
        
                          Teodor Gottlieb von Hippel
                        Kreuz- und Querzüge des Ritters
                                   A. bis Z.
                                  Erster Teil.
                                      §. 1.
                                        
                                    Der Name
meines Helden ist kurz und gut: A.B.C. bis X.Y.Z., des heiligen Römischen
Reiches Freiherr von, in, auf, nach, durch und zu Rosental, Ritter vieler Orden
trauriger und fröhlicher Gestalt, von der Ceder auf Libanon bis zum Ysop, der
aus der Wand wächst. Da er das goldene A.B.C. bei der heiligen Taufe zu seinen
Vornamen empfangen hatte, so ward er A.B.C. Freiherr von und zu Rosental,
zuweilen auch, wer weiss ob beliebter Kürze oder der Euphonie wegen, Alpha- und
Omega-Ritter genannt. Seine
                                     §. 2.
                                        
                                    Familie
ist eine der urururältesten auf Gottes ergiebigem Erdboden, so dass sie das Wort
neu selbst bei den heiligsten und unschuldigsten Dingen so leicht nicht ertragen
mochte. Ob sie das Alte Testament für den eigentlichen Stamm, und das Neue etwa
für einen Ableger hielt, blieb ein Familiengeheimniss, so wie wir noch mehr auf
dergleichen stossen werden. Ausser Zweifel schien es, dass sie das Neue bloss als
die Fortsetzung des Alten aus christlicher Liebe gelten liess. War vom neuen
Bunde die Rede, so wollten die Rosentaler vom alten Bunde sein, ob man gleich
zur Steuer der Wahrheit nicht unangezeigt lassen kann, dass sie das Sakrament der
heiligen Taufe dem Sakramente der heiligen Beschneidung rühmlichst vorzogen und
überhaupt nicht in Abrede stellen wollten und konnten, recht altgläubige, zur
evangelisch-luterischen Kirchenordnung gehörige Christen zu sein. Als ein
junger Zweig des von Rosentalschen Geschlechtes mit gewichsten Stiefeln von
Universitäten zurückkehrte, ward im väterlichen Hause ein Büss- und Bettag
angeordnet; und wer nicht aufhören konnte, über die wächsernen Nasen zu seufzen,
die man aus Gottes Wort und aus den Rechten in dieser letzten betrübten Zeit
machte war die Frau Grossmama, deren wackelnder Kopf bei dieser Leichenpredigt
sich rühmliche Mühe gab, dem entzahnten Munde schrecklich und erwecklich
nachzuhelfen. Die alten Damen dieses Ehrengeschlechtes waren Todfeindinnen jeder
neuen Mode; und wenn diese auch den ältesten Trachten auf den Familiengemälden
wie Ein Ei dem andern glich, so machten sie es sich doch zur Pflicht, bei einem
gotischen Geschmacke Verschwenderinnen zu sein. Dessen ungeachtet circulirte
von allem Neuen eine getreue Controle in der Familie, wiewohl nur als
Präservativ, um über diese Gräuel ein desto gründlicheres Ach und Weh ausrufen
zu können. Die jüngern Damen traten diesen Gesinnungen nicht völlig bei; indes
söhnten sie sich mit ihren Gotinnen durch eine gemeinschaftliche Sitte aus,
nach welcher weder Damen noch Herren respective neue Schuhe und Stiefel trugen,
sondern sie erst durch andere austreten liessen. Der Missbrauch einer bekannten
Spruchstelle, wodurch man noch zu dieser Frist das Inconsequente lächerrlich zu
machen sucht: Gleich wie der Löwe ein grimmiges Tier ist, also sollen wir auch
in einem heiligen Leben wandeln, schreibt sich aus dieser Familie her. Wegen der
apokalyptischen Worte: Siehe, ich mache alles neu! waren sie mit den Herren
Geistlichen in ewigem Zwist, und die altfränkischen Wörter, bei denen in den
Wörterbüchern Warnungstafeln zu stehen pflegen, hielten sie für die ersten und
besten. Es war erbaulich, ihre Briefe zu lesen! wenigstens hundert Jahre konnte
man sie zurück datiren. Ob ich nun gleich bei der Stange zu bleiben und mich auf
meinen Helden einzuschränken entschlossen bin (mit dem ich gewiss alle Hände voll
zu tun haben werde, wobei ich indes vielleicht den Kopf zu schonen hoffen
darf), so will es doch der Zusammenhang, dass ich auch ein paar Kreuz- und
Querzüge von seinen Ahnherren in beliebter Kürze und Einfalt bestehe; und da muss
ich Schande halber das Wort
                                     §. 3.
                                        
                                   Stammbaum
zuerst beherzigen.
    Der Stammbaum dieser Altenbundes - Familie hatte, wie Europa, die Gestalt
einer sitzenden Jungfer; nicht als ob Europa schon das weiteste Ziel wäre, das
dieses ausgebreitete Geschlecht sich zum Territorio vorgezeichnet hatte; nicht
als ob die Jungfer hier etwa ein Bild der Fruchtbarkeit vorstellte (denn die
Familie wusste so gut wie ein anderer und irgend jemand, dass Jungfrauen nicht,
wie Aecker, durch Fruchtbarkeit im Anschlage steigen), sondern weil Europa der
Sitz des wahren Grossen und alles Erhabenen und Schönen ist; und zunächst, um die
Makellosigkeit, Pracht, kurz, die reine Jungfrauschaft der Rosentalschen
Familie anzudeuten. Der Stammbaum lag bei dem Seniori Familiae, um die
Ehrerbietung für das Alter auszudrücken, was auch die Zahl bezeichnen sollte,
die mit der Welt lief und jährlich am Charfreitage abgeändert ward; wohl zu
merken, zum Andenken des Hauptmanns, der unter dem Kreuze Christi stand, und mit
dem die Familie (obgleich nur vermittelst eines Streifschusses, wie sie
Hochselbst im Scherz es zu nennen pflegte) verwandt zu sein nicht undeutlich zu
verstehen gab. In dem jetzt laufenden Jahre hat die Stammtafel nach Seti
Calvisii Rechnung die Nummer 5741. Dies Ehrenwerk war übrigens auf holländische
Leinwand geklebt, um teils den Reichtum der Familie, und teils auch, in
Rücksicht des Kleisters, die Bluts- und Gemütsübereinstimmung des Geschlechtes
zu versinnbilden. Ob es übrigens aus Pergament oder blossem Papiere bestanden
habe, wird leider! in meinen Nachrichten nicht bemerkt; und da ich es vorzüglich
darauf anlege, treu befunden zu werden, so will ich diesen Umstand weit lieber
mit bescheidenem Stillschweigen übergehen, als ihn voll Eigendünkel mit falschen
Vermutungen ausstatten. Vielleicht finde ich noch loco congruo Gelegenheit,
diese Stammtafel anzuführen. Der dritte Paragraph mag sich mit dem Postscripte
von Anmerkung begnügen, dass dem Familienkasten, in welchem dieses Kleinod von
Stammbaum lag, die Form des Kastens Noä beigelegt war, so dass (obgleich, wie es
sich von selbst versteht, nach verjüngtem Massstabe) dreihundert Ellen seine
Länge, fünfzig Ellen die Breite und dreissig Ellen seine Höhe hielt. Auch war er
von Tannenholz und (des weisen Sittenspruchs: »wer Pech angreift, besudelt
sich,« ungeachtet) mit Pech, Notabene nur inwendig, nicht ver-, sondern aus
gepicht, und verdiente sonach, caeteris peribus, mit allem Rechte der Kasten Noä
genannt zu werden. Ausser dem Seniori Familiae gehörten zu dieser Bundeslade vier
Assessoren, welche die vier an Jahren auf den Senior folgenden Freiherren von
Rosental waren und im gemeinen Leben schlechtweg Kastenherren hiessen. Jeder von
den Kastenherren hatte einen Schlüssel, nach Anzahl der fünf besondern
Schlösser; dem Seniori kam das Schloss in der Mitte zu, das die übrigen vier an
Grösse bei weitem übertraf und auch, wie Rechtens, einen grossen Schlüssel
erforderte, welcher gewöhnlich der Kammerherrnschlüssel genannt zu werden
pflegte. Ich will dieser heiligen Rolle nicht zu nahe treten, die mit so vielen
Randglossen verbrämt war, dass die Tressen das Tuch, die Noten den Text kaum
frische Luft schöpfen liessen. Nur auf das, was unumgänglich nötig ist, wollen
wir uns einschränken. Dahin gehört unter andern, dass vier Arme von der
Rosentalschen Familie sich ergossen hatten. Einer war gräflich, einer bestand,
wie man sagte, aus simpeln Edelleuten, zwei Arme, und bei weitem die
zahlreichsten, waren freiherrlich. Die Gräflichen schrieben sich ausschlussweise
Grafen von und zu Rosental, und hiessen zuweilen die Edelsteine der Familie; die
simpeln Edelleute von Rohsehntaahl, weil sie, nach unwiderlegbaren Urkunden,
von jeher des Buchstabirens rühmlichst unbeflissen gewesen waren, wobei sie sich
denn auch bis auf den heutigen Tag hochansehnlich zu erhalten um so mehr Mühe
geben, da sie sonst sehr leicht den Ruhm des Altertums aufs Spiel setzen
könnten. Was hülf' es dem Menschen, wenn er das Buchstabiren gewönne und nähme
doch Schaden am grauen Altertum seiner Familie? Zuweilen wurden sie die
Familienecksteine genannt. - Was die beiden freiherrlichen Arme betrifft, so
schrieb sich der eine mit, der andere ohne Circumflex am Ende des Namens, so dass
jene, mit diesem Circumflex, auch Circumflexer hiessen. Zuweilen wurden sie
Elephanten genannt, und obgleich diese Benennung ihnen nicht zur Schande
gereichte und von keinem Spötter erfunden zu sein schien, so sahen sie doch
diesen Namen als einen Spitz- oder Ekelnamen an. Auch hiessen in dieser
steinreichen Familie die ohne: Flintensteine, die mit: Steine des Anflosses. Die
Circumflexer waren wieder nach ihren Häusern unterschieden und hiessen Mühl-,
Reib- und Nierensteine, womit ich aber weder meinen Lesern noch mir einen Stein
in den Weg legen will. Wer es seiner geben wollte, nannte jene mit dem
Circumflex bloss: mit, z.B. Freiherr von Rosental mit. - Man hatte zu dieser
Ellipsis noch eine besondere Ursache; es ging nämlich die Rede, dass, so lange
die Circumflexer existirt hätten, zwei Drittteile von ihnen einen Buckel
gehabt. Ob es bloss ein artiger Scherz oder eine unartige Wahrheit gewesen, dass
der Stamm ohne den Stamm mit durch Brief und Siegel, durch Urteil und Recht,
gezwungen hätte, buckelig zu sein (welcher Rechtsspruch bei Gelegenheit eines
dreissigjährigen Lehnsprocesses rechtskräftig geworden war), lass' ich dahin
gestellt sein. - Wie viel durch Urteil und Recht möglich ist, wissen wir alle.
Dieser Hokuspokus macht das Gerade krumm, das Krumme gerade, erklärt Menschen
für todt und spricht: kommt wieder Menschenkinder! je nachdem es im Rate der
Schöppen beschlossen ist. Ich selbst habe drei Rosentaler gekannt, welche
diesen Auswuchs (dieses Harz, wie es die anderen Arme der Rosentalschen
Familie, um es sein und lieblich zu geben, auch wohl zuweilen nannten) nicht
läugnen konnten, indes gar merklich dass widerlegten, was man in der Regel zu
behaupten pflegt: dass dergleichen Ausgewachsene oder Harzige sich in Hinsicht
der Seelen durch Verschlagenheit und Lift und dem Fleische nach durch
körperliche Stärke auszeichnen. Wenn die Spruchstelle: »Hüte dich vor dem, den
Gott gezeichnet hat,« (so wie die meisten Exegeten der höckerigen Meinung sind)
geradezu auf die Buckeligen geht, so kann man mit Bestande der Wahrheit
hinzufügen: Excipe die Circumflexer. - Unser Held war aus dem Stamm ohne. Wie
der Stamm mit zu dem Mit gekommen, erhellt aus einer
                                     §. 4.
                                        
                                    Legende,
die bei der Familie durch Tradition, und also nicht im Kasten Noä mit fünf
besondern Schlössern, aufbewahrt wurde, und die ich curiositatis gratia, so wie
ich sie empfangen habe, erzählen will.
    Es war einmal Adam Sem Ham Japhet Freiherr von Rosental, der wegen seiner
Stärke, um bei der heiligen Schrift zu bleiben, Simson, und wegen seiner
Schönheit Joseph heissen konnte. Ich würde ihn mit dem Königssohne Absalom
vergleichen, wenn der Herr Vater des Prinzen Absalom von alter Familie gewesen
wäre, und Se. Majestät nicht in Dero Jugend das liebe Vieh gehütet hätten. -
Hierzu kommt, dass Se. königliche Hoheit an einer Eiche hangen blieben. (Schade,
nicht um den Prinzen, sondern um sein schönes Haar! -) Das schwarzbraune Haar
unseres Adam Sem Ham Japhets, das Absalom gewiss nicht köstlicher haben konnte;
seine Ritterstirn, die sich wie ein Fächer in Falten legte und öffnete, je
nachdem es Styli war; seine freiherrliche Adlernase; seine felsenfeste Brust;
sein Potsdamer Wuchs - alles und jedes erhob ihn zu dem seltsamsten Manne seiner
Zeit. Jeder Teil seines Körpers schien es auf eine besondere Festung anzulegen
und auf sichere Eroberung Anspruch zu machen. Er war vom Schlage der Antinousse,
ging übrigens, wie es sich eignet und ziemet, ländlich sittlich, ehrlich und
ordentlich zu Werke, und spannte alle diese Natursegel nur auf, um den Hafen
eines einzigen schönen und reichen Fräuleins zu erreichen. Diese Bescheidenheit
gab allen seinen Eigenschaften ein reizendes Colorit. Sein Haus ward durch diese
Heirat, durch Fleiss und Oekonomie gross, und allgemein erscholl die Rede, er
werde sich, wie man es nannte, grafiren (in den Grafenstand versetzen) lassen.
Bei allem, was dem Publikum zum Besten gegeben wird, ist Wahrheit die Basis;
indes, um es schmackhaft zu machen, mischt, wer die Kunst versteht, etwas für
den Gaumen hinzu; er bemüht sich (um ein anderes Bild aufzustellen), durch seine
falschen Steine eine Wahrheit zu erspiegeln, und jedem seiner Lügenschlösser
legt er ein Fundament von richtigen Umständen; nur selten bauet er auf Sand, wie
Stümper, die entweder nicht lange genug im Dienste des Lügenvaters gewesen sind,
oder denen es an Genie fehlt, seinem Unterrichte Ehre zu machen. - Unser
Freiherr hatte wirklich öfters den Gedanken, für sein so reich gewordenes Haus
den Grafenstand zu suchen, den er auch eben so wirklich gesunden haben würde.
Bloss der weise Umstand, dass die von der gräflichen Familienlinie ältere Grafen
gewesen wären, erzeugte die reifere Ueberlegung, lieber zu bleiben, was er war,
und sich auf andere Art unsterblich zu machen. Man weiss z.B., dass er einen
prächtigen Kirchturm, drei neue Glocken und einen Riss zu einem neuen
Beichtstuhle veranstalten, dem Pfarrer loci eine Speisekammer und was sich bei
Küche und Speisekammer von selbst versteht - anlegen liess; und wenn gleich
einige naseweise Klüglinge ihm den Rat gaben, den Teilhabern der in seinem
selbsteigenen Hospitale befindlichen Armen ein paar Pfennige zuzulegen, so fand
er es doch weit rühmlicher, das Hospital durch eine schöne Uhr zu zieren, als
diese Zulage einzuräumen, da es wohl auffallend den Vorzug verdient, ganz
richtig zu wissen, wenn es Mittag ist, als etwas zu essen zu haben. - Sein Geld
trug, wie sein Acker, tausendfältig, ohne dass er den Boden und alles, was sonst
um und an ihm war, anders als landüblich behandelte. Die Glücksumstände unseres
Freiherrn wurden zu gross, als dass sie nicht die todten Kohlen des Neides hätten
ins Leben hauchen und sie glühend machen sollen, obgleich der Kohlendampf den
Neidern oft mehr als den Beneideten schadet. Der gemeine Mann schrieb in
beliebter Kürze und Einfalt dieses fast unerklärliche Glück dem Alp zu, der
nicht allein drückt, sondern auch beglückt; die Philosophen damaliger Zeit
behaupteten: es hätte sich im Rosental'schen Schloss ein Schatz gefunden; die
Juristen, die am seltensten den Punkt treffen, waren der federleichten Meinung:
er hätte seine Schwäger bei der Teilung hintergangen; die Politiker sagten sich
ins Ohr: er wäre ein Spion und geheimer Briefträger einer benachbarten Macht;
die Teologen, die er Ehren halber weidlich bewirtete, machten alle jene Aus-
und Einfälle durch die fromme Belehrung caput: Gottes Segen, an dem alles
gelegen sei, habe ihn reich gemacht ohne Mühe! - Niemand traf den Nagel auf den
Kopf; und freilich konnte man so leicht nicht erraten, dass allein die frommen
Wünsche und Einlenkungen der Unterirdischen dies Hans so glücklich machten.
Diese Unterirdischen hatten ihre Wohnung in dies Schloss verlegt, und zwar wegen
eines unangenehmen Vorfalles, der ihnen in ihrem vorigen Quartier zugestossen
war. (Bekanntlich sind kleine Leute sehr leicht aufzubringen.) Den
Schwergläubigen unter meinen Lesern zu Nutz und Frommen bemerk' ich, dass die
Unterirdischen angeblich kleine, fingerlange Menschlein sein sollen, die mit
einer unbeschreiblichen Leichtigkeit in ihre unterirdische Wohnung hinab und zu
uns herauf kommen und, wenn sie um uns sind, sich mit der leichtesten Mühe, und
fast natürlich, unsichtbar machen können. Sie haben die vortrefflichsten Augen,
die ihnen selbst in der Dämmerung und bei Nacht nicht ungetreu werden. Ach!
nicht nur zwischen Himmel und Erde, sondern auch in und unter der Erde gehen,
nach alter Rosental'scher Meinung, Dinge vor, die keinem Philosophen -
ausgenommen den Grafen Gabalis - geträumt haben! Wer hörte nicht, wenn am
schwülen Sommertage, wo der Hirsch nach frischem Wasser schrie, die Natur sich
schnell mit Flor überzog, so wie der Hof, wenn der Fürst das Zeitliche mit dem
Ewigen verwechselt? Wer hörte nicht beim Donner und Blitz, bei Hagel und
check und dem heftigsten Sturme seine pfeifende Stimmen, die so ein alter
grauer Kerl, wie der Sturm, um alles in der Welt nicht herauszugurgeln im Stande
ist? Wer vernahm nicht fürchterlich heisere Stimmen, die zuletzt nur pfiffen und
zischten? Und wer zweifelt an der unerschütterlichen eisernen Brust des Sturms,
dem es schier eine Kleinigkeit ist, alles Stimmbegabte und den tapfersten
Bassisten zu überkreischen? - Wer kann es erklären, wenn Hunde, oft mir nichts
dir nichts, anschlagen und ihre Leute aus dem angrenzenden Quartiere durch ein
Feldgeschrei ins Gewehr rufen und, wie es uns dünkt, ohne alle Ursache
schneidend heulen und jammernd wehklagen? - O, des grässlichen Weh's, das in
diesen Klagen liegt! - Wer sah nicht Fenster zittern und beben, ohne dass weder
check noch ein heftiger Regen dazu Anlass gaben? - Wem blitzte nicht oft ein
kalter Schauer durch alle Glieder, obgleich nichts als ein sanftes, fast
unmerkliches Säuseln in der Luft seine Nerven berührte? - Wie oft wimmern nicht
unsere Haustiere und selbst das Schoosshündchen (das sich doch nicht sicherer
befinden kann), ohne allen körperlichen Schmerz und ohne alle Luftveränderung? -
Wer wird nicht aufmerksam gemacht durch so manchen Aufruhr unter dem Federvieh,
der ohne Schatten von Ursachen entstand? - Wer kann es erläutern, warum die
ältesten hölzernen Mobilien, die alle mögliche Jahreszeiten ein ganzes Säculum
hindurch und länger erduldeten, die von Grossmutter auf Mutter, und von Mutter
auf Tochter vererbt wurden, auf einmal in Laute ausbrechen, über die ein
Feldmarschall aufspringt und derentwegen der gespensterungläubige Philosoph die
Feder fallen lässt, die er sich in sechs Minuten nicht aufzuheben getraut? - Wenn
nicht Besuche von Unsichtbaren hieran Schuld sind, was kann es sonst sein?
    Längst hätte der Mensch die Hunde, an die er sich so unerklärlich gewöhnt,
mit dem Hunderechte, das diese Kreaturen, so gut wie die Tauben das ihrige,
behaupten, aufgegeben; längst hätte der Mensch eine Balanz von Kosten und
Vorteil gezogen und das augenscheinlichste Missverhältnis zwischen den Diensten
der Hunde und dem Aufwande, den man ihretwegen treibt, überschlagen - wenn Hunde
nicht so sichere Witterung von dergleichen Erscheinungen hätten. - Eine
Abschweifung! Wahr! allein ein Auszug von fünfzig Folioseiten meiner
Legendennachrichten, bei dem meine Leser nichts verloren haben. Damit wir indes
unsere Fingermenschen nicht unter den Händen verlieren, so setzt meine Tradition
zum voraus, dass sie gar gern sich in Schlössern aufhalten, je älter je besser;
nur müssen diese Schlösser bewohnt sein, weil die Menschlein sich gar zu gern
mit Menschen messen, und, wiewohl fast unsichtbar, ihres Umganges geniessen. Ein
besonderes Völkchen! So lange hat man vergebens Eldorado gesucht, und es bis
jetzt nirgends als in Romanzen gefunden; - unter der Erde ist es, ihr Herren
Sucher und Versucher! - Ach! glaubt mir - nirgends anders, als unter der Erde!
    Ob übrigens etwa eine Verwünschung, die in dergleichen alten Gebäuden zu
Hause gehört, an der Figur unserer Kleinen Schuld sei, oder ob wirklich
dergleichen Geschöpfe gleich anfänglich und schon bei der Schöpfung so klein
gewesen, das bleibt in meinen Nachrichten weislich oder unweislich unbemerkt.
Allenfalls müsste D. Swift darüber Auskunft geben. - Dass ihrer weder bei einem
Tagwerk in der Schöpfungsgeschichte Mosis, noch bei dem Inventario von dem
Kasten Noä der alten Welt, noch vermittelst einer Registratur bei dem
Rosentalschen Kasten Noä gedacht worden, ist nicht zu läugnen; indes können
solche Kleine leicht von Geschichtschreibern übersehen worden sein, besonders da
sie sich so gerne verstecken und die Gewohnheit haben, mit den Menschen
Blindekuh zu spielen. Sie leiden nichts mehr, als das Wiedervergeltungsrecht,
wenn sie übersehen werden. Genug, dergleichen Fingerlein, wie man sie in der
Familie nannte, befanden sich bei oder unter dem altväterischen Schloss des
Herrn Freiherrn Adam Sem Ham Japhet, Freiherrn von Rosental. Schon zu seines
Herrn Grossvaters Zeiten hielten sie ihren Einzug in dieses Schloss; und so sehr
man sich auch Mühe gab, die eigentliche Ursache zu ergründen, welche die
Fingerlein bewogen haben könnte, diese Wanderung vorzunehmen, so war dennoch
dieses Geheimnis nicht zum Stehen zu bringen. Man hielt die Familie in dem
Schloss, dem die Fingerlein den kleinen Rücken zugekehrt hatten, für eine der
glücklichsten im Lande, ohne dass sie wusste, wie sie zu diesem Segen kam. Was sie
anfing, ging fort, wie die Weiden an den Wasserbächen; - ihre Rechnung war ohne
Wirt gemacht, und doch richtig. Selbst der Neid schwieg. »Der Himmel gibt es
ihnen im Schlafe;« mehr getraute er sich nicht ihnen nachzureden. O, des
beneidenswerten Glücks! Nach dieser böslichen Verlassung ging es der Familie
nicht viel anders, als dem Kreuz- und Querträger Hiob; doch mit dem
Unterschiede, dass sie nicht wie er zu sagen vermochte: Ende gut, alles gut. Man
konnte nicht ausfahren, ohne ein Rad zu brechen; nicht bei dem Fürsten des
Landes essen, ohne von einer bauchlauten (ventriloque) Kolik übel geplagt zu
werden. Ward etwas Kluges gesprochen, so überfiel die Cavaliere ein so
schläfriges Gähnen, dass sie wegen dieser Idiosynkrasie zum Sprichwort wurden.
Gegen die Fräulein, die sich so geheim zu halten wussten, wie eins im Lande,
hatte man, der äussersten jungfräulichen Behutsamkeit ungeachtet; in puncto
puncti gar übel Verdacht, so dass nicht Stern, nicht Glück weiter, in der Familie
war. Der Name dieser verlassenen Familie ist nicht mehr unter den Lebendigen,
und hauset nur noch auf Leichensteinen und in Gebeinhäusern, wo man, wiewohl
doch nur sehr verstümmelte Ueberbleibsel ihrer vorigen Bedeutung findet; - denn
selbst im Grabe hörte die Rache der Unterirdischen diesmal nicht auf! - Diebe
haben die Hauptstücke dieser Grabesherrlichkeiten verfälscht und Donner und
Blitz sich an den Ruinen auf eine so gewaltsame Weise vergriffen, dass diese
Ruinen (wenn man den elenden Ueberbleibseln ja diesen Ehrennamen verstatten
wollte) nur Schrecken und Rache verkündigen. - Einer von den Fingerlein, und wie
man sagt nicht der geringste, kam zum Grossvater des Adam Sem Ham Japhet
Freiherrn von Rosental früh Morgens um drei Uhr. Den eigentlichen Tag hat man
nicht ausfindig machen können; indes soll es entweder der kürzeste oder der
längste im Jahre gewesen sein. Sonst wird bemerkt, dass die Fingerlein in der
Regel des Morgens zwischen zwei und drei Uhr ihren Anzug zu melden und zwischen
elf und zwölf Uhr Nachts Abschied zu nehmen gewohnt wären. Sie wurden von dem
Grossvater mit Freuden auf- und angenommen; wer wird sich auch nicht freuen,
Gäste in seinem Hause zu haben, die mehr einbringen, als kosten? Man hört, man
sieht sie nicht; bloss Sonntagskindern war es gegeben, sie zu erblicken, und nur
diese wussten ein Wort von ihnen zu seiner Zeit zu erzählen. Zwar gaben sie keine
verabredete Miete; indes strömte dem Grossvater Geld und Gut von allen Ecken und
Enden zu, er und sein ganzes Haus gingen auf einer Art Rosen, die keine Dornen
hatte, man lebte, wie man sagt, in floribus. - Der Grossvater, ward der
Glückliche genannt, und all sein Dichten, all sein Trachten ging herrlich von
statten. Die Erbschaft dieses Glückes fiel seinem Sohne glücklichen Andenkens
zu, und auch sein Enkel Adam Sem Ham Japhet grünte und blühte, so dass der
Wohlstand der von Rosentalschen Familie weit und breit bekannt und des Redens
und Singens darüber kein Ende war - Sela!
    So war und blieb es, bis ein durchlauchtiges Beilager unter den Fingerlein
sich ereignete, der erste Vorfall dieser Art, den man bei Familiengedenken
erlebte. Zwar sind es bloss Bruchstücke, die man von der Sache weiss; ist es indes
überhaupt mehr als Bruchstück, was von den Fingerlein mit Bestand Rechtens
gewusst und erzählt werden kann? Selbst da, wo sie Wohnung machen, haben nur
drei, sieben, höchstens neun und allerhöchstens zehn von dem Geheimnis ihres
Aufentalts Wissenschaft. Das Geheimnis der Zahlen ist nicht jedermanns Ding.
Die wenigsten Menschen verstehen Drei zu zählen; Geweihte kennen Sieben und Neun
, und Auserwählte, deren es in der ganzen Welt nicht über drei, höchstens sieben
, geben kann, haben es bis Zehn gebracht. Die zahlreichen Betrachtungen, die
meine Tradition bei dieser Gelegenheit preisgibt, muss ich übergehen, um den
extraordinären Gesandten, der des Morgens zwischen zwei und drei Uhr am
freiherrlich von Rosentalschen Ehebette seine Cour machte, nicht länger warten
zu lassen. Unser Herr Adam Sem Ham und Japhet legte bei dieser Gelegenheit
keinen Beweis der ihm beiwohnenden Entschlossenheit ab; denn er fiel, unter uns
gesagt, in ein so panisches Schrecken, dass die Frau Gemahlin ihm ein
Riechfläschchen holen musste. Auch wär' er sicher und gewiss in seinen Sünden
geblieben und auf der Stelle Todes verblichen, wenn etwa, Gott sei bei uns! ein
Riese als Gesandter erschienen wäre. Se. Excellenz verbaten mit unausdrücklicher
Höflichkeit diese Riecherei, da sie Dero Nerven zu sehr angriffe; und es war ein
Glück, dass unser Adam Sem Ham Japhet sich schon von selbst erholt und frischen
Mut geschöpft hatte, würde er sonst wohl im Staude gewesen sein, Nase und Ohren
zu öffnen, um zu vernehmen, wess Geistes Kind der Gesandte wäre? Diejenigen aus
meiner Lesewelt, welche glauben, dass dieser Ambassadeur extraordinaire etwa den
Auftrag gehabt, zur Hochzeit einzuladen, kennen die Weise der Fingerlein noch
nicht. Ihre Art und Sitte verdiente wohl einen besondern Folianten, den ich,
wenn sie mir die Ehre erweisen und das alte Haus auf meinem Gute zu beziehen
geruhen wollten, sehr gern ex officio schreiben würde. Das wenigste wär' es, mir
bei diesem Anlass von diesen Hochmögenden ein Privilegium exclusivum auszuwirken,
dergestalt und also, dass alle Nachdrucker dieser Schrift den Nachdruck zur
ewigen Scham und Schande an ihrem Leibe tragen müssten. - Wer weiss, was sie mir
unter der Hand von wegen dieses Riesen von §. schon jetzt zu Gefallen tun -!
Wornach man sich zu achten und vor Schaden zu hüten hat! Kommt Zeit, kommt Rat.
    Se. Excellenz nieseten wegen des Geruchs, der Sie hart angegriffen, dreimal,
und erbaten Sich (damit ich meine Leser nicht aufhalte) den Saal, der beinahe
über das ganze Schloss ging und der den Fingerlein schon in vorigen Zeiten bei
festlichen Anlässen war eingeräumt worden. Gern ward er bewilligt, und eben so
gern die Bitte, dass sich niemand unterstehen sollte, auch nur durch die kleinste
Ritze sich einen Blick zu Schulden kommen zu lassen. Der Frau Baronin Gnaden war
bei dieser Gelegenheit, als eine in das Fingerleingeheimniss längst eingeweihte,
nicht nur eben so schnell, sondern noch vorschneller, auf die Bitte der
Fingerlein in Absicht des Saales ein deutliches und aufrichtiges Ja anzugeloben.
Wenn es indes auf Beweise ankäme, dass unsere Damen überhaupt zum Ja und wir zum
Nein geneigter sind, so könnte dieser Vorfall zu keinem Belege dienen, denn die
zweite Bitte blieb hinterlistig unbeantwortet, und es war allerdings ein grosser
Fehler, dass seine Fingerleinsche Excellenz, ohne über den zweiten Punkt dies Ja
auch von der gnädigen Frau zu vernehmen, sich bloss mit dem Ja des Herrn Barons
begnügte, um, wie diese Excellenz sich gar zierlich und manierlich ausdrückte,
sich dankbarlichst zu beurlauben. Da die Fingerlein schon vorher oft bei solchen
Feierlichkeiten den altväterischen gotisch-prächtigen Saal inne gehabt hatten,
ohne durch ein neugieriges Auge gestört zu werden, so glaubten Se. Excellenz
unfehlbar, keiner so grossen Peinlichkeit zu bedürfen, und welcher Gesandte wird
auch gleich einem Notario publico jurato und immatriculato, ein Protokoll über
seinen Auftrag aufnehmen, oder, wie ein Testamentsdeputirter, die
Fragdreistigkeit besitzen, die sich bis auf den Umstand erstreckt: ob auch
respective der Herr Testator und die Frau Testatricin sich bei gesundem
Verstande befinden? Si vales bene est, ego valeo: (Wenn die Herren nur bei
gesunden Sinnen sind; ich befinde mich Gott Lob ganz wohl!) ist keine
unschickliche Antwort, die einst bei einer solchen Fraggelegenheit fiel.
    Der Tag erscheint. Die meisten Hausbedienten werden verschickt; und, um so
viele Hindernisse, wie nur möglich, aus dem Wege zu räumen, wird den übrigen,
männlichen und weiblichen Geschlechts, ein froher Tag gemacht. Sie sollten über
die Freude (wie es gemeiniglich der Fall mit der Freude zu sein pflegt) der
Neugierde ausweichen. Die Traurigkeit ist unaufhörlich neugierig, welches, wie
ich fast glaube, der Drang der Hoffnung verursacht. - Die freiherrliche Familie
selbst behalf sich mit kalter Küche, da der Koch, der von höchst neugieriger
Complexion war, verschickt und aus dem Schloss entfernt werden musste, ob er
gleich, so wie der eben so neugierige Nachtwächter, sehr gern an dem frohen Tage
des Hausgesindes teilgenommen hätte und wirklich darum ansuchte, indes
abschlägig beschieden ward. Herr und Dame des Hauses unterhielten sich, wie wohl
nicht anders zu vermuten ist, von dem Feste der Fingerlein, welches diese in
grosser Stille anfingen, bis nach drei Stunden, gegen ihre sonstige Gewohnheit,
alles ins Laute ausbrach, woraus man aber, wie die gnädige Frau sich ausdrückte,
keinen Vers machen konnte. Da sie indes, weil diesmal alles ausser der Weise
ging, lüstern auf einen Vers war, so ging es hier wie mit Adam und Eva im
Paradiese. Man sagt, unser Adam würde nun und nimmermehr nachgegeben haben, wenn
nicht die Stunde des Rendezvous mit einer Kammerzofe der Frau Gemahlin gekommen
wäre, die sich unvermerkt von ihrem grossen Feste schleichen sollte, um dem
gnädigen Herrn ein kleines zu geben. Er hatte es darauf angelegt, dass Eva eine
Promenade machen und ihn allein lassen sollte; allein der Mann denkt, die Frau
lenkt. Was war zu tun? Sie schützte Kopfweh vor, das die Damen gleich bei der
Hand haben, wenn sie nicht spazieren gehen wollen. »Meinetalben,« sagte Adam,
da die gnädige Frau dringend vorstellte und bat, und da es dem gnädigen Schäfer
so vorkam, als hörte er schon die Schäferin lauschen - »Meinetalben,«
wiederholte er stärker, und er würde es zum drittenmal sogar geschrien haben,
wenn die gnädige Frau so viel Zeit gehabt hätte, das drittemal abzuwarten. Wohl
ihm; denn es war schon ein Viertel über die verabredete Schäferstunde. - Adam ass
vom verbotenen Baum, während dass Eva in einen Apfel anderer Art biss. Auf
Strümpfen schlich sie sich an das heilige Schlüsselloch. O, des unglücklichen,
des dreimal unglücklichen Ganges! Kaum hatte sie ihr Auge eingepasst, so ging
alles her, wie bei einem Ameisenhaufen, den man durch einen Stock aufschreckt.
Die Lichter wurden mit Mund und Händen ausgelöscht, und in weniger als drei
Minuten war alles aus, und zum unseligen Ende.
    Bei dieser Stelle entfiel meiner Erzählerin, einer wohlbeleibten Matrone der
von Rosentalschen Familie, der letzte Zahn, den sie mit einer solchen Rührung
in ihren Nähbeutel begrub, dass ich nicht wusste, worüber ich hier am ersten und
besten condoliren sollte. Ich will hoffen, dass man dieser Geschichte das
Zahnlose ansehen wird, denn sonst liegt die Schuld an mir, und nicht an der
Erzählerin, die nach dem Leichenpomp ihres Weisheitszahnes fortfuhr, wie folget.
    Die bestürzte Baronin kam zu ihrem Gemahle, der sein Zimmer aus Furcht vor
einem Nachschlüssel verriegelt hatte - was sie um so weniger befremdete, da er
in dem Geschrei stand, dass er Betstunden hielte. - »Betstunden?« - Allerdings!
Ist es etwa das erstemal, dass diese sich in Schäferstunden verwandeln -? Die
gnädige Frau musste es sich gefallen lassen, einen Umweg zu nehmen; und auch von
dieser Seite waren Riegel vorgeschoben. In der grossen Verlegenheit, worin sie
sich befand, fiel ihr die Verlegenheit des Herrn Gemahls nicht auf, der nicht
Zeit und Raum hatte, die Zofe wo anders, als in seinem Bücherschränke zu
verbergen - und ihr nicht viel weniger zerstreut, als sie es selbst war,
entgegen kam. Gewiss würde er, nach der Männer Weise, über den Sündenfall der
Frau Gemahlin ein lauteres Zeter erhoben haben, wenn er nicht noch vom
verbotenen Apfel den Mund voll gehabt hätte. Nach dem ersten Schreck, der nun
allmählig vorüberging, fand die Baronin manchen Trostgrund in der Nähe und in
der Ferne, den sie ihrem Gemahl mitteilte; indes hatte er wegen des
Bücherschrankes dringenden Anlass, diese Tröstungen in einem andern Zimmer zu
vernehmen und ihnen nach und nach beizutreten. Besonders beruhigte es ihn, dass
die Augen der Frau Eva gar nicht waren aufgetan worden, und dass sie weder Gutes
noch Böses, sondern gerade gar nichts gesehen hatte. - Umsonst! Nach neun Tagen
zwischen 11 und 12 Uhr erschien der Bote, der den Abzug eröffnete und zugleich
das Todesurteil des Ambassadeur extraordinaire beiläufig bekannt zu machen, in
commissis hatte. »Ach!« sagte der bedrängte Baron, »darum zu sterben, weil man
nur einmal Ja gehört hat!« Die Baronin war in Verzweiflung, an dem Tode eines
Ministers Schuld zu sein, der es an Gefälligkeit und Höflichkeit gewiss nicht
hatte ermangeln lassen. Sie nahm sich die Erlaubnis, von seinen letzten Stunden
Nachricht einzuziehen und zu fragen, ob er durch einen Geistlichen zum
Richtplatz wäre begleitet worden? Zu ihrem nicht kleinen Troste erfuhr sie, dass
er mit grösserer Resignation, als viele, welche diesen Weg vor ihm gingen, den
Richtplatz bestiegen und der gnädigen Eva das hinterlistig zurückgehaltene Ja
mit christlicher Fassung vergeben und nicht vorbehalten hätte. »Was ist mein
Verbrechen?« sagte mit andern Worten der wohlselig Hingerichtete zu den
Umstehenden. »Verriet ich mein Vaterland? Sucht' ich Wittwen und Waisen in
falschem Justizspiel um das Ihrige zu bringen? Ward ich reich auf Kosten des
Dürftigen? Machte ich, wie Necker, Rechnungen ohne Wirt? Ward ich Minister,
weil ich eine schöne Frau hatte, oder weil mich der Castrat, oder der Harfenist,
oder sonst ein bedeutender Hofschranze dem Monarchen empfahl? Verführt' ich
Weiber oder Töchter, indem ich Männer, Väter und Brüder durch Aemter und
Pensionen gewann oder einschläferte? Macht' ich einen Lahmen zum Ballet-, oder
einen Tauben zum Kapellmeister? Gab ich als Staatsdiener den Menschen auf? Der
Mensch ist schön, die Menschheit ist erhaben; nur ein Haufen Menschen, ein
Menschenkomplott, taugt gemeiniglich wenig oder gar nichts. - Vielleicht wird es
mit der Zeit besser, wozu indes unser guter Oberhofprediger und seine schwere
und leichte Infanterie und Cavallerie sicherlich nie etwas beitragen werden. -
Das Reich Gottes ist in euch, sagt der weiseste aller Lehrer auf Erden. - Ihr
wisst mein Verbrechen: ich fragte nicht, was sich von selbst verstand; ich
glaubte, dass unter Einem Ja, wie bei der Ehe, sich tausend Ja's von selbst
verständen; ich bedachte nicht, dass Weiber zwar nicht böse, indes neugierig
sind. - Ich fluche ihr nicht, der guten Eva der Oberwelt; ich segne sie
vielmehr. Sie ist keine aus der siebenten Bitte; ihr Fehler ist Leichtsinn: und
wer ist davon frei bei Lebhaftigkeit und Offenheit des Charakters -? Man frage
sie, was sie weiss! und ich gebe mehr als ein Leben hin (falls ich mehr als das
Eine hätte, dessen Faden man gewaltsam abzureissen im Begriffe steht), wenn sie
das mindeste gesehen hat. Ihr schönes, grosses Auge ist viel zu stolz, um sich
sogleich in ein Schlüsselloch einpassen zu lassen. Brachte sie einen Nach-,
einen Diebsschlüssel in Anwendung? Bediente sie sich nicht vielmehr des allen
Weibern zustehenden Rechtes des Schlüssellochs, das ihnen wegen der Untreue der
meisten Ehemänner durchaus nicht zu entziehen ist? Ich sterbe, nicht weil die
Baronin gesehen hat, sondern weil sie hätte sehen können; so wie die meisten des
Beispiels halben zum Schaffot geführt werden - und diese sterben dann als
Heilige, als Märtyrer der Gesetze. So, Freunde, sterb' auch ich. Ich murre
nicht; ich danke meinen Richtern; sie taten, was sie zu tun schuldig waren;
ich danke den Gesetzen, sie sind nicht für einen einzelnen, sondern für alle
Fälle gegeben. Gin Gesetz auf den gegenwärtigen Fall gemacht, ist ein
Machtspruch, und ein altes ist selten oder gar nicht anwendbar! Was taugt also
die Justiz? - Ich danke dem Gesalbten, der bei der ganzen Sache kein anderes
Interesse genommen, als dass er sich die Mühe gegeben, seinen Namen zu
unterschreiben. Der seinige möge dafür, und zwar kalligraphischer,
eingeschrieben werden in allen unsern Jahrbüchern bis auf den jüngsten Tag! -
Mein Andenken kann nicht in Unsegen unter euch bleiben; - und an meinem Blute
hat niemand Schuld, als der Moloch, der Staat, der sich so viele seiner Kinder
opfern lässt. Selten schlachtet er wie Brutus; Nero und seines Gleichen sind
seine Vorbilder. - Doch wie? ich schelte, weil man mich schilt? Ich vergelte
Böses mit Bösem, und bin ungehalten, weil ich leide? - Wohlan, meine Lieben! ich
will segnen; und es ist nicht gut, dass bisweilen Einer stirbt für Viele -? Ich
verzeihe allen, die mir je unrecht taten; verzeihet auch mir! Und ihr, die ihr
euch für beleidigt hieltet, Grosse und Kleine, Vornehme und Geringe, vergebt, so
wird euch vergeben! Wer kann wissen, wie oft er fehle -? Lasst uns versöhnt
scheiden! - Was ist am Leben? Die höchste Lebensweisheit ist: an den Tod denken
und sterben lernen. - Geht! ich werde heute examinirt, und ich hoffe zu bestehen
in der Wahrheit. Im Tode fällt der Schein: die Schminke wird abgewischt, und wir
sind in eigener Person sichtbar. Starb doch die Königin Maria als eine Heldin,
welche eine andere Königin, die Putzhändlerin Elisabet, zwar rechtskräftig,
aber doch bloss darum mordete - weil Maria schöner war als sie! Starben doch so
viele Menschen - ohne dass die Gesetze einen Buchstaben, geschweige denn den
Geist auf sie bringen konnten - bloss durch feile Richter! Heil mir! das Gesetz,
dass mich verurteilt, ist so ziemlich klar; - ganz klar ist fast keine, wenn es
mit dem Fakto zusammen gepasst wird. Niemand ist vor seinem Tode glücklich, sagte
Solon; im Tode sind wir alle glücklich - alle! Guter Oberhofprediger, alle! -
Ich sterbe. - Jeder, wer mich hört und sieht, wird auch sterben. - Ich habe in
einer Viertelstunde vollbracht (bei diesen Worten bereitete sich der Scharf und
Nachrichter vor, indem er seinen roten Mantel von sich warf und sich mit dem
blinkenden Schwert fürchterlich in Positur setzte), und über den Häuptern dieser
Trauerversammlung schwebt noch immer der Fels des Sisyphus. Ich bin nach wenigen
Augenblicken gewesen, und die meisten unter ihnen werden nach Stunden, Tagen und
Jahren gewesen sein! Gewesen!! Wer sein Leben lieb hat, wie können den Ananas,
Caviar, Austern, Forellen, Haselhühner und dergleichen reizen? Der Gedanke, dass
er auf den Tod sitzt, vergällt ihm alles. (Der Scharf- und Nachrichter winkte
seinem geistlichen Collegen, dem Oberhofprediger; dieser verstand den Wink, und
bat Se. Excellenz, sich kurz zu fassen. -) Kurz und gut! Lebt wohl, vergesst mich
nicht, nehmt euch meines Weibes und meiner Kinder an. Der älteste ist der
nächste zur Schwadron bei den grünen Husaren, und sein Bruder will sich den
Rechten widmen. Freilich könnt' er etwas Klügeres tun. Der Stabsrittmeister ist
keinem vorgezogen; er hat die gewöhnliche Schule gemacht, und war drei Jahre
Junker, ehe er Cornet ward. Lebt wohl!«
    Die arme Baronin war dreimal in Ohnmacht gefallen, und hatte sich dreimal
erholt. Der Oberhofprediger loci hatte eine sehr rührende Beschreibung von
diesem Vorgange und den Wirkungen seiner Bemühungen zum Preise der göttlichen
Gnade edirt - worüber sich die Baronin nicht der heissesten, bittersten Tränen
entalten konnte; und es war ein Glück dass etwas vorkam, worüber sie weinen
konnte, denn eine neue Ohnmacht rückte heran, und hätte sich ohne den Ableiter
des Oberhofpredigers gewiss nicht abweisen lassen. Die Furchtsamkeit des Barons
bei der Anmeldung, das Riechfläschchen und die Ohnmacht des wohlseligen Herrn
Ministers, die ihn, als hätte er Knoblauchsgeruch eingesogen, anwandelte, wurden
jetzt als die treffendsten Omina anerkannt, und der Engel des Todes schien nicht
ungehalten über die Langwierigkeit dieses Wortwechsels, da die wohlselige
Excellenz sein Vetter war, und da er ungern zu seinem eigentlichen Auftrage
schreiten mochte. - Endlich ermannte er sich. Die Schuld ist geteilt, fing er
ex abrupto an; der Sohn, den die Frau des Hauses unter ihrem Herzen trägt, wird
unglücklich, und ein Drittteil der Familie, ohne Unterschied, ob fräulich oder
männlich, trägt die Zeichen unzeitiger Neugierde am Leibe sichtbarlich.
»Sichtbarlich!« seufzte die Baronin. Sichtbarlich, wiederholte der Unglücksbote.
»Unglücklich!« fuhr der Baron fort. Unglücklich, hallte der Würgengel nach. -
Beides ist Ja und Amen worden. Das Unglück des unschuldigen Sohnes, den die
Baronin unter ihrem Herzen trug, traf leider zu seiner Zeit baar und richtig
ein, so wie man überhaupt die Erfahrung haben will, dass prophezeietes Unglück
sich richtiger, als verkündigtes Glück, einstellen soll. Was die Zeichen der
unzeitigen Neugierde betrifft, welche ein Drittteil der Nachkommenschaft, ohne
Unterschied, ob fräulich oder männlich, am Leibe zu tragen verflucht ward, so
ist auch dieser Fluch erfüllt bis auf den heutigen Tag. Da indes die Damen der
Sichtbarkeit aller solcher Auswüchse mächtiglich zu widerstreben pflegen, so
würde die höchste Rechenkammer in der Welt, die doch in Rücksicht der Auswüchse
eine unverkennbare Stärke besitzt, das eine Drittteil aritmetisch
herauszubringen Mühe haben. - Noch einen Fluch hauchte unser Taumaturge aus,
der den auf das Altertum seiner Familie so stolzen Baron bei der
Pusillanimität, die ihn wieder anwandelte, völlig zu Boden schlug. Sein Stamm
nämlich sollte, nach hundert Jahren und sieben Tagen sein Ende erreichen. Die
Baronin, welcher das Zeichen am Leibe und das Unglück ihres noch ungebornen
Sohnes bis zum Verstummen nahe gingen, wollte den kleinen Gesandten bestechen
und ihm eine Patenstelle antragen, zu welchem Ende sie sich seinen Vornamen
erbat; indes er gab auf alle diese Höflichkeitserweisungen kein Wort, raunte dem
Baron etwas ins Ohr (worüber die arme Frau in Puncto eines artigen jungen Herrn,
der sie vor der Schwangerschaft sehr oft zu besuchen nicht ermangelte und jetzt,
da sein Regiment - er war Fähnrich - ein entlegenes Standquartier erhalten
hatte, nur schriftlich aufwarten konnte, sich allerlei Gedanken machte, ob es
gleich nichts mehr und nichts weniger als die Biblioteken-Geschichte war) - und
nun verschwand er wie gewöhnlich - vor ihm Tag, hinter ihm Nacht. -
    Das Säculum ist abgelaufen, ohne dass es diesem Familienzweige an
Stammhaltern und Männern gebricht, die vor dem Riss stehen; woraus sich denn
ergibt, dass die neueren Propheten unter diesem kleinen Volke eben den schlechten
Ruf verdienen, wie die bei uns, oder dass ihre Jahre eine andere Breite und Länge
haben müssen, als die man auf der Oberwelt zu kennen das Vergnügen hat. Sind
doch schon die Jahrwochen des Propheten Daniel aus einem ganz anderen Kalender
zu berechnen! - Vielleicht interpretirt man ihre Orakel, so wie die unsrigen,
mehr aus dem Erfolg, als aus der Anzeige! - Bei Gesetzen und Prophezeiungen tut
immer, die Auslegung das beste. Vielleicht schien dieser Familienzweig auch nur
zu leben, da er, genau genommen, längst lebendig tobt war. In der Tat vegetirte
ein grosser Teil der Familie bloss, und schon ein gemeiner Geistlicher wäre im
Stande gewesen, diese Weissagung bei so bewandten Umständen pünktlich erfüllt zu
finden. - Was kümmert mich indes jenes Fingerlein-Säculum, da das unsrige,
welches sein Haupt neigt, alle Säcula in der Ober- und Unterwelt zu Spott und
Schanden macht! - Und wer kann das Wort Säculum ohne ein: Steh, Wanderer!
aussprechen? Nicht wahr? das beste ist, so lange in Sprichworten zu reden, bis
unser Stündlein kommt - und sich in Legenden zu zerstreuen, bis die Morgenröte
der Wahrheit aufgeht. - Wozu mich das Wort Säculum bringt? - Noch hab' ich zwei
 
                                   Legenden:
                                      Eine
                         vom ungebornen Unglücklichen;
                                 und die andere
                              vom Gevatterstande.
Beide sind bestimmt, diesen Paragraphen, welcher der Form nach gewiss kein
Fingerlein ist, noch näher zu erläutern.
                          Legende vom Gevatterstande.
    Den Fingerlein geht es, wie der Gelehrsamkeit: beide haben die Gewohnheit,
sich bei gewissen Familien einzuquartieren und mit dem zu begnügen, was da ist.
So geschah es denn, dass die Fingerlein, nachdem sie jenes von Rosentalsche
Schloss mit den kleinen Rücken angesehen hatten, ihre Wohnung in einem andern
eben derselben Familie aufschlugen und durch die Fourierschützen das Quartier
einrichten liessen. Je länger sie hier hauseten, je zufriedener wurden sie mit
ihrem Wirte und seiner Gemahlin, so dass sie, wenn sie es gleich wollten, ihren
inneren Hang, mit beiden sich näher zu verbinden, nicht bergen konnten. Zwar
ging es so weit nicht, wie vor der betrübten Sündflut, wo die Kinder Gottes
nach den Töchtern der Menschen sahen, wie sie schön waren, und zu Weibern
nahmen, welche sie wollten; indes brachen die Fingerlein oft die Gelegenheit vom
Zaun, um dem Herrn oder der Frau des Hauses einen Besuch abzulegen, der, ob er
gleich durch keine Erfrischungen aufgeheitert ward, ungewöhnlich lange währte
und dem guten Baron, noch mehr aber seiner Gemahlin, der mit keinem Fingerlein
gedient war, lästig fiel. - Unsre beiden Eheleute wurden oft von dem
schrecklichen Gedanken ergriffen, ob die Fingerlein nicht etwa eine Gegenvisite
verlangen würden, welche ihnen einer Höllenfahrt nicht unähnlich schien; indes
trösteten sie sich mit dem Umstande, dass ihre Gäste sich jederzeit ein Gewerbe
bei diesen Visiten machten, so dass keine derselben zwecklos, leer und aus blossem
Ceremoniell gemacht zu sein schien. Die Baronin befand, sich, mit Vorbewusst,
gepflogenem Rat und angewandter Tat des Herrn Gemahls, in gesegneter
Verfassung, und näherte sich ihrer Entbindung, so dass bereits eine von den
berühmtesten Wehemüttern der Gegend sich gegen Wartgeld im Hause aufhielt, und
der Geistliche seit vier Wochen jeden Sonntag für Geld und gute Worte um eine
glückliche Entbindung der Frau Kirchenpatronin gebetet hatte. Eines Morgens
erschien ein Abgeordneter, welcher der Baronin eine baldige glückliche
Entbindung wünschte, und es nicht etwa bloss fallen liess, sondern pünktlich den
Antrag tat, dass eine Dame fürstlichen Standes bei der Taufe zu Gevatter gebeten
werden möchte. - Dieses Verlangen kam der armen Dame so unerwartet, dass sie, bei
der grossen Verlegenheit, in welche sie fiel, sich nicht anders zu helfen wusste,
als dass sie sich zu ihrer Erklärung drei Tage Befristung erbat, um während
dieser Zeit dem Herrn Gemahl darüber Vortrag tun und gemeinschaftlich mit ihm
einen Entschluss fassen zu können. Der Abgeordnete lächelte dienstfreundlich, als
wollte er sagen: er wisse wohl, dass dieser Aufschub bloss zu einem Vorwande
diene, indem es auch unter der Erde Sitte sei, dass nicht die Damen, sondern die
Herren die Referendarien in Hausangelegenheiten wären. Bei dieser Gelegenheit
erfuhr die Baronin, dass das Kind, welches sie unter ihrem Herzen trug, ein
Fräulein sei; denn Ihro Hochfürstliche Durchlaucht hoffte, dass man Ehre dem Ehre
gebühre erweisen, und nach wohlhergebrachtem Gebrauch ihr, als der Vornehmsten
in der Gesellschaft, aus christlicher Demut nachlassen würde, das neugeborne
Fräulein über der Taufe zu halten. Bloss die Angst, die bei diesem Umstande am
höchsten stieg, hielt die gute Baronin zurück, laut zu lachen. Das kleinste
Menschenkind, dachte sie, ist ein Riese gegen Ihro Hochfürstliche Durchlaucht;
und es war in der Tat ein Glück für die gute Dame, dass sie so dachte, und dass
die Angst dem Lachen den Weg vertrat; denn ganz ohne alle Veranlassung fing
jetzt der Abgeordnete an, die Hauptstücke des christlichen Glaubens zu beten,
und sang darauf den Glauben so wörtlich und treu, dass wenn hier nicht die
Frömmigkeit, wie vorher die Angst (ist der Unterschied unter beiden gross?) bei
der Baronin ins Mittel getreten wäre, und das Lächeln über den possierlichen
seinen Ton des Gesandten verhindert hätte, es ihr völlig unmöglich gewesen wäre,
sich zurück zu halten. - Die Baronin wollte bemerkt haben, dass der Tit. Herr
Abgeordnete die Bitte: Führe uns nicht in Versuchung, mit Tränen in den Augen
gebetet hätte; und so schied denn unser katechismusfestes Fingerlein von dannen.
Er sang den Tenor. - Den dritten Tag verfehlte er nicht, zu rechter Zeit und
Stunde sich einzufinden, um die Antwort zu erfahren; und da die gnädige Frau
bereits in der Dämmerung des ersten Fristtages diese Sache mit dem Herrn Gemahl,
der alles, wie natürlich, der Frau Gemahlin anheimstellte, rechtskräftig
abgeredet hatte: so erhielt der Herr Abgeordnete, der schon wegen seiner ersten
vorläufigen, wiewohl nicht hoffnungslosen Antwort mit einem Orden verziert
worden war, dessen Stern einem Fixstern ähnlich blitzte, ein volles Ja. - -
Beiläufig ward jetzt noch die Etikette verabredet.
    Ihro Hochfürstliche Durchlaucht, sagte der Herr Ritter, verlangten gar nicht
eingeladen zu werden, da die Posten in der Unterwelt sehr unrichtig gingen und
alles durch Gesandte und Couriere abgemacht würde. Höchstdieselben würden Sich
von Selbst zu rechter früher Tageszeit einstellen; indes müsste Ihnen eine Art
von Tronhimmel mit Purpur beschlagen (wozu der Herr Abgeordnete die Zeichnung
überlieferte, die vom Oberbaudepartement entworfen war) nahe am Wochenbett
errichtet werden. Uebrigens würde sie, wie der Ritter es nannte, nur beitreten,
und beifassen, so dass immer eine andere Dame das Kind vor der sichtbaren Welt
halten könnte. Endlich würde sie der Frau Baronin eine besondere Wochenvisite
nicht entziehen. Bei der Taufhandlung selbst wollte sie im strengsten Incognito
sein; das heisst: das Elternpaar sollte sich mit keiner Sylbe zu ihr wenden,
obgleich die ihr zukommende körperliche Verbeugung (wiewohl unvermerkt) nicht
erlassen ward. Das Kind sollte Banise heissen. »Banise?« Banise, erwiederte der
besternte Abgeordnete, und fügte mit anständigem Ernste hinzu: Wie ich sage,
Banise. - Gern hätte die Baronin diesen Namen verbeten; da indes alle Punkte und
Klauseln bereits bewilligt waren, so konnte freilich der Banisische keinen
Anstand veranlassen. Nach vielem Hin- und Her-, Vor- und Nachdenken erinnerte
sich unser freiherrliches Ehepaar des Umstandes, dass die Gemahlin des Adam Sem
Ham Japhet den Gesandten des Fluchs mit einer Patenstelle bestechen wollte, der
er aber, ob sie gleich sich gar höflich seinen Vornamen erbat, mit einer Art von
Verachtung auswich; und so war die Vermutung nicht unrichtig, dass jener Vorfall
Gelegenheit zu dem gegenwärtigen gegeben, der immer mitlaufen können, wenn nur
der verwünschte Name Banise nicht das Spiel verdorben hätte. Nie war die
Wöchnerin, die sonst immer schwere Geburten gehabt, so leicht abgekommen. Die
weise Frau bediente sich des merkwürdigen Ausdrucks, sie nähme diesmal das
Honorarium mit Sünden; und der Baron, der, er wusste selbst nicht warum, sich
eine Tochter gewünscht hatte, war vor Freuden ausser sich. - Die vornehmsten
Personen der Gegend wurden zu Taufzeugen erkoren, und als der Tauftag erschien,
der unsichtbaren Fürstin ihr besonderer Sitz nach der eingehändigten Zeichnung
des Oberbaudepartements hingestellt. Dieser Sitz gehörte, wenn gleich eine
unsichtbare Person ihm die Ehre erweisen wollte, ihn einzunehmen, doch zu den
sichtbaren Dingen, und war so wenig das vornehmste darunter, dass vielmehr dessen
Possierlichkeit einem jeden, der Autorität des Oberbaudepartements ungeachtet,
auffiel. Besonders konnte die Gräfin v. **, die an sich eine stolze, übermütige
Dame war, nicht umhin zu wünschen, sie möchte das Schoosshündchen kennen lernen,
welches hier ruhen würde. Die Sechswöchnerin sah sich einer
Notlügenverlegenheit ausgesetzt, und gab dies Unwesen für Spielzeug ihres
jüngsten Sohnes aus, der indes, als er es nur betasten wollte, sehr ernstlich
von diesem Noli me tangere abgewiesen ward. Natürlich stand der Name Banise
obenan, und commandirte die sechs anderen, welche dem Fräulein sonst beigelegt
werden sollten. Die Gräfin, die noch vor der heiligen Taufe diesen Umstand
erfuhr oder erfahren musste, weil sie sich darnach erkundigte, liess des Namens
Banise halber, da er ihrem Namen vorzutreten die Dreistigkeit hatte, ihrer
Spottlaune noch mehr freien Lauf; und da sie es nicht wagen wollte, sich nach
der Ursache dieses wildfremden Namens zu erkundigen (den sie aus dem Blitz-,
Donner und Hagelroman vorteilhafter zu kennen Gelegenheit nehmen können, falls
dieser Roman damals schon existirt hätte), so ersah sie sich (nach Art des
Unwillens, der immer unruhig einen Gegenstand sucht, auf den er seine Pfeile
schiessen kann) den fürstlichen Sitz zum Ziel. - Die vornehmste und kleinste
Taufzeugin trat mit dem Geistlichen zu gleicher Zeit ins Zimmer. Der Baronin,
die sich durch die Stachelreden der Gräfin bis jetzt nicht im mindesten hatte
verstimmen lassen, fiel die Figur der Fürstin nicht wenig auf. Ihro Durchlaucht
erschienen nicht en parure, sondern in Krönungspracht; die Königin Elisabet
hätte ihr an Ziererei weichen müssen. Es war ohnehin die erste Dame von den
Fingerlein, welche die Baronin jemals sah. - Der Reifrock war erschrecklich, und
der ganze Anputz kam der aufgeweckten Wöchnerin so abenteuerlich vor, dass sie
Mühe hatte, ernstaft zu bleiben. Das Derrière des Dames, worauf jeder, der den
Putz versteht, am meisten zu sehen pflegt, schien völlig verfehlt, und schon
eine Provinziale (welches die Baronin doch nicht im eigentlichen Sinne war, da
sie die Ehre hatte, den Hof von Zeit zu Zeit zu sehen und sich von ihm sehen zu
lassen) hätte alle die possierlich angebrachten Arabesken, Guirlanden und
Devisen auf den ersten Blick als Grammatikalfehler des Putzes entdecken müssen.
Der Taufaktus begann, und Se. Wohlehrwürden hielten eine lange Rede. Während
derselben geruhten Ihro Durchlaucht Sich auf das Taufbecken zu erheben, worin,
wohl zu merken, noch kein Wasser war. Die Baronin, die bis jetzt ihr Lachen,
wiewohl nicht ohne saure Mühe, verbissen hatte, konnte es jetzt, da es an die
Tauffragen ging, nicht länger überwinden. Die Fürstin würgte ihr Ja so sein
heraus, dass sich alles umsah, als wäre ein Kätzchen so dreist, eine christliche
Handlung stören zu wollen. Besonders fiel dies Katzen-Ja der Sechswöchnerin auf,
als es die Frage, galt: Entsagst du dem Teufel und allen seinen Werken und allem
seinem Wesen? - Denn die Fürstin legte einen so besondern Accent auf dieses
Teufels-Ja, dass die Wöchnerin, bei, aller Anstrengung sich zurückzuhalten, nicht
länger in die Faust, sondern laut auflachen musste; und dies hörte die Fürstin so
klar und deutlich, dass sie sich nicht entbrechen konnte, der Frau Gevatterin
einen strafenden Blick zuzuwerfen, der indes, wie es in dergleichen Fällen oft
zu geschehen pflegt, die besondere Wirkung hatte, dass die Baronin noch
herzlicher und lauter lachen musste. Sobald das Taufwasser im Becken war, und
während der Fragen und Antworten, hatte die Fürstin sich auf die Perücke des
wohlehrwürdigen Taufredners gesetzt. Dieser ärgerte sich gewaltiglich, dass so
viel Puder auf sein Kleid und sogar in das Taufwasser fiel; und da er aus
blossem, unverständigem Widerwillen seine Perücke gleichsam abstrafen und sie
ihre Unart fühlen lassen wollte, indem er sie nicht eben säuberlich
zurechtsetzte, so wären Ihro Durchlaucht bei einem Haare ins Wasser gefallen -
das, bei aller seiner Weihe und Heiligkeit, Höchstdenenselben doch an Leib und
Leben hätte gefährlich werden können, wie denn Ihro Durchlaucht wohl am
wenigsten in dieser Kleiderpracht aufgelegt schienen, das Lauchstädter Bad zu
brauchen. - Der bestellte Name Banise war nicht im Stande, die Fürstin für alles
dies Herzeleid zu entschädigen; vielmehr schied sie - nachdem die Gräfin sich
wegen des Namens Banise verblümt, und wegen des fürstlichen Sitzes schier
öffentlich, in fürstlicher Gegenwart lustig gemacht, der Pfarrer den Küster
wegen des seiner Perücke übermässig gegebenen Puders ausgescholten, eine zweite
Dame sich nach dem feinen Echo, das bei dem Tauf-Ja sich hören lassen,
erkundigt, eine dritte, um sich bei der Gräfin beliebt zu machen, den
fürstlichen Sitz auf einen Finger genommen und ihn leichter als einen Ball in
die Höhe geschleudert hatte - voller Unwillen von hinnen. Freilich wäre schon
eine dieser Anzüglichkeiten hinreichend gewesen, ein anderes fürstliches Blut in
Wallung zu bringen; indes hatte unsere Fürstin so viele Zurückhaltung, dass sie
sich damit begnügte, an der Türe der Sechswöchnerin mit zwei Fingern der
rechten Hand, nämlich dem Zeige- und Mittelfinger, zu drohen, welches der armen
Baronin einen nicht geringen Schreck zuzog, so dass sie von diesem Drohaugenblick
an äusserst missmutig und verdriesslich ward. Sie nahm der Gräfin die Bitterkeit
über Banisen, dem Pfarrer seine unzeitigen Scheltworte über den Küster, der
zweiten Dame das naseweise Echo, und der dritten das Ballspiel so übel, dass
alles bitter und böse auseinander schied und die vieljährige gute Harmonie in
dieser Nachbarschaft, die bis dahin wegen guter Freundschaft allgemeinen Ruf
gehabt hatte, nie wieder in den vorigen Stand gesetzt werden konnte. Bei der
armen Baronin wechselte von Stund' an Hitze und Kälte, und dem neuen
Tochtervater war dabei so übel zu Mute, dass er sehr gern gegen die Fürstin -
von deren unerklärlichem, unzeitigem Appetit zu einem Gevatterstande auf der
Oberwelt doch alles hiess Unheil, bis auf den verstreuten Puder und den Namen
Banise (mit dem er besonders sehr unzufrieden schien), gekommen war - ein
Anatema Maharam Mota ausgestossen hätte, wenn er nicht vor den hitzigen und
kalten Folgen, die er sichtbarlich an seiner Gemahlin sah, in Furcht gewesen
wäre. »Que de bruit pour une omelette!« konnte er sich nicht überwinden
auszustossen, in der festen Hoffnung, dass die Fingerlein es nicht verstehen
würden, wenn sie es auch wider Vermuten hören sollten. - Bis in den dritten Tag
ging alles im freiherrlichen Hause nicht viel besser, als in diesem Buche, in
die Kreuz und in die Quer. Jetzt liess die Fürstin sich zur Wochenvisite melden,
die angenommen und mit vielem Pomp abgelegt wurde. Die fürstlichen Begleiter
waren zwei Kammerherren und fünf andere Diener, zusammen sieben, und, was
auffiel, keine Person weiblichen Geschlechtes - es wäre denn, dass die
Kammerherren, die äusserst weibisch aussahen, sich aus unerklärlicher
Fingerlein-Etikette verkleidet gehabt hätten, wovon die Geschichte indes in
keiner Randglosse etwas besagt. - Es würde schwer sein, wirkliche Kammerherren
von Weibern zu unterscheiden, und warum sollten wir bei diesem Umstande ohne
Not verweilen? - Nach einigen kalten Complimenten fing die Fürstin mit der
Bemerkung an, dass sie sich von ihrer Freundschaft mehr versehen hätte, als bei
so wichtigen Fragen und noch wichtigeren Antworten durch ein so befremdendes
Lachen gestört zu werden. Die wohlvorbereitete Baronin hatte zwar gleich die
Sara bei der Hand, welche bei einem Besuche von drei Engeln auf die gesundesten
Schüsseln in der Welt, Butter und Milch, Kalbsbraten und Kuchen, gelacht hätte.
Auch vergass die gute Baronin nicht, wohlbedächtig zu bemerken, dass die
exemplarische Sara (bis auf den Fall, da sie ziemlich unexemplarisch sich für
Abrahams Schwester ausgeben liess) das Muster aller Weiber hoher und niedriger
Abkunft wäre. Ihro Durchlaucht waren indes nicht gemeint, sich durch 1. Buch
Mose XVIII, 12 besänftigen zu lassen; doch geruheten Sie, höchlich zu
versichern, die Ungezogenheiten der Mitpaten nicht auf die Rechnung der
Baronin, die ohnehin gross genug wäre, setzen zu wollen. Viel Güte von einer
Fürstin! - Jetzt folgten die Flüche, die sie über alle, welche sie beleidigt
hatten, aussprach, und ob sie gleich in gar keinen Verhältnissen mit den
begangenen Fehlern standen, so schienen sie doch recht ausgedacht zu sein, um
den Interessenten schwer zu fallen. - (Geht es mit den positiven Strafen anders?
Die natürlichen allein bleiben bei der Stange.) - Wer wäre wohl von selbst
darauf gekommen, dass die Frau Gräfin durch die Blattern gedemütigt werden und
auf ihren Wangen der Name Banise, zwar undeutlich, jedoch dem, der sich auf
Blattern-Hieroglyphen versteht, verständlich genug, zu lesen sein sollte! Die
Blatternschrift, setzte die Fürstin hinzu, auf die sich die Physiognomisten
nicht legen, weil sie sich begnügen, Nase, Augen und Stirn zu deuten, verdient
gewiss nicht vernachlässigt zu werden. Die zweite Dame, fuhr sie fort, ist keines
Traumes weiter wert. Ein Glück, fügte sie hinzu, das von so wenigen geschätzt
wird! - Träume haben die Menschen auf die Dichtkunst gebracht, und die
Dichtkunst ist die Mutter aller Erfindung, Hallelujah! Die dritte komme dreimal
nach einander mit Drillingen nieder; facit Neun. Der Pfarrer endlich, der bei
der heiligen Taufhandlung seinen Affekten so freien Zügel schiessen liess, gerate
nicht in poetische Entzückung, sondern in Verfewut, so, dass er sich nicht
entbrechen könne, in Versen zu predigen. - »Und ich?« wollte die gute Baronin
eben anheben, als die fürstliche Wahrsagerin sich zu ihr wendete: Und Sie, Frau
Gevatterin - werden nie mehr niederkommen. - »Sein Wille geschehe!« erwiederte
die Baronin. Und Ihre Tochter, die bestimmt war, eine Fürstin zu werden, wird es
nicht. - »Wie Gott will!« erwiederte die Baronin. - »Und nun hängt es von Ihrer
Wahl ab: Soll sie mit einem Fürsten einen Sprössling erzielen, der sich einen
Namen mache? Oder soll sie das Weib eines Privatmannes werden, der vom Gesalbten
und den von ihm Gesalbten, das heisst von seinen Ministern, nicht gekannt, froh
und glücklich unter einem gutmütigen Landvolke lebe, schwebe und sei?« - »Ich
wähle das letzte,« erwiederte die Baronin. »Es sei also,« beschloss die Fürstin;
»und weit Sie weise wählten,« fügte sie hinzu, »so wählen Sie noch von drei
Dingen eins - für Ihre Tochter, und es soll ihr gewährt sein: Soll sie es in
ihrer Gewalt haben, die Herzen zu gewinnen, welche sie gewinnen will? Oder zu
weinen oder zu schlafen, wenn sie will?«
    Die Wahl würde keiner Dame schwer geworden sein, da sie, wie man glaubt, es
alle auf das Herzensspiel anlegen und ihre Gewinnluft ausser Zweifel ist. Da die
arme Baronin drei nach einander folgende Nächte kein Auge hatte schliessen
können, so wählte sie den Schlaf, ohne sich auf das Hazardspiel der Herzen und
auf die Tronen (welche letzteren, wie man sagt, der schönen Welt ohnehin sehr
leicht zu Diensten stehen) einzulassen. Kaum hatte sie gewählt, als die
Prinzessin verschwand und die Baronin auf der Stelle so plötzlich einschlief,
dass, wenn sie nicht entsetzlich geschnarcht hätte, der so neugierige als
besorgte Gemahl gewiss geglaubt haben würde, sie sei in den Todesschlaf
versunken. Adam konnte nicht fester schlafen, als ihm die Rippe genommen ward,
und die Baronin machte wirklich eine Probe von jenem eisernen Schlafe der
weltbekannten Siebenschläfer. Sie schlief drei, sieben und neun Stunden, und
noch nie hat ein Ehemann so sehnlich wie der Baron gewünscht, dass seine Gattin
erwachen möchte, da die Neugierde ihn fast sehr plagte. Er lechzte nach den
Resultaten der fürstlichen Visite. Noch hatte die Baronin die Augen nicht völlig
geöffnet, als er sich mit seinem »Guten Morgen« dies Geheimnis zu erschmeicheln
suchte. Ueber die Unfruchtbarkeit der Frau Gemahlin zuckte er bloss
stillschweigend die Achseln; laut unzufrieden war er, dass die Mutter den
fürstlichen Sprössling so rund ausgeschlagen hatte, obgleich seiner Gemahlin
dessfalls der Beiname: die Weise, von der fürstlichen Sibylle war beigelegt
worden. »Noch lieber, bemerkte er, wäre es ihm gewesen, wenn sie gar eine
förmliche Fürstin zu werden das Glück gehabt hätte;« als ob die Baronin nicht
Schlacken von Erzstufen zu unterscheiden verstände! - Nachdem indes die gute
Frau ihn an so viele unglückliche Könige erinnert (ohne dass es damals schon die
classische Schrift Candide in der besten Welt gab), und nachdem sie gar
liebreich hinzugefügt hatte, dass es noch weit unglücklichere Königinnen gegeben
und noch gebe, so fand er Trost in ihrer Wahl des Schlafs, indem er ein grosser
Schlafverehrer war. »Hätte die Fürstin unter den drei zur Wahl ausgestellten
Dingen einen Gürtel angeboten, vermittelst dessen man sich unsichtbar machen
kann: ich wüsste nicht, was ich gewählt hätte,« sagte die Baronin; und diese
Äusserung beruhigte ihn völlig. Er schien kein Gürtelliebhaber zu sein. Als ein
vernünftiger, welterfahrner Mann hat er zu diesem Gürtelwiderwillen gewiss seine
Ursachen gehabt - und wer hat sie nicht? Spät erinnerte die Baronin sich des
fürstlichen Beifalls bei dieser Wahl des Schlafs. »Wohlgesprochen!« - hatte die
Fürstin erwiedert; »den Seinen gibt er's im Schlafe.« - Wahr! Eldorado ist unter
der Erde! -
    Dankbarlich verehrte Fräulein Banise die Weisheit ihrer Mutter lebenslang.
Sie konnte schlafen, wenn sie wollte, und bemühte sich nicht nur, alles Uebel
des Lebens sanft und selig zu verschlafen, sondern hatte auch das Glück, durch
süsse und angenehme Träume eins der fröhlichsten Weiber zu sein, die je auf
Gottes wachendem Erdboden gelebt haben. Es war ihr immer und in alle Wege so,
wie es uns nur zuweilen ist, wenn wir recht ausgeschlafen haben. Jener weise
König erwiederte dem Schmeichler auf die Versicherung, dass das gemeine Wesen so
lange blühen würde, so lange er nicht aufhörte, so wohl zu befehlen: »Nicht
also, sondern so lange das Volk nicht aufhören wird, so wohl zu gehorchen.« -
Nicht auf das Wachen, sondern auf das Schlafen kommt es an. - Dass ihr eine gute
Sentenz erhaltet, eine erbauliche Predigt hört, dass unser Heer siegte, und dass
dein Kleid so wohl passt - macht, weil Richter, Prediger, Feldherr und Schneider
gut geschlafen hatten. Zum Laufen hilft nicht schnell sein. Alexander schlief an
dem Tage, der zur entscheidenden Schlacht mit Darius bestimmt war, so fest, dass
sein Schwerin-Parmenio ihn mit Mühe aufwecken musste, weil es Zeit zur Schlacht
war. - Wer nicht schlafen kann, versteht der zu wachen? Wer nicht ruht, kann der
arbeiten? - Unsere Banise ward von ihrem Gemahl, einem schönen reichen
Jünglinge, zum erstenmal gesehen, als sie recht charakteristisch in einer Laube
schlief. - Wer so schlafen kann, dachte er, ist ein edles, liebenswürdiges
Geschöpf. Sie ward seine Gemahlin und die Mutter von sieben wohlgeratenen
Kindern. Ihre Untertanen liebten sie, wie ihre Mutter, und sie wollte auch
nicht gefürchtet sein. Die Worte: gute Nacht angenehme Ruhe! sprach sie
liebevoll und zuweilen mit einer Art von magischer Kraft aus, so dass die, welche
diesen Segenswunsch von ihr empfingen, des Schlafes, der sie geflohen hatte,
wieder gewürdigt wurden. Ihren Mann und ihre Kinder hat sie oft auf diese Art
curirt. Wenn sie nach abgelaufenem Leben noch einmal hätte zu leben anfangen
sollen - sie würde durchaus kein anderes Leben gewollt haben, so schön war ihr
Schlafleben. - Ihre Krankheiten verschlief sie, und nach späten Jahren sagte man
im Geist und in der Wahrheit von ihr: sie sei nicht gestorben, sondern
eingeschlafen. Sie ruhe wohl - -!
    Bei der
                      Legende vom ungebornen Unglücklichen
will ich mich kürzer fassen. Der ungeborne Unglückliche kam glücklich auf die
Welt und war ein allgemein geliebter, schöner und fester Junge, der überall auf
Händen getragen und gestreichelt wurde. Sein Milchbruder, der Sohn seiner Amme,
brach in seiner Gesellschaft dreimal den Fuss und siebenmal den Arm, ward aber
allemal so wohl geheilt, dass man bei jedem Bein- und Armbruche Gottlob! sagte,
weil es nicht der Hals war. Unser Unglücklicher zerbrach sich nichts und auch
nicht den Kopf, indes wusste er mehr als seine Kameraden; es kam ihm alles im
Spielen. Die Eltern, welche wegen der Prophezeiung den Knaben fast aufgaben,
wurden bei ewigen ausserordentlichen Glücksfällen dergestalt überrascht, dass sie
zu glauben anfingen, die Drohung der Fingerlein hätte einen verborgenen Sinn,
und die Bangigkeit, die sie der Mutter und dem Vater des Ungebornen halber
auferlegt, wäre die einzige Strafe, die man beabsichtigt hätte. Auf den grünen
Auen dieses süssen Traumes weideten sie sich so lange, bis ein irrender, ein
landfahrender Philosoph - oder Scholasticus ambulans, wie sie zu unsrer Väter
Zeiten genannt wurden, und deren es oft so viele wie der irrenden Ritter, aber
weniger als der ewigen Juden (Juifs errants) gegeben haben soll - diese Strasse
zog unfröhlich. - Da sein Beruf bloss dahin ging, alles, was guter Dinge schien,
zu betrüben, so erzählte er den in ihrem Glauben beglückten Eltern die
Geschichte des Polykrates, dem alles gelang, und der, als sein Freund Amasis,
weiland König in Aegypten, ihn ersuchen liess, seinem Glück einen etwas bittern
Geschmack zu geben, seinen köstlichen Ring ins Meer warf, nicht um mit diesem,
wie die Dogen von Venedig, eine Art von Liebesverbündniss einzugehen, sondern um
sich etwas, das ihm wert war, zu entziehen. Siehe da! nach einigen Tagen
erhielt Polykrates einen Fisch zum Geschenk, der, als aus ihm eine stattliche
Fastenschüssel bereitet werden sollte, dem glücklichen Polykrates den Ring, den
er verschluckt hatte, mit den harten Zinsen seines eigenen Lebens wiederbrachte.
Amasis, der viel zu klug war, es mit einem so glücklichen Freunde länger zu
halten, kündigte ihm das Capital seiner Freundschaft auf, und das Ende vom
Glücksliede war ein schrecklicher Tod am Kreuze, obgleich die Tochter, die ein
Traum unterrichtete, den glücklichen Vater vergebens warnen liess, sich nicht
unglücklich zu machen. - Wer nicht zuvor glücklich ist, kann nicht unglücklich
werden, fügte der schwarze Magus hinzu, und verstreute so viel sieben Sachen
über Glück und Unglück, dass das erstaunte Elternpaar den Entschluss fasste, die
Vorsehung nicht um Glück, sondern um Unglück zu bitten. - Das Glück, sagte er,
ist eine Katze: es kratzt, wenn es leckt; eine Spitzbübin: es stiehlt dort dem
verdienten Manne Geld und Gut, um es dem unverdienten zuzuwenden; - es ist ein
Glas, das, eben wenn es recht fein und reizend ist, am leichtesten und
gemeiniglich in froher Gesellschaft bricht, wenn man mit Wohlgefallen trinken
will. Schade um den schönen Wein, der hierbei verschüttet wird! - Wisst ihr nicht
die Geschichte des Sesostris, Königs in Aegypten? Er hatte einen Wagen, worin
Jupiter zu sitzen, sich nicht hätte schämen dürfen, und den er von vier Königen
ziehen liess. - Phöbus ausgenommen, wer hatte je ein besseres Fuhrwerk? Da eins
der vier Königpferde mit unverwandtem Blick die Räder ansah, wollte Sesostris
wissen, was an diesem, aus Elfenbein, Gold und Edelsteinen bestehenden Wagen
seine Aufmerksamkeit reize, und erhielt zur Antwort: Ich sehe den schnellen
Umlauf der Räder, woran das höchste sobald das niedrigste wird! - Was tat
Sesostris? Er liess ausspannen. - So schnell, setzte Magus hinzu, so schnell, wie
ich anspannen lasse. Alles Bittens ungeachtet, ein Glas süssen Wein für diese
bitteren Wahrheiten aus einem ehrenfesten Glase zu trinken, und Zuckerzwieback
statt der bittern Salze seiner Rede, zu geniessen - setzte dieser ewige Jude
seinen Stab weiter, welches er durch den bildlichen Ausdruck anspannen
andeutete.
    Diese Lehren schlugen das Elternpaar gewaltig nieder; besonders schwebte
ihnen das Kreuz, an welches Polykrates geschlagen worden, unablässig vor Augen.
Sie ermahnten ihren Sohn, den sie nicht lieben wollten und eben darum desto
inbrünstiger liebten - und wer konnte umhin, es zu tun? Der Neid selbst hätte
es getan, dem es überhaupt wenige oder gar keine Mühe kostet, glückliche Leute
zu lieben, wenn er gewiss weiss, dass sie über ein Kleines unglücklich sein werden.
- Ob man das zuweilen wissen könne? Ich glaube, ja!
    Das Polykratische unseres Unglücklichen dauerte sehr lange. Er ward Soldat,
und sein Vater beförderte seinen Entschluss, weil es eben einen grossen Krieg gab,
damit eine Kugel ihn treffen und das Kreuz von ihm abwenden möchte. Tausend
fielen zu seiner Rechten, und Tausend zu seiner Linken. Er stand, schlug Feinde
und Freunde, und spielte den Meister, wo sein Auge und sein Schwert sich
hinneigten. In kurzer Zeit brachte er es bis zum Feldherrn. Seine Nebenbuhler
fielen, wie die Fliegen im Zimmer des Kaisers Domitian, oder zogen sich auf ihre
Landhäuser zurück, da sie wohl merkten, dass sie mit einem solchen Manne nicht
Schritt halten konnten. Sein Weib war so liebenswürdig und so treu, dass kein
Fähnrich es wagte, ihren Reiz anders als in Gedanken zu bewundern. Als er
siebenmal sieben Jahre alt war, kam sein böses Stündlein! Sein liebenswürdiges
Weib sank in eine unerklärliche Schwermut. Sie glaubte, ihr Mann wolle sie
heimlich vergiften; - und da sie von dieser schrecklichen Idee nicht abzubringen
war und sich ihretwegen alles Genusses von Speise und Trank entielt, so starb
sie unter bitteren Klagen über ihren Ehemann, den sie so herzlich geliebt hatte.
- Seine Tochter, der Abglanz det Mutter an Leib und Seele, ward von einem
Jüngling geliebt, dessen Verstand und Schönheit aller Augen auf ihn zog, und der
ein so getreuer Verehrer seiner Vielgeliebten war, dass alles, was lieben wollte,
sich auf dieses Paar, als das Ideal reiner Liebe, bezog. - »Liebt euch, so wie
Hans Greten,« sagten die Schönen; und die Jünglinge: »so wie Grete Hansen« - und
siehe! Vater und Tochter werden an Einem Tage krank - und die Tochter durch die
Blattern völlig entstellt, so dass nicht Gestalt und Schöne an ihr ist. Sie starb
endlich nach ihrem Wunsche, dem ihr betrübter Liebhaber indes auf keine Weise
beitreten wollte; denn er beteuerte, dass die Blattern seiner Liebe, wie
Unglücksfälle der Tugend, nur einen neuen Glanz beigelegt hätten. Der Vater
vergass seine Tochter, um den über ihren Hintritt verzweifelnden Jüngling zu
beruhigen. Seine Kräfte nahmen seit geraumer Zeit von Tage zu Tage ab; jetzt
schwanden sie von Stunde zu Stunde. Er machte ein Testament, wendete seinem
Schwiegersohne sein ganzes Vermögen zu, und schien beruhigt zu sein; allein
leider nicht auf lange: - er erlebte das Unglück, dass sein Erbe seine Verlobung
mit einer Dirne bekannt machte, die seiner und der Seligen so unwert war. O,
des Ruchlosen! Nicht einmal den so nahen väterlichen Tod abzuwarten! So vieler
Liebe wäre ein weit minder gütiger Vater wert gewesen. Man sagte, die Dirne
hätte zu diesem Drang Ursache gehabt. Der Vater schwankte ob er sein Testament
ändern, oder diesen Undankbaren mit Grossmut strafen sollte. Er entschloss sich
zum letzteren. Von aller Welt und von seinem Schwiegersohne verlassen, hatte der
Unglückliche noch einen einzigen Freund, der in Glück und Unglück ihm treu
geblieben war; einen Freund, auf den seine Gattin, selbst in den Tagen ihres
schwermütigen Argwohns, nicht einen Argwohn hatte; einen Freund, der, wie er
sicher annehmen konnte, auf seinem Grabe seinen Tod finden würde: seinen Hund; -
und dieser wird wütend. Ohne Hülfe? Allerdings. Er selbst muss das Todesurteil
über seinen Freund aussprechen. Ein Flintenschuss! - Es verstand sich in mehr als
Einer Rücksicht von selbst, dass der Jäger ihm diesen Liebesdienst in freiem
Felde erweisen würde; und, siehe da, unser Unglücklicher musste diesen Schuss
hören, den er gewiss mehr als sein Freund fühlte. - O! was ist da das Kreuz des
Polykrates, welches das Elternpaar unseres Unglücklichen so erschreckte! Und der
grausame Tod! - Will er denn durchaus nicht anders als ungebeten kommen? Unser
Unglücklicher lebte und musste leben, der Nachricht halber, dass der Bruder seiner
Frau, den er todt geglaubt, in der grössten Dürftigkeit in einem Gefängnisse
schmachte, wohin ihn bestochene Richter hineingeurteilt hatten B.R.W. Und eben,
da der Unglückliche in der grossen Not war, sich noch einige Stunden Leben zu
wünschen, eben da die Gerichtsdeputirten des Ortes sich schon versammelt hatten,
ein Codicill diesem Gefangenen zum Besten zu verzeichnen, verlassen ihn
Gedächtnis und alle Sinne, und so liegt er sieben und siebzig Tage, bis endlich
der Tod allem seinem Elend ein Ende macht! Was fehlte zum möglich höchsten
Gipfel des Unglücks? Dass er Gott läugne und die Hoffnung der künftigen Welt. -
In der Tat, unser Unglücklicher starb zwei Jahre zu spät, und bewies auf eine
schreckliche Weise, was ausser dem schwarzen Magus viele Weise des Altertums und
neuerer Zeit behaupten: Das Glück des menschlichen Lebens lässt sich nur in der
Sterbestunde berechnen.
    Doch es ist Zeit, die Familie mit an ihren Ort zu stellen, und zur Familie
ohne und zu unserm Helden heim zu fliegen.
                                     §. 5.
                                        
                                   Sein Vater
war der Hochwürdige und Hochwohlgeborne Caspar Sebastian des heiligen römischen
Reiches Freiherr von Rosental und des heiligen Johanniter-Ordens Ritter, so dass
mitin zweimal heilig in seinem Titel vorkam. »Geheiligt werde sein Name,«
pflegte er in den Tagen des Glücks zu sagen und vor sich selbst ein Knie zu
beugen. Zur Scheinheiligkeit hatte er nicht die mindeste Anlage, wozu sein eben
nicht splendider Kopf ihm auch keine Dienste geleistet haben würde, indes war es
eine besondere Heiligung, der er, nach dem Ausdruck seines Geistlichen,
nachjagte, wovon unten eine genaue Beschreibung vorkommen wird. Es war im ganzen
Leben unsres zweimal Heiligen nichts merkwürdigeres vorgekommen, als der
Ritterschlag, und eben darum hatte dieser Vorgang einen ausserordentlichen
Eindruck auf Seine Heiligkeit gemacht. Seine Feinde nannten diesen Eindruck:
blaue Flecken. Unser Freiherr war so wenig in guten Glücksumständen, dass man
vielmehr, ohne eine Unwahrheit zu begehen, das gerade Gegenteil von ihm
behaupten konnte; doch waren die Fingerlein an dieser seiner Lage völlig
unschuldig. Sein Vater hatte durch lateinische, das ist, einfältige Wirtschaft,
viel eingebüsst; und da sein Herr Sohn auf der Akademie seine Stiefeln, gewichst
und von der alten Weise seiner Ahnherren und Ahnfrauen schnöde abgewichen war,
so kostete beiden das Latein sehr viel. - Wenn es meine Art wäre, abzuschweifen,
so würd' ich hier fragen: warum man einen schlechten Wirt, so wie einen
schlechten Reiter, einen lateinischen nenne? Warum nicht, wenn doch eine alte
Sprache hier ins Spiel kommen soll, einen griechischen? und antworten: weil die
Herren Geistlichen, welche (besonders die von einer gewissen Kirche) es nicht
über das Latein gebracht haben, sowohl schlechte Reiter, als schlechte Wirte
sind; allein ich gehe weit lieber dergleichen Nebendingen aus dem Wege, um nur
desto kürzer und einfältiger zu sein. - Eins der freiherrlichen Güter, und bei
weitem das vorzüglichste, stand in Subhastation, und niemand wollte weiter auf
dieses so sehr verschuldete und vernachlässigte Gut zwei Dritteile der darauf
haftenden Schuldenlast bieten, oder, wie man es nannte, aus Bein binden. Kurz,
es ging mit des heiligen römischen Reiches Freiherrn völlig auf die Neige, als
er zum Ritterschlage aufgefordert ward. Einige silberne Gefässe, die von
urururalten Zeiten von einem von Rosental auf den andern gekommen waren,
mussten, so wie jene silbernen Apostel, in alle Welt gehen. Da dieses unter der
Hand geschah, und die silbernen Gefässe der alten Form halber in der modischen
Welt zu weiter nichts als zum Einschmelzen gebraucht werden konnten, so trug ein
jeder dieser beiden Umstände noch obendrein zum wohlfeileren Preise das seine
bei. Die Pächter mussten zum voraus ihre Arrende berichtigen, und den Kirchen und
Hospitälern lieh der Freiherr auf Handschriften die Vorräte ab. - Mit diesem
Gelde, aus wenigstens fünfzehn Kassen, trat er seine Reise zum Ritterschlag,
nicht nach dem gelobten Lande, sondern nach Sonnenburg an. Sonne und Burg waren
ihm schon einzeln ein Paar ehrenvolle Wörter; als doppelte Schnur rissen sie
nicht. Der Kandidat zur heiligen Ritterschaft hatte, aller seiner
Rechnungssorgfalt ungeachtet, doch seine Rechnung ohne Wirt gemacht, und sah
sich notgedrungen, in Berlin auf einer hohen Schule, wie er es nannte, Credit
zu suchen, den er auch, wohl zu verstehen, auf seiner Rückreise, bis auf 900
Rtlr. bei einem Juden gegen ansehnliche Zinsen fand. Ihm schien dieser Umstand
ein Beweis, dass die Zeit kommen würde, in welcher das Kreuz diesem Voll nicht
mehr ein Ärgernis sein, sondern es auch bekehrt werden und leben würde, so wie
er dagegen von der Härte der christlichen Banquiers auf die je länger je mehr
erkaltende christliche Liebe keinen ungründlichen Schluss zog, indem er sich
hinreichend überzeugte, dass bei so wenig christlichem Lebenswandel es
wohlverdienter Lohn wäre, wenn der Leuchter von her heiligen Stätte genommen
würde. So beschwerlich ihm nun auch hiess Geld-Negoce geworden war, so kam ihm
doch das Kreuz als kein unbedeutender Cavent vor, der ihm wenigstens bei Juden
Dienste leisten könnte. Es gab Rechtsconsulenten, die immer einen Zeugen bei der
Hand hielten, und ohne diesen Helfershelfer keinen Schritt taten - warum sollte
ein Kreuz nicht als Bürge dienen? Diese Caution indes fing in Berlin an, und
hörte in Berlin auf, da in seinem Vaterlande weder Christ noch Jude weiter einen
Taler auf sein Kreuz borgen wollte. In gerechtem Grimm sah er alle Leute, die
ihn mit einer abschlägigen Antwort kränkten, für Ungläubige und Türken an, die
er gern mit Stumpf und Stiel ausgerottet haben würde, um sich das gelobte Land
ihres Vermögens zuzueignen, wenn er nicht die Justiz, der man den Beinamen
heilig (wiewohl spottweise) beilegt, gefürchtet hätte. Seine Untertanen nannten
den neuen Ritter: Kreuzige ihn, kreuzige ihn! Und es muss ein förmlich komischer
Anblick gewesen sein, als ein altes Mütterchen sich zuvor ein Kreuz, wie beim:
das Walte, schlug, eh' es sich herausnahm, dem Hochwürdigen Herrn den
untertänigen Glückwunsch abzustatten. - Wahrlich, das Scherflein dieses alten
Mütterchens galt mehr als alle Produkte der Redekunst, welche Sokrates und viele
andere Weisen der alten und neuen Zeit gar richtig die Kunst zu betrügen
nannten. Gern hätte unser Ritter dieser Kreuzschlägerin ein Trink- oder
Stecknabelgeld gereicht, wenn er es gehabt hätte. Einer seiner witzigen
Nachbarn, den er vergebens um Geld angesprochen hatte, war so dreist gewesen,
ihn den Schächer am Kreuz zu nennen; ein andere hatte sich des satyrischen
Ausdrucks bedient: er wäre geschlagen, ja wohl recht geschlagen; und man sagt,
dass diese Spottreden ihn bis zur Verzweiflung gebracht haben würden, falls er
nicht in seinem Kreuz auch seinen Trost gefunden hätte. Recht ritterlich rang
er, in seiner Burg eine Sonne von allerlei Anspielungen auf den Ritterschlag
anzubringen; allein es fehlte ihm, wie man sagt, am Besten, am unwürdigen, am
leidigen Gelde. Zu diesem Kreuz anderer Manier kam, wie doch überhaupt kein
Leiden allein bleibt, sondern Gesellschaft sucht und findet, noch eine ganze
Menge anderer Trübsale. Seine Güter sollten wirklich veröffentlicht werden.
Einer seiner Nachbarn hatte ihn höchst unbefugt wegen seiner Grenzen in Anspruch
genommen, und er würde, bloss weil er keine Kosten zum Rechtsstreit anwenden
konnte, die Sache, mit ihr aber ein Hauptstück seines Gutes, eingebüsst haben. So
ängstigten ihn auch einige Handwerker, und unter diesen besonders ein Schneider,
der ihm ein Ordenskleid gefertigt und alle Auslagen gemacht hatte; und, was mehr
als alles war, so kam der berlinische
                                     §. 6.
                                        
                                    Wechsel
in die Hände eines christlichen Banquiers in -, der über die Vorrechte des
Wechselrechtes die Würde unseres Freiherrn so tief vergass, dass er ihn zum Spass
den Wechselbaron hiess, indes in seinem Mahnbriefe ihm alle Gerechtigkeit
erwiesen zu haben glaubte, indem er ihn Ew. Edlen nannte. »Ueber den Dummkopf!«
sagte der Ritter; »Edel! der Teufel ist edel!« Er war fast ärgerlicher, dass der
Banquier das Hochwürdig ausgelassen, als dass er ihn mit den Folgen des
holländischgroben Wechselrechtes bedroht hatte, welche nichts geringeres als der
persönliche Arrest sind. Nach einigen Tagen legten sich diese hochwürdigen
Wellen, und unser besänftigter Ritter enschloss sich, die
                                     §. 7.
                                        
                                    Antwort
Sr. Edlen selbst zu überbringen, um die unedlen Folgen des Wechselrechtes von
sich abzulehnen. Wahrlich, dieser Gang war so glücklich, wie jener der
neugierigen Baronin an das Schlüsselloch unglücklich ausfiel. Unser Ritter war
so wenig ein Schächer seinem Körper nach, dass der naseweise adelige Nachbar mit
diesem Ausdruck bloss auf seine Glücksumstände, und, wie mich dünkt, sehr
uneigentlich, angespielt hatte; und da er sein Kreuz sehr wohl zu legen wusste,
dem unbezahlten Kleide es auch nicht anzusehen war, dass der Schneider noch ein
Laus Deo in Händen hatte, es vielmehr ihm links und rechts nicht übel stand: so
ging es mit ganz natürlichen Dingen zu, wenn unser Wechselbaron sogleich in den
Saal genötigt wurde, wo er, in Abwesenheit des Wechslers, dessen Frau und
eheleibliche Jungfer Tochter, auch noch obendrein ein altes Frauenzimmer von
Adel, die alle Sonn- und Festtage bei unserm Banquier einen Freitisch hatte,
antraf. Dem zweimal heiligen Ritter blitzte die eheleibliche Jungfer Tochter, so
sehr ins Auge, wie dieser das ritterliche Kreuz die Augen blendete oder brach.
Kurz, sie verliebte sich schon in einmal Heilig, und das zweite diente dazu,
dies Feuer zu einem vollen und herzgefährlichen Brande zu verstärken. Mama fand,
den Ritter so fein und lieblich, dass sie selbst, wenn es Gottes Wille gewesen
wäre, ihn geehelicht haben würde. Nur der Freitischdame stieg das adeliche Blut,
sobald sie den Ritter sah, sympatetisch ins Gesicht, weil sie sich
herabgewürdigt fühlte, ihr Brod bei Sr. Edlen zu essen. Der alte Wechsler ward
von diesen drei Grazien belagert, und er mochte wohl ob übel wollen, er musste
durch die Finger sehen. Die Fristen, die unser Ritter wegen des Wechsels sich
persönlich erbat, sahen die drei Grazien als so viele sinnreiche Erfindungen der
Liebe an. Der Banquier ward durch das sehr höfliche Betragen des Wechselbarons
selbst nachgiebiger, so wenig er sonst das Wort: Nachgabe kannte; er liess sich
indes, Lebens und Sterbens wegen, noch eine besondere Schrift, und, weil er mit
einem Baron zu tun hatte, auf Stempelpapier ausstellen, worin dieser
ausdrücklich stipuliren musste, auch die Verzögerungszinsen mit - vom Hundert
bankbarlichst zu getreuen Händen berichtigen zu wollen. Der Emsige fand, wie er
sich sonst erklärte, keine Bedenklichkeit, Zehn von Hundert zu nehmen, da selbst
der Gott Abrahams und Isaaks sich durch den Erzvater Jakob den Zehnten oder zehn
Procent versprechen lassen (1. B. Mose 28, 22). Indes begehrte er vom
Wechselbaron keinen Pfennig über die landesüblichen Zinsen. - Ob sich nun gleich
nicht läugnen lässt, dass die Liebe allemal und in alle Wege (und wie man zu sagen
pflegt: stock-) blind ist, so soll sie es doch, wenn man in ein Kreuz verliebt
ist, noch mehr als gewöhnlich sein. Die eheleibliche Jungfer Tochter war
sterblich oder bis zum Tode in unsern Ritter verliebt, und auch er hatte aus der
Not eine Tugend gemacht. So wie die Not vieles lehrt, so lehrte sie auch hier
ritterliches Fleisch und Blut kreuzigen und sich bis zur ehelichen Zuneigung zu
einer Bürgerlichen herablassen. Dass übrigens die Freitischdame zu dieser
                                     §. 8.
                                        
                                  Ueberwindung
sehr viel beigetragen, bedarf noch einer näheren Auseinandersetzung. Sie ward,
da sie, der Sage nach, noch Fräulein war, und die Bürden des ehelosen Standes
aus der ersten Hand kannte, von der baronlustigen Mutter zur Unterhändlerin
erkoren.
    »Glauben Sie denn, Baron, dass mir der Freitisch an Sonn- und Festtagen nicht
Ueberwindung kostet?«
    Desto schlimmer! Geschieht dies am grünen Holz. - Der Schluss vom Freitisch
an Sonn- und Festtagen auf alle Tage - und vom Tisch aufs Bett. Mann und Weib
sind ein Leib!
    »Recht Baron! Ein Leib mit Ihnen, und in, mit und durch Sie - adelich -«
    Freiherrlich, wollen Sie sagen. - Wahr -!
    »Wahr, und -?«
    Aber auch ritterlich?
    »Sie bleiben Ritter nun und in Ewigkeit.«
    Und die ritterfähige Nachkommenschaft halten Sie für nichts? -
    »Ein jeder für sich, Gott für uns alle.«
    Sie sind Fräulein -
    »Weiss aber, was Nachkommenschaft sagen will -«
    Will nicht hoffen -
    »Die Liebe ist blind«
    Bei Argusaugen, um Geld zu sehen.
    »Not bricht Eisen« -
    Kleinigkeit! - Auch den Willen sollte sie brechen! Ach! auch den Willen,
wenn er uns verrät und verkauft. - Was ist Eisen gegen Willen? Mit der linken
Seite liebt unser einer, was und wie viel er will; gilt es aber die rechte - ha!
wird da nicht der Fürst Untertan?
    »Gingen nicht auch Regenten ins Kloster -?«
    Wir gehen alle zu Bette, wenn wir des Tages Last und Hitze getragen haben.
    Ein dergleichen langes und breites Für und Wider fiel unter dem Fräulein und
dem Baron vor, die bei aller Wechsel- und Freitisch-Abhängigkeit sich doch so
himmelweit über das Haus Sr. Hoch-Edlen emporhoben.
    
    
                     Noch ein Körbchen dergleichen Brocken.
    Ritter. Ein wahrer Fall Adams! Weg ist das göttliche Ebenbild, das einmal
Heilig.
    Fräulein. Die Menschen leben im Stande der Sünden, immer noch artig genug -
    Ritter. Ach Fräulein! in mir fallen alle meine Descendenten bis an den
jüngsten Tag!
    Fräulein. Schrecklich! Doch wer kann Ihren Nachkommen bis an den jüngsten
Tag das heilige römische Reich nehmen-? - Wer Ihren Kindern den Vater?
    Ritter. Gilt er beim Ritterschlage ohne Mutter?
    Was zu machen? Mit den heissesten Tränen bedauerte das Fräulein diesen
betrübten Sündenfall. - Der Apfel war schön und der Wechsel fällig. -
Wechselschuld, sagte die Freiwerberin, ist freilich nicht Blutschuld; doch hab'
ich es von vornehmen Verwandten, dass es hier wie im Himmel zugehe, wo kein
Ansehen der Person ist, und wie in der Hölle, wo alles in Ein Gefängnis kommt
und Hoch und Niedrig Eine geschlossene Gesellschaft ausmacht. Der Ritter hatte
sich von dem Freitischfräulein keine solche teologische Beichtandacht versehen,
und in der Tat spielte es die Freiwerberrolle auf eine Art, wie sie so leicht
nicht gespielt worden ist. Der zweimal Heilige ward am Ende durch diesen
Wortwechsel vollständig überzeugt, dass, wenn gleich seine Nachkommenschaft auf
das eine Heilig Verzicht täte, und der Kasten Noä und die sitzende Jungfer (ein
paar Familienhieroglyphen) gröblich befleckt würden, ein verfallener Wechsel
dennoch alle diese hochfreiherrlichen Vorzüge überwiege; und nach genau
angestellter Subtraction brachte der Ritter, ohne Wechsler zu sein Summa
Summarum heraus, dass er in diesen sauren Apfel heissen und das Paradies verlassen
müsse. Auch ausser dem Paradiese leben Menschen, und hinter dem Berge wohnen
Leute. - Sein Stolz überredete ihn, dass es nur auf sein herablassendes Ja
ankäme. Wie könnten wohl, dachte er, eine eheleibliche Jungfer Tochter und ihre
eheleibliche Familie einem freiherrlichen Ja widerstehen? Der Banquier, welcher
auf der Börse der Emsige hiess (Spötter nannten ihm die Ameise), hatte seine
Tochter Sophie (dies war, zu nicht geringer Kränkung unseres Ritters, ihr
einziger, noch dazu ziemlich alltäglicher Name) mit Herzen, Mund und Händen
seinem lieben getreuen Nachbar und desgleichen, einem fürnehmen und berühmten
Kauf- und Handelsmann, zugewandt, verschrieben und zugesichert, der Valuta baar
besass und dem auch, genau genommen, nichts weiter abging, als das
Johanniterkreuz, welches auf das Wechselnegoce und den Cours, wie der Emsige
wohl wusste, keinen Einfluss hat. Die Ehefrau der Ameise war indes mit dieser
Verbindung desto zufriedener, und das Sonn- und Festtagsfräulein hatte ihre
Rolle so vollgültig gemacht, dass kein Hefen von Bedenkkeit zurückblieb. Der
Umstand, dass der Herr Bräutigam aus einer sehr alten Familie und sogar mit
Fräulein - - man denke den Vorzug! - vetterlich verwandt war, schien Madame von
entschiedener Wirkung zu sein. Der Emsige hatte nun zwar die Wechseldreistigkeit
zu behaupten, dass alle Edelleute von A und alle Bürgerliche von dam abstammten,
und insoweit auch verwandt wären; indes wusste das in der Heraldik und Genealogie
nicht unerfahrene Fräulein ihm die Verdienste einer adeligen Abkunft so
weitläufig und meisterhaft auseinander zu setzen, dass er vor lauter Ueberzeugung
einschlief. - Sie erniedrigte sich zuweilen zur Probe, wenn sie allein waren,
Madame und ihre Tochter Cousine zu nennen. Das erstemal, da dieser Name
durchbrach und, wenn ich so sagen soll, durch das Schlüsselloch ausgesprochen
wurde, war das Fräulein im Begriff, einen Haufen Holz von der neuen Cousine zu
erbitten, den diese ihr denn mit zuvorkommender Freundschaft dreidoppelt
bewilligte, so dass sie in drei Haufen ihre vetterliche Zuneigung lichterloh
brennen liess. Ich wette, es wäre ihr Cederholz zugestanden worden, wenn sie es
darauf angelegt und der Emsige nicht peremptorische Einreden dagegen gehabt
hätte. Madam behauptete übrigens (weil der Emsige um die Hausregierung sich zu
kümmern nicht viel Zeit hatte oder sich nahm) manchen Vorzug, den sie ihrem
Eheherrn abgewonnen hatte; sie war grösstenteils zum genere masculino
übergetreten. - Ländlich sittlich - Madam verlangte auf den Grund dieses
Vorzuges ein vollstimmiges Ja zur Heirat; indes wusste er es doch, wiewohl mit
genauer Not, dahin zu bringen, dass man, statt dieser Förmlichkeit, sich mit
blossem Kopfneigen begnügte. Der Geist Caprizzio ist sauber und unsauber, je
nachdem der Ort beschaffen ist, wo er einkehrt. In der Seele des Emsigen war er
so unsauber, dass die Sauberkeit des Fräuleins Cousine dazu gehörte, alles ins
Geleise zu bringen. »Wer sollte denken, Fräulein,« liess der Emsige im Zorn sich
aus, »dass Sie auch zu mäkeln verstehen?« Und ein andermal: »So wie ich meine
propre (eigene) Handlung führe, so hätt' ich mir auch einen Schwiegersohn mit
proprer Handlung oder wenigstens mit proprem Vermögen gewünscht.« - Cousine fing
an, ihrer neuen Verwandten die Feile zu geben, und riet z.B. der künftigen Frau
Baronin, etwas weniger gesund zu sein und sich rühmlichst einer blassen Farbe zu
befleissigen. Ein gar zu gesundes Aussehen sei so unvornehm, sagte sie, dass es
ins Bäurische falle. Das allerliebste Mädchen (das einen König hätte beglücken
können, wenn er nicht eine Prinzessin zu ehelichen verbunden wäre), sollte sich
Mühe geben, krank zu werden! Da indes die Liebe eine Krankheit ist, so machte
ihr diese Rolle keine grosse Mühe, wozu freilich die väterliche Begegnung, welche
der mütterliche Trost nicht völlig unkräftig machen konnte, auch das ihrige
beitrug. Ein merkwürdiges
                                     §. 9.
                                        
                                    Gespräch
fiel zwischen dem Emsigen und Madam über das Kreuz vor, das ihren künftigen
Herrn Schwiegersohn bezeichnete.
    »Blind!« sagte der Emsige, da er den Abend seinen Posttag früher als
gewöhnlich beendigt, und wegen eines gestrandeten, nicht verassecurirten
Schiffes, das ihm im Kopfe noch einmal strandete, Verfügungen getroffen hatte:
»blind! blind! blind!«
    Wer blind? erwiederte Madam.
    »Sophie blind! Du blind! Alles blind!«
    Sophie? -
    »Ja sie, sie und Du und die neue Cousine; der Baron hat euch Augen und
Verstand ausgestochen -«
    Und dir der leidige Geiz!
    »Wer ist leidig!«
    Du, der Nachbar und alle die nicht einsehen, dass der Baron -
    »Arm wie Hiob ist, der aber sehr reich wurde, ohne dass er einem ehrlichen
Manne seine Tochter stahl -«
    Wenn die Mutter einen Schwiegersohn hat, bindet sie es eher mit ihrem Manne
an, und erwartet von dem Schwiegersohn Unterstützung; als ob er ihr mehr, als
dem Schwiegervater zugehörte. Der Emsige verstummte vor seiner Schererin, zuckte
die Achseln, und sagte nach vielen Hin- und Rückreden auf eine kaufmännisch
witzige Art: der Wechsel des Herrn Baron sei par onore di lettera bezahlt. »
Lettera,« sagte die Frau Schwiegermutter, und verstand keinen Laut von allem,
was ihr zu Ohren gekommen war. »Lettera!« beschloss der Emsige und knirschte mit
den Zähnen. Wäre die Cousine dabei gewesen, sie hätte auch lettera gesagt, und
keinen als der Emsige, der mit dem Kalbe des Wechselrechts gepflügt hatte, würde
den Sinn dieser Redensart verstanden haben.
    Der Nachbar, fing der Emsige an, hat sich Leides getan -
    »Den Hals abgeschnitten?« fiel Madame ein.
    Die Börse einmal versäumt, erwiederte der Emsige; und sie - fiel so in's
Lachen, dass der Emsige aus der ganzen Connexion kam, und ein Punctum statt eines
Comma's machte.
    Bin ich denn nicht Vater? fing er zu einer andern Zeit an.
    »Was das für eine Frage ist!« erwiederte sie, ohne sich über diesen Umstand
weiter auszulassen. Es ward vielmehr eine so bedenkliche Stille, dass beide
streitende Parteien es gern zu sehen schienen, als Fräulein Cousine, die sich
eine kleine Bewegung gemacht hatte, damit der Abend dem Mittage nichts nachgebe,
wie gerufen dazwischen kam. Das Gespräch fiel auf die
                                     §. 10.
                                        
                                   Hochzeit.
Die Hochzeit ist die Zahl Zehn, sagte mir ein weiser Mann, und es wäre eine
herrliche Sache, dergleichen Haupt- und Kernworte auf Zahlen zu bringen. Mir
macht es eine nicht geringe Freude, dass der Vater meines Helden eben §. 10.
Hochzeit hält. Der Bräutigam drang, nachdem der Emsige den berlinischen Wechsel
(bis auf die Zinsenhefen, wie der Emsige sich ausdrückte) bezahlt und dem Herrn
Schwiegersohn die Schuldverschreibung eingerissen zurückgegeben hatte, auf
Ehebett und priesterlichen Segen. Der Emsige nannte diese beiden Stücke:
Hochzeit; Madam und der Bräutigam: Beilager, an welchem Worte indes der Emsige
einen so grossen Stein des Anstosses fand, dass er sich des lautesten Unwillens
über die galanten Greuel dieser letzten betrübten Zeit nicht entalten konnte.
Nach vielen weitschweifigen Deliberationen ward man über folgende Umstände eins,
die der Rechtsfreund des Hauses zu Hauf brachte.
    1) Das Beilager, alias Hochzeit, ist über sechs Wochen; (Alias! seufzte der
Emsige, als der Rechtsfreund sich bei diesem ersten Punkte räusperte.)
    2) wird zum Andenken des Stammvaters Adam im Garten,
    3) incognito,
    4) ohne Klang und Sang gehalten.
    5) Beide Hochverlobte treten in Adam-Evaische Gemeinschaft der Güter, damit
eins dem andern nichts vorrücke, es mögen Capitalien oder Ahnen sein. (Was Gott
zusammenfügt, soll kein Ehepakt scheiden.)
    6) Lieben einander bis in den Tod, und zeugen Kinder, die ihrem Bilde
ähnlich sind von Rechtswegen für und für.
    7) Der S.T. Nachbar wird ehrenhalber zur Hochzeit gebeten.
    Ich wette, fiel die Frau Schwiegermutter bei S.T. ein, ich wette hundert
gegen eins, er wird an diesem Tage die Börse nicht versäumen!
    »Und kein Leichenbegleiter sein wollen,« setzte der Emsige hinzu.
    Dieser Incidentpunkt endigte das Protocoll des Rechtsfreundes, so dass mit
der Sieben diese Punktation abgeschlossen ward. »Ein schlechtes Omen!« meinte
der Emsige, da der Rechtsfreund die Feder zur Ruhe brachte. Was braucht es denn
hier des Omens? erwiederte Madame.
    Guter Emsiger, ziehe aus deine Schuhe, denn die Zahl Sieben ist heilig! -
Hätte der Nachbar sich auf das Negociiren besser, als der Emsige auf die Zahl
Sieben verstanden - Sophie wäre Madam Nachbarin und nicht Frau Baronin geworden
für und für. Zu spät liess er dem Baron die Valuta der Wechselschuld nebst den
Verzögerungszinsen, und obendrein ein siebenmal so grosses Capital, als
Reukaufsgeld, wie er es nannte, anbieten. Zu spät, Freund Nachbar! die Sache ist
zu weit gekommen. Doch machte der Baron von diesem Antrage nicht den mindesten
Gebrauch zu seinem Vorteil und des Nachbars Nachteil. Fräulein Freitisch war
die einzige Depositärin dieses Geheimnisses.
    Die Hochzeitfackel ist fertig zum Anzünden, und es wird Zeit, dass wir uns
auf eine Schüssel Gern gesehen, wie der Emsige sein bürgerlich zu reden pflegte,
in dem Garten des Brautvaters vor dem Tore einfinden. Dieser so notwendigen
Kürze ungeachtet, muss ich den sieben Punkten des Rechtsfreundes noch hinzufügen,
dass Madam und der Emsige bei dieser Eheangelegenheit ein siebenpünktliches
Pactum dotale, freilich etwas spät im Jahr, indes doch immer gültig, wiewohl
ohne Rechtsfreund, abgeschlossen hatten. Nun und nimmermehr würde einer von
diesen sieben Ehepaktspunkten zu Stande gekommen sein, wenn nicht der Emsige
sich hierdurch eine noch weit schwerere Last hätte abkaufen können. Es war auf
nichts geringeres angesehen, als dass er, zur Ehre und auf Kosten seines adeligen
Eidams, Commerzien-Rat werden sollte. »Warum nicht gar!« erwiederte er einem
Schmeichler, der ihm vorschussweise diesen Namen beilegte. »Wo es
Commerzien-Räte gibt, da geht es mit dem Handel schlecht; und ist es Wunder,
dass diese Herren nicht zum Handeln, sondern zum Raten sind? - Weit lieber,«
fügte er wohlbedächtig hinzu, »nach den Specien der hochedlen Rechenkunst
Numerations-, Additions-, Subtractions-, Multiplications-, Divisions-Rat.« - In
der Tat nicht sieben, sondern siebenzigmal sieben Punkte hätte unser Emsige
eingeräumt, um dem Commerzien-Rat auszuweichen. Und die sieben Punkte?
    1) Der Commerzien-Rat wird an seinen Ort gestellt, der wahrlich schon sehr
voll ist.
    2) Madam will nicht mehr Liebe Frau, sondern meine Liebe heissen. Er dagegen
heisst nicht lieber Mann, sondern mein Lieber. - Anfänglich ward auf mon cher und
ma chère bestanden.
    3) Zu Hause bleibt das Band der Ehe unverletzt, in Gesellschaft je länger,
je lieber; wie Madam sich ausdrückte: je fremder, je angenehmer.
    4) Die Tochter wird nach der Hochzeit die Baronin genannt, und
    5) Der Schwiegersohn heisst nicht Herr Sohn, sondern Herr Baron.
    6) In Abwesenheit werden sie der gnädige Herr und die gnädige Frau
prädicirt.
    7) Das Wort: Wechsel, wird sorgfältig vermieden, und alles mit dem Mantel
der christlichen Liebe bedeckt.
    »Wo nur ein Mantel helfen kann!« fiel der Emsige ein; und so ward auch diese
Punktation mit der bösen Sieben beschlossen.
    Wieder Sieben! fuhr der Brautvater erschrocken auf. Wenn es nur nicht ein
Trauermantel wird! setzte er mit einer Betrübnis hinzu, die allen auffiel. Die
Tochter sah ihn zärtlich an, die Mutter war stumm. Das unbedeutende Wort
Trauermantel traf sie so, dass man sagen konnte, sie sei auf der Stelle
geblieben. Es gibt solcher Art Worte, die man zur Erkenntlichkeit Schlagworte
nennen könnte; und man kann sicher glauben, dass viele Leute an dergleichen
Worten sterben - sie wissen nicht wie. - Sieben Tage vor der Hochzeit klagte
Madam über Kopfweh. Der Emsige, den sonst dergleichen Zufälle seiner Lieben, als
sie noch seine Frau war, sehr zu interessiren pflegten (falls sie nicht so
ungezogen waren, ihm an einem Posttage beschwerlich zu fallen), blieb, da jetzt
zweimal sieben Punkte ihn beugten, bei der gegenwärtigen Kophfkrankheit seiner
Lieben gleichgültig; und ohne ihr, wie sonst, Hofmanns Lebensbalsam auf Zucker
zu träufeln oder ihr einen Aderlass in Vorschlag zu bringen, liess er der
Krankheit freien Lauf, wie er bis jetzt im Durchschnitt seiner Lieben überhaupt
freien Lauf hatte lassen müssen. Den zweiten Tag vor der Hochzeit konnte sie
sich weiter nicht auf den Beinen halten; sie legte sich, und ob es gleich ihrem
Manne nicht in Sinn und Gedanken kam, Aufschub der Hochzeit zu verlangen, so kam
sie doch diesem Gedanken weislich zuvor, weil der Herr Schwiegersohn von keinem
Aufschub hören und wissen wollte. Madam liess den Emsigen vorladen. Er erschien;
und eh' er noch Zeit hatte, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, versicherte
sie ihn hoch und teuer, dass sie sich von Minute zu Minute erhole. Desto besser!
Denn, dacht' er, ohne es zu sagen, die Opfertiere sind geschlachtet und alles
bereitet. »Du bist feuerrot im Gesicht, liebe« - liebe Frau, wollt' er sagen,
strich aber Frau punktationsgemäss aus. Sie schwieg.
    Den heiligen Abend vor der Hochzeit um 7 Uhr Morgens liess Madam ihren Mann
nicht vorladen, sondern bitten.
    Ich sterbe, lieber Mann! sagte sie, da sie ihn sah; ich sterbe! »Gott im
Himmel! Du stirbst?« erwiederte der Emsige, und vergass die zweimal sieben Punkte
und alle bösen Sieben, die über ihn ergangen waren. - »Du stirbst?« - Ich
sterbe, und Dich segne Gott, und lohne Dir alles, alles! Vergib! - Hier
vertraten Tränen ihr den Ausdruck. Herzlich nahm der Emsige die Hand seiner
Lieben, die nun so ganz wieder seine Frau war. »Ach, sagte sie, vergib!« -
Alles, erwiederte er, und stiess selbst das Wort Wechsel, das unzeitig sich
vordrängen wollte, von seiner Lippe, so dass es bebend heimging. - O des teuren
und werten Wortes: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug
werden! sagte Madam. - »Und keine Wechsel stellen,« wandelte den Emsigen an
hinzuzufügen; indes wusste er zeitig genug seine Zunge zu zähmen, und nicht bloss
seine Lippen, sondern auch sein Herz rein zu halten, alle arge Gedanken bis auf
jeden letzten Heller derselben aus seinem Gemüte zu verstossen, so dass er ihr
keine einzige Sünde behielt. - Nur den Löseschlüssel hatte er in seiner Hand. -
Sie weinten beide. - Wer hätte das dem Emsigen zugetraut! Der Kaufmannsstand hat
in der ganzen Welt etwas von der Manier der Holländer. Wenn Mann und Frau in
Holland, will's Gott! dreissig bis vierzig Jahre Tee zusammen getrunken haben,
so wird keins von beiden, falls Gott Eins lieber hat, je nachdem es gut oder
böse war, sich freuen oder betrüben. Was Zuneigung und Liebe heisst, gehört in
Hinsicht der Kauf- und Handelsmänner auf der Börse zu Hause, wo sie mit
Inbrunst, Herzensbeklemmung und einer Art von verliebter Exstase zittern und
froh sind, vor Empfindung verstummen oder beredt werden, schwer oder leicht
Atem holen, seufzen oder jubeln, sich die Hände reichen oder wegstossen - Als
Braut und Bräutigam zu der Sterbenden wollten, war sie in Verlegenheit; und,
siehe! selbst ihre Tochter wollte sie in den letzten Lebensaugenblicken nicht
bei sich haben. An den Baron war vollends nicht zu denken; ihr lieber Mann
allein sollte sie nicht verlassen noch versäumen. Die Tochter nannte sie, wie
ehemels, Sophie, und hatte sie gestern und ehegestern und seitdem sie zu sterben
glaubte, ermahnt, ihrem Vater gehorsam zu sein bis in den Tod! Der Emsige hatte
bei sich geschworen, alles anstässige, und vornehmlich das Wort Wechsel, zu
vermeiden; indes entfuhr ihm doch hiess confiscirte Wort, und lichterloh war es
zu bemerken, wie der Sterbenden vor dieser losen Speise ekelte. Vergib! war ihr
letztes Wort, nachdem sie kurz vorher den Nachbar zu grüssen gebeten hatte. -
Dieser Harterzige blieb den Dank schuldig; er hätte danken sollen! Er vernahm
ihre Reue, und hoch vergab er nicht; vielmehr war er so bitterböse, dass ich fast
glaube, er wird den Himmel verbitten, wenn Madam sich dort aufhält. - Viel würd'
er dabei nicht einbüssen, weil dort ohne Zweifel keine Börse ist. Ob der Himmel
verlieren wird, ist noch weniger die Frage. - Freilich war es die Sterbende
gewesen, die dem Nachbar Hoffnung zur Hand ihrer Tochter gemacht, ehe beide den
Stern gesehen hatten. Darum aber einer Sterbenden zu fluchen! Hat Sophie
verloren, dass sie nicht Frau Nachbarin ist? Ich glaube nein. Der Emsige, der an
sich ohne alle Beobachtungsfähigkeit war, verwunderte sich höchlich, dass seine
liebe Frau sich nur auf eine allgemeine Beichte einliess. Freund, die allgemeine
Beichte liegt in der Natur des andern Geschlechtes. - Er hätte vielleicht
Ursache gehabt, über das Wochenbett, wodurch er rechtskräftig zum Vater der
freiherrlichen Braut erklärt ward, sich einige Aufschlüsse zu erbitten, worüber,
wie es hiess, viel zu sagen wäre; doch fiel es ihm nicht ein, es auf eine
dergleichen Ohrenbeichte anzulegen. Sie blieb ihm unter den Händen. Der Emsige,
der während seines ganzen vieljährigen Ehestandes beständig sich ein Auge
zugedrückt hatte, drückte jetzt seiner lieben Frau, mit einem völlig
ausgesöhnten Herzen, beide zu, und kam mit einem Gesicht, das malerisch war, zu
den Verlobten. Sie ist todt, sagte er. Die Tochter weinte und gab sich Mühe,
durch das Johanniterkreuz sich aufzurichten, welches ihr indes durch das mit
Tränen bedeckte Auge so reizend nicht dünkte. Der Emsige dachte gewiss an seinen
Tod, auf dass er klug würde; sonst hätte er nicht so kenntlich den Zug im
Gesichte stehen lassen, der so laut sagte: Friede sei mit euch! Es ward eine
Conferenz angezettelt, ob die Hochzeit aufgeschoben werden sollte. Der Baron
drang auf Nein, da die Hochzeit still, ohne Klang und Sang wäre. Der Emsige trat
bei: wir wissen warum. Die Braut schien zwar nicht völlig unzufrieden, dass die
Pluraliät schon vorhanden war, ohne dass sie ihr Votum abgab; sie hatte indes
ihre Mutter zärtlich geliebt, und würd' es eben so gern gesehen haben, wenn die
Aussetzung der Hochzeit per plurima wäre entschieden worden. Dessen ungeachtet
ward beliebt, das Consilium des Geistlichen, der die Seelenangelegenheiten des
Hauses besorgte, einzuholen. Dieser Ehrenmann fand es bedenklich, dass Madam ohne
sein Vorwissen und seine Genehmigung die Zeit mit der seligen Ewigkeit
verwechselt hatte; aber nachdem ihm der leidtragende Herr Wittwer zu verstehen
gegeben, dass der Tod, ohne sich melden zu lassen, gekommen (à la fortune du pot,
würde das alte Fräulein gesagt haben), und dass die Selige in den Worten: »Herr,
lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, auf dass ich klug werde!« viel Heil und
Segen gefunden, so schien der Hausgeistliche diese Worte auch auf seinen
selbsteigenen Seelenzustand zu nutzanwenden, und begnügte sich sein säuberlich
(in Miterwägung, dass er seine Gebühr schon bei der Trauung einholen könne), dem
entseelten Körper auf dem Leichenbrette und nachher in der Erde eine sanfte
Ruhe, und am jüngsten Tage eine fröhliche Auferweckung zur Auferstehung der
Gerechten zu wünschen. »Ihre Seele,« fuhr er fort, »ist in Gottes Hand, und
keine Qual rührt sie an.« Keine Qual rührt sie an, wiederholte der Emsige, und
sah dem Baron, ich glaube ganz von ungefähr, ins Gesicht. In der Hauptsache
eröffnete der Herr Gewissensrat, nachdem ihm der Casus vom Vater und Bräutigam
uno ore vorgetragen worden war, seine Meinung praemissis praemittendis dahin:
dieweil Ehen im Himmel geschlossen würden, die selig verstorbene Brautmutter
nächstdem auch, wie wir nach der Liebe hofften, sich in den fröhlichen Wohnungen
der Gerechten befände, und christliche Todesfeier weit eher ein Freuden-, als
ein Trauerfest wäre, sie auch selbst den Tag der Hochzeit gewusst und ihn sogar
besorgt hätte, so dass man ihn in gewisser Rücksicht als ihren letzten Willen
ansehen könne: so sei nichts unbedenklicher, als ohne Aufschub die Hochzeit zu
feiern. Die Aegyptier, fuhr er fort, hatten die Gewohnheit, ein Todtengerippe
bei ihren Gelagen aufzustellen; und wenn man der Sache näher tritt, so war ausser
diesem teatro anatomico der Magen das zweite, teatrum anatomicum, und ist es
noch! - Man merkte aus allem, dass der Baron den Herrn Gewissensrat schon zu
diesem Voto vorbereitet und ihm mit vollwichtigen Gründen an die Hand zu gehen
nicht ermangelt hatte. Den Emsigen würden diese geistlichen Ursachen sicherlich
nicht überzeugt haben, wenn nicht seine Ochsen und sein Mastvieh geschlachtet
gewesen wären; und so ging denn die Hochzeit vor sich, und der gute Prediger
mischte essentia amara und essentia dulcis, Tod und Hochzeit, um doch hier und
da auf die veränderten Umstände Rücksicht zu nehmen, wie ein Spiel Karten unter
einander, so dass man nicht wusste, was Trumps und wie man geschoren war. Einer
seiner Collegen, den man einer weitläufigen Verwandtschaft halber als
Hochzeitsgast eingeladen hatte, bemerkte, dass man nach dieser Rede seines Herrn
Collegen ungewiss bliebe, ob man zur Hochzeit oder mit Abraham, Isaak und Jakob
zu Tische gehen sollte. Dass Ehen im Himmel geschlossen würden, in welchem sich
die Brautmutter befände, war die Achse, um welche sich die Rede drehte. Der
Emsige freute sich innerlich, dass der himmlisch gesinnte Geistliche die Hochzeit
und Standrede so artig zu verbinden gewusst hatte, und dass er doppelten Gebühren
entgangen war, obgleich, unter uns gesagt, der Geistliche so wenig einbüsste,
dass, wenn auch der Baron als latus per se ihn nicht bestochen hätte, er doch
hinreichend durch das Geschenk entschädigt worden wäre, welches der Emsige ihm
gleich nach dem Dixi in die Hand drückte. Das Wechselrecht hatte ihn prompt sein
gelehrt. Unserm Himmelsboten schmeckte denn auch das Essen und Trinken besser,
weil er sich so meisterlich darauf verstand, in der Tasche die Siegel zu brechen
und die Dukaten zu zählen, dass es ihm selbst nicht entging, ob sie gerändert
wären oder nicht. Das
                                     §. 11.
                                        
                                Paradebegräbniss
geschah fünf Tage nach der Hochzeit, ohne mehr Parade, als höchst nötig war.
Bei aller Mühe, die der Gewissensrat sich gab, in der Stadt diese Angelegenheit
zu bemänteln, liess das Gerede sich doch nicht ausrotten. Er selbst büsste sechs
Beichtkinder ein, bei denen er aber wenig verlor. Dem Nachbar wurden von der
studirenden Jugend, welche die Volksjustiz auszuüben gewohnt ist, die Fenster
eingeworfen, und dem Emsigen konnte man es nicht vergeben, dass er aus leidigem
Geize die Hochzeit nicht ausgesetzt, und dass er seine Frau, der freiherrlichen
Verbindung halber, gegen die er sich zu wechselrechtlich erklärt, in die Gruft
gebracht hatte. Seine Sache war es nicht, den Staub seiner Gattin zu besuchen,
und sich von ihrem entflohenen Schatten eine Erscheinung zu erflehen, oder sich
gar einzubilden, dass sie seine Seufzerlein behorche, seine Tränen zähle und auf
ihn herablächle. - Wer wollte auch so viel von einem Kauf- und Handelsmanne
verlangen, der gewiss schon mehr tat, als von Hunderten seines Gleichen zu
erwarten ist! - Indes betrauerte er sie wirklich, so wenig auch seine
Herzenstrauer bei dem Publikum, das einmal seines Geizes halber den Stab über
ihn gebrochen hatte, Glauben fand. Die selig frau kam am besten bei dem
Volksgerichte davon, weil sie todt war. Unter der Erde liegt Eldorado - nirgends
anders, als unter der Erde. Das
                                     §. 12.
                                   junge Paar,
dem nun freilich sein beschiedenes Teil auch nicht vorentalten blieb, machte
sich sehr zeitig aus dem Stadtstaube, und entging dem Wespenstiche der bösen
Zungen durch seinen Einzug auf den freiherrlichen Gütern, wo alles, was lebte
und Odem hatte, dem jungen Ehepaare jubilirend entgegenkam. Man hat sich zu sehr
an den Soldaten die Augen verdorben; sonst ist ein Menschenhaufe, jung und alt,
Mann und Weib, Kind und Kegel, oder der Säugling, der steht und fällt, ein
contrastirendes, ein herrliches, malerisches Bild: - ein englischer Garten, wenn
ein Soldatenhaufe einem holländischen ähnlich steht. Auf die Baronin, deren
Seele (bis auf die Stern- und Kreuzseherei) gut und unverfälscht war, machte das
Landleben einen lebendigen Eindruck, der, wie der lebendige Glaube, in Liebe
tätig ist. Das neue Ehepaar lebte, wie fast jedes neue Ehepaar, nach dem
Vorbilde des Adam-Evaschen Paares in den ersten Tagen im Paradiese; und ob es
gleich dem Afterreden und dem bösen Leumund des benachbarten Adels nicht
entging, sondern in dieser Rücksicht aus dem Regen in die Traufe kam, so setzte
es sich doch über diese Verleumdung hinaus, und war vorzüglich nur darüber
bekümmert, dass der Emsige vielleicht noch einmal heiraten möchte. An einem
nebeligen Morgen warf man sogar auf das alte Fräulein Verdacht, da man ihre
Ehenetze kannte, und es ward beschlossen, sie, wenn es Ernst würde, bonis modis
auf das Land zu ziehen. Die Anerbietung, ihr nicht nur Einen, sondern alle Tage
in der Woche den Freitisch decken zu wollen, hatte sie bis jetzt abgeschlagen.
Die Ursachen blieben ein Geheimnis und unterstützten den Verdacht. Doch dieser
Verdacht gehörte bloss auf die Rechnung des Nebels und war so ungegründet, dass
der betrübte Wittwer, von Gram und Kummer auf Wegen und Stegen begleitet, sich
begnügte, in dem Spiegel von des Herrn Nachbars Kaufmannsglück das Kreuz seines
Schwiegersohnes tagtäglich zu erblicken. Zwar konnte nicht geläugnet werden, dass
der Emsige, der das Freitischfräulein in jenen Wechseltagen förmlich angefeindet
hatte, sich jetzt ausserordentlich gütig gegen sie betrug; allein was tat das
zur Sache? Es ist eine weit sicherere Speculation, Menschen zu seinen
Wohltätern, als zu seinen Schuldnern zu machen, wenn man sie benutzen will:
sind sie das letztere, so wird es ihnen beschwerlich, uns zu sehen, weil sie
gemahnt werden; sind sie das erstere, so sehen sie uns als gute Werke an, mit
denen man gern prahlt, und an denen man, durch zweckmässige Bemühung, ein
Meisterstück in seiner Pflichterfüllung gemacht zu haben sich einbildet. Der
Emsige wusste selbst nicht, wie er zu dieser Gemütsveränderung gegen Fräulein
Cousine kam; indes war dies auch sein wenigster Kummer. Wer macht seinem guten
Herzen nicht gern ein Compliment, und wer findet sich durch dasselbe nicht mit
dem lieben Gott und mit sich selbst ab? Wer glaubt nicht, durch den Beglückten
die Erfolge einer vernünftigen Tätigkeit vermehrt zu haben? Wer eignet sich
nicht dadurch ein Recht auf jene Zwecke zu, die der Gegenstand, gegen den wir
wohltätig waren, bewirkte? - Der Emsige hatte gewiss diese Ursachen seiner
Zuneigung gegen Fräulein Cousine nicht auseinander gesetzt; vielmehr begnügte er
sich, diese als ein Vermächtnis seiner seligen Frau anzusehen. Auch gut! Selbst
wenn wir durch einen minder edlen Beweggrund Wohltätigkeit bekommen haben,
gewinnt sie doch über kurz oder lang durch jene edleren Reize, und wir sangen
zuweilen an, sie, aus reineren Quellen abfliessen zu lassen. - Das neue Paar war
übrigens so wenig gewohnt, sich auf Gnade und Ungnade des ersten Eindrucks zu
ergeben, dass an die Befürchtung, die Ameise möchte, zum zweitenmale heiraten,
nicht weiter als an diesem und anderen nebeligen Tagen gedacht ward. Die
Nachricht, dass seine Tochter sich in mütterlichen Umständen befände, war der
Kreuzkrankheit des Emsigen ein wohltätiges Kraut und Pflaster; und da er sich
entschloss, auf die Güter seiner Kinder zu wallfahrten, bewirkte die schöne
Natur, wozu seine gesegnete Tochter vorzüglich mit gehörte, auf dem
eingefallenen, verbleichten Gesichte dieses Mannes einen so lieblichen
Märzschein, dass man mit Grund vermuten konnte, das Landleben würde unserm
Leidtragenden eine wohltätige Medicin geworden sein, wenn ihn nicht der Posttag
und der Wechselkurs zurückgerufen und aus einem unbekümmerten, das heisst
glücklichen Sterblichen auf's neue wieder einen Kreuzträger gemacht hätten.
Uebrigens hatte unser Emsige nicht das mindeste Ansehen; denn da er von seinem
Vermögen keinen äussern Gebrauch machte, und das Geld, so wie alles auf Erden,
nur durch Anwendung seinen Wert bekommt, so zog kein Bauerjunge den Hut vor ihm
ab, welches ihm indes, weil er den seinigen gern schonte, so unwillkommen nicht
war, ob er sich gleich ganz augenscheinlich und wie durch das Einmal-Eins
überzeugte, dass einzig und allein auf der Börse der Ruf des Reichen hinreichend
gilt, da er dort der Hahn auf dem Mist ist. Die
                                     §. 13.
                                        
                                  Niederkunft
der Frau Baronin erfolgte den - 17**. Ein Sohn brach die Rosen ihres keuschen
Busens. In der Tat, sie war schön, und der Nachbar hatte nicht Unrecht,
ihretwegen einmal die Börse zu verabsäumen; - der Mutter dieses lieben
Geschöpfes aber hätte er vergeben und für ihren Gruss danken sollen. - Da dieser
Sohn der Held der gegenwärtigen Kreuz- und Quergeschichte ist, so wird wohl
jeder nach Stand, Würden und Verdiensten belieben, hier bei diesem Kindbette
(nach Art des Bischofs, wenn Ihro Majestät die Königin von England in die Wochen
kommen will) sich aufzuhalten und sich die Zeit nicht lang werden zu lassen.
Lange soll es nicht währen. Die Wöchnerin hatte den ersten Sieg ohne Verlust
errungen, und war, wie es bei jungen Frauen allemal der Fall sein soll, fröhlich
wegen des Vergangenen, und voll guter Hoffnung wegen des Künftigen. Den
ritterlichen Herrn Vater indes wandelten auf einmal Wehen an, indem der Gedanke
wie ein Gewaffneter ihn ergriff: Dein Sohn ist Johanniterritter- unfähig. Er
unterlag diesem Türken von Gedanken, und fand keinen Trostgrund, der ihn
entband. Schwerlich würde das Freitisch-Fräulein ihm diesen Dienst haben leisten
können. Zwar hatte er so viele christliche Liebe und männliche Zuneigung zu
seinem auch in den Wochen nach schönen und liebenswürdigen Weibe, dass er sich
bemühte, ihr seinen Schmerz auf alle Weise zu verbergen; indes härmte ihn dies
schleichende Fieber so ab, dass, wenn man den Lauf der Natur nicht besser
gekannt, der Zweifel sich hätte einschleichen können: ob er oder sie in Wochen
gekommen wäre? Kind und Mutter waren frisch und munter; nur der Herr Vater lag
(nach Art gewisser Völker bei denen die Ehemänner die Sechswochen halten) am
Verlust, der Johanniter-Ehre in Hinsicht seiner Descendenz so gefährlich
                                     §. 14.
                                     krank,
dass alles im ganzen Hause seinetwegen in Besorgnis stand. Niemand war verlegener
bei diesem sonderbaren Zufalle, als der grundgelehrte Hausdoktor, indem er in
seiner vollständigen Receptensammlung nichts von dieser Krankheit fand; wie ihm
denn auch in seiner lange, todtreichen Praxi nie ein Johanniter-Fieber in den
Weg gekommen war. Er verschrieb den Teich Betesda, die Brunnenkur, welche der
Baron nicht so ganz unrichtig den faulen Knecht der Aerzte hiess. So wie indes in
Fällen, wo die Kunst verzweifelt, die mütterliche Güte hat, zu Hülfe zu kommen
oder zuzuspringen, so schien auch hier eine Krankheit der andern den Lauf zu
hemmen, indem
                                     §. 15.
                                  ein Schwindel
den Emsigen, und zwar an heiliger Stätte, auf der Börse, unvorbereitet befiel,
so dass seine Füsse ihm Knall und Fall den Dienst aufkündigten, und er nach Hause
getragen werden musste. Man sagt, die Nachricht von einem Bankerott in Amsterdam,
die, leider! noch überdiess falsch war, habe dem Emsigen diesen Streich versetzt
oder gespielt. Es war eben Freitag, als dieser Sterbefall sich ereignete, und
die Cousine hatte sich ungewöhnlich, nach förmlicher Einladung, zum Mittagsmahl
eingefunden. Sowohl der Nachbar, welcher der Hauptleichenträger war, als das
heisshungrige Fräulein bewiesen bei dieser Gelegenheit augenscheinlich, wie sehr
Dienstpflicht und Erkenntlichkeit von Freundschaft und Liebe unterschieden sind.
Gottlob! dass sie es sind! Was wäre auch sonst in dieser Zwangs- und Dienstwelt
anzufangen? Zwar ist man des officiellen Dafürhaltens, dass Liebe und
Freundschaft ein paradiesisches, arkadisches, goldenzeitliches Produkt, ein
übertriebenes Etwas wären; was nennen aber diese Kalterzigen Uebertreibung?
    Liebe und Freundschaft lassen die Landstrasse bei Seite, und schlagen den
Richtsteig ein; sie wandeln die enge Strasse, die wenige finden und die von
wenigen gesucht wird. Dienstpflicht tut, was vorgeschrieben war, ist genau auf
Wort und Werk, behutsam auf Punktum und Komma, Kolon und Semikolon; beobachtet
eine kalte Vorsicht, einen gewissen Anstand, so dass alles, was hier vorfällt,
zur Not auf Stempelpapier sein säuberlich verzeichnet werden könnte.
Dienstpflicht schreibt kanzleimässig; Teilnehmung hat zu viel zu tun, um auf
Buchstaben Zeit zu verwenden. - Nicht Gelehrte, sondern Freunde, schreiben
schlecht. Beim Verlust des Freundes will der Freund nachsterben; - was soll ihm
das Leben, da seine Hälfte nicht mehr ist? Nichts als dieser Verlust interessirt
ihn, und es ist eine schrecklich schöne Lage der Freundschaft, nach jenem
Verluste nichts mehr zu verlieren zu haben! Wenn gleich die Zeit, welche die
besten Feueranstalten besitzt, den Brand der Leiden des Freundes zuweilen zu
löschen scheint, so bricht doch alles sehr leicht wieder in neue Flammen aus,
und ein Wort, ein Laut, kann sie aufregen. - In dem Hause des Emsigen war alles
kalt wie der Tod! Der Emsige schlug die Augen auf und sah Cousinen, die
vorschriftsmässig ein paar Tränen aus dem Schatzkästlein ihres guten Herzens
hervorzog und zum Besten gab. Dies nötigte den Sterbenden, in der Ordnungen zu
bleiben, und sie dem Nachbar in bester Form Rechtens für die Sonn- und Festtage
abzutreten und sogleich zu übergeben. Dieser hatte die Eiskälte, während dass der
Emsige starb, mit Cousinen zu capituliren und zum ersten Eingange der
Capitulation den Umstand weislich zu überlegen, dass er noch unverheiratet sei.
Sie blieb die Antwort nicht schuldig, dass ihre beiderseitige Tugend über
denVerdacht erhaben wäre; mit Fleiss vermied sie ihr graues Haupt, das sie
stadtkundig mit Ehren trug. Nach diesem ins Reine gebrachten Hauptzweifel wurden
noch andere Nebenpunkte in Erwägung gezogen, weil es doch hier weiter nichts zu
tun gab, als die Kleinigkeit - dass der Emsige starb. Der Nachbar hatte nämlich
wegen eines schrecklichen-Bankrotts, woraus der liebe Gott, wie er sagte, ihn
wie Lot aus dem Feuer gezogen, dem Herrn schon vor sechs Jahren ein Gelübde
getan, alle Sonn- und Festtage zu fasten; er tauschte also mit Tagen, welches
Cousine, wenn sie gleich an Tagen verlor, doch um so lieber einging, da sie
Sonntags einer alten Verwandtin leicht fiel, deren Willen sie in gewisser Art
unter dem Schlüssel hielt, und die sie mit Rat speisete, wenn jene ihr Tat
auftischen liess. - Und so starb denn unser Emsigen, verlassen von allem, was
Liebe und Freundschaft vermag, während des Freitischhandels, und nahm noch den
völlig abgeschlossenen und berichtigten Gedanken mit, dass die Cousine nicht alle
Sonn- und Festtage, sondern Freitags, excipe den Charfreitag, und wenn
Weihnachten auf den Freitag fiele, als auf welche Tage sich das Gelübde des
Nachbars mit erstreckte, bei dem Nachbar essen würde. Ein Feind selbst würde dem
Emsigen mehr Liebe erwiesen, sein Blut wenigstens in sanfte Bewegung gewacht,
und seiner Krankheit vielleicht etwa hierdurch eine glücklichere Wendung gegeben
haben. Unsere Lebendigtodten nicht also. Zur Steuer der Wahrheit muss ich
bemerken, dass es in Absicht des Leibes an innerlichen und äusserlichen Aerzten
nicht fehlte; nach dem Seelenarzte ward ein Bote geschickt, der indes zur
Uebereilung keinen innern Beruf fühlte. Der Nachbar, und nicht der Emsige, fiel
auf diese geistliche Arznei. Da aber der Seelenarzt nach einer Traurede bei dem
Hochzeitsmahle beschäftigt war und zu der Natur des Emsigen das gute Vertrauen
unterhielt, dass er dem Tode doch wenigstens so lange Widerstand leisten würde,
bis der wohlehrwürdige Magen die erste Verdauung vollendet hätte, so nahm es der
Chirurgus über sich, dem Gewissensrate Gang und Mühe zu sparen und sich
wenigstens des Magens eines Mannes anzunehmen, der diesmal seines Beutels so
wenig eingedenk schien. Ob die Nachricht des dienstfertigen Chirurgus die Ess-und
Trinkfreude des Gewissensrates unterbrochen, oder dieser aus Ueberzeugung von
der freiherrlichen Freigebigkeit sich in den erlitteten Verlust gefunden habe,
lass' ich an seinen Ort gestellt. Der
                                     §. 16.
                                        
                                   Nachruhm,
den man den Credit nach dem Tode nennen könnte, hatte den Emsigen nicht
sonderlich interessirt; vielmehr war sein Dichten und Trachten dahin gegangen,
seinen Credit bei seinem Leben, wie er selbst sich ausdrückte, gleich einem
rohen Ei zu schonen. Er hatte seinen Lohn im Leben dahin, und hiess nach, wie vor
dem Tode, der Emsige. Die Stadt behauptete, der Wohlselige sei am
Johanniter-Kreuz und Leiden, und zwar wohlverdient, gestorben obgleich der
vermeintliche Bankerott in Amsterdam die einzige Ursache seines plötzlichen
Hintrittes war. Hätte man gewusst, dass, als der Emsige seine Tochter besuchte,
die schöne Natur auf den Rosentalschen Gütern, wozu seine Tochter einen so
reizenden Beitrag darstellte, dem Emsigen so wenig missfiel, dass ihm vielmehr die
Landluft bei einem Haar einen lebendigen Odem in seine Nase geblasen hätte! -
Doch konnte ein solcher Baum nicht auf den ersten Schlag fallen. Es ging ihm wie
dem Felix, der auf gelegenere Zeit zur Landluft wartete; und noch blieb unser in
Stadtsünden todtester Todter ohne Auferstehungsregung. - Die Eilbotschaft von
seinem natürlichen Tode bewirkte bei dem Vater unseres neugeborenen Helden einen
Geruch des Lebens zum Leben. Seine Johainniter-Grillen zerstreueten sich wie
Spreu vor dem Winde; nicht, als ob er über diesen Hintritt fröhlich gewesen wäre
- wahrlich nicht! - sondern weil er jetzt mehr nach eigener Melodie leben zu
können glaubte. In diesem Verhältnisse hat das Geld einen entschiedenen Trost.
In der Tat, der Ritter nahm den Hintritt des Emsigen nicht wenig zu Herzen. Er
kannte seine Sophie und wusste, wie heilig ihr die Kindespflicht war; dies
vermehrte seinen Schmerz. Dieser Schmerz erhielt indes eine andere Wendung, und
eine Seelenkrankheit, die den Leib ausserordentlich angreift, ist nicht besser
als durch einen Ableiter zu heilen, welches unsere Herren Aerzte nur zu oft
vernachlässigen. Mit der innigsten Verlegenheit ging er zu seinem lieben Weibe.
»Du kommst ja heute wie die aufgehende Sonne?« - Und doch bring' ich Regen,
erwiederte der Baron. Wie lange ist es, dass Deine Mutter starb? fuhr er fort; -
und sie: »Der Vater ist todt!« Er neigte künstlich sein Haupt. Sie blieb
natürlich, faltete die Hände, und freute sich, dass er in Segen und nicht in
Fluch zum letztenmal ihr Angesicht gesehen hatte. Die höfliche Antwort, welche
der Emsige auf die Anmeldung der Tochter, dass sie die Mutter eines Sohnes sei,
auf dem Comtoir durch den ältesten Buchhalter schreiben lassen, und zwar mit
Buchstaben, die Hilmar-Curas nicht schöner würde gemacht haben, hatte, ausser den
herrlichen Buchstaben, im eigenhändigen Postscript auch ein paar väterliche
Stellen, und die Beilage eines Wechsels à 5000 Rtlr., schreibe fünftausend
Reichstaler, mitgebracht. Ueberhaupt war dies Postscript (bis auf den Umstand,
dass der Alte riet, das Kino nicht nach der Art der Mennoniten so lange liegen
zu lassen, bis es Taufe und Communion auf einmal erhalten könnte, und bis auf
das Fraktur-Marginale: »Eine Tochter wäre mir lieber gewesen!«) väterlich und in
Rücksicht des Emsigen zärtlich. - Die Tränen, welche die Tochter fallen liess,
konnten keine bessere Stelle finden, als ihren lieben Sohn, den sie betauten,
und zwar so warm, dass der Kleine keinen Misslaut vorbrachte. Sie liess den letzten
väterlichen Brief mit Hilmar-Curasschen Lettern holen, und drückte ihn an ihr
Herz. Der Baron umarmte Mutter und Sohn zärtlich, um in das Trauerhaus zu eilen.
Den Brief entriss er mit einiger Gewalt den zärtlichen Händen einer edlen
Tochter, - »Zieh in Frieden,« sagte die Baronin, »und sei des väterlichen
Postscripts eingedenk!« So ging alles seinen Weg zärtlich und guter Dinge.
Selten sterben Kaufleute, die an Brief und Siegel gewöhnt sind, ohne Testament;
indessen mochte unser Emsiger, aus blossem Abscheu gegen die Justizgebühren,
keinen zierlichen letzten Willen gemacht haben. Bloss auf einen unzierlichen
Zettel hatte er einige Stiftungen angeordnet, wodurch er sich mit dem lieben
Gott in Rücksicht so mancher Handlungsgewissensstiche in aller Stille abfinden
wollte. »Lässt der Baron sie nicht gelten,« soll er, wie der siebenmal sieben
reiche Punktirer versicherte, gesagt haben, »nun, so weiss doch der liebe Gott,
dass es nicht an mir gelegen hat.« Der Baron erfüllte jede Stelle dieses
unzierlichen Zettels, deren keine von der Hilmar-Curas-Hand des ältesten
Buchhalters, vielmehr sehr unleserlich geschrieben war, als wenn der Tod dem
Emsigen auf die Hand gesehen hätte. Ueber eine Null bei einem dergleichen Legat,
waltete ein nicht geringer Zweifel ob; denn da alle Nullen, wenn sie hinter
einer Eins sind, so wie alle Taugenichtse, wenn sie einem regierenden Herrn
nachtreten, von einer nicht geringen Bedeutung sind, so war auch hier die Frage
zwischen Tausend und Zehntausend. Der Baron setzte es nicht einmal auf das
Gutachten des Rechtsfreundes aus, den er den siebenhärigen nannte, sondern nahm
geradezu und gutwillig zehntausend an, und fand bei all diesen Vermächtnissen so
wenig Anstand, dass der Nachbar selbst sich nicht in die Grossmut des Barons
finden konnte, und nicht nur von ihm, sondern von allen Baronen in der
Christenheit, wider Willen eine andere Meinung bekam: ob als Kaufmann, ist nicht
ausgemacht - als Mensch gewiss; und vielleicht gab es alle Jahre im Durchschnitt
zehn Stunden, in denen er noch nicht aufgehört hat, Mensch zu sein! - Besonders
auffallend war ihm der Umstand, dass der Baron, noch ehe er die Erbschaftsmasse
mit einem aritmetischen Auge überblickte, sich schon erklärte, diese
unzierlichen. Zettel erfüllen zu wollen. Die mit Nullen verstärkten Anordnungen
des selig Verstorbenen fielen dem Baron bei weitem nicht so hart, wie
                                     §. 17.
                               die Leichenpredigt,
die der Emsige auf dem unzierlichsten aller unzierlichen Flicke verfügt hatte.
Der Baron fühlte, dass ihm dies eine Art von ranger sein würde; indes war ihm auf
diese Anordnung, die er herzlich gern mit drei Nullen hinter der Eins mehr
abgekauft hätte, heilig, so das er sich, rühmlichst entschloss, sie als die
letzte Oelung, zu der er sich als Schwiegersohn bequemen musste, zu ertragen, und
dem Gewissensrate nur beliebte Kürze empfahl, da er wohl wusste, dass mit dieser
Leichenpredigt all sein Wechseljammer und Elend, welches er als Schwiegersohn
erduldet, begraben sein und nicht mehr auferstehen würde. Der Baron fand es
unerträglich, den Wohlseligen und sich so schrecklich lobpreisen zu hören; indes
war das Volk m Rücklicht der milden Stiftungen so sehr mit Schwiegervater und
Schwiegersohn zufrieden, dass sich hier und da die Stimme hören liess, der Vater
sei wohlselig, der Schwiegersohn hochselig, obgleich dem Schwiegersöhne mit der
Hochseligkeit sehr wenig gedient war, und er sie gewiss ganz gern so weit als
möglich von sich entfernt wünschte. Da wir einmal einer Leiche zu ihrer
Ruhestätte folgen und an einer Leichenpredigt gar kläglich laboriren, so
ergreife ich diese Gelegenheit, das Fräulein Cousine mit ihrem ehrenvollen
grauen Haar zu ihrer Ruhe zu bringen. Meine Leser und Leserinnen werden mir die
Gerechtigkeit gewiss nicht versagen, dass ich beiläufige Personen in diesen Kreuz-
und Querzügen nicht lange quälen lasse; und warum sollt' ich auch? Zwar würde
mir diese rollenfüchtige Schauspielerin keinen Dank dafür wissen, dass ich ihr in
dieser Geschichte bloss eine Soubrettenrolle zugeteilt habe, und sie nur so auf-
und abtreten lasse; indes bin ich hier der Wahrheit und Natur zu viel schuldig,
als dass ich die Rollen parteiisch verteilen sollte. - Fräulein Cousine hielt
sich während der Leichenpredigt in einem vergitterten Stande auf, wo sie, sich
selbst überlassen, nicht anders scheinen durfte, als sie wirklich war. Die
Erinnerung, dass der Sonn- und Feiertagstisch begraben wurde, brachte eine Träne
in Bewegung; allein die Erinnerung, dass dieser Tisch ihr Freitags (exclusive des
Charfreitags und wenn Weihnachten auf einen Freitag fielen) beim Nachbar gedeckt
sei, liess diese Träne nicht zum Fluss kommen. Ein Schwert hielt das andere in
der Scheibe; und das gute Fräulein würde die ganze Zeit über in dem vergitterten
Stande zwischen Tür und Angel geblieben sein, wenn ihr nicht ihr Liebhaber
Unseliger eingefallen wäre, der vor 45 Jahren die Gottesvergessenheit gehabt
hätte, sie böslich zu verlassen. Das, was sie vor aller Welt zu verbergen
gewusst, konnte sie in diesem Gegitter Gott und ihrem Gewissen nicht
vorentalten, und in der Tat, es war gut, dass sie wieder einmal Gelegenheit
fand, an einen Jugendfall zu denken, der ihr diesmal schwerer als sonst fiel.
Sie entschloss sich vor Gott, zu tun was sie noch konnte; und dies war? Ein
Testament zu machen, welches ich sogleich entsiegeln und publiciren werde. Der
Freitags-Freiwirt heiratete ein schönes und, wohl zu bemerken, reiches
Mädchen, die eheleibliche Tochter des Johann Peter Hankel, Vater, Sohn et
Compagnie. Weder Vater noch Compagnie hatten zur Existenz der Braut einen
Beitrag geliefert; vielmehr war bloss und allein der in der Firma genannte Sohn
Vater der Braut. Entweder hatte die Cousine bei dieser Ehegelegenheit sich die
Sache zu sehr angelegen sein lassen, oder ihr Magen war mehr überladen worden,
als er tragen konnte; - kurz und gut, Fräulein Cousine starb, und, wie man nach
ihrem Tode ganz ohne alle Zurückhaltung sagen konnte, im 60sten Jahre ihres
grauen Alters, oder ihrer blühenden Jugend: wie man will; beides war in der
Wahrheit gegründet. Ihren Nachlass hatte sie, dem im vergitterten, Stande
genommenen Entschlusse gemäss, einem Menschen zugewendet, der auf einem kleinen
Freigute sass 45 Jahr alt war und, wie man sagte, viele Aehnlichkeit von Fräulein
Cousine hatte. Er hiess wie das Dorf, und war, nach der Behauptung aller seiner
Vorzeitgenossen, ein Findling. Dieser Umstand konnte indes, wie natürlich, der
Cousine keinen Abbruch an ihrer fräulichen Ehre tun; vielmehr hatte der
Rechtsfreund quaestionis die Sache so in die Sieben geleitet, dass Cousine,
welche wo wohlbedächtig alles was Leichencerimoniell ist und heisst, per
expressum verbeten hatte, dennoch bei der Danksagung vom Gewissensrat als
Fräulein proclamirt, und so in die selige Ewigkeit als eine unbefleckte, reine
Braut eingeführt wurde. - Der Nachbar war glücklich, indem er das Legat gewann.
Warum Cousine nicht auf den Rosental'schen Rittergut ihr Leben beschlossen?
Eine neugierige Frage! Die Wohnung des 45jährigen war den Rosental'schen Gütern
in der Nähe.
                                     §. 18.
                                        
