musste. Die Abnahme ihrer Kräfte war nicht
sichtbar, und unvermutet fand sie Wilhelm eines Morgens tot, als er sie besuchen
wollte.
    Bei der Achtung, die er für sie gehabt, und bei der Gewohnheit, mit ihr zu
leben, war ihm ihr Verlust sehr schmerzlich. Sie war die einzige Person, die es
eigentlich gut mit ihm meinte, und die Kälte Serlos in der letzten Zeit hatte er
nur allzusehr gefühlt. Er eilte daher, die aufgetragene Botschaft auszurichten,
und wünschte sich auf einige Zeit zu entfernen. Von der andern Seite war für
Melina diese Abreise sehr erwünscht; denn dieser hatte sich bei der so
weitläufigen Korrespondenz, die er unterhielt, gleich mit einem Sänger und einer
Sängerin eingelassen, die das Publikum einstweilen durch Zwischenspiele zur
künftigen Oper vorbereiten sollten. Der Verlust Aureliens und Wilhelms
Entfernung sollten auf diese Weise in der ersten Zeit übertragen werden, und
unser Freund war mit allem zufrieden, was ihm seinen Urlaub auf einige Wochen
erleichterte.
    Er hatte sich eine sonderbar wichtige Idee von seinem Auftrage gemacht. Der
Tod seiner Freundin hatte ihn tiefgerührt, und da er sie so frühzeitig von dem
Schauplatze abtreten sah, musste er notwendig gegen den, der ihr Leben verkürzt
und dieses kurze Leben ihr so qualvoll gemacht, feindselig gesinnt sein.
    Ungeachtet der letzten gelinden Worte der Sterbenden nahm er sich doch vor,
bei Überreichung des Briefs ein strenges Gericht über den ungetreuen Freund
ergehen zu lassen, und da er sich nicht einer zufälligen Stimmung vertrauen
wollte, dachte er an eine Rede, die in der Ausarbeitung patetischer als billig
ward. Nachdem er sich völlig von der guten Komposition seines Aufsatzes
überzeugt hatte, machte er, indem er ihn auswendig lernte, Anstalt zu seiner
Abreise. Mignon war beim Einpacken gegenwärtig und fragte ihn, ob er nach Süden
oder nach Norden reise; und als sie das letzte von ihm erfuhr, sagte sie: »So
will ich dich hier wieder erwarten.« Sie bat ihn um die Perlenschnur Marianens,
die er dem lieben Geschöpf nicht versagen konnte; das Halstuch hatte sie schon.
Dagegen steckte sie ihm den Schleier des Geistes in den Mantelsack, ob er ihr
gleich sagte, dass ihm dieser Flor zu keinem Gebrauch sei.
    Melina übernahm die Regie, und seine Frau versprach, auf die Kinder ein
mütterliches Auge zu haben, von denen sich Wilhelm ungern losriss. Felix war sehr
lustig beim Abschied, und als man ihn fragte, was er wolle mitgebracht habe,
sagte er: »Höre! bringe mir einen Vater mit.« Mignon nahm den Scheidenden bei
der Hand, und indem sie, auf die Zehen gehoben, ihm einen treuherzigen und
lebhaften Kuss, doch ohne Zärtlichkeit, auf die Lippen drückte, sagte sie:
»Meister! vergiss uns nicht und komm bald wieder.«
    Und so lassen wir unsern Freund unter tausend Gedanken und Empfindungen
seine Reise antreten und zeichnen hier noch zum Schlusse ein Gedicht auf, das
Mignon mit grossem Ausdruck einigemal rezitiert hatte, und das wir früher
mitzuteilen durch den Drang so mancher sonderbaren Ereignisse verhindert wurden.
Heiss mich nicht reden, heiss mich schweigen,
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht;
Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen,
Allein das Schicksal will es nicht.
Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf
Die finstre Nacht, und sie muss sich erhellen;
Der harte Fels schliesst seinen Busen auf,
Missgönnt der Erde nicht die tiefverborgnen Quellen.
Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh',
Dort kann die Brust in Klagen sich ergiessen;
Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu,
Und nur ein Gott vermag sie aufzuschliessen.
                                 Sechstes Buch
                         Bekenntnisse einer schönen Seele
Bis in mein achtes Jahr war ich ein ganz gesundes Kind, weiss mich aber von
dieser Zeit so wenig zu erinnern als von dem Tage meiner Geburt. Mit dem Anfange
des achten Jahres bekam ich einen Blutsturz, und in dem Augenblick war meine
Seele ganz Empfindung und Gedächtnis. Die kleinsten Umstände dieses Zufalls
stehn mir noch vor Augen, als hätte er sich gestern ereignet.
    Während des neunmonatlichen Krankenlagers, das ich mit Geduld aushielt,
ward, so wie mich dünkt, der Grund zu meiner ganzen Denkart gelegt, indem meinem
Geiste die ersten Hülfsmittel gereicht wurden, sich nach seiner eigenen Art zu
entwickeln.
    Ich litt und liebte, das war die eigentliche Gestalt meines Herzens. In dem
heftigsten Husten und abmattenden Fieber war ich stille wie eine Schnecke, die
sich in ihr Haus zieht; sobald ich ein wenig Luft hatte, wollte ich etwas
Angenehmes fühlen, und da mir aller übrige Genuss versagt war, suchte ich mich
durch Augen und Ohren schadlos zu halten. Man brachte mir Puppenwerk und
Bilderbücher, und wer Sitz an meinem Bette haben wollte, musste mir etwas
erzählen.
    Von meiner Mutter hörte ich die biblischen Geschichten gern an; der Vater
unterhielt mich mit Gegenständen der Natur. Er besass ein artiges Kabinett. Davon
brachte er gelegentlich eine Schublade nach der andern herunter, zeigte mir die
Dinge und erklärte sie mir nach der Wahrheit. Getrocknete Pflanzen und Insekten
und manche Arten von anatomischen Präparaten, Menschenhaut, Knochen, Mumien und
dergleichen kamen auf das Krankenbette der Kleinen; Vögel und Tiere, die er auf
der Jagd erlegte, wurden mir vorgezeigt, ehe sie nach der Küche gingen; und
damit doch auch der Fürst der Welt eine Stimme in dieser Versammlung behielte,
erzählte mir die Tante Liebesgeschichten und Feenmärchen. Alles ward angenommen,
und alles fasste Wurzel. Ich hatte Stunden, in denen ich mich lebhaft mit dem
unsichtbaren Wesen unterhielt; ich weiss noch einige Verse, die ich der Mutter
damals in die Feder diktierte.
    Oft erzählte ich dem Vater wieder, was ich von ihm gelernt hatte. Ich nahm
nicht leicht eine Arznei, ohne zu fragen: »Wo wachsen die Dinge, aus denen sie
gemacht ist? wie sehen sie aus? wie heissen sie?« Aber die Erzählungen meiner
Tante waren auch nicht auf einen Stein gefallen. Ich dachte mich in schöne
Kleider und begegnete den aller liebsten Prinzen, die nicht ruhen noch rasten
konnten, bis sie wussten, wer die unbekannte Schöne war. Ein ähnliches Abenteuer
mit einem reizenden kleinen Engel, der in weissem Gewand und goldnen Flügeln sich
sehr um mich bemühte, setzte ich so lange fort, dass meine Einbildungskraft sein
Bild fast bis zur Erscheinung erhöhte.
    Nach Jahresfrist war ich ziemlich wiederhergestellt; aber es war mir aus der
Kindheit nichts Wildes übriggeblieben. Ich konnte nicht einmal mit Puppen
spielen, ich verlangte nach Wesen, die meine Liebe erwiderten. Hunde, Katzen und
Vögel, dergleichen mein Vater von allen Arten ernährte, vergnügten mich sehr;
aber was hätte ich nicht gegeben, ein Geschöpf zu besitzen, das in einem der
Märchen meiner Tante eine sehr wichtige Rolle spielte. Es war ein Schäfchen, das
von einem Bauermädchen in dem Walde aufgefangen und ernährt worden war; aber in
diesem artigen Tiere stak ein verwünschter Prinz, der sich endlich wieder als
schöner Jüngling zeigte und seine Wohltäterin durch seine Hand belohnte. So ein
Schäfchen hätte ich gar zu gerne besessen!
    Nun wollte sich aber keines finden, und da alles neben mir so ganz natürlich
zuging, musste mir nach und nach die Hoffnung auf einen so köstlichen Besitz fast
vergehen. Unterdessen tröstete ich mich, indem ich solche Bücher las, in denen
wunderbare Begebenheiten beschrieben wurden. Unter allen war mir der
»Christliche deutsche Herkules« der liebste; die andächtige Liebesgeschichte war
ganz nach meinem Sinne. Begegnete seiner Valiska irgend etwas, und es begegneten
ihr grausame Dinge, so betete er erst, eh' er ihr zu Hülfe eilte, und die Gebete
standen ausführlich im Buche. Wie wohl gefiel mir das! Mein Hang zu dem
Unsichtbaren, den ich immer auf eine dunkle Weise fühlte, ward dadurch nur
vermehrt; denn ein für allemal sollte Gott auch mein Vertrauter sein.
    Als ich weiter heranwuchs, las ich, der Himmel weiss was, alles
durcheinander; aber die »Römische Oktavia« behielt vor allen den Preis. Die
Verfolgungen der ersten Christen, in einen Roman gekleidet, erregten bei mir das
lebhafteste Interesse.
    Nun fing die Mutter an, über das stete Lesen zu schmälen; der Vater nahm ihr
zuliebe mir einen Tag die Bücher aus der Hand und gab sie mir den andern wieder.
Sie war klug genug, zu bemerken, dass hier nichts auszurichten war, und drang nur
darauf, dass auch die Bibel ebenso fleissig gelesen wurde. Auch dazu liess ich mich
nicht treiben, und ich las die heiligen Bücher mit vielem Anteil. dabei war
meine Mutter immer sorgfältig, dass keine verführerischen Bücher in meine Hände
kämen, und ich selbst würde jede schändliche Schrift aus der Hand geworfen
haben; denn meine Prinzen und Prinzessinnen waren alle äusserst tugendhaft, und
ich wusste übrigens von der natürlichen Geschichte des menschlichen Geschlechts
mehr, als ich merken liess, und hatte es meistens aus der Bibel gelernt.
Bedenkliche Stellen hielt ich mit Worten und Dingen, die mir vor Augen kamen,
zusammen und brachte bei meiner Wissbegierde und Kombinationsgabe die Wahrheit
glücklich heraus. Hätte ich von Hexen gehört, so hätte ich auch mit der Hexerei
bekannt werden müssen.
    Meiner Mutter und dieser Wissbegierde hatte ich es zu danken, dass ich bei dem
heftigen Hang zu Büchern doch kochen lernte; aber dabei war etwas zu sehen. Ein
Huhn, ein Ferkel aufzuschneiden, war für mich ein Fest. Dem Vater brachte ich
die Eingeweide, und er redete mit mir darüber wie mit einem jungen Studenten und
pflegte mich oft mit inniger Freude seinen missratenen Sohn zu nennen.
    Nun war das zwölfte Jahr zurückgelegt. Ich lernte Französisch, Tanzen und
Zeichnen und erhielt den gewöhnlichen Religionsunterricht. Bei dem letzten
wurden manche Empfindungen und Gedanken rege, aber nichts, was sich auf meinen
Zustand bezogen hätte. Ich hörte gern von Gott reden, ich war stolz darauf,
besser als meinesgleichen von ihm reden zu können; ich las nun mit Eifer manche
Bücher, die mich in den Stand setzten, von Religion zu schwatzen, aber nie fiel
es mir ein, zu denken, wie es denn mit mir stehe, ob meine Seele auch so
gestaltet sei, ob sie einem Spiegel gleiche, von dem die ewige Sonne
widerglänzen könnte; das hatte ich ein für allemal schon vorausgesetzt.
    Französisch lernte ich mit vieler Begierde. Mein Sprachmeister war ein
wackerer Mann. Er war nicht ein leichtsinniger Empiriker, nicht ein trockner
Grammatiker; er hatte Wissenschaften, er hatte die Welt gesehen. Zugleich mit
dem Sprachunterrichte sättigte er meine Wissbegierde auf mancherlei Weise. Ich
liebte ihn so sehr, dass ich seine Ankunft immer mit Herzklopfen erwartete. Das
Zeichnen fiel mir nicht schwer, und ich würde es weiter gebracht haben, wenn
mein Meister Kopf und Kenntnisse gehabt hätte; er hatte aber nur Hände und
Übung.
    Tanzen war anfangs nur meine geringste Freude; mein Körper war zu
empfindlich, und ich lernte nur in der Gesellschaft meiner Schwester. Durch den
Einfall unsers Tanzmeisters, allen seinen Schülern und Schülerinnen einen Ball
zu geben, ward aber die Lust zu dieser Übung ganz anders belebt.
    Unter vielen Knaben und Mädchen zeichneten sich zwei Söhne des Hofmarschalls
aus: der jüngste so alt wie ich, der andere zwei Jahr älter, Kinder von einer
solchen Schönheit, dass sie nach dem allgemeinen Geständnis alles übertrafen, was
man je von schönen Kindern gesehen hatte. Auch ich hatte sie kaum erblickt, so
sah ich niemand mehr vom ganzen Haufen. In dem Augenblicke tanzte ich mit
Aufmerksamkeit und wünschte schon tanzen. Wie es kam, dass auch diese Knaben
unter allen andern mich vorzüglich bemerkten? - - Genug, in der ersten Stunde
waren wir die besten Freunde, und die kleine Lustbarkeit ging noch nicht zu
Ende, so hatten wir schon ausgemacht, wo wir uns nächstens wieder sehen wollten.
Eine grosse Freude für mich! Aber ganz entzückt war ich, als beide den andern
Morgen, jeder in einem galanten Billett, das mit einem Blumenstrauss begleitet
war, sich nach meinem Befinden erkundigten. So fühlte ich nie mehr, wie ich da
fühlte! Artigkeiten wurden mit Artigkeiten, Briefchen mit Briefchen erwidert.
Kirche und Promenaden wurden von nun an zu Rendezvous; unsre jungen Bekannten
luden uns schon jederzeit zusammen ein, wir aber waren schlau genug, die Sache
dergestalt zu verdecken, dass die Eltern nicht mehr davon einsahn, als wir für
gut hielten.
    Nun hatte ich auf einmal zwei Liebhaber bekommen. Ich war für keinen
entschieden; sie gefielen mir beide, und wir standen aufs beste zusammen. Auf
einmal ward der ältere sehr krank; ich war selbst schon oft sehr krank gewesen
und wusste den Leidenden durch Übersendung mancher Artigkeit und für einen
Kranken schicklicher Leckerbissen zu erfreuen, dass seine Eltern die
Aufmerksamkeit dankbar erkannten, der Bitte des lieben Sohns Gehör gaben und
mich samt meinen Schwestern, sobald er nur das Bette verlassen hatte, zu ihm
einluden. Die Zärtlichkeit, womit er mich empfing, war nicht kindisch, und von
dem Tage an war ich für ihn entschieden. Er warnte mich gleich, vor seinem
Bruder geheim zu sein; allein das Feuer war nicht mehr zu verbergen, und die
Eifersucht des Jüngeren machte den Roman vollkommen. Er spielte uns tausend
Streiche; mit Lust vernichtete er unsre Freude und vermehrte dadurch die
Leidenschaft, die er zu zerstören suchte.
    Nun hatte ich denn wirklich das gewünschte Schäfchen gefunden, und diese
Leidenschaft hatte, wie sonst eine Krankheit, die Wirkung auf mich, dass sie mich
still machte und mich von der schwärmenden Freude zurückzog. Ich war einsam und
gerührt, und Gott fiel mir wieder ein. Er blieb mein Vertrauter, und ich weiss
wohl, mit welchen Tränen ich für den Knaben, der fortkränkelte, zu beten
anhielt.
    Soviel Kindisches in dem Vorgang war, soviel trug er zur Bildung meines
Herzens bei. Unserm französischen Sprachmeister mussten wir täglich statt der
sonst gewöhnlichen Übersetzung Briefe von unsrer eignen Erfindung schreiben. Ich
brachte meine Liebesgeschichte unter dem Namen Phyllis und Damon zu Markte. Der
Alte sah bald durch, und um mich treuherzig zu machen, lobte er meine Arbeit gar
sehr. Ich wurde immer kühner, ging offenherzig heraus und war bis ins Detail der
Wahrheit getreu. Ich weiss nicht mehr, bei welcher Stelle er einst Gelegenheit
nahm, zu sagen: »Wie das artig, wie das natürlich ist! Aber die gute Phyllis mag
sich in acht nehmen, es kann bald ernstaft werden.«
    Mich verdross, dass er die Sache nicht schon für ernstaft hielt, und fragte
ihn pikiert, was er unter ernstaft verstehe? Er liess sich nicht zweimal fragen
und erklärte sich so deutlich, dass ich meinen Schrecken kaum verbergen konnte.
Doch da sich gleich darauf bei mir der Verdruss einstellte, und ich ihm übelnahm,
dass er solche Gedanken hegen könne, fasste ich mich, wollte meine Schöne
rechtfertigen und sagte mit feuerroten Wangen: »Aber, mein Herr, Phyllis ist ein
ehrbares Mädchen!«
    Nun war er boshaft genug, mich mit meiner ehrbaren Heldin aufzuziehen und,
indem wir französisch sprachen, mit dem »honnête« zu spielen, um die Ehrbarkeit
der Phyllis durch alle Bedeutungen durchzuführen. Ich fühlte das Lächerliche und
war äusserst verwirrt. Er, der mich nicht furchtsam machen wollte, brach ab,
brachte aber das Gespräch bei andern Gelegenheiten wieder auf die Bahn.
Schauspiele und kleine Geschichten, die ich bei ihm las und übersetzte, gaben
ihm oft Anlass, zu zeigen, was für ein schwacher Schutz die sogenannte Tugend
gegen die Aufforderungen eines Affekts sei. Ich widersprach nicht mehr, ärgerte
mich aber immer heimlich, und seine Anmerkungen wurden mir zur Last.
    Mit meinem guten Damon kam ich auch nach und nach aus aller Verbindung. Die
Schikanen des Jüngeren hatten unsern Umgang zerrissen. Nicht lange Zeit darauf
starben beide blühende Jünglinge. Es tat mir weh, aber bald waren sie vergessen.
    Phyllis wuchs nun schnell heran, war ganz gesund und fing an, die Welt zu
sehen. Der Erbprinz vermählte sich und trat bald darauf nach dem Tode seines
Vaters die Regierung an. Hof und Stadt waren in lebhafter Bewegung. Nun hatte
meine Neugierde mancherlei Nahrung. Nun gab es Komödien, Bälle und was sich
daran anschliesst, und ob uns gleich die Eltern soviel als möglich zurückhielten,
so musste man doch bei Hof, wo ich eingeführt war, erscheinen. Die Fremden
strömten herbei, in allen Häusern war grosse Welt, an uns selbst waren einige
Kavaliere empfohlen und andre introduziert, und bei meinem Oheim waren alle
Nationen anzutreffen.
    Mein ehrlicher Mentor fuhr fort, mich auf eine bescheidene und doch
treffende Weise zu warnen, und ich nahm es ihm immer heimlich übel. Ich war
keinesweges von der Wahrheit seiner Behauptung überzeugt, und vielleicht hatte
ich auch damals recht, vielleicht hatte er unrecht, die Frauen unter allen
Umständen für so schwach zu halten; aber er redete zugleich so zudringlich, dass
mir einst bange wurde, er möchte recht haben, da ich denn sehr lebhaft zu ihm
sagte: »Weil die Gefahr so gross und das menschliche Herz so schwach ist, so will
ich Gott bitten, dass er mich bewahre.«
    Die naive Antwort schien ihn zu freuen, er lobte meinen Vorsatz; aber es war
bei mir nichts weniger als ernstlich gemeint; diesmal war es nur ein leeres
Wort, denn die Empfindungen für den Unsichtbaren waren bei mir fast ganz
verloschen. Der grosse Schwarm, mit dem ich umgeben war, zerstreute mich und riss
mich wie ein starker Strom mit fort. Es waren die leersten Jahre meines Lebens.
Tagelang von nichts zu reden, keinen gesunden Gedanken zu haben und nur zu
schwärmen, das war meine Sache. Nicht einmal der geliebten Bücher wurde gedacht.
Die Leute, mit denen ich umgeben war, hatten keine Ahnung von Wissenschaften; es
waren deutsche Hofleute, und diese Klasse hatte damals nicht die mindeste
Kultur.
    Ein solcher Umgang, sollte man denken, hätte mich an den Rand des Verderbens
führen müssen. Ich lebte in sinnlicher Munterkeit nur so hin, ich sammelte mich
nicht, ich betete nicht, ich dachte nicht an mich noch an Gott; aber ich seh' es
als eine Führung an, dass mir keiner von den vielen schönen, reichen und
wohlgekleideten Männern gefiel. Sie waren liederlich und versteckten es nicht,
das schreckte mich zurück; ihr Gespräch zierten sie mit Zweideutigkeiten, das
beleidigte mich, und ich hielt mich kalt gegen sie; ihre Unart überstieg
manchmal allen Glauben, und ich erlaubte mir, grob zu sein.
    Überdies hatte mir mein Alter einmal vertraulich eröffnet, dass mit den
meisten dieser leidigen Bursche nicht allein die Tugend, sondern auch die
Gesundheit eines Mädchens in Gefahr sei. Nun graute mir erst vor ihnen, und ich
war schon besorgt, wenn mir einer auf irgendeine Weise zu nahe kam. Ich hütete
mich vor Gläsern und Tassen wie vor dem Stuhle, von dem einer aufgestanden war.
Auf diese Weise war ich moralisch und physisch sehr isoliert, und alle die
Artigkeiten, die sie mir sagten, nahm ich stolz für schuldigen Weihrauch auf.
    Unter den Fremden, die sich damals bei uns aufhielten, zeichnete sich ein
junger Mann besonders aus, den wir im Scherz Narziss nannten. Er hatte sich in
der diplomatischen Laufbahn guten Ruf erworben und hoffte bei verschiedenen
Veränderungen, die an unserm neuen Hofe vorgingen, vorteilhaft placiert zu
werden. Er ward mit meinem Vater bald bekannt, und seine Kenntnisse und sein
Betragen öffneten ihm den Weg in eine geschlossene Gesellschaft der würdigsten
Männer. Mein Vater sprach viel zu seinem Lobe, und seine schöne Gestalt hätte
noch mehr Eindruck gemacht, wenn sein ganzes Wesen nicht eine Art von
Selbstgefälligkeit gezeigt hätte. Ich hatte ihn gesehen, dachte gut von ihm,
aber wir hatten uns nie gesprochen.
    Auf einem grossen Balle, auf dem er sich auch befand, tanzten wir eine
Menuett zusammen; auch das ging ohne nähere Bekanntschaft ab. Als die heftigen
Tänze angingen, die ich meinem Vater zuliebe, der für meine Gesundheit besorgt
war, zu vermeiden pflegte, begab ich mich in ein Nebenzimmer und unterhielt mich
mit ältern Freundinnen die sich zum Spiele gesetzt hatten.
    Narziss, der eine Weile mit herumgesprungen war, kam auch einmal in das
Zimmer, in dem ich mich befand, und fing, nachdem er sich von einem Nasenbluten,
das ihn beim Tanzen überfiel, erholt hatte, mit mir über mancherlei zu sprechen
an. Binnen einer halben Stunde war der Diskurs so interessant, ob sich gleich
keine Spur von Zärtlichkeit drein mischte, dass wir nun beide das Tanzen nicht
mehr vertragen konnten. Wir wurden bald von den andern darüber geneckt, ohne dass
wir uns dadurch irremachen liessen. Den andern Abend konnten wir unser Gespräch
wieder anknüpfen und schonten unsre Gesundheit sehr.
    Nun war die Bekanntschaft gemacht. Narziss wartete mir und meinen Schwestern
auf, und nun fing ich erst wieder an, gewahr zu werden, was ich alles wusste,
worüber ich gedacht, was ich empfunden hatte, und worüber ich mich im Gespräche
auszudrücken verstand. Mein neuer Freund, der von jeher in der besten
Gesellschaft gewesen war, hatte ausser dem historischen und politischen Fache,
das er ganz übersah, sehr ausgebreitete literarische Kenntnisse, und ihm blieb
nichts Neues, besonders was in Frankreich herauskam, unbekannt. Er brachte und
sendete mir manch angenehmes Buch, doch das musste geheimer als ein verbotenes
Liebesverständnis gehalten werden. Man hatte die gelehrten Weiber lächerrlich
gemacht, und man wollte auch die unterrichteten nicht leiden, wahrscheinlich
weil man für unhöflich hielt, so viel unwissende Männer beschämen zu lassen.
Selbst mein Vater, dem diese neue Gelegenheit, meinen Geist auszubilden, sehr
erwünscht war, verlangte ausdrücklich, dass dieses literarische Kommerz ein
Geheimnis bleiben sollte.
    So währte unser Umgang beinahe Jahr und Tag, und ich konnte nicht sagen, dass
Narziss auf irgendeine Weise Liebe oder Zärtlichkeit gegen mich geäussert hätte.
Er blieb artig und verbindlich, aber zeigte keinen Affekt; vielmehr schien der
Reiz meiner jüngsten Schwester, die damals ausserordentlich schön war, ihn nicht
gleichgültig zu lassen. Er gab ihr im Scherze allerlei freundliche Namen aus
fremden Sprachen, deren mehrere er sehr gut sprach, und deren eigentümliche
Redensarten er gern ins deutsche Gespräch mischte. Sie erwiderte seine
Artigkeiten nicht sonderlich; sie war von einem andern Fädchen gebunden, und da
sie überhaupt sehr rasch und er empfindlich war, so wurden sie nicht selten über
Kleinigkeiten uneins. Mit der Mutter und den Tanten wusste er sich gut zu halten,
und so war er nach und nach ein Glied der Familie geworden.
    Wer weiss, wie lange wir noch auf diese Weise fortgelebt hätten, wären durch
einen sonderbaren Zufall unsere Verhältnisse nicht auf einmal verändert worden.
Ich ward mit meinen Schwestern in ein gewisses Haus gebeten, wohin ich nicht
gerne ging. Die Gesellschaft war zu gemischt, und es fanden sich dort oft
Menschen, wo nicht vom rohsten, doch vom plattsten Schlage mit ein. Diesmal war
Narziss auch mit geladen, und um seinetwillen war ich geneigt, hinzugehen; denn
ich war doch gewiss, jemanden zu finden, mit dem ich mich auf meine Weise
unterhalten konnte. Schon bei Tafel hatten wir manches auszustehen, denn einige
Männer hatten stark getrunken; nach Tische sollten und mussten Pfänder gespielt
werden. Es ging dabei sehr rauschend und lebhaft zu. Narziss hatte ein Pfand zu
lösen; man gab ihm auf, der ganzen Gesellschaft etwas ins Ohr zu sagen, das
jedermann angenehm wäre. Er mochte sich bei meiner Nachbarin, der Frau eines
Hauptmanns, zu lange verweilen. Auf einmal gab ihm dieser eine Ohrfeige, dass
mir, die ich gleich daran sass, der Puder in die Augen flog. Als ich die Augen
ausgewischt und mich vom Schrecken einigermassen erholt hatte, sah ich beide
Männer mit blossen Degen. Narziss blutete, und der andere, ausser sich von Wein,
Zorn und Eifersucht, konnte kaum von der ganzen übrigen Gesellschaft
zurückgehalten werden. Ich nahm Narzissen beim Arm und führte ihn zur Türe
hinaus eine Treppe hinauf in ein ander Zimmer, und weil ich meinen Freund vor
seinem tollen Gegner nicht sicher glaubte, riegelte ich die Türe sogleich zu.
    Wir hielten beide die Wunde nicht für ernstaft, denn wir sahen nur einen
leichten Hieb über die Hand; bald aber wurden wir einen Strom von Blut, der den
Rücken herunterfloss, gewahr, und es zeigte sich eine grosse Wunde auf dem Kopfe.
Nun ward mir bange. Ich eilte auf den Vorplatz um nach Hülfe zu schicken, konnte
aber niemand ansichtig werden, denn alles war unten geblieben, den rasenden
Menschen zu bändigen. Endlich kam eine Tochter des Hauses heraufgesprungen, und
ihre Munterkeit ängstigte mich nicht wenig, da sie sich über den tollen
Spektakel und über die verfluchte Komödie fast zu Tode lachen wollte. Ich bat
sie dringend, mir einen Wundarzt zu schaffen, und sie, nach ihrer wilden Art,
sprang gleich die Treppe hinunter, selbst einen zu holen.
    Ich ging wieder zu meinem Verwundeten, band ihm mein Schnupftuch um die Hand
und ein Handtuch, das an der Türe hing, um den Kopf. Er blutete noch immer
heftig; der Verwundete erblasste und schien in Ohnmacht zu sinken. Niemand war in
der Nähe, der mir hätte beistehen können; ich nahm ihn sehr ungezwungen in den
Arm und suchte ihn durch Streicheln und Schmeicheln aufzumuntern. Es schien die
Wirkung eines geistigen Heilmittels zu tun; er blieb bei sich, aber sass
totenbleich da.
    Nun kam endlich die tätige Hausfrau, und wie erschrak sie, als sie den
Freund in dieser Gestalt in meinen Armen liegen und uns alle beide mit Blut
überströmt sah, denn niemand hatte sich vorgestellt, dass Narziss verwundet sei,
alle meinten, ich habe ihn glücklich hinausgebracht.
    Nun war Wein, wohlriechendes Wasser, und was nur erquicken und erfrischen
konnte, im Überfluss da, nun kam auch der Wundarzt, und ich hätte wohl abtreten
können; allein Narziss hielt mich fest bei der Hand, und ich wäre, ohne gehalten
zu werden, stehengeblieben. Ich fuhr während des Verbandes fort, ihn mit Wein
anzustreichen, und achtete es wenig, dass die ganze Gesellschaft nunmehr
umherstand. Der Wundarzt hatte geendigt, der Verwundete nahm einen stummen
verbindlichen Abschied von mir und wurde nach Hause getragen.
    Nun führte mich die Hausfrau in ihr Schlafzimmer; sie musste mich ganz
auskleiden, und ich darf nicht verschweigen, dass ich, da man sein Blut von
meinem Körper abwusch, zum erstenmal zufällig im Spiegel gewahr wurde, dass ich
mich auch ohne Hülle für schön halten durfte. Ich konnte keines meiner
Kleidungsstücke wieder anziehn, und da die Personen im Hause alle kleiner oder
stärker waren als ich, so kam ich in einer seltsamen Verkleidung zum grössten
Erstaunen meiner Eltern nach Hause. Sie waren über mein Schrecken, über die
Wunden des Freundes, über den Unsinn des Hauptmanns, über den ganzen Vorfall
äusserst verdriesslich. Wenig fehlte, so hätte mein Vater selbst, seinen Freund
auf der Stelle zu rächen, den Hauptmann herausgefordert. Er schalt die
anwesenden Herren, dass sie ein solches meuchlerisches Beginnen nicht auf der
Stelle geahndet; denn es war nur zu offenbar, dass der Hauptmann sogleich,
nachdem er geschlagen, den Degen gezogen und Narzissen von hinten verwundet
habe; der Hieb über die Hand war erst geführt worden, als Narziss selbst zum
Degen griff. Ich war unbeschreiblich alteriert und affiziert, oder wie soll ich
es ausdrücken; der Affekt, der im tiefsten Grunde des Herzens ruhte, war auf
einmal losgebrochen wie eine Flamme, welche Luft bekömmt. Und wenn Lust und
Freude sehr geschickt sind, die Liebe zuerst zu erzeugen und im stillen zu
nähren, so wird sie, die von Natur herzhaft ist, durch den Schrecken am
leichtesten angetrieben, sich zu entscheiden und zu klären. Man gab dem
Töchterchen Arznei ein und legte es zu Bette. Mit dem frühsten Morgen eilte mein
Vater zu dem verwundeten Freund, der an einem starken Wundfieber recht krank
darniederlag.
    Mein Vater sagte mir wenig von dem, was er mit ihm geredet hatte, und suchte
mich wegen der Folgen, die dieser Vorfall haben könnte, zu beruhigen. Es war die
Rede, ob man sich mit einer Abbitte begnügen könne, ob die Sache gerichtlich
werden müsse, und was dergleichen mehr war. Ich kannte meinen Vater zu wohl, als
dass ich ihm geglaubt hätte, dass er diese Sache ohne Zweikampf geendigt zu sehen
wünschte; allein ich blieb still, denn ich hatte von meinem Vater früh gelernt,
dass Weiber in solche Händel sich nicht zu mischen hätten. Übrigens schien es
nicht, als wenn zwischen den beiden Freunden etwas vorgefallen wäre, das mich
betroffen hätte; doch bald vertraute mein Vater den Inhalt seiner weitern
Unterredung meiner Mutter. Narziss, sagte er, sei äusserst gerührt von meinem
geleisteten Beistand, habe ihn umarmt, sich für meinen ewigen Schuldner erklärt,
bezeigt, er verlange kein Glück, wenn er es nicht mit mir teilen sollte, er habe
sich die Erlaubnis ausgebeten, ihn als Vater ansehen zu dürfen. Mama sagte mir
das alles treulich wieder, hängte aber die wohlmeinende Erinnerung daran, auf so
etwas, das in der ersten Bewegung gesagt worden, dürfe man so sehr nicht achten.
»Ja freilich«, antwortete ich mit angenommener Kälte, und fühlte der Himmel weiss
was und wieviel dabei.
    Narziss blieb zwei Monate krank, konnte wegen der Wunde an der rechten Hand
nicht einmal schreiben, bezeigte mir aber inzwischen sein Andenken durch die
verbindlichste Aufmerksamkeit. Alle diese mehr als gewöhnlichen Höflichkeiten
hielt ich mit dem, was ich von der Mutter erfahren hatte, zusammen, und
beständig war mein Kopf voller Grillen. Die ganze Stadt unterhielt sich von der
Begebenheit. Man sprach mit mir davon in einem besondern Tone, man zog
Folgerungen daraus, die, so sehr ich sie abzulehnen suchte, mir immer sehr nahe
gingen. Was vorher Tändelei und Gewohnheit gewesen war, ward nun Ernst und
Neigung. Die Unruhe, in der ich lebte, war um so heftiger, je sorgfältiger ich
sie vor allen Menschen zu verbergen suchte. Der Gedanke, ihn zu verlieren,
erschreckte mich, und die Möglichkeit einer nähern Verbindung machte mich
zittern. Der Gedanke des Ehestandes hat für ein halbkluges Mädchen gewiss etwas
Schreckhaftes.
    Durch diese heftigen Erschütterungen ward ich wieder an mich selbst
erinnert. Die bunten Bilder eines zerstreuten Lebens, die mir sonst Tag und
Nacht vor Augen schwebten, waren auf einmal weggeblasen. Meine Seele fing wieder
an, sich zu regen; allein die sehr unterbrochene Bekanntschaft mit dem
unsichtbaren Freunde war so leicht nicht wieder hergestellt. Wir blieben noch
immer in ziemlicher Entfernung; es war wieder etwas, aber gegen sonst ein grosser
Unterschied.
    Ein Zweikampf, worin der Hauptmann stark verwundet wurde, war vorüber, ohne
dass ich etwas davon erfahren hatte, und die öffentliche Meinung war in jedem
Sinne auf der Seite meines Geliebten, der endlich wieder auf dem Schauplatze
erschien. Vor allen Dingen liess er sich mit verbundenem Haupt und eingewickelter
Hand in unser Haus tragen. Wie klopfte mir das Herz bei diesem Besuche! Die
ganze Familie war gegenwärtig; es blieb auf beiden Seiten nur bei allgemeinen
Danksagungen und Höflichkeiten, doch fand er Gelegenheit, mir einige geheime
Zeichen seiner Zärtlichkeit zu geben, wodurch meine Unruhe nur zu sehr vermehrt
ward. Nachdem er sich völlig wieder erholt, besuchte er uns den ganzen Winter
auf eben dem Fuss wie ehemals, und bei allen leisen Zeichen von Empfindung und
Liebe, die er mir gab, blieb alles unerörtert.
    Auf diese Weise ward ich in steter Übung gehalten. Ich konnte mich keinem
Menschen vertrauen, und von Gott war ich zu weit entfernt. Ich hatte diesen
während vier wilder Jahre ganz vergessen; nun dachte ich dann und wann wieder an
ihn, aber die Bekanntschaft war erkaltet; es waren nur Zeremonienvisiten, die
ich ihm machte, und da ich überdies, wenn ich vor ihm erschien, immer schöne
Kleider anlegte, meine Tugend, Ehrbarkeit und Vorzüge, die ich vor andern zu
haben glaubte, ihm mit Zufriedenheit vorwies, so schien er mich in dem Schmucke
gar nicht zu bemerken.
    Ein Höfling würde, wenn sein Fürst, von dem er sein Glück erwartet, sich so
gegen ihn betrüge, sehr beunruhigt werden; mir aber war nicht übel dabei zumute.
Ich hatte, was ich brauchte, Gesundheit und Bequemlichkeit; wollte sich Gott
mein Andenken gefallen lassen, so war es gut, wo nicht, so glaubte ich doch
meine Schuldigkeit getan zu haben.
    So dachte ich freilich damals nicht von mir; aber es war doch die wahrhafte
Gestalt meiner Seele. Meine Gesinnungen zu ändern und zu reinigen, waren aber
auch schon Anstalten gemacht.
    Der Frühling kam heran, und Narziss besuchte mich unangemeldet zu einer Zeit,
da ich ganz allein zu Hause war. Nun erschien er als Liebhaber und fragte mich,
ob ich ihm mein Herz und, wenn er eine ehrenvolle, wohlbesoldete Stelle
erhielte, auch dereinst meine Hand schenken wollte.
    Man hatte ihn zwar in unsre Dienste genommen; allein anfangs hielt man ihn,
weil man sich vor seinem Ehrgeiz fürchtete, mehr zurück, als dass man ihn schnell
emporgehoben hätte, und liess ihn, weil er eignes Vermögen hatte, bei einer
kleinen Besoldung.
    Bei aller meiner Neigung zu ihm wusste ich, dass er der Mann nicht war, mit
dem man ganz gerade handeln konnte. Ich nahm mich daher zusammen und verwies ihn
an meinen Vater, an dessen Einwilligung er nicht zu zweifeln schien und mit mir
erst auf der Stelle einig sein wollte. Endlich sagte ich ja, indem ich die
Beistimmung meiner Eltern zur notwendigen Bedingung machte. Er sprach alsdann
mit beiden förmlich; sie zeigten ihre Zufriedenheit, man gab sich das Wort auf
den bald zu hoffenden Fall, dass man ihn weiter avancieren werde. Schwestern und
Tanten wurden davon benachrichtigt und ihnen das Geheimnis auf das strengste
anbefohlen.
    Nun war aus einem Liebhaber ein Bräutigam geworden. Die Verschiedenheit
zwischen beiden zeigte sich sehr gross. Könnte jemand die Liebhaber aller
wohldenkenden Mädchen in Bräutigame verwandeln, so wäre es eine grosse Wohltat
für unser Geschlecht, selbst wenn auf dieses Verhältnis keine Ehe erfolgen
sollte. Die Liebe zwischen beiden Personen nimmt dadurch nicht ab, aber sie wird
vernünftiger. Unzählige kleine Torheiten, alle Koketterien und Launen fallen
gleich hinweg. Äussert uns der Bräutigam, dass wir ihm in einer Morgenhaube besser
als in dem schönsten Aufsatze gefallen, dann wird einem wohldenkenden Mädchen
gewiss die Frisur gleichgültig, und es ist nichts natürlicher, als dass er auch
solid denkt und lieber sich eine Hausfrau, als der Welt eine Putzdocke zu bilden
wünscht. Und so geht es durch alle Fächer durch.
    Hat ein solches Mädchen dabei das Glück, dass ihr Bräutigam Verstand und
Kenntnisse besitzt, so lernt sie mehr, als hohe Schulen und fremde Länder geben
können. Sie nimmt nicht nur alle Bildung gern an, die er ihr gibt, sondern sie
sucht sich auch auf diesem Wege so immer weiter zu bringen. Die Liebe macht
vieles Unmögliche möglich, und endlich geht die dem weiblichen Geschlecht so
nötige und anständige Unterwerfung sogleich an; der Bräutigam herrscht nicht wie
der Ehemann; er bittet nur, und seine Geliebte sucht ihm abzumerken, was er
wünscht, um es noch eher zu vollbringen, als er bittet.
    So hat mich die Erfahrung gelehrt, was ich nicht um vieles missen möchte.
Ich war glücklich, wahrhaft glücklich, wie man es in der Welt sein kann, das
heisst auf kurze Zeit.
    Ein Sommer ging unter diesen stillen Freuden hin. Narziss gab mir nicht die
mindeste Gelegenheit zu Beschwerden; er ward mir immer lieber, meine ganze Seele
hing an ihm, das wusste er wohl und wusste es zu schätzen. Inzwischen entspann
sich aus anscheinenden Kleinigkeiten etwas, das unserm Verhältnisse nach und
nach schädlich wurde.
    Narziss ging als Bräutigam mit mir um, und nie wagte er es, das von mir zu
begehren, was uns noch verboten war. Allein über die Grenzen der Tugend und
Sittsamkeit waren wir sehr verschiedener Meinung. Ich wollte sicher gehen und
erlaubte durchaus keine Freiheit, als welche allenfalls die ganze Welt hätte
wissen dürfen. Er, an Näschereien gewöhnt, fand diese Diät sehr streng, hier
setzte es nun beständigen Widerspruch; er lobte mein Verhalten und suchte meinen
Entschluss zu untergraben.
    Mir fiel das ernstaft meines alten Sprachmeisters wieder ein, und zugleich
das Hülfsmittel, das ich damals dagegen angegeben hatte.
    Mit Gott war ich wieder ein wenig bekannter geworden. Er hatte mir so einen
lieben Bräutigam gegeben, und dafür wusste ich ihm Dank. Die irdische Liebe
selbst konzentrierte meinen Geist und setzte ihn in Bewegung, und meine
Beschäftigung mit Gott widersprach ihr nicht. Ganz natürlich klagte ich ihm, was
mich bange machte, und bemerkte nicht, dass ich selbst das, was mich bange
machte, wünschte und begehrte. Ich kam mir sehr stark vor und betete nicht etwa:
»Bewahre mich vor Versuchung!«, über die Versuchung war ich meinen Gedanken nach
weit hinaus. In diesem losen Flitterschmuck eigner Tugend erschien ich dreist
vor Gott; er stiess mich nicht weg, auf die geringste Bewegung zu ihm hinterliess
er einen sanften Eindruck in meiner Seele, und dieser Eindruck bewegte mich, ihn
immer wieder aufzusuchen.
    Die ganze Welt war mir ausser Narzissen tot, nichts hatte ausser ihm Reiz für
mich. Selbst meine Liebe zum Putz hatte nur den Zweck, ihm zu gefallen; wusste
ich, dass er mich nicht sah, so konnte ich keine Sorgfalt darauf wenden. Ich
tanzte gern; wenn er aber nicht dabei war; so schien mir, als wenn ich die
Bewegung nicht vertragen könnte. Auf ein brillantes Fest, bei dem er nicht
zugegen war, konnte ich mir weder etwas Neues anschaffen, noch das Alte der Mode
gemäss aufstutzen. Einer war mir so lieb als der andere, doch möchte ich lieber
sagen, einer so lästig als der andere. Ich glaubte meinen Abend recht gut
zugebracht zu haben, wenn ich mir mit ältern Personen ein Spiel ausmachen
konnte, wozu ich sonst nicht die mindeste Lust hatte, und wenn ein alter guter
Freund mich etwa scherzhaft darüber aufzog, lächelte ich vielleicht das erstemal
den ganzen Abend. So ging es mit Promenaden und allen gesellschaftlichen
Vergnügungen, die sich nur denken lassen.
Ich hatt' ihn einzig mir erkoren;
Ich schien mir nur für ihn geboren,
Begehrte nichts als seine Gunst.
So war ich oft in der Gesellschaft einsam, und die völlige Einsamkeit war mir
meistens lieber. Allein mein geschäftiger Geist konnte weder schlafen noch
träumen; ich fühlte und dachte und erlangte nach und nach eine Fertigkeit, von
meinen Empfindungen und Gedanken mit Gott zu reden. Da entwickelten sich
Empfindungen anderer Art in meiner Seele, die jenen nicht widersprachen. Denn
meine Liebe zu Narziss war dem ganzen Schöpfungsplane gemäss und stiess nirgend
gegen meine Pflichten an. Sie widersprachen sich nicht und waren doch unendlich
verschieden. Narziss war das einzige Bild, das mir vorschwebte, auf das sich
meine ganze Liebe bezog; aber das andere Gefühl bezog sich auf kein Bild und war
unaussprechlich angenehm. Ich habe es nicht mehr und kann es mir nicht mehr
geben.
    Mein Geliebter, der sonst alle meine Geheimnisse wusste, erfuhr nichts
hiervon. Ich merkte bald, dass er anders dachte; er gab mir öfters Schriften, die
alles, was man Zusammenhang mit dem Unsichtbaren heissen kann, mit leichten und
schweren Waffen bestritten. Ich las die Bücher, weil sie von ihm kamen, und
wusste am Ende kein Wort von allem dem, was darin gestanden hatte.
    Über Wissenschaften und Kenntnisse ging es auch nicht ohne Widerspruch ab;
er machte es wie alle Männer, spottete über gelehrte Frauen und bildete
unaufhörlich an mir. Über alle Gegenstände, die Rechtsgelehrsamkeit ausgenommen,
pflegte er mit mir zu sprechen, und indem er mir Schriften von allerlei Art
beständig zubrachte, wiederholte er oft die bedenkliche Lehre, dass ein
Frauenzimmer sein Wissen heimlicher halten müsse als der Calvinist seinen
Glauben im katolischen Lande; und indem ich wirklich auf eine ganz natürliche
Weise vor der Welt mich nicht klüger und unterrichteter als sonst zu zeigen
pflegte, war er der erste, der gelegentlich der Eitelkeit nicht widerstehen
konnte, von meinen Vorzügen zu sprechen.
    Ein berühmter und damals wegen seines Einflusses, seiner Talente und seines
Geistes sehr geschätzter Weltmann fand an unserm Hofe grossen Beifall. Er
zeichnete Narzissen besonders aus und hatte ihn beständig um sich. Sie stritten
auch über die Tugend der Frauen. Narziss vertraute mir weitläufig ihre
Unterredung; ich blieb mit meinen Anmerkungen nicht dahinten, und mein Freund
verlangte von mir einen schriftlichen Aufsatz. Ich schrieb ziemlich geläufig
Französisch; ich hatte bei meinem Alten einen guten Grund gelegt. Die
Korrespondenz mit meinem Freunde war in dieser Sprache geführt, und eine feinere
Bildung konnte man überhaupt damals nur aus französischen Büchern nehmen. Mein
Aufsatz hatte dem Grafen gefallen; ich musste einige kleine Lieder hergeben, die
ich vor kurzem gedichtet hatte. Genug, Narziss schien sich auf seine Geliebte
ohne Rückhalt etwas zugute zu tun, und die Geschichte endigte zu seiner grossen
Zufriedenheit mit einer geistreichen Epistel in französischen Versen, die ihm
der Graf bei seiner Abreise zusandte, worin ihres freundschaftlichen Streites
gedacht war, und mein Freund am Ende glücklich gepriesen wurde, dass er nach so
manchen Zweifeln und Irrtümern in den Armen einer reizenden und tugendhaften
Gattin, was Tugend sei, am sichersten erfahren würde.
    Dieses Gedicht ward mir vor allen und dann aber auch fast jedermann gezeigt,
und jeder dachte dabei, was er wollte. So ging es in mehreren Fällen, und so
mussten alle Fremden, die er schätzte, in unserm Hause bekannt werden.
    Eine gräfliche Familie hielt sich wegen unsres geschickten Arztes eine
Zeitlang hier auf. Auch in diesem Hause war Narziss wie ein Sohn gehalten; er
führte mich daselbst ein, man fand bei diesen würdigen Personen eine angenehme
Unterhaltung für Geist und Herz, und selbst die gewöhnlichen Zeitvertreibe der
Gesellschaft schienen in diesem Hause nicht so leer wie anderwärts. Jedermann
wusste, wie wir zusammen standen; man behandelte uns, wie es die Umstände mit
sich brachten, und liess das Hauptverhältnis unberührt. Ich erwähne dieser einen
Bekanntschaft, weil sie in der Folge meines Lebens manchen Einfluss auf mich
hatte.
    Nun war fast ein Jahr unserer Verbindung verstrichen, und mit ihm war auch
unser Frühling dahin. Der Sommer kam, und alles wurde ernstafter und heisser.
    Durch einige unerwartete Todesfälle waren Ämter erledigt, auf die Narziss
Anspruch machen konnte. Der Augenblick war nahe, in dem sich mein ganzes
Schicksal entscheiden sollte, und indes Narziss und alle Freunde sich bei Hofe
die möglichste Mühe gaben, gewisse Eindrücke, die ihm ungünstig waren, zu
vertilgen und ihm den erwünschten Platz zu verschaffen, wendete ich mich mit
meinem Anliegen zu dem unsichtbaren Freunde. Ich ward so freundlich aufgenommen,
dass ich gern wiederkam. Ganz frei gestand ich meinen Wunsch, Narziss möchte zu
der Stelle gelangen; allein meine Bitte war nicht ungestüm, und ich forderte
nicht, dass es um meines Gebets willen geschehen sollte.
    Die Stelle ward durch einen viel geringeren Konkurrenten besetzt. Ich
erschrak heftig über die Zeitung und eilte in mein Zimmer, das ich fest hinter
mir zumachte. Der erste Schmerz löste sich in Tränen auf; der nächste Gedanke
war: »Es ist aber doch nicht von ungefähr geschehen«, und sogleich folgte die
Entschliessung, es mir recht wohl gefallen zu lassen, weil auch dieses
anscheinende Übel zu meinem wahren Besten gereichen würde. Nun drangen die
sanftesten Empfindungen, die alle Wolken des Kummers zerteilten herbei; ich
fühlte, dass sich mit dieser Hülfe alles ausstehn liess. Ich ging heiter zu
Tische, zum Erstaunen meiner Hausgenossen.
    Narziss hatte weniger Kraft als ich, und ich musste ihn trösten. Auch in
seiner Familie begegneten ihm Widerwärtigkeiten, die ihn sehr drückten, und bei
dem wahren Vertrauen, das unter uns stattatte, vertraute er mir alles. Seine
Negoziationen, in fremde Dienste zu gehen, waren auch nicht glücklicher; alles
fühlte ich tief um seinet- und meinetwillen, und alles trug ich zuletzt an den
Ort, wo mein Anliegen so wohl aufgenommen wurde.
    Je sanfter diese Erfahrungen waren, desto öfter suchte ich sie zu erneuern
und den Trost immer da, wo ich ihn so oft gefunden hatte; allein ich fand ihn
nicht immer, es war mir wie einem, der sich an der Sonne wärmen will, und dem
etwas im Wege steht, das Schatten macht. »Was ist das?« fragte ich mich selbst.
Ich spürte der Sache eifrig nach und bemerkte deutlich, dass alles von der
Beschaffenheit meiner Seele abhing; wenn die nicht ganz in der geradesten
Richtung zu Gott gekehrt war, so blieb ich kalt; ich fühlte seine Rückwirkung
nicht und konnte seine Antwort nicht vernehmen. Nun war die zweite Frage: »Was
verhindert diese Richtung?« Hier war ich in einem weiten Feld und verwickelte
mich in eine Untersuchung, die beinahe das ganze zweite Jahr meiner
Liebesgeschichte fortdauerte. Ich hätte sie früher endigen können, denn ich kam
bald auf die Spur; aber ich wollte es nicht gestehen und suchte tausend
Ausflüchte.
    Ich fand sehr bald, dass die gerade Richtung meiner Seele durch törichte
Zerstreuung und Beschäftigung mit unwürdigen Sachen gestört werde; das Wie und
Wo war mir bald klar genug. Nun aber wie herauskommen in einer Welt, wo alles
gleichgültig oder toll ist? Gern hätte ich die Sache an ihren Ort gestellt sein
lassen und hätte auf Geratewohl hingelebt wie andere Leute auch, die ich ganz
wohlauf sah; allein ich durfte nicht, mein Inneres widersprach mir zu oft.
Wollte ich mich der Gesellschaft entziehen und meine Verhältnisse verändern, so
konnte ich nicht. Ich war nun einmal in einen Kreis hineingesperrt; gewisse
Verbindungen konnte ich nicht loswerden, und in der mir so angelegenen Sache
drängten und häuften sich die Fatalitäten. Ich legte mich oft mit Tränen zu
Bette und stand nach einer schlaflosen Nacht auch wieder so auf; ich bedurfte
einer kräftigen Unterstützung, und die verlieh mir Gott nicht, wenn ich mit der
Schellenkappe herumlief.
    Nun ging es an ein Abwiegen aller und jeder Handlungen; Tanzen und Spielen
wurden am ersten in Untersuchung genommen. Nie ist etwas für oder gegen diese
Dinge geredet, gedacht oder geschrieben worden, das ich nicht aufsuchte,
besprach, las, erwog, vermehrte, verwarf und mich unerhört herumplagte.
Unterliess ich diese Dinge, so war ich gewiss, Narzissen zu beleidigen; denn er
fürchtete sich äusserst vor dem Lächerlichen, das uns der Anschein ängstlicher
Gewissenhaftigkeit vor der Welt gibt. Weil ich nun das, was ich für Torheit, für
schädliche Torheit hielt, nicht einmal aus Geschmack, sondern bloss um
seinetwillen tat, so wurde mir alles entsetzlich schwer.
    Ohne unangenehme Weitläufigkeiten und Wiederholungen würde ich die
Bemühungen nicht darstellen können, welche ich anwendete, um jene Handlungen,
die mich nun einmal zerstreuten und meinen innern Frieden störten, so zu
verrichten, dass dabei mein Herz für die Einwirkungen des unsichtbaren Wesens
offen bliebe, und wie schmerzlich ich empfinden musste, dass der Streit auf diese
Weise nicht beigelegt werden könne. Denn sobald ich mich in das Gewand der
Torheit kleidete, blieb es nicht bloss bei der Maske, sondern die Narrheit
durchdrang mich sogleich durch und durch.
    Darf ich hier das Gesetz einer bloss historischen Darstellung überschreiten
und einige Betrachtungen über dasjenige machen, was in mir vorging? Was konnte
das sein, das meinen Geschmack und meine Sinnesart so änderte, dass ich im
zweiundzwanzigsten Jahre, ja früher, kein Vergnügen an Dingen fand, die Leute
von diesem Alter unschuldig belustigen können? Warum waren sie mir nicht
unschuldig? Ich darf wohl antworten: eben weil sie mir nicht unschuldig waren,
weil ich nicht, wie andre meinesgleichen, unbekannt mit meiner Seele war. Nein,
ich wusste aus Erfahrungen, die ich ungesucht erlangt hatte, dass es höhere
Empfindungen gebe, die uns ein Vergnügen wahrhaftig gewährten, das man vergebens
bei Lustbarkeiten sucht, und dass in diesen höhern Freuden zugleich ein geheimer
Schatz zur Stärkung im Unglück aufbewahrt sei.
    Aber die geselligen Vergnügungen und Zerstreuungen der Jugend mussten doch
notwendig einen starken Reiz für mich haben, weil es mir nicht möglich war, sie
zu tun, als täte ich sie nicht. Wie manches könnte ich jetzt mit grosser Kälte
tun, wenn ich nur wollte, was mich damals irremachte, ja Meister über mich zu
werden drohte. Hier konnte kein Mittelweg gehalten werden: ich musste entweder
die reizenden Vergnügungen oder die erquickenden innerlichen Empfindungen
entbehren.
    Aber schon war der Streit in meiner Seele ohne mein eigentliches Bewusstsein
entschieden. Wenn auch etwas in mir war, das sich nach den sinnlichen Freuden
hinsehnte, so konnte ich sie doch nicht mehr geniessen. Wer den Wein noch so sehr
liebt, dem wird alle Lust zum Trinken vergehen, wenn er sich bei vollen Fässern
in einem Keller befände, in welchem die verdorbene Luft ihn zu ersticken drohte.
Reine Luft ist mehr als Wein, das fühlte ich nur zu lebhaft, und es hätte gleich
von Anfang an wenig Überlegung bei mir gekostet, das Gute dem Reizenden
vorzuziehen, wenn mich die Furcht, Narzissens Gunst zu verlieren, nicht
abgehalten hätte. Aber da ich endlich nach tausendfältigem Streit, nach immer
wiederholter Betrachtung auch scharfe Blicke auf das Band warf, das mich an ihm
festielt, entdeckte ich, dass es nur schwach war, dass es sich zerreissen lasse.
Ich erkannte auf einmal, dass es nur eine Glasglocke sei, die mich in den
luftleeren Raum sperrte; nur noch so viel Kraft, sie entzwei zu schlagen, und du
bist gerettet!
    Gedacht, gewagt. Ich zog die Maske ab und handelte jedesmal, wie mir's ums
Herz war. Narzissen hatte ich immer zärtlich lieb; aber das Termometer, das
vorher im heissen Wasser gestanden, hing nun an der natürlichen Luft; es konnte
nicht höher steigen, als die Atmosphäre warm war.
    Unglücklicherweise erkältete sie sich sehr. Narziss fing an, sich
zurückzuziehen und fremd zu tun; das stand ihm frei; aber mein Termometer fiel,
sowie er sich zurückzog. Meine Familie bemerkte es, man befragte mich, man
wollte sich verwundern. Ich erklärte mit männlichem Trotz, dass ich mich bisher
genug aufgeopfert habe, dass ich bereit sei, noch ferner und bis ans Ende meines
Lebens alle Widerwärtigkeiten mit ihm zu teilen; dass ich aber für meine
Handlungen völlige Freiheit verlange, dass mein Tun und Lassen von meiner
Überzeugung abhängen müsse; dass ich zwar niemals eigensinnig auf meiner Meinung
beharren, vielmehr jede Gründe gerne anhören wolle, aber da es mein eignes Glück
betreffe, müsse die Entscheidung von mir abhängen, und keine Art von Zwang würde
ich dulden. So wenig das Räsonnement des grössten Arztes mich bewegen würde, eine
sonst vielleicht ganz gesunde und von vielen sehr geliebte Speise zu mir zu
nehmen, sobald mir meine Erfahrung bewiese, dass sie mir jederzeit schädlich sei,
wie ich den Gebrauch des Kaffees zum Beispiel anführen könnte, so wenig und noch
viel weniger würde ich mir irgendeine Handlung, die mich verwirrte, als für mich
moralisch zuträglich aufdemonstrieren lassen.
    Da ich mich so lange im stillen vorbereitet hatte, so waren mir die Debatten
hierüber eher angenehm als verdriesslich. Ich machte meinem Herzen Luft und
fühlte den ganzen Wert meines Entschlusses. Ich wich nicht ein Haar breit, und
wem ich nicht kindlichen Respekt schuldig war, der wurde derb abgefertigt. In
meinem Hause siegte ich bald. Meine Mutter hatte von Jugend auf ähnliche
Gesinnungen, nur waren sie bei ihr nicht zur Reife gediehen; keine Not hatte sie
gedrängt und den Mut, ihre Überzeugung durchzusetzen, erhöht. Sie freute sich,
durch mich ihre stillen Wünsche erfüllt zu sehen. Die jüngere Schwester schien
sich an mich anzuschliessen; die zweite war aufmerksam und still. Die Tante hatte
am meisten einzuwenden. Die Gründe, die sie vorbrachte, schienen ihr
unwiderleglich, und waren es auch, weil sie ganz gemein waren. Ich war endlich
genötigt, ihr zu zeigen, dass sie in keinem Sinne eine Stimme in dieser Sache
habe, und sie liess nur selten merken, dass sie auf ihrem Sinne verharre. Auch war
sie die einzige, die diese Begebenheit von nahem ansah und ganz ohne Empfindung
blieb. Ich tue ihr nicht zu viel, wenn ich sage, dass sie kein Gemüt und die
eingeschränktesten Begriffe hatte.
    Der Vater benahm sich ganz seiner Denkart gemäss. Er sprach weniges, aber
öfter mit mir über die Sache, und seine Gründe waren verständig, und als seine
Gründe unwiderleglich; nur das tiefe Gefühl meines Rechts gab mir Stärke, gegen
ihn zu disputieren. Aber bald veränderten sich die Szenen; ich musste an sein
Herz Anspruch machen. Gedrängt von seinem Verstande, brach ich in die
affektvollsten Vorstellungen aus. Ich liess meiner Zunge und meinen Tränen freien
Lauf. Ich zeigte ihm, wie sehr ich Narzissen liebte, und welchen Zwang ich mir
seit zwei Jahren angetan hatte, wie gewiss ich sei, dass ich recht handle, dass ich
bereit sei, diese Gewissheit mit dem Verlust des geliebten Bräutigams und
anscheinenden Glücks, ja, wenn es nötig wäre, mit Hab und Gut zu versiegeln, dass
ich lieber mein Vaterland, Eltern und Freunde verlassen und mein Brot in der
Fremde verdienen, als gegen meine Einsichten handeln wolle. Er verbarg seine
Rührung, schwieg einige Zeit stille und erklärte sich endlich öffentlich für
mich.
    Narziss vermied seit jener Zeit unser Haus, und nun gab mein Vater die
wöchentliche Gesellschaft auf, in der sich dieser befand. Die Sache machte
Aufsehn bei Hofe und in der Stadt. Man sprach darüber, wie gewöhnlich in solchen
Fällen, an denen das Publikum heftigen Teil zu nehmen pflegt, weil es verwöhnt
ist, auf die Entschliessungen schwacher Gemüter einigen Einfluss zu haben. Ich
kannte die Welt genug und wusste, dass man oft von den Personen über das getadelt
wird, wozu man sich durch sie hat bereden lassen, und auch ohne das würden mir
bei meiner innern Verfassung alle solche vorübergehende Meinungen weniger als
nichts gewesen sein.
    Dagegen versagte ich mir nicht, meiner Neigung zu Narzissen nachzuhängen. Er
war mir unsichtbar geworden, und mein Herz hatte sich nicht gegen ihn geändert.
Ich liebte ihn zärtlich, gleichsam auf das neue und viel gesetzter als vorher.
Wollte er meine Überzeugung nicht stören, so war ich die Seine; ohne diese
Bedingung hätte ich ein Königreich mit ihm ausgeschlagen. Mehrere Monate lang
trug ich diese Empfindungen und Gedanken mit mir herum, und da ich mich endlich
still und stark genug fühlte, um ruhig und gesetzt zu Werke zu gehen, so schrieb
ich ihm ein höfliches, nicht zärtliches Billett und fragte ihn, warum er nicht
mehr zu mir komme.
    Da ich seine Art kannte, sich selbst in geringern Dingen nicht gern zu
erklären, sondern stillschweigend zu tun, was ihm gut deuchte, so drang ich
gegenwärtig mit Vorsatz in ihn. Ich erhielt eine lange und, wie mir schien,
abgeschmackte Antwort in einem weitläufigen Stil und unbedeutenden Phrasen: dass
er ohne bessere Stellen sich nicht einrichten und mir seine Hand anbieten könne,
dass ich am besten wisse, wie hinderlich es ihm bisher gegangen, dass er glaube,
ein so lang fortgesetzter fruchtloser Umgang könne meiner Renommée schaden, ich
würde ihm erlauben, sich in der bisherigen Entfernung zu halten; sobald er
imstande wäre, mich glücklich zu machen, würde ihm das Wort, das er mir gegeben,
heilig sein.
    Ich antwortete ihm auf der Stelle: da die Sache aller Welt bekannt sei, möge
es zu spät sein, meine Renommée zu menagieren, und für diese wären mir mein
Gewissen und meine Unschuld die sichersten Bürgen; ihm aber gäbe ich hiermit
sein Wort ohne Bedenken zurück und wünschte, dass er dabei sein Glück finden
möchte. In eben der Stunde erhielt ich eine kurze Antwort, die im Wesentlichen
mit der ersten völlig gleichlautend war. Er blieb dabei, dass er nach erhaltener
Stelle bei mir anfragen würde, ob ich sein Glück mit ihm teilen wollte.
    Mir hiess das nun so viel als nichts gesagt. Ich erklärte meinen Verwandten
und Bekannten, die Sache sei abgetan, und sie war es auch wirklich. Denn als er
neun Monate hernach auf das erwünschteste befördert wurde, liess er mir seine
Hand nochmals antragen, freilich mit der Bedingung, dass ich als Gattin eines
Mannes, der ein Haus machen müsste, meine Gesinnungen würde zu ändern haben. Ich
dankte höflich und eilte mit Herz und Sinn von dieser Geschichte weg, wie man
sich aus dem Schauspielhause heraussehnt, wenn der Vorhang gefallen ist. Und da
er kurze Zeit darauf, wie es ihm nun sehr leicht war, eine reiche und
ansehnliche Partie gefunden hatte, und ich ihn nach seiner Art glücklich wusste,
so war meine Beruhigung ganz vollkommen.
    Ich darf nicht mit Stillschweigen übergehen, dass einigemal, noch eh' er eine
Bedienung erhielt, auch nachher ansehnliche Heiratsanträge an mich getan wurden,
die ich aber ganz ohne Bedenken ausschlug, so sehr Vater und Mutter mehr
Nachgiebigkeit von meiner Seite gewünscht hätten.
    Nun schien mir nach einem stürmischen März und April das schönste Maiwetter
beschert zu sein. Ich genoss bei einer guten Gesundheit eine unbeschreibliche
Gemütsruhe; ich mochte mich umsehn, wie ich wollte, so hatte ich bei meinem
Verluste noch gewonnen. Jung und voll Empfindung, wie ich war, deuchte mir die
Schöpfung tausendmal schöner als vorher, da ich Gesellschaften und Spiele haben
musste, damit mir die Weile in dem schönen Garten nicht zu lang wurde. Da ich
mich einmal meiner Frömmigkeit nicht schämte, so hatte ich Herz, meine Liebe zu
Künsten und Wissenschaften nicht zu verbergen. Ich zeichnete, malte, las und
fand Menschen genug, die mich unterstützten; statt der grossen Welt, die ich
verlassen hatte oder vielmehr die mich verliess, bildete sich eine kleinere um
mich her, die weit reicher und unterhaltender war. Ich hatte eine Neigung zum
gesellschaftlichen Leben, und ich leugne nicht, dass mir, als ich meine ältern
Bekanntschaften aufgab, vor der Einsamkeit grauete. Nun fand ich mich
hinlänglich, ja vielleicht zu sehr entschädigt. Meine Bekanntschaften wurden
erst recht weitläufig, nicht nur mit Einheimischen, deren Gesinnungen mit den
meinigen übereinstimmten, sondern auch mit Fremden. Meine Geschichte war
ruchtbar geworden, und es waren viele Menschen neugierig, das Mädchen zu sehen,
die Gott mehr schätzte als ihren Bräutigam. Es war damals überhaupt eine gewisse
religiöse Stimmung in Deutschland bemerkbar. In mehreren fürstlichen und
gräflichen Häusern war eine Sorge für das Heil der Seele lebendig. Es fehlte
nicht an Edelleuten, die gleiche Aufmerksamkeit hegten, und die in den geringern
Ständen war durchaus diese Gesinnung verbreitet.
    Die gräfliche Familie, deren ich oben erwähnt, zog mich nun näher an sich.
Sie hatte sich indessen verstärkt, indem sich einige Verwandte in die Stadt
gewendet hatten. Diese schätzbaren Personen suchten meinen Umgang wie ich den
ihrigen. Sie hatten grosse Verwandtschaft, und ich lernte in diesem Hause einen
grossen Teil der Fürsten, Grafen und Herren des Reichs kennen. Meine Gesinnungen
waren niemanden ein Geheimnis, und man mochte sie ehren oder auch nur schonen,
so erlangte ich doch meinen Zweck und blieb ohne Anfechtung.
    Noch auf eine andere Weise sollte ich wieder in die Welt geführt werden. Zu
eben der Zeit verweilte ein Stiefbruder meines Vaters, der uns sonst nur im
Vorbeigehn besucht hatte, länger bei uns. Er hatte die Dienste seines Hofes, wo
er geehrt und von Einfluss war, nur deswegen verlassen, weil nicht alles nach
seinem Sinne ging. Sein Verstand war richtig und sein Charakter streng, und er
war darin meinem Vater sehr ähnlich; nur hatte dieser dabei einen gewissen Grad
von Weichheit, wodurch ihm leichter ward, in Geschäften nachzugeben und etwas
gegen seine Überzeugung nicht zu tun, aber geschehen zu lassen, und den Unwillen
darüber alsdann entweder in der Stille für sich oder vertraulich mit seiner
Familie zu verkochen. Mein Oheim war um vieles jünger, und seine Selbständigkeit
ward durch seine äussern Umstände nicht wenig bestätigt. Er hatte eine sehr
reiche Mutter gehabt, und hatte von ihren nahen und fernen Verwandten noch ein
grosses Vermögen zu hoffen; er bedurfte keines fremden Zuschusses, anstatt dass
mein Vater bei seinem mässigen Vermögen durch Besoldung an den Dienst fest
geknüpft war.
    Noch unbiegsamer war mein Oheim durch häusliches Unglück geworden. Er hatte
eine liebenswürdige Frau und einen hoffnungsvollen Sohn früh verloren, und er
schien von der Zeit an alles von sich entfernen zu wollen, was nicht von seinem
Willen abhing.
    In der Familie sagte man sich gelegentlich mit einiger Selbstgefälligkeit in
die Ohren, dass er wahrscheinlich nicht wieder heiraten werde, und dass wir Kinder
uns schon als Erben seines grossen Vermögens ansehen könnten. Ich achtete nicht
weiter darauf; allein das Betragen der übrigen ward nach diesen Hoffnungen nicht
wenig gestimmt. Bei der Festigkeit seines Charakters hatte er sich gewöhnt, in
der Unterredung niemand zu widersprechen, vielmehr die Meinung eines jeden
freundlich anzuhören und die Art, wie sich jeder eine Sache dachte, noch selbst
durch Argumente und Beispiele zu erheben. Wer ihn nicht kannte, glaubte stets
mit ihm einerlei Meinung zu sein; denn er hatte einen überwiegenden Verstand und
konnte sich in alle Vorstellungsarten versetzen. Mit mir ging es ihm nicht so
glücklich, denn hier war von Empfindungen die Rede, von denen er gar keine
Ahnung hatte, und so schonend, teilnehmend und verständig er mit mir über meine
Gesinnungen sprach, so war es mir doch auffallend, dass er von dem, worin der
Grund aller meiner Handlungen lag, offenbar keinen Begriff hatte.
    So geheim er übrigens war, entdeckte sich doch der Endzweck seines
ungewöhnlichen Aufentalts bei uns nach einiger Zeit. Er hatte, wie man endlich
bemerken konnte, sich unter uns die jüngste Schwester ausersehen, um sie nach
seinem Sinne zu verheiraten und glücklich zu machen; und gewiss, sie konnte nach
ihren körperlichen und geistigen Gaben, besonders wenn sich ein ansehnliches
Vermögen noch mit auf die Schale legte, auf die ersten Partien Anspruch machen.
Seine Gesinnungen gegen mich gab er gleichfalls pantomimisch zu erkennen, indem
er mir den Platz einer Stiftsdame verschafte, wovon ich sehr bald auch die
Einkünfte zog.
    Meine Schwester war mit seiner Fürsorge nicht so zufrieden und nicht so
dankbar wie ich. Sie entdeckte mir eine Herzensangelegenheit, die sie bisher
sehr weislich verborgen hatte; denn sie fürchtete wohl, was auch wirklich
geschah, dass ich ihr auf alle mögliche Weise die Verbindung mit einem Manne, der
ihr nicht hätte gefallen sollen, widerraten würde. Ich tat mein möglichstes, und
es gelang mir. Die Absichten des Oheims waren zu ernstaft und zu deutlich, und
die Aussicht für meine Schwester bei ihrem Weltsinne zu reizend, als dass sie
nicht eine Neigung, die ihr Verstand selbst missbilligte, aufzugeben Kraft hätte
haben sollen.
    Da sie nun den sanften Leitungen des Oheims nicht mehr wie bisher auswich,
so war der Grund zu seinem Plane bald gelegt. Sie ward Hofdame an einem
benachbarten Hofe, wo er sie einer Freundin, die als Oberhofmeisterin in grossem
Ansehn stand, zur Aufsicht und Ausbildung übergeben konnte. Ich begleitete sie
zu dem Ort ihres neuen Aufentaltes. Wir konnten beide mit der Aufnahme, die wir
erfuhren, sehr zufrieden sein, und manchmal musste ich über die Person, die ich
nun als Stiftsdame, als junge und fromme Stiftsdame, in der Welt spielte,
heimlich lächeln.
    In frühern Zeiten würde ein solches Verhältnis mich sehr verwirrt, ja mir
vielleicht den Kopf verrückt haben; nun aber war ich bei allem, was mich umgab,
sehr gelassen. Ich liess mich in grosser Stille ein paar Stunden frisieren, putzte
mich und dachte nichts dabei, als dass ich in meinem Verhältnisse diese
Galalivree anzuziehen schuldig sei. In den angefüllten Sälen sprach ich mit
allen und jeden, ohne dass mir irgendeine Gestalt oder ein Wesen einen starken
Eindruck zurückgelassen hätte. Wenn ich wieder nach Hause kam, waren müde Beine
meist alles Gefühl, was ich mit zurückbrachte. Meinem Verstande nützten die
vielen Menschen, die ich sah; und als Muster aller menschlichen Tugenden, eines
guten und edlen Betragens lernte ich einige Frauen, besonders die
Oberhofmeisterin, kennen, unter der meine Schwester sich zu bilden das Glück
hatte.
    Doch fühlte ich bei meiner Rückkunft nicht so glückliche körperliche Folgen
von dieser Reise. Bei der grössten Entaltsamkeit und der genauesten Diät war ich
doch nicht wie sonst Herr von meiner Zeit und meinen Kräften. Nahrung, Bewegung,
Aufstehn und Schlafengehn, Ankleiden und Ausfahren hing nicht, wie zu Hause, von
meinem Willen und meinem Empfinden ab. Im Laufe des geselligen Kreises darf man
nicht stocken, ohne unhöflich zu sein, und alles, was nötig war, leistete ich
gern, weil ich es für Pflicht hielt, weil ich wusste, dass es bald vorübergehen
würde, und weil ich mich gesunder als jemals fühlte. Dessenungeachtet musste
dieses fremde, unruhige Leben auf mich stärker, als ich fühlte, gewirkt haben.
Denn kaum war ich zu Hause angekommen und hatte meine Eltern mit einer
befriedigenden Erzählung erfreut, so überfiel mich ein Blutsturz, der, ob er
gleich nicht gefährlich war und schnell vorüberging, doch lange Zeit eine
merkliche Schwachheit hinterliess.
    Hier hatte ich nun wieder eine neue Lektion aufzusagen. Ich tat es freudig.
Nichts fesselte mich an die Welt, und ich war überzeugt, dass ich hier das Rechte
niemals finden würde, und so war ich in dem heitersten und ruhigsten Zustande
und ward, indem ich Verzicht aufs Leben getan hatte, beim Leben erhalten.
    Eine neue Prüfung hatte ich auszustehen, da meine Mutter mit einer
drückenden Beschwerde überfallen wurde, die sie noch fünf Jahre trug, ehe sie
die Schuld der Natur bezahlte. In dieser Zeit gab es manche Übung. Oft wenn ihr
die Bangigkeit zu stark wurde, liess sie uns des Nachts alle vor ihr Bette rufen,
um wenigstens durch unsre Gegenwart zerstreut, wo nicht gebessert zu werden.
Schwerer, ja kaum zu tragen war der Druck, als mein Vater auch elend zu werden
anfing. Von Jugend auf hatte er öfters heftige Kopfschmerzen, die aber aufs
längste nur sechsunddreissig Stunden anhielten. Nun aber wurden sie bleibend, und
wenn sie auf einen hohen Grad stiegen, so zerriss der Jammer mir das Herz. Bei
diesen Stürmen fühlte ich meine körperliche Schwäche am meisten, weil sie mich
hinderte, meine heiligsten, liebsten Pflichten zu erfüllen, oder mir doch ihre
Ausübung äusserst beschwerlich machte.
    Nun konnte ich mich prüfen, ob auf dem Wege, den ich eingeschlagen, Wahrheit
oder Phantasie sei, ob ich vielleicht nur nach andern gedacht, oder ob der
Gegenstand meines Glaubens eine Realität habe, und zu meiner grössten
Unterstützung fand ich immer das letztere. Die gerade Richtung meines Herzens zu
Gott, den Umgang mit den »beloved ones« hatte ich gesucht und gefunden, und das
war, was mir alles erleichterte. Wie der Wanderer in den Schatten, so eilte
meine Seele nach diesem Schutzort, wenn mich alles von aussen drückte, und kam
niemals leer zurück.
    In der neuern Zeit haben einige Verfechter der Religion, die mehr Eifer als
Gefühl für dieselbe zu haben scheinen, ihre Mitgläubigen aufgefordert, Beispiele
von wirklichen Gebetserhörungen bekannt zu machen, wahrscheinlich weil sie sich
Brief und Siegel wünschten, um ihren Gegnern recht diplomatisch und juristisch
zu Leibe zu gehen. Wie unbekannt muss ihnen das wahre Gefühl sein, und wie wenig
echte Erfahrungen mögen sie selbst gemacht haben!
    Ich darf sagen, ich kam nie leer zurück, wenn ich unter Druck und Not Gott
gesucht hatte. Es ist unendlich viel gesagt, und doch kann und darf ich nicht
mehr sagen. So wichtig jede Erfahrung in dem kritischen Augenblicke für mich
war, so matt, so unbedeutend, unwahrscheinlich würde die Erzählung werden, wenn
ich einzelne Fälle anführen wollte. Wie glücklich war ich, dass tausend kleine
Vorgänge zusammen, so gewiss als das Atemholen Zeichen meines Lebens ist, mir
bewiesen, dass ich nicht ohne Gott auf der Welt sei! Er war mir nahe, ich war vor
ihm. Das ist's, was ich mit geflissentlicher Vermeidung aller teologischen
Systemsprache mit grösster Wahrheit sagen kann.
    Wie sehr wünschte ich, dass ich mich auch damals ganz ohne System befunden
hätte; aber wer kommt früh zu dem Glücke, sich seines eignen Selbsts, ohne
fremde Formen, in reinem Zusammenhang bewusst zu sein? Mir war es Ernst mit
meiner Seligkeit. Bescheiden vertraute ich fremdem Ansehn; ich ergab mich völlig
dem Hallischen Bekehrungssystem, und mein ganzes Wesen wollte auf keine Wege
hineinpassen.
    Nach diesem Lehrplan muss die Veränderung des Herzens mit einem tiefen
Schrecken über die Sünde anfangen; das Herz muss in dieser Not bald mehr, bald
weniger die verschuldete Strafe erkennen und den Vorschmack der Hölle kosten,
der die Lust der Sünde verbittert. Endlich muss man eine sehr merkliche
Versicherung der Gnade fühlen, die aber im Fortgange sich oft versteckt und mit
Ernst wieder gesucht werden muss.
    Das alles traf bei mir weder nahe noch ferne zu. Wenn ich Gott aufrichtig
suchte, so liess er sich finden und hielt mir von vergangenen Dingen nichts vor.
Ich sah hintennach wohl ein, wo ich unwürdig gewesen, und wusste auch, wo ich es
noch war; aber die Erkenntnis meiner Gebrechen war ohne alle Angst. Nicht einen
Augenblick ist mir eine Furcht vor der Hölle angekommen, ja die Idee eines bösen
Geistes und eines Straf- und Quälortes nach dem Tode konnte keinesweges in dem
Kreise meiner Ideen Platz finden. Ich fand die Menschen, die ohne Gott lebten,
deren Herz dem Vertrauen und der Liebe gegen den Unsichtbaren zugeschlossen war,
schon so unglücklich, dass eine Hölle und äussere Strafen mir eher für sie eine
Linderung zu versprechen, als eine Schärfung der Strafe zu drohen schienen. Ich
durfte nur Menschen auf dieser Welt ansehen, die gehässigen Gefühlen in ihrem
Busen Raum geben, die sich gegen das Gute von irgendeiner Art verstocken und
sich und andern das Schlechte aufdringen wollen, die lieber bei Tage die Augen
zuschliessen, um nur behaupten zu können, die Sonne gebe keinen Schein von sich -
wie über allen Ausdruck schienen mir diese Menschen elend! Wer hätte eine Hölle
schaffen können, um ihren Zustand zu verschlimmern!
    Diese Gemütsbeschaffenheit blieb mir, einen Tag wie den andern, zehn Jahre
lang. Sie erhielt sich durch viele Proben, auch am schmerzhaften Sterbebette
meiner geliebten Mutter. Ich war offen genug, um bei dieser Gelegenheit meine
heitere Gemütsverfassung frommen, aber ganz schulgerechten Leuten nicht zu
verbergen, und ich musste darüber manchen freundschaftlichen Verweis erdulden.
Man meinte mir eben zur rechten Zeit vorzustellen, welchen Ernst man anzuwenden
hätte, um in gesunden Tagen einen guten Grund zu legen.
    An Ernst wollte ich es auch nicht fehlen lassen. Ich liess mich für den
Augenblick überzeugen und wäre um mein Leben gern traurig und voll Schrecken
gewesen. Wie verwundert war ich aber, da es ein für allemal nicht möglich war!
Wenn ich an Gott dachte, war ich heiter und vergnügt; auch bei meiner lieben
Mutter schmerzensvollem Ende graute mir vor dem Tode nicht. Doch lernte ich
vieles und ganz andere Sachen, als meine unberufenen Lehrmeister glaubten, in
diesen grossen Stunden.
    Nach und nach ward ich an den Einsichten so mancher hochberühmten Leute
zweifelhaft und bewahrte meine Gesinnungen in der Stille. Eine gewisse Freundin,
der ich erst zu viel eingeräumt hatte, wollte sich immer in meine
Angelegenheiten mengen; auch von dieser war ich genötigt mich loszumachen, und
einst sagte ich ihr ganz entschieden, sie solle ohne Mühe bleiben, ich brauche
ihren Rat nicht; ich kenne meinen Gott und wolle ihn ganz allein zum Führer
haben. Sie fand sich sehr beleidigt, und ich glaube, sie hat mir's nie ganz
verziehen.
    Dieser Entschluss, mich dem Rate und der Einwirkung meiner Freunde in
geistlichen Sachen zu entziehen, hatte die Folge, dass ich auch in äusserlichen
Verhältnissen meinen eigenen Weg zu gehen Mut gewann. Ohne den Beistand meines
treuen unsichtbaren Führers hätte es mir übel geraten können, und noch muss ich
über diese weise und glückliche Leitung erstaunen. Niemand wusste eigentlich,
worauf es bei mir ankam, und ich wusste es selbst nicht.
    Das Ding, das noch nie erklärte böse Ding, das uns von dem Wesen trennt, dem
wir das Leben verdanken, von dem Wesen, aus dem alles, was Leben genannt werden
soll, sich unterhalten muss, das Ding, das man Sünde nennt, kannte ich noch gar
nicht.
    In dem Umgange mit dem unsichtbaren Freunde fühlte ich den süssesten Genuss
aller meiner Lebenskräfte. Das Verlangen, dieses Glück immer zu geniessen, war so
gross, dass ich gern unterliess, was diesen Umgang störte, und hierin war die
Erfahrung mein bester Lehrmeister. Allein es ging mir wie Kranken, die keine
Arznei haben und sich mit der Diät zu helfen suchen. Es tut etwas, aber nicht
lange genug.
    In der Einsamkeit konnte ich nicht immer bleiben, ob ich gleich in ihr das
beste Mittel gegen die mir so eigene Zerstreuung der Gedanken fand. Kam ich
nachher in Getümmel, so machte es einen desto grössern Eindruck auf mich. Mein
eigentlichster Vorteil bestand darin, dass die Liebe zur Stille herrschend war
und ich mich am Ende immer dahin zurückzog. Ich erkannte, wie in einer Art von
Dämmerung, mein Elend und meine Schwäche, und ich suchte mir dadurch zu helfen,
dass ich mich schonte, dass ich mich nicht aussetzte.
    Sieben Jahre lang hatte ich meine diätetische Vorsicht ausgeübt. Ich hielt
mich nicht für schlimm und fand meinen Zustand wünschenswert. Ohne sonderbare
Umstände und Verhältnisse wäre ich auf dieser Stufe stehengeblieben, und ich kam
nur auf einem sonderbaren Wege weiter. Gegen den Rat aller meiner Freunde
knüpfte ich ein neues Verhältnis an. Ihre Einwendungen machten mich anfangs
stutzig. Sogleich wandte ich mich an meinen unsichtbaren Führer, und da dieser
es mir vergönnte, ging ich ohne Bedenken auf meinem Wege fort.
    Ein Mann von Geist, Herz und Talenten hatte sich in der Nachbarschaft
angekauft. Unter den Fremden, die ich kennen lernte, war auch er und seine
Familie. Wir stimmten in unsern Sitten, Hausverfassungen und Gewohnheiten sehr
überein und konnten uns daher bald aneinander anschliessen.
    Philo, so will ich ihn nennen, war schon in gewissen Jahren und meinem
Vater, dessen Kräfte abzunehmen anfingen, in gewissen Geschäften von der grössten
Beihülfe. Er ward bald der innige Freund unsers Hauses, und da er, wie er sagte,
an mir eine Person fand, die nicht das Ausschweifende und Leere der grossen Welt
und nicht das Trockene und Ängstliche der Stillen im Lande habe, so waren wir
bald vertraute Freunde. Er war mir sehr angenehm und sehr brauchbar.
    Ob ich gleich nicht die mindeste Anlage noch Neigung hatte, mich in
weltliche Geschäfte zu mischen und irgendeinen Einfluss zu suchen, so hörte ich
doch gerne davon und wusste gern, was in der Nähe und Ferne vorging. Von
weltlichen Dingen liebte ich mir eine gefühllose Deutlichkeit zu verschaffen;
Empfindung, Innigkeit, Neigung bewahrte ich für meinen Gott, für die Meinigen
und für meine Freunde.
    Diese letzten waren, wenn ich so sagen darf, auf meine neue Verbindung mit
Philo eifersüchtig und hatten dabei von mehr als einer Seite recht, wenn sie
mich hierüber warnten. Ich litt viel in der Stille, denn ich konnte selbst ihre
Einwendungen nicht ganz für leer oder eigennützig halten. Ich war von jeher
gewohnt, meine Einsichten unterzuordnen, und doch wollte diesmal meine
Überzeugung nicht nach. Ich flehte zu meinem Gott, auch hier mich zu warnen, zu
hindern, zu leiten, und da mich hierauf mein Herz nicht abmahnte, so ging ich
meinen Pfad getrost fort.
    Philo hatte im ganzen eine entfernte Ähnlichkeit mit Narzissen; nur hatte
eine fromme Erziehung sein Gefühl mehr zusammengehalten und belebt. Er hatte
weniger Eitelkeit, mehr Charakter, und wenn jener in weltlichen Geschäften fein,
genau, anhaltend und unermüdlich war, so war dieser klar, scharf, schnell und
arbeitete mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Durch ihn erfuhr ich die
innersten Verhältnisse fast aller der vornehmen Personen, deren Äusseres ich in
der Gesellschaft hatte kennen lernen, und ich war froh, von meiner Warte dem
Getümmel von weiten zuzusehen. Philo konnte mir nichts mehr verhehlen; er
vertraute mir nach und nach seine äussern und innern Verbindungen. Ich fürchtete
für ihn, denn ich sah gewisse Umstände und Verwickelungen voraus, und das Übel
kam schneller, als ich vermutet hatte; denn er hatte mit gewissen Bekenntnissen
immer zurückgehalten, und auch zuletzt entdeckte er mir nur so viel, dass ich das
Schlimmste vermuten konnte.
    Welche Wirkung hatte das auf mein Herz! Ich gelangte zu Erfahrungen, die mir
ganz neu waren. Ich sah mit unbeschreiblicher Wehmut einen Agaton, der, in den
Hainen von Delphi erzogen, das Lehrgeld noch schuldig war und es nun mit
schweren rückständigen Zinsen abzahlte, und dieser Agaton war mein genau
verbundener Freund. Meine Teilnahme war lebhaft und vollkommen; ich litt mit
ihm, und wir befanden uns beide in dem sonderbarsten Zustande.
    Nachdem ich mich lange mit seiner Gemütsverfassung beschäftigt hatte,
wendete sich meine Betrachtung auf mich selbst. Der Gedanke »Du bist nicht
besser als er« stieg wie eine kleine Wolke vor mir auf, breitete sich nach und
nach aus und verfinsterte meine ganze Seele.
    Nun dachte ich nicht mehr bloss: »Du bist nicht besser als er«; ich fühlte es
und fühlte es so, dass ich es nicht noch einmal fühlen möchte; und es war kein
schneller Übergang. Mehr als ein Jahr musste ich empfinden, dass, wenn mich eine
unsichtbare Hand nicht umschränkt hätte, ich ein Girard, ein Cartouche, ein
Damiens und welches Ungeheuer man nennen will, hätte werden können; die Anlage
dazu fühlte ich deutlich in meinem Herzen. Gott, welche Entdeckung!
    Hatte ich nun bisher die Wirklichkeit der Sünde in mir durch die Erfahrung
nicht einmal auf das leiseste gewahr werden können, so war mir jetzt die
Möglichkeit derselben in der Ahnung aufs schrecklichste deutlich geworden, und
doch kannte ich das Übel nicht, ich fürchtete es nur; ich fühlte, dass ich
schuldig sein könnte, und hatte mich nicht anzuklagen.
    So tief ich überzeugt war, dass eine solche Geistesbeschaffenheit, wofür ich
die meinige anerkennen musste, sich nicht zu einer Vereinigung mit dem höchsten
Wesen, die ich nach dem Tode hoffte, schicken könne, so wenig fürchtete ich, in
eine solche Trennung zu geraten. Bei allem Bösen, das ich in mir entdeckte,
hatte ich Ihn lieb und hasste, was ich fühlte, ja ich wünschte es noch
ernstlicher zu hassen, und mein ganzer Wunsch war, von dieser Krankheit und
dieser Anlage zur Krankheit erlöst zu werden, und ich war gewiss, dass mir der
grosse Arzt seine Hülfe nicht versagen würde.
    Die einzige Frage war: Was heilt diesen Schaden? Tugendübungen? An die
konnte ich nicht einmal denken; denn zehn Jahre hatte ich schon mehr als nur
blosse Tugend geübt, und die nun erkannten Greuel hatten dabei tief in meiner
Seele verborgen gelegen. Hätten sie nicht auch wie bei David losbrechen können,
als er Batseba erblickte, und war er nicht auch ein Freund Gottes, und war ich
nicht im Innersten überzeugt, dass Gott mein Freund sei?
    Sollte es also wohl eine unvermeidliche Schwäche der Menschheit sein? Müssen
wir uns nun gefallen lassen, dass wir irgendeinmal die Herrschaft unsrer Neigung
empfinden, und bleibt uns bei dem besten Willen nichts andres übrig, als den
Fall, den wir getan, zu verabscheuen und bei einer ähnlichen Gelegenheit wieder
zu fallen?
    Aus der Sittenlehre konnte ich keinen Trost schöpfen. Weder ihre Strenge,
wodurch sie unsre Neigung meistern will, noch ihre Gefälligkeit, mit der sie
unsre Neigungen zu Tugenden machen möchte, konnte mir genügen. Die
Grundbegriffe, die mir der Umgang mit dem unsichtbaren Freunde eingeflösst hatte,
hatten für mich schon einen viel entschiedenern Wert.
    Indem ich einst die Lieder studierte, welche David nach jener hässlichen
Katastrophe gedichtet hatte, war mir sehr auffallend, dass er das in ihm wohnende
Böse schon in dem Stoff, woraus er geworden war, erblickte, dass er aber
entsündigt sein wollte, und dass er auf das dringendste um ein reines Herz
flehte.
    Wie nun aber dazu zu gelangen? Die Antwort aus den symbolischen Büchern
wusste ich wohl: es war mir auch eine Bibelwahrheit, dass das Blut Jesu Christi
uns von allen Sünden reinige. Nun aber bemerkte ich erst, dass ich diesen so oft
wiederholten Spruch noch nie verstanden hatte. Die Fragen: Was heisst das? Wie
soll das zugehen? arbeiteten Tag und Nacht in mir sich durch. Endlich glaubte
ich bei einem Schimmer zu sehen, dass das, was ich suchte, in der Menschwerdung
des ewigen Worts, durch das alles und auch wir erschaffen sind, zu suchen sei.
Dass der Uranfängliche sich in die Tiefen, in denen wir stecken, die er
durchschaut und umfasst, einstmals als Bewohner begeben habe, durch unser
Verhältnis von Stufe zu Stufe, von der Empfängnis und Geburt bis zu dem Grabe,
durchgegangen sei, dass er durch diesen sonderbaren Umweg wieder zu den lichten
Höhen aufgestiegen, wo wir auch wohnen sollten, um glücklich zu sein: das ward
mir wie in einer dämmernden Ferne offenbart.
    O, warum müssen wir, um von solchen Dingen zu reden, Bilder gebrauchen, die
nur äussere Zustände anzeigen! Wo ist vor ihm etwas Hohes oder Tiefes, etwas
Dunkles oder Helles? Wir nur haben ein Oben und Unten, einen Tag und eine Nacht.
Und eben darum ist er uns ähnlich geworden, weil wir sonst keinen Teil an ihm
haben könnten.
    Wie können wir aber an dieser unschätzbaren Wohltat teilnehmen? »Durch den
Glauben«; antwortet uns die Schrift. Was ist denn Glauben?! Die Erzählung einer
Begebenheit für wahr halten, was kann mir das helfen? Ich muss mir ihre
Wirkungen, ihre Folgen zueignen können. Dieser zu eignende Glaube muss ein
eigener, dem natürlichen Menschen ungewöhnlicher Zustand des Gemüts sein.
    »Nun, Allmächtiger! so schenke mir Glauben!« flehte ich einst in dem grössten
Druck des Herzens. Ich lehnte mich auf einen kleinen Tisch, an dem ich sass, und
verbarg mein beträntes Gesicht in meinen Händen. Hier war ich in der Lage, in
der man sein muss, wenn Gott auf unser Gebet achten soll, und in der man selten
ist.
    Ja, wer nur schildern könnte, was ich da fühlte! Ein Zug brachte meine Seele
nach dem Kreuze hin, an dem Jesus einst erblasste; ein Zug war es, ich kann es
nicht anders nennen, demjenigen völlig gleich, wodurch unsre Seele zu einem
abwesenden Geliebten geführt wird, ein Zunahen, das vermutlich viel wesentlicher
und wahrhafter ist, als wir vermuten. So nahte meine Seele dem Menschgewordnen
und am Kreuz Gestorbenen, und in dem Augenblicke wusste ich, was Glauben war.
    Das ist Glauben! sagte ich und sprang wie halb erschreckt in die Höhe. Ich
suchte nun meiner Empfindung, meines Anschauens gewiss zu werden, und in kurzem
war ich überzeugt, dass mein Geist eine Fähigkeit sich aufzuschwingen erhalten
habe, die ihm ganz neu war.
    Bei diesen Empfindungen verlassen uns die Worte. Ich konnte sie ganz
deutlich von aller Phantasie unterscheiden; sie waren ganz ohne Phantasie, ohne
Bild, und gaben doch eben die Gewissheit eines Gegenstandes, auf den sie sich
bezogen, als die Einbildungskraft, indem sie uns die Züge eines abwesenden
Geliebten vormalt.
    Als das erste Entzücken vorüber war, bemerkte ich, dass mir dieser Zustand
der Seele schon vorher bekannt gewesen; allein ich hatte ihn nie in dieser
Stärke empfunden. Ich hatte ihn niemals festalten, nie zu eigen behalten
können. Ich glaube überhaupt, dass jede Menschenseele ein und das andere Mal
davon etwas empfunden hat. Ohne Zweifel ist er das, was einem jeden lehrt, dass
ein Gott ist.
    Mit dieser mich ehemals von Zeit zu Zeit nur anwandelnden Kraft war ich
bisher sehr zufrieden gewesen, und wäre mir nicht durch sonderbare Schickung
seit Jahr und Tag die unerwartete Plage widerfahren, wäre nicht dabei mein
Können und Vermögen bei mir selbst ausser allen Kredit gekommen, so wäre ich
vielleicht mit jenem Zustande immer zufrieden geblieben.
    Nun hatte ich aber seit jenem grossen Augenblicke Flügel bekommen. Ich konnte
mich über das, was mich vorher bedrohete, aufschwingen, wie ein Vogel singend
über den schnellsten Strom ohne Mühe fliegt, vor welchem das Hündchen ängstlich
bellend stehenbleibt.
    Meine Freude war unbeschreiblich, und ob ich gleich niemand etwas davon
entdeckte, so merkten doch die Meinigen eine ungewöhnliche Heiterkeit an mir,
ohne begreifen zu können, was die Ursache meines Vergnügens wäre. Hätte ich doch
immer geschwiegen und die reine Stimmung in meiner Seele zu erhalten gesucht!
Hätte ich mich doch nicht durch Umstände verleiten lassen, mit meinem
Geheimnisse hervorzutreten! dann hätte ich mir abermals einen grossen Umweg
ersparen können.
    Da in meinem vorhergehenden zehnjährigen Christenlauf diese notwendige Kraft
nicht in meiner Seele war, so hatte ich mich in dem Fall anderer redlichen Leute
auch befunden; ich hatte mir dadurch geholfen, dass ich die Phantasie immer mit
Bildern erfüllte, die einen Bezug auf Gott hatten, und auch dieses ist schon
wahrhaft nützlich, denn schädliche Bilder und ihre bösen Folgen werden dadurch
abgehalten. Sodann ergreift unsre Seele oft ein und das andere von den geistigen
Bildern und schwingt sich ein wenig damit in die Höhe, wie ein junger Vogel von
einem Zweige auf den andern flattert. Solange man nichts Besseres hat, ist doch
diese Übung nicht ganz zu verwerfen.
    Auf Gott zielende Bilder und Eindrücke verschaffen uns kirchliche Anstalten,
Glocken, Orgeln und Gesänge und besonders die Vorträge unsrer Lehrer. Auf sie
war ich ganz unsäglich begierig; keine Witterung, keine körperliche Schwäche
hielt mich ab, die Kirchen zu besuchen, und nur das sonntägige Geläute konnte
mir auf meinem Krankenlager einige Ungeduld verursachen. Unsern Oberhofprediger,
der ein trefflicher Mann war, hörte ich mit grosser Neigung auch seine Kollegen
waren mir wert, und ich wusste die goldnen Äpfel des göttlichen Wortes auch aus
irdenen Schalen unter gemeinem Obste herauszufinden. Den öffentlichen Übungen
wurden alle möglichen Privaterbauungen, wie man sie nennt, hinzugefügt, und auch
dadurch nur Phantasie und feinere Sinnlichkeit genährt. Ich war so an diesen
Gang gewöhnt, ich respektierte ihn so sehr, dass mir auch jetzt nichts Höheres
einfiel. Denn meine Seele hat nur Fühlhörner und keine Augen; sie tastet nur und
sieht nicht; ach! dass sie Augen bekäme und schauen dürfte!
    Auch jetzt ging ich voll Verlangen in die Predigten; aber ach, wie geschah
mir! Ich fand das nicht mehr, was ich sonst gefunden. Diese Prediger stumpften
sich die Zähne an den Schalen ab, indessen ich den Kern genoss. Ich musste ihrer
nun bald müde werden; aber mich an den allein zu halten, den ich doch zu finden
wusste, dazu war ich zu verwöhnt. Bilder wollte ich haben, äussere Eindrücke
bedurfte ich, und glaubte ein reines, geistiges Bedürfnis zu fühlen.
    Philos Eltern hatten mit der herrnhutischen Gemeinde in Verbindung
gestanden; in seiner Bibliotek fanden sich noch viele Schriften des Grafen. Er
hatte mir einigemal sehr klar und billig darüber gesprochen und mich ersucht,
einige dieser Schriften durchzublättern, und wäre es auch nur, um ein
psychologisches Phänomen kennen zu lernen. Ich hielt den Grafen für einen gar zu
argen Ketzer; so liess ich auch das Ebersdorfer Gesangbuch bei mir liegen, das
mir der Freund in ähnlicher Absicht gleichsam aufgedrungen hatte.
    In dem völligen Mangel aller äusseren Ermunterungsmittel ergriff ich wie von
ungefähr das gedachte Gesangbuch und fand zu meinem Erstaunen wirklich Lieder
darin, die freilich unter sehr seltsamen Formen, auf dasjenige zu deuten
schienen, was ich fühlte, die Originalität und Naivetät der Ausdrücke zog mich
an. Eigene Empfindungen schienen auf eine eigene Weise ausgedrückt; keine
Schulterminologie erinnerte an etwas Steifes oder Gemeines. Ich ward überzeugt,
die Leute fühlten, was ich fühlte, und ich fand mich nun sehr glücklich, ein
solches Verschen ins Gedächtnis zu fassen und mich einige Tage damit zu tragen.
    Seit jenem Augenblick, in welchem mir das Wahre geschenkt worden war,
verflossen auf diese Weise ungefähr drei Monate. Endlich fasste ich den
Entschluss, meinem Freunde Philo alles zu entdecken und ihn um die Mitteilung
jener Schriften zu bitten, auf die ich nun über die Massen neugierig geworden
war. Ich tat es auch wirklich, ungeachtet mir ein Etwas im Herzen ernstlich
davon abriet.
    Ich erzählte Philo die ganze Geschichte umständlich, und da er selbst darin
eine Hauptperson war, da meine Erzählung auch für ihn die strengste Busspredigt
entielt, war er äusserst betroffen und gerührt. Er zerfloss in Tränen. Ich freute
mich und glaubte, auch bei ihm sei eine völlige Sinnesänderung bewirkt worden.
    Er versorgte mich mit allen Schriften, die ich nur verlangte, und nun hatte
ich überflüssige Nahrung für meine Einbildungskraft. Ich machte grosse
Fortschritte in der Zinzendorfischen Art, zu denken und zu sprechen. Man glaube
nicht, dass ich die Art und Weise des Grafen nicht auch gegenwärtig zu schätzen
wisse; ich lasse ihm gern Gerechtigkeit widerfahren: er ist kein leerer
Phantast; er spricht von grossen Wahrheiten meist in einem kühnen Fluge der
Einbildungskraft, und die ihn geschmäht haben, wussten seine Eigenschaften weder
zu schätzen noch zu unterscheiden.
    Ich gewann ihn unbeschreiblich lieb. Wäre ich mein eigner Herr gewesen, so
hätte ich gewiss Vaterland und Freunde verlassen, wäre zu ihm gezogen; unfehlbar
hätten wir uns verstanden, und schwerlich hätten wir uns lange vertragen.
    Dank sei meinem Genius, der mich damals in meiner häuslichen Verfassung so
eingeschränkt hielt! Es war schon eine grosse Reise, wenn ich nur in den
Hausgarten gehen konnte. Die Pflege meines alten und schwächlichen Vaters machte
mir Arbeit genug, und in den Ergötzungsstunden war die edle Phantasie mein
Zeitvertreib. Der einzige Mensch, den ich sah, war Philo, den mein Vater sehr
liebte, dessen offnes Verhältnis zu mir aber durch die letzte Erklärung
einigermassen gelitten hatte. Bei ihm war die Rührung nicht tief gedrungen, und
da ihm einige Versuche, in meiner Sprache zu reden, nicht gelungen waren, so
vermied er diese Materie um so leichter, als er durch seine ausgebreiteten
Kenntnisse immer neue Gegenstände des Gesprächs herbeizuführen wusste.
    Ich war also eine herrnhutische Schwester auf meine eigene Hand und hatte
diese neue Wendung meines Gemüts und meiner Neigungen besonders vor dem
Oberhofprediger zu verbergen, den ich als meinen Beichtvater zu schätzen sehr
Ursache hatte, und dessen grosse Verdienste auch gegenwärtig durch seine äusserste
Abneigung gegen die herrnhutische Gemeinde in meinen Augen nicht geschmälert
wurden. Leider sollte dieser würdige Mann an mir und andern viele Betrübnis
erleben!
    Er hatte vor mehreren Jahren auswärts einen Kavalier als einen redlichen
frommen Mann kennen lernen und war mit ihm, als einem, der Gott ernstlich
suchte, in einem ununterbrochenen Briefwechsel geblieben. Wie schmerzhaft war es
daher für seinen geistlichen Führer, als dieser Kavalier sich in der Folge mit
der herrnhutischen Gemeinde einliess und sich lange unter den Brüdern aufhielt!
wie angenehm dagegen, als sein Freund sich mit den Brüdern wieder entzweite, in
seiner Nähe zu wohnen sich entschloss und sich seiner Leitung aufs neue völlig zu
überlassen schien!
    Nun wurde der Neuangekommene gleichsam im Triumph allen besonders geliebten
Schäfchen des Oberhirten vorgestellt. Nur in unser Haus ward er nicht
eingeführt, weil mein Vater niemand mehr zu sehen pflegte. Der Kavalier fand
grosse Approbation; er hatte das Gesittete des Hofs und das Einnehmende der
Gemeinde, dabei viel schöne natürliche Eigenschaften, und ward bald der grosse
Heilige für alle, die ihn kennen lernten, worüber sich sein geistlicher Gönner
äusserst freute. Leider war jener nur über äussere Umstände mit der Gemeinde
brouilliert und im Herzen noch ganz Herrnhuter. Er hing zwar wirklich an der
Realität der Sache; allein auch ihm war das Tändelwerk, das der Graf darum
gehängt hatte, höchst angemessen. Er war an jene Vorstellungs- und Redensarten
nun einmal gewöhnt, und wenn er sich nunmehr vor seinem alten Freunde sorgfältig
verbergen musste, so war es ihm desto notwendiger, sobald er ein Häufchen
vertrauter Personen um sich erblickte, mit seinen Verschen, Litaneien und
Bilderchen hervorzurücken, und er fand, wie man denken kann, grossen Beifall.
    Ich wusste von der ganzen Sache nichts und tändelte auf meine eigene Art
fort. Lange Zeit blieben wir uns unbekannt.
    Einst besuchte ich in einer freien Stunde eine kranke Freundin. Ich traf
mehrere Bekannte dort an und merkte bald, dass ich sie in einer Unterredung
gestört hatte. Ich liess mir nichts merken, erblickte aber zu meiner grossen
Verwunderung an der Wand einige herrnhutische Bilder in zierlichen Rahmen. Ich
fasste geschwinde, was in der Zeit, da ich nicht im Hause gewesen, vorgegangen
sein mochte, und bewillkommte diese neue Erscheinung mit einigen angemessenen
Versen.
    Man denke sich das Erstaunen meiner Freundinnen. Wir erklärten uns und waren
auf der Stelle einig und vertraut.
    Ich suchte nun öfter Gelegenheit auszugehn. Leider fand ich sie nur alle
drei bis vier Wochen, ward mit dem adeligen Apostel und nach und nach mit der
ganzen heimlichen Gemeinde bekannt. Ich besuchte, wenn ich konnte, ihre
Versammlungen, und bei meinem geselligen Sinn war es mir unendlich angenehm, das
von andern zu vernehmen und andern mitzuteilen, was ich nur bisher in und mit
mir selbst ausgearbeitet hatte.
    Ich war nicht so eingenommen, dass ich nicht bemerkt hätte, wie nur wenige
den Sinn der zarten Worte und Ausdrücke fühlten, und wie sie dadurch auch nicht
mehr als ehemals durch die kirchlich symbolische Sprache gefördert waren.
Dessenungeachtet ging ich mit ihnen fort und liess mich nicht irremachen. Ich
dachte, dass ich nicht zur Untersuchung und Herzensprüfung berufen sei. War ich
doch auch durch manche unschuldige Übung zum Bessern vorbereitet worden. Ich
nahm meinen Teil hinweg, drang, wo ich zur Rede kam, auf den Sinn, der bei so
zarten Gegenständen eher durch Worte versteckt als angedeutet wird, und liess
übrigens mit stiller Verträglichkeit einen jeden nach seiner Art gewähren.
    Auf diese ruhigen Zeiten des heimlichen gesellschaftlichen Genusses folgten
bald die Stürme öffentlicher Streitigkeiten und Widerwärtigkeiten, die am Hofe
und in der Stadt grosse Bewegungen erregten und, ich möchte beinahe sagen,
manches Skandal verursachten. Der Zeitpunkt war gekommen, in welchem unser
Oberhofprediger, dieser grosse Widersacher der herrnhutischen Gemeinde, zu seiner
gesegneten Demütigung entdecken sollte, dass seine besten und sonst
anhänglichsten Zuhörer sich sämtlich auf die Seite der Gemeinde neigten. Er war
äusserst gekränkt, vergass im ersten Augenblicke alle Mässigung und konnte in der
Folge sich nicht, selbst wenn er gewollt hätte, zurückziehn. Es gab heftige
Debatten, bei denen ich glücklicherweise nicht genannt wurde, da ich nur ein
zufälliges Mitglied der so sehr verhassten Zusammenkünfte war, und unser eifriger
Führer meinen Vater und meinen Freund in bürgerlichen Angelegenheiten nicht
entbehren konnte. Ich erhielt meine Neutralität mit stiller Zufriedenheit; denn
mich von solchen Empfindungen und Gegenständen selbst mit wohlwollenden Menschen
zu unterhalten, war mir schon verdriesslich, wenn sie den tiefsten Sinn nicht
fassen konnten und nur auf der Oberfläche verweilten. Nun aber gar über das mit
Widersachern zu streiten, worüber man sich kaum mit Freunden verstand, schien
mir unnütz, ja verderblich. Denn bald konnte ich bemerken, dass liebevolle, edle
Menschen, die in diesem Falle ihr Herz von Widerwillen und Hass nicht rein halten
konnten, gar bald zur Ungerechtigkeit übergingen und, um eine äussere Form zu
verteidigen, ihr bestes Innerste beinahe zerstörten.
    So sehr auch der würdige Mann in diesem Fall unrecht haben machte, und so
sehr man mich auch gegen ihn aufzubringen suchte, konnte ich ihm doch niemals
eine herzliche Achtung versagen. Ich kannte ihn genau; ich konnte mich in seine
Art, diese Sachen anzusehen, mit Billigkeit versetzen. Ich hatte niemals einen
Menschen ohne Schwäche gesehen, nur ist sie auffallender bei vorzüglichen
Menschen. Wir wünschen und wollen nun ein für allemal, dass die, die so sehr
privilegiert sind, auch gar keinen Tribut, keine Abgaben zahlen sollen. Ich
ehrte ihn als einen vorzüglichen Mann und hoffte den Einfluss meiner stillen
Neutralität, wo nicht zu einem Frieden, doch zu einem Waffenstillstand zu
nutzen. Ich weiss nicht, was ich bewirkt hätte; Gott fasste die Sache kürzer und
nahm ihn zu sich. Bei seiner Bahre weinten alle, die noch kurz vorher um Worte
mit ihm gestritten hatten. Seine Rechtschaffenheit, seine Gottesfurcht hatte
niemals jemand bezweifelt.
    Auch ich musste um diese Zeit das Puppenwerk aus den Händen legen, das mir
durch diese Streitigkeiten gewissermassen in einem andern Lichte erschienen war.
Der Oheim hatte seine Plane auf meine Schwester in der Stille durchgeführt. Er
stellte ihr einen jungen Mann von Stande und Vermögen als ihren Bräutigam vor
und zeigte sich in einer reichlichen Aussteuer, wie man es von ihm erwarten
konnte. Mein Vater willigte mit Freuden ein; die Schwester war frei und
vorbereitet und veränderte gerne ihren Stand. Die Hochzeit wurde auf des Oheims
Schloss ausgerichtet, Familie und Freunde waren eingeladen, und wir kamen alle
mit heiterm Geiste.
    Zum erstenmal in meinem Leben erregte mir der Eintritt in ein Haus
Bewunderung. Ich hatte wohl oft von des Oheims Geschmack, von seinem
italienischen Baumeister, von seinen Sammlungen und seiner Bibliotek reden
hören; ich verglich aber das alles mit dem, was ich schon gesehen hatte, und
machte mir ein sehr buntes Bild davon in Gedanken. Wie verwundert war ich daher
über den ernsten und harmonischen Eindruck, den ich beim Eintritt in das Haus
empfand, und der sich in jedem Saal und Zimmer verstärkte! Hatte Pracht und
Zierat mich sonst nur zerstreut, so fühlte ich mich hier gesammelt und auf mich
selbst zurückgeführt. Auch in allen Anstalten zu Feierlichkeiten und Festen
erregten Pracht und Würde ein stilles Gefallen, und es war mir ebenso
unbegreiflich, dass ein Mensch das alles hätte erfinden und anordnen können, als
dass mehrere sich vereinigen könnten, um in einem so grossen Sinne
zusammenzuwirken. Und bei dem allen schienen der Wirt und die Seinigen so
natürlich; es war keine Spur von Steifheit noch von leerem Zeremoniell zu
bemerken.
    Die Trauung selbst ward unvermutet auf eine herzliche Art eingeleitet; eine
vortreffliche Vokalmusik überraschte uns, und der Geistliche wusste dieser
Zeremonie alle Feierlichkeit der Wahrheit zu geben. Ich stand neben Philo, und
statt mir Glück zu wünschen, sagte er mit einem tiefen Seufzer: »Als ich die
Schwester sah die Hand hingeben, war mir's, als ob man mich mit siedheissem
Wasser begossen hätte.« - »Warum?« fragte ich. »Es ist mir allezeit so, wenn ich
eine Kopulation ansehe«, versetzte er. Ich lachte über ihn und habe nachher oft
genug an seine Worte zu denken gehabt.
    Die Heiterkeit der Gesellschaft, worunter viel junge Leute waren, schien
noch einmal so glänzend, indem alles, was uns umgab, würdig und ernstaft war.
Aller Hausrat, Tafelzeug, Service und Tischaufsätze stimmten zu dem Ganzen, und
wenn mir sonst die Baumeister mit den Konditoren aus einer Schule entsprungen zu
sein schienen, so war hier Konditor und Tafeldecker bei dem Architekten in die
Schule gegangen.
    Da man mehrere Tage zusammenblieb, hatte der geistreiche und verständige
Wirt für die Unterhaltung der Gesellschaft auf das mannigfaltigste gesorgt. Ich
wiederholte hier nicht die traurige Erfahrung, die ich so oft in meinem Leben
gehabt hatte, wie übel eine grosse gemischte Gesellschaft sich befinde, die, sich
selbst überlassen, zu den allgemeinsten und schalsten Zeitvertreiben greifen
muss, damit ja eher die guten als die schlechten Subjekte Mangel der Unterhaltung
fühlen.
    Ganz anders hatte es der Oheim veranstaltet. Er hatte zwei bis drei
Marschälle, wenn ich sie so nennen darf, bestellt; der eine hatte für die
Freuden der jungen Welt zu sorgen: Tänze, Spazierfahrten, kleine Spiele waren
von seiner Erfindung und standen unter seiner Direktion, und da junge Leute gern
im Freien leben und die Einflüsse der Luft nicht scheuen, so war ihnen der
Garten und der grosse Gartensaal übergeben, an den zu diesem Endzwecke noch
einige Galerien und Pavillons angebauet waren, zwar nur von Brettern und
Leinwand, aber in so edlen Verhältnissen, dass man nur an Stein und Marmor dabei
erinnert ward.
    Wie selten ist eine Fete, wobei derjenige, der die Gäste zusammenberuft,
auch die Schuldigkeit empfindet, für ihre Bedürfnisse und Bequemlichkeiten auf
alle Weise zu sorgen!
    Jagd und Spielpartien, kurze Promenaden, Gelegenheiten zu vertraulichen
einsamen Gesprächen waren für die ältern Personen bereitet, und derjenige, der
am frühsten zu Bette ging, war auch gewiss am weitesten von allem Lärm
einquartiert.
    Durch diese gute Ordnung schien der Raum, in dem wir uns befanden, eine
kleine Welt zu sein, und doch, wenn man es bei nahem betrachtete, war das Schloss
nicht gross, und man würde ohne genaue Kenntnis desselben und ohne den Geist des
Wirtes wohl schwerlich so viele Leute darin beherbergt und jeden nach seiner Art
bewirtet haben.
    So angenehm uns der Anblick eines wohlgestalteten Menschen ist, so angenehm
ist uns eine ganze Einrichtung, aus der uns die Gegenwart eines verständigen,
vernünftigen Wesens fühlbar wird. Schon in ein reinliches Haus zu kommen, ist
eine Freude, wenn es auch sonst geschmacklos gebauet und verziert ist; denn es
zeigt uns die Gegenwart wenigstens von einer Seite gebildeter Menschen. Wie
doppelt angenehm ist es uns also, wenn aus einer menschlichen Wohnung uns der
Geist einer höhern, obgleich auch nur sinnlichen Kultur entgegenspricht.
    Mit vieler Lebhaftigkeit ward mir dieses auf dem Schloss meines Oheims
anschaulich. Ich hatte vieles von Kunst gehört und gelesen; Philo selbst war ein
grosser Liebhaber von Gemälden und hatte eine schöne Sammlung; auch ich selbst
hatte viel gezeichnet; aber teils war ich zu sehr mit meinen Empfindungen
beschäftigt und trachtete nur das eine, was not ist, erst recht ins reine zu
bringen, teils schienen doch alle die Sachen, die ich gesehen hatte, mich wie
die übrigen weltlichen Dinge zu zerstreuen. Nun war ich zum erstenmal durch
etwas Äusserliches auf mich selbst zurückgeführt, und ich lernte den Unterschied
zwischen dem natürlichen vortrefflichen Gesang der Nachtigall und einem
vierstimmigen Halleluja aus gefühlvollen Menschenkehlen zu meiner grössten
Verwunderung erst kennen.
    Ich verbarg meine Freude über diese neue Anschauung meinem Oheim nicht, der,
wenn alles andere in sein Teil gegangen war, sich mit mir besonders zu
unterhalten pflegte. Er sprach mit grosser Bescheidenheit von dem, was er besass
und hervorgebracht hatte, mit grosser Sicherheit von dem Sinne, in dem es
gesammelt und aufgestellt worden war, und ich konnte wohl merken, dass er mit
Schonung für mich redete, indem er nach seiner alten Art das Gute, wovon er Herr
und Meister zu sein glaubte, demjenigen unterzuordnen schien, was nach seiner
Überzeugung das Rechte und Beste war.
    »Wenn wir uns«, sagte er einmal, »als möglich denken können, dass der
Schöpfer der Welt selbst die Gestalt seiner Kreatur angenommen und auf ihre Art
und Weise sich eine Zeitlang auf der Welt befunden habe, so muss uns dieses
Geschöpf schon unendlich vollkommen erscheinen, weil sich der Schöpfer so innig
damit vereinigen konnte. Es muss also in dem Begriff des Menschen kein
Widerspruch mit dem Begriff der Gotteit liegen, und wenn wir auch oft eine
gewisse Unähnlichkeit und Entfernung von ihr empfinden, so ist es doch um desto
mehr unsre Schuldigkeit, nicht immer wie der Advokat des bösen Geistes nur auf
die Blössen und Schwächen unserer Natur zu sehen, sondern eher alle
Vollkommenheiten aufzusuchen, wodurch wir die Ansprüche unsrer Gottähnlichkeit
bestätigen können.«
    Ich lächelte und versetzte: »Beschämen Sie mich nicht zu sehr, lieber Oheim,
durch die Gefälligkeit, in meiner Sprache zu reden! Das, was Sie mir zu sagen
haben, ist für mich von so grosser Wichtigkeit, dass ich es in Ihrer eigensten
Sprache zu hören wünschte, und ich will alsdann, was ich mir davon nicht ganz
zueignen kann, schon zu übersetzen suchen.«
    »Ich werde«, sagte er darauf, »auch auf meine eigenste Weise ohne
Veränderung des Tons fortfahren können. Des Menschen grösstes Verdienst bleibt
wohl, wenn er die Umstände soviel als möglich bestimmt und sich so wenig als
möglich von ihnen bestimmen lässt. Das ganze Weltwesen liegt vor uns wie ein
grosser Steinbruch vor dem Baumeister, der nur dann den Namen verdient, wenn er
aus diesen zufälligen Naturmassen ein in seinem Geiste entsprungenes Urbild mit
der grössten Ökonomie, Zweckmässigkeit und Festigkeit zusammenstellt. Alles ausser
uns ist nur Element, ja, ich darf wohl sagen, auch alles an uns; aber tief in
uns liegt diese schöpferische Kraft, die das zu erschaffen vermag, was sein
soll, und uns nicht ruhen und rasten lässt, bis wir es ausser uns oder an uns auf
eine oder die andere Weise dargestellt haben. Sie, liebe Nichte, haben
vielleicht das beste Teil erwählt; Sie haben Ihr sittliches Wesen, Ihre tiefe,
liebevolle Natur mit sich selbst und mit dem höchsten Wesen übereinstimmend zu
machen gesucht, indes wir andern wohl auch nicht zu tadeln sind, wenn wir den
sinnlichen Menschen in seinem Umfange zu kennen und tätig in Einheit zu bringen
suchen.«
    Durch solche Gespräche wurden wir nach und nach vertrauter, und ich erlangte
von ihm, dass er mit mir ohne Kondeszendenz wie mit sich selbst sprach. »Glauben
Sie nicht«, sagte der Oheim zu mir, »dass ich Ihnen schmeichle, wenn ich Ihre Art
zu denken und zu handeln lobe. Ich verehre den Menschen, der deutlich weiss, was
er will, unablässig vorschreitet, die Mittel zu seinem Zwecke kennt und sie zu
ergreifen und zu brauchen weiss; inwiefern sein Zweck gross oder klein sei, Lob
oder Tadel verdiene, das kommt bei mir erst nachher in Betrachtung. Glauben Sie
mir, meine Liebe, der grösste Teil des Unheils und dessen, was man bös in der
Welt nennt, ensteht bloss, weil die Menschen zu nachlässig sind, ihre Zwecke
recht kennen zu lernen und, wenn sie solche kennen, ernstaft darauf
loszuarbeiten. Sie kommen mir vor wie Leute, die den Begriff haben, es könne und
müsse ein Turm gebauet werden, und die doch an den Grund nicht mehr Steine und
Arbeit verwenden, als man allenfalls einer Hütte unterschlüge. Hätten Sie, meine
Freundin, deren höchstes Bedürfnis war, mit Ihrer innern sittlichen Natur ins
reine zu kommen, anstatt der grossen und kühnen Aufopferungen, sich zwischen
Ihrer Familie, einem Bräutigam, vielleicht einem Gemahl nur so hin beholfen, Sie
würden, in einem ewigen Widerspruch mit sich selbst, niemals einen zufriedenen
Augenblick genossen haben.«
    »Sie brauchen,« versetzte ich hier, »das Wort Aufopferung, und ich habe
manchmal gedacht, wie wir einer höhern Absicht, gleichsam wie einer Gotteit,
das Geringere zum Opfer darbringen, ob es uns schon am Herzen liegt, wie man ein
geliebtes Schaf für die Gesundheit eines verehrten Vaters gern und willig zum
Altar führen würde.«
    »Was es auch sei«, versetzte er, »der Verstand oder die Empfindung, das uns
eins für das andere hingeben, eins vor dem andern wählen heisst, so ist
Entschiedenheit und Folge nach meiner Meinung das Verehrungswürdigste am
Menschen. Man kann die Ware und das Geld nicht zugleich haben; und der ist
ebenso übel dran, dem es immer nach der Ware gelüstet, ohne dass er das Herz hat,
das Geld hinzugeben, als der, den der Kauf reut, wenn er die Ware in Händen hat.
Aber ich bin weit entfernt, die Menschen deshalb zu tadeln; denn sie sind
eigentlich nicht schuld, sondern die verwickelte Lage, in der sie sich befinden
und in der sie sich nicht zu regieren wissen. So werden Sie zum Beispiel im
Durchschnitt weniger üble Wirte auf dem Lande als in den Städten finden, und
wieder in kleinen Städten weniger als in grossen; und warum? Der Mensch ist zu
einer beschränkten Lage geboren; einfache, nahe, bestimmte Zwecke vermag er
einzusehen, und er gewöhnt sich, die Mittel zu benutzen, die ihm gleich zur Hand
sind; sobald er aber ins Weite kommt, weiss er weder, was er will, noch was er
soll, und es ist ganz einerlei, ob er durch die Menge der Gegenstände zerstreut
oder ob er durch die Höhe und Würde derselben ausser sich gesetzt werde. Es ist
immer sein Unglück, wenn er veranlasst wird, nach etwas zu streben, mit dem er
sich durch eine regelmälssige Selbsttätigkeit nicht verbinden kann.
    Fürwahr«, fuhr er fort, »ohne Ernst ist in der Welt nichts möglich, und
unter denen, die wir gebildete Menschen nennen, ist eigentlich wenig Ernst zu
finden; sie gehen, ich möchte sagen, gegen Arbeiten und Geschäfte, gegen Künste,
ja gegen Vergnügungen nur mit einer Art von Selbstverteidigung zu Werke, man
lebt, wie man ein Pack Zeitungen liest, nur damit man sie loswerde, und es fällt
mir dabei jener junge Engländer in Rom ein, der abends in einer Gesellschaft
sehr zufrieden erzählte, dass er doch heute sechs Kirchen und zwei Galerien
beiseitegebracht habe. Man will mancherlei wissen und kennen, und gerade das,
was einen am wenigsten angeht, und man bemerkt nicht, dass kein Hunger dadurch
gestillt wird, wenn man nach der Luft schnappt. Wenn ich einen Menschen kennen
lerne, frage ich sogleich, womit beschäftigt er sich? und wie? und in welcher
Folge? und mit der Beantwortung der Frage ist auch mein Interesse an ihm auf
zeitlebens entschieden.«
    »Sie sind, lieber Oheim«, versetzte ich darauf, »vielleicht zu strenge und
entziehen manchem guten Menschen, dem Sie nützlich sein könnten, Ihre hülfreiche
Hand.«
    »Ist es dem zu verdenken«, antwortete er, »der so lange vergebens an ihnen
und um sie gearbeitet hat? Wie sehr leidet man nicht in der Jugend von Menschen,
die uns zu einer angenehmen Lustpartie einzuladen glauben, wenn sie uns in die
Gesellschaft der Danaiden oder des Sisyphus zu bringen versprechen. Gott sei
Dank, ich habe mich von ihnen losgemacht, und wenn einer unglücklicherweise in
meinen Kreis kommt, suche ich ihn auf die höflichste Art
hinauszukomplimentieren; denn gerade von diesen Leuten hört man die bittersten
Klagen über den verworrenen Lauf der Weltändel, über die Seichtigkeit der
Wissenschaften, über den Leichtsinn der Künstler, über die Leerheit der Dichter
und was alles noch mehr ist. Sie bedenken am wenigsten, dass eben sie selbst und
die Menge, die ihnen gleich ist, gerade das Buch nicht lesen würden, das
geschrieben wäre, wie sie es fordern, dass ihnen die echte Dichtung fremd sei,
und dass selbst ein gutes Kunstwerk nur durch Vorurteil ihren Beifall erlangen
könne. Doch lassen Sie uns abbrechen, es ist hier keine Zeit zu schelten noch zu
klagen.«
    Er leitete meine Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Gemälde, die an der
Wand aufgehängt waren; mein Auge hielt sich an die, deren Anblick reizend oder
deren Gegenstand bedeutend war; er liess es eine Weile geschoben, dann sagte er:
»Gönnen Sie nun auch dem Genius, der diese Werke hervorgebracht hat, einige
Aufmerksamkeit. Gute Gemüter sehen so gerne den Finger Gottes in der Natur;
warum sollte man nicht auch der Hand seines Nachahmers einige Betrachtung
schenken?« Er machte mich sodann auf unscheinbare Bilder aufmerksam und suchte
mir begreiflich zu machen, dass eigentlich die Geschichte der Kunst allein uns
den Begriff von dem Wert und der Würde eines Kunstwerks geben könne, dass man
erst die beschwerlichen Stufen des Mechanismus und des Handwerks, an denen der
fähige Mensch sich jahrhundertelang hinaufarbeitet, kennen müsse, um zu
begreifen, wie es möglich sei, dass das Genie auf dem Gipfel, bei dessen blossem
Anblick uns schwindelt, sich frei und fröhlich bewege.
    Er hatte in diesem Sinne eine schöne Reihe zusammengebracht, und ich konnte
mich nicht entalten, als er mir sie auslegte, die moralische Bildung hier wie
im Gleichnisse vor mir zu sehen. Als ich ihm meine Gedanken äusserte, versetzte
er: »Sie haben vollkommen recht, und wir sehen daraus, dass man nicht wohl tut,
der sittlichen Bildung einsam, in sich selbst verschlossen nachzuhängen;
vielmehr wird man finden, dass derjenige, dessen Geist nach einer moralischen
Kultur strebt, alle Ursache hat, seine feinere Sinnlichkeit zugleich mit
auszubilden, damit er nicht in Gefahr komme, von seiner moralischen Höhe
herabzugleiten, indem er sich den Lockungen einer regellosen Phantasie übergibt
und in den Fall kommt, seine edlere Natur durch Vergnügen an geschmacklosen
Tändeleien, wo nicht an etwas Schlimmerem herabzuwürdigen.«
    Ich hatte ihn nicht im Verdacht, dass er auf mich ziele, aber ich fühlte mich
getroffen, wenn ich zurückdachte, dass unter den Liedern, die mich erbauet
hatten, manches abgeschmackte mochte gewesen sein, und dass die Bildchen, die
sich an meine geistlichen Ideen anschlossen, wohl schwerlich vor den Augen des
Oheims würden Gnade gefunden haben.
    Philo hatte sich indessen öfters in der Bibliotek aufgehalten und führte
mich nunmehr auch in selbiger ein. Wir bewunderten die Auswahl und dabei die
Menge der Bücher. Sie waren in jedem Sinne gesammelt; denn es waren beinahe auch
nur solche darin zu finden, die uns zur deutlichen Erkenntnis führen oder uns
zur rechten Ordnung anweisen, die uns entweder rechte Materialien geben oder uns
von der Einheit unsers Geistes überzeugen.
    Ich hatte in meinem Leben unsäglich gelesen, und in gewissen Fächern war mir
fast kein Buch unbekannt; um desto angenehmer war mir's, hier von der Übersicht
des Ganzen zu sprechen und Lücken zu bemerken, wo ich sonst nur eine beschränkte
Verwirrung oder eine unendliche Ausdehnung gesehen hatte.
    Zugleich machten wir die Bekanntschaft eines sehr interessanten stillen
Mannes. Er war Arzt und Naturforscher und schien mehr zu den Penaten als zu den
Bewohnern des Hauses zu gehören. Er zeigte uns das Naturalienkabinett, das wie
die Bibliotek in verschlossenen Glasschränken zugleich die Wände der Zimmer
verzierte und den Raum veredelte, ohne ihn zu verengen. Hier erinnerte ich mich
mit Freuden meiner Jugend und zeigte meinem Vater mehrere Gegenstände, die er
ehemals auf das Krankenbette seines kaum in die Welt blickenden Kindes gebracht
hatte. dabei verhehlte der Arzt so wenig als bei folgenden Unterredungen, dass er
sich mir in Absicht auf religiöse Gesinnungen nähere, lobte dabei den Oheim
ausserordentlich wegen seiner Toleranz und Schätzung von allem, was den Wert und
die Einheit der menschlichen Natur anzeige und befördere, nur verlange er
freilich von allen andern Menschen ein Gleiches und pflege nichts so sehr als
individuellen Dünkel und ausschliessende Beschränkteit zu verdammen oder zu
fliehen.
    Seit der Trauung meiner Schwester sah dem Oheim die Freude aus den Augen,
und er sprach verschiedenemal mit mir über das, was er für sie und ihre Kinder
zu tun denke. Er hatte schöne Güter, die er selbst bewirtschaftete und die er in
dem besten Zustande seinen Neffen zu übergeben hoffte. Wegen des kleinen Gutes,
auf dem wir uns befanden, schien er besondere Gedanken zu hegen: »Ich werde es«,
sagte er, »nur einer Person überlassen, die zu kennen, zu schätzen und zu
geniessen weiss, was es entält, und die einsieht, wie sehr ein Reicher und
Vornehmer besonders in Deutschland Ursache habe, etwas Mustermässiges
aufzustellen.«
    Schon war der grösste Teil der Gäste nach und nach verflogen; wir bereiteten
uns zum Abschied und glaubten die letzte Szene der Feierlichkeit erlebt zu
haben, als wir aufs neue durch seine Aufmerksamkeit, uns ein würdiges Vergnügen
zu machen, überrascht wurden. Wir hatten ihm das Entzücken nicht verbergen
können, das wir fühlten, als bei meiner Schwester Trauung ein Chor
Menschenstimmen sich ohne alle Begleitung irgendeines Instruments hören liess.
Wir legten es ihm nahe genug, uns das Vergnügen noch einmal zu verschaffen; er
schien nicht darauf zu merken. Wie überrascht waren wir daher als er eines
Abends zu uns sagte: »Die Tanzmusik hat sich entfernt; die jungen, flüchtigen
Freunde haben uns verlassen; das Ehepaar selbst sieht schon ernstafter aus als
vor einigen Tagen, und in einer solchen Epoche voneinander zu scheiden, da wir
uns vielleicht nie, wenigstens anders wiedersehen, regt uns zu einer feierlichen
Stimmung, die ich nicht edler nähren kann als durch eine Musik, deren
Wiederholung Sie schon früher zu wünschen schienen.«
    Er liess durch das indes verstärkte und im stillen noch mehr geübte Chor uns
vier- und achtstimmige Gesänge vortragen, die uns, ich darf wohl sagen, wirklich
einen Vorschmack der Seligkeit gaben. Ich hatte bisher nur den frommen Gesang
gekannt, in welchem gute Seelen oft mit heiserer Kehle, wie die Waldvögelein,
Gott zu loben glauben, weil sie sich selbst eine angenehme Empfindung machen;
dann die eitle Musik der Konzerte, in denen man allenfalls zur Bewunderung eines
Talents, selten aber auch nur zu einem vorübergehenden Vergnügen hingerissen
wird. Nun vernahm ich eine Musik, aus dem tiefsten Sinne der trefflichsten
menschlichen Naturen entsprungen, die durch bestimmte und geübte Organe in
harmonischer Einheit wieder zum tiefsten, besten Sinne des Menschen sprach und
ihn wirklich in diesem Augenblicke seine Gottähnlichkeit lebhaft empfinden liess.
Alles waren lateinische geistliche Gesänge, die sich wie Juwelen in dem goldnen
Ringe einer gesitteten weltlichen Gesellschaft ausnahmen und mich, ohne
Anforderung einer sogenannten Erbauung, auf das geistigste erhoben und glücklich
machten.
    Bei unserer Abreise wurden wir alle auf das edelste beschenkt. Mir
überreichte er das Ordenskreuz meines Stiftes, kunstmässiger und schöner
gearbeitet und emailliert, als man es sonst zu sehen gewohnt war. Es hing an
einem grossen Brillanten, wodurch es zugleich an das Band befestigt wurde, und
den er als den edelsten Stein einer Naturaliensammlung anzusehen bat.
    Meine Schwester zog nun mit ihrem Gemahl auf seine Güter, wir andern kehrten
alle nach unsern Wohnungen zurück und schienen uns, was unsere äussern Umstände
anbetraf, in ein ganz gemeines Leben zurückgekehrt zu sein. Wir waren wie aus
einem Feenschloss auf die platte Erde gesetzt und mussten uns wieder nach unsrer
Weise benehmen und behelfen.
    Die sonderbaren Erfahrungen, die ich in jenem neuen Kreise gemacht hatte,
liessen einen schönen Eindruck bei mir zurück; doch blieb er nicht lange in
seiner ganzen Lebhaftigkeit, obgleich der Oheim ihn zu unterhalten und zu
erneuern suchte, indem er mir von Zeit zu Zeit von seinen besten und
gefälligsten Kunstwerken zusandte und, wenn ich sie lange genug genossen hatte,
wieder mit andern vertauschte.
    Ich war zu sehr gewohnt, mich mit mir selbst zu beschäftigen, die
Angelegenheiten meines Herzens und meines Gemütes in Ordnung zu bringen und mich
davon mit ähnlich gesinnten Personen zu unterhalten, als dass ich mit
Aufmerksamkeit ein Kunstwerk hätte betrachten sollen, ohne bald auf mich selbst
zurückzukehren. Ich war gewohnt, ein Gemälde und einen Kupferstich nur anzusehen
wie die Buchstaben eines Buchs. Ein schöner Druck gefällt wohl; aber wer wird
ein Buch des Druckes wegen in die Hand nehmen? So sollte mir auch eine bildliche
Darstellung etwas sagen, sie sollte mich belehren, rühren, bessern; und der
Oheim mochte in seinen Briefen, mit denen er seine Kunstwerke erläuterte, reden,
was er wollte, so blieb es mit mir doch immer beim alten.
    Doch mehr als meine eigene Natur zogen mich äussere Begebenheiten, die
Veränderungen in meiner Familie, von solchen Betrachtungen, ja eine Weile von
mir selbst ab; ich musste dulden und wirken, mehr, als meine schwachen Kräfte zu
ertragen schienen.
    Meine ledige Schwester war bisher mein rechter Arm gewesen; gesund, stark
und unbeschreiblich gütig, hatte sie die Besorgung der Haushaltung über sich
genommen, wie mich die persönliche Pflege des alten Vaters beschäftigte. Es
überfällt sie ein Katarrh, woraus eine Brustkrankheit wird, und in drei Wochen
liegt sie auf der Bahre; ihr Tod schlug mir Wunden, deren Narben ich jetzt noch
nicht gerne ansehe.
    Ich lag krank zu Bette, ehe sie noch beerdiget war; der alte Schaden auf
meiner Brust schien aufzuwachen, ich hustete heftig und war so heiser, dass ich
keinen lauten Ton hervorbringen konnte.
    Die verheiratete Schwester kam vor Schrecken und Betrübnis zu früh in die
Wochen. Mein alter Vater fürchtete, seine Kinder und die Hoffnung seiner
Nachkommenschaft auf einmal zu verlieren; seine gerechten Tränen vermehrten
meinen Jammer; ich flehte zu Gott um Herstellung einer leidlichen Gesundheit und
bat ihn nur, mein Leben bis nach dem Tode des Vaters zu fristen. Ich genas und
war nach meiner Art wohl, konnte wieder meine Pflichten, obgleich nur auf eine
kümmerliche Weise, erfüllen.
    Meine Schwester ward wieder guter Hoffnung. Mancherlei Sorgen, die in
solchen Fällen der Mutter anvertraut werden, wurden mir mitgeteilt; sie lebte
nicht ganz glücklich mit ihrem Manne, das sollte dem Vater verborgen bleiben;
ich musste Schiedsrichter sein und konnte es um so eher, da mein Schwager
Zutrauen zu mir hatte und beide wirklich gute Menschen waren, nur dass beide,
anstatt einander nachzusehen, miteinander rechteten und aus Begierde, völlig
miteinander überein zu leben, niemals einig werden konnten. Nun lernte ich auch
die weltlichen Dinge mit Ernst angreifen und das ausüben, was ich sonst nur
gesungen hatte.
    Meine Schwester gebar einen Sohn; die Unpässlichkeit meines Vaters
verhinderte ihn nicht, zu ihr zu reisen. Beim Anblick des Kindes war er
unglaublich heiter und froh, und bei der Taufe erschien er mir gegen seine Art
wie begeistert, ja ich möchte sagen, als ein Genius mit zwei Gesichtern. Mit dem
einen blickte er freudig vorwärts in jene Regionen, in die er bald einzugehen
hoffte, mit dem andern auf das neue, hoffnungsvolle irdische Leben, das in dem
Knaben entsprungen war, der von ihm abstammte. Er ward nicht müde, auf dem
Rückwege mich von dem Kinde zu unterhalten, von seiner Gestalt, seiner
Gesundheit und dem Wunsche, dass die Anlagen dieses neuen Weltbürgers glücklich
ausgebildet werden möchten. Seine Betrachtungen hierüber dauerten fort, als wir
zu Hause anlangten, und erst nach einigen Tagen bemerkte man eine Art Fieber,
das sich nach Tisch, ohne Frost, durch eine etwas ermattende Hitze äusserte. Er
legte sich jedoch nicht nieder, fuhr des Morgens aus und versah treulich seine
Amtsgeschäfte, bis ihn endlich anhaltende ernstafte Symptome davon abhielten.
    Nie werde ich die Ruhe des Geistes, die Klarheit und Deutlichkeit vergessen,
womit er die Angelegenheiten seines Hauses, die Besorgung seines Begräbnisses,
als wie das Geschäft eines andern, mit der grössten Ordnung vornahm.
    Mit einer Heiterkeit, die ihm sonst nicht eigen war und die bis zu einer
lebhaften Freude stieg, sagte er zu mir: »Wo ist die Todesfurcht hingekommen,
die ich sonst noch wohl empfand? Sollt' ich zu sterben scheuen? Ich habe einen
gnädigen Gott, das Grab erweckt mir kein Grauen, ich habe ein ewiges Leben.«
    Mir die Umstände seines Todes zurückzurufen, der bald darauf erfolgte, ist
in meiner Einsamkeit eine meiner angenehmsten Unterhaltungen, und die sichtbaren
Wirkungen einer höhern Kraft dabei wird mir niemand wegräsonieren.
    Der Tod meines lieben Vaters veränderte meine bisherige Lebensart. Aus dem
strengsten Gehorsam, aus der grössten Einschränkung kam ich in die grösste
Freiheit, und ich genoss ihrer wie eine Speise, die man lange entbehrt hat. Sonst
war ich selten zwei Stunden ausser dem Hause; nun verlebte ich kaum einen Tag in
meinem Zimmer. Meine Freunde, bei denen ich sonst nur abgerissene Besuche machen
konnte, wollten sich meines anhaltenden Umgangs so wie ich mich des ihrigen
erfreuen; öfters wurde ich zu Tische geladen, Spazierfahrten und kleine
Lustreisen kamen hinzu, und ich blieb nirgends zurück. Als aber der Zirkel
durchlaufen war, sah ich, dass das unschätzbare Glück der Freiheit nicht darin
besteht, dass man alles tut, was man tun mag, und wozu uns die Umstände einladen,
sondern dass man das ohne Hindernis und Rückhalt, auf dem geraden Wege tun kann,
was man für recht und schicklich hält, und ich war alt genug, in diesem Falle
ohne Lehrgeld zu der schönen Überzeugung zu gelangen.
    Was ich mir nicht versagen konnte, war, so bald als nur möglich den Umgang
mit den Gliedern der herrnhutischen Gemeine fortzusetzen und fester zu knüpfen,
und ich eilte, eine ihrer nächsten Einrichtungen zu besuchen; aber auch da fand
ich keinesweges, was ich mir vorgestellt hatte. Ich war ehrlich genug, meine
Meinung merken zu lassen, und man suchte mir hinwieder beizubringen, diese
Verfassung sei gar nichts gegen eine ordentlich eingerichtete Gemeine. Ich
konnte mir das gefallen lassen; doch hätte nach meiner Überzeugung der wahre
Geist aus einer kleinen so gut als aus einer grossen Anstalt hervorblicken
sollen.
    Einer ihrer Bischöfe, der gegenwärtig war, ein unmittelbarer Schüler des
Grafen, beschäftigte sich viel mit mir; er sprach vollkommen Englisch, und weil
ich es ein wenig verstand, meinte er, es sei ein Wink, dass wir zusammengehörten;
ich meinte es aber ganz und gar nicht, sein Umgang konnte mir nicht im
geringsten gefallen. Er war ein Messerschmied, ein geborener Mähre; seine Art zu
denken konnte das Handwerksmässige nicht verleugnen. Besser verstand ich mich mit
dem Herrn von L*, der Major in französischen Diensten gewesen war; aber zu der
Untertänigkeit, die er gegen seine Vorgesetzten bezeigte, fühlte ich mich
niemals fähig; ja es war mir, als wenn man mir eine Ohrfeige gäbe, wenn ich die
Majorin und andere, mehr oder weniger an gesehene Frauen dem Bischof die Hand
küssen sah. Indessen wurde doch eine Reise nach Holland verabredet, die aber,
und gewiss zu meinem Besten, niemals zustande kam.
    Meine Schwester war mit einer Tochter niedergekommen, und nun war die Reihe
an uns Frauen, zufrieden zu sein und zu denken, wie sie dereinst uns ähnlich
erzogen werden sollte. Mein Schwager war dagegen sehr unzufrieden, als in dem
Jahr darauf abermals eine Tochter erfolgte; er wünschte bei seinen grossen Gütern
Knaben um sich zu sehen, die ihm einst in der Verwaltung beistehen könnten.
    Ich hielt mich bei meiner schwachen Gesundheit still, und bei einer ruhigen
Lebensart ziemlich im Gleichgewicht; ich fürchtete den Tod nicht, ja ich
wünschte zu sterben, aber ich fühlte in der Stille, dass mir Gott Zeit gebe,
meine Seele zu untersuchen und ihm immer näher zu kommen. In den vielen
schlaflosen Nächten habe ich besonders etwas empfunden, das ich eben nicht
deutlich beschreiben kann.
    Es war, als wenn meine Seele ohne Gesellschaft des Körpers dächte; sie sah
den Körper selbst als ein ihr fremdes Wesen an, wie man etwa ein Kleid ansieht.
Sie stellte sich mit einer ausserordentlichen Lebhaftigkeit die vergangenen
Zeiten und Begebenheiten vor und fühlte daraus, was folgen werde. Alle diese
Zeiten sind dahin; was folgt, wird auch dahingehen, der Körper wird wie ein
Kleid zerreissen, aber Ich, das wohlbekannte Ich, Ich bin.
    Diesem grossen, erhabenen und tröstlichen Gefühle so wenig als nur möglich
nachzuhängen, lehrte mich ein edler Freund, der sich mir immer näher verband; es
war der Arzt, den ich in dem Hause meines Oheims hatte kennen lernen, und der
sich von der Verfassung meines Körpers und meines Geistes sehr gut unterrichtet
hatte; er zeigte mir, wie sehr diese Empfindungen, wenn wir sie unabhängig von
äussern Gegenständen in uns nähren, uns gewissermassen aushöhlen und den Grund
unseres Daseins untergraben. »Tätig zu sein«, sagte er, »ist des Menschen erste
Bestimmung, und alle Zwischenzeiten, in denen er auszuruhen genötigt ist, sollte
er anwenden, eine deutliche Erkenntnis der äusserlichen Dinge zu erlangen, die
ihm in der Folge abermals seine Tätigkeit erleichtert.«
    Da der Freund meine Gewohnheit kannte, meinen eigenen Körper als einen
äussern Gegenstand anzusehn, und da er wusste dass ich meine Konstitution, mein
Übel und die medizinischen Hülfsmittel ziemlich kannte, und ich wirklich durch
anhaltende eigene und fremde Leiden ein halber Arzt geworden war, so leitete er
meine Aufmerksamkeit von der Kenntnis des menschlichen Körpers und der
Spezereien auf die übrigen nachbarlichen Gegenstände der Schöpfung und führte
mich wie im Paradiese umher, und nur zuletzt, wenn ich mein Gleichnis fortsetzen
darf, liess er mich den in der Abendkühle im Garten wandelnden Schöpfer aus der
Entfernung ahnen.
    Wie gerne sah ich nunmehr Gott in der Natur, da ich ihn mit solcher
Gewissheit im Herzen trug, wie interessant war mir das Werk seiner Hände, und wie
dankbar war ich, dass er mich mit dem Atem seines Mundes hatte beleben wollen!
    Wir hofften aufs neue mit meiner Schwester auf einen Knaben, dem mein
Schwager so sehnlich entgegensah, und dessen Geburt er leider nicht erlebte. Der
wackere Mann starb an den Folgen eines unglücklichen Sturzes vom Pferde, und
meine Schwester folgte ihm, nachdem sie der Welt einen schönen Knaben gegeben
hatte. Ihre vier hinterlassenen Kinder konnte ich nur mit Wehmut ansehn. So
manche gesunde Person war vor mir, der Kranken, hingegangen; sollte ich nicht
vielleicht von diesen hoffnungsvollen Blüten manche abfallen sehen? Ich kannte
die Welt genug, um zu wissen, unter wie vielen Gefahren ein Kind, besonders in
dem höheren Stande, heraufwächst, und es schien mir, als wenn sie seit der Zeit
meiner Jugend sich für die gegenwärtige Welt noch vermehrt hätten. Ich fühlte,
dass ich bei meiner Schwäche wenig oder nichts für die Kinder zu tun imstande
sei; um desto erwünschter war mir des Oheims Entschluss, der natürlich aus seiner
Denkungsart entsprang, seine ganze Aufmerksamkeit auf die Erziehung dieser
liebenswürdigen Geschöpfe zu verwenden. Und gewiss, sie verdienten es in jedem
Sinne, sie waren wohlgebildet und versprachen bei ihrer grossen Verschiedenheit
sämtlich gutartige und verständige Menschen zu werden.
    Seitdem mein guter Arzt mich aufmerksam gemacht hatte, betrachtete ich gern
die Familienähnlichkeit in Kindern und Verwandten. Mein Vater hatte sorgfältig
die Bilder seiner Vorfahren aufbewahrt, sich selbst und seine Kinder von
leidlichen Meistern malen lassen, auch war meine Mutter und ihre Verwandten
nicht vergessen worden. Wir kannten die Charaktere der ganzen Familie genau, und
da wir sie oft untereinander verglichen hatten, so suchten wir nun bei den
Kindern die Ähnlichkeiten des Äussern und Innern wieder auf. Der älteste Sohn
meiner Schwester schien seinem Grossvater väterlicher Seite zu gleichen, von dem
ein jugendliches Bild sehr gut gemalt in der Sammlung unseres Oheims aufgestellt
war; auch liebte er wie jener, der sich immer als ein braver Offizier gezeigt
hatte, nichts so sehr als das Gewehr, womit er sich immer, sooft er mich
besuchte, beschäftigte. Denn mein Vater hatte einen sehr schönen Gewehrschrank
hinterlassen, und der Kleine hatte nicht eher Ruhe, bis ich ihm ein Paar
Pistolen und eine Jagdflinte schenkte, und bis er herausgebracht hatte, wie ein
deutsches Schloss aufzuziehen sei. Übrigens war er in seinen Handlungen und
seinem ganzen Wesen nichts weniger als rauh, sondern vielmehr sanft und
verständig.
    Die älteste Tochter hatte meine ganze Neigung gefesselt, und es mochte wohl
daher kommen, weil sie mir ähnlich sah, und weil sie sich von allen vieren am
meisten zu mir hielt. Aber ich kann wohl sagen, je genauer ich sie beobachtete,
da sie heranwuchs, desto mehr beschämte sie mich, und ich konnte das Kind nicht
ohne Verwunderung, ja ich darf beinahe sagen, nicht ohne Verehrung ansehn. Man
sah nicht leicht eine edlere Gestalt, ein ruhiger Gemüt und eine immer gleiche,
auf keinen Gegenstand eingeschränkte Tätigkeit. Sie war keinen Augenblick ihres
Lebens unbeschäftigt, und jedes Geschäft ward unter ihren Händen zur würdigen
Handlung. Alles schien ihr gleich, wenn sie nur das verrichten konnte, was in
der Zeit und am Platz war, und ebenso konnte sie ruhig, ohne Ungeduld, bleiben,
wenn sich nichts zu tun fand. Diese Tätigkeit ohne Bedürfnis einer Beschäftigung
habe ich in meinem Leben nicht wieder gesehen. Unnachahmlich war von Jugend auf
ihr Betragen gegen Notleidende und Hülfsbedürftige. Ich gestehe gern, dass ich
niemals das Talent hatte, mir aus der Wohltätigkeit ein Geschäft zu machen; ich
war nicht karg gegen Arme, ja ich gab oft in meinem Verhältnisse zu viel dahin,
aber gewissermassen kaufte ich mich nur los, und es musste mir jemand angeboren
sein, wenn er mir meine Sorgfalt abgewinnen wollte. Gerade das Gegenteil lobte
ich an meiner Nichte. Ich habe sie niemals einem Armen Geld geben sehen, und was
sie von mir zu diesem Endzweck erhielt, verwandelte sie immer erst in das
nächste Bedürfnis. Niemals erschien sie mir liebenswürdiger, als wenn sie meine
Kleider und Wäscheschränke plünderte; immer fand sie etwas, das ich nicht trug
und nicht brauchte, und diese alten Sachen zusammenzuschneiden und sie
irgendeinem zerlumpten Kinde anzupassen, war ihre grösste Glückseligkeit.
    Die Gesinnungen ihrer Schwester zeigten sich schon anders; sie hatte vieles
von der Mutter, versprach schon frühe sehr zierlich und reizend zu werden, und
scheint ihr Versprechen halten zu wollen; sie ist sehr mit ihrem Äussern
beschäftigt und wusste sich von früher Zeit an auf eine in die Augen fallende
Weise zu putzen und zu tragen. Ich erinnere mich noch immer, mit welchem
Entzücken sie sich als ein kleines Kind im Spiegel besah, als ich ihr die
schönen Perlen, die mir meine Mutter hinterlassen hatte, und die sie von
ungefähr bei mir fand, umbinden musste.
    Wenn ich diese verschiedenen Neigungen betrachtete, war es mir angenehm zu
denken, wie meine Besitzungen nach meinem Tode unter sie zerfallen und durch sie
wieder lebendig werden würden. Ich sah die Jagdflinten meines Vaters schon
wieder auf dem Rücken des Neffen im Felde herumwandeln und aus seiner Jagdtasche
schon wieder Hühner herausfallen; ich sah meine sämtliche Garderobe bei der
Osterkonfirmation, lauter kleinen Mädchen angepasst, aus der Kirche herauskommen
und mit meinen besten Stoffen ein sittsames Bürgermädchen an ihrem Brauttage
geschmückt; denn zu Ausstattung solcher Kinder und ehrbarer armer Mädchen hatte
Natalie eine besondere Neigung, ob sie gleich, wie ich hier bemerken muss, selbst
keine Art von Liebe und, wenn ich so sagen darf, kein Bedürfnis einer
Anhänglichkeit an ein sichtbares oder unsichtbares Wesen, wie es sich bei mir in
meiner Jugend so lebhaft gezeigt hatte, auf irgend eine Weise merken liess.
    Wenn ich nun dachte, dass die Jüngste an ebendemselben Tage meine Perlen und
Juwelen nach Hofe tragen werde, so sah ich mit Ruhe meine Besitzungen wie meinen
Körper den Elementen wiedergegeben.
    Die Kinder wuchsen heran und sind zu meiner Zufriedenheit gesunde, schöne
und wackre Geschöpfe. Ich ertrage es mit Geduld, dass der Oheim sie von mir
entfernt hält, und sehe sie, wenn sie in der Nähe oder auch wohl gar in der
Stadt sind, selten.
    Ein wunderbarer Mann, den man für einen französischen Geistlichen hält, ohne
dass man recht von seiner Herkunft unterrichtet ist, hat die Aufsicht über die
sämtlichen Kinder welche an verschiedenen Orten erzogen werden und bald hier,
bald da in der Kost sind.
    Ich konnte anfangs keinen Plan in dieser Erziehung sehn, bis mir mein Arzt
zuletzt eröffnete, der Oheim habe sich durch den Abbé überzeugen lassen, dass,
wenn man an der Erziehung des Menschen etwas tun wolle, müsse man sehen, wohin
seine Neigungen und Wünsche gehen, sodann müsse man ihn in die Lage versetzen,
jene so bald als möglich zu befriedigen, diese so bald als möglich zu erreichen,
damit der Mensch, wenn er sich geirrt habe, früh genug seinen Irrtum gewahr
werde und, wenn er das getroffen hat, was für ihn passt, desto eifriger daran
halte und sich desto emsiger fortbilde. Ich wünsche, dass dieser sonderbare
Versuch gelingen möge; bei so guten Naturen ist es vielleicht möglich.
    Aber das, was ich nicht an diesen Erziehern billigen kann, ist, dass sie
alles von den Kindern zu entfernen suchen, was sie zu dem Umgange mit sich
selbst und mit dem unsichtbaren, einzigen treuen Freunde führen könne. Ja, es
verdriesst mich oft von dem Oheim, dass er mich deshalb für die Kinder für
gefährlich hält. Im Praktischen ist doch kein Mensch tolerant! Denn wer auch
versichert, dass er jedem seine Art und Wesen gerne lassen wolle, sucht doch
immer diejenigen von der Tätigkeit auszuschliessen, die nicht so denken wie er.
    Diese Art, die Kinder von mir zu entfernen, betrübt mich desto mehr, je mehr
ich von der Realität meines Glaubens überzeugt sein kann. Warum sollte er nicht
einen göttlichen Ursprung, nicht einen wirklichen Gegenstand haben, da er sich
im Praktischen so wirksam erweist? Werden wir durchs Praktische doch unseres
eigenen Daseins selbst erst recht gewiss, warum sollten wir uns nicht auch auf
eben dem Wege von jenem Wesen überzeugen können, das uns zu allem Guten die Hand
reicht?
    Dass ich immer vorwärts, nie rückwärts gehe, dass meine Handlungen immer mehr
der Idee ähnlich werden, die ich mir von der Vollkommenheit gemacht habe, dass
ich täglich mehr Leichtigkeit fühle, das zu tun, was ich für recht halte, selbst
bei der Schwäche meines Körpers, der mir so manchen Dienst versagt: lässt sich
das alles aus der menschlichen Natur, deren Verderben ich so tief eingesehen
habe, erklären? Für mich nun einmal nicht.
    Ich erinnere mich kaum eines Gebotes, nichts erscheint mir in Gestalt eines
Gesetzes, es ist ein Trieb, der mich leitet und mich immer recht führet; ich
folge mit Freiheit meinen Gesinnungen und weiss so wenig von Einschränkung als
von Reue. Gott sei Dank, dass ich erkenne, wem ich dieses Glück schuldig bin und
dass ich an diese Vorzüge nur mit Demut denken darf. Denn niemals werde ich in
Gefahr kommen, auf mein eignes Können und Vermögen stolz zu werden, da ich so
deutlich erkannt habe, welch Ungeheuer so in jedem menschlichen Busen, wenn eine
höhere Kraft uns nicht bewahrt, sich erzeugen und nähren könne.
 
