
        
                                   Jean Paul
                              Die unsichtbare Loge
                            Eine Lebensbeschreibung
                                      Motto
           Der Mensch ist der grosse Gedankenstrich im Buche der Natur
                        Auswahl aus des Teufels Papieren
 
                                  Erster Teil
                                  Entschuldigung
   bei den Lesern der sämtlichen Werke in Beziehung auf die unsichtbare Loge
Ungeachtet meiner Aussichten und Versprechungen bleibt sie doch eine geborne
Ruine. Vor dreissig Jahren hätte ich das Ende mit allem Feuer des Anfangs geben
können, aber das Alter kann nicht ausbauen, nur ausflicken, was die kühne Jugend
aufgeführt. Ja man setze sogar alle Kräfte des Schaffens ungeschwächt, so
erscheinen ihnen doch nicht mehr die vorigen Begebenheiten, Verwicklungen und
Empfindungen des Fortsetzens wert. Sogar in Schillers Don Carlos hört man daher
zwei Zeiten und zwei Stimmen. -
    Noch ein Werk, die biographischen Belustigungen unter der Hirnschale einer
Riesin, steht in der Reihe dieser Sammlung ohne Dach und Baurede da - aber es
ist auch das letzte; - und sind denn zwei unausgebaute Häuserchen so gar schwer
zu verzeihen in einem Korso von Gebäuden aller Art - von Gartenhäusern - grossen
Sakristeien, wenn auch ohne Kirchen - Irren- und Ratäusern - kleinen Hörsälen -
vier Pfählen - Dachstuben - Erkern - und italienischen Kellern? - Wenn man nun
fragt, warum ein Werk nicht vollendet worden, so ist es noch gut, wenn man nur
nicht fragt, warum es angefangen. Welches Leben in der Welt sehen wir denn nicht
unterbrochen? Und wenn wir uns beklagen, dass ein unvollendet gebliebener Roman
uns gar nicht berichtet, was aus Kunzens zweiter Liebschaft und Elsens
Verzweiflung darüber geworden, und wie sich Hans aus den Klauen des Landrichters
und Faust aus den Klauen des Mephistopheles gerettet hat - so tröste man sich
damit, dass der Mensch rund herum in seiner Gegenwart nichts sieht als Knoten, -
und erst hinter seinem Grabe liegen die Auflösungen; - und die ganze
Weltgeschichte ist ihm ein unvollendeter Roman. -
    Baireut, im Oktober 1825.
                                                    Jean Paul Friedrich Richter.
 
                          Vorrede zur zweiten Auflage
Wer einigen wohlwollenden Anteil an den kleinen Haus-, ja Studierstubenfesten
der Schriftsteller nimmt: der läuft gewiss ihre Vorreden zu zweiten Auflagen mit
Vergnügen durch; denn in diesen feiern sie ihr Buch-Jubiläum und haben darin
fast nichts zu sagen als das Angenehmste, nämlich von sich. Wenn der
Schriftsteller in der Vorrede zur Probier-Auflage sich so gar matt und scheu
handhaben muss und aus weit getriebner und doch unentbehrlicher Bescheidenheit so
viele Besorgnisse und Zweifel (sie betreffen seine Gaben) an den Tag zu legen
hat: wieviel ungebundner und heiterer geht es dagegen her nach dem Übergange des
Jubel-Autors aus der streitenden Kirche der ersten Vorrede in die triumphierende
der zweiten, und der Jubilarius bringt sich selber ohne Angst sein Ständchen und
sein vivat und vivam!
    Gegenwärtiger Schreiber ist auf diesem Bogen selber im Begriffe, zu
jubilieren und ein Familienfest mit einem seiner liebsten Kinder - eben dem
gegenwärtigen Buche, seinem romantischen Erstling - zu begehen, und redet hier
zur zweiten Auflage vor.
    - Aber mitten im Feste erwägt er wohl, dass ein Autor wie er auf diese Weise
am Ende mehr Vorreden als Bücher macht - z.B. zu einem dreimal aufgegangnen
Hesperus drei Vorreden als Morgenröten - und dass folglich beinahe des Redens
mehr ist als des Machens. Das Alter spricht ohnehin gern von sich; aber
nachteilig genug vermehren sich eben mit den Jahren die neuen Auflagen und
mitin die Vorreden dazu, worin man allerlei über sich vorbringt.
    Das wenige, was ich hier von mir selber zu sagen habe, beschränkt sich auf
das gewöhnliche vorrednerische Eigenlob und auf den als Lobfolie untergelegten
Eigentadel.
    Stehende Verbesserungen aller meiner Auflagen blieben auch hier die Land-
oder Buch-Verweisungen von faulen Tag- oder Sprachdieben oder Wortfremdlingen
und die Ausrottung falscher Genitiv-S und Ungs. - Ferner auf allen Blättern, wo
es nottat, wurden Lichter und Schatten und Farben gehoben oder vertieft, aber
nur schwach; und da bloss meistens in komischen Stellen. Denn wenn ich hätte - um
mit dem Lobe fortzufahren - an den ernsten stärken oder ändern wollen, welche
die Natur und die Liebe und das Grosse in uns und über uns malen: so hätt' ich es
in meinem spätern Alter nicht zu machen vermocht, indem ich bei jenen Stellen
schon Gott danken muss, dass ich sie nur das erste Mal gemacht. Diese Not wird
sich erst recht zeigen - so dass ich lieber und leichter nach den vier gedruckten
Flegeljahren noch so viele neue, als ich Jahre habe, gäbe -, wenn ich einmal den
dritten oder Schlussband dieser Loge bauen muss; und ich wünschte herzlich,
irgendein anderer Nachahmer von mir als ich selber übernähme die Last.
    Denn die Gründe liegen offen da. Der Verfasser dieses blieb und arbeitete
nach den im 19ten Jahre geschriebnen Skizzen noch neun Jahre lang in seiner
satirischen Essigfabrik (Rosen- und Honigessig lieferte aus ihr die Auswahl aus
des Teufels Papieren), bis er endlich im Dezember 1790 durch das noch etwas
honigsauere Leben des Schulmeisterlein Wutz1 den seligen Übertritt in die
unsichtbare Loge nahm: so lange also, ein ganzes horazisches Jahrneun hindurch,
wurde des Jünglings Herz von der Satire zugesperrt und musste alles verschlossen
sehen, was in ihm selig war und schlug, was wogte und liebte und weinte. Als es
sich nun endlich im achtundzwanzigsten Jahre öffnen und lüften durfte: da ergoss
es sich leicht und mild wie eine warme überschwellende Wolke unter der Sonne -
ich brauchte nur zuzulassen und dem Fliessen zuzusehen - und kein Gedanke kam
nackt, sondern jeder brachte sein Wort mit und stand in seinem richtigen Wuchse
da ohne die Schere der Kunst. Gerade ein lange zugedrücktes übervolles Herz
bewahrt in seiner Flut mehr das Richtige und Gemässigte als ein immer offen
gelassnes, sich leer rinnendes in seiner Ebbe, das Wellensprünge machen muss für
die nächste Buchhändlermesse. Ach! man sollte alles Beste, zumal des Gefühls,
nur einmal aussprechen! - Die Blüten der Kraftbäume sind schmal und haben nur
zwei einfache Farben, die weisse und rote, Unschuld und Scham; hingegen die
Blumen auf ihren dünnen Stengeln sind breiter als diese und schminken sich mit
brennenden Farben. - Aber jedes erste Gefühl ist ein Morgenstern, der, ohne
unterzugehen, bald seinen Zauberschimmer verliert und durch das Blau des Tags
verhüllt weiterzieht .....
    Ich gerate hier beinahe in dasselbe blumige Unwesen durch Sprechen darüber;
aber eben wieder aus der angeführten Ursache, weil ich über die jungfräuliche
Kraft und Schönheit, womit frische Gefühle zum ersten Male reden, schon so oft
und besonders in Vorreden gesprochen (ich verweise in dieser zur zweiten Auflage
der Mumien auf die neueste zur zweiten Auflage der grönländischen Prozesse); und
so beweiset sich der Satz schon dadurch, wie er sich ausspricht.
    Man wird vielleicht dem Verfasser es nachsehen, dass er seinen ersten Roman
zwei Jahre zu früh geschrieben, nämlich schon in seinem 28ten; aber im ganzen,
gesteht er selber, sollte man Romane nicht vor dem Jahre schreiben, wo der alte
Deutsche seinen spielte und ihn sogleich in Geschichte durch Ehe verwandelte,
nämlich im 30ten Jahre. An Richardson, Rousseau, Goete (nicht im lyrischen
Werter, sondern im romantischen Meister), an Fielding und vielen bewährt sich
der Satz. - Der Verfasser der unsichtbaren Loge hatte von Lichtenberg so starke
Busspredigten gegen die Menschenunkunde der deutschen Romanschreiber und Dichter
gelesen und gegen ihre so grosse Unwissenheit in Realien ebensowohl als in
Personalien, dass er zum Glück den Mut nicht hatte, wenigstens früher als im 28
ten Jahre das romantische Wagstück zu übernehmen. Er fürchtete immer, ein
Dichter müsse so gut wie ein Maler und Baumeister etwas wissen, wenn auch wenig;
ja er müsse (die Sache noch höher getrieben) sogar von Grenzwissenschaften (und
freilich umgrenzen alle Wissenschaften die Poesie) manches verstehen, so wie der
Maler von Anatomie, von Chemie, Götterlehre und sonst. - Und in der Tat hat sich
niemand so stark als Goete - der unter allen bekannten Dichtern die meisten
Grundkenntnisse in sich verknüpft, von der Reichspraxis und Rechtslehre an durch
alle Kunststudien hindurch bis zur Berg- und Pflanzen- und jeder
Naturwissenschaft hinauf - als den festen und zierlichen Pfeiler des Grundsatzes
hingestellt, dass erst ein Dichter, welcher Licht in der einen und andern Sache
hat, sich kann hören lassen, so dass sichs hier verhielte mit den Dichtungen wie
mit den Pflanzen, welche bei aller Nährung durch Wärme, Feuchte und Luft doch
nur Früchte ohne Geschmack und Brennstoff bringen, wenn ihnen das Sonnenlicht
gebrach.
    Glücklicherweise hat sich freilich seitdem - seit dem eingegangnen
Predigtamte Lichtenbergs und anderer Prosaisten - sehr vieles und zwar zum
wahren Vorteile der Dichter geändert. Menschenstudien vorzüglich werden ihnen
von Kunstverständigen und Leihlesern willig erlassen, weil man dafür desto mehr
im Romantischen von ihnen erwartet und fodert. Daher sind sogenannte Charaktere
- wie etwa die vorkömmlichen bei Goete, oder gar bei Shakespeare, ja wie nur
bei Lessing - gerade das, wodurch sich die neueren Roman- und Drama-Dichter am
wenigsten charakterisieren, sondern es ist ihnen genug - sobald nur sonst
gehörige Romantik da ist -, wenn die Charaktere bloss so halb und halb etwa etwas
vorstellen, im ganzen aber nichts bedeuten. Ihre Charaktere oder
Menschen-Abbilder sind gute Konditor- oder Zuckergebilde und fallen, wie alle
Kandis- und Marzipanmänner, sehr unähnlich, ja unförmlich, aber desto süsser aus
und zerlaufen mild auf der Zunge. Ihre gezeichneten Köpfe sind gleichsam die
Papierzeichen dieser höhern Papiermüller und bedürfen keiner grössern Ähnlichkeit
mit den Urbildern als die Köpfe der Könige von Preussen und Sachsen auf dem
preussischen und sächsischen Konzept-Papiere, die und deren Unähnlichkeit man
erst sieht, wenn man einen Bogen gegen das Licht hält. Da nun gerade neue
Charaktere so schwer und ihrer nur so wenige zu erschaffen sind, wenn man sich
nicht zu einem Shakespeare steigern kann, hingegen neue Geschichten so leicht zu
geben, zu deren Zusammensetzungen schon vorgeschriebene Endreime der Willkür die
organischen Kügelchen oder den Froschlaich darbieten: so wird durch stehende
Wolkengestalten von Charakteren, welche unter dem Anschauen flüssig aus- und
einwachsen und sich selber eine Elle zusetzen und abschneiden, dem Dichter
unglaubliche Mühe und Zeit, die er fruchtbarer an Begebenheiten verwendet, im
Schaffen erspart, und er kann jede Messe mit seinem frischen Reichtum neuer
Geschichten und alter Charaktere auftreten; er ist der Koch Andhrimmer (in der
nordischen Mytologie) und hat den Kessel Eldhrimmer und kocht das Schwein
Sährimmer, das jeden Abend wieder lebendig wird, und bewirtet damit die Helden
in Walhalla jeden Tag.
    Dieser romantische Geist hat nun in Romanen und Trauerspielen eine Höhe und
Vollkommenheit erreicht, über welche hinaus er ohne Selbstverflüchtigung
schwerlich zu gehen vermag, und welche man in der ganz gemeinen Sprache
unbedenklich schon Tollheit oder Wahnwitz nennen kann, wenn auch nicht in der
Kunstsprache. Von den Trauerspielen an des ohnehin nicht verstandreichen Werners
bis hinauf zu dem Yngurd und der Albaneserin des verstandüberreichen Müllners
regiert ein seltner, luftiger, keines Bodens bedürftiger Wahnwitz die Charaktere
und dadurch sogar einen Teil der Geschichte, deren Schauplatz eigentlich im
Unendlichen ist, weil verrückte und verrückbare Charaktere jede Handlung, die
man will, motivieren und rücken können. Sogar bei den grössten Genien anderer
Völker und früherer Zeiten sucht man Kunst-Verrückungen und Anamorphosen und
Anagrammen des Verstandes, wie z.B. in des gedachten Proselyten Luter oder
Attila, umsonst. Sogar ein Sophokles glaubte, von seinen erbsüchtigen Kindern
des Alterwahnwitzes angeklagt, sie durch ein so verstandreiches Trauerspiel wie
der Ödipus zu Boden zu schlagen; aber in unserer Zeit würde wohl ein deutscher
Sophokles vor Gericht den Beweis seines Verstandes durch kein anderes Gedicht
führen als durch eines, worin er seinen Haupt-Charakteren den ihrigen genommen
hätte.
    Dieser romantische Kunst-Wahnwitz schränkt sich glücklicherweise nicht auf
das Weinen ein, sondern erstreckt sich auch auf das Lachen, was man Humor oder
auch Laune nennt. Ich will hier der Vorreden-Kürze wegen mich bloss auf den
kraftvollen Friedrich Hoffmann berufen, dessen Callotische Phantasien ich früher
in einer besondern Vorrede schon empfohlen und gepriesen, als er bei weitem
weniger hoch, und mir viel näher stand. Neuerer Zeit nun weiss er allerdings die
humoristischen Charaktere - zumal in der zerrüttenden Nachbarschaft seiner
Morgen-, Mittag-, Abend- und Nachtgespenster, welche kein reines Taglicht und
keinen festen Erdboden mehr gestatten - zu einer romantischen Höhe
hinaufzutreiben, dass der Humor wirklich den echten Wahnwitz erreicht; was einem
Aristophanes und Rabelais und Shakespeare nie gelingen wollen. Auch der heitere
Tieck tat in frühern Werken nach diesen humoristischen Tollbeeren einige
glückliche Sprünge, liess aber als Fuchs sie später hangen und hielt sich an die
Weinlese der Bacchusbeeren der Lust. - -
    Dieses wenige reiche hin, um zu zeigen, wie willig und freudig der Verfasser
den hohen Stand- und Schwebepunkt der jetzigen Literatur anerkenne. Unstreitig
ist jetzo die Belladonna (wie man die Tollkirsche nennt) unsere Muse, Primadonna
und Madonna, und wir leben im poetischen Tollkirschenfest. Desto erfreulicher
ist es, dass auch die Lesewelt diese poetische Hinaufstimmung auf eine
freundliche Weise begünstigt durch ihre Teilnahme, und dass sie, wie das
Morgenland, Verrückte als Heilige ehrt, und was sie sagen, für eingegeben hält.
Überhaupt eine schöne Lorbeer- und Kirschlorbeerzeit! - -
    Bei allen neuen zweiten Ausgaben wird es dem Verfasser, der sie so gern zu
recht verbesserten machen möchte, von neuem schmerzhaft, dass keine seiner
Dichtungen ein um- und eingreifendes Kunsturteil über Charaktere und Geschichte
und Sprache jemal hat erobern können. Mit einem allgemeinen Lobe bis zur
Übertreibung und mit einem ähnlichen Tadel bis zu einer noch grössern ist einem
rechtschaffenen Künstler nicht gedient und geholfen. Natürlicherweise wurden
zweite Auflagen noch weniger beurteilt und geprüft als erste, und der Verfasser
sah jeden Abend vergeblich auf ein Lob seiner Strenge gegen sich selber auf. Wie
gern er aber bessert und streicht - noch mehr als ein Wiener Schauspieldirektor,
der bloss fremde Stücke zerstückt - und wie emsig er aus jedem bedornten oder
gestachelten Tadel, sei er entweder Rose oder Wespe, den Honig der Besserung
saugt, dies könnte ein Kunstrichter erfahren, ohne mehr Bücher zu lesen als
zwei, nämlich die zweite Ausgabe neben der ersten; ja sogar aus einem einzigen
könnte er alles wegbekommen, wenn er einen Herrn Verleger bloss um gefällige
Vorzeigung des letzten, mit weisen Runzeln und mit Druck- und Dintenschwärze
zugleich durchfurchten Alt-Exemplars ersuchte: der Mann würde im Buchladen sich
wundern über das Bessern, ihm so gerade gegenüber.
    Aber, wie leider gesagt, gegenwärtig wird in Deutschland wenig
Belletristisches rezensiert, und die Taschenkalender sind hier wohl die einzigen
Ausnahmen von Belang, nämlich ihre verschiedenen kleinen Aufsätze und die
verschiedenen kleinen Urteile dazu.
    Es ist eigentlich ziemlich spät, dass ich erst nach 28 Jahren sage, was die
beiden Titel des Buchs sagen wollen. Der eine »unsichtbare Loge« soll etwas
aussprechen, was sich auf eine verborgne Gesellschaft bezieht, die aber freilich
so lange im Verborgnen bleibt, bis ich den dritten oder Schlussband an den Tag
oder in die Welt bringe. Noch deutlicher lässt sich der zweite Titel »Mumien«
erklären, der mehr auf meine Stimmung, so wie jener mehr auf die Geschichte,
hindeutet. Überall werden nämlich im Werke die Bilder des irdischen
Vorüberfliegens und Verstäubens, wie ägyptische Mumien und griechische
Kunst-Skelette, unter den Lustbarkeiten und Gastmahlen aufgestellt. Nun soll
aber die Poesie mehr das Entstehen als das Vergehen zeigen und schaffen und mehr
das Leben auf den Tod malen als das Gerippe auf das Leben. Der Musenberg soll
als der höchste, alle Wolken überflügelnde Berg, der uns sowohl den Himmel als
die Erde heller schauen lässt und zugleich die Sternbilder und den blumigen
Talgrund uns näher bringt, dieser soll der Ararat der im Wasser arbeitenden und
schiffbrüchigen Menschheit sein; wie sich in der Myte2 Deukalion und Pyrrha aus
der Sündflut auf dem Parnassus erretteten. So verlangt es besonders unser Goete
und dichtet darnach; die Dichtkunst soll nur erheitern und erhellen, nicht
verdüstern und bewölken. - Und dies glaub' ich auch; ja ohne eine angeborne
unwillkürliche - was man eben Hoffnung und Erinnerung nennt - wäre keine
Wirklichkeit zu ertragen, wenigstens zu geniessen. -
    Aber ebenso gewiss ist es, dass gerade die Jugend, diese lebendige Poesie,
mitten unter ihren Blütenästen (für sie aber schon Fruchtäste) und auf ihren
sonnigen warmen Anhöhen nichts lieber dichtet und gedichtet liest als
Nachtgedanken; und nicht nur vor der liebekranken Jungfrau, sondern auch vor dem
liebestarken Jüngling - der darum einem Schlachttode weit begeisterter
entgegenzieht als ein Alter - schweben die Gottesäcker als hangende Gärten in
Lüften, und sie sehnen sich hinauf. Die Jugend kennt nur grüne blumige
Grabhügel, aber das Alter offne Gräber ohne grünende Wände.
    Diese jugendliche Ansicht komme nun dem Verfasser, der in einem für ihn noch
jugendlichen Alter schrieb, bei seinen zu häufigen Grablegungen und seinen
Nachtstücken der Vergänglichkeit in diesem Werke zugute. - Indes ist hier eben
eine nicht zu furchtsame Rechtfertigung notwendig; denn da wir doch einmal alle
in der immer vernichtenden und vernichtet-werdenden Zeit fortschwimmen und wir
auf den kleinen Gräbchen jeder Minute in das grosse der letzten Stunde steigen
müssen: so kann hier kein scheues Seitwärtsschielen der Poesie - was etwa bei
Übeln gelten könnte, die nur einzelne und nur zeitweise ergreifen -, sondern
bloss ein tapferes Aufwärtsschauen dichterisch und erquickend werden. Die Poesie
mache nur keck die Erdgruft auf, aber sie zeige auch, wie sie zwischen zwei
Halbhimmeln liegt und wie wir aus dem zugedeckten uns dem aufgedeckten zudrehen.
- Und wenn wir nur als spielende Eintagmücken, eigentlich Einabendmücken in den
Strahlen der untergehenden Sonne uns sonnen und dann senken: so geht nicht bloss
die Mücke, auch die Sonne unter; aber im weiten Freien der Schöpfung, wo kein
Erdboden sich dazwischenstellt, haben Sonnen und Geister keinen Untergang und
kein Grab.
    Und so mögen denn diese zwei Mumien, weniger mit neuen Gewürzen zur
Fortdauer einbalsamiert als hie und da mit den Zeichen-Binden anders
eingewickelt, sich wieder der frühern Zuziehung und Einladung zu den Gastmahlen
der Leser zu erfreuen haben! Und die dritte oder Schlussmumie soll nachgeschickt
werden - als die dritte Parze im schönen griechischen Sinne -, wenn nicht den
Mumien-Vater selber vorher das Schicksal zur grossen Mumie macht. Also im einen
und im andern Falle kann es an einer dritten Schlussmumie nicht fehlen.
    Baireut den 24ten Jun. 1821.
                                                          Jean Paul Fr. Richter.
 
                                    Fussnoten
1 Es steht am Ende des zweiten Bandes der Loge; wurde aber früher als diese
gemacht; und das Schulmeisterlein zog denn als Logemeister und Altmeister und
Leitammel meinen romantischen Helden Gustav, Viktor, Albano etc. voran.
2 Ovid. Metamorph. VI.
 
                                   Vorredner
                        in Form einer Reisebeschreibung
Ich wollte den Vorredner anfangs in Sichersreut oder Alexandersbad bei
Wonsiedel verfertigen, wo ich mir das Podagra wieder in die Füssen hinunterbaden
wollte, das ich mir bloss durch gegenwärtiges Buch zu weit in den Leib
hinaufgeschrieben. Aber ich habe mir meinen Vorredner, auf den ich mich schon
seit einem Jahre freue, aus einem recht vernünftigen Grunde bis heute
aufgespart. Der recht vernünftige Grund ist der Fichtelberg, auf welchen ich
eben fahre. - Ich muss nun diese Vorrede schreiben, damit ich unter dem Fahren
nicht aus der Schreibtafel und Kutsche hinaussehe, ich meine, damit ich die
grenzenlose Aussicht oben nicht wie einen Frühling nach Kubikruten, die Ströme
nach Ellen, die Wälder nach Klaftern, die Berge nach Schiffpfunden, von meinen
Pferden zugebröckelt bekomme, sondern damit ich den grossen Zirkus und
Paradeplatz der Natur mit allen seinen Strömen und Bergen auf einmal in die
aufgeschlossene Seele nehme. - Daher kann dieser Vorredner nirgends aufhören als
unweit des Ochsenkopfs, auf dem Schneeberg.
    Das nötigt mich aber, unterweges mich in ihm an eine Menge Leute
gesprächsweise zu wenden, um nur mit ihm bis auf den Ochsenkopf hinauf zu
langen; ich muss wenigstens reden mit Rezensenten - Weltleuten - Holländern -
Fürsten - Buchbindern - mit dem Einbein und der Stadt Hof - mit Kunstrichtern
und mit schönen Seelen, also mit neun Parteien. Es wird mein Schade nicht sein,
dass ich hier, wie es scheint, in den Klimax meiner Pferde den Klimax der Poeten
verflechte .....
    Der Wagen stösset den Verfasser dermassen, dass er mit Nro. 1, den Rezensenten,
nichts Vernünftiges sprechen, sondern ihnen bloss erzählen will, was sein guter
grauer Schwiegervater begeht - nämlich alle Tage seinen ordentlichen Mord und
Totschlag. Ich geb' es zu, viele Schwiegerväter können hektisch sein, aber
wenige sind dabei in dem Grade offizinell und arsenikalisch als meiner, den ich
in meinem Hause - ich hab's erst aus Hallers Physiologie T. II. erfahren, dass
Schwindsüchtige mit ihrem Atem Fliegen töten können - statt eines giftigen
Fliegenschwamms mit Nutzen verbrauche. Der Hektiker wird nicht klein
geschnitten, sondern er gibt sich bloss die kleine Mühe, den ganzen Morgen statt
einer Seuche in meinen Stuben zu grassieren und mit dem Schirokkowind seines
phlogistischen Atems aus seiner Lunge der Fliegen ihre anzuwehen; aber die
Rezensenten können sich leicht denken, ob so kleine Wesen und Nasen, die sich
keinen antimephitischen Respirator vom Herrn Pilatre de Rozier applizieren
können, einen solchen abscheulichen Schwaden auszuhalten fähig sind. Die Fliegen
sterben hin wie - Fliegen, und statt der bisherigen Mücken-Einquartierung hab'
ich bloss den guten giftigen Schwiegervater zu beköstigen, der mit ihnen auf den
Fuss eines Mücken-Freund-Hein umgeht. Nun glaub' ich, den ordentlichen guten
Rezensenten einem Schwiegervater von solchem Gift und Wert gleichsetzen zu
dürfen; ja ich möchte jenen bei der Hand anfassen und, auf den grassierenden
Phtisiker hindeutend, ihn anfeuern und fragen: »ob er nicht merke, dass er
selber gar nicht zu verachten sei, sondern dass er - wenn der Hektikus, mit
seinen Lungenflügeln das feinste und nötigste Miasma unter die Fliegen wehend,
ein edles seltenes Glied in der naturhistorischen Welt vorstelle - ein ebenso
nützliches in der literarischen ausmache, wenn er, in der Gelehrtenrepublik auf-
und abschleichend, das summende Insektengeflügel mit seinem ätzenden Atem so
treffend anhauche, dass es krepiere wie eine Heuschreckenwolke -; ob er dieses
und noch besseres, möcht' ich den Rezensenten fragen, nicht merke und nicht
daraus schliesse, dass der Vorredner zu der unsichtbaren Loge dies zehnmal
weitläufiger haben werde?« -
    Er hat es aber natürlicherweise viel kürzer, weil ich sonst auf den
Ochsenkopf hinaufkäme mitten in der Vorrede, ohne nur der Weltleute gedacht zu
haben, geschweige der andern.
    Diese wollen nun die zweite Nummer und Sprosse meines Aufklimmers abgeben -
Campe wirft nicht ungeschickt durch dieses Wort den Klimax aus seinen und meinen
Büchern -; allein ich werde wenig mehr bei ihnen anzubringen haben als eine
Rechtfertigung, dass ich mich in meinem Werke zu oft anstellte, als macht' ich
mir aus der Tugend etwas und aus jener Schwärmerei, die so oft den Namen
Entusiasmus trägt. Ich besorge wahrhaftig nicht, dass vernünftige Leute meine
Anstellung gar für Ernst ansehen; ich hoffe, wir trauen beide einander zu, dass
wir das Lächerliche davon empfinden, statt der Namen der Tugenden diese selber
haben zu wollen - und heutzutage sind die wenigsten von uns zu den tollen
Philosophen in Lagado (in Gullivers Reisen) zu rechnen, die aus Achtung für ihre
Lunge die Dinge selber statt ihrer Benennungen gebrauchten und allemal in
Taschen und Säcken die Gegenstände mitbrachten, worüber sie sich unterhalten
wollten. Aber ob man mir nicht eben dies verdenken wird, dass ich Namen so oft
gebrauche, die nicht viel modischer als die Sache selber sind und deren man sich
in Zirkeln von Ton, so wie der Namen »Gott, Ewigkeit«, gern entält, darüber
lässet sich disputieren. Inzwischen seh' ich doch auf der andern Seite auch, dass
es mit der Sprache der Tugend wie mit der lateinischen ist, die man jetzo zwar
nicht mehr gesprochen, aber doch geschrieben duldet und die deswegen längst aus
dem Mund in die Feder zog. Ich berufe mich überhaupt auf einsichtige
Rezensenten, ob wir dichtenden Schriftsteller ohne tugendhafte Gesinnungen, die
wir als poetische Maschinen gebrauchen so wie die ebenso fabelhafte Mytologie,
nur eine Stunde auszukommen vermögen und ob wir nicht zum Schreiben hinlängliche
Tugend haben müssen als Wagenwinde, Steigeisen, Montgolfiere und Springstab
unsrer (gedruckten) Charaktere - widrigenfalls gefallen wir keiner Katze; und es
ergeht den armen Schauspielern auch nicht anders. Freilich Autoren, die über
Politik, Finanzen, Höfe schreiben, interessieren gerade durch die
entgegengesetzten Mittel - Eben damit kann sich ein Schreiber decken, der in
seine Charaktere das, was die Poeten und Weiber ihr Herz nennen, eingeheftet; es
muss drin hangen (nicht nur in geschilderten, auch in lebenden Menschen), es mag
Wärme haben oder nicht; ebenso versieht der Büchsenmacher die Windbüchsen so gut
mit einer Zündpfanne wie Feuergeschoss, ob gleich nur mit Wind getrieben wird
.... Es kann wahrlich um den ganzen Fichtelberg kein so kalter pfeifen als
gerade im Holzweg, wo eben mein Wagen mitten im Auguste geht ....
    Mit Nro. 3, den Holländern, wollt' ich mich in meinem Kasten zanken wegen
ihres Mangels an poetischem Geschmack: das war alles. Ich wollte ihnen
vorwerfen, dass ihrem Herzen ein Ballenbinder näher liege als ein Psalmist, ein
Seelenverkäufer näher als ein Seelenmaler, und dass das ostindische Haus keinem
einzigen Poeten eine Pension auswerfen würde als bloss dem alten Orpheus, weil
seine Verse Flüsse ins Stocken sangen und man also sein Haberrohr und seine Muse
anstatt der belgischen Dämme gebrauchen könnte. Ich wollte den Niederländern den
kaufmännischen Unterschied zwischen Schönheit und Nutzen nehmen und ihnen es
hinunterschreiben, dass Armeen, Fabriken, Haus, Hof, Äcker, Vieh nur das
Schreib-und Arbeitszeug der Seele wären, womit sie einige Gefühle, worauf alle
Menschentätigkeit auslauft, errege, erhebe und äussere, dass den indischen
Kompagnien Schiffe und Inseln dazu dienten, wozu den poetischen Reime und Federn
taugten, und dass Philosophie und Dichtkunst die eigentlichen Früchte und Blüten
am Baume des Erkenntnisses ausmachten, aber alle Gewerb- und Finanz- und
Staat-Wissenschaften und Kameralkorrespondenten und Reichsanzeiger bloss die
einsaugenden Blätter wären und der Splint, der Wurzeln-Efeu und das unter dem
Baume treibende Aas. - Ich wollt' es sagen; liess es aber bleiben, weil ich
besorgte, die Deutschen merkten es, dass ich unter Holländern bloss - sie selber
meine; denn wie käm' ich auch sonst unter die mit Tee ausgelaugten belgischen
Schlafröcke? - Ich habe ohnehin wenig mehr zu fahren und viel noch abzufertigen.
    Ich untersag' es den europäischen Landständen, mein Werk Nro. 4 einem
Fürsten zu geben, weil er sonst dabei einschläft; welches ich - da ein
fürstlicher Schlaf nicht halb so spasset wie ein homerischer - recht gern
geschehen lasse, sobald die europäischen Landstände das Gesetz wie ein Arcuccio1
so über die Landeskinder wölben, dass sie der Landesvater im Schlafe nicht
erdrücken kann, er mag sich darin werfen, wie er will, auf die Seiten, auf den
Rücken oder auf den Bauch.
    Da hundert Buchbinder Nro. 5 mich unter den Arm und in die Hände nehmen
werden, um mich ganze Wochen früher zu lesen als zu beschneiden und zu pressen -
gute Rezensenten täten gewiss das Widerspiel -: so müssen die guten Rezensenten
auf die Buchbinder warten, die Leser auf die Rezensenten und ich auf die Leser,
und so darf ein einziger Unglückvogel uns alle verhetzen und in den Sumpf
ziehen; aber wer kanns den Buchbindern verbieten als ich, der ich in dieser
Nachricht an Buchbinder mein Buch für dergleichen Binder eigenhändig
konfisziere?
    Mit dem Einbein, der sechsten Nummer, viel zu reden, wie ich verhiess,
verlohnt der Mühe gar nicht, da ich das Ding selber bin und noch überdies der
einbeinige Autor heisse. Die Höfer (die Einwohner der Stadt Hof, der 7ten Nr.),
worunter ich hause, mussten mich mit diesem anti-epischen Namen belegen, weil
mein linkes Bein bekanntlich ansehnlich kürzer ist als das andre und weil noch
dazu unten mehr ein Quadrat- als Kubikfuss dransjetzt. Es ist mir bekannt,
Menschen, die gleich den ostindischen Hummern eine kurze Schere neben der langen
haben, können allerdings sich mit der chaussure behelfen, die ihre Kinder
ablegen; aber es ist ebenso unleugbar, dass das Zipperlein einem solchen Mann
dennoch an beiden Füssen kneift und diesen den verdammtesten spanischen Stiefel
anschraubt, den je ein Inquisit getragen.
    Ich hätte gar nicht sagen sollen, dass ich mit meinem lieben Hof in Voigtland
schriftlich am Fichtelberge sprechen wollte, da ichs mündlich kann und mein
eigener Kerl daraus her ist. Mein Wunsch und Zweck in einem solchen Werke wie
diesem ist und bleibt bloss der, dass diese betagte und bejahrte Stadt den Schlaf,
den ich ihr darin mit den harten Federn einer Gans einflössen will, auf den
weichen dieses Tiers geniessen möge .....
    - Endlich hab' ich nun den Ochsenkopf. -
    Diese Zeile ist kein Vers, sondern nur ein Zeichen, dass ich droben war und
da viel tat: meine Sänfte wurde abgeschnallet und ich mit geschlossenen Augen
hineingeschaft, weil ich erst auf dem Schneeberg, der Kuppel des
Fichtelgebirgs, mich umsehen will .... Unter dem Aussteigen strömte vor meinem
Gesicht eine äterische Morgenluft vorüber; sie drückte mich nicht mit dem
schwülen West eines Trauerfächers, sondern hob mich mit dem Wehen einer
Freiheitfahne .... Wahrhaftig ich wollte unter einem Luftschiffe ganz andre
Epopöen und unter einer Täucherglocke ganz andre Feudalrechte schreiben, als die
Welt gegenwärtig hat ....
    Ich wünschte, Nro. 8, die Kunstrichter würden in meiner Sänfte mitgetragen
und ich hätte ihre Hände; ich würde sie drücken und sagen: Kunstrichter
unterschieden sich von Rezensenten wie Richter von Nachrichtern - Ich würde
ihnen gratulieren zu ihrem Geschmack, dass er, wie der eines Genies, dem eines
Kosmopoliten gleiche und nicht bloss einer Schönheit räuchere - etwa der
Feinheit, der Stärke, dem Witze -, sondern dass er in seinem Simultantempel und
Panteon für die wunderlichsten Heiligen Altäre und Kerzen dahabe, für Klopstock
und Crebillon und Plato und Swift .... Gewisse Schönheiten, wie gewisse
Wahrheiten - wir Sterbliche halten beide noch für zweierlei - zu erblicken, muss
man das Herz ebenso ausgeweitet und ausgereinigt haben wie den Kopf .... Es
hängt zwischen Himmel und Erde ein grosser Spiegel von Kristall, in welchen eine
verborgne neue Welt ihre grossen Bilder wirft; aber nur ein unbeflecktes
Kindes-Auge nimmt sie wahr darin, ein besudeltes Tier-Auge sieht nicht einmal
den Spiegel .... Nur einen öffentlichen Richter, den mein Herz verehrt, schenke
mir dieses Jahr, und wär' er auch wider mich parteiisch; denn ein parteilicher
dieser Art fället ein lehrreicheres Urteil als ein unparteiischer aus der
Wochentag-Kaste.
    Über den Plan eines Romans (aber nicht über die Charaktere) muss man schon
aus dem ersten Bande zu urteilen Befugnis haben; alle Schönheit und Ründe, mit
der die folgenden Bände den Plan aufwickeln, nimmt ja die Fehler und Sprünge
nicht weg, die er im ersten hatte. Ich wüsste überhaupt keinen Band und kein
Heft, worin der Autor recht hätte, den Leser zu ärgern. Die Nähe des
Schneeberges hindert mich, es zu beweisen, dass die französische Art zu erzählen
(z.B. im Candide) die abscheulichste von der Welt und dass bloss die umständliche,
dem Homer oder Voss oder gemeinen Manne abgesehene Art die interessanteste ist.
Ferner käm' ich auf dem Schneeberg an, eh' ichs nur halb hinaus bewiesen hätte,
dass wir Belletristen (ein abscheulicher Name!) insgesamt zwar den Aristoteles
für unsern magister sententiarum und seine Gebote für unsre 39 Artikel und 50
Dezisionen halten sollten - dass wir aber doch für nichts von ihm so viele
Achtung zu tragen hätten als für seine drei Einheiten (die ästetische
Regeldetri), gegen die nicht einmal Romane sündigen sollten. Der Mensch
interessiert sich bloss für Nachbarschaft und Gegenwart; der wichtigste Vorfall,
der in Zeit oder Raum sich von ihm entfernt, ist ihm gleichgültiger als der
kleinste neben ihm; so ist er, wenn er die Vorfälle erlebt, und mitin auch so,
wenn er sie lieset. Darauf beruht die Einheit der Zeit und des Orts. Also der
Anfang in der Mitte einer Geschichte, um daraus zum anfangenden Anfang
zurückzuspringen - das zeitwirre Ineinanderschütteln der Szenen - Episoden - so
wie das Knüpfen mehrer Hauptknoten, ja sogar das Reisen in Romanen, das den
Maschinengöttern ein freies, aber uninteressantes Spiel erlaubt - - kurz alle
Abweichungen von dem Tom Jones und der Klarissa sind Sekunden und Septimen im
Aristotelischen Dreiklang. Das Genie kann zwar alles gutmachen; aber Gutmachen
ist nicht aufs beste machen, und glänzende verklärte Wundenmale sind am Ende
doch Löcher am verklärten Leibe. Wenn manche Genies die Kraft, die sie aufs
Gutmachen übertretner Regeln wenden müssen, in der Befolgung derselben arbeiten
liessen: sie täten mehr Wunder als der heilige Martin, der ihrer nicht mehr
bewerkstelligte als zweihundertundsechs - Goete in seiner Iphigenie und Klinger
in seiner Medea tuns vielleicht dem heiligen Martin zuvor ....
    - - Gegenwärtig trägt man das Einbein (mich) über den Fichtelsee und über
zwei Stangen, die statt einer Brücke über diese bemooste Wüste bringen. Zwei
Fehltritte der Gondelierer, die mich aufgeladen, versenken, wenn sie geschehen,
einen Mann in den Fichtelsumpf, der darin an seinem Vorredner arbeitet und der
mit acht Nummern Menschen gesprochen und dessen Werk zum Glück schon in Berlin
ist .... Berge über Berge werden jetzo wie Götter aus der Erde steigen, die
Gebirge werden ihre Arme länger ausstrecken und die Erde wird wie eine Sonne
aufgehen und dann wird ihre weiten Strahlen ein Menschen-Blick verknüpfen und
meine Seele wird unter ihrem Brennpunkt glühen ..... Nach wenigen Schritten und
Worten ist die Vorrede aus, auf die ich mich so lang gefreuet, und der
Schneeberg da, auf dem ich mich erst freuen soll. - Es ist gut, wenn ein Mensch
seine Lebensereignisse so wunderbar verflochten hat, dass er ganz widersprechende
Wünsche haben kann, dass nämlich der Vorredner dauere und der Schneeberg doch
komme.
    - - In diesen Gegenden ist alles still, wie in erhabnen Menschen. Aber
tiefer, in den Tälern, nahe an den Gräbern der Menschen steht der schwere
Dunstkreis der Erde auf der einsinkenden Brust, zu ihnen nieder schleichen
Wolken mit grossen Tropfen und Blitzen, und drunten wohnt der Seufzer und der
Schweiss. Ich komme auch wieder hinunter, und ich sehne mich zugleich hinab und
hinauf. Denn der irre Mensch - die ägyptische Gotteit, ein Stückwerk aus
Tierköpfen und Menschen-Torsos - streckt seine Hände nach entgegengesetzten
Richtungen aus und nach dem ersten Leben und nach dem zweiten: seinen Geist
ziehen Geister und Körper. So wird der Mond von der Sonne und Erde zugleich
gezogen, aber die Erde legt ihm ihre Ketten an, und die Sonne zwingt ihn bloss zu
Ausweichungen. Diesen Widerstreit, den kein Sterblicher beilegt, wirst du,
geliebter Leser, auch in diesen Blättern finden; aber vergib ihn mir wie ich
dir. Und ebenso habe für unverhältnismässige Ausbildung die Nachsicht des
Menschenkenners. Eine unsichtbare Hand legt den Stimmhammer an den Menschen und
seine Kräfte - sie überschraubt, sie erschlafft Saiten - oft zersprengt sie die
feinsten am ersten - nicht oft nimmt sie einen eilenden Dreiklang aus ihnen -
endlich wenn sie alle Kräfte auf die Tonleiter der Melodie gehoben: so trägt sie
die melodische Seele in ein höheres Konzert, und diese hat dann hienieden nur
wenig getönet. - - -
    .... Ich schrieb jetzt eine Stunde nicht; ich bin nun auf dem Schneeberg,
aber noch in der Sänfte. Erhabne Paradiese liegen um mich ungesehen, wie um den
eingemauerten Menschengeist, zwischen dem und dessen höherem Mutterland der
dunkle Menschenkörper innen steht; aber ich habe mich so traurig gemacht, dass
ich in das schmetternde Trommeten- und Laubhüttenfest, das die Natur von einem
Gebirge zum andern begeht, nicht hineintreten will: sondern erst wenn die Sonne
tiefer in den Himmel gesunken und wenn in ihren Lichtstrom der Schattenstrom der
Erde fällt, dann wird unter die stummen Schatten noch ein neuer beglückter
stiller Schatten gehen. - - Aufrichtiger zu sprechen, ich kann bloss von euch -
ihr schönern Leser, deren geträumte, zuweilen erblickte Gestalten ich wie Genien
auf den Höhen des Schönen und Grossen wandeln und winken sah - nicht Abschied
nehmen; ich bleibe noch ein wenig bei euch, wer weiss, wann und ob die
Augenblicke, wo unsre Seelen über einem zerstiebenden Blatte sich die Hände
geben, je wiederkommen - vielleicht bin ich hin, vielleicht du, bekannte oder
unbekannte teuere Seele, von welcher der Tod, wenn er vorbeigeht und die unter
Körnern und Regentropfen gebückte Ähre erblickt, bemerkt: sie ist schon zeitig.
- Und gleichwohl was kann ich jenen Seelen in den Augenblicken des Abschieds,
die man so gern mit tausend Worten überladen möchte und eben deswegen bloss mit
Blicken ausfüllt, noch zu sagen haben oder zu sagen wissen, als meine ewigen
Wünsche für sie: findet auf diesem (von uns Erdball genannten) organischen
Kügelchen, das mehr begraset als beblümet ist, die wenigen Blumen im Nebel, der
um sie hängt - seid mit euren elysischen Träumen zufrieden und begehret ihre
Erfüllung und Verkörperung (d.h. Verknöcherung) nicht; denn auf der Erde ist ein
erfüllter Traum ohnehin bloss ein wiederholter - von aussen seid, gleich eurem
Körper, von Erde, und bloss innen beseelt und vom Himmel; und haltet es für
schwerer und nötiger, die zu lieben, die euch verachten, als die, die euch
hassen - und wenn unser Abend da ist, so werfe die Sonne unsers Lebens (wie
heute die draussen) die Strahlen, die sie vom irdischen Boden weghebt, an hohe
goldne Wolken und (als wegweisende Arme) an höhere Sonnen; nach dem müden Tage
des Lebens sei unsre Nacht gestirnt, die heissen Dünste desselben schlagen sich
nieder, am erkälteten hellen Horizont ziehe sich die Abendröte langsam um Norden
herum, und bei Nord-Osten lodere für unser Herz die neue Morgenröte auf ......
    .... Nun tritt auch die Erdensonne auf die Erdengebirge und von diesen
Felsenstufen in ihr heiliges Grab; die unendliche Erde rückt ihre grossen Glieder
zum Schlafe zurecht und schliesset ein Tausend ihrer Augen um das andre zu. Ach
welche Lichter und Schatten, Höhen und Tiefen, Farben und Wolken werden draussen
kämpfen und spielen und den Himmel mit der Erde verknüpfen - sobald ich
hinaustrete (noch ein Augenblick steht zwischen mir und dem Elysium), so stehen
alle Berge von der zerschmolzenen Goldstufe, der Sonne, überflossen da -
Goldadern schwimmen auf den schwarzen Nacht-Schlacken, unter denen Städte und
Täler übergossen liegen - Gebirge schauen mit ihren Gipfeln gen Himmel, legen
ihre festen Meilen-Arme um die blühende Erde, und Ströme tropfen von ihnen,
seitdem sie sich aufgerichtet aus dem uferlosen Meer - Länder schlafen an
Ländern, und unbewegliche Wälder an Wäldern, und über der Schlafstätte der
ruhenden Riesen spielet ein gaukelnder Nachtschmetterling und ein hüpfendes
Licht, und rund um die grosse Szene zieht sich wie um unser Leben ein hoher
Nebel. - - Ich gehe jetzo hinaus und sink' an die sterbende Sonne und an die
entschlafende Erde.
    Ich trat hinaus - -
    Auf dem Fichtelgebirg, im Erntemond 1792.
                                                                       Jean Paul
 
                                    Fussnoten
1 Das ist ein Gehäuse in Florenz - in Krünitz' ökon. Enzykl. 2. B. ists
abgebildet -, worin die Mutter bei Strafe das Kind unter dem Säugen legen muss,
um es nicht im Schlummer zu erquetschen.
 
                                 Erster Sektor
             Verlobung-Schach - graduierter Rekrut - Kopulier-Katze
Meines Erachtens war der Obristforstmeister von Knör bloss darum so unerhört aufs
Schach erpicht, weil er das ganze Jahr nichts zu tun hatte als einmal darin der
Gast, die Santa Hermandad und der teure Dispensationbullen-Macher der
Wildmeister zu sein. Der Leser wird freilich noch von keiner so unbändigen
Liebhaberei gehört haben, als seine war. Das wenigste ist, dass er alle seine
Bediente aus dem Dorfe Strehpenik verschrieb, wo man durch das Schach so gut
Steuerfreiheit gewinnt als ein Edelmann durch einen sächsischen Landtag, damit
er (obwohl in anderem als katonischen Sinne) ebenso viele Gegner als Diener
hätte - oder dass er und ein oberysselscher Edelmann in Zwoll mehr Postgeld
verschrieben als verreiseten, weil sie Schach auf 250 Meilen nicht mit Fingern,
sondern Federn zogen - Auch das kann man sich gefallen lassen, dass er und die
Kempelsche Schachmaschine Briefe miteinander wechselten und dass des hölzernen
Moslems Konviktorist und Adjutant, Herr v. Kempele, ihm in meinem Beisein aus
der Leipziger Heustrasse im Namen des Muselmanns zurückschrieb, dieser rochiere -
Man wird seine Gedanken darüber haben, dass er noch vor zwei Jahren nach Paris
abfuhr, um ins Palais royal und in die Société du Salon des Echecs zu gehen und
sich darin als Schachgegner niederzusetzen und als Schachsieger wieder
aufzuspringen, wiewohl er nachher in einer demokratischen Gasse viel zu sehr
geprügelt wurde, da er im Schlafe schrie: gardez la Reine - Bloss frappieren
kanns einen und den andern, dass seine Tochter ihm nie einen neuen Hut oder eine
neue Soubrette, die ihn ihr ansteckte, anders abgewann als zugleich mit einem
Schach - - Aber darüber wundert und ärgert sich alles, was mich lieset, Leute
von jedem Geschlecht und jedem Alter, dass der Obristforstmeister geschworen
hatte, seine Tochter keiner andern Bestie in der ganzen Ritterschaft zu geben,
als einer, die ihr ausser dem Herzen noch ein Schach abgewänne - und zwar in
sieben Wochen.
    Sein Grund und Kettenschluss war der: »Ein guter Matematiker ist ein guter
Schachspieler, also dieser jener - ein guter Matematiker weiss die
Differentialrechnung zehnmal besser als ein elender - und ein guter
Differentialrechenmeister versteht sich so gut als einer aufs Deployieren und
Schwenken1 und kann mitin seine Kompagnie (und seine Frau vollends) zu jeder
Stunde kommandieren - und warum sollte man einem so geschickten, so erfahrnen
Offizier seine einzige Tochter nicht geben?« - Der Leser hätte sich gewiss
sogleich ans Schachbrett hingesetzt und gedacht, der Zug einer solchen Quaterne
aus dem Brette, wie die Tochter eines Obristforstmeisters ist, sei ja
ausserordentlich leicht; aber er ist verdammt schwer, wenn der Vater selbst
hinter dem Stuhle passet und der Tochter jeden Zug angibt, womit sie ihren König
und ihre Tugend gegen den Leser decken soll.
    Wers hörte, begriff gar nicht, warum die Frau Obristforstmeisterin, welche
lange Gesellschaftdame einer Gräfin von Ebersdorf gewesen, bei ihrem feinen
Gefühl und ihrer Frömmigkeit eine solche Jägerlaune dulde; sie hatte aber eine
herrnhutische durchzusetzen, welche begehrte, dass das erste Kind ihrer Tochter
Ernestine für den Himmel sollte gross gezogen werden, nämlich: acht Jahre unter
der Erde - »Meinetwegen achtzig Jahre«, sagte der Alte.
    Ob man gleich in jedem Falle Teufelsnot mit einer Tochter hat, man mag
Abonnenten an sie anzulocken oder abzutreiben haben: so hatte doch Knör bei der
Sache seinen wahren Himmel auf Erden - unter so vielen Schachrittern, die
sämtlich seine Ernestine bekriegten und verspielten. Denn mit einem Kopfe, in
den der Vater Licht, und mit einem Herzen, in das die Mutter Tugend eingeführt
hatte, eroberte sie leichter, als sie zu erobern war; daher ärgerte und spielte
sich an ihr eine ganze Brigade ehelustiger Junker halb tot. Und doch waren unter
ihnen Leute, die auf allen nahen Schlössern den Namen süsser Herren behaupteten,
weil sie keine - Matrosensitten hatten, wie man in Vergleichung mit dem
Seewasser unser schales süsses nennt.
    Aber ich und der Leser wollen über die ganze spielende Kompagnie wegspringen
und uns neben den Rittmeister von Falkenberg stellen, der bei dem Vater steht
und auch heiraten will. Dieser Offizier - ein Mann voll Mut und Guterzigkeit,
ohne alle Grundsätze als die der Ehre, der, um sich nichts hinter seine Ohren zu
schreiben, die sonst bei einiger Länge das schwarze Brett und der Kerbstock
empfangner Beleidigungen sind, lieber andre Christen hinter die ihrigen schlug,
der feiner handelte, als er sprach, und dessen Kniestück ich nicht zwischen
diesen zwei Gedankenstrichen ausbreiten kann - warb in dieser Gegend so lange
Rekruten, bis er selber wollte angeworben sein von Ernestinen. Er hasste nichts
so sehr als Schach und Herrnhutismus; indessen sagte Knör zu ihm: »abends um 12
Uhr fingen, weil er so wollte, die sieben Spiel-Turnierwochen an, und wenn er
nach sieben Wochen um 12 Uhr die Spielerin nicht aus dem Schlachtfelde ins
Brautbette hineingeschlagen hätte: so tät' es ihm von Herzen leid, und aus der
achtjährigen Erziehung brauchte dann ohnehin nichts zu werden.«
    Die ersten 14 Tage wurd' in der Tat zu nachlässig gespielt und - geliebt.
Allein damals hatten weder andre gescheite Leute noch ich selber jene hitzigen
Romane geschrieben, wodurch wir (wir habens zu verantworten) die jungen Leute in
knisternde, wehende Zirkulieröfen der Liebe umsetzen, welche darüber zerspringen
und verkalken und nach der Trauung nicht mehr zu heizen sind. Ernestine gehörte
unter die Töchter, die bei der Hand sind, wenn man ihnen befiehlt: »Künftigen
Sonntag, so Gott will, werde um 4 Uhr in den Herrn A-Z, wenn er kommt, -
verliebt.« Der Rittmeister biss im Artikel der Liebe überhaupt weder in den
gärenden Pumpernickel der physischen - noch in das weisse kraftlose Weizenbrot
der parisischen - noch in das Quitten- und Himmelbrot der platonischen, sondern
in einen hübschen Schnitt Gesindebrot der ehelichen Liebe: er war 37 Jahre alt.
    Sechzehn Jahre früher hatt' er sich einen Bissen vom gedachten Pumpernickel
abgeschnitten: seine Geliebte und sein und ihr Sohn wurden nachher vom ehrlichen
Kommerzien-Agenten Röper geheiratet.
    Wir Belletristen hingegen könnens recht sehr bei unsern Romanen gebrauchen,
dass es unserem Magen und unserer Magenhaut guttut, wenn wir in einem Nachmittage
jene vier Brotsorten auf einmal anschneiden; denn wir müssen aller Henker sein,
um allen Henker zu schildern; wie wollten wirs sonst machen, wenn wir im
nämlichen Monat aus dem nämlichen Herzen, wie aus dem nämlichen Buchladen (ich
ärgere hier Herrn Adelung durchs Wort »nämlichen«) Spottgedichte - Lobgedichte -
Nachtgedanken - Nachtszenen - Schlachtgesänge - Idyllen - Zotenlieder und
Sterbelieder liefern sollen, so dass man hinter und vor uns erstaunt übers
Panteon und Pandämonium unter einem Dache - mehr als über des Galeerensklaven
Bazile nachgelassenen Magen, in welchem ein Mobiliarvermögen von 35 Effekten
hausete, z.B. Pfeifenköpfe, Leder, Glasstücke und so fort.
    Wenn die beiden jungen Leute am Schachbrett sassen, das entweder ihre
Scheidewand oder ihre Brücke werden sollte: so stand der Vater allemal als
Markör dabei; es war aber wirklich nicht nötig - nicht bloss weil der Rittmeister
so erbärmlich spielte und seine Gegenfüsslerin so philidorisch; auch darum nicht,
weil ihr die weibliche Kleiderordnung ohnehin verbot, matt oder verliebt zu
werden (denn am Ende kehren Weiber und Ruderknechte allzeit eben den Rücken dem
Ufer zu, an das sie anzurudern streben) - sondern aus einem noch sonderbarern
Grunde war der Auxiliarforstmeister zu entraten: die Ernestine wollte nämlich um
alles gern schachmatt werden, und eben deswegen spielte sie so gut. Denn aus
Rache gegen das zögernde Schicksal arbeitet man gerade Dingen, die von ihm
abhängen, absichtlich entgegen und wünschet sie doch. Die beiden kriegenden
Mächte wurden zwar sich einander immer lieber, eben weil sie einander einzubüssen
fürchteten; gleichwohl stands in den Kräften der weiblichen nicht, nur einen Zug
zu unterlassen, der gegen ihre doppelseitigen Wünsche stritt: in fünf Wochen
konnte der Werbeoffizier nicht einmal sagen: Schach der Königin. Die Weiber
spielen ohnehin dieses Königspiel (wie andre Königspiele) recht gut ... Da aber
das eine Digression der Natur zu sein scheint und doch keine ist: so kann eine
schriftstellerische daraus gemacht werden, aber erst im 20ten Sektor; weil ich
erst ein paar Monate geschrieben haben muss, bis ich den Leser so eingesponnen
habe, dass ich ihn werfen und zerren kann, wie ich nur will.
    Wäre die Liebe des Rittmeisters von der Art der neuern gigantischen Liebe
gewesen, die nicht wie ein aufblätternder Zephyr, sondern wie ein schüttelnder
Sturmwind die armen dünnen Blümchen umfasset, welche sich in den
belletristischen Orkan gar nicht schicken können: so wäre das wenigste, was er
hätte tun können, das gewesen, dass er auf der Stelle des Teufels geworden wäre;
so aber wurd' er bloss - böse, nicht über den Vater, sondern über die Tochter,
und nicht darüber, dass sie das Schachbrett nicht zum Präsentierteller ihrer Hand
und ihres Herzens machte, oder dass sie gut gegen ihn spielte, sondern darüber,
dass sie so sehr gut spielte. So ist der Mensch! - und ich ersuche den Menschen,
meinen Rittmeister nicht auszulachen. Freilich - hätt' ich die weiblichen Reize
und die Rolle Ernestinens gehabt und hätt' ich ihm, indes er seine
Kontraapproche aussann, ins betretne Gesicht geschauet, auf dessen gerundetem
Munde der Schmerz über unverdiente Kränkung stand, der so rührend an Männern von
Mut aussieht, sobald ihn nicht die Gichtknoten und Hautausschläge der Rache
verzerren: so wär' ich rot geworden und wäre wahrhaftig geradezu mit der Königin
(und mir dazu) ins Schach hineingefahren: denn was hätt' ich da geliebt als
strenge Selberbüssung?
    Beinahe hätte am 16. Junius Ernestine diese Büssung geliebt, wie man aus
ihrem Briefe sogleich ersehen soll. Denn allerdings ist eine Frau imstande,
zweimal 24 Stunden lang eine und dieselbe Gesinnung gegen einen Mann (aber auch
gegen weiter nichts) zu behaupten, sobald sie von diesem Manne nichts vor sich
hat als sein Bild in ihrem schönen Köpfchen; allein steht der Mann selber
unkopiert fünf Fuss hoch vor ihr: so leistet sie es nicht mehr - ihre wie eine
besonnete Mückenkolonne spielenden Empfindungen treibt auseinander,
widereinander und ineinander ein Fingerhut voll Puder am besagten Mann zu viel
oder zu wenig - eine Beugung seines Oberleibs - ein zu tief abgeschnittener
Fingernagel - eine sich abschälende schurfichte Unterlippe - der Puder- und
Spielraum des Zopfs hinten auf dem Rock - ein langer Backenbart - alles. Aus
hundert Gründen schlag' ich hier vor den Augen des indiskreten Lesers
Ernestinens Brief an eine ausgediente Hofdame in der Residenzstadt Scheerau
auseinander: sie musste jede Woche an sie schreiben, weil man sie zu beerben
gedachte und weil Ernestine selber einmal so lange bei ihr und in der Stadt
gewesen war, dass sie recht gut eilftausend Pfiffe mit wegbringen konnte - drei
Wochen nämlich.
    »Die vorige Woche hatt' ich Ihnen wirklich nichts zu schreiben als das alte
Lied. Unser Gespiele ennuyiert mich unendlich, und es dauert mich nur der
Rittmeister; es hilft aber bei meinem Vater kein Reden, sobald er nur jemand
haben kann, den er spielen sieht. Wär's nicht besser, der gute Rittmeister liesse
seinen Kutscher, der den ganzen Tag in unserer Domestikenstube schnarcht,
aufwecken und anspannen und führ' ab? Seit dem Sonntage martern wir uns nun an
einer Partie herum, und ich habe mir schon den Ellenbogen wund gestützt - abends
soll sie zu Ende.
    Abends um 12 Uhr. Er verlierts allemal mit seinen Springern und durch meine
Königin. Wenn er einmal geheiratet hat: so will ich ihm seine Fehlgriffe und
meine Kunstgriffe zeigen. Ich bin recht vedriesslich, gnädige Tante.
    Den 16. Jun. In vier Tagen bin ich von meinem Spieler und Schachbrett los,
und ich will dieses nicht zusiegeln, bis ich Ihnen schreiben kann, wie er sich
gegen seine müde und unschuldige Korbflechterin benommen. Heute spielten wir
oben im sinesischen Häuschen. Da die Abendröte, die gerade in sein Gesicht
hineinfiel, verwirrte Schatten unter die Figuren warf und da mich sein rechter
Zeigefinger dauerte, der von einem Säbelhiebe eine rote Linie hat und der auf
der Schachbande auf lag: so kam ich aus Zerstreuung wahrhaftig um meine Königin,
und das abscheuliche Kindtaufgeläute des sinesischen Glockenspiels liess mir fast
kein Dessein - zum Glück kam mein Vater wieder und half mir ein wenig ein. Ich
führte ihn nachher in unsern neuen Anlagen im Wäldchen herum, und er erzählte
mir, glaub' ich, die Historie seines linierten Fingers; er ist gegen
seinesgleichen sehr wild, aber dabei ungemein verbindlich gegen Frauenzimmer.
    Den 18. Jun. Seit gestern sind wir alle etwas lustiger. Abends brachten zwei
Unteroffiziere fünf Rekruten, und da man sagte, es wär' ein Mensch darunter, der
eine ganze geschlagene Armee zum Lachen brächte, gingen wir alle mit hinunter.
Unten erzählte der Mensch gerade halblaut einem andern Rekruten ins Ohr, er habe
ein eingesetztes Gebiss von lauter falschen Schneidezähnen, und sie fielen alle
bis auf einen Eckzahn heraus, wenn er eine Patrone anbisse; er habe aber bloss
das Handgeld wegkapern wollen. Er schraubte unsertwegen den Hut vom Kopf ab,
aber eine weisse Mütze, die sich bis über die Augenbraunen hereinsenkte, zerrete
er noch tiefer nieder: zög' er sie ab, sagt' er, so käm' er in seinem Leben
nicht zum Regiment. Der eine Unteroffizier fing an zu lachen und sagte: Er tuts
bloss, weil er drei abscheuliche Muttermäler darunter hat, weiter nichts - und
ein Kamerad streifte ihm heimlich die Mütze von hinten herunter. Kaum war zu
unserem Erstaunen ein Kopf daraus vorgesprungen, der an beiden Schläfen zwei
brennende Muttermäler wies, eine Silhouette mit einem natürlichen Haarzopf und
gegenüber zwei Iltis-Schwänzchen: so fasste zu unserm noch grösseren Erstaunen der
Rittmeister den bemalten Kopf an und küsste ihn so heftig wie seinen leiblichen
Bruder und wollte sich totlachen und totfreuen. Du bist und bleibst doch der
Doktor Fenk! sagt' er. Er muss sehr vertraut mit dem Rittmeister sein und kommt
unmittelbar von Oberscheerau. Kennen Sie ihn nicht? Der Fürst lässet ihn als
Botaniker und Gesellschafter mit seinem natürlichen Sohn, dem Kapitän von
Ottomar, nach der Schweiz und Italien reisen, wie Sie schon wissen werden. Er
setzt tolle Streiche durch, wenns wahr ist, was er schwört, dass dieses seine 21
the Verkleidung sei und dass er ebenso viele Jahre habe. Er sieht übel aus; er
sagt selber, sein breites Kinn stülpe sich wie ein Biberschwanz empor und der
Bader rasier' ihm im Grunde die halbe Wüste gratis, so viel wie zwei Bärte -
seine Lippen sind bis zu den Stockzähnen aufgeschnitten, und seine kleinen Augen
funkeln den ganzen Tag. Er spasset auch für Leute, die nicht seinesgleichen sind,
viel zu frei.« - -
    - Ernestine silhouettiert hier den äussern Menschen des Doktors, der wie
viele indische Bäume unter äussern Stacheln und dornigem Laub die weiche kostbare
Frucht des menschenfreundlichsten Herzens versteckte. Ich werd' ihn aber ebenso
gut zeichnen können wie die Briefstellerin. Da Humoristen wie er selten schön
sind - weibliche Humoristinnen noch weniger - und da der Geist sich und das
Gesicht zugleich travestiert: so würde ja, sagt' er, seine schönste Kleidung
keinem Menschen etwas nützen - ihm selber und den Schönen am wenigsten - als
bloss den Schnittändlern. Daher waren seine Montierstücke in zwei Fächer
gesondert, in kostbare (damit die Leute sähen, dass er die elenden nicht aus
Armut trüge) und in eben diese elenden, die er meistens mit jenen zugleich
anhatte. Stachen nicht die Klappen-Segel der schönsten gestickten Weste allemal
aus einem fuchsbraunen Überrock heraus, der fast in seiner Haar-Mause verschied?
Hart' er nicht unter einem Hut für 11/2 Ld'or einen schimpflichen Zopf
aufgehangen, den er für nicht mehr erstanden als für drei hiesige Sechser?
Freilich wars halb aus Erbitterung gegen diesen so geschmacklosen Krebsschwanz
des Kopfes, gegen dieses wie ein Tubus sich verkürzendes und verlängerndes
Nacken-Gehenk an der vierten gedankenvollen Gehirnkammer. Sein Schreib-Geschirr
musste schöner als sein Ess-Geschirr und sein Papier feiner als seine Wäsche sein;
er konnte nirgends schlechte kleine Federn leiden als bloss auf seinem Hute, den
sein Bette - und seine den Ehelosen natürliche Unordnung - sozusagen in einen
adeligen Federhut umbesserte; indessen setzte er seinen Bettfedern in den Haaren
gute Seekiele hinter den Ohren an die Seite - der Prinzipalkommissarius hätte
sie auf dem Reichstag mit Ehren hinter seine stecken können! -
    Um aber keinen Anzugs-Sonderling und Kleider-Separatisten zu machen, liess er
sich von Jahr zu Jahr nach den besten Moden des Narrheit-Journals abkonterfeien
und schützte vor, er müsse den Leuten doch zeigen, dass er oder sein Kniestück
vielleicht gleichen Schritt mit den neuesten Elegants zu halten wüssten. - Der
untere Saum seines Überrocks war gleich dem Menschen oft aus Erde gemacht;
allein er drang darauf, man sollt' es ihm sagen, was es verschlüge, wenn ers
leibhaftig wie der Strumpfwürker triebe, dessen Historie ich sogleich erzählen
will, um nur nicht ohne alle Moral zu schreiben. Der Mann hatte nämlich das Gute
und Tolle an sich, dass er den kotigen Anschrot, womit sich sein Überrock
besetzte, wenn er seine Strümpfe in die Stadt auf seinem Rücken ablieferte,
niemals herausbürstete oder ausrieb: sondern er griff in eine breite Schere und
zwickte damit den jedesmaligen Schmutzkragen und kotigen Horizont mit Einsicht
herunter - je länger es nun regnete, desto kürzer schürzte sich sein Frack
hinauf, und am kürzesten Tage ging der Epitomator wegen des unerhörten Wetters
im kürzesten Überrock herum, in einer niedlichen Sedez-Ausgabe der vorigen
Langfolio-Ausgabe. Die Moral, die ich daraus holen kann, möchte die Frage sein:
sollte ein gescheiter Staat, der doch gewiss siebzigmal klüger ist als alle
Strumpfwürker zusammengenommen, die ja selber nur Glieder desselben sind, den
eingesäumten Strumpfwürker nicht dadurch am besten einholen, dass er auch seine
schmutzigen Glieder (Diebe, Ehebrecher etc.), statt lange an ihnen zu reiben und
zu säubern, mit dem Schwerte oder sonst frisch herunterschnitte? ...
    Der Doktor Fenk zerstreuete durch launigen Trost die einsamen Flüche, die
sein Freund Rittmeister statt der Seufzer tat. Er sagte, er habe an Ernestinen
mehr als einmal über einen besonders guten Zug, den er getan, kein andres
Erschrecken bemerkt als ein freudiges. Er wolle sein Reisegeld daransetzen, dass
sie, da sie ihn liebe, einen Pfiff in ihrem Kopfe grossbrüte, der die Treppe zum
Brautbette zimmern werde - er riet ihm, sich zerstreuet und achtlos anzustellen,
damit er sie nicht im Ausbrüten des Pfiffes ertappe und wegstöre - er fragte
ihn: »Kennst du den kleinen Dienst der Liebe vollkommen?« - Kein Deutscher
verstand Metaphern weniger als der Rittmeister. »Ich meine,« fuhr er fort,
»kannst du denn nicht der listigste Vokativus von Haus aus sein? - Kannst du
nicht die Schachfigur, die du ziehen willst, lange fassen, um deine Hand lange
über deiner Schachmiliz zu behalten und die Generalissima mit der Hand irre und
verliebt zu machen? - Kannst du nicht deine Positionen jede Minute gegen diese
Feindin wechseln und besonders Anhöhen suchen, weil ein stehender Mann einer
sitzenden Frau schöner vorkommt als einer stehenden? Ich und sie sollten dich
bald auf den Stuhl zurückgebogen, bald vorwärts, bald links, bald rechts
gerankt, bald im Schatten, bald ihre Hand, bald ihren Mund fixierend erblicken
im Spiele. Ja du solltest drei oder vier Bauern ins Zimmer herunterstossen, bloss
um dich zum Aufheben nachzubücken, damit etwa dein schwellendes Gesicht auf ihr
Herz Eindrücke machte und damit du das Blut in deinen und ihren Kopf zugleich
emportriebest. Lass deinen Zopf eine Achtels-Elle dem Hinterkopfe näher oder
ferner schnüren, falls etwa diese Schnürung und diese Elle sich bisher eurer Ehe
entgegengesetzet hätte.« Der arme Rittmeister begriff und tat vom ganzen
Dienstreglement kein Jota, und dem Doktor wars ebenso lieb; denn er redete aus
Humor in nichts lieber als in den Wind. Ernestine schreibt in ihrem Briefe fort:
    »Morgen gehen gottlob meine Karwochen zu Ende, und es ist ein Glück für den
Rittmeister, der alle Tage empfindlicher wird, dass nur der Doktor da ist, der
über jede gezogne Figur einen Einfall weiss. Sein Witz, sagt er, beweise, dass er
selber jämmerlich spiele, weil gute Spieler über und unter ihrem Spielen niemals
ein Bonmot hätten.
    Den 20. Jun. um 3 Uhr. Heute abends um 12 Uhr werd' ich endlich vom
Schach-Fussblocke losgeschlossen. Er will an der Definitiv-Partie - nennt sie
Fenk - den ganzen Tag spielen; er lässet aber, weil er aus seinen Tags-Kampagnen
den Ablauf der nächtlichen errät, nachts den Kutscher mit dem Wagen halten, um
sogleich wie ein Leichnam traurig abzufahren. Er sollte mir nur nicht zumuten,
so schlecht zu spielen wie er. Er ist aber in allem so hastig und hält vor allen
Vorstellungen die Ohren zu.
    Um 12 Uhr nachts. Ich bin ausser mir. Wer hätt' es von meinem Vater geglaubt?
Mein Spiel konnte kaum besser stehen - es war auf meines Vaters Sekundenuhr, die
neben dem Schachbrett lag, schon viel über halb Zwölf - er hatte nur drei
Offiziere und ich noch alle meine - ohn' ein Wunderwerk war er in 18 Minuten
matt - eine fliegende Röte spannte einmal ums andre sein ganzes Gesicht - wir
wurden zuletzt ordentlich beklemmt, und selbst der Doktor sagte kein lustiges
Wort mehr - bloss mein weisses Miezchen marschierte schnurrend auf dem Spieltisch
herum - kein Mensch denkt natürlicherweise auf die Katze, und er bietet mir im
Spiele das erste Schach - nun mocht' er (oder war ichs? denn ich schlage
zuweilen auch solche Pralltriller auf dem Tische) mit den Fingern einen auf der
Bande machen - wie der Blitz fährt die Bestie, die es für eine Maus halten muss,
darauf hin und schmeisset uns das ganze Spiel um und da sitzen wir! Stellen Sie
sich vor! Ich halb froh, dass ihm diese Mittelsperson die Beschämung des
förmlichen Korbes abnimmt - er mit einem Gesicht voll Trostlosigkeit und Zorn -
mein Vater mit einem voll Verlegenheit und Zorn - und der Doktor, der in der
Stube mit den zehn Fingern herumschnalzet und schwört: der Rittmeister hätt' es
gewonnen, so gewiss wie Amen! Kein Mensch wich mit seiner Fusssohle von der
Stelle, der Doktor blieb keine Minute auf der seinigen und warf sich endlich in
einem Entusiasmus, den unsre verlegne Stille immer mehr erhob, vor einer weissen
Amorbüste, vor einem Miniaturporträt meines Vaters und vor seinem eignen Bilde
im Spiegel auf die Knie hin und betete: Heiliger Herr von Knör! heiliger Amor!
heiliger Fenk! bittet für den Rittmeister und schlagt die Katze tot! Ach würdet
ihr drei Bilder lebendig: so würde Amor gewiss die Gestalt des Doktor Fenks
annehmen, und der lebendig gewordene Amor würde die Hand des lebendig gewordenen
Knörs ergreifen und ihr die der Spielerin geben - seine gäbe ihre dann
vielleicht weiter. Ihr Heiligen! bittet doch für den Rittmeister, der gewonnen
hätte! - Das ist aber nicht wahr, und zum Unglück war nur der Termin zu einem
neuen Spiele zu kurz.« ...
    Da nun der Iltis-Doktor (ich selber erzähle als Autor wieder) aufstand und
wirklich die Hand von Knör in Ernestinens ihre legte und sagte, er sei der Amor
- da überhaupt durch die Versicherungen des Doktors und durch die
Unentschiedenheit des Spiels die Ehre des empfindlichen, von Menschen und Katzen
geneckten Spielers ebensoviel zu verlieren hatte als die Liebe desselben - da
ich in einem ganzen Sektor zeige, dass Falkenberg vom ältesten Adel im ganzen
Lande war - und da zum Glück im Obristforstmeister die Sitten seiner rohen
Erziehung (wie bei mehren Landedelleuten) halb unter dem Firnis der Sitten
seines feinern Umgangs verborgen lagen wie seine alten Möbel unter modischen: so
ging der elektrische Entusiasmus des Doktors in grossen Funken in des Vaters
Busen über, und Knör legte hingerissen die Hand Ernestinens, die zum Scheine
erstaunte, in des Rittmeisters seine, ders im Ernste tat - und der Bräutigam
drängte und warf sich in einem Sturm von Dankbarkeit an den Hals des neugebornen
Schwiegervaters, eh' er, weil seine Ehre mehr als seine Liebe triumphierte,
etwas kälter die geschickte Hand nachküsste, welche ihm bisher diesen doppelten
Triumph entzogen. - - -
    Dies verdachte ihm die Inhaberin der Hand; aber ich verdenk' es wieder ihr;
mit welchem Grund will sie dem Manne, der gar keine Seele, seine eigne kaum und
eine weibliche nie erriet, ansinnen, dass er seine Weisheitzähne und seinen
Philosophen-Bart soll so ausserordentlich lang gewachsen tragen, wie der geneigte
Leser beide trägt, dem es freilich nicht erst hier vorgedruckt zu werden braucht
- er merkte alles schon vor drei guten Stunden -, dass hinter der Kopulierkatze
etwas stak und steckte, Ernestine nämlich selber.
    Es war so ... Ich brauch' es aber dem Leser kaum zu berichten, da ers schon
längst gewusst, dass Ernestine die Kitt- und Heftkatze vier Abende vorher täglich
privatissime auf den Tisch stellte und sie abrichtete, auf die Finger
loszufahren, wenn sie trillerten - und ich freue mich, dass der Scharfsinn des
Lesers kein gewöhnlicher ist, weil er weiter mutmasset; denn sie liess also auch
am letzten Abend das Kleisterälchen von Katze als Leimrute nachschleichen,
versenkte es bis um 111/2 Uhr in ihren Schoss und hob endlich mit dem Knie diesen
Katzen-terminus medius aus dem Schosse auf den Spieltisch, und der terminus tat
nachher das Seinige. - Armer Rittmeister!
    Nachdenklich ist es aber. Denn wenn auf diese Art Weiber Anordnung für
Zufall und Zufall für Anordnung auszumünzen wissen - wenn sie schon vor den
Verlöbnissen (folglich nachher noch mehr) in die erste Linie gegen die Männer,
wie Kambyses gegen die Ägypter2, Bundeskatzen stellen, die wie Untergötter ex
machina das männliche Spiel umwerfen und das weibliche aufstellen - wenn unter
hundert Menschen nur fünf Männer sind, welchen tierische Katzen oder gar
menschliche ausstehlich sind, und nur zehn Weiber, denen sie es nicht sind -
wenn also ganz offenbar die besten Weiber entsetzliche Bündel Männergarn unter
den Armen halten, Hasengarne, Steckgarne, Spiegelgarne, Nacht- und Hänggarne:
was soll da das Einbein3 machen, das am nämlichen Tag, wo es einen Roman zu
schreiben anfing, zugleich einen zu spielen anhob und so beide wie auf einem
Doppelklavier nebeneinander zu Ende führen wollte? Am vernünftigsten, seh' ich,
mach' ich, wenn meine Frau den ganzen Tag am Bärenfange steht und Zweige darauf
wirft, damit ich hineinstolpere, nur durchaus keinen - Bären, obwohl auch keinen
Affen. Nein! ihr gefügigen gedrängten Geschöpfe! ich setze mirs noch einmal vor
und gelob' es einer von euch hier öffentlich im Druck. Geschäh' es dennoch, dass
ich die eine nach den Flitterwochen quälen wollte: so les' ich bloss diesen
Sektor hinaus und rühre mich mit dem kommenden Gemälde eurer ehlichen Pilatus,
das ich deswegen hieher trage - wie nämlich der dümmste Mann sich für klüger
hält als die klügste Ehefrau; wie diese vor ihm, der vielleicht ausser dem Haus
vor einer Göttin oder Götzin auf den Knien liegt, um beglückt zu werden, gleich
dem Kamele auf die ihrigen sinken muss, um befrachtet zu werden; wie er seine
Reichskammergericht-Erkenntnisse und seine Plebiszita nach den sanftesten, nur
mit zweifelhafter Stimme wie verloren gewagten Gegengründen mit nichts versüsset
als mit einem »wenn ichs nun aber so haben will«; wie eben die Träne, die ihn
bezauberte im freien Auge der Braut, ihn entzaubert und ganz toll macht, wenn
sie aus dem ankopulierten fällt, so wie in den arabischen Märchen alle
Bezauberungen und Entzauberungen durch Besprengen mit Wasser geschehen -
wahrhaftig das einzige Gute ist doch dies, dass ihr ihn recht betrügt. Ach! und
wenn ich mir erst denke, wie weit ein solcher Ehe-Petz gegangen sein muss, bis
ihr so weit ginget, dass ihr, um nicht von ihm gefressen zu werden, euch (wie man
auch bei den Waldbären tut) gar ohnmächtig anstellet; und der Petz schritt mit
seinen müssigen Tatzen um die Scheintote herum! ....
    »In meinem Alter soll das Einbein schon anders pfeifen!« sagt der
verheiratete Leser; allein ich bin selber schon neun Jahre älter als er, und
noch dazu unverheiratet.
 
                                    Fussnoten
1 Das wüsst' er nicht, wenn ers nicht aus den neuen Taktikern, Herrn Hahn und
Herrn Miller, hätte, die den jungen Offizier die Differentialrechnung lehren,
damit es ihm nicht schwer werde, mitten im Treffen beim Deployieren und
Schwenken die Grundwinkel herauszurechnen. - Ebenso hab' ich hundertmal ein Buch
schreiben und darin die armen visierenden Billardspieler in den Stand setzen
wollen, bloss nach einigen Auflösungen aus der Mechanik und höheren Matesis mit
zugemachten Augen zu stossen.
2 Kambyses eroberte Pelusium mit Sturm, weil er unter seine Soldaten heilige
Tiere, Katzen u.s.w., mengte, auf welche die ägyptische Garnison nicht zu
schiessen wagte und an die sie statt der Pfeile Gebete abschickte.
3 Das Einbein bin ich selber. Ich habe die Vorrede, die man wird überschlagen
haben, und diese Note, die nicht zu überschlagen ist, gemacht, damit es einmal
bekannt werde, dass ich nicht mehr habe als ein Bein, wenn man das zu kurze
wegrechnet, und dass sie mich in meiner Gegend nicht anders nennen als das
Einbein oder den einbeinigen Autor, da ich doch Jean Paul heisse. Siehe das
Taufzeugnis und die Vorrede.
                         Zweiter Sektor oder Ausschnitt
     Ahnen-Preiskurant des Ahnen-Grossierers - der Beschäler und Adelbrief
Es gibt in der ganzen entdeckten Welt keine verdammtere Arbeit als einen ersten
Sektor zu schreiben; und dürft' ich in meinem Leben keine andern Sektores
schreiben, keinen zweiten, zehnten, tausendsten, so wollt' ich lieber
Logaritmen oder publizistische Kreisrelationen machen als ein Buch mit
ästetischen. Hingegen im zweiten Kapitel und Sektor kommt ein Autor wieder zu
sich und weiss recht gut im vornehmsten Cercle, den es vielleicht gibt (Knäsen
sitzen in meinem), was er mit seinen schreibenden Händen anfangen soll und mit
seinem Hute, Kopfe, Witz, Tiefsinn und mit allem.
    Da ich durch das Ehepaar, von dessen Verlobung durch Schach und Katze wir
sämtlich zurückkommen, mir in neun Monaten den Helden dieses Buches abliefern
lasse: so muss ich vorher zeigen, dass ich nicht unbesonnen in den Tag
hineinkaufe, sondern meine Ware (d.i. meinen Helden) aus einem recht guten
Hause, um kaufmännisch zu reden, oder aus einem recht alten, um heraldisch zu
sprechen, ausnehme. Denn der reichsfreien Ritterschaft, den Landsassen und den
Patriziern muss es hier oder nirgends gesagt und bewiesen werden, dass mein
Heldlieferant, Herr von Falkenberg, von älterem Adel ist wie sie alle; und zwar
von unechtem.
    Nämlich Anno 1625 war Mariä Empfängnis, wo sein Urgrossvater sich ungemein
besoff und dennoch aus dem Glücktopfe die volle Hand mit etwas Ausserordentlichem
herausbrachte, mit einem zweiten Adeldiplom. Denn es trank mit ihm, aber
siebenmal stärker, ein gescheiter Rosstäuscher aus Westfalen, auch ein Herr von
Falkenberg, aber nur ein Namenvetter; ihre beiden Stammbäume bestreiten und
anastomosierten sich weder in Wurzelfäserchen noch in Blättern. Ob nun gleich
der Sippschaftbaum des Westfälingers so alt und lang im Winde und Wetter des
Lebens dagestanden war, dass er mit manchem Veteranen auf den Bergen Libanon und
Ätna zugleich aus der Erde vorgeschossen zu sein schien, kurz, obgleich der
Rosshändler 64schildig war, indes der Urgrossvater zu seiner grössten Schande und
zu dessen seiner, der ihn in seinen Roman mitineinnimmt, wirklich sowohl Zähne
als Ahnen mehr nicht zählte als 32: so wars doch noch zu machen. Der alte
Westfale war nämlich der Stammhalter und die Schlussvignette und das hogartische
Schwanzstück seines ganzen historischen Bildersaals; nicht einmal in beiden
Indien, wo wir alle unsre Vettern haben und erben, hatt' er noch einen. Darauf
fusste der Urgrossvater, der ihm sein Adeldiplom abzufluchen und abzubetteln
suchte, um es für sein eignes auszugeben: »Denn wer Teufel weiss es,« sagte er,
»dir hilft es nichts, und ich heft' es an meines.« Ja der Ahnen-Kompilator, der
Urgrossvater, wollte christlich handeln und bot dem Ross- und Ahnentäuscher für
den Brief einen unnatürlich schönen Beschäler an, einen solchen Grosssultan und
Ehevogt eines benachbarten Ross-Harems, wie man noch wenige gesehen. Aber der
Stammhalter drehte langsam den Kopf hin und her und sagte kalt »ich mag nicht«
und trank Zerbster Flaschenbier. Da er ein paar Gläser von Quedlinburger Gose
bloss versucht hatte, fing er schon an, über das Ansinnen zu fluchen und zu
wettern; was schon etwas versprach. Da er etwas Königslutterischen Duckstein,
denk' ich, daraufgesetzt hatte (denn Falkenberg hatte einen ganzen Meibomium de
cerevisiis, nämlich seine Biere, auf dem Lager): so ging er gar mit einigen
Gründen seines Abschlagens hervor, und die Hoffnung wuchs sehr.
    Als er endlich den Breslauer Scheps im Glase oder in seinem Kopfe so schön
milchen fand: so befahl er, das Luder von einem elenden Beschäler in den Hof zu
führen - - und da er ihn etwa zwei- oder dreimal mochte haben springen sehen: so
gab er dem Urgrossvater die Hand und zugleich die 128 Ahnen darin. Da nun der
Falkenbergische Urgrossvater das erkaufte Adelpatent, das einige Ahnenfolgen
tausendschildiger Motten fast aufgekäuet hatten, mit einem Pflasterspatel, weil
es porös wie ein Schmetterlingfittich war, auf neues Pergament aufstrich und
aufpappte, Buchbinderkleister aber vorher: so tat, kann man leicht denken, das
Pergament seiner ganzen adeligen Vorwelt den nämlichen Dienst der Veredlung, den
der Beschäler in Westfalen der Rossnachwelt leistete, und über hundert begrabene
Mann, an denen kein Tropfen Blut mehr adelig zu machen war, kamen wenigstens zu
adeligen Knochen. Also brauchen weder ich noch irgendeine Stiftdame uns zu
schämen, dass wir mit dem künftigen jungen Falkenberg so viel Verkehr haben, als
man künftig finden wird. - Übrigens möcht' ich nicht gern, dass die Anekdote
weiter auskäme, und einem Lesepublikum von Verstand braucht man dies gar nicht
zu sagen. -
    Die Hochzeit-Luperkalien hab' ich samt ihrem längsten Tage und ihrer
kürzesten Nacht niemals hersetzen wollen; - doch den Einzug darauf wollt' ich
gut beschreiben. Allein da ich mich gestern zum Unglück mit dem Vorsatze ins
Bett legte, heute morgen das Schach- und Ehepaar mit drei Federzügen aus dem
Brautbette ins Ehebette zu schaffen, das 19 Stunden davon steht, nämlich im
Falkenbergischen Rittersitz Auental - und da ich ganz natürlich nur mit drei
kleinen Winken das wenige schildern wollte, das wenige Pfeifen, Reiten und
Pulver, womit die guten Auentaler ihre gnädige Neuvermählten empfingen: so ging
die ganze Nacht in meinem Kopfe der Traum auf und ab, ich sei selber ein
heimreisender Reichsgraf und der Reichs-Erb-Kasperl und würde von meinen
Untertanen, weil sie mich in 15 Jahren mit keinem Auge gesehen, vor Freuden fast
erschossen. In meiner Grafschaft wurde natürlicherweise tausendmal mehr
Bewillkommunglärm und Honneurs gemacht als im Falkenbergischen Feudum; ich will
deswegen die Honneurs für den Rittmeister weglassen und bloss meine bringen.
                               Erstes Extrablatt
 Ehrenbezeugungen, die mir meine Grafschaft nach meiner Heimkehr von der grand
                                   tour antat
Wenn gräfliche Untertanen einem Grafen seine sechs nicht natürlichen Dinge1
nehmen: so weiss ich nicht, wie sie ihn besser empfangen können. Nun liessen mir
die meinigen kein einziges nicht natürliches Ding.
    Sie nahmen mir das erste unnatürliche Ding ohnehin weg, den Schlaf. Da ich
von Chalons nach Strassburg, so watend langsam, als wär' ich schwanger, gefahren
war, um von da aus so donnernd, dass ich mehr hüpfte als sass, meinen Läufer
umzufahren: so wär' ich um Flörzhübel (den ersten Marktflecken in meiner
Grafschaft) für mein Leben gern schlafend (und war das nicht im Traume so leicht
zu machen?) vorübergeflogen; allein gerade an der Grenze und einer Brücke, da
ich die Augen bergunter auf- und bergauf zumachte, wurd' ich überfallen, nicht
mörderisch, sondern musikalisch, von 16 Mann besoffnem Ausschuss, der schon seit
früh 7 Uhr mit dem musikalischen Gerümpel und Ohrenbrechzeug hier aufgepasset
hatte, um mich und meine Pferde zu rechter Zeit mit Trommeln und Pfeifen in die
Ohren zu blessieren. Glücklicherweise hatten die Sturm-Artisten den ganzen Tag
zum Spasse oder aus Langweile vorher mehr getrommelt als aus Ernst und Liebe
nachher. Unter dem ganzen Weg, während Orchester und Kaserne neben meinen
Pferden ging, zankt' ich mich aus, dass ich Flörzhübel vor 17 Jahren zu einer
Stadt habilitiert und graduiert hatte, - »Ich meine nicht deswegen,« sagt' ich
zu mir, »weil nachher das landesherrliche Reskript dem Flörzhübel das Stadtrecht
und seiner Gendarmerie die Monturen wieder auszog, oder deswegen, weil wir die
überzähligen Monturen in Kassel versteigern wollten - sondern weil sie mich
jetzt nicht schlafen lassen, welches doch das erste nicht natürliche Ding
bleibt.«
    Essen liessen sie mich gar nicht, weils das zweite unnatürliche Ding eines
regierenden Herrn ist. Sann mir nicht der flörzhübelsche Restaurateur, der für
mich das ganze gekochte und gesottene Mussteil meiner Grafschaft ans Feuer
gesetzet hatte, geradezu am Kutschenfusstritt an, ich sollte anbeissen, und da ich
ihn - wir Grossen setzen nicht ungern den Pöbel durch Verschmähen beneideter Kost
in ein hungriges Erstaunen - mit eignem Munde nur um eine Biersuppe ansprach:
machte da nicht der Restaurateur eine eitle Miene und sagte: »im ganzen Hotel
hätt' er keine; und hätt' er sie: so sollten ihm doch die künftigen Traiteurs
nicht nachsagen, er habe unter so vielen jus und bouillons seinem gnädigsten
Herrn nichts präsentiert als einen Napf Biersuppe«?
    Um das dritte Ding, um die Bewegung und Ruhe zugleich, hätte mich bei einem
Haare die Ehrenpforte meines Begräbnisdorfes gebracht, massen sie mich beinahe
erschlug, weil sie und die musizierende Galerie auf ihr hart hinter meinem
letzten Bedienten einpurzelten, aber zur Freude der Grafschaft keinem Menschen
etwas zerbrachen als dem Bader die Glas-Schröpfköpfe, die er der Ehrenpforte
angesetzt und vorgestreckt hatte, damit doch etwas daranhinge, worein die nicht
schlechte Illumination zu stecken wäre. Ich wollte schon an und für sich etwas
toll werden über die satirischen Schröpfvasen, die ich für satirische Typen und
Nachbilder meines gräflichen Ausschröpfens der vollen Allodial- und Feudaladern
nehmen wollte, und ich fragte den Schulteiss, ob er dächte, es fehle mir echter
Witz; allein sie taten sämtlich Eide, an Witz wäre bei der ganzen Ehrenpforte
gar nicht gedacht worden.
    Luft, das vierte nicht natürliche Ding eines Reichs-Erb-Kasperls, hätt' ich
schon haben können; denn bloss etwa des kurzen Missbrauchs wegen, den die
Instrumente und Lungen meiner Vasallen von einem so herrlichen Elemente machten,
hätt' ich wahrlich nicht mich und den Luftsektor um mich so fest in meinen Wagen
eingesperrt, als ich wirklich tat - ich muss das ausdrücklich sagen, damit nicht
der gute Kelzheimer Kantor sich einbilde, es habe mir nicht gefallen, dass mir
sein musikalisches Feuerrohr, seine Trompete, doppelt aus dem Schalloch, sowohl
seines Kirchturms als seines Körpers, dermassen entgegenstach, dass die
melodischen Luftwellen aus beiden mir vier Äcker weit entgegengingen, indes noch
dazu unten im Turm seine Frau die Glocken melkte, als würd' ich begraben und
nicht sowohl empfangen als verabschiedet - wie gesagt, des musikalischen
Ehepaars wegen hätt' ich den Wagen gar nicht zugeschlossen; aber der Todesgefahr
wegen; denn ein freudiges Pikett Fronbauern schoss mir aus 17 Vogelflinten und
einem paar Taschenpuffern sowohl Ehrensalven als einige Ladstöcke entgegen.
    Sitzt ein Graf einmal ohne vier nicht natürliche Dinge da: so darf er an das
fünfte gar nicht denken, an Ausleerung; der Sphinkter aller, selbst der grössten
Poren bleibt samt der Wagentüre zu. Es war also kein Wunder, da ich gar kein
Hephata zu irgendeinem Porus sagen konnte, dass ich auffuhr: »Den Henker hab' ich
davon von meinem Sitzen auf der Grafenbank in Regensburg, wenn ich hier auf dem
Kutschkissen hocken muss und nichts - verrichten kann, nicht einmal ....«
    Echte Leidenschaft, die das sechste nicht natürliche Ding des Menschen ist,
wird von nichts so leicht erstickt als von einem atlassenen Hundekissen, auf dem
die Pfarrer, Schuldiener und Amtleute, die ein Reichs-Erb-Kasperl hat, ihm die
Carmina überreichen, die sie auf ihn haben fertigen lassen: denn darüber ist
weder zu lachen, noch zu greinen, noch zu zanken, noch zu loben, noch zu reden.
    Meine Lehnleute und Hintersassen, die mir so viel von meinen sechs
unnatürlichen Dingen abfischten, gaben mir eben dadurch die Hälfte des ersten
wieder, das Wachen - sie hatten sich aber meinetwegen so in Schweiss gesetzt, dass
ich ihrentwegen auch darin lag. Da ich aufwachte: dacht' ich anfangs, es wär'
ein Traum; aber bei mehrem Aufwachen merkt' ich, dass es, die Namen ausgenommen,
die gestohlne Geschichte meiner Nachbarschaft war. Freilich ärgert michs so gut,
als würde die Illumination und der musikalische Lärm meinetwegen veranstaltet,
dass die Untertanen beide bloss in der boshaften Absicht machen, ihren grossen oder
kleinen Regenten durch Ekel und Plage wieder auf seine Reise zurückzujagen; was
sie offenbar den orientalischen Karawanen abgelernt, die gleichfalls durch
Trommeln und Feuerschlagen wilde Tiere sich vom Leibe halten.
 
                                    Fussnoten
1 Darunter meinen die Ärzte 1) Wachen und Schlafen, 2) Essen und Trinken, 3)
Bewegung, 4) Atmen, 5) Ausleerungen, 6) Leidenschaften.
 
                         Dritter Sektor oder Ausschnitt
           Unterirdisches Pädagogium - der beste Herrnhuter und Pudel
Jetzo geht erst meine Geschichte an; die Szene ist in Auental oder vielmehr auf
dem Falkenbergischen Bergschlosse, das einige Ackerlängen davon lag. Das erste
Kind der Schachamazone und des sterbenden Fechters und Rittmeisters im Schach
war Gustav, welches nicht der erhabene schwedische Held ist, sondern meiner. Sei
gegrüsset, kleiner Schöner, auf dem Schauplatze dieses Lumpenpapiers und dieses
Lumpenlebens! Ich weiss dein ganzes Leben voraus, darum beweget mich die klagende
Stimme deiner ersten Minute so sehr; ich sehe an so manchen Jahren deines Lebens
Tränentropfen stehen, darum erbarmet mich dein Auge so sehr, das noch trocken
ist, weil dich bloss dein Körper schmerzet - ohne Lächeln kommt der Mensch, ohne
Lächeln geht er, drei fliegende Minuten lang war er froh. Ich habe daher mit
gutem Vorbedacht, lieber Gustav, den frischen Mai deiner Jugend, von dem ich ein
Landschaftstück ins elende Fliesspapier hineindrücken soll, bis in den Mai des
Wetters aufgehoben, um jetzo, da alle Tage Schöpfungtage der Natur sind, auch
meine Tage dazu zu machen, um jetzo, da jeder Atemzug eine Stahlkur ist, jeder
Schritt vier Zolle weiter und das Auge weniger vom Augenlid verhangen wird, mit
fliegender Hand zu schreiben und mit einer elastischen Brust voll Atem und Blut!
-
    Zum Glück bleibt es vollends vom 2ten bis zum 27ten Mai (länger beschreib'
ich nicht daran) recht hübsches Wetter; denn ich bin ein wenig ein
meteorologischer Clair voyant, und mein kurzes Bein und mein langes Gesicht sind
die besten Wetterdarmsaiten in hiesiger Gegend.
    Da Erziehung weit weniger am innern Menschen (und weit mehr am äussern)
ändern kann, als Hofmeister sich einbilden: so wird man sich wundern, dass bei
Gustav gerade das Gegenteil eintrat; denn sein ganzes Leben klang nach dem
Chorton seiner überirdischen, d.h. unterirdischen Erziehung. Der Leser muss
nämlich aus seinem ersten Sektor noch im Kopfe haben, dass die herrnhutisch
gesinnte Obristforstmeisterin von Knör ihre Tochter Ernestine nur unter der
Bedingung sich selber durch das Schach ausspielen liess, dass der gewinnende
Bräutigam in den Ehepakten verspreche, das erste Kind acht Jahre unter der Erde
zu erziehen und zu verbergen, um dasselbe nicht gegen die Schönheiten der Natur
und die Verzerrungen der Menschen zugleich abzuhärten. Vergeblich stellte der
Rittmeister Ernestinen vor: »so verzög' ihm ja die Schwiegermutter den Soldaten
zu einer Schlafhaube, und man sollte nur warten, bis ein Mädchen käme.« Er liess
auch wie mehre Männer den Unmut über die Schwiegermutter ganz am Weibe aus. Aber
die Alte hatte schon vor der Taufe einen himmlischschönen Jüngling aus Barby
verschrieben. Der Rittmeister konnte wie alle kraftvolle Leute das herrnhutische
Diminuendo nicht ausstehen; am meisten redete er darüber, dass sie so wenig
redeten; sogar das war nicht nach seinem Sinne, dass die herrnhutischen Wirte ihn
nicht sowohl überschnellten als zu sehr überschnellten.
    Allein der Genius - diesen schönen Namen soll er vorjetzt auf allen Blättern
haben - lag nicht an jenen das Herz einschraubenden Krämpfen des Herrnhutismus
krank, und er nahm bloss das Sanfte und Einfache von ihm. Über seinem
schwärmerischen trunknen Auge glättete sich eine ruhvolle schuldlose Stirne, die
das vierzigste Jahr ebenso unrastriert und ungerunzelt liess wie das vierzehnte.
Er trug ein Herz, welches Laster, wie Gifte Edelsteine, zerbrochen hätten; schon
ein fremdes von Sünden durchackertes oder angesäetes Gesicht beklemmte schwül
seine Brust, und sein Inneres erblasste vor dastehenden Schmutzseelen, wie der
Saphir an dem Finger eines Unkeuschen seinen Blauglanz verlieren soll.
    Gleichwohl musste eine solche vieljährige Aufopferung für ein Kind sogar auf
eine so schöne Seele wie des Herrnhuters schwer und hart aufdrücken; aber er
sagte: »o welche himmlische Anlässe hab' er dazu, die er aber nur seinem Gustav,
der gewiss mit Gottes Hülfe so aufblühe, wie er hoffe, künftig vertraue; und
niemand solle sich doch über sein scheinbares Selbst-Hinopfern zu einem wahren
tiefen Erden-Leben wundern.« - Und in der Tat werden feinere Leser, die weit
denken, hoff' ich, nicht sich wundern, sondern vielmehr sich anstellen, als
fänden sie ein solches Erzieh-Heldentum eben recht natürlich. Übrigens ist wohl
die Tugend der meisten Menschen mehr nur ein Extrablatt und Gelegenheitgedicht
in ihrem Zeitung- und Alltagleben; allein zwei, drei und mehre Genien sind doch
vorhanden, in deren epischem Leben die Tugend die Heldin ist und alles übrige
nur Nebenpartie und Episode und deren Steigen vom Volke mehr angestaunet als
bewundert werden kann.
    Die ersten dunkeln Jahre lebte Gustav mit seinem Schutzengel noch in einem
überirdischen Zimmer; er trennte ihn bloss von den heillosen Kipperinnen und
Wipperinnen der Kindheit, denen wir ebenso viele lahme Beine als lahme Herzen zu
danken haben - Mägden und Ammen. Ich wollte lieber, diese Unhuldinnen erzögen
uns im zweiten Jahrzehend als im zweiten Jahr.
    Der Genius zog darauf mit seinem Gustav unter eine alte ausgemauerte Höhlung
im Schlossgarten, von der es der Rittmeister bedauerte, dass er sie nicht längst
verschütten lassen. Eine Kellertreppe führte links in den Felsenkeller und
rechts in diese Wölbung, wo eine Kartause mit drei Kammern stand, die man wegen
einer alten Sage die Dreibrüder-Kartause nennte; auf ihrem Fussboden lagen drei
steinerne Mönche, welche die ausgehauenen Hände ewig übereinander legten; und
vielleicht schliefen unter den Abbildern die stummen Urbilder selber mit ihren
untergegangnen Seufzern über die vergehende Welt. Hier waltete bloss der schöne
Genius über den Kleinen und bog jeden knospenden Zweig desselben zur hohen
Menschengestalt empor.
    Elende Umständlichkeit, z.B. über die Lieferanten der Wäsche, der Betten und
Speisen, werden mir Frauenzimmer am liebsten erlassen; aber sie werden
begieriger sein, wie der Genius erzog. Recht gut, sag' ich, er befahl nicht,
sondern gewöhnte und erzählte bloss. Er widersprach weder sich noch dem Kinde, ja
er hatte das grösste Arkanum, ihn gut zu machen - er wars selbst. Ohne dieses
Arkanum könnte man ebensogut den Teufel zum Informator dingen als sich selber,
wie die Töchter schlimmer Mütter zeigen. Der Genius glaubte übrigens, beim
ersten Sakramente (der Taufe) gehe die Bildung des Herzens an, beim zweiten
(Abendmahl) die des Kopfes.
    Von guten Menschen hören ist so viel als unter ihnen leben, und Plutarchs
Biographien wirken tiefer als die besten Lehrbücher der Moralphilosophie zum
Gebrauche - akademischer Lehrer. Für Kinder vollends gibts keine andere
Sittenlehre als Beispiel, erzähltes oder sichtbares; und es ist erzieherische
Narrheit, dass man durch Gründe Kindern nicht diese Gründe, sondern den Willen
und die Kraft zu geben meint , diesen Gründen zu folgen. O tausendmal
glücklicher als ich neben meinem Tertius und Konrektor lagst du, Gustav, auf dem
Schosse, in den Armen und unter den Lippen deines teuren Genius, wie eine
trinkende Alpenblume an der rinnenden Wolke, und sogest dein Herz an den
Erzählungen von guten Menschen gross, die der Genius sämtlich Gustave und Selige
nennte, von denen wir bald sehen sollen, warum sie mit Schwabacher gedruckt
sind! Da er gut zeichnete, so gab er ihm, wie Chodowiecki dem Romanenmacher, die
Zeichnung jeder Geschichte und umbauete den Kleinen mit diesem orbis pictus
guter Menschen wie der allmächtige Genius uns mit der grossen Natur. Aber er gab
ihm die Zeichnung nie vor, sondern nach der Beschreibung, weil Kinder das Hören
zum Sehen stärker zieht als das Sehen zum Hören. Ein anderer hätte zu diesem
pädagogischen Hebebaum statt der Reissfeder den Fiedelbogen oder die Klaviertaste
genommen; aber der Genius tat es nicht; das Gefühl für Malerei entwickelt sich
wie der Geschmack sehr spät und bedarf also der Nachhülfe der Erziehung. Es ist
der frühesten Entwicklung wert, weil es das Gitter wegnimmt, das uns von der
schönen Natur absondert, weil es die phantasierende Seele wieder unter die
äussern Dinge hinaustreibt und weil es das deutsche Auge zur schweren Kunst
abrichtet, schöne Formen zu fassen. Die Musik hingegen trifft schon im jüngsten
Herzen (wie bei den wildesten Völkern) nachtönende Saiten an; ja ihre Allmacht
büsset vielmehr durch Übung und Jahre ein. Gustav lernte daher als Taubstummer in
seiner taubstummen Höhle so gut zeichnen, dass ihm schon in seinem dreizehnten
Jahre sein Hofmeister sass, ein schöner Mann, der weiter unten im Buche auftreten
muss.
    Und so floss beiden ihr Leben sanft in der Katakombe wie eine Quelle davon.
Der Kleine war glücklich; denn seine Wünsche langten nicht über seine Kenntnisse
hinaus, und weder Zank noch Furcht rissen seine stille Seele auseinander. Der
Genius war glücklich; denn die Ausführung dieses zehnjährigen Baues wurd' ihm
leichter als der Entschluss desselben; der Entschluss drängt alle Schwierigkeiten
und Entbehrungen auf einmal vor die Seele. Die Ausführung aber stellet sie weit
auseinander und gibt uns erst das Interesse daran durch die sonderbare Freude,
ohne die man bei tausend Dingen nicht ausdauerte - etwas unter seinen Händen
täglich wachsen sehen.
    Für beide Menschen war es gut, dass unten in diesem moralischen Treibhaus ein
Schulkamerad des Gustavs mit wohnte, der zugleich ein halber Kollaborator und
Adjunktus des Genius war, indes von der ganzen Erziehung wegen gewisser Mängel
seines Herzens nur schlechten Vorteil zog, ob er gleich so gut wie Gustav zu den
Tieren mit zwei Herzkammern und mit warmen Blute gehörte. - Wenn ich sage, dass
der grösste Fehler des Mitarbeiters war, dass er keinen Branntwein trinken wollte,
so sieht man wohl, dass er klein, wie Gustav gross gezogen werden sollte, weil er
der netteste schwärzeste - Pudel war, der jemals über der Erde mit einer weissen
Brust herumgesprungen war. Dieser verständige Hund und Unterlehrer lösete den
Oberlehrer oft im Spielen ab; zweitens konnten die meisten Tugenden nicht sowohl
von als an ihm durch Gustav ausgeübt werden, und er hielt dazu die nötigen
ungleichnamigen Laster bereit: - im Schlaf biss der Schulkollege leicht um sich
nach lebendigen Beinen, im Wachen nach abgezauseten.
    In diesem unterirdischen Amerika hatten die drei Antipoden ihren Tag, d.h.
es war ein Licht angezündet, wenn es oben bei uns Nacht war - Nacht, d.h. Schlaf
hatten sie, wenn bei uns die Sonne schien. Der schöne Genius hatte des äussern
Lärms und seiner Tagausflüge wegen es so eingerichtet. Der Kleine lag dann unten
in seiner Kartause, während sein Lehrer Luft und Menschen genoss, mit
zugeschnürten Augen, weil dem Zufall und der Kellertür nicht zu trauen war.
Zuweilen trug er den schlafenden verhüllten Engel in die frische Luft und in die
beseelenden Sonnenstrahlen hinauf, wie Ameisen ihre Puppen den Brutflügeln der
Sonne unterlegen. Wahrlich wär' ich der zweite oder dritte Chodowiecki: so
ständ' ich jetzo auf und stäche zu meinem eignen Buche den Auftritt in
schwedisches Kupfer, nicht bloss wie unser herausgetragner blassroter Liebling
unter seiner Binde in einem gegitterten Rosenschatten schlummert und, ähnlich
einem gestorbenen Engel, im unendlichen Tempel der Natur still mit kleinen
Träumen seiner kleinen Höhle vor uns liegt - Es gibt noch etwas Schöners, du
hast deine Eltern noch, Gustav, und siehst sie nicht; deinen Vater, der mit dem
von der Liebe verdunkelten Auge neben dir steht und sich freuet über den reinern
Atem, der die kleine Brust beweget, und darüber vergisset, wie du erzogen wirst
- und deine Mutter, die an dein Angesicht, auf welchem die zweifache Unschuld
der Einsamkeit und der Kindheit wohnt, die liebehungrigen Lippen presset, die
ungesättigt bleiben, weil sie nicht reden und nicht schmeicheln dürfen ... Aber
sie drückt dich aus deinem Schlummer heraus, und du musst nach einer kurzen Zeit
wieder in deine Platos-Höhle hinunter.
    Der Genius bereitete ihn lange auf die Auferstehung aus seinem heiligen
Grabe vor. Er sagte zu ihm: »Wenn du recht gut bist und nicht ungeduldig und
mich und den Pudel recht lieb hast: so darfst du sterben. Wenn du gestorben
bist: so sterb' ich auch mit, und wir kommen in den Himmel« (womit er die
Oberfläche der Erde meinte) - »da ists recht hübsch und prächtig. Da brennt man
am Tage kein Licht an, sondern eines so gross wie mein Kopf steht in der Luft
über dir und geht alle Tage schön um dich herum - die Stubendecke ist blau und
so hoch, dass sie kein Mensch erlangen kann auf tausend Leitern - und der
Fussboden ist weich und grün und noch schöner, die Pudel sind da so gross wie
unsere Stube - im Himmel ist alles voll Seliger, und da sind alle die guten
Leute, von denen ich dir so oft erzählet habe, und deine Eltern,« (deren
Abbilder er ihm lange gegeben hatte) »die dich so lieb haben wie ich und dir
alles geben wollen. Aber recht gut musst du sein.« - »Ach wenn sterben wir denn
einmal?« fragte der Kleine, und seine glühende Phantasie arbeitete in ihm, und
er lief unter jeder solchen Schilderung zu einem Landschaftgemälde, worin er
jede Grasspitze betastete und befragte.
    Auf Kinder wirkt nichts so schwach als eine Drohung und Hoffnung, die nicht
noch vor abends in Erfüllung geht - bloss solange man ihnen vom künftigen Examen
oder von ihrem erwachsenen Alter vorredet, so lange hilfts; daher manche dieses
Vorreden so oft wiederholen, dass es nicht einmal einen augenblicklichen Eindruck
mehr erzeugt. Der Genius setzte daher den langen Weg zur grössten Belohnung aus
kleinern zusammen, die alle den Eindruck und die Gewissheit der grossen
verstärkten und die im folgenden Sektor stehen.
    Apropos! Ich muss es nachholen, dass es unter allen Übeln für Erziehung und
für Kinder, wogegen das verschriene Buchstabieren und Wichsen golden ist, kein
giftigeres, keinen ungesundern Misspickel und keinen mehr zehrenden pädagogischen
Bandwurm gibt als eine - Hausfranzösin.
 
                         Vierter Sektor oder Ausschnitt
        Lilien - Waldhörner - und eine Aussicht sind die Todes-Anzeigen
Auf allen meinen Gedächtnisfibern (diesen Denkfäden und Blättergerippen von so
manchem schlechten Zeug) schläft keine schönere Sage als die aus dem Kloster
Corbei: - wenn der Todesengel daraus einen Geistlichen abzuholen hatte: so legte
er ihm als Zeichen seiner Ankunft eine weisse Lilie in seinem Chorstuhl hin. Ich
wollt', ich hätte diesen Aberglauben. Unser sanfter Genius ahmte dem Todesengel
nach und sagte dem Kleinen: »Wenn wir eine Lilie finden: so sterben wir bald.«
Wie alsdann der Himmellustige, der noch keine gesehen, überall darnach suchte!
Einmal, da sein Genius ihm den Genius des Universums nicht als ein
metaphysisches Robinets-Vexierbild, sondern als den grössten und besten Menschen
der Erde geschildert hatte: zog sich ein nie dagewesenen Wohlgeruch um sie
herum. Der Kleine fühlt, aber sieht nicht; er tritt zur Klause hinaus und - drei
Lilien liegen da. Er kennt sie nicht, diese weissen Juniuskinder; aber der Genius
nimmt sie entzückt von ihm und sagt: »Das sind Lilien, die kommen vom Himmel,
nun sterben wir bald.« Ewig zitterte die Rührung nach spätern Jahren noch vor
jeder Lilie in Gustavs Herzen fort, und gewiss gaukelt einmal in seiner wahren
Todesstunde eine Lilie als das letzte glänzende Viertel der verlöschenden
Monderde vor ihm.
    Der Genius hatte vor, ihn am ersten Junius, seinem Geburttage, aus der Erde
zu lassen. Aber um seine Seele noch höher zu spannen (vielleicht zu hoch), liess
er ihn in der letzten Woche noch zwei heilige Vorfeste des Sterbens erleben. -
Als er ihm nämlich die Seligkeiten des Himmels, d.h. der Erde mit seiner Zunge
und mit seinem Gesichte vorgemalet hatte, besonders die Herrlichkeiten der
Himmel- und Sphärenmusik: so endigte er mit der Nachricht, dass oft schon zu
Sterbenden, die noch nicht oben wären, dieses Echo des menschlichen Herzens
hinuntertönte und dass sie denn eher stürben, weil davon das weiche Herz
zerflösse. In das Ohr des Kleinen war Musik, diese Poesie der Luft, noch nie
gekommen. Sein Lehrer hatte längst ein sogenanntes Sterbelied gemacht; in diesem
bezog natürlicherweise Gustav alles, was es vom zweiten Leben sagte, auf das
erste, und sie lasen es oft, ohne es zu singen. Aber in der letzten Woche erst
fing der Genius auf einmal an, seine milde Lehrstimme zu der noch weichern
Singstimme des herrnhutischen Kirchengesanges zu verklären und das sehnsüchtige
Sterbelied vorzutragen, indes er durch Veranstaltungen sich oben von einem
Waldhorne - dieser Flöte der Sehnsucht - begleiten liess; und die ziehenden
Adagio-Klagen sanken durch die dämpfende Erde in ihre Ohren und Herzen wie ein
warmer Regen nieder ....
    Gustavs Auge stand in der ersten Freudenträne - sein Herz drehte sich um -
er glaubte, nun stürb' es an den Tönen schon.
    O Musik! Nachklang aus einer entlegnen harmonischen Welt! Seufzer des Engels
in uns! Wenn das Wort sprachlos ist, und die Umarmung, und das Auge, und das
weinende, und wenn unsre stummen Herzen hinter dem Brust-Gitter einsam liegen: o
so bist nur du es, durch welche sie sich einander zurufen in ihren Kerkern und
ihre entfernten Seufzer vereinigen in ihrer Wüste! -
    Wie bei einem wahren Sterben näherte der Genius seinen Zögling in diesem
nachgeahmten auf der Stufenleiter der fünf Sinne dem Himmel. Er schmückte den
scheinbaren Tod zum Vorteile des wahren mit allen Reizen aus, und Gustav stirbt
einmal entzückter als einer von uns. Anstatt dass andere uns die Hölle offen
sehen lassen: verhiess er ihm, er werde wie Stephanus an seinem Sterbetage den
Himmel schon offen sehen, eh' er in ihn aufsteige. - Dies geschah auch. Ihr
unterirdisches Josaphats-Tal hatte ausser der erwähnten Kellertreppe noch einen
langen waagrechten Kreuzgang, der am Fusse des Bergs ins Tal und ins Dörfchen
darin offen stand, und den zwei Türen in verschiedenen Zwischenräumen
versperrten. Diese Türen liess er in der Nacht vor dem ersten Junius, als bloss
die weisse Mondsichel am Horizonte stand und wie ein altergraues Angesicht sich
in der blauen Nacht nach der versteckten Sonne wandte, mitten in einem Gebete
unvermerkt aufziehen - - und nun siehst du, Gustav, zum ersten Male in deinem
Leben und auf den Knien in das weite, 9 Millionen Quadratmeilen grosse Teater
des menschlichen Leidens und Tuns hinein; aber nur so wie wir in den nächtlichen
Kindheitjahren und unter dem Flor, womit uns die Mutter gegen Mücken überhüllte,
blickest du in das Nachtmeer, das vor dir unermesslich hinaussteht mit
schwankenden Blüten und schiessenden Feuerkäfern, die sich neben den Sternen zu
bewegen scheinen, und mit dem ganzen Gedränge der Schöpfung! - - O! du
glücklicher Gustav; dieses Nachtstück bleibt noch nach langen Jahren in deiner
Seele wie eine im Meere untergesunkne grüne Insel hinter tiefen Schatten
gelagert und sieht dich sehnend an wie eine längstvergangne frohe Ewigkeit ....
Allein nach wenigen Minuten schloss der Genius ihn an sich und verhüllte die
suchenden Augen mit seinem Busen; unvermerkt liefen die Himmeltüren wieder zu
und nahmen ihm den Frühling.
    In zwölf Stunden steht er darin; aber ich werde ordentlich beklemmt, je
näher ich mich zu dieser sanften Auferstehung bringe. Es rührt nicht bloss daher,
dass ich nur ein einziges Mal in meinem Leben einen solchen des Himmels werten
Geburttag wie Gustavs seinen in meinem Kopfe auf- und untergehen lassen kann,
einen Tag, dessen Feuer ich an meinem Pulse fühle und wovon nur Widerschein aufs
Papier herfällt - auch nicht bloss daher kommt es, dass nachher der schöne Genius
ungekannt von Autor und Leser wegziehet - sondern daher am meisten, dass ich
meinen Gustav aus der stillen Demantgrube, wo sich der Demant seines Herzens so
durchsichtig und so strahlend und so ohne Flecken und Federn zusammensetzte,
hinauswerfe in die heisse Welt, welche bald ihre Brennspiegel auf ihn halten wird
zum Zerbröckeln, aus seiner Meerstille der Leidenschaften heraus in den
sogenannten Himmel hinein, wo neben den Seligen ebenso viele Verdammte gehen. -
Aber da er alsdann auch der grossen Natur ins Angesicht schauen darf: so ists
doch nicht sein Schicksal allein, was mich beklommen macht, sondern meines und
fremdes, weil ich bedenke, durch wieviel Kot unsere Lehrer unsern innern
Menschen wie einen Missetäter schleifen, eh' er sich aufrichten darf! - Ach
hätte ein Pytagoras, statt des Lateinischen und statt der syrischen Geschichte,
unser Herz zu einer sanft erhebenden Äolsharfe, auf welcher die Natur spielet
und ihre Empfindung ausdrückt, und nicht zu einer lärmenden Feuertrommel aller
Leidenschaften werden lassen - wie weit - da das Genie, aber nie die Tugend
Grenzen hat und jeder Reine und Gute noch reiner werden kann - könnten wir nicht
sein! -
    So wie Gustav eine Nacht wartet, will ich auch meine Schilderung um eine
verschieben, um sie morgen mit aller Wollust meiner Seele zu geben.
 
                         Fünfter Sektor oder Ausschnitt
                                  Auferstehung
Vier Priester stehen im weiten Dom der Natur und beten an Gottes Altären, den
Bergen, - der eisgraue Winter mit dem schneeweissen Chorhemd - der sammelnde
Herbst mit Ernten unter dem Arm, die er Gott auf den Altar legt und die der
Mensch nehmen darf - der feurige Jüngling, der Sommer, der bis nachts arbeitet,
um zu opfern - und endlich der kindliche Frühling mit seinem weissen
Kirchenschmuck von Blüten, der wie ein Kind Blumen und Blütenkelche um den
erhabenen Geist herumlegt und an dessen Gebete alles mitbetet, was ihn beten
hört. - Und für Menschenkinder ist ja der Frühling der schönste Priester.
    Diesen Blumenpriester sah der kleine Gustav zuerst am Altar. Vor
Sonnenaufgang am ersten Junius (unten wars Abend) kniete der Genius schweigend
hin und betete mit den Augen und stummzitternden Lippen ein Gebet für Gustav,
das über sein ganzes gewagtes Leben die Flügel ausbreitete. Eine Flöte hob oben
ein inniges liebendes Rufen an, und der Genius sagte, selber überwältigt: »Es
ruft uns heraus aus der Erde, hinauf gen Himmel; geh mit mir, mein Gustav.« Der
Kleine bebte vor Freude und Angst. Die Flöte tönet fort - sie gehen den
Nachtgang der Himmelleiter hinauf - zwei ängstliche Herzen zerbrechen mit ihren
Schlägen beinahe die Brust - der Genius stösset die Pforte auf, hinter der die
Welt steht - und hebt sein Kind in die Erde und unter den Himmel hinaus ......
Nun schlagen die hohen Wogen des lebendigen Meers über Gustav zusammen - mit
stockendem Atem, mit erdrücktem Auge, mit überschütteter Seele steht er vor dem
unübersehlichen Angesicht der Natur und hält sich zitternd fester an seinen
Genius .... Als er aber nach dem ersten Erstarren seinen Geist aufgeschlossen,
aufgerissen hatte für diese Ströme - als er die tausend Arme fühlte, womit ihn
die hohe Seele des Weltall an sich drückte - als er zu sehen vermochte das grüne
taumelnde Blumenleben um sich und die nickenden Lilien, die lebendiger ihm
erschienen als seine, und als er die zitternde Blume tot zu treten fürchtete -
als sein wieder aufwärts geworfnes Auge in dem tiefen Himmel, der Öffnung der
Unendlichkeit, versank - und als er sich scheuete vor dem Herunterbrechen der
herumziehenden schwarzroten Wolkengebirge und der über seinem Haupt schwimmenden
Länder - als er die Berge wie neue Erden auf unserer liegen sah - und als ihn
umrang das unendliche Leben, das gefiederte neben der Wolke fliegende Leben, das
summende Leben zu seinen Füssen, das goldne kriechende Leben auf allen Blättern,
die lebendigen, auf ihn winkenden Arme und Häupter der Riesenbäume - und als der
Morgenwind ihm der grosse Atem eines kommenden Genius schien und als die
flatternde Laube sprach und der Apfelbaum seine Wange mit einem kalten Blatt
bewarf - als endlich sein belastet-gehendes Auge sich auf den weissen Flügeln
eines Sommervogels tragen liess, der ungehört und einsam über bunte Blumen wogte
und ans breite grüne Blatt sich wie eine Ohrrose versilbernd hing .....: so fing
der Himmel an zu brennen, der entflohenen Nacht loderte der nachschleifende Saum
ihres Mantels weg, und auf dem Rand der Erde lag, wie eine vom göttlichen Trone
niedergesunkene Krone Gottes, die Sonne. Gustav rief: »Gott steht dort« und
stürzte mit geblendetem Auge und Geiste und mit dem grössten Gebet, das noch ein
kindlicher zehnjähriger Busen fasste, auf die Blumen hin .....
    Schlage die Augen nur wieder auf, du Lieber! Du siehest nicht mehr in die
glühende Lavakugel hinein; du liegst an der beschattenden Brust deiner Mutter,
und ihr liebendes Herz darin ist deine Sonne und dein Gott - zum ersten Mal sieh
das unnennbar holde, weibliche und mütterliche Lächeln, zum ersten Male höre die
elterliche Stimme; denn die ersten zwei Seligen, die im Himmel dir
entgegengehen, sind deine Eltern. O himmlische Stunde! Die Sonne strahlt, alle
Tautropfen funkeln unter ihr, acht Freudentränen fallen mit dem milderen
Sonnenbilde nieder, und vier Menschen stehen selig und gerührt auf einer Erde,
die so weit vom Himmel liegt! Verhülltes Schicksal! wird unser Tod sein wie
Gustavs seiner? Verhülltes Schicksal! das hinter unsrer Erde wie hinter einer
Larve sitzet und das uns Zeit lässet, zu sein - ach! wenn der Tod uns zerleget
und ein grosser Genius uns aus der Gruft in den Himmel gehoben hat, wenn dann
seine Sonnen und Freuden unsere Seele überwältigen, wirst du uns da auch eine
bekannte Menschenbrust geben, an der wir das schwache Auge aufschlagen? O
Schicksal! gibst du uns wieder, was wir niemals hier vergessen können? Kein Auge
wird sich auf dieses Blatt richten, das hier nichts zu beweinen und nichts dort
wiederzufinden hat: ach wird es nach diesem Leben voll Toter keiner bekannten
Gestalt begegnen, zu der wir sagen können: willkommen? ....
    Das Schicksal steht stumm hinter der Larve; die menschliche Träne steht
dunkel auf dem Grabe; die Sonne leuchtet nicht in die Träne. - Aber unser
liebendes Herz stirbt in der Unsterblichkeit nicht und vor dem Angesichte Gottes
nicht.
 
                        Sechster Sektor oder Ausschnitt
         Gewaltsame Entführung des schönen Gesichts - wichtiges Porträt
Das Erstaunen Gustavs, zu dem ihn den ganzen Tag ein Gegenstand nach dem andern
anstrengte, und die Entbehrung des Schlafs endigten seinen ersten Himmeltag mit
einem Fieberabend, den er würde verweint haben, auch ohne einen Grund. Aber er
hatte einen: sein Genius war während des Tumultes im Garten mit einem
sprachlosen Kusse von dem Liebling fortgezogen und hatte nichts zurückgelassen
als der Mutter ein Blättchen. Er hatte nämlich ein Notenblatt in zwei Hälften
zerschnitten; die eine entielt die Dissonanzen der Melodie und die Fragen des
Textes dazu, auf der andern standen die Auflösungen und die Antworten. Die
dissonierende Hälfte sollte sein Gustav bekommen; die andere behielt er: »Ich
und mein Freund«, sagt' er, »erkennen einmal in der wüsten Welt einander daran,
dass er Fragen hat, zu denen ich Antworten habe.« Auch den Pudel, der immer
grösser wurde, nahm er mit ..... Wo werden wir dich wiedersehen, unbekannter
schöner Schwärmer? Du erfährst es nicht, wie dein verwaiseter Zögling abends
rufet und schluchzet nach dir, und wie ihm der neue gestirnte Himmel nicht so
gefället als seine Stubendecke mit dir, und wie ihm die Lichtkerzen jedes Zimmer
zur stillen Höhle ummalen, in der er dich geliebt hatte und du ihn. Ebenso
bücken wir uns am Lebens-Abend an alten Gräbern unsrer frühen Freunde, die
niemand bedauert als wir; bis endlich den letzten Greis aus dem liebenden Zirkel
ein fremder Jüngling beerdigt; aber keine einzige Seele erinnert sich der
schönen Jugend des letzten Greises! -
    Am Morgen war er wieder gesund und froh; die Sonne trocknete sein Auge aus,
und das Nebelbild seines Genius zog in der Hülle der letzten Nacht sich weit
zurück. Es tut mir leid, dass ichs seinen Jahren und seinem Charakter beizumessen
habe, dass er, die Abendstunden der schmerzlichsten Sehnsucht ausgenommen, ein
wenig zu leicht das Bild eines Freundes durch nähere Bilder in den Hintergrund
verschieben liess. Alle Blumen waren jetzo Spielzeug für ihn, jedes Tier ein
Spielkamerad und jeder Mensch ein Vogel Phönix; jede Himmelsveränderung, jeder
Sonnenuntergang, jede Minute überschüttete ihn mit Neuigkeiten.
    Es war ihm wie vornehmen Kindern, die aufs Land hinauskommen; alles
begucken, betasten, bespringen sie in der neuen Erde und dem neuen Himmel. Denn
es ist ein unbeschreibliches Glück für stiftfähige Kinder, dass ihre Eltern, die
sonst aus der Natur sich wenig machen, sie dennoch zwischen hohen Zimmern und
hohen Häusern, die nicht 38 Quadratschuhe vom Himmel sichtbar lassen, wie in
Treibgärten mit hohen Mauern erziehen, damit die Natur ihnen so wenig als ihre
Eltern unter die Augen komme; dadurch erhält sich ihr Gefühl für beide ebenso
unverhärtet über der Erde, als würden sie wirklich unter ihr erzogen; ja sie
sehen den Sonnenaufgang zum ersten Male fast noch später als Gustav, - auf der
Postkalesche oder in Karlsbad. -
    Seine Eltern liessen ihn als einen Neugebornen ungern von der Seite, kaum in
den Schlossgarten und nicht zum Berg hinunter, wo ihm die Poststrasse gefährlich
war. Auch hatt' er aus seiner unterirdischen Schulpforte eine gewisse
Verlegenheit mit heraufgebracht, die mittelmässige Menschen und fast sein Vater
für Einfalt nehmen, welche aber höhere Menschen, sobald sie in Gesellschaft
eines nicht stieren, sondern überfüllten schwärmerischen Auges wie bei ihm
erscheint, für das Ordenkreuz ihres Ordenbruders halten. Gleichwohl bereueten es
seine Eltern acht Tage darauf, nicht, ihn eingesperrt, sondern, ihn
hinausgelassen zu haben.
    Die Obristforstmeisterin von Knör und ein Faszikel Herrnhuter und
Herrnhuterinnen waren mit ihr gekommen, den Zögling des Grabes zu hören; ein
Grummetschober alter Fräulein hatte schon vier Wochen vorher eingesprochen, und
jetzo wieder, um nur ein solches Wunderkind ansichtig zu werden. Die
herrnhutischen Brüder waren lebhaft und frei mit Anstand; die Schwestern
mauerten sich sämtlich um eine Standuhr, deren Gehäuse mit Engeln als Hornisten
gerändert war - sie waren von den Hornisten nicht wegzubringen. Beizubringen war
ihnen auch nichts; Maul und Augen machten sie auch nicht auf, und der
Rittmeister wurde schwarz vor verhaltenem Ärger. Endlich tippte die Lippe einer
Schwester an ein Weinglas, die andern tippten nach - so viel die eine vom
Gebacknen abknickte, so viel bröckelten die andern sich zu - ein Zuck regte die
ganze obligate Kompagnie dieser auf zwei Füsse gestellten Schafe. Der
Fräuleinschober hingegen hieb in alles ein; im Flüssigen und Festen war er wie
ein Amphibium zu Hause, sie hatten in ihrem kauenden und klappernden Leben nie
etwas gereget als die Zunge. - Als nun für so viele Zuschauer das Wundertier her
sollte: wars - weg. Alles wurde ausgestöbert, langverlorne Dinge wurden
gefunden, in alles hineingeschrien, in jeden Winkel und Busch - kein Gustav! Der
Rittmeister, dessen anfangende Betrübnis immer eine Art Zorn war, liess die ganze
sehlustige Schwesterschaft sitzen; die Rittmeisterin aber, deren Betrübnis noch
weichere Teile angriff, setzte sich kosend zu ihr. Als aber alle ängstliche,
fragende, laufende Gesichter immer trostloser zurückkamen und als man gar hinter
dem offnen Schlosstor, wo der Kleine abgerissne Blumen in kleine beschattete Beete
steckte, diese noch nass von seinem Begiessen fand: so zerknirschte die
Verzweiflung die Gesichter der Eltern; »ach der Engel ist gewiss in den Rhein
gestürzt«, sagte sie, er aber sagte nichts dagegen. Zu einer andern Zeit hätt'
er einen solchen Fehlschluss mit den Füssen zerstampft; denn der Rhein floss eine
halbe Stunde vom Schloss; aber hier schloss in beiden die Angst, die weit
tollere Sprünge tut als die Hoffnung. Ich rede hier deswegen von einer andern
Zeit, weil mir bekannt ist, wie sonst der Rittmeister war: nämlich aus Mitleiden
aufgebracht gegen den Leidenden selber. Niemals z.B. fluchten seine Mienen mehr
gegen seine Frau, als wenn sie krank war (und ein einziges schnelles
Blutkügelchen stiess sie um) - klagen sollte sie dabei gar nicht - war das, auch
nicht seufzen - war auch das, nur keine leidende Miene machen - gehorchte sie,
überhaupt gar nicht krank sein. Er hatte die Torheit der müssigen und vornehmen
Leute, er wollte stets fröhlich sein.
    Hier aber, da einmal sein Glücktopf in Scherben lag, versüssete ein fremder
Seufzer seinen eignen und seinen Zorn über die unachtsame Hausdienerschaft und
über den dürren Schwester- und Grummetschober.
    Als das Kind die Nacht ausblieb und den ganzen Vormittag und als man gar im
Walde auf der Kunststrasse sein Hütchen antraf: so verwandelten sich die Stiche
der Angst in das forteiternde Schmerzen dieser Stichwunden. Gegen keine
Gemüterschütterung ist ein guter Gegenbeweis so schwer zu führen als gegen die
Angst; ich führe daher gar keinen seit Jahr und Tag, sondern ich gebe ihr das
Ärgste, was sie behauptet, sofort willig zu und falle dann bloss die andere
Gemütbewegung, die aus dem besorgten Ärgsten kommen kann, mit der Frage an: »Und
wenns nun wäre?«
    Jeder Fliegenschwamm im Walde wurde breitgetreten und jeder Baumspecht
aufgejagt, um den Kopf zum Hut zu finden - aber vergeblich; - und am dritten
Tage ging der Rittmeister, dessen Gesicht eine Ätzplatte des Schmerzes war, ohne
Absicht zu suchen so vertieft im Walde herum, dass er einen mit Koffern und
Bedienten ausgelegten Reisewagen durch das Gebüsch schwerlich hätte fliegen
sehen, wenn nicht daraus wie ein Freuden-Donnerschlag die Stimme seines
verlorenen Sohnes ihn erschüttert hätte. Er rennt nach, der Wagen schiesst
voraus, und im Freien sieht er ihn schon hinter seinem Schloss stäuben. Ausser
sich kommt er in Schlosshof angestürmt, um nachzusprengen und um es - bleiben zu
lassen. Denn oben an der Haustüre stand die in einen Knäul zusammengelaufne
Schloss-Genossenschaft schon um den Gustav, die Schlosshunde bellten, ohne einen
gescheiten Grund zu haben, und alles sprach und fragte so, dass man gar keine
Antwort des Kleinen vernahm. Der vorbeifliegende Wagen hatte ihn ausgesetzt. Am
Halse hing in einem schwarzen Bande sein Porträt. Seine Augen waren rot und
feucht von den Qualen der Heimsucht. Er erzählte von langen langen Häusern,
wofür er Gassen hielt, und von seinem Schwesterchen, das mit ihm gespielet, und
vom neuen Hute; es wär' aber keine Seele daraus klug geworden, hätte nicht der
Koch eine entfallne Karte zu seinen Füssen erblickt. Diese las der Rittmeister
und sah, dass er sie nicht lesen sollte, sondern seine Frau. Er verdolmetschte es
aus dem mit weiblicher Hand geschriebenen Italienischen so:
    »Kann sich denn eine Mutter bei einer Mutter entschuldigen, dass sie ihr Kind
ihr so lang entzogen? Wenn Sie mir auch meinen Fehler nicht vergeben: ich kann
ihn doch nicht bereuen. Ich traf Ihren lieben Kleinen vor drei Tagen im Walde
irrend an, wo ich ihn in meinen Wagen stahl, um ihn vor schlimmern Dieben zu
bewahren und um seine Eltern auszufinden. - Ach, ich will es Ihnen nur sagen:
ich hätt' ihn auch mitgenommen, wenn auch beides nicht gewesen wäre. O nicht,
weil er so himmlisch schön, sondern weil er so ganz, sogar bis auf die Haare,
wie mein teuerer verlorner Guido aussieht, kann ich ihn kaum lassen. Ach es sind
schon viele Jahre, dass mir das Schicksal auf eine sonderbare Art mein liebstes
Kind lebendig aus dem Schoss genommen. Ihres kommt heute wieder, meines
vielleicht nie! - Das Hals-Gehenk verzeihen Sie. Das Porträt werden Sie für
seines halten, so ähnlich ist er meinem Sohn; aber es ist das meines Guido. Sein
eignes liess ich mir auch malen und behalt' es, um das Ebenbild meines Guten
doppelt zu haben. Sollt' ich einmal Ihren Gustav aufgeblüht zu Gesicht bekommen:
so würd' ich ihn lange anschauen, ich würde denken: so muss mein Guido jetzt auch
aussehen, so viel Unschuld wird er auch im Auge haben, so sehr wird er auch
gefallen. - Ach meine Kleine weint, dass ihr Spielgenosse wieder wegfahren soll -
und ich tu' es auch; sie gibt nur einen Bruder, aber ich einen Sohn zurück.
Mögen Sie und er glücklicher sein! - Meinen Namen schenken Sie mir.«
    Sie rieten alle über die Verfasserin hin und her. Der Rittmeister allein
sagte traurig nichts; ich weiss nicht, ob aus Kummer über die Erinnerungen an
seinen ersten verlornen Sohn, oder weil er gar wie ich über die ganze Sache
dachte. Ich vermute nämlich, der verlorne Guido ist eben sein eignes Kind; und
die Briefstellerin ist die Geliebte, die ihm der Kommerzien-Agent Röper aus den
Händen gewunden hatte. Ich werde erst nachher sagen warum.
    Gustavs Schönheit kann man erstlich aus der Vernunft oder von vornen dartun,
zweitens von hinten. Sein Treibhaus, das ihn auferzog und zudeckte, bleichte
ganz natürlich seine Lilienhaut zu einem weissen Grund, auf welchen zwei blasse
Wangenrosen oder nur ihr Widerschein und die dunklere feste Rosenknospe der
Oberlippe geblasen waren. Sein Auge war der offne Himmel, den ihr in tausend
fünfjährigen und nur in zehn funfzigjährigen Augen antrefft; und dieses Auge
wurde noch dazu von langen Augenwimpern und von etwas Schwärmerischen
verschleiert oder verschönert. Endlich hatten weder Anstrengung noch
Leidenschaften ihren Waldhammer und die scharfen Lettern desselben in dieses
schöne Gewächs geschlagen, und ihm war noch kein Todesurteil, das seinen Fall
bezeichnet, in seine Rinde eingeschnitten. Alles Schöne aber ist sanft; daher
sind die schönsten Völker die ruhigsten; daher verzerret heftige Arbeit arme
Kinder und arme Völker.
    Es ist aber noch kein Jahr, dass ich Gustavs Schönheit von hinten beweisen
kann. Denn da der Auktionproklamator damals mein intimster Freund war: so beging
er mir zu Gefallen den kleinen Schelmenstreich, dass er die Gemälde und
Kupferstiche gerade an einem Tage versteigerte, wo der Maskerade wegen kein
Mensch gerade von der grossen Welt aus Unterscheerau in die Versteigerung kam,
mich ausgenommen; ich erstand für Sündengeld tausend Dinge. Die ganze Stadt und
Vorstadt hatte zu diesem Schuttaufen von Möblen zugetragen und war Verkäuferin
und Käuferin zugleich. In dieser Auktion erschienen alle europäische Potentaten,
aber elend gezeichnet und koloriert; und ein Edelmann von bon sens hielt seine
beiden Eltern feil und wollte sie als gute Kniestücke verstechen - in Rom
verhandelten umgekehrt die Eltern die Kinder, aber in natura. Der Edelmann
hoffte, ich würde auf seinen Papa und seine Mama bieten; aber ich war bei nichts
der Mehrbieter als bei Gustavs Porträt, das er auch losschlug. Der Edelmann hiess
- Röper, von dem ich oben gesagt, dass er an einem Tage Ehemann und Stiefvater
geworden.
    Und hier hängst du ja, Gustav, mir und meinem Schreibtisch gegenüber, und
wenn ich über etwas sinne, so stösset mein Auge immer auf dich. Viele tadeln
mich, mein kleiner Held, dass ich dich hier zwischen Shakespeare und Winckelmann
(von Bause) aufgenagelt; aber hast du nicht - das bedenken zu wenige - einen
Nasen-Schwibbogen, auf dem schwere und hohe Gedanken ruhen, einen solchen, der
oft unter der Hand des Todes sich noch schöner wölbt, und hast du nicht unter
dem Knochen-Architrav ein weites Auge, durch das die Natur wie durch eine
Ehrenpforte in die Seele zieht, und ein gewölbtes Haus des Geistes und alles,
womit du deine in Kupfer gestochne Nachbarschaft verdienest und aushältst?
    Der Leser sollte wissen (es geschieht aber weiter hinten), was mich jetzo
nötigt, meinen Sektor plötzlich auszumachen und einzusperren ....
                               Zweites Extrablatt
   Strohkranzrede eines Konsistorialsekretärs, worin er und sie beweisen, dass
                   Ehebruch und Ehescheidung zuzulassen sind
Ich gesteh' es hier, unser aufgeklärtes Jahrhundert sollte man das ehebrechende
nennen. Ich sagte allerdings einmal auf dem Marktplatz zu Marseille, ich hielt'
den Bettel für recht, den Ehebruch - schon weit vor München sagt' ich, man
sollte an die Mutterkirche des Ehebettes noch ein Ehefilial stossen - im
Obersächsischen sagt' ich, wenn jene Gräfin ein ganzes Jahr fortgebar, jeden Tag
etwas: so wäre noch jetzo bei Gräfinnen wenigstens das vorhergegangene Jahr zu
haben - in den zehn deutschen Kreisen drückt' ich mich gewiss auf zehn
verschiedene Arten aus; - - aber es war damals nirgends der Ort, die Sache klar
aus der Physiologie darzutun, als bloss hier.
    Sanktorius wars1, der sich auf einen delphischen Nachtstuhl setzte und da
die Wahrheit aussass, dass der Mensch alle 11 Jahre einen neuen Körper umbekomme -
der alte wird wie der deutsche Reichs-Körper stückweise flüchtig, und es bleibet
von der ganzen Mumie nicht so viel sitzen, als ein Apoteker klein geschabt in
einem Teelöffel eingeben will. Bernoulli widersprach gar diesem ganz und
rechnete uns vor, Sanktorius stolpere, denn nicht in 11, sondern in 3 Jahren
dampfe der eine Zwilling-Bruder weg und schiesse der andere an. Kurz Russen und
Franzosen wechseln den Körper öfter als das Hemd des Körpers, und eine Provinz
bekommt allzeit neue Leiber und einen neuen Provinzial miteinander, in 3 Jahren,
wie gesagt.
    Die Sache ist gar nicht gleichgültig. Denn es ist sonach unmöglich, dass ein
Kahlkopf, der sein Ehejubiläum begeht, an seinem ganzen Leibe auf ein Stückchen
Haut hellersgross hinweise und anmerke: »Mit diesem Läppchen Haut stand ich vor
25 Jahren auch am Altar und wurde samt dem übrigen an meine jubilierende Frau
hinankopuliert.« Das kann der Jubelkönig unmöglich. Der Ehering ist zwar nicht
herunter, aber der Ringfinger längst, um welchen er sass. Im Grunde ists ein
Streich über alle Streiche, und ich berufe mich auf andre Konsistorialsekretäre.
Denn die arme Braut steigt freudig mit der Statua curulis von einem
Bräutigamkörper unter den Bettimmel und denkt - was weiss sie von guter
Physiologie -, am Körper habe sie etwas Solides, ein eisernes Stück, ein
Immobiliargut, kurz einen Kopf mit Haaren, von denen sie einmal sagen könne: an
meinen und an meiner Haube sind sie grau geworden! Das hofft sie; indes schafft
unter ihrem Hoffen der Schelm von einem Körper seine sämtliche Glieder, wie ein
Student sein verschuldetes Studentengut, nach 3 Jahren
infinitesimalteilchenweise bei Nacht und Nebel fort. - Wendet sie sich am
Neujahrabend um: so liegt im Ehebette bloss ein Gipsabguss oder eine zweite
Auflage neben ihr, die der vorige Körper von sich darin gelassen und in welcher
kein altes Blatt der alten mehr ist. Was soll nun eine Frau, wenn der
Kubik-Inhalt des Brautbettes und der des Ehebettes so verschieden sind, von der
Sache denken? - ich meine, wenn z.B. ein ganzes weibliches Konsistorium (z.B.
die Frau Konsistorialpräsidentin, die Vizepräsidentin, die
Konsistarialsekretärin) nach 3 Jahren auf dem Kopfkissen ein ganz anders
männliches Konsistorium antrifft, als das aufgelöste war, das die Ehe versprach:
was soll eine Frau da anstellen, die, wenns eine Konsistorial-Hälfte ist, recht
gut weiss quid juris? Sie, sag' ich, die es hundertmal über dem Essen gehört
haben muss, dass eine solche Entweichung des männlichen Körpers eine verfluchte
bösliche Verlassung oder desertio malitiosa ist, die sie von ihren Ehepflichten
ganz losknüpfet - und es kann vollends eine solche Strohwitwe gar Luterum de
causis matrimonii gelesen haben und sich daraus entsinnen, dass er einer böslich
Verlassenen nach einem oder einem halben Jahre eine neue Ehe nicht verbeut .....
Sich in besagte neue Ehe zu begeben, wird offenbar die erste Pflicht und Absicht
einer solchen Verlassenen sein; da aber der neue restierende Ehemanns-Körper
nichts für den fortgedünsteten kann: so wird sie es, um ihn nicht zu kränken,
ohne sein Wissen und ohne Rachsucht tun, wenn er etwan auf der Börse ist - oder
auf dem Kateder - oder auf der Messe - oder zu Schiffe - oder hinter dem
Sessiontisch oder sonst aus.
    Inzwischen ist der Mann kein Narr, sondern so viel hat er von der
Physiologie allemal innen, dass auch die Frau ihren Körper ebensooft als ihre
Mägde tausche; mitin braucht er auf nichts zu passen. Nov. 22. c. 25. reicht
ihm das Recht der Ehescheidung schon, wenn sie auf eine Nacht von ihm gelaufen;
hier aber ist die Konsistorialrätin gar auf immer weggedünstet und repetiert
noch dazu in jedem Dreijahr diese Wegdünstung, - sie, die doch nach »Langens
geistlichem Recht« dem Konsistorialrat, ders selber in seiner Büchersammlung
hat, nachziehen müsste, wenn er Landes verwiesen würde, gesetzt sogar, in den
Ehepakten hätte sie sich ausbedungen, zu Hause zu bleiben. So redet Lange mit
den Männern aus der Sache. In der grossen Welt, wo echte Keuschheit und
Vielwissen und also auch Physiologie zu Hause ist, traktierte man den Punkt
längst mit Anstand und Verstand und trieb Gewissenhaftigkeit weit. Denn da ein
Mann allda an seiner Gemahlin 3 Jahre nach dem Vermählungfest nicht ein
Apotekerlot Blut, nicht eine dünne Vene, worins läuft, mehr von der alten
auszuspüren hofft; da er mitin die weggewanderten Teile seiner guten Gemahlin
an jeder andern viel eher und sicherer wiederzufinden glaubt als an ihr selbst;
da er also vielmehr Liebe zur ankopulierten für eigentlichen Ehebruch an ihr und
mit ihr halten muss - und, genau genommen, ists auch so -: so ists ihm jetzo
hauptsächlich um reine Sitten zu tun; er lässet also zwar derjenigen Sammlung
von Pulsadern, Nervenknoten, Fingernägeln und edlern Teilen, die man insgemein
seine Frau benennt, seinen Namen, seinen halben Kredit und seine halben Kinder,
weil man überhaupt in der grossen Welt ungern öffentliche Verbindungen öffentlich
aufhebt und lieber am Ende an tausend aus Luft geflochtenen Ketten geht; aber
das gestattet ihm seine Achtung für Moral und Publikum nicht, eine und dieselbe
Wohnung - Tafel - Gesellschaft mit einer Frau zu haben, die einen andern Körper
hat; er erscheint sogar (welches vielleicht zu skrupulös ist) ungern mit ihr
öffentlich und entält sich wenigstens in seinem Hause alles dessen, wozu er
oder Origenes sich unfähig machten.
    Es sind schlechte abgefärbte Kateder, die mir den Einwurf machen können,
die verehelichten Seelen blieben ja doch zurück, wenn die Leiber verrauchten.
Denn mit der Seele (also mit dem Gedächtnis, mit dem Denkvermögen, sittlichen
Vermögen u.s.w.) lässet man sich heutzutage wenig oder nicht kopulieren, sondern
mit dem, was um sie herumhängt. Zweitens ist es ja bei jedem Materialisten auf
der philosophischen Börse zu erfahren, dass die Seele nichts ist als ein
Wassersprössling des Körpers, der also bei Mann und Frau mit dem Leib zugleich
weggeht. Man braucht es aber gar nicht, sondern man darf nur Humen beifallen,
welcher schreibt, die Seele wäre gar nichts, sondern blosse Gedanken leimten sich
wie Krötenlaich aneinander und kröchen so durch den Kopf und dächten sich
selbst. Bei solchen Umständen kann das Brautpaar Gott danken, wenn sein Paar
kopulierter Seelen nur so lange halten will, wie die zwei Paar Tanz-Handschuhe
des Hochzeitballs. Auch sieht man es am Vormittag nach den Flitterwochen.
    Also, wie gesagt, alle Kanonisten können die Woche, wo Mann und Frau zum
Ehebrechen schreiten darf, nicht weiter hinausschieben als ins vierte Jahr nach
der Verlobung; allein für Leute von Welt und von Stand ist das hart und zu
rigoros, zumal wenn sie aus ihrem »Keil« (dem Anatomiker) wissen, dass schon in
einem Jahre der ganze alte Körper wegtauet, - bloss elende 16 Pfund
Fleischgewicht ausgenommen. Daher warens oft meine Gedanken, dass ich, wenn ich
meinen Ehebruch schon ins erste Jahr verlegte (wie's viele tun), wirklich nur
sehr wenigen Pfunden meiner Gattin, die 107 hat, untreu würde, den 16 Pfund
nämlich, die noch restierten.
    Auf den nämlichen Körpertausch, worauf man seinen Ehebruch gründet, muss das
Konsistorium seine Scheidung gründen. Denn wenn Leute oft 9, 18 Jahre nach der
Trauung offenbar noch in der Ehe beisammen bleiben, indes alle Physiologen
wissen, dass zwei neue Ehekörper und zwar ohne priesterliche Einsegnung beisammen
sind: so ist nun das Konsistorium verbunden, dreinzusehen und dreinzuschlagen
und die zwei fremden Leiber zu scheiden durch ein paar Dekrete. Daher wird man
auch niemals hören, dass ein gewissenhaftes Konsistorium Schwierigkeiten macht,
Christen, die schon in der Ehe sind, zu trennen; man wird aber auch von der
andern Seite ebensowenig hören, dass es solche, die sich die Ehe bloss
versprochen, ohne die grössten Schwierigkeiten scheide -: eben ganz natürlich;
denn dort bei der langen Ehe ist wahrer Ehebruch durch die Scheidungbulle
abzuwenden, weil unkopulierte Leiber da sind; hier aber bei der Verlobung sind
die Körper, die den Vertrag gemacht, noch völlig da, und sie müssen erst lange
in der Ehe leben, bevor sie zur Scheidung taugen. Das ist die wahre Auflösung
eines Scheinwiderspruchs, der so viele Schwache schon verleitet hat, uns
sämtlich im Konsistorio für sportelsüchtig, mich für den Markör und unsre grünen
Sessiontische für grüne Billarde zu halten, um welche sich Präsident und Räte
mit langen Queues herumtreiben, um die Partien auszuspielen; ach, ein
Konsistorialsekretär schneidet ohnehin mehr Federn als Geld.
    Warum wird uns überhaupt nicht von den Pastoren jedes eingepfarrte Ehepaar,
das über 3 Jahre beisammen geschlafen, einberichtet, damit mans scheide zu
rechter Zeit? Eine solche Scheidung, wozu man keine weitern Gründe braucht als
den, dass die zwei Leute lange beisammen waren, hat in allen Ländern ja keine
andere Absicht als die, dass sie nachher sich wieder ordentlich kopulieren lassen
mit den erneuerten Leibern. Das Konsistorium und ich fahren am fatalsten dabei,
falls die Sache sich nicht etwa bessert, wenn der neue Minister den Tron
besteigt. Wahrlich, ein solches geistliches Landeskollegium legt oft die lange
Säge an und zersägt Eheblöcher oder Betten, in denen Ehepaare 21 Jahre lang
gehauset hatten, die in so langer Zeit wenigstens siebenmal (alle drei Jahre
sind Ehebruch und Ehescheidung fällig) wären zu scheiden und zu trauen gewesen:
was für Sportelneinbusse, da wir die Scheidungkosten, die wir hätten
versiebenfachen können, vervierfachen mussten! Es ist ohnehin an einer solchen
Scheidliquidation wenig, weil sie bekanntlich moderiert wird, und zwar vom
Konsistorium selber. Man gebraucht noch dazu im Konsistorialzimmer die Vor- und
Nachsicht, dass ich allemal den Sportelzettel, wenn ihn das geschiedne Paar
abgezahlt hat, nach 15, 20 Jahren wieder extrahiere und dem Konsistorialboten
und Pfennigmeister von neuem mitgebe, nicht sowohl um die Sporteln zweimal
einzukriegen (welches Nebensache ist), als um zweimal darüber zu quittieren,
falls das getrennte Paar die erste Quittung etwa verloren hätte, und auch, um es
vor einer dritten Zahlung sicherzustellen. Man will dem Paare alles leicht
machen, wenn man es in mehren und grossen Terminen zahlen lässet.
    .... Und heute vor drei Jahren kopulierte man mich für meine Person auch
.... aber die damalige Strohkranzrede war zu schlecht ....
 