                                   Die Taufe
unseres Helden, die ich nicht länger aussetzen kann, wenn auch das Postscript
des Emsigen mir nicht den Ausweg verträte - war eine Nottaufe. Auf der Reitbahn
von Entwürfen, wo der Vater unseres Helden sich befand, brachte ihn die
Nachricht von der Schwächlichkeit seines ritterunfähigen Sohnes auf den
Gedanken, zurückzukehren und sich vorderhand mit der Gewährleistung zu begnügen,
die schon der erste Ueberblick in bester Form annahm: dass er ein Erbherr von
dreimalhunderttausend Talern wäre. Geld und Liebe haben die grössten Reize, wenn
man ihnen nicht zu nahe ist. Ueberhaupt entält das Nahe wenig oder gar nichts,
was uns befriedigen kann; in tiefe Ferne zu blicken, eine Aussicht, die, wenn
ich so sagen darf, ins Unendliche geht, macht uns glücklich: - sie ist ein Bild,
das uns bloss vorgaukelt und verschwindet, wenn dagegen das Nahe uns so steif und
fest vorschwebt, und auswendig gelernt wird, dass es uns oft beschwerlich fällt.
Dies ist ein Bild der Zeit, jenes ein Bild der Ewigkeit. - Selige Ewigkeit! -
Unser Baron konnte in der Tat nicht glücklicher sein, als er durch diesen
Vorschmack der Zukunft geworden war. Die Imagination begnügt sich nicht mit
landüblichen Zinsen; sie erbauet für das Geld, wovon kaum eine Hütte zu Stande
kommt, einen Palast. Unser Baron hatte sich so tief in dies weite Feld
ververloren, dass er Mühe hatte sein eigenes Haus zu kennen, wohin er, ohne zu
wissen wie, gelangt war. Es kam ihm jetzt alles so klein vor, dass er nicht
begreifen konnte, wie bis dahin Raum für ihn in der Herberge gewesen wäre. Der
Sohn seines Leibes war ausserordentlich schwach; und dies brachte ihn aus den
Wolken auf die Erde. Er schickte einen Courier zum Prediger loci, und gleich
hinterher feurige Rosse und Wagen, um die heilige Taufe zu beschleunigen.
Während dieser Extrapost-Veranstaltung war es ihm eingefallen, ob er nicht
selbst in hochwürdiger Person, versteht sich, nur dann, wenn der Pfarrer nicht
zu Hause wäre, den Taufactum übernehmen könnte; und dieser Gedanke eröffnete
allem andern, was sonst in seinem Kopf und Herzen vorging, eine andere Bahn. Da
stand er, der geistliche Ritter, in Lebensgrösse! Auf einen Berg Gottes hatt' er
sich in seinem hohen Sinne postirt! Ein Hoherpriester dünkt' er sich, unter
dessen Füssen die andern Priester ihr Werk trieben; ein Adler, der zur Sonne
fliegt, und unter dem tief gesunkene Krähen schreien, und Sperlinge Fliegen
fangen. Erwünscht! Der Pfarrer hatte zu einer unglücklichen Stunde den Entschluss
gefasst, seinen Schwager zu besuchen, und nicht etwa über Feld, sondern über Land
zu ziehen. Erst nach drei Tagen sollte er zurückkommen. Freilich hätte unser
Ritter nach einem andern benachbarten Geistlichen schicken, oder auch die
Heimkunft des Herrn Ordinarii abwarten können, da das Kindlein seit der Zeit
sich wenigstens nicht verschlimmert hatte; indes sah er diesen Vorfall als
göttlichen Ruf an, und so ward denn zur Vorbereitung geschritten. Bei der
Komödie ist die Probe das beste; und wer hat nicht bemerkt, dass die Anstalten zu
jeder Feierlichkeit das Hauptstück bei der Sache sind? Friedrich II., König von
Preussen, fragte bei Gelegenheit eines Gevatterstandes den taufenden Geistlichen,
dem er beliebte Kürze hatte empfehlen lassen: ob er auch etwa einen notwendigen
Tropfen des Formulars ausgelassen habe? (Der Taufactus kam ihm nämlich zu sehr
epitomirt vor.) Sollte denn nun wohl nach dieser Frage des allerchristlichsten
Königs Friedrichs II. jemand scheel sehen, dass ich meinen Helden umständlich
nottaufe? Not hat kein Gebot; und wer ist es, der mir hier Regeln vorzeichnen
will? - Der erste Vorbereitungsumstand war der Ort, wo die Taufhandlung
geschehen sollte; und da ward nach genauer Hausvisitation beliebt, dass kein
schicklicherer Ort, als die verfallene Capelle, dazu gebraucht werden könne.
Zwar war sie seit undenklichen Jahren zu einer Taubenkammer entwürdigt worden;
indes ward sogleich der Befehl zur Läuterung und Reinigung erlassen. Unmöglich
konnte der Taubenrost von so geraumer Zeit, der sich hier überall angesetzt
hatte, so schnell ausgefegt, und eine Taubenkammer in so kurzer Zeit
wiedergeboren werden, dass der alte Adam nicht immer auf die Ärgernis suchenden
fünf Sinne hätte wirken können. Der Stall des Augias schien dagegen ein
Kinderspiel. - An Geld fehlte es nicht; aber obgleich selbst die Hochseligkeit
feil ist, so hat doch das Geld in gewissen Fällen, z.B. in Hungers- und
Durstnot, in Gewissenssachen keinen wirklichen Wert. Auch verlor es seinen
Valeur in der Taubenkammer. Zum Glück wusste unser Hochwürdiger durch ganz andere
Mittel dieser Nottaufhandlung eine Würde beizulegen, die ein gewöhnlicher
Geistlicher zu leisten nicht vermag. Hier kann ich den Wunsch nicht bergen, mit
den Gaben eines schriftstellerischen Apelles ausgerüstet zu sein, denn ich
bekenne frei, dass mir diese Scene fast zu schwer zu malen scheint. Lieber wollt'
ich die weiland Königin Elisabet von England darstellen, die, wie bekannt,
durch von Gottes Gnaden schön sein und aus einer Taubenkammer eine Taufcapelle
erzwingen wollte. - Zu Gevattern wurden nach der Zahl der Buchstaben 24
regierende Herren, den heiligen Vater mit eingeschlossen, gebeten. Wenn gleich
unser Ritter lange in gerechtem Zweifel war, ob und in wie weit Se. Heiligkeit
diesen Gevatterstand in einer evangelisch-luterischen Taubenkammer anzunehmen
geruhen würde, so entschloss er sich doch, bei Gelegenheit dieser Taufhandlung
dem heiligen Vater den Pantoffel zu küssen, und war ausser sich vor Jubel, dass
Se. Heiligkeit nach allen gehobenen Schwierigkeiten am Ende kein Bedenken trug,
Ja zu fragen. Das darf denn auch wohl keinen Wunder nehmen, da die andern
Dreiundzwanzig Herren waren, deren Se. Helligkeit sich nicht schämen durfte.
Beiläufig dient zur Nachricht, dass das Gevatterbitten im geheimsten Incognito
geschah, und dass die, welche die Paten vorstellten, wahrlich zu Gesandten nicht
erkoren zu sein schienen. Indes kommt es in allen grossen Dingen vorzüglich auf
die Einbildung an. Was für Jünger werden nicht oft in alle Welt gesandt, um die
regierenden Herren vorzustellen! Und doch sollen diese Herren Repräsentanten,
wie man sagt, ihre Originale übertreffen und ihre Rollen oft besser machen, als
sie. - Unser Ritter bewirkte diese wichtige Sache in der stillsten Stille und so
einsam, wie weiland Se. kaiserliche Majestät Domitian der Fliegenschütze sich
von seinen Regierungssorgen erholte. Bloss die Frau Sechswöchnerin war von dem
Vorhaben des Herrn Gemahls unterrichtet, und sie zerbrach sich denn auch sehr
den Kopf, wie doch diese gekrönten Häupter unter einander wegen des Ranges einig
werden, und besonders, welchen Platz Se. Heiligkeit sich zueignen würde? Ihr
fiel Ihro Durchlaucht die Fürstin Fingerlein ein; indes hatte sie nicht nötig
sich gegen das Lachen zu waffnen - da wohl gewiss bei einer hohen Versammlung. in
Menschengöss kein Lachen besorgt werden konnte. - Auch erfuhr es nach der Zeit
der Pastor loci, welcher gegen die Gebühr von 24 Ducaten diese 24 regierenden
Herren in das Kirchenbuch eintrug, und wohlbedächtig die alphabetische Ordnung
wählte, um in Hinsicht des Ranges aller Verantwortlichkeit für jetzt und in
Zukunft, wenn sein Taufbuch höchsten Orts requirirt werden sollte, auszuweichen.
Man sagt, einer unter den Ducaten sei ein Kremnitzer, und zwar ein
beschnittener, gewesen, und der Pastor loci habe sich die Freiheit genommen, ihn
auf die Rechnung des heiligen Vaters zu setzen. - So leicht es um und um
genommen dem Ritter ward, die hohen Taufzeugen zu vermögen, dass sie die
Patenstelle übernähmen, und sie beiläufig in der Taubenkammer in eine
geistliche Verwandtschaft zu bringen, so ward es ihm doch äusserst schwer, die
übergangenen Potentaten zu beruhigen, dass er sie nicht zu Taufzeugen gebeten
hatte; denn über die Buchstabenzahl hinaus zu gehen, war nicht sein Wille. -
Auch mussten sich die Majestäten und Durchlauchten, Se. Heiligkeit nicht
ausgeschlossen, in höchsten Gnaden gefallen lassen, dass dem Täuflinge nicht ihre
Namen beigelegt wurden, indem er hierdurch mit dem goldenen A B C, das er sich
einmal zur Richtschnur auserkoren hatte, in tausend Händel gekommen wäre.
Durchaus wollt' er es nicht mit dem A B C verderben, wozu er auch sehr viele
gute Gründe hatte. Jetzt schrieb er auf sein Täflein, und strich aus, dass es
Schand' und Sünde war, bis er denn endlich, wie Zacharias, den Nagel auf den
Kopf traf. Schwert und Lanze haben ihre Zeit; allein kleine Steine haben auch
die ihrige, und sind dem Magen und dem Kopfe, wäre das Ziel auch der Flügelmann
Goliat, und der Schleuderer der ahnenlose König David, gleich gefährlich. »Ja,
ja; nein, nein: das Drüber und Drunter kann den Kohl nicht fett machen;« sagte
unser Ritter, und schrieb und sprach: er soll A B C heissen. »So,« fuhr er fort,
»hat er, wenn man's in abstracto nimmt, alle Namen in der ganzen Welt, und in
concreto die ersten und besten Namen, die von Anbeginn gewesen sind und bis aus
Ende sein werden, Sela! Auch kann man unter A den Vokal der Seele, den
lebendigen Odem aller Buchstaben, den Adam, den Stammvater aller Lebendigen,
verstehen.« Ad vocem Adam kam er noch auf andere, weit tiefere Bemerkungen, die
zur Sache gehörten. Adam, fuhr er fort, gab allen Tieren und allem Dinge, was
Selbstlauter war, Namen, oder er holte sie aus dem Wesen dieser Vocal-Dinge
heraus, indem er sie, so zu sagen, dem Dinge nachhallte, das er taufen wollte.
Er schöpfte das Taufwasser aus dem Dinge selbst, konnte man sagen, oder sein
Taufwasser war Springquell und nicht Fluss- oder Teichwasser. Dies Adamslexikon
scheint denn nun wirklich in Dingen, welche Vokale und nicht Consonanten sind,
bei nur einigem musikalischen Gehör auch so schwer nicht; was aber die
Consonanten-Dinge, deren es freilich so viele in der Welt gibt, betrifft: so hat
der junge Adam sich hier freilich als Meister bewiesen. Die ritterliche
Nutzanwendung? Wie geht es zu, fragte er, dass der Sohn meines Leibes, der, wenn
er gleich nicht Johanniterfähig ist, doch immer ein Vocalis genannt zu werden
verdienen wird, mir in puncto der Namen so hoch zu stehen kommt?
    Es ist gewiss eine Denkwürdigkeit, dass ich die eigentlichen Namen unseres
Helden, aller ersinnlichen Mühe, die ich angewendet, ungeachtet, nicht habe
herausbringen können. Im Kirchenbuche war nichts als A B C D E F G H I bis X Y
Z, nebst den hohen Taufzeugen verzeichnet; und ich habe Ursache zu glauben, dass
unser Held seine 24 Namen selbst nicht gewusst haben mag; - denn in der Tat, es
gehört viel Gedächtnis dazu, 24 unbedeutende Worte zu behalten. Auch weiss ich
nicht, warum man nicht so gut A B C, als Gregor heissen könnte; - Namen sind
Zeichen.- Dass unter A Adam zu verstehen gewesen sei, ist wohl keinem Zweifel
unterworfen, und da die hohen Taufzeugen wegen dieses Mangels an Aufmerksamkeit
abgefunden sind, so weiss ich in der Tat nicht, wie irgend sonst jemand es sich
herausnehmen könne, bedenklich zu tun.
    Weit wichtiger scheint mir der Einwand: Wie unser Ritter nach der Zahl der
Buchstaben ein vier und zwanzigmaliges Falsum begehen und dazu gegen 24 Dukaten
in gewisser Art auch den Pastorem loci habe verleiten können. - Hier ist die
Auflösung, die er seinem lieben Weibe, wiewohl lange nach der Taufhandlung,
zuwandte. Das gute Weib ist viel zu gefällig, als dass es nicht erlauben sollte,
an dieser Auflösung Teil zu nehmen.
    Nicht auf das, was vor Augen ist, sondern auf das Herz und die Gesinnungen
kommt es an. Ich habe nun einmal 24 Regenten zu Taufzeugen erkoren; ob sie
wirklich dazu schriftlich eingeladen worden sind, und diese Einladung angenommen
haben - darauf kommt es wohl nicht an. Die Sache nach christlichen Sitten
genommen, konnten sie nicht Nein sagen. Hätten sie wirklich eine abschlägige
Antwort erteilt, so würden sie unrecht gehandelt haben, und es war sehr gut,
dass ich sie zu dieser wirklichen Sünde nicht kommen liess. Nahmen sie es aber an,
wie wohl zu vermuten ist, so kam ich durch einen Richtsteig weit kürzer an Ort
und Stelle, wohin ich auf dem geraden Wege weit langsamer gelangt wäre. Hab' ich
nicht das Porto erspart, wodurch sich die Postbedienten mehr als der Staat
bereichern? Ein negativer Paten- und Ehrenpfennnig! Ich verlange nichts, als
die hohen Namen der Regenten, und auch diese nur im Kirchenbuche, das, so Gott
will, ausser dem Pastore loci niemand lesen wird. Ob nun diese Namen, die in
jedem Fingerleinkalender stehen, beiläufig auch im Taufbuche vorkommen - was
will das sagen? Tat ich mehr, als dass ich diese Namen aus den Kalendern in das
Kirchenbuch eintragen liess? Erhöhte ich nicht, was erniedrigt war? - Sollte mein
A B C- Sohn der Hülfe seiner hohen Paten bedürfen, so würd' es niedrig sein,
sich auf einen Umstand zu berufen, der so wenig zur Sache tut, wie eine
Patenstelle. Hat er Verdienste - bedarf er wohl dieses Mittels, um überall
Hülfe zu finden? Der edle verdienstvolle Mann hat überall Paten. Ist es Anreiz
für meinen A B C, sich emporzuheben, so nehme man es doch mit dem Beweggrunde
zum Guten nicht so genau. Nur auf den Umstand, dass das Gute geschieht, kommt es
in der Welt an. - Dass die Herren Volksrepräsentanten nicht wissen, wen sie
vorstellen, ist nichts ungewöhnliches; wie selten wissen sie das? Und dass ihrer
nicht eben 24, sondern mehr in der Taufkapelle waren - was tut das zur Sache?
Die Anzahl der Repräsentanten von England im Unterhause beläuft sich auf 489,
derer von Wales auf 24, derer von Schottland auf 45, überhaupt auf 558
Mitglieder. So unverhältnissmässig als möglich! Und wem ist es unbekannt, dass die
Herren Kandidaten von den Wahlmännern die Stimmen, wie der Emsige, seliger,
Weizen, Roggen, Gerste, Hafer u. dgl., erhandeln? Man sagt, dieses Wahlgeschäft
sei in England ein Handelszweig, und dieser Seelenkauf und Verkauf bringen 3
Millionen Pfund Sterling in Umlauf, und komme selbst der Regierung an 500,000
Pfund Sterling zu stehen. Geschehen dergleichen Dinge am grünen Holze - warum
sollten sie am dürren bedenklich sein? - Was in London geschieht, kann auch in
Rosental geschehen. Oder könnten sich etwa die regierenden Herren für beleidigt
halten? Bin ich nicht Edelmann, Ritter und reich? Wird nicht alles im
allerstrengsten Incognito getrieben? Auch kann diese Sache den regierenden
Herren nicht schwer fallen, da sie von diesem Geschäfte (wie es wohl oft der
Fall ist) selbst nichts wissen. In der Tat, wenn es ihnen nicht viel Mühe
macht, tun sie nicht ungern Gutes. Der Gevatterstand ist etwas Gutes, das ihnen
gar keine Mühe kostet; sie wissen nicht, dass sie es tun. Verlang' ich für den
Paten eine Fähnrichsstelle? Eben so wenig wie einen Doctorhut! Mag er sich
alles selbst verdienen, und mögen Schleicher ihre Windelsöhne zu Fähnrichen
wachen; ich nicht also.
    Die Baronin war völlig überzeugt, und konnte nicht begreifen, warum man
überhaupt zu Gevatter bäte, und warum man nicht schon längst die Gewohnheit
eingeführt hätte, nach Wohlgefallen in das Kirchenbuch einschreiben zu lassen,
wen man wolle. Gewiss, sagte sie, werden die gekrönten und fürstlichen Häupter es
hoch aufnehmen, dass man sie bloss unter ihres Gleichen eingeladen hat. Nicht
immer werden sie es so gut haben wie bei dieser Taufhandlung. - Die Toleranz war
ein Hauptzug bei dieser Feierlichkeit. Da kamen von allen Confessionen, Zungen
und Sprachen die Volkshäupter zusammen, und vertrugen sich brüderlich. Den
türkischen Kaiser hatte der Ritter nicht gebeten, und wie konnt' er auch, da er
ein Hauptfeind des Ordens ist, und das heilige Grab noch bis auf den heutigen
Tag von diesem Vater des Unglaubens so schnöde vorentalten wird?
    Doch es ist Zeit, dass wir den Ritter als Täufer sehen! Es wird ein Zeichen
durch die Essglocke gegeben, dass jedes, wess Standes, Geschlechtes und Würden es
wäre, sich in die Kapelle, oder, damit man nicht X für U nähme, in die
Taubenkammer, zur Abgabe seines Ja einfinden sollte. Ich darf wohl nicht
bemerken, dass es an Ja-Herren und Frauen nicht gefehlt haben wird. Man dünkte
sich viel, dass der gnädige Herr geruhte, seine untertänigen Knechte und Mägde
in solchen Gnaden anzusehen. Nur der lose Schulmeister, der im Herzen des
Dafürhaltens war, dass nicht der Ritter, sondern er, ein eigentlicher Nottäufer
vigore officii wäre, schüttelte den Kopf und flüsterte dem Gevatter Nachtwächter
ins Ohr, dass heute dem Dorfe gebratene Tauben in den Mund fliegen würden,
welches der Nachtwächter sich lächelnd ad notam nahm.
    Der Ritter hatte seinen schwarzen Mantel mit dem weissen Kreuz umgehängt, und
war in Stiefeln und Sporen und in vollständiger Rüstung, als es hiess: das
Taufwasser sei warm.
    Gut, sagte er; und schnell fielen ihm über die Sporen Zweifel ein, die denn
auch, nach einem gründlichen Für und Wider, von der Wöchnerin mit vielen Gründen
verbeten wurden. »Wie kann man an Gott glauben, wenn ihn ein Teufel predigt?«
meinte der rebellische Schulmeister, und der Nachtwächter trat durch ein
kritisches Kopfnicken bei. Hätte Freund Schulmeister gewusst, dass er, als der
einzige Geistliche, natürlich allein fähig war, Se. Heiligkeit zu repräsentiren,
sein Neid würde sich in Dank verwandelt haben. Ungewöhnliche Saat bringt
ungewöhnliche Früchte. - Der Ritter erhebt seine Stimme; das Volk staunt. Fast
wörtlich wusst' er die Taufformel auswendig, welches dem Volke, wie alles, was
ihm aus dem Gedächtnisse mit Parrhesie verkündigt wird, als Eingebung vorkommt.
Da er an den Exorcismus kam, tat es ihm doch leid, dass er seine Sporen abgelegt
hatte, weil er desto nachdrücklicher hätte auf die Erde stampfen können. Was ihm
indes an Rüstung abging, ersetzte er durch das Patos seiner Zunge. Was seine
Stimme erheben heisst, konnte man hier kennen zu lernen die Ehre haben.
    Fahr aus, schrie er, als ob er den Satan auf Pistolen herausforderte - fahr
aus, du unreiner Geist! - Einige von den Ja-Sagern und Ja-Sagerinnen wollten den
Teufel lichterloh in Gestalt eines Strahls gesehen haben; sie behaupteten, dass
sie einen hässlichen Gestank empfunden hätten. Indes konnten diesen wohl
ehrwürdige Ruinen von der Taubenkammer verursacht haben, und jenes war dagegen
ganz füglich von dem Kreuze des Täufers abzuleiten, das an seiner Brust hing. -
Allgemein ward gewünscht, dass der Exorcismus bei der Taufe beständig von einem
geistlichen Ritter und nicht von einem Geistlichen ausgesprochen würde, damit
der Teufel nicht zurückbliebe, wie es oft, weil er sich vor dem Geistlichen
entweder nicht fürchtete, oder wohl gar mit ihm in heimlicher Verbindung stände,
der Fall wäre.
    Als unser Ritter an die Worte in dem Taufformular kam: »Nimm hin das Zeichen
des heiligen Kreuzes, beides an der Stirn und an der Brust!« war alles in
Bewegung. Jedes schlug sich ein Kreuz; so elektrisch wusste unser Ritter das
Kreuz zu schlagen. Ueberhaupt schien unser Ritter (bis auf den Schulmeister, der
viel zu tadeln fand, was er indes einzig und allein seinem Freund Nachtwächter
anvertraute) vielen Beifall einzuernten; und die Dorfschaft hätte um vieles ihre
Kinder nicht mehr bei Sr. Wohlehrwürden, sondern bei Sr. Hochwürden taufen
lassen. Indes hatte der Pastor loci sich in die Zeit geschickt und Gelegenheit
genommen, in der nächsten Sonntagskinderlehre die Fälle näher zu entwickeln, in
denen einzig und allein eine Nottaufe stattfinden könne. Auch vergass er nicht,
zu bemerken, dass, wenn sie selbst etwa in diese Feuersgefahr oder Wassersnot,
wie man es nennen wollte, gefallen wären, dem Geistlichen doch seine Gebühren
bezahlt werden müssten - wenn anders nämlich der liebe Gott das Kind in seinen
Gnadenbund auf- und annehmen solle. Dass unser Ritter diese Katechisation nicht
mit angehört habe, führe ich bloss beiläufig an. - Das besonderste war, dass unser
Held ABC bis XYZ nach der Nottaufe sich von Stunde zu Stunde erholte, so dass
die Dorfleute in den Aberglauben verfielen, der Johannitermantel sei ein
Abkömmling von Elias Mantel und habe hier mitgewirkt. - Einige nannten den
Actum: Feuertaufe; zum Unterschiede von der, die der Pastor zu geben gewohnt
war. Selbst die Taubenkammer brachte auf herrliche Ideen, und bei
Menschengedenken ist keine solche Taufe gewesen. Der Baronin hatte dieser Actus
ausserordentlich gefallen. Ist es Wunder, da die Hauptpersonen, Mann und Kind,
ihr so nahe am Herzen lagen? Ihr Beifall ging so weit, dass sie die Taufe eines
gewöhnlichen Predigers für eine Nottaufe hielt, und dass in ihren Augen nur ein
geistlicher Ritter ein Täufer in einem erhabenen Verstande sein konnte. Sie ward
so verliebt in den schwarzen Mantel, dass ihr Gemahl ihn nach vollbrachtem
Taufactus auf das Wochenbett legen musste; und wenn gleich dieses Auflegen nicht
im Stande war ihr die verlornen Kräfte wieder zu ersetzen, so blieb es ihr doch
feierlich, indem dieser Mantel sie nebenher an ihren Vater erinnerte und den
Wechsel von Freude und Leid, das unwandelbare Loos der Sterblichen,
versinnbildete! - Die Feierlichkeit des Mantelauflegens geschah bei
verschlossenen Türen - caetera textus habet. Wer nottaufen kann, der kann auch
mehr. Schon wissen wir, dass der Ritter Täufer sich Mühe gegeben, seiner Frau
Gemahlin den Hintritt ihres Vaters auf eine gute Manier in einem Säftchen
beizubringen; jetzt mochte es ihm wirklich so vorkommen, als fänden sich bei
seiner Frau Gemahlin die verlornen Kräfte unter dem Mantel schneller wieder ein,
oder hielt er es für den bequemsten und angenehmsten Zeitpunkt, seine liebe Frau
in sein Netz zu ziehen? Kurz, er dachte zu schmieden, da das Eisen warm war, und
gab sich Mühe, die Ritterin zu vermögen, ihm die Erbschaftsgeschäfte und die
Anlegung des Geldes zu überlassen; allein er hätte es nicht nötig gehabt, so
peinlich auf diesen Augenblick zu denken. Die Baronin kam ihm auf halbem Wege
zuvor; diese Stunde war längst bei ihr gekommen. Alles stellte sie ihm anheim;
und warum auch nicht? - Sie war ein edles Weib; doch blieb sie Weib, das heisst:
sie war nach der Weise der jetzigen Weiber erzogen. Da den Weibern bei keiner
andern feierlichen Gelegenheit des Lebens eine Rolle zugeteilt wird als wenn
sie sich verheiraten (welche Festlichkeit indes durch das Ehebett so viel von
ihrem Patos verliert, dass man am Brautmorgen nicht weiss, wie man daran ist, und
wesshalb so viel Zwang und Streit und Widerstreben hat vorausgehen müssen, um
sich so bald und so enge zu vereinigen), so ist es natürlich, dass besonders
junge, mit der Welt und ihrem eigentlichen Gehalte noch unbekannte Weiber, einen
rechten Drang nach Feierlichkeiten verspüren. Sie lieben nicht nur Männer, die
öffentlich ihr Licht leuchten lassen und mit Glanz auftreten, sondern mögen auch
ausserordentlich gern pompvollen Anlässen beiwohnen. Sie können sich nicht
vorstellen, dass unter diesen Reverenden nichts weniger als Ehrwürde verborgen
sei; der Mantel macht bei ihnen den Philosophen. Werden sie älter, so sehen sie
freilich ein, dass nichts hinter den meisten unserer Feierlichkeiten steckt, dass
der Kern der Schale, die Glocken der Predigt, die Poesie der Musik nicht wert
ist; und nun fallen sie von einem Extrem auf das andere, und lachen gemeiniglich
über etwas, das ihnen zuvor so wunderbar, hehr und hoch schien. Unserer Ritterin
fehlte es gewiss so wenig an Kopf, wie es ihr an Herz gebrach; indes hatte sie
vom Johanniterorden und dessen Stiftung aus der teilnehmenden Relation ihres
Gemahls eine so grosse Idee, dass sie ihn für nichts geringeres als einen
Original-Nottäufer hielt; - und in der Tat, sie traf nicht weit vom Ziele. Um
alles in der Welt wünschte ich, dass das gute Weib bei meinen Lesern durch ein
gehaltenes Consilium nichts verlöre, wovon ich meiner Leserwelt nur die
Resultate, ihr zum Besten, mitteilen will. Es ward beschlossen, dem Orden im
Rosentalschen Schloss hier und da ein Andenken zu stiften; und so sehr auch
unser Ritter ins Weite und Wilde ging, so wurden doch die sieben Hauptpunkte mit
dem grössten Beifall der Ritterin verabredet und abgeschlossen, so dass alles Ein
Herz und Eine Seele war. Sie spielten beide unter Einer Decke und unter Einem
Mantel, und über ein Kleines werden wir die Ehre haben, die Folgen dieses Plans
zu ersehen. - Die
                                     §. 19.
                                        
                                    Trauer.
über den Emsigen ward so ausgekünstelt, dass man nicht wusste, ob es hier dem
Vater oder einem andern weniger nahen Verwandten gelte, oder ob nicht vielmehr
der Johanniterorden, der immer in Halbtrauer ist, diese Einrichtung erfordere. -
Sit divus, modo non vivus, ist zwar fast immer das Ende vom Liede, und eine jede
Erbschaft verknöchert das fleischerne Herz einigermassen; allein dies war bei
unserer Ritterin der Fall nicht. Selbst durch den Umstand, dass sie in den Augen
der Welt dem Andenken des Vaters etwas von der Trauer entzog, gewannen er und
ihre Mutter im Herzen. - Zwar nahm man hiervon Anlass zu der Nachrede, dass sie
sich ihrer Eltern schäme; wie kann man das aber, wenn sie todt sind? Wahrlich,
sie hatte sich als Tochter nichts vorzurücken. Für's erste ward eine herrliche
Rüstung aufgestellt. Nur bei der Nottaufe hatte sie die Sporen verbeten; sonst
war sie nicht dagegen. Da das brave Weib sich nie so sehr auf eine Seite neigte,
wie der Herr Gemahl, so blieb sie sicherer vor dem Fall. A silentio, war ihr
Hauptargument; weder eine witzige Schwächlichkeit, noch ein unvernünftiger
Übermut kam ihr so leicht zu Schulden. - Sie hiess gnädige Frau, und war in
gewiss tausend Rücksichten ein kreuzbraves Weib. - Wer sie verachtet, weil sie zu
sehr nachgab, und weil sie sich die Ideen des Ritters zu bald eigen machte,
überlegt nicht, dass sie eben dadurch als Weib gewann. Was helfen mehr Segel,
wenn auch mehr Ballast im Schiffe ist? Es war mit unserer Ritterin etwas
anzufangen; allein weder der Witzling, noch der Vernünftler durfte dies geradezu
sein; der Witz musste sich, so wie die Vernunft, fein ländlich sittlich in
Empfindung kleiden, und dann machte man mit ihr, was man wollte. An Verstand war
sie dem Ritter ohne Zweifel überlegen; an guten Gesinnungen gingen sie Hand in
Hand. - Wer mag ihm sein Spiel verderben? Ist er nicht einer der eifrigsten
Johanniterritter, die der Orden je gehabt hat? Kann er diese Ordensfreude an
seiner Descendenz erleben? Und kennen wir nicht die Stern- und Kreuzseherei der
Ritterin? Ende gut, alles gut! Immerhin, da er alles mit dem Johannitermantel,
als dem wahren Mantel her Liebe, bedeckte! - - Der
                                     §. 20.
                                        
                                    Säugling
ward gleich früh mit der Mutter- oder Ammenbrust und mit dem Zeichen des
heiligen Kreuzes bekannt. Die Windeln, die Bettchen und Hemdlein waren alle mit
einem Kreuze gestempelt, und die Amme konnte sich nicht genug verwundern, dass
unser ABC-Kind, ohne auf das Kreuz in den Windeln Rücksicht zu nehmen, es mit
ihnen machte, wie andere kleine Kinder es mit unbekreuzten Windeln zu machen
pflegen; freilich besser, als Kaiser Wenzel, doch noch immer unverzeihlich. -
Die
                                     §. 21.
                                        
                                  Veränderung,
welche der Todesfall des Emsigen in dem hochfreiherrlichen Schloss bewirkte,
gewann ein so geschwindes Fortkommen, dass es fast stündlich etwas neues zu
bewundern gab. Unter andern liess der Ritter sich dreimal malen, und en gros wie
en détail, in Lebensgrösse wie in Miniatur, hing ein schwarzer Mantel mit einem
weissen Kreuze über seinen Schultern. - Drei Schlafröcke auf einmal, von dunkler
Farbe, damit das darauf gestickte Kreuz sich desto besser ausnähme. Einer dieser
Schlafröcke war wie ein Mantel gefertigt, und der Ritter sah darin ungefähr so
aus, als ob er zum Ritterschlage vorknien sollte. Die Communion empfing er, ob
er gleich die Taufhandlung an seinem Sohne nicht mit Sporen und Rüstung
verrichtet hatte, in förmlicher ritterlicher Kleidung. Dass besonders zu Anfange
das ganze Dorf, und zum Teil auch die benachbarten Honoratioren, vel quasi
zusammenliefen, um den Ritter communiciren zu sehen, war natürlich. Da trat denn
Monachus armatus auf, und empfing kniend die heilige Communion, welches ihm noch
obendrein als eine grosse Demütigung ausgelegt ward. Der Pastor loci gewann
stillschweigend hierdurch in den Augen des Volkes zehnfach bei dem Sakramente
des Altars, was er beim Sakramente der heiligen Nottaufe eingebüsst hatte; denn
wenn gleich Se. Hochwürden gewiss nicht vor Sr. Wohlehrwürden auf den Knien
lagen, so weiss man ja doch, wie selten die Person des Geistlichen bei seiner
geistlichen Handhabung abgesondert wird. Wer den Baron nicht Ew. Hochwürden
nannte, bekam, wenn er etwas hat, zwar keine abschlägige, wohl aber beim »Fiat,
wie gebeten« eine unfreundliche Antwort. Seinen Bauern ward durch einen Anschlag
in den Schenken bekannt gemacht, dass sich niemand unterstehen sollte, ihn anders
zu tituliren, indem er durch strenge Gelübde verpflichtet wäre, hochwürdig zu
sein oder zu heissen; was denn die gemeinen Leute in eine nicht geringe
Verwirrung brachte, da sie die Gewohnheit hatten, den Pfarrer loci Ew.
Wohlehrwürden zu nennen, und mit diesen Ehrwürden sehr ins Gedränge kamen. Da
übrigens die Kreuze in Rosental sich ausserordentlich mehrten und hierbei nicht
auf Kosten gesehen ward, um diese Verzierung recht reichlich und prächtig
auszuspenden, so hiess es spottweise: es sei kein Haus in der Christenheit, das
so viel Kreuz habe. Der Schulmeister, der wie wir schon wissen, ein Schleicher
war, glaubte noch tiefer gesehen zu haben, und fürchtete heimlichen
Katolicismus, welchen er vorzüglich in der religiösen Rittermanier und
Kreuzausspendung fand, wodurch er jesuitisch beabsichtigte, die Herzen des
Pöbels (der, um zu beweisen, wie klein er ist, sich so gern an alles, was gross
ist, hängt) von der Nottaufe des Ritters und andern unzeitigen Anhändlichkeiten
loszumachen. Ob nun gleich der Schulmeister seinen Hirtenstab nicht gegen das
Schwert des Ritters heben konnte, sondern wohlbedächtig bloss in Emblemen,
einsylbig und (was nicht viel auseinander ist) zweideutig zu Werke ging, so
wirkte doch dieses Stückwerk von geäusserter Befürchtung, eben wegen dieser
Oekonomie und Heimlichkeit, gewaltiglich, so wie alles, wovon man Ein Dritteil,
und dies noch brockenweise, ins Ohr entdeckt, die beiden andern Dritteile aber
zurückhält und im Schatzkästlein seiner Gewissenhaftigkeit verschliesst, wiewohl
so laut, dass man die Schlösser rasseln hören kann. Uebrigens hätte unser
Schulmeister immer noch mehr sagen können, da sich unser Hektor nur mit einem
Achill ohne Schande messen konnte, und unser Ritter zu keinem Duell auf kleine
Steine fundirt war, selbst wenn der ahnenarme König David ihn dazu
herausgefordert hätte.
    Als der Stammhalter ein Jahr alt war, sollte er, und neben ihm auch seine
Mutter, zu Jerusalem im Tempel dargestellt oder eigentlicher in den
                                     §. 22.
                                        
                                   Stammbaum.
verzeichnet werden. Schon §. 3 ist dieses Stammbaums rühmlichst erwähnt worden.
Von jeher hielt es die Familie so, dass die neuen Sprossen in dem Wohnsitze des
Senioris familiae intabulirt wurden. Dies schien gegenwärtig bei einer
wirklichen Firmelung um so notwendiger; indes ward mit unserm Ritter eine
preiswürdige Ausnahme gemacht. Und warum? Senior familiae war, die Wahrheit zu
sagen, ein armer Schlucker, bei dem die Fingerlein nie Wohnung zu machen für gut
gefunden, und der auch keine Gelegenheit gehabt hatte irgend einen Emsigen zu
beerben, so dass der Kasten Noä zwar seinem Hause, das Haus aber dem Kasten
keinen Glanz beilegte. Er selbst sagte schmarotzerisch, dass die Bundeslade bei
ihm weder im Salomonischen noch im zweiten Tempel stände. Auch erscholl das
Gerücht von der fürstlichen Einrichtung unseres Ritters weit und breit, und
alles war voll Lust und Liebe, ein Augen- und Magenzeuge dieser Pracht zu sein
und lüstern zur Wallfahrt nach Rosental. - Unser Ritter, der sich durch diese
seinetwegen gemachte Ausnahme von der Formularregel oder den Schmalkaldischen
Artikeln, wie man sich zuweilen ausdrückte, nicht wenig beehrt fand, ermangelte
nicht, dies Anerbieten zu begünstigen - und zu den sieben Modifikations-Artikeln
die Hände zu bieten. Einer dieser schmalkaldischen Artikel war, dass die
Bundeslade unter Bedeckung von 24 Mann zu Schimmel von - nach Rosental geholt
werden sollte. Sowohl Senior als die vier Assessores oder Kastenherren wurden
alle auf Einen Tag nach Rosental beschieden, und es ist nicht zu läugnen, dass
dieser Aufzug einzig in seiner Art genannt zu werden verdiente. Die 24
Kastenbegleiter waren nun freilich nichts mehr und nichts weniger als
vierundzwanzig ehrliche Rosentalsche Bauern; indes hatte man sie aufgefordert,
Feierkleider, das heisst schwarze Röcke anzulegen, welche den Schimmeln, so wie
die Schimmel den schwarzen Röcken zu einem nicht kleinen Ansehen verhalfen. -
Die herabgekrämpten Hüte kamen mit den fliegenden Haaren in einen
ununterbrochenen Zank, so dass es schien, als wollten die Haare sich an den Hüten
vergreifen. Den besten Abstich bewirkten die weissen Pferde, welche diese
Bedeckung so feierlich machten, dass man, wie der Krittler Schulmeister selbst
eingestehen musste, in die Verlegenheit geriet, vor diesem Leichen-Condukt den
Hut abzuziehen; er hätte gewiss hinzugefügt: »und ein Vater Unser zu beten,« wenn
er nicht der wohlgelahrte Schulmeister gewesen wäre. Der Baron ritt mit zwei
Assessoren, die sich schon zeitiger eingestellt, dem Kasten entgegen; und da
dies Triumvirat den Stern gesehen hatte, kehrt' es heim hocherfreut und blieb
beim Wagen des Senioris, der den Zug anführte. Als man sich der Kirche näherte,
liess unser Ritter, vermöge des Patronatsrechts, läuten. Der Prediger kam, weil
er wohl wusste, dass es sein Schade nicht sein würde, auf dies Signum exclamandi
sogleich und beim ersten Glockenanschlage in vollständigem Ornat zum Vorschein,
und so blieb er auch, ohne zu weichen, bis vom Zuge kein Staubkorn mehr zu sehen
war. In dieser Melodie ging es denn bis nach Rosental, wo ein herrliches Souper
des Senioris und seiner vier Assessoren nebst ihren Frauen und Kindern wartete.
Die gute Baronin hiess nicht anders als allerliebste, schönste, beste Cousine,
englische Frau; und es gebrach an nichts, um diesem Familienfeste Würde
beizulegen, die bei dem Vater unseres Helden gewiss zu Hause gehörte. Man
gedachte bei dem Feste der in Gott ruhenden Vorväter, und es ward, nach der in
dieser Familie wohlhergebrachten Sitte, auch deren Gesundheit und zwar so
kräftig getrunken, dass bei allem Nachdruck, den man seinen Kräften gab, es doch
zuletzt am ritterlichen Vermögen fehlte, den Wein ertragen zu können. Senior
sagte: die Rosentaler sind seit Menschengedenken von nichts anderem als vom
Wein überwältigt worden.
    Der folgende Tag war eigentlich dazu bestimmt, die Baronin und ihren Sohn zu
legitimiren. Die Ceremonie war folgende. Die beiden jüngsten Assessoren erhoben
sich zum Senior, um ihn zu befragen: wann die Festlichkeit ihren Anfang nehmen
sollte? - So stand es in der Rolle; da aber Senior sich nicht bloss vom Wein,
sondern auch vom Bett hatte überwältigen lassen, und wegen der gestrigen zu
guten Aufnahme ganz aus seinem Concepte gedrückt war, so verpfuschte man den
ersten Auftritt dieses weinerlichen Lustspiels völlig. Nur mit vieler Mühe
konnten sie den Senior zu sich selbst und in seine Rolle bringen, der er
übrigens weit mehr als sein Haus der Bundeslade gewachsen war. Die Damen hatten
nicht Stimme und Sitz, und mussten sich begnügen, den Zug anzusehen. Bei
Parlamentsversammlungen, sagte die Frau Seniorin, ist es den Damen erlaubt, den
Streit und Widerstreit anzuhören. - »Weil er,« erwiederte einer der Assessoren,
»mit Ew. Gnaden Erlaubnis, gemeiniglich bloss pro forma geführt wird. Der Staat
lässt sein Licht leuchten vor den Leuten, dass sie seine gute Werke hören und den
König und die Freiheit lobpreisen.« - Die allerliebste, schönste, beste Cousine
und englische Frau erschien jetzt den Damen nicht viel anders als eine arme
Sünderin, die man auf dem Richtplatze begnadigen will. In der Tat die ganze
Ceremonie war nicht viel mehr als eine Pardonserteilung, ein Fahnenschwung und
übrigens Paternosterwerk und Rosenkranzandacht.
    Der erste Aufzug. Senior ging allein und die vier Assessoren folgten ihm
paarweise in das Familienheiligtum. Das Collegium kann eine gute Stunde bei
verschlossenen Türen zugebracht haben. - Es war Probe.
    Beim zweiten Akt wurden die Vorhänge aufgezogen. Ehe man aufzog, klingelte
Senior dreimal, und ehe das eigentliche corpus delicti eintrat, ward unser
Ritter allein vorgelassen, den der Senior anredete wie folgt:
        Hochwürdiger Ritter,
        Hochwohlwohlgeborner Freiherr,
        Freundlich geliebter Herr Vetter!
    Wir haben gesehen, was wir schon zum voraus von Ihrer angeerbten Weisheit
erwarten konnten, dass Sie Ihr Herz mit keiner Gattin teilen würden, die nicht
auch ein Herz in die Teilung zu bringen hätte. Ihre - Frau, kann ich sie
statutengemäss noch nicht nennen; es sei mir erlaubt, sie Braut zu heissen: ist
sie denn nicht die Braut dieses Tages? - Ihre Braut also hat alle Eigenschaften,
welche man haben muss, um sich selbst und einen Cavalier glücklich zu machen. Sie
hat Verstand, ohne dass sie Verse macht; sie hat Willen Gutes zu tun, ohne auf
ihre Tugend stolz zu sein und einen andern Herold für dieselbe zu brauchen als
ihr Gewissen und dessen zwei äusserliche Stellvertreter: ein Paar grosse,
lebendige, ungezwungene Augen. Die Leuchter zu diesem Lichte, die Augenbrauen,
sind Meisterstücke der Kunst - würd' ich sagen, wenn sie nicht geradeswegs aus
der Hand der Natur gekommen wären. Doch fehlt ihr etwas, das kein Kaiser und
König, das ihr Gott selbst nicht ersetzen kann: der leibliche Adel, der wie ein
Kleid den Seelenadel erhebt und ziert. Wir können nicht, wenn wir auch wollten;
und wir wollen auch nicht, weil wir nicht können. Schon der Gedanke und der
Wunsch, von alten Sitten und altem Brauch abzuweichen, würde uns unwert machen
dieses heilige Feuer zu bewahren, welches so viele Jahre mit vestalischer
Keuschheit bewacht worden. Nur was Recht und Gebrauch ist, und nichts, weder zur
Rechten noch zur Linken, kann und soll und wird geschehen.
    Der Ritter, welcher stehenden Fusses die Rede angehört hatte, bückte sich
tief, ohne ein Wort zu erwiedern. Und nun ward aufs neue, wiewohl nur Einmal
geklingelt. Senior nannte diesmal das Glöckchen: das
Transsubstantiations-Glöckchen.
    Die Baronin trat, in einem weissem Kleide, mit fliegenden schwarzen Haaren,
die auf ihrem warmen, weissen und marmorfesten Busen mit einander liebkoseten,
ins Gericht, wo an einem Tische mit einer pompvollen roten Decke der Senior und
die vier Assessoren auf Lehnstühlen sassen, der Ritter aber in einiger Entfernung
stand. Das gute Weib machte eine tiefe vorschriftmässige Verbeugung, die sie auch
ohne Anweisung in puncto der roten Decke gemacht haben würde. Man hat vor allem
Respect was bedeckt ist; und rote oder grüne Tischdecken sind darum noch
ehrwürdiger, weil wir die weissen in der Regel alle Tage zweimal über unsern
Esstischen sehen. - Unsere arme Sünderin fühlte die Wirkung der roten Decke in
allen fünf Sinnen; da sie aber in einer Art von desorganisirtem (entsinntem)
Zustande, aus reinem, klarem Herzensgrunde, und der Vorschrift gerade zuwider
ihrem Manne die Hand reichte, die er, weil ihre Zeit noch nicht kommen war,
verbitten musste, so geriet das arme Weib in eine so andächtige Verlegenheit,
dass der Senior selbst sie nicht ohne Sinnverdoppelung und Sensation ansehen
konnte, und bei einem Haar blitzschnell aus der Rolle gefallen wäre. Noch zu
rechter Zeit griff er in seine Patrontasche.
    »Was bewog Sie,« fing er, nachdem er sich fest gemacht hatte, in einem
starken Ton an, um sein Herz zu überkreischen, das ganz seinen Worten entgegen
war - »Was bewog Sie, da Sie eine Null vor der Eins waren, eine hinter der Eins
werden zu wollen? - Wissen Sie nicht, dass der Weg zur Ehre schmal und es nur
wenigen Auserwählten beschieden ist, ihn zu finden? Verleiteten Sie nicht unsern
Vetter zur verbotenen Frucht, wovon er und Ihre Nachkommen den Fluch tragen
müssen? Reichtum und Schönheit waren die beiden Bäume, die er hätte meiden
sollen; allein warum legten Sie ihm Ihre verbotenen Reize so nahe?«
    Nachdem er dem guten Weibe ganz evident gezeigt hatte, dass ihr Vater nur ein
Emsiger gewesen wäre, dessen Schätze, und hätte er deren auch noch weit mehr
gehabt, keinen Fingerhut, ja keinen Tropfen freiherrliches Blut aufwiegen
könnten, fügte er wohlmeinend hinzu, dass ein unadeliger Lazarus, wenn selbst
Abraham noch in der andern Welt ihm erlaubte, seinen Flecken mit himmlischem
Wasser wegzuwaschen, denselben so wenig, wie ein Leopard die seinigen, verlieren
würde in Ewigkeit.
    Die Ritterin, welche durch ihren Gemahl mit den sieben Sachen dieser
Ceremonie zur Not bekannt gemacht worden war, hatte sich vorgesetzt, sich alles
gefallen zu lassen, was man nach Herkommen und Brauch beginnen würde. Sie war,
wie man schon weiss, überhaupt keine Feindin von Feierlichkeiten, welches sie bei
der Nottaufe und bei der Stern- und Kreuzseherei bewies; und es gibt wenige
Weiber, die Ceremonien widerstehen können, auch wenn sie nicht, wie hier, einen
rot beschlagenen Tisch vor sich haben. Selbst die Vorwürfe, als ob sie dem
Ritter zuvorgekommen wäre und ihn zu dieser Missheirat, wie Eva den Adam zum
Apfelbisse, verleitet hätte, brachten sie nicht aus der Fassung, so beleidigend
sie auch waren. Als indes der Herr Senior sich nicht entbrach, die Asche des
Emsigen zu beunruhigen, konnte die redliche Tochter nicht umhin, ihren Entschluss
plötzlich zu ändern, und, wie es bei dergleichen Gelegenheit nicht auszubleiben
pflegt, gerade noch einmal so viel zu sagen, als sie gesagt haben würde, wenn
sie nicht zuvor den pytagoräischen Entschluss gefasst gehabt hätte. - Meine
Herren, fing sie trotz der roten Decke an, ich bin weit entfernt, dem
Geburtsadel zu nahe zu treten; vielmehr betracht' ich ihn als heilige Reliquien
des Apollo, die zu sehen man nach Italien wallfahrtet. Indes gehört doch immer
der kleine Umstand dazu, dass man in die Kunst verliebt sein und eine nicht
kleine Imagination besitzen muss, wenn man dem Ahnen-Cicerone den Beifall geben
soll, auf den seine redselige Zunge richtige Rechnung macht. Wenn man von 16 und
32 Ahnen, und von 16 und 32 Taten die Rede ist, so weiss ich, was ich wähle.
Schon muss man Grundsätze mit Taten vermischen, wenn man vor jenen Achtung haben
soll, sie mögen mit noch so hohen Farben im gemeinen Leben aufgetragen werden;
und was hilft der Glaube an die Vorwelt, wenn er nicht durch Werke der
Zeitgenossen lebendig wird? Dass das Johanniterkreuz meines Gemahls sehr viel zu
meinem ehelichen Ja beigetragen hat, läugne ich nicht; wenn aber der Orden mehr
auf brave Männer, als auf die Ahnenreihe Rücksicht zu nehmen geruhete - würde er
nicht mehr ausrichten, als jetzt? - Ich will niemanden unter Ihnen, am wenigsten
meinem lieben Gemahl, Vorwürfe machen; aber Sie werden mir zugestehen, dass
selten ein adeliges Geschlecht sein Altertum vor das eilfte und zwölfte
Jahrhundert hinauszuführen im Stande sein wird, und dass die Genealogienkünstler
es nicht viel besser machen, als die Maler, die, wenn sie die Sündflut malen,
alle die mit ertrinken lassen, gegen die sie etwas haben. Bei der Sündflut in
unserer Kirche kommen Pontius Pilatus, Herodes und Kaiphas ums Leben; auch Judas
würde ihnen gewiss Gesellschaft geleistet haben, wenn er sich nicht noch zu
rechter Zeit erhängt hätte. Sie selbst werden den Jakob gepudert und frisirt auf
manchem Bilde gesehen haben, wie er um Rahel wirbt; und eben in unserer Kirche
hat Isaak sich einen Haarbeutel angelegt, als er sich auf die Freierei begibt.
Was gilt die Wette: in allen Genealogien werden sich Pontius Pilatus, Herodes
und Kaiphas im Wasser der Sündflut, Jakob gepudert und frisirt, und Isaak mit
einem Haarbeutel finden! - Wenn man dem Ursprunge der alten adeligen Familien
nachspürt - wann entstanden sie? Zu einer Zeit, wo Strassenraub Modetugend,
höchstens Mode-Untugend war; wo der Mordbrenner bei seinen Zeitgenossen mehr
gewann, als verlor, wenn seine Untat bekannt wurde; zu der Zeit des
Faustrechts, der Befehdung und der Tollkühnheit. Wie oft sind die Grundsteine
des Adels Landesverrätereien und Beförderungen einer himmelschreienden
Tyrannei? - Mein Vater war ein Emsiger; und was ist entwürdigender: vermittelst
kleiner Papiere, die man (mit Erlaubnis meines Gemahls) Wechsel nennt, Staaten
auszukaufen, Regenten in Stand zu setzen, dass sie Krone und Scepter erhalten
können, und Schätze aus fremden Gegenden durch Schiffe herbei zu führen; oder
auf seinem Gute tausend Taler intabuliren zu lassen, den Einschnitt des
currenten Jahres in der nächsten Stadt zum Verkauf auszubieten, und im Kleinen
dem Kaufmanne das zu überlassen, was dieser im Grossen verkauft? Seinem adeligen
Nachbar ein blindes Pferd für ein sehendes zu verhandeln, oder eine Lieferung
von viertausend zu übernehmen? - Ich gebe gern zu, dass sich der Adel und der
Kaufmann in einer Person nicht vertragen, dass den Edelmann der Degen und das
Gesetzbuch kleidet; handeln indes nicht oft Kaiser und Könige? Die Fugger zu
Augsburg wurden aus Kaufleuten Grafen in Deutschland; und wie vieler Grafen
Voreltern waren Kauf- und Handelsleute! Zu Florenz veredelte kaufmännisches Gut
kaufmännisches Blut, und die Medicis kamen zur grossherzoglichen Herrschaft von
Toscana; oder ist der Name Medicis Ihnen nicht schätzbar genug, obgleich aus
diesem Hause Katarina und Maria als Königinnen von Frankreich während der
Jugend ihrer Söhne herrschten? War der französische Tron nicht einer der
stolzesten auf Erden? - Darf ich mir die Erlaubnis nehmen, an den Agatokles zu
denken, dessen Vater ein Töpfer und armer Mann war? Der Sohn diente als gemeiner
Soldat und schwang sich bis zum Obristen, und vom Obristen bis zum Könige von
Sicilien. Es ging ihm, wie es andern geht; er ward ohne Zweifel von den
Vornehmen seines Staates verachtet. Und Agatokles? liess die zum niedrigsten
Gebrauche bestimmten goldenen Gefässe in einen Jupiter verschmelzen, dem er einen
der heiligsten Plätze im Tempel gab. Alles betete dies Bild an; und nun erhob
Agatokles seine Stimme und sprach: Ihr Männer und Weiber von Sicilien, wisset,
ihr, wen ihr anbetet? - »Jupiter.« - Freilich Jupiter, den ich aber aus
verächtlichem Geschirr meiner Kammer machen liess! Und wie? ihr tragt Bedenken,
über meinen Jupiter den Töpfer zu vergessen? Dies wirkte; und der weise
Agatokles verfehlte nicht, neben den goldenen Geschirren auch irdene zum
Andenken seiner Abkunft zu gebrauchen. In der andern Welt, meine Herren, werden
wir weder freien noch uns freien lassen: da werden nur die guten Taten des
Agatokles gelten und seiner Töpfer-Abkunft weiter nicht gedacht werden.
Wahrlich, jeder edle Mensch ist in der Welt keine Null; er ist nicht Mittel, er
ist Zweck. Je mehr er sich der Unehre, bloss Mittel zu sein, nähert, je unedler
ist er in dem herrlichen Sinne, wenn edel und adelig gleichbedeutende Wörter
sind. Menschenrecht und Menschenehre sind Dinge, die wir jedem lassen müssen,
und die auch uns jeder lassen muss, vermöge eines Traktats, den die Tugend
(verzeihen Sie mir den emsigen Ausdruck, der auch politisch ist) negociirt hat,
und der, wie Vernunft und Wahrheit ewig bleibt - (ich rede wie die Tochter eines
Kaufmanns) der uns bei der gefährlichen Schifffahrt dieses Lebens leiten muss. -
Menschen sterben; das Geschlecht ist unsterblich. - Ich liebe meinen Gemahl
zärtlich; allein, war ich seine Anführerin? Er rede, ob ich ihn unglücklich
gemacht habe! Ich kenne sein Herz, und weiss gewiss, dass er das meinige kennt;
oder hab' ich je in der grössten Ehestille ein Wort gegen ihn von dem verloren,
was ich jetzt gezwungen bin laut zu sagen? Hab' ich mich nicht mit seinem
Johanniter-Mantel bedeckt, und ist mir seine Nottaufe nicht so erbaulich
gewesen, dass ich ihn täglich nottaufen sehen möchte? Ich werde gewiss meinen
Stand als Königin von Sicilien nicht verkennen; allein ich hoffe auch, dass man
meinen Vater nicht verkennen wird, der durch sein Töpferhandwerk mich zur
Königin von Sicilien gemacht.
    Diese Rede schlug den Herrn Senior zu Boden, und der dritte Kastenassessor
war versteinert. Er hatte die Dreistigkeit gehabt, nicht weniger als
fünfzigtausend Taler ohne Zinsen von unserm Ritter zu verlangen; und da ihm
dieses Darlehen abgeschlagen ward, so ergriff er mit beiden Händen die
Gelegenheit, jene so harte Rede für den Herrn Senior zu stylisiren. Die andern
Assessoren, besonders der jüngste, den die Ritterin, schon ehe sie zu reden
anfing, bezaubert hatte, nahmen das Wort und versicherten, dass die liebe Cousine
keine Narbe oder Schmarre, wie sie es nannten, von diesem bösen Stündlein
behalten sollte, dass auf den Charfreitag Ostern, auf Peterkettenfeier
Peterstuhlfeier folgen würde, und dass alles nur Formalien wären. Vorzüglich
beruhigte der Ritter sein braves Weib. Sie selbst brachte den gelähmten Senior
wieder zu Kräften und versicherte ihn, dass er nach dieser Erklärung sagen
könnte, was er wollte, ohne im mindesten weiter von ihr unterbrochen zu werden.
Da er in der Verwirrung nichts an dem Aufsatze, den er von dem erbitterten Herrn
Assessor erhalten hatte, ändern konnte, so suchte er alles durch einen sanften
Ton zu ersetzen, und befragte die Ritterin liebreich, ob sie ihrem vorigen
Stande völlig entsagen, sich ihres heutigen Taufbundes erinnern, ihren Kindern
und Kindeskindern eine adelige Erziehung angedeihen lassen, Söhne und Töchter
bis ins tausendste Glied vor Missheirat warnen und durch Segen und Fluch sie vor
diesem Falle bewahren wolle für und für? Sie antwortete: Ja! und ein noch
lauteres auf die Schlussfrage: Ob sie der Familie ihres Gemahls treu sein und
bleiben wolle bis in den Tod? Dass der Vetter Schriftsteller hier an die
fünfzigtausend Taler ohne Zinsen dachte, war sichtbar; indes hatte die Baronin
ihrem Ja andere und viel engere Grenzen gesteckt, ohne zu wissen, dass der
Fünfzigtausendtaler-Assessor der rachsüchtige Verfasser des Uriasaufsatzes
gewesen war. Nun erhob sich der Senior vom Stuhle und besprengte sie dreimal mit
wohlriechendem Wasser aus einer Patene (einem Oblatenschüsselchen).
    
    Nachdem Vater und Mutter meinen Helden gemeinschaftlich auf einem Kissen dem
Senior dargebracht, und dieser auch ihn dreimal mit dem Wasser des Lebens
besprengt hatte, ward das Resultat publicirt:
        dass dem Herrn Vetter der verbotene Biss zu verzeihen, und der A B C des
        heiligen römischen Reiches Freiherr von Rosental nächstdem unbedenklich
        in den Stammbaum einzutragen sei.
    Was die Mutter anbeträfe, so sollte sie zwar, da ohne Mutter kein Sohn zur
Welt kommen könne, auch ins Grüne gebracht werden; indes müsste sie sich gefallen
lassen, dass auf ihren Namen ein Kleck käme. V.R.W.
    Ihr Mann, ein zweiter Brutus, war unbeweglich bei diesem Urteil, und würde,
wenn es ihm Amtshalber wäre aufgetragen worden, selbst der Scharf- und
Nachrichter gewesen sein, um diesen Brandmark in Erfüllung zu setzen. Heroismus
steckt an wie die Liebe; und so war denn auch die Baronin ihres feierlichst
gegebenen Wortes eingedenk, zumal da sie ohnehin wohl wusste, dass Stände in der
Welt sein müssen, und dass nach Peterkettenfeier Peterstuhlfeier eintritt. Willig
erduldete sie den
                                     §. 23.
                                        
                                     Kleck,
und war hinreichend befriedigt, dass man ihren Vornamen gewürdigt hatte, ihn ohne
Kleck in den Stammbaum auf- und anzunehmen. Der jüngste Assessor, dem die
Cousine je länger, je mehr gefiel, und der sein hässliches, wiewohl sechzehn
Ahnen reiches Weib den Augenblick mit ihr vertauscht hätte, ohne einen Dreier
als Zugabe zu begehren, trat zu der armen Sünderin, als ob er sie mit Trost zum
Richtplatz und Staupenschlage begleiten wollte. Sie dankte ihm anständig für
seine Bemühung, zeigte, dass sie keines Zuspruchs bedürfe und starb wie eine
Märtyrin den Tod des Kleckes, ohne einen Seufzer fallen zu lassen, was denn
allen wohlgefiel. Das Urteil ward sogleich zur Vollstreckung gebracht, und da
dem Senior, welcher Ehren halber diese Hinrichtung zur Pflicht hatte und vigore
officii die Namenseintragung besorgte, die Hand zitterte, so ward auch der
letzte Buchstabe im Namen Sophie mit Tinte ersäuft und mit dem Zunamen zugleich
vertilgt, so dass nur Soph und der Punkt auf dem i zu sehen blieb. Man
schüttelte, ohne auf den ersten Edelmann Adam, der auch nur einfach benamt war,
Rücksicht zu nehmen, die weinleeren Köpfe, dass die Frau Baronin nur einen
Vornamen hatte, und um so mehr bat der Senior sie um Verzeihung, dass er an dem
unschuldigen i und e bis auf den Punkt sich widerrechtlich vergriffen, da sie so
wenig an Namen zu verlieren hätte. Während der ganzen Verhandlung musste die
Baronin stehen; selbst ihrem Gemahl ward zur Kirchenbusse erst in der Folge, und
zwar nur ein Tabouret gesetzt. Man gab sich das Wort, von allem, was vorgefallen
war, keine Sylbe zu verlautbaren, obgleich dieses Gelübde der Verschwiegenheit
schon an sich zu den Familienstatuten gehörte; indes schien zu diesem allem die
Gegenrede der Baronin, die man Einspruch nannte, nicht gerechnet zu sein, wobei
es ihr übrigens nicht viel besser ging, als jenem Alchymisten, der es auf Gold
anlegte und Porzellan zur Welt brachte. - Auch gut! Ist Porzellan zu verachten?
- Sie hatte sich, wie wir gesehen haben, schon lange zuvor gegen etwaige
Vorwürfe ihrer Geburt in Verteidigungsstand gesetzt. Schade! denn gewiss hätten
wir sonst ein weniger gelehrtes, allein ein ihrem Verstande und Herzen
angemesseneres Glück erhalten. Jetzt machte man, so wie es hingegangen war,
seinen Rückweg. Nach dem Senior gingen unser Ritter und sein braves Weib, die
ihr A B C trug. In pleno, wo die weibliche Gesellschaft, welche bis jetzt in der
Gemeinde geschwiegen hatte, zutrat, ward ein Archengang verabredet, der nach
Tische gehalten werden sollte; denn dies Drama, bei dem die Baronin ihr A B C
und ihr Gemahl die weinerlichen Rollen gemacht, beschloss ein herrlicher Schmaus
cum applausu aller, die am roten Tische gesessen hatten, und derer, die draussen
geblieben waren. Die in effigie bemakelte Baronin war nun wieder ganz die
allerliebste, schönste, beste Cousine, und der Senior hätte um vieles den
Tintenfleck von dem e und i sondern mögen, wobei er sich doch herzlich freute,
dass wenigstens der Punkt zum i unversehrt geblieben war. Man ass und trank
fröhlich und guter Dinge. Nach aufgehobener Tafel ging man paarweise nach der
Bundeslade und hüpfte mit einer solchen Wohlanständigkeit um sie herum, dass sich
viele der Damen bei diesem Tanz aus Rührung der Tränen nicht entalten konnten.
In der Familie hiess er der Todtentanz. - Der Bundeslade ward ein Prunkzimmer
eingeräumt, wo sich alle drei Stunden sieben Mann zur Wache ablösten, die vom
Senior Parole und Feldgeschrei erhielten; - denn diese Bundeslade konnte nur zu
ihrer Zeit wieder, so wie sie hergekommen war, nach Hause gebracht werden. Der
Senior musste sie geleiten! Die Gesellschaft blieb sieben Tage (nach der Zahl des
Seniors und seiner Assessoren, wobei Senior für zwei gerechnet ward) einmütig
bei einander. Man hatte den Pfarrer loci am letzten Tage zur Familientafel
gezogen, oder ihr einverleibt; und da vieles von dem Vorgegangenen, insoweit es
ins Auge fiel und zum Aeusserlichen des Familienfestes gehörte, zu seiner
Wissenschaft gediehen war, so konnte er nicht Worte genug finden, die
Feierlichkeit zu lobpreisen. Sein unvorgreifliches Gesuch, die Arche unbedeckt
zu sehen, ward ihm indes abgeschlagen - Die wachehabenden Bauern dienten
übrigens zu Fuss und ohne Schimmel; doch waren sie mit Unter- und Obergewehr
knappenmässig versehen, welches den Schulmeister am meisten verdross, der gerne
bis zum Allerheiligsten der Bundeslade hohepriesterlich vorgedrungen wäre, jetzt
aber aus verbissenem Aerger gegen den Gevatter Nachtwächter behauptete: dieses
Unwesen würde mit einer sonnenklaren Finsternis verdeckt, damit ihm von
christfrommen Herzen desto weniger gesteuert werden könnte. Er gab unverschämt
vor, die Nuss dieser Handlung mit den Backzähnen aufgebissen zu haben und den
Kern zu besitzen. Und dieser Kern war? - Die Baronin hätte eine Feuerprobe ihrer
Jungferschaft aushalten müssen. - Rosenfest nach der Hochzeit, versetzte der
Nachtwächter. O, des Unbeschnittenen, schrie der Schulmeister, an Herzen und
Ohren! Aus der Mutterschaft wird der sicherste Beweis der Jungferschaft geführt.
Das nennt man a posteriori; - der Beweis a priori, Gevatter, ist und bleibt eine
kitzliche Sache.
    Die Damen machten Schwesterschaft, ohne sich zu dutzen. Die Fünfzigtausend
Reichstaler-Schwester, die unter vielen andern Hässlichkeiten schwarze Zähne
hatte, wie sie so leicht kein Holländer vom heissen Tee gehabt haben mag, konnte
nicht umhin, sich einige Anspielungen auf die Gegenrede oder den Einspruch
herauszunehmen. Gern wollte die Ritterin reinen Mund halten; konnte sie aber die
Frau Schwester wohl vermögen, dass auch sie die Hand auf den Mund legte?
Scharfsinnig wich die Ritterin aus, und brachte unter andern das Kapitel von der
Verschwiegenheit mit der Behauptung vor: unser Geschlecht wäre weniger zum
Schweigen aufgelegt, als das weibliche. Vielleicht, fuhr sie fort, substituirte
man in dieser Rücksicht dem Worte Mann das beschriene Wörtlein Mund: Vormund,
statt Vormann. Allein die Frau Schwester wollte nun einmal ihr Mütlein kühlen.
Selbst nicht das herrliche Mahl war im Stande, sie zu bändigen, ob es gleich
davon nicht heissen konnte, so viel Mund, so viel Pfund; sondern: so viel Mund,
so viel Centner. Und am Ende - was wird es sein, das die Frau Schwester auf dem
Herzen hat? Auf dem Herzen, wahrlich nichts mehr und nichts weniger, als die
fünfzigtausend Reichstaler ohne Zinsen. - Noch wich die Mutter unseres Helden
ritterlich aus. Gibt es indes nicht Gedanken und Worte, die man nicht
verschmerzen kann? Diese pflegen gemeiniglich mit einer körperlichen Bewegung
verbunden zu sein; sie erregen eine Art von Seelenstoss; sie klopfen nicht bei
uns an, sie schlagen eine Türe ein - und wir mögen wollen oder nicht, wir
müssen erwiedern.
    »Der Papst, liebe Schwester, bedarf keiner Ahnen.«
    Hat aber keine Kinder -
    »Und wie viele gekrönte Häupter waren aus der Volksklasse!« -
    An gekrönte Häupter sollte eine ehrbare Frau schon Schande halber nicht
denken.
    »Es wird mir doch erlaubt sein, des Königs David, des Mannes nach dem Herzen
Gottes, zu erwähnen?«
    Der liebe Gott kann Ahnen beilegen, so viel er will; das lässt man sich nach
der himmlischen Heraldik ganz gern gefallen. Nach der irdischen konnte König
David so wenig wie sein Herr Sohn Salomo, Johanniter-Ritter werden -
    »Wenn Salomo nur den Namen des Weisesten behält, und Könige und Fürsten sich
glücklich dünken, dass sie nach ihm Salomone heissen!« -
    Es ist Zeit, dass ich an das
                                     §. 24.
                                        
                                  Inventarium
denke, welches ohne Subtilitätenklauberei in optima forma abgeschlossen ward.
Der Nachbar war bei dem Abschlusse so tätig gewesen, dass der Baron eine grosse
Meinung von ihm bekam, da er bei einer Sache, die doch ausser seinem
Geschäftskreise lag, so viele Einsicht und Tätigkrit bewiesen hatte. Zwar hiess
es, der Nachbar habe im Trüben gefischt, und wenn gleich die eheleibliche
Tochter des Emsigen ihm nicht zu Teil geworden, doch in casu den besten Teil
erwählt; indes war alles schwarz auf weiss, und dem Ritter lag nur daran, zu
wissen, woran er wäre, und nicht quid juris. Wenn die Herren Juristen nur so
gütig sein wollten, dies gegen dreimal so viel Kartengeld, als sie jetzt
einziehen, den armen Leuten in kürzerer Zeit zu verkaufen, als jetzt, wo denn
auch nichts mehr für das Geld gegeben wird, als Geduldslehre! - Wär' es wahr,
dass es nur drei Reihen Geschriebenes braucht, um jemanden mit Ehren an Galgen
und Rad und, was natürlich leichter ist, um Ruf und Vermögen zu bringen, so
verdiente unser Nachbar das Zutrauen, welches ihm der Ritter durch das
Anerbieten bewies, das Geld auf landübliche Zinsen in seine Handlung zu geben.
Nur erst nach vielen Schwierigkeiten, und bloss wegen des grenzenlosen Zutrauens,
welches der Ritter in ihn setzte, erfolgte endlich ein aufrichtiges Jawort; und
der Ritter entging durch dieses Ja der gewiss nicht kleinen Sorge, ein so
ansehnliches Capital unterzubringen. Dazu kam noch, dass er nun die Anträge so
mancher Ritter und Herren, womit man ihn, ausser dem Kasten-Assessor Nr. 3.,
gleich nach des Emsigen Tode bestürmt und besäuselt hatte, geradezu von der Hand
weisen konnte. Da sehen die Frau Schwester mit den Holländerzähnen, wenn der
Ritter auch wollte - kann er? Die Wechsel, die der Ritter acht Tage nach dem
Ableben des Emsigen gestellt hatte, und die wegen ihres sonderbaren Verfalltages
erwähnt zu werden verdienen, wurden bis zum letzten Heller bezahlt, und doch
blieb unser Ritter schuldenfrei, und besass herrliche, Güter, welche, ohne die
Kreuze mitzurechnen, zu den ersten im Lande gehörten, und ausserdem noch ein
Capital von einhundert und fünfzigtausend Talern. Die
                                     §. 25.
                                        
                                   Erziehung
unseres Helden war völlig diesen Vermögensumständen angemessen, die, so wie sie
zu allen Dingen nütze sind, sich auch bei Erziehungsanstalten ihre Stimme nicht
nehmen lassen. Man kann nicht sagen, dass unser Held schwächlich war, und dass er
die erhaltene Nottaufe körperlich bewies; doch gehörte er auch nicht zu jenen
Felsenfesten, die unser Ritter, wiewohl sehr uneigentlich, geborne Ateisten
nannte - die sich vor nichts fürchten und deren Stärke ihr Gott ist. Die
Schwächlichkeit unseres Helden verhinderte gewiss keine seelen- und
leibesritterliche Uebung, die der Herr Vater seinem Erstgebornen zudenken
mochte. Der väterliche Plan indes war in Hinsicht dieser ritterlichen Uebung so
eingeschränkt, dass man ihm sogleich ansah, es sei mit dem A B C-Junker auf
keinen Johanniterritter angelegt. Die Mutter eignete sich die Erstlinge der
Erziehung zu, und jede Mutter, wenn gleich ihr Kind ein Sohn ist, bleibt dazu
berechtigt. Ohne Zweifel werden wir finden, dass unser Held sich durch so manches
Muttermal und durch recht viele Eindrücke, die er von seiner Mutter empfing, und
wozu die Stern- und Kreuzseherei gehörte, sein ganzes Leben hindurch
auszeichnete. - Warum verhinderte die Mutter nicht, dass schon zeitig unlautere
Leidenschaften genährt wurden, um dem Junker eine Elle zuzusetzen, womit die
weit klügere Mutter Natur (die aber freilich keine Baronin ist) den Menschen
nicht ausgestattet zu haben scheint! War er denn aber nicht zu dieser
wohlriechenden Erziehung besprengt? Da mussten Neid, Stolz, Ehrgeiz den
glimmenden Docht der Fähigkeiten in dem Junker aufblasen, und mit so mancher
Vernachlässigung des Menschen ein Baron ausgearbeitet werden. Das arme Weib war
ihrer natürlichen Herzensgüte und ihr Sohn seiner Nottaufe wegen zu keinen
grossen Leidenschaften aufgelegt. Gut! warum benutzte man indes den Boden nicht
so, wie man ihn fand? Leidenschaft ist Poesie der Seelen, und Poeten werden
geboren - Warum Ilias ante Homerum? Warum liess man den Kleinen durchaus vom
Tanzmeister gehen lernen? Das schlimmste war, dass das arme Weib selbst bei
dieser Gelegenheit zusehends einen guten Teil ihres natürlichen Ganges verlor,
und es zwischen Kunst und Natur so manchen Zwist gab. Die Natur behielt freilich
den Sieg; sollte aber Streit sein, wo alles entschieden ist? Bedächten die
Vornehmen, dass die Pluralität doch immer auf der Seite des Volkes, und dass mit
Recht dessen Stimme die göttliche ist; bedächten sie, dass ihre Vota wie Tropfen
gegen den Ocean sind, sie würden mehr Achtung für das Ganze beweisen und
fürchten und lieben lernen da, wo sie jetzt ohne Furcht und Liebe bloss befehlen.
- Durch das Befehlen ist wahrlich wenig oder gar nichts ausgerichtet, wenn die,
welche gehorchen sollen, nicht zum Gehorsam vorbereitet und geneigt sind. - Ist
bei einer Baronserziehung an einen individuellen Charakter zu denken? Umstände
sollte man, so wie Neigungen, dem Kinde unter seine Botmässigkeit bringen lehren;
und wie weit leichter wäre dies olympische Ziel zu erreichen, wenn man die
unendlich mannichfaltigen Anlagen des Kindes zu benutzen wüsste, und wenn man es
mit Umständen und Schwierigkeiten bekannt zu machen suchte! Lernte der Lehrer
den Zögling kennen, machte ihn mit sich bekannt, und waffnete ihn gegen alle
sehr leicht auf ihn zu berechnende Umstände; verstärkte man die individuelle
Natur durch künstliche Nachhülfe: - wie leicht müsste es, wo nicht gewiss, so doch
wahrscheinlich zu bestimmen sein, was aus dem Kindlein werden würde? Jetzt soll
schlechterdings aus jedem Holz ein Merkur werden; und wie selten gibt es Aepfel,
die weit vom Stamme fallen! Neigungen lassen sich verpflanzen, und wenn Kräfte
und innere Beschaffenheiten des Kindes ein Wunder in unsern Augen sind - was
werden wir ausrichten? Sagt nicht: es befänden sich Anlagen zu allen Neigungen
im Menschen; auf seinen Acker könne so gut Weizen als Roggen gesäet werden, und
es komme nur auf den Lehrer an, aus seinem Schüler zu machen, was ihm beliebe.
Solchen Neigungen, welche die Natur zu Hauptzügen des Charakters bestimmte, kann
der Mensch so leicht nicht entsagen. Oft heisst Kampf wider die Natur: Erziehung,
und doch sollte Erziehung Naturveredlung sein. - Gemeiniglich fängt die
Erziehung unserer Vornehmen nicht vom Menschen an, um zum bedeutenden Menschen
überzugehen, sondern man sagt dem Zöglinge: er sei schon von Natur bedeutend,
und werde nicht übel tun, wenn er bei dieser Bedeutung geruhen wolle ein Mensch
zu sein. Man complimentirt ihm den Menschen bloss auf, ohne ihm denselben zum
Gesetz zu machen. Was Sie vor sich sehen, sagt man ihm, ist Ihr Untergebener;
Gott setzte Sie, wie weiland Adam, ins Paradies, um zu herrschen und zu
regieren. Leibes- und Seelenkräfte sind zwar liebe Gottesgaben; indes gegen
Geburt und einmal hundert und fünfzigtausend Reichstaler baares Geld (ohne die
schönen schuldenfreien Rosental'schen Güter) wie gar nichts! - Es ist schon
alles, was man tun kann, wenn man ihm Gnade und Huld gegen die Würmer, seine
Untertanen, anpreist, weil der liebe Gott ihnen doch die Ehre erwiesen hat,
Nase und Ohren an ihren Kopf zu hängen. Wer ist unser Nächster? und sollen wir
nicht unsern Nächsten lieben als uns selbst? - Warum diese Ausholung? Unser
Junker erhielt eine wohlriechende Erziehung, bei der es nur auf gutes Wetter
angelegt ward. An den drückenden Sonnenstrahl des Sommers und an den Nordwind
des Winters, als an die beiden Jahreszeiten des Bürger-, und an den noch
mühseligern Herbst, als an die Jahreszeit des Bauernstandes, ward gar nicht
gedacht, obgleich wahrlich! nur der als Mensch erzogen ist, der, wenn Not an
Mann geht, alle vier Jahreszeiten in den vier Tagszeiten mir nichts dir nichts
und so zu überstehen vermag, dass er weder von einem physischen noch von einem
moralischen Catarrh oder Fieber oder etwas dergleichen befallen zu werden
fürchten darf. - Jetzt musste nichts, auch nur einen Strohhalm breit, aus seinen
einmal angenommenen Grenzen verrückt werden, wenn der Junker nicht der Kälte und
Hitze unterliegen sollte. Kein Dreier Zinsen von dem ansehnlichen Capital musste
ausbleiben, kein Kreuz im freiherrlichen Schloss angegriffen werden, kein
Dachziegel sich verschieben, kein Mensch, selbst den regierenden Herrn nicht
ausgenommen, sich in einen andern Ton umstimmen. Es musste immerwährender
Frühling auf Erden bleiben und Rosental Arkadien werden; Nektar und Ambrosia
immer für Geld, nota bene ohne gutes Wort zu haben sein, wenn unser ABC-Junker
grünen und blühen sollte. Freund und Feind, dass ihr euch nur in den Schranken zu
halten wisst; denn wenn sich nicht alles in der Welt wie im Einmal-Eins folgt, so
kann es unserm Junker nicht wohlgehen und er nicht lange leben auf Erden. Nicht
für Gottes Erdball, für Rosental ward er erzogen. - Vielleicht ändert sich
unser Held, da die Scene sich verändert. Seht! zeitiger als es sonst Sitte im
Lande ist, wird ihm durch einen Hofmeister unter die Arme gegriffen: gewöhnlich
die zweite Amme, welcher die liebe Jugend an die Brust gelegt wird. Der Ritter -
zu seinem Ruhme sei es gesagt - vergass nicht, die Milch dieser Amme zu
untersuchen, eine Ammeninstruktion zu entwerfen, und selbst an seinem Teil dem
Hofmeister mit Rat und Tat zur Hand zu gehen. Er wollte aber nicht die zweite
Amme seines Sohnes, sondern die Amme seiner Amme sein; - das ist freilich
leichter! Und diese Instruktion? Der Ritter meinte kraft derselben, dass sein
Sohn keines griechischen oder römischen Piedestals bedürfe, um sein Licht
leuchten zu lassen vor den Leuten, indem er schon ohne Piedestal gross genug sei,
um aufzufallen. Da er nicht überzeugt war, dass der Massstab unserer Grösse bloss in
den Händen der Nachwelt ist, so ward es nur auf den Schein angelegt, obgleich
hierdurch der Geist der Herrschsucht, der Heuchelei und des Priesterbetrugs
eingehaucht wird. Die Erklärung der Biene in der Fabel, die man vor giftigen
Blumen warnte: »das Gift lass' ich darin,« war ihm zu hoch, und die ganze
freiherrliche Instruktion war ein Gängelband, wodurch eigentlich dem freien
Willen ein Streich gespielt werden sollte. Ein paar Stellen dieser Instruktion
schienen wirklich auf Veränderung des Wetters calculirt zu sein; indes wurde in
diesem Falle, da Gott vor sei! ein Amulet von Worten, ein Universale von schönen
Phrasen väterlich empfohlen, um, wenn sich Wolken zusammenzögen und Unfälle
erhöben, sie durch Scheltworte oder Sentiments abzuwenden. - Das ist der Lauf
der Welt! - So wie der Blitz (eigene Worte) sich nie selbst trifft, das Feuer
sich nicht selbst verbrennt, das Wasser sich nicht selbst ersäuft: so auch der
Mann von Geburt und Vermögen. In der Natur und in der Menschenwelt ist alles
wider einander. Der edle Mann muss sich durch erhabene Gesinnungen sichern
lernen; und wenn Gleich und Gleich sich mit einander balgen - was ist sein
Beruf? Durch einen Vorsprung befehlen, richten und strafen, ohne das Gelübde des
Gehorsams zu übernehmen und sich richten und strafen zu lassen. Da ist er denn
vor einem blauen Auge sicher, wie im Schoss Abrahams. Ein so wohlerzogener Held
wird so selten von seinen Taten eine Wunde heimbringen, als sich ein Kleck im
Grünen in alten Familien findet. - Alle jene schöne Reden des Altertums über
Vaterland und Heroismus waren hier Schulredensarten, die man zu Ehren und
Unehren brauchen kann, je nachdem das Exercitium es will. Zu den geheimen
Artikeln der Instruktion gehörte, dass der ABC-Junker ohne Schläge gross werden
sollte. Strafen, hiess es, sollen durch Empfindung des Unangenehmen bessern; und
da es Seelen- und Körperstrafen gibt, so müssen Kinder, je nachdem sie mehr
Seele oder mehr Körper haben, mit Seelen- oder Körperstrafen belegt werden. Der
Ritter war nicht ganz auf unrichtigem Wege; nur gehört der Kopf eines Meisters
dazu, zu bestimmen ob und wie viel das Kind Seele und Körper habe; der Baron
tut hier wahrlich nichts zur Sache. Kurz, bei der Art wie unser Held erzogen
ward, schien es freilich nicht darauf angelegt, dass der Junker selbst etwas
versuchen, selbst etwas erfahren sollte; vielmehr ward die Geschichte ihm als
Spiegel, Regel und Riegel aufgeschlagen und ihm die Versicherung gegeben, dass
schon andere für ihn versucht und erfahren hätten. Wer wird denn auch auf eine
französische Revolution und dergleichen calculiren? Mein Held ward ein Held aus
Büchern und lernte reden, handeln aber nicht. Wenn das Dichten und Trachten des
Menschenkenners dahin geht, dass der Lehrling alles aus sich selbst herausziehe,
dass das Kind durch seine eigenen Handlungen lerne, dass seine Handlungen ihm
Fibel und Katechismus werden, so war hier die Geschichte das Götzenbild, welches
angebetet ward. Wahrlich! was in der Geschichte nicht übertrieben wird - und das
ist vom Uebel - geht täglich vor unsern Augen vor. Ob Fingerlein oder Goliat,
ob in Seide oder im Kittel - Mensch ist Mensch. Voltaire ist wahrlich einer der
ehrlichsten Geschichtschreiber; denn er dichtete so unverhohlen und war so
dreist, dass ein jeder wusste, woran er war. Die aber, die sich ängstlich den Kopf
zerbrechen, welches doch wohl die geheime Triebfeder gewesen sei, die dies und
das ans Licht gebracht habe, die sich Mühe geben, Wahrheit von lügenhaften
Nachrichten zu destilliren, bedenken nicht, dass wenn zwei Menschen einerlei
sehen, wenn zwei Menschen einerlei hören, jeder anders gesehen und gehört hat,
und dass niemand weiss, was im Menschen ist, als der Geist in ihm. - Kindern die
Geschichte! Ein Mann, dem der Kopf am rechten Orte sitzt, weiss freilich zur
Not, was ein ehrlicher Kerl tun kann, und da die Menschen einander
erschrecklich gleichen, wie es denn so ungefähr zugegangen sein wird. Ihm kann
die Geschichte nützlich und selig werden. Ein Kind aber - was soll das mit der
Geschichte, die seine Jahre und seine Kräfte übersteigt? Legte man Kindern
Kinder- und Jünglingen Jünglingsgeschichte vor: - immerhin! Dann wäre dieser
Einwand gestürzt, allein darum auch jeder andere? Was soll aber dem Kinde und
dem Jünglinge die Rüstung des Mannes? - Ich fand diese Einwendungen als Glossen
und mit vergelbter Tinte hinzugefügt: »Quae qualis quanta!« Mit dem
                                     §. 26.
                                        
                                     Türken
ward die Geschichte angefangen. Natürlich! da der Herr Vater des Lehrlings
Johanniterordensritter war. Der Hofmeister hatte einen göttlichen Beruf, mit dem
Volke Gottes anzuheben, um, wie er sich ausdrückte, die Pferde nicht hinter den
Wagen zu spannen; aber was war zu machen, da der Ritter den Türken auf den Leib
gebannt war? - in der Geschichte nämlich. - Nie konnte unser Ritter an den
elenden Anfang der Türken denken, ohne zu bedauern, dass nicht schon damals der
Johanniterorden existirt hätte. Freilich! warum, sagte er, liess man es zur
Pforte kommen? Eine Tür ist eher einzuschlagen. Otmann! Otmann! Stifter der
Ottomannischen Pforte, dir Gerechtigkeit! Doch könnte ich bei der Gerechtigkeit,
die ich deinem Mut erweise, Hölle und Verderben aufrufen. »Aber, lieber
Ritter,« fiel die liebe Ritterin ein, »ohne Türken, wer hätte wohl an die
Johanniterritterschaft gedacht? und ohne Ottomannische Pforte, was den Orden so
gehoben? was und wer?« - Und der Hofmeister, der blindlings aus Rache beitrat,
weil dem Volke Gottes so sonnenklar Unrecht geschehen war, fügte hinzu: je
grösser der Feind, je grösser die Ehre ihn zu Paaren zu treiben. Ist es, um
biblisch zu reden, nicht weit ehrenvoller, auf Löwen und Ottern, auf Schlangen
und Drachen zu gehen, als auf Regenwürmern?
    Ob nun gleich das Grab unseres Herrn schwerlich durch den Vater unseres
Helden erobert werden wird, so erstreckte sich doch seine Todfeindschaft gegen
alles, was Türk hiess und nicht war - in der Tat etwas weit, so dass er gegen
türkischen Weizen, türkisches Papier und gegen die unschuldige Blume, welche
türkischer Bund genannt wird, die seltsamste Antipatie hatte, die je zwischen
einem Johanniter-Ordensritter und einem wirklichen Türken gewesen sein mochte.
Kennen muss man seinen Feind, pflegte er zu sagen; und eben darum musste sein Sohn
auch die türkische Geschichte vor der Geschichte des Volkes Gottes lernen.
»Kennen,« fragte der naseweise Hofmeister, »um zu verfolgen?« - Bis in den Tod!
erwiederte der Ritter; wesshalb er denn auch rühmlichst an dem türkischen Weizen,
dem türkischen Papier und dem türkischen Bund schreckliche Exempel statuirte.
Oft dankte er dem Himmel, dass er nicht zu dem sonst so alten und berühmten
Geschlechte der Türken gehöre; er behauptete, dass bloss wegen dieses Steins des
Anstosses ein Zweig von ihnen sich Türk von Ramstein geschrieben hätte.
    Als der Hofmeister mit Ehren die türkische Geschichte geendigt hatte, dankte
er Gott, dass er aus dieser Mördergrube wie Daniel errettet wäre; als wenn es
nicht auch andere Mördergruben in der Geschichte gäbe! Jetzt glaubte er, ohne
allen Widerstand zu dem Volke Gottes übergehen zu können; doch legte unser
Ritter sich diesem abermals in den Weg, und achtete nicht darauf, als ihm der
angehende Mann Gottes bewies, dass es wegen der Beschneidung, wegen des gelobten
Landes, wegen der Bärte und wegen vieler andern Umstände, halbe Arbeit sein
würde.
    Der Ort, fügte er hinzu, wird nicht verändert; es hebt nur ein neuer Akt an.
- Alle diese Umstände galten nicht und konnten nicht gelten, da selbst der
Gedanke des alten Testaments dem Ritter nicht überwiegend war. Auf Specialbefehl
musste die
                                     §. 27.
                                        
                            Römische Kaiserhistorie
an die Reihe. Gleichviel! waren die Menschen nicht von jeher einander ähnlich? -
Der Hofmeister bat für Romulus und Remus um geneigtes Gehör, es ward
abgeschlagen, und nur nach so vielen Missgriffen sah er denn endlich ein, wovon
er, ohne Oedip zu sein, sich gleich anfänglich hätte überzeugen können, dass der
Ritter (nach Art gewisser Leute, die nichts achten, was sich nicht mit einer
Pointe endet) bei jedem Teile der Geschichte seinen Herrn Sohn in freiherrliche
Situationen setzen wollte. Je mehr nun dieser oder jener Teil der Geschichte
dazu Stoff entielt, je früher sollte sie, des Eindrucks halber, den man (nach
der Instruktion) in den ersten Jahren am sichersten bewirken kann, der
Gegenstand des Unterrichts sein. Todte Fliegen, sagte der Ritter, verderben das
köstlichste Salböl. - Mag! dachte der Hofmeister; ich will bloss die Nester voll
Eier ausbrüten, die mir überliefert werden. - In der römischen Geschichte war es
sehr mit auf die Christenverfolgungen gemünzt, die der Hofmeister nach allen
Kräften einwässerte. Es kostete ihm wenige Mühe; zu den bekannten
                                     §. 28.
                                zehn Verfolgungen
noch einige andere kritisch beizufügen, wozu er z.B. den Kindermord zu Betlehem
rechnete, welches unser Ritter in besondern Gnaden vermerkte. So erfinderisch
unser angehender Geistlicher in Rücksicht der Verfolgungen schien, so schwach
war er in der
                                     §. 29.
                                        
                                   Heraldik,
die ihn noch mehr als die Türkengeschichte, ängstigte. Doch, wollte er wohl oder
übel, er musste dieser brodlosen Kunst Zeit und Raum gönnen, um, wenn vom
Ursprunge der Wappen, deren Eigenschaften und den Regeln, die beim Aufriss und
bei der Anfertigung, Visirung und Auslegung eines Wappens erforderlich sind, die
Rede war, nicht länger wie jetzt ein Stillschweigen der Unwissenheit beobachten
zu dürfen, welches sich vom Stillschweigen der Weisheit etwa wie schleichen von
behutsam wandeln unterscheidet. In kurzer Zeit konnte er den Ritter auf einen
heraldischen Zweikampf herausfordern; und da er sein Studium in der Stille
getrieben hatte, so erschrak der Ritter nicht wenig, als er, anstatt den
Wappenunterredungen auszuweichen, sie selbst auf freiem Felde aufsuchte. Wappen
sind Aushängeschilde, fing er an. »Halt! sagte der Ritter; der Begriff muss
veredelt werden. Ich leite die Genealogie dieses Namens von den Waffen ab; diese
Unterscheidungszeichen führte man anfänglich auf Schild und Helm!« - Der
Hofmeister würde sein Schild gewiss noch nicht so bald eingezogen haben, wenn
sich nicht die gnädige Frau in dieses Gespräch gemischt und ihm, der heute zum
erstenmal seine heraldischen Ikarus-Flügel versuchte, zu verstehen gegeben
hätte, dass, wenn gleich jedes Handwerk einen goldnen Boden habe, der Schuster
doch wohl tue, bei seinem Leisten, und der Schneider bei seiner Nadel zu
bleiben. Ob nun gleich die gute Frau den Schuster vorausgehen liess, so fühlte
doch der Schneiderssohn den Nadelstich so heftig, dass er in eine Art von kurzer
Raserei fiel, und (nach Art der Menschen, die, wenn sie von der Tarantel
gestochen sind, vom Tanzen nicht ablassen können) sich durch Reden aushelfen
wollte, und sich wie ein Kreisel durch Worte herumdrehte. Fassung ist das
einzige Mittel, das erforderliche Gleichgewicht zwischen Leiden und Tun
herzustellen, sie ist ein Extrakt der Geduld. Anstatt den Schuster aufzufangen
und den Schneider seine Wege gehen zu lassen fröhlich - fiel er auf die Kleider
im Paradiese, die von dem lieben Gott selbst gefertigt wären; indes musste er, da
der Bediente hinter dem Stuhl der gnädigen Frau in Lachen ausbrach, eine andere
Tarantelmaterie aus der Luft greifen. Noch nie hatte die Baronin eine Verwirrung
dieser Art gesehen, die aus einer Unschicklichkeit in die andere, und zwar immer
aus einer kleineren in eine grössere bringt. Die Gabel entfiel dem jungen Mann;
er wollte sie aufheben und verschüttete ein Glas mit rotem Wein auf das
herrliche damastene Tischtuch. Es fehlte nicht viel, so wär' er vom Stuhle
gefallen; so wenig konnt' er sich an Leib und Seele halten. - Der Baronin schien
ihr Nadelstich wehe zu tun, weil er den jungen, welt-unerfahrnen Jüngling so
sichtbarlich verwundet hatte. Sein Vater benähte das höchst-freiherrliche Haus,
und durch den Vater war der Sohn zur Informatorwürde empfohlen worden; indes
glaubte die gnädige Frau verbunden zu sein, dem Jünglinge, der seit einiger Zeit
und je länger je mehr über die Nadel ging, zu seinem eigenen Besten Schranken zu
setzen. Die gewöhnlichen Tischreden wurden zwar auch in der Folge aus der
Heraldik geschöpft; indes hütete sich der Schneiderssohn, Blössen zu geben. - Der
Ritter, dessen Vorliebe für das alte Testament wir schon kennen, verfehlte
nicht, den Adam, Sem, Ham und Japhet, die jüdische Nation und deren Stämme mit
Wappen zu beehren. Im Segen Jakobs fand er vielen Stoff zur Heraldik. Dem
ahnenarmen Köninge David selbst, der Gott sein Schild nennt, konnt' es die
Wappenehre nicht abschlagen; und ob er es gleich nicht völlig zu läugnen im
Stande war, dass man erst zu Ende des zwölften und zu Anfange des dreizehnten
Jahrhunderts Spuren von Wappen antreffe, so hielt er doch das werte seinige für
weit älter, und sah es als ein brennendes Licht unter dem Scheffel an. Auch
setzte er den Ausdruck: Helm zu Ernst und Schimpf, oder zu Krieg und Turnieren,
ins Reine. Bekanntlich leidet keine heraldische Figur so viele Veränderungen wie
das Kreuz; und es war erwecklich, das heraldische Collegium über das Kreuz aus
seinem Munde zu hören - welches der Ritterin um so mehr Freude machte, da es sie
so lebhaft an ihren Brautstand erinnerte. Ueberhaupt sind Wappen eine
Bilderschrift, und haben etwas Geheimnisvolles, Hieroglyphisches; und da die
Damen wohlbedächtig von den Altären der Geheimnisse, die wir generis masculini
halten, entfernt werden, so ist nichts natürlicher, als dass sie sich gern dazu
einweihen lassen möchten - und dass sie sich auch gern mit Brosamen begnügen, die
von unsern wohlbesetzten Geheimnisstafeln fallen. Wahrlich, diese Brosamen sind
bei weitem der beste Teil! -
    »Wenn ein Collegium von Zwanzig, eine Innung von Fünfzig, nur Ein Wappen
hat,« sagte der Ritter eines Mittags - »was folgt natürlicher, als dass diesen
Zwanzigen und diesen Fünfzigen zusammen auch nur Ein Kopf gebührt!« -
    Ei, guter Ritter, wenn der gestochene Hofmeister eingewandt hätte, dass auch
die ganze Rosentalsche freiherrliche Famille Mit und Ohne nur Ein Wappen in
vielen vidimirten Kopien besitze und Ewr. Hochwürden die Schlussfolge zu ziehen
selbst überlassen hätte! Doch verdarb dieser junge Mann seit dem Stich der
gnädigen Frau fast alles; und wenn er sich ja herausnahm, feurige Kohlen auf das
Haupt Sr. Hochwürden und Gnaden zu sammeln, so waren es ein paar Kohlen aus dem
Rauchfass, und immer solche, an denen noch Weihrauch hing. Wenn er sich unter
seines Gleichen befand, behauptete er, dass die Manier, mit vornehmen Leuten
umzugehen, die in diesem Fall ohne allen Unterschied Eines Geistes Kind sind und
alle zusammen nur Ein Wappen führen, noli me tangere, welches verdolmetscht ist:
honny soit qui mal y pense, leider! so allgemein wäre, dass nur demjenigen
Lebensart zugestanden würde, der mit Menschen einer höhern Region umzugehen
verstände; ob es gleich nicht nur weit schwerer, sondern auch weit nützlicher
sei, sich in jede Menschenklasse - sich in das Volk zu schicken. Vor Gott dem
Herrn, dem väterlichen Beherrscher, setzte er hinzu, ist alles gleich weit und
gleich nahe: Cherubim und Seraphim sind nicht himmlische Grafen und Freiherren;
- Allvater, Alleinherrscher ist Gott, und alle Lande sind seiner Ehren voll.
Diese teologische Zweizüngigkeit legte sich gar bald, je mehr der junge Mensch
aus seinem Compendio in die Welt kam, und je mehr er sah, dass die Welt, wenn
gleich nicht die beste, so doch leidlich war, desto mehr genas er. Jetzt war er
vor jedem Nadelstiche der guten Baronin sicher, und konnte auf ein ruhiges und
stilles Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit rechnen sein Leben lang. Der
gute Franklin, der seinen Sohn vor Voltaire auf die Knie fallen liess, verglich
den Adel mit Tieren, die im alten Testament ein Greuel sind, und die sich mit
den unsaubern Geistern vor den Augen der Gergesener auf eine wunderbare Weise
fleischlich vermischten. In der Tat, der Vergleich ist so wenig höflich, als
völlig anpassend. Unser Ritter verglich ihn, als er ein Glas Champagner über
Verordnung getrunken hatte, zu nicht geringer Verwunderung des Hofmeisters, mit
Hunden, die man doch zur Zeit unserer in Gott ruhenden Vorfahren zur
Beschimpfung und zur Strafe tragen liess, und die man, nach römischen
Grundsätzen, schweren Verbrechern beipackte, wenn sie am Leben gestraft werden
sollten. Bei unserm Ritter indes waren Hunde kein unedler Vergleich. - Er besass
Hunde, die er zwar nicht, nach dem Beispiel des Tyrannen, der sein Pferd zum
Maire in Rom erkor, beehrte und an die Tafel zog, denen er indes sein Bild und
Ueberschrift, sein Wappen (das Johanniterkreuz selbst nicht ausgeschlossen),
angehängt hatte. »So wie der Mensch Hunde braucht, Tiere, ihres Gleichen, zum
Gehorsam zu bringen und sich unterwürfig zu machen, sagte der Ritter etwas
leise, wie in Parentesi: so auch der Regent den Edelmann. Der Lohn ist ein
Band.« - Der Regent? fragte die Baronin. - Der Regent, erwiederte der Ritter; er
sei Fürst oder Gesetz.
    Sie. Oder Gesetz?
    Er. Denn Geber und Handhaber sind alsdann Edelleute.
    Wenn aber der Hund gereizt wird, erwiederte Sie, beisst er nicht seinen
eigenen Herrn?
    So wie das Unrecht ihn schlägt, beschloss der Ritter. - Jener Ernst und
Scherz, der sich nur bei Gleich und Gleich einfindet, und mit Herz und Herz
verträgt; jener Gedankenfluss, der das Wohlgefallen bei einem geschmackvollen
Tisch erregt, jene Artigkeit gegen das schöne Geschlecht, die fern von aller
Zweideutigkeit und Verführungsanlage ist, jene Offenherzigkeit, bei der niemand
von den Anwesenden sich unter dem Schlüssel hält, sondern jeder spricht und
jeder hört, ohne sich bloss auf den nächsten Nachbar einzuschränken, der uns doch
gewiss nicht für eine ganze in Feuer gesetzte Gesellschaft entschädigen kann;
jene Aussaat, die schon so oft dem Weisen in seinem Studirzimmer eine reiche
Ernte brachte, war im ritterlichen Hause gewiss nicht in die Acht erklärt und
verbannt. So wie die Freiheit in der treuen Beobachtung selbst gemachter Gesetze
besteht, so besteht Lebensart in der Weisheit, das Wort, oder die Flucht des
Schweigens zu nehmen. Man liess dem Champagner seine Kraft, wenn man einen
Einfall, anlockte, und dämpfte den Einfall nicht wie die Erbsünde, damit keine
wirkliche daraus entstehe. - Um in der Gunst seiner hohen Patronen desto tiefer
Wurzel zu fassen, schlug der Schneiderssohn ein
                                     §. 30.
                                        