                                 Siebentes Buch
                                  Erstes Kapitel
Der Frühling war in seiner völligen Herrlichkeit erschienen; ein frühzeitiges
Gewitter, das den ganzen Tag gedrohet hatte, ging stürmisch an den Bergen
nieder, der Regen zog nach dem Lande, die Sonne trat wieder in ihrem Glanze
hervor, und auf dem grauen Grunde erschien der herrliche Bogen. Wilhelm ritt ihm
entgegen und sah ihn mit Wehmut an. »Ach!« sagte er zu sich selbst, »erscheinen
uns denn eben die schönsten Farben des Lebens nur auf dunklem Grunde? Und müssen
Tropfen fallen, wenn wir entzückt werden sollen? Ein heiterer Tag ist wie ein
grauer, wenn wir ihn ungerührt ansehen, und was kann uns rühren, als die stille
Hoffnung, dass die angeborne Neigung unsers Herzens nicht ohne Gegenstand bleiben
werde? Uns rührt die Erzählung jeder guten Tat, uns rührt das Anschauen jedes
harmonischen Gegenstandes; wir fühlen dabei, dass wir nicht ganz in der Fremde
sind, wir wähnen einer Heimat näher zu sein, nach der unser Bestes, Innerstes
ungeduldig hinstrebt.«
    Inzwischen hatte ihn ein Fussgänger eingeholt, der sich zu ihm gesellte, mit
starkem Schritte neben dem Pferde blieb und nach einigen gleichgültigen Reden zu
dem Reiter sagte: »Wenn ich mich nicht irre, so muss ich Sie irgendwo schon
gesehen haben.«
    »Ich erinnere mich Ihrer auch«, versetzte Wilhelm; »haben wir nicht zusammen
eine lustige Wasserfahrt gemacht?« - »Ganz recht!« erwiderte der andere.
    Wilhelm betrachtete ihn genauer und sagte nach einigem Stillschweigen: »Ich
weiss nicht, was für eine Veränderung mit Ihnen vorgegangen sein mag; damals
hielt ich Sie für einen luterischen Landgeistlichen, und jetzt sehen Sie mir
eher einem katolischen ähnlich.«
    »Heute betrügen Sie sich wenigstens nicht«, sagte der andere, indem er den
Hut abnahm und die Tonsur sehen liess. »Wo ist denn Ihre Gesellschaft
hingekommen? Sind Sie noch lange bei ihr geblieben?«
    »Länger als billig; denn leider wenn ich an jene Zeit zurückdenke, die ich
mit ihr zugebracht habe, so glaube ich in ein unendliches Leere zu sehen; es ist
mir nichts davon übriggeblieben.«
    »Darin irren Sie sich; alles, was uns begegnet, lässt Spuren zurück, alles
trägt unmerklich zu unserer Bildung bei; doch es ist gefährlich, sich davon
Rechenschaft geben zu wollen. Wir werden dabei entweder stolz und lässig oder
niedergeschlagen und kleinmütig, und eins ist für die Folge so hinderlich als
das andere. Das Sicherste bleibt immer, nur das Nächste zu tun, was vor uns
liegt, und das ist jetzt«, fuhr er mit einem Lächeln fort, »dass wir eilen, ins
Quartier zu kommen.«
    Wilhelm fragte, wie weit noch der Weg nach Lotarios Gut sei, der andere
versetzte, dass es hinter dem Berge liege. »Vielleicht treffe ich Sie dort an«,
fuhr er fort, »ich habe nur in der Nachbarschaft noch etwas zu besorgen. Leben
Sie so lange wohl!« Und mit diesen Worten ging er einen steilen Pfad, der
schneller über den Berg hinüberzuführen schien.
    »Jawohl hat er recht!« sagte Wilhelm vor sich, indem er weiter ritt; »an das
Nächste soll man denken, und für mich ist wohl jetzt nichts Näheres als der
traurige Auftrag, den ich ausrichten soll. Lass sehen, ob ich die Rede noch ganz
im Gedächtnis habe, die den grausamen Freund beschämen soll!«
    Er fing darauf an, sich dieses Kunstwerk vorzusagen; es fehlte ihm auch
nicht eine Silbe, und je mehr ihm sein Gedächtnis zustatten kam, desto mehr
wuchs seine Leidenschaft und sein Mut. Aureliens Leiden und Tod waren lebhaft
vor seiner Seele gegenwärtig.
    »Geist meiner Freundin!« rief er aus, »umschwebe mich! und wenn es dir
möglich ist, so gib mir ein Zeichen, dass du besänftigt, dass du versöhnt seist!«
    Unter diesen Worten und Gedanken war er auf die Höhe des Berges gekommen und
sah an dessen Abhang an der andern Seite ein wunderliches Gebäude liegen, das er
sogleich für Lotarios Wohnung hielt. Ein altes unregelmässiges Schloss mit
einigen Türmen und Giebeln schien die erste Anlage dazu gewesen zu sein; allein
noch unregelmässiger waren die neuen Angebäude, die, teils nah, teils in einiger
Entfernung davon errichtet, mit dem Hauptgebäude durch Galerien und bedeckte
Gänge zusammenhingen. Alle äussere Symmetrie, jedes architektonische Ansehn
schien dem Bedürfnis der innern Bequemlichkeit aufgeopfert zu sein. Keine Spur
von Wall und Graben war zu sehen, ebensowenig als von künstlichen Gärten und
grossen Alleen. Ein Gemüse- und Baumgarten drang bis an die Häuser hinan, und
kleine nutzbare Gärten waren selbst in den Zwischenräumen angelegt. Ein heiteres
Dörfchen lag in einiger Entfernung, Gärten und Felder schienen durchaus in dem
besten Zustande.
    In seine eignen leidenschaftlichen Betrachtungen vertieft, ritt Wilhelm
weiter, ohne viel über das, was er sah, nachzudenken, stellte sein Pferd in
einem Gastofe ein und eilte nicht ohne Bedenken nach dem Schloss zu.
    Ein alter Bedienter empfing ihn an der Türe und berichtete ihm mit vieler
Gutmütigkeit, dass er heute wohl schwerlich vor den Herren kommen werde; der Herr
habe viel Briefe zu schreiben und schon einige seiner Geschäftsleute abweisen
lassen. Wilhelm ward dringender, und endlich musste der Alte nachgeben und ihn
melden. Er kam zurück und führte Wilhelmen in einen grossen alten Saal. Dort
ersuchte er ihn, sich zu gedulden, weil der Herr vielleicht noch eine Zeitlang
ausbleiben werde. Wilhelm ging unruhig auf und ab und warf einige Blicke auf die
Ritter und Frauen, deren alte Abbildungen an der Wand umher hingen; er
wiederholte den Anfang seiner Rede, und sie schien ihm in Gegenwart dieser
Harnische und Kragen erst recht am Platz. Sooft er etwas rauschen hörte, setzte
er sich in Positur, um seinen Gegner mit Würde zu empfangen, ihm erst den Brief
zu überreichen und ihn dann mit den Waffen des Vorwurfs anzufallen.
    Mehrmals war er schon getäuscht worden und sing wirklich an verdriesslich und
verstimmt zu werden, als endlich aus einer Seitentür ein wohlgebildeter Mann in
Stiefeln und einem schlichten Überrocke heraustrat. »Was bringen Sie mir Gutes?«
sagte er mit freundlicher Stimme zu Wilhelmen; »verzeihen Sie, dass ich Sie habe
warten lassen.«
    Er faltete, indem er dieses sprach, einen Brief, den er in der Hand hielt.
Wilhelm, nicht ohne Verlegenheit, überreichte ihm das Blatt Aureliens und sagte:
»Ich bringe die letzten Worte einer Freundin, die Sie nicht ohne Rührung lesen
werden.«
    Lotario nahm den Brief und ging sogleich in das Zimmer zurück, wo er, wie
Wilhelm recht gut durch die offene Türe sehen konnte, erst noch einige Briefe
siegelte und überschrieb dann Aureliens Brief eröffnete und las. Er schien das
Blatt einigemal durchgelesen zu haben, und Wilhelm, obgleich seinem Gefühl nach
die patetische Rede zu dem natürlichen Empfang nicht recht passen wollte, nahm
sich doch zusammen, ging auf die Schwelle los und wollte seinen Spruch beginnen,
als eine Tapetentüre des Kabinetts sich öffnete und der Geistliche hereintrat.
    »Ich erhalte die wunderlichste Depesche von der Welt« rief Lotario ihm
entgegen; »verzeihn Sie mir«, fuhr er fort, indem er sich gegen Wilhelmen
wandte, »wenn ich in diesem Augenblicke nicht gestimmt bin, mich mit Ihnen
weiter zu unterhalten. Sie bleiben heute nacht bei uns! und Sie sorgen für
unsern Gast, Abbé, dass ihm nichts abgeht.«
    Mit diesen Worten machte er eine Verbeugung gegen Wilhelmen; der Geistliche
nahm unsern Freund bei der Hand, der nicht ohne Widerstreben folgte.
    Stillschweigend gingen sie durch wunderliche Gänge und kamen in ein gar
artiges Zimmer. Der Geistliche führte ihn ein und verliess ihn ohne weitere
Entschuldigung. Bald darauf erschien ein munterer Knabe, der sich bei Wilhelmen
als seine Bedienung ankündigte und das Abendessen brachte, bei der Aufwartung
von der Ordnung des Hauses, wie man zu frühstücken, zu speisen, zu arbeiten und
sich zu vergnügen pflegte, manches erzählte und besonders zu Lotarios Ruhm gar
vieles vorbrachte.
    So angenehm auch der Knabe war, so suchte ihn Wilhelm doch bald loszuwerden.
Er wünschte allein zu sein, denn er fühlte sich in seiner Lage äusserst gedrückt
und beklommen. Er machte sich Vorwürfe, seinen Vorsatz so schlecht vollführt,
seinen Auftrag nur halb ausgerichtet zu haben. Bald nahm er sich vor, den andern
Morgen das Versäumte nachzuholen, bald ward er gewahr, dass Lotarios Gegenwart
ihn zu ganz andern Gefühlen stimmte. Das Haus, worin er sich befand, kam ihm
auch so wunderbar vor; er wusste sich in seine Lage nicht zu finden. Er wollte
sich ausziehen und öffnete seinen Mantelsack; mit seinen Nachtsachen brachte er
zugleich den Schleier des Geistes hervor, den Mignon eingepackt hatte. Der
Anblick vermehrte seine traurige Stimmung. »Flieh! Jüngling, flieh!« rief er
aus. »Was soll das mystische Wort heissen? was fliehen? wohin fliehen? Weit
besser hätte der Geist mir zugerufen Kehre in dich selbst zurück!« Er
betrachtete die englischen Kupfer, die an der Wand in Rahmen hingen;
gleichgültig sah er über die meisten hinweg; endlich fand er auf dem einen ein
unglücklich strandendes Schiff vorgestellt: ein Vater mit seinen schönen
Töchtern erwartete den Tod von den hereindringenden Wellen. Das eine
Frauenzimmer schien Ähnlichkeit mit jener Amazone zu haben, ein
unaussprechliches Mitleiden ergriff unsern Freund, er fühlte ein
unwiderstehliches Bedürfnis, seinem Herzen Luft zu machen, Tränen drangen aus
seinem Auge, und er konnte sich nicht wieder erholen, bis ihn der Schlaf
überwältigte.
    Sonderbare Traumbilder erschienen ihm gegen Morgen. Er fand sich in einem
Garten, den er als Knabe öfters besucht hatte, und sah mit Vergnügen die
bekannten Alleen Hecken und Blumenbeete wieder; Mariane begegnete ihm, er sprach
liebevoll mit ihr und ohne Erinnerung irgendeines vergangenen Missverhältnisses.
Gleich darauf trat sein Vater zu ihnen, im Hauskleide, und mit vertraulicher
Miene, die ihm selten war, hiess er den Sohn zwei Stühle aus dem Gartenhause
holen, nahm Marianen bei der Hand und führte sie nach einer Laube.
    Wilhelm eilte nach dem Gartensaale, fand ihn aber ganz leer, nur sah er
Aurelien an dem entgegengesetzten Fenster stehen; er ging, sie anzureden, allein
sie blieb unverwandt, und ob er sich gleich neben sie stellte, konnte er doch
ihr Gesicht nicht sehen. Er blickte zum Fenster hinaus und sah in einem fremden
Garten viele Menschen beisammen, von denen er einige sogleich erkannte. Frau
Melina sass unter einem Baum und spielte mit einer Rose, die sie in der Hand
hielt; Laertes stand neben ihr und zählte Gold aus einer Hand in die andere.
Mignon und Felix lagen im Grase, jene ausgestreckt auf dem Rücken, dieser auf
dem Gesichte. Philine trat hervor und klatschte über den Kindern in die Hände,
Mignon blieb unbeweglich, Felix sprang auf und floh vor Philinen. Erst lachte er
im Laufen, als Philine ihn verfolgte; dann schrie er ängstlich, als der
Harfenspieler mit grossen, langsamen Schritten ihm nachging. Das Kind lief gerade
auf einen Teich los; Wilhelm eilte ihm nach, aber zu spät, das Kind lag im
Wasser! Wilhelm stand wie eingewurzelt. Nun sah er die schöne Amazone an der
andern Seite des Teichs, sie streckte ihre rechte Hand gegen das Kind aus und
ging am Ufer hin, das Kind durchstrich das Wasser in gerader Richtung auf den
Finger zu und folgte ihr nach, wie sie ging, endlich reichte sie ihm ihre Hand
und zog es aus dem Teiche. Wilhelm war indessen näher gekommen, das Kind brannte
über und über, und es fielen feurige Tropfen von ihm herab. Wilhelm war noch
besorgter, doch die Amazone nahm schnell einen weissen Schleier vom Haupte und
bedeckte das Kind damit. Das Feuer war sogleich gelöscht. Als sie den Schleier
aufhob, sprangen zwei Knaben hervor, die zusammen mutwillig hin und her
spielten, als Wilhelm mit der Amazone Hand in Hand durch den Garten ging und in
der Entfernung seinen Vater und Marianen in einer Allee spazieren sah, die mit
hohen Bäumen den ganzen Garten zu umgeben schien. Er richtete seinen Weg auf
beide zu und machte mit seiner schönen Begleiterin den Durchschnitt des Gartens,
als auf einmal der blonde Friedrich ihnen in den Weg trat und sie mit grossem
Gelächter und allerlei Possen aufhielt. Sie wollten demungeachtet ihren Weg
weiter fortsetzen; da eilte er weg und lief auf jenes entfernte Paar zu; der
Vater und Mariane schienen vor ihm zu fliehen, er lief nur desto schneller, und
Wilhelm sah jene fast im Fluge durch die Allee hinschweben. Natur und Neigung
forderten ihn auf, jenen zu Hülfe zu kommen, aber die Hand der Amazone hielt ihn
zurück. Wie gern liess er sich halten! Mit dieser gemischten Empfindung wachte er
auf und fand sein Zimmer schon von der hellen Sonne erleuchtet.
 