                                    Fussnoten
1 In Hallers grosser Physiologie steht es, dass der Mensch nach Sanktorius alle 11
Jahre den alten Körper fahren lasse - nach Bernoulli und Blumenbach alle 3 Jahre
- nach dem Anatomiker Keil jedes Jahr.
 
                        Siebenter Sektor oder Ausschnitt
                Robisch - der Star - Lamm statt der obigen Katze
Nach einer solchen Entführung schränkte man Gustavs Spielteater und Lustlager
ganz auf den Wall des Schlosses ein; in die wogende Flur und ins Dörfchen
Auental, das wohl eine 1/17 deutsche Meile davon ablag, durft' er nur hinein -
sehen. Dieses blumige Empor-Eiland umkreisete er den ganzen Tag, um jeden roten
Käfer niederzuschlagen, jedes marmorierte Schneckenhäuschen von seinem Blatte
abzudrehen und überhaupt alles, was auf sechs Füssen zappelte, einzufangen in
seinem eignen Kerker. Auf Kosten seiner unerfahrnen Finger unternahm er anfangs
auch die Biene an ihrem Hinterleibe aus ihrem Freudenkelche zu ziehen. Die
bunten Arrestanten drängte er nun - wie Fürsten alle Menschenklassen in eine
Hauptstadt - sämtlich in einen schönen Salomons-Tempel oder in eine Silberschlag
-Noachitische Arche von Pappendeckel mit mehr Fenstern als Mauer zusammen. Der
Baumeister dieses vierten salomonischen Tempels war nicht, wie bei dem ersten,
der Teufel oder der Wurm Lis1, sondern ein Mensch, der leicht beiden glich, der
sogenannte Kammerjäger Robisch. Dieser Hintersasse des Rittmeisters besuchte
jährlich die besten Zimmer und Gärten des ganzen Landes, um beide nicht sowohl
von ihren schlimmsten als von ihren kleinsten Bewohnern zu säubern - von Mäusen
und Maulwürfen. Ich will die Gelehrten-Republik eben nicht bereden, dass dieser
Mausschächter so viele unterirdische Maulwürfe aus der Welt fortschickte, als
jährlich schriftstellerische hineintreten, um sich auf die Hinterfüsse zu setzen
und dann mit den Vorderfüssen, die an beiden Maulwurfarten Menschenhänden
gleichen, in den Buchläden und auf dem Leipziger Buchhändlermarkte ihre
Erdhäufchen als kleine Musenberge aufzuwerfen; - inzwischen bezahlt wurde
Robisch gerade so, als habe der Kammerjäger alles Ungeziefer verjagt. Denn die
Leute glaubten, wenn man diesen Kelchvergifter der Nagetiere erbose und nicht
bezahle: so mach' er Moses' Wunder nach und verdoppele durch dagelassene
Kolonien das Ungeziefer, das man seinem Königs- und Blutbann entziehe. Ich will
von dieser morastigen Seele, die sich nie meinem Gustav näher wälze, mich
wegbegeben, wenn ich geschrieben habe, dass er oft im Falkenbergischen Hause war,
dass er, wenn Fremde da waren, den Extra- und Kasualbedienten, und wenn
Rekrutenwildpret zu fangen war, für den Rittmeister den Leitund machte, und dass
er sich an den kleinen Gustav mit seinen Fabrikaten drängte. Ein solches
Anhäkeln an Kinder ist ohne elterliche Kindlichkeit zweideutig. Kinder aber
lieben Bediente besonders; und Gustav vollends, der schlechterdings auch später
nicht vermochte, jemand zu hassen, den er in seiner Kindheit lieb gehabt; von
allen Untaten, die Robisch an ihm verübt hätte, wäre gleichwohl das Band der
Dankbarkeit für das elende Insektenstockhaus, das den Wall entvölkerte, nicht
entzwei gegangen.
    Was in der salomonischen Schlosskirche war und sumsete, sollte Zucker
fressen, weil Kinder ihn für das Vortisch- und Nachtisch-Essen ansehen; und es
wären die schönsten Inhaftaten verhungert, wenn nicht ihr Fronvogt, Gustav, vom
Kammerjäger noch einen Starmatz zum Geschenk bekommen hätte; denn den Matz liess
er auch in das Panteon hineinspringen, und der frass alles, was nichts zu
fressen hatte .... Wenn ich hier unter die Flügeldecken der Insekten und in den
Schnabel des Matzes die nächsten Reflexionen und die kühnsten Winke versteckt
habe: so hoff' ich, man finde sich in dergleichen schön.
    Ausser mir hatte wohl niemand Gustavs Namen so oft im Schnabel als der Star,
der gleich Hofleuten nichts weiter im Kopfe hatte als ein nomen proprium. Der
Kleine dachte, der Star denke und sei so gut ein Mensch wie Robisch und liebe
ihn für alles; daher konnt' er sich nicht satt an ihm hören und lieben. Er
konnte sich eben an nichts satt umarmen. Bloss lebendige Geschöpfe waren sein
Spielzeug. Der Pachter hatte dazu noch ein schwarzes Lamm gesellt, das er mit
einem roten Band und mit Brotrinden um den Wall herumlockte. Das Lamm musste wie
ein Dorfkomödiant alle Rollen machen, bald musst' es der Genius, bald der Pudel
sein, bald Gustav, bald Robisch. So spielte also unser Freund seine ersten
Erdenrollen Solo und war zugleich Regisseur, Einbläser und Teaterdichter.
Solche Komödien, die sich Kinder machen, sind tausendmal nützlicher als die, die
sie spielen, und wären sie aus Weisses Schreibtisch: in unsern Tagen, wo ohnehin
der ganze Mensch Figurant, seine Tugend Gastrolle und seine Empfindung lyrisches
Gedicht wird, ist diese Verrenkung der armen Kinderseelen vollends gefährlich.
Indes ist es zuweilen auch nicht wahr: denn ich machte den vollständigen Filou
bloss ein-, zwei- oder dreimal in meinem Leben, aber wirklich noch, eh' ich zum
erstenmal gebeicht hatte.
    Die Verordnung, die ihn nicht vom Schlossberg hinunterliess, unterschied sich
von den Verordnungen unserer transzendenten Eltern, der Obrigkeit, dadurch
rühmlich, dass sie erstlich der Partei bekannt gemacht, und zweitens dass sie
wenigstens 14 Tage lang gehalten wurde. Gustav hätte für sein Leben gern sich
und das Lamm vom Walle hinab an den Fuss des Berges getrieben. - Da nun der
Rittmeister aus Quistorps peinlichen Beiträgen wusste, dass man an die Stelle der
Verstrickung oder Konfination (Einsperrung auf den Wall) die Distrikt- oder
Gebieträumung setzen kann: so diktierte er die letzte Strafe statt der ersten
und sagte: »Kann man denn nicht das Lamm des Pachters Regel (Regina) mitgeben,
solang sie da am Berge weidet? Meinetwegen kann der Junge mittreiben, wenn ich
ihn nur immer im Gesicht behalte.« Ich muss es noch abwarten, was die
Reichsritterschaft dazu sagen oder schreiben wird, dass ein Ehrenmitglied
derselben, mein Held, nachmittags um 4 Uhr sich allemal eine lange Haselgerte
abdrehte und damit ein Ochsenjunge wurde und neben der eilfjährigen Strössners
Regina die Schaf- und Rindherde und das Lamm am Band mit solchem Stolze und mit
solchen Jupiters-Augenbraunen austrieb, dass er leicht andeutete, er lenke den
ganzen Stall und die Reichsritterschaft solle ihm nur jetzo kommen.
    Nur im tausendjährigen Reiche gibt es solche Nachmittage, wie Gustav an der
Anhöhe, gleichsam auf dem Schosse der Erde hatte. Mein Vater hätte mich in die
Zeichenschule senden sollen: könnt' ich nicht jetzt die ganze Landschaft in
meinem Farbenstrom statt im Dintenstrom auffangen und hinausspiegeln? Wahrhaftig
ich könnte jedes Gebüsch mit dem hineinschlüpfenden Vogel dem Leser in die Augen
zurückspiegeln, jede lippenfarbige Rotbeere der Felsen-Abdachung, jedes von
Anflug überwachsene Schaf und jeden Baum, den das Eichhörnchen mit zerbröckelten
Tannzapfen umsäete. Inzwischen gibt es Dinge, an denen wieder die Iltishaare des
Pinsels vergeblich bürsten, die aber schön aus meinem Kiele rinnen - das auf
Genüssen schwimmende Auge Gustavs schifft leicht hinüber und herüber zwischen
dem Lamme, dem hellen Blumengrund mit der Schatten-Landspitze und zwischen dem
Zauber-Gesichte Reginens und braucht nirgend wegzublicken.
    Warum sagt' ich ein Zauber-Gesicht, da es ein alltägliches war? - weil mein
kleiner Apollo und Schafhirt mit trinkenden Augen auf dieses Gesicht wie auf
eine Blume flog. Unter einer Hirnschale wie seine, zu welcher den ganzen Tag die
weisse Flamme der Phantasie, und kein blaues Branntewein-Flämmchen des Phlegma
auffackelte, musste jedes weibliche Gesicht mitvergüldeten Reizen in Götterfarbe
und nicht in Totenfarbe dastehen. Alle Schönen hatten bei ihm den Vorteil noch,
dass er sie nicht seit zehn Jahren, sondern seit zehn Tagen sah. Indessen ist das
nicht seine erste Liebe, sondern nur ein Frühgottesdienst, ein Vorfest, ein
Protevangelium irgendeiner ersten Liebe, mehr nicht.
    Zwei ganze Wochen trieb er sein Lamm auf die Weide, eh' sein Mut so weit
stieg, dass er - nicht sich neben ihr Strickzeug hinsetzte, dies überstieg
Menschenkräfte, sondern nur dass er - das Schaf an seinem postillon d'amour
festielt, nicht um es zu Reginen hinzuziehen, sondern um selber von ihm
hingezogen zu werden; denn die beste Liebe ist am blödesten, wie die schlimmste
am kühnsten. Wie ein stillender Mond legte sich alsdann, wenn sie mehr in seinen
Gedanken als in seinen Augen war, ihr Bild an seine träumende Seele, und so viel
war ihm genug. - Sein zweites Mittel, ihr Akzessist zu werden, war der runde
Schatten eines tiefer unten schwankenden Lindenbaums, hinter dem die Abendsonne
wie hinter einem Jalousieladen sich zersplitterte. Mit diesem Schatten rutscht'
er nun der Regina immer näher; unter dem Vorwand, als mied' er die eine Sonne,
rückte er einer andern rötern zu. Von solchen kleinen Spitzbübereien läuft die
Liebe über; sie werden aber alle erraten und alle verziehen; und sie werden oft
mehr vom Instinkt als vom Bewusstsein eingegeben. Wenn freilich der Abend langsam
aus dem Tal sich in die Höhe richtete - wenn die einschlummernde Natur in
abgebrochenen Lauten des zu Bette gegangnen Vogels gleichsam noch ein paar Worte
im halben Schlafe sagte - wenn das Glockenspiel am Halse der Herde, die
unschuldige Blumen der Freude aus Wiesen pflückte, und der eintönige Guckguck
und das verwirrte Abendgeräusch die Tasten der leisesten Saiten gedrückt hatten:
so nahm sein Mut und seine Liebe um ein Namhaftes und nicht selten in dem Grade
zu, dass er den Kuchen, den er für sie eingesteckt, öffentlich aus der Tasche
holte und ohne Bedenken - ins Gras legte, um ihr wirklich den Antrag dieses
Backwerks zumachen, sobald sie in der Dämmerung beim - Schlosstor auseinander
mussten: hier stiess er ihr die Schenkung mit hastiger Verwirrung zu und sprang
mit freudiger Beschämung davon. Gelang es ihm, ihr dieses Abendopfer zu
insinuieren: so war jede Pulsader seines Arteriensystems ein entzückt klopfendes
Herz (denn die Sprache und Freude seiner Liebe war Geben), und unter seiner
Bettdecke pflanzte er die ganze Nacht kühne Plane auf morgen, die der
Nachmittag-Glockenhammer mit vier Schlägen sämtlich - bis auf ihre Herz-Wurzel -
in die Erde schlug. Sie tat immer das breite Halstuch ihrer Mutter um; daraus
musste sein Philosoph von Verstand ableiten, dass ihm später die grossen Halstücher
der Damen gefielen, die ich selber den vorigen Tändelschürzen des Halses
vorziehe; aus dem nämlichen Grunde gefielen ihm wie mir auch breite Kopfbinden
und breite Schürzen. Ich habe schon mit Philosophen L'hombre gespielt, die es
umwandten und behaupteten, alles das gefalle ihm, nicht, weil das Zeug an der
Schönheit (Reginens) war, sondern weil die Schönheit am Zeuge war.
    Im Grunde schäm' ich mich, dass ich hier, während die zerrissendsten
Bakkalaureen eintunken und den übrigen Bakkalaureen die feinsten Sponsalien von
Königinnen und Marquisinnen ausmalen, meine Schreibmaterialien auf das Weiden
und Verlieben zweier Kinder verwende. Beides lief bis in den Herbst hinein fort,
und ich möchte es abschildern; aber, wie gesagt, die Scham vor den Bakkalaureen!
- Und doch gönn' ich dir, winziger Träumer, so sehr diese weisse Sonnenseite
deines Lebens an deinem Berge und dein Lamm und dein Auge! Und ich möchte so
gern die Tage, die vor dir vorüberlaufen und deinen kleinen Schoss mit Blumen
überlegen, zum Stehen bringen, damit der Leichenzug der bewaffneten Tage hinten
halten müsste, die deinen Schoss entlauben können - dein Lustölzchen lichten -
dein Lamm stechen - deiner Regina Dienstgeld zur Magd geben!
    Aber im Oktober fährt alles nach Unterscheerau; und die Kinder wissen noch
nicht einmal, dass es Lippen und Küsse gibt!
    O Wochen der vorersten Liebe! warum verachten wir euch mehr als unsre
spätern Narrheiten? Ach an allen eueren sieben Tagen, die an euch wie sieben
Minuten aussehen, waren wir unschuldig uneigennützig und voll Liebe. Ihr schönen
Wochen! ihr seid Schmetterlinge, die aus einem unbekannten Jahre2 herüberlebten,
um unserem Lebens-Frühlinge vorzuflattern! Ich wollte, ich dächte von euch noch
so entusiastisch wie sonst, von euch, wo weder Genuss noch Hoffnung an Grenzen
stockten! - Du armer Mensch! wenn der zarte weisse, die ganze Natur überzaubernde
Nebel deiner Kinderjahre herunter ist: so bleibst du doch nicht lange in deinem
Sonnenlichte, sondern der gefallene Nebel kriecht wieder als dichtere
Gewitterwolke unten rings am Blauen herauf, und am Jünglings-Mittage stehest du
unter den Blitzen und Schlägen deiner Leidenschaften! - Und abends regnet dein
zerschljetzter Himmel noch fort! -
 
                                    Fussnoten
1 Nach den Rabbinen half der Teufel den Tempel mit bauen, und der Wurm nagte die
Steine zurecht.
2 Die Schmetterlinge im Frühling haben sich (durch das Zölibat) aus dem vorigen
Jahre hergefristet; die im Herbst sind Kinder des gegenwärtigen Jahres.
 
                                 Achter Sektor
                Abreise - weibliche Launen - zerschnittene Augen
Da die Edelleute und Waldratten im Sommer das Land, im Winter die Stadt
bewohnen: so tats der Rittmeister auch; denn die schöne Natur (meint' er und
sein Gerichtalter) läuft am Ende auf nichts als auf ein Inventarium von Bauern
hinaus, deren Ellbogen und Schenkel in einer Scheide halb von Zwillich, halb von
aufgeflicktem Leder stecken, auf Sumpfwiesen, auf Brachfelder und auf
Schweinvieh, und es gibt da nichts zu empfinden als Gestank - in der Stadt
hingegen ist doch ein Stück Fleisch zu haben, ein Spiel französischer Karten,
einiger wahrer Spass und ein Mensch. Es ist jugendliche Unduldsamkeit, einem
Manne, der kein Gefühl für Musik und Gegenden hat, auch das für fremde Not und
Ehre abzusprechen, besonders dem Rittmeister.
    Noch viel wichtigere Gründe trieben ihn nach Scheerau; er suchte da 13000
Rtlr., eine Menge Rekruten und einen Hofmeister. - Den letzten zuerst! Seine
Frau sagte: »Gustav muss jemand haben, es fehlt ihm noch an Lebensart!« Aber
Hofmeistern fehlts nicht daran - diese Infanten aus dem Alumneum, die nichts
hebt als eine Kanzeltreppe, die so lange die Seelenhirten des jungen Edelmanns
sind, bis sie die Seelenhirten der Gemeinde werden, welche ihr Zögling regiert,
diese Erzieh-Poussierer sind imstande, nicht bloss den Kopf des Junkers - wie der
Vater hofft -, sondern auch den Rumpf desselben - wie die Mutter hofft - recht
gut zu formen und zu glätten, erstlich ohne eigne Glätte, zweitens in
Lehrstunden, drittens mit Worten, viertens ohne Weiber, fünftens auf eine
sechste Art, dadurch, dass der Hofmeister das weiteste Löwenherz zu einem
schläfrigen Dachsherzen einkrempt.
    Der zweite metallische Sporn, der den Rittmeister nach der Stadt forttrieb,
war das Geld. Niemand kam so leicht in den Fall, ein Gläubiger sowohl als ein
Schuldner zu werden, als er: die halbe Nachbarschaft hatt' er, weil er weder
sich noch andern etwas abschlug, zuletzt in seine Gäste und seine Schuldner
verwandelt; aber jetzt verwandelte er darüber sich beinahe selber in beides,
wenn nicht der Landesherr seinen zerrollenden Geldhaufen wieder aufbauete. Er
musste also nach der Residenz Oberscheerau die missliche Bitte mitbringen, dass ihm
jener 13000 Rtlr. nicht sowohl schenken oder leihen - das wäre zu machen gewesen
- als bezahlen möchte, als ein Kapitel von sieben Jahren. Der scheerauische
Sophi hatte nämlich die Gewohnheit, keine Geliebte abzudanken, ohne ihr ein
Landgut, oder ein Regiment, oder einen gestirnten Mann mitzugeben; - er liess von
einer Geliebten allzeit noch so viel übrig, dass noch eine Ehefrau für einen
Ehetropfen daraus zu machen war, wie der Adler und Löwe (auch Fürsten der Tiere)
allemal ein Stück vom Raube unverzehrt für anderes Vieh liegen lassen. Mitin
trennte er sich auch von der Mutter seines natürlichen Sohnes - des Kapitän von
Ottomar - auf dem Rittergute Ruhestatt, das er an einem Tage (mit Falkenbergs
Gelde) kaufte und verschenkte.
    Drittens wollte der Rittmeister in Scheerau seinen Unteroffizieren, die
meistens da lagen, ein paar Schritte ersparen; denn er schlug zwar mit dem Stock
so leicht wie eine Dame mit dem Fächer zu, aber er brach nicht gern einer
Heuschrecke das sechste Bein aus, und daher schonte er die seiner Leute, die
viere weniger hatten, um so mehr.
    Endlich packen sie ein, die Falkenbergischen: wir wollen dabei sein. Da
Falkenbergs Seele, wie Uhren und Pferde, nur unter dem Reisen nicht stockte: so
war er am Abzugmorgen am frohesten und raschesten; liebte keine Fortschreitung
durch Sekunden, sondern durch Nonen; fluchte über sämtliche Hände und Füsse im
Schloss, weil sie nicht flogen; drückte und stauchte das weibliche Schiff und
Geschirr mit ehernen Händen in die nächste Schachtel hinein; und hatte keine
andern abfahrenden Haarseile seiner ungeduldigen Langweile als seine Füsse, die
stampften, und seine Hände, mit denen er teils den Kutscher aus solchen Gründen,
wie dieser die Pferde, auswichste, teils die Zurückbleibenden im Schloss
sämtlich recht gut beschenkte.
    Die Rittmeisterin aber weiss alles so komplett und vernünftig zu tun, dass sie
mit nichts fertig wird. Hätte sie drei Sprünge zu tun, um dem herunterplumpenden
Monde auszuweichen: so streifte sie doch, eh' sie spränge, noch eine Falte aus
der Fenstergardine heraus - beim Plätten wär's noch ärger. Gleich Gelehrten
liegt sie neben dem Brotstudium noch einem Nebenstudium und Beiwerk ob und tut
mit jeder Sache die benachbarten mit. »Ich kann nun einmal nicht so lüderlich
sein wie andre Weiber«, sagte sie eben zum knirschenden Ehemann, der acht stumme
Minuten ihr zusah. »Ich wollt' ins Teufels Namen lieber, du wärest die
lüderlichste in der ganzen schriftsässigen Ritterschaft« - sagt' er. Da sie nun,
sooft sie Sturm und unrecht hatte, bloss auf den zornigen Hyperbeln des andern
ankerte, wie ich als appellatischer Sachwalter häufig muss: so bewies sie auch
dasmal geschickt, dass an lüderlichen Frauen wenig wäre - und da einen hitzigen
Rittmeister nichts noch mehr aufbringt als ein stolzer Beweis dessen, was er gar
nicht leugnet: so gings wie allemal los - die Zungen-Streitflegel bewegten sich
- seine Speicheldrüse, ihre Tränendrüse und beider Lebern mit Gallenblasen
sonderten so viel ab, als in christlichen Ehestunden gesondert werden muss - aber
15 Minuten und 15 Packereien sogen wie Blutadern alle diese ehelichen
Absonderungen wieder ein. Beim Abreisen hat kein Mensch Zeit, sich zu erbosen.
    - Sie war auf meine Ehre eine recht gute Frau, aber nur nicht allemal, z.B.
beim Abreisen am wenigsten: sie wollte erstlich dableiben und keifte in alle
hörende Wesen hinein, zweitens wollte sie fort. Niemals, wenn ihr Mann am Morgen
sich und seinem Hunde den Halsschmuck umlegte, um Besuche zu machen, begehrte
sie mit (sie müsste denn die völlige Unmöglichkeit mitzukommen vorausgesehen
haben): sondern wenn er am zweiten Tage nur ein Wort von einer Dame, die mit
dagewesen, schiessen liess: so klagte sie ihm ihre Not: »Unsereine riecht nun den
ganzen Sommer nicht aus dem Hause hinaus.« Wollt' er sie das nächste Mal
mitzwingen: so war entsetzlich zu tun, es war zu bleichen, zu jäten,
Fleischfässer und Serviettenpressen zuzuschrauben, Wäschzettel und alles zu
machen, oder das vorzuschützen: »Ich bin am liebsten bei meinem Kleinen.« Allein
ihre Absicht, die wenige errieten, war bloss, an zwei Orten auf einmal zu sein,
in und ausser dem Hause - und es ist für unsre Weiber schlimm, wenn unsre
Philosophen und Männer nicht so viel einsehen, wie die katolischen Philosophen
und Männer, die kombrischen, Ariaga, Bekanus, längst einsahn1, dass der nämliche
Körper leicht zur nämlichen Sekunde an zwei Orten oder mehren nicht nur auf
einmal sitzen, reden, wachsen, sondern auch in der einen Stadt empfinden könne,
indem er in der andern denkt, - zu gleicher Zeit in der Kirche lachen und in dem
Teater weinen könne. - -
                                 Extrablättchen
                          Sind die Weiber Päpstinnen?
Alle Fragen dieses Blättchen tat ich an eine Äbtissin, die lieber Münzen als
Fromme machen liess. Ist nicht die dreifache Krone des Papstes jetzt auf den
weiblichen Köpfen als eine vier-, fünffache da, und schossen nicht ihre Hüte in
die Höhe wie Salat in den Hundstagen? - Ists nicht den Weibern selber schon
bekannt, dass sie so untrüglich sind wie der Papst, und wenn dieser es mehr in
dogmatischen als in historischen Dingen ist, wie die Jansenisten glauben, ist es
bei den Päpstinnen nicht umgekehrt?- Und wer hat den Mut, eine zu widerlegen,
die er nicht geheiratet? Der Papst ist Gottes Vizekönig oder gar Gott selbst,
wenn dem Felinus2 zu glauben; sind aber die Päpstinnen nicht bekannte Göttinnen?
- Allerdings sagt ein Papst selbst, Klemens VI., dass er Engeln befehlen könne,
jeden Kerl aus dem Fegefeuer in den Himmel zu spedieren3; brauchen aber unsre
Päpstinnen Engel dazu? Bloss eine Woche brauchen sie, um uns ins Fegefeuer, und
eine Stunde, um uns zurück in den Himmel zu werfen. - Marianus Soccinus, welcher
behauptet4, dass ein Papst aus Nichts Etwas, aus Unrecht Recht und aus allem
Henker allen Henker machen könne, muss nur nicht glauben, dass unsre Päpstinnen es
nicht auch vermögen, und sind ihm ihre Ohrenbeichten nicht erinnerlich? - Wer
exkommuniziert seine Ketzer, oder dispensieret seine Rechtgläubigen öfter,
Päpste oder Päpstinnen? - Und wer macht heutzutage, durchlauchtige Äbtissin,
allmächtigere Augenbreven und Lippenbullen, wer kreieret mehr Heilige, mehr
Selige und mehr Nuntien a und de latere? Petri Nachfolger oder Petri
Nachfolgerinnen? - Päpste sollen sonst immerhin Königreiche weggeschenkt oder
abgenommen haben; beherrschen nicht Päpstinnen diese Königreiche? - Päpste
konnten von Amerika nichts verschenken als den Namen; ist aber nicht das, was
einige Päpstinnen von diesem Lande uns mitteilen, etwas viel Reelleres? -
Könige, die sonst von Päpsten gequält wurden, werden jetzt von Päpstinnen
beglückt; und wenn jene höchstens einen oder ein paar Könige schufen, werden
nicht die Könige unter den meisten europäischen Tronhimmeln von Päpstinnen
gemacht, und zwar in niedlichem Taschenformat, bis sie aus der Taufschüssel nach
und nach heranwachsen, dass sie so lang sind wie ich oder ihr Tron? - Küssen wir
ihnen nicht den Pantoffel öfter als dem seligsten Vater, indem die zwei Arme vom
Professor Moskati zu Padua längst als zwei Vorderfüsse befunden worden, auf deren
lederne oder seidne Schuhe wir alle Wochen unsre Lippen drücken? - Legen nicht
Papst und Päpstin den alten Namen ab, wenn sie den Tron beschreiten, den der
eine durch Alter, die andre durch Jugend behauptet? - Und wenns wahr wäre, dass
Papst und Päpstin ursprünglich nur Bischöfe einer Provinz (eines Mannes) sein
sollen und dass es weiter keine Päpstin gibt als die gute Johanna: würd' ich wohl
gerade das Gegenteil öffentlich in einem Extrablättchen oder heimlich zu Ihnen
zu sagen wagen, durchlauchtige Äbtissin? -
                             Ende des Extrablattes
                        Fortsetzung des vorigen Sektors
Während ich die Äbtissin befragte: kam ich von der wildlaunischen Rittmeisterin
weg. Ich will setzen, ich oder der Leser hätten sie geheiratet: so würden wir
zwar dem Himmel danken, an ihren Ringfinger unsern brillantierten Ring
geschraubt zu haben; - aber doch würden wir uns täglich, wie man sieht, mit ihr
herumzubeissen haben: so gewiss bleibts, dass nicht die weiblichen Laster, sondern
die weiblichen Launen so viel Pferdestaub und Dornen in das Ehelager säen, dass
oft der Satan darauf liegen möchte. -
    Ohne Gustav, der so viel zuschleppt, kämen wir vor zehn Minuten nicht aus
dem Schloss. Mein Leser malt sich ihn wider meine Erwartung ganz falsch vor,
traurig nämlich, weil er aus seiner Kindheit-Erdenwiege, aus seinem Adamsgarten
und von seinem Abendberge weichen soll. So falsch! - Ein anderer Leser würde
sich ihn freudig denken, weil für Kinder, denen noch jede andre Szene eine neue
ist, Reisen die Schöpfung eines neuen Himmels und einer neuen Erde wird und weil
die Phantasien eines Kindes noch keine kummerhaften sind. Scheerau musste in
seinen Vermutungen durchaus die Stadt mit langen Häusern sein, worin er mit
seiner Schwester gespielt. Noch dazu wurde - was allen Kindern eine
Naturalisationakte ist - sein Spielmagazin eingeschifft; sogar den Starmatz, der
als geschüttelter Hierarch in der salomonischen Filialkirche auf- und absprang,
hielt er auf den stauchenden Knien. Jeden Winkel des Schlosses bedauerte er samt
dem, was darin war, dass es nicht mit einsteigen dürfte; dieses ganze
Konchyliengehäus kam ihm so eng, so abgegriffen, so abgeschossen vor! Leute, die
wenig gereiset, schauen ihre Stube in den Augenblicken der Abreise - der Ankunft
- und in den übrigen mit drei verschiedenen Gefühlen an; aber für
Zugheuschrecken und Zuggeflügel sind die Kunststrassen und Residenzstrassen nur
Korridore zwischen den Zimmern.
    Schon eine halbe Stunde sass er auf dem nackten Kutschenkasten voraus, mit
den Beinen in Gepäck eingekeilt und in zappelnder Erwartung, wann die Pferde den
ersten Riss täten. Endlich wurde die Wagentüre zugeworfen, und alles rollte
dahin, den Berg hinab, den Gemeindeanger hinüber, auf welchem der weissgeschälte
Baum, der zur Kirchweih sich mit gerötelter Fahne und Bänderwimpeln noch einmal
in die Erde bohren sollte, unserem Gustav ganz verächtlich wurde, der jetzt in
Scheerau hundert schönern Maienbäumen und Kirchweihen entgegenfuhr. - Aber als
es vor der an Freuden fruchtbaren Region seines Berges vorüberging: so zog er
vom Trauergerüste der gestorbnen Nachmittage, vom klingenden Vieh, das am Gipfel
grasete, von einem Weideadjunktus, der ihm schlecht gefiel, vom
zusammengetragenen Steinpferch, in den er sein Lämmchen gestellt, das nun ohne
Band und ohne Liebe droben stand, und endlich vom Markstein, auf dem sonst seine
Traute, seine Schöne strickte, davon freilich zog er die zurückgewandten Blicke
sehnend langsam weg. »Ach«, dacht' er, »wer wird dir Zitronenkuchen geben und
meinem Lämmchen Brotrinden? Ich will euch aber schon alle Tage recht viel
herschicken!«
    Es war ein reiner Oktobermorgen, der Nebel lag zusammengefaltet dem Himmel
zu Füssen, der wegfliegende Sommer schwebte mit seinen blauen Schwingen noch hoch
über den Ästen und Blumen, die ihn getragen, und schauete mit dem weiten, still
erwärmenden Sonnenauge den Menschen an, von dem er Abschied nahm. Gustav wollte
aus dem Wagen, um den betaueten fliegenden Sommer, der zartgesponnen wie ein
Menschenleben die Erde überzog, zusammenzuwickeln und mitzunehmen. Aber du,
Mensch, hängst so oft als stinkende Pest- und Nebelwolke in die reine Natur
herein!
    Denn sie mochten kaum eine Stunde gefahren sein, nach der er schon jedes
Dorf für Scheerau hielt .... Ich will aber erst angeben, wo's war. Bei Issig
schrie er im Wald. »O! nun dort wird der schwarze Arm hineinlangen und mich
hinausziehen!« Als sich der Alte noch darüber wunderte, woher der Kleine wüsste,
dass jetzt eine Armsäule komme, die wirklich aus den Bäumen herauswies: so fings
auf einmal darhinter an zu schreien: »Ach meine Augen, meine Augen!« Den Kleinen
und die Mutter versteinerte der Schrecken; aber der Rittmeister stürzte sich aus
oder durch den Wagen, zerstiess die Gläser und prallte in den Wald hinein - und
an ein kniendes feines Kind hinan, aus dessen zerschnittenen Augen Tränen und
Wasser liefen. »Ach tu mir nichts, ich kann nimmer sehen!« sagt' es und griff
mit den Händchen um sich, um die Lanzette wegzuschlagen, die zu seinen Knien
lag. »Wer hat dir denn das getan?« sagt' er mit der sanftesten, vom heftigsten
Mitleid brechenden Stimme; aber eh' es sprach, kam ein altes verwüstetes
Bettelweib näher und sagte, im Gebüsch wär' ein Bettler hingeschossen, ders Kind
blenden hätte wollen, um darauf zu betteln. Allein das Kind krümmte sich mit
grössern Konvulsionen an seine Hand und sagte: »O! sie will mich wieder
schneiden.« Der Rittmeister erriet die Spitzbüberei, schljetzte den nächsten Ast
herab, peitschte die Elende mit verfehlender Wut ins Angesicht und lief mit dem
Blinden auf dem Arm dem furchtsamen Wagen zu. Es war ein herzerdrückender
Anblick, der unschuldige Wurm mit feinen Zügen und Bewegungen in Lumpen und mit
rot eingerunzelten Augen! -
 
                                    Fussnoten
1 Affirmant idem corpus existens in duobus locis habere posse utrobique formas
absolutes non dependentes - ita ut hic moveatur localiter, illic non, hic
calidum sit, illic frigidum, etc. hic moriatur, illic vivat, hic eliceret actus
vitales tum sensitivos tum intellectivos, illic non. Voetii disp. teol. T.I.
p.432. Bekanus beschränkt es mit philosophischem Scharfsinn so weit, dass ein
solcher Körper - also eine Frau - nicht an einem Orte fromm und zugleich am
andern gottlos sein könne; dieses leuchtet mir auch ein.
2 Wolfii lect. memorab. Cent. XVI. p. 994. etc.
3 loco cit.
4 loco cit.
 
                                 Neunter Sektor
                        Eingeweide ohne Leib - Scheerau
Nicht bloss Lügner und L'hombrespieler, sondern auch Romanenleser müssen ein
gutes Gedächtnis haben, um die ersten 10 oder 12 Sektores gleichsam als
Deklinationen und Konjugationen auswendig zu lernen, weil sie ohne diese nicht
im Exponieren fortkommen. Bei mir steht kein Zug umsonst da; in meinem Buche und
in meinem Leib hängen Stücke Milz; aber der Nutzen dieses Eingeweides wird schon
noch herausgebracht. - Da ein Romanschreiber wie ein Hofmann bloss darauf
hinarbeiten muss, dass er seinen Freund und Helden stürze und in geladene Gewitter
führe: so bild' ich seit einem Quartale am Himmel hie ein graues Wölkchen, das
schwindet, dort eines, das zerläuft; aber wenn ich endlich alle Zellen des
Horizonts unsichtbar elektrisiert habe: fass' ich den ganzen Teufel in ein
Donnerwetter zusammen - nach dem Abdruck von 14 Bogen kann der Setzer das
Krachen schon hören und setzen. - - Im Grunde ist freilich kein Wort wahr; aber
da andre Autoren ihre Romane gern für Lebensbeschreibungen ausgeben: so wird es
mir verstattet sein, zuweilen meiner Lebensbeschreibung den Schein eines Romans
anzustreichen.
    Das Kind gab statt seiner Geschichte bloss die Klagen über seine Geschichte.
Es schien über sieben Jahre alt, akzentuierte das Deutsche italienisch, und sein
kränklich zarter, blassroter Körper legte sich um seine Seele, wie ein bleiches
Rosenblatt um das Würmchen darin. Sein Vater hiess Doktor Zoppo, kam aus Pavia,
botanisierte sich aus Italien nach Deutschland und liess die Kleinen unterwegs
gelbe Blumen reissen. Der blinde Amandus wollte in diesem Walde auch Kräuter
pflücken; aber die teuflische Augenärztin traf ihn, half ihm gelbe Blumen finden
und lockte ihn damit so tief in den Wald hinein, dass sie ihm Kleider und Augen
rauben konnte.
    Gustav fragte ihn jede Minute, ob er noch nicht sähe, schenkte ihm sein
Morgenbrot, damit er nicht mehr weinen sollte, und konnte seine Blindheit, da
seine Augen so offen waren, nicht begreifen. Im nächsten Landstädtchen liess sich
Falkenberg rasieren und Amandus verbinden. Ich sah einmal auf der letzten
Station vor Leipzig eine so reizende Querbinde über der Stirn und dem Auge eines
Mädchens, dass ich wünschte, meine Frau würde von Zeit zu Zeit dortin geritzt,
weil es nett ausfällt; hingegen Amandus' Verband über zwei Augen machte ihn zu
einem Kinde des Jammers.
    Da Amandus in besserer Einkleidung und mit der traurigen Binde im Wagen sass:
konnte Gustav gar nicht zu weinen aufhören und wollte ihm seinen Matz
herauslangen und schenken; denn nicht die Grösse, sondern die Gestalt des Leidens
bestimmt das Mitleiden.
    Wenige Menschen, die nach Scheerau fahren, werden das närrische Glück haben,
dass ihnen zwei Stunden davor ein einsamer Magen ohne den Pertinenz-Menschen
aufstösset; Falkenberg und seine Leute und Pferde hatten dieses Glück. Es kam
angefahren der Magen, das dünne und dicke Gedärm, die Leber, worin die Fürsten
ihre Galle sieden, die Lunge, deren Luftbläschen die fürstliche Gallenblase
sind, wie die Luftröhre der Gallengang derselben ist, und das Herz; aber kein
Leichnam kam mit; denn der Leichnam, der regierender Herr von Scheerau war, lag
schon in der Erbgruft. Dieser ganze Magen verdaute so viel wie sein Gewissen,
nämlich ganze Hufen Landes; und besser als sein dünner Kopf, dem Wahrheiten und
Gravamina eine schwere Speise waren; die papinianische Magenmaschine blieb noch
im Alter feurig, als schon alles andre kindisch war. Er ritt, kurz vor seinem
Tode, stundenlang einen - Kammerherrn, den er wohl leiden konnte; gleichwohl
schob er wie ein ganz Verständiger den Teller und das Glas weg, wenn nicht der
alte rechte Inhalt in beiden war. Hinter dem Eingeweidesarge - dem
Reliquienkästchen des Unterleibes - fuhren der Obristküchenmeister, einige
Beiköche, der Hofkellereiadjunkt und noch grössere Glieder des Hofetats - z.B.
der Medizinalrat Fenk. Dieser und Falkenberg bemerkten einander nicht. Letzter
stiess heute auf lauter Seltenheiten, auf den Doktor, den er in Italien, und den
Fürsten, den er noch auf der Erde suchte. Die gekrönten insolventen Eingeweide,
die ihm auf diese Weise das Geld nicht zahlten, verwickelten ihn nun mit dem
Kronerben in ein Gläubigergefecht.
    Der Leichenzug des fürstlichen Gedärms ging in die Abtei Hopf, wo das
Erbbegräbnis derer fürstlichen Glieder war, die - wenn dem Plato ein Wort zu
glauben ist - wahres Vieh sind und mit denen der Mensch, er überschnüre sie mit
Ordenbändern oder Tragriemen, allemal seine Höllennot hat. Ich will der
Darmkapsel nur drei Schritte nachziehen, weil der Medizinalrat jetzo - nach
seiner lustigen Sitte, an allen Orten, in Teater- und Kirchenlogen und
Gastöfen, nur in seinem Museum nicht, zu schreiben - in der Begräbniskirche der
Eingeweide seine Schreibtafel aufwickelte und Sachen hineinschrieb, die
wahrhaftig so lauten: »Da Fürsten sich an mehren Orten auf einmal beerdigen
lassen, wie sie auch so leben, so möcht' ichs auch - allein nicht anders als so:
mein Magen müsste in die Episkopalkirche beigesetzt werden - meine Leber mit
ihrer bittern Blase in eine Hofkirche - das dicke Gedärm in ein jüdisches
Betaus - die Lungenflügel in eine Simultan- oder doch Universitätkirche - das
Herz in die triumphierende, und die Milz in ein Filial. Wenn ich aber erster
Leichenprediger eines gekrönten Unterleibes wäre: so hätt' ich einen andern
Gang; ich nähme den Schlund zum Eingange der - Trauerrede und den Blinddarm zum
Beschluss! Und könnt' ich nicht in den drei Teilen der Predigt die drei
Konkavitäten durchgehen, darin die edlern Teile des Körpers flüchtig berühren
und endlich auf den letzten Wegen desselben mich weinend und preisend aus dem
Staube machen? Denn so scherzt man hienieden.« Es gibt einen poetischen
Wahnsinn, aber auch einen humoristischen, den Sterne hatte; aber nur Leser von
vollendetem Geschmack halten höchste Anspannung nicht für Überspannung.
    Der Falkenbergische Reisezug kam in Scheerau abends an, abends, der
schönsten Zeit, um anzulangen, daher so viele abends in der andern Welt
anlangen. Gustav schien schon dort gewesen zu sein, während seiner Entführung.
Da aber von meinen Lesern die wenigsten der Schönheit wegen nach Scheerau sind
entführt worden und sie also die Stadt nicht kennen: so soll sie ihnen der
zehnte Ausschnitt vorzeigen.
 
                                 Zehnter Sektor
 Ober-, Unterscheerau - Hoppedizel - Kräuterbuch - Besuchbräune - Fürstenfeder
Es ist noch keinem Geographen und Oberkonsistorialrat das Unglück begegnet, das
Herr Büsching hatte, dass er in seinem topographischen Atlas ein ganzes gutes
Fürstentum ausliess, das auf der wetterauischen Grafenbank mit sitzt und Scheerau
heisset - das nach dem Reichsmatrikularanschlag 8/9 zu Ross und 92/3 zu Fusse und
zum Kammerzieler 21 Fl. l/19 Xr. gibt - das unter Karl IV. gefürstet wurde - das
seine fünf hübschen Landesstände hat, die allerhand zu sagen, aber nichts zu tun
haben, nämlich den Kommentur des deutschen Ordens, die Universität, die
Ritterschaft, die Städte und die Dörfer - und das unter andern Einwohnern auch
mich hat. Ich möchte nicht an der Stelle eines solchen Schreib-Mannes sein, der
sonst in jede Sackgasse mit seinem geographischen Spiegel kriecht, um sie
zurückzuspiegeln, der aber hier ein ganzes Fürstentum samt seinen fünf
paralytischen Landständen rein übersprungen hat; ich weiss, wie es ihn kränkt,
aber nun, da ich mit der Welt darüber gesprochen, ist ihm nicht mehr zu helfen.
    Die Hauptstadt Scheerau besteht eigentlich aus zwei Städten, aus Neu- oder
Oberscheerau, wo der Fürst residiert, und aus Alt- oder Unterscheerau, wo der
Rittmeister logiert. Ich meines Orts bin längst überzeugt, dass die Sachsenhäuser
nicht halb so weit von den Frankfurtern abstehen als die Altscheerauer von den
Neuscheerauern, in Ton, Gesicht, Kost und allem. Der Neuscheerauer hat Hofton
genug, um Anstand und Schulden und Wut zu ausserhäuslichen Freuden zu haben, und
doch wieder zu viel Kanzleiton (weil alle höchste Landeskollegien da sind), um
nicht überall steife Subordination entweder anzuerkennen oder abzufodern und um
nicht aus dem Kammerherrn in den Kanzelisten und Rechnungrevisor zurückzufallen.
Das sieht nun der Altscheerauer ein. Der Neuscheerauer hingegen sieht ein, dass
jener folgende Züge hat: wenn in China die Mäuler einer Tischgenossenschaft sich
wie ein Doppelklavier zu gleicher Zeit bewegen müssen; wenn in Monomotapa das
Land dem Kaiser nachzuniesen pflegt: so gehe man nach Altscheerau, wo es noch
viel besser ist; in derselben Minute müssen alle Gassen weinen, husten, beten,
laxieren, hassen und pissen - ihre Konduitenliste sieht wie eine Partitur aus,
aus der alle das nämliche Stück, nur mit verschiednen Instrumenten und Stimmen
spielen - (bloss in der Musik regiert sie einiger wahre Freiheitgeist, und keiner
bindet seinen Ellen- oder Fiedelbogen oder Tangenten sklavisch an seines
Nachbars seinen) - sie hassen schöne Wissenschaften so sehr wie sich
untereinander - unfähig, gesellschaftliches Vergnügen zu entbehren, zu
veranstalten, zu geniessen, unfähig zu wagen, einander offen zu hassen und zu
lieben und zu ertragen, bohren sie sich in ihre Geldhügel und achten öffentlich
den Reichsten und geheim den Verwandten oder gar niemand - ohne Geschmack und
ohne Patriotismus und ohne Lektüre ...
    Ich mach' es aber gar zu toll; kein Leser wird hinter dem Rittmeister einen
Fuss nach Unterscheerau setzen wollen. Ihr grösster Fehler ist, dass sie nichts
taugen; aber sonst sind sie fleissig, voll lauter Kaufleute, entaltsam und fegen
die Gassen und Gesichter hübsch. Residenzstädte haben wie Höfe
Familienähnlichkeit; aber Landstädte haben - je nachdem nicht kaufmännische,
militärische, juristische, bergmännische, seemännische Säfte in ihnen rinnen -
ein verschiednes Vollgesicht und Halbgesicht.
    Vor der überblechten Haustür des Professors der Moral Hoppedizel stieg die
Falkenbergische Schiffgesellschaft aus ihrer fahrenden Arche; sie hielt in des
Professors zweitem Stockwerk gewöhnlich ihr Winterquartier. Gleich hinter der
Haustüre stiess der Rittmeister auf ein tolles Melodrama. Nämlich der
Flössinspektor Peuschel lehnte sich an die Wand und vomierte und schimpfte; und
wechselte mit beidem regelmässig, wie mit Pentameter und Hexameter - Der
Professor der Moral schrieb mit einem uneingetunkten Finger ruhig die Züge
folgender Worte an die Wand, die er unaufhörlich ablas: »Ekelhaft wars wohl,
verteufelt ekelhaft!« - Jeden andern hätte ein eintretender alter Freund wie
Falkenberg sogleich in der ganzen Szene gestört; aber der Professor war nicht
aus seinem Spass zu ziehen, sondern hob seine Umhalsung in unverändertem Tone mit
dem Rapport des gegenwärtigen Vorfalls an: »gegenwärtiger Herr Flössinspektor
Peuschel«, begann Hoppedizel, »zeche gern, Wein nämlich - es habe nichts
verfangen, dass die Frau Inspektorin« denn schonende Diskretion war nie auf
Hoppedizels Lippen »ihn habe umbessern wollen durch einen lebendigen Frosch, den
sie in seinem Weine krepieren lassen. Er selber habe daher heute Hand angelegt,
ihm das Nippen zu verleiden. Denn er habe zum Glück einen Blasenstein - so dick
wie eine Muskatellerbirn - aus einem Universitätkadaver geschnitten; den hab' er
zu einer Trinkurne ausgebohret und Herr Peuscheln weisgemacht, aus Lava sei sie;
und heute habe er seinen vomierenden Freund echten ungarischen Ausbruch daraus
saugen lassen; damit es ihn nun geekelt und zu einem andern Ausbruch genötigt
hätte, hab' ers vor einem Paar Minuten dem Patienten klar dargetan, dass das
vulkanische Spitzglas wahrer Harn- oder Nierenstein gewesen. Und er hoffe, sein
Freund schlage sich das urinöse Steingut eine Zeitlang nicht aus dem Kopf.« Der
Professor ging den Inspektor an, ihm den Gefallen zu tun und, sobald der Ekel
nachliesse, heute abends in der Gesellschaft des Herrn Rittmeisters zu einem
Löffel voll Suppe dazubleiben.
    Man komme noch so oft in gewisse Häuser, so erblickt man alles revidiert und
umgesetzt und umgestürzt; aber im Hoppedizelschen am meisten; und des
Rittmeisters Winterlager sah immer aus wie ein Gartenhaus im Winter. Menschen
von feinem Gefühl bezaubern durch eine gewisse zärtliche Aufmerksamkeit auf
kleine Bedürfnisse des andern, durch ein Erraten seiner leisesten Wünsche, durch
eine stete Aufopferung ihrer eignen, durch Gefälligkeiten, deren seidenes
Geflecht sich fester und sanfter um unser Herz herumlegt als das schneidende
Liebeseil einer grossen Wohltat. - Hoppedizel bediente sich weder des Flechtens
noch Seiles und fragte nach nichts. Es war nicht Abwesenheit des feinen Gefühls,
sondern Ungehorsam gegen dasselbe, dass er - wenn der Rittmeister die erste Woche
Quartier und Verleiher verfluchte - dazu lachte.
    Der zarte Amandus bewohnte den ganzen Abend das Siechbett, und Gustav kroch
an seine Seite, um mit ihm zu spielen. Wie heitern uns im steinichten Arabien
der hassenden Welt Kinder wieder auf, die einander lieben und deren gute kleine
Augen und kleine Lippen und kleine Hände noch keine Masken sind!
    Am andern Tage nahm beide Kinder ein Zufall wieder auseinander. Der
Rittmeister führte sie durch alle Gassen der Stadt wie durch eine Bildergalerie
und hielt endlich mit den zwei Herzensmilchbrüdern vor seines Freundes, des
Doktor Fenks Hause still und sah sehnend das Gemälde desselben an - es bildete
eine Doktors-Kutsche vor mit einem Arzt innen, mit dem Tode vorn, der in die
Gabel eingespannt war, und mit dem Teufel oben, der auf dem Bock sass. - »Der
gute Narr«, dacht' er, »könnt' auch einmal aus seinem Italien abziehen und
seinen Freunden eine Freude machen!« Denn er wusste von seiner Ankunft nichts.
»Mandus! Mandus! lauf rauf!« schrie plötzlich ein zappelndes Mädchen oben und
kam selber gesprungen und zerrte und guckte am Kleinen. Der gutmütige
Rittmeister wanderte gern aus dem grossen Parterre den Kindern nach ins vertraute
Haus, und seine Verwunderung über alle Zeichen der Rückkehr Fenks endigte nichts
als der hereinbrechende Doktor selbst. Dieser prallte vom halben Wege zu seiner
Umarmung auf den kleinen Blinden zurück und riss unter Tränen und Küssen die
Bandage auf - besah die Augen lange am Fenster - und sagte nach einem tiefen
Atemzug: »Gott Lob und Dank! er wird nicht blind!« Erst jetzt schlug der Doktor
seine Arme mit doppelter Wärme um den Freund: »Verzeihs, es ist mein Kind!«
Gleichwohl nahm er Amandus wieder ans Licht und beschauete ihn noch länger und
sagte mit hinaufgezogenen Augenbrauen: »Bloss die Sclerotica scheint lädiert; die
Okulistin zapfte die wässerige Feuchtigkeit heraus. In Pavia sah ichs alle
Wochen an Hunden, denen die Zahnärzte (unsre medizinischen Lehnsvettern) die
Augen aufschnitten und eine dumme Salbe daraufstrichen. Wenn nachher die
Feuchtigkeit und das Gesicht von selber wiederkamen: so hatt' es die Salbe
getan.«
    Ich übergehe den Strom von gesprächiger und freudiger Ergiessung beider
Freunde, vor dem sie kaum mehr hörten und sahen, am wenigsten die Uhr - »Ach sie
kommen!« sagte Fenk, nämlich die Gäste. - Da meine Leser Verstand genug haben:
so können sie mich, hoff' ich, auserzählen lassen, eh' sie ihre Zornrute gegen
den bildlichen Steiss des Doktors hinter dem Spiegel vorholen. -
    Niemand als er hasste so brennend das Enge, das Unduldsame und Kleinstädtsche
der Unterscheerauer, womit sie sich ein so kurzes Leben verkürzten und ein so
saueres versäuerten. - »Mich ekelts, von ihnen gelobt zu werden«, sagt' er nicht
bloss, sondern er erboste auch gern mit dem schlimmsten Anstrich seiner reinsten
Sitten alles von einem Tore zum andern; indes vermocht' er aus Herzens-Weichheit
mehr nicht zu ärgern als die ganze Stadt in grosso, einen allein nie. Deswegen
grassierte er am zweiten Morgen seiner Ankunft wie eine Influenza von einem
Hause zum andern und bat alle Muhmen, Basen, Blutfeinde, Leute, die ihn nichts
angingen als die liebe Christenheit, z.B. den Flössinspektor Peuschel, den
Lottodirektor Eckert mit seinen vier Spätbirnen von Töchtern, und was nur
unterscheerauschen Atem hatte, das bat er sämtlich zusammen auf den Nachmittag,
auf eine Reiseseltenheit, nämlich auf ein Herbarium vivum, das er zeigen werde:
»es sei kein lebendiges Kräuterbuch, sondern etwas ganz Besondres, und von den
Gletschern wäre das Beste her.«
    Diese kamen eben jetzo alle - nicht weil sie das geringste nach einem
Kräuterbuch fragten, sondern weil sie es doch sehen wollten und die Haushaltung
des unbeweibten Doktors nebenbei. Ich muss den europäischen Höfen so viel
gestehen, dass sich die Landsmannschaft und Basenschaft mit Grazie hineinhustete,
hineinfegte und -räusperte; und den vier Spätbirnen fehlt' es nicht an Welt,
sondern sie machten statt der Verbeugung eine Vertiefung und bewegten sich sehr
gut steilrecht. Der Hauswirt trug alsdann zwei lange Kräuterfolianten herein und
sagte freundlich, er wolle gern alles herweisen - nun zündete er die Hölle an,
in die er die Gesellschaft warf - er kroch mit Raupenfüssen und Schneckenschleim
von Blatt zu Blatt des Buches sowohl als des Krautes - er zeigte nichts
oberflächlich - - er ging die Pistillen, die Stigmen, die Anteren eines jeden
Gewächses genau durch - er sagte, er würde sie ermüden, wenn er weitläufiger
wäre, und beschrieb also Namen, Land, Naturgeschichte eines jeden Grases ganz
kurz - - alle Gesichter brannten, alle Rücken brühten sich, alle Fusszehen
zuckten. - Vergeblich versuchte eine Base, dem blinden Amandus mit den Augen
nachzulaufen, um nur etwas Animalisches zu ersehen; der Kräuterkenner befestigte
sie an einen neuen Staubbeutel, den er gerade anpries. Schon bis an die
Pentandria hatte er seinen Klub geschleift, als er sagte: »Der heutige Abend
soll uns nahe um die Dodecandria finden; aber Schweiss und Fleiss kostets.« - Er
wurde beim allgemeinen Jammer über einen solchen Fegfeuer-Nachmittag,
dergleichen noch kein Scheerauer erlebt hatte, immer vergnügter und sagte, ihre
Aufmerksamkeit feuere am meisten ihn an. - Gleichwohl liessen sich die
botanischen Magistranden aus einem Blatte ins andere martern und wollten
verbindlich bleiben - bis der Rittmeister, ob er gleich den Scherz erriet,
teufelstoll wurde und fort wollte. Der Doktor sagte: »den zweiten Folianten
müsst' er ohnehin für eine andre Stunde versparen; aber er wünschte, sie kämen
bald wieder, das soll' ihm erst ein Beweis sein, dass es ihnen heute gefallen.«
Der blosse Gedanke an den zweiten Torturfolianten - wogegen der Teresianische
Kodex mit seinen Folterabrissen nur ein Taschenkalender mit Monatkupfern ist -
führte etwas von einem Fieberschauer bei sich. So hatten sie also einen ganzen
halben Tag schändlich ohne eine Verleumdung, ohne eine Erzählung verloren, die
hätte nach Haus können mitgebracht und von da weitergegeben werden. Die ältern
Damen besuchten Konzerte und Bälle gewöhnlich, aber gar nicht, um gesehen zu
werden, sondern um zu sehen und darin physiognomische Fragmente zur Beförderung
der Menschenkenntnis, obwohl nicht der Menschenliebe, auszuarbeiten; - ja sie
besuchten auch ihre erklärten Feindinnen gern, wenn über eine abwesende Feindin
loszufallen war, wie Wölfe, die einander fliehen, sich doch verbunden zum Tode
eines andern Wolfs. Ich habe immer mit Vergnügen bemerkt, wie ein Paar
Scheerauerinnen sich einander so herzlich und mit reiner Freundschaft dann
mitteilen, wenn sie gerade das geheimste Schlimme von einer dritten auszupacken
haben. Nur, wenn zwei auf dem Kanapee nicht mehr nebeneinander sitzen, sondern
sich die Gesichter statt der Hüften zuwenden, so mag ich der nicht sein, den sie
gerade handhaben.
  Extrazeilen über die Besuchbräune, die alle Scheerauerinnen befällt bei dem
                           Anblick einer fremden Dame
Männern schadet daselbst der Anblick einer fremden Dame wenig; bloss alle
Friseure und Barbiere kommen später als sonst; auf dem Billard zeichnen die
Queues oder die Tabakpfeifen ihre Gestalt in die Luft, und die Lehrer des
löblichen Gymnasiums hören gar nicht darauf - Hingegen die Weiber! -
    Auf der Insel St. Kilda geschieht, wenn ein Fremder da aus dem Schiff
aussteigt, ein Unglück, das noch kein Philosoph erklären konnte - das ganze Land
hustet seinetwegen1. Alle Dörfer, alle Körperschaften, alle Alter husten - kauft
sich der Passagier etwas ein, so umhustet ihn der Nährstand - unter dem Tor tuts
der Wehrstand; und der Lehrstand hustet in seine Lehren hinein. Es hilft gar
nichts, zum Arzt zu gehen - der bellt selber ärger als seine Kunden und ist sein
eigner Kunde ....
    In Unterscheerau ist dasselbe Unglück, aber grösser. Eine fremde Dame setze
ihren netten Fuss in das Postaus, in den Konzert- oder Tanzsaal, in irgendein
Visitenzimmer: sogleich sind alle Scheerauerinnen genötigt zu husten und - was
allzeit von einem schlimmen Hals herkommt - leiser zu reden - allen fliegt die
Bräune an, d.h. die angina vera. An den armen Damen erscheinen alle Zeichen der
giftigsten Halsentzündung, Hitze (daher das Fächern), Kälte, schweres Atemholen,
Phantasien, aufgeblähte Nasenflügel, steigender Busen. Kühlende Mittel, Wasser,
Entledigung der Luftröhren tun den Patientinnen noch die besten Dienste. Ist
aber (welches der Himmel abkehre) die eintretende Fremde die schönste - die
bescheidenste - die reichste - die geehrteste - die am meisten gefeierte - die
geschmackvolleste - so wird keine einzige Leidende im Krankensaale kuriert; ein
solcher Engel wird ein wahrer Todesengel, und man sollte am Tor gar keine Fremde
von Verdienst einpassieren lassen. -
    Die Besuchbräune grassiert wie jede andre am meisten im Herbste und Winter
unter den Winterlustbarkeiten und Wintergästen. - Diese Bräune schreibt Witz
oder Verstand zwei Gründen zu: erstlich den äussern oder Schalenverdiensten
(innern nie); so glaubt auch Unzer, dass Schaltiere auf den Hals am meisten
wirken, daher z.B. Austern schweres Schlucken, kalzinierte Krebse gegen
Wasserscheu, Dunst von Krebsen Stummheit, Skorpionen Zungenlähmung wirken. - Der
zweite Grund ist, dass Damen in einer Stadt wie auf einem Isolatorium wohnen und
dass, wenn eine Fremde, die mit ihnen sich nicht in Rapport gesetzt, die
manipulierten Clairvoyanten berührt, oder auch nur in der Ferne von ihnen steht,
diese lauter hässliche Empfindungen in allen Gliedern spüren.
                              Ende der Extrazeilen
Den weggehenden Scheerauerinnen gab Fenk nach dem botanischen Gottesdienste noch
die Nachricht als einen Altarsegen mit nach Haus, bei welchem er das Kreuzmachen
ihnen selber überliess: »dass die beiden Kinder, die man gesehen, den Kleinen und
die Kleine, keine andere Wiege gehabt als den Reisewagen; dass aber er
gegenwärtig Pestilenziarius samt Medizinalrat geworden; jedoch nur Frauen
kurieren wolle und mit der Zeit eine ehelichen, und er bitte inständig.« -
    Wenn die Unterscheerauer etwas, das süss, sauer und toll zugleich scheint,
vorbekommen: so horchen sie erstlich auf - dann lächeln sie an - dann sinnen sie
nach - dann sehen sie es nicht ein - dann mutmassen sie drei Tage darnach nichts
Gutes - und endlich werden sie darüber recht aufgebracht. Fenk fragte nichts
darnach und sagte von Zeit zu Zeit etwas, was sie nicht verstanden oder er
selber nicht.
    Er erklärte alsdann dem Rittmeister, und ich dem Leser, alles. Die
aufgeklebten Kräuter, sagt' er, hielten von nun an alle Basen und Tröpfe und
Visitenameisen von seiner Stube ab, wie umzäunender Hanf die Raupen vom
Krautfeld. - Seine Reisegeschichte und ein paar Rätsel daraus zeig' er nur halb,
weil man sich für die Menschen am meisten interessiere, an denen man noch etwas
zu erraten suche, und die neugierigen Patientinnen würden die seinigen sein. -
Ob er verheiratet sei, wiss' er selber nicht; und andere solltens auch nicht
wissen, weil man ihn in alle Häuser, wo ein Warenlager von Töchtern steht, als
Arzt hineinrufen werde, damit er als Bräutigam wieder herausgehe. - - Endlich
nehm' er deshalb nur weibliche Kranke an, weil diese die häufigsten wären; weil
man zu ihm für diese ausschliessende Praxis ein besonderes Zutrauen fassen würde;
weil dieses Zutrauen das ganze Dispensatorium eines Weiberdoktors sei; weil die
meisten Krankheiten der Weiber bloss in schwachen Nerven und deren ganze Kur in
Entaltung von - Arzeneien bestände; weil Apoteken nur für Männer, nicht für
Weiber wären und weil er sie ebensogern anbetete als kurierte.
    Ein anderer Punkt war der, wienach er so geschwind nach Scheerau und so
geschwind zum Medizinalrat gekommen. Es ist so: der Erbprinz, der jetzt auf dem
hohen Tronkutschersitz mit dem Staatwagen zum Teufel fahren wird, liebt
niemand; auf seiner Reise spottete er über seine Mätressen; seine Freundschaft
ist nur ein geringerer Grad von Hass, seine Gleichgültigkeit ist ein grösserer;
den grössten aber, der ihn wie Sodbrennen beisset, hegt er gegen seinen
unehelichen Bruder, den Kapitän von Ottomar, Fenks Freund, der zu Rom in der
schönsten natürlichen Natur sowohl als artistischen geblieben war, um im Genuss
und Nachahmen der römischen Gegenden und Antiken zu schwelgen. Ottomar schien
ein Genie im guten Sinne und im bösen auch. Er und der Erbprinz ertrugen
einander kaum in Vorzimmern und waren dem Duelle oft nahe. Nun hasset der
scheerauische Grossfürst auch den armen Fenk, erstlich weil dieser ein Freund
seines Feindes ist, zweitens weil er dem dritten Bruder des Erbregenten einmal
das Leben und mitin die Apanagengelder wiedergab, drittens weil der Fürst weit
weniger (oder gar keine) Gründe brauchte, um jemand zu hassen, als um zu lieben.
-
    Nun wäre der Doktor schon unter der vorigen Regierung, deren Magen uns
entgegenfuhr, gern Medizinalrat geworden; unter der künftigen Regierung, deren
Magen sich noch in Italien füllte, war wenig zu machen. Der Doktor suchte also
sein Glück noch ein paar Wochen vor der neuen Krönung festzupflanzen. Er fand
den alten Minister noch, der sein Gönner war und dessen Gönner der Erbprinz aus
dem Grunde wenig war, aus welchem Erbprinzen gewöhnlich glauben, dass sie die
Kreaturen des verstorbenen Vaters ebensowohl, nur delikater und langsamer unter
die Erde bringen müssen als wilde Völker, die auf den Scheiterhaufen des Königs
auch seine Lieblinge und Diener legen. Als Fenk kam, machte ihn der verstorbene
Regent zu allem, was er werden wollte; denn es war so:
    Da der selige Landesvater ein Landeskind im physiologischen Sinne geworden
war, d.h. wieder so alt, als er gewesen, da man ihm das erste Ordenband statt
eines Laufbandes umflochten, nämlich 61/2 Jahr: so wurde dem Fürsten das ewige
Unterschreiben seiner Kabinettdekrete viel zu sauer und zuletzt unmöglich. - Da
er indessen doch noch regieren musste, als er nicht mehr schreiben konnte: so
stach der Hofpetschierstecher seinen dekretierenden Namen so gut in Stein aus,
dass er den Stempel bloss einzutunken und nass unters Edikt zu stossen brauchte: so
hatt' er sein Edikt vor sich. Auf diese Weise regierte er um 15 Prozent
leichter; - der Minister aber um 100 Prozent, welcher zuletzt aus Dankbarkeit,
um dem geschwächten Fürsten sogar das schwere Handhaben des Stempels abzunehmen,
das schöne Petschaft (er zog es Michel-Angelos seinem vor) selber in sein eignes
Tintenfass eintunkte; so dass der alte Herr ein paar Tage nach seinem eignen Tode
verschiedene Vokationen und Reskripte unterschrieben hatte - aber dieser
Poussiergriffel und Prägstock der Menschen wurde der Legestachel und Vater der
besten Regierbeamten und laichte zuletzt den Pestilenziarius.
                       Extragedanken über Regentendaumen
Nicht die Krone, sondern das Tintenfass drückt Fürsten, Grossmeister und
Kommenturen; nicht den Zepter, sondern die Feder führen sie mit so vieler
Beschwerde, weil sie mit jenem bloss befehlen, aber mit dieser das Befohlne
unterschreiben müssen. Ein Kabinettrat würde sich nicht wundern, wenn ein
gequälter gekrönter Skribent sich, wie römische Rekruten, den Daumen amputierte,
um nur vom ewigen Namen-Malen, wie diese vom Kriege, loszukommen. Aber die
regierenden und schreibenden Häupter behalten den Daumen; sie sehen ein, dass das
Landeswohl ihr Eintunken begehrt, - das wenige Unleserliche aus
Kabinettbefehlen, was man ihren Namen nennt, macht wie eine Zauberformel
Geldkästen, Herzen, Tore, Kaufläden, Häfen auf und zu; der schwarze Tropfe ihrer
Feder dünget und treibet oder zerbeizet ganze Fluren. Der Professor Hoppedizel
hatte, da er erster Lehrer der Moral beim scheerauischen Infanten war, einen
guten Gedanken, wiewohl erst im letzten Monat: könnte der Oberhofmeister nicht
dem Unterhofmeister befehlen, dass er den Kron-Abcschützen, der doch einmal
schreiben lernen müsste, statt unnützer Lehnbriefe lieber mitten auf jedem leeren
Bogen seinen Namen schmieren liesse? - Das Kind schriebe ohne Ekel seine
Unterschrift auf so viele Bogen, als es in seiner ganzen Regierung nur bedürfe -
die Bogen legte man bis zur Krönung des Kindes zurück - und dann, fuhr er fort,
wenn es genau überschlagen wäre, wie oft ein Kollegium seinen Namenzug jährlich
haben müsste, wenn folglich am Neujahrtage die nötige Zahl signierter Ries Papier
zum Gebrauche aufs ganze Jahr den Kollegien zugeteilt würde: was hätte nachher
das Kind unter seiner Regierung für Not?
                             Ende der Extragedanken
Noch ein Wort: nach neun Wochen tat dem Doktor die Rache mit dem Kräuterbuche,
wie jedem guten Menschen die kleinste, wieder wehe. »Das Herbarium«, sagte er,
»ärgert mich, sooft ich hineinklebe; aber es ist gewiss wahr, ein Mann sei
immerhin durch alle Residenzstädte bescheiden passiert: unter dem Tor seiner
Vaterstadt fährt der Hochmutteufel in ihn und macht mit ihm die ersten Besuche -
seine guten Landsleute, will er haben, sollen während seiner Reise vernünftig
geworden sein.«
 
                                    Fussnoten
1 Sogar Kinder im Mutterleibe. S. Allgem. deutsche Bibl. Bd. 67. S. 138.
 
                                 Eilfter Sektor
                      Amandus' Augen - das Blindekuhspiel
Die Sympatie, welche Erwachsene in der ersten Viertelstunde ablaktiert, fügt
auch oft Kinder aneinander. Unser Paar lief einander täglich über vierzigmal in
die Arme und herzte sich. Ihr guten Kinder! seid froh, dass ihr eure Liebe noch
stärker ausdrücken dürfet als durch Briefe. Denn die Kultur schneidet dem
Ausdruck der Liebe das Gebet des Körpers immer kleiner vor - diese hagere
Gouvernante nahm uns erstlich den ganzen Körper dessen weg, den wir lieben -
dann die Hand, die wir nicht mehr drücken dürfen - dann die Knöpfe und die
Achseln, die wir nicht mehr berühren dürfen - und von einer ganzen Frau gab sie
uns nichts zum Küssen zurück als (wie ein Gewölle) den Handschuh: - wir
manipulieren einander jetzt alle von ferne. - Amandus hing mit seinem mehr
weiblichen Herzen an Gustavs mehr männlichem mit aller der Liebe, die der
Schwächere dem Stärkern reichlicher gibt, als er sie ihm abgewinnt. Daher liebt
die Frau den Mann reiner; sie liebt in ihm den gegenwärtigen Gegenstand ihres
Herzens, er in ihr öfter das Gebilde seiner Phantasie; daher sein Wanken kommt.
Dieses Vorredchen soll nur eine Anfurt zu einer kleinen Schlägerei zwischen
unserem kleinen Kastor und Pollux sein.
    Sie waren nämlich ungern so lange auseinander, als die Augen auf- und
zugebunden wurden. Sooft der Verband wegkam, stellte sich Gustav vor ihn und
verlangte durchaus, er sollte ihn sehen, und tat seinen Finger sich an die Nase
und sagte: »Wo tipp' ich jetzt hin?« Aber er examinierte den Blinden nicht
sehend. Nach einer wöchentlichen Abwesenheit fuhr Amandus auf ihn zu: »Schieb
mein Band auf,« sagte er, »ich kann dich gewiss auch sehen wie meinen
Katzenheinz!« Da Gustav es aufgelüftet hatte und da er wirklich in das Auge des
operierten Freundes einging, ganz wie er war, mit allem, mit Rock, Schuhen und
Strümpfen: so war er froher als ein Patriot, dessen Fürst die Augen oder den
Verband aufmacht und ihn sieht. Er inventierte sein ganzes Bilderkabinett vor
seinen Augen mit einem ewigen »Guck!« bei jedem Stück. Aber weiter! Die Welt
wird wenig davon wissen - die kleinen Partikelchen derselben ausgenommen, die
Kinder, von denen eben ich reden will -, dass diese bei Hoppedizel Blindekuh
gespielet. Ein fatales Spiel! wenn Mädchen dabei sind, wie hier war, zumal so
schlimme wie des Professors seine! Amandus liess sich in das Spiel ein und rannte
hinter seinem Schnupftuch, das weibliche Pfiffigkeit über seine Augen gefaltet
hatte, im Zimmer umher, nichts fangend als entkörperte Kleider. Zum Unglück
stiessen die Mädchen unter dem Ofen, worunter sie gegen alle gute Spielordnung
geschlichen waren, auf die volle Milchschüssel des Spitzhundes. Da sie nun
damals zu wenige Moralphilosophen gelesen, obgleich deren genug gesehen hatten:
so schoben sie, aus Mangel an reiner praktischer Vernunft, die Schüssel so weit
leise vor, dass der greifende Häscher ohne Mühe hineintrampelte und drüberschlug.
Gustav musste als Kind ein wenig lachen. Auf ihn schoben es die Sünderinnen und
riefen: »O du! wenn nun Amandus ein Unglück genommen hätte!« Er riss sich von den
nassen Scherben auf und puffte dem Gustav, der ihn tröstend bei den Händen
fasste, ein wenig hinten ans Schulterblatt, da, wo nach den Kompendien der
Milchsaft mit dem Blut zusammenrinnt. »Ich hab's doch nicht hingestellte«, sagt'
er. - »Ja, ja! und hast mir nichts gesagt«, versetzte der Blinde und stiess ihn
wieder, aber heftiger und doch weniger zornig. - »Schlag immer! ich hab' dir
nichts getan«, und die Stimme brach meinem guten Helden - jener schlug wieder
nach und sagte: »Ich bin dir auch gar nimmer gut«, aber so, als würd' er
sogleich zu weinen anfangen. - »Ach du hast dir gewiss einen Splitter
eingestochen?« fragte Gustav mit der mitleidigsten Stimme - mitten im Versuch zu
einem neuen Stosse glitt die dünne Eisrinde vom erwärmten Herzen Amandus'
herunter, er umfasste den Unschuldigen und sagte unter hellen Zähren: »Du hasts
ja nicht getan, und ich geb' dir all meine Spielware: schlag mich doch recht!«
und schlug sich selber. - - Bloss die Empfindung der Liebe kämpft mit solchen
bittersüssen Sonderbarkeiten. Amandus gestand oft, noch immer wandle ihn, wenn er
jemand unrecht getan, mitten in seiner Kränkung darüber die Neigung an,
fortzubeleidigen, um sich selber so weit fortzukränken, dass er endlich vor
Schmerz sich mit der heissesten Liebe ans versehrte fremde Herz werfen müsste.
Aber, o lieber Amandus! wenn gerade ein Pädagog in Gestalt einer Moral die Tür
aufgemacht hätte! -
    Man muss niemals glauben, als wollt' ich hier persönlichen Groll an
sämtlichen Hofmeistern auslassen: denn erstlich hatt' ich gar niemals einen
Hofmeister, zweitens war ich selber einer und ein rechter.
 
                                Zwölfter Sektor
              Konzert - der Held bekommt einen Hofmeister von Ton
Ich habe mich in einen neuen Ausschnitt begeben, weil ich darin dem Leser eine
neue Person zu präsentieren habe - den Hofmeister meines Helden.
    Ich brauche keinen Menschen daran zu erinnern, dass der Rittmeister ein so
närrisches, bald zu gefügiges, bald zu sprödes, moralisierendes, mutloses Ding,
als ein Informator ist, in Scheerau suchte, damit sein Kind zu gleicher Zeit mit
dem Lande einen Regenten bekäme. Nun hatt' er eine Pate da, welche advozierte,
musizierte, badinierte, lorgnierte und Welt hatte; aber er hatte nicht den Mut,
ihr in einem Pädagogium, dessen Schuljugend auf einen Mann belief, die
Lehrstelle anzutragen. Ich will es nur heraussagen, dass ich selber diese Pate
und diese neue Person bin; aber es wird meiner Bescheidenheit mehr zustatten
kommen, wenn ich mich in einem Sektor, wo ich so viel zu meinem Lobe vorbringen
muss, aus der ersten Person in die dritte umsetze und bloss sage Pate, nicht ich.
    Diese Pate blies im Unterscheerauer Konzert, um mit der Flöte in die
Sphärenstimme eines sehr jungen Fräuleins von Röper zu spielen, dessen Kehle
sich oft kaum von der Flöte scheiden liess. Die ganze Seele dieses Mädchens ist
ein Nachtigallton unter Blütenüberhang; der Leib desselben ist eine fallende
himmelreine Schneeflocke, die nur im Äter dauert und auf dem Kot des Bodens
zerläuft. Dem Flötenisten fiel während den Pausen ein schönes, in phantasierende
Aufmerksamkeit verlornes Kind in die Augen und auf das Herz: Gustav wars. Der
erste Blick nach der Begleitung war auf die Nachbarschaft des Kindes, um den
Eigner desselben zu finden - der erste Schritt, den die Pate tat, war zur andern
Pate, zum Rittmeister, dessen Freundschaft mit mir bekannt genug ist. Das
männliche Geschlecht ist glücklicher und neidloser als das weibliche, weil jenes
imstande ist, zweierlei Schönheiten mit ganzer Seele zu fassen, männliche und
weibliche; hingegen die Weiber lieben meistens nur die eines fremden
Geschlechts. Ich hab' aber vielleicht zu viel Entusiasmus für die erhabne
männliche Schönheit, so wie für poetische Schwärmerei, ungeachtet ich wenigstens
letzte selber nicht habe. Aus Gustav wirkte die doppelte Zauberei auf mich, ich
vergass alle Zauberinnen des Konzerts über den Zauberer; aber ich ward am Ende
traurig, dass ich dem Schönen mehr Blicke als Worte abzuschmeicheln vermochte.
Auf das Konzert gab ich, gleich andern Zuhörern, ohnehin nur so lange acht, als
ich selber ein Mitarbeiter war oder als eine meiner Schülerinnen spielte; denn
die Scheerauer Konzerte sind bloss in Musik gesetzte Stadtgespräche und
prosaische Melodramen, worin die Sesselreden der Zuhörer wie gedruckter Text
unter der Komposition hinspringen. Übrigens unterzeichnen wir auf unsere
Konzerte mehr unserer Kinder als unserer selber wegen; die musikalische
Schuljugend bekommt darin einen Tanz- und Tummelplatz ihrer Finger, und von
meinen artistischen Katechumenen kantschuet wöchentlich wenigstens einer den
Flügel. Ich frische die Eltern dazu an und sage, in einem solchen Konzertsaal
lernen die Kleinen Takt, weil da nicht nur genug, sondern auch überflüssig Takt
ist, indem jeder dasige Musikoffiziant seinen eignen originellen pfeift, hackt,
streicht, stampft, den erstlich kein anderer neben ihm pfeift, hackt, streicht,
stampft und den er zweitens selber von Minute zu Minute umbessert. »Und wenn
auch das nicht wäre,« sag' ich, »so ist doch wahrer musikalischer Ausdruck im
Überfluss da; jeder drückt darin seine Empfindungen, die der Verlegenheit, des
Erstarrens, auf seinem Instrumente aus; und Bachs Regel, Dissonanzen stark und
Konsonanzen schwach vorzutragen, weiss in einem Saale jeder, wo die Konsonanzen
so sanft eingeschmolzen werden, dass man fast keine hört und nur die Dissonanzen
zu vernehmen meint.«
    Am andern Morgen flog ich unfrisiert zum Rittmeister und - da ich den guten
Kleinen um keinen niedern Preis erhalten konnte - brachte ihn ganz ans erste
Ziel seiner Reise hinan, nämlich das, einen Hofmeister mitzubekommen. Man muss
nicht denken, dass ich Informator geworden, um Lebensbeschreiber zu werden, d.h.
um pfiffigerweise in meinen Gustav alles hineinzuerziehen, was ich aus ihm
wieder ins Buch herauszuschreiben trachtete; denn ich brauchte es erstlich ja
nur wie ein Romanen-Manufakturist mir bloss zu ersinnen und andern vorzulegen;
aber zweitens damals wurde an eine Lebensbeschreibung gar nicht gedacht.
    Mir ist weit weniger daran gelegen, meine scheerauischen Verhältnisse
bekannt zu sehen, als der Welt; denn ich kenne sie schon. Aber die Welt nicht.
Ich formierte eine Dreieinigkeit von Personen da: ich war Klaviermeister,
Rechtskonsulent und Weltmann. Drei närrische Rollen! - Ich studierte in der
Stadt, die sonst die grössten Juristen und jetzo die kleinsten Hunde liefert, in
Bologna, zwei ganz entgegengesetzte Lieferungen, wie Paris sonst die Universität
aller europäischen Teologen war, jetzo der Philosophen. In Paris war ich auch,
hätte auch da ein geschickter Parlamentsadvokat werden können; ich wollt' aber
nicht und nahm nichts daraus mit (so wie aus Bologna und aus einigen deutschen
Reichsstädten) als die schwarze juristische Kleidung, die ihren Grund hat; denn
da unsere Klienten uns ernähren und bezahlen und mehr Recht und Not als Geld
behalten: so trauern wir Patronen um sie schwarz; hingegen bei den Römern legten
die Klienten, die mehr bekamen als gaben, für den Patronus, wenn es ihm schlimm
erging, Trauerkleider an.
    Zweitens war ich Klaviermeister, aber vielleicht kein gesetzter; denn ich
verliebte mich im ersten Quartal in alle meine Schülerinnen (für Schüler dankte
ich) und richtete mich nach meinen Stunden mit meinen Empfindungen. Ich hegte
wahre Zärtlichkeit, erstlich gegen eine Dame von Rang, die ich nie
kompromittieren werde - zweitens gegen ihre Schwester, eine Äbtissin, weil sie
Generalbass bei mir lernte - drittens gegen *** - viertens gegen die Hofkaplänin,
die zwar hektisch, aber geschmackvoll ist und die eher zu viel als zu wenig
Zieraten an (nicht auf) dem Klaviere liebte und es auf das schönste wichste,
überzog und aufstellte - fünftens in die Residentin von Bouse, die gar nicht
einmal die Sache weiss und an deren Hüften und Reizen ich ordentlich vor
Bewunderung dumm wurde, bis ich zum Glück ihre allgemeine Koketterie und ihre
Untreue gegen ihren Inkognito-Liebhaber verspürte - sechstens in den ganzen
Scheerauer Hof, wo ich nach dem Recht der toten Hand den Empfang einer
lebendigen Hand, die eine Schülerin der meinigen werden wollte, für eine
Investitur zum ganzen Herzen und Vermögen ansah - siebentens sogar in ein wahres
Kind, in Beata (die obgedachte Tochter von Röper), für welche ich alle Wochen
einmal bei schlechtem Wetter und ebenso schlechtem Honorar aufs Land lief und
bei der an gar nichts anders zu denken war als an Liebe - kurz in alles, in
Laubknospen, Blütknospen, Blüten und Früchte verschiesset sich ein Mensch, der
ein Klaviermeister ist.
    Nun kommt der Weltmann. Ich kann mich zwar meinen Lesern (wovon ich mir die
Volkmenge und richtigere Tabellen wünschte) nicht persönlich zeigen; aber die
Scheerauer, denen dieses Blatt vorkommt, werden hier aufgefordert, ihre Gedanken
zu sagen und abzuurteln, ob ein Mann, der der grossen Welt täglich drei
Klavierstunden gibt, mehr ihr Lehrer als ihr Schüler ist. Anstand, Gang,
geschmackvoller Anzug, Attitüden, steilrechte, waagrechte und quere, sind zwar
nicht die geforderten Vorzüge des Autors, obwohl des feinen Gesellschafters, und
können nicht gedruckt werden; aber ich verfechte nur so viel: bloss an einem Hofe
lernt mans, zumal bei einigem Einfluss, und wenn man mitspielt, es sei am
L'hombretisch oder am Klaviertisch1, der, wie manche Brust am Hofe, unter der
stummen Holzplatte ein holdes Saitenspiel verbirgt. Wenn man freilich wieder in
seinem Museum auf- und abgeht, unter grossen Büchern und grossen Männern,
begleitet von der ganzen republikanischen Vergangenheit, emporgerichtet zur
tiefen Perspektive der unendlichen Welt hinter dem Grabe: so verachtet selber
der Inhaber seine Konchylien-Vorzüge; er fragt sich: gibt es nichts Bessers als
über seinen Körper (anstatt über Leidenschaften) Herr zu sein und ihn so leicht
zu tragen wie nach den drei ersten Gläsern Champagner - seinen Ton in den
allgemeinen Ton hineinzustimmen, weil an Höfen und Klavieren keine Taste über
die andre hinausklingen darf - auf dem dünnen schaukelnden Brette der weiblichen
Launen so fliegend wegzueilen, dass unsere Tritte die Schwankungen bloss begleiten
- schön zu tanzen und zu gehen, soweit es mit einem langen Bein tunlich ist
(denn freilich wenn ein Klaviermeister mit einem Kurzbein zu kämpfen hat: so mag
der Henker auf beiden so zierlich aufstehen wie der Prinz von Artois) - kurz
allen Verstand zu Narrheit zu sublimieren, alle Wahrheiten zu Einfällen, alle
Kraftgefühle zu pantomimischen Nachäffungen? - - Nichts Bessers, fragt der
Läufer im Museum, gibt es? -
    - Etwas viel Bessers gibts: ein Informator zu werden in Auental bei so
einem Himmel-Kinde, wie Gustav ist, und den ganzen Spuk drucken zu lassen. -
 
                                    Fussnoten
1 Ich meine ein in die Gestalt eines Tisches verstecktes Klavier.
 
                               Dreizehnter Sektor
       Landestrauer der Spitzbuben - Scheerauer Fürst - fürstliche Schuld
Der Kronprinz, auf dessen Zahlen der Rittmeister wartete, war noch auf der
ausländischen Kunststrasse, von der er auf den Tron wie auf einen Turm
hinauffuhr. Drei arme Spitzbuben hielten ihren Einzug noch früher als er. Es
kann erzählet werden: Seitdem Tode des Höchstseligen - der Papst ist der
Allerseligste - wurde eine Kirche um die andre im Scheerauischen nicht
ausgestohlen, sondern ausgekleidet; die Kirchendiebe schälten bloss das
Landtrauertuch, das unsere Kanzeln und Altäre anhatten, wieder ab. Die Kirchner
und Kantores fanden alle Morgen skalpierte heilige Stätten, und die Pfarrer
mussten darin stehen in dem Frühgottesdienst. Nun hatte neulich der
Geldgreifgeier, Kommerzien-Agent Röper, in der Maussenbacher Kirche Altar und
Kanzel am Busstage mit einem Frack von schwarzem Tuch - buntes war ihm nicht
heilig und wohlfeil genug - übersohlen lassen. Diese schwarze Emballage blieb
daran als Landtrauer. Der alte Röper hatte mitin wenig Schlaf mehr, weil er
besorgte, die Kirchen-Greifgeier zögen dem Maussenbacher Altar das Ehrenkleid aus
und nähmen den mit silbernen und seidnen Lettern aufs Tuch genähten Schuldschein
mit, welcher besagte, wer alles hergeschenkt. Sein Gerichtalter Kolb, dem ein
Diebfang Zobelfang und Perlenfischerei ist, umgab daher die Kirche mit allerlei
Falkenaugen; es wäre auch nichts gewesen, wenn nicht der Falkenbergische
Bediente Robisch am Sonntage abends, sobald die Kirche zugeschlossen war, zum
Schulmeister gesagt hätte: »er solle sie zulassen, er habe die Kirchleute
gezählet, und drei wären nicht mit herausgegangen.« Kurz man blockierte den
Tempel bis nachts und - zog glücklicherweise drei versteckte Tuchkorsaren aus
dem Andachtorte heraus. Am Morgen erstaunt alles, die drei Kirchgänger fahren
auf einem Leiterwagen zum Scheerauer Tor hinein und haben sämtlich schwarze
Röcke und Unterkleider an - abends sind sie verschwunden. Für den Hof (wenn er
nicht noch geschlafen hätte) wars ein hässlicher Prospekt, dass eine Räuberbande
so gut wie er Hoftrauer angelegt und sich deswegen die Trauergarderobe aus
Kirchen gestohlen hatte.
    »Henken sollte man dich,« sagte der Rittmeister zu seinem Kerl - »arme Diebe
ins Unglück zu bringen, die keinem Menschen etwas nehmen, sondern nur Kirchen.«
- »Aber für solche Schufte« (sagt' ich) »gehört doch auch keine Hoftrauer, schon
des Aufwands wegen. Warum darf man überhaupt nicht seinen leiblichen Vater1,
aber wohl den Landesvater betrauern? - - Oder warum verstattet die Kammer den
Landeskindern noch das Weinen, da doch das die Tränendrüsen des Staats erschöpft
und da die Tränen noch steuerfrei sind?« -
    »Sie greifen zu weit,« sagte der Rittmeister; »gerade so wie bisher muss die
zeitige Regierung bleiben, wenn sie sich von allen vorigen durch die Sorgfalt
auszeichnen soll, womit sie über unsern Flor, über alle unsere Pfennige und
Pulsschläge wacht.«
    »Die Negermarketender« (sagte der Doktor, aber unpassend genug) »wachen noch
mehr; denn einen Sklavenhandelsmann kümmert die Unpässlichkeit eines solchen
Stück-Menschen oder Sklaven mehr als seiner Frau ihre. Sogar Bewegung und Tanz
soll sein menschlicher Viehstand haben, und er prügelt ihn dazu.«
    »Ackerbau,« (fuhr er fort) »Handel, Fabriken, Volksreichtum und
Volkswohlleben sogar, kurz die Körper der Untertanen kann der schlimmste Despot
erheben und nähren - aber für ihre Seelen kann er nichts tun, ohne alles wider
seine zu tun.«
    Ich bin oft auf den Gedanken gefallen, ob nicht die Trauerordnungen oder
-abordnungen haben wollen, dass der pfiffige und traurige Staatsbürger die
Erlaubnis der Landtrauer benütze und seine Haustrauer mit ihr zusammenwerfe.
Könnt' er nicht seinen Einzelkummer über die Sterblichkeit seiner Tanten, seiner
Vettern aufheben, bis ein allgemeiner einfiele, und so, wenn das Land den
Kondolenzflor um Arm und Degen gewickelt hätte, alles in Pausch und Bogen
wegtrauern und sich hinter dem nämlichen Flor über eine Landsmutter und eine
Stiefmutter betrüben? Höfen wär's leicht. Ja könnten diese nicht in der
Landestrauer ihre Sippschaft gar voraus betrauern? Könnte man überhaupt nicht
die ganze Narrheit bleiben lassen? -
    Mein neuer Landesherr stieg endlich aus dem Reisewagen auf den Tron und
verwechselte den Kutschenhimmel mit dem Tronhimmel. Der Rittmeister hielt vor
der Krönung eine Bittschrift bereit, worin er so trotzig wie ein Sattler sein
Geld verlangte; nach der Krönung hatte der Fürst wie ein Demant so viel
Feuerglanz aus seiner Krone und seinem Zepter eingeschluckt, dass sein Gläubiger
vom Gerichtalter ein neues Memoriale machen liess und bloss um die Zinsen
anhielt. Da er nichts bekam, nicht einmal eine Resolution: so wollt' er mehr
fordern. Denn er bedachte nicht, dass unsere regierende Broterrn in Scheerau
selten Geld haben. Wenn wir ausserordentliche Gesandtschaften bekommen oder
senden, wenn wir taufen oder begraben lassen, der Kriege gar nicht zu erwähnen:
so haben wir wenig oder nichts als - Extrasteuern, diese metallischen Stützen
und Klammern des mürben Trones. In dem Kammerbeutel deuten wir, wie in der
Heraldik, das Silber durch leeren Raum an.
    Aber dem Schuldner und Gläubiger war bald geholfen. Letzter, der
Rittmeister, marschierte als Cicerone mit seinem Gustav durch das Kadettenhaus
und zeigte ihm alles, um ihm alles zu loben, weil er mit seinem Kopf einmal in
einen Ringkragen hinein sollte - als der junge Fürst auch ankam und auch alle
Gemächer besah, nicht um alles wieder auf dem nächsten Sattel zu vergessen,
sondern um gar nichts zu bemerken. Es tat mir leid - denn ich war auch
mitgekommen -, dass jeder Professor sich darauf verliess, der Regent zähle, wenn
nicht jedes Haar auf seinem Haupte, doch jede Locke an seiner Perücke; denn er
wurde nicht einmal meiner und meines Anstandes ansichtig; aber ganz natürlich,
da ihm ein solcher Anstand in den feinsten Sälen aller Länder schon etwas Altes
geworden war. Er trug - denn wie lang' war er vom Reisen heim? - den Fürstenhut
mit der Ungezwungenheit eines Damenhutes; keine lange Regierung hatte noch die
Krone finster hereingedrückt, und die geraden Menschen brachen sich in den
Medien, Feuchtigkeiten und Häuten seines Auges noch nicht zu krummen
Baugefangnen. Seine Worte bot er mit der Freigebigkeit eines Weltmanns noch wie
Schnupftabak herum. Endlich erhielt auch Falkenberg eine Prise. Ich sehe meine
beiden Prinzipale noch gegeneinander stehen - meinen adeligen und verborgenden
Prinzipal mit dem festen, aber gehorchenden Anstande eines Soldaten, in
Embonpoint und aufquellende Muskeln gedrückt, und mit dem leichtgläubigen
Wohlwollen, das gutmütige Menschen für jeden hegen, der gerade mit ihnen spricht
- den gekrönten und insolventen Prinzipal aber mit dem malerischen Anstand,
worin jedes Glied sich in den andern hinein verbeugt und worin selbst die
Stellung eine fortdauernde Schmeichelei ist, mit einem vielblätterigen
Faltenwurf im lahmgespannten Gesicht, mit einer Gefälligkeit, die weder
verweigert noch hält. Meine Pate sah die allgemeine Gefälligkeit des Kronträgers
für eine ausschliessende gegen sich an; sie dachte, er tue seine Fragen, um eine
Antwort zu haben; und als vollends mein gnädigster Fürst und Landesherr geäussert
hatten: »der kleine Gustav sei hier an seiner Stelle, er interessiere durch sein
air de reveur stärker, als man sich selber die Rechenschaft zu geben wisse, und
man würde ihn, sobald er für diese Zimmer gross genug wäre, dem Vater mit 13000
Rtlr. Handgeld abkaufen«: so war der Rittmeister ausser sich, oder vielmehr aus
seiner Bitte; seine Bittschriften wurden Dankadressen; sein Wunsch war, dass ich
schon acht Jahre Hofmeister bei ihm gewesen wäre; seine Hoffnung war, das Geld
komme nach; und der wahre Vorteil war, dass der Sohn ins beste deutsche
Kadettenhaus käme.
    Man tut mir keinen Gefallen, wenn man ihn auslacht. Freilich schwur er auf
seinem Schloss, »Hofleuten traue er keine Hand breit und die ganze Nation
stink' ihn an«; hingegen solchen Hofleuten, mit denen er gerade zu tun hatte,
traut' er mehr - allein militärische Unwissenheit der Rechte ist bei ihm an
vielem schuld; wie soll er als Soldat wissen, dass ein Fürst zu keiner Bezahlung
verbunden ist? - Vielleicht ists nicht einmal allen Lesern so bekannt, als sie
vorgeben werden. Ein Regent braucht aus drei Gründen nicht einen Heller zu
bezahlen, den er seinen Landeskindern abgeliehen (borgte sein Herr Vater: so
versteht sichs von selber). Erstlich: ein Gesandter, er sei vom ersten oder
dritten Rang, stiesse die ältesten Publizisten vor den Kopf, wenn er seine
Schulden abtrüge; nun kann er, der ja der blosse Repräsentant und die abgedrückte
Schwefelpaste des Regenten ist, unmöglich Rechte haben, die dem Urbilde abgehen,
folglich wird nicht bezahlt. Zweitens: der Fürst ist - oder wir dürfen unsern
akademischen Nachmittagstunden kein Wort mehr glauben - der wahre summarische
Inbegriff und Repräsentant des Staates (wie wieder der Envoyé ein Repräsentant
des Repräsentanten ist oder ein tragbarer Staat im kleinen) und stellet folglich
jedes Staatsglied, das ihm einen Kreuzer leihet, so vor, als wenn ers selber
wäre; mitin leihet er sich im Grunde selber, wenn ein solches zu seinem
repräsentierenden Ich gehöriges Glied ihm leihet. Gut! man gesteht es; aber dann
gestehe man auch, dass ein Fürst sich so lächerrlich machen würde, wenn er seinen
eignen Landeskindern wieder bezahlen wollte, als sich der Vater des Generals
Sobouroff machte, der die Kapitalien, die er sich selber vorstreckte, sich
ehrlich mit den landesüblichen Interessen heimzahlte und sich nach dem
Wechselrecht bestrafte. Woher käm' es denn als aus der Verwandtschaft mit dem
Trone und dessen Rechten, dass sogar Grosse im Verhältnis ihres Standes und ihrer
Schuldenmasse fallieren dürfen? Oder warum ist ein gerichtliches Konsens- oder
Hypotekenbuch der richtigste Hofadresskalender oder almanac royal? -
    Drittens: der geflickteste Untertan kann sich von seinem Fürsten
Anstandbriefe oder Moratorien verschaffen; wer soll sie aber dem Fürsten geben,
wenn ers nicht selber tut? Und tut ers Gewissens halber nicht: so kann er sich
doch wenigstens alle fünf Jahre ein erneuertes Quinquennell bewilligen.
    Einen vierten Grund wüsst' ich aber nicht.
 
                                    Fussnoten
1 Im Scheerauischen war damals, wie in noch einigen Staaten, den Untertanen alle
Trauer verboten.
 
                               Vierzehnter Sektor
                  Eheliche Ordalien - fünf betrogene Betrüger
Einen Hofmeister hatte Falkenberg also jetzt und die Hoffnung der 13000 Rtlr.
und eine Kadettenstelle für seinen Sohn - Rekruten braucht' er nur noch. Auch
diese führte ihm und seinen Unteroffizieren der Maulwurfs-Moloch Robisch
reichlich zu; ich weiss aber nicht, was die Kerle wollten, dass sie, wenn Robisch
seinen Kuppelpelz und sie ihr militärisches Patengeld hatten - mit letztem
meistens davongingen. Im Maussenbacher Wald fielen Diebe den Transport an, und
nach dem Ende der Schlacht waren Feind und Transport vom Schlachtfelde geflohen.
Den Rittmeister drückt' es sehr, weil er, der für sich und seine Familie nicht
die nützlichste Ungerechtigkeit beging, zuweilen auf dem Werbplatz eine kleine
verstattete.
    Dem stillen Gustav machte der laute Stadtwinter die längsten Stunden. Er sah
keine weisse Kopfbinde und kein schwarzes Lamm vorbeitragen, ohne auf einem
Seufzer hinüber zu seinem zauberischen Wall und unter seine Sommerfreuden
zurückzufliegen. Wenn ihn die ungezogne Nachkommenschaft Hoppedizels für dumm
hielt, weil er nicht listig, für stolz, weil er nicht laut war: so stillte er
das Bluten seines Innern, das verlacht und geneckt wurde, mit dem Gedanken an
die Menschen, die ihn geliebt hatten, an seinen Genius und an seine Schäferin.
Um seinen Amandus hätt' er so gern eine andere als Hoppedizelische Nachbarschaft
gehabt, so gern die Fluren und den freien Himmel seiner Heimat! - Er liebte das
Stille und Enge neben sich und das Unermessliche in der Natur. O wenn du bei mir
bist, Trauter, wie will ich dich schonen und lieben! Dein Auge soll nie trübe
neben meinem Lehrstuhle werden, dein Herz nie schwer! Du zarte Pflanze sollst
nicht mit einschneidendem Bindfaden um mich wie um eine richtende Hopfenstange
geschnüret sein, sondern mit lebendigen Efeuwurzeln sollst du selber mich als
etwas Lebendiges umfassen!
    Überhaupt hatte man im Hoppedizelischen Hause ein verdammtes Hundeleben, wie
ich selber oft sah, wenn ich und der Hausherr einander über die ersten
Prinzipien der Moral bloss moralisch bei den Haaren hatten: denn alles hatte da
einander dabei, aber physisch, ein Hund den andern - die Knaben die Mädchen -
die Dienerschaft einander - die Herrschaft die Dienerschaft - der Professor die
Professorin, wovon ein merkwürdiges Faktum abgedruckt werden soll - und alle
diese einander wechselseitig nach der Vermischrechnung. - Zum Unglück hatte
Hoppedizel nie Achtung für irgendeinen Menschen (mitin Verachtung auch
nicht);er borgte alles, besudelte alles, kompromittierte jeden, verzieh jedem
und zuerst sich. Im Winterquartier des Rittmeisters waren die ölfarbigen Tapeten
(Elle zu 24 Gr.) eine spanische Wand zwischen des Rittmeisters leerem Raum und
zwischen der Wanzen Wandspalten; der Ofen war gut, aber wie der Babylonische
Turm ohne Kuppel; die Zimmerdecke drohte (wiewohl gleich manchen Tronhimmeln
schon lange ohne Schaden) einzubrechen und den grössten Philosophen die Köpfe
einzuschlagen, die von Stein auf dem Spiegeltische standen. Er hatte oft darum
wenig Zarteit für die Leute, weil er sich darauf verliess, dass sie deren zu
viele hätten, um die Unsichtbarkeit der seinigen zu rügen - in Unterscheerau
machen wirs nicht anders. Aber nun kommt der Zufall, der uns alle eher daraus
wegtrieb.
    Der Professor hatte nämlich, wie die meisten Leute, keinen Geschmack in
Möbeln; am liebsten stellte er die besten unter die elendesten, die feinste
Pissvase unter ein Grossvaterbett und gegenüber einem sandigen Waschgefäss, eine
geputzte Livree seines Bedienten hinter versäumten Anzug seiner Kinder u.s.w.
Nun beging er allemal einen Friedensbruch an seiner Frau dadurch, dass er nie
leer heimkam; er hatte immer etwas erhandelt, das nichts taugte; er hatte die
Schwachheit unzähliger Männer, sich weiszumachen, er verstände die Haushaltkunst
so gut wie die Frau, wenn er nur anfangen wollte - Sachen, die man lange treiben
sieht, glaubt man zuletzt selber treiben zu können - Sie hatte die Schwachheit
unzähliger Weiber, sich vorzuschmeicheln, der Eheherr sei ein wahrer Ignorant im
Haushalten und könn' es nicht einmal erlernen, wenn er auch wollte. »Red' ich in
deine Büchersachen auch?« fragte die sehr grob verkörperte Professorin. Man
konnt' es also bei jeder Möbelversteigerung oder auf jedem Jahrmarkt in einer
Kalenderpraktika neben den Kriegen der grossen Herren prophezeien, dass hier ein
kleiner zwischen dem Ehepotentaten und der andern feindlichen Macht ausbrechen
werde; weil diese seinen Kommerzien-Traktat nicht leiden konnte; das Ehepaar
feierte dann seine olympischen Spiele der Zunge und Hände und konnte die
Zeitrechnung der Ehe nach diesen Olympiaden abteilen.
    Weiter! Unser neue Regent liess - da das Volk in Italien den Palast des
verstorbnen Papstes und Doge gratis erhält - die Möbeln seines Herrn Vaters um
Weniges versteigern; er tats wie alle Kronprinzen aus Achtung gegen ihn, damit
das Volk ein Andenken vom Seligen, wie das römische die Gärten von Cäsar, erben
könnte. Der Professor wollte auch erben und erstehen. Er bot also zum Besten des
Rittmeisters, in dessen Zimmer die Kommode, der Spiegel und die Sessel
jämmerlich waren, nicht auf diese drei Dinge, sondern auf drei benachbarte - auf
zwei schöne Bronze-Vasen mit Ziegenköpfen und Myrtenblättern für die elende
Kommode, auf einen gerad- und spitzbeinigen Spiegeltisch unter den elenden
Spiegel, auf eine prächtige Bergere zwischen die elenden Sessel. Es wurde ihm
zugeschlagen. Sein erstes Wort, als er aus dem Auktionzimmer in seines trat, war
an seine Frau: »Ist der Rittmeister droben? - Ich hab' schöne Dinge für ihn
erstanden.« Jetzo sang sie schon den ersten Vers ihres Kriegliedes, ohne ein
Kaufstück noch zu kennen. Er nannte ihr keines; denn er hatte das grösste Unglück
eines Ehemannes, nämlich Verachtung gegen seine Frau, so wie sie hingegen ihm
gegen alle Menschen, sogar gegen die besten, beitrat, ausser gegen sich nicht.
Unter dem Abholen der Kaufstücke antwortete er auf den ersten Vers des
Krieggesanges und nannte doch keines; und so antiphonierten sie bloss. Endlich
wurden die Ziegenköpfe und Spitzbeine ins Haus gesetzt. Da ging das
Krieggeschrei los: »Das ist dumm, dumm, dumm! Ei du dummer Mann du! das Zeug!
den Bettel! wo waren heute deine fünf Sinne? Ich bezahle keinen Deut.« (sie war
ohnehin nie Kassierer) »Und so teuer! Aber wenn man Kinder und Narren zu Markt
etc.« Er sagt ganz kalt: »Lasse nur nichts drankommen und schaff es hinauf zum
Rittmeister, mein Schatz!« Sie gehorchte den Augenblick; ging aber in seine
Stube und öffnete alle Schleusen ihres rauschenden Zorns. Spät unter diesem
Rauschen sagt' er endlich drohend: »Du weisst, Frau! ....« Nun wurde in ihrem
Munde aus dem Wind ein Sturm. Er war kein Mann, den Zorn oder irgendeine
Leidenschaft fortrissen, sondern ein echter Stoiker war er und immer bei sich;
daraus lässet sichs erklären, warum er, da Epiktet und Seneka Stoikern den
verbotnen innern Zorn durch den äussern Schein desselben zu ersetzen raten, um
die Leute zu bändigen, sich sogar dieses zornigen Scheins befliss und gelassen
seine Faust petrifizierte und diesen Knauf als eine Leuchtkugel auf diejenigen
Gliedmassen seiner Gattin warf, die ohne Licht in der Sache waren. Dieser stumpfe
Wilsonsche Knopfableiter ihres Zorns zog erst die grössten beredten Funken aus
ihr hervor; und in der Tat ists in der Ehe wie in den alten Republiken, die
(nach Homes Bemerkung) nie grössere Redner trugen als in stürmenden kriegerischen
Zeiten. Er machte das Sinnliche bloss zum Fahrzeug des Geistigen und begleitete
seine Hand mit ausgewählten Bruchstücken aus Epiktets Handbuch: »Ich bin
wahrlich ganz bei mir;« (sagt' er) »aber du schreiest gar zu sehr, wenn ich mich
nicht dreinschlage.« Sein weltlicher Arm bewegte sich auf ihr fort. »Ich fahre
immer fort« (fuhr er fort) - »inzwischen danke Gott, dass dein Mann so viel
Gelassenheit hat, dass er alles abwägen kann, was er tut.« Sie wurde nicht eher
kalt, als bis er hitzig wurde; dieses merkte sie daraus, wenn er wie Sokrates
stumm wurde und seine Hand mit seiner herabgerissenen Schlafmütze bewaffnete und
beflügelte. So heiss ihr vor seinem einschlagenden Gewitter seine stechende
Sonnenfreundlichkeit vorkam: so unangenehm kalt war ihr nach demselben sein
Gewölke; kurz beide spielten vor und nach dem Kampfe umgekehrte Rollen.
Diesesmal traf ihr Zorn eine Wetterscheide an und zog sich ganz über den, der
unter den ziegenköpfigen Vasen auf der Bergere sass, auf den Rittmeister. Dieser
liess auf die erste Zeitung dieses ekelhaften Krieges sein Wintergeräte in
Scheerau einpacken und das Sommergeräte in Auental auspacken und ging - zwar.
    Aber er wäre beinahe geblieben.
    Übrigens wünsch' ich dieses geschilderte schlagfertige Ehepaar mit seinen
Ehe- und Schlagringen nicht zu sehr von der feinern Ehewelt, die sich nie
ausprügelt, verachtet zu sehen; denn wahrlich die ätzenden Giftworte, die das
raffinierte Ehepaar einander zutröpfelt, das verhaltene, wie ein Blasenpflaster
ziehende Kränken, womit sie einander wund und heil machen wollen, reisst die
Wunde bloss tiefer unter der Haut und macht zwar nicht den Chirurgus, aber wohl
den Doktor nötig.
    Jetzt will ich berichten, warum der Rittmeister beinahe geblieben wäre.
    Hoppedizel hatte ausser ihm an einem Nachmittag fünf Leute bei sich, den
Gerichtalter Kolb, den Flössinspektor Peuschel, einen alten Karmenmacher, einen
Hofzimmerfrotteur und einen Hofjunker; denn was wird der Leser nach Zunamen
dieses Volks fragen? Er zog erstlich den Gerichtalter beiseite und sagte zu
ihm: »heute sollt' er einen Spass machen und den vier andern Herren mit gefärbtem
Wasser, das sie für Wein hielten, zutrinken, damit diese sich in wahrem Wein
besöffen.« - - »Recht gut!« sagte der Gerichtalter, »sie sollen alle an den
Gerichtalter gedenken.« Das nämliche sagte der Professor dem Flössinspektor, dem
Karmenmacher u.s.w.; alle antworteten: »Recht gut! sie sollen alle an den
Flössinspektor, an den Karmenmacher u.s.w. gedenken.« Jeder wollte vier Mann zum
Narren haben; der Professor wollte fünf Mann dazu haben - allen gelang es.
    Abends wurden fünf Körbe gefärbtes Wasser ins Zimmer getragen; jeder rückte
hinter sein Schenktischchen und schraubte den Korkstöpsel vom Quasi-Wein ab. Die
ersten Flaschen Bouteillenwasser wurden still von der Gesellschaft eingezogen;
wahre Pfiffigkeit musste der Lust- und Wasserpartie diesen Schein stufenweiser
Berauschung vorschreiben.
    Nun aber hob das Sonnensystem sein Wasserziehen an. »Der Wein könnte stärker
sein«, sagte jeder und wollte jeden betrügen. Der Gerichtalter mit rosenroter
Nasenknospe spritzte seinen Kadaver statt des Spiritus mit mehr Wasser aus, als
er in seiner ganzen Ewigkeit a parte ante selbst getrunken oder gep·ss·t, oder
aus fremden Augen gedrückt. Ein Mensch, der so wasserhaltig wie er wird, dass er
sich schwer aufrecht erhält vor Nüchternheit, macht andern Trunkbündnern leicht
glaublich, es sei vor Betrunkenheit; und alle lächelten sehr, da er lachte.
    Der Flössinspektor Peuschel leitete einen ganzen Wasserschatz in den Magen
und machte seine Blutadern zu Wasseradern; aber er ärgerte sich halb, dass er die
andern mit seinem Schein-Gesöff betrügen musste, und sehnte sich heimlich statt
der verstellten Betrunkenheit nach echter.
    Der Zimmerfrotteur mazerierte und laugte sich im Grunde durch das
geschminkte Wasser aus und ersäufte beinahe sein gallisches Übel - so schluckte
der Schadenfroh.
    Dem Hofjunker, der sich fast den Magen entzweisoff, schlugs schlechter zu;
drei Tage nachher schmolz er an einer incontinentia urinae hin. - Bloss durch den
zellulösen Karmenmacher fuhr eine ganze aufgefärbte Sündflut ohne Schaden glatt
hinein und hinaus; er sah aber munter und satirisch herum und lauerte darauf,
wenn sein Nächster hinter den vier Tischen besoffen wäre.
    Etwan eine flammende Scheune wäre mit ihren Walfisch-Bescheiden zu retten
gewesen .... Nun kam die Zeit, da jeder betrunken scheinen musste, wer Spass
verstand - sie diskutierten und lallten widereinander mit überschweppender
bäumender Zunge - der Junker und Frotteur streckten sich gar in die Stube als
zwei Lagerbäume hin, und ihre bauschenden Unterleiber, sollte die Welt denken,
lägen als Weinschläuche auf den Bäumen - der Amtmann machte die Augen zu, das
Maul auf - der Karmenmacher stellte sich vor, am tollsten und plausibelsten
würd' ers machen, wenn er erstlich gleich wahren Betrunknen vorschwüre, er sei
nüchtern, und zweitens, wenn er so gegen die Bettpfoste umsänke, dass er ein
wahres Löchelchen kriegte. Er hatte sich auch glücklicherweise eine Wunde
verschafft, die grösser war als seine Trunkenheit, und wollte aus Rache mit der
Nachricht vorbrechen, er habe die Vierherren zum Narren und bloss Wasser gehabt -
der Professor wollte auch alles heraussagen, wie alles und der Wein wäre - die
andern wolltens auch und lachten schon sämtlich voraus: als zum Unglück der
längst übersättigte Flössinspektor sich zum Frotteur abgeschlichen und diebisch
statt eines Gegengiftes und Konfortativs gegen seinen nachgedruckten Wein die
vorgebliche Originalausgabe desselben gekredenzt hatte aus des Frotteurs oder
Reibers Kelch .... es war auch Wasser darin wie in seinem - blitzschnell und
halbnärrisch kredenzte er die Kelche aller Wassergötter - in allen war Wasser -
da fuhr er mit allen heraus - und die ganze Marine kredenzte fliegend herum, und
jeder sollt' es im Ernste sagen, ob er toll und voll wäre. - Leider war die
ganze Spassbrüderschaft nüchtern. Der Rittmeister, dem solche Scherze lieber
waren als Fastnachtühner, verwandelte aus Liebe zur Moral die allgemeine
Verstellung der Betrunkenheit in reine Aufrichtigkeit und vollführte es durch
echten Wein. Als nachher das Fünfeck nach Hause hüpfte und diese fünf törichte
Jungfrauen als fünf kluge, wiewohl mit der Wasser-Pletora, heimzogen, so sagt'
er: »Bei meiner Seele! so etwas sollte man drucken lassen.« - - Und wahrhaftig,
hier lässet man es ja drucken. -
    Ich möchte gern von diesem Hoppedizel, eh' ich und der Leser aus seinem
Hause ziehen, ein Medaillon, eine Abschattung zum Andenken mit uns nehmen; aber
es grauet mir vor der Arbeit - lieber bossier' ich alle Charaktere dieses
Werkchens in Papier oder Wachs als diesen Mann. Sein Charakter besteht aus
hundert kompilierten Charaktern, seine Kenntnisse aus allen Kenntnissen, sein
Scharfsinn aus Skeptizismus, seine Laster aus Stoizismus, seine Tugend aus einem
System über die Tugend und seine Handlungen aus Schnurren, Schnacken und
Charakterzügen.
    Dennoch oder demnach liebte ihn der Rittmeister, weil er ihn oft sah (er war
fast jedem gram, der ihn nicht besuchte) und weil beide lustig waren und weil
hundertmal Menschen einander lieben, ohne dass ein Teufel weiss warum. Falkenberg
hätte sich für jeden Freund, selbst für den, der ihn erst berückt hätte, mit dem
Behemot selber geschossen - aus Ehre und Guterzigkeit; der Professor hingegen
zog reine Moral, gleichsam als reine Matematik, der angewandten weit vor und
handelte selten. Man erinnert sich daher gern an seine schöne Selbständigkeit in
Grundsätzen, die er einmal in Auental als Gast bewies, da nachts um 12 Uhr
statt des Rittmeisters aus dem aufgetürmten Schnee bloss der leere Gaul heimkam.
- Ein andrer, z.B. der Rittmeister selber, wäre auf demselben Gaule aufgesessen
und hinausgeritten, um den Ausgebliebenen zu suchen und zu retten; allein der
Professor schneuzte nett das Talglicht und setzte sich an die trostlos
fortweinende Ehefrau - welche schon früher bei einem blossen kurzen Verspäten in
jeder Nacht sich abängstigte, ob sie gleich an jedem Morgen darauf sich
ausschalt - und sagte mit Fassung zu ihr: »sie möge nur weinen, so viel sie
wolle, er erlaub' es gern; es schade wenig, erleichtere vielmehr das Herz; und
wasche dabei die Augäpfel ab und breche zu heftiges Licht; die übrigen Tränen
müssten ohnehin durch die Nasenhöhle in den Schlund und Magen sickern und dem
Verdauen helfen; ihren Mann aber anbelangend, so könne das Schlimmste, was ihm
zugestossen, ohnehin nur sein, dass er erfroren wäre; er kenne aber halb aus
Erfahrung kein sanfteres Sterben als das aus Kälte - denn es sei im Grunde so
viel, als werde man gehenkt oder ersäuft; denn man sterbe am Schlagfluss.«
    Aber, wie gesagt, der Rittmeister liebte und verliess ihn doch.
 