                                     Examen
vor, und eröffnete es mit einer Anrede über den Ausdruck Wappen-König, welchen
Namen er sehr gelehrt von Wappenkundig ableitete. Was meinen Sie, sagte er zu
dem Junker, wollen Sie nicht, wenn Gott Leben und Gesundheit verleiht,
Wappen-König werden? - Nein, erwiederte der Junker, Wappen-Kaiser. Dieser
Kaiserschnitt von Antwort setzte den Hofmeister in eine nicht geringe
Verlegenheit. - Wer Menschen kennen lernen will, muss sie nach ihren Wünschen
beurteilen, fing die Baronin an. Heil mir, dass ich Mutter ward! Beim Wunsche
zwingt man sich nicht; man glaubt keinem in seine Grenze zu fallen. Die grösste
Unbescheidenheit findet man verzeihlich, und das Gebot: du sollst nicht
begehren, scheint bei weitem nicht auf Wünsche anwendbar zu sein. - Zwar sollten
nach Art der Examinum dem Junker gelehrte Daumenschrauben angesetzt und er über
einige Special-Artikel peinlich vernommen werden; indes hatte der Hofmeister,
wie wir aus der kritischen Frage vom Wappen-König ersehen, sich schon in die
Zeit schicken lernen; und anstatt aus dem Credit und Debet von des Junkers
Verstand und Unverstand eine Balanz zu ziehen, wusst' er es so zu kehren und zu
wenden, dass die Frage die Antwort, und die Antwort die Frage entielt. Eine Hand
wusch, wie in unseren Katechismen, die andere.
    Das römisch-kaiserliche Wappen ward gar zierlich zerlegt, wobei der Ritterin
der zweiköpfige Adler, seiner Zweiköpfigkeit ungeachtet, nicht missfiel. Des
vierten Quartiers sechzehntes silbernes Feld brach Sr. Hochwürden das Herz. Die
Worte: »im sechzehnten silbernen Felde ist ein von vier kleinen in den
Seitenwinkeln besetztes goldenes Krückenkreuz wegen Jerusalem,« kamen kaum zum
Vorschein, als ein Examen-, Waffen- und Wappen-Stillstand einbrach, und alles
mit dem Worte: »Jerusalem« sich endigte.
    Der Hofmeister, der bloss ex libro doctus war, dankte nun freilich dem
Himmel, dass er so unversehens den rechten Fleck getroffen hatte; indes tat es
ihm herzinniglich leid, dass er seine Schlussrede, welche von den redenden Wappen
handelte, nicht anzubringen Gelegenheit fand. Er setzte sich dieser Rede halber
vieler Gefahr aus, und wagte einige Saracenische Ueberrumpelungen, konnte aber
gegen die Tapferkeit unseres Ritters nicht aufkommen. Bloss an der Tafel hatte er
Gelegenheit, den Inhalt seiner abgebljetzten Schlussrede anzudeuten und ad unguem
zu zeigen, worin er das Wesentliche, das Zufällige und das Modische des
Rosentalschen Wappens setze. Diese Dreiheit führte ihn überhaupt auf die drei
Ingredienzien eines Wappenrecepts, und zu einer lehrreichen Unterhaltung. Zum
Wesen, wenn anders diese Kunst ein Wesen hat, rechnete er, wie Rechtens, das
Feld oder den Schild, die Tinkturen und die Figuren; zum Modischen den Helm, die
Helmzierraten, und zu dem Zufälligen, das nur einigen Wappen zusteht, die
Standes- und Ordenszeichen, Schildhalter, Wappenzelte und Mäntel, Sinnsprüche,
Familienparole, Symbola. Wie schrecklich unser Ritter mit seiner Lanze bei
dieser Gelegenheit über die Mode herfuhr und ihr den verdienten Lohn gab, wird
man sich sehr leicht vorstellen, wenn man sich des natürlichen Rosentalschen
Abscheues gegen alles, was Mode ist und heisst, erinnert. Die Mode sollte auch so
viel Bescheidenheit haben, sich dem Gotischen Tempel der Heraldik mit mehr
Ehrerbietung zu nähern, und ihre Arabesken anderswo loszuschlagen suchen! Ist es
nicht ein elendes, jämmerliches Ding um die gepriesene menschliche Freiheit? Da,
wo lex scripta den Menschen loslässt, bindet ihn die Mode, um ihn auch da nicht
frei zu lassen, wo er sich völlig frei zu sein glaubt und frei sein könnte. -
Der Uebergang des Hofmeisters von den drei Ingredienzien des Wappenreceptes auf
den Umstand, dass aller guten Dinge drei wären, Geist, Seele und Leib, Rock,
Weste und Beinkleider, brachte den Baron auf die ritterkecke Behauptung, dass
jedes Ding von Wichtigkeit drei Wörter in und zu seinem Dienste habe. Unter
vielen Beweisen war der Ritterin merkwürdig, dass das Wort stürzen dem Vieh, das
Wort sterben von gemeinen Menschen, das Sonnenwort untergehen dagegen von
vornehmeren gebraucht werden sollte. So war der in Gott ruhende hochwohlselige
Herr Vater unseres Ritters untergegangen, der Vater seiner Frau Gemahlin Gnaden
nur gestorben, sein Hund ob er gleich bebändert war, gestürzt. - Wer hätte
gedacht, dass das Wesentliche, Modische und Zufällige bei den Wappen mit so
vielen Anlässen zu erbaulichen Betrachtungen an die Hand gehen könnte! -
    Der Ritter, eingedenk, dass er seinem Sohne, ausser der von ihm entworfenen
Instruktion, auch Hochselbst Unterricht zu geben verheissen hatte, bereitete sich
schon längst auf dieses Geschäft im Stillen vor; und im Stillen, wiewohl mit
Zuziehung der Frau Gemahlin, ward beschlossen, dass, da man diesen Unterricht in
der Dämmerung erteilen würde, er auch
                                     §. 31.
                                  die Dämmerung
heissen sollte. Wer jedes bildliche Wort mit der Hand malen will, ist ein Geck,
und wer keins mit der Hand bezeichnet, ist ein Metaphysikus. Ausdrücke, die mit
der Hand begleitet werden, verdienen dadurch den Beinamen handgreiflich; und so
wie das Schwert den Ritter ausmacht, so adelt auch dergleichen Handgriff den
Ausdruck.
    Diese Lehre, welche der Ritter dem Hofmeister teoretisch einband, ward von
ihm selbst praktisch meisterhaft in Erfüllung gesetzt, und wenn es gleich wahr
ist, dass Hände, die gewissen Leuten im gemeinen Leben los zu sein scheinen,
ihnen allen Dienst versagen, sobald es zu Ernst oder Tat und Wahrheit kommt, so
ist es doch auch wahr, dass jeder Schwache noch einen Schwächeren findet, an dem
er zum Ritter zu werden, wo nicht Ueberlegenheit, so doch das Glück hat. Wer den
Löwen mit einer gewissen Art auszusprechen im Stande ist, scheint sich
wenigstens so etwas von Löwen eigen zu machen, was für den ersten Anlauf gilt;
und so gibt es eine Art Löwenworte, die ein gewisses königliches Gebrüll an sich
haben.
    Die Dämmerungsstunde des Ritters hiess zuweilen auch geheime Stunde. Sie war
mit Einbildung stark gewürzt, welches überhaupt ein Rosentalsches Losungswort
schien, so wie das Wort Freiheit das Schlagwort, der Wahlspruch des Volkes ist.
Einbildung, pflegte der Ritter zu sagen, ist der Tron der Menschheit, den kein
regierender Herr, kein Tyrann angreifen kann. Sie ist zollfrei. Der Tyrann
selbst hat den Eid der Treue an diesem Trone geleistet und dieser
Menschenalleinherrscherin gehuldigt. Ohne das Glück, hier ein Untertan zu sein,
wäre der Fürst unglücklicher als sein letzter Sklave. Man könnte die
Einbildungskraft einen Hang zur Unwahrheit nennen, den alle Menschen haben. - In
der Bibel werden alle Menschen Lügner genannt. - Oft scheint die Unwahrheit
sogar das Gewürz zu sein, welches der Wahrheit den Geschmack beilegt. - Die
meisten Worte sind Lügen; und wo ist der Denker, der sich diese Wortlügen nicht
zu Schulden kommen lässt, der nicht in Gedanken aufschneidet?
    Der Gegenstand der geheimen Stunde, welcher sich indes bei der Ausführung
gar sehr verkleinerte, war nichts Geringeres, als eine Geschichte der in Europa
verblühten und noch blühenden Ritterorden, welche der Ritter mit einer solchen
Lebhaftigkeit, wiewohl in nuce - (in einer Nuss, ob einer aufgebissenen oder
nicht, wird die Folge lehren) vorzutragen Willens war, dass sein Vortrag von
einer wirklichen Ordensaufnahme nicht sehr verschieden sein sollte. Dies Ding
von Wichtigkeit hatte wenigstens dreimal drei Worte in und zu seinem Dienste. -
Ein grosser Stein des Anstosses ward dem dämmerungsschwangern Baron und seiner
Ritterstunde in den Weg gelegt, und welch ein Ding von Wichtigkeit hat deren
nicht drei und dreimal drei aus dem Wege zu räumen? Hier war der Stein des
Anstosses und der Fels des Aergernisses ein tertius interveniens, ein wackerer
Edelmann, der diese Strasse absichtlich zog, um mit unserm Ritter eine Lanze zu
brechen. Dieser Gast war kein geschlagener, allein, wie unser Ritter es sein
gab, ein beschlagener Cavalier, der sein Ring-, Kopf- und Qwitenrennen, Freibalg
und Scharfrennen und was man sonst in unsern gesitteten Zeiten zum Turnier
rechnet, keck und wohl verstand, und der diese Reise, wie man nachher aus vielen
Umständen schloss, vorzüglich aus Neugierde unternommen hatte, um zu sehen, was
an den Funken sei, welche der Ruf von unserm Ritter und seinen ritterlichen
Anlagen weit und breit umhergeschlagen hatte. Da alles, was ins Abenteuerliche
fällt oder schlägt, das Schicksal hat, übertrieben zu werden, so ging es auch
dem Ritter und seiner Burg nicht anders. Man hatte behauptet, er habe sein Kind,
das wirklich maustodt gewesen sei, durch eine besondere Art von Taufe
auferweckt; in seinem Schloss wohne die Kraft, weibliche und männliche
Unfruchtbarkeit in ein tausendfältiges fruchtbares Erdreich, Spreu, die der Wind
zerstreut, in Weizen zu verwandeln, unedle Metalle in edle umzuschaffen und an
Menschen und Vieh vermittelst des heiligen Kreuzes Wunder zu tun, die bei
Menschengedenken nicht gesehen und gehört, und in unsern letzten Zeiten nur etwa
von Gassnern, dem Caffetier Schröpfer und wenigen andern höchst seltenen Menschen
bewirkt worden. Der Gast war zu fein und zu gutdenkend, um eitle Neugierde aus
seinem Besuche hervorschimmern zu lassen. Er kam, sah und schämte sich, es bei
dieser Angelegenheit auf eine Wette angelegt zu haben, die schon a priori
unmöglich anders, als wie es am Tage z.e.w., ausfallen konnte. Als weitläufiger
Verwandter des Barons fand sich gar bald der Apellessche Vorhang, der
philosophische Mantel, und der Anstand, womit er seine Blösse deckte. Hier ist
ein Extract ihrer Kreuz- und Querzüge über Licht oder Wahrheit, Freiheit,
Gleichheit, Ordenswesen oder Unwesen u.s.w. Ich will mit Fleiss in diesem Extract
nicht bezeichnen, was dem Gastvetter und dem Ritter zugehört. Wir werden finden,
dass ein tertius interveniens dieser Art im Stande war, unserm guten Ritter eine
herrliche Wendung beizulegen!
    Bestehen die Wappeningredienzien nicht aus dem Wesentlichen, Modischen und
Zufälligen? Hat nicht jedes Ding von Wichtigkeit drei, und wenn das Glück gut
ist, dreimal drei Worte in und zu seinem Dienst? und gibt es nicht bei jedem
Dinge von Wichtigkeit eben so viele Hindernisse wegzuräumen -? Weisheit,
Reichtum (sonst auch Stärke, Vermögen genannt) und Schönheit sind die drei
Hauptwünsche, wozu alle Menschen sich neigen. Wenn diese drei Hauptbegierden
alle in liebenswürdiger Person, in Eva's Gestalt, erscheinen; wenn dem Adam
gesagt wird, dass er nur Einer huldigen könne, und ihm die Wahl überlassen
bleibt, welcher von diesen dreien Even er den unteilbaren Huldigungsapfel, wie
der Sultan das Schnupftuch, zuwerfen wolle: ist es nicht misslich, ob Pallas,
Juno oder Venus das grosse Loos ziehen werde? Können diese drei Neigungen nicht,
veredelt, in Verbindung treten und Eins werden? Ist es nicht sogar das wahre
Tugendrecept: von allen dreien Undredienzien gleich viel? Was darüber ist, ist
vom Uebel. Kann der Mensch die Schätze der Natur nicht wohl anwenden und mit
einer gleichdenkenden Gattin sich Gottes, seines Lebens und seines Todes freuen?
Dienen nicht viele den drei Götzen, der Augenlust, Fleischeslust, und dem
hoffärtigen Wesen zusammen? und sind es nicht noch die leidlichsten
Lasterhaften, die unter diesen dreien Götzen keinem den Vorzug einräumen? Sollt'
es denn nicht möglich und ein köstlich Ding sein, züchtig, gerecht und gottselig
zu leben in dieser Welt? Das war vielleicht der Geist der drei Gelübde, welche
die ersten Ritter ableisteten, da sie einen ihren Zeiten angemessenen Entschluss
fassten, das Grab Christi zu erobern. Gelegenheit ist Gelegenheit; der Entschluss
verdient Andenken. Auch wenn der Anfang dieser Kreuzzüge (wie gar vieles in der
Welt) ein Gedanke ohne Plan und Absicht war - macht es dem Menschen nicht Ehre,
dass er nach der Zeit ein neues Testament diesem alten hinfügte, dieses Chaos
ausbildete, Geist und Leben in diese rohe Idee legte und einen Merkur aus diesem
Block zu schaffen im Stande war? - Gewiss fühlte ein Teil jener Streiter die
Ohnmacht des einzelnen Menschen, einen gewissen Gipfel der Tugend zu ersteigen
und heilig zu sein; vielleicht wollten sie höhere Kraft zur Heiligkeit vom Grabe
Christi einholen, um ihre Leidenschaften sammt den unzeitigen Lüsten und
Begierden zu kreuzigen! - Gesegnet sei uns heute und immerdar ihr Andenken! Und,
um ihren Gelübden näher zu treten - wer kann gross sein, wenn er ein Sklave der
Liebe bleibt, falls sie nicht geistig gerichtet ist? - Es gibt eine irdische und
eine himmlische Braut, törichte und kluge Jungfrauen, körperliche- und
Seelenneigung - Jungfrauen mit und ohne Oel. - Was helfen alle Schätze der
Natur, wenn man sie nicht geniesst? Kann es aber nicht Genuss (Zinseneinnahme) für
diese und die andere Welt, für das Sichtbare und das Unsichtbare, für das
Zeitliche und das Ewige zugleich geben? Ist nicht die Liebe das Gewürz des
Lebens? - wirkt sie nicht auf den ganzen Menschen? Heisst es nicht oft von ihr:
wenn ich schwach bin, bin ich stark? Gewinnt der Mensch nicht durch sie an Leib
und Seele? - Sie erhebt, erhöht und verstärkt die Sinne, und nicht allein diese,
sondern auch den Geist. - Wer bei Liebe bloss auf den Geist säet, vergisst, dass er
ein Mensch ist; wer aber bloss auf das Fleisch säet, erniedrigt sich der nicht
unter den Menschen? - Die Geschlechterneigung in Ordnung bringen, heisst die Welt
reformiren. Ein Mensch, der hier von keinem verbotenen Baume isst - was gilt der
nicht in seinen eigenen und in aller Kenner Augen? - - - und wo ist Weisheit
ohne Grundsätze; wo ist sie ohne treuen Gehorsam gegen die Befehle, die Gott
durch Vernunft und Gewissen vorschreibt, als wovon weise Männer manchen
Volkskatechismus zu jedermanns Wissenschaft bekannt machten. Das Fleisch
gelüstete von Anbeginn, und auch hier, wider den Geist! - Und was ist aus diesem
Geiste der drei ehrwürdigen Gelübde geworden? - Wenn, anstatt einer aus unserer
Rippe abstammenden, uns so nahe liegenden, mit uns gleichdenkenden Eva, ein
Mondfräulein mit Namen Dulcinea gesucht wird, die nirgends ist und überall; die
vor uns gaukelt und Kopf und Herz unnatürlich angreift - was wird dann aus uns?
was? - Wenn alle jene Uebertreibungen, welche der Liebe schon an sich eigen
sind, zur wirklichen unmenschlichen, unnatürlichen Schwärmerei erhoben oder
herabgestürzt werden - ist es nicht eine geistige Hur - ei, die eben so
unnatürlich, eben so schädlich ist, wie die leibliche? Wenn der Gehorsam bloss
der Unfehlbarkeit eines Menschen, oder vielmehr seinem Stuhl oder seinem
Pantoffel, geleistet wird; wenn endlich Vermögen (es mag nun in klingender Münze
oder in Talenten, in der Tugend selbst und den Anlagen dazu bestehen, welche die
Vorsehung diesem und jenem zum Besten der Menschheit zuwies) unter Pauken und
Trompeten in einen Gotteskasten gelegt wird, wo man es zur Aufrechterhaltung des
Müssiggangs verschwendet - was meinen Ew. Hochwürden? - In Wahrheit, das ist eine
Ehre, ein Kreuz zum Andenken zu tragen, dass dergleichen Unnatur aufgehört hat,
welche Männer aus dem Lehr-, Wehr- und Nährstande, von regierenden Herren bis
zum Schuhflicker, auf die Beine brachte und zu Wanderburschen heiligte, indem
sie alle gen Jerusalem gingen. - An den frommen Betrug, welchen Vater Papst bei
diesem heiligen Blindekuh-Spiel beabsichtigte - wer denkt daran ohne Aerger? -
    Unser Ritter, der nun freilich, Gottlob! nicht bis zum heiligen Grabe
gekommen, sondern in Sonnenburg geschlagen, und dem auf dieser Schlagreife
dergleichen Gedanken-Kreuzfahrten nicht vorgekommen waren, dem überhaupt (ausser
dem Wechselvorfalle mit dem Juden, den er zusammt den Verzögerungs-Zinsen durch
die heilige Ehe so glücklich beilegte) keine Avanture schwer fiel, kam aus
seinem ganzen Concept; indes hatte ihn der Vetter so hin- und mitgerissen, dass
ihm ein anderes Licht aufzugehen schien. - Schien, sag' ich; denn wenn gleich
anfänglich das Brevier seiner Ordensgeschichte ihm als eine wahre Dämmerung
gegen diese Ideen vorkam, so schwankte er doch bald hernach von der Rechten zur
Linken, und wusste selbst nicht, ob er diese Ideen für profan oder heilig, für
Schimpf oder Ernst halten sollte. Pallas, Juno und Venus; Augenlust,
Fleischeslust, hoffärtiges Wesen, als der dreiköpfige Adler im Wappen des
Menschen - und was weiss ich, was mehr? - waren Umstände, die in seinem Kopfe so
gewaltig kreuz und quer zogen, dass er den Gast aus reiner Herzensangst wie vom
Himmel gefallen fragte: ob er beim heiligen Grabe gewesen sei? - Oft, sehr oft,
erwiederte dieser; aber nur im Geist und in der Wahrheit; wenn ich eine
Leidenschaft begrub und einen neuen Menschen auferstehen liess, der vor Gott
lebe! Nur dann dünk' ich mich ein Ritter zu sein, wenn ich mich selbst und wenn
ich in meinen Wirkungsgrenzen Vorurteile überwinde. Freund! das sind die Türken
der Menschheit, und ein Ritter ist der, welcher es sich mit Leibes- und
Seelenkräften, das heisst tätig, angelegen sein lässt, dass das Gute über das Böse
in ihm, und wo möglich überall siege. - Die Türken, welche von den
Johanniterrittern gar gewaltiglich, freilich in ihren vier Wänden, verfolgt
werden, sind Menschen wie wir, und unsere Brüder, und jüdische und christliche
Ketzer, Gläubige an beide Testamente, da die Christen nur das neue annehmen,
ohne recht zu wissen, was sie mit dem alten machen sollen. Auch bedarf es bei
Selbstüberwindung und bei den Siegen über Vorurteile keiner so hochgepriesenen
Mittel. Das erste, das beste; das kleinste, unbeträchtlichste ist schon heilig,
hochwürdig, wenn der Zweck, zu dessen Fahne es schwört, hochwürdig und heilig
ist, auch wenn dieser durch einen Schleuderwurf von Mittel erreicht wird. Ein
Kreuz ist eine Schande, wenn es ein Sinnbild ist, dass ich Seele und Herz, beide
Hände und beide Füsse untätig kreuze, und mich einem gewissen faulenzenden
Mysticismus und Fanatismus ergebe, und hier, als auf einer grünen Aue, mich
weide. Warum - sagen Ew. Hochwürden selbst - warum vermögen die Bösen so viel?
warum herrscht das Böse in der Welt? warum liegt sie, so zu sagen, im Argen?
Weil die Guten untätig bleiben; weil der Tugendritter so wenige, und weil sie
mit zu wenig Mut ausgerüstet sind; weil man dem Bösen die Pluralität, das
Uebergewicht noch nicht abgewonnen hat. Ein einzelner Mensch kann nichts, weder
physisch noch moralisch; vereinigt können die Menschen viel - alles. - Je mehr
Menschen, je mehr Köpfe und je mehr Hände. Auf Einen Kopf gehen zwei Hände; und
da jeder Mensch, bis auf die unbeträchtliche Anzahl Krüppel, zwei Hände hat,
wenige Menschen dagegen, welche Köpfe haben, Köpfe sind: so ist der, welcher ein
Kopf genannt zu werden verdient, ein Edelmann; die Hände sind die Bauern. - Je
mehr gute Menschen, je weniger Ärgernis, je mehr Beispiel. - Der Philosoph muss
denken; der Edelmann muss denken und tun. Jener kann unsere Begriffe von Tugend
und Glückseligkeit berichtigen und befestigen, wenn er ein blosser Spekulant, und
uns das Schöne und Erhabene des Himmels auf Erden versinnlichen, wenn er ein
Dichter ist. Wenn die Tugend in weiser Tätigkeit besteht, so gehört
gemeiniglich teoretische Weisheit zum gelehrten Gebiete; und auch die ist nicht
jedermanns Ding, und selten dem eigen, der das Recht erhalten hat, einen Kranz
oder ein Kreuz der Gelehrsamkeit auszuhängen, sondern dem, der den Doktorhut aus
den Händen der Menschen erhielt. Der Denker ist Priester, der Edelmann Prophet
und König. Beide sind Ritter, wenn sie wirklich sind, was sie sein sollen, beide
sind bemüht, das menschenmögliche Ziel der teoretischen und praktischen
Vernunft zu erreichen, die Ehre der Menschheit herzustellen und oft durch das
Kleine in das Grosse zu wirken. Trug ich dazu bei, dass ich als Edelmann geboren
und, kraft meiner sechzehn Ahnen, zum Johanniterritter geschlagen ward? Wozu ich
nichts beitrug, ist das mein? Es gibt Fürsten von Gottes, und Fürsten von
Kaisers Gnaden - Jeder Mensch ist ein Fürst von Gottes Gnaden: nicht wenn er
sein Diplom, seinen Geist, in ein Schweisstuch der Vorurteile wickelt; nein,
wenn er durch Fleiss und Treue ihn veredelt, verdient er den Namen Edelmann! Ew.
Hochwürden kennen meine Ahnenzahl; allein Sie kennen vielleicht meine Achtung
für Ihren Orden nicht. Alles, was ihr tut, ihr esset oder trinket, ihr seid
Johanniterritter oder seid es nicht, ihr seid wer, und was ihr seid - tut alles
zu Gottes Ehre, das heisst: zur Ehre der Menschheit, welche die Offenbarung
Gottes im Fleisch und sein hergestelltes Ebenbild ist. - Der Stifter der
christlichen Religion starb am Kreuz, weil ihm sein übermenschlich grosser Plan,
die Menschen moralisch zu verbessern und ein allgemeines Reich Gottes zu
stiften, nicht glückte; und die Johanniterritter tragen ein Kreuz, weil sie die
gehörigen Ahnen und keinen Plan haben, die Menschen moralisch besser zu machen.
    War unser Ritter zuvor zweifelhaft, so geriet er jetzt in böhmische Wälder.
»Freund,« fing er an, »wenn ich Sie nicht besser kennte, ich würde fürchten, der
Neid flamme Sie zu dieser türkischen Härte gegen mein unschuldiges Kreuz an, das
keinem Menschen Schaden und Leides getan hat, und mit Gottes Hülfe auch nicht
tun wird.« Führt es nicht auch vom Kleinen zum Grossen, vom Ritter zum
Commendator? Und ist es nicht gut, dass oft sinkende Familien dadurch gestützt
und Häuser und Schlösser verwandelt werden, wenn gleich hier die Fingerlein
keine Wohnung aufschlagen? Lassen Sie uns doch die Würde des Adels nicht
verkennen, Freund! der Menschen in superlativo! - So lange Deutschland
Hochstifter und Ritterorden hat, wo 16 oder 32 wohlerwiesene Ahnen mehr gelten,
als so viele wohlerwiesene Taten, sie bestehen nun in Schlachten, wodurch
Tyrannen gestürzt, oder in Solonischen Gesetzen, wodurch tausendmal Tausend
beglückt worden - was ist da zu machen? Ist denn das alte Herkommen durchaus
verwerflich? Ich für meinen Teil bin dem alten Testament sehr gewogen und trag'
es in meinem Herzen. Sollten Türken mehr als Christen wissen, was man damit
machen soll? Führten nicht viele von unserer Familie alttestamentliche Namen:
Adam, Sem, Ham, Japhet -? Sollte der Adel nicht den heiligen Reliquien des
Apollo, den Ruinen Roms und Griechenlands die Wage halten? - Hat die Natur nicht
selbst den Adel erschaffen und erhält sie ihn nicht noch? Menschen sind geborne
Edelleute auf Erden durch Verstand und Willen. Vielleicht gibt es solche
Edelleute nicht mehr im ganzen Weltall; und wenn Verstand und Wille sie unter
allen Geschöpfen, von denen sie äusserlich so viel ähnliches haben, zu Edelleuten
macht - warum sollten nicht durch vergrösserten Verstand, durch veredelten Willen
es auch Menschen unter Menschen sein? Sind nicht Edelleute die Offiziere unter
den Menschen? Und wenn es erst auf die Wahl ankommen soll, wer als Klügerer und
Besserer ein Edelmann sei, so stirbt das meiste Gute unter den Händen, so ist
ewiger Streit und gewiss noch grösserer Jammer und grösseres Elend unter den
Sterblichen als jetzt. Ohne Autorität und ohne dass man die Knoten auf Erden
entzweischlägt, bleiben sie ungelöst in Ewigkeit. - Wie viele Neposwollams
werden der Edelmannswahl den Weg vertreten! Und kommt Verstand vor Jahren?
Begeht nicht auch der Klügste und Beste so viele dumme Streiche, dass kein Mensch
in der Welt (ausgenommen der heilige Vater, der von der dreifachen Krone seines
Hauptes bis auf die Pantoffel seiner Füsse sich zu einer Ausnahme erhebt) Selige
und Heilige machen oder entschatten kann? Dass sich Gott erbarme! Die Menschen
sind alle zu gleichen Trübsalen und Ungemächlichkeit berufen; allein wahrlich
zur Standesgleichheit sind wir nicht da. - Ist nicht jeder Hausvater der
Edelmann in seinem Hause? ist er es bloss gegen sein Gesinde oder auch gegen Weib
und Kind? Ist Herr und Edelmann nicht Eins? und würden wir mit der Zeit nicht
Gott den Herrn selbst verlieren, wenn wir alle Herrschaft vertilgen und
allgemeine Gleichheit einführen wollten? - Ach, Freund! in Republiken gibt es so
gut Könige, wie in Monarchien - und sie werden bleiben, wenn auch alle
Namenkönige auf Erden aufhören sollten. Die heimlichen Jesuiten sind ärger als
die öffentlichen, und die heimlichen Könige verhalten sich ebenso gegen die,
welche bloss so heissen. - Die Gleichheit der Stände ist der Natur des Menschen,
den Staatsverfassungen, den grössern und geringern Geistes- und Leibeskräften
einzelner Menschen, der Erfahrung und kurz und gut - der menschlichen Vernunft
entgegen. Es gibt der Menschen zu viel, und das Eigentum so vieler unter ihnen
ist so verschieden und so beträchtlich geworden, dass es Unterschiede geben muss.
Kasten nicht, aber Unterschiede, die so allmählig unter einander verschmelzen,
dass alles wie Ein Stück aussieht. Also kein Erb-, sondern wirklicher Adel. -
Ohne Erbsünde wäre keine wirkliche, ohne Erbadel kann es wirklichen geben. Jene
Stärke des Leibes, jene Fähigkeiten der Seele erwerben Vermögen, das wir unsern
Kindern zurücklassen, wenn wir heimfahren aus diesem Elende, Kyrie eleison! -
Und diese Glücksgüter verewigen den Adel; was Stärke des Leibes und der Seele
schuf, erhält das Vermögen. In Polen macht das Vermögen, dass ein Edelmann des
andern Diener, Camerad und Oberer ist - je nachdem er ihm an Vermögen
unterliegt, gleichkommt oder über ihn hervorragt. Bürgt nicht Vermögen für eine
bessere Erziehung? Würd' ich meinem Einzigen einen so wappenkundigen Führer
zugesellen können, wenn meine Sophie mit dem Kleck mir nicht zu Teil geworden
wäre? Würden sie und mein Sohn in meinem Hause gefirmelt sein, wenn ich nicht im
Stande gewesen wäre, den Senior und die vier Kastenassessores besser als Senior
familiae zu bewirten? Freund, warum wollten wir auch etwas vertilgen, das sich
schon mit der Natur der Deutschen amalgamirt zu haben scheint? - wie der von der
Nation angenommene Geheime Sekretarius Tacitus fast zu schön bezeugt. - Hat sich
nicht schon zwischen einem Edelmann schlechtweg und zwischen einem edeln und
tatenreichen Edelmann ein Unterschied eingeschlichen, der niemals schwerer als
in dieser letzten betrübten Zeit zu vertilgen war? Schon in der ersten goldenen
Zeit des Adels finden wir von dieser conditione sine qua non, vom adeligen
Verdienst, unverkennbare Spuren. Franz I., König von Frankreich, wollte die
ritterliche Würde von niemanden anders als von Bayard, dem Chevalier sans peur
et sans reproche, empfangen. Nannten nicht Fürsten und Könige die Ritter Herren?
Machten sie sich nicht eine Ehre daraus, ausser der Würde der Regenten die Würde
grosser, edler Menschen zu besitzen? Hohe Personen hiessen Junkherr oder Junker,
so lange sie nicht Ritter waren; und gingen nicht Edelknechte, Knappen und
Wappner Rittern zur Hand, wie Lehrlinge und Gesellen dem Vater des Hofmeisters
und einem jeden ehrbaren Meister? Damals waren edle Taten zünftig. Diese Zünfte
sind aufgehoben: wir sollen jetzt alle Virtuosen sein; aber leider! sind die
echt edlen Taten mit jenen Tatenzünften zu gleicher Zeit verschwunden. Das
Militär macht freilich auch noch jetzt eine kriegerische Zunft aus; allein ihre
Gesellen-und Meisterstücke sind nur selten edle Handlungen; - ihr Dienst wird
nur durch Zufall alter Ritterdienst, und Don Quixote ist, wo nicht wirklich, so
doch in der Anlage edler als manche Militär-Excellenz, welche kein Bedenken
trägt, Menschen für Windmühlen anzusehen. Besolden wir nicht oft in unsern
Legionen Staatsunterdrücker unter dem preiswürdigen Namen von Staatsbeschützern
und Staatsverteidigern? - Die Soldaten bringen ihre angeworbenen Menschen unter
das Mass; allein die Seele wird nicht gemessen. Ich wünschte nicht, dass mein A B
C sich diesem Stande widmete, ob es gleich wahre Zierden der Menschheit nicht
nur unter Feldherrn und Offizieren, sondern auch unter dem gemeinen Manne gibt.
Die Kluft, die nicht nur zwischen Militär und Civil, zwischen Soldat und Bürger,
sondern auch zwischen Soldaten und Menschen befestigt ist - ist diese Kluft
nicht unnatürlich? - Grosse Armeen bekriegen das Reich Gottes, und so lange diese
sind, ist zum Heil der Welt sichere Aussicht? - - - Nach verschiedenen
Evolutionen siegten die stehenden Armeen; und unser Ritter fing auf einem andern
Wege an. - Ist es nicht gut zu spielen, eh' es zum Ernst kommt? zu lustkämpfen,
ehe Blut vergossen wird? Das Spiel, Vetter, ist mir immer lehrreicher als der
Ernst in der wirklichen Welt und selbst in Büchern. Sehen Sie hier zum frommen
Andenken Schwert, Speer, Lanze, Wurfspiess als die ehemaligen Trotz- und
Angriffswaffen; Schild, Helm, metallene Schuppen, Harnisch als Schutz- und
Schirmrüstung! Ich bin ein Freund der alten Kern- und Sternworte, und würde
gewiss den Ausdruck Krebs, der nur unlängst aus der Mode gekommen ist,
beibehalten haben, wenn nicht der wirkliche Krebs dieser Rüstung zum Muster
gedient hätte, und wenn nicht soviel in der Welt und das alte ehrwürdige
Ordensspiel selbst den Krebsgang eingeschlagen wäre. Wie gefallen Ihnen Gürtel,
Sporne und verblechte Handschuhe? Die Kreuzsammlung wird Ihrem strebenden Auge
nicht entgangen sein. - Auch Spiel, aber ein ehrwürdiges, seel- und
herzerhebendes - - -!
    Man lasse doch alles lieber beim Alten, wenn man nichts besseres
unterschieben kann. Ehe das heilige Gesetz, die unsichtbare Gotteit über
Menschen die Oberherrschaft führen wird, ohne dass ein Hoherpriester ins
Allerheiligste geht, werden noch tausend Jahre verlaufen. Die aufgeklärtesten,
klügsten Völker konnten sich nicht ohne sichtbare Regenten behelfen, ohne etwas
Eisen am Scepter und ohne Stab Aarons, der, wenn er mit Masse gebraucht wird,
Staaten grünend und blühend macht. Und was ist besser: vom krummen oder geraden
Stabe regiert zu werden, vom Knechte aller Knechte, der eines geringen
Handwerkers Sohn sein und doch mit einer dreifachen Krone auf dem Haupte und mit
Pantoffeln an seinen Füssen prangen kann, oder vom Durchlauchtigen Herrn, vom
Mut oder von der Furcht? - Freund, Mut ist ein herrliches Ding im Leben und im
Sterben. Zöge der Adel sein Schild ein - würde nicht der Bannstrahl gelegentlich
das Regiment verlangen? Alles ohne Unterschied würde dann wirkliche Heerde und
jene Herren wirkliche Hirten sein, da jetzt der Edelmann so gut und oft mehr ein
Schaf ist als die Schafe, die er weidet. - Neid, Hoffart, Zank, Zwietracht,
Rotten, Saufen, Fressen und die schamlose Begierde sich über andere zu erheben,
gingen mit dem Tiger, dem Drachen und Löwen, mit Wölfen und Bären paarweise aus
dem Kasten Noä, und da sie nicht in der Sündflut ersäuft worden sind - wer kann
sie vertilgen von der Erde? - Die Natur tut ihr Mögliches, sie lässt alle frei
geboren werden. Alle reden von der Freiheit, aber alle sind Sklaven. - Welcher
Despotismus ist besser: der weltliche oder geistliche? Jener hört mit dem Leben
auf, dieser erstreckt sich bis jenseits des Grabes in alle Ewigkeit! Jener
straft, wenn er aufgebracht ist, dieser kreuzet und segnet eine vergiftete
Hostie, umarmt uns, dass er uns desto gemächlicher und kälter den Dolch ins Herz
stossen kann, küsst uns, um zu verraten, macht uns ein Hocuspocus, um uns während
der Zeit, dass wir auf seine wundertätigen Hände sehen und sie wohl gar
ehrerbietigst küssen, die Taschen leer zu machen, nimmt uns alles Irdische gegen
das Himmlische, baare Summen gegen Papiergeld und eine Assignation auf die
andere Welt. Nicht auf dieser Welt ist Glück und Freiheit, sondern in Eldorado!
und Eldorado liegt unter der Erde. - Ja, Vetter, nirgends anders als unter der
Erde -!
    Ich will abbrechen. Unser Gast, das wird man leicht finden, ist kein ewiger
Jude, kein Pilgrim und Fremdling, der Verstand und Willen sucht; es ist ein Gast
auf Erden, der gern Bürger würde, wenn er nur die Stadt Gottes fände, um hier
das Bürgerrecht gewinnen zu können. Er ist es wert, dass er, wenn nicht als ein
solcher Bürger, so doch als Wirt in dieser Geschichte erscheine. - Jetzt kurz
und gut: - er ass mit unserm Ritter und seiner Familie an der runden Tafel, sah
die aufgepflanzten Ordenszeichen und die vielen Kreuze, und schied nach einem
Mahl voll Wohlgefallen von dannen! - Tun Sie, sagte er zu dem Ritter, was Sie
nicht lassen können. Gott stärke alle brave Menschen, die auf der Oberfläche des
Erdbodens zerstreut sind! - »Und segne Sie!« erwiederte der Ritter. Mein Held
liess kein Auge von diesem Vetter, dessen Ungewöhnlichkeit ihn ausserordentlich
fesselte, und gewiss entging auch er dem Gaste nicht, der alles, was beobachtet
zu werden verdiente, zu Kopf und Herzen nahm. - Unser Held schien den Gast sogar
zu interessiren. - (Warum bat man diesen seltenen Gast nicht, die väterliche
Instruktion zu prüfen und zu ergänzen?) »Und die Ritterin nicht auch?« Ist das
eine Frage? Syphie konnte, ihrer Stern- und Kreuzseherei ungeachtet, bei jedem
klugen Mann auf Verehrung Anspruch machen, und der Vetter glaubte sich durch
ihre Bekanntschaft für die Beschwerlichkeiten seiner Wallfahrt völlig
entschädigt.
    Ehe wir aus dem Licht in die Dunkelheit zurücktreten, muss ich bemerken, dass
der Vetter natürlich dem Ritter in sein Collegium solche Kreuz- und Querstriche
gezogen hatte, dass dieser, er mochte wollen oder nicht, den Pastor loci zu Hülfe
rufen musste, um die etwas hart gezogenen Striche vermittelst eines scharfen
Federmessers auszuradiren, und durch die Güte des wohltätigen Bleiweisses die
Stellen wieder auszuweissen. Freilich eine tiefe Demütigung für unsern Ritter,
indem der ungeweihte Pastor loci dadurch zum Ordensvertrauten auserkoren ward!
Indes tröstete sich der Ritter über diesen Umstand so gut er wusste und konnte,
und dankte dem Himmel, dass er dem, obgleich nicht mehr unpolirten Sohne eines
Schneiders nicht in die Hände fallen dürfte, da dieser ihm bei dem allen doch
noch zu jung zu einem so wichtigen Zutrauen schien, das gewiss drei Worte in und
zu seinem Dienste haben wird. - Jerusalem und das heilige Grab waren und blieben
dem Ritter und seinem erkornen Waffenträger, dem Pastori loci, die Aepfel, die
er auf dem glühenden Ofen der Einbildung briet. Wie wär' es, wenn ich auf dem
Brevier des Ritters et Compagnie, noch ein Brevier machte, und wenn wir mit
kalter Uebersehung aller Seiten- und Nebensprünge in ein paar Abenddämmerungen
(pro hospite) als Pilger und Fremdlinge gingen, ohne im mindesten den Leuchter
von seiner Stätte zu nehmen und dadurch Lehrer und Hörer, welches letztere unser
Held und seine Mutter waren, in ihrer Ordensandacht zu stören? -
    Das Wunderbare tut auf Kinder eine unfehlbare Wirkung, so wie das Tragische
auf den Jüngling; der Mann liebt das Lustspiel, und im hohen Alter steigt man
den Berg hinunter, den man hinaufgestiegen war, bis man wieder ein Kind wird und
von Fingerlein erzählt und erzählen hört. Das Kreuz, das unser Held bei der
ritterlichen Nottaufe beides an der Stirn und an der Brust empfing, und die
Kreuze, welche ihm mit der Milch eingeflösst wurden, hatten eine Art von Eindruck
in sein Gesicht gefurcht, und demselben eine gewisse Feierlichkeit, eine
Kreuzesform einverleibt, welche der Hofmeister anfänglich als ein Werk der Not,
nachher aber als ein Werk der Liebe, pflegte und vollendete. Er behauptete, mein
Held wäre seelenkreuzlahm. Das Kreuz war ein Muttermal, das er auf die Welt
brachte; warum aber lahm? Hatte der ABC-Junker nicht sein beschiedenes Teil von
Verstand und Willen? Beides freilich war zum Ritter geschlagen, und, wie es doch
bei Schlägen geht: sie treffen selten die rechte Stelle - Das Wort After sagt zu
viel, und würde ihm zu nahe treten; warum auch einen Nothafen von Namen, da
unser Held nicht wie eine Bienenkönigin sich in eine Zelle einschliessen, sondern
vor unsern Augen handeln wird? »Handeln?« - Freilich scheint er zum Wortmenschen
erzogen zu werden. Ist es anders in der Welt? Kommen wir nicht alle aus
Wortschulen in das tätige Leben? Und doch gab es von jeher unter uns nicht bloss
Hörer, sondern auch Täter des Worts. Ich will meinem Helden keinen Namen
beilegen; er selbst soll sich taufen! - Die Geschichte des unheiligen türkischen
Reichs, die zehn Haupt- und die vielen andern kreuz und quer eingeschalteten
Nebenverfolgungen trugen das ihrige mit bei, unsern Helden an Leib und Seele zur
Geschichte der Hospitaliten vom Orden des heiligen Johannes von Jerusalem
anzuschicken. Aristippus sagte, da er durch einen Sophisten überwunden war: Ich
werde besser schlafen als du, ob du mich gleich in die Enge getrieben und
gesiegt hast. Lasst es gut sein; das Ende krönt das Werk. - Die Mutter unseres
Helden war eine Kreuzseherin; sie hatte, wie wir wissen, den Ritter des Kreuzes
halber, welches auch in der Dämmerung, wie ein Katzenauge, an seiner Brust
funkelte, geehlicht, und so konnte sich denn unser Lehrer wohl nicht
empfänglichere Herzen wünschen.
    Der heilige Orden - fing unser Ritter an, und nahm seine Mütze, die eine Art
von Inful oder Bischofsmütze war und zugespitzt wie ein Kirchenturm gen Himmel
zeigte, sehr tief und ehrerbietig ab. Schon lange konnte unser Ritter sich nicht
ohne Mütze behelfen, und es gibt Menschen, denen sie natürlicher als der Hut
ist. Zwar lässt sich nicht läugnen, dass eine Mütze eben nicht die schicklichste
Tracht für einen Ritter sei; indessen war er wegen seiner Neigung zu
Hauptflüssen zur Mütze verurteilt; und da in unseren letzten Tagen die Freiheit
sich in Frankreich laut und deutlich für die Mütze erklärt und das alte Sinnbild
der Freiheit in den vorigen Stand gesetzt hat - warum sollte es unserm
gutgesinnten Aristokraten nicht auch erlaubt sein, sich einer aristokratisch
zugeschnittenen Mütze zu bedienen? - Der heilige Orden, sagte der bemützte, vom
Jacobinismus himmelweit entfernte Ritter zum zweiten-, und der heilige Orden,
sagte er, nach seiner hochwürdigen Gewohnheit, zum drittenmal (wobei die gnädige
Frau sich jedesmal ehrerbietig beugte), ist unstreitig unter allen Orden einer
der ältesten und berühmtesten; denn obgleich der Orden der Freimaurer sich
dünkt, als ob Adam der erste ächte und gerechte Maurer gewesen sei, so dient
doch zur dienstfreundlichen Antwort, dass die Schürze, welche Freimaurer Adam
trug, von Feigenblättern war, und dass auf diese Art die Schlange den Grossmeister
des Ordens vorgestellt hätte, welches der Freimaurerorden, wie ich hoffe und
wünsche, schwerlich auf sich sitzen lassen wird.
    Unser Held, der wohl wusste, dass er das Ebenbild zur
Johanniterordens-Ritterschaft verloren hatte und durch Mutter Eva gefallen war,
wurde so voll von dem Freimaurerorden, dass er seinen väterlichen Lehrer mit
Kiuberfragen, so wie weiland der Gast mit Mannsfragen, ängstigte. Da indes der
Ritter wenig oder gar nichts von dem Freimaurerorden wusste, weil zu dieser Frist
noch nicht so viele Lehrbücher über diesen, wenn man will, geheimen oder
verratenen und zerschmetterten Orden geschrieben waren, so gingen diese
unbeantworteten Fragen, die überhaupt mit verbissenem Schmerz viel ähnliches
haben, unserm Helden durch Mark und Bein. Schuldig gebliebene Antworten sind
bewährte Hausmittel, die fragende Jugend auf Irrwege zu führen, und streuten
auch hier Samen; ob zu künftigen Früchten oder zu künftigem Unkraut, wird die
Zeit lehren. - Für jetzt nahm der Junker - vielleicht aus Freimaurerhunger, den
die wenigen Brocken eher gereizt als gestillt hatten, vielleicht auch, weil der
zurückgesetzte Hofmeister insgeheim unsern Helden mit so manchem Zweifel
ausrüstete - Gelegenheit, den Johanniterrittern den Vorwurf aufzubürden: warum
sie seit so geraumer Zeit nicht entweder mit dem Schwerte des Geistes oder des
Leibes gesiegt, und die Türken, welche sich unterstanden, das Grab Mahomets zu
Medina dem Grabe Christi, und die Kaaba zu Mecca der santa casa zu Loretto
entgegenzustellen, entweder bekehrt oder zu Grabe gebracht hätten? Der Ritter,
welcher den leiblichen Eroberungen wohlbedächtig auswich, versicherte in
Hinsicht des geistlichen, bis dahin unerfochtenen Sieges, der auch jetzt noch im
weiten Felde sei, dass die fünf Brüder des reichen Mannes eher zu bekehren wären,
als Leute mit Bärten. Beweisen dies nicht die Juden sichtbarlich? Hierzu kommt,
fuhr er fort, dass die Beschneidung Juden und Türken so fühlbar an ihre Religion
erinnert, und dass die Unterdrückung des Geschlechtes der Eva dem christlichen
Glauben in Hinsicht der Türken, dieser bärtigen Ungläubigen, unübersteigliche
Hindernisse in den Weg legt.
    Unser Held merkte es dem ritterlichen Vater mit und ohne Assistenz des
Hofmeisters ab, dass er seinen Worten durch Ernst und Würde (ein Privilegium de
non appellando) das letzte Entscheidungsrecht beilegen und seinen Schülern das
Opium der Unfehlbarkeit bei seinen Erzählungen eingeben wollte.
    »Im eilften Jahrhundert,« fing sich eine Dämmerung an, »wünschten Kaufleute
aus der Stadt Amalfi im Königreich Neapolis, welche in Syrien Verkehr trieben
und bei dieser Gelegenheit die heiligen Örter in Jerusalem besuchten, hier eine
Kirche zu haben.« Die gnädige Frau sowohl, als unser Held fanden bei so
bewandten Umständen die Feuerahnenprobe des Ordens ungerecht, und beide
forderten Satisfaction vom Orden wegen dieser Strenge, und von der Familie wegen
der Firmelung, wenn sie gleich mit wohlriechendem Wasser an ihnen vollbracht
war. Indes konnten sie von wegen der Gestrengigkeit des Ritters nicht aufkommen;
vielmehr sahen sie sich in den Umständen, sich bloss mit Husten oder Protestiren
(welches der juristische Husten ist) zu behelfen. So sang der Judenbekehrer
Stephan Schulz (vulgo Sanftmut Sieget) zu Rom in der Peterskirche das
Luterische Siegeslied: Ein' feste Burg ist unser Gott, ein' gute Wehr und
Waffen.
    »Da Betrug und Handel,« fuhr der gestrenge Ritter fort, »wie Haken und
Oehse, wie Nagel und Wand, wie Mann und Weib verbunden sind, so wollten diese
Emsigen, diese Nachbarn, um das Gewissen zu beruhigen, den Zehnten dem lieben
Gott ablegen; obgleich diese Zehn von den Hunderten, welche auf Kosten des armen
Nächsten genommen waren, dem lieben Gott, der nur reine Tiere zum Opfer
verlangt, unmöglich ein süsser Geruch sein konnten. (Weder Mutter noch Sohn
husteten.) Der damalige Kalif in Aegypten, Almansor von Muftasaph, ward gewonnen
(der Ritter setzte kannengiesserlich hinzu: man könne wohl raten, wodurch -) und
gab sein fiat wie gebeten zum Bau einer Kirche in der Stadt Jerusalem. Wenn nun
gleich die Herren Emsigen und Nachbarn es mit dem sechsten Gebot, das weder auf
Wasser- noch auf Landreisen zu gehen pflegt, genau nicht so nehmen konnten, da
sie beständig unterwegs waren, wollten sie doch, dass ihre zurückgebliebenen
Weiber demselben strikte Observanz leisten sollten. Um nun dieses Glückes
teilhaftig zu werden, widmeten sie die Kirche der heiligen Jungfrau; und damit
es weder ihnen noch andern Pilgern an guter Aufnahme und an den Exceptionen vom
sechsten Gebote fehlte, erbauten sie neben dieser Kirche ein Gastaus oder
Kloster, worin sie Benedictiner zu Wirten machten. Wollte Gott, dass unsere
Gastwirte, die alle eine Art von Benedictinern sind, nicht bloss sich, sondern
auch ihre Gäste, da sie das Kreuz in Händen haben, segnen möchten! Auf meiner
Reise nach Sonnenburg - blieb mir dieser sowohl als vieler andere Segen aus, den
ich indes dem Gast auf Erden, unserm lieben Vetter, hiermit reichlich anwünsche,
so wenig er ihn auch am Orden verdient.«
    Ist je etwas im Stande, die Einbildungskraft bis zum höchsten Gipfel zu
treiben, so ist es der Pilgerstand. Vier Dämmerungen ging man bei diesen
Benedictinern aus und ein, und liess es sich mit den andern Pilgrimen herzlich
wohl sein. Der Ritter ergriff diese Gelegenheit, den Kaufmannsstand in Rücksicht
des obigen Hustens in integrum zu restituiren, und erlaubte dem Schuldner
Nachbar, ob er gleich nicht aus Amalfi war, sich ohne Umstände zu Tische zu
setzen und es sich wohl schmecken zu lassen. Eine Hand wäscht die andere. Die
Zinsen fielen auf die Minute; der Ritter wusste, woran er war, und konnte
ungestört und mit Ehren, ohne einen Schritt aus dem Hause zu tun, gen Jerusalem
reisen, und den Nachbar in seiner Abwesenheit und während dieser auf der Börse
den Cours berichtigte, zu Tische ziehen.
    Schon gleich bei der Anlage der Congregation des heiligen Johannes des
Täufers, welche Gottfried von Bouillon unter dem Schutze dieses Heiligen
stiftete, ohne dass die Jungfrau Maria diese Trennung ungnädig aufnahm, zeigte
sich der Ritter in Lebensgrösse; und so blieb er auch, sowohl bei dem
Sonnenschein als bei dem Platzregen, der den Orden betraf, unbeweglich, bis er
sich die Erlaubnis nahm, Karl V. die Hand zu küssen, der 1530 den 20. Mai dem
Orden die Insel Malta cum att- et pertinentiis unter der Bedingung verehrte,
diese Insel zu schützen und den türkischen Seeräubern allen Abbruch zu tun.
Froh gestand er, dass der liebe Gott seine Heiligen wunderlich geführt hätte, und
dass, wenn er, gleich seinen in Gott andächtigen und in Gott ruhenden Vorvätern,
sich durch die Eroberung der Insel Rhodus den Ritternamen verdienen sollen, er
zwar ohne Wechselschuld, allein doch vielleicht nicht so mit so gesunden Armen
und Beinen, wie aus Sonnenburg, zurückgekommen sein würde; worüber denn die
Ritterin ihre ganz besondere Zufriedenheit bezeigte!
    Ob nun gleich dem Ritter keine verschmelzenden Uebergänge eigen waren, so
erinnerte er sich doch nicht ohne Rührung, dass sich bei allem, was zu sein wert
wäre, Geist, Seele und Leib, Rock, Weste und Beinkleider fänden, und dass jede
Sache von Wichtigkeit drei Wörter in und zu ihren Diensten hätte. Durch dieses
weite Portal des Eingangs kam er geradeswegs zu den drei Gelübden der Armut,
der Keuschheit und des Gehorsams, und zu den drei Klassen, in welche Meister
Raymund du Puy die Hospitaliten teilte.
    Auf Prima, sagte der Ritter, sassen die Adeligen, welche er zur Verteidigung
des heiligen Glaubens und zur Beschirmung der Pilgrime bestimmte. - Dass sich
Gott erbarme! sagte die Ritterin, wiewohl in Gedanken, die den Worten zuweilen
erlauben, aus der Schule zu laufen.
    Auf Secunda, fuhr der Ritter nach einer Weile fort, sassen die Kapläne und
Priester des Ordens zum Gottesdienste; denn wenn gleich die Ritter allerdings
Geistliche sind, so können sie doch vom Adjectivo geistlich das Substantivum
Ritter nicht trennen. Sie richteten weltliche Sachen geistlich: - es waren
Nottäufer.
    Auf Tertia sassen die Brüder Unteroffiziere und Gemeinen, die zwar unadelig
waren, indes doch alle Fähigkeit hatten, im Kriege todt zu schlagen und sich
todt schlagen zu lassen; als in welche Klasse er zu seiner Zeit den Hofmeister
anzuwerben nicht abgeneigt schien, der indes sich leicht auf Secunda schwingen
könne. Diesem heiligen Drei fügte er noch Eins (überhaupt waren ihm die Dreien
sehr geläufig) hinzu, indem er die Ordensregel die Regula de tri nannte, welche
der Orden sich eigen gemacht, nachdem er zuvor seine Rechnung bloss nach den
gemeinen fünf Speciebus geführt hätte. Und nun liess sich unser Ritter in Malta
bei dem Grossmeister (er nannte ihn Grossherrn) melden, wünschte ihm eine frohe
Abenddämmerung und condolirte von Herzen, dass Se. Allerhöchstwürden Grossmeister
des Hospitals zu St. Jerusalem hiessen, obgleich Jerusalem, wiewohl bloss wegen
der gräulichen Sünden der Juden, sich noch jetzt in türkischen Händen befände,
und dass er den erhabenen Namen Guardian der Armeen Jesu Christi führe, wenn
nicht schon bekannt sei, ob, wo, und in wie weit nur eine einzige von diesen
Armeen, die himmlischen Heerschaaren ausgenommen, ein Lager aufgeschlagen habe.
    Die neue Ordensgeschichte hätte der Ritter gern für alte verkauft; er war
dabei so kleinlaut, dass er bei den acht Zungen, Sprachen und Nationen, in die
der Orden pfingstfestlich, wie der Ritter sich ausdrückte, verteilt ist, seine
Sprache verlor und das Collegium nicht endete, sondern brach, welches wohl
vorzüglich auf die Rechnung des Gastes gehörte, die zehn Pastores völlig zu
berichtigen nicht im Stande waren. Simonides sagte, er sei öfters mit sich
unzufrieden gewesen, wenn er geredet, aber nie, wenn er geschwiegen habe. - Ich,
fügte der Ritter hinzu, umgekehrt.
    Damit indes alles seine Art hätte (wofür der Ritter sehr war), und unser
Held in eine lebendige Sache geführt werden, und eine Experimentalgeschichte,
wie der Ritter es hiess, pragmatisch und praktisch lernen möchte, so liess er von
dem Vater des Hofmeisters verschiedene sehr prächtige Kleider entwerfen, als da
sind: ein rotes Oberkleid in Gestalt einer Dalmatica, welches die Ritter zur
Zeit des Krieges (den Gott in Gnaden abwenden wolle!) über ihrem Kleide trugen.
Dieser Ueberrock war vorn und hinten mit einem breiten Kreuze verziert. Nach der
Kriegszeit (die Gott in Gnaden abwenden wolle!) war die Friedenszeit (die Gott
in Gnaden zuwenden wolle!) zu sehen in Gestalt eines langen schwarzen
Leichenmantels. Beide Stücke wurden so gelegt, dass sich auf der linken Seite das
achtspitzige weisse Leinwandzeug zeigte. Das goldene Kreuz, welches die Ritter an
einem schmalen schwarzen Bande auf der Brust trugen, lag nicht minder auf diesem
castro doloris, und stach in der Abenddämmerung so trefflich ab, dass die
Ritterin ihren Mann ablöste, wie ein junger Adler sich über sich selbst schwang
und, ohne dass an die Unsichtbaren gedacht ward (auf die Fingerlein sah sie
nicht), voll kühner Phantasie und Diction sie also anredete: O ihr, die ihr
neugierige (nicht aber wissbegierige) Weiber und ungetreue Männer flieht, und nur
wohnt bei denen, die nicht sehen und doch glauben! Wenn es wahr ist, dass ihr in
der Dämmerung gern ungesehen unter Menschen wandelt und bei aller eurer
Behutsamkeit es doch nicht hindern könnt, dass ein heiliger Schauer uns eure
Gegenwart verkündigt - hört und antwortet uns im heiligen Schauer, als der
Sprache der Unsichtbaren! Haben diese Dämmerungsvorlesungen und diese
ausgebreiteten Kleider, die, ob ich gleich den Schneider kenne, der sie gemacht
hat, weil er der Vater unseres Hofmeisters ist, nicht etwas Seelenerhebendes in
sich? - Von Fingerlein kann ich mir keinen Begriff machen, wohl aber von guten
Geistern, die Gott den Herrn loben, und Kinder und Pilgrime geleiten, bis wir
zur Stadt Gottes kommen, wo wir, mit weissen Kleidern angetan, für Ritterpflicht
Ritterlohn empfahen werden - Amen! - Nach Eldorado, sagte der Ritter - Nach
Eldorado, das unter der Erde ist.
    Konnten euch, fuhr sie fort, o ihr Unsichtbaren! diese Kleider und unsere
Dämmerungsvorlesuugen nicht rühren, ob sie gleich mir fast das Herz abstiessen -
o! so rühre euch meine Rührung! Wüsstet ihr, wie gern ich einen von euch, fromme
und selige Schatten, sehen möchte, wie sehr ich euch liebe und ehre (verzeiht
mir diese Ausdrücke, weil ich nicht anders als menschlich zu reden verstehe),
ihr würdet, da ich gern auf Gegenehre Verzicht tue, mir Liebe schenken. Neigung
ist der Gegenneigung wert. - Mein Herz verdammt mich nicht. Engel! Geister!
Selige! oder wie ihr sonst heisst, Schatten mag ich euch nicht nennen, und glaubt
(wenn zu diesen Erdenworten euch nicht aller Begriff fehlt), glaubt, eure
Erscheinungen werden mich nicht schrecken. - Mögen die zittern, deren Gewissen
nicht bestehet in der Wahrheit. - Ist es möglich, so wünschte ich einen jener
trefflichen Ritter der Vorwelt, versteht sich in Begleitung seiner Ritterin, zu
sehen; und ist diese Bitte zu gross, so lasst mir meine Mutter, meinen Vater oder
das Freitisch-Fräulein erscheinen, damit ich über so manche Erden-Hieroglyphen
Licht erhalte - und vom Ende vom Liede, vom Ziel meiner Erdenpilgerschaft, vom
himmlischen Jerusalem. - Bin ich zu kühn in meinen Wünschen? Begehr' ich eine
Gotterscheinung? Schon eine Erscheinung meiner Lieben wird mich befriedigen,
meiner Lieben - die ich, als sie hier wallten, verstand, ehe sie sprachen, deren
Gedanken ich von fern kannte, und deren Innerstes ich erriet. Nur Gedanken
möcht' ich mit ihnen wechseln, nicht Worte - nicht Blicke -; nur Gedanken! -
Dann wäre das heilige Grab, das in der Vorzeit so viele treffliche Menschen zu
Licht und Leben brachte, das uns in diesen Dämmerungen begeisterte, eine Pforte
des Himmels geworden, uns und allen, deren Licht der Hoffnung im Grabe nicht
erlischt; dann wäre mir die Pilgerschaft dieses Lebens erleichtert. Halleluja!
    Kind, unterbrach der Ritter seine Gemahlin, ich kann zu deinem Halleluja
kein Amen sprechen! Lass ab von deinen Bitten, wodurch man nur niedere Seelen
fesselt! Ergebung ist der Ton der Menschen, auf den unser Geist gestimmt ist.
Die Wollüste der Geister sind geheim, so wie die Wollust der Liebe, die vom
Himmel strömt. Wahre Liebe ist ein unsichtbares Band, seiner noch als unsre
Nerven, die Lautensaiten in uns, auf denen die Unsichtbaren zuweilen spielen,
welche aber, wie Virtuosen, nicht immer dazu aufgelegt sind. - Wie anlockend!
Oft schlugen sie auch hier, während meiner Vorlesung, einen Triller, machten
eine Bebung, und dafür Dank! - Was du recht liebst, ist nicht das, was du
siehest, sondern das, was du nicht siehest: das Bild, das du dir von dem
Gegenstande deiner Liebe abziehst, und von welchem oft der Maler in seiner
Begeisterung einen Zug erhascht und trifft, der dich so hinreisst, als sähest du
deinen eigenen Geist, bald hätt' ich gesagt leibhaftig! Was soll die Einladung
der Himmlischen? - so lass uns die Unsichtbaren nennen, die Verwandten des
Geistes, der in uns ist, mit denen wir Gedanken unh Taten (die hohe Sprache der
Geister) wechseln, wenn wir gut sind. Wir sind Geist von einem Geist. - Gott
spricht, das heisst: Gott schafft. - So oft wir uns zu den Vollendeten erheben,
so oft lassen sie sich zu uns herab. - - Hier fiel schnell ein Blitz; ein
heftiger Knall folgte, und plötzlich flog die Türe auf. Man sprang auf. Grauen
und Entsetzen überfiel alle (die Ritterin ausgenommen, deren Gewissen gewiss und
wahrhaftig bestand in der Wahrheit) und jedes hatte, ohne zu wissen wie und
warum, die Hände gefaltet. - Die Dämmerung war zu Ende, man schlich sich ohne
Amen, nach etwa dreimal neun Minuten sinnloser Betäubung, davon und hatte das
Herz nicht, ein Wort über das, was so eben vor aller Augen vorgegangen war, zu
wagen; ich glaube, man getraute sich nicht daran zu denken. - Unser Held
entfaltete seine Hände zuerst, ging hin und machte die aufgesprungene
Flügeltüre zu, aber so leise, dass, wenn wirklich etwas Ueber- oder
Unterirdisches sie geöffnet hätte, dieses Etwas es nicht übel genommen haben
würde.
    »Wunderbar!« Freilich wunderbar! noch wunderbarer indes, dass man der Ursache
dieses Blitz-, Knall- und Türvorfalls nicht im mindesten nachspürte, so dass er
unerforscht blieb bis auf den heutigen Tag. - Warum sollte denn ein Geist mit
Blitz und Knall erscheinen, und, wie regierende Herren, vor sich her Kanonen
lösen lassen? Was kann einen Geist - dem es ein grösserer Vorzug sein würde,
durch verschlossene Türen einzudringen - bewegen, Türen zu sprengen und seine
Ankunft mit Geräusch zu bezeichnen, das man am wenigsten in der Geisterwelt, die
sich leider! so still hält, vermuten kann?
    Vater und Mutter umarmten ihren Sohn herzlich, sobald sie aus der Dämmerung
zum Licht gekommen waren; und er, edel unbefangen, so dass er diese Umarmung
nicht deuten konnte - wird er bei denen von seinen und meinen Lesern gewinnen,
die ihn wegen seiner vielen Nottaufen von so verschiedener Art verkannten?
Neunmal neun gegen Eins, viele seiner Verkenner hätten die Flügeltüren weit
offen gelassen! weit!
    Erst jetzt befragten Ritter und Ritterin sich unter einander wiewohl
heimlich, und zum ersten- und letztenmal, was jedes gesehen hätte? Beide
erwiederten sich, ausser dem Blitz und der geöffneten Tür nichts gesehen, und
ausser dem Knall nichts gehört zu haben; doch glaubte keines dem andern! Jedes
bildete sich ein, dem andern sei mehr erschienen. - Brannten nicht unsere
Herzen? fing der Ritter an. Waren nicht unsere Zungen feurig? erwiederte die
Ritterin. Bloss in dergleichen Dingen haben die Menschen immer mehr Zutrauen zu
andern, als zu sich; und der Hang, jedem Irrlichte von Orden, jedem: hier ist
es, da ist es, dort ist es, nachzulaufen, entsteht aus diesem sonderbaren
Misstrauen in sich selbst, und dem grösseren Zutrauen zu andern.
    Wer von meinen Lesern sich überredete, der Blitz-und Knall- und Türvorfall
habe die Dämmerungen auf immer verscheucht, irrte sich. Schon den andern Tag
ward der abgerissene Faden angeknüpft. Man schien, ohne vorher getroffene
Verabredung, entschlossen, sich durch nichts weder zur Rechten noch zur Linken
bringen zu lassen, und nach diesen Entschlüssen fing der Ritter keck an, wie
folgt:
    Der Blinde hat keinen Begriff von der Farbe, und - warum Zurückhaltung? -
wir keinen von Entkörperten. - Auch haben sie uns nicht zu befehlen! Guten Tag,
guten Weg! Sind sie nicht an ihre Pflichten, so wie wir an die unsrigen,
gebunden? - Gott und das Gewissen, oder wir selbst, haben uns zu befehlen -
sonst nichts, es sei, was es sei. - Wer wollte sich vor Unsichtbaren fürchten?
wer? Er schwieg, und ein Schauder ergriff alle. - Warum er stockte, weiss ich
nicht; wohl aber kann ich es verbürgen, dass er nicht glauben wollte, und doch
glaubte. - Ich läugne nicht, fuhr der Ritter nach dieser stummen Scene fort, den
Seelenanklang, die elektrischen Funken der Geister; was aber diese Phänomene
sind - wer kann das ergründen? Wir wissen nicht, was wir sein werden, und ich
verlange es auch nicht zu wissen. - Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Ewigkeit,
kommt Rat. Ein Körper würde dort uns zu schwer sein, und selten bleibt man ohne
Hauptflüsse, wenn man bekörpert ist. Wird das Kleid der abgeschiedenen Geister
im Schattenreich, in der Breite und Länge von den Leibern unterschieden sein,
die wir diesseits als wahre Dalmatiken tragen?
    Noch einmal! lasst uns nicht die Unsichtbaren fürchten; sie sind unsre
Mitgeister. Doch lieben können wir sie. Liebe ist das Hauptwort der andern Welt,
weil Glaube und Hoffnung sich dort im Genuss und Schauen verlieren werden. Lasst
mich, Geliebte meiner Seele, noch mehr von dieser Liebe mit euch lallen!
    Gewinnsucht ist das Wasser, welches das Feuer der Liebe bis zum letzten
Funken auslöscht. Die eigentliche Liebe ist Seelenliebe; sobald Fleisch und Blut
Teil daran nehmen, ist sie nicht mehr Liebe. Selbst in der heiligen Ehe, wo
Fleisch und Blut sich ihre Stimme nicht nehmen lassen, muss der Geist wider das
Fleisch gelüsten, wenn die Ehe sein soll, wie die unsrige ist, die unsrige,
liebe Sophie, wo wir in dem Sinne, den wir beide wissen, Fleisch und Blut
kreuzigen sammt den unzeitigen Lüsten und Begierden. Verstärken nicht
Abwesenheit und Entaltsamkeit die Liebe? Aller Besitz schwächt das Vergnügen,
der Besitz in der Liebe besonders; er ist ein Mordbrenner. Die Liebe muss
Widerstand haben. - Wenn ich je Mut hatte mich zu balgen, so war es als ich
dein Liebhaber war, ob sich gleich keine Gelegenheit zum Schlagen fand; wofür
Gott gepriesen sei! Der Nachbar, der jetzt unser erwünschter Schuldner ist,
konnte, wenn er gleich aus Amalfi gewesen wäre, sich Subordinations halber keine
Ausforderung herausnehmen; und glaube mir, Leute, die so viel Geld besitzen,
haben, bei meiner armen Seele! kein Herz. - Ohne Hindernis ist keine Liebe. Seht
da, worin die geistige Liebe die gemeine, die gemischte Liebe übertrifft! Unsre
Schulmänner, von deren Art der Schneiderssohn auch sein Teil besitzt,
behaupten: man könne Gott nicht lieben, weil die Liebe ein Opfer wolle, und weil
er unsichtbar ist. O, der Naseweisheit! Will die Liebe denn sehen? ist sie nicht
blind? Und was das Opfer betrifft - bring' ich nicht Hekatomben Gott dem Herrn,
wenn ich mich selbst überwinde? Ist es nicht, als lösten wir unser Wesen in
reinster Liebe Gottes auf - wenn wir edel und gross handeln? - Fliessen nicht in
diesen seelerhebenden Lagen Tränen, weil uns verlangt, immer edel und gross zu
sein - und weil wir es nicht sein können? Ist durchaus gegenseitiges Opfer bei
der Liebe nötig, so ist es eine Art von Opfer, dass Gott den menschenmöglichen
Eifer, vollkommen zu werden, dass er den reinen Willen für reines Vollbringen
ansieht. - Liebe gegen Gott und Gottes gegen uns ist von besonderer Art; und
warum hier eine andere Sprache, als die uns so wohl tut und geläufig ist? - Ist
sie kindlich; immerhin! - Können wir diesseits die Kinderschuhe ausziehen? - Es
ist noch die Frage, ob wir sie in der nächsten andern Welt ausziehen werden; und
doch - können wir es wagen zu behaupten, dass wir göttlichen Geschlechts sind,
dass wir in ihm leben, weben und sind! Du rufst die Unsichtbaren an, edle
Ritterin! Was für Heil aber können sie diesem Hause widerfahren lassen, das,
Gottlob! schon genug gekreuzet und gesegnet ist? Können sie deinen Vater zum
Edelmann und deinen Sohn zum Johanniterritter erheben? Vielleicht ist es gut,
dass wir mit der andern Welt in keiner Verbindung stehen; vielleicht sind wir mit
den Unsichtbaren verbunden, ohne dass wir es wissen. - Der Gast, der uns erschien
- noch erscheinen uns nicht entkleidete Geister, sondern Geister mit Körper
umgeben - war er nicht Geist? und wer kann es läugnen, dass er uns nicht Worte,
sondern Gedanken zurückliess, die ich, so lange die Augen meines Geistes und
meines Leibes offen sind, nicht vergessen werde, bis ich gen Eldorado komme,
welches unter der Erde ist! - Hätte er weniger, wie der jüngste Tag, gerichtet
die Lebendigen und die Todten, er würde mir lieber sein; erhabener kann er mir
nicht werden. Wir wollen sein gedenken, ob er uns gleich manche Dämmerung durch
sein Licht verdorben hat. Denke sein, Jüngling, den er so fest an sein Herz
drückte, als er segnend von hinnen schied! Denke sein, Weib und Mutter, und lass
ab von deinen Bitten an die Himmlischen - die so dringend waren, dass man
inbrünstiger nicht beten kann, als du die Geister citirtest! Doch bist du nicht
die Erste, welche das heilige Grab der Welt und allem, was darin ist, entriss!
Lass uns, edle Ritterin, zufrieden sein mit dem, was da ist, mit dem, was uns
Gott gab, und mit dem, was er uns entzog. Diese Ordenskleider sind nicht für
unsern Sohn; doch wird auch er nicht im Blossen bleiben, sondern seinem ihm
beschiedenen Teile nicht entgehen. Kleider erwärmen uns, sagte der Gast, nur in
so weit unser Körper ihnen Wärme erteilt, ob sie gleich die Windbeutelei haben,
diese Wärme für ihr Eigentum auszugeben. - Der Leib ist das Kleid der Seele. Es
gibt ein Ziel, das jeder erreichen kann; das Ziel der Vernunft und der
Menschheit. - Sohn! ringe, da du das Johanniterkreuz zu erhalten nicht im Stande
bist, dass du doch diesen olympischen Kranz erreichest, wozu Gottes heiliger
Geist dir seine Gnade, seine Kraft und seinen Beistand verleihen wolle! Vergiss
nicht die weisen Lehren des Gastvetters, die, das Bittere abgerechnet,
vorzüglich dir nützlich und selig werden können. Mancher, sagte der Vetter,
hängt einen Kranz aus, weil sein Wein schlecht ist. Der dürftigste Gastwirt
nimmt sich die Freiheit, Heinrich IV. als Schild auszuhängen, und das
feierlichste Gesicht verbirgt einen Alltagskram von Kinderspiel und Puppenwerk.
Der Virtuose putzt sein Instrument nicht; der Gelehrte lässt seine
Lieblingsbücher broschiren, und nur der Ehemann das Portrait der Frau Gemahlin
in einen goldenen Rahmen fassen: der Liebhaber nicht also, um das Bildnis seiner
Geliebten überall mitnehmen zu können. - Das deinige, liebe Sophie, ist
ungefasst. - Ich schliesse mit Worten aus dem Schatzkästlein des Gastvetters: die
Vernunft ist unser Schutzgeist. Befrage sie, und denke ans Ende, so wirst du
nimmermehr Uebles tun! -
    Das ganze Auditorium schwieg; und wenn es überhaupt Geister gibt, und wenn
von ihnen wirklich einige gegenwärtig gewesen und diese Unsichtbaren anders gute
Engel sind, so müssen ihnen die hellen Tränen in den Augen dieses Kleeblatts,
wovon immer eine nach der andern den Augen entzitterte, gefallen haben.
    Was ist - fing der Ritter nach einer Weile an - was ist unsere Pflicht in
jeder Dämmerung, und besonders heute in dieser Dämmerung, da wir unsere
Vorlesungen schliessen? Zu denken an die Dämmerung aller Dämmerungen: zu denken,
dass unser Leben ein Ziel hat und wir davon müssen. Wenn wir unsterblich wären;
wenn unser Sohn nie zum Besitze dieses Schlosses und seiner Kreuze kommen
könnte; wenn meine Hauptflüsse, derentwegen ich die Mütze trage, nie ein Ende
gewönnen, ach! dann würd' ich deiner Geistercitation beitreten; jetzt aber, da
wir nach diesem Leben noch sein, und, wie wir nach der Liebe hoffen, die Ehre
haben werden, vielleicht nicht mit grössern, aber bessern Wesen, als die Menschen
sind und jemals sein können, Bekanntschaft zu machen und uns ihnen anzuschliessen
- jetzt - ein grosses Jetzt! - lasst uns bei der Todtenfarbe dieser Ordenskleider
uns freuen, dass Tage unsrer warten, wo Kopfflüsse und aller Jammer und alles
Elend aufhören! Der Tod - wer kann es läugnen? - ist ein Türke, der sich
überwinden lässt; allein dieses Leben, wenn es ewig wäre, würde uns mehr zu
stehen kommen, als wir haben und auftreiben können. Warum wollen wir so lange am
Ufer weilen und uns besinnen? - Frisch gewagt ist halb gewonnen! - Hinüber! - Es
ist ein Gott - und es ist sein Funke in uns. Getrost! - Wer ein reines Gewissen
hat - was darf der fürchten? Lasst uns nicht vergessen, dass der, welcher uns
diesseits so viel Gutes zuwandte, uns jenseits nicht aufgeben wird! - Tugend
bedroht Wind und Meer, und es wird stille! Gewonnen! Der Gast sagte: Nicht die
Liebe zum Leben, sondern die Furcht vor dem Tode, macht, dass man sich an das
Leben hängt. Vielleicht könnte man es dahin bringen, dass man das Leben fürchtete
und den Tod liebte. - Warum so weit? Lasst uns das Leben lieben und auch den Tod!
Lasst uns den Tod fürchten und auch das Leben! Diese Lehre hat uns Pastor loci,
der zwar kein Gastvetter ist, doch aber gar wohl auf Secunda zu sitzen verdient,
in einer Homilie ans Herz gelegt! - Der Mensch ist einmal an Tag und Nacht
gewöhnt, und so wechselt es bei ihm wunderlich. Seine beste Tageszeit ist die
Dämmerung, wo die Furcht mit der Liebe, und die Liebe mit der Furcht in Streit
ist. - Wie der Baum fällt, so bleibt er liegen. - Eine Eiche bleibt, auch wenn
sie hingerichtet ist, eine Eiche, und eine Ceder eine Ceder. Stände, das hoff'
ich, werden auch in der andern Welt sein. Es gibt deren unter guten und unter
bösen Engeln; und der Gast sage, was er wolle - wer im irdischen Jerusalem als
Edelmann treu befunden wurde, wird auch als Edelmann eingehen im himmlischen
Jerusalem gen Eldorado, wo Gerechtigkeit wohnet. - Wer Weizen säet, erntet
Weizen. Roggensaat und Hafersaat tragen homogene Früchte. - Eine andere Klarheit
hat die Sonne, eine andere der Mond, eine andere die Sterne. - Ein Kreuz ist des
Sterns Fundament, und ohne Kreuz und Leiden - was wird gross und was kann gross
werden? Was kann in der Natur ohne Kreuz bestehen? was in der Kunst? Der Mensch
und seine Wohnung ist kreuzweise. - Necket eure Hände aus einander, und ihr seid
ein Kreuz. - Wer es hört, der merke darauf! - Ich freue mich, meine. Lieben, dass
ich diese Vorlesungen mit dem Gedanken schliessen kann, euch ein Licht in mancher
Dämmerung angezündet zu haben. Auch habt ihr wohl gefunden, dass ich unvermerkt
hier und da den edlen Gast freundvetterlich zu widerlegen gesucht! - Seine
Grundsätze von Selbstadel verdienen vor allen eine Prüfung. - Gar zu scharf
macht schartig. - Gott ist von Natur gut, Menschen müssen es durch Erziehung
werden; - und leisten da nicht Geburt und Ahnen herrliche Dienste? Eben darum in
allen deutschen Titeln (bis auf die fürstlichen, denen ich auch das Wort zu
reden nicht gesonnen bin) das Wort geboren. Originale sind schön, sagt man, und
selbst wenn sie zu weit gehen; ihre Fehler sind besser, als die Schönheiten
mittelmässiger Menschen. - Mit oder ohne Erlaubnis des Herrn Vetters, ich nicht
also! Die Ehre ist in die Originale verliebt, nicht Originale in die Ehre. - Ist
denn da der Unterschied so gross? - Ich sollte denken. Muss man denn entweder der
Ehre nachlaufen oder von ihr gesucht werden? Warum immer Extreme, lieber
Gastvetter?
    Nach dieser Rede, welche der Ritter unvorbereitet hielt, so dass das Feuer in
seiner ersten Kraft wirkte, und nach verschiedenen Postscripten von Vorträgen,
welche er noch auf seinem Herzen und Gewissen hatte, brach die Ritterin in
Begeisterung aus, und redete wie folgt: Mein teuerster Gemahl! Es gereicht dir
zu keinem Vorwurf, dass du nicht am heiligen Grabe und in Jerusalem gewesen bist.
Du hast uns durch die Macht deiner Zunge und den Nachdruck deines Geistes bis
ins Allerheiligste gebracht, wo nur dem Hohenpriester im alten Bunde die
Erlaubnis des Einganges nachgelassen war. Du hast frei herausgeredet, und nicht
wie die alten Orakel und manche verfehlte Witzköpfe, die sich mit
Zweideutigkeiten abgaben und noch abgeben. - Da die heiligen Örter nicht auf
dem Wege nach Sonnenburg liegen, so würde ein Umweg dieser Art zu einer Zeit, wo
das strenge Wechselrecht dich unbarmherzig verfolgte und gar sehr erbittert
gegen dich war, einer der unheiligsten Gedanken gewesen sein, der dich hätte
anwandeln können; und auch jetzt, da sich das Blatt jenes strengen
Wechselrechtes gewendet hat, legen sich dieser Reise die wichtigsten
Bedenklichkeiten wegen deiner Mütze, deren du nicht ohne die betrübtesten Folgen
entbehren kannst, in den Weg. Ohne wirkliches Wunder, welches im neuen Bunde
nicht zu erwarten ist, bleibst du bei uns und bei deiner Mütze, die dir gewiss
nicht schlechter steht, als irgend einem Bischofe, dem sein Teil unter den
Gläubigen oder Ungläubigen beschieden ist. Der Hildebrandismus hat unsere
Bischöfe und Aebte mit Inful und Stab verherrlicht; deine Mütze hat die Natur
dir aufgesetzt. - Auch bin ich mit deiner Resignation, nichts in originali sehen
zu wollen, um so zufriedener, da dein Sohn Erziehungs-Instruktionen braucht,
wovon du schon so manches Meisterstück geliefert hast. Ueber das sechste Gebot
bist du hinaus, lieber Gemahl; und ich müsste deine Umstände weniger kennen, wenn
ich nicht dieserhalb eben so sicher, wie im Schoss Abrahams, sein wollte. Wie
wär' es indes, wenn wir jene heiligen Örter in effigie darstellten? Denn wenn
auch nicht die vornehmsten regierenden Herren unsere Gevattern wären, so fänd'
ich doch bei dieser ganzen unschuldigen Sache keine Bedenklichkeit von Gottes-
und von Staatswegen. Das Geld bleibt nicht nur im Lande, sondern wenn Fremde aus
fernen Staaten nach diesen Heiligtümern wallfahrten, muss die Geldmasse im Lande
sichtbarlich steigen. - Reizt die Wahrheit wohl, wenn sie nicht mit etwas
Ceremoniell, mit Kunstwörterkram, oft selbst mit Wahn, ausgeziert ist?
Hypotesen spielen in der Philosophie eine nicht kleine Figur; und eröffnet die
Phantasie, wenn sie am Tage kein Privilegium von uns erhält, nicht in Träumen
ihr privilegirtes Teater? Warum sollten wir uns dieses Geschenks der Natur
schämen, wenn nur beim Feuer der Phantasie unser Urteil kalt bleibt? Hätte man
mehr als Ein Grab Christi gehabt - würde wohl die werte Christenheit den
unwerten Türken dessfalls zinsbar geworden sein? Hat man denn nicht der heiligen
Reliquien sehr viele doppelt, drei- und vierfach? und ist es nicht gleich, wenn
nur das Andenken von ihnen dadurch befördert wird? Bewahrt man nicht Christi
Tränen, und, wenn ich nicht irre, irgendwo einen seiner Seufzer auf? Würde man
von den Ueberbleibseln des Kreuzes Christi, die man weit und breit zeigt, nicht
einen ziemlichen Palast erbauen können? - Die Wallfahrten zu unsern heiligen
Orten werden so gefahrlos sein, dass ohne unsere Erlaubnis kein Türke es wagen
wird, sich hier anders als wie ein Gast einzufinden; und dann sei er uns
willkommen. Der Kosmopolit, der fern von niedrigem Egoismus das Wohl seiner
Nation beherzigt, verdient Liebe; allein, wer das Weltwohl umfasst, Verehrung. -
An die Erbauung mag ich nicht denken, die hier ein jeder, wenn er Erbauung sucht
und dazu empfänglich ist, gar reichlich finden wird. Die guten Werke müssen dem
Glauben vorausgehen; nach meinem gläubigen Dafürhalten ist er eigentlich nur da,
das Fehlende zu ersetzen. Ach lieber Gemahl! warum sollten wir uns selbst
vermessen, besser zu sein, als wir sind? Der Mensch, man sage was man will, hat
eine überwiegende Neigung zum Bösen. Gott weiss, wie er dazu kommt! - - Wär' ich
eine eben so grosse Freundin von der Erbsünde, wie du, Geliebter, ein Freund von
dem Erbadel bist, ich würde in die Anfechtung fallen, sie in mein Credo zu
nehmen. Und Gott! welch ein Ziel, zu dem wir verpflichtet sind! Ein Ziel, das
wahrlich so leicht nicht zu erringen ist! - Wer hat es bis zur Heiligkeit
gebracht? ausser in seinem Titel, nach welchem dir, mein Gemahl, zum Beispiel,
ein zwiefaches Heilig gebührt. Das Ziel der strengsten Gewissenhaftigkeit ist
unsere unablässige Pflicht; und wird dies Kleinod ohne den frischen stärkenden
Hauch der edlen Empfindungen zu erreichen sein? Ist es nicht eine Schande, das
Ziel zu kennen, Kraft zu haben, und doch nicht an Ort und Stelle zu kommen? -
Hätte der Gastvetter nur die ersten Spuren zu diesen heiligen Oertern entdeckt -
würd' er wohl so. kopfschen gewesen sein? Was sah er jetzt? Schwert, Speer und
Lanze und eine Kreuz-Sammlung, die nicht zu verachten war, gegen die heiligen
Örter aber wie gar nichts ist. - Zwar sind die selig, die nicht sehen und doch
glauben; indes geht sehen vor sagen. Und siehe da! Geliebter meiner Seele! Wir
werden Verdienste besitzen, ohne die Eifersucht aufzuregen, und unschuldiges
Vergnügen geniessen, ohne Feindschaft zu bewirken. - Können Dichter die tiefste
Einsamkeit beleben, und (nach der Versicherung eines von ihnen) Zungen in
Bäumen, Bücher in Bächen, Predigten in Steinen finden: wie weit herrlicher wird
unser Plan ausfallen, wenn wir bei der edelsten Musse, die uns Gott und der
Emsige machte, und die uns erlaubt, wir selbst zu sein, die Seelen der Vorzeit
einladen werden, in diesen elysischen Feldern umher zu wandeln! - - Ruhm und
Ehre in der grossen, weiten und breiten Welt, und auf derselben Kreuz- und
Querzüge, sind den Kapitalien gleich, die, so wie die Mitgaben geiziger
Schwiegerväter, nicht eher als nach ihrem Ableben bezahlt werden. Mein Vater,
der Emsige, nicht also! - Was hilft der Nachruhm? Ich bin für den Vorruhm, den
ich noch im Leben geniesse, und der, ob er gleich ein geistiger Genuss ist,
dennoch die Güte hat, auf meinen Credit und meinen Magen Einfluss zu behaupten.
Wohl uns, lieber Gemahl, dass wir hier Vorruhm ernten können die Hülle und Fülle,
ohne dass wir fürchten dürfen, an Stelle und Ort lächerrlich zu werden! Hier wird
kein Schauspieler, keine Schauspielerin unser Gesicht, unser Auge, unsern Gang,
oder den Schnitt des Kleides oder deiner Mütze leihen, um uns, wie den Sokrates
in den Wolken, lächerrlich zu machen.
    Weib, fiel der Ritter ein, von Stunde an sollst du nie schweigen in der
Gemeine! Und hinge es von mir ab, du solltest 16 und 32 Ahnen haben, weil du sie
mehr als zehn andere verdienst, die damit ausgestattet sind. Längst war dieser
Anbau der geheimste Gedanke meiner Seele; doch wusste ich nicht, ob er bei dir
auf ein erwünschtes Land fallen, und, wie es am Tage ist, tausendfältige Früchte
bringen würde. Wie viele Jahre haben wir ungenutzt dahin sterben lassen, und wie
viel weiter würden wir sein, wenn wir früher angefangen hätten! Was sind die
dürftigen Ueberbleibsel der Johanniterordens-Ritterschaft gegen einen solchen
Anbau? Was jener Detailverkehr gegen diesen Handel en gros? Die Aerzte leiten
Flüsse, die sie nicht vertreiben können, an minder gefährliche Orte ab; - warum
soll ich über den meinigen einen Stab brechen, da er mich nicht mit heroischen
Mitteln, sondern durch eine Mütze im Geleise erhält? Ich werde in kurzem alles,
was noch anziehende Reize für mich hatte und was mich meiner Gemächlichkeit
untreu machen könnte, aus meinem Fenster sehen, ohne meine Mütze anders
abzunehmen, als aus Ehrfurcht vor Heiligtümern, deren Schöpfer wir waren. Wenn
andere an die Mühseligkeiten dieses Lebens denken, oder an ihren unsterblichen
Ruhm, wie Epikur, oder an die Rache, die unsere tapfern Brüder an ihren Feinden
nahmen, um durch diese Nebenwege den Bitterkeiten des Todes auf den Hauptwegen
auszuweichen, so wird unser neues Jerusalem die Todesfurcht schwächen, und der
inwendige Mensch, der sich an diesen heiligen Oertern weidet, den auswendigen so
betäuben, dass dieser sich über sich selbst erheben wird, um nicht den bekannten
Vorwurf zu verdienen, der die meisten Sterbenden mit Recht trifft, dass sie sich
wie Kinder geberden, die man mit Gewalt zu Bett bringen muss. Es ist leichter,
seine Leidenschaft zu ändern, als sie zu bezwingen. - Hat die Philosophie eine
andere Absicht, als uns von der Hauptsache ab, und auf Nebenumstände zu leiten?
- Xenophon war im Opfer begriffen, als man ihm sagte: dein Sohn ist geblieben.
Er nahm seinen Kranz ab, doch nur auf einen Augenblick. Der Gedanke, dass der Tod
seines Sohnes eine Pflicht, ein Heldentod gewesen sei, beruhigte ihn; er setzte
seinen Kranz wieder auf, und räucherte weiter. Was dem Xenophon der Kranz war,
das wird mir diese Mütze sein; mit dem Unterschiede, dass unser ABC-Sohn sich
durchaus nicht der Gefahr aussetzen soll, in einem Treffen zu bleiben.
    Die Ritterin war entzückt über die Wonne, die ihr Vorschlag ihrem Gemahl im
Leben und Sterben vorbereitet und über die Aufstrebung seines Geistes, die sie
besonders seit seinen Kopfflüssen selten oder gar nicht an ihm bemerkt hatte;
sie benutzte seine Ekstase und bat für den Schneiderssohn, dem sie weiland einen
Stich beigebracht, um Kraut und Pflaster auf diese Wunde zu legen. »Was jener
Kritikus dem Jupiter zurief: Du bist böse, also musst du unrecht haben! das hab'
ich mir schon oft im Stillen ins Ohr gesagt. - Ein guter Schwimmer, wenn er auch
untertaucht, kommt doch wieder hervor. - Den Armen wird das Evangelium
gepredigt! - Beim Bau der herrlichen Stadt Jerusalem sind nicht bloss Meister,
sondern auch Gesellen nötig, und es trügt mich alles oder der Schneiderssohn
ruft sich mehr als ehemals zu: wer da steht, mag wohl zusehen, dass er nicht
falle. Wir weinen da bitterlich, wo uncultivirte Menschen auch nicht die
kleinste Gelegenheit zur Betrübnis finden; wo jene vor Lachen sich auszuschütten
scheinen, finden wir keinen Anlass zum Lächeln. Man muss die Wurzeln, die in jedem
Menschen liegen, aufsuchen. Das was über der Erde ist - ist es wohl im Ganzen
der Rede und des Gaumens wert?«
    Ja!! war das Resultat, und der Junker, der die Tür leise zumachte, als Not
am Mann war, sollte der Herold dieses Avancements sein, welches im ganzen Hofe
viel Aufsehens und Glückwünschens gab. - Wenn unsere Wünsche erhört werden,
dünkt es uns, als hätten wir ganz etwas anderes gewünscht; wir kennen das Ding
in der Wirklichkeit nicht wieder, das wir in unserer Idee entwarfen; unser Weib
ist ein ganz anderes Wesen als unsere Braut. - Der Hofmeister war, vielleicht
aus Heimtücke, weil er an den Dämmerungen keinen Teil hatte, bei diesem
Avancement sehr kalt. Er äusserte sogar über diesen Jerusalemsanbau den
Nähnadeleinfall, dass der Ritter es hier nicht viel besser mache als Mahomet,
der, nachdem er vergebens den Berg citirt hatte, sich kurz und gut besann, zum
Berge zu gehen, weil dieser, nach Art der Berge, so grob gewesen und es rund
abgeschlagen, zum Mahomet zu kommen. Die Erfahrung indes hatte unsern
Einfällisten gelehrt, dass man zuvor zuschneiden muss, ehe die Nadel anzuwenden
ist; so wusste er denn seine Bitterkeit zu kreuzigen sammt ihren Lüsten und
Begierden, und die Grossmut zu verehren, welche er der Ritterin zu verdanken
hatte. - Man wollte den Bau nicht übereilen oder wie der Ritter es uneigentlich
nannte, sich mit dem Bau nicht in die Flucht schlagen. Kommt Zeit, kommt Rat,
hiess es. - Die Frage, ob der erste oder der zweite Tempel zum Muster dienen
sollte, ward unentschieden reponirt. Sowie indes der Salomonische Tempelbau in
aller Stille unternommen ward, so sollte es auch bei dem Rosental'schen
gehalten werden, ohne dass der Herr Vetter, ehe es Zeit wäre, einen Hammerschlag
hörte. Unser Held, der durch das Grab Christi und die Pilger über den Verlust,
den er an den Freimaurern gemacht, fürs erste beruhigt und durch so viele schöne
Schlussreden äusserst bewegt schien, war voll heiligen Posaunentons und voll
Jubelsprünge über so viele Jerusalemsanstalten. Er hatte beim Schlusse der
Dämmerungen mit Ja und Amen verheissen, da er nach dem Laufe der Natur länger als
seine Eltern zu leben erwarten könne, bei dieser Dämmerungsstätte ihr Andenken
heilig sein zu lassen. - An dem Tage, da der Aufbau eines neuen Jerusalems, mit
Zuziehung des Predigers und des Hofmeisters, collegialisch beschlossen ward, gab
die Ritterin ein Mahl, das man ein Denk- und Merkmahl nennen konnte. Man kam aus
einer finstern Kammer - in die der Mond selbst nur ein bescheidenes Licht zu
werfen sich unterstand, als wenn er, der Waffenträger der Sonne, nur verstohlen
hineinzusehen sich erlauben könnte - in einen herrlich erleuchteten Saal. Licht
und Klarheit herrschten hier; und da eine gewisse innige Zurückhaltung sehr zur
Feierlichkeit hilft, so ward dieses Ehrenmahl mit einem Anstande gegeben, dass es
dem Pfarrer selbst dünkte, als sei es für diesen Tag zu gross und zu köstlich,
und als würde die Einweihung Jerusalems nicht herrlicher ausfallen können. Als
man aus der Dunkelheit in das Licht kam, rief der Pastor entzückt aus: so war
es, als Aeter aus der ewigen Natur heraus geschlagen ward! - Gerufen, sagte der
Ritter, und der Pastor räusperte sich. Nicht die äussere Pracht, sondern die
Wirkung, die dergleichen Feste auf Acteurs und Zuschauer machen, entscheidet.
Alles war festlich geworden, so dass man sich kaum unter einander kannte. Die
vertrautesten Brüder hätten Anstand genommen sich zu dutzen. Baron und Baronin,
Junker, Pastor und Hofmeister waren einander so fremd, als ob ein Ungefähr sie
zusammengebracht hätte. Die herrlichen Kleider, welche durch die Hände des Hof-
und Ordensschneiders gegangen waren, fanden als allerliebste Masken allgemeinen
Beifall, und es ward beschlossen, dass auch der grossmeisterliche Anzug, der
Schnabelmantel (Manteau à bec), welcher den Rittern bei Ablegung der Gelübde
gegeben ward, die Kleidung der Rittergrosskreuze, wenn sie zur Kirche und wenn
sie zu Rate gehen, von eben der Meisterhand dargestellt werden sollten. Der
Schneidervater hatte mit vieler Schlauigkeit von seinem Sohne ein Wort aus der
Heraldik aufgefangen, und da er bei Gelegenheit dieser Kleidungsstücke gross
tat, sich brüstete und seinen Mitmeistern gar deutlich zu verstehen gab, dass
sie Idioten wären, nächstdem zufolge so mancher von dem Ritter aufgefangener
Winke sich bemühte, aus dem Schnabelmantel wie aus dem Hechtskopfe das Leiden
Christi zu erklären, so erhielt er von einigen stichreichen jungen Meistern, die
er in der ersten Hitze Grünschnäbel zu nennen kein Bedenken trug, den Beinamen:
Heraldikus, ohne dass ihm jemand von allen gewanderten Jung- und Altmeistern die
Ehre streitig machen konnte, den ersten Schnabelmantel bei Menschengedenken
gefertigt zu haben. Der Schneidervater, voll unbändigen Stolzes, kränkte sich
über den unverdienten Spottnamen Heraldikus zusehends und zwar so, dass sein
Sohn, der hierzu Gelegenheit (freilich die unschuldigste von der Welt) gegeben,
diesen Schaden Josephs nicht nur kindlich zu Herzen nahm, sondern ihn auch zu
heilen bemüht war. - Umsonst! unsern welkenden Hypochondriakus konnte nichts
erfrischen. Der Spottname Heraldikus war wirklich der Hauptnagel zu seinem
Sarge, in welches der Schnabelmantel-Märtyrer, nachdem er den Schwanengesang als
Ordensschneider gar lieblich gesungen hatte, bald nach diesen Tagen einging.
Hatte Nicolaus Copernikus mit seinem neuen Weltsystem ein besseres Schicksal? -
Die gottlosen Schneiderjungen konnten nicht umhin, noch auf den bescheidenen
Stein, welchen der Schneidervater sich auf sein Grab legen liess, Heraldikus,
wiewohl bloss mit Kreide zu schreiben! Der Sohn, welcher den Vater liebte, war
nicht so unverschämt, sich seines Vaters zu schämen; indes freute er sich doch
im Herzen, als er starb. Er glaubte sein Ansehen auf Secunda desto fester zu
gründen und es je länger je mehr dem Flusse der Vergessenheit näher zu bringen,
dass er Schneiderssohn sei. Da
                                     §. 32.
                                        
                                   Jerusalem
wohl unbedenklich der Hauptsitz aller Sanctuarien ist, so war Jerusalem unserm
Ritter ein teures, wertes Wort. Das Hauptstück in Jerusalem war der hohe Rat.
Ging doch, nach der ältesten Urkunde, Gott der Herr zu Rate, ehe er Menschen
schuf. Das erste, was von Jerusalem in Rosental sichtbar wurde, war eben dieser
hohe Rat, dem ich hiermit meine Verbeugung mache. - Ob nun gleich die in diesen
hohen Rat gezogenen beiden Ratsherren, der Pastor und Hofmeister loci, eines
Tages es auf Betlehem anlegen wollten und unwiderlegbar zeigten, dass die
Abbildung dieses Fleckens und der Krippe weit weniger als Jerusalem sowohl auf
dem Papier als auch unter freiem Himmel zu stehen kommen würde, zu geschweigen,
dass die Hirten loci am Weihnachtsheiligen Abend dieser feierlichen Erinnerung
einen sehr naturgemässen Nachdruck zu geben im Stande wären, so blieb der Ritter
doch bei der Hauptstadt Jerusalem. Auch schien er es den Herren Räten übel zu
deuten, dass sie sich nicht entblödeten, Hirten in das Johanniterspiel zu
bringen, für welche er keine Classe hatte, ohne dass sie den Herren Secundanern
in jeder Rücksicht zu nahe gekommen wären. Jerusalem blieb das hohe Wort, das Ja
und Amen bei allem ritterlichen Dichten und Trachten, und den beiden
bürgerlichen Räten blieb nichts weiter übrig, als ihr Haupt bei dem Worte
Jerusalem zu neigen und den artigen Flecken Betlehem aufzugeben. Zur Nachricht.
Wöchentlich wurden zwei Sessionen gehalten, die den Namen hoher Rat von
Jerusalem führten. Von Stiftungsbrief und Ratssiegel hab' ich in den erhaltenen
Papieren keine Reliquien gefunden. - In diesem hohen Rate ward alles
vorgetragen, was zur Abbildung der heiligen Örter nur förderlich und dienstlich
sein konnte; indes blieb, wie es in Collegiis wohl zu sein pflegt, alles auf dem
Papier, wo wir es denn auch fürs erste werden lassen müssen.
    Schon von jeher hatte der Ritter den zehnten Sonntag nach
                                     §. 33.
                                        
                                   Trinitatis
zu seinem Lieblinge erkieset, an welchem das ordentliche Evangelium Jerusalem
zerstört. »So lange,« pflegte der Ritter zu sagen, »noch ein Stein auf dem
andern bei mir ist, so lange diese meine Augen offen stehen, will ich dein nicht
vergessen, Jerusalem. An meinem Busen hab' ich dich gezeichnet!« Die gnädige
Frau und unser Held, der im hohen Rate den Collegen Junker machte, trugen zu
allen diesen Denkwürdigkeiten die Wetterbeobachtung bei, dass es seit ihrem
Gedenken an diesem Sonntage beständig schwül gewesen, als wenn Jerusalem nach
dem Untergangsbrande rauche! Sonne und Mond werden ihren Schein verlieren,
erklärte die Ritterin (ihrem Gemahl zur Seelenwonne) von Gross- und Heermeistern,
die leider! ihren Schein verloren hätten. »Die Sterne, die vom Himmel gefallen,«
sagte sie, »scheinen mir die Johanniterritter, welche Gott wie die Wachteln zum
Besten der Juden in den Wüsten des alten Testaments (ganz aus der Wüste ist das
jüdische Volk nie gekommen) vom Himmel fallen lassen, um für den ersten Anbiss
seinem Volke, das sonst vor Hunger gestorben sein würde, Helden zu schaffen.«
Unserm Ritter war die von den Wachteln hergenommene Erläuterung des
Sternvergleichs nicht so ganz in optima forma, und der hohe Ratmann Pastor loci
konnte von der Exegetik dieses Textes keinen Gebrauch machen, ob er gleich das
Ingenium der gnädigen Frau zu lobpreisen nicht ermangelte. Da er die
Hauptperson, so wie jedes, so auch dieses Lieblings - Sonntags des Xten nach
Trinitatis war, so gab er sich jahrjährlich Mühe, dem hohen ritterlichen Hause
mit etwas Neuem vom Jahr und etwas Unvermutetem aufzuwarten, und je nachdem
dieses Neue vom Jahre fiel, je nachdem war auch der Ritter erkenntlich.
    Im Jahr 17- beschloss der hohe Rat, diesem X. Sonntag nach Trinitatis den
Namen Kreuz- oder Rittersonntag beizulegen und seiner Feier eine besondere
Etikette vorzuschreiben; denn da der Ritter je länger je hochwürdiger ward,
oder, wie er sich ausdrückte, sich ganz dem heiligen Orden und der heiligen
Stadt widmete, so hatte er sich mit der unerlässlichen Pflicht belastet, an
diesem Sonntage den Johannitermantel anzulegen und so seinen Einzug in die
Kirche zu halten, um sowohl hierdurch, als durch Kniebeugen, eben die Ceremonie
zu beobachten, als wenn der Ritter des heiligen Johannes, Freiherr des heiligen
römischen Reiches, die heilige Communion empfing. Schwärmerei macht oft den
Scheinphilosophen zum Scheindichter, den Scheindichter zum Scheinphilosophen,
den Narren klug und den Klugen zum Narren. Begeisterung ist der Geist, wovon die
Schwärmerei der Schatten ist; - und eine gewisse Feierlichkeit, welche eine kalt
gewordene, eine verrauchte Begeisterung heissen könnte, hilft der Schwachheit
derer aus, die entweder jederzeit arm an Begeisterung sind, oder die nur eben
heute nicht dazu aufgelegt waren - und wer kann seinen Geist anstrengen, ohne
dabei einzubüssen? wer immer in höchster Geistesgalla erscheinen, wenn es
angesagt wird? Ist das Alltagskleid rein - was geht denen ab, die es angezogen
haben?
    Hierauf (so fing der Pfarrer seinen Text nach einem gläubigen und
andächtigen Vater Unser an) wolle eine christliche Gemeinde das heutige
ordentliche Sonntagsevangelium vorlesen hören, welches am X. Sonntage nach
Trinitatis in der Gemeinde des Herrn pflegt verlesen und erklärt zu werden, wie
uns solches der Evangelist Lucas im neunzehnten Kapitel vom einundvierzigsten
bis achtundvierzigsten Vers beschrieben hat. Es lautet in unserer deutschen
Luterischen Uebersetzung also.
    Bei diesen Worten setzte sich unser in der Demut grosse Ritter in kniebaren
Stand; und bei dem ersten Worte des Textes:
    »Und als er nahe hinzu kam,«
fiel er nieder mit seinem ganzen Hause, bis auf den Hofmeister, dem, wenn er
gleich aus dem Unter- ins Oberhaus gekommen, und von einem Whig des gesunden
Menschenverstands ein Tory des hohen Rates geworden war, das Knien am X.
Sonntage nach Trinitatis bei Vorlesung des ordentlichen Sonntagsevangelii in
Rücksicht seines Standes, und weil sein Vater ein bekannter Schneidermeister mit
dem Zunamen Heraldikus gewesen, nicht eignete und gebührte.
    »Und als er nahe hinzu kam,« wiederholte der Prediger, »sah er die Stadt
an,« -
    Nämlich Jerusalem, sagte der Ritter auf seinen Knien ganz laut, so dass es
die ganze Gemeinde hörte. - Jerusalem! ward von einigen frommen Weibern aus dem
Volke kläglich nachgeseufzt:
    »und weinte über sie,«
fuhr der Prediger fort, um eine lange Pause zu machen: denn er wusste, was in der
ritterlichen Rolle stand, und was dieser Vers zu erwarten hatte. Tränen aus
einem alten Hause sind Perlen; auch werden sie, falls man dem Dichter glauben
darf, wenn das Stündlein vorhanden ist, um das letzte Diadem zu zieren, sich in
tausend Perlen verlieren. - Es sah nicht viel anders aus, als ob der Pastor den
Zapfen in der Hand hielte, um diese Tränen laufen zu lassen. Der Ritter war
gerührt: die Ritterin weinte und unser Nottäufling accompagnirte beide. Die
Gemeinde konnte natürlich einem so grossen Beispiele nicht widerstehen, und zog
die andächtigen Schleussen, so dass beinahe, auch ohne das Schluchzen
einzurechnen, die Tränen fast hörbar fielen. Zum Zeichen, pflegte der Ritter zu
sagen, über sie, zum Zeugnis des Blutes, das in Jerusalem floss. Ueberhaupt waren
Wasser und Blut ihm ein wechselseitiges tiefes Symbol; und da er mehr Neigung
hatte, Tränen, als Blut zu vergiessen, so waren Weinen und Blutlassen ihm im
gewissen Verstande gleicbbebeutende Wörter. Blut weinen hiess ihm: grosse Tränen,
Platztränen fallen lassen, die sich, wie bekannt, gemeiniglich mit Schmerz
losreissen, ehe sie ins Auge treten Die Küche und was ihr anhängt, vergisst nicht
Blut; Wasser und Feuer sind ihre Waffen, Tränen und Auto da fé.
    »Wenn du es wüsstest, so würdest du auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was
zu deinem Frieden dient; aber nun ist es vor deinen Augen verborgen.«
    Das Wort Nun ward im Stillen gefeiert. Da man sich unter diesem Nun den
letzten Atemzug des Lebens dachte, so war jedes bewegt, bis auf den ungläubigen
knieunfähigen Hofmeister, der in diesem Nun keinen Todtenkopf, kein Memento
finden konnte. Doch übermannte ihn von Jahr zu Jahr bei Gelegenheit dieses Nun
ein grösserer Grad von Rührung, den er aber bloss auf die Rechnung der guten
Gesellschaft schrieb. Der Ritter wiederholte dies Wort Nun nie, als ob er
befürchtete, bei diesem Nun oder Nu in seinen Sünden zu bleiben; und so wagte
sich auch niemand aus der Gemeinde an dies Nun, als ob es ansteckte. Der
Prediger selbst, der zuweilen, besonders wenn er seinem Magen zu viele
Nächstenliebe erwiesen hatte, von Krämpfen, und seit einiger Zeit, nach dem
Beispiele seines Kirchenpatrons, mit der Hauptkrankheit geplagt ward, schlich
sich nur so auf den Zehen vorbei, als wenn er mit dem Tode blinde Kuh spielte. -
Doch wird dich der Tod fressen, guter Pastor! wenn nicht am Nu, so an einem
andern Worte - wenn nicht an Gichten, so an Fiebern.
    »Denn es wird die Zeit über dir kommen, dass deine Feinde werden um dich und
deine Kinder mit dir, eine Wagenburg schlagen, dich belagern und an allen Orten
ängstigen, und werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen,
darum, dass du nicht erkennet hast die Zeit, darin du heimgesuchet bist.«
    Dies waren die Verba probantia für unsern Ritter, und kein Wort entging Sr.
Hochwürden, das er nicht, da der Würgengel des Wörtleins Nun vorüber war, mit
einer lauten Rührung ausgestattet hätte. Bei der Wagenburg pflegte er zu
zittern, und diese Gewohnheit brachte ihn im Punkte der Herzhaftigkeit in
zweideutigen Ruf, ob ihn gleich nicht seinet- sondern Jerusalems halben Zittern
und Zagen ankam, und bei dieser Belagerung, die in seiner friedlichen
Patronatskirche vorfiel, nichts zu befürchten war.
    Die vier folgenden Verse hörte zwar der Ritter nebst den Seinigen knieend,
doch aber ohne alles Accompagnement an, bis auf den merkwürdigen Umstand, dass er
jedesmal bei dem Worte Tempel zwar einen tiefen, doch etwas Hoffnung schöpfenden
Seufzer, wie Noah seine Taube bei der Sündflut, fliegen liess.
    »Und er ging in den Tempel und fing an auszutreiben, die darinnen verkauften
und kauften, und sprach zu ihnen: Es stehet geschrieben, mein Haus ist ein
Betaus; ihr aber habt es gemacht zur Mördergrube.«
    Bei dieser Stelle sah der Ritter die Ritterin an, als wollte er sagen, in
diesen Worten liege der Grund, warum kein Emsiger Johaniterritter werden könne.
    Die Schlussworte kamen ohne Bemerkung ab.
    »Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und
Schriftgelehrten und die Vornehmsten im Volk trachteten ihm nach, dass sie ihn
umbrächten, und fanden nicht wie sie ihm tun sollten, denn alles Volk hing ihm
an und hörete ihn.«
    Jetzt standen unser Ritter und sein kniegebeugtes Haus auf. Der Hofmeister
bückte sich vor jedem unter ihnen, als ob sie grossmütiglich seinetwegen diese
Pönitenz übernommen hätten; und nun erhob sich die Dedikationspredigt, die als
ein gutes Wort auch in alle Wege eine gute Stelle fand. Die eine, um von ihr den
Spiritus mitzuteilen, behandelte die Geschichte der Tränen Christi. Ein
gewisser Tränenverehrer, Robertus Holcot, hat behauptet: Christus habe
siebenmal geweint; andere, sagte unser Dedikationsprediger, geben vor: er habe
viermal Tränen vergossen, und zwar bei der Beschneidung, beim Grabe des
Lazarus, bei der Stadt Jerusalem und endlich am Kreuze. Diese Behauptungen
schienen Wasser auf seine Mühle; denn er malte die sieben und vier so rein aus,
dass nichts als das reine gebeutelte und durchgesiebte Mehl übrig blieb, nämlich,
Christus hätte nur dreimal geweint: beim Grabe seines Freundes Lazarus, Joh. 11,
35., beim Anblick Jerusalems, Luc. 19, 41., und ausser diesen beiden Malen, nach
dem Berichte des heiligen Paulus Ebr. 5, 7., da er am Tage seines Fleisches
Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen geopfert zu dem, der ihm vom
Tode konnte aushelfen. Die Tränen Christi brachten den Pastor zum Vergleich
zwischen Christus und Alexander dem Grossen, welcher neu und, wie der Ritter
beteuerte, nicht ohne Scharfblick war: - Beide Weltüberwinder! aber wie
verschieden!
    Alexander weinte, da man ihm nach dem Lehrbegriffe des Demokritus bewies,
dass es unzählige Welten gebe, weil er noch nicht der Herr einer einzigen zu sein
die Ehre hatte. Wohl dir, Weltüberwinder, dass du nicht zu Herschel's Zeit
lebtest! wie klein hätte dir das Sandkorn eingeleuchtet, auf welchem du den
Grossen spieltest, und ihn nur sehr klein machtest! - Auch vergoss er Tränen in
seiner Jugend, wenn sein Herr Vater mit seinen Potsdamern siegte, weil er
besorgte, es würde nichts weiter für seine Grossmächtigkeit übrig bleiben.
    Nur mit Königen wollte Alexander als Jüngling wettlaufen. Sein Reich war von
dieser Welt. Zwar sah er es gern, dass Raketen seines Ruhms in seinem kleinen
Geburtsstaate aufstiegen, und dass man hier in den Zeitungen von seinen Taten
las; doch war sein Plan auf die ganze Welt angelegt, die er nicht befreien,
sondern unterjochen wollte.
    Sein Geschlecht war fürstlich, sein Lehrer ein grosser und feiner Kopf. Wiegt
beide ab Seht, wie Aristoteles Schale sinkt, und Alexanders Schale steigt! seht!
- Doch suchte Alexander, mit seiner Abkunft, kraft deren er des Aristoteles
Schüler ward, und mit seiner Menschheit unzufrieden, sich eine Gotteit zu
erkaufen.
    Sind dies Resultate der Aristotelischen Philosophie?
    Seine Logik war in seinem Stolze, so wie viele sie im Magen haben. O, des
kleinstädtischen Toren! des Gottes, der, zügelloser Leidenschaften halber, bei
weitem nicht den Namen Mensch verdiente, und der im zweiunddreissigsten Jahre
starb, ohne gelebt zu haben!
    Er wollte im Leben Ruhm und Ehre ernten; doch fallen Ruhm und Ehre keinem
wirklich grossen Mann im Leben zu: nach dem Tode wird diese Saat reif. Edle
Menschen bitten, wie Buttler, um Brod, und man gibt ihnen einen Stein. Nur durch
Hindernisse, Unterdrückung und Leiden werden Menschen gross. Sind Titel und
Bänder und Ehrenstellen mehr als Schminke, um kleine Seelen zu gewinnen und zu
verführen?
    Er ward an eben dem Tage geboren, an welchem Herostrat den Tempel der Diana
in Ephesus, dessen Apostelgeschichte 19. gedacht wird, in Brand steckte, um sich
unsterblich zu machen. Schmeichler nahmen sich die Erlaubnis, zu behaupten,
Diana hätte der Olympias, der Frau Mutter Alexanders, als weise Frau gedient. -
War Alexander mehr als ein Welt-Herostrat? und konnte sein Geburtstag durch eine
bessere Tat bezeichnet werden? Ich bin in Versuchung, sie Patengeschenk zu
nennen. - Man sagt, die Epheser hätten, um Herostrats Absicht zu vereiteln, im
Criminalurteil festgesetzt, wer ihn nennen würde, sollte mit dem Tode bestraft
werden. Welche Schwäche! Sie scheint wohl von jeher das Erbteil der
Richterstühle gewesen zu sein. Jene Richter zu Ephesus liegen im tiefsten
Todesschlummer, ohne dass ein Mensch ihren Namen weiss, da hingegen Herostrat noch
jetzt genannt wird.
    Alexander war im zwanzigsten Jahre König über Griechenland. - Er zerhieb den
gordischen Knoten, anstatt ihn zu lösen.
    Er erwiederte dem Darius seinen Sack voll Mohnsamen mit einem Säcklein
Pfefferkörner, zum Beweise, dass nicht die Zahl, sondern die Würde es ausmache.
    Er eroberte Jerusalem; - da ihm aber der Hohepriester und die
hochwohlehrwürdige Priesterschaar entgegen kam, zerteilten sich die
Donnerwolken und der Würgengel ging vorüber.
    Er erstach den Generallieutenant Klitus, der nicht nur seinem Königlichen
Herrn Vater Philippus alleruntertänigst treugehorsamste Dienste geleistet,
sondern auch dem Alexander das Leben gerettet hatte. Warum? Weil Klitus nicht
schmeicheln konnte! - Auch war Alexander voll süssen Weins.
    Diogenes verlangte nichts mehr von Alexandern, als dass er ihm die Sonne
nicht vertreten möchte. War es Wunder, da Alexander der Knecht der Knechte des
Diogenes war, der Leidenschaften, über welche Diogenes zum Alexander geworden?
    Er wollte bloss erobern; nähere Verbindung der Nationen unter sich lag ausser
den Grenzen seines Plans. Er war einer der stärksten Egoisten, die bei dem
Geräusch, alles getan zu haben - nichts tun. - Sein Gebet an den Ufern des
Ganges, dass kein Mensch nach ihm die Grenzen seiner Eroberungen überschreiten
möchte, ist dem Verdruss angemessen, den er äusserte, als Aristoteles seine
Philosophie durch Schriften verbreitete. Nur er allein wollte die Ehre haben,
Aristoteles Schüler zu sein.
    Seine Verschwendung war grenzenlos Olympias warnte ihn, seine Freunde nicht
durch seine Verschwendung zu Königen zu erheben, weil er dadurch Freunde verlöre
und Könige gewönne. Kann man schlechter spielen?
    Er ward tyrannisch und ein Feind seiner Freunde und Spiessgesellen;
heiratete des Darius Tochter, wogegen sich nichts sagen lässt.
    So wie sein Reich von dieser Welt war, so ging es auch wieder in alle Welt.
    Dem alten Testamente der heidnischen Vorwelt erwies er grosse Ehrerbietung;
Homers Gedichte geleiteten ihn auf seinen Wegen und Stegen.
    Ehe er Griechenland verliess, wollte er zu Delphi sich seine Schicksale
verkündigen lassen. Die Priesterin verbat den Auftrag, und als Alexander sie mit
Gewalt in den Tempel stiess, rief sie: »Sohn! dir kann niemand widerstehen!« Gut,
rief Alexander, ich weiss jetzt mein Orakel.
    Er wollte durchaus ein Gott sein und verfolgte die, welche ihn nicht
anbeteten - Er, Aristoteles Schüler; Philipps Sohn!
    Alexander fand Nachahmer, die der Menschheit unmenschlich gefährlich waren.
Viele dünkten sich schon Alexanders zu sein, wenn sie wie er den Kopf schief
trugen. - O der Kleinheit!
                                     * * *
    Christi Advent in der Welt war arm und dürftig. Maria und Joseph lebten
kümmerlich. Sein Geburtsort hiess Betlehem. Sein Evangelium sollte der Armut
gepredigt werden, um sie reich oder beglückt zu machen. Hirten waren die Herolde
seiner Geburt, seine Wiege eine Krippe.
    An seine Lehrer wird nicht gedacht. - Schon im zwölften Jahre zeigte er im
Tempel, wess Geisteskind er sei, ohne den Bucephalus zu überwältigen.
    Er erniedrigte sich, nannte sich des Menschen Sohn, der nicht kommen wäre,
dass er bedient würde, sondern dass er diene.
    Seine Ehre suchte er nicht bei Menschen, sondern bei Gott und seinem
Gewissen. Nach seinem Tode hat der heilige Geist seiner Lehre die Erde erobert.
So hiess es mit Recht von Cato, dass er dem Staate nützlicher gewesen sei, als
Scipio. Dieser war Held und Sieger der römischen Feinde; jener bekriegte die
römischen Sitten.
    Er war ein geistlicher König, der es nicht auf Sklaverei, sondern auf
Freiheit bei der Menschheit anlegte, und sie in vieler Rücksicht schon wirklich
frei machte; und noch ist nicht erschienen, was wir sein können und sein werden!
    Seine Feinde waren nicht die Mohnkörner des Darius'schen Heeres, sondern die
Sünde! Sie war das persische Reich, das er zerstörte - um Leben und
unvergängliches Wesen der Tugend und Gottgefälligkeit ans Licht zu bringen.
    Er vergoss nur Tränen der Menschheit und Freundschaft bei dem Grabe des
Lazarus, und Tränen der Grossmut und des edlen Mitleidens, weil die Menschen,
und besonders die Juden, die Finsternis mehr liebten, als das Licht; denn ihre
Werke waren böse.
    Gern hätte er das Licht der Wahrheit zuerst in Judäa angezündet; es blieb
aber vor den Augen der Juden verborgen.
    Im dreissigsten Jahre trat er als öffentlicher Lehrer auf. Zwar lehrte er nur
drei Jahre; doch ist die Welt durch ihn so belehrt, dass noch jedes
philosophische und politische System sein Vorbild im Evangelio suchet und
findet.
    Jerusalem tödtete ihn.
    Er hatte nicht, wo er sein Haupt hinlegte.
    Seine zwölf Jünger nahm er aus der Klasse des gemeinen Mannes, und erwarb
sich keinen Phalaux durch Weltweisen. - Er liebte seine Jünger und seine Freunde
bis in den Tod, vergab seinen Feinden, und lehrte sie lieben und sie segnen, um
Kinder Gottes zu sein, dessen Sonne aufgehet über Böse und Gute, und der regnen
lässt über Gerechte und Ungerechte. - Sie wissen nicht, sagte er von seinen
Feinden, was sie tun. Seinen Liebling Petrus, den eine Magd aus der Fassung
brachte, ob er es gleich kurz vorher mit Malchus, dem Knechte des damaligen
Hohenpriesters, anband, sah er nach einer dreimaligen Verläugnung an; und dieser
ging hinaus - und weinte bitterlich.
    Hätten Se. Heiligkeit nicht wohlgetan, sich einen andern Jünger, als den
Petrus, zum Stammvater zu wählen? Ich hätte den Johannes vorgeschlagen.
    Er suchte nicht eigene Ehre, sondern die Ehre seines himmlischen Vaters.
Alle Menschen wollte er zu Gottes Kindern erhöhen; und nach der Kinderlehre
seines Evangeliums sind alle Gottes Kinder, die in guten Werken trachten nach
dem ewigen Leben.
    Sein Mut war gross. Seinem Verräter, einem aus den Zwölfen, ging er mit den
göttlich-grossen Worten entgegen: Ich bin's. Dem Petrus gebot er, sein Schwert in
die Scheide zu stecken.
    Er starb den schmählichsten Tod des Kreuzes, und nichts ging ihm so nahe,
als sein so grosses Werk, das aber nicht starb, sondern auferstand, und dessen
Geist er dem Geiste der Geister empfahl!
    Das alte Testament sah er als Hieroglyphen an, als Schattenbilder, die er
begeisterte. Reine Tugend war seine Lehre; das Herz, die innere Gesinnung, seine
Forderung an die Menschen, und Vollkommenheit sein Ziel! -
    »Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
nach Vollkommenheit; und alles andere wird euch zufallen,« war sein politisches
System, das die Probe der Anweisung entielt, zu geben dem Kaiser was des
Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!
    Seine Lehre von der Vorsehung: Sehet die Lilien auf dem Felde - und von der
andern Welt, nach welcher wir durch den zeitlichen Tod nicht auf ewig sterben,
wickeln alle Knoten auf, die er nie gewaltsam zerschlug, sondern
menschenfreundlich lösete. Wenn ein Kollegium von Gott und Menschen über den
Menschen richten sollen, es hätte gerichtet wie Christus. - Selbst die
spitzfindigsten Fragen, die eine gerade Abweisung verdienten, beantwortete er
auf Kosten des Fragenden.
    Nicht mit Verheissungen hoher Ehrenstellen, sondern mit der Verkündigung, dass
man sie behandeln würde, wie ihn, sandte er seine Zwölfe in alle Welt, um sein
Evangelium auszubreiten!
    Er wusste seine Schicksale, übernahm sie mutig, und starb getrost, um ewig
in seiner Lehre zu leben; und sie - von den Toden der Missverständnisse, der
Zusätze und falschen Erklärungen erweckt - stirbt hinfort nimmer. Halleluja!
    In einem andern Jahre wandelte unser Pastor einen andern Weg; doch so, dass
er immer ganz richtig in Jerusalem eintraf. Lasst uns, sagte er, bei den Worten
unseres Textes bleiben: So viele Worte, so viele Gewichte! Zwar reichte er jenem
zu seiner Zeit bewunderten Geistlichen nicht das Wasser, der seiner lieben
Gemeinde, unter vielen andern künstlichen Propositionen, den königlich
prophetischen Namen David vorstellte, und im ersten Teile den Da, und im
zweiten den vid herzrührend zergliederte; indes fand er in jedem Worte - im
Worte und, im Worte als, im Worte er, und im Worte nahe - so viel
Erbauungsreiches, dass ich die beste Gelegenheit von der Welt hätte, meine Leser
durch eine Anwaldsweitläufigkeit recht aus dem Grunde zu erbauen. Ein Tema war:
Wer seinen Feind segnet, wenn dieser ihm fluchet, tut Gott und sich einen
Dienst, und bringt seinen Feind obendrein um die Hoffnung, die ihn zu Schanden
werden lässt. Er nimmt eine Sünde von ihm, und an den feurigen Kohlen, die er auf
sein Haupt sammelt, wird sich das Licht der bessern Ueberlegung anzünden lassen.
- Wohl ihm, dass er so weit ist! zum bessern Willen braucht er nur noch einen
Schritt. - Eine Predigt hatte zum Motto: dass ein Richter nicht die Person,
sondern die Sache ansehen müsse, um sich nicht durch Geburt, Schönheit Ansehen,
Verstand u.s.w. bestechen zu lassen. Geschenke sind Fliegen, die ein jeder
sieht, wenn sie ins Essen fallen; aber das Personansehen ist eine weit feinere
Verleitung zur Ungerechtigkeit, zu Menschenfurcht und andern dergleichen Schand'
und Lastern. Wer ein Weib ansiehet, sie zu begehren, hat schon mit ihr die Ehe
gebrochen in seinem Herzen. - Christus sah die Stadt an, nicht die
Hohenpriester, Schriftgelehrten und Pharisäer; nicht Pilatus, der Herr im Hause
war, und Herodes den Fuchs, die am Tage der Verurteilung Christi Freunde
wurden!
    Noch eine andere Predigt war der Bemerkung gewidmet, dass es gut sei, als
Baumeister, besser aber als Menschenkenner auf Reisen zu gehen. Zwar kämen die
meisten Menschen mit der Erzählung von Grösse, Pracht und Einrichtung der Stadt
zurück, ohne die Augen ihres Leibes und ihres Geistes auf die Menschen zu
richten; der Weise indes sähe auf Menschen. - - Wenn er von Jerusalem spricht,
redet er von seinen Einwohnern; - auch nicht von den Hefen des Volkes, sondern
von dem Schaum desselben: von den Schriftgelehrten und Pharisäern. Zwar gibt es
Nationen und Völker, die von der Art sind, dass wenn man fünf unter ihnen kennt,
man das ganze Volk ergründet hat; wozu auch die Juden gehören, die, wenn gleich
durch das viele Reisen fast alle Völker sich einen grossen Teil ihrer Eigenheit
abschleifen lassen, doch bis auf das schwarze Haar Juden bleiben, zum Zeichen
über sie! - wobei er indes dem Judas und seinen, salva venia! rothaarigen
Nachfolgern unter dem Volke das Haar nicht philistrisch abschneiden, sondern nur
a posteriori das Volk schwarzhaarig geheissen wissen wollte.
    Noch ein anderes Tema: Wenn man viele traurige Nachrichten zu verkündigen
hat, so muss man nicht von den kleinen zur grössern, sondern von der grössern zu
den kleinern übergehen, weil alsdann die minder schreckliche Nachricht,
vermittelst des Abstiches, Trostgrund wird. So würde auch, sagte der Pastor, wie
er nach der Liebe hoffe, der Tod leichter als Gicht und Wassersucht sein, und
vorteilhaft contrastiren. Man wird finden, dass unser Pastor, trotz unsern
besten Kanzelrednern, aus dem Glückstopfe seines Textes einen Gewinnst zu ziehen
verstand, den man auf tausend Meilen nicht vermutet hätte. Kam er vollends auf
die Tränen; - alsdann hatte er die Worte nicht nötig! Oft gedachte er eines
Kirchenvaters, Gregorius Nazianzenus, der, wenn er über die Tränen der armen
Sünderin (an der und andern Schwestern der fromme Vater übrigens keinen
Herzens-, sondern bloss Verstandesanteil nahm) predigen sollte, in die
Herzensworte ausbrach: »Auch mir fliessen Tränen statt der Worte!« Was die
christliche Gemeinde übrigens aus seiner Predigt ohne besondere Bemerkung wohl
von selbst abgenommen haben würde.
    Es sind mir sechs vollständige Predigten mit dem zu diesen Kreuz- und
Querzügen gehörigen Hausrat behändigt worden, ich will indes meine Leser nicht
damit heimsuchen, wohl aber durch ein lebensgrosses Meisterstück des hohen Rates
sie ad unguem usque entschädigen.
    Ob nun gleich das Evangelium quaestionis am X. Sonntage nach Trinitatis
jederzeit mit den bezeichneten Formalien gegeben und auf Knieen empfangen ward,
so publicirte der Pastor doch alle drei Jahre ausser demselben noch einen Auszug
von der gänzlichen Zerstörung der Stadt Jerusalem. Diese Aehren waren aus den
Geschichtschreibern Josephus, Hegesippus, Eusebius und Nicephorus
zusammengelesen.
    Ein jeder, meine Freunde, fing der Prediger bei Gelegenheit eines solchen
Schaltauszuges an - ein jeder, welcher fühlt, dass er einer der letzten Menschen
ist, gibt sich Mühe, sich durch Stand und Geld emporzuschwingen, und andere, ja
am Ende sich selbst, zu überreden: er sei etwas. Was dem Hofe an Tugend abgeht,
wird durch Pracht ersetzt, die zwar allerdings in einen zweideutigen Ruf
geraten ist, indes, wenn sie sich des Kreuzes nicht schämt, etwas Augen- und
Herzstärkendes bei sich führt. So ging es der Stadt aller Städte, dem Tempel
aller Tempel und dem Volke aller Völker. Woher kam es, dass das jüdische Volk
sich auf die goldenen Kälber seines Tempels und seine Einrichtung verliess, ohne
Hand an das Werk einer moralischen Verbesserung zu legen? Die Bosheit macht
schwach, und die Schwäche macht boshaft. Ein Mann, der sich bewusst ist, Mann zu
sein, pflegt so wenig in Härte, als in Eigendünkel auszuarten: er geht dem Kinde
aus dem Wege. Kleine Leute dagegen sind schon böse, weil sie klein sind. Sie
schlagen Wellen, um eine Fliege zu erseufen, und brauchen einen Orkan, um ein
Vergissmeinnicht zu entblättern. Niemand ist zu tadeln, weil er das ist, was er
ist, sondern weil er das nicht ist, wofür er gehalten sein will. Was war das
jüdische Volk, und was wollte es sein? Ein tief verderbtes Volk, das zu diesem
sauren Wein den Kranz aushängte: Volk Gottes. Ob sich nun gleich fast mit
Gewissheit annehmen lässt, dass Adam, der erste Mensch, ein Christ gewesen sei,
indem erst Abraham sich beschnitt, und die Juden sich seine Kinder nennen
(wogegen Christus der zweite Adam genannt wird von Rechtswegen), so hatte doch
dies Tempelvolk, von Abraham, der den ersten Tempel baute, bis auf die
Zerstörung Jerusalems, Männer unter sich, die es zur Tapferkeit und zur Tugend
aufmunterten. Kleinheit und Unlauterkeit waren ihm indes zur andern Natur
geworden. Da dies Volk sich so tief herabgebracht hatte, dass seine Obersten
Heuchler, Niederträchtige, Elende waren, die nicht einmal die Kraft besassen,
ächte Bösewichter zu sein, so dass auch Christus der Herr einen einzigen braven,
mannhaften Kerl von Sünder, der schon seiner Natur nach der Busse weit näher ist,
für neunundneunzig solche jüdische heuchlerische Schelme geben wollte; - was
konnte anders als der Untergang desselben erfolgen? und zwar ein solcher, dass
sogar die Türken, ein noch weit elenderes Volk, Jerusalem besitzen, wovon ich
heute das Memento mori in aller Kürze zu publiciren in dem Herrn entschlossen
bin, und zwar so in Tat und Kraft, dass man nicht hören, sondern sehen wird.
    Wenn ich mein ganzes Leben hindurch über meinen Kreuz- und Querzügen
gebrütet hätte - würde wohl ein Küchlein herausgebracht sein, das dieser
gackelnden Henne das Wasser reichen könnte?
    Als sich die Zeit nahte, dass Gott über Jerusalem und das jüdische Volk den
endlichen Zorn wollte ergehen lassen, wie die Propheten und der Herr Christus
selbst ihnen gedräuet und zuvor gesagt hatten, sind diese nachfolgenden Zeichen
vorhergegangen.
    Es ist am Himmel ein Komet gesehen, wie ein Schwert gestaltet, welcher ein
ganzes Jahr über der Stadt gestanden und von jedermann gesehen worden. Item,
eben in den Tagen der gesäuerten Brode, am achten Tage des Monats April, um 9
Uhr in der Nacht, ist bei dem Altar im Tempel ein solch hellglänzendes Licht
erschienen, dass jedermann gemeint, es wäre Tag. Item, ein ehernes grosses starkes
Tor am innern Tempel, daran zwanzig Männer heben mussten, wenn man es auftun
wollte, welches mit starken eisernen Schlössern und Riegeln verwahrt war, hat
sich um die sechste Nachtstunde selbst ausgetan. (Das Wörtlein Item ward vom
Ritter und seinem ganzen Hause, mit Ausschluss des Schneidersohns, der es,
obgleich er Sekundaner war, bleiben lassen musste, inbrünstig wiederholt.) Item,
auf den einundzwanzigsten Tag Judä hat man gesehen in der Luft und Wolken an
vielen Orten des Himmels Wagen schweben und wie eine grosse Rüstung von Reitern
und Knechten in den Wolken zusammenziehen und sich schlagen in der Nacht. (Der
Ritter wich dem Schlagen wohlbedächtig aus, und hallte bloss nach: in der Nacht.)
Item, vor dem Pfingsttage, als die Priester einwendig haben wollen bereiten was
zum Fest gehört, haben sie ein grosses Gepolter und darnach eine Stimme gehört,
welche gerufen hat: Lasset uns von hinnen wegziehen. (Diese Worte wurden mit
aufgehobenen Händen nachgesprochen und von der ganzen Gemeinde wiederholt. Der
Hofmeister blieb mit seinem Tenor nicht zurück. Der Prediger hielt eine ganze
Weile inne, und fing, als ob er das ritterliche Haus und die ganze Gemeinde
bäte, von ihrem Vorsatz abzustehen, in einschmeichelndem Tone an:) Wiewohl
etliche sagen, das sei geschehen zur Zeit, da der Vorhang im Tempel unter
Christi Leiden zerrissen ist. Item, es ist ein Mensch gewesen, Jesus, genannt
Ananias, eines gemeinen Mannes Sohn, selbiger, als er ist gen Jerusalem kommen,
auf das Fest Laubrüst, hat aus einem besondern heftigen Geist geschrien: O, ein
Geschrei vom Morgen! o, ein Geschrei von den vier Winden! ein Geschrei über ganz
Jerusalem und den Tempel! eine elende Klage über Braut und Bräutigam! ein
Geschrei über alles Volk! Und das klägliche Schreien trieb er Tag und Nacht an
einander, und lief wütend in der Stadt umher. Und wiewohl ihn etliche mit
Geisseln und Ruten straften, die diese Worte als eine böse Deutung über die
Stadt nicht gerne hörten, so hörte er doch nicht auf. Und als man diesen
Menschen hat bracht vor den Landpfleger, welchen die Römer da hatten, der ihn
auch mit Geisseln hart bis aufs Blut stäupen und peitschen liess, hat er doch mit
keinem Wort Gnad' gebeten, sondern ohne Unterlass überlaut geschrien: Weh, Weh,
Weh dir, o du armes Jerusalem! (Der Hofmeister und die ganze Gemeinde hatten die
Erlaubnis, das Weh! Weh! Weh! mitzurufen, und wenn ich meinen Nachrichten trauen
darf, so ist seit der wirklichen Zerstörung Jerusalems kein so herzbrechendes
Geschrei gehört worden.) Albinus, der Richter, hat ihn als einen Toren
verachtet. Dieser Mensch ist sieben Jahr an einander nicht viel mit Leuten
umgangen, sondern allein gangen, wie ein Mensch, der etwas tief bei sich
besinnet und dichtet, und hat immerdar diese Worte von sich hören lassen: Weh!
Weh! dir, o du armes Jerusalem! Und von solchem Rufen ist er nicht müde worden.
Und als die Stadt nun ist von den Römern belagert gewesen, ist er auf den Mauern
umhergegangen und hat immer geschrien: Weh über den Tempel! Weh über das ganze
Volk! Und zuletzt hat er auf eine Zeit diese ungewöhnlichen Worte dazu gesagt:
Weh auch mir! und in dem Wort ist er ungefähr von der Feinde Geschoss getroffen
und also todt blieben. (Der Ritter bog sich rückwärts, als ob er getroffen
wäre.) Diese und andere grosse Zeichen sind vorhergegangen, ehe Jerusalem
zerstört ist. - (Bei diesen letzten Worten trat der Ritter ins Angesicht der
ganzen Gemeine, als ob er zeigen wollte, dass das römische Geschoss ihm, Gottlob!
kein Haar gekrümmt hätte.)
    Kein Held konnte nach dem überstandenen dreissigjährigen Kriege; kein
Beichtvater kann, wenn er nach so vielen Hindernissen seine Vaterhände unter
vier Augen nach der schönen schmachtenden Nonne ausbreitet; kein Freier, wenn er
nach allerlei Teaterstürmen und Ungemach in den Hafen der ehelichen Verbindung
wohlbehalten einläuft - so fröhlich und guter Dinge sein, wie unser Ritter, wenn
er bei Tafel dem Pastor seine Mühe vergalt und das feierliche Andenken von
Jerusalems Zerstörung beschloss. - Da blieb bei Tische kein Stein auf dem andern
- Trauer- und Freudenfeste schliessen mit Essen und Trinken. Indes, wenn gleich
dieses Fest dem ritterlichen Hause an Leib und Seele sehr hoch zu stehen kam, so
gingen doch Ritter und Ritterin gern in dieses Trauerspiel, so dass sie oft die
Zeit nicht erwarten konnten, wenn Jerusalem zerstört werden sollte. Der
Schaltsonntag war zwiefacher Ehre wert. Zum Beschluss ward an jedem 10ten
Sonntage nach Trinitatis Hohe Rats-Session gehalten; nichts schien natürlicher,
als dass nach dem Greuel der Verwüstung das Baudepartement auf den Wiederanbau
denken musste, um aus dieser Asche einen Phönix zu erwecken. Aus den
Protokollbüchern würden sich, wenn ich ein Freund von Spinnstuben und
Protokollen wäre, noch manche rotgefärbte Tage ausheben lassen. So war, zum
kleinen Beispiel, am 10ten Tage des Monats Augustus, an welchem beide Tempel
zerstört worden, Helden-, Haupt- und Staats-Session, das heisst: es ward eine
stattliche Mahlzeit gehalten und dabei gewiss nicht des Magens, wohl aber des
Hauptes notdürftig geschont. Eine dergleichen Kreuz- Session zur Probe, und
zwar über die
                                     §. 34.
                                        
                                  Geschichte.
Sollte meinen Lesern die Lob- und Trauerrede auf die Einbildungskraft (§. 31,
Dämmerung) noch beiwohnen, wo unser Ritter der Unwahrheit (man nehm' es nicht
unrecht!) hochfreiherrliche Gerechtigkeit widerfahren liess, und sie das Gewürz
zu nennen geruhete, welches der Wahrheit den Geschmack beibringe; und wo er
keinen Menschen ausnahm, der sich nicht Lügen zu Schulden kommen liesse und in
Gedanken aufschnitte, so würde die dreiste Art, womit man über die Geschichte
absprach, weniger auffallen. (Lieben guten Leute! wisst ihr denn, wie ihr in der
gegenwärtigen Geschichte abkommen werdet?) - Ich will hier, wie sonst, Extracte
geben, hoffentlich sollen bloss die Schlacken zurückbleiben. - - Von jeher hat
der Mensch mehr von sich gehalten, als er sollte. Sein Fall war, und ist und
wird sein, wenn er mehr sein und mehr wissen will, als ihm eignet und gebührt.
Er hat Vier; warum sollt' er aber auf allen Vieren wandeln? Er halte sich
gerade, nur bieg' er nicht zu sehr den Kopf zurück; nur steh' er nicht auf den
Zehen, als wollt' er sehen, was im Monde Trumpf ist! Mittelmässig sind des
Menschen Glücksstand, Tugend und Wissen. Mittelmässigkeit im Wissen heisst:
Glaube. Nicht etwa, was der Weltweise nach Vernunftregeln abwiegt, sondern,
leider! auch selbst das, was in die Sinne fällt, ist Zweifeln unterworfen,
sobald Menschen dabei Rollen spielen. Nur da, wo Menschen nicht mitwirken, ist
die Natur in ihrer Ursprünglichkeit - in ihrer Natur, hätt' ich bei einem Haar
gesagt; und da hört und sieht und empfindet man aus der ersten Hand. Was aber
kann interessiren, wo nicht Menschen dabei sind? Die beste Landschaft ist todt
an sich selbst, wenn sie nicht Menschenspuren zeigt. Sind aber Menschen auf dem
Teater, gleich fallen wir auf diesen oder jenen unter ihnen, der die übrigen
verdunkelt. Der Verlierende, der Stärkere, der Beherztere, der mit der breiten
Stirn, mit der Fechterhand, mit der Habichtsnase, der Notgetaufte, der Mensch,
der die Tür nicht offen lässt - und so weiter, ist unser Held; und während
dieser Zeit übersehen und überhören wir Dinge, die uns sogar oft recht
vorsprangen, ungeachtet wir uns selbst oft Mühe gaben und Augen und Ohren
spitzten, um das Ensemble zu umfassen. Der Feind oder Freund hatte Unkraut unter
den Weizen gestreut; schläft wohl der Verräter? Der Faden unseres Gesichts und
Gehörs ist, ehe wir es uns versehen, abgerissen. Vor fünfzig fremden Gedanken
liessen wir uns verläugnen; der einundfünfzigste platzte mit der Tür ins Haus.
Geschichte ist nicht das, was geschah, sondern was, nach dem Dafürhalten des
Geschichtschreibers, bei den gegebenen Zahlen hätte geschehen können und
geschehen sollen; gemeiniglich das Wahrscheinlichste oder Unwahrscheinlichste.
Beide Extreme weiss man oft so zu brauchen, dass es eine Lust ist. Ach, Gott! was
wird für Wahrheit ge- und verkauft! - Wollen wir andere beobachten, gleich kommt
unser Ich uns in die Kreuz und Quer; und wer es auf sich selbst anlegt, den
stören andere. Geister lassen sich nicht treffen, wenn man auch noch so sehr
seinen Bogen spannt und zielt. Auch ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn ist nur
ein schlechter Geisterschütze; - im Fluge zu schiessen, ist hier noch das Erste
und Beste. - Alles, was die Natur hervorbringt, kann der Mensch so ziemlich
genau kennen lernen, in so weit er es mit seinen äusseren Sinnen erreicht. Bei
der Kunst hat man einen Geheimnisskram; der menschliche Geist scheint hier, wenn
ich so sagen darf, sein Bild der Kunstkenntniss eingedrückt zu haben. Ich muss
mich in dieses Geheinmiss einweihen lassen, oder es entwenden. Meine Neigungen
und meine Gedanken weiss ich; und wer von dieser Seite sich nicht kennt und in
diese Beobachtungen etwas ausserordentliches setzt, weiss nicht, was er spricht
oder begehrt. Warum liest man so gern selbsteigene Lebensbeschreibungen? Weil,
wenn man gleich weiss, dass der Mensch sich nicht vorgesetzt hat die Wahrheit zu
sagen, man sich doch einbildet, er werde, eh' er es selbst merkt, sich verreden,
rot werden, und wir dann ausrufen können: Erubescit, salva res est. (Es tut
nicht not, denn sie wird rot.) So gibt es Augenblicke, wo wir uns gegen unsern
Willen zeigen, wie wir sind. Wir lassen uns aus Schrecken, Furcht oder Freude
fallen, und der Beobachter nimmt uns auf. - Wer ist es wert, Menschen! wer, dass
er zum Leben aufgenommen wird? Und ist es zum Tode - sagt, ist der, welcher den
Stab bricht, besser, als der, über den er gebrochen wird? Wir mangeln allzumal
des Ruhms, den wir haben sollten! - Zu enge Freundschaft, und wären auch Damon
und Pytias, David und Jonatan die Freunde, zieht Verachtung nach sich. Nur
Mann und Weib können ohne Verachtung sich so genau als möglich kennen lernen.
Die Geschlechterneigung hebt, duldet, trägt alles; und doch ist selten eine Ehe
ohne Reservate. Zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern sind
Scheidewände gezogen; und es gehört Erziehung dazu, wenn Kinder ihre Eltern
ehren, und wenn Geschwister sich unter einander nicht verraten und verkaufen
sollen; - wenn das Glück gut ist, verraten an Neider, verkaufen an Buchhändler.
- Geschwister kennen sich in der Regel am wenigsten, weil sie zusammen
aufwuchsen. Kommt es unter ihnen ans Beobachten - wo ist mehr Zank, Hass und
Widerwille, als hier? Gedenkt des armen Josephs! Gott sei gelobt, dass kein
Mensch sich so zeigt, wie er ist! - Gott, was würden wir sehen! Selbst wenn der
Mensch sich verliert, selbst wenn er sich preisgibt, ist er noch immer nicht in
naturalibus, sondern unter Vorhängen von Feigenblättern: - er zeigt den Schaum
von seinen Leidenschaften; die Hefen werden zurückgehalten. Freundschaft ist
eine wechselseitige Verbindung, nach welcher einer den andern nicht verachtet,
ob er gleich dessen Schwäche mit Händen greifen kann. Geschichte ist eine durch
Völkerrecht und Convention beliebte Art, den Gegenstand von einer gewissen Seite
zu zeigen. Mensch, du bist glücklich, wenn du einsam bist; denn du bist von
Menschen entfernt! Mensch, du bist unglücklich, wenn du einsam bist; denn du
hast dich selbst! - Der Mensch hat keinen Hang sein Glück zu erzählen; wer von
sich sagt, er sei glücklich, will glücklich scheinen. Wenn Nationen
Geschichtschreiber suchen, so ist es ein schlechtes Zeichen; sie sind in
Verfall. Zu klagen ist dem Menschen eigen; selbst die Prahlerei - ist sie mehr
als eine ungezogene Klage? Wenn der Stöhner nichts hat, sagt das Sprüchwort, der
Prahler gewiss nicht. Wo ist der Geschichtschreiber, der seine Historie so malt
und trifft, dass sie jeder wieder kennt? Jeder steht anders, jeder hört anders,
jeder denkt anders. Nicht die Geschichte erzählen wir, sondern wir erzählen uns
selbst in der Geschichte. »Das bist du,« würde man Alexander dem Grossen,
Sokrates, Plato versichern müssen, wenn man sie in die Bildergallerie ihrer
Biographien führen sollte. - Man beschreibt nicht den Helden, sondern seine
Handlungen; nicht den Minister, sondern seinen Rat; nicht den König, sondern
seine Majestät. Das Äussere und das Innere sind hier so verschieden, wie Leib
und Seele. - Den Leib kann der Geschichtschreiber tödten, die Seele nicht. Hütet
euch vor dem, der Leib und Seele tödten kann: Gott und seinem Stellvertreter,
dem Gewissen! - Sandkörner machen den Berg, Minuten das Jahr, flüchtige Gedanken
ewige Taten. Haltet nichts für Kleinigkeiten, denn der Geschichtschreiber geht
umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. - Wer ist, der
nicht ein tönend Erz und eine klingende Schelle wäre, seinen Panegyriker suchte
und ihn fände? Wer schliesst sich nicht an Umstände an? und was ist wahr und was
ist Zusatz an ihm? - Wo gibt es einen Umstand, der sich selbst wahr macht, der
selbständig ist? Die meisten bedürfen anderer Umstände, welche hülfliche Hand
leisten. - Im Tun können wir andern Exempel geben, im Glauben nicht. Wir
glauben insgesammt; ein jeder glaubt anders. Glauben ist der Vernunft Analogon.
Dem schwachen Bruder hier beispringen, und wenn Vorurteile ihm über den Kopf
gewachsen sind, ihn davon befreien, heisst: ihn aufklären. Seine Kinder von einem
Matematiker bilden lassen heisst nicht: sie aufklären; wohl aber: praktisch gute
Menschen aus ihnen machen wollen! - Ihr, die ihr Romane verdammt und auf ihre
Kosten die Geschichte erhebt - wisst ihr, was ihr tut? Nicht die Sache, der
Schreiber ist euch zuwider und seine Unmanier. Geschichte heisst nicht Roman; ist
sie es aber nicht gemeiniglich? Die Vernunft richtet hier wie überall; sie kennt
Lagen und Augenblicke, in denen das Herz auch durch die feinste Ueberlegung
durchschimmert; sie, der Geist des Menschen, der in ihm ist, kennt sich und
kennt jeden einzelnen Menschen; und hier hat sie sich einen Faden angeknüpft,
dass sie auch das Labyrint einer ganzen Gesellschaft durchwandeln und ohne sich
zu verwirren nach Hause kommen kann. Um die Welt reisen heisst: die Erde
umschiffen. Die Erde ist für den Menschen die ganze Welt, weil er nichts als nur
sie berühren kann, und wie lange kann sich ein Weltumreiser aufhalten? Das
menschliche Leben ist kurz und mit so vielen Schwachheiten durchkreuzt, dass
nicht viele Zeit zum Sehen und Hören übrig bleibt. - Durch Gläser sieht man den
Himmel und durch die Einbildungskraft Staaten und Völker. Einbildungskraft ist
ein Seelenglas; wir entwerfen Reisebeschreibung und Geschichte, je nachdem
Länder und Menschen Eindrücke auf uns machen, und noch sind wir nicht so weit
gekommen, die Einbildungskraft der Vernunft zu unterwerfen. Jene ist oft auf den
ersten Anblick mit allem fertig und greift dieser so unbescheiden vor, dass der
ruhige Leser bald sieht, woran er ist. - Gemeiniglich sind Monarchen und die
Verweser (die vornehme Classe des Volkes), die nur sich unter einander kennen
lernen, sehr schlechte Menschenastronomen. Auch tut freilich das Sehen bei der
Astronomie es nicht allein, das Rechnen tuts! - - In der Gesellschaft zeigt
jeder einzelne Mensch nur ein Pröbchen, wie Krämer von Seiden- und Wollenzeugen.
- Eine artige Gesellschaft ist eine Probekarte; - wie verschieden ist das ganze
Stück von diesen Pröbchen! Wer aus Gesellschaften Menschen abzieht, bekommt
nicht sie, sondern ein kleines Etwas von ihnen; und wie lernst du deinen Obern,
deinen Freund, deinen Diener kennen? Wenn sie sich raufen? Wenn sie in Wut und
Verzweiflung sind? Wenn sie sich in sanfterm Lichte zeigen, wenn sie lachen,
wenn sie weinen, wenn sie nüchtern, wenn sie voll süssen Weins sind, oder wenn
sie sich selbst vergessen, wenn sie zusammen fallen, wenn sich ihre Seelen
ausziehen und zu Bette gehen wollen? Beobachter, die sich des Trunks bedienen,
um Freunde und Feinde kennen zu lernen, sind auf unrichtigen Wegen. - Wie
verschieden wirkt der Trunk! wie verschieden das Getränk! Legt man es auf
einzelne Dinge an, so kann man vielleicht seinen Zweck erreichen; - den ganzen
Menschen auf diese Probe bringen heisst: im Heiligenschein Tugend suchen, im
Ernst die Weisheit, im Lachen den Witz und auf der Tortur die Wahrheit - Der
Trunk besticht die Seele. Gastmahle, gute Worte sind geistige Torturen. Man kann
hier und da durch dergleichen peinliche Fragen einen Umstand herausbringen - ex
omnibus aliquid, ex toto nihil. - Staaten sind wie Kinder, und man behandelt sie
auch so. Wenn sie ganz klein sind, erzählt man Wunderdinge von ihnen. Was die
Kinder nicht alles wissen und verstehen! - Wenn der Verstand zu reifen, wenn die
Staaten sich zu setzen anfangen, wenn sie älter und grösser werden, geht es, wie
es immer ging: was reif ist, nimmt ab. Unreife Früchte sind noch besser als
überreife; jene macht man in Zucker ein, das Ueberreife ist völlig unbrauchbar.
- So wie viele (vielleicht die besten) Menschen nur nach ihrem Tode berühmt
werden, so auch Völker. Nie werden Handlungen schlechter erzählt als den Tag
nachher, wenn sie geschehen sind; an dem Handlungstage selbst ist jeder von
seiner Handlung betrunken. Der Held weiss gerade am wenigsten von seiner Tat;
und in Wahrheit, nicht er, sondern die Sache muss reden. - Heisst das aber nicht
die Folge? - Beim Volke zwar, allein auch beim Weisen, beim denkenden Manne? Wer
kann für die Folgen stehen? Nur Tyrannen lassen sich die Folgen verbürgen. - Der
Hergang der Sache wird, anstatt dass er je länger je bewährter werden sollte, je
länger je unrichtiger und unsicherer, besonders wenn er mündlich fortgewälzt
wird, obgleich er zusehends anschwillt; - der Schneeberg wird zu Wasser, sobald
die Sonne der Kritik wirkt. Je mehr Körper, heisst es auch hier, desto weniger
Seele. - Man knetet die Geschichtsmasse erst durch und lässt sie aufgehen und
ausbacken, ehe sie gegessen werden kann. Die Folgen freilich sind hör- und
sichtbar, obschon auch hier, wenn gleich alles offen da zu liegen scheint und
der Aufrichtigkeit kaum auszuweichen ist, Künste gesucht werden; die Ursache
aber wird nicht gesehen, nicht gehört, sondern herausgedacht. Sehen und Hören
sind die historischen Sinne; kann man aber ohne Vernunft hören und sehen? - das
heisst: menschlich sehen und hören? Zwar können allgemeine Untersuchungen über
historische Dinge angestellt werden; wird aber nicht jeder diese Untersuchungen
anders führen, jeder die Resultate anders abziehen und jeder anders auf- und
annehmen oder glauben? Wenn der Historiker die höchste Glaubwürdigkeit
herausbringen will, so bezieht er sich auf Aktenstücke; und nun sagt,
Aktenfabrikanten, was täglich, was stündlich bei euch vorfällt! Wenn eine
Wachtparade von Zeugen die Finger gen Himmel präsentirt und mit Leib und Seele
versichert, die reinen Umstände über etwas abzugeben, das vor ihren sichtlichen
Augen vorging - was ist das Ende vom Liede? Stimmen die Aussagen der Zeugen,
wenn sie gleich sogar Sanctionen ihres Gewissens waren, mit Zeit, Ort und andern
Datis und unter einander? Widerspruch über Widerspruch, ohne dass man der
Ehrlichkeit und dem guten Willen dieser Menschen zu nahe zu treten im Stande
ist! - Und dann Worte! In ihrer Natur liegt schon so viel Stoff zur
Unrichtigkeit, dass sie an sich verfälschte Gedanken sind. - Gedanken sind das
rohe Material, Worte sind Fabrikate. - Noch besser: Worte und Geld sind einer
und derselben Natur. Wenn die Sprache der eiskalten Vernunft, die Memento mori
der philosophischen Kartäuser je die Sprache des gemeinen Lebens werden könnte
- würde mehr Wahrheit in der Welt sein? - würde die Menschheit selbst an
Moralität gewinnen? - Verlieren würde sie durch diese Haarfeinheit, durch diesen
unnatürlichen, klösterlichen Zwang, durch diese Kopfhängerei. Wohl uns, dass
jetzt in die Kreuz und in die Quer gedacht, geglaubt und geredet wird! dass
Weisheit, Ernst und Strenge, Torheit, Schönheit und Hässlichkeit, gerade und
krumme Linien in- und durcheinander laufen! In allem, was Lachen verursacht (und
Gott erhalt' uns doch bei dieser doppelten Schnur, bei dieser
Zwerchfellserschütterung und Seelenmotion!), liegt eine Unrichtigkeit,
Carricatur, ein Ueberschritt des Charakters, und wo ist der Mensch, der von
aller Erb- und wirklichen Carricatur befreit wäre? - Man lasse sie ihm! - Selbst
allgemeiner Geschmack - wäre er wünschenswert? Mode ist in vieler Rücksicht die
Losung des menschlichen Geschlechts; sie weiss dem Alter einen neuen Anstrich zu
geben und Abwechslung, sonach auch Vergnügen in das Leben zu bringen - und wenn
gleich wenig, so doch etwas zum Fortschreiten der Menschheit beizutragen. Wer
Aufklärung anders als das Salz braucht, kennt die Menschen nicht. Salz ist ein
gut Ding. Was ist indes unerträglicher: versalzen oder ungesalzen? - So wie
unsere Erde um die Sonne läuft und sich um sich selbst dreht, so geht es mit dem
Menschengeschlecht und mit dem einzelnen Menschen. Die Menschheit war, ist und
bleibt immer dieselbe; sie wird immer um die Sonne laufen, und so sind ihr
verschiedene Jahreszeiten eigen. Es wartet ihrer Frühling und Sommer, den sie
noch nicht erlebt hat (excipe das Paradies, wo nur ein Paar den Genuss hatte); im
Herbst ist sie jetzt und auf ihn folgt Sommer. Der Frühling, als das Summum, ist
das tausendjährige Reich der schwärmenden Prosaisten und der ewige Frühling der
schwärmenden Dichter! - Jeder einzelne Mensch dreht sich um sich selbst. -
Immerhin, wenn er nur seinen grössern Lauf dabei nicht vernachlässigt! Ein andrer
Tag aber ist ein Winter-, ein andrer Tag ein Herbst-, ein andrer ein Sommertag.
Ein gemilderter Frühlingstag ist von allen der beste: ein Sonn-, ein Festtag!
Wer dies Bild nicht schmecken und sehen kann, wird der fassen, was für Beziehung
allgemeine Aufklärung auf die Tugend und den Seelen- und Leibeszustand des
einzelnen Menschen hat? - Mehr Verstand, mehr Wille, mehr Treue, mehr Glaube
heisst darum nicht: lauter Verstand, lauter Wille, lauter Treue, lauter Glaube. -
Summa: jede Freude muss mit edlem Schmerz, jeder Schmerz mit einer Art von
Freude, jede Vernunft mit Einfalt, jeder Glaube mit Zweifel gewürzt werden,
sonst fehlt überall der Reiz. - Das Ende vom Liede: ist es nicht ein andres
Ding, den Menschen zu epitomiren und zu paraphrasiren, ihn tanzen, gehen,
stehen, sitzen zu lassen und so weiter? Es kommt viel und alles darauf an, wie
er gestellt wird. Im Grunde denkt, spricht, handelt der Fürst so wie der Bauer;
nicht sie, sondern die Stellung ihres Körpers ist verschieden. - Der leidige
Körper! ist er uns doch immer im Wege! und doch - wer gibt ihn weg um wie
vieles! - Die Stellung des Körpers macht Provinzen und Kohlgärten, macht
Fürstentümer und Meierhöfe, ändert Ausdruck, Sitten und Ton. Sonst sind wir uns
im Leben so gleich, wie im Tode!
    Nach diesen Aus- und Einschweifungen ward per Dekretum festgesetzt:
    a) Der gute Vetter, sonst ein Mann, ist der Intoleranz gegen Adel und
Johanniterorden zu zeihen.
    b) Glaube gehört zu allem; Glaube ist nicht jedermanns Ding. Zu einer an die
matematische Evidenz grenzenden Gewissheit ist wenig zu bringen. Die sinnliche
Evidenz steht der matematischen oft nach.
    c) Ceremonien und Darstellungen sind Glaubenskrücken.
    d) Man tut wohl, sich den Glauben in die Hand zu spielen. Dies war der
Hauptschlüssel zu diesem ganzen Paragraphen; - Jerusalem sollte nach Rosental
höflich eingeladen, und beliebter Kürze und Einfalt wegen hierher das gelobte
Land verlegt werden. - Es wird die Einladung nicht abschlagen, sondern die Ehre
haben, aufzuwarten. Trägt man gleich die Trauben hier nicht auf Stangen, fliesst
gleich in Rosental nicht Milch und Honig, - wird das gelobte Land sich übrigens
hier nicht ganz wohl befinden? Omne simile claudicat.
    e) Der vierzigjährige Wüstengang bleibt an seinen Ort gestellt.
    Zu Ehren der Ritterin muss ich bemerken, dass sie auf ein Dritteil, der
Ritter auf ein Siebenteil, der Junker auf ein Zehnteil dieses Paragraphen
Anspruch haben. Das übrige gehört auf die Rechnungen des Predigers und des
Hofmeisters; und nach dieser Vermessung und Abwiegung ein Stück vom Prediger und
eins vom Hofmeister, den wir lieber Heraldicus junior nennen wollen. Dass er an
diesem Spitznamen nicht sterben wird, dafür verbürge ich mich.
                                     §. 35.
                                        
                                  Der Prediger
gehörte nicht zu den Geistlichen, welche glauben, was die Kirche glaubt, und die
ein ganzes Leben hindurch von dem Honig zehren, den sie in dem Dreiblatt der
akademischen Jahre so ziemlich dürftig in die Zellen ihres Kopfes gesammelt
haben. - Oft ist der Bienenkorb oder Stock des Kopfes auch so klein, dass nicht
viel Honig Platz hat; oft hat die Gegend so wenig Honiggewächse. - Er war als
Ehemann und als Vater so glücklich, wie man es unter dem Monde sein kann. Seine
Stelle, die zwar mittelmässig, doch hinreichend war, ihm und seinem Hause Nahrung
und Kleider zu geben, hätte er mit keiner General- und
Special-Superintendentenstelle vertauscht. »So ihr Nahrung und Kleider habt,
lasst euch begnügen,« war die Losung seines Weibes und auch zur Not die seinige;
zur Not! denn er hatte Gelegenheit gehabt, sich näher zu überzeugen, dass man
sich in die Zeit schicken müsse, weil es böse Zeit ist, und in die Menschen,
weil es gute Menschen gibt. - Grosses Verdienst ist nie ein sicherer Bürge für
Lob und Preis; vielmehr verhindert es gemeiniglich, was es befördern sollte. Wir
rühmen den am liebsten, der uns am wenigsten die Sonne in unserm vermeintlichen
Verdienstrevier vertritt. Nur dem Nebenbuhler können die Menschen, wenn er
gleich unendlich über sie an Würdigkeit hervorragt, diesen Tribut nicht
zugestehen. Dies Lob, denken sie, wäre eigne Verachtung. Was gilt ein Prophet in
seinem Vaterlande? Durch das Lob derer, die es auf eine andere olympische Bahn
anlegen, verlieren wir wenig oder nichts. Der Feuermauerkehrer lobt unbedenklich
den Friseur, der Dichter den Philosophen, der Matematiker den Officianten, der
Geistliche den Weltlichen, der Arzt den Barbier. Glauben die Menschen noch
überdiess, dass sie den heterogenen Gegenstand ihres Lobes zu übersehen im Stande
sind, so kommt es ihnen nicht auf Lobpauken und Preistrompeten an.
    Die Klippe, an welcher unser Prediger scheiterte, war die Vermutung, dass in
geheimen Gesellschaften der Mensch doch wohl vom Glauben zum Schauen erhoben
werden könnte; und ob er gleich Gott und die andere Welt herzlich und sehnlichst
glaubte, so war er doch der Meinung, noch diesseits des Grabes zu mehr nicht
gelangen und wohl gar das Geisterreich, wie das gelobte Land, nach Rosental
verlegen zu können. Die Freimaurerei, von welcher der schausüchtige Pastor alles
glaubte, was er hörte, aber nichts, was er las, bestärkte diese Hoffnung; und
nun griff er nach jedem Mittel, das ihm vorkam: nach einer Eiche und nach einem
Strohhalm, nach dem Gastvetter und nach dem Senior familiae mit seinem Kasten. -
Warum sollte auch nicht einer von den Todten, dem Pastori loci zu Ehren, einen
Besuch unter den Lebendigen machen? War er doch keiner von den sieben Brüdern
des reichen Mannes, dem Abraham mit Recht die Gefälligkeit abschlug! - Gern
hätte er seinen Kirchhof in ein Elysium umgeschaffen, wo abgeschiedene Geister
selige Schatten geleiten! - Die Veranstaltung, dass Rosental zum gelobten Lande
geadelt werden sollte, lag nicht ausserhalb der Grenzen seines Zweckes; es war
ihm vielmehr ein Richtsteig. Die alten Ritterorden und andere noch florirende,
auf Geheimnisse sich gründende Orden hielt er für Depositairs einiger höheren
Aufschlüsse. - Ueberall fand er für seine Schwärmerei im Rosental'schen Kanaan
Nahrung, die ihm, meinte er, wenn nicht von Rittern, so doch von einigen
Pilgrimen, geliebt's Gott! geleistet werden würde. Simeon konnte nicht
inbrünstiger auf den Trost Israels warten, als unser Geistliche auf eine
Geistererscheinung. - Ob er doch je etwas sehen wird? Verschweigen wird er es
gewiss nicht! - Dass seine Grundsätze unvermerkt auch auf die Ritterin gewirkt
hatten - darf ich das erst anführen? - Diese Kreuzseherin war geneigt, sich in
eine Seherin verwandeln zu lassen; doch alles medice und modice. - Es heisst vom
Geistlichen: ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben; doch hat er ihn auch
von der Erde und zum Kopf und Herzen derer, die mit ihm umgehen. Die Geistlichen
taufen, sie confirmiren, sie copuliren; - sie finden die Menschen, wenn ihr Herz
und ihre Seele offen und jedes Eindruckes fähig sind. Und in der Tat, die
Ritterin kam zuweilen dem Pastor auf halbem Wege entgegen. - Secunda war ihm
eine wahre Promotion. - Was hab' ich zu verlieren? Nichts. Was zu gewinnen?
Viel. - Freilich viel! Wenn ihm auch niemand von den sieben Brüdern des reichen
Mannes erscheinen sollte, was ging ihm ab? Wer ist nicht gern im gelobten Lande,
wo Milch und Honig fliesst? - Der Umgang im ritterlichen Hause entschädigte ihn
für so manchen Lebenskummer; er gewann bei seiner Gemeinde durch die Achtung,
die ihm bei Hofe erwiesen ward, und so trieb er unvermerkt diese Schwärmerei als
Bedürfnis, zu der er zwar allerdings schon von Natur geneigt war, zu der er sich
indes doch anfänglich in Hinsicht der Manier, aus Gefälligkeit und Lebensart,
bequemen mochte. Der Ritter ging nicht auf Geistersehen aus; doch leistete er,
ohne es zu wissen, dem sehlustigen Pastor loci Vorschub. - Schwärmerei und
Empfindelei sind Geschwisterkind, und unserm Manne Gottes wurden die obern
Seelenkräfte je länger je entfremdeter, wogegen er es sich bei den untern
herrlich schmecken liess. Ein ächter Secundaner!
                                     §. 36.
                                        
                               Heraldicus junior
hat einen unauslöschlichen Trieb zu Gleichheit und Freiheit, wozu nun freilich
sein Vater (den blauen Montag etwa ausgenommen, den er jedoch in reiferen Jahren
aufgab) keine Gelegenheit gegeben hatte. Von der Akademie war ihm diese
Sinnesart beigebracht; und nun wollte er mit dem Kopfe durch die Wand! - Selbst
im ritterlichen Hause glaubte er dieses Evangelium nicht ohne Segen verkündigen
zu können; allein siehe da! die Ritterin lenkte ihn ein. Und da er bei allem
Freiheitssinn oder Unsinn nur zu deutlich einsah, dass es ihm an der runden Tafel
besser ginge als an der Marschalls- und an der Bediententafel, und dass die
Ritterin und ihre Freundinnen andere Weiber wären, als das schöne Gesindel, das
er in seiner Jugend zu verehren Gelegenheit gehabt hatte, so sprach er von
Freiheit und Gleichheit, wie Freund Johann Jakob - so dass sich alle beide,
Rousseau und Er, im Umgange mit Weibern, deren Gestalt Engel ohne Bedenken
annehmen können, und mit Männern, die, wenn sie nicht unsere Glückseligkeit, so
doch unser Glück zu machen im Stande sind, die schon durch ihren Besserschein
das Herz erheben, die Seele anfeuern und das Leben menschenwürdiger machen, gar
nicht übel befanden. - Nie konnte Heraldicus junior die Art vergessen, die, wie
er sagte, über alle Art ging, womit die Ritterin ihm ein Geschenk machte. War es
doch so, sagte er, als ob ich gab, und als ob sie nahm! Wo ihr Auge nur
hinreicht, verbreitet sie Heil und Segen, und das alles so in der heiligsten
Stille, wie das göttliche Wesen - oder wie jener herrliche Bach im Lustwäldchen,
der, ohne einen Laut von sich zu geben, Menschen, Vieh, Blumen und Kräuter
erquickt. Stolz zerstört jede Schönheit, macht alles unsymmetrisch und verdirbt
unsere Gesichtszüge und Lineamente noch ärger, als die Blattern. Edelmut
übertrifft die drei Grazien und die neun Musen. Heraldicus junior konnte nicht
umhin, seiner Schwester zu versichern, dass sich sein voriger und sein jetziger
Umgang verhielten wie ungeschmierte Türangel- gegen Lautentöne. - - Freilich
sind oft die Dürftigen nur dürftig, der gemeine Mann nur gemein, sonst aber
bieder und brav; freilich gibt es unter den Grossen wahrhaft kleine Menschen,
unter den Reichen bettelarme, unter den Hochgeehrten niederträchtige, unter den
Hochgelehrten unweise, - doch gibt es auch unter ihnen viele, die ihres Standes
und ihres Reichtums würdig sind, die beides zu geniessen verstehen, ohne sich zu
überladen. Man erwäge, dass Heraldicus junior nicht ohne Talente war; dass seine
Burschenmanieren, sein ins Gemeine sinkender Anzug ihn, als er seine
Hofmeisterstelle antrat, bei aller Gelegenheit im Herzen fragten: Freund, wie
bist du hereingekommen und hast kein hochzeitliches Kleid? - Wird man sich noch
über seinen Freiheitssinn und über seine Abneigung von aller persönlichen
Convenienz wundern? Der Gastvetter hatte ihn hingerissen, allein nicht
eingenommen. - Und warum nicht? Weil er kein Schneiderssohn war; weil, obgleich
seine Seele einen Adel behauptete, den kein Diplom und keine Stammtafel
verleihen kann, er doch so leicht das nicht hätte werden können, was er war wenn
er nicht ein Edelmann gewesen wäre. So manches gute Wort, das der Ritter fallen
liess, hatte indes gezündet, und obgleich Heraldicus junior sich allerdings
überzeugte, dass Reichtum und Stand Zeugen und Beklatscher nötig haben, und dass
dergleichen Zeugen und Beklatscher, wenn sie sich nicht von selbst melden, von
den Reichen und Vornehmen mühsam aufgefordert und eingeladen werden: - verdient
es Vorwurf, nicht nur sein Brod, sondern auch seinen Reichtum, mit andern zu
brechen? Man zeigt seine Pokale; allein es sprudelt Champagner darin. Sehet!
zuweilen erhebt Tokayer den Krystall! Man will mit seinem Silbergeschirr
prahlen; allein es entält die geschmackvollsten, einladendsten Speisen. Ist es
denn nicht eine gute Seite der Menschen, dass sie nichts für sich allein behalten
können? Newton und Copernicus würden nicht erfunden haben, wenn sie nicht in
Gesellschaft gelebt hätten. Wie gut ist es, dass Edelgesteine nicht strahlen,
wenn sie nicht von andern gesehen werden; dass Gold nicht leuchtet, wenn andere
es nicht zu bemerken würdigen; dass der Stolze, der Reiche nichts für sich,
sondern alles für andere tut, und dass selbst der reiche Schlemmer, dessen Bauch
sein Gott ist, doch alles nur halb geniesst, wenn nicht andere Teil daran
nehmen! Hat der Eigentümer von seinem Stein- und Goldreichtum mehr als das
Sehen? Ist es nicht eine Art von Mitteilung, sie andern zu zeigen? - Fliesst aus
dem Satze: »Nur das hab' ich, was ich sehen lasse,« nicht natürlich die
Betrachtung: »Nur das ist dein, dessen du dich zu entäussern im Stande bist?«
    Dies und das brachte den Heraldicus junior aus der spinnbewebten Studirstube
in die Welt, wo wir ihn fürs erste willkommen heissen wollen. Seine
Freiheitsgrundsätze gab er darum im Ganzen nicht auf; er wusste nur aus- und
einzubiegen, und, wenn beim fein raffinirten (er nannte es schön stylisirten)
Diner oder Souper bonmotisirt wurde, seinen Gleichheitssinn auszusetzen. Oft
sagte er dem Pastor, dass ihm manches seine Mahl wie ein Concert vorkäme, wo alle
Töne sich freundschaftlich einander nähern und das Mannigfaltigste zum Entzücken
zusammentrifft. Von seinen Gartengewächsen und von Baumfrüchten, die nur durch
Gärtnernachhülfe zu erziehen sind, war er ein grosser Liebhaber, und diese durch
die Kunst erhöhete Natur machte ihm den Aristokratismus in Rosental so
erträglich, dass er oft nicht wusste, wie er mit dem Demokratismus daran war! Der
Mangel an bürgerlichem Ansehen und ein zu starkes Selbstgefühl veranlassen
Revolutionäre, die den Drang, etwas vorzustellen, nicht besser als auf diesem
Wege befriedigen können. Herrschsucht ist der Hang aller Menschen. Selbst das
Christentum lehrt: wir wären geistliche Könige, Priester und Propheten. Warum
nicht geistliche Bauern und Handwerker? - Wer wird der Tyrannei das Wort reden,
da sie nicht anders ist, als die Herrschaft des Eigendünkels, der in die Stelle
der Herrschaft der Gesetze tritt? - Wer wird aber jenen Brauseköpfen beitreten,
die immer von Gleichheit sprechen und alles zu beherrschen suchen? Nicht nur was
vor ihnen ist, sondern selbst was bescheiden neben ihnen gehen will, hat in
ihren Augen tyrannische Absichten. Alles soll hinter ihnen sein! - Kann ein
Tyrann anmassender verfahren? - Je länger man in der Welt lebt, desto
unzufriedener ist man mit jedem Machtspruche und jeder Machttat; doch desto
mehr überzeugt man sich auch, dass jugendliche Freiheitsherolde nur zu oft
Schlösser bauen, die von aussen erhaben und schön glänzen, indes nicht bewohnbar
sind; pompvolle Schiffe, die nur den kleinen Fehler haben, dass sie nicht
geschickt sind, im Wasser Dienste zu tun. - So dachten Ritter und Ritterin; ob
richtig oder unrichtig, kann im §. Heraldicus junior noch nicht die Frage sein.
    Das Stück vom Prediger?
    Gut! wenn man mich beim Worte hält - hier ist es.
    Und vom Heraldicus junior?
    Wird es nicht zu viel werden?
    Ich wette, man wird, die Kupferstiche Nro. 35 und 36 in der Hand, den
Prediger so wenig, wie den Heraldicus junior in ihren Arbeiten wieder erkennen;
- oder ich wette nicht.
    Zum Stück des Predigers in
                                     §. 37.
                                        
                                  Lebensgrösse,
oder besser in ganzer Figur. - - Vorbericht. Ein Gesetz ist ohne Vorbericht;
eine Predigt kann sich nicht ohne ihn behelfen, und auch selbst ein Geistlicher
selten. Hat jemand von meinen Lesern bemerkt, dass der Ritter kein Feind der
katolischen Religion war, so darf ich es nicht bemerken. Dies tat indes seiner
evangelisch-luterischen Confession nicht den mindesten Abbruch. Ohne des
Umstandes zu gedenken, dass der Reichsfreiherr, und dass die Originalritter und
ersten Hospitaliten vom Orden des heil. Johannes in Jerusalem dieser Religion
zugetan waren, hat die katolische Religion ihre Ahnen, ob richtig oder nicht,
damit ist es bei Ahnen wahrlich so genau nicht zu nehmen. Pater est quem justae
nuptiae demonstrant. Das Kind heisst nach dem Gemahl, ob der Gemahl Vater ist, da
siehe du zu! Ausserdem haben alle Kreuze etwas Katolisches in sich, und wenn
gleich das Kreuz die gemeinste Strafe war, mit welchen man bei den Syrern,
Juden, Aegyptern, Persern und Römern Knechte, Mörder und Räuber belegte, so ist
doch diese Figur ein Ehrenzeichen geworden durch den gekreuzigten Stifter der
christlichen Religion, der aber verlangte, dass seine Anhänger auf eine andere
Weise ihr Kreuz auf sich nehmen und ihm nachfolgen sollten.
    Der Zuneigung, die unser Ritter zu der katolischen Religion hatte,
ungeachtet, hielt er es doch nicht mit Klang und Sang, worin diese Kirche ein
Hauptstück ihres Gottesdienstes setzt; vielmehr war er ein Gönner der Prosa. Er
hielt dafür, sie sei adlich, und man sehe ihr Wehr und Waffen an. Schon hatte
man sich, um den Ritter durch das Altertum zu gewinnen, Mühe gegeben zu
behaupten, dass die Menschen mit der Poesie den Anfang gemacht hätten, und dass
das Jauchzen und Springen wahre, ächte Poesie wäre; indes ward er so wenig in
diesem Garn gefangen, dass er sogar das Alter der Poesie in totum und tantum
abläugnete. - Und wie das? - Gott der Herr, wenn er sprach, redete in Prosa.
Adam und Eva mussten natürlich auch so antworten, und haben im Paradiese in
keiner andern Art als in Prosa conversirt. Die erste Urverwirrung der Sprache
ist Poesie und Prosa. - Vergebens war alle Mühe, den Ritter zu überzeugen, dass
Poesien Früchte und Kinder der Imagination wären, die doch beim Ritter galt.
Zuweilen schien es wirklich, als ob er mit seinen Behauptungen in Verwirrung
käme; doch konnte man dieses Eingeständnis nicht von ihm erhalten. Er glaubte,
es ans Tageslicht bringen zu können, dass die Behauptung der Dichter: »die
Dichtung sei das Chaos, die Mutter der Prosa,« schon eine Dichtung wäre; dass die
Einbildungskraft, in der doch der Dichter, wie der Fisch im Wasser, zu schwimmen
vorgebe, nicht zähle und messe, und dass noch die Zeit kommen müsse, wo man der
Prosa Gerechtigkeit widerfahren lasse. Die höchste Poesie sei nicht eine toll
gewordene oder poetische, sondern eine durch ihren innern Gehalt, durch ihren
Geist geadelte Prosa. Verbannte nicht Plato, sagte er, die Poeten aus den
Vorhöfen des Himmels, aus seiner Republik?
    Nach diesen Grundsätzen kam der Ritter gemeiniglich bei den letzten Worten
des Glaubens in die Kirche, und so war das Amen des Predigers auch das Zeichen,
seinen Hut zu nehmen und in die Melodie des Gebetes zu fallen. Morgen- und
Abendandachten waren in Rosental seit Menschengedenken eingeführt; allein alles
ging ohne Klang und Sang ab (welches der Schulmeister, der zugleich die Orgel
schlug und die Cantorei zierte, ohne Salz und Schmalz nannte). Der Prediger, der
wie fast alle seine Collegen im Gesang seine einzige Erbauung fand, da das
Auswendiglernen ihm alle Rührung und allen Herzensanteil an der Predigt
entwendete, mochte nun so viele Verse in seiner Predigt anbringen, wie kaum in
den Lebensläufen in aufsteigender Linie angebracht sind: - unser Ritter konnte
dieser Gewohnheit keinen Geschmack abgewinnen. »Er will nicht anbeissen,« sagte
Heraldicus junior etwas zu prosaisch, der auch ein Liederfreund war, indes, wie
es sich von selbst versteht, mit mehr Schmalz und Salz, als der Organicus loci.
Freiheit und Poesie haben von jeher gute Freundschaft gehalten, wenn gleich die
Bemerkung unsres Liederstürmers nicht zu verachten ist, dass Poesie eine
gebundene und Prosa eine ungebundene Rede hiess.
    An einem X. Sonntage nach Trinitatis überraschte Pastor loci den Ritter
loci, und liess, so wie es bei den Herrnhutern Sitte ist, ehe man sichs versah,
ein Liedlein anstimmen, und hiess war: Erhalt' uns Herr bei deinem Wort.
    Pastor nannte diese Herrnhutersitte, der man auch in Philantropinen
gehuldigt hatte, die Predigt lardiren.
    Nichts in der Welt, nicht die Stimme des castrirtesten Sängers, noch die
Poesie des uncastrirtesten Dichters, hätte den Ritter so angreifen und bekehren
können, wie der »Türkenmord.« Indes fand er am Morde des Papstes einen nicht
kleinen Stein des Anstosses; und nun musste noch ein Strategem von Abhandlung dazu
kommen, wenn der Ritter den Gesang mit gnädigern Augen ansehen und sich mit
dieser bürgerlichen Sophie verbinden sollte.
    Ich gebe diese Abhandlung in Lebensgrösse; doch mehr als Brocken vom Pastor
werden wir nicht sammeln. Fast keine Schrift ist so schlecht, dass nicht etwas
von guten Brocken darin vorhanden sein sollte; auf ganze Körbe voll muss es kein
geneigter Leser anlegen.
    Dies Körbchen hiess:
                                     §. 38.
                                        
                           Unvorgreiflicher Vorschlag
                                      zur
           Abänderung des Martin Luterschen Kirchen- und Hausliedes:
                    Erhalt' uns, Herr, bei deinem Wort etc.
                  allen christliebenden gesanglustigen Seelen,
                                 besonders aber
                           Sr. Hochwürden und Gnaden
                                      dem
                      Hochwürdigen Hochwohlgebornen Herrn
                               Caspar Sebastian,
   des heiligen römischen Reiches Freiherr und des heiligen Johanniter-Ordens
    Ritter, der weiten und breiten Rosentalschen Güter Erbherrn, des im Riss
   liegenden Jerusalems und vieler andern schön gezeichneten heiligen Örter
  Eroberer, des hohen Rates zu Jerusalem in Gott andächtigen Präsidenten etc.
                         etc. etc. etc. etc. etc. etc.
              seinem gnädigen Kirchenpatron, hochgebietenden Chef
                                   und Herrn,
         namentlich untertänigst zugedacht, zugeschrieben und gewidmet
                                      von
                       einem zu Gebet, Gesang und Dienst
                             verbundensten Diener.
Dass schon die blinden Heiden bei ihrem Gottesdienste Gesänge gebraucht haben,
beweisen der hochblinde Homer und viele andere, als Orpheus, Kallimachus,
Hesiodus. Nach dem Pausanias war Licius Olenus ein griechischer geistlicher
Liederdichter, wiewohl der Streit in der alten heidnischen Singwelt unausgemacht
bleibt, wer den ersten Hymnus angeschlagen habe, indem, wenn ich mit Heiden
heidnisch reden soll, es das Ansehen gewinnen will, als ob die fröhlichen Vögel
dem Menschen den Sang und die Poesie, dagegen die vierfüssigen Tiere die Prosa
kollegialisch beigebracht, unter welchen der beschriene Ochse und der nicht
minder beschriene Esel gewiss das ihrige rühmlichst beizutragen nicht ermangelt
haben werden. Dass die Poesie ihr Hüpfen und Springen, und die Prosa ihren
vierfüssigen Gang von ihrer Urabstammung beibehalten bis auf den heutigen Tag -
darf ich das bemerken? Doch was geht dergleichen blindes Heidentum, wodurch die
vierfüssige Prosa am schlechtesten wegkommen würde, uns an, da ein ganz anderes
Schema genealogicum der geistlichen Lieder in der christlichen Familienlade
deponirt ist? So wie jener Weltüberwinder, nachdem er überall kam, sah und
siegte, nicht mehr von einem leiblichen Vater abstammen, sondern seinen Ursprung
im Himmel unter den Göttern aufsuchte und von ihnen abglänzen wollte: so können
wahre Menschen mit weit grösserem Rechte behaupten, dass sie in linea recta von
den Morgensternen und Kindern Gottes abstammen, von denen sie auch ihre
Singkunst erlernt haben. Bleibt es gleich in diesem Jammertale beim Tenor oder
mezza voce, wenn dagegen jene himmlischen Virtuosen im hellen Discant einen
Triller den andern beschämen lassen und mit ihren Engelflügeln den Takt dazu
schlagen, so hat doch niemand, weder Engel noch Mensch, des Herrn Sinn erkannt.
Wer ist sein Ratgeber bei der Form gewesen, in die er seine Welten und in ihnen
seine Geschöpfe goss? und wer kann dafür, dass er nur, oder dass sogar Ein Mensch
ist? Wer warst du, sagt Gott der Herr zu Hiob, der von dem himmlischen Fiskal,
dem Satan, in puncto criminis laesae in unbefugten Anspruch genommen ward, so
dass er auch seinen Prozess in der letzten Instanz refusis expensis gewann. - Wer
warst du, da mich die Morgensterne mit einander lobten und jauchzeten alle
Kinder Gottes? - Dass hierdurch die Sphären-Instrumentalmusik und die
Engel-Vokalmusik, und unter derselben das hohe Lied: Heilig! heilig! heilig!
verstanden wird, welches Jesaias, der ein vortreffliches musikalisches Gehör
besass, in Noten gesetzt hat, ist auffallend. Singen und Spielen sind so nahe
verwandt, dass ein jeder Sänger gern allem, was ihn umgibt, die Zunge zum andern
Discant lösen möchte; und so hat der Mensch wirklich leblosen Instrumenten einen
musikalischen Atem eingehaucht; und was die Sphären dort oben sind, das sind
hienieden Pauken und Trompeten, Violinen und Flöten. Wenn ich nun gleich der
kritischen Frage: ob die ersten Eltern im Paradiese gesungen, ganz gern
ausweiche (da Se. Hochwürden und Gnaden nach guten Ursachen, die fast eben so
viel als gute Nachrichten bedeuten, wissen wollen, dass die ersten Eltern im
Paradiese sich in Prosa unterhalten), so würde es den guten und bösen ersten
Eltern doch zu keiner Scham und Schande gereichen, im Paradiese mit den
Morgensternen und den heiligen Engeln, ihren Gespielen, eins um die Wette
angestimmt zu haben. Von selbst versteht es sich, dass der Paradiesgesang ein
ganz anderes Ding gewesen ist, als der, den Adam und Eva bei der Holzaxt und
beim Spinnrocken leierten.
    Man sagt, die Not lehre beten. - Wahr! Lehrt sie aber nicht auch fluchen?
und ist es nicht gewiss, dass die Not eben so viel, wo nicht mehr, gute Christen
als Bösewichter erzieht? Die Herren Finanziers brauchen die Not zum sichern
Recept wider das kalte Fieber der Faulheit, womit sie, trotz der China,
Wunderkuren getan zu haben behaupten. In der Tat, die Herren sollten in ihren
Finanzrecepten weiter gehen, und wenn sie selbst wegen dieser Not in Not
geraten, das wohlfeile Singen verschreiben. Erinnert man sich nicht hierdurch
an die grosse Harmonie, die doch immer - auch bei Gram und Sorgen, bei Donner und
Blitz, bei Schelten und Schlägen, welche die Herren Staatsregierer über die
Staatsbürger im Rate der Wächter beschliessen und mit ausserordentlicher
Pünktlichkeit ausführen - in der argen bösen Welt ist? - Ach! durch den Gesang
wird die arge böse Welt zur besten! - Der Gesang kühlt die Angst; und was ein
Glas Wasser der Zunge in schwüler Mittagszeit ist, wird der Seele ein Lied. Mein
Gesangbuch nenn' ich einen Eiskeller, und hab' es im hitzigen Fieber der
Anfechtung in Segen gebraucht. Wenn die Verdammten in der Hölle singen könnten -
wären sie nicht aus aller Not? und dürften sie wohl einen Tropfen Wasser zur
Zungenkühlung erbetteln? Würden nicht vielmehr Harmonie und Takt unter ihnen
sein, da sie jetzt sich unter einander vertragen wie Katzen und Hunde? - Ist je
Sonntagskindern der Vorschmack der künftigen Welt beschieden, und können sie
hoffen, über ihren künftigen Aufentalt und ihre künftige Beschäftigung von
vollendeten Seelen sub rosa Nachricht einzuziehen, so wird der Gesang das Mittel
sein, Erscheinungen der Geister zu bewirken: nicht der schwarzen, sondern der
weissen; nicht der bösen, sondern der guten. Alle gute Geister loben Gott den
Herrn, und singen; alle böse Geister loben Gott den Herrn, und zittern. Tugend
und Gesang verbinden diese Welt mit der künftigen - so dass sie in einander
verschmelzen, man weiss nicht wie. Leider! waren von Anbeginn Wortstreit und
Hahnengefechte, wenngleich bei einem Seelenduell kein Blut, sondern Gedanken
fliessen. - Obstat, quidquid non adjuvat. - Es gibt nur Einen Verstand. Alle
Menschen würden Eins sein, wenn die Worte nicht so oft Streit suchten, und
Parteigänger, Volontärs und was weiss ich was mehr wären. - Einige unter den
Wörtern sind bekanntlich so ungeschliffen, dass sie es recht darauf anlegen,
Händel zu machen. Die Poesie gibt ihnen Anstand, Erziehung und Politur; sie
lehrt sie, sich in Zeit und Umstände schicken. Jene Antwort: »Etwas, das du
nicht zu wissen brauchst,« auf die unbescheidene Frage: »was trägst du da unter
dem Mantel?« sollten sich die Menschen merken, da sie fast alles, was sie
glauben - und das ist doch bei weitem der grösste Teil von dem, was sie zu
wissen vorgeben, oder zu wissen sich einbilden - unter dem Mantel tragen. Man
lasse doch jeden so viele Worte tragen, als er nur unter seinem Mantel
beherbergen kann, und zwinge die Träger so wenig, diesen Wortkram zu entüllen,
als uns andere, uns mit Mänteln und einer solchen Wörterlast zu behängen - falls
wir selbst nicht wollen. - Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. - Doch um
wieder zur Poesie einzulenken, bei der man nur zu leicht Absprünge machen kann,
so trete ich dem hohen Praesidio vollständig bei, dass die gegenwärtige mit
Erbsünde beladene Poesie im Paradiese nicht im Schwange gewesen. Lebhaft kann
ich mir vorstellen, dass die damalige Prosa so ein englisches liebliches Wesen an
sich hatte, dass es, wenn ich so sagen soll, Poesie ohne Dichtung war. Merkt euch
dies, ihr guten Dichter, und legt nicht zu viel Gewürz an natürliche Kost; denn
in Wahrheit, das setzt kein gutes Blut. - Wenn innere Würde sich mit äusserlicher
Pracht vereinigt, wenn der Zweck so edel ist, wie die Ausführung: dann ist Prosa
Poesie, deren sich niemand schämen darf. - Wenn Poesie unsere Aufmunterung,
nicht unser Ziel, unser Mittel, nicht unser Zweck ist: o, dann verlohnt es der
Mühe, ein Poet zu sein - und Plato selbst war es, der bloss Asterpoeten des
Landes verwies, das indes auch nicht in rerum natura, sondern in der Poesie
existirte. In einer poetischen Republik Poeten nicht dulden wollen, ist wahrlich
sonderbar! Adam und Eva im Paradiese befanden sich übrigens gar nicht in der
Notwendigkeit, zur Dichtkunst ihre Zuflucht zu nehmen: sie hatten beim lieben
Gott eine offene Tafel, und alles, was sie nur dachten (es zum Wünschen kommen
zu lassen, hatten sie nicht nötig), stand vor ihnen. Auf anakreontische
Anlockungen durfte es der verliebte Adam nicht stutzerisch anlegen. Eva liebte
nicht sich, sondern ihn, so wie auch seine Liebe nicht aus Erkenntlichkeit,
sondern aus Herzensneigung über alles ging - und so auch über ihn selbst! - Den
Apfel, Vater Adam, hättest du nicht aus ihren Händen nehmen sollen, so lieblich
sie ihn auch abgeschält hatte! - Poesie lehrt indes, nicht bloss aufs Wort,
sondern auch auf den Ton merken, und haben Gedanken allein auf den Ausdruck und
nicht auch auf den Ton Einfluss? Gibt es nicht eine gewisse Aufgeblasenheit der
Worte, die man Bauernstolz nennen könnte, welcher wahrlich die unerträglichste
aller Stolzarten ist und selbst über den Stolz der Heiligkeit geht? Reden ist
Kunst; recht Reden ist Natur. Wahre Ehrbegierde ist die Poesie bei unsern
Handlungen und bei unsern Worten. Die höchste Sprache ist die, welche jeden
Wortputz verschmähet, und keinen Ruhm wegen der Ausdrücke, sondern wegen der
Gedanken, die in den Worten entalten sind, sucht und findet. Man trachte nach
Gedanken am ersten, und Worte und ihre Geberden, der Ton und alles andere wird
uns zufallen von selbst. - Ich hätte sehr viel darum gegeben, den wirklichen
Adam und auch die jungfräuliche Eva singreden oder redesingen zu hören. Singen
ist die Musik des ledigen, Spielen die Musik des ehelichen Standes, in welchem
man die Stimme verliert, man weiss nicht wie! Bei so manchem grossen
paradiestschen Verluste verlor das erste Paar auch seine Stimme. Jammer und
Schade! - Was die Instrumentalmusik betrifft, so entstand sie nicht im
Paradiese; Adam und Eva hatten vielmehr zu jener glücklichen Zeit ein
Freibillet, das Sphärenconcert zu besuchen, wenn sie wollten, und nur nach dem
betrübten Sündenfalle ahmte der Mensch auf einer Rohrpfeife nach, was er so im
Grossen gehört hatte. Welch ein Abfall! vom Sphärenton zur Schäferflöte! So steht
es mit dem Stande der Unschuld und dem Stande der Sünden in Rücksicht der Sing-
und Dichtkunst aus. - Singen heisst: mit der Zunge dichten; und Instrumentalmusik
heisst: Gesang lebloser Geschöpfe, welchen der Mensch die Singstimme gelöset hat.
Was den Stand der Gnaden im alten Bunde anbetrifft, dem Se. Hochwürden in Gnaden
gewogen sind, so war er nichts weiter, als eine Silhouette; dessen ungeachtet
gab es in diesem Silhouetten-Gnadenstande - ganz vortreffliche Gesänge, z.B. den
Lobgesang Mosis, das Lied, welches der Prophet Jesaias seinem Vetter von seinem
Weinberge sang, den Lobgesang des Königs Hiskiä, als er wieder gesund geworden
war. - Und was soll ich von dem Erzsänger, dem königlichen Propheten David,
sagen, der, wenn gleich ahnenarm, doch sehr liederreich war! Auch wusste er wohl,
was sich für einen singenden König schickt; keinem andern, als dem König aller
Könige, dedicirte er seine Lieber. Er erlaubte sich kein anakreontisches
verfängliches Stück, selbst nicht auf die Batseba. Basilius meint, der heilige
Geist habe sich Mühe gegeben, die ganze Bibel in Verse zu bringen, da er dem
David die Psalmen diktirte. Was. den neuen Bund betrifft, so will es anscheinen,
dass es darin eigentlich keine Dichtkunst, sondern Geist und Wahrheit gebe. In
dem Munde des Stifters der christlichen Religion ist kein Betrug und selbst
keine Dichtkunst (ein erlaubter Seelenbetrug) zu finden; und wenn er gleich kurz
vor seinem letzten Leiden den Lobgesang, wohl zu merken, sprach, so war doch
dies ein Stück vom Osterlamm, das unser Herr ass, weil es Sitte im Lande war. Wer
hat unter tausend und abermaltausend Behauptungen von seiner Person und Lehre
die Angabe gewagt, dass er Dichter und Dichtershelfershelfer, Musikus gewesen
sei? Einwendungen? Gut! sie mögen sich hören, aber auch widerlegen lassen. Gibt
es nicht Poesie en gros und en détail? Der starke Glaube, den der Stifter des
Christentums an Gott, und das Zutrauen, das er zu seinem Werke hatte, welches
er im Namen Gottes begann - waren das nicht Beweise einer erhabenen
Einbildungskraft, die seinen Geist stärkte und heiligte? Sein Kopf und sein Herz
arbeiteten in grossen Massen; so ins Grosse ging kein Weiser vor ihm. - Welche
Menschenfreundlichkeit! Zu den Aufschlüssen, die er uns gab, ist ein blosser
Prosaist nicht im Stande. Seht! in Gott dem Herrn zeigte er uns mit Fingern den
Vater. - Väter sind nicht für Hymnen, und nirgends sind Hymnen Kindern Gottes
zur Pflicht gemacht: - das Gebet zwar, welches freilich eine Art von Poesie ist;
doch beteten Menschen vor seiner Zeit. Und nimmt man Poesie in göttlich hohem
Sinn - ist es dann der höchsten Vernunft selbst eine Schande, sich mit Poesie zu
verbinden? Kann es der ganzen christlichen Lehre zum Vorwurf gereichen, wenn sie
die Dichtkunst der Vernunft genannt wird? Diese Bemerkungen eröffnen von selbst
ein Feld zur schönen Nutzanwendung. Alles in der Natur, ausser dem Menschen, geht
müssig, es sei denn, dass der Mensch es anstrengt; und dann arbeiten Ochse, Pferd
und Esel nicht für sich, sondern für den Menschen; der Mensch allein ist der
Arbeiter im Weinberge der Natur und der Sittlichkeit. An ihm kann man sehen, was
Königen obliegt, wenn sie diesen Namen verdienen. - Der König der Erde, der
Mensch, hat gewiss nicht Zeit, wenn er treu ist in seinem Berufe, sich mit
brodlosen Künsten abzugeben, sich für Spottgeld, für Schandbote zu verkaufen,
und über Klingklang seine Regierungsgeschäfte zu versäumen. Wer verlangt aber
auch von ihm, dass er das Dichterhandwerk treibe? Es ist genug, dass er Dilettant
sei. - Bei diesem Wegweiser wird der Mensch gerade so viel wie die Dichtkunst
gewinnen. Allerdings bleibt der Mensch der Nachschöpfer auf Gottes Erdboden; und
wohl ihm, wenn er fleissig ist, in guten Werken zu trachten nach dem ewigen
Leben! - Sein diesseitiges Leben soll nicht künstliche Irrungen, nicht
unvorgesehene Begebenheiten, nicht verschlungene gordische Knoten und
kunstreiche Auflösungen, selbst nicht pompreiche, mit Philosophie stark gewürzte
Sentenzen, nicht Lippengrundsätze entalten; eine lange einfache Handlung ist
sein Wandel, der sicher und fest zum Ziele fortschreitet. - Das sind Werke in
der moralischen Welt, in der unsichtbaren Kirche, in Jerusalem, welches, mit Ew.
Hochwürden Erlaubnis, nicht von Menschenhänden gemacht ist. Wer kann zum
moralischen Erdenchaos sprechen: Es werde Licht! - Vorbehalten ist es dem
Menschen, vermittelst des Lichtes der Vernunft die sechs Tagwerke allmählig
hervorzubringen, bis der Sabbat einbricht, der Tag der Ruhe! Das tausendjährige
Reich - der Zustand, da Engel und Menschen sich wechselweise besuchen werden.
Eva, wären wir da! Seelenweide! Herzensfreude! Himmlisch Manna! Halleluja,
Hosianna!
                                        
                                        
                                        