                                Zweites Kapitel
Der Knabe lud Wilhelmen zum Frühstück ein; dieser fand den Abbé schon im Saale;
Lotario, hiess es, sei ausgeritten; der Abbé war nicht sehr gesprächig und
schien eher nachdenklich zu sein; er fragte nach Aureliens Tode und hörte mit
Teilnahme der Erzählung Wilhelms zu. »Ach!« rief er aus, »wem es lebhaft und
gegenwärtig ist, welche unendliche Operationen Natur und Kunst machen müssen,
bis ein gebildeter Mensch dasteht, wer selbst soviel als möglich an der Bildung
seiner Mitbürger teilnimmt, der möchte verzweifeln, wenn er sieht, wie
freventlich sich oft der Mensch zerstört und so oft in den Fall kommt, mit oder
ohne Schuld zerstört zu werden. Wenn ich das bedenke, so scheint mir das Leben
selbst eine so zufällige Gabe, dass ich jeden loben möchte, der sie nicht höher
als billig schätzt.«
    Er hatte kaum ausgesprochen, als die Türe mit Heftigkeit sich aufriss, ein
junges Frauenzimmer hereinstürzte und den alten Bedienten, der sich ihr in den
Weg stellte, zurückstiess. Sie eilte gerade auf den Abbé zu und konnte, indem sie
ihn beim Arm fasste, vor Weinen und Schluchzen kaum die wenigen Worte
hervorbringen: »Wo ist er? Wo habt ihr ihn? Es ist eine entsetzliche Verräterei!
Gesteht nur! Ich weiss, was vorgeht! Ich will ihm nach! Ich will wissen, wo er
ist.«
    »Beruhigen Sie sich, mein Kind«, sagte der Abbé mit angenommener
Gelassenheit, »kommen Sie auf Ihr Zimmer, Sie sollen alles erfahren, nur müssen
Sie hören können, wenn ich Ihnen erzählen soll.« Er bot ihr die Hand an, im
Sinne, sie wegzuführen. »Ich werde nicht auf mein Zimmer gehen«, rief sie aus,
»ich hasse die Wände, zwischen denen ihr mich schon so lange gefangenhaltet! und
doch habe ich alles erfahren, der Obrist hat ihn herausgefordert, er ist
hinausgeritten, seinen Gegner aufzusuchen, und vielleicht jetzt eben in diesem
Augenblicke - es war mir etlichemal, als hörte ich schiessen. Lassen Sie
anspannen und fahren Sie mit mir, oder ich fülle das Haus, das ganze Dorf mit
meinem Geschrei.«
    Sie eilte unter den heftigsten Tränen nach dem Fenster, der Abbé hielt sie
zurück und suchte vergebens, sie zu besänftigen.
    Man hörte einen Wagen fahren, sie riss das Fenster auf: »Er ist tot!« rief
sie, »da bringen sie ihn.« - »Er steigt aus!« sagte der Abbé. »Sie sehen, er
lebt.« - »Er ist verwundet«, versetzte sie heftig, »sonst käm' er zu Pferde! Sie
führen ihn! Er ist gefährlich verwundet!« Sie rannte zur Türe hinaus und die
Treppe hinunter, der Abbé eilte ihr nach, und Wilhelm folgte ihnen; er sah, wie
die Schöne ihrem heraufkommenden Geliebten begegnete.
    Lotario lehnte sich auf seinen Begleiter, welchen Wilhelm sogleich für
seinen alten Gönner Jarno erkannte, sprach dem trostlosen Frauenzimmer gar
liebreich und freundlich zu, und indem er sich auf sie stützte, kam er die
Treppe langsam herauf; er grüsste Wilhelmen und ward in sein Kabinett geführt.
    Nicht lange darauf kam Jarno wieder heraus und trat zu Wilhelmen. »Sie sind,
wie es scheint«, sagte er, »prädestiniert, überall Schauspieler und Teater zu
finden; wir sind eben in einem Drama begriffen, das nicht ganz lustig ist.«
    »Ich freue mich«, versetzte Wilhelm, »Sie in diesem sonderbaren Augenblicke
wiederzufinden; ich bin verwundert, erschrocken, und Ihre Gegenwart macht mich
gleich ruhig und gefasst. Sagen Sie mir, hat es Gefahr? Ist der Baron schwer
verwundet?« - »Ich glaube nicht«, versetzte Jarno.
    Nach einiger Zeit trat der junge Wundarzt aus dem Zimmer. »Nun, was sagen
Sie?« rief ihm Jarno entgegen. - »Dass es sehr gefährlich steht«, versetzte
dieser und steckte einige Instrumente in seine lederne Tasche zusammen.
    Wilhelm betrachtete das Band, das von der Tasche herunterhing, er glaubte es
zu kennen. Lebhafte, widersprechende Farben, ein seltsames Muster, Gold und
Silber in wunderlichen Figuren, zeichneten dieses Band vor allen Bändern der
Welt aus. Wilhelm war überzeugt, die Instrumententasche des alten Chirurgus vor
sich zu sehen, der ihn in jenem Walde verbunden hatte, und die Hoffnung, nach so
langer Zeit wieder eine Spur seiner Amazone zu finden, schlug wie eine Flamme
durch sein ganzes Wesen.
    »Wo haben Sie die Tasche her?« rief er aus. »Wem gehörte sie vor Ihnen? Ich
bitte, sagen Sie mir's.« - »Ich habe sie in einer Auktion gekauft«, versetzte
jener, »was kümmert's mich, wem sie gehörte?« Mit diesen Worten entfernte er
sich, und Jarno sagte: »Wenn diesem jungen Menschen nur ein wahres Wort aus dem
Munde ginge!« - »So hat er also diese Tasche nicht erstanden?« versetzte
Wilhelm. »So wenig, als es Gefahr mit Lotario hat«, antwortete Jarno.
    Wilhelm stand in ein vielfaches Nachdenken versenkt, als Jarno ihn fragte,
wie es ihm zeiter gegangen sei? Wilhelm erzählte seine Geschichte im
allgemeinen, und als er zuletzt von Aureliens Tod und seiner Botschaft
gesprochen hatte, rief jener aus: »Es ist doch sonderbar, sehr sonderbar!«
    Der Abbé trat aus dem Zimmer, winkte Jarno zu, an seiner Statt
hineinzugehen, und sagte zu Wilhelmen: »Der Baron lässt Sie ersuchen, hier zu
bleiben, einige Tage die Gesellschaft zu vermehren und zu seiner Unterhaltung
unter diesen Umständen beizutragen. Haben Sie nötig, etwas an die Ihrigen zu
bestellen, so soll Ihr Brief gleich besorgt werden, und damit Sie diese
wunderbare Begebenheit verstehen, von der Sie Augenzeuge sind, muss ich Ihnen
erzählen, was eigentlich kein Geheimnis ist. Der Baron hatte ein kleines
Abenteuer mit einer Dame, das mehr Aufsehen machte, als billig war, weil sie den
Triumph, ihn einer Nebenbuhlerin entrissen zu haben, allzu lebhaft geniessen
wollte. Leider fand er nach einiger Zeit bei ihr nicht die nämliche
Unterhaltung, er vermied sie; allein bei ihrer heftigen Gemütsart war es ihr
unmöglich, ihr Schicksal mit gesetztem Mute zu tragen. Bei einem Balle gab es
einen öffentlichen Bruch, sie glaubte sich äusserst beleidigt und wünschte
gerächt zu werden; kein Ritter fand sich, der sich ihrer angenommen hätte, bis
endlich ihr Mann, von dem sie sich lange getrennt hatte, die Sache erfuhr und
sich ihrer annahm, den Baron herausforderte und heute verwundete; doch ist der
Obrist, wie ich höre, noch schlimmer dabei gefahren.«
    Von diesem Augenblicke an ward unser Freund im Hause, als gehöre er zur
Familie, behandelt.
 
                                Drittes Kapitel
Man hatte einigemal dem Kranken vorgelesen; Wilhelm leistete diesen kleinen
Dienst mit Freuden; Lydie kam nicht vom Bette hinweg, ihre Sorgfalt für den
Verwundeten verschlang alle ihre übrige Aufmerksamkeit, aber heute schien auch
Lotario zerstreut, ja er bat, dass man nicht weiter lesen möchte.
    »Ich fühle heute so lebhaft«, sagte er, »wie töricht der Mensch seine Zeit
verstreichen lässt! Wie manches habe ich mir vorgenommen, wie manches durchdacht,
und wie zaudert man nicht bei seinen besten Vorsätzen! Ich habe die Vorschläge
über die Veränderungen gelesen, die ich auf meinen Gütern machen will, und ich
kann sagen, ich freue mich vorzüglich dieserwegen, dass die Kugel keinen
gefährlichern Weg genommen hat.«
    Lydie sah ihn zärtlich, ja mit Tränen in den Augen an, als wollte sie
fragen, ob denn sie, ob seine Freunde nicht auch Anteil an der Lebensfreude
fordern könnten. Jarno dagegen versetzte: »Veränderungen, wie Sie vorhaben,
werden billig erst von allen Seiten überlegt, bis man sich dazu entschliesst.«
    »Lange Überlegungen«, versetzte Lotario, »zeigen gewöhnlich, dass man den
Punkt nicht im Auge hat, von dem die Rede ist, übereilte Handlungen, dass man ihn
gar nicht kennt. Ich übersehe sehr deutlich, dass ich in vielen Stücken bei der
Wirtschaft meiner Güter die Dienste meiner Landleute nicht entbehren kann, und
dass ich auf gewissen Rechten strack und streng halten muss; ich sehe aber auch,
dass andere Befugnisse mir zwar vorteilhaft, aber nicht ganz unentbehrlich sind,
so dass ich davon meinen Leuten auch was gönnen kann. Man verliert nicht immer,
wenn man entbehrt. Nutze ich nicht meine Güter weit besser als mein Vater? Werde
ich meine Einkünfte nicht noch höher treiben? Und soll ich diesen wachsenden
Vorteil allein geniessen? Soll ich dem, der mit mir und für mich arbeitet, nicht
auch in dem Seinigen Vorteile gönnen, die uns erweiterte Kenntnisse, die uns
eine vorrückende Zeit darbietet?«
    »Der Mensch ist nun einmal so!« rief Jarno, »und ich tadle mich nicht, wenn
ich mich auch in dieser Eigenheit ertappe; der Mensch begehrt alles an sich zu
reissen, um nur nach Belieben damit schalten und walten zu können; das Geld, das
er nicht selbst ausgibt, scheint ihm selten wohl angewendet.«
    »O ja!« versetzte Lotario, »wir könnten manches vom Kapital entbehren, wenn
wir mit den Interessen weniger willkürlich umgingen.«
    »Das einzige, was ich zu erinnern habe«, sagte Jarno, »und warum ich nicht
raten kann, dass Sie eben jetzt diese Veränderungen machen, wodurch Sie
wenigstens im Augenblicke verlieren, ist, dass Sie selbst noch Schulden haben,
deren Abzahlung Sie einengt. Ich würde raten, Ihren Plan aufzuschieben, bis Sie
völlig im reinen wären.«
    »Und indessen einer Kugel oder einem Dachziegel zu überlassen, ob er die
Resultate meines Lebens und meiner Tätigkeit auf immer vernichten wollte! O,
mein Freund!« fuhr Lotario fort, »das ist ein Hauptfehler gebildeter Menschen,
dass sie alles an eine Idee, wenig oder nichts an einen Gegenstand wenden mögen.
Wozu habe ich Schulden gemacht? Warum habe ich mich mit meinem Oheim entzweit,
meine Geschwister so lange sich selbst überlassen, als um einer Idee willen? In
Amerika glaubte ich zu wirken, über dem Meere glaubte ich nützlich und notwendig
zu sein; war eine Handlung nicht mit tausend Gefahren umgeben, so schien sie mir
nicht bedeutend, nicht würdig. Wie anders seh' ich jetzt die Dinge, und wie ist
mir das Nächste so wert, so teuer geworden!«
    »Ich erinnere mich wohl des Briefes«, versetzte Jarno, »den ich noch über
das Meer erhielt. Sie schrieben mir: Ich werde zurückkehren und in meinem Hause,
in meinem Baumgarten, mitten unter den Meinigen sagen: Hier oder nirgend ist
Amerika!«
    »Ja, mein Freund, und ich wiederhole noch immer dasselbe, und doch schelte
ich mich zugleich, dass ich hier nicht so tätig wie dort bin. Zu einer gewissen
gleichen, fortdauernden Gegenwart brauchen wir nur Verstand, und wir werden auch
nur zu Verstand, so dass wir das Ausserordentliche, was jeder gleichgültige Tag
von uns fordert, nicht mehr sehen und, wenn wir es erkennen, doch tausend
Entschuldigungen finden, es nicht zu tun. Ein verständiger Mensch ist viel für
sich, aber fürs Ganze ist er wenig.«
    »Wir wollen«, sagte Jarno, »dem Verstande nicht zu nahe treten und bekennen,
dass das Ausserordentliche, was geschieht, meistens töricht ist.«
    »Ja, und zwar eben deswegen, weil die Menschen das Ausserordentliche ausser
der Ordnung tun. So gibt mein Schwager sein Vermögen, insofern er es veräussern
kann, der Brüdergemeinde und glaubt seiner Seele Heil dadurch zu befördern;
hätte er einen geringen Teil seiner Einkünfte aufgeopfert, so hätte er viel
glückliche Menschen machen und sich und ihnen einen Himmel auf Erden schaffen
können. Selten sind unsere Aufopferungen tätig, wir tun gleich Verzicht auf das,
was wir weggeben. Nicht entschlossen, sondern verzweifelt entsagen wir dem, was
wir besitzen. Diese Tage, ich gesteh' es, schwebt mir der Graf immer vor Augen,
und ich bin fest entschlossen, das aus Überzeugung zu tun, wozu ihn ein
ängstlicher Wahn treibt; ich will meine Genesung nicht abwarten. Hier sind die
Papiere, sie dürfen nur ins reine gebracht werden. Nehmen Sie den Gerichtshalter
dazu, unser Gast hilft Ihnen auch, Sie wissen so gut als ich, worauf es ankommt,
und ich will hier genesend oder sterbend dabei bleiben und ausrufen: Hier oder
nirgend ist Herrnhut!«
    Als Lydie ihren Freund von Sterben reden hörte, stürzte sie vor seinem Bette
nieder, hing an seinen Armen und weinte bitterlich. Der Wundarzt kam herein,
Jarno gab Wilhelmen die Papiere und nötigte Lydien, sich zu entfernen.
    »Um 's Himmels willen!« rief Wilhelm, als sie in dem Saal allein waren, »was
ist das mit dem Grafen? Welch ein Graf ist das, der sich unter die
Brüdergemeinde begibt?«
    »Den Sie sehr wohl kennen«, versetzte Jarno. »Sie sind das Gespenst, das ihn
in die Arme der Frömmigkeit jagt, Sie sind der Bösewicht, der sein artiges Weib
in einen Zustand versetzt, in dem sie erträglich findet, ihrem Manne zu folgen.«
    »Und sie ist Lotarios Schwester?« rief Wilhelm.
    »Nicht anders.«
    »Und Lotario weiss -?«
    »Alles.«
    »O lassen Sie mich fliehen!« rief Wilhelm aus; »wie kann ich vor ihm stehen?
Was kann er sagen?«
    »Dass niemand einen Stein gegen den andern aufheben soll, und dass niemand
lange Reden komponieren soll, um die Leute zu beschämen, er müsste sie denn vor
dem Spiegel halten wollen.«
    »Auch das wissen Sie?«
    »Wie manches andere«, versetzte Jarno lächelnd; »doch diesmal«, fuhr er
fort, »werde ich Sie so leicht nicht wie das vorige Mal loslassen, und vor
meinem Werbesold haben Sie sich auch nicht mehr zu fürchten. Ich bin kein Soldat
mehr, und auch als Soldat hätte ich Ihnen diesen Argwohn nicht einflössen sollen.
Seit der Zeit, dass ich Sie nicht gesehen habe, hat sich vieles geändert. Nach
dem Tode meines Fürsten, meines einzigen Freundes und Wohltäters, habe ich mich
aus der Welt und aus allen weltlichen Verhältnissen herausgerissen. Ich
beförderte gern, was vernünftig war, verschwieg nicht, wenn ich etwas
abgeschmackt fand, und man hatte immer von meinem unruhigen Kopf und von meinem
bösen Maule zu reden. Das Menschenpack fürchtet sich vor nichts mehr als vor dem
Verstande; vor der Dummheit sollten sie sich fürchten, wenn sie begriffen, was
fürchterlich ist; aber jener ist unbequem, und man muss ihn beiseiteschaffen,
diese ist nur verderblich, und das kann man abwarten. Doch es mag hingehen, ich
habe zu leben, und von meinem Plane sollen Sie weiter hören. Sie sollen teil
daran nehmen, wenn Sie mögen; aber sagen Sie mir, wie ist es Ihnen ergangen? Ich
sehe, ich fühle Ihnen an, auch Sie haben sich verändert. Wie steht's mit Ihrer
alten Grille, etwas Schönes und Gutes in Gesellschaft von Zigeunern
hervorzubringen?«
    »Ich bin gestraft genug!« rief Wilhelm aus; »erinnern Sie mich nicht, woher
ich komme und wohin ich gehe. Man spricht viel vom Teater, aber wer nicht
selbst darauf war, kann sich keine Vorstellung davon machen. Wie völlig diese
Menschen mit sich selbst unbekannt sind, wie sie ihr Geschäft ohne Nachdenken
treiben, wie ihre Anforderungen ohne Grenzen sind, davon hat man keinen Begriff.
Nicht allein will jeder der Erste, sondern auch der einzige sein, jeder möchte
gern alle übrigen ausschliessen und sieht nicht, dass er mit ihnen zusammen kaum
etwas leistet; jeder dünkt sich wunder original zu sein und ist unfähig, sich in
etwas zu finden, was ausser dem Schlendrian ist; dabei eine immerwährende Unruhe
nach etwas Neuem. Mit welcher Heftigkeit wirken sie gegeneinander! und nur die
kleinlichste Eigenliebe, der beschränkteste Eigennutz macht, dass sie sich
miteinander verbinden. Vom wechselseitigen Betragen ist gar die Rede nicht; ein
ewiges Misstrauen wird durch heimliche Tücke und schändliche Reden unterhalten;
wer nicht liederlich lebt, lebt albern. Jeder macht Anspruch auf die
unbedingteste Achtung, jeder ist empfindlich gegen den mindesten Tadel. Das hat
er selbst alles schon besser gewusst! Und warum hat er denn immer das Gegenteil
getan? Immer bedürftig und immer ohne Zutrauen, scheint es, als wenn sie sich
vor nichts so sehr fürchteten als vor Vernunft und gutem Geschmack, und nichts
so sehr zu erhalten suchten als das Majestätsrecht ihrer persönlichen Willkür.«
    Wilhelm holte Atem, um seine Litanei noch weiter fortzusetzen, als ein
unmässiges Gelächter Jarnos ihn unterbrach. »Die armen Schauspieler!« rief er
aus, warf sich in einen Sessel und lachte fort, »die armen, guten Schauspieler!
Wissen Sie denn, mein Freund«, fuhr er fort, nachdem er sich einigermassen wieder
erholt hatte, »dass Sie nicht das Teater, sondern die Welt beschrieben haben,
und dass ich Ihnen aus allen Ständen genug Figuren und Handlungen zu Ihren harten
Pinselstrichen finden wollte? Verzeihen Sie mir, ich muss wieder lachen, dass Sie
glaubten, diese schönen Qualitäten seien nur auf die Bretter gebannt.«
    Wilhelm fasste sich, denn wirklich hatte ihn das unbändige und unzeitige
Gelächter Jarnos verdrossen. »Sie können«, sagte er, »Ihren Menschenhass nicht
ganz verbergen, wenn Sie behaupten, dass diese Fehler allgemein seien.«
    »Und es zeugt von Ihrer Unbekanntschaft mit der Welt, wenn Sie die
Erscheinungen dem Teater so hoch anrechnen. Wahrhaftig, ich verzeihe dem
Schauspieler jeden Fehler, der aus dem Selbstbetrug und aus der Begierde zu
gefallen entspringt; denn wenn er sich und andern nicht etwas scheint, so ist er
nichts. Zum Schein ist er berufen, er muss den augenblicklichen Beifall hoch
schätzen, denn er erhält keinen andern Lohn; er muss zu glänzen suchen, denn
deswegen steht er da.«
    »Sie erlauben«, versetzte Wilhelm, »dass ich von meiner Seite wenigstens
lächele. Nie hätte ich geglaubt, dass Sie so billig, so nachsichtig sein
könnten.«
    »Nein, bei Gott! dies ist mein völliger, wohlbedachter Ernst. Alle Fehler
des Menschen verzeih' ich dem Schauspieler, keine Fehler des Schauspielers
verzeih' ich dem Menschen. Lassen Sie mich meine Klaglieder hierüber nicht
anstimmen, sie würden heftiger klingen als die Ihrigen.«
    Der Chirurgus kam aus dem Kabinett, und auf Befragen, wie sich der Kranke
befinde, sagte er mit lebhafter Freundlichkeit: »Recht sehr wohl, ich hoffe ihn
bald völlig wiederhergestellt zu sehen.« Sogleich eilte er zum Saal hinaus und
erwartete Wilhelms Frage nicht, der schon den Mund öffnete, sich nochmals und
dringender nach der Brieftasche zu erkundigen. Das Verlangen, von seiner Amazone
etwas zu erfahren, gab ihm Vertrauen zu Jarno; er entdeckte ihm seinen Fall und
bat ihn um seine Beihülfe. »Sie wissen so viel«, sagte er, »sollten Sie nicht
auch das erfahren können?«
    Jarno war einen Augenblick nachdenkend, dann sagte er zu seinem jungen
Freunde: »Seien Sie ruhig, und lassen Sie sich weiter nichts merken, wir wollen
der Schönen schon auf die Spur kommen. Jetzt beunruhigt mich nur Lotarios
Zustand, die Sache steht gefährlich, das sagt mir die Freundlichkeit und der
gute Trost des Wundarztes. Ich hätte Lydien schon gerne weggeschafft, denn sie
nutzt hier gar nichts; aber ich weiss nicht, wie ich es anfangen soll. Heute
abend, hoff' ich, soll unser alter Medikus kommen, und dann wollen wir weiter
ratschlagen.«
 
                                Viertes Kapitel
Der Medikus kam; es war der gute, alte, kleine Arzt, den wir schon kennen, und
dem wir die Mitteilung des interessanten Manuskripts verdanken. Er besuchte vor
allen Dingen den Verwundeten und schien mit dessen Befinden keinesweges
zufrieden. Dann hatte er mit Jarno eine lange Unterredung, doch liessen sie
nichts merken, als sie abends zu Tische kamen.
    Wilhelm begrüsste ihn aufs freundlichste und erkundigte sich nach seinem
Harfenspieler. - »Wir haben noch Hoffnung, den Unglücklichen zurechte zu
bringen«, versetzte der Arzt. - »Dieser Mensch war eine traurige Zugabe zu Ihrem
eingeschränkten und wunderlichen Leben«, sagte Jarno. »Wie ist es ihm weiter
ergangen? Lassen Sie mich es wissen.«
    Nachdem man Jarnos Neugierde befriediget hatte, fuhr der Arzt fort: »Nie
habe ich ein Gemüt in einer so sonderbaren Lage gesehen. Seit vielen Jahren hat
er an nichts, was ausser ihm war, den mindesten Anteil genommen, ja fast auf
nichts gemerkt; bloss in sich gekehrt, betrachtete er sein hohles, leeres Ich,
das ihm als ein unermesslicher Abgrund erschien. Wie rührend war es, wenn er von
diesem traurigen Zustande sprach Ich sehe nichts vor mir, nichts hinter mir,
rief er aus als eine unendliche Nacht, in der ich mich in der schrecklichsten
Einsamkeit befinde; kein Gefühl bleibt mir, als das Gefühl meiner Schuld, die
doch auch nur wie ein entferntes unförmliches Gespenst sich rückwärts sehen
lässt. Doch da ist keine Höhe, keine Tiefe, kein Vor und Zurück, kein Wort drückt
diesen immer gleichen Zustand aus. Manchmal ruf' ich in der Not dieser
Gleichgültigkeit: Ewig! ewig! mit Heftigkeit aus, und dieses seltsame,
unbegreifliche Wort ist hell und klar gegen die Finsternis meines Zustandes.
Kein Strahl einer Gotteit erscheint mir in dieser Nacht, ich weine meine Tränen
alle mir selbst und um mich selbst. Nichts ist mir grausamer als Freundschaft
und Liebe; denn sie allein locken mir den Wunsch ab, dass die Erscheinungen, die
mich umgeben, wirklich sein möchten. Aber auch diese beiden Gespenster sind nur
aus dem Abgrunde gestiegen, um mich zu ängstigen, und um mir zuletzt auch das
teure Bewusstsein dieses ungeheuren Daseins zu rauben.
    Sie sollten ihn hören«, fuhr der Arzt fort, »wenn er in vertraulichen
Stunden auf diese Weise sein Herz erleichtert; mit der grössten Rührung habe ich
ihm einigemal zugehört. Wenn sich ihm etwas aufdringt, das ihn nötigt, einen
Augenblick zu gestehen, eine Zeit sei vergangen, so scheint er wie erstaunt, und
dann verwirft er wieder die Veränderung an den Dingen als eine Erscheinung der
Erscheinungen. Eines Abends sang er ein Lied über seine grauen Haare; wir sassen
alle um ihn her und weinten.«
    »O schaffen Sie es mir!« rief Wilhelm aus.
    »Haben Sie denn aber«, fragte Jarno, »nichts entdeckt von dem, was er sein
Verbrechen nennt, nicht die Ursache seiner sonderbaren Tracht, sein Betragen
beim Brande, seine Wut gegen das Kind?«
    »Nur durch Mutmassungen können wir seinem Schicksale näherkommen; ihn
unmittelbar zu fragen, würde gegen unsere Grundsätze sein. Da wir wohl merken,
dass er katolisch erzogen ist, haben wir geglaubt, ihm durch eine Beichte
Linderung zu verschaffen; aber er entfernt sich auf eine sonderbare Weise
jedesmal, wenn wir ihn dem Geistlichen näher zu bringen suchen. Dass ich aber
Ihren Wunsch, etwas von ihm zu wissen, nicht ganz unbefriedigt lasse, will ich
Ihnen wenigstens unsere Vermutungen entdecken. Er hat seine Jugend in dem
geistlichen Stande zugebracht; daher scheint er sein langes Gewand und seinen
Bart erhalten zu wollen. Die Freuden der Liebe blieben ihm die grösste Zeit
seines Lebens unbekannt. Erst spät mag eine Verirrung mit einem sehr nahe
verwandten Frauenzimmer, es mag ihr Tod, der einem unglücklichen Geschöpfe das
Dasein gab, sein Gehirn völlig zerrüttet haben.
    Sein grösster Wahn ist, dass er überall Unglück bringe, und dass ihm der Tod
durch einen unschuldigen Knaben bevorstehe. Erst fürchtete er sich vor Mignon,
eh' er wusste, dass es ein Mädchen war; nun ängstigte ihn Felix, und da er das
Leben bei alle seinem Elend unendlich liebt, scheint seine Abneigung gegen das
Kind daher entstanden zu sein.«
    »Was haben Sie denn zu seiner Besserung für Hoffnung?« fragte Wilhelm.
    »Es geht langsam vorwärts«, versetzte der Arzt, »aber doch nicht zurück.
Seine bestimmten Beschäftigungen treibt er fort, und wir haben ihn gewöhnt, die
Zeitungen zu lesen, die er jetzt immer mit grosser Begierde erwartet.«
    »Ich bin auf seine Lieder neugierig«, sagte Jarno.
    »Davon werde ich Ihnen verschiedene geben können«, sagte der Arzt. »Der
älteste Sohn des Geistlichen, der seinem Vater die Predigten nachzuschreiben
gewohnt ist, hat manche Strophe, ohne von dem Alten bemerkt zu werden,
aufgezeichnet und mehrere Lieder nach und nach zusammengesetzt.«
    Den andern Morgen kam Jarno zu Wilhelmen und sagte ihm: »Sie müssen uns
einen Gefallen tun; Lydie muss einige Zeit entfernt werden; ihre heftige und, ich
darf wohl sagen, unbequeme Liebe und Leidenschaft hindert des Barons Genesung.
Seine Wunde verlangt Ruhe und Gelassenheit, ob sie gleich bei seiner guten Natur
nicht gefährlich ist. Sie haben gesehen, wie ihn Lydie mit stürmischer Sorgfalt,
unbezwinglicher Angst und nie versiegenden Tränen quält, und - genug«, setzte er
nach einer Pause mit einem Lächeln hinzu, »der Medikus verlangt ausdrücklich,
dass sie das Haus auf einige Zeit verlassen solle. Wir haben ihr eingebildet,
eine sehr gute Freundin halte sich in der Nähe auf, verlange sie zu sehen und
erwarte sie jeden Augenblick. Sie hat sich bereden lassen, zu dem Gerichtshalter
zu fahren, der nur zwei Stunden von hier wohnt. Dieser ist unterrichtet und wird
herzlich bedauern, dass Fräulein Terese soeben weggefahren sei; er wird
wahrscheinlich machen, dass man sie noch einholen könne, Lydie wird ihr
nacheilen, und wenn das Glück gut ist, wird sie von einem Orte zum andern
geführt werden. Zuletzt, wenn sie drauf besteht, wieder umzukehren, darf man ihr
nicht widersprechen; man muss die Nacht zu Hülfe nehmen, der Kutscher ist ein
gescheiter Kerl, mit dem man noch Abrede nehmen muss. Sie setzen sich zu ihr in
den Wagen, unterhalten sie und dirigieren das Abenteuer.«
    »Sie geben mir einen sonderbaren und bedenklichen Auftrag«, versetzte
Wilhelm: »wie ängstlich ist die Gegenwart einer gekränkten treuen Liebe! und ich
soll selbst dazu das Werkzeug sein? Es ist das erstemal in meinem Leben, dass ich
jemanden auf diese Weise hintergehe; denn ich habe immer geglaubt, dass es uns zu
weit führen könne, wenn wir einmal um des Guten und Nützlichen willen zu
betrügen anfangen.«
    »Können wir doch Kinder nicht anders erziehen als auf diese Weise«,
versetzte Jarno.
    »Bei Kindern möchte es noch hingehen«, sagte Wilhelm, »indem wir sie so
zärtlich lieben und offenbar übersehen; aber bei unsersgleichen, für die uns
nicht immer das Herz so laut um Schonung anruft, möchte es oft gefährlich
werden. Doch glauben Sie nicht«, fuhr er nach einem kurzen Nachdenken fort, »dass
ich deswegen diesen Auftrag ablehne. Bei der Ehrfurcht, die mir Ihr Verstand
einflösst, bei der Neigung, die ich für Ihren trefflichen Freund fühle, bei dem
lebhaften Wunsch, seine Genesung, durch welche Mittel sie auch möglich sei, zu
befördern, mag ich mich gerne selbst vergessen. Es ist nicht genug, dass man sein
Leben für einen Freund wagen könne, man muss auch im Notfall seine Überzeugung
für ihn verleugnen. Unsere liebste Leidenschaft, unsere besten Wünsche sind wir
für ihn aufzuopfern schuldig. Ich übernehme den Auftrag, ob ich gleich schon die
Qual voraussehe, die ich von Lydiens Tränen, von ihrer Verzweiflung werde zu
erdulden haben.«
    »Dagegen erwartet Sie auch keine geringe Belohnung«, versetzte Jarno, »indem
Sie Fräulein Teresen kennen lernen, ein Frauenzimmer, wie es ihrer wenige gibt;
sie beschämt hundert Männer, und ich möchte sie eine wahre Amazone nennen, wenn
andere nur als artige Hermaphroditen in dieser zweideutigen Kleidung
herumgehen.«
    Wilhelm war betroffen, er hoffte in Teresen seine Amazone wiederzufinden,
um so mehr als Jarno, von dem er einige Auskunft verlangte, kurz abbrach und
sich entfernte.
    Die neue nahe Hoffnung, jene verehrte und geliebte Gestalt wiederzusehen,
brachte in ihm die sonderbarsten Bewegungen hervor. Er hielt nunmehr den
Auftrag, der ihm gegeben worden war, für ein Werk einer ausdrücklichen
Schickung, und der Gedanke, dass er ein armes Mädchen von dem Gegenstande ihrer
aufrichtigsten und heftigsten Liebe hinterlistig zu entfernen im Begriff war,
erschien ihm nur im Vorübergehen, wie der Schatten eines Vogels über die
erleuchtete Erde wegfliegt.
    Der Wagen stand vor der Türe, Lydie zauderte einen Augenblick,
hineinzusteigen. »Grüsst Euren Herrn nochmals«, sagte sie zu dem alten Bedienten,
»vor Abend bin ich wieder zurück.« Tränen standen ihr im Auge, als sie im
Fortfahren sich nochmals umwendete. Sie kehrte sich darauf zu Wilhelmen, nahm
sich zusammen und sagte: »Sie werden an Fräulein Teresen eine sehr interessante
Person finden. Mich wundert, wie sie in diese Gegend kommt; denn Sie werden wohl
wissen, dass sie und der Baron sich heftig liebten. Ungeachtet der Entfernung war
Lotario oft bei ihr; ich war damals um sie, es schien, als ob sie nur
füreinander leben würden. Auf einmal aber zerschlug sich's, ohne dass ein Mensch
begreifen konnte, warum. Er hatte mich kennen lernen, und ich leugne nicht, dass
ich Teresen herzlich beneidete, dass ich meine Neigung zu ihm kaum verbarg, und
dass ich ihn nicht zurückstiess, als er auf einmal mich statt Teresen zu wählen
schien. Sie betrug sich gegen mich, wie ich es nicht besser wünschen konnte, ob
es gleich beinahe scheinen musste, als hätte ich ihr einen so werten Liebhaber
geraubt. Aber auch wieviel tausend Tränen und Schmerzen hat mich diese Liebe
schon gekostet! Erst sahen wir uns nur zuweilen am dritten Orte verstohlen, aber
lange konnte ich das Leben nicht ertragen; nur in seiner Gegenwart war ich
glücklich, ganz glücklich! Fern von ihm hatte ich kein trocknes Auge, keinen
ruhigen Pulsschlag. Einst verzog er mehrere Tage, ich war in Verzweiflung,
machte mich auf den Weg und überraschte ihn hier. Er nahm mich liebevoll auf,
und wäre nicht dieser unglückselige Handel dazwischengekommen, so hätte ich ein
himmlisches Leben geführt; und was ich ausgestanden habe, seitdem er in Gefahr
ist, seitdem er leidet, sag' ich nicht, und noch in diesem Augenblicke mache ich
mir lebhafte Vorwürfe, dass ich mich nur einen Tag von ihm habe entfernen
können.«
    Wilhelm wollte sich eben näher nach Teresen erkundigen, als sie bei dem
Gerichtshalter vorfuhren, der an den Wagen kam und von Herzen bedauerte, dass
Fräulein Terese schon abgefahren sei. Er bot den Reisenden ein Frühstück an,
sagte aber zugleich, der Wagen würde noch im nächsten Dorfe einzuholen sein. Man
entschloss sich, nachzufahren, und der Kutscher säumte nicht; man hatte schon
einige Dörfer zurückgelegt und niemand angetroffen. Lydie bestand nun darauf,
man solle umkehren; der Kutscher fuhr zu, als verstünde er es nicht. Endlich
verlangte sie es mit grösster Heftigkeit; Wilhelm rief ihm zu und gab ihm das
verabredete Zeichen. Der Kutscher erwiderte: »Wir haben nicht nötig, denselben
Weg zurückzufahren; ich weiss einen nähern, der zugleich viel bequemer ist.« Er
fuhr nun seitwärts durch einen Wald und über lange Triften weg. Endlich, da kein
bekannter Gegenstand zum Vorschein kam, gestand der Kutscher, er sei
unglücklicherweise irregefahren, wolle sich aber bald wieder zurechtfinden,
indem er dort ein Dorf sehe. Die Nacht kam herbei, und der Kutscher machte seine
Sache so geschickt, dass er überall fragte und nirgends die Antwort abwartete. So
fuhr man die ganze Nacht, Lydie schloss kein Auge; bei Mondschein fand sie
überall Ähnlichkeiten, und immer verschwanden sie wieder. Morgens schienen ihr
die Gegenstände bekannt, aber desto unerwarteter. Der Wagen hielt vor einem
kleinen, artig gebauten Landhause stille; ein Frauenzimmer trat aus der Türe und
öffnete den Schlag. Lydie sah sie starr an, sah sich um, sah sie wieder an und
lag ohnmächtig in Wilhelms Armen.
 
                                Fünftes Kapitel
Wilhelm ward in ein Mansardzimmerchen geführt; das Haus war neu und so klein,
als es beinah nur möglich war äusserst reinlich und ordentlich. In Teresen, die
ihn und Lydien an der Kutsche empfangen hatte, fand er seine Amazone nicht; es
war ein anderes, ein himmelweit von ihr unterschiedenes Wesen. Wohlgebaut, ohne
gross zu sein, bewegte sie sich mit viel Lebhaftigkeit, und ihren hellen, blauen,
offnen Augen schien nichts verborgen zu bleiben, was vorging.
    Sie trat in Wilhelms Stube und fragte, ob er etwas bedürfe? »Verzeihen Sie«,
sagte sie, »dass ich Sie in ein Zimmer logierte, das der Ölgeruch noch unangenehm
macht; mein kleines Haus ist eben fertig geworden, und Sie weihen dieses
Stübchen ein, das meinen Gästen bestimmt ist. Wären Sie nur bei einem
angenehmeren Anlass hier! Die arme Lydie wird uns keine guten Tage machen, und
überhaupt müssen Sie vorliebnehmen; meine Köchin ist mir eben zur ganz unrechten
Zeit aus dem Dienste gelaufen, und ein Knecht hat sich die Hand zerquetscht. Es
täte not, ich verrichtete alles selbst, und am Ende, wenn man sich darauf
einrichtete, müsste es auch gehen. Man ist mit niemand mehr geplagt als mit den
Dienstboten; es will niemand dienen, nicht einmal sich selbst.«
    Sie sagte noch manches über verschiedene Gegenstände, überhaupt schien sie
gern zu sprechen. Wilhelm fragte nach Lydien, ob er das gute Mädchen nicht sehen
und sich bei ihr entschuldigen könnte.
    »Das wird jetzt nicht bei ihr wirken«, versetzte Terese, »die Zeit
entschuldigt, wie sie tröstet. Worte sind in beiden Fällen von wenig Kraft.
Lydie will Sie nicht sehen. - Lassen Sie mir ihn ja nicht vor die Augen kommen,
rief sie, als ich sie verliess ich möchte an der Menschheit verzweifeln! So ein
ehrlich Gesicht, so ein offnes Betragen und diese heimliche Tücke! Lotario ist
ganz bei ihr entschuldigt; auch sagt er in einem Briefe an das gute Mädchen:
Meine Freunde beredeten mich, meine Freunde nötigten mich! Zu diesen rechnet
Lydie Sie auch und verdammt Sie mit den übrigen.«
    »Sie erzeigt mir zu viel Ehre, indem sie mich schilt«, versetzte Wilhelm;
»ich darf an die Freundschaft dieses trefflichen Mannes noch keinen Anspruch
machen und bin diesmal nur ein unschuldiges Werkzeug. Ich will meine Handlung
nicht loben; genug, ich konnte sie tun! Es war von der Gesundheit, es war von
dem Leben eines Mannes die Rede, den ich höher schätzen muss als irgend jemand,
den ich vorher kannte. O welch ein Mann ist das, Fräulein! und welche Menschen
umgeben ihn! In dieser Gesellschaft hab' ich, so darf ich wohl sagen, zum
erstenmal ein Gespräch geführt, zum erstenmal kam mir der eigenste Sinn meiner
Worte aus dem Munde eines andern reichhaltiger, voller und in einem grössern
Umfang wieder entgegen; was ich ahnete, ward mir klar, und was ich meinte,
lernte ich anschauen. Leider ward dieser Genuss erst durch allerlei Sorgen und
Grillen, dann durch den unangenehmen Auftrag unterbrochen. Ich übernahm ihn mit
Ergebung; denn ich hielt für Schuldigkeit, selbst mit Aufopferung meines Gefühls
diesem trefflichen Kreise von Menschen meinen Einstand abzutragen.«
    Terese hatte unter diesen Worten ihren Gast sehr freundlich angesehen. »O,
wie süss ist es«, rief sie aus, »seine eigne Überzeugung aus einem fremden Munde
zu hören! Wie werden wir erst recht wir selbst, wenn uns ein anderer vollkommen
recht gibt. Auch ich denke über Lotario vollkommen wie Sie; nicht jedermann
lässt ihm Gerechtigkeit widerfahren; dafür schwärmen aber auch alle die für ihn,
die ihn näher kennen, und das schmerzliche Gefühl, das sich in meinem Herzen zu
seinem Andenken mischt, kann mich nicht abhalten, täglich an ihn zu denken.« Ein
Seufzer erweiterte ihre Brust, indem sie dieses sagte, und in ihrem rechten Auge
blinkte eine schöne Träne. »Glauben Sie nicht«, fuhr sie fort, »dass ich so
weich, so leicht zu rühren bin! Es ist nur das Auge, das weint. Ich hatte eine
kleine Warze am untern Augenlid, man hat mir sie glücklich abgebunden, aber das
Auge ist seit der Zeit immer schwach geblieben, der geringste Anlass drängt mir
eine Träne hervor. Hier sass das Wärzchen, Sie sehen keine Spur mehr davon.«
    Er sah keine Spur, aber er sah ihr ins Auge, es war klar, wie Kristall, er
glaubte bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen.
    »Wir haben«, sagte sie, »nun das Losungswort unserer Verbindung
ausgesprochen; lassen Sie uns so bald als möglich miteinander völlig bekannt
werden. Die Geschichte des Menschen ist sein Charakter. Ich will Ihnen erzählen,
wie es mir ergangen ist; schenken Sie mir ein gleiches Vertrauen, und lassen Sie
uns auch in der Ferne verbunden bleiben. Die Welt ist so leer, wenn man nur
Berge, Flüsse und Städte darin denkt, aber hie und da jemand zu wissen, der mit
uns übereinstimmt mit dem wir auch stillschweigend fortleben, das macht uns
dieses Erdenrund erst zu einem bewohnten Garten.«
    Sie eilte fort und versprach, ihn bald zum Spaziergange abzuholen. Ihre
Gegenwart hatte sehr angenehm auf ihn gewirkt; er wünschte ihr Verhältnis zu
Lotario zu erfahren. Er ward gerufen, sie kam ihm aus ihrem Zimmer entgegen.
    Als sie die enge und beinah steile Treppe einzeln hinuntergehen mussten,
sagte sie: »Das könnte alles weiter und breiter sein, wenn ich auf das
Anerbieten Ihres grossmütigen Freundes hätte hören wollen, doch um seiner wert zu
bleiben, muss ich das an mir erhalten, was mich ihm so wert machte. Wo ist der
Verwalter?« fragte sie, indem sie die Treppe völlig herunterkam. »Sie müssen
nicht denken«, fuhr sie fort, »dass ich so reich bin, um einen Verwalter zu
brauchen; die wenigen Äcker meines Freigütchens kann ich wohl selbst bestellen.
Der Verwalter gehört meinem neuen Nachbar, der das schöne Gut gekauft hat, das
ich in- und auswendig kenne; der gute alte Mann liegt krank am Podagra, seine
Leute sind in dieser Gegend neu, und ich helfe ihnen gerne sich einrichten.«
    Sie machten einen Spaziergang durch Äcker, Wiesen und einige Baumgärten.
Terese bedeutete den Verwalter in allem, sie konnte ihm von jeder Kleinigkeit
Rechenschaft geben, und Wilhelm hatte Ursache genug, sich über ihre Kenntnis,
ihre Bestimmteit und über die Gewandteit, wie sie in jedem Falle Mittel
anzugeben wusste; zu verwundern. Sie hielt sich nirgends auf, eilte immer zu den
bedeutenden Punkten, und so war die Sache bald abgetan. »Grüsst Euren Herrn«,
sagte sie, als sie den Mann verabschiedete; »ich werde ihn so bald als möglich
besuchen und wünsche vollkommene Besserung. Da könnte ich nun auch«, sagte sie
mit Lächeln, als er weg war, »bald reich und vielhabend werden; denn mein guter
Nachbar wäre nicht abgeneigt, mir seine Hand zu geben.«
    »Der Alte mit dem Podagra?« rief Wilhelm; »ich wüsste nicht, wie Sie in Ihren
Jahren zu so einem verzweifelten Entschluss kommen könnten?« - »Ich bin auch gar
nicht versucht!« versetzte Terese. »Wohlhabend ist jeder, der dem, was er
besitzt, vorzustehen weiss; vielhabend zu sein, ist eine lästige Sache, wenn man
es nicht versteht.«
    Wilhelm zeigte seine Verwunderung über ihre Wirtschaftskenntnisse. -
»Entschiedene Neigung, frühe Gelegenheit, äusserer Antrieb und eine fortgesetzte
Beschäftigung in einer nützlichen Sache machen in der Welt noch viel mehr
möglich«, versetzte Terese, »und wenn Sie erst erfahren werden, was mich dazu
belebt hat, so werden Sie sich über das sonderbar scheinende Talent nicht mehr
wundern.«
    Sie liess ihn, als sie zu Hause anlangten, in ihrem kleinen Garten, in
welchem er sich kaum herumdrehen konnte; So eng waren die Wege, und so reichlich
war alles bepflanzt. Er musste lächeln, als er über den Hof zurückkehrte, denn da
lag das Brennholz so akkurat gesägt, gespalten und geschränkt, als wenn es ein
Teil des Gebäudes wäre und immer so liegenbleiben sollte. Rein standen alle
Gefässe an ihren Plätzen, das Häuschen war weiss und rot angestrichen und lustig
anzusehen. Was das Handwerk hervorbringen kann, das keine schönen Verhältnisse
kennt, aber für Bedürfnis, Dauer und Heiterkeit arbeitet, schien auf dem Platze
vereinigt zu sein. Man brachte ihm das Essen auf sein Zimmer, und er hatte Zeit
genug, Betrachtungen anzustellen. Besonders fiel ihm auf, dass er nun wieder eine
so interessante Person kennen lernte, die mit Lotario in einem nahen
Verhältnisse gestanden hatte. »Billig ist es«, sagte er zu sich selbst, »dass so
ein trefflicher Mann auch treffliche Weiberseelen an sich ziehe! Wie weit
verbreitet sich die Wirkung der Männlichkeit und Würde! Wenn nur andere nicht so
sehr dabei zu kurz kämen! Ja, gestehe dir nur deine Furcht! Wenn du dereinst
deine Amazone wieder antriffst, diese Gestalt aller Gestalten, du findest sie,
trotz aller deiner Hoffnungen und Träume, zu deiner Beschämung und Demütigung
doch noch am Ende - als seine Braut.«
 