                       Funfzehnter Sektor oder Ausschnitt
                     Der funfzehnte Sektor oder Ausschnitt
Vor der Abreise gab ich allen, besonders der Residentin von Bouse, die geborgten
Musikalien zurück; und dieser, die mir so viel aus Italien geliehen, lieh ich
noch etwas Bessers aus Deutschland, meine Schwester Philippine nämlich: diese
soll da die kleine Tochter der Residentin bilden helfen; aber sie wird unter den
zarten Fingern einer solchen talentvollen Dame selber mehr gebildet werden, als
sie bildet. Möge sie da nur nie ihr rasches, zitterhaftes, scherzendes und doch
fehlendes Herz zu einem koketten umsetzen! Möge sie ihrer Laura (eben der
Tochter der Residentin) das Joch der koketten Erziehung lüften, da das arme Kind
beständig unter der Glasglocke des Fensters schmachtet, den Leib unter der
Bettdecke in 4 Lot Fischbein einkeilt, die Händchen auch wieder nachts in die
Handschuh-Hülsen sperret und das Köpfchen mit einem Blei an Haaren rückwärts
gewöhnt. Bekanntlich lebt die Mutter, die Residentin, eine halbe Stunde von der
Stadt zu Marienhof, im sogenannten neuen Schloss, das mit einem alten
zusammenstösset, welches, glaub' ich, vermietet ist.
    ..... Aber zu meinem Gefolge in dieser Lebensbeschreibung stossen mit jedem
Bogen, seh' ich, mehr Leute und machen mir das Lenken und Schwenken sauerer. Ich
wollte lieber, ich wär' ein Reichstand und hätte Millionen zu regieren - und
einzunehmen - als hier dieses fatale Menschen-Siebeneck, das mit Mühe in die
rechten Ausschnitte zu treiben ist und worunter ich selber der widerhaarigste
bin. Denn mir, als blossem Lebensbeschreiber, stehen weder Reichskammergericht
noch Exekutiontruppen gegen mein Siebeneck bei; wär' ich aber ein Reichstand, so
täten sie schon manches - versprechen.
    Unsern Abschiedwagen in Scheerau umgab die lustige Kälte des Professors -
das arbeitsam Geschrei seiner Stoikerin - das zärtliche Lächeln des
Pestilenziarius mit Iltisschwänzen - das gute Herz seines Söhnchens, das kaum
mit Lügen von Gustav abzuschneiden war - und meine dankbaren Erinnerungen an
unsichtbare Stunden, an geliebte Menschen und an alle meine Schülerinnen - - O
dass doch der Mensch hier so viel vergehen sieht, eh' er selber vergeht.
    Unterweges weinte Gustav im Wagen immerfort in unsere Gedankenstille hinein;
aber der Alte, dem doch selber das Herz so leicht zerläuft, wurde endlich
darüber toll und sagte zu mir: »Ich sehe immer mehr, dass mir ihn der Herrnhuter«
(er meinte den Genius) »zu einer Milchsuppe eingerührt hat; und wenn Sie ihn
nicht, Herr Hofmeister, ein bisschen kernhaft machen, so wird einmal ein
weinerlicher Soldat herauskommen, der kaum zu einem Feldprediger taugt; denn
auch der muss manchmal sich auf einen Kernfluch verstehen.« -
    Den Herrnhuter brachte er im Kopfe nach dem Städtchen Issig, als folgendes
Selbgespräch vor unserem Wagen vorbeiging: »Ich bin ein Esel und ein rechter
Spitzbube von Hause aus, ich elender Schlingel. O ich Racker allzumal und
verflucht-bekannter alter Höllenbrand! Sollte man mich denn nicht entzweisägen
und braten, mich Teufel, mich Matz und Vieh!« sagte ein Schulknabe, den alle
Schulkameraden umliefen und beklatschten. »Er spricht«, sagte mein Prinzipal,
»wie eine herrnhutische Bestie, die sich heruntersetzt, um jeden andern noch
mehr herabzusetzen.« Aber nicht im geringsten; ein armer Teufel wars, der Hunger
hatte und Humor, und für welchen die ganze Schule Brotkrumen und Äpfel
zusammengeschossen hatte, wenn er ihr den Gefallen täte und auf sich entsetzlich
schimpfte ....
    - - Schönes Auental! dein Schnee ist schon weg? -
 
                               Sechzehnter Sektor
                              Erzieh-Vorlegblätter
Da ich meine Pretiosen (Manuskripte warens) und meine Effekten (das Güterbuch
derselben war über dreissig Zeilen dick) und mein Väterliches und Mütterliches
(das war ich selber) in meiner Wohn- und Schulstube herumgestellet hatte; da ich
schon vorher mit drei langen Schritten an meine Fensteraussicht getreten war,
die in einer Windmühle, in der Abendsonne und einem Starenhäuschen an einer
Birke bestand: so konnte ich sogleich ein ausgemachter Hofmeister sein, und ich
durfte nur anfangen; - ich konnte jetzt die ganze Woche ernstaft aussehen und
meinen Zögling auch dazu nötigen - alle meine Worte konnten Wochenpredigten,
alle meine Gesichter Gesetztafeln sein - ich hatte sogar zwei Wege vor mir, ein
Narr zu sein: ich konnte eine unsterbliche Seele sich halbtot deklinieren,
konjugieren, memorieren und analysieren lassen im Lateinischen - ich konnte aber
auch seine junge Zirbeldrüse in höhere Wissenschaften eintunken und versenken,
so sehr, dass sie ganz aufschwölle und sich gross anschluckte von Logik, Politik
und Statistik - ich konnte mitin (wer wehrte es) die Beinwände seines Kopfes zu
einem dürren Bücherbrett aushobeln, den lebendigen Kopf zu einem
Silhouettenbrett, woran sich gelehrte Köpfe abschatten, entzweidrücken; sein
Herz hingegen liess sich verarbeiten aus einem Hochaltar der Natur zu einem
Drahtgestell des alten Testaments, aus einer Himmelkugel zu einem engen
Paternosterkügelchen der Frömmelei, oder gar zu einer Schwimmblase der
Weltklugheit - wahrhaftig, ich konnte ein Tropf sein und ihn zu einem noch
grössern machen ....
    Dich Trauten! Dich Arglosen, Freundlichen, der du dich mit deinem ganzen
Schicksal, mit deiner ganzen Zukunft in meine Arme warfst! - O es tut mir schon
wehe, dass so viel von mir abhängt! -
    Da aber vom Hofmeister meiner künftigen Kinder ebensoviel abhängt: so will
ich für ihn hier folgende Erzieh-Vorlegblätter drucken lassen, die er nicht
übelnehmen kann, weil ich den guten Mann ja noch nicht kenne und nicht meine.
                         »Mein lieber Herr Hofmeister!
Wär' ich der Ihrige: so setzten Sie sich gewiss nieder und schrieben mir folgende
recht gute Regeln auf:
    Die Naturgeschichte sei das Zuckerbrot, das der Schulmeister dem Kinde in
der ersten Stunde in die Tasche steckt, um es anzuködern, - so auch Geschichten
aus der Geschichte. - Aber nur nicht komme die Geschichte selber! Was könnte
nicht diese hohe Göttin, deren Tempel auf lauter Gräbern steht, aus uns machen,
wenn sie uns zum ersten Male dann anredete, wann unser Kopf und Herz schon offen
wären und beide die grossen Wörter ihrer Ewigkeitsprache - Vaterland, Volk,
Regierform, Gesetze, Rom, Aten - verständen! - Was Herrn Schröckh anlangt, der
noch ehrliche Gelehrtenhistorie und reine Waisenhaus-Moral mit beigeschaltet, so
schneiden Sie mir, Herr Hofmeister, nur nicht aus seinem Buche die Kupferblätter
mit heraus, und am englischen Einband ist mir auch gelegen.
    Geographie ist ein gesundes Voressen der kindlichen Seele; auch Rechnen und
Geometrie gehört zum frühen wissenschaftlichen Imbiss; nicht weil sie denken
lehren, sondern weil sie es nicht lehren (die grössten Rechenmeister und
Differentialisten und Mechaniker sind oft die seichtesten Philosophen) und weil
die Anstrengung dabei die Nerven nicht schwächt, wie Rechenrevisoren und
Algebraisten beweisen.
    Philosophie aber oder Anspannung des Tiefsinns ist Kindern tödlich oder
knickt die zu dünne Spitze des Tiefsinns auf immer ab. - Tugend und Religion in
ihre ersten Grundsätze bei Kindern zurückzerspalten, heisset, einem Menschen die
Brust abheben und das Herz zerlegen, um ihm zu zeigen, wie es schlägt. -
Philosophie ist keine Brotwissenschaft, sondern geistiges Brot selber und
Bedürfnis; und man kann weder sie noch Liebe lehren; beide, zu früh gelehrt,
entmannen Leib und Seele.
    Es gefället mir, dass Sie selber erklärten, Sie würden das Französische dem
Lateinischen, das Sprechen den grammatischen Regeln (d.h. den Laufwagen den
Teorien von der Muskelbewegung) vorausschicken und die toten Sprachen später
vornehmen, weil sie mehr durch den Verstand als durch das Gedächtnis gefasset
werden. Latein wird zum Teil darum so schwierig, weil es so frühzeitig vorkommt;
im funfzehnten Jahre tut man darin mit einem Finger, wozu man früher die Hand
brauchte.
    Abscheulich ists, dass auch schon unsere Kinder lesen und sitzen und den
Steiss zur Unterlage und Basis ihrer Bildung machen sollen. Das belehrende Buch
ersetzt ihnen den Lehrer nicht, das belustigende das gesündere Spielen nicht;
die Dichtkunst ist für ein unbärtiges Alter noch zu unverständlich und ungesund;
der Lehrer, der vorlieset, muss erbärmlich sein, wenn er nicht weit
nachdrücklicher spricht. Kurz keine Kinderbücher!
    In ein pädagogisches Stammbuch würden wir beide schreiben: Vergeblich tadeln
ist schlimmer als gar nicht tadeln - Fehler, die das Alter nimmt, nehme der
Lehrer nicht, der dauerhaftere zu bekämpfen hat, u.s.w. Ihr Katechismus sei
Plutarch und Feddersen (aber ohne seinen elenden Stil); d.h. keine Moralien,
sondern Erzählungen darnach - und noch dazu in keiner besondern Stunde, sondern
zur rechten, damit der Kopf meiner Kinder nicht ein Vokabelnsaal von Moralen,
sondern ihr Herz eine durchglühte Rotunda der Tugend werde.
    Da der blöde, enge, ängstliche Anstand der dümmste und unnatürlichste ist,
so lehren Sie den Kindern den besten, wenn Sie ihnen keinen befehlen; von Natur
achten sie weder silberne Sterne noch silberne Köpfe - gewöhnen Sie ihnen
dergleichen nicht ab.
    Meine grösste Bitte ist - die ich viele Jahre vorher drucken lassen -, dass
Sie der spasshafteste Mann in meinem Hause sind; Lustigkeit macht Kleinen alle
wissenschaftliche Felder zu Zuckerfeldern. Meine müssen bei Ihnen durchaus nach
ihrem Wohlgefallen scherzen, reden, sitzen dürfen. Wir Erwachsene ständen den
abscheulichen Schulzwang unserer Abkommenschaft keine Woche aus, so vernünftig
wir sind; gleichwohl muten wir es ihren mit Ameisen gefüllten Adern zu.
Überhaupt: ist denn die Kindheit nur der mühselige Rüsttag zum geniessenden
Sonntag des spätern Alters, oder ist sie nicht vielmehr selber eine Vigilie
dazu, die ihre eigne Freuden bringt? Ach, wenn wir in diesem leeren
niederregnenden Leben nicht jedes Mittel für den nähern Zweck (wie jeden Zweck
für ein entferntes Mittel) ansehen: was finden wir denn hienieden? - Ihr
Prinzipal (ein abscheuliches Wort!) hat sich auf seine Verlobung ebensosehr
gefreuet als auf seine Hochzeit.
    Spielender Unterricht heisst nicht, dem Kinde Anstrengungen ersparen und
abnehmen, sondern eine Leidenschaft in ihm erwecken, welche ihm die stärksten
aufnötigt und erleichtert. Nun taugen dazu durchaus keine unlustigen
Leidenschaften - z.B. Furcht vor Tadel, vor Strafe etc. -, sondern freudige;
spielend würden alle Mädchen von Scheerau das Arabische erlernen, wenn ihre
Liebhaber in keiner andern Sprache an sie schrieben als in dieser synonymischen.
Hoffnung des Lobs ist es, das Kindern (das Lob äusserer Vorzüge ausgenommen) weit
weniger schadet als Tadel und gegen welches sich keines, am wenigsten das beste,
verstecken kann. Ich will Ihnen hier sagen, was mein eigner Hofmeister für
Erzieh-Ränke anwandte: er nähte sich ein Zifferbuch; in diesem gab er jedem
Glied seines Lyzeums (19 waren es) für jede Arbeit eine grosse oder kleine Zahl;
diese Zahlen erwarben, wenn sie auf eine gewisse festgesetzte Summe gestiegen
waren, einen Adel- und Fleissbrief, worauf man sein Lob mit nach Hause nahm. Da
Belohnungen kraftlos werden, die zu oft oder erst von weitem kommen: so setzte
er auf diese geschickte Art den Weg zur entfernten Belohnung aus täglichen
kleinen zusammen. Wir konnten ferner unsere Zahlen zusammensparen; und Kinder
heftet nichts so sehr an Fleiss als ein wachsendes Eigentum (von Ziffern oder von
Schreibbüchern). Solche Zahlen wegstreichen war Strafe. Er machte uns alle
dadurch so fleissig, besonders mich, dass ich wenige Jahre darauf imstande war,
eine Biographie zu schreiben, die noch jetzt gelesen wird.
    Reden Sie mit meinen Lieben nie kurz, nie allgemein, sondern sinnlich, und
erzählen Sie so ausführlich wie Voss seine Idyllen.
    So hab' ich die Poussiergriffel und Formzeuge an meinem Gustav gebraucht,
wahrhaftig nicht, um ihn seiner Lebensbeschreibung, die ich verfasste, sondern
dem Leben anzupassen; ich wollt' aber, der Henker holte das Menschenherz, das
für eigne Kinder nicht tun will, was es für ein fremdes tat.
    Meine Töchter hingegen, werter Herr Hauslehrer, die ältern sowohl als die
jüngern, geb' ich Ihnen nicht in die nämliche Schulstunde - Mädchen könnten mit
Knaben ebensogut Schlafzimmer als Schulstube teilen - und in gar keine. Ein
Hofmeister, der Mädchen zu erziehen wüsste (und Sie könnens), müsste so viel Welt,
so viel Weiberkenntnis, so viel Witz, so viel launige Gewandteit bei ebenso
vieler Festigkeit besitzen - inzwischen erzieht eine recht gescheite Gouvernante
die meinigen: häusliche Arbeit unter dem Auge einer gebildeten Mutter.
    Ehe ich diese geheime Instruktion beschliesse, merk' ich noch an, dass sie
ganz unnütz ist - erstlich für Sie, weil ein Mann von Genie auch mit jeder
andern Metode allmächtig bleibt, zweitens für den lahmen Kopf, weil er Kindern
die Geisteskräfte, er mags machen, wie er will, wie ein alter Schlafgenoss einem
jungen die körperlichen, stets auszehren wird. Ich habe überhaupt diesen
pädagogischen Schwabenspiegel lange vor meinen Kindern in die Welt
vorausgeschickt - mitin gar nicht für Sie, sondern für ein Buch.« -
    Nämlich für dieses.
    Um meinem Prinzipal zu zeigen, was ich in der Erziehung getan hätte, sagt'
ich so: »Der Superintendent in Oberscheerau hat einen Wachtelhund, Hetz genannt,
den er für keine Menagerie Schosshunde weggibt. Nun sollte man denken, der Mann,
da er Beichtkinder, eigne Kinder und Weine und indianische Hühner genug hat,
wäre gut daran; aber falsch: Hetz leidet es nicht. Denn sobald die Suppe auf dem
Tische raucht: so umschifft Hetz den Tisch, springt in die Höhe - seine Schnauze
liegt dann wasserpass in einer Ebene mit der Rehkeule - und billt und stochert
mit dem Kopfe an jedes Knie so sehr, besonders ans geistliche, dass der Mann
seines Orts wie in einem Fegefeuer fortschlucket und häufig nicht weiss, käuet er
Zucker oder Salz. Es rettete ihn nicht, dass er oft den Hund selber anboll; die
Radikalkur dagegen aber wäre bloss die, Hetzen nie einen Bissen zu geben. Er
hielt es auch oft tagelang: aber in der nächsten Mahlzeit bewarf er aus
Vergessen oder Unwillen den Plagegeist mit einem Knochen. Dieser einzige Knochen
verhunzte den ganzen Hund. Dem Seelenhirten ist, besorg' ich, so lange nicht zu
helfen, bis Hetz, der von selbst sich nicht ändert, etwa verreckt. Mir hingegen
begegnet Hetz mit Vernunft und Schonung: warum? - Solang ich an jenem Tische ass,
schenkt' ich Hetzen keine Faser, ohne Ausnahme. Auf Hetze und Menschen wirkt
Festigkeit allmächtig. Wer keinen Hund erziehen kann, Herr Rittmeister, kann
auch kein Kind erziehen; ich würde Hofmeister, welche in mein Brot wollten, an
keinen Probierstein streichen als an den, dass sie mir Eichhörnchen und Mäuse
zähmen müssten: wers am besten verstände, zög' ein, z.B. Wildau wegen seiner
Bienenzähmung.« - - Aber meine gnädige Pate lachte nie herzhaft über meine oder
Fenkische Scherze; hingegen über einen Hoppedizelischen lachte sie sehr, und
doch hat sie uns beide lieber.
    Wenn ich noch zwei Erzieh-Idiotismen - wovon der eine ist, dass ich den Witz
meines Zöglings so stark als seinen Verstand übte, der zweite dass ich lauter
Autores aus Zeitaltern von unedlen Metallen mit ihm traktierte - in einem
Extrablatt werde gerettet haben: so gehen wir weiter in sein Leben hinein.
                                   Extrablatt
   Warum ich meinem Gustav Witz und verdorbne Autores zulasse und klassische
                 verbiete, ich meine griechische und römische?
Ich muss vorher mit drei Worten oder Seiten beweisen, dass und warum das Studium
der Alten niedersinke1 und dass es zweitens wenig verschlage.
    Wir sind bekanntlich jetzt aus den philologischen Jahrhunderten heraus, wo
nichts als die lateinische Sprache an Altären, auf Kanzeln, auf dem Papier und
im Kopfe war und wo sie alle gelehrte Schlafröcke und Schlafmützen von Irland
bis Sizilien in einen Bund zusammenknüpfte, wo sie die Staatsprache und oft die
Gesellschaftsprache der Grossen ausmachte, wo man kein Gelehrter sein konnte,
ohne ein Inventarium alles römischen und griechischen Hausrats und einen Küchen-
und Waschzettel dieser klassischen Leute im Kopfe zu führen. Jetzt ist unser
Latein Deutsch gegen das eines Camerarius, ders also nicht nötig gehabt hätte,
seinen schmalkaldischen Krieg griechisch abzufassen; jetzo wird selten eine
Predigt lateinisch, geschweige wie sonst griechisch geschrieben und kann also
nicht wie sonst ins Lateinische sondern bloss ins Deutsche übersetzt werden. In
unsern Tagen drängt keine Frau mehr ihren eingepuderten infulierten Kopf durch
das klassische enge Kummet, wenns nicht Hermes' Töchter tun. Dieses war meinem
Leser noch eher bekannt als mir, weil ich jünger bin - so wie uns beiden auch
das jetzige bessere Kommentieren, Rezensieren und Übersetzen der Alten bekannt
genug ist. Nur wuchs mit dem Werte ihrer Verehrer nicht die Zahl dieser
Verehrer; alle andre Wissenschaften teilen sich jetzt in eine Universalmonarchie
über alle Leser; aber die Alten sitzen mit ihren wenigen philologischen
Lehnleuten einsam auf einem S. Marino-Felsen. Es gibt jetzo nichts als
Vielwisser, die alles gelesen haben, nur die Alten nicht.
    Der Geschmack am Geiste der Alten muss sich so gut abstumpfen als der an
ihrer Sprache. Ich behaupte nicht, dass man in den klassischen
Papageien-Jahrhunderten diesen Geist besser fühlte als jetzo; denn Vossius hing
am Lukan, Lipsius am Seneka, Kasaubon am Persius; ich sage nicht, dass damals ein
Faust, eine Iphigenie, eine Messiade, ein Damokles geschrieben wurden wie jetzt.
Allein ich rede vom jetzigen Geschmack des Volks, nicht des Genies.
    Wenn der Geist der Alten in ihrem geraden festen Gang zum Zweck bestand, in
ihrem Hasse des doppelten dreifachen Manschetten-Schmucks, in einer gewissen
kindlichen Aufrichtigkeit: so muss es uns immer leichter werden, diesen Geist zu
fühlen, und immer schwerer, ihn in unsre Werke zu hauchen; mit jedem Jahrhundert
müssen in unserm Stile die Ein-, Über- und Rücksichten mit unserm Lernen
schimmernd wachsen; die Fülle unserer Komposition muss ihre Ründe verwehren; wir
putzen den Putz an, binden den Einband ein und ziehen ein Überkleid über das
Überkleid; wir müssen den weissen Sonnenstrahl der Wahrheit, da er uns nicht mehr
zum ersten Male trifft, in Farben zersetzen, und anstatt dass die Alten mit
Worten und Gedanken freigebig waren, sind wir mit beiden sparsam. Gleichwohl
ists besser, ein Instrument von sechs Oktaven zu sein, dessen Töne leicht unrein
und ineinander klingen, als ein Monochord, dessen einzige Saite sich schwerer
verstimmt; und es wäre ebenso schlimm, wenn jeder, als wenn niemand wie Monboddo
schriebe.
    Mit unserer Unfruchtbarkeit an Werken im alten Stil nimmt zugleich der
Geschmack für diese Werke zu. Die Alten fühlten den Wert der Alten - nicht; und
ihre Einfachheit wird bloss von denen genossen, von denen sie nicht erreicht
werden, von uns. Ich denke, aus diesem Grunde: die griechische Einfachheit ist
von der der Morgenländer, Wilden und Kinder2 nur durch das höhere Talent
verschieden, womit das heitere griechische Klima jene Simplizität auszeichnete.
Das ist die angeborne, nicht erworbene. Die künstliche erworbene Einfachheit ist
eine Wirkung der Kultur und des Geschmacks; die Menschen des 18ten Jahrhunderts
waten erst durch Sümpfe und Giessbäche zu dieser Alpen-Quelle hinauf; wer aber
droben bei ihr ist, verlässet sie nie mehr, und nur Völker, nicht einzelne
können von Monboddos Geschmack zu Balzacs seinem herabfallen. Dieser erworbne
Geschmack, den das junge Genie immer antastet und das bejahrte meistens bekennt,
muss von Messe zu Messe durch die Übung an allem Schönen bei Einzelwesen
empfindlicher und schärfer werden: die Völker selber aber verlieren sich jedes
Jahrhundert weiter von den Grazien weg, die sich, wie die homerischen Götter, in
Wolken verstecken. Die Alten konnten mitin die natürliche Einfachheit ihrer
Hervorbringungen so wenig empfinden, als das Kind oder der Wilde die der
seinigen. Die reinen einfachen Sitten und Wendungen eines Älplers oder Tirolers
bewundert weder der eigne Besitzer, noch sein Landsmann, sondern der gebildete
Hof, der sie nicht erreichen kann; und wenn die römischen Grossen sich am Spielen
nackter Kinder labten, mit denen sie ihre Zimmer putzten: so hatten die Grossen,
aber nicht die Kinder die Labung und den Geschmack. Die Alten schrieben also mit
einem unwillkürlichen Geschmack, ohne damit zu lesen - wie die jetzigen
genievollen Autoren, z.B. Hamann, mit weit mehr Geschmack lesen als schreiben -
daher jene Speckgeschwülste und Hitzblattern an den sonst gesunden Kindern eines
Plato, Äschylus, sogar eines Cicero; daher beklatschten die Atener keine Redner
mehr als die Antitesen-Drechsler und die Römer die Wortspieler. Zur übermässigen
Bewunderung Shakespeares fehlte ihnen nichts als Shakespeare selber. Eben
deswegen konnten diese Völker, wie das Kind, von der natürlichen Einfachheit zum
gleissenden, lackierten Witzeln heruntergehen.
    Zweitens versprach ich auf drei Seiten zu behaupten, dass die
Vernachlässigung der Alten wenig schade. Denn was nutzet denn ihre Bearbeitung?
Sie werden wie die Tugend weit weniger gefühlt und genossen, als man sagt3. Das
Vergnügen an ihnen ist die richtigste Neuner-Probe des besten Geschmacks; aber
dieser beste Geschmack setzt eine solche geistige Aufschliessung für alle Arten
von Schönheiten, ein solches Rein- und Schönmass aller innern Kräfte voraus, dass
nicht bloss Home Geschmack unvereinbar mit einem bösen Herzen findet, sondern
auch dass ich nächst dem Genie, das ihn nach Entladung seiner geistigen
Vollsaftigkeit immer bekommt, nichts Seltners kenne als ihn, den vollendeten
Geschmack. O ihr Konrektoren und Gymnasiarchen, die ihr über die Devalvation der
Alten winselt und greint, wenn sie noch Augen hätten, sie würden über euere
Valvation weinen! - O es gehören andre Herzen und Seelenflügel (nicht blosse
Lungenflügel) dazu, als in euren pädagogischen Rümpfen stecken, um einzusehen,
warum die Alten Plato den Göttlichen nannten, warum Sophokles gross und die
Antologen edel sind! Die Alten waren Menschen, keine Gelehrten; was seid ihr?
Und was holt ihr aus ihnen? ...
    Copiam vocabulorum - In mittlern Jahrhunderten war auch jeder kleine Nutzen
der Alten ein grosser; aber jetzt im 18ten, wo alle Völker gradus ad parnassum in
den Musen-Granit eingehauen, kommt es auf zwei Treppen mehr oder weniger nicht
an. Haben denn die jetzigen Nationen nichts im alten Geschmacke geschrieben? -
Wär' es so: so würden ohnehin Muster, die sich in keinen Ebenbildern
vervielfältigt haben, leicht zu entraten sein; es ist aber nicht einmal so, und
die Omarsche Verbrennung aller Alten könnte uns nur ein wenig mehr entreissen,
als wenn man den ganzen noch stehenden Herbstflor von einigen griechischen
Tempeln und andern Ruinen umbräche: wir würden doch noch Häuser im griechischen
Geschmack bekommen. Die Muster haben ja selber ohne Muster geschrieben, und
Polyklets Bildsäule wurde nach keiner Polyklets Bildsäule geregelt. Trotz dem
Studium der geschriebenen Antiken lag sonst in Deutschland und liegt noch in
Italien die dichtende Schöpferkraft auf dem Siechbett.
    Wer wie Heine die alten Sprachen zur formalen Ausbildung der Seele dingen
will: der vergisset, dass jede Sprache es kann, und dass eine unähnlichere, wie
die orientalischen, es noch besser kann, und dass diese Ausbildung uns zuweilen
so teuer zu stehen kommt als manchem Baron sein Französisches. Die Griechen und
Römer wurden Griechen und Römer ohne die formale Bildung von griechischen und
lateinischen Autoren - sie wurden es durch Regierung und Klima.
    Es ist ein Unglück für das Schönste, was der menschliche Geist geboren hat,
dass dieses Schönste unter den Händen der Primaner, Sekundaner und Tertianer
zerrieben wird - dass das Scholarchat glauben kann, die bessere Ausgabe oder die
besseren Nominal- und Real-Erklärungen setzten die jungen Gymnasiasten mehr
instand, die erhabenen klassischen Ruinen zu fassen, als eine bessere von
Druckfehlern gesäuberte Ausgabe des Shakespeares und die beigefügten Novellen
nebst den Noten einen Schulmann oder Franzosen instand setzen würden, die Augen
vor diesem englischen Genius aufzuschliessen - dass sonach das Scholarchat sich
einbildet, einen Hämling oder Täufling erhalte nichts kalt gegen die Reize einer
Kleopatra als die Hüllen dieser Reize - und dass die Scholarchate nicht mir und
der Natur nachgehen4. - -
    Die Natur erzieht nämlich unsern Geschmack durch vorragend Schönheiten für
feinere; der Jüngling zieht den Witz der Empfindung vor, den Bombast dem
Verstand, den Lukan dem Virgil, die Franzosen den Alten. Im Grunde hat dieser
minderjährige Geschmack nicht darin unrecht, dass er gewisse niedere Schönheiten
stärker empfindet als wir, sondern dass er die damit verbundnen Flecken und
höhere Reize schwächer empfindet als wir alle; denn wir würden nur desto
vollkommner sein, wenn wir zugleich mit dem jetzigen Gefühl für das griechische
Epigramm das verlorne Jugend-Entzücken über das französische verknüpfen könnten.
Man sollte also den Jüngling sich an diesen Leckereien, wie der Zuckerbäcker
seinen Lehrjungen an andern, so lange sättigen lassen, bis er sich daran
überdrüssig und für höhere Kost hungrig genossen hätte; - jetzo aber übersetzt
er sich umgekehrt an den Alten satt und bildet und reizet damit seinen Geschmack
für die Neuern. In unserer Autoren-Welt erscheinen die traurigen Folgen davon,
dass Scholarchate den Anfang mit dem Ende machen und von Schriftstellern, die
bloss dem zartesten besten Geschmacke die letzte Ründe geben, den
gymnasiastischen aus dem Groben wollen hauen lassen und so weder der Natur
folgen noch mir.
    Die Scholarchate besorgen freilich, »dadurch käme unter die jungen Leute
mehr Witz, als schicklich ist, wenn man den Seneka, Epigrammen und verdorbne
Autores lese«. Meine erste Antwort ist, dass die Konstitution des Deutschen
robust und gesund genug ist, um dem Fleckfieber des Witzes weniger ausgesetzt zu
sein als andre Völker. Z.B. das witzige Buch »Über die Ehe« oder Hamanns
Schriften machen wir durch tausend reine Werke wieder gut, wo der Witz nicht
darin ist. Ich habe daher oft gedacht, so wie der Deutsche von seinen Vorzügen
wenig weiss, so weiss er auch von dem nichts, dass er nicht überflüssigen Witz hat,
obgleich die Rezensenten mir und den Verfassern der Romane diesen Überfluss oft
genug vorwerfen. Aber ich und diese Verfasser verlangen unparteiische Richter
hierüber; sogar diese sonst unbedeutenden Rezensenten selber sind hierin einem
Seneka und Rousseau, die beide den witzigen Stil verdammten, bekämpften und doch
haschten, zu ihrem Ruhm so wenig ähnlich, dass sie den Fehler des Witzes strenge
an andern rügen und glücklich selber vermeiden.
    Meine zweite Antwort ist tiefer: eh' der Körper des Menschen entwickelt ist,
schadet ihm jede künstliche Entwicklung der Seele; philosophische Anstrengung
des Verstandes, dichterische der Phantasie zerrütten die junge Kraft selber und
andre dazu. Bloss die Entwicklung des Witzes, an die man bei Kindern so selten
denkt, ist die unschädlichste - weil er nur in leichten flüchtigen Anstrengungen
arbeitet; - die nützlichste - weil er das neue Ideen-Räderwerk immer schneller
zu gehen zwingt - weil er durch Erfinden Liebe und Herrschaft über die Ideen
gibt - weil fremder und eigner uns in diesen frühen Jahren am meisten mit seinem
Glanze entzückt. Warum haben wir so wenig Erfinder und so viele Gelehrte, in
deren Köpfen lauter unbewegliche Güter liegen und die Begriffe jeder
Wissenschaft klubweise auseinandergesperrt in Kartausen wohnen, so dass, wenn der
Mann über eine Wissenschaft schreibt, er sich auf nichts besinnt, was er in der
andern weiss? - Bloss weil man die Kinder mehr Ideen als die Handhabung der Ideen
lehrt und weil ihre Gedanken in der Schule so unbeweglich fixiert sein sollen
wie ihr Steiss.
    Man sollte Schlözers Hand in der Geschichte auch in andern Wissenschaften
nachahmen. Ich gewöhnte meinem Gustav an, die Ähnlichkeiten aus entlegnen
Wissenschaften anzuhören, zu verstehen und dadurch selber zu erfinden. Z.B.
alles Grosse oder Wichtige bewegt sich langsam: also gehen gar nicht die
orientalischen Fürsten - der Dalai Lama - die Sonne - der Seekrabben; weise
Griechen gingen (nach Winckelmann) langsam - ferner tut es das Stundenrad - der
Ozean - die Wolken bei schönem Wetter. - Oder: im Winter gehen Menschen, die
Erde und Pendule schneller. - Oder: verhehlt wurde der Name Jehovas - der
orientalischen Fürsten - Roms und dessen Schutzgottes - die sibyllinischen
Bücher - die erste altchristliche Bibel - die katolische - der Vedam etc. Es
ist unbeschreiblich, welche Gelenkigkeit aller Ideen dadurch in die Kinderköpfe
kommt. Freilich müssen die Kenntnisse schon vorher da sein, die man mischen
will. Aber genug! der Pedant versteht und billigt mich nicht; und der bessere
Lehrer sagt eben: genug!
 
                                    Fussnoten
1 Diese Bemerkung über den Verfall hat seit 20 Jahren, wenn nicht in Frankreich,
doch in Deutschland viel von ihrer Ausdehnung verloren.
2 In der Erzählung des Kindes ist die nämliche Verschmähung des Putzes, der
Seitenblicke und der Kürze, dieselbe Naivetät, die uns oft Laune zu sein scheint
und keine ist, und dasselbe Vergessen des Erzählers über die Erzählung, wie in
den Erzählungen der Bibel, der ältern Griechen etc.
3 Was die Neuern im Geschmack der Alten schreiben, wird wenig verstanden; und
die Alten selber sollen so häufig verstanden werden?
4 Fühlen denn alle Deutsche die Messiade, die der deutschen Sprache und
biblischen Geschichte kundig sind?
 
                               Siebzehnter Sektor
                   Abendmahl - darauf Liebemahl und Liebekuss
O geliebter Gustav! die ausgewinterten Tage unserer Liebe schlagen in meinem
Dintenfasse wieder in Blüten aus, indem ich sie vorzeichne! Hast du, Leser,
irgendeinen Frühling deines Lebens gehabt, und hängt noch sein Bild in dir: so
leg es im Wintermonat des Lebens an deinen warmen Busen und gib seinen Farben
Leben, wie Erwärmung das unsichtbare Frühlinggemälde des Ofens entüllt und
belebt - denk dir alsdann deine Blumentage, wenn ich unsere zeichne ..... Unsere
vier kleinen Wände waren die Staketen eines reichern Paradieses, als sich durch
einen Augarten ausstreckt, unser Kirschbaum am Fenster war unser Dessauisches
Philantropinwäldchen, und zwei Menschen waren glücklich, ob sie gleich befahlen
und gehorchten. Das Maschinenwerk des Lobes, das ich in dem Regulativ meinem
Hofmeister so sehr anpries, legt' ich beiseite, weil es nicht an einen, sondern
an eine ganze Schule anzusetzen ist: mein Paternosterwerk war seine Liebe zu
mir. Kinder lieben so leicht, so innig; wie schlimm muss ders treiben, den sie
hassen! Auf der Skala meiner Strafen-Karolina oder Teresiana standen - statt
der pädagogischen Ehren- und Leibesstrafen - Kälte, ein trauernder Blick, ein
trauernder Verweis und die höchste, das Drohen, fortzugehen. Kinder von zartem
Herzen und von einer immer durch den Wind aufgehobnen Phantasie wie Gustav sind
am leichtesten zu wenden und zu drehen; aber auch ein einziger falscher Riss des
Lenkseils verwirrt und verstockt sie auf immer. Besonders sind die Flitterwochen
einer solchen Erziehung so gefährlich wie die in der Ehe mit einer feinfühlenden
Frau, bei welcher ein einziger kakochymischer Nachmittag durch keine künftigen
Jahr- und Tagzeiten wieder auszutilgen ist. Ich wills nur bekennen: eben einer
solchen sensitiven Frau wegen bin ich Hofmeister geworden. Da die Weiber (hiess
es in mir) in einem auffallenden Grade alle Vollkommenheiten der Kinder haben -
die Fehler derselben schon weniger -: so kann ein Mensch, der an den so weit
auseinanderstehenden Ästen der Kinder sein Gespinste anzukleben und anzuziehen
weiss, d.h. der sich in Kinder schicken kann, so sehr schlimm unmöglich fahren
als andre, wenn er - heiratet.
    Wo der Tadel das Ehrgefühl des Kindes versehrte, da unterdrückte ich ihn, um
meine Kollegen in der Runde durch das Beispiel zu lehren, dass das Ehrgefühl, das
unsere Tage nicht genug erziehen, das Beste im Menschen sei - dass alle andre
Gefühle, selbst die edelsten, ihn in Stunden aus ihren Armen fallen lassen, wo
ihn das Ehrgefühl in seinen emporhält - dass unter den Menschen, deren Grundsätze
schweigen und deren Leidenschaften ineinanderschreien, bloss ihr Ehrgefühl dem
Freunde, dem Gläubiger und der Geliebten eine eiserne Sicherheit verleihe.
    Sieben Tage früher, als recht war, kommunizierte mein Gustav; denn das
Konsistorium - die Ferne der Pfarrherren, die Pönitentiaria der Gemeinden und
die Widerlage der Regierung - schickte uns mit Vergnügen als geistige
Fastendispensation oder Alters-Erlass (venia aetatis) diese sieben Tage, um
welche sein Kommunion-Alter zu leicht war, für ebensoviel Gulden geschenkt aufs
Schloss heraus. Mein Zögling musste also - der geschickteste Religionlehrer sass
vergeblich zu Hause - wöchentlich zweimal zum dummen Senior Setzmann in Auental
abmarschieren, der zum Glück kein Jurist wie ich war und in dessen Pfarrwohnung
ein Rudel Katechumenen die Schnauzen in geronnene Katechismus-Milch stecken
mussten - Gustav brachte statt des Tier-Rüssels einen zu kurzen Mund mit.
    Gleichwohl war der Senior Setzmann nicht übel; auf einem
Parlaments-Wollensack hätt' er sich zu einem Redner gesessen, d.h. zu einem
Ding, das unter den Personen, die ihm anfangs nicht glauben, zuerst seine eigne
überredet - Ein Redner ist so leicht zu überreden, als er überredet - Der Senior
war jeden Sonntag in den ersten Stunden nach der Predigt fromm genug; er kann
zwar verdammt werden, aber bloss Mangel an Predigten würd' es tun und der an
Bier. Eine vernünftige Betrunkenheit kommt beides dem aszetischen und dem
poetischen Entusiasmus unglaublich zustatten. Die Leser sind meine Freunde
nicht, welche sagen, aus blossem Ärger und Neid - dass mein Gustav seine Stunden
hörte - schrieb' ich es hier in die Welt hinaus, dass der Keller die Pauls- und
Peterskirche des Seniors war - dass seine Seele, wie geflügelte Fische, nur so
lange emporflog, als die Schwingen eingeölet waren - dass er immer betrunken und
gerührt zugleich erschien und eher nicht in den Himmel hineinbegehrte, als bis
er ihn nicht mehr sehen konnte. Hermes und Oemler sagen, ich würde Ärgernis
vermeiden - obgleich das Beispiel Setzmanns ein grösseres geben muss als der Spass
darüber -, wenn ichs lateinisch vortrüge, dass die aquae supra coelestes seiner
Augen allemal seine zwei Schuh tiefern humores peccantes begleiteten.
    Gustav ging an wehenden Frühlingnachmittagen auf jungem Grase zu ihm und
freuete sich unterwegs auf zwei hübsche Dinge -: erstlich auf diesen Missionar
der heidnischen Dorfjugend selber, dessen schwärmerischer Atem Gustavs Ideen,
deren jede ein Segel war, wie ein Sturmwind bewegte und der besonders in der
letzten, sechsten Woche, wo er die jungen Sechswöchner über den Leisten des
sechsten Hauptstücks schlug, meines Gustavs Ohren so verlängerte, dass zwei
Flügel daraus wurden, die mit seinem Köpfchen davongingen. - Zweitens spitzte
dieser sich auf eine breite Binde über einem breiten Halstuch und dergleichen
Schürze, welches alles noch dazu so blütenweiss war wie er und am schönsten Leibe
in der ganzen Pfarrei sass - an Reginens ihrem, welche darin sich auf das zweite
Kommunizieren vorbereitete. So etwas, mein Gustav, machte dich ganz natürlich
aufmerksamer als zerstreuet - und wenn mir das Scholarchat nur eine halbe solche
Muse statt des Bauchkissens meines lecken Konrektors auf dem Lehrstuhle
entgegengestellt hätte: Himmel! ich würde gelernt haben, ferner memoriert,
ferner dekliniert, desgleichen konjugiert, und endlich exportiert! - Deshalb war
es zweitens eben keine Hexerei, Gustav - da bloss dein Ohr der Windseite vom
Pastor entgegenlag, das Auge aber der Sonnenseite von Reginen -, dass du wenig
dir aus der halben Stunde machtest, die der Senior darüber gab, um sein Gewissen
zum Narren zu haben. Er hielt, um den Frais- und Zenterrn und Feimer im Herzen,
das Gewissen, stille zu machen, seine Kinderlehren eine halbe und seine
Predigten dreiviertel Stunden länger als die ganze Diözes. Der Mensch tut lieber
mehr wie seine Pflicht als seine Pflicht.
    Da Gustav nicht wusste, dass Mädchen nichts übersehen und alles überhören: so
war ihm der ganze Katechismus ein Liebebrief, in dem er sich mit ihr
unterredete. Wenn sie dem Senior zu antworten hatte: wurd' er rot; »der Senior«,
dacht' er, »kann sein Fragen und Quälen nicht verantworten«, und sein Sehnerve
wurzelte auf ihrem Gesichte.
    Da die Falkenbergischen kein besonderes Kommunizierzimmer mit samtnen Dielen
hatten: so ging meine Pate, der Rittmeister, an der Spitze ihrer Lehnleute um
den Altar; also auch Gustav.
    Am Beichtsonnabend - O ihr stillen Tage meiner frömmsten Entzückungen, geht
wieder vor mir vorüber und gebt mir euere Kinderhand, damit ich euch schön und
treu beschreibe! - Am Sonnabend ging Gustav nach dem Essen - schon unter
demselben konnt' er vor Liebe und Rührung seine Eltern kaum ansehen - die Treppe
hinauf, um nach einer so schönen Sitte den Seinigen seine Fehler abzubitten. Der
Mensch ist nie so schön, als wenn er um Verzeihung bittet oder selber verzeiht.
Er ging langsam hinauf, damit seine Augen trocken und seine Stimme fester würde,
aber als er vor die elterlichen kam, brach ihm alles wieder, er hielt lange in
seiner glühenden Hand die väterliche, um etwas zu sagen, um nur die drei Worte
zu sagen: »Vater, vergib mir«; aber er fand keine Stimme, und Eltern und Kind
verwandelten die Worte in stille Umarmungen. Er kam auch zu mir ... in gewissen
Verfassungen ist man froh, dass der andre in der nämlichen ist und also unsre
vergibt ... Ich wollt', Gustav, ich hätte dich jetzt in meiner Stube. - Wenn
Kinder sich Gott - nicht wie Erwachsene als ihresgleichen, nämlich als ein Kind,
sondern - als einen Menschen denken: so ist das für ihr kleines Herz genug.
Gustav ging nach diesen Abbitten wankend, zitternd, betäubt, wie wenn er das
sähe, was er dachte - Gott -, in die verlassene Kindheitöhle hinab, wo er unter
der Erdrinde erzogen wurde und wo seine ersten Tage und ersten Spiele und
Wünsche begraben lagen. Hier wollt' er knien und in dieser zerbrochnen
Andachtstellung, worin der Genius der Sonnen und Erden in jener vielleicht
frömmsten Zeit unsers Lebens alle gefühlvolle Kinder erblickt, seine ganze Seele
in einen einzigen Laut, in einen einzigen Seufzer verwandeln und sie opfern auf
dem Dankaltar; aber dieser grösste menschliche Gedanke riss sich wie eine neue
Seele von seiner los und überwältigte sie - Gustav lag, und sogar seine Gedanken
verstummten ... Aber die Stimme wird gehört, die in der Brust bleibt, und der
Gedanke gesehen, der zurücksinkt unter den Strahlen des Genius; und in der
andern Welt betet der Mensch seine hiesigen verstummten Gebete hinaus. - - -
    Am Abende dieses heilig-seligen Tages trug eine wiegende Ruhe auf ihren
sichern Händen sein überfülltes Herz; er schlug nicht gewaltsam die kurzen
Kinder- und Menschen-Arme um die Freude, sondern diese schloss die Mutterarme
leis' um ihn. Dieser Zephyr der Ruhe wehte - anstatt dass der Orkan des Jauchzens
den Menschen durch und wider alles reisst - noch am Pfingsttage spielend um sein
Leben voll kleiner Blüten, und sein Wesen lag wie auf einer sanft tragenden
Wolke, da die heitere Pfingstsonne ihn fand; aber als der Blumengeruch der
geschmückten Brust, das Gefühl des pressenden, rauschenden Anzugs, das
Glockengeläute, dessen fortlaufende Töne wie goldne Fäden um alle einzelne
Auftritte liefen und sie in einem verbanden, der Birkenduft und das grüne
Helldunkel der Kirche, sogar das Fasten, da all dies seine Gefühle und seine
Blutkügelchen in fliegende Kreise warf: so stand in seiner Brust eine
angezündete Sonne; das Bild eines tugendhaften Menschen brannte nie in so
grossen, über die Wolken hinaustretenden Umrissen vor ihm als da! - -
    Aber der Abend! - Die kleinen Kommunikanten spazierten da mit leichterem
Herzen und vollerem Magen in sittsamen Gruppen herum und fühlten Essen und Putz.
Gustav - von dessen Flammen das Abendessen einiges überleget hatte, wiewohl sich
noch eine sanfte Glut verhielt - wandelte seinen Garten, da sein Kopf kein
Tanzplatz, sondern eine Moosbank froher Gefühle war, langsam auf und ab und zog
die eingeschlafnen Tulpenblätter auseinander, um aus diesem Blumenkerker manches
verspätete Bienchen loszulassen. Endlich lehnte er sich an den Türstock des
hintern Gartentürchens und sah sehnend über die Wiesen ins Dörfchen hinab, wo
die gereiheten Eltern zusammen plauderten und den Kindern mütterlich-eitel
nachschaueten, welche heute zum ersten und wohl zum letzten Male spazieren
gingen, weil Bauern und Morgenländer nur Sitzen lieben. Da rückte ein scheues
Bauerkinder-Pikett behutsam um die Gartenmauer herum, weil dasselbe den alten
Starmatz, den Gustav heute mit seinem Bauer ins Freie getragen, gern näher hören
wollte in seiner echt-ironischen Laune voll derber Schimpfwörter. Kinder sind in
fremden Kleidern und an fremden Orten sich fremd; aber Gustav hatte seinen
Leitton, um mit ihnen ins Gespräch überzugehen, zum Glücke bei der Hand, den
Matz, mit welchem er bloss in eines zu geraten brauchte. Und alles gelang; und
die redenden Künste des Vogels machten bald die Konversation so allgemein und
unbefangen, dass man über alles mit allen sprechen konnte. Gustav fing an
Geschichtchen zu erzählen, aber vor einem jüngern und billigern Publikum als
ich; seine Geschichtchen erdachte und erzählte er im nämlichen Augenblick, und
seine Phantasie stiess mit ihren Flügeln im unermesslichen Tummelplatz an nichts.
Überhaupt erfindet man gescheitere Contes unter dem Sprechen als unter dem
Schreiben, und Madame d'Aunoy, die ich lieber heiraten als lesen möchte, würde
uns grossen Kindern bessere Feenmärchen gegeben haben, wenn sie solche vor den
Ohren der kleinen erfunden hätte.
    Unter dem Vorwande des Niedersetzens lud und bat er sein ganzes Hör-Publikum
auf einen Altan, der um einen Lindenbaum im Garten samt einer Treppe geflochten
und gewölbet war .... Ich lasse so zeitig meine Leser nicht herab; denn Bienen,
Bildschnitzer und ich lieben Linden sehr, jene des Honigs, diese des weichen
Holzes und ich des weichen Namens und des Duftes wegen.
    Aber hier ist noch etwas ganz anders zu lieben - Drei Kommunikantinnen
horchten zur offnen Gartentür hinein und verdoppelten von weitem den Hörsaal:
mit einem Worte, Regina war darunter und ihr Bruder schon mit droben; die
Galerie oder die Logen mussten endlich - da das Hinaufrufen nichts half - das
weibliche Parterre hinaufzerren. Ich erzähle selber jetzt feuriger nach; kein
Wunder, dass auch Gustav es tat. Regina setzte sich am weitesten von ihm, aber
ihm gegenüber. Er fing eine ganz frische Historie an, weil das bureau d'esprit
viel stärker geworden. Ein elendes blutjunges Mädchen - Kinder wollen in der
Geschichte am liebsten Kinder - malte er vor, eines ohne Abendbrot, ohne Eltern,
ohne Bett, ohne Haube und ohne Sünden, das aber, wenn ein Stern sich putzte und
herunterfuhr, unten einen hübschen Taler fand, auf dem ein silberner Engel
aufgesetzt war, welcher Engel immer glänzender und breiter wurde, bis er gar die
Flügel aufmachte und vom Taler aufflog gen Himmel und dann der Kleinen droben
aus den vielen Sternen alles holte, was sie nur haben wollte, und zwar herrliche
Sachen, worauf der Engel sich wieder auf das Silber setzte und sehr nett da sich
zusammenschmiegte. - Welche Flammen schlugen unter dem Schaffen aus Gustavs
Worten heraus, aus seinen Augen und Mienen in die Zuhörerschaft hinein. Noch
dazu stickte nebenbei der Mond die Lindennacht auf dem Fussboden mit wankenden
Silber-Punkten - eine verspätete Biene kreuzte durch den glühenden Kreis und ein
schnurrender Dämmerungvogel um einen bekränzten Kopf - auf dem Doppel-Grund von
Lindengrün und Himmelblau zitterten Blätter neben den Sternen - der Nachtwind
wiegte sich auf dünnem Laube und auf Goldflittern der geputzten Regina und
bespülte mit kühlen Wellen ihre Feuerwange und Gustavs Flammenatem .... Aber
wahrhaftig ich behaupte, den Kateder brauchte er nicht einmal, so herrlich
waren Kateder und Redner. Wie konnt' ihm dieser nötig sein, da er der Braut
Christi und seiner eignen erzählte; da der ganze heutige Tag mit seinem
blendenden Nimbus wieder aufstand; da er das Mitleid in die Brust der
unbefangenen Kinder einführte und aus ihren Augen es wieder vorpresste; und da er
gewisse weibliche sich benetzen sah .... Seine eignen zergingen in Wonne, und er
dehnte sein Lächeln immer weiter auseinander, um damit sein Auge zu bedecken,
das sich schon schöner bedecket hatte. - - »Gustav!« hatt' es schon zweimal vom
Schloss her gerufen; aber in dieser seligen Stunde hörte es keiner; bis zum
dritten Male die Stimme nahe unten im Garten erklang. Die betäubte geheime
Gesellschaft rollte die Treppe hinab; - neben Gustav verweilte nur noch Regina
unter der dunkeln Laube, um eiligst mit ihrer Schürze die Spuren der Erzählung
aus den Augen zu bringen und mit einer Nadel sich etwas hinaufzustecken - er
stand dem Gesichte, auf dem so viele schöne Abendröten seines Lebens
untergegangen waren, so nahe und so stumm und hielt sie ein wenig, als sie
nachwollte - wäre sie stille gestanden, so hätt' er sie nicht halten können;
aber da sie riss: so umfasste er sie fester und im grössern Bogen - ihr Ringen
vereinigte beide, aber seiner trunknen Seele ersetzte die Nähe den Kuss - das
Sträuben führte seine zuckende Lippen an ihre - aber doch erst als sie seine
Brust von ihrer wegstemmte und seine mit der Nadel zerrjetzte, dann erst strickte
er sie mit unaussprechlicher vom eignen Blute berauschter Liebe an sich und
wollte ihren Lippen ihre Seele aussaugen und seine ganze eingiessen - sie standen
auf zwei entfernten Himmeln, zueinander über den Abgrund herübergelehnt und
einander auf dem zitternden Boden umklammernd, um nicht loslassend zwischen die
Himmel hinunterzustürzen ....
    .... Könnt' ich seinen ersten Kuss tausendmal brennender abmalen: ich tät'
es; denn er gehört unter die ersten Abdrücke der Seele, unter die Maiblumen der
Liebe, er ist die beste mir bekannte Dephlegmation des erdigen Menschen. Nur ist
es in diesem deutschen und belgischen Leben nicht möglich zu machen, dass der
Mensch über fünf oder sechs Male zum ersten Male küsse. Später sieht er allezeit
in seine Sachdefinition, die er von einem Kusse im Kopfe hat, ordentlich hinein
und zitiert den Paragraphen, wo's steht; der ganze Inhalt des dummen Paragraphen
ist aber der, die eigentliche Sache sei ein Zusammenplätten roter Häute.
Wahrlich ein Autor von Gefühl kann sich nicht niedersetzen und bedenken, dass ein
Kuss eines von den wenigen Dingen ist, die nur genossen werden, wenn unter dem
Geistigen das Körperliche nicht vorschmeckt - ohne dass ein solcher Autor von
Gefühl (es ist niemand als ich) die ausfilzet, die nicht so viel Verstand haben
wie er - er filzet nicht bloss die Herren Veit Weber und Kotzebue, in deren
Schriften zu viele Küsse stehen, sondern auch andre Leute aus, in deren Leben zu
viele kommen, namentlich ganze Pickenicks, die einander nach dem Tischgebet die
Wangen mit den Lippen abbürsten und anschröpfen. Kommt es gar so weit, dass diese
schöne Lippenblüte unsers Gesichts sich an Häuten von Schafen und von
Seidenraupen, an Handsandalen, zerknüllen muss: so will ein Autor von so viel
Empfindung der leidenden Partei die Hände und der tätigen die Lippen
wegschneiden ....
    Ich begiesse den vom letzten Kusse erhitzen Leser mit diesem kalten
Wasserschatze wirklich nicht deshalb, um mit ihm so umzuspringen wie das
Schicksal mit mir; denn dieses hat sichs einmal zum Gesetz gemacht, jedesmal
wenn ich mitten im Freudenöl solcher Auftritte wie der Gustavische - oder auch
nur der Beschreibung solcher Auftritte - stehe, mich sogleich in Salzlaken und
Vitriolöle unterzutauchen. Sondern ich wollte gerade umgekehrt die hässliche
Empfindung über den Tausch entgegengesetzter Szenen dem Leser halbieren, die der
arme Gustav ganz bekam, da es unten rief:
    »Wollt ihr gleich!« Die Rittmeisterin legte in den Ton mehr Beleidigendes,
als mein unschuldiger Gustav noch zu fühlen verstand. Die Liebhaberin verliert
in solchen Überraschungen den Mut, den der Liebhaber bekommt. Die ersten
Versikel des abgefluchten Strafpsalms durchlöcherten das Ohr der schuldlosen
Regina, welche stumm und weinend aus dem Garten schlich und so den freudigen Tag
trübe beschloss. Die sanftern Verse erfassten den Geschichtdichter, der seine
Contes moraux ästetisch und mit Patos1 auszumachen vorhatte und nun selber von
einem fremden Patos erwischt wurde. Ernestinens Herz, Lippen und Ohren waren
hinter den strengsten Gittern erzogen; daher wich ihre so melodische Seele (bei
einem blossen Kuss) in eine fremde harte Tonart aus; sie gab vom schönsten Mädchen
nichts zu, als: »Ein gutes Mädchen ists.« Überhaupt ist mir die Frau, die
gewisse Fehltritte einer andern sehr schonend beurteilt, mit ihrer Duldung
verdächtig: eine ganz reine weibliche Seele erzwingt an sich höchstens die Miene
dieser Toleranz für eine weniger reine.
    Auf unschuldige Lippen drückte Gustav den ersten und letzten Kuss; denn in
der Pfingstwoche zog die Schäferin nach Maussenbach als Schloss-Dienstbote. Wir
werden nichts mehr von ihr hören. - So wird es durch das ganze Buch fortgehen,
das wie das Leben voll Szenen ist, die nicht wiederkommen. Nun tritt schon die
Sonne höher an Gustavs Lebenstage und fängt an zu stechen - eine Blume der
Freude um die andre bückt sich schon vormittags zum Schlummer nieder, bis nachts
um 10 Uhr der gesenkte Flor mit verschwundnen Blüten schläft ....
 
                                    Fussnoten
1 Gustavs Mut zum Kuss ist übrigens natürlich. Unser Geschlecht durchläuft drei
Perioden des Muts gegen das schöne - die erste ist die kindliche, wo man beim
weiblichen Geschlecht noch aus Mangel an Gefühl etc. wagt - die zweite ist die
schwärmerischer wo man dichtet, aber nicht wagt - die dritte ist die letzte, wo
man Erfahrung genug hat, um freimütig zu sein, und Gefühl genug, um das
Geschlecht zu schonen und zu achten. Gustav küsste in der ersten Periode.
 
                               Achtzehnter Sektor
   Scheerauische Molukken - Röper - Beata - offizinelle Weiberkleider - Oefel
Ich würde närrisch handeln und schreiben, wenn ich - da uns alle, Leser sowohl
als Einwohner dieser Biographie, Scheerau so nahe angeht; da Gustav, der Held,
dahin als Kadett kommt; da ich, der Hofmeister, daraus komme; da Fenk, der
Doktor, noch daselbst ist und da Fenk in dieser Geschichte noch wichtig werden
kann - drei Papiere von Dr. Fenk trotz aller dieser Gründe nicht einrückte. Die
Rede ist von zwei Zeitungsartikeln und einem Brief, die der Pestilenziar
geschrieben.
    Ich weiss gewiss, dass es einigen hohen Fremden, die durch die scheerauischen
höhern Zirkel gereiset, bekannt ist, dass der Doktor eine Zeitung schreibt, die
nicht gedruckt wird, nämlich eine geschriebne Gazette oder Nouvelles à la main,
wie mehre Residenzstädte sie haben. Dörfer haben gedruckte Neuigkeiten, kleine
Städte mündliche, Residenzstädte schriftliche. Das Papier ist Fenks Marforio und
Pasquino, der seine satirischen Arzneien austeilt.
    Seinen ersten Zeitungartikel flecht' ich ein, schon bloss des Journals für
Deutschland wegen. Dieses so platte und so wortreiche Journal - denn sonst wär'
es weder von noch für Deutschland geschrieben - rückte eine gute Abhandlung von
mir nicht ein, die ich über den ausserordentlichen Handelflor in Scheerau
eingeschickt, weil vielleicht keine Regierung in Deutschland weniger bekannt ist
als die scheerauische. Wahrhaftig man sollte denken, dieses Fürstentum verstecke
sich wie ein Walfisch unter die Eisrinde der Polarmeere, so unbekannt sind die
wichtigem Nachrichten von ihm; z.B. solche wie die, dass wir Scheerauer seit der
neuen Regierung den ganzen ostindischen Handel und die Molukken an uns gezogen,
von denen wir jetzo unsere Gewürze selber holen, welche letzte die Regierung
eigenhändig dazu aus Amsterdam verschreibt. - - Aber das steht ja eben im ersten
Zeitungsartikel.
                                    Nro. 16
                     Gewürzinseln und Molukken in Scheerau
Der Brandenburger Weiher bei Baireut ist ein ausgegrabner Landsee von 500
Tagwerken, und vor einigen Monaten sass ich eine Stunde darin; denn man trocknet
ihn jetzt zum Besten seiner bleichen Küstenbewohner aus. Der scheerauische
Weiher, an dem vier Regenten weitergraben liessen, hat 129 Tagwerke mehr und ist
für Deutschland wichtig: denn durch seine aërostatischen Dünste wird er so gut
wie das Mittelländische Meer das Wetter in Deutschland ändern, sobald der Wind
über beide geht. Die Ebbe und Flut muss genau genommen sogar auf einer Träne oder
im Saufnäpfchen eines Zeisigs stattfinden, wie viel mehr auf einem solchen
Wasser: - die Diözes von Inseln, die diesen Teich so putzt und furniert, z.B.
Banda, Sumatra, Zeilon und das schöne Amboina, die grossen und kleinen Molukken,
traten erst unter der jetzigen Regierung aus dem Wasser - oder vielmehr ins
Wasser. Herrn Buffon, wenn er noch lebte, und andre Naturforscher müsst' es
frappieren, dass die Inseln auf dem Scheerauischen Ozean nicht durch Auftürmungen
von Korallen entstanden - auch nicht durch Erdbeben, die den Dromedar-Rücken des
Meergrundes aus dem Wasser aufkrümmten - selber durch keinen Vulkan in der Nähe,
der diese Berge ins Wasser hineingesäet hätte; denn Sumatra, die grossen und die
kleinen Molukken wurden bloss in kleinen Partien auf unzähligen Schubkarren und
Leiterwagen an die Küsten herbeigeschoben - und weil auf den Karren Steine,
Sand, Erde und alle Ingredienzien einer hübschen Insel waren, so brachten die
Fronbauern, landesherrliche sowohl als ritterschaftliche, die ebenso viele
(Tabak-) rauchende und Inseln bildende Vulkane waren, in kurzem die Molukken
fertig, indes die ritterschaftlichen Brücken über landesherrliche Wasser noch
nicht angefangen sind. Die Absicht des Landesherrn ist, den ganzen ostindischen
Handel bei Asien in Scheerau so bei der Hand zu haben wie eine Rappémühle - und
ich denke, wir haben ihn; nur mit dem Unterschiede, dass die scheerauischen
Gewürzinseln noch besser sind als die holländischen. Auf den letzten muss man
erst das Reifen des Pfeffers, der Muskatnüsse etc. abpassen; aber auf unsern
liegt schon alles reif und trocken da, und man darfs nur ans Essen reiben: das
macht, weil wir alle diese Früchte schon ganz zeitig aus - Amsterdam
verschreiben. Es ist nämlich so:
    »Entweder alles oder nichts ist ein Regale. Der Rechtskundige kann es nicht
billigen, dass die Fürsten, wiewohl sie die kostbarsten, aber seltensten Produkte
zu ihren Regalien erheben, gleichwohl die gemeinen, aber desto ergiebigern in
den Händen der Landeskinder lassen und dadurch den Fiskus schwächen. Der Jurist
findet bei den südasiatischen Fürsten, so despotisch sie sonst sind, mehre
Folgerichtigkeit, welche nicht das Wild, oder Salz, oder Bernstein, oder Perlen,
sondern das ganze Land und den ganzen Handel nehmen und beide bloss jährlich
verpachten. Die deutschen Fürsten haben hiezu grössere Befugnis als alle andre;
denn alle europäische Reiche haben indische Besitzungen, haben ein Neu-England,
Neu- Neu-Holland; aber ein Neu-Deutschland hat das Alt-Deutschland nicht, und
das einzige Land, welches ein Fürst noch wegzunehmen hat, ist sein eignes, man
müsste denn aus Polen oder der Türkei ein Neu-Österreich, Neu-Preussen etc. zu
machen wissen.
    Allein dieses sah bisher kein Regent als der scheerauische ein, der diese
Grundsätze seinem geheimen Kabinette vorlegte, aber schon vor dem Abstimmen
seinen Entschluss gefasset hatte: dass nun die Leute alles Gewürz bei ihm nehmen
sollten. Er selber schafft nun, gleich der Natur, auf seinen Molukken die
Gewürze, die sein Land isset, indem er sich durch den Kommerzien-Agenten von
Röper den Samen dieser Gewürze - Pfeffer-Körner, Nüsse etc., aber nicht zum
Pflanzen, sondern zum Kochen - aus Amsterdam spedieren lässet. Daher umschnüret
(weil die Molukken bei der Gewürz-Defraudation litten) ein Pfeffer-und
Zimt-Kordon von Kadetten und Husaren das Land; niemand könnte eine Muskatnuss
einschwärzen als die Muskattaube in ihrem dicken Gedärm. Alles, was meine
scheerauische Leser aus den Läden nehmen, der Kaufladen mag einem grossen Hause
gehören, das mehr Schiffe und Reisediener auf den Beinen erhält als ich Setzer,
oder er mag von einem armen Höker gemietet sein, dessen Schilderung mich schon
dauert, dessen Strazza eine Schiefertafel ist und dessen Kapitalbuch eine
schmierige Stubentür und dessen Kaufmannsgüter nicht zu Schiffe, sondern als
Landfracht unter dem Arme oder auf der Achse, d.h. an einem Stocke auf der
Achsel gebracht werden - in beiden Fällen käuet der scheerauische Leser
Erzeugnisse aus Molukken, die vor seiner Nase sind. -
    Einer, der dergleichen beurteilen kann, fället nachher dem Gewürz-Inspektor
von Herzen bei, welcher im scheerauischen Intelligenzblatte schreibt, 1) dass
jetzt das Land Pfeffer und Ingwer um niedrigern Preis erhalten könnte, weil bloss
der Fiskus imstande wäre, sie in grössern, mitin in wohlfeilern Partien zu
beziehen - 2) dass der Regent jetzt vermögend sei, diese Leckereien, die unsern
Beutel über Indien leeren, unter allen Deutschen zuerst den Scheerauern
abzugewöhnen, indem er bloss den Preis beträchtlich zu steigern brauchte - 3) und
dass eine neue Dienerschaft ihr Brot hätte.
    Ich brauch' es nicht zu verteidigen, dass unser Fürst - da die russische
Kaiserin Dörfern das Stadtrecht gibt - Schutt-Hügeln das Inselrecht erteilt,
oder dass er ihnen ostindische Namen schenkt, da jeder Tropf von Schiffer bei der
grössten Insel, die er noch dazu mehr entdeckt als macht, Patenstelle vertreten
darf. Unser Sumatra ist über 1/4 Quadratviertelstunde gross und hat hauptsächlich
Pfeffer - die Insel Java ist noch grösser, aber noch nicht fertig - auf Banda,
das dreimal so gross als der Konzertsaal ist, liefert die Natur Muskatnüsse, auf
Amboina Gewürznelken - auf Teidor steht ein artiges Landhaus eines bekannten
Scheerauers (des Doktors hier selber) - die kleinen Molukken, die in den Weiher
hineinpunktiert sind, kann ich samt ihren Produkten in die Westentasche stecken,
sie haben aber ihr Gutes. - Wer noch in keiner Seestadt, in keinem Hafen war:
der kann hieher in den Scheerauer reisen und selber nachmittags ein Zeuge davon
werden, was in unsern Tagen der Handel ist, den die verbundnen Hände aller
Völker heben - hier kann er sich einen Begriff von Kauffahrteiflotten machen,
von denen er so viel, aber nur blind gelesen und die er hier wirklich über
unsere Teich segeln sieht - er kann die sogenannte Gewürzflotte des Herrn
Kommerzien-Agenten von Röper sehen, die gleich einem hitzigen Klima die nötigen
Gewürze, die er verschrieben, unter alle Inseln austeilt - er kann auch auf arme
Teufel stossen, die auf ein wenig Flossholz sich aus Ostindien die wenigen
Kaufmannsgüter abholen, die sie kreuzerweise absetzen - am Hafen und Ufer, wo er
selber steht, kann er bemerken, was der Küstenhandel ist, den da sogenannte
Fratschler-Weiber mit Pfeffer- und Welschen-Nüssen im kleinen treiben.«
                                Ende von Nro. 16
Das zweite Stück der Fenkischen Zeitung ist eine Schilderung eben dieses
Kommerzien-Agenten von Röper ohne seinen Namen. Wenn der Leser diese
Abschweifung gelesen hat: so wird er sagen, es war gar keine.
                                    Nro. 21
   Ein unvollkommner Charakter, so für Romanenschreiber im Zeitungkomptoir zu
                                verkaufen steht
Im Roman gefallen wie in der Welt keine vollkommen-gute Menschen; aber auch auf
der andern Seite wird einer weder Lesern noch Nebenmenschen gefallen, der ganz
und gar ein Schelm ist - bloss halb oder dreiviertel muss ers sein, wie alles in
der grossen Welt, Lob und Zote und Wahrheit und Lüge.
    Im Zeitungkomptoir steht ein halber Schelm und wird allen Romanschreibern im
Scheerauischen um das wenige, was sie dafür geben können, verkäuflich erlassen.
Ich versichere die Herrn Schreiber, dass ich etwa nicht die Unvollkommenheiten
dieses Schelms übertreibe, um ihn teuerer abzusetzen; der Inhaber nimmt den
Schelm wieder zurück, wenn er nicht Bosheit genug hat.
    Dieser unvollkommne Charakter wurde im Kirchenstaat gezeugt und an der
Grenze von Unter-Italien geboren; und kaufte sich, nach seiner Taufe und
Mündigkeit, Hecheln und Mausfallen. Die wenigsten Deutschen wissen, dass sie die
Italiener, bei denen dieser Handelzweig blühet, reich auskaufen. Unser Charakter
schwang sich bald von einem Hechel-Kommissionär zu einem Hechel-Associé empor;
er verfertigte die Mausfallen, die er aus Italien bezog, in Deutschland, und die
Mauslöcher waren sein Ophir und die Flachsfelder seine Münzstädte. Die Hechel,
die er vor dem Einkauf seines Adeldiploms an gegenwärtigen Tiermaler verkaufte,
schlug er ihm für sechstehalb Gulden los.
    Er muss schon vor seiner Geburt in der andern Welt in einem grossen Hause
gehandelt haben; denn er brachte eine Kaufmann-Seele schon fertig mit. Es war
nicht klug von mir, dass ichs nicht eher erzählet habe, dass er als Knabe von neun
Jahren in seiner Blatterkrankheit einen kleinen Kaufladen aufsperrte und mit dem
Pockengifte feil hielt, das man aus seiner Apoteke, nämlich von seinem Körper
nahm zum Einimpfen. Er gab keine Blatter umsonst her, sondern verlangte sein
Geld dafür und sagte, er sei ein Pocken-Sämereihändler, aber noch ein junger
Anfänger. Diesen Handel mit eigner Manufaktur legt' ihm bald der Arzt und die
Natur, und der Doktor sagte, er sei so teuer wie ein Apoteker. Daher wollt' er
sogar selber einer werden.
    Er wurd' auch einer, aber nach dem mecklenburgischen Idiotikon; denn in
diesem heisset jeder Materialladen eine Apoteke. Nämlich in Unterscheerau
änderte er die Religion und den Nährzweig und bauete sich einen Laden, der bloss
für Käufer Hechel und Mausfalle war. Hier hielt er sich einen Ladenjungen, ein
Küchenmensch, einen Friseur, einen Barbier und einen Vorleser des Morgensegens -
alle diese Personen machten nur eine Person aus, seine eigne; diese war und tat
wie ein Ensoph alles.
    Da bei unserem Schelm als einem unvollkommnen Charakter Tugenden in Fehler
vererzt sein müssen - ich würd' ihn sonst keinem Roman-Bauherrn antragen -: so
nehme man mirs nicht übel, dass ich auch seine weisse Seite neben seine schwarze
bringe, wie man auf böheimischen Tafeln immer weisse und schwarze Gerichte
nebeneinander stellet.
    Er ging damals Sonntags aus seinem Laden bei aller erlaubter Sparsamkeit
doch gut gekleidet heraus. Seinen Hut, seine Ringfinger und seine Weste
bordierte echtes Gold; seinen Magen und seine Waden spann der Seidenwurm ein und
seinen Rücken das englische Schaf. Es ist ganz der menschlichen Bosheit gemäss,
das Verschwendung zu nennen, was hier seltene verheimlichte Wohltätigkeit war;
alles, was der unvollkommne Charakter anhatte, waren - Pfänder; denn um die
Leute vom Verpfänden abzubringen, drohte er jedem, jedes Pfand, worauf er leihe,
würd' er so lange anziehen, als es bei ihm stände. Auf diese Art hielt er
manchen ab, und die Kleidung dessen, bei welchem menschenfreundliches Warnen
nichts verfing, legte er wirklich Sonntags nach dem Essen an. Es war daher
weniger Mangel an Geschmack als an Geiz und Härte, dass er an sich, so wie mehre
Dienst-Personen, so auch mehre Kleider vereinigte und so bunt aufschritt wie ein
Regenbogen oder wie eine Kleidermotte, die sich von Tuch zu Tuch durchfrisst.
    Da ich so gewiss weiss, dass Verschwendung ihn nicht verunzierte, so sehr es
den Anschein hat: so will ich allen Anschein durch die Nachricht wegnehmen, dass
er jeden Sonnabend sein Pfund Fleisch im Zölibate kaufte, aber - denn sonst
bewiese es noch nichts - nicht ass. Er ass allerdings eines und mit dem Löffel;
aber es war vom vorigen Sonnabend. Der unvollkommne Charakter holte nämlich
jeden Sonnabend sein Andachtfleisch aus der Bank und veredelte und dekorierte
damit sein Sonntag-Gemüs. Aber er nahm nichts zu sich als den vegetabilischen
Teil. Am Montag hatt' er den tierischen noch und würzte mit ihm ein zweites
Gemüs - am Dienstage arbeitete das abgekochte Fleisch mit neuem Feuer an der
Kultur eines frischen Krautes - am Mittwoch musst' es vor ihm mit matten
Fettaugen auf einer andern Kräutersuppe liebäugeln - und so ging es fort, bis
endlich der Sonntag erschien, wo das ausgelaugte Fleischgeäder selber zum Essen,
aber in einem andern Sinne, kam und Röper das Pfund wirklich ass. Ebenso kann man
mit einem Pfund Leibnizischer, Rousseauischer, Jakobischer1 Gedanken ganze
Schiffkessel voll schriftstellerischen Blätterwerks kräftig kochen.
    Diese Sparsamkeit legierte der unvollkommne Charakter noch mit einigem
Betrug. Er interpolierte die Güter, die er gut bekam, und schrieb zurück, er
habe sie schlecht bekommen, sie wären so und so und er könnte sie nur um den
halben Preis gebrauchen. Ein Drittel des Preises spielt' er so dem Kaufmann
geschickt genug aus der entfernten Tasche. Waren, Fässer, Säcke, die in seinem
Hause nur ein Absteig-Quartier hatten und weiterreisen mussten, gaben ihm den
Transito-Zoll durch ein kleines Loch heraus, das er in sie hineinmachte, um das
wenige daraus sich zu entrichten, was dem Fuhrmann aufgebürdet werden konnte,
wenns fehlte. - Er legte ein Münzkabinett oder Hospital für arme invalide
amputierte Goldstücke an. Andern verrufenen Münzen gab er den ehrlichen Namen,
den sie verloren, wieder und zwang seine Faktore, sie als legitimiert und
rehabilitiert anzunehmen. Ein Goldstück mochte noch so schlecht in sein Haus
gekommen sein, er dankte es wie einen Offizier nie ohne Avancement ab. So decken
solche edlere Seelen sogar die Mängel des Geldes mit dem Mantel der Liebe zu.
    Auf diese Art breiteten sich seine Kaufmanns- und Feldgüter immer mehr aus,
und in seinem von der freundschaftlichen Wärme des Publikums angebrüteten Herzen
regte sich, wie ein Ei-Infusiontierchen, ein federloses durchsichtiges mattes
Ding, das er Ehre nannte. Der unvollkommne Charakter liess sich also einen
Charakter als Kommerzienrat kommen.
    Jetzt, da er die Ehre recht beim Flügel und aufs Papier befestigt hatte,
konnt' er sie eher beleidigen als vorher, als er sie noch nicht unter seinen
Papieren besass. Er machte also seine Lieberklärung dem reichsten und geizigsten
Vater einer schönen Tochter, welche die Liebe gegen einen Offizier zum letzten
Schritte hingerissen hatte. Die Tochter hasste seine Lieberklärung; aber der
Charakter mit Hülfe des Vaters bemächtigte sich ihrer sträubenden Hand, zog sie
daran zum Altar, schraubte den Ring ihr an und pfählte ihre Hand in seine. Ihr
zweites Kind war sein erstes.2
    Da indessen seine Ehre sich nach diesem Blutverlust und diesen Ausleerungen
schlecht auf den Füssen erhalten konnte: so musst' er daran denken, ihr ein recht
stärkendes Amulett, ein Ignatius-Blech, einen Lukas- und Agatazettel umzuhängen
- ein Adeldiplom. Sie wurde aus der Reichshofrats-Kanzlei von Wien auch
glücklich hergestellt.
    Da er nicht mit seiner Frau, sondern nur mit seinen Gläubigern
Güter-Gemeinschaft hatte: beurlaubte er sich vom Kaufmannstande mit einem
unschuldigen Falliment und rettete sich und sein reines Gewissen und die Güter
seiner Frau und seine eigne auf seinen Landgütern, um da seinem Gott zu dienen.
    Ich meine seinen Göttern. - Freunde hatte übrigens der unvollkommne
Charakter nicht. Seine Begriffe von Freundschaft waren zu edel und hoch und
verlangten die reinste uneigennützigste Liebe und Aufopferung vom Freunde; daher
ekelten ihn die niedrigen Tröpfe um ihn an, die nicht sein Herz, sondern seinen
Beutel verlangten und die ihn bloss an sich drückten, um etwas aus ihm
herauszudrücken. Er konnte einen solchen Eigennutz nicht einmal vor sich sehen,
und sein Haus litt daher, wie die menschliche Luftröhre oder wie Sparta, nichts
Fremdes in sich. Er glaubte mit Montaigne, man könne nicht mehr als einen
Freund, so wie eine Geliebte, recht lieben; daher schenkt' er sein Herz einer
einzigen Person, die er unter allen am höchsten schätzte - seiner eignen nämlich
- diese hatt' er geprüft; ihre uneigennützige Liebe gegen ihn selber vermochte
ihn, dass er Ciceros Ideal erreichte, welcher schrieb, dass man für den Freund
alles, sogar das Schlimme tun könne, was man für sich nicht täte.
    Er ist der grösste Stoiker im Scheerauischen; er sagt nicht bloss, an allen
Vergnügungen sei nichts: sondern er verachtet auch alle zeitliche Güter, weil
sie ihn nicht glücklich machen können. Diese Verachtung derselben ist vom
heftigsten Bestreben nach ihnen wohl nicht zu trennen, weil ein Weiser, wie die
Stoiker in der Note3 sagen, ein Leben, in dessen Mobiliarvermögen nur eine
Kratzbürste oder ein Stallbesen drüber ist, einem Leben, dem bloss dieses wenige
fehlte, vorziehen wird, ob er gleich nicht durch jenes glücklicher wird. Daher
legt der unvollkommne Charakter auf die kleinsten Effekten, wie der alte Shandy
auf die kleinsten Wahrheiten, einen so grossen Wert wie auf die grössten; daher
muss er mit den Nussschalen heizen, mit abgelösten Siegeln siegeln, auf fremde
leere Briefräume eigne Briefe schreiben etc. Der unvollkommne Charakter hat
hierin Ähnlichkeit mit dem Geizigen, der mit ähnlichen Kleinigkeiten wuchert und
den keine Gründe widerlegen können: denn wenn ich einen Groschen nicht wegwerfen
darf, so darf ich auch keinen Pfennig, keinen halben Pfennig, keinen 1/100000
Pfennig; die Gründe sind dieselben.
    Im Menschen liegt ein entsetzlicher Hang zum Geiz. Den grössten Verschwender
könnte man zu noch etwas Schlimmern, zum grössten Knicker machen, wenn man ihm so
viel gäbe, dass er es für viel und der Vermehrung wert hielte; und umgekehrt. So
will der Wassersüchtige desto mehr Wasser, je höher er davon geschwollen ist;
mit seinem Wasser fället zugleich der Durst darnach.
    Der unvollkommne Charakter dankt dem Himmel für zweierlei, erstlich dass er
in keinen Geiz, zweitens in keine Verschwendung gefallen sei - dass er seiner
Frau und seinem Kinde nichts versagt, alles gibt und bloss dummen Leuten, die
Stoff zur Verschwendung behalten wollen, diesen Stoff aus den Händen nimmt, wie
die alten Deutschen, Araber und Otaheiter nur Fremde, nie aber Inländer
bestehlen - dass er keusch ist und lieber die Geldkatze eines Kaufmanns als den
Gürtel der Venus löset - dass er Armen ganz anders beispringen wollte, wenn er so
viel Pfennige hätte wie der und der - dass er aber gleichwohl sein bisschen sich
so wenig wie der Traurige seinen Kummer nehmen lasse und dass er einmal am
Jüngsten Tage werde befragt werden, ob er mit seinen Pfunden (Sterling)
gewuchert. - -
    Dieser verkäufliche Charakter im Zeitungkomptoir ist wie ein englischer
Missetäter Ware und Verkäufer zugleich und will vom Romanschreiber nichts für
sein ganzes Wesen haben als gratis den Roman, in den er geworfen wird.
    So weit Fenk, der alle Menschen trug, aber keinen Unmenschen, keinen Filz.
Ich habe diesen unvollkommnen Charakter für meine Biographie an mich gehandelt
(denn er selber existiert auch biographisch unter dem Namen Röper); es fehlet
ihr ohnehin an echten Schelmen merklich; ja wenn ich auch Röpern mit den Teufeln
der epischen Dichter vergleiche und mich mit den Dichtern selber: so sind wir
beide doch nicht sehr gross.
    Wenn die Leser einen Brief vom Doktor Fenk hätten, der seine vorige Härte
entschuldigte - der uns an Scheerau, an den Doktor und an eine mir so liebe
Person erinnerte und der zum Ganzen recht passte: so würden sie den Brief in die
Lebensbeschreibung mit einknüpfen. Ich habe den nämlichen Brief und das nämliche
Recht; und schicht' ihn hier ein.
                                  Fenk an mich
»Nimm den armen Überbringer dieses zum Klienten an; der Maussenbacher hat seine
Saug- und Schöpfwerke dem armen Teufel eingeschraubt und zieht. Die sämtlichen
Spitzbuben von Advokaten in Scheerau dienen ihm gegen keinen reichen Edelmann zu
Patronen, den sie einmal zu ihrem eignen zu bekommen wünschen.
    Ich bin zwar selber täglich in Maussenbach und advoziere; aber der Knicker
nimmt keine uneigennützigen Gründe an; und sonst hat Röper für alles andre
Gefühl und Vernunft. Es wird einmal eine Zeit kommen, wo man unsre vergangne
Dummheit so wenig begreifen wird als wir künftige Weisheit, ich meine, wo man
nicht bloss, wie jetzo, keine Bettler, sondern auch keine Reichen dulden wird.
    Vom Vater einer schönen Tochter zwingt man sich gut zu denken. Ich nötige
mich auch: an deiner Klavierschülerin Beata sahest du nur die grünen Blätter
unter der Knospe; jetzo könntest du die aufbrechenden Rosenblätter selber sehen
und den Duft-Nimbus darum. Eine solche Tochter eines solchen Vaters! Das heisst,
die Rose blüht auf einem schwarzen, im Schmutze saugenden Wurzelgeflecht.
    Ich bin dort, sie zu heilen; der Alte will für sein Geld was haben; aber in
Maussenbach bedenkt kein Mensch, dass der Abt Galiani, den man vier Tage vor
meiner Abreise aus Italien begrub, gesagt hat, dass die Weiber ewige Kranke sind.
Jedoch bloss an Nerven; die Gefühlvollsten sind die Kränklichsten; die
Vernünftigsten oder Kältesten sind die Gesündesten. Wenn ich ein Fürst wäre: ich
resolvierte fürstlich und setzte in einem allerhöchsten Reskript Hausarrest
darauf, wenn eine Frau auch nur einen einzigen Medizinlöffel austränke. Ihr
armen hintergangnen Geschöpfe, warum habt ihr so viel Zutrauen zu uns Männern
überhaupt und zu uns Doktoren insbesondere und lasset es euch gern gefallen, dass
wir, die Arzneigläser wie in einer Reiheschank verzapfend, euch auf einem
Medizinwagen so lange spazieren fahren, bis wir euch auf den Leichenwagen
abladen? ... So sagt' ich manchmal zu ihnen; und dann nahmen sie alle Arzneien
noch lieber ein, die ich ihnen verordnete.
    Die einzigen Arzneien, die Weibern mehr nützen als schaden, sind höchstens
Kleider. Nach vielen Naturforschern verlängert das Mausern das Leben der Vögel;
aber auch das der Weiber, setz' ich dazu, die allemal so lange siechen, bis sie
wieder ein neues Gefieder anhaben. Aus der Terapeutik lässet sichs schlecht
erklären; aber wahr ists; und je vornehmer eine ist, mitin je kränklicher,
desto öfter muss sie sich mausern, wie auch der Sumpfsalamander sich alle fünf
Tage häutet. Ein weiblicher Krebs, der auf eine neue Schale wartet, hockt
erbärmlich in seinem Loche. Jedes Gift kann ein Gegengift werden; und da gewiss
ist, dass Kleider Krankheiten geben können, z.B. die Hektik, Pest etc.: so müssen
sie unter Anleitung eines vernünftigen Arztes auch Krankheiten heben können. Ein
aufgeklärter Medikus wird meines Bedünkens, wenn die Hällische Hausapoteke,
d.i. die Kleiderkommode, nichts hilft, aus keiner Apoteke als aus dem
Auerbachischen Hofe in Leipzig rezeptieren. Da du mancher Presshaften damit
beispringen kannst: so will ich dir aus meiner weiblichen materia medica
folgende offizinelle Halstücher, Kleider etc. hersetzen:
    Stahlarzneien sind Stahlrosetten und Stahlketten. Der Stahl- und Magenschild
des atlassenen Gürtels erwärmt den Magen und andre intestina sehr.
    Die Edelsteine, die sonst aus Apoteken gegeben wurden, sind noch jetzo
äusserlich gut zu gebrauchen.
    Blumenbouquets, sobald sie von Seide sind, sind probate Arzneipflanzen und
stärken durch den Geruch das Gehirn.
    Schals sind Brustarzneien, und nicht ein roter Faden (welches Aberglaube
ist), sondern ein Halsband mit einem Medaillon ist nach neuern Ärzten kranken
Hälsen dienlich.
    Mit der peruvianischen Rinde wird viel betrogen, aber echte ist ein Rock à
la peruvienne.
    Da alle Wunden nach der neuern Chirurgie durch blosse Bedeckung geheilet
werden: so tut statt des englischen Taftpflasters blosser Taft am Leibe dieselben
Dienste.
    Ein neuer Visitenfächer ist bei starken Ohnmachten unentbehrlich; ob aber
ein Muff unter die erweichenden Mittel, falsche Touren unter die Haarseile, und
ein Sonnenschirm unter die kühlenden Mittel, und eine Kleidgarnitur unter die
Bruchbänder und Bandagen gehöre - das können ein oder dreihundert Beispiele noch
nicht erweisen.
    Wir halten uns lieber daran, dass ein Frisierkamm ein Trepan gegen Kopfübel,
eine Repetieruhr gegen intermittierenden Puls und ein Ballkleid ein Universale
gegen alles ist.
    So ist also, scherzhaft zu reden, der Damenschneider ein Operateur, sein
Nähfinger ein Arzneifinger, sein Fingerhut ein Doktorhut ....
    ... Warum vergass ich dich, edle Beata? Dich heilt eine Parüre nicht; und
wenn künftig einmal dein schönes Herz erkrankte - so würde nichts es heilen als
das beste Herz, oder es stürbe. - -
    Wundere dich über mein Feuer nicht. Ich komme gerade von ihr und vergesse
alle Fehler, die ich vor vierzehn Tagen noch von ihr wusste. Mädchen, die oft
krank sind, gewöhnen sich eine Miene von geduldigem Ergeben an, die zum Sterben
schön ist. Ich habe ihren Lieblingausdruck unterstrichen, aber nur von ihrer
Zunge kann er im schönsten sterbenden sinkenden Laute fliessen. Diese Geduld
gewöhnet ihr ausser ihren ewigen Kopfschmerzen auch ihr Vater an, der sie gleich
sehr quält und liebt und der ihr zu Gefallen (nach dem Egoismus des Geizes) eine
Welt abschlachtete. Wenn die Seele mancher Menschen (sicher auch diese) zu zart
und fein für diese Morast-Erde ist: so ist es auch oft der Körper mancher
Menschen, der nur in Kolibri-Wetter und in Tempe-Tälern und in Zephyrn
ausdauert. Ein zarter Körper und ein zarter Geist reiben einander auf. Beata
hängt, wie alle von dieser Kristallisation, ein wenig zur Schwärmerei,
Empfindsamkeit und Dichtkunst hin; aber was sie in meinen Augen hoch
hinaufstellt, ist ein Ehrgefühl, eine demütige Selberachtung, die (meinen
wenigen Bemerkungen nach) ein Erbteil nicht der Erziehung, sondern des gütigsten
Schicksals ist. Diese Würde sichert ohne prüde Ängstlichkeit die weibliche
Tugend. Wenn man aber dieses weibliche point d'honneur erst einerziehen, ja
einpredigen muss - ach wie leicht ist nicht eine Predigt besiegt! - Weiber, die
sich selber achten, umringt eine so volle Harmonie aller ihrer Bewegungen,
Worte, Blicke! ... Ich kann sie nicht schildern, aber die sind zu schildern, die
der Rose gleichen, welche unten, wo man sie nicht bricht, die längsten und
härtesten Dornen hat, aber oben, wo man sie geniesst, sich nur mit weichen und
umgebognen verpanzert.
    Ich weiss nicht, ob es dir etwas Altes ist, dass Töchter ihren Müttern jede
Wahrheit und alle Geheimnisse sagen; mir ists etwas Neues, und nur eine beste
Tochter, wie Beata, kann es.
    Vor vierzehn Tagen erinnerte ich mich eines Fehlers von ihr nicht so schwach
als heute, welcher der ist, dass sie zu wenig Freude an der - Freude und zu grosse
an traurigen Phantasien hat. Es gibt zu weiche Seelen, die sich nie freuen
können (so wie nie beleidigt fühlen), ohne zu weinen, und die ein grosses Glück,
eine grosse Güte mit einem seufzenden Busen empfangen. Wenn aber diese vor rohen
Seelen stehen, die den verborgnen Dank und die stumme Freude nicht erraten
können: so werden sie gezwungen, nicht Empfindung, aber den Ausdruck derselben
vorzuheucheln. Beatens Vater will für jedes seiner Geschenke, deren Wert er bis
zu Apotekergranen auswiegt, eine springende Freude; sie hingegen fühlt
höchstens später darauf eine; die Erscheinung irgendeines lichten Glücks selber
blitzet ihr auf einmal über alle traurige Tage hin, die wie Gräber in ihrer
Erinnerung liegen. Auch an dieser Beata seh' ichs wieder, dass der weibliche Leib
und Geist zu zart und zu wallend, zu fein und zu feurig für geistige Anstrengung
sind und dass beide sich nur durch die immerwährende Zerstreuung der häuslichen
Arbeit erhalten; die höhern Weiber erkranken weniger an ihrer Diät als an ihren
exzentrischen Empfindungen, die ihre Nerven wie den Silberdraht durch immer
engere Löcher treiben und sie aus Fadennudeln in geometrische Linien zerdehnen.
Eine Frau, wenn sie Schillers Feuerseele hätte, stürbe, wenn sie damit eines
seiner Stücke machte, im fünften Akte selber mit nach.
    Ich verstehe deine verliebte Fragartikel recht gut: freilich steigt der
geheime Legationrat von Oefel hier oft aus. Er scheint zwar keine zärtlichern
Geschäfte hier zu haben als kaufmännische und vom Kommerzien-Agenten nichts
verschrieben zu fodern als Pfeffer für Zeilon und Muskatnüsse für Sumatra,
folglich seine Tochter und ihre Güter am allerwenigsten. - Desgleichen ist die
Ministerin, dieser Zoll- und Almosenstock voll männlicher Herzen, zwar auch mit
da und hat Oefels angeöhrtes oder gehenkeltes schon an ihren Reizen hängen; aber
der Teufel trau' geheimen Legationräten, zumal Oefeln. Ich sage dir, er mag
Beaten kapern oder nicht, so wundert mich jedes. Du wirst dich freilich damit
trösten, lieber Jean Paul, dass du erstlich grössere Reize hast als er und
zweitens gar nicht weisst, dass du die Reize hast, welches in der Konversation
viel tut. Es ist wohl etwas daran; denn Oefel will nicht sowohl gefallen als
bloss zeigen, dass er gefallen könnte, wenn er nur wollte, und er erlaubt sich
daher alle Launen, bloss damit man etwas zu tadeln und zu vergeben und er
gutzumachen habe; er ist auch - weil ein Hofmann und ein Demant ausser der Härte
noch reine Farbenlosigkeit haben müssen, um fremde Farben und Lichter treuer
nachzustrahlen - sogar zu einem Hofmann zu eitel und kauft sich mit fremder
Gunst nur seine eigne. Ich will dich mit noch mehr Zwars trösten, bis ich meine
Aber hole. Beata sieht zwar aus, als ob sie sich alle Minuten frage: warum
bewunder' ich ihn nicht?; die Ministerin sieht aus, als ob sie jene alle Minuten
frage: warum beneidest du mich nicht, da mein Lehnmann ein Forte-Piano mit
hundert Zügen und Tritten ist wie ich selber? - denn er behält keine Stellung
und kann sich in jede wagen; jede Bewegung scheint aus der andern herzufliessen;
seine Seele ändert ebenso spielend wie der Körper die Positionen und biegt sich,
wie ein Springbrunnen bei Wind, in die entlegensten Materien hinüber; ihn macht
nichts irre, er jeden; er weiss hundert Eingänge zu einer Predigt, fängt an, um
anzufangen, bricht ab, um abzubrechen, und weiss selber nicht eher als seine
Zuhörer, was er will - - kurz es ist ein Nebenbuhler, lieber Paul! - Ich kann
jetzt das versprochene Aber nicht recht hereinbringen.
    Aber obgleich meine schöne Patientin ihn so kalt überblickt wie einen, der
uns ein Kleid anprobiert, so setzt er doch das Gegenteil voraus und wirft
Leuchtkugeln zu seiner Erhellung und Dampfkugeln zu ihrer Verfinsterung in sie
und sticht schon im voraus die Münzstempel für seine künftige
Eroberung-Medaillen. - Männer oder Männchen wie Oefel haben einen solchen
Überfluss von Treue, dass sie ihn nicht einer, sondern unter tausend Weibern
verteilen müssen; Oefel will ein ganzes weibliches Sklavenschiff kommandieren:
er fragt dabei nach dir so wenig wie nach der Ministerin, die ihn liebt, weil es
ihr letzter Liebhaber ist, und die er liebt, erstlich weil er an ihrem
Triumphwagen, vor welchem sonst mehre Tröpfe eingespannt waren, gern als
Gabelpferd allein ziehen will, zweitens weil sie mehr List und weniger
Empfindung als er besitzt und ihn beredet, es sei gerade umgekehrt.
    Da ich nun unsere Beata, die du gern in dein Leben und in dein Buch
hineinhaben möchtest, in das Leben und das Buch des Oefels (er ist auch über
einem) verflechte, so hab' ich, trauter Paul, dem alten Röper so viele
Kabinett-Predigten darüber gehalten, dass die Kränklichkeit seiner Tochter nicht
durch einen, sondern durch ein paar hundert Ärzte zu besiegen sei, d.h. durch
Gesellschaft - dass der Alte ihr eine Gesellschaft oder vielmehr sie einer geben
will, ohne selber für eine die Alimentengelder auszugeben. Er will sie auf
irgendein Beet des Hofgartens verpflanzen: Sie soll auch Welt mitkriegen, sagt
er und hat selber keine. Er würde, wenn er dürfte, die ganze weibliche Welt von
ihren Altären und Bilderstühlen und Präsidentenstühlen und ordentlichen Sesseln
auf Melkstühle und Werkstühle und Schemel herabziehen und drücken; gleichwohl
sollen seiner Tochter durch Juden und durch Diamant-Pulver Facetten oder
Glanzecken angeschliffen werden, die er selber hasset. Ist sie am Hofe, so sieht
sie nachher der Legationrat alle Tage - und Jean Paul hat nichts.
    Dieser Jean fragte mich auch pfiffigerweise, ob er nicht Gerichtalter beim
Vater der besagten Tochter werden könne, weil er, der Jean, von dem Abdanken des
jetzigen gehört habe - Herr Kolb (eben der Gerichtalter) ist aber noch da,
zankt sich noch, sagt jede Woche: Wenn jeder die Streiche von Röper wüsst', die
ich ....; Röper sagt jede Woche: Wenn jeder die Streiche von Kolb wüsste, die ich
...., und so sind beide aneinander durch wechselseitige Besorgnisse geleimt. - -
Jetzt ist ohnehin nicht daran zu denken; denn in vierzehn Tagen lässet sich der
alte Röper von seinem Rittergute huldigen. Ein Geiziger scheuet sich, zu ändern
und zu wagen.
    Warum lässest du deine gute Schwester so lange im giftigen Hüttenrauche des
Hofes stehen? Ist das, was sie dort gewinnen kann, wohl so viel wert wie das,
was sie mitbringt und dort verlieren kann, ihr reines, weiches, obgleich
flüchtiges Herz? Auf meinen Reisen dacht' ich anders, aber jetzt in der
Einsamkeit ist mir ein kokettes Insekt, eine kokette Krebsin, die bald vor-,
bald rückwärts kriecht, die ihre grosse und kleine Scheren immer aufsperrt und
sie immer wieder erzeugt, wenn man sie abgerissen, die in der Brust statt des
Herzens einen Magen trägt und doch kaltblütig ist wie alle Insekten, eine solche
inkrustierte Krebsin ist mir widerlicher als eine schalenlose in der Mause der
Empfindsamkeit, die zu weich ist und aus der Romanschreiber die empfindsame
Krebsbutter machen. Empfindelei bessert sich mit den Jahren, Koketterie
verschlimmert sich mit den Jahren. - Warum schaffst du deine Philippine nicht
nach Haus? Auf diese Fragen hat mir Jean Paul nicht geantwortet; ich aber auf
seine: denn ich räche mich nicht; ich wünschte vielmehr, besagter Paul drückte
Beatens Finger heute an unrechte Finger mehr als auf die rechten Tasten und
jetzt im Lenz-Alter sähe sie sich neben dem Klavier fragend nach Paulo um und
überleuchtete ihn mit dem blauen Himmel ihres weiten Auges; der arme Teufel,
eben der Paul, würde sich nicht mehr kennen und dann sagen: Ohn' ein schönes
Auge geb' ich für alles andre Schöne nicht einen Deut, geschweige mich; aber
über ein Himmels-Augenpaar vergess' ich alle benachbarte Reize und alle
benachbarte Fehler und den ganzen Bach und Benda, wie er ist, und meine
Mordanten und die falschen Quinten und weit mehr. Leb wohl, Vergesslicher!
                                                                      Dr. Fenk.«
Wir verstehen uns, herzlicher Freund; wer selber einmal Satiren geschrieben hat,
vergibt alle Satiren auf sich, zumal die boshaftesten, bloss die dummen nicht.
Aber, ob es der Doktor gleich im Scherze verfochten hat, so muss ich doch solche
Leser, die weit von Scheerau wohnen, ohne Rücksicht auf mich benachrichtigen,
dass der besagte Legationrat Oefel die unbedeutendste Haut ist, die wir beide nur
kennen, wie er denn bloss unter Weibern weniger, aber unter Männern allzeit
verlegen ist und im kleinen Zirkel viel mehr als im grossen, zu geschweigen, dass
er immer die Aufmerksamkeit aufsucht und auch erjagt, welche bescheidne Leute
geschickt vermeiden, die allgemeine nämlich. Wenn ihm diese überall gelingt: so
soll er sie doch nicht in meinem Buche haben .... Die folgende Sache ist
freilich unmöglich - zumal meiner verdammten lang- und kurzbeinigen oder
spondäischen Stellage und Konsole wegen, auf die mein übrigens von Kennern
beurteilter Torso gelagert ist - - aber ausmalen kann sich doch ein Mensch die
unmögliche Sache, welche diese ist, dass ich mich einmal Beaten mit einer
Lieberklärung zeigte und so - wider eigne Erwartung - selber der Held dieser
Lebensbeschreibung und sie die Heldin würde - - ich bin ordentlich verdutzt,
denn ich wollte wahrhaftig nur sagen und setzen, dass ich bei Röper Gerichtalter
würde und hernach im Grunde - weil ich jeden Gerichttag zärtlich wäre, oder eine
zärtliche Bestie, wie eine Frau sich ausdrückt, die mehr zum schönen als
schwachen Geschlecht gehört - gar sein Schwiegersohn - Mit Freuden wollt' ich
dem so guten Leser, der Mitfreude fühlt, alles biographisch beschreiben und ihn
ergötzen .... Aber, wie gesagt, die Sache ist fatalerweise wohl unmöglich, so
weit ich in die Zukunft schauen kann; und dies bloss eines verdammten
unsymmetrischen Drahtgestelles wegen, das doch der, den sein Unglück darauf
geheftet, durch tausend Glasuren und Rasuren wieder gutmachen will und auf
welchem ja Epiktet gleichfalls lange stand.
    Im Feuer bin ich ganz aus meinem biographischen Plan herausgegangen; es
sollte bisher der Lesewelt geschickt verhalten werden (und glückte auch), dass
alle diese Avantüren noch nicht alt sind und dass in kurzem das Leben dieser
Personen mit meiner Lebensbeschreibung davon Hand in Hand gleichzeitig gehen
werde - - jetzt aber hab' ich alles losgezündet - Es muss nun überhaupt ein neuer
Sektor angefangen werden, worin mehr Vernunft ist ...
 
                                    Fussnoten
1 Friederich Jakobi in Düsseldorf. Wer an seinem Woldemar - das Beste, was noch
über und gegen die Enzyklopädie geschrieben worden - oder an seinem Allwill -
wodurch er die Stürme des Gefühls mit dem Sonnenschein der Grundsätze
ausgleichet - oder an seinem Spinoza und Hume - das Beste über, für und gegen
Philosophie - die zu grosse Gedrungenheit (die Wirkung der ältesten Bekanntschaft
mit allen Systemen) oder den Tiefsinn oder die Phantasie oder einige Züge, die
gewisse seltnere Menschen heben, bewundert: einem solchen wird dabei das erste
Anbellen, unter welchem Jakobi in den Tempel des deutschen Ruhms treten musste,
sehr widrig ins Ohr fallen; aber er muss sich nur erinnern, dass in Deutschland
(nicht in andern Ländern) neue Kraftgeister immer an der Tempelschwelle anders
empfangen werden (z.B. von bellenden Dreiköpfen) als im Tempel selber, wo die
Priester sind; und sogar einem Klopstock, Goete, Herder ging es nicht anders.
Aber vollends du armer Hamann in Königsberg! Wie viele Mardochais haben in der
Allgemeinen deutschen Bibliotek und in andern Journalen an deinem Galgen
gezimmert und an deinem Hängstrick gesponnen! - Inzwischen bist du doch
glücklicherweise nur scheintot vom Galgen gekommen.
2 Gebe doch der Himmel, dass der Leser alles versteht und sich hier nur
einigermassen noch der ersten Sektoren erinnert, wo ihm erzählt wurde, dass die
Frau des Kommerzien-Agenten Röper die erste Geliebte des Rittmeisters Falkenberg
gewesen und dem Agenten ihren Erstgebornen von dem Rittmeister als Morgengabe
zugebracht.
3 Si ad illam vitam, quae cum virtute degatur, ampulla aut strigilis accedat,
sumturum sapientem eam vitam potius quo haec adjecta sint nec beatiorum tamen ob
eam causam fore. Cic. de finib. bonor. et mal. Lib. IV.
 
                               Neunzehnter Sektor
                        Erbhuldigung - Ich, Beata, Oefel
Vierzehn Tage nach Fenks Brief .... Ist aber auf Leser zu bauen? - Ich weiss
nicht, wohers beim deutschen Leser kommt, ob von einem Splitter im Gehirn oder
von ergossener Lympha oder von tödlichen Entkräftungen, dass er alles vergisset,
was der Schriftsteller gesagt hat - oder es kann auch von Infarktus oder von
versetzten Ausleerungen herrühren: genug der Autor hat davon die Plackerei. So
hab' ichs schon auf einer Menge Bogen dem Leser durch Setzer und Drucker sagen
lassen (es hilft aber nichts), dass wir 13000 Taler beim Fürsten stehen haben,
welche kommen sollen - dass ich zwar keine Jura studiert, dass ich aber doch,
während ich mich zum Advokaten examinieren lassen, manchen hübschen juristischen
Brocken weggefangen, der mir jetzo wohl bekommt - dass Gustav Kadett werden soll
und ich Gerichtalter werden will - dass Ottomar unsichtbar und sogar unhörbar
ist - und dass mein Prinzipal zu viel verschleudert! - -
    Leider freilich: denn solang' er noch ein Zimmer oder einen Pferdestand ohne
tierischen Kubik-Inhalt weiss: so hängt er seine Angelrute nach Gästen ein. Er
ist wie die jetzigen Weiber nirgends gesund als im gesellschaftlichen Orkan und
Visiten-Dickicht - er und diese Weiber steigen aus einem solchen lebendigen
Menschen-Bad so verjüngt und neugeboren wie aus einem Ameisen- und
Schnecken-Bad. Er kann sich nie schmeicheln, hier nur die geringste Ähnlichkeit
(geschweige mehr) mit dem Kommerzien-Agenten Röper zu haben, der in der
Einsamkeit eines Weisen und Rentierers stille nachdenkt über Hausprozesse und
rückständige Zinsen und der es weiss, dass sein Schloss nur Schenk- und
Kruggerechtigkeit besitzt und also niemand über Nacht beherbergen darf. -
Falkenberg! hör auf den Biographen! Ziehe deinen Beutel, dein Schlosstor und dein
Herz zuweilen zu! Glaube mir, das Schicksal wird deine grossmütige Seele nicht
schonen, das rennende Glück wird dein weiches Herz mit seinem Rade überfahren
und zerschneiden, um sein Lottorad hinter seiner Binde vor einem Röper
auszuladen! O Freund! es wird dir alles nehmen, was du dem fremden Elend oder
der eignen Freude geben willst, nicht einmal den Mut wird es dir lassen, dein
beschämtes Herz mit seinen Wunden an einem Freunde zu verbergen! - und wie soll
es dann deinem Sohn ergehen? -
    Und doch! - ich tadle dich nur vorher; aber nachher, wenn du dich einmal
unglücklich gemacht durch Glücklich-Machen: so findest du Achtung in jedem guten
Auge, Liebe an jeder guten Brust!
    ... Also vierzehn Tage nach Fenks Briefe, als mein Zögling schon achtzehn
Jahre, aber noch ohne die Kadettenstelle war, sass bei meinem Prinzipal ein
bureau d'esprit böheimischer Edelleute und hatte feurige Pfingst-Zungen und
März-Bier. Ich hatte nichts, war aber mit drunter: ich konnt' es meinem guten
Rittmeister nie abschlagen, sondern vermehrte, wenn nicht die Gesellschafter -
man schätzet Menschen von einer gewissen zu grossen Feinheit erst dann am
meisten, wenn man von ihnen weg ist unter Menschen von einer gewissen Grobheit
-, doch die Leute. Manche Menschen sind wie er Visiten-Pressknechte und können
nicht genug Leute zusammenbitten, ohne zu wissen weswegen, ohne sie zu lieben;
Taubstumme lüde Falkenberg ein. Es hat für die Leser Folgen, dass ich sagte:
»Heute lässet sich Röper huldigen.« Falkenberg, der gern Böses von andern sprach
und ihnen nichts als Gutes tat und der seinen abwesenden Erbfeinden, d.h.
Geizigen, gern Erbsen auf den Weg streuete und diese doch wieder wegfegte, wenn
jene fallen wollten, dieser war froh über meinen Gedanken und über seinen : »Wir
sollten«, sagt' er, »ihm (Röper) zum Ärgernis heute alle hinreiten.« - In sechs
Minuten sass das trinkende bureau d'esprit und der Hofmeister auf den Gäulen;
Gustav nicht: er war für ein schöneres Schwärmen gemacht als für ein lautes.
Daher verwickelte Gustavs inneres Leben mich oft bei seinem Vater, der äusseres
forderte, in den verdriesslichen und vergeblichen Versuch, dass ich ihm beibringen
wollte, worin eigentlich der hohe Wert seines Sohnes läge - für einen
Hofmeister, der auf Ehre hält, ist dergleichen zu fatal.
    Wir sahen auf unsern Pferden Maussenbach, das vor seinem adeligen Bojaren
stand und ihm die Feudal-Krone auf seinen italienischen Kopf setzte. Neben dem
gehuldigten Lehenherren stand sein Justiz-Departement, sein Akzis-Kollegium,
seine geheime Landesregierung, sein Departement der auswärtigen Angelegenheiten
- nämlich Herr Kolb, der Gerichtalter, der alle diese Kollegien vorstellte.
Dieses Miniatur-Ministerium des Miniatur-Souveräns hatte auf einer Wiese - das
konnten wir von weitem sehen - einen langen Brief in der Hand, woraus es den
Leuten alles vorlas, was zu beschwören war; die hundert Hände der
Eidgenossenschaft zogen sich dann durch die härtenden zwei Hände Röpers und
Kolbes hindurch und versprachen, dem Edelmann gern zu gehorchen, falls er seines
Orts versprechen wollte, zu befehlen.
    Aber nach Freud' kommt Leid, nach Erbhuldigung ein bureau d'esprit ... Im
achtzehnten Jahrhundert sind allerdings viele Menschen erschrocken und sehr,
z.B. die Jesuiten, die Aristokraten, auch Voltaire und andre grosse Autores
erschraken oft ziemlich - aber es erschrak doch keiner im ganzen aufgehellten
Jahrhundert so als der Kommerzien-Agent, da er sah, was kam; da er sah 15
Menschenköpfe und 15 Rossköpfe zwischen einem Artillerietrain von Hunden oben
über den Berg hinunterziehen, die sämtlich in seinem Schloss nichts zu suchen
hatten, aber zu finden genug. Da aber auch zweitens niemand im achtzehnten
Jahrhundert seltner zu Hause war als er - er war es zwar, hockte aber hinter
Spiegelglas-Fenstern wie hinter Brandmauer und Schanzkorb, weil sie ihm wie ein
Gyges-Ring die Sichtbarkeit benahmen -, so hätt' er sich helfen und für so viele
Säugetiere ebenso viele Meilen entfernt sein können; aber auf der Wiese wars
nicht zu machen. Ein fröhlicher Mensch, und wär' es ein Geiziger, will Fröhliche
machen: Röper erschrak - erstaunte - resignierte - und empfing uns freudiger,
als wir errieten. Er blieb im Geben heute, weil er einmal im Geben war.
    Denn seine Lehnleute, die heute den Verstand verschworen hatten, sollten ihn
auch vertrinken; einige sauer erworbene und ebenso sauer schmeckende zwei Eimer
hatt' er als Gefangne aus ihrem Burgverlies am Kröntage losgelassen - er hatte
die Fässer ihnen mit doppelter Kreide weniger angeschrieben als getünchet und
leuteriert und Fleckkugeln von Kreidenerde so lange in Hängbettchen darein
eingesenkt gehabt, dass das Gesöff fast am Ende zu gut war, um verschenkt zu
werden. Der Filz sucht zu ersparen, sogar indem er verschenkt. Übrigens sprang
er mit seinen Lehn-Untertanen zutraulicher und freigebiger um als mit uns
geadelten Gästen; - »so handelt ein Mann stets, der keinen Adelstolz besitzt«,
sagt der Rezensent; aber »so handelt der Knicker stets, dem geringere, aber
silberhaltige Leute lieber sind als standmässige nehmende Gäste und der einen
eignen Bedienten über einen fremden Freund und über den Stand die Nutzbarkeit
hinaufsetzt«, sag' ich. - Luise, die Kommerzien-Agentin von Röper, legte jeder
Bier-Arche ihres Mannes noch eine kleine Schaluppe zu; seine Geschenke waren ihr
allemal ein Vorwand, geheime Zusätze dazu zu machen. Nur befahl sie dem
Dorfrichter, ein wachsames Auge darauf zu haben, dass ihr von der Bierhefe nichts
verloren gehe. Die Natur hatte ihr eine freie liebende Seele gegeben; aber eben
diese Liebe für ihren Mann liess ihr von seinen Fehlern wenigstens den Schein.
    Du treues Herz! Lasse mich einige Zeilen bei deiner ehelichen
Uneigennützigkeit verweilen, die alle eigne Wünsche für Sünden und alle Wünsche
ihres Mannes für Tugenden hält, und der kein Lob gefället als eines auf den,
welchen du übertriffst! Warum bist du nicht einer Seele zugefallen, die dich
nachahmt und kennt und belohnt? Warum waren dir für deine Aufopferungen, für
deine Herzensrisse hienieden keine schmerzstillenden Tropfen als die beschieden,
die deinetwegen aus den schönen Augen deiner Tochter fallen? - Ach du erinnerst
mich an alle deine Leidens-Mitschwestern. - Ich weiss es zwar aus meiner
Seelenlehre recht gut, ihr armen Weiber, dass euere Leiden nicht so gross sind,
als ich mir sie denke, eben weil ich sie denke und nicht fühle, da der Blitz,
der in der Ferne der Vorstellung zu einer Flammen-Schlange wird, in der
Wirklichkeit nur ein Funke ist, der durch mehre Augenblicke schiesst; aber kann
sich ein Mann, ihr weiblichen Wesen, die Seelen-Schwielen und Brüche denken, die
sein grober, von Waffen gehärteter Finger in euere weichen Nerven drücken muss,
da er nicht einmal so sanft mit euch umgeht, wie ihr mit ihm, oder er selber mit
saftvollen glatten Raupen, die er nur mit dem ganzen Blatte, worauf sie liegen,
wegzutragen wagt? ... Und vollends eine Luise und eine Beata! - Aber wäre Jean
Paul nur euer Gerichtalter, wie ihm der Alte zugesagt, er wollt' euch trösten
genug ....
    Es ist aber auf den Alten schlecht zu bauen: schleicht er nicht in ganz
Unterscheerau umher und voziert im voraus alle Advokaten zu seiner
Gerichtalterei, um uns Rechtsfreunde durch die Hoffnung, unter ihm zu dienen,
vom Entschlusse wegzubringen, gegen ihn zu dienen? - Inzwischen muss ers doch mit
einem ehrlich meinen, der ich wohl bin.
    Als die böheimische Ritterschaft und ich von der Wiese ins Schloss eintraten:
so stiess sie und ich auf etwas sehr Schönes und auf etwas sehr Tolles. Das Tolle
sass beim Schönen. Das Tolle hiess Oefel, das Schöne hiess Beata. Der Himmel sollte
einem Autor eine Zeit geben, sie zu schildern, und eine Ewigkeit, sie zu lieben;
Oefeln kann ich in drei Terzien ausmalen und auslieben. Es gereichte mir und ihr
zur Ehre, dass sie in ihrem alten Klavier-Lehrer sogleich den Bekannten
wiederfand; aber es gereichte mir zu keiner Freude, dass sie am Bekannten nichts
Unbekanntes entdeckte und dass sie bei meinem Anblick sich nicht erinnerte, aus
einem Kind ein Frauenzimmer geworden zu sein. - Es gibt ein Alter, wo man
Schönen doch verzeiht, wenn sie uns auch nicht bemerken und nicht annehmen. O
ich verzieh dir alles, und der grösste Beweis ist der, dass ich davon spreche. -
Der junge Jüngling bewundert und begehrt zugleich, der ältere Jüngling ist
fähig, bloss zu bewundern. Beatens Empfindungen und Worte sind noch der blendend
weisse und reine frische Schnee, wie sie vom Himmel gefallen sind: noch kein
Fusstritt und kein Alter hat diesen Glanz beschmutzt. Sie wurde noch schöner,
weil sie heute tätiger war als sonst und ihre schönen Schultern den Lasten der
Mutter lieh; die blasse Mond-Aurora, die sonst auf ihren Wangen den ganzen
Himmel weiss liess, überfloss ihn mit einem Rosen-Widerschein; auch die fremde
Freude, für die sie heute tätig war, gab ihr das erhöhte Kolorit, das sie sonst
durch eigne verlor. - Die Mädchen wissen nicht, wie sehr sie Geschäftigkeit
verschönere, wie sehr an ihnen und den Taubenhälsen das Gefieder nur schillere
und spiele, wenn sie sich bewegen, und wie sehr wir Männer den Raubtieren
gleichen, die keine Beute haben wollen, welche festsjetzt.
    Ihre Mutter sagte mir freudig die Ursache, weswegen der Legationrat dasitze:
er hatte Beaten eine Einladung von der Residentin von Bouse gebracht, auf ihr
Landgut zu kommen, wo meine Schwester auch ist. Das neue Schloss Marienhof liegt
eine halbe Stunde von der Stadt; am neuen hat Oefel das alte innen, das
vielleicht durch geheime Türen mit jenem zusammenhängt. Er gab unhöflicherweise
zu erraten, ohne sein feines Intrigieren - d.h. er machte, wie die Advokaten,
über den schmalsten Bach eine Brücke statt eines Sprunges - wär' es hinkend
gegangen. Unmöglich kann ein solcher eitler Narr von seinem Herzen einen
Schiefer-Abdruck in einen so edlen Stein, als Beata ist, ausprägen. Wenn sie
auch der Faselhans künftig alle Nachmittage im neuen Schloss umlagert, wie er
tun wird: so kann ich mich doch darauf verlassen - ja ich wollte dafür schwören.
Ein Haselant seiner Grösse kann zwar ein paar eckige begrasete Landfräulein (wie
heute geschah) zu einem verliebten Erstaunen über seine
Glockenpolypen-Drehungen, über seinen Mut, über seinen Verstand (d.h. Witz) und
seine Unverschämteit zwingen, statt Damen und Schönen bloss zu sagen Weiber -
das kann er und mehr, sag' ich; aber von Beatens Herz werden ihn ewig alle ihre
Tugenden trennen; sie wird neben seiner Liebe zur Ministerin seine zu ihr selber
gar nicht sehen und nicht glauben; sie wird ihre Seele keinen Oefelschen
empfindelnden Floskeln öffnen, die, wie das falsche Geld, bald zu gross sind,
bald zu klein. - Sie wird vielmehr finden, mit einem ehrlichen Jean Paul sei
mehr anzufangen; sie wird, hoff' ich, besagtem Paul die Ähnlichkeit, die er mit
Oefel in einigen Vorzügen haben mag, gern verzeihen, da er ohne seine Fehler ist
und mit einem treuen bescheidenen Herzen vor ihr steht, das kaum den Mut hat,
ihr das feinste Goldblatt des Lobes leise aufzuhauchen, und welches schweigt,
auch missverstanden, und zurückweicht, auch ohne versucht zu haben ...... Sie
wird in ihrem Urteile gerade so von den alten Landfräulein abweichen wie ich von
den jungen Landjunkern, die mit dasassen. Denn Oefels Erscheinung nahm ihnen
allen vorigen Witz und Verstand, und sein quecksilberner Anstand goss alle ihre
Glieder mit Blei aus; sie zogen in einer Falkenbeize, wo ein solcher Vogel die
weiblichen Herzen stiess, ihre plumpen Schwingen an sich und bewunderten vermöge
der männlichen Aufrichtigkeit statt der weiblichen Reize seine - Hingegen Jean
Paul blieb, wie er war, und liess sich nichts anhaben.
    Ich würde manchen deutschen Kreis auf die Vermutung einer heimlichen
Eifersucht bringen, wenn ich gar nichts zum Lobe Oefels sagte: er versprach am
nämlichen Nachmittag meinem Zögling einen grossen Dienst. Er hielt sich nämlich,
ob er gleich das alte Schloss neben der Residentin zur Miete hatte, nicht darin,
sondern im Scheerauer Kadettenhause auf und rückte von Zimmer zu Zimmer, um - da
ihm sein hoher Stand verbot, sich sonderbar zu kleiden - wenigstens sonderbar zu
handeln; er wollte da Menschen studieren, um sie in Kupfer stechen zu lassen. Er
setzte nämlich einen Roman als eine kurze Enzyklopädie für Erbprinzen und
Kronhofmeister auf und schrieb auf den Titel »Der Grosssultan« - Dieser Fenelon
machte den Harem seines Telemachs zu einem Spiegelzimmer, das den ganzen
weiblichen Scheerauer Hof widerspiegelte, sein Werk war ein Herbarium vivum,
eine Flora von allem, was auf und am Scheerauer Trone wächset, vom Fürsten an
bis, wenn er sich noch erinnert, zu mir. Wenns erscheint, verschlingen wirs
alle, weil er uns selber darin verschlungen. Die Rezensenten werden nichts darin
finden, sondern sagen: »Triviales Zeug!« - Da er nichts tat, was er nicht vorher
und nachher aller Welt vortrompetete: so hatt' es sogar mein Rittmeister gehört,
dass er beim Kadettengeneral so lange und so fein intrigiert hatte, bis er statt
eines aufsehenden Offiziers die Zimmer des Kadettenschulhauses bewohnen und
wechseln durfte; und so kam unser Fürst diesem Menschen-Naturforscher ebenso mit
einer menschlichen Menagerie zu Hülfe, wie Alexander dem Aristoteles mit einer
tierischen. Der Rittmeister trat also mit seiner siegenden
Menschenfreundlichkeit zu ihm und bat ihn, sich für seinen Gustav beim
Kadettengeneral geschickt zu verwenden, damit er einmal unter dessen Fahne käme.
Der Protektor Oefel sagte, nunmehr sei es schon so gut als richtig; er entzückte
sich selber mit der Vorstellung, einen unter der Erde erzognen Sonderling zum
Stubenkameraden und zum sitzenden Urbilde zu bekommen.
    Die Strahlenbrechung zeigt Schiffern das Land allezeit um etliche hundert
Meilen näher, als es liegt, und stärkt durch so einen unschuldigen Betrug sie
mit Hoffnung und Genuss. Aber auch in der moralischen Welt ist die wohltätige
Einrichtung, dass Fürsten und ihre Ministerien uns Bittsteller (so will Campe
statt Supplikant hören) dadurch froh und munter erhalten, dass sie uns durch eine
Augen-Täuschung die Hofstellen, Ämter, Gnaden, die wir haben wollen, allzeit um
einige hundert Meilen oder Monate näher - wir können sie mit der Hand erlangen,
denken wir - sehen lassen, als sie wirklich sind. Diese Täuschung der Annäherung
ist auch alsdann nützlich und gewöhnlich, wenn die geistliche oder weltliche
Bank, die den Sitzern auf der langen Expektantenbank näher gewiesen wird, am
Ende gar bloss eine - Nebelbank ist.
    »Der Kommerzien-Agent«, sagte unterwegs der Rittmeister zu mir, »ist doch
kein so übler Mann, als sie ihn machen - und der Legationrat braucht nur
vollends in die Jahre zu kommen.« -
 
                               Zwanzigster Sektor
     Das zweite Lebens-Jahrzehend - Gespenstergeschichte - Nacht-Auftritt -
                                  Lebensregeln
Oefel hielt Wort. Vierzehn Tage darauf schrieb uns der Professor Hoppedizel, er
werde den neuen Kadetten abholen. - - Nun wurde unser bisheriger Wunsch unsre
Pein. Gustavs und mein Bund sollte auseinandergedehnt und verrenkt werden; jedes
Buch, das wir nun zusammen lasen, kränkte uns mit dem Gedanken, dass es jeder
allein zu Ende bringen würde; ich wollte meinem Gustav kaum etwas mehr lehren,
dessen Ausbau ich an fremde Architekten übergeben musste, und jeder schöne
Blumenplatz war uns die Gartentür des Edens, die ein bewaffneter Cherub
abschloss. Die Sturmmonate seines Herzens rückten nun auch näher. Ich hatte
ohnehin den Flügeln seiner Phantasie nicht Federn genug ausgerisssen und ihn aus
seiner Einsamkeit nicht oft genug verjagt. In dieser trieb seine Phantasie ihre
Wurzeln in alle Fibern seiner Natur hinein und verhing mit den Blüten, die
seinen Kopf auslaubten, die Eingänge des äussern Lichts. -
    Wahrhaftig weder der klappernde Mentor noch seine Bücher, d.h. weder die
Gartenschere noch die Giesskanne sättigen und färben die Blume, sondern der
Himmel und die Erde, zwischen denen sie steht - d.h. die Einsamkeit oder
Gesellschaft, in der das Kind seine ersten Knospen-Minuten durchwächset.
Gesellschaft treibt im Alltagkind, das seine Funken nur an fremden Stössen gibt.
Aber Einsamkeit zieht sich am besten über die erhabnere Seele, wie ein öder
Platz einen Palast erhebt; hier erzieht sie sich unter befreundeten Bildern und
Träumen harmonischer als unter ungleichartigen Nutzanwendungen. Um so mehr haben
General-Akziskollegien darauf zu sehen, dass grosse poetische Genies - im Grunde
taugt keines zu einem gescheiten Kammer- oder Kanzleiverwandten - vom zehnten
Jahre bis zum fünfunddreissigsten in lauter Besuch-, Schreib- und Votierzimmern
herumgehetzet werden, ohne in eine stille Minute zu kommen; sonst ist keines in
einen Archivar oder Registrator umzusetzen. Daher hält auch das Marktgetöse der
grossen Welt allen Wuchs der Phantasie so glücklich am Boden.
    Daran dacht' ich oft und warf mir manches vor. Würde nicht (hielt ich mir
vor) ein gründlicherer Schulkollege deinen Gustav, wenn er mit dem Rücken auf
dem Grase liegt und in den blauen Himmelkrater hinaufzusinken oder auf Flügeln
an den Schulterblättern durch das All zu schwimmen träumt, mit dem Spazierstock
an ein Buch von Nutzen treiben? Und, sagt' ich, wenn ich zum gründlichern
Kollegen sagte, es sei einerlei, woran eine kindliche Phantasie sich aufwinde,
ob an einem lackierten Stäbchen, oder an einer lebendigen Ulme, oder an einem
schwarzen Räucherstecken: würde der Kollege nicht witzig versetzen, eben
deshalb, es sei also einerlei? -
    Inzwischen besäss' ich meines Orts auch Witz; ich würde auf die Replik
verfallen: »Glauben Sie denn, Herr Konfrater, dass unter dem grössten Spitzbuben
und dem grössten komischen Dichter, den Sie vertieren, ein Unterschied ist? -
Allerdings; ein guter Plan des Cartouche ist von einem guten Plan des Dichters
Goldoni darin verschieden, dass der erste die Komödie selber ausführet, die der
letzte von Schauspielern ausführen lässet.«
    Gustav war jetzt in der Mitte des schönsten und wichtigsten Jahrzehends der
menschlichen Flucht ins Grab, im zweiten nämlich. Dieses Jahrzehend des Lebens
besteht aus den längsten und heissesten Tagen; und - wie die heisse Zone zugleich
die Grösse und den Gift der Tiere mehrt - so kocht sich an der Jünglingglut zwar
die Liebe reif, die Freundschaft, der Wahrheit-Eifer, der Dichtergeist, aber
auch die Leidenschaften mit ihren Giftzähnen und Giftblasen. In diesem
Jahrzehend schleicht das Mädchen aus ihren durchlachten Jahren weg und verbirgt
das trübere Auge unter derselben hängenden Trauerweide, worunter der stille
Jüngling seine Brust und ihre Seufzer kühlt, die für etwas Nähers steigen als
für Mond und Nachtigall. Glücklicher Jüngling! in dieser Minute nehmen alle
Grazien deine Hand, die dichterischen, die weiblichen und die Natur selber, und
legen ihre Unsichtbarkeit ab und schliessen dich in einen Zauberkreis von Engeln
ein. Ich sagte: selber die Natur; denn an ihr glühen noch höhere Reize als die
malerischen; und der Mensch, für dessen Auge sie ein meilenlanges Kniestück voll
Zaubereien war, kann ihr ein Herz mitbringen, das aus ihr ein Pygmalions-Gebilde
macht, welches tausend Seelen hat und mit allen eine umschlingt .... O sie kehrt
niemals, niemals wieder, die zweite Dekade des armen Lebens, die mehr hat als
drei hohe Festtage: ist sie vorüber, so hat eine kalte Hand unsre Brust und
unser Auge berührt; was noch in diese dringt, was noch aus ihnen dringt, hat den
ersten Morgenzauber verloren, und das Auge des alten Menschen öffnet sich dann
bloss gegen eine höhere Welt, wo er vielleicht wieder Jüngling wird!
    Drei Tage, eh' der Professor kam, war Gespensterlärm im Schloss; zwei Tage
vorher währte er noch fort; einen Tag zuvor machte der Rittmeister Anstalten zur
Entdeckung der Schelmerei. Er hatte einen Wasserscheu vor Gespenstergeschichten
und gab jedem Bedienten, der eine wie Bokaz erzählte, als ein Honorar seiner
Novelle nach der Bogenzahl Prügel. Die Rittmeisterin ärgerte ihn durch ihren
Leichtglauben, und sie bekam oft den Blick von ihm, den Männer werfen, wenn die
Hoffnungen oder Befürchtungen ihrer Weiber Hasensprünge wie Erdhalbmesser tun. -
Sie hatte nachts ein dreifüssiges Gehen durch den Korridor gehört, ein Blitz war
durch ihr Schlüsselloch gefahren, und eine andre Taschenuhr als ihre hatte 12
geschlagen, und alles war verflogen.
    Er lud also seine Doppelpistolen, um den Teufel mit dem Pulver, das er nach
Milton früher als die Sineser erfunden, anzufallen; sein Gustav musste mit dabei
sein, um mutig zu werden. Die Schlossuhr schlug 11, es kam nichts - sie schlug
12, wieder nichts - sie schlug 12 noch einmal ohne Hülfe des Uhrwerks: jetzo
wickelte sich auf dem Schlossboden ein hieroglyphisches Gepolter heran, drei Füsse
traten die vielen Treppen herab und erschüttern den Korridor. Er, der selten in
Leiden, aber immer in Gefahren mutig war, ging langsam aus dem Zimmer und sah im
langen Gange nichts als die ausgeblasene Hauslaterne an der Haupttreppe; etwas
ging im Finstern auf ihn zu - und indem er auf das stumme Wesen feuern wollte,
rief er: »Wer da?« Plötzlich blitzte fünf Schritte von ihm - und hier fasste der
Tetanus der Angst Gustavs Nerven - das Licht einer Blendlaterne auf ein Gesicht,
das in der Luft hing und das sagte: »Hoppedizel!« Der wars; warf sein
Stiefelholz und andern Apparat dieser Farce weg, und niemand hatte etwas
darwider als der Rittmeister, weil er seinen Mut nicht beweisen konnte, und die
Rittmeisterin, weil sie keinen bewiesen hatte.
    - Aber in Gustavs Gehirn riss dieses in der Luft hangende Gesicht mit der
Ätznadel ein verzerrtes Bild hinein, das seine Fieberphantasien ihm einmal
wieder unter die sterbenden Augen halten werden. Bloss heftige Phantasie, nicht
Mangel an Mut schafft die Geisterfurcht; und wer jene einmal in einem Kinde zum
Erschrecken aufwiegelte, gewinnt nichts, wenn er sie nachher widerlegt und sie
belehrt: »Es war natürlich.« Daher fürchten sich in der nämlichen Familie nur
einige Kinder, d.h. die mit geflügelter Phantasie - daher zieht Shakespeare in
seinen Geisterszenen die Haare des Ungläubigen in der Frontloge zu Berge,
offenbar vermittelst seiner aufgewiegelten Phantasie. - Die Geisterfurcht ist
ein ausserordentliches Meteor unserer Natur, erstlich wegen ihrer Herrschaft über
alle Völker; zweitens weil sie nicht von der Erziehung kommt; denn in der
Kindheit schauert man zugleich vor dem grossen Bären an der Türe und vor einem
Geiste zusammen, aber die eine Furcht vergeht, warum bleibt die andre? -
Drittens des Gegenstandes wegen: der Geisterfurchtsame erstarret nicht vor
Schmerz oder Tod, sondern vor der blossen Gegenwart eines ganz fremdartigen
Wesens; er würde einen Mond-Insassen, einen Fixstern-Residenten so leicht wie
ein neues Tier erblicken können, aber in den Menschen wohnt ein Schauer
gleichsam vor Übeln, die die Erde nicht kennt, vor einer ganz andern Welt, als
um irgendeine Sonne hängt, vor Dingen, die an unser Ich näher grenzen ....
    Ich musste den einfältigen Professor-Spass aufschreiben, weil er nach zwei
Tagen um den fliegenden Gustav folgende Szene erzeugte, die ihm ebensogut das
Herz zerquetschen als erheben konnte.
    In der Frist vor seiner Abreise trug er sein schweres Herz und schweres Auge
an alle Orte, die er liebte und verliess, in das heilige Grab seiner Kinderjahre,
unter jeden Baum, der ihm die Sonne genommen, auf jeden Hügel, der sie ihm
gezeigt hatte - er ging zwischen lauter Ruinen des sanften Kinderlebens
hindurch; über seinem ganzen Jugendparadies lag die Vergangenheit wie eine Flut;
vor ihm, hinter ihm zog sich das Marsch- und Ackerland, worein das Schicksal so
bald den Menschen treibt .... Das war die Minute, wo ich vor der Sonne, die wie
er von dannen ging, und vor der ganzen grossen Natur, die mit unsichtbaren Händen
den blinden Menschen in weite, reine, unbekannte Regionen hebt, meinem geliebten
Schüler das Bild seines Guido1, das ich ihm bisher entzog, ans Herz drückte; in
solchen Minuten sind Worte nicht nötig, aber jedes, das man spricht, hat eine
allmächtige Hand: »Hier, Gustav,« (sagt' ich) »hier vor dem Himmel und der Erde
und vor allem Unsichtbaren um den Menschen, hier übergeb' ich dir aus meinen
bewahrenden Händen fünf grosse Dinge in deine: - ich übergebe dir dein
unschuldiges Herz - ich übergebe dir deine Ehre - den Gedanken an das Unendliche
- dein Schicksal - und deine Gestalt, die auch um Guidos Seele liegt. Die grossen
Stunden stehen nicht auf der Erde, die dich fragen werden, ob du diese fünf
grossen Dinge erhalten oder verloren hast - aber sie werden einmal deine künftige
Seele mit deiner jetzigen vergleichen - - ach! lass mich an mich nicht denken,
wenn du alles verloren hast!« ...
    Ich ging und umarmte ihn nicht; die besten Gefühle haften stärker, wenn man
ihnen nicht erlaubt, sich auszudrücken. Er blieb, und seine Gefühle wendeten
sich an Guidos Bild; aber das konnte ihn nicht an seine eigne Gestalt erinnern -
denn eine Mannsperson kann 20 Jahre alt werden, ohne ihre Zähne, und 25 Jahre,
ohne ihre Augen-Wimpern zu kennen, indes ein Mädchen dahinter kommt vor der
Firmelung -, sondern das Bild regte alles, was in ihm von dem Andenken und der
Liebe gegen seinen Genius, den ersten Erzieher, schlummerte, wieder auf; ja er
fand am Bilde lauter Ähnlichkeiten mit seinem weggeflohenen Freunde aus und sah
dessen Gestalt im gemalten Nichts wie in einem Hohlspiegel.
    Sein Gehirn brannte wie eine glimmende Steinkohlenmine im Traume auf dem
Kopfkissen fort. Ihm kams darin vor, als zerlief' er in einen reinen Tautropfen
und ein blauer Blumenkelch sög' ihn ein - dann streckte sich die schwankende
Blume mit ihm hoch empor und höb' ihn in ein hohes hohes Zimmer, wo sein Freund,
der Genius, oder Guido mit dessen Schwester spielte, dem der Arm, sooft er ihn
nach Gustav ausstreckte, abfiel und dem die Schwester ihn wieder reichte. Auf
einmal knickte die Blume zusammen, und niederfallend sah er drei weisse
Mondstrahlen seinen Freund in den Himmel ziehen, der die Blicke abwärts gegen
den Gefallnen drehte. Er erwachte - ausser dem Bette am offnen Fenster lehnend,
das über den Garten ins schlafende Auental sah. Der Himmel sank in einem
stummen Strahlen-Regen nieder - am leuchtenden Universum regte sich nichts als
die Strahlenspitzen der Fixsterne - die Häuser standen wie Grabmäler, in denen
die Sterblichen ausschliefen - die Träume gingen in den geschlossenen Sinnen der
Sterblichen aus und ein, und der Tod trat zuweilen ein Haupt und den Traum darin
entzwei. Der Himmel schien Gustaven an sein Fenster gesunken. »O kehr um, komm
wieder, Geliebter!« (rief er, durch Traum und Gegenwart dahingerissen) - »o du
warst da, du suchest mich! Erscheine mir, töte mich! - Ach du tausendfach
Geliebter! sende mir von deinem Himmel wenigstens deine Stimme!« - Unversehends
schnitt etwas vor dem Fenster die Luft entzwei und rief »Gustav«, und im fernen
Weiterfliegen riefs zweimal höher herab »Gustav, Gustav«. Ein Eisberg fiel auf
seine starrende Haut in der ersten Sekunde; aber in der zweiten glühte er wieder
an, gab seine Arme dem Tode und dem Freunde und schlug das Auge an einer
Luftstelle unter dem Mondblenden ein, um etwas zu sehen. - Die zwei Welten waren
nun für ihn in eine zusammengefallen; gefasst erwartete er den Freund aus der
Welt hinter den Sonnen und wollte an seine Äterbrust stürzen mit einer von
Erde. Er glühte sich ab, und ging endlich mit dem Schaudern der Seele und der
Haut ins Bett zurück. Aber lange werden von dieser Stunde her, wie von der
Gegend eines Gewitters die Winde, die Bewegungen seiner Seele wehen.
    - - Der alte Starmatz tats vermutlich, der, so viel ich weiss, aus dem Bauer
entkommen war. Gustav erfuhr es nicht. Ob eine Seele Wellen gleich einem
Setzteich, so hoch wie Hemd-Jabots, oder gleich dem Ozean solche wie Alpen
schlage, das ist zweierlei; ob diese hohen Bewegungen ein Star erregt oder ein
Seliger, das ist einerlei.
    Der Professor lehrte ihm unter meinen Ohren güldne Brokardika der
Menschenkenntnis, die er durch das Lehren selber übertrat - z.B.: Nicht bloss die
Liebe, sondern auch der Hass der Menschen ist veränderlich, und beide sterben,
wenn sie nicht wachsen. - Die meisten reden bloss gegen die Laster, die sie
selber haben. - Je grösser das Genie, je schöner der Körper ist, desto mehr
verzeiht ihnen die Welt; je grösser die Tugend ist, desto weniger verzeiht sie
ihr. - Jeder Jüngling denkt, keiner gleiche ihm in Gefühlen etc.; aber alle
Jünglinge gleichen sich. - Man muss sich nie entschuldigen; denn nicht die
Vernunft, sondern die Leidenschaft des andern zürnt auf uns, und gegen diese
gibt es keinen Grund als die Zeit. - Die Menschen lieben ihre Freuden mehr als
ihr Glück, einen guten Gesellschafter mehr als den Wohltäter, Papageien,
Schosshunde und Affen mehr als nützliche Lasttiere. - Man errät die Menschen,
wenn man ihnen keine Grundsätze zutraut; und der Argwöhnische hat allemal recht,
er errät, wenn nicht die Handlungen des andern, doch seine Gedanken; die
Niederlagen des Schlimmen und die Versuchungen des Guten. - Die Sünde gegen den
heiligen Geist, die dir keiner vergibt, ist die gegen seinen Geist, d.h. gegen
seine Eitelkeit; und der Schmeichler gefället, wenn nicht durch seine
Überzeugung, doch durch seine Erniedrigung etc.
    Es gibt gewisse Regeln und Mittel der Menschenkenntnis, die der bessere
höhere Mensch verschmäht und verdammt, und die gerade diesen nicht erraten
helfen und die ihn weder belehren noch erforschen. - Der Professor riet noch
meinem Gustav, sein Gesicht zu formen, Tugend auf demselben zu silhouettieren,
es vor dem Spiegel auszuplätten und es mit keinen heftigen Regungen zu
zerknüllen. Ich weiss es selber, für Weltleute ist der Spiegel noch das einzige
Gewissen, das ihnen ihre Fehler vorhält und das man, wie das Gehirn, ins grosse
und kleine einteilen muss; das grosse Gewissen sind Wand- und Pfeilerspiegel, das
kleine steckt in Etuis und wird als Taschenspiegel herausgezogen; für die
Weltleute; aber für dich, Gustav? - du, der du den obigen Dekalogus für
Spitzbuben nicht annehmen, nicht einmal verstehen oder nützen kannst - denn man
nützt und versteht nur solche Lebensregeln, von denen man die Erfahrungen,
worauf sie ruhen, so durchgemacht, dass man die Regeln hätte selber geben können
- du, den ich gelehrt, dass Tugend nichts sei als Achtung für das fremde und für
unser Ich, dass es besser sei, an keine Laster als an keine Tugend zu glauben,
dass die Schlimmsten nur ihre eigne Kaste und die Besten noch eine mehr kennen?
... Wenn Gustav nicht gegen jene Lehren, die meistens Wahrheiten sind, und gegen
den Lehrer aufgefahren wäre; wenn er nicht geschworen hätte, dass diese ekelhafte
Kanker-Philosophie nie über eine Ecke seines Herzens sich spinnen und kleben
sollte: so hätt' ich von ihm nicht einmal so gut gedacht als von der Residentin
von Bouse, der das System des Helvetius so schön wie sein Gesicht vorkommt; denn
in ihrem Stande hat oft das beste Herz die schlimmste Philosophie.
    Es wird kaum die Mühe verlohnen, dass ichs hersetze, dass der Spitzbube
Robisch zum Henker gejagt wurde, weil er einen entwischten Rekruten für einen
neuen ausgab und verrechnete. Wenn ich sagte: zum Henker gejagt, so satirisierte
ich; denn zum Herrn von Röper wars, der keine Bediente annimmt als die, welche
Livree-Polyhistore wie Robisch sind, d.h. zugleich Jäger, Gärtner, Schreiber,
Bauern und Bediente. -
 
                                    Fussnoten
1 Das Bild des verlornen Kleinen, das er an seinem Halse von der Entführerin
mitbrachte, und das ihm so ähnlich sah.
 
                    Einundzwanzigster oder Michaelis-Sektor
        Neuer Vertrag zwischen dem Leser und Biographen - Gustavs Brief
»Ziehe hin, Geliebter,« (sagt' ich) »den das Welt-Meer mitnimmt; das Sonnenbild
deines verborgen fühlenden Herzens lächle aus dem Meergrund und schwimme mit
dir! Dein junges Herz bringest du nicht mehr nach Auental! - O dass doch die
Früchte am Menschen ein andres Wetter haben müssen als seine Blüten - statt des
Hauches des Lenzes den Stich des Augusts und den Sturm des Herbstes!« Ich dachte
dies, solange sein Wagen in meinen Augen blieb; nachher ging ich in die
Gartenhöhle hinunter zu den zwei Mönchen; und als ich dachte: in euerer kalten
Stein-Brust wohnt kein Wunsch, kein Sehnen, kein Schmerz, kein - Herz: »Eben
darum«, sagt' ich in anderem Sinn.
    Heute ist Michaelis, und heute - ich kann mich nicht länger verstellen -
bejährt sich seine Abreise. Heute fängt zwischen mir und dem Leser ein ganz
neues Leben an, und wir wollen ruhig alles miteinander vorher ausmachen.
    Erstlich bin ich zwar ein Jahr hinter Gustavs Leben zurück; aber in acht
Wochen gedenk' ich solches erschrieben zu haben. Ich verhoffte freilich schon
vor einem halben Jahre, nun käm' ich ihm nach; aber ein Leben ist leichter zu
führen als zu schildern, zumal gut stilisiert. Überhaupt kann ein Autor - ein
guter - leichter die Sterne des Himmels zählen als seine zukünftigen Bogen, die
auch Sterne sind. Schlüsslich erwartet man, dass die Literatur-Zeitung wenigstens
so viel bedenke, dass ich ein Rechtsfreund bin und unmöglich für sie so viel zu
schreiben vermag wie für ganze Kollegien, Fakultäten und höchste Reichsgerichte.
Kennt die Literatur-Zeitung meine entsetzlichen Arbeiten? Man muss meinen
Speiseschrank voll Manualakten gesehen haben, in denen noch dazu kein Wort
steht, weil ich sie erst aus der Papiermühle holen liess, oder man muss in meiner
Gerichtalterei in Schwenz, worin die 12 Untertanen und der Lehn- und
Gerichterr selber Bauern sind, gewesen sein, um von mir nicht mehr zu fordern
als jährlich ein Buch. Wer ist um ganz Scheerau derjenige Sachwalter, der in
einem Prozesse dient, welcher mit nächstem - der Teufel müsste sein Spiel haben -
zum Wetzlaer Tor unter die Sessiontische des Reichskammergerichts, das von gutem
Stil weiss, dürfte hingetrieben werden? Und doch diente der Prozess, wie Peter der
Grosse, von unten auf und bestieg, wie die Styliten-Sekte, immer höhere Stühle.
    Zweitens - oder das ist noch erstlich: ich kann folglich, gleich den Juden,
nur am Sabbat oder Sonntag auf die Plastik meines Seelen-Fötus denken, an
Wochentagen wird nichts geschrieben - als zwar auch Biographien, aber nur von
Schelmen, man meint Protokolle und Klaglibelle.
    Zweitens oder drittens bin ich der Insass eines Schulmeistertums. - Der gute
Rittmeister wollte mich, da sein Sohn zur Tür hinaus war, mit Personalarrest
belegen, der bei mir zugleich Realarrest ist, weil mein Mobiliar-Vermögen in
meinem Körper und mein Immobiliar-Vermögen in meiner Seele besteht; ich sollte
auf seinem Schloss so lange advozieren und satirisieren, als ich wollte. Es
wäre zu wünschen, sein alter Gerichtalter verbliche: so würde ich der neue;
denn abdanken kann sein gutes Herz - dem doch mein spitzbübisches, an
Hoffeinheiten verwöhntes den Mangel der letzten nicht allemal vergeben mag -
keinen Menschen. Behalte deinen gesunden Nord-Ost-Atem, behalte deine Hände mit
dem prügelnden Stab Wehe und deine Zunge mit ihrem Paar Donnerwettern und
tausend Teufeln, mein Falkenberg!
    Ich blieb auch bei ihm im Winter; aber heuer im Frühjahr zog ich an den Ort
herab, wo ich dieses schreibe - in die obere Stube des Auentaler Schulmeister
Sebastian Wutz1. Ich hatte vielleicht die drei vernünftigsten Gründe von der
Welt dazu; ich schwind' erstlich nirgends mehr ein als in einem Vatikan voll
öder Klüfte, in Sara-Wüsten von leeren Zimmern; ein Esssaal mit seiner
Möblen-Armut ist für mich ein Patmos, und bloss in kleinen Stübchen wird man
grösser. Der Mensch sollte von Jahr zu Jahr in immer kleinere Zellen kriechen,
bis er in die kleinste schlüpfte, d.h. ins engste Loch dieses gequetschten
Silberdrahts. - Der zweite Grund war Herr Fortius (in Morhof. Polyhist. L. II.
c. 8.), welcher Gelehrten anrät, alle halbe Jahre die Städte zu wechseln, damit
sie besser schrieben - und in der Tat schreibt man besser nach jeder
Veränderung, und wäre es eine des Schreibepults. Ohne solche auffrischende Luft
schreibt sich die Seele so tief in ihren Hohlweg hinein, dass sie darin steckt,
ohne Himmel und Erde zu sehen. Aus gegenwärtigem Werke könnte vielleicht etwas
werden; aber jeden Monat und jeden Sektor muss ich in einer andern Kajüte
schreiben. -
    Der dritte und vernünftigste Grund ist meine Schwester: sie ist wieder von
der Residentin von Bouse zurück, erstlich, weil sie ihre Stelle einer schönen
Bücherpatientin leer zu machen hatte, der guten Beata nämlich, welche der Vater,
der Doktor, der Liebhaber - der dumme Oefel (er wird aber gar nicht begünstigt)
- endlich mitten in diese Zusammenströmung aller Freuden und Visiten
hinberedeten; - zweitens ist meine Schwester da, weil ichs so haben wollte, aber
Schwester, Schwester, warum hab' ich dich nicht eher aus diesem übersinternden
Mineral-Strudel gerissen? Warum hast du dich so verändert? Wer kann dich zurück
verändern? Wer will dir aus dem Herzen scheuern deine Gedanken an fremde Blicke,
deine Gier, bewundert, aber nicht geliebt zu werden, deine Gefallsucht, welche
Liebe nur erregen, nicht erwidern will, und alles das, was dein Herz
unterscheidet von deinem vorigen Herzen und von Beatens ewigem? - - Mit meiner
Schwester wollt' ich also nicht gern das Schloss verengern, auf dem sie übrigens
alle Tage ein paar Stunden versitzet.
    Jetzt hab' ich dem Leser beigebracht, woran er ist: wir wenden uns wieder zu
Gustavs Wagen und sind alle zufrieden, Leser, Setzer und Schreiber.
    Gustav fuhr in einer Trunkenheit des Schmerzes, die der schöne Himmel in
Tränen auflösete, nach Scheerau und hielt jede Schwalbe und Biene, die unserem
Schloss zuflogen, für glücklich; die nächsten zehn Jahre hingen als zehn
Vorhänge vor ihm düster nieder, »und liegen«, fragt' er sich, »Totengerippe,
Raubtiere oder Paradiese hinter den Vorhängen?« - Was ohne Vorhang vor ihm sass
und dozierte, sah er auch nicht, den Professor. Zwei Stunden vor Scheerau
schrieb er mir mit jener flammenden Dankbarkeit, die aus dem Menschen nur in
seinem zweiten Jahrzehend so strahlend bricht. Wie bei allen Seelen, die sich
mehr von innen heraus als von aussen hinein verändern, stand in ihm der Barometer
seines Herzens oft unbeweglich auf demselben Grade. Die Regenwolken und den
Regenbogen in seinem innern Himmel brachte er nach Scheerau mit; er trug sein
überhülltes Herz in das weite widerhallende Kadettenhaus und in dessen
Jahrmarktlärm auf den Treppen und in das Kadetten-Feldgeschrei wie unter die
Schläge einer Kupferschmiede und Walkmühle hinein - er wurde noch trauriger,
aber mit mehr Schmerzen.
    Das Merkwürdige im Zimmer, das er betrat und bewohnte, waren nicht drei
Kadetten - denn sie waren Kurrent-Menschen, Scheidemünze und prosaische Seelen,
d.h. lustig, witzig, ohne Gefühl, ohne Interesse für höhere Bedürfnisse und von
mässigen Leidenschaften -, sondern der Stuben-Ephorus, Herr von Oefel, der mit
dem Degen wie eine gespiesste Fliege mit der Nadel lief. Oefel fing ihn sogleich
zu beobachten an, um ihn abends zu beschreiben; - in Gesellschaften aber
beobachtete er jeden, nicht um fremde Pfiffe zu erlauschen, sondern um seine
vorzuweisen. So lobte er auch, ohne zu achten, und schwärzte an, ohne zu hassen:
glänzen wollt' er bloss.
    Unter diesen Verhältnissen, ehe Gustav den schweren Gang über Schmerzen zu
Geschäften tat, kam der Trost in der Gestalt der Erinnerung zu ihm, und Gustav
sah, was er nicht hätte vergessen sollen - seinen Amandus, seinen
Kindheitfreund. Aber der gute Jüngling trat vor ihn nicht in der ersten Gestalt
eines Blinden, sondern in der letzten eines Sterbenden; er hatte die
Nervenschwindsucht, die alles sein Mark aus der noch stehenden Rinde ausgezogen
hatte - an der Rinde grünte nichts mehr als hängende Zweige mit fahlem gesenkten
Laub. Er bereitete sich auf kein Amt und kein Leben vor, sondern erwartete und
wollte empfangen an der Schwelle des Erbbegräbnisses den Tod, der die Treppe
heraufstieg. - Aber dass seine Seele in einer lebendigen Wunde lag, daran kann
uns nichts wundern als das Geschlecht; denn die schönsten weiblichen Seelen
wohnen selten anders; aber die Männer schonen diese Wunde nicht; es erweicht sie
gegen ein so weiches Geschlecht der Anblick nicht, dass die meisten nicht von
einem Tage zum andern, sondern von einem Schmerze zum andern leben und von einer
Träne zur andern ....
    In Gustav wohnte das zweite Ich (der Freund) fast mit dem ersten unter einem
Dache, unter der Hirnschale und Hirnhaut; ich meine, er liebte am andern
weniger, was er sah, als was er sich dachte; seine Gefühle waren überhaupt näher
und dichter um seine Ideen als um seine Sinne; daher wurde oft die
Freundschaft-Flamme, die so hoch vor dem Bilde des Freundes emporging, durch den
Körper desselben gebogen und abgetrieben. Daher empfing er seinen Amandus, weil
überhaupt eine Ankunft weniger erwärmt als ein Abschied, mit einer Wärme, die
aus seinem Innern nicht völlig bis zu seinem Äussern reichte - aber Oefel, der
beobachtete, hatte mit sechs Blicken heraus, der neue Kadett sei adelstolz.
    Unter allen Kriegs-Katechumenen hatte Gustav die meiste Not. Aus einer
stillen Kartause war er in ein Polter-Zimmer verbannt, wo die drei Kadetten ihm
den ganzen Tag die Ohren mit Rapierstössen, Kartenschlägen und Flüchen beschossen
- aus einer Dorfburg war er in ein Louvre geworfen, wo die Trommel das
Sprachorgan und die Sprachmaschine war, wodurch das Scholarchat mit den Schülern
sprach, wie die Heuschrecke allen ihren Lärm mit einer angebornen Trommel am
Bauche macht. Zum Essen, zum Schlafen, zum Wachen wurden sie wie das Parterre
eines Dorfkomödianten zusammengetrommelt. Im Marschschritt und hinter dem
Kommandowort erstieg diese Miliz den Speisesaal als ihren Wall und nahm von der
Festung nichts weg als die Mundportion auf einen halben Tag. Der Kommandozuck
riss sie von ihren Stühlen auf und lenkte sie zur Zitadell wieder hinaus. Man
konnte nachts die Schritte eines einzigen Kadetten zählen, und man wusste die
aller übrigen, weil der kommandierende Luftstoss diese Räder auf einmal trieb. -
Eben deswegen, ich meine, weil der Dank vor dem Essen ordentlich kommandiert
wurde, hatte das ganze Korps die gleiche Andacht; keine Sekunde sprach einer
länger mit Gott als der andre. Ich weiss nicht, in welchem scheerauischen
Regimente der Kerl stand, der einmal bei der Kirchenparade, wo der Offizier die
Seelen einmal zu Gott kommandierte, die er sonst zum Teufel gehen hiess, so sehr
wider vernünftige Subordination verstiess, dass er wenigstens vier Minuten länger
dem Himmel auf seinem frommen Knie dankte als der Flügelmann - ich sag' es
deswegen, weil ich nachher, als der Beter darüber Fuchtel bekam, öffentlich die
Frage tat, ob nicht eben auf diese Weise den Kompagnien die Logik beizubringen
wäre, die ihnen so nötig ist wie die Schnurrbärte und noch nützlicher, da man
diese, aber nicht jene zu wichsen braucht. Könnte man nicht kommandieren und das
Wörtchen »macht« weglassen: »Macht den Vordersatz - macht den Hintersatz - macht
den Schluss«? So wär' ich nicht zu tadeln, wenn ich mir eine Kompagnie kaufte und
sie die drei Teile der Busse etwa so durchmachen liesse: bereuet - glaubt -
bessert - nämlich euch, oder sonst soll das liebe .... in euch fahren, wie
jüngere Offiziere beisetzen.
    Der östreichsche Soldat hatte bis Anno 1756 zweiundsiebzig Handgriffe zu
lernen, nicht um damit den Feind zu schlagen, sondern den - Satan.
    In dieser Stimmung, worin Gustav gegen Krieg und seine Kameraden war,
schrieb er mir einen Brief, dessen Anfang hier wegbleibt, weil unser
Briefsteller dabei allemal so kalt wie beim Empfang zu sein pflegte.
                                       *
    - - - »Das Exerzieren und Studieren machen mich zu einem ganz andern
Menschen, aber zu keinem glücklichern. Ich ärgere mich oft selber über meine
Weichheit, über meine Augen, aus denen ich die Spuren ingeheim wegzuwaschen
suche, und über mein Herz, das bei Beleidigungen, die ich jetzo häufig, aber
gewiss ohne Absicht der Beleidiger erfahre, nicht hart aufschwillt, sondern sich
zusammenpresst, wie zu einer grossen Träne über die unheilige Welt. Meine
Stubenkameraden, unter denen ich nichts höre als Rapiere und Flüche, lachen mich
über alles aus. Sogar dieses Blatt schreib' ich nicht unter ihnen, sondern unter
freiem Himmel im stillen Lande2 zu den Füssen und auf dem Fussgestell einer
Blumengöttin, von welcher Arm und Blumenkorb abgebrochen sind. Der gute Herr von
Oefel ist unterdessen im alten Schloss bei der Residentin.
    Sobald ich nicht arbeite, drückt jedes Zimmer, jedes Haus, jedes Gesicht auf
mich herein - Und doch, wenn ichs wieder tue - zwar wenn trübes Wetter ist, wie
in voriger Woche, mach' ich mein matematisches Reisszeug so gern wie ein
Schmuckkästchen auf; aber wenn ein Flammenmorgen unter dem Geschrei aller Vögel,
sogar der gefangenen, von den Dächern in unsere Gassen niedersinkt, wenn der
Postillon mich mit seinem Horn erinnert, dass er aus den eckigen, spitzigen,
verwitternden, unorganisch zusammengeleimten Schuttaufen der getöteten Natur,
die eine Stadt heissen, nun hinauskomme in das pulsierende, drängende, knospende
Gewühl der nicht ermordeten Natur, wo eine Wurzel die andre umklammert, wo alles
mit- und ineinander wächset und alle kleinere Leben sich zu einem grossen
unendlichen Leben ineinander schlingen: da tritt jeder Bluttropfen meines
Herzens zurück vor den Pechkränzen, Trancheekatzen und vor den Wischkolben,
womit die Artillerie unsere blauen Morgenstunden ausstopfet. - Dennoch vergess'
ich die grünende Natur und die Kontraminen, womit wir sie in die Luft
aufschleudern lernen, und sehe bloss die langen Flöre, die an den Stangen aus dem
Hause eines Färbers gegenüber in die Höhe fliegen, schon wie Nächte über den
Gesichtern armer Mütter hängen, damit der Tau des Jammers im Dunkeln hinter den
Leichen falle, die wir am Morgen machen lernen. - - Ach! seitdem es keinen Tod
mehr für, sondern nur wider das Vaterland gibt; seitdem ich, wenn ich mein Leben
preisgebe, keines errette, sondern nur eines binde: seitdem muss ich wünschen,
dass man mir, wenn mich der Krieg einmal ins Töten hineintrommelt, vorher die
Augen mit Pulver blindbrenne, damit ich in die Brust nicht steche, die ich sehe,
und die schöne Gestalt nicht bedaure, die ich zerschnitze, und nur sterbe, aber
nicht töte ..... O da ich noch aus Kartausen, noch aus Ihrem Studierzimmer in
die Welt hinaussah, da breitete sie vor mir sich schöner und grösser aus mit
wogenden Wäldern und flammenden Seen und tausendfach gemalten Auen - jetzo steh'
ich auf ihr und sehe das kahle Nadelholz mit kotigen Wurzeln, den schwarzen
Teich voll Sumpf und die einmähige Wiese voll gelbes Gras und Abzuggräben. -
    Vielleicht könnt' ich aber doch meine Träume, den Menschen zu nutzen, mehr
verwirklichen, wenn ich eine andre Laufbahn einschlüge und statt des
Schlachtfeldes den Sessiontisch wählen und den Zweck der Aufopferung veredeln
dürfte3..... Die rote Sonne steht vor meiner Feder und bewirft mein Papier mit
laufenden Schatten: o du wirkst stehend, Himmeldiamant, und machst licht wie der
Blitz, aber ohne seinen mörderischen Knall! Die ganze Natur ist stumm, wenn sie
erschafft, und laut, wenn sie zerreisset. Grosse, im Abendfeuer stehende Natur!
der Mensch sollte nur deine Stille nachahmen und bloss dein schwaches Kind sein,
das deine Wohltaten dem Dürftigen hinausträgt!
    Wenn Sie heute von Auental zu den im Sonnengolde wogenden Fenstern unsers
Schlosses aufsehen: so schauet jetzt meine Seele auch hinüber, aber mit einem
Seufzer mehr.« etc.
    Die Offiziere sehen ein, dass Gustav keiner werden will; aber er hat seinen
ganzen Vater wider sich, der bloss den stürmenden Krieger liebt und ruhigere
Geschäftmänner ebenso verschmähst, wie diese den noch ruhigern geschäftlosen
Gelehrten verachten. -
 
                                    Fussnoten
1 Den ganzen Lebenslauf seines Vaters, Maria Wutz, hab' ich dem Ende des zweiten
Bandes beigegeben. Allein ob er gleich eine Episode ist, die mit dem ganzen
Werke durch nichts zusammenzuhängen ist als durch die Heftnadel und den Kleister
des Buchbinders: so sollte mir doch die Welt den Gefallen erweisen und ihn
sogleich lesen nach dieser Note.
2 So hiess der englische Garten um Marienhof, den die Gemahlin des verstorbenen
Fürsten mit einem romantischen, gefühlvollen, über Kunstregeln hinausreichenden
Geiste angelegt. Der Kummer gab ihr den Namen und die Anlage des stillen Landes
ein. Jetzt ist ihrer sterbenden Seele selbst dieses Land zu laut, und sie lebt
verschlossen. Diejenigen Leser, die nicht da waren, will ich mir durch eine
Beschreibung des Gartens verbinden.
3 Ich kann nichts dafür, dass mein Held so dumm ist und zu nützen hofft. Ich bins
nicht, sondern ich zeige unten, dass das Medizinieren eines kakochymischen
Staatskörpers (z.B. bessere Polizei-, Schul- und andre Anstalten, einzelne
Dekrete etc.) dem Arzneieinnehmen des Nerven-Schwächlings gleiche, der gegen die
Symptome und nicht gegen die Krankheitmaterie arbeitet und der sein Übel bald
wegschwitzen, bald wegbrechen oder weglaxieren oder wegbaden will.
 