    Hosianna, rief die Ritterin auf, ohne dass ein Blitz zu sehen, ein Knall zu
hören war, und eine Fluch-oder Gnadentür sich auftat. Der Ritter reichte ihr
aus Beifall die Hand. - A B C wiederholte das mütterliche Hosianna. - Und gilt
dies etwa dem unvorgreiflichen Vorschlage des zu Gebet, Gesang und Dienst
verbundensten Dieners? Nimmermehr! Die Ritterin fühlte seine Weitschweifigkeit
so gut, wie wir. Dem Gastvetter galt es, der durch so manche gute und böse
Gerüchte in Rosental gegangen war; ihm und seiner Behauptung:
        »Dass Poeten das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit in den Anfang der
        Welt, Philosophen dagegen es in die späteste Zukunft setzen.«
Dies Tema gab Gelegenheit zum Streit und Widerstreit, wodurch das Dreiblatt
einer Familie begeistert ward, das wahrlich Genossen des Reiches Gottes zu sein
verdiente! Ganz ungezwungen kam die Ritterin zu ein paar Geschichten, die ihr
auf dem Herzen lagen, und die den Namen Hosianna-Geschichtchen erhielten. - Sie
hatte unter vielerlei Armen (in ihrem Rittersitze waren keine) auch eine Klasse,
die vierteljährlich nach Rosental wallfahrtete, um ihre Pensionen abzuholen.
Arme dieser Klasse kamen beständig zu Zwölfen; und diese Apostelzahl geleitete
sich unter einander, und ward, ausser der Mitgabe, in Rosental vierundzwanzig
Stunden reichlich bewirtet. - Nie versäumte es die Ritterin, mit diesen Zwölfen
zu Tische zu sitzen. Sie nannte sie ihre Schildereiensammlug, und kein Maler der
alten und neuen Zeit hat solche Gruppen dargestellt; wahrlich keiner! Heute aber
verlangte Eine dieser Zwölf geheime Unterredung.»Haben Sie Dank, gnädige Frau,«
fing sie an, als sie mit der Ritterin allein war, »für Ihre Güte; und wenn ich
gleich von dem Ihrigen nehmen muss, um es Ihnen zu geben, so freu' ich mich doch,
dass diese Stunde kam, und ich wenigstens auf diese Art geben kann. - Ich teilte
den Jahrgehalt, den Sie mir bewilligten, mit einer unglücklichen Mutter, die
drei Meilen von mir lebt, und die nur das Unglück mit mir verband. - Ein
heiliges Band! Sonst sind wir nicht Verwandte. Diese Mutter ist glücklich
geworden und bedarf meiner Teilung nicht mehr.« - Edles Weib! sagte die
Ritterin, und verstummte. - Nur erst nach einigen Minuten war sie im Stande,
sich nach der Veränderung des Unglücks in Glück zu erkundigen. Der edlen
Ritterin fiel die Legende vom ungebornen Unglücklichen ein, welcher sich aus
einem Glücklichen in einen Unglücklichen verwandelte: ein Fall, der sich öfter
ereignet! Aus dem Zuge, dass es eine Mutter betraf, glaubte die Ritterin sicher
abnehmen zu können, die Kinder hätten die Mutter unglücklich gemacht, und der
Tod, der Armen und Unglücklichen natürlicher Vormund, wäre auch hier der
Beförderer zu dem Glücke der Mutter geworden. Nicht also. Die Mutter hatte einen
kranken Sohn, den sie schon einige Jahre auf dem Bette wartete und pflegte, und
diesen hatte sie verkauft! - Verkauft? fuhr die Ritterin auf. - Zum Glück
verkauft, erwiederte die Eine von den Zwölfen! - Die Mutter, setzte sie hinzu,
hielt den Käufer für einen Arzt, obgleich seine Physiognomie ihr gütiger vorkam,
als viele dergleichen Herren mit glühenden Zangen und Menschenfleischmessern sie
zu haben pflegen. Er gab ihr dreissig Taler; und was konnte das arme Weib sich
anders vorstellen, als dass der Käufer eine Medicinprobe mit diesem Unglücklichen
machen würde? - Da sie indes überzeugt war, dass der abgezehrte, völlig entnervte
Körper ihres Sohnes keine Probe auszuhalten im Stande wäre, so glaubte sie einen
vortrefflichen Handel gemacht zu haben, den ihr der liebe Gott verzeihen würde,
und gewiss auch verziehen hat. Der kranke Sohn willigte nicht etwa bloss in diesen
Kauf ein, sondern verlangte ihn durchaus. Er empfand, wie schwer er seiner
Mutter fiel. - Die Vorstellung, der Käufer könne nichts anders als ein Arzt
sein, brachte die Mutter noch auf die einzige Bedingung, dass ihr Sohn nach
seinem Ableben in keinem Anatomiehause aufgestellt werden möchte. Unbedenklich
ging der Käufer diese Bedingung ein. Nicht nur die halbe Pension, sondern auch
diese dreissig Reichstaler hat sie dazu anwenden müssen, die Arzneien und die
Aerzte für ihren Sohn bis zu diesem Kauf- und Verkaufscontract zu berichtigen. -
(Daher der Groll wider Aerzte, unter denen es gewiss gute Menschen gibt!) Ein
Zettel, den der Käufer dem Schulmeister behändigte, diente zum Wegweiser, von
dem Schicksale des Kranken Nachricht einzuziehen. Dieser Zettel war der Mutter
nur wegen des Anatomiehauses von Erheblichkeit. Der Wegweiser indes zeigte nicht
geradezu, sondern durch unglaubliche Umwege: der Käufer wollte unbekannt
bleiben. - Durch treue Kur und Wartung genas der Kranke in drei Monaten, ist
gesund wie ein Fisch und in den Gütern des Käufers! - »Wie? dieser Unmensch
kaufte sich einen Untertan? - erhandelte ihn so wohlfeil, weil er vielleicht
sein Uebel besser kannte, um ihn und seine Nachkommen zu Sklaven zu
erniedrigen?« - Gnädige Frau, der Jüngling bestand darauf, Untertan zu sein.
Ich bin bezahlt, sagte er; und in der Tat, wenn je ein Mann Untertanen zu
haben verdiente, so sind Sie es, sagte er zu seinem Käufer. Nichts! der Käufer
schlug es aus - und der junge Mensch arbeitet als Freier, und ist jetzt schon im
Stande, seine Mutter nicht nur zu unterstützen, sondern wird sie noch in diesem
Jahre sammt ihrer Familie zu sich nehmen, sobald er durch seine Braut Louise
Selbsteigentümer eines schönen Freigutes geworden ist!
    Ihr habt mich bewegt, gutes Weib, sagte die Ritterin! Ich habe mich gröblich
an dem edlen Manne versündigt. - Das gewöhnliche Loos edler Männer, an denen man
sich gemeiniglich versündigt, wenn dagegen Unedle die Kunst verstehen, ihre
Handlungen auszustaffiren! - Nicht wahr, Mutter, der Kauf hat etwas
Befremdendes? - Freilich, gnädige Frau, ist dem braven Herrn auch in unserer
Gegend viel zu viel geschehen, besonders weil er es bei diesem Kauf nicht
bewenden liess. - Nicht? - Er kaufte noch einem Dorfrichter einen Dieb für 100
Taler ab. - Dieser Unglückliche war in der Untersuchung, als der Käufer
durchreiste. Der Dorfrichter hat die Meinung, dass ein Diebstahl, wenn er ersetzt
ist, mit Strafe übersehen werden könne. Sehr unrecht! Ist der Diebstahl aber aus
Not begangen, so mag es wohl so unrecht nicht sein. - Wer das Verbrechen
hindert, sagte die Ritterin, tut dem Lande Gutes (und mir sei es erlaubt,
hinzuzusetzen, dass ein John Howard, der in dieser Absicht reiset, noch zu
wünschen ist). Es sei! Dieser Dieb hiess ein Umtreiber, weil er neun Meilen im
Umkreise nicht zu Hause gehörte. Der Käufer bezahlte 100 Taler, und dieser Dieb
hat, heisst es, für seinen Vater gestohlen, um ihn aus dem Gefängnisse zu
befreien, worin er dieser Schuld halber schmachtete. Der gütige Herr wollte,
nachdem er die Umstände vernahm, den Dieb auf der Stelle entlassen; allein der
Dieb war viel zu ehrlich, um sich mit diesem Lobspruche zu begnügen. Seine
Absicht, es ganz abzuarbeiten, hat er nicht erfüllt. Seines Vaters Schwester
ward durch den Käufer bequemt, sich ihres Bruders anzunehmen; und diese durch
Missverständnisse entzweite Familie lebt jetzt einmütig bei einander; ein
Lebensglück, wozu die guten Menschen nicht gekommen wären, wenn der Vater nicht
im Gefängnisse geschmachtet, der Sohn nicht gestohlen, der Richter nicht
verkauft und der edle Mann nicht gekauft hätte! - Der beglückte Menschenkauf-und
Handelsmann wird jetzt von der ganzen Familie gesegnet. Wenn er doch alle
Gefängnisse und alle Hospitäler abkaufte! - Wer es ist! Der Wegweiser zeigte
nicht geradezu, sondern durch unglaubliche Umwege; und wie viele Kreuz- und
Querzüge müsst' ich machen, wenn ich in Gegenwart meiner Leser mir die Mühe geben
wollte, ihm so nachzuspüren, wie die Ritterin, die hier ihr Herz im Spiegel sah!
Mit einem Worte, es ist der Gastvetter!
    Der Ritter hatte Tränen in den Augen; der Ritterin entfielen sie. Unser
Held sah beide an. Er verstand zu fühlen, was diese Tränen bedeuteten; doch
weinte er nicht.
    Nach dieser Herzstärkung wollen wir die Vorlesung fortsetzen. Bei jener lasst
uns wünschen: Erhalt' uns Herr bei guter Tat! - Wahrlich es verlohnt, bei dem
Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit, des Gastvetters zu denken, der keine
Handlung auf Subscription tat oder Lob sich pränumeriren liess. - Wer von
Dankbarkeit leben wollte - würde der überhaupt nicht Hungers sterben?
    Erhalt' uns Herr bei guter Tat!
                                        
                                        
                                        
    Finden sich irgendwo Spuren, dass die Jünger des Stifters des Christentums
und seine Apostel instrumental- und vocalmusikalisch gewesen sind? Schwerlich!
Doch, ward nicht Geist Gottes über sie ausgegossen? wurden sie nicht begeistert?
war ihr Pfingsttagsentschluss voll des heiligen Geistes prosaisch? Man vergesse
nicht, dass es eine Poesie im göttlich hohen Sinne gibt. Plinius in seiner
Apologie des ersten Christentums bekundet blindheidnisch, dass die Christen an
gewissen Tagen Christo zu Ehren gesungen hätten! Zugegeben; allein warum? Um im
Handeln ihm Ehre zu machen, und sich aufzufordern, den Willen dessen zu tun,
der ihn gesandt hatte.
    Beispiele sind stärker als Worte; und gibt es nicht hohe poetische Taten,
denen das Feuer der Einbildungskraft so wenig entgegen ist, dass es vielmehr eine
dergleichen Geistes- und Herzensstimmung bewirkt? Was ist blendender Wortglanz
gegen edle Tat? Durch sie wird man erschüttert, überwältigt und lebendig
überzeugt. Der Mut und der Trost der Notwendigkeit, welcher Seelen von Inhalt
und Nachdruck eigen ist - was hat der nicht ausgerichtet, wie viele
bewunderungswürdige Märtyrer gezogen! Nicht immer, nicht von jedem werden diese
Tatenepopeen gefordert! - Doch kommt es im neuen Bunde durchaus auf moralische
Sinnesveränderung an; und wenn gleich diese allerdings durch kalt vorgetragene
Grundsätze angefangen wird, so gibt es doch Fälle, wo wir die Nachhülfe der
Einbildungskraft und Glaubensstärkung bedürfen, um sie zu vollenden und sie in
Werken darzustellen. Man sage nicht, Dichtkunst sei Heuchelei. Heisst, sich gut
ankleiden, heucheln? und ist Dichtkunst mehr oder weniger, als Versinnlichung,
als Menschwerdung der Grundsätze der Seele? mehr als Darstellung des inneren
Menschen - des Geistes, der in uns ist, ohne welchen keine Handlung verstanden
und beurteilt werden kann? Ein reines Herz und reine Gesinnungen adeln unser
Tun, und weisen ihm seine Klasse an; - - und kommt man durch Gesang und durch
die Verbindung des Tons, des Textes und der Melodie nicht zu jener christlichen
Harmonie, zu jener Bruder- und Schwesterliebe, vermittelst deren man nur Ein
Herz und Eine Seele ist? Gott helfe uns zu seinem Reiche, wo alles uns gefällt,
ohne dass wir wie jetzt durch verderbliche Lottos entkräftet werden, und auch
beim höchsten Loose, wegen der vorigen vielen Verluste, arm bleiben! - Torheit
vereinigt oft die, welche durch Gesinnungen getrennt waren; der Gesang stimmt
Menschen zu einerlei Gesinnungen. - Was in der Krankheit frische Luft bewirkt,
das leistet der sanfte Hauch der edelsten Empfindungen bei verstimmten
Gemütern. - Recht und Gerechtigkeit übt man hier nicht nach Anleitung des
finstern abschreckenden Gesetzbuches, sondern nach dem Evangelio der
Vorstellung, dass kein Mensch ganz böse sei, ob er gleich auch nicht ganz gut zu
sein die Ehre hat. Was Billigkeit ist, dies grosse Problem lässt sich, scheint es
mir, nur durch Poesie auflösen. - Gesang sollte bloss negativen Vorteil bringen,
und den nicht befriedigen, der auf etwas Positives ausgeht? Mit nichten! -
Sprich, und du bist mein Mitmensch. Singe, und wir sind Brüder und Schwestern!
    Ob der Gastvetter Gesang liebt, fragte die Ritterin den Ritter. Ich glaube
nicht, erwiederte dieser. Wer handelt, singt nicht. - Nicht doch, guter Ritter,
singen die Neufranken nicht eben so viel, wie die alten? Freilich andere Lieder!
    Das wäre ein Wort ins Kreuz; jetzt noch eins in die Quer.
    Der Gesang, sagt ein grosses Kirchenlicht, der Gesang macht mit den Engeln
Allianz; der Teufel, der Drache, die Schlange weicht, wenn gesungen wird. Ein
Lied hilft arbeiten, und ist die beste Gesellschaft in der Einsamkeit; es
versöhnt unsern Schutzgeist, wenn wir ihn durch eine Torheit böse machten, und
wenn er schon den Hut genommen hat, um wegzugehen, bleibt er doch, und setzt
sich wohl gar nieder. Der Gesang ist der Schwur der Bruderliebe, des
Menschenhundes; - ist Opfersprache; - man hört nur Eine Stimme, wenn Takt
gehalten wird. - Er ist eine Morgen- und Abenddämmerung, wo es weder zu hell,
noch zu dunkel ist. - Man wird durch den Inhalt eines Liedes allmählig besponnen
, würd' ich sagen, wenn man nicht hierbei an die Spinne denken müsste. So geht es
mit den besten Vergleichungen! sie sind mutigen Pferden ähnlich, die, ehe man's
denkt, den stolzirenden Reiter zu Gottes Erdboden werfen. - Ein Lied bringt
Tränen und trocknet sie. - Es ist ein Rauchwerk, das die Wolken teilt und zum
Herrn dringt ungemeldet. - Die meisten Gedanken der Menschen - sind sie nicht in
dunkle Farben gekleidet? Wir Geistlichen ziehen ihnen nicht selten eine
Reverende, einen langen schwarzen Rock an, wo nur ein kleiner weisser Flick
angebracht ist. - Spendet die Poesie nicht die besten, schönsten, angemessensten
Kleider? - Geistig sind sie, und weit leichter, als die Gewänder, welche die
Alten ihren Göttinnen umwarfen. - Will man wissen, wie der Dichter sich vom
Matematiker und Philosophen unterscheide? Zu dienen. Der Matematiker ist ein
Götzendiener; gleich hat er eine Figur, die er sieht und anbetet: - ein goldenes
Kalb, würden Spötter sagen; was sagen aber die nicht alles! Nichtspötter würden
erwägen, dass ein Matematiker seiner Figuren halber beneidet zu werden verdient,
weil er vermittelst ihrer selten vergisst was er einmal weiss. Er hat sein
Geländer, woran er sich hält. Körperlich ist er, der Dichter geistig; - er sieht
Geister, er schafft sich Heerschaaren. - Selbst wer ihn liest, wird begeistert,
obgleich freilich nicht aus jedem Holze seiner Leser ein Merkur und aus jedem
Golde seiner Leserinnen ein Trauring Luters wird. Der eigentliche Philosoph
hält sich weder an Körper noch an Geister, hört und sieht nichts als sich selbst
und ist gemeiniglich so verraten und verkauft, so verlassen wie ein Einsiedler,
der nicht von einer Stelle kommt, der sich selbst schlägt, sich mit sich selbst
verträgt - und hinten und vorn, im Audienz-, im Wohn- und Schlafstübchen überall
nichts als ein vervielfältigtes Ich hat. Der Philosoph teilt seinem System
seinen Namen mit, und tauft seine Glocke; der Dichter tut Verzicht auf diese
eigene Ehre. Hatte doch, denkt er, Christophorus Columbus das Glück nicht, dass
sein entdeckter Erdteil Columba hiess! In einer Nottaufe (mit Ewr. Hochwürden
gefälligster Erlaubnis) erhielt dieser Erdteil den Namen Amerika nach dem
Vespucius Amerikus. Haben wir eine Homerische Poesie, ob man gleich im Scherz
eine Pindarische, eine Horazische Ode sagt, um den, der sie gemacht hat, zum
Sklaven des Pindar und Horaz, höchstens zu ihren Freigelassenen, zu erheben oder
zu erniedrigen? Man sagt, die Philosophie könne oft zur Krankheit ausarten; und
dazu ist kein probateres Mittel als Poesie. - Recipe, das Uebersinnliche den
Sinnen wenigstens näher zu bringen; und dies ist der Beruf des Dichters. Ein
Philosoph will der Seelenmann sein; aber macht er ihn nicht oft bloss? Er ist die
lustige Person auf dem Engelsteater, bei aller Ehrbarkeit, die er sich
beizulegen pflegt. Der Dichter, ein höherer Chemicus der Seelen, verwandelt die
tiefste, abstracteste Philosophie in die Sprache des gemeinen Lebens. Durch
diese höhere Seelenchemie findet der Dichter zuweilen den Stein der Weisen, den
die Philosophie immer sucht. Nie wird er aus seiner gebückten Stellung
herauskommen, und singen und springen, oder sich nur gerade halten, welches doch
der Vorzug des Menschen ist! - In der ächten Poesie gelüsten freilich zuweilen
Empfindungen und Gedanken gegen einander, und dieser Wettstreit, der den Streit
in uns zwischen Geist und Fleisch, zwischen Verstand und Willen ziemlich
abbildet, macht die Poesie zu einer so menschlichen Sache, dass man mit Wahrheit
sagen könnte, der Mensch sei im Gedicht getroffen. Getroffen! und wer wird sein
eigenes Fleisch hassen? wer wird sich selbst verläugnen? - - Doch, nicht nur uns
selbst brachte die Dichtkunst uns näher, sondern auch dem Unerforschlichen, mit
dem der Mensch vermittelst seines Geistes verwandt ist! - Der Dichtkunst haben
wir diese Entdeckung zu danken. Gottesdienst entstand nicht eher, als da der
Kram der Ehrenbezeugungen unter den Menschen anfing; bis dahin war Gott Vater,
Andacht hohes Andenken an ihn, und die Folge davon Ergebung und Anhänglichkeit
an diesen unsichtbaren Vater. - Wieviel Stoff beut sich hier zu einer
Dichter-Teodicee dar! Doch versteht die Dichtkunst zu verstummen. - Wahrlich
eine grosse Kunst!
    (Hier lächelte die Ritterin, der Ritter gleichfalls. - Schwerlich wird man
um die Antwort bei der Frage warum? verlegen sein. - Man las weiter wie folgt.)
    Aus diesem allen beantwortet sich die gegebene Frage von selbst: ob nämlich
der Papst aus der zweiten Reihe des herrlichen Liedes:
Erhalt' uns, Herr, bei deinem Wort,
Und steur' des Pspst's und Türken Mord!
wegbleiben und dieses Luterische Meisterstück in dieser Zeile verändert oder
wohl gar verbessert werden könne? Der Subordination unbeschadet, die mir gegen
Lutern, diesen Paulum post Paulum beiwohnt, der dem Petro sine Petro so manches
böse Stündlein machte, wird es mir erlaubt sein, mein Herz auszuschütten, wobe
das auserwählte Reformationsrüstzeug gewiss nichts einbüssen soll. Wie viel könnte
man aus dem tätigen Leben Luters ausheben, was ein Lob- und Danklied für so
vieles Heil verdiente, das er uns erwies! - Aus diesem vielen nur blutwenig. -
Luter erblickte das Licht der Welt, in der er kein kleines Licht werden sollte,
zu Eisleben; eigentlich stammt er aus Möra unweit Salzungen. Alles, was gross
werden soll, kommt unterwegs - und unerwartet zur Welt; - recht als ob es nicht
länger verschlossen bleiben könnte; es will Licht sehen. Vivit war Luters
Losung; und kann es nicht auch von jedem seiner Worte und Werke heissen: vivit,
es lebt? Er wollte Jura studiren; da aber der Blitz ihm einen seiner guten
Freunde beim Spazierengehen von der Seite schlug, so ward aus einem schnaubenden
Saulus ein Apostel Paulus. Den gradum Doctoris nahm er von dem gelehrten,
sogenannten UBCdario Andrea Bodensteinio Carolstadio an - (bei dieser
Gelegenheit mache ich dem jungen Herrn meine tiefe Verbeugung) und starb - nach
Art grosser Männer, die nach vielem Hin- und Herreisen gemeiniglich da, wo sie
geboren worden, ihr Leben schliessen - zu Eisleben. - Tout comme chez nous. Ehe
ich indes in diesen Schlaftrunk von Abhandlung, wie Luter nach Eisleben,
heimkehre, sei mir die Bemerkung ad rhombum erlaubt, dass Dr. Luter einen guten
Alt gesungen hat. In diesem Alt sang er, wenn der Papst ihn bannte und gar übel
plagte:
Erhalt' uns, Herr, bei deinem Wort,
Und steur' des Papst's und Türken Mord!
Wahrlich ein Lied im Alt zu singen! Doch was bleibt ohne Tadel? - Unter vielen
gelehrten Kletten, die sich an dieses Ehrenlied setzten, gehört auch die
Fragklette: ob dies Lied nicht den Religionsfrieden störe? Ich würde in meiner
Einfalt fragen, ob der Papst (den Türken noch bei Seite) ein Erbfeind sei? und
ob, wenn er es ist, man seinen Erbfeinden fluchen könne? Hier unsers Orts hat
der Papst sich einen Gevatterstand gefallen lassen. - Freilich lässt sich über
diesen Gevatterstand so viel wie über diese Erbfeindschaft sagen, und um eins
von diesem vielen zu bemerken: es lässt sich hier noch mehr denken. - Oft spricht
man ein gerechtes Urteil so stark aus, dass es unrecht wird. Wenn man Schuldigen
mit einer Art von Wut begegnet - wer kann sich entbrechen, sie für unschuldig
zu halten? Eine ungestüme Tätigkeit bringt alles gerades Wegs in Untätigkeit,
und sind Epikur und Epikuräer nicht ebenso weit von einander entfernt, wie Papst
und Päpstler, wie Luter und Luteraner? Auch war der Papst zu Luters Zeiten
ein weit wunderlicherer Heiliger, als ein Papst unserer Zeit. Umstände ändern
die Sache. Ich verarge Lutern so wenig den Papst in seinem Liede: Erhalt' uns
Herr etc., als ich ihm die Grabschrift übel deute, die er sich selbst setzte:
                 Pestis eram vivus, moriens ero mors tua, Papa!
Luter lebt in ihr! vivit! - Zerrinnt gewöhnlich alles nach dem Ableben des
Eroberers, was er in seinem Leben mit Feuer und Schwert gewann; hält die Nat
nur selten, wodurch dergleichen gewaltige Schneider vor dem Herrn Provinzen
aneinander heften, so wirken ächte Arbeiter im Reiche Gottes noch mehr als in
ihrem Leben; sie stehen auf von den Todten, Hallelujah! - Blieb Luters
Grabschrift eine unerfüllte Weissagung? Und wem widersetzt sich Luter in unserm
Textliede? Leibeigenen oder Feinden des Christentums? Ist es endlich wirklich
Unheil, das unser Sänger über sie ausschüttet? - Ich find' es nicht.
Und stürz' sie in die Grub' hinein,
Die sie machen den Christen dein!
Das lässt sich hören! Sie sind ihre selbsteigenen Todtengräber. Darf ich hier
einen Ausfall auf Luterische Päpste wagen? Gibt es nicht im Lutertum
Bauchpfaffen, die ihren Champagner trinken, während andere ihrer Collegen sich
Glück wünschen, wenn beim hohen Kirchenpatron die Ermahnung Pauli erfüllt wird:
trink ein wenig Weins deines schwachen Magens halber? Dieses Wenig wird an
Sessionstagen in dem neuen Jerusalem in Viel verwandelt und es ist an mir
erfüllt worden, was geschrieben steht: Ei du frommer und getreuer Knecht, du
bist über wenig treu gewesen, ich will dich über viel setzen; - gehe ein und so
weiter. - Die fetten Kühe helfen den magern zusehends aus! Consistorialräte,
General- und Specialsuperintendenten und wie dies stolze Volk weiter heisst,
kitzelt seinen Gaumen und ehrt Gott mit seinen Lippen; doch ist sein Herz, das
seinen Sitz im Magen hat, fern von ihm! Es ist an ihm, nach der Typik jenes
Witzlings, erfüllt, was das Vorbild der Schlange besagt, die verflucht ward -
auf dem Bauche zu gehen ihr Lebenlang. - Wider diese Baalspfaffen, die auf Mosis
Stühlen sitzen, Schwert des Herrn und Gideon! stürz' sie in die Grub' hinein! -
- -
    Die Rangliste, welche in unserm Singtexte beobachtet wird - ist sie etwa
poetische Licenz oder ein Sylbenmasszwang? Mit nichten! dem geistlichen Stande
eignet und gebührt auch beim Morde die Ehre. - Zwar glaub' ich, dass Se.
Heiligkeit cum reservatione reservandorum, sobald von öffentlichen Mordfällen
die Rede ist, es so genau nicht genommen haben würde, dem türkischen Kaiser die
rechte Hand und die Evangelienseite abzutreten, indem der erste in der Grube
(bei der ihm nicht abzustreitenden Ehre der erste zu sein) doch schlechter daran
ist als der, welcher über ihn fällt. - Nach einer bebrauchten Juristenregel ist
gegen den zu sprechen, durch dessen Schuld die Sprache im Vortrage nicht
deutlich genug ausfiel. - Mord! die Herren Juristen, von denen weder ex
notorietate noch testandibus actis hervorgeht, dass sie gute Christen sind,
eignen sich die Kenntnis von Mord und Todtschlag privative zu! Warum nicht gar!
wenn die guten Herren nur die Bibel zur Hand nehmen wollten, wie so manches
könnten sie über Mord und Todtschlag lernen, worüber in ihren Gesetzbüchern ein
altum silentium herrscht! Gibt es nicht groben und feinen Todtschlag, und tritt
nicht diese Einteilung auch beim Morde ein? Denken die eingeschränkten,
kraftlosen Gesetzsuppen an den schönen Mord für die Ehre Gottes und des
Vaterlandes? an die gesegneten heiligen Kriege, wo Zehntausend fallen zur
Rechten und Zehntausend zur Linken? wo derjenige, der am besten würgt, der
grösste, nicht im Himmelreich, sondern auf Erden ist und (nach der Kleiderordnung
der Zahnärzte, die sich mit ihren ausgewürgten Zähnen behängen) ein Band erhält,
welches nur dann den Mann ziert, wenn das Kleid in Menschenblut gefärbt ist, wie
das Kleid Josephs, das seine Brüder in Bocksblut tauchten? Die Frage: »Kann der
Gott lieben, den er nicht sieht, der ganze Schaaren seiner Brüder hinrichtet,
die er sieht?« verdient die eine Antwort? - Nie in der Welt macht der Pluralis
einen solchen Unterschied gegen den Singularis, wie hier! Das Angstgeschrei der
Wittwen ist den Herren Kriegsknechten ein Allegro; die Tränen der verwaisten
Töchter ein Herz erquickendes Andante; Blitz und Donner ist ihnen angenehmer,
als die segnende Sonne; mit Pestilenz, ansteckenden Seuchen, Feuers-, Wassers-,
Hungers- und aller möglichen Not leben sie in Gemeinschaft der Güter; sie
teilen ihre Siegeszeichen mit diesen ihren Spiessgesellen und Amtsbrüdern. Wenn
einer todtgeschlagen wird, ist es Mord; wenn Zehntausend durch das Schwert
fallen, ist es Heldentat. Der Mörder eines Menschen wird auf einem
schimpflichen Karren zur Schädelstätte geführt; der Held, der Zehntausend
hinrichtet, wird in einem Triumphwagen, den Brüder der Erschlagenen ziehen,
eingeholt! - und die Töchter des Landes singen: Saul hat Tausend, David
Zehntausend geschlagen. Nach eingeschränkten Privatgesetzen würde man Helden
sammt ihren Spiessgesellen: Mörder und ihre Lager Mördergruben nennen können, und
doch gelüstete im alten Bunde Engel, dies Menschenschachspiel nicht etwa als
Volontärs anzusehen, sondern selbst Hand ans Werk zu legen, und in stiller Nacht
Tausende hinzurichten. Der Unterschied, wenn man sich allein auf seine eigene
Hand betrinkt, und wenn es in Gesellschaft ehrenvoll geschieht, erläutert
einigermassen die Sache. Dies simile auf Menschenblut angewendet hinkt zwar, doch
erträglich: der letzte ist Feldherr, der erste Mörder! -
    Was sagt ihr Herren Juristen, ihr Mordhöker, zu diesen Genies, die ins Grosse
arbeiten? und was zu Seelen-, zu Gewissensmorden, wenn man einem den Glauben so
an die Kehle setzt, dass er entweder sogleich das Gewehr der Vernunft strecken
und sich auf Gnade und Ungade zum Gefangenen ergeben oder aber eines langsamen
Seelentodes sterben muss? Könnte dieser Glaube nicht in besonderem Sinn ein
gewaltiger Glaube heissen? - Man gibt den Irrgläubigen Gift, das nicht wie der
Tarantelstich aufs Hüpfen und Springen wirkt, sondern Leib und Seele
zerschneidet; doch, versteht sich, um Gottes willen, damit diese Leute im
Feuerofen unerwünschte Gelegenheit haben, vorschriftsmässig und auf die rechte
Art Gott zu loben. Wird dieser Mord im Grossen minder getrieben als in Kriegen?
Ach! auf diesem Schlachtfelde büsst man noch mehr ein als Leben: - Verstand und
Willen, Gewissen und Freiheit! doch alles von Rechtswegen. Wie aber? gibt es
nicht bei gerechten auch ungerechte Kriege? Allerdings! Freilich sind sie schwer
zu unterscheiden; doch mag man sich die goldne Regel merken, dass Kriege, die wir
von Gottes Gnaden führen, gerecht, dagegen die, welche andere von Gottes Gnaden
führen, ungerecht sind. Von den ungerechten singt Luter in unserm Text ob er
aber Seelen- oder Leibeskriege oder, was mir am glaublichsten vorkommt, beide
zusammen meine, scheint problematisch. Problematisch? Wie? redet Luter nicht
von den Leib-und Seelengrossen der Erde? vom Papst und Türken? - und sollt' er
sich nicht den Mordgipfel, das Mordideal gedacht haben? Ich glaube.
    Soll ich diese Strophe auf Prosa reduciren oder übersetzen? Ehrlich währt am
längsten. Luter singt, als wollt' er sagen: Erhalt' uns, Herr, bei der
menschenfreundlichen, liebevollen Lehre, und steure allen Tyranneien, die ihr so
gerade entgegenwirken! Wenn gleich der Reim und der Zorn oft tun, was nicht
recht ist, so sind doch Mord und Wort poetisch verwandt und prosaisch
verschwägert. Doch warum weitere Ausholung? Nicht wahr, man könnte dem
Freilingshausischen und andern Gesangbüchern nachsingen:
Erhalt' uns, Herr, bei deinem Wort,
Und steur' der Feinde Christi Mord?
    Wer es ist, oder sein mag, ob türkischer oder christlicher Türke, ob
päpstlicher oder luterischer Papst - der schlage zöllnerisch an sein Herz: Gott
sei mir Sünder gnädig! Schlecht für ihn; gut für das Lied und den Dr. Martin
Luter! Das Lied schlägt auf den Sack und meint den Müller. Ob ich nun gleich
dem Worte Türk in meiner Abhandlung bis jetzt so wohlbedächtig als glücklich
auszuweichen gesucht habe, so ist doch auch diesem Hauptworte, dieser Blume des
Textes, der vorzüglichste Honig abgesogen. Hab' ich nicht die Ehre, die hohen
antipatetischen Gesinnungen Sr. Hochwürden Gnaden gegen alles, was Türk ist und
heisst, zu kennen? Doch ganz kann ich den Türken nicht übergehen. Gewiss würde
unser hohes Präsidium, wenn Mahomet in der Hölle und der Qual Hochdasselbe um
einen Tropfen Wasser bäte, seine Zunge zu kühlen, diesen Volksverführer nicht
Sohn nennen, wie Abraham den reichen Mann als Israeliten. Indes, Hundert gegen
Eins! Wasser schlüge unser Chef dem Mahomet nicht ab, selbst Wein nicht, wenn
ihm, zur Strafe, dass er diese herzerfreuende Gabe Gottes so schnöde verachtete,
die Weinwehen, anwandeln sollten. - Dort ist kein Grab Christi, das der
Höllenhund Mahomet bewachen und bebellen kann! Johann Feinler, dieser gelehrte
Glockengiesser, macht unser Lied bloss zur geistlichen Türkenglocke, die nicht oft
genug in der Christenheit gezogen werden kann. Ach! Frevler, die schon so viele
Ehrfurcht gegen das Grab ihres Lügenpropheten beweisen, dass sie ihm zu Ehren,
wenn sie beten, ihr Gesicht gen Mittag kehren, und mit grosser Andacht nach Mekka
wallfahrten; sie, bei denen schon das Grab des Ali, des Schülers Mahomets, so
hoch am Brette ist, dass die persischen Könige auf demselben das Schwert
empfangen; ach! diese Frevler besitzen, trotz so vielen streitbaren Rittern, das
Grab Christi! - Elender Staat, wo der Mufti und Grossvezier dem Strange viel
näher sind, als ich einer Superintendentenstelle! - Elende Religion, die aus der
heidnischen, jüdischen, griechischen und christlichen zusammengesetzt ist und
viererlei sich anschreiende Farben in sich fasst! Viele Köche! - Das
unangenehmste von allem ist, dass der Sultan ein Kreuz mit seinen Beinen macht,
wenn er sitzt, welches überhaupt türkische Manier ist. Dass du gekreuzigt
würdest, du Schwarzkünstler, der du das Kreuz, das christliche Ritter tragen,
mit deinen unheiligen Beinen schlägst und so gröblich und ungezogen in die
Rechte des Papstes greifst, dem es auf den Pantoffeln zu tragen erlaubt ist! -
Unser hohe Chef hat sich durch seine ehrenvolle Mütze vom türkischen Turban
entfernt; und was meine Federmütze betrifft, die von einem dergleichen
türkischen Unwesen einige Aehnlichkeit hatte, so ist sie mit wahrer
Herzensbeistimmung dem hohen Rat in Jerusalem aufgeopfert, dem zu Ehren ich
denn auch endlich die Steine des Anstosses der gegenwärtigen Abhandlung, falls
man nicht bei dem Freilingshausischen Gesangbuche bleiben wolle, so legen würde:
und steur' der Türken List und Mord;
oder
verhüte, Herr, der Türken Mord!
welches auszuwählen ich dem geneigten Sänger überlasse, herzinniglich wünschend,
dass das Grab Christi, welches das Unglück hatte, schon in der ersten Nacht von
Heiden bewacht zu werden, endlich in christliche Hände kommen möge, wozu der
Himmel die gesegneten Anstalten der Grabesritter segnen und sie mit Mut und
Macht ausrüsten wolle für und für! - Die Türken, denen ich nicht wünschen kann,
dereinst zur Linken zu stehen, da die linke Hand aus List und Naseweisheit bei
ihnen obenan ist, mögen in Zeiten bedenken, was zu ihrem Frieden dient! Denn mir
(um aufrichtig zu reden) sollen sie im Himmel nicht im Wege sein, wo wir nicht
mehr singen werden:
Erhalt' uns, Herr, bei deinem Wort!
                                    Amen! -
                                     §. 39.
                                        
                                    Garrick
sagte zu einem französischen Schauspieler: Sie haben die Rolle eines Trunkenen
mit viel Wahrheit und Anstand gespielt, nur Schade! dass Ihr rechter Fuss nüchtern
war. So praeter propter fiel die Kritik des Ritters in Rücksicht der
Ehrenrettung des Liedes: Erhalt' uns, Herr, bei deinem Wort, aus; nur dass es dem
Ritter nicht gegeben war, sie mit der Garrick'schen Wendung auszustatten. Der
türkische Ausfall des Predigers gegen den Krieg hatte dem Ritter nicht
missfallen, und noch weniger das gute Zutrauen, dass der Ritter dem Mahomet in der
Hölle und in der Qual ein Glas Wasser, und noch lieber Wein reichen würde! In
der Tat, er hätte ihm beides gereicht! - Unter der Erde war ihm Eldorado; und
ist es wo anders? Indes gab es auch manchen nüchternen Fuss in der Abhandlung! -
Der Menschenhandel des Gastvetters tat diesem stattlichen Werk allerdings
Schaden! Doch war es gut gemeint, und in einem geschenkten Gaul - muss man nicht
den Pegasus suchen. - Es ward im hohen Rat eine Dankadresse decretirt, die,
weil man ihr ein Goldgeschenk beifügte, dem Pastor sehr willkommen war. Der
Hofmeister, von diesem Meisterstück, noch eh' es zu Stande gekommen,
unterrichtet, wollte aus einem höhern Chore singen, und hatte Hand an das
befreite Jerusalem des Torquato Tasso gelegt; indes war der Ritter so gesättigt,
dass er diese Ausarbeitung als wirklich genossen quittirte. Unser Schneiderssohn
verlor also wie, jener Schuster, oleum et operam. Da der Ritter auch ohne die
Abhandlung über das befreite Jerusalem von seinem Poesievorurteil sich
notdürftig befreien liess, und den freiwilligen Entschluss fasste, so wie
überhaupt den Gesang, so insbesondere das Lied aller Lieder: Erhalt' uns, Herr,
bei deinem Wort, welches von Stund' an bei der Nottaufe den Namen Türkenlied
empfing, in der Kirche nicht mehr, wie bis jetzt, mit dem Rücken anzuhören; so
fand sich der Hofmeister in sein Poetenschicksal, und entschloss sich, den Junker
mit seiner Arbeit zu bestrahlen. »Mit den verdammten Dedicationen!« sagte der
Schneiderssohn. - Sind sie mehr als eine Krücke, ein Arm im Bande, ein hölzernes
Bein oder dess etwas? - War indes das dem Junker beigebrachte Säftchen etwas
anders, als Krücke, Arm im Bande und hölzernes Bein? Der Junker setzte sein
Licht nicht unter den Scheffel, sondern liess es leuchten vor der gnädigen Mama,
die das Wort Jerusalem in ein feines gutes Herz auffasste und die
Dedicationsgebühren nicht schuldig blieb, wenn gleich keine Dankadresse
erfolgte. Jerusalem war das Centralwort. Doch sollte die Sache nicht ewig in
Worten (wären sie auch unvorgreifliche Vorschläge) schlummern. Die Ritterin war
überhaupt nicht dafür, dass Worte Taten den Preis abgewönnen; vielmehr sehnte
sie sich, von der Projectwürde entbunden zu werdne und Jerusalem in Tat und in
Wahrheit zu befreien.
                                     §. 40.
                                        
                                    Der Bau
ward dringend in Anregung gebracht. Es ist bereits §. 31 in Stein gehauen, wie
die Ritterin zuerst den erhabenen Gedanken fasste, die heiligen Örter in
Rosental anzupflanzen, damit sie von Pilgern und Einheimischen besucht werden
möchten. Das Geld bleibt bei dieser Jerusalems-Einrichtung im Lande und mehrt
sich durch auswärtige Gäste - war, unter vielen wichtigen Gründen, ihr
Finanzgrund, der gemeiniglich der schwächste von allen ist. - Das Finanzfach
verdient überhaupt fast in allen Staaten, mehr als das Kabinet und die
Hofhaltung, die Donnerworte Tue Rechnung von deiner Haushaltung, du kannst
hinfort nicht mehr Haushalter sein. - Ob man sich nun gleich mit diesen heiligen
Jerusalems-Copien in Rosental nicht übereilen wollte, vielmehr in aller Stille
ohne Wort und Hammerschlag diesen Bau zu vollführen beschloss, ob man gleich
ferner, nach §. 33, unsern Ritter, der bloss auf Jerusalem bestand, mit Betlehem
und den Dorfhirten in die Enge trieb; und obgleich endlich verschiedene
Trauerspiele von Jerusalem am X. Sonntage nach Trinitatis und in Sessionen des
hohen Rats aufgeführt wurden, als wodurch dieser haupteilige Ort wirklich
schon geistig aufgebaut stand: - so schien jedoch niemand anders, als die
Ritterin, die Anfängerin dieses guten Werkes, bestimmt, es zu vollenden. Nicht
in pleno (ob sie gleich nach diesem Vorschlage sass, wo Männer sassen, und in
dieser Gemeinde nicht schweigen durfte, vielmehr das Privilegium der
Zungenlösung förmlich erhalten hatte), selbst nicht an der Tafel, wo ein
weibliches gutes Wort fast jederzeit auch eine gute männliche Stätte findet,
sondern unter vier Augen fragte sie ihren ritterlichen Eheherrn in aller
Unschuld und gewiss ohne Endabsicht: ob er der König David oder der König Salomo,
oder Vater und Sohn zusammen in Einer Person sein würde? Gern gönn' ich, fing
sie an, unserem Sohne die Salomonische Ehre, nach dem Riffe zu bauen, den sein
Vater ihm nachlässt. - Weiter liess der edle Ritter die edle Ritterin sich nicht
auslassen; er griff das Wort nachlässt fast unfreundlich und beim Kopf, und
schwur: so lieb ihm sein Sohn sei, ihm doch den Salomonischen Bau nicht abtreten
zu wollen, vielmehr sich morgen am Tage als David und Salomo in Einer Person zu
zeigen (versteht sich, die Davidsche Kebsliebe und die etlichen hundert
Salomonischen Weiber abgerechnet). So wahr ich Ritter bin, fügte er hinzu, - und
die Ritterin sprach Amen zu diesem hohen Schwur. - Vom Sinnlichen zum Abstrakten
ist der Richtsteig, den wir zu wandeln haben, und wir fangen vom Abstrakten an,
um zum Sinnlichen zu gelangen - sagte der Ritter mit mehr Kälte, und nahm sich
die Freiheit, seine Amazonin in puncto der Salomonischen Kebsweiberei zu fragen:
ob dieselbe nicht etwa fremde unweise Gedanken gewesen wären, die auch dem
Weisesten unter den Weisen den Weg der Weisheit vertreten? Ein liebevoller Kuss,
den sie anfing, beschloss diese Scene. Den dritten Tag war
                                     §. 41.
                                        
                                    Session.
Da der hohe Rat zuvor bei jedem Schritt und Tritt unbehauene Steine des
Anstosses gefunden hatte, so war jetzt alles behauen und so passend, dass nur
wenige leere Fugen blieben, wo der Kalk seine guten Dienste tat, wenn er gleich
nur da Haltung hat, wo Steine mitwirken; so wie das Genie ohne Kenntnis bei
trockenem Wetter auch abfällt. Man hatte sich anfänglich, obgleich im hohen Rat
niemand des Zeichnens erfahren war, in den Kopf gesetzt, alle heilige Örter
abzuzeichnen; jetzt, da alles aut aut ging, begnügte man sich, bloss eine
geistige Zeichnung anzulegen, und die leibliche dem Hiram aus dem nächsten
Flecken gegen Geld und gute Worte anheimzustellen. - Die Schwierigkeitsfässer
waren geleert und die Zweifel hatten im Fingerhut der Ritterin gemächlichen
Platz. Die ganze Centnerlast von Bedenklichkeiten konnte der Ritter mit seinem
Ohrfinger heben. - Er hatte lange und sehr wohlgebildete Finger.
    Ist denn wohl, fing der Prediger an, um die Ritterin zu gewinnen, alles im
gelobten Lande an Stell' und Ort? und kommt es denn bei Reliquien und
Sanctuarien auf etwas mehr als auf den heiligen elektrischen Schlag an, den man
bei dieser Gelegenheit ans Herz erhält? Jener Weise des Altertums, welcher der
Ateisterei beschuldiget ward, sagte: Ich biete meine Lehren mit der rechten
Hand dar, und meine Zuhörer nehmen sie mit der linken. Muss man denn nicht an
Conterfeie der Maler glauben? und was glaubt nicht alles der am reinsten
denkende und abstrakteste Philosoph, was muss er nicht glauben, wenn er nicht
verzweifeln und verzagen will? Dergleichen
                                     §. 42.
                                        
                                Glaubensübungen
kann man in dieser ruchlosen bösen Welt nicht zu viel haben. Ist es nicht auch
in diesem Sinn ein wahres Wort: Was nicht aus dem Glauben kommt, ist Sünde, ist
Ueberspannung? So fing der Prediger eine patetische Rede an, die er fortsetzte,
wie folgt:
    Des Menschen Verstand unter dem Monde ist ein Glaubens-Verstand. Nun gibt es
freilich Dinge, die mit der linken Hand gegeben werden, und diese muss man denn
mit der rechten nehmen. Z.B. die andächtige Helena (der Prediger bückte sich
tief gegen die Ritterin) soll, als sie von Jerusalem zurückkam, beim grossen
Sturme dem adriatischen Meer einen Nagel aus dem Kreuze Christi an den Kopf
geworfen haben, und das Meer von dieser Zeit ab weit gefälliger und sittsamer
geworden sein. Der erste christliche Kaiser, Constantin der Grosse, hat zwei
Nägel des Kreuzes Christi in seinen Privatnutzen verwandt, und den einen an
seines Pferdes Zaum, den andern an sein Schwert gelegt, um den Feind zu schlagen
und im Fall der Not auszureissen Nach menschlichem Dafürhalten wäre also,
geliebts Gott! der Nägel Zahl zu Ende; indes werden deren noch so viele gezeigt,
dass Ew. Hochwürden wenigstens alle Ordenskleider und Mäntel ganz bequem daran
hängen könnten, ohne dass deren eins sich über die Nagelfestigkeit zu beschweren
im Stande sein würde. An diese Nagelgeschichte ward noch ein Verzeichnis von
vielen Reliquien gehängt, die der Rede wert waren. Schon ist einiger derselben
rühmlichst gedacht. Der Prediger nahm nach einigen Gesprächen, die nicht
verdienen Reliquien zu werden, wieder das Wort. Werden, sagte er, nicht
wenigstens drei Schweisstücher gezeigt, die Veronika Christo gereicht, um sich
den Schweiss abzutrocknen, und in welches er sein Angesicht abgedrückt hat? Der
Stein, der eben zum Schreien den Mund auftat - nachdem er nämlich zuvor den
Mund ex officio erhalten, bei Gelegenheit der Worte: wo diese (scilicet) Kinder
schweigen, so werden die Steine schreien - ist gewiss keine Alltagsreliquie.
Allerdings, sagte der Ritter, wird im gelobten und in so manchem ungelobten
Lande so manches und mancherlei gezeigt, wobei: wer Lust und Liebe zu glauben
hat, schon seine Nuss finden kann - sein Heil zu versuchen im Stande ist,
beschloss der Preidger, indem er die Nuss veredelte. Warum soll man sich aber
solche Glaubensgelegenheiten nicht näher legen? warum nicht lieber mit Händen
und Augen greifen, als mit Imagination? Im gemeinen Leben sagt man von dem, was
man nicht behalten will, man lasse es durch ein Ohr hinein, und durch das andere
hinaus, wie unkeusche Weiber ihre Liebhaber respektive durch Vorder-und
Hintertüren.
    Am Ende kommt es freilich auf die Absicht an, beschloss der Prediger; und
wenn der Gruss der heiligen Jungfrau Elisabet, Christi Seufzer, der Schlaf der
Jünger Christi, das Krähen des Hahns bei Petri Verräterei, der Traum der Frau
Gemahlin des im Credo prangenden Pontius Pilatus, der Kuss des Judas, sein Wurf
der Silberlinge, der Hieb des Petrus, auf welchen das Ohr des Malchus abfiel,
nur mit Manier gezeigt werden; - wer kann und wird satyrisch fragen: ob nicht
auch für Geld und gute Worte blauer Dunst zu sehen sei? Zwar gibt es Spötter,
die eine Unrichtigkeit durch eine noch grössere in die Enge treiben; - doch kommt
alles auf die Vorstellung an. Der englische Dichter Schmart schrieb, von frommen
Gefühlen hingerissen, viele Stellen seiner Gedichte auf Knien; und was galten
nicht zu einer gewissen Zeit Verse, die man vorwärts und rückwärts lesen konnte,
Wortspiele und Paronomasien, Gryphen? - Wenn nun freilich, nach der Analogie des
d'Alembertschen Vorschlages, alle hundert Jahre aus allen nützlichen
Geschichtschreibern einen Auszug zu machen und den Rest zu verbrennen, auch ein
solches Auto da fé über die Reliquien gehalten werden sollte - wie viel würde
übrig bleiben? - Wer wird aber diese Musterung an heiligen Reliquien übernehmen,
da man den profanen Weizen noch nicht gesichtet und die Reliquien des Apollo
noch lange nicht aufs Reine gebracht hat? Jener Schweizer pries Strümpfe an, die
er unter andern mit der Versicherung empfahl, dass er von ihrer Art viele länger
als drei Jahre getragen hätte. Ein an diese Verheissung gläubiger Käufer, dem die
seinigen nicht länger als drei Tage Dienste leisteten, machte seinem Käufer die
bittersten Vorwürfe, und dieser erwiederte ganz gelassen: Es kommt bei der Sache
sehr auf die Frage an, wo Sie die Strümpfe getragen haben; Sie sehen, ich trage
die meinigen auf dem Rücken. - Heraldicus junior, der, wie er gegen unsern
Helden prahlte, mehr für Lebenspflichten als Glaubenslehren war, hätte aber
dieser Prahlerei halben nicht schweigen, sondern eine seiner Lebenspflichten
ausser Zweifel setzen sollen. Doch schwieg er gegen jedermann, und bloss dem A B C
gab er im Stillen zu vernehmen, dass man von Kindern Glauben, Zutrauen, von
Erwachsenen Prüfung einzelner Stücke, von Männern Kritik des Ganzen fordere -
und dass man von Bildern zur Deutlichkeit, vom Buchstaben zum Geist hinübergehen
müsse, wenn man nicht der Bestimmung des Menschen und dem Gange seines Geistes
entgegen arbeiten wolle. - Nach den patetischen Brocken des Predigers, welche
(bis auf die Winkelkritik des Hofmeisters) allgemeinen Beifall erhielten, ward
verabredet und beschlossen, alles nur in einer freien
                                     §. 43.
                                        
                                  Uebersetzung
stattfinden zu lassen. Vor allem die Kapelle des Grabes Christi. Das Grab zu
allererst. - Beim Grabe den Stein, den der Engel weggewälzt, nicht zu vergessen.
Beim Original-Grabe ist dieser nicht zu sehen, weil die Armenier ihn entwendet
haben sollen; hier indes ist dergleichen Diebstahl nicht vorgegangen; der Stein
werde also immer gelegt. Melior compositio: Zweite verbesserte und stark
vermehrte Auflage! Eine Kirche, wodurch das heilige Grab und der Ort der
Kreuzigung in Obhut genommen wird, wie an Stell' und Ort, fand man bedenklich.
    Pilati Hans kann nicht schaden. - Die Ritterin verlangte das Schlafzimmer
der Frau Landpflegerin Excellenz in vorzüglichem Geschmack, und behielt sich
vor, wenn kein Pilger ihr zuvorkäme, hier auf einen Traum zu Gast zu gehen. Man
wünschte ihr eine angenehme Ruhe! - Das Haus des reichen Mannes, zusammt dem
Mahagonitische, von welchem die Brosamen dem Lazaro zugefallen, fand kein
einziges Votum. Auf der Hütte des Lazarus bestand die Ritterin; indes ward sie
mit ausserordentlicher Distinction abgestimmt. Von Zwillingen, sagte der Pfarrer,
nimmt der liebe Gott immer Eins. - Das Haus des Hohenpriesters Hannas fiel weg.
Auch Kaiphas bekam kein Haus, obgleich die christlichen Geistlichen freie
Wohnungen haben. Beides waren Vorschläge des Pfarrers, der hier Zwillinge
verlor. Die sogenannte verfluchte Erde, wo Judas mit der Schaar ankommt, die
Stelle, wo die Jünger schliefen, ging einstimmig durch; nicht minder der
Blutacker, wo die Pilger, wenn sie der Tod hier träfe, begraben werden sollten -
Apostelgeschichte I, 18. 19., sagte der Prediger. Er hat für den ungerechten
Lohn erlangt einen Blutacker zum Begräbnis der Pilger; und die Ritterin fügte
hinzu: Gott lasse sie selig ruhen! sie kommen in ihr Eldorado. - Die gute
Ritterin wird im Schlafkabinet der Frau Pontius Excellenz gewiss so glücklich
nicht sein.
    Den Ort, wo Petrus dem Malchus das Ohr abgehauen, verbat der Ritter, weil
man mit den Ohren behutsam sein müsse. Wer das Schwert nimmt, fügte der Prediger
hinzu, und übersetzte die Stelle: Wer das Schwert zieht, wider den wird das
Schwert gezogen!
    Oelberg! ein wichtiges Stück, leicht zu kopiren. Der Baum, woran Judas sich
erhängt, fand keinen Beifall, und diese Reliquie ward, da in dem hohen Rat
keiner ein sonderlicher Liebhaber von französischen Freiheitspfählen zu sein
schien, wie so manches andere überhüpft.
    Der Prediger unterstand sich nicht, noch einmal Betlehem in Vorschlag zu
bringen, so viel Lust und Liebe er auch zu Betlehem hatte. Sein Wunsch, den
Ort, wo Christus über Jerusalem geweint, mit einem Steine zu bezeichnen, ward
dagegen einstimmig genehmiget.
    Gar höchlich wunderte man sich, dass der Stattalter Christi nicht die
heiligen Stellen insgesammt in Rom nach dem Leben kopiren lassen, wo alsdann,
eben so wie in Rosental, kein Streit der römischen Kirche mit Griechen,
Armeniern, Kopten und Mahomedanern zu besorgen gewesen wäre. Und warum, fing A B
C an, (bravo!) warum heisst der heilige Vater diese Örter nicht insgesammt
spornstreichs nach Rom kommen? Diese Bergversetzung würde unter den vielen
Wundern der Kirche doch wohl gewiss immer nur eine grosse Kleinigkeit gewesen
sein. Vielleicht würde der türkische Kaiser es sogar freiwillig den Engeln
überlassen haben, diese heiligen Örter, wie das Haus der Maria von Nazaret
nach Loretto herüberzubringen. Ist denn kein Gott in Israel, der helfen könne,
dass ihr hingehet zu dem Gott von Ekron? könnte es hier heissen; und man fand
endlich in dieser Unterlassungssünde feine Politik des heiligen Stuhls, welche
darin bestand, die tapfern braven Kerls der damaligen Zeit sich vom Halse zu
schaffen, um in Europa desto freiere Hand zu behalten.
    Wie viele Sessionen, deren Länge vorzüglich der Ritter so manche Elle
zusetzte, auf so viele wichtige Deliberationen gegangen sein mögen, kann man
sich sehr leicht vorstellen. Das sind Hekatomben, die Collegia bringen, die,
wenn sie gleich den Magen mehr als den Kopf angreifen, doch immer Opfer sind.
    Diesen Jahrgang von Deliberationen beschloss der Pastor mit einer
Extemporalrede über die Worte: Es kommt die Zeit und ist schon jetzt, dass man
weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten wird. Die Idee dieses
Baues ward als ein protestantisches Originalwerk, das alle protestantische
Ritter besuchen sollten, befunden. Jetzt entwarf man, auf den Fall, dass Pilger
diese heilige Stätte bereisen würden, ein Beglaubigungsformular, nicht minder
die Etikette, nach welcher den Reisenden diese Sanctuarien zu zeigen wären; und
auf diese Postscripte von Gegenständen allein gingen sieben Sitzungen, wiewohl
auch in denselben die Wohnungen, wo Pilger abtreten und ihres Leibes und der
Seelen pflegen könnten berichtigt wurden.
    Alles dieses meinen Lesern pünktlich mitzuteilen, würde sie mehr als mich
                                     §. 44.
                                    ermüden.
Es wurden zwölf Rosentalsche junge Leute zu Kriegsknechten geworben, und mit
ihnen capitulirt, dass, wenn sie in diesem Kreuz- und Grabesdienste sieben Jahre
treu befunden wären, ihnen ein Weib zur Belohnung, wie dem frommen Jakob,
beigelegt werden sollte; es versteht sich, nur Eins: entweder Lea oder Rahel; -
und zu diesem Behuf sollten besondere Grabesschwestern als Exspectantinnen
eingekleidet werden.
    Obgleich mit göttlicher Hülfe so leicht kein Türke sich hier blicken lassen
würde, so wollte man es doch gern gestatten, damit aus diesen autentischen
Kopien die mangelhaften Originale (dergleichen Fälle ereignen sich öfters)
ergänzet werden könnten. Die Kriegsknechte gehen schwarz gekleidet mit weissen
Aufschlägen und Knöpfen, und haben, statt der bösartigen Flinten und anderer
Wehr und Waffen, alttestamentliche Osterstäbe. Wesshalb? Um zu beweisen, dass hier
ein neues Jerusalem auferstanden sei! um die Pilgrimstäbe abzubilden; um sich
des alten Bundes zu erinnern; um ausserdem - sich die Hunde abzuwehren. Vivit,
sagte der Prediger im Geiste Luters: Es lebt! Am Heck, welches der beliebten
Ordnung halber von Stund' an Pforte heissen sollte, ziehen zwei auf die Wache.
Den Kriegsknechten muss es nicht an Proviant und warmer Stube fehlen; ihr
Wachtaus soll nach dem Riffe des Simeonschen Hauses, noch sichtbar im gelobten
Lande, angelegt werden. Die Aufschrift sei: Viel sind berufen; Wenige sind
auserwählt.
    Sobald der Pilger ankommt, wird er in eine der für die Pilger bestimmten
Wohnungen gebracht, und Se. Hochwürden erhalten Rapport: wie der Pilger heisse?
Wess Standes, Vaterlandes, Glaubens und Alters er sei; was für ein Geist ihn
getrieben, zu diesen Sanctuarien zu wallfahrten; ob zu Fuss, oder zu Wagen, oder
zu Pferde. Wald- und Postörner müssen an diesen heiligen Oertern zu. Molltönen
gestimmt sein, und, an Traurigkeit gewöhnt, den Wiederhall nicht reizen. -
Rosental wird dem Pilger, wie man nach der Liebe hofft, von selbst das Tal
Josaphat im gelobten Lande ins Gedächtnis bringen. - Nach Beschaffenheit des
Standes wird dem Pilger eine Zelle angewiesen und die Küche eingerichtet. Es
werden nur drei, fünf und sieben Schüsseln gestattet. Bei diesen heiligen Zahlen
wird niemand Hungers sterben. - Was über drei, fünf oder sieben geht, ist vom
Uebel. - Machen wir es nicht alle, wie kleine Kinder, die dem Schmetterlinge
stundenlang nachlaufen? - Endlich erhascht. Allerliebst! - Gelacht, ihm die
Flügel abgerissen, geweint. - - O Welt, sieh hier dein Leben! - Der Pilgerkoch,
der zugleich den Kellner macht, ist Rendant der Kasse, ohne eines Controleurs zu
bedürfen, der ohnehin gewöhnlich mit dem Rendanten unter einer Decke spielt. -
Das Geld wird zur Kriegskasse verrechnet. - Dieser Regiments-Quartiermeister muss
sich Mühe geben, den Pilgerstand nach Ortsgelegenheit einzurichten: - Hecht, in
Rücksicht der Köpfe, ja nicht zu vergessen. - Fische haben überhaupt mehr Geruch
der Frömmigkeit, und sind ebenfalls Pilger, mit dem Unterschiede, dass ihnen kein
warmes Blut nach dem Kopfe schiesst. Tafelzeug wird geliefert, und in jedem
Zipfel des Tischtuches, so wie der Serviette, ist ein Kreuz sichtbar.
    Häusliche Dienste besorgen die sieben wohlgebildeten Grabesschwestern. Ihr
Anzug ist weiss; es wird ihnen ein T oder halbes Kreuz von schwarzem Bande vor
dem Busen verstattet; - nicht mehr, nicht weniger. Die drei ersten Tage bringen
die Pilger mit Nachdenken in tiefster Stille und Einsamkeit zu - Raketen steigen
in die Höhe, und lärmen und prasseln; allein ihr Ende ist Gestank. Hinter dem
Berge wohnen auch Leute. - Bete und arbeite! - Wer wird sterben, ehe man gelebt
hat! Am dritten Tage wird den Pilgrimen ein schwarzes Buch mit einem weissen
Kreuze vorgelegt, in welches sie Namen und Tag der Ankunft schreiben. Jetzt
nimmt die Ceremonie mit einem Glockenschall den Anfang. Zuerst wird der Pilger
auf den Oelberg geführt. Se. Hochwürden gehen in Ritter-Pontificalibus voraus.
Ist der Pilger Ritter, so muss er seine Ritterkleidung anlegen; die andern Pilger
hängen bloss lange schwarze Mäntel um, welche der Koch liefert. Schwarz schmutzt
nicht. Hier werden die zwölf Bogen zu Ehren der zwölf Apostel gewiesen, die
Helena erbauet, weil sie hier das Symbolum apostolicum verfertigt (man wusste
nicht, ob, ehe sie in alle Welt gingen, oder ob sie zu diesem Geschäfte aus
aller Welt zusammengekommen waren), und alsdann wird dies Symbolum, wiewohl
deutsch, gesprochen.
    Petrus fängt an: Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer
Himmels und der Erden u.s.w.
    Mattäus: eine heilige christliche Kirche und eine Gemeinschaft der
Heiligen;
    Simon: Vergebung der Sünden;
    Taddäus: Auferstehung des Fleisches;
    Mattias: und ein ewiges Leben. Amen.
    Zu diesen Zwölfen werden die Vornehmsten im neuen Jerusalem gewählt. Der
Ritter macht den Petrus; auch nimmt er, mit Erlaubnis des Mattias, das Amen
über sich.
    Will der Pilger noch mehr sehen; wohl ihm! nur dass er die Augen seiner
Einbildungskraft auftue. Beim Bache Kidron wird ihm ein Becher kaltes Wasser
angeboten, und apostolisch gewünscht, dass er alle Leiden seines Lebens durch
diesen Letetrunk vergessen möge! Kann er weinen, so lässt er drei Tränen in
diesen Becher fallen. Hat die Natur ihm dieses Hausmittel versagt, so hat es
nichts zu bedeuten. Ein edler Mann weiss im Märzschein den Mai zu fühlen; allein
er schämt sich einer Träne nicht. Con feratur der zehnte Sonntag nach
Trinitatis.
    In Pilati Hause kann das Schlafkabinet keinem vermietet werden. Bei den
übrigen heiligen Stellen ist nach Umständen dem Pilger ein Schlag ans Herz zu
geben. Hat er kein Herz, so greife man den Kopf an! - Es müssen durchaus Kopf-
und Herzstellen in Jerusalem angelegt werden; wo Eins von beiden fehlt, ist
nicht viel auszurichten. Der Blutacker ist ein Haupterzplatz.
    Nach und nach können mehrere Reliquien kopirt werden.
    Jeder Anfang ist schwer: - Raphael malte Teller, ehe er zu dem Ruhme stieg,
den ihm jetzt niemand streitig machen wird. - Altes und Neues ist hier zu
vermischen: - Reliquien und ein Stück von gestern und ehegestern. Die
Einbildungskraft muss beständig in Atem gehalten werden. Seelenhektisch ist
jeder, dessen Einbildungskraft auf schwachen Füssen geht: - die Phantasie ist die
Lunge der Seele. - Leute, die nicht Vernunft haben, um richtig, und Imagination,
um angenehm zu urteilen; Leute, die ohne Urteil sind, werden hier nicht
verraten und verkauft werden. - Man halte für sie die Zeitungen. Mit dem lieben
Urteilen! Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet. Urteilen nicht viele,
weil es so Mode ist; weil sie nicht urteilen können; weil sie das Urteil
anderer hören wollen; weil sie sich nicht aus der Uebung bringen mögen, falsch
zu urteilen; weil sie eine schöne Schwester haben; weil ihre Frau, ihre Nichte
Hofdame waren; weil sie bezahlt werden; weil sie keinen Kopf oder kein Gewissen
besitzen; weil sie schläfrig sind; oder weil es noch zu früh ist zu Bett zu
gehen? - Menschen schenken lieber, als dass sie bezahlen; überall betteln sie um
Gnade, weil sie nicht bestehen können vor der Gerechtigkeit. - Spielschulden
sind ihnen wichtiger als Wechselschuld. Ihre Logik sitzt ihnen im Unterleibe und
ihre Moral im Magen.
    Es werden zwei Bücher gehalten, in welche der Pilger seinen Namen
aufzeichnet. Das eine heisse: weiss auf schwarz und schwarz auf weiss; und hierin
zeichnet der Ankömmling, nach abgelegter heiliger Quarantaine, seinen Namen ein,
wenn ihm die Sacrarien gezeigt werden. Das andere Buch heisse rot, und deute die
Vollendung, die Sonne, die Himmelfahrt an. Darin schreibt er seinen Namen ein,
am Tage seines Heimganges. - Eine glückliche Reise!
                                     §. 45.
                                        
                                Das Attestatum,
oder die Kundschaft, wird auf geziemendes Ansuchen gegeben, wie folgt:
    Wir Caspar Sebastian von Gottes Gnaden des heiligen römischen Reichs
Freiherr von Rosental, Ritter des heiligen Johanniterordens, Grund- und Erbherr
der Rosentalschen Güter, des protestantischen gelobten Landes und aller hier
befindlichen Sacrarien.
    Entbieten einem jeden Leser der drei Klassen, adeligen, geistlichen und
bürgerlichen Standes, Heil, Gnade und Frieden, vom Anfgange bis zum Niedergange,
von Betlehem bis zum Joseph Arimatiaschen Grabe. Amen! Amen! Amen!
    Tun kund und zu wissen einem jeden, der sich kund und zu wissen tun lassen
will und nicht will, welchergestalt N.N., protestantischer Confession, den - -
in beliebter Stille zu uns gen Rosental gediehen, um seine Gelübde der Andacht
bei den hier, christlich gesinnten Herzen zum Heil und Frommen, eingerichteten
Sacrarien zu erfüllen. Es ist im Jahre nach Christi Geburt 17 - die fromme
Besichtigung in Segen angefangen, nachdem er zuvor seinen Namen in das Buch weiss
auf schwarz und schwarz auf weiss verzeichnet, seine Vernunft im Glauben und
Gehorsam gefangen genommen, seine fünf Sinne angestrengt, seine Einbildungskraft
erhöht und die vornehmsten heiligen Örter gesehen und empfunden; wonächst
Vorzeiger während dieser heiligen Zeit an dem Pilgertische mit dem Stabe in der
Hand gegessen und getrunken in Mässigkeit und Nüchternheit: nicht als die ihren
Bauch vergöttlichen, die leben, um zu essen und zu trinken, sondern, die trinken
und essen, um zu leben. Entfernt, alles zu beurkunden, was unser Pilger
reichlich und täglich erblickt und gehört, kann, ohne den folgsamen Leser
aufzuhalten, ihm jedoch nicht verhalten werden, dass er an dem Hause Simeons
abgetreten, und nach gehöriger Meldung zu seiner Zelle gebracht worden, dass er
das Haus Pilati, die verfluchte Erde, den Oelberg und vor allem das H.G. und den
Stein, den der Engel von des Grabes Tür gewälzt hat, von Angesicht zu Angesicht
gesehen. Wobei unsere Herzenswünsche sich in Bescheidenheit dahin begrenzen,
diese Wallfahrt möge zu seiner armen Seele Nutz und Frommen gereichen, blühen
und Früchte bringen in Geduld. Urkundlich ist demselben dieser offene Brief und
Gezeugniss, welches bei jedermann so viel gelten soll, als wenn ihm das Kreuz ins
Fleisch gebrannt wäre, auf sein bittliches Ansuchen bewilligt, nachdem selbiger
mit vieler Rührung von diesen Sanctuarien Abschied genommen und sie gesegnet,
auch zu Urkund dessen seinen Namen in das rote oder Wolkenbuch aufgezeichnet.
Alles ohne Arglist und sonder Gefährde. So gegeben Jerusalem, den - 17 -
                                                                N.N. und Siegel.
    Auf das Siegel ist gegraben die Geschichte der Geistes- und Feuertaufe der
Apostel, und das Fusswaschen des Herrn, mit der Beischrift: Sigillum magnum
Guardiani sancta terrae et montis Sion.
    Gott behüte vor Vettern und bringe uns Pilger ab und zu, die nicht sehen und
doch glauben! Amen.
                                     §. 46.
                                        
                                 Ein Ordensmann
des heiligen Apollo, der zum Vater des Unglaubens gen Fernei wallfahrtete,
blieb, wie man sagt, Voltairen zu lange. Dieser Unart eine Art beizulegen,
rühmte er das Voltaire'sche Schloss ohne End' und Ziel, und das veranlasste
Voltairen, dem Panegyristen zu erwiedern: Mein Herr, Don Quixote sah ein
Wirtshaus für ein Schloss an, Sie scheinen ein Schloss für ein Wirtshaus
anzusehen. - Darf ich den frommen Schlusswunsch noch hinzufügen: auch wende er
Schmarotzer ab, denen der Mund immer nach gebratenen Tauben offen steht: Kyrie
eleison!
    Ob nun gleich diese
                                     §. 47.
                                ganze Einrichtung
das Ansehen gewinnt, als wenn der verstorbene Heraldikus sie aus alten und neuen
Flicken zusammengebracht hätte, so waren doch die Glieder des hohen Rats sammt
und sonders, nachdem sie dies Werk zu Stande gebracht hatten, auf eine so
einleuchtende Art begeistert, dass eins das andere fragte: wie gefällt es Ihnen
beim Pontius Pilatus? - Gelt! in der adeligen Zelle Nr. 6 ist eine Aussicht, die
einen Fürsten reizen könnte? Die bürgerliche Zelle Nr. 5 - ist die zu verachten?
Alles stand so herrlich in der Einbildung, dass man auf dem Berge Zion war wie zu
Hause. Die Ritterin hatte in dem Schlafkabinet der Frau Pontius Pilatus schon
viele und recht denkwürdige Träume gesammelt, und das Häuschen des heiligen
Simeons gefiel dem Pfarrer so herzlich wohl, dass er oft die Hände brach und zur
Uebung einmal über das andere ausrief: Herr! nun lässest du deinen Diener in
Frieden fahren! - wobei er indes jederzeit wohlbedächtig hinzufügte: wenn Zeit
und Stunde ist. Fürs erste gefiel es dem Diener in diesem Jammertale nicht
übel; denn nach aufgehobener Session wartete seiner ein kostbares Mahl, welches
nach so vielen Imaginationsfesten und Geistesschmäusen die ehrlichen fünf Sinne
wirklich mit Wohlgefallen sättigte.
    Der Ritter übernahm es, dieses Jerusalem bei dem
                                     §. 48.
                                        
                                 Meister Hiram
zu bestellen, und obgleich dieser ehrliche Meister nichts im Zusammenhang
begriff, so war er doch trunken durch den Gewinn, von dem er sich bei dieser
Imaginationssache überzeugt hielt, so dass er dem Ritter hoch und teuer
versicherte, alles auf ein Haar verstanden zu haben. Er zeichnete die
Hauptingredienzien, wie der Meister sie nannte, in seine Schreibtafel, um aus
diesen Geniestrichen zu Hause Jerusalem näher auseinander zu setzen, und wenn
Gott wollte, völlig auszubauen.
    Schliesslich fiel es dem Schneiderssohn ein, dass bei dem ganzen so kostbaren
Bau an kein Kreuz gedacht wäre; denn wenn gleich jeder Pilger sein Kreuz in
natura mitbringen würde, selbst wenn er kreuzlahm sein sollte, so ist und bleibt
doch das Kreuz ganz natürlich die Hauptlosung des gelobten Landes. Man erstaunte
über diese Unterlassungssünde, welche Heraldicus junior aus heimlichem
Mutwillen rügte. Bei dieser Gelegenheit ward, wiewohl beiläufig erzählt:
nachdem das Christus- und die beiden Schächerkreuze im gelobten Lande gefunden
worden, sei man äusserst verlegen gewesen, das Kreuz Christi unter diesen dreien
zu finden, bis endlich entweder eine ganz todte oder todkranke Frau alle drei
angerührt habe, und bei der Berührung des Kreuzes Christi sogleich entweder
gesund oder lebendig geworden sei. Man ermangelte nicht, hierbei den Wunsch zu
äussern, dass der Ritter durch eine dergleichen Kreuzesberührung von seinen
Hauptflüssen befreit werden möchte, - wofür der Ritter den ergebensten Dank
nicht schuldig blieb. Das Resultat nach so manchen Kreuzzügen war: auf dem
Rosentalschen Golgata bloss eine einzige Kreuzstelle auszuwählen, ohne sie in
Silber, wie im gelobten Lande einzufassen; hiernächst auch nur Ein Kreuz in
Lebensgrösse in die Kapelle zur Erbauung hinzulegen, dem frommen Schächer dagegen
dieses Andenken um so mehr rund abzuschlagen, da die Illusion sonst zu sehr
gestört werden würde. - Der Pfarrer machte bei dieser Gelegenheit auf Kosten des
Papstes eine gallenbittere Anmerkung, wogegen er dem Patriarchen ein feines
Compliment unterschob. Es ist bekannten Rechtens, da den Päpsten ein dreifaches
Kreuz,
den Patriarchen aber ein doppeltes
bei Processionen vorgetragen wird, und so war Pastor loci des wiewohl übereilten
Dafürhaltens, als wäre dieses Kreuz ein Spiegel, Regel und Riegel, indem der
Patriarch sich das Christus- und das Paradiesschächerkreuz, der Papst aber auch
zugleich das Kreuz des verstockten Schächers vortragen lasse, als ob - Indes
ward dieser Ausfall vom Ritter so wenig gebilligt, dass man bei dieser
Gelegenheit, wenn man gewollt, aufs neue den Nebenhang des Ritters zur
päpstlichen Kirche hätte bemerken können. Der
                                     §. 49.
                                        
                                  Schulmeister
pflegt sonst ein Schatten des Pastoris loci zu sehn, ein Spiegel, worin Se.
Wohlerwürden sich wieder sehen; ein Ruhebett, auf das er sich hinstrecken kann;
ein Fusswasser, um sich die Flüsse nach unten zu ziehen; ein Sprachrohr, um den
Bauern bekannt zu machen, dass so rein er Gottes Wort predige, ebenso rein auch
sein Calendegetreide sein müsse; ein Vergrösserungsglas, um ja jede Sünde des
Kirchspiels zu entdecken; Ohrbaumwolle, um ihm alle Dorfneuigkeiten
einzuflüstern: - unser Schulmeister und Organist in Einer Person, nicht also.
Dass er bei Gelegenheit der Nottaufe schon so manches geheime Wort gegen den
Gevatter Nachtwächter fallen lassen, und dass er von den Abendandachten in
Rosental sagte, sie wären ohne Schmalz und Salz, ist uns ohne Zweifel noch in
frischem Andenken. Gelegenheit macht Diebe. Der Schulmeister, welcher als der
eigentliche Nottäufer von Gott- und Rechtswegen bei der Taufe unseres Helden
und auch nach der Zeit bei vielen andern Gelegenheiten so schnöde übergangen
worden war, ging recht geflissentlich nach Gelegenheit auf die Jagd, um Rache zu
üben, die so süss ist. Die Frau Nottäuferin ward (auf Veranlassung des
Nachtwächters, der ihr vergnügter wohlbelohnter Herzensfreund, vor der Welt aber
ein leidtragender Wittwer war) zu den geheimen Unterredungen zugezogen; und nun
währte es auch nicht lange, dass diese in der Asche glimmenden Funken aufschlugen
und in ein wirkliches Denunciationsfeuer ausbrachen. Der Hauptdenunciationspunkt
war, dass Kirchenpatron und Pfarrer in heimlichem Verständnis mit dem Antichrist
lebten und die arme Gemeinde in aller Stille zum katolischen Glauben verleiten
wollten. Die Nottaufe ward nur durch einen Streifschuss berührt, da der
Denunciant es nicht in Abrede stellen konnte, dass der Pfarrer selbst dagegen
öffentlich seine Stimme wie eine Posaune erhoben; indes hätte er jetzt, sagte
der Schulmeister, den Katolicismus wie Demas die Welt lieb gewonnen, und wäre
nun so tief in dies Babel versunken, dass wenn nicht das hochehrwürdige
Consistorium die gestrenge christliche Liebe hätte, ihm und dem Kirchenpatron
ein Tintenfass, wie ehemals der Glaubensvater Luter dem Satan an den Kopf zu
werfen, die arme Gemeinde mit Leib und Seele zur Hölle fahren müsste, welches
traurig anzusehen sein würde.
    Zu den Hauptbeweisen seiner Denunciation gehörte:
    1) der Gevatterstand des Papstes. Dieser unväterliche Vater hat sich nicht
gescheut, um sein Reich zu vermehren, sich in ein luterisches Kirchenbuch
eintragen zu lassen, als welches Buch, obgleich der Pfarrer es wie sein Auge im
Kopfe verwahrt, mir doch nicht hatte können verborgen bleiben.
    2) Der Reliquienkasten, der von 24 Mann nach Rosental als eine
antichristliche Bundeslade und offenbare Religionscontrebande eingeführt worden.
Der Pfarrer hätte Eid und Pflicht bedenken und diesen Raritätenkasten
confisciren sollen.
    a) Die Pferde waren nota bene lauter Schimmel.
    b) Als dieser abgöttische Kasten die Kirche vorbeizog, ward mit allen
Glocken geläutet.
    c) Der Pfarrer trat zum Ärgernis der ganzen Gemeinde vor diesem Greuel der
Verwüstung ins Gewehr und er hätte, wenn der Herr Generalwender (Braten war
ausgestrichen; sollte Generalsuperintendent heissen) gekommen wäre, ihn nicht
ehrerbietiger in Empfang nehmen können. Es fehlte nur noch, dass der Pfarrer, der
nach der Pfeife des hochfreiherrlichen Hofes zu tanzen gewohnt ist, vor dieser
Lade, wie weiland der König David vor der Lade des Bundes ein Solo tanzte.
    d) Es ist allerlei Baalsdienst, ohne Zuziehung des Pfarrers mit und um
diesen Kasten getrieben worden, wobei
    e) der Frau von Rosental Gnaden und des Junkers Hochwohlgeboren, wie es
geheissen, noch einmal die heilige Taufe mit wohlriechendem Wasser erhalten.
    f) Der Pfarrer nimmt jetzt an aller dieser Abgötterei Leibes- und
Seelenanteil und setzt aus strafbarem Appetit zu Egyptens Fleischtöpfen seiner
Gemeinde Seel' und Seligkeit aufs Spiel. Ende schlecht, alles schlecht. Sollte
ein Geistlicher sich nicht Mut und Kraft von oben erflehen, um dem Saus und
Braus und dem Rauch aus Schüsseln und Pokalen stattlichen Widerstand zu tun? -
Schlägt es ihm an? Mit nichten; ich wiege zwei Steine mehr als er.
    g) Der Kasten ward so geheim gehalten, dass, da ich aus angebornem Triebe zur
Hermetik (sollte Hermeneutik heissen) hinter die Schliche desselben zu kommen Tag
und Nacht punktirte, ich wiewohl nur so viel heraussubtrahiren konnte, dass der
Frau Baronin Gnaden eine Feuerprobe ihrer Jungferschaft ausstehen müssen, als
welches ich in diesen jungferletzten und jungferbetrübten Zeiten ganz gern mit
dem Mantel der Liebe bedeckt hätte. Da ich aber von diesem groben Irrtum, den
mir Gott und E. Hochehrwürdiges in Gott andächtiges Consistorium verzeihen
wolle, durch die wunderbare Leitung der Vorsehung abgebracht, auch der Junker,
welcher nunmehr sein fünfzehntes Jahr zurückgelegt, ebenso wie dessen Frau Mama
Gnaden zu der Zeit wirklich mit wohlriechendem Wasser getauft worden, so ist
wohl alles so ziemlich am Tage. Dass ich dem Frieden nachjage, ist dorfkundig,
und kann ich dem lieben Gott nicht genugsam danken, dass er meinem Hause durch
den Nachtwächter loci Heil widerfahren lassen, da er meine Gattin, die vor
diesem oft in Zank und Streit mit mir ausbrach, so dass ich mit dem einem Fuss
schon im Steigbügel war, um der Scheidung halber zur weltlichen Obrigkeit einen
kostbaren Ritt zu machen, seit vielen Jahren unter eine recht friedliche Haube
gebracht hat. Nach dieser Liebe zum Frieden würd' ich denn auch diese ganze
Sache vergeben und vergessen haben, wenn jetzt nicht ohne Rede und Recht ganz
scheulos katolisches Unkraut unter luterischen Weizen gesäet würde.
    Beweis.
    3) Am X. Sonntage nach Trinitatis hört der Herr Baron und Ritter das
Evangelium kniend an.
    4) Mischt sich in heilige Sachen, indem er z.B. viele Stellen im Evangelio
so laut mitbetet, dass man sein eigenes Wort kaum hören kann.
    5) Sein böses Exempel verdirbt die guten Sitten der Gemeinde, indem sie zu
einem solchen Tremulanten gestimmt ist, dass so oft dieser Sonntag kommt, die
Gemeinde mehr Tränen vergisst, als sie im Vermögen hat und die Natur bei ihr
immer in Tränenvorschuss kommt. Und wenn ich gleich
    6) übersehen wollte, dass er mit einem langen schwarzen Mantel voll Kreuze
communicirt, nicht minder in Stiefeln und Sporen (welches wohl ganz klar und
deutlich den päpstlichen Pantoffel abbilden soll), im Gleichen, dass er sich zum
Defect (soll heissen Despect) eines hochehrwürdigen Consistorii von aller Welt
hochwürdig nennen lässt, ohne dass ich weiss, wie ein Mann, der NB. öffentlich
seine Sporen trägt, zur Hochwürde kommt; so hat er doch
    7) sich von einem gewissen Schneider eine so zahlreiche geistliche Garderobe
fertigen lassen, dass gewiss mehr dahinter steckt.
    8) Der Schneider soll, damit dies Geheimnis nicht auskomme, wie man sagt,
plötzlich und heimlich aus der Christenwelt geschafft worden sein. Gott hab' ihn
selig! So viel ist nicht zu läugnen, dass sein Tod bei dem ganzen ehrbaren Gewerk
der Manns- und Frauenschneider viel Aufsehens gegeben.
    9) Hat mich ein ehrlicher Maurer, den man zum katolischen Babel
spornstreichs verführen wollen, zu Rate gezogen und bin ich bonis modis an den
beiliegenden Aufsatz sub Kranich gekommen, worüber einem hochehrwürdigen
Consistorio Heulen und Zähnklappern ankommen wird. Besser hier als dort. Wie man
denn auch
    10) sich unterstanden, Gottes reines und lauteres Wort zu ändern dem Papste
zu Liebe, und in dem schönen Liede: Erhalt' uns Herr bei deinem Wort, dem Papste
seines Mordes wegen Pardon zu geben und dem Türken kein ehrliches Haar zu
lassen. Alles ohne die Erlaubnis eines hochwürdigen Consistorii, welchem doch
allein über Papst und Türken Urteil und Recht zustehet, aut aut, entweder zu
ewigem Feuer, oder zu ewigem Leben. Was kommt auch aus dem Federlesen heraus?
    Der ich übrigens unser armes Häuflein einem hochehrwürdigen Consistorio zur
gestrengen Seelsorge empfehle, und für mich, Weib und Kinder, nicht minder den
Nachtwächter loci, dero viel vermögenden Schutz und Schirm und ein sicheres
Geleit erbitte, auch in diesem Kummer und in dieser Hoffnung mit Leib und Seele
beharre bis an den lieben jüngsten Tag,
    Eines hochehrwürdigen gestrengen Consistorii
                                         Freund und dienstwilliger Fürbitter und
                                           Mitarbeiter am Worte und an der Lehre
                                Beilage Kranich.
    »Ehrbarer Meister Endesunterschriebener, Hans Peter - -, bin geladen gen
Jerusalem, und es soll alles vollendet werden, was hier geschehen ist, laut
Verabredung wie folgt:
    Erstlich wird gemacht ein Pontius Pilatus und ein Haus, wo unten fünf Stuben
und oben fünf, und ein Traumkämmerlein für die Frau des Herrn, wo auch Pilger
bei ihr schlafen können. Gesund und munter muss sein das Zimmer, sonst wie andere
Schlafzimmer.«
    »Zweitens ein Ohr abzuhauen, und wo es fiel einen Denkstein zu legen, auch
wo Judas gegangen kommt. Dass der rotbärtige Schelm den Hals bräche!«
    »Drittens Blutvergiessen auf einem Acker der Pilgrime, damit sie dort können
ohne viel Gerede begraben werden. Gott habe sie selig!«
    »Viertens ein Torhäuslein nach gegebener ungefährer Zeichnung, wo ein alter
Mann in der Wachtstube in Frieden fährt; denn seine Augen haben seinen Heiland
gesehen - heisst Simeon.«
    »Fünftens ein Hospital mit fünfzehn grossen und fünfzehn kleinen Zimmern,
auch Betkammern, nach Klosterkostüme. Für junge Mädchen kleine Abschläge, um den
Pilgrimen beizuspringen, wenn's ihnen noch tut. Alles nach Klostermanier.«
    »Das Hauptstück wird im Herzen behalten. Ein Stein daneben, den kein Mensch
heben soll, wohl aber ein Engel, wenn er will und kann. Ueber dieses Hauptstück
eine Kapelle, die unser einer wohl machen wird. Vorerst Risse und Anschläge.
Richtige Zahlung. Gute Arbeit. Und bitte ferner gewogen zu bleiben.«
    »Wer lässt wohl heutzutage einen Simeon und Pontius Pilatus machen, wenn's
nicht so ein reicher Herr tut, dem heiligen Kreuz zu Ehren? Das kann der Teufel
nicht wehren!«
    »In drei Pulsen wird bezahlt.«
    »Der erste, wenn Pilatus steht; der zweite, wenn der Teufel den Judas holt,
und der dritte, wenn der Engel den Stein hebt. Mit göttlicher Hülfe zwischen ein
und zwei Jahren. Zu allem Dank quittirend. Aufgeschrieben von Hans Peter - -,
ehrbarem Meister allhier.«
                                        
    »Lass ab, lass ab von mir, o du Angst meiner Seelen! Gönne mir einen ruhigen,
furchtlosen Atemzug, einen, der sich nicht von allen Seiten umsieht, ob er was
höre. - Bin drauf gefallen in eine schwere Krankheit überm Riss und Anschlag,
länger als die Erde, breiter als das Meer. Da ist erschienen mir nach manchem
Satansengel, der mich mit Fäusten schlug braun und blau, ein guter Geist, der
mich warnte. Eine Eingebung, weil der Herr Pfarrer leider! auch als
Schriftgelehrter in Jerusalem sein Wesen treibt, und im hohen Rat auf- und
angenommen ist, zu suchen Ruhe für meine Seele beim Herrn Schulmeister, und es
ist mir sehr warm worden ums Herz, und hab' ich vor Zittern und Zagen in allen
Gliedern keinen Finger zur kleinsten Arbeit regen, geschweige, Gott sei bei uns!
den Judas zu Markt bringen können, auf dem Papier. Ist mir vorgekommen als eine
Sünde wider den heiligen Geist, in einem ungelobten Lande ein gelobtes zu
verfertigen. Bin so krumm und kreuzlahm an Leib und Seele worden, dass die Füsse,
die Beine und die Seele den Kopf nicht halten wollen, und alle Nachbaren haben
mir in die Augen gesagt, mein Kopf sei angebrannt und mein Fuss vergleitet auf
eine verfluchte böse Stelle, welches alles der Hahn wird zu verantworten haben,
der mich nach Jerusalem gekräht hat, worüber ich weine bitterlich, bis ein
anderer Stern aufgeht in meinem Herzen.«
    »Wächst auch eine Eiche im Sumpf, wo schwankendes Rohr schiesst - wie Weiden
an den Wasserbächen, und im Sande die wurzelleichte Tanne? Gern wär ich
gestorben und hoffentlich nicht verdorben. Könnt' ich? Da schmiegte sich die
Seele so an den Körper, wie der Bräutigam an sein Liebchen im Brautbette, oder
wie der Hopfen an die Stange. Noch leb' ich und lebe mir selbst zum Possen. -
Wohlan! ich will meine Hände waschen, reiner als Pontius Pilatus, und Gott sei
mir Sünder gnädig!«
    Schulmeister und Nachtwächter hielten einen
                                     §. 50.
                                        
                                     Rat.
wie sie Jerusalem fingen, bei welchem sich beide wechselsweise auf den Zahn
fühlten, so dass der Nachtwächter, dem das Ding zu arg ward, sagte: Gevatter,
unser einer lässt sich zwar den Bart, nicht aber die Zähne rasiren. Ich bin so
wohlgezähnt als der Herr. - Warum dies edle Paar sich in die Zahnhaare fiel? Es
galt die Frage: ob es untrügliche Kennzeichen von dem Vorzuge der Ehegattinnen
der Hohenpriester im alten Testamente gäbe oder nicht? um von dieser
Prämilinarfrage gerades Weges gen Jerusalem zu kommen. Von dieser harten Nuss kam
man auf den Glauben, und da behauptete der Schulmeister, der Glaube wäre
freilich nicht jedermanns Ding, indes müssten auch die, welche zum Glauben nicht
Lust und Liebe hätten, ihn als Lebensart ansehen, wodurch im gemeinen Leben eine
gewisse Uebereinstimmung, eine gewisse Gefälligkeit eingeführt und erhalten
würde. Der Glaube sei ihnen die Erfüllung des schönen Grusses: Friede sei mit
euch. Ein Ungläubiger ist ein Händelmacher - und haussen sind die Hunde. - Es ist
nicht alles Gold, was glänzt, sagte der Schulmeister; und dieses Gespräch vom
Glauben wäre ohne Zweifel sehr weit gegangen, wenn nicht ein Kesselflicker die
Herren Gläubigen gestört und Jerusalem näher gebracht hätte. Man ging die
Aufsätze Punkt für Punkt, Komma für Komma, Wort für Wort durch und feilte und
glättete, verstärkte und schwächte, und nun galt es den Unterschied zwischen
Denuncianten und
                                     §. 51.
                                        
                                  Controleur.
Ein gewaltiger Unterschied! Der hausfriedliche Schulmeister beteuerte, ex
officio ein Controleur der reinen luterischen Kirche sein und alle unreinen
Glieder derselben verfolgen zu müssen, bis aufs Blut und in den Tod. - Freilich,
da gibt es denn doch Gebühren für das Begräbnis. Der Nachtwächter meinte, den
Reinen sei alles rein. Ich, setzte er hinzu, hasse die Controleurs, wie die
reinen heiligen Engel den unreinen bösen Feind. Hätt' ich vollends einen
geheimen - und (ich glaube die Controleurs sind alle geheim, fiel der
Schulmeister ein) - würd' ich wohl aus dem Verdruss mit dem Amtmann kommen? - Was
denn mehr? erwiederte der Schulmeister. Hat doch der erste Nachtwächter in der
Welt, Homerus, auch geschlafen. Tue Recht, scheue niemand - d.h. keinen
Controleur - im Ehestande ausgenommen. Nicht wahr, Gevatter? - - Die Frau
Ludi-Magisterin, die während der Deliberation das Auge nicht vom Nachtwächter
gelassen hatte, und der bei dem Zwist über die Haare auf den Zähnen nicht wohl
zu Mute war, ob sie gleich sitzen blieb, lief hier schnell hinaus, um nach der
Küche zu sehen, und der Nachtwächter schneuzte sich die Nase. Es blieb Ja und
Amen, wie der Schulmeister sagte und der Nachtwächter es benickte. Nach dieser
After-Session eine aus höherem Chor. In dieser ward, wie gewöhnlich, mit einem
actum oben und peractum ut supra unten verfahren, und bei diesem actum und
peractum ein
                                     §. 52.
                                        
                                  Kreuzkabinet
beschlossen, fürs erste im Schloss, zu seiner Zeit in der Kapelle. Zu seiner
Zeit! - Der Maurermeister sollte peremtorisch aufgefordert werden. Der arme
Heraldicus junior! Er, der die Kreuzunterlassungssünde rügte, er, der Busse und
Bekehrung bewirkte, erhielt, anstatt des wohlverdienten Dankes, eine derbe
Weisung. Unverschuldet? Wie man will. Durch seinen heimlichen Mutwillen hatte
er sie doppelt verdient. Er gebrauchte den Ausdruck: Es ist keinen Kreuzer
wert. Der Ritter, dessen Gehör entweder durch Flüsse oder durch die Mütze,
vielleicht auch durch beides, zuweilen litt, ward durch den Schall des Wortes
verführt, und verband einen ganz fremden Sinn mit dem was Heraldicus junior
sagte. - Sobald er seinen Irrtum eingesehen hatte, ward auf der Stelle ein für
allemal verfügt, dass das Wort Kreuz nicht weiter so enteiligt und bis zur
Scheidemünze herabgewürdigt werden sollte. In der Selbstverteidigung ist der
arme Junge, wie wir wissen, nicht glücklich. Wollte er sich entschuldigen, oder
seine Gelehrsamkeit beweisen - ich weiss es nicht, kurz, er fiel tiefer, indem er
bemerkte, dass auch die Aerzte und Apoteker sich des Kreuzes als eines Zeichen
bedienten, und, wie er nicht anders wisse,  Essig, und wenn in jedem Winkel ein
Punkt stände, abgezogenen Essig bedeute. - Essig! rief der Ritter voll heiligen
Eifers. Ha! Mörder! mit Essig und Galle tränkt ihr den Sterbenden. Wisst! - und
nun legten sich seine stolzen Wellen, da er sich wohlbedächtig erinnerte, dass er
den Aerzten und Apotekern so wenig zu befehlen hätte, dass vielmehr regierende
Herren den Recepten oder Rescripten ihrer Leibärzte und Hofapoteker unterworfen
wären. (Eine andere Art von Schulmeistern und Nachtwächtern!) Heraldicus junior,
dem seine Apotekerrechnung von Vorwürfen diesesmal mehr als sonst zu Herzen
ging, machte von Stund an einen Bund, mit dem Ehrenworte »Kreuz« säuberlich zu
verfahren und es nicht unnützlich zu führen. Uebertreibung, denkt der
Kunstrichter. Warum aber so arges in deinem Herzen? Woher, warum
                                     §. 53.
                                        
                                 Uebertreibung?
Lerne die Menschen näher kennen, und du wirst finden, dass auch die gelehrtesten
und geschicktesten unter ihnen - ad certum objectum - übertreiben. Und ist diese
Uebertreibung nicht unschädlicher, als Steckenpferdezucht, auf die sich fast
jeder legt, um zu wettrennen? - Nebendinge zum Wesentlichen erheben, sich als
Pastetenbäcker werden lassen und doch ein Hofpoet sein: ist das nicht so
ziemlich sich höher anschlagen, als man wiegt - und andere über die Hälfte und
oft den Staat mit seiner werten Person anführen? - Siehe dich um, Lieber! Ist
übertreiben und mit Ernst treiben nicht fast ein und dasselbe Ding auf Erden?
Diensteifer ist übertriebene Diensttreue; und wer ist mit Diensttreue
befriedigt? wer geht nicht auf Diensteifer aus? Ich weiss, mit keinem Zu ist zu
prahlen; allzuviel ist ungesund. Ist zu viel indes nicht erträglicher, als zu
wenig? - Sieh den Soldaten, den Staatsmann, den Gelehrten! Nimm, um etwas
Nagelneues vom Jahre zu haben, die jetzige Königsfeindschaft in Frankreich.
Heute, den 6. Oktober 1792, lese ich in öffentlichen Blättern, man habe in Nancy
das Wort König an der Bildsäule des Stanislaus vertilgt. - Auch nach dem Tode
wird dieser arme König enttront! - Man verwandelt die Könige im Kartenspiel in
Freiheitspiken; man will den Namen Ludwig ändern und den Heiligen dieses Namens
aus dem Kalender verweisen. König David hat von Glück zu sagen, dass er, ausser
der Königs-, auch noch die Prophetenwürde bekleidet, sonst ging' es ihm kein
Haar besser, als dem Stanislaus! Und wie wird es mit dem lieben Gott bleiben,
welcher der König aller Könige und der Herr aller Herren genannt wird? Klippern
gehört zum Handwerk, Sporen zum Reiter, Ordensband zum Helden und Minister. -
Jeder Gegenstand hat seinen ihm angemessenen Styl: wer in einen benachbarten
fällt, ist ein Pedant; wer alle durch die Bank übertreibt, ein Genie. - Das
Kreuzzimmer bedurfte keines Hirams, keiner Risse und keiner langen Vorbereitung.
- Der Ritter sprach, und es ward eine Sammlung aller Kreuzarten, wiewohl nur in
efsigie, und dergestalt, dass das Johanniter-Malteser-Kreuz seinen Platz in der
Mitte nahm. O, der Sonne an diesem Kreuzhimmel! sagte der Ritter, und hob
gefaltete Hände zum Mittelpunkt aller dieser Kreuze. Es war ein herrlicher Tag,
da eben dies Zimmer, Jerusalemschem Gebrauche nach, mit einer Session und
nachherigem Mahl feierlichst inaugurirt werden sollte, als eine
                                     §. 54.
                                        
                                   Commission
die Session, nicht aber, wie die Folge lehren wird, die Mahlzeit verdarb. Es
wurden nämlich, da eben der Pfarrer einige nicht unwichtige Vorschläge zur
künftigen Verklärung und Vollendung dieses Kreuzzimmers tat, und mitten im
Worte: Entzücken, war, zwei Consistorialräte angemeldet, die im Vorzimmer
wären, und die Erlaubnis verlangten, Sr. Hochwürden vorgestellt zu werden. Der
Ritter, der einesteils sich über dergleichen hochehrwürdige Lichtputzen von
ganzer Seele wegzusetzen kein Bedenken trug, andernteils in Consistorialräten
eine Art von Handlangern in seinem Kanaanschen Weinberge zu finden glauben
mochte, oder sich wirklich übereilte - befahl in der vollsten Reinheit seiner
Seele kurz und gut, sie gerade in das Sessionszimmer zu führen. Dagegen wollten
der Prediger und Heraldicus junior, die auf das Wort Consistorialräte gelähmt
waren, mit Hand und Fuss protestiren; allein sie konnten keins von allen ihren
Gliedern regen und bewegen. In das Sessionszimmer? - Was denn mehr? Wenn keine
Session ist - tut das Zimmer etwas zur Sache? die Scheide etwas zum Schwert? -
Wer die Auftritte kennt, wenn jemand im Sterben noch gern eine Schuld, wozu ihn
sein Gewissen auf eine schreckliche Art verurteilt, berichtigen möchte, aber
nun nicht mehr reden kann: nur der ist im Stande, sich von der Lage dieser
beiden hohen Räte, des Pfarrers und des Hofmeisters, einen Begriff zu machen.
Beide waren im Sterben, als diese Consistorialvögel, der eine im Predigerhabit,
der andere als Saecularis in weltlicher, wiewohl mit schwarzem Band eingefasster
Kleidung hereinflogen - es konnte nicht schneller sein. - Der Ritter, der
diesesmal bei der Session im langen Johanniter- Ordensmantel sass, und sich
patetisch von dem Präsidentenstuhle erhob, den ein Ordenskreuz von nicht
gemeiner Grösse zierte, gab, so wie der Sessionstisch, welcher schwarz mit weissen
Kreuzen behängt war, der hohen Commission so viele Blössen, dass jeder sich selbst
gelassene Zuschauer Schrecken und Erstaunen, als den Anfang des vom Schulmeister
vorher verkündigten Heulens und Zähnklapperns auf den fetten Kapaunengesichtern
der Herren Commissarien, wo Schrecken und Erstaunen sehr leicht sichtbar werden,
bemerkt haben würde. Der undefangene Ritter bemerkte nichts - die Ritterin
desgleichen - und unser Held war mit Blitz-, Knall- und Türvorfällen zu
bekannt, um an etwas Arges zu denken in seinem Herzen. - - Beide Commissarien,
die durch diesen Anblick geblendet wurden, hätten hier das schrecklichste von
allem, das Gelübde der Keuschheit, vermutet, wenn nicht ein Frauenzimmer, und,
wie gar lieblich anzusehen, ein so reizendes, in der Mitte dieses Synedriums
Sitz und, wie zu vermuten war, auch Stimme gehabt hätte. Der hochwürdige
Präsident, seine Gemahlin und sein Sohn, die sich nichts Böses bewusst waren,
wünschten den Knoten des glücklichen Zufalls zu lösen, der ihnen das Vergnügen
dieses schwarzen und in Schwarz gefassten Besuches zuzog. Und da der Ritter
alles, was bei weitem noch nicht einmal zu Papier gebracht war, in Lebensgrösse
sah, so fügte er die zweite Frage hinzu: ob sie etwa als Pilger eine Zelle zu
beziehen gesonnen wären? wobei er sich aber nicht entbrechen konnte, zu
bemerken, dass sie in Zukunft vor dem Hause des alten Simeons angehalten werden
würden, weil man sie ungemeldet nicht in Frieden lassen könnte. Es blieb ein
                                     §. 55.
                                        
                                     Glück
für den Pastor und Heraldicus junior, dass sie nicht Augen- und Ohrenzeugen
dieser Vorgänge sein mussten. Die Angst ihres Herzens war jetzt schon so hoch
gestiegen, dass, wenn sie diese ritterliche Unvorsichtigkeit noch hätten hören
und sehen sollen, sie sicher auf der Stelle geblieben wären in ihren Sünden. -
Beide hatten sich zugleich, da sie die Consistorialvögel (wahrlich nicht Tauben,
am wenigsten gebratene) einfliegen sahen, aus dem Staube gemacht; nicht, um nach
der Verräterei zu weinen bitterlich, sondern sich gegen jede böse Anwandlung zu
einer Verräterei in bester Form zu waffnen. Wessen Geist erniedrigt ist, dessen
Herz ist auch verderbt, sagten sie sich einander. Wer etwas gegen sein Gewissen
bekennen oder läugnen kann, begeht eine Sünde wider den heiligen Geist - über
dessen Vergebung, setzte der Pastor nach einer Minute hinzu - zu urteilen ich
mich nicht unterstehe. - Ein Schmeichler, der, nach dem Ausdruck eines witzigen
Dichters, als ein Ohrgehenk seinen Gönnern Nichtswürdigkeiten, sie mögen nun in
gewürzten Stadtneuigkeiten oder in candirten Lob-und Preisküchlein bestehen,
zuflüstert, nimmt sich selten Zeit, von dem Hause, worin es ihm so wohl ging,
Abschied zu nehmen, wenn der Gönner ohne Legat für den Schmarotzer stirbt, und
der rechtmässige Erbe seine Ohrlappen zu lieb hat, um sie für ein dergleichen
Ohrgehenk durchstechen zu lassen. Unsere beiden Männer, die um frische Luft
verlegen waren, hatten sich an Jerusalem so gewöhnt, dass sie Anteil, freilich
der eine mehr als der andere, an seinen Vorhöfen (weiter war der Bau nicht
gekommen) nahmen, obgleich die Unvorsichtigkeit des Ritters sich mit nichts
entschuldigen, viel weniger rechtfertigen liess. Ihr Entschluss, den sie in
frischer Luft fassten, war, Glück und Unglück über sich ergehen zu lassen und
Märtyrer in der heiligen Stadt zu werden, die schon mehrmals die Propheten
getödtet und seine Boten gesteinigt hatte. Wir sind nicht die ersten,
versicherte einer den andern, die in Jerusalem überantwortet werden. - Nachdem
sie auf diese Weise sich wechselsweise aufgerichtet hatten, kehrten sie mit
einer Art Mut oder besser Trost zurück, womit es eben die Bewandtnis hat, wie
mit dem Glauben der Teufel, die zwar glauben, indes glaubensvoll zittern. - Was
ist der Glaube mehr, als Trost und Mut? - Fasst euch! euer Gewissen ist euer
Verteidiger! Ihr werdet nicht sterben, sondern leben. Wohlbedächtig blieben sie
an der Tür stehen, und erst nach dem unablässigen Verlangen des undesorgten
Ritters traten sie näher. - Und was war es, was ihr Herz ängstigte? was ihren
Kopf trübte? Die ganze Welt und, was mehr sagen will, kein Concilium würde hier
eine Heterodoxie gefunden haben; was findet indes nicht ein hochehrwürdiges
Consistorium? Es war Zeit zum
                                     §. 56.
                                        
                                  Benedicite,
wie der Ritter sich diesmal consistorialisch ausdrückte; zu deutsch: es war
angerichtet. Nach vielen Kratzfüssen, die der ganz schwarze Consistorialis
schlechter als der schwarz verbrämte begann, liessen die Herren Commissarien im
arglistigen Hintergrunde erblicken, was sie herausgegangen waren zu sehen und zu
hören; und da sie wider ihr Denken und Vermuten den pastor loci, auf den sie
eigentlich Jagd machten, in flagranti betroffen hatten, so schienen sie, um
aller Parteilichkeit auszuweichen, sich beurlauben und den Prediger am dritten
Orte in Commissionsanspruch nehmen zu wollen. Sie gaben diese Bedenklichkeiten
dem Ritter, wiewohl etwas undeutlich, zu verstehen, und dieser bot ihnen dagegen
alle Sanctuarien an, die auf dem Papier standen, und unter diesen auch die
Stelle, die Judas der Verräter betreten, oder den Blutacker, wo die Pilger,
wenn der Tod sie hier überfiele, begraben werden sollten; wonächst er auch
beteuerte, dass er, so gern er auch wollte, ihnen weder mit dem Hause des
Hohenpriesters Hannas, noch des Kaiphas, wohl aber mit dem Palais des Herrn
Pontius Pilatus, zu seiner Zeit dienen würde, - das Schlaf-und Traumstübchen der
gnädigen Frau wohlbedächtig ausgenommen - welches sonst in puncto des Schlafes
kein übles Commissionsstübchen gewesen wäre. - Da nun, aller Commissionsfalten
ungeachtet, in welche die Herren Consistorialräte ihre Gesichter legten, sie
doch am Ende nicht bestimmen konnten, wo sie ihr geistliches und schwarz
verbrämtes weltliches Gericht aufschlagen sollten, nächstdem ihnen auch, als
feinnasigen, ganz und halb geistlichen Räten, der Geruch des Mahls, wozu man
sie bereits eingeladen hatte, nicht entgangen war; so schlug der geistliche
Consistorialrat in gebrochenem Küchenlatein dem weltlichen Consistoriali vor:
Ob man nicht den Prediger hier zu Schloss vernehmen sollte. Dieser, der teils
dem Latein entwachsen war, teils durch den lateinischen Ueberfall aus aller
Fassung kam, antwortete mit einer Miene, die Ja und Nein bedeutet, und gewissen
mutterwitzigen Leuten, die keine Schule haben, eigen ist, wenn man sie in die
Schule schickt oder mit gelehrten Kinderfragen überfällt und ängstiget. Se.
Hochehrwürden nahmen es für Ja, und wollten sich eben an den Ritter wenden, dass
er der Commission hierzu die Erlaubnis bewilligen möchte, als man
wiederholentlich zur Tafel einlud, bei welcher sich, wie gewöhnlich, auch der
Prediger und Heraldicus junior einfanden. Kann man so unschuldig sein, wie wir,
dachten Prediger und Hofmeister, und doch solche Angst haben? - Guten Leute,
eben weil ihr unschuldig seid, habt ihr Angst! - Wer hätte sie nicht auch bei
dem lautesten Zuruf seines Gewissens? - Lasst uns die Welt überwinden! - Dies
Kreuz, sagte der Pfarrer zum Junior in der Stille, kommt vom Herrn. Zwar haben
wir, erwiederte Junior, das Kreuzstübchen selbst gemacht; ist aber nicht fast
jedes Kreuzstübchen ein Ipse fecit? Lasst uns nicht vermessen, noch weniger aber
verzagt sein. - Diese und dergleichen Klag- und Trostworte, die sie einander
verstohlen in die Hand drückten, wirkten zusehends, als die Manieren sie
aufmerksam machten, welche die Herren Consistoriales beim Eingange in das
Tafelzimmer einschlugen. Ausser den Generalfragen: (vor sich) ob und wie es styli
sei, dass Leute, von denen einer Küchenlatein reden, und der andere so tun
konnte, als verstände er es, der Dame des Hauses den Arm bieten könne, um sie
aus dem Ordens-Sessionszimmer in den Esssaal zu bringen? Ob dies, oder ob dies
nicht, eben jetzt, da sie Commissarien wären, Bedenklichkeit hätte? - Machten
auch noch andere Specialfragen die Sache kritischer, z.B. ist es Decori, dass ein
Geistlicher dergleichen leibliche Führungen und Leitungen bei der ihm doch
eigentlich obliegenden Seelenführung und Leitung übernimmt? Ist es oder scheint
es nicht Herabwürdigung des geistlichen Standes, einem Laien, ob er gleich zum
Küchenlatein den Kopf zu nicken versteht, einen Vortritt zu gestatten? - Ich
glaube gewiss, dass dieser letzte Umstand der Goldwage den Ausschlag zu erteilen
geruhet hätte, wenn dem geistlichen Consistoriali nicht eingefallen wäre, wie
leicht der Satan, der immer wie ein brüllender Löwe umhergeht, seinen im Tanz
ungeübten Füssen einen Stein des Anstosses in den Weg legen, und ihm einen tiefen
Fall, dem er ohnedies schon bei den ersten Scharrfüssen so nahe war, vorbereiten
können. Saecularis, der sich kaum von dem unverstandenen Latein erholt hatte,
kämpfte mit gleich wichtigen Zweifeln, die er indes nicht sowohl von der Seite
seines geistlichen Herrn Collegen, als von dem Standesübergewichte des
hochwohlgebornen Wirtes hernahm. Die Ritterin, bei der auch nicht der mindeste
Scrupel auf- und abstieg, würde vielleicht in keinem Monat von der Stelle
gekommen sein, wenn sie sich nicht kurz und gut entschlossen hätte, eine
Verbeugung zu machen, und diesen Kreuzzug als Amazonin auszuführen. Da indes
jeder der beiden Gäste diese Verbeugung als eine Aufforderung ansah, so fielen
beide der armen Ritterin so ungezogen auf den Hals, dass dieser Auf- und Einzug
das Ansehen eines ausserordentlich komischen Auftrittes gewann, der die beiden
Gelähmten nunmehr schnell und völlig zu der vorigen Gesundheit herstellte. Die
ehrlichen Schlucker hätten das Küchenlatein und das mutterwitzige Kopfnicken
sehen und hören sollen; sicher wären sie zeitiger genesen! - Zwar entfiel den
Augen beider Commissarien bei der Suppe, wo tiefes Stillschweigen despotisirte,
dann und wann ein Blick, der den Prediger traf; indes war er diesem, so wie das
Latein dem Concommissarius, völlig unverständlich, und es blieb ohne Angriff,
bis der Wein das Band der Zungen lösete, und die Herren Commissarien von dem
unverfälschten Wein auf die Lauterkeit der christlichen Lehre in diesem Hause
einen nicht unrichtigen Schluss zogen. Der geistliche Consistorialis hatte lange
auf eine Wendung gesonnen, dem Ritter über den Punkt des Fastens, welches ihm
(nächst dem voto castitatis, worüber er einverstanden war) der Hauptstein des
Anstosses bei der katolischen Religion dünkte, an den Puls zu fassen, als er bei
Gelegenheit der Lobrede, die er voll römischer Urbanität der edlen Kunst hielt,
die Fische zu verschneiden, damit sie grösser und fetter würden, zugleich erfuhr,
dass der Ritter fern von allem Fasten sogar kein Fischmann sei, und nicht
eigentlich die katolische Religion als katolische Religion beabsichtigte,
sondern bloss gegen Alter, Stand, Ahnen und die Ritterzüge dieser Ritter- und
Heldenkirche nicht gleichgültig, übrigens aber so wenig zur Intoleranz geneigt
wäre, dass er selbst dem Ohre des Malchus keinen Stein des Andenkens legen
wollen, und dass er dem Mahomet, wenn dieser ihn in der Hölle und Qual darum
angesprochen, nicht, wie Abraham dem reichen Manne, Wasser abgeschlagen,
schwerlich aber ihn Sohn genannt haben würde. Hier rissen die Dämme der
Zurückhaltung, und Commissio konnte sich, nachdem sie je länger je vertraulicher
geworden war, nicht entbrechen, die Denunciation in extenso dem Pfarrer zu
behändigen, der, wie die Commissarien es nicht länger verhielten, eigentlich das
Ziel sei, nach welchem zu schiessen sie gekommen wären. Schon während des Lesens
brach der Pfarrer einen Lorbeer über den andern, von welchen Lorbeern er seinen
Beisitzer, den Heraldicus junior, durch Händedruck und Fussstösse den
freundschaftlichsten Anteil nehmen liess. Beisitzer wagte es bei biesen
Umständen, einen Blick voll nach dem andern aus dieser Schrift schlau und
verstohlen zu ziehen, und mit innerlichem Hohngelächter jedem Bissen, den er
während der Zeit ununterbrochen verschluckte, das Geleite zu geben. Es konnte
nicht fehlen, dass, wenn gleich die Grösse des Ritters sonst über den Schein der
Neugierde sich hinwegzusetzen gewohnt war, die Ritterin, welche die Mutter Eva
nicht ganz verläugnen konnte, dringend das punctum juris dieser Schrift kennen
wollte. »So geht es, fing der Pfarrer an, wenn man das Ganze nicht mit Rücksicht
auf das Einzelne, und das Einzelne nicht mit Rücksicht auf das Ganze erwogen hat
und erwägen kann, und wenn unsere Seele keine Interpunktion versteht. Setz' ich
den Punkt nicht in die Mitte - wie kann ich denn den Umkreis wissen? Das Gerade
ist mir schief, das Schiefe gerade.« Solcher gelehrten Brocken viele Körbe voll,
bis denn endlich der Ritter mit Erlaubnis der Commissarien das Papier nahm, es
laut las, und aus diesem hohen Commissionsberge eine lächerliche Maus nach
väterlicher Weise heraussprang. - »Wenn das Herz in der Hand des Verstandes ein
Wasserbach ist, den er leitet, wohin er will, fing der Pfarrer wieder an, um
sich den Herren Commissarien nicht bloss im Profil, sondern en face seiner
Gelehrsamkeit zu zeigen; indes liess der Ritter ihn nicht zum So kommen. Auch er,
wenn gleich die feurigen Consistorial-Pfeile ihn eigentlich nicht treffen
sollten, fand sich beleidigt. Er schien sich der Punkt der Mitte«. - Schade um
das So, um welches der Prediger kam, er wusste nicht wie! Aus dem Simson
Schulmeister ist ein blinder Spielmann der Philister geworden, sagte der Ritter,
ohne zu bedenken, dass er, mir nichts dir nichts, die Commissarien zu Philistern
machte. Der geistliche Commissarius wollte über diese Kadis, wie er Schulmeister
und Nachtwächter nannte, ein Auto da fé halten und von Jerusalem aus ein Brand-
Dekretum urbis et orbis datiren, wozu er schon trockenes Holz spaltete; indes
ward der Vorfall von der edlen Ritterin für zu gross gehalten, als dass er
gestraft werden könnte. Der Ritter trat bei; Pfarrer und Heraldicus junior
benutzten jede Gelegenheit, wo das Reden an sie kam, und rafften Gelehrsamkeit
zusammen, um sich den Commissarien, wiewohl ohne deren Verdienst und Würdigkeit,
von der besten Seite zu zeigen, als sässen sie, um gemalt zu werden. So nahmen
sie sich z.B. die Erlaubnis, zu versichern, dass es hier wie bei dem
Differential-Calcul ginge, worauf Leibnitz und Newton zu gleicher Zeit gefallen
wären, indem sie auf Ehre und Redlichkeit beteuern könnten, gleicher Meinung
gewesen zu sein. - Ich will, wie gewöhnlich, die Sache zusammenziehen. Das Blatt
                                     §. 57.
                                     wandte
sich. Commissio fand alle Jerusalemische Einrichtungen auf dem Papiere
vortrefflich. Der geistliche Consistorialrat bat insbesondere, ihn als Pilger
einzuschreiben; doch hoffte er, dass ihm erlaubt werden würde, aus seiner Zelle
zuweilen in den Hof zu kommen, nicht des Herodes, sondern des Königs David, der
sich bald in den König Salomo verwandeln würde. Wie die Raupe in einen
Schmetterling, fügte der Saecularis höchst undedachtsam hinzu. Es lag nicht am
Wollen, sondern am Können, sonst hätte der geistliche Consistorialis Odenlob
geräuchert, denn er war, wie viele der protestantischen Geistlichen, die bis zu
Consistorialräten gediehen sind, bis auf das votum castitatis und paupertatis,
weit weit katolischer als unser Ritter, so dass er von dieser ritterlichen
Religion sich nur quoad torum et mensam geschieden hatte. Gottlob! dass die
grossen Herren von der protestantischen oder streitenden Kirche die Vereinigung
mit der katolischen und triumphirenden nicht Consistorialräten überlassen!
Kirche ist Kirche! und so lange wir in Samaria und Jerusalem Gott anbeten, und
nicht im Geist und in der Wahrheit - hängt es nicht bloss von Umständen ab?
    Die Kunst, nach welcher man alte Gemälde von Leinwand, Kalk und Holz ohne
Schaden abnimmt und sie auf Leinwand bringt, war hier nichts gegen die grosse
Idee, Jerusalem auf Rosentalschen Grund und Boden zu verlegen und dadurch den
Protestanten Gelegenheit zu verschaffen, auch zu einer sinnlichen Evidenz von
den Wundern der Religion zu gelangen, welche den Juden ein Ärgernis und den
Griechen eine Torheit geworden. - Wenn die Jura stolae bezahlt werden, und der
Geistliche das Söhnlein oder Töchterlein christlicher Eltern, für Geld und gute
Worte, noch besonders im Gebete Gott vorträgt - kann es dem lieben Gott nicht
gleich sein, wer tauft? Das Hauptwort bei diesem Sakrament ist Stolgebühr,
welche St. Johannes der Täufer nicht kannte.
    Von ehelichen christlichen Eltern abzustammen, ist ein grosser Gewinn,
obgleich auch David vom lieben Vieh zum Trone kam - »und manche
Kaufmannstochter, setzte der Saecularis wieder höchst undedachtsam hinzu,
gnädige Frau wird.« So geht es den Mutterwitzigen, wenn sie nicht Küchenlatein
verstehen! - »Und warum sollte nicht ein Kirchenpatron, der die Glocken pflanzt,
auch ihre Früchte geniessen?« fragte der geistliche Consistorialrat, um die
Ungezogenheit des Herrn Collegen mit dem Mantel der Glocken zu bedecken. Die
Relation des Pfarrers über die Poesie, und das Strategem, das er aus dem Liede:
Erhalt' uns Herr, bei deinem Wort, genommen, um in Sr. Hochwürden der Poesie
(die wirklich, meinte man, in Absicht der Prosa der geistliche Stand wäre, wenn
diese dagegen den Laienstand ausmachte) einen Mäcen zuzuführen, ward als
Proberelation zur Consistorialratsstelle angesehen. Warum auch nicht? Die
Poesie ist der Puder, den man auf schwarzes Haar streut. - Sie verdient den
Namen heilig, wenn gleich von einem guten Gassenhauer die Rede ist, sagte Caput
commissionis; doch erbat er sich aus natürlichem Hass gegen das Lesen diese
Abhandlung nicht, vielmehr schien er, ohne sie gelesen zu haben, bereit, dem
Verfasser die Ehre zu geben, die ihm gebühre Desto besser! - In der Tat war es
ein Glück, dass Consistorialis sich diesen Aufsatz nicht behändigen liess, der es
sich herausgenommen hatte, über die hohe Geistlichkeit manchen Stab zu brechen.
- Ohne Zweifel würde der Prediger diesen Aufsatz der Commission so undefangen
übergeben haben, wie der Ritter diese Herren geradezu in das Sessionszimmer
eintreten liess. Auch ist zwischen dem türkischen Kaiser und dem Ehren Gevatter
Papst, der eben so gut bei christ-evangelisch-luterischen Kindern, als bei
päpstlichen, Patenstellen übernehmen könnte, ein gewaltiger Unterschied. Luter
selbst hatte Se. Heiligkeit oft genug ganz höflich zu Gevattern gebeten, bis
endlich, da Se. Heiligkeit durchaus nicht stehen wollten, dieser Glaubensheld
Verachtung der Verachtung entgegensetzte, und, was ihm nie genug zu verdanken
ist, Käten heiratetel - - Man gratulirte dem Dr. Martin Luter allgemein, und
wartete ihm mit dem Epitalam aus freier Faust auf.
    Die übrigen Klagepunkte wurden als ungeschrieben angesehen. - Der
Maurermeister, hiess es, hat keine Anlage zum Nikolaus Copernicus, der das
Weltgebäude abzeichnete, ob er gleich fast mehr Hang zur Grillenfängerei als
Copernicus besitzt.
    Wenn der Schulmeister es so gemacht hätte, wie gewisse Witzlinge, die ihre
Einfälle und Gedanken wie Spielmarken bloss zeigen und sie wieder einstecken,
unter welche der Nachtwächter loci zu gehören schien: habeat sibi. - Wo kein
Kläger, da kein Richter! Es wäre für die Commissarien, die voll süssen Weins
waren, das Beste gewesen, wenn sie seria in crastinum und den Schulmeister bis
morgen in Ruhe gelassen hätten. Da sie aber vernahmen, dass der Maurermeister
eben in loco wäre, so erhob man sich nicht ohne Selbstüberwindung von der Tafel.
Was man nicht alles seinem schweren Amte schuldig ist! Wie selten werden solche
Schweisstropfen vom Staate erkannt und belohnt! - Die Ritterin zog sich in bester
Ordnung zurück, um nicht in die Häscherhände der Commissarien zu fallen. - Bei
der Hegung des Gerichtes hätte sie um vieles nicht verfehlt, gegenwärtig zu
sein. Es ward ein Gerichtszimmer eingerichtet und bloss ein schwarzes Tuch
aufgelegt, um diesem Lippenvolke, wie der Ritter es nannte (Schulmeister und
Compagnie), nicht mehr zu zeigen, als es zu wissen brauchte. Er strafte es
damit, dass er ihm die weissen Kreuze entzog! Eine edle, eine wirkliche
Ritterrache!
    Ein Palast lässt freilich prächtiger, wenn er erleuchtet ist; doch hatte
Diogenes Recht, einen Fremdling, der sich auf ein Fest so sehr putzte, zu
fragen: ob denn ein Rechtschaffener nicht jeden Tag einen Festtag hätte? Wir
wollen doch caput commissionis hören, da Schulmeister, Nachtwächter und
Maurermeister hereintraten. (Die Ritterin, welcher die Ehre der Sitzung
bewilligt war, hatte ihren Platz nicht weit vom Haupte der Commission genommen.)
Ueberflüssig ist mein Wink, dass Consistorialis durch ein frohes Mahl in Umstände
versetzt war, worin er nichts vorbereiten, nichts motiviren konnte, wenn er auch
gewollt hätte, indem seine Rede nicht Licht, nicht Schatten hatte, und vom Tage
zur Nacht, vom Mittage zur Mitternacht, von Liebe zum Hass, von Hass nur Liebe
überging oder überfiel.
    Die Torheit, fing er ex catedra, wo nicht gar ex tripode an, ist ein
Wurmstich; wo dieser ist, da fällt die Frucht heute oder morgen unreif ab; und
wenn man sich gleich von einem bösen Weibe nach protestantischen Grundsätzen
scheiden kann, so lebt man doch mit der Torheit in einer katolischen und desto
unglücklichern Ehe, weil sie unscheidbar ist. Wisst ihr denn, meine geliebten
Freunde in dem Herrn, dass ihr Erzschlingel seid? Einem Johanniterordensritter
gebührt hochwürdig und ein langer schwarzer Mantel mit einem Weissen Kreuze. Er
ist ein geistlicher Ritter in und in mit, durch und durch. Ein Wegweiser ist
nicht genug; - es gibt Winter- und Sommerwege, Haupt- und Beiwege, Landstrassen
und Richtsteige, Geleise und Fussstapfen; wer wird gleich dem ersten dem besten
Stück Holz von Wegweiser blindlings zu allen Jahrszeiten folgen? Aritmetica
speciosa heisst der Gebrauch der Buchstaben zum Rechnen. Dummköpfe! versteht ihr
denn dies ABC und AB ab? In eurer eingegebenen Schrift ist alles verrechnet! -
Seht ihr darum scheel, dass der hochwürdige Herr euch den Glauben, um die Sache
zu verkürzen, in die Hand geben, und dass euer Seelsorger dem Liede: Erhalt' uns,
Herr, bei deinem Wort, eine Nottaufe angedeihen lassen, die so gültig ist als
die des hochwürdigen Herrn, da sein Herr Sohn in Gefahr war als Heide und Türke
in die Ewigkeit zu gehen? - Da war' er so schön angekommen, wie ihr heute, ihr
underufenen Todtengräber, die ihr für andere eine Grube macht und selbst hinein
fallt, wie es in dem Liede: Erhalt' uns, Herr, bei deinem Wort, euch zuvor
verkündigt worden ist! Die Zunge, ihr Stümper, ist mit zwei Gliedern
Kriegsknechten umgeben, die auf die Wache gezogen sind, um dieser Gefangenen ja
nicht zu viele Freiheiten zu gestatten. - Ein Schwätzer ist ein undezahlter
Judas: er verrät ohne dreissig Silberlinge; allein er kann leicht zu vierzig
Schlägen weniger Eins kommen. Der Grenzstein wird nach der Schnur gelegt, ohne
auf die Steine Rücksicht zu nehmen, die schon da liegen. Wie heisst das vierte
Gebot und seine Erklärung? Wenn wechselseitig Eltern, Kinder, Herrschaft und
Gesinde, Obrigkeit und Untergebene ihre Pflichten erfüllen, dann geht es ihnen
wohl und kein Kummer, keine Uebereilung kürzt ihnen das Leben, das ohnehin wenig
und böse ist. Bei den zehn Geboten hättet ihr bleiben, nicht aber in gelehrte
Materien, die heilige Taufe betreffend, euch einlassen sollen. Ich und meine
Herren Collegen müssen heut zu Tage wachen und beten, dass wir nicht in
Anfechtung fallen; und ihr Esel geht, ohne dazu wie unser Einer von Gott und von
wegen des Consistorii verpflichtet zu sein, auf das spiegelblanke Eis? - Schickt
euch in die Zeit, denn es ist böse Zeit. - Habt ihr denn nicht von den Weisen
aus Morgenland gelesen? da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut. Und so
ist es uns beiden gegangen, da wir die Ehre hatten hier anzukommen. Der Mensch
fällt ins Alltägliche, wenn er nicht festliche Tage hat, durch die er sich
erhebt, und ohne Gott und göttliche Dinge würden wir auf allen Vieren kriechen.
- Nur vermittelst dieser himmlischen Gegenstände sehen wir gen Himmel nach den
Sternen, ohne zu straucheln oder wohl gar zu fallen. Doch kommen Menschen nur
allmählig zu reinen Ideen von Gott. Erst Anbetung körperlicher Dinge, dann die
Lehren: Gott ist zu edel, um zu zürnen; er will nichts Willkürliches; - er kann
nicht beleidigt werden; - ich darf ihm nur glauben. - Nicht um Gutes zu tun, um
gut zu sein hab' ich ihn nötig, sondern zu meinem Troste - zu meiner
Herzstärkung, dass er meinen Zweck vollenden, ihn, aller Weltunordnung
ungeachtet, so vollenden werde, dass einmal sein Reich kommen und das Gute
herrschen wird. - Nicht aus der Ordnung, sondern aus der Unordnung überzeugen
wir uns von Gottes Existenz und von der andern Welt. - Seht! das waren die
Hauptmaterien, die heute bei dem Mahl vorfielen, welches mich und meinen Herrn
Confrater, wie es am Tage ist, gesättigt und getränkt hat mit Wohlgefallen! -
Gottlos ist oft nichts mehr, nichts weniger als gedankenlos: Gott ergeben heisst
fast in allen Fällen: vernünftig. Gottlos, selbstlos, charakterlos sind fast
einerlei, und nie ist gottlos dem Worte fromm entgegen zu setzen. Ihr seid
gottlos in hohem Grade! Und diese hohe Familie ist Gott ergeben; in vieler
Rücksicht könnte man sie heilig nennen. - O, ihr Dummköpfe! woran stiesset ihr
euch? An etwas, wovon ihre keinen Begriff hattet. Stümper! dem lieben Gott wollt
ihr beim Consistorio das Wort reden! - Zwischen einer schönen Gegend und einem
schönen Garten ist ein Unterschied. Wenn die Natur eine schöne Landschaft
hinwirft und die Kunst ein schönes Landschaftsgemälde entwirft, so ist es nicht
eins und dasselbe. Wer aber nicht zu unterscheiden weiss, lasse sich in kein
Urteil ein, wodurch er sich an Gegend und Garten, an Landschaft und
Landschaftsgemälde gleich gröblich versündigt. - Diese groben Sünder seid ihr! -
Die dramatische Muse muss selbst in ihrem Auskehricht, in ihren niedrigsten
Gattungen die Schilderungen von Toren verachten, die kein Quentlein von Kraft
und Stärke, von Witz und Vernunft besitzen; man will nicht ekelhafte, sondern
lächerliche Charaktere! - Gottlob! dass ihr das Letzte, dass ihr nur lächerrlich
seid und bloss eine Farce macht! Man sehe doch! ihr hattet auch wohl etwa Lust,
auf Secunda zu kommen, wo euer geistreicher Prediger und Heraldicus junior so
rühmlich sitzen! und eure Klage sollte unfehlbar die Preisschrift sein, um
diesen Vorzug zu erhalten! Ihr Schweintreiber, ihr Gergesener! - wie konnte euch
ein solcher Hochmut anwandeln, der immer vor dem Falle kommt! - Der hochwürdige
Herr ist kein ordinirter Geistlicher. Wahr, wer hat aber bei seinem Amte nicht
einen Nebenposten, der ihn wegen seiner Amtsleiden entschädigt? - Dort ist er
zünftiger Meister, hier ist er Virtuose. Gab es nicht unter den Herren Ministern
und selbst unter den Herren Generalen, besonders den französischen, grosse
Teologen, grosse Baukünstler, Poeten, Mitglieder der Akademien? - Und was ging
es euch an, dass der Herr Baron neben Rosental auch Herr von Jerusalem war? -
Johanniterritter sind Weltgeistliche, die nicht bloss Welt und Geist, sondern
Politik und Religion, heroischen Mut und Andächtelei, Wahn und edle Früchte der
Sittlichkeit und Selbstüberwindung wunderbarlich verbanden - die sich nicht
schämten, heute Helden und morgen Krankenwärter zu sein; und wenn gleich die
neuern Ritter dies Werk des Herrn mit mehr Gemächlichkeit treiben - ist und
bleibt der Orden nicht eine hochwürdige Reliquie? Was können die jetzigen Ritter
dafür, dass man es sich mit dem Glauben leichter macht, als ehemals? Wenn die
Vernunft über Vorurteil siegt, ist es schön; - nur bleibt zu wünschen, dass es
nicht auf Kosten der Unschuld und der Tugend geschehe. - Habt ihr den Orden des
hochwürdigen Herrn je aus diesem Gesichtspunkt genommen? Und wie untersteht ihr
euch im Namen der Gemeinde oder des Volks aufzutreten? - Ich weiss wohl, das Volk
hat sein eigentümliches Recht; aber das Volk heisst nicht der Küster,
Nachtwächter und Maurer im Dorfe; vielmehr ist die ganze Gemeinde wider euch.
Volksstimme - Gottesstimme! - Schämt euch, dass ihr solche elende Krüppel von
Kindern, wie eure Aufsätze sind, aussetzt, um das Consistorium zum Mitleiden zu
erwecken! Als ob bei dem Consistorio Mitleiden zu Hause wäre! Die Enbabsicht des
Stifters der christlichen Religion war, die entschlummerte Urkraft unseres
Geistes zu wecken und - was aufzuregen? seine Freiheit! Die christliche Lehre
gründet sich auf die Göttlichkeit im Menschen, auf seinen intelligibeln
Charakter; sie entält eine Religion der Geister. Liebe Gott heisst: achte das
Gesetz der Geisterwelt, in soweit du Gutes freiwillig tust, ohne Hin- und
Rücksicht, wär' es auch auf die künftige Welt. - Liebe deinen Nächsten als dich
selbst: liebe in dir nur den Menschen und liebe alle Menschen aus diesem Grunde
- liebe nur die Menschheit. - Protestantismus ist das System einer vernünftigen
Freiheit in Glaubenssachen. - Universalmedicin taugt für niemand, da sie für
jedermann ist, und ich bin für keinen Purismus weder in Sachen noch Worten,
weder im Essen noch Trinken. - Paulus und Petrus, selbst der Lehrer dieser
Lehrer, würden vor manchem Consistorio nicht bestehen in der Wahrheit; - vor dem
unsrigen gewiss. Was meinen der Herr College? - Ueber die Frage: ob ein bekannter
Geizhals in den Gotteskasten einer menschenfreundlichen Collekte ein Scherflein
gelegt hätte, sagte einer: ich hab' es nicht gesehen und glaub' es; ein anderer:
ich hab' es gesehen und glaub' es doch nicht. Da seht ihr wie es mit dem Glauben
geht! - Und der Name was tut denn der zur Sache? Die Bulle in coena Domini und
die goldene Bulle sind eurer Meinung nach wohl ein paar Schwestern? Wahrlich auf
den Namen kommt es nur bei Schafsköpfen an; doch wenn man euer Machwerk, euern
Wutanfall, eure Klage mit dem eigentlichen Namen belegen sollte - wie würdet
ihr bestehen? Sagt, warum dämpftet ihr nicht eure Instrumente? warum suchtet ihr
nicht vermittelst eines sanften Oels ein stumpfes Scheermesser zu schärfen? Wehe
dem, dessen Gebet ein Fluch ist, der Gott bittet, seinen Zorn über seinen Feind
auszuschütten und Feuer und Schwefel über die regnen zu lassen, die ihm
angeblich übel wollen! - wohl recht, angeblich! - Kein Wort in der Welt wird so
gemissbraucht, wie das teure, werte Wort: Katolisch von den römischen und
andern Christen, und ihr seid nicht wert, dass ich es euch erkläre! - Seid ihr
Schäker denn vom bilderreichen oder ernstaft gründlichen Vortrage gerührt? war
es nicht ratsamer, euch durch sichtbare Sinnlichkeit zu erschüttern? Bildet
erst euer Auge, ehe ihr an das Ohr denkt, um von ihm zu Herz und Verstand zu
gelangen! Habt ihr Pisang, Paradiesfeigen, Ananas, Datteln, Pfirsiche, Aprikosen
und andere dergleichen Leckerbissen gekostet? Versteht ihr die hohe Andacht, die
Stillschweigen bewirkt, die sich fürchtet, auch mit einem Seufzer den zu stören,
der sie erregt? Ihr Vivat-hoch- und Pereat-tief-Rufer! Ein Ochse kennt seinen
Herrn, ein Esel kennt die Krippe seines Herrn; und ihr! - seid ihr nicht fast
weniger als sie? Schämt euch! - Den Meinungen ruhiger Denker begegne man durch
Untersuchungen und sehe mehr auf ihre Lebenspflichten als auf ihre
Glaubenslehren! Kann man nicht durch Erziehungsregeln, wenn sie den rechten Weg
verfehlen, ungezogen werden und durch argwöhnische Altklugheit zum Kinderspott?
Eifer und Einsicht sind selten gute Freunde, und der Neid liegt immerwährend an
der Gelbsucht schwach und krank danieder. - Behutsamkeit im Urteil kleidet
jedermann, besonders den Untergebenen, der selbst in wunderliche Herren sich
schicken lernen muss. Ihr hattet einen äusserst gütigen Herrn, und ich wüsste nicht
ein Haus im Lande, wo für beide Facultäten der Seele, die untere und die obere,
so gesorgt wäre wie hier. - Die Vernunft hat sich hier in Empfindung gekleidet,
leicht und schön! Ein frischer Hauch der edelsten Empfindung geht in Rosental
durch alles, was man sieht und hört. Wenn ihr euch gewöhnt hättet, überall etwas
Gutes zu sehen und zu hören, - würdet ihr es nicht auch hier gesehen und gehört
haben hundertfältig?
    Hier griff der Unlateiner ein und bat, die Edelsteine von Gedanken (die so
ordentlich wie ein Traum eines Kranken waren) liegen zu lassen und deutsch mit
diesem Triumvirat zu sprechen. Hierauf nahm Caput commissionis sich zusammen und
schritt zum Grundstein. Das Konsistorium, versicherte er, könne zwar kein Blut
sehen und woll' es auch nicht; doch hätte es andere Mittel und Wege, den
Menschen ans Herz zu treten: Fasten und beten; und so sollten sie denn bei
Wasser und Brod im Ehebrecherpranger unweit der Kirche drei Wochen stehen, der
Gemeinde von der Kanzel als Aufrührer zu drei verschiedenen Malen vorgestellt
und die heilige Communion ihnen ein Jahr lang rechtskräftig entzogen werden.
Indes wäre es Christenpflicht, für sie in jedem Monat des Excommunicationsjahres
namentlich und öffentlich zu beten. Diese schreckliche Drohung brachte natürlich
alle drei dahin, dass sie zu Kreuze krochen und auf Knien um Gnade flehten. Der
Nachtwächter wollte sich weiss brennen; indes da er sah, dass Consistorialrecht
für Gnade erging, so war er klug genug, es mit der Frau Schulmeisterin nicht zu
verderben. Die Ritterin, welche die Seelenangst der Excommunicirten nicht
ansehen konnte, eignete sich das Begnadigungsrecht zu, und so ward durch ihre
Vermittelung die Sache durch Abbitte beigelegt.
    Ich will abbrechen. Dies par nobile fratrum liess es sich noch drei Tage in
Jerusalem bene sein, wie es im Consistorialstyl hiess, ohne sich weiter um diese
Sache zu bemühen. Nicht nur der geistliche, sondern auch der weltliche
Consistorialrat hatte sich ebenso gut wie Pastor und Heraldicus junior in die
Rosentalsche Weise einstudirt. - Uns, die wir nicht an diesem
Commissionsgeschäfte Teil haben, wird es indes nicht gleichgültig sein zu
wissen, dass der Maurermeister nach einiger Zeit wegen Schwermut in dem
Irrenhause untergebracht werden musste, welches er aber für das Haus des Pontius
Pilatus ansah, so dass er caeteris paribus dem Ritter in der Schwärmerei sich
näherte. Der Schulmeister, dem die Prostitution die Seele durchbohrt hatte,
folgte in kurzem dem Heraldicus senior und starb am Rosentalschen Jerusalem.
Der Nachtwächter heiratete die Schulmeisterin und war am unglücklichsten, da
ihm der neue Schulmeister dieselbe Ehre erwies, die er seinem Ehevorgänger nach
allen Kräften erzeigt hatte. Er besass nicht wie sein Ehevorfahr ein
Traumstübchen; denn er wusste wohl, dass er ehemals mit der Frau Schulmeisterin
bei seinen Besuchen kein Vater Unser gebetet hatte.
    Der Ritter befahl, den Commissarien zur Probe ein Certificat sonder Arglist
und Gefährde auszufertigen, und das grosse Siegel daran zu hängen, wodurch zu
erweisen wäre, dass sie in Jerusalem gewesen; indes wusste der politische Pfarrer
es krebsgängig zu machen, so dass diese lettres patentes in ihrer Geburt
erstickten.
    Anytus und Melitus, sagte Sokrates, können mich zwar tödten, allein schaden
können sie mir nicht; und der Pfarrer gewann durch diesen Vorfall, der mit einer
Lähmung anfing. Heraldicus junior, in der Voraussetzung, dass er über kurz oder
lang sich zum examine rigoroso vor dem Consistorium zu stellen verpflichtet sein
würde, wünschte umgekehrt, was man sich in Rücksicht der Aerzte zu wünschen
pflegt. Man besucht den Hippokrates gern; nur sieht man es ungern, wenn
Hippokrates zu uns kommt. Und wer, als ein Consistorialrat, sollte wohl bei der
heiligen Nottaufe auf die goldene Bulle und die Bulle in coena domini fallen?
    Damit indes niemand wähne, dass ich über den aufsteigenden Vater den
absteigenden
                                     §. 58.
                                        
                                      Sohn
aus dem Gesichte verloren habe, so will ich den Inhalt eines Gespräches
mitteilen, welches mein Held und Heraldicus junior, der Held des Junkers, mit
einander hielten. Den Dialog wird man mir hoffentlich gern schenken. - Die
Geburt sollte von nichts ausschliessen, was die Menschen unter sich als Vorzug
und Ehre angenommen haben, obgleich heutzutage niemand ein blosses Kind der
Natur, sondern jeder auch ein Kind des Staates ist. Entweder müsste Verstand oder
Tugend, oder beides in der Welt persönliche Vorrechte beilegen; oder es müssten
alle Vorrechte vom Erdboden vertilgt werden. Durch Vorzüge, welche ich durch die
Geburt erhalte, lebe nicht ich, sondern mein Vater, meine Mutter lebt in mir.
Realitäten werden uns freilich durch die Staatsklassen nicht entzogen: Sonne,
Mond und Sterne, Fische im Meer, Vögel in der Luft machen unter adlich und
unadlich keinen Unterschied; die Fliege setzt sich so gut auf eine Freiherrn-
als auf eine Bettlernafe; und ist der edle, der vernünftige Mann nicht auch ohne
Band und Stern überall der erste, wann und wo er es sein will? Nur selten wird
er es wollen. Die Imagination ist die Schutzpatronin der Stände; sie macht, sie
erhält sie. Beim persönlichen Adel, den auch der Bettler in seiner Gewalt hat,
findet sie weniger ihre Rechnung; sie adelt erblich, wenn gleich Absalon, der
Sohn des Mannes nach dem Herzen Gottes, an einer Eiche hangen blieb, und die
Kinder edler Leute selten geraten; - wenn gleich die Kinder der Reichen nicht
besser einschlagen, und nicht selten an Eichen hangen bleiben. Ein edler,
persönlich geadelter Mann - wird er bloss dem Allgemeinen dienen, und sich selbst
über das Allgemeine vergessen? Jeder ist sich selbst der Nächste, und ausser ihm
selbst sind es seine Kinder und seine Verwandten. Der Papst, der von Gott und
Rechtswegen nicht Kinder haben kann, hat Nepoten. Der Beruf des Menschen zum
Reichtum ist so natürlich, dass schon mehr Kraft in den Lenden, in Armen und
Beinen den reichen Mann macht. Die Kraft in Verstand und Willen (diesen Lenden,
Armen und Beinen der Seele) tut es desgleichen. Durch geistige und leibliche
Kräfte werden Geld und Gut bewirkt, und so entsteht der Erbadel, man weiss nicht
wie. Das Ackergesetz und die Aufhebung der Intestat- und Testamentserbschaft -
würde sie nicht den schönen Zusammenhang der Privat-und öffentlichen Tugenden
stören und alles schwächen, was Menschen edel und gut, oder nur leidlich und
erträglich zu machen im Stande ist? Auf redlich selbst erworbenes Eigentum hat
der Staat, wenn er gerecht sein will - und wehe ihm, wenn er es nicht ist! -
keinen Anspruch. - So lange der Reichgewordene lebt? - Auch nach seinem Tode;
wem kommt es wohl natürlicher zu, als seinen Kindern? und wieviel Triebfedern
würden wir lähmen, falls der Staat hier als Universalerbe eintreten wollte, und
wenn die Rechte über Eigentum geschmälert würden! - Freiheit ohne Eigentum ist
tönend Erz und klingende Schelle. In Barbarei würden wir sinken, ohne dass je
Hoffnung wäre, die Menschen noch so weit zu bringen, als sie schon gebracht
sind, falls Eigentum seinen Wert, den man Kraft und Stärke nennen kann,
verlöre. Ist der Erbabel ein Uebel, so ist er fast ein notwendiges. - Der erste
ist nicht immer der beste. Doch würde er es in der Regel sein, wenn man
aufhörte, Adelsbriefe feil zu halten. Sich den Adel kaufen, ist fast eben so
viel, als wenn man einen Unschuldigen hängen oder ins Zuchtaus setzen wollte. -
Wie denn das? - Adel ist die einzige Belohnung, die der Staat hat, soll er denn
nur strafen? - Ei! Aemter und Würden? - Sind das Belohnungen? Man geht beim Amte
so in die Lehre, wie bei einem Handwerk, wird so examinirt, macht so ein
Meisterstück, wie beim Handwerk; kurz es ist eben so, wie beim Meister und
Bürger: - man lernt im Amte dem Amte gewachsen sein. Wen würdest du in
Nordamerika aufsuchen? Franklin und Washington? Und wenn der letztere, so wie
der erstere, nicht mehr im Lande der Lebendigen ist, wirst du nicht nach ihren
Kindern fragen? werden dich nicht schon die Namen Washington und Franklin
interessiren? Schon der Vorname deiner Geliebten, deines Weibes, deiner
Schwester hat eine magnetische Kraft. - - Ein grosses Vorbild fordert zu
ähnlicher Grösse auf. Wie die Alten sungen, versuchen es die Jungen. - Und wenn
Verstand und Tugend persönlich adeln - wer sollen die Herren im Obervernunfts-
und Tugendcollegio sein, die das persönliche Adelsdiplom erteilen? Wissen wir
denn nichts wie es in Wahlkönigreichen, wie es mit Papstwahlen, mit
Parlamentswahlen und mit allen Wahlen geht? - Wird das Geld nicht in seine
jetzigen Rechte treten, und wo nicht mehr, doch eben so stark tyrannisiren, wie
jetzt? - Alles abgewogen, ist es so besser als anders; Realadel besser, als bei
seiner Aufhebung bloss Personaladel. Um den erblichen Edelmann zum persönlichen
zu machen, tut man wohl und weise, ihm die Pflicht aufzulegen, Ritter zu
werden. Ritterschaft ist Spornschaft. Das Johanniterkreuz war z.B. ein Sporn,
ohne den wir unseres Orts kein Jerusalem hätten in Rosental, und kein Haus des
Pilatus, und keines des alten ehrlichen Simeons, der in Frieden fuhr. - Hinter
den Vorhängen der Freimaurerei herrschen diese Grundsätze, oder es trügt mich
alles. Dort kann doch auch ein ehrlicher Mann ein Kreuz tragen, er habe gleich
die Tochter eines Kaufmanns zur Mutter, oder einen Ordensschneider zum Vater. -
Monarchen können, nach dem braven Ausdruck jenes Königs, zwar hundert und mehr
Edelleute in einem Tage, aber nicht einen einzigen edlen Mann machen. - Wahr!
Alles, was wahrhaft gross ist, macht sich selbst. - Auch wahr! - Die Antwort des
Iphikrates: mein Geschlecht fängt mit mir an, das deinige wird mit dir aufhören
- nicht minder wahr, und unfehlbar das letzte Wort, das ihm sein Gegner liess. -
Empfängnis und Geburt sind so etwas Tierisches und Gemeines, dass man sich
schämen sollte, daraus einen Vorzug abzuleiten. - So wahr, wie alles vorige. -
Wenn aber der Wohlgeborne diesen zufälligen Vorzug nur benutzt, seinen
persönlichen Adel zu erleichtern und ihn zu verewigen? wenn er ihn als eine
erwünschte Gelegenheit schätzt, seine ABCe zweckmässig zu erziehen; wenn er durch
Lehre und Wandel sie die Resultate mit Händen greifen lässt, dass ohne
persönlichen Adel der Geschlechtsadel nichts mehr und nichts weniger als ein
Geburtsbrief gelte? Kann durch eine Einrichtung dieser Art, die freilich, so wie
alles in der Welt, gemissbraucht ward, das menschliche Geschlecht, auf welches
doch Gott und alle braven Leute anlegen, sich nicht seinem Ziele nähern?
Ehrwürdiger Orden der Freimaurer! wenn dein geheimer Gang diese olympischen
Bahnen bricht, wenn er die Menschen sich unter einander gleich an moralischer
Güte zu machen beabsichtigt, und sie mit hoher Weisheit der Welt und ihrem
Geräusch in eben dem Masse entzieht, wie er die Menschen in sich selbst zu
verschliessen verbietet, als wodurch sie den Kranken gleich werden, die sich der
freien Luft entwöhnen!
    Zwar tragen die Freimaurer ihr Kreuz unter der Weste. - Am Ende einerlei, ob
unter oder über der Weste; die Hauptsache ist das Kreuz. Geht der Stern gleich
in der Loge auf, und scheint er hier bloss in einem verborgenen Orte - war nicht
die Tageszeit der Johannitervorlesung die Dämmerung? - Wenn in den Logen
Auserwählte sind, so wiegen von diesen 5, 7 und 9 mehr, als in der profanen Welt
so viele Tausend. Vielleicht sind die Maurer der Phalanx des menschlichen
Geschlechts die Garde der Menschheit. Heil mir! Plato ward vom Dionysius
verworfen, allein von den Göttern an Kindesstatt angenommen. - Es gibt in der
Maurerei nicht Präbenden! Bedarf ich ihrer? Und wer weiss, ob es ihrer nicht
gibt! Präbenden, die unsichtbar, Geistesehrenzeichen, die unsterblich sind. -
Ist denn unser Jerusalem mehr als ein Kreuz unter der Weste? Und doch fand es
Ausspäher, und unter ihnen einen Judas, der mit seiner Verräterei nicht viel
besser abkam, als jener Erz-Judas. - Es gibt eine sichtbare und unsichtbare
Kirche: - die sichtbare ist der Staat, die unsichtbare vielleicht die Maurerei!
- Wie? wenn die Maurerei zur Absicht hätte, Erbadel und Verdienst sich näher zu
bringen? - und dies Paar ehelich zu verbinden? Würde nicht auf vortreffliche
Kinder in der Ehe zu rechnen sein? - Schon in der Verschwiegenheit liegt so viel
Kraft und Stärke, dass man durch sie Türken in die Flucht schlagen und das
heilige Grab befreien könnte, wenn wir es nicht jetzt in friedlicher Nähe
hätten. Bei einem Sessionsmahl, das man in Aten fremden Gesandten zu Ehren
angestellt hatte, und wozu Zeno mit eingeladen war, erwiderte dieser Weise auf
die Frage der Gesandten: was sie denn von ihm dem Könige sagen sollten? - »dass
sie zu Aten einen Mann kennen gelernt hätten, der auch bei vollen Bechern zu
schweigen verstände.« Schweigen ist oft der Preis-Courant der Einsicht;
Missbrauch der Freiheit die Quelle der Laster.
    Wie Jerusalem stell' ich mir die Menschenwelt vor: - Im Vorhof ist der
gemeine Mann; im Heiligen Fürsten, Geistliche, Gelehrte und so viel ihrer mehr
sind, die da verstehen zu sein, was sie sind: Menschen; im Allerheiligsten - -
genug! ich sehe, ohne zu sehen, ich höre, ohne zu hören. Es gibt einen Tempel,
der nicht mit Händen gemacht ist: eine geistliche Kirche, einen Himmel auf
Erden, Worte, die unaussprechlich sind. - Maurerei! ich lasse dich nicht, du
segnest mich denn!
    Da sehen doch meine Leser, ob ich meinen Helden, seitdem ich kein Examen mit
ihm veranstalten lassen, verwahrlost habe. Kreuzlahm, sagte Heraldicus junior zu
einer gewissen Zeit; allein ich wette, dass nachher der Lehrer zuweilen an
Kreuzschmerzen schwach und krank darnieder gelegen, und sich, wenn man will,
auch wieder gebessert habe.
    Doch begehre ich hiermit nicht zu läugnen, dass Vater und Mutter jenen
Lampenschein des heiligen Grabes auf meinen Helden geworfen, den Pastor loci
noch begieriger aufgefasst hatte. So kann auch A B C eine gewisse Extractsucht
und Gemächlichkeit nicht von sich ablehnen, die man nur regierenden Herren
zugestehen sollte, wenn gleich auch hohe Staats-Officianten sich diese
Privilegien je länger je mehr zueignen. - Um den Montblanc der Wissenschaft zu
ersteigen, gebrach es unserem Helden an Lust und Liebe. Der Gastvetter nannte es
gelegentlich: Seelenlunge. - Die obern Seelenkräfte blieben zwar nicht
uncultivirt; doch sollte diese Cultur ihn nicht zu stark angreifen, und er
sehnte sich, in der Dämmerung dunkler Gefühle von jener Tageslast und Hitze
auszuruhen. Der Orbis pictus nennt den Physikus: Naturforscher; den
Metaphysicus: Ueberforscher. Unserem Helden war alles Ueber, was er nicht leicht
fassen konnte. Auch war er der Art von Pietisterei nicht abgeneigt, vermittelst
deren man das sieht, was Philosophen nicht ohne Mühe glauben; er war ein
aufmerksamer Hörer, wenn Pastor loci behauptete: der Mensch könne einen genauen
Umgang mit Gott haben und ihn in Gedanken und fast in Sinnen sich
vergegenwärtigen, im Gebet ihm beinahe die Hand reichen und das Herz abgeben.
Heraldicus junior philosophirte freilich dagegen, doch so, dass er das
philosophische Deckmäntelchen nach dem Winde hängte. - Warum sollt' ich meinem
Helden indes nicht volle Gerechtigkeit erweisen? Ich will es. Der Mensch ist
sich ein Rätsel; unser A B C wollt' es lösen. - Lösen? Wie ich sage: lösen; und
wer will es nicht? Auch der, welcher vollkommen überzeugt ist, er könne es
nicht, wird es wollen, und wenn er es nicht will, ist er entweder ein stolzer
Tor oder ein Kaltblütiger. - Der Wunsch ist verzeihlich; auf la manière avec
laquelle kommt es an. Mehr von meinem Helden zu verraten, hiesse sich übereilen.
Er war jung, und hatte sich nicht durch Ausschweifungen geschwächt, um
Wunderessenzen zu bedürfen; er war reich, und also nicht in der Verlegenheit,
auf den Stein der Toren auszugehen. Auch schien Ehrgeiz sein Fehler nicht zu
sein, um sich durch Ordenswege ein Amt zu erschleichen. - Doch wer kann für ihn
stehen! Ich nicht.
    Der Ritter merkte übrigens oft die Kämpfe auf Tod und Leben, die in seinem
Sohne vorgingen; indes war er sehr weit davon entfernt, gegen dessen Phantasie
das Schwert der Vernunft in Anwendung zu bringen, Licht in diese Wüste zu
tragen, Bilder, die ihm vorgaukelten, in die Flucht zu treiben und ihren Reiz
auch nur zu ermässigen; vielmehr trat er mit diesen moralischen Türken in einen
Bund, goss Oel ins Feuer, und glaubte, wie wir wissen, gegen seinen Sohn nicht
väterlicher handeln zu können, als wenn er das heilige Feuer seiner Phantasie
ohne Unterlass unterhielte und ihm Nahrung gäbe. Sie äusserte sich bei unserem
Helden auf mehr als eine Weise. - Die Gestalten des Proteus sind eine
Kleinigkeit gegen die Garderobe der Einbildungskraft. Muntere Pferde schnauben
im Schlafe, schwitzen aus Kraftanstrengung, geben sich selbst den Sporn und
setzen das olympische Rennen fort, das sie im Wachen anfingen; sind ihre Reiter
nicht mehr als sie? - Im Wachen und Schlafen, im Singen und Beten, im Essen und
Trinken, im Lachen und Weinen ging unser Held nicht, er lief. Dass ich seinem
olympischen Beispiele nicht nachjage und ihn laufen lasse, ohne ihm
nachzulaufen, bedarf meiner Versicherung nicht; doch hoff' ich mit ihm zum Ende
zu kommen. - Im väterlichen Hause herrschte eine Gastfreiheit, die edel war. Man
sandte nicht an die Strassen und Zäune, und nötigte nicht, ohne und mit
hochzeitlichen Kleidern der Denk- und Handlungsart hereinzukommen; doch war das
Haus des Ritters jedermann offen - der Tisch so eingerichtet, dass nicht bloss
Pilger, sondern auch Menschen von von allerlei Leckerzungen und allerlei Gaben
des Ausdrucks oder Sprachen, wie der Ritter diese Spruchstelle zuweilen deutete,
Dach und Fach, Tisch und Bett fanden, und mit herzlichen Benedicite und Gratias
kamen und gingen. Selbst die Nachbarschaft wartete nicht immer auf Einladungen;
vielmehr überliess sie sich oft der undeschreiblichen Wollust des Ungefährs, die
so viele Wunder tut an uns und allen Enden.
    Ein Ungefährbesuch dieser Art, veranlasst durch ein Fräulein - das, wie es
hiess, aus fremden, weiten Ländern zum Nachbar - gekommen war, blieb unserm
Helden nicht
                                     §. 59.
                                  gleichgültig.
Ist der Trunk eine kurze Wut, so ist die Schönheit, nach dem Ausspruche des
weisen Sokrates, eine kurze Tyrannei - die tiefste und höchste Vernunft kann
sich nicht halten; - Schönheit erobert diese Festung. Unser Held, der jetzt
einundzwanzig Jahr alt war, hatte sich noch nicht Zeit genommen, zu lieben.
Ueberall, sagte Heraldicus junior, hätte er sich Flügel der Einbildungskraft
angelegt; nur hier nicht. Nie hatte ein Stück aus der gewiss nicht kleinen
Bildergallerie, die in Rosental so oft gastfreundlich aufgestellt war, ihn
länger gerührt, als sie da zu Markte stand. Vielleicht war die Ursache in der
Zudringlichkeit zu suchen, mit der diese Schönen ihn durch ihre Augen fahen
wollten. Jetzt war es mit ihm geschehen. - Sie kam, sah und siegte. - Wer denn?
- Wenn ich es selbst nur wüsste! Es war gewiss seine erste Liebe. Seine Herz
schien ihm den Schwur abzunehmen: auch die letzte. - Ihre Bildung, ihr Wuchs,
ihr Verstand, ihr Herz! - Keine genauere Beschreibung! jede wäre ein Verlust für
sie. Sie würde das Mädchen vielleicht zum allerliebsten, zum schönsten Mädchen
machen; - doch war sie meinem Helden eine Gotteit. Genug, es war Eva die
einzige! - und - was ich meinem Helden hoch anrechne - er war so ganz Adam. Mit
einer Herzlichkeit und Offenheit, wovon man seit dem verlornen Paradiese, nicht
dem Miltonschen, sondern dem wirklichen, kaum ein Beispiel hatte, nahte er sich
ihr, und sie erwiederte sein Ave Maria - nicht mit einem feinen Amen, das heisst:
Ja, ja, es soll also geschehen, sondern mit einem bescheidenen Willkommen! -
Wahre Schönheiten zieren sich nicht, so wie grosse Menschen nicht stolz sind. -
Ihr keuscher Busen bedurfte nicht der Gardine ihres fliegenden Haares; die
Unschuld schlug laut in ihm. - Hohe Schönheit, hohe Tugend, hoher Verstand - wo
diese drei Eins sind, da braucht es keiner elenden Schildwache von Ziererei!
Unter dem Schutze der Unschuld und der allgemeinen Sitten ist ein Mädchen am
sichersten. Die Grazien verstatten keine ungezogene Zudringlichkeit. - Der
Ritter fand in den herrlichsten Stellen auf dem Angesichte dieses erschienenen
Engels, und besonders in der rings um den Mund, eine grosse Aehnlichkeit mit
seinem vortrefflichen Weibe; und gewiss sind alle Grazien einander ähnlich. - Die
Ritterin verehrte diesen Engel dieser Aehnlichkeit halber; und der Ritter wusste
nicht, wie er seine Mütze kehren und wenden sollte, bis er sie endlich, trotz
der Furcht vor Kopfflüssen, völlig ablegte. - Es war eingelenkt, dass unser Held
bei seiner Heldin sitzen sollte. - Man wollte zu Tische gehen, und siehe da! die
Dame des Hauses, unter dessen Schutz der Engel erschienen war, ward von einer so
heftigen Krankheit ergriffen, dass in einem Augenblicke die Freude ein Ende
hatte. So schnell löschten die Fingerlein ihre Lichter nicht aus, wie dieser
Besuch sich endigte und die Nachbarschaft von hinnen zog; - es war, als flögen
sie davon. Den Ritter entzückte
                                     §. 60.
                                die Leidenschaft
seines Sohnes; und in der Tat, er hatte Recht, sich zu freuen, dass er, ausser
dem geistlichen Jerusalem, auch ein leibliches gefunden hätte. Bis jetzt konnten
keine Spuren entdeckt werden, dass sein Sohn verliebt gewesen wäre. Oft war dem
Ritter die Frage eingefallen: ob etwa gar die Nottaufe hieran Schuld sei? -
Mein Sohn, fing er an, Alexander und Cäsar waren so gut Untergebene der Liebe,
als Herren der Welt. - Du weisst am besten, was ich deiner Mutter aufgeopfert
habe; - und, genau genommen, war sie nicht des Opfers wert? Was ich verlor,
kannst du auf eben dem Wege wieder gewinnen. Läge die Schönheit bloss in
Gesichtszügen - würde sie wohl unter so verschiedenen Gestalten erscheinen? -
Fast jedes Volk, jeder Hof, jede Stadt, jeder Mensch hat sein besonderes
Schönheitsmass und Gewicht. Der will es rund, der eckig, dem ist die Stirn, und
dem das Auge, dem die Hand, und dem der Fuss der Sitz der Schönheit. Und woher
aller dieser Unterschied? Weil die Schönheit ihren Sitz in der Seele hat, und
weil nun diese sich bald hier, bald da durch den Körper spiegelt. Die Seele, die
den Fuss zum Spiegel erwählte, hat meinen Beifall nicht; wenn sie den ganzen
Körper bewohnt, o! dann ist es lieblich anzuschauen. Ein solcher Mensch scheint
ein Engel. Wer Leib und Seele trennt, der tödtet. - Wenn du liebst - vergiss
nicht, dass der Mensch aus zwei Teilen besteht, und dass, wenn diese nicht
gepaart sind, alles andere Paaren nicht viel vermag. - So wie die Ehen zwischen
Seele und Körper der Liebenden geknüpft, und, wie es heisst, nicht bloss auf
Erden, sondern auch im Himmel (oder dem Geistersitze) geschlossen werden, so ist
die geistliche ohne die leibliche Eheverbindung, und diese ohne jene, nicht
zureichend. Der Mensch ist ein Engel und ein Tier; Seele und Leib sind seine
Bestandteile.
    Diese patetische Rede beantwortete unser Held mit einem Seufzer - und mit
der Bitte, die Gastfreiheit des nachbarlichen Hauses stehenden Fusses auf die
Probe setzen zu dürfen. - Noch nie war dem ganzen Hause ein Besuch so langweilig
und lästig geworden, wie der von den übrigen Gästen, die es verhinderten, dass
der folgende Paragraph
                                     §. 61.
                                      nicht
zeitiger vorfallen konnte. - Drei Tage und drei Nächte blieb er ungeboren - und
rang und sehnte sich, das Licht der Welt zu sehen. - Vater, Mutter und Sohn
wurden in Einer Minute entbunden, und nun machten sich alle drei die bittersten
Vorwürfe, warum man sich nicht zeitiger nach dem Befinden der krank gewordenen
Nachbarin erkundigt hätte! »Die ungezogenen Gäste!« sagten alle drei, ohne dass
einer dem andern sein ganzes Herz ausschüttete, obgleich alle drei wussten, was
im inwendigen Menschen vorging. - Die ungezogenen Gäste! Nicht doch, liebes
Dreiblatt! die ziehende Liebe ist Schuld an allem. Die
                                     §. 62.
                                        