                                Sechstes Kapitel
Wilhelm hatte einen unruhigen Nachmittag nicht ganz ohne Langeweile zugebracht,
als sich gegen Abend seine Tür öffnete und ein junger artiger Jägerbursche mit
einem Grusse hereintrat. »Wollen wir nun spazierengehen?« sagte der junge Mensch,
und in dem Augenblicke erkannte Wilhelm Teresen an ihren schönen Augen.
    »Verzeihn Sie mir diese Maskerade«, fing sie an, »denn leider ist es jetzt
nur Maskerade. Doch da ich Ihnen einmal von der Zeit erzählen soll, in der ich
mich so gerne in dieser Weste sah, will ich mir auch jene Tage auf alle Weise
vergegenwärtigen. Kommen Sie! selbst der Platz, an dem wir so oft von unsern
Jagden und Spaziergängen ausruhten, soll dazu beitragen.«
    Sie gingen, und auf dem Wege sagte Terese zu ihrem Begleiter: »Es ist nicht
billig, dass Sie mich allein reden lassen; schon wissen Sie genug von mir, und
ich weiss noch nicht das mindeste von Ihnen; erzählen Sie mir indessen etwas von
sich, damit ich Mut bekomme, Ihnen auch meine Geschichte und meine Verhältnisse
vorzulegen.« - »Leider hab' ich«, versetzte Wilhelm, »nichts zu erzählen als
Irrtümer auf Irrtümer, Verirrungen auf Verirrungen, und ich wüsste nicht, wem ich
die Verworrenheiten, in denen ich mich befand und befinde, lieber verbergen
möchte als Ihnen. Ihr Blick und alles, was Sie umgibt, Ihr ganzes Wesen und Ihr
Betragen zeigt mir, dass Sie sich Ihres vergangenen Lebens freuen können, dass Sie
auf einem schönen, reinen Wege in einer sichern Folge gegangen sind, dass Sie
keine Zeit verloren, dass Sie sich nichts vorzuwerfen haben.«
    Terese lächelte und versetzte: »Wir müssen abwarten, ob Sie auch noch so
denken, wenn Sie meine Geschichte hören.« Sie gingen weiter, und unter einigen
allgemeinen Gesprächen fragte ihn Terese: »Sind Sie frei?« - »Ich glaube es zu
sein«, versetzte er, »aber ich wünsche es nicht.« - »Gut!« sagte sie, »das
deutet auf einen komplizierten Roman und zeigt mir, dass Sie auch etwas zu
erzählen haben.«
    Unter diesen Worten stiegen sie den Hügel hinan und lagerten sich bei einer
grossen Eiche, die ihren Schatten weit umher verbreitete. »Hier«, sagte Terese,
»unter diesem deutschen Baume will ich Ihnen die Geschichte eines deutschen
Mädchens erzählen; hören Sie mich geduldig an.
    Mein Vater war ein wohlhabender Edelmann dieser Provinz, ein heiterer,
klarer, tätiger, wackrer Mann, ein zärtlicher Vater, ein redlicher Freund, ein
trefflicher Wirt, an dem ich nur den einzigen Fehler kannte, dass er gegen eine
Frau zu nachsichtig war, die ihn nicht zu schätzen wusste. Leider muss ich das von
meiner eigenen Mutter sagen! Ihr Wesen war dem seinigen ganz entgegengesetzt.
Sie war rasch, unbeständig, ohne Neigung weder für ihr Haus noch für mich, ihr
einziges Kind; verschwenderisch, aber schön, geistreich, voller Talente, das
Entzücken eines Zirkels, den sie um sich zu versammeln wusste. Freilich war ihre
Gesellschaft niemals gross, oder blieb es nicht lange. Dieser Zirkel bestand
meist aus Männern, denn keine Frau befänd sich wohl neben ihr, und noch weniger
konnte sie das Verdienst irgendeines Weibes dulden. Ich glich meinem Vater an
Gestalt und Gesinnungen. Wie eine junge Ente gleich das Wasser sucht, so waren
von der ersten Jugend an die Küche, die Vorratskammer, die Scheunen und Böden
mein Element. Die Ordnung und Reinlichkeit des Hauses schien, selbst da ich noch
spielte, mein einziger Instinkt, mein einziges Augenmerk zu sein. Mein Vater
freute sich darüber und gab meinem kindischen Bestreben stufenweise die
zweckmässigsten Beschäftigungen; meine Mutter dagegen liebte mich nicht und
verhehlte es keinen Augenblick.
    Ich wuchs heran, mit den Jahren vermehrte sich meine Tätigkeit und die Liebe
meines Vaters zu mir. Wenn wir allein waren, auf die Felder gingen, wenn ich ihm
die Rechnungen durchsehen half, dann konnte ich ihm recht anfühlen, wie
glücklich er war. Wenn ich ihm in die Augen sah, so war es, als wenn ich in mich
selbst hineinsähe; denn eben die Augen waren es, die mich ihm vollkommen ähnlich
machten. Aber nicht eben den Mut, nicht eben den Ausdruck behielt er in der
Gegenwart meiner Mutter; er entschuldigte mich gelind, wenn sie mich heftig und
ungerecht tadelte; er nahm sich meiner an, nicht als wenn er mich beschützen,
sondern als wenn er meine guten Eigenschaften nur entschuldigen könnte. So
setzte er auch keiner von ihren Neigungen Hindernisse entgegen; sie fing an, mit
grösster Leidenschaft sich auf das Schauspiel zu werfen, ein Teater ward erbaut,
an Männern fehlte es nicht von allen Altern und Gestalten, die sich mit ihr auf
der Bühne darstellten, an Frauen hingegen mangelte es oft. Lydie, ein artiges
Mädchen, das mit mir erzogen worden war, und das gleich in ihrer ersten Jugend
reizend zu werden versprach, musste die zweiten Rollen übernehmen, und eine alte
Kammerfrau die Mütter und Tanten vorstellen, indes meine Mutter sich die ersten
Liebhaberinnen, Heldinnen und Schäferinnen aller Art vorbehielt. Ich kann Ihnen
gar nicht sagen, wie lächerrlich mir es vorkam, wenn die Menschen, die ich alle
recht gut kannte, sich verkleidet hatten, da droben standen und für etwas
anders, als sie waren, gehalten sein wollten. Ich sah immer nur meine Mutter und
Lydien, diesen Baron und jenen Sekretär, sie mochten nun als Fürsten und Grafen
oder als Bauern erscheinen, und ich konnte nicht begreifen, wie sie mir zumuten
wollten, zu glauben, dass es ihnen wohl oder wehe sei, dass sie verliebt oder
gleichgültig, geizig oder freigebig seien, da ich doch meist von dem Gegenteile
genau unterrichtet war. Deswegen blieb ich auch sehr selten unter den
Zuschauern; ich putzte ihnen immer die Lichter, damit ich nur etwas zu tun
hatte, besorgte das Abendessen und hatte des andern Morgens, wenn sie noch lange
schliefen, schon ihre Garderobe in Ordnung gebracht, die sie des Abends
gewöhnlich übereinandergeworfen zurückliessen.
    Meiner Mutter schien diese Tätigkeit ganz recht zu sein, aber ihre Neigung
konnte ich nicht erwerben, sie verachtete mich, und ich weiss noch recht gut, dass
sie mehr als einmal mit Bitterkeit wiederholte Wenn die Mutter so ungewiss sein
könnte als der Vater, so würde man wohl schwerlich diese Magd für meine Tochter
halten. Ich leugnete nicht, dass ihr Betragen mich nach und nach ganz von ihr
entfernte, ich betrachtete ihre Handlungen wie die Handlungen einer fremden
Person, und da ich gewohnt war, wie ein Falke das Gesinde zu beobachten, denn,
im Vorbeigehen gesagt, darauf beruht eigentlich der Grund aller Haushaltung, so
fielen mir natürlich auch die Verhältnisse meiner Mutter und ihrer Gesellschaft
auf. Es liess sich wohl bemerken, dass sie nicht alle Männer mit ebendenselben
Augen ansah; ich gab schärfer acht und bemerkte bald, dass Lydie Vertraute war
und bei dieser Gelegenheit selbst mit einer Leidenschaft bekannter wurde, die
sie von ihrer ersten Jugend an so oft vorgestellt hatte. Ich wusste alle ihre
Zusammenkünfte, aber ich schwieg und sagte meinem Vater nichts, den ich zu
betrüben fürchtete; endlich aber ward ich dazu genötigt. Manches konnten sie
nicht unternehmen, ohne das Gesinde zu bestechen. Dieses fing an, mir zu
trotzen, die Anordnungen meines Vaters zu vernachlässigen und meine Befehle
nicht zu vollziehen; die Unordnungen, die daraus entstanden, waren mir
unerträglich, ich entdeckte, ich klagte alles meinem Vater.
    Er hörte mich gelassen an. Gutes Kind! sagte er zuletzt mit Lächeln, ich
weiss alles; sei ruhig, ertrag es mit Geduld, denn es ist nur um deinetwillen,
dass ich es leide.
    Ich war nicht ruhig, ich hatte keine Geduld. Ich schalt meinen Vater im
stillen; denn ich glaubte nicht, dass er um irgendeiner Ursache willen so etwas
zu dulden brauche; ich bestand auf der Ordnung, und ich war entschlossen, die
Sache aufs Äusserste kommen zu lassen.
    Meine Mutter war reich von sich, verzehrte aber doch mehr, als sie sollte,
und dies gab, wie ich wohl merkte, manche Erklärung zwischen meinen Eltern.
Lange war der Sache nicht geholfen, bis die Leidenschaften meiner Mutter selbst
eine Art von Entwicklung hervorbrachten.
    Der erste Liebhaber ward auf eine eklatante Weise ungetreu; das Haus, die
Gegend, ihre Verhältnisse waren ihr zuwider. Sie wollte auf ein anderes Gut
ziehen, da war es ihr zu einsam; sie wollte nach der Stadt, da galt sie nicht
genug. Ich weiss nicht, was alles zwischen ihr und meinem Vater vorging; genug,
er entschloss sich endlich unter Bedingungen, die ich nicht erfuhr, in eine
Reise, die sie nach dem südlichen Frankreich tun wollte, einzuwilligen.
    Wir waren nun frei und lebten wie im Himmel; ja ich glaube, dass mein Vater
nichts verloren hat, wenn er ihre Gegenwart auch schon mit einer ansehnlichen
Summe abkaufte. Alles unnütze Gesinde ward abgeschafft, und das Glück schien
unsere Ordnung zu begünstigen; wir hatten einige sehr gute Jahre, alles gelang
nach Wunsch. Aber leider dauerte dieser frohe Zustand nicht lange; ganz
unvermutet ward mein Vater von einem Schlagflusse befallen, der ihm die rechte
Seite lähmte und den reinen Gebrauch der Sprache benahm. Man musste alles
erraten, was er verlangte; denn er brachte nie das Wort hervor, das er im Sinne
hatte. Sehr ängstlich waren mir daher manche Augenblicke, in denen er mit mir
ausdrücklich allein sein wollte; er deutete mit heftiger Gebärde, dass jedermann
sich entfernen sollte, und wenn wir uns allein sahen, war er nicht imstande, das
rechte Wort hervorzubringen. Seine Ungeduld stieg aufs Äusserste, und sein
Zustand betrübte mich im innersten Herzen. So viel schien mir gewiss, dass er mir
etwas zu vertrauen hatte, das mich besonders anging. Welches Verlangen fühlt'
ich nicht, es zu erfahren! Sonst konnt' ich ihm alles an den Augen ansehen; aber
jetzt war es vergebens! Selbst seine Augen sprachen nicht mehr. Nur so viel war
mir deutlich: er wollte nichts, er begehrte nichts, er strebte nur, mir etwas zu
entdecken, das ich leider nicht erfuhr. Sein Übel wiederholte sich, er ward bald
darauf ganz untätig und unfähig; und nicht lange, so war er tat.
    Ich weiss nicht, wie sich bei mir der Gedanke festgesetzt hatte, dass er
irgendwo einen Schatz niedergelegt habe, den er mir nach seinem Tode lieber als
meiner Mutter gönnen wollte; ich suchte schon bei seinen Lebzeiten nach, allein
ich fand nichts; nach seinem Tode ward alles versiegelt. Ich schrieb meiner
Mutter und bot ihr an, als Verwalter im Hause zu bleiben; sie schlug es aus, und
ich musste das Gut räumen. Es kam ein wechselseitiges Testament zum Vorschein,
wodurch sie im Besitz und Genuss von allem und ich, wenigstens ihre ganze
Lebenszeit über, von ihr abhängig blieb. Nun glaubte ich erst recht die Winke
meines Vaters zu verstehn; ich bedauerte ihn, dass er so schwach gewesen war,
auch nach seinem Tode ungerecht gegen mich zu sein. Denn einige meiner Freunde
wollten sogar behaupten, es sei beinah nicht besser, als ob er mich enterbt
hätte, und verlangten, ich sollte das Testament angreifen, wozu ich mich aber
nicht entschliessen konnte. Ich verehrte das Andenken meines Vaters zu sehr; ich
vertraute dem Schicksal, ich vertraute mir selbst.
    Ich hatte mit einer Dame in der Nachbarschaft, die grosse Güter besass, immer
in gutem Verhältnisse gestanden; sie nahm mich mit Vergnügen auf, und es ward
mir leicht, bald ihrer Haushaltung vorzustehn. Sie lebte sehr regelmässig und
liebte die Ordnung in allem, und ich half ihr treulich in dem Kampf mit
Verwalter und Gesinde. Ich bin weder geizig noch missgünstig, aber wir Weiber
bestehn überhaupt viel ernstafter als selbst ein Mann darauf, dass nichts
verschleudert werde. Jeder Unterschleif ist uns unerträglich; wir wollen, dass
jeder nur geniesse, insofern er dazu berechtigt ist.
    Nun war ich wieder in meinem Elemente und trauerte still über den Tod meines
Vaters. Meine Beschützerin war mit mir zufrieden, nur ein kleiner Umstand störte
meine Ruhe. Lydie kam zurück; meine Mutter war grausam genug, das arme Mädchen
abzustossen, nachdem sie aus dem Grunde verdorben war. Sie hatte bei meiner
Mutter gelernt, Leidenschaften als Bestimmung anzusehen, sie war gewöhnt, sich
in nichts zu mässigen. Als sie unvermutet wieder erschien, nahm meine Wohltäterin
auch sie auf; sie wollte mir an die Hand gehen und konnte sich in nichts
schicken.
    Um diese Zeit kamen die Verwandten und künftigen Erben meiner Dame oft ins
Haus und belustigten sich mit der Jagd. Auch Lotario war manchmal mit ihnen;
ich bemerkte gar bald, wie sehr er sich vor allen andern auszeichnete, jedoch
ohne die mindeste Beziehung auf mich selbst. Er war gegen alle höflich, und bald
schien Lydie seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich hatte immer zu tun und
war selten bei der Gesellschaft; in seiner Gegenwart sprach ich weniger als
gewöhnlich, denn ich will nicht leugnen, dass eine lebhafte Unterhaltung von
jeher mir die Würze des Lebens war. Ich sprach mit meinem Vater gern viel über
alles, was begegnete. Was man nicht bespricht, bedenkt man nicht recht. Keinem
Menschen hatte ich jemals lieber zugehört als Lotario, wenn er von seinen
Reisen, von seinen Feldzügen erzählte. Die Welt lag ihm so klar, so offen da wie
mir die Gegend, in der ich gewirtschaftet hatte. Ich hörte nicht etwa die
wunderlichen Schicksale des Abenteurers, die übertriebenen Halbwahrheiten eines
beschränkten Reisenden, der immer nur seine Person an die Stelle des Landes
setzt, wovon er uns ein Bild zu geben verspricht; er erzählte nicht, er führte
uns an die Orte selbst; ich habe nicht leicht ein so reines Vergnügen empfunden.
    Aber unaussprechlich war meine Zufriedenheit, als ich ihn eines Abends über
die Frauen reden hörte. Das Gespräch machte sich ganz natürlich; einige Damen
aus der Nachbarschaft hatten uns besucht und über die Bildung der Frauen die
gewöhnlichen Gespräche geführt. Man sei ungerecht gegen unser Geschlecht, hiess
es, die Männer wollten alle höhere Kultur für sich behalten, man wolle uns zu
keinen Wissenschaften zulassen, man verlange, dass wir nur Tändelpuppen und
Haushälterinnen sein sollten. Lotario sprach wenig zu all diesem; als aber die
Gesellschaft kleiner ward, sagte er auch hierüber offen seine Meinung Es ist
sonderbar, rief er aus dass man es dem Manne verargt, der eine Frau an die
höchste Stelle setzen will, die sie einzunehmen fähig ist; und welche ist höher
als das Regiment des Hauses? Wenn der Mann sich mit äussern Verhältnissen quält,
wenn er die Besitztümer herbeischaffen und beschützen muss, wenn er sogar an der
Staatsverwaltung Anteil nimmt, überall von Umständen abhängt und, ich möchte
sagen, nichts regiert, indem er zu regieren glaubt, immer nur politisch sein
muss, wo er gern vernünftig wäre, versteckt, wo er offen, falsch, wo er redlich
zu sein wünschte; wenn er um des Zieles willen, das er nie erreicht, das
schönste Ziel, die Harmonie mit sich selbst, in jedem Augenblicke aufgeben muss:
indessen herrscht eine vernünftige Hausfrau im Innern wirklich und macht einer
ganzen Familie jede Tätigkeit, jede Zufriedenheit möglich. Was ist das höchste
Glück des Menschen, als dass wir das ausführen, was wir als recht und gut
einsehen? dass wir wirklich Herren über die Mittel zu unsern Zwecken sind? Und wo
sollen, wo können unsere nächsten Zwecke liegen, als innerhalb des Hauses? Alle
immer wiederkehrenden unentbehrlichen Bedürfnisse, wo erwarten wir, wo fordern
wir sie, als da, wo wir aufstehn und uns niederlegen, wo Küche und Keller und
jede Art von Vorrat für uns und die Unsrigen immer bereit sein soll? Welche
regelmässige Tätigkeit wird erfordert, um diese immer wiederkehrende Ordnung in
einer unverrückten, lebendigen Folge durchzuführen! Wie wenig Männern ist es
gegeben, gleichsam als ein Gestirn regelmässig wiederzukehren und dem Tage so wie
der Nacht vorzustehn, sich ihre häuslichen Werkzeuge zu bilden, zu pflanzen und
zu ernten, zu verwahren und auszuspenden und den Kreis immer mit Ruhe, Liebe und
Zweckmässigkeit zu durchwandeln! Hat ein Weib einmal diese innere Herrschaft
ergriffen, so macht sie den Mann, den sie liebt, erst allein dadurch zum Herrn;
ihre Aufmerksamkeit erwirbt alle Kenntnisse, und ihre Tätigkeit weiss sie alle zu
benutzen. So ist sie von niemand abhängig und verschafft ihrem Manne die wahre
Unabhängigkeit, die häusliche, die innere; das, was er besitzt, sieht er
gesichert, das, was er erwirbt, gut benutzt, und so kann er sein Gemüt nach
grossen Gegenständen wenden und, wenn das Glück gut ist, das dem Staate sein, was
seiner Gattin zu Hause so wohl ansteht.
    Er machte darauf eine Beschreibung, wie er sich eine Frau wünsche. Ich ward
rot; denn er beschrieb mich, wie ich leibte und lebte. Ich genoss im stillen
meinen Triumph, um so mehr, da ich aus allen Umständen sah, dass er mich
persönlich nicht gemeint hatte, dass er mich eigentlich nicht kannte. Ich
erinnere mich keiner angenehmern Empfindung in meinem ganzen Leben, als dass ein
Mann, den ich so sehr schätzte, nicht meiner Person, sondern meiner innersten
Natur den Vorzug gab. Welche Belohnung fühlte ich! Welche Aufmunterung war mir
geworden!
    Als sie weg waren, sagte meine würdige Freundin lächelnd zu mir: Schade, dass
die Männer oft denken und reden, was sie doch nicht zur Ausführung kommen
lassen, sonst wäre eine treffliche Partie für meine liebe Terese geradezu
gefunden. Ich scherzte über ihre Äusserung und fügte hinzu, dass zwar der Verstand
der Männer sich nach Haushälterinnen umsehe, dass aber ihr Herz und ihre
Einbildungskraft sich nach andern Eigenschaften sehne, und dass wir
Haushälterinnen eigentlich gegen die liebenswürdigen und reizenden Mädchen
keinen Wettstreit aushalten können. Diese Worte sagte ich Lydien zu Gehör; denn
sie verbarg nicht, dass Lotario grossen Eindruck auf sie gemacht habe, und auch
er schien bei jedem neuen Besuche immer aufmerksamer auf sie zu werden. Sie war
arm, sie war nicht von Stande, sie konnte an keine Heirat mit ihm denken; aber
sie konnte der Wonne nicht widerstehen, zu reizen und gereizt zu werden. Ich
hatte nie geliebt und liebte auch jetzt nicht; allein ob es mir schon unendlich
angenehm war, zu sehen, wohin meine Natur von einem so verehrten Manne gestellt
und gerechnet werde, will ich doch nicht leugnen, dass ich damit nicht ganz
zufrieden war. Ich wünschte nun auch, dass er mich kennen, dass er persönlich
Anteil an mir nehmen möchte. Es entstand bei mir dieser Wunsch ohne irgendeinen
bestimmten Gedanken, was darauf folgen könnte.
    Der grösste Dienst, den ich meiner Wohltäterin leistete, war, dass ich die
schönen Waldungen ihrer Güter in Ordnung zu bringen suchte. In diesen köstlichen
Besitzungen, deren grossen Wert Zeit und Umstände immer vermehren, ging es leider
nur immer nach dem alten Schlendrian fort, nirgends war Plan und Ordnung, und
des Stehlens und des Unterschleifs kein Ende. Manche Berge standen öde, und
einen gleichen Wuchs hatten nur noch die ältesten Schläge. Ich beging alles
selbst mit einem geschickten Forstmann, ich liess die Waldungen messen, ich liess
schlagen, säen, pflanzen, und in kurzer Zeit war alles im Gange. Ich hatte mir,
um leichter zu Pferde fortzukommen und auch zu Fusse nirgends gehindert zu sein,
Mannskleider machen lassen, ich war an vielen Orten, und man fürchtete mich
überall.
    Ich hörte, dass die Gesellschaft junger Freunde mit Lotario wieder ein Jagen
angestellt hatte; zum erstenmal in meinem Leben fiel mir's ein, zu scheinen,
oder, dass ich mir nicht unrecht tue, in den Augen des trefflichen Mannes für das
zu gelten, was ich war. Ich zog meine Mannskleider an, nahm die Flinte auf den
Rücken und ging mit unserm Jäger hinaus, um die Gesellschaft an der Grenze zu
erwarten. Sie kam, Lotario kannte mich nicht gleich; einer von den Neffen
meiner Wohltäterin stellte mich ihm als geschickten Forstmann vor, scherzte über
meine Jugend und trieb sein Spiel zu meinem Lobe so lange, bis endlich Lotario
mich erkannte. Der Neffe sekundierte meine Absicht, als wenn wir es abgeredet
hätten. Umständlich erzählte er und dankbar, was ich für die Güter der Tante und
also auch für ihn getan hatte.
    Lotario hörte mit Aufmerksamkeit zu, unterhielt sich mit mir, fragte nach
allen Verhältnissen der Güter und der Gegend, und ich war froh, meine Kenntnisse
vor ihm ausbreiten zu können; ich bestand in meinem Examen sehr gut, ich legte
ihm einige Vorschläge zu gewissen Verbesserungen zur Prüfung vor, er billigte
sie, erzählte mir ähnliche Beispiele und verstärkte meine Gründe durch den
Zusammenhang, den er ihnen gab. Meine Zufriedenheit wuchs mit jedem Augenblick.
Aber glücklicherweise wollte ich nur gekannt, wollte nicht geliebt sein: denn -
wir kamen nach Hause, und ich bemerkte mehr als sonst, dass die Aufmerksamkeit,
die er Lydien bezeigte, eine heimliche Neigung zu verraten schien. Ich hatte
meinen Endzweck erreicht und war doch nicht ruhig; er zeigte von dem Tage an
eine wahre Achtung und ein schönes Vertrauen gegen mich, er redete mich in
Gesellschaft gewöhnlich an, fragte mich um meine Meinung und schien besonders in
Haushaltungssachen das Zutrauen zu mir zu haben, als wenn ich alles wisse. Seine
Teilnahme munterte mich ausserordentlich auf; sogar wenn von allgemeiner
Landesökonomie und von Finanzen die Rede war, zog er mich ins Gespräch, und ich
suchte in seiner Abwesenheit mehr Kenntnisse von der Provinz, ja von dem ganzen
Lande zu erlangen. Es ward mir leicht, denn es wiederholte sich nur im grossen,
was ich im kleinen so genau wusste und kannte.
    Er kam von dieser Zeit an öfter in unser Haus. Es ward, ich kann wohl sagen,
von allem gesprochen, aber gewissermassen ward unser Gespräch zuletzt immer
ökonomisch, wenn auch nur im uneigentlichen Sinne. Was der Mensch durch
konsequente Anwendung seiner Kräfte, seiner Zeit, seines Geldes, selbst durch
gering scheinende Mittel für ungeheure Wirkungen hervorbringen könne, darüber
ward viel gesprochen.
    Ich widerstand der Neigung nicht, die mich zu ihm zog, und ich fühlte leider
nur zu bald, wie sehr, wie herzlich, wie rein und aufrichtig meine Liebe war, da
ich immer mehr zu bemerken glaubte, dass seine öftern Besuche Lydien und nicht
mir galten. Sie wenigstens war auf das lebhafteste davon überzeugt; sie machte
mich zu ihrer Vertrauten, und dadurch fand ich mich noch einigermassen getröstet.
Das, was sie so sehr zu ihrem Vorteil auslegte, fand ich keinesweges bedeutend;
von der Absicht einer ernstaften, dauernden Verbindung zeigte sich keine Spur,
um so deutlicher sah ich den Hang des leidenschaftlichen Mädchens, um jeden
Preis die Seinige zu werden.
    So standen die Sachen, als mich die Frau vom Hause mit einem unvermuteten
Antrag überraschte. Lotario, sagte sie bietet Ihnen seine Hand an und wünscht
Sie in seinem Leben immer zur Seite zu haben. Sie verbreitete sich über meine
Eigenschaften und sagte mir, was ich so gerne anhörte: dass Lotario überzeugt
sei, in mir die Person gefunden zu haben, die er so lange gewünscht hatte.
    Das höchste Glück war nun freilich für mich erreicht: ein Mann verlangte
mich, den ich so sehr schätzte, bei dem und mit dem ich eine völlige, freie,
ausgebreitete, nützliche Wirkung meiner angeborenen Neigung, meines durch Übung
erworbenen Talents vor mir sah; die Summe meines ganzen Daseins schien sich ins
Unendliche vermehrt zu haben. Ich gab meine Einwilligung, er kam selbst, er
sprach mit mir allein, er reichte mir seine Hand, er sah mir in die Augen, er
umarmte mich und drückte einen Kuss auf meine Lippen. Es war der erste und
letzte. Er vertraute mir seine ganze Lage, was ihn sein amerikanischer Feldzug
gekostet, welche Schulden er auf seine Güter geladen, wie er sich mit seinem
Grossoheim einigermassen darüber entzweit habe, wie dieser würdige Mann für ihn zu
sorgen denke, aber freilich auf seine eigene Art: er wolle ihm eine reiche Frau
geben, da einem wohldenkenden Manne doch nur mit einer haushältischen gedient
sei; er hoffe durch seine Schwester den Alten zu bereden. Er legte mir den
Zustand seines Vermögens, seine Plane, seine Aussichten vor und erbat sich meine
Mitwirkung. Nur bis zur Einwilligung seines Oheims sollte es ein Geheimnis
bleiben.
    Kaum hatte er sich entfernt, so fragte mich Lydie, ob er etwa von ihr
gesprochen habe. Ich sagte nein und machte ihr Langeweile mit Erzählung von
ökonomischen Gegenständen. Sie war unruhig, misslaunig, und sein Betragen, als er
wiederkam, verbesserte ihren Zustand nicht.
    Doch ich sehe, dass die Sonne sich zu ihrem Untergange neigt! Es ist Ihr
Glück, mein Freund, Sie hätten sonst die Geschichte, die ich mir so gerne selbst
erzähle, mit allen ihren kleinen Umständen durchhören müssen. Lassen Sie mich
eilen! wir nahen einer Epoche, bei der nicht gut zu verweilen ist.
    Lotario machte mich mit seiner trefflichen Schwester bekannt, und diese
wusste mich auf eine schickliche Weise beim Oheim einzuführen; ich gewann den
Alten, er willigte in unsere Wünsche und ich kehrte mit einer glücklichen
Nachricht zu meiner Wohltäterin zurück. Die Sache war im Hause nun kein
Geheimnis mehr, Lydie erfuhr sie, sie glaubte etwas Unmögliches zu vernehmen.
Als sie endlich daran nicht mehr zweifeln konnte, verschwand sie auf einmal, und
man wusste nicht, wohin sie sich verloren hatte.
    Der Tag unserer Verbindung nahte heran; ich hatte ihn schon oft um sein
Bildnis gebeten, und ich erinnerte ihn, eben als er wegreiten wollte, nochmals
an sein Versprechen. Sie haben vergessen, sagte er, mir das Gehäuse zu geben,
wohinein Sie es gepasst wünschen. Es war so: Ich hatte ein Geschenk von einer
Freundin, das ich sehr wert hielt. Von ihren Haaren war ein verzogener Name
unter dem äussern Glase befestigt, inwendig blieb ein leeres Elfenbein, worauf
eben ihr Bild gemalt werden sollte, als sie mir unglücklicherweise durch den Tod
entrissen wurde. Lotarios Neigung beglückte mich in dem Augenblicke, da ihr
Verlust mir noch sehr schmerzhaft war, und ich wünschte die Lücke, die sie mir
in ihrem Geschenk zurückgelassen hatte, durch das Bild meines Freundes
auszufüllen.
    Ich eile nach meinem Zimmer, hole mein Schmuckkästchen und eröffne es in
seiner Gegenwart; kaum sieht er hinein, so erblickt er ein Medaillon mit dem
Bilde eines Frauenzimmers, er nimmt es in die Hand, betrachtet es mit
Aufmerksamkeit und fragt hastig Wen soll dies Porträt vorstellen? - Meine
Mutter, versetzte ich. - Hätt' ich doch geschworen, rief er aus es sei das
Porträt einer Frau von Saint Alban, die ich vor einigen Jahren in der Schweiz
antraf. - Es ist einerlei Person, versetzte ich lächelnd und Sie haben also Ihre
Schwiegermutter, ohne es zu wissen, kennen gelernt. Saint Alban ist der
romantische Name, unter dem meine Mutter reist; sie befindet sich unter
demselben noch gegenwärtig in Frankreich.
    Ich bin der unglücklichste aller Menschen! rief er aus, indem er das Bild in
das Kästchen zurückwarf, seine Augen mit der Hand bedeckte und sogleich das
Zimmer verliess. Er warf sich auf sein Pferd, ich lief auf den Balkon und rief
ihm nach; er kehrte sich um, warf mir eine Hand zu, entfernte sich eilig - und
ich habe ihn nicht wieder gesehen.«
    Die Sonne ging unter, Terese sah mit unverwandtem Blicke in die Glut, und
ihre beiden schönen Augen füllten sich mit Tränen.
    Terese schwieg und legte auf ihres neuen Freundes Hände ihre Hand; er küsste
sie mit Teilnehmung, sie trocknete ihre Tränen und stand auf. »Lassen Sie uns
zurückgehen«, sagte sie, »und für die Unsrigen sorgen!«
    Das Gespräch auf dem Wege war nicht lebhaft; sie kamen zur Gartentüre herein
und sahen Lydien auf einer Bank sitzen; sie stand auf, wich ihnen aus und begab
sich ins Haus zurück; sie hatte ein Papier in der Hand, und zwei kleine Mädchen
waren bei ihr. »Ich sehe«, sagte Terese, »sie trägt ihren einzigen Trost, den
Brief Lotarios, noch immer bei sich. Ihr Freund verspricht ihr, dass sie gleich,
sobald er sich wohl befindet, wieder an seiner Seite leben soll; er bittet sie,
so lange ruhig bei mir zu verweilen. An diesen Worten hängt sie, mit diesen
Zeilen tröstet sie sich, aber seine Freunde sind übel bei ihr angeschrieben.«
    Indessen waren die beiden Kinder herangekommen, begrüssten Teresen und gaben
ihr Rechenschaft von allem, was in ihrer Abwesenheit im Hause vorgegangen war.
»Sie sehen hier noch einen Teil meiner Beschäftigung«, sagte Terese. »Ich habe
mit Lotarios trefflicher Schwester einen Bund gemacht; wir erziehen eine Anzahl
Kinder gemeinschaftlich: ich bilde die lebhaften und dienstfertigen
Haushälterinnen, und sie übernimmt diejenigen, an denen sich ein ruhigeres und
feineres Talent zeigt; denn es ist billig, dass man auf jede Weise für das Glück
der Männer und der Haushaltung sorge. Wenn Sie meine edle Freundin kennen
lernen, so werden Sie ein neues Leben anfangen: ihre Schönheit, ihre Güte macht
sie der Anbetung einer ganzen Welt würdig.« Wilhelm getraute sich nicht zu
sagen, dass er leider die schöne Gräfin schon kenne, und dass ihn sein
vorübergehendes Verhältnis zu ihr auf ewig schmerzen werde; er war sehr
zufrieden, dass Terese das Gespräch nicht fortsetzte, und dass ihre Geschäfte sie
in das Haus zurückzugehen nötigten. Er befand sich nun allein, und die letzte
Nachricht, dass die junge schöne Gräfin auch schon genötigt sei, durch
Wohltätigkeit den Mangel an eignem Glück zu ersetzen, machte ihn äusserst
traurig; er fühlte, dass es bei ihr nur eine Notwendigkeit war, sich zu
zerstreuen und an die Stelle eines frohen Lebensgenusses die Hoffnung fremder
Glückseligkeit zu setzen. Er pries Teresen glücklich, dass selbst bei jener
unerwarteten traurigen Veränderung keine Veränderung in ihr selbst vorzugehen
brauchte. »Wie glücklich ist der über alles«, rief er aus, »der, um sich mit dem
Schicksal in Einigkeit zu setzen, nicht sein ganzes vorhergehendes Leben
wegzuwerfen braucht!«
    Terese kam auf sein Zimmer und bat um Verzeihung, dass sie ihn störe. »Hier
in dem Wandschrank«, sagte sie, »steht meine ganze Bibliotek; es sind eher
Bücher, die ich nicht wegwerfe, als die ich aufhebe. Lydie verlangt ein
geistliches Buch, es findet sich wohl auch eins und das andere darunter. Die
Menschen, die das ganze Jahr weltlich sind, bilden sich ein, sie müssten zur Zeit
der Not geistlich sein; sie sehen alles Gute und Sittliche wie eine Arznei an,
die man mit Widerwillen zu sich nimmt, wenn man sich schlecht befindet; sie
sehen in einem Geistlichen, einem Sittenlehrer nur einen Arzt, den man nicht
geschwind genug aus dem Hause loswerden kann; ich aber gestehe gern, ich habe
vom Sittlichen den Begriff als von einer Diät, die eben dadurch nur Diät ist,
wenn ich sie zur Lebensregel mache, wenn ich sie das ganze Jahr nicht ausser
Augen lasse.«
    Sie suchten unter den Büchern und fanden einige sogenannte
Erbauungsschriften. »Die Zuflucht zu diesen Büchern«, sagte Terese, »hat Lydie
von meiner Mutter gelernt: Schauspiele und Romane waren ihr Leben, solange der
Liebhaber treu blieb; seine Entfernung brachte sogleich diese Bücher wieder in
Kredit. Ich kann überhaupt nicht begreifen«, fuhr sie fort, »wie man hat glauben
können, dass Gott durch Bücher und Geschichten zu uns spreche. Wem die Welt nicht
unmittelbar eröffnet, was sie für ein Verhältnis zu ihm hat, wem sein Herz nicht
sagt, was er sich und andern schuldig ist, der wird es wohl schwerlich aus
Büchern erfahren, die eigentlich nur geschickt sind, unsern Irrtümern Namen zu
geben.«
    Sie liess Wilhelmen allein, und er brachte seinen Abend mit Revision der
kleinen Bibliotek zu; sie war wirklich bloss durch Zufall zusammengekommen.
    Terese blieb die wenigen Tage, die Wilhelm bei ihr verweilte, sich immer
gleich; sie erzählte ihm die Folgen ihrer Begebenheit in verschiedenen Absätzen
sehr umständlich. Ihrem Gedächtnis war Tag und Stunde, Platz und Name
gegenwärtig, und wir ziehen, was unsern Lesern zu wissen nötig ist, hier ins
Kurze zusammen.
    Die Ursache von Lotarios rascher Entfernung liess sich leider leicht
erklären: er war Teresens Mutter auf ihrer Reise begegnet, ihre Reize zogen ihn
an, sie war nicht karg gegen ihn, und nun entfernte ihn dieses unglückliche,
schnell vorübergegangene Abenteuer von der Verbindung mit einem Frauenzimmer,
das die Natur selbst für ihn gebildet zu haben schien. Terese blieb in dem
reinen Kreise ihrer Beschäftigung und ihrer Pflicht. Man erfuhr, dass Lydie sich
heimlich in der Nachbarschaft aufgehalten habe. Sie war glücklich, als die
Heirat, obgleich aus unbekannten Ursachen, nicht vollzogen wurde, sie suchte
sich Lotario zu nähern, und es schien, dass er mehr aus Verzweiflung als aus
Neigung, mehr überrascht als mit Überlegung, mehr aus langer Weile als aus
Vorsatz ihren Wünschen begegnet sei.
    Terese war ruhig darüber, sie machte keine weitern Ansprüche auf ihn, und
selbst wenn er ihr Gatte gewesen wäre, hätte sie vielleicht Mut genug gehabt,
ein solches Verhältnis zu ertragen, wenn es nur ihre häusliche Ordnung nicht
gestört hätte; wenigstens äusserte sie oft, dass eine Frau, die das Hauswesen
recht zusammenhalte, ihrem Manne jede kleine Phantasie nachsehen und von seiner
Rückkehr jederzeit gewiss sein könne.
    Teresens Mutter hatte bald die Angelegenheit ihres Vermögens in Unordnung
gebracht; ihre Tochter musste es entgelten, denn sie erhielt wenig von ihr; die
alte Dame, Teresens Beschützerin, starb, hinterliess ihr das kleine Freigut und
ein artiges Kapital zum Vermächtnis. Terese wusste sich sogleich in den engen
Kreis zu finden, Lotario bot ihr ein besseres Besitztum an, Jarno machte den
Unterhändler: sie schlug es aus. »Ich will«, sagte sie, »im kleinen zeigen, dass
ich wert war, das Grosse mit ihm zu teilen aber das behalte ich mir vor, dass,
wenn der Zufall mich um meiner oder anderer willen in Verlegenheit setzt, ich
zuerst zu meinem werten Freund ohne Bedenken die Zuflucht nehmen könne.«
    Nichts bleibt weniger verborgen und ungenutzt als zweckmässige Tätigkeit.
Kaum hatte sie sich auf ihrem kleinen Gute eingerichtet, so suchten die Nachbarn
schon ihre nähere Bekanntschaft und ihren Rat, und der neue Besitzer der
angrenzenden Güter gab nicht undeutlich zu verstehen, dass es nur auf sie
ankomme, ob sie seine Hand annehmen und Erbe des grössten Teils seines Vermögens
werden wolle. Sie hatte schon gegen Wilhelmen dieses Verhältnisses erwähnt und
scherzte gelegentlich über Heiraten und Missheiraten mit ihm.
    »Es gibt«, sagte sie, »den Menschen nichts mehr zu reden, als wenn einmal
eine Heirat geschieht, die sie nach ihrer Art eine Missheirat nennen können. Und
doch sind die Missheiraten viel gewöhnlicher als die Heiraten; denn es sieht
leider nach einer kurzen Zeit mit den meisten Verbindungen gar misslich aus. Die
Vermischung der Stände durch Heiraten verdienen nur insofern Missheiraten genannt
zu werden, als der eine Teil an der angebornen, angewohnten und gleichsam
notwendig gewordenen Existenz des andern keinen Teil nehmen kann. Die
verschiedenen Klassen haben verschiedene Lebensweisen, die sie nicht miteinander
teilen noch verwechseln können, und das ist's, warum Verbindungen dieser Art
besser nicht geschlossen werden; aber Ausnahmen und recht glückliche Ausnahmen
sind möglich. So ist die Heirat eines jungen Mädchens mit einem bejahrten Manne
immer misslich, und doch habe ich sie recht gut ausschlagen sehen. Für mich kenne
ich nur eine Missheirat, wenn ich feiern und repräsentieren müsste; ich wollte
lieber jedem ehrbaren Pächterssohn aus der Nachbarschaft meine Hand geben.«
    Wilhelm gedachte nunmehr zurückzukehren und bat seine neue Freundin, ihm
noch ein Abschiedswort bei Lydien zu verschaffen. Das leidenschaftliche Mädchen
liess sich bewegen, er sagte ihr einige freundliche Worte, sie versetzte: »Den
ersten Schmerz hab' ich überwunden, Lotario wird mir ewig teuer sein; aber
seine Freunde kenne ich, es ist mir leid, dass er so umgeben ist. Der Abbé wäre
fähig, wegen einer Grille die Menschen in Not zu lassen, oder sie gar
hineinzustürzen; der Arzt möchte gern alles ins gleiche bringen; Jarno hat kein
Gemüt und Sie - wenigstens keinen Charakter! Fahren Sie nur so fort, und lassen
Sie sich als Werkzeug dieser drei Menschen brauchen, man wird Ihnen noch manche
Exekution auftragen. Lange - mir ist es recht wohl bekannt - war ihnen meine
Gegenwart zuwider, ich hatte ihr Geheimnis nicht entdeckt, aber ich hatte
beobachtet, dass sie ein Geheimnis verbargen. Wozu diese verschlossenen Zimmer?
diese wunderlichen Gänge? Warum kann niemand zu dem grossen Turm gelangen? Warum
verbannten sie mich, so oft sie nur konnten, in meine Stube? Ich will gestehen,
dass Eifersucht zuerst mich auf diese Entdeckung brachte, ich fürchtete, eine
glückliche Nebenbuhlerin sei irgendwo versteckt. Nun glaube ich das nicht mehr,
ich bin überzeugt, dass Lotario mich liebt, dass er es redlich mit mir meint;
aber ebenso gewiss bin ich überzeugt, dass er von seinen künstlichen und falschen
Freunden betrogen wird. Wenn Sie sich um ihn verdient machen wollen, wenn Ihnen
verziehen werden soll, was Sie an mir verbrochen haben, so befreien Sie ihn aus
den Händen dieser Menschen. Doch was hoffe ich! Überreichen Sie ihm diesen
Brief, wiederholen Sie, was er entält: dass ich ihn ewig lieben werde, dass ich
mich auf sein Wort verlasse. Ach!« rief sie aus, indem sie aufstand und am Halse
Teresens weinte, »er ist von meinen Feinden umgeben, sie werden ihn zu bereden
suchen, dass ich ihm nichts aufgeopfert habe; o! der beste Mann mag gerne hören,
dass er jedes Opfer wert ist, ohne dafür dankbar sein zu dürfen.«
    Wilhelms Abschied von Teresen war heiterer; sie wünschte ihn bald
wiederzusehen. »Sie kennen mich ganz!« sagte sie, »Sie haben mich immer reden
lassen; es ist das nächste Mal Ihre Pflicht, meine Aufrichtigkeit zu erwidern.«
    Auf seiner Rückreise hatte er Zeit genug, diese neue helle Erscheinung
lebhaft in der Erinnerung zu betrachten. Welch ein Zutrauen hatte sie ihm
eingeflösst! Er dachte an Mignon und Felix, wie glücklich die Kinder unter einer
solchen Aufsicht werden könnten; dann dachte er an sich selbst und fühlte,
welche Wonne es sein müsse, in der Nähe eines so ganz klaren menschlichen Wesens
zu leben. Als er sich o dem Schloss näherte, fiel ihm der Turm mit den vielen
Gängen und Seitengebäuden mehr als sonst auf; er nahm sich vor, bei der nächsten
Gelegenheit Jarno oder den Abbé darüber zur Rede zu stellen.
 
                               Siebentes Kapitel
Als Wilhelm nach dem Schloss kam, fand er den edlen Lotario auf dem Wege der
völligen Besserung; der Arzt und der Abbé waren nicht zugegen, Jarno allein war
geblieben. In kurzer Zeit ritt der Genesende schon wieder aus, bald allein, bald
mit seinen Freunden. Sein Gespräch war ernstaft und gefällig, seine
Unterhaltung belehrend und erquickend; oft bemerkte man Spuren einer zarten
Fühlbarkeit, ob er sie gleich zu verbergen suchte und, wenn sie sich wider
seinen Willen zeigte, beinah zu missbilligen schien.
    So war er eines Abends still bei Tische, ob er gleich heiter aussah.
    »Sie haben heute gewiss ein Abenteuer gehabt«, sagte endlich Jarno, »und zwar
ein angenehmes.«
    »Wie Sie sich auf Ihre Leute verstehen!« versetzte Lotario. »Ja, es ist mir
ein sehr angenehmes Abenteuer begegnet. Zu einer andern Zeit hätte ich es
vielleicht nicht so reizend gefunden als diesmal, da es mich so empfänglich
antraf. Ich ritt gegen Abend jenseits des Wassers durch die Dörfer, einen Weg,
den ich oft genug in früheren Jahren besucht hatte. Mein körperliches Leiden muss
mich mürber gemacht haben, als ich selbst glaubte; ich fühlte mich weich und bei
wieder auflebenden Kräften wie neugeboren. Alle Gegenstände erschienen mir in
eben dem Lichte, wie ich sie in frühern Jahren gesehen hatte, alle so lieblich,
so anmutig, so reizend, wie sie mir lange nicht erschienen sind. Ich merkte
wohl, dass es Schwachheit war, ich liess mir sie aber ganz wohlgefallen, ritt
sachte hin, und es wurde mir ganz begreiflich, wie Menschen eine Krankheit
liebgewinnen können, welche uns zu süssen Empfindungen stimmt. Sie wissen
vielleicht, was mich ehemals so oft diesen Weg führte?«
    »Wenn ich mich recht erinnere«, versetzte Jarno, »So war es ein kleiner
Liebeshandel, der sich mit der Tochter eines Pachters entsponnen hatte.«
    »Man dürfte es wohl einen grossen nennen«, versetzte Lotario, »denn wir
hatten uns beide sehr lieb, recht im Ernste und auch ziemlich lange.
Zufälligerweise traf heute alles zusammen, mir die ersten Zeiten unserer Liebe
recht lebhaft darzustellen. Die Knaben schüttelten eben wieder Maikäfer von den
Bäumen, und das Laub der Eschen war eben nicht weiter als an dem Tage, da ich
sie zum erstenmal sah. Nun war es lange, dass ich Margareten nicht gesehen habe,
denn sie ist weit weg verheiratet, nur hörte ich zufällig, sie sei mit ihren
Kindern vor wenigen Wochen gekommen, ihren Vater zu besuchen.«
    »So war ja wohl dieser Spazierritt nicht so ganz zufällig?«
    »Ich leugne nicht«, sagte Lotario, »dass ich sie anzutreffen wünschte. Als
ich nicht weit von dem Wohnhaus war, sah ich ihren Vater vor der Türe sitzen;
ein Kind von ungefähr einem Jahre stand bei ihm. Als ich mich näherte, sah eine
Frauensperson schnell oben zum Fenster heraus, und als ich gegen die Türe kam,
hörte ich jemand die Treppe herunterspringen. Ich dachte gewiss, sie sei es, und,
ich will's nur gestehen, ich schmeichelte mir, sie habe mich erkannt, und sie
komme mir eilig entgegen. Aber wie beschämt war ich, als sie zur Türe
heraussprang, das Kind, dem die Pferde näher kamen, anfasste und in das Haus
hineintrug. Es war mir eine unangenehme Empfindung, und nur wurde meine
Eitelkeit ein wenig getröstet, als ich, wie sie hinwegeilte, an ihrem Nacken und
an dem freistehenden Ohr eine merkliche Röte zu sehen glaubte.
    Ich hielt still und sprach mit dem Vater und schielte indessen an den
Fenstern herum, ob sie sich nicht hier oder da blicken liesse; allein ich
bemerkte keine Spur von ihr. Fragen wollt' ich auch nicht, und so ritt ich
vorbei. Mein Verdruss wurde durch Verwunderung einigermassen gemildert: denn ob
ich gleich kaum das Gesicht gesehen hatte, so schien sie mir fast gar nicht
verändert, und zehn Jahre sind doch eine Zeit! ja, sie schien mir jünger, ebenso
schlank, ebenso leicht auf den Füssen, der Hals womöglich noch zierlicher als
vorher, ihre Wange ebenso leicht der liebenswürdigen Röte empfänglich, dabei
Mutter von sechs Kindern, vielleicht noch von mehrern. Es passte diese
Erscheinung so gut in die übrige Zauberwelt, die mich umgab, dass ich um so mehr
mit einem verjüngten Gefühl weiterritt und an dem nächsten Walde erst umkehrte,
als die Sonne im Untergehen war. So sehr mich auch der fallende Tau an die
Vorschrift des Arztes erinnerte, und es wohl rätlicher gewesen wäre, gerade nach
Hause zu kehren, so nahm ich doch wieder meinen Weg nach der Seite des Pachtofs
zurück. Ich bemerkte, dass ein weibliches Geschöpf in dem Garten auf und nieder
ging, der mit einer leichten Hecke umzogen ist. Ich ritt auf dem Fusspfade nach
der Hecke zu, und ich fand mich eben nicht weit von der Person, nach der ich
verlangte.
    Ob mir gleich die Abendsonne in den Augen lag, sah ich doch, dass sie sich am
Zaune beschäftigte, der sie nur leicht bedeckte. Ich glaubte meine alte Geliebte
zu erkennen. Da ich an sie kam, hielt ich still, nicht ohne Regung des Herzens.
Einige hohe Zweige wilder Rosen, die eine leise Luft hin und her wehte, machten
mir ihre Gestalt undeutlich. Ich redete sie an und fragte, wie sie lebe. Sie
antwortete mir mit halber Stimme Ganz wohl. Indes bemerkte ich, dass ein Kind
hinter dem Zaune beschäftigt war, Blumen auszureissen, und nahm die Gelegenheit,
sie zu fragen wo denn ihre übrigen Kinder seien Es ist nicht mein Kind, sagte
sie das wäre früh! und in diesem Augenblick schickte sich's, dass ich durch die
Zweige ihr Gesicht genau sehen konnte, und ich wusste nicht, was ich zu der
Erscheinung sagen sollte. Es war meine Geliebte und war es nicht. Fast jünger,
fast schöner, als ich sie vor zehn Jahren gekannt hatte. Sind Sie denn nicht die
Tochter des Pachters? fragte ich halb verwirrt Nein, sagte sie ich bin ihre
Muhme.
    Aber Sie gleichen einander so ausserordentlich, versetzte ich.
    Das sagt jedermann, der sie vor zehen Jahren gekannt hat.
    Ich fuhr fort, sie verschiedenes zu fragen; mein Irrtum war mir angenehm, ob
ich ihn gleich schon entdeckt hatte. Ich konnte mich von dem lebendigen Bilde
voriger Glückseligkeit, das vor mir stand, nicht losreissen. Das Kind hatte sich
indessen von ihr entfernt und war, Blumen zu suchen, nach dem Teiche gegangen.
Sie nahm Abschied und eilte dem Kinde nach.
    Indessen hatte ich doch erfahren, dass meine alte Geliebte noch wirklich in
dem Hause ihres Vaters sei, und indem ich ritt, beschäftigte ich mich mit
Mutmassungen, ob sie selbst oder die Muhme das Kind vor den Pferden gesichert
habe. Ich wiederholte mir die ganze Geschichte mehrmals im Sinne, und ich wüsste
nicht leicht, dass irgend etwas angenehmer auf mich gewirkt hätte. Aber ich fühle
wohl, ich bin noch krank, und wir wollen den Doktor bitten, dass er uns von dem
Überreste dieser Stimmung erlöse.«
    Es pflegt in vertraulichen Bekenntnissen anmutiger Liebesbegebenheiten wie
mit Gespenstergeschichten zu gehen: ist nur erst eine erzählt, so fliessen die
übrigen von selbst zu.
    Unsere kleine Gesellschaft fand in der Rückerinnerung vergangener Zeiten
manchen Stoff dieser Art. Lotario hatte am meisten zu erzählen. Jarnos
Geschichten trugen alle einen eigenen Charakter, und was Wilhelm zu gestehen
hatte, wissen wir schon. Indessen war ihm bange, dass man ihn an die Geschichte
mit der Gräfin erinnern möchte; allein niemand dachte derselben auch nur auf die
entfernteste Weise.
    »Es ist wahr«, sagte Lotario, »angenehmer kann keine Empfindung in der Welt
sein, als wenn das Herz nach einer gleichgültigen Pause sich der Liebe zu einem
neuen Gegenstande wieder öffnet, und doch wollt' ich diesem Glück für mein Leben
entsagt haben, wenn mich das Schicksal mit Teresen hätte verbinden wollen. Man
ist nicht immer Jüngling, und man sollte nicht immer Kind sein. Dem Manne, der
die Welt kennt, der weiss, was er darin zu tun, was er von ihr zu hoffen hat, was
kann ihm erwünschter sein, als eine Gattin zu finden, die überall mit ihm wirkt,
und die ihm alles vorzubereiten weiss, deren Tätigkeit dasjenige aufnimmt, was
die seinige liegen lassen muss, deren Geschäftigkeit sich nach allen Seiten
verbreitet, wenn die seinige nur einen geraden Weg fortgehen darf. Welchen
Himmel hatte ich mir mit Teresen geträumt! nicht den Himmel eines
schwärmerischen Glücks, sondern eines sichern Lebens auf der Erde: Ordnung im
Glück, Mut im Unglück, Sorge für das Geringste und eine Seele, fähig, das Grösste
zu fassen und wieder fahren zu lassen. O! ich sah in ihr gar wohl die Anlagen,
deren Entwickelung wir bewundern, wenn wir in der Geschichte Frauen sehen, die
uns weit vorzüglicher als alle Männer erscheinen: diese Klarheit über die
Umstände, diese Gewandteit in allen Fällen, diese Sicherheit im einzelnen,
wodurch das Ganze sich immer so gut befindet, ohne dass sie jemals daran zu
denken scheinen. Sie können wohl«, fuhr er fort, indem er sich lächelnd gegen
Wilhelmen wendete, »mir verzeihen, wenn Terese mich Aurelien entführte; mit
jener konnte ich ein heitres Leben hoffen, da bei dieser auch nicht an eine
glückliche Stunde zu denken war.«
    »Ich leugne nicht«, versetzte Wilhelm, »dass ich mit grosser Bitterkeit im
Herzen gegen Sie hierher gekommen bin, und dass ich mir vorgenommen hatte, Ihr
Betragen gegen Aurelien sehr streng zu tadeln.«
    »Auch verdient es Tadel«, sagte Lotario, »ich hätte meine Freundschaft zu
ihr nicht mit dem Gefühl der Liebe verwechseln sollen, ich hätte nicht an die
Stelle der Achtung, die sie verdiente, eine Neigung eindrängen sollen, die sie
weder erregen noch erhalten konnte. Ach! sie war nicht liebenswürdig, wenn sie
liebte, und das ist das grösste Unglück, das einem Weibe begegnen kann.«
    »Es sei drum«, erwiderte Wilhelm, »wir können nicht immer das Tadelnswerte
vermeiden, nicht vermeiden, dass unsere Gesinnungen und Handlungen auf eine
sonderbare Weise von ihrer natürlichen und guten Richtung abgelenkt werden; aber
gewisse Pflichten sollten wir niemals aus den Augen setzen. Die Asche der
Freundin ruhe sanft! wir wollen, ohne uns zu schelten und sie zu tadeln,
mitleidig Blumen auf ihr Grab streuen. Aber bei dem Grabe, in welchem die
unglückliche Mutter ruht, lassen Sie mich fragen, warum Sie sich des Kindes
nicht annehmen? eines Sohnes, dessen sich jedermann erfreuen würde, und den Sie
ganz und gar zu vernachlässigen scheinen. Wie können Sie bei Ihren reinen und
zarten Gefühlen das Herz eines Vaters gänzlich verleugnen? Sie haben diese ganze
Zeit noch mit keiner Silbe an das köstliche Geschöpf gedacht, von dessen Anmut
so viel zu erzählen wäre.«
    »Von wem reden Sie?« versetzte Lotario, »ich verstehe Sie nicht.«
    »Von wem anders, als von Ihrem Sohne, dem Sohne Aureliens, dem schönen
Kinde, dem zu seinem Glücke nichts fehlt, als dass ein zärtlicher Vater sich
seiner annimmt?«
    »Sie irren sehr, mein Freund«, rief Lotario: »Aurelie hatte keinen Sohn, am
wenigsten von mir, ich weiss von keinem Kinde, sonst würde ich mich dessen mit
Freuden annehmen; aber auch im gegenwärtigen Falle will ich gern das kleine
Geschöpf als eine Verlassenschaft von ihr ansehen und für seine Erziehung
sorgen. Hat sie sich denn irgend etwas merken lassen, dass der Knabe ihr, dass er
mir zugehöre?«
    »Nicht, dass ich mich erinnere, ein ausdrückliches Wort von ihr gehört zu
haben, es war einmal so angenommen, und ich habe nicht einen Augenblick daran
gezweifelt.«
    »Ich kann«, fiel Jarno ein, »einigen Aufschluss hierüber geben. Ein altes
Weib, das Sie oft müssen gesehen haben, brachte das Kind zu Aurelien, sie nahm
es mit Leidenschaft auf und hoffte ihre Leiden durch seine Gegenwart zu lindern;
auch hat es ihr manchen vergnügten Augenblick gemacht.«
    Wilhelm war durch diese Entdeckung sehr unruhig geworden, er gedachte der
guten Mignon neben dem schönen Felix auf das lebhafteste, er zeigte seinen
Wunsch, die beiden Kinder aus der Lage, in der sie sich befanden,
herauszuziehen.
    »Wir wollen damit bald fertig sein«, versetzte Lotario. »Das wunderliche
Mädchen übergeben wir Teresen, sie kann unmöglich in bessere Hände geraten, und
was den Knaben betrifft, den, dächt' ich, nähmen Sie selbst zu sich; denn was
sogar die Frauen an uns ungebildet zurücklassen, das bilden die Kinder aus, wenn
wir uns mit ihnen abgeben.«
    »Überhaupt dächte ich«, versetzte Jarno, »Sie entsagten kurz und gut dem
Teater, zu dem Sie doch einmal kein Talent haben.«
    Wilhelm war betroffen; er musste sich zusammennehmen, denn Jarnos harte Worte
hatten seine Eigenliebe nicht wenig verletzt. »Wenn Sie mich davon überzeugen«,
versetzte er mit gezwungenem Lächeln, »so werden Sie mir einen Dienst erweisen,
ob es gleich nur ein trauriger Dienst ist, wenn man uns aus einem
Lieblingstraume aufschüttelt.«
    »Ohne viel weiter darüber zu reden«, versetzte Jarno, »möchte ich Sie nur
antreiben, erst die Kinder zu holen; das übrige wird sich schon geben.«
    »Ich bin bereit dazu«, versetzte Wilhelm; »ich bin unruhig und neugierig, ob
ich nicht von dem Schicksal des Knaben etwas Näheres entdecken kann; ich
verlange das Mädchen wiederzusehen, das sich mit so vieler Eigenheit an mich
angeschlossen hat.«
    Man ward einig, dass er bald abreisen sollte.
    Den andern Tag hatte er sich dazu vorbereitet, das Pferd war gesattelt, nur
wollte er noch von Lotario Abschied nehmen. Als die Esszeit herbeikam, setzte
man sich wie gewöhnlich zu Tische, ohne auf den Hausherrn zu warten; er kam erst
spät und setzte sich zu ihnen.
    »Ich wollte wetten«, sagte Jarno, »Sie haben heute Ihr zärtliches Herz
wieder auf die Probe gestellt, Sie haben der Begierde nicht widerstehen können,
Ihre ehemalige Geliebte wiederzusehen.«
    »Erraten!« versetzte Lotario.
    »Lassen Sie uns hören!« sagte Jarno, »wie ist es abgelaufen? Ich bin äusserst
neugierig.«
    »Ich leugne nicht«, versetzte Lotario, »dass mir das Abenteuer mehr als
billig auf dem Herzen lag; ich fasste daher den Entschluss, nochmals hinzureiten
und die Person wirklich zu sehen, deren verjüngtes Bild mir eine so angenehme
Illusion gemacht hatte. Ich stieg schon in einiger Entfernung vom Hause ab und
liess die Pferde beiseiteführen, um die Kinder nicht zu stören, die vor dem Tore
spielten. Ich ging in das Haus, und von ungefähr kam sie mir entgegen, denn sie
war es selbst, und ich erkannte sie ungeachtet der grossen Veränderung wieder.
Sie war stärker geworden und schien grösser zu sein; ihre Anmut blickte durch ein
gesetztes Wesen hindurch, und ihre Munterkeit war in ein stilles Nachdenken
übergegangen. Ihr Kopf, den sie sonst so leicht und frei trug, hing ein wenig
gesenkt, und leise Falten waren über ihre Stirne gezogen.
    Sie schlug die Augen nieder, als sie mich sah, aber keine Röte verkündigte
eine innere Bewegung des Herzens. Ich reichte ihr die Hand, sie gab mir die
ihrige; ich fragte nach ihrem Manne, er war abwesend, nach ihren Kindern, sie
trat an die Türe und rief sie herbei, alle kamen und versammelten sich um sie.
Es ist nichts reizender, als eine Mutter zu sehen mit einem Kinde auf dem Arme,
und nichts ehrwürdiger, als eine Mutter unter vielen Kindern. Ich fragte nach
den Namen der Kleinen, um doch nur etwas zu sagen; sie bat mich, hineinzutreten
und auf ihren Vater zu warten. Ich nahm es an; sie führte mich in die Stube, wo
ich beinahe noch alles auf dem alten Platze fand, und - sonderbar! die schöne
Muhme, ihr Ebenbild, sass auf eben dem Schemmel hinter dem Spinnrocken, wo ich
meine Geliebte in eben der Gestalt so oft gefunden hatte. Ein kleines Mädchen,
das seiner Mutter vollkommen glich, war uns nachgefolgt, und so stand ich in der
sonderbarsten Gegenwart zwischen der Vergangenheit und Zukunft, wie in einem
Orangenwalde, wo in einem kleinen Bezirk Blüten und Früchte stufenweis
nebeneinander leben. Die Muhme ging hinaus, einige Erfrischung zu holen, ich gab
dem ehemals so geliebten Geschöpfe die Hand und sagte zu ihr: Ich habe eine
rechte Freude, Sie wiederzusehen. - - Sie sind sehr gut, mir das zu sagen,
versetzte sie aber auch ich kann Ihnen versichern, dass ich eine unaussprechliche
Freude habe. Wie oft habe ich mir gewünscht, Sie nur noch einmal in meinem Leben
wiederzusehen! ich habe es in Augenblicken gewünscht, die ich für meine letzten
hielt. Sie sagte das mit einer gesetzten Stimme, ohne Rührung, mit jener
Natürlichkeit, die mich ehemals so sehr an ihr entzückte. Die Muhme kam wieder,
ihr Vater dazu - und ich überlasse euch zu denken, mit welchem Herzen ich blieb,
und mit welchem ich mich entfernte.«
 
                                 Achtes Kapitel
Wilhelm hatte auf seinem Wege nach der Stadt die edlen weiblichen Geschöpfe, die
er kannte und von denen er gehört hatte, im Sinne; ihre sonderbaren Schicksale,
die wenig Erfreuliches entielten, waren ihm schmerzlich gegenwärtig. »Ach!«
rief er aus, »arme Mariane! was werde ich noch von dir erfahren müssen? Und
dich, herrliche Amazone, edler Schutzgeist, dem ich so viel schuldig bin, dem
ich überall zu begegnen hoffe, und den ich leider nirgends finde, in welchen
traurigen Umständen treff' ich dich vielleicht, wenn du mir einst wieder
begegnest!«
    In der Stadt war niemand von seinen Bekannten zu Hause; er eilte auf das
Teater, er glaubte sie in der Probe zu finden; alles war still, das Haus schien
leer, doch sah er einen Laden offen. Als er auf die Bühne kam, fand er Aureliens
alte Dienerin beschäftigt, Leinwand zu einer neuen Dekoration zusammenzunähen;
es fiel nur so viel Licht herein, als nötig war, ihre Arbeit zu erhellen. Felix
und Mignon sassen neben ihr auf der Erde; beide hielten ein Buch, und indem
Mignon laut las, sagte ihr Felix alle Worte nach, als wenn er die Buchstaben
kennte, als wenn er auch zu lesen verstünde.
    Die Kinder sprangen auf und begrüssten den Ankommenden, er umarmte sie aufs
zärtlichste und führte sie näher zu der Alten. »Bist du es«, sagte er zu ihr mit
Ernst, »die dieses Kind Aurelien zugeführt hatte?« Sie sah von ihrer Arbeit auf
und wendete ihr Gesicht zu ihm; er sah sie in vollem Lichte, erschrak, trat
einige Schritte zurück; es war die alte Barbara.
    »Wo ist Mariane?« rief er aus. - »Weit von hier«, versetzte die Alte.
    »Und Felix? ...«
    »Ist der Sohn dieses unglücklichen, nur allzu zärtlich liebenden Mädchens.
Möchten Sie niemals empfinden, was Sie uns gekostet haben, möchte der Schatz,
den ich Ihnen überliefere, Sie so glücklich machen, als er uns unglücklich
gemacht hat!«
    Sie stand auf, um wegzugehen, Wilhelm hielt sie fest. »Ich denke Ihnen nicht
zu entlaufen«, sagte sie, »lassen Sie mich ein Dokument holen, das Sie erfreuen
und schmerzen wird.« Sie entfernte sich, und Wilhelm sah den Knaben mit einer
ängstlichen Freude an; er durfte sich das Kind noch nicht zueignen. »Er ist
dein«, rief Mignon, »er ist dein«, und drückte das Kind an Wilhelms Kniee.
    Die Alte kam und überreichte ihm einen Brief. »Hier sind Marianens letzte
Worte«, sagte sie.
    »Sie ist tot!« rief er aus.
    »Tot!« sagte die Alte; »möchte ich Ihnen doch alle Vorwürfe ersparen
können!«
    Überrascht und verwirrt erbrach Wilhelm den Brief; er hatte aber kaum die
ersten Worte gelesen, als ihn ein bittrer Schmerz ergriff; er liess den Brief
fallen, stürzte auf eine Rasenbank und blieb eine Zeitlang liegen. Mignon
bemühte sich um ihn. Indessen hatte Felix den Brief aufgehoben und zerrte seine
Gespielin so lange, bis diese nachgab und zu ihm kniete und ihm vorlas. Felix
wiederholte die Worte, und Wilhelm war genötigt, sie zweimal zu hören. »Wenn
dieses Blatt jemals zu Dir kommt, so bedaure Deine unglückliche Geliebte, Deine
Liebe hat ihr den Tod gegeben. Der Knabe, dessen Geburt ich nur wenige Tage
überlebe, ist Dein; ich sterbe Dir treu, so sehr der Schein auch gegen mich
sprechen mag; mit Dir verlor ich alles, was mich an das Leben fesselte. Ich
sterbe zufrieden, da man mir versichert, das Kind sei gesund und werde leben.
Höre die alte Barbara, verzeih ihr, leb' wohl und vergiss mich nicht.«
    Welch ein schmerzlicher und noch zu seinem Troste halb rätselhafter Brief!
dessen Inhalt ihm erst recht fühlbar ward, da ihn die Kinder stockend und
stammelnd vortrugen und wiederholten.
    »Da haben Sie es nun!« rief die Alte, ohne abzuwarten, bis er sich erholt
hatte; »danken Sie dem Himmel, dass nach dem Verluste eines so guten Mädchens
Ihnen noch ein so vortreffliches Kind übrigbleibt. Nichts wird Ihrem Schmerze
gleichen, wenn Sie vernehmen, wie das gute Mädchen Ihnen bis ans Ende treu
geblieben, wie unglücklich sie geworden ist, und was sie Ihnen alles aufgeopfert
hat.«
    »Lass mich den Becher des Jammers und der Freuden« rief Wilhelm aus, »auf
einmal trinken! Überzeuge mich, ja überrede mich nur, dass sie ein gutes Mädchen
war, dass sie meine Achtung wie meine Liebe verdiente, und überlass mich dann
meinen Schmerzen über ihren unersetzlichen Verlust!«
    »Es ist jetzt nicht Zeit«, versetzte die Alte, »ich habe zu tun und wünsche
nicht, dass man uns beisammen fände. Lassen Sie es ein Geheimnis sein, dass Felix
Ihnen angehört; ich hätte über meine bisherige Verstellung zu viel Vorwürfe von
der Gesellschaft zu erwarten. Mignon verrät uns nicht, sie ist gut und
verschwiegen.«
    »Ich wusste es lange und sagte nichts«, versetzte Mignon. - »Wie ist es
möglich?« rief die Alte. - »Woher?« fiel Wilhelm ein.
    »Der Geist hat mir's gesagt.«
    »Wie? wo?«
    »Im Gewölbe, da der Alte das Messer zog, rief mir's zu Rufe seinen Vater!
und da fielst du mir ein.«
    »Wer rief denn?«
    »Ich weiss nicht, im Herzen, im Kopfe, ich war so angst, ich zitterte, ich
betete, da rief's, und ich verstand's.«
    
    Wilhelm drückte sie an sein Herz, empfahl ihr Felix und entfernte sich. Er
bemerkte erst zuletzt, dass sie viel blässer und magerer geworden war, als er sie
verlassen hatte. Madame Melina fand er von seinen Bekannten zuerst; sie begrüsste
ihn aufs freundlichste. »O! dass Sie doch alles«, rief sie aus, »bei uns finden
möchten, wie Sie wünschten!«
    »Ich zweifle daran«, sagte Wilhelm, »und erwarte es nicht. Gestehen Sie es
nur, man hat alle Anstalten gemacht, mich entbehren zu können.«
    »Warum sind Sie auch weggegangen?« versetzte die Freundin.
    »Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man in der
Welt ist. Welche wichtige Personen glauben wir zu sein! Wir denken allein den
Kreis zu beleben, in welchem wir wirken; in unserer Abwesenheit muss, bilden wir
uns ein, Leben, Nahrung und Atem stocken, und die Lücke, die entsteht, wird kaum
bemerkt, sie füllt sich so geschwind wieder aus, ja sie wird oft nur der Platz,
wo nicht für etwas Besseres, doch für etwas Angenehmeres.«
    »Und die Leiden unserer Freunde bringen wir nicht in Anschlag?«
    »Auch unsere Freunde tun wohl, wenn sie sich bald finden, wenn sie sich
sagen Da, wo du bist, da, wo du bleibst, wirke, was du kannst, sei tätig und
gefällig und lass dir die Gegenwart heiter sein!«
    Bei näherer Erkundigung fand Wilhelm, was er vermutet hatte: die Oper war
eingerichtet und zog die ganze Aufmerksamkeit des Publikums an sich. Seine
Rollen waren inzwischen durch Laertes und Horatio besetzt worden, und beide
lockten den Zuschauern einen weit lebhafteren Beifall ab, als er jemals hatte
erlangen können.
    Laertes trat herein, und Madame Melina rief aus: »Sehn Sie hier diesen
glücklichen Menschen, der bald ein Kapitalist oder Gott weiss was werden wird!«
Wilhelm umarmte ihn und fühlte ein vortrefflich feines Tuch an seinem Rocke;
seine übrige Kleidung war einfach, aber alles vom besten Zeuge.
    »Lösen Sie mir das Rätsel!« rief Wilhelm aus.
    »Es ist noch Zeit genug«, versetzte Laertes, »um zu erfahren, dass mir mein
Hin- und Herlaufen nunmehr bezahlt wird, dass ein Patron eines grossen
Handelshauses von meiner Unruhe, meinen Kenntnissen und Bekanntschaften Vorteil
zieht und mir einen Teil davon ablässt; ich wollte viel drum geben, wenn ich mir
dabei auch Zutrauen gegen die Weiber ermäkeln könnte; denn es ist eine hübsche
Nichte im Hause, und ich merke wohl, wenn ich wollte, könnte ich bald ein
gemachter Mann sein.«
    »Sie wissen wohl noch nicht« sagte Madame Melina, »dass sich indessen auch
unter uns eine Heirat gemacht hat? Serlo ist wirklich mit der schönen Elmire
öffentlich getraut, da der Vater ihre heimliche Vertraulichkeit nicht guteissen
wollte.«
    So unterhielten sie sich über manches, was sich in seiner Abwesenheit
zugetragen hatte, und er konnte gar wohl bemerken, dass er dem Geist und dem
Sinne der Gesellschaft nach wirklich längst verabschiedet war.
    Mit Ungeduld erwartete er die Alte, die ihm tief in der Nacht ihren
sonderbaren Besuch angekündigt hatte. Sie wollte kommen, wenn alles schlief, und
verlangte solche Vorbereitungen, eben als wenn das jüngste Mädchen sich zu einem
Geliebten schleichen wollte. Er las indes Marianens Brief wohl hundertmal durch,
las mit unaussprechlichem Entzücken das Wort Treue von ihrer geliebten Hand und
mit Entsetzen die Ankündigung ihres Todes, dessen Annäherung sie nicht zu
fürchten schien.
    Mitternacht war vorbei, als etwas an der halboffenen Türe rauschte und die
Alte mit einem Körbchen hereintrat. »Ich soll Euch«, sagte sie, »die Geschichte
unserer Leiden erzählen, und ich muss erwarten, dass Ihr ungerührt dabei sitzt,
dass Ihr nur, um Eure Neugierde zu befriedigen, mich so sorgsam erwartet, und dass
Ihr Euch jetzt wie damals in Eure kalte Eigenliebe hüllet, wenn uns das Herz
bricht. Aber seht her! so brachte ich an jenem glücklichen Abend die
Champagnerflasche hervor, so stellte ich drei Gläser auf den Tisch, und so fingt
Ihr an, uns mit gutmütigen Kindergeschichten zu täuschen und einzuschläfern, wie
ich Euch jetzt mit traurigen Wahrheiten aufklären und wach erhalten muss.«
    Wilhelm wusste nicht, was er sagen sollte, als die Alte wirklich den Stöpsel
springen liess und die drei Gläser vollschenkte.
    »Trinkt!« rief sie, nachdem sie ihr schäumendes Glas schnell ausgeleert
hatte, »trinkt, eh' der Geist verraucht! Dieses dritte Glas soll zum Andenken
meiner unglücklichen Freundin ungenossen verschäumen. Wie rot waren ihre Lippen,
als sie Euch damals Bescheid tat! Ach! und nun auf ewig verblasst und erstarrt!«
    »Sibylle! Furie!« rief Wilhelm aus, indem er aufsprang und mit der Faust auf
den Tisch schlug, »welch ein böser Geist besitzt und treibt dich? Für wen hältst
du mich, dass du denkst, die einfachste Geschichte von Marianens Tod und Leiden
werde mich nicht empfindlich genug kränken, dass du noch solche höllische
Kunstgriffe brauchst, um meine Marter zu schärfen? Geht deine unersättliche
Völlerei so weit, dass du beim Totenmahle schwelgen musst, so trink und rede! Ich
habe dich von jeher verabscheut, und noch kann ich mir Marianen nicht unschuldig
denken, wenn ich dich, ihre Gesellschafterin, nur ansehe.«
    »Gemach, mein Herr!« versetzte die Alte, »Sie werden mich nicht aus meiner
Fassung bringen. Sie sind uns noch sehr verschuldet, und von einem Schuldner
lässt man sich nicht übel begegnen. Aber Sie haben recht, auch meine einfachste
Erzählung ist Strafe genug für Sie. So hören Sie denn den Kampf und den Sieg
Marianens, um die Ihrige zu bleiben.«
    »Die Meinige?« rief Wilhelm aus, »welch ein Märchen willst du beginnen?«
    »Unterbrechen Sie mich nicht«, fiel sie ein, »hören Sie mich, und dann
glauben Sie, was Sie wollen, es ist ohnedies jetzt ganz einerlei. Haben Sie
nicht am letzten Abend, als Sie bei uns waren, ein Billett gefunden und
mitgenommen?«
    »Ich fand das Blatt erst, als ich es mitgenommen hatte; es war in das
Halstuch verwickelt, das ich aus inbrünstiger Liebe ergriff und zu mir steckte.«
    »Was entielt das Papier?«
    »Die Aussichten eines verdriesslichen Liebhabers, in der nächsten Nacht
besser als gestern aufgenommen zu werden. Und dass man ihm Wort gehalten hat,
habe ich mit eignen Augen gesehen, denn er schlich früh vor Tage aus eurem Hause
hinweg.«
    »Sie können ihn gesehen haben; aber was bei uns vorging, wie traurig Mariane
diese Nacht, wie verdriesslich ich sie zubrachte, das werden Sie erst jetzt
erfahren. Ich will ganz aufrichtig sein, weder leugnen noch beschönigen, dass ich
Marianen beredete, sich einem gewissen Norberg zu ergeben; sie folgte, ja ich
kann sagen, sie gehorchte mir mit Widerwillen. Er war reich, er schien verliebt,
und ich hoffte, er werde beständig sein. Gleich darauf musste er eine Reise
machen, und Mariane lernte Sie kennen. Was hatte ich da nicht auszustehen! was
zu hindern! was zu erdulden O! rief sie manchmal, hättest du meiner Jugend,
meiner Unschuld nur noch vier Wochen geschont, so hätte ich einen würdigen
Gegenstand meiner Liebe gefunden, ich wäre seiner würdig gewesen, und die Liebe
hätte das mit einem ruhigen Bewusstsein geben dürfen, was ich jetzt wider Willen
verkauft habe. Sie überliess sich ganz ihrer Neigung, und ich darf nicht fragen,
ob Sie glücklich waren. Ich hatte eine uneingeschränkte Gewalt über ihren
Verstand, denn ich kannte alle Mittel, ihre kleinen Neigungen zu befriedigen;
ich hatte keine Macht über ihr Herz, denn niemals billigte sie, was ich für sie
tat, wozu ich sie bewegte, wenn ihr Herz widersprach; nur der unbezwinglichen
Not gab sie nach, und die Not erschien ihr bald sehr drückend. In den ersten
Zeiten ihrer Jugend hatte es ihr an nichts gemangelt; ihre Familie verlor durch
eine Verwickelung von Umständen ihr Vermögen, das arme Mädchen war an mancherlei
Bedürfnisse gewöhnt, und ihrem kleinen Gemüt waren gewisse gute Grundsätze
eingeprägt, die sie unruhig machten, ohne ihr viel zu helfen. Sie hatte nicht
die mindeste Gewandteit in weltlichen Dingen, sie war unschuldig im
eigentlichen Sinne; sie hatte keinen Begriff, dass man kaufen könne, ohne zu
bezahlen; vor nichts war ihr mehr bange, als wenn sie schuldig war; sie hätte
immer lieber gegeben als genommen, und nur eine solche Lage machte es möglich,
dass sie genötigt ward, sich selbst hinzugeben, um eine Menge kleiner Schulden
loszuwerden.«
    »Und hättest du«, fuhr Wilhelm auf, »sie nicht retten können?«
    »O ja«, versetzte die Alte, »mit Hunger und Not, mit Kummer und Entbehrung,
und darauf war ich niemals eingerichtet.«
    »Abscheuliche, niederträchtige Kupplerin! so hast du das unglückliche
Geschöpf geopfert? so hast du sie deiner Kehle, deinem unersättlichen Heisshunger
hingegeben?«
    »Ihr tätet besser, Euch zu mässigen und mit Schimpfreden innezuhalten«,
versetzte die Alte. »Wenn Ihr schimpfen wollt, so geht in Eure grossen vornehmen
Häuser, da werdet Ihr Mütter finden, die recht ängstlich besorgt sind, wie sie
für ein liebenswürdiges, himmlisches Mädchen den allerabscheulichsten Menschen
auffinden wollen, wenn er nur zugleich der reichste ist. Seht das arme Geschöpf
vor seinem Schicksale zittern und beben und nirgends Trost finden, als bis ihr
irgendeine erfahrne Freundin begreiflich macht, dass sie durch den Ehestand das
Recht erwerbe, über ihr Herz und ihre Person nach Gefallen disponieren zu
können.«
    »Schweig!« rief Wilhelm; »glaubst du denn, dass ein Verbrechen durch das
andere entschuldigt werden könne? Erzähle, ohne weitere Anmerkungen zu machen!«
    »So hören Sie, ohne mich zu tadeln! Mariane ward wider meinen Willen die
Ihre. Bei diesem Abenteuer habe ich mir wenigstens nichts vorzuwerfen. Norberg
kam zurück, er eilte, Marianen zu sehen, die ihn kalt und verdriesslich aufnahm
und ihm nicht einen Kuss erlaubte. Ich brauchte meine ganze Kunst, um ihr
Betragen zu entschuldigen; ich liess ihn merken, dass ein Beichtvater ihr das
Gewissen geschärft habe, und dass man ein Gewissen, solange es spricht,
respektieren müsse. Ich brachte ihn dahin, dass er ging, und versprach, mein
Bestes zu tun. Er war reich und roh, aber er hatte einen Grund von Gutmütigkeit
und liebte Marianen auf das äusserste. Er versprach mir Geduld, und ich arbeitete
desto lebhafter, um ihn nicht zu sehr zu prüfen. Ich hatte mit Marianen einen
harten Stand; ich überredete sie, ja ich kann sagen, ich zwang sie endlich durch
die Drohung, dass ich sie verlassen würde, an ihren Liebhaber zu schreiben und
ihn auf die Nacht einzuladen. Sie kamen und rafften zufälligerweise seine
Antwort in dem Halstuch auf. Ihre unvermutete Gegenwart hatte mir ein böses
Spiel gemacht. Kaum waren Sie weg, so ging die Qual von neuem an; sie schwur,
dass sie Ihnen nicht untreu werden könne, und war so leidenschaftlich, so ausser
sich, dass sie mir ein herzliches Mitleid ablockte. Ich versprach ihr endlich,
dass ich auch diese Nacht Norbergen beruhigen und ihn unter allerlei Vorwänden
entfernen wollte; ich bat sie, zu Bette zu gehen, allein sie schien mir nicht zu
trauen: sie blieb angezogen und schlief zuletzt, bewegt und ausgeweint, wie sie
war, in ihren Kleidern ein.
    Norberg kam; ich suchte ihn abzuhalten, ich stellte ihm ihre Gewissensbisse,
ihre Reue mit den schwärzesten Farben vor; er wünschte sie nur zu sehen, und ich
ging in das Zimmer, um sie vorzubereiten; er schritt mir nach, und wir traten
beide zu gleicher Zeit vor ihr Bette. Sie erwachte, sprang mit Wut auf und
entriss sich unsern Armen; sie beschwur und bat, sie flehte, drohte und
versicherte, dass sie nicht nachgeben würde. Sie war unvorsichtig genug, über
ihre wahre Leidenschaft einige Worte fallen zu lassen, die der arme Norberg im
geistlichen Sinne deuten musste. Endlich verliess er sie, und sie schloss sich ein.
Ich behielt ihn noch lange bei mir und sprach mit ihm über ihren Zustand, dass
sie guter Hoffnung sei, und dass man das arme Mädchen schonen müsse. Er fühlte
sich so stolz auf seine Vaterschaft, er freute sich so sehr auf einen Knaben,
dass er alles einging, was sie von ihm verlangte, und dass er versprach, lieber
einige Zeit zu verreisen, als seine Geliebte zu ängstigen und ihr durch diese
Gemütsbewegungen zu schaden. Mit diesen Gesinnungen schlich er morgens früh von
mir weg, und Sie, mein Herr, wenn Sie Schildwache gestanden haben, so hätte es
zu Ihrer Glückseligkeit nichts weiter bedurft, als in den Busen Ihres
Nebenbuhlers zu sehen, den Sie so begünstigt, so glücklich hielten, und dessen
Erscheinung Sie zur Verzweiflung brachte.«
    »Redest du wahr?« sagte Wilhelm.
    »So wahr«, sagte die Alte, »als ich noch hoffe, Sie zur Verzweiflung zu
bringen.
    Ja, gewiss Sie würden verzweifeln, wenn ich Ihnen das Bild unsers nächsten
Morgens recht lebhaft darstellen könnte. Wie heiter wachte sie auf! wie
freundlich rief sie mich herein! wie lebhaft dankte sie mir! wie herzlich
drückte sie mich an ihren Busen! Nun, sagte sie, indem sie lächelnd vor den
Spiegel trat darf ich mich wieder an mir selbst, mich an meiner Gestalt freuen,
da ich wieder mir, da ich meinem einzig geliebten Freund angehöre. Wie ist es so
süss, überwunden zu haben! welch eine himmlische Empfindung ist es, seinem Herzen
zu folgen! Wie dank' ich dir, dass du dich meiner angenommen, dass du deine
Klugheit, deinen Verstand auch einmal zu meinem Vorteil angewendet hast! Steh
mir bei und ersinne, was mich ganz glücklich machen kann!
    Ich gab ihr nach, ich wollte sie nicht reizen, ich schmeichelte ihrer
Hoffnung, und sie liebkoste mich auf das anmutigste. Entfernte sie sich einen
Augenblick vom Fenster, so musste ich Wache stehen; denn Sie sollten nun ein für
allemal vorbeigehen, man wollte Sie wenigstens sehen; so ging der ganze Tag
unruhig hin. Nachts zur gewöhnlichen Stunde erwarteten wir Sie ganz gewiss. Ich
passte schon an der Treppe, die Zeit ward mir lang, ich ging wieder zu ihr
hinein. Ich fand sie zu meiner Verwunderung in ihrer Offizierstracht, sie sah
unglaublich heiter und reizend aus Verdien' ich nicht, sagte sie, heute in
Mannstracht zu erscheinen? Habe ich mich nicht brav gehalten? Mein Geliebter
soll mich heute wie das erstemal sehen, ich will ihn so zärtlich und mit mehr
Freiheit an mein Herz drücken als damals: denn bin ich jetzt nicht viel mehr die
Seine als damals, da mich ein edler Entschluss noch nicht frei gemacht hatte?
Aber, fügte sie nach einigem Nachdenken hinzu, noch hab' ich nicht ganz
gewonnen, noch muss ich erst das Äusserste wagen, um seiner wert, um seines
Besitzes gewiss zu sein; ich muss ihm alles entdecken, meinen ganzen Zustand
offenbaren und ihm alsdann überlassen, ob er mich behalten oder verstossen will.
Diese Szene bereite ich ihm, bereite ich mir zu; und wäre sein Gefühl mich zu
verstossen fähig, so würde ich alsdann ganz wieder mir selbst angehören, ich
würde in meiner Strafe meinen Trost finden und alles erdulden, was das Schicksal
mir auferlegen wollte.
    Mit diesen Gesinnungen, mit diesen Hoffnungen, mein Herr, erwartete Sie das
liebenswürdige Mädchen; Sie kamen nicht. O! wie soll ich den Zustand des Wartens
und Hoffens beschreiben? Ich sehe dich noch vor mir, mit welcher Liebe, mit
welcher Inbrunst du von dem Manne sprachst, dessen Grausamkeit du noch nicht
erfahren hattest!«
    »Gute, liebe Barbara«, rief Wilhelm, indem er aufsprang und die Alte bei der
Hand fasste, »es ist nun genug der Verstellung, genug der Vorbereitung! Dein
gleichgültiger, dein ruhiger, dein zufriedener Ton hat dich verraten. Gib mir
Marianen wieder! sie lebt, sie ist in der Nähe. Nicht umsonst hast du diese
späte, einsame Stunde zu deinem Besuche gewählt, nicht umsonst hast du mich
durch diese entzückende Erzählung vorbereitet. Wo hast du sie? Wo verbirgst du
sie? Ich glaube dir alles, ich verspreche dir alles zu glauben, wenn du mir sie
zeigst, wenn du sie meinen Armen wiedergibst. Ihren Schatten habe ich schon im
Fluge gesehen, lass mich sie wieder in meine Arme fassen! Ich will vor ihr auf
den Knien liegen, ich will sie um Vergebung bitten, ich will ihr zu ihrem
Kampfe, zu ihrem Siege über sich und dich Glück wünschen, ich will ihr meinen
Felix zuführen. Komm! Wo hast du sie versteckt? Lass sie, lass mich nicht länger
in Ungewissheit. Dein Endzweck ist erreicht. Wo hast du sie verborgen? Komm, dass
ich sie mit diesem Licht beleuchte! dass ich wieder ihr holdes Angesicht sehe!«
    Er hatte die Alte vom Stuhl aufgezogen, sie sah ihn starr an, die Tränen
stürzten ihr aus den Augen, und ein ungeheurer Schmerz ergriff sie. »Welch ein
unglücklicher Irrtum«, rief sie aus, »lässt Sie noch einen Augenblick hoffen!« -
»Ja, ich habe sie verborgen, aber unter die Erde, weder das Licht der Sonne noch
eine vertrauliche Kerze wird ihr holdes Angesicht jemals wieder erleuchten.
Führen Sie den guten Felix an ihr Grab und sagen Sie ihm, da liegt deine Mutter,
die dein Vater ungehört verdammt hat. Das liebe Herz schlägt nicht mehr vor
Ungeduld, Sie zu sehen, nicht etwa in einer benachbarten Kammer wartet sie auf
den Ausgang meiner Erzählung oder meines Märchens; die dunkle Kammer hat sie
aufgenommen, wohin kein Bräutigam folgt, woraus man keinem Geliebten
entgegengeht.«
    Sie warf sich auf die Erde an einem Stuhle nieder und weinte bitterlich;
Wilhelm war zum erstenmal völlig überzeugt, dass Mariane tot sei; er befand sich
in einem traurigen Zustande. Die Alte richtete sich auf. »Ich habe Ihnen weiter
nichts zu sagen«, rief sie und warf ein Paket auf den Tisch. »Hier diese
Briefschaften mögen völlig Ihre Grausamkeit beschämen; lesen Sie diese Blätter
mit trocknen Augen durch, wenn es Ihnen möglich ist.« Sie schlich leise fort,
und Wilhelm hatte diese Nacht das Herz nicht, die Brieftasche zu öffnen, er
hatte sie selbst Marianen geschenkt, er wusste, dass sie jedes Blättchen, das sie
von ihm erhalten hatte, sorgfältig darin aufhob. Den andern Morgen vermochte er
es über sich; er löste das Band, und es fielen ihm kleine Zettelchen, mit
Bleistift von seiner eigenen Hand geschrieben, entgegen und riefen ihm jede
Situation von dem ersten Tage ihrer anmutigen Bekanntschaft bis zu dem letzten
ihrer grausamen Trennung wieder herbei. Allein nicht ohne die lebhaftesten
Schmerzen durchlas er eine kleine Sammlung von Billetten, die an ihn geschrieben
waren, und die, wie er aus dem Inhalt sah, von Wernern waren zurückgewiesen
worden.
»Keines meiner Blätter hat bis zu Dir durchdringen können; mein Bitten und
Flehen hat Dich nicht erreicht; hast Du selbst diese grausamen Befehle gegeben?
Soll ich Dich nie wiedersehen? Noch einmal versuch' ich es, ich bitte Dich:
komm, o komm! ich verlange Dich nicht zu behalten, wenn ich Dich nur noch einmal
an mein Herz drücken kann.«
»Wenn ich sonst bei Dir sass, Deine Hände hielt, Dir in die Augen sah und mit
vollem Herzen der Liebe und des Zutrauens zu Dir sagte Lieber, lieber, guter
Mann!, das hörtest Du so gern, ich musst' es Dir so oft wiederholen, ich
wiederhole es noch einmal: Lieber, lieber, guter Mann! sei gut, wie Du warst,
komm und lass mich nicht in meinem Elende verderben!«
»Du hältst mich für schuldig, ich bin es auch, aber nicht, wie Du denkst. Komm,
damit ich nur den einzigen Trost habe, von Dir ganz gekannt zu sein, es gehe mir
nachher, wie es wolle.«
»Nicht um meinetwillen allein, auch um Dein selbst willen fleh' ich Dich an, zu
kommen. Ich fühle die unerträglichen Schmerzen, die Du leidest, indem Du mich
fliehst; komm, dass unsere Trennung weniger grausam werde! Ich war vielleicht nie
Deiner würdig, als eben in dem Augenblick, da Du mich in ein grenzenloses Elend
zurückstössest.«
»Bei allem, was heilig ist, bei allem, was ein menschliches Herz rühren kann,
ruf' ich Dich an! Es ist um eine Seele, es ist um ein Leben zu tun, um zwei
Leben, von denen Dir eins ewig teuer sein muss. Dein Argwohn wird auch das nicht
glauben, und doch werde ich es in der Stunde des Todes aussprechen: das Kind,
das ich unter dem Herzen trage, ist Dein. Seitdem ich Dich liebe, hat kein
anderer mir auch nur die Hand gedrückt; dass Deine Liebe, dass Deine
Rechtschaffenheit die Gefährten meiner Jugend gewesen wären!«
»Du willst mich nicht hören? so muss ich denn zuletzt wohl verstummen, aber diese
Blätter sollen nicht untergehen, vielleicht können sie noch zu Dir sprechen,
wenn das Leichentuch schon meine Lippe bedeckt, und wenn die Stimme Deiner Reue
nicht mehr zu meinem Ohre reichen kann. Durch mein trauriges Leben bis an den
letzten Augenblick wird das mein einziger Trost sein: dass ich ohne Schuld gegen
Dich war, wenn ich mich auch nicht unschuldig nennen durfte.«
Wilhelm konnte nicht weiter; er überliess sich ganz seinem Schmerz, aber noch
mehr war er bedrängt, als Laertes hereintrat, dem er seine Empfindungen zu
verbergen suchte. Dieser brachte einen Beutel mit Dukaten hervor, zählte und
rechnete und versicherte Wilhelmen, es sei nichts Schöneres in der Welt, als
wenn man eben auf dem Wege sei, reich zu werden; es könne uns auch alsdann
nichts stören oder abhalten. Wilhelm erinnerte sich seines Traums und lächelte;
aber zugleich gedachte er auch mit Schaudern, dass in jenem Traumgesichte Mariane
ihn verlassen, um seinem verstorbenen Vater zu folgen, und dass beide zuletzt wie
Geister schwebend sich um den Garten bewegt hatten.
    Laertes riss ihn aus seinem Nachdenken und führte ihn auf ein Kaffeehaus, wo
sich sogleich mehrere Personen um ihn versammelten, die ihn sonst gern auf dem
Teater gesehen hatten; sie freuten sich seiner Gegenwart, bedauerten aber, dass
er, wie sie hörten, die Bühne verlassen wolle; sie sprachen so bestimmt und
vernünftig von ihm und seinem Spiele, von dem Grade seines Talents, von ihren
Hoffnungen, dass Wilhelm nicht ohne Rührung zuletzt ausrief: »O wie unendlich
wert wäre mir diese Teilnahme vor wenig Monaten gewesen! Wie belehrend und wie
erfreuend! Niemals hätte ich mein Gemüt so ganz von der Bühne abgewendet, und
niemals wäre ich so weit gekommen, am Publiko zu verzweifeln.«
    »Dazu sollte es überhaupt nicht kommen«, sagte ein ältlicher Mann, der
hervortrat; »das Publikum ist gross, wahrer Verstand und wahres Gefühl sind nicht
so selten, als man glaubt; nur muss der Künstler niemals einen unbedingten
Beifall für das, was er hervorbringt, verlangen; denn eben der unbedingte ist am
wenigsten wert, und den bedingten wollen die Herren nicht gerne. Ich weiss wohl,
im Leben wie in der Kunst muss man mit sich zu Rate gehen, wenn man etwas tun und
hervorbringen soll; wenn es aber getan und vollendet ist, so darf man mit
Aufmerksamkeit nur viele hören, und man kann sich mit einiger Übung aus diesen
vielen Stimmen gar bald ein ganzes Urteil zusammensetzen; denn diejenigen, die
uns die Mühe ersparen könnten, halten sich meist stille genug.«
    »Das sollten sie eben nicht!« sagte Wilhelm. »Ich habe so oft gehört, dass
Menschen, die selbst über gute Werke schwiegen, doch beklagten und bedauerten,
dass geschwiegen wird.«
    »So wollen wir heute laut werden«, rief ein junger Mann, »Sie müssen mit uns
speisen, und wir wollen alles einholen, was wir Ihnen und manchmal der guten
Aurelie schuldig geblieben sind.«
    Wilhelm lehnte die Einladung ab und begab sich zu Madame Melina, die er
wegen der Kinder sprechen wollte, indem er sie von ihr wegzunehmen gedachte.
    Das Geheimnis der Alten war nicht zum besten bei ihm verwahrt. Er verriet
sich, als er den schönen Felix wieder ansichtig ward. »O, mein Kind!« rief er
aus, »mein liebes Kind!« Er hub ihn auf und drückte ihn an sein Herz. »Vater!
was hast du mir mitgebracht?« rief das Kind. Mignon sah beide an, als wenn sie
warnen wollte, sich nicht zu verraten.
    »Was ist das für eine neue Erscheinung?« sagte Madame Melina. Man suchte die
Kinder beiseitezubringen, und Wilhelm, der der Alten das strengste Geheimnis
nicht schuldig zu sein glaubte, entdeckte seiner Freundin das ganze Verhältnis.
Madame Melina sah ihn lächelnd an. »O! über die leichtgläubigen Männer!« rief
sie aus; »wenn nur etwas auf ihrem Wege ist, so kann man es ihnen sehr leicht
aufbürden aber dafür sehen sie sich auch ein andermal weder rechts noch links um
und wissen nichts zu schätzen, als was sie vorher mit dem Stempel einer
willkürlichen Leidenschaft bezeichnet haben.« Sie konnte einen Seufzer nicht
unterdrücken, und wenn Wilhelm nicht ganz blind gewesen wäre, so hätte er eine
nie ganz besiegte Neigung in ihrem Betragen erkennen müssen.
    Er sprach nunmehr mit ihr von den Kindern, wie er Felix bei sich zu behalten
und Mignon auf das Land zu tun gedächte. Frau Melina, ob sie sich gleich ungerne
von beiden zugleich trennte, fand doch den Vorschlag gut, ja notwendig. Felix
verwilderte bei ihr, und Mignon schien einer freien Luft und anderer
Verhältnisse zu bedürfen; das gute Kind war kränklich und konnte sich nicht
erholen.
    »Lassen Sie sich nicht irren«, fuhr Madame Melina fort, »dass ich einige
Zweifel, ob Ihnen der Knabe wirklich zugehöre, leichtsinnig geäussert habe. Der
Alten ist freilich wenig zu trauen; doch wer Unwahrheit zu seinem Nutzen
ersinnt, kann auch einmal wahr reden, wenn ihm die Wahrheiten nützlich scheinen.
Aurelien hatte die Alte vorgespiegelt, Felix sei ein Sohn Lotarios, und die
Eigenheit haben wir Weiber, dass wir die Kinder unserer Liebhaber recht herzlich
lieben, wenn wir schon die Mutter nicht kennen oder sie von Herzen hassen.«
Felix kam hereingesprungen, sie drückte ihn an sich, mit einer Lebhaftigkeit die
ihr sonst nicht gewöhnlich war.
    Wilhelm eilte nach Hause und bestellte die Alte, die ihn jedoch nicht eher
als in der Dämmerung, zu besuchen versprach; er empfing sie verdriesslich und
sagte zu ihr: »Es ist nichts Schändlichers in der Welt, als sich auf Lügen und
Märchen einzurichten! Schon hast du viel Böses damit gestiftet, und jetzt, da
dein Wort das Glück meines Lebens entscheiden könnte, jetzt steh' ich
zweifelhaft und wage nicht, das Kind in meine Arme zu schliessen, dessen
ungetrübter Besitz mich äusserst glücklich machen würde. Ich kann dich,
schändliche Kreatur, nicht ohne Hass und Verachtung ansehen.«
    »Euer Betragen kommt mir, wenn ich aufrichtig reden soll«, versetzte die
Alte, »ganz unerträglich vor. Und wenn's nun Euer Sohn nicht wäre, so ist es das
schönste, angenehmste Kind von der Welt, das man gern für jeden Preis kaufen
möchte, um es nur immer um sich zu haben. Ist es nicht wert, dass Ihr Euch seiner
annehmt? Verdiene ich für meine Sorgfalt, für meine Mühe mit ihm nicht einen
kleinen Unterhalt für mein künftiges Leben? O ihr Herren, denen nichts abgeht,
ihr habt gut von Wahrheit und Geradheit reden; aber wie eine arme Kreatur, deren
geringstem Bedürfnis nichts entgegenkommt, die in ihren Verlegenheiten keinen
Freund, keinen Rat, keine Hülfe sieht, wie die sich durch die selbstischen
Menschen durchdrücken und im stillen darben muss - davon würde manches zu sagen
sein, wenn ihr hören wolltet und könntet. Haben Sie Marianens Briefe gelesen? Es
sind dieselben, die sie zu jener unglücklichen Zeit schrieb. Vergebens suchte
ich mich Ihnen zu nähern, vergebens Ihnen diese Blätter zuzustellen; Ihr
grausamer Schwager hatte Sie so umlagert, dass alle List und Klugheit vergebens
war, und zuletzt, als er mir und Marianen mit dem Gefängnis drohte, musste ich
wohl alle Hoffnung aufgeben. Trifft nicht alles mit dem überein, was ich erzählt
habe? Und setzt nicht Norbergs Brief die ganze Geschichte ausser allen Zweifel?«
    »Was für ein Brief?« fragte Wilhelm.
    »Haben Sie ihn nicht in der Brieftasche gefunden?« fragte die Alte.
    »Ich habe noch nicht alles durchlesen.«
    »Geben Sie nur die Brieftasche her! auf dieses Dokument kommt alles an.
Norbergs unglückliches Billett hat die traurige Verwirrung gemacht, ein anderes
von seiner Hand mag auch den Knoten lösen, insofern am Faden noch etwas gelegen
ist.« Sie nahm ein Blatt aus der Brieftasche, Wilhelm erkannte jene verhasste
Hand, er nahm sich zusammen und las:
    »Sag' mir nur, Mädchen, wie vermagst Du das über mich? Hätt' ich doch nicht
geglaubt, dass eine Göttin selbst mich zum seufzenden Liebhaber umschaffen
könnte. Anstatt mir mit offenen Armen entgegenzueilen, ziehst Du Dich zurück;
man hätte es wahrhaftig für Abscheu nehmen können, wie Du Dich betrugst. Ist's
erlaubt, dass ich die Nacht mit der alten Barbara auf einem Koffer in einer
Kammer zubringen musste? Und mein geliebtes Mädchen war nur zwei Türen davon. Es
ist zu toll, sag' ich Dir! Ich habe versprochen, Dir einige Bedenkzeit zu
lassen, nicht gleich in Dich zu dringen, und ich möchte rasend werden über jede
verlorne Viertelstunde. Habe ich Dir nicht geschenkt, was ich wusste und konnte?
Zweifelst Du noch an meiner Liebe? Was willst Du haben? sag' es mir! Es soll Dir
an nichts fehlen. Ich wollte, der Pfaffe müsste verstummen und verblinden, der
Dir solches Zeug in den Kopf gesetzt hat. Musstest Du auch gerade an so einen
kommen! Es gibt so viele, die jungen Leuten etwas nachzusehen wissen. Genug, ich
sage Dir, es muss anders werden, in ein paar Tagen muss ich Antwort wissen; denn
ich gehe bald wieder weg, und wenn Du nicht wieder freundlich und gefällig bist,
so sollst Du mich nicht wiedersehen...«
    In dieser Art ging der Brief noch lange fort, drehte sich zu Wilhelms
schmerzlicher Zufriedenheit immer um denselben Punkt herum und zeugte für die
Wahrheit der Geschichte, die er von Barbara vernommen hatte. Ein zweites Blatt
bewies deutlich, dass Mariane auch in der Folge nicht nachgegeben hatte, und
Wilhelm vernahm aus diesen und mehreren Papieren nicht ohne tiefen Schmerz die
Geschichte des unglücklichen Mädchens bis zur Stunde ihres Todes.
    Die Alte hatte den rohen Menschen nach und nach zahm gemacht, indem sie ihm
den Tod Marianens meldete und ihm den Glauben liess, als wenn Felix sein Sohn
sei; er hatte ihr einigemal Geld geschickt, das sie aber für sich behielt, da
sie Aurelien die Sorge für des Kindes Erziehung aufgeschwatzt hatte. Aber leider
dauerte dieser heimliche Erwerb nicht lange. Norberg hatte durch ein wildes
Leben den grössten Teil seines Vermögens verzehrt und wiederholte
Liebesgeschichten sein Herz gegen seinen ersten, eingebildeten Sohn verhärtet.
    So wahrscheinlich das alles lautete, und so schön es zusammentraf, traute
Wilhelm doch noch nicht, sich der Freude zu überlassen; er schien sich vor einem
Geschenke zu fürchten, das ihm ein böser Genius darreichte.
    »Ihre Zweifelsucht«, sagte die Alte, die seine Gemütsstimmung erriet, »kann
nur die Zeit heilen. Sehen Sie das Kind als ein fremdes an, und geben Sie desto
genauer auf ihn acht, bemerken Sie seine Gaben, seine Natur, seine Fähigkeiten,
und wenn Sie nicht nach und nach sich selbst wiedererkennen, so müssen Sie
schlechte Augen haben. Denn das versichere ich Sie, wenn ich ein Mann wäre, mir
sollte niemand ein Kind unterschieben; aber es ist ein Glück für die Weiber, dass
die Männer in diesen Fällen nicht so scharfsichtig sind.«
    Nach allem diesen setzte sich Wilhelm mit der Alten auseinander; er wollte
den Felix mit sich nehmen, sie wollte Mignon zu Teresen bringen und hernach
eine kleine Pension, die er ihr versprach, wo sie wollte, verzehren.
    Er liess Mignon rufen, um sie auf diese Veränderung vorzubereiten. -
»Meister«, sagte sie, »behalte mich bei dir! es wird mir wohl tun und weh.«
    Er stellte ihr vor, dass sie nun herangewachsen sei, und dass doch etwas für
ihre weitere Bildung getan werden müsse. - »Ich bin gebildet genug«, versetzte
sie, »um zu lieben und zu trauern.«
    Er machte sie auf ihre Gesundheit aufmerksam, dass sie eine anhaltende
Sorgfalt und die Leitung eines geschickten Arztes bedürfe. - »Warum soll man für
mich sorgen«, sagte sie, »da so viel zu sorgen ist?«
    Nachdem er sich viele Mühe gegeben, sie zu überzeugen, dass er sie jetzt
nicht mit sich nehmen könne, dass er sie zu Personen bringen wolle, wo er sie
öfters sehen werde, schien sie von alledem nichts gehört zu haben. »Du willst
mich nicht bei dir?« sagte sie. »Vielleicht ist es besser, schicke mich zum
alten Harfenspieler! der arme Mann ist so allein.«
    Wilhelm suchte ihr begreiflich zu machen, dass der Alte gut aufgehoben sei. -
»Ich sehne mich jede Stunde nach ihm«, versetzte das Kind.
    »Ich habe aber nicht bemerkt«, sagte Wilhelm, »dass du ihm so geneigt seist,
als er noch mit uns lebte.«
    »Ich fürchtete mich vor ihm, wenn er wachte; ich konnte nur seine Augen
nicht sehen; aber wenn er schlief, setzte ich mich gern zu ihm, ich wehrte ihm
die Fliegen und konnte mich nicht satt an ihm sehen. O! er hat mir in
schrecklichen Augenblicken beigestanden, es weiss niemand, was ich ihm schuldig
bin. Hätt' ich nur den Weg gewusst, ich wäre schon zu ihm gelaufen.«
    Wilhelm stellte ihr die Umstände weitläufig vor und sagte: sie sei so ein
vernünftiges Kind, sie möchte doch auch diesmal seinen Wünschen folgen. - »Die
Vernunft ist grausam«, versetzte sie, »das Herz ist besser. Ich will hingehen,
wohin du willst, aber lass mir deinen Felix!«
    Nach vielem Hin- und Widerreden war sie immer auf ihrem Sinne geblieben, und
Wilhelm musste sich zuletzt entschliessen, die beiden Kinder der Alten zu
übergeben und sie zusammen an Fräulein Terese zu schicken. Es ward ihm das um
so leichter, als er sich noch immer fürchtete, den schönen Felix sich als seinen
Sohn zuzueignen. Er nahm ihn auf den Arm und trug ihn herum; das Kind mochte
gern vor den Spiegel gehoben sein, und ohne sich es zu gestehen, trug Wilhelm
ihn gern vor den Spiegel und suchte dort Ähnlichkeiten zwischen sich und dem
Kinde auszuspähen. Ward es ihm dann einen Augenblick recht wahrscheinlich, so
drückte er den Knaben an seine Brust, aber auf einmal, erschreckt durch den
Gedanken, dass er sich betrügen könne, setzte er das Kind nieder und liess es
hinlaufen. »O!« rief er aus, »wenn ich mir dieses unschätzbare Gut zueignen
könnte, und es würde mir dann entrissen, so wäre ich der unglücklichste aller
Menschen«
    Die Kinder waren weggefahren, und Wilhelm wollte nun seinen förmlichen
Abschied vom Teater nehmen, als er fühlte, dass er schon abgeschieden sei und
nur zu gehen brauchte. Mariane war nicht mehr, seine zwei Schutzgeister hatten
sich entfernt, und seine Gedanken eilten ihnen nach. Der schöne Knabe schwebte
wie eine reizende ungewisse Erscheinung vor seiner Einbildungskraft, er sah ihn
an Teresens Hand durch Felder und Wälder laufen, in der freien Luft und neben
einer freien und heitern Begleiterin sich bilden; Terese war ihm noch viel
werter geworden, seitdem er das Kind in ihrer Gesellschaft dachte. Selbst als
Zuschauer im Teater erinnerte er sich ihrer mit Lächeln; beinahe war er in
ihrem Falle, die Vorstellungen machten ihm keine Illusion mehr.
    Serlo und Melina waren äusserst höflich gegen ihn, sobald sie merkten, dass er
an seinen vorigen Platz keinen weitern Anspruch machte. Ein Teil des Publikums
wünschte ihn nochmals auftreten zu sehen; es wäre ihm unmöglich gewesen, und bei
der Gesellschaft wünschte es niemand als allenfalls Frau Melina.
    Er nahm nun wirklich Abschied von dieser Freundin, er war gerührt und sagte:
»Wenn doch der Mensch sich nicht vermessen wollte, irgend etwas für die Zukunft
zu versprechen! Das Geringste vermag er nicht zu halten, geschweige wenn sein
Vorsatz von Bedeutung ist. Wie schäme ich mich, wenn ich denke, was ich Ihnen
allen zusammen in jener unglücklichen Nacht versprach, da wir beraubt, krank,
verletzt und verwundet in eine elende Schenke zusammengedrängt waren. Wie
erhöhte damals das Unglück meinen Mut, und welchen Schatz glaubte ich in meinem
guten Willen zu finden; nun ist aus allem dem nichts, gar nichts geworden! Ich
verlasse Sie als Ihr Schuldner, und mein Glück ist, dass man mein Versprechen
nicht mehr achtete, als es wert war, und dass niemand mich jemals deshalb gemahnt
hat.«
    »Sein Sie nicht ungerecht gegen sich selbst!« versetzte Frau Melina; »wenn
niemand erkennt, was Sie für uns getan hatten, so werde ich es nicht verkennen;
denn unser ganzer Zustand wäre völlig anders, wenn wir Sie nicht besessen
hätten. Geht es doch unsern Vorsätzen wie unsern Wünschen: sie sehen sich gar
nicht mehr ähnlich, wenn sie ausgeführt, wenn sie erfüllt sind, und wir glauben
nichts getan, nichts erlangt zu haben.«
    »Sie werden«, versetzte Wilhelm, »durch Ihre freundschaftliche Auslegung
mein Gewissen nicht beruhigen, und ich werde mir immer als Ihr Schuldner
vorkommen.«
    »Es ist auch wohl möglich, dass Sie es sind«, versetzte Madame Melina, »nur
nicht auf die Art, wie Sie es denken. Wir rechnen uns zur Schande, ein
Versprechen nicht zu erfüllen, das wir mit dem Munde getan haben. O, mein
Freund, ein guter Mensch verspricht durch seine Gegenwart nur immer zu viel! Das
Vertrauen, das er hervorlockt, die Neigung, die er einflösst, die Hoffnungen, die
er erregt, sind unendlich; er wird und bleibt ein Schuldner, ohne es zu wissen.
Leben Sie wohl! Wenn unsere äusseren Umstände sich unter Ihrer Leitung recht
glücklich hergestellt haben, so entsteht in meinem Innern durch Ihren Abschied
eine Lücke, die sich so leicht nicht wieder ausfüllen wird.«
    Wilhelm schrieb vor seiner Abreise aus der Stadt noch einen weitläufigen
Brief an Wernern. Sie hatten zwar einige Briefe gewechselt, aber weil sie nicht
einig werden konnten, hörten sie zuletzt auf zu schreiben. Nun hatte sich
Wilhelm wieder genähert; er war im Begriff, dasjenige zu tun, was jener so sehr
wünschte, er konnte sagen: »Ich verlasse das Teater und verbinde mich mit
Männern, deren Umgang mich in jedem Sinne zu einer reinen und sichern Tätigkeit
führen muss.« Er erkundigte sich nach seinem Vermögen, und es schien ihm nunmehr
sonderbar, dass er so lange sich nicht darum bekümmert hatte. Er wusste nicht, dass
es die Art aller der Menschen sei, denen an ihrer innern Bildung viel gelegen
ist, dass sie die äusseren Verhältnisse ganz und gar vernachlässigen. Wilhelm
hatte sich in diesem Falle befunden; er schien nunmehr zum erstenmal zu merken,
dass er äusserer Hülfsmittel bedürfe, um nachhaltig zu wirken. Er reiste fort mit
einem ganz andern Sinn als das erste Mal; die Aussichten, die sich ihm zeigten,
waren reizend, und er hoffte auf seinem Wege etwas Frohes zu erleben.
 