               Zweiundzwanzigster oder XVIIII. Trinitatis-Sektor
     Der echte Kriminalist - meine Gerichtalterei - ein Geburttag und eine
                               Korn-Defraudation
Als ich am Donnerstag darauf meinen Gustav besuchen und ein wenig belehren will:
hat ihn Herr von Oefel aus einer Ursache, die bloss ein ganzer Sektor vor- und
auswickeln kann, mit einigen Husaren an die Grenze verschickt, wo sie einen
Frucht-Kordon bildeten, der kein Korn hinaus- und keinen Pfeffer hereinliess. Da
die meisten Bewegungen des Volks sich von peristaltischen anfangen: so wollten
es manche feine Leute gerochen haben, der Landesvater täte die Sache, damit
seine Landskinder etwas zu brocken und zu beissen hätten.
    Ich bekam aber am Ende die grösste Teufelei damit, und man soll es jetzo
hören, aber nur von vornen an.
    Nämlich so: das grosse Rittergut Maussenbach hat, wie bekannt, die
Obergerichtbarkeit, obgleich ich und der Rittergutbesitzer, Herr
Kommerzien-Agent von Röper, darüber aus entgegengesetzten Gründen ärgerlich
sind. Ich bin ärgerlich, weil ich das Leben, wenigstens die Ehre von einigen
hundert Menschen nicht in den Händen eines ganzen römischen Volks, sondern eines
Amtmanns etc. sehe; - der Erb-, Lehn- und Gerichterr ist ärgerlich, weil der
Blutbann nichts einträgt, da es mehr kostet, das Richtschwert schleifen zu
lassen, als alles abwirft, was damit in den Beutel hineinzumähen ist. »Ehebruch
ist für eine malefizische Obrigkeit noch das einzige!« sagt der Erbherr. - Ganz
das Gegenteil sagte sein Gerichtalter Kolb; hohe Frais war seine hohe Oper,
peinliche Akten waren ihm Klopstocks Gesänge und ein Scherge sein Orest und
Sancho Pansa - Er hätte die Welt in zwei Reihen zerteilt, in die aufhängende
und in die aufgehangne Reihe, und er wäre Kriminalist geblieben - Ein
unrasierter Malefikant im Karzer war ihm ein sinesisches Goldfischchen in einer
gläsernen Bowle, beide wurden Gästen vorgestellt - Freie Spitzbuben-Pürsch nur
in ein paar Weltteilen wäre seine Sache und Lust gewesen - Mich hasste er auf den
Tod, weil ich ihm einmal einen vom Tode ins Zuchtaus wegdefendieret hatte - Er
besass die Sterbelisten aller Hingerichteten und eine Matrikul oder ein
genealogisches Saatregister aller Räuber (Ehrenräuber ausgenommen), die in allen
deutschen Kreisen zu ernten standen, und wahre Spitzbuben waren für ihn, was für
den biographischen Plutarch gutgesinnte Menschen. Kurz er war ein echter
Kriminalist, ganz wie ihn die alten deutschen oder neuen englischen Gesetze
haben wollen; denn nach beiden soll jeder bloss von seinesgleichen gerichtet und
verdammt werden; Kolben aber musste jeder Spitzbube und Mörder für einen ebenso
grossen halten, und Inkulpat konnte mitin sagen, dass er die Rechtswohltat
genösse, von einem seinesgleichen gerichtet zu werden. Ich kenne nicht viele
ebenbürtige Malefizräte und Fakultisten, auf welche dieses anzuwenden wäre.
    Das verdross Röpern ungemein; denn sein Malefizrat zog ihm alle Monate einen
kostensplitterigen Fraisfall zu; und hohen Frais-Gerichterrn ist doch nicht
sowohl mit der Einfangung als Beerbung der Inquisiten gedient. Kurz als der
Amtmann eine neue Galgenrekruten-Aushebung im Maussenbacher Walde vorzunehmen
gedachte - woran vielleicht Robisch schuld war -: so stellte Herr von Röper
diese Dieb-Pressgänge dadurch ab, dass er seinem Malefizrat so viel Grobheiten
antat, als dazu vonnöten waren, dass der Amtmann nichts tun konnte als abdanken.
    Er tat doch noch etwas, der Schelm, er malte meine Wenigkeit ab. Da er mein
Defensorat nicht vergessen konnte, so verwaltete er das Fiskalat und sagte zu
Röpern, ich taugte nichts, ich wäre ein Mensch, der ihn und mehre Edelleute
hasste und der den feinsten Hofton hätte; Paul nähme jeden Prozess von Untertanen
gegen ihre Lehnherrn an und hätte selber einmal gegen den Herrn
Kommerzien-Agenten die Feder geführet. - Du elender Kolb! warum sollen Einbeine
das nicht tun? - Meine wichtigsten Prozesse sind noch heute keine andern. - Und
warum soll nicht gar ein Vorschlag wirklich werden, den ich sogleich tun will?
Der, dass man nach dem Muster der Armen-Advokaten Untertanen-Advokaten einführt,
die bloss gegen Patrimonialgerichte wie die Malteserritter gegen Ungläubige
fechten. -
    Ich hab' es aus Röpers eignem Munde; denn kurz, er installierte mich doch
zum Maussenbacher - Amtmann, die Advozier- und Lesewelt erstaune, wie sie will.
Die Kolbisschen Angriffe waren eben meine Wendeltreppe zu diesem Gerichtstuhle.
Mein Gerichtprinzipal muss zu seinen ewigen Kämpfen mit allen Instanzen und
Edelleuten einen juristischen Taureador, einen hitzigen Federmesser-Harpunierer
haben; Kolb sagte aber, ich wäre einer. Zweitens präsentierte mir Herr von Röper
den Gerichtstuhl, weil ich weder ritt (des kurzen Beines wegen) noch fuhr (des
seekranken Magens wegen) und mitin zur Justizpflege ohne den Pferde-Nachtrab,
den sein Stall bisher zu apanagieren hatte, gegangen kam. Für Rezensenten und
deren Redakteurs wird der Wink kein Schade sein, dass sie bedenken mögen, dass sie
von nun an Papier nehmen und einen Mann rezensieren, der nicht etwa wie sie
nichts ist, sondern einen, der so gut richtet wie sie, aber über ein reelleres
Leben als das literarische, und der solche Rezensenten selber henken kann, wenn
sie in seinem Gerichtsprengel etwas anders stellen als Ehre.
    Jetzt kommt die Hauptsache. Ich war zum erstenmal als Richter in Maussenbach
und trat meine Amtmannschaft an. Es ging alles recht gut, ich und Untertanen
wurden einander vorgestellt, und ich hatte an diesem Tage über fünfhundert Hände
in meiner. Freilich muss ich noch manches saure Gesicht wegscheuern, das sie mir
mit machen, weil sie es meinem weniggeliebten Prinzipal machen; denn Volk und
Adel liegen nicht bloss in Rom, sondern auch in heutigen Dörfern stets einander
in Haaren und Zöpfen und fechten über Schuldensachen. Ausser meiner
Gerichtalterei feierte heute noch etwas seinen Geburttag - der Verleiher
derselben, Röper; wir assen also recht gut, zweierlei Dingen zu Ehren; erstlich
weil das von ihm aufgelöste Parlament in mir heute wieder zusammenberufen und
zweitens weil der Berufer vor vielen Jahren geboren worden. Ich kann sagen, mir
war wohl dabei trotz meiner Verschiedenheit von dem Wiedergebornen - von dir ist
gar nicht die Rede, Luise und Gerichtprinzipalin! - Welches lahme Herz schlüge
nicht mit deinem in sympatetischer Harmonie zusammen, wenn es dein Auge über
das Vergnügen deines Mannes und von Wünschen für sein Leben glänzen sieht. -
Sondern von deinem Eheherrn selber red' ich: er sei nun, wie er will, mir ist es
unmöglich, von einem Manne, mit dem ich unter einer Stubendecke sitze, das
Schlimme zu denken, das ich bisher von ihm gehört oder auch geglaubt, und es ist
wahrlich nicht einerlei, ob uns ein Tisch oder eine Kunststrasse trennt. Wenn du
einen Menschen von Hörensagen hassest: so gehe in sein Haus und sehe zu, ob du,
wenn du in seinen Gesprächen so manchen freundlichen Zug, in seinem Betragen
gegen das Kind oder Weib, das er liebt, so manches Zeichen der Liebe aufgefunden
hast, ob du da mit dem hineingebrachten Hasse wieder hinausgehest. War
gegenwärtiger Verfasser in seinem Leben gegen etwas eingenommen, so waren es die
Grossen; seitdem er aber in seinen Klavierstunden zu Scheerau Gelegenheit gehabt,
mit manchem Grossen unter einem Deckengemälde zu stehen, seitdem er selbst unter
diesen Riesen mit herumspringt: so sieht er, dass ein Minister, der ein Volk
drückt, seine Kinder lieben und dass der Menschenfeind am Sessiontisch ein
Menschenfreund am Nähpult seines Weibes sein kann. So haben die Alpenspitzen in
der Ferne ein kahles steiles Ansehen, in der Nähe aber Platz und gute Kräuter
genug.
    Ich gesteh' es also, da nach altväterischer Sitte (an Geburttagen bei Hofe
speist' ich dergleichen nie) eine Biskuit-Torte aufgetragen wurde, auf der das
Vivat und der Name Röper mit Typen von Mandeln aufgesäet zu lesen und zu essen
war - da ferner der Inhaber des Namens zwar sagte: »Solche dumme Streiche machst
du nun«, aber sogleich das Auge voll bekam und beifügte: »Schneid unsern Leuten
draussen auch einen Bissen« - ich gestehe, sagt' ich, ich wünschte alsdann manche
Sage von ihm aus meinem Gedächtnis, die sich mit dem lapidarischen Mandelstil
nicht wohl vertrug, und ich hätte besonders etwas darum gegeben, die Krebse am
allerliebsten, wenn er, weniger um das Steingut in ihren Köpfen besorgt, seine
Luise nicht angebrummt hätte, die in der Freude einige Beiträge zu seiner
Krebs-Daktyliotek verschüttet hatte. - Ich will nur aufrichtig sein: der Henker
hätte mich holen müssen, wenn ich hart wie ein Krebsauge hätte bleiben wollen,
da du, meine Musik-Schülerin, geliebte Beata, welche aus der Hofluft1, wie andre
Blumen aus der mephitischen, nichts eingesogen als zartere Reize und höhern
Schmelz, da du, holde Schülerin, mit dem weiblichen Gefühle des väterlichen
Ansehens hingingest und dem Vater, mit dem Munde auf seiner Hand, die
aufrichtigsten Wünsche brachtest und da du erst am Halse deiner Mutter, die euch
beide mit Blicken der Liebe überschüttete, dein Herz in ein näheres übergossest
....
    Erst jetzo kommt die versprochne Hauptsache - nämlich mein Gustav. Ich
wollt', er wär' ausgeblieben. Er tritt vor zwei Husaren voraus, die einen
Kornwagen eskortierten. Der Wagen wollte sich über der Grenze - das Fürstentum
Scheerau stösset wie der menschliche Verstand überall auf Grenzen - abladen; die
zwei Husaren wollten sich bestechen lassen, es war alles gut; aber Gustav wars
nicht; der Kondukteur, der Pachter, hatte die Schleichware für Röperisches Gut
ausgegeben - und vor Röper sträubte sich der ganze Gustav schon vom Vater her
zurück. Zweitens lebte er jetzt mit der Tugend im Brautstand und in den
Flitterwochen, wo man gute Werke und moralische hors d'oeuvre für einerlei nimmt
und wo zugleich Stil und Tugend zu viel Feuer haben. Kurz der Pachter und Wagen
mussten zurück; und der Kadett war ins Geburttagzimmer getreten, um es mit
überwallendem Hasse gegen Röperische Betrügereien anzusagen. - Aber war er dies
imstande, als er mich nach vielen Wochen und meine Schülerin zum ersten Male sah
und unter die fröhlich geröteten Gesichter trat, aus denen er auf einmal Blut
und Freude jagen wollte? - Er konnte nichts als mich beiseite ziehen und mir
alles entdecken; aber das Belauschen und das anfahrende corpus delicti
entdeckten dem Kommerzien-Agenten das nämliche. Er geriet ohne weiteres in eine
schimpfende Wut gegen den Kadetten, den die Sache, wie er sagte, nichts angehe,
und steigerte sich so lange darin, bis ihm ein Heilmittel gegen das ganze
Unglück beifiel. Ich musste mit ihm vor die Haustür hinaus, und er sagte mir, ich
würde als sein Amtmann leicht einsehen, dass man das Getreide für das Getreide
seiner Pächter ausgeben müsste, weil der Fürst mit einem Beamten kein Schonen
hätte. Das letzte sah ich als sein neuer Amtmann ein, dass der geizige
Arsenikkönig, der den Ämter-Handel, Justiz-Unfug und ähnliches duldete, doch auf
Ungehorsame gegen ihn wie ein giftiger Wind zufähret; aber das sah ich nicht
ein, dass eine zweite Betrügerei der Verhack und Advokat der ersten sein müsse.
Zu unserem Gefechte stiess endlich der Gegenstand desselben, der Pachter selber,
der mit zerrüttetem Gesicht und mit der stotternden Bitte zulief, »Ihro Gnaden
sollten es nicht ungnädig vermerken, dass er in der Angst sein Korn für Ihro
Gnaden Ihres ausgegeben hätte«. Nun war der Knoten auseinander: mein Prinzipal
hatte bisher bloss seine glücklich über die Grenze gebrachte Schleichware mit der
ertappten fremden vermengt. Dem Pachter hielt er sogleich als gesunder Moralist
die Bosheit vor, auf einmal ihn, das Land und den Fürsten zu betrügen, »und er
wünschte, er bräche jetzt das Schreiben der Regierung auf, er würde ihn auf der
Stelle ausliefern«. Zu meinem Gustav eilt' er hinein und warf ihm mit der Hitze
der verkannten Unschuld so viel Grobheiten entgegen, als man von einem
beleidigten Halb-Millionär erwarten kann, da Besitzer des Goldes, wie Saiten von
Gold, am allergröbsten klingen. Mich dauerte mein lieber Gustav mit seiner
Tugend-Pletora; ihn dauerte das Unglück des armen Pachters; und Beaten dauerte
unsere allseitige Beschämung. Mit reissenden Gefühlen floh Gustav aus einem
stummen Zimmer, wo er vom weichsten Herzen, das noch unter einem schönen Gesicht
gezittert, von Beatens ihrem, die Blumen kindlicher Freude weggebrochen und
herabgeschlagen hatte.
    Im Grund ging jetzt der Henker erst los - nämlich das Röperische Gebelle
gegen das Falkenbergische Haus und gegen dessen abscheuliche Verschwendung und
gegen den Kadetten. Beata schwieg; aber ich nicht: ich wäre ein Schelm gewesen
(ein grösserer, mein' ich), wenn ich dem Rittmeister die Verschwendung in dem
Sinne, worin sie der Gegner nahm, hätte beimessen lassen - ich wäre auch dumm
(oder dümmer) gewesen, wenn ich ihn nicht in meinem ersten Amtmanns-Aktus an
Widerstand zu gewöhnen getrachtet hätte, sondern erst im zehnten, zwanzigsten -
- - Aber das Öl, das ich herumfliessen liess, um seine Wellen zu glätten, tropfte
statt ins Wasser ins Feuer. Es half uns beiden wenig, dass uns meine Schülerin
mit den silberhaltigsten Stellen aus Bendas Romeo anspielte - der alte Spass war
nimmer zurückzubringen - wir zuckten und lenkten vergeblich an unsern
Gesichtern, Röper sah wie ein indianischer Hahn aus und ich wie ein
europäischer. - Ich hatte vorgehabt, gegen Abend nach Mondaufgang etwas
sentimentalisch zu sein in Beisein von Beaten, da sie mir ohnehin der Hof
entriss; ich weiss gewiss, ich hätte hinlänglich empfunden und gefühlt; ich würde
unter einem Schatten oder Baum mein Herz hervorgenommen und gesagt haben:
»prenez«; ja ich schien sogar heute Beaten mir weit näher heranzuziehen als
sonst, welches bei allen Mädchen gelingt, mit deren Eltern man die Geschäfte
teilt. - - Das war nun sämtlich zum Henker; ich musste kalt und zähe davongehen
wie ein Kammergerichtbote und empfand schlecht. War der neue Amtmann
verdriesslich, den man in sein Amt hineingeärgert hatte: so wars sein Prinzipal
noch mehr, der in sein Jahr hineingezankt geworden. So hinkte ich davon und
sagte unter dem ganzen Weg zu mir: »So und mit dem Gesicht und Aussehen ziehest
du also, glücklicher Paul, von deiner Maussenbachischen Gerichtalterei heim, von
der du schon in deinen Sektoren voraus geplaudert. - - Du brauchst meinetwegen
nicht aufzugehen, Mond, ich brauche dein Puder-Gesicht heute nicht - der einzige
verdammte Korn-Karren! und der Fürst! - und der Filz dazu! und auch die
Jünglingtugend! - Ich wollt', dass ihr alle .... Wär' ich aber nur so gescheit
gewesen und hätte gleich vormittags gefühlt und hätte vor dem Essen etwas von
meinem Herzen vorgezeigt, nur ein Herzohr, nur eine Faser.«
    »Ei! Herr Amtmann!« (fuhr mir mein Wutz entgegen) »wieder da? Hats hübsche
Ehebrüche gegeben, Hurenfälle, Raufereien, Injurien?«
    »Bloss einige Injurien«, sagt' ich.
 
                                    Fussnoten
1 Der Leser muss sich erinnern, dass sie von der Residentin von Bouse bloss zur
Feier des väterlichen Geburttags hierhergereiset war.
 
                 Dreiundzwanzigster oder XX. Trinitatis-Sektor
  Andrer Zank - das stille Land - Beatens Brief - die Aussöhnung - das Porträt
                                     Guidos
Noch am heutigen Sonntag hab' ichs nicht heraus, warum Gustav fünf Tage später
in Scheerau eintraf, als er konnte; er wich sogar meinen Erkundigungen
ängstlicher als listig aus. Oefel liess sich alles rapportieren und machte daraus
ein paar Sektores in seinem Roman, den ich und der Leser hoffentlich noch zu
sehen bekommen. Ich wollte, seiner käme eher als meiner in die Welt, so könnt'
ich den Leser darauf verweisen oder vielleicht einige Anekdoten daraus nehmen.
Gustav schien ein geistiges Wundfieber zu haben. Er trug sein vom bisherigen
Bluten erkältetes Herz zu Amandus, um es an des Freundes heisser Brust wieder
auszuwärmen und anzubrüten und um die Achtung gegen sich selber, die er nicht
aus der ersten Hand bekommen konnte, aus der zweiten zu erhalten. Und dort
erhielt er sie stets - aus einem besonderen Grunde. In seinem Charakter war ein
Zug, der ihn, wenn er unter einer Brüdergemeinde wäre, längst als Wildenbekehrer
aus ihr nach Amerika hinabgerollet hätte: er predigte gern. Ich kann es anders
sagen: seine quellende Seele musste entweder strömen oder stocken, aber tropfen
konnte sie nicht - und wenn sich ihr denn ein freundschaftliches Ohr auftat: so
regnete sie nieder in Begeisterung über Tugend, Natur und Zukunft. - Dann wehte
eine heitere frische Luft durch seine Ideenwelt - die niedergestürzten
Ergiessungen deckten den schönen lichten tiefblauen Himmel seines Innern auf, und
Amandus stand unter dem offnen Himmel entzückt. Dieser, dem die Übermacht seines
herzlich Geliebten ein Postament war, das ihn nicht belastete, sondern emporhob,
genoss im fremden Wert seinen eignen; ja in seinem minder ausgelichteten Kopf
entstand noch grössere Wärme, als im redenden war, wie etwa dunkles Wasser sich
unter der Sonne stärker als helles erwärmt. Gustav erzählte ihm den Vorfall und
sprach mit ihm so lange über sein Recht und Unrecht dabei, bis sein Schmerz
darüber weggesprochen war; dies ist das freundschaftliche Besprechen des innern
Schadenfeuers. Bloss Liebe und ein wenig Schwäche war es, dass Amandus mit
grösserer Teilnahme eine herausgeweinte als eine hervorgelachte Träne aus dem
geliebten fremden Auge wischte; er kam deswegen, um sich das Interesse an
fremdem Kummer zu verlängern, noch einmal auf die Sache und tat die zufällige
Frage, wo mein Held die übrigen fünf Tage war. Gustav überhörte es ängstlich und
rot - jener drang heftiger an - dieser umfasste ihn noch heftiger und sagte:
»Frage mich nicht, du quälest dich nur.« - Amandus, dessen hysterisches Gefühl
nicht so fein als konvulsivisch war, feuerte sich erst recht damit an - Gustavs
Herz war innigst bewegt, und daraus kamen die Worte: »O! Lieber, du kannst es
nie erfahren, von mir nie!« - Amandus war wie alle Schwache leicht zur
Eifersucht in Freundschaft und Liebe geneigt und stellte sich beleidigt ans
Fenster. - Gustav, heute nachgiebiger und wärmer durch das Bewusstsein seiner
neuesten Vergehung in der Korn-Anklage, ging hin zu ihm und sagte mit nassen
Augen: »Hätt' ich nur keinen Eid getan, nichts zu sagen« - Aber an Amandus'
Seele waren nicht alle Stellen mit jenem feinen Ehrgefühl bekleidet, an welchem
Wort-und Eidbruch fressender Höllenstein ist. Auch setzten in ihm wie in allen
Schwachen die Bewegungen seiner Seele, sogar wenn die Ursache dazu gehoben war,
wie die Wellen des Meers, wenn auf den langen Wind ein entgegenblasender folgt,
noch die alte Richtung fort. - Er sah also weiter durchs Fenster und wollte
vergeben, musst' aber die mechanisch aufspringenden Wellen allmählich
zusammenfallen lassen. Hätte Gustav sich weniger um seine Vergebung beworben: so
hätt' er sie früher bekommen; beide schwiegen und blieben. »Amandus!« rief er
endlich im zärtlichsten Ton. Keine Antwort und kein Umkehren. Auf einmal zog der
einsame Gequälte das Porträt des verlornen und ihm ähnlichen Guido, das in
seinen schönen Kindheittagen über seine Brust gehangen worden und das er ihm
heute zu zeigen willens gewesen, vom Schmerze übermannt, hervor und sagte mit
zerschmelzendem Herzen: »O du gemalter Freund, du geliebtes Farben-Nichts, du
trägst unter deiner gemalten Brust kein Herz, du kennst mich nicht, du vergiltst
mir nichts, - und doch lieb' ich dich so sehr. - Und meinem Amandus wär' ich
nicht treu?« - - Er sah plötzlich im Glase dieses Porträts sein eignes mit
seinen Trauerzügen nachgespiegelt: »O blicke her;« (sagte er in einem andern
Tone) »ich soll diesem gemalten Fremden so ähnlich sehen, sein Gesicht lächelt
in einem fort, schau aber in meines!« - und er richtete es auf, und weit offne,
aber in Tränen schwimmende Augen und zuckende Lippen waren darauf. - - Die Flut
der Liebe nahm beide in fester Umfassung hinweg und hob sie - und als Amandus
erst darnach seine halbeifersüchtige Frage: »er habe geglaubt, das Porträt sei
Gustavs« mit Nein und mit der ganzen Geschichte beantwortet erhielt: so tat es
keinen Schaden; denn die Bewegungen seines Herzens zogen schon wieder im Bette
der Freundschaft hin.
    Nach solchen Erweiterungen der Seele bietet eine Stube keine angemessenen
Gegenstände an; sie suchten sie also unter dem Deckengemälde, von dem nicht ein
gemalter, sondern ein lebendiger Himmel, nicht Farbenkörner, sondern brennende
und verkohlte Welten niederhängen, und gingen hinaus ins stille Land, das keine
halbe Stunde von Scheerau liegt. Ach, sie hättens nicht tun sollen, wenn sie
ausgesöhnet bleiben wollten!
    Willst du hier beschrieben sein, du stilles Land, über das meine Phantasie
so hoch vom Boden und mit solchem Sehnen hinüberfliegt - oder du stille Seele,
die du es noch in der deinigen bewachst und nur ein irdisches Bild davon auf die
Erde geworfen hast? - Keines von beiden kann ich; aber den Weg will ich
nachzeichnen, den unsre Freunde dadurch nahmen, und vorher teil' ich noch etwas
mit, das den sonderbaren Ausgang ihres Spaziergangs gebar.
    Ich wusste ohnehin nicht recht, wohin ich den Brief tun sollte, welchen Beata
sogleich nach meiner und ihrer Rückkehr von Maussenbach an meine Schwester
schrieb. Sie war in den wenigen Tagen, die sie mit meiner Philippine bei der
Residentin zugebracht, ihre Freundin geworden. Die Freundschaft der Mädchen
besteht oft darin, dass sie einander die Hände halten oder einerlei Kleiderfarben
tragen; aber diese hatten lieber einerlei freundschaftliche Gesinnungen. Es war
ein Glück für meine Schwester, dass Beata keine Gelegenheiten hatte, ihrem sie
halb bestreifenden Widerschein von Gefallsucht zu begegnen; denn Mädchen erraten
nichts leichter als Gefallsucht und Eitelkeit, zumal an ihrem Geschlecht.
            »Liebe Philippine,
    ich habe bisher immer gezögert, um Ihnen einen recht muntern Brief zu
schreiben - Aber, Philippine, hier mach' ich keinen. Mein Herz liegt in meiner
Brust wie in einer Eisgrube und zittert den ganzen Tag; und doch waren Sie hier
so freudig und niemal betrübt als bei unserem Abschiede, der fast so lange
währte wie unser Beisammensein: ich bin wohl selber schuld? Ich glaub' es
manchmal, wenn ich die lachenden Gesichter um die Residentin sehe oder wenn sie
selber spricht und ich mir in ihrer Stelle denke, was ich ihr mit meinem
Schweigen und Reden scheinen muss. Ich darf nicht mehr an die Hoffnungen meiner
Einsamkeit denken, so sehr werd' ich von den Vorzügen fremder Gesellschaft
beschämt - Und wenn mich eine Rolle, die für mich zu gross ist, freilich
niederdrückt: so weiss ich mit nichts mich aufzurichten, als dass ich ins stille
Land wegschleiche: - da hab' ich süssere Minuten, und mir gehen oft die Augen
plötzlich über, weil mich da alles zu lieben scheint und weil da die sanfte
Blume und der schuldlose Vogel mich nicht demütigen, sondern meine Liebe achten;
- dann seh' ich den Geist der trauernden Fürstin einsam durch seine Werke
wandeln, und ich gehe mit ihm und fühle, was er fühlet, und ich weine noch eher
als er. Wenn ich unter dem schönsten blauesten Tage stehe: so schau' ich sehnend
auf zur Sonne und nachher rings um den Horizont herum und denke: Ach wenn du
deinen Bogen hinabgezogen bist, so hast du doch auf keine Stelle der Erde
geschienen, auf der ich ganz glücklich sein könnte bis zu deinem Abendrot; - und
wenn du hinunter und der Mond herauf ist: so findet er, dass du mir nicht viel
gegeben. ... Teure Freundin! verübeln Sie mir diesen Ton nicht; schreiben Sie
ihn einer Krankheit zu, die mich allemal hinter diesem Vorboten anwandelt. O
könnt' ich Sie mit meinem Arme an mich ketten: so wär' ich vielleicht auch nicht
so. Glückliche Philippine! aus deren Munde schon wieder der Witz lächelnd
flattert, wenn noch über ihm das Aug' voll Wasser steht, wie die einzige
Balsampappel in unserem Park Gewürzdüfte ausatmet, indes noch die warmen
Regentropfen von ihr fallen. - Alles ziehet von mir weg, Bilder sogar; ein totes
stummes Farbenbild hinter einer Glastür war der ganze Bruder, den ich zu lieben
hatte. Sie können nicht fühlen, was Sie haben oder ich entbehre - jetzo scheidet
sogar sein Widerschein von mir, und ich habe nichts mehr vom geliebten Bruder,
keine Hoffnung, keinen Brief, kein Bild. - Ich vermisse dieses Porträt zwar seit
meiner Rückkehr von Maussenbach; aber vielleicht ists schon länger weg; denn ich
hatte mich bisher bloss einzurichten; vielleicht hab' ichs selber mit unter die
Bücher, die ich Ihnen gab, verpackt - Sie werden mich benachrichtigen. Ich weiss
gewiss, in unserem Hause war noch ein zweites, etwas unähnlicheres Porträt meines
Bruders; aber seit langem ists nicht mehr da.« etc.
                                       *
Natürlich! denn der alte Röper hatt' es publice versteigert, weil es das von
Gustav war. - Aber wir wollen wieder ins stille Land unsern beiden Freunden
nach.
    Sie mussten vor dem alten Schloss vorbei, das wie eine Adams-Rippe das neue
ausgeheckt, das seinerseits wieder neue Wasseräste, ein sinesisches Häuschen,
ein Badhaus, einen Gartensaal, ein Billard u.s.w., hervorgetrieben hatte. Im
neuen Schloss wohnte die Residentin von Bouse, die diesen architektonischen
Fötus das ganze Jahr nicht zweimal bewunderte. Hinter dem zweiten Rücken des
Schlosses fing sich der englische Garten mit einem französischen an, den die
Fürstin stehen lassen, um den Kontrast zu benützen oder um den zu vermeiden, in
welchem sich ein brillantierter Gala-Palast neben die patriarchalische Natur im
Schäferkleide postiert. Wer nicht vor den beiden Schlössern vorbei wollte:
konnte durch ein Fichtenwäldchen in den Park gelangen und vorher in eine
Klausnerei, deren Väter der alte Fürst und sein Favorit-Kammerherr gewesen
waren. Beide waren in ihrem Leben nicht einen halben Tag allein gewesen, ausser
wenn sie sich auf einer Jagd oder sonst verirrten; - daher wollten sie doch
allein sein und setzten deswegen (was fragten sie darnach, dass sie ein Plagiat
und einen Nachdruck der vorigen Baireuter Eremitage veranstalteten?) neun
Häuserchen aufs Papier, nachher auf den Tisch und endlich auf die Erde, oder
vielmehr neun bemooste Klafter Holz. In diesen ausgehöhlten Vexier-Klaftern
steckte sinesisches Ameublement, Gold und ein lebendiger Hofmann, wie man etwa
in lebendigen Baumstämmen auf eine lebendige Kröte mit Erstaunen stösset, weil
man nicht sieht, wo ihr Loch ist. Die Klafter umrangen eine Klause, die man -
weil am ganzen Hof keine Seele zu einem lebendigen Einsiedler Ansatz hatte -
einem hölzernen anvertrauete, der still und mit Verstand darin sass und so viel
meditierte und bedachte, als einem solchen Manne möglich ist. Man hatte den
Anachoreten aus der Scheerauischen Schulbibliotek mit einigen aszetischen
Werken versehen, die für ihn recht passten und ihn zu einer Abtötung des
Fleisches ermahnten, die er schon hatte. Die Grossen oder Grössten werden entweder
repräsentiert oder repräsentieren selber; aber sie sind selten etwas; andere
müssen für sie essen, schreiben, geniessen, lieben, siegen, und sie selber tun es
wieder für andre; daher ist es ein Glück, dass sie, da sie zum Genuss einer
Einsiedelei keine eigne Seele haben und keine fremde finden, doch hölzerne
Geschäftträger, welche die Einsiedelei für sie geniessen, bei Drechslern
auftreiben; aber ich wünschte nur, die Grossen, die nie mehr Langweile erleiden
als bei ihrer Kurzweile, liessen auch vor ihre Parks, vor ihre Orchester, ihre
Biblioteken und ihre Kinderstuben solche feste und unbelebte Geschäft- und
Himmelträger oder Genuss-Curatores absentis und Schönwetterableiter machen und
hinstellen, entweder in Stein gehauen oder bloss in Wachs bossiert.
    In die Decke der Klause sollte (wie an der Decke der Grotte beim Kloster S.
Felicita) hinlängliche Baufälligkeit, sechs Ritzen und ein paar Eidechsen, die
daraus fallen, eingemalet werden. Der Maler war auch schon auf Reisen, blieb
aber so lange darauf und aus, dass sich die Sache zuletzt selber hinaufmalte und
gleich offnen Menschen nichts war, als was sie schien. Allein als die künstliche
Einsiedelei sich zu einer natürlichen veredelt hatte, war sie längst von allen
vergessen. Ich halt' es daher mehr für Persiflage als für reine Wahrheit, dass
der Kammerherr - wie so viele Oberscheerauer sagten - Holzwürmer hätte
zusammenfangen und in den Stuhl des Eremiten impfen lassen, damit die Tiere
statt der Haarsägen und Trennmesser daran arbeiteten und den Sessel früher antik
machten - wahrhaftig das Gewürm beisset jetzo Stuhl und Mönch um! Noch
lächerlicher ists, wenn man einem vernünftigen Mann weismachen will, anfangs
hätte der architektonische Kammerherr ein künstlich laufendes Räderwerk mit
einem Mausfell kuvertiert und papillotiert, damit die Kunst-Eidechse oben eine
Korrespondenz-Maus unten hätte und so für Symmetrie hinten und vorn gesorgt
wäre, hernach hätte der Herr sich der Natur genähert und über eine lebendige
rennende Maus ein künstliches zweites Mausfell als Überrock und Frack gezogen,
damit Natur und Kunst ineinander steckten - lächerrlich! Mäuse fahren zwar stets
um den Einsiedler herum, aber sicher nur in einer Unterzieh-Haut ....
    Unsere zwei Freunde sind weit von uns und schon im sogenannten langen
Abendtal des Parks, durch welches aus der untergehenden Sonne ein schwebender
Goldstrom fiel. Am westlichen, sanft erhöhten Ende des Tales schienen die
zerstreuten Bäume auf der zerrinnenden Sonne zu grünen; am östlichen sah man
über die Fortsetzung des Parks hinüber bis ans glühende Schloss, auf dessen
Scheiben sich die Sonne und das Abend-Feuerwerk verdoppelten. Hier sah die alte
Fürstin allemal den ersten Untergang der Sonne; dann hob sie ein sanft
aufgewundner Weg auf das hohe Gestade dieses Tals, wo der Tag noch in seinem
Sterben war und noch einmal mit dem brechenden Sonnen-Auge väterlich den grossen
Kinderkreis anblickte, bis ihm seine Nacht das Auge zudrückte und diese in ihren
mütterlichen Schoss die verlassene Erde nahm.
    Gustav und Amandus! hier versöhnet euch noch einmal - der rote Sonnenrand
steht schon auf dem Rande der Erde - das Wasser und das Leben rinnen fort und
stocken unten im Grabe - nehmet euch an den Händen, wenn ihr auf das zerstörte
Ruhestatt1 hinüberschauet und auf seine stehende Kirche, das Bild der
unglücklichen Tugend - oder wenn ihr auf die Blumeninseln blickt, wo jede Blume
auf ihrem grünen Weltteilchen einsam zittert und ihr kein Verwandter
entgegenschwankt als ihr gemalter Schatten im Wasser - drückt euch die Hände,
wenn euere Augen fallen auf das Schattenreich, wo heute Licht und Schatten wie
Leben und Schlafen nebeneinander und ineinander zitternd flatterten, bis die
schwarze Schattenflut über allem, was an der Erde blinket, steht und den Tod
nachspielt - und wenn ihr an des stummen Kabinetts dreifachem Gitter Alphörner
und Äolsharfen lehnen sehet: so müssen euere Seelen die Harmonien im Einklang
nachbeben .... Es ist eine elende rhetorische Figur, die ich aufstelle, dass ich
hier so lange an- und zugeredet habe: sind denn nicht die zwei Freunde in einem
grössern Entusiasmus als ich selbst? Ist nicht Amandus über freundschaftliche
Eifersucht emporgehoben und hält eigenhändig das heutige angeredete Porträt des
unbekannten Gustavischen Freundes vor sich hin und sagt: »Du könntest der Dritte
sein«? Ja legt er nicht in der Begeisterung das Bild ins Gras, um mit der linken
Hand Gustav zu fassen und mit der rechten auf ein Zimmer des neuen Schlosses zu
deuten, und gesteht er nicht: »Hätt' ich auch in der rechten das, was ich liebe:
so wären meine Hände, mein Herz und mein Himmel voll, und ich wollte sterben«?
Und da man nur in der grössten Liebe gegen einen Zweiten von der gegen einen
Dritten sprechen kann: können wir unserem Amandus mehr ansinnen, der hier auf
dem Berge seine Verliebung in Beaten bekennt? - -
    Das Unglück war, dass sie eben selber heraufstieg, um am Sterbebette der
Sonne zu stehen - noch schöner als die, die ihre Augenlust war - immer langsamer
gehend, als wollte sie jeden Augenblick still stehen - mit einem Auge, das erst
sah, nachdem sie es einigemal schnell auf- und zugezuckt - kein lebender
europäischer Autor könnte Amandi Entzückung vormalen, wenn es dabei geblieben
wäre; - aber ihr kleines Erstaunen über die zwei Gäste des Berges floss plötzlich
in das über den dritten auf dem Grase über. Eine hastige Bewegung gab ihr das
brüderliche Bild, und sie sagte, unwillkürlich zu Amandus gekehrt. »Meines
Bruders Porträt! Endlich find' ichs doch!« - Aber sie konnte nicht vorbeigehen,
ohne aus jenem weiblichen feinen Gefühl, das in solchen Manual-Akten zehn Bogen
durchhat, ehe wir das erste Blatt gelesen, zu beiden zu sagen: »sie dankte
ihnen, wenn sie das Bild gefunden hätten« - Amandus bückte sich tief und
erboset, Gustav war weg, als stände sein Geist auf dem Berg Horeb und hier bloss
der Leib - sie wandelte, als wär' es ihre Absicht gewesen, gerade über den Berg
hinüber, mit den eignen Augen auf dem Bilde und mit den vier fremden auf ihrem
Rücken ....
    »Jetzt sind ja deine fünf Tage heraus, und ohne deinen Meineid«, sagte
Amandus erzürnet, und die hohe Oper des Sonnen-Untergangs rührte ihn nicht mehr;
Gustaven hingegen rührte sie noch stärker; denn das Gefühl, Unrecht zu leiden,
floss mit dem irrigen Gefühle, Unrecht angetan zu haben - zarte Seelen geben in
solchen Fällen dem andern allzeit mehr Recht als sich -, in eine bittere Träne
zusammen, und er konnte kein Wort sagen. Amandus, der sich jetzt über seine
Versöhnung ärgerte, wurd' in seinem eifersüchtigen Verdachte noch dadurch
befestigt, dass Gustav in der pragmatischen Relation, die er ihm von der
Maussenbacher Avantüre gemacht, Beaten völlig ausgelassen; allein diese
Auslassung hatte Gustav angebracht, weil ihn beim ganzen Vorfall gerade der
Zarten Gegenwart am meisten schmerzte und weil vielleicht in seinem wärmsten
Innersten eine Achtung für sie keimte, die zu zart und heilig war, um in der
freien harten Luft des Gesprächs auszudauern. »Und sie war natürlich neulich mit
in Maussenbach?« sagte der Eifersüchtige im fatalsten Tone. - »Ja!« aber so viel
vermochte Gustav nicht beizufügen, dass sie da kein Wort mit ihm gesprochen.
Dieses dennoch unerwartete Ja zerstückte auf einmal des Fragers Gesicht, der
seinen Stumpf in die Höhe gehalten (falls die Hand wäre abgeschossen gewesen)
und geschworen hätte: »es brauche weiter keines Beweises - Gustav halte Beaten
sichtlich in seinem magnetischen Wirbel - schweig' er nicht jetzt? Liess er ihr
das Bildnis nicht sogleich? Wird sie, da sie die Kopien verwechselte, nicht auch
die Originale verwechseln, da sie sich alle vier so gleichen u.s.w.?«
    Amandus liebte sie und dachte, man lieb' ihn auch, und man merke, wo er
hinauswolle. Er hatte Delikatesse genug in seinen eignen Handlungen, aber nicht
genug in den Vermutungen, die er von fremden hegte. Er hatte nämlich oft an der
medizinischen Seite seines Vaters die sieche Beata in Maussenbach besucht; er
hatte von ihr jene freimütige Zutraulichkeit erfahren, die viele Mädchen in
siechen Tagen immer äussern, oder in gesunden gegen Jünglinge, die ihnen
tugendhaft und gleichgültig auf einmal vorkommen; das gute Partizipium in dus,
Amandus, mutmasste daher nach einigem Nachdenken, dass ein Brief, den Beata als
ein Spezimen aus Rousseaus Heloise auf feinem Papier - auf grobes schreibt keine
- verdolmetschet hatte und der an den seligen St. Preux geschrieben war, an das
Partizipium selber gerichtet wäre. Mädchen sollten daher nichts vertieren;
Amandus war in einen Liebhaber vertiert.
    In Gustavs wogendem Kopf brach endlich die Nacht an, die ausser ihm vortrat;
Stürme und Mondschein waren in seiner nebeneinander, Freude und Trauer; er
dachte an einen unschuldigen, vom Verdacht angefressenen Freund, an das
eingebüsste Porträt, an die Schwester, mit der er einmal in seiner Kindheit
gespielt hatte, an den unbekannten abgemalten Freund, der also der Bruder dieses
schönen Wesens sei u.s.w. - Amandus brach einseitig auf; Gustav folgte ihm
ungebeten, weil er heute nichts als verzeihen konnte. Noch unter dem
Hinuntergehen rangen Hass und Freundschaft mit gleichen Kräften in Amandus, und
erst ein Zufall war einem von beiden zum Siege vonnöten - der Hass errang ihn,
und der Auxiliar-Zufall war, dass Gustav parallel an Amandus' Seite ging. Gustav
hätte voraus- (oder höchstens hintennach-)schleichen sollen, zumal mit seiner
freundschaftlich gebeugten Seele: so hätte die Freundschaft vermittelst seines
Rückens gesiegt, weil ein Menschenrücken durch den Schein von Abwesenheit mehr
Mitleiden und weniger Hass mitteilt als Gesicht, Brust und Bauch .... Man kann
die Menschen gar nicht oft genug von hinten sehen
    Ihr Bücherleser! keift nicht mit dem armen Amandus, der sein morsches Leben
verkeift. Ihr solltet nur nachsehen, wie in einem Nervenschwächling der Sitz der
Seele ist, verteufelt hart, ausgepolstert mit keinen drei Rindhaaren,
einschneidend wie eine Schlittenpritsche; kurz alle mir bekannte Ich sitzen
weicher - - Dennoch wird mein Mitleiden gegen den wunden Schelm durch ganz andre
Dinge als durch seine harte steinige Zirbeldrüse der Seele erregt: es sind
Dinge, die den Leser weich machen würden und zu denen ich mich trotz meines
Austunkens nur leider noch nicht habe hinzuschreiben vermocht! -
    Überhaupt versteck' ichs vergeblich, wie sehr es meiner Historie noch
mangelt an wahrem Mord und Totschlag, Pestilenz und teuerer Zeit und an der
Patologie der Litanei. Ich und der Bücherverleiher finden hier das ganze weiche
Publikum im Laden, das aufpasset und schon das weisse Schnupftuch - dieses
sentimentalische Haarseil - heraushat und das Seinige beweinen will und
abwischen und doch bringt keiner von uns viel Rührendes und Totes ... Von der
andern Seite bleibt mir wieder die besondere Not, dass das deutsche Publikum
seinen Kopf aufsetzt und sich nicht von mir ängstigen lassen will; denn es bauet
darauf, ich könne als blosser platter Lebensbeschreiber es zu keinem Morde
treiben, ohne welchen doch nichts zu machen ist. Aber ist denn nur der Romanen-
mit dem Blut- und Königsbann beliehen, und ist nur sein Druckpapier ein
Greveplatz? - Wahrhaftig Zeitungschreiber, die keine Romane schreiben, haben
doch von jeher eingetunkt und niedergemacht, was sie wollten, und mehr, als
rekrutieret war - Geschichtschreiber ferner, diese Grosskreuze unter den
gedachten Kleinkreuzen (denn aus 100 Zeitung-Annalisten extrahier' ich höchstens
einen Geschichtschreiber als Absud), sind fortgefahren und haben so viel
umgebracht, als der Plan ihrer historischen Einleitungen, ihrer Abrégés, ihrer
Kaiserhistorien und Reichsgeschichten durchaus erforderte .... Kurz ich bin
nicht zu entschuldigen, wenn ich hier gar nichts tot und interessant mache; und
ich erschlage am Ende aus Not einen oder ein paar Lakaien, die noch dazu ausser
Scheerau kein Henker kennt.
    Ich fahre aber in meiner Geschichte fort und rücke aus des Pestilenziarius
Nouvelle à la main folgenden Artikel in meine für mehre Weltteile geschriebene
Nouvelle à la main herein:
    »Es bestätigt sich aus Maussenbach, dass der dasige Bediente Robisch Todes
verfahren ist wie seine Mäuse. Sein Tod hat zwei medizinische Schulen gestiftet,
wovon die eine verficht, sein Sekten stiftender Tod komme von zu vielem Prügeln,
und die andre, vielmehr von zu wenigem Essen.«
    Es ist nicht ein Wort daran wahr; der Mensch hat zwar Striemen und Appetit,
lebt aber noch dato, und der Zeitungartikel ist erst seit einer Minute von mir
selber gemacht worden. Das kühne Publikum ziehe sich aber daraus auf immer die
Witzigung, dass es keinen Lebensbeschreiber reize und aufbringe, weil auch der
durch die Kelchvergiftung seines Dintenfasses und durch das Rattenpulver seiner
Streusandbüchse Robische und Fürsten und jeden umwerfen und auf den Gottesacker
treiben könne; es lerne daraus, dass ein rechtschaffenes Publikum stets unter dem
Lesen beben und fragen müsse: »Wie wirds dem armen Narren (oder der armen
Närrin) ergehen im nächsten Sektor?« - -
 
                                    Fussnoten
1 Diese wenigen Partien beschreib' ich nur kurz: Ruhestatt ist ein abgebranntes
Dorf mit stehender Kirche, die beide bleiben mussten, wie sie waren, nachdem die
Fürstin den Einwohnern Platz und alles eine Viertelstunde davon mit den grössten
Kosten und durch Hülfe des Herrn von Ottomars, dem es gehört und der noch nicht
da ist, vergütet hatte. - Die Blumeninseln sind einzelne abgesonderte
Rasenerhöhungen in einem Teiche, jede mit einer andern Blume geputzt. - Das
Schattenreich besteht in einem mannigfaltigen Schatten-Gegitter und -Geniste,
durch grosses und kleines Laubwerk, durch Äste und Gitterwerk, durch Büsche und
Bäume verschieden auf den Grund von Kies, Gras oder Wasser gemalt. Sie hatte die
tiefsten und die hellsten Schattenpartien angelegt, einige für den abnehmenden
Mond, andre für das Abendrot. - Das stumme Kabinett war ein schlechtes Häuschen
mit zwei entgegengesetzten Türen, über deren jeder ein Flor hing und die
durchaus keine Hand aufschliessen durfte als die der Fürstin. Noch jetzo weiss man
nicht, was darin ist, aber die Flöre sind zerstört.
 
                 Vierundzwanzigster oder XXI. Trinitatis-Sektor
               Oefels Intrigen - die Infammachung - der Abschied
Schlecht genug ergehts ihm, wenn das fragende Deutschland anders unsern Gustav
meinte. Oefel ist daran schuld. Ich will aber dem erschrocknen Deutschland alles
eröffnen; die wenigsten darin wissen, warum dieser ein Romanschreiber und ein
Legationrat ist.
    Kein empfindsamer Offizier - im Kadettenhause trug er Uniform - hat weniger
Kugeln und mehr Hemden und Briefe gewechselt als Oefel. Letzte wollt' er an alle
Leute schreiben; denn seine Briefe liessen sich lesen, weil er selber las, und
zwar belletristische Sachen, die er noch dazu nachmachte. Er war nämlich ein
schöner Geist, hatte aber keinen andern. Sämtliche französische Buchhändler
sollten eine närrische Dankadresse an ihn erlassen, weil er ihr sämtliches Zeug
einkaufte - sogar gegenwärtige Lebensbeschreibung, worin er selber steht, wird
einmal wieder bei ihm stehen, wenn er von ihrer Ausgabe und von ihrer
Übersetzung ins Französische hört. Sich selber, Leib und Seele nämlich, hatt' er
schon in alle Sprachen übersetzt aus seinem französischen Mutter-Patois. Die
schönen Geister in Scheerau (vielleicht auch mich) und in Berlin und Weimar
verachtete der Narr, nicht bloss weil er aus Wien war, wo zwar kein Erdbeben
einen Parnass, aber doch die Maulwurfs-Schnäuzchen von hundert Broschüristen
Duodez-Parnässchen aufstiessen und wo die daraufstehenden Wiener Bürger denken,
der Neid blicke hinauf, weil der Hochmut herunterguckt - sondern er verachtete
uns sämtlich, weil er Geld, Welt, Verbindungen und Hofgeschmack hatte. Der Fürst
Kaunitz zog ihn einmal (wenns wahr ist) zu einem Souper und Ball, wo es so
zahlreich und brillant zuging, dass der Greis gar nicht wusste, dass Oefel bei ihm
gespeiset und getanzt. Da sein Bruder Oberhofmarschall und er selber sehr reich
war: so hatte niemand in ganz Scheerau Geschmack genug, seine Verse zu lesen,
als der Hof; für den waren sie; der konnte solche Verse wie die Graspartien des
Parks ungehindert durchlaufen, so klein, weich und beschoren war ihr Wuchs -
zweitens gab er sie nicht auf Druckpapier, sondern auf seidnen Bändern,
Strumpfbändern, Bracelets, Visitenkarten und Ringen heraus. Unter andern Flöhen,
die auf dem Ohrentrommelfell des Publikums auf- und abspringen und sich hören
lassen, bin auch ich und donnere mit; aber Oefel ahmte keinen von uns nach und
verachtete dich sehr, mein Publikum, und setzte dich Höfen nach: »Mich«, sagt'
er, »soll niemand lesen, wenn er nicht jährlich über 7000 Livres zu verzehren
hat.«
    Künftigen Sommer reiset er als Envoyé an den **schen Hof ab, um die
Unterhandlungen wegen der Braut des Fürsten, die schon neben ihrer Wiege
angesponnen und abgerissen wurden, neben ihrem Doktor-Grahams-Bette wieder
anzuknüpfen. Der Fürst musste sich im Grunde mit ihr vermählen, weil ein gewisser
dritter Hof, der nicht genennt werden darf, sie dadurch einem vierten, den ich
gern nennen möchte, entziehen wollte. Man glaube mir aber, es glaubt kein Mensch
am ganzen Hofe des Bräutigams, dass er an den Hof der Braut verschickt werde,
weil dort etwa schöne Geister und schöne Körper gesuchte Ware sind: wahrhaftig
in beiden Schönheiten war er von jedem zu überbieten; aber in einer dritten
Schönheit war ers nur leider nicht, die einem Envoyé noch nötiger und lieber als
die moralische ist - im Geld. An einem insolventen Hof hat der Fürst die erste
und der Millionär die zweite Krone. Ich habe oft den verdammten Erbschaden des
scheerauischen Fürstentums verflucht und besehen, dass selten genug da ist, und
wir hälfen uns gern durch einen Nationalbankerutt, wenn wir nur vorher
Nationalkredit bekämen. Aber ausser diesem Fürstentum hab' ich auf meinen Reisen
folgende vier Regionen nirgends angetroffen als am Ätna selber: erstlich die
fruchtbare und zweitens die waldige Region unten am Trone, wo Früchte und
grasendes und jagdbares Pöbelwild zu haben ist, drittens die Eisregion des
Hofes, die nichts gibt als Schimmer, viertens die Feuerregion der Tronspitze,
wo ausser dem Krater wenig da ist. Ein Tron-Krater kann selber Goldberge
einschlucken, verkalken, auswerfen als Lava.
    Zum Unglück gefiel ihm Gustav, weil er seine jugendliche
Menschenfreundlichkeit für ausschliessende Anhänglichkeit an sich ansah, seine
Bescheidenheit für Demütigung vor Oefelscher Grösse, seine Tugenden für
Schwachheiten. Er gefiel ihm, weil Gustav für die Poesie Geschmack und folglich,
schloss er, für die seinige den grössten hatte: denn Oefels adeliges Blut lief
wider die Natur in einer dünnen poetischen Ader, und in einer satirischen dazu,
dacht' er. Vielleicht fand auch Gustav in seinen Jahren des Geschmacks, wo den
Jüngling die poetischen kleinern Schönheiten und Fehler entzücken, zuweilen die
Oefelschen gut. Wie nun schon Rousseau sagt, er könne nur den zum Freund
erwählen, dem seine Heloise gefalle: so können Belletristen nur solchen Leuten
ihr Herz verschenken, die mit ihnen Ähnlichkeit des Herzens, Geistes und
folglich des Geschmackes haben und die mitin die Schönheiten ihrer Dichtungen
so lebhaft empfinden als sie selber.
    Was indessen Oefel an Gustav am höchsten schätzte, war, dass er in seinen
Roman zu pflanzen war. Er hatte in der Kadetten-Arche siebenundsechzig Exemplare
studiert, aber er konnte davon keines zum Helden seines Buchs erheben, zum
Grosssultan, als das achtundsechzigste, Gustav.
    Und der ist gerade mein Held auch. Das kann aber unerhörte Leselust mit der
Zeit geben, und ich wollte, ich läse meine Sachen und ein andrer schriebe sie.
    Er wünschte meinen Gustav zum künftigen Erben des ottomanischen Trons
auszubilden, ihm aber kein Wort davon zu sagen, dass er Grossherr würde - weder im
Roman noch im Leben; - er wollte alle Wirkungen seines pädagogischen Lenkseils
niederschreiben und übertragen aus dem lebendigen Gustav in den abgedruckten.
Aber da setzte sich dem Bileam und seiner Eselin ein verdammter Engel entgegen;
Gustav nämlich. Oefel wollte und musste aus dem Kadettenhause, wo seine Zwecke
befriedigt waren, ins alte Schloss zurück, wo neue seiner warteten. Erstlich aus
dem alten Schloss konnt' er leichter in die kartesianischen Wirbel des neuen, der
Visiten und Freuden springen und sich von ihnen drehen lassen; - zweitens konnt'
er da mit seiner Geliebten, der Ministerin, besser zusammenleben, die alle Tage
hinkam und welche der Liebe die Tugend und die Liebe der Assembleen-Jagd
aufopferte - drittens ist die zweite Ursache nicht recht wahr, sondern er machte
sie der Ministerin nur weis, weil er noch eine dritte hatte, welche Beata war,
die er in ihrem Schloss aus dem seinigen zu beschiessen, wenigstens zu
blockieren vorhatte. - - Fort musst' er also; aber Gustav sollte auch mit.
    »Das ist den Augenblick zu machen,« (dachte Oefel) »er soll mich am Ende
selber um das bitten, um was ich ihn bitte.« Ihm war nichts lieber als eine
Gelegenheit, jemand zu seinem Zweck zu lenken - das Lenken war ihm noch lieber
als das Ziel, wie er in der Liebe die Kriegzüge der Beute vorzog. Er hätte als
Gesandter aus Krieg Frieden und aus Frieden Krieg gemacht, um nur zu
unterhandeln. - Er zog, um Gustaven nahezukommen, seine erste Parallele, d.h. er
stach ihm mit seiner spitzen Zunge ein schönes Bild der Höfe aus: dass sie allein
das savoir vivre lehren und alles und das Sprechen, wie denn auch die Hunde, je
kultivierter sie sind, desto mehr bellen, der Schosshund mehr als der Hirtenhund,
der wilde gar nicht - dass durch sie ein Paradieses-Strom von Freuden brause -
dass man da an der Quelle seines Glücks, am Ohre des Fürsten und am Knoten der
grössten Verbindungen stehe - dass man intrigieren, erobern etc. könne. Es war in
Oefels Plan, dem kleinen Grosssultan nicht einmal die Möglichkeit, ins alte
Schloss mitzukommen, zu verraten: »Um so mehr reiz' ich ihn«, dacht' er. Es ging
aber nicht mit dem Reizen, weil Gustav noch nicht aus den poetischen
Idyllen-Jahren, wo der aufrichtige Jüngling Höfe und Verstellung hasset, in die
abgekühlten hinüber war, wo er sie sucht. Oefel studierte, wie Hofleute und
Weiber, nur Einzelwesen, nicht den Menschen.
    Nun wurde die zweite Parallele gezogen und der Festung schon näher gerückt.
Er ging einmal an einem Vormittage mit ihm in den Park spazieren, als er gerade
die Residentin da zu treffen wusste. Während er sie unterhielt, beobachtete er
Gustavs Beobachten oder errötendes Staunen, der noch in seinem Leben vor keiner
solchen Frau gestanden war, um welche sich alle Reize herumschlangen,
verdoppelten, einander verloren, wie dreifache Regenbogen um den Himmel. Und du,
Blumen-Seele, Beata, deren Wurzeln auf dem irdischen Sandboden so selten die
rechte Blumenerde finden, standest auch dabei, mit einer Aufmerksamkeit auf die
Residentin, die eine unschuldige Maske deiner kleinen Verwirrung sein sollte. -
Gustav brachte für seine grosse keine Maske zustande. Oefel schrieb diese
Verwirrung nicht wie ich der gegenseitigen Erinnerung an die
Guido-Bilderstürmerei, sondern die Gustavische der Residentin, und die weibliche
sich selber zu.
    »So hab' ich ihn denn, wo ich ihn haben will!« sagt' er und liess sich von
ihm bis ins alte Schloss bereiten. »A propos! Wenn wir nun beide dablieben!«
sagt' er. Die aus anderen Gründen herausgeseufzete Antwort der Unmöglichkeit
war, was er eben begehrte. »Gleichviel! Sie werden mein Legationsekretär!« fuhr
er mit seinem feinen, auf Überraschung lauersamen Blicke fort, den er eigentlich
niemal mit einem Augenlide bedeckte, weil er stets alles zu überraschen glaubte.
    - Es lief aber einfältig für Oefel ab: Gustav wollte nicht, sondern sagte:
nie! sei es nun aus Furcht vor Höfen, vor seinem Vater, aus Scham der
Veränderung, aus Liebe der Stille; kurz Oefel stand dumm vor sich selber da und
sah den schwimmenden Stücken seines gescheiterten Baurisses nach. Es ist wahr,
es blieb ihm doch der Nutzen daraus, dass er den ganzen Schiffbruch in seinen
Roman tun konnte - nur aber der Sekretär war fort! - Er hatte ihn auch nicht
unvernünftig schon im voraus zum Gesandtschaft-Sekretariat voziert; denn an den
Scheerauer Tron ist eine Leiter mit den tiefsten und den höchsten Ehrensprossen
angelehnt, die Staffeln aber stehen sich so nahe, dass man mit dem linken Beine
auf die unterste treten und doch die höchsten noch mit dem rechten erspannen
kann - wir hätten ja beinahe einmal einen Oberfeldmarschall erschaffen. Zweitens
hängt und picht an Höfen wie in der Natur alles zusammen, und Professores
sollten es den kosmologischen Nexus nennen; jeder ist Last und Träger zugleich;
so klebt am Magnet das eiserne Lineal, an diesem ein Linealchen, an diesem eine
Nadel, an dieser Feilstaub. Höchstens nur was auf dem Trone oben sitzt und was
unter ihm unten liegt, hat nicht Nexus genug mit der wirksamen Kompagnie: so
werden in der französischen Oper nur die fliegenden Götter und schiebenden Tiere
von Savoyarden gemacht, alles übrige von der ordentlichen Truppe.
    Also musste Oefel die dritte Parallele ziehen und daraus auf den Kadetten
schiessen. Er machte ihm nämlich seine Uniform täglich um einen Daumen spannender
und knapper, um ihn aus ihr hinauszuängstigen. Er hatte ihn schon neulich in
dieser Absicht zum Getreide-Kordon versenden helfen, wo dem warmen, nur an
mildes Geben gewöhnten Jüngling scharfe Neins neue und harte Pflichten waren;
aber nun wurde der Dienst von unten auf noch mehr erschwert, und die
militärischen Übungen zerbrachen beinahe seinen feinen porzellanenen Leib, so
oft und strenge schleppte ihn der Romancier in die Gesellschaft des Vaters aller
Friedenschlüsse, nämlich des Kriegs. -
    Wie schmerzlich musste die rauhe Aussenwelt seine wunde innere berühren! Vor
ihm stand, seit seinem Zerfallen mit seinem sterbenden Liebling, fest jener
Trauerabend mit seinen Tränen und wich nicht; auf sein verlassenes Herz
schimmerte noch die blutrote Sonne und ging nicht unter. - Der stumme Abschied
seines Amandus, der ihn und andre Wünsche verlor, die abnehmenden Herbsttage
seines Lebens und die vorige Liebe drückten sein Auge und Herz zum Trauern
zusammen. Die Freundschaft duldet Misshelligkeiten weniger als die Liebe; diese
kitzelt damit das Herz, jene spaltet es damit. Amandus, der ihn so missverstanden
und betrübet und doch dessen innigste Liebe nicht verloren hatte, verzieh ihm
alles bis abends um 5 Uhr - dann hört' er (oder es war ihm genug, wenn er sichs
nur dachte), dass Gustav den Park (und mitin die Spaziergängerin) besucht hatte
- dann nahm er seine Versöhnung bis auf 11 Uhr abends zurück - dann legte die
Nacht und der Traum wieder einen Mantel auf alle Fehler der Menschen und auf
diesen. Abends um 5 Uhr fing es von vornen an. Lacht ihn aus, aber ohne Stolz,
und mich und euch auch; denn alle unsre Empfindungen sind - ohne ihre Löwen- und
Narrenwärterin, die Vernunft - ebenso toll, wenn nicht in unserem Leben, doch in
unserem Innern! - Aber endlich hatte er seine Verzeihung so oft zurückgenommen,
dass ers bleiben lassen wollte, falls nur Gustav anklopfte und von ihm alle die
Beschuldigungen anhörte, welche er ihm zu verzeihen vorhatte. Man schiebt oft
das Vergeben auf, weil man das Vorwerfen aufzuschieben gezwungen ist. - Aber,
trauter Amandus, konnt' er denn kommen, Gustav, und liess ihn der Romancier? -
    Letzter triebs noch weiter und kartete es listig ab, dass Gustav, dieser
Grosssultan, dieser Held zweier gut geschriebner Bücher, an einem Abend, wo der
Kadettengeneral grosses Souper gab, vor dessen Haus kam als - Schildwache. Beim
Henker! wenn die schönsten Damen vorfahren, die bekannte Residentin - die mit
einem zufälligen Blick unsre gute Schildwache ausbälgte und ausgestopft unter
ihrer Hirnschale aufstellte - und ihr Gesellschaftfräulein Beata, und wenn man
vor solchen Gesichtern das Gewehr präsentieren muss: so will mans viel lieber
strecken und überhaupt statt stehen knien, um nicht sowohl den Feind zu
verwunden als die Freundin .... Beim Henker! ich werde hier mehr Witz gehabt
haben, als wohl gern gesehen wird; aber es versuch' es einmal ein lebhafter Mann
und schreib' über die Liebe und entschlage sich des Witzes! - Es geht fast
nicht. - Ich behaupt' es nicht und widerleg' es nicht, dass Oefel vielleicht aus
den Träumen Gustavs, die immer sprechend und oft nach dem Erwachen nachwirkend
waren, die Namen der gedachten weiblichen Schönheit-Ambe mag vernommen haben.
Der Romanschreiber hat also einen Vorteil vor dem Lebensbeschreiber (ich bins)
voraus: er schläft neben seinem Helden.
    Er ängstigte seinen und unsern Helden, ders aber nur im ästetischen, nicht
im militärischen Sinne war, mit der Herbsteerschau; denn jeder kleine Fürst
spielt dem grossen Soldaten auf der Gasse nach neben noch kleinern Kindern; daher
haben wir Scheerauer eine niedliche Taschen-Landmacht, eine tragbare Artillerie
und eine verjüngte Kavallerie. Es macht ein Landesherr ohnehin einen Spass, wenn
er einen Menschen zu einem Rekruten macht: es widerfährt dem Kerl nichts,
sondern nur Bewegung soll er haben, weil jetzt1 unsre wichtigern Kriege, wie
sonst die italienischen, in nichts bestehen als in Marschieren, aus Ländern in
Länder. So bestehen auch die Feldzüge auf dem Teater bloss in wiederholten
Märschen um das Teater, aber in kürzern. Ich ging vor einem Jahre zum Scherze 1
/2 Stunde neben einem Regimente her und machte mir weis: »Jetzt tuest du im
Grunde einen halbstündigen Feldzug gegen den Feind mit; aber die Zeitungen
gedenken deiner schwerlich, ob du und das Regiment gleich durch diese
kriegerische Vexier-Prozession ebensoviel Landplagen abwenden als die Klerisei
durch geistliche singende Prozessionen.«
    Er ängstigte ihn, sagt' ich; er schilderte die Heerschau nämlich: »Friedrich
II. tat kleinere Wunder, als man da vom Kadetten-Korps fordern wird! Mehr
Blessierte als Blessierende wird es geben! Unter allen Zelten und Kasernen wird
man reden von der letzten Scheerauer Heerschau!« Gustav hatt' es im kleinen
Dienst längst so weit gebracht, dass er imstande war, mit der Fortifikation
seines Leibes wenigstens einen zu verwunden, diesen Leib selber. - Ich werde die
Angst der Welt sicher nicht vermindern, wenn ich noch erzähle, dass Gustav
regelmässig alle sieben Wochen auf fünf Tage verreiset, woraus seine Freunde und
der Biograph selber gerade so klug werden als die ältesten Leser - dass Oefel ihm
durch geheimes Intrigieren seinen Urlaub so sauer machte, dass er ihn um diesen
Preis kein zweites Mal begehren konnte - dass Gustav vom letzten Verreisen an den
Dr. Fenk einen Brief von Ottomar heimbrachte, den man zwar dem Leser nicht
vorentalten wird, von dessen Überkommung man ihm aber nichts entdecken kann,
weil man selber nichts davon weiss.
    Aus allen diesen Dornen und aus der blessierenden Heerschau rettete unsern
Gustav eine fremde Infamie. Nach der gedachten Rückkehr wurde in Oberscheerau
ein Offizier, dessen Namen und Regiment man hier aus Schonung seiner vornehmen
Familie unterdrücken will, für ehrlos erklärt, weil er mit Spitzbuben Verbindung
gehabt. Als der Profos ihm in der Mitte des Regiments, das er entehret hatte,
den Degen und das Wappen zerknickte und die Uniform abriss und ihm alles nahm,
was den gebückten Menschen noch in die Höhe richtet im Unglück: so stürzte
Gustav, dessen Ehrgefühl sogar aus den Wunden eines fremden blutete und der noch
nie den schwarzen Anblick einer öffentlichen Bestrafung erlebt hatte, in
Ohnmacht zusammen; sein erster Laut nach der Belebung war: »Soldat gewesen auf
ewig! - Wenn der arme Offizier unschuldig war oder wenn er besser wird: wer gibt
ihm die ermordete Ehre wieder? - Nur der untrügliche Gott kann sie nehmen; aber
der Kriegsrat sollte nichts nehmen als das Leben! - Die Bleikugel, aber nicht
die Infamie!« rief er wie in einer Verzuckung. Ich denke, er hat recht. Zwei
Tage war er krank, und seine Phantasien schleiften ihn in die Räuber-Katakomben
des Infamierten hinein - - zum neuen Beweis, dass die Fieberbilder der armen, aus
dem Krankenbette ins Grab hineingefolterten Menschen nicht immer die Steckbriefe
und Abdrücke ihres Innern sind! - Gemarterte Brüder! wie lieb' ich euch jetzt
und den sanften Gustav in dieser Minute, wo meine Phantasie unter euch alle
hineinblickt, wie ihr, vom Zickzack des Schicksals herumgetrieben, mit eueren
Wunden und Tränen müde nebeneinander stehet, einander umfasset, einander beklagt
und einander - begrabet! -
    Solang' er krank war und phantasierte: hing Amandus an seinen glühenden
Augen und litt so viel wie er und vergab ihm alles. - Als der Doktor Fenk
versicherte, am Morgen sei er genesen: so kam Amandus am Morgen nicht und wollte
wieder harterzig sein.
    Oefel genoss den Sieg seines Plans. Er trug sich selber die Einlenkung des
alten Falkenbergs auf und schrieb eigenhändig an den Mann. Da er mit Dinte den
guten Vater auf den mosaischen Berg stellete, hinter dem Berg den Prospekt des
gelobten Landes der Gesandtschaft, und mitten ins Kanaan den jungen
Legationsekretär: so hatte der gute Mann die Freude vieler Eltern, die ihre
Kinder gern das werden sehen, was sie selber zu werden hasseten oder nicht
vermochten. Er kam zu mir mit dem Briefe und ritt unter mein Fenster. - Alles,
was Gustav noch innerlich gegen seine Versetzung ins alte Schloss zu sagen hatte,
war, dass die schöne Beata im neuen wohnte, welches vom alten bloss durch eine
halbierte Mauer abgeschieden war, und dass er Amandus' Verdacht bewährte. Aber
zum Glück verfiel er nach dem Entschlusse auf den eigentlichen Beweggrund, der
ihm denselben eingegeben hatte und der Veredlung und Erweiterung seines
Wirkkreises war: »er könnte«, sagte er, »nach der Ablösung vom
Gesandtschaftposten in einem Kollegium angestellet werden und da dem liegenden
Lande aufhelfen u.s.w.« Kurz die grösste Schönheit Beatens hätt' ihn nun nicht
dahin bringen können, sie zu - meiden.
    Überhaupt schälte ihn der Romanschreiber so eifrig aus seiner militärischen
Hülse, dass man, da er, wie Ehemänner und Fürsten, den Zügel öfter im passiven
Munde als in den aktiven Händen hatte - hätte denken sollen, er werde gelenkt,
um zu lenken; aber ich denk' es nicht.
    Gustav legte den Abschiedbesuch bei Amandus ab. Ein gutes Mittel, dem zu
vergeben, den eine eingebildete Beleidigung auf uns erbitterte, ist, ihm eine
wahre anzutun - Gustav dachte in den freiwilligen Umwegen von Gassen, durch die
er zu seinem gekränkten Amandus ging, an Beata, die nun seine Wandnachbarin
wurde, an die Liebe und den Verdacht seines Freundes, an die Unmöglichkeit, den
Verdacht zu heben; und da gerade um 6 Uhr vom eisernen Orchester um den
Stephansturm die abendliche Sphärenmusik in die Gassen niederfloss: so sank sein
Herz in die Töne hinein, und er brachte seinem Freunde das weichste mit, das es
ausser der Brust Beatens gab. Ich und der Leser haben hierüber unsre Gedanken:
eben diese versöhnliche Weichheit schrieb sich bloss vom versteckten Bewusstsein
her, dass er halb den Verdacht der Nebenbuhlerei verdiene; denn sonst hätt' er,
von Stolz gehoben, dem andern zwar auch vergeben, aber ihn darum nicht stärker
geliebt. - Er fand ihn in der schlimmsten Stimmung für seine Absicht - in der
freundschaftlichsten nämlich; denn in Zärtlich-Kranken ist jede Empfindung ein
gewisser Vorbote der entgegengesetzten, und alle haben abwechselnde Stimmen.
Amandus war im Anatomier-Zimmer seines Vaters - der Sonnenstrahl fiel vor seinem
Untergang in die leere Augenhöhle eines Totenschädels - in Phiolen hingen
Menschen-Blüten, kleine Grundstriche, nach denen das Schicksal den Menschen gar
ausziehen wollte, Menschchen mit verhängendem grossen Kopf und grossen Herzen,
aber mit einem grossen Kopfe ohne einen Irrtum und einem grossen Herzen ohne einen
Schmerz - auf einer Tafel lag eine schwarze Färbers-Hand, an deren Farbe der
Doktor Proben machen wollte .... Welche Nachbarschaft für eine Aussöhnung und
einen Abschied! Drei Blicke machten und versiegelten jene - schon Blicke reden
in dieser nackten Entkörperung der Seelen eine zu schreiende Sprache -; aber als
Gustav diesen, vom schönsten Entusiasmus über Verdacht und Furcht
hinübergehoben, seinem Freunde ansagte; als er ihm, der noch nichts davon
begriff, seine neue Wandnachbarschaft und den Verlust der alten kundtat: -
zerflogen war der Freund, und ein schwarzer Feind sprang aus seiner Asche heraus
- diese Minute benützte der Tod und schlug die letzten Wurzelfasern seines
wankenden Lebens gar entzwei .... Gustav stand zu hoch, um zu zürnen - aber er
musste sich noch höher stellen - er fiel um ihn und sagte mit entschlossener
reiner Stimme: »Zürne und hasse, aber ich muss dir vergeben und dich lieben -
mein ganzes Herz mit allem seinem Blut bleibet deinem getreu und sucht es auf in
deiner Brust - und wenn du mich auch künftig verkennest: so will ich doch alle
Wochen kommen, ich will dich ansehen, ich will dir zuhören, wenn du mit einem
Fremden redest, und wenn du mich dann mit Hass anblickst: so will ich mit einem
Seufzer gehen, aber dich doch lieben - ach ich werde alsdann daran denken, dass
deine Augen, da sie noch zerschnitten waren, mich schöner anblickten und besser
erkannten .... o stosse mich nicht so weg von dir, gib mir nur deine Hand und
blicke weg.« -
    »Da!« sagte der zertrümmerte Amandus und gab ihm die kalte schwarze -
Färbers-Faust .... Der Hass überlief wie ein Schauer das liebreichste Herz, das
sich noch in einer menschlichen Brust verblutete - Gustav zerstampfte auf der
Erde seine Liebe und seinen Hass und ging verstummt mit erstickten Empfindungen
aus dem Hause und am andern Tage aus Oberscheerau.
    Kaum hatte Amandus den gemisshandelten Jugendfreund über die Gasse zittern
sehen: so ging er in sein Zimmer, hüllte sich mit dem Kopfkissen zu und liess,
ohne sich anzuklagen oder zu entschuldigen, seine Augen so viel weinen, als sie
konnten. Wir werden es hören, ob er sein krankes Haupt wieder vom Kopfkissen
erhob und wann er wieder von Gustav ins stille Land begleitet wurde, aus dem er
ihn zurückzustossen suchte. O der Mensch! - warum will dein so bald in Salz,
Wasser und Erde zerbröckelndes Herz ein anderes zerbröckelndes Herz zerschlagen
- Ach eh' du mit deiner aufgehobnen Totenhand zuschlägst: fällt sie ab in den
Gottesacker hin - ach eh' du dem feindlichen Busen die Wunde gegeben, liegt er
um und fühlt sie nicht, und dein Hass ist tot oder auch du.
 
                                    Fussnoten
1 Nämlich 1791.
 
                Fünfundzwanzigster oder XXII. Trinitatis-Sektor
                                 Ottomars Brief
Wenn wir Ottomars Brief gelesen: so wollen wir uns an Gustavs neues Teater
stellen und ihm zuschauen. Im folgenden Briefe herrscht und tobt ein Geist, der
wie ein Alp alle Menschen höherer und edler Art drückt und oft bewohnt und den
bloss - so viel er auch holländische Geister überwiege - ein höherer Geist
übertrifft und hinausdrängt. Viele Menschen leben in der Erdnähe, einige in der
Erdferne, wenige in der Sonnennähe. - Fenk sehnte sich so oft nach seinem
Ottomar, zumal nach seinem Stillschweigen von einigen Jahren, und er sprach so
oft von ihm gegen Gustav, dass es gut war, dass die Adresse des Briefes von
fremder Hand und an Doktor Zoppo in Pavia war: sonst hätte der Doktor sogleich
gegen die erste Zeile des Briefes gesündigt.
    »Nenne, ewiger Freund, meinen Namen dem Überbringer nicht; ich muss es tun.
Auf meinem letzten Lebensjahre liegt ein grosses schwarzes Siegel; zerbrich es
nicht, halte die Vergangenheit für die Zukunft - ich mache sie zur Gegenwart für
dich, aber jetzo noch nicht - und wenn ich stürbe, ich träte vor dich und sagte
dir mein letztes Geheimnis der Erde.
    Ich schreibe dir, damit du nur weisst, dass ich lebe und dass ich im Herbste
komme. Mein Reisedurst ist mit Alpen-Eis und Seewasser gelöscht; ich ziehe nun
heim in meine Ruhestatt, und wenn mich dann unter meiner Haustüre wieder über
die Berge hinüberverlangt: so denk' ich: in den Guadiana- und in den Wolgastrom
sieht das nämliche lechzende Menschenherz hinein, das in dir neben dem Rheine
seufzet, und was auf die Alpen und auf den Kaukasus steigt, ist, was du bist,
und wendet ein sehnendes Auge nach deiner Haustüre herüber. Wenn ich aber hier
sitze und alle Morgen auf den Nachtstuhl gehe und froh bin, dass ich hungrig, und
nachher, dass ich satt werde, und wenn ich alle Tage Hosen und Haarnadeln
ausziehe und anstecke: ach! was ists denn da am Ende? Was wollt' ich denn haben,
wenn ich in meiner Kindheit auf dem Stein meines Torwegs sass und sehnend dem Zug
der langen Strasse nachsah und dachte, wie sie fortliefe, über Berge schösse,
immer immerfort ...? und endlich? ... Ach alle Strassen führen zu nichts, und wo
sie abreissen, steht wieder einer, der sich rückwärts herübersehnt. - Was wollt'
ich denn haben, wenn mein kleines Auge sonst auf dem Rhein mitschwamm, damit er
mich hinnähme in ein gelobtes Land, in welches alle Ströme, dacht' ich, zögen,
ach sonst, wo ich nicht wusste, dass er, wenn er manches schwere Herz getragen,
neben mancher zerquetschten Gestalt vorbeigebrauset, die nur er von ihren Qualen
erlösen konnte, dass er dann wie der Mensch sich zersplittere und zertrümmert
einsickere in holländische Erde? - Morgenland, Morgenland! auch nach deinen Auen
neigte sich sonst meine Seele wie Bäume nach Osten: - Ach wie muss es da sein, wo
die Sonne aufgeht! dacht' ich; und als ich mit meiner Mutter nach Polen reiste
und endlich in das nach Morgen liegende Land und unter seine Edelleute, Juden
und Sklaven trat .... Weiter gibts aber auf dieser optischen Kugel kein
Morgen-Sonnenland als das, welches alle unsere Schritte weder entfernen noch
erreichen. Ach ihr Freuden der Erde alle, ihr sättigt die Brust bloss mit
Seufzern und das Auge mit Wasser, und in das arme Herz, das sich vor euerem
Himmel auftut, giesset ihr eine Blutwelle mehr! Und doch lähmen uns diese paar
elenden Freuden, wie Giftblumen Kindern, die damit spielen, Arme und Beine. Nur
keine Musik, diese Spötterin unserer Wünsche, sollt' es geben: fliessen nicht auf
ihren Ruf alle Fibern meines Herzens auseinander und strecken sich als so viele
saugende Polypenarme aus und zittern vor Sehnsucht und wollen umschlingen - wen?
was? ... Ein ungesehenes, in andern Welten stehendes Etwas. Oft denk' ich,
vielleicht ists gar nichts, vielleicht geht es nach dem Tode wieder so, und du
wirst dich aus einem Himmel in den andern sehnen - und dann zerdrücke ich unter
diesem phantastischen Unsinn die Klaviersaiten, als wollt' ich aus ihnen eine
Quelle auspressen, als wär' es nicht genug, dass der Druck dieses Sehnens die
dünnen Saiten meines innern Tonsystems verstimmt und absprengt ....
    In Rom wohnte ein Maler, der Kirche von S. Adriano gegenüber, der unter dem
Regen sich allemal unter die Dachrinnen stellte und sich toll lachte; der sagte
oft zu mir: Einen Hundetod gibts nicht, aber ein Hundeleben. Fenk! nimm
wenigstens, was der Mensch wird oder tut: so gar gar wenig! Welche Kraft wird
denn an uns ganz ausgebildet, oder in Harmonie mit den andern Kräften? Ists
nicht schon ein Glück, wenn nur eine Kraft wie ein Ast ins Treibhaus eines Hör-
oder Büchersaals hineingezogen und mit partialer Wärme zu Blüten genötigt wird,
indes der ganze Baum draussen im Schnee mit schwarzen harten Zweigen steht? Der
Himmel schneiet ein paar Flocken zu unserem innern Schneemann zusammen, den wir
unsre Bildung nennen, die Erde schmelzt oder besudelt ein Viertel davon, der
laue Wind löset dem Schneemann den Kopf ab - das ist unser gebildeter innerer
Mensch, so ein abscheuliches Flickwerk in allem unseren Wissen und Wollen! Vom
Einzelwesen auf die ganze Menschheit mag ich gar nicht übergehen; ich mag nicht
daran denken, wie ein Jahrhundert untergeegget und untergeackert wird zur
Düngung des nächsten - wie nichts sich zu etwas runden will, wie das ewige
Bücherschreiben und Aufschlichten des Scibile kein Ziel, kein Ende hat und alle
nach entgegengesetzten Richtungen graben und laufen! - Was tut der Mensch? Noch
weniger, als er weiss und wird. Sage mir, was verrichten denn vor dem fürstlichen
Porträt über dem Präsidentenstuhl, oder gar vor einem verschnittenen regierenden
Gesicht selbst, dein Scharfsinn, dein Herz, deine Schnellkraft? Die
zurückgepressten ineinander sich krümmenden Zweige drücken das Fenster des
Winterhauses, der Regent lässet in der compotière ihre Frucht vor seinem Teller
vorübergehen, der blaue Himmel fehlet ihnen, das Gescheiteste ist noch, dass sie
verfaulen! - Was tun denn die edelsten Kräfte in dir, wenn Wochen und Monate
verströmen, die sie nicht brauchen, nicht rufen, nicht üben? Wenn ich oft so der
Unmöglichkeit zusah, in allen unsern monarchischen Ämtern ein ganzer, ein edel
tätiger, ein allgemeinnützlicher Mensch zu sein - selbst der Monarch kann nicht
mit denen unendlich vielen schwarzen subalternen Klauen und Händen, die er erst
als Finger oder Griffe an seine Hände anschienen muss, etwas vollendet Gutes tun
- sooft ich so zusah, so wünscht' ich, ich würde gehenkt mit meinen Räubern,
wär' aber vorher ihr Hauptmann und rennte mit ihnen die alte Verfassung nieder!
.... Geliebter Fenk! dein Herz reisst mir niemand aus meiner Brust, es treibet
mein bestes Blut, und nie kannst du mich verkennen, ich sei so unkenntlich, als
ich wolle! Aber, o Freund, es kommen Zeiten heran, wo dir dieses Verkennen doch
leichter werden kann!
    Verhüllter Genius unserer verschatteten Kugel! ach wär' ich nur etwas
gewesen, hätte meine Gehirnkugel und mein Herz nur, wie Luter, mit irgendeiner
dauerhaften, weit wurzelnden Tat das Blut abverdient, das sie rötet und nährt:
dann würde mein hungriger Stolz satte Demut, vier niedrige Wände wären für mich
gross genug, ich sehnte mich nach nichts Grossem mehr als nach dem Tode und vorher
nach dem Herbst des Lebens und Alters, wo der Mensch, wenn die Jugend-Vögel
verstummen, wenn über der Erde Nebel und fliegender Faden-Sommer liegt, wenn der
Himmel ausgeheitert, aber nicht brennend über allem steht, sich entschlafend auf
die welken Blätter legt. - - - Lebe wohl, mein Freund, auf einer Erde, wo man
weiter nichts Gutes tun kann als in ihr liegen; im nächsten Herbst sind wir
aneinander!«
                                       *
    Zu diesem Briefe, der meine ganze Seele nimmt und meine Irrtümer sowohl als
meine Wünsche erneuert, kann ich nichts mehr sagen, als dass heute der erste
Mensch in dieser Geschichte auf einem Berg begraben worden ist. Wenn ich nach
vier oder fünf Sektoren von seinem abendrötlichen Tode rede: so werden schon die
Züge seiner Gestalt bleicher und zerrissen sein, sowohl im Sarge als im Herzen
der Freunde!
                                   Extrablatt
  Von hohen Menschen - und Beweis, dass die Leidenschaften ins zweite Leben und
                          Stoizismus in dieses gehören
Gewisse Menschen nenn' ich hohe oder Festtagmenschen, und in meiner Geschichte
gehören Ottomar, Gustav, der Genius, der Doktor darunter, weiter niemand.
    Unter einem hohen Menschen mein' ich nicht den geraden ehrlichen festen
Mann, der wie ein Weltkörper seine Bahn ohne andere Abirrungen geht als
scheinbare - noch mein' ich die feine Seele, die mit weissagendem Gefühl alles
glättet, jeden schont, jeden vergnügt und sich aufopfert, aber nicht wegwirft -
noch den Mann von Ehre, dessen Wort ein Fels ist und in dessen von der
Zentralsonne der Ehre brennenden und bewegten Brust keine anderen Gedanken und
Absichten sind als Taten ausser ihr - und endlich weder den kalten von
Grundsätzen gelenkten Tugendhaften, noch den Gefühlvollen, dessen Fühlfäden sich
um alle Wesen wickeln und zucken in der fremden Wunde und der die Tugend und
eine Schöne mit gleichem Feuer umfasset - auch den blossen grossen Menschen von
Genie mein' ich nicht unter dem hohen, und schon die Metapher deutet dort
waagrechte und hier steilrechte Ausdehnung an.
    Sondern den mein' ich, der zum grössern oder geringem Grade aller dieser
Vorzüge noch etwas setzt, was die Erde so selten hat - die Erhebung über die
Erde, das Gefühl der Geringfügigkeit alles irdischen Tuns und der Unförmlichkeit
zwischen unserem Herzen und unserem Orte, das über das verwirrende Gebüsch und
den ekelhaften Köder unsers Fussbodens aufgerichtete Angesicht, den Wunsch des
Todes und den Blick über die Wolken. Wenn ein Engel sich über unsern Luftkreis
stellte und durch dieses trübe mit Wolkenschaum und schwimmendem Kot
verfinsterte Meer herniedersähe auf den Meergrund, auf dem wir liegen und kleben
- wenn er die tausend Augen und Hände sähe, die geradeaus waagrecht nach dem
Inhalte der Luft, nach Gepränge, fangen und starren; wenn er die schlimmern
sähe, die schief niedergebückt werden gegen den Frass und Goldglimmer im
morastigen Boden, und endlich die schlimmsten, die liegend das edle
Menschengesicht durch den Kot durchziehen; - wenn dieser Engel aber unter den
Seetieren einige aufrecht gehende hohe Menschen zu sich aufblicken sähe - und er
wahrnähme, wie sie, gedrückt von der Wassersäule über ihrem Haupte, umstrickt
vom Geniste und Schlamm ihres Fussbodens, sich durch die Wellen drängten und
lechzeten nach einem Atemzuge aus dem weiten Äter über ihnen, wie sie mehr
liebten als geliebt würden, das Leben mehr ertrügen als genössen, gleich fern
von stehendem Emporstaunen und rennendem Geschäftleben Hände und Füsse dem
Meerboden liessen und nur das aufwärts steigende Herz und Haupt dem Äter ausser
dem Meere gäben und auf nichts sähen als auf die Hand, die das Gewicht des
Körpers, das den Täucher mit dem Boden verbindet, von ihm trennt und ihn
aufsteigen lässet in sein Element .... o dieser Engel könnte diese Menschen für
untergesunkne Engel halten und ihre Tiefe bedauern und ihre Tränen im Meer ....
Könnte man die Gräber eines Pytagoras (dieser schönsten Seele unter den Alten)
- Platos - Sokrates' - Antonins (aber nicht so gut des grossen Kato oder
Epiktets) - Shakespeares (wenn sein Leben wie sein Schreiben war) - J.J.
Rousseaus und ähnlicher in einem Gottesacker zusammenrücken: so hätte man die
wahre Fürstenbank des hohen Adels der Menschheit, die geweihte Erde unserer
Kugel, Gottes Blumengarten im tiefen Norden. - - Aber warum nehm' ich mein
weisses Papier und durchstech' es und bestreu' es mit Kohlenstaub oder
Dintenpulver, um das Bild eines hohen Menschen hineinzustäuben; indes vom Himmel
herab das grosse, nie erblassende Gemälde herunterhängt, das Plato in seiner
Republik vom tugendhaften Manne aus seinem Herzen auf die Leinwand trug.
    Die grössten Bösewichter sind einander am unkenntlichsten; hohe Menschen
einander in der ersten Stunde kenntlich. Schriftsteller, die darunter gehören,
werden am meisten getadelt und am wenigsten gelesen, z.B. der selige Hamann.
Engländer und Morgenländer haben diesen Sonnen-Stern öfter auf ihrer Brust als
andre Völker.
    Ottomar führte mich auf die Leidenschaften: ich weiss, dass er, wenigstens
sonst, nichts so hasste als Köpfe und Herzen, die von der stoischen Stein-Rinde
überzogen waren - dass er in seine Pulsadern Katarakten hineinwünschte und in
seine Lungenflügel Stürme - dass er sagte, ein Mensch ohne Leidenschaft sei noch
ein grösserer Selbstling als einer mit heftigen; einen, den das nahe Feuer der
sinnlichen Welt nicht entzünde, flamme das weite Fixsternlicht der
intellektuellen noch viel weniger an; der Stoiker unterscheide sich vom
abgenutzten Hofmann nur darin, dass die Erkältung des ersten von innen nach aussen
fortgehe, die des andern aber von aussen nach innen .... Ich weiss nicht, obs bei
dem innen brennenden, aussen glatteisenden Hofmann so ist; aber beim Glase ists
so, dass es, wenn es von aussen und nach dem glühenden Kern zu erkaltet, hohl und
zerbrechlich wird; es muss umgekehrt sein ....
    Alle Leidenschaften täuschen sich nicht über die Art oder den Grad, sondern
über den Gegenstand der Empfindung; nämlich so:
    Darin irren unsere Leidenschaften nicht, dass sie irgendeinen Menschen hassen
oder lieben - denn sonst verfiele alle moralische Hässlichkeit und Schönheit -;
auch darin nicht, dass sie über etwas jammern oder frohlocken - denn sonst wär'
auch die kleinste Freuden- oder Kummerträne über Glück und Unglück unerlaubt,
und wir dürften nichts mehr wünschen, nicht einmal wollen, nicht einmal die
Tugend. - Auch irren die Leidenschaften über den Grad dieser Ab- und Zuneigung,
dieses Freuens und Betrübens nicht; denn sobald ihnen die Sinne und die
Phantasie den Gegenstand mit tausendmal grösseren moralischen oder physischen
Reizen oder Flecken vorlegen, als sie andre sehen: so muss doch das Lieben und
Hassen nach Verhältnis des äussern Anlasses zunehmen, und sobald irgendein
äusserer Reiz den geringsten Grad von Liebe und Hass rechtfertigt: so muss auch der
vergrösserte Reiz den vergrösserten Grad der Leidenschaft rechtfertigen. Die
meisten Gründe gegen den Zorn beweisen nur, dass die vermeintliche moralische
Hässlichkeit des Feindes mangle, nicht, dass sie da sei und er doch zu lieben -
die meisten Gründe gegen unsre Liebe beweisen nur, dass unsre Liebe weniger den
Grad als den Gegenstand verfehle u.s.w. Nicht bloss ein mässiger, sondern der
höchste Grad der Leidenschaften würde zulässig sein, sobald sich ihr Gegenstand
vorfände, z.B. die höchste Liebe gegen das höchste gute Wesen, der höchste Hass
gegen das höchste böse. Da aber alle Gegenstände dieser Erde die Beschaffenheit
nicht haben, die solche Seelenstürme in uns verdienen kann; da also das Grösste,
was uns zu sich reissen oder von sich stossen kann, in andern Welten stehen muss:
so sieht man, dass die grössten Bewegungen unsers Ich nur vielleicht ausserhalb des
Körpers ihren vergönnten geräumigern Spielraum antreffen.
    Überhaupt ist Leidenschaft subjektiv und relativ: die nämliche
Willensbewegung ist in der stärkern Seele unter grössern Wellen nur ein Wollen
und in der schwächern auf der glattern Fläche ein innerer Sturm. Unser ewiges
Wollen fliesset immerfort durch uns und in uns, wie ein Strom, und die
Leidenschaften sind nur die Wasserfälle und Springfluten dieses Stroms; sind wir
aber zur Verdammung derselben bloss durch ihre Seltenheit befugt? Ist nicht dem
kleinen Bach das Flut, was dem Strom nur Welle ist? - Und wenn wir im Feuer
unsre Kälte und in der Kälte unser Feuer schelten: wo haben wir recht? Und gibt
die Dauer des Scheltens das Recht? -
    Ich fühle Einwürfe und Schwierigkeiten voraus, ja ich weiss es und fühle, dass
auf dieser umwölkten Regen-Kugel uns nichts gegen die äussern Stürme einbauen und
bedecken kann, als das Besänftigen der innern - gleichwohl fühl' ich auch, dass
alles Vorige wahr ist.
 
                 Sechsundzwanzigster oder XX. Trinitatis-Sektor
                            Diner beim Schulmeister
Wenn ein Autor wie ich so viele Wochen hinter seiner Geschichte zurückgeblieben,
so denkt er: mag der Henker den heutigen Post-Trinitatis auch gar holen - ich
will also darin von nichts reden als vom heutigen Post-Trinitatis, von meiner
Schwester, meiner Stube und von mir. Wenige Geschichtschreiber werden heute
hinter ihren Dintenfässern einen solchen guten Tag haben wie ihr Zunftgenoss.
    Ich sitze hier in des Schulmeister Wutzens Empor-Stube und halte seit einem
Vierteljahr meinen Arm als Armleuchter zum Fenster hinaus mit einem langen
Licht, um in die zehn deutschen Kreise hineinzuleuchten. Ich werde in jedem
Herbst und Winter alle meine Sektores wie den heutigen am Morgen um 41/2 Uhr bei
Licht zu machen anfangen; denn wie die erhabne Finsternis vor Mitternacht den
Menschen über die Erde und ihre Wolken hinaushebt: so legt uns die nach
Mitternacht wieder in unser Erd-Nest herein - schon nach 12 Uhr nachts fühl' ich
neue Lebenslust, die so zunimmt, wie das herübergegossene Morgenlicht die
Finsternis verdünnt und durchsichtig macht. Gerade die feinsten und
unsichtbarsten Fühlfäden unserer Seele laufen wie Wurzeln unter der groben
Sinnenwelt fort und werden von der entferntesten Erschütterung gestossen. Z.B.
wenn der Himmel gegen Osten licht- und wolkenlos, gegen Westen mit
Wolkenschläuchen verhangen ist: so kehr' ich mich scherzhafterweise mehr als
zehnmal um - steh' ich gegen Osten, so fliegen alle innern Wolken aus meinem
Geiste weg - fahr' ich gegen Westen um, so hängen sie sich wieder um ihn her -
und auf diese Art zwing' ich durch schnelles Umdrehen die entgegengesetztesten
Empfindungen, vor mir ab- und zuzulaufen.
    An logische Ordnung ist in diesem Lust-Sektor gar nicht zu gedenken; einige
geschichtliche soll zu finden sein. Nur wird mancher Gedanke mit tausend
Schimmerecken von meiner Lichtschere erdrückt werden, wenn ich das Licht
schneuze, oder in meiner Tasse ersaufen, wenn ich gestrigen Kaffee daraus
trinke. Dem Publikum ist letzter mehr anzuraten: unter allen warmen Getränken
ist kalter Kaffee zwar vom abscheulichsten Geschmack, aber doch von der
geringsten Wirkung. Der schlafende Tag wird schon wie eine schlafende Schöne, in
der die Morgenträume glühen, rot und muss bald das Aug' aufschlagen. Sein erstes
wird - poetisch zu reden - sein, dass er meine Schwester weckt und mit ihr als
Schlafgenoss in meine Stube tritt. Ich sollte wie ein mährischer Bruder ein paar
tausend Schwestern haben, so lieb' ich sie überhaupt alle. Wahrlich manchmal
will ich mit den stössigen Satyrs-Bockfüssen gegen das gute weibliche Geschlecht
ausschlagen und lass' es bleiben, weil ich neben mir die kleinen Kirchenschuhe
meiner Philippine sehe und mir die schmalen weiblichen Füsse hineindenke, welche
in so manches Dornengeniste und manche Gewitterregenlache, die beide leicht
durch die dünnen weiblichen Fusstapeten dringen, treten müssen. Die leeren
Kleider eines Menschen, zumal der Kinder, flössen mir Wohlwollen und Trauern ein,
weil sie an die Leiden erinnern, die das arme Einschiebsel darin schon muss
ausgestanden haben; und ich hätte mich einmal in Karlsbad leicht mit einer
Böhmin ausgesöhnet, wenn sie mich ihre Hauskleidung, ohne dass sie darin war,
hätte beschauen lassen
..........................................................................
    Diese Punkte stellen verrollte Zeitpunkte vor. Jetzt sind die Blinden heil,
die Lahmen gehen, die Tauben hören - wach ist nämlich alles; unter meinen Füssen
zerhämmert der Schulmeister schon den Sonntagzucker; meine Schwester hat mich
schon viermal ausgelacht; der Senior Setzmann hat schon aus seinem Fenster
meinem Hausherrn die nötigsten heutigen Religionedikte zugepfiffen; die Uhr ist,
wie Hiskias Sonnenuhr, von der Wunderkraft des dekretierenden Pfeifens eine
Stunde zurückgegangen, und ich kann eine länger schreiben; - bin aber dadurch
mit meinem Pinsel aus meinem Morgen-Gemälde gekommen. Die Sonne steht meinem
Gesichte gegenüber und macht mein biographisches Papier zu einem blanken
Mosis-Angesicht; daher ists mein Glück, dass ich ein Federmesser und Östreich
oder Böhmen oder das Jesuiter-Deutschland nehme - nämlich Homannische Karten
davon - und mit dem Messer diese Länder über meinem Fenster aufnagele und
einpfähle; ein solches Land hält allemal die Morgensonne so gut ab und wirft so
viel Schatten herüber, als hätt' ich die Tändelschürze oder das Pallium eines
Fenstervorhangs daran.
    Meine Feder fährt nun im Erdschatten des Globus so fort: Wutz führt in
seinem Hause nicht drei gescheite Stühle, keine Fenstervorhänge und
Hautelisse-Tapeten. Indes mein viel zu prunkendes Ameublement in Scheerau steht:
letz' ich mich hier an dem jämmerlichsten und sage, ein Fürst weiset kaum in
einer Kunst-Einsiedelei ein elenderes vor. Sogar den Kalender schreiben wir uns,
ich und mein Hausherr, eigenhändig, wie Mitglieder der Berliner Akademie - aber
mit Kreide und an die Stubentüre; jede Woche geben wir ein Heft oder eine Woche
von unserem Almanach und wischen die Vergangenheit aus. Auf dem vierschrötigen
Ofen können drei Paare tanzen, die er wie die jetzigen Tragödien trotz der
unförmlichen Zurüstung und Breite schlecht erwärmen würde. Es muss beiläufig noch
zu Hand- und Taschenöfen kommen, wenn man einmal aus den Bergwerken statt der
Metalle das Holz, womit man sie jetzt ausfüttert, wird holen müssen ....
    Ein Schöps wird entsetzlich geprügelt, nämlich sein toter Schenkel - die
zinnernen Patenteller der zwei Wutzischen Kinder werden abgestaubt - - mein
Silber-Besteck wird abgeborgt - das Feuer knackt - die Wutzin rennt - ihre
Kinder und Vögel schreien. - - Alle diese Zurüstungen zu einem viel zu grossen
Diner, das heute unten gegeben wird, hör' ich in mein Studierzimmer herauf.
Vielleicht sind solche Zurüstungen dem Range der beiden Gäste, die das
Traktement annehmen sollen, angemessener als dem Stande der beiden Schulleute,
die es geben. Gegenwärtigem Geschichtschreiber und seiner Schwester dürfen sie
nämlich ein Essen geben und selber mit am Tische sitzen. Der Schulmeister hatte
viel von seinem ausgeräumten Ameublement eine Woche lang in meine Stube
einpfarren dürfen, weil die seinige endlich nach langem Bittschreiben - denn das
Konsistorium sieht Reparaturen an der sichtbaren wie an der unsichtbaren Kirche
nicht gern - reformiert, d.h. repariert, nämlich geweisset wurde. - Daher
invitierte er mich (aus Hofton) zum Dinieren, und ich nahm (ebenfalls aus
Hofton) die Karte an.
    Ich werde den Sektor erst abends ausschreiben, teils um mir nicht die Esslust
wegzudenken, teils um mir draussen noch einige zu erhinken, wo ich noch dazu ein
paar Emmerlinge und die Kirchenleute singen hören kann. Überhaupt ist der
Nachsommer, der heute mit seinem schönsten himmelblauen Kleide und der
Orden-Sonne darauf auf den Feldern draussen steht, ein stiller Karfreitag der
Natur; und wenn wir Menschen höfliche Leute wären: so gingen wir da öfter ins
Freie und begleiteten den verreisenden Sommer höflich bis an die Türe. Ich seh'
es voraus, ich würde mich heute an der milden Sonne, die ein sanft um uns
schleichender Mond geworden ist, und die im Nachsommer den weiblichen Artikel
verdient, nicht satt sehen können, wenn ich nicht mein Auge nach Scheeraus Berge
richten, müsste, wo meine Guten wohnen und von wannen heute mein Doktor mich
besuchen wird. - -
    Unter die Erde ist nun der Tag und seine Sonne. Komme glücklich heim,
geliebter Freund! Auf den Silber-Grund, den der Mond auf deinem Weg anlegt, male
deine Seele das verlorne Eden der Jugend, und der schwarze Schatten, den du und
dein scheues Ross auf den Strahlenboden werfen, müsse euch nachschwimmen, aber
nicht voraus! -
    Warum sind die meisten Einwohner dieses Buchs gerade Fenks Freunde? - Aus
zwei recht vernünftigen Gründen. Erstlich verquickt sich das humoristische
Quecksilber, das aus ihm neben der Wärme des Herzens glänzt, mit allen
Charakteren am leichtesten. Zweitens ist er ein moralischer Optimist. Zehn
metaphysische Optimisten würd' ich für einen moralischen auszahlen, der nicht
ein Kraut, wie die Raupe, sondern einen ganzen Blumenflor von Freuden, wie der
Mensch, zu geniessen weiss - der nicht fünf Sinnen, sondern tausend hat für alles,
für Weiber und Helden, für Wissenschaften und Lustpartien, für Trauer- und
Lustspiele, für Natur und für Höfe. - - Es gibt eine gewisse höhere Toleranz,
die nicht die Frucht des Westfälischen Friedens noch des Vergleichs von 1705,
sondern die eines durch viele Jahre und Besserungen gesichteten Lebens ist -
diese Toleranz findet an jeder Meinung das Wahre, an jeder Gattung des Schönen
das Schöne, an jeder Laune das Komische und hält an Menschen, Völkern und
Büchern die Verschiedenheit und Eigentümlichkeit der Vorzüge nicht für die
Abwesenheit derselben. Nicht bloss das Beste muss uns gefallen; auch das Gute und
alles. -
    Als die Leute aus der kleinen und ich aus der grossen Kirche zurück waren,
fing man im Wutzischen Hause das Dinieren an. Unser Broterr empfing das
Gast-Paar mit seiner gewöhnlichen Freundlichkeit und mit einer ungewöhnlichen
dazu; denn er hatte heute aus seiner Kirchenkollekte - er kroch nach dem
Gottesdienst in alle Stühle und zog alle unter dem Einlegen niedergefallnen
Pfennige magnetisch an sich - eine ansehnliche Silberflotte von 18 Pfennigen
mitgebracht. Die Pracht des Mahls erdrückte in dieser Stube das Vergnügen nicht.
Messer und Gabel waren, wie schon gesagt, von Silber und von mir; aber wer
sollte nicht damit mit Vergnügen an einer Tafel agieren, wo der Braten und die
Sauce aus einer - Pfanne gespeiset werden? - Unsere Schaugerichte waren
vielleicht für einen Kurfürsten zu kostbar: denn sie bestanden nicht etwa aus
Porzellan, Wachs oder aus Alabaster-Sämereien auf Spiegelplatten und waren nicht
etwa bloss wenige Pfund schwer: sondern die beiden Schaugerichte wogen sechzig
und waren vom nämlichen Meister und von der nämlichen Materie wie die
Kurfürstenbank, von Fleisch und Blut, nämlich Wutzens Kinder. Ein geistlicher
Kurfürst würde vor Vergnügen keinen Bissen essen können, wenn er, wie wir, neben
seiner Riesen-Tafel ein Zwerg-Täfelchen mit seinen Kleinen darum stehen hätte.
Ihr Tisch war nicht viel grösser als eine Heringschüssel; sie sahen aber auf
Verhältnis und speiseten auf dem lilliputischen Tafel-Service, wovon sie seit
Weihnachten mehr spielenden als ernstaften Gebrauch gemacht hatten. Die Kleinen
waren ausser sich, ihr Fleisch auf Oblaten von Tellern und mit Haarsägen von
Messern zu zerschneiden; - Spiel und Ernst flossen hier wie bei essenden
Schauspielern ineinander; und am Ende sah ich, dass es bei mir auch so war und
dass mein Vergnügen von erkünstelter Kleinheit und Armseligkeit käme.
    An der grossen Tafel ging - andere Tafeln kehren es um - das individuelle
Gespräch bald ins allgemeine über; ich und der Kantor sagten jeden Augenblick
der Preusse, der Russe, der Türk und verstanden (gleich dem Premierminister)
unter der Nation den Regenten derselben. - Ich hatte heute eine solche besondre
Freude an erbärmlichen Sitten, dass ich mir jeden Bissen hineinpredigen liess und
dass ich über zwanzig Gesundheiten trank. Frauenzimmer von Stande können sonst
nicht so leicht wie Männer sich zu unfrisierten Leuten herunterbücken, am
wenigsten zu solchen von weiblichem Geschlecht; aber meine Schwester verdienet,
dass ihr Bruder ihr in seinem Buche das Lob der schönsten liebreichsten
Herablassung erteilt. Je weiblicher eine Frau ist, desto uneigennütziger und
menschenfreundlicher ist sie; und die Mädchen besonders, die das halbe
menschliche Geschlecht lieben, lieben das ganze von Herzen. Z.B. von der
Residentin von Bouse weiss man nicht, schenkt sie Armen oder Männern mehr. Alte
Jungfern sind geizig und hart. - Mein Doktor und eine Flasche Wein kamen als
Nachtisch. Da er im gegenwärtigen Buche alle Wochen lieset: so will ich ihn
darin lieber schelten als preisen. Am besten ists, ich webe hier ein
Zwitterding, was ihn bei manchen weder lobt noch tadelt, ein - seine herzliche
Zuneigung gegen das weibliche Geschlecht, die zwischen gefühlloser Galanterie
und Feuer-Liebe mitten innen steht. Diese nämliche Zuneigung stehet unserem
Geschlechte gut, aber dem weiblichen nicht, und meine Schwester ist doch von
diesem. Die Sache kam bloss von ihrem linken Ohre her. Das Ohrgehenk hatte sich
durch das Ohrläppchen durchgerissen; sie hätte aber füglich bis auf den Montag
warten können, wo ihr Bruder das Läppchen ihr, wie einem jüdischen Knecht, auf
die geschickteste Weise würde durchlöchert haben. Allein heute sollte es sein,
und sein Doktorhut war der Bettschirm ihrer Absicht. Es hätte gemalet werden
sollen, wie der arme Pestilenziarius das Ohrläppchen zwischen den drei
Vorderfingern scheuerte und rieb - wie ein offizinelles Blatt, an das man
riechen will -, um es geschwollen und unempfindlich zu machen. Nichts ist mir
und dem Medizinalrat gefährlicher, als wenn wir nur mit zwei, drei Fingern an
ein Frauenzimmer picken und anstreichen - mit dem ganzen Arm hinanzukommen, ist
für uns ohne alle Gefahr; so wie etwa die Nesseln weit mehr brennen, leise
bestreift als hart gefasset. Vielleicht ists mit diesem Feuer wie mit dem
elektrischen, das durch die Fingerspitzen mit grösserem Strome in den Menschen
fährt als durch eine grosse Fläche. - Meine Schwester ging weiter und brachte
einen Apfel; der Doktor musste mit seinen Pulsfingern den roten Ohrzipfel an den
Apfel pressen und dann eine Zitternadel oder was es war durch dieses
Sinnwerkzeug, das die Mädchen weit seltener als das nächste spitzen, drücken -
nun konnte hinangeschnallet und hineingeknöpfet werden, was dazu passt. Der Stahl
kettete beinahe den Künstler selber an ihr Ohr. »Mit nichts strickt eine Schöne
uns mehr an sich, als wenn sie uns Anlass gibt, ihr eine Gefälligkeit zu tun«,
sagte der Doktor selber und erfuhr es selber. Daher klagte der Operateur und
Ohren-Magnetiseur, es sei schwer, eine Schöne zu heilen und doch nicht zu
lieben, und seine erste Patientin hab' ihn beinahe zu einem Patienten gemacht.
Gegen den Doktor hab' ich nichts; er sei immer ein Weltbürger in der Liebe -
aber, Schwester, ich wollte, du wärest schon zu Bette, weil ich keine Minute, in
der ich nur drei Schritte auf- und abtue, sicher bin, dass du nicht in meine
Sektoren schielest und liesest, was ich an dir tadle! - Ach ich tadle weniger
als ich bedauere deine so niedlich um fremden und eignen Kummer spielende Laune
und dein aus den weichsten Fibern gesponnenes Herz, dass die blanke Krone scheuer
Weiblichkeit, die alle diese Vorzüge erst putzt und hebt, in den volkreichen
Zimmern der Residentin ein wenig schwärzlich angelaufen ist, wie Silber im
sumpfigen Holland, und dass deiner Tugend, der nichts fehlet, die Gestalt der
Tugend fehlt! - Ihr Eltern! euere Jungen machen sich in der Hölle kaum schwarz;
aber für euere Töchter und ihren schneeweissen Anzug ist kaum der Himmel
gescheuert und sauber genug!
    Sie sind selten schlechter als ihre Gesellschaft, aber auch selten besser.
Dieser geistige Wein zieht den Obstgeschmack der Evas- und Paris-Äpfel, die um
ihn liegen, ein; er schmeckt alsdann noch gut, aber nur wie Wein nicht.
    Der Doktor gab mir über Gustavs Lage viel Licht, das zu seiner Zeit den
Lesern wieder gegeben werden soll. -
    Eine gewisse Person, die fast alle vierzehn Tage nachlieset, was ich
geschrieben, ist satirisch und fragt mich, auf welchem Bogen, ob auf dem Bogen
Aaa oder Zzz, der fernere Liebehandel zwischen Paul und Beata bearbeitet werde -
sie fragt ferner, obs dem Leser schon erzählt ist, dass der kokettierende Paul
Verse, Schattenrisse, Sträusser und Adagios seitdem gemacht, um sein Herz auf
diesen Deserttellern, auf diesen durchbrochnen Fruchttellern, in diesen
Konfektkörbchen zu bringen und zu präsentieren - diese fatale mokante Personage
fragt endlich, ob es der Welt schon berichtet ist, dass aber Beata sich nichts
ausgebeten als das leere Körbchen und den leeren Desertteller .... Im Grund'
ärgert mich diese Maliz niemal; aber der Doktor Fenk und der Leser haben
offenbar die boshafteste Geschicklichkeit, Herzens-Sachen falsch zu stellen und
zu sehen - Wahrhaftig es war bisher lauter Scherz, meine vorgegebene Liebe; und
wenn sie keiner war: so müsste sie einer werden, weil ich einen so schönen und so
verdienstvollen Nebenbuhler, als ich, wie es scheint, an Gustav bekommen soll,
nicht einmal überflügeln und verdunkeln möchte, wenn ich auch könnte oder
dürfte, wie doch wohl nicht ist ....
                             Ende des ersten Teils
 
                                  Zweiter Teil
                 Siebenundzwanzigster oder XXI. Trinitatis-Sektor
                  Gustavs Brief - Fürst mit seinem Frisierkamm
Nun ist Gustav im alten Schloss - sein Schauplatz hob sich bisher täglich, von
der Erdhöhle in eine Ritterburg, dann in ein Kadetten-Philantropin, endlich in
ein Fürstenschloss. Der reiche Oefel mietete es, weil es an das neue anstiess, wo
der Blocksberg der grossen Welt von Scheerau war. Die Residentin von Bouse hatte
beide von ihrem Bruder geerbt, der hier unter ihren Küssen und Tränen verschied.
Die Natur hatte ihr alles gegeben, was das eigne Herz erhebt und das fremde
gewinnt; aber die Kunst hatte ihr zu viel gegeben, ihr Stand ihr zu viel
genommen - sie hatte zu viele Talente, um an einem Hofe andre Tugenden zu
behalten als männliche; sie vereinigte Freundschaft und Koketterie - Empfindung
und Spott - Achtung der Tugend und Philosophie der Welt - sich und unsern
Fürsten. Denn dieser war ihr erklärter Liebhaber, welchem sie ihr Herz mehr aus
Ehre als aus Neigung liess. Sie war zu etwas Besserem gemacht als zu schimmern;
allein da sie zu nichts Gelegenheit hatte als zum Schimmer: so vergass sie, dass
es jenes Bessere gebe. Aber wer zu etwas Höherem geboren ist als zur Welt- oder
Hofglückseligkeit: der fühlt in bittern Stunden seine versäumte Bestimmung. - Es
wird sich hieher eine neue Ursache anzugeben schicken, die Oefeln aus Scheerau
warf: er sollte und wollte auf fürstlichen Befehl für den Geburttag der
Residentin ein Drama auf der Drehscheibe seines Pultes auskneten. Das Drama
sollte Beziehungen haben. Auf dem Liebhaberteater zu Oberscheerau - wo der
Fürst nicht wie auf dem Kriegteater Figurant, sondern erster Akteur war und wo
er eine ordentliche Hoftruppe ersetzte und ersparte - sollte es vom Fürsten, von
Oefel und einigen andern gespielt werden. Der Fürst hatte noch Augen, die
Residentin anzublicken, noch eine Zunge, sie zu lieben, noch Tage, es ihr zu
beweisen, noch ein Teater, ihr zu huldigen: gleichwohl hasste er sie schon, weil
sie zu edel für ihn war; denn seine Teaterrolle sollte (wie unten gedruckt
werden soll) mehr ihm als ihr Dienste tun. - Oefel (welcher Ambassadeur und
Hofteaterdichter und Akteur auf einmal war, weil ein schlechter Unterschied
ist) malte in sein Drama Beaten hinein und wollte ihr durch ihr Abbild
schmeicheln und verhoffte, sie werde mit agieren und ihr Porträt zu ihrer Rolle
machen. Alles dies glaubte er von Gustav auch; aber unten werden wir eben sehen.
    Gustav fühlte im alten Schloss - indes über seine Ohrennerven alle
Visitenräder gingen und alle Besuch-Prozessionen um seine Augen schwärmten -
sich toten-allein. Er arbeitete sich in seine künftige Bestimmung hinein. Mehr
als funfzig Gesandtschaftschreiber werden daher denken, er lernte Briefe und
Herzen aufmachen, Weiber und Berichte dechiffrieren, Amour, Cour und
Spitzbübereien machen - die funfzig Schreiber irren; sie werden ferner denken,
er lernte klein schreiben, um das Porto zu schwächen, ferner Chiffern und Titel
machen, ferner wissen, wessen Name im öffentlichen Instrument, das an drei
Potenzen kommt, zuerst stehe - und dass jede Potenz in ihrem Instrument zuerst
stehe - sie haben recht; aber er tat mehr: er lernte in der Einsamkeit die
Gesellschaft ertragen und lieben. Fern von Menschen wachsen Grundsätze; unter
ihnen Handlungen. Einsame Untätigkeit reift ausser der Glasglocke des Museums zur
geselligen Tätigkeit, und unter den Menschen wird man nicht besser, wenn man
nicht schon gut unter sie kommt.
    Seine Geschäfte gingen in schöne Unterbrechungen über. Denn vor seinem
Fenster draussen stand die schöne und fast kokette Natur von Paris-Äpfel umhangen
und mitten in ihr eine Spaziergängerin, die die Äpfel alle verdiente. Wer kann
es sein als - Beata? - Ging sie in den Park: so wars ihm ebenso unmöglich, ihr
nachzuspazieren, als ihr nicht nachzuschauen durchs Fenster, und seine Augen
suchten aus dem Gebüsche alle vorbeiblinkende Bänder heraus. Wandelte sie
rückwärts mit dem Gesichte gegen seine Fenster: so trat er nicht bloss von
diesen, sondern auch von den Vorhängen so weit wie möglich zurück, um ungesehen
zu sehen. Vielleicht (aber schwerlich) kehrten sich die Rollen um, wenn er nach
ihr sich auf ihre Gänge wagte, die für ihn Himmelwege waren. Eine herabgewehte
Rose, die er einmal in der dunkelsten Nacht unter ihrem Fenster aufhob, war eine
Ordenrose für ihn, ihr welker Honigkelch war das Potpourri seiner schönsten
Träume und seines Freudenflors: - so legest du, hohes Schicksal, für den ewigen
Menschen seinen Himmel oft unter ein falbes Rosenblatt, oft auf den Blütenkelch
eines Vergissmeinnichts, oft in ein Stück Land von 305000 Quadrat-Meilen. -
    Wer zu viel verziehen hat: will sich nachher rächen. Gustavs Freundschaft
gegen Amandus war in eine so hohe Flamme aufgeschlagen, dass sie notwendig Asche
auf ihren Stoff herunterbrennen musste. Wenn er Beaten nachblickte, blickte er
auf Amandus zurück und tadelte sich so oft, dass er anfangen musste, sich zu
rechtfertigen. Was vom Aschenberg, worunter seine Liebe glimmte, abgetragen
wurde, wurde dem Aschenberge seiner Freundschaft zugeschüttet. Gleichwohl würde
er zu jeder Stunde für Amandus alles geopfert haben, was das Volk Freuden nennt;
- denn in der neuen Zeit einer ersten Freundschaft werden Opfer noch wärmer
gesucht, als in der spätern gebracht, und der Geber ist beglückter als der
Empfänger. O! die rechte Seele hat nicht bloss die Kraft, sondern auch die
Sehnsucht, aufzuopfern. - Das Leben, das Gustav jetzo von Frühling und Garten
und von Wünschen der Liebe umgeben genoss, soll er selber malen in seinem Briefe
an mich. Diesen Brief werden freilich die verwerfen, die vor dem
Natur-Schauspiel als kalte Zuschauer, als entfernte Logen-Pächter stehen; aber
es gibt bessere und seltnere Menschen, die sich für hineingerissene Spieler
halten und jede Grasspitze für beseelt ansehen, jedes Käferchen für ewig und das
unbändige Ganze für ein unendliches schlagendes Adersystem, in welchem jedes
Wesen als ein saugendes und tropfendes Ästchen zwischen kleinern und grössern
pulsiert und dessen volles Herz Gott ist. - -
                                       *
                                 Gustavs Brief
»Heute stieg ich zum zweiten Male aus meiner Höhle in die unendliche Welt - alle
meine Adern fluten noch vom heutigen Nachmittage, mein Blut möchte sich mit den
Erden um die Sonnen drehen und mein Herz mit den Sonnen um das funkelnde Ziel,
das neben dem Schöpfer steht ....
    Die Nachtluft, die mein Licht umkrümmt, kühlet mich vergeblich ab, wenn ich
nicht die brennende Brust vor dem Auge des Freundes aufdecke und ihm alles sage.
Ich nahm nachmittags mein Reisszeug, womit ich bisher statt der Landschaften die
Festungen, die sie verwüsten, schaffen müssen, und ging ins stille Land hinaus.
Der Erdball glitt so leise wie der Schwan unter den Blumeninseln, an die ich
mich lagerte, durch den Äter-Ozean dahin, der freundliche Himmel bückte sich
tiefer zur Erde nieder, es war dem Herzen, als müsst' es im stillen weiten Blau
zerfliessen, als müsst' es von fernen ein verhalltes Jauchzen hören, und es sehnte
sich nach arkadischen Ländern und nach einem Freund, vor dem es zerginge - - Ich
setzte mich mit der Reissfeder auf einen künstlichen Felsen neben dem See und
wollte meine Aussicht zeichnen - die einander umarmenden Erlenbäume, die das
Ende des umgekrümmten Sees zuhüllten und belaubten - die bunte Reihe der
Blumeninseln, um deren jede schon ein doppeltes Blumenstück ihrer geschmückten
Insulanerin gemalet schwamm, nämlich das bunte Blumenbild, das unter dem Wasser
zum Spiegel-Himmel hinabging, und der Schattenriss, der auf dem zitternden
Silbergrunde schwankte - und die lebendige Gondel, der Schwan, der zu meinen
Füssen sich in hungriger Hoffnung drehte; - - aber als die ganze hoch
aufgerichtete Natur mir sass und mich mit ihren Strahlen ergriff, die von einer
Sonne zur andern reichen: so betete ich an, was ich nachfärben wollte, und sank
Gott und der Göttin zu Füssen ....
    Ich stand auf mit gelähmter Hand und übergab mich dem steigenden Meere, das
mich hob. - Ich ging an alle Ecken der grossen Tafel mit Millionen Gedecken für
riesenhafte Gäste und für unsichtbare; denn meine Brust war noch nicht voll, und
ich liess die Wellen, die hineinschlugen, leidend in mir steigen. - Ich drängte
mich in den tiefsten Schatten der Schattenwelt, in welcher die in einen Stern
zergangene Sonne entlegner schimmerte. - Ich ging im Fichtenwald vor dem Gezänk
der Kohlmeise und vor dem einsamen Wüstenlaut der Drossel vorüber unter die
singende Lerche hinaus. - Ich ging im langen Abendtal an dem bewohnten Bach
hinauf, und ein entzücktes Wesenchor wandelte mit mir, die hineingetauchte Sonne
und die Mücke mit ihren Schrittschuh-Füssen liefen neben mir auf dem Wasser
weiter, die grossäugige Wasserlibelle floss auf einem Weidenblatte dahin, ich
watete durch grünes aus- und einatmendes Leben, umflogen, umsungen, umhüpfet,
umkrochen von freudigen Kindern kurzer warmer Augenblicke. - Ich stieg auf den
Eremitenberg, und meine Brust war noch nicht von dem Weltstrome voll, dem sie
leidend offen stand. - - - Aber dort richtete sich die liegende Riesin der Natur
vor mir auf, in den Armen tausend und tausend saugende Wesen tragend - und als
meine Seele vom Gedränge der unzähligen, bald in Mückengold gefasster Seelen,
bald in Flügeldecken gepanzerter, bald mit Zweifalter-Gefieder überstäubter,
bald in Blumenpuppen eingeschlossener Seelen angerühret wurde in einer
unendlichen, unübersehlichen Umarmung - und als sich vor mir über die Erde
legten Gebürge und Ströme und Fluren und Wälder, und als ich dachte, alles
dieses füllen Herzen, die die Freude und die Liebe bewegt, und vom grossen
Menschenherzen mit vier Höhlungen bis zum eingeschrumpften Insektenherzen mit
einer und bis zum Wurmschlauch nieder springt ein fortschaffender, ewiger, eine
Zeugung um die andre entzündender Funke der Liebe ....
    .... Ach dann breitete ich meine Arme hinaus in die flatternde zuckende
Luft, die auf der Erde brütete, und alle meine Gedanken riefen: o wärest du sie,
in deren weitem wogenden Schoss der Erdball ruht, o könntest du wie sie alle
Seelen umschliessen, o reichten deine Arme um alles wie ihre, die da beugen das
Fühlhorn des Käfers und das bebende Gefieder des Lilien-Schmetterlings und die
zähen Wälder, die da streicheln mit ihrer Hand das Raupenhaar und alle
Blumen-Auen und die Meere der Erde, o könntest du wie sie an jeder Lippe ruhen,
die vor Freude brennt, und kühlend um jeden gequälten Busen schweben, der
seufzen will. - - Ach, hat denn der Mensch ein so schmales versperrtes Herz, dass
er vom ganzen Reiche Gottes, das um ihn tront, nichts lieben, nichts fühlen
kann, als was seine zehn Finger fassen und fühlen? Soll er nicht wünschen, dass
alle Menschen und alle Wesen nur einen Hals, nur einen Busen haben, um sie alle
mit einem einzigen Arm zu umschliessen, um keines zu vergessen und in gesättigter
Liebe nicht mehr Herzen zu kennen als zwei, das liebende und das geliebte? -
Heute wurd' ich mit der ganzen Schöpfung verbunden, und ich gab allen Wesen mein
Herz ....
    Ich kehrte mich nach Osten gegen das neue Schloss und gegen Auental. Hinter
dem Auentaler Wald brausete durch einen zerbrochnen Regen-Schwibbogen ein
aufgerichteter Ozean - ich stand hier einsam in einer weiten Stille - ich wandte
mich zur heruntergegangnen Sonne, ich dachte daran, dass ich sie einmal für Gott
gehalten, und es fiel heute schwer auf mich, dass ich den, ders war, bisher so
selten gedacht - O Du, Du! rief so nahe an ihm mein ganzes Wesen - aber allen
Sprachen und allen Herzen und allen Gefühlen entfällt vor ihm die Zunge, und
Beten ist Verstummen, nicht bloss mit den Lippen, auch mit dem Gedanken .... Aber
der grosse Geist, der die Schwäche des guten Menschen kennt, hat ihm Mitbrüder
herabgesandt, damit der Mensch sich vor dem Menschen öffne und vor ihnen das
Gebet, in dem er verstummte, vollende. - -
    O Freund meiner schönsten Jahre! der du Dankbarkeit und Demut in meinem
Innersten befestigt hast, diese hab' ich empfunden, als ich auf dem Eremitenberg
mich einsam über das geschaffne Gewürm erhob und fühlte, was der Mensch fühlt,
aber nur er auf der Erde - als ich einsam vor dem bis in das Nichts
hinausreichenden grossen Spiegel, an den sich das Insekt mit Fühlhörnern stösset,
mit Menschenaugen knien konnte, vor dem Spiegel, aus dem der unendliche
Sonnen-Riese flammt .... Nein! In Erdfarben und auf der Leinwand von Tierfellen
und auf allem, was vor mir liegt, ist bloss das Bild des Ur-Genius; aber im
Menschen ist nicht sein Bild, sondern er selbst ....
    Die Sonne glühte noch halb über dem Erdball, der sie zerschnitt; aber ich
sah sie durch mein zerrinnendes Auge nicht mehr, vergangen, verstummt, verhüllt,
versunken im treibenden, flammenden, reissenden, uferlosen Meere um mich ....
    Die Sonne nahm den entzückten Tag mit hinunter; und jetzo steht der
Äter-Diamant, den die Nacht schwarz einfasset, der Mond, über diesen
zugehüllten Szenen und strahlet wie andre Diamanten den entlehnten Schimmer aus
.... O du stille Mitternacht-Sonne! du schimmerst, und der Mensch ruht, deine
Strahlen besänftigen das irdische Toben, deine herunterrinnenden Funken wiegen
wie ein schimmernder Bach den liegenden Menschen ein, und der Schlaf bedeckt
dann wie eine Graberde das ruhende Herz, das trocknende Auge und das
schmerzenlose Angesicht .... Leben Sie wohl, und die weisse Luna-Scheibe zeige
Ihnen alle Paradiese der vergangnen und alle Paradiese der zukünftigen Jugend
......
                                                                        Gustav.«
                                       *
So weit war er, als Oefels Bedienter mit einem Paket an ihn in seine Stube trat,
welches leichter als die kälteste Nachtluft und der wärmste Brief die Bewegungen
seiner Seele anhielt und abkühlte. Ein Brief vom Doktor lag mit der Nachricht
darin, dass die Frau von Röper ihm in Maussenbach gegenwärtiges Porträt
mitgegeben, das ihre Tochter für ihr eignes verlornes gehalten, auf dessen
Rücken aber der Name Falkenberg stehe, der alle übrige Ähnlichkeiten widerlege.
So lieb ihm das Porträt war, so ärgerlich wars ihm, da es nun ein neuer Beweis
seiner Vermutung war, Mutter und Tochter hasseten ihn wegen des
Korn-Avertissements. Die Spinne des Hasses, die bei jedem Menschen über eine
Ecke der Herzkammer ihr Gespinste hängt - nur überspinnen grosse Kanker in
manchen alle vier Kammern mit ihren fünf Spinnwarzen -, lief auf ihren Fäden
hervor, die Amandus erschüttert hatte, und verlangte Fang; kurz die kalte
Färber-Hand berührte sein Herz und macht' es ein wenig kälter gegen seinen
Amandus, dessen seines durch das zurückgehende Porträt wärmer geworden war. Die
gestörte Liebe macht den besten Menschen nicht besser, bloss die glückliche.
    In sieben Minuten war alles vorbei; denn im geistigen Menschen ist die
nämliche herrliche Einrichtung wie im physischen, dass um eine bittere, scharfe
Idee so lange andre Ideen als mildere Säfte zufliessen, bis sie ihre Schärfe
verdünnt und ersäuft haben. Das Porträt wurde nun die zweite gefundene Rose; es
war angehaucht mit Leben und Rosenduft durch die schönsten Augen und Lippen, die
auf ihm gewesen waren.
    Jetzo sah er Beata einige Zeit nicht im Garten, aber dafür den Fürsten mit
und ohne die Residentin. - Gehet beide aus dem stillen Lande in euer
rauschendes! Ihr geniesst doch die schöne Natur nur als eine grössere Landschaft,
die in euerem Bilderkabinett oder an der Leinwand euerer Opernteater hängt,
oder als eine nur breitere Tafel- und Kamin-Verzierung, wo euch die Felsen von
Bimsstein und die Bäume von Moos geformet vorkommen, höchstens als den grössten
englischen Park, der neuerer Zeiten in Europa an irgendeinem Hofe anzutreffen
ist. - In allen Sessionzimmern war wegen der Kanikularferien Arbeit- - im Winter
könnte man wegen der Kälte Frostferien erlauben und ebensogut einen Winterschlaf
der Geschäfte als die Sommer-Sieste derselben in Gebrauch setzen, wie denn auch
die bekannten Tiere beider Extreme wegen aus Scheu vor ihrer Wasserscheu zu
Hause bleiben müssen - mitin konnte der Minister leichter mit dem Fürsten
abkommen, und beide waren länger da. Ohne mich würde der Leser nie erfahren,
warum das fürstliche Dasein Anlass war, dass Beata das stille Land gegen ihr
stilles Zimmer vertauschte. So wars: Unser Fürst ist zwar ein wenig hart, ein
wenig geizig und weidet seine Herde öfter mit dem Hirtenstabe als mit der
Hirtenflöte; aber er wird ebensogern ein Schäfer in einem schönern Sinne und
geht gern vom Trone, wo ihn die Landeskinder anbeten, zu jeder Staffel
desselben herunter, um selber ein schönes anzubeten - er kann zwar das Volk,
aber keine Schöne seufzen hören; er wendet emsiger eine gesellschaftliche
Verlegenheit als eine Teuerung ab; er bleibet lieber den Landständen als seinem
Gegenspieler etwas schuldig und bauet keine abgebrannte Stadt, aber eine
eingerissene Frisur willig wieder auf. Kurz der Landesvater und der
Gesellschafter sind in seinen Herzkammern Wandnachbaren, aber Todfeinde. Dieser
Gesellschafter subdividierte sich wieder in zwei Liebhaber, in den kurzen und in
den langen. Seine lange oder weitergrünende Liebe besteht in einer kalten
verachtenden Galanterie und in dem Vergnügen an der Feinheit, an dem Witze und
an der Grazie, womit er und der geliebte Gegenstand ihre gegenseitigen Siege zu
verzieren wissen. Seine kurze Liebe besteht in seinem Vergnügen an jenen Siegen,
insofern sie jene Dekoration nicht haben. Damit man dieses unschuldige Pasquill
auf einen nicht für Satire auf die meisten Grossen halte, so will ich so
fortfahren -
    Lange Liebe hegte er gegen die Residentin, von deren Gunstbezeugungen man
nicht sagen konnte: das ist die unschuldigste - die erste - die letzte. Eine
solche Immobiliarliebe durchflocht er zu gleicher Zeit mit hundert kursorischen
Sekunden-Ehen oder Liebschaften, und über dem schleichenden Monatzeiger der
langen fixen Liebe oder Ehe wirbelte sich der fliegende Terzienweiser der
abbrevierten Ehen unzähligemal um.
    Darwider hatte die Residentin nichts - sie konnte auf dieselbe Weise
durchflechten - darwider hatte er nichts.
    In diesen kurzen Ehen tun die Grossen vielleicht manches Gute, über welches
Moralisten zu leicht wegsehen, die lieber ihre Druckbögen als die Geburtlisten
voll haben wollen. Gleich jungen Autoren lassen junge Grosse ihre ersten
Ebenbilder anonym oder unter geborgten Namen erscheinen; und ich kann zu
Montesquieus Bemerkung, dass das Namengeben der Bevölkerung nütze, weil jeder
seinen fortzupflanzen trachte, nichts setzen als meine eigne, dass die
Namenlosigkeit ihr noch besser fortelfe. In der Tat geht es hierin den
erhabensten Personen wie den griechischen Künstlern, die unter die schönsten
Statuen, womit ihre Hand Tempel und Wege ausschmückte, ihren Vaternamen nicht
setzen durften; indessen findet der pfiffige Phidias auch seine Nachahmer, der
statt des Namens sein altes Gesicht an der Statue Minervens einhieb.
    Der Fürst hatte im Sinn, Beaten, die ihm zu viel Unschuld und zu wenig
Koketterie zu haben schien, eine kurze Liebe anzubieten. Ihr Widerstand machte,
dass er auf eine längere dachte. Unter den Augen der Residentin waren vor ihm
alle ihre Sinne gesichert, nur das Ohr nicht - im Park keiner. Die Residentin,
die wusste, dass ihr Geist sich für jede Minute in einen neuen Körper umwerfen
könne, indes ihre Nebenbuhlerin nicht mehr hatte als einen, in welchem noch dazu
weiter nichts als Unschuld und Liebe steckte, diese sah die ganze Sache mit
keinen andern Augen an als mit satirischen. So weit wars, als der Fürst in dem
Hundtags-Interregnum kam und am andern Morgen statt des Zepters nichts in der
Hand hatte als den Frisierkamm und den Kopf der Residentin. Er hatte es an
seinem Hofe Mode gemacht; jeder Kammerherr bis auf den Hofdentisten herunter
hatte seitdem seine preteuse de tête, um an ihrem Kopfe so viel zu lernen, als
er am Kopfe einer schönern preteuse auszuüben hatte - Es war ebenso notwendig,
dass man frisierte, als dass man frisiert war.
    Ich könnt' es in der Note sagen, dass eine preteuse de tête ein Mädchen in
Paris ist, das an einem Tage hundertmal frisieret wird, weils die Innung daran
lernen will - unmöglich kann es unter ihrer Hirnschale so viele Veränderungen
und Versuche geben als über derselben - die Koalition und Einkindschaft der
unähnlichsten Frisuren ist so gross, Dappieren und Auskämmen kommen
hintereinander so schnell, oder Aufbauen und Umreissen, dass es nur auf dem Kopfe
der Göttin der Wahrheit noch ärger zugehen kann, den die Philosophen frisieren
und aufsetzen, oder in ganzen Staatkörpern, an denen die Regenten sich üben.
    Am nämlichen Morgen, wo unserer die Regentin coiffierte, sagte er der
träumerischen Beata, am andern Tage komm' er mit dem Friseur zu ihr. Die
Residentin sagte nichts als: »Die Männer können alles, aber das Leichte selten;
sie wirren leichter zehn Prozesse als zehn Haare ein.« Beata konnte nicht reden
- nachts konnte sie nicht schlafen. Ihr ganzes Innere entsetzte sich vor des
Fürsten Frostgesicht und stechendem Feuerblick, der (so wenig sie es deutlich
dachte) die Präliminarsiege im neuen Schloss so abzukürzen brannte, als wär' er
im Palais royal. Am andern Morgen hatte sich ihr Wunsch, krank zu werden,
beinahe in die Überzeugung, es zu sein, verwandelt. Sie sah mit lebenssatter
Leerheit zum Fenster in das stille Land hinaus, in dem zwei Kinder des
Hofgärtners eine bunte Glaskugel herumkegelten, als der Kanarienvogel, der auf
den Achseln des Fürsten wohnte und der ihn wie eine Mücke umflog, von seinem
Kopf, der durch sechs Fenster von ihr geschieden war, auf ihren geflattert kam.
Sie zog den Kopf mit dem Vogel hinein - aber auch mit dem Inhaber des Tiers, der
sogleich ohne Bedenken kam und sagte: »Bei Ihnen hat man das Schicksal, zu
verlieren - aber meinem Vogel können Sie die Freiheit nicht nehmen«. Leuten
seiner Art entfliesset dies alles ohne Akzent; sie reden mit gleichem Tone vom
Sternen- und vom Kutschen-Himmel und von der Bewegung beider.
    Ohne Umstände wollt' er ihr den Pudermantel umtun; sie nahm ihn aber aus
andern Rücksichten selber um und sagte, sie wäre schon für den ganzen Tag
aufgesetzt bis aufs Pudern. Allein sie mochte ihren Weigerungen immerhin die
schönsten Gestalten umgeben, die ihr sein Stand und die von ihrer Mutter
anerzogene Hochachtung gegen sein Geschlecht befahlen: am Ende sah sie, sein
Widerlegen sei nicht viel besser als sein Frisieren. Als er das letzte anfing
und so nahe vor ihr stand, sah sie wieder das Gegenteil. Jedes Haar wurd' an ihr
zu einem Fühlfaden, und ihr war, als berührte er ihre wunden Nerven, als ginge
mit ihm eine flammende Hölle um sie. Auf einmal quoll ihre Bangigkeit, nach den
Gesetzen der weiblichen Natur, von der mittlern Stufe zur höchsten auf - ich
möchte wissen, obs von seinen eigennützigen Stellungen kam, die ihm nichts
halfen, oder von einem Kusse, als der Einnahme der Benefizkomödie, die er zu
seinem Besten aufführte, oder von ihrem Blick auf die Pyramide des
Eremitenbergs, der ihre zagende Brust mit dem Bilde und Ebenbild ihres Bruders
überfüllte - genug sie sprang fieberhaft auf, und nach den Worten: »sie hätte so
gewiss versprochen, der Residentin den Hut aufsetzen zu helfen, und wäre noch
hier!« erwartete sie gewiss, dass ihn dieser demütig-stolze Vorwurf forttriebe. Er
war nicht fortzutreiben. Dieses Misslingen zerriss ihre zarten Kräfte, und sie
lehnte sich wankend mit dem Arme und frisierten Kopfe an die Tapete. Er,
vielleicht gelangweilt oder froh, sie an seine Nachbarschaft gewöhnt zu haben,
nahm seinen Vogel und sie und führte sie selber zur Residentin; hier holte er
mit ihr das Belachen der Benefizkomödie nach und so fort.
    Indessen hatten sich dennoch die Qualen des äussern Kopfs in die Migräne des
innern aufgelöset; sie blieb von der Tafel und - solang' er dasmal da war - auch
aus dem Parke.
    Welches letzte zu erweisen nicht sowohl als zu erklären war.
 