                                     Reise
unsres Helden war mehr ein Flug, als ein Ritt. Keine einzige von allen
Bedenklichkeiten erhielt Audienz. - Aber? - Kein Aber! - und wenn? - Kein Wenn!
- Das Ross schien den Ritter zu verstehen: es war, als zög' es auch nach Liebe
aus - und eh' es sich beide versahn, waren sie da! - da! Sprung vom Pferde und
Sprung ins Haus des Nachbars waren Eins. - Die Genesene empfing unsern Helden,
und er vergass zu fragen, wie sie sich befände, und zu versichern, dass er bloss
dieser Frage halben den Ritt unternommen hätte. Sein Späherblick flog umher.
Fräulein Amalia, die älteste Tochter des Nachbars und der Nachbarin, die es auf
unsern Helden angelegt, und gegen die er noch am wenigsten seine Kälte geäussert
hatte, kam ihm in den Wurf. Suchst du mich? sprach ihr freundlicher Blick; - der
seinige antwortete laut und deutlich: mit nichten. Fräulein Bärbchens Auge
sprach: Herr, bin ichs? - das seinige: ist das eine Frage? - Da griff Fräulein
Cäcilia mit der Augenfrage ein: etwa ich? - Gott behüte! erwiederte sein Blick.
- Wenn mehr als dieses A B C und bis X Y Z unserm Alphabetelden entgegen
gekommen wären; so würde auf ein sanftes Ich? ein ungestümes: Nein! die Antwort
gewesen sein. - Die kluge Mutter hatte es bis jetzt sich selbst verborgen, dass
die Erschienene unserm Helden nicht übel gefallen. - So krank sie war? -
Allerdings! So etwas beobachten die Weiber im Sterben. - War es vielleicht eine
Schulkrankheit, um unsern Helden Fräulein Amalien zu sichern? - Nein; sie war
wirklich sterbenskrank. Jetzt gab ihr das Augenstreben ihres vermeintlichen
künftigen Schwiegersohns eine Gelegenheit zum Scherz. - Zum Scherz? Die Liebe
pflegt nicht Scherz zu verstehen. - - Spass nicht; Scherz wohl - je nachdem er
fällt; oder besser, je nachdem er angelegt und angebracht wird. - Angelegt? -
Freilich gibt es Fälle, wo gegen Verliebte Scherz angelegt werden kann. - - -
Wer bestellt den Gruss von der Erschienenen? fing sie an. Weder A, noch B, noch C
bewegte die Lippe. Man verneigte sich, als der Sucher heftiger vordrang: »Ist
sie nicht mehr?« - Sie ist noch, erwiederte die Nachbarin; nur. nicht hier; -
sie ist auf ihrer Rückreise! - Und nun fing die Nachbarin den Roman an, den ich
indes nach den Regeln der Kunst noch nicht erzählen kann. - Unserm Helden fiel
der Mut so sehr, dass, nachdem er (wiewohl etwas spät) vom Befinden der Frau
Nachbarin Erkundigung eingezogen, heimkehren wollte. Warum nicht gar! Er musste
bleiben - Er schützte Undässlichkeit vor: eine Entschuldigung, die immer bei der
Hand ist; und in Wahrheit, unser Held befand sich nicht wohl. Er musste bleiben.
- Er versprach in kurzem wieder zu kommen. Er musste bleiben. - Das nachbarliche
Haus beschloss, der Gastfreiheit zu Ehren, dem Gaste mit den A B C-Fräulein das
Geleite zu geben, und in Rosental die jüngst abgebrochenen Tage reichlich
einzuholen. Er musste bleiben, und blieb am Ende gern, da es das einzige Mittel
war, noch mehr von der Erschienenen zu erfahren. - Noch mehr? Wusste er nicht
schon genug? oder war es nicht hinlänglich, dass die Erschienene eine Schwester
einer Maurer-Adoptionsloge war und, ob sie gleich über diese Geheimnisse ein
pytagorisches Stillschweigen behauptet, doch einen Orden im nachbarlichen Hause
zurückgelassen hatte? - Einen Orden? - Allerdings einen Orden. Fräulein Amalia
und ihre Mutter kannten sicher unsern Helden von dieser Seite nicht. Sie machten
einen ganz falschen Angriff. - Schade! - oder nicht Schade! - Doch wie? soll ich
mein Buch etwa schon mit §. 62 schliessen? - Unser Held brannte, wenn gleich die
gute Dame ihm durch diese Schwesterschaft Amalien sicherer zuzuführen dachte.
Adoptionsloge war ihm Funke zum Pulver. - Der guten Dame ging es nicht viel
besser, als jenem französischen General im weltbekannten siebenjährigen Kriege,
der recognosciren ritt und einen Transport mit Proviant für einen feindlichen
Haufen hielt. Der Held hätte vier-bis fünftausend Portionen Brod bei einem Haare
getödtet, so dass nicht eine einzige mit dem Leben davon gekommen wäre, wenn
nicht der Lieferant und die hungrigen Magen seines Corps Gnade für diese Feinde
gebeten, und sie durch Capitulation mit dem Speisemeister erlangt hätten. - Was
mehr war, als ich meinem Helden zutraute, war die Kunst, den Brand zu
verstecken. - Es brannte bei ihm innerlich. Die Fräulein A B C Ordensschwestern!
Oel ins Feuer, das aber bloss für die Erschienene brannte. Hier und da flog ein
Funke zum Dach hinaus, den die Fräulein A B C auffingen, als käme er ihnen zu! -
Es war der Orden der Verschwiegenheit, den die Erschienene als einen Segen
zurückgelassen hatte! Amalia glaubte, sich wenigstens in den vorigen Stand bei
unserm Helden zu setzen, wenn er je eher, je lieber ihr Bruder würde. -
Dergleichen platonische Liebe pflegt bald sich auch auf die Sinne zu ergiessen,
dachte die Mutter - und billigte die Schnelligkeit bei der Aufnahme. - Vom
verschwiegenen Bruder zum Liebhaber, ein kleiner Schritt! - Wir wollen sehen! -
Unser Held ward in den
                                     §. 63.
                                        
                           Orden der Verschwiegenheit
in Rosental aufgenommen. So sehr auch dieser Orden in seinen Augen durch den
Umstand verlor, dass die Erschienene nicht selbst die Grossmeisterin machte, so
genügte ihm doch die Idee: es kam von ihr! Ein Orden! Ob es der Mühe lohnen
wird, dass wir der Aufnahme unseres Helden (Mutter und Vater waren schon ohne
förmliche Aufnahme in der Stille eingeweiht worden) als Gäste beiwohnen? - Der
Junker ward zuerst in ein herrlich erleuchtetes Zimmer geführt, und drei
Viertelstunden allein gelassen. Jetzt trat die Nachbarin in einem weissen Kleide
mit fliegenden Haaren, Ordensband und Stern - und einer grossen Serviette, die
vorgesteckt war wie eine Schürze, mit der Frage herein: Wer ist da? - Ich,
erwiederte der Held zu seinem Unglück. - In diesem vorschnellen Ich, versetzte
die weisse Dame, liegt mehr, als Sie denken: Ihre Unwürde zum Orden liegt darin.
Wer rückt mit seinem Ich so zeitig heraus? Wer macht sich eher bekannt, als er
die kennen gelernt hat, die ihn umgeben? ich will nicht sagen: fahen wollen; und
doch ist dies der Welt Lauf. - Wer seinem Ich ausweicht, ohne es höher
anzuschlagen, als im Marktpreise, befleissigt sich der Weisheit, und verdient den
Namen eines Weisen, ist es in der Tat, wenn andere bloss so heissen. Entging
Sokrates dem Giftbecher? und hat der Neid nicht Giftbecher verschiedener Art,
womit er die Weisen, ach! und auch ihre Plane, hinrichtet, wenn sie mit ihrem
Zweck und den Mitteln, diesen zu erreichen, undehutsam umgehen? - Die Schüler
unseres Schutzheiligen mussten drei Jahre schweigen lernen, ehe sie sprachen.
Wohlan! nehmen Sie sich diese Zeit und diesen Raum zur Busse, um Ihr Ich zu
kreuzigen sammt den Lüsten und Begierden!
    Unser Held war von dieser Rede äusserst durchdrungen. Es schien ihm ein
Extemporalstück zu sein, indem er sehr leicht dem Ich hätte ausweichen können; -
und eben weil es ein Extemporalstück war, rührte es ihn desto mehr. Da er indes
nicht Lust hatte, noch drei Jahre zu warten, so bat er die abgeordnete
Pytagoräerin, ihm sein Ich, das selbst vermessener schiene, als es wäre, zu
verzeihen. - Sie versprach, ihm Aussöhnung bei ihrem Schutzheiligen auszuwirken
- wenn er ihr gelobte - (hier glaubt man wohl, es werde ihre Tochter gelten;
vielleicht glaubte es unser Held selbst. - Mit nichten; so eigennützig ist der
Orden der Verschwiegenheit nicht) - wenn er ihr gelobte, seinem Ich zu
widerstehen bis in den Tod. - Wenn's nicht mehr ist! dachte der Candidat, und
versprach es von Herzen. - Jetzt sollte ihr Gemahl sich zum Recipiendus
verfügen, ihm wegen seines unzeitigen Ichs die Absolution überbringen, und über
die Verschwiegenheit eine stattliche Rede halten. Er fing patetisch an: »Die
Verschwiegenheit« - Allein die Helle des Zimmers, die Feierlichkeit des
Candidaten, ein paar Gläser über Gebühr, und vielleicht auch die Ungewohnheit,
Reden zu halten, benahmen ihm jedes Wort; und nachdem er dreimal die Worte: die
Verschwiegenheit, stotternd wiederholt hatte, ging er so verschwiegen davon, dass
der Candidat sich überredete, ein dergleichen Verstummen gehöre zur Ceremonie
der Handlung. - Der stecken oder kurz gebliebene Redner hätte seine Rolle nicht
besser machen können, wenn er Pytagoras oder Roscius - find die Herren weit
auseinander? - in hoher Person gewesen wäre! - Der Nachbar ward von den
Ordensschwestern wohlverdient ausgelacht, erhielt indes, da man keinen bessern
Acteur hatte, den Auftrag, dem Candidaten die Augen zu verbinden - und ihn in
ein finsteres Zimmer zu führen, wo die Nachbarin seiner wartete. Als nach einer
kleinen Weile der Candidat in die Frage ausbrechen wollte: bin ich hier allein?
zog ihn sein Genius von dem Rande des Verderbens, und er verbesserte seine
Ich-Frage. Ist jemand hier? fing er, und zwar in eben der Minute an, da die
Nachbarin mit ihrer Wiederholung: wer ist da? zum Vorschein kam, und ihm ins
Wort fiel. - Wer fragt mich? war seine Antwort. - Eine Abgeordnete, erwiederte
sie, die es lieber gesehen hätte, wenn Sie ihre Frage abgewartet hätten.
Neugierde und Schwatzhaftigkeit sind, wo nicht wirklich verwandt, so doch
verschwägert oder in nachbarlicher Verbindung. - Sie hiess ihm die Augen
aufbinden, und es war ihm nicht anders, als sei er zu den Fingerlein unter die
Erde geraten; so gut er auch jedes Zimmer im Rosentalschen Schloss kannte, wo
er geboren, notgetauft und erzogen worden war. Er hielt sich still, um sich
nicht neuen Weisungen auszusetzen, worauf es die schlaue Nachbarin anlegen
mochte. Da er schwieg, so musste sie anfangen. - Was denken Sie? - da, von seinem
Ich zu sprechen, oft verzeihlicher sein kann, als an dieses allerliebste Ich
unablässig zu denken. Was denken Sie? - An den Vorzug der Sprache und an die
Schande der Menschheit, auf Mittel denken zu müssen, sich Zaum und Gebiss
anzulegen. - Dieser Seitensprung brachte die Nachbarin aus ihrer Rolle; ihre
Gemeinsprüche passten nicht, und sie fand sich, trotz dem Herrn Gemahl, in
Verlegenheit. - Da Sie so schön denken, so verbinden Sie sich wieder die Augen.
- Der Stock steht im Winkel, also wird es regnen. - Unser Held fand in dieser
inconsequenten Rede doch einen Sinn, und übersetzte sich die letzten Worte: so
stören Sie sich durch kein Sinnenspiel auf der olympischen Gedankenbahn, die zum
Kleinod führt. - Wie Feierlichkeit ansteckt! Alles deutet sie feierlich. - Mit
verbundenen Augen ward der Candidat in das Heiligtum, und zwar rücklings,
eingeführt. - Nun musste er dreimal einen Cirkel machen. Dies brachte ihn aus
aller Connexion mit dem Zimmer, in welchem er war, und er musste glauben, in
einem bezauberten Schloss zu sein.
    Nach dieser Kopfverdrehung blieb er ganz allein stehen; und nach einer
Viertelstunde fing sich folgende Unterredung an.
    Verschwiegene Grossmeisterin, wir sind nicht allein! (Die Grossmeisterin
machte die Ritterin.)
    »Wer ist, antwortete sie, der Ungeweihete, der es wagt, in unserem Areopag
zu erscheinen?«
    Ein Jüngling, der sich der Verschwiegenheit heiligen will.
    »Ein Jüngling, sagt Ihr? - Wohlan! Lasst ihn Mann werden, und dann führt ihn
wieder zu uns! - Lasst ihn die Welt kennen lernen, aus Erfahrung klug werden, und
dann erst melde er sich zu seiner Aufnahme!«
    Wohlgesprochen, verschwiegene Grossmeisterin! Wohlgesprochen in der Regel;
allein war je eine ohne Ausnahme? Wird je eine ohne Ausnahme sein?
    »Hat die Tugend Ausnahmen? liebt sie Begünstigungen?«
    Die Tugend nicht. Wo ist aber eine diesseits des Grabes, die rein wäre, die
nicht hätte einen Flecken oder Runzel oder dess etwas? - Unsere Sache ist, unsere
Tugenden zu waschen, zu heiligen und zu reinigen - damit sie nicht unter dem
Scheine der Tugend gar Untugend, und schöne wohlgebildete Sünde werden.
    »Glaubt Ihr, durch diese Klagen Eurem Antrage näher zu kommen?«
    Ich glaub' es, verschwiegene Grossmeisterin; denn, obgleich die Tugend eine
Regel ohne Ausnahme ist, so gibt es doch Gemüter, welche der schlüpfrigen
Bahnen der Selbsterfahrung nicht bedürfen, um zur Weltkenntnis zu gelangen;
Licht- und Lebensköpfe, die zu Heerführern, zu Meistern berufen sind, welche die
Natur berechtigte, der Landstrasse auszuweichen; - Menschen, die sich Richtsteige
brechen und Wege erfinden; - Seelen, die, indem sie lernen, schon lehren, wenn
andere, welche durch Wege und Umwege eines lange genossenen Unterrichts zum
Lehrstuhle gekommen, andern doch wenig oder nichts beizubringen im Stande sind.
    »Ihr haltet eine Lobrede, und ich verlange ungekünstelte Wahrheit.«
    Gibt es nicht Lob, das auch vor dem strengsten Richterstuhle des Gewissens,
selbst im Sterben, das Siegel der Wahrheit trägt und verdient?
    »Was will Euer Lehrling bei uns, wo er lernen muss, wenn er schon jene so
seltene Lehrgabe besitzt, die nur wenigen gegeben wird?«
    Nicht kaufen will er, sondern tauschen. Sein Plan ist, uns zu benutzen,
indem er uns nützlich wird. Er will mit der Linken geben, ohne dass die Rechte es
weiss, und mit der Rechten nehmen, ohne dass die Linke es als Bezahlung ansieht; -
er will rescontriren.
    »Wird er halten, was Ihr versprecht?«
    Ich stehe für ihn.
    »Wir ehren Eure Bürgschaft. Was habt Ihr aber für Gegensicherheit genommen?«
    Seinen guten Ruf, sein edles Herz, seine Geburt, seine Eltern, sein ganzes
Äussere. Haben Menschen andere Bürgschaften? Steht nicht oft der auswendige
Mensch für den innern, der sinnliche für den intellectuellen? Wahrlich! der
Geist hält seltener Wort, als der Leib, wenn von wechselseitiger Bürgschaft die
Rede ist. Zwar trügt die Physiognomie zuweilen; hält sie aber nicht noch öfter
Wort? Seht! er hat eine der glücklichsten, die man sehen kann.
    »Hat er Zutrauen zu uns, und wird er mit uns sympatisieren? Werden wir auf
einander wirken und gegenwirken können?«
    Sicher! sonst litt' er die Decke nicht, die ihn verhüllet.
    »Und was glaubt er zu finden?«
    Nicht Menschen, die es ergriffen hätten, doch die ihm nachjagen, ob sie es
auch ergreifen würden.
    »Was hat ihm diese gute Meinung beigebracht? - Menschen sind wie Bäume; aus
ihren Früchten muss man sie erkennen. Kann man auch Feigen lesen von den Dornen,
und Trauben von den Disteln?«
    Sollt' er seinen Eltern und denen nicht trauen, deren Herzen sich noch näher
sind als ihre Besitzungen? - Nur die Zeit bringt Rosen. - Zwar ist das Leben
kurz; doch langsam reifen die Früchte des Guten. Unreife, zu frühzeitige Früchte
brachten in der moralischen Welt von jeher den unwiederbringlichsten Schaden.
Eva wollte Erkenntnis des Guten und Bösen so leicht erlangen, als einen Apfel
essen, und verlor das Paradies, das wegen dieser Vorschnelligkeit nicht anders
als durch den langsamen Weg der Tugend zurück zu bringen ist.
    »Ist dem also, was verlohnt es, dass der Mensch den rauhen Weg zum Guten
antritt?«
    Ist es nicht besser, den Garten anzulegen, den Baum zu pflanzen, als unter
dem Schatten eines wohltätigen Baumes sich hinzustrecken und geradezu in Eden
eingeführt zu werden? Hätten Adam und Eva das Paradies allmählig gepflanzt, sie
wären nicht gefallen. - Damit die Menschen die Erde zum Paradiese machen
möchten, wurden Adam und Eva nackt, bloss und arm in sie hineingestossen. - In
eben den Zustand, in welchem wir auf die Welt kommen, sahen Adam und Eva sich
versetzt und zu diesem Kinderspiele verurteilt! - Tiere arbeiten ohne
Rücksicht auf ihre Gattung; wir für das Menschenall. - So wie jene mit Adam und
Eva aus dem Paradiese, oder mit der Familie Noahs aus dem Kasten gingen, so sind
sie auch noch leib- und seelhaftig; allein der Mensch - was ist aus ihm nicht
geworden! - was wird aus ihm nicht noch werden! - Der Mensch wirkt auf die
Menschheit, und die Menschheit wirkt zurück auf den einzelnen Menschen. Von sich
selbst denke der Mensch so klein, von der menschlichen Natur so gross als
möglich! - Das Gute, das wir tun, lebt von nun an bis in Ewigkeit. - Halleluja!
    »Der Tod soll hinfort darüber nicht herrschen, Halleluja.«
    
    Halleluja.
    »Was der Mensch vermag, kann er nur durch die Anstrengung seiner Kräfte
erfahren; was die Menschheit vermag, wer hat dies Ziel gemessen? Arcane und
heimliche Mittel sind verdächtig; Verschwiegenheit ist für jeden Mann, für jedes
Weib nötig, welche die Ehre haben wollen, Mann und Weib zu sein.«
    Wahrlich, eine grosse Ehre!
    »Viele Menschen sind durch Reden unglücklich geworden; durch Schweigen wird
es niemand. - Will man jemand um Verzeihung bitten, ihn bewundern - ehren,
lieben, verachten, ihm vergeben, - wie weit stehen Worte dem Schweigen nach! -
Die grösste Beredsamkeit besteht in der Kunst, zu schweigen. Schweigen ist ein
moralisches Universale, alles zu erlangen, was man sich vorsetzt. - Ich will
schweigen, um alles zu sagen.« - - - Eine Stille.
    Verschwiegene Grossmeisterin, dieser Jüngling fühlt die Erhabenheit unseres
Ordens in Eurer Rede und in Eurem Schweigen; er will Würdigung der menschlichen
Natur und Würdigung seiner selbst lernen; er will durch Schweigen an sich selbst
arbeiten, seine Anlagen verstärken und befestigen und seine Fehler mindestens
nicht durch Reden vervielfältigen. Sagt Ja zu seiner Aufnahme.
    »Brüder und Schwestern, Schwestern und Brüder! gebt mir den ersten
Buchstaben.«
    Sie sagen I, und sie A. Jetzt eine Stille.
    Hierauf fragt die Grossmeisterin: Brüder und Schwestern, Schwestern und
Brüder! Ist es euer Wille?
    Alle sagen ein volles Ja.
    Sie schliesst mit Amen, und der Candidat wird ihr drei Schritte näher
geführt. Sie redet ihn an:
    »Der Areopagus, in welchem die wichtigsten Sachen gerichtlich entschieden
wurden, war kein pompreicher Tempel, sondern eine Strohhütte; - Weisheit und
Verschwiegenheit zeichnen ihn aus. Bei Nacht hielt man Gericht, und keiner
Partei, keinem Anwalt war es erlaubt, durch Eingänge und Blendwerk, durch Tropen
und Figuren, durch Licht und Schatten seinen Vortrag zu verschönern, und durch
Wendung und Witz den Richter zu bestechen. - Durch Worte gibt man sich oft so
aus, dass man bettelarm ist; durch Schweigen verfährt man so ökonomisch, dass man
nicht nur für sich selbst spart, sondern auch noch einen Ehren- und einen
Armenpfennig behält; diesen, zu geben dem Dürftigen, jenen, um mit Anstand Feste
zu feiern, wenn es Festumstände verlangen. Wer viel spricht, kann nicht allein
nicht immer gut sprechen: nein! Unwahrheiten und Dichterlicenzen haben eine
solche Gemeinschaft mit den Worten, dass sie nicht von einander lassen. Wollt Ihr
behutsam und bedächtig in Euren Reden sein?«
    Der Candidat antwortet: Ich will es.
    »Kaiser Augustus hatte einen Freund, Fulvius, dem er sein Leid klagte. Ich
armer, verlassener Vater! fing er an; mein Postumus ist verwiesen; ohne Stütze,
ohne Erben jammere ich; und weisst du, was ich zu meinem Troste tun will? (Worte
sind leidige Tröster; Handlungen nur können trösten und aufrichten.) Den
Postumus nach Rom berufen und ihm die Regierung anvertrauen. - Fulvius
entdeckte den Entschluss des Kaisers seiner Gattin; diese offenbarte ihn der
Kaiserin Livia, ihr, die dem Stiefsohn Augusts das Regiment abwenden wollte! -
Armer Kaiser! und noch ärmerer Fulvius, dem August seine Freundschaft
aufkündigte, und dem nichts weiter übrig blieb, als sich verzweiflungsvoll das
Leben zu nehmen! Seine Gattin kam ihm zuvor, und beide starben an diesem
verratenen Geheimnis den wohlverdienten Tod wegen beleidigter Freundschaft. -
Mein Sohn, wollt Ihr jedes anvertraute Geheimnis heilig bewahren, und es nie
verraten noch verkaufen, weder durch Worte noch durch Zeichen?«
    Ich versprech' es.
    »Werdet Ihr Euch aber auch durch nichts, weder durch Verheissung noch
Drohung, durch Liebe oder Leib, durch Freundschaft oder Feindschaft in Euren
Entschlüssen wankend machen lassen?«
    Durch nichts.
    »Zu gewisser Zeit versammelte sich der Rat in Rom einige Tage nach einander
auf eine ungewöhnliche Art. Die Gattin eines Senators beschwor ihren Gemahl, ihr
den Schlüssel zu diesen Beratschlagungen zu behändigen, den sie heilig zu
bewahren gelobte. Um sie zu befriedigen, gab der Senator vor: eine
übernatürliche Lerche sei nach der Anzeige des hochehrwürdigen Consistoriums
über die Stadt geflogen, und nun stehe man in Sorgen, ob dieser Flug Segen oder
Fluch bedeute. So schnell konnte die Lerche nicht fliegen als diese Nachricht.
Sie kam zeitiger zu Rathause, als ihr Erfinder; und wie wohl war ihm, seiner
Gattin nichts von den rathäuslichen Deliberationen entdeckt zu haben! - Werdet
Ihr den Durst Eurer Geliebten nach Eurem Geheimnisse - nicht durch eine
Unwahrheit löschen, keine Lerche über die Stadt fliegen lassen, sondern Mut
genug haben, Nein zu sagen, wo Ihr Gewissens halber nicht Ja sagen könnt?«
    Ich werde.
    »Wohlan es sei! Leeret diesen Becher mit Wein gefüllt und erinnert Euch, dass
Wein und Weiber oft den Weisen verleiteten!«
                          (Er trinkt den Becher aus.)
    »Jetzt leeret den Becher mit Wasser, der Euch an den Fluss Lete erinnere!
Ein guter Egel schlage Euch mit Vergessenheit, wenn Ihr an den Rand der
Verräterei kommen solltet, wovor Euch Pflicht und Neigung, Kopf und Herz
bewahren wollen!«
    »Jetzt öffne man ihm die Augen!«
    Der Candidat sieht Brüder und Schwestern, Schwestern und Brüder (damit kein
Geschlecht dem andern vorgreife, wurden Brüder und Schwestern nie anders
ausgesprochen) gekleidet wie die vorbereitende Schwester und seine Mutter als
Grossmeisterin. - Jetzt ward er in das Lichtzimmer gebracht und ihm das
Ordenskleid angelegt. Bei seiner Zurückführung in den Areopag sagt ihm die
Grossmeisterin: »Ihr seid nun wie unser Einer. Wir fordern keinen Eid, keinen
Handschlag. Warum? Diese Vermutung, dass Ihr Euer Wort minder halten werdet, als
Schwur und Handschlag - hätten wir die, wahrlich Ihr wäret so weit nicht
gekommen!« - Die Grossmeisterin nimmt ihn bei der Hand und führt ihn auf ein
anscheinendes Kanapee, weiss beschlagen, wo indes nur von beiden Seiten Sessel
sind. - Die Mitte ist leer. »Setzt Euch!« sagt sie; und indem er sich setzen
will, fällt er auf die Erde -! -
    Unser Held war, als er fiel, in eben dem Grade verlegen, wie es Schwestern
und Brüder und Brüder und Schwestern waren, mit dem Unterschiede, der
Neuaufgenommene aus Aerger, die Aufnehmer und Aufnehmerinnen, die Aufnehmerinnen
und Aufnehmer - um nicht laut zu lachen. - Der Ritter allein blieb ernstaft.
»Hab' ich es dir nicht oft gesagt, Eldorado sei unter der Erde? - Nur unter der
Erde ist Eldorado!« sagte er seinem zur Erde gesunkenen Sohne.
    Nachdem sich die Grossmeisterin gesammelt hatte, redete sie ihn an:
    »Stehet auf! Diese Ceremonie ist ehrwürdig, so kleinlich sie auch aussieht.
Sind die Ceremonien überhaupt anders? Selten sind sie der Sache auf den Leib
gemacht, - und man muss ihnen nachhelfen, wenn sie ehrwürdig sein sollen. Die
gegenwärtige deutet an, dass die meisten Geheimnisse nichts weiter als ein
verdeckter leerer Raum sind: - Vorhänge, hinter denen nichts ist. Leider! der
Vorhang ist alles. Wer sie recht zu fassen gedenkt, fällt, sowie Leute, die nach
den Sternen sehen und den Boden vernachlässigen, auf dem sie wandeln.«
    Sie entält die Warnung, sich nicht den Geheimnissen anzuvertrauen, wenn
gleich andere sich beredet haben, Euch hoch und teuer, ja teuer zu versichern:
man werde hier Schlüssel zu Himmel und Erde und dem gehofften Kanaan der Natur
finden. - Wir beide hatten Stühle und Ihr fielt zu Boden. Die meisten Menschen
glauben, dass das, was sie für ihr grösstes Glück hatten, nicht von ihnen, sondern
von andern herkomme. Nicht also! von andern kommt nicht nur unser grösstes,
sondern all unser Unglück -
    Sie lehrt, dass man auch ohne blankes Eis fallen kann. Viele brachen in ihrem
Zimmer physisch und moralisch Arm und Bein.
    Sie lehrt, dass man so leicht fallen als aufstehen kann, und dass, wer da
steht, wohl zusehe, dass er nicht falle. - Alles ist ein Grab, sagt ein
geistreicher Dichter, und die Brautkammer ist nur ein höheres Stockwerk über dem
Grabe; der prächtigste Speisesaal ist seine Vorkammer. - Unsere gestrengen
Gesetze machen den Menschen oft schlecht, um ihn strafen zu können, und befinden
sich im geheimen Dienste des Despotismus, obgleich die Gesetzhanbhaber
behaupten, sie wären die trostreichen Mittler zwischen Volk und Oberhaupt. - Sie
befehlen, was sich von selbst versteht, wollen Naturgesetze durch Strafen
verstärken, positive Gesetze der Natur unterschieben; sie befehlen - was
Putzmacherinnen und Modehändler weit besser bewirken könnten, wenn man sich die
Mühe nähme, diese Menschen unvermerkt in Staatsdienst zu nehmen. - »Die
Generalpächter halten den Staat,« sagte Fleury. »Freilich,« erwiderte jemand;
»aber gerade so, wie der Strick den Gehängten.« - Seht! wer bloss ein
gesetzlicher Mensch ist, kann wahrlich nicht weniger sein. - Nicht nach den
Gesetzen des Staates, sondern nach Euren Grundsätzen müsst Ihr leben, wenn Ihr
den Namen Mensch verdienen wollt. - Wahrlich! man kann nur die Tugenden seiner
Ueberzeugung besitzen. Die äusserste Grenze von den Eigenschaften der Seele ist
die Vernunft, - und die Hauptsumma aller Lehren: seid vernünftig! - Hütet Euch
zu fallen, und wenn Ihr fallt, stehet schnell auf! Durch eine Constantinstaufe
sollten alle Verbrechen, Mord und Blut abgewischt sein? Dass sich Gott erbarme!
Von unserm ganzen Leben, nicht von dem letzten Augenblicke desselben sind wir
verhaftet. - Er aber, der in Euch angefangen hat das gute Werk, wolle es durch
seinen heiligen Geist in Euch bestätigen und vollführen! Amen.
    Endlich soll Euch diese Ceremonie lehren, dass der Mensch nicht zur Ruhe
berufen ist - und dass bei weitem nicht jede Ruhebank, wenn sie gleich köstlich
und fein einladet - Ruhe gewährt.
    Das Zeichen, wodurch wir uns von andern unterscheiden, ist, den Zeigefinger
auf den Mund legen. Zeichen und Bedeutung bedürfen keiner Erklärung.
    Ausser diesem Grade gibt es im Orden noch zwei, von denen die Erschienene uns
nichts als das leere Nachsehen zurückgelassen hat. Sie versichert dieser beiden
Grade selbst noch nicht gewürdigt zu sein. Der Himmel bringe sie zu diesem
Ziele, wenn es ihr nützlich und selig ist!
    Der nächstfolgende ist der Grad der gelösten Zunge, und der dritte der Grad
der Handlung.
    Die Freimaurer-Adoptionsloge ist übrigens von dem gegenwärtigen Orden völlig
unterschieden.
    Auch wird Tafelareopag gehalten, bei dem nichts Denkwürdiges vorkommt, als
dass man bei der ersten und letzten Schüssel kein Wort spricht. Dies Symbol
bedeutet den Anfang und den Schluss des menschlichen Lebens.
    Dass diese Aufnahme viele Fragen über die
                                     §. 64.
                                        
                                  Erscheinung
veranlasste, war natürlich; die Nachbarschaft indes wusste nur wenig. Und dies
Wenige? - Die Erschienene wäre ihr unter dem Namen des Fräuleins Sophie von
Undekannt empfohlen. Ihr Zuname sei offenbar angenommen. Auch Sophia (Weisheit)
schiene nicht autentisch zu sein, bemerkte die Nachbarin. - Diese Bemerkung
richtete den aufs Haupt geschlagenen Ritter in Rücksicht des einen und ziemlich
gemeinen Namens auf, - die Ritterin aber freute sich innerlich, dass Fräulein von
Undekannt Sophie hiesse. »Von wem empfohlen?« Von einem Verwandten aus Sachsen,
nicht empfohlen, sondern auf die Seele gebunden. Sie hätte hier bloss einen
jungen Cavalier drei Viertelstunden gesprochen und wäre überhaupt nur drei Tage
in - - gewesen. Dieser edle Jüngling hätte sich, aller Bitte länger zu bleiben
ungeachtet, keine Minute über die drei Viertelstunden aufgehalten, und - das war
alles, was man wusste. Fräulein Undekannt sei äusserst für sich gewesen und habe
nie gelacht oder geweint. »War sie allein mit dem Cavalier?« fragte unser
Junker. Eine wahre ABC-Frage! Nein, ihre Kammerzofe war Zeugin. - »Und die?« -
Auch aus dem Orden der Verschwiegenheit. Den ersten Tag sprach die Undekannte
den Undekannten, den zweiten waren wir in Rosental. Die Nachbarin glaubte durch
geheime Einflüsse krank gewesen zu sein; sie war es den zweiten und dritten Tag
zum Sterben gewesen, bis drei Stunden vor der Abreise des Fräuleins Undekannt. -
Durch Auflegen ihrer Hände, wie sie glaubte, sei sie schnell gesund geworden;
dies Auflegen wäre indes unvermerkt und wie ein Streicheln vorgefallen. Man bat
die Nachbarschaft, sich in Sachsen bei ihren Verwandten nach diesem wunderbaren
Mädchen zu erkundigen, und Vater und Mutter, Prediger und Heraldicus junior
wünschten nicht weniger Nachricht als unser Junker; denn ob er gleich hier in
besonderm Sinne neugierig war, so schien ihm doch der Umstand mit dem
Dreiviertelstunden-Cavalier, der Kammerzofe ungeachtet, nicht zu gefallen. Ach!
du armer ABC-Darius im Liebesorden der Verschwiegenheit! - - Verliebt und
neugierig sein ist nicht weit auseinander. - Dass die Grossmeisterin und die
andern agirenden Personen nur ein ausführliches Scenarium vor sich hatten und in
vielen Stellen improvisirten - darf ich das bemerken? Auch dass es wörtlich
vorgeschriebene Scenen gegeben, versteht sich von selbst. Gleich den ersten Tag
wurden Ritter und Ritterin aufgenommen, am dritten Tage unser Held. Nie schied
die Nachbarschaft mit so vielen wechselseitigen Dank- und
Erkenntlichkeitsbezeugungen von einander.
                                     §. 65.
                                        
                                    Wer da?
Der Junker, der, je länger je mehr über die dreiviertelstündige Unterredung
beruhigt, überall die Undekannte sah, horchte voll Neugierde auf; und siehe da!
ein Offizier, der nichts weiter verlangte als ein Attest, dass seine Braut die
Enkelin von dem Fräulein Cousine wäre. - Die Enkelin von einem Fräulein? -
Lieber Gott! erwiederte der sonst dienstfertige Ritter, wie soll ich die
Richtigkeit der Enkelin beurkunden, da ich nicht weiss, dass das selige Fräulein
Sohn oder Tochter gehabt hat? - Hier zu Lande, Herr Hauptmann, ist es nicht in
Gebrauch, dass Fräulein Kinder haben, und Eva ist die einzige rechtmässige
Ausnahme von dieser allgemeinen Fräuleinregel. Die Ritterin konnte dieses
moralische Rätsel, das sie verzweifelt nannte, eben so wenig lösen; und
allerdings musst' es ihr unerklärlich vorkommen, wie Fräulein Cousine eine solche
Heuchlerin sein können. Kann etwas Aergeres, sagte der Pastor, auf Gottes
Erbboden sein, als dass ein sonst regelmässiges Fräulein Mutter wird, ohne
priesterliche Einsegnung? - - Ist davon die Frage? erwiederte der Offizier. -
Ich dächte! erwiederte der Prediger; und der Hauptmann: bin ich nicht der
Frager? - Das Rätsel! Die wohlselige Cousine, deren Fräuleinschaft der
Gewissensrat und der Rechtsfreund Hand in Hand mit Brief und Siegel nach ihrem
Hintritt corroborirten, liess ihr Vermögen, wie wir aus ziemlich richtigen
Angaben schon wissen, ihrem fünfundvierzigjährigen Sohne nach, der einen
Meierhof besass und nicht ohne Kenntnisse war. Er hatte ein armes Fräulein
geheiratet (wahrlich ein besonderes Schicksal für die Fräulein! sagte der
Pastor), das, von aller Welt verlassen, nichts weiter als sechzehn Ahnen
einbrachte, an die indes nie anders als an hohen Festtagen, wenn ein Glas Most
das Herz der glücklichen Eheleute erwärmte, gedacht ward. Beide pflegten alsdann
über ihre wunderbare Weihnachten zu lachen, er ein Findling; sie ein sechzehn
Ahnen reiches Fräulein! Der Pfarrer des Ortes und der Küster hatten etwas von
diesem Meierhofsgeheimnisse erfahren. Die Erbschaft vom Freitischfräulein war
nicht undeträchtlich! Der Sohn erbte das Kapital, von dem die Mutter bloss Zinsen
und wegen Sicherheit des Kapitals nur sehr mässige Zinsen zog. Bei dieser
Erbschaft fiel dem Sohne auch eine Handbibliotek, und in derselben eine nicht
kleine Anzahl Gebet- und Gesangbücher zu. - - In einem derselben fand er
Hieroglyphen von Anzeigen, die den Gedanken in ihm erregten, dem Rechtsfreunde
ein baares und richtiges Geschenk auf gute Manier beizubringen, falls er sich
entschliessen wollte, gegen diese Valuta ihm das Rätsel zu lösen. Nie indes
würd' es der Sohn auf diese Lösung ausgesetzt haben, wenn seine Gattin es nicht
mit Händeringen gewollt hätte. - Wie denn so? Wollte das brave Weib nicht länger
die Gattin eines Findlings sein, durch den sie dreimal sieben Jahre glücklich
gewesen war? - Sie hatten eine Tochter, die in der benachbarten Stadt in einigen
ritterlichen Uebungen unterrichtet ward; und - wie es bei diesen Uebungen nicht
ungewöhnlich ist - der Offizier des gegenwärtigen Paragraphen verliebte sich in
sie. Seine Verwandten bestanden auf sechzehn Ahnen; und da er selbst als
Johanniterritter eingeschrieben war - wesshalb sollten seine Kinder dieser Ehre
ohne Not verlustig gehen? - Es beugte ihn keine Wechselschuld und er brauchte
keine zusammengetragenen Schätze einer Ameise. Freilich in der ersten Hitze gab
Monsieur Egalité den ganzen Orden gegen das Linsengericht einer Sinnlichkeit
auf, und das Evangelium der Gleichheit war die vernünftige lautere Milch, bei
der er es sich im Kanaan der Liebe, wo Milch und Honig fleusst, wohl sein liess.
Doch wusste sein Elternpaar, besonders die vernünftige Mutter, die Freiheitsmütze
ihres Sohnes Egalité so unvermerkt wieder in einen Soldatenhut zu verwandeln,
dass er zur Besinnung kam. War bei diesen Umständen der Brautmutter das
Händeringen zu verargen, ihr, der das Fräulein noch immer im Blute sass? - Und
der Brautvater? - Besser, lieber Leser, du fragst zuerst nach der
Brautgrossmutter! - Freilich, die Grossmutter! - Der Rechtsfreund, der nach
gehöriger Vorstellung des Findlings versicherte, dass er sich Gewissens halber
verpflichtet gehalten, nicht mit diesem Geheimnisse aus der Welt zu scheiden,
und dass er eben (sonderbar!) in diesem Augenblicke dieses baaren und richtigen
Besuches von Gewissens wegen den Entschluss gefasst, sein Herz zu erleichtern,
nahm indes, seines von Gewissens wegen gefassten Entschlusses ungeachtet, die
positiven Beweggründe mit Dank an, und beichtete nunmehr, dass Herr von ** mit
Fräulein Cousine wirklich im Kloster zu - ehelich verbunden worden wäre, worüber
er das Attestat in Händen hätte. Wie gut war es, dass unser Rechtsfreund nicht
lebendig gen Himmel geholt oder plötzlich zur Hölle gefahren war; der Hauptmann
wäre sonst um dies Attestat gekommen, ohne zu wissen, wie. - Dass doch alle
Rechtsfreunde oder Rechtsfeinde (wie heissen diese Herren eigentlich?) nur
langsam sterben möchten, um desto mehr Zeit und Raum zu haben, mit ihrem
Gewissen abzuschliessen! - Wird ihnen doch selbst dieser Abschluss baar und
richtig bezahlt! Auch wolle der geneigte Leser und die geneigte Leserin unschwer
bemerken, dass eigentlich ein Kloster ein Fräulein zur Frau machen könne, ohne
dass sie aufhört, Fräulein zu bleiben. Es leben die Klöster und ihre Attestate!
und der Lack! denn an dem unsrigen war er nicht gespart. Und was fehlte noch
diesem gefundenen Schatze, den der Gräber desselben, wiewohl erst nach
ausgestellter legaler Quittung, aushändigte? - Was noch fehlte? Zuerst sollte
diese Quittung gerichtlich recognoscirt werden. Selten ist eine Krankheit, wo
der Doktor nicht einen Barbier anbringen kann; eine Hand wäscht die andere. -
Zweitens fehlte der Beweis, dass unser Findling der wirkliche eheliche Sohn aus
dieser Klosterehe sei. Hierüber hatte sich der Rechtsfreund, ohne seinem
Gewissen auf tausend Meilen zu nahe zu kommen, eidlich, und abermals gegen die
Gebühr, abhören lassen; indes fand man, wo nicht nötig, so doch nützlich (da
die Gerichte, wie es heisst, eben der Gebühren halber alles dreidoppelt bewiesen
haben wollen), dass drittens auch die Schrift der Fräulein Cousine recognoscirt
werden möchte. Undedenklich! - Die Ritterin recognoscirte diese Cousinenhand mit
Freuden, und alles war froh, dass ein Fräulein, wenn es eine schöne Enkelin
hätte, noch nach dem Ableben eine Frau werden könnte, ihrer Fräuleinehre
undeschadet. Unser Held hatte sich den Offizier zu seinem Freunde gemacht, der,
ob er gleich nicht jener Cavalier war, welcher mit der nur drei Tage in der
Nachbarschaft gebliebenen Undekannten im Beisein der Kammerzofe drei
Viertelstunden conversirt hatte, doch etwas Wichtiges vorstellte. - Er erblickte
unvermutet beim Schlafengehen ein Kreuz auf seiner Brust, welches der
Kreuzträger, sobald der Held sein Auge darauf heften wollte, mit erstaunlicher
Sorgfalt verbarg. - Vielleicht, um seine Neugierde zu reizen? - Vielleicht,
vielleicht auch nicht! Ohne sich mit ihm ins Kreuz einzulassen, brachte der
Hauptmann ihm doch in der Quer eine grosse Meinung von der
                                     §. 66.
                                        
                                  Freimaurerei
bei, und nahm es über sich, ihn in - als Aspiranten in die Rolle einzeichnen zu
lassen, wodurch er edle Zeit gewänne; ja wohl, edle Zeit, da in der Loge zum
hohen Licht, die in - leuchtete, niemand auf- und angenommen würde, der nicht
zuvor drei Jahre (eine strenge Loge!) auf der Exspectanten-Liste gestanden
hätte. Warum so
                                     §. 67.
                                     lange,
da strenge Herren bekanntlich nicht lange regieren? Weil man jedes Mitglied
verpflichtet, während dieser drei Jahre, so viel an ihm ist, den Aspiranten zu
erspähen, und weil jeder Aspirant von dem Augenblicke an, da er eingezeichnet zu
werden das Glück hat, einen Genius erhält, den er so wenig, wie Sokrates seinen
Dämon, sieht. - Und dieser Genius? - ist sein Schatten, oder er der seinige, wie
man will. - Und der Auftrag dieser moralischen Mouche? - Ueber Schritt und Tritt
des Aspiranten zu wachen und darüber zu berichten. Von diesen Nachrichten allein
hängt es ab, ob und um wie viel die Wartezeit verkürzt werde. - Also doch
verkürzt? - Nach Umständen. - O die allerliebsten Umstände! Dacht' ich es doch
gleich, dass aus drei Jahren, wiewohl nach Umständen, auch drei Tage werden
können. Fürs erste riet der Hauptmann ihm an:
    1) es sich fest einzuprägen, dass alle Menschen frei und gleich geboren
würden. Diese Lehre ist das Fundament der Maurerei und die beiden Grundpfeiler
der Menschen- und Brüderliebe.
    2) Diese Gleichheit und diese Freiheit werden so wenig durch
Staatsverhältnisse gehoben, dass sie dieselben vielmehr bestätigen. Man kann im
Namen der Gleichheit morden und im Namen der Freiheit vergiften; die Bilder der
Freiheit und Gleichheit dienen oft den Tyrannen zur Parole, und zum Schild und
zur Losung bei der Fahne des Verderbens. Kann sich der Jude nicht ein
Scheermesser, der Taube eine Nachtigall, der Blinde ein Gemälde von Tizian und
der Wassersüchtige einen grossen Garten anlegen? - Da sich bei jeder Gährung
Bodensatz findet, so ist jede Revolution gefährlich, und oft lenken verschlagene
Köpfe das leichtgläubige Volk in noch grösseres Elend. - Allmählig kommt die
Natur zum Ziel, und dies ist auch der eigentliche Gang der Menschheit. Die
bürgerliche Gesellschaft ist eine Societät, woran Todte, Lebende und Werdende
Teil haben; sie gibt dem Menschengeschlecht die Unsterblichkeit, und durch sie
sind wir ewig! Sobald wir in eine bürgerliche Gesellschaft treten, hören wir
auf, frei und gleich zu sein; allein wir werden es auf der andern Seite weit
mehr und weit erhabener. Ein grösseres Mass von Kraft Leibes und der Seele beim
Individuum macht Unterschiede unter den Menschen; und wenn gleich diese
Unterschiede, wie es am Tage ist, einen gewissen Seelenluxus und ein leibliches
Wohlleben, einen leiblichen Luxus bewirken, so dienen sie doch auch dazu, dass
ein Viertel im Staat (eigentlich der Hospitalitenteil) ernährt und erhalten
wird, der vielleicht sonst vergangen wär in seinem Elende. Die Brocken, die von
den Tischen der durch die Natur zum Vermögen berufenen Menschen fallen,
übertragen jenes Viertel von Staatseinwohnern, welche von der Natur kärglich
ausgestattet werden.
    3) Dieser Unterschied indes, den die Natur in der Metaphysik und Physik des
Menschengeschlechts macht, muss nie Augen, Ohr und alle Sinne beleidigend
abstechen: er muss verschmelzen wie Licht und Schatten, muss so gehalten werden,
dass edle Taten alle jene physischen und metaphysischen Unterschiede überwiegen.
- Auch gibt es Fälle, die selbst im monarchischen Staate an Gleichheit erinnern;
z.B. die ausübende Gerechtigkeit! Wahrlich, wir sind alle Brüder! Ueber diesen
Weltunterschied und Zusammenhang nachzudenken, sei ihr Vorbereitungsgeschäft!
(Etwa auch nach Umständen?) Vielleicht, dass ihnen Schürze und Kelle gegeben
werden, um den Zusammenhang noch mehr zu befestigen, das Schadhafte desselben zu
ersetzen und - o, des grossen Wortes! - ihn zu verbessern. Wir bauen Kerker für
das Laster, und Tempel für die Tugend; wir verfolgen das Laster, wenn gleich
eine Krone seine Schutzwehr sein, - dulden keine Schlechteit, wenn sie sich
gleich in List verkleiden und mit Schein des Rechtes schmücken sollte. - Ein
Beichtiger, welcher dreimal nach einander seinem Beichtvater einen
Schafbiebstahl bekannte und ihm bussfertig das Geld zum Ersatz behändigte,
erwiderte auf die Beichtfrage: warum er denn diesen Umweg zur Zahlung nehme, und
warum er, bei dem Vorsatze zu bezahlen, nicht lieber kaufe als stehle? »Der
Vorteil ist klar: jetzt mach' ich den Preis, im andern Falle würde ihn der
Verkäufer machen.« Der Beichtvater absolvirte; wir würden excommunicirt haben. -
Auch das witzigste Schelmstück verfolgen wir mit Steckbriefen; wir sind seine
erklärten Feinde. Die Verschiedenheiten der Meinungen dagegen trennen uns nicht.
Trägt der Baum gute Früchte, so hindert er nicht das Land. - Um unsere
Grundsätze mit den Staatseinrichtungen zu verbinden, lehren wir, dass es einen
inneren und äusseren Menschen gäbe. Der innere macht eine unsichtbare Kirche, wo
alles gleich ist; der äussere eine sichtbare, wo durchaus Verschiedenheit
stattfindet.
    Ausser der Erscheinung des Fräuleins Sophie von Undekannt hätte unserem
Helden nichts Erwünschteres begegnen können. Voll Erkenntlichkeit bot er seinem
Lehrer den ersten Grad des Ordens der Verschwiegenheit an, welchen dieser aber
mit vollem Lachen ausschlug. Wer die Sonne gesehen hat, wird der den Mond
anbeten? Auch gab er dem Angeworbenen auf, von dem, was zwischen ihnen
vorgefallen war, gegen jedermann, und, wohl zu merken! auch gegen seine Eltern,
ein tiefes Stillschweigen zu beobachten. Der Orden, setzte er feurig hinzu, ist
Vater, Mutter, Schwester, Bruder. »Auch Geliebte?« fiel unser Held ihm
pfeilschnell ein. - Nein, guter Profan, die ist eine Maurerschwester. - »Kraft
der Adoptionsloge?« - Woher kennen Sie die? - »Ach! eine Undekannte hat mich
damit bekannt gemacht, doch so, dass mir alles undekannt geblieben ist.« - Der
Bräutigam lächelte und schwieg - und schwieg! - O, wie gern hätte unser Held
noch mehr Honig von seinen Lippen genossen; doch wollte der Bräutigam sich auf
mehr nicht einlassen. Uebrigens nahm er sein gerichtlich bestätigtes Attestat
für die Maurerschwester mit und schied von hinnen, nachdem er zuvor mit unserem
Helden eine
                                     §. 68.
                                        
                                 Correspondenz
verabredet hatte, die ohne Anstand, wiewohl in ordensgemässer Ordnung, ihren
Anfang nehmen sollte. Die Hauptbedingungen waren: Novicius kann, bei Strafe der
Correspondenz-Aussetzung, oder völligen Aufhebung, nichts in Ordenssachen fragen
. Er ist verpflichtet, sich, wie es einem Novizen eignet und gebührt, zu führen.
Nach dreimal drei Wochen wird der Bräutigam die erste Epistel erlassen, und nach
dreimal drei Wochen muss die Antwort abgehen, und so weiter. - Die dreimal drei
Wochen sind von dem Tage des Empfanges zu berechnen. - Bei einer Frage und bei
jeder ordensunwürdigen Führung wird der Correspondenztermin auf dreimal drei
Monate hinausgerückt oder gar auf ewig gehoben. - Da ich weder ein Mitglied des
sehr ehrwürdigen Ordens der Verschwiegenheit bin, noch als Novicius dem
Hauptmann, der die Enkelin eines Fräuleins, welche Maurerschwester war, zu
heiraten im Begriff stand, eine Handgelobung geleistet habe - was hindert mich,
eine Sache nachzuholen, die unsern Helden ausserordentlich interessirte?
Geheimnisse verjähren, wie körperliche und unkörperliche Dinge. - Seit der Zeit
ist alles verjährt. - Dreimal drei Viertelstunden vor seiner Abreise vertraute
der leibliche Bräutigam seinem Ordensbräutigam eine Berechnung an, die ihm alle
drei Grade des Ordens der Verschwiegenheit aufwog, ob er gleich nur des ersten
gewürdigt war und die Undekannte selbst die andern beiden Grade noch nicht
erhalten hatte. - Vermittelst dieser
                                     §. 69.
                                        
                                   Berechnung
konnte Novicius auf ein Haar wissen, wer von beiden, ob Mann oder Weib, Braut
oder Bräutigam, eher sterben würde. Freilich war dies mehr, als auf ein
Scheinkanapee genötigt, zum Fallen gebracht und mit dem Troste versehen werden,
dass Eldorado unter der Erde sei; denn wenn man Eldorado in der Loge findet, hat
man es nicht bequemer und näher? Der Werbehauptmann liess es unserm Helden im
Hintergrunde und in tiefer Ferne sehen. Er zeigte ihm eine Diple über die
andere, womit die Grammatiker vorzüglich die schönen Stellen im Homer
bezeichneten; allein er liess ihn keine dieser bezeichneten Stellen lesen, nur
die Zeichen erlaubte er ihm zu sehen. Die Hand von der Tafel! Der Orden, fing er
an, dess ich lebe, dess ich sterbe, und dess ich mit Leib und Seele bin, öffnet
seinen Angehörigen Schatzkammern von Geheimnissen; doch müssen sie deren
empfänglich sein, und nicht um acht sich einfinden, wenn man um sieben ihrer
wartet. Den Hauptumstand bei einer verwickelten Sache treffen und den wahren
Zeitpunkt ergreifen, ist ein Eigentum besserer Köpfe, das sie durch keinen
Unterricht veräussern können. Es ist ein Radikalvorzug, eine Realwürde; indes
fallen Späne, wo Holz gehauen wird, und besonders scheint unser hoher Orden sehr
spänreich zu sein. Desto besser. Auch das heiligste Feuer wirft Funken aus.
Alles, mein Freund, was den denkenden Menschen am meisten interessirt, ist ihm
verschleiert. Diesen Schleier kann er nicht ziehen; vielleicht aber gibt es
Mittel, dem Allerheiligsten sich ohne eine dreiste Hand zu nähern. Das aut, aut,
das Entweder Oder; wenn nicht ein Bund mit dem Obersten der Seraphe, so mit dem
Beelzebub; wenn nicht Cäsar, so Nichts, mag sein Für haben - meine Losung ist:
Alle gute Geister loben Gott den Herrn. Wir wissen nicht, was Gott ist, wir
können ihn nicht matematisch beweisen; allein wir glauben ihn und an ihn, und
müssen es, wenn anders dies Leben uns in den Hauptstellen verständlich sein
soll. Wir werden nicht aufhören; wir werden nicht sterben, sondern leben. Ist es
nicht eine Erfindung der Furcht, das Ende des diesseitigen Lebens Tod zu nennen?
Dies Leben mit seinen Drangsalen, wo der Fels des Sisyphus uns zu erschlagen
drohet, wo immer ein Gewitter über unserm Haupte steht und Blitze in Kreuz und
Quer uns ängstigen; das ist Tod; - der sogenannte Tod ist Leben. - Wir sollten
zum Sterbenden nicht: Gute Nacht, sondern: Guten Morgen, sprechen. Die
Herrlichkeit indes, die nach dieser Zeit Leiden unser wartet, ist uns verborgen.
Wir müssen alle aufhören - Menschen zu sein; wenn aber dies Stündlein schlägt,
wer weiss es? Die Aerzte? Behüte! Wie oft überlebte der, dem sie das Leben
absprachen, seinen Scharfrichter von Leibarzt; und wie oft stirbt, ehe wir es
uns versehen, der, dem die Facultät Brief und Siegel zu Metusalems Alter
behändigte! - Der stirbt, weil er ass; der, weil er trank; der, weil er sich an
den Fuss stiess; der, weil er seinem Freunde die Hand gab; der, weil er am
Kaminfeuer stand; der, weil er zu viel, der, weil er zu wenig genoss; der, weil
er den Tod verachtete; der, weil er sich Mühe gab, ihm auszuweichen; der am
Examen; der am zu viel, der am zu wenig wissen; der an Fischen, der an Fleisch;
der an einem Kern von einer Weinbeere, der am Pfirsichstein; der in der Kirche,
der auf dem Ball; der am Schlagfluss, der an Hektik; der, weil er ein Hagestolz
war; der, weil er in der Ehe lebte; der am Mut, der an der Furcht, der auf dem
Bette der Ehren, der auf der Ottomane der Schande; der an Alexander dem Grossen,
der an Alexander dem Kleinen. Nur dann geniessen wir die folgende Stunde, wenn
wir ihre Vorgängerin als die letzte ansahen; nur alsdann ist sie uns ein
Geschenk, wenn wie keine Rechnung darauf machten. Warum auch ein weites Ziel, da
Blüten abfallen und kleine und grosse Früchte, weit eher als der Baum
geschüttelt wird! Maurer lieben nicht Diastematiker, Wortzieher und Dehner,
Trillerschläger und Coloraturenmacher, wohl aber Männer, die mit Sachen
ökonomisiren. - Jedes Ding hat seine Jahrszeit! Schnell will ich dir einen
Vorhang ziehen. Es gibt Umstände, wo man durchaus wissen muss, wer in der Ehe der
zurückbleibende Teil sein wird. - Hier ist der Schlüssel. Zähle, mein Freund,
die Vokale in den Vornamen, so ist das Rätsel gelöset. Wie heisst dein Vater? -
Fabian Sebastian. - Die Mutter? - Sophie. - Dein Vater stirbt vor deiner Mutter.
- Man nahm Namen von längst verstorbenen Personen, und die Probe war richtig. So
entzückt war kein Schüler des St. Germain und des Cagliostro, wie unser Held.
Schnell wollte er seinen Vornamen mit dem der Erschienenen zusammenstellen, und
die Vokale, wie die Offiziere, den Buchstaben vortreten lassen; indes vertraten
ihm zwei kleine Umstände den Weg. Der erste: seine Vornamen waren eine förmliche
Sammlung, und ohne die Beihülfe des Kirchenbuches würde er nicht bestanden sein
in der Wahrheit. Der zweite Umstand machte auf gleiche Erheblichkeit Anspruch.
Er wusste nicht, ob die Undekannte einen Geschlechts-, vielweniger einen Vornamen
hätte. Wenn es meine Leser und Leserinnen interessirt - die Enkelin des
Fräuleins Cousine überlebt den Werbehauptmann. Der
                                     §. 70.
                                        
                                      Dank
für diesen Unterricht ging über allen Ausdruck. Dankvoll bis zum Entzücken sein,
heisst nicht danken können. Dies war der Fall unseres Helden. Könnt' ich doch,
sagte er, nachdem er sich von der Dankverstummung erholt hatte, Worte aus lauter
Vokalen bestehend finden - die man vielleicht nur in Eldorado haben wird; sie
sollten Ihnen gewidmet sein! - Unser Held tat nichts als Vokale in den Namen
zählen, so dass ihm die Consonanten als Leib, jene als Geist vorkamen. - Wie
indes doch alles sein Aber hat, so ward er durch die Diphtongen gewaltig
zurückgesetzt. Sein Lehrer hinterliess ihm wegen der Diphtongen solche
extrafeine Regeln, dass diese sonst so leichte Kunst dadurch nicht nur ins
Gedränge kam - sondern auch, was bei weitem das ärgste war, nicht Wort hielt.
Unser Held hatte sein Wort schriftlich gegeben, nichts von dem, was zwischen ihm
und dem Werbehauptmanne vorgefallen war, zu entdecken. Hierdurch gewann nicht
nur der Bräutigam bei unserm Helden, sondern unser Held gewann auch in seinen
Selbstaugen. - Er wusste doch ein Vogelnest, das dem ganzen reichsfreiherrlichen
Hause, den Pastor und Heraldicus dazu addirt, verborgen war. - Ein Hauptreiz
aller geheimen Gesellschaften, von wannen sie auch kommen und wohin sie auch
fahren mögen! Gibt es nicht, sagte der Werbehauptmann, überall Geheimnisse, in
Kabinetten, in Kosmopoliten-Clubs, in Schulen der Weisen, und in den Kirchen der
Gläubigen? Geheimnis ist der Busenfreund eines glücklichen Erfolgs, der
gültigste Bürge eines erwünschten Ausganges; Geheimnis zerbricht die feurigen
Pfeile des Schwächlings und des Bösewichtes, des Verdachtes und der Bosheit. -
Noch hatte ihm der Werbehauptmann einige diätetische Regeln in die Hand
gedrückt, als da sind: alle Monate drei Hemden anzuziehen - sich vor gewissen
Speisen zu hüten, und besonders auf gewisse Zahlen zu merken. Seine vorletzten
Worte waren: Freund, es trügt mich alles, oder Sie sind zum Vokal unter den
Menschen bestimmt. Schon find' ich in dieser romantischen Gegend, in der Denkart
Ihrer Eltern, in der Physiognomie dieses Schlosses, seiner Bewohner und Gäste so
viele Ordensorgane, dass Sie den Tag dreimal glücklich preisen können, da mich
der Bedarf eines Zeugnisses zu Ihnen brachte. Das Instrument ist da; es darf nur
gestimmt und gespielt werden. - Glücklicher Zufall! rief unser Held, wer sollte
denken, dass so viel Gutes aus dem kleinen Umstande erstehen kann, wenn ein
Fräulein eine Enkelin hat! Und das letzte Wort des Werbehauptmanns?
                                     §. 71.
                                        
                                Erkenntlichkeit.
Nicht doch! - Gewiss. - In Silber und Gold? - So schien es; - indes war dies Wort
mit schönen Phrasen verbrämt, die unser Bruder Redner wie Sklaven in seiner
Gewalt hatte. Ist es nicht Ordenssprache? Ich sollte glauben. Unsere Ritterin
bemerkte, der Hauptmann zwirne seine Ausdrücke. Nicht übel, da zwirnen zwei
Fäden in einen bringen heisst. Doch schien er bei diesem an sich schweren Worte,
an dem höchsten und niedrigsten, an dem so viele scheitern und fraudulose
Bankerotte machen - ebenfalls zu kurz zu schiessen. - Jupiter, fing er sehr
patetisch an, erhob das Fell der Ziege Amaltea, die ihn auf dem Berge Ida
ernährte, zu ihrem Andenken zur Diphtera, zum Tapis, zur Schreibtafel, wo er
der Menschen Tun und Lassen aufzeichnete. - Einen Anfang, der dem geistlichen
Consistorialrat, als er voll süssen Weines war, Trotz bietet! Da es indes in der
Geschwindigkeit ihm nicht gelingen mochte, das Fell der Ziege, den Berg Ida,
Tapis und der Menschen Tun und Lassen in Verbindung zu bringen, indem man es zu
jener Frist nicht so weit gebracht hatte, aus einem halben Dutzend heterogener
Wörter ein bewundernswürdiges homogenes Werk zusammen zu würfeln; - so schloss
er: Sie verstehen mich. - Der Orden verlangt nichts, allein man gibt ihm ohne
sein Verlangen. - Wer wollte nicht in den Klingsäckel des Staats, dessen
Glöcklein jetzt, wo wir stehen und gehen, sitzen und liegen, läutet, reichlich
legen, wenn die Gabe dem Geber hundertmal wieder gegeben wird - und dies
Scherflein von Saat zu tausendfältigen Früchten gedeihet?
    Der gute Ritter hat freilich bis zum §. 72 in diesen Kreuz- und Querzügen
gegrünt und geblüht, und dreimal sieben Jahre mit seiner Ehegattin in einer
exemplarischen Ehe gelebt. Selten werden Väter der Bücherhelden es so weit und
bis zum §. 70 bringen, sondern weit zeitiger dem Achill, dem Ulysses, dem Aeneas
(soll ich an die Henriade denken?) Platz machen. - Warum soll ich es verhalten?
Auch selbst noch im siebenmal siebzigsten §. würd' es mir leid sein, mich von
meinem Ritter zu
                                     §. 72.
                                    scheiden
und ihn scheiden zu lassen. Leider wird er nur noch diesen und wenige folgende
§§. erleben.
    Was ist unser Leben? Wer weiss von uns, die wir dies Buch schreiben und
lesen, wie viele Paragraphen uns noch bevorstehen? - Wie Gott will? - Das edle
gute Paar hatte, ausser dem Erstgebornen, noch sechs Kinder erzeugt, die indes im
dritten, siebenten und neunten Jahre starben, obgleich keins notgetauft war.
Der Pastor loci zog nie, wenn die Baronin niederkommen sollte, über Land;
vielmehr fehlte nicht viel, dass er bei ihrer Entbindung, wie ein Bischof in
England bei der Königin auf die Sechswochenwache zog. Wär' ich
paragraphensüchtig - zu wie vielen hätten mir so viele Kinder Gelegenheit
gegeben! Jetzt begnüg' ich mich mit der Bemerkung, dass diejenigen regierenden
Herren und Frauen, die bei der Nottaufe, wiewohl gebührlich, übersehen waren,
bei den folgenden drei Kindern als Taufzeugen in das Kirchenbuch verzeichnet
wurden. Die letzten drei mussten sich ohne diese Ehre behelfen, und es war gut,
dass man die Herren Nachbarn und Frau Nachbarinnen, die ohnehin genug mit sich
selbst zu tun hatten, weiter nicht mit doppelten Personen belastete, obgleich,
wie wir wissen, regierende Herren am leichtesten gemacht und vorgestellt sind.
Ein
                                     §. 73.
                                        
                                  Brustfieber
überfiel unsern wackern Ritter mitten unter seinen Cirkeln, eine Krankheit, mit
welcher der Hausdoktor freilich bekannter war, als mit dem Johanniterfieber,
woran der Ritter zu Anfang seines Ehestandes laborirte. Was half aber diese
Bekanntschaft? Noch vor Ablauf der kritischen Tage entschlief er so sanft, ruhig
und selig, als hätten Engel ihm die Augen zugedrückt. - Er ruhe wohl! Denkwürdig
bleibt es, dass in der letzten Session die Frage vom himmlischen Jerusalem
aufgeworfen ward, wozu man die Finger zeige in der
                                     §. 74.
                                        
                              Offenbarung Johannis
fand und einbildungskräftig benutzte. Der Tod macht weise, sagte der Ritter; und
warum sollten wir an ihn bloss als an den Zerstörer unserer Natur denken? warum
ihn nicht als Beförderer zur Stadt Gottes, zum himmlischen Jerusalem, ansehen -
um uns im Sterben die Bitterkeit des Sarges (wahrlich, der Sarg, nicht der Tod
ist bitter) zu vertreiben? - Als hätt' er sich prognosticirt! - - Nun war
freilich das gelobte-Landes-Jerusalem noch nicht angefangen und der Meister Hans
Peter - darüber leider! ins Irrenhaus gekommen. Auch verstand man nicht die
Graphik des irdischen Jerusalems, und konnte keinen Bauentwurf auf das Papier
bringen; was sollte denn aus dem unsichtbaren Jerusalem werden? Nicht minder
wandte die Ritterin sehr bedächtig ein, dass die vielen Perlen und die Edelsteine
wohl ihre Kräfte übersteigen möchten, und dass, wenn auch z.B. die Perlen von
Glas oder Wachs genommen werden sollten, Regen und Sonnenschein dies Hauptstück
im himmlischen Jerusalem verwüsten könnten, so dass keine Perle auf der andern
bliebe. Aller dieser nicht kleinen Bedenklichkeiten ungeachtet, entschied doch
der hohe Rat für die Meinung des Ritters - der nicht wusste, dass er seine eigene
Leichenrede hielt! Und wer weiss es, wenn man seinen Schwanengesang anstimmt?
Wer? - Die Ritterin selbst, so perlenschwierig sie anfänglich schien, trat aus
Liebe zu ihrem Gemahl bei, ohne sich durch die Pluralität zwingen zu lassen.
Vielleicht fiel ihr in dunklen Vorstellungen der treffliche Gedanke ein, dass das
gelobte Jerusalem bis jetzt ausser den Sessionsschmäusen noch keinen Dreier
gekostet hatte. - Man beklagte, in Rücksicht eigenen Unvermögens und des
traurigen Schicksals des verunglückten Maurermeisters Hiram, dass es so wenig
Zeichnungen von den interessantesten Aussichten dieses himmlischen Jerusalems
gebe, als Symphonien für das himmlische Orchester und Melodien auf die dortige
in der Offenbarung mitgeteilte Liedersammlung. Wer weiss es, sagte der Prediger,
wie dort die bekannte himmlische Collekte, das dreimal Heilig gesungen werden
wird, und ob das Amen des Chorus nicht mit dem Ja dieses Pilgerlebens aufhört!
Niemand indes aus der himmlisch-jerusalemschen Gesellschaft brach in den Hymnus
aus: Eia! wären wir da! - Die gnädige Frau, die schon in Gedanken in den
krystallenen schnurgeraden breiten Strassen ging, indes ohne einen Schritt zu
tun und sich von der Stelle zu bewegen, erklärte sich im Geist einer Amazonin,
und in den Gesinnungen einer Arria, ihre Perlen ganz gern zu diesem Jerusalem in
den Gotteskasten legen zu wollen. Freilich ein Scherflein! Der Pfarrer übernahm
den eben abgeschlossenen Plan und der Hofmeister das Notificationsschreiben an
den geistlichen Consistorialrat, obgleich der Pfarrer beiläufig erinnerte, dass
es noch sehr zweifelhaft bliebe, ob dem hochehrwürdigen Consistorio mit einer
vidimirten Copie des himmlischen Jerusalems gedient wäre, als wo sich die Herren
Consistorialräte, ob sie gleich dort über alle Johanniterkreuze hinweg zu
leuchten die Hoffnung hätten, höchst ungern zu Rittern schlagen liessen.
    Der Abschied unsers Ritters war
                                     §. 75.
                                    rührend.
Er tröstete seine Gemahlin und gab seinem Sohne schöne Lehren. - Der Prediger
und Heraldicus junior hatten nichts weiter zu tun als den Ritter zu bewundern.
»Ich würde unerkenntlich sein, wenn ich vom Vater im Himmel mehr verlangen
sollte, als er mir reichlich und täglich gab. Dank ihm, dass ich lebte und dass
ich sterbe! Ein Geschenk hätte ich freilich mit Danksagung empfahen: - sechzehn
Ahnen für meine Sophie! Da war aber am Emsigen kein Tröpflein adlich - und ihm
konnte weder durch eine Enkelin eines Fräuleins, noch durch tausend Atteste von
Rechtsfreunden etwas beigelegt werden, was ihm in allen seinen Vorfahren bis auf
Adam, den ich ausnehme, nicht zustand.« - Ich habe ihm keinen Stein in den Weg
gelegt, weder zu Wasser noch zu Lande, und er wäre mir in Amalfi so willkommen
gewesen, wie der Nachbar, der mir die Zinsen so richtig zahlt. - Wer weiss,
welchem Guten auch unangenehme Vorfälle den Weg bahnen! Die Planzeichnung des
gelobten Landes Jerusalem ist fertig, und wäre Hiram nicht im Irrenhause, so
würden freilich die heiligen Örter auch in natura vollendet sein - bis auf das
himmlische Jerusalem, welches erst in der letzten Session beschlossen ward und
welches ich in kurzem im Original schauen werde. Gern würd' ich euch Zeichnungen
senden, wird es aber angehen? Dass ich lieber David und Salomo in einer Person,
als David allein gewesen wäre, wisst ihr so gut wie ich. Doch murr' ich nicht,
und gern stellt es David seinem Sohne Salomo anheim, ein Werk zu vollenden, das
herrlich angefangen ward. Ist dem Salomo dies Werk bedenklich, da ihm die Ehre
versagt ist, Johanniterordensritter zu werden, so fange er immerhin ein anderes
an - nach Belieben. - Mein Segen über ihn und über sein Dichten und Trachten in
diesem und jedem andern Weinberge des Herrn! Wahrlich, die Natur hilft mir
sterben: sie ist immer bis auf die Mütze sehr gütig gegen mich gewesen; auch
hab' ich ihr mit Wissen und Willen nichts in den Weg gelegt. Ich sterbe auf
ihren Namen. - Meine Krankheit hat mich vom Leben nie mehr abgezogen als meine
Grundsätze, die alle es dazu anlegten, ritterlich zu leben und ritterlich zu
sterben. - Ich sass nie, wie es von Malesicanten heisst, auf den Tod; - ich war so
wenig ein Knecht des Todes, als ich je Knecht irgend eines Menschen gewesen bin.
Ich lebte bis ich sterbe; ich sterbe, weil meine Stunde schlägt; ich gehe zu
Bette, weil ich schläfrig bin. Eine leichte Todesart! Es ist genug, so nimm nun,
Herr, meine Seele, bin ich besser als meine Väter! ist meine Losung. Mir fehlt
nichts als dass ich sterbe. So sind meine letzten Stunden selbst ein herrliches
Geschenk der Vorsehung, da ich in ihnen die schöne Natur bis zum allerletzten
Augenblicke zu sehen und ihre Gaben, wenn gleich in kleinerem Masse zu geniessen
hoffen darf. - Ich war sehr für den Genuss des gegenwärtigen Augenblicks. -
Besser Zeichnungen auf dem Papier für etwas Wirkliches ansehen als den heutigen
Tag fliehen, ihn vernachlässigen, wie ein galanter Geck von Ehemann sein Weib
vernachlässigt, weil er mit ihr copulirt ist. Die Zeit tödten, heisst den
gegenwärtigen Augenblick verstossen und es mit der Vergangenheit und der Zukunft
halten. Alles hat seine Zeit: die Zeit und bald hätt' ich gesagt auch die
Ewigkeit. Mit Gottes Hülfe will ich keinen Augenblick vom Leben verlieren - und
allem Vermuten nach werd' ich hier noch das Frühstück halten und in der andern
Welt nicht zu spät zum Mittagsmahl kommen, wo Manna und Nektartrank und Speise
sind. Wünscht mir eine gesegnete Mahlzeit! und ich? herzlich wünsch' ich euch
eine fröhliche Nachfolge. - Was der Mensch säet, wird er ernten. - Mein Gewissen
macht mir keinen Vorwurf. Ich halte mit allen Menschen, sogar mit den Türken
Frieden, und über meiner Seele schwebt der Friede Gottes, welcher höher ist als
alles, was die Welt besitzt und geben kann. - Meine unglücklich-glückliche
Wechselsache und der Subhastationsrechtsstreit machten mich processscheu; ich
kaufte mir Processe gleich bei ihrer Entstehung und ehe sie noch zu Kräften
kamen, ab, ich erstickte sie in der Geburt. Ohne allen Zweifel wären sie mir
sämmtlich nicht so hoch zu stehen gekommen, wenn ich den breiten Weg der drei
Instanzen eingeschlagen hätte. Wer den Reichtum aus einer andern Ursache
schätzt, als um sich dadurch Ruhe zu kaufen, verdient nicht reich zu sein und
macht der Vorsehung Vorwürfe, dass sie Reichtümer oft an noch unverdientere
Menschen spendet als Ehrenstellen. Mein Geist scheint in eben dem Masse an Stärke
zuzunehmen als mein Körper ermattet, und dies lässt mich hoffen, dass wenn mein
Leib eine Leiche, Erde und zur Erde geworden, mein Geist sich in sein
eigentliches Wesen versetzen wird, in welches er an frohen Tagen sich so gern
entzückte! Ach, was ich so oft sagte, ist noch im Sterben meine Losung: Eldorado
ist nicht hier, unter der Erde ist Eldorado. Diesen Wahlspruch legire ich meinem
Einzigen. - In Eldorado ist Friede und Wonne! Doch jetzt, da es zum Sterben
geht, möchte ich meine Firma verändern. Unter der Erde ist mir zu traurig, und
warum nicht eine Wortveränderung, die so klein ist? Die Sache bleibt - Eldorado
ist in der bessern Welt. Wie dünkt es dir am besten? Ueber der Erde scheint
tröstlicher als unter der Erde. Dort oben brennen immer Lichter, unter der Erde
ist es finster. Selbst die mit Blumen besäete Wiese - kann sie sich gegen den
gestirnten Himmel messen? Doch sei es dir überlassen, ob über oder unter,
nachdem du Lust und Liebe hast, dir eine Landkarte von der Zukunft zu zeichnen,
mit der man nicht so leicht als mit der vom irdischen Jerusalem fertig werden
kann. Ueberhaupt ist es übel mit den Worten, kann man sie wohl zum Stehen
bringen? - Wenn der Leib untergeht, geht die Seele auf. - Tue Gutes, liebe
Sophie, den Kindern und Angehörigen des Küsters, des Nachtwächters und des
Hirams. - Ist dem letzten noch zu raten und zu helfen, rate und hilf ihm! Das
Gewissen beisst mich nicht wegen dieses Dreiblattes von Leuten: ich gab ihnen
nicht Ärgernis, sie nahmen es. Dem Hofmeister Heraldicus junior genannt,
verehre ich eine Pension auf Lebenslang von 200 Talern. - Dem Herrn Pastor
schenk' ich ein- für allemal 1000 Taler. Eben so viel sollen unter Arme an
meinem Begräbnisstage verteilt werden. Meine liebe Sophie wird verzeihen, dass
ich mich in ihr Departement, dem sie so musterhaft vorsteht, einmische. Dem
Andreas Kloz, der mich zu verklagen drohte, geb' ich einen Freiheitsbrief und
100 Reichstaler, und seiner Tochter, die ihn dazu aufhetzte, gerade so viel zum
Brautschatze. Ich bin so furchtlos, dass ich nie in meinem Leben freier geredet
habe und mehr meiner selbst Meister gewesen bin als jetzt! Mir braust keine
Meereswoge, - - es blitzt nicht um mich her, ich sehe keine finstre Wolke, ich
höre keine Donnervorboten. Nichts klirrt mir wie Ketten, ich gehe ins Land der
Freiheit. Alles ist so heiter und ruhig um mich her, dass es eine Lust zu sterben
ist. - Weiss ich, was ich war, als mir die Menschenrolle zugeteilt ward? Und
warum will ich wissen, was ich sein werde, da der Vorhang fällt und da mein
Gewissen mir klatscht? - Ich komme auf eine andere, höchst wahrscheinlich auf
eine höhere Classe, - auf eine bessere, als Prima und Secunda in Jerusalem
waren, ohne allen Zweifel. - Der Tod ist eine Wiedergeburt zur Geisterwelt und
zu mehr intellektuellen Kräften. - Diese Fackel der Hoffnung soll mir leuchten
auf den finstern Pfaden des Todes. - Bald wird diese Rolle ausgespielt, ja wohl
ausgespielt sein! bald! Kein Tag ohne Linie! der Tod zieht die letzte diesseits
- nicht auf ewig! - Der Tod ist feierlich, weil er ein Gast ist, der nur einmal
kommt. - Denkt an den Gastvetter und die Unbekannte! Nur drei Wochen länger
geblieben und sie wären geworden wie unser einer! Hätten wir mehr in den Orden
der Verschwiegenheit aufgenommen, würde seine Aufnahme so feierlich geblieben
sein? - Würd' ich mich nicht selbst hassen, wenn ich den Tod hassen wollte?
Würd' ich nicht das Leben hassen, wenn ich zittern und zagen wollte zu sterben?
- Der sogenannte Tod ist eine enge Pforte zum neuen Leben und einem veränderten
Sein. Wer auf Kosten des Todes lebt, ist ein ebenso grosser Tor, als wenn er auf
Kosten des Lebens stirbt. Leben und sterben ist aus einem Stück. Wir machen hier
Platz, weil dort uns andere Platz machen. Ohne Zweifel wird es mit dem Erdentode
nicht aufhören, sondern noch unendliche Male werden wir sterben, das heisst: zu
einem andern und immer bessern Leben befördert werden. Sterben nicht alle, die
leben? Werdet ihr nicht auch sterben? Starben unsere Vorfahren nicht? und wer
wollte nicht in so guter Gesellschaft sein, wer wohl gern allein übrig bleiben
und dem ewigen Einerlei sich unterwerfen, das zuletzt anekeln muss? Wahrlich, wer
vorausgeht, hat einen Schritt vor uns. Er hat vollendet; nicht alles, doch das
Menschenleben: - ein besonderes Leben! Kaum hätt' ich Lust und Liebe, es von
vorn anzufangen, und doch gab es herrliche Zeitpunkte in diesem Leben. Auch
sterben in dem Augenblicke, da ich sterben werde, viele hundert Menschen, so dass
ich gewiss nicht ohne Gesellschaft bleiben kann. Sicher werden zum Mittagsmahl,
dem ich entgegen gehe, viele aus Osten, Süden, Westen und Norden anlangen, die
zum erstenmale die Ehre haben, dort zu Tische zu sitzen. Kommt es auf die
Lebenslänge oder auf die Lebensreife an? Wäre oder schiene der Tod nicht etwas
bitter - wer würde leben? - Das Abschiednehmen, die Vorbereitungen sind das
Schrecklichste. Ich nehme heute von euch Abschied, meine Lieben! und nach meiner
Art etwas weitläufig, damit ich mich, wenn es zum Sterben geht, desto kürzer
fassen könne. - Bis aufs Wiedersehen! mehr wird euch mein sterbender Mund nicht
sagen. - Ich denke noch viele Tage, vielleicht viele Wochen bei euch zu bleiben.
Lebt wohl, wohl, wohl bis aufs Wiedersehen! - Schrecklich wäre es, wenn wir uns
dort zusammenfänden, ohne uns wieder zu kennen! Schrecklich! - Wir werden
wiederkommen, gen Zion kommen! - Freude wird über unserm Haupte sein; wir werden
uns kennen und erkannt werden, Hallelujah! Hat man einen hohen Turm erstiegen -
wer fürchtet nicht herab zu stürzen, obgleich ein Geländer vorhanden ist? Diese
Art von Schwindel, dies und nichts mehr nichts weniger ist der Tod. Auf Ehre und
Redlichkeit nichts mehr nichts minder! - Auch soll mich niemand betrauern. -
Geht, wenn ich begraben bin und auch nachher zuweilen in meine Rittergarderobe.
- Solches tut zu meinem Gedächtnis. - Von meinen Bedienten erhält jeder 100
Taler zum Geschenk; ist er untertänig, einen Freibrief. Ausser den
Ordenskleidern werden Wäsche und Kleider unter sie verteilt. Sorgt dafür, dass
nicht Würmer in die Ordenskleider kommen! es wäre doch Schade! und wie lange sie
sich halten können, beweist Kaiser Karls des Grossen alter dalmatischer Rock, mit
dem der angehende Kaiser am Krönungstage paradirt, wesshalb ihn so leicht niemand
beneiden wird. - - Zwar hat meine Neigung zu Hunden gegen die vorige Zeit
abgenommen, doch hab' ich noch unter ihnen Lieblinge, die ihr kennt. Lasst sie
meinen Hintritt nicht empfinden. Bedauern werden sie mich ohnedies. - Gebt
ihnen, bis ihr Stündlein kommt und sie stürzen, ihren Unterhalt reichlich und
vergesst nicht, dass die Tiere sich wie wir nach Erlösung um Veredlung sehnen! -
Ich fürchte, der ehrliche Greif stirbt mir nach! - und wenn wir gleich nicht
zusammen an einer Tafel essen werden - es sind dort gewiss auch Domestikentische
für Seelen der Tiere, da wird er sein Couvert finden. - Gewiss, lieber Greif, du
wirst nicht zu kurz kommen! du braver Hund! - Wird aus der Erschienenen eine
Bleibende, aus Fräulein Unbekannt Fräulein Bekannt, so grüsst Sophien von mir.
Gern hätt' ich sie näher kennen lernen! Eine schöne Person! Ausser meiner Sophie,
von der sie viel Aehnliches hat, hab' ich sie nie schöner gesehen. - Lebt alle
wohl und sterbt, wenn euer Stündlein kommt, so glücklich wie ich! - Hab' ich
euch, Gemahlin oder Sohn, auch nur durch eine Geberde beleidigt - vergebt! und
findet es sich, dass ich ohne mein Wissen jemand Unrecht getan, berichtigt es um
Gottes willen! Ich ging meinen Lebenslauf peinlich durch und fand nur zweierlei
zu ersetzen, obgleich beide Fälle noch zweifelhaft bleiben. Lieber leiden als
leiden lassen; doch wer kann wissen, ob er nicht unwissend fehlte! Diese
Ersetzungen vermach' ich euch, ihr guten lieben Seelen, die ich herzlich liebe
und lieben werde ewig, ewig! - Er gab jedem die Hand und lebte nach diesem
Abschiede noch drei Tage und dreimal drei Stunden, wie unser Held es sorgfältig
verzeichnete, der nach der Abreise seines Freundes auf die Zahlen starke Jagd
machte. Auf seine Rechnung gehören die Zahlen, die so wie überhaupt, so
insbesondere in den letzten Paragraphen vorgekommen sind und ohne Zweifel noch
vorkommen werden, obgleich unser Held gewiss auch nie vergass, sich alle Monate
drei Hemden anzuziehen und sich gewisser Speisen zu entalten. Getrost aus
Grundsätzen sterben ist ehrenwert, und aus lichterloher Imagination? ist auch
nicht zu verachten. Springen nicht Grundsätze oft über den Zaun? laufen sie
nicht zuweilen aus der Schule? - Es ist gut, sie durch Imagination zu binden,
die sich oft auch mit Exaltation verträgt und da noch ihre Kraft behauptet, wo
Grundsätze bestehen - wie Schnee in der Sonne. - Nach einiger Zeit empfahl der
Ritter seinem Sohne einen
                                     §. 76.
                                        
                                   Begleiter,
der seinen Paragraph hinreichend verdient. Protagoras war in seiner Jugend ein
Tagelöhner, der, ausser vielen anderen Tagelöhner-Arbeiten, auch Holz zu tragen
verpflichtet ward. Demokritus, der ihm begegnete, fand das Holz so geschikt
zusammengelegt und gebunden, dass er den Protagoras befragte: wer es so künstlich
zusammengebracht habe? und nachdem der Holzträger seine Behauptung, es selbst zu
sein, in seiner Gegenwart durch einen tätlichen Beweis ausser Zweifel gesetzt
hatte, ward er ihn zu seinem Schüler, wie der Werbehauptmann unsern Helden; -
und der Holzträger ward ein Philosoph. Setzet anstatt Protagoras und Demokritus
Pastor und Michael, und anstatt des Holzbündels den Katechismus, so wisst ihr,
woran ihr seid, und was ich sagen wollte. Dieser Knabe legte das Holz des
katechetischen Unterrichts so meisterhaft, dass der Pastor ihn dem Ritter
empfahl, der ihn dann gemeineren Arbeiten entzog und zu einer bessern Klasse der
Dienste bestimmte. Michael hätte vielleicht Protagoras werden können, wenn unser
Pastor Demokritus gewesen wäre, wozu er indes keine Anlage zeigte. Vielmehr
besprengte unser Pastor diese schöne Pflanze mit so mystischem Weihwasser, dass
sie ganz etwas anderes ward, als sie von Natur wegen hätte werden können. Der
testirende Ritter wählte ganz von ungefähr einen Ausdruck, der unsern Michael
ziemlich deutlich bezeichnete: Begleiter! Zwar nahm ihn von Stund an unser A B C
als Diener zu sich, doch war Michael mehr. - Und was? - Frage, Freund: was
nicht? Denn mit mehr kann ich in diesem Paragraph nicht dienen. Michael gehörte
nicht zu Teaterdienern, die, wenn sie gleich, so wie er, mitsprechen und
mitandeln, es immer auf eine Weise tun, die weder den Herrn noch seinen Diener
gekleidet haben würde. Michael war nicht der Leib, und sein Herr die Seele, -
oder umgekehrt; - doch machten sie ein Paar, das schwerlich sich besser zusammen
finden konnte.
    Die Ritterin hatte, ohne dass das Schlafstübchen der Frau Landpflegerin
(ausser in Rosentalschen Träumen) nur angefangen, geschweige fertig war, einen
                                     §. 77.
                                        
                                     Traum,
der auf den Hintritt ihres Gemahls anspielte. Sie sah einen Ritter in voller
Kleidung auf einem weissen Pferde um das himmlische Jerusalem dreimal
herumreiten, den Kopf unter dem Arm, den Sattel des Schimmels in Perlen gefasst.
- Mit den lieben Traumperlen! In der Regel bedeuten sie Tränen; und in der
Tat, die Ritterin beweinte ihren Verlust bitterlich. Sie liebte ihren Gemahl
bis in den Tod! - Ach, es war ein gutes Paar! - Dieser Traum der Ritterin, der
wegen seiner Bescheidenheit wenig Anhang fand (Traum- und Wunschbescheidenheit
findet selten Beifall), ward durch Dinge von grösserer Wichtigkeit ganz und gar
verdrängt. Da hatte man einen alten Herrn in langem schwarzem Mantel gesehen,
dessen Schleppe den ganzen Kirchhof bedeckte, und dieser Herr war so gross, dass
er sich mit dem Kirchtum mass, und da er weit über ihn hinwegragte, schämte sich
der Kirchturm, dass er blutrot ward. Dieser Ritterriese liess sich zwischen 11
und 12 Uhr in der Nacht sehen; doch nur Sonntagsaugen erblickten ihn in
Lebensgrösse. Einigen Alltagsaugen kam er nicht viel grösser vor, als ein
Fingerlein, und noch ewige Alltagsaugen konnten ganz und gar nichts sehen. -
Auch gab es Sonntagsriecher, die, wenn die Erscheinung vorbei war, einen
Sternanisgeruch verspürten, wogegen Unsonntagsnasen, bei aller Anstrengung der
Geruchsnerven, nichts entdecken konnten. Diese Gesichte und Gerüche brachten so
manche andere Ereignisse voriger Zeit zum Vorschein; und da erinnerten sich alte
Leute an Unglücksstellen, wo kein Sonntagspferd hinginge, wenn man ihm auf der
Stelle das Leben nähme. - Es gibt Pferde wie Menschen, ward behauptet: Pferde,
die alles sehen, Riesen und Fingerlein, und andere, die nichts sehen. Wie es
Pferde halten, weiss ich nicht; dass es aber Fälle gibt, wo Menschen nicht sehen
und doch glauben - ist das zu bezweifeln? Pferde, die sich ohne Ursache bäumen,
nennt man scheu; gibt es nicht auch dergleichen scheue Menschen? - Doch warum
Abschweifungen? - Es ward über die weisse und schwarze Frau, über den weissen und
schwarzen Mann weiss und schwarz commentirt. Die Altenweiberbeiträge liefen alle
auf Blut hinaus; in den Altenmännergeschichten kamen rasselnde Ketten,
Nasenstüber, auch wohl streitende Heere am Himmel vor, doch ohne dass diese Heere
Blut vergossen. Hundert Erzählungen, die eben verjähren wollten, wurden
aufgefrischt und ihre Präscription gehemmt. Der Junker, der wenigstens neunmal
mehr als andere Jünglinge zum Wunderbaren geneigt war, obgleich die Liebe zum
Wunderbaren der Jugend und dem Alter eigen ist, glaubte über kurz oder lang zum
nähern Aufschlusse so mancher Dinge zu gelangen, deren Grund und Ungrund
vergebens von den Philosophen nachgespürt worden. Der Anfang war durch den Orden
der Verschwiegenheit und durch die Vocalgeschicklichkeit gemacht, vermittelst
welcher letzteren er auf ein Haar zu bestimmen im Stande gewesen war, dass der
Ritter früher als seine Gemahlin sterben würde, was man freilich auch ohne Vocal
durch die Mütze ziemlich deutlich hätte herausbringen können. - Dass unser Ritter
im Stufenjahre starb, versteht sich von selbst. Ausser dem erzählten Traume
fielen noch
                                     §. 78.
                                        
                                    Anzeigen
und andere Träume vor, die ich um vieles nicht mit Stillschweigen übergehen
könnte; als da sind: Drei Tage vor der letzten Krankheit des Ritters verlor die
Ritterin sein Bild in Miniatur von ihrem Armbande; ein Geschenk ihres
Vielgeliebten am Hochzeitstage. - Ohne dass sie es gemerkt hatte, war es ihr
entfallen; und obgleich dem Finder von drei Kanzeln ein stattliches Findegeld
zugesichert ward und der Pastor loci nicht nur bei dieser Kanzelaufforderung,
sondern auch beim Suchen selbst sich viele rühmliche Mühe gab, so hat dieses
Bild sich doch nie wiedergefunden - nie!
    Drei Tage nach dem Anfange der letzten Krankheit des Ritters fiel der Blick
der Ritterin ganz von ungefähr in den Spiegel im Zimmer, wo der Ritter auf einem
Sopha, ich weiss nicht ob lag oder sass, während ihm sein Krankenbett gemacht
ward. - Schrecklich! Er erschien ihr in Todesblässe im Spiegel, und beim
Schauder, der ihr durch die Seele ging, war es, als hörte sie die Stimme: Sein
Grab wird gemacht!
    Auch hatte die Ritterin einen Fenstergarten, den man zu dieser Frist jardin
portatif nennen würde. Dieser Garten, der aus dreimal drei Töpfen bestand,
verdorrte in einer Nacht. Die Ritterin mochte diese Töpfe weiter nicht sehen,
indem sie dadurch zu lebhaft an den Verlust ihres Gemahls erinnert worden wäre.
    Ich fing mit einem Traum an und will mit einem enden. Warum auch nicht?
    In der Nacht vor dem Tode des Ritters sah sie (im Traum) auf den Mauern
Jerusalems den Schatten jenes Weherufers. Ueberwunden! rief er; überwunden! und
zum drittenmal: überwunden! Jetzt verschwand der Schatten - die Mauern stürzten
ein und kein Stein blieb auf dem andern.
    Unser A B C gab sich viele Mühe, als ihn seine Mutter nach dem Hintritt des
Ritters mit diesen Anzeigen und Träumen bekannt gemacht hatte, gleichfalls
Postscripte von dergleichen besondern Vorfällen zu erfahren, um eines Teils in
Träumen niemanden, und wäre es auch seine leibliche Mutter, etwas nachzugeben;
andern Teils aber, um über dergleichen wichtige Gegenstände dem Werbehauptmann
in der nächsten Epistel berichten und sich Verhaltungsbefehle erbitten zu
dürfen. Indes schlief er zu fest um zu träumen, sah im Spiegel nur sich und - da
er kein Armband trug, so war es unmöglich, eins zu verlieren. - - Ein jardin
portatif würde freilich am leichtesten zum Verdorren zu bringen gewesen sein,
wenn er ihn nicht begossen hätte; allein die Aufgabe war: dreimal drei
Blumentöpfe sollten bei hinreichendem Wasser verdorren, und diese Aufgabe war
unerreichbar. Pastor loci fand im verlornen Portrait ein unerklärliches Rätsel;
der Junker in der Zahl Drei. - Drei Tage vor seiner Krankheit, sagte A B C. -
Vielleicht ein Ohngefähr, erwiederte der Pastor. - Warum nicht gar! versetzte
der Junker; dann wäre das verlorne Portrait ein noch grösseres Ohngefähr. Warum
gab es eben sieben Weisen in Griechenland? warum nicht mehr oder weniger? - Der
Pastor war vermittelst der sieben Weisen völlig überzeugt. - So kann in
Glaubenssachen ein Senfkornumstand viel beitragen! - Mit der heiligen Zahl Drei
hätte denn doch unser Pastor auch bekannter sehn können und sein sollen; können:
da jedes Ding von Wichtigkeit seine drei Worte im Vermögen hat, und in allem,
was wert ist zu sein, sich Geist, Seele und Leib befinden; sollen: da er trotz
dem Simeon vom Glauben zum Schauen sich sehnte. - Die
                                     §. 79.
                                        
                                    Vigilien
vor dem Begräbnisse des Ritters? In der Tat erbaulich. - Die Begleiter der
Leiche Alexanders des Grossen, die wegen ihrer Reden bekannt sind, hätten hier
lernen können. Wohl dem, der am Ziele ist! (Ach freilich wohl! und wär' es auch
nur ein Buchziel!) - Er hat überwunden; wir streiten noch. - Heil dem, der aus
dem streitenden Jerusalem in das triumphirende einging! - Dreimal Heil dem, der,
wie er, als ein gebetener Gast eilte, um beim Mittagsmahle der Herrlichkeit
nicht zu verspäten, wozu er eingeladen war! - Der Tod ist eine Genesung von
einer langen Krankheit. Wer weiss, wann er einschläft! Eben so wenig wird man
wissen, wann man stirbt. Lasset uns Gutes tun und nicht müde werden; wir ernten
ohne Aufhören. - Wenn das Feuer auszugehen schien, ging man zum Castro doloris,
welches dem Ritter bereitet war. Hier brannten so viel grosse Wachslichte, als er
Jahre zurückgelegt hatte. - Zwölf Gemeinbeältesten hielten die Ehrenwache. - Die
Zwölf hatten ihre Haare, ich weiss nicht warum, in einen Zopf gezwungen. Nichts
kann so entstellen und schmücken, wie das Hauptaar. Hier ist die Residenz der
Affectation und der Anständigkeit. - Der Geschmack lässt sich den Kopf nicht
nehmen. - Die Haare unserer Zwölfe hatten das Schicksal ungesalbter Dichter,
denen Worte und Gedanken sich widersetzen, wenn sie beides in einen Zopf zwingen
wollen. Oder ist dies Gleichniss nicht erhaben genug? Es ging den Zwölfen wie
einem freien Staate, dessen fliegendes Haar in eine Monarchie verwandelt wird! -
Da jeder von diesen Nationalgardisten dieser Feierlichkeit halber zum Andenken
ein Communionskleid erhalten hatte, das, wie alle neuen Kleider, nicht
sonderlich sass, so hatten sie auch von dieser Seite kein geistlich-militärisches
Ansehen. - Schmerz über den Verlust eines braven Herrn, und Freude über das
erhaltene Ehrenkleid durchkreuzten ihr Gemüt noch überdiess, und man konnte sich
bei warmen Tränen des Lächelns nicht entalten, diese ehrlichen
Gemeindeältesten in pontificalibus zu sehen. Den folgenden Sonntag gingen alle
Zwölf ad Sacra, obgleich ihre Zeit respective noch 3, 5 bis 7 Wochen lief. - Auf
dem Sarge lag die ganze Rüstung und der Degen, alles ins Kreuz. Das
                                     §. 80.
                                        
                                   Abendessen
vor dem Begräbnisstage war sehr einfach, und sah einem Liebesmahl, einer Agape,
ähnlich. Unser Ritter hatte keine Nacht bei den Waffen in irgend einer Kapelle
gebetet, auch nicht nach Ritterweise eine Ritter-oder Waffenwache gehalten.
Diese Vigilien übertrafen an Feierlichkeit eine Ritter- oder Waffenwache bei
weitem.
                                     §. 81.
                                        
                                 Das Begräbnis
gab der Einfachheit des Liebesmahls nichts nach. Gern hätte die Ritterin sich
unterrichten lassen, wie die Exequien für einen Johanniterritter eigentlich
einzurichten wären; indes fand sich niemand, der die Art des Begräbnisses näher
angeben konnte. Da Heraldicus junior beim Castro doloris Flickarbeit geleistet
hatte, so ward ihm dieses Ehrenwerk zutrauensvoll ganz besonders übertragen;
doch konnte er keinen Fingerzeig in seiner heraldischen Rüstkammer finden, und
in dieser Grabesfinsterniss der Unkenntnis keine Lampe anzünden. - Am Ende sah
man sich der Notwendigkeit ausgesetzt, sich über folgende Solennitäten
einzuverstehen.
    Zuerst ging ein schwarz gekleideter Jüngling, der ein weisses Kreuz und eine
ausgelöschte umgekehrte Fackel in beiden Händen trug, und von Zeit zu Zeit in
die Worte ausbrach: Gehet! wir gehen hinauf gen Jerusalem. Sodann ward ein
Paradepferd von einem Stallknecht geführt, welchem dieser Feierlichkeit halber
der Charakter als Stallmeister ohne Chargenausgaben beigelegt ward. Der Anblick
des Pferdes brachte die Zuschauer zu den lautesten Klagen: Er ist nicht mehr! -
Man hatte sich nie vorgestellt, was für Wirkung ein dergleichen Paradepferd ohne
Reiter zu machen im Stande wäre. Ein Pferd dieser Art tut nicht anders, als
hätt' es seinen Reiter eingebüsst; und ist das nicht ein rührender Anblick? -
Wenigstens ein weit rührenderer, als wenn der Reiter das Pferd verliert. Unser
Pferd hätte gewiss noch mehr Wirkung getan, wenn der Ritter, der seit länger als
drei Jahren seiner Hauptflüsse wegen kein Pferd bestiegen hatte, dieses
leidtragende Paradepferd in seinem Leben geritten hätte. Doch zog man, um diese
Illusionsstörung zu schwächen, in weise Erwägung, dass der Ritter es hätte reiten
können! Freilich! Jetzt wurden drei Hunde an schwarzen Stricken geleitet. Dass
der liebe Greif unter diesen dreien nicht war, versteht sich von selbst. - Man
wollte bemerken, dass Hunde und Paradepferd Tränen in den Augen gehabt hätten. -
Wer weiss, ob und warum? - Nun gingen Dienerei und Stallleute paarweise.
Protagoras folgte mit dem Kammerdiener im ersten Paare, ohne dass die andern
älteren, und selbst der Silberdiener und Tafeldecker, ihm den Rang streitig
machten: - alle in ihren Feierkleidern mit langen Flören, die von den Hüten bis
zur Erde hingen. Dann folgten sieben jungen Leute, die bei der Rosentalschen
Domänenkammer angestellt waren, schwarz gekleidet. Diesen waren die
vorzüglichsten Insignien des Johanniterordens anvertraut, wozu auch ein
Foliobuch, um die Ordensregel anzudeuten, gehörte. - Ein altes Rechenbuch
leistete mit vielem Anstande diesen Dienst. Der Kammeldirektor trug auf einem
schwarzen Kissen den Orden. Auch hatte er den Auftrag, wenn man den Sarg
beisetzte, demselben die feste Versicherung anzugeloben, dass nach wenigen
Generationen diese Sonne wieder aufgehen würde. Der Kammerrat, welchem man den
Schnabelmantel zugeteilt hatte, war so unbeholfen, dass er dieses Ehrenstück
dreimal fallen liess; auch dem Kammerdirektor entfiel, wiewohl nur einmal, der
Orden. - Jetzt ward eine Fahne des Kreuzes getragen; zu beiden Seiten gingen
Marschälle mit Stäben. - Der Fähnrich und die Marschälle waren mit mehr Flor von
oben bis unten behangen, als alle andern. Man hatte diese drei Subjecte aus
einer der nächsten Städte gemietet, wo Marschälle und Fähnriche wohlfeil zu
haben waren. Die Leiche ward von sechs mit schwarzem Tuch behängten Pferden
langsam gezogen. - Unser Held war mit der Zahl 6 unzufrieden und wünschte
überall 9. Warum? Weil sein Conductor bei Gelegenheit als er seinem Novicius die
Zahlenobservation nahe legte, die Zahlen 3, 7, 9 und 10, als Vocale unter den
Zahlen, mit Ehrfurcht nannte. - Vocales unter den Zahlen? - Hat nicht alles in
der Welt seine Vocales? dachte unser Novicius. - Die zwölf Aeltesten gingen zu
Fuss neben her. Unweit der Kirche erschien der Schulmeister und Organist mit
seinem Musenchor von neun Knaben, die aus vollem Halse das Ritterlied: Erhalt
uns, Herr, bei deinem Wort, nach der Verbesserung des Pastors abschrien. - Bald
hätt' ich vergessen, dass drei Wagen mit sechs Pferden bespannt die Leiche
begleiteten. - An der Kirche ward der Sarg von den Zwölfen vom Leichenwagen
gehoben und bis zum Altare getragen, den der Pastor erstiegen hatte, um über die
Johanniterordensworte, Offenbarung Johannis XII. B. 7 bis 9 eine rührende
Leichenrebe zu halten. Die Worte lauten wie folgt: Und es erhob sich ein Streit
im Himmel. Michael und seine Engel stritten mit dem Drachen, und der Drache
stritt und seine Engel und siegte nicht, auch ward ihre Stärke nicht mehr funden
im Himmel. Und es ward ausgeworfen der grosse Drache, die alte Schlange, die da
heisst der Teufel und Satanas, der die ganze Welt verführt, und ward geworfen auf
die Erde, und seine Engel wurden auch dahin geworfen! - Die oben bemeldete
Procession stand während der Leichenrede am Altar.
    Ob es dem Pastor leicht oder schwer geworden, die Regeln der Taktik bei
diesem himmlischen Kriege zu enträtseln und die Türken, den Grossherrn,
Grossvezier, Veziere, Bassen, Agas in dieser Weissagungsstelle zu finden, muss ich
wohlerfahrnen Auslegern der Apokalypse zu entscheiden überlassen. Cato schloss
alle seine Reben: ego vero censeo, Cartaginem esse delendam; und unser in Gott
ruhender Ritter behauptete bei der Anwesenheit des in Gott andächtigen
Consistorialrats und seines weltlichen Gesellen, dass viele Geistliche ihre
Texte, so wie viele ungeschickte Aerzte ihren Patienten, behandelten, und an
seinem Prediger Exempel nehmen könnten, der mit seinen Texten, auch selbst mit
den widerspenstigsten, die sich schwer deuten liessen, sanft, wie mit gutartigen
Kindern, umginge. Es war nichts übereck in der Leichenrede, sagte der Nachbar,
der bei Gelegenheit der Aufnahme unseres Helden an der Verschwiegenheit zum
Ritter ward, obgleich wenn er auch der wohlerfahrenste Scheidekünstler in der
Redekunst gewesen wäre, es ihm Mühe gemacht haben würde, hier etwas auszusüssen
und abzusiegen. Die Ritterin war zu betrübt, um sich durch eine Altarrede über
Michael und seine Engel stören zu lassen. Desto besser! - Protagoras der
Begleiter war so stolz, als würde sein Namensfest gefeiert. Die Kunst zu trösten
war unseres Leichenredners Sache nicht; und die meisten Menschen sind leidige
Tröster. - Wer nicht das Herz künstlich verwunden, den halb oder am unrechten
Orte gebrochenen Arm künstlich und gehörig ganz zu brechen versteht, besitzt
auch die Kunst nicht, zu heilen und zu verbinden. Die Nachbarin und ihre Töchter
waren des kritischen Dafürhaltens, dass unser Leichenredner auch selbst in der
Offenbarung Johannis einen bessern Text hätte auftreiben, können; indes nahm
sich unser Vocalheld Michaels und seiner Engel an, und die Damen traten bei. -
Da ist ja, sagte der Nachbar auf den Junker und seine Tochter zeigend, Michael
und seine Engel; und machte seine Töchter rot - den Junker nicht. - Der
Begleiter lächelte; ich möchte wissen, warum?
    Als etwas Besonderes ward bemerkt, dass auf Stirn und Gesicht unseres Ritters
sich keine Falte zeigte. - Kein Fluch, sagte die Ritterin, beunruhigte den
Seligen; seine Rechnung war rein und richtig abgeschlossen, und kein Deficit
quälte seine scheidende Seele. - Will man sagen, er war tugendhaft, weil er
keine Gelegenheit hatte lasterhaft zu sein, fügte die Nachbarin hinzu, so irrt
man: er war reich. - Der Nachbar bemerkte: seine leichten Ideenspiele berührten
ihn noch sanfter, als Schmetterlingsflügel - und auch niemanden von seinen
Freunden und Freundinnen fielen sie schwerer. Die ABC-Töchter weinten, ich weiss
nicht, ob um ihren Herzen Luft zu machen, oder ob dem ABC-Junker zu Liebe.
Heraldicus junior schloss mit dem Dank an den Leichenconduct: »Wir haben getan,
was wir zu tun schuldig waren. Der Unvergessliche« (das Legat begeisterte seine
Zunge) »hat eine gewisse Feierlichkeit naturalisirt; und die Rosentalsche
romantische Gegend schien diese Neigung zu begünstigen! - Was an äusserer
Feierlichkeit abging, Verewigter! das ersetzten unsere Herzen.« - - Ohne Zweifel
wird man auch mir erlauben, mich in diese Nachreden zu mischen. Schwärmer
geniessen alles voraus, Philosophen alles hinterher. Geht da! den Grund von dem
runzellosen Gesichte der Schwärmer im Leben und im Tode, und von den Furchen in
den Gesichtern der Philosophen, die sich in ihren Hoffnungen so oft betrogen
finden! - Gott tröste sie!
    Dass ich übrigens die veralteten und verjährten deutschen Wörter unseres
Ritters nicht beibehalten, sondern nur selten davon ein Pröbchen gegeben habe,
wird meine Leserwelt hoffentlich mit Dank erkennen. - - Hiermit
                                     §. 82.
                                        
                                   Ruhe wohl,
edler Ritter! Deine Werke folgen dir nach! - Nie werde deine Asche durch den Fuss
eines Drachen von Türken entweihet, und wenn eine Schlange von Mamelucken diese
Strasse zieht, und lästern will, falle ihm von dieser heiligen Asche so viel in
die unrechte Kehle, dass er sich bekehre und lebe! - Ruhe wohl! - Der Tod ist ein
ächter Ritter, gewiss mehr fröhlicher als trauriger Gestalt. - Er überwindet die
Drachen des Lebens, lässt den Körper das heilige Grab erobern und einnehmen,
während der Geist zum himmlischen Jerusalem eingehet. Nach diesem Elend ist ihm
bereitet Eldorado der Ewigkeit! - Du starbst ritterlich. Wohl dem, der es
vollbracht hat! - Dich suchten ein fälliger Wechsel, ein weiser Vetter, eine
Consistorial-Commission und so manches andere heim, ohne an deine Mütze zu
denken. - - - Und was drängt und drückt mich, ohne dass ich eine Mütze tragen
darf, und mit einem abgelaufenen Wechsel von einem Emsigen bedrohet werde?
Staatsgeschäfte, an denen man den Undank im Original kennen lernen kann! Ach!
ein Jerusalem anderer Art, das da tödtet die Propheten, und steinigt die zu ihm
gesandt sind - und wo wahrlich kein Schlafstübchen der Frau Pontius Pilatus
vorhanden ist, um des Tages Last und Hitze zu verträumen! - Und wenn ich als
Schriftsteller mich erholen will - wer sucht mich heim? Wahrlich kein reisender
Vetter, keine Consistorial-Commission - die, sobald sie weinwarm war, mit sich
handeln liess. Da wollen Prophetenknaben zu Rittern an mir werden! Eben heute
(den 26 Oktober 1792) les' ich eine Recension, in der man den Prophetenknaben an
seinem Vivat-und Pereatgeschrei, und an seinem Fensterwurf mit Händen greifen
kann. Lieber Gott! dies Knäblein vergreift sich an einer Schrift, bloss weil sie
in seinen ästetischen Heften sich unter keine Rubrik bringen lassen will! Mit
den lieben Heften! Immerhin! ich will keinen Bären aussenden, der diesen Knaben
in seinem Spiele störe, um ihm seinen Freitisch nicht zu verderben, und den
Groschen zu entziehen, den ihm der Verleger zahlt! - Oder wie? ist es - selbst?
Nun, wahrlich, dieser Schwächling wird nie die Kinderschuhe ausziehen und über
seine Hefte kommen. - Guter Ritter, verzeihe mir diese Nutzanwendung, die mir an
deiner Gruft so wohl tut! Sie fiel deinem Leichenredner nicht ins Wort, noch
der Kritik über seine Rednergaben, die wahrlich anderer Art war, als die, womit
ein Knabe an Geist oder Leib, oder an beiden, sich an mir vergriff. Guter,
seliger Ritter, wenn dein Vokalsohn den Bau nicht vollenden sollte, den du so
herrlich auf dem Papiere angefangen hast, wird doch diese Stätte heilig sein dem
Consistoriali und dem Laien, und jedem der wert ist, dich zu kennen - heilig!
bis jeder mit Simeon sagt: Herr! nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren!
 
                                 Zweiter Teil.
                                      §. 83.
                                        
                                 Die Betrübnis
des Sohns über den väterlichen Verlust war so herzlich, als sie nur je bei einem
Sohn gewesen ist und sein kann; indes konnt' er sich nicht entbrechen, während
der Leichenrede über Michael und seine Engel, an den Engel zu denken, der ihm in
Gestalt eines Bräutigams der Enkelin von Fräulein Cousine erschienen, und an
seinen Diener Michael, der ihm von seinem Vater, im letzten Willen, als
dienstbarer Begleiter zugewiesen war. Da eben dreimal drei Wochen abliefen, und
ihm nach dreimal drei Stunden, von Präsentation des letzten Briefes an
gerechnet, die Pflicht der Antwort oblag - wer kann es ihm verdenken, dass er
während des Streits zwischen Michael und dem Drachen auf die Ausführung eines
Reiseplans dachte, welcher schon längst, vor der Abreise seines Vaters nach dem
himmlischen Jerusalem, vorgetragen und bewilligt war. Er sollte drei Jahre
abwesend sein. Jetzt kam es nur auf die Frage an: ob, und auf wie lange, die
veränderten Umstände diese Reise aufschieben würden? Wenn gleich sein
einundzwanzigstes Lebensjahr abgelaufen war, in welchem, weil dreimal sieben
einundzwanzig machen, er freilich etwas Besonderes hätte unternehmen sollen, so
tröstete er sich doch mit dreimal neun, und glaubte, dass, wenn er im
siebenundzwanzigsten Sophien fände, es alles sei, was von ihm erwartet werden
könnte. - Ausser dieser Präliminarfrage, wie viel andere? Wird Heraldicus junior
nach dem Legat, welches ihm ohne Einschränkung und Bedingung zufiel, der Führer
sein wollen? Und wen wird die zärtliche Mutter dem einzigen so herzlich
geliebten Sohne sonst zugesellen, wenn Legatarius etwa sich weigern sollte? -
Das Unschickliche, sich noch im einundzwanzigsten Jahre führen zu lassen, fiel
ihm nicht ein, da Prinzen von den ersten Häusern noch weit länger ihre
Gouverneure behalten, so dass es kein Wunder ist, wenn regierende Herren nach der
Zeit, und ihr Lebelang, sich von Leuten führen lassen, die gemeinhin weit mehr
als ihre Gouverneure sind, wenn gleich sie alleruntertänigst treugehorsamste
Diener (servi servorum) heissen.
    Der Hauptumstand, den unser Held vor sich selbst zu verheimlichen suchte,
blieb die Frage: wohin? Zur Loge, zum hohen Licht, oder zum Fräulein Unbekannt,
das, wenn gleich es drei Viertelstunden mit einem Unbekannten, in Gegenwart der
Kammerzofe, conversirt hatte, unserm Helden doch unablässig vor Augen schwebte -
oder flitterte? War's bei so viel Fragen, die mit einander stritten, dem Junker
zu verdenken, dass er vom himmlischen Kampf zwischen Michael und seinen Engeln
auf einer, und dem Drachen und Schlangen auf der andern Seite, wenig oder nichts
vernahm? Nach drei Tagen trat er der Sache
                                     §. 84.
                                     näher.
Die Mutter, die den Willen ihres Gemahls nach seinem Ableben eben so sehr in
Ehren hielt, als ob er noch am Steuerruder des Rosental'schen Staats wäre,
bestätigte den Reiseplan, verstärkte die ausgesetzte Summe um ein ansehnliches,
und war in ihrem mütterlichen Segen so liberal, dass sie kraft desselben nicht
nur wünschte, sondern auch gewiss war, ihr Sohn würde der Unbekannten den Gruss
ihres sterbenden Gemahls überbringen, sich selbst und seine Mutter mit einer
Sophie bekannt machen, und so die Schmach heben, welche man diesem Namen
erwiesen hatte. - Nicht undeutlich liess sie es merken, dass man diesen Namen denn
doch einmal in Lebensgrösse in der sitzenden Jungfer erblicken, und ihn um kein e
und i bis auf den Punkt bringen würde. Ziehe hin in Frieden, fuhr sie fort, und
wenn du den Gastvetter, den Menschenhäuser (unsere Wege sind nicht Gottes Wege,
unsere Gedanken nicht die seinigen) triffst, beteuere ihm, dass sein Andenken bei
uns im Segen sei. Auch dein Vater verehrte ihn im Herzen, wenn gleich er kein
Freund vom Schnabelmantel und von der Kleidung der Ritter Grosskreuze, wenn sie
zur Kirche und wenn sie zu Rate gingen, war, die Heraldicus senior gefertigt
hatte, und die trotz der Dalmatika des Kaisers Karl des Grossen, vor Würmern und
andern Feinden bewahrt werden sollen, so lang ein Faden beim andern ist!
                                     §. 85.
                                        
                                 Der Legatarius
lehnte den Antrag der Mitreise aus Eigenliebe zur Freiheit ab, und da er, kraft
seines Freiheitsdünkels, es nie auf grosse Dinge angelegt hatte, wollte er dem
Fräuleinsohne sein Gütchen abkaufen, der sich vorzüglich in Rücksicht seines
Schwiegersohns vergrössern musste; und so entging er, ausser dem allgemeinen Leiden
und jener Plage, die ein jeder Tag und fast auch jede Nacht hat, allen andern
Plagen und Sorgen, die zu den besonderen gehören, welche der Staat über seine
ersten Staatsbürger oder Officianten verhängt. Nimmermehr würd' er vor der
Consistorial-Commission geflohen sein, hätte er diesen Ausgang seines Schicksals
sich vorstellen können. Armer Prediger, dacht' er, der du keinen Augenblick vor
hohen und niedern Schulmeistern und Nachtwächtern sicher bist! Hätte ihm die
Ritterin oder ihr Sohn die Mitreise nahe gelegt, er würde, aller Vorliebe für
Freiheit ungeachtet, sich mit auf den Weg gemacht haben. Da indes unser Held in
ihm keine Berufsspur zum Ordensmann entdecken konnte, und der Werbehauptmann,
der die nämliche Bemerkung machte, seinem Novicius in Hinsicht des Legatarius
vorzüglich Rückhalt empfohlen hatte; so entband man ihn gern von dieser Mühe,
die Pastor loci, aus Hunger und Durst nach Geheimnissen, mit Entzücken
übernommen hätte. Betrübter noch wäre der Pastor gewesen, wenn er nicht die
Hoffnung gehabt, dass sein künftiger Kirchenpatron bei seiner Rückkunst ihn
initiiren, und wo nicht auf Prima, so doch auf Secunda bringen würde, da er
schon in einer andern Verbindung auf Secunda zu sitzen die Ehre hatte, und von
der Maurerei nicht glaubte, was er las, sondern was er hörte. Er war so
bescheiden, sich selbst für nichts mehr als Einen Secundaner zu halten. In der
Tat, er war auch wirklich nichts mehr und nichts weniger. - Legatarius lachte
im Herzen über diese Ordensschwäche, und wenn gleich er auch auf Secunda zu
sitzen die Ehre hatte, als welches Avancement ihm zu seiner Zeit durch unsern
Helden als Herold nicht ohne Pomp verkündigt ward, so tat er doch im Herzen auf
Prima, Secunda und Tertia Verzicht, und konnte sich über den Prediger nicht
genug wundern, dass er ausser Mosen und den Propheten, ausser seiner natürlichen
und seiner excolirten Vernunft, noch mehr Licht suchte. - Die Spruchstelle:
suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan, deutete der
Pastor und Heraldicus junior jeder auf eine besondere Weise. - Äusserlich liess
sich Legatarius, der aus einer Studirstube in die Welt getreten war, von seiner
Ordensverachtung um so weniger Etwas merken, da er für seine Anhänglichkeit an
das Rosentalsche Jerusalem so reichlich belohnt war! - Dies erkannte er mit so
vieler Rührung, dass er, dieser Spielerei eine gute Wendung zu geben, sich
philosophische Mühe gab, und am X. Sonntage nach Trinitatis in die Kirche ging
sein Leben lang. - Nie anders als mit Ehrerbietung dachte er des Ritters, und da
er bei allem seinem Freiheitssinn die Poesie liebte, und selbst im Stillen Verse
creirte, so erschien auf das Ableben seines Wohltäters unter der Aufschrift:
der ritterliche Tod, ein Gedicht, das man auch befreites Jerusalem hiess. Hier
ermangelte er nicht, zu bemerken, dass die Vernunft auf ihrem Präsidentenstuhl
gesessen, und wenn Fürsten Lieblinge und Päpste Nepoten, Geistliche
Inquisitionsscharfrichter hätten, und Richter hellsehende Blinde wären, so -
doch, man weiss schon, was auf einen dergleichen Anfang in Lobgesängen folgt.
Auch nahm er sich vor, durch ein komisches Heldengedicht die
Consistorialcommission zu verewigen. - Nun war der Punkt wegen der
                                     §. 86.
                                        
                                   Begleitung
noch zu erörtern. Michael, der dem verstorbenen Ritter vom Pastor loci
empfohlen, in dieser Rücksicht gemeineren Arbeiten entnommen und zu einer
bessern Klasse der Dienste bestimmt war, entschied den Fall, der ohne ihn gewiss
so leicht nicht zu entscheiden gewesen wäre. Mann und Frau, sagte Michael, Vater
und Sohn, Herr und Diener: Was Gott zusammenfügt, soll der Mensch nicht
scheiden; und scheidet nicht ein Dritter solche Paare von einander, die Gott
zusammengefügt hat? Ist dieser Dritte alsdann nicht gemeinhin ein Eheteufel?
Warum nicht gar, erwiederte der Junker. - Ist drei nicht eine heilige Zahl?
Gibt's nicht in der Natur ein Dreiblatt (Trifolium), welches ein herrliches
Hausmittel ist und auch in der künstlichen Arzneikunst gebraucht wird? Können
nicht Vater, Mutter und Sohn oder Tochter eine Dreieinigkeit ausmachen, welche
die Natur begünstigt? - Ich will dich nicht zurück in deinen Holzbündel von
Katechismus führen. - Michael, der eine knechtische Furcht vor dem Katechismus
hatte, fiel seinem Herrn demütigst ins Wort, um ihn an den Stand der Ehe zu
erinnern, wo ein Dritter alles in Unordnung brächte, es wäre denn, dass das
dritte Blatt als Hausmittel oder als künstliche Arznei gebraucht würde; und sei
es, dass ihm der Cavalier einfiel, der mit Fräulein Sophie von Unbekannt drei
Viertelstunden, wiewohl in Gegenwart der Kammerzofe, conversirte, oder dass er
durch die Ueberzeugung, die heilige Zahl verliere in der Ehe ihre Heiligkeit, zu
Paaren getrieben ward, kurz und gut, der Junker schwieg und Protagoras hatte
gesiegt! - Jetzt allererst fiel er auf die Frage: bin ich denn nicht alt genug,
mich ohne Heraldicus junior zu behelfen? Wird man nicht Bedenken tragen, mit den
Vokalgeheimnissen herauszurücken, wenn Zwei sind, die darnach trachten? -
Michael war äusserst verlegen über diese letzte Frage, welche der Junker so laut
dachte, dass Michael sie vernahm. Natürlich fielen ihm die Nachrichten ein, die
er seinem Mäcenas verheissen hatte, und die Wiss- und Neugier gehörten zu seinen
Tugenden und Untugenden. - Man sagt, dass diese und einige Tugenden und
Untugenden von Einem Vater und zwei Müttern wären. - Freilich kommt's viel auf
die Mütter an! - - Die Sache ward der Ritterin referirt, und sie bestätigte die
Wünsche ihres Sohnes, und ermahnte den Protagoras, sich des Zutrauens würdig zu
machen, das man in ihn auf eine so einleuchtende Weise setzte. Wer hätte sich
besser als
                                     §. 87.
                                        
                                    Michael
geschickt, den Junker zu begleiten? Michael war so wenig ein Jadiener, als der
Junker ein Jaherr. - Der letzte hatte seine Partie genommen, und ich stehe
dafür, Michael wird auch die seinige ergreifen. Bei viel Gutmütigkeit, besass er
die Gabe, jede Sache von der natürlichen, vielleicht eigentlichen Seite zu
nehmen, und sie von aller Kunst zu entkleiden, so dass sie oft nackt und bloss da
stand, wie im Stande der Unschuld, ohne sich nach einem Feigenblatte umzusehen.
- Michael, der freilich das Ankleiden so gut als das Auskleiden verstehen
sollte, war überall nur ein schlechter Putzmeister. - Es fehlte ihm an
Gewandteit, seine Gegenstände zu zieren. - Er selbst war so ungeschmückt, dass
er bei jedem Weltmann anstossen musste. War es Wunder, da er bei viel Mutterwitz
und Vaterurteil keine Erziehung gehabt? - Er gehörte indes auf keine Weise zu
der berühmten Schildknappensippschaft komischen Andenkens, bekannt seit und
durch ihren Ahnherrn Sancho Pansa, weiland berühmten Stallmeister des weiland
berühmteren Junkers Don Quixote von Mancha. So wie Philosoph Terrasson, so oft
er Blössen gibt, uns ein angenehmes sanftes Lächeln ablockt, so ging es auch
Michaeln. Seine ungeputzte Seele vernachlässigte ihren kurz und dickleibigen
Freund, den Körper, ohne ihn zu verwahrlosen. Wenn er seines Gleichen an
Verstand und Willen übertraf und seinem Herrn Kopfdienste leistete, so sah es
doch zuweilen mit den Handdiensten nur sehr dürftig aus; und wenn andere seines
Gelichters sich durch ausserordentlichen Putz so auszeichnen, dass sie eben dieses
Putzes halber ihre Herren berechtigen oder zwingen, schlecht und recht einher zu
gehen, so liess doch Michael dem Junker hier den weitesten Spielraum, von dem
dieser indes, wie alle Schwärmer, die auf inneres Licht und innere Kleidung
ausgehen, wenig Gebrauch machte. Es fehlte Michaeln immer etwas an seinem
Anzuge. - Seine Rock-und Westenknöpfe waren nie vollzählig, und die Staatslivree
ward schon in den ersten vierundzwanzig Stunden so bezeichnet, dass man sie,
unter vierundzwanzig andern, auf den ersten Blick gekannt haben würde, wenn auch
diese sonst ganz gleichförmig gewesen wären. Mit seiner Frisur lebte Michael in
beständigem Zank und Streit; sie befand sich immerwährend in einer Lage, als ob
er sich gerauft hätte. Indes erregten alle diese Flecken und Runzeln beim Junker
keine Bedenklichkeit, ihm das Prädikat als Begleiter zu bewilligen und diesen
Vorzug nicht bloss auf den Titel einzuschränken, sondern ihn auch auf den Geist
dieses Namens auszudehnen. Der Pastor fand die Wahl vortrefflich, weil er durch
Michaeln von den Ordensfortschritten des Junkers getreulich unterrichtet zu
werden hoffte. Er hatte den Protagoras zu seinem geheimen Untergebenen (warum
soll man denn bloss geheime Obern haben?) gemacht, damit er, wo möglich vom
Glauben zum Schauen gelangen möge, als welches wir ihm von ganzem Herzen gönnen
wollen. - Nachdem er Michaeln mit seinen Ideen bekannt gemacht, segnete er ihn
zu seinen Kreuzzügen so rührend und ungewöhnlich, wie Voltaire den Enkel
Franklins, ein, wiewohl weit ortodoxer, förmlicher und seiner Absicht
anpassender. - Nichts bedauerte er so sehr, als dass er diese Reise mit dem
Rücken ansehen musste. Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet, fing er an,
und schüttelte gewaltig sein Haupt über den Heraldicus junior, der diese Reise
um die moralische Welt ausgeschlagen hatte. Der Tag zur
                                     §. 88.
                                        
                                    Abreise
ward mit Genehmigung der Ritterin bestimmt. Der Pastor loci ermangelte nicht,
öffentlich zu beten und insgeheim zu wünschen. - Oeffentlich brachte er dem
lieben Gott seinen Kirchenpatron in Erinnerung, und empfahl ihn der göttlichen
Obhut inbrünstig, damit er zur Freude und zum Trost der durch das Ableben des
Ritters tiefgebeugten Frau Mutter Gnaden, mit Kenntnissen bereichert, sich
selbst zur Ehre, seinem Geschlechte zur Zierde, und allen zur Bewunderung
heimkehren möge, in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, Amen. In seinen geheimen
Wünschen ging er viel weiter. Da die meisten Menschen in ihren Gebeten eine
gewisse Lebensart oder Bescheidenheit beobachten, so glauben sie, in ihren
Wünschen - als hörte sie Gott nicht - dreister und ungezogener sein zu können.
Soll ich diese vor sich's mitteilen? - Ich dächte, meine Leser wüssten sie so
gut, als der Pastor und ich. - Auch den Begleiter des Kirchenpatrons schloss er
ins Oeffentliche und ins Geheime ein. Ueber die öffentliche Empfehlung der
göttlichen Gnade und Treue ward, obgleich sie freilich nur beiläufig geschehen
konnte, Michael bis zu Tränen gerührt. - Viele in der Gemeinde schluchzten -
indes so laut bei weitem nicht, als am zehnten Sonntag nach Trinitatis. - So wie
der Ritter einige Tage vor seinem Ableben Abschied genommen hatte, so teilte
auch die Ritterin, viele Tage vor der Trennung, ihrem Sohne das Schatzkästlein
mütterlicher Lehren und Segnungen mit, unter denen Sophie natürlich eine
Hauptrubrik ausfüllte. - Die Welt stand ihm offen; war es Wunder, wenn die
Frage:
                                     §. 89.
                                     wohin?
unserem Junker und seinem Begleiter eine lange Unterredung kostete? Ich will sie
kurz wiederholen.
    Als Herkules, fing Michael an -
    Wie kommst du und Herkules zusammen? griff der Junker ein.
    Nicht ich, versetzte der Begleiter, sondern Herkules und Sie, oder Sie und
Herkules sollen zusammenkommen. - Oder soll ich nicht die Ehre haben, den
Herkules zu kennen? Da wär' ich nicht wert, Sie zu geleiten auf den Bahnen zur
Rittermeisterschaft; - nicht wert, zu den Füssen Gamaliels gesessen und die
vernünftige, lautere Milch eines Unterrichts eingesogen zu haben, den man in
Osten, Süden, Westen und Norden schwerlich vernünftiger und lauterer finden
wird. - Der grosse Ritter Herkules hatte die Qual der Wahl zwischen Wollust und
Tugend, und wie? - Es erschienen ihm zwei weibliche Figuren. Was tat er? Er
fasste sich und machte es wie ein weiser Richter, der ein paar Advokaten hört und
sich entschliesst -
    Dem ist also, sagte der Junker. Was willst du aber bei der Frage wohin, mit
deinen weiblichen Figuren, deinem paar Advokaten und dem weisen Richter, der
sich entschliesst?
    Um Ihre Lage misslicher darzustellen, als die des Herkules, der vielleicht
kurz vor der Abreise von seinem Rosental, nach dem hohen Licht, diese
Erscheinung hatte. Denn zu geschweigen, dass man zwischen Lea und Rahel, falls
man nicht auf beiden Augen blind ist, einen Unterschied zu machen im Stande ist;
zu geschweigen, dass Herkules nicht die Nottaufe erhielt (die bei uns
Rosentalern allen im Segen ist und bleiben wird), vielmehr schon als Kind in
der Wiege zwei Schlangen, die ihm nach dem Leben trachteten, erdrückte, so ist
Ihnen nur eine einzige weibliche Figur erschienen, die Sie als Huldgöttin und
Schwester zu weisen strengen Ordenspflichten und zum sanften Ehebette, gleich
stark einlud. Wohin Ew. Gnaden bei diesen Umständen sich wenden werden? ist die
Frage, die genau genommen, nicht schwer zu beantworten sein kann, denn ich
glaube, glauben zu können, dass, wenn Ew. Gnaden Fräulein Sophien entdecken, Sie
durch ihren Besitz, wo nicht im hohen Lichte selbst Sich befinden, so doch nicht
entfernt von demselben sein werden.
    Dein Gamaliel, erwiederte der Junker, hätte dir Zeit gönnen sollen, dich in
der Frisir-, Rasir-, Complimentir- und in andern deinem Stande angemessenen
Künsten, wohin ich die Kunst des An- und Auskleidens mitrechne, unterrichten zu
lassen, ohne deinen Kopf mit dem Herkules und seinen beiden Paradiesschlangen zu
belästigen, und wenn ich mich gleich meiner Nottaufe zu schämen keine Ursache
finde und nur selten jemand so viele hohe Taufzeugen aufzuzählen haben wird,
obschon ich wegen meiner 24 Vornamen in Punkto der Vokale keiner geringen
Schwierigkeit ausgesetzt bin -; so ist es doch unschicklich, dass du dir
herausnimmst, mir im Angesicht des Herkules meine Nottaufe vorzuwerfen. Ich
sehe wohl, dass, wenn du gleich, wie Protagoras, das Holz deines Katechismus zu
binden verstehst, dir noch sehr viel abgeht, um ein brauchbarer Diener zu sein.
    Wahr, gnädiger Herr! und das traurigste dabei ist, dass man ein brauchbarer
Diener zu sein auch von dem brauchbarsten Herrn nicht lernen kann, vielmehr
sollen die brauchbarsten Herren in diesem Unterricht leider! die unbrauchbarsten
sein.
    Was die weibliche Erscheinung betrifft, deren du gedenkest, fuhr der Junker
fort, so kann meine Zunge nie den Namen Sophie aussprechen, ohne dass mein Herz
gerührt ist. - Ich berechtige dich hiermit, ihrer, so oft es dir gefällt, zu
gedenken. Noch sei es dir unverhohlen, dass ich wünsche, es möchte, da wenig oder
gar keine Logik in deiner Rede liegt, mit mehr Logik geschehen. Denn wenn Sophie
aus Orden und Liebe, wie der Mensch aus Leib und Seele, bestünde, so würde
freilich die Frage: wohin? keinem Zweifel unterworfen sein. Da sie indes nur den
ersten Grab des Ordens der Verschwiegenheit besitzt, und ihre erlangten
Einsichten, als Mitglied der Adoptionsloge, bei unserem Nachbar nicht leuchten
liess, so kann dies alles, und wär' es zehnmal so viel, gegen die Loge zum hohen
Licht, wo ich auf der Exspektantenliste stehe, wenig oder nichts betragen, und
du siehst von selbst ein, dass ich die Wahl habe, dem Orden, der mir in der
Person des Hauptmanns erschien, oder der Liebe, die in Sophien leibhaftig wohnt,
zu folgen. Das sind die beiden Arme des Weges, und welchen ich ergreife? - das
ist die Frage.
    Michael, der wohl einsah, dass er durch die Erinnerung an die Nottaufe, im
Angesicht des Herkules, einen grossen Fehler der Lebensart begangen, und dass er,
zum Nachteil der Loge zum hohen Licht, in Sophien nicht Orden und Liebe
vereinbaren können, riet zur Loge zum hohen Licht, um eines Teils, wie er
glaubte, nach den Gesinnungen seines Herrn zu votiren, andern Teils aber, um
hierdurch in den Stand zu kommen, desto geschwinder seinem Gamaliel den Segen zu
erwiedern, womit er ihn ausgestattet hatte. - Wenn ich nun gleich nicht läugnen
will, dass, wenn Michael Sophien den Apfel, wie weiland Paris der Venus, gegeben,
sein Herr eben so unzufrieden geschienen, so verwies ihm doch der Junker seinen
Rat und hielt auf Sophien eine starke Lobrede, dass Michael stehenden Fusses
seine Meinung änderte, und, aller obigen so wichtigen Gründe ungeachtet, Sophien
vorschlug. - Das Resultat war, dass sie einen Weg ausforschen wollten, mittelst
dessen man zu Sophien und zur Loge zum hohen Licht kommen könne. Das ist
freilich die sicherste Partei, zu der ein weiser Richter in der Mitte zweier
kunsterfahrner Advokaten sich zu entschliessen pflegt. - Wer beiden Recht gibt,
verdirbts mit keinem von beiden. Hiezu kam, dass Michael ganz richtig bemerkte,
sein Herr sei bei weitem so übel nicht daran, als Ritter Herkules, indem nicht
zwischen Tugend und Wollust, Tätigkeit und Faulheit, sondern zwischen Tugend
und Tugend, zwischen Orden und Liebe der Streit war. - Nach diesem wichtigen
Streit hätte man freilich glauben sollen, das gezogene Resultat habe sie aus
aller Not gebracht, allein sie waren, wie es fast immer bei Streitigkeiten
geht, bloss aus einer Not in die andere gekommen. - In der Tat, sie kamen
keinen Schritt weiter, denn wo war dieser Weg, um Orden und Sophien zu finden,
oder zwei Fliegen mit einmal zu schlagen? wie Michael sich ausliess. - Man
entschloss sich, beim Fräuleinsohue Feuer zu holen, und dazu hätte man sich, wie
mich dünkt, ohne die Frage: wohin? und ohne so viel gelehrte Antworten
entschliessen können. Sage mir aber, sagte der Junker auf diesem Wege zu Michael,
was du überhaupt von Herkules Versuchung denkst? - Eben das, was ich von einer
andern höchst merkwürdigen Versuchung, welche der Satan wagte, denke, erwiederte
Michael, wovon mich die vernünftige, lautere Milch meines Gamaliels unterrichtet
hat. Die Tugend und das Laster, die Wahrheit und die Lüge, Gott und Teufel,
halten in uns jeder seinen Advokaten, welche die Sache ihrer Machtgeber
vertreten; und da kommts nun darauf an, wozu die Vernunft, als der weise Richter
sich entschliesst, um die Angelegenheiten zu entscheiden und zur Execution zu
bringen. Hebe dich weg, Laster, hebe dich weg, Lüge, hebe dich weg, Satan!
    Du glaubst nicht an wirkliche Erscheinungen?
    Noch nicht.
    Das heisst, du hast Lust und Liebe, zu glauben?
    Allerdings.
    Und wann?
    Wenn ich sehen werde.
    Tor! dann wirst du wissen und nicht glauben.
    Michael behauptete, dass, wenn ihm wirklich etwas erscheinen sollte, wogegen
er so wenig etwas hätte, dass er's vielmehr wünschte, er zwar sehen, indes doch
noch nötig haben würde, zu glauben; denn, setzte er hinzu, wie leicht kann uns
etwas vorkommen, als sähen wir's, und wir sehen es nicht? - Kann man nicht
träumen, als wache man, und wieder wachend träumen? Schein und Erscheinung tun
oft so vertraut, als wären sie nahe verwandt, und doch sind sie verschieden, wie
Wahn und Wahrheit, wie Einbildung und Wirklichkeit. Ich setze Zehn gegen Eins,
Herkules sah Wollust und Tugend nicht mehr und nicht weniger, als Ew. Gnaden und
ich, und mit Ew. Gnaden Erlaubnis, als unser selige Herr Jerusalem.
    Der Junker hatte grosse Luft, Michaeln den Blitz-, Knall- und Türvorfall zu
erzählen, der ihm zur Zeit des Vorganges gar nicht auffiel, indem er sonst
schwerlich die Tür so gemächlich und leise zugezogen haben würde, und der
Entdeckung des Werbehauptmanns in Punkto des Früher- oder Spätersterbens der
Ehe- und Brautleute zu erwähnen: indes erwog er wohlbedächtig, dass man bei der
Loge zum hohen Licht drei Jahre auf der Exspectantenliste bleiben müsste, wenn
nicht nach Umständen diese Wartezeit um etwas oder um alles verkürzt wird; und
so blieb er verschlossen, um mit seinem Michael zuvor noch mehr Salz zu
verzehren. - - Herkules verlor übrigens so wenig durch die Kritik des Herrn, als
des Dieners, und tat wohl, sich geduldig ihr zu unterwerfen. Hätt' er ja was
übel nehmen können, so war es der Umstand, dass der Junker den Werbehauptmann,
trotz des Wortes Erkenntlichkeit, ihm nicht weit nachsetzte. Herr und Diener
kamen darin überein, sich auf dem geradesten Wege zu befinden, um etwas zu
sehen, und dies brachte auf die Frage: was jeder zu sehen wünsche?
    Mit dem lieben Wünschen! fing der Junker an. Du weisst, dass es mir in meines
Vaters Hause, das jedem Wohlerzogenen offen stand, nicht an Gelegenheit fehlte,
Menschen kennen zu lernen.
    Besser, versetzte Michael, sie wären nicht Wohlerzogene gewesen, besser von
Strassen und Zäunen, als mit hochzeitlichen Kleidern!
    Nicht also, erwiederte der Junker, der rohe Mensch hat seinen Mantel, so wie
der Erzogene, sie sind nur von anderem Schnitt und anderer Farbe! Es geht bei
Menschenbeobachtungen kein Haar besser, wie beim stark besetzten Concerte, wo
man, beim Geräusch der stärkeren Instrumente, die Violinisten zwar spielen
sehen, nicht aber hören kann. - Der Gastvetter, der den herrlichsten
Seelenhonig, wenn gleich auch manchen Seelenstachel, in Rosental zurückliess und
dessen Sache so wenig das leere Fach der Titulatur oder Spekulation war, dass er
vielmehr im Ganzen alles ganz herrlich einzugliedern verstand, machte mich auf
die Instrumente der Wünsche aufmerksam, welche die Menschen so ganz verschieden
spielen. Wünsche, Michael, sind nichts mehr, nichts weniger, als Gebete, mit dem
Unterschiede, dass der liebe Gott Gebete hören soll, Wünsche aber nicht. Gelt! -
Gamaliel war nicht anderer Meinung? - Wünsche nimmt sich der Mensch so wenig
übel, dass man ihn eben dadurch, im gemeinen Leben, fast handgreiflich fasst. -
Diese Wünschelrute, die mir der Gastvetter behändigte und die mir bis jetzt
noch um richtigsten schlug, habe ich, um Menschen zu kennen, in Gegen gebraucht.
Kannst du glauben, dass der wahre Geizhals sich selbst nicht viel wünscht?
    Andern gewiss noch viel weniger, fiel Michael ein.
    Nicht anders, erwiederte der Junker.
    Vielleicht aus Neid? sagte Michael.
    Aus Geiz.
    O des Toren!
    Neid und Geiz sind oft nahe, oft sehr entfernt verwandt, was ich dir aber
sage, aus purem Geiz.
    Mit Ew. Gnaden Erlaubnis scheint mir dieser Eingang der Frage, die
beantwortet werden soll, nicht günstig zu sein! Wie wär's, wenn wir diese Frage
auf eine gelegenere Zeit aussetzten?
    Freilich würde Nachdenken uns hier und da auf etwas bringen, das sich
vielleicht besser hören liesse, was aber nicht aufrichtig genug wäre. - Zum
Lippendienst, zur Herzentfernung.
    Wie Ew. Gnaden befehlen.
    Unser Herr und Diener hatten sich einmal vom Ziel entfernt und konnten aus
der Materie, warum der Mensch so sehr zur Heuchelei geneigt wäre, nicht
herauskommen. - Dass selbst elende, von Grund aus böse Menschen, wenn sie mit
ihren Helfershelfern einen Rat halten, sich die Schädlichkeit ihrer
eigentlichen Absicht zu beschönigen Mühe geben; und dass, wenn gleich jeder
dieser elenden, von Grund aus bösen Menschen und ihrer Helfershelfer, weiss, die
angegebene sei nicht die wahre Absicht, man doch nach dem Scheine buhlt: - war
beiden ein Wort zu seiner Zeit.
    Wehe über den Heuchler, sagte der Diener.
    Warum denn? der Herr.
    Weil er heuchelt!
    Willst du denn, dass er so sich zeigen soll, als er ist?
    Allerdings.
    Können sich aber, selbst unter seinen Spiessgesellen, nicht einige finden,
die weniger böse sind, die durch die Offenheit ärger noch würden, als sie waren?
    Schwerlich! viel, kann's hier nicht zu verderben geben.
    In der Tat, dieser Tugendschein ist von der grössten Wichtigkeit; er legt
einen Beweis ab, dass auch Bösewichter die Tugend innerlich ehren. Zieh diesen
Vorhang, nimm diesen Schein hinweg, lass Menschen sich zeigen wie sie sind - und
es ist das Schrecklichste, was man sehen kann. Lass immerhin, wenn in der
Mördergrube über den Eingefangenen votirt wird, das votum decisivum heissen:
nicht Blutdurst, nein! die Furcht nicht verraten zu werden. - Lass dem
Bösewicht, der dem Unglücklichen das Leben nimmt, die Träne im Auge.
    Damit meine Leserwelt nur ja nicht wähne, es würde jeder Ritt meiner
Reisenden so weitläufig werden. Behüte! ich musste dies Paar repräsentiren. - Und
darf ich bei dieser Gelegenheit an die Spruchstelle erinnern: ich preise dich,
Vater, dass du solches den sich dünkenden Weisen und Klugen verborgen und es dem
Unmündigen, dem gemeinen Menschenverstande, der andern nicht Staub in die Augen
streut und auch nicht leidet, dass andere Staub in die seinigen streuen,
offenbart hast? - Nicht als ob Protagoras hiess Kleinod ergriffen hätte, sondern
dass sein unverbrehter Kopf und sein unverfälschtes Herz dazu keine kleine Anlage
hatte.
    Uebrigens sind zu grelle Abstechungen in den Charakteren wahre Unnatur. Die
Menschen sind sich in der Tat gleicher als man glauben sollte, - und wenn man
die Funken ihres Kopfes entflammt, was kann aus ihnen werden! - Von
Scheidemünzmenschen ist hier die Rede nicht, sondern von Menschen von besserem
Schrot und Korne, zu denen Protagoras gewiss gehörte. Die Mediceische Venus ist
von der Natur gewiss entfernter als Protagoras vom Demokritus. - Es war nicht
anders als würden Michaeln die ihm unbekanntesten Dinge als bloss vergessene in
Erinnerung gebracht. Scheint es nicht, die Menschen wären schon ehemals wo
gewesen, wo sie das alles gewusst hätten, was sie jetzt ganz frisch lernen?
Katechisirte Sokrates nicht alles aus seinen Schülern heraus? Sie waren der
Stein, aus dem sein Stahl Funken schlug. Können wir nicht durch
wohleingerichteten Unterricht andere selbst weiter bringen, als wir selbst sind?
    Noch mehr. Kann der Mensch je mit den Augen des Geistes oder der Sinnen mehr
sehen wie andere, kann er je ein geist- und leibliches Sonntagskind werden, so
ist's gewiss auf dem Wege der Unschuld, der Kindeseinfalt, der reinsten Güte des
Herzens und bei der höchsten moralischen Vollkommenheit, zu der Menschen
diesseits gelangen können. - Um mich des Ritters zu erinnern, der nun schon
weiss, wie es oben und unten zugeht, lasst mich mit seiner Losung, die in
Rosental eine Art von Ja und Amen war, schliessen oben oder unten ist Eldorado!
Eldorado! - Unser Held und sein Begleiter kamen zum
                                     §. 90.
                                        