                                Neuntes Kapitel
Als er nach Lotarios Gut zurückkam, fand er eine grosse Veränderung. Jarno kam
ihm entgegen mit der Nachricht, dass der Oheim gestorben, dass Lotario
hingegangen sei, die hinterlassenen Güter in Besitz zu nehmen. »Sie kommen eben
zur rechten Zeit«, sagte er, »um mir und dem Abbé beizustehen. Lotario hat uns
den Handel um wichtige Güter in unserer Nachbarschaft aufgetragen; es war schon
lange vorbereitet, und nun finden wir Geld und Kredit eben zur rechten Stunde.
Das einzige war dabei bedenklich, dass ein auswärtiges Handelshaus auch schon auf
dieselben Güter Absicht hatte; nun sind wir kurz und gut entschlossen, mit jenem
gemeine Sache zu machen, denn sonst hätten wir uns ohne Not und Vernunft
hinaufgetrieben. Wir haben, so scheint es, mit einem klugen Manne zu tun. Nun
machen wir Calculs und Anschläge; auch muss ökonomisch überlegt werden, wie wir
die Güter teilen können, so dass jeder ein schönes Besitztum erhält.« Es wurden
Wilhelmen die Papiere vorgelegt, man besah die Felder, Wiesen, Schlösser, und
obgleich Jarno und der Abbé die Sache sehr gut zu verstehen schienen, so
wünschte Wilhelm doch, dass Fräulein Terese von der Gesellschaft sein möchte.
    Sie brachten mehrere Tage mit diesen Arbeiten zu, und Wilhelm hatte kaum
Zeit, seine Abenteuer und seine zweifelhafte Vaterschaft den Freunden zu
erzählen, die eine ihm so wichtige Begebenheit gleichgültig und leichtsinnig
behandelten.
    Er hatte bemerkt, dass sie manchmal in vertrauten Gesprächen bei Tische und
auf Spaziergängen auf einmal innehielten, ihren Worten eine andere Wendung gaben
und dadurch wenigstens anzeigten, dass sie unter sich manches anzutun hatten, das
ihm verborgen sei. Er erinnerte sich an das, was Lydie gesagt hatte, und glaubte
um so mehr daran, als eine ganze Seite des Schlosses vor ihm immer unzugänglich
gewesen war. Zu gewissen Galerien und besonders zu dem alten Turm, den er von
aussen recht gut kannte, hatte er bisher vergebens Weg und Eingang gesucht.
    Eines Abends sagte Jarno zu ihm: »Wir können Sie nun so sicher als den
Unsern ansehen, dass es unbillig wäre, wenn wir Sie nicht tiefer in unsere
Geheimnisse einführten. Es ist gut, dass der Mensch, der erst in die Welt tritt,
viel von sich halte, dass er sich viele Vorzüge zu erwerben denke, dass er alles
möglich zu machen suche; aber wenn seine Bildung auf einem gewissen Grade steht,
dann ist es vorteilhaft, wenn er sich in einer grössern Masse verlieren lernt,
wenn er lernt, um anderer willen zu leben und seiner selbst in einer
pflichtmässigen Tätigkeit zu vergessen. Da lernt er erst sich selber kennen; denn
das Handeln eigentlich vergleicht uns mit andern. Sie sollen bald erfahren,
welch eine kleine Welt sich in Ihrer Nähe befindet, und wie gut Sie in dieser
kleinen Welt gekannt sind; morgen früh vor Sonnenaufgang sein Sie angezogen und
bereit!«
    Jarno kam zur bestimmten Stunde und führte ihn durch bekannte und unbekannte
Zimmer des Schlosses, dann durch einige Galerien, und sie gelangten endlich vor
eine grosse alte Türe, die stark mit Eisen beschlagen war. Jarno pochte, die Türe
tat sich ein wenig auf, so dass ein Mensch hineinschlüpfen konnte. Jarno schob
Wilhelmen hinein, ohne ihm zu folgen. Dieser fand sich in einem dunkeln und
engen Behältnisse, es war finster um ihn, und als er einen Schritt vorwärts
gehen wollte, stiess er schon wider. Eine nicht ganz unbekannte Stimme rief ihm
zu: »Tritt herein!« und nun bemerkte er erst, dass die Seiten des Raums, in dem
er sich befand, nur mit Teppichen behangen waren, durch welche ein schwaches
Licht hindurchschimmerte. »Tritt herein!« rief es nochmals; er hob den Teppich
auf und trat hinein.
    Der Saal, in dem er sich nunmehr befand, schien ehemals eine Kapelle gewesen
zu sein; anstatt des Altars stand ein grosser Tisch auf einigen Stufen, mit einem
grünen Teppich behangen, darüber schien ein zugezogener Vorhang ein Gemälde zu
bedecken; an den Seiten waren schön gearbeitete Schränke mit feinen Drahtgittern
verschlossen, wie man sie in Biblioteken zu sehen pflegt, nur sah er anstatt
der Bücher viele Rollen aufgestellt. Niemand befand sich in dem Saal; die
aufgehende Sonne fiel durch die farbigen Fenster Wilhelmen gerade entgegen und
begrüsste ihn freundlich.
    »Setze dich!« rief eine Stimme, die von dem Altar herzu tönen schien.
Wilhelm setzte sich auf einen kleinen Armstuhl, der wider den Verschlag des
Eingangs stand; es war kein anderer Sitz im ganzen Zimmer, er musste sich darein
ergeben, ob ihn schon die Morgensonne blendete; der Sessel stand fest, er konnte
nur die Hand vor die Augen halten.
    Indem eröffnete sich mit einem kleinen Geräusche der Vorhang über dem Altar
und zeigte innerhalb eines Rahmens eine leere, dunkle Öffnung. Es trat ein Mann
hervor in gewöhnlicher Kleidung, der ihn begrüsste und zu ihm sagte: »Sollten Sie
mich nicht wiedererkennen? Sollten Sie unter andern Dingen, die Sie wissen
möchten, nicht auch zu erfahren wünschen, wo die Kunstsammlung Ihres Grossvaters
sich gegenwärtig befindet? Erinnern Sie sich des Gemäldes nicht mehr, das Ihnen
so reizend war? Wo mag der kranke Königssohn wohl jetzo schmachten?« - Wilhelm
erkannte leicht den Fremden, der in jener bedeutenden Nacht sich mit ihm im
Gastause unterhalten hatte. »Vielleicht«, fuhr dieser fort, »können wir jetzt
über Schicksal und Charakter eher einig werden.«
    Wilhelm wollte eben antworten, als der Vorhang sich wieder rasch
zusammenzog. »Sonderbar!« sagte er bei sich selbst, »sollten zufällige
Ereignisse einen Zusammenhang haben? Und das, was wir Schicksal nennen, sollte
es bloss Zufall sein? Wo mag sich meines Grossvaters Sammlung befinden? und warum
erinnert man mich in diesen feierlichen Augenblicken daran?«
    Er hatte nicht Zeit, weiter zu denken, denn der Vorhang öffnete sich wieder,
und ein Mann stand vor seinen Augen, den er sogleich für den Landgeistlichen
erkannte, der mit ihm und der lustigen Gesellschaft jene Wasserfahrt gemacht
hatte; er glich dem Abbé, ob er gleich nicht dieselbe Person schien. Mit einem
heitern Gesichte und einem würdigen Ausdruck fing der Mann an: »Nicht vor Irrtum
zu bewahren, ist die Pflicht des Menschenerziehers, sondern den Irrenden zu
leiten, ja ihn seinen Irrtum aus vollen Bechern ausschlürfen zu lassen, das ist
Weisheit der Lehrer. Wer seinen Irrtum nur kostet, hält lange damit haus, er
freuet sich dessen als eines seltenen Glücks, aber wer ihn ganz erschöpft, der
muss ihn kennen lernen, wenn er nicht wahnsinnig ist.« Der Vorhang schloss sich
abermals, und Wilhelm hatte Zeit, nachzudenken. »Von welchem Irrtum kann der
Mann sprechen«, sagte er zu sich selbst, »als von dem, der mich mein ganzes
Leben verfolgt hat, dass ich da Bildung suchte, wo keine zu finden war, dass ich
mir einbildete, ein Talent erwerben zu können, zu dem ich nicht die geringste
Anlage hatte!«
    Der Vorhang riss sich schneller auf, ein Offizier trat hervor und sagte nur
im Vorbeigehen: »Lernen Sie die Menschen kennen, zu denen man Zutrauen haben
kann!« Der Vorhang schloss sich, und Wilhelm brauchte sich nicht lange zu
besinnen, um diesen Offizier für denjenigen zu erkennen, der ihn in des Grafen
Park umarmt hatte und schuld gewesen war, dass er Jarno für einen Werber hielt.
Wie dieser hierher gekommen und wer er sei, war Wilhelmen völlig ein Rätsel. -
»Wenn so viele Menschen an dir teilnahmen, deinen Lebensweg kannten und wussten,
was darauf zu tun sei, warum führten sie dich nicht strenger? warum nicht
ernster? warum begünstigten sie deine Spiele, anstatt dich davon wegzuführen?«
    »Rechte nicht mit uns!« rief eine Stimme; »du bist gerettet, und auf dem
Wege zum Ziel. Du wirst keine deiner Torheiten bereuen und keine zurückwünschen,
kein glücklicheres Schicksal kann einem Menschen werden.« Der Vorhang riss sich
voneinander, und in voller Rüstung stand der alte König von Dänemark in dem
Raume. »Ich bin der Geist deines Vaters«, sagte das Bildnis, »und scheide
getrost, da meine Wünsche für dich, mehr als ich sie selbst begriff, erfüllt
sind. Steile Gegenden lassen sich nur durch Umwege erklimmen, auf der Ebene
führen gerade Wege von einem Ort zum andern. Lebe wohl und gedenke mein, wenn du
geniessest, was ich dir vorbereitet habe!«
    Wilhelm war äusserst betroffen, er glaubte die Stimme seines Vaters zu hören,
und doch war sie es auch nicht; er befand sich durch die Gegenwart und die
Erinnerung in der verworrensten Lage.
    Nicht lange konnte er nachdenken, als der Abbé hervortrat und sich hinter
den grünen Tisch stellte. »Treten Sie herbei!« rief er seinem verwunderten
Freunde zu. Er trat herbei und stieg die Stufen hinan. Auf dem Teppiche lag eine
kleine Rolle. »Hier ist Ihr Lehrbrief«, sagte der Abbé, »beherzigen Sie ihn, er
ist von wichtigem Inhalt.« Wilhelm nahm ihn auf, öffnete ihn und las:
                                   Lehrbrief
Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urteil schwierig, die Gelegenheit
flüchtig. Handeln ist leicht, Denken schwer; nach dem Gedanken handeln unbequem.
Aller Anfang ist heiter, die Schwelle ist der Platz der Erwartung. Der Knabe
staunt, der Eindruck bestimmt ihn, er lernt spielend, der Ernst überrascht ihn.
Die Nachahmung ist uns angeboren, das Nachzuahmende wird nicht leicht erkannt.
Selten wird das Treffliche gefunden, seltner geschätzt. Die Höhe reizt uns,
nicht die Stufen; den Gipfel im Auge wandeln wir gerne auf der Ebene. Nur ein
Teil der Kunst kann gelehrt werden, der Künstler braucht sie ganz. Wer sie halb
kennt, ist immer irre und redet viel; wer sie ganz besitzt, mag nur tun und
redet selten oder spät. Jene haben keine Geheimnisse und keine Kraft, ihre Lehre
ist, wie gebackenes Brot, schmackhaft und sättigend für einen Tag; aber Mehl
kann man nicht säen, und die Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden. Die
Worte sind gut, sie sind aber nicht das Beste. Das Beste wird nicht deutlich
durch Worte. Der Geist, aus dem wir handeln, ist das Höchste. Die Handlung wird
nur vom Geiste begriffen und wieder dargestellt. Niemand weiss, was er tut, wenn
er recht handelt; aber des Unrechten sind wir uns immer bewusst. Wer bloss mit
Zeichen wirkt, ist ein Pedant, ein Heuchler oder ein Pfuscher. Es sind ihrer
viel, und es wird ihnen wohl zusammen. Ihr Geschwätz hält den Schüler zurück,
und ihre beharrliche Mittelmässigkeit ängstigt die Besten. Des echten Künstlers
Lehre schliesst den Sinn auf; denn wo die Worte fehlen, spricht die Tat. Der
echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln und nähert sich
dem Meister.
»Genug!« rief der Abbé, »das übrige zu seiner Zeit. Jetzt sehen Sie sich in
jenen Schränken um.«
    Wilhelm ging hin und las die Aufschriften der Rollen. Er fand mit
Verwunderung Lotarios Lehrjahre, Jarnos Lehrjahre und seine eigenen Lehrjahre
daselbst aufgestellt, unter vielen andern, deren Namen ihm unbekannt waren.
    »Darf ich hoffen, in die Rollen einen Blick zu werfen?«
    »Es ist für Sie nunmehr in diesem Zimmer nichts verschlossen.«
    »Darf ich eine Frage tun?«
    »Ohne Bedenken! und Sie können entscheidende Antwort erwarten, wenn es eine
Angelegenheit betrifft, die Ihnen zunächst am Herzen liegt und am Herzen liegen
soll.«
    »Gut denn! Ihr sonderbaren und weisen Menschen, deren Blick in so viel
Geheimnisse dringt, könnt ihr mir sagen, ob Felix wirklich mein Sohn sei?«
    »Heil Ihnen über diese Frage!« rief der Abbé, indem er vor Freuden die Hände
zusammenschlug: »Felix ist Ihr Sohn! Bei dem Heiligsten, was unter uns verborgen
liegt, schwör' ich Ihnen, Felix ist Ihr Sohn! und der Gesinnung nach war seine
abgeschiedne Mutter Ihrer nicht unwert. Empfangen Sie das liebliche Kind aus
unserer Hand, kehren Sie sich um, und wagen Sie es, glücklich zu sein!«
    Wilhelm hörte ein Geräusch hinter sich, er kehrte sich um und sah ein
Kindergesicht schalkhaft durch die Teppiche des Eingangs hervorgucken, es war
Felix. Der Knabe versteckte sich sogleich scherzend, als er gesehen wurde. »Komm
hervor!« rief der Abbé. Er kam gelaufen, sein Vater stürzte ihm entgegen, nahm
ihn in die Arme und drückte ihn an sein Herz. »Ja, ich fühl's«, rief er aus, »du
bist mein! Welche Gabe des Himmels habe ich meinen Freunden zu verdanken! Wo
kommst du her, mein Kind, gerade in diesem Augenblick?«
    »Fragen Sie nicht!« sagte der Abbé. »Heil dir, junger Mann! deine Lehrjahre
sind vorüber; die Natur hat dich losgesprochen.«
 
                                  Achtes Buch
                                  Erstes Kapitel
Felix war in den Garten gesprungen, Wilhelm folgte ihm mit Entzücken, der
schönste Morgen zeigte jeden Gegenstand mit neuen Reizen, und Wilhelm genoss den
heitersten Augenblick. Felix war neu in der freien und herrlichen Welt, und sein
Vater nicht viel bekannter mit den Gegenständen, nach denen der Kleine
wiederholt und unermüdet fragte. Sie gesellten sich endlich zum Gärtner, der die
Namen und den Gebrauch mancher Pflanzen hererzählen musste; Wilhelm sah die Natur
durch ein neues Organ, und die Neugierde, die Wissbegierde des Kindes liessen ihn
erst fühlen, welch ein schwaches Interesse er an den Dingen ausser sich genommen
hatte, wie wenig er kannte und wusste. An diesem Tage, dem vergnügtesten seines
Lebens, schien auch seine eigne Bildung erst anzufangen; er fühlte die
Notwendigkeit, sich zu belehren, indem er zu lehren aufgefordert ward.
    Jarno und der Abbé hatten sich nicht wieder sehen lassen; abends kamen sie
und brachten einen Fremden mit. Wilhelm ging ihm mit Erstaunen entgegen, er
traute seinen Augen nicht, es war Werner, der gleichfalls einen Augenblick
anstand, ihn anzuerkennen. Beide umarmten sich aufs zärtlichste, und beide
konnten nicht verbergen, dass sie sich wechselsweise verändert fanden. Werner
behauptete, sein Freund sei grösser, stärker, gerader, in seinem Wesen gebildeter
und in seinem Betragen angenehmer geworden. - »Etwas von seiner alten
Treuherzigkeit vermiss' ich«, setzte er hinzu. - »Sie wird sich auch schon
wieder zeigen, wenn wir uns nur von der ersten Verwunderung erholt haben«, sagte
Wilhelm.
    Es fehlte viel, dass Werner einen gleich vorteilhaften Eindruck auf Wilhelmen
gemacht hätte. Der gute Mann schien eher zurück als vorwärts gegangen zu sein.
Er war viel magerer als ehemals, sein spitzes Gesicht schien feiner, seine Nase
länger zu sein, seine Stirn und sein Scheitel waren von Haaren entblösst, seine
Stimme hell, heftig und schreiend, und seine eingedrückte Brust, seine
vorfallenden Schultern, seine farblosen Wangen liessen keinen Zweifel übrig, dass
ein arbeitsamer Hypochondrist gegenwärtig sei.
    Wilhelm war bescheiden genug, um sich über diese grosse Veränderung sehr
mässig zu erklären, da der andere hingegen seiner freundschaftlichen Freude
völligen Lauf liess. »Wahrhaftig!« rief er aus, »wenn du deine Zeit schlecht
angewendet und, wie ich vermute, nichts gewonnen hast, so bist du doch indessen
ein Persönchen geworden; das sein Glück machen kann und muss; verschlendere und
verschleudere nur auch das nicht wieder! du sollst mir mit dieser Figur eine
reiche und schöne Erbin erkaufen.« - »Du wirst doch«, versetzte Wilhelm
lächelnd, »deinen Charakter nicht verleugnen! kaum findest du nach langer Zeit
deinen Freund wieder, so siehst du ihn schon als eine Ware, als einen Gegenstand
deiner Spekulation an, mit dem sich etwas gewinnen lässt.«
    Jarno und der Abbé schienen über diese Erkennung keinesweges verwundert und
liessen beide Freunde sich nach Belieben über das Vergangene und Gegenwärtige
ausbreiten. Werner ging um seinen Freund herum, drehte ihn hin und her, so dass
er ihn fast verlegen machte. »Nein! nein!« rief er aus, »so was ist mir noch
nicht vorgekommen, und doch weiss ich wohl, dass ich mich nicht betrüge. Deine
Augen sind tiefer, deine Stirne ist breiter, deine Nase feiner und dein Mund
liebreicher geworden. Seht nur einmal, wie er steht! wie das alles passt und
zusammenhängt! Wie doch das Faulenzen gedeihet! Ich armer Teufel dagegen« - er
besah sich im Spiegel -, »wenn ich diese Zeit her nicht recht viel Geld gewonnen
hätte, so wäre doch auch gar nichts an mir.«
    Werner hatte Wilhelms letzten Brief nicht empfangen; ihre Handlung war das
fremde Haus, mit welchem Lotario die Güter in Gemeinschaft zu kaufen die
Absicht hatte. Dieses Geschäft führte Wernern hierher; er hatte keine Gedanken,
Wilhelmen auf seinem Wege zu finden. Der Gerichtshalter kam, die Papiere wurden
vorgelegt, und Werner fand die Vorschläge billig. »Wenn Sie es mit diesem jungen
Manne, wie es scheint, gut meinen«, sagte er, »so sorgen Sie selbst dafür, dass
unser Teil nicht verkürzt werde; es soll von meinem Freunde abhängen, ob er das
Gut annehmen und einen Teil seines Vermögens daran wenden will.« Jarno und der
Abbé versicherten, dass es dieser Erinnerung nicht bedürfe. Man hatte die Sache
kaum im allgemeinen verhandelt, als Werner sich nach einer Partie L'hombre
sehnte, wozu sich denn auch gleich der Abbé und Jarno mit hinsetzten; er war es
nun einmal so gewohnt, er konnte des Abends ohne Spiel nicht leben.
    Als die beiden Freunde nach Tische allein waren, befragten sie sich sehr
lebhaft über alles, was sie sich mitzuteilen wünschten. Wilhelm rühmte seine
Lage und das Glück seiner Aufnahme unter so trefflichen Menschen. Werner dagegen
schüttelte den Kopf und sagte: »Man sollte doch auch nichts glauben, als was man
mit Augen sieht! Mehr als ein dienstfertiger Freund hat mir versichert, du
lebtest mit einem liederlichen jungen Edelmann, führtest ihm Schauspielerinnen
zu, hälfest ihm sein Geld durchbringen und seist schuld, dass er mit seinen
sämtlichen Anverwandten gespannt sei.« - »Es würde mich um meint  und um der
guten Menschen willen verdriessen, dass wir so verkannt werden«, versetzte
Wilhelm, »wenn mich nicht meine teatralische Laufhahn mit jeder üblen Nachrede
versöhnt hätte. Wie sollten die Menschen unsere Handlungen beurteilen, die ihnen
nur einzeln und abgerissen erscheinen, wovon sie das wenigste sehen, weil Gutes
und Böses im Verborgenen geschieht, und eine gleichgültige Erscheinung meistens
nur an den Tag kommt. Bringt man ihnen doch Schauspieler und Schauspielerinnen
auf erhöhte Bretter, zündet von allen Seiten Licht an, das ganze Werk ist in
wenig Stunden abgeschlossen, und doch weiss selten jemand eigentlich, was er
daraus machen soll.«
    Nun ging es an ein Fragen nach der Familie, nach den Jugendfreunden und der
Vaterstadt. Werner erzählte mit grosser Hast alles, was sich verändert hatte, und
was noch bestand und geschah. »Die Frauen im Hause«, sagte er, »sind vergnügt
und glücklich, es fehlt nie an Geld. Die eine Hälfte der Zeit bringen sie zu,
sich zu putzen, und die andere Hälfte, sich geputzt sehen zu lassen.
Haushälterisch sind sie so viel, als billig ist. Meine Kinder lassen sich zu
gescheiten Jungen an. Ich sehe sie im Geiste schon sitzen und schreiben, und
rechnen, laufen, handeln und trödeln; einem jeden soll so bald als möglich ein
eignes Gewerbe eingerichtet werden, und was unser Vermögen betrifft, daran
sollst du deine Lust sehen. Wenn wir mit den Gütern in Ordnung sind, musst du
gleich mit nach Hause, denn es sieht doch aus, als wenn du mit einiger Vernunft
in die menschlichen Unternehmungen eingreifen könntest. Deine neuen Freunde
sollen gepriesen sein, da sie dich auf den rechten Weg gebracht haben. Ich bin
ein närrischer Teufel und merke erst, wie lieb ich dich habe, da ich mich nicht
satt an dir sehen kann, dass du so wohl und so gut aussiehst. Das ist doch eine
andere Gestalt als das Porträt, das du einmal an deine Schwester schicktest, und
worüber im Hause grosser Streit war. Mutter und Tochter fanden den jungen Herrn
allerliebst, mit offnem Halse, halbfreier Brust, grosser Krause, herumhängendem
Haar, rundem Hut, kurzem Westchen und schlotternden langen Hosen, indessen ich
behauptete, das Kostüm sei nur zwei Finger breit vom Hanswurst. Nun siehst du
doch aus wie ein Mensch, nur fehlt der Zopf, in den ich deine Haare einzubinden
bitte, sonst hält man dich denn doch einmal unterweges als Juden an und fordert
Zoll und Geleite von dir.«
    Felix war indessen in die Stube gekommen und hatte sich, als man auf ihn
nicht achtete, aufs Kanapee gelegt und war eingeschlafen. »Was ist das für ein
Wurm?« fragte Werner. Wilhelm hatte in dem Augenblicke den Mut nicht, die
Wahrheit zu sagen, noch Lust, eine doch immer zweideutige Geschichte einem Manne
zu erzählen, der von Natur nichts weniger als gläubig war.
    Die ganze Gesellschaft begab sich nunmehr auf die Güter, um sie zu besehen
und den Handel abzuschliessen. Wilhelm liess seinen Felix nicht von der Seite und
freute sich um des Knaben willen recht lebhaft des Besitzes, dem man
entgegensah. Die Lüsternheit des Kindes nach den Kirschen und Beeren, die bald
reif werden sollten, erinnerte ihn an die Zeit seiner Jugend und an die
vielfache Pflicht des Vaters, den Seinigen den Genuss vorzubereiten, zu
verschaffen und zu erhalten. Mit welchem Interesse betrachtete er die
Baumschulen und die Gebäude! Wie lebhaft sann er darauf, das Vernachlässigte
wiederherzustellen und das Verfallene zu erneuern! Er sah die Welt nicht mehr
wie ein Zugvogel an, ein Gebäude nicht mehr für eine geschwind zusammengestellte
Laube, die vertrocknet, ehe man sie verlässt. Alles, was er anzulegen gedachte,
sollte dem Knaben entgegenwachsen, und alles, was er herstellte, sollte eine
Dauer auf einige Geschlechter haben. In diesem Sinne waren seine Lehrjahre
geendigt, und mit dem Gefühl des Vaters hatte er auch alle Tugenden eines
Bürgers erworben. Er fühlte es, und seiner Freude konnte nichts gleichen. »O,
der unnötigen Strenge der Moral!« rief er aus, »da die Natur uns auf ihre
liebliche Weise zu allem bildet, was wir sein sollen. O, der seltsamen
Anforderungen der bürgerlichen Gesellschaft, die uns erst verwirrt und missleitet
und dann mehr als die Natur selbst von uns fordert! Wehe jeder Art von Bildung,
welche die wirksamsten Mittel wahrer Bildung zerstört und uns auf das Ende
hinweist, anstatt uns auf dem Wege zu beglücken!«
    So manches er auch in seinem Leben schon gesehen hatte, so schien ihm doch
die menschliche Natur erst durch die Beobachtung des Kindes deutlich zu werden.
Das Teater war ihm, wie die Welt, nur als eine Menge ausgeschütteter Würfel
vorgekommen, deren jeder einzeln auf seiner Oberfläche bald mehr, bald weniger
bedeutet, und die allenfalls zusammengezählt eine Summe machen. Hier im Kinde
lag ihm, konnte man sagen, ein einzelner Würfel vor, auf dessen vielfachen
Seiten der Wert und der Unwert der menschlichen Natur so deutlich eingegraben
war.
    Das Verlangen des Kindes nach Unterscheidung wuchs mit jedem Tage. Da es
einmal erfahren hatte, dass die Dinge Namen haben, so wollte es auch den Namen
von allem hören; es glaubte nicht anders, sein Vater müsse alles wissen, quälte
ihn oft mit Fragen und gab ihm Anlass, sich nach Gegenständen zu erkundigen,
denen er sonst wenig Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Auch der angeborene Trieb,
die Herkunft und das Ende der Dinge zu erfahren, zeigte sich frühe bei dem
Knaben. Wenn er fragte, wo der Wind herkomme und wo die Flamme hinkomme, war dem
Vater seine eigene Beschränkung erst recht lebendig; er wünschte zu erfahren,
wie weit sich der Mensch mit seinen Gedanken wagen, und wovon er hoffen dürfe
sich und andern jemals Rechenschaft zu geben. Die Heftigkeit des Kindes, wenn es
irgendeinem lebendigen Wesen Unrecht geschehen sah, erfreute den Vater höchlich,
als das Zeichen eines trefflichen Gemüts. Das Kind schlug heftig nach dem
Küchenmädchen, das einige Tauben abgeschnitten hatte. Dieser schöne Begriff
wurde denn freilich bald wieder zerstört, als er den Knaben fand, der ohne
Barmherzigkeit Frösche totschlug und Schmetterlinge zerrupfte. Es erinnerte ihn
dieser Zug an so viele Menschen, die höchst gerecht erscheinen, wenn sie ohne
Leidenschaft sind und die Handlungen anderer beobachten.
    Dieses angenehme Gefühl, dass der Knabe so einen schönen und wahren Einfluss
auf sein Dasein habe, ward einen Augenblick gestört, als Wilhelm in kurzem
bemerkte, dass wirklich der Knabe mehr ihn als er den Knaben erziehe. Er hatte an
dem Kinde nichts auszusetzen, er war nicht imstande, ihm eine Richtung zu geben,
die es nicht selbst nahm, und sogar die Unarten, gegen die Aurelie so viel
gearbeitet hatte, waren, so schien es, nach dem Tode dieser Freundin alle wieder
in ihre alten Rechte getreten. Noch machte das Kind die Türe niemals hinter sich
zu, noch wollte er seinen Teller nicht abessen, und sein Behagen war niemals
grösser, als wenn man ihm nachsah, dass er den Bissen unmittelbar aus der Schüssel
nehmen, das volle Glas stehenlassen und aus der Flasche trinken konnte. So war
er auch ganz allerliebst, wenn er sich mit einem Buche in die Ecke setzte und
sehr ernstaft sagte: »Ich muss das gelehrte Zeug studieren!«, ob er gleich die
Buchstaben noch lange weder unterscheiden konnte noch wollte.
    Bedachte nun Wilhelm, wie wenig er bisher für das Kind getan hatte, wie
wenig er zu tun fähig sei, so entstand eine Unruhe in ihm, die sein ganzes Glück
aufzuwiegen imstande war. »Sind wir Männer denn«, sagte er zu sich, »so
selbstisch geboren, dass wir unmöglich für ein Wesen ausser uns Sorge tragen
können? Bin ich mit dem Knaben nicht eben auf dem Wege, auf dem ich mit Mignon
war? Ich zog das liebe Kind an, seine Gegenwart ergötzte mich, und dabei hab'
ich es aufs grausamste vernachlässigt. Was tat ich zu seiner Bildung, nach der
es so sehr strebte? Nichts! Ich überliess es sich selbst und allen
Zufälligkeiten, denen es in einer ungebildeten Gesellschaft nur ausgesetzt sein
konnte; und dann für diesen Knaben, der dir so merkwürdig war, ehe er dir so
wert sein konnte, hat dich denn dein Herz geheissen auch nur jemals das geringste
für ihn zu tun? Es ist nicht mehr Zeit, dass du deine eigenen Jahre und die Jahre
anderer vergeudest; nimm dich zusammen und denke, was du für dich und die guten
Geschöpfe zu tun hast, welche Natur und Neigung so fest an dich knüpfte.«
    Eigentlich war dieses Selbstgespräch nur eine Einleitung, sich zu bekennen,
dass er schon gedacht, gesorgt, gesucht und gewählt hatte; er konnte nicht länger
zögern, sich es selbst zugestehen. Nach oft vergebens wiederholtem Schmerz über
den Verlust Marianens fühlte er nur zu deutlich, dass er eine Mutter für den
Knaben suchen müsse, und dass er sie nicht sichrer als in Teresen finden werde.
Er kannte dieses vortreffliche Frauenzimmer ganz. Eine solche Gattin und
Gehülfin schien die einzige zu sein, der man sich und die Seinen anvertrauen
könnte. Ihre edle Neigung zu Lotario machte ihm keine Bedenklichkeit. Sie waren
durch ein sonderbares Schicksal auf ewig getrennt, Terese hielt sich für frei
und hatte von einer Heirat zwar mit Gleichgültigkeit, doch als von einer Sache
gesprochen, die sich von selbst versteht.
    Nachdem er lange mit sich zu Rate gegangen war, nahm er sich vor, ihr von
sich zu sagen, soviel er nur wusste. Sie sollte ihn kennen lernen, wie er sie
kannte, und er fing nun an, seine eigene Geschichte durchzudenken; sie schien
ihm an Begebenheiten so leer und im ganzen jedes Bekenntnis so wenig zu seinem
Vorteil, dass er mehr als einmal von dem Vorsatz abzustehn im Begriff war.
Endlich entschloss er sich, die Rolle seiner Lehrjahre aus dem Turme von Jarno zu
verlangen; dieser sagte: »Es ist eben zur rechten Zeit«, und Wilhelm erhielt
sie.
    Es ist eine schauderhafte Empfindung, wenn ein edler Mensch mit Bewusstsein
auf dem Punkte steht, wo er über sich selbst aufgeklärt werden soll. Alle
Übergänge sind Krisen, und ist eine Krise nicht Krankheit? Wie ungern tritt man
nach einer Krankheit vor den Spiegel! Die Besserung fühlt man, und man sieht nur
die Wirkung des vergangenen Übels. Wilhelm war indessen vorbereitet genug, die
Umstände hatten schon lebhaft zu ihm gesprochen, seine Freunde hatten ihn eben
nicht geschont, und wenn er gleich das Pergament mit einiger Hast aufrollte, so
ward er doch immer ruhiger, je weiter er las. Er fand die umständliche
Geschichte seines Lebens in grossen, scharfen Zügen geschildert; weder einzelne
Begebenheiten, noch beschränkte Empfindungen verwirrten seinen Blick, allgemeine
liebevolle Betrachtungen gaben ihm Fingerzeige, ohne ihn zu beschämen, und er
sah zum erstenmal sein Bild ausser sich, zwar nicht, wie im Spiegel, ein zweites
Selbst, sondern wie im Porträt ein anderes Selbst: man bekennt sich zwar nicht
zu allen Zügen, aber man freut sich, dass ein denkender Geist uns so hat fassen,
ein grosses Talent uns so hat darstellen wollen, dass ein Bild von dem, was wir
waren, noch besteht, und dass es länger als wir selbst dauern kann.
    Wilhelm beschäftigte sich nunmehr, indem alle Umstände durch dies Manuskript
in sein Gedächtnis zurückkamen, die Geschichte seines Lebens für Teresen
aufzusetzen, und er schämte sich fast, dass er gegen ihre grossen Tugenden nichts
aufzustellen hatte, was eine zweckmässige Tätigkeit beweisen konnte. So
umständlich er in dem Aufsatze war, so kurz fasste er sich in dem Briefe, den er
an sie schrieb; er bat sie um ihre Freundschaft, um ihre Liebe, wenn's möglich
wäre; er bot ihr seine Hand an und bat sie um baldige Entscheidung.
    Nach einigem innerlichen Streit, ob er diese wichtige Sache noch erst mit
seinen Freunden, mit Jarno und dem Abbé, beraten solle, entschied er sich, zu
schweigen. Er war zu fest entschlossen, die Sache war für ihn zu wichtig, als
dass er sie noch hätte dem Urteil des vernünftigsten und besten Mannes
unterwerfen mögen; ja, sogar brauchte er die Vorsicht, seinen Brief auf der
nächsten Post selbst zu bestellen. Vielleicht hatte ihm der Gedanke, dass er in
so vielen Umständen seines Lebens, in denen er frei und im Verborgenen zu
handeln glaubte, beobachtet, ja sogar geleitet worden war, wie ihm aus der
geschriebenen Rolle nicht undeutlich erschien, einer Art von unangenehmer
Empfindung gegeben, und nun wollte er, wenigstens zu Teresens Herzen, rein vom
Herzen reden und ihrer Entschliessung und Entscheidung sein Schicksal schuldig
sein, und so machte er sich kein Gewissen, seine Wächter und Aufseher in diesem
wichtigen Punkte wenigstens zu umgehen.
 
                                Zweites Kapitel
Kaum war der Brief abgesendet, als Lotario zurückkam. Jedermann freuete sich,
die vorbereiteten wichtigen Geschäfte abgeschlossen und bald geendigt zu sehen,
und Wilhelm erwartete mit Verlangen, wie so viele Fäden teils neu geknüpft,
teils aufgelöst und nun sein eignes Verhältnis auf die Zukunft bestimmt werden
sollte. Lotario begrüsste sie alle aufs beste; er war völlig wiederhergestellt
und heiter, er hatte das Ansehen eines Mannes, der weiss, was er tun soll, und
dem in allem, was er tun will, nichts im Wege steht.
    Wilhelm konnte ihm seinen herzlichen Gruss nicht zurückgeben. »Dies ist«,
musste er zu sich selbst sagen, »der Freund, der Geliebte, der Bräutigam
Teresens, an dessen Statt du dich einzudrängen denkst. Glaubst du denn jemals
einen solchen Eindruck auszulöschen oder zu verbannen?« - Wäre der Brief noch
nicht fort gewesen, er hätte vielleicht nicht gewagt, ihn abzusenden.
Glücklicherweise war der Wurf schon getan, vielleicht war Terese schon
entschieden, nur die Entfernung deckte noch eine glückliche Vollendung mit ihrem
Schleier. Gewinn und Verlust mussten sich bald entscheiden. Er suchte sich durch
alle diese Betrachtungen zu beruhigen, und doch waren die Bewegungen seines
Herzens beinahe fieberhaft. Nur wenig Aufmerksamkeit konnte er auf das wichtige
Geschäft wenden, woran gewissermassen das Schicksal seines ganzen Vermögens hing.
Ach! wie unbedeutend erscheint dem Menschen in leidenschaftlichen Augenblicken
alles, was ihn umgibt, alles, was ihm angehört!
    Zu seinem Glücke behandelte Lotario die Sache gross, und Werner mit
Leichtigkeit. Dieser hatte bei seiner heftigen Begierde zum Erwerb eine lebhafte
Freude über den schönen Besitz, der ihm oder vielmehr seinem Freunde werden
sollte. Lotario von seiner Seite schien ganz andere Betrachtungen zu machen.
»Ich kann mich nicht sowohl über einen Besitz freuen«, sagte er, »als über die
Rechtmässigkeit desselben.«
    »Nun, beim Himmel!« rief Werner, »wird denn dieser unser Besitz nicht
rechtmässig genug?«
    »Nicht ganz!« versetzte Lotario.
    »Geben wir denn nicht unser bares Geld dafür?«
    »Recht gut!« sagte Lotario; »auch werden Sie dasjenige, was ich zu erinnern
habe, vielleicht für einen leeren Skrupel halten. Mir kommt kein Besitz ganz
rechtmässig, ganz rein vor, als der dem Staate seinen schuldigen Teil abträgt.«
    »Wie?« sagte Werner, »so wollten Sie also lieber, dass unsere frei gekauften
Güter steuerbar wären?«
    »Ja«, versetzte Lotario, »bis auf einen gewissen Grad; denn durch diese
Gleichheit mit allen übrigen Besitzungen entsteht ganz allein die Sicherheit des
Besitzes. Was hat der Bauer in den neuern Zeiten, wo so viele Begriffe
schwankend werden, für einen Hauptanlass, den Besitz des Edelmanns für weniger
gegründet anzusehen als den seinigen? Nur den, dass jener nicht belastet ist und
auf ihn lastet.«
    »Wie wird es aber mit den Zinsen unseres Kapitals aussehen?« versetzte
Werner.
    »Um nichts schlimmer«, sagte Lotario, »wenn uns der Staat gegen eine
billige regelmässige Abgabe das Lehns-Hokuspokus erlassen und uns mit unsern
Gütern nach Belieben zu schalten erlauben wollte, dass wir sie nicht in so grossen
Massen zusammenhalten müssten, dass wir sie unter unsere Kinder gleicher verteilen
könnten, um alle in eine lebhafte freie Tätigkeit zu versetzen, statt ihnen nur
die beschränkten und beschränkenden Vorrechte zu hinterlassen, welche zu
geniessen wir immer die Geister unserer Vorfahren hervorrufen müssen. Wieviel
glücklicher wären Männer und Frauen, wenn sie mit freien Augen umhersehen und
bald ein würdiges Mädchen, bald einen trefflichen Jüngling ohne andere
Rücksichten durch ihre Wahl erheben könnten. Der Staat würde mehr, vielleicht
bessere Bürger haben und nicht so oft um Köpfe und Hände verlegen sein.«
    »Ich kann Sie versichern«, sagte Werner, »dass ich in meinem Leben nie an den
Staat gedacht habe; meine Abgaben, Zölle und Geleite habe ich nur so bezahlt,
weil es einmal hergebracht ist.«
    »Nun«, sagte Lotario, »ich hoffe Sie noch zum guten Patrioten zu machen;
denn wie der nur ein guter Vater ist, der bei Tische erst seinen Kindern
vorlegt, so ist der nur ein guter Bürger, der vor allen andern Ausgaben das, was
er dem Staate zu entrichten hat, zurücklegt.«
    Durch solche allgemeine Betrachtungen wurden ihre besondern Geschäfte nicht
aufgehalten, vielmehr beschleunigt. Als sie ziemlich damit zustande waren, sagte
Lotario zu Wilhelmen: »Ich muss Sie nun an einen Ort schicken, wo Sie nötiger
sind als hier: meine Schwester lässt Sie ersuchen, so bald als möglich zu ihr zu
kommen; die arme Mignon scheint sich zu verzehren, und man glaubt, Ihre
Gegenwart könnte vielleicht noch dem Übel Einhalt tun. Meine Schwester schickte
mir dieses Billett noch nach, woraus Sie sehen können, wieviel ihr daran gelegen
ist.« Lotario überreichte ihm ein Blättchen. Wilhelm, der schon in der grössten
Verlegenheit zugehört hatte, erkannte sogleich an diesen flüchtigen
Bleistiftzügen die Hand der Gräfin und wusste nicht, was er antworten sollte.
    »Nehmen Sie Felix mit«, sagte Lotario, »damit die Kinder sich untereinander
aufheitern. Sie müssten morgen früh beizeiten weg; der Wagen meiner Schwester, in
welchem meine Leute hergefahren sind, ist noch hier, ich gebe Ihnen Pferde bis
auf halben Weg, dann nehmen Sie Post. Leben Sie recht wohl und richten viele
Grüsse von mir aus. Sagen Sie dabei meiner Schwester, ich werde sie bald
wiedersehen, und sie soll sich überhaupt auf einige Gäste vorbereiten. Der
Freund unseres Grossoheims, der Marchese Cipriani, ist auf dem Wege, hierher zu
kommen; er hoffte, den alten Mann noch am Leben anzutreffen, und sie wollten
sich zusammen an der Erinnerung früherer Verhältnisse ergetzen und sich ihrer
gemeinsamen Kunstliebhaberei erfreuen. Der Marchese war viel jünger als mein
Oheim und verdankte ihm den besten Teil seiner Bildung; wir müssen alles
aufbieten, um einigermassen die Lücke auszufüllen, die er finden wird, und das
wird am besten durch eine grössere Gesellschaft geschehen.«
    Lotario ging darauf mit dem Abbé in sein Zimmer, Jarno war vorher
weggeritten; Wilhelm eilte auf seine Stube, er hatte niemand, dem er sich
vertrauen, niemand, durch den er einen Schritt, vor dem er sich so sehr
fürchtete, hätte abwenden können. Der kleine Diener kam und ersuchte ihn,
einzupacken, weil sie noch diese Nacht aufbinden wollten, um mit Anbruch des
Tages wegzufahren. Wilhelm wusste nicht, was er tun sollte; endlich rief er aus:
»Du willst nur machen, dass du aus diesem Hause kommst; unterweges überlegst du,
was zu tun ist, und bleibst allenfalls auf der Hälfte des Weges liegen, schickst
einen Boten zurück, schreibst, was du dir nicht zu sagen getraust, und dann mag
werden, was will.« Ungeachtet dieses Entschlusses brachte er eine schlaflose
Nacht zu; nur ein Blick auf den so schön ruhenden Felix gab ihm einige
Erquickung. »O!« rief er aus, »wer weiss, was noch für Prüfungen auf mich warten,
wer weiss, wie sehr mich begangene Fehler noch quälen, wie oft mir gute und
vernünftige Plane für die Zukunft misslingen sollen! Aber diesen Schatz, den ich
einmal besitze, erhalte mir, du erbittliches oder unerbittliches Schicksal! Wäre
es möglich, dass dieser beste Teil von mir selbst vor mir zerstört, dass dieses
Herz von meinem Herzen gerissen werden könnte, so lebe wohl, Verstand und
Vernunft, lebe wohl, jede Sorgfalt und Vorsicht, verschwinde, du Trieb zur
Erhaltung! Alles, was uns vom Tiere unterscheidet, verliere sich! und wenn es
nicht erlaubt ist, seine traurigen Tage freiwillig zu endigen, so hebe ein
frühzeitiger Wahnsinn das Bewusstsein auf, ehe der Tod, der es auf immer
zerstört, die lange Nacht herbeiführt!«
    Er fasste den Knaben in seine Arme, küsste ihn, drückte ihn an sich und
benetzte ihn mit reichlichen Tränen. Das Kind wachte auf; sein helles Auge, sein
freundlicher Blick rührten den Vater aufs innigste. »Welche Szene steht mir
bevor«, rief er aus, »wenn ich dich der schönen unglücklichen Gräfin vorstellen
soll wenn sie dich an ihren Busen drückt, den dein Vater so tief verletzt hat!
Muss ich nicht fürchten, sie stösst dich wieder von sich mit einem Schrei sobald
deine Berührung ihren wahren oder eingebildeten Schmerz erneuert!«
    Der Kutscher liess ihm nicht Zeit, weiter zu denken oder zu wählen, er
nötigte ihn vor Tage in den Wagen; nun wickelte er seinen Felix wohl ein, der
Morgen war kalt, aber heiter, das Kind sah zum erstenmal in seinem Leben die
Sonne aufgehn. Sein Erstaunen über den ersten feurigen Blick, über die wachsende
Gewalt des Lichts, seine Freude und seine wunderlichen Bemerkungen erfreuten den
Vater und liessen ihn einen Blick in das Herz tun, vor welchem die Sonne wie über
einem reinen stillen See emporsteigt und schwebt.
    In einer kleinen Stadt spannte der Kutscher aus und ritt zurück. Wilhelm
nahm sogleich ein Zimmer in Besitz und fragte sich nun, ob er bleiben oder
vorwärts gehen solle. In dieser Unentschlossenheit wagte er das Blättchen wieder
hervorzunehmen, das er bisher nochmals anzusehen nicht getraut hatte; es
entielt folgende Worte: »Schicke mir Deinen jungen Freund ja bald! Mignon hat
sich diese beiden letzten Tage eher verschlimmert. So traurig diese Gelegenheit
ist, so soll mich's doch freuen, ihn kennen zu lernen.«
    Die letzten Worte hatte Wilhelm beim ersten Blick nicht bemerkt. Er erschrak
darüber und war sogleich entschieden, dass er nicht gehen wollte. »Wie?« rief er
aus, »Lotario, der das Verhältnis weiss, hat ihr nicht eröffnet, wer ich bin?
Sie erwartet nicht mit gesetztem Gemüt einen Bekannten, den sie lieber nicht
wiedersähe, sie erwartet einen Fremden, und ich trete hinein! Ich sehe sie
zurückschaudern, ich sehe sie erröten! Nein, es ist mir unmöglich, dieser Szene
entgegenzugehen.« Soeben wurden die Pferde herausgeführt und eingespannt;
Wilhelm war entschlossen, abzupacken und hier zu bleiben. Er war in der grössten
Bewegung. Als er ein Mädchen zur Treppe heraufkommen hörte, die ihm anzeigen
wollte, dass alles fertig sei, sann er geschwind auf eine Ursache, die ihn hier
zu bleiben nötigte, und seine Augen ruhten ohne Aufmerksamkeit auf dem Billett,
das er in der Hand hielt. »Um Gottes willen!« rief er aus, »was ist das? das ist
nicht die Hand der Gräfin, es ist die Hand der Amazone!«
    Das Mädchen trat herein, bat ihn, herunterzukommen, und führte Felix mit
sich fort. »Ist es möglich?« rief er aus, »ist es wahr? was soll ich tun?
bleiben und abwarten und aufklären? oder eilen? eilen und mich einer Entwicklung
entgegenstürzen? Du bist auf dem Wege zu ihr, und kannst zaudern? Diesen Abend
sollst du sie sehen, und willst dich freiwillig ins Gefängnis einsperren? Es ist
ihre Hand, ja sie ist's! diese Hand beruft dich, ihr Wagen ist angespannt, dich
zu ihr zu führen, nun löst sich das Rätsel: Lotario hat zwei Schwestern. Er
weiss mein Verhältnis zu der einen; wieviel ich der andern schuldig bin, ist ihm
unbekannt. Auch sie weiss nicht, dass der verwundete Vagabund, der ihr, wo nicht
sein Leben, doch seine Gesundheit verdankt, in dem Hause ihres Bruders so
unverdient gütig aufgenommen worden ist.«
    Felix, der sich unten im Wagen schaukelte, rief: »Vater, komm! o komm! sieh
die schönen Wolken, die schönen Farben!« - »Ja, ich komme«, rief Wilhelm, indem
er die Treppe hinuntersprang, »und alle Erscheinungen des Himmels, die du gutes
Kind noch sehr bewunderst, sind nichts gegen den Anblick, den ich erwarte.«
    Im Wagen sitzend rief er nun alle Verhältnisse in sein Gedächtnis zurück.
»So ist also auch diese Natalie die Freundin Teresens! welch eine Entdeckung,
welche Hoffnung und welche Aussichten! Wie seltsam, dass die Furcht, von der
einen Schwester reden zu hören, mir das Dasein der andern ganz und gar verbergen
konnte!« Mit welcher Freude sah er seinen Felix an; er hoffte für den Knaben wie
für sich die beste Aufnahme.
    Der Abend kam heran, die Sonne war untergegangen, der Weg nicht der beste,
der Postillon fuhr langsam, Felix war eingeschlafen, und neue Sorgen und Zweifel
stiegen in dem Busen unseres Freundes auf. »Von welchem Wahn, von welchen
Einfällen wirst du beherrscht!« sagte er zu sich selbst, »eine ungewisse
Ähnlichkeit der Handschrift macht dich auf einmal sicher und gibt dir
Gelegenheit, das wunderbarste Märchen auszudenken.« Er nahm das Billett wieder
vor, und bei dem abgehenden Tageslicht glaubte er wieder die Handschrift der
Gräfin zu erkennen; seine Augen wollten im einzelnen nicht wiederfinden, was ihm
sein Herz im ganzen auf einmal gesagt hatte. - »So ziehen dich denn doch diese
Pferde zu einer schrecklichen Szene! Wer weiss, ob sie dich nicht in wenig
Stunden schon wieder zurückführen werden? Und wenn du sie nur noch allein
anträfest! Aber vielleicht ist ihr Gemahl gegenwärtig, vielleicht die Baronesse!
Wie verändert werde ich sie finden! Werde ich vor ihr auf den Füssen stehen
können?«
    Nur eine schwache Hoffnung, dass er seiner Amazone entgegengehe, konnte
manchmal durch die trüben Vorstellungen durchblicken. Es war Nacht geworden, der
Wagen rasselte in einen Hof hinein und hielt still; ein Bedienter mit einer
Wachsfackel trat aus einem prächtigen Portal hervor und kam die breiten Stufen
hinunter bis an den Wagen. »Sie werden schon lange erwartet«, sagte er, indem er
das Leder aufschlug. Wilhelm, nachdem er ausgestiegen war, nahm den schlafenden
Felix auf den Arm, und der erste Bediente rief zu einem zweiten, der mit einem
Lichte in der Türe stand: »Führe den Herrn gleich zur Baronesse.«
    Blitzschnell fuhr Wilhelmen durch die Seele: »Welch ein Glück! Es sei
vorsätzlich oder zufällig, die Baronesse ist hier! ich soll sie zuerst sehen!
wahrscheinlich schläft die Gräfin schon! Ihr guten Geister, helft, dass der
Augenblick der grössten Verlegenheit leidlich vorübergehe!«
    Er trat in das Haus und fand sich an dem ernstaftesten, seinem Gefühle nach
dem heiligsten Orte, den er je betreten hatte. Eine herabhängende blendende
Laterne erleuchtete eine breite, sanfte Treppe, die ihm entgegenstand und sich
oben beim Umwenden in zwei Teile teilte. Marmorne Statuen und Büsten standen auf
Piedestalen und in Nischen geordnet; einige schienen ihm bekannt.
Jugendeindrücke verlöschen nicht, auch in ihren kleinsten Teilen. Er erkannte
eine Muse, die seinem Grossvater gehört hatte, zwar nicht an ihrer Gestalt und an
ihrem Wert, doch an einem restaurierten Arme und an den neueingesetzten Stücken
des Gewandes. Es war, als wenn er ein Märchen erlebte. Das Kind ward ihm schwer;
er zauderte auf den Stufen und kniete nieder, als ob er es bequemer fassen
wollte. Eigentlich aber bedurfte er einer augenblicklichen Erholung. Er konnte
kaum sich wieder aufheben. Der vorleuchtende Diener wollte ihm das Kind
abnehmen, er konnte es nicht von sich lassen. Darauf trat er in den Vorsaal, und
zu seinem noch grössern Erstaunen erblickte er das wohlbekannte Bild vom kranken
Königssohn an der Wand. Er hatte kaum Zeit, einen Blick darauf zu werfen, der
Bediente nötigte ihn durch ein paar Zimmer in ein Kabinett. Dort hinter einem
Lichtschirme, der sie beschattete, sass ein Frauenzimmer und las. »O dass sie es
wäre!« sagte er zu sich selbst in diesem entscheidenden Augenblick. Er setzte
das Kind nieder, das aufzuwachen schien, und dachte sich der Dame zu nähern,
aber das Kind sank schlaftrunken zusammen, das Frauenzimmer stand auf und kam
ihm entgegen. Die Amazone war's! Er konnte sich nicht halten, stürzte auf seine
Knie und rief aus: »Sie ist's!« Er fasste ihre Hand und küsste sie mit unendlichem
Entzücken. Das Kind lag zwischen ihnen beiden auf dem Teppich und schlief sanft.
    Felix ward auf das Kanapee gebracht, Natalie setzte sich zu ihm, sie hiess
Wilhelmen auf den Sessel sitzen, der zunächst dabei stand. Sie bot ihm einige
Erfrischungen an, die er ausschlug, indem er nur beschäftigt war, sich zu
versichern, dass sie es sei, und ihre durch den Lichtschirm beschatteten Züge
genau wiederzusehen und sicher wiederzuerkennen. Sie erzählte ihm von Mignons
Krankheit im allgemeinen, dass das Kind von wenigen tiefen Empfindungen nach und
nach aufgezehrt werde, dass es bei seiner grossen Reizbarkeit, die es verberge,
von einem Krampf an seinem armen Herzen oft heftig und gefährlich leide, dass
dieses erste Organ des Lebens bei unvermuteten Gemütsbewegungen manchmal
plötzlich stille stehe, und keine Spur der heilsamen Lebensregung in dem Busen
des guten Kindes gefühlt werden könne. Sei dieser ängstliche Krampf vorbei, so
äussere sich die Kraft der Natur wieder in gewaltsamen Pulsen und ängstige das
Kind nunmehr durch Übermass, wie es vorher durch Mangel gelitten habe.
    Wilhelm erinnerte sich einer solchen krampfhaften Szene, und Natalie bezog
sich auf den Arzt, der weiter mit ihm über die Sache sprechen und die Ursache,
warum man den Freund und Wohltäter des Kindes gegenwärtig herbeigerufen,
umständlicher vorlegen würde. »Eine sonderbare Veränderung«, fuhr Natalie fort,
»werden Sie an ihr finden; sie geht nunmehr in Frauenkleidern, vor denen sie
sonst einen so grossen Abscheu zu haben schien.«
    »Wie haben Sie das erreicht?« fragte Wilhelm.
    »Wenn es wünschenswert war, so sind wir es nur dem Zufall schuldig. Hören
Sie, wie es zugegangen ist. Sie wissen vielleicht, dass ich immer eine Anzahl
junger Mädchen um mich habe, deren Gesinnungen ich, indem sie neben mir
aufwachsen, zum Guten und Rechten zu bilden wünsche. Aus meinem Munde hören sie
nichts, als was ich selber für wahr halte, doch kann ich und will ich nicht
hindern, dass sie nicht auch von andern manches vernehmen, was als Irrtum, als
Vorurteil in der Welt gäng und gäbe ist. Fragen sie mich darüber, so suche ich,
soviel nur möglich ist, jene fremden ungehörigen Begriffe irgendwo an einen
richtigen anzuknüpfen, um sie dadurch, wo nicht nützlich, doch unschädlich zu
machen. Schon seit einiger Zeit hatten meine Mädchen aus dem Munde der
Bauerkinder gar manches von Engeln, vom Knechte Ruprecht, vom heiligen Christe
vernommen, die zu gewissen Zeiten in Person erscheinen, gute Kinder beschenken
und unartige bestrafen sollten. Sie hatten eine Vermutung, dass es verkleidete
Personen sein müssten, worin ich sie denn auch bestärkte und, ohne mich viel auf
Deutungen einzulassen, mir vornahm, ihnen bei der ersten Gelegenheit ein solches
Schauspiel zu geben. Es fand sich eben, dass der Geburtstag von
Zwillingsschwestern, die sich immer sehr gut betragen hatten, nahe war; ich
versprach, dass ihnen diesmal ein Engel die kleinen Geschenke bringen sollte, die
sie wohl verdient hätten. Sie waren äusserst gespannt auf diese Erscheinung. Ich
hatte mir Mignon zu dieser Rolle ausgesucht, und sie ward an dem bestimmten Tage
in ein langes, leichtes, weisses Gewand anständig gekleidet. Es fehlte nicht an
einem goldenen Gürtel um die Brust und an einem gleichen Diadem in den Haaren.
Anfangs wollte ich die Flügel weglassen, doch bestanden die Frauenzimmer, die
sie anputzten, auf ein Paar grosser goldner Schwingen, an denen sie recht ihre
Kunst zeigen wollten. So trat, mit einer Lilie in der einen Hand und mit einem
Körbchen in der andern, die wundersame Erscheinung in die Mitte der Mädchen und
überraschte mich selbst. Da kommt der Engel, sagte ich. Die Kinder traten alle
wie zurück; endlich riefen sie aus: Es ist Mignon! und getrauten sich doch
nicht, dem wundersamen Bilde näher zu treten.
    Hier sind eure Gaben, sagte sie und reichte das Körbchen hin. Man
versammelte sich um sie, man betrachtete, man befühlte, man befragte sie.
    Bist du ein Engel? fragte das eine Kind.
    Ich wollte, ich wär' es, versetzte Mignon.
    Warum trägst du eine Lilie?
    So rein und offen sollte mein Herz sein, dann wär' ich glücklich.
    Wie ist's mit den Flügeln? lass sie sehen!
    Sie stellen schönere vor, die noch nicht entfaltet sind.
    Und so antwortete sie bedeutend auf jede unschuldige, leichte Frage. Als die
Neugierde der kleinen Gesellschaft befriedigt war und der Eindruck dieser
Erscheinung stumpf zu werden anfing, wollte man sie wieder auskleiden. Sie
verwehrte es, nahm ihre Ziter, setzte sich hier auf diesen hohen Schreibtisch
hinauf und sang ein Lied mit unglaublicher Anmut.
So lasst mich scheinen, bis ich werde,
Zieht mir das weisse Kleid nicht aus!
Ich eile von der schönen Erde
Hinab in jenes feste Haus.
Dort ruh' ich eine kleine Stille,
Dann öffnet sich der frische Blick,
Ich lasse dann die reine Hülle,
Den Gürtel und den Kranz zurück.
Und jene himmlischen Gestalten,
Sie fragen nicht nach Mann und Weib,
Und keine Kleider, keine Falten
Umgeben den verklärten Leib.
Zwar lebt' ich ohne Sorg' und Mühe,
Doch fühlt' ich tiefen Schmerz genung;
Vor Kummer altert' ich zu frühe,
Macht mich auf ewig wieder jung!
Ich entschloss mich sogleich«, fuhr Natalie fort, »ihr das Kleid zu lassen, und
ihr noch einige der Art anzuschaffen in denen sie nun auch geht, und in denen,
wie es mir scheint, ihr Wesen einen ganz andern Ausdruck hat.«
    Da es schon spät war, entliess Natalie den Ankömmling, der nicht ohne einige
Bangigkeit sich von ihr trennte. »Ist sie verheiratet oder nicht?« dachte er bei
sich selbst. Er hatte gefürchtet, sooft sich etwas regte, eine Türe möchte sich
auftun und der Gemahl hereintreten. Der Bediente, der ihn in sein Zimmer
einliess, entfernte sich schneller, als er Mut gefasst hatte, nach diesem
Verhältnis zu fragen. Die Unruhe hielt ihn noch eine Zeitlang wach, und er
beschäftigte sich das Bild der Amazone mit dem Bilde seiner neuen gegenwärtigen
Freundin zu vergleichen. Sie wollten noch nicht miteinander zusammenfliessen;
jenes hatte er sich gleichsam geschaffen, und dieses schien fast ihn umschaffen
zu wollen.
 