                   Achtundzwanzigster oder Simon Judä-Sektor
                              Gemälde - Residentin
Vorgestern (den 26. Oktober) war dein Namentag, Amandus! Hast du wohl in deinem
Leben einen mit freudigen Augen gefeiert? Hast du je am Ende eines Jahrs gesagt:
möge das neue ebenso sein? - Ich will nicht darauf antworten, um nicht trauriger
zu werden ....
    Gustav sah nichts mehr im Garten, als was er nicht suchte, den Fürsten und
dergleichen; er trug unnötiges, d.h. verliebtes Bedenken, sich bei jemand über
Beatens Unsichtbarkeit zu erkundigen - bei den zwei Gärtners-Kindern
ausgenommen, die nichts wussten, als dass Beata, wie er, noch immer mit ihnen
tändle und sie beschenke. Vielleicht gab sie ihnen, weil er ihnen gab; denn er
gab ihnen, weil sie es tat. Die einzigen Reliquien von ihr, ihre Spazierwege,
zogen ihn desto öfter an sich. O wäre doch der Kies weicher oder das Gras länger
gewesen, damit beide ihm den matten Abriss einer Spur, dass sie dagewesen,
aufgehoben hätten; so würde dieser Dornengarten seiner Unsichtbaren seinen
Wünschen noch grössere Flügel, und seiner Wehmut grössere Seufzer gegeben haben.
Denn ich muss es nur einmal dem Leser und mir gestehen, dass er jetzt in jenem
schwärmerischen, sehnenden, träumenden Zustand war, der vor der erklärten Liebe
ist. Dieser Traumflor muss über ihm gelegen haben, da er einmal statt des
Schlangenbachs im Abendtal, den er zeichnen wollte, die schöne Statue der Venus,
die aus diesen Wellen gezogen schien, abgerissen hatte; und zweitens, da er
nicht sah, wer ihn sah - die Residentin. Er kam ihr vor wie ein schönes Kind,
das fünf Fuss hoch gewachsen ist; er konnte mit allen seinen innern Vorzügen noch
nicht imponieren, weil auf seinem Gesicht noch zu viel Wohlwollen und zu wenig
Welt geschrieben war. Mit jener scherzhaften Koketten-Freimütigkeit, die die
erstgeborne Tochter der Koketten-Geringschätzung des männlichen Geschlechts ist,
sagte sie: »Ich geb' Ihnen für die Zeichnung das Original« und nahm die erste
und besah sie mit schöner (über etwas anders) denkenden Bewunderung. Oefel, dem
ers erzählte, schalt ihn, dass er nicht fein gesagt hatte: »Welches Original?«
Denn er hatte zur lebendigen Venus nichts gesagt.
    Er war es auch nicht imstande; denn sie stand vor ihm mit allen Reizen, die
einer Juno bleiben, wenn man ihr die holde Farbe der ersten Unschuld nimmt, mit
ihrem Plümagen-Walde, den ihr in Unterscheerau hundert nachtragen, weil sie mit
wenigen meiner Leserinnen, die auch mehr Federn aufsetzen, als sie in ihrem
Leben Federn schliessen werden, so viel herausgebracht haben, dass jede Juno eine
Göttin und jede Göttin eine Juno sein und dass man Damenköpfe und Klaviere stets
bekielen müsse.
    Sie fragte ihn nach dem Namen seines Zeichenmeisters (des Genius); seinen
eignen sagte sie ihm selbst. Sie konnte Achtung sich erwerben, bei allen ihren
Fehltritten, und ihre Sünden und der Teufel schienen ihr nur als Kammermohren
nachzutreten; ihr Gesicht wie ihr Benehmen trug das innere Bewusstsein ihrer
nachgebliebnen Tugenden und ihrer Talente. Gleichwohl merkte sie an der scheuen
Ehrfurcht, die Gustav weniger ihrem Stande und Werte als ihrem Geschlecht
erwies, dass er wenig Welt habe. Sie verliess alle Umwege und ging ihn geradezu um
eine Abzeichnung des ganzen Parks für ihren Bruder in Sachsen an. Ich nenne das
Bitte, was sie eigentlich allemal im scherzhaften Tone einer Kabinettordre an
Männer komponierte - und man konnte ihren weiblichen Ukasen nichts
entgegensetzen als männliche.
    Eine Frau trage dir nur einmal ein Geschäft auf: so bist du mit Leib und
Seele ihr; alle deine sauern Tritte, alle deine Mühwaltungen für sie legen sich
an ihrem Bilde, das du an die Beinwände deines Kopfes ausgebreitet, als Reize
an. Eine retten - rächen - lehren - schützen ist fast nicht viel besser (bloss
ein wenig) als sie schon lieben. Gustav hörte nie eine willkommnere Bitte. Den
Park riss er in kurzem ab, und er konnte den Vormittag kaum erwarten, an dem er
ihn überreichen durfte. Wir wissen alle, was er in der Residentin Zimmer noch
ausser der Residentin zu erblicken suchte - aber alles, was er ausser ihr da fand,
war die kleine Elevin (Laura) der abwesenden Beata am Silbermannischen Klavier.
    Die Residentin heftete einen langen Blick in die Zeichnung. »Haben Sie«
(sagte sie) »Stücke von unserem Hofmaler gesehen? Sie sollten sein Schüler
werden und er Ihrer - er hat noch kein schönes Porträt gemalt und noch keine
schlechte Landschaft - Sie machen einen schönern Fehler und geben dem Bewohner,
was Sie der Landschaft nehmen - in Ihrer Zeichnung sind die Statuen schöner als
der Garten - - behalten Sie Ihren Fehler und verschönern Sie Menschen« und sah
ihn an. Meines geringen artistischen Erachtens - denn man liess noch keines aller
meiner Stücke als Akzessist in eine Bildergalerie, auch suche ich mit mehr Ehre
solche Ausstellungen lieber öffentlich zu rezensieren als zu bereichern - ist
gerade das Gegenteil wahr, und mein Held macht (gleich seinem Biographen) weit
bessere Landschaften als Porträte. - »Versuchen Sie es«, fuhr sie fort, »mit
einem lebendigen Original« - er schien verlegen über die Absicht ihres Rats -
»nehmen Sie eines, das Ihnen so lange sitzt, als der Maler selber sitzt.« -
Oefels Eitelkeit mit Gustavs Voreiligkeit hätten hier eine dumme Höflichkeit
zusammenbringen können - »Hier! das darin mein' ich« - und sie wies auf einen
Spiegel; jetzt wollt' er doch mit der palingenesierten Höflichkeit herausfahren,
ihre Gestalt sei über seinem Pinsel, als sie zum Glück dazufügte - »Malen Sie
sich und zeigen Sie mirs.« - Über eine zufällig verschluckte Sottise wird man
ebenso rot wie über eine herausgestossene - du schöner, rotglühender Gustav!
    Daher schreib' ich hier für Kinder, die noch nicht auf Winterbällen getanzt,
diesen Titel aus der Kleiderordnung heraus: Leuten, die euch eine Erklärung
geben wollen, eine in den Mund zu legen, ist ebenso unhöflich als misslich.
    »Ich will Ihnen nur zeigen warum«, sagte sie und ging mit ihrer Hand den
halben Weg zu seiner und wieder zurück und nahm ihn mit durch ihr Lesekabinett,
durch ihr Bücherzimmer in ihr Bilderkabinett. Wenn sie ging: konnte man selber
kaum gehen; weil man stehen wollte, um ihr nachzusehen. Bilder waren neben ihr
noch schwerer anzuschauen. Sie wies ihm im Kabinett eine bunte Kette Abbilder,
welche die berühmtesten Maler von sich mit eigner Hand gemalet hatten und welche
die Residentin aus der Galerie zu Florenz kopieren lassen. »Sehen Sie, wenn Sie
ein berühmter Maler würden - und das müssen Sie werden -, so hätt' ich Ihr
Porträt noch nicht in meiner Sammlung.« Auf dem Fenster lag der steilrechte
weibliche Sonnenschirm, ein grüner Spazierfächer, den er vor einem gesessenen
Gericht für Beatens ihren eidlich erkläret hätte - Einige Heuwägen von
Wouvermans Gras, einige Zentner von Salvatore Rosas Felsen und eine Quadratmeile
von Everdingens Gründen hätt' er hingeschenkt für den blossen Fächer.
    Aber das ihm abgedrungne Versprechen, sich selber zu malen, wurde einem
Natursohne wie er, welchem die Kunst noch keine Eitelkeit gegeben, zu erfüllen
äusserst schwer. Hundert jetzige Jünglinge zeigen mehr Kraft, sich in einer
Gesellschaft vor dem Spiegel zu besehen, als er hatte, es in der Einsamkeit zu
tun. Er fürchtete ordentlich, er begehe in einem fort die Sünde der Eitelkeit.
    Auf diese Weise wird mein Held, der sich aus dem Spiegel zu holen sucht, von
drei Zeichenmeistern auf einmal besehen und gemalet: von dem Lebensbeschreiber
oder mir - vom Romancier oder Herrn von Oefel, der in seinen Roman ein Kapitel
setzt, worin er von Gustavs Liebe gegen die Bouse anonymisch handelt - und vom
Maler und Helden selber. So muss er denn wohl wohl getroffen werden.
    Von Oefels Roman »Grosssultan« erscheinet in der Hofbuchhandlung künftige
Messe nichts als das erste Bändchen; und es wird dem minorennen Publikum, das
unsre meisten Romane lieset und macht, angenehm zu hören sein, dass ich in den
Oefelschen Grosssultan ein wenig geblickt und dass darin die meisten Charaktere
nicht aus der elenden wirklichen Welt, die man ja ohnehin alle Wochen um sich
hat und so gut kennt wie sich selber, sondern meistens aus der Luft gegriffen
sind, diesem Zeughaus und dieser Baumschule des denkenden Romanmachers; denn
wenn (nach dem System der Dissemination) die Keime des wirklichen Menschen neben
dem Samenstaub der Blumen in der Luft herumflattern und aus ihr, als dem
Repositorium der Nachwelt, von den Vätern müssen niedergeschlagen und
eingeschluckt werden: so müssen Autoren noch vielmehr die Zeichnungen von
Menschen aus der Luft, wo alle epikurische Abblätterungen wirklicher Dinge
fliegen, sich holen und auf das Papier schmieden, damit der Leser nicht brumme.
    Einige Tage war die von Bouse nicht zu sprechen, als das Original seine
Kopie zu ihr tragen wollte. Endlich schickte sie nach beiden. Sein Gesicht wurde
dem gemalten sehr unähnlich, als sein Blick bei dem Eintritt auf seine
physiognomische Schwester fiel, die mit der kleinen Bouse am Klaviere sang, auf
Beata. Wir armen Teufel, die wir nicht an Stammbäumen, sondern von Stammgebüsch
herauswuchsen, werden von vier Wänden so nahe aneinander gerückt, dass wir uns
warm machen; hingegen die veloutierten Wände der Grossen halten ihre Insassen so
sehr als Stadtmauern auseinander, und es ist darin wie in Wirtzimmern, wo unser
Interesse nur einige vom ganzen Haufen ablöset. Beata fuhr also fort; und er
fing an: für ihn wars so viel, als säh' er sie durch das Fenster im Garten. Sein
Porträt fand die günstigste Rezensentin. Sie flog damit durch einige Zimmer
hindurch. Gustav konnte nun seine Augen dahin tun, wo seine Ohren längst waren:
sein einziger Wunsch war, die Elevin wäre ausserordentlich dumm und sänge alles
falsch, bloss damit die reizende Diskantistin ihr öfter vorsänge. Es war jenes
göttliche »Idolo del mio cuore« von Rust, bei dem mir und meinen Bekannten
allemal ist, als würden wir vom lauen Himmel Italiens eingesogen und von den
Wellen der Töne aufgelöset und als ein Hauch von der Donna eingeatmet, die unter
dem Sternen-Himmel mit uns in einer Gondel fährt .... Durch solche verderbliche
Phantasien bring' ich mich im Grunde um allen wahren Stoizismus und werde noch
vor dem dreissigsten Jahre achtzehn Jahre alt. -
    Um so leichter kann ich mir denken, wie es dem jungen Gustav war, der Augen
und Ohren so nahe an der magnetischen Sonne hatte: wahrhaftig tausendmal lieber
will ich (ich weiss recht gut, was ich wage) mit der Schönsten im Fürstentum
Scheerau ganz durch letztes fahren und sie nicht nur in, sondern auch (was weit
schädlicher ist) aus dem Wagen heben; - noch mehr: lieber will ich ihr das
Beste, was wir aus dem poetischen und romantischen Fache haben, gerührt vorlesen
- ja lieber will ich mich mit ihr aus einem Redoutensaale in den andern tanzen
und sie, wenn wir sitzen, fragen, ob sie heiter ist - und endlich (stärker kann
ichs nicht ausdrücken) lieber will ich den Doktorhut auftun und ihre matte Hand
an den Aderlassstock mit meiner anschliessen, indes sie, um nicht den Blutbogen
über dem Schnee-Arm zu erblicken, mir in einem fort erblassend in das Auge
schauet - - lieber, versprech' ich, will ich (Wunden hol' ich mir freilich mehre
und weitere als das Aderlassmännchen im Kalender) alles das tun, als die Schönste
singen hören; dann wär' ich leck und weg; wer wollte mir helfen, wer wollte
meine Notschüsse hören, wenn sie in der ruhigsten Stellung den rechten
Schnee-Arm weich über irgend etwas Schwarzes hinschneiete, die Knospe der
Rosen-Lippen halb voneinander schlösse, die tauenden Augen auf ihre - Gedanken
senkte und darein verhüllete, wenn der weiche Dunen-Busen1 wogend wie ein weisses
Rosenblatt auf den Atem-Wellen läge und mit ihnen auf- und niederflösse, wenn
ihre Seele, sonst in den dreifachen Überzug der Worte, des Körpers und der
Kleider geschlagen, sich aus allen Hüllen wände und in die Wellen der Töne
stiege und im Meer des Sehnens untersänke ....? Ich spräng' nach. - - -
    Gustav war noch im Nachspringen begriffen, als die Residentin mit zwei
Porträten wiederkam. »Welches ist ähnlicher?« sagte sie zu Beata und hielt ihr
beide entgegen und heftete ihr Auge statt auf die drei Gesichter, die zu
vergleichen waren, bloss auf das, welches verglich. Das mitkommende war nämlich
das echte brüderliche und verlorne, um das Beata an meine Philippine geschrieben
hatte. »O mein Bruder!« sagte sie mit zu viel Bewegung und Akzent (welches zu
vergeben ist, da sie erst vom Klavier herkam); unter dem schnellen Ergreifen
erschrak sie so lange, bis sie mit einem ungezwungnen Blick über den Rücken des
Bildes heruntergeglitscht war und keinen Namen darauf gefunden hatte. Von
solchen Erdstäubchen hängt das Pochen des menschlichen Herzens oft ab: den
Zentnerdruck der ganzen Lebens-Atmosphäre trägt und hebt es, allein unter dem
schwülen Atem einer gesellschaftlichen Verlegenheit fällt es kraftlos zusammen.
Wer nicht hat, wohin er sein Haupt hinlegt, leidet oft kleinere Pein, als der
nicht hat, wo er seine - Hand hinlege.
    »Ich dachte, Ihr Bruder wäre ein weitläuftiger Verwandter von Ihnen«, sagte
die Residentin vielleicht boshaft-doppelsinnig, um sie in die Wahl irgendeines
Sinnes zu verstricken. Allerdings standen der Residentin alle Worte, Ideen und
Glieder so behend zu Gebote, dass die Kraft in Beatens und Gustavs Verstand und
Tugend kaum, wie sonst in der Mechanik, zureichte, die Geschwindigkeit zu
ersetzen. Aber Beata erzählte standhaft, ohne Entschuldigung, ohne Übergänge
alles von diesen Bildern, was die Leser aus meinem Munde wissen. Gustav hätte
eine solche Erzählung nicht liefern können. Die Nachricht, wie es in der
Residentin Hände gekommen, vergass die Residentin zu geben, weil sie hundert
Antworten dazu wusste; Beata vergass sie zu verlangen, weil sie das eben merkte.
    »Für Ihr Gesicht« - sagte sie im lustigsten Tone, in dem sie ohne Bedenken
das Gute von ihren Reizen sagte, das andre im ernstaften davon sprachen -
»könnt' ich Ihnen keines geben als mein eignes; das muss ich aber meinem Bruder
in Sachsen samt dem Garten schicken - malen können Sie es mit zum Park, damit
beide Stücke einen Meister hätten.« Dem scherzhaften Tone ist weit schwerer
etwas abzuschlagen als dem ernstaften - höchstens nur wieder im lustigen; aber
zu diesem waren in Gustav alle Saiten abgerissen. Beata hatte die Anspielung auf
den Park nicht verstanden; Bouse brachte die ganze Landschaftzeichnung und
fragte sie, was ihr am meisten gefiele. Diese war für das Schattenreich und
Abendtal (warum liess sie den Eremitenberg aus?). »Aber die Menschen im Garten?«
- fuhr sie fort (die arme Inquisitin heftete ihren stillen Blick fester aufs
Abendtal); - »besonders die schöne Venus hier im Abendtal?« - Sie musste endlich
reden und sagte unbefangen: »Der Bildhauer wird sich nicht über den Zeichner zu
beschweren haben, aber vielleicht der Maler über den Bildhauer; vielleicht hat
auch bloss der Frost diese Venus ein wenig verdorben.« Die Residentin machte
durch ihr Lachen und ihr witziges Anblicken Gustavs ein Bonmot daraus, sie ein
wenig rot, ihn flammendrot, sie durch letztes wieder röter und vollends durch
die Antwort: »So würde mein Bruder auch denken, wenn er die Venus so bekäme; Sie
tun mir aber den Gefallen, meine Liebe, und sitzen unserem Herrn Maler mit, so
kommt in unsern Park eine schönere Venus. Es ist mein Ernst. Die zwei nächsten
Morgen geben Sie unsern Gesichtern, Herr von Falkenberg!« Die Gute schwieg;
Gustav, der schon eingewilligt hatte, mit seinem Pinsel Bousens Antlitz zu
verdoppeln, wäre bei einem Haare mit der Anmerkung losgebrochen, Beaten ihres
vermög' er nicht mit seinem nachzudrucken. Zum Glück fiel ihm ein, dass sie sich
zur Tafel ankleiden würde - - (Am Sonntag über acht Tage muss ich meinen Sektor
mit »Denn« anfangen - -).
 
                                    Fussnoten
1 Denn bekanntlich ist die männliche Brust viel härter und unbiegsamer und dem
ähnlich, was zuweilen von ihr umschlossen wird. - Sonderbar ists, dass die Eltern
ihre Töchter Dinge mit allem Gefühle singen lassen, die sie ihnen nicht
erlaubten vorzulesen.
 
                Neunundzwanzigster oder XXII. Trinitatis-Sektor
               Die Ministerin und ihre Ohnmachten - und so weiter
Denn er war in jenem grünen Gewölbe, das Scheeraus grösste Schönheiten umfing, in
Bousens Zimmer, nur vormittags; nachmittags und später rauschten durch dasselbe
die Ströme des Vergnügens, aus den Freudenkelchen von Freuden-Najaden
ausgeschüttet. Der halbe Hofstaat fuhr aus Scheerau her. Bekanntlich hat dieser,
indes das Volk nur Sabbate hat, lauter Sabbatjahre, und die nähern Diener des
Fürsten suchen sich von den Dienern des Staates dadurch auszuzeichnen, dass sie
gar nichts arbeiten; so wurden auch schon in den alten Zeiten den Göttern nur
Tiere, die noch nichts gearbeitet hatten, auf den Altar gelegt. Ich weiss es
recht gut, dass mehr als einer der paralytischen grossen Welt Arbeit zumutet, die
nämlich, sich und andre in einem fort zu amüsieren; diese ist aber so herkulisch
schwer und nützt alle Kräfte so sehr ab, dass es genug ist, wenn sie sämtlich
nach einer Fête morgens bei dem Auseinanderfahren oder am Tage darauf sich
verstellen und sagen: »Bei alledem wars heute ein deliziöser Abend und überhaupt
alles so brillant!« Grosse Quartanten-Teologen haben längst bewiesen, dass Adam
vor dem Falle kein Vergnügen aus dem Essen und andern Vergnügungen geschöpfet
habe - unsre Grossen sind vor ihrem Falle ebenso schlimm daran und verrichten
alles das in ihrer Unschuld, ohne den geringsten Spass dabei zu haben. Ich
wollt', ich könnte dem Hofstaat helfen. - -
    Ein Mensch, der eine festgesetzte Arbeitstunde (und wäre sie nur 30 Minuten
lang) hat, sieht sich für emsiger an als einer, der gerade heute seinem
12stündigen Pensum 30 Minuten abgebrochen. Oefel warf sich selber seine
übertriebene Anspannung vor und sagte, er wüsste sich nicht zu entschuldigen, dass
er jeden Morgen eine volle Stunde schreibe am »Grosssultan«. Erst darnach waren
die ernstaften Geschäfte des Tages zu Ende; er liess sich nun zum ersten Male
frisieren und einstäuben, um als Tagschmetterling gegen alle Toilettenspiegel
anzuflattern; auf den Blumenkopf der Défaillante (so hiess noch die Ministerin)
liess er sich nieder. Alsdann liess er sich zum zweiten Mal frisieren und
beflügeln, um als bestäubter Dämmerung- und Nachtschmetterling zwischen den
Spielmarken und Schaugerichten und ihren Ebenbildern herumzusausen. Ich würde
auf dieses Gleichnis nicht gekommen sein, wenn mich nicht sein gehörntes und in
eine Kapsel zusammenlaufendes Abendhaar auf die Raupen der Nachtschmetterlinge
geführet hätte, denen auch hinten ein Horn oder Zopf ansjetzt - den Tagraupen
sitzt nichts an, so wie sein abbreviertes aufgestecktes Morgenhaar es verlangte,
damit sie diesem glichen.
    Da ich die Ministerin die Défaillante genannt, und da man ihr überhaupt die
Einfalt zutrauen konnte, als ob sie dem Legationrat treuer wäre als er ihr, so
will ich alles sagen und für sie reden. Die Eitelkeit, die ihn wie eine
eingeschränkte Monarchin beherrschte, regierte wie eine uneingeschränkte über
sie - sie hatte und machte italienische Verse, Epigrammen und alle schöne Künste
- und es ist stadtkundig, dass sie, weil sie aufgehört hatte, zur schönen Natur
zu gehören, sich unter die Werke der schönen Künste warf und sich aus einem
Modell durch Schminke in ein Gemälde veredelte, durch Pantomime in eine Aktrice,
durch Ohnmachten in eine Statue.
    Das letzte ist der Kardinalpunkt - sie starb wöchentlich und öfter, wie jede
wahre Christin, nicht ihrer Keuschheit wegen, sondern sogar vor ihrer
Keuschheit, ich meine ein paar Minuten - sie und ihre Tugend fielen
hintereinander in Ohnmacht. Wenn ich über so etwas nicht weitläufig bin: so bin
ich nicht wert, eine Feder zu schneiden, und der Henker soll meine Produkte
holen. - Die Tugend also war bei der Ministerin so verdammt schlimm daran wie
bei einem Kind die junge Lieblingkatze. Ich will von Tagzeiten gar nicht reden,
sondern nur von Wochentagen: ich will setzen, an jedem Tage hätte ein andrer
Antichrist und Erbfeind ihrer Tugend statt der Visitenkarte seinen Leib
geschickt: so hätt' es etwa so gehen können: am Montag war ihre Tugend im
strahlenlosen Neumond für Herrn v. A. - am Dienstag im Vollmond für Herrn v. B.,
der sagte: »Zwischen ihr und einer Devote ist kein Unterschied als das Alter« -
am Mittwoch im letzten Viertel für Herrn v. C., der sagt: »je la touche dejà«,
nämlich ihre âme - am Donnerstag im ersten Viertel für Herrn v. D., der sagt:
»Peut-être que« - - und so fort mit den übrigen Feinden der Woche; denn jeder
Gegner sah, wie seinen eignen Regenbogen, so an ihr seine eigne Tugend. Ehre und
Tugend waren bei ihr keine leeren Wörter, sondern hiessen (ganz gegen die
Kantische Schule) der Zeit-Zwischenraum zwischen ihrem Nein und ihrem Ja, oft
bloss der Ort-Zwischenraum. Ich sagte oben, sie hatte immer eine Ohnmacht, wenn
der Montag ihrer Tugend war. Es lässet sich aber erklären: ihr Körper und ihre
Tugend sind an einem Tag und von einer Mutter geboren und wahre Zwillinge, wie
die Gebrüder Kastor und Pollux - nun ist der erste, wie Kastor, menschlich und
sterblich, und die andre, wie Pollux, göttlich und unsterblich - wie nun jene
mytologische Brüderschaft es pfiffig machte und Sterblichkeit und
Unsterblichkeit gegeneinander halbierten, um miteinander in Gesellschaft eine
Zeitlang tot und eine Zeitlang lebendig zu sein: so macht es ihr Körper und ihre
Tugend ebenso listig, beide sterben allezeit miteinander, um nachher miteinander
wieder zu leben. - Das artistische Sterben solcher Damen lässet sich noch von
einer andern Seite anschauen: eine solche Frau kann über die Stärke und die
Proben ihrer Tugend eine Freude haben, die bis zur Ohnmacht gehen kann; ferner
über die Leiden und Niederlagen derselben eine Betrübnis, die auch bis zur
Ohnmacht reichen kann: nun denke man sich, ob eine Frau beim vereinigten Anfall
von zwei Gemütbewegungen, wovon jede allein schon töten kann, noch aufrecht zu
verbleiben vermöge. - Bekanntlich stirbt die Ehre der Damen von Welt so wenig
wie der König von Frankreich, und es ist das eine bekannte Fiktion; wenigstens
ist dieser Ehre der Tod, wie den Frommen, ein Schlaf, der über 12 Stunden nicht
dauert. Ich kenne an unserem Hofe eine Art Ehre oder Tugend, die gleich einem
Polypen an nichts stirbt; sie kann, wie die alten Götter, verwundet, aber nicht
umgebracht werden - gleich Hornschrötern zappelt sie an der Nadel und ohne alle
Nahrung fort - Naturforscher von Stand tun oft einer solchen Tugend, wie Fontana
den Aufgusstierchen, tausend Martern an, an denen bürgerliche weibliche Tugenden
sogleich verscheiden: nichts! kein Gedanke von Sterben. - - Es ist eine
wohltätige Anordnung der Natur, dass gerade in den höhern Damen die Tugend eine
solche achilleische Lebens- oder Wiedererzeugkraft hat, damit sie erstlich
leichter die einfachen und doppelten Brüche, Knochensplitterungen und
Gliederabnehmungen und überhaupt das Schlachtfeld jenes Standes ausdauere -
zweitens damit jene Damen (im Vertrauen auf die Unsterblichkeit und lange
Lebenslinie ihrer Tugend) ihren Freuden, deren physische Grenzen ohnehin so enge
sind, wenigstens keine moralischen zu setzen brauchen.
    Ich komme wieder zu den tugendhaften Ohnmachten oder erotischen Sterben der
Ministerin zurück; ich will mich aber nicht dabei aufhalten, dass ich etwa sagte,
wie die alte Philosophie die Kunst sterben zu lernen sei, so sei es auch die
französische Hof-Philosophie, nur aber angenehmer - oder dass ich witzigerweise
sagte: qui (quae) scit mori, cogi nequit - oder dass ich Senekas Ausspruch über
Kato auf die Ministerin zöge: majori animo repetitur mors quam initur; sondern
ich erzähle bloss, warum sie überall in Oberscheerau die Défaillante heisset -
bloss darum, weil ein gewisser Herr auf die Frage, wie sie einen wichtigen Prozess
trotz dem versäumten Präklusiontermin doch gewonnen hätte, doppelsinnig
erwiderte: en défaillant ....
    Ich komme zurück .... Aber ich wäre ein glücklicher Mann, wenn die Zeit sich
niedersetzte und mich heranliesse; so aber setz' ich ihr, in einer Entfernung von
mehren Monaten, nach; die Avantüren-Fracht wird täglich schwerer; ich muss Papier
zu einer doppelten Geschichte - zu der jetzt geschriebnen und zu der jetzt
vorfallenden - haben, ich ängstige mich ab, und am Ende werd' ich mit Mühe
gelesen! - Ist mir aber zu helfen? - -
    Amandus lag damals auf dem härtesten Bette von der Welt - die Dornen- und
Stein-Matrazen der alten Mönche fühlen sich dagegen wie Eiderdunen an -, auf dem
Krankenbette; sein ödes Auge ruhte oft auf der Stubentüre, ob sie kein Gustav
öffne, ob nicht der Tod in der Gestalt einer Freude, einer Aussöhnung eintrete
und die Blume seines Lebens mit einem Liebe-Druck gelinde niederlege; - aber
Gustav lag von seiner Seite auf einem Zauberbette, an das ihn ein besserer Gott
als Vulkan mit unsichtbaren Kettchen heftete; kaum regen konnt' er sich unter
seinem Drahtgeflecht.
    Am Morgen, wo er sich vorbereitete, der Residentin das Porträt und die
Visite zu machen, zündete Oefel um ihn eine Menge Raketen des Witzes an und
gestand ihm mit der Zufriedenheit, mit welcher ein Belletrist stets die Armut an
leiblichen Gütern und die schwerere an geistigen, an Verstand etc., erträgt, so
viel geradezu, er habe an Gustav die Neigung zur - Residentin vielleicht eher
entdeckt als beide Interessenten selbst. Jede Gustavische Verneinung war ein
neues Blatt in seinen Lorbeerkranz. »Ich will aufrichtiger sein«, sagt' er; »ich
will mein eigner Verräter werden, weil ich keinen fremden habe. Im Zimmer, wo
Sie einen Altar haben, steht einer für mich; es ist ein Panteon1; Sie knien
mehr vor einem Gott als einer Göttin - ich aber finde da meine Venus (Beata).
Ihr mangelt zu einer Mediceischen nichts als die - Stellung; ich weiss aber
nicht, welche Hand ich ihr dann in dieser Stellung küssen würde.« ... Vor
Gustavs reiner Seele flog zum Glück dieser Klumpe von boue de Paris vorbei, in
die an Höfen sogar gute Menschen ohne Bedenken treten; selber Schriftstellern
aus dieser Zone hängt dieser Schmutz noch an.
    Ihm gefiel an Beaten (und an jedem Mädchen) nichts als dieses, dass er, wie
er dachte, ihr gefalle; er würde die fünfhundert Millionen Weiber auf der Erde
alle lieben, wenn er ihnen allen gefiele, er wieder keine einzige, wenn er
keiner einzigen. Er erzählte jetzt dem Gustav, durch welches Fenster er im
Winterhaus von Beatens Herzen ihre Liebe zu ihm habe blühen sehen. Ausser einem
gewissen Tropf, den ich in Leipzig gekannt, und ausser einer Katze, die neun
Leben hat, hatte kein Mensch mehre Leben als er - er büsste eines ein: sogleich
hatt' er wieder ein frisches, ich meine, er hatte mehr Ohnmachten als ein andrer
Einfälle. Einen solchen Vexier-Selbstmord konnt' er begehen, wenn er wollte und
wenn er ihn in seinen Dramen so nötig hatte als ein rührender Teaterdichter; am
häufigsten aber taten er und der Tropf in Leipzig sich diesen Tod in effigie an,
wenn sie unter einem Bündel Frauenzimmer das herauszuvisitieren hatten, das in
sie am verliebtesten war. Denn sie unterschieden, sagten die beiden Tröpfe, sich
sämtlich voneinander nicht im Dasein, sondern im Grade der Liebe gegen beide
Ohnmächtige. Der grösste Schrecken über den pantomimischen Schlagfluss ist, sagte
das ohnmächtige Paar, das Notariatsiegel der grössten Liebe. Da also Oefel vor
drei Wochen Beaten seinen Sondier-Tod vormachte: so zitterte unter allen
Schal-Fichus, die da waren, kein so zartes und mitleidiges Herz als ihres, das
weder fremden Betrug noch eigne Härte kannte. Gleichgültig legte sich Oefel in
den optischen Tod; verliebt stand er wieder auf, und er hätte mit seiner
scheinbaren Ohnmacht beinahe eine wahre gewirkt. »Ich konnte sie nur seitdem
nicht darüber sprechen«, sagt' er. Gustav kämpfte mit einem grossen Seufzer nicht
über Oefels gefühllose Eitelkeit, sondern über sich selbst und über Oefels
Glück. »O Beata, in dieser Brust« - redete sie sein Innerstes an - »hättest du
ein verschwiegneres und aufrichtigeres Herz gefunden, als das ist, das du ihm
vorziehest - es würde sein Glück verborgen haben, wie jetzt seine Seufzer - es
wäre dir ewig treu geblieben - ach es wird dir doch treu bleiben!« - Dennoch
empfand er das Ekelhafte in Oefels Eitelkeit nicht ganz, weil ein Freund sich
unserem Ich so sehr inokuliert und damit verwächset, dass wir seine Eitelkeit so
leicht wie unsre eigne und aus gleichen Gründen übersehen.
    Da es meinem Gustav im Buche wie im Leben gehen kann, so hätt' ich folgende
Anmerkung noch eher machen sollen: niemand war leichter zu verkennen als er -
alle Strahlen seiner Seele brach die Wolkenhülle milder Demut, ja seitdem Oefel
ihm Stolz auf dem Gesichte vorgeworfen, sucht' er gerade so demütig auszusehen,
als er war - sein Äusseres war still, einfach, voll Liebe, ohne Ansprüche; aber
auch ohne durchbrechenden Witz und Humor - Phantasie und Verstand arbeiteten in
ihm, wie in einem einsamen Tempel, Altarblätter mit grossen Massen und liessen
mitin nicht, wie andre, Dosenstücke und Medaillons von der Zunge purzeln - er
war, was Descartes von der Erde glaubt, eine inkrustierte Sonne, aber unter den
phosphoreszierenden Lichtern des Hofes ein dunkler Erdkörper - er war das äussere
Gegenteil von Ottomar, der mit seiner Sonne seine Kruste durchgebrannt hatte und
nun vor den Leuten stand blitzend, knisternd, glühend, anreissend, einäschernd
und ausbrütend - Gustavs Seele war ein gemässigtes Land ohne Stürme, voll
Sonnenschein ohne Sonnenhitze, ganz mit Grün und Knospen überzogen, ein
magisches Italien im Herbst; Ottomars seine aber war ein Polarland, das sengende
lange Tage, lange Eis-Nächte, Orkane, Eis-Berge und Tempische Täler-Fülle
durchstrichen. - -
    Der Gustavischen Bescheidenheit kam also nichts natürlicher vor, als dass
Beata einen, der seinen Geist und Körper so gut zu zeigen wusste, über ihn
stellte, der beides nicht konnte und der dazu einmal ihren Vater halb tot
geärgert hatte. Sein Blut ging mitin langsam traurig, da er zur Residentin
schlich. Es war ihm, als könnt' er heute sie als seine Freundin ansehen - das
tat er wirklich halb, als sie ihm noch dazu ein ebenso trauriges Air und Gesicht
entgegentrug, dem ähnlich, in dem eine Frau eine Woche nach dem Verlust ihres
Geliebten mit leeren Augen und erkälteten Wangen am meisten rührt. Es sei, sagte
sie, der Sterbetag ihres jüngsten Bruders, den sie und der sie am meisten
geliebt. Sie liess sich in Trauerkleidung malen. Nichts wirkt stärker als der
Lustige, der einmal in die Halbtöne des Kummers fällt. Gustav hatte überhaupt zu
viel Zuneigung für Menschen, in deren Ohren das Trauergeläute irgendeines
Verlustes widertönte; ein Unglücklicher war ihm ein Tugendhafter. Die Residentin
sagte ihm, sie hoffe, er werde den heutigen Kummer aus ihrem wirklichen Gesichte
wegmalen und ihn bloss ins gemalte bannen - sie habe deswegen diese Zerstreuung
auf heute verlegt - morgen sei ihr gewiss besser - sie spielte nachlässig mit der
blossen rechten Hand einige Tänze, aber nur ein paar Takte und mit vergeblichem
Kampfe gegen ihren Trübsinn - er sollte ihr etwas erzählen, eh' er anfinge,
damit er nicht einem Gesicht, das sie nur ein paar Tage im Jahr trüge, ein
ewiges Leben in seinen Farben gäbe. Aber er hatte noch am Hofe weder Stoff noch
Manier zu erzählen gewonnen - endlich fiel sie auf seine unterirdische
Erziehung. Bloss ihrem heutigen Gesichte war er so etwas in dem Wolkenbruch von
Herzergiessung, den er seit Amandus' Groll entbehret hatte, zu erzählen fähig. Da
er fertig war, sagte sie: »Zeichnen Sie nur; Sie hätten mir etwas anders
erzählen sollen.«
    Sie nahm ihre kleine Laura auf den Schoss - dem Fürsten, der ein
leidenschaftlicher Tiermaler ist, musste sie statt mit der Kleinen mit einem
Seidenpudel sitzen - welche Gruppe fällt aber jetzt sein Auge, sein Herz und
seine Zeichenfeder an, um diese drei Dinge zu verrücken! Sie zittern wenigstens
alle, indem die Mutter die Händchen der Laura in eine malerische und kindliche
Umschlingung legt - indem sie schweigend, traurend, mit den Lippenwellen gegen
den Kummer des Auges streitend, ihm denkend in das seine blickt und mit der
nächsten Hand das Haar der Kleinen spielend krümmt - - Wahrhaftig zehnmal dacht'
er: wenn ein Engel einen Körper umtun wollte, der menschliche wäre nicht zu
schlecht dazu, und er könnte in dieser Reise-Uniform in jeder Sonne erscheinen!
    Seine Zeichnung wurde so treffend, dass der Residentin vielleicht ein paar
Unähnlichkeiten lieber gewesen wären - sie hätten grössere Ähnlichkeit ihres
zweiten Bildes in ihm angesagt. Sie kam jetzt durch sanfte, nicht wie sonst
scherzhaft-springende Übergänge von seinem Maler-Lohn und von den Nachteilen
seiner Erziehung auf die Vorbereitungen zu seiner Legationrolle - sie deckte
ihm, aber mit langsamer vertraulicher Hand, seinen Mangel an Welt auf - sie bot
ihm ihren Zutritt zu sich an und lud ihn zum Souper auf morgen ein. - »Aber
vormittags«, setzte sie lächelnd hinzu, »kommen Sie nicht schon; Beata will
durchaus nicht gemalet sein.«
    - - Der Leser hat im ganzen Buche noch nicht drei Worte reden oder schreiben
dürfen: jetzt will ich ihn ans Sprachgitter oder ins Parloir lassen und seine
Fragen nachschreiben. »Was hat denn« - fragt er - »die Residentin vor? Will sie
aus Gustav ein gezähntes Kammrad schnitzen, das sie in irgendeine unbekannte
Maschine setzet? - Oder bauet sie den Jägerschirm und zwirnt die Prallnetze, um
ihn zu fällen und zu fangen? - Wird sie wie jede Kokette dem ähnlich, der ihr
nicht ähnlich werden will, wie nach Platner der Mensch das, was er empfindet, so
sehr wird, dass er sich mit der Blume bückt, und mit den Felsen hebt?«
    - - Der Leser bemerke, dass der Leser selber hier Witz hat, und gehe weiter!
- -
    »Oder« (geht er also weiter) »geht die Residentin nicht so weit, sondern
will sie aus Edelmut, worüber man oft die optischen Kunststücke ihrer Koketterie
verzeiht, den schönsten uneigennützigsten Jüngling aus den schönsten
uneigennützigsten Gründen aufsuchen und ausbilden? - Oder könnens nicht auch
alles blosse Zufälle sein - und nichts leuchtet mir so ein -, an welche sie, als
Rennerin durch Lustaine, die flatternde Schlinge eines halben Planes fliehend
befestigt, ohne in ihrem Leben am andern Tag nach dem strangulierten Fang der
Dohnenschnait im mindesten zu sehen? - Oder irr' ich gänzlich, lieber Autor, und
ist vielleicht von allen diesen Möglichkeiten keine wahr?« - Oder, lieber Leser,
sind sie alle auf einmal wahr, und du errätest darum eine Launenhafte nicht,
weil du ihr weniger Widersprüche als Reize zutrauest? - Der Leser bestärket mich
in meiner Bemerkung, dass Personen, die niemals die Gelegenheit haben konnten,
der grossen Welt tägliche Klavierstunden zu geben (wie z.B. leider der sonst
treffliche Leser), zwar alle mögliche Fälle irgendeines Charakters vorzurechnen,
aber nicht den wirklichen auszuheben vermögend sind. - Übrigens verlasse sich
der Leser auf mich (der ich schwerlich ohne Grund Vorzüge verkleinern würde, die
mir selber ansitzen), übrigens hat er die Armut an gewissen konventionellen
Grazien, an gewissen leichten modischen und giftigen Reizen, die ein Hof nie
versagt, weit weniger zu bedauern, als andre Höflinge - der Autor wünschte,
nicht darunter zu gehören - ihren Reichtum an dergleichen Gift-Spezies wirklich
zu beklagen haben; denn auf diese Art blieb er ein ehrlicher und gesunder Mann,
der Herr Leser; aber wer ihn kennt, würde der Bürge gewesen sein, dass er, falls
alle Bänder und Zügel der grossen Welt an ihm gezuckt und gezogen hätten, ausser
seiner Ehrlichkeit auch seine Unähnlichkeit mit den Leuten von Ton behalten
hätte, die die Misshandlung des schönsten Geschlechts mit verlorner Stimme und
verlornen Waden büssen, wie (nach den ältesten Teologen) die Weiber-Versucherin,
die Schlange, die vorher reden und gehen konnte, durch die aktive Verführung
Sprache und Beine verscherzte? ...
 
                                    Fussnoten
1 Im römischen Panteon standen nur zwei Götter, der Mars und die Venus.
 
                   Dreissigster oder XXIII. Trinitatis-Sektor
                             Souper und Viehglocken
Heut' arbeit' ich im Hemd wie ein Hammerschmied, so abscheulich lang und schwer
ist der dreissigste Sektor. - Da Gustav von Oefel erfuhr, dass ein kleines Souper
bei der Residentin so viel heisse wie bei uns das grösste, so teilte er in seinem
Kopf, eh' er es zieren half, Personen und Rollen aus, und sich die längste: -
den einzigen Fehler beging er allemal, dass, wenn er endlich auf die Bühne kam
und spielen sollte, er nicht spielte. Eh' er in eine grosse Gesellschaft ging,
wusst' er Wort für Wort, was er sagen wollte; kam er wieder heraus, so wusst' er
(in der Kulisse) auch, was er hätte sagen sollen - aber gesagt hatt' er darin
weiter nichts. Es kam nicht von Menschenfurcht; denn es war ihm fast leichter,
etwas Kühnes als etwas Witziges zu sagen; sondern davon kams, dass er das
Gegenteil einer Frau war. Eine Frau lebt mehr ausser als in sich, ihre fühlende
Schnecken-Seele legt sich fast aussen um ihre bunte Körper-Konchylie an, sie
zieht ihre Fühlfäden und Fühlhörner nie in sich zurück, sondern betastet damit
jedes Lüftchen und krümmt sie um jedes Blättchen - mit drei Worten: das Gefühl,
das der Arzt Stahl der Seele von der ganzen Beschaffenheit ihres Körpers
zuschreibt, ist bei ihr so lebendig, da sie in einem fort fühlt, wie sie sitzt
und steht, wie das leichteste Band aufliegt, welchen Zirkelbogen die gekrümmte
Hutfeder beschreibt - mit zwei Worten: ihre Seele fühlt nicht nur den Tonus
aller empfindlichen Teile des Körpers, sondern auch den der unempfindlichen, der
Haare und der Kleider - mit einem Worte: ihre innere Welt ist nur ein Weltteil,
ein Abdruck der äussern.
    Bei Gustav aber nicht; seine innere Welt steht weit abgerissen neben der
äussern, er kann von keiner in die andre, die äussere ist nur der Trabant und
Nebenplanet der innern. Seiner Seele - in den Gehirn-Weltglobus, den der Hut
bedeckt, eingesperret - verbauen die bunten eignen Gewächse, auf denen sie sich
wiegt und vergisset, die Aussicht auf die Gegenstände jenseits ihres Körpers,
die nur dünne Schatten auf ihre Gedanken-Auen werfen; sie sieht also die äussere
Welt nur dann, wenn sie sich ihrer erinnert; dann ist diese in die innere
versetzt und verwandelt. Kurz Gustav beobachtet nur das, was er denkt, nicht was
er empfindet. Daher weiss er niemals seine Ideen und Worte mit den
vorüberschiessenden Ideen und Worten andrer Leute zu amalgamieren. Der Hofmann
schraubt auf und zu, und die Kaskaden seines Witzes springen und schimmern -
Gustav hingegen wirft erst den Eimer in den Ziehbrunnen und will darin den Trunk
mit der Zeit herausdrücken. - Eine feinere Ursache geb' ich unten an.
    Oefel rühmte ihm am Morgen dieses wichtigen Souper so viel von Beaten vor,
er würde heute ihr coeur so sehr im Gleichgewichte mit dem esprit der Residentin
sehen, - dass er alles Sehen verwünschte und einen zweiten Grund bekam, sein
schweres Herz ins stille Land zu tragen. Sein erster war: er schickte sich
allemal zu einer grossen Gesellschaft dadurch an, dass er vorher in die grösste
ging - unter den grossen blauen Himmel. Hier unter kolossalischen Sternen, an der
Brust der Unendlichkeit, lernt man sich erheben über metallene Sterne neben das
Knopfloch genäht; von der Betrachtung der Erde bringt man Gedanken mit, durch
die man die Erdstäubchen, die man Menschen nennt, kaum wirbeln sieht - und die
farbigen Gold-Insekten, womit sich das Gewächsreich musivisch stickt, werden von
der Gold- und Juwelenstickerei der Hofpracht nicht übertroffen, nur nachgeahmt.
- Gegenwärtiger Verfasser stattete allemal dem grossen Erd- und Himmelzirkel
einen Besuch vor und einen nach dem Besuche ab, den er einem kleinern Cercle
machte, damit der grosse die Eindrücke des kleinen verhütete und verlöschte.
    Ich werde rot, wenn ich mir denke, wie unbehülflich sich mein Gustav durch
zwei Vorzimmer in einen Salon mag haben führen lassen, wo wenigstens schon an
sieben Spieltischen Streiter sassen. Feinheit der Denkart ist Anlage, Feinheit
des Ausdrucks ist eine Frucht, wozu nicht gerade Hofgärtner nötig sind; aber
Feinheit des äussern Anstands ist nirgends zu holen als da, wo sie alles gilt in
der grossen Welt voll Mikrokosmen. Sollt' ich von letzterer Feinheit mehr
aufzuweisen haben, als man gewöhnlich bei meinem Advozier-Stand sucht: so bin
ich nie so eitel, sie aus etwas anderem abzuleiten als aus meinem Leben am
Scheerauer Hof. - Die Residentin (Beata ohnehin nicht) spielte selten, und mit
Recht: eine Frau, die mit ihrem Gesichte andre Herzen gewinnen kann als
lackierte auf der Karte und die den Männern einen andern Kopf nehmen kann als
den auf Metalle gedrückten, tut übel, wenn sie sich mit dem Kleinern begnügt,
sie müsste denn mit den schönsten Fingern taillieren und coupieren können, die
ich noch in weiblichen Handschuhen und Ringen gesehen. Vor dem funfzigsten Jahre
sollte keine spielen und nach ihm nur die, die der Mann und die Tochter
verspielen sollte. - Hingegen der poetische Gladiator, Herr von Oefel, diente
unter der Armee, die (nach dem Modejournal) in jeder Winternacht 12000 Mann
stark ist in den vordern deutschen Reichskreisen - nämlich mit und gegen
L'hombre-Spieler. Die Residentin war eine brillante Sonne, der immer Beata als
Abendstern nachzog. Sanfter holder Hesperus am Himmel! du wirfst deine
Strahlen-Silberflitter auf unser Erden-Laub und schliesst leise unser Herz für
Reize auf, die so sanft wie deine sind! Alle Sommerabende, die mein Auge in
Träumen und Erinnerungen auf deinen über mich erhöhten Unschuld-Auen verlebte,
belohn' ich dir, versilberter schönster Tautropfe in der blauen
Äter-Glockenblume des Himmels, indem ich dich zu einem Bilde der schönen Beata
mache! - O könnt' ich doch ihre Heiligengestalt aus meinem Herzen heben und
hieher auf meine Blätter legen, damit es der Leser sähe, nicht bloss begriffe,
wie von der junonischen Bouse, aus der alle weibliche Reize brechen, selber
seltene Uneigennützigkeit, doch aber Unschuld und weibliche bescheidne
Zurückgezogenheit nicht, wie von ihr alle diese hölzernen Strahlen abfallen,
wenn sich neben ihr mehr verhüllt als zeigt Beata, welche über die heftigsten
weiblichen Wünsche den innern Sieg erhält und doch weder Sieg noch Kampf verrät
- die, ohne Bousens Trauer-Hülse und Trauerspielen, ein erweichtes Herz dir gibt
und deinen Blick unwiderstehlich beherrschet - und mit der du im Mondschein
gehen kannst, ohne sie oder den Nachtimmel auf der Erde minder zu geniessen! -
Gustav fühlte noch mehr als ich; und ich fühle in meinen biographischen Stunden
wieder mehr als sonst in meinen musikalischen. - -
    Bei Gelegenheit! wenn sie essen: werd' ich auch die übrigen Gäste abfärben.
Unter dem gesellschaftlichen Tumult, der sowohl Gustavs Sinnen als Ideen
betäubte, fiel freilich nur Beatens halbes Sonnenbild in seine Seele. Aber
nachher freilich! - Vorher aber lagen beide mit der Residentin unter dem
Fensterbogen, die ironisch Gustaven vor Beaten entschuldigte, dass er heute nicht
mit dem Pinsel gekommen - eine Menge zufälliger Zwischenredner zu geschweigen.
Die Residentin wurde ihnen entrissen; die nahe und einsame Stellung nötigte
beide zum Sprechen und Beaten zum Bleiben. Gustav, der schon vor der Assemblee
im Kopfe hatte, was er sagen wollte, sagte nichts. Aber Beata endigte das vorige
Gespräch über das Abzeichnen und sagte: »Wenn Sie mich nicht schon entschuldigt
haben, so kann ich mich nicht entschuldigen.« Ein andrer von mehr Wendung hätte
geradezu Nein gesagt und so im Scherze, der keine Verlegenheit zuliess, die Fäden
der Vogelspinne um das arme Kolibri herumgewunden. - Gustav hatte zu starke
Gefühle, um hier zu scherzen. An einer Menge schwerer Materien, wovon euch alle
Handhaben abbrechen, hält bloss die des Scherzes fest, und ihr könnt sie damit
regieren; besonders wenn ihr mit Mädchen unter Fensterbögen sprecht.
    Gustav suchte längst Gelegenheit, Beaten andre Teile seiner Seele zu zeigen,
als damals in der Korn-Sache zum Vorschein gekommen; jetzo hätt' er die
Gelegenheit, obwohl keine Mittel gehabt, wenn nicht der Park mit dem
Abend-Schmuck sich vor das Fenster gelagert hätte. Aber Natur-Schönheit war die
einzige Sache, worüber er mit andern Schönheiten begeisternd und begeistert
sprechen konnte; - und er konnte am frischesten alle Weltreize in einen Morgen
zusammendrängen, wenn er seinen Eintritt aus der Erde hinauf in das hohe
Weltgebäude beschrieb. Auf jedes Wort und Bild, das er sagte, oder sie
zurückgab, war eine Seele geprägt, die sie einander zugetrauet hatten. Plötzlich
schwieg er mit weiten glänzenden Augen - ihm war, als gehe in seiner Seele ein
Zauber-Mond auf und scheine über ein weites dämmerndes Land und ein Engel seiner
Kindheit steh' im Blütenlande und nehm' ihn in seine Arme und drück' ihn so an
sich, dass das Herz an ihm zerflösse .... Und worauf ruhte dieses innere
Landschaftstück? - Worauf das berühmte Strassburger Uhrwerk ruht - auf einem
Tierhals: dieses liegt nämlich auf einem Pegasus-Nacken; seines trugen die Hälse
des zufällig vor dem Schloss heimgehenden Weideviehs, an denen solche Glocken
hingen, die denen der Herde Reginens ähnlich klangen und die mitin die ganze
Jugendszene mit ihren Tönen wieder in seine Seele setzten .... In einer solchen
Stimmung hätt' er in einer National-Versammlung geredet; auch machte der Tumult,
der beide einfasste, sie einsamer und vertraulicher: kurz er erzählte ihr mit
Feuer und historischen Auslassungen seine Schäferei mit einem Lamm auf dem Berg.
- Dieses Schwärmen steckte sie (wie jedes alle Weiber) so sehr an, dass sie
anfing - zu schweigen.
    Die Not zwang beide, jetzt einen äussern Gegenstand (wie ein Schwert im
fürstlichen Bett) zwischen ihre zusammenfliessenden Seelen zu bringen - sie sahen
auf die beiden Gärtners-Kinder unten hinab, und zwar so begierig, dass sie nichts
sahen. Der Junge sagte: »Mich hat das Fräulein (Beata) so lieb« und streckte
beide Arme auseinander - das Mädchen sagte: »Mich hat der Herr (Gustav) so gross
lieb, wie das Schloss« - »und mich«, replizierte er, »so gross wie den Garten« -
»und mich«, exzipierte das Mädchen, »so gross wie die ganze Welt.« Darüber
konnten die Flügel des Jungen nicht hinaus, und hätten seine Schwanzfedern über
den Kateder-Horst hinausgestochen. Jedes zählte dem andern die Liebepfänder,
die es von den oben über gegenseitiges Lob erfreueten Zuhörern erhalten hatte,
und sagte bei jedem Stück: »Hast du das g'kriegt?« -
    Mit jenem hastigen Sprung der Kinder zu einem neuen Spiel sagte das Mädchen:
»Jetzo musst du der Herr (Gustav) sein; und ich will das Fräulein (Beata) sein.
Jetzo will ich dich liebhaben, nachher musst du mich.« Sie strich ihm sanft die
Backen und dann die Augenbraunen und endlich die Arme und manipulierte den
Herrn. »Jetzo mich!« sagte sie mit schnell herunterhängenden Armen. Der Junge
warf seine Arme so eng um ihren Hals, dass die zwei Ellenbogen sich
durchschnitten und schürzten und als überflüssige Bandschleifen über den
Liebeknoten hinausragten; er küsste sie derb. Plötzlich fand ihre kritische Feile
einen verdammten Anachronismus an diesem historischen Schauspiele, und sie sagte
fragend: »Ja, der Herr und das Fräulein haben sich ja nicht lieb?« -
    Das war zu viel für die Frontloge oben, die zugleich das Auditorium und das
Original der kleinen Spieler war, und die Kopie derselben zu werden in Gefahr
geriet. Gustav hielt das Augenlid gewaltsam offen, damit es das Wasser, worin
sein Auge stand, zu keiner sichtbaren auf die Wange fallenden Träne vereinigte -
und die gerührte Beata liess, ohne oder mit Absicht, ihre Rose abgeknickt zu
Boden zittern: er bückte sich nach ihr lange und liess seine Träne verborgen
wegsinken; aber da er ihr die Rose gab und beide furchtsam die gesenkten Augen
auf der Blume versteckten und hefteten und da sie ein herspringender Tropf
unterbrach: so standen plötzlich ihre aufgeschlagnen Augen einander wie der
aufgehende Vollmond der untergehenden Sonne gegenüber und sanken ineinander, und
in einem Augenblick unaussprechlicher Zärtlichkeit sahen ihre Seelen, dass sie
einander - suchten.
    Der springende Tropf war Oefel, der Beatens Arm haben wollte, sie in den
Speisesaal zu führen. Jetzt, Leser, trag' ich dir statt lebendiger Rosen (wie
unser Seelen-Paar ist) lauter in Butter gesottene Rosen auf. Sechs- oder
siebenundzwanzig Gedecke, glaub' ich, waren. Ich will hier statt eines
Küchenzettels einen Passagierzettel der Gäste verfertigen. Erstlich waren am
Tische und im Schloss zwei keusche Menschen - Beata und Gustav; welches ein
Beweis ist, dass schöne Seelen an allen Orten wachsen, sogar an den höchsten: so
liess der Kaiser Joseph jährlich einige Nachtigallen in den Augarten werfen,
damit man da was hörte.
    Nro. 2 war der Fürst, der in seinem kurzen Leben mehr Weiber in der Nähe
gesehen als der Ochs Apis, dessen Leben doch so lang war wie das ägyptische
Alphabet. Er war an dieser Tafel, was er auf seinen Reisen an mancher table
d'hôte nicht zu sein vermochte, der Bruder Redner und der Hauptwind unter 63
andern Nebenwinden. Seine Krone hatten sämtliche Damen auf.
    Nro. 3 war sein apanagierter Bruder, den der gekrönte hasste, nicht weil er
zu viel Volkliebe hatte und verdiente, sondern weil er einmal todkrank war und
nicht starb, sondern von der Apanage fortlebte. Das Gerippe dieses Bruders würde
den Fürsten, wie ein jedes Gerippe Ägypter und Griechen, zu einem freudigern
Genuss des Gastmahls überredet haben.
    Nro. 4 war ein Michaelisritter aus Spaa (Herr v. D.), dessen Ordenstern in
Scheerau noch Strahlen abschickte, nachdem er in Paris längst vernichtet war. So
sagt Euler, dass ein Fixstern am Himmel noch wegen seiner Entfernung sein
Schimmern fortsetzen kann, ob er gleich längst eingeäschert worden.
    Nro. 5 war Cagliostro, der unter so vielen pointierenden Köpfen das
Schicksal der Ärzte und Gespenster und Advokaten hatte, dass seine öffentlichen
Spötter zugleich seine geheimen Jünger und Klienten sind.
    Nro. 6 war mein Gerichterr von Röper, der, weil er mit dem Fürsten etwas zu
sprechen hatte, dageblieben war. Er war der einzige im ganzen Esskonvent, der
zweierlei tat: erstlich dass er alle Weinsortiments des Bousischen
Wein-Inventariums sich reichen liess, um von allen Weingütern der Residentin
denjenigen deutlichen oder doch klaren Begriff in seinen Magen zu bringen,
worauf die ältern Logiken so sehr dringen - zweitens dass er einen so grossen Wert
auf das frikassierte, marinierte etc. Essen legte, als wenn ers gäbe und nicht
bekäme, und immer höflicher und gebückter wurde, je satter und voller er wurde,
gleich einer Wurst, die sich krümmt, wenn man sie füllet.
    Nro. 7, 8, 9 waren zwei grobe Regierungräte ** und ein grober
Kammerpräsident *, wovon die zwei ersten den ganzen Hof verachteten, weil er
keine andern Pandekten im Kopfe hatte als literarische, und der dritte, weil er
sich es ausmalte, wie viel Pensionen und Gagen der ganze Hof ohne die Kammer,
d.h. ohne ihn wohl hätte, und sämtliche drei, weil sie glaubten, sie hielten den
Tron, ob sie gleich nichts hätten tragen können als in Salomons Tempel das -
eherne Meer.
    Nro. 10 war die Residentin, die sich nach dem Tone eines jeden stimmte und
doch durch ihren eignen sich von allen Weibern unterschied - gleich dem König
Mitridates redete sie die Sprachen aller ihrer Untertanen.
    Nro. 11, 12 war eine durchreisende Äbtissin und eine verwittibte Fürstin von
**, die ihrem Stande gemäss einsilbig und hautain waren.
    Nro. 13 war die Défaillante, deren grösste Reize und Anziehkraft in den
kleinen Füssen angebracht waren, wie in den zwei Füssen eines armierten Magneten.
Der Kopf, ihr zweiter Pol, stiess ab, was der untere zog.
    Nro. 00000 gehen mich nichts an; es waren alte, in den Schminksalpeter
eingepökelte Damen-Gesichter, denen aus dem Schiffbruch ihres untergesunknen
Lebens nichts geblieben war als ein hartes Brett, auf dem sie noch sitzen und
herumfahren, nämlich der Spieltisch.
    Nro. 00000 gehen mich auch nichts an; es waren eine Garbe Hofdamen,
verschnittene Spaliergewächse an den Tapeten, oder vielmehr Einfassunggewächse
um fruchtbare Beete - sie hatten Witz, Schönheit, Geschmack und Betragen, und
wenn man zur Flügeltür hinaus war, hatte mans schon wieder vergessen.
    Nro. 0000 war eine Kompagnie Hofleute, mit roten und blauen Ordenbändern
durchschnitten, welche an ihnen wie die rote und blaue Farbe des Spiritus in
Termometern stehen, damit man ihr Steigen besser sehen könne - die gleich dem
Silber glänzten und alles, was sie berührten, schwarz machten - die keinen
höhern und breitern Himmel sich denken konnten als den Tronhimmel und keinen
grössern Tag im Jahr als einen Courtag - die in ihrem Leben weder Väter waren,
noch Kinder, noch Ehegatten, noch Brüder, sondern bloss Hofleute - die Verstand
hatten ohne Grundsätze, Kenntnisse ohne Glauben daran, Leidenschaften ohne
Kräfte, satirisches Gefühl der Torheiten ohne Hass derselben, Gefälligkeit ohne
Liebe und Freimütigkeit zum Spass - deren Echteit man wie die des Smaragds daran
prüft, dass sie wie er kalt bleiben, wenn man sie mit dem Munde erwärmen will -
und die, die Wahrheit zu sagen, der Satan schildern mag und nicht ich ....
    Oefel war zwischen Beata und die Ohnmächtige eingemauert; Gustav wars ihnen
gegenüber zwischen zwei kleine witzige Dämchen: aber er vergass die Nachbarschaft
seiner Arme über die seiner Augen. Aus Oefels Gliedern schossen Witzfunken, als
wenn ihn die Seide, die ihn umlag, elektrisieren hälfe. Die Ohnmächtige war
ihrer Lehnherrschaft über ihn so gewiss, dass sie es für keinen Lehnfehler ansah,
wenn ihr Lehnmann Beaten, seiner Teller-Nachbarin, die schönsten Dinge sagte;
»Er wird sich« (dachte sie) »ärgern genug, dass er aus Höflichkeit nicht anders
kann.« Dem Herrn von Oefel war am Ende nie um etwas anders zu tun als um den
Herrn von Oefel; er lobte, nicht um seine Achtung, sondern um seinen Witz und
Geschmack auszukramen; er unterdrückte weder Schmeicheleien noch Satiren, wenn
sie gut und ungegründet waren; er tadelte die Weiber, weil er beweisen wollte,
er erriete sie, und weil er das für schwer hielt; und ich halte ihn für einen
Narren.
    Drei Bergbohrer setzte er gewöhnlich an einem Mädchenherzen an, um eine
Lücke darein zu bringen, in die er das Schiesspulver legte, womit er die vererzte
Liebeader aus dem Mädchen hervorsprengen wollte. Seine erste Miniergrube, die er
heute wie allemal im weiblichen Herzen lud, war bei Beaten, dass er mit ihr lange
von ihrem Anzug sprach - es ist ihnen, behauptete er, einerlei, ob man von ihren
Gliedern oder ihren Kleidern redet; aber ich behaupte, die Hässliche trägt ihren
Anzug als ihre Frucht, die Kokette als die blosse Gartenleiter oder den
Obstbrecher und die Gute als das Laub der Frucht. Beata trug ihn wie Eva als
Laubwerk.
    Zweitens stellte er um Beaten die Schlag- und Garnwände der Metaphern, um
sie darin zu jagen - er behauptete, wie die Mädchen das singen, was sie nie
sagen würden (gleich denen, die zu stammeln aufhören, wenn sie zu singen
anfangen), so lassen sie in Bildern und Allegorien alle die Geständnisse ihres
Innern aus sich winden, die man ihnen mit eigentlichen Worten nie abföchte, ob
es gleich einerlei wäre - ich hingegen behaupte, diese taugen nichts und die,
die so viel taugen als Beata, können nicht mit Worten gefangen werden, weil ihre
Gedanken nie schlimmer sind als ihre Worte. Freilich aus einem Zimmer (oder
Herzen), wo es innen brennt und raucht, lodert die Flamme aus der ersten Öffnung
heraus, die du aufmachst.
    Seine dritte Behauptung und List war, Männer fühlten den Wert des Einfachen
und das Erhabene der Aufrichtigkeit und der geraden Versicherung »ich habe dich
lieb«, aber Mädchen wollten tournure und Feinheit und Umschweife in diese
Versicherung, die türkische Briefstellerei durch gewachsene Blumen wär' ihnen
lieber als die mit poetischen, eine tätige Schmeichelei lieber als eine
wörtliche - ich aber behaupte, dass er recht hat. Daher liess er z.B. seine
Repetieruhr vor der Ohnmächtigen allemal die Stunde ihres letzten Rendezvous
repetieren, und er gefiel ihr unendlich; daher sah er eine allemal, wenns zu
machen und zu merken war, schielend hinter dem Rücken im Spiegel an - daher
steckt' er gegen Beaten voll Teufeleien, die ich fast alle nennen sollte. Zwei
nenn' ich auch. Er erinnerte sich erstlich, dass er sich zu vergessen und auf
ihre Hand die seinige im Feuer des Redens zu legen habe; darauf stellt' er sich,
als besänn' er sich, als nähm' er seiner Hand ein Lot ums andre in der Absicht,
sie unvermerkt wegzuheben, sobald sie mehr nicht wöge als ein Fingerglied - »So
handelt« (sagt' er zu sich) »feinere Delikatesse immer; und ich werd' es sehen,
was sie verfängt.« Seine zweite Teufelei war, dass er in der Spiegelplatte, woran
er sass, ihr Gesicht (seinem eignen gab er statt des Preises nur das Akzessit)
anschielte und bewunderte, da er doch das Original näher hatte. Eine Schäferin
von Porzellan trieb Schäfchen über den Spiegel: »Ich habe noch keine schönere
Schäferin unter Glas gesehen«, sagt' er doppelsinnig; »aber ich ein schöneres
Schaf«, sagte die Défaillante und meinte ihn.
    Diese Spiegelplatte kam mit ihrer Schäferin, die über ein umblümtes Ufer in
das gläserne Wasser sah, und mit ihrem Lamm und Schäfer fast dem Gustavischen
Kindheitspiele nahe. Beatens Auge verlor sich unwillkürlich zwischen diese
Blumen und nahm ihr Ohr mit sich, in welches der Legationrat vergeblich mit
seinem krieglistigen Witze einzubrechen trachtete. Gustavs Augen suchten und
mieden nur - Augen, nicht Szenen; aus dem gesellschaftlichen Gewühl, unter dem
seine innern Flügel erlagen, konnt' er nur durch einen Springstab von aussen in
die Höhe. Denn die ausgenommen, die ihm ähnlich war, rjetzten und beizten die
andern alle, die es nicht waren, sein Inneres so sehr mit ihren Tischreden, dass
er nie in grösserer Beklemmung war als heute. Ich will das fliegende
Tischgespräch, das die Tugend betraf, in Gedankenstrichen abgemarket hersetzen,
weil mehre Köpfe daran sprachen, wie am Bauern-Tischgebet die ganze Familie
antiphonierend betet.
    »Man hat keine Tugend, sondern nur Tugenden - Die Weiber haben sie, die
Männer bekriegen sie - Tugend ist nichts als eine ungewöhnliche Höflichkeit -
Tugend ist un peu de pavillon joint à beaucoup de culasse1; mais le moyen de
n'être que l'un ou que l'autre? - Sie ist, wie die Schönheit, überall anders;
die Köpfe sind hier spitz, dort breit; so ists mit den Herzen, die darunter sind
- Schönheit und Tugend zanken und lieben sich wie ein Paar Schwestern, und doch
geben sie einander ihren Putz (bezog sich) - Man denkt nie so gern an die
Tugend, als wenn man die Rosenmädchen in Salency sieht - Sie wird auch an andern
Orten gekrönt (bezog sich wieder) u.s.w.«
    Kurz jeder Ton und Blick erwies nicht, sondern setzte es schon voraus, dass
Tugend nichts wäre - als der Ökonomus des Magens, die Konviktoristin der Sinne,
die Offiziantin und Tochter des Körpers. Der Liebe gings wie der Tugend. »Die
Julie des Jean Jaques« (sagte einer) »ist wie tausend Julien oder wie Jean
Jaques selber: sie beginnt mit Schwärmen, endigt mit Beten - aber das Fallen ist
zwischen beiden.«
    Niemand, als wer einmal in Gustavs Lage war, wer einmal das verheerende
Bestürmen seiner tiefsten Überzeugung von der Möglichkeit und Göttlichkeit der
Tugend in einem Kreise witziger und entscheidender Leute von Stande erlitt; wen
unter solchen Erschütterungen, deren jede ein Riss in die Seele ist, sein eignes
Unvermögen kränkte, solche Tugend- und Heiligen-Stürmer zu beschämen, geschweige
zu bekehren; wen unter diesen Herodes-Beschimpfungen seiner Heilandin nicht
einmal der Stolz aufrichtete, der zwar gern mit uns auf unserm besondern Zimmer
isset, aber an der table d'hôte aus unserem Innern eilt - - bloss also wer in
solchen Lagen keuchte, kann sich Gustavs Alpdrücken in der seinigen denken.
    Selbst Beatens Angesicht, das die Partei der Tugend und der Liebe nahm,
konnt' ihn nicht gegen jene persiflierenden Frostgesichter decken, aus denen,
wie aus Gletscher-Spalten bei wechselnder Witterung, schneidende Winde bliesen
und die das Herz zerphilosophierten und das Gefühl des eignen Werts zerrissen.
In Gustavs Alter machen die Gustave zwei grundfalsche Schlüsse - sie suchen
erstlich unter jeder tugendhaften Zunge ein tugendhaftes Herz, zweitens aber
auch unter jeder schlimmen ein schlimmes.
    Gustav würde wenig darnach gefragt haben, dass er nicht viel antworten,
geschweige fragen konnte, wären ihm nicht zwei Ohren gegenüber gesessen, die
etwas Bessers wert waren, als was sie zu hören bekamen. Er glitschte allemal
neben der rechten Taste hinaus und griff Konsonanzen, wo Dissonanzen in der
Partitur geschrieben standen, und umgekehrt. Bald erstaunte er über die fremden
freimütigen Lizenzen, bald erstaunten seine Nachbarn über seine; und Witz wär'
ihm leichter gewesen, als einen Ton zu treffen, der ihm bald zu kühn, bald zu
feig vorkam. - Das wars aber nicht eigentlich: sondern sein wichtiger Fehler,
der wie ein Fussblock seine Füsse hielt, war,
                        dass er logisch richtig dachte. -
    Den Fehler haben viele; und ich selber musste mich viele Vormittage üben und
mit der Seele voltigieren, eh' ich einigermassen unzusammenhängend und hüpfend
denken konnte nur wie ein halber Narr. Ich hätt' es am Ende doch zu nichts
gebracht, wenn ich mich nicht zu Weibern in die Schule und auf die Schulbank
gesetzet hätte. Diese denken weit weniger logisch, und wer bei ihnen den guten
Ton nicht erlernt, aus dem ist nichts zu machen - als ein deutscher
Metaphysiker. Antworten sie wohl jemals Ja oder Nein, statt dessen, was nicht
zur Sache gehöret? Drücken sie sich über das Wichtigste bedachtsam und mit
prozessualischen Weitläuftigkeiten aus oder über das Frivolste frivol? Hören und
üben sie Persiflieren ungern, oder legen sie - Ballköniginnen und Gouvernanten
der bureaux d'esprit freilich ausgenommen - wohl je den geringsten Akzent,
Accent und Wert auf ihre Tisch-, Nachttisch-, Spiegel- und andre Reden? Oder
legen sie einen auf Wahrheiten? Zum Glück nimmt diese Feinheit des Tons, die das
Fakultätsiegel und der Handwerkgruss der Weiber ist, mit der Feinheit der Stoffe
zu, die eine umhat. Ein paar kleine deutsche Städte, etwa Unterscheerau u.a.,
müssen sich mir nicht entgegenwerfen, wo freilich die dasigen Weiber, die sich
lieber Damen nennen hören, mit nichts Laute von sich geben als mit dem
artikulierten Fächer und Schlepprock, den Insekten gleich, deren Stimme nicht
aus dem Munde, sondern aus dem schwirrenden Flugwerk und Bauchtrommelfell
hervorsauset.
    Viele muten mir zu, diese Ähnlichkeit des weiblichen und des Hoftons gar
hinaus zu beweisen: ich habe ja die Feder in der Hand und brauche bloss
einzutunken. Ein Sopranist im guten Ton (ich werde des Wohlklangs wegen »Hof-
und guter Ton« abwechselnd gebrauchen) wird stets den Blitz der Wahrheit durch
Pointen so zuzuleiten und zu entkräften wissen, wie den elektrischen durch
Spitzen. Der wirkliche Sopranist schneidet aus dem ewigen Zirkel der Wahrheit
bunte Segmente und Bogen aus, die auf nichts hängen und ruhen, wie die farbigen
herausgeschnittenen Fragmente des Regenbogens. Er ists, von dem man fordert, dass
er wie Spiegelquecksilber alles, was vor ihm vorüberrennt, fremde Charaktere und
eigne Meinungen, abfärbend abschatte und alles Äussere zeige und alles Innere
berge. Wird es für einen Weltmann genug sein - es reiche immer für einen
Gelehrten zu -, wenn er ein Feld ist, das satirische Dornen umstecken, und
müssen diese nicht vielmehr statt des Raines alle Furchen erfüllen und mehr die
Frucht als der Zaun des Ackers sein? Und wer anders als er und die Schwefelleber
- die sich aber nur auf Metalle einschränkt - muss alle Heilige und alle Teufel
schwarz zu präzipitieren wissen? - Allein Leute, die so hohe Forderungen zu
machen wagen, bedenken nicht immer, dass nur ein Latitudinarier und
Indifferentist aller Wahrheiten sie befriedigen könne, d.h. ein Mann, der
gänzlich sich über den Kateder-Eiländer erhebt, welcher vielleicht jahrelang
die nämlichen Meinungen und Hosen behält. Nichts verengert den Tanzplatz des
Witzes so sehr, als wenn eigne Meinungen und Wahrheitliebe darin als feste dicke
Säulen stehen. - -
    Dieses sind eben die Mittel, wodurch Weltleute sowohl andre als sich selber
im feinsten lächerlichen Lichte darzustellen wissen. Der Hofmann kann allerdings
den deutschen Komödienstellern vorwerfen, dass sie das attische Salz und das
feine Komische, das er stets an seiner Person zu haben weiss, unter ihren
Schwielen-Händen meistens verfliegen lassen. Er, der Hofmann, macht sich stets
auf eine feine, nie niedrige Weise lächerrlich und würzet mit einem echten hohen
Komischen, das seinem hohen Stande anpasst, seine Person leicht; aber er kann
fragen: »Studieren mich die deutschen Tröpfe, oder salzet Terenz, den sie
studieren, seine Charaktere so delikat wie ich meinen eigenen?« ...
    Ich denke, durch meine Verirrungen hab' ich den Umstand in meiner Geschichte
zureichend motiviert, dass Gustav am Ende, weil er niederlag unter so schnell
witzigen Damen und unter dem zu bescheidnen Gefühle fremder Talente und etwa,
weil von ihm die Residentin durch ihre Gesellschaft und Beata durch ihren Herrn
Vater abgezogen wurde - sich gar fortmachte. Aber draussen richtete sich unter
dem kühlenden Nachttau die hängende Blume erfrischt wieder auf; im stillen Lande
ging er vor dem viereckigen Schimmer, den die Wandleuchter ins Gras herunter
warfen, ohne Sehnen vorüber und drehte sich rund umher, um alle Wände des weiten
schwarzgemalten Ballhauses, wo das Schicksal den Sonnen-Ball in grosse und den
Erdball in kleine Kreise wirft, ins Auge zu nehmen. Als er hier den grossen
Schattenriss des Tages, die Nacht, wie den einer weggegangnen Freundin, kühlend
und tröstend an seinem Busen hatte: so dachte er, aber ohne Stolz: »O zu dir,
grosse Natur, will ich allzeit kommen, wenn ich mich unter den Menschen betrübe;
du bist meine älteste Freundin und meine treueste, und du sollst mich trösten,
bis ich aus deinen Armen vor deine Füsse falle und keinen Trost mehr brauche.«
....
    »Können Sie mich nicht berichten, wo hier der junge Herr von Falkenberg
logiert?« redete ein Nachtbote ihn an. Er überbrachte ihm einen Brief, den er
eilig im Fixsternlicht der fernen Wandleuchter durchlief. Aber sie schienen
heute lauter trübe Auftritte beleuchten zu sollen. Amandus hatte ihm darin auf
dem Deckbette seines Krankenlagers so geschrieben:
 
                                    Fussnoten
1 Bekanntlich heisset an einer Doublette der in der Fassung versteckte Kiesel
oder Bergkristall culasse, und der darauf blühende Demant pavillon.
 
                Einunddreissigster oder XXIIII. Trinitatis-Sektor
              Das Krankenlager - die Mondfinsternis - die Pyramide
»Wenn du wieder mein Freund geworden bist: so gehe zu deinem, der bald sterben
wird. Söhne dich aus mit mir, eh' ich in das ewig stille Land ziehe, wie wir das
letztemal taten, eh' wir in das irdische stille Land hinausgingen. Ach
unaussprechlich Geliebter! ich habe dich zwar oft beleidigt, aber allezeit
geliebt! O komm, lasse nicht den kurzen Atem meiner brechenden Brust, der auf
dieser Erde aus lauter unerfüllten Seufzern bestand, mit dem letzten
vergeblichen Seufzer nach dir versiegen. Du sahest mich das erste Mal, als meine
Augen blind waren; sieh mich zum letzten Male, wenn sie es wieder werden!« -
    Dieses Blatt riss ihn in dieser Stunde, wo ihm die Liebe eines Menschen so
wohl tat, aus dem Schloss fort, aber die Stellen des Herzens, an denen es ihn
anfasste, bluteten. Ein solcher Gang durch die Nacht beugt die Seele nieder, und
seinen Freund sah er auf diesem kurzen Wege mehr als zehnmal sterben. Bei jedem
Vogel, den sie aus dem Bette jagten, dacht' er: wie wirst du im Finstern dein
Ästchen wiederfinden? - bei jedem zerfliessenden Licht, das weit von ihm durch
die Nacht wandelte, dacht' er: welchen Seufzern, welchen sauern Schritten wird
es jetzt den langweiligen Steig beleuchten? und es war ihm, als säh' er das
menschliche Leben gehen. Es machte ihn nicht fröhlicher, als er einige
Sonnenwagen, von einem Sonnenhof aus Fackeln umlegt, die unnützen Gäste des
Souper, das sie wie er verliessen, so fliegend heimrollen sah, als führen sie
einem sterbenden Freunde entgegen. Endlich wickelte sich die schlummernde Stadt
aus den Schatten heraus; das Pharuslicht des Türmers und einige weit auseinander
gesäete Lichter, die wahrscheinlich die lange Nacht eines Kranken trübe und
ungeputzt abmassen, fielen auf den Trauer-Grund seines Innern.
    Leise pochte er am Krankenhause, leise wurde aufgemacht, leise stieg er
hinauf; bloss die Uhr lärmte wie ein Trauergeläute ins stumme Trauerhaus, mit
ihren zwölf Schlägen, die er da so oft gehört. - Ach im Bett litt eine Gestalt,
der man alles verzeihen will und die man noch ein wenig zu lieben und zu
erfreuen eilt, eh' sie sich nicht mehr regt. Nicht das schmutzige eingedorrte
Krankengesicht, nicht die von Fiebern weggebeizte Lebensfarbe, nicht die Runzeln
der Lippe waren es an Amandus (oder sind es an andern Kranken), was Gustavs Herz
und Hoffnungen zerschnitt, sondern das schwer gedrehte, aufflackernde, wilde und
doch ausgebrannte verglasete Krankenauge, in das alle Leiden der vorigen Nächte
und die Nähe der letzten so leserlich geschrieben waren.
    Amandus streckte ihm seine Totenhand weit heraus entgegen, als ob es möglich
wäre, dass jemand anders als er sich noch an die fremde schwarze Färber- oder
Totenhand erinnerte, die er ihm neulich gereicht. Für ihn war die
Wiedervereinigung süsser als für Gustav, der hinter ihr die lange Trennung warten
sah.
    Der Morgen und die Freude hielten den Vorhang seines Lebens ein wenig im
Niederfallen auf. Gustav trat als Krankenwärter an die Stelle der
Krankenwärterin, erstlich weil diese alles so gut und mit so vielen Umständen
und Randnoten zu machen wusste, dass sie noch in seine letzten Minuten Galle
schüttete, zweitens weil es ja in der Stunde, wo die ganze Natur in Gesellschaft
des Todes mit harten Griffen dem Menschen allen Putz und alle Kleidungstücke
abzieht, die sie ihm geliehen, für die ohnmächtigen Freunde, die diese
unerbittliche Hand nicht halten können, noch der einzige Trost ist, unter dem
Entkleiden, Erfrieren und Einschlafen des Bekannten durch Lächeln, durch
unbedingte Gefälligkeit gegen alle seine Launen, durch Erfüllung seines
Eigensinns stille zu sein. - Auf solche Herz- und Liebedienste gegen arme
Sterbende schauet man nach vielen Jahren mit mehr Zufriedenheit zurück als auf
die gegen alle Gesunde auf einmal - und doch sind beide nur um ein paar Stunden
verschieden; denn du steigest nicht oft in deinem Bette aus und ein, so bleibst
du darin liegen ....
    Lieber Tod! ich denke jetzt an mich. Wenn du einmal in meine Stube trittst:
so erweise mir den Gefallen und schiesse mich an meinem Secrétaire oder
Schreibtische Knall und Fall tot; wirf mich, lieber Tod, nicht hinter die
Vorhänge aufs Krankenbette und suche mit deinem Trennmesser langsam jede Ader,
um sie vom Leben loszutrennen, so dass ich dir ganze lange Nächte ins
zergliedernde Gesicht sehen muss oder dass unter deinem langen Seidenzupfen meines
Seelenkleides alles herläuft und gesund zuschaut, der Rittmeister, der
Pestilenziarius und meine gute Schwester. - Reitet dich aber der Henker, dass du
keine Vernunft annimmst: so, lieber Tod - da keine Hölle ewig dauert - scher'
ich mich auch nichts darum, um die letzte Schererei nach tausend Scherereien.
    Der Doktor Fenk hatt' in seinem Gesicht nicht die Ängstlichkeit vor einem
kommenden Verlust, sondern das Trauern über einen dagewesenen; er hielt seinen
Sohn für ein zerschlagenes Porzellan-Gefäss, dessen Scherben man noch in der
alten Zusammensetzung auf den Putzschrank stellt und das von dessen kleinster
Erschütterung auseinanderfällt. Er verbot ihm daher nichts mehr. Er nahm sogar
einige männliche Patienten an, »weil er zu Hause einen hätte und sich den
Gedanken an ihn wegkurieren wollte«. Der Kranke selber hörte schon den Abendwind
seines Lebens wehen. Vor einigen Wochen glaubte er zwar noch, im Frühlinge
könnt' er den Scheerauer Gesundbrunnen in Lilienbad trinken, und dann würd' es
schon anders mit ihm werden. (Armer Kranker! es ist eher anders mit dir
geworden.) Allein ein gewisses Fieberbild, das er nicht entdeckte, sprach ihm
sein krankes Leben ab; und sein Aberglaube an diesen Traum war so fest, dass er
seitdem seine Blumenstöcke nicht mehr begoss, seine Vögel weggab und alle Wünsche
auslöschte, bloss den Wunsch nach Gustav nicht.
    Es war am andern Tage gerade Markttag. Dieses Getöse hatte für seine der
Todesstille geweihten Ohren zu viel Leben; und Gustav musste sich an sein Bette
setzen, damit er unter dem Sprechen und Hören nicht auf den Markt
hinunterhorchte. Gustav erschrak, als er endlich lebhaft fragte: »ob er Beaten
noch liebe.« Er wich dem Ja aus; aber Amandus raffte das wenige Leben, das noch
in seinen Nerven wärmte, zusammen und sagte, wiewohl in langen Pausen zwischen
jedem Satze: »Ach, nimm ihr dein Herz nicht - o! wenn du sie kenntest wie ich -
ich war oft bei ihrem Vater - ich sah, wie sie mit stummer Geduld seine Hitze
trug - wie sie die Fehler ihrer Mutter auf sich nahm - voll Güte, voll Sanftmut,
voll Demut, voll Verstand - so ist sie - ach ohne ihr Bild wär' in meinem Leben
wenig Freude gewesen - gib mir die Hand, dass du sie mehr liebest wie mich.« Er
nahm sie selber; aber den Freund schmerzte das Nehmen.
    Plötzlich drängte sich in seine eingesunkenen Wangen-Adern vielleicht die
letzte Schamröte, die oft wie Morgenröte vor einer guten Tat voreilt: er
verlangte seinen Vater her. An diesen tat er mit so viel Feuer, mit so viel
Sehnsucht in Aug' und Lippe die Bitte, - - Beaten herzuholen, die ja einem
Sterbenden nicht die letzte Bitte versagen könne, dass sein Vater es auch nicht
konnte; sondern versprach (trotz dem Gefühle der Unschicklichkeit), zu ihrer
Mutter zu fahren und durch diese jene herzubereden und beide zu bringen. - Fenk
wusste, dass in seiner ganzen Krankheit kein Abschlagen etwas verfing - dass er,
wenn er ihn am letzten vergeblichen Wunsche gestorben sähe, den Gedanken nicht
tragen könne, dem Leichnam die Todesminuten, die er noch ausschlürfte,
verbittert zu haben - und dass Mutter und Tochter zu gut wären, um nicht gegen
seinen Sohn zu handeln wie er: kurz er fuhr.
    Als der Vater hinaus war, sah der Kranke unsern und seinen Freund mit einem
solchen Strom von lächelnd versprechender Liebe an, dass Gustav von der treuen
müden Seele, deren Scheiden so nahe war, den längsten Abschied dieses Lebens
nehmen wollte: »Meine Lippen«, dacht' er, »sollen nur noch einmal gedrückt auf
seinen liegen und meine Brust auf seiner - - nur noch einmal will ich den warmen
Leichnam umschliessen, da noch eine Seele darin mein Umfassen fühlt - nur noch
einmal will ich seinem wegziehenden Geiste, da ich ihn noch erreiche, nachrufen,
wie ich ihn geliebt habe und lieben werde.« Unter diesen Wünschen heiligte das
schönste Weihwasser des Menschen sein Auge. Aber er unterliess dennoch alles,
weil er besorgte, unter diesem Sturm des letzten Liebens liessen die gerissenen
Bande des Körpers die bewegte Seele los und an seinem Munde stürbe der Schwache
....
    Diese Zärtlichkeit, die sich selbst aufopfert und nicht aus der Nonnenzelle
des Herzens tritt, gefällt mir mehr als ein belletristischer und teatralischer
Final-Orkan, wo man empfindet, um es zu weisen, um eine Tränen- und
Dinten-Fistel zu haben wie andre, um von seinen Empfindungen, wie vom
Schnupftuch, womit man sie trocknet, einen Zipfel aus der Tasche herauszuhenken.
    Der Doktor, von dem man in Maussenbach noch kein betrübtes Gesicht gesehen,
gewann schon durch seine überflorte Heiterkeit seine traurige Bitte. Mein
Gerichterr, der sein angebornes Mitleid allezeit gewaltsam dämmte, weil es
gleich einem Papagei sein Geld wegtrug, überliess alles dem fremden wohltätigen
Tränenstrom hier desto williger, weil er ihm nichts davonführte als - auf eine
Stunde Frau und Tochter. Der schlimmere Mensch hat eine grössere Freude über eine
sich abgerungene gute Tat als der bessere. Röper schrieb selber an die Tochter
seinen Befehl, mitzufahren, und brachte die besten Gründe dafür aus der
natürlichen und der teologischen Moral kurz bei. Aber der beste Grund, welchen
der Doktor Beaten ins neue Schloss mitbrachte, war ihre Mutter: ohne sie hätte
sie ihre scheuen, politischen und weiblichen Besorgnisse schwerlich überwältigt.
    Sie kamen unter Gebeten in dem Sterbezimmer an, dieser Sakristei eines
unbekannten Tempels, der nicht auf dieser Erde steht. Ich fahre fort, obgleich
hier so manches meinem Herzen und meiner Sprache zu gross wird .... Als der
Kranke die Geliebte seines sterbenden Herzens sah: so schimmerten seine
untergegangnen Jugendtage mit ihren goldnen Hoffnungen tief unter dem Horizont
hinauf wie das Abendrot der Juniussonne gegen Mitternacht, er drückte dem
schönen Leben noch einmal die Hand, vom Hauch der letzten Freude glimmten noch
einmal seine blassen Wangen an, und der Engel der Freude liess ihn am Seile der
Liebe langsam ins Grab hinab. - Ein Sterbender sieht die Menschen und ihr Tun
schon in einer tiefen Entfernung verkleinert; ihm sind unsre kleinen
Höflichkeitregeln wenig mehr - alles ist ihm ja nichts mehr. Er bat, ihn mit
Gustav und Beata allein zu lassen; seine Seele hielt noch den sich
niederbeugenden Körper; mit einer abgebrochnen, aber genesenen Stimme redete er
das bebende Mädchen an: »Beata, ich werde sterben, vielleicht heute Nacht - in
meinen schönern Tagen hab' ich dich geliebt, du hast es nicht gewusst - ich gehe
mit meiner Liebe in die Ewigkeit - O Gute! reiche mir deine Hand« (sie tats)
»und weine nicht, sondern spreche, ich habe dich so lange nicht gesehen und
nicht gehört - Aber weinet ihr beide nur; euere Tränen machen mich nicht mehr
weich, in meine heissen Augen kamen, solang ich liege, keine - o weinet sehr bei
mir: wenn man träumt, man wein' auf einen Toten, so bedeutet es Gewinn. - - Ja,
ihr zwei schönen Seelen, ihr findet niemand, der euch gleichen, der euere Liebe
verdienen kann, ihr seid allein - O Beata, auch Gustav liebt dich und sagt es
nicht - Wenn du dein schönes Herz noch hast, so gib es ihm, auf der ganzen Erde
verdient nur ers, gib es ihm - du machest ihn und mich glücklich, aber gib mir
kein Zeichen, wenn du ihn nicht lieben kannst.« Jetzt ergriff er noch die Hand
Gustavs, dessen Gefühle gegeneinander wehende Stürme waren, und sagte mit
aufgerichteten Augen der beglückenden Tugend: »Du unendliches gütiges Wesen! das
mich zu sich nimmt, schenke diesen zwei Herzen alle schöne Tage, die mir
vielleicht hier beschieden waren - ja nimm sie aus meinem künftigen Leben, wenn
ich etwa in diesem keine mehr zu erwarten hatte.« Hier zog der fallende Körper
die fliegende Seele zurück; ein Tropfen in seinem Auge verkündigte die schwere
Erinnerung an seine zertrümmerten Tage; drei Herzen bewegten sich heftig; drei
Zungen erstarrten; diese Minute war zu erhaben für den Gedanken der Liebe - bloss
die Gefühle der Freundschaft und der andern Welt waren gross genug für die grosse
Minute ....
    Ich bin jetzt nicht imstande, von den Folgen der letzten und von jemand
anders zu reden als vom Sterbenden. Seine zurückgespannten Nerven bebten in
einem entkräftenden Schlummer fort. Die erschöpfte, betäubte Beata ging mit
ihrer Mutter ab. Gustav sah nichts mehr, kaum jene. Der Vater hatte keinen Trost
und keinen Tröster.
    Der Fieberschlummer währte fort bis nach Mitternacht. Eine totale
Mondfinsternis hob den Himmel und zog das erschrockne Auge des Menschen empor.
Gustav sah, bewegt und gequält, nass zu dem weltenhohen Erdschatten hinauf, der
am Monde wie an einem Silhouettenbrette lag. Er verliess die Erde, sie wurd' ihm
selber ein Schatten: »Ach!« dacht' er, »in dieser hohen fliegenden
Schatten-Pyramide werden jetzt tausend rote Augen, wunde Hände und trostlose
Herzen stehen und werden eingegraben, damit der Tote noch finstrer liege als der
Lebendige. - Aber rückt denn nicht dieser Schatten-Polyphem (mit einem Mondauge)
täglich um diese Erde herum, und wir bemerken ihn nur dann, wenn er sich auf
unserem Mond anlegt .... Und so denken wir, der Tod komme nicht eher auf die
Erde, als bis er unsern Garten abmähet .... und doch ist nicht ein Jahrhundert,
sondern jede Sekunde seine Sense.« .... Auf diese Art betrübte und tröstete er
sich unter dem beflorten Mond - Amandus wachte ängstlich auf; beide waren
allein; der Mond ruhte mit seinem Schimmer auf seinem kranken Auge; »Wer hat
denn den Mond zerschnitten,« (sagt' er sterbheiss), »er ist tot bis auf ein
Schnitzchen.« Auf einmal wurden die Stubendecke und die entgegengesetzten Häuser
flammend rot, weil die Leichenfackeln mit einem Edelmann, der auf sein
Erbbegräbnis gefahren wurde, durch die stumme Gasse zogen. »Es brennt, es
brennt«, rief der Sterbende und suchte aus dem Bette zu eilen. Gustav wollt' ihm
verbergen, wie ähnlich ihm der sei, der unten zum letzten Male über die Gasse
ging; aber Amandus, ängstlich als wenn ihn der Tod erdrückte, wankte über das
halbe Zimmer in Gustavs Arme ..... eh' er die Leiche sah, legte ihn ein
Nervenschlag tot in diese Arme ....
    Gustav trug, so kalt wie der Tote, den Eingeschlafnen aufs verlassene Lager
- ohne Träne, ohne Laut, ohne Gedanken setzte er sich ins verhüllte Mondlicht
und ins herflimmernde Leichenlicht - der starre Freund ohne Bewegung lag ihm
gegenüber - Amandus war eher als die Mondkugel aus dem Erdschatten geflogen -
Gustav sah nicht auf den Toten, sondern auf den Mond (in der dichtesten
Trauerstunde sieht man vom Gegenstande weg auf den kleinsten hin): »Streife nur
hin,« dacht' er, »Schatten der Kugel aus Staub, du liegst noch über mir ....
aber ihn erreicht deine Spitze nicht .... alle Sonnen liegen nackt vor ihm ....
o Eitelkeit, o Dunst, o Schatten, wo ich noch bin.« ... Plötzlich schlug die
Flötenuhr ein Uhr und spielte ein Morgenlied des ewigen Morgens, so aufrichtend,
so herübertönend aus Auen über dem Mond, so schmerzenstillend, dass die Tränen,
unter denen sein Herz ertrank, den Schmerzendamm umbrachen und sanftern, weniger
tödlichen Empfindungen ein Bette liessen .... Es war ihm, als läge sein Körper
auch ausgeleert neben dem kalten und seine Seele flöge auf der breiten, durch
alle Sonnen gehenden Lichtstrasse der vorausgeeilten nach .... er sah sie
vorausziehen .... er sah durch den Dunst der paar Jahre, die zwischen ihr und
ihm selber lagen, deutlich hindurch ....
    Und mit seiner Seele im Gesicht trat er aus dem Totenzimmer in das Zimmer
des Vaters und sagte mit irdischer Wehmut im Auge und himmlischer Heiterkeit im
Angesicht: »Unser Freund hat unter der Mondfinsternis ausgekämpft und ist dort.«
    - Ach sein Leben in seinem wurmstichigen Körper war ja eine wahre totale
Mondfinsternis; sein Austritt aus dem Leben war der Austritt aus dem Erdschatten
und sein Verweilen im Schatten nur kurz.
    Gustav war durch kein Zureden im Trauerhause zu erhalten. Wenn dem Herzen
der Körper zu enge ist: so wird es ihm auch die Stube. Er ging nach Marienhof.
Unter dem blauen Gewölbe, an dem kristallisierte Sonnentropfen hängen, und unter
dem kämpfenden Monde, der wie er von seiner Beschattung rot glühte, begegneten
ihm Gedanken, die über die menschlichen Farben erhaben sind so wie über die
Erde. Wer in solchen Stunden nicht die Kahlheit dieses Lebens und das Bedürfnis
eines zweiten so lebendig fühlt, dass das Bedürfnis feste Hoffnung wird: mit
diesem streite keiner über das Höchste unsers tiefen Lebens.
    Unter dem Getümmel des Sterbetages, der ihn sonst in eine ganz dunkle
Einsamkeit fortgetrieben hätte, ging er doch nach Marienhof; der Verstorbene
hatte ihn gebeten, es zu machen, dass er sein Winterlager für seine Gebeine auf
dem Eremitenberg bekäme, den er so oft bestiegen hatte und dessen Erscheinungen
uns bekannt sind. Gustav hofft' es leicht von der Residentin auszuwirken, da sie
ohnehin selten und nur gewisse Partien des stillen Landes betrat. Oefel sagte
aber - am Morgen, wo er ihn bei seiner Bitte zu Rat zog, - gerade umgekehrt,
wenn ihr um den Park und dessen bauliche Würden zu tun wäre: so müsste sie da
etwas recht gern begraben lassen, weil es den besten englischen Gärten an Toten
und wahren Mausoleen so sehr fehlte, dass sie bloss nachgemachte Vexier-Mausoleen
hätten. Oefel erbot sich, einige Verzierungen in einem Geschmacke, dass sie der
Hof goutierte, für das Grabmal zu entwerfen. Gustav war bloss heute zu weich, ihn
heute zum ersten Male zu verachten. Wie ganz anders hörte die Residentin seiner
Bitte und gedrängten Stimme zu, ob er gleich kein Zeichen seines Schmerzes zu
geben arbeitete! Wie teilnehmend - mit einer Miene, als legte sie leise eine
Rose in des Toten Hand - schenkte sie dem letzten das Stückchen Erde zum
Ankerplatz! Wie schön begleiteten ihre vollen Augen dieses Geschenk mit dem
Geschenk aus ihrem weichen Herzen! Und als der fremde Kummer seinem eignen den
Sieg wiedergab: mit welchem schönen Trost - nie ist die weibliche Stimme schöner
als im Trösten - bestritt sie ihn! - Er fühlte hier den Unterschied zwischen
Freundschaft und Liebe lebendig; und er gab ihr die erste ganz. Er war froh, den
Gegenstand der letzten nicht da zu finden, weil er die Verlegenheit der ersten
Blicke scheuete. Beata lag krank.
    Er sperrte sich ein; er machte seine Brust jenem Schmerze auf, der nicht
wohltätige blutende Wunden in sie schneidet, sondern ihr dumpfe Schläge gibt,
jenem nämlich, der in dem Zwischenraum zwischen dem Todes- und dem Begräbnistage
bei uns ist. Der letzte war am Sonntage, wo ich meinen Sektor betrübt bloss mit
Ottomars Briefe ausfüllte und wo ich so traurig schloss. Ich tats gerade in der
Stunde, wo der Entschlafne aus dem kleinen Sterbebette ins grosse Bette aller
Menschen getragen wurde, wie die Mutter die auf Bänken entschlummerten Kinder in
die grössere Ruhestätte legt. Sonntags floh Gustav aus dem Schloss, wo die
lärmenden Staatswägen und Bedienten gleichsam über sein Herz gingen, mit
eingehüllten Sinnen hinaus. Er fühlte zum ersten Male, dass er auf der Erde nicht
einheimisch sei, das Sonnenlicht schien ihm das in unsere Nacht gewebte
Dämmerlicht eines grössern Monds zu sein. Ob er gleich jetzo seinem weggerückten
Freunde sich auf dieser Erde weder nähern noch entziehen konnte: so sagte sein
Schmerz doch, es würde ihm, wenn er auch nicht den Leichnam, nicht den Sarg,
sondern nur das Grabes-Beet umfasste, das auf diesen Samen einer schönern Erde
drückte, es würde ihm Tröstung werden; und er stellte sich daher auf einen
entfernten Hügel, um zu sehen, ob noch Leute auf dem Eremitenberge wären.
    Sein Auge begegnete gerade dem grössten Jammer, den es an diesem Abend für
ihn hienieden gab: der durch den Abend hindurch blinkende weisse Sarg wurde
herausgehoben - eine entzweifallende Rose, eine durchlöcherte Puppe, ein sich
ausspannender Schmetterling, der jene als Würmchen zernagt hatte, waren auf die
Sargpuppe gemalet und kamen mit ihren beiden Urbildern unter die Erde - der
kinderlose Vater stützte sich mit Hand und Kopf an die Pyramide und hörte hinter
seinen verhüllten Augen jede Erdscholle wie den Flug eines niederbohrenden
Pfeiles - der kalte Nachtwind kam vom Totenberg zu Gustav herüber - Zugvögel
eilten wie schwarze Punkte über sein Haupt davon, und der Naturtrieb, nicht die
Länderkunde führte sie durch kalte Wolken und Nächte zu einer wärmern Sonne -
der Mond arbeitete sich aus einem Blutmeere von Dünsten ohne Strahlen herauf -
endlich verliessen die Lebendigen den Berg und den Toten - bloss Gustav blieb auf
dem andern Hügel bei ihm, die Nacht ruhte schwer hingestreckt um beide ....
Genug!
    Schenkt mir diese Totengräberszene! Ihr wisset nicht, welche herbstliche
Erinnerungen dabei mein Blut so leichen-langsam machen wie meine Feder: ach in
diese Geschichte schreib' ich ohnehin ein Blatt, ein Trauerblatt, dessen breiter
schwarzer Rand kaum den Zügen und Klagen mit Tränen eine weisse enge Stelle
lässet - ich schenk' euch diese Szene auch; denn ich weiss auch nicht, Leser mit
dem schönern Herzen, wen ihr schon verloren habt, ich weiss nicht, welche liebe
dahingegangne Gestalt, deren Grab schon so eingesunken ist als sie selber, ich
gleich einem Traume wieder auf ihrer Grabplatte in die Höhe richte und eueren
tränenden Augen von neuem zeige, und an wie viel Tote ein einziges Grab
erinnere!
    Verschwundner Amandus! in dem grossen breiten Heer, welches das Leben dem
feindlichen Tod von Jahrhundert zu Jahrhundert entgegenschickt, gingest du
wenige Schritte mit, er verwundete dich oft und bald; deine Kriegkameraden
legten Erde auf deine grossen Wunden und auf dein Angesicht - sie kämpfen fort,
sie werden dich von Jahr zu Jahr unter ihrem Kriege mehr vergessen - in ihre
Augen werden Tränen kommen, aber um dich keine mehr, sondern um Tote, die erst
begraben werden - und wenn deine Lilien-Mumie sich auseinander gebröckelt hat,
so denkt man nicht mehr an dich; bloss der Traum lieset noch deine in den Erdball
gemengte Pastell-Gestalt zusammen und schmücket mit ihr im graugewordnen Kopfe
deines Gustavs seine hinter dem Leben ruhenden Jugend-Auen, die wie der
Venusstern am Himmel des Leben-Morgens der Morgenstern und am Himmel des
Leben-Abends der Abendstern sind und flimmern und zittern und die Sonne ersetzen
.... Ich mag nicht zu deiner Seelen-Scheide, zum Leichnam, sagen: Amandus! liege
sanft. Du lagst in ihr nicht sanft; o noch jetzo dauert mich dein unsterbliches
Ich, dass es mehr in seinem knappen Nervengebäude als im weiten Weltgebäude leben
musste, dass es den edeln Blick nicht zu Sonnenkugeln aufheben, sondern auf seine
quälenden Blutkügelchen einkrümmen und für die grosse Harmonie des Makrokosmus
seltner Wallungen fühlen als für die Misslaute seines Mikrokosmus! - Die Kette
der Notwendigkeit schnitt tief in dich ein, nicht bloss ihr Zug, auch ihr Druck
führte dich Narben zu .... So jämmerlich ist der Lebendige! Wie können von ihm
die Toten ein Andenken verlangen, da er schon, indem er darüber redet, ermattet
....
    Als nun Gustav zu Hause war, setzte er einen Brief an den Doktor auf; der
ringende Kummer, worin dieser sich an die Pyramide gelehnt und gehalten hatte,
bewegte ihn unaussprechlich; und er fiel im Briefe ihm an diese zersplitterte
wunde Brust und mehrte ihre Schmerzen durch seinen Liebedruck, indem er ihn bat,
ihn zum Sohne anzunehmen und sein väterlicher Freund zu werden.
    Mit der hohen Flut der Traurigkeit entschuldige man es, dass Gustav, der
bisher immer die Paroxysmen seiner Empfindungen zum Besten des andern
versteckte, sie hier auf Kosten eines andern hervorbrechen liess. Sein Schmerz
ging so weit, dass er vom Vater den Alltagrock und Hut des Seligen statt seines
Kniestückes begehrte; er fühlte wie ich, dass Alltagkleider die besten
Schattenrisse, Gipsabgüsse und Pasten eines Menschen sind, den man lieb gehabt
und der aus ihnen und dem Körper heraus ist. - Die Antwort des Doktors lautet
so:
»Ich habe mich oft an die Polster meines medizinischen Wagens gelehnt und mir
vorgestellt und vorgenommen, wenn ich einmal graue Augenbraunen und Kopfhaare
oder gar keine mehr habe - wenn mir alle Jahrzeiten immer kürzer und alle Nächte
darin immer länger vorkommen, welches vor der Annäherung der längsten vorausgeht
- wenn ich dann in den ersten Frühlingtagen ins stille Land hinausgehe, um
meinen kalten interpolierten Körper zu sonnen - wenn ich dann aussen die
klebenden treibenden Knospen sehe, unter denen ein ganzer Sommer steckt, und in
mir innen das ewige Abblättern und Umbeugen, das kein Erdenfrühling heilt - wenn
ich mich dann doch an meine eigne Jugend erinnere, an meine Spazier-Gallopaden
um Scheerau, an die in Pavia und an die Leute, die mit mir gingen - wenn ich
mich dann natürlicherweise nach denen umsehe, die mir vom gefallnen Tempel
meiner Jugend noch als hohe Ruinen stehen geblieben - und wenn mich dann, weil
ich mich umdrehe, um zu schauen, ob keiner aus Wäldern, über Wiesen, von Bergen
an einem so schönen Tage zu mir gegangen kommt, der Gedanke wie Herzklopfen
anfällt, dass nach allen vier Welt-Ecken, wohin ich mich gedrehet, Gottesäcker
und Kirchen liegen, in denen die, die mich jetzo trösten und begleiten sollen,
unter der undurchsichtigen Erdrinde und ihrem Blumenwerk mit geraden Armen
versteckt und gefangen liegen, und dass bloss ich allein aussen geblieben und den
Herbst in meiner Brust hier im Frühling herumtrage: so werd' ich gar nicht ins
stille Land gehen, sondern einsam nach Hause gehen und mich einschliessen und
meinen Kopf auf den Arm mit den Augen legen und wünschen, dass mir das Herz
breche, so gut wie meinen Bekannten; ich werde sagen, ich wollt', es wäre
vorbei. Dann, geliebter Sohn, geliebter Freund (der du als der Jüngste meiner
Freunde mich schon überleben wirst), wird deine Gestalt vor meine satten müden
Augen treten, dann werde ich sie auswischen und mich an alles erinnern, und
deine Hand wird mich doch ins stille Land hinausführen, ich werde den Frühling
der Erde so lange geniessen, als ich ihn besehen kann, und ich werde dir mit
drückender Hand ins Gesicht sagen: es tut mir heute recht wohl, dass ich dich vor
vielen Jahren zum Sohne angenommen ....
    Morgen will ich kommen, um meinen Freund zu einer Reise auf die nächsten
Tage mitzunehmen, damit wir den vergangnen aus dem Wege gehen.« - Am andern
Morgen geschahs.
 
                  Zweiunddreissigster oder 16. November-Sektor
     Schwindsucht - Leichenrede in der Kirche des stillen Landes - Ottomar
Es wäre mir vielleicht auch besser, ich suchte beiden weniger mit der Feder
nachzukommen als zu Fuss. Die Lesewelt kann jetzt an meinen Sachen kosten und
naschen, indes ich der Ostermesse entgegenhuste, weil ich mir an jenen Sachen
und am Schreibtisch, woran ich mich niederkrümme, eine hübsche vollständige
Hektik in die zwei Lungenflügel geschrieben. Das sämtliche Publikum sagt nicht
»hab Dank« zu mir, dass ich mich um meinen gesunden Atem und um meine sedes
gedacht und empfunden: es ist fast alles an mir zu, und es kann wegen der
doppelten Sperrordnung nach entgegengesetzten Richtungen wenig durch mich
passieren. Ich wandele daher hinter den Pflugscharen aller Auentaler, um den
Broden der Furchen - wie die besten britischen Hektiker tun1 - einzuziehen als
Mittel gegen meine Luftsperre und andere Sperre. Gleichwohl würde mich das
einfältige Publikum, in dessen Dienst ich mich so elend gemacht, auslachen, wenn
es mich den Pflug-Ochsen wie eine Krähe nachschreiten sähe. Ist das
Rechtschaffenheit? - Muss ich nicht ohnehin alle Nacht zwischen den Armen von
zwei Pudeln schlafen, die ich mit meiner Lungensucht anstecken will, wie ein
Ehemann von Stande? Bin ich aber dann, wenn ich die zwei Beischläfer durch
Nacht- und Morgengabe mit meinem Übel dotiert habe, des Malums selber los, oder
sagt nicht vielmehr Herr Nadan de la Richebaudière, neue Hunde müsst' ich kaufen
und infizieren, weil eine halbe Hunde-Menagerie zum Auslader eines einzigen
Menschen nötig ist? So kann ich mein Honorar bloss in Hunden vertun. Ich will den
Schaden sogar verschmerzen, den meine Rechtschaffenheit dabei leidet, weil ich
mich gegen die armen einsaugenden Hunde, deren Lungenflügel ich lähmen und
beschneiden will, so freundlich wie Grosse gegen die Opfer ihrer Rettung stellen
muss.
    Inzwischen ist doch das noch das verdrüsslichste Skandal, dass ich gegenwärtig
im - Viehstall schreibe; denn dieser soll auch (nach neuern schwedischen
Büchern) eine Apoteke und einen Seehafen gegen kurzen Atem abgeben. Meiner
wollte sich indes noch nicht verlängern, ob ich gleich schon drei Trinitatis
hier sitze und drei lange Sektores (gleichsam Josephs-Kinder) am Geburtorte viel
dümmerer Wesen in die Welt setze. Man muss selber an einem solchen Orte der
Hektik wegen im juristischen oder ästetischen Fache (weil ich beides Belletrist
und Rechtskonsulent bin) gearbeitet haben, um aus Erfahrung zu wissen: dass da
oft die erträglichsten Einfälle viel stärkere Stimmen als die der literarischen
und juristischen Richter gegen sich haben und dadurch zum Henker gehen.
    Während Fenk und Gustav mehr Traurigkeit als Geld verreiseten, ob sie gleich
nicht so lange ausblieben wie alle meine inrotulierten Akten: so ging auch Oefel
weiter, nämlich in seinem romantischen Grosssultan, und tockierte mit dem grössten
Vergnügen den Kummer seines Freundes hinein. Oefel dankte Gott für jedes
Unglück, das in einen Vers ging, und er wünschte zum Flor der schönen
Wissenschaften, Pest, Hungernot und andre Grässlichkeiten wären öfter in der
Natur, damit der Dichter nach diesen Modellen arbeiten und grössere Illusion
daraus erzielen könnte, wie schon den Malern, welche geköpfte Leute oder
aufgesprengte Schiffe malen wollten, mit den Urbildern dazu beigesprungen wurde.
So aber musst' er oft aus Mangel an Akademien selber seine sein und war einmal
einen ganzen Tag genötigt, tugendhafte Regungen zu haben, weil dergleichen in
seinem Werk zu schildern waren - ja oft musst' er eines einzigen Kapitels wegen
mehre Male ins B-- gehen, welches ihn verdross.
    Es geht andern Leuten auch so: der Gegenstand der Wissenschaft bleibt kein
Gegenstand der Empfindung mehr. Die Injurien, bei denen der Mann von Ehre flutet
und kocht, sind dem Juristen ein Beleg, eine Glosse, eine Illustration zu dem
Pandekten-Titel von den Injurien. Der Hospital-Arzt repetiert am Bette des
Kranken, über welchen die Fieberflammen zusammenschlagen, ruhig die wenigen
Abschnitte aus seiner Klinik, die herpassen. Der Offizier, der auf dem
Schlachtfeld - dem Fleischhacker-Stock der Menschheit - über die zerbrochnen
Menschen wegschreitet, denkt bloss an die Evolutionen und Viertel-Schwenkungen
seiner Kadettenschule, die nötig waren, ganze Generationen in physiognomische
Fragmente auszuschneiden. Der Bataillenmaler, der hinter ihm geht, denkt und
sieht zwar auf die zerlegten Menschen und auf jede daliegende Wunde; aber er
will alles für die Düsseldorfer Galerie nachkopieren, und das reine
Menschen-Gefühl dieses Jammers weckt er erst durch sein Schlachtstück bei andern
und wohl auch bei - sich. - So zieht jede Erkenntnis eine Stein-Kruste über
unser Herz, die philosophische nicht allein. -
    Beata opferte fast ihre Augen dem Anteil auf, den sie an niemand anderem
(wie sie dachte) nahm als an dem Hingeschiednen. Ihre schweren Blicke waren oft
nach dem Eremitenberg gerichtet; abends besuchte sie ihn selbst und brachte dem
Schlafenden das Letzte, was die Freundschaft dann noch zu geben hat, im Übermass.
So dringen also die Griffe des Unglücks in weiche Herzen am tiefsten; so sind
die Tränen, die der Mensch vergiesset, desto grösser und schneller, je weniger ihm
die Erde geben kann und je höher er von ihr steht, wie die Wolke, die höher als
andre von der Erde sich entfernt, die grössten Tropfen wirft. Nichts richtete
Beaten auf als die Verdopplung des Almosens, das sie gewissen Armen wöchentlich
oder nach jeder Freude gab; und der einsame Umgang mit der Residentin, mit ihrer
Laura und den beiden Gärtners-Kindern.
    Die zwei Reisenden waren besser daran. Da der Doktor Fenk die Ärzte des
Landes ex officio visitierte, welche Arzneien machten, nebst den Apotekern, die
Repressalien gebrauchten und Rezepte machten: so ärgerte er sich zum Glück so
oft, dass er keine rechte Stunde hatte, sich zu betrüben; auf diese Weise
brachten Landphysici, die immer auf dem Lande waren (es müssten denn gerade
Seuchen grassieret haben), und Hebammen, die in der Nottaufe die Wiedergeburt
junger Nichtchristen noch besser besorgen als deren Geburt, und welche Pharao
hätte haben sollen, diese brachten den bekümmerten Pestilenziarius wieder etwas
auf die Beine. Zorn ist ein so herrliches Abführmittel der Betrübnis, dass
Gerichtpersonen, die bei Witwen und Waisen versiegeln und inventieren, diese
nicht genug ärgern können; daher legier' ich künftig meinen Erben, die mein Tod
zu sehr kränkt, nichts testamentarisch als das Mittel dagegen, Erbosung über den
Seligen.
    Beide kehrten endlich unter entgegengesetztem Herzklopfen wieder zurück, und
ihr Weg führte sie vor Ruhestatt, dem Rittersitze Ottomars, und neben dem
verwaiseten Tempel des Parks vorbei. Der Tempel war aber erleuchtet; es war weit
in die Nacht; um den Tempel hing ein summender Bienenschwarm von Jagdkleidern,
in denen der halbe Hof steckte. Fenk und Gustav drängten sich also durch immer
grössere Herren und Pferde hindurch, gingen wie Kometen vor einem Stern nach dem
andern vorbei und in die Kirche hinein: darin waren ein oder zwei unerwartete
Dinge - der Fürst und ein Toter; denn das hinten am Altar fechtende Ding war
kein unerwartetes, sondern der Pastor. Gustav und Fenk hatten sich in den
Beichtstuhl gestopft. Gustav konnte sein Auge kaum vom Fürsten reissen, der mit
jenem edeln gleichgültigen Gesicht, das Leuten von Ton oder aus grossen Städten
und Leichenbittern selten mangelt, über den Toten wegstreifte - der Fürst hatte
jenes Herz der Grossen, das ein Petrefakt im guten Sinne und unter ihren festen
Teilen der erste ist und das recht schön verrät, dass sie sich an die
Unsterblichkeit der Seele halten und dass sie, wenn sie einen von den Ihrigen
begraben lassen, nicht zu Hause sind.
    Auf einmal legte sich der Doktor auf das Pult des Beichtstuhls nieder und
bedeckte das Gesicht; er stand wieder auf und sah mit einem Auge, das er nicht
abtrocknen konnte, nach dem aufgedeckten Leichnam hin und suchte vergeblich zu
sehen. Gustav schauete auch hin, und die Gestalt war ihm bekannt, aber kein
Name, um welchen er vergeblich den sprachlosen Doktor fragte - endlich nennte
der Leichenredner den Namen. Ich brauch' es nicht erst in Doppelfraktur zu
sagen, dass der Tote, auf dem jetzo so viele harte Augen und ein Paar trostlose
ruhten, so aussah wie der Schauspieler Reinecke, dessen edle Bildung nun auch
der schwere Grabstein auseinanderdrückt - ich hab' es nicht nötig, dem Pastor
den Namen Ottomar nachzusprechen. Der arme Doktor schien seit einiger Zeit
bestimmt zu sein, dass der Schmerz seine Nerven zu einem Nerven-Präparat
herauslösete und sich daran übte. Sonderbar wars, dass Gustav nicht am
gestorbenen, sondern bloss am traurenden Freunde Anteil nahm.
    Der gute Medizinalrat knüllte das Gesangbuch, das unter seiner Hand lag,
gewaltsam zusammen; er hörte nicht das Abreiten des Fürsten, der nur drei
Minuten dagewesen, um sich den Totenschein zu holen, aber jedes Wort des Pastors
vernahm er, um von der neuesten Krankheitgeschichte seines Freundes etwas zu
erfahren; allein er erfuhr nichts als seine Todesart (hitziges Fieber). Endlich
war alles vorbei, und er ging stumm und zwischen die Trauerkerzen hineinstarrend
auf die Bahre zu, schob, ohne Blick und Laut, was ihn hindern konnte, weg mit
der linken Hand und zuckte hin nach des Schläfers seiner mit der rechten. Als er
endlich die Hand, welche Alpen und Jahre von seiner abgerissen hatten, wieder
damit umschlossen hielt, ohne doch dem näher zu sein, nach dem er sich so lange
gesehnet, und ohne die Freude des Wiederfindens: so war sein Schmerz noch dicht,
dunkel und warf sich schwer über seine ganze Seele her, ohne eine Gestalt zu
haben. - Aber als er in jener Hand zwei Warzen wiederfand, die er sonst bei
ihrem Druck so oft gefühlet hatte: so nahm der Schmerz die Schleiergestalt der
Vergangenheit an; Mailand ging mit den Blüten seiner Weinberge und mit den
Gipfeln seiner Kastanien und mit den schönen Tagen unter beiden vorüber und sah
traurig die zwei Menschen an, die nichts mehr hatten - Hier wär' er mit den zwei
giessenden Augen auf die zwei ewig trocknen gefallen, wenn nicht der
Leichenmarschall gesagt hätte: »Das tut man nicht gern, es ist nicht gut.« Bloss
eine Locke gab ihm das Grab vom ganzen geraubten Freunde zurück, eine Locke, die
für das Auge so wenig und für den fühlenden Finger so viel ist. Er schlichtete
die Hand, die den letzten Brief so traurig geschlossen, sanft wieder über die
unberührte und verliess seinen Ottomar auf lange.
    Er hatte nicht bemerkt, dass des Verstorbnen Spitzhund und zwei tonsurierte
fremde Menschen da waren, wovon der eine sechs Finger hatte. - Ausser der Kirche
auf dem Wege, dessen eine Richtung nach dem Ottomarschen Schloss und dessen andre
um den Eremitenberg lief, sahen Gustav und Fenk einander mit einer stummen
trostlosen Frage an - sie antworteten einander durch den Abschied. Der Doktor
kehrte um und setzte seine Reise fort - Gustav ging in den Park und dachte unten
am Fusse des Eremitenberges dem Schicksale - nicht seines Freundes noch seinem
eignen, sondern dem - aller Menschen nach ....
    Und wann schreib' ich dies? Heute, am 16. November, wo der Namentag des
eingesargten Ottomars ist. -
 
                                    Fussnoten
1 Die drei Kuren, die ich oben im Texte gegen meine Lungensucht gebrauche, hab'
ich von drei Völkern: das Nachspazieren in frisch gepflügten Furchen raten die
Engländer - das Stärken durch eine Hunde-Schlafgenossenschaft rät ein Franzos
(de la Richebaudière) - das Atmen der Luft in Vieh-Ställen wird schwedischen
Hektikern vorgeschrieben.
 
                 Dreiunddreissigster oder XXV. Trinitatis-Sektor
Grosse Aloe-Blüten der Liebe: oder das Grab - der Traum - die Orgel nebst meinem
                   Schlagfluss, Pelzstiefel und Eis-Liripipium
In Gustav rückten die höchsten Lichter aus des Freundes Bild langsam in das der
Geliebten über. Jetzt trat erst ihr Gesicht, das am Totenbette ewige Strahlen in
ihn geworfen hatte, aus dem Zypressen-Schatten vor. Die einsame Pyramide stand
erhaben als Wach-Engel neben dem Begrabnen. Er trug sich hinauf, mit Schmerzen,
aber mit sanftern; er hatte nun doch den unbeschreiblich süssen Trost, den
Menschen in der Erde nie gekränkt, und ihm oft verziehen zu haben; er wünschte,
Amandus hätte seine Verzeihung noch öfter veranlasst; sogar dies deckte seinen
wunden Busen mit warmem Troste zu, dass er jetzt ihn so liebe, so betrauere,
ungesehen, unbelohnet.
    Oben trat er noch in einige Leidens-Dornen, worüber man laut aufschreiet;
aber bald flogen seine Augen sehnend auf der Licht-Brücke, die von einer Lampe
aus Beatens Zimmer über den Garten zum Berg hinüberlief, gleich andern Phalänen
ihren hellen Fenstern nach. Er sah nichts als bald das Licht, bald einen Kopf,
der es verbauete; aber diesen Kopf schmückte er im seinigen schöner aus als
irgendeine Frau den ihrigen. Er legte und lehnte sich, halb kniend und halb
stehend, mit dem Blick gegen den langen Lichtstrom zugewandt, an das Postement
der Pyramide an. Müdigkeit und schlaflose Nächte hatten seine Tränen-Drüsen mit
jenen drückenden und doch reizenden Tränen gefüllet, die oft ohne Anlass und so
bitter und so süss kurz vor Krankheiten oder nach Ermattungen ausströmen. -
Dieselben Ursachen breiteten zwischen ihn und die äussere Welt gleichsam einen
dunkeln Nebeltag oder Heerrauch; seine innere Welt hingegen wurde aus einer
Federzeichnung ohne seine Anstrengung ein gleissendes Ölgemälde, dann ein
musivisches, endlich eines in erhobner Arbeit - Welten und Szenen bewegten sich
vor ihm auf und ab - endlich schloss der Traum die ganze nächtliche Aussenwelt mit
seinen Augenlidern zu und machte hinter ihnen eine neu geschaffne paradiesische
auf; gleich einem Toten lag sein schlummernder Körper neben einem Grabmal und
sein Geist in einer über den ganzen Abgrund hinüberreichenden Himmel-Au. Ich
werde den Traum und sein Ende sogleich erzählen, wenn ich dem Leser die Person
gezeigt habe, die den Traum zugleich verlängerte und endigte.
    Nämlich Beata - kam. Sie konnte weder seine Wiederkunft noch seine letzte
Station wissen. Die Nähe des Ottomarschen Leichenbegängnisses, die Entfernung
Gustavs, dessen Bild seit dem letzten Auftritt tief in und gleichsam durch ihr
Herz gepresset war, und die Entfernung des Sommers, der sein buntes blühendes
Gemälde täglich um einige Zoll wieder zusammenrollte, alles das hatte sich in
Beatens Brust zu einem drückenden Seufzer gesammelt, den das laute Jagdschloss
mit seinen Dunstkreisen einklemmte und mit dem sie reinere Äterkreise suchte,
um ihn an einem Grabe auszuhauchen und aus ihm den Stoff zu neuen einzuatmen. -
Schwärmerisches Herz! du treibest mit deinen fieberhaften Schlägen freilich dein
Blut zu reissend um und spülest mit deinen Güssen Ufer, Blumen und Leben fort;
aber dein Fehler ist doch schöner, als wenn du mit phlegmatischem Getriebe aus
dem stehenden Wasser des Blutes blossen Fett-Schlamm anlegtest!
    Die Nachtwandlerin fuhr zusammen, da sie den schönen Schläfer sah; sie hatte
im ganzen Garten, den sie in diesen stillen Minuten durchstrichen hatte, niemand
vermutet und gefunden. Er lag auf einem Knie sanft zusammengesunken; sein
blasses Gesicht wurde von einem schönen Traum, vom aufgehenden Monde und von
Beatens Auge angestrahlt. Ihr fiel nicht ein, dass er sich vielleicht nur
schlafend stelle; sie zitterte also um einen halben Schritt näher, um erstlich
gewiss zu sein, wers wäre, und um zweitens mit vollem Auge auf der Gestalt zu
ruhen, vor der sie bisher nur vorüberstreichen durfte. Unter dem Anschauen wusste
sie nicht recht, wann sie es eigentlich endigen sollte. Endlich wandte sie ihrem
Paradiese den Rücken, nachdem sie noch einmal ganz an ihn getreten war; aber
unter dem trägen Rückwärtsgehen fiel ihr (ohne Schrecken) ein: »Er wird doch
nicht gar tot sein?« Sie kehrte also wieder um und behorchte seine wachsenden
Atemzüge. Neben ihm lagen zwei spitze Steinchen, so gross wie mein Tintenfass; sie
bückte sich zweimal neben ihm nieder (sie wollt' es nicht auf einmal oder auch
mit dem Fusse tun), um sie wegzunehmen, damit er nicht in ihre Spitzen
hineinfiele ....
    Wahrhaftig ein Alphabet oder 23 Bogen sollt' ich mit diesem Auftritt
vollzumachen haben; zum Glück geht er erst recht an, wenn er erwacht, und der
Leser ist heute der glücklichste Mann ....
    Sie war nun schon wie ein Veteran vertrauter mit der Gefahr und war so
gewiss, er würde nicht erwachen, dass sie aufhörte, es zu befürchten, und beinahe
anfing, es zu wünschen. Denn es fiel ihr ein: »die Nachtluft könnt' ihm
schädlich sein.« - Es fiel ihr ferner ein, wie beide Freunde so erhaben
nebeneinander ruhten; und ihr blaues Auge befreiete sich von einem Tautropfen,
von welchem ich nicht weiss, ging er für das ausser der Erde pochende oder für das
in ihr stillstehende Herz herab. Endlich machte sie ernstafte Anstalten
abzugehen, um überhaupt in der Entfernung ihn durch ein Geräusch zu wecken und
um ihren Rührungen ohne Furcht seines Erwachens nachzuhängen. Sie wollte bloss
noch bei ihm vorbeigehen (denn 41/2 Schritte stand sie ab), weil sie auf der
andern Seite des Berges hinunter musste (sie hätte denn umkehren wollen). Sein
Lächeln verkündigte immer grössere Entzückungen, und sie war freilich begierig,
wie es noch auf seinem Gesichte ablaufen würde, aber sie musste den lächelnden
Träumer verlassen. Da sie also zwei zögernde Schritte sich ihm genähert hatte,
um sich mehre von ihm zu entfernen: so fing auf einmal die Orgel der einsamen
Kirche von Ruhestatt, wo heute Ottomar begraben worden, mitten in der Nacht so
ernst und klagend zu gehen an, als wenn der Tod sie spielte; und Gustavs
Angesicht wurde plötzlich vom Widerschein eines innern Elysiums verklärt; und er
richtete sich mit zugeschlossnen Augen auf, erhaschte schnell die Hand der
erstarrenden Beata und sagte schlaftrunken zu ihr: »O nimm mich ganz, glückliche
Seele, nun hab' ich dich, geliebte Beata, auch ich bin tot.«
    Der Traum, der mit diesen Worten ausging, war der gewesen: Er sank in eine
unabsehliche Aue nieder, die über schöne, aneinander gestellte Erden
hinüberlief. Ein Regenbogen von Sonnen, die wie zu einer Perlenschnur aneinander
gereihet waren, fasste die Erden ein und drehte sich um sie. Der Sonnenkreis sank
untergehend dem Horizonte zu und auf dem Rande der grossen runden Flur stand ein
Brillanten-Gürtel von tausend roten Sonnen und tierliebende Himmel hatte tausend
milde Augen aufgetan. - Haine und Alleen von Riesen-Blumen, die so hoch wie
Bäume waren, durchzogen im durchsichtigen Zickzack die Aue; die hochstämmige
Rose bewarf diese mit einem goldroten Schatten, die Hyazinte mit einem blauen,
und die zusammenrinnenden Schatten von allen bereiften sie mit Silberfarbe. Ein
magischer Abendschimmer wallete wie ein freudiges Erröten zwischen den
Schattenufern und durch die Blumenstämme über die Flur, und Gustav fühlte, das
sei der Abend der Ewigkeit und die Wonne der Ewigkeit. - Beglückte Seelen
tauchten sich, weit von ihm und näher den weggleitenden Sonnen, in die
zusammengehenden Abendstrahlen und ein gedämpftes Jauchzen stand verhallend wie
eine Abendglocke über dem himmlischen Arkadien; - nur Gustav lag verlassen im
Silberschatten der Blumen und sehnte sich unendlich, aber keine jauchzende Seele
kam herüber. Endlich dufteten in der Luft zwei Leiber in eine dünne Abendwolke
auseinander und das fallende Gewölk entblösste zwei Geister, Beata und Amandus -
dieser wollte jene in Gustavs Arme führen, aber er konnte nicht in den
Silberschatten hinein - Gustav wollte ihr in die ihrigen entgegenfallen, aber er
konnte nicht aus dem Silberschatten hinaus. - »Ach, du bist nur noch nicht
gestorben,« rief Amandus' Seele, »aber wenn die letzte Sonne hinunter ist: so
wird dein Silberschatten über alles fliessen und deine Erde von dir flattern und
du wirst an deine Freundin sinken« - eine Sonne um die andre zerging - Beata
breitete ihre Arme hernieder - die letzte Sonne versank - ein Orgelton, der
Welten und ihre Särge zerzittern konnte, klang wie ein fliegender Himmel herüber
und lösete durch sein weites Beben die Faser-Hülle von ihm ab und über den
ausgebreiteten Silberschatten wehte ein Entzücken und hob ihn empor und er nahm
- - die wahre Hand von Beata und sagte, indem er wachte und träumte und nicht
sah, die Worte zu ihr: »O nimm mich ganz, glückliche Seele, nun hab' ich dich,
geliebte Beata, auch ich bin tot.« Ihre Hand hielt er so fest wie der Gute die
Tugend. Ihr versuchtes Loswinden zog ihn endlich aus seinem Eden und Traum;
seine glücklichen Augen gingen auf und vertauschten die Himmel; vor ihnen stand
erhaben der weisse, vom Monde überschwemmte Grund und die Aue des Parks und die
tausend zu Sternen verkleinerten Sonnen und die geliebte Seele, die er vor dem
Untergange aller Sonnen nicht erreichen konnte. - Gustav musste denken, der Traum
sei aus seinem Schlafe ins Leben übergezogen und er habe nicht geschlafen; sein
Geist konnte die grossen steilen Ideen vor ihm nicht bewegen und nicht
vereinigen. »In welcher Welt sind wir?« fragte er Beata, aber in einem erhabnen
Tone, der beinahe die Frage beantwortete. Seine Hand war mit ihrer ziehenden
fest verwachsen. »Sie sind noch im Traume«, sagte sie sanft und bebend. Dieses
Sie und die Stimme stiess auf einmal seinen Traum in den Hintergrund aus der
Gegenwart zurück; aber der Traum hatte ihm die Gestalt, die an seiner Hand
kämpfte, lieber und vertrauter gemacht und die geträumte Unterredung wirkte in
ihm wie eine wahre und sein Geist war noch eine erhaben-fortbebende Saite, in
die ein Engel seine Entzückung gerissen - und da jetzt drüben im öden Tempel die
Orgel durch neues Ertönen die Szene über den irdischen Boden erhob, wo beide
Seelen noch waren; da Beatens Stellung schwankte, ihre Lippe zitterte, ihr Auge
brach: - so war ihm wieder, als würde der Traum wahr, als zögen die grossen Töne
ihn und sie aus der Erde weg ins Land der Umarmung hinauf, sein Wesen kam an
alle seine Grenzen - »Beata«, sagt' er zu der schönen, an bekämpfenden
Empfindungen dahinsterbenden Gestalt, »Beata, wir sterben jetzt - und wenn wir
tot sind, so sag' ich dir meine Liebe und umarme dich - der Tote neben uns ist
mir im Traum erschienen und hat mir wieder deine Hand gegeben.« ... Sie suchte
auf das Grab desselben aufzusinken - aber er hielt den fallenden Engel in seinen
Armen auf - er liess ihr entschlummertes Haupt unter seines fallen und unter
ihrem stockenden Herzen glühten die Schläge des seinigen - es war eine erhabne
Minute, als er, die Arme um eine schlummernde Seligkeit gelegt, einsam ansah die
auf der Erde schlafende Nacht, einsam anhörte die allein redende Orgel, einsam
wachte im Kreise des Schlafs ....
    Die erhabne Minute verging, die seligste fing an: Beata erhob ihr Haupt und
zeigte Gustav und dem Himmel auf dem zurückgebognen Angesicht das irre
überweinte Auge, die erschöpfte Seele, die verklärten Züge und alles, was die
Liebe und die Tugend und die Schönheit in einen Himmel dieser Erde drängen
können. - - Da kam der überirdische durch tausend Himmel auf die Erde fallende
Augenblick hier unten an, der Augenblick, wo das menschliche Herz sich zur
höchsten Liebe erhebt und für zwei Seelen und zwei Welten schlägt - der
Augenblick vereinigte auf ewig die Lippen, auf denen alle Erdenworte erloschen,
die Herzen, die mit der schweren Wonne kämpften, die verwandten Seelen, die wie
zwei hohe Flammen ineinanderschlugen ....
    - Begehrt kein Landschaftstück der blühenden Welten von mir, über welche sie
in jenem Augenblicke hinzogen, den kaum die Empfindung, geschweige die Sprache
fasset. Ich könnte ebensogut einen Schattenriss, von der Sonne geben. - Nach
jenem Augenblicke suchte Beata, deren Körper schon unter einer grossen Träne wie
ein Blümchen unter einem Gewittertropfen umsank, sich aufs Grab zu setzen; sie
bog ihn sanft mit der einen Hand von sich, indem sie ihm die andre liess. Hier
schloss er seine weite Seele auf und sagte ihr alles, seine Geschichte und seinen
Traum und seine Kämpfe. Nie war ein Mensch aufrichtiger in der Stunde seines
Glücks als er; nie war die Liebe blöder nach der Minute der Umarmung als hier.
Bei Beaten schwamm, wie allemal, das Freudenöl dünn auf dem Tränenwasser; ein
vor ihr stehendes Leiden sah sie mit trocknen festen Blicken an, aber kein
erinnertes und keine vor ihr stehende Freude. Sie hatte jetzo kaum den Mut zu
reden, kaum den Mut, sich zu erinnern, kaum den Mut, entzückt zu sein. Zu ihm
hob sie das scheue Auge nur hinauf, wenn der Mond, der über eine durchbrochne
Treppe von Wolken stieg, hinter einem weissen Wölkchen verschattet stand. Aber
als eine dickere Wolke den Mond-Torso begrub: so endigten beide den schönsten
Tag ihres Lebens, und unter ihrer Trennung fühlten sie, dass es für sie keine
andre gebe. -
    Im einsamen Zimmer konnte Beata nicht denken, nicht empfinden, nicht sich
erinnern; sie erfuhr, was Freudentränen sind; sie liess sie strömen, und als sie
sie endlich stillen wollte, konnte sie nicht, und als der Schlaf kam, ihre Augen
zu verschliessen, lagen sie schon unter himmlischen Tropfen bedeckt. - -
    Ihr unschuldigen Seelen, zu euch kann ich besser wie zu Verstorbnen sagen:
schlaft sanft! Gemeiniglich gefallen uns, nämlich mir und dem Leser, die
Bravour- und Force-Rollen der Romanen-Liebhaber schlecht, weil entweder die eine
Person nicht würdig ist, solche Lichtwolkenbrüche der Freude zu geniessen, oder
die andere, sie zu veranlassen; hier aber haben wir beide gegen nichts etwas
.... Wollte nur der Himmel, ihr Liebenden, euer lahmer Lebensbeschreiber könnte
seine Feder zu einem Blanchards-Flügel machen und euch damit aus den
Grubenzimmerungen und Grubenwettern des Hofes in irgendeine freie Pappelinsel
tragen, sie sei im Süd- oder im Mittelmeer! - Da ichs nicht kann, so denk' ich
mirs doch; und sooft ich nach Auental oder Scheerau gehe, so zeichne ich mir es
aus, wie viel ich euch schenkte, wenn ihr in jenem Pappel- und Rosental, das ich
in Wasser gefasset hätte, ohne den deutschen Winter, unter ewigen Blüten, ohne
die Schneide-Gesichter der moralischen Febrikanten, ohne ein gefährlicheres
Murmeln als das der Bäche, ohne festere Verstrickungen als die in verwachsenen
Blumen und ohne den Einfluss härterer Sterne als der friedlichen am Himmel, in
schuldloser Wonne und Ruhe Atem holen dürftet - nicht zwar immerfort, aber doch
die paar Blumenmonate eurer ersten Liebe hindurch.
    Das ist aber unmenschlich schwer, und ich bin am wenigsten der Mann dazu.
Ein solches Glück ist schwer zu steigern und eben darum schwer zu halten. Werde
lieber hier ein Wort vom Glücke eines schreibseligen Kränklings vorzubringen
erlaubt, der doch auch eines haben will und der eben der Beschreiber der vorigen
Seligkeit selber ist, ich meine nämlich ein Wort von meiner kranken
Persönlichkeit. Vom Kuhstall bin ich wieder herauf und von der Lungensucht
glücklich genesen; nur der Schlagfluss setzet mir seitdem mit Symptomen zu und
will mich erschlagen wie einen Maulwurf, gerade indem ich, wie letzter seinen
Hügel, so den babylonischen Turm meines gelehrten Ruhms aufwerfe. Zum Glück geb'
ich mich gerade mit Hallers grosser und kleiner Physiologie ab und mit Nikolais
materia medica und mit allem Medizinischen, was ich geborgt bekomme, und kann
also mit meinen medizinischen Kenntnissen auf den Schlagfluss ein tüchtiges
Kartätschenfeuer geben. Das Feuer mach' ich an meinen Füssen, indem ich das lange
Bein in einen grossen Pelzstiefel wie eine Vorhölle setze, und das
zusammengegangne in ein Pelz-Schnürstiefelchen: ich habe die ältesten
Mond-Doktores und Pestilenziarien auf meiner Seite, wenn ich mir einbilde, dass
ich gleich einem Demokraten durch diese Stiefel - und ein breites Senfpflaster,
womit ich wie mehre Gelehrte meine Füsse besohle - die materia peccans aus den
obern Teilen in die niedern heruntertreiben könne. Gleichwohl geh' ich weiter,
wenns gefriert. Ich schabe und kerbe mir nämlich eine hohe Eismütze1 aus und
denke unter der gefrornen Schlafmütze: alsdann wirds kein Wunder sein, wenn die
Apoplexie und ihre Halbschwester, die Hemiplexie - durch mich angefallen von
oben und unten, am einen Pol durch den heissen Fuss-Sokkus, am andern durch den
Eis-Knauf oder die gefrorne Marterer-Krone - hingeht, wo sie herkam, und mich
der Erde schenkt, deren einer Pol gleichfalls unten Sommer hat, wenn der andre
oben Winter ..... Der Leser werfe aber einmal von guten Büchern ein
philantropinisches Auge auf uns, deren Verfasser: wir Verfasser strengen uns an
und verfertigen Fibeln, Mordpredigten, periodische Blätter oder Reinigungen,
Ausschnitte und andern aufklärenden Henker; aber unsern Madensack zerzausen und
schaben wir ja darüber entsetzlich ab - und doch meints kein Teufel ehrlich mit
uns. So steh' ich und die ganze schreibende Innung aufrecht da und verschiessen
gern lange Strahlen über die ganze Halbkugel (denn mehr ist auf einmal von Welt-
und andern Kugeln nicht zu beleuchten, und dem ganzen Amerika fehlen unsre
Kiele), indes wir doch den ersten Christen gleichen, die das Licht, womit sie,
in Pech und Leinwand eingeklemmt, als lebendige Pechfackeln über Neros Gärten
schienen, zugleich mit ihrem Fett und Leben von sich gaben ....
    »Und hier« - sagen Romanen-Manufakturisten - »erfolgte ein Auftritt, den der
Leser sich denken, ich aber nicht beschreiben kann.« Das kommt mir viel zu dumm
vor. Ich kann es auch nicht beschreiben, beschreib' es aber doch. Haben denn
solche Autoren so wenig Rechtschaffenheit, dass sie bei einer Szene, nach der die
Leser schon im voraus geblättert haben, z.B. bei einem Todesfall, auf den alle,
Eltern und Kinder, lauern wie auf einen Lehnfall oder Hängtag, vom Sessel
aufspringen und sagen: das macht selber? Es ist so, als wenn die Schikanedrische
Truppe vor den verzerrendsten Auftritten des Lears an die Teater-Küste ginge
und das Publikum ersuchte, es möchte sich Lears Gesicht nur denken, sie ihres
Orts könnte es unmöglich nachmachen. - Wahrhaftig was der Leser denken kann, das
kann ja der Autor - beim vollen Puls aller seiner Kräfte - sich noch leichter
denken und es mitin schildern; auch wird des Lesers Phantasie, in deren
Speichen einmal die vorhergehenden Auftritte eingegriffen und die sie in
Bewegung gesetzt, leicht in die stärkste durch jede Beschreibung des letzten
Auftritts hineinzureissen sein - ausser durch die jämmerliche nicht, dass er nicht
zu beschreiben sei.
    Von mir hingegen sei man versichert, ich mache mich an alles. Ich redete es
daher schon auf der Ostermesse mit meinem Verleger ab, er sollte sich um einige
Pfund Gedankenstriche, um ein Pfund Frage- und Ausrufungszeichen mehr umtun,
damit die heftigsten Szenen zu setzen wären, weil ich dabei um meinen
apoplektischen Kopf mich so viel wie nichts bekümmern würde.
 