                                 Fräuleinsohne,
der sie ländlich, sittlich, wie er sich ausdrückte, empfing. Er war, wie wir
wissen, nicht ohne Kenntnisse, allein durch seinen Ueberschritt von Sekunda auf
Prima hatten sie wahrlich nicht gewonnen. Man sah ihm zwar noch das Kind der
Liebe und der Wonne an, doch hatte hiess Ebenbild durch die Standeserneuerung
gelitten. Da er vom Werbehauptmann, wie er sich ausdrückte, höchlich vernommen
hätte, wie viel Dank er dem Rosentalschen Hause sowohl wegen seiner selbst als
wegen seiner wohlseligen Fräulein Mutter schuldig sei, so war unser Biedermann
über diesen unvermuteten Besuch hoch erfreut. Zu dieser Freude trug der Umstand
bei, dass Heraldicus junior mit ihm wegen seines Gütchens in Unterhandlungen
stand, und er als Verkäufer begierig war, sich nach den Umständen des Käufers zu
erkundigen. Eine gewisse Ungeschliffenheit konnte weder er noch sie verläugnen,
doch fiel die ihrige weniger auf. Weiber haben an sich und von Natur mehr
Lebensart als Männer. Unsere Dame hatte sich ohnehin durch das Bewusstsein ihrer
Geburt von dem, was gemein und niedrig ist, von jeher zu entfernen gesucht.
Jetzt waren beide Eheleute wegen des johanniterordensfähigen Schwiegersohns zu
einer Manier gekommen, die etwas widerlich abstach, und nie würden sie in die
Melodie jener hohen Festtagsfreuden sich haben zurückbringen können, zu welchen
sie ein Glas Most erwärmte und wobei sie über ihre wunderbaren Weihnachten so
herzlich zu lachen gewohnt waren. Der jetzige Ton im Meierhofe des Findlings
liegt ungefähr in der Antwort, die ein Emsiger seinem Fürsten gab. Ich habe von
Ihm geträumt, Freund Emsigerl sagte der Fürst. - Ew. Durchlauchten werden
gnädigst verzeihen - was denn? - Es wäre meine Schuldigkeit gewesen, von Ew.
Durchlaucht zu träumen. - Oder in der Höflichkeit jenes Postmeisters, der sich
beim Besuch des Fürsten gewaltig entschuldigte, dass er ihn im Schlafrock träfe
und geschwind für den kattunenen einen seidenen anzog. Die Frau Werbehauptmännin
dagegen war eine wahre Werbehauptmännin, das heisst eine so seine Weltfrau, dass
man erstaunen musste, wie bald sie zu diesen Werbeeigenschaften sich
hinaufstimmen können. - Sie nahm eben von ihren Eltern, welche sie besucht
hatte, Abschied, als man den Junker bewillkommte, und so gern sie ihr Werbnetz
ausgestellt hätte, um an einem so liebenswürdigen Jünglinge einen Verehrer mehr
bei ihrer Fahne zu haben, so konnte sie doch weiter nichts als ihm einen
schreienden Blick über den andern zuwerfen und ihn versichern, dass sie ihn in -
anmelden würde. Unserm Junker gefiel die Maurerschwester so wenig als dem
Begleiter, der, da sich die Reisenden ihre Herzen ausschütteten, die Meinung
äusserte, dass ein Tanz-, Spiel- und Singmeister es in kurzer Zeit unendlich
weiter beim Frauenzimmer als ein Gamaliel bringen könnte. Auch ich, Michael,
versetzte der Ritter, finde die Verschwiegenheitsschwestern viel vorzüglicher
als die Maurerschwestern, wenn ich von dem, was ich von beiderseits Schwestern
kenne, auf das, was ich nicht kenne, schliessen soll. Die Mutter konnte sich
nicht entbrechen, ihrer Tochter eine herrliche Standrede, und zwar auf Kosten
des Werbehauptmanns zu halten. Sie befände sich, sagte sie, bei weitem nicht in
den glücklichen Umständen, die sie sich selbst und so viele Weltmenschen ihr
prognosticirt hätten. - Die vernünftige Mutter des weiland Herrn Egalité ward,
wie man sich ins Ohr sagte, aus Verdruss über die vermeintliche Wissheirat noch
einmal Mutter. - Aus Verdruss? fragte der Junker. Wie ich Ihnen sage, beteuerte
die Referentin. Mit Tränen beklagte die Mutter diesen Verdrussschritt, nachdem
sie die Aufklärungen des Rechtsfreundes erfuhr. - Zu spät! wie doch die
Rechtsfreunde immer zu spät kommen und ausserdem, dass die Mutter des
Werbehauptmanns einen Sohn zur Welt brachte, ausserdem dass dieser Sohn ihr das
Leben in den Wochen kostete, verband der Schwiegervater sich aufs neue ehelich,
und den Kindern erster Ehe ist nicht nur durch die von einem Rechtsfreunde
erkünstelten Pakta viel entzogen, sondern die Schlangenlist der jetzt
florirenden Frau Gemahlin würd' ihnen gern noch die Ueberbleibsel entziehen, um
sich und ihre Kinder, die gewiss zu erwarten wären, desto mehr zu bereichern. Was
den Junker am meisten befremdete, war die Nachricht, dass der Hauptmann das
Unglück gehabt, seinen Abschied zu erhalten, den er wegen überwiesener
Vorentaltung und Verkürzung der Montirungsstücke suchen müssen, um nicht noch
obenein zur beschämenden Strafe gezogen zu werden. - Der gewesene Findling
wollte zwar die Frau Gemahlin zu mehr Zurückhaltung bringen, indes war sie nicht
zu halten, und er mochte husten, winken und drein reden, soviel er wollte, der
Candidat der Loge zum hohen Lichte musste noch wissen, dass der Hauptmann, bloss
weil es ihm an dem Schlagschatz fehlte, nicht Johanniterritter geworden wäre,
wozu ihm indes ein anderer Orden, der ihn für alles gehabte Unglück
entschädigte, ohne allen Zweifel verhelfen würde! - Diese weniger treuherzig als
aus Bitterkeit abgelegte Beichte konnte unserm Novizen in keiner Rücksicht
gleichgültig sein, obgleich er aus einigen Stellen der in ordensgemässer Ordnung
geführten Correspondenz auf etwas von dieser Art hätte schliessen können. Es
waren noch zwei Töchter des Findlings auf der hohen Schule, sonst würde er die
Werbehauptmännin mehr als jetzt haben unterstützen können. Auch konnte er in
Rücksicht des Ankaufs eines grössern Guts sich nicht entblössen; und wusste er denn
schon, was Heraldicus junior für den Meierhof geben würde? Mit der geerbten
Handbibliotek, aus Gebet- und Gesangbüchern bestehend, würde weder dem
Werbehauptmann und noch weniger der Frau Gemahlin gedient gewesen sein, wenn
Findling sie, das Werk mit den Hieroglyphen von Familienanzeigen nicht
ausgeschlossen, der Tochter oder dem Schwiegersöhne verehrt hätte.
    So geneigt der Junker und sein Begleiter waren, den Meierhof sogleich zu
verlassen, so konnten sie's nicht, da sie beim Willkommen zu einem längern
Besuch die Verbindlichkeit eingegangen waren. - Doch kürzte man so viel ab als
möglich, und kaum waren die Reisenden in freier Luft, als folgendes Gespräch wie
aus der
                                     §. 91.
                                        
                                    Pistole
fiel. Bis jetzt ist unter unsern Reisenden fast immer klüger geantwortet als
gefragt worden. Man gibt dies unsern Katechismen schuld, wo der Frager
vorschriftmässig weit dummer als der Antworter ist. Kein Wunder, wenn Protagoras
diese Metode noch von seinem Holzbündel beibehielt. Vielleicht verändert sich
in §. Pistole die Scene, wenigstens gibt's Fälle, wo Pistolenfragen und
Antworten von ganz besonderer Art sind. Was vom Werbehauptmann zu denken?
Freilich, sagte der Junker, wäre es besser, wenn Er über der Berechnung, ob Mann
oder Frau, Braut oder Bräutigam früher sterben würden? seine
Montirungskammer-Rechnung nicht vernachlässigt und hier nicht eine wahre
Rechnung ohne Wirt gemacht hätte. Vernachlässigt? erwiderte Michael. Seine
Sache steht schlechter. Ich verwette meine Montirung mit Ew. Gnaden Erlaubnis,
er hat seinen armen Untergebenen zu viertel und halben Ellen entzogen - und das
schreit gen Himmel. Dem Junker gingen alle die schönen Sentenzen durch Herz und
Kopf, wodurch der Werbehauptmann ihn so gewaltig einnahm; doch fiel ihm auch die
Behauptung der Ritterin ein, der Hauptmann zwirne seine Ausdrücke. - Das Wort
Erkenntlichkeit hatte schon damals, trotz der Ziege Amaltea, die den Jupiter
auf dem Berge Ida ernährte und deren Fell er zum Tapis machte, um hier der
Menschen Tun und Lassen aufzuzeichnen, - den Junker etwas kopf- und herzscheu
gemacht, und verfehlte nicht, sich jetzt wieder anzumelden. - - Nach etwa drei
Viertelstunden, während welchen unser Held in tiefer Stille an die Zählung der
Vokale, an alle die herrlichen Versicherungen, dass man im Orden keine
Schlechtigkeit dulde, wenn gleich sie sich in List verkleidet und mit dem Schein
des Rechts schmückt, und dass auch das witzigste Schelmstück mit Steckbriefen
verfolgt würde, und mitunter auch an Jupiter und an die Ziege gedacht hatte,
fing der Junker wie aus dem Schlaf erwacht an:
    Michael, wer ungehört verdammt, ist, um das Wenigste zu sagen, ein
schlechter Richter.
    Wohlgesprochen, gnädiger Herr! Gehört aber der Werbehauptmann zu den
Nichtgehörten?
    Allerdings.
    Hörten wir nicht die Schwiegermutter, die alles so zum Besten lehrte, als es
schwerlich der Werbehauptmann zu kehren im Stande sein würde, und sahen wir
nicht seine Frau?
    Der gewiss nichts von Anlage zur Vorentaltung und Verkürzung der
Montirungsstücke anzusehen war.
    Mit Ew. Gnaden Erlaubnis mehr als zu viel. Eine Frau, deren Gemahl den
Abschied nehmen muss, die einen Vater im Meierhofe besucht, sollte die, Ew.
Gnaden sind ein gerechter Richter, so sein als sie war?
    Vergiss nicht, dass sie Maurerschwester ist.
    Und wenn sie Maurermutter wäre, gnädiger Herr, ich weiss, Sie sind mit der
Wahrheit noch näher verwandt als mit Schwester und Mutter.
    Der Junker sank wieder in seine dreiviertelstündige Stille - und nach ihrem
Ablauf; Michael: ich kann den Werbehauptmann der Verkürzung und Vorentaltung
der Montirungsstücke halber nicht entschuldigen, so sehr ich's wollte. In
Kleinigkeiten niedrig handeln ist schändlicher als im Grössern. Es ereignen sich
dazu die Gelegenheiten so oft. - Das Gemüt scheint verderbter. Da es nicht
einmal einem Dreier widerstehen kann, wie weit tiefer wird es bei grössern
Versuchungen sinken? Auch ist man geneigt anzunehmen, dass ein dergleichen Mensch
mit der Gewohnheit zu fehlen so amalgamirt sei, dass es bei ihm auf keinen Kampf,
auf keine Gewissensbedenklichkeit weiter ausgesetzt wird. Man sagt, Lord -, der
vielleicht von Käuflichkeit der Parlamentsstimmen traurige Erfahrungen gemacht
haben mochte, behauptete, merke wohl, in einer Damengesellschaft, dass jede
fräuliche Tugend verführbar sei.
    In Damengesellschaft? fragte Michael.
    Wie ich dir sage.
    Und die Damen?
    Natürlich widersprachen sie, besonders eine. - Eine Million Pfund Sterling,
rief er, und die Dame schwieg. Geld her, der Kauf ist richtig, nahm er sich die
Lordsfreiheit zu sagen. Zugegeben, dass er den Streit gewonnen, was meinst du von
der schweigenden Dame? Ich nehme sie zur Frau, heute lieber als morgen.
    Und ich stehe für ihre Tugend.
    Michael, du übernimmst eine grosse Bürgschaft!
    Wer kann's bieten? -
    Wir sind mehr als einig, Michael?
    Desto besser!
    Daran zweifle ich, besser wär's, wir wären nur ewig.
    Ist der Unterschied zwischen mehr und nur so gross?
    Weisst du, was mir sicherer als die Tugend deiner Millionpfundsterlingsfrau
dünkt? - Dass der ein elender Mensch ist, der mit Pfennigen seine Tonnen Goldes
vermehrt, mit Verkürzung der Montirungsstücke seinen Hauptmannsposten -
    Gedacht gerade wie Sie, nur hätt' ich dies Holzbündel so nicht zu legen
gewusst.
    Dass du nur des Hauptmanns halber den Maurerorden nicht leiden lässt.
    Ich will's versuchen.
    Versuchen?
    Wär' er Hauptmann, nicht Werbehauptmann, unbedenklich.
    Das hohe Licht des Ordens soll eben sowohl dem Verstande als dem Willen
leuchten, nicht wahr?
    Bei meiner armen Seele, so denk' ich. -
    Es verdriesst mich, dass du nicht unrecht hast.
    Es verdriesst mich selbst, gnädiger Herr, dass ich recht habe.
    Die
                                     §. 92.
                                        
                                     Pferde
hatten während des vorigen Pistolenparagraphen sich zuweilen so gebäumt, dass
besonders Michael Mühe hatte, das seinige in Ordnung zu halten. Die Pferde? Eine
wohlverdiente Frage. Freilich hätt' ich's bei der Auslastung, und wenigstens
beim Auszuge bemerken sollen, dass die Wanderschaft zu Ross begann, und wie könnt'
es anders? Ein Junker, der auf Orden es anlegte, und ein Protagoras, der einen
neugierigen ordensdurftigen Gamaliel zurückgelassen hatte, mussten wohl natürlich
zu Ross diesen Weg antreten. A la Don Quixote? Mit nichten. Denn erstlich hatten
unsere Pferde keinen Namen; zweitens waren hier Herr und Diener, und nicht
Ritter und Stallmeister; drittens war ein Stallknecht in ihrem Gefolge, der
freilich bei Gelegenheit des Leichencondukts dem Stallmeister sehr nahe war, dem
indes dieser Titel vorüberging (- bald hätt' ich Würgengel von Titel
geschrieben; sind Titel es nicht gemeiniglich? -); viertens führte der
Stallknecht noch ein Reservepferd, dass drei Menschen und vier Pferde in diesem
Kreuz- und Querzuge waren (da die heilige Zahl an Menschen erfüllt war, warum
sollte man diese Perle der Heiligkeit bis zu den Pferden herabwürdigen? -);
fünftens hoffe ich, dass vom Stallknecht wenig oder gar nichts vorkommen werde.
Sechtens und siebentens behalte ich für mich - um meiner Leserwelt Gelegenheit
zur Vollendung zu geben - damit ich diesen Paragraphen so leise, wie mein Held
zu seiner Zeit die Türe, zuziehe. Lacht nicht oft mancher über den Don Quixote,
der es ärger macht, als dieser brave Ritter von trauriger Gestalt? Und wie viel
Fürsten und wie noch viel mehr Minister, treiben in ihren Regierungskreisen
Don-Quixoterien, freilich auf andere Manier! Don Quixote gab bei trauriger
Gestalt Lustspiele; jene Staatsruderer geben bei der fröhlichsten Gestalt
Tragödien. Cervantes kurirte die Spanier, Rabelais die Franzosen, und viele
Durchlauchten und Excellenzen verderben Staaten und Länder bis in Grund und
Boden. Wie wird unser
                                     §. 93.
                                        
                                    Empfang
sein? Der voreilige Begleiter behauptete, der Werbehauptmann würde seinem
Novizen drei Viertelmeilen entgegenkommen; wer sich aber irrte, war Protagoras.
Am Tore, da man das gewöhnliche Examen hielt, überreichte man dem Junker,
sobald man seinen Namen vernahm, einen Brief. Ha, dachte Michael, doch gewonnen!
Wieder verloren. Es entielt dieser Brief keine Sylbe weiter als eine
Logisempfehlung: zur
                                     §. 94.
                                        
                                     Sonne
Michael, der ungehalten war, dass der Werbehauptmann ihn zweimal fehlen lassen,
wiegelte seine ganze Beredsamkeit auf, um seinen Herrn zu bewegen, zum Monde,
einem Gastofe, einzukehren, wovon sie unterwegs eine vorteilhafte Beschreibung
eingezogen hatten; indes gewann Michael, seiner Beredsamkeit ungeachtet, das
missliche Spiel seiner Rache nicht, und es blieb bei der Sonne. Auf einen Besuch
vom Werbehauptmann hatte der Junker selbst ganz unfehlbar gerechnet, indes
wollte jener durch diese Kälte den Candidaten noch hitziger machen, und
wahrlich, es ist ein plumpes, doch fast immer unfehlbares Mittel, junge Leute in
einen Brennpunkt zusammenzudrängen, wenn man sie warten lässt. - Unser
Werbehauptmann hielt sich in Beziehung auf seinen Novizen für nichts weniger als
einen Newton, dem die Natur, wiewohl ohne Reception, ihre fünftausendjährigen
Geheimnisse offenbarte und gewisser als Protagoras würde der Werbehauptmann sein
Spiel gewonnen haben, wenn nicht die Dame im Meierhofe geplaudert hätte.
    Der Wirt zur goldenen Sonne, dem nichts von Montirungsstücken vorentalten
und verkürzt worden war, gab sich auf eine, wiewohl einstudirte Art Mühe, den
Werbehauptmann ins vorige Licht zu setzen. Er versicherte, dass er das Glück
gehabt, sich seinen Abschied selbst zu geben, um sich desto mehr dem Orden zu
widmen. - Niemand kann zweien Herren dienen! Und sich von mehr als einem
Begleiter bedienen lassen, fügte Protagoras hinzu, und war in grosser Versuchung,
den Gastwirt auf sich selbst zurückzuführen, der nur durch die Vielheit der
Herren gewinnt, denen er dient, und je mehr er deren zählt, je berühmter ist
seine Sonne. Doch beschämte Michael diesmal die Dame im Meierhofe. - Ein Fall,
der ihn nicht auf die Probe stellen muss! Hast du gehört, Michael? sagte
Novicius.
    Ich habe mir Mühe gegeben, gnädiger Herr, über die Erzählungen der
Schwiegermutter hinweg zu hören.
    Warum Mühe?
    Weil wir nicht im Monde, sondern in der Sonne logiren.
    Ich verstehe, soll man sich aber andern zu sehr überlassen und vor Baal, er
erscheine wie er wolle, die Knie beugen? - Nicht die Gotteit kann uns glücklich
machen, wenn wir nicht selbst Hand aus Werk legen.
    Auch ich verstehe, gnädiger Herr! - Allen Baals zum Trotz lebe der Orden!
    Er lebe!
    Der Besuch des Novizen bei seinem Conduktor ward schnell erwiedert, und nur
eine Stunde später, so wäre der Meister dem Jünger zuvorgekommen! Dem Gastwirt
zur Sonne war es nicht entgangen, dass das Zutrauen bei weitem so gross nicht sei,
als es beim Novizen gegen seinen Conduktor von Rechtswegen sein sollte, und in
der Tat, Novicius hatte einen grossen Teil der hohen Meinung aufgegeben, die er
ehemals vom Werbehauptmann gefasst hatte. Am Wirt lag es freilich nicht, den
Werbehauptmann zu heben. Dass er mit seiner Schwiegermutter in keine kleine Fehde
geraten, und dass die gute Frau das letzte Wort behalten, gehört nicht so
eigentlich zur gegenwärtigen Geschichte; wohl aber, dass die Tochter, obgleich
zum Glück unseres Junkers, nicht wie gestern und ehegestern gegen ihn sich
betrug. - - Die Scene veränderte sich, der Orden ward gerechtfertigt, und ein
gewandter, junger Mann erhielt den Auftrag, den Candidaten vorzubereiten. -
Dieser abermalige Abschied, den der Werbehauptmann erhalten zu haben schien,
setzte unsere beide Aspiranten um so weniger in Verlegenheit, als gleich beim
ersten Besuch der Antrag des Junkers, seinen Begleiter mit aufzunehmen, mit
Wärme bewilligt ward: - als dienender Bruder, versteht sich. Protagoras hatte um
so weniger beim dienenden Bruder eine Bedenklichkeit, als es ihm nicht um Rang
und Stand, sondern um Meisterschaft und Einsicht zu tun war, und die Sache zu
den Füssen Gamaliels in Erwägung genommen, der Herr dient so gut als der Diener.
- Es ist mir nicht erlaubt, die drei, sieben, neun und zehn Siegel der Papiere
zu brechen, welche die Aufnahmen des Junkers und seines Begleiters in den
Maurerorden, und alle seine viele Haupt- und Nebenzweige betreffen. Immerhin!
was gewinnen, was verlieren wir? Wissen nicht in unsern wunderlosen Tagen
Ungeweihete oft mehr vom Maurerorden, als active Teilnehmer desselben? Wer bei
diesen ungelöseten Siegeln der Offenbarung Sanct Johannis, seines öffentlichen
Gebets und seiner geheimen Wünsche ungeachtet, einbüsste - war Pastor loci, der
ein für allemal sich entschlossen hatte, vom Maurerwesen und Unwesen nicht zu
glauben, was er las, sondern was er hörte. Der Glaube kommt durch die Predigt.
Darf ich Sr. Wohlehrwürden mit ein paar Spruchstellen auf bessere Wege leiten?
    Marc. 4. V. 22. Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar würde, und ist
nichts Heimliches, das nicht hervorkomme. Und V. 24. Sehet zu, was ihr höret.
    Nur ein Dritteil aus diesen Texten von dem herausgebracht, wozu das
Evangelium am zehnten Sonntage nach Trinitatis so reiche Ausbeute darbot, wie
viel weiter wär' unser Pastor in Zeichen, Wort und Berührung!
    Des unglücklich Gläubigen, der hier Berge versetzt und dort nicht ein
Senfkörnlein Glaubens im Vorrat hat! - Uebrigens überzeugten sich Herr und
Diener gelegentlich, dass dem Pastor loci dis Unwissenheit im Orden zum Besten
diene. Warum? Er überhob sich einer Arbeit, die gewiss nicht zu den leichten
gehört. Auch nur bei halbem Glauben würde die Maurer-Polemik siebenmal stärker
als die Tetik werden, und dies Studium, wirb es nicht zu einem Ketzerlexikon
Stoff geben, das alle zeiterige Kirchen-und Ketzerlexika bei weitem übertreffen
könnte?
    Brocken, die von den reichbesetzten Geheimnisstafeln fielen, deren einige
Körbe der jetzt jubilirende Werbehauptmann, weiland in Rosental, bis auf die
diätetischen Regeln vom weissen Hemde verstreute: - wo Holz gehauen wird, da
fallen
                                     §. 95.
                                        
                                     Späne.
Es waren sieben Vorbereitungen, denen sich unsere Candidaten unterwerfen mussten.
                              Erste Vorbereitung.
    Geheime Gesellschaften sind entweder religiös, politisch oder moralisch. Die
Maurerei ist alles Dreies, - und diese Dreieinigkeit hat bereits gewirkt und
wirkt noch; - doch musste sie sich nach Zeit und Umständen modificiren, wenn sie
nicht wie ein Gewand (excipe die Ordenskleider des seligen Ritters) veralten
sollte. Daher die vielen Abweichungen, Uneinigkeiten und Zwiste im Orden. -
Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt, auf mehr Uebereinstimmung und
Zusammentreffung zu einem Hauptpunkt zu sinnen; obgleich es bis dahin nicht ohne
Nutzen blieb, dass fast jede Mutterloge ihren eigenen Weg ging, und dass ihre
Töchter, wenn sie heranwuchsen, auf eigene Oekonomie dachten. - Der Orden hat
sich im Religiösen, im Politischen und Moralischen, in dem gesitteten Teile der
Welt (und besonders der kleinen Welt Europa) zusehends nützlich und wirksam
bewiesen. Schwerlich werden die Lutere, vielweniger die Melanchtone unserer
Zeit, die Hinrichtung der Servete gut heissen; und schwerlich werden der
Sultanismus und die Anarchie, in Glaubens- und politischen Dingen, die eisernen
Scepter mit Erfolg weiter in Anwendung bringen; da Menschenschätzung und
Toleranz, welche Voltaire predigte, mittelst des Hauptmittels der Maurerei mehr
ins Leben vorgedrungen sind, und so manche andere Lehre, bestimmt wie Blut zu
circuliren, in Umlauf gebracht haben. Doch ist jetzt die letzte Stunde, die
Maurer-Apostel, die in alle Welt gehen, zu versammeln, die verratenen und
zerschmetterten Maurereinrichtungen zu übersehen, und mehr Uebereinstimmung zu
einem Plan zu bewirken, damit das Ende vom Freimaurerliede vor Kinderspott
bewahrt bleibe. Ist diesem nicht alles ausgesetzt, was mit der Zeit nicht
Schritt hält? Was vor alten Zeiten Handel und Krieg taten, das leisten jetzt
weit natürlicher und geräuschloser Buchdruckerei, Reisen und Verschiedenheiten
der Staatenregierungen. Schon würd' es um die Welt getan sein, wenn lauter
Republiken wären, und noch ärger würd' es aussehen, wenn bloss Despoten und
Monarchen regierten. Es gibt mancherlei Gaben, doch ist nur ein Geist. - Eine
harte Nuss zur ersten Vorbereitung! Von allem das schwerste ist, den Menschen
vorbereiten. Ob Johannes seine Kunst verstehen wird?
                            Die zweite Vorbereitung.
    Es gibt Gegenstände, wobei jeder Versuch, sie ratiociniren zu wollen,
vergebens ist. Die Ringe sind zu schwach, um ihnen philosophische Erklärungen
anzureihen. Vielleicht hat die christliche Religion hierin einen Vorzug, der
ihre Würde, wie mich dünkt, mehr als viele andere Criteria ausser Zweifel setzen
könnte. Bis jetzt hat sie sich mit allen philosophischen Systemen einverstanden;
fast scheint es, dass diese ihr zum Teil entnommen waren, - wie Eva aus Adams
Rippe! - Der erste Zweck der Maurerei kann aus ihrer Entstehung bestimmt werden.
Ist jener Zweck noch das Maurerziel, das erarbeitet wird? Dies annehmen, würde
ein Kind zum Regenten eines grossen Staats aufstellen heissen. Nicht bloss die
Mittel, nein, auch die Zwecke vervollkommnen sich.
                            Die dritte Vorbereitung.
    Der Hunger und Durst nach Geheimnissen liegt in der Natur des Menschen. Lässt
er sich nicht, ausser dem uns eingepflanzten Triebe, unsere Kenntnisse und
Glückseligkeit zu verstärken, auch aus dem Hange zum Eigentum erklären, welches
andere ausschliesst? Da die Menschen, vermöge der Geheimnisse und durch sie, in
Modificationen erscheinen, worüber die Geschichte der Menschheit bis jetzt ein
tiefes Stillschweigen beobachtet hat; wär' es nicht ein nützliches Unternehmen,
die Menschen von dieser Seite, die noch wenig oder gar nicht berührt worden, zu
entschatten? Man würde eine neue Welt in der alten entdecken, und wenn das Glück
gut ist, den Menschen vermögen, alle Geheimnisse, von welcher Art sie sein
mögen, aufzugeben, damit er nicht sorge für den andern Morgen. Hat nicht ein
jeglicher Tag seine eigene Plage? Es gibt Menschen, welche die christliche
Religion ihrer Wunder halber ehren; andere, die ohne Zweifel ihr lieber sein
werden, ehren sie dieser Wunder ungeachtet. - Die Alten sahen die Einweihung in
die Mysterien als eine Wiedergeburt und einen Uebergang aus einem tierischen in
ein geistiges Leben an; und auch in unsern Tagen tut das Mittel der
vermeintlichen Wiedergeburt Wunderkuren: - man ist wirklich besser, wenn man
sich fest überredet, es zu sein. Kranke aus Einbildung (gibt's deren nicht mehr,
als man glauben sollte?) genesen durch den nachdrücklichen Befehl, zu glauben,
sie seien gesund, oder durch die feste Versicherung des Arztes, sie wären
hergestellt, oft in dem Augenblick, da sie Gesetz oder Evangelium hören. Es gibt
Mittel, des Menschen gute Säfte auf einmal zu zerstören - Gifte: gibt's aber
Mittel die Säfte des Menschen auf einmal zu verbessern? Vielleicht, - vielleicht
auch nicht. Das Wiedergeburtsmittel kann im Moralischen Dienste leisten, ein
Universale ist's nicht. Gibt's deren? Der Glaube an sich selbst, das Zutrauen
zur menschlichen Natur und zur Menschheit wirkt mehr als man denken sollte.
                            Die vierte Vorbereitung.
    Der Mensch ist zur Coexistenz berufen; seine Kräfte können nur durch
coexistirenden Widerstand in Handlungen sich offenbaren. Alles an einer Schnur
ziehen, heisst ein Marionettenspiel aus dem menschlichen Geschlecht machen. -
Ganz einerlei muss nichts werden. - Eine Heerde und Ein Hirte ist ein Hieroglyph
von sehr tiefer Deutung. - Wo keine Opposition ist, da gibt's auch keinen
Gegenstand von Wichtigkeit. - Das Reiben von Köpfen an Köpfe bewahrt vor
Einseitigkeit, die leicht in Stumpfsinn übertritt. Einsames Nachdenken ist darum
oft schädlich. Hier hält man gemeinhin für evident, was andern so nicht
vorkommt. Zur Teorie taugt die Einsamkeit, - die indes nur dann erst gilt, wenn
sie auf dem Probirstein Erfahrung bewährt befunden wird. Ist der Mensch allein,
so kann an ihm nicht erscheinen, was er sein wird und sein kann; wir wissen
aber, dass in Gesellschaft, wo sich seine Bedürfnisse vermehren oder
vervielfältigen, seine Bestimmung fortgeht - zur Unsterblichkeit. Seine
physische und seine moralische Einschränkung wird gehoben. - Der Mensch ist
sterblich, das Geschlecht ist ewig. - Seine Privatwerke sind hinfällig, seine
publiken trotzen der Zeit. - Bereinigung gibt Kräfte, Mut und neues Leben, die
Tugend zu befördern und das Laster zu stürzen. Die ganze Schule muss gemacht, der
ganze Kreis muss einmal durchlaufen, es muss alles nicht bloss dogmatisch
begriffen, sondern praktisch geübt werden, um endlich aus Ziel zu kommen. Das
Kind, das gehen lernt, setzt sich der Gefahr aus, zu fallen, und sollten die
Verstandeserweiterungen auch wirklich zunächst unangenehme Folgen haben, -
sollten! scheinen diese Folgen nicht vielleicht bloss so? Wären sie aber auch
wirklich Uebel, krönt nicht bloss das Ende das Werk? Können wir Böses tun, damit
Gutes daraus werde? Sollen wir darum nicht Gutes tun, weil wir den Missbrauch
nicht hindern können? Nicht Weizen säen, damit kein Unkraut wachse? Warum nicht
lieber sichten als nicht ernten? Man lasse Unkraut und Weizen wachsen und bemühe
sich, dem Unkraut zu steuern; sicher steht uns eine gesegnete Ernte bevor. -
Mängel und Uebel sind weder von unserer Existenz, noch von unserer Coexistenz zu
trennen. - Wie? wenn in der Loge der subtile Faden der Ariadne gesponnen würde,
welcher nicht den Teseus, sondern den Staat, nicht den einzelnen Menschen,
sondern die Gesellschaft durchs Labyrint führt? Man kann der Vernunft in
Coexistenz nie zu viel, oft aber wohl zu wenig zumuten. Der weise Stufengang
zum Ziel der Menschheit erfordert, dass die Coexistenz in der Gesellschaft, wenn
man so sagen darf, inniger und vertrauter werde, dass man die Menschen sich näher
bringe; und wäre dies der Zweck der Maurerei, die in ihren Vorhof, in ihr
Heiliges und ihr Allerheiligstes alle Arten von Menschen aufnimmt und mit und
unter einander bekannt, oft gar vertraut macht, welch eine Aussicht -! Es gibt
Geschäfte, die einen bessern Umgang gewähren, als Bekannte und eine gewisse Art
Freunde. - Aechte Freundschaft gibt das Zutrauen, sein Geheimnis und sich selbst
in seines Freundes Herz und Seele zu deponiren. Das hauptmännische Wort
Erkenntlichkeit ist Todsünde in ächter Freundschaft; doch gibt's Stiefliebe und
Stieffreundschaft, bei der Geld borgen der Sand ist, auf den ein Tempel der
Freundschaft gebaut wird!
                            Die fünfte Vorbereitung.
    Das ganze menschliche Geschlecht auf einmal verbessern wollen, heisst Utopien
einrichten und einen Convent zur Constitution der platonischen Republik zusammen
berufen. - Ohne Wissenschaft, auf bequemern Schleichwegen, den Schlüssel zu
Kabinetsgeheimnissen der Natur finden, um von der Geister- und Körperwelt auf
einmal Meister zu werden, ist ein Sprung, den die Natur nicht begünstigt: sie
springt uns nicht vor! - Im Stillen treibt sie ihr grosses Werk, langsam, doch
sicher, kommt sie zum Ziele. Alles muss ein Kind der Zeit sein und von jedem kann
es heissen, seine Stunde ist noch nicht gekommen. Viel (ich sage nicht zu viel),
das Meiste muss misslingen, weil das, was werden soll, sonst nicht gut, bauerhaft
und bleibend sein würde. Es muss alle Stufen des Drucks durchlaufen, um
abgehärtet zu werden. Ohne diese Weisheitsregel verliert man das Meiste; man hat
nicht Zeit, die reiche Ausbeute unterzubringen. Anstrengung des Glaubens,
Imaginationserhitzung, können Seelenappetit erregen (so gibt's Dinge, die
Liebesappetit machen); dies Machwerk indes, ist es für die Dauer? - Personen,
die nicht schreiben können, helfen sich zwar mit drei  aus; denkende Menschen
indes missbrauchen den Orden nicht, um ungesäet zu ernten. - Mit einem Paar
scharfsinniger Ideen, mit viel Phantasie, mit excentrischen Entwürfen, - man
rechne immer guten Willen dazu - lehrt man die Welt nicht um; - doch wirken
Männer von Verstand und Willen auf Zeitgenossen und Nachwelt allmählig. Sucht
man nicht oft Geld und findet Porcellan? Auch gut. Wenn nicht militärische oder
klösterliche Disciplin (beide sind Kinder eines Vaters) eingeschlagen wich,
ist's möglich, bei einem grossen Haufen und auf einerlei Weise, Gutes zu bewirken
und zu erhalten? Die Welt fing mit Einem Paar an. - Es gab nur zwölf Jünger. -
Kluge, einsichtsvolle Männer, gekitzelt von der Idee, sich mit etwas Höherem,
als andere Menschen, abzugeben, können wohl Porcellan finden, wenn sie Gold
suchen: - aber -
                           Die sechste Vorbereitung.
    Was hilft die Cultur des Verstandes, wenn der Wille nachbleibt? - Was
hilft's dem Menschen, wenn er mit seinem Verstande die ganze Welt gewönne und
nähme Schaden an seiner Seele? Es gibt zwei Pforten zum Willen. Eine hoch und
breit für viele, die andere schmal und enge, und nur wenige gehen hier ein zu
ihres Herzens Freude. Geboren mit dem Triebe nach Glückseligkeit (nach frischer
Seelenlust), wird der Mensch dennoch nur, durch Achtung fürs Gesetz, zur
Moralität und Tugend bestimmt. Da nicht in äusserlichen Verhältnissen, sondern im
innern Zustande das Wesen der Glückseligkeit liegt, könnte man nicht beide
Verfahrungsarten des Willens vereinigen? - Durch Laster kann man nicht
glücklich, durch Tugend kann man nicht unglücklich werden. - Niemand steigt
durch Laster, niemand fällt durch Tugend. - Der Maurerorden verbindet den
Stoiker mit dem Epikuräer, er versucht Menschen von verschiedener Art und Stand,
Zungen und Sprachen, Selten und andern Unterschieden durch Gesetz unter Einen
Hut zu bringen. Dies wirkt zur Freiheit und Gleichheit, ohne dass man Stände
aufhebt. Man zeigt nur, Gleichheit und Freiheit könne mit Gehorsam und mit
Ordnung bestehen. Man gehorcht dem Meister, nicht weil er an Geburt, Verdienst
und selbst Verstand der erste ist, sondern weil er in den Logen oben an steht:
nicht seiner Wohlredenheit, sondern seinem Hammer; nicht einem Kleide von Gold
und Azur, sondern dem Meisterbrustschilde. - Es kann unter gleichen Menschen
eine Subordination und ohne Aufhebung der Stände Gleichheit in der Welt sein! -
und wo drei, sieben, neun und zehn kluge Männer zusammen sind im Namen der
Tugend und Redlichkeit, kann man da nicht den Winkeltyranneien (ärger als die
öffentlichen) entgegenarbeiten? - Nicht durch Riesenoperation, sondern durch
Vorstellungen; - nicht durch Trommetenhall, sondern durch Sanftmut. - Einer
richtet hier nichts aus, eine kleine Zahl alles. - Jene Lebensart, wodurch der
Hohe sich herablässt und der Niedere erhoben wird, jene Vereinigung der Gelehrten
von Profession mit den Geschäftsleuten, der Studirstube mit dem gemeinen Leben -
Doch - warum Vorgriffe? Wer ins zu Grosse arbeitet, vergisst und verlernt sich oft
selbst. Allgemeine Aufklärung und ein mit ihr wiederkehrendes goldenes
Zeitalter, ist selbst an sich nicht leicht denkbar, weil es ohne Contrast weder
Grösse noch Tugend, noch Vollkommenheit für uns gibt.
            Die siebente, oder die Gold- und Porcellan-Vorbereitung,
wie Johannes es nannte, war sublim - sie hatte ein Offenbarung-Johannissiegel,
das ich nicht brechen mag. Der Vorbereiter sagte von Amtswegen, dass der Orden,
oder einige Auserwählte, nach ihrer Angabe, Naturrätsel zu lösen wüssten. Gut
für die, so es wissen, übel für jene, die es nicht wissen, für jene, die sogar
keinen Strahl von Hoffnung fassen können, es je in dieser Welt zu erfahren. Die
Kunst ist klein, mit höheren Wesen umzugehen, welche Appetit haben und unser
Essen und Trinken sich wohl schmecken lassen, mit Geistern, die sich in unsere
Mädchen, unsere Frauen, Töchter oder Schwestern verlieben. Aber mit Schatten der
Verstorbenen, mit Geistern Gedanken wechseln, die uns von der künftigen Welt,
von unsern künftigen Schicksalen diesseits und jenseits des Grabes unterrichten,
die - der Vorbereiter bekannte frei, so weit nicht zu sein, und keine Aussicht
zu haben, so weit zu kommen, indes beschied er sich über Dinge zu urteilen, die
über ihm waren. Dass zwischen einem rêve d'un homme de bien und
Taschenspielerkünften, einem Hokuspokus von Augenblendwerk und Schatzgräbereien
ein gewaltiger Unterschied ist, wer hat je daran gezweifelt? Ein Genie und ein
Heiliger, für sich genommen, sind schon nicht Charaktere für jedermann. Ist aber
ein Heiliger ein Genie, oder ein Genie ein Heiliger, dann sei uns Gott gnädig! -
Herr und Mensch ist im Deutschen geschimpft und geehrt; - Genie und Heiliger
desselben gleichen. - Was man sagt, ist zwar gesagt, doch bei weitem noch nicht
getan. Eine Kreuzspinne heissts, soll zum Juwel werden, wenn sie hundert Jahre
unangerührt bleibt: - ich füttere dergleichen Spinnen nicht, und schwerlich wird
eine Leihbaul gegen dieses Spinnen-Unterpfand Geld borgen. - Wo ist der
Neugierige, der, bei all seinem Hang nach Besonderem, auf den Brocken oder
Blocksberg sich begeben wird, um die Hexen auf Walpurgis an ihrem Landtage oder
in ihrer Landnacht zu bewundern, wenn sie auf Ziegenböcken und Ofengabeln
reiten, oder falls sie körperlichen Unvermögens sind, mit Sieben fahren? -
Sachez vouloir, croyez et voulez, sind Worte von Bedeutung, denn recht wollen
ist über die Hälfte des Vollbringens; und mehr als diesen rechten Willen, der
aber so selten als das rechte Recht ist, verlangt die Gotteit nicht. Suchet,
dass ihr wollet! - - - und wenn auch der Erfolg eurem Willen nicht gehorcht, es
gilt bei Gott und allen guten Menschen.
    Sowohl der Junker als Michael waren von diesen sieben Dämmerungen, wovon
hier nur wenige Striche mitgeteilt werden können, äusserst erbaut, und beide
konnten den Zeitpunkt nicht abwarten, wiedergeboren zu werden, und das von
Angesicht zu Angesicht zu sehen, was ihnen bloss in Schattenrissen und Bildern
war mitgeteilt worden. Man bat dringend, dass der Zeitpunkt, wenn gleich die
Wartejahre noch bei weitem nicht abgelaufen waren, so sehr als möglich
beschleunigt würde; und ehe sie sichs versahn, erscholl die Stimme: Ei, ihr
frommen und getreuen Novizen, über wenig seid ihr treu gewesen, ich will euch
über viel setzen; geht ein! - Wer aus diesen Fragmenten auf den
                                     §. 96.
                                        
                                   Vorläufer,
auf den Johannes der Receptionen, schliessen wollte, würde zwar dem Orden, indes
mehr noch dem Vorbereiter zu nahe treten, der gewiss mit so viel Einsicht als
Ueberzeugung zu Werke ging, um dem Orden weder zu viel, noch zu wenig
beizulegen. Ich scheide nicht von dir, sprach seine Seele zur Wahrheit. Wenn
gleich er zu den Epopten gehörte, die das hohe Licht zu schauen das Glück
gehabt, - so war doch das Wunderbare seine Losung nicht, vielmehr stellte er
alles, was ins Uebermenschliche ging, da er selbst nicht zu den Sonntagskindern
gehörte, jedem anheim, der Sonntagsanlage hatte.
    Es war dieser junge Mann von der Loge zum hohen Licht geworben, um durch
seinen Kopf derselben Dienste zu leisten; und wenn gleich er dieser Hoffnung
völlig entsprach, so übertrafen doch die Dienste seines Herzens jene bei weitem.
Dazu gemacht, Subalternköpfe zu leiten, und zur Offiziersstelle unter Menschen
berufen, erforschte er die Gegenstände in ihren Höhen und Tiefen, ohne die
gezogenen Resultate irgend jemanden aufzubringen. - Die Curialien, welche die
Loge gegen die Hohen der Erde, wenn sie zu den Fremden oder zu Profanen
gehörten, und die Verhältnisse, die sie gegen den Staat beobachten musste, waren
vorzüglich sein Departement. Man hat bemerkt, dass Leute, die mit Geistern
umzuspringen wissen, oft beim Umgange mit ungeweihten Menschen und bei wahren
Alltäglichkeiten straucheln. Eben daher die Werbesucht und der Heiligenschein,
womit sie alles von sich schrecken. - Johannes war Bruder Redner, und nie sprach
er aus Menschenfurcht oder Heuchelei, sondern aus Gefühl der Kraft, deren sein
guter Geist sich bewusst war. Sein Streben war nicht Selbst- und Gefallsucht,
sondern Wunsch, wohltätig zu wirken, und er wirkte. - Von seiner Kindheit an
hatte er sich den Wissenschaften gewidmet, und sie waren die Genien, die ihn
geleiteten, so dass sein Kopf und sein Herz nie an einen Stein stiess.
Menschenkenntnis strömte ihm in der Ordensverbindung von selbst zu. Weder seine
mündlichen noch schriftlichen Vorträge keuchten unter der Last hochtönender,
schwerer Worte; er redete, was ihm seine Ueberzeugung gab auszusprechen, und
zwirnte seine Worte so wenig, dass sie einfach fielen, wie sein Herz und seine
Seele. Oft hiess er Bruder Tomas; allein auch die Vielgläubigsten unter den
Brüdern, wenn sie redliche Männer waren und nicht durch kecken Anstrich des
Geheimnisses Nebenabsichten erschleichen wollten, liebten Bruder Tomas mehr,
als wenn er in Gemeinschaft mit der unsichtbaren Welt zu flehen das
Sonntagsglück gehabt, und Macht über die Elemente zu besitzen und künftige Dinge
verkündigen zu können, vorgegeben hätte. Da er keinem das Recht zugestand,
Menschen zu täuschen, und wäre es aus angeblich wohltätigen Absichten, so liess
er dagegen auch sich nicht täuschen. Alles, was den Geist des Menschen
erniedrigt, erniedrigt auch sein Herz. Alle Künste, wodurch Männer, die vor den
Riss stehen, auf Subalternseelen wirken, waren ihm falsches Geld, womit er keinen
Menschen hintergehen wollte.
    Die entfernten und unvorhergesehenen Folgen sind in moralischen Dingen von
viel grösserer und gefährlicherer Bedeutung, als die unmittelbaren Wirkungen, und
wer kann dies überdenken und doch täuschen? - - Ganz hatte er das Zutrauen
unseres Helden gewonnen, und wenn dieser gleich, eben wie Michael, darauf
ausging, Rätsel in der physischen und moralischen Welt zu lösen, ohne sich den
Kopf zu brechen, so wusste doch Johannes dem Junker so unvermerkt eine Neigung zu
Wissenschaften, und unter ihnen zur Chemie, Physik und Astronomie, beizubringen,
dass der Vorläufer sich einbildete, mittelst dieser heiligen Drei ihn gegen alle
Anfälle von Schwärmerei gesichert zu haben. Irren ist menschlich. Johannes irrte
sich. Die Seele unseres Helden war viel zu voll von höheren Dingen, um seinen
Glauben an höhere Chemie und höhere Physik und - aufzugeben. Warum soll es denn,
dacht' er, ausser so vielen Werktags- nicht auch hier und da Sonntagskinder
geben?
    Wenn man die Erziehung unseres Junkers unparteiisch beherzigt, welche,
ungeachtet der so häufig unterbrochenen gemässigten Bemühungen des
Schneidersohnes, sie einzulenken, durch Vater, Mutter und Pastor loci zu einer
angenehmen, ruhigen Schwärmerei geleitet ward, wird man sich wundern, dass jene
heilige Zahl, Physik, Chemie und Astronomie, gegen so viel andere heilige Zahlen
nichts vermochte? Es gibt Menschen, die, wie Pflanzen, im Sonnenlichte die Luft
reinigen, und in der Nacht und im Schatten sie verderben. So unser Held, der bei
Nacht und Schatten der Schwärmerei alles verdarb, wogegen er im Sonnenlicht
guter Gesellschaft liebenswürdig war.
    Noch eine Bemerkung, die dem Bruder Präparateur einfiel, ohne dass ich mich
darüber auslasse, ob sie der Aufbewahrung wert sei oder nicht.
    Die Offenbarung, sagte er, wird den zu jedem Eindruck fähigen, zarten Seelen
der Kinder, als die Quelle aller Quellen, als der Grund aller Gründe unserer
Erkenntnisse angegeben; und was noch mehr ist, der christlichen Religion wird
ihre Lauterkeit und ihre Vernunft vorentalten, worauf sie freilich nicht zu
Anfang ihrer Entstehung rechnen konnte, zu der sie aber (wie alles Menschliche
in der Welt) durch Nachdenken und Säuberung ihres Grundstoffes von allen
Menschensatzungen, Vorurteilen der Zeit ihrer Entstehung und der Zeit ihrer
Verbreitung, bis auf die gegenwärtige, von Autoritäten, und allen andern
heterogenen Ingredienzien, hinanzureifen im Stande ist. - Einbildungen und Wesen
der Phantasie werden zu Gegenständen, die man erkennen, begreifen und umfassen
kann, nicht bloss gemacht, sondern sogar geheiligt. Unsere Neigungen und Triebe
stellt man als verdächtig dar, obschon sie, recht verstanden, die Ueberbleibsel
des göttlichen Ebenbildes sind. - Ist's Wunder, wenn die meisten Menschen
schwärmen? und würden sie nicht, aus dem Schoss der Kirche in die Welt
gelassen, in noch unleidlichere Schwärmereien sinken, wenn der grössere
Menschenteil mehr Zeit hätte und nicht im Schweisse des Angesichts sein Brod
essen müsste sein Lebenlang? Wenn nicht der müssigere, kleinere Teil mit einer
grossen Portion Leichtsinn ausgestattet wäre? Wenn nicht die noch übrigen wenigen
Edlen, diese Menschen Gottes, getrieben vom heiligen Geist zu reden und zu
schreiben, den hohen Beruf fühlten, sich des menschlichen Geschlechts
anzunehmen? - Leichtsinn und die rastlose Tätigkeit der teoretischen und
praktischen Vernunft wird das menschliche Geschlecht vor noch ärgeren Ausbrüchen
der Schwärmerei bewahren. Die Winde des Leichtsinns reinigen die Luft, und die
Sonne der Vernunft erleuchtet und erwärmt und bringt Früchte w Geduld. Dess
sollen wir alle froh sein, Halleluja! - -
    Selbst in der Loge waren sehr viele und bei weitem die meisten, welche die
Tomasart des Johannes unserm Helden verdächtig zu machen suchten; - obgleich
dieser Vorläufer seiner Moralität wegen nicht in Anspruch zu nehmen war. -
Johannes blieb bei jener Bemühung, die Sache nicht aus dem hohen, sondern aus
dem rechten Lichte zu sehen, vom Heraldicus junior ausserordentlich verschieden.
Schon trug hiezu sein emsiges Studiren bei, wodurch er sich zu einem
Staatsposten ausbildete. Erziehung und Umgang mit Menschen von allerlei Zungen,
Sprachen, Religionen und Sitten gaben ihm selbst ein vom Schneiderssohn
abstechendes Äußeres. Das Gesicht zieht sich der Seele allmählig nach, und der
excolirte Geist gibt selbst dem Körper eine Stellung, die charakteristisch ist,
wenn sie gleich nicht allemal auf dem Tanzboden bestehen würde. - Die
Werbehauptmännin erwies unserm Präparateur die ungesuchte Ehre, sich sterblich
in ihn zu verlieben, und er ihr die Erkenntlichkeit, diese Liebesangelegenheit
auf eine für sie unnachteilige Art beizulegen. Er wollte nicht Joseph sehn, um
Madam Potiphar zu demütigen, und stehe da! anstatt Verfolgung und Rache, als
die gewöhnlichen Folgen verschmähter Liebe, unsern Joseph (er soll Johannes
heissen) empfinden zu lassen, überwand die Ehre, die ihm wegen seiner Tugend
gebührte, jede andere, niedere Leidenschaft in dem Herzen der Werbehauptmännin,
- ob auch die Liebe, weiss ich nicht. - Dass es ihr an erkenntlichem Liebhabern
bei einer so beliebten Loge nicht gefehlt haben werde, versteht sich von selbst.
- Bei den
                                     §. 97.
                                        
                                   Aufnahmen
fanden Junker und Michael, wie fast zum voraus zu sehen war, überall mehr als
Johannes. Michael hiess zwar dienender Bruder und diente wirklich; indes machte
man mit Protagoras einen sichtlichen Unterschied in Hinsicht seiner dienenden
Collegen. - Der Freiheits- und Gleichheitsbaum, den man in den Logen pflanzte,
ohne den Herrn und Diener aus ihren Angeln zu heben, war beiden schon so etwas
Seelerhebendes, dass nicht die Hälfte der Feierlichkeiten nötig gewesen wäre, um
ihren Herzen, auch ohne Werbehauptleute, deren es mit Vokalkunststücken die
Menge gab, wohlzutun und sie für den Orden zu gewinnen. Ob unser Junker und
sein Diener bei diesen Gesinnungen auch da noch geblieben, als sie alle heiligen
und minder heiligen Zahlen von Graben durchgegangen, würde freilich mehr
interessiren; doch hängen an der Beantwortung dieser Frage so viele Siegel, dass
ich die Hand von dem Tapis des Jupiters nehmen muss, auf welchem er der Menschen
Tun und Lassen niederschrieb; von welchem güldenen Vliess den Logen ein Stück in
die Hand gefallen sein soll, wie zwar nicht Johannes, wohl aber die
Werbehauptmänner versicherten.
    Unter vielen Ceremonien, welche unserm Helden und seinem Knappen Kopf und
Herz entwendeten, war eine nicht unwichtige, dass sie gleich bei der Aufnahme des
ersten Grades ein Paar Frauenzimmer-Handschuhe empfingen, um sie den Königinnen
ihrer Herzen jetzt oder in Zukunft zuzuwenden. - Sophien von Unbekannt gehört
dieses Kleinod, erwiederte der Junker auf die vorgeschriebene Handschuhrede des
Meisters, und küsste drei, sieben und neunmal das Kleinod, das ihn so überraschte
und rührte, als wär' es Sophiens Hand. - Der Meister, der durch dies unerwartete
Intermezzo völlig aus dem Concepte kam, wollte einlenken; indes fiel ihm der
Recipiendus ein, und gewiss zum Glück des Meisters, der vom Buchstaben abhing,
und ihm den Sklaveneid geschworen hatte. »Ein heiliges Unterpfand, - dass ich
Sophien durch den Orden finden werde! - Ein Omen, das mir dies Ziel meiner
Wünsche verbürgt. O! dass Sie sie nicht kennen! Die Grenzscheidung zwischen
Erhaben und Schön ist durch sie eine leere Vorgabe worden. Sie ist beides und
hat mich gelehrt, alles Erhabene sei das Schöne von feierlicher Weise.« - Der
Knappe fügte hinzu, er hoffe, die Handschuhe würden sich weiss erhalten, bis er
so glücklich wäre, der Begleiterin der Fräulein Sophie von Unbekannt dies Opfer
bringen zu können.
    Alle Grade in linea recta und obliqua (in gerader und Seitenlinie) waren
beendigt, und unser Held besass ein ganzes Schatzkästlein voll Bänder und Kreuze
und Sterne. (An Geräte, Kleinodien und Zierraten war nicht zu denken, wenn
nicht ein Ruft- und Packwagen genommen werden sollte.)
    Es gab eine so unglaubliche Menge von Systemen und Graden, dass man sie
füglich Legion nennen könnte. Da man sie schon am grünen Holz und in jeder
Schrift finden kann, was man zu finden wünscht, was will am dürren, an
Hieroglyphen werden?
    Michael konnte dem Orden, der auf Gleichheit und Freiheit auszugehen
behauptete, einen gewissen Widerspruch nicht vergeben. Grossmeister, Vorsteher,
Activ und Passiv, dienender und befehlender Bruder, schienen ihm wo nicht
wirkliche Widersprüche, so doch ungelösete Zweifel; sein Herr dagegen glaubte,
dass die Vorbereitungen und Aufnahmen hier, so wie bei schlechten Komödien und
den gewöhnlichen Ehen, wenig oder gar nicht zusammenhingen. Viel gäb' ich darum,
wenn ich die bekannte Frage: Was ist, das du gesammelt hast? unserm Helden
vorlegen, auf die Antwort seines Innern Rechnung machen, und sie so treu meinen
Lesern mitteilen könnte. - Der Knappe war übrigens im Punkt der Handschuhe,
wenn gleich er seine Zofe Unbekannt nie gesehen hatte, eben so glücklich und so
sorgsam, als der Ritter. Bei solch einem Paar Handschuhen werden freilich die
Hände nicht ausbleiben. Noch ward an die
                                     §. 98.
                                        
                                 Adoptionsloge
gedacht, und mit Ausschluss des Begleiters, der als dienender Bruder ohne Bänder,
Kreuze und Sterne blieb, und dem nur wenige unbedeutende Ordenskleidungsstücke
bewilligt wurden, dem Junker angetragen, diesen Nebenweg noch einzuschlagen.
Freilich hätt' er diese Seitenlinie immer noch mitnehmen können. - Ich habe zu
bemerken vergessen, dass unser Held, so wie bei verschiedenen Maurerschwestern,
so auch bei der Werbehauptmännin Bekanntschaft unterhielt, und dass, statt des
vormaligen Vokalzutrauens gegen den Werbehauptmann, sich ein gewisser, galanter
Consonantfuss eingefunden hatte, wodurch beide Teile gewannen. Warum unser
vollendeter Maurer gegen die Adoptionsloge war? Weil die Werbehauptmännin keine
kleine Rolle in ihr spielte, weil er alle Adoptionsmitglieder kannte, und weil
Sophie in diesem Cirkel ein Fräulein Unbekannt war. Wichtige Gründe für unsern
Junker (den wir von jetzt an - in Rücksicht des Schatzkästleins voll Bänder,
Kreuze und Sterne, wodurch er jetzt schon mehr Rittergrade als Vornamen zählte -
Ritter nennen wollen -), sich in nichts mit der Adoptionsloge einzulassen.
»Desto besser,« sagte Michael. Warum? fragte der Ritter. Der Teufel könnte sein
Spiel haben. - Wie meinst du das? - Ich meine, dass Gelegenheit Diebe macht, und
dass bei aller Treue, die ich Fräulein Sophiens Begleiterin geschworen habe, es
sich zutragen könnte, dass eine Begleiterin Bekannt jene Begleiterin Unbekannt
verdrängen, und das letzte Uebel ärger als das erste machen könnte. - Schweig,
fiel der Ritter ein - im Munde eines Knappen ist's unanständig, auf der Zunge
eines Ritters wär' es schändlich, ein so schlechtes Zutrauen zu sich selbst, zu
seiner Gebieterin und zu den Paar Handschuhen zu äussern, das jeder von uns
empfangen hat.
    Es fiel zwischen unserm Ritter und Johannes eine treuherzige Unterredung
vor, die das Nein des Ritters, in Hinsicht der Adoptionsloge, noch mehr
gründete. Sind Weiber schon so weit, um mit Männern in dergleichen Verbindungen
sich einzulassen? Haben sie bis jetzt einen andern Beruf, als alles in sich
verliebt zu machen? Sie wollen, es gehe wie es gehe, es koste was es wolle,
geliebt sein. - Der Witz der Weiber, womit sie so reichlich ausgestattet sind,
lässt dem Gedanken nicht Zeit, auszuwachsen. - Wäre Freund ABC minder ernstaft,
suchte er weniger die Rätsel der Menschheit aufzulösen, wozu dem Sucher (woran
ich herzlich Teil nehme) im Orden so viel Vorder-und Hintertüren geöffnet
werden - ich riete Ja! Jetzt Nein! - Freund Bruder! erwiederte der Ritter, ich
erkenne und bekenne mit Dank, Ihr Schuldner zu sein. Nie sollen Ihre sieben
Dämmerungen aus meinem Kopf und Herzen weichen, und wenn gleich unsere
Ordensaugen nicht gleich sehen, unsere Ordensohren nicht gleich hören, und
unsere Verstandeskräfte sich nicht ähnlich sind - was tut's! Wir sind Brüder
Freunde! Eine Wortverbrüderung, deren Nachdruck ich nie mehr als jetzt fühle, da
ich meine Maurerbahn mit so viel kostbaren Graden, in gerader und Seitenlinie,
schliesse; meine Bänder, Kreuze und Sterne, bis auf ein Kreuz, das ich auf blossem
Leibe trage, und einen Stern, der auf dem Hinterteil meiner Weste glänzt, in
ein Schatzkästlein lege, und es bei Ihnen, so wie meine Maurerbibliotek,
bestehend aus seltenen Büchern und noch seltenern Manuscripten, deponire. Ohne
Sie würd' ich Physik, Chemie und Astronomie nicht studirt, und dies Dreiblatt
von Wissenschaften vernachlässigt haben. - Ohne Sie wäre der Werbehauptmann mein
Vorbereiter gewesen; wahrlich, kein Johannes, der den Tomas neunmal neun
überwiegt. - Sie wissen, ich suchte Sophien in allen Graden und mir zuerkannten
Ehrenzeichen, ohne sie zu finden. - Der Rat, den mir viele unserer Gross- und
Kleinmeister aufdrangen, ihretwegen an ferne Logen, besonders nach Sachsen, zu
schreiben, ward ohne Wirkung befolgt. Was soll mir Adoptionsloge ohne Sophien? -
was ein Paar Handschuhe mehr oder weniger, ohne die schöne Hand, der sie
gebühren? Freund Bruder, erwiederte Johannes, auch der Werbehauptmann selbst
würde, seiner Vokalgeheimnisse ungeachtet, die Gründe nicht entkräften, die fürs
Nein sind. Die Damen der Brüder heissen Maurerschwestern; wie viel haben Sie
derer, kraft Ihrer Kreuz- und Querzüge von Aufnahmen? Wollen Sie noch nähere
Schwestern, Sie werden in der Adoptionsloge ohne Zweites nicht vergebens wollen.
Sophien aber finden Sie hier nicht, wenn gleich diese Aspasia im Orden der
Verschwiegenheit und in einer andern Maurer-Adoptionsloge Schwester ist! Unsere
lieben Schwestern sind Werbehauptmänninnen, bei deren dreiviertelstündigen
geheimen Unterredungen mit Officieren und Nichtofficieren gewiss nicht immer eine
Kammerzofe gegenwärtig sein wird, sie wäre denn gleichfalls in die Mysterien
dieser geheimen Zusammenkünfte initiirt. Es blieb beim Nein! - Kräftig war der
Segen, den Johannes auf den Ritter legte. Es trügt mich alles, oder Sie werden
zu seiner Zeit finden, was Sie suchen - es wird Ihnen aufgetan werden, wenn Sie
vorschriftsmässig anklopfen; - bis dahin fassen Sie Herz und Seele in Geduld,
wovon Sie oft rühmliche Proben ablegten. - O! des Trostes, dessen unser Ritter
sich nicht würdiger zu machen glaubte, als wenn er sobald als möglich zu suchen
sich entschlösse! Er bezahlte den erhaltenen profanen Unterricht in Physik,
Chemie und Astronomie, der in Hinsicht der Summe gegen die enormen
Ordensaufgaben bis zum Lautlachen abstach, und war völlig bereit, die Loge zum
hohen Licht, wo es nichts weiter zu hoffen gab, zu verlassen, wozu ihn ein
                                     §. 99.
                                        
                                     Brief
ohne Namen und Ort schon bestimmt hätte, wenn sein Hunger und Durst nach
Geheimnissen auch weniger vorschnell gewesen wäre. »Sohn des Monds! wenn du das
Licht der Sonne zu ertragen dich stark genug glaubest, fasse deine Seele, komm
auf Flügeln der Morgenröte und stehe! Petrus, der aus einem profanen Fischer
zum Menschenfischer erhoben ward, verliess sein Netz, folgte nach und erhielt auf
Tabor den Meistergrad. Ein ander Ding als das Tal Josaphat, wo du dich jetzt
befindest. Da Ihr solches wisset, selig seid Ihr, wenn Ihr's tut. Folge dem
Winke des heiligen Geistes, der dich berief und in dir anfing das gute Werk! -
Tue, was du nicht lassen kannst! - Jeder Laut, der von dieser Einladung zum
himmlischen Manna und zum Tische des Herrn dir in einer schwachen Minute
entfährt, ist ein Nagel zu deinem Sarge! Nicht deinem Begleiter, nicht dem
Johannes (der nie aus einem Meister des Scheins ein Meister des Seins werden
wird) sollst du bei Strafe der Vernichtung den ersten Buchstaben dieser Vocation
entdecken. - Bist du wert, ein Sonnenkind zu werden und die Feuertaufe zu
empfahen, so mögen die Schuppen von deinen Augen fallen, und der Stein, den
gewisse Bauleute verworfen, dir zum Eckstein werden! - Bist du unwert des Werks
des Herrn, das grosse Dinge tut, so schlage dich Finsternis und dicke Nacht, und
deines Namens werde nie gedacht unter allem, was Ordensleben und Odem hat. In
dem Grade, als wir uns entsinnlichen, kommen geistige Dinge durch Sinnlichkeit
uns entgegen. - Auf halbem Wege begegnen sich Geist und Leib, wenn der Geist
(wenigstens) das Gleichgewicht mit dem Körper hält. Je mehr wir uns vergeistern,
desto mehr werden wir entkörpert; je weniger Physik an uns ist, desto mehr
wächst unsere Metaphysik. Was wir dem Menschen entziehen, gewinnt der Engel. In
dem nämlichen Grade, wie der äussere Mensch stirbt, aufersteht der innere, und je
mehr wir uns von der Welt losreissen, desto fester gründen wir unser geistiges
Bürgerrecht in der Stadt Gottes, die nicht mit Händen gemacht ist, wo Freude die
Fülle und liebliches Wesen ist ewiglich. Es ruft der dieses zeuget, komme bald!
Amen! - Die Gemeinschaft des Allerhöchsten sei mit deinem Geiste. Wozu eine
Reisekarte -? Bist du, der da kommen soll, so wird der Engel des Bundes dich
geleiten, und deiner Seele die Feuersäule ein Wegweiser sein. - Amen! Sollen wir
eines andern warten? So kommst du nie an Stelle und Ort. Von dem Augenblick, da
du dies Blatt zum drittenmal gelesen hast, wirken Geister auf dich - und dass du
es dreimal liesest, ist dir hiermit befohlen, wenn anders dein Geist nicht
widersteht unserm Geiste. Gegeben Aurora im Jahre des Heils - - -«
    Dieser Brief, der unerklärliche Postzeichen trug, ward dem Ritter des Abends
von einem weiss gekleideten Knaben, den er weder vor noch nachher gesehen hat, in
die Hand gedrückt. Unserm Helden war's, als sähe er eines Engels Angesicht - und
was hätt' er nicht gegeben, um seinen Geist in den seinigen zu hauchen, welches
wir Bekörperte unterreden nennen. Hätt' ich ihn am Kleide seiner Menschheit
gehalten, würd' er mir es nicht zurückgelassen haben? - Und was hätte ich
gehabt? Nichts mehr und nichts weniger als einen Leichnam.
    Alles wunderbar! - Die Wirkungen, die diese Vorgänge auf unsern Helden
behaupteten, lagen in seiner Natur, das heisst, mehr als in der Natur der Sache.
Da er schon sonst mit seinem Begleiter die Frage: wohin? überlegt hatte, so
kostete es ihm gewiss mehr Mühe, gegen ihn, als gegen Johannes, verschwiegen zu
sehn. Wenige Augenblicke stand unser Held an, den Brief zum drittenmal zu lesen,
zweimal las er ihn unwillkürlich. - Als er sich endlich zum drittenmal ermannt
hatte, war ihm, als sei er nicht mehr derselbe. Angst und Freude, Schrecken und
Wonne, Himmel und Erde wechselten in seiner Seele. Er wollte sich dem Schlaf,
der als Postmeister im Dienste des Geisterreichs steht, in die Arme werfen; doch
konnt' er schlafen? Seine leiblichen Augen schloss er, je fester er aber sie
schloss, desto exaltirter ward er. Er sprang auf - um frische Luft zu schöpfen,
warf er sich ins Fenster; es war ihm er wusste nicht wie, und wie soll ich's
wissen? Es kann gewiss keine Kleinigkeit sein, wenn Geister auf Menschen wirken,
wenn Menschen aufhören Menschen zu sein, und aus der Gesellschaft der
Sterblichen in die der Unsterblichen gerückt werden. Etwa gegen zwölf Uhr, die
bekannte Geisterstunde, überraschte ihn ein Gesang der Liebe. - Die Stimme war
entzückend. - Die Sängerin näherte sich, und der Inhalt, von dem ihm keine Sylbe
entging, war: Geheimnisse der Liebe und der Geisterwelt sind nahe verwandt.
Wahr! dachte der Ritter, bereit, sich aus seinem Zimmer zu stürzen, um wo
möglich in Prosa den Grad der Verwandtschaft zwischen Minnegeheimnissen und
Geheimnissen der Geisterwelt zu ergründen; ich hätte zu erlieben gesagt, wenn
nicht Geister auf ihn gewirkt hätten. - So oft er diesen Vorsatz ausführen
wollte, floh die Sängerin. - Jetzt entschloss er sich, sie anzureden und sie -
verschwand? Wie? dachte er, sollte diese Grazie dich warnen wollen, dem
Irrlichte des Briefes zu widerstehen, den dir ein Knabe im weissen Kleide in die
Hand drückte? - Hat der Geist der Liebe sie in Sophiens Namen gesandt, um es bei
dem einen Schatzkästlein voll Orden, Sterne und Kreuze zu belassen und Sophien
auf anderen Wegen und Stegen nachzuspüren? Nur durch sie und an ihrer Hand, mit
den Geheimnissen der Geisterwelt, wenn es dir nützlich und selig ist, vertraut
werden; welch ein Gedanke! Oder ist's eine Sirenenstimme, die dir das Licht der
Sonne entziehen will? - Der Mond schien herrlich! - Weg mit dem Monde, war sein
Resultat; - die Sonne, die ihm das Licht gibt, ist mein Ziel und der Engel des
Bundes wird mich begleiten. Sind Geheimnisse der Liebe mit der Geisterwelt
verwandt, bin ich nicht auf dem rechten Wege? Heil mir, dreimal Heil! - So
dachte unser Held und nach diesem Entschluss, den er um drei Uhr Morgens fasste,
machten seine Augen noch einen Schlafversuch, und stehe da! es überfiel ihn ein
somnambulistischer Schlaf. - Herkules erschien, mit den Worten aus dem
Evangelio: Stehe auf, hebe dein Bette auf und gehe heim! Und er stand auf, um
nach dreien Tagen zu gehen. - Aber wohin? Nach dem Worte des Herkules - heim.
Der
                                    §. 100.
                                        
                                   Reitknecht
konnte zu keiner ungelegeneren Zeit als des folgenden Tages Audienz verlangen. -
Er bat, wer sollte denken? als dienender Bruder aufgenommen zu werden. Das bist
du in meinem Dienst, - alle Menschen sind Brüder. - Da er indes sich mit dieser
Universalabfertigung und diesem christ. brüderlichen Machtspruch nicht begnügen
wollte, sondern seinem Herrn eine Empfehlung von einem Bruder der Loge zum hohen
Licht behändigte, den er die Pferde seines Herrn reiten lassen und der dem
Ritter in diesem Briefe versprach, es bei der hochwürdigen Loge dahin zu
bringen, dass der Candidat in der besagten Qualität unbedenklich gegen geringe
Kosten aufgenommen werden sollte, falls nämlich der Herr Baron ihn zum
Stallmeister zu erheben die Güte haben würde; so ward der Ritter unwillig und
verwies ihn, ohne ihn zum Meister zu erheben, - in den Stall. Don Quixote,
setzte er hinzu, brauchte einen Stallmeister, ich bedarf keines Sancho Pansa -
(wozu Comparent auch keine Anlage hatte). Mit dieser von guten Gründen
unterstützten Sentenz war der Candidat sehr wenig beruhigt, vielmehr brachte er
in der Appellationsinstanz von einem schlecht unterrichteten Papst an einen
besser unterrichteten bei, dass mit Pferden umzugehen oft schwerer sei als mit
Menschen, - dass bei der Cavallerie das Volk nicht nach Menschen, sondern nach
Pferden gezählt werde, dass Stallleute von jeher in gutem Rufe gewesen, dass
Reiter und Ritter nur wie hoch- und niederdeutsch von einander verschieden
wären, und dass Michael sein Vetter sei. - Michael, der bis dahin in seiner
Kammer herzlich gelacht hatte, konnte als er diesen Umstand vernahm, sich nicht
zurückhalten. Er sprang heraus, um den Reitknecht stehenden Fusses Lügen zu
strafen. In der Tat Stoff zum Divertissement, wozu der Ritter, der seinen Kopf
voll Geister hatte, die auf ihn wirkten, weder Lust noch Liebe besass. Er gebot
Schweigen und deutete dem Reitknecht an, dass sein Vortrag ihm kein süsser Geruch
gewesen, der bei Stallleuten ohnehin etwas Seltenes wäre; er zähle nicht nach
Pferden, sondern nach Menschen, und zwischen Reiter und Ritter sei freilich kein
so grosser Unterschied, wohl aber zwischen Stallknecht, selbst Stallmeister und
Ritter; - was die Verwandtschaft mit Michaeln beträfe, so hätte er nichts
dagegen und bleibe ihm sein Recht gegen Michael ausdrücklich vorbehalten; doch
sollte er nie vergessen, dass Michael zu den Füssen Gamaliels gesessen und dass
sein vermeintlicher Vetter seine Holzbündel von Reden, seitdem er in Gegenwart
des Herkules ungebührlich an die Rosentalsche Nottaufe zu denken sich
herausgenommen, so sein und künstlich zu legen verstände, dass zwischen Michaels
und des Stallknechts Seele keine Verwandt- und Vaterschaft wäre, auf die es fast
eben so viel als auf die leibliche ankäme. Da der Stallknecht von diesen
übrigens ganz planen Entscheidungsgründen in der zweiten Instanz nichts
verstand, so ging er gerechtfertigt zu seinen Pferden; auch nahm sich der Bruder
des hohen Lichts, den er die Pferde notreiten lassen, seiner nicht weiter an,
da das Gerede schon lange ging, der Baron würde nicht lange mehr in -
                                    §. 101.
                                    wo denn?
bleiben. Nicht diese Frage, sondern die Ursache zu derselben liegt mir zu
beantworten ob. Freilich verliert die Geschichte an Leben und Individualität,
wenn man dergleichen Umstände nicht handgreiflich bestimmt und Stelle und Ort
führen geraden Weges, wenn man so sagen darf, in eine gegenwärtige Sache. Doch
kann ich einesteils die Grenzen meines Auftrages nicht überschreiten, da ich
ein Feind von allen, besonders aber von Grenzstreitigkeiten bin, andernteils
halte ich dies heilige Dunkel der gegenwärtigen Geschichte nicht unangemessen,
welche durch mehr Klarheit viel von ihrem innern Licht einbüssen würde. Der
                                    §. 102.
                                        
                                    Abschied
von Freund Bruder Johannes war zärtlich - und vernünftig. Es gibt Zärtlichkeit,
geheiligt durch die Vernunft. Die Vernunft überhaupt erleuchtet, heiligt und
erhält, das Herz beruft. - In Wahrheit es verdiente Johannes um so mehr Achtung
und Liebe, da er den Orden nie als Mittel missbrauchte, zu seinem Zweck zu
gelangen, selbst nicht als Nachhülfe des Mittels. - -
    Johannes war zu bescheiden, um seinen Freund zu befragen: wohin? und sein
Freund zu gewissenhaft, ihm etwas zu sagen, was er selbst nicht wusste. - Lassen
Sie mich, sagte der Ritter, Ihre sieben Dämmerungen mit drei Ermahnungen
erwiedern.
    Die erste war sein Freund zu bleiben ewiglich. - Mit Hand und Mund verheissen
(ich stehe fürs Ja!). Die zweite sich wo möglich durch keine Bedienung im
monarchischen Staat die Hände und den Kopf binden zu lassen; - in Freistaaten
ists vielleicht anders, vielleicht auch nicht; wo gibt's ausser Eldorado, das
oben oder unten ist, einen wahren Freistaat? Nur Menschen, die ihre Bestimmung
verkennen und den erhabensten Beruf Menschen zu sein nicht überblickt haben,
können nach Stellen trachten, bei denen sie nicht von der Stelle kommen. -
Verzeihen Sie mir dieses Wortspiel, das mit der Wahrheit, wie oft der Fall ist,
so richtig zusammen trifft. Wer von andern für seinen Kopf und sein Herz
Gegenstände sich vorlegen oder zuweisen lässt; wer einer Aufforderung, eines
Pönalanstosses und einer Direktoranweisung bedarf, geschäftig zu sein; wer sich
ohne bestimmte Berufsarbeiten und Amtspflichten nicht zu lenken und zu richten
weiss, ist und bleibt wo nicht noch weniger, doch ein Subalternkopf, ein
Kanzellist; wogegen der Zwanglose, sich selbst Ueberlassene sich am nützlichsten
und einflussreichsten beschäftigt, wenn der Präsident ihm die Sache nicht
zugeschrieben hat, wenn er sie selbst wählte und wenn er sich von aller
pünktlichen Notwendigkeit entfesselt glaubt. - Tue das, so wirst du leben! -
Johannes war längstens überzeugt, dass ein Unbeamteter oft Geschäfte von dem
grössten und wichtigsten Umfange treibe. Wenn panische Furcht und sklavische
Pflicht benutzen, regieren heisst, so haben die Regierungsofficianten wahrlich
keine sonderlich freie Aussicht, vielmehr führen sie ihre Aemter in Ketten und
Banden ihr Lebenlang, ohne je auf Gelbstgefühl, das Kleinod edler Seelen, und
Nachruhm Anspruch machen zu können, welcher uns zu Erben der Ewigkeit macht.
Gibt's indes, fügte Johannes hinzu, nicht auch in Aemtern Gelegenheit, an Gottes
Reich und seiner Gerechtigkeit zu arbeiten? und wo nicht mehr, doch Abderiaden
abzuwenden und so manches im Staat ein Ende gewinnen zu lassen, dass man es könne
ertragen? Die Philosophie des Lebens lernt sich im Amte am ersten und besten.
Muss man nicht, fuhr er fort mit einer Träne im Auge, unglücklich sein, um sich
von der Richtigkeit gewisser Grundwahrheiten zu überzeugen? Sind die Menschen
nicht ohne Vorgesetzte träge? Und zugegeben, dass der Stempel des ausgezeichneten
Kopfs Tätigkeit und der grösste Beweis der Kraft Kraftanwendung ist, würde nicht
jeder Staat einen so unfehlbaren als fraudulösen Bankerott machen, wenn er ohne
Wirt rechnen und auf Zwangsmittel Verzicht leisten wollte? Glück und Ruhe geben
Ehre, doch beschränken sie oft die Erkenntnis, wogegen Unglück uns für Unglück
entschädigt, wenn es uns auf hohe Weisheitslehren führt, die sich sonst nicht
lernen lassen. - Die Gründe von Mühe und Beschwerlichkeit, welche Ehrfreigeister
wider dieses Hauptstück göttlicher und menschlicher Einrichtung anbringen, sind
sie nicht unwiderlegbare Aufforderung, dieses heilige Werk zu treiben? Ich
glaube, es gibt Stellen, um Ihr Wortspiel nachzuahmen, bei denen man auf der
Stelle bleiben kann, doch gibt's auch andere, die Mittler zwischen Regierung und
Volk sind, und Aemter dieser Art bekleiden und in ihnen einen Nachwuchs gleich
edel denkender Jünglinge erziehen, ist's nicht eine Aussicht, die sich sehen
lässt? Gibt's hier nicht Worte, die sich hören lassen und Taten würdig der
Ewigkeit -? -
    Freund Bruder! erwiederte unser Held, ich verdenke es Ihnen nicht, dass Sie
Ihre Ketten vergolden und sich nicht bloss bemühen, sondern anstrengen, Aemtern
das Wort zu reden, die nicht für Köpfe Ihrer Art sind. - Gehen Sie hin in
Frieden; Ihr Glaube helfe Ihnen! - Wer sein eigener Herr sein kann, suche keinen
andern neben sich. Oft werd' ich Ihrer und Ihrer Bande und Ihres Glaubens denken
und Gott bitten, dass Ihr Amtsglaube nicht aufhöre, der, wie der Glaube
überhaupt, nicht jedermanns Ding ist. Kleine Mittel führen oft zu grossen
Zwecken, wenn dagegen grosse Aufsehen bewirkende und mit Paukenschall verbundene
des Zwecks verfehlen. Finde ich Sophien, so ist mein Ziel erreicht, soweit es in
dieser Welt zu erreichen steht. Völlig aus Ende kommen kann weder der Mensch
noch die Menschheit in diesem Leben. - Oben oder unten ist Eldorado. Vorschmack
kann es hier geben und sollte mit, durch und in ihm nicht Eldorado zu uns
herabkommen und wir entkörpert und verhimmelt werden können? - Johannes sah
seinen Freund Bruder mitleidig an, und dieser ging zur dritten und letzten
Ermahnung über. Diese war? Den Orden mit Augen der Wahrheit und Gerechtigkeit
anzusehen. - Das ist, sagte Johannes, von jeher meine Sache; mit Augen glühender
Schwärmerei kann nur ein Fieberhafter schauen. - Für mich ist's ein Wunder, wenn
ich sehe und höre, dass andere in unbedeutenden Dingen Wunder suchen und Wunder
finden. So lange man sich Dinge natürlich erklären kann, sollte man zur
Uebernatur, die nur zu oft Unnatur wird, übersteigen? Warum etwas erstürmen, was
sich von selbst ergibt? Arzneien erfinden, wo keine Krankheit ist? Bei den
meisten Visionen, Geistererscheinungen und Wundern sind so viel unverdauliche,
abgeschmackte Dinge eingemischt, dass es das grösste Wunder bei der Sache ist,
hier eine göttliche Sendung und ein Wunder im Wunder entdecken und glauben zu
können. Johannes wollte noch weiter reden, doch unterbrach ihn unser Held, um
ihn noch unwürdiger zu machen, ein Kind der Sonne zu werden. - Leben Sie wohl!
beschloss er, und um wohl zu leben, bekehren Sie sich vom Lichte des Mondes,
vielleicht des Mondes im letzten Viertel, zum Licht der Sonne. Sie schieden von
einander; nicht viel anders, als wenn ein Quäker mit innerem Licht von einem
gewöhnlichen Menschen, dem dieses Licht ein Licht unterm Scheffel ist, scheidet.
- Unser Held bereitete sich zur Abreise. Da die Stadt, wo die Loge zum hohen
Licht mit allen ihren At- und Pertinenzien von Graden und Systemen und Systemen
und Graden brannte, viele Tore hatte, so war der Ritter in nicht kleiner
Verlegenheit, welches Tor er wählen sollte. Michael litt hierbei
                                    §. 103.
                                  unschuldiger
noch als bei der Nottaufe, deren er zur Unzeit in Gegenwart des Herkules
erwähnte. Die Frage: wohin? war sonst schon zwischen seinem Herrn und ihm
debattirt, und es würde ihm von keinem andern als einem Candidaten des Lichts
der Sonne übel genommen sein, dass er mit ausserordentlicher Bescheidenheit zu
wissen verlangte: durch welches Tor? Beträgt diese Frage, fragte Michael sich
selbst, bei weitem wohl die Hälfte der Frage: wohin? die du ohne Bedenklichkeit
mit deinem Herrn abgehandelt hast? Du bist vorwitzig, Michael, erwiederte ihm
unser Held: durch das Tor, durch das dich dein Pferd tragen wird, ist kurz und
gut meine Antwort. Ich bedauere, gnädiger Herr, erwiederte Michael, dass seit der
Zeit, da der Reitknecht mit Gewalt mein Vetter sein will, ich Ihre Güte
eingebüsst habe, obgleich ich an dieser Vetterschaft so unschuldig bin, als an
seinem ungeschliffenen Einfall, Bruder Maurer zu werden. Wenn gleich vor alten
undenklichen Zeiten ein Pferd bei einer Königswahl das entscheidende Votum
hatte, und ein anderes das Consulat in Rom mit Würde bekleidete, und wenn gleich
in neueren denklichen Zeiten, wo es der Wunderdinge weniger als im grauen
Altertum gibt, viele Pferde, besonders in Kriegszeiten klüger waren als die
Feldherren, die darauf sassen, so würde es mir doch nicht anstehen, mich meinem
Ross in Rücksicht des Tors zu überlassen. Schweig, Schwätzer! gebot der Ritter,
und Michael schwieg, völlig überzeugt, kein Schwätzer zu sein. Der Stallknecht
war mit seinem Herrn und Michaeln ausgesöhnt als er sah, dass der erste
verdriesslich war und der andere diesen Verdruss empfand. Der gemeine Mann, der
dienende Bruder im Staat (dem grossen Maurerorden) steht es nicht ungern, wenn
die Vornehmern Kummer und Verdruss haben. - Nicht ihres göttlichen Berufs und
hohen Standes halber, sondern weil sie Feinde ihrer Feinde sind, liebt er die
Fürsten. Die
                                    §. 104.
                                        
                                    Antwort,
welche der Junker Michaeln gegeben hatte, und welche letzteren so herzlich
schmerzte, war so buchstäblich wahr, dass sie nicht genauer und wahrer sein
konnte. Unser armer Held kannte eben so wenig als Michael das Tor, wovon die
Frage galt. Diese Ungewissheit allein machte unsern Helden so mutig, wenn
gleich, wie wir wissen, seitdem er zum drittenmal den Einladungsbrief gelesen
hatte, Geister auf ihn wirkten. Bis dahin fehlte ihm der Begriff von göttlicher
Eingebung, und sein Glaube war so schwach, dass es ihm zuweilen höchst ungläubig
einfiel, auch bei der grössten Anstrengung menschlicher Kräfte, behalte der liebe
Gott noch immer sehr viel zur Eingebung übrig, wenn etwas Vorzügliches zum
Vorschein kommen solle. Jene Ueberlassung, wobei Verstand und Wille völlig
untätig sind und nicht viel anders sich geberden, als falte man die Hände, und
als lege man sie in den Schoss, hatte unser Held bis jetzt noch nicht die Ehre
zu kennen. Wie viel Mühe der gute Ritter, bei so viel ungläubigen Intervallen,
dem auf ihn wirkenden Geiste gemacht, ist um so begreiflicher, als er, bis auf
den heutigen Tag, noch nicht einmal eine Extemporalrede eines Quäkers gehört
hatte. Seine Meinung war, dass von einer Sache, worüber man nicht nachgedacht,
unmöglich anders als unzusammenhängend gesprochen werden könne. - Natürlich
musste ihm, bei dieser Unerfahrenheit von jener höheren Wunbergabe, jenseit
unserer Vorstellungen, mit dem Auge des Geistes zu sehen, geistige Gegenstände
von Angesicht zu Angesicht zu erblicken und über sich selbst herüber zu ragen,
noch weniger beiwohnen. Es war ohne Zweifel eine Lection des auf ihn wirkenden
Geistes, als es unserm Helden, der einem Brief ohne Namen und Ort sich so
blindlings überlassen hatte, zu rechter Zeit noch einfiel, wie schon Dichter in
ihren hohen Abstraktionen sich aus ihrem eigenen in einen wildfremden Zustand
versetzen können, und wie diese Versetzung nicht eine freie Uebersetzung seiner
selbst, sondern ein so reines, abgesondertes und unbedingtes Original sei, dass
auch nichts vom vorigen Zustande übrig bleibe. - Vom Dichter zum Candidaten der
Sonne, mit Flügeln der Morgenröte, welch ein Abstand! - Man steht, unser Held
ist fürwahr weiter, als er glaubt. Da grössere Dinge ihn heben, sollte er sich
wohl von kleineren und unbedeutenderen niederdrücken lassen? Weg mit den
Schuppen von den Augen! - Er gab seinem Pferde die Sporen, und dies ging, ohne
dass er wusste, wohin. Kaum waren unsere Reisende zum Tor hinaus, als ein Bote,
schön wie Ganymed auf feurigem Ross, mit einem Briefe auf unsern Helden
zustürzte, und eben so schnell ihn verliess. Er erbrach den Brief, und fand,
ausser dem Namen eines kleinen unbeträchtlichen Fleckens und der ihm nächsten
Stadt, eine Anweisung zu einem geheimen Ort und einer mystischen Stelle, die
siebenmal sieben Meilen von Ort und Stelle des Empfanges des Briefes lag! -
Zusehends heiterte unser Held sich auf, er wusste wohin, und sah, dass, wenn
gleich er nur ein Sohn des Mondes war, er doch in Ansehung der Zahlen sich nicht
auf unrichtigem Wege befände. - Wer am meisten bei dieser
                                    §. 105.
                                        
                                     Parole
gewann, war Michael, der es seinem Herrn auf ein Haar abmerkte, dass der Inhalt
des vom Götterboten erhaltenen Allerhöchsten Cabinetsschreibens ein Wort des
Trostes gebracht. Wahrlich, fast zu viel Aufmerksamkeit, dass man weissgekleidete
Jünglinge und Götterboten ausserordentlich versandte, obgleich ein chargé
d'affaires bei unserm Ritter sich aufhielt. - Der Ritter brach schnell das
                                    §. 106.
                                        
                                Stillschweigen.
Obgleich Michael sich anfänglich einbildete, sein Herr würd' ihn, einen
dienenden Bruder, wegen des harten Worts Schwätzer einer Ehrenerklärung
würdigen, so liess er doch seine Versöhnung wohlfeileren Kaufs, herzlich froh,
über den Nicht-Vetter Reitknecht gesiegt zu haben. Dieser letztere mochte aus
dem wunderbaren Briefe vielleicht anfänglich eine erneuete Empfehlung des
Logenmitgliedes, welches in - die Pferde seines Herrn geritten hatte, erwarten;
doch gab er diese falsche Hoffnung bald auf, und fand, durch doppelte Portion
von Essen und Trinken, sich so hinreichend entschädigt und abgefunden, dass er
die Vetterschaft darüber vergass. - Nach Anleitung Esau's sie zu verkaufen, fiel
ihm nicht ein, vielmehr behielt er sie sich wohlbedächtig auf bessere Zeiten
vor.
    Der Ritter, der jetzt die lebendige Erfahrung gemacht hatte, dass die hohen
Sonnenbrüder, ausser den Geistern, die sie auf ihre Candidaten wirken lassen,
nicht nur eine Leibgarde zu Fuss, sondern auch zu Pferde halten, und sein Knappe,
zufrieden durch die Zufriedenheit seines Herrn, wiederholten auf dieser Reise
den Geist der so reichlich erhaltenen Grade, und wurden, ich weiss noch nicht
eigentlich wie? und warum? auf den Umstand geleitet, dass es Menschen Gottes
gebe, die sich selbst Religion und Gesetz wären, und die sich völlig ihren
Pferden überlassen könnten, ohne einen von der Leibgarde hoher Obern, es sei zu
Fuss oder zu Pferde, bemühen zu dürfen. Die Traurigkeit steht mit unverwandten
Augen der Seele und des Leibes auf einen Ort, wogegen die Freude von einem aufs
andere in die Kreuz und Quer springt. - Um indes jene Menschen Gottes nicht aus
der Acht zu lassen (die, wie mich dünkt, noch zur leidlichsten Erklärung der
Diderotschen Behauptung dienen, Religion und Gesetz wären ein Paar Krücken für
Kopflahme), so behauptete der Ritter, dass der, welcher weiter als positives
Gesetz und Menschensatzung zu gehen im Stande sei, dadurch, dass er das Grössere
erfülle, auch das Kleinere berichtige, welches der güldenen Regel, wer das
Kleinere aufgebe, werde nicht Herr des Grösseren, nicht im geringsten zu nahe
trete.
    In den Augen des billigen Richters, der nach dem Geiste und nicht nach dem
Buchstaben sein Amt führt, fuhr der Ritter fort, ist der Codex des Landes nur
für den gemeinen Mann und nicht für den Menschen Gottes. Und doch, bemerkte
Michael, könnte es Fälle geben, wo man bei all dieser Menschheit Gottes in -
gehangen, in - - geviertteilt, in - in Oel gesotten werden, und in - vierzig
Streiche weniger einen erhalten könne.
    Allerdings, sagte der Ritter. Und das Gegengift, das Universale gegen
Hängen, Vierteilen, in Oel sieden, und die vierzig Streiche minder einen? -
Rate!
    Der Selbsttod. -
    Die Kunst zu schweigen!
    Sollte?
    Ich stehe dafür!
    Doch ist Kunst nicht Natur, und ehre mir Gott die Schwatzhaftigkeit der Dame
im Meierhofe.
    Nur die deinige nicht! - Den Knappen schmerzte dieser Vorwurf, so liebevoll
er gleich diesmal erging. Zwar empfand er ihn bei weitem nicht so, wie den
ersten desselben Inhalts, mit dem ihm sein Herr noch vor der Ankunft des
Gardisten schwer fiel; indes nahm sich Michael vor, sein Herz zu prüfen, und
wenn er's ohne Tadel fände, zu gelegener Zeit bei seinem Herrn sich näher zu
erkundigen, womit er das Scheltwort eines Schwätzers verdient hätte.
    Der Ritter belehrte seinen Knappen, dass er unter der Kunst zu schweigen
nicht jene plumpe Alltagstugend verstehe, die auch zur Not ihr Gutes haben
könne, sondern die Verschwiegenheit im Sonntagsfinne, in welchem sie
Bescheidenheit oder Verschwiegenheit, nicht der Leides-, sondern der
Seelenzunge, das Schicken in die Zeit, die Zurückhaltung, die erst sieht, was
andere machen, die erst die Leute in der Gesellschaft kennen lernt, ehe sie
vertraut wird, meine; und da gestand denn der Knappe gerne, zum Schweigen
gebracht zu sein, der nach manchen Nottaufvorfällen, je länger je besser, auch
die Holzbündlein dieser Art zu legen lernte. - Michael nahm sich, mit Seiner
Gnaden Erlaubnis, die Freiheit zu bemerken, dass, wenn man den profanen Worten
solche Freimaurerdeutungen unterlege, man zuletzt bloss durch Auslegung der Worte
jedes Spiel gewinnen müsse, und sein Herr konnte sich nicht entbrechen, ihm eine
gewisse Sophisterei zu empfehlen, ohne die selbst Sokrates nicht gewesen wäre
und kein Mensch sein könnte. Sie sei das, was die Höflichkeitsconventionen im
gemeinen Leben wären. Die Herren Philosophen, setzte der Ritter hinzu, fischen
in diesem trüben Wasser am glücklichsten; - ein grosser Teil dieser Herren würde
ohne dieses trübe Wasser wenig Fische fangen; wenn jetzt, bei jenem Kunstgriff,
ihre Netze vor der Menge von Jüngern und Aposteln und Nachbetern reissen.
    Da Michael seinen Herrn nach erhaltener Parole, von Tage zu Tage, fast
möchte ich sagen, von Stunde zu Stunde, ruhiger, gesprächiger und vergnügter
fand, so glaubte der gute Schwätzer, der freimaurerischen Nachlese über die
Kunst zu schweigen ungeachtet, die Frage nach dem Orte ihrer gegenwärtigen
Bestimmung näher legen zu können. Vergebens! - der Blick seines Herrn wies ihn
auf das nach obgewalteter Discussion gezogene Dekret, und gegen jeden neuen
Versuch des dienenden Bruders erfolgte eine verstärktere Abweichung, so dass der
Knappe auf diese Frage völlig Verzicht tat, deren Beantwortung sein Herr mit
desto weniger Mühe zurückhalten konnte, als er sie selbst nicht zu beantworten
vermochte. Probatum est.
    Etwa sieben Meilen, diesseits des Orts der Bestimmung, kamen unsere
Reisenden ermüdet in eine
                                    §. 107.
                                        
                                   Herberge,
der man keinen bedeutenden Namen zugestehen konnte, und so entschlossen der
Ritter war, den Hunger dem Schlaf aufzuopfern, ward er doch durch ein ländliches
Reisemahl überrascht, welches ein Fremder sich auftragen liess, der sich zwar mit
keiner Zudringlichkeit, wohl aber so zutätig zu ihm gesellte, dass unser Ritter,
er mochte wollen oder nicht, nicht umhin konnte, seinen Schlafplan aufzugeben.
Michael schien hiermit um so zufriedener, als das Bedürfnis des Hungers ihm in
der Regel weit lieber als das Bedürfnis des Schlafes war, und er die Gewohnheit
hatte, der Mutter Natur mehr für das Geschenk des Hungers, als des Schlafs
verbunden zu sehn. So sehr der Ritter, der so weise abgehandelten Materie
zufolge, jeder neugierigen Frage gegen den Reisenden, mit dem er sich zu Tische
setzte, auswich, so freigebig war dieser von selbst, ihn mit seiner Reise
bekannt zu machen; - und da er, durch diese Offenherzigkeit, sich den Weg zu
einer gleichen Verfahrungsart gebahnt zu haben glauben mochte, befand der Ritter
sich in keiner geringen Verlegenheit, als jener näher in ihn drang.
    Verzeihen Sie meine Frage, sagte der Fremde, und lenkte die Verlegenheit des
Ritters so zum Besten, dass es dem letzteren leid zu tun anfing, verschwiegen
sein zu müssen. - Eben war er mit sich im Streit, ob dieses Leidtun, wo nicht
Uebertretung selbst wäre, doch der Uebertretung des Stillschweigens nahe käme,
als der Fremde ganz von freien Stücken von dem Parole-Orte zu reden anfing.
Michael lauschte um bei dieser Gelegenheit den Ort zu erfahren, ohne seinem
Herrn Verdruss und dem Vetter Reitknecht Freude zu machen; - abermals vergebens.
- Der Knappe musste sich auf Special-Befehl seines Herrn entfernen, und der
Reitknecht hätte laut gelacht, wenn er etwas von diesem Exilium gewusst hätte.
    Sie mögen reisen wohin Sie wollen, fing der Fremde an, einen Wink - bin ich
Ihnen schuldig aus Menschenliebe, - die liebste Schuld, die ich abtrage. Kennen
Sie Trophonius Höhle?
    Ich habe nicht das Glück.
    Unglück würde angemessener sein, - wenigstens versichern die Alten, dass die,
welche hinabfliegen, die Eindrücke der Traurigkeit nicht ausglätten konnten.
    Es gibt eine göttliche Traurigkeit.
    Die Traurigkeit aber der Welt wirket den Tod. Er ist in Trophonius Höhle
gewesen, hiess nicht viel weniger, als er ist lebendig todt. - Diesem lebendigen
Tode eilen Sie entgegen, ohne auch nur im geringsten befriedigt zu werden. Die
Verwirrung Ihrer Sinne gewährt Ihnen dort kein Bewusstsein. Sie werden mit
Hindernissen streiten, und Ihr Lohn wird Rauch sein. - Man wird Sie Kämpfen
aussetzen, über die man den Triumph, wenn er uns ja zu Teil wird, gern vergisst.
Der geheime Ort, die mystische Stelle, die man Ihnen angewiesen hat, ist der
Schlund des Molochs, der sich nicht mit Kindern begnügt, er verschlingt Männer.
- Was Ihnen winkte, war ein Irrlicht, das viele schon unter hohen Verheissungen
hinlockte, um sie ins Verderben zu stürzen; - eine Mordgrube, die desto
gefährlicher ist, da man nicht weiss, ob Menschen oder böse Geister die
unglücklichen Schlachtopfer der Neugierde hinrichten.
    Ich komme nicht uneingeladen! sagte der Ritter.
    Schlechter Trost! - Kein Licht steckt so schnell an, als das Licht der
Einbildungskraft. Drei meiner Freunde, treffliche Männer voll edlen Durstes nach
Mysterien, die nicht suchten, sondern gesucht wurden, fanden hier ihr Grab. Mich
rettete ein Zufall, um die zu warnen, die am Rande des Verderbens sind. Einer
der Helfershelfer dieser Menschenfresser nahm an diesem Zufall aus Mitleid
Teil, dessen martervollsten Tod ich bewirken würde, falls ich meinen Eid bräche
und mehr entdeckte. Vermag ich mehr zu sagen? als: retten Sie sich, retten Sie
Ihre Seele um nicht ein Kind des Todes und ein Kind des ewigen Verderbens zu
sein! Retten Sie sich! - Bei diesen letzten Worten sprang der Fremde auf, und
erhob sie zu einem so hohen Nachdruck, dass der Ritter unmöglich gleichgültig
bleiben konnte. Diese Lage benutzte der warnende Freund, indem er ihm den Inhalt
jenes Briefes fast wörtlich wiederholte, von dem der Ritter, sogar gegen
Johannes, ein so grosses Geheimnis gemacht hatte. Ein ehrlicher Mann, sagte der
Fremde, dient gern mit seinem Verstande; ein Bösewicht will uns mit List darum
bringen.
    Das Schrecklichste, womit der Referent von dieser Trophonius höhle neuerer
Zeit wohlbedächtig das Ende krönte, war, dass der Eingefangene sich verpflichten
müsse, sich mit einer von dreien Weibsbildern ehelich zu verbinden, die ihm zwar
selbst zu wählen überlassen bleibe, deren Auswahl indes um so trauriger sei, als
alle drei den höllischen Furien ähnlicher wären, wie ein Ei dem andern. Weit
eher hätte unser Ritter mit dem Tode und dem ewigen Verderben, als mit dieser
Nachricht sich ausgesöhnt. Ist das die Deutung jenes Mitternachtsgesangs:
        Die Geheimnisse der Liebe sind mit der Geisterwelt verwandt?
    Hingerichtete Gesundheit, zerstörter Gemütszustand, Ehebündniss mit einer
Furie! Wahrlich zu viel für die Schultern des Ritters.
    Ob nun gleich Michael nicht mit in die Trophoniushöhle hinabstieg und von
diesen geheimen Bekenntnissen wenig oder nichts zu erspähen im Stande war, so
nahm doch der Fremde bei seinem Abschiede Gelegenheit, ihn mit in diese Höhle
der Bekümmernisse zu stürzen. Der Ritter ist verloren, raunte er ihm ins Ohr.
Hier wäre Subordination Gefangennehmung der Vernunft unter den Gehorsam. Nicht
das Recht des Stärkeren, sondern das Recht des Verstandes gilt. - Sei durch
Klugheit sein Herr, ohne dich es merken zu lassen. Arznei muss nie mächtiger als
die Krankheit sehn, sonst ist sie Gift. - Heil und wehe dir! Segen und Fluch,
Lohn und Strafe schweben über deinem Haupt, wenn du tust oder unterlässest, was
ich dir gebiete! - - Es war ein sonderbares
                                    §. 108.
                                        
                                   Gespräch,
in welches Ritter und Knappe nach einer fürchterlichen Stille sich verwickelten.
Beiden log die Pflicht der Verschwiegenheit ob, und so gab es hier gewaltige
Umwege, und doch (besonders!) verstanden sie sich nie besser, als bei diesem
mystischen Zwange. - Wer an Mystik gewöhnt ist, hat Abneigung gegen alle
Deutlichkeit, er befindet sich bei ihr am übelsten. Was wir klar nennen, ist ihm
Dunkelheit, und bei seinem inneren Lichte sieht niemand etwas, als er selbst! -
Obgleich Michael nicht die mindeste Neigung hatte sich irgend einer Lebensgefahr
auszusetzen, und eben deshalb Mördern, gleichviel Menschen oder bösen Geistern,
in die Hände zu fallen, so hielt er nicht nur seinem Herrn von der Pflicht der
Selbsterhaltung eine stattliche Rede, sondern war auch entschlossen, alle Gefahr
und den Tod selbst mit ihm zu teilen. - Auch den Tod, rief er sich selbst zu,
so unteilbar er immer sein mag! Soll das der Erfolg von Gamaliels öffentlichen
und geheimen Gebeten sein? dachte Michael sich selbst gelassen: Wir des Todes
und er das leere Nachsehen! Zwar hat der Maurerorden, den ich in allen seinen
ehrenvollen Graden, so unzählig sie gleich sind, bewundern werde bis in den Tod,
auch seine Höhlen; doch weiss jeder, woran er ist und nicht ist. Zwar gelobt man
dort Verschwiegenheit, doch ist, des Bundeseides ungeachtet, so viel Toleranz,
dass, wenn ich Gamaliel dahin bringen könnte, zu glauben was er lese, er wo nicht
mehr, doch eben so viel als ich wissen würde. - Zwar ist dort, bei aller
Versicherung von Gleichheit und Freiheit, Unterschied der Stände; doch sind
nicht im innersten Heiligtum dienende Brüder? Hat der Hohepriester nicht
seinen Hofküster, der ihm nachtritt! Wie? ist's Eigennutz, der mich zu diesen
Klagen bringt? Nicht weniger! Nicht nach dem was wir sind, sondern nach dem was
wir zu sein verdienen, können wir Schätzung verlangen. Wer nach meinem Namen
fragt, ist ein Weiser; wer sich nach meinen Titeln erkundigt, ist ein Tor, oder
will mich dazu machen. Gern will ich nicht sehen, wenn mein Herr sieht; gern
mich mit der Seligkeit derer begnügen, die nicht sehen und doch glauben, wenn
nur sein teures Leben ausser Gefahr ist! - Doch Gedankenkeuzzüge tun's freilich
nicht. Blühen und nicht Früchte tragen, heisst wissen und nicht tun; ich will, -
ich weiss nicht, was ich will! Den folgenden Morgen fing Michael, ehe sie
aufstiegen, an: Gnädiger Herr, wenn ich mich gleich bescheide, das Ziel Ihrer
Wallfahrt nicht wissen zu können, und wenn ich gleich alles in der Welt eher,
als den Vorwurf meines Gewissens, ein Schwätzer im gemeinen und ungemeinen Sinn
zu sein, über mich kommen lassen wollte, darf ich Ihnen doch diese Schrift, die
aus meinem Herzen abgeflossen ist, behändigen, - und Sie bitten, wohl zu
balanciren, ob Ihr Leben und das meinige (an den Vetter Reitknecht dachte er
nicht) mit der Hoffnung, die Sie begeistert, das Gleichgewicht halte? Der Ritter
entblätterte die Schrift, die Michael mit seinem Blute geschrieben hatte und
worin er ihm verhiess, da sterben zu wollen, wo das Schicksal über sein Leben
gebieten würde. Die Schrift war unbedingt und rührte den Ritter bis zu Tränen,
welche sich auf dieser Blutschrift nicht übel ausnahmen. Michael konnte sich
nicht entbrechen, seinem Herrn von dem Winke des Fremdlings einen Wink zu geben,
und der Ritter ersetzte ihm diese Offenherzigkeit mit gleicher Münze, ohne von
der Festung des eigentlichen Geheimnisses einen Fuss breit abzutreten. - Ueber
Trophonius Höhle, deren der Warner gegen Michaeln zu erwähnen unbedenklich
gefunden, war unserm Helden kein Gelübde der Verschwiegenheit zugemutet, - und
eine Schrift, mit eigenem Blute geschrieben, verdient sie nicht mehr, als diese
Erkenntlichkeit? Horatius Cocles stellte sich, als die Hetrusker bereits bis an
die Brücke Sublicium vorgedrungen warm, um Rom einzunehmen, den Feinden
entgegen, während der Zeit die Brücke abgeworfen und dem Feinde der Weg nach Rom
abgeschnitten ward; und nun sprang er mit seinem Pferde in die Tiber, ohne
Verlust und mit dem Gewinn der Unsterblichkeit. Feldherr Seidlitz behauptete,
kein Kavallerist dürfe sich gefangen nehmen lassen, und stürzte mit seinem
Pferde in die Spree, als sein König auf der Brücke sagte: Hier ist Seidlitz doch
mein Gefangener! Er ward Friedrichs Liebling und ein Held wie er! - Der Wüstling
Marcus Curtius warf sich in einen Schlund, um Rom von der Pest, welche David zu
seiner Zeit wohlbedächtig die Hand des Herrn hiess, zu befreien, - und wenn
gleich Marcus Curtius übler abkam, als Seidlitz und Horatius Cocles, indem er
sein Leben einbüsste, verfüllte er nicht die pontinischen Sümpfe? Reinigte er
nicht die Luft in Rom? - Wenn Michael sich überzeugen können, dass auf der
olympischen Bahn nach Trophonius Höhle ein Kleinod zu erreichen wäre; dass diese
Krümmungen zum Ziel brächten, welches Ritter und Knappe beabsichtigten; und dass
man sich Kenntnisse von den höhern Wesen, der Geisterwelt und was diese Welt
beträfe, dem Aufentalt Sophiens und ihrer Kammerzofe, erstürzen könnte; - mit
Freuden würde er mehr Blut, als zu seinem Testament erforderlich war,
aufgeopfert haben. - Wer leistete aber diese Bürgschaft? - Seine Ueberzeugung,
dass es höhere Mysterien und Gemeinschaft der Menschen mit Geistern gäbe, die ihm
lebendig war, sagte ihm den Dienst auf, weil, wenn gleich der Weg zur bessern
Welt durchs Grab, und zur Himmelfahrt durch Höllenfahrt geht, der Fremde noch
beteuert hatte, dass aus Trophonius Höhle keine Erlösung sei. Freilich! - Was
hilft's, an einen Ort zu kommen, wo Heulen und Zähnklappen unglücklicher
Menschen ist; wo man Höllenhunde heulen, Raben krächzen und Schlangen zischen
hört, ohne nach all diesen Prüfungen etwas zu erfahren, was der Mühe wert ist?
Kann denn dem göttlichen Wesen mit Angst und Furcht so gedient sein, als den
Priestern, die sich auf diese Art in Ehrwürde zu setzen suchen; die die
Aufzunehmenden Leitern steigen, schleudern und sich durchwinden lassen, während
der Zeit sie, an ganz sichern Orten, die dazu gehörigen Maschinen in Bewegung
setzen und durch bequeme Hintertüren sich durchschleichen? Und was soll wohl,
wenn auch eine liebliche Musik auf das Angstbrüllen der Verdammten und das
Heulen und Geschrei der Tiere erfolgt, was soll diese teatralische
Vorstellung? Dass die Gotteit einen Teil ihres Himmels und ihrer Hölle in diese
Höhle beurlauben sollte, um den Aufzunehmenden zu ängsten und zu erfreuen, ist
das zu denken? Dergleichen Gedanken, wiewohl in anderer Form, durchkreuzten den
Kopf des Knappen, als ihm sein Herr die mariage de conscience mit der Furie
entdeckte. Ich siehe Ew. Gnaden mit Leib und Seele dafür, sagte der Knappe, dass
sie, bei all ihrer Hässlichkeit, Ihnen doch nicht die Erstlinge der Liebe
zubringen würde; - und werden wohl die heiligen Handschuhe unsaubern Händen
anpassend sein? Nicht, als ob ich meine Bittschrift zurück verlange, gnädiger
Herr, sagte er, die fest und unwiderruflich bleibt im Leben und im Tode; - doch
denken Sie Sophiens und erlauben Sie mir, an Sophiens Begleiterin zu denken, die
ich bis jetzt schon, wiewohl ohne Ew. Gnaden Erlaubnis, nach Ihnen am meisten
geliebt habe.
    Meine Einwilligung, Sophiens Begleiterin zu lieben, erwiederte der Ritter,
erteile ich dir so vollgültig, als gerne; doch vergiss nicht, dass sie auch von
der Begleiterin selbst und von Sophien abhängt. - Ausser sich vor Entzücken über
diese Einwilligung, tat Michael nicht viel anders, als ob er mit einer
verlobten Braut zur Trau gehen sollte. Gern war sein Herr Gast auf Michaels
Myrtenfeste; indes vergass sich dieser so sehr im Taumel des Vergnügens, dass er
fast mit Unbescheidenheit in den Ritter drang, seine Laufbabn aufzugeben und
nach Rosental heimzukehren. Michael! mehr erwiederte der Ritter nicht auf diese
Sirenenworte, und der jauchzende Knappe fühlte seine Vorschnelligkeit. War es
denn nicht seinem Herrn allein zugedacht, in Trophonius Höhle den Hals zu
brechen?
    Wer eine Statue mit Kenneraugen ansieht, wird eine Statue. Wahr! - Wer in
die Sonne sieht, erblindet. Wahr! - Es gibt Menschen, die sich Teufel schaffen,
welche nirgends existiren, als in ihrem Kopf, um der Ehre wert zu sein, sie
gebannt zu haben. Wahr! - Wie sich dies auf einander bezieht? - Ist das eine
Frage? Unsere beiden Reisenden drehten sich um diese Wahrsätze, als der Ritter,
durch Michaels Kleinmut gestärkt, wie aus tiefem Schlaf erwachend, anfing:
    Siehe, Michael! so wenig verstehst du dich auf Herkules! Wie, wenn der
Fremde bloss eine Maske wäre, die den Herkules vom Wege der Mysterien abzuwenden
es anlegte? - Wenn er mir dies ungesuchte Glück beneidete? Es ist ein Zeichen
des grössten Schauspielers und des grössten Bösewichts, sein Individuum so zu
verläugnen, dass auch nichts davon übrig ist, weder zu sehen, noch zu hören. Die
Uebertreibung der Drohungen, die, selbst in einem Roman, die Grenzen der
Bescheidenheit übertreten würden, - sehen sie nicht einer Prüfung ähnlich? Und
wenn gleich ich nicht in Abrede stelle, dass diese Art von Prüfung übel gewählt
und unangemessen einer jeden guten Sache sei, kann man vor dem Ende den Wert
der Sache beurteilen? Zwar sollen Polizei und Justiz, in vieler Herren Landen,
einen gefunden, festen Schlaf haben, wo ist aber das Land, wo, bei Polizei- und
Justizschlaf, Höhlen-Greuel dieser Art sich ereignen? Und was in aller Welt, was
und wer ist im Stande mich zu zwingen, Sophien untreu zu werden? Ihr die
Handschuhe zu entziehen, um mich mit einer Furie ehelich zu verbinden? Würde ein
gesetzloses Verfahren dieser Art nicht alle noch so feierlichst eingegangenen
Bande zerreissen? Mag die Moralität, in die Kreuz und in die Quer, in die Breite
und in die Länge, in die Höhe und in die Tiefe, gewinnen, wenn sie nur gewinnt!
Das Barocke und eine gewisse Singularität hat von jeher Glück gemacht, und in
der Regel sind Sonderlinge besser, als Alltagsmenschen. - Was ist ganz zu
erklären? Und das, was wirklich ganz, bis auf den letzten Grad, erklärt werden
kann, verdient es diese Ergründungsmühe? Führen wir nicht in dieser Welt ein
änigmatisches Leben? Und würde ewiges Licht auf unserer Erdenbahn uns nicht
schädlicher noch, als ewige Finsternis sein? Wohnen wir auf einem Planeten oder
in der Sonne? - Hier stockte der Ritter, als ob er schon zu weit gegangen wäre.
- Auch würden seine Gründe auf Michael lange so kräftig nicht gewirkt haben,
hätte der Redner ihm nicht den Umstand vorgeschoben, dass der Fremde, der in der
Herberge gewiss keine Anlage zum Fasten bewiesen, auch für Ritter, Knappen und
Reitknecht Essen vorbereiten lassen. Aber wie wusste er denn, dass wir kommen
würden? Das ist die Frage, erwiederte der Ritter, als
                                    §. 109.
                                      drei
Männer zu Ross auf unsere Reisenden stiessen, wovon Einer vorsprang, und vom
Ritter, im befehlenden Ton, wohin? zu wissen verlangte. Michael, den die Art der
Frage verdross, hatte doch an der Frage selbst kein Missfallen. Der Ritter
schwieg, und da dieser Frager mit mehr Zudringlichkeit und zuletzt mit
wirklicher Beleidigung auf Beantwortung bestand, blieb dem Ritter weiter nichts
übrig, als ihn nach dem Recht zu dieser Dreistigkeit zurückzufragen. Statt zu
antworten, zeigte der Frager Pistolen. - Der Ritter erwiederte durch die
nämliche Pantomime; - und Michael sah sehr genau, was die beiden Begleiter tun
würden, um teils sich selbst in Positur zu setzen, teils seinen Nichtvetter
Reitknecht zu commandiren. - Der Frager setzte sich in Schussordnung, der Ritter
desgleichen. - Ernst! fing jener an. - Der Ritter: Ich scherze nicht mit
Pistolen. Eine Unterredung - sagte der Frager. Bereit, der Ritter. Sie stiegen
von ihren Pferden, gingen, jeder mit seinen Pistolen, in ein benachbartes
Gesträuch.
    Freund! sing der Frager an, Sie haben Pistolenmut, und warum nicht den
kleinern Grad des Muts, auf meine Frage zu antworten. Darf ich bitten, da
vielleicht das Fragen Sie beleidigte, wohin? Der Ritter honorirte diese Bitte so
wenig, als die Pistolenforderung, und der Bittende stimmte sich eben so schnell
und leicht wieder um. Ich bedarf Ihrer Antwort nicht. Sie sind aufgefordert von
Menschen, die Sie nicht kennen, zu Dingen, die dem vernünftigen Manne
überschwenglich sind. Angeblich sind Sie in Geisterobservationen gesetzt. Haben
Sie den Einfluss des Ihnen beigeordneten Genius gefühlt? Hat er mit Ihrem Geist
sich so eingelassen, dass seine Existenz Ihnen kund und unläugbar ward? Auch die
Loge zum hohen Licht ordnete Ihnen, da Sie Aspirant wurden, einen Genius zu, der
eben so gut Fleisch und Bein hatte, als Sie; und dergleichen Mouche lässt sich
denken und erklären; einen Geist aber einem in Fleisch und Blut gekleideten
Geiste zugesellen, verbinden Sie dies? Kamen Sie nicht, bei Ihrer ersten
Ordensausflucht zum hohen Licht, schon mit Sonne und Mond in Collision, obgleich
dort bloss von Gastöfen die Frage war? - Was für Staub ich mache! sagte die
Fliege auf dem Wagenrad. - Verstehen Sie mich, so werde ich Sie wieder
verstehen, wo nicht, so ist's mir leid, ich weiss nicht, ob mehr um Ihren
Verstand oder Willen.
    Da der Ritter auf diese lange, harte Rede nichts antwortete, fuhr der
Pistolenmann, wie es schien, noch mit mehr Festigkeit fort, wie folgt:
    Mit Recht verlangten Sie meine Vollmacht zu meiner Frage; haben jene
Höhlenunbekannte die ihrige gezeigt? Was für eine Bürgschaft leisteten sie, ob
der so grossen Verheissungen, die sie vorspiegelten? Gaben Sie nicht schon
dadurch, dass Sie die Befehle dieser Unbekannten befolgten, jedem andern das
Recht, sich über Sie Zumutungen herauszunehmen? Macht's die Art, sich
auszudrücken? Nichts ist leichter, als über Dinge, die wir nicht kennen, der
Einbildungskraft, nicht Gedanken, sondern eine Art von Gedanken zu leihen, und
die Bibelausdrücke, die ein Recht auf unsere Ehrerbietung von Kindesbeinen
erlangten, in dies Garn zu ziehen. - Sie sind alle Grabe in der Maurerei
durchgegangen; was ward Ihnen dafür? Sie entdeckten selbst Ihrem Johannes, dem
Vertrauten Ihrer Seele, nichts von Ihrer Höhleneinladung, und hielten Ihre
Verpflichtung gegen unbekannte Einladung höher, als die gegen Ihren Freund, der
nur den einen Fehler hat, dass er nichts mehr, nichts minder von jeder Sache
sagt, als was er davon begriffen hat. - Freilich, ein grosser Fehler! Nicht aber
auch die beste Anlage zum Redner, wenn anders Redner nicht, wie Poeten, in jedem
wohleingerichteten Staate bürgerunfähig sind? Liess sich Sokrates in Mysterien
einweihen, obgleich seine Weigerung einige Zweifel in Absicht seiner Religion
erregte, und obgleich man Gelegenheit nahm (um christlich zu reden), zu
behaupten, dass er nicht zum Abendmahl ginge? Darf man bei einem guten Wein
Kränze aushängen? Man befragt das Orakel nicht ungestraft; und wer erreichte je
einen heiligen Ort und eine mystische Stelle, ohne zu verlieren - wäre es auch
nur - Geld! - Das heisst, Viel und Wenig, je nachdem man es anzuwenden versteht.
Erhielten nicht in der Maurerei falsche Spieler, Ehebrecher. Betrüger Zutritt,
wenn dagegen der Mann von Kopf und Herz auf die Ehre der Aufnahme völlig
Verzicht tat, oder bei Erteilung der höheren Grade so gutwillig zurückblieb,
dass man wohl einsah, er sei nicht begierig, mehr Vorhänge aufzuziehen? Dies ist
der Gang aller Mysterien, so alt und so jung, so wichtig und so unwichtig sie
sein mögen. Wäre Johannes Ordensmann, wenn die Herren zum hohen Licht ihn nicht,
bei all seiner Finsternis, nötig hätten? Würde er Ihnen in Sonneneinladungen
nachstehen, wenn er minder ein offener Mann wäre? - Freund! erwiederte der
Ritter, auch dem Schicksale, selbst wenn es uns verwahrlost, muss man Wort und
Treue halten; - - und schwieg. - Und schwieg. -
    Diese lange Rede hatte ihn in weit grössere Verlegenheit gesetzt, als die
Pistolenbravade und als die Unterredung mit dem Fremdlinge; denn ausserdem, dass
sie mit den Bedenklichkeiten übereinstimmte, die Ritter und Knappe unter
einander gewechselt hatten, lag nicht der grösste Teil derselben in der Natur
der Sache? Später besann sich der Ritter auf das Trostwort, dass der Glaube
durchaus eine Sache sei, über die uns niemand zur Rede und Antwort stellen
könnte und woraus keine Folgen zu ziehen wären. Nicht jeder Mensch sei an Major,
Minor und Conclusio gebunden. Es hat Menschen gegeben, sagte er, die nicht
wussten, was sie wollten, und doch grosse Männer wurden. - Sowohl Ignatius Lojola
als Zinzendorf waren inconsequent; doch schlugen ihre Schüler in dieses Chaos
Licht und Leben. Wenn ich zu Petern ein Zutrauen habe, so kann Paul nicht das
nämliche fordern. - Manche Menschen tun alles, was sie tun, Gutes und Böses,
als Ausnahme; manche tun alles nach der Regel. Sokrates, einer der edelsten
unter den Menschen, hatte, ausser seiner excolirten Vernunft und seiner Weisheit,
den untrüglichsten Wegweisern, noch Einen Dämon, der ihn nicht antrieb, sondern
zurückhielt, der schwieg, wenns gelingen sollte, und sprach, wenn ein missliches
Ende bevorstand. - Es gefällt mir nicht an Sokrates, in Beziehung auf diesen
Dämon, dass er keinen, auch nicht den vertrautesten seiner Schüler, auf Tabor
führte, um ihm seinen Dämon erscheinen zu lassen;
    dass er zu viel und zu wenig über diesen Dämon sprach;
    dass er sich sogar zu Hokuspokus herabliess, und z.B. im tiefsten Nachdenken,
in der grössten Sonnenhitze stand, und so bis an den folgenden Tag verweilte. -
Wer kann so lange ungestört nachdenken? und mit der Wahrheit, ihrem Urquell, der
Gotteit, ober seinem Schutzgeist, anhaltend sich beschäftigen? So du betest,
gehe in dein Kämmerlein, schliess die Tür zu, und lass dein Herz reden.
    Und wie? legte Sokrates sich nicht sogar einen göttlichen Vorzug bei? Er der
nichts zu wissen behauptete, konnte behaupten, die Götter liessen ihn ein Blatt
in den Büchern der Vorsehung lesen.
    Darum ist indes nicht allem Unbegreiflichen das Leben abgesprochen. Sokrates
liess sich nicht in die Gäng- und Gäbemysterien einweihen; indes machte er selbst
Mysterien, wozu er keinem den Schlüssel gab. Vielleicht füllte dieser Umstand
vorzüglich den Giftbecher, den er leeren musste. - Ist die Gotteit ferne von
einem jeglichen unter uns? Leben, weben und sind wir nicht in ihr? Können wir
uns einbrechen, wenn wir Millionen und abermal Millionen Welten und ihre Sonnen
am Himmel sehen, in diesem Anschauen verloren, zum Schöpfer zu dringen und zu
glauben, wir schauen auch ihn? Können wir uns entbrechen, zu ihm zu beten und
unsern Geist zu erheben zum Geiste der Geister? - Ists in dieser Begeisterung
unmöglich, einer Art von Eingebung gewürdigt zu werden, und durch schnelle
Einsicht, durch Ueberschauung einer Sache und ihrer Folgen, eine Erscheinung zu
haben? Von diesem Lichte, wie viel fehlt zum wirklichen Umgange unseres Geistes,
wenn gleich er noch bekörpert ist, mit unbekörperten Geistern? Jene Schnellkraft
und Richtigkeit im Urteil, ist sie von Prophetengabe und Wahrsage weit
entfernt? - Wenn man, heisst es, den Erfolg des Nachdenkens und der Weisheit,
oder eines glücklichen Zufalls, der zwar gemeinhin den Toren begegnet, doch
aber zuweilen auch den Weisen aufsucht, auf die Rechnung einer übernatürlichen
Wirkung setzt, sei man ein Schwärmer. Wer kann aber sicher in seinem Urteil
sein, ob es Zufall, Erfolg des Nachdenkens und der Weisheit, oder - ob es was
anders war? Ach Pistolenfreund! in jeder reinen Tugend sehen wir Gott! Sie
stärkt und kräftigt und gründet uns, um zu Wesen uns zu gewöhnen, denen diese
durch Kämpfe und Aufopferungen erungenen Siege eine Wonne zu schauen sind. - Der
kindliche Sinn, wozu diese hohe Weisheit sich gewöhnt, versteht die Kunst, alles
Fremdartige und jede Nebenumstandsache zu entfernen, und oft schon auf den
ersten Blick zu finden, worauf es ankömmt; sollten seine Vermutungen, aus der
reinsten Absicht gefasst, viel weniger als Vorhersagungen sein? In der Maurerei
stellt jeder sein Ziel sich selbst auf; und wenn gleich ich weder Sophien noch
manches andere fand, was ich suchte, fand ich nicht mehr als Freund Bruder
Johannes? Unter den Zwölfen war Judas; kann man in irgend einer Gesellschaft auf
lauter Johannes und Petrus rechnen, obgleich auch dieser letzte, wenn gleich er
bis Tabor kam, ehe der Hahn dreimal krähte, seinen Meister dreimal verläugnete.
Verweigert man den Grossen der Erde, sie aufzunehmen, so verfolgen sie den Bund;
nimmt man sie auf, so erniedrigen, so entwürdigen sie ihn. - Was tut's? Kein
guter Same, verstreut oder ausgestreut, bleibt ohne Frucht. - Die Folgen alles
Guten sind so ewig, als die Folgen alles Bösen. - Heil dem guten Samen, wenn er
das Unkraut überwächst! - Nicht brauchen alle Brüder diese grossen Absichten zu
bewirken. Eine andere Klarheit hat die Sonne, eine andere Klarheit hat der Mond,
eine andere Klarheit haben die Sterne, denn ein Stern übertrifft den andern an
Klarheit. Wenn Sie Maurer sind, dürfen Ihnen diese Worte voll
Maurer-Hieroglyphen nicht gedeutet werden. Das Beispiel lehret mehr, als das
Gesetz. Freilich scheint das Menschengeschlecht noch nicht viel weiter. Sokrates
soll gesagt haben, wenn die Gotteit nicht einen Abgesandten an die Menschen,
mit seinem näher erklärten Willen, herabsende, - sei zu ihrer wirklichen
Vervollkommnung keine Hoffnung. Heiliger Sokrates! Haben wir nicht Mosen und die
Propheten in uns, Gesetz und Evangelium? - Um dies Buch, das in uns liegt, zu
lesen, dürfen keine Wesen höherer Ordnung das menschliche Geschlecht
unterrichten. Unser Lehrer, der heilige Geist, der in uns ist, kann und will er
uns nicht in alle moralischen Wahrheiten leiten? Freilich gibt es Fragen, nach
deren Beantwortung sich auch diesseits der Denkende, der sich unterscheidende
Mensch, der Seelenflügelmann sehnt: Wo kam ich her? wo gehe ich hin? wie war's?
wie wird's sein? Ach Freund! dergleichen Fragen mit Bescheidenheit von
Auserkornen getan, sind sie Verbrechen? Sind sie Ungezogenheit und unanständige
Näscherei? Macht ein ausgehangener Kranz den guten Wein schlechter? Wenn die
Einladung an die Strassen und Zäune ergeht, ist sie nicht für den Blöden fast
notwendig? Und ist die Tugend den Blöden nicht hold?
    Der Pistolenmann wollte einfallen, doch fuhr der Ritter fort: Ihre
Einwendungen sind stark, der Ton Ihrer Stimme ist nach einem schwülen Tage
schöne Abenddämmerung worden. - Doch glaub' ich mich an dem Zufall zu
versündigen, wenn ich ihn nicht benutze, und eben, weil ich nichts dazu beitrug,
bin ich verpflichtet, ihn als höheren Fingerzeig anzusehen. - Wo lebt der
Mensch, der ohne Täuschungen wäre? Sind sie zu verachten, wenn sie Folgen eines
angestrengten Nachsinnens, einer Gott ergebenen Seele, eines reinen Wandels
sind? - Hypotesen sind Wesen, die vater-und mutterlos sind, die indes Vernunft
und Erfahrung zu natürlichen Vormündern haben.
    Der Frager seufzte, schwang sich auf sein Pferd, und einer verlor sich nach
dem andern von diesen drei Männern. Ein musterhaftes
                                    §. 110.
                                        
                                     Duell
sagte Michael. Getroffen! erwiederte der Ritter; noch nie hab' ich Pistolen der
Art so treffende gesunden. - Die noch das besondere haben, fügte Michael dazu,
dass sie, so sehr sie treffen, nicht verwunden. - Verwunden und tödten!
erwiederte der Ritter hitzig. Ew. Gnaden werden verzeihen, dass ich diese
Hieroglyphen nicht verstehe, sagte der Knappe. - Recht gerne, beschloss der
Ritter. Jetzt kamen sie in die
                                    §. 111.
                                        
                                     Stadt,
deren Namen bis dahin dem Ritter ein grosses Geheimnis gewesen war. Da er keine
Anweisung zum Quartier in seiner geheimen Instruktion hatte, war ihm nichts
übrig, als sich am Tor nach einem guten Gastose zu erkundigen. Man nannte ihm
deren zehn, und da er seinen Knappen bei der Auswahl um so mehr zu Rate zog,
als er ihn im Punkt des Punkts dieses Zutrauens nicht würdigen konnte, so
einigten sich beide, wiewohl nachdem sie zwischen Gans und Schwan, den drei
Mohren und den drei Sternen, dem Ross und Kranich lange geschwankt hatten. Zum
Löwen! sagte der Ritter. - Zum Löwen! erwiederte der Knappe. Und - wer sollte es
denken? - eben im Löwen fand der Ritter den Ordensvertrauten, der seiner wartete
und mit ihm sogleich zur Sache schritt. Desto besser, dachte der Ritter. An
Vorbereitungen hatte es (die drei Männer mit eingerechnet) nicht gefehlt. Schon
war durch dieses ganz besondere Ereignis, von welchem der Ritter zu glauben
anfing, dass es wohl schwerlich ohne die Beiordnung des Schutzgeistes zu bewirken
gewesen, seine Seele für diesen Ordensvertrauten gestimmt. Er glaubte wegen der
ritterlich überwundenen Schwierigkeiten reichlicher entschädigt zu werden. Die
liebliche Weise, welche der Ordensvertraute einschlug, gewann unsern Helden noch
mehr, und es war ihm Seelenwonne, nach so geraumer Zeit sich wieder einem
Johannes, wiewohl anderer Art, aufschliessen zu können.
    Komm herein, du Gesegneter des Herrn! was stehst du draussen? war ungefähr
das Resultat seiner Erwartungen. Wohl mir, antwortete der Ritter schon voraus,
ich habe gefunden, dess ich so lange harrte.
    Auf die feierliche Frage, die der Ordensvertraute von Amtswegen, wie er sich
ausdrückte, tat, was er von Ordensverbingungen überhaupt und vom Sonnenorden
insbesondere dächte? legte unser Held eine so treue Osterbeichte ab, dass nichts
in dem geheimsten Winkel seines Herzens zurückblieb. Nur der, welcher nach
langer Entaltsamkeit endlich wieder seinen Johannes findet, an dessen Busen er
laut denken und dem er sogar Empfindungen, die sich noch nicht zu Gedanken
ausbildeten, anvertrauen kann, ist im Stande, sich vom Glücke des Ritters eine
Vorstellung zu machen. - Der Beichtvater verschlang jedes Wort, zeichnete hie
und da etwas von diesen Bekenntnissen mit Bleifeder auf, sprang beim Amen
plötzlich auf und verliess ohne Absolution spornstreichs den Gastof. Ein
                                    §. 112.
                                        
                                     Zettel
ward dem Ritter behändigt, dessen Inhalt ungefähr folgender war: Sie sind im
Orden verloren. Kehren Sie so schnell heim, als ich diesen Gastof verlasse,
wenn Sie von meiner Bemühung, Ihr Freund zu werden, ächten Vorteil ziehen
wollen. Ich bin so wenig ein Ordensvertrauter, dass der Orden keinen ärgern
Verfolger hat; ich bin Ordens-Saulus, ohne je Paulus werden zu wollen, noch zu
können. Rache ist süss! Ich habe Sie aus Liebe zu Ihnen und aus Hass gegen die
Verbindung, in die Sie treten wollen, hintergangen. Kann dies hintergehen
heissen? Dem Orden den Plan zu verderben, zu dem man es mit Ihnen anlegte, eile
ich, von Ihrer Beichte Gebrauch zu machen und sie insgeheim und öffentlich
mitzuteilen. - Zu Ihrem Glück ward ich dieser Verräter. - Man liebt
Verräterei und hasst Verräter. Hassen Sie mich, wenn Sie's können. Ich rette
Sie, das ist Ihr Glück; ich räche mich an dem Orden, das ist das meinige.
    Bestürzt und wie vom Blitz getroffen rief der Ritter den Knappen. Lass uns,
sagte er, dies Haus verlassen. Vortrefflich, erwiederte Michael. Hier wohnt
Verräterei, fuhr der Ritter fort. Und Hungersnot, beschloss Michael, der noch
nichts zu essen, noch zu trinken habhaft werden können. Man beschloss einmütig,
wiewohl nach einer langen Disknssion, in den Sperber einzuziehen. Der Gastof
zur Krone, welchem man den Spitznamen der Affe beigelegt hatte, stritt lange mit
dem Sperber, und war an jener langen Diskussion Schuld; - zwar nicht wegen des
eigentlichen, sondern wegen des Spitznamens. Drei Tiere, sagte der Ritter, zur
Fabel und zur Wahrheit zu gebrauchen. Es blieb beim Sperber. Michael bezahlte
den Löwenwirt, und in einer Stunde waren Ritter und Knappe im Sperber, wo der
Wirt den Ritter versicherte, dass ein Geistlicher schon für ihn und sein Gefolge
Zimmer und Stallung besprochen hätte. Seit wann? - Seit drei Tagen. - Und dieser
Geistliche? - Logirt Numero Neun. Ihr Zimmer ist Sieben. Nach etwa neun Minuten
erschien dieser Geistliche mit offenen Armen. Der Ritter, aus Schaden klug
geworden, war so zurückhaltend, dass der Geistliche nicht früher, als bis er ihm
einen Brief von der nämlichen Hand, als die Einladung war, übergeben hatte,
seine Zunge löste. Hier ist der Brief:
    Kannst du morgen bei Sonnenaufgang beten, - und ist dein Schutzgeist nicht
unzufrieden mit dir, den du vor dem Gebetversuch zu befragen hiermit angewiesen
wirst, so folge dem Seelenhirten, der dich zur reinen Quelle zu leiten gesendet
wird. Wache und bete!
    Der Ritter verlangte Frist bis morgen früh, um sich mit dem Seelenhirten
einzulassen; und dieser? spannte alle Segel der Beredsamkeit an, um den Ritter
zu bestimmen, in feinen Hafen zutrauensvoll einzulaufen. Sobald der Ritter von
seinen erlittenen Versuchungen anfing, bog der Seelenhirte weislich aus; indes
war der Ritter fest entschlossen, so lange mit ihm zu ringen und ihn nicht zu
lassen, bis er ihn segnete. Der Seelenhirte gab nun zwar kein Wort auf die
wunderbaren Vorfälle, doch konnte er sich nicht einbrechen, sein Haupt zu
schütteln. Der Ritter zeigte ihm den vom angeblichen Ordensvertrauten erhaltenen
Zettel, und der Seelenhirte, als tät' er's in Gedanken, zerriss ihn in neun
Stücke, die er alle neun dem Vulkan opferte. Obgleich die Sonne des andern Tages
nicht aufging, und dieser Skrupel unsern Ritter aus der Fassung bringen wollte,
so war seine Seele doch schuldlos; und ist dies nicht Gebet ohne Worte? - Sein
Gewissen war ohne Wolken, welche diesen Morgen das Sonnenlicht verfinsterten;
und wenn gleich es nicht jedermanns Ding ist, einen unsichtbaren Genius um ein
Testimonium anzusprechen, so glaubte doch unser Held, desselben nicht unwürdig
zu sein, und dieser Glaube gab ihm Freimütigkeit nicht nur vor Menschen,
sondern auch (es war ein irrender edler Ritter) vor Gott! Sein Herz verdammte
ihn nicht, wer konnte ihn verdammen? Jetzt begann die eigentliche Vorbereitung,
mit einer Fastenempfehlung, bei der die Fische mehr noch als Fleisch widerraten
wurden. - Ueberhaupt war alles Rat, nichts Anordnung im Munde des Seelenhirten;
und doch hätte der Ritter eher zehn Befehle übertreten, als einen so aus dem
Herzen kommenden und durchs Herz gehenden Rat. Wenn sich doch dies unsere
Seelenhirten von Gesetzgebern merken wollten. Unser Seelenhirte überliess seinem
Schäflein von Ritter, ob er die dreitägige Fasten schon gleich im Sperber
vollenden, oder dazu einen Flecken, etwa eine halbe Stunde von - entfernt,
wählen wollte. Der Ritter, entschlossen seinen Aschermittwoch sogleich
anzuheben, merkte dem Seelenhirten die Neigung ab, heute noch mit ihm Fleisch
und Fisch zu essen; und so hielten sie denn ein Mahl mit Wohlgefallen, bei
welchem der Seelenhirte so edel-ernstaft blieb, dass er beim Ritter, von
Schüssel zu Schüssel, von Glas zu Glas, gewann. Ein Umstand erschütterte den
Ritter; und dieser? Die Erinnerung an den Jüngling, der, wie sich der
Seelenhirte ausdrückte, mit Christo ungefähr in der Lage war, wie Sie mit mir.
Dieser Jüngling besass von seinem Schutzgeiste ein gutes Testimonium und
Freudigkeit vor Gott. Er behauptete, alle Gebote gehalten zu haben, und doch
stand er an, sein Hab und Gut zu verkaufen und es den Armen zu geben. Hätte der
Jüngling, sagte der Ritter, Rosental gehabt, er würde es unbedenklich haben
behalten können; es ist (freilich auf dem Papier) ein Heiligtum, ein irdisches
und himmlisches Jerusalem. - Und Sophie? erwiederte der Seelenhirte. Wird an
Sophien beim Jünglinge gedacht? Sie ist Schwester des Ordens der
Verschwiegenheit, Mitglied der Adoptions-Maurer-Loge. - Ein Engel ist sie; wo
sie ist, ist Eden und Himmel! Auch Eldorado? Nein! ehrwürdiger Vater, Eldorado
ist oben ober unten. Wären aber mehr Sophien, würde nicht Hoffnung zu Eldorado
auf Erden sein? Der Seelenhirte liess seinen Laien, wie Rechtens, allein fasten,
und verliess ihn bald nach dem Fleisch- und Fischmahl, das sie gemeinschaftlich
gehalten hatten. Nach drei Tagen, in welchen der Ritter gefastet und sich
geheiligt hatte, war er entschlossen, wiewohl ohne den Flecken zu berühren, wo
er sein Fasten, wenn er gewollt hätte, eben so gut als in - hätte halten können,
nach der Anweisung des Seelenhirten, ganz allein, zwischen eilf und zwölf Uhr
Abends, zum geheimen Ort und zur mystischen Stelle zu wandern, wenn er zuvor
Michaeln ein mündliches
                                    §. 113.
                                        