                                Drittes Kapitel
Den andern Morgen, da noch alles still und ruhig war, ging er, sich im Hause
umzusehen. Es war die reinste, schönste, würdigste Baukunst, die er gesehen
hatte. »Ist doch wahre Kunst«, rief er aus, »wie gute Gesellschaft: sie nötigt
uns auf die angenehmste Weise, das Mass zu erkennen, nach dem und zu dem unser
Innerstes gebildet ist.« Unglaublich angenehm war der Eindruck, den die Statuen
und Büsten seines Grossvaters auf ihn machten. Mit Verlangen eilte er dem Bilde
vom kranken Königssohn entgegen, und noch immer fand er es reizend und rührend.
Der Bediente öffnete ihm verschiedene andere Zimmer; er fand eine Bibliotek,
eine Naturaliensammlung, ein physikalisches Kabinett. Er fühlte sich so fremd
vor allen diesen Gegenständen. Felix war indessen erwacht und ihm
nachgesprungen; der Gedanke, wie und wann er Teresens Brief erhalten werde,
machte ihm Sorge; er fürchtete sich vor dem Anblick Mignons, gewissermassen vor
dem Anblick Nataliens. Wie ungleich war sein gegenwärtiger Zustand mit jenen
Augenblicken, als er den Brief an Teresen gesiegelt hatte, und mit frohem Mut
sich ganz einem so edlen Wesen hingab.
    Natalie liess ihn zum Frühstück einladen. Er trat in ein Zimmer, in welchem
verschiedene reinlich gekleidete Mädchen, alle, wie es schien, unter zehn
Jahren, einen Tisch zurechte machten, indem eine ältliche Person verschiedene
Arten von Getränken hereinbrachte.
    Wilhelm beschaute ein Bild, das über dem Kanapee hing, mit Aufmerksamkeit;
er musste es für das Bild Nataliens erkennen, so wenig es ihm genugtun wollte.
Natalie trat herein, und die Ähnlichkeit schien ganz zu verschwinden. Zu seinem
Troste hatte es ein Ordenskreuz an der Brust, und er sah ein gleiches an der
Brust Nataliens.
    »Ich habe das Porträt hier angesehen«, sagte er zu ihr, »und mich
verwundert, wie ein Maler zugleich so wahr und so falsch sein kann. Das Bild
gleicht Ihnen im allgemeinen recht sehr gut, und doch sind es weder Ihre Züge
noch Ihr Charakter.«
    »Es ist vielmehr zu verwundern«, versetzte Natalie, »dass es so viel
Ähnlichkeit hat; denn es ist gar mein Bild nicht; es ist das Bild einer Tante,
die mir noch in ihrem Alter glich, da ich erst ein Kind war. Es ist gemalt, als
sie ungefähr meine Jahre hatte, und beim ersten Anblick glaubt jedermann mich zu
sehen. Sie hätten diese treffliche Person kennen sollen. Ich bin ihr so viel
schuldig. Eine sehr schwache Gesundheit, vielleicht zu viel Beschäftigung mit
sich selbst, und dabei eine sittliche und religiöse Ängstlichkeit liessen sie das
der Welt nicht sein, was sie unter andern Umständen hätte werden können. Sie war
ein Licht, das nur wenigen Freunden und mir besonders leuchtete.«
    »Wäre es möglich«, versetzte Wilhelm, der sich einen Augenblick besonnen
hatte, indem nun auf einmal so viellerlei Umstände ihm zusammentreffend
erschienen, »wäre es möglich, dass jene schöne, herrliche Seele, deren stille
Bekenntnisse auch mir mitgeteilt worden sind, Ihre Tante sei?«
    »Sie haben das Heft gelesen?« fragte Natalie.
    »Ja!« versetzte Wilhelm, »mit der grössten Teilnahme und nicht ohne Wirkung
auf mein ganzes Leben. Was mir am meisten aus dieser Schrift entgegenleuchtete,
war, ich möchte so sagen, die Reinlichkeit des Daseins, nicht allein ihrer
selbst, sondern auch alles dessen, was sie umgab, diese Selbständigkeit ihrer
Natur und die Unmöglichkeit, etwas in sich aufzunehmen, was mit der edlen,
liebevollen Stimmung nicht harmonisch war.«
    »So sind Sie«, versetzte Natalie, »billiger, ja ich darf wohl sagen,
gerechter gegen diese schöne Natur als manche anderen, denen man auch dieses
Manuskript mitgeteilt hat. Jeder gebildete Mensch weiss, wie sehr er an sich und
andern mit einer gewissen Roheit zu kämpfen hat, wieviel ihn seine Bildung
kostet, und wie sehr er doch in gewissen Fällen nur an sich selbst denkt und
vergisst, was er andern schuldig ist. Wie oft macht der gute Mensch sich
Vorwürfe, dass er nicht zart genug gehandelt habe; und doch, wenn nun eine schöne
Natur sich allzu zart, sich allzu gewissenhaft bildet, ja, wenn man will, sich
überbildet, für diese scheint keine Duldung, keine Nachsicht in der Welt zu
sein. Dennoch sind die Menschen dieser Art ausser uns, was die Ideale im Innern
sind, Vorbilder, nicht zum Nachahmen, sondern zum Nachstreben. Man lacht über
die Reinlichkeit der Holländerinnen, aber wäre Freundin Terese, was sie ist,
wenn ihr nicht eine ähnliche Idee in ihrem Hauswesen immer vorschwebte?«
    »So finde ich also«, rief Wilhelm aus, »in Teresens Freundin jene Natalie
vor mir, an welcher das Herz jener köstlichen Verwandten hing, jene Natalie, die
von Jugend an so teilnehmend, so liebevoll und hülfreich war! Nur aus einem
solchen Geschlecht konnte eine solche Natur entstehen! Welch eine Aussicht
eröffnet sich vor mir, da ich auf einmal Ihre Voreltern und den ganzen Kreis,
dem Sie angehören, überschaue!«
    »Ja!« versetzte Natalie, »Sie könnten in einem gewissen Sinne nicht besser
von uns unterrichtet sein, als durch den Aufsatz unserer Tante; freilich hat
ihre Neigung zu mir sie zu viel Gutes von dem Kinde sagen lassen. Wenn man von
einem Kinde redet, spricht man niemals den Gegenstand, immer nur seine
Hoffnungen aus.«
    Wilhelm hatte indessen schnell überdacht, dass er nun auch von Lotarios
Herkunft und früher Jugend unterrichtet sei; die schöne Gräfin erschien ihm als
Kind mit den Perlen ihrer Tante um den Hals; auch er war diesen Perlen so nahe
gewesen, als ihre zarten, liebevollen Lippen sich zu den seinigen
herunterneigten; er suchte diese schönen Erinnerungen durch andere Gedanken zu
entfernen. Er lief die Bekanntschaften durch, die ihm jene Schrift verschafft
hatte. »So bin ich denn«, rief er aus, »in dem Hause des würdigen Oheims! Es ist
kein Haus, es ist ein Tempel, und Sie sind die würdige Priesterin, ja der Genius
selbst; ich werde mich des Eindrucks von gestern abend zeitlebens erinnern, als
ich hereintrat und die alten Kunstbilder der frühsten Jugend wieder vor mir
standen. Ich erinnerte mich der mitleidigen Marmorbilder in Mignons Lied; aber
diese Bilder hatten über mich nicht zu trauern, sie sahen mich mit hohem Ernst
an und schlossen meine früheste Zeit unmittelbar an diesen Augenblick. Diesen
unsern alten Familienschatz, diese Lebensfreude meines Grossvaters, finde ich
hier zwischen so vielen andern würdigen Kunstwerken aufgestellt, und mich, den
die Natur zum Liebling dieses guten alten Mannes gemacht hatte, mich Unwürdigen,
finde ich nun auch hier, o Gott! in welchen Verbindungen, in welcher
Gesellschaft!«
    Die weibliche Jugend hatte nach und nach das Zimmer verlassen, um ihren
kleinen Beschäftigungen nachzugehn. Wilhelm, der mit Natalien allein geblieben
war, musste ihr seine letzten Worte deutlicher erklären. Die Entdeckung, dass ein
schätzbarer Teil der aufgestellten Kunstwerke seinem Grossvater angehört hatte,
gab eine sehr heitere, gesellige Stimmung. So wie er durch jenes Manuskript mit
dem Hause bekannt worden war, so fand er sich nun auch gleichsam in seinem
Erbteile wieder. Nun wünschte er Mignon zu sehen; die Freundin bat ihn, sich
noch so lange zu gedulden, bis der Arzt, der in die Nachbarschaft gerufen
worden, wieder zurückkäme. Man kann leicht denken, dass er derselbe kleine tätige
Mann war, den wir schon kennen, und dessen auch die Bekenntnisse einer schönen
Seele erwähnten.
    »Da ich mich«, fuhr Wilhelm fort, »mitten in jenem Familienkreis befinde, so
ist ja wohl der Abbé, dessen jene Schrift erwähnt, auch der wunderbare,
unerklärliche Mann, den ich in dem Hause Ihres Bruders nach den seltsamsten
Ereignissen wiedergefunden habe? Vielleicht geben Sie mir einige nähere
Aufschlüsse über ihn?«
    Natalie versetzte: »Über ihn wäre vieles zu sagen; wovon ich am genauesten
unterrichtet bin, ist der Einfluss, den er auf unsere Erziehung gehabt hat. Er
war, wenigstens eine Zeitlang, überzeugt, dass die Erziehung sich nur an die
Neigung anschliessen müsse; wie er jetzt denkt, kann ich nicht sagen. Er
behauptete: das Erste und Letzte am Menschen sei Tätigkeit, und man könne nichts
tun, ohne die Anlage dazu zu haben, ohne den Instinkt, der uns dazu treibe Man
gibt zu, pflegte er zu sagen, dass Poeten geboren werden, man gibt es bei allen
Künsten zu, weil man muss, und weil jene Wirkungen der menschlichen Natur kaum
scheinbar nachgeäfft werden können; aber wenn man es genau betrachtet, so wird
jede, auch nur die geringste Fähigkeit uns angeboren, und es gibt keine
unbestimmte Fähigkeit. Nur unsere zweideutige, zerstreute Erziehung macht die
Menschen ungewiss; sie erregt Wünsche, statt Triebe zu beleben, und anstatt den
wirklichen Anlagen aufzuhelfen, richtet sie das Streben nach Gegenständen, die
so oft mit der Natur, die sich nach ihnen bemüht, nicht übereinstimmen. Ein
Kind, ein junger Mensch, die auf ihrem eigenen Wege irregehen, sind mir lieber
als manche, die auf fremdem Wege recht wandeln. Finden jene, entweder durch sich
selbst oder durch Anleitung, den rechten Weg, das ist den, der ihrer Natur gemäss
ist, so werden sie ihn nie verlassen, anstatt dass diese jeden Augenblick in
Gefahr sind, ein fremdes Joch abzuschütteln und sich einer unbedingten Freiheit
zu übergeben.«
    »Es ist sonderbar«, sagte Wilhelm, »dass dieser merkwürdige Mann auch an mir
teilgenommen und mich, wie es scheint, nach seiner Weise, wo nicht geleitet,
doch wenigstens eine Zeitlang in meinen Irrtümern gestärkt hat. Wie er es
künftig verantworten will, dass er in Verbindung mit mehreren mich gleichsam zum
besten hatte, muss ich wohl mit Geduld erwarten.«
    »Ich habe mich nicht über diese Grille, wenn sie eine ist, zu beklagen«,
sagte Natalie, »denn ich bin freilich unter meinen Geschwistern am besten dabei
gefahren. Auch seh' ich nicht, wie mein Bruder Lotario hätte schöner
ausgebildet werden können; nur hätte vielleicht meine gute Schwester, die
Gräfin, anders behandelt werden sollen, vielleicht hätte man ihrer Natur etwas
mehr Ernst und Stärke einflössen können. Was aus Bruder Friedrich werden soll,
lässt sich gar nicht denken; ich fürchte, er wird das Opfer dieser pädagogischen
Versuche werden.«
    »Sie haben noch einen Bruder?« rief Wilhelm.
    »Ja!« versetzte Natalie, »und zwar eine sehr lustige, leichtfertige Natur,
und da man ihn nicht abgehalten hatte, in der Welt herumzufahren, so weiss ich
nicht, was aus diesem losen, lockern Wesen werden soll. Ich habe ihn seit langer
Zeit nicht gesehen. Das einzige beruhigt mich, dass der Abbé und überhaupt die
Gesellschaft meines Bruders jederzeit unterrichtet sind, wo er sich aufhält und
was er treibt.«
    Wilhelm war eben im Begriff, Nataliens Gedanken sowohl über diese Paradoxen
zu erforschen, als auch über die geheimnisvolle Gesellschaft von ihr Aufschlüsse
zu begehren, als der Medikus hereintrat und nach dem ersten Willkommen sogleich
von Mignons Zustande zu sprechen anfing.
    Natalie, die darauf den Felix bei der Hand nahm, sagte, sie wolle ihn zu
Mignon führen und das Kind auf die Erscheinung seines Freundes vorbereiten.
    Der Arzt war nunmehr mit Wilhelm allein und fuhr fort: »Ich habe Ihnen
wunderbare Dinge zu erzählen, die Sie kaum vermuten. Natalie lässt uns Raum,
damit wir freier von Dingen sprechen können, die, ob ich sie gleich nur durch
sie selbst erfahren konnte, doch in ihrer Gegenwart so frei nicht abgehandelt
werden dürften. Die sonderbare Natur des guten Kindes, von dem jetzt die Rede
ist, besteht beinah nur aus einer tiefen Sehnsucht; das Verlangen, ihr Vaterland
wiederzusehen, und das Verlangen nach Ihnen, mein Freund, ist, möchte ich fast
sagen, das einzige Irdische an ihr; beides greift nur in eine unendliche Ferne,
beide Gegenstände liegen unerreichbar vor diesem einzigen Gemüt. Sie mag in der
Gegend von Mailand zu Hause sein, und ist in sehr früher Jugend durch eine
Gesellschaft Seiltänzer ihren Eltern entführt worden. Näheres kann man von ihr
nicht erfahren, teils weil sie zu jung war, um Ort und Namen genau angeben zu
können, besonders aber weil sie einen Schwur getan hat, keinem lebendigen
Menschen ihre Wohnung und Herkunft näher zu bezeichnen. Denn eben jene Leute,
die sie in der Irre fanden, und denen sie ihre Wohnung so genau beschrieb, mit
so dringenden Bitten, sie nach Hause zu führen, nahmen sie nur desto eiliger mit
sich fort und scherzten nachts in der Herberge, da sie glaubten, das Kind
schlafe schon, über den guten Fang und beteuerten, dass es den Weg zurück nicht
wieder finden sollte. Da überfiel das arme Geschöpf eine grässliche Verzweiflung,
in der ihm zuletzt die Mutter Gottes erschien und es versicherte, dass sie sich
seiner annehmen wolle. Es schwur darauf bei sich selbst einen heiligen Eid, dass
sie künftig niemand mehr vertrauen, niemand ihre Geschichte erzählen und in der
Hoffnung einer unmittelbaren göttlichen Hülfe leben und sterben wolle. Selbst
dieses, was ich Ihnen erzähle, hat sie Natalien nicht ausdrücklich vertraut;
unsere werte Freundin hat es aus einzelnen Äusserungen, aus Liedern und
kindlichen Unbesonnenheiten, die gerade das verraten, was sie verschweigen
wollen, zusammengereiht.«
    Wilhelm konnte sich nunmehr manches Lied, manches Wort dieses guten Kindes
erklären. Er bat seinen Freund aufs dringendste, ihm ja nichts vorzuentalten,
was ihm von den sonderbaren Gesängen und Bekenntnissen des einzigen Wesens
bekannt worden sei.
    »O!« sagte der Arzt, »bereiten Sie sich auf ein sonderbares Bekenntnis, auf
eine Geschichte, an der Sie, ohne sich zu erinnern, viel Anteil haben, die, wie
ich fürchte, für Tod und Leben dieses guten Geschöpfs entscheidend ist.«
    »Lassen Sie mich hören«, versetzte Wilhelm, »ich bin äusserst ungeduldig.«
    »Erinnern Sie sich«, sagte der Arzt, »eines geheimen nächtlichen weiblichen
Besuchs nach der Aufführung des Hamlets?«
    »Ja, ich erinnere mich dessen wohl!« rief Wilhelm beschämt, »aber ich
glaubte nicht, in diesem Augenblick daran erinnert zu werden.«
    »Wissen Sie, wer es war?«
    »Nein! Sie erschrecken mich! um 's Himmels willen, doch nicht Mignon? wer
war's? sagen Sie mir's!«
    »Ich weiss es selbst nicht.«
    »Also nicht Mignon?«
    »Nein, gewiss nicht! aber Mignon war im Begriff, sich zu Ihnen zu schleichen,
und musste aus einem Winkel mit Entsetzen sehen, dass eine Nebenbuhlerin ihr
zuvorkam.«
    »Eine Nebenbuhlerin!« rief Wilhelm aus, »reden Sie weiter! Sie verwirren
mich ganz und gar.«
    »Sein Sie froh«, sagte der Arzt, »dass Sie diese Resultate so schnell von mir
erfahren können. Natalie und ich, die wir doch nur einen entferntern Anteil
nehmen, wir waren genug gequält, bis wir den verworrenen Zustand dieses guten
Wesens, dem wir zu helfen wünschten, nur so deutlich einsehen konnten. Durch
leichtsinnige Reden Philinens und der andern Mädchen, durch ein gewisses
Liedchen aufmerksam gemacht, war ihr der Gedanke so reizend geworden, eine Nacht
bei dem Geliebten zuzubringen, ohne dass sie dabei etwas weiter als eine
vertrauliche, glückliche Ruhe zu denken wusste. Die Neigung für Sie, mein Freund,
war in dem guten Herzen schon lebhaft und gewaltsam, in Ihren Armen hatte das
gute Kind schon von manchem Schmerz ausgeruht, sie wünschte sich nun dieses
Glück in seiner ganzen Fülle. Bald nahm sie sich vor, Sie freundlich darum zu
bitten, bald hielt sie ein heimlicher Schauder wieder davon zurück. Endlich gab
ihr der lustige Abend und die Stimmung des häufig genossenen Weins den Mut, das
Wagestück zu versuchen und sich jene Nacht bei Ihnen einzuschleichen. Schon war
sie vorausgelaufen, um sich in der unverschlossenen Stube zu verbergen, allein
als sie eben die Treppe hinaufgekommen war, hörte sie ein Geräusch; sie verbarg
sich und sah ein weisses weibliches Wesen in Ihr Zimmer schleichen. Sie kamen
selbst bald darauf, und sie hörte den grossen Riegel zuschieben.
    Mignon empfand unerhörte Qual, alle die heftigen Empfindungen einer
leidenschaftlichen Eifersucht mischten sich zu dem unerkannten Verlangen einer
dunkeln Begierde und griffen die halbentwickelte Natur gewaltsam an. Ihr Herz,
das bisher vor Sehnsucht und Erwartung lebhaft geschlagen hatte, fing auf einmal
an zu stocken und drückte wie eine bleierne Last ihren Busen, sie konnte nicht
zu Atem kommen, sie wusste sich nicht zu helfen, sie hörte die Harfe des Alten,
eilte zu ihm unter das Dach und brachte die Nacht zu seinen Füssen unter
entsetzlichen Zuckungen hin.«
    Der Arzt hielt einen Augenblick inne, und da Wilhelm stille schwieg, fuhr er
fort: »Natalie hat mir versichert, es habe sie in ihrem Leben nichts so
erschreckt und angegriffen als der Zustand des Kindes bei dieser Erzählung; ja
unsere edle Freundin machte sich Vorwürfe, dass sie durch ihre Fragen und
Anleitungen diese Bekenntnisse hervorgelockt und durch die Erinnerung die
lebhaften Schmerzen des guten Mädchens so grausam erneuert habe.
    Das gute Geschöpf, so erzählte mir Natalie, war kaum auf diesem Punkte
seiner Erzählung oder vielmehr seiner Antworten auf meine steigenden Fragen, als
es auf einmal vor mir niederstürzte und mit der Hand am Busen über den
wiederkehrenden Schmerz jener schrecklichen Nacht sich beklagte. Es wand sich
wie ein Wurm an der Erde, und ich musste alle meine Fassung zusammennehmen, um
die Mittel, die mir für Geist und Körper unter diesen Umständen bekannt waren,
zu denken und anzuwenden.«
    »Sie setzen mich in eine bängliche Lage«, rief Wilhelm, »indem Sie mich eben
im Augenblicke, da ich das liebe Geschöpf wiedersehen soll, mein vielfaches
Unrecht gegen dasselbe so lebhaft fühlen lassen. Soll ich sie sehen, warum
nehmen Sie mir den Mut, ihr mit Freiheit entgegenzutreten? Und soll ich Ihnen
gestehen: da ihr Gemüt so gestimmt ist, so seh' ich nicht ein, was meine
Gegenwart helfen soll? Sind Sie als Arzt überzeugt, dass jene doppelte Sehnsucht
ihre Natur so weit untergraben hat, dass sie sich vom Leben abzuscheiden droht,
warum soll ich durch meine Gegenwart ihre Schmerzen erneuern und vielleicht ihr
Ende beschleunigen?«
    »Mein Freund«, versetzte der Arzt, »wo wir nicht helfen können, sind wir
doch schuldig zu lindern, und wie sehr die Gegenwart eines geliebten
Gegenstandes der Einbildungskraft ihre zerstörende Gewalt nimmt und die
Sehnsucht in ein ruhiges Schauen verwandelt, davon habe ich die wichtigsten
Beispiele. Alles mit Mass und Ziel! Denn ebenso kann die Gegenwart eine
verlöschende Leidenschaft wieder anfachen. Sehen Sie das gute Kind, betragen Sie
sich freundlich, und lassen Sie uns abwarten, was daraus entsteht.«
    Natalie kam eben zurück und verlangte, dass Wilhelm ihr zu Mignon folgen
sollte. »Sie scheint mit Felix ganz glücklich zu sein und wird den Freund, hoffe
ich, gut empfangen.« Wilhelm folgte nicht ohne einiges Widerstreben; er war tief
gerührt von dem, was er vernommen hatte, und fürchtete eine leidenschaftliche
Szene. Als er hereintrat, ergab sich gerade das Gegenteil.
    Mignon im langen weissen Frauengewande, teils mit lockigen, teils
aufgebundenen, reichen, braunen Haaren, sass, hatte Felix auf dem Schosse und
drückte ihn an ihr Herz; sie sah völlig aus wie ein abgeschiedner Geist, und der
Knabe wie das Leben selbst; es schien, als wenn Himmel und Erde sich umarmten.
Sie reichte Wilhelmen lächelnd die Hand und sagte: »Ich danke dir, dass du mir
das Kind wiederbringst; sie hatten ihn, Gott weiss wie, entführt, und ich konnte
nicht leben zeiter. Solange mein Herz auf der Erde noch etwas bedarf, soll
dieser die Lücke ausfüllen.«
    Die Ruhe, womit Mignon ihren Freund empfangen hatte, versetzte die
Gesellschaft in grosse Zufriedenheit. Der Arzt verlangte, dass Wilhelm sie öfters
sehen, und dass man sie sowohl körperlich als geistig im Gleichgewicht erhalten
sollte. Er selbst entfernte sich und versprach, in kurzer Zeit wiederzukommen.
    Wilhelm konnte nun Natalien in ihrem Kreise beobachten: man hätte sich
nichts Besseres gewünscht, als neben ihr zu leben. Ihre Gegenwart hatte den
reinsten Einfluss auf junge Mädchen und Frauenzimmer von verschiedenem Alter, die
teils in ihrem Hause wohnten, teils aus der Nachbarschaft sie mehr oder weniger
zu besuchen kamen.
    »Der Gang Ihres Lebens«, sagte Wilhelm einmal zu ihr, »ist wohl immer sehr
gleich gewesen? denn die Schilderung, die Ihre Tante von Ihnen als Kind macht,
scheint, wenn ich nicht irre, noch immer zu passen. Sie haben sich, man fühlt es
Ihnen wohl an, nie verwirrt. Sie waren nie genötigt, einen Schritt zurück zu
tun.«
    »Das bin ich meinem Oheim und dem Abbé schuldig«, versetzte Natalie, »die
meine Eigenheiten so gut zu beurteilen wussten. Ich erinnere mich von Jugend an
kaum eines lebhaftern Eindrucks, als dass ich überall die Bedürfnisse der
Menschen sah und ein unüberwindliches Verlangen empfand, sie auszugleichen. Das
Kind, das noch nicht auf seinen Füssen stehen konnte, der Alte, der sich nicht
mehr auf den seinigen erhielt, das Verlangen einer reichen Familie nach Kindern,
die Unfähigkeit einer armen, die ihrigen zu erhalten, jedes stille Verlangen
nach einem Gewerbe, den Trieb zu einem Talente, die Anlagen zu hundert kleinen
notwendigen Fähigkeiten, diese überall zu entdecken, schien mein Auge von der
Natur bestimmt. Ich sah, worauf mich niemand aufmerksam gemacht hatte; ich
schien aber auch nur geboren, um das zu sehen. Die Reize der leblosen Natur, für
die so viele Menschen äusserst empfanglich sind, hatten keine Wirkung auf mich,
beinah noch weniger die Reize der Kunst; meine angenehmste Empfindung war und
ist es noch, wenn sich mir ein Mangel, ein Bedürfnis in der Welt darstellte,
sogleich im Geiste einen Ersatz, ein Mittel, eine Hülfe aufzufinden.
    Sah ich einen Armen in Lumpen, so fielen mir die überflüssigen Kleider ein,
die ich in den Schränken der Meinigen hatte hängen sehen; sah ich Kinder, die
sich ohne Sorgfalt und ohne Pflege verzehrten, so erinnerte ich mich dieser oder
jener Frau, der ich bei Reichtum und Bequemlichkeit Langeweile abgemerkt hatte;
sah ich viele Menschen in einem engen Raume eingesperrt, so dachte ich, sie
müssten in die grossen Zimmer mancher Häuser und Paläste einquartiert werden.
Diese Art, zu sehen, war bei mir ganz natürlich ohne die mindeste Reflexion, so
dass ich darüber als Kind das wunderlichste Zeug von der Welt machte und mehr als
einmal durch die sonderbarsten Anträge die Menschen in Verlegenheit setzte. Noch
eine Eigenheit war es, dass ich das Geld nur mit Mühe und spät als ein Mittel,
die Bedürfnisse zu befriedigen, ansehen konnte; alle meine Wohltaten bestanden
in Naturalien, und ich weiss, dass oft genug über mich gelacht worden ist. Nur der
Abbé schien mich zu verstehen, er kam mir überall entgegen, er machte mich mit
mir selbst, mit diesen Wünschen und Neigungen bekannt und lehrte mich sie
zweckmässig befriedigen.«
    »Haben Sie denn«, fragte Wilhelm, »bei der Erziehung Ihrer kleinen
weiblichen Welt auch die Grundsätze jener sonderbaren Männer angenommen? lassen
Sie denn auch jede Natur sich selbst ausbilden? lassen Sie denn auch die Ihrigen
suchen und irren, Missgriffe tun, sich glücklich am Ziele finden oder unglücklich
in die Irre verlieren?«
    »Nein!« sagte Natalie, »diese Art, mit Menschen zu handeln, würde ganz gegen
meine Gesinnungen sein. Wer nicht im Augenblick hilft, scheint mir nie zu
helfen, wer nicht im Augenblicke Rat gibt, nie zu raten. Ebenso nötig scheint es
mir, gewisse Gesetze auszusprechen und den Kindern einzuschärfen, die dem Leben
einen gewissen Halt geben. Ja, ich möchte beinah behaupten, es sei besser, nach
Regeln zu irren, als zu irren, wenn uns die Willkür unserer Natur hin und her
treibt, und wie ich die Menschen sehe, scheint mir in ihrer Natur immer eine
Lücke zu bleiben, die nur durch ein entschieden ausgesprochenes Gesetz
ausgefüllt werden kann.«
    »So ist also Ihre Handlungsweise«, sagte Wilhelm, »völlig von jener
verschieden, welche unsere Freunde beobachten?«
    »Ja!« versetzte Natalie, »Sie können aber hieraus die unglaubliche Toleranz
jener Männer sehen, dass sie eben auch mich auf meinem Wege gerade deswegen, weil
es mein Weg ist, keinesweges stören, sondern mir in allem, was ich nur wünschen
kann, entgegenkommen.«
    Einen umständlichern Bericht, wie Natalie mit ihren Kindern verfuhr,
versparen wir auf eine andere Gelegenheit.
    Mignon verlangte oft in der Gesellschaft zu sein, und man vergönnte es ihr
um so lieber, als sie sich nach und nach wieder an Wilhelmen zu gewöhnen, ihr
Herz gegen ihn aufzuschliessen und überhaupt heiterer und lebenslustiger zu
werden schien. Sie hing sich beim Spazierengehen, da sie leicht müde ward, gern
an seinen Arm. »Nun«, sagte sie, »Mignon klettert und springt nicht mehr, und
doch fühlt sie noch immer die Begierde, über die Gipfel der Berge
wegzuspazieren, von einem Hause aufs andere, von einem Baume auf den andern zu
schreiten. Wie beneidenswert sind die Vögel, besonders wenn sie so artig und
vertraulich ihre Nester bauen!«
    Es ward nun bald zur Gewohnheit, dass Mignon ihren Freund mehr als einmal in
den Garten lud. War dieser beschäftigt oder nicht zu finden, so musste Felix die
Stelle vertreten, und wenn das gute Mädchen in manchen Augenblicken ganz von der
Erde los schien, so hielt sie sich in andern gleichsam wieder fest an Vater und
Sohn und schien eine Trennung von diesen mehr als alles zu fürchten.
    Natalie schien nachdenklich. »Wir haben gewünscht, durch Ihre Gegenwart«,
sagte sie, »das arme gute Herz wieder aufzuschliessen; ob wir wohlgetan haben,
weiss ich nicht.« Sie schwieg und schien zu erwarten, dass Wilhelm etwas sagen
sollte. Auch fiel ihm ein, dass durch seine Verbindung mit Teresen Mignon unter
den gegenwärtigen Umständen aufs äusserste gekränkt werden müsse; allein er
getraute sich in seiner Ungewissheit nicht von diesem Vorhaben zu sprechen, er
vermutete nicht, dass Natalie davon unterrichtet sei.
    Ebensowenig konnte er mit Freiheit des Geistes die Unterredung verfolgen,
wenn seine edle Freundin von ihrer Schwester sprach, ihre guten Eigenschaften
rühmte und ihren Zustand bedauerte. Er war nicht wenig verlegen, als Natalie ihm
ankündigte, dass er die Gräfin bald hier sehen werde. »Ihr Gemahl«, sagte sie,
»hat nun keinen andern Sinn, als den abgeschiedenen Grafen in der Gemeinde zu
ersetzen, durch Einsicht und Tätigkeit diese grosse Anstalt zu unterstützen und
weiter aufzubauen. Er kommt mit ihr zu uns, um eine Art von Abschied zu nehmen;
er wird nachher die verschiedenen Orte besuchen, wo die Gemeinde sich
niedergelassen hat; man scheint ihn nach seinen Wünschen zu behandeln, und fast
glaub' ich, er wagt mit meiner armen Schwester eine Reise nach Amerika, um ja
seinem Vorgänger recht ähnlich zu werden; und da er einmal schon beinah
überzeugt ist, dass ihm nicht viel fehle, ein Heiliger zu sein, so mag ihm der
Wunsch manchmal vor der Seele schweben, womöglich zuletzt auch noch als Märtyrer
zu glänzen.«
 
                                Viertes Kapitel
Oft genug hatte man bisher von Fräulein Terese gesprochen, oft genug ihrer im
Vorbeigehen erwähnt, und fast jedesmal war Wilhelm im Begriff, seiner neuen
Freundin zu bekennen, dass er jenem trefflichen Frauenzimmer sein Herz und seine
Hand angeboten habe. Ein gewisses Gefühl, das er sich nicht erklären konnte,
hielt ihn zurück; er zauderte so lange, bis endlich Natalie selbst mit dem
himmlischen, bescheidnen, heitern Lächeln, das man an ihr zu sehen gewohnt war,
zu ihm sagte: »So muss ich denn doch zuletzt das Stillschweigen brechen und mich
in Ihr Vertrauen gewaltsam eindrängen! Warum machen Sie mir ein Geheimnis, mein
Freund, aus einer Angelegenheit, die Ihnen so wichtig ist und die mich selbst so
nahe angeht? Sie haben meiner Freundin Ihre Hand angeboten; ich mische mich
nicht ohne Beruf in diese Sache, hier ist meine Legitimation! hier ist der
Brief, den sie Ihnen schreibt, den sie durch mich Ihnen sendet.«
    »Einen Brief von Teresen!« rief er aus.
    »Ja, mein Herr! und Ihr Schicksal ist entschieden, Sie sind glücklich.
Lassen Sie mich Ihnen und meiner Freundin Glück wünschen.«
    Wilhelm verstummte und sah vor sich hin. Natalie sah ihn an; sie bemerkte,
dass er blass ward. »Ihre Freude ist stark«, fuhr sie fort, »sie nimmt die Gestalt
des Schreckens an, sie raubt Ihnen die Sprache. Mein Anteil ist darum nicht
weniger herzlich, weil er mich noch zum Worte kommen lässt. Ich hoffe, Sie werden
dankbar sein, denn ich darf Ihnen sagen, mein Einfluss auf Teresens
Entschliessung war nicht gering; sie fragte mich um Rat, und sonderbarerweise
waren Sie eben hier, ich konnte die wenigen Zweifel, die meine Freundin noch
hegte, glücklich besiegen, die Boten gingen lebhaft hin und wider; hier ist ihr
Entschluss! hier ist die Entwicklung! Und nun sollen Sie alle ihre Briefe lesen,
Sie sollen in das schöne Herz Ihrer Braut einen freien, reinen Blick tun.«
    Wilhelm entfaltete das Blatt, das sie ihm unversiegelt überreichte; es
entielt die freundlichen Worte:
    »Ich bin die Ihre, wie ich bin und wie Sie mich kennen. Ich nenne Sie den
Meinen, wie Sie sind und wie ich Sie kenne. Was an uns selbst, was an unsern
Verhältnissen der Ehestand verändert, werden wir durch Vernunft, frohen Mut und
guten Willen zu übertragen wissen. Da uns keine Leidenschaft, sondern Neigung
und Zutrauen zusammenführt, so wagen wir weniger als tausend andere. Sie
verzeihen mir gewiss, wenn ich mich manchmal meines alten Freundes herzlich
erinnere; dafür will ich Ihren Sohn als Mutter an meinen Busen drücken. Wollen
Sie mein kleines Haus sogleich mit mir teilen, so sind Sie Herr und Meister,
indessen wird der Gutskauf abgeschlossen. Ich wünschte, dass dort keine neue
Einrichtung ohne mich gemacht würde, um sogleich zu zeigen, dass ich das Zutrauen
verdiene, das Sie mir schenken. Leben Sie wohl, lieber, lieber Freund! geliebter
Bräutigam, verehrter Gatte! Terese drückt Sie an ihre Brust mit Hoffnung und
Lebensfreude. Meine Freundin wird Ihnen mehr, wird Ihnen alles sagen.«
    Wilhelm, dem dieses Blatt seine Terese wieder völlig vergegenwärtigt hatte,
war auch wieder völlig zu sich selbst gekommen. Unter dem Lesen wechselten die
schnellsten Gedanken in seiner Seele. Mit Entsetzen fand er lebhafte Spuren
einer Neigung gegen Natalien in seinem Herzen; er schalt sich, er erklärte jeden
Gedanken der Art für Unsinn, er stellte sich Teresen in ihrer ganzen
Vollkommenheit vor, er las den Brief wieder, er ward heiter, oder vielmehr er
erholte sich so weit, dass er heiter scheinen konnte. Natalie legte ihm die
gewechselten Briefe vor, aus denen wir einige Stellen ausziehen wollen.
    Nachdem Terese ihren Bräutigam nach ihrer Art geschildert hatte, fuhr sie
fort:
»So stelle ich mir den Mann vor, der mir jetzt seine Hand anbietet. Wie er von
sich selbst denkt, wirst Du künftig aus den Papieren sehen, in welchen er sich
mir ganz offen beschreibt; ich bin überzeugt, dass ich mit ihm glücklich sein
werde.«
»Was den Stand betrifft, so weisst Du, wie ich von jeher drüber gedacht habe.
Einige Menschen fühlen die Missverhältnisse der äussern Zustände fürchterlich und
können sie nicht übertragen. Ich will niemanden überzeugen, so wie ich nach
meiner Überzeugung handeln will. Ich denke kein Beispiel zu geben, wie ich doch
nicht ohne Beispiel handle. Mich ängstigen nur die innern Missverhältnisse, ein
Gefäss, das sich zu dem, was es entalten soll, nicht schickt; viel Prunk und
wenig Genuss, Reichtum und Geiz, Adel und Roheit, Jugend und Pedanterei,
Bedürfnis und Zeremonien, diese Verhältnisse wären's, die mich vernichten
könnten, die Welt mag sie stempeln und schätzen, wie sie will.«
»Wenn ich hoffe, dass wir zusammenpassen werden, so gründe ich meinen Anspruch
vorzüglich darauf, dass er Dir, liebe Natalie, die ich so unendlich schätze und
verehre, dass er Dir ähnlich ist. Ja, er hat von Dir das edle Suchen und Streben
nach dem Bessern, wodurch wir das Gute, das wir zu finden glauben, selbst
hervorbringen. Wie oft habe ich Dich nicht im stillen getadelt, dass Du diesen
oder jenen Menschen anders behandeltest, dass Du in diesem oder jenem Fall Dich
anders betrugst, als ich würde getan haben, und doch zeigte der Ausgang meist,
dass Du recht hattest. Wenn wir, sagtest Du, die Menschen nur nehmen, wie sie
sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was
sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind. Ich kann
weder so sehen noch handeln, das weiss ich recht gut. Einsicht, Ordnung, Zucht,
Befehl, das ist meine Sache. Ich erinnere mich noch wohl, was Jarno sagte:
Terese dressiert ihre Zöglinge, Natalie bildet sie. Ja, er ging so weit, dass er
mir einst die drei schönen Eigenschaften: Glaube, Liebe und Hoffnung völlig
absprach. Statt des Glaubens, sagte er, hat sie die Einsicht, statt der Liebe
die Beharrlichkeit und statt der Hoffnung das Zutrauen. Auch will ich Dir gerne
gestehen, eh' ich Dich kannte, kannte ich nichts Höheres in der Welt als
Klarheit und Klugheit; nur Deine Gegenwart hat mich überzeugt, belebt,
überwunden, und Deiner schönen hohen Seele tret' ich gerne den Rang ab. Auch
meinen Freund verehre ich in ebendemselben Sinn; seine Lebensbeschreibung ist
ein ewiges Suchen und Nicht finden; aber nicht das leere Suchen, sondern das
wunderbare gutmütige Suchen begabt ihn, erwähnt, man könne ihm das geben, was
nur von ihm kommen kann. So, meine Liebe, schadet mir auch diesmal meine
Klarheit nichts; ich kenne meinen Gatten besser, als er sich selbst kennt, und
ich achte ihn nur um desto mehr. Ich sehe ihn, aber ich übersehe ihn nicht, und
alle meine Einsicht reicht nicht hin, zu ahnen, was er wirken kann. Wenn ich an
ihn denke, vermischt sich sein Bild immer mit dem Deinigen, und ich weiss nicht,
wie ich es wert bin, zwei solchen Menschen anzugehören. Aber ich will es wert
sein dadurch, dass ich meine Pflicht tue, dadurch, dass ich erfülle, was man von
mir erwarten und hoffen kann.«
»Ob ich Lotarios gedenke? Lebhaft und täglich. Ihn kann ich in der
Gesellschaft, die mich im Geiste umgibt, nicht einen Augenblick missen. O, wie
bedaure ich den trefflichen Mann, der durch einen Jugendfehler mit mir verwandt
ist, dass die Natur ihn Dir so nahe gewollt hat! Wahrlich, ein Wesen wie Du wäre
seiner mehr wert als ich. Dir könnt' ich, Dir müsst' ich ihn abtreten. Lass uns
ihm sein, was nur möglich ist, bis er eine würdige Gattin findet, und auch dann
lass uns zusammen sein und zusammen bleiben.«
»Was werden nun aber unsre Freunde sagen?« begann Natalie. - »Ihr Bruder weiss
nichts davon?« - »Nein! so wenig als die Ihrigen, die Sache ist diesmal nur
unter uns Weibern verhandelt worden. Ich weiss nicht, was Lydie Teresen für
Grillen in den Kopf gesetzt hat; sie scheint dem Abbé und Jarno zu misstrauen.
Lydie hat ihr gegen gewisse geheime Verbindungen und Plane, von denen ich wohl
im allgemeinen weiss, in die ich aber niemals einzudringen gedachte, wenigstens
einigen Argwohn eingeflösst, und bei diesem entscheidenden Schritt ihres Lebens
wollte sie niemand als mir einigen Einfluss verstatten. Mit meinem Bruder war sie
schon früher übereingekommen, dass sie sich wechselsweise ihre Heirat nur melden,
sich darüber nicht zu Rate ziehen wollten.«
    Natalie schrieb nun einen Brief an ihren Bruder, sie lud Wilhelmen ein,
einige Worte dazuzusetzen, Terese hatte sie darum gebeten. Man wollte eben
siegeln, als Jarno sich unvermutet anmelden liess. Aufs freundlichste ward er
empfangen, auch schien er sehr munter und scherzhaft und konnte endlich nicht
unterlassen zu sagen: »Eigentlich komme ich hierher, um Ihnen eine sehr
wunderbare, doch angenehme Nachricht zu bringen, sie betrifft unsere Terese.
Sie haben uns manchmal getadelt, schöne Natalie, dass wir uns um so vieles
bekümmern; nun aber sehen Sie, wie gut es ist, überall seine Spione zu haben.
Raten Sie, und lassen Sie uns einmal Ihre Sagazität sehen!«
    Die Selbstgefälligkeit, womit er diese Worte aussprach, die schalkhafte
Miene, womit er Wilhelmen und Natalien ansah, überzeugten beide, dass ihr
Geheimnis entdeckt sei. Natalie antwortete lächelnd: »Wir sind viel künstlicher,
als Sie denken, wir haben die Auflösung des Rätsels, noch ehe es uns aufgegeben
wurde, schon zu Papier gebracht.«
    Sie überreichte ihm mit diesen Worten den Brief an Lotario und war
zufrieden, der kleinen Überraschung und Beschämung, die man ihnen zugedacht
hatte, auf diese Weise zu begegnen. Jarno nahm das Blatt mit einiger
Verwunderung, überlief es nur, staunte, liess es aus der Hand sinken und sah sie
beide mit grossen Augen, mit einem Ausdruck der Überraschung, ja des Entsetzens
an, den man auf seinem Gesichte nicht gewohnt war. Er sagte kein Wort.
    Wilhelm und Natalie waren nicht wenig betroffen. Jarno ging in der Stube auf
und ab. »Was soll ich sagen?« rief er aus, »oder soll ich's sagen? Es kann kein
Geheimnis bleiben, die Verwirrung ist nicht zu vermeiden. Also denn Geheimnis
gegen Geheimnis! Überraschung gegen Überraschung! Terese ist nicht die Tochter
ihrer Mutter! das Hindernis ist gehoben: ich komme hierher, Sie zu bitten, das
edle Mädchen zu einer Verbindung mit Lotario vorzubereiten.«
    Jarno sah die Bestürzung der beiden Freunde, welche die Augen zur Erde
niederschlugen. »Dieser Fall ist einer von denen«, sagte er, »die sich in
Gesellschaft am schlechtesten ertragen lassen. Was jedes dabei zu denken hat,
denkt es am besten in der Einsamkeit; ich wenigstens erbitte mir auf eine Stunde
Urlaub.« Er eilte in den Garten, Wilhelm folgte ihm mechanisch, aber in der
Ferne.
    Nach Verlauf einer Stunde fanden sie sich wieder zusammen. Wilhelm nahm das
Wort und sagte: »Sonst, da ich ohne Zweck und Plan leicht, ja leichtfertig
lebte, kamen mir Freundschaft, Liebe, Neigung, Zutrauen mit offenen Armen
entgegen, ja sie drängten sich zu mir; jetzt, da es Ernst wird, scheint das
Schicksal mit mir einen andern Weg zu nehmen. Der Entschluss, Teresen meine Hand
anzubieten, ist vielleicht der erste, der ganz rein aus mir selbst kommt. Mit
Überlegung machte ich meinen Plan, meine Vernunft war völlig damit einig, und
durch die Zusage des trefflichen Mädchens wurden alle meine Hoffnungen erfüllt.
Nun drückt das sonderbarste Geschick meine ausgestreckte Hand nieder. Terese
reicht mir die ihrige von ferne, wie im Traume, ich kann sie nicht fassen, und
das schöne Bild verlässt mich auf ewig. So lebe denn wohl, du schönes Bild! und
ihr Bilder der reichsten Glückseligkeit, die ihr euch darum her versammelt!«
    Er schwieg einen Augenblick still, sah vor sich hin, und Jarno wollte reden.
»Lassen Sie mich noch etwas sagen«, fiel Wilhelm ihm ein; »denn um mein ganzes
Geschick wird ja doch diesmal das Los geworfen. In diesem Augenblick kommt mir
der Eindruck zu Hülfe, den Lotarios Gegenwart beim ersten Anblick mir
einprägte, und der mir beständig geblieben ist. Dieser Mann verdient jede Art
von Neigung und Freundschaft, und ohne Aufopferung lässt sich keine Freundschaft
denken. Um seinetwillen war es mir leicht, ein unglückliches Mädchen zu betören,
um seinetwillen soll mir möglich werden, der würdigsten Braut zu entsagen. Gehen
Sie hin, erzählen Sie ihm die sonderbare Geschichte, und sagen Sie ihm, wozu ich
bereit bin.«
    Jarno versetzte hierauf: »In solchen Fällen, halte ich dafür, ist schon
alles getan, wenn man sich nur nicht übereilt. Lassen Sie uns keinen Schritt
ohne Lotarios Einwilligung tun! Ich will zu ihm, erwarten Sie meine Zurückkunft
oder seine Briefe ruhig.«
    Er ritt weg und hinterliess die beiden Freunde in der grössten Wehmut. Sie
hatten Zeit, sich diese Begebenheit auf mehr als eine Weise zu wiederholen und
ihre Bemerkungen darüber zu machen. Nun fiel es ihnen erst auf, dass sie diese
wunderbare Erklärung so gerade von Jarno angenommen und sich nicht um die nähern
Umstände erkundigt hatten. Ja Wilhelm wollte sogar einigen Zweifel hegen; aber
aufs höchste stieg ihr Erstaunen, ja ihre Verwirrung, als den andern Tag ein
Bote von Teresen ankam, der folgenden sonderbaren Brief an Natalien mitbrachte:
    »So seltsam es auch scheinen mag, so muss ich doch meinem vorigen Briefe
sogleich noch einen nachsenden und Dich ersuchen, mir meinen Bräutigam eilig zu
schicken. Er soll mein Gatte werden, was man auch für Plane macht, mir ihn zu
rauben. Gib ihm inliegenden Brief! Nur vor keinem Zeugen, es mag gegenwärtig
sein, wer will.«
    Der Brief an Wilhelmen entielt folgendes: »Was werden Sie von Ihrer Terese
denken, wenn sie auf einmal leidenschaftlich auf eine Verbindung dringt, die der
ruhigste Verstand nur eingeleitet zu haben schien? Lassen Sie sich durch nichts
abhalten, gleich nach dem Empfang des Briefes abzureisen! Kommen Sie, lieber,
lieber Freund, nun dreifach Geliebter, da man mir Ihren Besitz rauben oder
wenigstens erschweren will!«
    »Was ist zu tun?« rief Wilhelm aus, als er diesen Brief gelesen hatte.
    »Noch in keinem Fall«, versetzte Natalie nach einigem Nachdenken, »hat mein
Herz und mein Verstand so geschwiegen als in diesem; ich wüsste nichts zu tun, so
wie ich nichts zu raten weiss.«
    »Wäre es möglich«, rief Wilhelm mit Heftigkeit aus, »dass Lotario selbst
nichts davon wüsste oder, wenn er davon weiss, dass er mit uns das Spiel
versteckter Plane wäre? Hat Jarno, indem er unsern Brief gesehen, das Märchen
aus dem Stegreife erfunden? Würde er uns was anders gesagt haben, wenn wir nicht
zu voreilig gewesen wären? Was kann man wollen? Was für Absichten kann man
haben? Was kann Terese für einen Plan meinen? Ja, es lässt sich nicht leugnen,
Lotario ist von geheimen Wirkungen und Verbindungen umgeben, ich habe selbst
erfahren, dass man tätig ist, dass man sich in einem gewissen Sinne um die
Handlungen, um die Schicksale mehrerer Menschen bekümmert und sie zu leiten
weiss. Von den Endzwecken dieser Geheimnisse verstehe ich nichts, aber diese
neueste Absicht, mir Teresen zu entreissen, sehe ich nur allzu deutlich. Auf
einer Seite malt man mir das mögliche Glück Lotarios, vielleicht nur zum
Scheine, vor, auf der andern sehe ich meine Geliebte, meine verehrte Braut, die
mich an ihr Herz ruft. Was soll ich tun? Was soll ich unterlassen?«
    »Nur ein wenig Geduld!« sagte Natalie, »nur eine kurze Bedenkzeit! In dieser
sonderbaren Verknüpfung weiss ich nur so viel: dass wir das, was unwiederbringlich
ist, nicht übereilen sollen. Gegen ein Märchen, gegen einen künstlichen Plan
stehen Beharrlichkeit und Klugheit uns bei; es muss sich bald aufklären, ob die
Sache wahr oder ob sie erfunden ist. Hat mein Bruder wirklich Hoffnung, sich mit
Teresen zu verbinden, so wäre es grausam, ihm ein Glück auf ewig zu entreissen
in dem Augenblicke, da es ihm so freundlich erscheint. Lassen Sie uns nur
abwarten, ob er etwas davon weiss, ob er selbst glaubt, ob er selbst hofft.«
    Diesen Gründen ihres Rats kam glücklicherweise ein Brief von Lotario zu
Hülfe: »Ich schicke Jarno nicht wieder zurück«, schrieb er; »von meiner Hand
eine Zeile ist Dir mehr als die umständlichsten Worte eines Boten. Ich bin
gewiss, dass Terese nicht die Tochter ihrer Mutter ist, und ich kann die
Hoffnung, sie zu besitzen, nicht aufgeben, bis sie auch überzeugt ist, und
alsdann zwischen mir und dem Freunde mit ruhiger Überlegung entscheidet. Lass
ihn, ich bitte Dich, nicht von Deiner Seite! das Glück, das Leben eines Bruders
hängt davon ab. Ich verspreche Dir, diese Ungewissheit soll nicht lange dauern.«
    »Sie sehen, wie die Sache steht«, sagte sie freundlich zu Wilhelmen; »geben
Sie mir Ihr Ehrenwort, nicht aus dem Hause zu gehen!«
    »Ich gebe es!« rief er aus, indem er ihr die Hand reichte; »ich will dieses
Haus wider Ihren Willen nicht verlassen. Ich danke Gott und meinem guten Geist,
dass ich diesmal geleitet werde, und zwar von Ihnen.«
    Natalie schrieb Teresen den ganzen Verlauf und erklärte, dass sie ihren
Freund nicht von sich lassen werde; sie schickte zugleich Lotarios Brief mit.
    Terese antwortete: »Ich bin nicht wenig verwundert, dass Lotario selbst
überzeugt ist; denn gegen seine Schwester wird er sich nicht auf diesen Grad
verstellen. Ich bin verdriesslich, sehr verdriesslich. Es ist besser, ich sage
nichts weiter. Am besten ist's, ich komme zu Dir, wenn ich nur erst die arme
Lydie untergebracht habe, mit der man grausam umgeht. Ich fürchte, wir sind alle
betrogen und werden so betrogen, um nie ins klare zu kommen. Wenn der Freund
meinen Sinn hätte, so entschlüpfte er Dir doch und würfe sich an das Herz seiner
Terese, die ihm dann niemand entreissen sollte; aber ich fürchte, ich soll ihn
verlieren und Lotario nicht wiedergewinnen. Diesem entreisst man Lydien, indem
man ihm die Hoffnung, mich besitzen zu können, von weitem zeigt. Ich will nichts
weiter sagen, die Verwirrung wird noch grösser werden. Ob nicht indessen die
schönsten Verhältnisse so verschoben, so untergraben und zerrüttet werden, dass
auch dann, wenn alles im klaren sein wird, doch nicht wieder zu helfen ist, mag
die Zeit lehren. Reisst sich mein Freund nicht los, so komme ich in wenigen
Tagen, um ihn bei Dir aufzusuchen und festzuhalten. Du wunderst Dich, wie diese
Leidenschaft sich Deiner Terese bemächtigt hat. Es ist keine Leidenschaft, es
ist Überzeugung, dass, da Lotario nicht mein werden konnte, dieser neue Freund
das Glück meines Lebens machen wird. Sag' ihm das im Namen des kleinen Knaben,
der mit ihm unter der Eiche sass und sich seiner Teilnahme freute! Sag' ihm das
im Namen Teresens, die seinem Antrage mit einer herzlichen Offenheit
entgegenkam! Mein erster Traum, wie ich mit Lotario leben würde, ist weit von
meiner Seele weggerückt; der Traum, wie ich mit meinem neuen Freund zu leben
gedachte, steht noch ganz gegenwärtig vor mir. Achtet man mich so wenig, dass man
glaubt, es sei so was Leichtes, diesen mit jenem aus dem Stegreife wieder
umzutauschen?«
    »Ich verlasse mich auf Sie«, sagte Natalie zu Wilhelmen, indem sie ihm den
Brief Teresens gab, »Sie entfliehen mir nicht. Bedenken Sie, dass Sie das Glück
meines Lebens in Ihrer Hand haben! Mein Dasein ist mit dem Dasein meines Bruders
so innig verbunden und verwurzelt, dass er keine Schmerzen fühlen kann, die ich
nicht empfinde, keine Freude, die nicht auch mein Glück macht. Ja, ich kann wohl
sagen, dass ich allein durch ihn empfunden habe, dass das Herz gerührt und
erhoben, dass auf der Welt Freude, Liebe und ein Gefühl sein kann, das über alles
Bedürfnis hinaus befriedigt.«
    Sie hielt inne, Wilhelm nahm ihre Hand und rief: »O fahren Sie fort! es ist
die rechte Zeit zu einem wahren wechselseitigen Vertrauen; wir haben nie nötiger
gehabt, uns genauer zu kennen.«
    »Ja, mein Freund!« sagte sie lächelnd, mit ihrer ruhigen, sanften,
unbeschreiblichen Hoheit, »es ist vielleicht nicht ausser der Zeit, wenn ich
Ihnen sage, dass alles, was uns so manches Buch, was uns die Welt als Liebe nennt
und zeigt, mir immer nur als ein Märchen erschienen sei.«
    »Sie haben nicht geliebt?« rief Wilhelm aus.
    »Nie oder immer!« versetzte Natalie.
 