                                    Fussnoten
1 Ausgehöhltes Eis wird bekanntlich auf den Kopf gelegt, wenn Kopfschmerzen,
Schwindel, Tollheit darin sind.
 
                    Vierunddreissigster oder I. Advent-Sektor
                            Ottomar - Kirche - Orgel
Am andern Morgen war ein Lärm im Schloss über eine Sache, die der Doktor Fenk
um eine Woche später durch einen Brief von - Ottomar erfuhr.
    - Nie hab' ich einen Sektor oder Sonntag so traurig angefangen als heute;
mein vergehender Körper und der folgende Brief an Fenk hängen wie ein Hutflor an
mir. Ich wollt', ich verstände den Brief nicht - ach es wäre dann eine
unvergessliche Novemberstunde nie in mein Leben getreten, die, nachdem so viele
andre Stunden bei mir vorübergegangen, bei mir stehen bleibt und mich immerfort
ansieht. - Dunkle Stunde! du streckest deinen Schatten über ganze Jahre aus, du
stellest dich so vor mich, dass ich den phosphoreszierenden Nimbus der Erde
hinter dir nicht flimmern und rauchen sehen kann, die 80 menschlichen Jahre
sehen in deinem Schatten wie der Ruck des Sekundenweisers aus - ach nimm mir
nicht so viel! ... Ottomar hatte dieselbe Stunde nach seinem Begräbnis und
beschreibt sie dem Doktor so:
                                       *
»Ich bin seitdem lebendig begraben worden. Ich habe mit dem Tode geredet, und er
hat mich versichert, es gebe weiter nichts als ihn. - Als ich aus meinem Sarg
heraus war, so hat er die ganze Erde dafür hineingelegt und mein bisschen Freude
oben darauf .... Ach guter Fenk! wie bin ich verändert! Komm nur bald zurück!
Seitdem stehen vor mir alle Stunden wie leere Gräber hin, die mich oder meine
Freunde auffangen! Ich hab' es wohl gehört, wer meine Hand noch einmal am Sarge
gedrückt .... komm recht bald, Teurer!
    Weisst du nicht mehr, wie ich mich von jeher vor dem lebendigen Begräbnis
gefürchtet? Mitten im Einschlafen fuhr ich oft auf, weil mir einfiel, ich könnte
ohnmächtig und so beerdigt werden und meine aufwollenden Arme triebe dann der
Sargdeckel nieder. Auf Reisen drohte ich überall, wo ich kränklich wurde, ich
wollte ihnen, wenn sie mich innerhalb acht Tagen beisetzten, als Gespenst
erscheinen und auflasten. Diese Furcht war mein Glück: sonst hätte mich mein
Sarg getötet.
    Vor Wochen kam meine alte Krankheit wieder zu mir, das hitzige Fieber. Ich
eilte mit ihr nach meinem Ruhestatt, und mein erstes Wort zu meinem
Hausverwalter - da ich dich nicht haben konnte - war, mich sogleich, als ich
ohne Leben wäre, zu beerdigen, weil die Gewölbluft leichter erweckt, aber nichts
zuzusperren, weder Sarg noch Erbgruft - die einsame Kirche am Park steht ohnehin
offen. Auch sagt' ich ihm, meinen Spitzhund, der nicht von mir bleibt, überall
mitzulassen. Noch in der Nacht nahm das Fieber zu; aber beim Blutlassen bricht
meine Zurückerinnerung ab. Ich weiss bloss noch, dass ich das Blut mit einigem
Schauder um meinen Arm sich krümmen sah; und dass ich dachte: Das ist das
Menschenblut, das uns heilig ist, welches das Kartenhaus und das Sparrwerk
unsers Ichs ausküttet und in welchem die unsichtbaren Räder unsers Lebens und
unserer Triebe gehen. Dieses Blut sprützte nachher an alle Phantasien meiner
Fiebernächte; das eingetauchte All stieg blutrot daraus herauf, und alle
Menschen schienen mir an einem langen Ufer einen Strom zusammenzubluten, der
über die Erde hinaus in eine saufende Tiefe hinabsprang - Gedanken, hässliche
Gedanken rückten vor mir grinsend vorüber, die kein Gesunder kennt, keiner
nachschaft, keiner erträgt, und die bloss liegende Krankenseelen anbellen. Wäre
kein Schöpfer: so müsst' ich vor den verborgnen Angst-Saiten erzittern, die im
Menschen aufgezogen sind und an denen ein feindseliges Wesen reissen könnte. Aber
nein! du allgütiges Wesen! du hältst deine Hand über unsre Anlage zur Qual und
legest das Erden-Herz, worüber diese Saiten aufgewunden sind, auseinander, wenn
sie zu heftig beben! ...
    Der Kampf meiner Natur wurde endlich zu einem ohnmächtigen Schlummer, aus
dem so viele bloss erwachen, um unter der Erde zu sterben. Darin trug man mich in
die einsam stehende Kirche. Der Fürst und mein Spitz waren mit dabei; aber bloss
der erste ging wieder fort. Ich lag vielleicht die halbe Nacht, bis das Leben
durch mich zuckte. Mein erster Gedanke riss die Seele immer auseinander. Von
ungefähr trat der Hund auf mein Gesicht; plötzlich senkte sich eine Beklemmung,
wie wenn eine Riesenhand meine Brust böge, tief auf mich herein, und ein
Sargdeckel schien mir wie ein aufgehobnes Rad über mir zu stehen .... Schon die
Beschreibung schmerzt mich, weil die Möglichkeit der Wiederholung mich ängstigt
.... Ich stieg aus der sechseckigen Brutzelle des zweiten Lebens, der Tod
streckte sich vor mir weit hin mit seinen tausend Gliedern, den Köpfen und
Knochen. Ich schien mir unten im chaotischen Abgrund zu stehen, und oben weit
über mir zog die Erde mit ihren Lebendigen. Mich ekelte Leben und Tod. Auf das,
was neben mir lag, sogar auf meine Mutter sah ich starr und kalt wie das Auge
des Todes, wenn er ein Leben zerblickt. Ein rundes Eisengitter in der
Kirchenmauer schnitt aus dem ganzen Himmel nichts heraus als die schimmernde
zerbrochne Scheibe des Mondes, der als ein himmlisches Sarglicht auf den Sarg,
der die Erde heisset, herunterhing. Die öde Kirche, dieser vorige Markt des
redenden Gewimmels, stand ausgestorben und untergraben von Toten da - die langen
Kirchenfenster legten sich, vom Mond abgeschattet, über die Gitterstühle hinüber
- an der Sakristei richtete sich das schwarze Toten-Kreuz auf, das Ordenkreuz
des Todes - die Degen und Sporen der Ritter erinnerten an die zerbröckelten
Glieder, die sie und sich nicht mehr bewegten, und der Totenkranz des Säuglings
mit falschen Blumen hatte den armen Säugling hieher begleitet, dem der Tod die
Hand abgebrochen, eh' sie wahre pflücken konnte - steinerne Mönche und Ritter
machten das längst verstummte Gebet an der Mauer mit verwitternden Händen nach -
nichts Lebendiges sprach in der Kirche als der eiserne Gang des Perpendikels der
Turmuhr, und mir war, als hört' ich, wie die Zeit mit schweren Füssen über die
Welt schritt und Gräber austrat als Fussstapfen ...
    Ich setzte mich auf eine Altarstufe, um mich lag das Mondlicht mit trübenden
eilenden Wolkenschatten; mein Geist stand hoch: ich redete das Ich an, das ich
noch war: Was bist du? was sitzt hier und erinnert sich und hat Qual? - Du, ich,
etwas - wo ist denn das hin, das gefärbte Gewölk, das seit dreissig Jahren an
diesem Ich vorüberzog und das ich Kindheit, Jugend, Leben hiess? - Mein Ich zog
durch diesen bemalten Nebel hindurch - ich konnt' ihn aber nicht erfassen - weit
von mir schien er etwas Festes, an mir versickernde Dufttropfen oder sogenannte
Augenblicke - Leben heisset also von einem Augenblick (diesem Dunstkügelchen der
Zeit) in den andern tropfen .... Wenn ich nun wäre tot geblieben: so wär' also
das, was ich jetzo bin, der Zweck gewesen, weswegen ich für diese lichtervolle
Erde und sie für mich gebauet war? - Das wäre das Ende der Szenen? - und über
dem Ende hinaus? - Freude ist vielleicht dort - hier ist keine, weil eine
vergangne keine ist, und unsre Augenblicke verdünnen jede gegenwärtige in
tausend vergangne - Tugend ist eher hier; sie ist über die Zeit - Unter mir
schläft alles; aber ich werd' es auch tun, und wenn ich mir noch dreissig Jahre
weismache, dass ich lebe, dann legen sie mich doch wieder hieher - die heutige
Nacht kommt wieder - ich bleibe aber in meinem Sarg: und dann? ... Wenn ich nun
drei Augenblicke hätte, einen zur Geburt, einen zum Leben, einen zum Sterben: zu
was hätt' ich sie denn? würd' ich sagen - Alles aber, was zwischen der Zukunft
und Vergangenheit steht, ist ein Augenblick - wir haben alle nur drei. ...
Grosses Urwesen - fing ich an und wollte beten - - du hast die Ewigkeit, ... aber
unter dem Gedanken an den, der nichts als Gegenwart ist, erhält sich kein
menschlicher Geist aufrecht, sondern beugt sich an seine Erde wieder, - O ihr
abgeschiedenen Lieben, dacht' ich, ihr wäret mir nicht zu gross, erscheinet mir,
hebt das Gefühl der Nichtigkeit von meinem Herzen ab und zeigt mir die ewige
Brust, die ich lieben, die mich wärmen kann. Von ungefähr sah ich meinen armen
Hund, der mich anschauete; und dieser rührte mich mit seinem noch kürzern, noch
dumpfern Leben so, dass ich bis zu Tränen weich wurde und mich nach etwas sehnte,
womit ich sie vermehrte und stillte.
    Das war die Orgel über mir. Ich ging zu ihr wie zu einer löschenden Quelle
hinauf. Und als ich mit ihren grossen Tönen die nächtliche Kirche und die tauben
Toten erschütterte und als der alte Staub um mich flog, der auf ihren stummen
Lippen bisher gelegen war: so zogen alle vergängliche Menschen, die ich geliebt
hatte, nebst ihren vergänglichen Szenen vorüber, du kamest und Mailand und das
stille Land; ich erzählte ihnen mit Orgeltönen, was zu einer blossen Erzählung
geworden war, ich liebte sie alle im Fluge des Lebens noch einmal und wollte vor
Liebe an ihnen sterben und in ihre Hand meine Seele drücken - aber nur
Holztasten waren unter meiner drückenden Hand. - Ich schlug immer wenigere Töne
an, die um mich wie ein ziehender Strudel gingen - endlich legt' ich das
Choralbuch auf einen tiefen Ton und zog die Bälge in einem fort, um nicht den
stummen Zwischenraum zwischen den Tönen auszustehen - ein summender Ton strömte
fort, wie wenn er hinter den Flügeln der Zeit nachginge, er trug alle meine
Erinnerungen und Hoffnungen und in seinen Wellen schwamm mein schlagendes Herz
.... Von jeher machte ein fortbebender Ton mich traurig.
    Ich verliess meine Auferstehungstätte und sah nach der weissen Pyramide des
Eremitenberges, wo nichts auferstand und wo das Leben fester schlief; die
Pyramide stand in Mondschimmer getaucht, und mit mir wandelte ein langer
Wolkenschatten. Blätter und Bäume krümmte der Herbst; über die stachlichten
Wiesenstoppeln wiegte sich die Blume nicht mehr, die im Maule des Viehs verging;
die Schnecke sargte sich in ihr Haus und Bett mit Geifer ein; und als am Morgen
sich die Erde mit vollgebluteten fleckigen Wolken gegen die matte Sonne drehte:
so fühlt' ich, dass ich meine vorige frohe Erde nicht mehr hatte, sondern dass ich
sie auf immer in der Gruft gelassen, und die Menschen, die ich wiederfand,
schienen mir Leichname, die der Tod hergeliehen und die das Leben aufrichtet und
schiebt, um mit diesen Figuren zu agieren in Europa, Asia, Afrika und Amerika
....
    So denk' ich noch. Ich werde auch zeitlebens den Trauer-Eindruck von dieser
Gewissheit herumtragen, dass ich sterben muss. Denn das weiss ich erst seit acht
Tagen; ob ich mir gleich vorher recht viel auf meine Empfindsamkeit an
Sterbebetten, an Teatern und Leichenkanzeln einbildete. Das Kind begreift
keinen Tod, jede Minute seines spielenden Daseins stellet sich mit ihrem
Flimmern vor sein kleines Grab. Geschäft- und Freuden-Menschen begreifen ihn
ebensowenig, und es ist unbegreiflich, mit welcher Kälte tausend Menschen sagen
können: das Leben ist kurz. Es ist unbegreiflich, dass man dem betäubten Haufen,
dessen Reden artikuliertes Schnarchen ist, das dicke Augenlid nicht aufziehen
kann, wenn man von ihm verlangt: sieh doch durch deine paar Lebenjahre hindurch
bis ans Bett, worin du erliegst - sieh dich mit der hängenden plumpen
Toten-Hand, mit dem bergigen Kranken-Gesicht, mit dem weissen Marmor-Auge, höre
in deine jetzige Stunde die zankenden Phantasien der letzten Nacht herüber -
diese grosse Nacht, die immer auf dich zuschreitet und die in jeder Stunde eine
Stunde zurücklegt und dich Ephemere, du magst dich nun im Strahl der Abendsonne
oder in dem der Abend-Dämmerung herumschwingen, gewiss niederschlägt. Aber die
beiden Ewigkeiten türmen sich auf beiden Seiten unsrer Erde in die Höhe, und wir
kriechen und graben in unserem tiefen Hohlweg fort, dumm, blind, taub, käuend,
zappelnd, ohne einen grössern Gang zu sehen, als den wir mit Käferköpfen in
unsern Kot ackern.
    Aber seitdem ists auch mit meinen Planen ein Ende: man kann hienieden nichts
vollenden. Das Leben ist mir so wenig, dass es fast das Kleinste ist, was ich für
ein Vaterland hingeben kann; ich treffe und steige bloss mit einem grössern oder
kleinern Gefolge von Jahren in den Gottesacker ein. Mit der Freude ists aber
auch vorbei; meine starre Hand, die einmal den Tod wie einen Zitteraal berührt
hat, reibet den bunten Schmetterlingstaub zu leicht von ihren vier Flügeln, und
ich lasse sie bloss um mich flattern, ohne sie zu greifen. Bloss Unglück und
Arbeit sind undurchsichtig genug, dass sie die Zukunft verbauen; und ihr sollt
mir willkommen in meinem Hause sein, zumal wenn ihr aus einem andern ausziehet,
wo der Mieterr die Freude lieber hineinhat. - O euch, ihr armen bleichen, aus
Erdfarben gemachten Bilder, ihr Menschen, lieb' und duld' ich nun doppelt; denn
wer anders als die Liebe zieht uns durch das Gefühl der Unvergänglichkeit wieder
aus der Todesasche heraus? Wer sollt' euch euere zwei Dezembertage, die ihr 80
Jahre nennt, noch kälter und kürzer machen? Ach wir sind nur zitternde Schatten!
Und doch will ein Schatten den andern zerreissen? -
    Jetzo begreif' ich, warum ein Mensch, ein König in seinen alten Tagen ins
Kloster geht: was will er an einem Hofe oder auf einer Börse machen, wenn die
Sinnenwelt vor ihm zurückweicht und alles aussieht wie ein ausgespannter grosser
Flor, indes bloss die höhere zweite Welt mit ihren Strahlen in dieses Schwarz
hereinhängt? So leget der Himmel, wenn man ihn auf hohen Bergen besieht, sein
Blau ab und wird schwarz, weil jenes nicht seine, sondern unsrer Atmosphäre
Farbe ist; aber die Sonne ist dann wie ein brennendes Siegel des Lebens in diese
Nacht gedrückt und flammt fort ....
    Ich schauete gerade zum Sternenhimmel auf; aber er erhellet meine Seele
nicht mehr wie sonst: seine Sonnen und Erden verwittern ja ebenso wie die,
worein ich zerfalle. Ob eine Minute den Maden-Zahn, oder ein Jahrtausend den
Haifisch-Zahn an eine Welt setze: das ist einerlei, zermalmt wird sie doch.
Nicht bloss diese Erde ist eitel, sondern alles, das neben ihr durch den Himmel
flieht und das sich nur in der Grösse von ihr trennt. Und du holde Sonne selber,
die du wie eine Mutter, wenn das Kind gute Nacht nimmt, uns so zärtlich
ansiehest, wenn uns die Erde wegträgt und den Vorhang der Nacht um unsre Betten
zieht, auch du fällest einmal in deine Nacht und in dein Bette und brauchst eine
Sonne, um Strahlen zu haben! -
    Es ist also sonderbar, dass man höhere Sterne oder gar die Planeten und ihre
Tochterländer zu Blumenkübeln macht, in die uns der Tod steckt, wie etwa der
Amerikaner nach dem Tode nach Europa zu fahren hofft. Die Europäer würden seinen
Wahn erwidern und Amerika für die Walhalla der Abgeschiednen halten, wenn nur
unsre zweite Halbkugel statt 1000 Meilen etwa 60000, wie die bekannte des
Mondes, entfernt von uns hinge. O mein Geist begehrt etwas anders als eine
aufgewärmte, neu aufgelegte Erde, eine andre Sättigung, als auf irgendeinem Kot-
oder Feuer-Klumpen des Himmels wächset, ein längeres Leben, als ein
zerbröckelnder Wandelstern trägt; aber ich begreife nichts davon ....
    Komm nur recht bald zu meinem Kopfe, dem du die eine Locke genommen: solange
ich lebe, soll die Seite, an der du den Lockenraub begangen, zum Andenken, was
ich war und werde, ohne Zierde bleiben. etc.
                                                                       Ottomar.«
                                       *
Dichtende Genies sind in der Jugend die Renegaten und Verfolger des Geschmacks,
später aber Proselyten und Apostel desselben, und den verzerrenden,
mikroskopischen und makroskopischen Hohlspiegel schleift das Alter zu einem
ebnen ab, der die Natur bloss verdoppelt, indem er sie malt. So werden die
handelnden und empfindenden Genies aus Feinden der Grundsätze und aus Stürmern
der Tugend grössere Freunde von beiden, als fehlerlosere Menschen niemals werden.
Ottomar wird einmal die übertreffen, die ihn jetzo tadeln können. Übrigens werd'
ich ihn im Verfolge dieser Viel-Lebensbeschreibung nicht schelmisch behandeln,
sondern ehrlich, ob ers gleich nicht hofft; denn vor seiner Reise, wo ich
einigemal in den heissen Brennpunkt seiner Fehler geriet, zerfielen wir ein wenig
miteinander: - seitdem glaubt er, ich hass' ihn von Herzen; allein ich glaube,
ich lieb' ihn von Herzen, hab' aber, wie hundert andre, eine besondre Freude an
meiner verheimlichten leidenden Liebe.
 
                     Fünfunddreissigster oder Andreas-Sektor
      Tage der Liebe - Oefels Liebe - Ottomars Schloss und die Wachsfiguren
Ich tunke heute schon wieder in mein biographisches Tintenfass, weil ich nunmehr
mit meinem Gebäude bald an die Gegenwart stosse - am heiligen Weihnachtfeste
hoff' ich nach zu sein -; ferner weil heute Andreastag ist und weil mein
Hausherr unter dem Geschrei seiner Kinder einen Birkenbaum in die Stube und in
einen alten Topf eingestellt hat, damit er zu Weihnachten die silbernen Früchte
trage, die man ihm anbindet. Über so etwas vergess' ich Gerichttage und Termine.
    Gustav wachte am Morgen nach der Liebeerklärung, nicht aus seinem Schlafe -
denn darein konnte nach diesem Königschuss im Menschenleben nur ein menschlicher
Dachs oder eine Dächsin fallen -, sondern aus seinem brausenden Freuden-
Ohrenklingen auf. Entzückungen zogen im Ringeltanz um sein inneres Auge, und
sein Bewusstsein langte kaum zu seinem Geniessen zu; welcher Morgen! In einem
solchen Brautschmuck trat die Erde nie vor ihn. Es gefiel ihm alles, sogar
Oefel, sogar das Oefelsche Prahlen mit Beatens Liebe. Das Schicksal hatte heute
- den Verlust seiner Liebe ausgenommen - keine giftige Spitze, keinen eiternden
Splitter, den er nicht gleichgültig in seine von der ganzen Seligkeit bewohnte
und gespannte Brust eingelassen hätte. So ersetzt oft die höchste Wärme die
höchste Kälte oder Apatie; und unter der Täucherglocke einer heftigen Idee -
sei es eine fixe oder eine leidenschaftliche oder eine wissenschaftliche -
stecken wir beschirmt vor dem ganzen äussern Ozean.
    Beaten gings ebenso. Diese sanfte fortvibrierende Freude war ein zweites
Herz, das ihre Adern füllte, ihre Nerven beseelte und ihre Wangen übermalte.
Denn die Liebe steht - indes andre Leidenschaften nur wie Erdstösse, wie Blitze
an uns fahren - wie ein stiller durchsichtiger Nachsommertag mit ihrem ganzen
Himmel in der Seele unverrückt. Sie gibt uns einen Vorschmack von der Seligkeit
des Dichters, dessen Brust ein fortblühendes, tönendes, schimmerndes Paradies
umfängt und der hineinsteigen kann, indes sein äusserer Körper das Eden und sich
über polnischen Kot, holländischen Sumpf und siberische Steppen trägt. -
    O ihr Wollüstlinge in Residenzstädten! wo reicht euch die Gegenwart nur eine
solche Minute, als hier die Vergangenheit meinem Paare ganze Tage vorsetzt;
euch, deren harte Herzen vom höchsten Feuer der Liebe, wie der Demant vom
Brennspiegel, nur verflüchtigt, aber nicht geschmolzen werden?
    Aber wie Abendrot am Himmel so umherfliesset, dass es die Wolken des
Morgenrots besäumt: so war auf Beatens Wangen neben dem Rot der Freude auch das
der Schamhaftigkeit - wiewohl nicht länger, als bis des Geliebten Gestalt, wie
ein Engel, durch ihren Himmel flog. - Beide sehnten sich, einander zu sehen;
beide fürchteten sich, von der Residentin gesehen zu werden; die Entdeckung und
noch mehr die Beurteilung ihrer Empfindungen hätten sie gern gemieden. Es gibt
einen gewissen stechenden Blick, der weiche Empfindungen (wie der Sonnenblick
das Alpen-Tierchen Sure) zersetzt und umbringt; die schönste Liebe schlägt ihre
Blumenblätter zusammen vor dem Gegenstande selber; wie sollte sie den sengenden
Hofblick ausdauern?
    Mit Einsicht ergreift hier der Lebensbeschreiber diese Gelegenheit, die Ehen
der Grossen mit zwei Worten zu loben; denn er kann sie mit den unschuldigen
Blumen vergleichen. Wie Florens bunte Kinder bedecken Grosse ihre Liebe mit
nichts - wie sie gatten sie sich, ohne sich zu kennen oder zu lieben - wie
Blumen sorgen sie für ihre Kinder nicht - sondern brüten ihre Nachkommen mit der
Teilnahme aus, womit es ein Brütofen in Ägypten tut. Ihre Liebe ist sogar eine
dem Fenster angefrorne Blume, die in der Wärme zerrinnt. Unter allen chymischen
und physiologischen Vereinigungen hat also bloss eine unter Grossen das Gute, dass
die Personen, die miteinander aufbrausen und Ringe wechseln, eine entsetzliche
Kälte verbreiten: so findet man die nämliche Merkwürdigkeit und Kälte bloss bei
der Vereinigung des mineralischen Laugensalzes und der Salpetersäure, und Herr
de Morveau sagt aus Einfalt, es fall' auf. - -
    Da Beata sich so sehr sehnte, ihren und meinen Helden zu sehen: so - ging
sie, um ihren Wunsch zu verfehlen, einige Tage nach Maussenbach zu ihrer Mutter.
Ich will ihr Schirmvogt sein und für sie reden. Sie tat es, weil sie ihm niemals
anders aufstossen wollte als von ungefähr; bei der Residentin aber wärs' allemal
mit Absicht gewesen. Sie tat es, weil sie sich gern selber kränkte und wie
Sokrates den Becher der Freude erst weggoss, eh' sie ihn ansetzte. Sie tat es,
weswegen es selten eine täte - um ihrer Mutter um den Hals zu fallen und ihr
alles zu sagen. Endlich tat sie es auch, um zu Hause das Porträt Gustavs, das
der Alte versteigert hatte, aufzusuchen.
    Ich erfuhr alles schon am Tage ihrer Rückreise, da ich in Maussenbach als
eine ganze adlige Rota anlangte, um eine arme Wirtin weniger zu bestrafen als zu
befragen, weil sie - wie man in der Pariser Oper für wichtige Rollen die Spieler
doppelt und dreifach in Bereitschaft hält - die erhebliche Rolle ihres Ehemannes
anstatt mit einem Double sogar mit zwölf Leuten aus der Gegend vorsichtig
besetzt hatte, damit fortgespielet würde, sooft er selber nicht da wäre. Und
hier war es, wo ich abnehmen konnte, wie wenig mein Herr Gerichtprinzipal zum
Ehebruch geneigt sei, sondern vielmehr zur Tugend; er war ordentlich froh, dass
das ganze Flöz von eingepfarrten Ehebrechern gerade vor seinem Ufer vorbeikam
und dass er das Werkzeug wurde, womit die Gerechtigkeit diese geheime
Gesellschaft heimsuchte und auswichste. Daher suchte er in der Wirtin wie in
Jöchers Gelehrten-Lexikon mit Lust nach den Namen wichtiger Autoren, und sie war
seinem tugendhaften Ohr ein Homer, der die verwundeten Helden sämtlich bei Namen
absingt; daher schenkte er ihr aus Mitleiden, weil sie gar nichts hatte, seine
Geldstrafe ganz; aber die ehebrechende Union und Truppe wurde unter die
Stampfmühle und in die Kelter gebracht, oder ihr Saugwerke und Pumpenstiefel
angelegt. -
    Also in Maussenbach beim Auspressen des ehebrechenden Personale erzählte mir
die Gerichtprinzipalin, was ihr die Tochter erzählet - um mich zu bitten, dass
ich als voriger Mentor des Liebhabers das Paar auseinanderlenken sollte, weil
ihr Mann die Liebe nicht litte. Ich konnte ihr nicht sagen, dass ich über der
Biographie vom Paare und ihrer eignen wäre und dass die Liebe das Heftpflaster
und der Tischlerleim sei, der die ganze Lebensbeschreibung und das Paar
verkittete, und ohne welchen mein ganzes Buch in Stücken zerfiele, dass ich also
die Jenaer Rezensenten beleidigen würde, wenn ich ihm seine Liebe nehmen wollte.
- Aber so viel konnt' ich ihr wohl sagen, es sei unmöglich, denn die Liebe eines
solchen Paars sei feuerfest und wasserdicht. Ich kam ihr mit meinem Gefühl ein
wenig einfältig vor; denn sie dachte an ihre eigne Erfahrung. Ich fügte
verschlagnerweise hinzu: »das Falkenbergische Haus hebe sich seit einigen Jahren
und tue hübsche Kapitalien aus.« Sie antwortete mir bloss darauf: »zum Glück
erfahr' es ihr Mann nie« (denn eine Menge Geheimnisse sagte sie allen Menschen,
aber nicht ihrem Manne) - »denn der habe ihrer Beata schon eine ganz andre
Partie zugedacht.« Mehr konnt' ich nicht erforschen.
    - Aber eine hübsche Suppe wird da für den Helden nicht bloss, sondern auch
für den Lebensbeschreiber eingebrockt; denn letzter hat am Ende doch das meiste
wegen der Schilderung heftiger Auftritte auszubaden und muss oft an solchen
Sturm-Sektoren ganze Wochen verhusten. Ich wills dem Leser nur aufrichtig
vorausgestehen: ein solcher Schwaden und Sturmwind ist schon am vorigen Freitag
über das neue Schloss gesauset und am Sonnabend durch Auental und meine Stube
gefahren, wo Gustav zerstöret zu mir kam und bei mir Nachricht einzog, ob die
Rittmeisterin von Falkenberg, die mit ihrer Mitteltinten-Katze meinen ersten
Sektor einnimmt und die bekanntlich Gustavs Mutter ist, ob die - sie wirklich
sei .... Inzwischen wird doch mutig fortgeschritten; denn ich weiss auch, dass,
wenn ich mein biographisches Eskurial und Louvre ausgebauet und endlich auf dem
Dache mit der Baurede sitze, ich etwas in die Bücherschränke geliefert habe,
dergleichen die Welt nicht oft habhaft wird und was freilich vorübergehende
Rezensenten reizen muss, zu sagen: »Tag und Nacht, Sommer und Winter, auch an
Werkeltagen sollte ein solcher Mann schreiben; wer kann aber wissen, obs keine
Dame ist?«
    Nun fället also auf allen nächsten Blättern das Wetterglas von einem Grad
zum andern, eh' der gedrohte Sturmwind emporfährt. Wie Gustav die abwesende
Beata liebte, errät jeder, der empfunden hat, wie die Liebe nie zärtlicher, nie
uneigennütziger ist, als während der Abwesenheit des Gegenstandes. Täglich ging
er zum Grabe des Freundes wie zum heiligen Grabe, an den Geburtort seines
Glücks, mit einem seligen Beben aller Fibern; täglich tat ers um eine halbe
Stunde später, weil der Mond, das einzige offne Auge bei seiner
Seelen-Vermählung, täglich um eine halbe später kam. Der Mond war und wird ewig
die Sonne der Liebenden sein, dieser sanfte Dekorationmaler ihrer Szenen: er
schwellet ihre Empfindungen wie die Meere an und hebt auch in ihren Augen eine
Flut. - Herr von Oefel warf den Blick des Beobachters auf Gustav und sagte: »Die
Residentin hat aus Ihnen gemacht, was ich aus dem Fräulein von Röper.« Hier
rechnete er meinem Helden die ganze Patognomik der Liebe vor, das Trauern,
Schweigen, Zerstreuetsein, das er an Beaten wahrgenommen und woraus er folgerte,
ihr Herz sei nicht mehr leer - er sitze drin, merk' er. Mit Oefeln mochte eine
umgehen, wie sie wollte, so schloss er doch, sie lieb' ihn sterblich. - Gab sie
sich scherzend, erlaubend, zutraulich mit ihm ab, so sagte er ohnehin: »Es ist
nichts gewisser, aber sie sollte mehr an sich halten«; - bediente sie sich des
andern Extrems, würdigte sie ihn keines Blicks, keines Befehls, höchstens ihres
Spottes und versagte sie ihm sogar Kleinigkeiten, so schwor er. »unter 100 Mann
woll' er den herausziehen, den eine liebe: es sei der, den sie allein nicht
ansehe.« - Schlug eine die Mittelstrasse der Gleichgültigkeit ein, so bemerkter:
»die Weiber wüssten sich so gut zu verstellen, dass sie nur der Satan oder die
Liebe erraten könnte.« Es war ihm unmöglich, so viele Weiber, die in die Rotunda
seines Herzens wollten, darin unterzubringen; daher steckt' er den Überschuss
sozusagen in den Herzbeutel, worin das Herz auch hängt, wie in einen Verschlag
hinein - mit andern Worten, er verlegte den Schauplatz der Liebe vom Herzen aufs
Papier und erfand eine dem Brief- und Papier-Adel ähnliche Brief-und
Papier-Liebe. Ich habe viele solche chiromantische Temperamentblätter von ihm in
Händen gehabt, wo er wie Schmetterlinge bloss auf - poetischen Blumen Liebe
treibt - ganze Rotuln von solchen Madrigalen und anakreontischen Gedichten an
Damen, welche (die Madrigale, nicht die Damen) sowohl die Süssigkeit als die
Kälte der Geleen haben. So ist der Herr von Oefel und fast die ganze
belletristische Kompagnie.
    Da man nur vor Leuten, vor denen man nicht rot wird, sich selber lobt, vor
gemeinen, vor Bedienten, vor Weib und Kindern; und da ers gegen Gustav im Punkte
der Liebe tat: so war seine Eitelkeit einer lauteren Rache wert, als Gustav an
ihm nahm; dieser malte sich bloss im stillen vor, wie glücklich er sei, dass er,
indes andre sich täuschten oder sich bestrebten, das Herz seiner Geliebten zu
haben, zu sich zuversichtlich sagen könne: »Sie hat dirs geschenkt.« Aber diese
aussergerichtliche Schenkung dem Nebenbuhler und Botschafter zu notifizieren,
oder überhaupt jemanden, das verbot ihm nicht bloss seine Lage, sondern auch sein
Charakter; nicht einmal mir eröffnete er sie eher, als bis er mir ganz andre
Dinge zu eröffnen und zu verbergen hatte. - Ich weiss recht gut, dass diese
Diskretion ein Fehler ist, dem neuere Romane nicht ungeschickt entgegenarbeiten;
hat darin ein Romanheld oder Romanschreiber ein Herz bei einer Romanheldin
erstanden (und das gibt sie so leicht her, als säss' es vorn wie ein Kropf
daran): so zwingt der Held oder Schreiber (die meistens einer sind) die Heldin,
das Herz heraus- und hineinzutun wie der Stockfisch seinen Magen - ja der Held
holet selber das Herz aus der verhüllenden Brust und weiset den eroberten Globus
über zwanzig Personen, wie der Operateur ein geschnittenes Gewächs - handhabt
den Ball wie eine Lorenzodose - führt ihn ab wie einen Stockknopf und versteckt
das fremde Herz so wenig wie das eigne. Ich gesteh' es, dass die Züge solcher
Göttinnen von den Schreibern aus keinen schlechtern Modellen zusammengetragen
sein können, als die waren, wornach die griechischen Künstler ihre Göttinnen
oder die römischen Maler ihre Madonnen zusammenschufen, und man müsste wenig
Weltkenntnis haben, wenn man nicht sähe, dass die Fürstinnen, Herzoginnen etc. in
unsern Romanen sicher nicht so gut getroffen wären, wenn nicht dem Autor an
ihrer Stelle Stuben- und noch andere Mädchen gesessen hätten; und so, indem sich
der Verfasser zum Herzog und sein Mädchen zur Fürstin machte, war der Roman
fertig und seine Liebe verewigt, wie die der Spinnen, die man gleichfalls in
Bernstein gepaaret und verewigt antrifft. Ich sage dies alles, nicht um meinen
Gustav zu rechtfertigen, sondern nur zu entschuldigen; denn diese Romanschreiber
sollten doch auch bedenken, dass die angenehme Sittenroheit, deren Mangel ich an
ihm vergeblich zu bedecken suche, auch bei ihnen fehlen würde, wenn sie so wie
er mehr durch Erziehung, Umgang, zu feines Ehrgefühl und Lektüre (z.B.
Richardsons) wären verdorben worden.
    Ich schäme mich, dass Gustav eine solche Ignoranz in der Liebe hatte, dass er
in einigen der besten Romanen nachsehen wollte, ob er jetzt einen Liebebrief an
Beata zu schreiben habe - ja dass ihre Abwesenheit ihn in Sorgen wegen ihrer
Gesinnung und in Verlegenheit über sein Betragen setzte. Aber die Stärke der
Gefühle macht so gut die Zunge arm und schwer als der Mangel derselben. Zum
Glück hüpfte ihm oft die kleine Laura - nicht im Park (denn nichts macht mehr
Dinten- und Kaffeekleckse auf eine schöne Haut als die schöne Natur), sondern
unter vier Mauern - entgegen, und die Schülerin ersetzte die Lehrerin.
    Aber eine auferstandene höhere Gestalt betrat jetzo das Land seiner Liebe.
Ottomar, von dessen beidlebigem Körper - als Amphibium zweier Welten - bisher so
viel Redens in Vorzimmern gewesen, trat damit selber im Zimmer der Residentin
auf. Sein erstes Wort zu dieser war: »sie mög' ihm verzeihen, dass er nicht eher
in ihrem Vorzimmer erschienen - er wäre beerdigt worden und hätte nicht eher
gekonnt. Aber er sei der erste, der nach dem Tode so bald ins Elysium« (hier sah
er schmeichelhaft an den Landschaftstücken der Tapeten herum) »und zu den
Göttern käme.« Das war bloss satirische Bosheit. Bekanntlich ists schon ein
bewährter Paragraph in der Ästetik aller Elegants, dass sie - und ist mein
Bruder in Lyon anders? - den Schmeicheleien, die sie den Weibern sagen müssen,
den Ton und die Miene der Aufrichtigkeit völlig zu benehmen haben, womit die
antiken Stutzer sonst ihre Fleuretten versahn. In diese Spott-Schmeicheleien
kleidete er seinen Unmut über Weiber und Höfe. Die Weiber brachten ihn auf, weil
sie - wie er glaubte - in der Liebe nichts suchten als die Liebe1, indes der
Mann damit noch höhere, religiöse, ehrgeizige Empfindungen zu verschmelzen wisse
- weil ihre Regungen nur Eilboten und jede weibliche Hitze nur eine fliegende
wäre und weil sie, wenn Christus selber vor ihnen dozierte, mitten aus den
grössten Rührungen auf seine Weste und seine Strümpfe gucken würden. Die Höfe
erzürnten ihn durch ihre Gefühllosigkeit, durch seinen Bruder, durch den
Volkdruck, dessen Anblick ihn mit unüberwindlichen Schmerzen erfüllte. Daher war
seine Reisebeschreibung anderer Länder eine Satire seines eignen, und wie die
französischen Schriftsteller unter den Sultanen und Bonzen des Orients einige
Zeit die des Okzidents abmalten und abstraften: so war in seinen Erzählungen der
Süden der Lehnträger und Pasquino des Nordens. Die sanfte Menschen-Duldung, die
er sich in seinem letzten Briefe vorgesetzt, hielt er nicht länger, als bis er
ihn gestippt und gesiegelt hatte - oder solang' er spazieren ging - oder während
der sanften Nerven-Herabschraubung nach einem Weinrausch. Auch war ihm wenig
daran gelegen, von denen geachtet zu werden, die er selber nicht achtete; mitten
unter grossen philosophischen, republikanischen Ideen oder Idealen wurden ihm die
Kleinigkeiten der Gegenwart unsichtbar und verächtlich, jetzt zumal, wo die
künftige Welt oder die künftigen Welten die dünne verfinsterte, auf der er nach
jenen hinsah, wie man durch das geschwärzte Sehrohr keinen Gegenstand erblickt
als die Sonne. So brachte er z.B. fünf groteske Minuten bei der Residentin damit
zu, dass er - da den eigentlichen Körper der Seele nur Gehirn und Rückenmark und
Nerven ausmachen - den vernünftigsten Hofdamen und den schönsten Hofherrn die
Haut abschund in Gedanken, ihnen ferner die Knochen herauszog und das wenige
Fleisch und Gedärm, was sie umlag, wegdachte, bis nichts mehr auf der Ottomane
sass als ein Mark-Schwanz mit einem Gehirn-Knauf oben dran. Darauf liess er diese
umgekehrten Klöppel oder aufgerichteten Schwänze gegeneinander anlaufen und
agieren und Fleuretten sagen und lachte innerlich über die gescheitesten Leute
von Geburt, die er selber skalpiert und abgeschuppet hatte. Das nennen viele das
philosophische Pasquill.
    Aus dem neuen Schloss eilt' er ins alte zu Gustav, der ihn zu fliehen schien.
Aber auf welche Art er mit Gustav schon längst bekannt geworden, wie er ihm den
ersten Brief geben können, warum er wie Gustav (noch jetzt) sich an einen
unbekannten Ort regelmässig verfügte, warum er von ihm geflohen wurde, und was
sie miteinander im alten Schloss für ein dreistündiges Gespräch gehalten, das
sich mit der wärmsten Liebe in beiden Herzen schloss - darüber deckt sich noch
ein langer Schleier, den meine Mutmassungen nicht aufheben können; denn ich habe
allerdings verschiedene, aber sie klingen so ausserordentlich, dass ichs nicht
wage, sie dem Publikum eher vorzulegen, als bis ich sie besser rechtfertigen
kann. Jede Ader, jeder Gedanke und Herz und Auge wurden in Gustav weiter und
vergrösserten sich für eine neue Welt, da er mit dem genialen Menschen sprach. O
was sind die Stunden der seelenverwandtesten Lektüre, selbst die Stunden der
einsamen Emporhebung, gegen eine Stunde, wo eine grosse Seele lebendig auf dich
wirkt und durch ihre Gegenwart deine Seele und deine Ideale verdoppelt und deine
Gedanken verkörpert? -
    Gustav nahm sich vor, sich aus dem Schloss zu Ottomar zu begeben, um es zu
vergessen, wer noch weiter darin fehle. Es war ein stummer ausgewölkter Abend,
ein Schatte nicht des schon weit weggezognen Sommers, sondern des Nachsommers,
als Gustav aufbrach, nachdem er vergeblich auf die Rückkehr und Gesellschaft des
Doktors gewartet hatte. In der leeren Luft, durch die keine gefiederte Töne,
keine klopfende Herzen mehr flogen, zeigte sich nichts Lebendiges als die ewige
Sonne, die kein Erdenherbst bleicht und fället und die ewig offen unsern Erdball
immerfort ansieht, indes unter ihr tausend Augen sich öffnen und tausend sich
schliessen. An einem solchen Abend springt der Verband von alten Wunden auf, die
wir in uns tragen. Gustav kam still im Dorfe an; am Eingange des Gartens, der
das Ottomarsche Schloss halb umlief, stand ein Knabe, der die erhabene Melodie
eines erhabenen Lieds2 auf einer Drehorgel dem Gehör eines Kanarienvogels
vordrehte, der sie singen lernen sollte. »Ich krieg' schon viel, wenn ers
pfeifen kann«, sagte der winzige Organist. An einen Baum gelehnt stand Ottomar
der weiten Abendröte und diesen Abendtönen gegenüber; die Sonne ausser ihm ging,
hinter einer bleifarbenen grossen Wolke in ihm, unter. Gustav musste, eh' er ihn
erreichte, vor einer dichten Nische und einem alten Gärtner darin vorbei, an
welchem ihn zweierlei wunderte, dass er ihm erstlich mit keinem Worte für seinen
Gutenabend dankte, und zweitens, dass so ein alter vernünftiger Mann ein
Kindergärtchen auf dem Schosse hatte und besah. Durch die Laube nahm er an einer
Sonnenuhr eine Erhöhung wie ein Kindergrab und einen Regenbogen von Blumen wahr,
der es umblühte und überlaubte; auf der Erhöhung lagen die Kleider eines Kindes
so geordnet, als wär' etwas darin und hätte sie an. Ottomar empfing ihn mit
einer Sanfteit, die man nur in heftigen Charakteren in so unwiderstehlichem
Grade findet, und sagte mit leiser Stimme: »er feiere den Todestag aller
Jahrszeiten, und heute wäre des Nachsommers seiner.« Sie kamen, indem sie ins
Schloss gingen, vor dem Gärtner vorbei, und er nahm den Hut nicht ab - ferner vor
dem leeren Kleid auf dem Grab, und es lag noch unter den Blumen, und vor dem
Klavieristen, der noch das Lied spielte: »Jüngling, den Bach der Zeit etc.« Da
wir das Feierliche nur in Büchern, selten im Leben finden: so wirkt es im
letzten nachher desto stärker.
    Man muss noch merken, dass in Ottomar der Ausdruck der stärksten Gefühle durch
eine gewisse Sanfteit, womit sein Weltumgang und sein Alter sie brach,
unwiderstehlich in den stillen Strudel zog. Er öffnete - Kinder waren die
Lakaien - ein Zimmer des dritten Stockwerks. Die Hauptsache waren nicht darin
die Gemälde mit schwarzen Gründen und weissen Särgen, oder die Worte über den
Särgen: »Darin ist mein Vater, darin meine Mutter, darin meine Frühlinge«, -
auch der sehr grosse gemalte Sarg nicht, worüber stand: »Darin liegen sechs
Jahrtausende mit allen ihren Menschen.« - Sondern das Wichtigste war das
Ungemalte, wovor sich Gustav tief bückte: eine schöne Frau, die sich zu einem
unserm Gustav fast ähnlichen Kinde herabneigte, weil es ihr etwas leise sagen
wollte; ferner bückt' er sich vor einem alten Offizier in Uniform, der eine
zerrissene Landkarte, und vor einem schönen jungen Italiener, der ein fliegendes
Stammbuch hielt. Das Kind hatte einen Vergissmeinnicht-Strauss auf der Brust, die
Frau und die zwei Männer hatten einen schwarzen Strauss. Aber was noch mehr ihn
überraschte, war der Doktor Fenk am Fenster, mit einer Rose an der Brust. - -
    Gustav eilte ihm zu; aber Ottomar hielt ihn. »Es ist alles von Wachs«, sagt'
er, nicht mit einem kalten, gegen das Schicksal erbitterten Ton, sondern mit
einem ergebenen. »Alles, was mir in meinem Leben Liebe und Freude gab, steht und
bleibt in diesem Zimmer - wer gestorben ist, dem gab ich schwarze Blumen - bei
meinem verlornen Kinde weiss ichs noch nicht, und seine Kleider liegen draussen im
Garten .... O wem Gott Ruhe in den Busen schickt, dass sie das nackte Herz
umwickele und seine Zuckungen besänftige, dem ist so wohl wie denen, die er
betrauert - er tut sanft und fest sein Auge auf, wenn ihm das Schicksal holde
Gestalten zuschickt, und wenn sie wieder gehen und grässliche heranfahren, so
schliesst ers ruhig wieder zu.« - -
    O Ottomar! das kannst du nicht, bevor deine wogenden Kräfte am Alter sich
gebrochen haben! Mach immer dein Herz drei Tage lang für die Ruhe weit; am
vierten zieht es der Krampf der Freude oder des Schmerzens zusammen und drückt
sie tot!
    Manche Menschen können ohne Schauder keine Wachsfiguren sehen: Gustav
gehörte darunter; er nahm Ottomars Hand, um sich gleichsam ans Leben zu klammern
gegen so viel Spiele und Nachäffungen des Todes .... Plötzlich lärmt etwas durch
das stille Schloss ... die Treppen herauf, ins Zimmer hinein ... an Ottomars Hals
hinan .... Fenk wars, der ihn hier nach der Auferstehung von Toten zum ersten
Male umfing und dem unter der engen Umarmung keine Entfernung von dem, zwischen
welchem und ihm sich Länder und Jahre und Tod gelegt hatten, klein genug zu sein
vermochte. Gustav, noch an der Hand Ottomars, wurde in den Bund der Liebe mit
hineingeschlungen, und wäre der Tod selber vorbeigegangen, er hätte seine kalte
Sichel nicht durch drei eng, sprachlos und warm verknüpfte Herzen gedrängt. -
»Rede, Ottomar,« sagte der Doktor, »das letztemal warst du stumm.« - - Ottomars
Ruhe war nun zergangen: »Auch die (die Wachsfiguren) reden ewig nimmer« (sagt'
er mit zerdrückter Stimme) - »sie sind nicht einmal bei uns - wir selber sind
nicht beisammen - Fleisch- und Bein-Gitter stehen zwischen den Menschen-Seelen,
und doch kann der Mensch wähnen, es gebe auf der Erde eine Umarmung, da nur
Gitter zusammenstossen und hinter ihnen die eine Seele die andre nur denkt?«
    Alle wurden still - die Abendglocke sprach über das schweigende Dorf hinüber
und tönte klagend auf und nieder - Ottomar hatte wieder seine erschreckliche
Vernichtung-Minute, wie er sie nennt - er trat zur wächsernen Frau und nahm das
schwarze Todes-Bouquet und steckt' es über sein Herz - er besah sich und seine
zwei Freunde und sagte kalt und eintönig: »Sonach leben wir drei - das ist das
sogenannte Existieren, was wir jetzt tun - wie still ists hier, überall, um die
ganze Erde - eine recht stumme Nacht steht um die Erde herum, und oben bei den
Fixsternen wills nicht einmal Lichter werden.« - - Zum Glück trabte und
waldhornierte der Fürst und seine Jagd-Genossenschaft durch das Dorf und
verscheuchte die Nacht aus drei Menschen: so sehr hängen wir vom Gehör ab, so
sehr gibt die äussere Welt unsrer innern Lichter und Farben. - -
    Ich habe von allem, was sie nachher in andern Zimmern taten, keine
Merkwürdigkeit, und von allem, was sie darin sahen, nur dreie einzurücken - die,
dass Ottomar fast lauter Kinder zu Bedienten, lauter ganz junges Vieh und lauter
Blumen um sich hatte: denn heftige Charaktere hängen sich gern ans Sanfte. -
    Das Schulmeisterlein Wutz tritt eben in meine Stube herein und sagt, er für
seine Person habe noch an keinem Andreastage so viel geschrieben. Nun, so soll
denn aufgehört werden.
 
                                    Fussnoten
1 Desto schöner, antwortet ihm die Note zur zweiten Auflage, dass sie sich die
Empfindung der Liebe rein und dadurch allmächtig erhalten; andere Empfindungen
schwimmen darin, aber aufgelöst und undurchsichtig; bei den Männern stehen jene
bloss neben ihr und selbständig.
2 »Jüngling, den Bach der Zeit hinab schau' ich, in das Wellengrab des Lebens,
hier versank es etc.« Der Anfang heisset eigentlich: »Traurig ein Wandrer sass am
Bach, sah den fliehenden Wellen nach.« Volkslieder.
 
                   Sechsunddreissigster oder II. Advent-Sektor
 Kegelschnitte aus vornehmen Körpern - Geburttag-Drama - Rendezvous (oder, wie
                Campe sich ausdrückt, Stell dich ein) im Spiegel
Auf dem Steindamm nach dem neuen Schloss fürchtete Beata sich, in diesem ihren
Gustav zu finden; im Schloss selber wünschte sie das Gegenteil, sobald sie
hörte, er sei in Ruhestatt. Ihre Mutter hatte ihr, indem sie mit ihr die
Regimenter der Roben, Mäntel etc. teils reduzierte, teils überkomplett machte,
so viel bewiesen, Beata werde von ihrer eignen Empfindung getäuscht und das
Paradies ihrer unschuldigsten Liebe sei nach ihrer mütterlichen Empfindung
blutschlecht und wirklich ein pontinischer Sumpf - die Blütenbäume darin seien
Giftbäume - der Blumenflor bestehe teils aus giftigen Kupfer-, teils aus
falschen Porzellan-Blumen - auf den Grasbänken darin sitze man sich Schnupfen an
und das sanfte Wiegen des magischen Bodens sei eine Erd-Erschütterung. Diese
Eidesverwarnung nach dem Eide der Liebe liess sich noch hören; aber dass sie noch
Beatens Jugend einwandte - die gewöhnlichste, einfältigste, unwirksamste und am
meisten aufbringende Einwendung gegen eine lebendige Empfindung -, das begann
den kleinen Eindruck ihrer Wochenpredigt zu schwächen, den die Nutzanwendung gar
weglöschte: dass ihr Vater ihr schon den Gegenstand ihrer Liebe halb und halb
gewählt .... Meine Gerichtprinzipalin war recht gescheit; aber, meinem
Gerichtprinzipal zuliebe, auch oft recht dumm.
    Beata brachte also dem Gustav ein durch dieses Zersetzen äusserst weiches und
zärtliches Herz über den Steindamm mit - und er kam auch mit einem solchen
wunden an, um welches kein Blättchen eines Kallus mehr hing. Ottomars
salomonische Predigten über und gegen das Leben hatten seine Puls- und Blutadern
mit einer unendlichen Sehnsucht gefüllet, die armen zerfallenden Menschen zu
lieben und mit seinen zwei Armen, eh' sie auf die Erde fielen, das schönste Herz
an sich zu ziehen und zu pressen, eh' es unter die Erdschollen niedersänke. Die
Liebe heftet ihre Schmarotzerpflanzen-Wurzeln an alle andre Empfindungen.
    Es war Zeit, dass sie kamen, des Herrn von Oefels wegen. Denn am Hofe
vermisste man sie, wie überhaupt jeden, gar wenig. Ein russischer Fürst von *** -
ein Mulatte und Deponens von Hofmann und Vieh, dessen sichtbare Extremen sich in
die unsichtbaren Extreme von Kultur und Wildheit endigten - war samt einem Rudel
von Franzosen und Italienern dagewesen, die sämtlich wie ihr Altmeister die für
die grosse Welt alltägliche Sonderbarkeit hatten, dass sie - nicht ganz waren; -
für einen Weltmann ist heutzutage nichts schwerer, als aus seinem Körper nicht
das zu machen, was ich mit Recht aus meiner Lebensbeschreibung mache - einen
Sektor oder Ausschnitt. In der Tat sah diese fragmentarische Division wie ein
Phalanx von Krüppeln aus, der zu einem Wundertäter reiset. Der meisten Glieder,
die wir bei der Auferstehung nicht wiederkriegen, z.B. Haare, Magen, Fleisch,
H-- und andre1 - daher freilich der grosse Connor leicht verfechten kann, ein
auferstandner Christ falle nicht grösser aus wie eine Stechfliege - solcher
Glieder hatte sich die amputierte Junta schon vor der Auferstehung entladen oder
doch viel davon weggetan.
    Ich hab' oft darüber nachgedacht, warum tuns die Grossen und machen sich zu
Kleinen im physischen Sinn; aber ich war zu unwissend, andre Gründe zu erraten
als folgende: der Sitz des Zorns (wofür nach Winckelmann die Griechen die
menschliche Nase hielten) kann nicht bald genug ausgerottet werden, weil weder
ein Hofmann noch ein Christ Zorn beweisen soll. - Zweitens: verkleinerte Körper
sind wenig von bucklichten, auch in der Grösse, verschieden; diese aber, wie wir
an Äsop, Pope, Scarron, Lichtenberg und Mendelssohn sehen, haben viel Witz. Nun
zieht der Weltmann aus den starken Fässern unserer Vorfahren geschickt den
Spiritus auf kleine Körper- und solche Einschnitte und optische Verkürzungen und
Kuren des Leibes machen unfähig, etwas anders zu werden als witzig oder
höchstens stupid: so kann eine Flöte, in die Risse kamen, keine andre Töne von
sich geben als feine und hohe. Witz wird aber bekanntlich in der grossen Welt,
wenn nicht mehr, doch ebensoviel geschätzt wie Unmoralität. - Drittens: wie die
alten Patriarchen darum ein langes Leben bekamen, um die Erde zu bevölkern, so
haben sich viele Kosmopoliten in der nämlichen Absicht ein kurzes vorgenommen
und gern das Leben von andern Menschen mit einem Curtius-Sturz in den tödlichen
Schlund erkauft. Es ist aber noch die Frage, ob ich recht habe. - Die vierte
Ursache kenn' ich aus geheimen mystischen Gesellschaften, wo eben jene
Menschen-Segmente sie kennen lernten. Heutiges Tages muss jede Seele von - Stand
desorganisiert und entkörpert werden. Hier hat man nun nicht mehr als zwei ganz
verschiedne Operationen. Die kürzeste und schlechteste meines Erachtens ist die,
dass sich der Mensch - aufhenkt und dass so die Seele den Körper von sich wie eine
Warze abbindet. Ich wurde keinen Grossen deshalb tadeln, wenn ich nicht wüsste,
dass er die weit bessere und sanftere Operation vor sich habe, wodurch er seinen
Leib gleichsam als die Form, worein die geistige Statue gegossen ist, bloss
gliedweise ablösen kann. Ich will hier nicht in den Fehler der Kürze, sondern
lieber in den entgegengesetzten fallen. Also: der Körper ist nach Philosophen,
die auch eine Seele haben, bloss ein Werkzeug, ihre und unsre auszubilden und sie
an die Entbehrung dieses Werkzeugs zu gewöhnen. Die Seele muss alle Fäden, die
sie an den Klumpen schnüren, nach und nach zerfressen und abbeissen. Er ist ihr
das, was den Kindern, die schwimmen lernen, der korkene Kürass2 ist: täglich muss
sie diesen Kürass zu verkleinern suchen, um endlich ohne ihn zu schwimmen. Der
philosophische Mann von Welt und das Mitglied geheimer desorganisierender
Unionen schafft also von diesem Schwimm-Panzer anfangs nur das Fleisch an Beinen
und Backenknochen beiseite. Das ist noch wenig. Darauf brennt er durch Glühfeuer
Gehirn, Nerven und anders Zeug weg, weil sie das Küchenfeuer aushielten. Die
Haare oder das menschliche Rauchwerk bringt jeder ohne Mühe weg. Der wichtigste
Schritt bei dieser Kürass-Sektion ist der, dass man ohne das Barbiermesser des
Origenes so viel bewerkstellige - nur sanfter - wie er. Ist das vorbei: so hat
man zu jener völligen Ertötung nicht mehr weit, wo der ganze Kürass rein herunter
ist und wo die Seele im Meere des Seins endlich schwimmen gelernt hat, ohne von
ihrem Schwimmkleid nur so viel, als man zum Verkorken einer Flasche bedarf, noch
um sich zu haben. Nachher wird man beerdigt. So wenigstens trägt man in geheimen
Gesellschaften von Ton die menschliche Entkörperung vor.
    Diese zerbrochne Gesellschaft deckte unsern und jeden Hof so schön wie
zerbrochne Porzellan-Gefässe holländische Beete; zweitens hatte sie die
höflichste Art von der Welt, grob zu sein. Wäre unter diesen Leuten ein gewisses
je ne sais quoi nicht der Unterschied zwischen Laune und Grobheit, zwischen
Feinheit und Beleidigung: so fehlte er.
    Ich sagte oben, es war Zeit, dass unser Paar ankam, des Herrn von Oefels
wegen. Denn das Geburtfest der Residentin rückte heran, gleichwohl hatte noch
kein Mensch eine Seite von seiner Rolle memoriert. Die Leser haben noch
ebensowenig vom Geburttag-Drama im Kopfe als die Spieler; daher soll ihnen hier
ein dünner Absud dieser Oefelschen Pflanze vorgesetzt werden.
                                       *
                         Dekokt aus dem Geburttag-Drama
In einem französischen Dorfe waren zwei Schwestern so gut, dass jede verdiente,
das Rosenmädchen zu werden, und so uneigennützig, dass jede wollte, die andre
würd' es. Marie hiess die eine und Jeanne die andre. Am Tage vor der Austeilung
der Preismedaille von Rosen stritten sie sich darüber, wer sie - ausschlagen
sollte: denn sie wussten von recht guter Hand, dass bloss auf eine von ihnen die
Rosenkrone fallen würde. Jeanne - von der Ministerin gespielt - wischte durch
den schönen Einfall unter der Laubkrone hinweg, dass sie ihren Liebhaber Perrin -
Oefel stellte den vor - öfter und öffentlicher um sich hatte, als eine
Rosen-Kompetentin soll. Marie (die Rolle von Beata) konnte also die Krönung
nicht von sich, wie es schien, abwenden - indessen bat sie ihren Bruder Henri
(Gustav wars), der sie besonders liebte und der seit seiner Kindheit aus ihrem
Hause durch seine Reisen weggewesen, diesen bat sie um Sieg in diesem
uneigennützigen Wettstreite. Er suchte sie zum entgegengesetzten Siege zu
bereden; endlich aber, da er die Unerbittlichkeit ihrer schwesterlichen Liebe so
entschieden sah, versprach er, für eine rechte Belohnung ihr die ihrige zu
ersparen. »Aber du musst noch grössere Liebe für mich haben«, sagt' er; - »die
schwesterliche«, sagt sie; - »eine noch stärkere«, sagte er; - »die
freundschaftlichste«, sagte sie; - »eine noch viel stärkere«, sagt' er; -
»weiter gibts keine grössere«, sagte sie; - »o doch! ich bin ja dein Bruder
nicht«, sagt' er und fiel mit liebetrunknen Augen vor ihr nieder und gab ihr ein
Papier, das sie aus ihrem bisherigen Irrtum zog und sie dafür in eine kleine
Freuden-Ohnmacht stürzte. Sie erschienen alle vier vor dem Gutsherrn und
Kranz-Kollator (der Fürst spielte diese Rolle sogar auf dem - Teater), und jede
kam seiner Wahl durch eine Bitte und Lobrede für ihre Schwester und durch feine
Invektiven auf sich selber zuvor. Der kokettierende Wicht Perrin quästionierte:
sollte die Liebe andre Rosen brauchen als ihre eigne? - Marie gab eine fliegende
Schilderung von den Vorzügen, denen eine solche Bekrönung gebühre und die zum
Teil feine Züge aus Bousens Bilde waren. Der Gutsherr sagte: diese
schwesterliche Unparteilichkeit, die so sehr zu bewundern sei wie die
Verdienste, die sie zu belohnen suche, verdiene zwei Rosenkronen, eine, um
belohnt zu werden, und eine, um selber zu belohnen; (niemand, fiel der scheinbar
den Damen und wirklich dem Fürsten schmeichelnde Oefel ein, teilt Kronen schöner
aus, als wer sie selber trägt;) und sie würden sich von ihm in nichts als in der
Unparteilichkeit und Schönheit unterscheiden, wenn sie an seiner Statt
vielleicht wie er wählten, wem der Rosenkranz, eh' der Schmetterling von ihm
flöge - einer von Brillanten war mit einer Zitternadel in die grösste Rose
gesteckt -, aufzusetzen sei .... »Unserer Rosen-Königin!« riefen die Schwestern
und brachten den Kranz der Residentin hin.
                                       *
So weit das Drama. Oefel war nichts lieber und glücklicher als die schmeichelnde
Folie des andern. Übrigens sah sein Stück wie eine Idylle von Fontenelle aus.
Die Phantasie, die den von der Kultur dünn geschliffnen Leuten gefallen will,
muss schimmern, aber nicht brennen, muss das Herz kitzeln, aber nicht bewegen; die
Äste einer solchen Phantasie werden nicht von schweren gedrängten Früchten,
sondern von Schneelast niedergebogen. An solchen Hof-Poeten und an Ohrwürmern
sind die Flügel gleichsam unsichtbar und winzig, aber beide finden leichter die
Wege zum Ohr. An deutschen Gedichten ist nichts; hingegen die meisten
französischen riechen nicht nach der Studier- und Sparlampe, sondern eher nach
parfümierten Strumpfbändern, Handschuhen u.s.w., und je weniger sie haben, was
den Menschen interessiert, desto mehr haben sie, was den Weltmann reizt, weil
sie nicht mehr die Natur und Himmel und Hölle, sondern ein paar Besuchzimmer
abmalen und so nicht ungeschickt in immer engere Windungen des Schneckenhauses
sich zurückdrängen.
    Oefel war zugleich Teater-Dichter, Spieler und Rollen-Schreiber. Er zog aus
dem Drama die Rolle Beatens heraus, die er mit den feinsten Anspielungen auf ihr
gegenseitiges Liebeverständnis (dacht' er) oder auf ihr einseitiges (denk' ich)
in die Welt gesetzet hatte. Die zärtlichsten Winke hatt' er in den Stellen, wo
er mit Beata zusammen spielte, hinein versteckt. Er zog deswegen unter manche
feine Liebeerklärung und Empfindung bei dem Abschreiben eine exegetische Linie
und bezifferte verständig seinen Generalbass. »Über tausendmal wird die
Schalkhafte das überlesen«, sagt' er zu sich.
    Darauf überreichte er ihr bald nach ihrer Ankunft ihre Rolle mit weit mehr
scheuer Ehrfurcht, als er selber wusste. Zum Unglück für unsern guten
dramatisierenden Hasen fiel Beata in zwei Fehler auf einmal aus einer Ursache.
Die Ursache war bloss, der Amor hatte in ihrem Herzen sein Laboratorium
aufgerichtet und hatte seine chemischen Ofen und alles hineingesetzt: daraus
musste ihr erster Fehler entstehen, dass sie schöner aussah als sonst ohne diese
Wärme; denn jede Empfindung und jede innere Streitigkeit nahm auf ihrem Gesicht
die Gestalt eines Reizes an. Von der Liebe kam auch ihr zweiter Verstoss, dass sie
sich gegen Oefel heute weit zutraulicher und freimütiger betrug als sonst; denn
ein liebendes Mädchen hat von allen übrigen Gegenständen (d.h. von den eignen
Empfindungen für sie) nichts mehr zu befahren. Herr von Oefel aber addierte auf
seiner Rechenhaut ein ganz andres Fazit heraus; er nahm alles für Freude, dass er
nun wieder - zu haben sei. Er ging folglich mit einem Herzen fort, das der Amor
so mit lilliputischen Pfeilen vollgeschossen hatte wie ein Nähkissen mit Nadeln.
    Er sagte noch an jenem Tage: »Ist das Herz einer Frau einmal so weit, so
braucht man nichts zu tun, als dass man sie tun lässet.« Das war ihm herzlich
lieb; denn es ersparte ihm die - Bedenklichkeit, sie zu verführen. Sooft er
Lovelacens oder des Chevaliers3 Briefe las: so wünschte er, sein einfältiges
Gewissen liess' ihm zu, ein ganz unschuldiges widerstrebendes Mädchen nach einem
feinen Plane zu verführen. Aber sein Gewissen nahm keine Vernunft an, und er
musste sein ganzes Kaper-Vergnügen auf die Verführung solcher unschuldigen
Personen, die er in seinem Kopfe oder in seinem Roman agieren liess,
einschränken: so sehr herrschet im schwachen Menschen die Empfindung über die
Entschliessungen der Vernunft, sogar in philosophischen Damen. Mitin blieben der
Weiberkenntnis Oefels statt der Fangeisen für die Unschuld nur die für die
Schuld zu legen übrig, und das einzige, wo er noch mit Ruhm arbeiten konnte, war
das, der Verführer von Verführerinnen zu sein.
    Man erlaube mir, eine scharfsinnige Bemerkung zu machen. Der Unterschied
zwischen Lovelace und dem Chevalier ist der moralische Unterschied zwischen den
Nationen und Jahrzehenden von beiden. Der Chevalier ist mit einer solchen
philosophischen Kälte ein Teufel, dass er bloss unter die Klopstockschen Teufel
gehört, die nie zu bekehren sind. Lovelace hingegen ist ein ganz anderer Mann,
bloss ein eitler Alcibiades, der durch einen Staats- oder Ehe-Posten halb zu
bessern wäre. Sogar dann, wo seine Unerbittlichkeit gegen die bittende,
kämpfende, weinende, kniende Unschuld ihn mehr den Modellen aus der Hölle zu
nähern scheint, mildert er seine gleissende Schwärze durch einen Kunstgriff, der
seinem Gewissen einige und dem Genie des Dichters die grösste Ehre macht und
welcher der ist, - dass er, um seine Unerbittlichkeit zu beschönigen, den
wirklichen Gegenstand des Mitleidens, die kniende etc. Klarisse, für ein
teatralisches, malerisches Kunstwerk ansieht und, um nicht gerührt zu werden,
nur die Schönheit, nicht die Bitterkeit ihrer Tränen, nur die malerische, nicht
die jammernde Stellung bemerken will. Auf diesem Wege kann man sich gern gegen
alles verhärten; daher schöne Geister, Maler und ihre Kenner bloss oft darum für
das wirkliche Unglück keine oder zu viele Tränen haben, weil sie es für
artistisches halten.
    Ich muss aber schneller zum Festtage der Residentin eilen, dessen Gewebe
unsern Gustav mit Fäden so vieler Art berührt und ankittet.
    Er brachte mit dem grössten Vergnügen seine Rolle im Drama, wovon noch viel
wird gesprochen werden, seinem Gedächtnis bei und wünschte nichts, als er könnte
sie noch nicht auswendig. Beata macht' es auch mit der ihrigen so: der Grund
war, ihre Rollen waren auf dem Teater aneinander gerichtet, mitin waren es
jetzt ihre Gedanken auch; und für die scheue Beata war es besonders süss, dass sie
zarte Gedanken der Liebe für ihn, die sie kaum zu haben und nicht zu äussern
wagte, mit gutem Gewissen memorieren konnte. Um nicht immer an ihn zu denken,
zerstreuete sie sich oft durch das Geschäft des Auswendiglernens der besagten
Rolle. Gute Seele! suche dich immer zu täuschen; es ist besser, es zu wollen,
als garnichts darnach zu fragen! - Ihr Adoptiv-Bruder konnte bisher durchaus
kein Mittel finden, ihr zu begegnen; die Residentin hatte ihn und dadurch dieses
Mittel über den russischen Sektor und Torso vergessen; er selber hatte nicht
Zudringlichkeit genug, noch weniger den Anstand, der sie schön und pikant macht
- bis ihm Herr von Oefel mit einer feinen Miene sagte, die Residentin woll' ihm
einige Gemälde, die der Knäse dagelassen, zu sehen geben. »Ich wollt' ohnehin
schon lange das Kopieren im Kabinett anfangen«, sagt' er und täuschte weniger
jenen als sich. Über seine errötende Verwirrung sagte Oefel zu sich. »Ich weiss
alles, mein lieber Mensch!«
    Endlich führte ein schöner Vormittag die zwei Seelen, die sich leichter als
ihre Körper fanden, bei der Residentin zusammen. Das Taglicht, die bisherige
Trennung, die neue Lage und die Liebe machten an beiden alle Reize neu, alle
Züge schöner und ihren Himmel grösser als ihre Erwartungen - aber schauet euch
weder zu viel noch zu wenig an, man blickt auf euer Anblicken! Oder tut es nur:
einer Bouse verbirgst du es doch nicht, Gustav, dass dein Auge, das der
Scharfsinn nicht zusammenzieht, sondern die Liebe aufschliesset, immer nur bei
benachbarten Gegenständen sich aufhält, um ein Streiflicht von ihr wegzufangen;
- es hilft auch dir nichts, Beata, dass du es mehr wie sonst vermeidest, ihm nahe
zu stehen und ihn zu veranlassen, dass seine Stimme und seine Wangen seine
Verräter werden! Es half dir, wie du selber sahest, nichts, dass du der
Wiederholung des »Idolo del mio cuore« bei seiner Ankunft auszuweichen suchtest;
denn bat ihn nicht die Residentin, deiner Stimme auf dem Klaviere mit den
Fingern nachzufliessen und seinen innern Freuden-Sturm durch den Schimmer des
Auges und durch den Druck der Tasten und durch die Sünden gegen den Takt zu
offenbaren? - Diejenigen meiner Leser, die die Residentin frisiert oder bedient
oder gesprochen oder gar geliebt haben, können mir es gegen andre Leser
bezeugen, dass unter anderen Kaminverzierungen ihres Toilettenzimmers - weil die
Grossen nichts als Zieraten essen, bewohnen, anziehen, besitzen und beschlafen
etc. mögen - auch Schweizerszenen waren und unter diesen eine tragantene Kopie
des Eremitenberges: auf diesen Freuden-Olymp stiegen vor den Augen Gustavs
Beatens ihre nicht mehr, sooft diese auch vorher den Berg beschienen hatten -
endlich befeuchteten sich auch beider Augen, wenn Amandus' Name beide
durchtönte, mit einer süssern lebhaftern Rührung, als die über einen
Dahingegangnen ist. - - Kurz sie würden sich wie alle Liebende weniger verraten
haben, wenn sie sich weniger verborgen hätten. Die Residentin schien heute, was
sie allemal schien: sie hatte eine stille, denkende, nicht leidenschaftliche
Verstellung in ihrer Gewalt, und auf ihrem Gesicht sah man nicht die falschen
Mienen die aufrichtigen erst verjagen. - Das schönste Gemälde aus dem Nachlasse
des Russen war nicht zu Hause, sondern unter dem Kopierpapiere des Fürsten. -
    So stumm und doch so nahe muss Gustav der Geliebten gegenüber bleiben; nur
mit drei Worten, nur mit einem Druck der ziehenden Hand wenn er seine von
Empfindungen elektrisierte Seele zu entladen wüsste! - Warum wollen alle unsere
Empfindungen aus unserem Herzen in ein fremdes hinüber? - Und warum hat das
Wörterbuch des Schmerzens so viele Alphabete und das der Entzückung und der
Liebe so wenige Blätter? - Bloss eine Träne, eine drückende Hand und eine
Singstimme gab der Welt-Genius der Liebe und der Entzückung und sagte. »Sprecht
damit!« - Aber hatte Gustavs Liebe eine Zunge, als er (bei einem Abwenden der
Residentin auf 7 Sekunden) im Spiegel, dem er am Klavier gegenübersass, mit
seinen dürstenden Augen das darin flatternde Bild seiner teuren Sängerin küsste -
und als das Bild ihn ansah - und als das blöde Bild vor dem Feuerstrom seines
Auges das Augenlid niederschlug - und als er sich plötzlich nach dem nahen
Urbild des wegblickenden Farben-Schattens umdrehte und sitzend in das gesenkte
Auge der stehenden Freundin mit seiner Liebe eindrang und als er in einem
Augenblicke, den Sprachen nicht malen, sich nicht einmal in eine, nicht einmal
in einen Laut ergiessen durfte? - Denn es gibt Augenblicke, wo der tief aus der
fremden Seele emporgehobne Schatz wieder zurücksinkt und im Innersten
verschwindet, wenn man redet - ja wo das zarte, bewegliche, schwimmende,
brennende Gemälde der ganzen Seele sich kaum in oder unter dem durchsichtigen
Auge wie das zerstiebende Pastellgebilde unter dem Glase beschützt ....
    Deswegen wars meiner Einsicht nach recht wohl getan, dass er zu Hause sofort
einen Liebebrief verfasste. Durch einen solchen Assekuranzbrief des Herzens
verbriefte der Lebensbeschreiber von jeher seine Liebe im eigentlichen Sinne.
Aber als ihn Gustav fertig hatte, wusst' er nicht, wie er zu insinuieren sei, auf
welcher Penny-Post. Er trug ihn so lange herum, bis er ihm nicht mehr gefiel -
dann schrieb er einen neuen bessern und trug ihn wieder so lange bei sich, bis
er den besten schrieb, den ich im nächsten Sektor hereinschreiben will. Bei
dieser Gelegenheit kündige ich dem Publikum auf Ostern meinen »expediten und
allzeitfertigen Liebebrief-Steller« an, den alle Eltern ihren Kindern bescheren
sollten.
    Apropos! Der Pelz-Kurierstiefel und der Beschlag mit Senf und die Eis-Krone
haben glücklich mein Blut in die Füsse gefüllet und dem Kopfe nicht mehr davon
gelassen, als er haben muss, um für ein deutsches Publikum anmutige Ab- oder
Ausschnitte aufzusetzen.
 
                                    Fussnoten
1 Nach den ältern Teologen (z.B. Gerhard loc. teol. T. VIII. p. 1161) stehen
wir ohne Haare, Magen, Milchgefässe etc. auf. Nach Origenes stehen wir auch ohne
Fingernägel und ohne das, was er selber schon in diesem Leben verloren, auf.
Nach Connor. med. mystic. art. 13 kommen wir mit nicht mehr Materie aus dem
Grabe, als wir bei der Geburt oder Zeugung umhatten.
2 Zückert in seiner Diätetik schlägt einen korknen Kürass vor, der über dem
Wasser aufrecht erhält und den man, so wie die Fertigkeit, oben zu schweben,
wachse, beschneiden könne.
3 In den Liaisons dangereuses.
 
                Siebenunddreissigster oder heil. Weihnacht-Sektor
Liebebrief - Comédie - Souper - bal paré - zwei gefährliche Mitternachtszenen -
                                 Nutzanwendung
Ich habe in dieser fröhlichen Zeit keinen recht fröhlichen Sinn: vielleicht weil
mein auseinander wollender Körper so wenig wie eine Längen- und Seeuhr richtig
geht - vielleicht liegt mir auch der Inhalt dieses Sektors im Kopfe - vielleicht
schleicht auch, beim Anblick der allgemeinen Kinderfreude, das Blut so traurig
fort zwischen dem Wintergrün und Herbstflor jener Erinnerung, wie es sonst war,
wie die Freuden des Menschen dahinrollen, wie sie ihre Entfernung von uns durch
einen aus fernen Ufern herüberblinkenden Widerschein bezeichnen und wie unsre
längsten Tage uns selten so viel geben, als dem Kind der kürzeste oder die
Christnacht im Geniessen oder Hoffen gibt. - -
    Von Gustavs herzlichem Brief hätte ich vor vierzehn Tagen nicht so
leichtsinnig reden sollen, als ich tat. Er heisst so:
                                       *
»Eh' ich dieses schrieb, gingen Sie, unaussprechlich Teuere, mit Lauren den Park
hinauf, um die ermattende Sonne, die zwischen zwei grossen Wolken herabschien,
noch ein wenig zu geniessen; zu Ihren Seiten flogen Wolkenschatten dahin, aber
mit Ihnen ging der Sonnenschein. Ich dankte dem Laube, dass es zu Ihren Füssen lag
und mir Sie nicht verdecken konnte; aber ich hätte alle dornichte Blätter von
der Stechpalme pflücken wollen, hinter denen Sie verschwanden und von mir
gingen. O könnt' ich ihr - dacht' ich - den herbstlichen Weg mit jungen Blumen
und Schmetterlingen bestreuen, könnt' ich sie mit Blüten und Nachtigallen
umzingeln und vor ihr die Berge und die Wälder mit dem Frühling überdecken: ach!
wenn sie dann vor Freude bebte und mich ansehen und mir danken müsste ... Aber
diese Blüten, diese Nachtigallen, diesen Frühling haben Sie mir gegeben; Sie
haben über mein Leben einen ewigen Mai gesandt und aus einem Menschen-Auge
Freudentränen gepresset - allein was vermag ich zu geben? - Ach, Beata, was hab'
ich Ihnen zu geben für dieses ganze Elysium, womit Sie das schwarze Erdreich
meines Lebens durchwinden und überblümen, und für Ihr ganzes, ganzes Herz? - -
Meines - - das hatten Sie ja schon ohne das, und weiter hab' ich nichts; für
alle schöne Stunden, für alle Ihre Reize, für alle Ihre Liebe, für alles, was
Sie geben, hab' ich nichts als nur dieses treue, glückliche, warme Herz ....
    Ja, ich habe nur dieses; aber wenn der göttliche Funke der höchsten Liebe im
Menschen-Herzen glühen kann, so ruht er in meinem und brennt für die, die ich
nur lieben, aber nicht belohnen kann. - Du höherer Funke wirst in meinem Herzen
für sie fortglimmen, wenn es Tränen überschwemmen, oder Unglück zusammendrückt,
oder der Tod einäschert .... Beata! auf der Erde kann kein Mensch dem andern
sagen, wie er ihn liebe. Die Freundschaft und die Liebe gehen mit verschlossenen
Lippen über diese Kugel, und der innere Mensch hat keine Zunge. - Ach, wenn der
Mensch draussen im ewigen Tempel, der sich bis an die Unendlichkeit hinaufwölbt,
mitten im Kreise von singenden Chören, heiligen Stätten, opfernden Altären, vor
einem Altare betäubt niederfallen und beten will: o so sinkt er ja so gut wie
seine Träne zu Boden und redet nicht! - Aber die gute Seele weiss, wer sie liebt
und schweigt, sie übersieht das stille Auge nicht, das sie begleitet, sie
vergisset das Herz nicht, das stärker klopft und doch nicht reden kann, und den
Seufzer nicht, der sich verbergen will. - Aber, Beata, doch! - wenn einmal
dieses Auge und dieses Herz ihr Schweigen geendigt, wenn sie in der seligsten
Stunde mit allen Kräften der liebenden Natur zur geliebten Seele haben sagen
dürfen: Ich liebe dich: so ists hart und schwer, wieder stumm zu werden, es tut
so wehe, das emporgehobne flammende drängende Herz wieder in eine enge kalte
Brust zurückzudrücken - dann will im Innersten die stille Freude in stillen
Kummer zerrinnen und schimmert traurig in diesen, wie der Mond in den
Regenbogen, den die Nacht aufrichtet .... Beata! ich kann keine Bitten haben und
keine wagen; ich kann mir das Eden malen, das mir Beatens Blicke und Worte geben
können, aber ich darf es nicht begehren; ich muss ans Ufer des Silberschattens,
der uns schon im Traum und jetzo wie ein breiter Strom im Leben scheidet, mich
mit allen meinen Wünschen heften; aber, Teuere, wenn ichs nicht zuweilen höre,
wem das kostbarste Herz sich geschenket hat, wie soll ich den Mut behalten, es
zu glauben? - Wenn ich dieses holde Herz unter so viel guten und erhöhten
Menschen erblicke und dann zu mir sagen muss: ach ihr alle verdient es gleichwohl
nicht: so sinkt ein freudiges Staunen auf mich, dass es meiner Seele sich
gegeben, und ich glaub' es kaum. Geliebte! tausend waren Deiner würdiger; aber
keiner wäre durch Dich glücklicher geworden, als ich es bin!«
                                       *
Das Schwerste war jetzt, den Brief auf andern Flügeln als unter denen einer
Brieftaube - Venus hing wahrscheinlich einen Postzug Brieftauben ihrer Gondel
vor - an Ort und Stelle zu schaffen. Zu so etwas sah er keine Möglichkeit, weil
er unter allen Möglichkeiten solche am schwersten sieht. - Meine Schwester sieht
solche am leichtesten.
    - Es gab sich alles in der Komödienprobe.
    Ordentliche Komödien werden nämlich nicht, wie ihre Schwestern, die
politischen, aufgeführt, ohne probiert zu sein. Ich will gern zwischen der
Komödienprobe und der Komödie einen so schmalen papiernen Zwischenraum als
möglich lassen; aber der Leser muss seines Orts auch behend zublättern und nicht
sowohl die Hände in den Schoss legen als das Buch. Die Probe war im alten
Schloss - Oefel machte seine Sache gut genug - Beata noch besser - und Gustav
am aller- schlechtesten. Denn die Gesichter des Fürsten und der Ohnmächtigen
setzten wie Salpetersäure und Salz sein Herz fast zu einem Eiskegel um; vor
manchen Menschen ist man schlaff und unfähig, begeisterte Gefühle zu haben. -
Sonderbar! nur die seinigen, aber nicht Beatens ihre wurden von dieser durchs
Teater streichenden Nordluft erkältet. Es ist aber doch nicht sonderbar; denn
die Liebe wirft den Jüngling aus seinem Ich hinaus unter andre Ich, das Mädchen
aber aus fremden in das ihrige hinein. Kaum oder wenig nahm Beata die Approchen
des regierenden Akteurs oder agierenden Regenten wahr - Oefel aber sah es und
dachte seinem Siege über den hohen Nebenbuhler nach -, welcher sich ihr in einer
nicht sehr grossen Schneckenlinie näher drehte, was er an Hofdamen gewohnt war,
die nur in der Jugend ihre Tugend à la minutta weggeben, im Alter hingegen einen
grössern Handel damit in grosso treiben. Ich sagte eben etwas von einer
Schneckenlinie, weil ich einen Einfall im Kopfe hatte, der so heisset: dass Weiber
von Welt und die Sonne die Planeten unter dem Schein, sie in einem Kreise um
ihre Strahlen herumzulenken, in der Tat in einer feinen Schneckenlinie zu ihrer
brennenden Oberfläche hinanreissen.
    Mitten im Probe-Drama, gerade als Gustav oder Henri der Marie das leere
Papier als ein Diplom hinreichte, das ihre Verwandtschaft für null erklärte,
fiel ihm das als Henri ein, was einem andern längst als Gustav eingefallen wäre,
dass auf dem leeren Papier etwas könnte geschrieben stehen, und zwar das beste
Etwas, sein Liebebrief, den wir schon längst gelesen haben. Kurz er nahm sich
vor, seinen Brief in der Gestalt jenes Diploms ihr im Drama zuzustecken, wenns
nicht anders zu machen wäre. Sogar das Romantische des Entschlusses, seine
teatralische Rolle in seine wirkliche hineinzuziehen und so vielen Zuschauern
eine andre Täuschung zu machen als eine poetische, hielt ihn nicht ab, sondern
trieb ihn an. Ich will es nur gestehen, lieber Gustav - und fiele mein
Geständnis selber in deine Hände -, auf deine himmlische Bescheidenheit war der
Honigtau des Beifalls, den du an einem solchen Orte nicht einmal für
Schmeichelei, sondern bloss für eine Façon zu reden berechtigt warest anzusehen,
zerstörend gefallen! Unter allen Dingen ist menschliche Bescheidenheit am
leichtesten totgeräuchert oder totgeschwefelt, und manches Lob ist so schädlich
wie eine Verleumdung. Im Narrenhause sehen wir, dass der Mensch andern aufs Wort
glaubt, er sei närrisch1, und in Palästen sehen wir, dass er ihnen aufs Wort
glaubt, er sei weise. - Überhaupt war Gustav - denn ein Mann ist oft an einem
Abend bestimmt, nicht nur lauter schlechte Spiele hintereinander zu machen,
sondern auch oft lauter unbedachtsame Streiche - am Komödienabend fast zu
letztem ausersehen.
    .... Endlich ist Bousens Geburtfest da .... Mein Gustav! - Noch heute weinen
deine Augen nach!
    Das Fest zerspällt sich in drei Gänge - Comédie - Souper - und bal paré. Im
Grunde ist noch ein vierter Gang: ein Fall.
    Am Tage des Drama leerte sich das neue Schloss in das fürstliche zu
Oberscheerau aus. Gustav dachte unterwegs (im Wagen Oefels) an seinen Brief, den
er übergeben wollte, und an den guten Doktor Fenk ein wenig; aber die
abgekürzten Tage gaben ihm zu Besuchen keine Musse. Sein Fehler war, dass die
Gegenwart vor ihm allemal wie ein Wasserfall alle ferne Laute überrauschte, -
und er wäre vielleicht nicht einmal zu mir gekommen, wenn mich mein beschwerter
juristischer Arbeittisch in die Stadt gelassen hätte.
    Er sah seine Marie - zehnmal hunderttausend neue Reize .... ich will aber
über mich herrschen: so viel ist psychologisch wahr, dass ein bekanntes Mädchen
uns an einem fremden Orte auch fremd, aber nur desto schöner wird. Dieses hatte
Beata mit der strahlenden Residentin gemein, aber ein gewisser Hauch von
bescheidner Furchtsamkeit verschönerte sie mit seinem Schleier allein. Warum war
Gustav diesesmal von ihr verschieden? Darum: die männliche Blödigkeit liegt bloss
in der Erziehung und in Verhältnissen; die weibliche tief in der Natur - der
Mann hat innerlichen Mut und bloss oft äusserliche Unbehülflichkeit; die Frau hat
diese nicht und ist dennoch scheu - jener drückt seine Ehrfurcht durch
Hinzutreten, diese durch Zurückweichen aus.
    Die Ohnmächtige, die sogenannte Défaillante, oder die Ministerin heute
ausgenommen! Ihr Winken und Blinken, ihr Lispeln und Zappeln, ihr Witzeln und
Kitzeln, ihr Fürchten und Wagen, ihr Kokettieren und Persiflieren - wie soll das
der einbeinige Jean Paul biographisch kopieren in gemeiner schlechter Prose? -
Gleichwohl ists gar nicht anders zu machen, und er muss. Wenn die bunten Köpfe
der Weiber im grossen Garten der Natur die blauen, roten Glaskugeln auf
lackierten Stativen vorzustellen hätten (welches unter hundert Männern nicht
einer glaubt): so würd' ich in meiner Schilderung so fortfahren: der Ministerin
ihrer war nicht übel, sondern bunt; dieser Kopf war ein kurzer pragmatischer
Auszug aus zehn andern Köpfen, die nämlich Haare, Zähne, Federn dazu
zusammenschossen.
    Sie war eine Antike von grosser Schönheit, die aber nach den Verwüstungen der
Jahre und Menschen nicht mehr unbeschädigt zu haben war; sie musste also durch
geschickte Bildhauer mit neuen Gliedern - z.B. Busen, Zähnen - ergänzet werden.
    Auf den Wangen war die Legierung mit Rot, die tiefere Nachbarschaft wurde
mit Weiss2 legiert.
    Diejenigen Zähne, die den Menschen in die Reihe der grasfressenden Tiere
setzen, die Schneidezähne, waren um so mehr so weiss wie Elfenbein, weil sie
selber eines waren, und waren aus dem Munde eines grasfressenden Tieres; - ich
mag nun darunter einen Elefanten oder einen gemeinen Mann verstehen, der die
Zähne, die er als Ableger einem edlern Stamm einimpfet, selten in etwas anders
als Vegetabilien setzet: so ist doch so viel gewiss, dass kein andrer Nachsatz
dieses Periodens herpasset als der: sie hatte noch einmal so viel Zähne als
andre Christinnen, und zwei Goldfäden dazu, weil der Zahnarzt die einen allemal
im Hause und unter der Bürste hatte, während die andern die Dental-Buchstaben
aussprachen.
    Da man nach den neuesten Lehrbüchern die Trigonometrie und die Busen bloss in
ebene und sphärische einteilen kann, und da sie ganz die scheinbare Wahl vor
sich hatte: so zog ihr messkünstlicher Geist diejenigen Grössen, die dem
Messkünstler die meiste Anstrengung und das meiste Vergnügen geben, vor - die
sphärischen.
    Der Anzug selber suchte, von den Schuhrosetten bis zu den Hutrosetten,
seinen Wert in der Form weit weniger als in der Materie und konnte mitin
weniger mit den Augen als auf Juwelier-Waagen geschätzet werden, weniger nach
Schönheitlinien als nach Karats - es blieb also zwischen ihr und ihrer
gesetzgebenden Puppe immer ein Unterschied; übrigens musste sie sich nach dieser
so gut wie jede andre tragen. Ich will nur ein Wort zu seiner Zeit über die
Puppen sagen.
                                       *
                            Das Wort über die Puppen
Diese Hölzer haben bekanntlich die gesetzgebende Macht über den schönern Teil
der weiblichen Welt in Händen; denn sie sind die Legaten und Vizeköniginnen,
welche aus Paris von der im Putz regierenden Linie abgeschickt werden, damit sie
die weiblichen deutschen Kreise regieren - und diese hölzernen Plenipotentiare
senden wieder ihre Köpfe (Haubenköpfe) als missi regii weiter herunter, damit
diese die gemeinem Honoratiorinnen beherrschen. Können diese regierenden Häupter
von Holz nicht selber kommen: so schicken sie - wie lebende Fürsten im geheimen
Rate ihre Stelle durch ihr Porträt versehen lassen - ihre Gesetze und ihre
Bildnisse in Schmaussens Corpus aller Reichsabschiede der Mode, welches Corpus
wir alle unter dem Namen Modejournal in Händen haben. Bei solchen Umständen - da
ein Holz dem andern in die Hände arbeitet, aber uneigennütziger als ganze
Kollegien, da ferner jährlich neue wie die Prokonsule gewählet werden - wunder'
ich mich nicht, dass es mit dem Regimentwesen an den Toiletten gut bestellet ist,
und dass das ganze weibliche gemeine Wesen, das Männer nicht beherrschen können,
von den in Bassgeigenfutteralen geschickten Wahlregentinnen, die in dieser
Aristokratie von Petersburg bis nach Lissabon stehen und lenken, vortrefflich in
Ordnung und unter Gesetzen erhalten wird. - -
    Ich bin der Mann nicht, dem man es erst zu sagen braucht, dass die Puppen,
auch die hölzernen, überkleidete Statuen sind, die man verdienten Frauen (in
Rücksicht des Anzugs) setzet; - vielmehr bin ich überzeugt, dass diese
öffentlichen Denkmäler, die man dem ankleidenden Verdienste errichtet, schon
recht viele zur Nacheiferung angefrischet haben und hoffentlich noch mehre
anfrischen werden, da ein grosser Mann selten so viel Gutes wirkt als seine
Statue, die man verehrt; aber ein Hauptpunkt, ohne den sonst alles hinkt, ist
offenbar der, dass die Statuen zu - sehen sein müssen. Ohne den geb' ich keinen
Deut für alles. Was Sokrates an der Philosophie tat, möcht' ich an den besten
Puppen tun und sie vom Himmel der Grossen auf die Erde des Pöbels ziehen. Ich
meine, dass, wenn man die Marienbilder oder auch selber Apostel und Heilige, die
man in katolischen Kirchen bisher ohne den geringsten Nutzen und Geschmack aus-
und anzog, vernünftiger und zweckmässiger ankleidete, nämlich so wie die
französischen Puppen - wenn die Kirche sich allemal jedes Monat des Modejournals
kommen liesse und nach dessen farbigen Vorbildern die Marien (als Damen) und die
Apostel (als Herrn) umkleidete und um die Altäre stellte: so würden diese Leute
mit mehr Lust nachgeahmet und verehret werden, und man wüsste doch, weswegen man
in die Kirche ginge und was sie gerade in Paris oder Versailles anhaben; - man
würde die Moden zu rechter Zeit erfahren, und selbst der Pöbel würde etwas
Vernünftigeres umlegen, die Apostel würden die Flügelmänner des Anzugs und die
Marie die wahre Himmel-Königin der Weiber werden. So müssen kirchliche
Vorurteile zu Staats-Vorteilen genützet werden; ebenso wendete der
Dominikaner-Mönch Rocco in Neapel (nach Münter) die Verschwendung, am Altar der
Maria auf der Strasse Lampen zu brennen, zur Vermehrung dieser Gassen-Altäre und
zur - Strassen-Erleuchtung an.
                         Ende des Worts über die Puppen
Ich bin dem Leser noch die Ursache schuldig, aus der die Ministerin sich zur
Jeannen-Rolle drängte - es war, weil ihre Rolle ihr einen kürzern Rock erlaubte,
- oder mit andern Worten, weil sie alsdann ihre lilliputischen Grazien-Füsse
leichter spielen lassen konnte. An ihrer Schönheit waren sie das einzige
Unsterbliche, wie am Achilles das einzige Sterbliche; in der Tat hätten sie, wie
des Damhirschchen seine, zu Tabakstopfern getaugt.
    Wie viel besser nahm sich Oefel aus! Der ist ein Narr geradezu, aber in
gehörigem Masse. Die Residentin überholte jene in jeder Biegung des Arms, den ein
Maler, und in jeder Hebung des Fusses, den eine Göttin zu bewegen schien; sogar
im Auflegen des Rots, woran die Bouse ihre Wangen bei einer Fürstin angewöhnen
musste, welche von allen ihren Hofdamen diese flüchtige Fleischgebung zu fodern
pflegte - ihr Rot bestreifte, wie der Widerschein eines roten Sonnenschirms, sie
nur mit einer leisen Mitteltinte .... In Rücksicht der Schönheit unterschied
sich die ihrige von der ministeriellen, wie die Tugend von der Heuchelei ....
    Das Drama wurde von den fünf Spielern nicht im Operhause, sondern in einem
Saale des Schlosses, der die Krönung der Residentin begünstigte, in die Welt
geboren. Ich war nicht dabei; aber man hinterbrachte mir alles. Die gute Marie,
Beata, hatte zu viele Empfindung, um sie zu zeigen; sie fühlte, dass sie die
Wiederholung ihres Schicksals dramatisiere, und sie besass zu viele von den guten
Grundzügen des weiblichen Charakters, um sie vor so vielen Augen zu entblössen.
Ihre beste Rolle spielte sie also innerlich. Henri, Gustav, spielte ausser der
innerlichen auch die äusserliche gut, aus der nämlichen Ursache. Nebst der Musik
isolierte und hob ihn gerade die Menge, die ihn umsass, aus der Menge; und das
Feierliche gab seinen innern Wellen die Stärke und Höhe, um die äussern zu
überwältigen. Der Brief, den er überreichen wollte, verwirrte seine Rolle mit
seiner Geschichte, die ich schreibe; und das falsche Lob, das die Ministerin
seiner neulichen Proberolle aus eben der unüberzeugten Affektation gegeben
hatte, woraus sie die ihrige überspannte, half ihm wahres ernten. - Der blödeste
Mensch ist, wenn viel Phantasie unter seinen Taten glimmt, der herzhafteste,
wenn sie emporlodert. -
    Es wäre lächerrlich, wenn mein Lob von der Wärme seines Spiels bis zur
Feinheit desselben ginge; aber die Zuschauer vergaben ihm gern, weil die Armut
an letzter3 sich mit dem Reichtum an erster verband, um sie in die Täuschung zu
ziehen, er sei von - Lande und bloss Henri. -
    Dieses Feuer gehörte dazu, um seiner geliebten Marie Beata an der Stelle, wo
er ihr die Brüderschaft aufkündigt, den wahren Liebebrief zu geben - sie faltete
ihn zufolge ihrer Rolle auf - unendlich schön hatt' er die sein ganzes Leben
umschlingende Worte gesagt: »O doch, ich bin ja dein Bruder nicht« - sie blickte
auf seinen Namen darin - sie erriet es schon halb aus der Art der Übergabe (denn
sicher mankierte noch kein Mädchen einer männlichen List, die es zu vollenden
hatte) - aber es war ihr unmöglich, in eine verstellte Ohnmacht zu fallen - denn
eine wahre befiel sie - die Ohnmacht überschritt die Rolle ein wenig - Gustav
hielt alles für Spass, die Ministerin auch und beneidete ihr die Gabe der
Täuschung. - Henri weckte sie bloss mit Mitteln, die ihm sein Rollen-Papier
vorschrieb, wieder auf, und sie spielte in einer Verwirrung, die der Kampf aller
Empfindungen, der Liebe, der Bestürzung und der Anstrengung, gebar, und in einer
andern als teatralischen Verschönerung bis zu Ende Henris Geliebte, um nicht
Gustavs seine zu spielen. Nach dem Spiele musste sie allen übrigen Lustigkeiten
des heutigen Abends entsagen und in einem Zimmer, das ihr der Fürst so wie der
Doktor mit vielem empressement aufdrang, Ruhe für ihre nachzitternden Nerven und
im Briefe Unruhe für ihren schlagenden Busen suchen. Ich hebe, Teure, den
Vorhang immer höher auf, der damals noch das verhüllte, was jetzt deinen Nerven
und deiner Brust die Ruhe nimmt!
    Gustav sah nichts; an der Tafel, woran er sie vermisste, hatt' er nicht den
Mut, seine fremden Nachbarinnen um sie zu fragen. Andre Dinge fragt' er kühner
heute; nicht bloss der heutige Beifall war eine Eisen-und Stahlkur für seinen Mut
gewesen, sondern auch der Wein, den er nicht trank, sondern ass an den närrischen
Olla Potridas der Grossen. Dieses gegessene Getränk feuerte ihn an, die Bonmots
wirklich zu offenbaren, die er sich sonst nur innerlich sagte. Und hier bezeug'
ich öffentlich, dass es mich noch bis auf diese Minute kränkt, dass ich sonst bei
meinem Eintritte in die grosse Welt ein ähnlicher Narr war und Dinge dachte, die
ich hätte sagen sollen. - Besonders bereu' ich dies, dass ich zu einer
Tranchee-Majorin, die ihr kleines Mädchen an der Hand und eine Rose, aus deren
Mitte eine kleine gesprosset war, am Busen hatte, nicht gesagt habe: Vous voilà!
und dass ich nicht auf die Rose gewiesen, ob ich gleich das ganze Bonmot schon
fertig gegossen im Kopfe liegen hatte. Ich führte nachher die Saillie lange in
den Gehirnkammern herum und passte auf, brennte sie aber zuletzt doch auf eine
recht dumme Weise los und darf die Person hier nicht einmal nennen.
    Da eine Winterlandschaft mit einem künstlichen Reife, der in der Wärme des
Zimmers zerfloss und einen belaubten Frühling aufdeckte, unter den
Schau-Gerichten, den optischen Prunk-Gerichten der Grossen, mit stand: so hatte
Gustav einen hübschen Einfall darüber, den man mir nicht mehr sagen konnte.
Gleichwohl ob er gleich unter dem schönsten Deckenstücke und auf dem
niedlichsten Stuhle ass: so nahm er doch, als ein blosser Hof-Anhänger, an allem
Anteil, was er sagte, und an jedem, mit dem er sprach; dir war noch, du Seliger,
keine Wahrheit und kein Mensch gleichgültig. Aber er steht dir noch bevor, jener
herbe Übergang von Hass und Liebe zur Gleichgültigkeit, welchen alle auszustehen
haben, die mit vielen Menschen oder mit vielen Sätzen, für die sie kalt bleiben
müssen, sich abgeben!
    Die Residentin zog seine scheuen Talente heute mehr als sonst ans Licht und
beschönigte den Anteil, den sie an ihm nahm, leicht mit seinen
Teater-Verdiensten um sie. - Endlich fing das dritte Schauspiel an, worin mehre
als in den beiden andern glänzen konnten; denn es wurde nur mit den Füssen
gespielt - der Ball kam. Tanzen ist der weiblichen Welt das, was das Spielen der
grossen ist - eine schöne Vakanzzeit der Zungen, die oft unbeholfen, oft
gefährlich werden. Für einen Kopf wie der Gustavische, der so viele Bestürmungen
seiner Sinne heute zum ersten Male erfahren, war ein Tanzsaal ein neues
Jerusalem. - In der Tat ein Tanzsaal ist etwas; sehet in den hinein, wo Gustav
springt! Jedes Saiten- und Blasinstrument wird zum Hebebaum, der die Herzen aus
dem kargen misstrauischen Alltagleben aufhebt: - die Tänze mengen die Menschen
wie Karten in- und auseinander, und die tönende Atmosphäre um sie fasset die
trunkne Masse in eines ein - so viele Menschen und zu einem so freudigen Zwecke
verknüpft, durch umringende Helldämmerung, geblendet, durch ihre klopfenden
Herzen begeistert, müssen den Freudenbecher wenigstens kredenzen, welchen Gustav
gar austrank; denn ihn, dem jede Dame eine Dogaressa4 ist, begeisterte jede
Hand-Berührung, und der Tumult von aussen weckte seinen ganzen innern so auf, dass
die Musik, wie zurückprallend, ihren äussern Geburtort verliess und nur in seinem
Innern unter und neben seinen Gedanken zu entspringen und herauszutönen schien
.... Wahrhaftig wenn man seine Ideen um einen lodernden Kronleuchter herumträgt,
so werfen sie ein ganz anderes Licht zurück, als wenn man damit vor einer
ökonomischen Lampe hockt! In phantasiereichen Menschen liegen, wie in heissen
Ländern oder auf hohen Bergen, alle Extreme enger aneinander: bei Gustav wollte
jeden Augenblick die Entzückung zur Wehmut werden und die Freude zur Liebe, und
alle die Empfindungen, die ihm die Tänzerinnen einflössten, wollt' er seiner
Einzigen bringen, die einsam wegstand. Gleichwohl war ihm, als würde sie durch
diese alle nicht sowohl als durch die Residentin ersetzt. Sogar durch das Drama,
das mit dieser sich geschlossen und worin er für ihre Krönung gespielet, wurde
sie ihm lieber; ja ihr heutiger Geburttag selber war einer ihrer Reize in seinen
Augen. Anders oder vernünftiger empfindet der Mensch nie. Kurz die Residentin
gewann bei allem, wessen ihn heute das Wegsein seiner Beata beraubte. Er hatte
heute zum ersten Male von der Residentin, die er ausserordentlich achtete, mehr
angefasset als einen Handschuh - mehr, nämlich ihre Arm- und Rückenschienen, mit
andern Worten ihr Kleid darüber: an Arm und Rücken, obwohl nicht an Händen, ist
Bekleidung so viel wie keine. Gustav! philosophiere und schlafe lieber ....
    Aus ist der bal paré - aber der Teufel geht erst an. Oefels Wagen fuhr
hinter dem Bousischen; am letzten entzündet sich eine versäumte Radachse unter
der unnützen Eiligkeit. Freilich wars Zufall, aber gewisse Menschen kennen
keinen schlimmen, und ihre Absichten legen sich um jeden an. Oefel musst' ihr
seinen anbieten. Die gute Beata war in ihrem Krankenzimmer mit einer kleinen
weiblichen Dienerschaft gelassen. Er nahm ein Pferd von dem Wagen der
Residentin; ihr liess er (ich weiss nicht, ob aus Galanterie gegen ihr Geschlecht
oder aus Scharfsinn und Freundschaft für seines und für seinen Roman) meinen und
ihren Helden. Ich wollt' es vor einem akademischen Senat ausführen, dass es für
einen, der erst ein Engel werden will, nichts Fataleres gibt als mit einer, die
er schon für einen hält, nachts aus einem Tanzsaale nach Hause zu fahren -
dennoch wurde meinem Helden kein Haar gekrümmt, und er krümmte auch keines.
    Aber verliebter wurd' er, ohne zu wissen in wen.
    Beata hatte keine ebenso gefährliche Mitternacht oder Nachmitternacht; aber
ich will erst seine abfertigen. Er kam mit der Residentin in ihrem - Zimmer an.
Er konnte und wollte von seinen heutigen Szenen gar nicht los. Dieses Zimmer
stellte ihm alle die vergangnen dar, und in den Saiten des Klaviers verbarg sich
eine ferne geliebte Stimme und hinter der Folie des Spiegels eine ferne geliebte
Gestalt. Sehnsucht reihete sich wie eine dunkle Blume unter den bunten
Freuden-Strauss; die Residentin gewann auch bei dieser dunkeln Blume. Sie war
keine von den Koketten, welche die Sinne früher zu bewegen suchen als das Herz;
sie fiel erst in dieses mit dem ganzen Heer ihrer Reize ein und führte nachher
aus diesem, gleichsam in Feindes Land, den Krieg gegen jene. Sie selber war
nicht anders zu erobern, als sie bekriegte. Wenn die Weiber der höhern Klasse,
wie die Epigrammen, in solche, die Witz, und in andre, die Empfindung haben,
einzuteilen sind: so glich sie mehr dem griechischen als dem gallischen
Sinngedicht, wiewohl die griechische Ähnlichkeit täglich kleiner wurde. Die
Maienluft ihres frühern Lebens hatte einmal eine weisse Blüte edler Liebe an ihr
Herz geweht, wie oft ein Blütenblatt zwischen die gebeizten Federn oder
Brillanten-Blumen des Damenhuts herunterzittert - aber ihr Stand formte bald
ihren Busen zu einem Potpourri um, auf dem gemalte Blumen der Liebe und in
welchem ein faulender Blüten-Schober ist. Alle ihre Verirrungen blieben jedoch
in den engern und schönern Grenzen, an denen eine unsichtbare Hand eines
unauslöschlichen Gefühles sie anhielt. Die Ministerin hatte dieses Gefühl nie
gehabt, und ihre Herzens-Schreibtafel wurde immer schmutziger, je mehr sie
hineinschrieb und herauswischte. Diese konnte durchaus keinen edlen Menschen
blenden; jene konnt' es.
    Jetzo nach dieser Abschweifung kann der Leser nicht mehr irre werden, wenn
Bousens Betragen gegen Gustav weder aufrichtig noch verstellt, sondern beides
ist. Sie zeigte ihm das Nachtstück, das der russische Fürst dagelassen und das
sie der richtigern Beleuchtung wegen in ihrem Kabinette aufgehangen hatte. Es
stellte bloss eine Nacht, einen aufgehenden Mond, eine Indianerin, die ihm auf
einem Berge entgegenbetet, und einen Jüngling vor, der auch Gebet und Arme an
den Mond, die Augen aber auf die geliebte Beterin an seiner Seite richtete; im
Hintergrund beleuchtete noch ein Johanniswürmchen eine mondlose Stelle. Sie
blieben im Kabinett, die Residentin verlor sich in die gemalte Nacht, Gustav
sprach darüber; endlich erwachte sie schnell aus ihrem Schauen und Schweigen mit
den schlaftrunknen Worten: »Meine Geburtfeste machen mich allemal betrübt.« Sie
zeichnete ihm zum Beweise fast alle dunklern Partien ihrer Lebensgeschichte vor;
das Trauer-Gemälde nahm seine Farben von ihrem Auge und ihrer Lippe, und seine
Seele von ihrem Ton, und sie endigte damit. »Hier leidet jeder allein.« Er
ergriff in mitfühlender Begeisterung ihre Hand und widerlegte sie vielleicht
durch einen leisen Druck.
    Sie liess ihm die Hand mit der unachtsamsten Miene; schien aber bald eine
Laute neben ihnen, die sie ergriff, zum Vorwand zu nehmen, um die schöne Hand
zurückzuführen. »Ich war nie unglücklich,« fuhr sie bewegt fort, »solange mein
Bruder noch lebte.« Sie nahm nun das Bild desselben, das sie auf ihrem
schwesterlichen Busen trug, nach einer leichten, aber notwendigen Entüllung
hervor und teilte es karg seinen Augen mit, und freigebig den ihrigen. Ob Gustav
bei der Entüllung so verschiedner Geheimnisse bloss auf das gemalte Brustbild
hingesehen - das beurteilt mein Konrektor und sein Fuchspelzrock am
vernünftigsten, welcher glaubt, es gebe keine schönere Ründe als der Perioden
ihre, und keine neuern Evas-Äpfel als die im Alten Bunde. Mein Pelz-Konrektor
hat gut vordozieren; aber Gustav, der der trauernden Residentin gegenübersjetzt,
welche sonst bloss die Form, nie die Farbe jener umlaubten verbotnen Frucht
erraten liess, hat schwer lernen.
    Die wenigsten wären, wie ich und der Konrektor, imstande gewesen, ihr das
Bild eigenhändig wieder einzuhändigen.
    »Dieses Kabinett«, sagte sie, »lieb' ich, wenn ich traurig bin. Hier
überraschte mich mein Alban (Name des Bruders), da er aus London kam - hier
schrieb er seine Briefe - hier wollt' er sterben, aber der Arzt liess ihn nicht
aus seinem Zimmer.« Sie liess unbewusst einen in die Luft versinkenden Akkord aus
ihrer Laute schlüpfen. Sie blickte Gustav träumerisch an, ihr Auge umzog sich
mit immer feuchterem Schimmer. »Ihre Schwester ist noch glücklich!« sagte sie
mit einem Trauerton, der allmächtig ist, wenn man ihn das erstemal von schönen
und sonst lachenden Lippen hört. »Ach ich wollte,« (sagte er mit sympatetischem
Kummer) »ich hätte eine Schwester.« - Sie sah ihn mit einer kleinen forschenden
Verwunderung an und sagte. »Auf dem Teater machten Sie heute gerade die
umgekehrte Rolle gegen die nämliche Person.« Dort nämlich gäb' er sich
fälschlich für einen Bruder der Beata, hier fälschlich für keinen aus, oder
vielmehr, hier kündige er ihr seine Liebe auf. Sein fragendes Erstaunen hing an
ihrem Munde und schwebte ängstlich zwischen seiner Zunge und seinem Ohre. Sie
fuhr gleichgültig fort: »Freilich sagt man, dass leibliche Brüder und Schwestern
sich selten lieben; aber ich bin die erste Ausnahme; Sie werden die zweite
sein.« Sein Erstaunen wurde Erstarren ....
    Es würde dem Publikum auch so gehen, wenn ich nicht einen Absatz machte und
es belehrte, dass die Residentin gar wohl die Lüge geglaubt haben kann (im Grunde
muss), die sie ihm sagte. - Leute ihres Standes, denen das Furioso der
Lustbarkeiten-Konzerts immer in die Ohren reisst, hören unebenbürtige
Neuigkeiten nur mit tauben oder gar halben - sie kann mitin noch leichter als
der Leser (und wer steht mir für den?) den verlornen Sohn der Röperin und des
Falkenbergs mit dem gegenwärtigen der Rittmeisterin und des Falkenbergs
vermenget haben. - Ihr bisheriges Betragen ist so wenig wider meine Vermutung,
als das bisherige des angeblichen Geschwisterpaars gegen ihre war; gleichwohl
kann ich mich verrechnen.
    Dieses Verrechnen wird aber durch ihr weiteres Betragen ganz
unwahrscheinlich. Seine Verlegenheit gebar ihre; sie bedauerte ihre
Voreiligkeit, ein Geschwisterpaar für glücklich und liebend gepriesen zu haben,
das sich meide und ungern von seinen Verhältnissen spreche. Sie verbarg mit
ihren Mienen ihre Absicht nicht, das Gespräch abzulenken, sondern zeigte sie mit
Fleiss; aber zu ihrem Kummer, keinen Bruder zu haben, gesellete sich der Kummer,
dass Gustav zwar eine Schwester habe, aber nicht liebe, und sie drückte ihre
Sympatie mit dem ähnlichen Unglück auf ihrer Laute immer schöner und leiser
aus. Gustavs getäuschte Seele, auf der noch das heutige Fest mit seinem Glanze
stand, überzogen die heftigsten und unähnlichsten Wogen - Misstrauen kam nie in
sein Herz, ob er gleich in seinem Kopfe genug davon zu haben meinte - jetzt
hatt' er die Wahl zwischen dem Trone und dem Grabe seiner heutigen Freude.
    Denn starke Seelen kennen zwischen Himmel und Hölle nichts - kein Fegefeuer,
keinen limbus infantum.
    
    Die Residentin entschied sein Schwanken. Sie nahm sein Mienen-Chaos (- oder
schien es, weil ich nicht das Herz habe, der Schöppenstuhl und die letzte
Instanz so vieler tausend Leser zu sein -) für die doppelte Verlegenheit und
Betrübnis über die Kälte, womit seine (angebliche) Schwester ihn behandle, und
über seine Familiengeschichte. Sie hatte bisher in seinen Augen ein Sehnen
gefunden, das schönere Reize suchte als die übrigen Hof-Augen - sie hatte den
Morgen, wo er Amandus' Grab erbat, und die Augen voll Liebe, die er vor ihr
trocknete, in ihrem gefühlvollen Herzen aufbewahrt - folglich goss sie den
zärtlichsten Blick auf seinen heissen - zog die zärtlichste Stimme ihrer
sympatetischen Brust aus ihren Lauten-Saiten - wollte zuhüllen ihr pochendes
Herz - und konnte nicht einmal sein Schlagen verstecken - und fiel, als er die
Bewegung des heftigsten Affektes machte, verloren, hingerissen, mit zitterndem
Auge, mit überwältigtem Herzen, mit irrender Seele und mit dem einzigen grossen
langsamen, tief heraufgeseufzeten Laute: »Bruder!!« an - ihn.
    Er an sie! ... Sie fühlte das erstemal in ihrem Hofleben eine solche
Umarmung; er das erstemal eine empfangne; denn an Beatens reinem Herzen hatt' er
ihre Arme nie gefühlt. O Bouse! hättest du ihr doch geglichen und wärest eine
Schwester geblieben! Aber - - du gabest mehr, als du bekamest, und reizetest zum
Nehmen - du rissest ihn und dich in einen verfinsternden Gefühl-Orkan - an
deinem Busen verlor er dein Gesicht - dein Herz - sein eignes - und als alle
Sinne mit ihren ersten Kräften stürmten, alles, alles .....
    Schutzgeist meines Gustavs! Du kannst ihn nicht mehr retten; aber heil ihn,
wenn er verloren ist, wenn er verloren hat, alles, seine Tugend und seine Beata!
Ziehe, wie ich, den traurigen Vorhang um seinen Fall und sage sogar zur Seele,
die so gut ist wie seine: »Sei besser!«
    Ehe wir zur Seele gehen, der ers sagt, zu Beata, wollen wir wenigstens einen
einzigen Verteidiger für den armen Gustav vernehmen, damit man ihn nicht zu tief
verdamme. Der Verteidiger gibt bloss dieses zu bedenken: wenn die Weiber so
leicht zu besiegen sind, so ist es, weil in allen Krieg-Verhältnissen der
angreifende Teil die Vorteile vor dem angegriffenen voraushat; kehret sich aber
einmal der Fall um, und tritt eine Versucherin statt eines Versuchers auf: so
wird derselbe Versuchte, der nie eine Unschuld angefeindet hätte, die seinige
verlieren in der ungewöhnlichen Umkehrung der Verhältnisse, und zwar um so
leichter, je mehr die weibliche Versuchung zärter, feiner und durchdringender
ist als die männliche. Daher verführen zwar Männer; aber Jünglinge werden
gewöhnlich anfangs verführt - und eine Versucherin bildet zehn Versucher.
    Verzeihe, reine Beata, uns allen den Übergang zu dir! - Du hütest in dieser
Spätnacht ein Zimmer des fürstlichen Schlosses ganz einsam, aber mit Freuden an
Freuden; denn du hattest Gustavs Brief an dich in der Hand und an der Brust; und
im ganzen Palast war heute die kränklichste Seele die glücklichste; denn der
Brief, den sie einsam lesen, küssen, ohne innere und äussere Stürme ausgeniessen
konnte, leuchtete ihrem zarten Auge milder als die Gegenwart des Gegenstandes,
dessen Glühfeuer erst durch eine Entfernung zur wehenden Wärme fiel; seine
Gegenwart überhäufte sie mit Genuss zu sehr, und sie umarmte da jeden Augenblick
den Genius ihrer Tugend, wenn sie glaubte, bloss ihren Freund zu umfassen. - In
dieser Lenz-Entzückung, als sie in der einen Hand den Brief und in der andern
den Genius der Tugend hatte, störte sie der scheerauische - Fürst. So schiebt
sich auf dem Bauch eine Kröte in ein Blumenbeet.
    Einer Frau wird ihr Betragen in solchem Fall nur dann schwer, wenn sie noch
unentschlossen zwischen Gleichgültigkeit und Liebe schwankt; oder auch wenn sie
trotz aller Kälte aus Eitelkeit doch gerade so viel bewilligen möchte, dass die
Tugend nichts verlöre und die Liebe nichts gewönne; - hingegen im Fall der
vollendeten tugendhaften Entschlossenheit kann sie sich frei der innern Tugend
überlassen, die für sie kämpfet, und sie braucht kaum über Zunge und Mienen zu
wachen, weil diese schon verdächtig sind, wenn sie eine Wache begehren. - Die
Art, wie Beata den Brief einsteckte, war der einzige kleine Halbton in dieser
vollen Harmonie einer gerüsteten Tugend. Der scheerauische Tron-Insass
entschuldigte seine Erscheinung mit seiner Sorgfalt für ihre Gesundheit. Er
setzte sein folgendes Gespräch aus der französischen Sprache - der besten, wenn
man mit Weibern und mit Witzigen sprechen will - und aus jenen Wendungen
zusammen, mit denen man alles sagen kann, was man will, ohne sich und den andern
zu genieren, die alles nur halb und von dieser Hälfte wieder ein Viertel im
Scherze und alles mehr verbindlich als schmeichelnd und mehr kühn als aufrichtig
vortragen.
    »So hab' ich Sie« - sagt' er mit einer verbindlichen Verwunderung - »heute
den ganzen Abend in meinem Kopfe abgemalt gesehen; meine Phantasie hat Ihnen
nichts genommen, ausser die Gegenwart. - Wenn das Schicksal mit sich reden liesse:
so hätt' ich auf dem ganzen Ball mit ihm gezankt, dass es gerade der Person, die
uns heute so viel Vergnügen gab, das ihrige nahm.«
    »O« - sagte sie - »das gute Schicksal gab mir heute mehr Vergnügen, als ich
geben konnte.« Obgleich der Fürst unter die Personen gehört, mit denen man über
nichts sprechen mag: so sagte sie dieses doch mit Empfindung, die aber nichts
als ein Dank ans Schicksal für die vorherige frohe Lese-Stunde war.
    »Sie sind« (sagt' er mit einer feinen Miene, die einen andern Sinn in
Beatens Rede legen sollte) »ein wenig Egoistin. - Das ist Ihr Talent nicht -
Ihres muss sein, nicht allein zu sein. Sie verbargen bisher Ihr Gesicht wie Ihr
Herz; glauben Sie, dass an meinem Hofe niemand wert ist, beide zu bewundern und
zu sehen?« - Für Beata, die glaubte, sie hätte nicht nötig bescheiden zu sein,
sondern demütig, war ein solches Lob so gross, dass sie gar nicht daran dachte, es
zu widerlegen. Sein Blick sah nach einer Antwort; aber sie gab ihm überhaupt so
selten als möglich eine, weil jeder Schritt die alte Schlinge mit in die neue
trägt. Er hatte ihre Hand anfangs mit der Miene gesucht, womit man sie einem
Kranken nimmt: sie hatte sie ihm gleichgültig gelassen; aber wie einen toten
Handschuh hatte sie ihre in seine gebettet - alle seine Gefühlspitzen konnten
nicht das geringste Regsame an ihr aushorchen; sie zog sie weder langsam noch
hurtig bei der nächsten Erweiterung aus der rostigen Scheide heraus.
    Der Tanz, der Tag, die Nacht, die Stille gaben seinen Worten heute mehr
Feuer, als sonst darin lag. »Die Lose« - sagt' er und spielte pikiert mit einer
Münze der Westentasche, um die geflohene Hand zu ersetzen - »sind unglücklich
gefallen. Die Personen, die das Talent haben, Empfindungen einzuflössen, haben
zum Unglück oft das feindselige, selber keine zu erwidern.« Er heftete seinen
Blick plötzlich auf ihre Hemdnadel, an der eine Perle und das Wort »l'amitié«
glänzte; er sah wieder auf seine bolognesische Münze, auf der wie auf allen
bolognesischen das Wort »libertas« (Freiheit) stand. »Sie gehen mit der
Freundschaft wie Bologna mit der Freiheit um - beide tragen das als Legende, was
sie nicht haben.« - Die edleren Menschen können die Worte »Freundschaft,
Empfindung, Tugend« auch von den unedelsten nicht hören, ohne bei diesen Worten
das Grosse zu denken, wozu ihr Herz fähig ist. Beata bedeckte einen Seufzer mit
ihrer steigenden Brust, der es nur gar zu deutlich sagen wollte, was Empfindung
und Freundschaft ihr für Freuden und für Schmerzen gäben; aber den Fürsten ging
er nichts an.
    Sein haschender Blick, den er nicht seinem Geschlecht, sondern seinem Stande
verdankte, erwischte den Seufzer, den er nicht hörte. Er machte auf einmal wider
die Natur der Appellation und der Natur einen dialogischen Sprung: »Verstehen
Sie mich nicht?« sagt' er mit einem Tone voll hoffender Ehrerbietung. Sie sagte
kälter, als der Seufzer versprach, sie könne heute mit ihrem kranken Kopfe
nichts tun, als ihn auf den - Arm stützen, und bloss der mache ihr es schwer, die
Ehrfurcht einer Untertanin und die Verschiedenheit ihrer Meinungen von den
seinigen mit gleicher Stärke auszudrücken. - Gleich Raubtieren haschte er, wenn
Schleichen zu nichts führte, durch Sprünge. »O doch!« (sagt' er und machte
Henris Liebeerklärung zur seinigen) »Marie! ich bin ja Ihr Bruder nicht.« Eine
Frau gewinnt, wenn sie zu lange gewisse Erklärungen nicht verstehen will, nichts
als - die deutlichsten. Er lag noch dazu in Henris Attitüde vor ihr. »Erlassen
Sie mir«, antwortete sie, »die Wahl, es für Scherz oder für Ernst zu halten -
ausser dem Teater bin ich unfähiger, den Rosen-Preis zu verdienen oder zu
vernachlässigen; aber Sie sinds, die Sie ihn überall bloss geben müssen.« - »Wem
aber?« (sagt' er, und man sieht daraus, dass gegen solche Leute keine Gründe
helfen) - »ich vergesse über die Schönen alle Hässlichen und über die Schönste
alle Schönen - ich gebe Ihnen den Preis der Tugend, geben Sie mir den der
Empfindung - oder darf ich mir ihn geben?« und hastig zuckten seine Lippen nach
ihren Wangen, auf denen bisher mehr Tränen als Küsse waren; allein sie wich ihm
mit einem kalten Erstaunen, das er an allen Weibern wärmer gefunden hatte, weder
um einen Zoll zu viel noch zu wenig aus und reichte bei ihm in einem Tone, in
dem man zugleich die Ehrfurcht einer Untertanin, die Ruhe einer Tugendhaften und
die Kälte einer Unerbittlichen fand, kurz in einem Tone, als hätte ihre Bitte
mit dem Vorgegangnen gar keine Verbindung, auf diese Art reichte sie ihre
untertänige Supplik ein, er möchte allergnädigst sich, da ihr der Doktor gesagt
hätte, sie könne heute nichts Schlimmers tun als wachen, sich - wie ich mich
ausgedrückt haben würde - zum Henker scheren. Eh' er so weit ging: badinierte er
noch einige Minuten, kam darüber beinahe wieder in den alten Ton, legte seine
Inhäsiv-Pro-Reprotestationen ein und zog ab.
    Nichts als die Ruhe, die sie aus den Händen der Tugend und der - Liebe und
des Gustavischen Briefes hatte, gab ihr das Glück, dass dieser Jakob oder Jack
sich an diesem Engel eine Hüfte ausrenkte; - was freilich den matten Jaques um
so mehr verdross, je mehr der Engel sich unter dem Ringen verschönerte, da jede
weibliche Unruhe bekanntlich ein augenblickliches Schmink- und Schönheitmittel
wird.
    In euerem ganzen Leben, Gustav und Beata, schluget ihr eure Augen nie mit so
verschiednem Gefühl vor einem Morgen auf als an dem, wo sich Beata nichts und
Gustav alles vorzuwerfen hatte. Über den ganzen versunkenen Frühling seines
Lebens schlichtete sich ein langer Winter; er hatte ausser sich keine Freude, in
sich keinen Trost und vor sich statt der Hoffnung Reue.
    Er riss sich mit so vieler Schonung, als seine Verzweiflung zuliess, von den
Gegenständen seines Jammers los und jagte sein sprudelndes Blut nach Auental zu
Wutz - in meine Stube. Ich sah an nichts mehr, dass er noch Gefühl und Leben
hatte, als am Gewitterregen seiner Augen. - Er fing vergeblich an; unter Blut,
Ideen und Tränen sanken seine Worte unter - endlich wandte er sich,
hochaufglühend, von mir gegen das Fenster und erzählte mir, auf einen Ort
blickend, seinen Fall, den er von sich selbst herunter getan. - Darauf, um sich
an sich selber durch seine Beschämung zu rächen, liess er sich ansehen, hielt es
aber nicht länger aus, als bis er zum Namen Beata kam: hier, wo er mich zum
ersten Male vor den gewichnen Blumengarten seiner ersten Liebe führte, musst' er
sich das Gesicht zuhüllen und sagte: »O ich war gar zu glücklich und bin gar zu
unglücklich.«
    Die Täuschung der Residentin, welche ihn für den Bruder Beatens gehalten,
konnt' ich ihm leicht aus der Ähnlichkeit der Bildnisse von ihm und dem ersten
Sohne ihrer Mutter erklären. - Zuerst sucht' ich ihm den wichtigsten Kredit
wieder zu geben - den, den man bei sich selber finden muss: wer sich keine
moralische Stärke zutrauet, büsset sie am Ende wirklich ein. Sein Fall kam bloss
von seiner neuen Lage; an einer Versuchung ist nichts so gefährlich als ihre
Neuheit; die Menschen und die Pendul-Uhren gehen bloss in einerlei Temperatur am
richtigsten. - Übrigens bitt' ich die Romanenschreiber, die es noch leichter
finden, als das Gefühl und die Erfahrung es bestätigen, dass zwei ganz reine
seelenvolle Seelen ihre Liebe in einen Fall verwandeln, nicht meinen Helden zum
Beweise zu nehmen; denn hier mangelte die zweite reine Seele; hingegen die
Vereinigung aller Farben von zwei schönen Seelen (Gustavs und Beatens) wird
immer nur die weisse der Unschuld geben.
    Sein Entschluss war der, von Beaten sich auf immer in einem Briefe abzureissen
- das Schloss mit allen Gegenständen, die ihn an seine schönen Tage oder an
seinen unglücklichen erinnerten, zu verlassen - den Winter bei seinen Eltern,
die ihn allemal in der Stadt zubrachten, zu verleben oder zu verseufzen und dann
im Sommer mit Oefel die Karten zum Spiel des Lebens von neuem zu mischen, um zu
sehen, was es noch, wenn die Seelenruhe verloren ist, zu gewinnen oder
einzubüssen gäbe .... Schöner Unglücklicher! warum legt gerade jetzt deine
gegenwärtige Geschichte, da ich mit ihr meine geschriebne zusammenführen könnte,
Flöre um? Warum fallen gerade deine kurzen trüben Tage in die kurzen trüben des
Kalenders hinein? O in diesem Trauer-Winter wird mich keine Himmelleiter des
Entusiasmus mehr in die Höhe richten, um die Blüten-Landschaft deines Lebens zu
überschauen und abzuzeichnen, und ich werde wenig von dir schreiben, um dich
öfter in meine Arme zu nehmen!
    Und ihr entsetzlichen Seelen, die ihr einen Fehltritt, an dem Gustav sterben
will, unter eure Vorzüge und eure Freuden rechnet, die ihr die Unschuld nicht,
wie er, selber verliert, sondern fremde mordet, darf ich ihn durch eure
Nachbarschaft auf dem Papier besudeln? - Was werdet ihr noch aus unserem
Jahrhundert machen? - Ihr gekrönten, gestirnten, turnierfähigen, infulierten
Hämlinge! Davon ist die Rede nicht und ich hab' es nie getadelt, dass ihr aus
euren Ständen die sogenannte Tugend (d.h. den Schein davon), die ein so spröder
Zusatz in euren weiblichen Metallen ist, mit so viel Glasfeuer, als ihr
zusammenbringen könnt, herausbrennt und niederschlagt - denn in euren Ständen
hat Verführung keinen Namen mehr, keine Bedeutung, keine schlimme Folgen, und
ihr schadet da wenig oder nicht - aber in unsere mittleren Stände, auf unsere
Lämmer schiesst, ihr Greif- und Lämmergeier, nicht herab! Bei uns seid ihr noch
eine Epidemie (ich falle, wie ihr, in eine Vermischung, aber nur der Metaphern),
die mehr wegreisset, weil sie neuer ist. Raubet und tötet da lieber alles andre
als eine weibliche Tugend! - Nur in einem Jahrhundert wie unsers, wo man alle
schönen Gefühle stärkt, nur das der Ehre nicht, kann man die weibliche, die bloss
in Keuschheit besteht, mit Füssen treten und wie der Wilde einen Baum auf immer
umhauen, um ihm seine ersten und letzten Früchte zu nehmen. Der Raub einer
weiblichen Ehre ist so viel als der Raub einer männlichen, d.h. du zerschlägst
das Wappen eines höhern Adels, zerknickst den Degen, nimmst die Sporen ab,
zerreissest den Adelbrief und Stammbaum; das, was der Scharfrichter am Manne tut,
vollstreckest du an einem armen Geschöpfe, das diesen Henker liebt und bloss
seine unverhältnismässige Phantasie nicht bändigen kann. Abscheulich! - Und
solcher Opfer, welche die männlichen Hände mit einem ewigen Halseisen an die
Unehre befestigt haben, stehen in den Gassen Wiens zweitausend, in den Gassen
von Paris dreissigtausend, in den Gassen von London funfzigtausend. - -
Entsetzlich! Todes-Engel der Rache! zähle die Tränen nicht, die unser Geschlecht
aus dem weiblichen Auge ausdrückt und brennend aufs schwache weibliche Herz
rinnen lässt! Miss die Seufzer und die Qualen nicht, unter denen die
Freuden-Mädchen verscheiden und an denen den eisernen Freuden-Mann nichts
dauert, als dass er sich an ein andres Bett, das kein Sterbebette ist, begeben
muss!
    Sanftes, treues, aber schwaches Geschlecht! Warum sind alle Kräfte deiner
Seele so glänzend und gross, dass deine Besonnenheit zu bleich und klein dagegen
ist? Warum beweget sich in deinem Herzen eine angeborne Achtung für ein
Geschlecht, das die deinige nicht schont? Je mehr ihr eure Seelen schmücket, je
mehr Grazien ihr aus euren Gliedern machet, je mehr Liebe in eurem Herzen wallet
und durch eure Augen bricht, je mehr ihr euch zu Engeln umzaubert: desto mehr
suchen wir diese Engel aus ihrem Himmel zu werfen, und gerade im Jahrhundert
eurer Verschönerung vereinigen sich alle, Schriftsteller, Künstler und Grosse, zu
einem Wald von Giftbäumen, unter denen ihr sterben sollt, und wir schätzen
einander nach den meisten Brunnen- und Kelchvergiftungen für eure Lippen!
 