                                   Testament
eröffnet haben würde. - Um sieben Uhr kam Michael von selbst; eben da er ihn
rufen wollte. Du kommst wie gerufen, sagte der Ritter. Riesen Sie denn nicht?
erwiederte Michael. Mit meiner Seele, versetzte der Ritter. Siehe da! meine
Stunde ist kommen. Wisse, von dem, was du bis jetzt nicht wissen konntest, - -
einen Teil. Wer bei wenigem treu ist, wird über viel gesetzt zu seiner Zeit. -
Herzlich wünschte ich hinzusetzen zu können: Gehe du auch ein zu deines Herrn
Freude! Doch ist deine Stunde noch nicht kommen. Vorerst falle die Binde von
deinen Augen, und wenn du je deinen Herrn geliebt hast, beweise ihm diese
Zuneigung jetzt, da er sie von dir, aus Ordenserkenntlichkeit, zu fordern
glauben darf.
    Schmeichelei, erwiederte Michael, ist eine Münze, mit der man am leichtesten
seine Rechnung bezahlt; ich bin nicht für diese Münze. Nie werde ich vergessen,
dass ich durch so viele Maurergrade durch Ihre Güte und Fürsprache geleitet ward;
und wenn ich gleich keine Kiste voll Ordensbänder und Kleinodien besitze, die
bei Bruder Johannes, ausser dem Kreuze auf der blossen Brust und dem Stern auf dem
Hinterteil der Weste, deponirt sind, habe ich nicht so viel gesehen und gehört,
dass, wenn ich auch nur den ueunundneunzigsten Teil davon Gamalieln zuwenden
könnte, ich ihn glücklicher machen würde, als einen König, und mich eben dadurch
noch mehr?
    Michael, denke nicht an das, was dahinten ist, sondern strecke dich nach
dem, was vorn ist - antwortete der Ritter. Es ist mir vergönnt, dich an meiner
Berufung Teil nehmen zu lassen, zu der ich mich, wie du weisst, durch Fasten
leiblich bereitet habe, und jetzt geistlich bereiten will. Ich hoffe, die Zeit
ist erschienen, dass ich nach Entsündigungen und Läuterungen, Licht schauen
werde. Licht, Michael, ist Weihwasser der Seele, wodurch sie gereinigt wird, um
mit Wesen höherer Ordnung bekannt zu werden.
    Wahrlich, es ist einmal Zeit, sagte Michael, dass das Licht, das sich so
lange unter Wolken hielt, Ihnen endlich Gerechtigkeit erweise. Schon oft hat
seine Aechteit mir verdächtig geschienen, da es Sie übersehen konnte. Es ist
nicht richtig gesagt, doch es ist richtig gedacht, dass Licht sich selbst nicht
selten im Lichte stehe; wäre sonst die Welt nicht längstens erleuchtet? - Alles
hat seine Zeit, sagte der Ritter, Finsternis und Licht. Lange war Chaos, ehe
Licht ward. - Warum Abschweifung? Ich gehe, frage nicht, wohin? wo ich aber bin,
soll mein Knappe auch sein!
    Michael war ausser sich dieser Verheissung halber, ergriff die Hand seines
Herrn, die er mit Tränen benetzte und fest an sein Herz drückte. Lesen Sie,
gnädiger Herr! mehr konnte er nicht. - Etwa wieder eine Blutschrift? -
Allerdings, wiewohl anderer Art.
    Der Seelenhirte hatte einen Brief verloren, und da er auf fallend von der
nämlichen Hand als die Anweisung geschrieben war, war es dem Ritter zu
verdenken, wenn seine Knie wankten? Dieser Brief
                              An den Bruder Aeion!
    Teophil ist in der Probe geblieben. Wir haben ihn gezwungen vor seinem Ende
von seiner Mutter schriftlich Abschied zu nehmen und ihr zu beteuern, dass ein
Gallenfieber die Ursache seines Todes gewesen sei. Dir aber liegt ob, mit einem
der Unsrigen seinen Leichnam (es waren Chiffern). Jetzt wird sich seine Geliebte
wohl bequemen (wieder Chiffern). Feder und Tinte ist ein erlaubtes Gift, das
schon manchen ins Grab brachte, ehe sein Stündlein vorhanden war, und eine
Arznei, die von den Todten erweckt. - Den Feigen lehrt die Not beten, den
Weisen die Freude, gewisse Arbeiter im Weinberge die Politik. - (Chiffern.) Wer
in allem die Probe hält, wird der auf dem Probirsteine der Liebe unächt sein?
Ein Wort zu seiner Zeit ist ein Stein Davids, um Goliate zu stürzen. Was den
Berufenen betrifft, so sind die Anzeichen des Schutzgeistes bedenklich und
schwankend. - Die Berichte der unsichtbaren Vollendeten setzen es auf nähere
Proben aus (Chiffern). Würde dieser Siebente, wie es fast scheint, verworfen,
wer ist mehr zu bedauern, er oder sie? - Wahr ist es, sie ist ein Engel. -
Vergiss des Atleten nicht, der das Unglück hatte, seinen Gegner beim Ringen zu
tödten, und der, da die Richter ihm die Krone verweigerten, seinen Verstand
verlor. Viele berufen, wenig auserwählt. Gegeben im Rat der zwölf Aeltesten,
die auf Stühlen sitzen (Chiffer).
    Dass dieser Uriasbrief dem Helden nicht gleichgültig war, versteht sich von
selbst. - Ob er gleich die Deutung nicht machte oder machen wollte: Du bist der
Mann des Todes; so trafen doch einige Umstände den rechten Fleck im Herzen, das,
wie bekannt, ein trotzig und verzagtes Ding ist; wer kann's ergründen? Nach
einer kleinen Erholung fing der Ritter an, wie folgt:
    Die Schrift mit deinem Blute geschrieben ist nicht der kleinste der vielen
Beweise deiner Liebe. Ich würde mich mehr als dich zurücksetzen, falls ich diese
Liebe nicht mit Gegenliebe erwiedern sollte. Wenn ich dir nicht dienen wollte,
wäre ich wert, dass du mein dienen der Bruder bist? Mein Diener warst du nie. -
Die Progression ist dir bekannt, nach welcher ich im Orden gedacht und gehandelt
habe; und wohl mir, dass ich dir meinen jetzigen Vorsatz entdecken darf, den ich,
will's Gott! nach drei Stunden auszuführen beginnen will und muss. Muss? griff
Michael ein. Muss, erwiederte der Ritter. Setzt man den Mittelpunkt nicht in die
Mitte, wie kann man eine deutliche Idee vom Umkreise haben? So wie die Radien
eines Cirkels auf den Mittelpunkt desselben sich beziehen, so ist der
Mittelpunkt der Zweck, worauf alles angelegt wird, und Mittelpunkt und Umkreis
gehören zu jeder deutlichen Vorstellung. Zweifelst du noch am Muss? Nicht im
mindesten, sagte der Knappe. Wir suchen Ueberzeugung aus sinnlicher Erfahrung,
und Evidenz, da wo sich andere zu glauben begnügen. Der Mond befördert die
Aushauchung der Lebenslust aus den Pflanzen nicht; hierzu wird nicht allein
Licht, sondern auch eine bestimmte Wärme erfordert. - Was hilft Vernunft ohne
Empfindung? Auch der Glaube tut's so wenig, wie das Wasser bei der Taufe. Mit
dem lieben Glauben! Würden, wenn er nicht bloss Vorgabe wäre, die Herren
Geistlichen, bei einer lebendigen und evidenten Ueberzeugung von der künftigen
Welt, so sehr am Irdischen hangen? Was gilt dieses Sandkorn Leben gegen den
Montblanc der Ewigkeit? - Dein Gamaliel selbst würde so ordenslüstern nicht
sein, wenn er wirklich glaubte. Alle Gläubigen, guter Michael, wenn sie gleich
Mosen und die Propheten haben, sehnen sich nach Erscheinungen; und wenn einer
von den Todten erstände, und sie von der andern und dritten, und vierten und
fünften Welt u.s.w. überzeugte, glaube mir, dann erst würden wir sehen, was
Ueberzeugung ist, und was sie wirkt. Sehen ist der edelste Sinn, dessen sich der
höchste Geist nicht schämen darf. Das Licht zu jedem Chaos ist doch
Sinnlichkeit, so wie der geistige Ausdruck, wenn er treffen soll, sinnlich ist.
Gesetzt, Michael, meine Ordensuhr schlüge unrichtig; nicht wahr, wenn sie nur
richtig zeigt? Wie man es nimmt, gnädiger Herr, sagte Michael, ich weiss nicht,
was minder übel ist, taub ober blind sein. Ohne auf diesen Streifzug zu merken,
fuhr der Ritter fort: Die Mysterien, denen ich zueile, sind, so wie alles, was
göttlich ist, nicht an Geburt, Stand und Reichtum gebunden. Menschen machten
Stände, die Gotteit schuf uns gleich. Nur dass du von Stund an mit verdoppelter
Treue deine Seele in deinen Händen trägst, und dich aller Unreinigkeit und aller
Speise und alles Getränkes entältst, das zum Essen und Trinken reizet. Mit
leichter Ladung und leichten Segeln, das heisst, mit Mässigkeit und gutem
Gewissen, fährt der Weise. Eine glückliche Reise! - Die Feste des Saturn sind
die gemeinsten; es gibt Nektar und Ambrosia, Seelenspeise und Geistertrank. Zu
diesen Festen schicke dich an, und dein tägliches Gebet sei: lass, wenn ich
strauchle, wenn ich falle, nicht Feinde, sondern Freunde mich einlenken; lass
mich nicht in die Hände der Menschen, sondern in die Hände, in die Zucht des
Gewissens fallen. So richte deine erste Vorbereitung ein, und sie wird dir die
andere, wie ich nach der Liebe hoffe, erleichtern! Schon der Maurerorden
verstand das Geschenk jenes Schülers der Weisheit, der nicht Silber und Gold
hatte, und sich selbst gab. »Ich bin arm, allein ich bringe mich dir. -« Die
Menschheit ist wahrlich eine grosse Brüderschaft, unter die Gott die Erde
geteilt hat!
    Voll Rührung griff Michael in diese Rede, und war bis zum Verstummen
dankbar, dass sein Herr die ausserordentliche Güte haben wollte, in Trophonius
Höhle nicht allein zu Schaden zu kommen, und dass auch er an der Ehre Teil
nehmen sollte, den Hals zu brechen. »Wie sollte ich's nicht mit Freuden, dachte
er, in so guter Gesellschaft?« Dieser Gesinnungen ungeachtet konnte Michael (der
den Rausch des Hochzeittages mit der Zofe völlig ausgeschlafen hatte) nicht
umhin, dem Ritter noch einige Bedenklichkeiten zu wiederholen.
    Dieser verwies ihm sein Misstrauen mit edler Sanftmut. Gehorsam ist besser
als Opfer. Gehorsam ist Selbstopfer; ihn ohne äussern Zwang zu bewirken, ist das
Geschäft des Weisen; ihn ohne Zweck zu leisten, die Würde des Tugendhaften. Die
Hoffnung, fügte er hinzu, dieser Bote der Unsterblichkeit, dieser Engel Gottes
wird mich leiten und stärken auf den finstern Pfaden zum Ziele. Weiss ich nicht,
was jener Alte (Diogenes) sagt: Der berühmte Räuber Patäcion ist ein
Eingeweihter; Epaminondas und Agesilaus sind es nicht, und wollten es nicht
sein! - Wir denken nicht alle gleich; und ist es nicht gut, dass wir insgesammt
denken, nur ein jeder anders? - Gift ist oft die wirkendste Arznei, und Trübsal
und Angst Richtsteige zur Verklärung. Zweifel läutern unser Wissen, Leiden das
Gold unserer Tugend; das Nichtwissen des Sokrates ist vom Vielwissen abgezogen.
- Wird nicht Gold, so wird Porcellan. - Und was beabsichtigten wir mit unsern
Kreuz- und Querzügen, die es gewiss weder auf eine einförmige Seereise, noch auf
eine Wiesenaussicht anlegten? - Kein wohlgezogener Mensch erlaubt sich Ausbrüche
der Freude (ich wette, du schämst dich des Phantasie-Hochzeitschmauses mit der
Begleiterin); warum sollte man sich Ausschweifungen in der Traurigkeit und in
der Furcht gestatten? Nur Kranke können nicht Kälte, nicht Wärme ertragen. Gott
ist mächtig in den Schwachen; oft ist der Mensch in der Schwachheit am
stärksten, und in der Verzweiflung vermag er alles. Kein Kreuz ist so arg, wo
die Hoffnung nicht die Präscription unterbricht, und uns an Eldorado erinnert,
das oben oder unten ist. Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone
des Lebens geben.
    Wer nach diesen Todesbetrachtungen den Tod noch fürchten kann, erwiederte
Michael, ist der Furcht nicht wert; - kann man weniger wert sein? Ich fürchte
den Tod nicht; doch fürchte ich ihn, ehe Ew. Gnaden Sophien, und ich die
Kammerzofe kennen gelernt, und wir mit den Königinnen unserer Herzen, wenn Gott
will, füufzig Jahre glücklich durchlebt haben.
    Wie? Michael, rief der Ritter; hast du in so viel Schulen der Weisheit noch
nicht gelernt, dich ganz und gar von der Sklaverei des Todes zu befreien? Heisst
bedingt fürchten nicht fürchten? Erinnerst du dich nicht der Geschichte, welche
der Seelenhirte uns so eindrucksvoll erzählte? - Als die Meister Hirame den
Tempel zu Delphi vollendet hatten, und den Apoll um Belohnung baten, was
erwiederte der Gott auf ihr Gebet? Sie würden ihren Lohn nach sieben Tagen
empfahen. Am Ende des siebenten Tages überraschte sie der Tod in einem sanften
Schlaf. Ei, ihr frommen und getreuen Knechte, ihr seid über wenig treu gewesen,
ich will euch über viel setzen; geht ein zu eures Herrn Freude. Die Liebe,
welche zwei Brüder ihrer Mutter bewiesen, als sie sich einspannten und sie zum
Tempel zogen, rührte die Alte so, dass sie die Götter anflehte, diese kindliche
Treue zu vergelten. Sie fanden ihren Tod im Schlaf. Wer in seinem Beruf sein
Leben verliert, erhält es für eine bessere Welt; und wer nicht Pilger und Bürger
zu sein, unter Menschen zu Hause zu gehören, und unter Menschen ein Fremdling zu
bleiben versteht, verkennt seine diesseitige und jenseitige Bestimmung. Zeno von
Citium, der ein Rheder war, hörte von dem Verluste seines unaffecurirten
Schiffes; und wie glücklich machte ihn dies Unglück! Er ward aus einem Rheder
ein Philosoph. - Von Helden, die nicht für Grillen ihres durchlauchtigsten
Befehlshabers, sondern für ihr Vaterland das Leben liessen, heisst es im Geist und
in der Wahrheit: Sie sind geblieben! geblieben im ehrenvollen Beruf, geblieben
im ewigen Andenken der Ihrigen. - Auch wir, Michael, wenn es die Vorsehung will,
die alles wohl macht, dass wir in der Lehre bleiben; Sophie und ihre Zofe, meine
Mutter und die Nachbarschaft, Johannes und noch viel andere Freunde und
Freundinnen - werden sie uns vergessen? Werden wir nicht bleiben in ihrem
Andenken im Segen? - Die bittersten Spötter könnten auf unsere Leichensteine
nichts mehr schreiben, als: Sie glaubten Eldorado schon auf Erden zu finden, und
Eldorado ist unter der Erde! - Ach! Michael, ich habe Stunden, wo ich die
Wahrheit lebhaft empfinde; nur oben ober unten ist Eldorado. Ihre Worte des
Todes, gnädiger Herr, sagte Michael, sind mir Worte des Lebens, und es fehlt
nicht viel, dass ich mich stark genug fühle, mit dem Apostel (der zu einer andern
Zeit überkleidet zu werden wünschte) zu sagen: Ich habe Luft abzuscheiden. -
Doch ist der Laurer gleich einem Diebe zu meiden; jener bringt uns um uns
selbst, dieser um Sachen. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt
gewönne, und nähme Schaden an seiner Seele? Ew. Gnaden besitzen so viel
Seelenglück, dass Sie mit den Gebietern der wunderbaren Höhle sich weislich
werden einverstanden haben. Einverstanden, griff der Ritter ein; ich bin
gesichert durch Unterpfand. Seit der Berufung zu diesem grossen Werke geleitet
mich ein Geist, der auch jetzt mitten unter uns ist.
    Den Ew. Gnaden sehen?
    Den ich nicht sehe.
    Doch sehen werden?
    Von Angesicht zu Angesicht.
    Bei meiner armen Seele! ich wünschte lieber heut als morgen.
    War sein Einfluss auf unserer wunderbaren Wallfahrt im unerklärbaren
Zuvorkommen nicht handgreiflich? Leitet nicht schon in dieser Welt der Weise
alles? Verehrt man ihn nicht doppelt, wenn er einem andern den Schein und die
Sichtbarkeit abtritt - und durch ihn die Honneurs machen lässt?
    Diese Spuren jener Leitung durch unerklärbares Zuvorkommen konnte Michael,
der an sich sehr geistergläubig war, nicht läugnen. Sein letzter Einwand: es sei
schwer zu fassen, dass Menschen durch eine höhere Geschöpfsgattung begleitet
würden, falls es unter Engeln, Klassen und herrschende und dienende Brüder gäbe,
war nur ein schwacher Behelf.
    Michael (erwiederte sein Herr), du denkst zu gut und zu schlecht von
Menschen. Menschen können so weit kommen, dass sie die Tugend der Tugend halber
lieben, und sie tun, um sie getan zu haben; die Menschen sind, bloss um
Menschen zu sein! Da freuen sich Geister, dass Menschen in eben dem Grade gute
Menschen sind, als sie gute Engel: und willst du ihnen diese Freude missgönnen?
Nicht immer aber ist Menschen als Menschen, sondern gewissen durch diese
Menschen auszurichtenden Taten ein himmlischer General-Adjutant beigeordnet.
Das Christentum nicht allein, auch das heidnische Altertum glaubte
Schutzgeisterschaft. Die Behauptung des Menander, jedem Menschen würde bei
seiner Geburt ein guter Dämon, und die des Empedokles, es würden ihm zwei von
verschiedener Art beigeordnet, scheint sie so unrecht? - So sokratisch es
übrigens war, dass ich in den letzten Stunden meines Hierseins mich nicht mir
selbst überliess, so ruft mich doch jetzt mein Schicksal. - Es geht auf
Hochmitternacht. - Wir scheiden.
    Michael seufzte - Gott! mit Tränen im Auge. Uns scheidet nur der Tod, sagte
der Ritter. Auch der Tod nicht, gnädiger Herr! er wird gewiss so gütig sein, mich
bei Ihnen zu lassen. Ich will mich mit Blut verschreiben, auch dort Sie zu
begleiten. Bin ich nicht so einsichtsvoll wie Ihr Schutzengel, an Treue weiche
ich ihm nicht!
    Guter Michael! treuer Begleiter! Freund und dienender Bruder! Du kennst
mich. Ich bin keiner von jenen Unempfindlichen, denen ein Freund so aus dem
Herzen wie ein Stück Eis aus den Händen schlüpft; keiner von jenen
Gleichgültigen, die sich an Menschen bloss gewöhnen, die sie alsdann oft weder
lassen noch behalten möchten. - Was ich bin, bin ich ganz, und die Quintessenz
meiner Neigung zu dir - darf ich sie wiederholen? Es ist ein Zeichen eines guten
Kindes, wenn es begehrt, dass die Amme auch der Puppe die Brust gebe. Und wenn
ich dir sage, dass wo ich bin, auch mein Begleiter sein soll, - ist es nicht mehr
als Amme, Kind und Puppe? Ich übergebe dir hiermit feierlich eine schriftliche
Zusage, dass so viel an mir ist, die Kammerzofe die deinige werden soll. Nicht
mit Blut ist sie geschrieben, doch floss sie aus meinem Herzen. Ich küsse dich
dreimal! Gott segne uns!
    Michael war ausser Fassung. Nach einer Weile bedauerte er schluchzend, dass
seine leiblichen Dienste neunmal neun Stunden aufhörten; meine geistigen, setzte
er hinzu, sollen nicht aufhören für und für. Er übergab seinem unsichtbaren
Collegen seinen, wie er sich ausdrückte, ewig teuren Herrn, den er von seinen
Händen fordern würde; - von seinen Händen, wenn er Hände hätte, wo nicht von
seinem ganzen Wesen, ohne das, was ist, nicht sein kann. - Vergeben Sie mir,
gnädiger Herr, fing er wieder feierlich an, alle meine Fehler, meine
Vorschnelligkeit, meine Schwatzhaftigkeit und alles, was noch sonst sich auf
keit endet und enden könnte, in soweit es Ihnen zuwider sein konnte und zuwider
war. Mein Herz war an keinem dieser keiten schuldig. Auch verheiss' ich -
    Verheisse nichts, guter Michael! du wirst ohne Verheissung erfüllen; dein
glühendes Gesicht spricht lauter als Worte. Ohne Zweifel gehörte vieles auf
meine Rechnung, womit ich die deinige belastete. Lebten die Menschen mit ihren
eigenen Leidenschaften beständig im Kriege, und mit den Leidenschaften anderer
in ewigem Frieden, wieviel besser stände es mit der Welt! Lass uns bei dieser
feierlichen Gelegenheit, da wir einander beichten und absolviren, da wir
scheiden und nicht scheiden, uns trennen und auf ewig verbinden; - lass uns die
festen Gelübde erneuern, so wie die Laster und Torheiten ritterlich und
knappelich zu bekämpfen, so die Schwatzhaftigkeit, diese niedrigste von allen
Leidenschaften. Siehe! ein Schwätzer ist ein Verräter, der nicht bezahlt wird.
Es scheint, edle Menschen sind im Reden unsere Lehrer, die Gotteit aber im
Schweigen. - Bei den ältesten Einweihungen zu Mysterien ward Stillschweigen
gelobt und geboten. - Fürwahr wunderbar! sagte ein Schwätzer einem Philosophen,
der ihn anhörte. So wunderbar nicht, erwiederte dieser, als dass, der dich hört
und Beine hat, nicht davoneilt als hätte er Flügel. Das ist der gewöhnliche Lohn
der Schwatzhaftigkeit. Nicht wahr, ich habe dir lange Weile gemacht? fragte ein
Plauderer den Aristoteles. Nein, erwiederte dieser, ich habe dich nicht gehört.
    Weiss ich's nicht, gnädiger Herr? Und unvergesslich ist mir der Vergleich
meines Gamaliel, der ihm vielleicht jetzt am teuersten zu stehen kommt. Ein
Schwätzer ist wie ein Vogel, der alles im Schnabel trägt, sagte Gamaliel. Flösst
er es den unbesiederten Jungen ein, immerhin! - jedem andern ekelt vor dieser
losen Speise. Amen! erwiederte der Ritter, und nun empfange mein Testament.
    Es gibt Dinge, in welche sich die Vernunft mit ihren Einwendungen so wenig
einmischen sollte als der Staat in Privatangelegenheiten. Nicht in jedem Klima
reisen Menschen, nicht in allen Lagen blühen sie in ihrer ganzen Schönheit auf.
    Erbrich nach neunmal neun Stunden, von 12 Uhr Nachts an gerechnet, dieses
Blatt, falls ich während dieser Zeit dich nicht sehe. Gott lohne dir deine
Treue, guter Michael! - Grüsse meine Mutter! tröste sie! tröste Sophien! Ich muss
- ich fühl' es - ich muss! - Schwer liegt es auf mir! - Ginge ich nicht, ich
verlöre den Verstand wie der Atlet, der seinen Gegner tödtete. Lebe wohl!
Verdammt sei jeder Blick, der mir nachspäht! - Weg war er. Michael vermisste ein
paar Taschenpistolen und einen
                                    §. 114.
                                        
                                     Dolch.
Eine unheilige Zahl, dachte Michael, und beschloss zu fasten, noch strenger als
sein Herr während der letzten drei Tage gefastet hatte, und nichts zu essen und
zu trinken, was zu essen und zu trinken reizen könnte. Es ward Michaeln, da er
alle Umstände zusammennahm, einleuchtend, dass sein Herr, nachdem er den Brief an
Aeiou gelesen, sich mit dieser unheiligen Drei versehen hatte. Auch nahm Michael
Gelegenheit, sich mit dem
                                    §. 115.
                                        
                                   Reitknecht
auszusöhnen. So versöhnungsgeneigt dieser auch war, so bestand er doch auf dem
Bekenntnis, verwandt mit Michael zu sein, welches Michael nicht einräumen
konnte. Was denn mehr, guter Michael? Räumt doch Herzog von Orleans öffentlich
ein, der Sohn eines Kutschers zu sein? Doch schien Michael wirklich die Wahrheit
auf seiner Seite zu haben, und der Stallknecht in einem verzeihlichen Irrtum.
Beim Ende vom Liebe ward festgesetzt, dass, da bei Gott kein Ding unmöglich ist,
sie noch verwandt werden könnten, obwohl Michaels künftige Gattin dazu nichts
beitragen würde, welche indes der Reitknecht so viel und so wenig als der
Bräutigam selbst zu kennen die Ehre hatte. - Beide Teile glaubten bei diesem
Vergleiche unläugbare Vorteile erhalten zu haben. Man lasse den Menschen Worte,
da sie so gern daran saugen, obgleich gemeinhin ihretwegen die Sache oft nicht
dafür kann, wenn sie langweilig wird. Nach diesem glücklich vollzogenen
Vertrage, der dem verwaisten Michael so wohl tat, nicht uur weil sein Herz gut
war, sondern weil er auch jetzt des Beistandes seines Reisegefährten sehr leicht
nötig haben konnte, überfiel ihn
                                    §. 116.
                                 der Seelenhirte
in weltlicher Kleidung. Da Michael weder in Familienangelegenheiten noch sonst
Unwahrheiten weder litt noch beging, so war alles Schlag auf Schlag.
    Ist mein Brief gefunden?
    Ja!
    Wo ist er?
    In den Händen meines Herrn.
    Michael erzählte den ganzen Hergang der Sache so genau, dass er natürlich
erschrecken musste, als der Geist- und Weltliche gebieterisch verlangte, dass
Kisten und Kasten seines Herrn ausgerissen und die Michaeln behändigte
Instruktion, welche erhalten zu haben der Knappe ebenso wenig Hehl hatte,
dargelegt werden follte, und wesshalb? Um den Aeioubrief zu suchen, an dem, wie
der Seelenhirte beteuerte, sein Glück, seine Ruhe und sein Leben hing. - Der
Treiber verstellte seine Geberden und tobte einem Eifersüchtigen gleich, dem man
sein Weib entführt hat. - Warum martern Sie mich? redete ihn Michael mit einer
Entschlossenheit an, die nur Unschuld und gutes Gewissen zu geben vermag, und
die sich von dem halben Dutzend anderer Arten von Entschlossenheit so edel
unterscheidet. Warum martern Sie mich? Lieben Sie die Wahrheit, wie ich wünsche
und hoffe, so werden Sie auch denen nicht unhold sein, die Ränke hassen. Ohne
Zweifel wissen Sie, wo mein Herr ist, dem mein Herz zugehört und dessen letzte
Unterredung mir so heilig bleibt, dass ich weit lieber alle Qualen des strengsten
Todes überstehen, als eins dieser mir ewig teuren Worte aufgeben wollte. Sie
waren der letzte, den er von Fremden sah und sprach; - Sie waren mit ihm
eingeschlossen und nahmen ihm ohne Zweifel den Eid ab, dessen Heiligkeit ihn zu
dem Schritte verband, den er tat, - Gott weiss wohin. Sie waren es, der mir
durch ihn die Verheissung erteilen liess, dass auch ich gewürdigt werden sollte,
einen Schritt zu tun, Gott weiss wohin. - Ist es zum Tode? Ich bin bereit im
Leben und im Sterben meinen Herrn zu geleiten. Um Ihrer Weltlichkeit, um Ihrer
Geistlichkeit, um Ihrer Seelen Seligkeit, um alles, was Ihnen heilig ist, um des
mir durch meinen Herrn gegebenen Worts, um alles willen, was Sie lieben und
ehren, verschonen Sie mich!
    Der Geist- und Weltliche antwortete auf diese Jeremiade kein Wort, ging hin
und forderte Michaeln vor den Richterstuhl des Orts, bei dem er eine
schreckliche Klage anbrachte; Michael hat zugeständlich einen Brief, an dem mir
mehr liegt als am Leben, gefunden, ihn angeblich seinem Herrn behändigt -
bekennt selbst nicht zu wissen, wohin sein Herr gegangen, ob und wann er
zurückkommen werde; bedient sich der bedenklichen Worte: sein Herr habe ihm
seinen letzten Willen zurückgelassen. Ist die Folge ungründlich: sein Herr hat
sich selbst das Leben zu nehmen Ursache gefunden, welches in diesen Gegenden
seit einiger Zeit sich mehr als je zuträgt? Vielleicht vorempfand er eine
geheime Krankheit, deren er sich zu schämen Ursache hatte, und die vielleicht
aus Erkenntlichkeit in kurzem seinen Lebensfaden abreisst. Aus diesen Prämissen
kann ich, fuhr der Kläger fort, rechtlich verlangen:
    Dass Michael die ihm von seinem Herrn behändigte geheime Instruktion ohne
Anstand zur Entsiegelung einreiche. Findet sich in dieser verschlossenen Schrift
der verlorne Brief nicht, so müssen die gesammten zurückgelassenen Sachen seines
Herrn gerichtlich geöffnet werden. Ist auch hier der Brief nicht, was
natürlicher, als dass man Michaeln eidlich verpflichte, den ganzen Lebenslauf
seines Herrn und besonders, was er von seiner jetzigen Entfernung weiss,
haarklein gerichtlich anzuzeigen, um auf Spuren seines gegenwärtigen Aufentalts
zu kommen. Auf diese letzte Klagebitte glaub' ich, sagte der Welt- und
Geistliche, auf jeden Fall bestehen zu können, weil Michael an den Geheimnissen
seines Herrn teilgenommen zu haben eingesteht, weil beide jahrelang
Geheimnissjäger sind und ein paar Frauenzimmer entweder aufsuchen oder von ihnen
aufgesucht werden. - Sein Herr, der einen bedenklichen Auftritt im Löwen gehabt,
worüber ich den Wirt zu vernehmen bitte, hielt sich im Sperber auf, als ich ihn
kennen lernte. Doch mocht' und wollt' ich so wenig an seinen Gedanken und
Ungedanken teilnehmen, dass ich ihn ernstlich ermahnte, Gräber zu verabscheuen,
welche Bösewichter so zu übertünchen verständen, als wären es Nasenhügel. Es
kann sein, beschloss der Welt- und Geistliche, dass Herr und Diener die Verführten
sind, waren indes die Verführer nicht in der Regel alle - Verführte? Der Schluss:
ich verbitte alle Kosten.
    Michael, der dem Scheine der Klage nichts entgegen setzen konnte, ob er
gleich den Bösewicht vor Augen zu sehen sich überzeugte, der in derselben ein
Grab des Verderbens mit Rasen zu übertünchen verstände, war so tief gebeugt, dass
er nichts weiter erwiedern konnte, als: Ach, mein armer Herr! Kläger bat, da
Michael einigemal diese Worte mit Händeringen wiederholte, diesen Umstand
besonders zu verzeichnen, indem er staatsgefährliche Geheimnisse zwischen Herrn
und Diener nach der höchsten Wahrscheinlichkeit vermuten liesse, denen er
nachzuspüren von Amtswegen verpflichtet sei. Und dies, setzte er wohlbedächtig
hinzu, ist der Hauptschlüssel zu meiner veränderten Kleidung, - zum verlornen
Briefe, und zu vielem, was meine eigene Person betrifft, - die keinen etwas
angeht; - Gründe genug zu meiner Bitte, den Beklagten sogleich in
Arrestationsstand zu setzen. Da Michael sich selbst so tief vergessen hatte, dass
er von den Worten: Ach mein armer Herr! so wenig als Jesus vor Jerusalems Mauern
vom Wehe ablassen konnte; so sprang Kläger ab, und behauptete: Michael habe
entweder seinen Verstand wirklich verloren, ober er schlage das Bubenstück ein,
diese Rolle zu spielen. In beiden Fällen trug er auf Untersuchung und
persönliche Haft an. Was zu tun? dachte Michael, und machte sich wegen seiner
Schwatzhaftigkeit, dieser niedrigsten aller Leidenschaften, mittelst deren mal
ohne Gewinnst von dreissig Silberlingen verrät, die bittersten Vorwürfe. -
Freilich, Michael! hättest du an die letzten Reden deines Herrn und an den Vogel
Gamaliels gedacht, die Grube wäre bei weitem so tief nicht geworden, als du sie
dir selbst gegraben hast. So wie wir oft denen begegnen, an die wir
unwillkürlich dachten: so wie zufällig Gedanken in uns entstehen, ehe wir
absichtlich über eine Sache meditiren; so bereitet der Mensch sich Leiden vor, -
um dabei weise zu werben. Ueberzeugt, es könne nur die Unschuld in Lagen von
einer solchen schrecklichen Art fallen, glaubte Michael zu seiner Ehre, auch die
allerschrecklichste sei nicht schrecklich genug, den Menschen seiner Bestimmung
unwert zu machen und ihn zu entwürdigen. - Ich bin, so war ungefähr seine
Exception, weder unsinnig, noch ist mir das Schelmstück eingefallen, mich so zu
stellen; doch gibt es Fälle, in denen der Verstand sich auf eine Art zeigt, dass
man in die Versuchung geraten könnte zu wünschen, man hätte keinen; oder Fälle,
wo jemand, der den Verstand nicht verliert, keinen zu verlieren hat. Die leichte
natürliche Art, womit der Kläger die unzubescheltendsten Umstände eines Vorgangs
benutzt, zeigt seine Anlage, Interesse in die gemeinste Sache zu bringen und
durch Feinheit und anschauliche Harmonie den gewöhnlichsten Dingen zu einer
Wirkung zu verhelfen, welche Teilnahme, ohne ihrer wert zu sein, nicht
erbittet, sondern fordert - nicht erfleht, sondern erzwingt. Entkünstelt und
entkleidet man die Klage; ist wohl das, was der Kläger will, dem, warum er es
will, angemessen? Er verliert einen Brief von ungefähr, oder mit Fleiss. - Wenn
ich den Ort, wo ich ihn fand, in Erwägung ziehe, ist es fast zweifellos, er
wollte ihn verlieren. Frei bekenn' ich, den Inhalt des Briefes nicht verstanden
zu haben. Auch habe ich Ursache zu befürchten, mein Herr sei nicht glücklicher
gewesen als ich. Stand der Name des Klägers auf diesem Briefe? War ich gebunden,
unter Aeiou den Geist- und Weltlichen zu suchen und zu finden, Hieroglyphen zu
enträtseln? Wunderdinge zu entwundern? Gab mir nicht diese auf List und Trug
auslaufende Manier vielmehr das Recht, mit diesem Zettel zu machen, was ich
wollte? Aus den fünf Vokalen lässt sich auf einen geheimen Staatsfiskal nicht
schliessen, obwohl ich den Vokalen hierdurch nicht zu nahe getreten haben will,
mit denen ich es gewisser Ursache halber nicht verderben mag. Hätt' ich den
Brief zerrissen, wär' es ein Mord gewesen? Doch scheint es, mein Herr und ich
werden auf Mord angeklagt. Ich glaube nicht, Kläger könne läugnen zu wissen, wo
mein Herr sich befindet. Ich aber, das weiss Gott am besten, weiss es so wenig in
dem geheimsten Innern meiner Seele, dass ich meine Angabe, es nicht zu wissen,
tausendmal beschwören kann. Nur wenn der Tod meines armen Herrn bekannt
geworden, und selbst dann nicht, könnte man diese Gewalttätigkeit an seinen
Sachen sich erlauben, wenn man nicht heilige Rechte des Eigentums aufheben
will. Mein Herr ist ein Mann von Ehre und Nachdruck, seine Mutter eine der
ersten Damen in - - -. Ohne an ihre herrlichen Güter und an das irdische und
himmlische Jerusalem zu denken, das sie in Rissen besitzt, hat sie grosse Freunde
und Beschützer. Mein Herr ist ihr einziger Erbe. Er sollte entlaufen; er, der
nichts auf seinem Gewissen hat, und dessen Umstände so vorteilhaft stud, dass er
noch mehr als neunmal neun Receptionen zu bezahlen vermag, wenn er sein Geld in
der Art anlegen will, worüber, wenn er's wollte, niemand als Gott und sein
Gewissen ihn zur Verantwortung ziehen kann? Dass Geheimnisse auch hier zu Lande
nicht confiscirt sind, beweiset selbst der Inhalt des Briefs, welcher diese
Klage veranlasst. Wahrlich er war das Geheimste, was mir je vorgekommen ist: ob
ich gleich entfernt bin abzuläugnen, dass auch ich ein Kunstverständiger in
Geheimnissen zu sein die Ehre habe. - Die Frauenzimmer, die mein Herr und ich
verehren, sind die edelsten und tugendhaftesten auf Gottes Erdboden. Wollte
Gott, sie suchten uns auf! Nicht bloss den Löwenwirt, man vernehme die ganze
Welt, und mein Herr wird als der bravste Kavalier vor Gott und Menschen
erscheinen. Im engsten Zutrauen erzählte ich dem Kläger, dass mein Herr Dolch und
Pistolen mitgenommen hätte. Gott wolle nicht, dass er sie so nötig hat, als ich
meine ganze Besinnung bei Dolch und Pistolen dieser Klage! Wäre der Vokalbrief
ein Wechsel, der dem hochseligen Herrn, als er zum Ritter geschlagen ward, so
viel Kreuz verursachte, und bei dem es auf Tage und Stunden ankommen soll (ob
ich gleich das Wechselrecht weder bei Gamaliel, noch bei meinem wechselfreien
Herrn gelernt habe), mein Herr würde durch ein öffentliches Ausgebot ihn
angezeigt, oder, wie der hochlöbliche Herr Ritter bemerkt, ihn in seinem
Amtshause deponirt haben. Bei einer gemeinen Schrift kann es auf Tage und Wochen
nicht ankommen. Auch hab' ich in meiner Unschuld dem Kläger zugestanden, eine
Instruktion zu besitzen, die ich selbst noch nicht erbrechen kann: und wie käme
irgend ein Mensch in der Welt dazu, sie zeitiger erbrechen zu wollen? Oeffnet
man Testamente, ehe der Testator tobt ist?
    Der Kläger verlangte den Zeitpunkt zu wissen, wann der Beklagte die
Instruktion zu erbrechen wäre verpflichtet worden. Der Beklagte, fügte der
Weltgeistliche hinzu, sei ein Neuling in Weltgeschäften, - und so diene ihm
wegen des Wechselumstandes zur dienstfreundlichen Nachricht, dass es politische
Briefe geben könne, von denen Wohl und Wehe ganzer Provinzen und Staaten
abhange, und wozu man sich gewöhnlich der Chiffer zu bedienen pflege. Die Namen
Jerusalem und Gamaliel und andere wildfremde beigemischte Umstände verrieten,
bemerkte Kläger, ein Komplott; doch war er so gütig, der Meinung zu sein, dass
Beklagter ihm nur als ein halb unterrichteter Teilnehmer und dienender Bruder
vorkäme. Ach, mein armer Herr! seufzte Michael, wiewohl nur innerlich, um der
Candidatur zum Irrenhause auszuweichen. - Der Richter, sagte man, gehe mit dem
Wunsche zur Sache, die Menschen unschuldig zu finden. Warum auch nicht? Die
Menschen sind gefallen, alle haben vom verbotenen Baum gegessen, einer freilich
mehr, als der andere, doch waren alle bei diesem Nachtisch, die Rechtshandhaber
wahrlich nicht ausgeschlossen. Und unser hochlöblicher Richter? War gewohnt,
gewisse Sachen peinlich anzufangen und gewisse Parteien als arme Sünder
anzusehen, die er bei überwiegenden Gründen immer noch im Falle der Not in
Gerechte verwandeln konnte. Freilich besser, hundert Unschuldige leiden, als
einen Schuldigen entwischen lassen. Steckt nicht ein räudiges Schaf die ganze
Heerde an? Mag die Unschuld, wie sie sich rühmt, in sich Ruhe der Seele suchen
und finden. Ein Volk, das nicht im Druck lebt, gerät in Übermut. Ein
schlechter Reiter wählt sich ein schlechtes Pferd, ein Held ein mutiges Ross, ob
man gleich auch dem schlechten Pferde mit Sporen fortelfen kann. Welch ein
Pferd wird unser Richter besteigen? Wie fiel sein Rechtsspruch? Warum nicht gar!
Erst ein Vergleichsversuch. Und der? -
    Der Richter schlug vor, dass die Instruktion sogleich in gerichtlichen
Gewahrsam geliefert und nach neunmal neun Stunden (die der Beklagte wegen der
Stunden höchst bedenklich fand), die abgelaufenen Stunden abgerechnet, so wie
die andern Sachen des Ritters, eröffnet werden möchte, womit Kläger nach vieler
Weigerung sich endlich befriedigte. Beklagter wollte von diesem Vergleich nichts
einräumen, weil, die Wahrheit zu sagen, er weder dem Kläger noch dem Richter
traute; und so verfügte denn der Richter:
    Dass nach neunmal neun Minuten Schrift und Sachen zum gerichtlichen Gewahrsam
zu liefern, im Weigerungsfall Beklagter zur persönlichen Hast und zu
körperlicher Züchtigung gezogen, und von neunmal neun zu neunmal neun Minuten
der Grad derselben verstärkt werden sollte, bis völlig geschehe, was Recht sei.
Denn
    Beklagter hat zugestanden, den Brief gefunden und seinem Herrn behändigt zu
haben. Da er den Inhalt, seiner eigenen Behauptung gemäss, nicht verstand, so
übersteigt die Beurteilung desselben sein Kopfvermögen. Diese an sich schon
entscheidenden Gründe werden durch noch andere rechtskräftiger. Sein Herr hat
sich im eigentlichen Sinn entfernt, sein genauester Begleiter weiss nicht wohin.
Er reiste ohne Pass und Beglaubigungsschein; er hinterliess, um Steckbriefen
zuvorzukommen, eine Schrift, die nicht früher als nach neunmal neun Stunden
eröffnet werden sollte. Er nahm verdächtiges Gewehr mit (ein Dolch und zwei
Pistolen könnten schon allein statt aller Entscheidungsgründe dienen), er
kleidete die gemeinsten Dinge in Geheimnissanschein (neunmal neun Stunden, wie
leicht waren sie auf Tage gebracht!). Die verstreuten Worte und Umstände, durch
welche Beklagter nicht nur den Dolch- und Pistolenverdacht gegen seinen Herrn
ausser Zweifel setzt, sondern auch auf sich den schwärzesten Schatten desselben
zurückwirft, übersteigen alle Gründe, und verlangen, dass auf augenblickliche
Haft und steigende körperliche Züchtigung erkannt werde. Kläger hat sich durch
Notorietät als einen unbescholtenen Mann ausgezeichnet. Beklagter stellt eine
Person vor, bei der man nicht weiss, woran man ist; für einen Bedienten zu
vornehm, für einen Mann von Bedeutung zu inconsequent. Seine Art und Weise, sein
Äußeres und Inneres, seine Denk- und Ausdrucksmanier verkündigen einen
Menschen, der selbst nicht weiss, woran er mit sich ist. Schon wegen seiner
Unerklärlichkeit, und da er mit keinen Pässen und sonstigen Certifikaten
versehen ist, würde er als verdächtig beobachtet und in Arrestationsstand
gesetzt zu werden verdienen. Die Kosten muss Beklagter übernehmen, weil er nicht
nur zu diesem Rechtsstreite die alleinige Veranlassung gegeben (den er auf den
Fingern hätte entscheiden können, wenn er sein Selbstrichter zu werden Lust und
Liebe gehabt), sondern, was mehr und wenigstens eben so viel sagen will, weil er
den ihm angebotenen Vergleichsvorschlag mit verdachtsvoller Entschlossenheit
abgewiesen hat.
    Michael sank weniger über den Hergang dieser Sache, als wegen der so
natürlich aussehenden und doch so künstlich angelegten Art des Klägers und des
Richters, in Unempfindlichkeit und eine Art von Schwermut, die nichts von jener
Dämmerungsannehmlichkeit hat, welche durch Nebenideen von Zukunft und besserer
Welt entsteht, sondern aus Traurigkeit über das gegenwärtige Leben und
vorzüglich über die Schadenfreude und die Heuchelei so vieler unwürdigen
Menschen entspringt. Guter Michael, diese Querstreiche sind dir heilsamer, als
es die Erfüllungen deiner Eigendünkel sein würden. Freudenzüge verwöhnen, -
Kreuzzüge erziehen. - Wie, wenn du in der Vorbereitung wärest?
    Nachdem Michael sich mehr aufgerafft als gefasst hatte, freute er sich, des
Ritters wegen unschuldig leiden zu können, und würde eben so gern, wie Pytias
für Dämon, den Tod übernommen haben. Am liebsten war ihm, dass seine Instruktion
ausser aller Gefahr sei, die er sogleich, nachdem er mit dem Welt- und
Geistlichen darüber in Streit geriet, vergraben hatte. Was er bedauerte, war,
dass ihn sein Gefängnis verhindern würde, sie vorschriftsmässig zu eröffnen, und
dass dies vielleicht nur zu einer Zeit würde geschehen können, wenn alle Hülfe
und Rettung für seinen armen Herrn zu spät käme.
    Richter! sonst war euer Grundsatz, die Menschen zu ermüden, und wahrlich!
ihn langsam um sich selbst und seine Hoffnung bringen, heisst säuberlich mit dem
Knaben verfahren und ihn vor Verzweiflung sichern, die in einer Stunde oft mehr
Unheil anrichtet, als die Politik in zehn Jahren zu heilen vermag. Richter!
sonst waren euch die Gesetze behülflich, aus Rechtssachen Karten zu machen, mit
denen die Justiz spielte; sonst diente euch der Subtilitätenkram, die Köpfe der
Laien zum Schwindel zu bringen, um sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. - Wie?
auch das Faktum ist in eurer Hand, um, wenn ihr das Handwerk versteht, aus
Teufeln Engel des Lichts, und aus Engeln Teufel zu machen; aus Spinoza's
Pietisten und aus Labres Cherub-Aspiranten? - Es gibt ein asiatisches Verfahren
mit rationibus dubitandi und decidendi. Wie? gibt es auch einen Hocuspocus, um
den Menschen sich selbst zu entwenden, um sein Tun und Lassen so unkenntlich
darzustellen, dass er nicht weiss, wie er mit sich dran ist? Hat es mit eurem
weltgepriesenen Vorzuge, dass ihr beim historischen Glauben das höchste, das
letzte Tribunal seid, und dass ihr bei Tatsachen das Privilegium de non
appellando besitzt, keine andere Bewandtnis? - Armer Michael!
    Schon waren einige Grade der persönlichen Züchtigung mit ihm vorgenommen,
und er sah dem neunmal neunten Augenblick standhaft entgegen, da Beschimpfung
und Schläge seiner warteten. Das Hauptgeschäft unserer Aerzte, die Krankheit zu
nähren, um den Tod zu entfernen, ward an ihm erfüllt; die meisten Menschen
sterben täglich, um nicht einmal zu sterben. - Armer Michael, so weit ist es mit
dir gekommen! Das
                                    §. 117.
                                        
                                   Schicksal
seines Herrn war, wenn gleich weniger schimpflich, so doch um keinen Grad
leichter. Er sah um drei Uhr Morgens, nachdem er in einer schrecklich finstern
Nacht im Walde umhergeirrt war, Licht schimmern, und da er sein Auge an dasselbe
hielt, so erreichte er eine Hütte, an die er überall neunmal neunmal anklopfen
wollte, und nirgends neunmal neunmal anklopfen konnte. Diese Hütte hatte keine
Tür, und so war es freilich unmöglich, sie zu finden. Endlich erfühlte der
Ritter eine Leiter auf der Erde. Er ergriff sie, wiewohl ohne zu wissen, wozu er
diesen Strohhalm beim Ertrinken anwenden sollte. Indem er sie ergriff, war es,
als hörte er eine leise Stimme: ersteige den Eingang. Er setzte die Leiter eben
da an, wo er sie gefunden hatte, und erreichte, wie es ihm vorkam, einen
hölzernen Verschlag. Froh, eine Stelle gefunden zu haben, um seine neunmal neun
Schläge, die ihm in den Fingern juckten, anzubringen, klopfte er, und eine hohle
Stimme liess sich hören: Wer ist da? »Ein Lichtsucher.« Die Stimme erwiederte:
Hier ist Finsternis; nur dem schimmert hier Licht, der inneres Licht mitbringt.
Hast du Licht in dir gesehen?
    Beim Worte »Ja« sprang dieser, dem äusserlichen Gefühl nach bloss hölzerne
Verschlag mit einem Gerassel auf, als wenn hundert Ketten rissen und eiserne
Pforten in ihren Angeln bewegt würden. Da stand nun der Ritter, wie er im
Schimmerlichte sah, an einer Höhle, die man ihm hinabzusteigen gebot. Es schien
ihm ein Abgrund; und doch stieg er getrost und fühlte endlich Boden. Ein alter
ehrwürdiger Greis, mit schneeweissem Haar, hielt ihm eine kleine Laterne mit der
Rechten vors Gesicht. Er fragte ihn, indem er mit der Linken noch eine tiefere
Höhle zeigte: Ja? oder Nein? Auf die entschlossene Antwort: Ja, gab er ihm die
Laterne mit den Worten: Nimm hin, suche Menschen! Glaubst du, sie zu finden?
»Ich glaube,« antwortete der Ritter. Dein Glaube helfe dir, sagte der Alte; gehe
hin in Frieden und Gott behüte deinen Eingang und Ausgang von nun an bis in
Ewigkeit! - Bei diesen Worten verschwand der Alte, indem neben an die Erde sich
auftat und das letzte Wort Ewigkeit dem Ritter schon wie ein Echo vorkam. Der
Ritter stieg wieder getrost eine Menge Stufen hinab, bis er an eine eiserne Tür
kam, die sich von selbst auftat. Hier schwankte die Erde, auf der er stand; ihm
war, als hörte er Meereswogen und Stürme heulen. Blitz und Donner brachten seine
Sinne in Unordnung, und eine hohle, dumpfe Stimme erscholl: Ziehe aus deine
Schuhe, denn diese Stätte ist heilig! Die Bewegung der Erde machte, dass er
unwillkürlich sank; und als ihm etwas wie ins Ohr raunte, ohne dass er das
mindeste sah: Was suchst du? und er geantwortet hatte: Menschen, so vernahm er
in höchst unharmonischen Stimmen fragweise: Unter Geistern? Eben da, erwiederte
der Ritter, weil Eldorado oben oder unten ist. »Was willst du von Geistern
lernen?« (wieder eine unharmonische Stimme). Leben und sterben. (Ein höhnisches
Gelächter liess sich hören.) »Was nennst du leben?« Eine von den Flecken der
Unwissenheit und des Lasters gereinigte Seele dem Geiste der Geister darbringen,
näher wissen, was Gott ist und was ich bin, um durch diese Kenntnis zur
vollkommenen Tugend zu gelangen, bei einem unsträflichen Wandel bloss mit meinem
Leibe auf Erden und mit meiner Seele im Himmel sein, mich in Gemeinschaft Gottes
fühlen und mit Geistern wie mit Freunden umgehen. Das Toben der Elemente legte
sich abwechselnd. Jetzt war es ganz still und der Ritter konnte durch die
Diogenische Laterne, welche er in der Hand hielt, in tiefer Ferne eine angenehme
Dämmerung erblicken, ohne die Wesen näher zu erreichen, die zuweilen
stimmenreich und zuweilen durch ein einziges Organ mit ihm sprachen.
    Bist du vorbereitet? hiess es. Er erwiederte: Ich bin es. »Was nennst du
vorbereitet?« Frei im Gewissen sein und seinen Körper durch Fasten heiligen, um
ihn zum Mitgenusse geistiger Seligkeit fähig zu machen. »Bist du frei in deinem
Gewissen?« Ich bin es. »Den Schuldigen treffe Tod und Verderben! Wer hier
eintritt, gehört nicht zu den Siebzigern, sondern zu den Zwölfen; und wer viel
gibt, hat das Recht, viel zu fordern. Bist du bereit zu Aufopferungen?« Ich bin
es. »Behältst du dir nichts vor?« Nichts als Sophien, meine Mutter und
Rosental.
    Bei diesen Worten waren alle Elemente wieder in Bewegung, und eine
erschreckliche Stimme rief: Rette dich! Der Ritter fiel, da die Erde sich unter
seinen Füssen bewegte, und lag fast ohne Besinnung, als der ehrwürdige Alte sich
wieder zu ihm fand und ihm eine andere Laterne behändigte, nachdem er das Licht
der Diogenischen Laterne, die auf der Erde lag, ausgelöscht und die Laterne
zerschlagen hatte. So, sagte er, zerschlug Moses die Gesetztafeln, da er sein
Volk auf Knien vor güldenen Kälbern fand. Nur allmählig kam der Ritter zu
mehrerem Bewusstsein und merkte, dass er durch einen andern Weg geführt wurde, wo
keine sanfte Dämmerung sein Auge, wenn nicht stärkte, so doch zerstreute. -
Rings um ihn war Nacht, und die neue Laterne, die man ihm behändigt hatte,
strömte bei weitem nicht jenes herrliche Licht, wie die Diogenische. Nach einer
stundenlangen Wanderung, während welcher der Alte kein Wort sprach, kamen sie an
eine eiserne Tür. Hier klopfte der Alte dreimal drei an und es hiess: Wer ist
da? Ein Menschensucher, antwortete der Alte, der noch zu sehr an der Welt hängt,
um zum vollen Lichte zu gelangen. »Wird ihn das Fegfeuer läutern und zu höheren
Geschäften heiligen? wird er hier vollenden?« liess sich die Stimme vernehmen.
Ich hoffe es, sagte der Alte; und nun hiess es inwendig: Verlass ihn, wenn du ihn
zuvor geblendet hast. Der Alte verband ihm die Augen und gab ihm den Unterricht,
sich stille zu halten und auf das, was man ihn fragen würde, klug wie eine
Schlange und ohne Falsch, wie eine Taube, in alle Wege so redlich, wie es in
seiner Seele vorginge, zu antworten. »Warum sind dir deine Augen verbunden?«
erscholl eine Stimme. Ich weiss es nicht, sagte der Ritter. »Zum Beweise,
erwiederte sie, dass du in dem Verhältnisse, in welches du dich selbst gesetzt
hast, weniger erfahren wirst, und zum Zeichen, dass es bloss von deiner Veredlung
und Abgeschiedenheit abhängt, weiter zu kommen. Entbinde deine Augen, und hast
du dich geprüft, ob du stark genug bist, den schwächeren Grad der Erleuchtung zu
ertragen, so klopfe dreimal und es wird dir aufgetan werden.« Der Ritter,
freilich sehr unzufrieden, aus der paradiesischen Herrlichkeit gestossen und zum
zweiten Grade herabgesetzt zu sein, glaubte in seiner Seele keinen Selbstvorwurf
zu verdienen, weil er Sophien und seine Mutter nicht verläugnet hatte. Und wenn
ich gleich, dacht' er, so wie mein Vater, Rosental im Sterben verlassen muss:
wär' es weise, ein irdisches Jerusalem eher aufzugeben, als bis ich mich im
Besitz des himmlischen befinde? Auch beruhigte ihn der Gedanke, dass, wenn er den
geheimen Bund, von dem er, ausser dem alten Manne, noch keinen zu kennen und zu
sehen die Ehre gehabt, grösserer Aufopferung würdig fände, er immer noch Zeit und
Raum zur Busse behielte. Wer wird alles an einen Faden binden? Der Ritter sah
sich, da die nach drei Schlägen von selbst aufgegangene Tür sich von selbst
wieder zugemacht hatte, ganz allein in einem schwarz ausgeschlagenem Zimmer.
Vergebens forschte er nach der Stimme, die sich mit ihm vor den drei Schlägen
unterhalten hatte. Wo ist sie hin? rief er, da er auch nicht die mindeste Spur
von heimlicher Tür entdecken konnte. Er fand einen Tisch, wo eine Bibel lag und
ein Kruzifix stand, an welches sich ein Todtenkopf gelehnt hatte. - Die
Offenbarung St. Johannis des Teologen war aufgeschlagen. - Ueber diesem Tisch
standen die Worte: Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des
Lebens geben. An der Türe, die sich von selbst aufgemacht und zugeworfen hatte,
und die der Ritter fest verriegelt fand, las er die Worte: Siehe, ich will einen
neuen Himmel chaffen und eine nene Erde, dass man der vorigen nicht mehr gedenken
wird, noch zu Herzen nehmen. Nach einiger Zeit erschien der Alte und wollte
wissen, was er gedacht und wozu er sich entschlossen hätte. Der Ritter
erwiederte: seine Gedanken und Entschlüsse wären der Lage angemessen gewesen, in
die man ihn versetzt hätte. Da der Alte mehr in ihn drang und der Ritter sich
näher zu entwickeln anstand, legte ihm der Greis schriftlich alles dar, was er
gedacht hatte: versteht sich mit andern Worten. Der Ritter läugnete nicht. Ich
hoffe, fügte er hinzu, bei billig Denkenden und billig Gesinnten Vergebung zu
finden. Brach ich durch meine Gedanken und meine Entschlüsse die eingegangene
Verpflichtung? Je mehr Vernunft, desto weniger Despotismus. Wahrlich! Vernunft
ist das Hauptcapital, womit der Mensch Handel und Wandel treibt, womit er wagt -
wenn gleich es auch hier heisst: wagen gewinnt, wagen verliert. Hat nicht die
Vernunft, wenn sie durch uns selbst und andere verfälscht und verleitet wird,
immer noch einen grossen Überschuss der Wonne und des Selbstlohns? Wahr, mein
Sohn, sagte der Alte; doch geht es mit ihr ein Haar besser, als mit der
Dichtkunst, welcher Plato das Bürgerrecht abschlug? Wenn sie nicht bei der
Darstellung der Schönheiten der Natur bleibt, sondern Leidenschaften malt oder
pinselt: was macht die Dichtkunst aus Menschen? Unmenschen. Doch können, setzte
er hinzu, Leidenschaften Engel der Vernunft werden, - so wie sie noch öfter ihre
Teufel sind.
    Es sei, dass die Vernunftslobrede oder die ausserordentliche Fassung des
Ritters dem Alten anstössig war, plötzlich fing er an, wiewohl ohne aus seinem
vertraulichen Tone zu kommen: Die vielen Vorbereitungen, denen man dich in
andern Ordensverbindungen unterwarf, die indes gegen die unsrige Spielerei sind,
rüsten dich mit einer Art von Leichtsinn, der mir missfällt. Auf seine Rechnung
gehört der grösste Teil von dem, was du dir selbst als vernünftige Fassung
unterschiebst. Auch finde ich dich so lauter nicht, als du wähnst und es zu sein
dich überredest. Leichtsinn und Fassung sind verschieden, wie Engel und Teufel;
und wenn Fassung auf Anspornung des Willens zu edlen Taten wirkt, was wirkt
Leichtsinn? Nichts mehr, nichts weniger, als Spinnen, Fliegen und Mücken, wenn
sie in Speisen fallen und auch die ersten Leckereien ungeniessbar machen. Der
Trunkene ist laut; der Berauschte ist fröhlich und guter Dinge; der Besoffene
sucht Händel; der Illuminirte guckt in einen optischen Kasten, und sieht in der
Zukunft lauter Wunscherfüllung und Planerreichung. - Leichtsinn ist Trunkenheit.
- Bin ich dir vielleicht dunkel? Wohlan! du wirst mich völlig verstehen, wenn
ich durch Tat mit dir rede: die Sprache der Gotteit, auf welche Menschen
Anspruch machen, je nachdem sie mehr oder weniger seinem Bilde ähnlich werden. -
- Ich bin verbunden, den Geist zu entlassen, der dich bis diesen Augenblick
begleitet hat. Der Alte machte einen Kreis in der Luft, in den er den Ritter
einschloss, und nun schlug er drei Kreuze auch ins Freie, fiel auf sein Antlitz,
küsste dreimal die Erde und sprach: Geist der Geister, der du lebest und
regierest von Ewigkeit zu Ewigkeit, dir Lob und Ehre von Zeit zu Zeit,
Hallelujah! Ich beschwöre dich, edler Ariel, lieber Getreuer! zum ersten-, ich
beschwöre dich zum zweiten- und ich beschwöre dich zum drittenmal, dass du nach
drei Minuten dich trennst von dem Menschenkinde, dem du zugeordnet warst Tag und
Nacht!
    Eine Stille.
    Der Ritter fühlte eine Trennung, die ihn äusserst wehmütig machte -! - So
ungefähr wird es dir sein, sagte der Alte mit sanfter Stimme zum Ritter, indem
er ihn bei der Hand nahm, wenn Leib und Seele scheiden. - - Er hauchte ihn an;
nnd nun war es dem Ritter wirklich, als wenn eine Hauptkraft von ihm ginge.
    Nimm meinen Dank, fuhr der Alte fort, guter Geist, und verzeih ihm alle
trübe Stunden, die er dir machte zu Tag und Nacht, und jeden Leichtsinn. Der
Ritter, in einer wirklichen Ekstase, reichte dem Geiste die Hand und sagte mit
Tränen: Verzeihe!
    Bleib sein Freund, setzte der Alte hinzu, und wenn sein Fuss gleitet, wenn
seine Seele nahe ist dem Falle, lass sie nicht sinken und verderben! - Wenn dem
Schisslein seiner Schicksale der Untergang droht, bedrohe Wind und Meer, dass es
stille werde!
    Der Ritter streckte wieder seine Hand aus. - Ich bitte, seufzte er.
    Und wenn sein Stündlein kommt, und seine letzten drei, neun und zehn Minuten
ablaufen, wenn sein Geist sich vom Körper trennt, wie du jetzt von ihm, -
geleite ihn durch das finstere Todestal und bringe ihn zur Stadt Gottes, zum
Wasser des Lebens und zum Tische des Herrn, der dich und mich und uns alle
lohnen und erfreuen kann von nun an bis in Ewigkeit!
    Der Ritter sagte Amen und gab dem Scheidenden zum letztenmale seine Hand.
    Nun fiel schnell ein Blitz, der, weil er dem ohnehin äusserst gerührten
Ritter so unerwartet und neu war, wie die Entgeisterung ihn heftig erschreckte.
- Du bist entauptet, sagte der Alte, das heisst in unserer Sprache: der Geist
hat dich verlassen, der dich geleitete!
    Eine Stille.
    Der Alte fiel abermals auf sein Antlitz, küsste dreimal die Erde und sprach:
Geist der Geister, der du lebest und regierest von Ewigkeit zu Ewigkeit, dir sei
Lob und Ehre von Zeit zu Zeit, Halleluja! Bist du gefasst? fragte ihn jetzt der
Alte. Missetäter entfesselt man zu freien Bekenntnissen; Fassung ist
Entfesselung der Seele. Bist du gefasst? - Ich bin es, erwiederte der Ritter. So
komm und verteidige dich gegen deine Ankläger. Hier stiess der Alte mit dem
Stabe, und in einem Augenblick befand der Ritter sich, ohne sich aus diesem
schwarzen Zimmer zu begeben, in einer Gerichtsstube, wo sechs weiss gekleidete
Männer an einem roten Tische sassen, zu denen sich der Alte als sein Führer
gesellte. Es traten wider ihn der Fremdling und der Frager auf, die ihn mit fast
noch mehr Ränken ängstigten, als der Seelenhirte den Michael vor dem bestochenen
oder verblendeten Richter. Nichts ist einem edlen Menschen unerträglicher, als
sich durch halbwahre und gemissdeutete Umstände in die Enge getrieben zu sehen,
obgleich bei einer gerechten Sache dem Scheine des Rechts und elenden
Sophistereien unterzuliegen, nicht minder ein nagender Schmerz ist. Der
entgeisterte Ritter verlor nicht das mindeste von der Fassung eines gerechten
Mannes. Man beschuldigte ihn vorzüglich eines verräterischen Leichtsinns in
Rücksicht der ihm vorläufig anvertrauten Ordensumstände, und führte so
künstliche und weitergeholte Beweise, dass man im Handwerk, Tatsachen pro und
contra zu drehen, Meisterstücke machte. Vor mir Licht, hinter mir finster, war
hier, wie in vielen Gerichtsstuben, die Losung; und man verstand, trotz dem
geübtesten Richter, die hochlöbliche Taschenspielerei, schwarz und weiss zu
künsteln, wie man wollte. Eifert nicht, Subordinationsfeinde, wider Stock und
Degen, und wenn man sich ihrer als Beförderer von Treu und Glauben bedient; es
gibt Seelentorturen, geistliche Stöcke und Degen. - Sollte es wohl eine Sache in
der Welt geben, aus der man nicht juristisch machen könnte, was man wollte? Und
jene Wortvorhänge: ausser Zweifel setzen, anstatt beweisen; zum Überfluss,
anstatt: zur höchsten Noch; wer sieht es nicht ein? anstatt: die Sache ist
äusserst ungewiss; und so weiter, statt: wehr weiss ich kein lebendiges Wort -
welche herrliche Dienste leisten diese Nothelfer!
    Unser Ritter ermannte sich, und sprach: Herren und Richter, wäret ihr etwas
anders als Menschen, so müsste ich mich bescheiden, so mit euch zu reden, wie ich
reden will. - Ich bin ein Mensch. Ehe ich mich über den Grenzstein dieser
Menschenbestimmung durch die väterliche Güte der mir unbekannten Obern dieses
Ordensbundes erhoben fühle, vermag ich nicht anders, als menschlich zu denken,
zu reden und zu handeln. Findet ihr, dass das Recht auf der Seite meiner Kläger
ist, dass ich nicht Anlage habe Geist von eurem Geist, Seele von eurer Seele zu
sein, und dass ich auch zu dem Grade, zu welchem ich erniedrigt bin, nicht genug
innern Beruf und Würde besitze, so lasst uns scheiden. Ich gelobe euch, von dem,
was ich sah und hörte, nichts zu entdecken, vom Anfange aller Verhandlungen bis
auf den gerührten Abschied, den ich vom edlen Ariel, dem lieben Getreuen, nahm,
der, wie ich hoffe und wünsche, im Leben und im Sterben, wenn meine Not am
grössten ist, mich nicht verlassen wird. - Bis jetzt glaubte ich (warum soll ich
es läugnen?), Gottes Geistesvertraute stimmten sich durch Einfalt des Verstandes
und des Herzens zu den grossen Kenntnissen empor, nach denen meine Seele sich
sehnte. Wo ich List und Ränke finde, da suche ich nichts; und wenn diese zwei
Denuncianten mich so künstlich bei euch anklagen, so verteidigt mich mein Herz
natürlich: ich bin unschuldig.
    Einer der Richter gebot ihm zu schweigen, und hiess ihn und beide Kläger
abtreten. Man klingelte dreimal, und der Ritter erhielt den Befehl, seinen
vorigen Platz wieder einzunehmen.
    Der Mut, mit dem du dich gegen deine beiden Ankläger verteidigt hast,
entscheidet nichts, sagte der Erste des Gerichts; wohl aber der Geist Ariel, der
dir in der Stufe nicht gebührt, auf die du dich selbst herabgesetzt hast, ob wir
es gleich nicht ungern sehen, dass er dir im Leben und im Sterben, wenn deine
Not am grössten wird, beispringe. Sein Zeugnis erklärt dich, wo nicht würdig, so
doch nicht unwürdig (ein grosser Unterschied!) zur Stufe, zu der man dich
vorbereitet. Wir haben zu deiner sittlichen Erziehung und deiner Einsicht das
Zutrauen, du werdest dich von selbst bescheiden, nicht weiter, nach deinen von
diesem ehrwürdigen Greise entlarvten Gesinnungen, den Orden auf die Probe setzen
zu wollen, der dich zu probiren das Recht hat. Du wolltest uns den Krieg in
unser eigenes Land spielen, und daran tatest du sehr unrecht.
    Wenn ihr nicht bloss strenge, sondern väterliche Richter sein wollt,
antwortete der Ritter, werdet ihr scheel sehen, dass ich so verfahren, wie es
unter Menschen Gebrauch ist? Wer uns examinirt, den examiniren auch wir; wer uns
erforscht, wird wieder von uns erforscht; und wer fragt, wird gemeinhin, auch
ohne dass der Antworter es listig darauf anlegt, zu Antworten gebracht. Auch seid
ihr Männer bei Jahren, und habt, wie ich vermute, Schutz- und Hülfsgeister um
euch, welche eurer Schwachheit bei aller eurer Seelenstärke, die sich die Jugend
nie zueignen kann, aushelfen, und euch da vertreten, wo euer eigenes Vermögen
euch aufgibt. Mir ist sogar Ariel genommen, der mich, wie ich glaube, nur bloss
beobachtete, ohne mir nach- und fortzuhelfen, ob ich ihm gleich seine Liebe und
Güte nie genug verdanken kann. - -
    Man eröffnete das Zeugnis des Geistes nicht näher, welches er dem Ritter
gegeben; indes fragte der Erste des Gerichts: Geist Ariel, du bestätigst dein
Zeugnis? Ein sanfter Hauch säuselte: Ja!
    Dank dir, fing der Ritter an, Dank dir, guter Geist, und immerwährendes
Andenken! Nicht also, sprach der Erste der Richter; warum Schmeichelei, die
verflucht ist, wenn sie als ein wahrhaft unreines Tier der Gotteit selbst
dargebracht wird? Ein Fluch, den der sich selbst anheimgestellte Mensch auf die
Gotteit beim Schicksal ausstösst, das ihm, wie er sich überzeugt, unverdient mit
der Tür ins Haus fällt, ein Fluch, sag' ich dir, ist der Gotteit angenehmer,
wenn er aus ungeheucheltem Herzen ihn ausstösst, als ein Lexikon von ausgesuchten
Worten. - Selbst ein Lexikon ausgesuchter Taten sind ihr ein Greuel, wenn sie
nicht rein sind! Sieh, mein Sohn, man kann rein vor Menschen in seiner Tugend
sein; allein man ist es noch nicht vor Gott. - Selbst wer das Gute Gottes wegen
tut, ist ihm ein Greuel. - Wer nicht Gutes des Guten wegen tut, ist kein
verklärter und vervollkommneter Mensch. - Hat die Furcht nicht Opfer erzeugt, um
Gott zu versöhnen? Welch ein Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte, die dem
Betruge Tür und Tor öffnete, indem die Priester gewiss mit den besten Stücken
sich mästeten! Und was kann der Mensch Gott geben, der alles hat? Welch ein
Hocuspocus! Wenn aber Opfer eine Erhebung zu Gott versinnbilden, wenn ihr hoher
Sinn in der Aufopferung seiner selbst liegt, wenn der Mensch hierdurch zum
Entschlusse gebracht wird, sich selbst zu bekämpfen, und sich das Liebste zu
entziehen: was meinst du, Sohn! würdest du Bedenken tragen, noch jetzt zu
opfern? Wenn unsere Volksreligion, fern von knechtischer Furcht und Verehrung,
bloss einen kindlichen Sinn, Zuneigung und Liebe erforderte, ich opferte heute.
Gottlob! nur noch eine einzige Furcht ist geblieben: - jene kindliche, dem
himmlischen Vater zu missfallen. Verstehst du, was du hörest? - Ich verstehe,
erwiederte der Ritter, der den Contrast dieser höchsten Moral mit den Ränken
seiner Ankläger so wenig ins Reine bringen konnte, dass ihm, er wusste selbst
nicht wie, war.
    Man hiess ihn abtreten. Es ward dreimal geklingelt, und nun erklärte man ihn
in der zweiten Ordnung würdig. Seine Ankläger wurden zu einer dreitägigen
Ordensstrafe verurteilt; und als diese nach der ihnen eröffneten Sentenz aufs
neue denuncirten, der Ritter habe Gewehr bei sich, so erwiederte der Erste der
Richter: Wir wissen! und nun eine ernstliche Frage an den Ritter: Warum?
    Meine Ankläger, erwiederte der Ritter, beweisen die Notwendigkeit dieses
Hülfsmittels, dessen ich mich nie, als nur dann bedienen werde, wenn man der
Menschenwürde und dem Menschenrecht in mir zu nahe treten will. - Die Ankläger
wurden zur Vollziehung der wider sie erkannten Strafe abgeführt; dem Ritter,
welcher zurückbleiben musste, ward es zur Pflicht gemacht, alles Gewehr
abzulegen. Ich habe gesehen, erwiederte er, dass hier Richter sitzen, welche
Gaukeleien der Sophisten verachten, und der menschlichen Unschuld (eine höhere
kenne ich nicht) Gerechtigkeit erweisen. - Es sei! - Die hohen Begriffe von
Tugend, welche der erleuchtete Präsident dieses Gerichts mir mitgeteilt hat,
leisten mir Bürgschaft für alles. Beelzebub, der Präsident der Teufel, würde
hier sicher sein! - Jetzt legte er die drei Mordgewehre hin, die er bei sich
trug, und plötzlich sah er sich wieder in das schwarze Zimmer gezaubert, in
welchem er sich zuvor befunden hatte. Der Alte erschien, und verlangte zu
wissen, was der Ritter erwartete. Dieser erklärte sich mit einer Freimütigkeit,
die selbst den grössten Frevler hätte entwaffnen müssen; und der Alte schien
wirklich ein gutes Geschöpf zu sehn, das seinen Mann kannte, und nichts wider
ihn hatte. Du hast viel verloren, fing er an, weil du mit Rückhalten zu uns
kamst. Wie glücklich wärest du, wenn du dich von diesen entledigt hättest! -
Vater, erwiederte der Ritter, miss mich nicht nach dir. Deine Jahre haben dich
die Welt kennen gelehrt, die man nicht anders als durch Erfahrungssammlungen
kennen lernt. Kann ein Volk zu dem möglichen Ziele der Vollkommenheit gelangen,
ohne zuvor die ganze Schule zu machen? Fängt der Reformator sein Werk mit dem
letzten Schritt an, wenn es gleich nicht seine Losung ist, mit Weile zu eilen?
Es scheint, jeder Mensch sei dazu bestimmt, erst die Dinge wesentlich kennen zu
lernen, ehe er über ihren Wert und Unwert zu entscheiden vermag. Auch müssen
die Leidenschaften ausgähren, ehe der Mensch zu jener Stille und
Abgeschiedenheit gelangt, die hoher Tugend eigen zu sein scheint. Auch glaub'
ich nicht, dass Männer eurer Art durch das Unglück anderer ihr Glück machen
wollen. Wer dies zu können denkt, kennt wahrlich weder Glück noch Unglück.
    Wir haben uns, versetzte der Alte, an dir geirrt; indes ziehet dich an uns
deine Gutmütigkeit und der ganze Inbegriff deines Wesens, das du hier (hier hob
er seine Stimme) in einem treueren Spiegel erblicken kannst, als alle die waren,
die dir deine Gestalt zeigten. - - (Hier bemerkt die Handschrift, der Ritter
habe sich selbst gesehen, und zwar auf eine so verzerrte und widerliche Weise,
dass er beteuern zu können versichert, nicht zu wissen, ob es bloss ein Spiegel,
oder ob deine Rauchfigur vor ihm geschimmert; auch ist es ihm vorgekommen, als
wäre er zwei Drittel entseelt, und nur ein Flämmchen Geist in ihm.) Das ist eine
Seelensilhouette, sagte ihm der Alte, wahrlich nicht so rein und klar, als es
jene Gegend war, die man dir in den Vorhöfen des Paradieses in der Entfernung
zeigte. Du wirst sehen, viel sehen, alles sehen, allein nicht ohne den Schleier
der Hieroglyphen. Du wirst wenig sehen, und viel glauben müssen. Auch versichern
dich die Ordensrichter durch mich, dass man wohlbedächtig nicht heute schon
deinen Namen auf ewig der Krone des Lebens für unwürdig erklärt hat. Diese
Gesinnungen vrrbinden dich, das fühlst du selbst, zum Dank (den wir erlassen)
und zur unerlässlichen Erklärung, dich mit dem zu begnügen, was man dir im
Verhältnis deiner Aufopferungen zu offenbaren im Stande sein wird. - Er kehrte
den Todtenkopf um, stiess mit seinem Stabe, und es sprang Wasser aus demselben.
Der Greis fing eine Handvoll auf, trank, und besprengte mit dem übrigen den
Ritter dreimal, den er sich zur Ablegung seiner Gelübde anschicken hiess.
Entblösse deinen Arm, sprach er; lege dich mit dem Knöchel deines rechten
Ellbogens auf die Offenbarung Johannis, und sprich, wenn du willst und kannst,
folgende Worte mir nach:
    Ich gelobe bei der Hoffnung der andern Welt, bei dem Troste im Tode, und bei
der Barmherzigkeit am letzten Gerichtstage, mich mit dem zu begnügen, was der
Orden der Welt Unbekannten, und nur Gott Bekannten, mir nach den Verhältnissen
meiner Aufopferungen anvertrauen wird, den Befehlen meiner Obern treu und
gehorsam zu sein, und, bis auf meine Vorbehalte, nicht mir, sondern dem Orden zu
leben, ihm zu leiden und ihm zu sterben; auch bei den fernern Offenbarungen
desselben, die von mir abzufordernden Gelübde eben so unbedenklich zu leisten,
als treu zu beobachten. Wenn ich dies halte, sei dies Wasser mir Wasser des
Lebens, Gift der Vernichtung, wenn ich es breche! Amen.
    Der Ritter sprach diese Worte nach; doch setzte er hinzu: Alles, insoweit es
den Pflichten und Rechten des Menschen und der Menschheit nicht entgegen ist; er
fing Wasser auf, wie vorhin der Greis, und trank. Der Alte schien über das
Postscript verdriesslich; indes hielt er entweder diese Worte für weniger
bedeutend, oder glaubte, das neue Mitglied seines Ordens würde allmählig diese
Bedingung aufgeben. Es gibt drei tierische Bedürfnisse, Speise, Trank und
Schlaf, welche unser Orden zu heiligen versteht, sagte der Alte und bedeckte das
Haupt des Ritters mit einem weissen Tuche. Nach wenigen Schritten riss er ihm die
weisse Decke vom Gesicht, und beide befanden sich in einem zwar kleinen, aber
geschmackvollen Zimmer, wo bloss Gemüse und zwei Becher standen, in deren einem
Wein und in dem andern Wasser war. Der Alte segnete Speise und Trank, und sie
assen aus Einer Schüssel und tranken gemeinschaftlich aus Einem Becher, ohne ein
Wort zu sprechen, während dessen sich eine sanfte, das Herz bewegende Vokal-und
Instrumentalmusik hören liess, die zuweilen mit Chorälen aus Kirchengesängen
abwechselte. Es gibt eine Sanfteit und Stille, die ausdrucksvoller ist, als
geäusserte Empfindungen, welche, so rein sie auch sein mögen, doch immer
angreifen, und sonach nicht natürlich (im höchsten Grade nämlich) sein können.
Die Musik liegt in der Mitte zwischen dem Uebergange von Tierheit und Geist,
von geistiger Tugend und Sinnlichkeit; und hier ist es, wie bei allen unteren
Seelenkräften, der Fall, wo die Mitte eine Seligkeit (medium tenuere beati)
bringt, die dem Menschen äusserst angenehm zu sein scheint. Der Mensch dünkt sich
hier zu Hause; er findet sich so getroffen und in einer so erfreuenden
Gemächlichkeit, dass er darüber gern seine hohen Fähigkeiten wo nicht aufgibt, so
doch aussetzt. Hier ist gut sein, fühlt und denkt er. Die Unterhaltung des
Alten, dir, wenn die Musik aufhörte, anfing, war eben so Musik, wie die Musik
selbst; und ein solches Mahl hatte unser Ritter noch nie gehabt oder gesehen.
Auf den Gesichtern ächter Brüder findest du, sagte der Alte, Gesundheit des
Leibes und der Seele, Reinheit des Herzens und Seelenruhe (an hohen Festen
Seelenwonne) Keinen geheimen Kummer, den nur Gott und der Kummervolle kennt,
keinen verbissenen Schmerz von nicht überwundener Welt und allem dem, was in der
Welt ist, der an den Herzen derer oft am meisten nagt, die der Welt entgangen
sind, findest du hier. - Klöster sind jetzt selten, was sie vielleicht
ursprünglich waren: Freiörter gegen Verführungen der Welt. In unserm Bunde
findest du nicht Klöster, nicht Weltabsonderung, sondern das Ideal derselben:
eine Weltüberwindung, die sich nur empfinden lässt. »Schmecket und sehet, wie
freundlich der Herr und wie wohl denen ist, die auf ihn trauen!« war das Tema
dieser Tischreden, die nichts ähnliches mit denen des guten Martin hatten, ob
ich gleich unendlich lieber mit Lutern, als mit diesem Alten gegessen und
getrunken hätte. Nach der vom Greise gesprochenen Danksagung warf er ein
schwarzes Tuch über das Haupt des Ritters und führte ihn in ein grün behängtes
Zimmer, wo ein äusserst einfaches Ruhebette stand. Es ist mir angenehm, sagte der
Alte, dass ich dich mit einigen unserer Gesetze und Gebräuche bekannt zu machen
im Stande bin. Alle Dinge, die bloss körperlich sind, und an denen der Geist
keinen eigentlichen Anteil nimmt, werden von uns mit Gebet angefangen und
geendigt. In der profanen Welt (ausser uns, mein Sohn, ist alles profan, und
selbst das, was die Welt das Allerheiligste unter dem Heiligen nennt) wird auch
vor und nach Tisch, Abends und Morgens gebetet; doch lernte man diese Gewohnheit
von uns, und ohne den Grund dieser Feierlichkeit zu wissen, der, wenn ich so
sagen soll, den Leib von der Seele trennt. Die Herrnhuter suchen auch die
Sophienleidenschaft (du wirst mich verstehen), da sie sich ihrer nicht so wie
wir zu entschlagen wissen, durch Gebet zu beschränken, und erhalten einen Sieg
über sie, der sie mit gesunderem und längerem Leben belohnt, als andere,
obgleich ihre Tage an die unsrigen nicht reichen. Ich zähle neunzig Jahre, und
fühle bei weitem jene Entkräftung nicht, die man in der profanen Welt, wenn's
köstlich ist, im fünfzigsten wahrnimmt, wo es Fälle gibt, dass Jünglinge im
fünfundzwanzigsten Jahre an Entkräftung sterben und die menschliche Natur wegen
dieses zu kurz beschränkten Lebensziels einer Ungerechtigkeit, wiewohl höchst
ungerecht, anklagen. Man will zwar, dass die Seelen an den Freuden des Tisches
einen wesentlichen Anteil nehmen; allein man irret, und es ist Materialismus,
wenn man behauptet, dass Geist und Körper zu gleicher Zeit geniessen können.
Tischfreuden und Tischfreunde gehören zu Einer Klasse, und man versieht den
Pytagoras nicht, wenn man sich an seiner heiligen Diätetik den Kopf stösst. Auf
die Bohnenentaltung konnte es ein Mann, der in der Geometrie Meister war,
wahrlich nicht anlegen. Es ist nicht ohne Grund, dass er selbst Bohnen gegessen.
Der hohe Sinn seiner Diätetik und aller seiner ächten Schüler und Nachfolger
ist: Die Seele dem Körper zu entziehen, und ja nicht sich einzubilden, dass man
durch Wein und Kaffee begeistert und zum ächten Arbeiten vorbereitet werde. Wein
und Kaffee, und alle jene geistberauschenden Getränke schwächen den Geist mehr,
als dass sie ihn stärken. Glaube, Sohn! unsere Vorbereitungen, so besonders du
sie finden wirst, führen so sehr zum Zweck, wie alles, was bloss den Körper
angeht, jenem Zweck entgegen ist. Die Bildersprache unserer Dichter, und selbst
unserer Propheten, wodurch sie dem Fassungsvermögen der sinnlichen Menschen auf
dem halben Wege zu Hülfe kommen wollen, hat viel Schuld an allem, und besonders
an diesem Aberglauben. Ambrosia und Nektar, die schönen Diners und Soupers mit
Abraham, Isaak und Jakob, und das grosse Abendmahl haben, ob sie gleich nichts
mehr als wahre Schaubrode sind, mehr Schaden getan, als man glauben sollte; und
alles Uebel, das in der Welt geschah, begann bei der Tafel, oder kräftigte und
gründete sich hier, oder ward hier vollbracht. - Die Köche in unserm Orden sind
unsere Aerzte; und so lange diese beiden Geschäfte, Küche und Laboratorium,
nicht eins und dasselbe werden, was ist von dem menschlichen Wohlbefinden zu
erwarten? Pytagoras war kein Weinverfolger; aber er verfolgte die Unmässigkeit.
Honig und Früchte und Pflanzenreich waren hinreichend, ihn zu befriedigen; doch
gab es auch unter seinen Schülern Klassen, die an mehr oder weniger strenge Diät
gebunden waren. Genug für jetzt! - Siehe selbst diese Unterhaltung als eine
Ueberwindung des Bedürfnisses an; sie hielt dich vom Schlaf ab, dessen du
bedarfst. Hier sprach der Alte einen Segen und entfernte sich.
    Obgleich dem Ritter so viel in Kreuz und Quer durch den Kopf ging, so wirkte
doch Gebet und Segen dieses Neunzigjährigen so viel, dass er den Augenblick, da
der Alte das Schlafgemach verliess, so fest einschlief, dass er bemerkt, nie in
seinem ganzen Leben so vortrefflich und so in einem Stück geschlafen zu haben.
Beim Erwachen wusste der Ritter nicht, wie lange er geschlafen, wohl aber, dass er
froh, heiter war und völlig ausgeschlafen hatte. Menschen, sagte ihm der Alte,
die nach der Uhr schlafen, fünf oder sieben Stunden, wissen nicht, was sie tun.
Iss, so lange dich hungert, trink, so lange du durstig bist, und sei kein Fünf-
oder Siebenschläfer, sondern schlaf so lange, bis du ausgeschlafen hast; - das
heisst bei mässigen Menschen: so lange, bis du aufwachst. - Das besonderste war,
dass in dem Augenblicke, da ihn der Schlaf verliess, und nicht früher und nicht
später, der Greis wieder bei ihm stand, und diese Körpersache oder Leibesübung
mit Gebet beschloss. Der Ausdruck: Morgensegen, war hier confiscirt. Noch, fing
er an, ist uns eine Aehrenlese bei dieser Vorbereitung übrig, die ich nicht eher
anfangen werde, als bis du dich gesammelt, und alles bei und in dir selbst
wiederholt haben wirst, was du hier erfahren hast.
    Nach geraumer Zeit (der Ritter wusste nichts von Tagen und Stunden) erschien
der Greis wieder und fing an wie folgt: Man sagt im gemeinen Leben, dass an jedem
Gerüchte, es sei so gut oder so arg als es wolle, etwas wahr sei, und man sagt
die Wahrheit. Auch du wirst in manchem, was du in unserm Orden lernst, etwas
bekanntes finden, doch so entstellt, wie das göttliche Ebenbild in uns. Im
Wunderdoctor, im Schlangenfresser, im Gespenstercitirer, in Faust's Höllenzwang;
in der Clavicula Salomonis, in der Teosophia pneumatica oder der sogenannten
Heiligengeistkunst, in der Skiamantie (Schattenwahrfagung, wo man die Schatten
der Verstorbenen beschwört, zu erscheinen und künftige Dinge zu prophezeien),
bei Hexereien, Irrwischen, wilden oder fliegenden Heeren oder Jägern, in der
Nekromantie (Leichenbeschauung), Pyromantie (Wahrsagung aus dem Feuer, woraus
die Kunst, das Feuer zu besprechen, abzuleiten, Aeromantie (Wetterkunde),
Hydromantie, aus dem Wasser, Geomantie, aus der Erde, Chiromantie, aus der Hand
wahrsagen zu können, sind mehr oder weniger Spuren von Wahrheit. Hast du nie von
Priesterinnen des Altertums gehört, die in heilige Haine gingen und auf das
Gesäusel des prophetischen Baums Acht gaben, welche die Blättersprache, das
Lachen und Wimmern der sich bewegenden Aeste verstanden, und hier jede
Veränderung des Tons bemerkten, um des Orakels bedürftige Menschen zu lehren, zu
warnen und aufzumuntern? Ueberall Licht, nur nicht das volle! Ueberall Wahrheit,
nur mit Hieroglyphen bekleidet! - Wer die Sprache der Natur versteht, spricht
mit Gott, und diese Sprachlehre - doch die Hand von der Tafel! Den alten
Mytologien liegt ein Schatz guter Kenntnisse zum Grunde; und wenn Profane und
Schulmänner sich begnügen, den Tapis derselben auswendig zu lernen, so verfehlen
sie den tiefen Geist der Deutung fast unglücklicher als eine blinde Henne, die
doch zuweilen ein Korn findet. In wieviel Dingen wird die heilige Zahl Drei
entehrt, obgleich Dreifuss, Dreieck bis auf Dreieinigkeit Dinge sind, die mehr
Aufschlüsse geben, als ich dir zu entdecken vermag. Die beliebte Figur Dreieck
ist von allen Figuren bis zu Ecken ins Unendliche die erste Figur, die etwas
einschliesst. Ohne drei gerade Linien wenigstens wird kein Raum eingeschlossen. -
Die meisten Erzählungen von Wechselbälgen, die du mit Recht unter die
Aprilmährchen gezählt hast, entalten Stoff der Wahrheit, und die Welt wäre
nicht mehr, wenn nicht auf unbekannte Weise Kinder in der Geburt vertauscht
würden, um die Absichten der Vorsehung, die so wie wir im Stillen wirkt,
auszurichten. Die Kunst, in sieben Tagen alle Krankheiten zu heilen, das Leben
zu verlängern, die Wesen, welche in den Elementen sich befinden, zu
personificiren, wahre Gotteserkenntniss, Mitwaltung und Regierung bis an ein
Ziel, das sich Gott vorbehalten hat, die Kunst sich zu verjüngen und wieder zu
gebären: alles sind Dinge, über welche du in der profanen Welt, so wie über Dr.
Faust's Mantel und den Landtag auf dem Brocken in der Walpurgisnacht reden und
lachen gehört haben wirst, und doch liegt in diesem nonsensikalischen Geschwätz,
in diesem Galimatias Wahrheitsanlage, wozu den meisten Menschen die Erklärungen
fehlen. Goldmachen, Universalmedicin, Zubereitung des Tranks der
Unsterblichkeit: - o mein Sohn! mein Sohn! - Doch ich präambulire, ohne dass du
das Textlied hören kannst. - Lass mich abbrechen, um dich eigenen Betrachtungen
zu überlassen. - Wenn dies Aehren sind, dachte der Ritter, was soll man von der
Ernte denken? Der Magus dachte noch an Michaeln und versprach, dass wenn gleich
die Anzahl ihrer Ordensmitglieder sehr eingeschränkt wäre, derselbe doch zu
Licht und Leben gelangen sollte. Siehe da, mein Sohn, beschloss der Alte, das
Ganze deiner Vorbereitung ist ein Bild der Ewigkeit. Du weisst nichts von Tag und
Nacht, von Stunden und Minuten, und nur, wenn du aus meinen Händen kommst, wird
sich wieder jener alltägliche Gang bei dir einstellen, den zwar die Sonne und
der Mond einzuführen scheinen, der aber Geister und Menschen, die sich Geistern
nähern, nicht bindet. Hungert dich, so dürstet dich auch. Wir trinken nie, wenn
wir nicht auch essen, und wir essen nie, wenn wir nicht zugleich trinken. Beides
tun wir auf einmal. Der Bauch ist nicht unser Gott; unsere Mahlzeiten währen
nie länger als nötig ist. - Es erfolgte wieder eine Mahlzeit, ebenso wie die
beschriebene, und ein Schlafmahl, wie der Greis es nannte. (Alles hiess Mahl, was
den Körper vorzüglich anging.) Lasst uns mit Danksagung geniessen, war die Antwort
eines metodistischen Ehemanns am Brautmorgen auf die Frage: wie er sich in
seinem neuen Stande befände? - Der Ritter schlief ebenso erquickend wie zum
erstenmale, und der Greis hielt wieder die Minute seines Aufwachens. Nachdem er
das Schlafmahl beschlossen hatte, sagte er ihm: Vergiss nicht, was du sahest und
hörtest, und wenn dir unerklärliche Schwierigkeiten aufstossen, so bedenke, dass
du ein Mensch zwar berufen, aber nur zum zweiten Grade erwählt bist. Junge Leute
von Fähigkeiten haben den Fehler, über Dinge abzusprechen, die oft das
Nachdenken eines ganzen Lebens verdienen; allein sie sind es, die den
ehrwürdigen Namen: Genie und Geist verdächtig machen und Schade um ihn! In allem
ist Geist. Den Geist einer Sache kennen, heisst ihre Bestimmung umfassen. Nicht
immer ist die Behauptung wahr, doch zuweilen. Je ungeheurer der Block, desto
besser der Merkur; je wildfremder das Bild, desto ergötzender dem Kenner; je
kühner die Idee, desto umfassender für den Nachdenker. Die welche lehren: der
Schlüssel zu den alten Mysterien sei, die Menschen zu vergöttlichen und nicht
das Volk, sondern den edlern Teil desselben mit dieser Idee bekannt zu machen,
- waren nicht auf unrechtem Wege. Die Veredlung der Menschen, wenn nicht aller,
so doch der Heroen, der zu Halbgöttern Erkornen - ist ein hohes Ziel! - Der
Ritter war
                                    §. 118.
                                    verlegen,
was er antworten sollte. Er hatte geglaubt, nach so besondern Situationen, in
die er gesetzt worden, Belehrungen, die ihnen mehr angemessen wären,
einzuernten; und doch schien er, nach der Rede des Alten, am Ende dieses Akts zu
sein. Da indes vieles, was mit ihm vorgegangen war, ihm nicht natürlich erklärt
werden zu köunen dünkte, da seine Einbildungskraft wie gewöhnlich den Meister
über ihn spielte, und da der Alte wirklich Ideen fallen liess, die zum Nachdenken
brachten, so wollte er nicht, nach Art junger Leute von Fähigkeiten, die den
Fehler haben, über Dinge abzusprechen, über den Ordensbund abdenken, dem sich zu
widmen er jetzt fester als je sich entschloss. Kaum hatte er sich von allen
fremdartigen Gedanken gesammelt, so war er nach dem Dank, den er dem Alten
erstattete, dreist genug ihn zu fragen: ob ihm zu fragen erlaubt sei? Drei
Fragen, erwiederte ihm der Alte, sind dir am Ende dieser Vorbereitung gestattet.
Bei der zum ersten Grade wärest du zu neun berechtigt gewesen. Auch dient dir
zur Nachricht, dass diese drei dir bewilligten Fragen nicht den Geist, sondern
den Körper, nicht das Wesen, sondern die Form des Ordens betreffen dürfen. Auch
musst du diese Fragen aus dem Herzen und ohne Vorbereitung tun und höchstens
sind zu jeder dieser Fragen dir drei Minuten Bedenkzeit erlaubt. Unser Ritter
war mit seinen
                                    §. 119.
                                   drei Fragen
in drei Minuten zu Stande. Ob es schnöde Linsengerichte sind, wodurch er seine
Erstgeburt verkaufte, ist die Frage, die ich meiner Leserwelt überhaupt,
insbesondere aber den Leserinnen anheim gebe. Die
                                    §. 120.
                                  erste Frage:
Ist der Orden mit andern zu einem einzigen Grundzweck verbunden? Mit allen
Orden, erwiederte der Greis, ohne eine einzige Minute Bedenkzeit, mit allen
Orden, die man geheim nennt, ist er soweit in Verbindung, dass er sie alle kennt
bis auf die Ritualien zu, in Hinsicht des Äußern diese Orden besitzt, und das
Materiale derselben in seinen Zweck einzulenken sucht, wenn gleich so mancher
dem Grundprincip unserer Verbindung geradenwegs entgegen ist. So lenkt die
Vorsehung, mein Sohn, fügte der Alte mit Händefalten und einer andächtigen Miene
hinzu, alles Böse zum Guten und alle Versuchungen zu einem Ende, dass der
Versuchte sie ertragen kann und das Ganze einen reinen Gewinn zieht. Die
Philosophen (nicht die Sokratiker, Platoniker, Pytagoräer und noch andere)
zerbrechen sich den Kopf über ein Grundprincip in ihren Wissenschaften, wodurch
sie alle Aufgaben derselben haben: es sind Deisten in besonderm Sinne; wir sind
für eine Dreieinigkeit des Zwecks, die sich zuletzt doch in eine Einheit
auflöst. Auf die
                                    §. 121.
                                  zweite Frage:
ob und wie weit die Obern des Ordens den Schülern seiner Geheimnisse bekannt
oder unbekannt wären? erwiederte der Alte: bekannt und unbekannt. Der erste
bekannte Ordensobere wer ist es? Der da ist, der da war und der da sein wird;
den wir, wie das jüdische Volk, nicht nennen; der, sobald Er genannt wird, einen
Teil seiner Erhabenheit und seines unerforschlichen Wesens zu verlieren
scheint. Nur in der Geisterwelt kann Er bezeichnet werden. Namen sind Körper der
profanen Welt halber, ihretwegen sprechen wir von Gottes Wesen und
Eigenschaften. - Ausser dieser Talpredigt wartet deiner eine Bergpredigt, und
er, der da ist und der da war und der da sein wird, Er, der in dir angefangen
hat das gute Werk, wolle es durch seinen heiligen Geist in dir bestätigen und
vollführen bis in Ewigkeit! Halleluja! Die göttlichen Eigenschaften sind ein
Dieterich, womit eine Art von Gottesgelehrten, die Gott vielleicht am wenigsten
kennen mögen, alle Geheimnisse aufschliessen. - Gott ist gerecht, also muss er -
Gott ist weise, also muss er - Gott ist gütig, also muss er - Und was muss er?
Nicht was Er will, sondern was diese Art von Gottesgelehrten will. - Mit ihren
Küstern werden die Herren so leicht nicht fertig, wie mit dem göttlichen Wesen.
In ihren Gebeten entblöden sie sich nicht, ihm Instruktionen, Fingerzeige,
Ratschläge und dergleichen zu erteilen. - O, der Toren und trägen Herzen, die
vergessen können, dass Gottes Wege nicht unsere Wege und seine Gedanken nicht
unsere Gedanken sind!
    Auch gibt es Obere, die von Körpern entkleidet gern die begleiten, welche
ererben sollen die Seligkeit, und deren sind neun. Es sind Menschen Gottes und
wenn du willst Gottmenschen, durch die das Werk des Herrn sichtbarlich auf Erden
getrieben wird. Die Frage liegt dem Wesen des Ordens zu nahe, als dass ich mehr
sagen könnte, ohne verraten zu werden. Ich schweige und bete an, das heisst, ich
bin nicht im Stande, was ich empfinde und denke, durch Worte zu entwürdigen. Die
                                    §. 122.
                                  dritte Frage
betraf die Zahl der Stufen des Ordens. Der Greis beantwortete sie in der Art der
Orakel, die mehr nehmen als geben. Es sind deren viele und wenige, sagte er; es
hat sogar unter uns Ordensmänner gegeben, die in unsern Verbindungen nur die
Bestätigung selbsteigener Kenntnisse suchten und sie fanden, zu denen indes
weder du noch dein Begleiter gehört. Jetzt Amen, mein Sohn.
    Dem Ritter wurden die Augen verbunden, und er in die Kreuz und Quer
geleitet. Diese gemachten Wege kamen ihm wenigstens so lang als eine Meile vor.
- Jetzt nahm man ihm die Binde ab, gab ihm eine Leuchte und liess ihn die
nämlichen Stufen hinabsteigen, die er bei seinem Eintritt hinaufgestiegen war,
bis er endlich an die Öffnung kam, durch welche ihn nicht eine Diebs-, sondern
eine heilige Leiter, etwa nach Art derjenigen, die dem Erzvater Jakob im Traume
erschien, wo die Engel auf- und abstiegen, auf Gottes gewöhnlichen Erdboden
absetzte. Nicht überall, sondern nur da, wo es nichts zu steigen gab, begleitete
ihn der Alte. - Gewiss wusst' er Richtsteige; und sind diese einem neunzigjährigen
Greise zu verdenken? An der Öffnung fand er ihn wieder. - Lebe wohl, Sohn,
sagte er zu ihm, empfange den Gegen des Hierophanten, dessen ehrwürdiges
Geschäft es ist, Menschen zu vergöttlichen und zu Mysterien einzuweihen! Wenn
manches, was ich dir sagte, Knospen ansetzt, so pflege und nähre sie! Konx
ompax! - Unten findest du einen Wegweiser! - Wo ist Eldorado? dachte der Ritter
da er mittelst der Jakobsleiter sich auf der Erde befand, und unentschlossen
blieb, ob er den Tag abwarten oder sogleich seinen Wanderstab weiter setzen
sollte. Es war dicke Nacht. Den Wink wegen des Wegweisers hatte er nicht
verstanden. Wo ist Eldorado, oben oder unten? dachte der Ritter unablässig, und
wusste in der Tat nicht, ob er sich Glück wünschen oder es beklagen sollte, so
und nicht anders aus den Händen der Bekannten und Unbekannten, Obern und Untern
gekommen zu sein. So stark sein Hang zum Wunderbaren auch war und bis diesen
Augenblick sich erhielt, so gereuten ihn doch seine Reservate keinen Augenblick.
Sophie, Mutter und Rosental lebten in ihm und dünkten ihm wichtig genug, das
Opfer der allervorzüglichsten Stufe reichlich aufzuwiegen. Auch war es ihm
schwer, sich zu überzeugen, dass diese heilige Zahl von Vorbehalten ihn zum
wichtigsten aller Grade untüchtig zu machen im Stande sein könnte. Vielleicht,
dachte er, suchte man diese Gelegenheit, um mir den urersten aller Grade zu
entziehen? Vielleicht legten es alle jene Versucher darauf an, von deren
Bemühungen man wegen meiner Vorbehalte keinen Gebrauch zu machen nötig fand.
Die dreitägige Ordensstrafe schien dem Ritter ein Spielgefecht. Auch fing er an,
zu glauben, dass der Ordensvertraute selbst seine Osterbeichte nicht für sich,
sondern für diesen Orden der Orden aufgefangen hätte. Warum alle diese
Winkelzüge? dachte der Ritter, wozu er indes den lehrreichen Besuch des
Seelsorgers nicht rechnete. - In diesen Betrachtungen vertieft, nahm ihn ein
Wegweiser, ohne ein Wort zu sagen, bei der Hand. Ohne Zweifel führte dieser ihn
nicht ohne viele Umwege ins Freie, wo er ihm mit der Hand den Weg zeigte. Alle
gute Geister loben Gott den Herrn! sagte der Ritter. Der Wegweiser blieb den
Dank auf diesen Geistergruss schuldig und schien überhaupt so wenig Lust zum
Reden zu haben, dass er weder zu sprechen anfing, noch auf die Fragen des Ritters
ein lebendiges Wort erwiederte. Desto weniger Hindernisse fand der Ritter, jene
Betrachtungen fortzusetzen, bis er in - - in sein voriges
                                    §. 123.
                                        
                                    Quartier
kam, wo er den angeblichen Vetter Reitknecht mit dem Seelsorger in heftigem
Zanke traf. Letzter bestand auf die Auslieferung der Sachen seines Herrn; der
Reitknecht widersetzte sich dieser Ungerechtigkeit. In dem Augenblick, als der
Ritter erschien, verschwand der Seelsorger, und auf die Frage nach Michael,
erfolgte die dem Ritter unerklärliche Antwort: er sei nach Urteil und Recht
gefänglich eingezogen. Nichts war dem Ritter dringender als Michael, der ihm so
treu diente, wieder zu dienen. Ob es klüger wäre, den Seelsorger festzuhalten
und ihn, da er mit so vielen Zeichen einer ungerechten Tat sich entfernte,
einzuholen, kam ihm nicht ein. Sein edles Herz, wie es der gewöhnliche Fall bei
Männern dieser Art ist, überwand die Ueberlegung; spornstreichs lief er ins
                                    §. 124.
                                        
                                   Gefängnis,
wo Michael eben, nach Urteil und Recht, vierzig weniger Eins erhalten sollte,
weil er nicht die von seinem Herrn ihm behändigte geheime Instruktion ausliefern
wollte. Die Scene zwischen Damon und Pytias der alten Zeit konnte nicht
rührender sein, als zwischen Ritter und Begleiter. Dionysius verurteilte, kraft
der magischen Formel: car tel est notre bon plaisir, den Damon zum Tode und
setzte den Executionstag an. Damon erbat sich vom Tyrannen nicht das Leben,
sondern die Erlaubnis, seine Eltern zu trösten und ihren Segen zu seinem Tode
einzuholen. Pytias, sein Freund, ward Bürge für seine Rückkehr, und wollte, da
Damon etwas über die Zeit verzog, für seinen Freund nicht nur sterben, sondern
gern sterben. Der Tyrann und alle Welt hatten nach der höchsten
Wahrscheinlichkeit herausgebracht, Damon würde nie zurückkommen; und Damon
erschien. - So Michael und sein Herr. Beim Richter erkundigte sich der Ritter
nach den Entscheidung gründen dieses ihm unerklärlichen Urteils, welches ihm,
gegen Gebühr, in beweisender Form behändigt ward. Erstaunt über die kunstreichen
Wendungen, welche der Seelsorger dieser Sache beizulegen gewusst, hatte der
Ritter von Glück zu sagen, dass der Richter ihn nicht wegen grober Injurien gegen
sein hohes Amt in Anspruch nahm, und dass er die herablassende Güte hatte, der
beeidigten Aussage seines Wirts, er sei wirklich Michaels Herr, zu glauben.
Denn über diesen Umstand hat der Richter nicht umhin gekonnt, dem Gastwirt
einen Bescheinigungseid zur Pflicht zu machen, von Rechtswegen. Ist die Feinheit
der Justiz nicht zu bewundern, wenn sie sich beweisen lässt, dass mein Ich nicht
ein anderes Ich, als mein Ich selbst ist? Unfehlbar würde der Wirt, der auch
ein Beichtkind des entwichenen Seelsorgers zu sein schien, so leicht nicht zu
diesem Geständnisse zu bringen gewesen sein, wenn der Flüchtling bei Fassung
geblieben und durch die unerwartete Ankunft des Ritters nicht überrascht worden
wäre. Der Seelsorger mochte sich überredet haben, der Ritter würde sich zum
ersten aller Grade im ersten aller Orden vorbereiten lassen; und da er den
Zeitmesser zu dieser und zur Vorbereitung des zweiten Abschnittes vom Orden
aller Orden kannte, so war sein Rechnungsfehler natürlich. - Vielleicht glaubten
die Herren von der Höhle, unser Ritter würde, so wie junge Leute bei dergleichen
Aufnahme gewöhnlich pflegen, allem entsagen und sich nichts vorbehalten. Auf
diesen höchst wahrscheinlichen Fall gab man (so kommt es mir vor) dem Welt- und
Geistlichen Aufträge, Dinge auszumitteln, die den Ritter, der überstandenen
Vorbereitung zu Nummer Eins ungeachtet, doch zur wirklichen Teilnahme an diesem
Grade unwürdig erklären konnten. Dass die höheren Obern sieben, neun und zehn
Ursachen hatten, sich nicht mit dem ersten Grade zu übereilen, und dass sie sich
herzlich freuten, zu dieser Zurückhaltung ob der Reservate so scheingerecht
verpflichtet zu sein, ist aus sieben, neun und zehn Umständen mit vieler
Sicherheit zu schliessen. Ritter und Begleiter eilten in ihr Quartier, forderten
ihre Rechnung (in welcher der Gastwirt wohlbedächtig auch das abgelegte Zeugnis
mit zwei Talern aufgeführt hatte) und waren eben im Begriff diesen Ort zu
verlassen, als der Ritter Befehl erhielt, noch auf nähere Verhaltungswinke zur
Abreise zu warten. Dies veranlasst eine
                                    §. 125.
                                        
                                  Verlängerung
der Berechnung und des Aufentalts, nicht minder eine Unterredung, die ich kurz
fassen will. Der Ritter eröffnete, insoweit er dazu die Erlaubnis hatte, seinem
Schildknappen etwas von den Ordensaussichten, und fand ihn geneigter, als man
denken sollte, die harten Begegnungen des Seelsorgers zu verzeihen und die Angst
über die Vierzig weniger Eins in christliche Vergessenheit zu stellen. Nach
einem gründlichen pro und contra glaubten beide Aspiranten, dass so wie die
andere Welt sich auf die gegenwärtige gründe, dort auch, so wie hier Gute und
Böse sein müssten, Engel und Unengel, auch wohl gar Teufel. Ist es Wunder,
fragten sie einander, wenn es an beiden Orten in die Kreuz und in die Quer geht?
Und mag es, falls nur das Ende das Werk krönt! Vorbereitungsproben dieser Art
sind vielleicht nötiger als man denkt, um Glieder zu wählen, die sich nicht von
jedem Winde hin- und herwehen lassen. Nicht gegen den Gerechten und Edlen, gegen
den Unedlen und Ungerechten ist auf Sicherheit zu denken; und den Menschen auch
von minder empfehlenden Seiten, und selbst von den widerlichsten kennen lernen -
hat das nicht sein Gutes?
    Endlich versicherte der Ritter den Knappen, dass der Seelsorger wenn man die
Sache auf Urteil und Recht aussetzen wollte, schwerlich ohne dreitägige
Ordensstrafe abkommen würde. Aber, was soll das? fügte er hinzu. Ich bin nicht
für Strafen, sie mögen Ernst oder Spiel sein. - Auch können Hergänge dieser Art
(Schein betrügt) Hieroglyphen zu wichtigen Aufschlüssen entalten. Wahrlich,
Umstände, die zur Not dienten, das Unerklärliche der zeiterigen Verfahrungsart
aus dem Unreinen heraus - ob aber ins Reine zu bringen? daran zweifle ich. Am
Ende blieb der Seelsorger ihnen beiden eine fast zu starke Hieroglyphe. Seine
Arglist gewann noch einen grössern Grad der Stärke, als Michael hinging, um
seinem Herrn die Instruction, die er vergraben und derentwegen so nahe an
Vierzig weniger Eins gediehen war, unerbrochen vorzuzeigen; und stehe da! sie
war nicht mehr.
    Ich bin verloren, schrie Michael; - die Instruction!
    Die Instruction?
    Ist geraubt, und das Kreuz unversehrt.
    Das Kreuz?
    Das ich zur Salvegarde für jeden Frevler und für mich zum Zeichen des
Wiederfindens aufgestellt hatte.
    Warum ein Kreuz und nicht ein minder auffallendes Merkmal? sagte der Ritter;
und Michael dachte: Weil ich keins kenne, wodurch Seelsorger und Teufel selbst
mehr in Respect zu setzen sind, - als ein
                                    §. 126.
                                        
                                 Ordensrescript
sie unterbrach, das freilich mehr, allein nicht alle Nebel zerstreute. Der
Inhalt? Die Vorgänge zwischen Seelsorger und Begleiter wären die eigentlichen
Prüfungen, welche letzterer als dienender Bruder des Ordens übernehmen müssen,
und von jetzt an sei der Ritter berechtigt, ihm ohne Rücksicht alles
mitzuteilen, was er selbst erlitten hätte, wenn der Begleiter den beigelegten
Eid abgelegt haben würde. Wegen einiger zu weit getriebener Umstände wäre der
Seelsorger brüderlich verwiesen. Die Instruction, welche der Begleiter
vergraben, erfolge zwar unerbrochen; indes entalte der beigelegte Zettel den
wörtlichen Inhalt, zum Beweise, dass der Orden weder List noch Gewaltsmaschinen
nötig habe, um hinter Geheimnisse zu kommen. Dem Ritter ward aufgegeben,
Original und autentische Copie sogleich, nachdem er beide Stücke collationirt
hätte, zu verbrennen. Der Orden wüsste das Misstrauen des Ritters, und er möchte
sich wohl prüfen, ob er beim Verbrennen des Originals, und der Abschrift, mit
Geist, Herz und Munde in Michaels Gegenwart sagen könnte: Lass uns gestehen, dass
wir uns irrten, und Gott bitten, dass uns das Licht der Erkenntnis in dem Grade
aufgehe, als unsre Worte wahr und wahrhaftig, Ja und Amen sind! - Diese
Ceremonie sollte in - den - wenn zur Kirche geläutet würde (vor sich gehen; und
nach neun Stunden von diesem Brandopfer, worüber man vom Ritter ein förmlich
abgehaltenes Protokoll erwarte) sollten Ritter und Begleiter nach - abgehen, und
dort den Mann, der sie nach sieben Stunden, von ihrer Ankunft an gerechnet,
besuchen würde, um die ersten Aufnahmen bitten. Uebrigens erklärten die Obern,
die sehr genau wüssten, was über den Bund gedacht und gesagt würde, der
natürlichen Herzenshärtigkeit der Menschen halber, zwar Gedanken für zollfrei;
für jedes vorwitzige, dem Orden zu nahe tretende Wort, bliebe der Bundesgenosse
dem Orden indes verhaftet in Zeit und Ewigkeit! - Die Anordnungen dieses Recepts
wurden pünktlich erfüllt; indes schien die
                                    §. 127.
                                        
                                      Lage
unserer Aspiranten bedenklicher als sie war. - Wenn man eine geraume Zeit über
eine Sache sein Herz zu öffnen das Recht hat, über die mittelst höchsten
Rescripts auf einmal kein Laut weiter sich hören lassen soll - ist das nicht
Tyrannei? Was wollte das Ordensrescript? Kein vorwitziges Wort! Deren hatten
unsere Aspiranten sich nicht zu Schulden kommen lassen. - Dergleichen Rescript,
sonst nichts, hätte sie zum Vorwitz bringen können. - Ein Erbfehler aller
Rescripte! Halbverbissene Worte, Exclamationen - tun sie nicht unendlich mehr
Schaden, als weite und breite Toleranz, wo bei jedem Proisten sich schon ein
Contra ist findet, so dass das Ding unentschieden bleibt, das bei
Verbotsrescripten sich den Augenblick entscheidet. - Was heisst vorwitzig? fragte
Michael. Deine Frage, Michael, ist vorwitzig, erwiederte der Ritter, und das
Rescript ward nach väterlicher Weise der Rescriptnehmer reponirt. - Wahrlich das
beste, es in Frieden ruhen zu lassen. - Genau nach
                                    §. 128.
                                 sieben Stunden
fand sich der Herold des Ordens ein, dem Äusseren nach so bettlerhaftig, dass der
Begleiter ihn nicht zum Ritter lassen, sondern ihn mit einem Scherflein
abfertigen wollte. Auch der Ritter war weit geneigter, ihm ein Almosen
anzubieten, als in ihm den Herold des Bundes zu erkennen. Ich verdenke es ihnen
nicht, sagte der Ankömmling, dass sie mich verkennen; doch verkennen sie mich
wirklich? Bettle ich nicht um ihr Zutrauen? Der Begleiter war im Begriff, ihn um
Vergebung zu bitten und er kam ihm zuvor. Warum das? sagte der Conductor, indem
er den Novizen bei der Hand nahm; man verschliesst mir eine profane Tür, und ich
komme eine heilige zu öffnen. Die
                                    §. 129.
                                        
                              Ueberschwänglichkeit
der Zweige des Ordens aller Orden, und die Ueberschwänglichkeit der Luft und
Liebe der Aspiranten, gab zu vielen und häufigen Beförderungen Gelegenheit, die
Ritter und Knappe erstiegen. Versteht sich, in der zweiten Ordnung, zu der sich
Michael eben so herzlich als sein Herr bekannte, da Sophiens Begleiterin ihm das
Gelübde einer überkeuschen Keuschheit eben so unmöglich machte. Die meisten
dieser Ordenszweige der zweiten Ordnung und ihre Stufen passten so wenig auf die
allgemeine und die nachherige besondere Vorbereitung, dass man gar nicht zu
begreifen im Stande war, wie eins zum andern käme. Auch hingen diese Zweige und
ihre Grabe unter sich nicht im mindesten zusammen. Das muss ein Vorsehungskopf
sein, sagte der Ritter, der aus so vielen disparaten Bestandteilen ein Ganzes
zusammen zu bringen, Macht und Weisheit hat! War das vorwitzig? Diese
                                    §. 130.
                                        
                               Unübereinstimmung
sowohl als die Schleier, welche über verschiedene dieser Zweige und Grade
(einige der Grade schienen förmliche, für sich bestehende Orden) in meinen
Nachrichten geworfen sind, bestimmen mich eben so sehr, als sie mich zwingen,
nur etwas von dem Vielen mitzuteilen. Für den grössten Teil meiner Leser gewiss
zu viel; vielleicht aber für den grössern Teil meiner Leserinnen zu wenig. - Ein
dergleichen Grad, der den Namen eines besondern Ordens verdiente, war der
Obermeistergrad, wie ihn Brüder nannten, die zwar andere Weihen schon erhalten,
zu dieser Oberweihe indes noch nicht gediehen waren. Diese Ordens-Oberstufe war
unserm Ritter äusserst angemessen: kein Wunder, dass ihre Beschreibung vorzüglich
weitläufig ausfiel. - Zum Glück fanden sich auch nur wenige Stellen verhangen. -
Auch schickt sie sich zur gegenwärtigen Geschichte so auffallend, dass man in
Versuchung geraten könnte, zu behaupten, sie sei für sie gemacht.
    Die zeiterigen Vorbereitungen waren nichts mehr nichts weniger als Vorreden
gewesen. Dieser Grad sollte mit sieben Vorhandlungen anfangen, wovon ich meinen
Lesern Rede und Antwort schuldig bin. Die erste
                                    §. 131.
                                        
                                  Vorhandlung.
                              Geschichtserzählung.
Sie behaupten, ich wäre weniger heiter als sonst; Sie irren nicht. Der Zufall
hat mich vor einigen Tagen mit einem menschlichen Wesen bekannt gemacht, für das
ich alles empfinde, was menschliche Seelen zu fühlen fähig sind. Auf meinem
gewöhnlichen Spaziergang in die Gegend, die Sie kennen, und die weniger besucht
wird als ihre Lage verdient, liess ich auch meine Seele frische Luft schöpfen,
und sie von des Tages Last und Hitze sich erholen. Wahrlich, herrlichen Gegenden
geht es nicht besser als herrlichen Menschen: man verkennt sie. Schon sah ich
mein sogenanntes Lustschloss, und war an die schöne Stelle gekommen, wo ein Bach
sich schlängelt, und mit einem mit kleinem Gebüsch bewachsenen Hügel einen
reizenden Busen macht, als ich durch das Gebüsch sich etwas bewegen hörte. - Ich
hörte nicht bloss, ich sah ein Wesen, das mir Aehnlichkeit mit einer menschlichen
Figur zu haben schien. Noch weiss ich nicht, was mich so schnell und
unwiderstehlich zu dem Orte hinzog, der, so einsam er auch ist, sich doch nicht
vernachlässigt. - - Ich war weit genug vorgedrungen, um meinen Gegenstand ganz
eigentlich zu erkennen. - Es war eine männliche Figur, die sich unter das
Gebüsch der Länge nach hingestreckt hatte. Es schien nicht, dass dieser Ort von
ihm erwählt war, um die Kühle des Schattens zu geniessen; er war den Strahlen der
Sonne völlig ausgesetzt. Schon mehrmal habe ich bemerkt, dass Menschen mit
Menschen unzufrieden, wenn sie zu einem gewissen Grade der Menschenfeindschaft
und des Weltüberdrusses gekommen sind, sich nicht unter Bäume verbergen und
Schatten suchen, sondern das Licht der Sonne so wenig scheuen, dass sie ihm
beinahe entgegentrotzen. Fast scheint es, als wollten sie beweisen, sie wären
wert, von der Sonne beschienen zu werden. Der Gedanke, ich bin unschuldig, ich
leide nicht was meine Taten wert sind, macht Menschen zwar zu Flüchtlingen vor
andern Menschen, doch verstecken sie sich nicht vor dem Angesichte der Gotteit
unter die Bäume im Garten. - Die Warnungstafel des Lasters ist Schande und
Furcht. Auch schien es nicht, als litte unser Sonnensucher durch ihre Strahlen;
die Schwärze seiner Haut bewies deutlich, er lebe mit Luft und Sonne in
vertrautem Umgang. Unser Sonnenfreund schien in schweren Gedanken vertieft, mit
sich selbst, jedoch nur leise, zu sprechen, wobei er aber von Zeit zu Zeit
heftige Bewegungen machte, die an Verzuckungen grenzten. Da stand ich
unentschlossen, ob ich mich dem Unglücklichen (das schien er zu sein) nähern,
oder mich entfernen sollte. Plötzlich fiel sein Auge auf mich, worüber er
auffuhr, sich in die Höhe richtete und sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte.
Er wollte, da er einen Menschen sah, tiefer in das Gebüsch gehen, doch sehr bald
besann er sich und schritt gerade auf mich zu. Es gibt Gemütsumstände, in denen
man schlechterdings unfähig ist sich zu fürchten, so wie es auch einige gibt, in
denen man nicht Mut zu fassen vermag. Es wandelte mich nicht die mindeste
Furcht an, obgleich bei genauerer Ueberlegung Furchtanwandlung hier sehr
natürlich gewesen wäre. Ich befand mich an einem einsamen, abgelegenen Orte, mit
einem Verzweiflung verratenden Menschen, der nach dem Augenscheine seine sechs
Fuss mass, und wenn er gleich einem Gerippe ähnlicher als einem Menschen sah, doch
einen starken Körperbau und viel Nervennachdruck verriet. Nicht nur sein
Gesicht, sein ganzer Körper zeigte, sein Innerstes sei in einer heftigen
Bewegung. Als er sich etwa bis auf drei Schritte mir genähert hatte, stand er
still und sah mich starr und nachdenkend an, als wollte er sich auf meine
Gesichtszüge besinnen. Er schien sagen zu wollen: ich bin der Mensch nicht, der
ein Unglück grösser zu machen versteht als es ist. Er schüttelte den Kopf und
alles was er sprach, war das mir unerklärliche Wort: Nein. - Der tiefe Seufzer,
den er ausstiess, sagte mehr. Ich brach das Stillschweigen mit der Bitte um
Vergebung, wenn ich ihn gestört hätte. Er verbarg mir nicht, dass er Willens sei
nach der Residenz zu gehen. Sie werden mehr von mir hören, setzte er hinzu, -
Worte, die mir auffielen, doch gefielen sie mir nicht. - Die grössten Männer sind
gross, ohne dass die Welt ein Wort davon weiss, und Unglückliche, des Mitleidens
oft am wertesten, lassen am wenigsten von sich hören, doch finden sich
Ausnahmen bei jeder Regel. Es gibt geheime Wunden, gibt es aber nicht auch
Schmerzen, bei denen selbst der edelste Mann erbittern kann? Ob er dabei mit
Recht verliert, will ich nicht untersuchen. Fast mechanisch, wenigstens ohne um
seine Erlaubnis zu bitten und sie zu erhalten, kehrte ich auf der Stelle um, und
geleitete diesen mir interessant gewordenen Mann. Er schien nicht geneigt, mir
etwas von seiner Lage anvertrauen zu wollen, und ich war zu bescheiden, um ihm
Geständnisse nahe zu legen, als das Geläute der Stadtglocken ihn wie aus einem
tiefen Schlaf erweckte und schnell eine Flut von Tränen von seinen Wangen
herabfloss. Die menschliche Seele ist oft allem, selbst dem körperlichen Schmerz,
überlegen, oft indes wird sie durch eine Kleinigkeit aus der Fassung gebracht. -
Die Zunge der Verschwiegensten löst sich und der Beredteste verstummt. Sich
dringend nach der Lebensgeschichte des Unglücklichen erkundigen: - heisst es
nicht oft, seine Fehler aussuchen und ihn statt zu gewinnen, erbittern? Doch
härter noch scheint es zu sein, ihn ohne Fragen zu lassen, und dergleichen
Fragen zu finden ist schwerer als man glauben sollte. - Der Unglückliche trug
ein schlichtes braunes, ziemlich abgetragenes Kleid von neuem Schnitt mit
schwarzen Knöpfen. Der Schall der Glocken, der ihn so äusserst bewegte, und sein
Anzug gab mir Veranlassung ihn zu fragen: ob ein geliebter Gegenstand ihm durch
den Tod entrissen wäre? Seine ganze Antwort war ein tiefer Seufzer; er faltete
die Hände und sank in Nachdenken. - Sein Zustand war erschrecklich. - Ich machte
mir Vorwürfe, ihm durch meine Frage, die so ungesucht kam, und die mir zu jenem
Mittelwege von Fragen zu gehören schien, doch schon zu schwer gefallen zu sein.
Sie schien ihn in der Tat an sein nicht kleinstes Unglück zu erinnern.
Dergleichen Erinnerungen schwächen nur selten das Uebel, sie gewöhnen so wenig
unser Herz daran, dass sie vielmehr seine Leiden verstärken. Schnell brach ich
ab, um einen andern Weg einzuschlagen. Ich fragte, an wen er in der Residenz
empfohlen sei, und ob ich dort ihm nützlich werden könnte? »Ich bin von
niemanden empfohlen,« war seine Antwort, »mich kennt dort niemand.« Und hier
ergriff er hastig meine Hand, drückte sie fest und brach in die rührenden Worte
aus: »Ich bin unglücklich. - Ich hatte einen Namen, ich habe keinen mehr; ich
war Gatte, mein Weib ist dahin; ich war Vater und bin kinderlos; ich besass
Vermögen und bin ein Bettler.« - Sein Ton ging durch Herz und Seele und war noch
stärker als seine Worte. Wäre ich berufen zur Kanzel ober zu irgend einem
Rednerstuhle, vielleicht würde ich unserm Leidenden viel Tröstliches gesagt
haben, als da ist: Freund, der Lauf der Welt ist leiden; der Lauf der Tugend und
Weisheit, dem Leiden nicht zu unterliegen. Nicht die Stärke, sondern die
Schwäche wünscht sich den Tod. Der Edle will selbst im grössten Leiden leben, um
des Lebens und Todes würdig zu sein. Wer bei widrigen Schicksalen verzagt, sich
den Tod wünscht, ist eben so klein, als der gross ist, der im grössten Glück an
den Tod denkt und zu sterben wünscht. - Suche Trost in deinem Kummer; wer ihn
anderswo sucht, findet der ihn? Nur der ist seelenstark, der alles in sich sucht
und Will die kühlende Luft der Hoffnung einer künftigen Welt ihn anwehen, wohl
ihm, wenn er selbst in ihr auf keine Linderung in schwülen Augenblicken rechnet,
und wenn er sich dem auf Discretion überlässt, der ihn geschaffen hat! Ein
Unglücklicher, der gern hofft und nach Träumen von Glückseligkeit hascht - macht
der sich nicht unglücklicher als er ist? Dieser Welt würdig und der andern nicht
unwürdig zu sein, ist alles, worauf es beim Menschen ankommt. - Wer hat aller
Tage Abend und wer aller Tage Morgen erlebt? Und nichts ist schwer, was nicht
mit der Zeit leicht wird. - Von allen solchen schönen Dingen sagte ich dem
Unglücklichen gerade kein Wort. Wahrlich! so wenig in Stunden der Leidenschaft
durch Vorstellungen zu gewinnen ist, eben so wenig gelten Trostgründe im
Unglück. Unsere Herren Philosophen und Geistlichen werden es verzeihen, wenn ich
von ihrer gewöhnlichen Trostteorie in Widerwärtigkeiten abweiche. Es gibt
Kräfte in uns, jede Untugend zu unterdrücken, jede Leidenschaft zu schwächen, wo
nicht zu beherrschen, und jedes Unglück zu ertragen; nur diese Kräfte in
Anwendung zu bringen, das ist der Fall. Ich wusste dem Verzweifelten nichts mehr
zu erwiedern, als: Freund! es gibt der Unglücklichen viel; und wer ist ganz
glücklich? - Will ich denn glücklich sein? sagte er heftig: Glücklich würde mein
Unglück mich machen, ich würde es umarmen, fügte es nicht ein unnatürlicher
Bruder mir zu. Herr! dieser Gedanke tödtet. Erlaubt er mir wohl den Vorzug
leidender Menschen - mit Ruhe zu leiden? Eine Wonne, deren Wert ich kenne! -
Ein Bruder ist es der mir das Menschendasein zur unerträglichen Last macht. - Um
ihn auf andere Gegenstände zu lenken, ohne auf nähere Umstände seiner Geschichte
zu dringen, bot ich ihm an, ihm fürs erste ein Unterkommen zu besorgen, und es
schien, als täte er mir eine Gefälligkeit, meine Dienste anzunehmen. Was ich
bei dieser seiner Güte empfand, fühlt vielleicht nicht jeder; ich fand mich
beehrt und glücklich. Ich führte ihn in einen Gastof, liess ihm ein Zimmer
anweisen und verabredete mit dem Wirt, es ihm an nichts fehlen zu lassen. Oel
und Wein in seine Wunden zu giessen, behielt ich mir selbst vor. Wo bin ich denn?
hat er den Wirt gefragt, als er allein mit ihm war. Die Antwort: im Gastofe
zur Taube, ist ihm so aufgefallen, dass der Wirt nicht aufhören konnte, mir die
ausserordentliche Bewegung zu schildern, die dieser Name auf ihn machte. Ich habe
ihn seit der Zeit täglich besucht. Hier ist seine Geschichte.
    Sein Vater verliess mit seiner Ehegattin und zweien Söhnen, wovon der Gast in
der Taube der ältere war, sein Vaterland, um als Kammerrat in - - fürstliche
Dienste zu treten. Sein Vermögen war bei seinem Anzuge gering. Er kaufte in der
Nähe der Residenz Landgüter, durch die vorherigen Besitzer äusserst
vernachlässigt, die er durch Fleiss und Oekonomie in wenigen Jahren zu einer
Aufnahme brachte, dass er sie mit ausserordentlichem Vorteil veräussern konnte.
Der grösste Teil des Geldes ward im Handel angelegt, und glückliche
Speculationen machten ihn so reich, dass er bei seinem Absterben jedem seiner
Söhne nicht nur ein Rittergut, sondern auch beträchtliches baares Vermögen
hinterliess. - Seine Gattin starb vor ihm. - Die Barschaften waren sämmtlich in
einer Fabrik angelegt, welcher seit vielen Jahren ein Mann vorstand, dessen
Redlichkeit seiner Einsicht die Wage hielt. Wollte man einen exemplarischen Mann
nennen, ihm widerfuhr diese Ehre. Er starb und es fand sich alles in der grössten
Unordnung. Ein förmlicher Concurs brach aus und die angeliehenen Kapitalien
gingen sämmtlich verloren. Die Rittergüter blieben den beiden Brüdern übrig;
eins derselben wäre hinreichend gewesen, zwei Familien standesmässig zu
unterhalten. Der jüngere Bruder befand sich in - - Kriegsdiensten und stand zu -
- in Garnison, wo er ungesucht Gelegenheit fand, seine Neigung zum Aufwande
aller Art zu befriedigen. Auch liebte er das Spiel leidenschaftlich, und es
währte nicht lange, so sah er sich gedrungen, das mit Schulden überhäufte
väterliche Gut zu veräussern und seiner Dürftigkeit halber zugleich die
Verbindung mit einem reichen Mädchen aufzugeben, womit man ihn bis jetzt auf
eine fast schnöde Weise hingehalten hatte. Nichts verdirbt den Menschen mehr als
Unmut, wenn das Bewusstsein sich vordrängt, ihn sich selbst zugezogen zu haben.
Bei diesem jüngeren Bruder war, seines auffallenden Ueberhanges zu Lastern und
Torheiten wegen, nicht viel zu verderben. Eine Ehrensache, bei welcher er sich,
wie das Gerücht ging, nicht zu seinem Vorteil nahm, nötigte ihn, die - -
Dienste zu verlassen und das Zudringen der Gläubiger, dass er sich heimlich
entfernen musste. Er nahm seine Zuflucht zu seinem älteren Bruder, den ich seine
Geschichte weiter erzählen lassen will.
    Ich nahm ihn mit offenen Armen auf, suchte seine Creditsache beizulegen und
teilte brüderlich mein Einkommen mit ihm; doch konnte und wollte ich seiner
Verschwendung nicht durch mehr Zuschub Nahrung geben. Auch musste ich ihm
zuweilen seines Stolzes wegen etwas versagen, um ihn, da er durch seinen
ehemaligen Stand verwöhnt war, nicht bloss fordern zu lassen, sondern ihn auch
bitten zu lehren. Nur den Bruder sah er in mir, und die Meinigen, welche wussten,
wie nah er mir am Herzen lag, kamen ihm mit Liebe zuvor. Ich war seit drei
Jahren verheiratet, war Vater eines braven Jungen und mit dem zweiten Kinde
ging meine Gattin schwanger. Dies waren Vorstellungen, die ich seinen unbilligen
Anträgen entgegensetzte. Da ich mich endlich genötigt sah, zu verlangen, dass er
die Residenz verlassen und bei mir wohnen möchte, ward er aufgebracht und
schmiedete mit Hülfe eines Bösewichts, der unter dem Schilde der Justiz mordet,
einen höllischen Plan, der meine Gattin ihrer Vernunft beraubte, sie zur
Mörderin ihrer Kinder und mich zu einem Wesen machte - zu einem Wesen - (er
wollte mehr sagen) das Sie vor sich sehen. - Es schlich ein dunkles Gerücht, ich
sei nicht ein Sohn meines verstorbenen Vaters. Ob ich gleich von Kindesbeinen an
seinen Namen führte, obgleich mein Vater in seinem letzten Willen mich förmlich
für seinen Sohn erkannt und mich mit meinem jüngeren Bruder zum Erben seines
Nachlasses in gleichen Teilen ernannt hatte, war doch mein Bruder unverschämt
genug, diesem allen zu widersprechen. Uneingedenk, dass er durch seine Angabe die
Asche seiner Mutter enteilige, eröffnete er bei dem Landesgericht einen
Rechtsstreit, stellte zwei feile Zeugen auf, bei welchen meine Mutter ihre
Niederkunft gehalten haben sollte, und so ward ich zur Herausgabe der Erbschaft
verurteilt. - Die Beweise, die man bei der Justiz verlangt, sind fast von allen
andern Beweisen unterschieden, und jene Kälte, die man in den Gerichtshöfen
affectirt - ist sie mehr als ein übertünchtes Grab? verbirgt sie nicht oft
rasende Leidenschaften? Der Ort, wo ich getauft bin, ist im siebenjährigen
Kriege eingeäschert; die Taufregister waren verloren gegangen. Ob nun gleich
wider das erste Urteil, nach welchem ich das Gut räumen sollte, mir um so
hoffnungsreicher die weiteren Rechtsmittel offen standen, als ich die Zeugen der
offenbarsten Parteilichkeit überweisen konnte, drang mein unnatürlicher Bruder
doch mit unnachlässlicher Härte darauf, dass ich das Gut räumen musste. Dies
betrübte meine Gattin unbeschreiblich. Sie hatte sich an viele Plätze im Garten,
im Walde, im Felde und überall so gewöhnt, dass sie sich von diesen ihren
Lieblingen nicht ohne die äusserste Rührung trennen konnte. Ach! mein Herr, sie
verstand die Kunst, die wenige Weiber verstehen: den Ort für den besten zu
halten, wo sie war; die meisten glauben sich da besser zu befinden, wo sie nicht
sind. Sie sank in Schwermut und ihre öfteren Geistesabwesenheiten liessen mich
ihrer nahen Entbindung halber nichts Gutes erwarten. Mein Unglück überstieg
meine Vorstellung. In einer benachbarten Waldwächterhütte ward meine Gattin zwar
von einem Sohne entbunden, indes ihrer Vernunft völlig beraubt. Eine bejahrte
Person wollte sich durchaus von unserm Schicksale nicht trennen; sie blieb die
einzige Teilnehmerin unserer Leiden. Die einzige (alle meine Freunde verliessen
mich)! Sie allein blieb, was sie gewesen war. Abwechselnd mit ihr bewachte ich
meine unglückliche Gattin, die von Zeit zu Zeit Anfälle der grössten Wut
äusserte. Etwa drei Wochen nach ihrer Niederkunft hatte ich einen Termin beim
Landesgericht. - Ich war, bei Strafe der Präclusion aller meiner Einwendungen
und mit der Clausel persönlich vorgeladen, dass, wenn ich nicht erschiene, mir
ein immerwährendes Stillschweigen auferlegt sein sollte. Die Herren kommen nicht
aus Drohungen und Bestrafungen heraus. - Dass doch die unwahrscheinlichsten
Träume immer die anlockendsten sind! Ich dachte, das Felsenherz meines Bruders
durch persönliche Gegenwart zu erweichen, und glaubte, um so unbedenklicher
gehen zu können, da meine Gattin seit einigen Tagen ruhiger schien. - Mein
Bruder war auch in Person vorgeladen. - Unsere alte Freundin überfiel eine
Ohnmacht; wahrscheinlich war dieser Vorfall die erste Ursache der Wut, in
welche meine unglückliche Gattin ausbrach, die, weil sie ohne Aufsicht war, aus
dem Bette sprang, unsere beiden Kinder ergriff und sich mit ihnen ins Wasser
stürzte. Beide Kinder fanden ihren Tod; die Mutter ward gerettet und befindet
sich in einer Irrenanstalt. Mein Termin war eben so unglücklich; beschimpft von
einem undankbaren Bruder, kündigte uns ein Deputatus, der indes nicht der
Urteilsverfasser gewesen zu sein schien, an, wann ich meine Beschwerden
unfehlbar einbringen und wann ich die Vorschusskosten bezahlen müsste, im Fall
meine Appellationseinwendung nicht für unkräftig erklärt werden sollte. Wieder
eine Drohung, dacht' ich, da der Deputatus mich mit einem Versuche der Güte
überraschte. - Ein Strahl der Hoffnung, der mir wohl tat. - Allerdings, sagte
er zu mir, haben Sie viel für sich; doch, gibt es ein Recht, das auch nur bei
der geringsten Richtung nicht, wo nicht unrecht werden, so doch den Schein des
Unrechts gewinnen könnte? Und was ist in der Welt, wo nicht das Für und Wider
fast gleiche Stimmen hätte, denen, wenn es köstlich ist, ein Ungefähr den
Ausschlag gibt? Wie wäre es, wenn sie ein Drittel ihrer vorigen Besitzungen
annähmen, und die übrigen Punkte niederschlügen? Mein unnatürlicher Bruder
verwarf selbst diesen ihm so vorteilhaften Vorschlag. - Weit lieber will ich,
sagte er, alles verlieren, als einem Menschen auch nur das Mindeste zubilligen,
der sich herausnahm, sich einen Namen zuzueignen, der ihm als Bastard nicht
gebührt und der so lange durch die unverantwortliche Schläfrigkeit meines Vaters
enteiligt ist. Der Deputatus nahm sich nicht Zeit, die unbrüderliche Erklärung
zu widerlegen, sondern begnügte sich, zu erklären, dass er aus Menschenliebe so
tätig für einen Vergleich gewirkt hätte, als es nur menschenmöglich gewesen.
Wahrlich ein eingeschränkter Begriff von der Menschenmöglichkeit! Jetzt überliess
uns der gestrenge Herr, wie er sich ausdrückte, unserm Schicksal. Mehr
aufgebracht über diese gerühmte Tätigkeit des Deputatus, als über die
unnatürliche Härte meines Bruders, ging ich heim. Noch war ich nicht an unserer
Hütte, als ich mein Unglück erfuhr. Elender konnte ich nicht werden, und noch
bin ich mir selbst ein Rätsel, wenn ich mich frage: wie ist es möglich, alles
dies Unglück zu überstehen? Wahrlich, ich bin erschöpft. - Ein neuer
Waldaufseher setzte mich aus meiner Wohnung, in der meine alte Freundin starb;
und so ist keine lebendige Seele mehr auf Gottes Erdboden, die sich meiner
annimmt. Unstät und hülflos irre ich umher, und doch, ich läugne es nicht,
wünsche ich, meinen ehrlichen Namen herzustellen und meinen Bruder, wenn es
möglich ist, zu beschämen, ehe ich aus diesem Lande des Elendes zu jenen seligen
Gegenden scheide, wo alle Drangsale aufhören, wo mein Vater und Mutter, ohne
Rechtsstreit, meine Sache führen und wo ich alles wiederfinden werde, was ich
hier verlor.
    Der Unglückliche erinnert sich, von seiner Mutter vor vielen Jahren gehört
zu haben, dass in der Residenz zwei ihrer Freundinnen verheiratet wären, mit
denen sie den vertrautesten Umgang gehabt, und denen sie jedes Geheimnis ihres
Herzens anvertrauet hätte.
                             Verlangen des Ordens.
    Diese beiden Freundinnen sind aufzusuchen.
    Dem Unglücklichen ist ein anständiger Unterhalt zu verschaffen, und der
nötige Kostenbetrag zur Ausführung des Rechtsstreites mit seinem Bruder
aufzubringen; endlich ist auf die Kur und Wartung der Gattin zu denken, und
mindestens kein Versuch zu ihrer Rettung zu unterlassen.
    Oben oder unten ist Eldorado, rief unser Novicius, der, bis in sein
Innerstes bewegt, diese grossmütige Handlung übernahm. Möchte doch, sagte er,
die Taube unserm Verzweifelnden einen Oelzweig des Friedens bringen! Eine Taube!
Wahrlich - besser als Löwe, Sperber und das andere Tier. - Ein zu empfindsames
Herz ist in der Tat ein Geschenk der Natur, das den Menschen äusserst
beschwerlich fallen muss, - in einer Welt, wo es solche Brüder, solche Richter,
solche Drangsale gibt. - In Eldorado wird es verlohnen, ein empfindsames Herz zu
haben, dachte Novicius; in der Tat, diesseits kommt es zu früh. Die
                                    §. 132.
                                        
                              Zweite Vorhandlung.
                              Geschichtserzählung.
Die beiden Häuser H- und O- hatten aus einer sehr geringfügigen Ursache einen
bittern Hass auf einander geworfen, ihn beinahe ein ganzes Jahrhundert
unterhalten, und sich unmenschlich vorgesetzt, ihn auf ihre Nachkommen bis an
das Ende der Tage fortzupflanzen. Graf Pold, aus dem Hause H-, war der einzige
Sohn, von dem die Fortdauer seines Geschlechts abhing, und der als einziger.
Zweig des gräflichen Hauses der Liebling seiner Eltern war. Ausser der Sorge für
die Erhaltung dieses Einzigen lag ihnen noch eine andere ob: für ihn eine
Gemahlin zu erwählen, durch welche der alte Glanz der H- Familie gerades Weges
auf die Nachwelt gebracht werden könnte. Fräulein Charlotte, die einzige Tochter
und Erbin des O- Hauses, war nicht minder bestimmt, die Gemahlin eines Mannes zu
werden, der ihrem Hause Ehre machen sollte, wodurch, wie man dafür hielt, das
Glück des liebenswürdigen Fräuleins sich von selbst machen würde. Graf Pold und
Charlotte wurden in der Residenz zwar in grosser Entfernung von einander erzogen,
hatten aber doch Gelegenheit, sich dann und wann zu sehen, nnd, trotz der
Todfeindschaft der beiden väterlichen Häuser, sich sterblich liebzugewinnen. Es
ist nicht das erstemal, dachten sie anfänglich, dass Familienzwiste durch eine
Verbindung dieser Art beigelegt und auf immer gehoben worden sind. Je lieber sie
sich hatten, desto weniger dachten sie an etwas anderes, als an sich; und selbst
ihre todfeindlichen Familien störten die süssen Tage nicht, die sie durchlebten.
Je fester sich dieses Paar verband, desto mehr wuchs die Feindschaft der Häuser
ihrer Eltern, ohne dass man einmal ahnen konnte, ihre Kinder wären zärtlich gegen
einander gesinnt. Unsere Liebenden schwuren sich ewige Treue, und nichts trübte
die seligen Stunden ihres reinen Umgangs, als die Furcht, dass diese so
unschuldigen Freuden des Lebens von ihren Eltern gestört und ihr so festes Band
zerrissen werden könnte, sobald sie ihnen ihre Neigungen erklären und ihre
Zustimmung und ihre Segnungen erbitten würden. Die Leiden in der Liebe haben
einen besondern Reiz; und wenn man keine Leiden hat, tut man nicht übel, sie
sich zu machen. In der Tat, man kann in der Liebe durch zu grosses Glück
unglücklich sein. - Der Verräter schläft nicht, und Unvorsichtigkeit ist eine
Verwandtin auch der allerreinsten Liebe. Wenn gleich Pold und Charlotte von
ihren geheimen Verständnissen ihren Eltern nichts eröffneten, so gab es doch so
viele dienstfertige Federn, dass ihre Zuneigung ihren Eltern nicht lange ein
Geheimnis blieb. Das gräfliche Haus H-, welches ohne Zweifel von der Zuneigung
seines Sohnes am zuverlässigsten benachrichtigt sein mochte, liess sich so weit
herab, das Haus O-, wiewohl durch die siebennndfünfzigste Hand (die
sechsundfünfzigste hätte noch zu viel Freundschaft und Annäherung verraten) zu
warnen; und dieses fand für gut, die Warnung mit Hohngelächter durch die
nämliche Hand zu erwiedern. Indes schlossen beide Häuser, ohne ihre Kinder zu
befragen, Bündnisse und forderten nach ihrem Ja und Amen ihre Kinder auf, das
laut für sie gegebene Ja und Amen zu bekräftigen. Die gewöhnliche Art alter
Häuser! Beide Familien waren so weit gegangen, dass sie Anmeldungsbriefe versandt
hatten, die später in die Hände unserer Liebenden als der Verwandten und
Bekannten beider hohen Häuser fielen. Erzieher und Erzieherinnen unserer
Liebenden, die von den alten Häusern schon zuvor, wiewohl insgeheim, zur
Rechenschaft ihrer Haushaltungen gezogen wurden, wussten die hohen Eltern aus
Liebe zu ihren allerliebsten Kindern so geschickt einzuschläfern, dass man sie
ihnen unbedenklich immer noch anvertraute. Jetzt war kein Augenblick zu
verlieren. Graf Pold versicherte Charlotten, den Liebenden müsse alles zum
Besten dienen; und zum grössten Beweise, dass beide Häuser nicht wüssten, warum sie
sich hassten, sympatisirten unsere beiden Liebenden so mit einander, dass
Charlotte und Pold nur einen Verstand und einen Willen hatten. Auch hat die
Schule des Plato noch immer ein Kämmerlein, welches die Natur sich vorbehält.
Die Platonischen Unterhaltungen unserer Liebenden wurden mit natürlichen Küssen
gewürzt, und man dachte aus Ende (welches unserm trefflichen Paare nicht zu
verdenken war), ohne von dem gefassten Entschlusse die Erzieher und Erzieherinnen
das mindeste merken zu lassen. Die so notwendige Zurückhaltung schmerzte beide
Liebenden, wenn sie gleich kein Mittel ausfindig zu machen wussten, sich ohne
Gefahr entdecken zu können. Kurz, unser Paar nahm unter fremdem Namen die
Flucht, die auch so glücklich einschlug, dass es ohne Hindernis über die Grenze
des Landes an einen Ort kam, wo, wie es glaubte, seine Verbindung nichts mehr
behinderte. Der Platonismus verlangt durchaus Einsamkeit und Abstraction, die
auf Reisen am wenigsten stattfinden können. Die Leidenschaft der Liebe hatte das
Nachdenken und die Besorgnisse jetzt völlig zum Schweigen gebracht; und da dies
gemeinhin der Zustand ist, wo man sich so gern mehr verspricht als man leisten,
und mehr zusichert als man halten kann: so war das Verlangen, sich ganz zu
besitzen, unauslöschlich. - Unsere Liebenden gaben sich im Kloster die Hand: der
Uebergabe des Herzens bedurfte es nicht. Sie leerten den Becher der Wollust mit
einem Entzücken, das sich nicht beschreiben lässt. Liebe ist die Seele des
Lebens; selbst die Weisheit scheint ihr untergeordnet zu sein; und unser neues
Paar wäre das glücklichste von der Welt gewesen, sobald es sich entschlossen
hätte, die Vorzüge der Namen und des Standes aufzugeben und in der weitesten
Entfernung von seinen Eltern durch Arbeit und Fleiss, bei einem anscheinend
harten Schicksal, das reinste Erdenglück zu geniessen, welches nur genossen
werden kann, wenn der Liebe die Arbeit zugesellet wird. Zu diesem Nachdenken
hatte unser Klosterpaar nicht Zeit, und es ward durch eine zu seine Erziehung
daran verhindert. An eine bequemere Lebensart gewöhnt geriet es in Schulden und
in eine Verlegenheit, die den Eltern seinen Aufentalt verraten musste. Den
Gläubigern ist keine Tür zu stark, sie stürmen sie, und kein Weg zu weit, sie
schlagen ihn ein, um bezahlt zu werden; und je weniger sie die Bezahlung ihres
Betrugs und Zinsenwuchers halber verdienen, desto unbescheidener dringen sie
darauf. Es war besonders, dass jedes der feindseligen Häuser ohne Zustimmung des
andern wirkte, und dass beide Häuser in ihren Gesinnungen und in ihren Wirkungen
so zusammenstimmten, als hätten sie ihren Plan verabredet.
    Schon würde die grosse Uebergewalt des Staats, den unsre Liebenden verlassen
hatten, den Requisitionen wegen ihrer Auslieferung ein unwiderstehliches Gewicht
beigelegt haben, wenn man sich auch nicht des niedrigen Kunstgriffs bedient
hätte, fälschlich zu behaupten, dass diese unsre Unschuldigen sich wegen eines
Criminalverbrechens auf flüchtigen Fuss gesetzt hätten. Sie wurden eingefangen,
von ihren Gläubigern, die sie nicht befriedigen konnten, beschimpft und in eine
Festung ihres Vaterlandes nach - - gebracht, wo sie abgesondert in enger
Verwahrung sich befinden und hart verhört werden. Ihre Sache liegt fürchterlich.
Entadelung, Zuchtaus und dergleichen harte Worte sind die Parolen, welche die
Verhörer ausgeben. Und wenn gleich das Haus O- durch die Aufhebung der Ehe am
meisten leiden würde, so scheint es doch eher den Schimpf einer entehrten
Tochter ertragen als in ihr eine Gräfin H- anerkennen zu wollen. Man will
Charlotten verstossen und enterben und nach allen Kräften um körperliche
Bestrasung des Grafen H- anhalten, die um so weniger ausbleiben wird, da die
Landesherrschaft der Familie H- nicht gewogen ist, die Familie O- bei Hofe gilt
und die Verbrechen des Fleisches im - Staat mit einer beispiellosen Strenge
geahndet werden.
    Es kommt bei dieser Sache auf die Vereinigung beider Häuser an, die der
hochberühmte Rechtsfreund X- mit Zuziehung zweier Geistlichen und noch zweier
Assistenten übernehmen will. Fürs erste sind die Schulden zu berichtigen, zu
welcher die Flucht unser unglückliches Paar gebracht hat.
                             Verlangen des Ordens.
    Jene Schulden sind zu bezahlen, sowie der Rechtsfreund, die beiden
Geistlichen und die beiden Assistenten durch Vorschuss und Belohnungsversicherung
aufzumuntern, ein Werk zu Stande zu bringen, wodurch der Menschlichkeit und der
Liebe ein Opfer gebracht wird. Die Gräfin und Nichtgräfin ist der Entbindung
nahe und gefasster als der Graf.
    Unser Ritter war zu dieser Unterstützung um so williger als ihm Sophie
einfiel. Kann ich wissen, ob die Einwilligung ihres vierten Gebots nicht auch
von Schwierigkeiten der Trophoniushöhle abhängen wird? Fast schien es ihm, dass
er durch dieses gute Werk diese Einwilligung verdienen, erleichtern und
vorbereiten würde.
    Würde das Trauerspiel Romeo und Julie bei den Familien H- und O- nicht mehr
ausgerichtet haben als der Rechtsfreund, die zwei Geistlichen und andere
Helfershelfer bis ins tausendste Glied? - Die
                                    §. 133.
                                        
                              Dritte Verhandlung.
Ein ehrwürdiger Degenknopf, der wegen seiner Wunden ausser Stand gesetzt war, den
schönen Tod fürs Vaterland zu sterben, und den man mit der Hoffnung einer
Civilliste verabschiedet hatte, bat den Minister - - um Brod. Die Art seines
Vortrags war so edel, dass Se. Excellenz sich während der Zeit, als der geheime
Sekretarius die wichtigsten Geschäfte in Dero excellentem Namen besorgte, mit
Vergnügen von diesem braven Degenknopf unterhalten liessen. Die Zeit verging, es
war servirt und der Minister behielt den Degenknopf zu Mittag. Freilich auch
Brod und besser als wenn man Ministerialsteine des Unwillens und der
Ungezogenheit erhält, - indes nur Brod für einen Mittag. Der Gast wusste sich so
empfehlend zu betragen, dass man ihn in der Gesellschaft ebenso gern hörte, als
der Minister zuvor allein. Edelmut und Dürftigkeit contrastiren überhaupt
herrlich. Bei Tische kam die Rede auf einen Ring, den der Minister bei einer
Gesandtschaft von Allerhöchsten Händen erhalten hatte. Er ward gezeigt und nach
geraumer Zeit, da der Minister ihn zurück erbat, war er weg. Alles kehrte von
selbst die Taschen um, nur unser Degenknopf nicht. Man fiel, wie man von selbst
einsteht, auf dieses einer Ministertafel unangemessene Taschenmittel, um es
unserm Degenknopfe nahe zu legen. Es konnte wahrlich nicht näher sein; wer seine
Taschen doch nicht umkehrte - war er. Man schwieg, um ihm wegen seiner vorher
erzählten Kriegsanekdoten Erkenntlichkeit zu erzeigen, und weil man sich
überredete, er würde nach aufgehobener Tafel zurückbleiben und sich eine
Cabinetsaudienz beim Minister erbitten. - Man irrte. - Er war der erste, der
sich mit einem Anstande entfernte, über den nichts ging. Eine schwere Rolle! So
edel hat sich noch kein Feldherr zurückgezogen. Wahrlich man muss ein solcher
Degenknopf sein, um hier nicht zu unterliegen! Jetzt bat man den Minister
menschenfreundlichst, dieses Unglücklichen zu schonen, und welcher Minister
zeigt nicht gern diese Tugend, wenn sie ihm so hoch bezahlt wird! Der Gewinn,
den Se. Excellenz bei dieser Gelegenheit zogen, war hundert solcher Ringe aus
Allerhöchsten Händen wert. Ein paar Affen, welche ansehnliche Hofchargen
bekleideten, hatten sich aus Furcht bei Tafel weit stiller gehalten als die
andern Gäste, so sehr auch die Mienensprache Hofmännerchen eigen zu sein pflegt.
- Der Degenknopf hatte Herz. - Das Gerede verbreitete sich in der ganzen Stadt,
womit Sr. Excellenz gedient war, wenn gleich sie sich äusserlich alle Mühe gaben,
die Sache zu unterdrücken. Unser Degenknopf ward geflohen wie ein Aussätziger.
Nach acht Tagen übersandte der General - - dem Minister den Ring mit der
Anzeige, ihn in seinem Stiefel gefunden zu haben. Er hatte die Gewohnheit, mit
acht Paar Stiefeln zu wechseln, und so war es in der Regel, dass er nicht eher
als jetzt den Knoten löste. Der Minister stand keinen Augenblick an, den
Degenknopf um Verzeihung zu bitten, der diese Bitte um Verzeihung dem Minister
äusserst übel nahm. Er hatte viele Mühe, ihn zu beruhigen. Wer kein inneres
Bewusstsein der Rechtschaffenheit hat, mag eine dergleichen Vergebungsbitte
verzeihen, ich nicht; und wer von mir eine Niederträchtigkeit, dergleichen ein
Ringdiebstahl ist, zu vermuten im Stande war, ist entweder ein Selbstdieb ober
mindestens ein Hofmann. Ein jeder ehrliche Mann muss das aus sich machen, was er
ist. - Was den Degenknopf abgehalten hätte, seine Taschen umzukehren? war eine
allgemeine Frage. Nur einem Freunde vertraute er den Schlüssel zu diesem
Taschengeheimniss. Ehe er zum Minister ging, hatte er für seinen Mittag gesorgt
und sich Käse und Brod in der Speisekammer seiner Tasche aufbewahrt. War es
Wunder, dass er sie unaufgeschlossen liess? Der Minister bat ihn verschiedentlich
nach der Zeit zu sich, er schlug es jedesmal ab. - Ohne Zweifel wirb er auch
eine Stelle aus seinen Händen abschlagen. Diesem Ehrenmann eine Pension zu
geben, bis er ungesucht die verdiente Versorgung unmittelbar vom Fürsten erhält,
war der Antrag, der auf keinen Felsenacker fiel. Warum durch Bitten und Flehen
dem Degenknopf sein Leben verbittern, das er leichter tragen wird, wenn es ihm
nicht durch abschlägige Antworten, sie mögen gnädig oder ungnädig fallen,
erschwert wird?
                                    §. 134.
                                        
                                Die übrigen vier
Vorhandlungen waren noch alltäglicher, obgleich auch die erzählten drei bei
weitem nicht an die Verwickelungen der Vorbereitungen zum Orden der Orden
grenzten.
    Ein Freund hatte eine Schuldschrift vom Freunde zurück zu nehmen vergessen.
Pytias starb und seine Kinder machten in tutorischer oder tyrannischer
Assistenz der Pupillengerichte an Damon Ansprüche. Swedenborg hätte der Sache
leichter ein Ende machen können. Jetzt kam es auf die Kosten zu diesem
Rechtshandel an. Gern übernahm sie der Ritter. - Zwei Mädchen, zu bescheiden, um
Rosenmädchen zu sein, sollten in aller Stille ausgestattet werden. Gern trug der
Candidat des Obermeistergrades zu diesen Ausstattungen bei. - Ein edler
Jüngling, ausgerüstet mit seltenem Genie, genoss in dem Hause eines reichen und
vornehmen Mannes alles, was zur Leibesnahrung und Notburft gehört, um einst
öffentlich zu vergelten, was ihm insgeheim Gutes geschah. Die Verdienste dieses
jungen Menschen konnten der Tochter des Hauses nicht verborgen bleiben, und ihr
beseligendes Auge behagte dem Jünglinge noch mehr als die Unterstützungen ihrer
Eltern. Dies störte den Plan eines Anwerbers, dessen Stand und Vermögen soviel
Aufmerksamkeit als Herz und Kopf Verachtung verdienten. Der Jüngling ward des
Hauses verwiesen. Er sollte unterstützt werden - und das arme Mädchen? Der
Anwerber, als Störer ihres Glücks, ist zu entfernen, und sie aufzumuntern, die
Zeit ruhig zu erwarten, in welcher ihr Vielgeliebter um ihre Hand bitten kann. -
Wer empfindsam ist, sagte der Ritter, muss durchaus auf Kräfte denken und sie
sich zu besorgen suchen, um Leiden und Ungemach zu ertragen, wenn er nicht diese
Welt unausstehlich finden und das unerträglichste Leben führen will. Er sagte
Ja.
    Michael, der seinen Herrn so vorhandeln sah, billigte seine Ja's; doch
gewann er durch diese Ritterdienste nicht im mindesten in den Augen des Knappen.
- - Wer mit Geld dient, sagte der Begleiter, dient am leichtesten. Gut ist gut,
besser ist besser. - Was nennst du besser? fragte der Ritter. Vierzig weniger
Eins, erwiederte der Knappe, und unmittelbare hülfliche Handreichung, wozu Ew.
Gnaden eben so leicht bereit wären als zu diesen Kriegsbeisteuern. Vorhandlungen
, sagte der Bettler, die siebenmal sieben mehr als Vorreden gelten. - Wahr! doch
nicht immer! Früchte verderben die Luft um sich her; und kann man nicht durch
Selbstgefallen die besten Handlungen verderben? Michaeln wurden die sieben Vor
handlungen in Rücksicht des Seelsorgers erlassen. - Jetzt zur Aufnahme in den
                                    §. 135.
                                        