                                Fünftes Kapitel
Sie waren unter diesem Gespräch im Garten auf und ab gegangen, Natalie hatte
verschiedene Blumen von seltsamer Gestalt gebrochen, die Wilhelmen völlig
unbekannt waren und nach deren Namen er fragte.
    »Sie vermuten wohl nicht«, sagte Natalie, »für wen ich diesen Strauss
pflücke? Er ist für meinen Oheim bestimmt, dem wir einen Besuch machen wollen.
Die Sonne scheint eben so lebhaft nach dem Saale der Vergangenheit, ich muss Sie
diesen Augenblick hineinführen, und ich gehe niemals hin, ohne einige von den
Blumen, die mein Oheim besonders begünstigte, mitzubringen. Er war ein
sonderbarer Mann und der eigensten Eindrücke fähig. Für gewisse Pflanzen und
Tiere, für gewisse Menschen und Gegenden, ja sogar zu einigen Steinarten hatte
er eine entschiedene Neigung, die selten erklärlich war. Wenn ich nicht, pflegte
er oft zu sagen, mir von Jugend auf so sehr widerstanden hätte, wenn ich nicht
gestrebt hätte, meinen Verstand ins Weite und Allgemeine auszubilden, so wäre
ich der beschränkteste und unerträglichste Mensch geworden; denn nichts ist
unerträglicher als abgeschnittene Eigenheit an demjenigen, von dem man eine
reine, gehörige Tätigkeit fordern kann. Und doch musste er selbst gestehen, dass
ihm gleichsam Leben und Atem ausgehen würde, wenn er sich nicht von Zeit zu Zeit
nachsähe und sich erlaubte, das mit Leidenschaft zu geniessen, was er eben nicht
immer loben und entschuldigen konnte. Meine Schuld ist es nicht, sagte er, wenn
ich meine Triebe und meine Vernunft nicht völlig habe in Einstimmung bringen
können. Bei solchen Gelegenheiten pflegte er meist über mich zu scherzen und zu
sagen: Natalien kann man bei Leibesleben selig preisen, da ihre Natur nichts
fordert, als was die Welt wünscht und braucht.«
    Unter diesen Worten waren sie wieder in das Hauptgebäude gelangt. Sie führte
ihn durch einen geräumigen Gang auf eine Türe zu, vor der zwei Sphinxe von
Granit lagen. Die Türe selbst war auf ägyptische Weise oben ein wenig enger als
unten, und ihre ehernen Flügel bereiteten zu einem ernstaften, ja zu einem
schauerlichen Anblick vor. Wie angenehm ward man daher überrascht, als diese
Erwartung sich in die reinste Heiterkeit auflöste, indem man in einen Saal trat,
in welchem Kunst und Leben jede Erinnerung an Tod und Grab aufhoben. In die
Wände waren verhältnismässige Bogen vertieft, in denen grössere Sarkophagen
standen; in den Pfeilern dazwischen sah man kleinere Öffnungen, mit
Aschenkästchen und Gefässen geschmückt; die übrigen Flächen der Wände und des
Gewölbes sah man regelmässig abgeteilt und zwischen heitern und mannigfaltigen
Einfassungen, Kränzen und Zieraten heitere und bedeutende Gestalten in Feldern
von verschiedener Grösse gemalt. Die architektonischen Glieder waren mit dem
schönen gelben Marmor, der ins Rötliche hinüberblickt, bekleidet, hellblaue
Streifen von einer glücklichen chemischen Komposition ahmten den Lasurstein nach
und gaben, indem sie gleichsam in einem Gegensatz das Auge befriedigten, dem
Ganzen Einheit und Verbindung. Alle diese Pracht und Zierde stellte sich in
reinen architektonischen Verhältnissen dar, und so schien jeder, der hineintrat,
über sich selbst erhoben zu sein, indem er durch die zusammentreffende Kunst
erst erfuhr, was der Mensch sei und was er sein könne.
    Der Türe gegenüber sah man auf einem prächtigen Sarkophagen das Marmorbild
eines würdigen Mannes, an ein Polster gelehnt. Er hielt eine Rolle vor sich und
schien mit stiller Aufmerksamkeit darauf zu blicken. Sie war so gerichtet, dass
man die Worte, die sie entielt, bequem lesen konnte. Es stand darauf: »Gedenke
zu leben.«
    Natalie, indem sie einen verwelkten Strauss wegnahm, legte den frischen vor
das Bild des Oheims; denn er selbst war in der Figur vorgestellt, und Wilhelm
glaubte, sich noch der Züge des alten Herrn zu erinnern, den er damals im Walde
gesehen hatte. - »Hier brachten wir manche Stunde zu«, sagte Natalie, »bis
dieser Saal fertig war. In seinen letzten Jahren hatte er einige geschickte
Künstler an sich gezogen, und seine beste Unterhaltung war, die Zeichnungen und
Kartone zu diesen Gemälden aussinnen und bestimmen zu helfen.«
    Wilhelm konnte sich nicht genug der Gegenstände freuen, die ihn umgaben.
»Welch ein Leben«, rief er aus, »in diesem Saale der Vergangenheit! man könnte
ihn ebensogut den Saal der Gegenwart und der Zukunft nennen. So war alles und so
wird alles sein! Nichts ist vergänglich, als der eine der geniesst und zuschaut.
Hier dieses Bild der Mutter, die ihr Kind ans Herz drückt, wird viele
Generationen glücklicher Mütter überleben. Nach Jahrhunderten vielleicht erfreut
sich ein Vater dieses bärtigen Mannes, der seinen Ernst ablegt und sich mit
seinem Sohne neckt. So verschämt wird durch alle Zeiten die Braut sitzen und bei
ihren stillen Wünschen noch bedürfen, dass man sie tröste, dass man ihr zurede; so
ungeduldig wird der Bräutigam auf der Schwelle horchen, ob er hereintreten
darf.«
    Wilhelms Augen schweiften auf unzählige Bilder umher. Vom ersten frohen
Triebe der Kindheit, jedes Glied im Spiele nur zu brauchen und zu üben, bis zum
ruhigen abgeschiedenen Ernste des Weisen konnte man in schöner, lebendiger Folge
sehen, wie der Mensch keine angeborne Neigung und Fähigkeit besitzt, ohne sie zu
brauchen und zu nutzen. Von dem ersten zarten Selbstgefühl, wenn das Mädchen
verweilt, den Krug aus dem klaren Wasser wieder heraufzuheben, und indessen ihr
Bild gefällig betrachtet, bis zu jenen hohen Feierlichkeiten, wenn Könige und
Völker zu Zeugen ihrer Verbindungen die Götter am Altare anrufen, zeigte sich
alles bedeutend und kräftig.
    Es war eine Welt, es war ein Himmel, der den Beschauenden an dieser Stätte
umgab, und ausser den Gedanken, welche jene gebildeten Gestalten erregten, ausser
den Empfindungen, welche sie einflössten, schien noch etwas andres gegenwärtig zu
sein, wovon der ganze Mensch sich angegriffen fühlte. Auch Wilhelm bemerkte es,
ohne sich davon Rechenschaft geben zu können. »Was ist das«, rief er aus, »das,
unabhängig von aller Bedeutung, frei von allem Mitgefühl, das uns menschliche
Begebenheiten und Schicksale einflössen, so stark und zugleich so anmutig auf
mich zu wirken vermag? Es spricht aus dem Ganzen, es spricht aus jedem Teile
mich an, ohne dass ich jenes begreifen, ohne dass ich diese mir besonders zueignen
könnte! Welchen Zauber ahn' ich in diesen Flächen, diesen Linien, diesen Höhen
und Breiten, diesen Massen und Farben! Was ist es, das diese Figuren, auch nur
obenhin betrachtet, schon als Zierat so erfreulich macht? Ja, ich fühle, man
könnte hier verweilen, ruhen, alles mit den Augen fassen, sich glücklich finden
und ganz etwas andres fühlen und denken als das, was vor Augen steht.«
    Und gewiss, könnten wir beschreiben, wie glücklich alles eingeteilt war, wie
an Ort und Stelle durch Verbindung oder Gegensatz, durch Einfärbigkeit oder
Bunteit alles bestimmt, so und nicht anders erschien, als es erscheinen sollte,
und eine so vollkommene als deutliche Wirkung hervorbrachte, so würden wir den
Leser an einen Ort versetzen, von dem er sich so bald nicht zu entfernen
wünschte.
    Vier grosse marmorne Kandelaber standen in den Ecken des Saals, vier kleinere
in der Mitte um einen sehr schön gearbeiteten Sarkophag, der seiner Grösse nach
eine junge Person von mittlerer Gestalt konnte entalten haben.
    Natalie blieb bei diesem Monumente stehen, und indem sie die Hand darauf
legte, sagte sie: »Mein guter Oheim hatte grosse Vorliebe zu diesem Werke des
Altertums. Er sagte manchmal: Nicht allein die ersten Blüten fallen ab, die ihr
da oben in jenen kleinen Räumen verwahren könnt, sondern auch Früchte, die, am
Zweige hängend, uns noch lange die schönste Hoffnung geben, indes ein heimlicher
Wurm ihre frühere Reife und ihre Zerstörung vorbereitet. Ich fürchte«, fuhr sie
fort, »er hat auf das liebe Mädchen geweissagt, das sich unserer Pflege nach und
nach zu entziehen und zu dieser ruhigen Wohnung zu neigen scheint.«
    Als sie im Begriff waren, wegzugehn, sagte Natalie: »Ich muss Sie noch auf
etwas aufmerksam machen. Bemerken Sie diese halbrunden Öffnungen in der Höhe auf
beiden Seiten! Hier können die Chöre der Sänger verborgen stehen, und diese
ehrnen Zieraten unter dem Gesimse dienen, die Teppiche zu befestigen, die nach
der Verordnung meines Oheims bei jeder Bestattung aufgehängt werden sollen. Er
konnte nicht ohne Musik, besonders nicht ohne Gesang leben und hatte dabei die
Eigenheit, dass er die Sänger nicht sehen wollte. Er pflegte zu sagen: Das
Teater verwöhnt uns gar zu sehr, die Musik dient dort nur gleichsam dem Auge,
sie begleitet die Bewegungen, nicht die Empfindungen. Bei Oratorien und
Konzerten stört uns immer die Gestalt des Musikus; die wahre Musik ist allein
fürs Ohr; eine schöne Stimme ist das allgemeinste, was sich denken lässt, und
indem das eingeschränkte Individuum, das sie hervorbringt, sich vors Auge
stellt, zerstört es den reinen Effekt jener Allgemeinheit. Ich will jeden sehen,
mit dem ich reden soll, denn es ist ein einzelner Mensch, dessen Gestalt und
Charakter die Rede wert oder unwert macht; hingegen wer mir singt, soll
unsichtbar sein, seine Gestalt soll mich nicht bestechen oder irremachen. Hier
spricht nur ein Organ zum Organe, nicht der Geist zum Geiste, nicht eine
tausendfältige Welt zum Auge, nicht ein Himmel zum Menschen. Ebenso wollte er
auch bei instrumentalmusiken die Orchester soviel als möglich versteckt haben,
weil man durch die mechanischen Bemühungen und durch die notdürftigen, immer
seltsamen Gebärden der Instrumentenspieler so sehr zerstreut und verwirrt werde.
Er pflegte daher eine Musik nicht anders als mit zugeschlossenen Augen
anzuhören, um sein ganzes Dasein auf den einzigen reinen Genuss des Ohrs zu
konzentrieren.«
    Sie wollten eben den Saal verlassen, als sie die Kinder in dem Gange heftig
laufen und den Felix rufen hörten: »Nein ich! nein ich!«
    Mignon warf sich zuerst zur geöffneten Türe herein; sie war ausser Atem und
konnte kein Wort sagen; Felix, noch in einiger Entfernung, rief: »Mutter Terese
ist da!« Die Kinder hatten, so schien es, die Nachricht zu überbringen einen
Wettlauf angestellt. Mignon lag in Nataliens Armen, ihr Herz pochte gewaltsam.
    »Böses Kind«, sagte Natalie, »ist dir nicht alle heftige Bewegung untersagt?
Sieh, wie dein Herz schlägt?«
    »Lass es brechen!« sagte Mignon mit einem tiefen Seufzer. »Es schlägt schon
zu lange.«
    Man hatte sich von dieser Verwirrung, von dieser Art von Bestürzung kaum
erholt, als Terese hereintrat. Sie flog auf Natalien zu, umarmte sie und das
gute Kind. Dann wendete sie sich zu Wilhelmen, sah ihn mit ihren klaren Augen an
und sagte: »Nun, mein Freund, wie steht es, Sie haben sich doch nicht irremachen
lassen?« Er tat einen Schritt gegen sie, sie sprang auf ihn zu und hing an
seinem Halse. »O meine Terese!« rief er aus.
    »Mein Freund! mein Geliebter! mein Gatte! Ja, auf ewig die Deine!« rief sie
unter den lebhaftesten Küssen.
    Felix zog sie am Rocke und rief: »Mutter Terese, ich bin auch da!« Natalie
stand und sah vor sich hin; Mignon fuhr auf einmal mit der linken Hand nach dem
Herzen, und indem sie den rechten Arm heftig ausstreckte, fiel sie mit einem
Schrei zu Nataliens Füssen für tot nieder.
    Der Schrecken war gross; keine Bewegung des Herzens noch des Pulses war zu
spüren. Wilhelm nahm sie auf seinen Arm und trug sie eilig hinauf, der
schlotternde Körper hing über seine Schultern. Die Gegenwart des Arztes gab
wenig Trost; er und der junge Wundarzt, den wir schon kennen, bemühten sich
vergebens. Das liebe Geschöpf war nicht ins Leben zurückzurufen.
    Natalie winkte Teresen. Diese nahm ihren Freund bei der Hand und führte ihn
aus dem Zimmer. Er war stumm und ohne Sprache und hatte den Mut nicht, ihren
Augen zu begegnen. So sass er neben ihr auf dem Kanapee, auf dem er Natalie
zuerst angetroffen hatte. Er dachte mit grosser Schnelle eine Reihe von
Schicksalen durch, oder vielmehr er dachte nicht, er liess das auf seine Seele
wirken, was er nicht entfernen konnte. Es gibt Augenblicke des Lebens, in
welchen die Begebenheiten gleich geflügelten Weberschiffchen vor uns sich hin
und wider bewegen und unaufhaltsam ein Gewebe vollenden, das wir mehr oder
weniger selbst gesponnen und angelegt haben. »Mein Freund!« sagte Terese, »mein
Geliebter!« indem sie das Stillschweigen unterbrach und ihn bei der Hand nahm,
»lass uns diesen Augenblick fest zusammenhalten, wie wir noch öfters vielleicht
in ähnlichen Fällen werden zu tun haben. Dies sind die Ereignisse welche zu
ertragen man zu zweien in der Welt sein muss. Bedenke, mein Freund, fühle, dass du
nicht allein bist, zeige, dass du deine Terese liebst, zuerst dadurch, dass du
deine Schmerzen ihr mitteilst!« Sie umarmte ihn und schloss ihn sanft an ihren
Busen; er fasste sie in seine Arme und drückte sie mit Heftigkeit an sich. »Das
arme Kind«, rief er aus, »suchte in traurigen Augenblicken Schutz und Zuflucht
an meinem unsichern Busen; lass die Sicherheit des deinigen mir in dieser
schrecklichen Stunde zugute kommen!« Sie hielten sich fest umschlossen, er
fühlte ihr Herz an seinem Busen schlagen, aber in seinem Geiste war es öde und
leer; nur die Bilder Mignons und Nataliens schwebten wie Schatten vor seiner
Einbildungskraft.
    Natalie trat herein. »Gib uns deinen Segen!« rief Terese, »lass uns in
diesem traurigen Augenblicke vor dir verbunden sein.« - Wilhelm hatte sein
Gesicht an Teresens Halse verborgen; er war glücklich genug, weinen zu können.
Er hörte Natalien nicht kommen, er sah sie nicht, nur bei dem Klang ihrer Stimme
verdoppelten sich seine Tränen. - »Was Gott zusammenfügt, will ich nicht
scheiden«, sagte Natalie lächelnd, »aber verbinden kann ich euch nicht, und kann
nicht loben, dass Schmerz und Neigung die Erinnerung an meinen Bruder völlig aus
euren Herzen zu verbannen scheint.« Wilhelm riss sich bei diesen Worten aus den
Armen Teresens. »Wo wollen Sie hin?« riefen beide Frauen. »Lassen Sie mich das
Kind sehen«, rief er aus, »das ich getötet habe! Das Unglück, das wir mit Augen
sehen, ist geringer, als wenn unsere Einbildungskraft das Übel gewaltsam in
unser Gemüt einsenkt; lassen Sie uns den abgeschiedenen Engel sehen! Seine
heitere Miene wird uns sagen, dass ihm wohl ist!« - Da die Freundinnen den
bewegten Jüngling nicht abhalten konnten, folgten sie ihm, aber der gute Arzt,
der mit dem Chirurgus ihnen entgegenkam, hielt sie ab, sich der Verblichenen zu
nähern, und sagte: »Halten Sie sich von diesem traurigen Gegenstande entfernt,
und erlauben Sie mir, dass ich den Resten dieses sonderbaren Wesens, soviel meine
Kunst vermag, einige Dauer gebe. Ich will die schöne Kunst, einen Körper nicht
allein zu balsamieren, sondern ihm auch ein lebendiges Ansehn zu erhalten, bei
diesem geliebten Geschöpfe sogleich anwenden. Da ich ihren Tod voraussah, habe
ich alle Anstalten gemacht, und mit diesem Gehülfen hier soll mir's gelingen.
Erlauben Sie mir nur noch einige Tage Zeit, und verlangen Sie das liebe Kind
nicht wieder zu sehen, bis wir es in den Saal der Vergangenheit gebracht haben.«
    Der junge Chirurgus hatte jene merkwürdige Instrumententasche wieder in
Händen. »Von wem kann er sie wohl haben?« fragte Wilhelm den Arzt. »Ich kenne
sie sehr gut«, versetzte Natalie, »er hat sie von seinem Vater, der Sie damals
im Walde verband.«
    »O, so habe ich mich nicht geirrt«, rief Wilhelm, »ich erkannte das Band
sogleich. Treten Sie mir es ab! Es brachte mich zuerst wieder auf die Spur von
meiner Wohltäterin. Wieviel Wohl und Wehe überdauert nicht ein solches lebloses
Wesen! Bei wieviel Schmerzen war dies Band nicht schon gegenwärtig, und seine
Fäden halten noch immer! Wie vieler Menschen letzten Augenblick hat es schon
begleitet, und seine Farben sind noch nicht verblichen! Es war gegenwärtig in
einem der schönsten Augenblicke meines Lebens, da ich verwundet auf der Erde lag
und Ihre hülfreiche Gestalt vor mir erschien, als das Kind mit blutigen Haaren,
mit der zärtlichsten Sorgfalt für mein Leben besorgt war, dessen frühzeitigen
Tod wir nun beweinen.«
    Die Freunde hatten nicht lange Zeit, sich über diese traurige Begebenheit zu
unterhalten und Fräulein Teresen über das Kind und über die wahrscheinliche
Ursache seines unerwarteten Todes aufzuklären; denn es wurden Fremde gemeldet,
die, als sie sich zeigten, keinesweges fremd waren. Lotario, Jarno, der Abbé
traten herein. Natalie ging ihrem Bruder entgegen; unter den übrigen entstand
ein augenblickliches Stillschweigen. Terese sagte lächelnd zu Lotario: »Sie
glaubten wohl kaum mich hier zu finden; wenigstens ist es eben nicht rätlich,
dass wir uns in diesem Augenblick aufsuchen; indessen sein Sie mir nach einer so
langen Abwesenheit herzlich gegrüsst!«
    Lotario reichte ihr die Hand und versetzte: »Wenn wir einmal leiden und
entbehren sollen, so mag es immerhin auch in der Gegenwart des geliebten,
wünschenswerten Gutes geschehen. Ich verlange keinen Einfluss auf Ihre
Entschliessung, und mein Vertrauen auf Ihr Herz, auf Ihren Verstand und reinen
Sinn ist noch immer so gross, dass ich Ihnen mein Schicksal und das Schicksal
meines Freundes gerne in die Hand lege.«
    Das Gespräch wendete sich sogleich zu allgemeinen, ja, man darf sagen, zu
unbedeutenden Gegenständen. Die Gesellschaft trennte sich bald zum
Spazierengehen in einzelne Paare. Natalie war mit Lotario, Terese mit dem Abbé
gegangen, und Wilhelm war mit Jarno auf dem Schloss geblieben.
    Die Erscheinung der drei Freunde in dem Augenblick, da Wilhelmen ein
schwerer Schmerz auf der Brust lag, hatte, statt ihn zu zerstreuen, seine Laune
gereizt und verschlimmert; er war verdriesslich und argwöhnisch und konnte und
wollte es nicht verhehlen, als Jarno ihn über sein mürrisches Stillschweigen zur
Rede setzte. »Was braucht's da weiter?« rief Wilhelm aus. »Lotario kommt mit
seinen Beiständen, und es wäre wunderbar, wenn jene geheimnisvollen Mächte des
Turms, die immer so geschäftig sind, jetzt nicht auf uns wirken und, ich weiss
nicht, was für einen seltsamen Zweck mit und an uns ausführen sollten. Soviel
ich diese heiligen Männer kenne, scheint es jeder zeit ihre löbliche Absicht,
das Verbundene zu trennen und das Getrennte zu verbinden. Was daraus für ein
Gewebe entstehen kann, mag wohl unsern unheiligen Augen ewig ein Rätsel
bleiben.«
    »Sie sind verdriesslich und bitter«, sagte Jarno, »das ist recht schön und
gut. Wenn Sie nur erst einmal recht böse werden, wird es noch besser sein.«
    »Dazu kann auch Rat werden«, versetzte Wilhelm, »und ich fürchte sehr, dass
man Lust hat, meine angeborne und angebildete Geduld diesmal aufs äusserste zu
reizen.«
    »So möchte ich Ihnen denn doch«, sagte Jarno, »indessen, bis wir sehen, wo
unsere Geschichten hinaus wollen, etwas von dem Turme erzählen, gegen den Sie
ein so grosses Misstrauen zu hegen scheinen.«
    »Es steht bei Ihnen«, versetzte Wilhelm, »wenn Sie es auf meine Zerstreuung
hin wagen wollen. Mein Gemüt ist so vielfach beschäftigt, dass ich nicht weiss, ob
es an diesen würdigen Abenteuern den schuldigen Teil nehmen kann.«
    »Ich lasse mich«, sagte Jarno, »durch Ihre angenehme Stimmung nicht
abschrecken, Sie über diesen Punkt aufzuklären. Sie halten mich für einen
gescheiten Kerl, und Sie sollen mich auch noch für einen ehrlichen halten, und,
was mehr ist, diesmal hab' ich Auftrag.« - »Ich wünschte«, versetzte Wilhelm,
»Sie sprächen aus eigener Bewegung und aus gutem Willen, mich aufzuklären; und
da ich Sie nicht ohne Misstrauen hören kann, warum soll ich Sie anhören?«
    - »Wenn ich jetzt nichts Besseres zu tun habe«, sagte Jarno, »als Märchen zu
erzählen, so haben Sie ja auch wohl Zeit, ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen;
vielleicht sind Sie dazu geneigter, wenn ich Ihnen gleich anfangs sage: alles,
was Sie im Turme gesehen haben, sind eigentlich nur noch Reliquien von einem
jugendlichen Unternehmen, bei dem es anfangs den meisten Eingeweihten grosser
Ernst war, und über das nun alle gelegentlich nur lächeln.«
    »Also mit diesen würdigen Zeichen und Worten spielt man nur«, rief Wilhelm
aus, »man führt uns mit Feierlichkeit an einen Ort, der uns Ehrfurcht einflösst,
man lässt uns die wunderlichsten Erscheinungen sehen, man gibt uns Rollen voll
herrlicher, geheimnisreicher Sprüche, davon wir freilich das wenigste verstehn,
man eröffnet uns, dass wir bisher Lehrlinge waren, man spricht uns los, und wir
sind so klug wie vorher.« - »Haben Sie das Pergament nicht bei der Hand?« fragte
Jarno, »es entält viel Gutes, denn jene allgemeinen Sprüche sind nicht aus der
Luft gegriffen; freilich scheinen sie demjenigen leer und dunkel, der sich
keiner Erfahrung dabei erinnert. Geben Sie mir den sogenannten Lehrbrief doch,
wenn er in der Nähe ist.« - »Gewiss, ganz nah«, versetzte Wilhelm, »so ein
Amulett sollte man immer auf der Brust tragen.« - »Nun«, sagte Jarno lächelnd,
»wer weiss, ob der Inhalt nicht einmal in Ihrem Kopf und Herzen Platz findet.«
    Jarno blickte hinein und überlief die erste Hälfte mit den Augen. »Diese«,
sagte er, »bezieht sich auf die Ausbildung des Kunstsinnes, wovon andere
sprechen mögen; die zweite handelt vom Leben, und da bin ich besser zu Hause.«
    Er fing darauf an, Stellen zu lesen, sprach dazwischen und knüpfte
Anmerkungen und Erzählungen mit ein. »Die Neigung der Jugend zum Geheimnis, zu
Zeremonien und grossen Worten ist ausserordentlich und oft ein Zeichen einer
gewissen Tiefe des Charakters. Man will in diesen Jahren sein ganzes Wesen, wenn
auch nur dunkel und unbestimmt, ergriffen und berührt fühlen. Der Jüngling, der
vieles ahnet, glaubt in einem Geheimnisse viel zu finden, in ein Geheimnis viel
legen und durch dasselbe wirken zu müssen. In diesen Gesinnungen bestärkte der
Abbé eine junge Gesellschaft teils nach seinen Grundsätzen, teils aus Neigung
und Gewohnheit, da er wohl ehemals mit einer Gesellschaft in Verbindung stand,
die selbst viel im Verborgenen gewirkt haben mochte. Ich konnte mich am
wenigsten in dieses Wesen finden. Ich war älter als die andern, ich hatte von
Jugend auf klar gesehen und wünschte in allen Dingen nichts als Klarheit; ich
hatte kein ander Interesse, als die Welt zu kennen, wie sie war, und steckte mit
dieser Liebhaberei die übrigen besten Gefährten an, und fast hätte darüber
unsere ganze Bildung eine falsche Richtung genommen; denn wir fingen an, nur die
Fehler der andern und ihre Beschränkung zu sehen und uns selbst für treffliche
Wesen zu halten. Der Abbé kam uns zu Hülfe und lehrte uns, dass man die Menschen
nicht beobachten müsse, ohne sich für ihre Bildung zu interessieren, und dass man
sich selbst eigentlich nur in der Tätigkeit zu beobachten und zu erlauschen
imstande sei. Er riet uns, jene ersten Formen der Gesellschaft beizubehalten; es
blieb daher etwas Gesetzliches in unsern Zusammenkünften, man sah wohl die
ersten mystischen Eindrücke auf die Einrichtung des Ganzen, nachher nahm es, wie
durch ein Gleichnis, die Gestalt eines Handwerks an, das sich bis zur Kunst
erhob. Daher kamen die Benennungen von Lehrlingen, Gehülfen und Meistern. Wir
wollten mit eignen Augen sehen und uns ein eigenes Archiv unserer Weltkenntnis
bilden; daher entstanden die vielen Konfessionen, die wir teils selbst
schrieben, teils wozu wir andere veranlassten, und aus denen nachher die
Lehrjahre zusammengesetzt wurden. Nicht allen Menschen ist es eigentlich um ihre
Bildung zu tun; viele wünschen nur so ein Hausmittel zum Wohlbefinden, Rezepte
zum Reichtum und zu jeder Art von Glückseligkeit. Alle diese, die nicht auf ihre
Füsse gestellt sein wollten, wurden mit Mystifikationen und anderm Hokuspokus
teils aufgehalten, teils beiseitegebracht. Wir sprachen nach unserer Art nur
diejenigen los, die lebhaft fühlten und deutlich bekannten, wozu sie geboren
seien, und die sich genug geübt hatten, um mit einer gewissen Fröhlichkeit und
Leichtigkeit ihren Weg zu verfolgen.«
    »So haben Sie sich mit mir sehr übereilt«, versetzte Wilhelm, »denn was ich
kann, will oder soll, weiss ich gerade seit jenem Augenblick am allerwenigsten.«
- »Wir sind ohne Schuld in diese Verwirrung geraten, das gute Glück mag uns
wieder heraushelfen; indessen hören Sie nur: Derjenige, an dem viel zu
entwickeln ist, wird später über sich und die Welt aufgeklärt. Es sind nur
wenige, die den Sinn haben und zugleich zur Tat fähig sind. Der Sinn erweitert,
aber lähmt; die Tat belebt, aber beschränkt.«
    »Ich bitte Sie«, fiel Wilhelm ein, »lesen Sie mir von diesen wunderlichen
Worten nichts mehr! Diese Phrasen haben mich schon verwirrt genug gemacht.« -
»So will ich bei der Erzählung bleiben«, sagte Jarno, indem er die Rolle halb
zuwickelte und nur manchmal einen Blick hinein tat. »Ich selbst habe der
Gesellschaft und den Menschen am wenigsten genutzt; ich bin ein sehr schlechter
Lehrmeister, es ist mir unerträglich, zu sehen, wenn jemand ungeschickte
Versuche macht, einem Irrenden muss ich gleich zurufen, und wenn es ein
Nachtwandler wäre, den ich in Gefahr sähe, geradenweges den Hals zu brechen.
Darüber hatte ich nun immer meine Not mit dem Abbé, der behauptet, der Irrtum
könne nur durch das Irren geheilt werden. Auch über Sie haben wir uns oft
gestritten; er hatte Sie besonders in Gunst genommen, und es will schon etwas
heissen, in dem hohen Grade seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie müssen
mir nachsagen, dass ich Ihnen, wo ich Sie antraf, die reine Wahrheit sagte.« -
»Sie haben mich wenig geschont«, sagte Wilhelm, »und Sie scheinen Ihren
Grundsätzen treu zu bleiben.« - »Was ist denn da zu schonen«, versetzte Jarno,
»wenn ein junger Mensch von mancherlei guten Anlagen eine ganz falsche Richtung
nimmt?« - »Verzeihen Sie«, sagte Wilhelm, »Sie haben mir streng genug alle
Fähigkeit zum Schauspieler abgesprochen; ich gestehe Ihnen, dass, ob ich gleich
dieser Kunst ganz entsagt habe, so kann ich mich doch unmöglich bei mir selbst
dazu für ganz unfähig erklären.« - »Und bei mir«, sagte Jarno, »ist es doch so
rein entschieden, dass, wer sich nur selbst spielen kann, kein Schauspieler ist.
Wer sich nicht dem Sinn und der Gestalt nach in viele Gestalten verwandeln kann,
verdient nicht diesen Namen. So haben Sie z.B. den Hamlet und einige andere
Rollen recht gut gespielt, bei denen Ihr Charakter, Ihre Gestalt und die
Stimmung des Augenblicks Ihnen zugute kamen. Das wäre nun für ein
Liebhaberteater und für einen jeden gut genug, der keinen andern Weg vor sich
sähe Man soll sich«, fuhr Jarno fort, indem er auf die Rolle sah, »vor einem
Talente hüten, das man in Vollkommenheit auszuüben nicht Hoffnung hat. Man mag
es darin so weit bringen, als man will, so wird man doch immer zuletzt, wenn uns
einmal das Verdienst des Meisters klar wird, den Verlust von Zeit und Kräften,
die man auf eine solche Pfuscherei gewendet hat, schmerzlich bedauern.«
    »Lesen Sie nichts!« sagte Wilhelm »ich bitte Sie inständig, sprechen Sie
fort, erzählen Sie mir, klären Sie mich auf! Und so hat also der Abbé mir zum
Hamlet geholfen, indem er einen Geist herbeischafte?« - »Ja, denn er
versicherte, dass es der einzige Weg sei Sie zu heilen, wenn Sie heilbar wären.«
- »Und darum liess er mir den Schleier zurück und hiess mich fliehen?« - »Ja, er
hoffte sogar, mit der Vorstellung des Hamlets sollte Ihre ganze Lust gebüsst
sein. Sie würden nachher das Teater nicht wieder betreten, behauptete er; ich
glaubte das Gegenteil und behielt recht. Wir stritten noch selbigen Abend nach
der Vorstellung darüber.« - »Und Sie haben mich also spielen sehen?« - »O
gewiss!« - »Und wer stellte denn den Geist vor?« - »Das kann ich selbst nicht
sagen, entweder der Abbé oder sein Zwillingsbruder, doch glaub' ich dieser, denn
er ist um ein weniges grösser.« - »Sie haben also auch Geheimnisse
untereinander?« - »Freunde können und müssen Geheimnisse voreinander haben; sie
sind einander doch kein Geheimnis.«
    »Es verwirrt mich schon das Andenken dieser Verworrenheit. Klären Sie mich
über den Mann auf, dem ich so viel schuldig bin, und dem ich so viel Vorwürfe zu
machen habe.«
    »Was ihn uns so schätzbar macht«, versetzte Jarno, »was ihm gewissermassen
die Herrschaft über uns alle erhält, ist der freie scharfe Blick, den ihm die
Natur über alle Kräfte, die im Menschen nur wohnen, und wovon sich jede in ihrer
Art ausbilden lässt, gegeben hat. Die meisten Menschen, selbst die vorzüglichen,
sind nur beschränkt; jeder schätzt gewisse Eigenschaften an sich und andern; nur
die begünstigt er, nur die will er ausgebildet wissen. Ganz entgegengesetzt
wirkt der Abbé, er hat Sinn für alles, Lust an allem, es zu erkennen und zu
befördern. Da muss ich doch wieder in die Rolle sehen!« fuhr Jarno fort: »Nur
alle Menschen machen die Menschheit aus, nur alle Kräfte zusammengenommen die
Welt. Diese sind unter sich oft im Widerstreit, und indem sie sich zu zerstören
suchen, hält sie die Natur zusammen und bringt sie wieder hervor. Von dem
geringsten tierischen Handwerkstriebe bis zur höchsten Ausübung der geistigsten
Kunst, vom Lallen und Jauchzen des Kindes bis zur trefflichsten Äusserung des
Redners und Sängers, vom ersten Balgen der Knaben bis zu den ungeheuren
Anstalten, wodurch Länder erhalten und erobert werden, vom leichtesten
Wohlwollen und der flüchtigsten Liebe bis zur heftigsten Leidenschaft und zum
ernstesten Bunde, von dem reinsten Gefühl der sinnlichen Gegenwart bis zu den
leisesten Ahnungen und Hoffnungen der entferntesten geistigen Zukunft, alles das
und weit mehr liegt im Menschen und muss ausgebildet werden; aber nicht in einem,
sondern in vielen. Jede Anlage ist wichtig, und sie muss entwickelt werden. Wenn
einer nur das Schöne, der andere nur das Nützliche befördert, so machen beide
zusammen erst einen Menschen aus. Das Nützliche befördert sich selbst, denn die
Menge bringt es hervor, und alle können's nicht entbehren; das Schöne muss
befördert werden, denn wenige stellen's dar und viele bedürfen's.«
    »Halten Sie inne!« rief Wilhelm, »ich habe das alles gelesen.« - »Nur noch
einige Zeilen!« versetzte Jarno. »Hier find' ich den Abbé ganz wieder: Eine
Kraft beherrscht die andere, aber keine kann die andere bilden; in jeder Anlage
liegt auch allein die Kraft, sich zu vollenden; das verstehen so wenig Menschen,
die doch lehren und wirken wollen.« - »Und ich verstehe es auch nicht«,
versetzte Wilhelm. - »Sie werden über diesen Text den Abbé noch oft genug hören,
und so lassen Sie uns nur immer recht deutlich sehen und festalten, was an uns
ist, und was wir an uns ausbilden können; lassen Sie uns gegen die andern
gerecht sein, denn wir sind nur insofern zu achten, als wir zu schätzen wissen.«
- »Um Gottes willen! keine Sentenzen weiter! Ich fühle, sie sind ein schlechtes
Heilmittel für ein verwundetes Herz. Sagen Sie mir lieber mit Ihrer grausamen
Bestimmteit, was Sie von mir erwarten, und wie und auf welche Weise Sie mich
aufopfern wollen.« »Jeden Verdacht, ich versichere Sie, werden Sie uns künftig
abbitten. Es ist Ihre Sache, zu prüfen und zu wählen, und die unsere, Ihnen
beizustehn. Der Mensch ist nicht eher glücklich, als bis sein unbedingtes
Streben sich selbst seine Begrenzung bestimmt. Nicht an mich halten Sie sich,
sondern an den Abbé; nicht an sich denken Sie, sondern an das, was Sie umgibt.
Lernen Sie zum Beispiel Lotarios Trefflichkeit einsehen, wie sein Überblick und
seine Tätigkeit unzertrennlich miteinander verbunden sind, wie er immer im
Fortschreiten ist, wie er sich ausbreitet und jeden mit fortreisst. Er führt, wo
er auch sei, eine Welt mit sich, seine Gegenwart belebt und feuert an. Sehen Sie
unsern guten Medikus dagegen: es scheint gerade die entgegengesetzte Natur zu
sein. Wenn jener nur ins Ganze und auch in die Ferne wirkt, so richtet dieser
seinen hellen Blick nur auf die nächsten Dinge, er verschafft mehr die Mittel
zur Tätigkeit, als dass er die Tätigkeit hervorbrächte und belebte; sein Handeln
sieht einem guten Wirtschaften vollkommen ähnlich, seine Wirksamkeit ist still,
indem er einen jeden in seinem Kreis befördert; sein Wissen ist ein beständiges
Sammeln und Ausspenden, ein Nehmen und Mitteilen im kleinen. Vielleicht könnte
Lotario in einem Tage zerstören, woran dieser jahrelang gebaut hat; aber
vielleicht teilt auch Lotario in einem Augenblick andern die Kraft mit, das
Zerstörte hundertfaltig wiederherzustellen.« - »Es ist ein trauriges Geschäft«,
sagte Wilhelm, »wenn man über die reinen Vorzüge der andern in einem Augenblicke
denken soll, da man mit sich selbst uneins ist; solche Betrachtungen stehen dem
ruhigen Manne wohl an, nicht dem, der von Leidenschaft und Ungewissheit bewegt
ist.« - »Ruhig und vernünftig zu betrachten, ist zu keiner Zeit schädlich, und
indem wir uns gewöhnen, über die Vorzüge anderer zu denken, stellen sich die
unsern unvermerkt selbst an ihren Platz, und jede falsche Tätigkeit, wozu uns
die Phantasie lockt, wird alsdann gern von uns aufgegeben. Befreien Sie
womöglich Ihren Geist von allem Argwohn und aller Ängstlichkeit! Dort kommt der
Abbé, sein Sie ja freundlich gegen ihn, bis Sie noch mehr erfahren, wieviel Dank
Sie ihm schuldig sind. Der Schalk! da geht er zwischen Natalien und Teresen,
ich wollte wetten, er denkt sich was aus. So wie er überhaupt gern ein wenig das
Schicksal spielt, so lässt er auch nicht von der Liebhaberei, manchmal eine
Heirat zu stiften.«
    Wilhelm, dessen leidenschaftliche und verdriessliche Stimmung durch alle die
klugen und guten Worte Jarnos nicht verbessert worden war, fand höchst
undelikat, dass sein Freund gerade in diesem Augenblick eines solchen
Verhältnisses erwähnte, und sagte, zwar lächelnd, doch nicht ohne Bitterkeit:
»Ich dächte, man überliesse die Liebhaberei, Heiraten zu stiften, Personen, die
sich lieb haben.«
 
                                Sechstes Kapitel
Die Gesellschaft hatte sich eben wieder begegnet, und unsere Freunde sahen sich
genötigt, das Gespräch abzubrechen. Nicht lange, so ward ein Kurier gemeldet,
der einen Brief in Lotarios eigene Hände übergeben wollte; der Mann ward
vorgeführt, er sah rüstig und tüchtig aus, seine Livree war sehr reich und
geschmackvoll. Wilhelm glaubte ihn zu kennen, und er irrte sich nicht, es war
derselbe Mann, den er damals Philinen und der vermeinten Mariane nachgeschickt
hatte, und der nicht wieder zurückgekommen war. Eben wollte er ihn anreden, als
Lotario, der den Brief gelesen hatte, ernstaft und fast verdriesslich fragte:
»Wie heisst Sein Herr?«
    »Das ist unter allen Fragen«, versetzte der Kurier mit Bescheidenheit, »auf
die ich am wenigsten zu antworten weiss; ich hoffe, der Brief wird das Nötige
vermelden; mündlich ist mir nichts aufgetragen.«
    »Es sei, wie ihm sei«, versetzte Lotario mit Lächeln, »da Sein Herr das
Zutrauen zu mir hat, mir so hasenfüssig zu schreiben, so soll er uns willkommen
sein.« - »Er wird nicht lange auf sich warten lassen«, versetzte der Kurier mit
einer Verbeugung und entfernte sich.
    »Vernehmet nur«, sagte Lotario, »die tolle, abgeschmackte Botschaft: Da
unter allen Gästen, so schreibt der Unbekannte ein guter Humor der angenehmste
Gast sein soll, wenn er sich einstellt, und ich denselben als Reisegefährten
beständig mit mir herumfahre, so bin ich überzeugt, der Besuch, den ich Ew.
Gnaden und Liebden zugedacht habe, wird nicht übel vermerkt werden, vielmehr
hoffe ich, mit der sämtlichen hohen Familie vollkommener Zufriedenheit
anzulangen und gelegentlich mich wieder zu entfernen, der ich mich, und so
weiter, Graf von Schneckenfuss.«
    »Das ist eine neue Familie«, sagte der Abbé.
    »Es mag ein Vikariatsgraf sein«, versetzte Jarno.
    »Das Geheimnis ist leicht zu erraten«, sagte Natalie; »ich wette, es ist
Bruder Friedrich, der uns schon seit dem Tode des Oheims mit einem Besuche
droht.«
    »Getroffen! schöne und weise Schwester!« rief jemand aus einem nahen Busche,
und zugleich trat ein angenehmer, heiterer junger Mann hervor; Wilhelm konnte
sich kaum eines Schreies entalten. »Wie?« rief er, »unser blonder Schelm, der
soll mir auch hier noch erscheinen?« Friedrich ward aufmerksam, sah Wilhelmen an
und rief: »Wahrlich, weniger erstaunt wär' ich gewesen, die berühmten Pyramiden,
die doch in Ägypten so fest stehen, oder das Grab des Königs Mausolus, das, wie
man mir versichert hat, gar nicht mehr existiert, hier in dem Garten meines
Oheims zu finden, als Euch, meinen alten Freund und vielfachen Wohltäter. Seid
mir besonders und schönstens gegrüsst!«
    Nachdem er ringsherum alles bewillkommt und geküsst hatte, sprang er wieder
auf Wilhelmen los und rief: »Haltet mir ihn ja warm, diesen Helden, Heerführer
und dramatischen Philosophen! Ich habe ihn bei unserer ersten Bekanntschaft
schlecht, ja, ich darf wohl sagen, mit der Hechel frisiert, und er hat mir doch
nachher eine tüchtige Tracht Schläge erspart. Er ist grossmütig wie Scipio,
freigebig wie Alexander, gelegentlich auch verliebt, doch ohne seine Nebenbuhler
zu hassen. Nicht etwa, dass er seinen Feinden Kohlen aufs Haupt sammelte,
welches, wie man sagt, ein schlechter Dienst sein soll, den man jemanden
erzeigen kann, nein, er schickt vielmehr den Freunden, die ihm sein Mädchen
entführen, gute und treue Diener nach, damit ihr Fuss an keinen Stein stosse.«
    In diesem Geschmack fuhr er unaufhaltsam fort, ohne dass jemand ihm Einhalt
zu tun imstande gewesen wäre, und da niemand in dieser Art ihm erwidern konnte,
so behielt er das Wort ziemlich allein. »Verwundert euch nicht«, rief er aus,
»über meine grosse Belesenheit in heiligen und Profan-Skribenten; ihr sollt
erfahren, wie ich zu diesen Kenntnissen gelangt bin.« Man wollte von ihm wissen,
wie es ihm gehe, wo er herkomme; allein er konnte vor lauter Sittensprüchen und
alten Geschichten nicht zur deutlichen Erklärung gelangen.
    Natalie sagte leise zu Teresen: »Seine Art von Lustigkeit tut mir wehe; ich
wollte wetten, dass ihm dabei nicht wohl ist.«
    Da Friedrich ausser einigen Spässen, die ihm Jarno erwiderte, keinen Anklang
für seine Possen in der Gesellschaft fand, sagte er: »Es bleibt mir nichts
übrig, als mit der ernstaften Familie auch ernstaft zu werden, und weil mir
unter solchen bedenklichen Umständen sogleich meine sämtliche Sündenlast schwer
auf die Seele fällt, so will ich mich kurz und gut zu einer Generalbeichte
entschliessen, wovon ihr aber, meine werten Herren und Damen, nichts vernehmen
sollt. Dieser edle Freund hier, dem schon einiges von meinem Leben und Tun
bekannt ist, soll es allein erfahren, um so mehr, als er allein darnach zu
fragen einige Ursache hat. Wäret Ihr nicht neugierig, zu wissen«, fuhr er gegen
Wilhelmen fort, »wie und wo? wer? wann und warum? wie sieht's mit der
Konjugation des griechischen Verbi Philéo, Philoh? und mit den Derivativis
dieses allerliebsten Zeitwortes aus?«
    Somit nahm er Wilhelmen beim Arme, führte ihn fort, indem er ihn auf alle
Weise drückte und küsste.
    Kaum war Friedrich auf Wilhelms Zimmer gekommen, als er im Fenster ein
Pudermesser liegen fand mit der Inschrift: Gedenke mein! »Ihr hebt Eure werten
Sachen gut auf!« sagte er: »wahrlich, das ist Philinens Pudermesser, das sie
Euch jenen Tag schenkte, als ich Euch so gerauft hatte. Ich hoffe, Ihr habt des
schönen Mädchens fleissig dabei gedacht, und ich versichere Euch, sie hat Euch
auch nicht vergessen, und wenn ich nicht jede Spur von Eifersucht schon lange
aus meinem Herzen verbannt hätte, so würde ich Euch nicht ohne Neid ansehen.«
    »Reden Sie nichts mehr von diesem Geschöpfe!« versetzte Wilhelm. »Ich leugne
nicht, dass ich den Eindruck ihrer angenehmen Gegenwart lange nicht loswerden
konnte, aber das war auch alles.«
    »Pfui! schämt Euch«, rief Friedrich, »wer wird eine Geliebte verleugnen? und
Ihr habt sie so komplett geliebt, als man es nur wünschen konnte. Es verging
kein Tag, dass Ihr dem Mädchen nicht etwas schenktet, und wenn der Deutsche
schenkt, liebt er gewiss. Es blieb mir nichts übrig, als sie Euch zuletzt
wegzuputzen, und dem roten Offizierchen ist es denn auch endlich geglückt.«
    »Wie? Sie waren der Offizier, den wir bei Philinen antrafen, und mit dem sie
wegreiste?«
    »Ja«, versetzte Friedrich, »den Sie für Marianen hielten. Wir haben genug
über den Irrtum gelacht.«
    »Welche Grausamkeit!« rief Wilhelm, »mich in einer solchen Ungewissheit zu
lassen.«
    »Und noch dazu den Kurier, den Sie uns nachschickten, gleich in Dienste zu
nehmen!« versetzte Friedrich. »Es ist ein tüchtiger Kerl und ist diese Zeit
nicht von unserer Seite gekommen. Und das Mädchen lieb' ich noch immer so rasend
wie jemals. Mir hat sie's ganz eigens angetan, dass ich mich ganz nahezu in einem
mytologischen Falle befinde und alle Tage befürchte, verwandelt zu werden.«
    »Sagen Sie mir nur«, fragte Wilhelm, »wo haben Sie Ihre ausgebreitete
Gelehrsamkeit her? Ich höre mit Verwunderung der seltsamen Manier zu, die Sie
angenommen haben, immer mit Beziehung auf alte Geschichten und Fabeln zu
sprechen.«
    »Auf die lustigste Weise«, sagte Friedrich, »bin ich gelehrt, und zwar sehr
gelehrt worden. Philine ist nun bei mir, wir haben einem Pachter das alte Schloss
eines Rittergutes abgemietet, worin wir wie die Kobolde aufs lustigste leben.
Dort haben wir eine zwar kompendiöse, aber doch ausgesuchte Bibliotek gefunden,
entaltend eine Bibel in Folio, Gottfrieds Chronik, zwei Bände Teatrum
Europaeum, die Acerra Philologica, Gryphii Schriften und noch einige minder
wichtige Bücher. Nun hatten wir denn doch, wenn wir ausgetobt hatten, manchmal
lange Weile, wir wollten lesen, und ehe wir's uns versahn, ward unsere Weile
noch länger. Endlich hatte Philine den herrlichen Einfall, die sämtlichen Bücher
auf einem grossen Tisch aufzuschlagen, wir setzten uns gegeneinander und lasen
gegeneinander, und immer nur stellenweise, aus einem Buch wie aus dem andern.
Das war nun eine rechte Lust! Wir glaubten wirklich in guter Gesellschaft zu
sein, wo man für unschicklich hält, irgendeine Materie zu lange fortsetzen oder
wohl gar gründlich erörtern zu wollen; wir glaubten in lebhafter Gesellschaft zu
sein, wo keins das andere zu Wort kommen lässt. Diese Unterhaltung geben wir uns
regelmässig alle Tage und werden dadurch nach und nach so gelehrt, dass wir uns
selbst darüber verwundern. Schon finden wir nichts Neues mehr unter der Sonne,
zu allem bietet uns unsere Wissenschaft einen Beleg an. Wir variieren diese Art,
uns zu unterrichten, auf gar vielerlei Weise. Manchmal lesen wir nach einer
alten verdorbenen Sanduhr, die in einigen Minuten ausgelaufen ist. Schnell dreht
sie das andere herum und fängt aus einem Buche zu lesen an, und kaum ist wieder
der Sand im untern Glase, so beginnt das andere schon wieder seinen Spruch, und
so studieren wir wirklich auf wahrhaft akademische Weise, nur dass wir kürzere
Stunden haben und unsere Studien äusserst mannigfaltig sind.«
    »Diese Tollheit begreife ich wohl«, sagte Wilhelm, »wenn einmal so ein
lustiges Paar beisammen ist; wie aber das lockere Paar so lange beisammen
bleiben kann, das ist mir nicht so bald begreiflich.«
    »Das ist«, rief Friedrich, »neben das Glück und das Unglück: Philine darf
sich nicht sehen lassen, sie mag sich selbst nicht sehen, sie ist guter
Hoffnung. Unförmlicher und lächerlicher ist nichts in der Welt als sie. Noch
kurz, ehe ich wegging, kam sie zufälligerweise vor den Spiegel. Pfui Teufel!
sagte sie und wendete das Gesicht ab, die leibhaftige Frau Melina! das garstige
Bild! Man sieht doch ganz niederträchtig aus!«
    »Ich muss gestehen«, versetzte Wilhelm lächelnd, »dass es ziemlich komisch
sein mag, euch als Vater und Mutter beisammen zu sehen.«
    »Es ist ein recht närrischer Streich«, sagte Friedrich, »dass ich noch
zuletzt als Vater gelten soll. Sie behauptet's, und die Zeit trifft auch.
Anfangs machte mich der verwünschte Besuch, den sie Euch nach dem Hamlet
abgestattet hatte, ein wenig irre.«
    »Was für ein Besuch?«
    »Ihr werdet das Andenken daran doch nicht ganz und gar verschlafen haben?
Das allerliebste fühlbare Gespenst jener Nacht, wenn Ihr's noch nicht wisst, war
Philine. Die Geschichte war mir freilich eine harte Mitgift, doch wenn man sich
so etwas nicht mag gefallen lassen, so muss man gar nicht lieben. Die Vaterschaft
beruht überhaupt nur auf der Überzeugung; ich bin überzeugt, und also bin ich
Vater. Da seht Ihr, dass ich die Logik auch am rechten Orte zu brauchen weiss. Und
wenn das Kind sich nicht gleich nach der Geburt auf der Stelle zu Tode lacht, so
kann es, wo nicht ein nützlicher, doch angenehmer Weltbürger werden.«
    Indessen die Freunde sich auf diese lustige Weise von leichtfertigen
Gegenständen unterhielten, hatte die übrige Gesellschaft ein ernstaftes
Gespräch angefangen. Kaum hatten Friedrich und Wilhelm sich entfernt, als der
Abbé die Freunde unvermerkt in einen Gartensaal führte und, als sie Platz
genommen hatten, seinen Vortrag begann.
    »Wir haben«, sagte er, »im allgemeinen behauptet, dass Fräulein Terese nicht
die Tochter ihrer Mutter sei; es ist nötig, dass wir uns hierüber auch nun im
einzelnen erklären. Hier ist die Geschichte, die ich sodann auf alle Weise zu
belegen und zu beweisen mich erbiete.
    Frau von *** lebte die ersten Jahre ihres Ehestandes mit ihrem Gemahl in dem
besten Vernehmen, nur hatten sie das Unglück, dass die Kinder, zu denen einigemal
Hoffnung war, tot zur Welt kamen, und bei dem dritten die Ärzte der Mutter
beinahe den Tod verkündigten und ihn bei einem folgenden als ganz unvermeidlich
weissagten. Man war genötigt, sich zu entschliessen, man wollte das Eheband nicht
aufheben, man befand sich, bürgerlich genommen, zu wohl. Frau von *** suchte in
der Ausbildung ihres Geistes, in einer gewissen Repräsentation, in den Freuden
der Eitelkeit eine Art von Entschädigung für das Mutterglück, das ihr versagt
war. Sie sah ihrem Gemahl mit sehr viel Heiterkeit nach, als er Neigung zu einem
Frauenzimmer fasste, welche die ganze Haushaltung versah, eine schöne Gestalt und
einen sehr soliden Charakter hatte. Frau von *** bot nach kurzer Zeit einer
Einrichtung selbst die Hände, nach welcher das gute Mädchen sich Teresens Vater
überliess, in der Besorgung des Hauswesens fortfuhr und gegen die Frau vom Hause
fast noch mehr Dienstfertigkeit und Ergebung als vorher bezeigte.
    Nach einiger Zeit erklärte sie sich guter Hoffnung, und die beiden Eheleute
kamen bei dieser Gelegenheit, obwohl aus ganz verschiedenen Anlässen, auf
einerlei Gedanken. Herr von *** wünschte das Kind seiner Geliebten als sein
rechtmässiges im Hause einzuführen, und Frau von ***, verdriesslich, dass durch die
Indiskretion ihres Arztes ihr Zustand in der Nachbarschaft hatte verlauten
wollen, dachte durch ein untergeschobenes Kind sich wieder in Ansehn zu setzen
und durch eine solche Nachgiebigkeit ein Übergewicht im Hause zu erhalten, das
sie unter den übrigen Umständen zu verlieren fürchtete. Sie war zurückhaltender
als ihr Gemahl, sie merkte ihm seinen Wunsch ab und wusste, ohne ihm
entgegenzugehn, eine Erklärung zu erleichtern. Sie machte ihre Bedingungen und
erhielt fast alles, was sie verlangte, und so entstand das Testament, worin so
wenig für das Kind gesorgt zu sein schien. Der alte Arzt war gestorben, man
wendete sich an einen jungen, tätigen, gescheiten Mann, er ward gut belohnt, und
er konnte selbst eine Ehre darin suchen, die Unschicklichkeit und Übereilung
seines abgeschiedenen Kollegen ins Licht zu setzen und zu verbessern. Die wahre
Mutter willigte nicht ungern ein, man spielte die Verstellung sehr gut, Terese
kam zur Welt und wurde einer Stiefmutter zugeeignet, indes ihre wahre Mutter ein
Opfer dieser Verstellung ward, indem sie sich zu früh wieder herauswagte, starb
und den guten Mann trostlos hinterliess.
    Frau von *** hatte indessen ganz ihre Absicht erreicht sie hatte vor den
Augen der Welt ein liebenswürdiges Kind, mit dem sie übertrieben paradierte, sie
war zugleich eine Nebenbuhlerin losgeworden, deren Verhältnis sie denn doch mit
neidischen Augen ansah, und deren Einfluss sie, für die Zukunft wenigstens,
heimlich fürchtete; sie überhäufte das Kind mit Zärtlichkeit und wusste ihren
Gemahl in vertraulichen Stunden durch eine so lebhafte Teilnahme an seinem
Verlust dergestalt an sich zu ziehen, dass er sich ihr, man kann es wohl sagen,
ganz ergab, sein Glück und das Glück seines Kindes in ihre Hände legte und kaum
kurze Zeit vor seinem Tode, und noch gewissermassen nur durch seine erwachsene
Tochter, wieder Herr im Hause ward. Das war, schöne Terese, das Geheimnis, das
Ihnen Ihr kranker Vater wahrscheinlich so gern entdeckt hätte, das ist's, was
ich Ihnen jetzt, eben da der junge Freund, der durch die sonderbarste
Verknüpfung von der Welt Ihr Bräutigam geworden ist, in der Gesellschaft fehlt,
umständlich vorlegen wollte. Hier sind die Papiere, die aufs strengste beweisen,
was ich behauptet habe. Sie werden daraus zugleich erfahren, wie lange ich schon
dieser Entdeckung auf der Spur war, und wie ich doch erst jetzt zur Gewissheit
kommen konnte; wie ich nicht wagte, meinem Freund etwas von der Möglichkeit des
Glücks zu sagen, da es ihn zu tief gekränkt haben würde, wenn diese Hoffnung zum
zweiten Male verschwunden wäre. Sie werden Lydiens Argwohn begreifen; denn ich
gestehe gern, dass ich die Neigung unseres Freundes zu diesem guten Mädchen
keineswegs begünstigte, seitdem ich seiner Verbindung mit Teresen wieder
entgegensah.«
    Niemand erwiderte etwas auf diese Geschichte. Die Frauenzimmer gaben ihre
Papiere nach einigen Tagen zurück, ohne derselben weiter zu erwähnen.
    Man hatte Mittel genug in der Nähe, die Gesellschaft wenn sie beisammen war,
zu beschäftigen; auch bot die Gegend so manche Reize dar, dass man sich gern
darin teils einzeln, teils zusammen, zu Pferde, zu Wagen oder zu Fusse umsah.
Jarno richtete bei einer solchen Gelegenheit seinen Auftrag an Wilhelmen aus,
legte ihm die Papiere vor, schien aber weiter keine Entschliessung von ihm zu
verlangen.
    »In diesem höchst sonderbaren Zustand, in dem ich mich befinde«, sagte
Wilhelm darauf, »brauche ich Ihnen nur das zu wiederholen, was ich sogleich
anfangs in Gegenwart Nataliens und gewiss mit einem reinen Herzen gesagt habe:
Lotario und seine Freunde können jede Art von Entsagung von mir fordern, ich
lege Ihnen hiermit alle meine Ansprüche an Teresen in die Hand, verschaffen Sie
mir dagegen meine förmliche Entlassung. O! es bedarf, mein Freund, keines grossen
Bedenkens, mich zu entschliessen. Schon diese Tage hab' ich gefühlt, dass Terese
Mühe hat, nur einen Schein der Lebhaftigkeit mit der sie mich zuerst hier
begrüsste, zu erhalten. Ihre Neigung ist mir entwendet, oder vielmehr ich habe
sie nie besessen.«
    »Solche Fälle möchten sich wohl besser nach und nach unter Schweigen und
Erwarten aufklären«, versetzte Jarno, »als durch vieles Reden, wodurch immer
eine Art von Verlegenheit und Gärung entsteht.«
    »Ich dächte vielmehr«, sagte Wilhelm, »dass gerade dieser Fall der ruhigsten
und der reinsten Entscheidung fähig sei. Man hat mir so oft den Vorwurf des
Zauderns und der Ungewissheit gemacht; warum will man jetzt, da ich entschlossen
bin, geradezu einen Fehler den man an mir tadelte, gegen mich selbst begehn?
Gibt sich die Welt nur darum so viel Mühe, uns zu bilden, um uns fühlen zu
lassen, dass sie sich nicht bilden mag? Ja, gönnen Sie mir recht bald das heitere
Gefühl, ein Missverhältnis loszuwerden, in das ich mit den reinsten Gesinnungen
von der Welt geraten bin.«
    Ungeachtet dieser Bitte vergingen einige Tage, in denen er nichts von dieser
Sache hörte, noch auch eine weitere Veränderung an seinen Freunden bemerkte; die
Unterhaltung war vielmehr bloss allgemein und gleichgültig.
 
                               Siebentes Kapitel
Einst sassen Natalie, Jarno und Wilhelm zusammen, und Natalie begann: »Sie sind
nachdenklich, Jarno, ich kann es Ihnen schon einige Zeit abmerken.«
    »Ich bin es«, versetzte der Freund, »und ich sehe ein wichtiges Geschäft vor
mir, das bei uns schon lange vorbereitet ist und jetzt notwendig angegriffen
werden muss. Sie wissen schon etwas im allgemeinen davon, und ich darf wohl vor
unserm jungen Freunde davon reden, weil es auf ihn ankommen soll, ob er teil
daran zu nehmen Lust hat. Sie werden mich nicht lange mehr sehen, denn ich bin
im Begriff, nach Amerika überzuschiffen.«
    »Nach Amerika?« versetzte Wilhelm lächelnd; »ein solches Abenteuer hätte ich
nicht von Ihnen erwartet, noch weniger, dass Sie mich zum Gefährten ausersehen
würden.«
    »Wenn Sie unsern Plan ganz kennen«, versetzte Jarno, »So werden Sie ihm
einen bessern Namen geben und vielleicht für ihn eingenommen werden. Hören Sie
mich an! Man darf nur ein wenig mit den Weltändeln bekannt sein, um zu
bemerken, dass uns grosse Veränderungen bevorstehn, und dass die Besitztümer
beinahe nirgends mehr recht sicher sind.«
    »Ich habe keinen deutlichen Begriff von den Weltändeln«, fiel Wilhelm ein,
»und habe mich erst vor kurzem um meine Besitztümer bekümmert. Vielleicht hätte
ich wohl getan, sie mir noch länger aus dem Sinne zu schlagen, da ich bemerken
muss, dass die Sorge für ihre Erhaltung so hypochondrisch macht.«
    »Hören Sie mich aus!« sagte Jarno, »die Sorge geziemt dem Alter, damit die
Jugend eine Zeitlang sorglos sein könne. Das Gleichgewicht in den menschlichen
Handlungen kann leider nur durch Gegensätze hergestellt werden. Es ist
gegenwärtig nicht weniger als rätlich, nur an einem Orte zu besitzen, nur einem
Platze sein Geld anzuvertrauen, und es ist wieder schwer, an vielen Orten
Aufsicht darüber zu führen; wir haben uns deswegen etwas anders ausgedacht: aus
unserm alten Turm soll eine Sozietät ausgehen, die sich in alle Teile der Welt
ausbreiten, in die man aus jedem Teile der Welt eintreten kann. Wir assekurieren
uns untereinander unsere Existenz, auf den einzigen Fall, dass eine
Staatsrevolution den einen oder den andern von seinen Besjetztümern völlig
vertriebe. Ich gehe nun hinüber nach Amerika, um die guten Verhältnisse zu
benutzen, die sich unser Freund bei seinem dortigen Aufentalt gemacht hat. Der
Abbé will nach Russland gehn, und Sie sollen die Wahl haben, wenn Sie sich an uns
anschliessen wollen, ob Sie Lotario in Deutschland beistehn oder mit mir gehen
wollen. Ich dächte, Sie wählten das letzte; denn eine grosse Reise zu tun, ist
für einen jungen Mann äusserst nützlich.«
    Wilhelm nahm sich zusammen und antwortete: »Der Antrag ist aller Überlegung
wert; denn mein Wahlspruch wird doch nächstens sein: Je weiter weg, desto
besser. Sie werden mich, hoffe ich, mit Ihrem Plane näher bekannt machen. Es
kann von meiner Unbekanntschaft mit der Welt herrühren, mir scheinen aber einer
solchen Verbindung sich unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenzusetzen.«
    »Davon sich die meisten nur dadurch heben werden«, versetzte Jarno, »dass
unser bis jetzt nur wenig sind, redliche, gescheite und entschlossene Leute, die
einen gewissen allgemeinen Sinn haben, aus dem allein der gesellige Sinn
entstehen kann.«
    Friedrich, der bisher nur zugehört hatte, versetzte darauf: »Und wenn ihr
mir ein gutes Wort gebt, gehe ich auch mit.«
    Jarno schüttelte den Kopf.
    »Nun, was habt ihr an mir auszusetzen?« fuhr Friedrich fort. »Bei einer
neuen Kolonie werden auch junge Kolonisten erfordert, und die bring' ich gleich
mit; auch lustige Kolonisten, das versichre ich euch. Und dann wüsste ich noch
ein gutes junges Mädchen, das hierhüben nicht mehr am Platz ist, die süsse,
reizende Lydie. Wo soll das arme Kind mit seinem Schmerz und Jammer hin, wenn
sie ihn nicht gelegentlich in die Tiefe des Meeres werfen kann, und wenn sich
nicht ein braver Mann ihrer annimmt? Ich dächte, mein Jugendfreund, da Ihr doch
im Gange seid, Verlassene zu trösten, Ihr entschlösst Euch, jeder nähme sein
Mädchen unter den Arm, und wir folgten dem alten Herrn.«
    Dieser Antrag verdross Wilhelmen. Er antwortete mit verstellter Ruhe: »Weiss
ich doch nicht einmal, ob sie frei ist, und da ich überhaupt im Werben nicht
glücklich zu sein scheine, so möchte ich einen solchen Versuch nicht machen.«
    Natalie sagte darauf: »Bruder Friedrich, du glaubst, weil du für dich so
leichtsinnig handelst, auch für andere gelte deine Gesinnung. Unser Freund
verdient ein weibliches Herz, das ihm ganz angehöre, das nicht an seiner Seite
von fremden Erinnerungen bewegt werde; nur mit einem höchst vernünftigen und
reinen Charakter wie Teresens war ein Wagestück dieser Art zu raten.«
    »Was Wagestück!« rief Friedrich. »In der Liebe ist alles Wagestück. Unter
der Laube oder vor dem Altar, mit Umarmungen oder goldenen Ringen, beim Gesange
der Heimchen oder bei Trompeten und Pauken, es ist alles nur ein Wagestück, und
der Zufall tut alles.«
    »Ich habe immer gesehen«, versetzte Natalie, »dass unsere Grundsätze nur ein
Supplement zu unsern Existenzen sind. Wir hängen unsern Fehlern gar zu gern das
Gewand eines gültigen Gesetzes um. Gib nur acht, welchen Weg dich die Schöne
noch führen wird, die dich auf eine so gewaltsame Weise angezogen hat und
festält.«
    »Sie ist selbst auf einem sehr guten Wege«, versetzte Friedrich, »rauf dem
Wege zur Heiligkeit. Es ist freilich ein Umweg, aber desto lustiger und sichrer;
Maria von Magdala ist ihn auch gegangen, und wer weiss, wie viel andere.
Überhaupt, Schwester, wenn von Liebe die Rede ist, solltest du dich gar nicht
drein mischen. Ich glaube, du heiratest nicht eher, als bis irgendwo eine Braut
fehlt, und du gibst dich alsdann nach deiner gewohnten Guterzigkeit auch als
Supplement irgendeiner Existenz hin. Also lass uns nur jetzt mit diesem
Seelenverkäufer da unsern Handel schliessen und über unsere Reisegesellschaft
einig werden.«
    »Sie kommen mit Ihren Vorschlägen zu spät«, sagte Jarno, »für Lydien ist
gesorgt.«
    »Und wie?« fragte Friedrich.
    »Ich habe ihr selbst meine Hand angeboten«, versetzte Jarno.
    »Alter Herr«, sagte Friedrich, »da macht Ihr einen Streich, zu dem man, wenn
man ihn als ein Substantivum betrachtet, verschiedene Adjektiva, und folglich,
wenn man ihn als Subjekt betrachtet, verschiedene Prädikate finden könnte.«
    »Ich muss aufrichtig gestehen«, versetzte Natalie, »es ist ein gefährlicher
Versuch, sich ein Mädchen zuzueignen, in dem Augenblicke, da sie aus Liebe zu
einem andern verzweifelt.«
    »Ich habe es gewagt«, versetzte Jarno, »sie wird unter einer gewissen
Bedingung mein. Und, glauben Sie mir, es ist in der Welt nichts schätzbarer als
ein Herz, das der Liebe und der Leidenschaft fähig ist. Ob es geliebt habe, ob
es noch liebe, darauf kommt es nicht an. Die Liebe, mit der ein anderer geliebt
wird, ist mir beinahe reizender als die mit der ich geliebt werden könnte; ich
sehe die Kraft, die Gewalt eines schönen Herzens, ohne dass die Eigenliebe mir
den reinen Anblick trübt.«
    »Haben Sie Lydien in diesen Tagen schon gesprochen?« versetzte Natalie.
    Jarno nickte lächelnd; Natalie schüttelte den Kopf und sagte, indem sie
aufstand: »Ich weiss bald nicht mehr, was ich aus euch machen soll, aber mich
sollt ihr gewiss nicht irremachen.«
    Sie wollte sich eben entfernen, als der Abbé mit einem Brief in der Hand
hereintrat und zu ihr sagte: »Bleiben Sie! ich habe hier einen Vorschlag, bei
dem Ihr Rat willkommen sein wird. Der Marchese, der Freund Ihres verstorbenen
Oheims, den wir seit einiger Zeit erwarten, muss in diesen Tagen hier sein. Er
schreibt mir, dass ihm doch die deutsche Sprache nicht so geläufig sei, als er
geglaubt, dass er eines Gesellschafters bedürfe, der sie vollkommen nebst einigem
andern besitze; da er mehr wünsche in wissenschaftliche als politische
Verbindungen zu treten, so sei ihm ein solcher Dolmetscher unentbehrlich. Ich
wüsste niemand geschickter dazu als unsern jungen Freund. Er kennt die Sprache,
ist sonst in vielem unterrichtet, und es wird für ihn selbst ein grosser Vorteil
sein, in so guter Gesellschaft und unter so vorteilhaften Umständen Deutschland
zu sehen. Wer sein Vaterland nicht kennt, hat keinen Massstab für fremde Länder.
Was sagen Sie, meine Freunde? was sagen Sie, Natalie?«
    Niemand wusste gegen den Antrag etwas einzuwenden; Jarno schien seinen
Vorschlag, nach Amerika zu reisen, selbst als kein Hindernis anzusehn, indem er
ohnehin nicht so gleich aufbrechen würde; Natalie schwieg, und Friedrich führte
verschiedene Sprüchwörter über den Nutzen des Reisens an.
    Wilhelm war über diesen neuen Vorschlag im Herzen so entrüstet, dass er es
kaum verbergen konnte. Er sah eine Verabredung, ihn baldmöglichst loszuwerden,
nur gar zu deutlich, und was das Schlimmste war, man liess sie so offenbar, so
ganz ohne Schonung sehen. Auch der Verdacht, den Lydie bei ihm erregt, alles,
was er selbst erfahren hatte, wurde wieder aufs neue vor seiner Seele lebendig,
und die natürliche Art, wie Jarno ihm alles ausgelegt hatte, schien ihm auch nur
eine künstliche Darstellung zu sein.
    Er nahm sich zusammen und antwortete: »Dieser Antrag verdient allerdings
eine reifliche Überlegung.«
    »Eine geschwinde Entschliessung möchte nötig sein«, versetzte der Abbé.
    »Dazu bin ich jetzt nicht gefasst«, antwortete Wilhelm. »Wir können die
Ankunft des Mannes abwarten und dann sehen, ob wir zusammenpassen. Eine
Hauptbedingung aber muss man zum voraus eingehen, dass ich meinen Felix mitnehmen
und ihn überall mit hinführen darf.«
    »Diese Bedingung wird schwerlich zugestanden werden«, versetzte der Abbé.
    »Und ich sehe nicht«, rief Wilhelm aus, »warum ich mir von irgendeinem
Menschen sollte Bedingungen vorschreiben lassen? und warum ich, wenn ich einmal
mein Vaterland sehen will, einen Italiener zur Gesellschaft brauche?«
    »Weil ein junger Mensch«, versetzte der Abbé mit einem gewissen
imponierenden Ernste, »immer Ursache hat, sich anzuschliessen.«
    Wilhelm, der wohl merkte, dass er länger an sich zu halten nicht imstande
sei, da sein Zustand nur durch die Gegenwart Nataliens noch einigermassen
gelindert ward, liess sich hierauf mit einiger Hast vernehmen: »Man vergönne mir
nur noch kurze Bedenkzeit, und ich vermute, es wird sich geschwind entscheiden,
ob ich Ursache habe, mich weiter anzuschliessen, oder ob nicht vielmehr Herz und
Klugheit mir unwiderstehlich gebieten, mich von so mancherlei Banden
loszureissen, die mir eine ewige elende Gefangenschaft drohen.«
    So sprach er mit einem lebhaft bewegten Gemüt. Ein Blick auf Natalien
beruhigte ihn einigermassen, indem sich in diesem leidenschaftlichen Augenblick
ihre Gestalt und ihr Wert nur desto tiefer bei ihm eindrückten.
    »Ja«, sagte er zu sich selbst, indem er sich allein fand, »gestehe dir nur,
du liebst sie, und du fühlst wieder, was es heisse, wenn der Mensch mit allen
Kräften lieben kann. So liebte ich Marianen und ward so schrecklich an ihr irre;
ich liebte Philinen und musste sie verachten. Aurelien achtete ich und konnte sie
nicht lieben; ich verehrte Teresen, und die väterliche Liebe nahm die Gestalt
einer Neigung zu ihr an; und jetzt, da in deinem Herzen alle Empfindungen
zusammentreffen, die den Menschen glücklich machen sollten, jetzt bist du
genötigt zu fliehen! Ach, warum muss sich zu diesen Empfindungen, zu diesen
Erkenntnissen das unüberwindliche Verlangen des Besitzes gesellen? und warum
richten ohne Besitz eben diese Empfindungen, diese Überzeugungen jede andere Art
von Glückseligkeit völlig zugrunde? Werde ich künftig der Sonne und der Welt,
der Gesellschaft oder irgendeines Glücksgutes geniessen? wirst du nicht immer zu
dir sagen: Natalie ist nicht da! und doch wird leider Natalie dir immer
gegenwärtig sein. Schliessest du die Augen, so wird sie sich dir darstellen;
öffnest du sie, so wird sie vor allen Gegenständen hinschweben wie die
Erscheinung, die ein blendendes Bild im Auge zurücklässt. War nicht schon früher
die schnell vorübergegangene Gestalt der Amazone deiner Einbildungskraft immer
gegenwärtig? Und du hattest sie nur gesehen, du kanntest sie nicht. Nun, da du
sie kennst, da du ihr so nahe warst, da sie so vielen Anteil an dir gezeigt hat,
nun sind ihre Eigenschaften so tief in dein Gemüt geprägt als ihr Bild jemals in
deine Sinne. Ängstlich ist es, immer zu suchen, aber viel ängstlicher, gefunden
zu haben und verlassen zu müssen. Wornach soll ich in der Welt nun weiter
fragen? wornach soll ich mich weiter umsehen? welche Gegend, welche Stadt
verwahrt einen Schatz, der diesem gleich ist? und ich soll reisen, um nur immer
das Geringere zu finden? Ist denn das Leben bloss wie eine Rennbahn, wo man
sogleich schnell wieder umkehren muss, wenn man das äusserste Ende erreicht hat?
Und steht das Gute, das Vortreffliche nur wie ein festes, unverrückbares Ziel
da, von dem man sich ebenso schnell mit raschen Pferden wieder entfernen muss,
als man es erreicht zu haben glaubt? anstatt dass jeder andere, der nach
irdischen Waren strebt, sie in den verschiedenen Himmelsgegenden oder wohl gar
auf der Messe und dem Jahrmarkt anschaffen kann.
    Komm, lieber Knabe!« rief er seinem Sohn entgegen, der eben dahergesprungen
kam, »sei und bleibe du mir alles! Du warst mir zum Ersatz deiner geliebten
Mutter gegeben, du solltest mir die zweite Mutter ersetzen, die ich dir bestimmt
hatte, und nun hast du noch die grössere Lücke auszufüllen. Beschäftige mein
Herz, beschäftige meinen Geist mit deiner Schönheit, deiner Liebenswürdigkeit,
deiner Wissbegierde und deinen Fähigkeiten!«
    Der Knabe war mit einem neuen Spielwerke beschäftigt, der Vater suchte es
ihm besser, ordentlicher, zweckmässiger einzurichten; aber in dem Augenblicke
verlor auch das Kind die Lust daran. »Du bist ein wahrer Mensch!« rief Wilhelm
aus; »komm, mein Sohn! komm, mein Bruder, lass uns in der Welt zwecklos
hinspielen, so gut wir können!«
    Sein Entschluss, sich zu entfernen, das Kind mit sich zu nehmen und sich an
den Gegenständen der Welt zu zerstreuen, war nun sein fester Vorsatz. Er schrieb
an Wernern, ersuchte ihn um Geld und Kreditbriefe und schickte Friedrichs Kurier
mit dem geschärften Auftrage weg, bald wiederzukommen. So sehr er gegen die
übrigen Freunde auch verstimmt war, so rein blieb sein Verhältnis zu Natalien.
Er vertraute ihr seine Absicht; auch sie nahm für bekannt an, dass er gehen könne
und müsse, und wenn ihn auch gleich diese scheinbare Gleichgültigkeit an ihr
schmerzte, so beruhigte ihn doch ihre gute Art und ihre Gegenwart vollkommen.
Sie riet ihm, verschiedene Städte zu besuchen, um dort einige ihrer Freunde und
Freundinnen kennen zu lernen. Der Kurier kam zurück, brachte, was Wilhelm
verlangt hatte, obgleich Werner mit diesem neuen Ausflug nicht zufrieden zu sein
schien. »Meine Hoffnung, dass Du vernünftig werden würdest«, schrieb dieser, »ist
nun wieder eine gute Weile hinausgeschoben. Wo schweift Ihr nun alle zusammen
herum? und wo bleibt denn das Frauenzimmer, zu dessen wirtschaftlichem Beistande
Du mir Hoffnung machtest? Auch die übrigen Freunde sind nicht gegenwärtig; dem
Gerichtshalter und mir ist das ganze Geschäft aufgewälzt. Ein Glück, dass er eben
ein so guter Rechtsmann ist, als ich ein Finanzmann bin, und dass wir beide etwas
zu schleppen gewohnt sind. Lebe wohl! Deine Ausschweifungen sollen Dir verziehen
sein, da doch ohne sie unser Verhältnis in dieser Gegend nicht hätte so gut
werden können.«
    Was das Äussere betraf, hätte er nun immer abreisen können, allein sein Gemüt
war noch durch zwei Hindernisse gebunden. Man wollte ihm ein für allemal Mignons
Körper nicht zeigen, als bei den Exequien, welche der Abbé zu halten gedachte,
zu welcher Feierlichkeit noch nicht alles bereit war. Auch war der Arzt durch
einen sonderbaren Brief des Landgeistlichen abgerufen worden. Es betraf den
Harfenspieler, von dessen Schicksalen Wilhelm näher unterrichtet sein wollte.
    In diesem Zustande fand er weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe der Seele oder
des Körpers. Wenn alles schlief, ging er in dem Hause hin und her. Die Gegenwart
der alten bekannten Kunstwerke zog ihn an und stiess ihn ab. Er konnte nichts,
was ihn umgab, weder ergreifen noch lassen, alles erinnerte ihn an alles; er
übersah den ganzen Ring seines Lebens, nur lag er leider zerbrochen vor ihm und
schien sich auf ewig nicht schliessen zu wollen. Diese Kunstwerke, die sein Vater
verkauft hatte, schienen ihm ein Symbol, dass auch er von einem ruhigen und
gründlichen Besitz des Wünschenswerten in der Welt teils ausgeschlossen, teils
desselben durch eigne oder fremde Schuld beraubt werden sollte. Er verlor sich
so weit in diesen sonderbaren und traurigen Betrachtungen, dass er sich selbst
manchmal wie ein Geist vorkam und, selbst wenn er die Dinge ausser sich befühlte
und betastete, sich kaum des Zweifels erwehren konnte, ob er denn auch wirklich
lebe und da sei.
    Nur der lebhafte Schmerz, der ihn manchmal ergriff, dass er alles das
Gefundene und Wiedergefundene so freventlich und doch so notwendig verlassen
müsse, nur seine Tränen gaben ihm das Gefühl seines Daseins wieder. Vergebens
rief er sich den glücklichen Zustand, in dem er sich doch eigentlich befand,
vors Gedächtnis. »So ist denn alles nichts«, rief er aus, »wenn das eine fehlt,
das dem Menschen alles übrige wert ist!«
    Der Abbé verkündigte der Gesellschaft die Ankunft des Marchese. »Sie sind
zwar, wie es scheint«, sagte er zu Wilhelmen, »mit Ihrem Knaben allein
abzureisen entschlossen, lernen Sie jedoch wenigstens diesen Mann kennen, der
Ihnen wo Sie ihn auch unterwegs antreffen, auf alle Fälle nützlich sein kann.«
Der Marchese erschien; es war ein Mann noch nicht hoch in Jahren, eine von den
wohlgestalteten, gefälligen lombardischen Figuren. Er hatte als Jüngling mit dem
Oheim, der schon um vieles älter war, bei der Armee, dann in Geschäften
Bekanntschaft gemacht; sie hatten nachher einen grossen Teil von Italien zusammen
durchreist, und die Kunstwerke, die der Marchese hier wiederfand, waren zum
grossen Teil in seiner Gegenwart und unter manchen glücklichen Umständen, deren
er sich noch wohl erinnerte, gekauft und angeschafft worden.
    Der Italiener hat überhaupt ein tieferes Gefühl für die hohe Würde der Kunst
als andere Nationen; jeder, der nur irgend etwas treibt, will Künstler, Meister
und Professor heissen, und bekennt wenigstens durch diese Titelsucht, dass es
nicht genug sei, nur etwas durch Überlieferung zu erhaschen oder durch Übung
irgendeine Gewandteit zu erlangen; er gesteht, dass jeder vielmehr über das, was
er tut, auch fähig sein solle zu denken, Grundsätze aufzustellen und die
Ursachen, warum dieses oder jenes zu tun sei, sich selbst und andern deutlich zu
machen.
    Der Fremde ward gerührt, so schöne Besitztümer ohne den Besitzer
wiederzufinden, und erfreut, den Geist seines Freundes aus den vortrefflichen
Hinterlassenen sprechen zu hören. Sie gingen die verschiedenen Werke durch und
fanden eine grosse Behaglichkeit, sich einander verständlich machen zu können.
Der Marchese und der Abbé führten das Wort; Natalie, die sich wieder in die
Gegenwart ihres Oheims versetzt fühlte, wusste sich sehr gut in ihre Meinungen
und Gesinnungen zu finden; Wilhelm musste sich's in teatralische Terminologie
übersetzen, wenn er etwas davon verstehen wollte. Man hatte Not, Friedrichs
Scherze in Schranken zu halten. Jarno war selten zugegen.
    Bei der Betrachtung, dass vortreffliche Kunstwerke in der neuern Zeit so
selten seien, sagte der Marchese: »Es lässt sich nicht leicht denken und
übersehen, was die Umstände für den Künstler tun müssen, und dann sind bei dem
grössten Genie, bei dem entschiedensten Talente noch immer die Forderungen
unendlich, die er an sich selbst zu machen hat, unsäglich der Fleiss, der zu
seiner Ausbildung nötig ist. Wenn nun die Umstände wenig für ihn tun, wenn er
bemerkt, dass die Welt sehr leicht zu befriedigen ist und selbst nur einen
leichten, gefälligen, behaglichen Schein begehrt, so wäre es zu verwundern, wenn
nicht Bequemlichkeit und Eigenliebe ihn bei dem Mittelmässigen festielten; es
wäre seltsam, wenn er nicht lieber für Modewaren Geld und Lob eintauschen, als
den rechten Weg wählen sollte, der ihn mehr oder weniger zu einem kümmerlichen
Märtyrertum führt. Deswegen bieten die Künstler unserer Zeit nur immer an, um
niemals zu geben. Sie wollen immer reizen, um niemals zu befriedigen; alles ist
nur angedeutet, und man findet nirgends Grund noch Ausführung. Man darf aber
auch nur eine Zeitlang ruhig in einer Galerie verweilen und beobachten, nach
welchen Kunstwerken sich die Menge zieht, welche gepriesen und welche
vernachlässigt werden, so hat man wenig Lust an der Gegenwart und für die
Zukunft wenig Hoffnung.«
    »Ja«, versetzte der Abbé, »und so bilden sich Liebhaber und Künstler
wechselsweise; der Liebhaber sucht nur einen allgemeinen, unbestimmten Genuss;
das Kunstwerk soll ihm ungefähr wie ein Naturwerk behagen, und die Menschen
glauben, die Organe, ein Kunstwerk zu geniessen, bildeten sich ebenso von selbst
aus wie die Zunge und der Gaum, man urteile über ein Kunstwerk wie über eine
Speise. Sie begreifen nicht, was für einer andern Kultur es bedarf, um sich zum
wahren Kunstgenusse zu erheben. Das Schwerste finde ich die Art von Absonderung,
die der Mensch in sich selbst bewirken muss, wenn er sich überhaupt bilden will;
deswegen finden wir so viel einseitige Kulturen, wovon doch jede sich anmasst,
über das Ganze abzusprechen.«
    »Was Sie da sagen, ist mir nicht ganz deutlich«, sagte Jarno, der eben
hinzutrat.
    »Auch ist es schwer«, versetzte der Abbé, »sich in der Kürze bestimmt
hierüber zu erklären. Ich sage nur so viel: sobald der Mensch an mannigfaltige
Tätigkeit oder mannigfaltigen Genuss Anspruch macht, so muss er auch fähig sein,
mannigfaltige Organe an sich gleichsam unabhängig voneinander auszubilden. Wer
alles und jedes in seiner ganzen Menschheit tun oder geniessen will, wer alles
ausser sich zu einer solchen Art von Genuss verknüpfen will, der wird seine Zeit
nur mit einem ewig unbefriedigten Streben hinbringen. Wie schwer ist es, was so
natürlich scheint, eine gute Statue, ein treffliches Gemälde an und für sich zu
beschauen, den Gesang um des Gesangs willen zu vernehmen, den Schauspieler im
Schauspieler zu bewundern, sich eines Gebäudes um seiner eigenen Harmonie und
seiner Dauer willen zu erfreuen! Nun sieht man aber meist die Menschen
entschiedene Werke der Kunst geradezu behandeln, als wenn es ein weicher Ton
wäre. Nach ihren Neigungen, Meinungen und Grillen soll sich der gebildete Marmor
sogleich wieder ummodeln, das festgemauerte Gebäude sich ausdehnen oder
zusammenziehen, ein Gemälde soll lehren, ein Schauspiel bessern, und alles soll
alles werden. Eigentlich aber, weil die meisten Menschen selbst formlos sind,
weil sie sich und ihrem Wesen selbst keine Gestalt geben können, so arbeiten
sie, den Gegenständen ihre Gestalt zu nehmen, damit ja alles loser und lockrer
Stoff werde, wozu sie auch gehören. Alles reduzieren sie zuletzt auf den
sogenannten Effekt, alles ist relativ, und so wird auch alles relativ, ausser dem
Unsinn und der Abgeschmackteit, die denn auch ganz absolut regiert.«
    »Ich verstehe Sie«, versetzte Jarno, »oder vielmehr ich sehe wohl ein, wie
das, was Sie sagen, mit den Grundsätzen zusammenhängt, an denen Sie so
festalten; ich kann es aber mit den armen Teufeln von Menschen unmöglich so
genau nehmen. Ich kenne freilich ihrer genug, die sich bei den grössten Werken
der Kunst und der Natur sogleich ihres armseligsten Bedürfnisses erinnern, ihr
Gewissen und ihre Moral mit in die Oper nehmen, ihre Liebe und Hass vor einem
Säulengange nicht ablegen, und das Beste und Grösste, was ihnen von aussen
gebracht werden kann, in ihrer Vorstellungsart erst möglichst verkleinern
müssen, um es mit ihrem kümmerlichen Wesen nur einigermassen verbinden zu
können.«
 
                                 Achtes Kapitel
Am Abend lud der Abbé zu den Exequien Mignons ein. Die Gesellschaft begab sich
in den Saal der Vergangenheit und fand denselben auf das sonderbarste erhellt
und ausgeschmückt. Mit himmelblauen Teppichen waren die Wände fast von oben bis
unten bekleidet, so dass nur Sockel und Fries hervorschienen. Auf den vier
Kandelabern in den Ecken brannten grosse Wachsfackeln, und so nach Verhältnis auf
den vier kleinern, die den mittlern Sarkophag umgaben. Neben diesem standen vier
Knaben, himmelblau mit Silber gekleidet, und schienen einer Figur, die auf dem
Sarkophag ruhte, mit breiten Fächern von Straussenfedern Luft zuzuwehn. Die
Gesellschaft setzte sich, und zwei unsichtbare Chöre fingen mit holdem Gesang an
zu fragen: »Wen bringt ihr uns zur stillen Gesellschaft?« Die vier Kinder
antworteten mit lieblicher Stimme: »Einen müden Gespielen bringen wir euch; lasst
ihn unter euch ruhen, bis das Jauchzen himmlischer Geschwister ihn dereinst
wieder aufweckt.«
                                      CHOR
»Erstling der Jugend in unserm Kreise, sei willkommen! mit Trauer willkommen!
Dir folge kein Knabe, kein Mädchen nach! Nur das Alter nahe sich willig und
gelassen der stillen Halle, und in ernster Gesellschaft ruhe das liebe, liebe
Kind!«
                                     KNABEN
»Ach! wie ungern brachten wir ihn her! Ach! und er soll hier bleiben! lasst uns
auch bleiben, lasst uns weinen, weinen an seinem Sarge!«
                                      CHOR
»Seht die mächtigen Flügel doch an! seht das leichte, reine Gewand! wie blinkt
die goldene Binde vom Haupt! seht die schöne, die würdige Ruh'!«
                                     KNABEN
»Ach! die Flügel heben sie nicht; im leichten Spiele flattert das Gewand nicht
mehr; als wir mit Rosen kränzten ihr Haupt, blickte sie hold und freundlich nach
uns.«
                                      CHOR
»Schaut mit den Augen des Geistes hinan! in euch lebe die bildende Kraft, die
das Schönste, das Höchste hinauf, über die Sterne das Leben trägt.«
                                     KNABEN
»Aber ach! wir vermissen sie hier, in den Gärten wandelt sie nicht, sammelt der
Wiese Blumen nicht mehr. Lasst uns weinen, wir lassen sie hier! lasst uns weinen
und bei ihr bleiben!«
                                      CHOR
»Kinder! kehret ins Leben zurück! Eure Tränen trockne die frische Luft, die um
das schlängelnde Wasser spielt. Entflieht der Nacht! Tag und Lust und Dauer ist
das Los der Lebendigen.«
                                     KNABEN
»Auf! wir kehren ins Leben zurück. Gebe der Tag uns Arbeit und Lust, bis der
Abend uns Ruhe bringt, und der nächtliche Schlaf uns erquickt.«
                                      CHOR
»Kinder! eilet ins Leben hinan! In der Schönheit reinem Gewande begegn' euch die
Liebe mit himmlischem Blick und dem Kranz der Unsterblichkeit!«
Die Knaben waren schon fern, der Abbé stand von seinem Sessel auf und trat
hinter den Sarg. »Es ist die Verordnung«, sagte er, »des Mannes, der diese
stille Wohnung bereitet hat, dass jeder neue Ankömmling mit Feierlichkeit
empfangen werden soll. Nach ihm, dem Erbauer dieses Hauses, dem Errichter dieser
Stätte, haben wir zuerst einen jungen Fremdling hierher gebracht, und so fasst
schon dieser kleine Raum zwei ganz verschiedene Opfer der strengen,
willkürlichen und unerbittlichen Todesgöttin. Nach bestimmten Gesetzen treten
wir ins Leben ein, die Tage sind gezählt, die uns zum Anblicke des Lichts reif
machen, aber für die Lebensdauer ist kein Gesetz. Der schwächste Lebensfaden
zieht sich in unerwartete Länge, und den stärksten zerschneidet gewaltsam die
Schere einer Parze, die sich in Widersprüchen zu gefallen scheint. Von dem
Kinde, das wir hier bestatten, wissen wir wenig zu sagen. Noch ist uns
unbekannt, woher es kam; seine Eltern kennen wir nicht, und die Zahl seiner
Lebensjahre vermuten wir nur. Sein tiefes verschlossenes Herz liess uns seine
innersten Angelegenheiten kaum erraten; nichts war deutlich an ihm, nichts
offenbar, als die Liebe zu dem Manne, der es aus den Händen eines Barbaren
rettete. Diese zärtliche Neigung, diese lebhafte Dankbarkeit schien die Flamme
zu sein, die das Öl ihres Lebens aufzehrte; die Geschicklichkeit des Arztes
konnte das schöne Leben nicht erhalten, die sorgfältigste Freundschaft vermochte
nicht, es zu fristen. Aber wenn die Kunst den scheidenden Geist nicht zu fesseln
vermochte, so hat sie alle ihre Mittel angewandt, den Körper zu erhalten und ihn
der Vergänglichkeit zu entziehen. Eine balsamische Masse ist durch alle Adern
gedrungen und färbt nun an der Stelle des Bluts die so früh verblichenen Wangen.
Treten Sie näher, meine Freunde, und sehen Sie das Wunder der Kunst und
Sorgfalt!«
    Er hub den Schleier auf, und das Kind lag in seinen Engelkleidern wie
schlafend in der angenehmsten Stellung. Alle traten herbei und bewunderten
diesen Schein des Lebens. Nur Wilhelm blieb in seinem Sessel sitzen, er konnte
sich nicht fassen; was er empfand, durfte er nicht denken, und jeder Gedanke
schien seine Empfindung zerstören zu wollen.
    Die Rede war um des Marchese willen französisch gesprochen worden. Dieser
trat mit den andern herbei und betrachtete die Gestalt mit Aufmerksamkeit. Der
Abbé fuhr fort: »Mit einem heiligen Vertrauen war auch dieses gute, gegen die
Menschen so verschlossene Herz beständig zu seinem Gott gewendet. Die Demut, ja
eine Neigung, sich äusserlich zu erniedrigen, schien ihm angeboren. Mit Eifer
hing es an der katolischen Religion, in der es geboren und erzogen war. Oft
äusserte sie den stillen Wunsch, auf geweihtem Boden zu ruhen, und wir haben nach
den Gebräuchen der Kirche dieses marmorne Behältnis und die wenige Erde
geweihet, die in ihrem Kopfkissen verborgen ist. Mit welcher Inbrunst küsste sie
in ihren letzten Augenblicken das Bild des Gekreuzigten, das auf ihren zarten
Armen mit vielen hundert Punkten sehr zierlich abgebildet steht!« Er streifte
zugleich, indem er das sagte, ihren rechten Arm auf, und ein Kruzifix, von
verschiedenen Buchstaben und Zeichen begleitet, sah man blaulich auf der weissen
Haut.
    Der Marchese betrachtete diese neue Erscheinung ganz in der Nähe. »O Gott!«
rief er aus, indem er sich aufrichtete und seine Hände gen Himmel hob, »armes
Kind! Unglückliche Nichte! Finde ich dich hier wieder! Welche schmerzliche
Freude, dich, auf die wir schon lange Verzicht getan hatten, diesen guten lieben
Körper, den wir lange im See einen Raub der Fische glaubten, hier wieder zu
finden, zwar tot, aber erhalten! Ich wohne deiner Bestattung bei, die so
herrlich durch ihr Äusseres und noch herrlicher durch die guten Menschen wird,
die dich zu deiner Ruhestätte begleiten. Und wenn ich werde reden können«, sagte
er mit gebrochener Stimme, »werde ich ihnen danken.«
    Die Tränen verhinderten ihn, etwas weiter hervorzubringen. Durch den Druck
einer Feder versenkte der Abbé den Körper in die Tiefe des Marmors. Vier
Jünglinge, bekleidet wie jene Knaben, traten hinter den Teppichen hervor, hoben
den schweren, schön verzierten Deckel auf den Sarg und fingen zugleich ihren
Gesang an.
                                 DIE JÜNGLINGE.
»Wohl verwahrt ist nun der Schatz, das schöne Gebild der Vergangenheit! hier im
Marmor ruht es unverzehrt; auch in euren Herzen lebt es, wirkt es fort.
Schreitet, schreitet ins Leben zurück! nehmet den heiligen Ernst mit hinaus,
denn der Ernst, der heilige, macht allein das Leben zur Ewigkeit.«
Das unsichtbare Chor fiel in die letzten Worte mit ein, aber niemand von der
Gesellschaft vernahm die stärkenden Worte, jedes war zu sehr mit den wunderbaren
Entdeckungen und seinen eignen Empfindungen beschäftigt. Der Abbé und Natalie
führten den Marchese, Wilhelmen Terese und Lotario hinaus, und erst als der
Gesang ihnen völlig verhallte, fielen die Schmerzen, die Betrachtungen, die
Gedanken, die Neugierde sie mit aller Gewalt wieder an, und sehnlich wünschten
sie sich in jenes Element wieder zurück.
 