                                    Fussnoten
1 Denn man könnte einen Menschen durch die Versicherung närrisch machen, er sei
närrisch. Die Freunde vom jüngern Crebillon beredeten sich einmal, an einem
geselligen frohen Abende über keinen Einfall von ihm zu lachen, sondern nur
mitleidig zu schweigen, als hab' er nun allen Witz verloren. Und die Sache wurd'
ihm auch glaublich gemacht. Wieder andere Schriftsteller werden durch ihre
Freunde gerade mit dem umgekehrten Irrtum noch lebhafter getäuscht, dass sie
glauben, Witz zu haben.
2 Legierung des Goldes mit Kupfer heisset die mit Rot, die mit Silber heisst die
mit Weiss.
3 Nämlich bloss an konventioneller; denn es gibt eine gewisse bessere, von der
nicht allemal jene, aber wohl allemal gebildete Güte des Herzens und Kopfes
begleitet wird.
4 Frau des Doge.
 
                     Achtunddreissigster oder Neujahr-Sektor
              Nachtmusik - Abschiedbrief - mein Zanken und Kranken
Ich hatte auf heute vor, Spass zu machen, meine Biographie einen gedruckten
Neujahrwunsch an den Leser zu nennen und statt der Wünsche scherzhafte
Neujahr-Flüche zu tun und dergleichen mehr. Aber ich kann nicht und werd' es
überhaupt bald gar nicht mehr können. Welches plumpe ausgebrannte Herz müssen
die Menschen haben, welche im Angesichte des ersten Tages, der sie unter 364
andre gebückte, ernste, klagende und zerrinnende hineinführet, die tobende
schreiende Freude der Tiere dem weichen stillen und ans Weinen grenzenden
Vergnügen des Menschen vorzuziehen imstande sind! Ihr müsst nicht wissen, was
die Wörter »erster« und »letzter« sagen, wenn ihr nicht darüber, sie mögen einem
Tage oder einem Buche oder einem Menschen gegeben werden, tiefern Atem zieht;
ihr müsst noch weniger wissen, was der Mensch vor dem Tiere voraushat, wenn in
euch der Zwischenraum zwischen Freude und Sehnsucht so gross ist und wenn nicht
beide in euch eine Träne vereinigt! - Du Himmel und Erde, eure jetzige Gestalt
ist ein Bild (wie eine Mutter) einer solchen Vereinigung: die in unser
frierendes Auge tröstend hineinblickende Lichtwelt, die Sonne, verwandelt den
blauen Äter um sich in eine blaue Nacht, die sich über den blitzenden Grund der
beschneiten Erde noch tiefer schattiert, und der Mensch sieht sehnend an seinem
Himmel eine herübergezogene Nacht und eine Licht-Ritze: die tiefe Öffnung und
Strasse gegen hellere Welten hin ....
    Die vergangne Nacht führt noch meine Feder. Es ist nämlich in Auental wie
an vielen Orten Sitte, dass in der letzten feierlichen Nacht des Jahrs auf dem
Turm aus Waldhörnern gleichsam ein Nachhall der verklungnen Tage oder eine
Leichenmusik des umgesunknen Jahrs ertönt. Als ich meinen guten Wutz nebst
einigen Gehülfen in der untern Stube einiges Geräusch und einige Probe-Töne
machen hörte, stand ich auf und ging mit meiner längst wachen Schwester ans enge
Fenster. In der stillen Nacht hörte man den Hinauftritt der Leute auf den Turm.
Über unser Fenster lag jener Balken, unter dem man in prophetischen Nächten
hinaushorchen muss, um die Wolkengestalten der Zukunft zu sehen und zu hören. Und
wahrhaftig, ich sah im eigentlichen Sinn, was der Aberglaube sehen will - ich
sah wie er Särge auf Dächern und Leichengefolge an der einen Türe und
Hochzeitgäste und Brautkranz an der andern, und das Menschen-Jahr zog durch das
Dorf und hielt an seiner rechten Mutterbrust die kleinen Freuden, die mit dem
Menschen spielen, und an seiner linken die Schmerzen, die ihn anbellen; es
wollte beide nähren, aber sie fielen sterbend ab, und sooft ein Schmerz oder
eine Freude abwelkte, so oft schlug einer von den zwei Klöppeln zum Zeichen an
die Turmglocken an .... Ich sah nach dem weissen Wald hinüber, hinter welchem die
Wohnungen meiner Freunde liegen. O junges Jahr, sagt' ich, zieh zu meinen
Freunden hin und leg ihnen in ihre Arme die Freuden aus deinen und nimm die
zurückgebliebnen zähen Schmerzen des alten mit, die nicht sterben wollen! Geh in
alle vier Weltstrassen und verteile die Säuglinge deiner rechten Brust und mir
lasse nur einen - die Gesundheit! - -
    Die Töne des Turms verströmten in die weite mondlose Nacht hin, die ein
grosser, mit Sternblüten übersäeter Wipfel war. Bist du glücklich oder
unglücklich, kleiner Schulmeister Wutz, dass du auf deinem Turm der weissen Mauer
und einem weissen Stein des Auentaler Gottesackers entgegen stehest und doch
nicht daran denkest, wen Mauer und Stein verschliessen, denselben nämlich, der
sonst an deinem Platze in dieser Stille auch wie du das neue Jahr begrüsste,
deinen Vater, der wieder ebenso ruhig wie du über die verwesenden Ohren des
seinigen hinüberblies? ... Ruhiger bist du freilich, der du am neuen Jahre an
kein anderes Abnehmen als an das der Nächte denkst; aber lieber ist mir meine
Philippine, die hier neben mir ihr Leben von neuem überlebt und gewiss
ernstafter als das erstemal, und in deren Brust das Herz nicht bloss
Frauenzimmer-Arbeit tut, sondern auch zuweilen zum Gefühl anschwillt, wie wenig
der Mensch ist, wie viel er wird und wie sehr die Erde eine Kirchhof-Mauer und
der Mensch der verpuffende Salpeter ist, der an dieser Mauer anschiesset! Gute
weinende Schwester, in dieser Minute fragt dein Bruder nichts darnach, dass du
morgen - nicht viel darnach fragest; in dieser Minute verzeihet er dirs und
deinem ganzen Geschlechte, dass eure Herzen so oft Edelsteinen gleichen, in denen
die schönsten Farben und eine - Mücke oder ein Moos nebeneinander wohnen; denn
was kann der Mensch, der dieses verwitternde Leben und seine verwitternden
Menschen besieht und beseufzet, mitten in diesem Gefühle Bessers tun, als sie
recht herzlich lieben, recht dulden, recht ... Lass dich umarmen, Philippine, und
wenn ich einmal dir nicht verzeihen will, so erinnere mich an diese Umarmung!
...
    Meine Lebensbeschreibung sollte jetzo weiterrücken; aber ich kann meinen
Kopf und meine Hand unmöglich dazu leihen, wenn ich nicht auf der Stelle mich
aus der gelehrten Welt in die zweite schreiben will. Es ist besser, wenn ich
bloss den Setzer dieser Geschichte mache und den schmerzhaften Brief abschreibe,
den Gustav seiner verscherzten Freundin schickte.
»Treue tugendhafte Seele! Die jetzige dunkle Minute, die nur ich verdienet habe,
aber nicht du, quäle dich nicht lange und verziehe sich bald! O! zum Glück
kannst du doch nicht mein Auge, nicht meinen von Schmerzen zitternden Mund und
mein zertrümmertes Herz erblicken, womit ich nun allen meinen schönen Tagen ein
Ende mache. - Wenn du mich hier schreiben sähest: so würde die weichste Seele,
die noch auf der Erde getröstet hat, sich zwischen mich und meinen schlagenden
Kummer stellen und mich bedecken wollen; sie würde mich heilend anblicken und
fragen, was mich quäle .... Ach, gutes treues Herz! frage mich es nicht; ich
müsste antworten: meine Qual, meine unsterbliche Folter, meine Vipern-Wunde
heisset verlorne Unschuld .... Dann würde sich deine ewige Unschuld erschrocken
wegwenden und mich nicht trösten; ich würde einsam liegen bleiben, und der
Schmerz stände aufrecht mit der Geissel bei mir; ach ich würde nicht einmal das
Haupt aufheben, um allen guten Stunden, die sich in deiner Gestalt von mir
wegbegeben, verlassen nachzusehen. - Ach es ist schon so, und du bist ja schon
gegangen! - Amandus! trennt dich der Himmel ganz von mir, und kannst du, der du
mir die Lilien-Hand Beatens gegeben, nicht meine befleckte sehen, die nicht mehr
für die reinste gehört? - Ach, wenn du noch lebtest, so hätt' ich ja dich auch
verloren .... O dass es doch Stunden hienieden geben kann, die den vollen
Freudenbecher des ganzen Lebens tragen und ihn mit einem Fall zersplittern und
die Labung aller, aller Jahre verschütten dürfen!
    Beata! nun gehen wir auseinander; du verdienst ein treueres Herz, als meines
war, ich verdiente deines nicht - ich habe nichts mehr, was du lieben könntest -
mein Bild in deinem Herzen muss zerrissen werden - deines steht ewig in meinem
fest, aber es sieht mich nicht mehr mit dem Auge der Liebe, sondern mit einem
zugesunknen an, das über den Ort weint, wo es steht .... Ach, Beata, ich kann
meinen Brief kaum endigen; sobald seine letzte Zeile steht, so sind wir
auseinander gerissen und hören uns nie mehr und kennen uns nimmer. - - O Gott!
wie wenig hilft die Reue und das Beweinen! Niemand stellet das heisse Herz des
Menschen her, wenn nichts in ihm mehr ist als der harte grosse Kummer, den es,
wie ein Vulkan ein Felsenstück, empor- und herauszuwerfen sucht und der immer
wieder in den lodernden Kessel zurückstürzt; nichts heilt uns, nichts gibt dem
entblätterten Menschen das gefallne Laub wieder; Ottomar behält recht, dass das
Leben des Menschen, wie ein Vollmond, über lauter Nächte ziehe ...
    Ach es muss doch sein! Lebe nur wohl, Freundin! Gustav war der Stunde, die du
haben wirst, nicht wert. Dein heiliges Herz, dem er Wunden gegeben, verbinde ein
Engel, und im Bande der Freundschaft trage du es still! Meinen letzten freudigen
Brief, wo ich mich nicht mit meinem überschwenglichen Glück begnügte, leg in
diesen trostlosen, in dem ich nichts mehr habe, und verbrenne sie miteinander!
Kein Voreiliger sage dir künftig nach vielen Jahren, dass ich noch lebe, dass ich
den langen Schmerz, mit dem ich mein versunknes Glück abbüsse, wie Dornen in
meine verlassene Brust gedrückt und dass in meinem trüben Lebenstage die Nacht
früher komme, die zwischen zwei Welten liegt! Wenn einmal dein Bruder mit einem
schöneren Herzen an deines sinkt: so sag es ihm nicht, so sag es dir selber
nicht, wer ihm ähnlich sah - und wenn einmal dein Tränen-Auge auf die weisse
Pyramide fällt: so wend es ab und vergiss, dass ich dort so glücklich war. - Ach!
aber ich vergess' es nicht, ich wende das Auge nicht ab, und könnte der Mensch
sterben an der Erinnerung, ich ginge zu Amandus' Grabe und stürbe - Beata,
Beata, an keiner Menschenbrust wirst du stärkere Liebe finden, als meine war,
wiewohl stärkere Tugend leicht - aber wenn du einmal diese Tugend gefunden hast,
so erinnere dich meiner nicht, meines Falles nicht, bereue unsre kurze Liebe
nicht und tue dem, der einmal unter dem Sternen-Himmel an deiner edlen Seele
lag, nicht unrecht .... O du meine, meine Beata! in der jetzigen Minute gehörest
du ja noch mir zu, weil du mich noch nicht kennest; in der jetzigen Minute darf
noch mein Geist, mit der Hand auf seinen Wunden und Flecken, vor deinen treten
und um ihn fallen und mit erstickten Seufzern zu dir sagen: liebe mich! ... Nach
dieser Minute nicht mehr - - nach dieser Minute bin ich allein und ohne Liebe
und ohne Trost - das lange Leben liegt weit und leer vor mir hin, und du bist
nicht darin - - - aber dieses Menschen-Leben und seine Fehltritte werden
vorübergehen, der Tod wird mir seine Hand geben und mich wegführen - die Tage
jenseits der Erde werden mich heiligen für die Tugend und dich - - - dann komm,
Beata, dann wird dir, wenn dich ein Engel durch dein irdisches Abendrot in die
zweite Welt getragen, dann wird dir ein hienieden gebrochnes, dort geheiligtes
Herz zuerst entgegengehen und an dich sinken und doch nicht an seiner Wonne
sterben, und ich werde wieder sagen: Nimm mich wieder, geliebte Seele, auch ich
bin selig - alle irdischen Wunden werden verschwinden, der Zirkel der Ewigkeit
wird uns umfassen und verbinden! ... Ach, wir müssen uns ja erst trennen, und
dieses Leben währet noch - - lebe länger als ich, weine weniger als ich und -
vergiss mich doch nicht gänzlich. - Ach hast du mich denn sehr geliebt, du Teure,
du Verscherzte? ...
                                                                      Gustav F.«
                                       *
Abends unter dem Zusiegeln des Briefs fuhr Beata zum Schloss-Tor hinein. Als er
ihre Lichtgestalt, die bald mit so vielen Tränen sollte bedeckt werden,
heraussteigen sah: prallte er zurück, schrieb die Aufschrift, ging zu Bette und
zog die Vorhänge zu, um recht sanft - zu weinen. Dem Romanen-Steinmetz Oefel
eilte er vorzüglich aus dem Wege, weil seine Mienen und Laute nichts als unedle
Triumphe seines weissagenden Blickes waren; und sogar Gustavs
Niedergeschlagenheit rechnete er noch unedler zu seinen Triumphen ....
    Im Grunde wollt' ich, der Henker holte alle Weltteile und sich dazu; denn
mich hat er halb. Wenige wissen, dass er mich diese Biographie nicht zu Ende
führen lässet. Ich bin nun überzeugt, dass ich nicht am Schlage (wie ich mir
neulich unter meinem gefrornen Kopfzeug einbildete) noch an der Lungensucht
(welches eine wahre Grille war) sterben kann; aber bürgt mir dieses dafür, dass
ich nicht an einem Herzpolypen scheitern werde, wofür alle menschliche
Wahrscheinlichkeit ist? - Zum Glück bin ich nicht so hartnäckig wie Musäus in
Weimar, der das Dasein des seinigen, den er so gut wie ich den meinigen mit
kaltem Kaffee gross geätzet, nicht eher glaubte, als bis der Polype sein schönes
Herz verstopft und ihm alle Wiegenfeste und alle Wünsche für die seiner Gattin
genommen hatte. Ich sage, ich merke besser auf Vorboten von Herzpolypen: ich
verberge mir es nicht, was hinter dem aussetzenden Pulse steckt, nämlich eben
ein wirklicher Herzpolype, der Zündpfropf des Todes. Die fatale literarische
Ferne, der Rezensenten-Bund, schleicht mit Stricken um uns gutwillige Narren
herum, die wir schreiben und gleich Schmetterlingen an der Umarmung der Musen
sterben - aber keine Kreuzer-Piece, nicht eine Zeile sollten wir edieren für
solche gewissenlose Stossvögel: wer dankt mirs, dass ich Szenen aufstelle, die den
Prospektmaler beinahe umbringen, und biographische Seiten schreibe, die auf mich
nicht viel besser wirken als vergiftete Briefe? Wer weiss es - nach Scheerau
komm' ich jetzo selten - als meine Schwester, dass ich in diesem biographischen
Lustschloss, das mein Mausoleum werden wird, oft Zimmer und Wände übermale, die
mir Puls und Atem dergestalt benehmen, dass man mich einmal tot neben meiner
Malerei liegen finden muss? Muss ich nicht, wenn ich so in die Schlagweite des
Todes gerate, aufspringen, durch die Stube zirkulieren und mitten in den
zärtlichsten oder erhabensten Stellen abschnappen und die Stiefel an meinen
Beinen wichsen, oder Hut und Hosen auskehren, damit es mir nur den Atem nicht
versetzt, und doch wieder mich daran machen und so auf eine verdammte Art
zwischen Empfindsamkeit und Stiefelwichsen wechseln? - Ihr verdammten
Kunstrichter allzumal!
    Dazu gesellen sich noch tausend Plackereien, die mich seit einiger Zeit viel
öfter zwicken, weil sie etwa merken, dass der Polype mir bald den Garaus
versetzen und sie mich nicht lange mehr haben werden. Meinen Maussenbacher
Hummer, der mich immer zwischen seine gerichterrlichen Scheren nimmt und der
glaubt, ein armer Gerichtalter müsse an nichts anderm sterben als an Arbeiten
ex officio, diesen ägyptischen Fronvogt will ich überspringen; auch meine
Schwester und Wutzen unter mir, die beide wider alles Mass lustig sind und mich
fast tot singen. Aber was mich drückt, ist der Druck der Untertanen, das
metallene Druckwerk, das man unsern Fürsten nennt.
    Ich hätte mich beinahe neulich in einer Exzeptionschrift in einen
ehrenvollen Festungarrest hineingeschrieben. Hier aber auf dem biographischen
Papiere kann ich schon eher meine Orangen ohne Karzer-Gefahr an den gekrönten
Kopf werfen. Pfui! bist du darum Fürst, um eine Wasserhose zu sein, die alles,
worüber sie rückt, in ihren Krater hinaufschlingt? Und wenn du uns einmal
bestehlen willst, tu es mit keinen andern Händen als mit deinen eignen, fahre
terminierend vor allen Häusern durch das Land und erhebe selber die ordentlichen
Steuern in deinen Wagen: aber so wie bisher, langen unsre Abgaben nach dem
Transitozoll, den sie den Händen aller deiner Kassenbedienten geben müssen, so
mager wie weitgereisete Heringe oben in deiner Schatulle an, dass du im Grunde
von beschwerlichen Summen nicht mehr bekommst als bequeme Logaritmen. Die
Fürsten haben, wie die ostindischen Krebse, eine Riesen-Schere zum Nehmen, und
eine Zwerg-Schere, den Fang an den Mund zu bringen.
    Und so ist die ganze Hauptstadt, wo jeder sich für regierendes Mitglied
ansieht und doch jeder darüber schreiet, dass der andre sich ins Regieren mengt
und dass die Kinder unter den Hermelin wie unter den väterlichen Schlafrock
kriechen und vereinigt den Vater nachmachen - wo die Paläste der Grossen aus
Höllensteinen gemauert sind, die wie aussätzige Häuser kleinere zernagen - wo
der Minister den Fürsten auf seiner unempfindlichen Hand, wie der Falkonier den
Falken auf der beschuhten, trägt - wo man die Laster des Volks für die Renten
ihrer Obern ansieht und alles moralische Aas, wie die Bienen ihr physisches,
bloss mit Wachs umklebt, anstatt es aus dem Bienenkorb zu tragen, d.h. wo die
Polizei die Moral ersetzen will - wo, wie an einem jeden Hofe, eine moralische
Figur so unausstehlich und so steif gefunden wird als in der Malerei eine
geometrische - wo der Teufel völlig los und der heilige Geist in der Wüste ist
und wo man Leuten, die in Auental oder sonst krumme Sonden in den Händen halten
und damit die fremden Körper und Splitter aus den Wunden des Staates heben
wollen, ins Gesicht sagt: sie wären nicht recht gescheit ....
    Ich wollt', es wär' wahr: so wär' ich wenigstens recht gesund. Nach einem
solchen Klumpen von Ich, woraus ein Staatskörper wie aus Monaden besteht, ist
das meinige zu winzig, um vorgenommen und besehen zu werden. Sonst könnt' ich
jetzo nach den Besorgnissen um den Staat die um mich selber erzählen.
    - Und doch will ich dem Leser meine Qualen oder Sieben Worte am Kreuze
sagen, wiewohl er selber mich an das Kreuz, unter welchem er mich bedauern will,
hat schlagen helfen. Im Grunde fragt kein Teufel viel nach meinem Siechtum. Ich
sitze hier und stelle mir aus unvergoltener Liebe zum Leser den ganzen Tag vor,
dass Feuer kann geschrien werden, das gleich einem Autodafé alle meine
biographischen Papiere in Asche legt und vielleicht auch den Verfasser. - Ich
stelle mir ferner vor und martere mich, dass dieses Buch auf dem Postwagen oder
in der Druckerei so verdorben werden kann, dass das Publikum um das ganze Werk so
gut wie gebracht ist, und dass es auch nach dem Druck in ein Hetzhaus und eine
Marterkammer geraten kann, wo ein kritischer Broterr und
Kunstrichter-Ordengeneral seine Rezensenten mit ihren langen Zähnen sitzen hat,
die meiner zarten Beata und ihrem Amanten Fleisch und Kleider abreissen und deren
Stube jener Stube voll Spinnen gleicht, die ein gewisser Pariser hielt und die
bei seinem Eintritt allemal auf seine ausgezognen blutigen Taubenfedern zum
Saugen von der Decke niederfuhren und aus deren Fabrikaten er mit Mühe jährlich
einen seidnen Strumpf erzielte .... Alle diese Martern tu' ich mir selber an,
bloss des Lesers wegen, der am meisten verlöre, wenn er mich nicht zu lesen
bekäme; aber es ist diesem harten Menschen einerlei, was die ausstehen, die ihn
ergötzen. - Hab' ich endlich meine Hand von diesen Nägeln des Kreuzes
losgemacht: so ekelt mich das Leben selber an als ein so elendes langweiliges
Ding von Monochord, dass jedem Angst werden muss, ders ausrechnet, wie oft er noch
Atem holen und die Brust auf- und niederheben muss, bis sie erstarret, oder wie
oft er sich bis zu seinem Tode noch auf den Stiefelknecht oder vor den
Rasierspiegel werde heben müssen. - - Ich betrachte oft die grösste Armseligkeit
im ganzen Leben, welche die wäre, wenn einer alle in dasselbe zerstreuet
umhergesäete Rasuren, Frisuren, Ankleidungen, Sedes hintereinander abtun müsste.
- Der dunkelste Nachtgedanke, der sich über meine etwa noch grünenden Prospekte
lagert, ist der, dass der Tod in diesem nächtlichen Leben, wo das Dasein und die
Freunde wie weit abgeteilte Lichter im finstern Bergwerk gehen, mir meine teure
Geliebten aus den ohnmächtigen Händen ziehe und auf immer in verschüttete Särge
einsperre, zu denen kein Sterblicher, sondern bloss die grösste und unsichtbarste
Hand den Schlüssel hat .... Hast du mir denn nicht schon so viel weggerissen?
Würd' ich von Kummer oder von Eitelkeit des Lebens reden, wenn der bunte
Jugend-Kreis noch nicht zerstückt, wenn das Farbenband der Freundschaft, das die
Erde und ihren Schmelz noch an den Menschen heftet, noch nicht voneinander
gesägt wäre bis auf ein oder zwei Fäden? - O du, den ich jetzo aus einer weiten
Entfernung weinen höre, du bist nicht unglücklich, an dessen Brust ein geliebtes
Herz erkaltet ist, sondern du bists, der ists, der an das verwesende denkt, wenn
er sich über die Liebe des lebendigen Freundes freuen will, und der in der
seligsten Umarmung sich fragt: »Wie lange werden wir einander noch fühlen?« ...
 
                 Neununddreissigster oder 1ter Epiphaniä-Sektor
Erst jetzt ists toll: die Krankheit hat mir zugleich die juristische und die
biographische Feder aus der Hand gezogen, und ich kann trotz allen Ostermessen
und Fatalien in nichts eintunken ........
 
                     Vierzigster oder 2ter Epiphaniä-Sektor
Mich wird, wie es scheint, nebenbei auch der schwarze Star befallen; denn Funken
und Flocken und Spinnweben tanzen stundenlang um meine Augen; und damit - sagen
Plempius und Ritter Zimmermann - meldet sich stets besagter Star an. Schielen -
sagt Richter, der Starstecher, nicht der Starinhaber, in seiner Wundarzeneikunst
(B. III, S 426) - läuft untrüglich dem Stare voraus. Wie sehr ich schiele, sieht
jeder, weil ich immer rechts und links zugleich nach allem blicke und ziele. -
Werd' ich denn wirklich so stockblind wie ein Maulwurf: so ists ohnehin um mein
bisschen Lebensbeschreiben getan ....
 
                  Einundvierzigster oder 3ter Epiphaniä-Sektor
Ich besitze ein paar Fieber auf einmal, die bei andern glücklichern Menschen
sonst einander nicht leiden können: das dreitägige Fieber - das Quartanfieber -
und noch ein Herbst- oder Frühlingfieber im allgemeinen. - Indessen will ich,
solang' ich noch nicht eingesargt bin, dem Publikum alle Sonntage schreiben und
es etwa zu zwei oder drei Zeilen treiben. Auch der Stil sogar wird jämmerlich;
hier wollen sich die zwei Verba reimen ....
 
                 Zweiundvierzigster oder 4ter Epiphaniä-Sektor
O ihr schönen biographischen Sonntage! ich erlebe keinen wieder. Zu den Übeln,
die ich schon bekannt gemacht habe, stösset noch eine lebendige Eidechse, die
sich in meinem Magen aufhält und deren Laich ich im vorigen Sommer aus einem
unglücklichen Durst muss eingeschluckt haben ....
 
             Dreiundvierzigster oder 5ter und 6ter Epiphaniä-Sektor
Von Kirschkernen, die im Magen aufgekeimt, wie von Erbsen im Ohre hat man
Beispiele. Noch aber hab' ich nicht gelesen, dass der Same von Stachelbeeren, den
man gewöhnlich mit einschluckt, in den Gedärmen getrieben hätte, wenn diese
durch Verstopfung etwa zu wahren Lohbeeten des gedachten Staudengewächses
gediehen wären. - O guter Himmel, was wird endlich meine Krankheit sein, deren
unsichtbare Tatze meine Nerven ergreift, erdrückt, ausdehnt, entzweischljetzt
....
 
                  Vierundvierzigster oder Septuagesimä-Sektor
Wenns eine Krankheit gibt, die aus allen Krankheiten, aus allen Kapiteln der
Patologie auf einmal kompiliert ist: so hat sie niemand als ich. Apoplexie -
Hektik - Magenkrampf oder eine Eidechse - dreierlei Fieber - Herzpolypus -
aufgehende Stachelbeerstauden: - - das sind die wenigen sichtbaren Bestandteile
und Ingredienzien, die ich bisher an meinem Übel auskundschaften können; eine
vernünftige tiefere Sektion meines armen Leibes wird auch gar die unsichtbaren,
wenn ihn beide Bestandteile erlegt haben, noch dazu gesellen ....
 
                   Fünfundvierzigster oder Sexagesimä-Sektor
Eine bedenkliche Pleuresie - wenn man anders der ganzen Semiotik und den harten
Pulsschlägen und Bruststichen glauben kann - umarmt und hält mich seit
vorgestern und ist willens, mein gemisshandeltes Leben und diese
Lebensbeschreibung zu schliessen - es müsste denn durch eine glückliche Kur der
Tod in ein Empyema gemildert werden - oder in eine Phtisis - oder Vomica - oder
in einen Scirrhus oder auch in einen Ulkus. - - Nach dieser Heilung braucht man
bloss meine Brust anzubohren, um aus ihr, aus der einmal ein Buch voll
Menschenliebe kam, das Leben und die Krankheitmaterie miteinander herauszuziehen
....
 
                   Sechsundvierzigster oder Esto Mihi-Sektor
Ihr guten Leser! die ihr mit eurem vergebenden Auge vom Schachbrett des ersten
Sektors an bis zum Sterbelager des letzten mir nachgezogen seid, meine Bahn und
unsre Bekanntschaft haben ein Ende - das Leben mög' euch niemals drücken - euer
Geschäftblick möge nie über das kleine Feld das grosse vergessen, über das erste
Leben das zweite, über die Menschen euch - euer Leben mögen Träume bekränzen,
und euer Sterben mögen keine erschrecken .... Meine Schwester soll alles
beschliessen .... Lebt froh und entschlaft froh! ....
 
                   Siebenundvierzigster oder Invokavit-Sektor
Mein guter und gemarterter Bruder will haben, dass ich dieses Buch ausmache. Ach,
seine Schwester würd' es ja vor Schmerzen nicht vermögen, wenns so wäre. Ich
hoff' aber zum Himmel, dass mein Bruder nicht so kränklich ist, als er meint. -
Nach dem Essen denkt ers wohl. - Und ich muss ihn, wenn wir beide Friede haben
sollen, darin bestärken und ihn für ebenso krank ausgeben, wie er sich selber.
Gestern musst' ihm der Schulmeister an die Brust klopfen, damit er hörte, ob sie
hallete, weil ein gewisser Avenbrügger in Wien geschrieben hatte, dieses Hallen
zeige eine gute Lunge an. Zum Unglück hallete sie wenig; und er gibt sich
deshalb auf; ich will aber ohne sein Wissen an den Herrn Doktor Fenk schreiben,
damit er seine Qualen stille. - - Ich soll noch berichten, dass der junge Herr
von Falkenberg krank in Oberscheerau bei seinen Eltern ist und dass meine
Freundin Beata auch kränklich bei den ihrigen ist .... Es ist für uns alle ein
finstrer Winter. Der Frühling heile jedes Herz und gebe mir und den Lesern
dieses Buchs meinen lieben Bruder wieder!
 
                       Achtundvierzigster oder Mai-Sektor
                   Der hämmernde Vetter - Kur - Bade-Karawane
- - Er ist wieder zu haben, der Bruder und Biograph! Frei und froh tret' ich
wieder vor; der Winter und meine Narrheit sind vorüber, und lauter Freude wohnt
in jeder Sekunde, auf jedem Oktavblatt, in jedem Dintentropfen.
    Es ging so. Eine jede eingebildete Krankheit setzt eine wahre voraus; aber
eingebildete Krankheitursachen gibts dennoch. Mein Wechsel zwischen Gesund-und
Siechsein, zwischen Froh- und Traurig-, zwischen Weich- und Hartsein war mit
seiner Schnelligkeit und seinen Abstichen aufs höchste gekommen: ich konnte vor
Mangel an Atem kein Protokoll mehr diktieren, und die Szenen dieser
Lebensbeschreibung durft' ich mir nicht einmal mehr denken: als ich an einem
rotglühenden Winterabend durch den rotgeschminkten Schnee draussen herumschritt
und in diesem Schnee das Wort »heureusement« antraf.
    Ich werde an dieses Wort der Schnee-Wachstafel immer denken; es war mit
einem Bambusrohr lapidarisch schön hineingezeichnet. »Fenk!« rief ich
mechanisch. »Weit kannst du nicht weg sein«, dacht' ich; denn da jeder Europäer
(sogar auf seinen Plantagen) den Schnitt seiner Feder an einem eignen Worte
prüfet und da der Doktor schon ganze Bogen mit dem Probierlaut »heureusement«
als erstem Abdrucke seiner Feder vollgemacht: so wusst' ich sogleich, wie es war.
    - Und bei mir sass er; und lachte (sicher mehr über die Krankheitistorie von
meiner Schwester als über meine Invaliden-Gestalt) mich solange aus, dass ich, da
ich nicht wusste, sollt' ich lachen oder zürnen, am besten eines um das andre
tat. - Aber bald kam er in meinen Fall und musste auch eines um das andre tun -
bei einer Historie, die uns, nämlich dem ganzen hypochondrischen
Wohlfahrtausschusse, zur Schande gereicht und die ich doch erzähle.
    Es befand nämlich ein naher Vetter von mir, Fedderlein genannt, sich auch in
der Stube, der beides ein Scheerauer Schuster und Türmer ist; er sorgt für die
Stiefel und für die Sicherheit der Stadt und hat mit Leder und Chronologie
(wegen des Läutens) zu tun. Mein naher Vetter war kohlschwarz und betrübt, nicht
über meine Krankheit, sondern über die seiner Frau, weil sie daran verstorben
war. Diesen Krankheit- und Totenfall wollt' er mir und dem Doktor auch
hinterbringen, um den letzten zu belehren und den ersten zu rühren. Es wäre auch
gegangen, hätt' er nicht zum Unglück ein Trennmesser meiner Philippine erwischt
und damit, während seiner eignen Aufmerksamkeit auf die Todespost, sehr auf den
Tisch gehämmert. Ich setzte mirs sogleich vor, es nicht zu leiden. Meine Hand
kroch daher - meine Augen hielten seine fest - dem gedachten Hammer näher, um
ihn zu hindern.
    Aber des Vetters Hand wich ihr höflich aus und klopfte fort. Ich hätte mich
gern tief gerührt, denn er kam den letzten Stunden meiner seligen Base immer
näher - aber ich konnte meine Ohren vom Messer-Hammerwerk nicht wegbringen. Zum
Glück sah ich den kleinen Wutz dort stehen und lieh eiligst dem Klopfer das
unglückliche Trennmesser ab und schnitt dem Kinde damit ein paar halbe -
Fastnachtbrezeln vor in der Angst.
    Nun stand ich gerettet da und hatte selber das Messer. Aber er begann jetzt
auf der Klaviatur des Tisches mit den entwaffneten Fingern zu spielen und versah
in seiner Novelle seine Frau mit dem heiligen Abendmahl. Ich wollte mich und
meine Ohren überwinden; aber da mich teils der innere Krieg, teils meine
horchende Aufmerksamkeit auf seine trommelnden Finger, die ich nur mit der
grössten Mühe vernehmen konnte, gänzlich von meiner guten Base wegzogen, die
gewiss eine Frau und Türmerin war wie wenige, so hatt' ichs satt und fing nach
seiner orgelnden Qual-Hand, legte sie in Arrest und brach aus: »O mein lieber
Herr Vetter Fedderlein!« Er mutmasste, ich sei gerührt; und wurd' es selber immer
mehr, vergass sich und schnipsete mit den linken, noch arrestfreien Fingern zu
stark an den Tisch.
    Ich wollte mir wie ein Stoiker auf dieser neuen Unglück-Station von innen
heraus helfen und stellte mir während des äussern Schnipsens hinter mir meine
gute Base und ihr Totenlager vor: »Und so« (sagt' ich beredt zu mir selber)
»liegst du arme Abgeblühte denn drunten und bist steif und unbeweglich und
sozusagen tot!« - Er schnipsete jetzo ganz toll. - Ich konnte mir nicht helfen,
sondern ich zog auch die linke Hand des Historikers gefänglich ein und drückte
sie halb aus Rührung. »Sie können beide denken,« (sagt' er) »wie mir erst war,
als fiele der Turm auf mich, da sie einer wie einen Sack auf den Rücken fassen
musste und sie die sieben Treppen so heruntertrug.« - Ich war ausser mir, erstlich
darüber und zweitens weil ich in meiner Hand die Anstrengung der seinigen zu
neuem Schnipsen verspürte; überwältigt sagt' ich: »Ums Himmels willen, mein
teurer Herr Vetter, um der guten Seligen willen, wenn Er seinen eignen Vetter
lieb hat ...«
    »Ich will schon aufhören,« sagt' er, »wenn Sie's so angreift.« -
    »Nein,« sagt' ich, »schnips' Er mir nur nicht so! - Aber so eine Base
bekommen wir beide schwerlich so bald wieder!« Denn ich besann mich nicht mehr.
    Und doch besteht das Leben wie ein Miniaturgemälde aus solchen Punkten, aus
solchen Augenblicken. Der Stoizismus hält oft die Keule der Stunde, aber nicht
den Mückenstachel der Sekunde ab.
    Mein Doktor nahm mich ernstaft (unter dem unbefangnen Fragen meines
Vetters: »Wie wollte mein Herr Vetter?«) aus der Stube hinaus und sagte: »Du
bist, lieber Jean Paul, mein wahrer Freund, ein Regierungadvokat, eine
Maussenbacher Audienza, ein Schriftsteller im lebensbeschreibenden Fache - aber
ein Narr bist du doch, ich meine ein Hypochondrist.«
    Abends tat er mir beides dar. O an jenem Abend zogest du mich, guter Fenk,
aus dem Rachen und aus den Giftzähnen der Hypochondrie heraus, die ihren
beissenden Saft auf alle Minuten sprützen! Deine ganze Apoteke lag auf deiner
Zunge! Deine Rezepte waren Satiren und deine Kur Belehrung!
    »Setz in deine Biographie,« - fing er an und steckte seine Hände in seinen
Muff - »dass es bei dir keine Nachahmung des Herrn Tümmels und seines Doktors
und ihres medizinischen Kollegiums ist, das halb aus dem Patienten, halb aus dem
Arzte bestand - dass ich dich auch ausfilze; denn ich will es in der Tat tun. -
Sag mir, wo hast du bisher deine Vernunft, ja nur deine Einbildkraft gehabt, dass
du des Henkers lebendig warest? Antworte mir nicht, dass die Gelehrten hier zu
verschiedner Meinung wären - dass Willis die Einbildkraft in die Hirnschwiele
verlegte - Posidonius hingegen in die Vorderkammer, wie auch Aetius - und Glaser
ins eiförmige Zentrum. Die Sach' ist nur eine lebhafte Redensart; weil du mich
aber damit irre machst: so will ich dich anders angreifen. Sag mir - oder sagen
Sie mir, liebe Philippine, wie konnten Sie zulassen, dass der Patient bisher so
viel erhabne, rührende und poetische Empfindungen hatte und niederschrieb für
andre Menschen? Hätten Sie ihm nicht das Tintenfass oder den Kaffeetopf umwerfen
können oder den ganzen Schreibtisch? Die Anstrengung der empfindenden Phantasie
ist unter allen geistigen die entnervendste; ein Algebraist überlebt allemal
einen Tragödiensteller.«
    »Und auch«, sagt' ich, »einen Physiologen: Hallers verdammte und doch
vortreffliche Physiologie hätte mich beinahe niedergearbeitet, die acht Bände
hier.« - -
    »Eben darum,« - fuhr er fort - »diese anatomische Oktapla spannt die
Phantasie, die sonst nur über fliessende poetische Auen zu schweben pflegte, auf
scharf abgeschnittene und noch dazu kleine Gegenstände an; daher ...«
    »Zum Glück« - unterbrach ich ihn - »richtete ich mich und meine Phantasie
ziemlich durch braunes Bier1 wieder auf, das ich (wenn ich Atem holen wollte) so
lange nehmen musste, als ich über dem Herrn von Haller sass. In diesem Vehikel und
in dieser Verdünnung bracht' ich diese Arznei des Geistes, die Physiologie,
leichter hinein. Ich kann also, wenn ich nicht der grösste Trinker werden will,
unmöglich der grösste Physiolog werden.«
    »Es ist gut,« - sagt' er ungeduldig und zog aus seinem Muff den Schwanz
heraus - »aber so wird nichts. Ich und du stehen hier in lauter
Ausschweif-Reden, anstatt in vernünftigen Paragraphen; die Rezensenten deiner
Biographie müssen glauben, ich wäre wenig systematisch.
    Ich will jetzt reden wie ein Buch oder wie eine Doktordisputation; ich
sollte ohnehin eine für einen Doktoranden mit der Doktorsucht schreiben und
wollte darin entweder den nervus ischiaticus oder den nervus sympateticus
durchgehen; ich wills bleiben lassen und hier und in der Disputation von
schwachen Nerven überhaupt reden.
    Jeder Arzt muss eine Favorit-Krankheit haben, die er öfters sieht als eine
andre - die meinige ist Nervenschwäche. Reizbare, schwache, überspannte Nerven,
hysterische Umstände und deine Hypochondrie - sind viele Taufnamen meiner
einzigen Lieblingkrankheit.
    Man kann sie so zeitig wie den Erbadel bekommen - der Erbadel selber, fast
die höhern Weiber und höchsten Kinder haben sie aus dieser ersten Hand - dann
kann sie durch alle Doktor-Hüte gleich den ewigen Höllenstrafen nicht
weggenommen, sondern nur gelindert werden.
    Du aber hast sie dir wie den Kaufadel durch Verdienste erworben.« - -
    »Sie ist vielmehr selber ein Verdienst,« - sagt' ich - »und ein
Hypochondrist ist der Milchbruder eines Gelehrten, wenn er nicht gar selber
dieser ist; so wie die Blattern, die den Affen so gut wie uns befallen, auf
seine Verwandtschaft mit dem Menschen das Siegel drücken.« -
    »Aber dein Verdienst« - fuhr er fort - »ist viel leichter zu kurieren. Wenn
man dir dreierlei, nämlich deine patologischen Fieberbilder - deine
Arzneigläser - und deine Bücher nimmt: so wird die Krankheit mit dreingegeben.
Ich vergesse immerfort, dass ich wie eine Disputation reden will. Also die
Fieberbilder! - Die jämmerlichste Semiotik ist sicherlich nicht die sinesische,
sondern die hypochondrische. Deine Krankheit und eine stoische Tugend gleichen
sich darin, dass, wer eine hat, alle hat. Du standest als eine tragende
Pfänderstatue da, der die Patologie alle ihre Insignien und Schilde aufpackte
und umsteckte - jämmerlich schrittest du herum unter deinem medizinischen
Gewehrtragen und deiner semiotischen Landfracht von Herzpolypus, mazerierten
Lungenflügel, Magen-Insassen u.s.w.«
    »Ah!« versetzte ich, »alles ist abgeladen, und ich trage bloss noch auf der
Gehirnkugel ein Kapillar-oder Haarnetz von geschwollnen Blutadern, oder so eine
Art Täucherkappe des Todes, welche die Leute sehr gemein einen Schlagfluss
benamsen.«
    »Eine Narrenkappe hast du innen auf; denn die Sache ist nicht anders als so:
im Hypochondristen sind zwar alle Nerven schwach, aber die am schwächsten, die
er am meisten gemissbraucht. Da man sich diese Schwäche meistens ersjetzt,
erstudiert und erschreibt und mitin gerade dem Unterleib, der doch der Moloch
dieser Geisteskinder sein soll, alle die Bewegung nimmt, die man den Fingern
gibt: so vermengt man den siechen Unterleib mit siechen Nerven und hofft, Kämpfs
Viszeral-Sprütze sei zugleich eine Doppelflinte gegen jenen und gegen diese.
Glaub es aber nicht; es kann ein hypochondrisches Bruststück auf einem rüstigen
Unterleib sitzen. Nicht deine Lungenflügel sind zerknickt, wenn sie zuweilen
erschlaffen, sondern deine Lungennerven sind entseelt, von denen sie gehoben
werden sollten, oder auch deine Zwerchfellnerven. Spannen sich deine Magennerven
ab, so hast du so viel Schwindel und Ekel, als läge wirklich diätetischer
Bodensatz im Magen oder irgendeine Aderflut im Kopfe. Sogar der schwache Magen
ist nicht immer im Gefolge schwacher Nerven; sieh nur zu, wie ein matter
Hektiker frisst und verdaut eine halbe Stunde vor seinem Sterben. - Daher hat
deine gelbe Herbstfarbengebung, deine fleischlose Knochen-Versteinerung, dein
aufhörender Puls, sogar deine Ohnmachten haben - nichts zu sagen, mein lieber
Paul.«
    »Ei! den Henker!« sagte der Patient.
    »Denn«, sagte der Doktor, »da alles durch Nerven, wovon oft Gelehrte nicht
einmal die Definition wissen, worunter ich gehöre, ausgeführet wird: so müssen
die periodischen und wandernden, aber flüchtigen Krämpfe und Ermattungen der
Nerven nach und nach die ganze Semiotik durchlaufen, aber nicht die ganze
Patologie. Jetzt tritt mein zweiter Paragraph in der umgoldeten Disputation
hervor.« -
    »Wo war denn der erste?« fragt' ich.
    »Schon da gewesen! Daher wirft der zweite alle Arzneigläser auf die Gasse,
bläset alle Pulver in die Luft, legt mit Bannstrahlen alle verdammte
Magen-Arzneien in Asche, giesset sogar warme und oft kalte Badewannen aus und
schiebt Kämpfs Klistier-Maschinen weit unter das Krankenbett und tobt sehr ....
Denn die Nerven werden so wenig in einer Woche (es sei die beste Eisenkur da)
gestärkt, als in einer Woche (es sei die grösste Ausschweifung da) entmannt; ihre
Stärke kehret mit so langsamen Schritten zurück, als sie sich entfernte. Die
Arzneien müssen sich also in Speisen und - da dieses schadet - mitin die
Speisen sich in Arzneien verwandeln.«
    »Ich esse vom Wenigsten.«
    »Das ist die unangenehmste Unmässigkeit; und der Magen treibt alsdann nach
seinen Kräften eine Art von Skeptizismus oder Fohismus oder doch Apatie. Kehre
lieber die literarische Regel (multum, non multa) um und esse vielerlei, aber
nicht viel. Die Diätetik hat in Essen, Trinken, Schlafen etc. nichts über die
Art, aber alles über den Grad zu befehlen. Höchstens hat jeder seinen eignen
Regenbogen, seinen eignen Glauben, seinen eignen Magen und seine eigne -
Diätetik. Und doch ist das alles nicht mein dritter Doktoranden-Paragraph,
sondern erst dieses: bloss Bewegung des Körpers ist erster Unterarzt gegen
Hypochondrie; - und - da ich schon Hypochondrie und Bewegung vereinigt im
beweglichen tiers état gesehen - bloss Mangel aller Bewegung der Seele ist der
erste Leibarzt gegen den ganzen Teufel. Leidenschaften sind so ungesund wie ihr
Feind, das Denken, oder ihr Freund, das Dichten; bloss ihre sämtliche Koalition
ist noch giftiger.«
    »Unter den Leidenschaften« - fuhr er fort - »löset Kummer wie Tauwetter alle
Kräfte auf - so wie Vergnügen unter allen Nerven-Hebmitteln das stärkste ist. -
Jetzo will ich alle deine medizinischen Schnitzer und Waldfrevel auf einen
Haufen bringen, damit du nur hörest, was du bist.« ...
    »Ich höre nicht darauf«, sagt' ich.
    »Du hast aber doch, wie alle Hypochondristen und alle lecke Weiber, fatal
gehandelt und bald den Magen, bald die Lunge, d.h. bald das Kammrad, bald das
Hebrad, bald das Zifferblattrad ölend eingeschmiert, indes der treibende
Gewicht-Stein abgerissen oder abgelaufen auf der Erde lag. Du sogest dich, wie
die einbeinige Muschel, an deinen Studierfelsen an; und - dies war im Grunde das
einzige Schlimme - drücktest dich mit der brennenden und matten Brust einer
Brutenne auf deine biographischen Eier und Sektores und wolltest den Lebenden
nachkommen. Wo blieb dein Gewissen, deine Schwester, dein gelehrter Ruhm, dein
Magen?« ...
    »Wedele nicht so heftig, Fenk, mit dem Muff-Schwanz und wirf ihn lieber ins
Bett!«
    »Meine Doktor-Disputation und deine Krankheit sind auch aus, wenn deine
Tätigkeit sich, wie in einem Staate, von oben herab vermindert; - den Kopf
untätig, das Herz in heiteren Schlägen, die Füsse im Laufe, und dann komme der
März nur heran.« ...
    Ich tats einige Monate hintereinander, um den armen Leib wieder in integrum
zu restituieren - und als ich mich so des gelben Ratzenpulvers und Mehltaues für
die Nerven, nämlich des Kaffees und des Witzes entielt und statt zu beiden zu
braunem Bier und zu meinem Wutze griff, so wurde einmal plötzlich die Stube
hell, Auental und der Himmel flammend, die Menschen legten ihre Fehler ab, alle
Flächen grünten, alle Kehlen schlugen, alle Herzen lächelten, ich niesete vor
Licht und Wonne und dachte: entweder eine Göttin ist gekommen oder der Frühling
- - es war gar beides, und die Göttin war die Gesundheit.
    Und bloss auf deinem Altar will ich meine biographischen Blätter
weiterschreiben! - der Pestilenziar leidet es nicht anders; seine Schlüsse und
Rezepte sind die: »Ich würde« - sagt' er - »in meiner Biographie, gleich der
heissen Zone, den ganzen Winter mit allen seinen Tatsachen überspringen, da er
ohnehin nur, wie der in jener Zone, im Regnen (der Augen) besteht. Ich würde,
wenn ich an deiner Stelle sässe, sagen, der Doktor Fenk wills nicht haben, nicht
leiden, nicht lesen, sondern ich soll, statt in einer Entfernung von 365 Stunden
der vorausschreitenden säenden Geschichte keuchend mit der Feder nachzueggen,
lieber hart hinter der Gegenwart halten und sie ans Silhouettenbrett andrücken
und sogleich abreissen. Ich würde« (fuhr Fenk fort) »dem Leser raten, bloss den
Doktor Fenk anzupacken, der allein schuld sei, dass ich vom ganzen Winter nur
folgenden schlechten Extrakt gäbe: Der gute Gustav verschmerzte den Winter in
des Professor Hoppedizels Hause bei seinen Eltern, welche da ihr gewöhnliches
Winterquartier hatten - er mattete seinen Kopf ab, um sein Herz abzumatten und
ein anderes zu vergessen; bereuete seinen Fehler, aber auch seinen voreiligen
Abschiedbrief; setzte seine Wunden dem philosophischen Nordwind des Professors
aus, der auf einem zarten Instrument, wie Gustav, wie auf einem Pedal mit den
Füssen orgelt; und zehrte durch Einsperren, Denken und Sehnen seine Lebenblüten
ab, die kaum der Frühling wieder nachtreiben oder übermalen kann«.
    Beata würde zu Hause - denn ihr weibliches Auge fand wahrscheinlich die
Parze ihrer Freuden leicht heraus, von der sie sich unter dem ihr verdankten
Vorwand der Kränklichkeit ohne Mühe geschieden hatte - noch mehr sich
entblättert und umgebogen haben, wäre mein romantischer Kollege Oefel nicht
gewesen: der ärgerte sie hinlänglich und mischte ihrem Kummer die Erfrischungen
des Zornes bei, indem er immer kam und im schönsten gebrochnen eingeschleierten
Auge der verlornen Liebe seine eigne aufsuchte und herausforderte. Jetzt trinkt
sie, auf Fenks Treiben, den Brunnen in Lilienbad und lebt allein mit einem
Kammermädchen - - der Mai hebe die gesenkte Blumen-Knospe deines Geistes empor,
den dein Flockenleib, wie Blumen neu gefallner Schnee, umlegt und drückt und aus
dessen aufgerissenen Blumen-Blättern die Schnee-Rinde erst unter der
Frühlingsonne des entfernten zweiten Himmels rinnen wird! -
    Ottomar hat den Winter verzankt und verstritten; hat viele Korrespondenz;
advoziert wie ich, aber gegen jeden giftigen Stammbaum und Hundstern auf dem
Rock, am meisten gegen den Fürstenhut seines Bruders, der damit Untertanen wie
Schmetterlinge erwirft und fängt. Er glaubt, ein Advokat sei der einzige
Volktribun gegen die Regierung; nur sei das bisherige Lesen der Advokaten
schlimmer gewesen als selbst das Buchstabieren, das der selige Heinecke für
schlimmer ausschrie als Erbsünde und Pest. Ich möchte ihn fast für den Verfasser
einer Satire über den Fürsten halten, die im Winter vor den Tron kam und die
der Patenbrief eines Räubers mit der Bitte war, der Fürst möchte dem kleinen
Diebs-Dauphin seinen Namen geben, wie einem Minister, und sich seiner annehmen,
wenn die Eltern gehenkt wären. Am meisten fielen mir einige pasquillantische
Züge auf, die eine feinere Hand verraten; z.B. der Staat sei eine
Menschenpyramide, wie sie oft die Seiltänzer formieren, und die Spitze derselben
schliesse sich mit einem Knaben - Das Volk sei zähe und biegsam wie das Gras,
werde vom Fusstritt nicht zerknickt, wachse wieder nach, es möge abgebissen oder
abgeschnitten werden, und die schönste Höhe desselben für ein monarchisches Auge
sei die glattgeschorne des Park-Grases - Diebe und Räuber würden für
Separatisten und Dissenters im Staate gehalten und lebten unter einem noch
ärgern Druck als die Juden, ohne alle bürgerliche Ehre, von Ämtern
ausgeschlossen, in Höhlen wie die ersten Christen und ebensolchen Verfolgungen
ausgesetzt; gleichwohl fahre man solchen Staatsbürgern, die den Luxus und
Geld-Umtrieb und Handel stärker beförderten als irgendein Gesandter, bloss darum
so hart mit, weil diese Religionsekte besondere Meinungen über das siebente
Gebot hegte, die im Grunde nur im Ausdruck sich von denen anderer Sekten
unterschieden etc. -
    Der Verfasser kann aber auch ein wirkliches Mitglied dieser geheimen
Gesellschaft sein, die überhaupt weit humoristischer und unschädlicher stiehlt
als jede andre. Neulich hielten sie den Postwagen an und nahmen ihm nichts als
ein Grafen-Diplom, das jemand zugefahren wurde, der kaum die Emballage desselben
verdiente - ferner sie forderten einmal, wie ein höherer Gerichtstand, dem
Beiwagen gewisse wichtige Akten ab, über die ich hier nichts sagen darf - und
vor vierzehn Tagen hielten ihre Kaper-Schiffe vor den Schränken der Teater- und
der Redouten-Garderobe und warfen ihre Zuggarne über die darin hängenden
Charaktere aus; es waren nachher keine Kleider zum Agieren und Maskieren da als
bäuerische. - Ich halte sie für dieselben, die, wie der Leser weiss, vorlängst
den leidtragenden Kanzeln und Altären die schwarzen Flügeldecken abgelöset
haben.
    So wäre also der biographische Winter abgetan und weggeschmolzen. - »Hast du
so viel geschrieben,« - sagte Fenk - »so reise nach Lilienbad und gebrauche den
Brunnen und den Brunnen-Doktor, welches ich bin, und den Brunnen-Gast, welches
Gustav ist: denn dieser heilet ohne das Lilien-Wasser und ohne die Lilien-Gegend
dort nicht aus; ich muss ihn hinbereden, es mag dort schon sein, wer will. Freue
dich, wir gehen einem Paradies entgegen, und du bist der erste Autor im
Paradiese, nicht Adam.«
    »Das schönste Beet« - sagt' ich - »ist in diesem Eden das, dass mein Werk
kein Roman ist: die Kunstrichter liessen sonst fünf solche Personen auf einmal
wie uns nimmermehr ins Bad, sie würden vorschützen, es wäre nicht
wahrscheinlich, dass wir kämen und uns in einem solchen Himmel zusammenfänden.
Aber so hab' ich das wahre Glück, dass ich bloss eine Lebensbeschreibung setze und
dass ich und die andern sämtlich wirklich existieren, auch ausser meinem Kopfe.«
...
    - - Jetzt kann der Leser den Geburttag dieses Sektors erfahren: - - er ist
gerade einen Tag jünger als unser Glück - kurz morgen reisen wir, ich und
Philippine, und heute schreib' ich an ihm. Gustav wird bloss durch einen Strom
von freundschaftlichen und medizinischen Vorstellungen mit fortgeführet und
morgen von uns fortgezogen. - Die Fortuna hat diesesmal keine Vapeurs und keine
einseitigen Kopfschmerzen; alles glückt uns; eingepackt ist alles - meine
Fristgesuche sind geschrieben - aus Maussenbach darf mich niemand stören - der
Himmel ist himmlisch blau, und ich brauche nicht meinen Augen, sondern dem
Cyanometer2 des Herrn von Saussure zu glauben - ich sehe wie der Frühling und
seine gaukelnden Schmetterlinge aus und blühe - kurz: meinem Glück fehlte
nichts, als dass gar der heutige Sektor glücklich geschrieben war, den ich bis
heute hinausspielte, um die ganze Vergangenheit hinter mir zu haben und morgen
nichts beschreiben zu müssen als morgen ....
    Und da der nun auch fertig ist: so - blauer Mai - breite deine Liebe-Arme
aus, schlage deine himmelblauen Augen auf, decke dein Jungfrauen-Angesicht auf
und betrete die Erde, damit alle Wesen wonnetrunken an deine Wangen, in deine
Arme, zu deinen Füssen fallen und der Lebensbeschreiber auch wo liege!
 
                                    Fussnoten
1 Da keine Leser weniger Ernst verstehen als die, die keinen Spass verstehen: so
merk' ich für diese Klasse hier unten an, dass die Sache oben wirklich so ist und
dass ich (als gleich unmässiger Wasser- und Kaffeetrinker) kein andres
nervenstärkendes Mittel gegen aussetzenden Puls und Atem und andre Schwächen,
die mir alle innere Anstrengung verbitterten, von solcher Wirkung fand als -
Hopfen-Bier.
2 Ein Blau-Messer, um die Grade des Himmelblaues abzumessen.
 
                  Neunundvierzigster oder 1ter Freuden-Sektor
                             Der Nebel - Lilienbad
Nimm uns in dein Blumen-Eden auf, eingehülltes Lilienbad, mich, Gustav und meine
Schwester, gib unsern Träumen einen irdischen Boden, damit sie vor uns spielen,
und sei so dämmernd schön wie eine Vergangenheit!
    Heute zogen wir ein, und unser Vorreiter war ein spielender Schmetterling,
den wir vor uns von einer Blumen-Station auf die andre trieben. - Und der Weg
meiner Feder soll auch über nichts anders gehen.
    Der heutige Morgen hatte die ganze Auentaler Gegend unter ein Nebel-Meer
gesetzt. Der Wolkenhimmel ruhte auf unsern tiefen Blumen aus. Wir brachen auf
und gingen in diesen fliessenden Himmel hinein, in welchen uns sonst nur die
Alpen heben. An dieser Dunst-Kugel oben zeichnete sich die Sonne wie eine
erblassende Nebensonne hinein; endlich verlief sich der weisse Ozean in lange
Ströme - auf den Wäldern lagen hangende Berge, jede Tiefe deckten glimmende
Wolken zu, über uns lief der blaue Himmelzirkel immer weiter auseinander, bis
endlich die Erde dem Himmel seinen zitternden Schleier abnahm und ihm froh ins
grosse ewige Angesicht schauete - das zusammengelegte Weisszeug des Himmels (wie
meine Schwester sagte) flatterte noch an den Bäumen, und die Nebelflocken
verhingen noch Blüten und wogten als Blonden um Blumen - endlich wurde die
Landschaft mit den glimmenden Goldkörnern des Taues besprengt, und die Fluren
waren wie mit vergrösserten Schmetterlingflügeln überlegt. Eine gereinigte
hebende Maienluft kühlte mit Eis den Trank der Lunge, die Sonne sah fröhlich auf
unsern funkelnden Frühling nieder und schaute und glänzte in alle Taukügelchen,
wie Gott in alle Seelen .... O wenn ich heute an diesem Morgen, wo uns alles zu
umfassen schien und wo wir alles zu umfassen suchten, mir nicht antworten
konnte, da ich mich fragte: »War je deine Tugend so rein wie dein Vergnügen, und
für welche Stunden will dich diese belohnen?« so kann ich jetzo noch weniger
antworten, da ich sehe, dass der Mensch seine Freuden, aber nicht seine
Verdienste durch die Erinnerung erneuern kann, und dass unsre Gehirn-Fibern die
Saiten einer Äolsharfe sind, die unter dem Anwehen einer längst vergangnen
Stunde zu spielen beginnen. Der grosse Weltgeist konnte nicht die ganze spröde
Chaos-Masse zu Blumen für uns umgestalten; aber unserem Geist gab er die Macht,
aus dem zweiten, aber biegsamern Chaos, aus der Gehirn-Kugel, nichts als
Rosen-Gefilde und Sonnen-Gestalten zu machen. Glücklicherer Rousseau, als du
selber wusstest! Dein jetziger erkämpfter Himmel wird sich von dem, den du hier
in deiner Phantasie anlegtest, in nichts als darin unterscheiden, dass du ihn
nicht allein bewohnest ....
    Aber das macht eben den unendlichen Unterschied; und wo hätt' ich ihn süsser
fühlen können als an der Seite meiner Schwester, deren Mienen der Widerschein
unsers Himmels, deren Seufzer das Echo unserer verschwisterten Harmonie gewesen.
Sei nur immer so, teure Geliebte, die du vom Kranken so viel littest als ich von
der Krankheit! Ich weiss ohnehin nicht, was ich öfter von dir zurücknehme, meinen
Tadel oder mein Lob!
    Wir langten unter sprachlosen Gedanken in Unterscheerau an und fanden unsern
bleichen Reisegenossen schon bereit, meinen Gustav. Er schwieg viel, und seine
Worte lagen unter dem Drucke seiner Gedanken; der äussere Sonnenschein erblich zu
innerem Mondschein, denn kein Mensch ist fröhlich, wenn er das Beste sucht oder
zu finden hofft, was hienieden zu verlieren ist - Gesundheit und Liebe. Da in
solchen Fällen die Saiten der Seele sich nur unter den leichtesten Fingern nicht
verstimmen, d.h. unter den weiblichen: so liess ich meine ruhen und weibliche
spielen, die meiner Schwester.
    Als wir endlich manchen Strom von Wohlgeruch durchschnitten hatten - denn
man geht oft draussen vor Blumen-Lüftchen vorbei, von denen man nicht weiss, woher
sie wehen -; und als alle Freuden-Dünste des heutigen Tages im Auge zum Abendtau
zusammenflossen und mit der Sonne sanken; als der Teil des Himmels, den die
Sonne überflammte, weiss zu glühen anfing, eh' er rot zu glühen begann, indes der
östliche Teil im dunkeln Blau nun der Nacht entgegenkam; als wir jedem Vogel und
Schmetterling und Wanderer, der nach Lilienbad seine Richtung nahm, mit den
Augen nachgezogen waren: - so schloss uns endlich das schöne Tal, in das wir so
viele Hoffnungen als Samen künftiger Freuden mitbrachten, seinen Busen auf. -
Unser Eingang war am östlichen Ende; am westlichen sah uns die zur Erde
herabgegangene Sonne an und zerfloss gleichsam aus Entzücken über ihren
angewandten Tag in eine Abendröte, die durch das ganze Tal schwamm und bis an
die Laub-Gipfel stieg. Nie sah ich so eine; sie lag wie herabgetropfet in dem
Gebüsch, auf dem Grase und Laube und malte Himmel und Erde zu einem Rosen-Kelch.
Einzelne, zuweilen gepaarte Hütten hüllten sich mit Bäumen zu; lebendige
Jalousie-Fenster aus Zweigen pressten sich an die Aussichten der Zimmer und
bedeckten den Glücklichen, der heraus nach diesen Gemälden der Wonne sah, mit
Schatten, Düften, Blüten und Früchten. Die Sonne war hinabgerückt, das Tal legte
wie eine verwittibte Fürstin einen Schleier von weissen Düften an und schwieg mit
tausend Kehlen. Alles war still - still kamen wir an - still war es um Beatens
Hütte, an deren Fenster ein Blumentopf mit einem einzigen Vergissmeinnicht noch
vom Begiessen tröpfelte - still wählten wir unsere gepaarte Hütten, und unsre
Herzen zergingen uns vor ruhiger Wonne über diesen heiligen Abend unsrer
künftigen Festtage, über diese schöne Erde und ihren schönen Himmel, die beide
zuweilen wie eine Mutter sich nicht regen, damit das an sie gesunkene Kind nicht
aus seinem Schlummer wanke. -
    O sollten einmal unsre Tage in Lilienbad auf Dornen sterben, sollt' ich
statt der Freuden-Sektores einen Jammer-Sektor schreiben müssen - wenns einmal
ist: so sieht es der Leser daran voraus, dass ich das Wort »Freude« vom Sektor
weglasse und statt der Überschrift nur Kreuze mache. Es ist aber unmöglich; ich
kann meinen Bogen ruhig beschliessen. - Beata haucht noch ein leises Abendlied in
ihr mit Saiten überzognes Echo; wenn beide ausgetönet, so wird der Schlaf das
Sinnenlicht der Menschen in Lilienbad auslöschen und das Nachtstück des Traums
in den dämmernden Seelen ausbreiten ....
 
                      Funfzigster oder 2ter Freuden-Sektor
                       Der Brunnen - die Klagen der Liebe
Ich bin im ersten Himmel eingeschlafen und im dritten aufgewacht. Man sollte an
keinen Orten aufwachen als an fremden - in keinen Zimmern als denen, in welche
die Morgensonne ihre ersten Flammen wirft - vor keinen Fenstern als denen, wo
das Schattengrün wie ein Namenzug im himmlischen Feuerwerk brennt und wo der
Vogel zwischen den durchhüpften Blättern schreiet ....
    Ich wollte, mein künftiger Rezensent lebte mit mir auf der Stube zu
Lilienbad; er würde nicht (wie er tut) über meine Freuden-Sektores den
ästetischen Stab brechen, sondern einen Eichenzweig, um den Vater derselben zu
bekränzen ....
    Dieser Vater ist jetzt ein Damenschneider, aber bloss in folgendem Sinn: in
der Mitte von Lilienbad steht der medizinische Springbrunnen, aus dem man die
aus der Erde quellende Apoteke schöpft; von diesem Brunnen entfernen sich in
regelloser Symmetrie die Kunst-Bauerhütten, die die Badgäste bewohnen; jede
dieser kleinen Hütten putzt sich scherzhaft mit dem heraushängenden Malzeichen
oder der Signatur irgendeines Handwerks. Mein Häuschen hält eine Schere als eine
technische Insignie heraus, um kundzutun, wer darin wohne (welches ich tue),
treibe das Damenschneider-Handwerk. Meine Schwester ist (nach dem Exponenten
eines hölzernen Strumpfs zu urteilen) ein Strumpfwirker; neben ihr schwankt ein
hölzerner Stiefel oder ein hölzernes Bein (wer kanns wissen?) und saget uns so
gut wie ein Handwerkgruss den darin sesshaften Schuster an, welches niemand als
mein Gustav ist.
    Auf Beatens Hütte, die wie jetzige Damen einen Hut oder ein Dach von Stroh
aufhat, liegt eine lange Leiter hinauf und kündigt die schöne Bäuerin darin an
und ist die Himmelleiter, unter der man wenigstens einen Engel sieht.
    Es ist auch auswärts bekannt, dass unser Fürstentum so gut seinen
Gesundbrunnen hat und haben muss als irgendeines auf der Fürstenbank - (denn
jedes muss eine solche pharmazeutische Quelle wie einen Flakon bei sich führen,
um gegen kameralistische Ohnmacht daran zu riechen) - ferner kann es bekannt
sein, dass sonst viele Gäste hierher kamen und jetzt keine Katze - und dass daran
nicht der Brunnen, sondern die Kammer schuld ist, die zu viel hineinbauete und
zu viel heraushaben will und die so teuer anfing, als der Seltersbrunnen endigte
- dass mitin unser Brunnen so wohlfeil endigen will, als jener anfing - und dass
unser Lilienbad bei allen medizinischen Kräften doch die wichtigere nicht hat,
einen wenigstens nur so krank zu machen, als eine Kammerjungfer ist - - ich
sagte, das wär' alles bekannt genug, und ich hätt' es also gar nicht zu sagen
gebraucht.
    Freilich ists nicht das Verdienst der andern Gesundbrunnen, wenn sie
angenehme Krankheitbrunnen sind, um die sich die ganze grosse und reiche Welt als
Priester stellet; - hätten wir nur hier in Lilienbad auch solche weibliche Engel
wie in andern Bädern, die den Teich von Betesda erschüttern und ihm eine
medizinische Kraft mitteilen, die der des biblischen Teiches entgegengesetzt
ist; hätten wir Spieler, die zum Sitzen, Brunnenärzte, die zum Brunnensaufen
(nicht Brunnentrinken) zwingen: so würde unsere Quelle so gut wie jede andre
deutsche fähig sein, die Zechgäste instand zu setzen, dass sie jedes Jahr -
wiederkämen. Aber so wird unsere Brunneninspektion ewig sehen müssen, wie die
kranke Phalanx der grossen Welt vor uns vorbeirollt und um andre Brunnen sich
drängt, wie die wilden Tiere um einen in Afrika; und wenn Plinius1 aus diesen
Tierkonventen das Sprichwort in der Note erklärt: so wollt' ich auch ähnliche
Neuigkeiten aus den Brunnenkongressen erklären.
    Die Kammer ist am Ende am meisten zu bedauern, dass in unserem Josaphats-Tale
bloss Natur, Seligkeit, Mässigkeit und Auferstehung wohnet.
    Heute tranken wir alle am Wasser-Baquet das über Eisen abgezogne Wasser
unter dem Lärm der Vögel und Blätter und schlangen das daraus schimmernde
Sonnenbild und zugleich ihr Feuer mit hinein. Der Kummer-Winter hat um die
Augenlider der Beata und um ihren Mund die unaussprechlich-holden Buchstaben
ihres verblichnen Schmerzes gezogen; ihr grosses Auge ist ein sonnenheller
Himmel, dem glänzende Tropfen entfallen. Da ein Mädchen die Pfauenspiegel ihrer
Reize leichter an einem andern Mädchen als an einer Mannsperson entfalten kann:
so gewann sie sehr durch das Spiel mit meiner Schwester. - Gustav - war
unsichtbar; er trank seinen Brunnen nach und verirrte sich in die Reize der
Gegend, um eigentlich den grössern Reizen ihrer Bewohnerin zu entkommen. Das
Glück ausgenommen, sie zu sehen, kannt' er kein grösseres als das, sie nicht zu
sehen. Sie spricht nicht von ihm, er nicht von ihr; seine herauswollenden
Gedanken an sie werden nicht zu Worten, sondern zu Errötungen. Wollte der
Himmel, ich fasste statt einer Lebensbeschreibung einen Roman ab: so führt' ich
euch, schöne Seelen, einander näher und konstruierte unsern freundschaftlichen
Zirkel aus seinen Segmenten wieder; dann bekämen wir hier einen solchen Himmel,
dass, wenn der Tod vorbeiginge und uns suchte, dieser ehrliche Mann nicht wüsste,
ob wir schon darin sässen oder von ihm erst hineinzuschaffen wären ....
    Ich habe verständig und delikat zugleich gehandelt, dass ich einen gewissen
Aufsatz, den Beata im Winter machte und zu dem ich auf eine ebenso ehrliche als
feine Weise kam, vor Gustav so gut brachte wie vor meine Leser hier. Er ist an
das Bild ihres wahren Bruders gerichtet und besteht in Fragen. Der Schmerz liegt
auf den weiblichen Herzen, die geduldig unter ihm sich drücken lassen, mit
grösserer Last als auf den männlichen auf, die sich durch Schlagen und Pochen
unter ihm wegarbeiten; wie den unbeweglichen Tannengipfel aller Schnee belastet,
indes auf den tiefern Zweigen, die sich immer regen, keiner bleibt.
                           An das Bild meines Bruders
»Warum blickst du mich so lächelnd an, du teures Bild? Warum bleibt dein
Farbenauge ewig trocken, da meines so voll Tränen vor dir steht? O wie wollt'
ich dich lieben, wärest du traurig gemalt!
    Ach Bruder! sehnest du dich nach keiner Schwester, saget dirs dein Herz gar
nicht, dass es in der öden Erde noch ein zweites gibt, das dich so
unaussprechlich liebt? - Ach hätt' ich dich nur einmal in meine Augen, in meine
Arme gefasset - - wir könnten uns nie vergessen! Aber so .... wenn du auch
verlassen bist wie deine Schwester, wenn du auch, wie sie, unter einem
Regen-Himmel und durch eine leere Erde gehest und keinen Freund in den Stunden
des Kummers findest - ach, du hast alsdann nicht einmal ein verschwistertes
Bild, vor dem dein Herz ausblutet! - O Bruder, wenn du gut und unglücklich bist:
so komm zu deiner Schwester und nimm ihr ganzes Herz - es ist zerrissen, aber
nicht zerteilt und blutet nur! O es würde dich so sehr lieben! Warum sehnest du
dich nach keiner Schwester? O du Ungesehener, wenn dich die Fremden auch
verlassen, auch täuschen, auch vergessen, warum sehnest du dich nach keiner
treuen Schwester? - Wann kann ich dirs sagen, wie oft ich dein stummes Bild an
mich gepresset, wie oft ich es stundenlang angeblicket und mir Tränen in seine
gemalten Augen gedacht habe, bis ich selber darüber in strömende ausgebrochen
bin? - Verweile nicht so lange, bis deine Schwester mit dem ermüdeten Herzen
unter der Leichendecke ausruhet und mit allem ihren vergeblichen Sehnen, mit
ihren vergeblichen Tränen, mit ihrer vergeblichen Liebe in kalte vergessene Erde
zerfällt! Verweile auch nicht so lange, bis unsere Jugend-Auen abgemähet und
eingeschneiet sind, bis das Herz steifer und der Jahre und Leiden zu viele
geworden sind. - Es wird auf einmal meinem Innern so wehe, so bitter .... Bist
du vielleicht schon gestorben, Teurer? - Ach, das betäubt mein Herz - wende dein
Auge, wenn du selig bist, von der verwaiseten Schwester und erblick' ihre
Schmerzen nicht - ach ich frage mich schwer im blutenden Innern: was hab' ich
noch, das mich liebt? und ich antworte nicht ....«
                                       *
Die Leser haben den Mut, daraus mehr zu Gustavs Vorteil zu erraten als er
selber. Ihm als Helden dieses Buchs muss dieses Blatt willkommen sein; aber ich
als sein blosser Geschichtschreiber hab' nichts davon als ein paar schwere Szenen
mehr, die ich jedoch aus wahrer Liebe gegen den Leser gern verfertige -
Billionen wollt' ich deren ihm zu Gefallen ausarbeiten. Nur tut es meiner ganzen
Biographie Schaden, dass die Personen, die ich hier in Handlung setze, zugleich
mich in Handlung setzen und dass der Geschichtoder Protokollschreiber selber
unter die Helden und Parteien gehört. Ich wäre vielleicht auch unparteiischer,
wenn ich diese Geschichte ein paar Jahrzehende oder Jahrhunderte nach ihrer
Geburt aufsetzte, wie die, die künftig aus mir schöpfen werden, tun müssen. Die
Maler befehlen dem Porträtmaler, dreimal so weit vom Urbilde abzusitzen, als es
gross ist - und da Fürsten so gross sind und da sie folglich nur von Autoren
gezeichnet werden können, die in einer dieser Grösse gleichen Entfernung des Orts
oder der Zeit von ihnen wegsitzen: so wäre zu wünschen, ich stände nicht neben
unserem Fürsten, damit ich ihn nicht so vorteilhaft abmalte, als ich tue ....
 
                                    Fussnoten
1 Nach den Alten versammelten die seltnen Brunnen alle wilde Tiere um sich; und
diese Zusammentreffungen gaben - wie die in Redouten - zu noch sonderbarern und
zum Sprichwort »Afrika bringt immer etwas Neues« oder zu Missgeburten
Gelegenheit.
 
                   Einundfunfzigster oder 3ter Freuden-Sektor
                 Sonntagmorgen - offne Tafel - Gewitter - Liebe
Welch ein Sonntag! - Heut ist Montag. Ich weiss kein Mittel, mich, der ich (wie
wir alle durch unser Isolieren) ein Freuden-Elektrophor geworden, auszuladen als
durch Schreiben, ich müsste denn tanzen. Gustav hör' ich herüber: der hat zum
Auslader einen Flügel und spielt ihn. Der Flügel wird mir diesen Sektor sehr
erleichtern und mir manchen funkelnden Gedanken zuwerfen. Ich hab' mir oft
gewünscht, nur so reich zu werden, dass ich mir (wie die Griechen taten) einen
eignen Kerl halten könnte, der so lange musizierte, als ich schriebe. - Himmel!
welche opera omnia sprössen heraus! Die Welt erlebte doch das Vergnügen, dass, da
bisher so viele poetische Flickwerke (z.B. die Medea) der Anlass zu musikalischen
Meisterwerken waren, sich der Fall umkehrte und dass musikalische Nieten
poetische Treffer gäben. -
    Vor Tags machten wir uns gestern aus dem Bette, ich und mein musikalischer
Souffleur. »Wir müssen«, sagt' ich zu ihm, »vier volle Stunden draussen
herumjagen, eh' wir in die Kirche gehen« - nämlich nach Ruhestatt, wo der
vortreffliche Herr Bürger aus Grossenhayn1 als Gastprediger auftreten sollte.
Alles geschah. Bis diese Stunde weiss ich nicht, zieh' ich eine laue Sommernacht
oder einen kalten Sommermorgen vor: in jener rinnt das zerschmolzene Herz in
Sehnen auseinander; dieser härtet das glühende zur Freude zusammen und stählet
sein Schlagen. Unsere vier Stunden zu palingenesieren - müsste man aus hundert
Lust- und Jagdschlössern die Minuten dazu zusammentragen, und es hinkte doch.
Die Morgendämmerung ist für den Tag, was der Frühling für den Sommer ist, wie
die Abenddämmerung für die Nacht, was der Herbst für den Winter. Wir sahen und
hörten und rochen und fühlten, wie allmählich ein Stückchen vom Tag nach dem
andern aufwachte - wie der Morgen über Fluren und Gärten zog und sie wie
vornehme Morgenzimmer mit Blüten und Blumen räucherte - wie er sozusagen alle
Fenster öffnete, damit ein kühlender Luftzug den ganzen Schauplatz durchstriche
- wie jede Kehle die andre weckte und sie in die Lüfte und Höhen zog, um mit
trunkner Brust der steigenden vertieften Sonne entgegenzufliegen und
entgegenzusingen - wie der bewegliche Himmel tausend Farben rieb und verschmolz
und den Faltenwurf seiner Wolken versuchte und färbte .... So weit war der
Morgen, da wir noch im tauenden Tale gingen. Aber als wir aus seiner östlichen
Pforte hinaustraten in eine unabsehliche, mit wachsenden Girlanden und regem
Laubwerk musivisch ausgelegte Aue, deren sanfte Wellenlinie in Tiefen fiel und
auf Höhen floss, um ihre Reize und Blumen auf und nieder zu bewegen; als wir
davor standen: so erhob sich der Sturm der Wonne und des lebenden Tages und der
Ostwind ging neben ihm und die grosse Sonne stand und schlug wie ein Herz am
Himmel und trieb alle Ströme und Tropfen des Lebens um sich herum. - -
    Gustav spielt eben sanfter, und seine Töne halten meinen noch immer leicht
in hypochondrische Heftigkeit übergehenden Atem auf. -
    Als jetzt die Mühle der Schöpfung mit allen Rädern und Strömen rauschte und
stürmte: wollten wir in süsser Betäubung kaum gehen, es war uns überall wohl; wir
waren Lichtstrahlen, die jedes Medium aus ihrem Wege brach; wir zogen mit der
Biene und Ameise und verfolgten jeden Wohlgeruch bis zu seiner Quelle und gingen
um jeden Baum; jedes Geschöpf war ein Pol, der unsere Nadel zu Abbeugungen und
Einbeugungen lenkte. Wir standen in einem Kreis von Dörfern, deren Wege alle mit
fröhlichen Kirchgängern zurückkamen und deren Glocken die geistige Messe
einläuteten. Endlich zogen wir auch der wallfahrtenden Andacht nach und zur
Kirchtür der kühlen Ruhestätter Kirche hinein.
    Wenn ein Maitre de plaisirs einem Fürsten eine Operndekoration vorschlüge,
die aus einer aufziehenden Sonne, tausend Leipziger Lerchen, zwanzig läutenden
Glocken, ganzen Fluren und Floren von seidnen Blumen bestände: so würde der
Fürst sagen, es kostete zu viel - aber der Freudenmeister sollte versetzen:
einen Spaziergang kostets - oder eine Krone, sag' ich, weil zu einem solchen
Genuss nicht der Fürst, sondern der Mensch zulangt.
    In der Kirche liess ich mich auf dem Orgelstuhl nieder, um die plumpe Orgel
zu kartätschen zum Erstaunen der meisten Seelen. Als Gustav in eine adelige Loge
trat, sass in der gegenüberstehenden - Beata; denn eine Predigt war ihr so lieb
als einer andern ein Tanz. Gustav bückte sich mit niederfallenden Augen und
aufströmender Röte vor ihr und war tief gerührt über die blasse gekränkte
Gestalt, die sonst vor ihm geglühet hatte - sie wars gleichfalls von der
seinigen, auf der sie alle traurige Erinnerungen las, die in ihre oder seine
Seele geschrieben waren. Ihre vier Augen zogen sich vom Gegenstand der Liebe zu
dem der Aufmerksamkeit zurück, auf Herrn Bürger aus Grossenhayn. Er fing an; ich
hatte als zeitiger Organist vor, gar nicht auf ihn acht zu geben - ein Kantor
macht sich aus einer Predigt so wenig wie ein Mann von Ton -; allein Herr Bürger
predigte mir mit den ersten Worten das Choralbuch aus der Hand, worin ich lesen
wollte. Er trug die Vergebung der menschlichen Fehler vor - wie hart die
Menschen auf der einen, und wie zerbrechlich sie auf der andern Seite wären; wie
sehr jeder Fehler sich ohnehin am Menschen blutig räche und gleich einem
Nervenwurme den durchfresse, den er bewohne, und wie wenig also ein anderer das
Richteramt der Unversöhnlichkeit zu verwalten habe; wie wenig es Verdienst habe,
Unvorsichtigkeiten, kleine oder zu entschuldigende Fehler zu vergeben, und wie
sehr alles Verdienst auf Übersehung solcher Fehler, die uns mit Recht
erbitterten, ankomme etc. Da er endlich auf das Glück der Menschenliebe zeigte:
so ruhte das brennende und strömende Auge Gustavs unbewusst auf Beatens Antlitz
aus; und als endlich ihre Augen sich, dem Pfarrer zugekehrt, mit der wahren
Kummer- und Freuden-Auflösung anfüllten und als sie unter dem Abtrocknen sie auf
Gustav wandte: so öffneten sie sich einander ihre Augen und ihr Innerstes; die
zwei entkörperten Seelen schaueten gross ineinander hinein, und ein
vorüberfliegender Augenblick des zärtlichsten Entusiasmus zauberte sie an den
Augen zusammen .... Aber plötzlich suchten sie wieder den alten Ort, und Beata
blieb mit ihren an der Kanzel.
    Ich kanns nicht behaupten, ob er, Herr Bürger, diese nützliche Predigt schon
unter seine gedruckten getan oder nicht; gleichwohl soll mich dieses Lob nicht
hindern zu gestehen, dass seinen an sich guten Predigten eigentliche Kraft
einzuschläfern vielleicht fehle, ein Fehler, den man sowohl beim Lesen als beim
Hören wahrnimmt. Hier will ich zum Besten andrer Geistlichen einige Extraseiten
über die falsche Bauart der Kirchen einschichten.
                Extraseiten über die falsche Bauart der Kirchen
Ich hab' es schon dem Konsistorium und der Bauinspektion vorgetragen; aber es
verfängt nichts. Wir und sie wissen es alle, dass jede Kirche, eine
Katedral-Kirche so gut als ein Filial, für den Kopf oder das Gehirn der Diözes
zu sorgen habe, d.h. für den Schlaf derselben, weil nach Brinkmann jenes nichts
so stärkt als dieser. Es wäre lächerrlich, wenn ich mich hersetzen und erst lange
ausführen wollte, dass dieser desorganisierende Schlaf auf eine wohlfeilere Art
und für weniger Pfennige und Opium als bei den Türken zu erregen steht; denn
unser Opium wird wie Quecksilber äusserlich eingerieben und hauptsächlich an den
Ohren angelegt. Nun ist niemand so gut wie mir bekannt, was man in der ganzen
Sache schon getan. Wie man in Konstantinopel (nach de Tott) besondere Buden und
Sitze für die Opiumesser, aber nur neben den Moscheen hat: so sind sie bei uns
darin und heissen Kirchenstühle. - Ferner brennen ordentliche Nachtlichter auf
dem Altar. Die Fensterscheiben haben in katolischen Tempeln Glasgemälde, die so
gut wie Fenstervorhänge Schatten geben. Zuweilen sind die Pfeiler so geordnet
oder vervielfältigt, dass sie zur kirchlichen Dunkelheit mitelfen, die der Zweck
des Schlafens so sehr begehrt. Da die Schlafzimmer in Frankreich lauter matte
glanzlose Farben haben: so ist in dem grossen kanonischen Schlafzimmer wenigstens
insofern für den Schlaf gesorgt worden, dass doch die Teile der Kirche, auf die
das Auge sich am meisten richtet, Altar, Pfarrer, Kantor und Kanzel, schwarz
angestrichen sind. Man sieht, ich unterdrücke keinen Vorzug, und es ist nicht
Tadelsucht, wenn ich tadele. -
    Aber es fehlet einem Tempel noch viel zu einem wahren Dormitorium. Ich stand
(ich könnt' auch sagen: ich lag) in Italien und auch in Paris in mehren
Teaterlogen, die vernünftig eingerichtet und möbliert waren: man konnte darin
(weil alles dazu da war) schlafen, spielen, pissen, essen und mehr ...... Man
hatte seine Freundinnen mit. Das haben nun die Grossen gewohnt; wie will man
ihnen ansinnen, sie sollen in die Kirche fahren und darin schlafen, da ihnen ihr
Geld eher alle Freuden als den Schlaf verschafft? - Beim tiers état, beim Bauer
und Bürger, selber beim Bürgermeister-Kollegium, das sich die ganze Woche matt
votiert, ists kein Wunder, sondern freilich leicht dahin zu bringen, dass sie
leicht auf jedem Stuhl, auf jeder Empor entschlafen; ich leugn' es nicht; aber
der Libertin, der Schläfer auf Eiderdunen, wird euch (und predigte ein
Konsistorialrat) auf keinem blossen Sessel schlafen; er geht daher lieber in
keine Kirche. Für solche Leute von Ton müssen daher ordentliche Kirchenbetten in
den Logen aufgeschlagen werden, damit es geht; so wie auch Spieltische,
Esstische, Ottomanen, Freundinnen u. dergl. in einer Hofkirche so unentbehrliche
Dinge sind, dass sie besser an jedem andern Orte mangeln könnten als da.
    Man kann es also, ohne mich und die Wahrheit zu beleidigen, kein Schmeicheln
nennen, wenn ich verfechte, dass bloss die dumme Kirchen-Architektur und der
Mangel alles Haus- und Kirchengeräts, aller Betten etc. daran schuld sind, nicht
aber die gut und philosophisch oder mystisch ausgearbeiteten Predigten
geschickter Hof-, Universität-, Kasernen- und Vesper-Prediger, wenn die Leute
von Stand weit weniger darin schlafen können, als man sich verspricht.
                              Ende der Extraseiten
Nach der Kirche trafen wir alle an der Sakristei zusammen. Ich gehe über
Kleinigkeiten hinweg und komme sogleich dazu, dass wir sämtlich abzogen und dass
Gustav unserer schönen Dauphine den Arm gab und nahm. Es war ein ruhiges Wandeln
unter der festlichen Sonne und unter den Blüten der Gebüsche hinweg. Der Putz,
die getäfelte Stirn, die wie Fiedelbogen-Haare hinübergespannten Stirn-Haare,
die wie Zwiebelhäute übereinander liegenden Röcke des weiblichen Bauerstandes
malten samt dessen anlachendem Angesicht uns den Sonntag heller vor, als alle
halbe und ganze Parüren der Städterinnen können. Auch find' ich am Sonntage viel
schönere Gesichter als an den sechs Werkeltagen, die alles im Schmutz vermummen.
    Das Gespräch musste gleichgültig bleiben - ich denke, selbst beim
Vergissmeinnicht. Beata sah nämlich eines im Grase liegen und eilte hinzu und -
da wars von Seide. »O ein falsches«, sagte sie. »Nur ein gestorbnes,« sagte
Gustav, »aber ein dauerhaftes.« Unter Personen von einer gewissen Feinheit wird
leicht alles zur Anspielung! Wohlwollen ist ihnen daher unentbehrlich, damit sie
an keine andern Anspielungen als an gutmütige glauben. - Ich labte mich unter
dem ganzen Wege am meisten daran, dass ich der Hintergrund und der Rückenwind
war, der hintennach ging; denn wär' ich vorausgezogen, so hätt' ich den
schönsten Gang nicht gesehen, in dem sich noch die schönste weibliche Seele
durch ihren Körper zeichnete - Beatens ihren. Nichts ist charakteristischer als
der weibliche Gang, zumal wenn er beschleunigt werden soll.
    Im Tal fanden wir ausser dem Schatten und Mittage noch etwas Schöneres, den
Doktor Fenk. Er hatte ein kleines Speise-Concert spirituel unter den Bäumen
angeordnet, wo wir alle wie Fürsten und Schauspieler offne Tafel, aber vor
lauter satten musikalischen Zuschauern, vor den Vögeln, hielten. Wir hatten
nichts darwider, dass zuweilen eine Blüte in den Tunknapf, oder in das
Essiggestell ein Blättchen flatterte, oder dass ein Lüftchen das Zuckergestöber
aus der Zuckerdose seitwärts wegblies; dafür lag der grösste plat de ménage, die
Natur, um unsern freudigen Tisch herum, und wir waren selber ein Teil des
Schaugerichts. Fenk sagte und spielte mit einem herabgezognen Aste: »unser Tisch
hätte wenigstens den Vorzug vor den Tischen in der grossen Welt, dass die Gäste an
unserem einander kennten; die Grossen aber, z.B. in Scheerau oder Italien,
speiseten mehr Menschen, als sie kennen lernten; wie im Fette des Tieres, das
von den Juden so sehr verabscheuet und nachgeahmet würde, Mäuse lebten, ohne dass
das Tier es merkte.«
    Ein Arzt sei noch so delikat im Ausdruck: er ists doch nur für Ärzte.
    Unter dem Kaffee behauptete mein lieber Pestilenziar, alle Kannen - Kaffee-,
Schokolade-, Teekannen -, Krüge etc. hätten eine Physiognomie, die man viel zu
wenig studiere; und wenn Melanchton der Missionär und Kabinettprediger der
Töpfe gewesen, so fehle noch ein Lavater derselben. Er habe einmal in Holland
eine Kaffeekanne gekannt, deren Nase so matt, deren Profil so schal und
holländisch gewesen wäre, dass er zum Schiffarzt, der mitgetrunken, gesagt, in
dieser Kanne sässe gewiss eine ebenso schlechte Seele, oder alle Physiognomik sei
Wind: - da er eingeschenkt hatte, so war das Gesöff nicht zum Trinken. Er sagte,
in seinem Hause werde kein Milchtopf gekauft, den er nicht vorher, wie
Pytagoras seine Schüler, in physiognomischen Augenschein nehme.
    »Wem haben wirs zuzuschreiben,« fuhr er in humoristischem Entusiasmus fort,
»dass um unsere Gesichter und Taillen nicht so viele Schönheitlinien als um die
griechischen beschrieben sind, als bloss den verdammten Tee- und Kaffeetöpfen,
die oft kaum menschliche Bildung haben und die doch unsere Weiber die ganze
Woche ansehen und dadurch kopieren in ihren Kindern? - Die Griechinnen hingegen
wurden von lauter schönen Statuen bewacht, ja die Sparterinnen hatten die
Bildnisse schöner Jünglinge sogar in ihren Schlafzimmern aufgehangen.« - -
    Ich muss aber zur Rechtfertigung von vielen hundert Damen sagen, dass sie
dafür ja das nämliche mit den Originalen tun und dass damit auch schon etwas zu
machen ist. -
    Da ich in diesem Familien-Schauspiel für keine Göttin Achtung habe als für
die der Wahrheit: so kann ich sie auch meiner Schwester nicht aufopfern,
obgleich ihr Geschlecht und ihre Jugend sie noch unter die Göttinnen stellen. Es
ärgert mich, dass sie zu wenig Stolz und zu viel Eitelkeit ernährt. Es ärgert
mich, dass es sie nicht ärgern wird, sich hier gedruckt und getadelt zu lesen,
weil ihr mehr am Gewinst der Eitelkeit durch den Druck als am Verlust des
Stolzes durch den Tadel gelegen ist.
    Stolz ist in unserem kriegslistigen Jahrhundert der treueste Schutzheilige
und Lehns-Vormund der weiblichen Tugend. Niemand wird zwar von mir fodern, die
Damen von meiner Bekanntschaft öffentlich zu nennen, die gewiss wie Mailand 40
mal (nach Keissler) wären belagert und 20 mal erobert worden, wären sie nicht
brav stolz gewesen, ja wäre nicht eine davon an einem Abende voll Tanz
zweiundeinhalbmal stolz gewesen; aber nennen könnt' ich sie, wollt' ich sonst.
    Du lehrest mich, liebe Philippine, dass die edelsten Gefühle nicht immer die
Gefallsucht ausschliessen und dass ich ausser dem Geschäfte, dich zu lieben, kein
besseres haben kann als das, dich zu schelten - und deinen Medizinalrat Fenk
auch, der gegen dich seiner sorgenlosen Laune zu weit nachhängt: zum Glück ist
sie noch im Alter, wo Mädchen allemal den lieben, den sie am längsten
gesprochen, und wo ihr Herz wie ein Magnet das alte Eisen fallen lässet, wenn
man ein neues daran bringt.
    Beata und Gustav berührten einander die wunden Stellen wie zwei
Schneeflocken; sogar in der Stimme und der Bewegung schilderte sich zärtliches,
schonendes, ehrliebendes, aufopferndes Ansichhalten. O wenn die Weigerungen der
Koketterie schon so viel geben: wie viel müssen erst die gegenwärtigen der
Tugend geben!
    Der Nachmittag war auf den Flügeln der Schmetterlinge, die neben uns ihre
tiefern Blumen suchten, davongeeilet; die Gespräche nahmen wie die Augen an
Interesse zu, und wir schlenterten (oder schreibt mans mit einem weichen D?) auf
der Allee-Terrasse hin, die den Berg wie ein Gürtel umwindet und auf der das
Auge über die Einzäunungen des Tales in die Fluren hinübergehen kann. Gegen
Westen rückte ein Gewitter mit seinem Donner-Tritt über den Himmel und hing sein
Bahrtuch von schwarzem Gewölk über die Sonne. Die Gegend sah wie das Leben eines
grossen, aber nicht glücklichen Menschen aus; der eine Berg glühte vom
Flammenblick der Sonne, der andre verdunkelte sich unter der niederfallenden
Nacht einer Wolke - - drüben in der Abendgegend brauste im Himmel statt des
Vogelgesangs das himmlische Pedal, der Donner, und in Reihen von weissen
Wassersäulen riss sich der wärmende Regen vom Himmel los und füllte seine
Blumenkelche und Gipfel wieder, aus denen er gestiegen war - es war der Seele so
feierlich, als würde ein Tron für Gott errichtet, und alles wartete, dass er
darauf niederstiege.
    Gustav und Beata gingen, in den Himmel versunken, auf der Terrasse voraus;
der Doktor, meine Schwester und ich in einer kleinen Ferne hinter ihnen. Endlich
platzten auf dem Laube der Allee einzelne Regentropfen, die aus dem Saume der
breiten Wetterwolke über uns flogen und fielen; - so bestreift ein donnerndes
niederblitzendes Unglück der Nachbarschaft die entlegnen Länder nur mit einigen
Tränen, die aus dem Auge des Mitleids entwischen. - Wir stellten uns alle unter
die nächsten Bäume. Gustav und Beata standen seit vielen Monaten zum ersten Male
wieder einsam nebeneinander, ohne Ohrenzeugen, obwohl neben Augenzeugen. Sie
waren gegen Abend gekehrt und schwiegen. Es gibt Lagen, wo der Mensch sich zu
gross fühlt, ein Gespräch heranzulenken, oder fein zu sein, oder Anspielungen zu
machen. Beide verstummten fort, bis Gustav in der heissesten Sonnenwende seiner
Empfindungen sich von der überschwemmten Abendgegend umkehrte zu Beatens Augen
hin - ihre hoben sich langsam und unverhüllt zu seinen auf und der Mund unter
ihnen blieb ruhig und ihre Seele war bei niemand als bei Gott und der Tugend.
    Die Wolke war verronnen und verzogen. Der Doktor hatte heimzueilen. Niemand
konnte aus seinem geniessenden Schweigen heraus. So stumm waren wir alle die
Terrasse hinunter gekommen - und jedes war auch schon von seinem belaubten
Regenschirme hinweg -, als auf einmal die tiefe Sonne die schwarze Wolkendecke
durchbrannte und entzweiriss und den Leichenschleier des Gewitters weit
zurückschlug und uns überstrahlte und die glimmenden Gesträuche und jeden
feurigen Busch .... Alle Vögel schrien, alle Menschen verstummten - die Erde
wurde eine Sonne - der Himmel zitterte weinend über der Erde vor Freude und
umarmte sie mit heissen unermesslichen Lichtstrahlen. -
    Die Gegend brannte im himmlischen Feuerregen um uns; aber unsere Augen sahen
sie nicht und hingen blind an der grossen Sonne. Im Drang, das Herz von Blut und
Freude loszumachen, versank Gustavs Hand in Beatens ihre - er wusste nicht, was
er nahm - sie wusste nicht, was sie gab, und ihre gegenwärtigen Gefühle erhoben
sich weit über geringfügige Versagungen. Endlich legte sich die umdonnerte Sonne
wie ein Weiser ruhig unter die kühle Erde, ihr Abendrot ruhte glühend unter dem
blitzenden Wetter, sie schien wie eine Seele zu Gott gegangen zu sein, und ein
Donnerschlag fiel in den Himmel nach ihrem Tode ....
    Es dämmerte .... die Natur war ein stummes Gebet .... Der Mensch stand
erhabener wie eine Sonne darin; denn sein Herz fasste die Sprache Gottes ....
aber wenn in das Herz diese Sprache kommt und es zu gross wird für seine Brust
und seine Welt: so hauchet der grosse Genius, den es denkt und liebt, die
stillende Liebe zu den Menschen in den stürmenden Busen, und der Unendliche
lässet sich von uns sanft an den Endlichen lieben ....
    Gustav empfand die Hand, die in seiner pulsierte und aus ihr herausstrebte -
er hielt sie schwächer und sah in das schönste Auge zurück - seines bat Beaten
unendlich rührend um Vergebung der vergangnen Tage und schien zu sagen: »O! nimm
in dieser seligen Stunde auch meinen letzten Kummer weg!« - Als er nun leise mit
einem Tone, der so viel war wie eine gute Tat, fragte: »Beata?« und als er nicht
weitersprechen konnte und sie das errötende Angesicht zur Erde wandte und
aufhörte, ihre Hand aus seiner zu ziehen, und tief gerührt wieder aufsah und ihm
die Träne zeigte, die zu ihm sagte: »Ich will dir vergeben«: so wurden aus zwei
Seelen, die noch grösser waren als die Natur um sie, zwei Engel, und sie fühlten
den Himmel der Engel - sie standen und schwiegen, in unendliche Dankbarkeit und
Entzückung verloren - er nahm endlich, zitternd vor hochachtender Freude, ihren
bebenden Arm und erreichte uns.
    Den Sabbat schlossen stille Gedanken, stille Entzückungen, stille
Erinnerungen und ein stiller Regen aus allen entladenen Gewittern.
 
                                    Fussnoten
1 Seine vor einem Jahre gedruckten Predigten werden nach dem Geschmack eines
jeden sein, der meinen hat.
 
                             Vierter Freuden-Sektor
                       Der Traum vom Himmel - Brief Fenks
Seitdem ich neben meinem lebenbeschreibenden Handwerk noch das eines
Damenschneiders betreibe, wächst ein ganz neues Leben in mir auf. Gleichwohl muss
man dem künftigen Schröckh, der in sein Bilderkabinett berühmter Männer mich
auch als einen hineinhängen will, den Rat geben, dass er sich mässige und aus
meiner Schneiderei nicht alles ableite, sondern etwas aus meiner Phantasie. Die
letzte hat sich im vorigen Winter und Herbst durch das Malen so vieler
Naturszenen so gestärkt, dass der gegenwärtige Frühling an mir ganz andre Augen
und Ohren findet als die vorigen alle. Das hätten wir alle, ich und Leser, eher
bedenken sollen. Wenn der Reiz gewisser Laster durch die täglich wachsenden
Anstrengungen der Phantasie unbezwinglich wird: warum geben wir ihrem
hinreissenden Pinsel nicht würdige Gegenstände? Warum richten wir sie nicht im
Winter ab, den Frühling aufzufassen oder vielmehr auszuschaffen? Denn man
geniesst an der Natur nicht, was man sieht (sonst genösse der Förster und der
Dichter draussen einerlei), sondern was man ans Gesehene andichtet, und das
Gefühl für die Natur ist im Grunde die Phantasie für dieselbe.
    In keinem Kopfe aber kristallisierten sich holdere Traum- und
Phantasiegestalten als im Gustavischen. Seine Gesundheit und sein Glück sind
zurückgekommen: das zeigen seine Nächte an, worin die Träume wie Violen wieder
ihre Lenzkelche auseinandertun. Ein solcher Edenduft wallet um folgenden Traum:
    Er starb (kam ihm vor) und sollte den Zwischenraum bis zu seiner neuen
Verkörperung in lauter Träumen verspielen. Er versank in ein schlagendes
Blüten-Meer, das der zusammengeflossene Sternen-Himmel war; auf der
Unendlichkeit blühten alle Sterne weiss und nachbarliche Blütenblätter schlugen
aneinander. Warum berauschte aber dieses von der Erde bis an den Himmel
wachsende Blumenfeld mit dem rauchenden Geiste von tausend Kelchen alle Seelen,
die darüberflogen und in betäubender Wonne niederfielen, warum mischte ein
gaukelnder Wind unter einem Schneegestöber von Funken und bunten Feuerflocken
Seelen mit Seelen und Blumen zusammen, warum wölkte die verstorbnen Menschen ein
so süsser und so spielender Totentraum ein? - O darum: die nagenden Wunden des
Lebens sollte der Balsamhauch dieses unermesslichen Frühlings verschliessen und
der von den Stössen der vorigen Erde noch blutende Mensch sollte unter den Blumen
zuheilen für den künftigen Himmel, wo die grössere Tugend und Kenntnis eine
genesene Seele begehrt. - Denn ach! die Seele leidet ja hier gar zu viel! - Wenn
auf jenem Schneegefilde eine Seele die andre umfasste: so schmolzen sie aus Liebe
in einen glühenden Tautropfen ein; er zitterte dann an einer Blume herab und sie
hauchte ihn wieder entzweigeteilt als heiligen Weihrauch empor. - Hoch über dem
Blütenfeld stand Gottes Paradies, aus dem das Echo seiner himmlischen Töne in
Gestalt eines Bachs in die Ebene herniederwallete; sein Wohllaut durchkreuzte in
allen Krümmungen das Unter-Paradies und die trunknen Seelen stürzten sich aus
Wonne von den Ufer-Blumen in den Flötenstrom; im Nachhall des Paradieses
erstarben ihnen alle Sinne und die zu endliche Seele ging, in eine helle
Freuden-Träne aufgelöset, auf der laufenden Welle weiter. - Dieses Blumengefilde
stieg unaufhaltsam empor, dem erhöheten Paradiese entgegen, und die durcheilte
Himmelluft schwang sich von oben herab und ihr Niederwehen faltete alle Blumen
auseinander und bog sie nicht. - Aber oft ging Gott in der dunkelsten Höhe weit
über der wehenden Aue hinweg; wenn der Unendliche dann oben seine Unendlichkeit
in zwei Wolken verhüllte, in eine blitzende, oder die ewige Wahrheit, und in
eine warm auf alles niederträufelnde und weinende, oder die ewige Liebe: alsdann
stand gehalten die steigende Au, der sinkende Äter, der nachhallende Bach, das
rege Blumenblatt; alsdann gab Gott das Zeichen, dass er vorübergehe, und eine
unermessliche Liebe zwang alle Seelen, in dieser hohen Stille sich zu umarmen und
keine sank an eine, sondern alle an alle - ein Wonne-Schlummer fiel wie ein Tau
auf die Umarmung. Wenn sie dann wieder auseinander erwachten, so gingen aus dem
ganzen Blumenfelde Blitze, so rauchten alle Blüten, so sanken alle Blätter unter
den Tropfen der warmen Wolke, so klangen alle Krümmungen des tönenden Baches
zusammen, es wetterleuchtete das ganze Paradies über ihnen und nichts verstummte
als die liebenden Seelen, die zu selig waren ....
                                       *
Gustav erwachte in eine nähere Welt, die ein schönes Gegenspiel seiner
geträumten war; die Sonne war in einen einzigen glühenden Strahl verwandelt, und
dieser Strahl knickte auch an der Erde ab; die Wolke der Dämmerung zog herum,
Blumen und Vögel hingen ihre schlafenden Häupter in den Tau hin und bloss der
Abendwind kramte noch in den Blättern umher und blieb die ganze Nacht auf ....
    So schleichen unsere grünen Stunden durch unser unbesuchtes Tal, sie gleiten
mit einem ungehörten Schmetterling-Fittich durch unsern Luftkreis, nicht mit der
schnurrenden Käfer-Flügeldecke - die Freude legt sich leise wie ein Abendtau an
und prasselt nicht wie ein Gewitterguss herab. Unsere glückliche Badzeit wird uns
zum Mut, zu Geschäften, zum Erdulden auf lange, auf immer erfrischen; das grüne
Lilienbad wird in unserer Phantasie eine grüne Rasenstelle bleiben, auf der,
wenn einmal die Jahre alle elysische Felder, die ganze Gegend unserer Freude
tief überschneiet haben, unter ihrem warmen Hauche aller Schnee zergeht und die
uns immer angrünet, damit wir auf ihr, wie Maler auf grünem Tuche, unsere alten
Augen erquicken .... Ich wünsch' euch, meine Leser, für euer Alter recht viele
solche offen bleibende Stellen und jedem Kranken sein Lilienbad.
    Tät' ichs nicht dem deutschen Publikum zu Gefallen: so würd' ich schwerlich
vor Freude zur Beschreibung derselben gelangen. Und doch werd' ich keinen neuen
Freuden-Sektor anfangen vor dem Geburttage Beatens. Dieser wird auf der kleinen
Molukke Teidor begangen, dahin sind wir vom Doktor eingeladen; der hat sein
Landhaus auf dieser Insel; das Wetter wird auch schön verbleiben. - - Ich kann
so viel ohne grosses prophetisches Talent leicht voraussehen, dass der Geburttags-
oder Teidors-Sektor alles Schöne, was je in der Alexandrinischen Bibliotek
verbrannt oder in Ratbiblioteken vermodert oder in andern erhalten worden,
nicht sowohl vereinigen als völlig überbieten werde.
    Im nämlichen Brief, der uns nach der molukkischen Insel lockt, schreibt mir
der Doktor eine Neuigkeit, die insofern hier einen Platz verdient, weil einer da
ist und ich den Sektor gern voll haben möchte, indem ich bloss abschriebe.
    »Der Professor Hoppedizel, der ausser dem Philosophieren und Prügeln nichts
so liebt als Spassmachen, will, sobald der Mond wieder später aufgeht, den
machen, dass er ein Spitzbube ist. Ich traf ihn vor einigen Tagen an, dass er sich
einen langen Bart zurechtsott, ferner Brecheisen versteckte und Masken wählte.
Ich fragte ihn, auf welcher Redoute er stehlen wolle. Er sagte, in der
Maussenbachschen - kurz er will deinen Gerichtprinzipal dadurch, dass er mit der
kleinen Bande einbricht und statt Beute Spass macht, in einen teatralischen
Kunst-Schrecken jagen. Zu wünschen wäre, dieser artistische und satirische
Räuberhauptmann würde für einen wahren genommen und mit seinem Brech-Apparat auf
einen Arrestanten-Wagen gebracht und öffentlich hereingefahren - nicht etwa,
damit der gute Hoppedizel dabei versehret würde - sondern nur damit dieser
korsarische Stoiker auf die Folter käme und dadurch drei Menschen auf einmal ins
Licht setzte: erstlich sich, indem er weniger das Verbrechen als seine stoischen
Grundsätze bekennte - zweitens den Pestilenziar oder mich, indem ich bei der
Tortur (wie wir bei allen Schmerzen tun) die Rücksichten auf seine Gesundheit
vorschriebe - drittens den Justitiar oder dich, der du zeigen könntest, dass du
deine akademischen Kriminalhefte schon noch im Koffer hättest.«
    Ich glaube, es wird dem Leser auch so gehen wie mir, dass uns auf dem
Blumengestade unter den Wohllauten der Natur dieses Seetreffen des grossen
Weltmeers und dieses Schiessen desselben eine schreiende Dissonanz zu machen
scheint.
 
  Dreiundfunfzigster oder der grösste Freuden-Sektor oder der Geburttags- oder
                                 Teidors-Sektor
                       Der Morgen - der Abend - die Nacht
Heute ist Beatens Fest und wird immer schöner - mein Schreibepult ist neun
Millionen Quadratmeilen breit, nämlich die Erde - die Sonne ist meine
Epiktets-Lampe, und statt der Handbibliotek rauschen die Blätter des ganzen
Naturbuchs vor mir .... Aber von vornen an! Übrigens lieg' ich jetzt auf der
Insel Teidor.
    Die Tage vor schlechtem Wetter sind auch meteorologisch die schönsten. Da
wir heute als die friedlichste Quadrupel-Allianz, die es gibt, durch unser
singendes Tal, eh' noch die Morgenstrahlen hereingestiegen waren, hinausgingen,
um noch vor neun Uhr recht gemächlich auf der kleinen Molukke Teidor anzukommen:
so streckte sich ein ganzer kristallener quellenheller Tag auf den weiten Fluren
vor uns hin - wir waren bisher an schöne gewöhnt, aber an den schönsten nicht. -
Die Erdkugel schien eine helle, aus Dünsten und Lüften herausgehobene Mondkugel
zu sein - die Berg- und Waldspitzen standen nackt im tiefen Blau, sozusagen
ungepudert von Nebeln - alle Aussichten waren uns näher gerückt und der Dunst
war vom Glase, wodurch wir sahen, abgewischt - die Luft war nicht schwül, aber
sie ruhte auf den Gewürz-Fluren unbeweglich aus und das Blatt nickte, aber nicht
der Zweig, und die hängende Blume wankte ein wenige aber bloss unter zwei
kämpfenden Schmetterlingen .... Es war der Ruhetag der Elemente, die Sieste der
Natur. Ein solcher Tag, wo schon der Morgen die Natur eines schwärmerischen
Abends hat und wo schon er uns an unsere Hoffnungen, an unsre Vergangenheit und
an unser Sehnen erinnert, kommt nicht oft, kommt für nicht viele, darf für die
wenigen, in deren schwellendes Herz er leuchtet, nicht oft kommen, weil er die
armen Menschen, die ihm ihre Herzen wie Blumenblätter auftun, zu sehr erfreuet,
sie vom kameralistischen Feudalboden, wo man mehr Blumen mähen als beriechen
muss, zu weit ins magische Arkadien verschlägt. - Aber ihr Finanziers und
Ökonomen und Pächter, wenn fast alle Jahrzeiten der Haut und dem Magen dienen:
warum soll nicht ein Tag - zumal für Brunnengäste - bloss dem zu weichen Herzen
zugehören? Wenn man euch Härte vergibt: warum wollt ihr keine Weichheit
vergeben? - O ihr beleidigt ohnehin genug, ihr gefühllosen Seelen; die schönere
feinere ist euch bloss unbedeutend und lächerrlich; aber ihr seid ihr quälend und
verwundet sie. - Sonderbar ists, dass man andern zuweilen die Vorzüglichkeit der
Talente, aber nie die Vorzüglichkeit der Empfindungen zugesteht und dass man
seiner eignen Vernunft, aber nicht seinem eignen Geschmack Irrtümer zutraut.
    Ein durchsichtiges Dockengeländer von Waldbäumen stand bloss noch zwischen
uns und dem indischen Ozean, worin Teidor grünte, als uns der Steig durch das
hohe Gras, das über ihn hereinschlug, an einer Einöde oder einem isolierten
Hause vorübertrug, das zu entzückend in diesem Blumen-Ozean lag, als dass man
hätte vorbeigehen oder -reiten können. Wir lagerten uns auf einer abgemähten
Rasenstelle, zur rechten Seite des Hauses, zur linken eines runden Gärtchens,
das sich mitten in die Wiese versteckte. Im armen Gärtchen waren und nährten
sich (wie in einem toleranten Staate) auf dem nämlichen Beete Bohnen und Erbsen
und Salat und Kohlrüben; und doch hatte im Zwerg-Garten ein Kind noch sein
Infusions-Gärtchen. Im blendenden und roten Vogelhäuschen betrieb eine flinke
Frau gerade ihre wohlriechende Feldbäckerei; und zwei Kinderhemdchen hingen am
Gartenzaun, und zwei standen an der Haustür, in welchen letzten zwei braune
Kinder spielten und uns beobachteten - ihnen tat am heutigen Morgen nichts wohl
als ihren entblössten Füssen die Sonne. O Natur! o Seligkeit! du suchest wie die
Wohltätigkeit gern die Armut und das Verborgne auf!
    Das Klügste, was ich heute gesagt habe und vermutlich sagen werde, ist gewiss
die Gras-Rede am Morgen neben dem Häuschen. Als ich so den stehenden Himmel, die
Wind- und Blätterstille betrachtete, in der der steilrechte Flügel des
Schmetterlings und das Härchen der Raupe unverbogen blieb: so sagt' ich: »Wir
und dieses Räupchen stehen unter und in drei allmächtigen Meeren, unter dem
Luftmeer, unter dem Wassermeer und unter dem elektrischen Meere; gleichwohl sind
die brausenden Wogen dieser Ozeane, diese Meilen-Wellen, die ein Land zerreissen
können, so geglättet, so bezähmet, dass der heutige Sabbat-Tag herauskommt, wo
den breiten Flügel des Schmetterlings kein Lüftchen ergreift oder um ein
gefiedertes Stäubchen berupft und wo das Kind so ruhig zwischen den
Elementen-Leviatans tändelt und lächelt. - Wenn dies kein unendlicher Genius
bezwungen hat, wenn wir diesem Genius keine Zusammenordnung unsers künftigen
Schicksals und unserer künftigen Welt zutrauen -« ...
    O unendlicher Genius der Erde! an deinen Busen wollen wir unsre kindlichen
Augen schmiegen, wenn sich der Sturm von der Kette losreisset - - an dein
allmächtiges heisses Herz wollen wir zurücksinken, wenn uns der eiserne Tod
einschläfert, indem er vorbeigeht! -
    So wandelten wir unschuldig-zufrieden, ohne Hastigkeit und Heftigkeit den
Wellen zu, die an Fenks Landhaus spülten. Sonderbar ists, es gibt Tage, wo wir
freiwillig unser stilles fort-vibrierendes Vergnügen von den äussern Gegenständen
uns zureichen lassen (wodurch wir ungewöhnlich gegen echten Stoizismus
verstossen); - noch sonderbarer ists, dass manche Tage dieses wirklich tun. - -
Ich meine das: ein gewisses leises wellen-glattes Zufriedensein - nicht verdient
durch Tugend, nicht erkämpft durch Nachdenken - wird uns zuweilen von dem Tage,
von der Stunde beschert, wo alle die jämmerlichen Kleinigkeiten und Fransen,
woraus unser ebenso kleinliches als kleines Leben zusammengenäht ist, mit unsern
Pulsen einstimmen und unserem Blute nicht entgegenfliessen - z.B. wo (wie heute
geschah) der Himmel unbewölkt, der Wind im Schlaf, der Fährmann, der nach Teidor
bringt, bei der Hand, der Herr des Landhauses, Doktor Fenk, schon vor einer
Stunde gegenwärtig, das Wasser eben, das Boot trocken, der Anlandung-Hafen tief
und alles recht ist .... Wahrhaftig wir sind alle auf einen so närrischen Fuss
gesetzt, dass es zu den Menschenfreuden, worüber der Zerbster Konsistorialrat
Sintenis zwei Bändchen abgefasset, mit gerechnet werden kann - in Deutschland;
aber in Italien und Polen weit weniger -, zuweilen einen oder den andern Floh zu
greifen ...... Will man also einen solchen paradiesischen Tag erleben: so muss
nicht einmal eine Kleinigkeit, über die man in stoisch-energischen Stunden
wegschreitet, im Wege liegen; so wie sich über die Sonne, wenn ein Brennspiegel
sie herunterholen will, nicht das dünnste Wölkchen schieben darf .... Ich bin
jetzt im Feuer und versichere, ich kann mir unmöglich etwas Närrischeres denken
als unser Leben, unsere Erde, uns Menschen und unsre Bemerkung dieser Narrheit
....
    Der indische Ozean war ein lärmender Marktplatz wie ein sinesischer Strom,
überall bewegte sich auf ihm Freude, Leben und Glanz, von seiner Oberfläche bis
zu seinem Grunde, wo die zweite Halbkugel des Himmels mit ihrer Sonne zitterte.
Im Landhause waren die Wände weiss, weil für einen Menschen (sagte Fenk), welcher
aus der in lauter Feuer und Lichtern stehenden Natur in eine enge Klause tritt,
kein Kolorit dieser Klause hell genug sein könne, um einen traurigen
beschränkten Eindruck abzuwenden.
    Alsdann ruhten wir aus, indem wir von einer beschatteten Grasbank der Insel
zur andern gingen, von Birkenblättern und indischen Wellen angefächelt - dann
musizierten - dann dinierten wir, erstlich am Tische eines Wirtes, der auf eine
lustige Art fein und delikat zu sein weiss, zweitens vor den in alle Weltgegenden
aufgeschlossenen Fenstern, die uns noch mehr in alle Strudel der freudigen Natur
hineindrehten, als wären wir draussen gewesen, und drittens jeder von uns mit
einer Hand, welche die weiche Beere des Vergnügens abzunehmen weiss, ohne sie
entzweizudrücken. - Ottomar kommt abends - die zwei Mädchen haben unter Blumen
und der glückliche Gustav unter Schatten sich verloren - der Lebensbeschreiber
liegt hier wie der Jurist Bartolus auf dem hebenden Grase und schildert alles -
Fenk ordnet auf Abend an. - Erst abends tritt das Vollicht unserer heutigen
Freude ein; und ich danke dem Himmel, dass ich jetzt mit meiner biographischen
Feder nachgekommen bin und niemals mehr weiss, als ich eben berichte: anstatt dass
ich bisher immer mehr wusste und mir den biographischen Genuss der freudigsten
Szenen durch die Kenntnis der traurigen Zukunft versalzte. So aber könnt' in der
nächsten Viertelstunde uns alle das Weltmeer ersäufen: in der jetzigen lächelten
wir in dasselbe hinein.
    Da ich so ruhig bin und nicht spazieren gehen mag: so will ich über das
Spazierengehen, das so oft in meinem Werke vorkommt, nicht ohne Scharfsinn
reden. Ein Mann von Verstand und Logik würde meines Bedünkens alle Spazierer,
wie die Ostindier, in vier Kasten zerwerfen.
    In der I. Kaste laufen die jämmerlichsten, die es aus Eitelkeit und Mode tun
und entweder ihr Gefühl oder ihre Kleidung oder ihren Gang zeigen wollen.
    In der II. Kaste rennen die Gelehrten und Fetten, um sich eine Motion zu
machen, und weniger, um zu geniessen, als um zu verdauen, was sie schon genossen
habe; in dieses passive unschuldige Fach sind auch die zu werfen, die es tun
ohne Ursache und ohne Genuss, oder als Begleiter, oder aus einem tierischen
Wohlbehagen am schönen Wetter.
    Die III. Kaste nehmen diejenigen ein, in deren Kopfe die Augen des
Landschaftmalers stehen, in deren Herz die grossen Umrisse des Weltall dringen,
und die der unermesslichen Schönheitlinie nachblicken, welche mit Efeufasern um
alle Wesen fliesset und welche die Sonne und den Bluttropfen und die Erbse ründet
und alle Blätter und Früchte zu Zirkeln ausschneidet. - O wie wenig solcher
Augen ruhen auf den Gebirgen und auf der sinkenden Sonne und auf der sinkenden
Blume!
    Eine IV. bessere Kaste, dächte man, könnt' es nach der dritten gar nicht
geben: aber es gibt Menschen, die nicht bloss ein artistisches, sondern ein
heiliges Auge auf die Schöpfung fallen lassen - die in diese blühende Welt die
zweite verpflanzen und unter die Geschöpfe den Schöpfer - die unter dem Rauschen
und Brausen des tausendzweigigen, dicht eingelaubten Lebensbaums niederknien und
mit dem darin wehenden Genius reden wollen, da sie selber nur geregte Blätter
daran sind - die den tiefen Tempel der Natur nicht als eine Villa voll Gemälde
und Statuen, sondern als eine heilige Stätte der Andacht brauchen - kurz, die
nicht bloss mit dem Auge, sondern auch mit dem Herzen spazieren gehen ....
    Ich weiss kein grösseres Lob, als dass ich von solchen Menschen leicht auf
unser liebendes Paar hinübergleiten kann - die Liebe desselben ist ein solcher
Spaziergang, das Leben der hohen Menschen ist auch ein solcher. - Ich will nur
noch, eh' ich mich vom erdrückten Gras aufrichte, so viel bemerken, dass Gustavs
Liebe ganz in die Realdefinition einpasset, die von ihr in einer schwärmerischen
Sommer-Mitternacht zu machen ist - Die edelste Liebe (kann man definieren) ist
bloss die zarteste, tiefste, festeste Achtung, die sich weniger durch Tun als
durch Unterlassen offenbaret, die sich wechselseitig errät, die auf beide Seelen
(bis zum Erstaunen) die nämlichen Saiten zieht, die die edelsten Empfindungen
mit einem neuen Feuer höher trägt, die immer aufopfern, nie bekommen will, die
der Liebe gegen das ganze Geschlecht nichts nimmt, sondern alles gibt durch das
Einzelwesen; diese Liebe ist eine Achtung, in welcher der Druck der Hände und
der Lippen sehr entbehrliche Bestandteile sind und gute Handlungen sehr
wesentliche; kurz eine Achtung, die vom grössern Teile der Menschen ausgehöhnet
und vom kleinsten tief geehret werden muss. Eine solche herzerhöhende Achtung war
Gustavs Liebe, welche edle Augenzeugen nicht nur vertrug, sondern auch erfreuete
und wärmte, weil sie ohne jenes unschuldig-sinnliche Getändel mit Lippen und
Händen war, woran der Zuschauer gerade so viel Anteil wie an rollenmässigen
teatralischen Viktualien der Schauspieler nehmen kann. - Ein Zeichen der
tugendhaften Achtung oder Liebe ist dies, wenn der Zuschauer desto mehr Anteil
daran nimmt, je grösser sie ist. Gustavs Liebe hatte - seit seinem Petrus-Falle
und noch mehr seit der Vergebung dieses Falls (denn viele Fehler fühlt man erst
am tiefsten, wenn sie verziehen sind) - einen solchen Zusatz von Zarteit, von
Zurückhaltung, von Bewusstsein des fremden Werts gewonnen, dass er sich mehre
Herzen gewann als das weichste, und andre Augen beherrschte als die schönsten an
Beaten, vor denen seine Blicke, wie Schneeflocken unter der nackten Sonne im
Blauen, rein, schimmernd, zitternd und zerrinnend niederfielen. - -
    - Eben langt alles an, Ottomar und die andern. - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - -
    Meine Uhr schlägt zwei Uhr nach Mitternacht, und noch ist Beatens und des
Paradieses Wiegenfest nicht beschlossen: denn ich setze mich jetzt her, es zu
beschreiben; wenn ich anders auf dem Stuhl bleibe und nicht wieder in das blaue
Gewölbe, das über so viele heutige Freuden seine Sternenstrahlen warf,
hinausirre.
    Gegen Abend flog Ottomar über das Wasser herüber. Er sieht immer aus wie ein
Mann, der an etwas Weites denkt, der jetzt nur ausruhet, der die hereinhängende
Blume der Freude abbricht, weil ihn seine fliehende Gondel vor ihr
vorüberreisset, nicht weil er daran denkt. Er hat noch seine erhaben-leise
Sprache und sein Auge, das den Tod gesehen. Immer noch ist er ein Zahuri1, der
durch alles Blumengeniste und alle Graspartien der Erde durchschauet und zu den
unbeweglichen Toten hinabsieht, die unter ihr liegen. So sanft und stürmisch, so
humoristisch und melancholisch, so verbindlich und unbefangen und frei! Er
behauptete, die meisten Laster kämen von der Flucht vor Lastern - aus Furcht,
schlimm zu handeln, täten wir nichts und hätten zu nichts Grossem mehr Mut - wir
hätten alle so viel Menschenliebe, dass wir keine Ehre mehr hätten - aus
Menschen-Schonung und Liebe hätten wir keine Aufrichtigkeit, keine
Gerechtigkeit, wir stürzten keinen Betrüger, keinen Tyrannen etc.
    Ihn wunderte Beata, die nicht den gewöhnlich erzwungenen, sondern steigenden
Anteil an unsern Reden nahm; denn er glaubt, mit einer Frau könne man von Himmel
und Hölle, von Gott und Vaterland sprechen, so denke sie doch unter dem ganzen
Hören an nichts als an ihre Gestalt, ihr Stehen, ihren Anzug. »Ich nehme«, sagte
Fenk, »erstlich alles aus, und zweitens auch die Physiognomik; auf diese horchen
alle, weil sie alle sie sogleich gebrauchen können.«
    Der magische Abend trieb immer mehr Schatten vor sich voraus; er nahm
endlich alle Wesen auf seinen wiegenden Schoss und legte sie an sich, um sie
ruhig, sanft und froh zu machen. Wir fünf Eiländer wurden es auch. Wir gingen
sämtlich hinaus auf eine kleine künstliche Anhöhe, um die Sonne bis zur Treppe
zu begleiten, eh' sie über Ozeane nach Amerika hinabschifft. Plötzlich ertönten
drüben in einer andern Insel fünf Alphörner und gingen ihre einfachen Töne
ziehend auf und ab. Die Lage wirkt mehr auf die Musik, als die Musik auf die
Lage. In unserer Lage - wo man mit dem Ohr schon an der Alpenquelle, mit dem
Auge auf der am Abend übergoldeten Gletscherspitze ist und um die Sennenhütte
Arkadien und Tempe und Jugend-Auen lagert, und wo wir diese Phantasien vor der
untergehenden Sonne und nach dem schönsten Tage fliegen liessen - da folgt das
Herz einem Alphorn mit grössern Schlägen als einem Konzertsaale voll geputzter
Zuhörer. - O das Einlassblatt zur Freude ist ein gutes, und dann ein ruhiges
Herz! - Die dunkeln wolkigen durchschimmerten Begriffe, die der Weltweise von
allen Empfindungen verlangt, müssen langsam über die Seele ziehen oder gänzlich
stehen, wenn sie sich vergnügen soll; so wie Wolken, die langsam gehen, schönes
Wetter, und fliegende schlimmes bedeuten. »Es gibt«, sagte Beata, »tugendhafte
Tage, wo man alles verzeiht und alles über sich vermag, wo die Freude gleichsam
im Herzen kniet und betet, dass sie länger dableiben und wo alles in uns
ausgeheitert und beleuchtet ist; - wenn man dann vor Vergnügen darüber weint: so
wird dieses so gross, dass alles wieder vorbei ist.«
    »Ich«, sagte Ottomar, »werfe mich lieber in die schaukelnden Arme des
Sturms. Wir geniessen nur blinkende, glühende Augenblicke; diese Kohle muss heftig
herumgeschleudert werden, damit der brennende Kreis der Entzückung erscheine.«
    »Und doch«, sagt' er, »bin ich heute so froh vor dir, untersinkende Sonne!
... Je froher ich in einer Stunde, in einer Woche war, desto mehr stürmte dann
die folgende - Wie Blumen ist der Mensch: je heftiger das Gewitter werden wird,
desto mehr Wohlgerüche verhauchen sie vorher.«
    »Sie müssen uns nicht mehr einladen, Herr Doktor«, sagte lächelnd Beata,
aber ihr Auge schwamm doch in etwas mehr als in Freude.
    Unter dem Rotauflegen des Himmels trat die Sonne auf ihre letzte Stufe, von
farbigen Wolken umlagert. Die Alphörner und sie verschwanden im nämlichen Nu.
Eine Wolke um die andere erblasste, und die höchste hing noch durchglühet herab.
Beata und meine Schwester scherzten weiblich darüber, was diese illuminierten
Nebel wohl sein könnten - Die eine machte daraus Weihnachtschäfchen mit
rosenroten Bändern, eine rote Himmelschärpe - die andre feurige Augen oder
Wangen unter einem Schleier - rote und weisse Nebel-Rosen - einen roten Sonnenhut
u.s.w. ...
    Punsch, denk' ich, wurde endlich für die Herren gebracht, von denen einer
ihn in solcher Mässigkeit zu sich nahm, dass er noch um 21/2 Uhr seinen Sektor
setzen kann. Wir wandelten dann unter dem kühlenden rauschenden Baum des
Himmels, dessen Blüten Sonnen und dessen Früchte Welten sind, hin und her. Das
Vergnügen führte uns bald auseinander, bald zueinander, und jeder war gleich
sehr fähig, ohne und durch Gesellschaft zu geniessen. Beata und Gustav vergassen
aus Schonung über die fremde Liebe und Freude ihre besondere und waren unter
lauter Freunden sich auch nur Freunde. O predigt doch bloss die Traurigkeit, die
das Herz so dick wie das Blut macht, aber nicht die Freude aus der Welt, die in
ihrem Taumeltanz die Arme nicht bloss nach einem Mittänzer, sondern auch nach
einem wankenden Elenden ausstreckt und aus dem Jammer-Auge, das ihr zusieht,
vorüberfliehend die Träne nimmt! - Heute wollten wir einander alles verzeihen,
ob wir gleich nichts zu verzeihen fanden. Es war nichts zu vergeben da, sag'
ich; denn als ein Stern um den andern aus der schattierten Tiefe herausquoll und
als ich und Ottomar vor einer schlagenden Nachtigall umgekehret waren, um durch
die Entfernung den gedämpften Lautenzug ihrer Klagen anzuhören, und als wir
einsam, von lauter Tönen und Gestalten der Liebe umgeben, nebeneinander standen
und als ich mich nicht mehr halten konnte, sondern unter dem grossen jetzigen und
künftigen Himmel mein Herz dem zeigte, dessen seines ich längst gesehen und
geliebt: so war so etwas kein Verzeihen und Versöhnen, sondern ... Davon
übermorgen!
    In veränderlichen Gruppen - bald die zwei Mädchen allein, bald mit einem
dritten, bald wir alle - betraten wir die in Gras umgekleideten Blumen und
gingen zwischen zwei nebenbuhlerischen Nachtigallen, wovon die eine unsre Insel,
die andre die nächste Insel besang und begeisterte. In diesem musikalischen
Potpourri hatten die Blumenblätter die wohlriechenden Potpourri zugedeckt, aber
alle Birkenblätter hatten die ihrigen aufgetan, und wir teilten uns mit Absicht
auseinander, um nicht eilig aus unserem zauberischen Otaheiti abschiffen zu
können. -
    Endlich gerieten wir zufällig unter einer Silberpappel zusammen, deren
beschneiete Blätter durch den Glanz im Abend uns um sie versammelt hatten. »Wir
haben hohe Zeit zum Fortgehen!« sagte Beata. Allein da wirs wollten oder wollen
mussten: so ging der Mond auf; hinter einem gegitterten Fächer von Bäumen schlug
er so bescheiden, als er still über die blinde Nacht wegfliesset, seine
Wolken-Augenlider auf, und sein Auge strömte, und er sah uns an wie die
Aufrichtigkeit, und die Aufrichtigkeit sah auch ihn an. »Wollen wir nur« - sagte
Ottomar, in dessen heisser Freundschaft-Hand man gern jede weibliche entriet -
»bleiben, bis es auf dem Wasser lichter wird und der Mond in die Täler
hereinleuchten kann - wer weiss, wann wirs wieder so haben?« Endlich füge er
hinzu: »Ich und Gustav verreisen ohnehin morgen früh, und das Wetter hält nicht
mehr lange.« Es ist das siebenwöchentliche unbekannte Verreisen, von dem ich
alle Mutmassungen, die es bisher so wichtig und rätselhaft vorstellten, gern hier
zurücknehme.
    Wir blieben wieder; das Gespräch wurde einsilbiger, der Gedanke vielsilbiger
und das Herz zu voll, so wie uns der abnehmende Mond an der Aufgangschwelle auch
voll vorkam. Wenn einmal eine Gesellschaft die Hand vom Türdrücker, woran sie
sie schon hatte, wieder wegtut: so erregt dieser Aufschub die Erwartung grösserer
Vergnügungen, und diese Erwartung erregt Verlegenheit; - wir aber wurden bloss um
einander stiller, verbargen unsere Seufzer über die Falkenflügel fröhlicher
Stunden, und vielleicht brachte manches weggewandte Auge dem Monde das Opfer,
das ihm der traurigste und der freudigste Mensch so schwer versagen kann ....
    Gerade jetzt drängte ich mich wieder hinaus in seine Strahlen und komme
wieder an meinen Schreibtisch und danke dem Schleier der Nacht, der um das
Universum doppelt herumreicht, dass er auch über den grössten Schmerzen und
Freuden der Menschen sich faltet .... Wir waren also auf unserer Insel so
schwermütig stumm, wie an einer Pforte der fröhlichen Ewigkeit; der länderbreite
Frühling zog mit seiner Herrlichkeit - mit seinem gesunknen lauen Monde - mit
seinem schillernden Venusstern - mit seiner erhabnen Mitternachtröte - mit
seinen himmlischen Nachtigallen vor fünf Menschen vorüber; er warf und häufte in
diese fünf Überglückliche seine Knospen und seine Blüten und seine dämmernden
Aussichten und Hoffnungen und seine tausend Himmel und nahm ihnen nichts dafür
weg als ihre Sprache. O Frühling! o du Erde Gottes! o du unumspannter Himmel!
ach! regte sich heute doch in allen Menschen auf dir das Herz in freudigen
Schlägen, damit wir alle nebeneinander unter den Sternen niederfielen und den
heissen Atem in eine Jubel-Stimme ergössen und alle Freuden in Gebete, und das
hohe Herz nach dem hohen Himmelblau richteten und in der Entzückung nicht
Kummer-, sondern Wonne-Seufzer abschickten, deren Weg so lang zum Himmel wie
unserer zum Sarge ist! ... Du bitterer Gedanke, oft unter lauter Unglücklichen
der Fröhliche zu sein! - du süsserer, unter lauter Glücklichen der Betrübte zu
sein!
    Endlich flossen vom Silberblick des steigenden Mondes die trübenden
Schlacken hinweg; er stand wie eine unaussprechliche Entzückung höher in der
Nacht des Himmels, aus dessen Hintergrund in den Vorgrund gemalt. Die Frösche
durchschlugen wie eine Mühle die Nacht, und ihr forttönender vielstimmiger Lärm
hatte die Wirkung eines Schweigens. - O welcher Mensch, den der Tod zu einem
über die Erde fliegenden Engel gemacht hätte, wäre nicht auf sie niedergefallen
und hätte unter irdischem Laub und auf der irdischen, vom Monde übersilberten
Erde (wie von der Sonne übergoldeten) nicht an seinen verlassenen Himmel gedacht
und an seine alten Menschen-Auen, seine alten Frühlinge hienieden und an seine
vorigen Hoffnungen unter den Blüten? -
    Ihr Rezensenten! vergebt mir nur heute und lasset mich fortfahren!
    Endlich stiegen wir in die Gondel wie in einen Charons-Nachen ein, wir
räumten entzückt und unwillig das buschige Ufer und den aus dem Wasser an seine
Blätter aufgestrahlten Widerschein. Das grösste Vergnügen, der grösste Dank
treiben nicht waagrechte, sondern senkrechte, ins Herz greifende versteckte
Wurzeln; wir konnten also zu Fenk nicht viel sagen, der von der Freudenstätte
heute nacht nicht weggeht. - Du Freund! der mir teurer als allen andern ist,
vielleicht wenn alles stiller und der Mond höher und reiner und die Nacht ewiger
ist, gegen Morgen hin, wirst du zu weinen anfangen über beides, was die Erde dir
gegeben, was sie dir genommen. - Geliebter! wenn du es jetzt in dieser Minute
tust: so tu' ich es ja auch! - ...
    Mit unserem ersten Tritt ins Boot durchdrangen (wahrscheinlich auf Fenks
Anordnung) die Alphörner wieder die Nacht; jeder Ton klang in ihr wie eine
Vergangenheit, jeder Akkord wie ein Seufzer nach einem Frühling der andern Welt;
der Nacht-Nebel spielte und rauchte über Wäldern und Gebirgen und zog sich wie
die Grenze des Menschen, wie Morgenwolken der künftigen Welt um unsere
Frühlingerde. Die Alphörner verhallten wie die Stimme der ersten Liebe an
unseren Ohren und wurden lauter in unsern Seelen; das Ruder und das Boot schnitt
das Wasser in eine glimmende Milchstrasse entzwei; jede Welle war ein zitternder
Stern, das wankende Wasser spiegelte den Mond zitternd nach, den wir lieber
vertausendfältigt als verdoppelt hätten und dessen sanftes Lilienantlitz unter
der Welle noch blasser und holder blühte. - Umzingelt von vier Himmeln - dem
oben im Blauen, auf der Erde, im Wasser und in uns - schifften wir durch
schwimmende Blüten hin. Beata sass am einen Ende des Bootes entgegengerichtet dem
andern, dem Monde und dem Freund ihrer zarten Seele - ihr Blick glitt leicht
zwischen dem Monde und ihm hinab und hinauf - er dachte an seine morgendliche
Reise und an seine längere Gesandtschaftreise und bat uns alle um schriftliche
Denkmäler, damit er immer gut bleibe wie jetzt unter uns, und erinnerte Beata an
ihr Versprechen, ihm auch eines zu geben. - Sie hatt' es schon geschrieben und
gab es ihm heute beim Abschied. Der frohe Tag, der frohe Abend, die himmlische
Nacht füllte ihre Augen mit tausend Seelen und mit zwei Tränen, die stehen
blieben. Sie deckte und trocknete das eine Auge mit dem weissen Tuche und sah
Gustav mit dem zweiten rein und strömend an wie ein Spiegelbild .... Du gute
Seele dachtest, du verbärgest auch das zweite Auge! -
    Endlich - o du ewiges unaufhörliches Endlich! - brach auch unsere silberne
Wellen-Fahrt an ihrem Ufer. Das gegenüberliegende lag öde und überschattet dort.
Ottomar riss sich in der wehmütigsten Begeisterung los, und unter dem Verklingen
der Schweizer-Töne sagte mein erneuerter Freund: »Es ist wieder vorüber - alle
Töne verhallen - alle Wellen versinken - die schönsten Stunden schlagen aus, und
das Leben verrinnt - Es gibt doch gar nichts, du weiter Himmel über uns, was uns
füllet oder beglückt! - Lebt wohl! ich werde von euch Abschied nehmen auf meinem
ganzen Weg hindurch.«
    Die Alpen-Echos klangen in die weite Nacht zurück und fielen zu einem
tönenden Hauche, der nicht der Erinnerung aus der Jugend, sondern aus der tiefen
Kindheit glich. Wir schwankten, ausgefüllt vom Genuss, durch tauende Gesträuche
und umgebückte schlaf- und tautrunkne Fluren, aus denen wir entschlummerte
Blumen rissen, um morgen ihre zugefaltete Schlafgestalt zu sehen. Wir dachten an
die sonnenlosen Pfade des heutigen Morgens; wir gingen ohne Laut vor dem
zwerghaften Gärtchen und Häuschen vorüber, und die Kinder und die brotbackende
Frau wurden von den Todesarmen des Schlummers gedrückt und umflochten. Die Zeit
hatte den Mond, wie einen Sisyphusstein, auf den Gipfel des Himmels gewälzet und
liess ihn wieder sinken. In Osten stiegen Sterne, in Westen sanken Sterne, mitten
im Himmel zersprangen kleine von der Erde abgesandte Sternchen - aber die
Ewigkeit stand stumm und gross neben Gott und alles verging vor ihr und alles
entstand vor ihm. Das Feld des Lebens und der Unendlichkeit hing nahe und tief
über uns, wie ein Blitz, herein, und alles Grosse, alles Überirdische, alle
Verstorbne und alle Engel hoben unsern Geist in ihren blauen Kreis und sanken
ihm entgegen ....
    Wir traten endlich, ich an der Hand meiner Schwester, Gustav an Beatens
Hand, stiller, voller, heiliger in unser kleines Lilienbad, als wir es am Morgen
verlassen hatten. Gustav schied zuerst von mir und sagte: »In fünf Tagen sehen
wir uns wieder.« Beaten führt' er ihrer Hütte zu, die in Lunens Silberflammen
loderte. Die weisse Spitze der Pyramide auf dem Eremitenberge schimmerte tief
entfernt über den langen grünenden Weg zum Tal und durch die Nacht herüber. -
Neben dieser Pyramide hatten sich die zwei Glücklichen ihre Herzen zuerst
gegeben, neben ihr ruhte ein Freund von seinem Leben aus, und ihre weisse Spitze
zeigte den Ort, wo sein Frühling schöner ist. - Sie hörten die Blätter der
Terrasse lispeln und den Lebensbaum, unter welchem sie nach dem Untergang der
Sonne sich zum zweiten Mal ihre Seelen gegeben hatten .... O ihr zwei
Überseligen und Guten! Jetzo schöpft ein guter Seraph für euch eine
Silber-Minute aus dem Freuden-Meere, das in einer schönern Erde liegt - auf
diesem eilenden Tropfen blinkt die ganze Perspektive des Edens, worin der Engel
ist; die Minute wird zu euch herunterrinnen, aber ach, so schnell wird sie
vorübergehen! -
    Beata gab Gustav, als Wink zum Abschied, das begehrte Blatt - er drückte die
Hand, aus der es kam, an seinen stillen Mund - er konnte weder Dank noch
Lebewohl sagen - er nahm ihre zweite Hand, und alles rief und wiederholte in
ihm: »Sie ist ja wieder dein und bleibt es ewig«, und er musste weinen über seine
Seligkeit. Beata sah ihm in sein überströmendes Herz und ihres floss in eine
Träne über und sie wusst' es noch nicht; aber als die Träne des heiligsten Auges
auf die Rosenwange glitt und an diesem Rosenblatte mit erzitterndem Schimmer
hing - als seine fesselnde und ihre gefesselte Hände sie nicht trocknen konnten
- als er mit seinem flammenden Angesicht, mit seiner überseligen zerspringenden
Brust die Zähre nehmen wollte und sich nach dem Schönsten auf der Erde wie eine
Entzückung nach der Tugend neigte und mit seinem Gesicht das ihrige berührte:
dann führte der Engel, der die Erde liebt, die zwei frömmsten Lippen zu einem
unauslöschlichen Kusse zusammen - dann versanken alle Bäume, vergingen alle
Sonnen, verflogen alle Himmel, und Himmel und Erde hielt Gustav in einem
einzigen Herz an seiner Brust; - dann gingest du, Seraph, in die schlagenden
Herzen und gabest ihnen die Flammen der überirdischen Liebe - und du hörtest
fliehen von Gustavs heissen Lippen die gehauchten Laute: »O du Teure!
Unverdiente! und so Gute! so Gute!«
    Es sei genug - die hohe Minute ist vorübergeflossen - der Erdentag schickt
sein Morgenrot schon an den Himmel - mein Herz komme zur Ruhe, und jedes andre
auch!
 