                                Neuntes Kapitel
Der Marchese vermied, von der Sache zu reden, hatte aber heimliche und lange
Gespräche mit dem Abbé. Er erbat sich, wenn die Gesellschaft beisammen war,
öfters Musik; man sorgte gern dafür, weil jedermann zufrieden war, des Gesprächs
überhoben zu sein. So lebte man einige Zeit fort, als man bemerkte, dass er
Anstalt zur Abreise mache. Eines Tages sagte er zu Wilhelmen: »Ich verlange
nicht die Reste des guten Kindes zu beunruhigen; es bleibe an dem Orte zurück,
wo es geliebt und gelitten hat, aber seine Freunde müssen mir versprechen, mich
in seinem Vaterlande, an dem Platze zu besuchen, wo das arme Geschöpf geboren
und erzogen wurde; sie müssen die Säulen und Statuen sehen, von denen ihm noch
eine dunkle Idee übriggeblieben ist.
    Ich will Sie in die Buchten führen, wo sie so gern die Steinchen
zusammenlas. Sie werden sich, lieber junger Mann, der Dankbarkeit einer Familie
nicht entziehen, die Ihnen so viel schuldig ist. Morgen reise ich weg. Ich habe
dem Abbé die ganze Geschichte vertraut, er wird sie Ihnen wiedererzählen; er
konnte mir verzeihen, wenn mein Schmerz mich unterbrach, und er wird als ein
Dritter die Begebenheiten mit mehr Zusammenhang vortragen. Wollen Sie mir noch,
wie der Abbé vorschlug, auf meiner Reise durch Deutschland folgen, so sind Sie
willkommen. Lassen Sie Ihren Knaben nicht zurück; bei jeder kleinen
Unbequemlichkeit, die er uns macht, wollen wir uns Ihrer Vorsorge für meine arme
Nichte wieder erinnern.«
    Noch selbigen Abend ward man durch die Ankunft der Gräfin überrascht.
Wilhelm bebte an allen Gliedern, als sie hereintrat, und sie, obgleich
vorbereitet, hielt sich an ihrer Schwester, die ihr bald einen Stuhl reichte.
Wie sonderbar einfach war ihr Anzug und wie verändert ihre Gestalt! Wilhelm
durfte kaum auf sie hinblicken; sie begrüsste ihn mit Freundlichkeit, und einige
allgemeine Worte konnten ihre Gesinnung und Empfindungen nicht verbergen. Der
Marchese war beizeiten zu Bette gegangen, und die Gesellschaft hatte noch keine
Lust, sich zu trennen; der Abbé brachte ein Manuskript hervor. »Ich habe«, sagte
er, »sogleich die sonderbare Geschichte, wie sie mir anvertraut wurde, zu Papier
gebracht. Wo man am wenigsten Tinte und Feder sparen soll, das ist beim
Aufzeichnen einzelner Umstände merkwürdiger Begebenheiten.« Man unterrichtete
die Gräfin, wovon die Rede sei, und der Abbé las:
    »Meinen Vater«, sagte der Marchese, »muss ich, so viel Welt ich auch gesehen
habe, immer für einen der wunderbarsten Menschen halten. Sein Charakter war edel
und gerade, seine Ideen weit, und man darf sagen gross; er war streng gegen sich
selbst; in allen seinen Planen fand man eine unbestechliche Folge, an allen
seinen Handlungen eine ununterbrochene Schrittmässigkeit. So gut sich daher von
einer Seite mit ihm umgehen und ein Geschäft verhandeln liess, so wenig konnte er
um eben dieser Eigenschaften willen sich in die Welt finden, da er vom Staate,
von seinen Nachbarn, von Kindern und Gesinde die Beobachtung aller der Gesetze
forderte, die er sich selbst auferlegt hatte. Seine mässigsten Forderungen wurden
übertrieben durch seine Strenge, und er konnte nie zum Genuss gelangen, weil
nichts auf die Weise entstand, wie er sich's gedacht hatte. Ich habe ihn in dem
Augenblicke, da er einen Palast bauete, einen Garten anlegte, ein grosses neues
Gut in der schönsten Lage erwarb, innerlich mit dem ernstesten Ingrimm überzeugt
gesehen, das Schicksal habe ihn verdammt, entaltsam zu sein und zu dulden. In
seinem Äusserlichen beobachtete er die grösste Würde; wenn er scherzte, zeigte er
nur die Überlegenheit seines Verstandes; es war ihm unerträglich, getadelt zu
werden, und ich habe ihn nur einmal in meinem Leben ganz ausser aller Fassung
gesehen, da er hörte, dass man von einer seiner Anstalten wie von etwas
Lächerrlichem sprach. In eben diesem Geiste hatte er über seine Kinder und sein
Vermögen disponiert. Mein ältester Bruder ward als ein Mann erzogen, der künftig
grosse Güter zu hoffen hatte; ich sollte den geistlichen Stand ergreifen, und der
Jüngste Soldat werden. Ich war lebhaft, feurig, tätig, schnell, zu allen
körperlichen Übungen geschickt. Der Jüngste schien zu einer Art von
schwärmerischer Ruhe geneigter, den Wissenschaften, der Musik und der Dichtkunst
ergeben. Nur nach dem härtsten Kampf, nach der völligen Überzeugung der
Unmöglichkeit gab der Vater, wiewohl mit Widerwillen, nach, dass wir unsern Beruf
umtauschen dürften, und ob er gleich jeden von uns beiden zufrieden sah, so
konnte er sich doch nicht drein finden und versicherte, dass nichts Gutes daraus
entstehen werde. Je älter er ward, desto abgeschnittener fühlte er sich von
aller Gesellschaft. Er lebte zuletzt fast ganz allein. Nur ein alter Freund, der
unter den Deutschen gedient, im Feldzuge seine Frau verloren und eine Tochter
mitgebracht hatte, die ungefähr zehn Jahre alt war, blieb sein einziger Umgang.
Dieser kaufte sich ein artiges Gut in der Nachbarschaft, sah meinen Vater zu
bestimmten Tagen und Stunden der Woche, in denen er auch manchmal seine Tochter
mitbrachte. Er widersprach meinem Vater niemals, der sich zuletzt völlig an ihn
gewöhnte und ihn als den einzigen erträglichen Gesellschafter duldete. Nach dem
Tode unseres Vaters merkten wir wohl, dass dieser Mann von unserm Alten trefflich
ausgestattet worden war und seine Zeit nicht umsonst zugebracht hatte; er
erweiterte seine Güter, seine Tochter konnte eine schöne Mitgift erwarten. Das
Mädchen wuchs heran und war von sonderbarer Schönheit; mein älterer Bruder
scherzte oft mit mir, dass ich mich um sie bewerben sollte.
    Indessen hatte Bruder Augustin im Kloster seine Jahre in dem sonderbarsten
Zustande zugebracht; er überliess sich ganz dem Genuss einer heiligen Schwärmerei,
jenen halb geistigen, halb physischen Empfindungen, die, wie sie ihn eine
Zeitlang in den dritten Himmel erhuben, bald darauf in einen Abgrund von
Ohnmacht und leeres Elend versinken liessen. Bei meines Vaters Lebzeiten war an
keine Veränderung zu denken, und was hätte man wünschen oder vorschlagen sollen?
Nach dem Tode unsers Vaters besuchte er uns fleissig; sein Zustand, der uns im
Anfang jammerte, ward nach und nach um vieles erträglicher, denn die Vernunft
hatte gesiegt. Allein je sichrer sie ihm völlige Zufriedenheit und Heilung auf
dem reinen Wege der Natur versprach, desto lebhafter verlangte er von uns, dass
wir ihn von seinen Gelübden befreien sollten; er gab zu verstehen, dass seine
Absicht auf Sperata, unsere Nachbarin, gerichtet sei.
    Mein älterer Bruder hatte zu viel durch die Härte unseres Vaters gelitten,
als dass er ungerührt bei dem Zustande des jüngsten hätte bleiben können. Wir
sprachen mit dem Beichtvater unserer Familie, einem alten würdigen Manne,
entdeckten ihm die doppelte Absicht unseres Bruders und baten ihn, die Sache
einzuleiten und zu befördern. Wider seine Gewohnheit zögerte er, und als endlich
unser Bruder in uns drang, und wir die Angelegenheit dem Geistlichen lebhafter
empfahlen, musste er sich entschliessen, uns die sonderbare Geschichte zu
entdecken.
    Sperata war unsre Schwester, und zwar sowohl von Vater als Mutter; Neigung
und Sinnlichkeit hatten den Mann in späteren Jahren nochmals überwältigt, in
welchen das Recht der Ehegatten schon verloschen zu sein scheint; über einen
ähnlichen Fall hatte man sich kurz vorher in der Gegend lustig gemacht, und mein
Vater, um sich nicht gleichfalls dem Lächerlichen auszusetzen, beschloss, diese
späte gesetzmässige Frucht der Liebe mit eben der Sorgfalt zu verheimlichen, als
man sonst die frühern zufälligen Früchte der Neigung zu verbergen pflegt. Unsere
Mutter kam heimlich nieder, das Kind wurde aufs Land gebracht, und der alte
Hausfreund, der nebst dem Beichtvater allein um das Geheimnis wusste, liess sich
leicht bereden, sie für seine Tochter auszugeben. Der Beichtvater hatte sich nur
ausbedungen, im äussersten Fall das Geheimnis entdecken zu dürfen. Der Vater war
gestorben, das zarte Mädchen lebte unter der Aufsicht einer alten Frau; wir
wussten, dass Gesang und Musik unsern Bruder schon bei ihr eingeführt hatten, und
da er uns wiederholt aufforderte, seine alten Bande zu trennen, um das neue zu
knüpfen, so war es nötig, ihn so bald als möglich von der Gefahr zu
unterrichten, in der er schwebte.
    Er sah uns mit wilden, verachtenden Blicken an. Spart eure
unwahrscheinlichen Märchen, rief er aus für Kinder und leichtglaubige Toren! mir
werdet ihr Speraten nicht vom Herzen reissen, sie ist mein. Verleugnet sogleich
euer schreckliches Gespenst, das mich nur vergebens ängstigen würde. Sperata ist
nicht meine Schwester, sie ist mein Weib! - Er beschrieb uns mit Entzücken, wie
ihn das himmlische Mädchen aus dem Zustande der unnatürlichen Absonderung von
den Menschen in das wahre Leben geführt, wie beide Gemüter gleich beiden Kehlen
zusammen stimmten, und wie er alle seine Leiden und Verirrungen segnete, weil
sie ihn von allen Frauen bis dahin entfernt gehalten, und weil er nun ganz und
gar sich dem liebenswürdigsten Mädchen ergeben könne. Wir entsetzten uns über
die Entdeckung, uns jammerte sein Zustand, wir wussten uns nicht zu helfen, er
versicherte uns mit Heftigkeit, dass Sperata ein Kind von ihm im Busen trage.
Unser Beichtvater tat alles, was ihm seine Pflicht eingab, aber dadurch ward das
Übel nur schlimmer. Die Verhältnisse der Natur und der Religion, der sittlichen
Rechte und der bürgerlichen Gesetze wurden von meinem Bruder aufs heftigste
durchgefochten. Nichts schien ihm heilig als das Verhältnis zu Sperata, nichts
schien ihm würdig als der Name Vater und Gattin. Diese allein, rief er aus sind
der Natur gemäss, alles andere sind Grillen und Meinungen. Gab es nicht edle
Völker, die eine Heirat mit der Schwester billigten? Nennt eure Götter nicht,
rief er aus, ihr braucht die Namen nie, als wenn ihr uns betören, uns von dem
Wege der Natur abführen und die edelsten Triebe durch schändlichen Zwang zu
Verbrechen entstellen wollt. Zur grössten Verwirrung des Geistes, zum
schändlichsten Missbrauche des Körpers nötigt ihr die Schlachtopfer, die ihr
lebendig begrabt.
    Ich darf reden, denn ich habe gelitten wie keiner, von der höchsten,
süssesten Fülle der Schwärmerei bis zu den fürchterlichen Wüsten der Ohnmacht,
der Leerheit, der Vernichtung und Verzweiflung, von den höchsten Ahnungen
überirdischer Wesen bis zu dem völligsten Unglauben, dem Unglauben an mir
selbst. Allen diesen entsetzlichen Bodensatz des am Rande schmeichelnden Kelchs
habe ich ausgetrunken, und mein ganzes Wesen war bis in sein Innerstes
vergiftet. Nun, da mich die gütige Natur durch ihre grössten Gaben, durch die
Liebe, wieder geheilt hat, da ich an dem Busen eines himmlischen Mädchens wieder
fühle, dass ich bin, dass sie ist, dass wir eins sind, dass aus dieser lebendigen
Verbindung ein Drittes entstehen und uns entgegenlächeln soll, nun eröffnet ihr
die Flammen eurer Höllen, eurer Fegefeuer, die nur eine kranke Einbildungskraft
versengen können, und stellt sie dem lebhaften, wahren, unzerstörlichen Genuss
der reinen Liebe entgegen! Begegnet uns unter jenen Zypressen, die ihre
ernstaften Gipfel gen Himmel wenden, besucht uns an jenen Spalieren, wo die
Zitronen und Pomeranzen neben uns blühn, wo die zierliche Myrte uns ihre zarten
Blumen darreicht, und dann wagt es, uns mit euren trüben, grauen, von Menschen
gesponnenen Netzen zu ängstigen!
    So bestand er lange Zeit auf einem hartnäckigen Unglauben unserer Erzählung,
und zuletzt, da wir ihm die Wahrheit derselben beteuerten, da sie ihm der
Beichtvater selbstversicherte, liess er sich doch dadurch nicht irremachen,
vielmehr rief er aus: Fragt nicht den Widerhall eurer Kreuzgänge, nicht euer
vermodertes Pergament, nicht eure verschränkten Grillen und Verordnungen, fragt
die Natur und euer Herz, sie wird euch lehren, vor was ihr zu schaudern habt,
sie wird euch mit dem strengsten Finger zeigen, worüber sie ewig und
unwiderruflich ihren Fluch ausspricht. Seht die Lilien an: entspringt nicht
Gatte und Gattin auf einem Stengel? Verbindet beide nicht die Blume, die beide
gebar, und ist die Lilie nicht das Bild der Unschuld, und ihre geschwisterliche
Vereinigung nicht fruchtbar? Wenn die Natur verabscheut, so spricht sie es laut
aus; das Geschöpf, das nicht sein soll, kann nicht werden, das Geschöpf, das
falsch lebt, wird früh zerstört. Unfruchtbarkeit, kümmerliches Dasein,
frühzeitiges Zerfallen, das sind ihre Früchte, die Kennzeichen ihrer Strenge.
Nur durch unmittelbare Folgen straft sie. Da! seht um euch her, und was
verboten, was verflucht ist, wird euch in die Augen fallen. In der Stille des
Klosters und im Geräusche der Welt sind tausend Handlungen geheiligt und geehrt,
auf denen ihr Fluch ruht. Auf bequemen Müssiggang so gut als überstrengte Arbeit,
auf Willkür und Überfluss wie auf Not und Mangel sieht sie mit traurigen Augen
nieder, zur Mässigkeit ruft sie, wahr sind alle ihre Verhältnisse und ruhig alle
ihre Wirkungen. Wer gelitten hat wie ich, hat das Recht, frei zu sein. Sperata
ist mein; nur der Tod soll mir sie nehmen. Wie ich sie behalten kann, wie ich
glücklich werden kann, das ist eure Sorge! Jetzt gleich geh' ich zu ihr, um mich
nicht wieder von ihr zu trennen.
    Er wollte nach dem Schiffe, um zu ihr überzusetzen; wir hielten ihn ab und
baten ihn, dass er keinen Schritt tun möchte, der die schrecklichsten Folgen
haben könnte. Er solle überlegen, dass er nicht in der freien Welt seiner
Gedanken und Vorstellungen, sondern in einer Verfassung lebe, deren Gesetze und
Verhältnisse die Unbezwinglichkeit eines Naturgesetzes angenommen haben. Wir
mussten dem Beichtvater versprechen, dass wir den Bruder nicht aus den Augen, noch
weniger aus dem Schloss lassen wollten; darauf ging er weg und versprach, in
einigen Tagen wiederzukommen. Was wir vorausgesehen hatten, traf ein; der
Verstand hatte unsern Bruder stark gemacht, aber sein Herz war weich; die
frühern Eindrücke der Religion wurden lebhaft, und die entsetzlichsten Zweifel
bemächtigten sich seiner. Er brachte zwei fürchterliche Tage und Nächte zu; der
Beichtvater kam ihm wieder zu Hülfe, umsonst! Der ungebundene freie Verstand
sprach ihn los; sein Gefühl, seine Religion, alle gewohnten Begriffe erklärten
ihn für einen Verbrecher.
    Eines Morgens fanden wir sein Zimmer leer, ein Blatt lag auf dem Tische,
worin er uns erklärte, dass er, da wir ihn mit Gewalt gefangenhielten, berechtigt
sei, seine Freiheit zu suchen; er entfliehe, er gehe zu Sperata, er hoffe mit
ihr zu entkommen, er sei auf alles gefasst, wenn man sie trennen wolle.
    Wir erschraken nicht wenig, allein der Beichtvater bat uns, ruhig zu sein.
Unser armer Bruder war nahe genug beobachtet worden; die Schiffer, anstatt ihn
überzusetzen, führten ihn in sein Kloster. Ermüdet von einem vierzigstündigen
Wachen, schlief er ein, sobald ihn der Kahn im Mondenscheine schaukelte, und
erwachte nicht früher, als bis er sich in den Händen seiner geistlichen Brüder
sah; er erholte sich nicht eher, als bis er die Klosterpforte hinter sich
zuschlagen hörte.
    Schmerzlich gerührt von dem Schicksal unseres Bruders, machten wir unserm
Beichtvater die lebhaftesten Vorwürfe; allein dieser ehrwürdige Mann wusste uns
bald mit den Gründen des Wundarztes zu überreden, dass unser Mitleid für den
armen Kranken tödlich sei. Er handle nicht aus eigner Willkür, sondern auf
Befehl des Bischofs und des hohen Rates. Die Absicht war, alles öffentliche
Ärgernis zu vermeiden und den traurigen Fall mit dem Schleier einer geheimen
Kirchenzucht zu verdecken. Sperata sollte geschont werden, sie sollte nicht
erfahren, dass ihr Geliebter zugleich ihr Bruder sei. Sie ward einem Geistlichen
anempfohlen, dem sie vorher schon ihren Zustand vertraut hatte. Man wusste ihre
Schwangerschaft und Niederkunft zu verbergen. Sie war als Mutter in dem kleinen
Geschöpfe ganz glücklich. So wie die meisten unserer Mädchen konnte sie weder
schreiben noch Geschriebenes lesen; sie gab daher dem Pater Aufträge, was er
ihrem Geliebten sagen sollte. Dieser glaubte den frommen Betrug einer säugenden
Mutter schuldig zu sein, er brachte ihr Nachrichten von unserm Bruder, den er
niemals sah, ermahnte sie in seinem Namen zur Ruhe, bat sie, für sich und das
Kind zu sorgen und wegen der Zukunft Gott zu vertrauen.
    Sperata war von Natur zur Religiosität geneigt. Ihr Zustand, ihre Einsamkeit
vermehrten diesen Zug, der Geistliche unterhielt ihn, um sie nach und nach auf
eine ewige Trennung vorzubereiten. Kaum war das Kind entwöhnt, kaum glaubte er
ihren Körper stark genug, die ängstlichsten Seelenleiden zu ertragen, so fing er
an, das Vergehen ihr mit schrecklichen Farben vorzumalen, das Vergehen, sich
einem Geistlichen ergeben zu haben, das er als eine Art Sünde gegen die Natur,
als einen Inzest behandelte. Denn er hatte den sonderbaren Gedanken, ihre Reue
jener Reue gleich zu machen, die sie empfunden haben würde, wenn sie das wahre
Verhältnis ihres Fehltritts erfahren hätte. Er brachte dadurch so viel Jammer
und Kummer in ihr Gemüt, er erhöhte die Idee der Kirche und ihres Oberhauptes so
sehr vor ihr, er zeigte ihr die schrecklichen Folgen für das Heil aller Seelen,
wenn man in solchen Fällen nachgeben und die Straffälligen durch eine
rechtmässige Verbindung noch gar belohnen wolle; er zeigte ihr, wie heilsam es
sei einen solchen Fehler in der Zeit abzubüssen und dafür dereinst die Krone der
Herrlichkeit zu erwerben, dass sie endlich wie eine arme Sünderin ihren Nacken
dem Beil willig darreichte und inständig bat, dass man sie auf ewig von unserm
Bruder entfernen möchte. Als man so viel von ihr erlangt hatte, liess man ihr,
doch unter einer gewissen Aufsicht, die Freiheit, bald in ihrer Wohnung, bald in
dem Kloster zu sein, je nachdem sie es für gut hielte.
    Ihr Kind wuchs heran und zeigte bald eine sonderbare Natur. Es konnte sehr
früh laufen und sich mit aller Geschicklichkeit bewegen, es sang bald sehr artig
und lernte die Ziter gleichsam von sich selbst. Nur mit Worten konnte es sich
nicht ausdrücken, und es schien das Hindernis mehr in seiner Denkungsart als in
den Sprachwerkzeugen zu liegen. Die arme Mutter fühlte indessen ein trauriges
Verhältnis zu dem Kinde; die Behandlung des Geistlichen hatte ihre
Vorstellungsart so verwirrt, dass sie, ohne wahnsinnig zu sein, sich in den
seltsamsten Zuständen befand. Ihr Vergehen schien ihr immer schrecklicher und
straffälliger zu werden; das oft wiederholte Gleichnis des Geistlichen vom
Inzest hatte sich so tief bei ihr eingeprägt, dass sie einen solchen Abscheu
empfand, als wenn ihr das Verhältnis selbst bekannt gewesen wäre. Der
Beichtvater dünkte sich nicht wenig über das Kunststück, wodurch er das Herz
eines unglücklichen Geschöpfes zerriss. Jämmerlich war es anzusehen, wie die
Mutterliebe, die über das Dasein des Kindes sich so herzlich zu erfreuen geneigt
war, mit dem schrecklichen Gedanken stritt, dass dieses Kind nicht da sein
sollte. Bald stritten diese beiden Gefühle zusammen, bald war der Abscheu über
die Liebe gewaltig.
    Man hatte das Kind schon lange von ihr weggenommen und zu guten Leuten unten
am See gegeben, und in der mehrern Freiheit, die es hatte, zeigte sich bald
seine besondere Lust zum Klettern. Die höchsten Gipfel zu ersteigen, auf den
Rändern der Schiffe wegzulaufen und den Seiltänzern, die sich manchmal in dem
Orte sehen liessen, die wunderlichsten Kunststücke nachzumachen, war ein
natürlicher Trieb.
    Um das alles leichter zu üben, liebte sie, mit den Knaben die Kleider zu
wechseln, und ob es gleich von ihren Pflegeeltern höchst unanständig und
unzulässig gehalten wurde, so liessen wir ihr doch soviel als möglich nachsehen.
Ihre wunderlichen Wege und Sprünge führten sie manchmal weit; sie verirrte sich,
sie blieb aus und kam immer wieder. Meistenteils, wenn sie zurückkehrte, setzte
sie sich unter die Säulen des Portals vor einem Landhause in der Nachbarschaft;
man suchte sie nicht mehr, man erwartete sie. Dort schien sie auf den Stufen
auszuruhen, dann lief sie in den grossen Saal, besah die Statuen, und wenn man
sie nicht besonders aufhielt, eilte sie nach Hause.
    Zuletzt ward denn doch unser Hoffen getäuscht und unsere Nachsicht bestraft.
Das Kind blieb aus, man fand seinen Hut auf dem Wasser schwimmen, nicht weit von
dem Ort, wo ein Giessbach sich in den See stürzte. Man vermutete, dass es bei
seinem Klettern zwischen den Felsen verunglückt sei; bei allem Nachforschen
konnte man den Körper nicht finden.
    Durch das unvorsichtige Geschwätz ihrer Gesellschafterinnen erfuhr Sperata
bald den Tod ihres Kindes; sie schien ruhig und heiter und gab nicht undeutlich
zu verstehen, sie freue sich, dass Gott das arme Geschöpf zu sich genommen und so
bewahrt habe, ein grösseres Unglück zu erdulden oder zu stiften.
    Bei dieser Gelegenheit kamen alle Märchen zur Sprache, die man von unsern
Wassern zu erzählen pflegt. Es hiess: der See müsse alle Jahre ein unschuldiges
Kind haben; er leide keinen toten Körper und werfe ihn früh oder spät ans Ufer,
ja sogar das letzte Knöchelchen, wenn es zu Grunde gesunken sei, müsse wieder
heraus. Man erzählte die Geschichte einer untröstlichen Mutter, deren Kind im
See ertrunken sei, und die Gott und seine Heiligen angerufen habe, ihr nur
wenigstens die Gebeine zum Begräbnis zu gönnen; der nächste Sturm habe den
Schädel, der folgende den Rumpf ans Ufer gebracht, und nachdem alles beisammen
gewesen, habe sie sämtliche Gebeine in einem Tuch zur Kirche getragen, aber, o
Wunder! als sie in den Tempel getreten, sei das Paket immer schwerer geworden,
und endlich, als sie es auf die Stufen des Altars gelegt, habe das Kind zu
schreien angefangen und sich zu jedermanns Erstaunen aus dem Tuche losgemacht;
nur ein Knöchelchen des kleinen Fingers an der rechten Hand habe gefehlt,
welches denn die Mutter nachher noch sorgfältig aufgesucht und gefunden, das
denn auch noch zum Gedächtnis unter andern Reliquien in der Kirche aufgehoben
werde.
    Auf die arme Mutter machten diese Geschichten grossen Eindruck; ihre
Einbildungskraft fühlte einen neuen Schwung und begünstigte die Empfindung ihres
Herzens. Sie nahm an, dass das Kind nunmehr für sich und seine Eltern abgebüsst
habe, dass Fluch und Strafe, die bisher auf ihnen geruht, nunmehr gänzlich
gehoben sei; dass es nur darauf ankomme, die Gebeine des Kindes wiederzufinden,
um sie nach Rom zu bringen, so würde das Kind auf den Stufen des grossen Altars
der Peterskirche wieder, mit seiner schönen frischen Haut umgeben, vor dem Volke
dastehn. Es werde mit seinen eignen Augen wieder Vater und Mutter schauen, und
der Papst, von der Einstimmung Gottes und seiner Heiligen überzeugt, werde unter
dem lauten Zuruf des Volks den Eltern die Sünde vergeben, sie lossprechen und
sie verbinden.
    Nun waren ihre Augen und ihre Sorgfalt immer nach dem See und dem Ufer
gerichtet. Wenn nachts im Mondglanz sich die Wellen umschlugen, glaubte sie,
jeder blinkende Saum treibe ihr Kind hervor; es musste zum Scheine jemand
hinablaufen, um es am Ufer aufzufangen.
    So war sie auch des Tages unermüdet an den Stellen, wo das kiesichte Ufer
flach in die See ging; sie sammelte in ein Körbchen alle Knochen, die sie fand.
Niemand durfte ihr sagen, dass es Tierknochen seien; die grossen begrub sie, die
kleinen hub sie auf. In dieser Beschäftigung lebte sie unablässig fort. Der
Geistliche, der durch die unerlässliche Ausübung seiner Pflicht ihren Zustand
verursacht hatte, nahm sich auch ihrer nun aus allen Kräften an. Durch seinen
Einfluss ward sie in der Gegend für eine Entzückte, nicht für eine Verrückte
gehalten; man stand mit gefalteten Händen, wenn sie vorbeiging, und die Kinder
küssten ihr die Hand.
    Ihrer alten Freundin und Begleiterin war von dem Beichtvater die Schuld, die
sie bei der unglücklichen Verbindung beider Personen gehabt haben mochte, nur
unter der Bedingung erlassen, dass sie unablässig treu ihr ganzes künftiges Leben
die Unglückliche begleiten solle, und sie hat mit einer bewundernswürdigen
Geduld und Gewissenhaftigkeit ihre Pflichten bis zuletzt ausgeübt.
    Wir hatten unterdessen unsern Bruder nicht aus den Augen verloren; weder die
Ärzte noch die Geistlichkeit seines Klosters wollten uns erlauben, vor ihm zu
erscheinen; allein um uns zu überzeugen, dass es ihm nach seiner Art wohl gehe,
konnten wir ihn, so oft wir wollten, in dem Garten, in den Kreuzgängen, ja durch
ein Fenster an der Decke seines Zimmers belauschen.
    Nach vielen schrecklichen und sonderbaren Epochen, die ich übergehe, war er
in einen seltsamen Zustand der Ruhe des Geistes und der Unruhe des Körpers
geraten. Er sass fast niemals, als wenn er seine Harfe nahm und darauf spielte,
da er sie denn meistens mit Gesang begleitete. Übrigens war er immer in Bewegung
und in allem äusserst lenksam und folgsam; denn alle seine Leidenschaften
schienen sich in der einzigen Furcht des Todes aufgelöst zu haben. Man konnte
ihn zu allem in der Welt bewegen, wenn man ihm mit einer gefährlichen Krankheit
oder mit dem Tode drohte.
    Ausser dieser Sonderbarkeit, dass er unermüdet im Kloster hin und her ging und
nicht undeutlich zu verstehen gab, dass es noch besser sein würde, über Berg und
Täler so zu wandeln, sprach er auch von einer Erscheinung, die ihn gewöhnlich
ängstigte. Er behauptete nämlich, dass bei seinem Erwachen zu jeder Stunde der
Nacht ein schöner Knabe unten an seinem Bette stehe und ihm mit einem blanken
Messer drohe. Man versetzte ihn in ein anderes Zimmer, allein er behauptete,
auch da, und zuletzt sogar an andern Stellen des Klosters stehe der Knabe im
Hinterhalt. Sein Auf - und Abwandeln ward unruhiger, ja man erinnerte sich
nachher, dass er in der Zeit öfter als sonst an dem Fenster gestanden und über
den See hinübergesehen habe.
    Unsere arme Schwester indessen schien von dem einzigen Gedanken, von der
beschränkten Beschäftigung nach und nach aufgerieben zu werden, und unser Arzt
schlug vor, man sollte ihr nach und nach unter ihre übrigen Gebeine die Knochen
eines Kinderskeletts mischen, um dadurch ihre Hoffnung zu vermehren. Der Versuch
war zweifelhaft, doch schien wenigstens so viel dabei gewonnen, dass man sie,
wenn alle Teile beisammen wären, von dem ewigen Suchen abbringen und ihr zu
einer Reise nach Rom Hoffnung machen könnte.
    Es geschah, und ihre Begleiterin vertauschte unmerklich die ihr anvertrauten
kleinen Reste mit den gefundenen, und eine unglaubliche Wonne verbreitete sich
über die arme Kranke, als die Teile sich nach und nach zusammenfanden und man
diejenigen bezeichnen konnte, die noch fehlten. Sie hatte mit grosser Sorgfalt
jeden Teil, wo er hingehörte, mit Fäden und Bändern befestigt; sie hatte, wie
man die Körper der Heiligen zu ehren pflegt, mit Seide und Stickerei die
Zwischenräume ausgefüllt.
    So hatte man die Glieder zusammenkommen lassen, es fehlten nur wenige der
äusseren Enden. Eines Morgens, als sie noch schlief, und der Medikus gekommen
war, nach ihrem Befinden zu fragen, nahm die Alte die verehrten Reste aus dem
Kästchen weg, das in der Schlafkammer stand, um dem Arzte zu zeigen, wie sich
die gute Kranke beschäftige. Kurz darauf hörte man sie aus dem Bette springen,
sie hob das Tuch auf und fand das Kästchen leer. Sie warf sich auf ihre Knie;
man kam und hörte ihr freudiges, inbrünstiges Gebet. Ja! es ist wahr, rief sie
aus es war kein Traum, es ist wirklich! Freuet euch, meine Freunde, mit mir! Ich
habe das gute, schöne Geschöpf wieder lebendig gesehen. Es stand auf und warf
den Schleier von sich, sein Glanz erleuchtete das Zimmer, seine Schönheit war
verklärt, es konnte den Boden nicht betreten, ob es gleich wollte. Leicht ward
es emporgehoben und konnte mir nicht einmal seine Hand reichen. Da rief es mich
zu sich und zeigte mir den Weg, den ich gehen soll. Ich werde ihm folgen, und
bald folgen, ich fühl' es, und es wird mir so leicht ums Herz. Mein Kummer ist
verschwunden, und schon das Anschauen meines Wiederauferstandenen hat mir einen
Vorgeschmack der himmlischen Freude gegeben.
    Von der Zeit an war ihr ganzes Gemüt mit den heitersten Aussichten
beschäftigt, auf keinen irdischen Gegenstand richtete sie ihre Aufmerksamkeit
mehr, sie genoss nur wenige Speisen, und ihr Geist machte sich nach und nach von
den Banden des Körpers los. Auch fand man sie zuletzt unvermutet erblasst und
ohne Empfindung; sie öffnete die Augen nicht wieder, sie war, was wir tot
nennen.
    Der Ruf ihrer Vision hatte sich bald unter das Volk verbreitet, und das
ehrwürdige Ansehn, das sie in ihrem Leben genoss, verwandelte sich nach ihrem
Tode schnell in den Gedanken, dass man sie sogleich für selig, ja für heilig
halten müsse.
    Als man sie zu Grabe bestatten wollte, drängten sich viele Menschen mit
unglaublicher Heftigkeit hinzu; man wollte ihre Hand, man wollte wenigstens ihr
Kleid berühren. In dieser leidenschaftlichen Erhöhung fühlten verschiedene
Kranke die Übel nicht, von denen sie sonst gequält wurden; sie hielten sich für
geheilt, sie bekannten's, sie priesen Gott und seine neue Heilige. Die
Geistlichkeit war genötigt, den Körper in eine Kapelle zu stellen, das Volk
verlangte Gelegenheit, seine Andacht zu verrichten, der Zudrang war unglaublich;
die Bergbewohner, die ohnedies zu lebhaften religiösen Gefühlen gestimmt sind,
drangen aus ihren Tälern herbei; die Andacht, die Wunder, die Anbetung
vermehrten sich mit jedem Tage. Die bischöflichen Verordnungen, die einen
solchen neuen Dienst einschränken und nach und nach niederschlagen sollten,
konnten nicht zur Ausführung gebracht werden; bei jedem Widerstand war das Volk
heftig und gegen jeden Ungläubigen bereit, in Tätlichkeiten auszubrechen.
Wandelte nicht auch, riefen sie der heilige Borromäus unter unsern Vorfahren?
Erlebte seine Mutter nicht die Wonne seiner Seligsprechung? Hat man nicht durch
jenes grosse Bildnis auf dem Felsen bei Arona uns seine geistige Grösse sinnlich
vergegenwärtigen wollen? Leben die Seinigen nicht noch unter uns? Und hat Gott
nicht zugesagt, unter einem gläubigen Volke seine Wunder stets zu erneuern?
    Als der Körper nach einigen Tagen keine Zeichen der Fäulnis von sich gab und
eher weisser und gleichsam durchsichtig ward, erhöhte sich das Zutrauen der
Menschen immer mehr, und es zeigten sich unter der Menge verschiedene Kuren, die
der aufmerksame Beobachter selbst nicht erklären und auch nicht geradezu als
Betrug ansprechen konnte. Die ganze Gegend war in Bewegung, und wer nicht selbst
kam, hörte wenigstens eine Zeitlang von nichts anderem reden.
    Das Kloster, worin mein Bruder sich befand, erscholl so gut als die übrige
Gegend von diesen Wundern, und man nahm sich um so weniger in acht, in seiner
Gegenwart davon zu sprechen, als er sonst auf nichts aufzumerken pflegte, und
sein Verhältnis niemanden bekannt war. Diesmal schien er aber mit grosser
Genauigkeit gehört zu haben; er führte seine Flucht mit solcher Schlauheit aus,
dass niemals jemand hat begreifen können, wie er aus dem Kloster herausgekommen
sei. Man erfuhr nachher, dass er sich mit einer Anzahl Wallfahrer übersetzen
lassen, und dass er die Schiffer, die weiter nichts Verkehrtes an ihm wahrnahmen,
nur um die grösste Sorgfalt gebeten, dass das Schiff nicht umschlagen möchte. Tief
in der Nacht kam er in jene Kapelle, wo seine unglückliche Geliebte von ihrem
Leiden ausruhte; nur wenige Andächtige knieten in den Winkeln, ihre alte
Freundin sass zu ihren Häupten, er trat hinzu und grüsste sie und fragte, wie sich
ihre Gebieterin befände. Ihr seht es, versetzte diese nicht ohne Verlegenheit.
Er blickte den Leichnam nur von der Seite an. Nach einigem Zaudern nahm er ihre
Hand. Erschreckt von der Kälte, liess er sie sogleich wieder fahren, er sah sich
unruhig um und sagte zu der Alten: Ich kann jetzt nicht bei ihr bleiben, ich
habe noch einen sehr weiten Weg zu machen, ich will aber zur rechten Zeit schon
wieder da sein; sag' ihr das, wenn sie aufwacht!
    So ging er hinweg, wir wurden nur spät von diesem Vorgang benachrichtigt,
man forschte nach, wo er hingekommen sei, aber vergebens! Wie er sich durch
Berge und Täler durchgearbeitet haben mag, ist unbegreiflich. Endlich nach
langer Zeit fanden wir in Graubünden eine Spur von ihm wieder, allein zu spät,
und sie verlor sich bald. Wir vermuteten, dass er nach Deutschland sei, allein
der Krieg hatte solche schwache Fusstapfen gänzlich verwischt.«
 
                                Zehntes Kapitel
Der Abbé hörte zu lesen auf, und niemand hatte ohne Tränen zugehört. Die Gräfin
brachte ihr Tuch nicht von den Augen; zuletzt stand sie auf und verliess mit
Natalien das Zimmer. Die übrigen schwiegen, und der Abbé sprach: »Es entsteht
nun die Frage, ob man den guten Marchese soll abreisen lassen, ohne ihm unser
Geheimnis zu entdecken. Denn wer zweifelt wohl einen Augenblick daran, dass
Augustin und unser Harfenspieler eine Person sei? Es ist zu überlegen, was wir
tun, sowohl um des unglücklichen Mannes als der Familie willen. Mein Rat wäre,
nichts zu übereilen, abzuwarten, was uns der Arzt, den wir eben von dort
zurückerwarten, für Nachrichten bringt.«
    Jedermann war derselben Meinung, und der Abbé fuhr fort: »Eine andere Frage,
die vielleicht schneller abzutun ist, entsteht zu gleicher Zeit. Der Marchese
ist unglaublich gerührt über die Gastfreundschaft, die seine arme Nichte bei
uns, besonders bei unserm jungen Freunde, gefunden hat. Ich habe ihm die ganze
Geschichte umständlich, ja wiederholt erzählen müssen, und er zeigte seine
lebhafteste Dankbarkeit. Der junge Mann, sagte er hat ausgeschlagen, mit mir zu
reisen, ehe er das Verhältnis kannte, das unter uns besteht. Ich bin ihm nun
kein Fremder mehr, von dessen Art zu sein und von dessen Laune er etwa nicht
gewiss wäre; ich bin sein Verbundener, wenn Sie wollen sein Verwandter, und da
sein Knabe, den er nicht zurücklassen wollte, erst das Hindernis war, das ihn
abhielt, sich zu mir zu gesellen, so lassen Sie jetzt dieses Kind zum schönen
Bande werden, das uns nur desto fester aneinander knüpft. Über die
Verbindlichkeit, die ich nun schon habe, sei er mir noch auf der Reise nützlich,
er kehre mit mir zurück, mein älterer Bruder wird ihn mit Freuden empfangen, er
verschmähe die Erbschaft seines Pflegekindes nicht; denn nach einer geheimen
Abrede unseres Vaters mit seinem Freunde ist das Vermögen, das er seiner Tochter
zugewendet hatte, wieder an uns zurückgefallen, und wir wollen dem Wohltäter
unserer Nichte gewiss das nicht vorentalten, was er verdient hat.«
    Terese nahm Wilhelmen bei der Hand und sagte: »Wir erleben abermals hier so
einen schönen Fall, dass uneigennütziges Wohltun die höchsten und schönsten
Zinsen bringt. Folgen Sie diesem sonderbaren Ruf, und indem Sie sich um den
Marchese doppelt verdient machen, eilen Sie einem schönen Land entgegen, das
Ihre Einbildungskraft und Ihr Herz mehr als einmal an sich gezogen hat.«
    »Ich überlasse mich ganz meinen Freunden und ihrer Führung«, sagte Wilhelm;
»es ist vergebens, in dieser Welt nach eigenem Willen zu streben. Was ich
festzuhalten wünschte, muss ich fahrenlassen, und eine unverdiente Wohltat drängt
sich mir auf.«
    Mit einem Druck auf Teresens Hand machte Wilhelm die seinige los. »Ich
überlasse Ihnen ganz«, sagte er zu dem Abbé, »was Sie über mich beschliessen;
wenn ich meinen Felix nicht von mir zu lassen brauche, so bin ich zufrieden,
überall hinzugehn und alles, was man für recht hält, zu unternehmen.«
    Auf diese Erklärung entwarf der Abbé sogleich seinen Plan: man solle, sagte
er, den Marchese abreisen lassen, Wilhelm solle die Nachricht des Arztes
abwarten, und alsdann, wenn man überlegt habe, was zu tun sei, könne Wilhelm mit
Felix nachreisen. So bedeutete er auch den Marchese unter einem Vorwand, dass die
Einrichtungen des jungen Freundes zur Reise ihn nicht abhalten müssten, die
Merkwürdigkeiten der Stadt indessen zu besehn. Der Marchese ging ab, nicht ohne
wiederholte lebhafte Versicherung seiner Dankbarkeit, wovon die Geschenke, die
er zurückliess, und die aus Juwelen, geschnittenen Steinen und gestickten Stoffen
bestanden, einen genugsamen Beweis gaben.
    Wilhelm war nun auch völlig reisefertig, und man war um so mehr verlegen,
dass keine Nachrichten von dem Arzt kommen wollten; man befürchtete, dem armen
Harfenspieler möchte ein Unglück begegnet sein, zu eben der Zeit, als man hoffen
konnte, ihn durchaus in einen bessern Zustand zu versetzen. Man schickte den
Kurier fort, der kaum weggeritten war, als am Abend der Arzt mit einem Fremden
hereintrat, dessen Gestalt und Wesen bedeutend, ernstaft und auffallend war,
und den niemand kannte. Beide Ankömmlinge schwiegen eine Zeitlang still; endlich
ging der Fremde auf Wilhelmen zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Kennen Sie
Ihren alten Freund nicht mehr?« Es war die Stimme des Harfenspielers, aber von
seiner Gestalt schien keine Spur übriggeblieben zu sein. Er war in der
gewöhnlichen Tracht eines Reisenden, reinlich und anständig gekleidet, sein Bart
war verschwunden, seinen Locken sah man einige Kunst an, und was ihn eigentlich
ganz unkenntlich machte, war, dass an seinem bedeutenden Gesichte die Züge des
Alters nicht mehr erschienen. Wilhelm umarmte ihn mit der lebhaftesten Freude;
er ward den andern vorgestellt und betrug sich sehr vernünftig, und wusste nicht,
wie bekannt er der Gesellschaft noch vor kurzem geworden war. »Sie werden Geduld
mit einem Menschen haben«, fuhr er mit grosser Gelassenheit fort, »der, so
erwachsen er auch aussieht, nach einem langen Leiden erst wie ein unerfahrnes
Kind in die Welt tritt. Diesem wackren Mann bin ich schuldig, dass ich wieder in
einer menschlichen Gesellschaft erscheinen kann.«
    Man hiess ihn willkommen, und der Arzt veranlasste sogleich einen Spaziergang,
um das Gespräch abzubrechen und ins Gleichgültige zu lenken.
    Als man allein war, gab der Arzt folgende Erklärung: »Die Genesung dieses
Mannes ist uns durch den sonderbarsten Zufall geglückt. Wir hatten ihn lange
nach unserer Überzeugung moralisch und physisch behandelt, es ging auch bis auf
einen gewissen Grad ganz gut, allein die Todesfurcht war noch immer gross bei
ihm, und seinen Bart und sein langes Kleid wollte er uns nicht aufopfern;
übrigens nahm er mehr teil an den weltlichen Dingen, und seine Gesänge schienen
wie seine Vorstellungsart wieder dem Leben sich zu nähern. Sie wissen, welch ein
sonderbarer Brief des Geistlichen mich von hier abrief. Ich kam, ich fand unsern
Mann ganz verändert, er hatte freiwillig seinen Bart hergegeben, er hatte
erlaubt, seine Locken in eine hergebrachte Form zuzuschneiden, er verlangte
gewöhnliche Kleider und schien auf einmal ein anderer Mensch geworden zu sein.
Wir waren neugierig, die Ursache dieser Verwandlung zu ergründen, und wagten
doch nicht, uns mit ihm selbst darüber einzulassen; endlich entdeckten wir
zufällig die sonderbare Bewandtnis. Ein Glas flüssiges Opium fehlte in der
Hausapoteke des Geistlichen, man hielt für nötig, die strengste Untersuchung
anzustellen, jedermann suchte sich des Verdachtes zu erwehren, es gab unter den
Hausgenossen heftige Szenen. Endlich trat dieser Mann auf und gestand, dass er es
besitze; man fragte ihn, ob er davon genommen habe? er sagt Nein!, fuhr aber
fort: Ich danke diesem Besitz die Wiederkehr meiner Vernunft. Es hängt von euch
ab, mir dieses Fläschchen zu nehmen, und ihr werdet mich ohne Hoffnung in meinen
alten Zustand wieder zurückfallen sehen. Das Gefühl, dass es wünschenswert sei,
die Leiden dieser Erde durch den Tod geendigt zu sehen, brachte mich zuerst auf
den Weg der Genesung; bald darauf entstand der Gedanke, sie durch einen
freiwilligen Tod zu endigen, und ich nahm in dieser Absicht das Glas hinweg; die
Möglichkeit, sogleich die grossen Schmerzen auf ewig aufzuheben, gab mir Kraft,
die Schmerzen zu ertragen, und so habe ich, seitdem ich den Talisman besitze,
mich durch die Nähe des Todes wieder in das Leben zurückgedrängt. Sorgt nicht,
sagte er dass ich Gebrauch davon mache, sondern entschliesst euch, als Kenner des
menschlichen Herzens, mich, indem ihr mir die Unabhängigkeit vom Leben
zugesteht, erst vom Leben recht abhängig zu machen. Nach reiflicher Überlegung
drangen wir nicht weiter in ihn, und er führt nun in einem festen geschliffenen
Glasfläschchen dieses Gift als das sonderbarste Gegengift bei sich.«
    Man unterrichtete den Arzt von allem, was indessen entdeckt worden war, und
man beschloss, gegen Augustin das tiefste Stillschweigen zu beobachten. Der Abbé
nahm sich vor, ihn nicht von seiner Seite zu lassen, und ihn auf dem guten Wege,
den er betreten hatte, fortzuführen.
    Indessen sollte Wilhelm die Reise durch Deutschland mit dem Marchese
vollenden. Schien es möglich, Augustinen eine Neigung zu seinem Vaterlande
wieder einzuflössen, so wollte man seinen Verwandten den Zustand entdecken, und
Wilhelm sollte ihn den Seinigen wieder zuführen.
    Dieser hatte nun alle Anstalten zu seiner Reise gemacht, und wenn es im
Anfang wunderbar schien, dass Augustin sich freute, als er vernahm, wie sein
alter Freund und Wohltäter sich sogleich wieder entfernen sollte, so entdeckte
doch der Abbé bald den Grund dieser seltsamen Gemütsbewegung. Augustin konnte
seine alte Furcht, die er vor Felix hatte, nicht überwinden und wünschte den
Knaben je eher je lieber entfernt zu sehen.
    Nun waren nach und nach so viele Menschen angekommen, dass man sie im Schloss
und in den Seitengebäuden kaum alle unterbringen konnte, um so mehr, als man
nicht gleich anfangs auf den Empfang so vieler Gäste die Einrichtung gemacht
hatte. Man frühstückte, man speiste zusammen und hätte sich gern beredet, man
lebe in einer vergnüglichen Übereinstimmung, wenn schon in der Stille die
Gemüter sich gewissermassen auseinander sehnten. Terese war manchmal mit
Lotario, noch öfter allein ausgeritten, sie hatte in der Nachbarschaft schon
alle Landwirte und Landwirtinnen kennen lernen; es war ihr Haushaltungsprinzip,
und sie mochte nicht unrecht haben, dass man mit Nachbarn und Nachbarinnen im
besten Vernehmen und immer in einem ewigen Gefälligkeitswechsel stehen müsse.
Von einer Verbindung zwischen ihr und Lotario schien gar die Rede nicht zu
sein, die beiden Schwestern hatten sich viel zu sagen, der Abbé schien den
Umgang des Harfenspielers zu suchen, Jarno hatte mit dem Arzt öftere
Konferenzen, Friedrich hielt sich an Wilhelmen, und Felix war überall, wo es ihm
gut ging. So vereinigten sich auch meistenteils die Paare auf dem Spaziergang,
indem die Gesellschaft sich trennte, und wenn sie zusammen sein mussten, so nahm
man geschwind seine Zuflucht zur Musik, um alle zu verbinden, indem man jeden
sich selbst wiedergab.
    Unversehens vermehrte der Graf die Gesellschaft, seine Gemahlin abzuholen
und, wie es schien, einen feierlichen Abschied von seinen weltlichen Verwandten
zu nehmen. Jarno eilte ihm bis an den Wagen entgegen, und als der Ankommende
fragte, was er für Gesellschaft finde, so sagte jener in einem Anfall von toller
Laune, die ihn immer ergriff, sobald er den Grafen gewahr ward: »Sie finden den
ganzen Adel der Welt beisammen, Marchesen, Marquis, Mylords und Baronen, es hat
nur noch an einem Grafen gefehlt.« So ging man die Treppe hinauf, und Wilhelm
war die erste Person, die ihm im Vorsaal entgegenkam. »Mylord!« sagte der Graf
zu ihm auf französisch, nachdem er ihn einen Augenblick betrachtet hatte, »ich
freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft unvermutet zu erneuern; denn ich müsste mich
sehr irren, wenn ich Sie nicht im Gefolge des Prinzen sollte in meinem Schloss
gesehen haben.« - »Ich hatte das Glück, Ew. Exzellenz damals aufzuwarten«,
versetzte Wilhelm, »nur erzeigen Sie mir zu viel Ehre, wenn Sie mich für einen
Engländer und zwar vom ersten Range halten, ich bin ein Deutscher, und« - »zwar
ein sehr braver junger Mann«, fiel Jarno sogleich ein. Der Graf sah Wilhelmen
lächelnd an und wollte eben etwas erwidern, als die übrige Gesellschaft
herbeikam und ihn aufs freundlichste begrüsste. Man entschuldigte sich, dass man
ihm nicht sogleich ein anständiges Zimmer anweisen könne, und versprach den
nötigen Raum ungesäumt zu verschaffen.
    »Ei ei!« sagte er lächelnd, »ich sehe wohl, dass man dem Zufalle überlassen
hat, den Furierzettel zu machen; mit Vorsicht und Einrichtung, wie viel ist da
nicht möglich! Jetzt bitte ich euch, rührt mir keinen Pantoffel vom Platze, denn
sonst, seh' ich wohl, gibt es eine grosse Unordnung. Jedermann wird unbequem
wohnen, und das soll niemand um meinetwillen womöglich auch nur eine Stunde. Sie
waren Zeuge«, sagte er zu Jarno, »und auch Sie, Mister«, indem er sich zu
Wilhelmen wandte, »wie viele Menschen ich damals auf meinem Schloss bequem
untergebracht habe. Man gebe mir die Liste der Personen und Bedienten, man zeige
mir an, wie jedermann gegenwärtig einquartiert ist, ich will einen
Dislokationsplan machen, dass mit der wenigsten Bemühung jedermann eine geräumige
Wohnung finde, und dass noch Platz für einen Gast bleiben soll, der sich
zufälligerweise bei uns einstellen könnte.«
    Jarno machte sogleich den Adjutanten des Grafen, verschafte ihm alle
nötigen Notizen und hatte nach seiner Art den grössten Spass, wenn er den alten
Herrn mitunter irremachen konnte. Dieser gewann aber bald einen grossen Triumph.
Die Einrichtung war fertig, er liess in seiner Gegenwart die Namen über alle
Türen schreiben, und man konnte nicht leugnen, dass mit wenig Umständen und
Veränderungen der Zweck völlig erreicht war. Auch hatte es Jarno unter anderm so
geleitet, dass die Personen, die in dem gegenwärtigen Augenblick ein Interesse
aneinander nahmen, zusammen wohnten.
    Nachdem alles eingerichtet war, sagte der Graf zu Jarno: »Helfen Sie mir auf
die Spur wegen des jungen Mannes, den Sie da Meister nennen, und der ein
Deutscher sein soll.« Jarno schwieg still, denn er wusste recht gut, dass der Graf
einer von denen Leuten war, die, wenn sie fragen, eigentlich belehren wollen;
auch fuhr dieser, ohne Antwort abzuwarten, in seiner Rede fort: »Sie hatten mir
ihn damals vorgestellt und im Name des Prinzen bestens empfohlen. Wenn seine
Mutter auch eine Deutsche war, so hafte ich dafür, dass sein Vater ein Engländer
ist, und zwar von Stande; wer wollte das englische Blut alles berechnen, das
seit dreissig Jahren in deutschen Adern herumfliesst! Ich will weiter nicht darauf
dringen, ihr habt immer solche Familiengeheimnisse; doch mir wird man in solchen
Fällen nichts aufbinden.« Darauf erzählte er noch verschiedenes, was damals mit
Wilhelmen auf seinem Schloss vorgegangen sein sollte, wozu Jarno gleichfalls
schwieg, obgleich der Graf ganz irrig war und Wilhelmen mit einem jungen
Engländer in des Prinzen Gefolge mehr als einmal verwechselte. Der gute Herr
hatte in frühern Zeiten ein vortreffliches Gedächtnis gehabt und war noch immer
stolz darauf, sich der geringsten Umstände seiner Jugend erinnern zu können; nun
bestimmte er aber mit eben der Gewissheit wunderbare Kombinationen und Fabeln als
wahr, die ihm bei zunehmender Schwäche seines Gedächtnisses seine
Einbildungskraft einmal vorgespiegelt hatte. Übrigens war er sehr mild und
gefällig geworden, und seine Gegenwart wirkte recht günstig auf die
Gesellschaft. Er verlangte, dass man etwas Nützliches zusammen lesen sollte, ja
sogar gab er manchmal kleine Spiele an, die er, wo nicht mitspielte, doch mit
grosser Sorgfalt dirigierte, und da man sich über seine Herablassung verwunderte,
sagte er, es sei die Pflicht eines jeden, der sich in Hauptsachen von der Welt
entferne, dass er in gleichgültigen Dingen sich ihr desto mehr gleichstelle.
    Wilhelm hatte unter diesen Spielen mehr als einen bänglichen und
verdriesslichen Augenblick; der leichtsinnige Friedrich ergriff manche
Gelegenheit, um auf eine Neigung Wilhelms gegen Natalien zu deuten. Wie konnte
er darauf fallen? wodurch war er dazu berechtigt? und musste nicht die
Gesellschaft glauben, dass, weil beide viel miteinander umgingen, Wilhelm ihm
eine so unvorsichtige und unglückliche Konfidenz gemacht habe?
    Eines Tages waren sie bei einem solchen Scherze heiterer als gewöhnlich, als
Augustin auf einmal zur Türe, die er aufriss, mit grässlicher Gebärde
hereinstürzte; sein Angesicht war blass, sein Auge wild, er schien reden zu
wollen, die Sprache versagte ihm. Die Gesellschaft entsetzte sich, Lotario und
Jarno, die eine Rückkehr des Wahnsinns vermuteten, sprangen auf ihn los und
hielten ihn fest. Stotternd und dumpf, dann heftig und gewaltsam sprach und rief
er: »Nicht mich haltet, eilt! helft! rettet das Kind! Felix ist vergiftet!«
    Sie liessen ihn los, er eilte zur Türe hinaus, und voll Entsetzen drängte
sich die Gesellschaft ihm nach. Man rief nach dem Arzte, Augustin richtete seine
Schritte nach dem Zimmer des Abbés, man fand das Kind, das erschrocken und
verlegen schien, als man ihm schon von weitem zurief: »Was hast du angefangen?«
    »Lieber Vater!« rief Felix, »ich habe nicht aus der Flasche, ich habe aus
dem Glase getrunken, ich war so durstig.«
    Augustin schlug die Hände zusammen, rief: »Er ist verloren!« drängte sich
durch die Umstehenden und eilte davon.
    Sie fanden ein Glas Mandelmilch auf dem Tische stehen und eine Karaffine
darneben, die über die Hälfte leer war; der Arzt kam, er erfuhr, was man wusste,
und sah mit Entsetzen das wohlbekannte Fläschchen, worin sich das flüssige Opium
befunden hatte, leer auf dem Tische liegen; er liess Essig herbeischaffen und
rief alle Mittel seiner Kunst zu Hülfe.
    Natalie liess den Knaben in ein Zimmer bringen, sie bemühte sich ängstlich um
ihn. Der Abbé war fortgerannt, Augustinen aufzusuchen und einige Aufklärungen
von ihm zu erdringen. Ebenso hatte sich der unglückliche Vater vergebens bemüht
und fand, als er zurückkam, auf allen Gesichtern Bangigkeit und Sorge. Der Arzt
hatte indessen die Mandelmilch im Glase untersucht, es entdeckte sich die
stärkste Beimischung von Opium, das Kind lag auf dem Ruhebette und schien sehr
krank, es bat den Vater, dass man ihm nur nichts mehr einschütten, dass man es nur
nicht mehr quälen möchte. Lotario hatte seine Leute ausgeschickt und war selbst
weggeritten, um der Flucht Augustins auf die Spur zu kommen. Natalie sass bei dem
Kinde, es flüchtete auf ihren Schoss und bat sie flehentlich um Schutz,
flehentlich um ein Stückchen Zucker, der Essig sei gar zu sauer! Der Arzt gab es
zu; man müsse das Kind, das in der entsetzlichsten Bewegung war, einen
Augenblick ruhen lassen, sagte er; es sei alles Rätliche geschehen, er wolle das
Mögliche tun. Der Graf trat mit einigem Unwillen, wie es schien herbei, er sah
ernst, ja feierlich aus, legte die Hände auf das Kind, blickte gen Himmel und
blieb einige Augenblicke in dieser Stellung. Wilhelm, der trostlos in einem
Sessel lag, sprang auf, warf einen Blick voll Verzweiflung auf Natalien und ging
zur Türe hinaus.
    Kurz darauf verliess auch der Graf das Zimmer.
    »Ich begreife nicht«, sagte der Arzt nach einiger Pause, »dass sich auch
nicht die geringste Spur eines gefährlichen Zustandes am Kinde zeigt. Auch nur
mit einem Schluck muss es eine ungeheure Dosis Opium zu sich genommen haben, und
nun finde ich an seinem Pulse keine weitere Bewegung, als die ich meinen Mitteln
und der Furcht zuschreiben kann, in die wir das Kind versetzt haben.«
    Bald darauf trat Jarno mit der Nachricht herein, dass man Augustin auf dem
Oberboden in seinem Blute gefunden habe, ein Schermesser habe neben ihm gelegen,
wahrscheinlich habe er sich die Kehle abgeschnitten. Der Arzt eilte fort und
begegnete den Leuten, welche den Körper die Treppe herunterbrachten. Er ward auf
ein Bett gelegt und genau untersucht, der Schnitt war in die Luftröhre gegangen,
auf einen starken Blutverlust war eine Ohnmacht gefolgt, doch liess sich bald
bemerken, dass noch Leben, dass noch Hoffnung übrig sei. Der Arzt brachte den
Körper in die rechte Lage, fügte die getrennten Teile zusammen und legte den
Verband auf. Die Nacht ging allen schlaflos und sorgenvoll vorüber. Das Kind
wollte sich nicht von Natalien trennen lassen. Wilhelm sass vor ihr auf einem
Schemel; er hatte die Füsse des Knaben auf seinem Schosse, Kopf und Brust lagen
auf dem ihrigen, so teilten sie die angenehme Last und die schmerzlichen Sorgen
und verharrten, bis der Tag anbrach, in der unbequemen und traurigen Lage;
Natalie hatte Wilhelmen ihre Hand gegeben, sie sprachen kein Wort, sahen auf das
Kind und sahen einander an. Lotario und Jarno sassen am andern Ende des Zimmers
und führten ein sehr bedeutendes Gespräch, das wir gern, wenn uns die
Begebenheiten nicht zu sehr bedrängten, unsern Lesern hier mitteilen würden. Der
Knabe schlief sanft, erwachte am frühen Morgen ganz heiter, sprang auf und
verlangte ein Butterbrot.
    Sobald Augustin sich einigermassen erholt hatte, suchte man einige Aufklärung
von ihm zu erhalten. Man erfuhr nicht ohne Mühe und nur nach und nach, dass, als
er bei der unglücklichen Dislokation des Grafen in ein Zimmer mit dem Abbé
versetzt worden, er das Manuskript und darin seine Geschichte gefunden habe;
sein Entsetzen sei ohnegleichen gewesen, und er habe sich nun überzeugt, dass er
nicht länger leben dürfe; sogleich habe er seine gewöhnliche Zuflucht zum Opium
genommen, habe es in ein Glas Mandelmilch geschüttet und habe doch, als er es an
den Mund gesetzt, geschaudert; darauf habe er es stehenlassen, um nochmals durch
den Garten zu laufen und die Welt zu sehen, bei seiner Zurückkunft habe er das
Kind gefunden, eben beschäftigt, das Glas, woraus es getrunken, wieder voll zu
giessen.
    Man bat den Unglücklichen, ruhig zu sein, er fasste Wilhelmen krampfhaft bei
der Hand: »Ach!« sagte er, »warum habe ich dich nicht längst verlassen! ich
wusste wohl, dass ich den Knaben töten würde, und er mich.« - »Der Knabe lebt!«
sagte Wilhelm. Der Arzt, der aufmerksam zugehört hatte, fragte Augustinen, ob
alles Getränke vergiftet gewesen? »Nein!« versetzte er, »nur das Glas.« - »So
hat durch den glücklichsten Zufall«, rief der Arzt, »das Kind aus der Flasche
getrunken! Ein guter Genius hat seine Hand geführt, dass es nicht nach dem Tode
griff, der so nahe zubereitet stand!« - »Nein! nein!« rief Wilhelm mit einem
Schrei, indem er die Hände vor die Augen hielt, »wie fürchterlich ist diese
Aussage! Ausdrücklich sagte das Kind, dass es nicht aus der Flasche, sondern aus
dem Glase getrunken habe. Seine Gesundheit ist nur ein Schein, es wird uns unter
den Händen wegsterben.« Er eilte fort, der Arzt ging hinunter und fragte, indem
er das Kind liebkoste: »Nicht wahr, Felix, du hast aus der Flasche getrunken und
nicht aus dem Glase?« Das Kind fing an zu weinen. Der Arzt erzählte Natalien im
stillen, wie sich die Sache verhalte; auch sie bemühte sich vergebens, die
Wahrheit von dem Kinde zu erfahren, es weinte nur heftiger und so lange, bis es
einschlief.
    Wilhelm wachte bei ihm, die Nacht verging ruhig. Den andern Morgen fand man
Augustinen tot in seinem Bette; er hatte die Aufmerksamkeit seiner Wärter durch
eine scheinbare Ruhe betrogen, den Verband still aufgelöst und sich verblutet.
Natalie ging mit dem Kinde spazieren, es war munter wie in seinen glücklichsten
Tagen. »Du bist doch gut«, sagte Felix zu ihr, »du zankst nicht, du schlägst
mich nicht, ich will dir's nur sagen, ich habe aus der Flasche getrunken! Mutter
Aurelie schlug mich immer auf die Finger, wenn ich nach der Karaffine griff, der
Vater sah so bös aus ich dachte, er würde mich schlagen.«
    Mit beflügelten Schritten eilte Natalie zu dem Schloss, Wilhelm kam ihr,
noch voller Sorgen, entgegen. »Glücklicher Vater!« rief sie laut, indem sie das
Kind aufhob und es ihm in die Arme warf, »da hast du deinen Sohn! Er hat aus der
Flasche getrunken, seine Unart hat ihn gerettet.«
    Man erzählte den glücklichen Ausgang dem Grafen, der aber nur mit
lächelnder, stiller, bescheidner Gewissheit zuhörte, mit der man den Irrtum guter
Menschen ertragen mag. Jarno, aufmerksam auf alles, konnte diesmal eine solche
hohe Selbstgenügsamkeit nicht erklären, bis er endlich nach manchen Umschweifen
erfuhr: der Graf sei überzeugt, das Kind habe wirklich Gift genommen, er habe es
aber durch sein Gebet und durch das Auflegen seiner Hände wunderbar am Leben
erhalten. Nun beschloss er auch sogleich wegzugehn; gepackt war bei ihm alles wie
gewöhnlich in einem Augenblicke, und beim Abschiede fasste die schöne Gräfin
Wilhelms Hand, ehe sie noch die Hand der Schwester losliess, drückte alle vier
Hände zusammen, kehrte sich schnell um und stieg in den Wagen.
    So viel schreckliche und wunderbare Begebenheiten, die sich eine über die
andere drängten, zu einer ungewohnten Lebensart nötigten und alles in Unordnung
und Verwirrung setzten, hatten eine Art von fieberhafter Schwingung in das Haus
gebracht. Die Stunden des Schlafens und Wachens, des Essens, Trinkens und
geselligen Zusammenseins waren verrückt und umgekehrt. Ausser Teresen war
niemand in seinem Gleise geblieben; die Männer suchten durch geistige Getränke
ihre gute Laune wiederherzustellen, und indem sie sich eine künstliche Stimmung
gaben, entfernten sie die natürliche, die allein uns wahre Heiterkeit und
Tätigkeit gewährt.
    Wilhelm war durch die heftigsten Leidenschaften bewegt und zerrüttet, die
unvermuteten und schreckhaften Anfälle hatten sein Innerstes ganz aus aller
Fassung gebracht, einer Leidenschaft zu widerstehn, die sich des Herzens so
gewaltsam bemächtigt hatte. Felix war ihm wiedergegeben, und doch schien ihm
alles zu fehlen; die Briefe von Wernern mit den Anweisungen waren da, ihm
mangelte nichts zu seiner Reise, als der Mut, sich zu entfernen. Alles drängte
ihn zu dieser Reise. Er konnte vermuten, dass Lotario und Terese nur auf seine
Entfernung warteten, um sich trauen zu lassen. Jarno war wider seine Gewohnheit
still, und man hätte beinahe sagen können, er habe etwas von seiner gewöhnlichen
Heiterkeit verloren. Glücklicherweise half der Arzt unserm Freunde einigermassen
aus der Verlegenheit, indem er ihn für krank erklärte und ihm Arznei gab.
    Die Gesellschaft kam immer abends zusammen, und Friedrich, der ausgelassene
Mensch, der gewöhnlich mehr Wein als billig trank, bemächtigte sich des
Gesprächs und brachte nach seiner Art mit hundert Zitaten und eulenspiegelhaften
Anspielungen die Gesellschaft zum Lachen, und setzte sie auch nicht selten in
Verlegenheit, indem er laut zu denken sich erlaubte.
    An die Krankheit seines Freundes schien er gar nicht zu glauben. Einst, als
sie alle beisammen waren, rief er aus: »Wie nennt Ihr das Übel, Doktor, das
unsern Freund angefallen hat? Passt hier keiner von den dreitausend Namen, mit
denen Ihr Eure Unwissenheit ausputzt? An ähnlichen Beispielen wenigstens hat es
nicht gefehlt. Es kommt«, fuhr er mit einem emphatischen Tone fort, »ein solcher
Kasus in der ägyptischen oder babylonischen Geschichte vor.«
    Die Gesellschaft sah einander an und lächelte.
    »Wie hiess der König?« rief er aus und hielt einen Augenblick inne. »Wenn Ihr
mir nicht einhelfen wollt«, fuhr er fort, »so werde ich mir selbst zu helfen
wissen.« Er riss die Türflügel auf und wies nach dem grossen Bilde im Vorsaal.
»Wie heisst der Ziegenbart mit der Krone dort, der sich am Fusse des Bettes um
seinen kranken Sohn abhärmt? Wie heisst die Schöne, die hereintritt und in ihren
sittsamen Schelmenaugen Gift und Gegengift zugleich führt? Wie heisst der
Pfuscher von Arzt, dem erst in diesem Augenblicke ein Licht aufgeht, der das
erste Mal in seinem Leben Gelegenheit findet, ein vernünftiges Rezept zu
verordnen, eine Arznei zu reichen, die aus dem Grunde kuriert, und die ebenso
wohlschmeckend als heilsam ist?«
    In diesem Tone fuhr er fort zu schwadronieren. Die Gesellschaft nahm sich so
gut als möglich zusammen und verbarg ihre Verlegenheit hinter einem gezwungenen
Lächeln. Eine leichte Röte überzog Nataliens Wangen und verriet die Bewegungen
ihres Herzens. Glücklicherweise ging sie mit Jarno auf und nieder; als sie an
die Türe kam, schritt sie mit einer klugen Bewegung hinaus, einigemal in dem
Vorsaale hin und wider und ging sodann auf ihr Zimmer.
    Die Gesellschaft war still. Friedrich fing an zu tanzen und zu singen.
»O, ihr werdet Wunder sehn!
Was geschehn ist, ist geschehn,
Was gesagt ist, ist gesagt.
Eh' es tagt,
Sollt ihr Wunder sehn.«
Terese war Natalien nachgegangen, Friedrich zog den Arzt vor das grosse Gemälde,
hielt eine lächerliche Lobrede auf die Medizin und schlich davon.
    Lotario hatte bisher in einer Fenstervertiefung gestanden und sah, ohne
sich zu rühren, in den Garten hinunter. Wilhelm war in der schrecklichsten Lage.
Selbst da er sich nun mit seinem Freunde allein sah, blieb er eine Zeitlang
still; er überlief mit flüchtigem Blick seine Geschichte und sah zu letzt mit
Schaudern auf seinen gegenwärtigen Zustand; endlich sprang er auf und rief: »Bin
ich schuld an dem, was vorgeht, an dem, was mir und Ihnen begegnet, so strafen
Sie mich! Zu meinen übrigen Leiden entziehen Sie mir Ihre Freundschaft, und
lassen Sie mich ohne Trost in die weite Welt hinausgehen, in der ich mich lange
hätte verlieren sollen. Sehen Sie aber in mir das Opfer einer grausamen
zufälligen Verwicklung, aus der ich mich herauszuwinden unfähig war, so geben
Sie mir die Versicherung Ihrer Liebe, Ihrer Freundschaft auf eine Reise mit, die
ich nicht länger verschieben darf. Es wird eine Zeit kommen, wo ich Ihnen werde
sagen können, was diese Tage in mir vorgegangen ist. Vielleicht leide ich eben
jetzt diese Strafe, weil ich mich Ihnen nicht früh genug entdeckte, weil ich
gezaudert habe, mich Ihnen ganz zu zeigen, wie ich bin; Sie hätten mir
beigestanden, Sie hätten mir zur rechten Zeit losgeholfen. Aber und abermal
gehen mir die Augen über mich selbst auf, immer zu spät und immer umsonst. Wie
sehr verdiente ich die Strafrede Jarnos! Wie glaubte ich, sie gefasst zu haben,
wie hoffte ich, sie zu nutzen, ein neues Leben zu gewinnen! Konnte ich's? Sollte
ich's? Vergebens klagen wir Menschen uns selbst, vergebens das Schicksal an! Wir
sind elend und zum Elend bestimmt, und ist es nicht völlig einerlei, ob eigene
Schuld, höherer Einfluss oder Zufall, Tugend oder Laster, Weisheit oder Wahnsinn
uns ins Verderben stürzen? Leben Sie wohl! ich werde keinen Augenblick länger in
dem Hause verweilen, in welchem ich das Gastrecht wider meinen Willen so
schrecklich verletzt habe. Die Indiskretion Ihres Bruders ist unverzeihlich, sie
treibt mein Unglück auf den höchsten Grad, sie macht mich verzweifeln.«
    »Und wenn nun«, versetzte Lotario, indem er ihn bei der Hand nahm, »Ihre
Verbindung mit meiner Schwester die geheime Bedingung wäre, unter welcher sich
Terese entschlossen hat, mir ihre Hand zu geben? Eine solche Entschädigung hat
Ihnen das edle Mädchen zugedacht; sie schwur, dass dieses doppelte Paar an einem
Tage zum Altare gehen sollte. Sein Verstand hat mich gewählt, sagte sie, sein
Herz fordert Natalien, und mein Verstand wird seinem Herzen zu Hülfe kommen. Wir
wurden einig, Natalien und Sie zu beobachten, wir machten den Abbé zu unserm
Vertrauten, dem wir versprechen mussten, keinen Schritt zu dieser Verbindung zu
tun, sondern alles seinen Gang gehen zu lassen. Wir haben es getan. Die Natur
hat gewirkt, und der tolle Bruder hat nur die reife Frucht abgeschüttelt. Lassen
Sie uns, da wir einmal so wunderbar zusammengekommen, nicht ein gemeines Leben
führen; lassen Sie uns zusammen auf eine würdige Weise tätig sein! Unglaublich
ist es, was ein gebildeter Mensch für sich und andere tun kann, wenn er, ohne
herrschen zu wollen, das Gemüt hat, Vormund von vielen zu sein, sie leitet,
dasjenige zur rechten Zeit zu tun, was sie doch alle gerne tun möchten, und sie
zu ihren Zwecken führt, die sie meist recht gut im Auge haben und nur die Wege
dazu verfehlen. Lassen Sie uns hierauf einen Bund schliessen! Es ist keine
Schwärmerei, es ist eine Idee, die recht gut ausführbar ist, und die öfters, nur
nicht immer mit klarem Bewusstsein, von guten Menschen ausgeführt wird. Meine
Schwester Natalie ist hiervon ein lebhaftes Beispiel. Unerreichbar wird immer
die Handlungsweise bleiben, welche die Natur dieser schönen Seele vorgeschrieben
hat. Ja sie verdient diesen Ehrennamen vor vielen andern, mehr, wenn ich sagen
darf, als unsre edle Tante selbst, die zu der Zeit, als unser guter Arzt jenes
Manuskript so rubrizierte, die schönste Natur war, die wir in unserm Kreise
kannten. Indes hat Natalie sich entwickelt, und die Menschheit freut sich einer
solchen Erscheinung.«
    Er wollte weiterreden, aber Friedrich sprang mit grossem Geschrei herein.
»Welch einen Kranz verdien' ich?« rief er aus, »und wie werdet ihr mich
belohnen? Myrten, Lorbeer, Efeu, Eichenlaub, das frischeste, das ihr finden
könnt, windet zusammen; so viel Verdienste habt ihr in mir zu krönen. Natalie
ist dein! Ich bin der Zauberer, der diesen Schatz gehoben hat.«
    »Er schwärmt«, sagte Wilhelm, »und ich gehe.«
    »Hast du Auftrag?« sagte der Baron, indem er Wilhelmen festielt.
    »Aus eigner Macht und Gewalt«, versetzte Friedrich, »auch von Gottes Gnaden,
wenn ihr wollt; so war ich Freiersmann, so bin ich jetzt Gesandter, ich habe an
der Türe gehorcht, sie hat sich ganz dem Abbé entdeckt.«
    »Unverschämter!« sagte Lotario, »wer heisst dich horchen.«
    »Wer heisst sie sich einschliessen!« versetzte Friedrich; »ich hörte alles
ganz genau, Natalie war sehr bewegt. In der Nacht, da das Kind so krank schien
und halb auf ihrem Schosse ruhte, als du trostlos vor ihr sassest und die geliebte
Bürde mit ihr teiltest, tat sie das Gelübde, wenn das Kind stürbe, dir ihre
Liebe zu bekennen, und dir selbst die Hand anzubieten; jetzt, da das Kind lebt,
warum soll sie ihre Gesinnung verändern? Was man einmal so verspricht, hält man
unter jeder Bedingung. Nun wird der Pfaffe kommen und wunder denken, was er für
Neuigkeiten bringt.«
    Der Abbé trat ins Zimmer. »Wir wissen alles«, rief Friedrich ihm entgegen,
»macht es kurz, denn Ihr kommt bloss um der Formalität willen, zu weiter nichts
werden die Herren verlangt.«
    »Er hat gehorcht«, sagte der Baron. - »Wie ungezogen!« rief der Abbé.
    »Nun geschwind!« versetzte Friedrich, »wie sieht's mit den Zeremonien aus?
Die lassen sich an den Fingern herzählen, Ihr müsst reisen, die Einladung des
Marchese kommt Euch herrlich zustatten. Seid Ihr nur einmal über die Alpen, so
findet sich zu Hause alles, die Menschen wissen's Euch Dank, wenn Ihr etwas
Wunderliches unternehmt, Ihr verschafft ihnen eine Unterhaltung, die sie nicht
zu bezahlen brauchen. Es ist eben, als wenn Ihr eine Freiredoute gäbt; es können
alle Stände daran teilnehmen.«
    »Ihr habt Euch freilich mit solchen Volksfesten schon sehr ums Publikum
verdient gemacht«, versetzte der Abbé, »und ich komme, so scheint es, heute
nicht mehr zum Wort.«
    »Ist nicht alles, wie ich's sage«, versetzte Friedrich, »so belehrt uns
eines Bessern! Kommt herüber, kommt herüber! wir müssen sie sehen und uns
freuen.«
    Lotario umarmte seinen Freund und führte ihn zu der Schwester, sie kam mit
Teresen ihm entgegen, alles schwieg.
    »Nicht gezaudert!« rief Friedrich. »In zwei Tagen könnt ihr reisefertig
sein. Wie meint Ihr, Freund«, fuhr er fort, indem er sich zu Wilhelmen wendete,
»als wir Bekanntschaft machten, als ich Euch den schönen Strauss abforderte, wer
konnte denken, dass Ihr jemals eine solche Blume aus meiner Hand empfangen
würdet?«
    »Erinnern Sie mich nicht in diesem Augenblicke des höchsten Glücks an jene
Zeiten!«
    »Deren Ihr Euch nicht schämen solltet, so wenig man sich seiner Abkunft zu
schämen hat. Die Zeiten waren gut, und ich muss lachen, wenn ich dich ansehe: du
kommst mir vor wie Saul, der Sohn Kis, der ausging, seines Vaters Eselinnen zu
suchen, und ein Königreich fand.«
    »Ich kenne den Wert eines Königreichs nicht«, versetzte Wilhelm, »aber ich
weiss, dass ich ein Glück erlangt habe, das ich nicht verdiene, und das ich mit
nichts in der Welt vertauschen möchte.«
 
    