                                    Fussnoten
1 Die Zahuri in Spanien sehen durch die verschlossene Erde hindurch bis zu ihren
Schätzen hinab, zu ihren Toten, zu ihren Metallen etc.
 
                  Vierundfunfzigster oder 6ter Freuden-Sektor
             Tag nach dieser Nacht - Beatens Blatt - Merkwürdigkeit
Ich bitte die Kritik um Verzeihung, wenn ich diese Nacht zu viele Metaphern und
zu viel Feuer und Lärm gemacht: ein Freuden-Sektor (so wie die Kritik darüber)
muss sich dergleichen gefallen lassen, sobald einmal der Verfasser sich eine
ähnliche Überfracht von Zitronensäure, Teeblüte, Zuckerrohr und Arrak gefallen
lässet, wie ich tat.
    Ich legte mich heute gar nicht nieder: die Vögel fingen schon wieder zu
singen an, und als der Traum kaum das vergangne Schauspiel einige 40mal wieder
vor den zugesunknen Augen aufgeführet hatte, macht' ich sie wieder auf, weil die
Sonne mich umflammte.
    Eine durchwachte und durchfreuete Nacht lässet einen Morgen zurück, wo man
in einer süssen Abspannung weniger empfindet als phantasieret, wo die nächtlichen
Töne und Tänze unsere innern Ohren immerfort anklingen, wo die Personen, mit
denen wir sie verbrachten, in einem schönen Dämmerlichte, das unsre Herzen
zieht, vor unsern innern Augen schweben. In der Tat, man liebt nie eine Frau
mehr als nach einer solchen Nacht, morgens eh' man gefrühstückt.
    Ich dachte heute tausendmal an meinen Gustav, der vor Tage seine fünftägige
Reise angetreten, und an meinen festen Ottomar, der mit ihm geht. Möchtet ihr an
keine Dornen kommen als solche, die unter die Rose gesteckt sind, unter keine
Wolke treten als die, die euch den ganzen blauen Himmel lässet und bloss die
Glut-Scheibe nimmt, und möchte euren Freuden keine fehlen als die, dass ihr sie
uns noch nicht erzählen könnet!
    Alles Sonnenlicht umzauberte und überwallte mir bloss wie erhöhtes
Mondenlicht alle Schattengänge von Lilienbad; die vorige Nacht schien mir in den
heutigen Tag herüberzulangen, und ich kann nicht sagen, wie mir der Mond, der
noch mit seinem abgewischten Schimmer wie eine Schneeflocke tief gegen Abend
herhing, so willkommen und lieb wurde. O blasser Freund der Not und der Nacht!
ich denke schon noch an dein elysisches Schimmern, an deine abgekühlten
Strahlen, womit du uns an Bächen und in Laubgängen begleitest und womit du die
traurige Nacht in einen von weiten gesehenen Tag umkleidest! Magischer
Prospektmaler der künftigen Welt, für die wir brennen und weinen, wie ein
Gestorbner sich verschönert, so malest du jene auf unsre irdische, wenn sie mit
allen ihren Blumen und Menschen schläft oder schweigend dir zusieht! -
    Ich gäbe heute die vornehmste Visite darum, wenn ich eine bei den
Glücklichen des gestrigen Tages machen könnte; es ist aber nicht zu tun. Sogar
Beata hat heute eine von ihrer Mutter; und mein Auge konnte noch nichts von ihr
habhaft werden als die fünf weissen Finger, womit sie einen Blumentopf an ihrem
Fenster aus dem Schatten eines Zweiges wegdrehte. O wenn unser altes Leben und
unsre Wandelgänge wieder anheben und alles wieder beisammenlebt: was soll da die
Gelehrten-Republik nicht zu lesen bekommen!
    Heute reich' ich ihr nichts mehr als Beatens Geleitbrief an Gustav, weil ich
ihn nur abzuschreiben brauche. Ich schlüpfe dann wieder ins Freie, beschiffe
nach der Seekarte meines Kopfes den gestrigen Weg noch einmal, und indem ich die
verzettelten Blumen, die gestern unsre vollen Hände fallen liessen, als Nachflor
auflese, find' ich die höhern auch. - Man wird einige Stellen im folgenden
Aufsatze Beaten verzeihen, wenn ich voraussage, dass sie - vielleicht durch ihr
Herz so gut wie durch ihren Vater überlistet, der nur ein äusserlicher Renegat
des Katolizismus war - von den Engeln und ihrer Anbetung mehr glaubte, als
Nicolai und die Schmalkaldischen (Waren-)Artikel einer Luteranerin verstatten
können. Denn das schwache und so oft hülflose Weib, das nicht weit über diese
Erde zu steigen wagt, legt in der Stunde der Not so gern ihre Bitten und ihre
Seufzer vor einer Marie, vor einer Seligen, vor einem Engel nieder; aber der
festere Mann wird nachsichtig einen Wahn nicht rügen, der so trösten kann. -
                           Wünsche für meinen Freund
»Es ist kein Wahn, dass Engel um den bedrohten Menschen mitten in ihren Freuden
wachen, wie die Mutter unter ihren Freuden und Geschäften ihre Kinder hütet. O!
ihr unbekannten Unsterblichen! schliesset euch ein einziger Himmel ein? - Dauert
euch nie der wehrlose Erdensohn? - Solltet ihr grössere Tränen abzutrocknen haben
als unsre? - Ach, wenn der Schöpfer seine Liebe so in euch wie in uns gelegt
hat, so sinkt ihr gewiss auf diese Erde und tröstet das umstürmte Herz unter dem
Monde, fliegt um die gedrückte Seele, deckt eure Hand auf die versiegende Wunde
und denkt an die armen Menschen!
    Und wenn hienieden ein Geist geht, der euch einmal gleichen wird, könnt ihr
euren Bruder vergessen? - Engel der Freude! sei mit meinem und deinem Freunde,
wenn die Sonne kommt, und lass Ihn schöne fromme Morgen angrünen! Sei mit Ihm,
wenn sie höher geht und wenn Ihn die Arbeit drückt! - O nimm den entfernten
Seufzer einer Freundin und kühle damit Seinen! Sei mit Ihm, wenn die Sonne
weicht, und richte Sein Auge auf den im weissen Trauergewand aufsteigenden Mond
und auf den weiten Himmel, worin der Mond und du gehen! -
    Engel der Tränen und der Geduld! Du, der du öfter um den Menschen bist! Ach,
vergesse mein Herz und mein Auge und lass sie bluten - sie tun es doch gern -;
aber stille, wie der Tod, das Herz und das Auge meines Freundes und zeig ihnen
auf der Erde nichts als den Himmel jenseits der Erde. - Ach, Engel der Tränen
und der Geduld! Du kennst das Auge und das Herz, das sich für Ihn ergiesset, du
wirst Seine Seele vor sie bringen, wie man Blumen in den Sommerregen stellet!
Aber tu es nicht, wenn es Ihn zu traurig macht! O Engel der Geduld! ich liebe
dich, ich kenne dich! ich werde in deinen Armen sterben!
    Engel der Freundschaft! - vielleicht bist du der vorige Engel? .... ach!
.... Dein himmlischer Flügel hülle Sein Herz ein und wärm' es schöner, als die
Menschen können - ach, du würdest auf einer andern Erde und ich auf dieser
weinen, wenn an einem kalten Herzen Sein heisses, wie am gefrierenden Eisen die
warme Hand, anklebte und blutig abrisse! .... O bedeck Ihn; aber wenn du es
nicht kannst, so sag mir Seinen Jammer nicht!
    O ihr immer Glücklichen in andern Welten! euch stirbt nichts, ihr verliert
nichts und habt alles! - Was ihr liebt, drückt ihr an eine ewige Brust, was ihr
habt, haltet ihr in ewigen Händen. - Könnt ihrs denn fühlen in euren glänzenden
Höhen droben, in eurem ewigen Seelenbunde, dass die Menschen hienieden getrennt
werden, dass wir einander nur aus Särgen, eh' sie untersinken, die Hände reichen,
ach, dass der Tod nicht das einzige, nicht das Schmerzhafteste ist, was Menschen
scheidet? - Eh' er uns auseinandernimmt, so drängt sich noch manche kältere Hand
herein und spaltet Seele von Seele - - dann fliesset ja auch das Auge, und das
Herz fällt klagend zu, ebensogut als hätte der Tod zertrennt, wie in der
völligen Sonnenfinsternis so gut wie in der längern Nacht der Tau sinkt, die
Nachtigall klagt, die Blume zuquillt!
    - Alles Gute, alles Schöne, alles, was den Menschen beglückt und erhebt, sei
mit meinem Freunde; und alle meine Wünsche vereinigt mein stilles Gebet.
                                       *
Ich tue sie alle mit, nicht bloss für Gustav, sondern für jeden Guten, den ich
kenne, und für die andern auch.«
                                       **
Ob es gleich schon eilf Uhr nachts ist: so muss ich dem Leser doch etwas
Melancholisch-Schönes melden, das eben vorüberzog. Ein singendes Wesen schwebte
durch unser Tal, aber von Blättern und Dämmerung verdeckt, weil der Mond noch
nicht auf war. Es sang schöner, als ich noch hörte:
- - Niemand, nirgends, nie.
- - Die Träne, die fällt.
- - Der Engel, der leuchtet.
- - Es schweigt.
- - Es leidet.
- - Es hofft.
- - Ich und Du!
    Offenbar fehlet jeder Zeile die Hälfte, und jeder Antwort die Frage. Es fiel
mir schon einige Male ein, dass der Genius, der unsern Freund unter der Erde
erzog, ihm beim Abschiede Fragen und Dissonanzen dagelassen, deren Antworten und
Auflösungen er mitgenommen; ich denk', ich hab' es dem Leser auch gesagt. Ich
wollte, Gustav wäre da. Aber ich habe nicht den Mut, mir die Freude auszudenken,
dass auch der Genius sich in unsre Freuden-Girlande zu Lilienbad eindränge! - Ich
höre noch immer die gezognen Flötentöne aus diesem unbekannten Busen hinter den
Blüten klagen; aber sie machen mich traurig. Hier liegen die ewig schlafenden
Blumen, die ich heute auf dem Steige unsrer letzten Nacht zusammentrug, neben
aufgefalteten wachenden, die ich erst ausriss - sie machen mich auch traurig. -
Es gibt für mich und meine Leser nichts Nötigeres, als jetzt einen neuen
Freuden- anzuheben, damit wir unser altes Leben fortsetzen ....
    O Lilienbad! du bist nur einmal in der Welt; und wenn du noch einmal
vorhanden bist, so heissest du V-zka.
 
                                 Letzter Sektor
                                        
Wir unglücklichen Brunnengäste! Es ist vorbei mit den Freuden in Lilienbad. -
Die obige Überschrift konnte noch mein Bruder machen, eh' er nach Maussenbach
forteilte! Denn Gustav liegt da im Gefängnis. Es ist alles unbegreiflich. Meine
Freundin Beata unterliegt den Nachrichten, die wir haben und die im folgenden
Briefe vom Herrn Doktor Fenk an meinen Bruder heute ankamen. Es ist schmerzhaft
für eine Schwester, dass sie allzeit bloss in Trauerfällen die Feder für den
Bruder nehmen muss. Wahrscheinlich wird die folgende Hiobspost dieses ganze Buch
so wie unsere bisherigen schönen Tage beschliessen.
    »Ich will dich, mein teuerer Freund, nicht wie ein Weib schonen, sondern dir
auf einmal den ganzen ausserordentlichen Schlag erzählen, der unsere glücklichen
Stunden getroffen hat und am meisten die unserer beiden Freunde.
    Drei Tage nach unserer schönen Nacht - erinnerst du dich noch an eine
gewisse Bemerkung von Ottomar über die Gefährlichkeit der Entzückungen? - will
der Professor Hoppedizel seinen unbesonnenen Spass ausführen, im Maussenbachschen
Schloss einzubrechen. Der pfiffige Jäger Robisch war gerade nicht zu Hause,
sondern mit deinem Vorfahrer, dem Regierungrat Kolb, auf einer Streiferei nach
Diebgesindel, bei der sie aus Lust mitzogen. Bemerke, eine Menge Umstände und
Personen verknüpfen sich hier, die schwerlich der Zufall zusammengeleitet hat.
    Der Professor kommt mit sechs Kameraden und hat eine Leiter mit, um sie an
dem seit Jahren zerbrochnen Fenster, das nach Auental hinübersieht, anzulegen.
Aber als er unter das Fenster tritt: steht schon eine daran. Er nimmts für den
besten Zufall, und sie steigen sämtlich, beinahe hintereinander, hinauf. Oben
langt eine Hand eine silberne Degenkuppel heraus und will sie geben - der
Professor ergreift beide und springt über das Fenster hinein. Darin war, was er
schien, ein Dieb, welcher Handlanger auf der Leiter erwartete. Der diebische
Realist fällt den Nominalisten mit wütender Verzweiflung an - die Galerie auf
der Leiter stürzet gar nach und vermehrt das fechtende Gewimmel. Die Stösse auf
dem Fussboden lärmen den horchenden Röper weniger aus seinem Schlafe als Bette
auf - er sein ganzes Haus, und dieses seinen Gerichtdiener - es kurz zu sagen:
in wenigen Minuten hatt' er mit der Wut, womit der Geizige seine Güter rettet
und hält, die spasshaften Diebe und den ernstaften zu Gefangnen gemacht, der
wahre Dieb mochte noch so sehr um sich schlagen und der Professor noch so sehr
disputieren. Jetzo sitzt alles fest und wartet auf dich.
    - Ach! hältst du es aus - wenn ich dir alles sage? Die Streifer Kolb und
Robisch finden um Maussenbach die Bundgenossen des ertappten Diebs - dringen in
den Wald - gehen einer Höhle zu, als wüssten sie, dass sie zu etwas führe - finden
eine unterirdische Menschenwelt - O! dass gerade du zu deinem Unglück da
getroffen werden musstest, du Unschuldiger und Unglücklicher! nun schlägt dein
sanftes Herz auch an der Kerkerwand! - soll ich dir deinen Freund Gustav nennen?
- - Eile, eile, damit es sich anders wende!
    Sieh! nicht bloss auf deine, auch auf meine Brust hat dieser Tag sich heftig
geworfen. Hältst du es aus, wenn ich noch mehr sage? - dass es nur ein Zufall
ist, dass Ottomar noch lebt. - - Ich brachte ihm die Nachricht unseres Unglücks.
Mit einem schrecklichen Sträuben seiner Natur, in der jede Fiber mit einem
andern Schauer kämpfte, hört' er mir zu und fragte mich, ob keiner mit sechs
Fingern gefangen genommen worden. Ich habe in jener Waldhöhle (sagt' er) einen
schweren Eid getan, unsere unterirdische Verbindung niemand zu offenbaren,
ausgenommen eine Stunde vor meinem Tode. Fenk, ich will dir jetzo die ganze
Verbindung offenbaren. - Mein Sträuben und Flehen half nichts: er offenbarte mir
alles. Gustav muss gerechtfertiget werden, sagt' er. - Aber diese Geschichte ist
nirgends sicher, kaum im getreuesten Busen, geschweige auf diesem Papier.
Ottomar wurde von seiner sogenannten Vernicht-Minute angefallen. Ich liess seine
Hand nicht aus meiner, damit er über seine Stunde hinauslebte und seinen Eid
bräche. - Es gibt nichts Höheres als einen Menschen, der das Leben verachtet;
und in dieser Hoheit stand mein Freund vor mir, der in seiner Höhle mehr gewagt
und besser gelebt hatte als alle Scheerauer. - Ich sah es ihm an, dass er sterben
wollte. Es war Nacht. Wir waren in der Stube, wo die wächsernen Mumien mit
schwarzen Sträussern stehen, die den Menschen erinnern, wie wenig er war, wie
wenig er ist. Beuge, sagt' er (denn ich kettete mich an ihn), deinen Kopf weg,
dass ich in den Sirius sehe - dass ich in den unendlichen Himmel hinaussehe und
einen Trost habe - dass ich mich hinwegsetze über eine Erde mehr oder weniger. O
mache mir, Freund, das Sterben nicht so sauer - und zürne und traure nicht. - O
schau, wie der ganze Himmel von einer Unendlichkeit zur andern schimmert und
lebt und nichts droben tot ist; - die Menschen aller dieser Wachs-Leichname
wohnen darin in jenem Blau - O ihr Abgeschiednen, heute zieh' ich auch zu euch,
in welche Sonne auch mein menschlicher Lichtfunke springen möge, wenn der Körper
von ihm niederschmilzt: ich find' euch wieder. -
    Das Ausschlagen jeder Viertelstunde hatte bisher mein Herz durchstochen;
aber die letzte Viertelstunde tönte mich wie eine Leichenglocke an; ich bewachte
ängstlich seine Hände und Schritte; er fiel um mich. Nein! nein! sagt' ich, hier
ist kein Abschied - ich hasse dich bis ins Grab hinein, wenn du etwas im Sinne
hast - umarme mich nicht. - Er hatt' es schon getan; sein ganzes Wesen war ein
schlagendes Herz; er wollte in der Empfindung der Freundschaft vergehen; er
presste seine Brust an meine, und seine Seele an meine: Ich umarme dich (sagt'
er) auf der Erde - in welche Welt auch der Tod mich werfe: ich vergesse deiner
nicht; ich werde dort nach der Erde sehen und meine Arme ausbreiten nach dem
irdischen Freunde, und nichts soll meine Arme füllen als die getreue, die
belastete Brust derer, die mit mir hier gelitten, die mit mir hier die Erde
getragen haben .... Sieh! du weinst und wolltest mich doch nicht umarmen! o
Geliebter! - an dir fühl' ich die Eitelkeit der Erde nicht - - du wirst ja auch
sterben! ... Grosses Wesen über der Erde .... - Hier riss er sich von mir und
stürzte auf seine Knie und betete. Zerstör mich nicht, bestraf mich nicht! - ich
gehe weg von dieser Erde; du weisst, wo der Mensch ankommt; du weisst, was das
Erdenleben und das Erdentun ist - Aber, o Gott, der Mensch hat ein zweites Herz,
eine zweite Seele, seinen Freund! Gib mir den Freund wieder mit meinem Leben -
wenn einmal alle Menschenherzen stocken und alles Menschenblut in Gräbern
verfault: o gütiges, liebendes Wesen! hauch dann über die Menschen und zeige der
Ewigkeit ihre Liebe! Ein Aufsprung - ein Flug an mich - eine umarmende
Zerdrückung - ein Schlag an die Wand - ein Schuss aus ihr -
    Er lebt aber noch.
                                                                          Fenk.«
 
          Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auental
                                Eine Art Idylle
Wie war dein Leben und Sterben so sanft und meerstille, du vergnügtes
Schulmeisterlein Wutz! Der stille laue Himmel eines Nachsommers ging nicht mit
Gewölk, sondern mit Duft um dein Leben herum: deine Epochen waren die
Schwankungen und dein Sterben war das Umlegen einer Lilie, deren Blätter auf
stehende Blumen flattern - und schon ausser dem Grabe schliefest du sanft!
    Jetzt aber, meine Freunde, müssen vor allen Dingen die Stühle um den Ofen,
der Schenktisch mit dem Trinkwasser an unsre Knie gerückt und die Vorhänge
zugezogen und die Schlafmützen aufgesetzt werden, und an die grand monde über
der Gasse drüben und ans Palais royal muss keiner von uns denken, bloss weil ich
die ruhige Geschichte des vergnügten Schulmeisterlein erzähle - und du, mein
lieber Christian, der du eine einatmende Brust für die einzigen feuerbeständigen
Freuden des Lebens, für die häuslichen, hast, setze dich auf den Arm des
Grossvaterstuhls, aus dem ich heraus erzähle, und lehne dich zuweilen ein wenig
an mich! Du machst mich gar nicht irre.
    Seit der Schwedenzeit waren die Wutze Schulmeister in Auental, und ich
glaube nicht, dass einer vom Pfarrer oder von seiner Gemeinde verklagt wurde.
Allemal acht oder neun Jahre nach der Hochzeit versahn Wutz und Sohn das Amt
mit Verstand - unser Maria Wutz dozierte unter seinem Vater schon in der Woche
das Abc, in der er das Buchstabieren erlernte, das nichts taugt. Der Charakter
unsers Wutz hatte, wie der Unterricht anderer Schulleute, etwas Spielendes und
Kindisches; aber nicht im Kummer, sondern in der Freude.
    Schon in der Kindheit war er ein wenig kindisch. Denn es gibt zweierlei
Kinderspiele, kindische und ernstafte - die ernstaften sind Nachahmungen der
Erwachsenen, das Kaufmann-, Soldaten-, Handwerker-Spielen - die kindischen sind
Nachäffungen der Tiere. Wutz war beim Spielen nie etwas anders als ein Hase,
eine Turteltaube oder das Junge derselben, ein Bär, ein Pferd oder gar der Wagen
daran. Glaubt mir! ein Seraph findet auch in unsern Kollegien und Hörsälen keine
Geschäfte, sondern nur Spiele und, wenn ers hoch treibt, jene zweierlei Spiele.
    Indes hatt' er auch, wie alle Philosophen, seine ernstaftesten Geschäfte
und Stunden. Setzte er nicht schon längst - ehe die brandenburgischen
erwachsenen Geistlichen nur fünf Fäden von buntem Überzug umtaten - sich dadurch
über grosse Vorurteile weg, dass er eine blaue Schürze, die seltner der geistliche
Ornat als der in ein Amt tragende Dr. Fausts-Mantel guter Kandidaten ist,
vormittags über sich warf und in diesem himmelfarbigen Messgewand der Magd seines
Vaters die vielen Sünden vorhielt, die sie um Himmel und Hölle bringen konnten?
- Ja er griff seinen eignen Vater an, aber nachmittags; denn wenn er diesem
Cobers Kabinettprediger vorlas, wars seine innige Freude, dann und wann zwei,
drei Worte oder gar Zeilen aus eignen Ideen einzuschalten und diese
Interpolation mit wegzulesen, als spräche Herr Cober selbst mit seinem Vater.
Ich denke, ich werfe durch diese Personalie vieles Licht auf ihn und einen Spass,
den er später auf der Kanzel trieb, als er auch nachmittags den Kirchgängern die
Postille an Pfarrers Statt vorlas, aber mit so viel hineingespielten eignen
Verlagartikeln und Fabrikaten, dass er dem Teufel Schaden tat und dessen Diener
rührte. »Justel,« sagt' er nachher um 4 Uhr zu seiner Frau, »was weisst du unten
in deinem Stuhl, wie prächtig es einem oben ist, zumal unter dem Kanzelliede!«
    Wir könnens leicht bei seinen ältern Jahren erfragen, wie er in seinen
Flegeljahren war. Im Dezember von jenen liess er allemal das Licht eine Stunde
später bringen, weil er in dieser Stunde seine Kindheit - jeden Tag nahm er
einen andern Tag vor - rekapitulierte. Indem der Wind seine Fenster mit
Schnee-Vorhängen verfinsterte und indem ihn aus den Ofen-Fugen das Feuer
anblinkte: drückte er die Augen zu und liess auf die gefrornen Wiesen den längst
vermoderten Frühling niedertauen; da bauete er sich mit der Schwester in den
Heuschober ein und fuhr auf dem architektonisch gewölbten Heu-Gebirge des Wagens
heim und riet droben mit geschlossenen Augen, wo sie wohl nun führen. In der
Abendkühle, unter dem Schwalben-Scharmuzieren über sich, schoss er, froh über die
untere Entkleidung und das Deshabillé der Beine, als schreiende Schwalbe herum
und mauerte sich für sein Junges - ein hölzerner Weihnachtahn mit angepichten
Federn wars - eine Kot-Rotunda mit einem Schnabel von Holz und trug hernach
Bettstroh und Bettfedern zu Nest. Für eine andere palingenesierende
Winter-Abendstunde wurde ein prächtiger Trinitatis (ich wollt', es gäbe 365
Trinitatis) aufgehoben, wo er am Morgen, im tönenden Lenz um ihn und in ihm, mit
läutendem Schlüssel-Bund durch das Dorf in den Garten stolzierte, sich im Tau
abkühlte und das glühende Gesicht durch die tropfende Johannisbeer-Staude
drängte, sich mit dem hochstämmigen Grase mass und mit zwei schwachen Fingern die
Rosen für den Herrn Senior und sein Kanzelpult abdrehte. An eben diesem
Trinitatis - das war die zweite Schüssel an dem nämlichen Dezember-Abend -
quetschete er, mit dem Sonnenschein auf dem Rücken, den Orgeltasten den Choral
»Gott in der Höh' sei Ehr'« ein oder ab (mehr kann er noch nicht) und streckte
die kurzen Beine mit vergeblichen Näherungen zur Parterre-Tastatur hinunter, und
der Vater riss für ihn die richtigen Register heraus. - Er würde die
ungleichartigsten Dinge zusammenschütten, wenn er sich in den gedachten beiden
Abendstunden erinnerte, was er im Kindheit-Dezember vornahm; aber er war so
klug, dass er sich erst in einer dritten darauf besann, wie er sonst abends sich
aufs Zuketten der Fensterläden freuete, weil er nun ganz gesichert vor allem in
der lichten Stube hockte, daher er nicht gern lange in die von abspiegelnden
Fensterscheiben über die Läden hinausgelagerte Stube hineinsah; wie er und seine
Geschwister die abendliche Kocherei der Mutter ausspionierten, unterstützten und
unterbrachen, und wie er und sie mit zugedrückten Augen und zwischen den
Brustwehr-Schenkeln des Vaters auf das Blenden des kommenden Talglichts sich
spitzten, und wie sie in dem aus dem unabsehlichen Gewölbe des Universums
herausgeschnittenen oder hineingebauten Closet ihrer Stube so beschirmet waren,
so warm, so satt, so wohl .... Und alle Jahre, sooft er diese Retourfuhre seiner
Kindheit und des Wolfmonats darin veranstaltete, vergass und erstaunt' er -
sobald das Licht angezündet wurde -, dass in der Stube, die er sich wie ein
Loretto-Häuschen aus dem Kindheit-Kanaan herüberholte, er ja gerade jetzt sässe.
- So beschreibt er wenigstens selber diese Erinnerung-hohen-Opern in seinen
Rousseauischen Spaziergängen, die ich da vor mich lege, um nicht zu lügen ....
    Allein ich schnüre mir den Fuss mit lauter Wurzelngeflecht und Dickicht ein,
wenn ichs nicht dadurch wegreisse, dass ich einen gewissen äusserst wichtigen
Umstand aus seinem männlichen Alter herausschneide und sogleich jetzo aufsetze;
nachher aber soll ordentlich a priori angefangen und mit dem Schulmeisterlein
langsam in den drei aufsteigenden Zeichen der Alterstufen hinauf und auf der
andern Seite in den drei niedersteigenden wieder hinab gegangen werden - bis
Wutz am Fuss der tiefsten Stufe vor uns ins Grab fällt.
    Ich wollte, ich hätte dieses Gleichnis nicht genommen. Sooft ich in Lavaters
Fragmenten oder in Comenii orbis pictus oder an einer Wand das Blut- und
Trauergerüste der sieben Lebens-Stationen besah - sooft ich zuschauete, wie das
gemalte Geschöpf, sich verlängernd und ausstreckend, die Ameisen-Pyramide
aufklettert, drei Minuten droben sich umblickt und einkriechend auf der andern
Seite niederfährt und abgekürzt umkugelt auf die um diese Schädelstätte liegende
Vorwelt - und sooft ich vor das atmende Rosengesicht voll Frühlinge und voll
Durst, einen Himmel auszutrinken, trete und bedenke, dass nicht Jahrtausende,
sondern Jahrzehende dieses Gesicht in das zusammengeronnene zerknüllte Gesicht
voll überlebter Hoffnungen ausgedorret haben .... Aber indem ich über andre mich
betrübe, heben und senken mich die Stufen selber, und wir wollen einander nicht
so ernstaft machen!
    Der wichtige Umstand, bei dem uns, wie man behauptet, so viel daran gelegen
ist, ihn voraus zu hören, ist nämlich der, dass Wutz eine ganze Bibliotek - wie
hätte der Mann sich eine kaufen können? - sich eigenhändig schrieb. Sein
Schreibzeug war seine Taschendruckerei; jedes neue Messprodukt, dessen Titel das
Meisterlein ansichtig wurde, war nun so gut als geschrieben oder gekauft: denn
es setzte sich sogleich hin und machte das Produkt und schenkt' es seiner
ansehnlichen Büchersammlung, die, wie die heidnischen, aus lauter Handschriften
bestand. Z.B. kaum waren die physiognomischen Fragmente von Lavater da: so liess
Wutz diesem fruchtbaren Kopfe dadurch wenig voraus, dass er sein Konzeptpapier in
Quarto brach und drei Wochen lang nicht vom Sessel wegging, sondern an seinem
eignen Kopfe so lange zog, bis er den physiognomischen Fötus herausgebracht (-
er bettete den Fötus aufs Bücherbrett hin -) und bis er sich dem Schweizer
nachgeschrieben hatte. Diese Wutzische Fragmente übertitelte er die Lavaterschen
und merkte an: »er hätte nichts gegen die gedruckten; aber seine Hand sei
hoffentlich ebenso leserlich, wenn nicht besser als irgendein
Mittel-Fraktur-Druck.« Er war kein verdammter Nachdrucker, der das Original
hinlegt und oft das meiste daraus abdruckt: sondern er nahm gar keines zur Hand.
Daraus sind zwei Tatsachen vortrefflich zu erklären: erstlich die, dass es
manchmal mit ihm haperte und dass er z.B. im ganzen Federschen Traktat über Raum
und Zeit von nichts handelte als vom Schiffs-Raum und der Zeit, die man bei
Weibern Menses nennt. Die zweite Tatsache ist seine Glaubenssache: da er einige
Jahre sein Bücherbrett auf diese Art voll geschrieben und durchstudieret hatte,
so nahm er die Meinung an, seine Schreibbücher wären eigentlich die kanonischen
Urkunden, und die gedruckten wären blosse Nachstiche seiner geschriebnen; nur
das, klagt' er, könn' er - und böten die Leute ihm Balleien dafür an - nicht
herauskriegen, wienach und warum der Buchführer das Gedruckte allzeit so sehr
verfälsche und umsetze, dass man wahrhaftig schwören sollte, das Gedruckte und
das Geschriebne hätten doppelte Verfasser, wüsste man es nicht sonst.
    Es war einfältig, wenn etwa ihm zum Possen ein Autor sein Werk gründlich
schrieb, nämlich in Querfolio - oder witzig, nämlich in Sedez: denn sein
Mitmeister Wutz sprang den Augenblick herbei und legte seinen Bogen in die Quere
hin, oder krempte ihn in Sedezimo ein.
    Nur ein Buch liess er in sein Haus, den Messkatalog; denn die besten
Inventarienstücke desselben musste der Senior am Rande mit einer schwarzen Hand
bestempeln, damit er sie hurtig genug schreiben konnte, um das Ostermess-Heu in
die Panse des Bücherschranks hineinzumähen, eh' das Michaelis-Grummet
herausschoss. Ich möchte seine Meisterstücke nicht schreiben. Den grössten Schaden
hatte der Mann davon - Verstopfung zu halben Wochen und Schnupfen auf der andern
Seite -, wenn der Senior (sein Friedrich Nicolai) zu viel Gutes, das er zu
schreiben hatte, anstrich und seine Hand durch die gemalte anspornte; und sein
Sohn klagte oft, dass in manchen Jahren sein Vater vor literarischer Geburtarbeit
kaum niesen konnte, weil er auf einmal Sturms Betrachtungen, die verbesserte
Auflage, Schillers Räuber und Kants Kritik der reinen Vernunft der Welt zu
schenken hatte. Das geschah bei Tage; abends aber musste der gute Mann nach dem
Abendessen noch gar um den Südpol rudern und konnte auf seiner Cookischen Reise
kaum drei gescheite Worte zum Sohne nach Deutschland hinaufreden. Denn da unser
Enzyklopädist nie das innere Afrika oder nur einen spanischen Maulesel-Stall
betreten, oder die Einwohner von beiden gesprochen hatte: so hatt' er desto mehr
Zeit und Fähigkeit, von beiden und allen Ländern reichhaltige
Reisebeschreibungen zu liefern - ich meine solche, worauf der Statistiker, der
Menschheit-Geschichtschreiber und ich selber fussen können - erstlich deswegen,
weil auch andre Reisejournalisten häufig ihre Beschreibungen ohne die Reise
machen - zweitens auch, weil Reisebeschreibungen überhaupt unmöglich auf eine
andre Art zu machen sind, angesehen noch kein Reisebeschreiber wirklich vor oder
in dem Lande stand, das er silhouettierte: denn so viel hat auch der Dümmste
noch aus Leibnizens vorherbestimmten Harmonie im Kopfe, dass die Seele, z.B. die
Seelen eines Forsters, Brydone, Björnstähls - insgesamt sesshaft auf dem
Isolierschemel der versteinerten Zirbeldrüse - ja nichts anders von Südindien
oder Europa beschreiben können, als was jede sich davon selber erdenkt und was
sie, beim gänzlichen Mangel äusserer Eindrücke, aus ihren fünf Kanker-Spinnwarzen
vorspinnt und abzwirnt. Wutz zerrete sein Reisejournal auch aus niemand anders
als aus sich.
    Er schreibt über alles, und wenn die gelehrte Welt sich darüber wundert, dass
er fünf Wochen nach dem Abdruck der Werterschen Leiden einen alten Flederwisch
nahm und sich eine harte Spule auszog und damit stehendes Fusses sie schrieb, die
Leiden - ganz Deutschland ahmte nachher seine Leiden nach -: so wundert sich
niemand weniger über die gelehrte Welt als ich; denn wie kann sie Rousseaus
Bekenntnisse gesehen und gelesen haben, die Wutz schrieb und die dato noch unter
seinen Papieren liegen? In diesen spricht aber J.J. Rousseau oder Wutz (das ist
einerlei) so von sich, allein mit andern Einkleid-Worten: »er würde wahrhaftig
nicht so dumm sein, dass er Federn nähme und die besten Werke machte, wenn er
nichts brauchte, als bloss den Beutel aufzubinden und sie zu erhandeln. Allein er
habe nichts darin als zwei schwarze Hemdknöpfe und einen kotigen Kreuzer. Woll'
er mitin etwas Gescheites lesen, z.B. aus der praktischen Arzneikunde und aus
der Kranken-Universalhistorie: so müss' er sich an seinen triefenden
Fensterstock setzen und den Bettel ersinnen. An wen woll' er sich wenden, um den
Hintergrund des Freimäurer-Geheimnisses auszuhorchen, an welches Dionysius-Ohr,
mein' er, als an seine zwei eignen? Auf diese an seinen eignen Kopf angeöhrten
hör' er sehr, und indem er die Freimäurer-Reden, die er schreibe, genau
durchlese und zu verstehen trachte: so merk' er zuletzt allerhand Wunderdinge
und komme weit und rieche im ganzen genommen Lunten. Da er von Chemie und
Alchemie so viel wisse wie Adam nach dem Fall, als er alles vergessen hatte: so
sei ihm ein rechter Gefallen geschehen, dass er sich den Annulus Platonis
geschmiedet, diesen silbernen Ring um den Blei-Saturn, diesen Gyges-Ring, der so
vielerlei unsichtbar mache, Gehirne und Metalle; denn aus diesem Buche dürft'
er, sollt' ers nur einmal ordentlich begreifen, frappant wissen, wo Bartel Most
hole.« - Jetzt wollen wir wieder in seine Kindheit zurück.
    Im zehnten Jahre verpuppte er sich in einen mulattenfarbigen Alumnus und
obern Quintaner der Stadt Scheerau. Sein Examinator muss mein Zeuge sein, dass es
keine weisse Schminke ist, die ich meinem Helden anstreiche, wenn ichs zu
berichten wage, dass er nur noch ein Blatt bis zur vierten Deklination
zurückzulegen hatte und dass er die ganze Geschlecht-Ausnahme torax caudex
pulexque vor der Quinta wie ein Wecker abrollte - bloss die Regel wusst' er nicht.
Unter allen Nischen des Alumneums war nur eine so gescheuert und geordnet,
gleich der Prunkküche einer Nürnbergerin: das war seine; denn zufriedene
Menschen sind die ordentlichsten. Er kaufte sich aus seinem Beutel für zwei
Kreuzer Nägel und beschlug seine Zelle damit, um für alle Effekten besondere
Nägel zu haben - er schlichtete seine Schreibbücher so lange, bis ihre Rücken so
bleirecht aufeinander lagen wie eine preussische Fronte, und er ging beim
Mondschein aus dem Bette und visierte so lange um seine Schuhe herum, bis sie
parallel nebeneinander standen. - War alles metrisch: so rieb er die Hände, riss
die Achseln über die Ohren hinauf, sprang empor, schüttelte sich fast den Kopf
herab und lachte ungemein.
    Eh' ich von ihm weiter beweise, dass er im Alumneum glücklich war: will ich
beweisen, dass dergleichen kein Spass war, sondern eine herkulische Arbeit.
Hundert ägyptische Plagen hält man für keine, bloss weil sie uns nur in der
Jugend heimsuchen, wo moralische Wunden und komplizierte Frakturen so hurtig
zuheilen wie physische - grünendes Holz bricht nicht so leicht wie dürres
entzwei. Alle Einrichtungen legen es dar, dass ein Alumneum seiner ältesten
Bestimmung nach ein protestantisches Knaben-Kloster sein soll; aber dabei sollte
man es lassen, man sollte ein solches Präservations-Zuchtaus in kein
Lustschloss, ein solches Misantropin in kein Philantropin verwandeln wollen.
Müssen nicht die glücklichen Inhaftaten einer solchen Fürstenschule die drei
Klostergelübde ablegen? Erstlich das des Gehorsams, da der Schüler-Guardian und
Novizenmeister seinen schwarzen Novizen das Spornrad der häufigsten, widrigsten
Befehle und Ertötungen in die Seite sticht. Zweitens das der Armut, da sie nicht
Kruditäten und übrige Brocken, sondern Hunger von einem Tage zum andern aufheben
und übertragen; und Carminati vermochte ganze Invalidenhäuser mit dem
Supernumerär-Magensaft der Konviktorien und Alumneen auszuheilen. Das Gelübde
der Keuschheit tut sich nachher von selbst, sobald ein Mensch den ganzen Tag zu
laufen und zu fasten hat und keine andern Bewegungen entbehrt als die
peristaltischen. Zu wichtigen Ämtern muss der Staatsbürger erst gehänselt werden.
Verdient denn aber bloss der katolische Novize zum Mönch geprügelt, oder ein
elender Ladenjunge in Bremen zum Kaufmannsdiener geräuchert, oder ein
sittenloser Südamerikaner zum Kaziken durch beides und durch mehre, in meinen
Exzerpten stehende Qualen appretiert und sublimiert zu werden? Ist ein
luterischer Pfarrer nicht ebenso wichtig, und sind seiner künftigen Bestimmung
nicht ebensogut solche übende Martern nötig? Zum Glück hat er sie; vielleicht
mauerte die Vorwelt die Schulpforten, deren Konklavisten insgesamt wahre Knechte
der Knechte sind, bloss seinetwegen auf: denn andern Fakultäten ist mit dieser
Kreuzigung und Radbrechung des Fleisches und Geistes zu wenig gedient. - Daher
ist auch das so oft getadelte Chor-, Gassen- und Leichensingen der Alumnen ein
recht gutes Mittel, protestantische Klosterleute aus ihnen zu ziehen - und
selbst ihr schwarzer Überzug und die kanonische Mohren-Enveloppe des Mantels ist
etwas Ähnliches von der Mönchkutte. Daher schiessen in Leipzig um die
Tomasschüler, da doch einmal die Geistlichen die Perücken-Wammen anhängen
müssen, wenigstens die Herzblätter eines aufkapfenden Perückchens herum, das wie
ein Pultdach oder wie halbe Flügeldecken sich auf dem Kopfe umsieht. In den
alten Klöstern war die Gelehrsamkeit Strafe; nur Schuldige mussten da lateinische
Psalmen auswendig lernen oder Autores abschreiben; - in guten armen Schulen wird
dieses Strafen nicht vernachlässigt, und sparsamer Unterricht wird da stets als
ein unschuldiges Mittel angeordnet, den armen Schüler damit zu züchtigen und zu
mortifizieren ....
    Bloss dem Schulmeisterlein hatte diese Kreuzschule wenig an; den ganzen Tag
freuete er sich auf oder über etwas. »Vor dem Aufstehen«, sagt' er, »freu' ich
mich auf das Frühstück, den ganzen Vormittag aufs Mittagessen, zur Vesperzeit
aufs Vesperbrot und abends aufs Nachtbrot - und so hat der Alumnus Wutz sich
stets auf etwas zu spitzen.« Trank er tief, so sagt' er: »Das hat meinem Wutz
geschmeckt« und strich sich den Magen. Niesete er, so sagte er: »Helf dir Gott,
Wutz!« - Im fieberfrostigen Novemberwetter letzte er sich auf der Gasse mit der
Vormalung des warmen Ofens und mit der närrischen Freude, dass er eine Hand um
die andre unter seinem Mantel wie zu Hause stecken hatte. War der Tag gar zu
toll und windig - es gibt für uns Wichte solche Hatztage, wo die ganze Erde ein
Hatzhaus ist und wo die Plagen wie spasshaft gehende Wasserkünste uns bei jedem
Schritte ansprützen und einfeuchten -, so war das Meisterlein so pfiffig, dass es
sich unter das Wetter hinsetzte und sich nichts darum schor; es war nicht
Ergebung, die das unvermeidliche Übel aufnimmt, nicht Abhärtung, die das
ungefühlte trägt, nicht Philosophie, die das verdünnte verdauet, oder Religion,
die das belohnte verwindet: sondern der Gedanke ans warme Bett wars. »Abends«,
dacht' er, »lieg' ich auf alle Fälle, sie mögen mich den ganzen Tag zwicken und
hetzen, wie sie wollen, unter meiner warmen Zudeck und drücke die Nase ruhig ans
Kopfkissen, acht Stunden lang.« - Und kroch er endlich in der letzten Stunde
eines solchen Leidentages unter sein Oberbett: so schüttelte er sich darin,
krempte sich mit den Knien bis an den Nabel zusammen und sagte zu sich: »Siehst
du, Wutz, es ist doch vorbei.«
    Ein andrer Paragraph aus der Wutzischen Kunst, stets fröhlich zu sein, war
sein zweiter Pfiff, stets fröhlich aufzuwachen - und um dies zu können, bedient'
er sich eines dritten und hob immer vom Tage vorher etwas Angenehmes für den
Morgen auf, entweder gebackne Klösse oder ebensoviel äusserst gefährliche Blätter
aus dem Robinson, der ihm lieber war als Homer - oder auch junge Vögel oder
junge Pflanzen, an denen er am Morgen nachzusehen hatte, wie nachts Federn und
Blätter gewachsen.
    Den dritten und vielleicht durchdachtesten Paragraphen seiner Kunst,
fröhlich zu sein, arbeitete er erst aus, da er Sekundaner ward:
                              er wurde verliebt. -
    Eine solche Ausarbeitung wäre meine Sache .... Aber da ich hier zum ersten
Male in meinem Leben mich mit meiner Reisskohle an das Blumenstück gemalter Liebe
mache: so muss auf der Stelle abgebrochen werden, damit fortgerissen werde morgen
um 6 Uhr mit weniger niedergebranntem Feuer. -
    Wenn Venedig, Rom und Wien und die ganze Luststädte-Bank sich zusammentäten
und mich mit einem solchen Karneval beschenken wollten, das dem beikäme, welches
mitten in der schwarzen Kantors-Stube in Joditz war, wo wir Kinder von 8 Uhr bis
11 forttanzten (so lange währte unsre Faschingzeit, in der wir den Appetit zur
Fastnacht-Hirse versprangen): so machten sich jene Residenzstädte zwar an etwas
Unmögliches und Lächerliches - aber doch an nichts so Unmögliches, wie dies
wäre, wenn sie dem Alumnus Wutz den Fastnachtmorgen mit seinen
Karnevallustbarkeiten wiedergeben wollten, als er, als unterer Sekundaner auf
Besuch, in der Tanz- und Schulstube seines Vaters am Morgen gegen 10 Uhr
ordentlich verliebt wurde. Eine solche Faschinglustbarkeit - trautes
Schulmeisterlein, wo denkst du hin? - Aber er dachte an nichts hin als zu
Justina, die ich selten oder niemals wie die Auentaler Justel nennen werde. Da
der Alumnus unter dem Tanzen (wenige Gymnasiasten hätten mitgetanzt, aber Wutz
war nie stolz und immer eitel) den Augenblick weghatte, was - ihn nicht einmal
eingerechnet - an der Justel wäre, dass sie ein hübsches gelenkiges Ding und
schon im Briefschreiben und in der Regeldetri in Brüchen und die Patin der Frau
Seniorin und in einem Alter von 15 Jahren und nur als eine Gast-Tänzerin mit in
der Stube sei: so tat der Gast-Tänzer seines Orts, was in solchen Fällen zu tun
ist; er wurde, wie gesagt, verliebt - schon beim ersten Schleifer flogs wie
Fieberhitze an ihn - unter dem Ordnen zum zweiten, wo er stillstehend die warme
Inlage seiner rechten Hand bedachte und befühlte, stiegs unverhältnismässig - er
tanzte sich augenscheinlich in die Liebe und in ihre Garne hinein. - Als sie
noch dazu die roten Haubenbänder auseinanderfallen und sie ungemein nachlässig
um den nackten Hals zurückflattern liess: so vernahm er die Bassgeige nicht mehr -
und als sie endlich gar mit einem roten Schnupftuch sich Kühlung vorwedelte und
es hinter und vor ihm fliegen liess: so war ihm nicht mehr zu helfen, und hätten
die vier grossen und die zwölf kleinen Propheten zum Fenster hineingepredigt.
Denn einem Schnupftuch in einer weiblichen Hand erlag er stets auf der Stelle
ohne weitere Gegenwehr, wie der Löwe dem gedrehten Wagenrade und der Elefant der
Maus. Dorfkoketten machen sich aus dem Schnupftuch die nämliche Feldschlange und
Kriegmaschine, die sich die Stadtkoketten aus dem Fächer machen; aber die Wellen
eines Tuchs sind gefälliger als das knackende Trutahns-Radschlagen der bunten
Streitkolbe des Fächers.
    Auf alle Fälle kann unser Wutz sich damit entschuldigen, dass seines Wissens
die Örter öffentlicher Freude das Herz für alle Empfindungen, die viel Platz
bedürfen, für Aufopferung, für Mut und auch für Liebe, weiter machen; - freilich
in den engen Amt-und Arbeitstuben, auf Ratäusern, in geheimen Kabinetten liegen
unsre Herzen wie auf ebenso vielen Welkboden und Darrofen und runzeln ein.
    Wutz trug seinen mit dem Gas der Liebe aufgefüllten und emporgetriebnen
Herzballon freudig ins Alumneum zurück, ohne jemand eine Silbe zu melden, am
wenigsten der Schnupftuch-Fahnenjunkerin selber - nicht aus Scheu, sondern weil
er nie mehr begehrte als die Gegenwart; er war nur froh, dass er selber verliebt
war, und dachte an weiter nichts ....
    Warum liess der Himmel gerade in die Jugend das Lustrum der Liebe fallen?
Vielleicht weil man gerade da in Alumneen, Schreibstuben und andern Giftütten
keucht: da steigt die Liebe wie aufblühendes Gesträuch an den Fenstern jener
Marterkammern empor und zeigt in schwankenden Schatten den grossen Frühling von
aussen. Denn Er und ich, mein Herr Präfektus, und auch Sie, verdiente Schuldiener
des Alumneums, wir wollen miteinander wetten, Sie sollen über den vergnügten
Wutz ein Härenhemd ziehen (im Grund hat er eines an) - Sie sollen ihn Ixions Rad
und Sisyphus' Stein der Weisen und den Laufwagen Ihres Kindes bewegen lassen -
Sie sollen ihn halb tot hungern oder prügeln lassen - Sie sollen einer so
elenden Wette wegen (welches ich Ihnen nicht zugetrauet hätte) gegen ihn ganz
des Teufels sein: Wutz bleibt doch Wutz und praktiziert sich immer sein bisschen
verliebter Freude ins Herz, vollends in den Hundtagen! -
    Seine Kanikularferien sind aber vielleicht nirgends deutlicher beschrieben
als in seinen »Werters Freuden«, die seine Lebensbeschreiber fast nur
abzuschreiben brauchen. - Er ging da sonntags nach der Abendkirche heim nach
Auental und hatte mit den Leuten in allen Gassen Mitleiden, dass sie dableiben
mussten. Draussen dehnte sich seine Brust mit dem aufgebaueten Himmel vor ihm aus,
und halbtrunken im Konzertsaal aller Vögel horcht' er doppelselig bald auf die
gefiederten Sopranisten, bald auf seine Phantasien. Um nur seine über die Ufer
schlagende Lebenskräfte abzuleiten, galoppierte er oft eine halbe Viertelstunde
lang. Da er immer kurz vor und nach Sonnen-Untergang ein gewisses wollüstiges
trunknes Sehnen empfunden hatte - die Nacht aber macht wie ein längerer Tod den
Menschen erhaben und nimmt ihm die Erde -: so zauderte er mit seiner Landung in
Auental so lang', bis die zerfliessende Sonne durch die letzten Kornfelder vor
dem Dorfe mit Goldfäden, die sie gerade über die Ähren zog, sein blaues Röckchen
stickte und bis sein Schatten an den Berg über den Fluss wie ein Riese wandelte.
Dann schwankte er unter dem wie aus der Vergangenheit herüberklingenden
Abendläuten ins Dorf hinein und war allen Menschen gut, selbst dem Präfektus.
Ging er dann um seines Vaters Haus und sah am obern Kappfenster den Widerschein
des Monds und durch ein Parterre-Fenster seine Justina, die da alle Sonntage
einen ordentlichen Brief setzen lernte .... o wenn er dann in dieser
paradiesischen Viertelstunde seines Lebens auf funfzig Schritte die Stube und
die Briefe und das Dorf von sich hätte wegsprengen und um sich und um die
Briefstellerin bloss ein einsames dämmerndes Tempe-Tal hätte ziehen können - wenn
er in diesem Tale mit seiner trunknen Seele, die unterweges um alle Wesen ihre
Arme schlug, auch an sein schönstes Wesen hätte fallen dürfen und er und sie und
Himmel und Erde zurückgesunken und zerflossen wären vor einem flammenden
Augenblick und Brennpunkte menschlicher Entzückung ....
    Indessen tat ers wenigstens nachts um eilf Uhr; und vorher gings auch nicht
schlecht. Er erzählte dem Vater, aber im Grunde Justinen seinen Studienplan und
seinen politischen Einfluss; er setzte sich dem Tadel, womit sein Vater ihre
Briefe korrigierte, mit demjenigen Gewicht entgegen, das ein solcher
Kunstrichter hat, und er war, da er gerade warm aus der Stadt kam, mehr als
einmal mit Witz bei der Hand - kurz, unter dem Einschlafen hörte er in seiner
tanzenden taumelnden Phantasie nichts als Sphären-Musik.
    - Freilich du, mein Wutz, kannst Werters Freuden aufsetzen, da allemal
deine äussere und deine innere Welt sich wie zwei Muschelschalen aneinander löten
und dich als ihr Schaltier einfassen; aber bei uns armen Schelmen, die wir hier
am Ofen sitzen, ist die Aussenwelt selten der Ripienist und Chorist unsrer innern
fröhlichen Stimmung; - höchstens dann, wenn an uns der ganze Stimmstock
umgefallen und wir knarren und brummen; oder in einer andern Metapher: wenn wir
eine verstopfte Nase haben, so setzt sich ein ganzes mit Blumen überwölbtes Eden
vor uns hin, und wir mögen nicht hineinriechen.
    Mit jedem Besuche machte das Schulmeisterlein seiner
Johanna-Terese-Charlotte-Mariana-Klarissa-Heloise-Justel auch ein Geschenk mit
einem Pfefferkuchen und einem Potentaten; ich will über beide ganz befriedigend
sein.
    Die Potentaten hatt' er in seinem eignen Verlage; aber wenn die
Reichshofrats-Kanzlei ihre Fürsten und Grafen aus ein wenig Dinte, Pergament und
Wachs macht: so verfertigte er seine Potentaten viel kostbarer, aus Russ, Fett
und zwanzig Farben. Im Alumneum wurde nämlich mit den Rahmen einer Menge
Potentaten eingeheizet, die er sämtlich mit gedachten Materialien so zu kopieren
und zu repräsentieren wusste, als wär' er ihr Gesandter. Er überschmierte ein
Quartblatt mit einem Endchen Licht und nachher mit Ofenruss - dieses legte er mit
der schwarzen Seite auf ein andres mit weissen Seiten - oben auf beide Blätter
tat er irgendein fürstliches Porträt - dann nahm er eine abgebrochne Gabel und
fuhr mit ihrer drückenden Spitze auf dem Gesichte und Leibe des regierenden
Herrn herum - - dieser Druck verdoppelte den Potentaten, der sich vom schwarzen
Blatt aufs weisse überfärbte. So nahm er von allem, was unter einer europäischen
Krone sass, recht kluge Kopien; allein ich habe niemals verhehlet, dass seine
Okulier-Gabel die russische Kaiserin (die vorige) und eine Menge Kronprinzen
dermassen aufkratzte und durchschnitt, dass sie zu nichts mehr zu brauchen waren
als dazu, den Weg ihrer Rahmen zu gehen. Gleichwohl war das russige Quartblatt
nur die Bruttafel und Ätz-Wiege glorwürdiger Regenten, oder auch der Streich-
oder Laichteich derselben - ihr Streckteich aber oder die Appretur-Maschine der
Potentaten war sein Farbkästchen; mit diesem illuminierte er ganze regierende
Linien, und alle Muscheln kleideten einen einzigen Grossfürsten an, und die
Kronprinzessinnen zogen aus derselben Farbmuschel Wangenröte, Schamröte und
Schminke. - - Mit diesen regierenden Schönen beschenkte er die, die ihn regierte
und die nicht wusste, was sie mit dem historischen Bildersaale machen sollte.
    Aber mit dem Pfefferkuchen wusste sie es in dem Grade, dass sie ihn ass. Ich
halt' es für schwer, einer Geliebten einen Pfefferkuchen zu schenken, weil man
ihn oft kurz vor der Schenkung selber verzehrt. Hatte nicht Wutz die drei
Kreuzer für den ersten schon bezahlt? Hatt' er nicht das braune Rektangulum
schon in der Tasche und war damit schon bis auf eine Stunde vor Auental und vor
dem Adjudikationtermin gereiset? Ja wurde die süsse Votiv-Tafel nicht alle
Viertelstunde aus der Tasche gehoben, um zu sehen, ob sie noch viereckig sei?
Dies war eben das Unglück; denn bei diesem Beweis durch Augenschein, den er
führte, brach er immer wenige und unbedeutende Mandeln aus dem Kuchen; -
dergleichen tat er öfters - darauf machte er sich (statt an die Quadratur des
Zirkels) an das Problem, den gevierteten Zirkel wieder rein herzustellen, und
biss sauber die vier rechten Winkel ab und machte ein Acht-Eck, ein Sechzehn-Eck
- denn ein Zirkel ist ein unendliches Viel-Eck - darauf war nach diesen
matematischen Ausarbeitungen das Viel-Eck vor keinem Mädchen mehr zu
produzieren - darauf tat Wutz einen Sprung und sagte: »Ach! ich fress' ihn
selber«, und heraus war der Seufzer und hinein die geometrische Figur. - Es
werden wenige schottische Meister, akademische Senate und Magistranden leben,
denen nicht ein wahrer Gefallen geschähe, wenn man ihnen zu hören gäbe, durch
welchen Maschinen-Gott sich Wutz aus der Sache zog - - durch einen zweiten
Pfefferkuchen tat ers, den er allemal als einen Wand- und Taschen-Nachbar des
ersten mit einsteckte. Indem er den einen ass, landete der andre ohne Läsionen
an, weil er mit dem Zwilling wie mit Brandmauer und Kronwache den andern
beschützte. Das aber sah er in der Folge selber ein, dass er - um nicht einen
blossen Torso oder Atom nach Auental zu transportieren - die Krontruppen oder
Pfefferkuchen von Woche zu Woche vermehren müsse.
    Er wäre Primaner geworden, wäre nicht sein Vater aus unserem Planeten in
einen andern oder in einen Trabanten gerückt. Daher dacht' er die Melioration
seines Vaters nachzumachen und wollte von der Sekundanerbank auf den Lehrstuhl
rutschen. Der Kirchenpatron, Herr von Ebern, drängte sich zwischen beide Gerüste
und hielt seinen ausgedienten Koch an der Hand, um ihn in ein Amt einzusetzen,
dem er gewachsen war, weil es in diesem ebensogut wie in seinem vorigen
Spanferkel1 tot zu peitschen und zu appretieren, obwohl nicht zu essen gab. Ich
hab' es schon in der Revision des Schulwesens in einer Note erinnert und Herrn
Gedikens Beifall davongetragen, dass in jedem Bauerjungen ein unausgewachsener
Schulmeister stecke, der von ein paar Kirchenjahren gross zu paraphrasieren sei -
dass nicht bloss das alte Rom Welt-Konsule, sondern auch heutige Dörfer
Schul-Konsule vom Pfluge und aus der Furche ziehen könnten - dass man ebensogut
von Leuten seines Standes hier unterrichtet, als in England gerichtet werden
könne, und dass gerade der, dem jeder das meiste Scibile verdanke, ihm am
ähnlichsten sei, nämlich jeder selber - dass, wenn eine ganze Stadt (Norcia an
dem appenninischen Gebirg) nur von vier ungelehrten Magistratgliedern (li quatri
illiterati) sich beherrschen lassen will, doch eine Dorfjugend von einem
einzigen ungelehrten Mann werde zu regieren und zu prügeln sein - und dass man
nur bedenken möchte, was ich oben im Texte sagte. Da aber die Note selber der
Text ist, so will ich nur sagen, dass ich sagte: ein Dorfschule sei hinlänglich
besetzt. Es ist da 1) der Gymnasiarch oder Pastor, der von Winter zu Winter den
Priesterrock umhänge und das Schulhaus besucht und erschreckt - 2) steht in der
Stube das Rektorat, Konrektorat und Subrektorat, das der Schulhalter allein
ausmacht - 3) als Lehrer der untern Klassen sind darin angestellt die
Schulmeisterin, der, wenn irgendeinem Menschen, die Kallipädie der Töchterschule
anvertrauet werden kann, ihr Sohn als Tertius und Lümmel zugleich, dem seine
Zöglinge allerhand legieren und spendieren müssen, damit er sie ihre Lektion
nicht aufsagen lässet, und der, wenn der Regent nicht zu Hause ist, oft das
Reichsvikariat des ganzen protestantischen Schulkreises auf den Achseln hat - 4)
endlich ein ganzes Raupennest Kollaboratores, nämlich Schuljungen selber, weil
daselbst, wie im Hallischen Waisenhause, die Schüler der obern Klasse schon zu
Lehrern der untern gross gewachsen sind. - Da man bisher aus so vielen
Studierstuben heraus nach Realschulen schrie: so hörten es Gemeinden und
Schulhalter und taten das Ihrige gern. Die Gemeinden lasen für ihre Lehrstühle
lauter solche pädagogische Steisse aus, die schon auf Weber-, Schneider-,
Schuster-Schemeln sesshaft waren und von denen also etwas zu erwarten war - und
allerdings setzen solche Männer, indem sie vor dem aufmerksamen Institute Röcke,
Stiefel, Fischreusen und alles machen, die Nominalschule leicht in eine
Realschule um, wo man Fabrikate kennen lernt. Der Schulmeister treibts noch
weiter und sinnt Tag und Nacht auf Real-Schulhalten; es gibt wenige Arbeiten
eines erwachsenen Hausvaters oder seines Gesindes, in denen er seine Dorf-Stoa
nicht beschäftigt und übt, und den ganzen Morgen sieht man das expedierende
Seminarium hinaus- und hineinjagen, Holz spalten und Wasser tragen u.s.w., so
dass er ausser der Realschule fast gar keine andre hält und sich sein bisschen Brot
sauer im Schweisse seines - Schulhauses verdient .... Man braucht mir nicht zu
sagen, dass es auch schlechte und versäumte Landschulen gebe; genug wenn nur die
grössere Zahl alle die Vorzüge wirklich aufweiset, die ich ihr jetzt
zugeschrieben.
    Ich mag meine Fixstern-Abirrung mit keinem Wort entschuldigen, das eine neue
wäre. Herr von Ebern hätte seinen Koch zum Schulmeister investieret, wenn ein
geschickter Nachfahrer des Kochs wäre zu haben gewesen; es war aber keiner
aufzutreiben, und da der Gutsherr dachte, es sei vielleicht gar eine Neuerung,
wenn er die Küche und die Schule durch ein Subjekt versehen liesse - wiewohl
vielmehr die Trennung und Verdopplung der Schul- und der Herrendiener eine viel
grössere und ältere war; denn im neunten Säkulum musste sogar der Pfarrer der
Patronatkirche zugleich dem Kirchenschiff-Patron als Bedienter aufwarten und
satteln etc.2, und beide Ämter wurden erst nachher, wie mehre, voneinander
abgerissen -, so behielt er den Koch und vozierte den Alumnus, der bisher so
gescheit gewesen, dass er verliebt geblieben.
    Ich steuere mich ganz auf die rühmlichen Zeugnisse, die ich in Händen habe
und die Wutz vom Superintendenten auswirkte, weil sein Examen vielleicht eines
der rigorosesten und glücklichsten war, wovon ich in neueren Zeiten noch
gehöret. Musste nicht Wutz das griechische Vaterunser vorbeten, indes das
Examination-Kollegium seine samtnen Hosen mit einer Glasbürste auskämmte; - und
hernach das lateinische Symbolum Atanasii? Konnte der Examinandus nicht die
Bücher der Bibel richtig und Mann für Mann vorzählen, ohne über die gemalten
Blumen und Tassen auf dem Kaffeebrette seines frühstückenden Examinators zu
stolpern? Musst' er nicht einen Betteljungen, der bloss auf einen Pfennig aufsah,
herumkatechesieren, obgleich der Junge gar nicht wie sein Unter-Examinator
bestand, sondern wie ein wahres Stückchen Vieh? Musst' er nicht seine
Fingerspitzen in fünf Töpfe warmes Wasser tunken und den Topf aussuchen, dessen
Wasser warm und kalt genug für den Kopf eines Täuflings war? Und musst' er nicht
zuletzt drei Gulden und 36 Kreuzer erlegen?
    Am 13ten Mai ging er als Alumnus aus dem Alumneum heraus und als
öffentlicher Lehrer in sein Haus hinein, und aus der zersprengten schwarzen
Alumnus-Puppe brach ein bunter Schmetterling von Kantor ins Freie hinaus.
    Am 9ten Julius stand er vor dem Auentaler Altar und wurde kopuliert mit der
Justel.
    Aber der elysäische Zwischenraum zwischen dem 13ten Mai und dem 9ten Julius!
- Für keinen Sterblichen fällt ein solches goldnes Alter von acht Wochen wieder
vom Himmel, bloss für das Meisterlein funkelte der ganze niedergetauete Himmel
auf gestirnten Auen der Erde. - Du wiegtest im Äter dich und sahest durch die
durchsichtige Erde dich rund mit Himmel und Sonnen umzogen und hattest keine
Schwere mehr; aber uns Alumnen der Natur fallen nie acht solche Wochen zu, nicht
eine, kaum ein ganzer Tag, wo der Himmel über und in uns sein reines Blau mit
nichts bemalt als mit Abend- und Morgenrot - wo wir über das Leben wegfliegen
und alles uns hebt wie ein freudiger Traum - wo der unbändige stürzende Strom
der Dinge uns nicht auf seinen Katarakten und Strudeln zerstösset und schüttelt
und rädert, sondern auf blinkenden Wellen uns wiegt und unter hineingebognen
Blumen vorüberträgt - ein Tag, zu dem wir den Bruder vergeblich unter den
verlebten suchen und von dem wir am Ende jedes andern klagen: seit ihm war
keiner wieder so.
    Es wird uns allen sanft tun, wenn ich diese acht Wonne-Wochen oder zwei
Wonne-Monate weitläuftig beschreibe. Sie bestanden aus lauter ähnlichen Tagen.
Keine einzige Wolke zog hinter den Häusern herauf. Die ganze Nacht stand die
rückende Abendröte unten am Himmel, an welchem die untergehende Sonne allemal
wie eine Rose glühend abgeblühet hatte. Um 1 Uhr schlugen schon die Lerchen, und
die Natur spielte und phantasierte die ganze Nacht auf der
Nachtigallen-Harmonika. In seine Träume tönten die äussern Melodien hinein, und
in ihnen flog er über 2 Blüten-Bäume, denen die wahren vor seinem offnen Fenster
ihren Blumen-Atem liehen. Der tagende Traum rückte ihn sanft, wie die lispelnde
Mutter das Kind, aus dem Schlaf ins Erwachen über, und er trat mit trinkender
Brust in den Lärm der Natur hinaus, wo die Sonne die Erde von neuem erschuf und
wo beide sich zu einem brausenden Wollust-Weltmeer ineinander ergossen. Aus
dieser Morgen-Flut des Lebens und Freuens kehrte er in sein schwarzes Stübchen
zurück und suchte die Kräfte in kleinern Freuden wieder. Er war da über alles
froh, über jedes beschienene und unbeschienene Fenster, über die ausgefegte
Stube, über das Frühstück, das mit seinen Amt-Revenuen bestritten wurde, über 7
Uhr, weil er nicht in die Sekunda musste, über seine Mutter, die alle Morgen froh
war, dass er Schulmeister geworden und sie nicht aus dem vertrauten Hause fort
gemusst.
    Unter dem Kaffee schnitt er sich, ausser den Semmeln, die Federn zur
Messiade, die er damals, die drei letzten Gesänge ausgenommen, gar aussang.
Seine grösste Sorgfalt verwandte er darauf, dass er die epischen Federn falsch
schnitt, entweder wie Pfähle oder ohne Spalt oder mit einem zweiten Extraspalt,
der hinausniesete; denn da alles in Hexametern, und zwar in solchen, die nicht
zu verstehen waren, verfasset sein sollte: so musste der Dichter, da ers durch
keine Bemühung zur geringsten Unverständlichkeit bringen konnte - er fassete
allemal den Augenblick jede Zeile und jeden Fuss und pes -, aus Not zum Einfall
greifen, dass er die Hexameter ganz unleserlich schrieb, was auch gut war. Durch
diese poetische Freiheit bog er dem Verstehen ungezwungen vor.
    Um eilf Uhr deckte er für seine Vögel, und dann für sich und seine Mutter
den Tisch mit vier Schubladen, in welchem mehr war als auf ihm. Er schnitt das
Brot, und seiner Mutter die weisse Rinde vor, ob er gleich die schwarze nicht
gern ass. O meine Freunde, warum kann man denn im Hôtel de Bavière und auf dem
Römer nicht so vergnügt speisen als am Wutzischen Ladentisch? - Sogleich nach
dem Essen machte er nicht Hexameter, sondern Kochlöffel, und meine Schwester hat
selber ein Dutzend von ihm. Während seine Mutter das wusch, was er schnitzte,
liessen beide ihre Seelen nicht ohne Kost; sie erzählte ihm die Personalien von
sich und seinem Vater vor, von deren Kenntnis ihn seine akademische Laufbahn zu
entfernt gehalten - und er schlug den Operationplan und Bauriss seiner künftigen
Haushaltung bescheiden vor ihr auf, weil er sich an dem Gedanken, ein Hausvater
zu sein, gar nicht satt käuen konnte. »Ich richte mir« - sagte er - »mein
Haushalten ganz vernünftig ein - ich stell' mir ein Saugschweinchen ein auf die
heiligen Feiertage, es fallen so viel Kartoffeln- und Rüben-Schalen ab, dass mans
mit fett macht, man weiss kaum wie - und auf den Winter muss mir der
Schwiegervater ein Füderchen Büschel (Reisholz) einfahren, und die Stubentür muss
total gefüttert und gepolstert werden - denn, Mutter! unsereins hat seine
pädagogischen Arbeiten im Winter, und man hält da keine Kälte aus.« - Am 29ten
Mai war noch dazu nach diesen Gesprächen eine Kindtaufe - es war seine erste -
sie war seine erste Revenue, und ein grosses Einnahmebuch hatte er sich schon auf
dem Alumneum dazu geheftet - er besah und zählte die paar Groschen zwanzig Mal,
als wären sie andere. - Am Taufstein stand er in ganzer Parüre, und die
Zuschauer standen auf der Empor und in der herrschaftlichen Loge im
Alltag-Schmutz. - »Es ist mein saurer Schweiss«, sagt' er eine halbe Stunde nach
dem Aktus und trank vom Gelde zur ungewöhnlichen Stunde ein Nössel Bier. - Ich
erwarte von seinem künftigen Lebensbeschreiber ein paar pragmatische
Fingerzeige, warum Wutz bloss ein Einnahme- und kein Ausgabe-Buch sich nähte und
warum er in jenem oben Louisd'or, Groschen, Pfennige setzte, ob er gleich nie
die erste Münzsorte unter seinen Schul-Gefällen hatte.
    Nach dem Aktus und nach der Verdauung liess er sich den Tisch hinaus unter
den Weichselbaum tragen und setzte sich nieder und bossierte noch einige
unleserliche Hexameter in seiner Messiade. Sogar während er seinen
Schinkenknochen als sein Abendessen abnagte und abfeilte, befeilt' er noch einen
und den andern epischen Fuss, und ich weiss recht gut, dass des Fettes wegen
mancher Gesang ein wenig geölet aussiehet. Sobald er den Sonnenschein nicht mehr
auf der Strasse, sondern an den Häusern liegen sah: so gab er der Mutter die
nötigen Gelder zum Haushalten und lief ins Freie, um sich es ruhig auszumalen,
wie ers künftig haben werde im Herbst, im Winter, an den drei heiligen Festen,
unter den Schulkindern und unter seinen eignen. -
    Und doch sind das bloss Wochentage; der Sonntag aber brennt in einer Glorie,
die kaum auf ein Altarblatt geht. - Überhaupt steht in keinen Seelen dieses
Jahrhunderts ein so grosser Begriff von einem Sonntage, als in denen, welche in
Kantoren und Schulmeistern hausen; mich wundert es gar nicht, wenn sie an einem
solchen Courtage nicht vermögen, bescheiden zu verbleiben. Selber unser Wutz
konnte sichs nicht verstecken, was es sagen will, unter tausend Menschen allein
zu orgeln - ein wahres Erb-Amt zu versehen und den geistlichen Krönung-Mantel
dem Senior überzuhenken und sein Valet de fantaisie und Kammermohr zu sein -
über ein ganzes von der Sonne beleuchtetes Chor Territorial-Herrschaft zu
exerzieren, als amtierender Chor-Maire auf seinem Orgel-Fürstenstuhl die Poesie
eines Kirchsprengels noch besser zu beherrschen, als der Pfarrer die Prose
desselben kommandiert - und nach der Predigt über das Geländer hinab völlige
fürstliche Befehle sans façon mit lauter Stimme weniger zu geben als abzulesen
...... Wahrhaftig, man sollte denken, hier oder nirgends tät' es not, dass ich
meinem Wutz zuriefe: »Bedenke, was du vor wenig Monaten warest! Überlege, dass
nicht alle Menschen Kantores werden können, und mache dir die vorteilhafte
Ungleichheit der Stände zunutze, ohne sie zu missbrauchen und ohne darum mich und
meine Zuhörer am Ofen zu verachten.« - - Aber nein! auf meine Ehre, das
gutartige Meisterlein denkt ohnehin nicht daran; die Bauern hätten nur so
gescheit sein sollen, dass sie dir schnakischem, lächelndem, trippelndem,
händereibendem Dinge ins gallenlose überzuckerte Herz hineingesehen hätten: was
hätten sie da ertappt? Freude in deinen zwei Herz-Kammern, Freude in deinen zwei
Herz-Ohren. Du numeriertest bloss oben im Chore, gutes Ding! das ich je länger je
lieber gewinne, deine künftigen Schulbuben und Schulmädchen in den Kirchstühlen
zusammen und setztest sie sämtlich voraus in deine Schulstube und um seine
winzige Nase herum und nahmest dir vor, mit der letzten täglich vormittags und
nachmittags einmal zu niesen und vorher zu schnupfen, nur damit dein ganzes
Institut wie besessen aufführe und zuriefe: Helf Gott, Herr Kantner! Die Bauern
hätten ferner in deinem Herzen die Freude angetroffen, die du hattest, ein
Setzer von Folioziffern zu sein, so lang wie die am Zifferblatt der Turmuhr,
indem du jeden Sonntag an der schwarzen Liedertafel in öffentlichen Druck gabst,
auf welcher Pagina das nächste Lied zu suchen sei - wir Autores treten mit
schlechterem Zeuge im Drucke auf -; ferner die Freude hätte man gefunden, deinem
Schwiegervater und deiner Braut im Singen vorzureiten; und endlich deine
Hoffnung, den Bodensatz des Kommunion-Weins einsam auszusaufen, der sauer
schmeckte. Ein höheres Wesen muss dir so herzlich gut gewesen sein wie das
referierende, da es gerade in deinem achtwöchentlichen Eden-Lustrum deinen
gnädigen Kirchenpatron kommunizieren hiess: denn der hatte doch so viel Einsicht,
dass er an die Stelle des Kommunion-Weins, der Christi Trank am Kreuz nicht
unglücklich nachbildete, Christi Tränen aus seinem Keller setzte; aber welche
Himmel dann nach dem Trank des Bodensatzes in alle deine Glieder zogen ....
Wahrlich jedesmal will ich wieder in Ausrufungen verfallen; - aber warum macht
doch mir und vielleicht euch dieses schulmeisterlich vergnügte Herz so viel
Freude? - Ach, liegt es vielleicht daran, dass wir selber sie nie so voll
bekommen, weil der Gedanke der Erden-Eitelkeit auf uns liegt und unsern Atem
drückt und weil wir die schwarze Gottesacker-Erde unter den Rasen- und
Blumenstücken schon gesehen haben, auf denen das Meisterlein sein Leben
verhüpft? -
    Der gedachte Kommunion-Wein moussierte noch abends in seinen Adern; und
diese letzte Tagzeit seines Sabbats hab' ich noch abzuschildern. Nur am Sonntag
durft' er mit seiner Justine spazieren gehen. Vorher nahm er das Abendessen beim
Schwiegervater ein, aber mit schlechtem Nutzen; schon unter dem Tischgebet wurde
sein Hundshunger matt und unter den Allotriis darauf gar unsichtbar. Wenn ich es
lesen könnte: so könnt' ich das ganze Konterfei dieses Abends aus seiner
Messiade haben, in die er ihn, ganz wie er war, im sechsten Gesang
hineingeflochten, so wie alle grosse Skribenten ihren Lebenslauf, ihre Weiber,
Kinder, Äcker, Vieh in ihre opera omnia stricken. Er dachte, in der gedruckten
Messiade stehe der Abend auch. In seiner wird es episch ausgeführet sein, dass
die Bauern auf den Rainen wateten und den Schuss der Halme massen und ihn über das
Wasser herüber als ihren neuen wohlverordneten Kantor grüssten - dass die Kinder
auf Blättern schalmeiten und in Batzen-Flöten stiessen und dass alle Büsche und
Blumen- und Blütenkelche vollstimmig besetzte Orchester waren, aus denen allen
etwas heraus sang oder sumsete oder schnurrte - und dass alles zuletzt so
feierlich wurde, als hätte die Erde selber einen Sonntag, indem die Höhen und
Wälder um diesen Zauberkreis rauchten und indem die Sonne gen Mitternacht durch
einen illuminierten Triumphbogen hinunter-, und der Mond gen Mittag durch einen
blassen Triumphbogen heraufzog. O du Vater des Lichts! mit wie viel Farben und
Strahlen und Leuchtkugeln fassest du deine bleiche Erde ein! - Die Sonne kroch
jetzt ein zu einem einzigen roten Strahle, der mit dem Widerscheine der
Abendröte auf dem Gesichte der Braut zusammenkam; und diese, nur mit stummen
Gefühlen bekannt, sagte zu Wutz, dass sie in ihrer Kindheit sich oft gesehnet
hätte, auf den roten Bergen der Abendröte zu stehen und von ihnen mit der Sonne
in die schönen rotgemalten Länder hinunterzusteigen, die hinter der Abendröte
lägen. Unter dem Gebetläuten seiner Mutter legt' er seinen Hut auf die Knie und
sah, ohne die Hände zu falten, an die rote Stelle am Himmel, wo die Sonne
zuletzt gestanden, und hinab in den ziehenden Strom, der tiefe Schatten trug;
und es war ihm, als läutete die Abendglocke die Welt und noch einmal seinen
Vater zur Ruhe - zum ersten und letzten Male in seinem Leben stieg sein Herz
über die irdische Szene hinaus - und es rief, schien ihm, etwas aus den
Abendtönen herunter, er werde jetzo vor Vergnügen sterben .... Heftig und
verzückt umschlang er seine Braut und sagte: »Wie lieb hab' ich dich, wie ewig
lieb!« Vom Flusse klang es herab wie Flötengetön und Menschengesang und zog
näher; ausser sich drückt' er sich an sie an und wollte vereinigt vergehen und
glaubte, die Himmeltöne hauchten ihre beiden Seelen aus der Erde weg und
dufteten sie wie Taufunken auf den Auen Edens nieder. Es sang:
O wie schön ist Gottes Erde
Und wert, darauf vergnügt zu sein!
Drum will ich, bis ich Asche werde,
Mich dieser schönen Erde freun.
    Es war aus der Stadt eine Gondel mit einigen Flöten und singenden
Jünglingen. Er und Justine wanderten am Ufer mit der ziehenden Gondel und
hielten ihre Hände gefasst und Justine suchte leise nachzusingen; mehre Himmel
gingen neben ihnen. Als die Gondel um eine Erdzunge voll Bäume herumschiffte:
hielt Justine ihn sanft an, damit sie nicht nachkämen, und da das Fahrzeug
dahinter verschwunden war, fiel sie ihm mit dem ersten errötenden Kusse um den
Hals .... O unvergesslicher erster Junius! schreibt er. - Sie begleiteten und
belauschten von weitem die schiffenden Töne; und Träume spielten um beide, bis
sie sagte: »Es ist spät, und die Abendröte hat sich schon weit herumgezogen, und
es ist alles im Dorfe still.« Sie gingen nach Hause; er öffnete die Fenster
seiner mondhellen Stube und schlich mit einem leisen Gutenacht bei seiner Mutter
vorüber, die schon schlief. -
    Jeden Morgen schien ihn der Gedanke wie Tageslicht an, dass er dem
Hochzeittage, dem 8ten Junius, sich um eine Nacht näher geschlafen; und am Tage
lief die Freude mit ihm herum, dass er durch die paradiesischen Tage, die sich
zwischen ihn und sein Hochzeitbett gestellet, noch nicht durchwäre. So hielt er,
wie der metaphysische Esel, den Kopf zwischen beiden Heubündeln, zwischen der
Gegenwart und Zukunft; aber er war kein Esel oder Scholastiker, sondern grasete
und rupfte an beiden Bündeln auf einmal .... Wahrhaftig die Menschen sollten
niemals Esel sein, weder indifferentistische, noch hölzerne, noch bileamische,
und ich habe meine Gründe dazu .... Ich breche hier ab, weil ich noch überlegen
will, ob ich seinen Hochzeittag abzeichne oder nicht. Musivstifte hab' ich
übrigens dazu ganze Bündel. -
    Aber wahrhaftig ich bin weder seinem Ehrentage beigewohnt, noch einem
eignen; ich will ihn also bestens beschreiben und mir - ich hätte sonst gar
nichts - eine Lustpartie zusammen machen.
    Ich weiss überhaupt keinen schicklichern Ort oder Bogen als diesen dazu, dass
die Leser bedenken, was ich ausstehe: die magischen Schweizergegenden, in denen
ich mich lagere - die Apollos- und Venusgestalten, denen sich mein Auge ansaugt
- das erhabne Vaterland, für das ich das Leben hingebe, das es vorher geadelt
hat - das Brautbett, in das ich einsteige, alles das ist von fremden oder eignen
Fingern bloss - gemalt mit Dinte oder Druckerschwärze; und wenn nur du, du
Himmlische, der ich treu bleibe, die mir treu bleibt, mit der ich in arkadischen
Julius-Nächten spazieren gehe, mit der ich vor der untergehenden Sonne und vor
dem aufsteigenden Monde stehe und um derenwillen ich alle deine Schwestern
liebe, wenn nur du - wärest; aber du bist ein Altarblatt, und ich finde dich
nicht.
    Dem Nil, dem Herkules und andern Göttern brachte man zwar auch, wie mir, nur
nachbossierte Mädchen dar; aber vorher bekamen sie doch reelle.
    Wir müssen schon am Sonnabend ins Schul- und Hochzeitaus gucken, um die
Prämissen dieses Rüsttags zum Hochzeittag ein wenig vorher wegzuhaben: am
Sonntag haben wir keine Zeit dazu; so ging auch die Schöpfung der Welt (nach den
ältern Teologen) darum in sechs Tagwerken und nicht in einer Minute vor, damit
die Engel das Naturbuch, wenn es allmählich aufgeblättert würde, leichter zu
übersehen hätten. Am Sonnabend rennt der Bräutigam auffallend in zwei corporibus
piis aus und ein, im Pfarr- und im Schulhaus, um vier Sessel aus jenem in dieses
zu schaffen. Er borgte diese Gestelle dem Senior ab, um den Kommodator selbst
darauf zu weisen als seinen Fürstbischof und die Seniorin als Frau Patin der
Braut und den Subpräfektus aus dem Alumneum und die Braut selbst. Ich weiss so
gut als andre, inwieweit dieser mietende Luxus des Bräutigams nicht in Schutz zu
nehmen ist; allerdings papillotierten die gigantischen Mietstühle (Menschen und
Sessel schrumpfen jetzt ein) ihre falschen Rindhaar-Touren an Lehne und Sitz mit
blauem Tuche, Milchstrassen von gelben Nägeln sprangen auf gelben Schnüren als
Blitze herum, und es bleibt gewiss, dass man so weich auf den Rändern dieser
Stühle aufsass, als trüge man einen Doppelsteiss - wie gesagt, diesen Steiss-Luxus
des Gläubigers und Schuldners hab' ich niemals zum Muster angepriesen; aber auf
der andern Seite muss doch jeder, der in den »Schulz von Paris« hineingesehen,
bekennen, dass die Verschwendung im Palais royal und an allen Höfen offenbar
grösser ist. Wie werd' ich vollends solche Metodisten von der strengen Observanz
auf die Seite des Grossvater- oder Sorgestuhls Wutzens bringen, der mit vier
hölzernen Löwentatzen die Erde ergreift, welche mit vier Querhölzern - den
Sitz-Konsolen munterer Finken und Gimpel - gesponselt sind, dessen Haar-Chignon
sich mit einer geblümten ledernen Schwarte mehr als zu prächtig besohlet, und
welcher zwei hölzerne behaarte Arme, die das Alter, wie menschliche, dürrer
gemacht, nach einem Insass ausstreckt? ... Dieses Fragzeichen kann manchen, weil
er den langen Perioden vergessen, frappieren.
    Das zinnene Tafel-Service- das der Bräutigam noch von seinem Fürstbischof
holte, kann das Publikum beim Auktionproklamator, wenn es anders versteigert
wird, besser kennen lernen als bei mir: so viel wissen die Hochzeitgäste, die
Salatiere, die Sauciere, die Assiette zu Käse und die Senfdose war ein einziger
Teller, der aber vor jeder Rolle einmal abgescheuert wurde.
    Ein ganzer Nil und Alpheus schoss über jedes Stubenbrett, wovon gute
Gartenerde wegzuspülen war, an jede Bettpfoste und an den Fensterstock hinan und
liess den gewöhnlichen Bodensatz der Flut zurück - Sand. Die Gesetze des Romans
würden verlangen, dass das Schulmeisterlein sich anzöge und sich auf eine Wiese
unter ein wogendes Zudeck von Gras und Blumen streckte und da durch einen Traum
der Liebe nach dem andern hindurch sänk' und bräche - allein er rupfte Hühner
und Enten ab, spaltete Kaffee- und Bratenholz und die Braten selbst, kredenzte
am Sonnabend den Sonntag und dekretierte und vollzog in der blauen Schürze
seiner Schwiegermutter funfzig Küchen-Verordnungen und sprang, den Kopf mit
Papilloten gehörnt und das Haar wie einen Eichhörnchenschwanz emporgebunden,
hinten und vornen und überall herum: »denn ich mache nicht alle Sonntage
Hochzeit«, sagt' er.
    Nichts ist widriger, als hundert Vorläufer und Vorreiter zu einer winzigen
Lust zu sehen und zu hören; nichts ist aber süsser, als selber mit vorzureiten
und vorzulaufen; die Geschäftigkeit, die wir nicht bloss sehen, sondern teilen,
macht nachher das Vergnügen zu einer von uns selbst gesäeten, besprengten und
ausgezognen Frucht; und obendrein befällt uns das Herzgespann des Passens nicht.
    Aber, lieber Himmel, ich brauchte einen ganzen Sonnabend, um diesen nur zu
rapportieren: denn ich tat nur einen vorbeifliegenden Blick in die Wutzische
Küche - was da zappelt! was da raucht! - Warum ist sich Mord und Hochzeit so
nahe wie die zwei Gebote, die davon reden? Warum ist nicht bloss eine fürstliche
Vermählung oft für Menschen, warum ist auch eine bürgerliche für Geflügel eine
Parisische Blutochzeit?
    Niemand brachte aber im Hochzeitaus diese zwei Freudentage missvergnügter
und fataler zu als zwei Stechfinken und drei Gimpel: diese inhaftierte der
reinliche und vogelfreundliche Bräutigam sämtlich - vermittelst eines
Treibjagens mit Schürzen und geworfnen Nachtmützen - und nötigte sie, aus ihrem
Tanz-Saale in ein paar Draht-Kartausen zu fahren und an der Wand, in Mansarden
springend, herabzuhängen.
    Wutz berichtet sowohl in seiner »Wutzischen Urgeschichte« als in seinem
»Lesebuch für Kinder mittlern Alters«, dass abends um 7 Uhr, da der Schneider dem
Hymen neue Hosen und Gilet und Rock anprobierte, schon alles blank und metrisch
und neugeboren war, ihn selber ausgenommen. Eine unbeschreibliche Ruhe sitzt auf
jedem Stuhl und Tisch eines neugestellten brillantierten Zimmers! In einem
chaotischen denkt man, man müsse noch diesen Morgen ausziehen aus dem
aufgekündigten Logement.
    Über seine Nacht (so wie über die folgende) fliegen ich und die Sonne
hinüber, und wir begegnen ihm, wenn er am Sonntage, gerötet und elektrisiert vom
Gedanken des heutigen Himmels, die Treppe herabläuft in die anlachende
Hochzeitstube hinein, die wir alle gestern mit so vieler Mühe und Dinte
aufgeschmückt haben vermittelst Schönheitwasser - mouchoir de Venus und
Schminklappen (Waschlappen) - Puderkasten (Topf mit Sand) und anderem
Toiletten-Schiff und Geschirr. Er war in der Nacht siebenmal aufgewacht, um sich
siebenmal auf den Tag zu freuen; und zwei Stunden früher aufgestanden, um beide
Minute für Minute aufzuessen. Es ist mir, als ging' ich mit dem Schulmeister zur
Tür hinein, vor dem die Minuten des Tages hinstehn wie Honigzellen - er schöpfet
eine um die andre aus, und jede Minute trägt einen weitern Honigkelch. Für eine
Pension auf Lebenlang ist dennoch der Kantor nicht vermögend, sich auf der
ganzen Erde ein Haus zu denken, in dem jetzo nicht Sonntag, Sonnenschein und
Freude wäre; nein! - Das zweite, was er unten nach der Türe auftat, war ein
Oberfenster, um einen auf- und niederwallenden Schmetterling - einen
schwimmenden Silberflitter, eine Blumen-Folie und Amors Ebenbild - aus Hymens
Stube fortzulassen. Dann fütterte er seine Vogel-Kapelle in den Bauern zum
voraus auf den lärmenden Tag und fiedelte auf der väterlichen Geige die
Schleifer zum Fenster hinaus, an denen er sich aus der Fastnacht an die
Hochzeitnacht herangetanzt. Es schlägt erst 5 Uhr, mein Trauter, wir haben uns
nicht zu übereilen! Wir wollen die zwei Ellen lange Halsbinde (die du dir
ebenfalls, wie früher die Braut, antanzest, indem die Mutter das andre Ende
hält) und das Zopfband glatt umhaben, noch zwei völlige Stunden vor dem Läuten.
Gern gäb' ich den Grossvaterstuhl und den Ofen, dessen Assessor ich bin, dafür,
wenn ich mich und meine Zuhörerschaft jetzt zu transparenten Sylphiden zu
verdünnen wüsste; damit unsere ganze Brüderschaft dem zappelnden Bräutigam ohne
Störung seiner stillen Freude in den Garten nachflöge, wo er für ein weibliches
Herz, das weder ein diamantnes noch ein welsches ist, auch keine Blumen, die es
sind, abschneidet, sondern lebende - wo er die blitzenden Käfer und Tautropfen
aus den Blumenblättern schüttelt und gern auf den Bienenrüssel wartet, den zum
letzten Male der mütterliche Blumenbusen säuget - wo er an seine
Knaben-Sonntagmorgen denkt und an den zu engen Schritt über die Beete und an das
kalte Kanzelpult, auf welches der Senior seinen Strauss auflegte. Gehe nach Haus,
Sohn deines Vorfahrers, und schaue am achten Junius dich nicht gegen Abend um,
wo der stumme, sechs Fuss dicke Gottesacker über manchen Freunden liegt, sondern
gegen Morgen, wo du die Sonne, die Pfarrtüre und deine hineinschlüpfende Justine
sehen kannst, welche die Frau Patin nett ausfrisieren und einschnüren will. Ich
merk' es leicht, dass meine Zuhörer wieder in Sylphiden verflüchtigt werden
wollen, um die Braut zu umflattern; aber sie siehts nicht gern.
    Endlich lag der himmelblaue Rock - die Livreefarbe der Müller und
Schulmeister - mit geschwärzten Knopflöchern und die plättende Hand seiner
Mutter, die alle Brüche hob, am Leibe des Schulmeisterleins, und es darf nur Hut
und Gesangbuch nehmen. Und jetzt - ich weiss gewiss auch, was Pracht ist,
fürstliche bei fürstlichen Vermählungen, das Kanonieren, Illuminieren,
Exerzieren und Frisieren dabei; aber mit der Wutzischen Vermählung stell' ich
doch dergleichen nie zusammen: sehet nur dem Mann hintennach, der den Sonnen-
und Himmelweg zu seiner Braut geht und auf den andern Weg drüben nach dem
Alumneum schauet und denkt: »wer hätt's vor vier Jahren gedacht«; ich sage,
sehet ihm nach! Tut es nicht auch die Auentaler Pfarrmagd, ob sie gleich Wasser
trägt, und henkt einen solchen prächtigen vollen Anzug bis auf jede Franse in
ihren Gehirn- und Kleiderkammern auf? Hat er nicht eine gepuderte Nasen- und
Schuhspitze? Sind nicht die roten Torflügel seines Schwiegervaters aufgedreht,
und schreitet er nicht durch diese ein, indes die von der Haarkräuslerin
abgefertigte Verlobte durch das Hoftürchen schleicht? Und stossen sie nicht so
möbliert und überpudert aufeinander, dass sie das Herz nicht haben, sich Guten
Morgen zu bieten? Denn haben beide in ihrem Leben etwas Prächtigers und
Vornehmeres gesehen als sich einander heute? Ist in dieser verzeihlichen
Verlegenheit nicht der lange Span ein Glück, den der kleine Bruder zugeschnjetzt
und den er der Schwester hinreckt, damit sie darum wie um einen Weinpfahl die
Blumen-Staude und Geruch-Quaste für des Kantors Knopfloch winde und gürte?
Werden neidsüchtige Damen meine Freunde bleiben, wenn ich meinen Pinsel eintunke
und ihnen damit vorfärbe die Parüre der Braut, das zitternde Gold statt der
Zitternadel im Haar, die drei goldnen Medaillons auf der Brust mit den
Miniaturbildern der deutschen Kaiser3 und tiefer die in Knöpfe zergossenen
Silberbarren ? .... Ich könnt' aber den Pinsel fast jemand an den Kopf werfen,
wenn mir beifällt, mein Wutz und seine gute Braut werden mir, wenns abgedruckt
ist, von den Koketten und anderem Teufelszeuge gar ausgelacht: glaubt ihr denn
aber, ihr städtischen destillierten und tätowierten Seelenverkäuferinnen, die
ihr alles an Mannspersonen messet und liebt, ihr Herz ausgenommen, dass ich oder
meine meisten Herren Leser dabei gleichgültig bleiben könnten, oder dass wir
nicht alle eure gespannten Wangen, eure zuckenden Lippen, eure mit Witz und
Begierde sengenden Augen und eure jedem Zufall gefügigen Arme und selber euere
empfindsamen Deklamatorien mit Spass hingäben für einen einzigen Auftritt, wo die
Liebe ihre Strahlen in dem Morgenrot des Schämens bricht, wo die unschuldige
Seele sich vor jedem Aug' entkleidet, ihr eignes ausgenommen, und wo hundert
innere Kämpfe das durchsichtige Angesicht beseelen, und kurz worin mein
Brautpaar selbst agierte, da der alte lustige Kauz von Schwiegervater beider
gekräuselten und weissblühenden Köpfe habhaft wurde und sie gescheit zu einem Kuss
zusammenlenkte? Dein freudiges Erröten, lieber Wutz! - und dein verschämtes,
liebe Justine! -
    Wer wird überhaupt diesen und dergleichen Sachen kurz vor seinen Sponsalien
schärfer nachdenken und nachher delikater spielen als gegenwärtiger
Lebensbeschreiber selber?
    Der Lärm der Kinder und Büttner auf der Gasse und der Rezensenten in Leipzig
hindern ihn hier, alles ausführlich herzusetzen, die prächtigen Eckenbeschläge
und dreifachen Manschetten, womit der Bräutigam auf der Orgel jede Zeile des
Chorals versah - den hölzernen Engelfittich, woran er seinen Kurhut zum Chor
hinaushing - den Namen Justine an den Pedalpfeifen - - seinen Spass und seine
Lust, da sie einander vor der Kirchenagende (der Goldnen Bulle und dem
Reichsgrundgesetze des Eheregiments) die rechten Hände gaben und da er mit
seinem Ringfinger ihre hohle Hand gleichsam hinter einem Bettschirm neckte - und
den Eintritt in die Hochzeitstube, wo vielleicht die grössten und vornehmsten
Leute und Gerichte des Dorfs einander begegneten, ein Pfarrer, eine Pfarrerin,
ein Subpräfektus und eine Braut. Es wird aber Beifall finden, dass ich meine
Beine auseinander setze und damit über die ganze Hochzeittafel und Hochzeittrift
und über den Nachmittag wegschreite, um zu hören, was sie abends angeben - einen
und den andern Tanz gibt der Subpräfektus an. Es ist im Grunde schon alles ausser
sich - Ein Tobak-Heerrauch und ein Suppen-Dampfbad woget um drei Lichter und
scheidet einen vom andern durch Nebelbänke - Der Violoncellist und der Violinist
streichen fremdes Gedärm weniger, als sie eignes füllen - Auf der
Fensterbrüstung guckt das ganze Auental als Galerie zappelnd herein, und die
Dorfjugend tanzt draussen, dreissig Schritte von dem Orchester entfernt, im ganzen
recht hübsch - Die alte Dorf-La Bonne schreiet ihre wichtigsten Personalien der
Seniorin vor, und diese nieset und hustet die ihrigen los, jede will ihre
historische Notdurft früher verrichten und sieht ungern die andre auf dem Stuhle
sesshaft - Der Senior sieht wie ein Schossjünger des Schossjüngers Johannes aus,
welchen die Maler mit einem Becher in der Hand abmalen, und lacht lauter, als er
predigt - Der Präfektus schiesst als Elegant herum und ist von niemand zu
erreichen - Mein Maria plätschert und fährt unter in allen vier Flüssen des
Paradieses, und des Freuden-Meers Wogen heben und schaukeln ihn allmächtig. -
Bloss die eine Brautführerin (mit einer zu zarten Haut und Seele für ihren
schwielenvollen Stand) hört die Freuden-Trommel wie von einem Echo gedämpft und
wie bei einer Königleiche mit Flor bezogen, und die stille Entzückung spannt in
Gestalt eines Seufzers die einsame Brust. - Mein Schulmeister (er darf zweimal
im Küchenstück herumstehen) tritt mit seiner Trauunghälfte unter die Haustür,
deren dessus de porte ein Schwalben-Globus ist, und schauet auf zu dem
schweigenden glimmenden Himmel über ihm und denkt, jede grosse Sonne gucke
herunter wie ein Auentaler und zu seinem Fenster hinein ...... Schiffe fröhlich
über deinen verdünstenden Tropfen Zeit, du kannst es; aber wir könnens nicht
alle: die eine Brautführerin kanns auch nicht - Ach, wär' ich wie du an einem
Hochzeitmorgen dem ängstlichen, den Blumen abgefangnen Schmetterling begegnet,
wie du der Biene im Blütenkelch, wie du der um 7 Uhr abgelaufnen Turmuhr, wie du
dem stummen Himmel oben und dem lauten unten: so hätt' ich ja daran denken
müssen, dass nicht auf dieser stürmenden Kugel, wo die Winde sich in unsre
kleinen Blumen wühlen, die Ruhestätte zu suchen sei, auf der uns ihre Düfte
ruhig umfliessen, oder ein Auge ohne Staub zu finden, ein Auge ohne Regentropfen,
die jene Stürme an uns werfen - und wäre die blitzende Göttin der Freude so nahe
an meinem Busen gestanden: so hätt' ich doch auf jene Aschenhäufchen
hinübergesehen, zu denen sie mit ihrer Umarmung, aus der Sonne gebürtig und
nicht aus unsern Eiszonen, schon die armen Menschen verkalkte; - und o wenn mich
schon die vorige Beschreibung eines grossen Vergnügens so traurig zurückliess: so
müsst' ich, wenn erst du, aus ungemessenen Höhen in die tiefe Erde
hereinreichende Hand! mir eines, wie eine Blume auf einer Sonne gewachsen,
herniederbrächtest, auf diese Vaterhand die Tropfen der Freude fallen lassen und
mich mit dem zu schwachen Auge von den Menschen wegwenden ....
    Jetzt, da ich dieses sage, ist Wutzens Hochzeit längst vorbei, seine Justine
ist alt und er selber auf dem Gottesacker; der Strom der Zeit hat ihn und alle
diese schimmernden Tage unter vier-, fünffache Schichten Bodensatz gedrückt und
begraben; - auch an uns steigt dieser beerdigende Niederschlag immer höher auf;
in drei Minuten erreicht er das Herz und überschlichtet mich und euch.
    In dieser Stimmung sinne mir keiner an, die vielen Freuden des Schulmeisters
aus seinem Freuden-Manuale mitzuteilen, besonders seine Weihnacht-, Kirchweih-
und Schulfreuden - es kann vielleicht noch geschehen in einem Postumus von
Postskript, das ich nachliefere, aber heute nicht! Heute ists besser, wir sehen
den vergnügten Wutz zum letzten Mal lebendig und tot und gehen dann weg.
    Ich hätte überhaupt - ob ich gleich dreissigmal vor seiner Haustür
vorübergegangen war - wenig vom ganzen Manne gewusst, wenn nicht am 12ten Mai
vorigen Jahrs die alte Justine unter ihr gestanden wäre und mich, da sie mich im
Gehen meine Schreibtafel vollarbeiten sah, angeschrien hätte: ob ich nicht auch
ein Büchermacher wäre. - »Was sonst, Liebe?« - versetzt' ich - »jährlich mach'
ich dergleichen und schenke alles nachher dem Publiko.« - So möcht' ich dann,
fuhr sie fort, mich auf ein Stündchen zu ihrem Alten hineinbemühen, der auch ein
Buchmacher sei, mit dem es aber elend aussehe.
    Der Schlag hatte dem Alten, vielleicht weil er eine Flechte talersgross am
Nacken hineingeheilet, oder vor Alter, die linke Seite gelähmt. Er sass im Bette
an einer Lehne von Kopfkissen und hatte ein ganzes Warenlager, das ich sogleich
spezifizieren werde, auf dem Deckbette vor sich. Ein Kranker tut wie ein
Reisender - und was ist er anders? - sogleich mit jedem bekannt; so nahe mit dem
Fusse und Auge an erhabnern Welten, macht man in dieser räudigen keine Umstände
mehr. Er klagte, es hätte sich seine Alte schon seit drei Tagen nach einem
Bücherschreiber umschauen müssen, hätt' aber keinen ertappt, ausser eben; »er
müss' aber einen haben, der seine Bibliotek übernehme, ordne und inventiere und
der an seine Lebensbeschreibung, die in der ganzen Bibliotek wäre, seine
letzten Stunden, falls er sie jetzt hätte, zur Komplettierung gar hinanstiesse;
denn seine Alte wäre keine Gelehrtin und seinen Sohn hätt' er auf drei - Wochen
auf die Universität Heidelberg gelassen.«
    Seine Aussaat von Blattern und Runzeln gab seinem runden kleinen Gesichtchen
äusserst fröhliche Lichter; jede schien ein lächelnder Mund: aber es gefiel mir
und meiner Semiotik nicht, dass seine Augen so blitzten, seine Augenbraunen und
Mund-Ecken so zuckten und seine Lippen so zitterten.
    Ich will mein Versprechen der Spezifikation halten: Auf dem Deckbette lag
eine grüntaftne Kinderhaube, wovon das eine Band abgerissen war, eine mit
abgegriffnen Goldflitterchen überpichte Kinderpeitsche, ein Fingerring von Zinn,
eine Schachtel mit Zwerg-Büchelchen in 128-Format, eine Wanduhr, ein
beschmutztes Schreibbuch und ein Finkenkloben fingerlang. Es waren die Rudera
und Spätlinge seiner verspielten Kindheit. Die Kunstkammer dieser seiner
griechischen Altertümer war von jeher unter der Treppe gewesen - denn in einem
Haus, das der Blumenkübel und Treibkasten eines einzigen Stammbaums ist, bleiben
die Sachen jahrfunfziglang in ihrer Stelle ungerückt -; und da es von seiner
Kindheit an ein Reichsgrundgesetz bei ihm war, alle seine Spielwaren in
geschichtlicher Ordnung aufzuheben, und da kein Mensch das ganze Jahr unter die
Treppe guckte als er: so konnt' er noch am Rüsttage vor seinem Todestage diese
Urnenkrüge eines schon gestorbenen Lebens um sich stellen und sich zurückfreuen,
da er sich nicht mehr vorauszufreuen vermochte. Du konntest freilich, kleiner
Maria, in keinen Antikentempel zu Sanssouci oder zu Dresden eintreten und darin
vor dem Weltgeiste der schönen Natur der Kunst niederfallen; aber du konntest
doch in deine Kindheit-Antiken-Stiftshütte unter der finstern Treppe gucken, und
die Strahlen der auferstehenden Kindheit spielten, wie des gemalten Jesuskindes
seine im Stall, an den düstern Winkeln! O wenn grössere Seelen als du aus der
ganzen Orangerie der Natur so viel süsse Säfte und Düfte sögen als du aus dem
zackigen grünen Blatte, an das dich das Schicksal gehangen: so würden nicht
Blätter, sondern Gärten genossen, und die bessern und doch glücklichern Seelen
verwunderten sich nicht mehr, dass es vergnügte Meisterlein geben kann.
    Wutz sagte und bog den Kopf gegen das Bücherbrett hin: »Wenn ich mich an
meinen ernstaften Werken matt gelesen und korrigiert: so schau' ich stundenlang
diese Schnurrpfeifereien an, und das wird hoffentlich einem Bücherschreiber
keine Schande sein.«
    Ich wüsst' aber nicht, womit der Welt in dieser Minute mehr gedient ist, als
wenn ich ihr den räsonierenden Katalog dieser Kunststücke und Schnurrpfeifereien
zuwende, den mir der Patient zuwandte. Den zinnenen Ring hatt' ihm die
vierjährige Mamsell des vorigen Pastors, da sie miteinander von einem
Spielkameraden ehrlich und ordentlich kopuliert wurden, als Ehepfand angesteckt
- das elende Zinn lötete ihn fester an sie als edlere Metalle edlere Leute, und
ihre Ehe brachten sie auf vierundfunfzig Minuten. Oft wenn er nachher als
geschwärzter Alumnus sie mit nickenden Federn-Standarten am dünnen Arme eines
gesprenkelten Elegant spazieren gehen sah, dachte er an den Ring und an die alte
Zeit. Überhaupt hab' ich bisher mir unnütze Mühe gegeben, es zu verstecken, dass
er in alles sich verliebte, was wie eine Frau aussah; alle Fröhliche seiner Art
tun dasselbe; und vielleicht können sie es, weil ihre Liebe sich zwischen den
beiden Extremen von Liebe aufhält und beiden abborgt, so wie der Busen Band und
Kreole der platonischen und der epikurischen Reize ist. - Da er seinem Vater die
Turmuhr aufziehen half, wie vorzeiten die Kronprinzen mit den Vätern in die
Sitzungen gingen: so konnte so eine kleine Sache ihm einen Wink geben, ein
lackiertes Kästchen zu durchlöchern und eine Wanduhr daraus zu schnitzen, die
niemals ging; inzwischen hatte sie doch, wie mehre Staatkörper, ihre langen
Gewichte und ihre eingezackten Räder, die man dem Gestelle nürnbergischer Pferde
abgehoben und so zu etwas Besserem verbraucht hatte. - Die grüne Kinderhaube,
mit Spitzen gerändert, das einzige Überbleibsel seines vorigen vierjährigen
Kopfes, war seine Büste und sein Gipsabdruck vom kleinen Wutz, der jetzt zu
einem grossen ausgefahren war. Alltags-Kleider stellen das Bild eines toten
Menschen weit inniger dar als sein Porträt; - daher besah Wutz das Grün mit
sehnsüchtiger Wollust, und es war ihm, als schimmere aus dem Eis des Alters eine
grüne Rasenstelle der längst überschneieten Kindheit vor; »Nur meinen Unterrock
von Flanell«, sagte er, »sollt' ich gar haben, der mir allemal unter den Achseln
umgebunden wurde!« - Mir ist sowohl das erste Schreibbuch des Königs von Preussen
als das des Schulmeisters Wutz bekannt, und da ich beide in Händen gehabt: so
kann ich urteilen, dass der König als Mann und das Meisterlein als Kind
schlechter geschrieben. »Mutter,« sagt' er zu seiner Frau, »betracht doch, wie
dein Mann hier (im Schreibbuch) und wie er dort (in seinem kalligraphischen
Meisterstück von einem Lehnbrief, den er an die Wand genagelt) geschrieben: ich
fress' mich aber noch vor Liebe, Mutter!« Er prahlte vor niemand als vor seiner
Frau; und ich schätze den Vorteil so hoch, als er wert ist, den die Ehe hat, dass
der Ehemann durch sie noch ein zweites Ich bekommt, vor welchem er sich ohne
Bedenken recht herzlich loben kann. Wahrhaftig das deutsche Publikum sollte ein
solches zweites Ich von uns Autoren abgeben! - Die Schachtel war ein
Bücherschrank der lilliputischen Traktätchen in Fingerkalender-Format, die er in
seiner Kindheit dadurch herausgab, dass er einen Vers aus der Bibel abschrieb, es
heftete und bloss sagte: »Abermals einen recht hübschen Cober4 gemacht!« Andre
Autores vermögen dergleichen auch, aber erst wenn sie herangewachsen sind. Als
er mir seine jugendliche Schriftstellerei referierte, bemerkte er: »Als ein Kind
ist man ein wahrer Narr; es stach aber doch schon damals der Schriftstellertrieb
hervor, nur freilich noch in einer unreifen und lächerlichen Gestalt« und
belächelte zufrieden die jetzige. - Und so gings mit dem Finkenkloben ebenfalls:
war nicht der fingerlange Finkenkloben, den er mit Bier bestrich und auf dem er
die Fliegen an den Beinen fing, der Vorläufer des armlangen Finkenkloben, hinter
dem er im Späterbst seine schönsten Stunden zubrachte, wie auf ihm die Finken
ihre hässlichsten? Das Vogelstellen will durchaus ein in sich selber vergnügtes
stilles Ding von Seele haben.
    Es ist leicht begreiflich, dass seine grösste Krankenlabung ein alter Kalender
war und die abscheulichen 12 Monatkupfer desselben. In jedem Monat des Jahrs
machte er sich, ohne vor einem Galerieinspektor den Hut abzunehmen oder an ein
Bilderkabinett zu klopfen, mehr malerische und artistische Lust als andre
Deutsche, die abnehmen und anklopfen. Er durchwanderte nämlich die 11
Monat-Vignetten - die des Monats, worin er wanderte, liess er weg - und
phantasierte in die Holzschnitt-Auftritte alles hinein, was er und sie nötig
hatten. Es musste ihn freilich in gesunden und in kranken Tagen letzen, wenn er
im Jenner-Winterstück auf dem abgerupften schwarzen Baum herumstieg und sich
(mit der Phantasie) unter den an der Erde aufdrückenden Wolkenhimmel stellte,
der über den Winterschlaf der Wiesen und Felder wie ein Bettimmel sich
hinüberkrümmte. - Der ganze Junius zog sich mit seinen langen Tagen und langen
Gräsern um ihn herum, wenn er seine Einbildung den Junius-Landschaft-Holzschnitt
ausbrüten liess, auf welchem kleine Kreuzchen, die nichts als Vögel sein sollten,
durch das graue Druckpapier flogen und auf dem der Holzschneider das fette
Laubwerk zu Blättergerippen mazerierte. Allein wer Phantasie hat, macht sich aus
jedem Abschnitzel eine wundertätige Reliquie, aus jedem Eselkinnbacken eine
Quelle; die fünf Sinne reichen ihr nur die Kartons, nur die Grundstriche des
Vergnügens oder Missvergnügens.
    Den Mai überblätterte der Patient, weil der ohnehin um das Haus draussen
stand. Die Kirschblüten, womit der Wonnemond sein grünes Haar besteckt, die
Maiblümchen, die als Vorsteckrosen über seinem Busen duften, beroch er nicht -
der Geruch war weg -, aber er besah sie und hatte einige in einer Schüssel neben
seinem Krankenbette.
    Ich habe meine Absicht klug erreicht, mich und meine Zuhörer fünf oder sechs
Seiten von der traurigen Minute wegzuführen, in der vor unser aller Augen der
Tod vor das Bett unsers kranken Freundes tritt und langsam mit eiskalten Händen
in seine warme Brust hineindringt und das vergnügt schlagende Herz erschreckt,
fängt und auf immer anhält. Freilich am Ende kommt die Minute und ihr Begleiter
doch.
    Ich blieb den ganzen Tag da und sagte abends, ich könnte in der Nacht
wachen. Sein lebhaftes Gehirn und sein zuckendes Gesicht hatten mich fest
überzeugt, in der Nacht würde der Schlag sich wiederholen; es geschah aber
nicht, welches mir und dem Schulmeisterlein ein wesentlicher Gefallen war. Denn
es hatte mir gesagt - auch in seinem letzten Traktätchen stehts -, nichts wäre
schöner und leichter, als an einem heitern Tage zu sterben: die Seele sähe durch
die geschlossenen Augen die hohe Sonne noch, und sie stiege aus dem
vertrockneten Leib in das weite blaue Lichtmeer draussen; hingegen in einer
finstern brüllenden Nacht aus dem warmen Leibe zu müssen, den langen Fall ins
Grab so einsam zu tun, wenn die ganze Natur selber dasässe und die Augen sterbend
zuhätte - das wäre ein zu harter Tod.
    Um 111/2 Uhr nachts kamen Wutzens zwei besten Jugendfreunde noch einmal vor
sein Bette, der Schlaf und der Traum, um von ihm gleichsam Abschied zu nehmen.
Oder bleibt ihr länger, und seid ihr zwei Menschenfreunde es vielleicht, die ihr
den ermordeten Menschen aus den blutigen Händen des Todes holet und auf eueren
wiegenden Armen durch die kalten unterirdischen Höhlungen mütterlich traget ins
helle Land hin, wo ihn eine neue Morgensonne und neue Morgenblumen in waches
Leben hauchen? -
    Ich war allein in der Stube - Ich hörte nichts als den Atemzug des Kranken
und den Schlag meiner Uhr, die sein kurzes Leben wegmass - Der gelbe Vollmond
hingt tief und gross in Süden und bereifte mit seinem Totenlichte die Maiblümchen
des Mannes und die stockende Wanduhr und die grüne Haube des Kindes - Der leise
Kirschbaum vor dem Fenster malte auf dem Grund von Mondlicht aus Schatten einen
bebenden Baumschlag in die Stube - Am stillen Himmel wurde zuweilen eine
fackelnde Sternschnuppe niedergeworfen, und sie verging wie ein Mensch - Es fiel
mir bei, die nämliche Stube, die jetzt der schwarz ausgeschlagene Vorsaal des
Grabes war, wurde morgen vor 43 Jahren, am 13ten Mai, vom Kranken bezogen, an
welchem Tage seine elysischen Achtwochen angegangen - Ich sah, dass der, dem
damals dieser Kirschbaum Wohlgeruch und Träume gab, dort im drückenden Traume
geruchlos liege und vielleicht noch heute aus dieser Stube ausziehe und dass
alles, alles vorüber sei und niemals wiederkomme .... und in dieser Minute fing
Wutz mit dem ungelähmten Arme nach etwas, als wollt' er einen entfallenden
Himmel erfassen - - und in dieser zitternden Minute knisterte der Monatzeiger
meiner Uhr und fuhr, weils 12 Uhr war, vom 12ten Mai zum 13ten über .... Der Tod
schien mir meine Uhr zu stellen, ich hörte ihn den Menschen und seine Freuden
käuen, und die Welt und die Zeit schien in einem Strom von Moder sich in den
Abgrund hinabzubröckeln! ...
    Ich denke an diese Minute bei jedem mitternächtlichen Überspringen meines
Monatzeigers; aber sie trete nie mehr unter die Reihe meiner übrigen Minuten!
    Der Sterbende - er wird kaum diesen Namen lange mehr haben - schlug zwei
lodernde Augen auf und sah mich lange an, um mich zu kennen. Ihm hatte geträumt,
er schwankte als ein Kind sich auf einem Lilienbeete, das unter ihm aufgewallet
- dieses wäre zu einer emporgehobnen Rosen-Wolke zusammengeflossen, die mit ihm
durch goldne Morgenröten und über rauchende Blumenfelder weggezogen - die Sonne
hätte mit einem weissen Mädchen-Angesicht ihn angelächelt und angeleuchtet und
wäre endlich in Gestalt eines von Strahlen umflognen Mädchens seiner Wolke
zugesunken und er hätte sich geängstigt, dass er den linken gelähmten Arm nicht
um und an sie bringen können. - - Darüber wurd' er wach aus seinem letzten oder
vielmehr vorletzten Traum; denn auf den langen Traum des Lebens sind die kleinen
bunten Träume der Nacht wie Phantasieblumen gestickt und gezeichnet.
    Der Lebensstrom nach seinem Kopfe wurde immer schneller und breiter: er
glaubte immer wieder, verjüngt zu sein; den Mond hielt er für die bewölkte
Sonne; es kam ihm vor, er sei ein fliegender Taufengel, unter einem Regenbogen
an eine Dotterblumen-Kette aufgehangen, im unendlichen Bogen auf- und
niederwogend, von der vierjährigen Ringgeberin über Abgründe zur Sonne
aufgeschaukelt .... Gegen 4 Uhr morgens konnte er uns nicht mehr sehen, obgleich
die Morgenröte schon in der Stube war - die Augen blickten versteinert vor sich
hin - eine Gesichtzuckung kam auf die andre - den Mund zog eine Entzückung immer
lächelnder auseinander - Frühling-Phantasien, die weder dieses Leben erfahren,
noch jenes haben wird, spielten mit der sinkenden Seele - endlich stürzte der
Todesengel den blassen Leichenschleier auf sein Angesicht und hob hinter ihm die
blühende Seele mit ihren tiefsten Wurzeln aus dem körperlichen Treibkasten voll
organisierter Erde ..... Das Sterben ist erhaben; hinter schwarzen Vorhängen tut
der einsame Tod das stille Wunder und arbeitet für die andre Welt, und die
Sterblichen stehen da mit nassen, aber stumpfen Augen neben der überirdischen
Szene ....
    »Du guter Vater,« sagte seine Witwe, »wenn dirs jemand vor 43 Jahren hätte
sagen sollen, dass man dich am 13ten Mai, wo deine Achtwochen angingen,
hinaustragen würde!« - »Seine Achtwochen«, sagt' ich, »gehen wieder an, dauern
aber länger.«
    Als ich um 11 Uhr fortging, war mir die Erde gleichsam heilig, und Tote
schienen mir neben mir zu gehen; ich sah auf zum Himmel, als könnt' ich im
endlosen Äter nur in einer Richtung den Gestorbnen suchen; und als ich oben auf
dem Berge, wo man nach Auental hineinschauet, mich noch einmal nach dem
Leidensteater umsah und als ich unter den rauchenden Häusern bloss das
Trauerhaus unbewölket dastehen und den Totengräber oben auf dem Gottesacker das
Grab aushauen sah, und als ich das Leichenläuten seinetwegen hörte und daran
dachte, wie die Witwe im stummen Kirchturm mit rinnenden Augen das Seil unten
reisse: so fühlt' ich unser aller Nichts und schwur, ein so unbedeutendes Leben
zu verachten, zu verdienen und zu geniessen. -
    Wohl dir, lieber Wutz, dass ich - wenn ich nach Auental gehe und dein
verrasetes Grab aussuche und mich darüber kümmere, dass die in dein Grab
beerdigte Puppe des Nachtschmetterlings mit Flügeln daraus kriecht, dass dein
Grab ein Lustlager bohrender Regenwürmer, rückender Schnecken, wirbelnder
Ameisen und nagender Räupchen ist, indes du tief unter allen diesen mit
unverrücktem Haupte auf deinen Hobelspänen liegst und keine liebkosende Sonne
durch deine Bretter und deine mit Leinwand zugeleimten Augen bricht - wohl dir,
dass ich dann sagen kann: »Als er noch das Leben hatte, genoss ers fröhlicher wie
wir alle.«
    Es ist genug, meine Freunde - es ist 12 Uhr, der Monatzeiger sprang auf
einen neuen Tag und erinnerte uns an den doppelten Schlaf, an den Schlaf der
kurzen und an den Schlaf der langen Nacht ....
 
                                    Fussnoten
1 Die bekanntlich besser schmecken, wenn man sie mit Rutenstreichen tötet.
2 Langens geistliches Recht S. 534.
3 In manchen deutschen Gegenden tragen die Mädchen drei Dukaten am Halse.
4 Cobers Kabinettsprediger - in dem mehr Geist steckt (freilich oft ein
närrischer) als in zwanzig jetzigen ausgelaugten Predigtaufen.
 
 Ausläuten oder Sieben Letzte Worte an die Leser der Lebensbeschreibung und der
                                     Idylle
                       Am 21ten Junius oder längsten Tage
Heute wird also meine kleine Rolle, wenigstens für den ersten Auftritt, aus;
sobald ich die sieben Worte gar geschrieben habe: so gehen ich und die Leser
auseinander. Aber ich trete trauriger weg als sie. Ein Mensch, der den Weg zu
einem weiten Ziel vollendet hat, wendet sich an diesem um und sieht unbefriedigt
und voll neuer Wünsche über die zurücklaufende Strasse hin, die seine schmalen
Stunden wegmass und die er, wie eine Medea, mit Gliedern des Lebens überstreuete.
Eh' es heute Nacht wurde, hab' ich alle die Papierspäne, die von diesem Buche
fielen, eingesargt, aber nicht, wie andre Schreiber, eingeäschert - ich habe
zugleich alle Briefe der Freunde, die mir keine neue mehr schreiben können, als
Akten der in der Erden-Instanz geschlossenen Prozesse inrotuliert und hingelegt.
- So etwas sollte der Mensch stets deponieren und alle Freudenblumen aufkleben,
trotz ihrer Vertrocknung, in einem Kräuterbuche; nicht einmal seine alten
Fracks, Pikeschen und Bratenröcke (die übrigen Kleiderstücke charakterisieren
wenig) sollte er verschenken oder versteigern, sondern hinhenken sollt' er sie
als Hülsen seiner ausgekernten Stunden, als Puppengehäuse der ausgeflognen
Freuden, als Gewandfall oder tote Hand, die der Erinnerung heimfällt von den
gestorbenen Jahren ....
    - - Sobald ich heute am Tage, der so lang war als dieses Buch, mit dieser
Leichenbestattung fertig war: so ging ich in die Nacht heraus, die so kurz ist
wie die des Lebens ... und hier steh' ich unter dem Himmel und fühl' es wieder
wie allemal, dass jede überstiegne Treppe hienieden sich zur Staffel einer höhern
verkürzt und dass jeder erkletterte Tron zum Fussschemel eines neuen
einschrumpft. - Die Menschen bewohnen und bewegen das grosse Tretrad des
Schicksals und glauben darin, sie steigen, wenn sie gehen .... Warum will ich
schon wieder ein neues Buch schreiben und in diesem die Ruhe erwarten, die ich
im alten nicht fand? - - Ein buschichter Felsen, der sich über einen Steinbruch
bückt, hält mich hier mit meiner Schreibtafel, in der ich dieses Buch zu Ende
führen will, in der Nacht des Junius empor, den die Maler, wie den Tod, mit
einer Sense malen. - - Es ist über 11 Uhr; auf dem erloschnen blauen
Himmels-Ozean über mir glimmt nur hier und da ein zitterndes Pünktchen - der
Arkturus wirft aus Westen seine kleinen Blitze auf seine Erden und auf meine -
der grosse Bär blinkt aus Norden, und die Andromeda aus Osten - der breite Mond
liegt unter der Erde neben dem Mittage der neuen Welt - aber die eingesunkne
Abendröte (dieser bunte Sonnen-Schatte) beugt den Tagschimmer der neuen Welt
gemildert in die alte herein und wirft ihn über zehn überlaubte Dörfer um mich
und über den schwarzen, allein fortredenden Strom, diese lange Wasseruhr der
Zeit, die damit ein Jahrtausend ums andre misset. - -
    So jämmerlich ist der enge Mensch; wenn er ein Buch hinaus hat, so blickt er
zu allen entlegnen Sonnen auf, ob sie ihm nicht zusehen; - bescheidner wäre es,
er dächte, er werde bloss von Europa und dessen indischen Besitzungen bemerkt. -
- Ich wünsche nicht, dass mich hier ein Cherub, ein Seraph oder nur ein Berggeist
mit meiner Schreibtafel und meinen Narrheiten gewahr werde. Mich sehe lieber ein
Mensch stehen und schreiben: der wird mild sein und von seinem eignen Herzen
lernen, die Schwächen eines fremden tragen; der gebrechliche Mensch wird es
fühlen und vergeben, dass jeder das Nest, worin er sitzt und quiekt und welches
das einzige ist, worüber er mit Schnabel und H- hinaussticht, für den Fokus des
Universums hält, für eine Frontloge und Rotunda, die sämtlichen Nester aber auf
den andern Bäumen für die Wirtschaftgebäude seines Fokalnestes ..... O ihr guten
Menschen! warum ist es möglich, dass wir uns untereinander auch nur eine halbe
Stunde kränken? - Ach, in dieser gefährlichen Dezember-Nacht dieses Lebens,
mitten in diesem Chaos unbekannter Wesen, welche die Höhe oder Tiefe von uns
entfernt, in dieser verhülleten Welt, in diesen bebenden Abenden, die sich um
unser zerstäubendes Erdchen legen, wie ist es da möglich, dass der verlassene
Mensch nicht die einzige warme Brust umschlinge, in der ein Herz liegt wie
seines und zu der er sagen kann: »Mein Bruder, du bist wie ich und leidest wie
ich, und wir können uns lieben«? - Unbegreiflicher Mensch! du sammelst lieber
Dolche auf und treibest sie, mitten in deiner Mitternacht, in die ähnliche
Brust, womit der gute Himmel deine wärmen und beschirmen wollte! ... Ach, ich
schaue über die beschatteten Blumengründe hin und sage mir, dass hier
sechstausend Jahre mit ihren schönen hohen Menschen vorübergezogen sind, die
keiner von uns an seinen Busen drücken konnte - dass noch viele Jahrtausende über
diese Stätte gehen und darüber himmlische, vielleicht betrübte Menschen führen
werden, die uns nie begegnen, sondern höchstens unsern Urnen, und die wir so
gern lieben würden - und dass bloss ein paar arme Jahrzehende uns einige fliehende
Gestalten vorführen, die ihr Auge auf uns wenden und in denen das verschwisterte
Herz für uns ist, nach dem wir uns sehnen. - Umfasset diese eilenden Gestalten;
aber bloss aus euren Tränen werdet ihr wissen, dass ihr seid geliebt worden ....
    - Und eben dieses, dass die Hand eines Menschen über so wenige Jahre
hinausreicht und dass die so wenige gute Hände fassen kann, das muss ihn
entschuldigen, wenn er ein Buch macht: seine Stimme reicht weiter als seine
Hand, sein enger Kreis der Liebe zerfliesset in weitere Zirkel, und wenn er
selber nicht mehr ist, so wehen seine nachtönenden Gedanken in dem papiernen
Laube noch fort und spielen, wie andre zerstiebende Träume, durch ihr Geflüster
und ihren Schatten von manchem fernen Herzen eine schwere Stunde hinweg. -
Dieses ist auch mein Wunsch, aber nicht meine Hoffnung. Wenn es aber eine schöne
weiche Seele gibt, die so voll ihres Innern, ihrer Erinnerung und ihrer
Phantasien ist, dass sie sogar bei meinen schwachen überschwillt - wenn sie sich
und ein volles Auge, das sie nicht bezwingen kann, mit dieser Geschichte
verbirgt, weil sie darin ihre eigne, ihre verschwundnen Freunde, ihre
vorübergezognen Tage und ihre versiegten Tränen wiederfindet: o dann, geliebte
Seele, hab' ich an dich darin gedacht, ob ich dich gleich nicht kannte, und ich
bin dein Freund, wiewohl nicht dein Bekannter gewesen. Noch bessere Menschen
werden dir beides sein, wenn du den schlimmern verbirgst, was du jenen zeigst,
wenn das Göttliche in dir, gleich Gott, in einer hohen Unsichtbarkeit bleibet,
und wenn du sogar deine Tränen verschleierst - weil harte Hände sich
ausstrecken, die gern sie mit dem Auge zerdrücken, wie man nach dem Regen alle
grünen Spitzen des englischen Gartens niederschleift, damit sie nicht
weiterkeimen ....
    - Der helle Stern oder Tautropfe in der Ähre der Jungfrau fällt jetzt unter
den Horizont. - Ich stehe noch hier auf meiner blumichten Erde und denke: noch
trägst du auf deinen Blumen, alte gute Erde, deine Menschenkinder an die Sonne,
wie die Mutter den Säugling ans Licht - noch bist du ganz von deinen Kindern
umschlungen, behangen, bedeckt, und indes Geflügel auf deinen Schultern
flattert, Tiermassen um deine Füsse schreiten, geflügelte Goldpunkte um deine
Locken schweifen, führest du das aufgerichtete hohe Menschengeschlecht an deiner
Hand durch den Himmel, zeigest uns allen deine Morgenröten, deine Blumen und das
ganze lichtervolle Haus des unendlichen Vaters und erzählest deinen Kindern von
ihm, die ihn noch nicht gesehen haben. - - Aber, gute Mutter Erde, es wird ein
Jahrtausend aufgehen, wo alle deine Kinder dir werden gestorben sein, wo der
feurige Sonnen-Strudel dich in zu nahe verzehrende Kreise an sich wird gewirbelt
haben: dann wirst du, verwaiset, mit Stummen im Schoss, mit Todesasche bestreuet,
öde und stumm um deine Sonne ziehen, es wird das Morgenrot kommen, es wird der
Abendstern schimmern, aber die Menschen alle werden tief schlafen auf deinen
vier Welt-Armen und nichts mehr sehen .... Alle werden es? - Ach, dann lege eine
höhere tröstende Hand unserem Mitbruder, der zuletzt entschläft, den letzten
Schleier ohne Zögern über das einsame Auge ....
    .... Das Abendrot schimmert schon in Norden - auch in meiner Seele ist die
Sonne hinunter und am Rande zucket rotes Licht und mein Ich wird finster - die
Welt vor mir liegt in einem festen Schlafe und hört und redet nicht - es setzet
sich in mir zusammen eine bleiche Welt aus Totengebeinen - die alten Stunden
stäuben sich ab, es brauset, wie wenn an den Grenzen der Erde eine Vernichtung
anfinge und ich herüberhörte das Zerbrechen einer Sonne - der Strom stockt und
alles ist stille - ein schwarzer Regenbogen krümmt sich aus Gewittern zusammen
über diese hülflose Erde.
    - - Siehe! es tritt eine Gestalt unter den schwarzen Bogen, es schreitet
über die Junius-Blumen ungehört ein unermessliches Skelett und geht zu meinem
Berge heran - es verschlingt Sonnen, erquetscht Erden, tritt einen Mond aus und
ragt hoch hinein in das Nichts - das hohe weisse Gebein durchschneidet die Nacht,
hält zwei Menschen an den Händen, blickt mich an und sagt: »Ich bin der Tod -
ich habe an jeder Hand einen Freund von dir, aber sie sind unkenntlich.«
    Mein Mund lag auf die Erde gestürzt, mein Herz schwamm im Gifte des Todes -
aber ich hörte noch sterbend ihn reden.
    »Ich töte dich jetzt auch, du hast meinen Namen oft genennt und ich habe
dich gehört - ich habe schon eine Ewigkeit zerbröckelt und greife in alle Welten
hinein und erdrücke; ich steige aus den Sonnen in euren dumpfen, finstern Winkel
nieder, wo der Menschen-Salpeter anschiesset, und streich' ihn ab .... Lebst du
noch, Sterblicher?« ....
    Da zerging mein verblutetes Herz in eine Träne über die Qualen des Menschen
- ich richtete mich gebrochen auf und schauete nicht auf dieses Skelett und auf
das, was es führte - ich blickte auf zu dem Sirius und rief mit der letzten
Angst: »Verhüllter Vater, lässest du mich vernichten? Sind diese auch
vernichtet? Endigt das gequälte Leben in eine Zerschmetterung? Ach, konnten die
Herzen, die zertrümmert werden, dich nur so kurz lieben?«
    Siehe! da entfiel droben dem nachtblauen Himmel ein heller Tropfe, so gross
wie eine Träne, und sank wachsend neben einer Welt nach der andern vorbei - Als
er gross und mit tausend Farbenblitzen durch den schwarzen Bogen drang: so grünte
und blühte dieser wie ein Regenbogen und unter ihm waren keine Gestalten mehr -
und als der Tropfen gross-glimmend wie eine Sonne auf fünf Blumen lag: so
überfloss ein irrendes Feuer die grüne Fläche und erhellete einen schwarzen Flor,
der ungesehen die Erde umfasset hatte. Der Flor zog sich schwellend auf zu einem
unendlichen Zelte und riss von der Welt ab und fiel zu einem Leichenschleier
zusammen und blieb in einem Grabe. - Da ward die Erde ein tagender Himmel, aus
den Sternen stäubte ein warmer Regen von lichten Pünktchen nieder, am Horizont
standen weisse Säulen aufgepflanzt - von Westen her walleten kleine Wolken
herüber, perlen-hell, grünlich-spielend, rot-glühend, und auf jeder Wolke
schlief ein Jüngling und sein Atem-Zephyr spielte mit dem rinnenden Dufte wie
mit weichen Blüten und wiegte seine Wolke - die Wogen eines lauen Abendwindes
spülten an die Wolken an und führten sie. - Und als eine Welle in meinen Atem
floss, so wollt' in ihr meine Seele dahingegeben in ewige Ruhe auseinanderrinnen
- weit gegen Westen erschütterte eine dunkle Kugel sich unter einem Gewitterguss
und Sturm - von Osten her war auf meinen Boden ein Zodiakallicht wie ein
Schatten hingeworfen ....
    Ich wandte mich nach Osten, und ein ruhig-grosser, in Tugend seliger, wie ein
Mond aufgehender Engel lächelte mich an und fragte. »Kennst du mich? - Ich bin
der Engel des Friedens und der Ruhe, und in deinem Sterben wirst du mich
wiedersehen. Ich liebe und tröste euch Menschen und bin bei eurem grossen Kummer.
- Wenn er zu gross wird, wenn ihr euch auf dem harten Leben wundgelegen: so nehm'
ich die Seele mit ihren Wunden an mein Herz und trage sie aus eurer Kugel, die
dort in Westen kämpft, und lege sie schlummernd auf die weiche Wolke des Todes
nieder.«
    Ach! ich kenne einige schlafende Gestalten auf diesen Wolken! ...
    »Alle diese Wolken ziehen mit ihren Schläfern nach Morgen - und sobald der
grosse gute Gott aufgeht in der Gestalt der Sonne: so wachen sie alle auf und
leben und jauchzen ewig.«
    O siehe! die Wolken gen Osten glühen höher und drängen sich in ein Glut-Meer
zusammen - die steigende Sonne nahet sich - alle Schlummernden lächeln
lebendiger aus dem seligen Traum dem Wachen entgegen -
    O ihr ewig geliebten kenntlichen Gestalten! wenn ich in eure grossen
himmeltrunknen Augen wieder werde schauen können ....
    Ein Sonnenblitz schlug empor - Gott ruhte flammend vor der zweiten Welt -
alle geschlossene Augen fuhren auf - -
    Ach! auch meine; nur die Erdensonne ging auf - ich klebte noch auf der
streitenden Abend-Kugel - die kürzeste Nacht war über meinen Schlummer
vorübergeeilet, als wäre sie die letzte des Lebens gewesen.
    Es sei! Aber heute richtet sich mein Geist auf mit seinen irdischen Kräften
- ich erhebe meine Augen in die unendliche Welt über diesem Leben - mein an ein
reineres Vaterland geknüpftes Erdenherz schlägt gegen deinen Sternenhimmel
empor, Unendlicher, gegen das Sternenbild deiner grenzenlosen Gestalt, und ich
werde gross und ewig durch deine Stimme in meinem edelsten Innern: du wirst nie
vergehen. - -
    Und so wer mit mir sich einer Stunde erinnert, wo ihm der Engel des Friedens
erschien und ihm teuere Seelen aus der irdischen Umarmung zog; ach, wer sich
einer erinnert, wo er zu viel verlor - der bezwinge das Sehnen und sehe mit mir
fest zu den Wolken auf und sage: Ruhet immerhin auf eurem Gewölke aus, ihr
entrückten Geliebten! Ihr zählt die Jahrhunderte nicht, die zwischen eurem Abend
und eurem Morgen verfliessen, kein Stein liegt mehr auf eurem bedeckten Herzen
als der Leichenstein, und dieser drücket nicht, und euer Ruhen störet nicht
einmal ein Gedanke an uns ....
    Tief im Menschen ruht etwas Unbezwingliches, das der Schmerz nur betäubt,
nicht besiegt. - Darum dauert er ein Leben aus, wo der beste nur Laub statt
Früchte trägt, darum wacht er fest die Nächte dieser westlichen Kugel hinaus, wo
geliebte Menschen über die liebende Brust in ein weit entlegenes Leben wegziehen
und dem jetzigen bloss das Nachtönen der Erinnerung hinterlassen, wie durch
Islands schwarze Nächte Schwanen als Zugvögel mit den Tönen von Violinen fliegen
- - Du aber, den die zwei schlafenden Gestalten geliebt und in dem sie mir ihren
und meinen Freund zurückgelassen, du mein mit ewiger Hochachtung geliebter
Christian Otto, bleibe hienieden bei mir!
 
    