                                Obermeistergrad.
Sie fing mit einem Noviciat an. Der Ritter ward an einen ihm unbekannten Ort
geladen. Er stiess, da er nahe zum Aufnehmungstempel kam, auf ein schönes
Gesträuch, welches ihn zu Gängen führte, die sich augenreizend schlängelten.
Hier rauschte das Wasser so leise, als ob es sich fürchtete etwas zu verraten.
Die Singvögel selbst schienen ihm einen sanfteren Ton angenommen zu haben, und
ehe er sich's versah, fiel sein Blick auf ein englisches Grasstück, welches sich
mit einer Aussicht auf ein Gewässer schloss, das ihm wie eine Wolke vorkam. Er
hatte an dem Rande bemerkt: »Mein Blick fuhr auf einer Wolke gen Himmel, so
reizend war es.« - Jetzt befand er sich an einer Hütte, wo ihn die Neugierde von
selbst an einen Ort brachte, indem der matte Schein einer Lampe genau zur
Hervorbringung einer behaglichen Dämmerung hinreichte, die ihn Särge und ein
Grab sehen liess, welches zu vollenden eben jetzt ein Todtengräber sich
beschäftigte. Dieser nahm Gebeine und einen Schädel aus der Erde langsam hervor,
um diese Ueberbleibsel zu einem grossen Gebeinhaufen zu tragen, der an der Seite
angebracht war. Hier liess sich eine sanfte Musik hören, - Lautentöne und
Harmonica. - Der Todtengräber hatte sein Werk vollendet, sah es an, stützte sich
auf seinen Spaten, betete leise und endete sein Gebet mit den Worten, die er
laut sprach: Führ' uns nicht in Versuchung, sondern erlös' uns vom Uebel. Amen!
Während seiner Arbeit sang er in eigener Melodie:
Man trägt eins nach dem andern hin,
Ich bin, wer weiss, wie lang ich bin?
Und trennt Gebein sich von Gebein,
Was werd' ich sein?
    Da der Ritter mit dergleichen Scenen bei andern Aufnahmen bekannt geworden
war, so störte nichts die Rührung, die mit Erstaunen, und selbst mit Befremden,
sich wenig oder gar nicht verträgt. Hätte ihn ja etwas überraschen können, so
war es eine Stimme, die nichts mit einer menschlichen ähnliches hatte, die
dumpf, ohne dass man wusste, von wannen sie kam, mit Papageiendeutlichkeit
einfiel:
    Mensch, du bist Erde, und wirst zur Erden werden. In diesem Augenblick
erschienen sechs Leichenträger mit Flören, mit einem Sarge, welchen sie in das
vom Todtengräber gemachte Grab versenkten, wobei sich wieder jene sanfte Musik
hören liess. Die Stille, mit der dies vorging, rührte den Ritter mehr als alles.
Und nun wieder jene Stimme:
    Ueber ein Kleines wird man deine Seele von dir fordern.
Bei diesen Worten rissen ihn zwei weissgekleidete Personen aus diesem Gewölbe,
verbanden ihm die Augen, und nach langen Wegen, wobei er in die Höhe steigen,
sich oft bücken und kriechen musste, verliessen ihn seine beiden Begleiter mit den
ihm nicht neuen Worten:
    Klopfet an, so wird Euch aufgetan.
    Der Ritter befolgte den Wink, klopfte an, und hörte im Zimmer die
gewöhnliche Frage: Wer ist da? Leise ward die Tür von inwendig aufgemacht, an
welcher sich der Ritter befand. Soll ich antworten? sagte der Ritter mit
Bescheidenheit. Die Tür ward schnell verschlossen und inwendig hiess es: Es ist
ein Sterblicher, der sterben lernen will.
    Weiss er zu leben?
    Er ist in der Lehre.
    Bei wem?
    Bei sich und andern.
    Sucht er Menschen durch sich, und sich durch andere Menschen kennen zu
lernen?
    Ja!
    Wünscht er zu sterben?
    So wenig als zu leben.
    Glaubt er an sich und an Gott.
    Er glaubt, der Mensch sei eines hohen Tugendgrades fähig, und ächter Wille
gelte bei Gott für Tat; er tut Gutes und meidet das Böse, weil dies böse und
jenes gut ist, nicht weil andere böse oder gut sind, nicht weil eins besser
kleidet als das andere; selbst nicht, weil Tugend sich selbst belohnt und Laster
sich selbst bestraft. Die Folgen berechnet er nicht; - dies Folgenbuch überlässt
er Gott. - Nach bestem Wissen und Gewissen handeln, nennt er fromm sein.
    Wird er diesen Standpunkt nie selbst verrücken, noch ihn durch andere
verrücken lassen, wenn auch diese andern Herren der Welt wären?
    Nie.
    Wird er aus Verdruss über andere nie sich selbst, und aus Verdruss über sich
selbst nie andere leiden lassen? von Selbstass so weit, als von
Menschenfeindschaft sich entfernen, ohne selbstsüchtig zu werden und ohne den
Menschen nachzulaufen?
    Er gelobt es.
    Wird er bis aus Ende beharren, um selig zu werden?
    Er wird.
    Streifet ihm die Schuppen von seinen Augen und lasst ihn hereinkommen.
    Er ward in ein Zimmer gebracht, das nur ein sanftes Licht erhellte. Alles
ging auf und nieder, so sanft und leise, wie die Herrnhuter singen. Der Ritter
allein stand, und zwar mit umgekehrtem Gesichte.
    Hast du gehört, hiess es, was einer der Unsrigen in deiner Seele geantwortet
hat?
    Ja, erwiederte der Ritter.
    War es die Gesinnung deines Herzens?
    Sie war es.
    Du bist jung und reich; die Natur hat sich angegriffen, dich in eine gute
Verfassung zu setzen und dir mit Güte zuvorzukommen. Hast du einen höhern
Wunsch, als dieses Leben?
    (Jetzt riefen alle: Bedenke, dass du sterben musst.)
    Mein Wunsch ist, so zu leben, dass ich dieses und jenes Lebens würdig sei,
erwiederte der Ritter. (Ein Schmetterling flog um sein Haupt.)
    Glaubst du an andere Triebfedern menschlicher Handlungen, als des Jnteresse?
    Ich glaube an Grundsätze.
    Quält dich kein Gewissensbiss? Hat keine schreckliche Stimme in dem Innersten
dir die Kränkung der Unschuld vorgerückt, und dich bloss ein Wahn von göttlicher
Versöhnlichkeit beruhigt und dich überredet, das Geschehene sei ungeschehen, und
Folgen wären von Ursachen getrennt?
    Mein Gewissen ist rein. Ich bin Mensch. - Wenn Ihr mehr seid, werdet Ihr
Mitleiden mit meiner Schwäche haben und mich lehren, zu sein wie Ihr. Gottes
Hülfe grenzt an Menschenohnmacht.
    Deine Sprache hat Wärme und Wahrheit. Wir sind nichts mehr als Menschen -
wir kennen dich; bei uns bist du bestanden. Der Mensch kann her einzig
unparteiische Richter seiner selbst werden, wenn er will, so wie er, sein
ärgster Feind und innigster Freund zu sein, in seiner Gewalt hat. Frage dich vor
dem Allwissenden, in dem wir leben, weben und sind, der den Gedanken kennt, den
du vielleicht eben jetzt wegstossen möchtest: ob du nicht unzufrieden mit andern
bist, weil die Natur sie glücklicher ausstattete, als dich? ob du mit den Wegen
der Vorsehung zufrieden warst? ob du aus jedem Vorfall, der nicht von dir
abhing, Vorteil zu deiner Besserung zogst? ob dir der Gedanke an Gott und an
den Tod Schrecken ober Mut gab? (Wichtige Fragen! riefen alle; was wird er
antworten?)
    Der Ritter. Ich wiederhole mein Bekenntnis: Ich war Mensch, ich bin's noch.
Prüfet mich! Noch hat der Neid mir keine schlaflose Stunde gemacht; vielleicht,
ich gesteh' es, nicht aus dem reinsten Beweggrunde. Die Ehren, die der Staat
austeilt, sind mir zu klein, um sie zu beneiden. Werden nicht Leute damit
belohnt, die es so wenig verdienen? Nimmt man ihnen nicht alles, wenn man sie
dieses Scheinvorzugs beraubt? Sind es mehr, als Titulaturverdienste? Und
urteilt selbst, ob ich nicht Ursache habe, zufrieden mit der Vorsehung zu sein!
Sie tat viel an mir. Nicht zu gewissen Stunden und nur wenig dachte ich an
Gott, wenn Beten an Gott denken heisst; doch war meine Seele froh, wenn ich an
ihn dachte. Wer bei traurigem Gemüte an ihn denkt, läugnet ihn im Herzen und
bekennt ihn mit seinen Lippen. - Das ist mein Glaube.
    Wirst du keine Arbeiten erschweren oder erleichtern, wenn die Menschheit
dadurch verliert?
    Ich versprech' es.
    Willst du das Unglück ehren und gegen das Glück gleichgültig sein?
    Ich will es.
    Wirst du züchtig, gerecht und gottselig leben, um einst exemplarisch sterben
zu können?
    Ich werde.
    Glaubst du ein ewiges Leben?
    Ich glaub' es. Was wäre die ganze Würde des Menschen ohne ewiges Leben?
    Hast du die Hoffnung, dass abgeschiedene Seelen sich ihrer zurückgelassenen
Freunde und Bekannten erinnern können?
    Ich wünsch', ich hoff' es.
    Wohlan! Du kennest Drei in dieser Versammlung. Mit welchem von diesen Dreien
willst du vor dem Angesichte Gottes ein gegenseitiges Testament machen, kraft
dessen der, welcher zuerst stirbt, dem andern erscheine?
    Mit - -
    Schwöret!
    Hier blieb einer von den Herumgehenden stehen, und schwur folgenden Eid:
    Ich schwöre bei dem Allmächtigen und Allwissenden, bei dem Richter der
Lebendigen und der Todten, dass, wenn ich von hinnen scheide, ich, wo möglich, in
den ersten drei, neun oder zehn Tagen, drei, neun, zehn ersten Wochen, drei,
neun, zehn ersten Monaten, drei, neun, zehn ersten Jahren erscheinen will, es
sei im Schlafen, oder im Wachen, dem -, so dass ich mich ihm kenntlich mache,
durch Berührung, durch Worte oder Gedanken, es sei auf diese oder andere, mir
jetzt schon bekannte, oder noch künftig bekannt werdende Weise: den Fall, wenn
es mir dort nicht erlaubt wird, ausgenommen; sonst soll mich nichts retten von
dem Fluch eines ewigen Gewissensvorwurfs, und der immerwährenden Angst eines
Meineidigen: Dies gelobe ich, so wahr mir Gott helfe, im Leben und im Sterben,
und bei dem Verluste der Freuden der andern Welt.
    Der Ritter setzte dies Gelübde fort: Ich schwöre den nämlichen Eid, und
mache mich hierdurch vor Gott verbindlich, dass, wenn es mir in meinem künftigen
Zustande erlaubt ist, mich in dieser Welt, es sei körperlich oder geistig, zu
offenbaren, ich mich dem - -, es sei im Traum oder Wachen, bekannt machen will
oder werde. Ich gelobe dies bei der Würde des Menschen, und bei den Hoffnungen,
die in mir sind. Amen.
    In diesem Augenblick erhob sich die regierende Stimme: Du bist im Noviciat
der Obermeisterschaft. Wir haben dich auf Proben gesetzt; und da wir uns bei
Beurteilung anderer die äusserste Gelindigkeit zur Pflicht gemacht, werden wir
so leicht keine Fehler finden, wo keiner ist, und kein liebloses Urteil fällen,
wo es noch Seiten gibt, die sich zum Besten kehren lassen. Jetzt, da wir von
deinem guten Herzen durch sieben Vorhandlungen überzeugt sind, wirst du, ehe du
es dich versiehst, in andere Lagen zum Tun gesetzt werden. Wohl dir, wenn du
Palmen trägst, wenn du bestehest, um würdig zu sein, dich durch den Tod zum
Leben zu widmen, das ohne Verachtung des Todes kein Leben der Freiheit, sondern
der Sklaverei ist! Heisst weise sein seine Glück seligkeit befördern, so gehöret
die Ueberwindung der Schrecken des Todes und genaue Bekanntschaft mit ihm zur
Weisheit. Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir weise
werden! Lehr' uns unsere Tage zählen, und bereit sein, Leben und Sterben für
eine Schuld anzusehen, die wir der Natur abtragen müssen! Es gibt nur Einen Weg,
im Leben Fortschritte zu machen: Erhöhung unseres Wesens, Läuterung unseres
Geistes. Nie lass uns zu Schanden werden durch Todesschrecken, durch Seufzer und
Klagen, die unvernünftig sind! So sanft und still wie wir in diesem Noviciat
gehen, so sanft und stilltätig lass uns in der Welt sein, und nicht die Hände in
den Schoss legen, wenn noch Arbeit im Weinberge ist. Alles Fremdartige, was
unsere Erzieher, und was wir selbst in uns legten, lass uns entfernen, um
schlecht und recht zu sein vor deinem Angesicht. Wer die Unschuld unterdrückt,
sammelt sich schreckliche Furien auf die letzten Stunden des Lebens, Kraft zum
Sterben aber, wer die Tränen von der Wange des Feindes trocknet, und den Hasser
durch Segen und Wohltun bessert. Wir wollen unsere Seelen in Händen tragen, und
in guten Werken trachten nach dem ewigen Leben, Leidenschaften erziehen,
vernünftig leben, geduldig leiden, um einst froh zu sterben. Krankheiten zu
entfernen, in so weit sie von Menschen abhangen, ist unsere Pflicht; überfallen
sie uns wider Verschulden - sind sie mehr oder weniger als Naturbemühungen, uns,
so lange der Leib zusammenhält, das Leben zu erhalten, um, so lange es nur geht,
der Zerstörung des Menschenlebens auszuweichen. Dein Wille geschehe im Leben und
im Tode. Amen.
    Eine herrliche, eine sanfte Musik beschloss diese Scene. Der Ritter ward
wieder mit verbundenen Augen in jenes Elysium zurückgeführt, durch welches er
zum Todtengewölbe und so weiter gelangt war. Dies Leben, sagte der zu ihm, der
ihm die Augen verband, führen wir es anders, als mit verbundenen Augen der
Seele? Wohl uns, wenn wir einst Licht sehen und genesen!
    Vor dem Schlusse dieser Noviciatsaufnahme drückte jeder der Wandelnden dem
Novizen die Hand, und hiess ihn willkommen. Zur
                                    §. 136.
                                        
                                    Aufnahme
ward geschritten, nachdem der Noviz in verschiedenen Lagen zum Tun, ehe er's
sich versah, gesetzt, und bewährt befunden war. Wahrlich, der Ritter bestand in
der Wahrheit; und auch dem Knappen fiel keine schwarze Kugel zur Last. - Von
diesen Herzensproben konnte Michael nicht dispensirt werden. - Der Tag ward dem
Ritter durch die drei Brüder eröffnet, die, wie es dem Ritter vorkam, ihm eine
geraume Zeit nachspürten. Jetzt begleiteten sie ihn durch allerlei Umwege zu
einem äusserlich prunklosen Tempel. Hier ward er in ein Gemach geführt, welches
die Aufschrift hatte:
                           Nur das Grab macht weise.
Im Zimmer selbst fand er einen Tisch, auf welchem ein Kreuz, eine Bibel, ein
Todtenkopf, ein Dolch, eine Schale mit Blut und eine Schale mit Wasser standen.
Er befand sich eine geraume Zeit allein, und nun erschien ihm ein ehrwürdiger
Greis, ein Mann in seinen besten Jahren, ein Jüngling und ein Kind; und es fiel
eine Ceremonie vor, die verhangen war. Angemerkt hatte der Ritter am Rande:
    Zum Tode habe ich weit mehr Beispiele vor mir, als zum Leben. Wer sein Leben
zu lieb hat, verliert es und macht sich von einer Furcht abhängig, die uns von
Menschen zu Sklaven entwürdigt. Die Hauptdinge, die ich verlasse, sind es nicht
Geschenke der Natur, die mir nichts nehmen wird, was sie mir nicht reichlich
wieder ersetzen sollte? Wer seine Besitzungen als Teile seines Wesens ansieht,
versteht weder Tod noch Leben zu schätzen; ich allein gehöre mir, und nichts ist
so mein, als ich. Rechter Gebrauch meiner Kräfte und die Ausarbeitung derselben
sind die unsterblichen Güter, die ich jenseits des Grabes mitnehme. Entzückte
mich ein sanfter Frühlingshauch, so erschreckte mich der Nord im Winter; er
zersplitterte meinen Lieblingsbaum, der mir Schatten vor der Sonnenhitze auf
sechs Monate lieh, vor meinen Augen. Doch müssen es Nord und Winter sein? Haben
Frühling und Sommer nicht ihre Unannehmlichkeiten, so wie die besten Menschen
ihre Launen? Der höchste Grad des Schmerzes ist Fühllosigkeit selbst, oder
grenzt an sie; und der höchste Grad der Freude ist Betäubung, Herzensbangigkeit,
die dann erst gütig und wohltätig wird, wenn sie sich in Tränen auflöst. Der
Tod - -
    Warum aber diese Randglosse, wenn der Vorhang nicht gezogen werden kann? Der
Ritter ward an eine grosse Pforte geführt und ihm angedeutet, dass, wenn er drei,
sieben, neun und zehn gezählt hätte, er die Tür selbst aufmachen sollte. Er
zählte, tat, was ihm befohlen war, und sah einundzwanzig Ritter des Ordens vom
heiligen Grabe, die von zwei Seiten standen. Einer oben in der Mitte zeigte ihm
ein grosses Kreuz, mit den Kleidungen und den Zeichen dieses Ordens behangen, und
sprach:
    Sehet da die Kleidung der Ritter des Ordens vom heiligen Grabe!
    Nach diesen Worten liess er ihn vor sich hinknien und nahm ihm den Eid der
Verschwiegenheit ab. Alle Ritter legten beim Schwur ihre Degen auf sein Haupt.
Man hiess ihn aufstehen; er ward zurückgeführt und ihm die ganze ritterliche
Kleidung angelegt. Nach seiner abermaligen Einführung, die in Begleitung zweier
Ritter geschah, redete ihn der Ordensobere an:
    Was man Euch von den Rittern des Ordens vom heiligen Grabe, welche in der
profanen Geschichte nicht unbekannt geblieben und zum Teil noch vorhanden sind,
erzählen mag, so seid Ihr zu einer Würde berufen, die nur das Kleinod weniger
Sterblichen ist. Jenen bekannten Rittern des Ordens vom heiligen Grabe hat man
ihre von uns aufgefassten Behauptungen bestritten, dass sie von der Zeit des
heiligen Apostels Jakobus, als ersten Bischofs zu Jerusalem, abstammen, und dass
Gottfried von Bouillon, erster König zu Jerusalem, oder Balduin der Erste,
nichts weiter als Erneuerer des Ordens gewesen; allein unser Orden ist weit über
die Zeit des heiligen Apostels Jakobus hinaus. Unsere geheime Geschichte wird
Euch überzeugen, dass wir dem zwölften Jahrhundert, so reich es auch an Rittern
war, wenig oder nichts zu verdanken haben. Mögen müssige Köpfe den Meister über
Dinge dieser Art spielen; wir wollen Meister in Tat und Wahrheit sein. Der
leibliche Tod ist das Loos der Menschheit, nicht der Sold der Sünden; und seit
dem Ausspruch: Mensch, du bist Erde und sollst zur Erde werden, existirt unser
heiliger Orden. Paradies, göttliches Ebenbild, Unsterblichkeit der ersten
Menschen sind Hieroglyphen, die Euch mit der Zeit aufgelöst werden sollen. Wir,
unseres Orts, kennen den Menschen nicht anders, als er jetzt ist; und wenn er
gleich durch Lebensdiät an Leib und Seele sein Ziel sehr weit und viel weiter
als gewöhnlich bringen kann, so ist doch der Tod die Art der Verwandlung,
wodurch er in der Werkstätte der Natur zu einer andern Bestimmung geläutert und
gereinigt wird. Wir erhielten aus den Händen der mütterlichen Natur Leib und
Seele. Die, welche den erstern dem Feuer übergaben, störten die Wege der Natur,
welche will, dass er durch Fäulnis aufgelöst und als Stoff zu einer neuen
Schöpfung vorbereitet werde. - Schon Adam ward begraben; - Abraham kaufte sich
ein Erbbegräbniss, und die uralte Welt verbrannte ihre Todten nicht, um, sowie
einige kultivirte Völker, mit einer Handvoll Asche Luxus zu treiben, oder, wie
weiland Artemisia, ihr Getränk damit zu würzen. Moses, einer der ersten Ritter,
die in der Welt waren, ein wahrer geistlicher Ritter, der die Chorwürde mit dem
Feldmarschallsstabe verband, ward von Gott dem Herrn begraben, so dass wohl
nichts klarer bewiesen ist, als dass der Ritterorden des heiligen Grabes von Gott
selbst abstammt.
    Unserm Ritter fielen hiebei die ersten Kleider ein, die Gott der Herr lange
vor Moses Zeit den gefallenen ersten Eltern gemacht hatte, und die Heraldicus
junior zu seiner Zeit nicht in einer guten Stunde anführte, als die Ritterin den
Schuster zu seinem Leisten und den Schneider zu seiner Nadel zurückwies. Doch
blieb ihm keine Zeit, diesem Gedanken nachzuhängen; vielmehr war ihm die
Behauptung des hohen Obern, dass Patriarch Abraham schon wirklich General des
Ordens gewesen, weniger einleuchtend, als erwecklich. Dass der Stifter der
christlichen Religion, fuhr unser Brabevta fort, Mitglied unseres Ordens
gewesen, kann durch seine Himmelfahrt nicht widerlegt werden. Lag er nicht drei
Tage im Grabe? und ist sein Grab unserm Orden nicht Erneuerung und Heiligung?
Nur wenige von den Rittern des Grabesordens nahmen an den tiefen Mysterien
Teil, die von Adam ab in unserm Orden sich in aller Stille erhielten. So
manches, das man aus dem Paradiese mitbrachte, ward durch geheime Tradition
fortgepflanzt, bis es auf den geistlichen Ritter Moses kam, der, wiewohl nur
einen Teil davon, schriftlich verfasste, einen andern aber, seinen teuer
geleisteten Gelübden gemäss, zur mündlichen Fortpflanzung zurückbehielt, deren
nur wenige gewürdiget worden, von Anbeginn bis auf den heutigen Tag.
    Was wollen bei diesen Umständen Einwendungen, die man den neuen
Grabesrittern macht, als sei es so zuverlässig nicht, dass Gottfried von Bouillon
oder sein Nachfolger Balduin diesen Orden gestiftet? Mögen die Statuten und die
Gesetze vom 1. Januar 1099 bezweifelt werden, indem im zweiten Artikel dieser
Statuten Ludwigs des Sechsten, Philipps des Zweiten und des heiligen Ludwigs
gedacht wird, obgleich Ludwig der Sechste 1108, Philipp der Zweite 1180 und der
heilige Ludwig 1226 ihre Regierung antraten. Es wäre federleicht, gegen diese
und andere Behauptungen die Statuten und Gesetze des Ritterordens vom heiligen
Grabe zu retten, so profan sie auch sind und so wenig sie von uns anerkannt
werden. Unser höherer Grabesorden schenkte, einem guterzigen Baume gleich,
seine Früchte selbst dem, der ihm zuweilen Aeste abriss. - Jene bezweifelten
Gesetze und Statuten sind, wie alles in der Vorwelt, erst mündlich fortgepflanzt
und später in Schrift verfasst. Sieht nicht, wer Ordensaugen zum Sehen hat, dass
man den besagten Regenten und besonders Karl dem Grossen (von welchem behauptet
wird, dass er ein Gelübde getan habe, Gut und Blut dem gelobten Lande zu widmen,
um es von dem Joche der Sarazenen zu befreien, ob er gleich nie im gelobten
Lande gewesen ist) in diesen Statuten und Gesetzen den Hof machte? Dass man auf
eine feine Art diesen hohen Herren sagen wollte, nicht was sie getan, sondern
was sie hätten tun können und tun sollen? Man muss die Natur des Menschen
berechnen, und bewährte Erfahrungen von Convenienzen und Verhältnissen im
menschlichen Leben einsammeln, um dergleichen Geschichtsskrupel zu heben und
Widersprüche auszustimmen. Unsere Grossen wissen durch Gewandteit des Ausdrucks,
durch Raschheit und oft selbst durch Geschraubteit in Fragen und Antworten, das
heisst: durch Wortkünstlichkeit, ihre schwachen Seiten im Denken und im Handeln
so zu verhängen, dass man Mühe hat, sich nicht durch Ansichten und
Äusserlichkeiten blenden zu lassen, und wenn die Geschichtschreiber sie noch so
pünktlich kennen (doch ist dies selten der Fall), - dürfen sie sich unterstehen,
sie zu treffen? - Selbst nach ihrem Tode sind sie sicher, verschönert und
verherrlicht zu werden, um auf den Ehrtrieb des durchlauchtigen Nachfolgers zu
wirken. - Der Mensch ist collective bis jetzt kein Haarbreit anders, als er von
Anbeginn war; die Schminke ist verfeinert und ein wichtigerer Handlungsartikel
geworden, auf den mit der grössten Sicherheit zu spekuliren ist. Freilich gibt es
eine Ironie, um Wahrheiten zu verdecken, die kaum dem Zehntausendsten dämmert;
wie selten aber finden sich Macchiavelle, welche skandalöse Chroniken in
Lobreden umschaffen und den Marokkanischen Despotismus in einen Freistaat
veredlen? - welche Köpfe, wie Friedrich den Zweiten, zu Widerlegungen
begeistern, wo nichts zu widerlegen ist? - Inokulirt man mit diesen Reisern, von
Grundsätzen die Baumschule unserer Grabesgeschichte: wer findet es bedenklich,
wenn nach dem vierten Artikel alle jene hohen Häupter, ob sie gleich zu
verschiedenen Zeiten lebten, zusammentreten, um diesen Ritterorden zu Stande zu
bringen? Wahrlich, wer unsere Ordensgeschichte der älteren Zeit in Erwägung
zieht und zum voraus setzt, was man ganz füglich voraussetzen kann, dass hier und
da einer von unsern Eingeweihten Teil genommen, wer findet nicht mehr als er
liest? Alle jene Grossen der Erde hatten ohne Zweifel die Ehre, etwas zum
Äusseren des Ordens beizutragen, und warum sollten sie in dieser Rücksicht im
vierten Artikel nicht Stifter genannt werden? Das heilige Grab war und blieb das
Hauptstück des heiligen Landes. Name und äussere Würde, wenn sie zu späteren
Zeiten aufgekommen sind, entscheiden nichts. Was tut der arme Name!
    Und wie? verdient der Umstand, die Stiftungsurkunde des Balduin sei nicht
nur französisch, sondern neumodisch gekleidet, Erwähnung? Widerlegung gewiss
nicht. Wer nicht den Geist der Geschichte vom Fleisch, die Erdenteile von den
himmlischen sondert - hat der Geschichtsurteil? Ueberall findet er Sauerteig,
der den Ofterteig verdirbt. - Im Reiche der Wahrheit ernährt der Krieg, der
Friede verzehrt.
    Unter den weltlichen Chorherrn, die bis 1114 bei der Kirche des heiligen
Grabes standen, war hier und da einer in der hohen Wissenschaft unseres Ordens
eingeweiht, und als man diese weltlichen Chorherren zwang, die Regel des
heiligen Augustinus anzunehmen und Gelübde abzulegen, schickten sich die
Unsrigen in die Zeit, und pflanzten im Stillen unsre Kunst fort. Wichtiger ist
der Umstand, dass Papst Pius der Zweite im Jahre des Heils 1459 durch einen
Ritterorden unter dem Namen unserer lieben Frau von Betlehem viele Ritterorden,
und unter andern die Chorherren des heiligen Grabes, unterdrückte. Da es mit der
lieben Frau von Betlehem nicht gehen wollte, so suchte und fand der Papst
Innocentius der Achte Gelegenheit, die heilige Grabesstiftung mit den Rittern
St. Johannes von Jerusalem oder den Rhodus-Rittern unter einer Decke spielen zu
lassen. Vor unsern gerechten und ächten Brüdern gingen Wolken und Feuersäulen;
weise wussten sie sich in den Nächten der Widerwärtigkeiten, weiser noch bei den
Sonnenstrahlen des Glücks zu verhalten. Ihrer Tugend und Einsicht verdanken wir,
was wir sind. Fällt der Himmel, er fällt denen zu, die ihn lieben! - Durch
Leiden geht der Mensch zur Freude, durch Anstrengung zur Kenntnis, durch
Unterdrückung zur Kraft, durch Tod zum Leben! - Haben wir nicht Beweise in
Händen, so dreist auch von einigen Schriftstellern, aus Unwissenheit oder
Bosheit, das Gegenteil behauptet wird, dass Innocentius der Achte nicht
Chorherren, sondern Ritter des heiligen Grabes unterdrückte? Dieser
Unterdrückung trat Papst Pius der Vierte, zu seiner Schande, durch eine Bulle
von 1560 bei. - Vielleicht findet sich Gelegenheit, die Rechte des heiligen
Ordens gegen die Johanniter ausser Zweifel zu setzen. Dadurch würden wir zwar
weder an Geist und Kenntnis, noch an Leib und Einkünften sonderlich viel
gewinnen; doch muss Recht Recht bleiben in Zeit und Ewigkeit - wenn nicht aus
andern Gründen, so von Rechtswegen. - Gereicht es dem unterdrückten Grabesorden
zum Vorwurf, dass Papst Alexander der Sechste die Würde der Ritter des heiligen
Grabes förmlich aus Licht zog? Dass er einen Ritterorden unter diesem Namen
stiftete? Dass er die Würde eines Grossmeisters für sich und seine Nachfolger
annahm? und dem apostolischen Stuhle Macht zueignete, dergleichen Ritter zu
ernennen, womit auch der Guardian des Ordens des heiligen Franciscus als
apostolischer Commissarius belehnt wurde? Es ist bekannt, dass die Mönche vom
Franciscanerorden die Bewachung des heiligen Grabes zur Pflicht hatten, unter
denen etliche zu den höheren Geheimnissen des Ordens non propter sed propter
zugelassen werden mussten. Wer die Unschuld verteidigt, ist beredt ohne
Rhetorik. - Ein Tor sucht zu herrschen; ein Weiser bemüht sich, die Vernunft
zur Herrschaft zu bringen. Freund, nicht mit Grossmut müssen wir den Feinden
begegnen; sie zu lieben ist unsre Pflicht. - Grossmut ist Wohltat, die wir uns
erweisen; Liebe ist Selbstopfer, Zwang unserer Neigungen.
    Mit diesen vorläufigen Umständen von der ungeschmückten Geschichte des
Ordens musste ich Euch bekannt machen, ehe man Euch nach altem oder neuem
Gebrauch zum Ritter schlagen kann. Jetzt trat der Ritter näher, um folgende
Fragen zu beantworten:
    Seid Ihr ein gesunder Mensch?
    Ich bin es.
    Habt Ihr keine geheime Krankheit?
    Nein.
    Seid Ihr keines Mannes Knecht?
    Nein.
    Und keines Weibes?
    Nein, doch hoff' ich so glücklich zu sein, Sophien zu finden.
    (Der Obere lächelte.)
    Habt Ihr ausser Gott keinen Herrn?
    Keinen als den Staat, in welchem ich lebe.
    Ist Euer Fleisch nicht der Herr Eures Geistes?
    Ich bin ein Mensch; doch lässt sich der Geist wahrhaftig nichts nehmen.
    Wollet Ihr die Gesetze des Ordens und seine Gewohnheiten ehren, und seine
Geheimnisse ins Grab nehmen?
    Ich will es.
    Wollt Ihr, wenn Christen mit Ungläubigen in Krieg sind, die heilige Kirche
wider ihre Verfolger verteidigen?
    Wenn ich nicht durch höhere Pflichten abgehalten werde, und der Staat, in
welchem ich lebe, kein Freund und Bundesgenosse der Ungläubigen ist.
    (Der Obere lächelte wieder.)
    Werdet Ihr allen ungerechten Zank meiden; Euch schnöden Gewinnstes wegen nie
in Zweikampf einlassen; Narrenteidungen und Scherze fliehen, die Christen nicht
geziemen?
    Ich werde.
    Wollt Ihr, so viel an Euch ist, mit jedermann Frieden halten; keinen Zank
unter Gliedern Eures Ordens sein lassen; wenn sich aber Misslaute und
Streitigkeiten fänden, sie den Ordensobern zur Einlenkung und Entscheidung
anheimstellen?
    Ich gelobe.
    Werdet Ihr Euch der Völlerei entalten, es sei im Essen oder Trinken, und
Euch der Nüchternheit und Mässigkeit befleissen?
    Ich will.
    Wollt Ihr nicht bloss über das Mass, sondern auch über Art und Weise Eures
Vergnügens wachen?
    Ja.
    Ost wird Rittern nicht mehr als Brod und Wasser zu Teil, dürftige
Ordenskleidung, Mühe, Kummer und Arbeit die Fülle. Grösser ist der Arme, der
nicht reich zu sein begehrt, als der Reiche, der den Armen reich machen will.
Erinnert Euch Eures Vorbereiters, der Euch ein Bettler dünkte. - Seid Ihr
entschlossen, Elend, Not und Gefahr getrost zu übernehmen und Euch mit dem zu
begnügen, was da ist?
    Ich bin es.
    Werdet Ihr Euer Leben verachten, wenn Ehre und Pflicht den Tod gebieten;
nichts als Zweck ansehen, was bloss als Mittel gelten kann? Werdet Ihr die
Schrecken des Todes für nichts mehr, nichts weniger als falsches Spiel der
Phantasie halten, und die Eindrücke Eurer Jugend gegen den Tod zu schwächen und
zu überwinden suchen?
    So viel an mir ist.
    Werdet Ihr Euer Leben lieben und es zu erhalten suchen, wenn von
diesseitiger Pflicht die Rede ist, oder von Vorbereitung zu einer andern Welt?
    Ja, so Gott will.
    Wisst, dass in Fällen der begangenen Unwahrheit, und wenn Ihr heute, morgen,
übermorgen oder in der spätesten Zeit davon überzeugt werdet, der Orden strafen
kann. Unterwerfet Ihr Euch den Strafen, Auge um Auge, Zahn um Zahn?
    Ja.
    Amen! sagte der Brabevta, und hiess ihn sich nähern, niederknien und
schwören:
    Dem Orden treu zu sein im Leben und im Tode, seine Gelübde zu halten, bis
sein Ende komme, und alsdann mit frohem Mute und Herzen von hinnen zu fahren. -
Darauf segnete er seinen Degen und die vergoldeten Sporen, legte seine Hand auf
des Ritters Haupt und sprach: Gott stärke Euch, zu sein und zu bleiben ein guter
Streiter, - und den Sieg davon zu tragen im Leben und Sterben. Amen! - Jetzt
liess er ihn die Sporen anlegen, zog seinen Degen aus der Scheide, gab ihm
denselben in die Hand, um sich seiner zu bedienen, nicht Krieg, sondern Frieden
zu machen. Nach wenigen Minuten befahl er ihm, den Degen wieder in die Scheide
zu stecken und sich zu umgürten. Umgürtet, sagte der Obere, Eure Lenden, und
seid fertig allezeit zu tun den Willen dess, der Euch sendet. Gott aber wirke in
Euch beides, Wollen und Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen! - Nach diesen
Worten zog der Obere den Degen aus der Scheide und schlug dem Ritter drei
Schläge auf die Schulter, der sein Haupt auf das heilige Grab legte, welches vor
dem Sitze des Meisters in effigie errichtet war. - Während dieser Ceremonie
sangen vier Ritter das Lied Simeons: Herr! nun lässest du deinen Diener in
Frieden fahren, in einer dem Orden eigenen Melodie. Die Ritter waren bloss der
deutschen Sprache beflissen, und das Lied Simeons schien aus dem Lateinischen
übersetzt zu sein. - Zur Probe geistreicher Poesie konnte es nicht dienen. - Die
übrigen Ritter leisteten dem Oberen bei der Aufnahme Handreichung. Dreimal
machte der Obere das Zeichen des Kreuzes und sagte: Ego - - - the constituo et
ordino militem sanctissimi sepulchri Domini nostri Jesu Christi. (Ich weihe dich
zum Ritter des heiligen Grabes unseres Herrn.) Sodann legte er ihm eine goldene
Kette mit den Worten um den Hals: Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die
Krone des Lebens geben. Ausser dieser Kette ward der Ritter mit einem goldenen,
rot emaillirten, mit vier eben dergleichen kleinen Kreuzen umgebenen, grossen
Kreuze geziert. Tragt dieses Ehrenzeichen, sagte der Obere zu ihm, an einem
schwarzen Bande um den Hals; wachet und seid nach Anleitung der fünf klugen
Jungfrauen bereit, wenn Euer Stündlein kommt, zu leben und zu sterben. - Endlich
ward ihm ein Mantel umgeworfen, auf welchen an der linken Seite eben dieses
Kreuz mit seinen vier Trabanten gestickt war. - Nach der Vollendung dieser
Ceremonie erhielt der neue Ritter Ritterkuss, Zeichen, Wort, Berührung und Namen.
Ich taufe Euch ritterlich, sagte der Obere, nach der heiligen Zahl, und Ihr
heisst von nun an: Adam Ritter vom Stern (Adamus Eques a stella). Das Zeichen
war, die Hände in die Lage eines Grabers zu bringen. Das Wort ist, fuhr er fort:
Grab; das hohe Wort, das nur buchstabirt (in der Ordenssprache hiess es
tropfenweise) ausgesprochen werden kann, heisst Lazarus: L-a-z-a-r-u-s; die
Berührung, die Spitzen der zehn Finger an einander zu setzen. - Und nun küss' ich
Euch als Ordensbruder.
    Am Tage der Aufnahme fiel keine Dämmerung weiter vor; nach so vieler Arbeit
hielt man Refektorium. - Für jeden stand ein kleiner Tisch mit der
erforderlichen Gerätschaft. Die Tische waren dreieckig und standen in
Dreiecken; doch übertraf die Zahl der Tische die Zahl der gegenwärtigen
Mitglieder. Auf einem jeden Tische standen drei kleine Schüsseln, auch im
Dreieck, desgleichen zwei Lichter und ein Todtenkopf in derselben Figur, welches
alles sich auch auf den vier Tischen befand, bei denen niemand zu sehen war.
Einer der Brüder belehrte den Ritter, dass diese Tische zwei todten und zwei noch
lebenden abwesenden Mitgliedern gebührten. Noch nahm er sich die Erlaubnis, den
Ritter zu belehren, dass die abwesenden noch Lebenden diesen Abend nichts zu
geniessen im Stande wären, wenn es gleich die Ordensregel bewilligt. Sie sind
gesättigt, setzt' er geheimnisvoll hinzu, und von den Gestorbenen sollen sich
ehemals Schatten eingefunden haben, um für diese Art von Libation zu danken. Das
ist die Deutung des wechselseitigen Testaments, einander zu erscheinen, welches
zwischen dem Aufzunehmenden und einem der alten Mitglieder bei der Aufnahme
gemeinschaftlich gemacht wird. Nicht kann man suchen, man wird gesucht; ohne
unser Gebet, ohne menschliches Zutun und Erflehen, erscheinen zuweilen Geister.
- Eben dieses Mitglied befragte den Ritter: ob er je von sympatetischen Kuren
gehört hätte, wodurch man Menschen hundert Meilen und drüber entfernt, arzeneien
, und, wenn das Glück gut wäre, heilen könne? Eben so, bemerkte dieser Bruder,
ist man im Stande, in Abwesenheit zu verletzen. Ich, meines Orts und Teils,
setzte er hinzu, bin behutsam, mich malen zu lassen, und mehr meiner Brüder
desgleichen. Man kann in effigie empfindlich bestrafen und belohnen. Fällt die
wirkliche Execution in rechte Hände (Guillotinen waren damals noch nicht
erfunden), so ist der Unterschied in der Empfindung nicht gross, in natura oder
in Bildnis geköpft, gehängt und gevierteilt zu werden. Die Versicherung, es
gäbe Orte, wo er nicht im Porträt sein wolle, um alles in der Welt, war so
herzlich, dass sie dem Ritter auffiel. - Die Ceremonie bei Tische -? Das
Benedicite bestand aus den Worten: Memento mori. Die Sitze hatten eine Gestalt
von Gräbern. Ein wirklich rührendes Schauspiel! Das strengste Stillschweigen
herrschte geraume Zeit, bis eines der Mitglieder sich das Wort mit der Losung
erbat: Memento mori. Die Antwort war: Memento mori. Jetzt fing dieser Ordensmann
an, aus dem Geiste zu reden, ungefähr also:
    Wir sind hier, zu leben und zu sterben. - Zu leben ist schwer, zu sterben
ist leicht, doch niemand kann an den Tod weise denken, der nicht weise zu leben
versteht. Es sind blinde Leiter, die alles nach Einer Form haben wollen - Alle
sollen leben, wie sie, und sterben, wie sie, und doch gibt es Stufen in der
Vollkommenheit und Freiheit. Der Freiheit? Allerdings. Von einer Art derselben
heisst es im Geist und in der Wahrheit: je freier, desto vollkommener. Der
Frevler ist ein Knecht des Todes sein Lebenlang; und so nichtswürdig sein Leben
ist, so affenartig liebt er es. Was hat er mehr, als die Handvoll Leben, die dem
Weisen nichts gilt, dem Unweisen aber alles? Der Edle könnte sich fast freuen,
die Ketten abzuschütteln, womit das Leben ihn fesselte; er weiss, es gilt das
Land der Freiheit nach einem Wüstengange, wo ihm so selten Manna und Wachteln
fallen und frisches Wasser aus einem Felsen spritzt. Freude stört, wie Leid, die
Fassung; der Weise ist gleichgültig. Warum auch anders? warum Unzufriedenheit
mit einem Leben, auf das, wenn es besser wäre, eine ganz andere Welt folgen
müsste, als die wir erwarten? Nicht der, der mit Geschenken dem Dürftigen hilft,
nur der ist sein Wohltäter, der ihn in die Verfassung setzt, sich selbst zu
helfen. Seht da die Pflicht der Weisen! sie sind nicht da, zu helfen: zu trösten
und zur Selbsthilfe Anlass zu geben, ist ihre Pflicht. Wenn es der Weisheit
gelänge, sich mehr Anhänger zu sammeln und durch den seelerhebenden Gedanken die
Pluralität auf ihre Seite zu bringen, könnte nicht manches Gute bewirkt werden,
was jetzt auf dem Acker felsiger Herzen erstickt und fruchtlos von wenigen Edlen
ausgesäet wird? Alsdann freilich wird es verlohnen zu leben! Aber auch jetzt -
steht es denn so ganz schlecht mit dem Leben? Du klagst, die besten Pläne
werden, wenn nicht durch Bosheit der Menschen, so durchs Ungefähr vereitelt, das
sich fürs Böse und für Böse öfter, als fürs Gute und für Gute erklärt. Wahr -! -
Nur Schwärmer hoffen, ohne zu zweifeln; der Weise zweifelt selbst noch, wenn
seine Hoffnung fast völlig erfüllt ist. Er zweifelt - nicht um sich den vollen
Becher der Freude, dieser Vollendung halber, aufzusparen, nein, weil kurz vor
dem Amen seines Plans alles noch scheitern kann. Und kommt es zum Amen - stürzt
nicht ein Tor in Einem Augenblicke, was zehn Weise ihr Lebenlang bauten? -
Doch, Lieber! weisst du, wenns Zeit ist, dass die Menschen von der Finsternis zum
Licht und von der Torheit zur Weisheit gelangen? Der grösste Beweis, dass wir zu
Leiden bestimmt sind, ist, weil Leiden, je grösser, desto sicherer, zur
Vollkommenheit bringen. Was willst du mehr, wenn du nur vollkommen wirst? Ist es
Fehler, besser von Menschen zu denken, als man sollte, so ist es ein Fehler des
Edlen, der mir lieber als Scheingerechtigkeit ist, die der Busse nie bedarf. Man
denke vom Leben, was man will: gibt es nicht Staats- und Familienverhältnisse,
wo längeres Leben Glück und Ruhe auf Staat und Familien verbreiten kann? Doch
gibt es kein grösseres Unglück, als sich selbst überleben! Das wende Gott in
Gnaden! - Wir werden Grabesritter, ohne aufzuhören Lebensritter zu sein.
Unzufriedenheit ist die Universalkrankheit, woran der grösste Teil der Menschen
stirbt: Zufriedenheit ist Selbstschonung und das beste Mittel, das Leben zu
geniessen, das mancher Metusalem neuerer Zeit immer geniessen will und bei einem
Haar genossen hätte, wenn er im neunzigsten Jahre scheidet. Nur wer weise
entbehrt, geniesst; wer nicht übertriebene Empfindung für die Sache selbst nimmt,
lernt sich in Zeit und Welt schicken, auch wenn er die Menschen so verändert
findet, wie Sully den Hof nach Heinrichs IV. Tode.
    Dein Loos ist geworfen, neuer Ritter! Sei Mann im Leben und im Tode! Memento
mori.
    Am Rande war bemerkt: Entält diese Rede mehr, als: Eldorado ist nicht hier,
oben oder unten ist Eldorado?
    Memento mori, erwiederte der Obere auf diese Rede. Du hast wohl gesprochen!
Damit sich aber unser neuer Grabesbruder in Deinem Geistesergusse nicht verirre;
so wiss' er, dass in unserm Orden die Kunst, das Leben zu verlängern, die Kunst,
sanft zu sterben, die Kunst, mit Abgeschiedenen umzugehen u.s.w. gesucht oder
getrieben wird. In dieser höheren Beziehung gilt eigentlich das hohe Wort
Lazarus. Darf ich an den Ursprung desselben erinnern? Heil uns, wenn auch wir in
unserer Kunst es so weit bringen, dass wir, wo nicht zum wirklichen Gestorbenen,
so doch zum Sterbenden sagen können: Stehe auf! - Memento mori.
    Hiemit war die Aufnahme-Dämmerung zu Ende. Bei dem nachherigen Unterricht
erfuhr der Ritter die Fortsetzung der Geschichte der Grabesritter, die, leider!
aus einem Grabe ins andere stürzten. Sie erkoren in Flandern im Jahr 1558 den
König von Spanien Philipp den Zweiten zu ihrem Grossmeister, und wollten diese
Würde mit der spanischen Krone auf immer verbinden. Der
Johanniterritter-Grossmeister vereitelte diesen weisen Plan; er berechnete nicht
unrichtig, der Grabesorden würde die Güter zurückfordern, welche die Johanniter
sich so ungebührlich zugeeignet hatten. Der König von Spanien entsagte der
Grabes-Grossmeisterschaft. - Im Jahr 1615 machte der Orden neue Versuche; allein
auf das Gesuch des Grossmeisters von Malta, Alof von Vignacourt, widersetzte sich
Ludwig der Dreizehnte diesen Bemühungen - - - Die neueste Geschichte des Ordens
war verhangen; doch hatte der Orden bis auf den heutigen Tag seine Grossmeister,
die man indes nur im Ordensnamen bekannt machte. Der Herr kennet die Seinen,
sagte der Obere. Der gegenwärtige hiess Alexander, Eques a die, Alexander, Ritter
vom Tage. Noch dienet zur Nachricht, dass der eigentliche bis jetzt unter der
glücklichen Regierung des Grossmeisters Alexanders, Ritters vom Tage, blühende
Orden des heiligen Grabes Präbenden und Priorate verteilte, und, nicht bloss was
ihm ehemals gehört hatte, sondern auch, was ihm hätte gehören können, seinen
höhern Rittern mit einer Freigebigkeit zuwandte, die an Verschwendung grenzte.
Wenn die Menschen an Tod und Grab denken, oder besser, wenn Grab und Tod in der
Nähe sind, pflegen die meisten zu verschwenden, Emsige ausgenommen, die sich ihr
Vermögen selbst erwarben. - - Die Krast der Einbildung, durch diese Besitzungen
in partibus infidelium sich glücklich zu dünken, machte, dass die Herren
Besitzer, besonders in den heiligen Zusammenkünften, nicht aufhören konnten,
sich von ihren Vorzügen zu überzeugen. Wirklich Geheimer Rat und Geheimer Rat
sind die höchsten Stellen in unseren Staaten, sagte der hohe Obere bei einer
schicklichen oder unschicklichen Gelegenheit; siehe da, neuer Bruder! Du bist
geheimer, wirklich geheimer Ritter. Je mehr Güter wir in der Tat besitzen,
desto mehr Sorgen drücken uns; bei unsern Präbenden ist kein Schatten von
Widerwärtigkeit. Selig sind die Besitzer in partibus infidelium; denn die ganze
Welt und das Himmelreich ist ihre! Eine sauber gestochene Karte von diesen
Besitzungen lag bei diesen Nachrichten, die ich, um die Kosten zu sparen, diesem
§. nicht beifügen will. Das meiste in der Welt wird in der Einbildung genossen,
gehofft und gefürchtet; und so waren unsere Grabesritter (tun regierende Herren
nicht desgleichen?) so eifersüchtig auf diese Besitzungen, als ob es Hals und
Hand, Gut und Blut, Felder, Aecker und Wiesen galt. Wer aus meiner Lesewelt über
diese Eifersucht, dies Spielwerk und diese ganze Kinderei den Kopf schüttelt,
ist (nach dem Ausspruch unseres Helden) in seinem Leben in keinem
Grabes-Rittersaale gewesen, hat nicht bei einer schwachen Erleuchtung Männer in
langen Mänteln mit Kreuzen geziert wandeln und in eine denkwürdige Zeit vieler
Jahrhunderte sich zurückgezaubert gesehen. - Nur der Kindersinn wird
hergestellet. - Der grösste Herr in der Welt, versichert der Ritter, kann solch
ein hochwürdiges Schauspiel und solch ein herrliches Mahl nicht geben, wenn er
Millionen verschwendet. Was diese Hohen tun, wird gleich zur Maskerade, und
eine Art von Tollhaus. - O! es ist allerliebst, zuweilen zu werden wie die
Kinder, versichert der Ritter am Rande und glaubt, Freund Johannes würde nicht
ungern Grabesritter gewesen sein oder gespielt haben.
    Da der Vater unseres Helden als Johanniterritter nicht minder alles in der
Karte besass, obgleich sein in Berlin negociirter Wechsel als das
Receptionsquantum baar ersetzt werden musste - hielt unser Held mit seinem
wohlseligen Herrn Vater (die sechzehn Ahnen etwa abgerechnet, über welche die
Grabesritterschaft sich wegsetzte) nicht gleichen Schritt? Doch zog er seinen
Orden, wie billig, vor, wegen des Alters, und weil der Johanniter-Orden
öffentlich, der Grabes-Orden dagegen heimlich spielt. - Höchlich freuete sich
unser Grabesritter, dass der Tod ihn der Verpflichtung überhoben hatte, mit
seinem leiblichen Vater wegen der dem Grabesorden entzogenen Besitzungen rechten
und Krieg führen zu dürfen. Der Tod gleicht alles aus, was Menschen nicht
ausgleichen können. Eldorado ist unter der Erde, sagte unser Held. War es ihm
als Grabesritter zu verdenken, dass er das Oben fürs erste aussetzte? Ach! wer
weiss es, wo Eldorado eigentlich liegt? - Ohne Zweifel war unser Held in seinem
Element der unschuldigen Freuden seiner Jugend so lebhaft eingedeuk, dass sein
Genuss wenigstens verdoppelt ward. Da standen wieder die zwölf Bogen, zu Ehren
der zwölf Apostel von Helena erbanet, weil hier das Symbolum apostolicum
verfertigt worden war. Da hatte er den Stein, den her Engel wegwälzte (Menschen
tun es freilich nicht, die legen Steine), den Oelberg, den Bach Kidron, um
einen Becher kalten Wassers, die Leiden dieser Zeit zu vertrinken, das Haus des
Pontius Pilatus, das Schlafstübchen der Frau Gemahlin Excellenz, um so manches
Staats- und Privatübel zu verträumen - und endlich das Haus Simeons: Herr! nun
lässest du deinen Diener in Frieden fahren. Kann das alles die grosse und kleine
Welt geben -? Wahrlich, das beste, was noch in der Welt ist, besitzt man in der
Karte. Der
                                    §. 137.
                                        
                                     Knappe
der im Rosental'schen Jerusalem nicht so bekannt war, wie der Ritter, konnte
sich nicht so leicht finden; er schien sich zu wundern, wie es in aller Welt
zuginge, dass Grabesritter, so wie regierende Herren, sich von Besitzungen nennen
könnten, in denen ihnen kein Nagel zugehörte, und, will's Gott, auch nicht
zugehören wird. Da Michael seinem Herrn in allen Graden und Orden knappengemäss
nachtrat - konnt' er wohl vom Grabe ausgeschlossen werden? Seine Aufnahme war
ohne Prunk. Er sagte selbst: ich sterbe, ohne lange krank zu sein, und werde
ohne Geläute begraben! Wunderbar! (des Knappen eigene Worte, als man ihm die
Begleitung seines Herrn in den Grabesorden erschwerte) als wenn unser einer
nicht auch stürbe! Ungeachtet schon ein hülfleistender oder dienender Bruder bei
dem Ordenshause war, und diese Zahl statutengemäss nicht vergrössert werden
sollte, ward Michael, jedoch auf näheren Vortrag seines Herrn, angenommen: - zum
Vorrate, der selten schadet! Der Pomp, der in dem Rittersaale herrschte, trug
zu Michaels voller Zufriedenheit reichlich bei. Er selbst hatte den Vorzug, eine
Art von Ordenskleid zu tragen. Eines Tages (der Glaube ist nicht jedermanns und
jedes Tages Ding) wandelten Michael Zweifel an, und er war unvorsichtig genug,
zu behaupten: er wäre weit dankbarer gewesen, wenn der Orden geruhet hätte, ihm
eine kleine Meierei in partibus fidelium, anzuweisen, die er gegen ganze
Provinzen in partibus infidelium zu vertauschen kein aritmetisches Bedenken
getragen haben würde. »War denn der Fräuleinsohn in seiner Meierei glücklich?«
fragte der Ritter; »wird es Heraldicus junior sein, der sie ihm abgekauft hat?«
Michael hätte freilich dem Ritter erwiedern können, dass man mit Jerusalem auf
der Karte sich hinlänglich begnügen könne, wenn man Rosental in natura habe.
Indes fielen bei ihm nur selten verzweifelte Tage ein, er war einer der
gläubigsten und frohesten im Orden; seinen eigentlichen Collegen, den alten
hülfleistenden oder dienenden Bruder nicht ausgenommen, den zehn Meiereien gegen
die Bosheiten eines ungeratenen Sohnes, der ihm das Leben verbitterte, nicht
entschädigt hätten. Unsere Damen würden es mir kaum vergeben, wenn ich nicht
näher an die
                                    §. 138.
                                        
                                    Kleidung
der Ordensritter denken sollte. Sie war von den Chorherren des heiligen Grabes
entlehnt. Zur Zeit, da sie sich im Besitze der heiligen Örter zu Jerusalem
befanden, waren sie weiss gekleidet. Man verwechselte die weisse mit der schwarzen
Farbe und kleidete sich schwarz, zum Zeichen einer immerwährenden Trauer, dass
die Ungläubigen die Kirche des heiligen Grabes zu Jerusalem besassen. Unser
Ordenshaus hatte ein schwarzes Unterkleid und einen weissen Mantel gewählt.
Ritter und Knappe hätten sich ohne Zweifel glücklich geglaubt, wenn man bloss bei
diesem weinerlichen Lustspiele geblieben wäre, ohne weiter an die Kunst, das
Leben zu verlängern, die Kunst, sanft zu sterben und, was natürlich noch
wichtiger war, die Kunst, mit Abgeschiedenen umzugehen, zu denken. Unser Ritter,
ich wette, würde sogar in dem Kämmerlein der Frau Pontius Pilatus diese ihm vom
Obern gegebenen Fingerzeige verträumt und sich im Rittersaale hinreichend
entschädigt haben, wenn die Obern nicht, ihrer Sache, ich weiss nicht, ob gewiss
oder ungewiss? von selbst an diesen
                                    §. 139.
                                        
                                   Unterricht
gedacht und ihn verpflichtet hätten, darum zu bitten. Die hocherleuchteten
Herren legten es recht dazu an, dass er lange leben, sanft sterben und mit
Abgeschiedenen sich einlassen, und sonst noch viel andere dergleichen, wo nicht
hals-, so doch kopfbrechende Künste treiben sollte. Wenn es nicht anders ist! -
Körper werden durch ihre Schwere zur Erde und zum Mittelpunkte derselben
gezogen: sie sind Erde und sollen zur Erde werden; der Flug des Geistes geht
himmelan, sagte der Obere. Und unser Ritter wollte nach diesem Wink, sowie sein
Schildknappe, der Grabesritter- und Knappenschaft ungeachtet, weit lieber in
Eldorado oben, als in Eldorado unten sein. - Nur brockenweise kann der
Unterricht erteilt werden, sagte der Obere; doch ist hier ein Brocken, setzte
er weislich hinzu, mehr wert, als sonst fünf Brode, und wären sie auch von
Weizen, und eine grosse Schüssel Lachsforellen. - Je später der Donner auf den
Blitz folgt, desto weiter ist man von der Gewitterwolke.
    Der Ritter ward, wie er bemerkte, so ökonomisch mit kleinen Tropfen und
Brocken gespeist und getränkt, dass sein emsiger Herr Grossvater mütterlicherseits
(in seiner Art nämlich) als Verschwender angesehen werden konnte.
    Auch hatte dieser Unterricht keine Verbindung, und ich habe keinen Beruf,
die Körbe zu flechten. Das Aergste vom Argen ist, dass ich bei weitem den grössten
Teil verhängt finde. Jede Brockenstunde fing an und ward mit den Worten
beschlossen: Es blühe uns die Rose von Jericho, und neben ihr die bescheidene
Blume je länger je lieber!
    Michael, der gegen diese hohe Weisheit nicht drei, neun und zehn Meierhöfe
eingetauscht hätte, munterte den Ritter zu dieser Korbsammlung auf. Am
glücklichsten wär' er gewesen, wenn er einen davon seinem Gamaliel zuzuwenden
die Erlaubnis gehabt hätte, der in Hinsicht der Geheimnisse schon von Natur
Hähnchen im Korbe zu sein, was soll man sagen? sich dünkte, - oder wünschte? wie
Michael sich ein wenig zu gesucht nach seiner Protagorasweise ausdrückte. Nach
der Versicherung des Obern vom Ordenshause zu schliessen, müsste ein Brocken
Gamalieln gesättigt haben sein Lebenlang.
                                        
                                        
    Weltweisheit ist ein Spitzname, den man der Philosophie beigelegt hat.
Vielleicht taten es die Kirchenväter, um sie vom Christentum zu unterscheiden.
In diesem Sinn ist Philosophie nichts anders, als Lebensartlehre, Tanzkunst der
Seele; und die, welche Philosophie besitzen, sind Hofleute im höchsten Grade.
Die eigentliche Philosophie, die sich mit der allgemeinen inneren Beschaffenheit
der Dinge abgibt, war das Werk weniger Edlen, der Vorzug unserer Vorväter. Von
ihnen schreibt sich die Bemerkung her, dass die Philosophie in der Kunst zu
sterben bestehe. Die Philosophen und Teologen (wenn man diesen letzten
vermessenen Ausdruck brauchen darf) der alten Welt waren eins; und da die
Philosophie alles geistig richtet, so kommt ihren Liebhabern eigentlich der Name
Geistliche zu, der, wenn man ihm den Namen weltlich entgegensetzt, die Sache
noch deutlicher zu machen scheint. Man wendet oft die Gesetze der Naturlehre im
gemeinsten Leben an, ohne sie einzusehen und ihnen nur einen Blick der
Aufmerksamkeit und Erkenntlichkeit zuzuwenden.
    Bei jeder Sache von Wichtigkeit gibt es eine heilige Drei (das wusste man
wohl in Rosental), und die Philosophie hat auch die ihrige: Gott, Welt, Mensch.
Der Inbegriff von Begriffen und Kenntnissen von der kleinen Welt, dem Menschen,
der grossen Welt, dem All und der Gotteit, ist die philosophische Dreieinigkeit,
von der es (wie? das ist die Frage) im Geist und in der Wahrheit heissen kann:
Diese Drei sind Eins.
    Dass Gott der Herr selbst die Logik oder die philosophische Denk- und
Sprachlehre dem ersten Menschen beigebracht habe, ist kein Zweifel, da zu dieser
Frist die grosse und kleine Welt noch Kinder waren, und wenn Gott selbst nicht
die Erziehung übernommen hätte, - was würde wohl, besonders aus der kleinen
Welt, dem Menschen, herausgekommen sein? (Bei so gründlichem Elementarunterricht
und bei einem solchen Lehrer - war es Wunder, dass die Lernenden
Riesenfortschritte machten?) Wer den Menschen in der Art berechnet, dass er vom
Jäger (heisst auch zugleich Fischer) zum Hirten, von diesem zum Ackerbauer, dann
zum kleinen, dann zum grossen Bürger gediehen; dass Städte, wo Bürger sich zu
kleinen Gesellschaften verstanden, die Stifter der Staaten gewesen, wodurch
Ungleichheit des Standes, Kraft, Macht, Gewalt, Gesetzgebung, gesellschaftliche
Tugend, allgemeine Religion entstanden; mag immer kein ganz verwerflicher
politischer Rechenmeister sein; in unserm Orden - was gilt er? Wenig oder
nichts!
    Vom Könige Salomo (einem grossen Ordensmanne) heisst es: er redete von Bäumen,
von der Ceder auf Libanon bis an den Ysop, der aus der Wand wächst; auch redete
er von Vieh, von Vögeln, von Gewürmen und von Fischen. Und diese Leichenrede
gilt von Adam, mit dem vorzüglichen Unterschiede, dass Adam nicht nur in der
Physik, sondern auch in der Metaphysik kunstgerecht war. Er verstand genau, was
die profanen Teologen schaffen und erhalten, wir aber schaffen und verwandeln
heissen, und hatte das Glück, nicht blosser Speculirer zu sein. - Er drang in das
Wesen, ja das Wesen jeder Sache; sah wachsen alles, was zu wachsen fähig war,
obgleich jetzt die grössten Beschauer nur Gras wachsen hören können; wusste, was
jetzt wenige wissen (gibt es eine Sache, die man nicht anzugreifen, zu
bezweifeln und oft, wenn das Unglück gut ist, gar zu widerlegen im Stande ist?):
nicht nur das Ja und das Nein von allem, sondern das Ja und Nichtja, nicht nur
das Nein, sondern auch das Nichtnein. (Etwas ganz anderes als Nein!) Von dieser
verloren gegangenen Kunst, welche den Meister nicht verrät, gibt es noch
schwache Anzeichen in manchen Sprachen. - Der Paradieser Adam hatte es schier
weit gebracht; und wenn gleich auch alle seine gefallenen Nachkommen und unter
ihnen besonders wenige Auserwählte, einige Kenntnisse von ihrem hohen Werte
besassen und Feuersteine zu sein verstanden, um alles in der Welt als Stahl
anzusehen, aus dem Funken sprühen; - wenn sie gleich diese Kenntnisse auf ihre
Zweige verpfropften und auf ihre Nachkommen verpflanzten, so besass Adam doch
diese Kunst im Original in weit grösserem Umfange, und ausser ihr - Kenntnisse der
Geisterwelt.
                                   Rubriken.
    Erklärung des Wortes: Anfang, wenn vom Inbegriff aller körperlichen Dinge
geredet wird. Im Anfang schuf - Was heisst hier schaffen?
    Was bedeuten Salz, Schwefel und Mercurius in der Chemie des Grabesordens?
    Ausbrütung der Welt aus einem Eichaos, wie sie zu verstehen?
    Die Erde ist in Verbindung mit dem Weltall. Wer ihre Schöpfungsgeschichte
ausser diesem Verhältnisse erzählt, ist nicht Mitglied unseres Ordens. - Moses
verbindet Welt und ihr glänzendes Sandkorn, die Erde. - Diese Verbindung kann
nur von Eingeweihten begriffen werden.
    Die Erde besteht nicht aus Tropfen aller andern Himmelskörper, nicht aus
Lichtschnuppen der Sonnen, - sie ist solch ein Kernplanet, wie die übrigen.
    Die Naturlehrer geben Teorien; der Orden erhebt sich bis zur
Experimentalphysik im Unterricht: wie die Welt und ihr nicht übelgeratenes
Kind, die Erde, entstanden sei?
    Geheimer Aufschluss des Umstandes, dass alle Planeten unsers Sonnensystems von
Abend nach Morgen sich bewegen. - Auch der Orden kommt vom Abend und geht nach
Morgen, gerade so wie die Planeten unseres Sonnensystems.
    Tun die Menschen wohl durch Kultur das physische Klima mancher Erdgegenden
zu ändern und ihr eine andere Beschaffenheit beizulegen? Nachtlicht über die
Veränderungen, welche die Erde ausser der Mosaischen Ueberschwemmung erlitten,
durch Feuer - Wasser - Veränderung der Achse und sonst -
    Adam, urerster Mensch - Nach ihm gab es viele erste Menschen. Ein Manuscript
von Sagen von Adam, Noa u.s.w. äusserst rar!
    Die Schlange ist Adams Einbildungskraft, die er seinen höheren Seelenkräften
vorzog. - Noch jetzt ist sie schlangenartig - Von der
Einbildungsklapperschlange.
    Er wollte sich nicht mit den Arten begnügen, die Gott geschaffen hatte,
sondern ihm gleich werden, indem er es zu unnatürlichen Unarten anlegte. - Ein
wichtiges Kapitel; Naturverfälschungen überall. - Das waren Kennzeichen von dem
Falle des Menschengeschlechts.
    Es bleibt die Frage, ob er nicht selbst mit einer Orangoutang einen
sträflichen Versuch machte.
    Er chikanirte die Engel und tat (Gott sei es geklagt!) als wäre er ihr Herr
! Warum das? Weil er ausser ihrem Wesen einen Körper trug. Freilich ein
Meisterstück; doch darum sich höher als Engel zu dünken, - ist es nicht zu arg?
- Das hätte der erste Grossmeister des Grabesordens nicht sollen!
    Hauptschlüsselkapitel. Adam verlor eigentlich nicht den Schlüssel der Natur,
er verdarb ihn. - Die Natur, die er unter diesem Schlüssel hatte, ward so gut
frei wie er selbst - (Windlicht über mehr Siebensachen.) Von diesem Schlüssel,
den Adam verlor, stammt der Ausdruck: die Schlüssel des Himmelreichs in gerader
Linie ab und Salomons Clavicula ist Bastard.
    Sein Fall ist das nicht, was man dafür hält. Wäre Adam nicht so gut vor als
nach dem Falle gestorben (in der höhern Ordenssprache verwandelt worden)? Gewiss
weit unvermerkter und so allmählig, wie man in der Musik vom piano ins
pianissimo sinkt.
    Eva hätte die Kinder so ausgeschüttet wie Blumen den reisen Samen.
                                        
    Erklärung der Stelle, dass Eva bei der Geburt Kains glaubte, sie habe den
Mann, den Herrn. - Ein feiner Herr!
                                        
    Adamitische Weisheit wird fortgepflanzt.
    Namentliche Anzeige der Grossmeister dieser Weisen. Set, Adams und Eva's
Sohn, war Nachfolger. Von ihm heisst es: er war ein Edelmann, ein Sohn, der Adams
Bilde ähnlich war. - Grosser Vorzug! - Ihm folgte Enos, ihm Kenan, ihm
Mahalaleel, ihm Jared, ihm Henoch, der im Grabesorden ausserordentliche
Kenntnisse besass. Moses deutet sie durch zwei Züge an. Henoch, heisst es bei ihm,
führte ein göttliches Leben und Gott nahm ihn hinweg und ward nicht mehr gesehen
- er schlief zur andern Welt hinüber. - Gott gab es ihm im Schlaf. - Er
verwandelte sich so schnell wie man auf Opernteatern die Dekorationen und das
ganze Teater verwandelt. - Auch bei Grabesrittern neuerer Zeit findet, wenn sie
sterben, der Ausdruck Anwendung: Gott nahm sie hinweg.
    Dem Henoch folgte Metusalah, ihm Lamech, ihm Noa - einer der denkwürdigsten
Männer im Orden, nicht weil er sich betrank, sondern wegen seiner Geburt, die so
einleuchtend ritterlich war, dass sein Vater prophezeite:
    »Er wird uns trösten in unserer Mühe und Arbeit auf Erden, die der Herr
verflucht hat.«
    Das Symbolum unseres Ordens, ein Wahlspruch aller Hospitalier, die da waren
und noch sind und sein werden. Die Physik der Erde hat auf die Moralität der
Menschen Einfluss! - Auch die Erde hat Leib und Seele, ein ganz anderes Ding als
die Weltseele, die sich vom Weltgeist unterscheidet. - Wichtige Lehren.
    Der Sündflut eigentliche Deutung. - In der Ordenssprache heisst sie
Gnadenflut. - Die Erde ist durchs Wasser gebildet und ausgewaschen.
    Was es heisst: die Kinder Gottes sahen nach den Töchtern der Menschen, wie
sie schön waren, und nahmen zu Weibern, welche sie wollten. - Etwa: sie
mesalliirten sich? - -
    Warum Noa den Raben vor der Taube aussendete?
    Das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.
    Der Regenbogen. (Hauptkapitel.)
    Auf Sem ruhte von dem Dreiblatte der Söhne Noa's der Ordenssegen.
    Nach Sem folgte Arphachsad, auf ihn Salah, auf ihn Eber, auf ihn Peleg, zu
dessen Zeiten der Orden sich schon Besitzungen zueignete, welche zu deduciren
wegen der mangelnden Archivnachrichten schwer sein würde. Nach Peleg folgte
Regu, nach ihm Serug, nach ihm Nahor, nach ihm Tara, nach ihm
    Abraham, dann Isaak und dann Jakob.
    Jetzt treten die Namen ein, die vom Evangelisten Mattäus als Vorväter des
Zimmermanns Joseph bemerkt sind. - Ein Fingerzeig, der alle Zweifel wider diese
genealogischen Nachrichten hebt, die eigentlich zu unserem Orden gehören - Was
gehen sie profane Spötter an? - -
    Die eigentliche biblische Exegetik wird aus dem Orden geschöpft.
    Die Grossmeister des Ordens oder ihre Legaten standen bei den Volksregierern
in grossem Ansehen, wenn erstere nicht für gut fanden, das Volk höchstselbst zu
regieren. Gab es einen Regenten - was war er? Ein kleines Licht, das die Nacht
regiert. Und der Grossmeister? Die Sonne.
    Geheim war der Orden von Anbeginn: vom paradiesischen Adam bis auf den Adam,
Ritter vom Tage.
    Christus, der unübertrefflichste Grabesmeister.
    Erklärung der geheimen Orte, wo die ersten Christen ihre Geheimnisse
feierten. - Höhlen, worin sie zugleich die Todten begruben. - Die Gräber der
Märtyrer waren ihre Hauptkapellen.
    Aufschlüsse in der Kirchengeschichte, wovon der profanen Welt - auch nicht
träumt.
    Vor der Existenz des jüdischen Volkes, und nach dem Risse des Vorhanges im
Allerheiligsten des Tempels gab es die grössten Meister; doch ist der Stifter des
neujüdischen Volks, Moses nicht zu verachten. - Er war bekanntlich ein grosser
Ritter. Versah er es nicht vielleicht, weil er eine Religion, die in der ganzen
Welt esoterisch und in Mysterien eingehüllt war, dem Volke preisgab, das, wohl
zu merken, höchst unreif war? Die Idee: Jehovah ist König in Israel, war schön
und erhaben. - Da dieser König sich einen Palast in Judäa bauen liess, Minister
und Hofleute in Dienst nahm, war es Wunder, dass Israel auf einen sichtbaren
König bestand?
    Andere Staaten waren bloss anfänglich priesterliche Staaten; der jüdische
blieb es noch, als er seinen König hatte. - Der Geist Gottes kam über Saul -
heisst: Saul war ein heimlicher I- - - Moses teilte ihnen von seinem Geiste
etwas mit, heisst: er gab ihnen den ersten Buchstaben seines Plans.
    Aechte und falsche Propheten.
    Geheimnis des Urim und Tummim. - Der Orden von Licht und Recht ist der
Grabesorden mit andern Worten.
    Es gibt gleicharmige, es gibt Schnellwagen; bei diesen kann man mit einerlei
Gegengewicht das Gewicht vieler und verschiedener Körper angeben: man rückt das
Gegengewicht bald näher, bald weiter vom Ruhepunkt. - So auch mit dem
Ordensunterrichte.
                                        
    Etwas Eingebung oder göttlicher Einfluss, etwas Paradiesisches ist bei aller
Philosophie - Tiefblicke -! Anschauer dieser göttlichen Aus- und Einflüsse!
    Speculation ist Zeitvertreib: Seelenstrickzeug, wodurch weder Strumpf noch
Handschuh, noch Geldbeutel (der Seele nämlich) zu Stande gebracht wird. Durch
Beobachtungen des menschlichen Gefühls und der Erfahrungen muss sich der
Speculant leuchten lassen, sonst verirrt er sich - selbst in seinem eigenen
Hause. Subtilitätensucht ist Krankheit. - Was ist magnetische Kraft?
Elektricität? Sympatie? Antipatie der Dinge? Was von allem gilt, gilt auch
notwendig von dem, was darunter begriffen ist. Was gilt aber von allem? und was
ist darunter begriffen? Ist nicht das strengste Recht Unrecht, und was Euch
Widerspruch dünkt - ist es immer einer? Sieht ein leuchtender Punkt, wenn er
sich schnell um eine Achse bewegt, nicht wie ein Cirkel aus? und ist er darum
mehr als ein Punkt? Ist nicht Licht und Schatten oft so in einander, dass man
nicht weiss, was Schatten und was Licht ist?
    Zustand der innern und äussern Rube, der Weltabgeschiedenheit und der
Sicherheit ist zum Ordensleben notwendig.
    Wissbegierde und Wissgeiz, Wissneid - Trieb der geistigen und leiblichen
Fortpflanzung. Begierde nach Vollkommenheit - nach Vollständigkeit. (Ein grosser
Unterschied!)
    Gang von der Sinnlichkeit zur Abstraktion. Zum Wunderbaren hat der Mensch
natürlichen Hang, Ueberbleibsel des göttlichen Ebenbildes. Phantasie leitet Sinn
und Verstand. In Bildern zu denken und zu sprechen ist dem Menschen eigen. -
Diese Welt ist die Bilderwelt. Das Wort Abstrahiren selbst ist ein Bildwort. In
der Kindheit steht man alles in die Breite, als Jüngling in die Länge, als Mann
- -
    Zoroaster -
    Hermes -
    Pytagoras -
    Die Pytagoräer waren grosse Zahlenlehrer. Wenn man, wegen der Affektionen
und Verhältnisse der Zahlen zu Dingen, die Dinge selbst für Zahlen nehmen will,
gibt der Orden sichere Fingerzeige. - Der Herr kennt die Seinen.
    Drei Vorhänge!
    Farbensprache -
    Die Federn und Pelze der Tiere entalten Buchstaben, die man lesen kann wie
gedruckte Schrift. - Auch auf Blumen, Kräutern und Gewächsen ist göttliche
Handschrift. - In diesem Sinne hat Gott selbst geschrieben und ist wirklich
Schriftsteller. Es gab einen im Orden bekannten Gärtner, der von seinen Tulpen,
Nelken u.s.w., die, nachdem sie ihm viel oder wenig zu sagen hatten, sich viel
oder wenig veränderten, Dinge las.
    Ein Vorhang!
    Geheime Aufschlüsse über Physiognomie.
    Die Farben sagen Du, Ihr, Sie (um deutsch zu reden) zum Auge und zum Herzen.
    Warum sich alle Völker ihren Gott als Mann gedacht haben, und ihre Opfer in
der Regel männlichen Geschlechts waren?
    Aus Feuchtigkeit entsteht alles, die Welt, der Mensch. Gemeinhin fängt die
Naturwirkung mit Feuchtigkeit an und hört mit Feuer auf; - mit Auflösung an, mit
Verhärtung auf. Der Geist schwebte auf den Wassern, soll, wie man sagt, heissen:
ein starker Wind trocknete die Erde, sonderte Wasser und Erde ab. Im Winde liegt
ein grosses Geheimnis - du hörst sein Sausen wohl, weisst aber nicht, von wannen
er kommt, noch wohin er fährt. Glaubt man nicht, wenn man von irdischen Dingen
redet, wie will man glauben, wenn von himmlischen gehandelt wird? Wer Ohren hat
zu hören, der höre! - Das Buch der Weisheit wird zu den apokryphischen Büchern
gezählt. - Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.
Alles Flüchtige, unsichtbar Wirkende hiess bei den Alten Geist. - Teilbar ist
nicht das, was der Gedanke trennt, sondern was wirklich durch Elemente aufgelöst
werden kann. So wie ein Licht ein anderes anzündet, ohne dadurch aufzuhören ein
Licht zu sein, so teilt der Naturgeist sich mit. - Der Magnet teilt dem Eisen
seine Kraft mit, und was die Sonne bescheint, glänzt wie die Sonne, wie z.B.
Moses Antlitz, als er vom Berge kam.
    Warm, kalt, feucht, trocken sind die vier profanen Elemente, aus denen jedes
Dinges Temperament besteht: Feuer, Luft, Wasser, Erde. (Die Chinesen rechnen
Holz zu den Elementen.) Es sollten sieben sein, und es sind auch sieben.
    Wir wollen in die Zukunft sehen. - Man blicke zuvor zurück, und dann
vorwärts!
    Ist unser Ich durchaus isolirt? In der Regel verbirgt die Natur uns den
ersten unvollkommenen Zustand unserer Existenz und macht uns unfähig, uns der
ersten Lebenserfahrungen zu erinnern; doch gibt es Ausnahmen. - Es gibt Menschen
im Orden, die ihr voriges Ich, ihre Vorexistenz, auf ein Haar kennen; - sie
haben nicht aus Lete getrunken.
    Prophetische Gaben wirken vorwärts und rückwärts.
    Tiefe Lehren von Vertauschung der Seelen; auch werden sie zuweilen
vergriffen. Im ganzen Jahrhundert kommt kaum Eine hervor, die es wert ist,
Seele zu sein.
    Für und wider das Leben, für und wider den Tod.
    Alles verhängt.
    Ich will mit Randglossen, mit einem Anhange von Lebensregeln, schliessen.
    Was jener Reisende an verschiedenen Orten fand, trifft man oft in einer
Stadt an. - So viele Metusalems, so viele Arten, sein Leben auf siebenzig
Jahre, und, wenn es hoch kommt, auf achtzig zu bringen. Der schreibt es dem
Wasser, der dem Wein, der dem warmen, der dem kalten Klima, der starken, der
schwachen Nerven, der dem heftigen, der dem sanften Charakter, dieser der Ruhe,
jener der Unruhe zu; und am Ende liegt es in der Naturanlage des Menschen, die
durch Mässigkeit an Leib und Seele befördert wird. Überfluss entkräftet,
Weichlichkeit macht stumpf, und nicht jede Brille ist den Augen angemessen. -
Heraldicus senior wusste befleckte und zerrissene Kleider auszubessern, zu
reinigen und umzukehren; unsere Aerzte mit dem Seelenkleide nicht also. -
Systeme und Monarchien sind einander so ähnlich, wie Monarchen und Systematiker.
Einfachheit und Kunst, das Reine vom Unreinen, den Segen vom Fluch, das Licht
von Finsternis zu scheiden, ist der Gipfel der Arzneikunst. Nicht in den ersten
Dauungswegen, in das Wesen des Menschen, in seinen Geist muss der Arzt wirken,
und widrige Dinge durch einen Mittler verbinden, wie Leib und Geist durch die
Seele. Mein Hausmittel zum langen Leben ist: Fange wenig an und tue viel;
geniesse heute so, dass du morgen zum Genusse nicht unfähig wirst; geniesse geistig
oder durch die Einbildungskraft, da schadet zu viel so leicht nicht. Lerne
Widersprüche auch von denen ertragen, die erst deiner Meinung waren und aus
Nebenabsichten zurücktraten. Gehe langsam, allein sicher, - Geduld ist nicht
Abspannung; sie kann die höchste Anstrengung werden. Je weniger Bedürfnisse,
desto mehr Genuss; ein Diamant von vorzüglicher Grösse gilt mehr, als viele
Scheffel Scheidemünze. Durch Entaltsamkeit vermehrt sich der Appetit, durch
Kasteien die Fleischeslust. - Bei wenigen Bedürfnissen kann man grösser sein als
ein Fürst. - Nicht von Stern und Band, Urteil und Recht, Stock und Degen, vom
innern Wesen der Dinge und von der darauf gegründeten Meinung des Weisen hängt
die Ehre ab. Verliert man sie nicht gemeinhin, wenn man sie in den Gerichtshöfen
durch drei Instanzen gewann? Gemeinhin sucht die Justiz Nester, wenn die Vögel
ausgeflogen sind. Sie nimmt dir oft das Deine, um von dem, was des andern ist,
dir ein Dritteil zuzuwenden. - Der Finanzier will Leibes-, der speculirende
Philosoph Seelenluxus. - Menschliche Allwissenheit ist unerträglicher und
schädlicher, als Unwissenheit. - Mit Praxis und Erfahrung anzufangen, ist der
kürzeste und sicherste Weg. Hasse keinen, liebe die Menschen, sei wie ein
Bischof Eines Weibes Mann; keines oder vieler Mann sein, ist schädlich an Leib
und Seele. Erschrick nicht über jeden Knall, ärgere dich nicht über jedes
Sandkorn, das unter deinen Sohlen knistert. Tue recht, scheue niemand, gehe mit
deinen Feinden so um, als ob sie deine Frennde werden können. Wer nicht
zweifelt, weiss auch nicht; alles Gute ist der Rose gleich, die mit Dornen
umgeben ist. Man kann unmöglich entscheiden, wenn keine Sachuntersuchung
vorausging. - Unmässiger Tadel ist erträglicher, als unmässiges Lob. - Faulheit
ist das grösste Laster. - Der Druck ist der beste, der dem Geschriebenen am
nächsten kommt, und das Instrument das schönste, das der menschlichen Stimme am
ähnlichsten ist. Ein junger König und ein alter Minister sind gemeinhin dem
Staate nützlicher, als ein junger Minister und ein alter König. Gehe nicht auf
fremden Füssen, denke nicht mit bezahlten Köpfen, verdiene dein Brod nicht mit
deines Nächsten Händen, höre und sieh mit eigenen Ohren und Augen, so wird es
dir wohlgehen und du lange leben auf Erden. Nur der ist frei, der die Freiheit
des andern ehrt. Leidenschaften stecken an; sie sind Tyrannen, die alles
stürzen, was ihnen im Wege ist. Vergrössere dich nicht auf Kosten anderer. Der
Neid geniesst so wenig, wonach er strebt, als der Geiz; er schadet, wenn er
gleich sich selbst nicht nützen kann. Weiche vor ihm, wie vor einer Kohle, die,
wenn sie nicht brennt, schwärzt. - Freunde sind Zeitdiebe; Feinde lehren uns die
Zeit auskausen und uns in sie schicken. Freunde stärken uns im Guten, Feinde
machen, dass wir Fehler meiden. Frühe Reue ist Herzens-, späte Reue ist
Verstandesrene; wenn beide zusammen sind, wird es göttliche Traurigkeit, die
niemand gereut. Furcht macht den Gegner dreist; Mut ist ein Schwert, das nicht
schlägt, doch das Schwert des Toren und des Frevlers in der Scheide hält. Zu
viel Kraft wirkt Ohnmacht. Messer, die man braucht, sind blank, die im Schranke
stehen, greift der Rost an. Es gibt Dinge, wo um Verzeihung zu bitten
unverzeihlich ist. Eigensinn und Festigkeit ist zweierlei. Nicht verfeinerte
List, Tugend ist die Quelle menschlicher Glückseligkeit. Es blühe uns diese Rose
von Jericho, und neben ihr die bescheidene Blume je länger je lieber! - Gott ist
ein Wesen, das aus Weisheit Torheit schafft. Wo sind die Vernunftgründe, die
uns zu bestimmen im Stande sind die Tugend vorzuziehen, wenn es keine Aussicht
jenseits des Grabes gibt? Alles lebt in der Natur. - Ist der Tod nicht Leben, so
führt er dazu.
    Mit diesen Worten endet sich der Unterricht; und wer von meiner Leserwelt in
diesem Unterrichte vergebens den Unterricht sucht, und in diesem Garten nach dem
Garten fragt, den frage ich, ob er die Geschichte von Lysias wisse? Lysias hatte
eine Rechtsrede für einen Freund aufgesetzt. Zum erstenmal schien sie dem
Freunde vortrefflich, zum zweitenmal mittelmässig, zum drittenmal fand er sie
matt und des Ausstreichens wert. Lysias lächelte. Werden denn die Richter sie
mehr als einmal hören? sagte er zu dem Freunde.
    Da der Orden des heiligen Grabes nicht nur Chorherren, sondern auch
Chorfrauen hatte, und unserm Ritter nicht entgangen war, dass diese Chorfrauen
Klöster in Spanien, Deutschland und andern Gegenden gehabt; so gab er sich nicht
wenig Mühe, diesen regulirten Chorfrauen des Ordens nachzuspüren. Die Endabsicht
war Sophie. Je mehr sich Sophie versteckte, desto grösser war seine Sehnsucht; je
entfernter sie schien, desto näher suchte er sie sich zu bringen. Es war kein
gemeiner Gedanke, sein Ideal von Sophien malen, und ihm ein Chorkleid der
regulirten Chorfrauen vom Orden des heiligen Grabes anlegen zu lassen. Da
Michael ihn ersuchte, ihm eine ähnliche Malerei in Rücksicht der Begleiterin zu
verstatten, so bewilligte er die Kosten, und Michael hatte das Glück, die
Begleiterin als Pförtnerin im angemessenen Ordenskleide zu sehen und sich manche
herrliche Stunde mit diesem Bilde, trotz seinem Herrn, zu machen. Zwar behaupten
einige der ritterlichen Collegen unseres Helden, es gebe wirklich im Orden noch
Chorfrauen; indes war dieses Ordenshaus ihnen nicht auf der Spur.
    Ob übrigens dies oder andere Umstände den Ritter und seinen Knappen bewogen,
unbeschadet der tiefsten Verehrung, die sie für den Grabesorden und seinen
geheimen, wiewohl nur teoretischen Unterricht hatten, ihren Stab weiter zu
setzen, kann ich nicht bestimmen. Unser Held wollte in Ordenssachen von A bis Z
kommen; ist es ihm zu verargen, dass er zum Orden Sinai, Karmel, Tabor, und
sodann des Tales Josaphat, zu schreiten sich entschloss? Vielleicht dass ein
glückliches Ungefähr, dacht' er, mich zur Praxis und zu jener höhern Region
führt, die ich durch meine Vorbehalte verscherzte. - Doch ehe wir diese Berge
und Täler ab- und aufsteigen, will es die Lebensart, wenn es auch die Neugierde
nicht wollte, dass wir uns nach den Chordamen dieser Geschichte umsehen, die uns
zwar aus den Augen, nicht aber aus dem Sinne gekommen sind. Treffen wir auf
diesen Wegen in Rosental ein, warum sollten wir nicht von Pastor Gamaliel und
dem Heraldicus junior auf Extrapost vernehmen, wie sie sich bei ihrem Hange zur
Freiheit und zu Geheimnissen befinden? Was die
                                    §. 140.
                                        
                                    Ritterin
betrifft, so konnte dies edle Weib nicht ermüden, ihrem Sohne so viel Geld zu
übersenden, als er verlangte. Sie war nicht von der Art des Emsigen, der das
Geld zu etwas erhoben, gegen das man Pflicht habe und haben könne. - Fest
überzeugt, dass ihr Sohn die von ihr verlangten, unglaublich grossen Summen zu
nichts als ritterlichen Uebungen anlege, war sie sogar fröhlich über jede
Gelegenheit, die sie hatte, ihm Remessen machen zu können. Die Freude wirkt so
stark auf das menschliche Herz, dass sie oft die Qulle aller Tugenden ist. - Um
diese Freude vollkommen zu machen, fügte sie jedem Wechsel den stillen, heissen
Wunsch bei, dass ihr Sohn auf diesen Ritterwegen Sophien fände, in aller
Gottseligkeit und Ehrbarkeit! Sie hatte seit der Zeit freilich nicht so viele
Freier wie Penelope; doch begegnete sie ihnen auch anders als Madam Ulysses.
Unter ihren fünf Anwerbern war auch der dritte Kastenassessor, der nach dem
sausten und seligen Ableben seiner Frau Gemahlin mit den Holländerzähnen die
fünfzigtausend Taler ohne Zinsen auf einem andern und sicherern Wege zu suchen
sich Mühe gab. Er hatte seine Feder zu einer galantern Schreibart gemodelt, als
es jene war, die er sich in der harten Rede herausnahm, welche er dem Herrn
Senior unterschob. Die Ritterin konnte sich des schalkhaften Gedankens nicht
entalten, wie doch König David und sein Herr Sohn Salomo die wohlselige Frau
Schwester in der ewigen Freude und Herrlichkeit empfangen würden, da sie ihnen
diesseits die Ehre der Ritterwürde so geradezu abschlug. Es ist natürlich zu
erklären, dass unsere Wittwe dem dritten Kastenherrn kein geneigtes Gehör
verstattete. Alter Hass rostet so wenig wie alte Liebe. - Wie, wenn es aber der
jüngste Kastenassessor wäre? - Und der? - würde ohne Zweifel keine, oder wenige
Steine des Anstosses finden, weil er Sophien zur Firmelungszeit, und als sie
dreimal mit wohlriechendem Wasser aus einer Patene besprengt ward, mit Trost
beisprang; weil, wenn gleich ihr Vatername nebst dem e und dem Punkt auf dem i
an ihrem einfachen Vornamen mit Tinte ersäuft war, er sie doch gegen sein
hässliches, sechzehn Ahnen und vier Vornamen reiches, und sich ohne Fleck im
Grünen befindendes Weib, ohne einen Dreier Zugabe, zu vertauschen entschlossen
war! Wer ist dieser Meinung? Leser oder Leserin? Ich wette, der männliche Teil
meiner Leserwelt. Siehe da! auch die Gemahlin des jüngsten Kastenassessors hatte
sich durch den Tod verschönert, und die hässliche Baronin war, wie wir nach der
Liebe hoffen, in einen schönen Engel verwandelt. Auch hatte der jüngste
Assessor, um der Präclusion rechtskräftig auszuweichen, keine Zeit versäumt,
sich zu melden. Er ermangelte nicht, zu behaupten, dass die Beibehaltung des
Namens und die Aehnlichkeit, die er mit seinem in Gott ruhenden Herrn Vetter
hätte, die zweite Ehe höchstens nur als die zweite Auflage eines Buches
darstellen würde. Wenn die Sonne, fügte der Anwerber hinzu, gegen den Regen
scheint, entsteht ein Regenbogen, ein Zeichen der Gnade. Und die Antwort der
Wittwe? - war und blieb nein. Viel von einer Wittwe, die nicht nur reizend,
sondern bezaubernd war, und der es gewiss nicht gleichgültig sein konnte, zu
wissen, dass sie geliebt ward! Liebe ist der Weg zur Gegenliebe, besonders, wenn
diese jener wert ist. - Als Mädchen war Sophie schön, jetzt war sie erhaben. -
Vielleicht müsste, mit Erlaubnis der Herrn Maler und Bildhauer, selbst Göttin
Venus nie in zu grosser Jugend und in sehnsuchtsvollem Zustande (welcher den
Teint, es sei durch Röte oder Bleiche, verdirbt), dargestellt werden; - wie
Sophie, glaubt mir! wie Sophie. - Wahrlich, es war eine Würde in ihrer Figur,
die sie überall zur Alleinherrscherin macht, und doch nie anders, als durch
zuvorkommende Güte. Selbst unter ihren Untertanen herrschte sie nur so; was sie
befahl, hatte die Form einer Bitte. Man sagt, feine Kunst verstände bei mehreren
Jahren die Grazien verführerischer zu ersetzen, womit die Natur die Jugend, ohne
die Kunst zu bemühen, ausstattet. Die Ritterin war noch immer ein wohlgezogenes
Kind der Natur; auch in ihrem spätesten Alter wird sie keine andere Göttin haben
neben ihr. Zwar schienen, wiewohl in anderer Rücksicht, Ritterin und Natur
zuweilen uneins zu sein; doch behielt die Natur den Sieg. Nach dem Ableben des
ahnenreichen Gemahls war nur selten Streit zwischen Kunst und Natur, zwischen
Weib und Baronin. Ein gewisses Ebenmass, das nichts weniger als peinlich war,
legte dem edeln Weib eine Majestät bei; das Ungesuchte in ihrem Anzug liess
dagegen eine gewisse leichte Ordnung - (Unordnung wäre ein zu starker Ausdruck)
- spüren, die entzückte. - Ihr Anzug bekeidete sie nicht, er umfloss sie. - So
umschweben Gewänder die Göttinnen, wenn sie gemalt werden - Kann man Göttinnen
anders als im Deshabillé sehen? Um nicht in den Verdacht zu fallen, ich sei (wie
dies oft der Fall mit Schriftstellern sein soll) in sie verliebt - will ich
abbrechen. Ihre abschlägigen Antworten wurden mit mehr Grazie gegeben, als bei
tausend andern das Jawort. Ueberhaupt verstand sie nein zu sagen auf eine Weise,
die unnachahmlich ist. Ich bin nicht Wittwe, sagte sie. Das Andenken meines
Gemahls lebt in mir. - Wenn man die Hauptflüsse in Erwägung nimmt, die den
wohlseligen Ritter zeitig befielen, ist fast nicht mit Gewissheit vorauszusetzen,
dass sie durch seine persönliche Abwesenheit nicht viel verlieren konnte?
    Wahrlich, die Heldin unseres Helden, Fräulein Sophie von Unbekannt, kann die
Gesellschaft Sophiens ohne e und den Punkt auf dem i nicht lange mehr missen,
wenn sie nicht zu sehr in dieser Geschichte verlieren will. - Niemand ist
weniger schuld daran als ich. - Zwar weiss ich, dass aufbrausender Entusiasmus in
der Liebe das Herz nicht selten zu Erwartungen verleitet, die äusserst schwer zu
erfüllen sind; doch muss alles, Warten und Erfüllen, Hoffnung und Genuss, seine
Zeit haben. Ober ist vielleicht
                                    §. 141.
                                        
                             Fräulein von Unbekannt
ein Wesen höherer Art? eine Halb- oder Huldgöttin? Wird diese Liebe geistig
bleiben? sich in Dunst wesenloser Dinge auflösen, und nie zu Tat und Wahrheit
gelangen? sich bloss in die Kräfte der Seele, nicht aber in die des Körpers
ergiessen? Der Besuch Sophiens von Unbekannt in Rosental war in der Tat nicht
bloss geistig. Sie sollte unsern Helden sehen und sich sehen lassen. Und warum
Zurückhaltung? Die Erscheinung in Rosental war angelegt. - Die Nachbarschaft
wusste in der Tat nichts mehr, nichts weniger, als was sie beichtete; und
unserer Erschienenen ward die Rolle einer Ritterin vom Orden der
Verschwiegenheit um so leichter, da auch sie die geheime Absicht derselben nicht
kannte. - Der junge Cavalier, mit dem sie drei Viertelstunden sich unterhielt,
war ihr weitläufiger Vetter. Er ward in diese Scene so wie Sophie verflochten,
ohne den Zusammenhang zu wissen. Ist die gute Nachbarin durch geheime Einflüsse
krank gewesen, so nahm Fräulein von Unbekannt an diesem Geheimnisse keinen
Teil; und ihr Auflegen der Hände war eine gewöhnliche Art, durch dergleichen
Händedruck den Kopfschmerz zu betäuben. - Diese Krankheit der Nachbarin konnte
unserer Unbekannt nicht glücklicher und nicht unglücklicher kommen. Unschuldige,
unbefangene Herzen sind schnell überwunden, sie widerstehen entweder gar nicht,
ober so unbeholfen, dass, wenn nicht der geliebte Gegenstand (im Fall er nämlich
in ebenderselben Lage ist), so doch alle Umstehenden gleich wissen, woran man
mit ihnen ist. Fliehen ist in diesen Herzensnöten das beste. Gewiss wäre unser
Paar nicht beim A B C der Liebe geblieben, wenn die Nachbarin nicht so plötzlich
hätte aufbrechen müssen. - Dass Sophie von Unbekannt nicht von sich abhing, darf
ich das bemerken? Sie hatte die Hauptrolle dieses Schauspiels, und spielte sie
schön, ohne dass sie woher? und wohin? wusste. Ob der glückliche Erfolg dem im
Verborgenen wirkenden Schöpfer dieses Werkes Freude gemacht? Allerdings; - doch
leider nur auf eine kurze Zeit. Eben da er es vollenden wollte, begann der
Ritter auf Ordenswegen seinen Kreuzzug nach Sophien. Ein Umstand, der den
Schöpfer aus seinem ganzen Concept brachte. - Ob ihn sein Schauspiel gereute? Er
hielt es für einen misslungenen Kreuzzug; doch war er ein Welt- und
Menschenkenner, der so leicht nichts aufgab, was er angelegt hatte. Wer wird
Umständen seinen Plan aufopfern? Der Schöpfer glaubte den besten Teil zu
ergreifen, wenn er Sophien abwechselnd in der Einsamkeit ihr Ideal verherrlichen
liess, um in der grossen Welt, wohin er sie zuweilen brachte, sich desto mehr zu
überzeugen, wie unerreichbar ihr Ideal sei. Auch gut, dachte er, dass der junge
Mann kreuzzieht. Sein Hang zur Schwärmerei wird sich legen, wenn er der Sache
näher tritt. Legt sich nicht durch nähere Bekanntschaft des angebeteten
Gegenstandes alles? So und nicht anders bemühte sich unser weiser Schöpfer,
Unglück zum Glück umzuformen. Wer wollte auch unterliegen und nicht das nagende
Gift unangenehmer Vorfälle lieber schnell loszuwerden suchen, als es mit sich
herumtragen? - Sehnsucht und Abwesenheit brachten bei Sophien von Unbekannt das
Ideal zu einer Grösse und Würde, dass es keinem in der Welt einfallen konnte, ihr
hochgespanntes Verlangen könne von irgend einem Sterblichen, als ihrem
Vielgeliebten, befriedigt werden. Auf diese Weise ist unser Ritter seinem Ziele
näher, als wir glauben? So scheint es; doch schläft der Verräter? Unser
Dreiviertelstundencavalier, der in dem angezettelten Schauspiel auf keine Weise
den Liebhaber spielen sollte, nahm sich die Freiheit, sich sterblich in Sophien
von Unbekannt zu verlieben. In eine Verlobte? In diesem Lichte war freilich
Sophie dem Schauspieler gezeigt; und eben dieses Licht machte, dass er seine
Leidenschaft zu unterdrücken und sie in der tiefsten Dunkelheit zu lassen sich
entschloss. Wie weit er es in dieser Stärke der Seele gebracht hatte, weiss ich
nicht; doch weiss ich, dass die Don-Quichotterien des Ritters, den er (so weit war
es gekommen) als seinen Nebenbuhler ansah, ihn von Tage zu Tage mehr
aufmunterten. Wenn mehr als eine Leidenschaft in der Seele wütet, verstärken
sie sich unter einander. Furcht, Hoffnung, Neid und zügellose Liebe wechselten
in unserm Cavalier und machten ihn so leidenschaftlich, dass auch die Liebe zu
Sophien auf den höchsten Grad gestiegen war. - Er benutzte nicht nur die
weitläuftige Verwandtschaft, wenn Sophie sich auf dem Lande befand, sondern auch
ihren Aufentalt in der Stadt, um sie zu gewinnen. - Alles schlug fehl. - So
heftig er liebte, so sehr wusst' er sich zu verstellen. Er war Meister in dieser
Kunst, und an Gelegenheit fehlt' es ihm nicht, sich durch Uebung weiter zu
bringen. Der Liebesteufel, von dem der Eheteufel ein Verwandter ist, geht nicht
umher, wie ein brüllender Löwe, und suchet, welchen er verschlinge, sondern
nimmt Gestalten an nach Herzenslust. Sophie von Unbekannt war viel zu edel, um
Ausdrücke und Gefühle gegen einander abzuwägen, und unser Cavalier war viel zu
listig und zu gekünstelt, um aufgedeckt zu spielen. Der Duldsamste schlägt in
Flammen auf, wenn er überrascht wird, und es gibt kleine, unbemerkliche Fälle,
wo man auch dem treuesten Herzen heimliches Gift beibringen und ihm den Freund
seines Herzens allmählig verdächtig machen kann. So unser Cavalier. Um ein Ideal
zu stürzen (das wusste unser Verräter wohl), muss man nicht Sturm laufen. - Er
verstand, jedem Zeitpunkte und jedem Umstande, wenn beides noch so gesucht war,
ein ungesuchtes Ansehen beizulegen, um unsern A B C zu stürzen. - Ungefähre
machen alles bei Hass und Liebe. - Auch tun hier Anspielungen, Einkleidungen und
überhaupt feine Geburten der Erfindungskraft unendlich mehr als Worte. Je leiser
und unschuldiger die Äusserung ist, desto mehr wird gewonnen! Spielt nicht der
Neid oft so allerliebst, dass dies Laster für baare Tugend gilt, so wie die
Tugend oft am meisten verkannt wird, wenn sie sich zur höchsten Stufe der
Reinheit erhebt -? - Lächerlichkeit und Verschwendung waren ausser der
Vernachlässigung die Hauptkarten, die unser Cavalier ausspielte. Ein paar grosse
Trümpfe! Sophie von Unbekannt war selbst eine Schwärmerin, und man sagt, alle
Schwärmer und Schwärmerinnen verständen einander. Mit wie viel Kunst musst' es
also der Cavalier anlegen, unsern A B C lächerrlich darzustellen! - Es gibt
Menschen, die durch einen Zug den besten, edelsten Mann travestiren können; und
unser Cavalier hatte diese Gabe, die er mit einer Feinheit anwandte, dass er auch
hier Meister war. - Er war Mitglied geheimer Gesellschaften; und wer ist es
nicht? - Dies erleichterte seine Rolle. Zwar wusste er (zu unseres Ritters Glück)
kein lebendiges Wort von Trophonius Höhle und wie nahe unser A B C hier der
Verlobung mit einer Furie war; doch brachte ihn seine Dreistigkeit, die bis zur
Unverschämteit ging, ausser Trophonius Höhle und der ehelustigen Furie auf
tausend Dinge. - Je mehr Ideal, desto besser, um ein Ideal zu bekämpfen. - Die
Verschwendung des Ritters unterstützte diese Vorstellungen. Zur Oekonomie
bestimmt, missfällt es jedem Mädchen, wenn der Liebhaber, ausser der Grenze
desselben, verschwendet; und freilich waren die Summen beträchtlich, die unser
Ritter gebrauchte. Ist es Vernachlässigung, dachte Sophie von Unbekannt, wenn A
B C die Welt durchzieht, ohne zum Ziele zu kommen? Weiss er, dass ich ihn liebe?
Wird er nicht vielleicht so aufgehalten und ins Weite geführt, wie ich? Sucht er
nicht seine Vielgeliebte, wie ich den Vielgeliebten? Wie aber, ist er nicht
Mann? Liegt es ihm nicht ob, den ersten Schritt zu tun und die Hindernisse zu
brechen, die uns scheiden? Wenn das andere Geschlecht einmal vom Gedanken
ergriffen wird, es werde vernachlässigt, vermutet es immer das Aergste. - Unser
Verräter vertrat diesen Weg gewiss nicht.
    Sophie von Unbekannt, die sich im Stillen mit ihrem Vielgeliebten
beschäftigte, hatte die Gewohnheit, zwei Bohnen in die Nähe zu setzen: eine war
Sie, die andere Er. Werden sie sich umfassen? Werden sie sich scheiden? - So
fragte sie vor sich; und Er entfernte sich jederzeit, um sich mit seinen
Nachbarn zu verwickeln. Arme Sophie! Sie taufte zwei Blumentöpfe Er und Sie.
Werden die Levkojen Knospen, Blätter, Blüten gewinnen? Sie grünte und blühte:
Er verdorrte. Die Schwärmerin tat bei einer solchen Anpflanzung feurige
Wünsche; sie faltete ihre Hände darüber und benetzte den Baum Er mit Tränen. Er
war nicht zu halten; leider! starb Er immer dahin. - Und so ging es mit allem,
was Er hiess. Wunderbares Ungefähr! Nicht doch! - der Gärtner war erkauft. Sein
kleiner Jakob durfte die Namen bei der Taufe nicht etwa erwittern; Sophie, die
ihn lieb hatte, war gewohnt, es ihm von selbst deutlich zu machen (er war
freilich nicht Liebhaber, ein Freund, ein Bekannter, ein was weiss ich); und die
Mühe, die der Vater des kleinen Jakobs sich gab, Ihn ausgehen zu lassen, ward
reichlich belohnt. Darf ich sagen, von wem? Die Kammerzofe war sehr für Ihn; und
als einst ihre Herrschaft der Verzweiflung näher als sonst war, bestand sie auf
noch eine Probe. Da auch diese nicht minder fehlschlug, suche sie die
Schwärmerin mit dem Gedanken zu beruhigen, dass es Schwärmerei wäre. Noch die
beiden Nelkentöpfe. - Gut! Er und Sie wurden ausgesetzt. Anfänglich liess es sich
mit ihm herrlich an, weil der Gärtner nicht Gelegenheit hatte, seine Hand an Ihn
zu legen; bald aber verdorrte auch dieser Er. Warum? Der Gärtner wusste sich
einzuschleichen und schnitt dem Nelkenstocke die Wurzeln ab. Wird der Zofe jetzt
noch ein Ausweg übrig bleiben? Noch Einer! es mit zwei Bäumen zu versuchen!
Armer Er, der du dem Gärtner so zur Hand bist! - Es ward dieser allerletzte
Versuch genehmigt - der so gut wie verloren ist. - Und wird sich denn die
Festung Unbekannt noch länger halten? Es ist die Frage. Man sagt, es sei jede,
wenn nicht durch Sturm, so durch List zu überwinden. Wahrlich es ist alles zu
fürchten! Der
                                    §. 142.
                                        
                                   Meierhof,
den Heraldicus junior vom Fräuleinsohne gekauft hatte, war in ein Museum
verwandelt. Ganz hing der jetzige Eigentümer seiner Philosophie nach; und wenn
gleich seine eingeschlafenen Dienstleute zuweilen den Jakobinismus ihm nicht
wohlfeilen Kaufs liessen, so glaubte er doch, dass es an den eingeschränkten
Begriffen dieser Menschen läge, und dass, wenn sie aufgeklärter wären, sie auch
in einem ganz andern Leben wandeln würden. Herr, stärke uns diesen Glauben! Wenn
gleich Pastor Gamaliel in Betracht seiner Grundsätze mit ihm nicht in
Gemeinschaft der Köpfe lebte, so besuchten sie sich doch zuweilen, und dann war
des Streits kein Ende, so dass die sonst duldsame Pastorin zuweilen nicht
ermangeln konnte, »Friede sei mit Euch!« den streitenden Parteien zu gebieten.
Ein zu heftiger Streit im Pastorat hatte beide wirklich etwas entzweit, und
Heraldicus junior blieb länger als gewöhnlich aus. Der Pastor hielt seine
Grundsätze zu sehr in Ehren, um den ersten Versöhnungsschritt zu tun. Auf
einmal fiel es dem Heraldicus junior ein, das Kreuz- und Ritterfest den zehnten
Sonntag nach Trinitatis in der Rosentalschen Kirche zu feiern. Die Ritterin
besuchte zwar nach dem Ableben ihres Gemahls an diesem Sonntage selten die
Kirche; doch ward an demselben das ganze Pfarrhaus eingeladen. Man erinnerte
sich mit Rührung des im himmlischen Jerusalem sich befindenden Ritters, so dass
sein Sterbetag nicht mit mehr Andenken an Ihn gefeiert werden konnte. Heraldicus
junior hatte im Schloss freien Zutritt. Da er bei Gelegenheit dieses freien
Zutritts ganz von ungefähr einen Blick auf Kätchen, die älteste Tochter des
Pastors, warf, empfand er, trotz seines übermütigen Freiheitsbaumes, die Folgen
dieses Blicks so sehr, dass er wirklich gefangen war. Ohre Zweifel trug zu diesen
Folgen der Umstand bei, dass Kätchen einen Freier hatte, dem sie nicht übel
wollte, den aber der Vater, weil er das Unglück hatte kein Literatus zu sein,
ungern zum Schwiegersohn haben mochte. Warum? Weil er sich mit ihm nicht gelehrt
zanken konnte. - Heraldicus junior war verliebt; und wenn gleich die Liebe immer
dringend ist, musste die seinige es nicht um so mehr sein, da ein andrer Freier
ihm zuvorgekommen war? Ob wohl oder übel? war nicht auszumachen; er konnte sich
nicht entbrechen, den Pastor zu bitten, dass er den Zuschlag noch aussetzen
möchte. Dies ward ihm mit versöhntem Herzen verheissen. Bisher hatte sich
Heraldicus junior oft in Gegenwart der Pastorin und Kätchens berühmt, auch in
Hinsicht der Liebe würde sein Herz frei leben und sterben. Er mochte auch
wirklich versucht haben, sich vor Blicken, deren Einer ihm heute so gefährlich
ward, zu verwahren; aber sein Stündlein blieb nicht aus. Schon den andern Tag
war Heraldicus junior wieder da. Es geht, fing er zu Gamalieln an, mit der
Liebe, wie mit dem Blitz. Man trete immerhin auf elektrische Körper, man
elektrisire sich sogar während des Gewitters - hilft es? Wahrlich nicht! Da
glauben einige, das Geräusch der Welt zerstreue Liebesgedanken. Wahrlich kein
Universalmittel! Wenn Kanonen abgeschossen und die Glocken geläutet werden,
hilft es gegen Gewitter? Zuweilen freilich werden hierdurch Gewitterwolken
zerstreuet, zuweilen aber näher herbeigezogen. Ist das Herz zur Liebe reif, hat
man den Gegenstand seiner Neigung auch nur in Gedanken gesehen: was helfen
Zerstreuungen? Man will Zerstreuungen zerstreuen. - Der Donnerschirm der
Freiheit? Ich hab' ihn in Segen gebraucht; jetzt sagt er mir seine Dienste auf.
- Er hatte Kätchens Vater wohlbedächtig bloss um Aufschub gebeten, und der war
ihm auch zugesichert. Um Aufschub -? Er glaubte es noch in seiner Gewalt zu
haben, die Zerstörung seiner Freiheit abzuwenden; doch war der Freiheitsbaum so
umgeworfen, dass er um das Ja bat, und es von Kätchen - nach vielen Kreuz- und
Quer-Bedenklichkeiten - erhielt. Auch beim endlichen Ja schwebte ein Wölkchen
der Schwermut in ihren schönen schwarzen Augen, das sich - hoffentlich
verziehen wird. Ihre Schwierigkeiten gossen Oel zum Feuer. Freund, sagte
Gamaliel, es geht der Freiheit wie den meisten Dingen in der Welt: man erfindet
nicht Sachen, sondern Wörter; und was hilft es, die Uhr durch Nachhülfe richtig
zeigen und richtig schlagen zu lassen, wenn das Triebwerk verdorben ist -? Sie
wissen, Herr Sohn, was Erbsünde und Sündenfall ist: Eingeschränkteit unserer
Natur; und wenn der Mensch nicht durch übernatürliche Hülfe - - Wäre die
Pastorin nicht ins Wort gefallen, es wäre ohne Zwist, den diesmal Gamaliel
erhob, nicht abgegangen. Doch konnte der Schwiegervater nicht umhin nachzuholen,
dass Freiheit für den denkenden Mann ein Geschenk des Himmels, für den gemeinen
Haufen ein Dolch wäre, um allem, was beglückt und erfreut, das Leben zu nehmen.
Muss es denn ein Freistaat sein, wenn die Grundsteine des Rechts, der Vernunft,
der Gerechtigkeit und der Glückseligkeit gelegt werden sollen? Eben so leicht
will ich an die Existenz verwünschter Prinzessinnen und ihrer Entzauberung
glauben, als mich überzeugen, dass alle unvermeidlichen, mit jeder Gesellschaft
amalgamirten Bürden gebornen Oberen zur Last zu legen sind. Hätte heute doch
Gamaliel an meiner Stelle die Anekdote vom Freiheits-Herold Fox in England
gelesen! Foxens Vater, Lord Schatzmeister, war Schuld an einem Defect von
andertalb Millionen Pfund Sterling. - Die Sache kam vor das Unterhaus. - Und
die Auskunft des Sohnes? Fünfmalhunderttausend Pfund kommen auf meine Rechnung;
mein Bruder wird mir nicht nachstehen, und ist für einen Lord Schatzmeister eine
gleiche Summe wohl zu viel? Wahrlich! die Menschen müssen noch viel weiter
fortrücken, nicht im Wissen, im Tun, wenn Freiheit ein Wort des Lebens zum
Leben sein soll, sagte der Pastor; und als ihn sein Schwiegersohn in die Enge
treiben wollte, fügte er hinzu: Lässt sich nicht alles in ein System zwingen,
wenn man List und Gewalt braucht, und nach der Philosophen Weise alles an Einen
Nagel hängt, mit Einem Bande bindet? - Die Menschen wissen gemeinhin nicht, was
sie wollen. Glauben Sie, Herr Sohn: Despotie ist leichter als Freiheit zu
tragen. - -
    Ob der Herr Sohn glaubte? Ich zweifle.
    Nicht lange nach diesen Tagen hatte der Glaube des jungen Ehemannes mehr zu
tun. Durch seine Ueberzeugung, dass in Dingen von weniger Bedeutung die Meinung
des Schwächern und nicht des Stärkern durchgehen müsse, gewann Kätchen mit
seinem guten Willen so zusehends die Obermacht, dass der Ehemann selbst das Band
zusammenzog, um sich zu binden, und unser Freiheitsherold befindet sich nicht
übel unter dem Pantoffeljoche seiner Gattin, hinreichend befriedigt, bloss gegen
seinen Schwiegervater die Ehre der Freiheit behaupten zu können. - Wollen die
meisten Menschen mehr als die Freiheit, von der Freiheit sprechen zu können? Man
sagt, es gehören durchaus Fehler, wenn gleich nicht zu grosse, dazu, um eine Ehe
glücklich zu machen. - Der Orden vom
                                    §. 143.
                                        
                                 Tal Josaphat
hatte viel Aehnlichkeit mit den bekannten Orden zu la Trappe und dem Orden des
heiligen Grabes; nur waren hierbei nicht die mindesten weltlichen Aussichten,
vielmehr schien alles Seltene und Schwere aus den vier Hauptregeln des heiligen
Basilius, des heiligen Augustinus, des heiligen Benedictus und des heiligen
Franciscus in den Vorschriften dieses Ordens zusammengetragen zu sein. Ein
grosser Trost für unsern aufgenommenen Helden war, dass bei jeder dieser Regeln
dispensable stand, so dass am Ende nichts weiter übrig blieb, als:
    Die Pflicht, sieben Stunden zu schlafen;
    Zweimal sieben Stunden, es sei körperlich oder geistig, zu arbeiten und die
übrige Zeit sich zu vergnügen;
    Ein Tagebuch von jedem Tage seines Lebens in der Art zu halten, dass über
Wachen und Schlafen ein besonderes Diarium geführt werde.
    Das siebente Jahr war ein Erlassjahr in Absicht der Tagebücher; dagegen
sollten alsdann die geführten Tagebücher durchgegangen werden, um zu bemerken,
ob und in wie weit der Wachstum im Guten zugenommen habe. Man trug in der
Versammlung ein härenes Hemde, aber wohl gemerkt, über dem Kleide. Der Orden
gebot drei Tage in der Woche Wasser und Brod; aber nebenher konnte man sechs,
auch mehr wohlgewählte Schüsseln und Weine geniessen. Der Ritter bemerkt, dass
kein Orden unter allen, die er erhalten, von A bis Z und von Z bis A, Mitglieder
gehabt, die so herrlich und in Freuden zu leben gewohnt gewesen, wie die
Mitglieder des Ordens vom Tal Josaphat. Michael selbst hatte bei aller Strenge
seiner Grundsätze die grösseste Mühe von der Welt, sich der Verführung zur
Unmässigkeit zu erwehren. Auch ward in keinem Orden mehr geschlafen und weniger
gearbeitet als hier. Dies gab unserm Ritter und seinem Knappen zu vielen
Bemerkungen Anlass, wiewohl es füglich bei der einzigen Frage hätte bleiben
können: Was kann Menschen bewegen, übermenschliche Dinge zu übernehmen? Nie
müsse, sagte der Ritter, der Mensch einen Entschluss in einer traurigen Stimmung
seines Gemüts fassen; nie müsse er eine Lebensweise für sein ganzes Leben
erwählen, und nie einen Vorsatz, ausser dem, Gutes zu tun, auf immer ergreifen.
Zwar sei ein Entschluss, im Affekt genommen, gemeinhin kräftiger als einer bei
Mutlosigkeit der Seele; doch sei ein durch Nachdenken zur Ruhe gebrachtes
Gemüt allein im Stande, den Menschen richtig zu bestimmen, und diese
Bestimmungen würden es nie darauf anlegen, die Natur zu überflügeln und sich
Dinge zuzumuten, die den Schein behaupteten und die Kräfte verläugneten. Da der
Ritter indes bei sich fest beschlossen hatte, nie die Menschen auf eine und
dieselbe Art zu beurteilen, indem viele von ihnen bei ganz verschiedenen
Handlungen eine und dieselbe Absicht hätten, wogegen sie auch bei verschiedenen
Triebfedern in ihren Handlungen völlig übereinstimmen könnten, so ward dem
Tal-Josaphats-Orden, eben so wenig wie vielen andern Orden seines Gelichters,
mit keiner Kritik zu nahe getreten. Wer nicht richtet, wird nicht gerichtet; wer
nicht verdammt, wird nicht verdammt; wer gibt, dem wird gegeben. - Tut nur, als
wisset ihr mehr und ihr werdet andere finden, die bei euch in die Schule kommen.
Jede Meinung in der Welt, mochte sie noch so sehr in Kreuz und Quer sein, fand
ihre Jünger und Apostel. Ein Wort im Vertrauen, eine Hoffnungsaussicht macht
Menschen, wenn nicht glücklich, so doch ruhig. - Der Mensch ist zum
Experimentiren geboren. - Eine Beule am Kopf und am Herzen mehr oder minder -
was schadet sie? Wagen gewinnt, wagen verliert. - Eins der Hauptstücke des
Ordensarcans schien zu sein, Fruchtbarkeit bei beiden Geschlechtern zu
befördern. Fruchtbarkeit im Ordenssinne; das heisst: den Kindern nicht nur
Schönheit und Stärke des Leibes, sondern auch Schönheit und Stärke der Seele
beizulegen, wovon indes, leider! unser Held so wenig wie sein Knappe vorderhand
Gebrauch machen konnte, da ihnen diese Rosen von Jericho und neben ihnen die
bescheidenen Blumen Je länger je lieber noch nicht blühten. - Es käme, hiess es,
auf Cultur des Ackers und guten Samen an; - und die Zeit wäre nahe, wo man auf
wohl zugerichtetem Acker auf einmal viele grosse Seelen und starke Körper zum
Vorschein bringen und auf die Erde setzen würde, die nicht bloss durch Systeme
ein besseres Loos für die Menschen erschreiben oder (wie noch schwächere
Menschen) es erhoffen, sondern alles erstreben würden! - Hosianna! Wenn dieses
Ackerwerk und dieser gute Samen nicht vorausginge, was hülfen die besten
Educationsanstalten? Eine geknickte Lilie begiessen, von einem wurzellosen Baume
Früchte fordern - wer kann das?
    Die Ceremonien bei der Aufnahme waren bei Josaphat gar nicht verhängt. Ich
könnte sie in Lebensgrösse mitteilen und würde es, wenn man sich hier nicht wie
gewöhnlich Ordensmühe gegeben hätte, Anlagen durch Göttermaschinerien und
Episoden aufzustutzen. In den Tälern, sagte Michael, ist in der Regel weniger
Licht als auf Bergen. Und die
                                    §. 144.
                                        
                                   Bergorden?
Freilich weder auf Moria noch auf Garizim ist den Menschen zu helfen; denn es
ist eitel Betrug mit allen Hügeln und Bergen, den Berg aller Berge, der jetzt in
Paris Gesetz gibt, nicht ausgenommen. Cultivirt der Mensch nicht seine
intellektuellen Kräfte, bleibt sein Charakter unveredelt, erhöht er sich nicht
zum Selbstgenuss, was helfen Täler und Berge? Doch soll Schwärmerei auf Gebirgen
Hütten bauen? Ist das Empfehlung? Ist in gigantischen Systemen von Schwindelei
und in änigmatischen Vorträgen nicht mindestens eine Art von Kraftanstrengung,
von Seelenerhebung, wie auf unsern Bergen? Vielleicht, vielleicht auch nicht.
Fängt man doch Wallfische mit Tonnen, sagte einst Johannes, warnm sollte man im
Orden sich mehr Mühe geben, wo gemeinhin nichts weniger als Wallfische zu fangen
sind! So viel ist gewiss, dass viele der Vergiften zu wissen glaubten, was sie
nicht wussten, und diese wollten andere in der Unschuld ihres Herzens glauben
machen, dass sie wüssten. Viele von den Bergen, so scheint es mir, hatten sich
nicht einmal die leichteste Mühe von allen gegeben zu glauben: es fehle ihnen an
Zeit, weil sie nichts zu tun hatten. Doch gibt es Torheiten, welche wegen der
hohen Zutat, die man hineinzulegen gewusst hat, nicht hassenswürdig sind; an
Liebenswürdigkeit würden sie grenzen, wenn nicht Faulheit ihr Hauptingrediens
wäre. - Und wie? ist der Mensch nicht Glaubensgeschöpf? glaubt er nicht von
Kindesbeinen an, bis er zum wirklichen Grabesorden kommt, wo es wahrlich am
Glauben nicht gebrechen muss? - Lasst gut sein! Gewisse Schwärmereien sind fast
unschädlich, sie verfolgen heisst sie befördern. Wer ein politisches Gebäude
stürzen will, wird nicht die Zinne desselben ersteigen und mit einem Brecheisen
seinen Endzweck kund und zu wissen tun allen, denen daran gelegen und nicht
gelegen ist - unmerklich wird er es untergraben, damit es bei dem Sturz so
aussehe, als hätte die Zeit es gestürzt. Man mache den Hypochondristen krank,
damit er einsehe, was krank sein heisse, und er wird gesund werden. Probatum est.
Man lasse den Hypochondristen hypochondrisch sein, denn er weiss sonst nichts mit
sich anzufangen. Auch probatum est. - -
    Bei jedem Grad des Ordens, bei jedem neuen Orden hiess es: nach Eleusis! Die
Processionen, die an diesen und jenen heiligen Ort gingen, hatten für unsern
Ritter und seinen Knappen (wahrlich es war ein guter Glaubensschlag von
Menschen!) etwas Verführerisches. Fast alle Menschen wollen die andere Welt
nicht hoffen, sondern sehen und schmecken, besonders aber ist die liebe feurige
Jugend äusserst himmelsüchtig, am besondersten, wenn sie verliebt ist. Sophie und
die Zofe gehörten ohnehin zur unsichtbaren Welt. - Auch gibt es gute Seelen, die
den Himmel wie eine Promenade ansehen, um sich dort zu erholen, wenn ihnen dies
Leben anekelt oder sie seiner Tage Last und Hitze getragen haben. Unser Ritter
hatte, freilich auf Anraten seines Johannes, Mosen und die Propheten, die
Physik und Chemie zu seiner Zeit ganz gut studirt, doch selbst die Ohnmacht
dieses Studiums brachte ihn zur Allmacht der sogenannten hohen Chemie und hohen
Physik. Kenntnisse leicht und spielend zu fassen, die doch so viel reichlicher
lohnen! Wirklich! Freilich angeblich, was hält aber Wort in der Welt? Ist es zu
läugnen, dass in uns ein Zutrauen zu unbekannten Kräften liegt? Wer kennt die
Gotteit? - Man wollte dem Ritter und seinem Knappen alles augenscheinlich
beweisen und sie schmecken und sehen lassen. - Kann man von Menschen mehr
fordern als redlich wollen? Gibt es, wie man nicht ganz abläugnen kann,
angeborne Ideen, sagte der Ritter, ist alles Erforschen, Erlernen und Wissen
Erinnerung, und findet sich hier und dort und da die selige Stunde, da wir
lernen, was wir wussten, vielleicht (ein wonnereiches Vielleicht!) sind Sophie
und ihre Begleiterin, die wir in der Weite suchen, in der Nähe. Freilich nahm
sich in den durchkreuzten Orden die Einbildungskraft fast immer heraus, das
Experiment zu machen, ob sie gleich in der Regel von jedem Experiment
gewissenhaft entfernt und abgesondert sein sollte; doch merkten es entweder
unsere Candidaten nicht oder sie wollten es nicht merken. Was verlier' ich,
dachte der Ritter? Nichts als Geld. Und ist dies nicht da, um verloren zu
werden? In der Tat, unser A B C konnte sich bei allen Ordensweihen mit der
Reinheit seiner Absichten beruhigen; und da seinen Vorurteilen und seiner
Sinnlichkeit (beide nicht böser Art) geschmeichelt ward, fand er sich im Tale
Josaphat übel? und wird es ihm auf den Bergen missfallen?
    Was ich längst hätte bemerken können, ist, dass er sich nie auf das Gold-
oder Juwelenmachen einliess. Er verbat sogar diesen Unterricht mit Bescheidenheit
und substituirte nicht nur diesen, sondern vielen andern Geheimnissverheissungen -
Sophien. Ob er sie auf den Bergen finden wird, wo man freilich weit herumblicken
kann -? Michael, der gewiss die Zofe so zärtlich liebte, wie sein Herr Sophien,
war mit diesem Gold- und Diamantenverzicht unzufrieden, und äusserte die nicht
ungründliche Meinung, dass sich Gold und Juwelen mit Sophien und ihrer Zofe wohl
vertrügen. Michael, sagte der Ritter, schämst du dich nicht, mit verbundenen
Augen sehen und mit verstopften Ohren hören zu wollen? Der Knappe erwiederte:
Ew. Gnaden haben mir selbst von einem Knaben erzählt, der nach einem Hunde warf
und seine Stiefmutter traf. Auch nicht unrecht, sagte der Knabe. - Da die
Receptionen auch da bezahlt wurden, wo es Gold und Juwelen regnete, was meint
man: ob der Ritter oder der Knappe im Punkte des Goldes und der Juwelen Recht
habe? Nach Eleusis!
    Von allen nur drei, sieben, neun bis zehn Worte. Bei der Aufnahme auf
                                    §. 145.
                                        
                                     Karmel
ward, wie schon sonst, ein erschütterndes Getöse gehört. Die Erde bebte und die
schrecklichen Situationen, in die der Aufzunehmende gesetzt ward, endigten sich
mit den sanften Strahlen des Phöbus. - Nichts neues vom Jahr. - Man kann
Nebenabsichten haben und doch Gutes befördern; man kann keine Absicht haben und
doch etwas zu Stande bringen, was nicht allein nicht übel, sondern heilsam und
gut ist. Der Operationsplan auf Karmel war so versteckt, wie fast in allen
andern Orden und Graden. War es Wunder, dass unser Ritter den Plan von Karmel aus
der Aufnahme nicht abnehmen konnte? Lag es am Karmelorden oder am Ritter, dass er
nicht tiefer eindrang? Der Ritter selbst macht sich in der Glosse den Vorwurf,
dies Werk mit zu wenig Lebhaftigkeit betrieben zu haben, um davon reife Früchte
zu ziehen. Kann Karmel für diese zu wenige Lebhaftigkeit?
    In einem Grade des Karmelordens ward die Kunst gelehrt, mit allem zu reden,
die Zunge allem, was Zunge hat, zu lösen und sogar alles Leblose in der Natur zu
verstehen. Ein allerliebstes Conversatorium! Lass uns hier, liebe Leserwelt, mit
Dank erkennen, dass wir im Grabesorden unter andern die Farben- und
Zeichensprache lernten, wovon man durch eine gleichzeitige oder successive
Verbindung und Vermischung eine gewisse Melodie und Harmonie schon im gemeinen
Leben herausbringen kann. Armes gemeines Leben! deine Regeln der Ordnung und
Uebereinstimmung gaben gegen die heilige Farbensprache kaum ein
Buchstabirbüchlein ab, da man im Grabesorden lange Farbenreden zu halten ganz
unbedenklich fand! - Und was gilt diese Kunst gegen die Sprachlehre auf Karmel?
Sie war eine der allerseltsamsten und schwersten. - Unser Ritter, durch
mancherlei Kunstvorfälle derselben überrascht, wusste nicht, ob nicht wirklich
der Kirschbaum ihn zu Gevatter und die Eiche zur Leichenfolge bat; ob die Tanne
ihn nicht vor Unglück gewarnt und die Birke ihn bedauert hatte. Ein schöner Bach
unterhielt den Ritter mit den Gedanken, Worten und Werken seiner angebeteten
Sophie von Unbekannt, er kam geraden Wegs von ihr. Obgleich der Ritter den ihm
sonst so lieben Bach nicht verstehen konnte, so viele Mühe er sich auch gab, so
war doch vermittelst eines Ordenstranslateurs ihm alles verständlich. Man
versprach ihm ein Universallexicon, welches er bei so vielen Zungen und Sprachen
im Segen zu brauchen im Stande sein würde, doch findet sich ein NB. in den
Nachrichten:
    »Nicht erhalten!«
    Auch hatte der Ritter die Ehre, einen geheiligten Papagei kennen zu lernen,
der auf alle Fragen, wohl zu verstehen, in der weltüblichen Sprache antwortete.
Er verstand Deutsch, Französisch und Italienisch. Z.B. was denkt der
Neuaufgenommene vom Karmelorden?
    Der Papagei. Er ist unentschlossen.
    Wird sein Glaube gestärkt werden?
    Ja! sagte der Vogel, ob ich gleich, seiner Heiligung unbeschadet, in meinen
Nachrichten Ursache zum Nein finde. Vom Orden auf
                                    §. 146.
                                        
                                     Sinai?
Hier ward, wie es hiess, moralische Zauberei getrieben. Die Endabsicht des
Menschen ist durch die höchste Bildung seiner Kraft zu einem Ganzen in Absicht
seiner selbst und der Gesellschaft zu gelangen. Wie ist diese zu erreichen? Wie
bringt der Mensch seine höhere Vervollkommnung zu Stande? Wie entsteht die
Erschlaffung seines Wesens? Durch Liebe und Achtung wird der Mensch geadelt,
durch Interesse entehrt, und nur, wenn er ins Allgemeine mit Verzicht auf alles,
selbst auf Dank arbeitet; wenn er in sich die Menschheit, das göttliche Bild
sieht und nichts zum Mittel erniedrigt, was die Ehre hat Zweck zu sein; wenn er
bei den Universalrecepten gegen die moralischen Uebel nicht vergisst die Natur
des Individuums zu berechnen, das er beurteilt: nur dann, dünkt mich, kann der
Mensch sich einen moralischen Zauberer dünken, wenn anders Zauberei und Moral
nicht zu heterogen sind.
    Im Sinaiorden nicht also.
    Die Gesetztafeln auf Sinai hatten den Menschen anders veranschlagt. Man gab
secreta monita, nach welchen der Mensch sich selbst nichts und andern alles
zutrauen sollte: dem Arzt den armen Leib, dem Priester die arme Seele. Man
überzeugte sich, dass Sklaverei von jeher glücklicher als Freiheit gemacht hätte.
- Volkstäuschung, Maschinensklaverei waren die Hauptwörter, um durch ein zwar
barbarisches, doch universelles Mittel dem kleinern Teile durch Aufopferung des
grössern Ruhe und Gemächlichkeit zuzusichern. Man suchte den Menschen von den
Gütern des Geistes abzuleiten, die weder Motten noch Rost fressen, nach denen
weder Diebe graben noch sie stehlen, die in Glück und Unglück uns nicht
verlassen und die zuletzt zur Herrschaft der Sitten bringen, anstatt der
Gesetze. Ach mit den lieben Gesetzen! Sind sie mehr als übertünchte Gräber?
Weltklugheit galt auf Sinai, nicht Weisheit. Höchstens lernte man schlaue
Kenntnis und richtige Beurteilung alles dessen, was uns nützlich und schädlich
werden kann. Wenn zwei Kenntnisse zusammenkommen, hiess es, steht die eine,
welche dir frommt, wie bei den Substantiven im Genitiv. Immerhin sei die
gesetzgebende, richterliche und ausführende Macht in der Despotie vereinigt!
Weiss der Despot, wie es der Fall gewöhnlich ist, keins von dieser Dreieinigkeit
zu gebrauchen, desto besser; alsdann regieren Lieblinge. Es führe ein
Geschlecht, welches es wolle, das Ruder, die Klugheit wird schon ergründen, was
Trumpf, das heisst wer König ist. - Es muss Menschen geben, die, wenn sie nicht
besser sind, so doch für besser gehalten werden. - Man lasse ihnen ja diese
Ehre, wenn sie gleich nicht mehr taten als mit dem Kopfe nicken, während der
Zeit du dir ihn zerbrachst. Ist es nicht besser Fürst zu sein als es zu heissen?
Weder ein römischer Senatorschuh noch ein Kreuzpantoffel des heiligen Vaters
schützen vor dem Podagra. - Sokrates ward durch bie Heliäa, durch ein
Volksgericht, das aus 400 Personen bestand, zum Tode verurteilt. - Die Menschen
sind entweder Tadler oder Schwätzer. Wer liest? wer merkt auf das, was er liest?
Wer verwandelt das, was er liest, in Grundsätze? Wer sucht es zu üben und in
Handlung zu zeigen? Im Freistaat ist jeder Monopolist; jeder sucht den Scepter
an sich zu reissen. Man figurirt oder jakobinisirt. - Krieg aller wider alle ist
das natürlichste und beste. Sieh dich um! Eins frisst das andere in Gottes Welt,
und Eheleute, die sich am öftesten entzweien, haben die meisten Kinder. - So
bleibt es immerdar. - Was kann Ein Staat, der sich veniam aetatis erringt, in
dem einer des andern Freiheit achtet? Ist nicht alles noch im weiten Felde - ja
Felde -, wenn sein Geschwister unmündig bleibt? - Dergleichen Vorreden führten
zum Dekalogus auf Sinai. Uebrigens ward es hier, wie gewöhnlich, auf Unterricht,
nicht auf Erziehung angelegt, obgleich dies nichts anders als Essen und Trinken
ist. Der Bruder Präparateur hatte so wenig Anziehendes, dass der Ritter mit
ungewohnter Laune bemerkt: mache einen Kleck, und du hast seine Silhouette. - Im
Orden auf
                                    §. 147.
                                        
                                     Tabor
fand die Ritterin Mutter zu ihrer Zeit hohe und tiefe Winke. Unserm Ritter und
seinem Knappen war Tabor, die Wahrheit zu gestehen, zu leicht und zu natürlich,
um hier zu finden, was vielleicht wirklich, vielleicht bloss der Ritterin darin
lag. Der Prediger widersprach seiner Gönnerin nicht, doch war ihm Tabor
unbeträchtlich. - Er fand hier nicht Zeichen und Wunder. Tabor schien einer Art
von christlicher Religion Vorschub zu leisten, die nicht pastoral war. Eben der
Voltaire, der sich die Freiheit nahm, zu sagen: Je ne suis pas Chrétien, mais
c'est pour t'aimer mieux, versicherte einen Kapuziner, dass er nicht Genie und
Stärke genug besässe, ein Trauerspiel aus Christi Leiden zu entwerfen.
    Die Aufnahme war ohne alle Feierlichkeit. Alle Territionen fielen weg. -
Eine sanfte Musik entzückte die Aufzunehmenden. Ihr Tema war: die Gotteit
ehren heisse ihr gehorchen; ihre Macht erhebe sie über die Menschheit, - ihre
Güte bringe sie zu uns. - Der Ritter muss bei so vielen Ordensmusiken, die er
gehört, doch gestehen, nie eine dergleichen gehört zu haben; er glaubt, die
Instrumentalmusik habe den verständlichen Gesang herausgebracht. - Jeder Ton
hallte laut den Text im Innersten wieder.
    Kein Hierophant, kein Demiurgus, ein schlichter Mann, etwa wie ein
herrnhutscher Bischof, unterbrach diese Musik und fragte den Aufzunehmenden: ob
er überzeugt wäre, dass nur ein Leidender ein grosser Mensch sei, und dass die
Menschheit sich nicht vollkommner zeigen könne, als wenn der Mensch seine ganze
Stärke zusammennehme, um zu leiden, um sich selbst und seine Leiden zu
überwältigen? Heisst seine Leiden überwinden nicht oft mehr als sich selbst
überwinden?
    Der Ritter beteuerte: ob er gleich bis jetzt wenig gelitten hätte, sei er
doch überzeugt, dass Kreuz stähle, Freude erschlaffe und nichts Herzen und Seelen
so an sich ziehe, als wenn man den Unschuldigen den guten Kampf kämpfen, ihn
unverdient unterliegen oder die Palmen des Sieges tragen sehe.
    Hierauf ward er mit Wasser und mit Feuer getauft. Wahrlich an Taufen hat es
ihm nicht gefehlt, und schwerlich wird irgend jemand mehr als er getauft sein.
Wasser und Feuer, sagte der Täufer, sind Anfang und Ende der Dinge.
    Daran, sagte der schlichte Mann (nach einer kleinen Stille), wird man
erkennen, dass Ihr meine Jünger seid, so Ihr Liebe unter einander habt.
    Er goss Wasser in das Becken, legte seine Kleider ab, nahm einen Schurz und
umgürtete sich, wusch dem Neuaufzunehmenden die Füsse, trocknete sie mit dem
Schurz, womit er umgürtet war, und sprach: Ein Beispiel hab' ich Euch gegeben,
dass Ihr tut, wie ich Euch getan habe. Nach dieser Ceremonie ward er zum Altar
geführt, wo er die Gelübde ablegte: Christo nachzufolgen, den wahren und nicht
den Kirchenglauben zu bekennen, darauf zu leben und zu sterben, nicht seine,
sondern Gottes Ehre zu bewirken und bei der Einfachheit und Lauterkeit der
Lehre, die er angelobte, alles für Schaden zu achten und selbst den Vorzug,
tausend und abermal tausend Gläubige um sich zu versammeln, gegen die Würde
recht und richtig zu wandeln vor Gott und Menschen aufzuopfern, die Welt, er
möge in ihr Angst oder Freude haben, zu überwinden, den weltlichen Fürsten die
Herrschaft und den Oberherren die Gewalt zu überlassen, sich nicht zum Herrn,
nicht zum Meister machen zu wollen, sondern zu wandeln wie es sich gebühre, bis
das Stündlein komme und die Stimme erschalle: Ei, du frommer und getreuer
Knecht, du bist über weniges getreu gewesen, ich will dich über viel setzen,
gehe ein zu deines Herrn Freude!
    Bei der Tafel gebot der schlichte Mann Andacht, und nun fing er an: Da sie
aber sassen, nahm Jesus das Brod, dankete und brach's und gab's den Jüngern und
sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankete, gab
ihnen den und sprach: Trinket alle daraus, das ist mein Blut. Tut's zu meinem
Gedächtnis. Hierauf assen und tranken sie das Abendmahl.
    Warum soll ich es bergen? Ich habe der Ritterin verheissen, diesem Orden
näher nachzuspüren, der in meinen Nachrichten Vorhänge hatte, ohne Vorhänge zu
haben. Der Ritter hatte ihn, der Wasser- und Feuertaufe ungeachtet, ungetauft
gefunden - und auf Tabor nach den göttlichen ausdrucksvollen Symphonien
Kupferstiche von Erscheinungen vermutet. - Doch war der Unterschied zwischen
Christen und Christianern dem Ritter aufgefallen. - Es schien in diesem Orden
nicht darauf anzukommen, was die Evangelisten, selbst Johannes nicht, am
wenigsten die Apostel von Christo geschrieben hätten. Die Vernunft, hiess es, ist
die Kritik, welche diese Erzählungen berichtigt, der man mit Recht die
Infallibilität zuschreibt. Auch komme es sogar, sagte der schlichte Mann, nicht
einmal darauf an, ob Christus wirklich in der Welt gewesen sei oder nicht,
sondern nur auf Fingerzeige, die durch ihn der Welt zu einer sichtbaren Religion
gegeben sind. - Eine sichtbare Vernunftreligion sei das, was man Offenbarung
nenne. - Schwer schien es hier zu sein zu binden und zu lösen; indes behauptete
man: auf den Leib komme es nicht an; doch sei der Geist des neuen Testaments
leicht und fasslich. - Er ward arm geboren, machte sich stark zu Handarbeiten,
ohne seinen heiligen Geist zu vernachlässigen, lehrte so überzeugend, dass kein
nachdenkender Mensch widerstehen konnte, lebte seiner Lehre getreu, im Leiden
erhaben; am Charfreitage ward er aus Kreuz geschlagen, zog nach seinem
geglaubten Tobe Schüler aus den Volksklassen oder vollendete sie vielmehr (sie
waren schon längstens notdürftig ausgerüstet) und ging hin zum Vater am
Himmelfahrtstage. - Alles dies ward dargestellt. Die Feste, welche die
Christenheit feiert, waren hier gereinigt und so geistig gerichtet, dass der
Christ bei diesen Festen sich als Glied des Hauptes ansah, und die Feste, als
ihn selbst angehend, mit feierte. Pastor äusserte, die Darstellungen der
Katoliken wären weit herrlicher und feierlicher. Mit nichten, sagte die
Ritterin. - Man beging im Tabororden sogar den Himmel feierlich, in welchen
Christus nach den zeitlichen und leichten Leiden dieser Zeit sich erhob. - Hätte
dieser Himmel nicht, ohne dass man von der Ritterin ihre Perlen verlangen dürfen,
Risse zum himmlischen Jerusalem abgeben können? Wie hat sich die Ritterin
geändert? - - Man übersehe den Zeitpunkt nicht! zu ihrer Zeit.
    Man sehnte sich, auf Tabor abzuscheiden und bei Christo zu sein, allein man
vergass nicht, dass dieses Leben des Lebens wert sei, dass ein Reisender zwar sein
Ziel nicht vergessen, indes sich seine Reise so angenehm und nützlich machen
müsse, als möglich u.s.w.
    Finden Ew. Gnaden, sagte Michael zum Ritter, den Tabororden nicht in unsern
Sonn- und Festiags-Evangelien, die ich bei Gamaliel in- und auswendig lernte?
    Der Ritter schwieg, und dachte nach so vielen gekauften Perlen an Sophien,
die Perle aller Perlen, derentwegen er alles wieder verkauft haben würde,
wowider Michael, bis auf den Haufen Juwelen und Gold, dessen sein Herr so
grossmütig sich begab, nichts hatte. Zwar mochte das Ideal, welches der Ritter
am Busen trug, in dem Chorkleide einer regulirten Chorfrau des Ordens vom
heiligen Grabe, ihm zu einiger Entschädigung dienen; doch fiel ihm bei reiferer
Ueberlegung von Tage zu Tage mehr ein, dass Ideale in gewissen Fällen den
Gegenstand in natura so wenig unentbehrlich machen, dass sie vielmehr Sehnsucht
befördern, und dass Sophie gewiss das Ideal seines Ideals sein würde, wobei
Michael von wegen der Zofe ein ganz bereitwilliger Diener war.
    Das Mass der Schnellkraft war erschöpft. - Sie hatten Kämpfe gekämpft, ohne
sonderlich viel ersiegt zu haben. Fast missmutig reiseten sie aufs Land, ohne
irgend jemanden den Ort ihres Aufentalts anzuzeigen, um dort bei voller Ruhe
des Gemüts Entschlüsse fassen zu können, die näher zum Ziele führten. Glücklich
sei eure Reise! - Siebenmal sieben Stunden hatten sie mit Vorbereitungen
zugebracht, als sie, noch nicht von dem Uebellaut ihres Gemüts zurückgekommen,
in einen benachbarten Wald gingen, und es war allerdings wunderbar, dass auch
hier ihnen ein Abenteuer aufstiess. Sie sahen in einiger Entfernung eine
menschliche Figur auf einem Baume sitzen, und zwar so, dass sie nur eben so hoch
und so niedrig sich befand, um nicht übersehen und doch nicht ganz gesehen
werden zu können. Das heilige Dunkel gab den weissen Haaren und der ganzen
Existenz dieser Figur ein so ehrwürdiges Ansehen, dass, ungeachtet Ritter und
Knappe den Entschluss genommen hatten, allem auszuweichen, was sie an der
einzigen Perle (jeder hatte seine Einzige) hindern konnte, sie doch fast wider
Willen zu diesem Baume gebracht wurden. Je näher sie ihm kamen, desto mehr
bemühte sich der Einsiedler, sein Antlitz zu verbergen. Nur nach einer langen
Weigerung, die sie natürlich desto hitziger machte, liess er sich mit ihnen ein.
Er war, nach seiner Angabe, die man freilich einem ehrwürdigen Einsiedler auf
dem Baume glauben muss, durch Hass, Neid und Verfolgung und durch den Verlust der
Seinen zur Weltentfernung gebracht, nachdem er lange hin und her geirrt und fast
in allen heimlichen Gesellschaften Ruhe für seine Seele und Trost für sein Herz
vergebens gesucht hatte. Endlich (es waren seine eigenen Worte) ward ich des
Glückes gewürdigt, mit einem heiligen Einsiedler bekannt zu werden, bei welchem
ich siebenmal sieben Jahre in der Lehre stand, bis dieser im 150sten Jahre die
Welt segnete und mir den Schlüssel zu seinen Geheimnissen zurückliess! Er ruhe
wohl! Unser ehrwürdiger Baumeinsiedler schloss mit diesem Schlüssel nicht nur die
Schicksale, sondern auch die Gesinnungen unseres Ritters und seines Knappen auf.
Alles und auch das wusst' er, was jeder vor dem andern bis jetzt verborgen hatte.
Michael z.B. war in zu frohem Mute, als das Capitel des Grabes zusammen war,
einem Mädchen zu nahe gekommen. Der Ritter hatte an Johannes einen Brief
geschrieben, worin er ihm wiewohl verblümt, zu verstehen gegeben, er könne bis
jetzt sich noch nicht zu den Vollendeten zählen. Nicht nur die Worte, auch den
verborgenen Sinn dieser Stelle wusste der Einsiedler. Vorfälle dieser Art würden
den Ritter, so wie seinen Knappen, ehedem sogleich mitgerissen haben; jetzt aber
hatten beide auf ihren Wüstenreisen Kanaan fast völlig aufgegeben. - Eben waren
Ritter und Knappe entschlossen, den Baumeinfiedler mir nichts dir nichts zu
verlassen, als er ohne alle Veranlassung fragte: Was seid Ihr hinausgegangen in
die Wüste zu sehen? Wollet Ihr ein Rohr sehen, das der Wind hin und her wehet?
(Diese Worte wiederholte der fromme Einsiedler zweimal.) Oder was seid Ihr
hinausgegangen zu sehen? Wollet Ihr einen Menschen in weichen Kleidern sehen?
Siehe! die da weiche Kleider tragen, sind in der Könige Häusern. Oder was seid
Ihr hinausgegangen zu sehen? Wollet Ihr einen Propheten sehen? - Nichts von
allem zu sehen, unterbrach ihn der Ritter, war unser Vorsatz. Du hast uns alles
entdeckt, bis auf die Untreue, die Michael bei einem Haar an der Begleiterin
beging, deren Bild er an seinem Busen trägt. Erlaube zu fragen, warum Du uns
fragst, Du, der Du den höheren Beruf zu antworten hast? Kinder fragen, und
Examinatoren, die gemeinhin Kinder am Verstande sind. Sokrates antwortete, indem
er fragte; und sollte Dein Amt nicht wo nicht höher, so doch eben so hoch sein,
wie das Amt des Sokrates, der meines Wissens bei keinem einhundert und
fünfzigjährigen Einsiedler in die Schule ging? Freilich, erwiederte der
Baumeinsiedler, dank' ich es dem einhundert und fünfzigjährigen Alten, dass ich
meinetwegen nicht Ursache zu fragen habe. Indes so wie wir beten, nicht Gottes,
andern unsertwegen, so frage auch ich nicht meint -, sondern Euretwegen. Der
Fragenlehrer, dessen Worte ich Euch ans Herz legte, wusste gar wohl die
Gesinnungen seiner Befragten. Wohlan! da ich ein Glaubenssenfkorn bei Euch
finde, will ich mir selbst antworten. Vergebens habt Ihr auf den Ordenswegen
Sophien und ihre Begleiterin gesucht; seid, ich bitte Euch, kein Rohr, das der
Wind hin und her wehet! - denket nicht Arges in Eurem Herzen. Ritter und Knappe
sahen einander an. Arges? seufzten sie fragweise. Nicht anders, erwiederte der
Einsiedler. Um sie nicht zu verlieren, sah er sich gedrungen, ihnen schnell ein
paar Strahlen der Hoffnung zuzuwerfen. Entzückt segneten unsere Wanderer den
Gedanken zu einer Resignationsreise; sie baten den Baumeinsiedler, sich herab zu
bemühen, damit sie ihn in seine Hütte tragen und ihm einigermassen ihre
Dankbegierde beweisen könnten. - Er lächelte. - Ich bedarf, sagte er, Eurer
Hülfe nicht; wohl aber freu' ich mich, Euch helfen zu können. Nach etwa drei
Viertelstunden, die sie wanderten, kamen sie im dicksten Walde an eine Hütte, wo
sie einen lieben Knaben fanden, den der Einsiedler für seinen Ururenkel ausgab,
und der, so bald er sein Angesicht sah, sich seinen Segen erbat! Der
Segensspruch war rührend. - Sie fanden eine Schüssel herrlicher Milch, die
unseren Wanderern sehr wohl tat, und nachdem sie sich auf eine niedere Grasbank
gelagert, floss Honig von den Lippen des Einsiedlers, der sie völlig einnahm.
Sollt' er es nicht, da er ihnen Sophien und ihre Begleiterin verhiess? - -
Wohlan! sagte er: ehe ich mich mit Euch weiter einlasse, sei ein Zeichen
gestellt zwischen mir und Euch. Wenn dies Opfer (es waren drei Töpfe, einer mit
Basilikum, einer mit Raute und einer mit Salbei) zündet, seid Ihr würdig weiter
geführt zu werden. Der Ritter, sein Knappe und der Ururenkel trugen jeder einen
Topf, und nachdem sie solche an einen Ort, wo die Sonne darauf scheinen konnte,
gestellt hatten, sprach der Einsiedler einige ihnen unverständliche Worte und
segnete die Staudengewächse. - Unsern Wanderern war es, als sähen sie einen
Lichtcirkel um sein Haupt. Der Kleine, der allein beim Altar blieb, stürzte nach
einiger Zeit mit der Nachricht unter sie: Es brennt! und fiel auf seine Knie.
Dies taten auch der Greis, der Ritter und sein Knappe. Sie gingen hin, fanden,
wie das Kind gesagt hatte, und kehrten in die Hütte hocherfreut. Der Einsiedler
bat sie, drei Tage bei ihm zu weilen - während welcher Zeit sie nichts als Milch
und Semmel genossen. - Heil Euch! rief der Einsiedler, und schwieg. Wie
lehrreich der Baumeinsiedler unsern Wanderern war, ist unaussprechlich. Er kam
auf weltbürgerliche Ideen, und es tut mir leid, mich nicht in den Umständen zu
befinden, wenigstens einen Teil seiner Prophezeiungen mitteilen zu können, die
Europens Schicksal betreffen. Der Ritter hat sie auf sieben Bogen verzeichnet.
Meine Verweigerung hat sehr wichtige Gründe. Einige Stellen sind dunkel. - (Ehre
dem Ehre gebührt!) Vieles von diesen Prophezeiungen ist eingetroffen; viel ist,
wie mich dünkt, der Erfüllung nahe, und der entfernte heilige Rest? - - - Kann
man nicht prophezeien, ohne Prophet zu sein? Prophezeiungen beurteilen, heisst
das viel mehr als Welt- und Menschenkenntnis besitzen? Der Weise (die Cabinette
sind gemeinhin einseitig) hat die Fähigkeit, das Ganze zu übersehen, Ab- und
Zugang zu berechnen und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit Dinge im politischen
Fache zu verkündigen, die noch kommen sollen. - Doch ging es unserem
Baumeinsiedler viel weiter. - Mehr erbaut, als je, gingen unsere Wanderer nach
dem Orte zurück, wo sie eingekehrt waren, und nach den genauesten Erkundigungen,
ob sich kein merkwürdiger Mann in dieser Gegend hervortäte? und nach
eingezogener Antwort, dass alles hier den gewöhnlichen Weg ginge, befolgten sie
die Anordnung des Einsiedlers und eilten zurück in die Stadt, um so lange sich
still zu halten, bis sie den heiligen Wink zu ihrem Pfingsttage spüren würden,
den ihnen der Einsiedler verheissen hatte. Unterwegs, als sie ihr Ordensschicksal
aufs neue überdachten, behagte es ihnen nicht völlig, dass sie einen neuen
Ordenskreislauf anfangen sollten; doch beruhigte sie die herrliche Aussicht,
Sophien und ihre Begleiterin zu finden, und hierdurch nicht nur wegen des neuen,
sondern auch wegen des alten und ihres ganzen Ordenslaufs entschädigt zu werden.
Voll Neugierde, ob ihnen dieser Wink nicht durch Feuer vom Himmel gegeben werden
würde, welches die drei Töpfe mit Raute, Basilikum und Salbei zum Teil
verzehrte, war nichts vermögend, ihre Andacht zu stören, als der Hunger, dem man
schon sonst manche Erstgeburten von herrlichen Entwürfen aufgeopfert hat. Kurz
vor der Stadt schickte der Ritter den Reiknecht voraus, um den Wanderern ein
Mahl zu bereiten, die, wenn sie gleich von der Milch und dem Honig des
Einsiedlers äusserst gesättigt waren, doch den Wert einer Fleischmahlzeit nicht
verkannten. Wenn wir, dachten Ritter und Knappe, Sophien und die Zofe haben, sei
Baumeinsiedler, wer Milch- und Honigmagen hat, und es sein kann und will. An dem
Resignationsorte fanden sie den freundlichsten Wirt und einen gedeckten Tisch;
indes erlaubten sie sich nicht, zu verweilen. Wussten sie, wann der Wink kommen
würde? Auch wollte der Ritter seine Lust zu Aegyptens Fleischtöpfen an keinem
dem Einsiedler so nahen Orte beweisen. Der Magenhunger und Durst hatte den
Hunger und Durst nach Sophien und der Zofe fast überwältigt. Lüstern auf ein
anlockendes Fleischmahl, wollte der Ritter zu Tische gehen, als ihn, er wusste
selbst nicht was, zu seinem Geheimkästchen zog, wovon er den Schlüssel so wenig
als das Porträt seiner Geliebten ablegte. Er schloss auf, und oben darauf lagen
folgende Zeilen:
    Nach drei Stunden von dem Augenblick, da Du dieses liesest, gehe hin (hier
war der Ort bestimmt), und bitte um Deine Aufnahme in einen Orden, der geistig
und leiblich Dich segnen wird. Noch fügt seinen Segen hinzu der Einsiedler vom
Baume.
    Natürlich verdarb dieser Wink dem Ritter die Mahlzeit, obschon sein Knappe,
den er sogleich von der Erfüllung des Einsiedlers unterrichtet hatte, sich es
wohl schmecken liess. Es war eitel leidige Freude, die dem Ritter das Essen
verdarb. Darf ich sagen dass er nicht verfehlte, auf die Minute die Anweisung zu
befolgen? Er fand an Ort und Stelle einen äusserst einfachen, violett gekleideten
alten Mann, der ihm mit den Worten zueilte: Komm herein, du Gesegneter des
Herrn! warum stehst du draussen? Eben dachte ich dein vor dem Herrn in meinem
Gebete. Heil dir! ich bin erhört, ehe das Amen von meinen Lippen fiel. Segne den
Augenblick, da du gewürdiget warst, zu den Auserwählten zu gehören, die die Welt
nicht kennet! Halleluja!
    Nach diesem Hymnus, womit der Alte den Ritter in gewisser Art überfiel, liess
er sich ein feierliches Versprechen geben, ihm auf seine Fragen treu und redlich
zu antworten.
    Der Ritter musste ihm seinen Lebenslauf erzählen, und vorzüglich schien der
Alte wissen zu wollen, ob ihm ausser Ordensgrenzen je etwas erschienen und sonst
ein Wunder begegnet sei, und ob er Menschen kenne, denen ausser Ordensgrenzen
etwas Wunderbares und Unerklärliches auf Kreuz- und Querzügen zugestossen wäre?
Der Ritter durfte sein Gedächtnis nicht anstrengen, um den violetten Herrn zu
versichern, dass er ausser den Orden nicht das allermindeste Wunderbare erfahren
hätte, ausser dass in einer Dämmerung, die sein Vater gehalten, ein Blitz
gefallen, ein heftiger Knall gefolgt, und plötzlich die Tür aufgeflogen -
Grauen und Entsetzen wäre allen angekommen, seine Mutter nicht ausgenommen,
deren Gewissen gewiss und wahrhaftig in der Wahrheit bestände. Jedes, fuhr er
fort, faltete die Hände, und schlich ohne Amen nach etwa dreimal neun Minuten
sinnloser Betäubung davon. Ich entfaltete zuerst meine Hände und zog die
aufgesprungene Flügeltür leise zu. Nach dieser vollbrachten Tat umarmten Vater
und Mutter mich herzlich, doch verhüllte diesen Vorfall ein heiliges Dunkel. Es
kam mir vor, dass man ihm mühsam auswich, um auch nicht einmal daran zu denken.
Der Ursache dieses Blitz-, Knall- und Türvorfalls ist meines Wissens nicht im
mindesten nachgespürt, und er ist unerforscht geblieben bis auf den heutigen
Tag.
    Ob nun gleich der Bruder Präparateur unserm Ritter unendlich grössere
Ordenswunder präambulirte, so schien dem violetten Manne doch dieser Vorfall
äusserst wichtig, wenigstens weit wichtiger, als alles, was er selbst erzählte. -
Zwar fiel dieser Umstand unserem Ritter auf, doch hatte er keine Zeit, sich ihn
zu entwickeln. - Mit vieler Feierlichkeit verpflichtete der violette Mann unsern
Ritter, sogleich nach Rosental zu schreiben und diesen Vorfall, der bis auf den
heutigen Tag unerforscht geblieben, durch ein gerichtliches Protokoll zu
bekräftigen. Ihre Mutter, fügte er hinzu, wird kein Bedenken finden, sich
gerichtlich vernehmen zu lassen. Der Präparaten erkundigte sich nach des Ritters
Mutter bis auf Kleinigkeiten und auf Umstände, die mit den Ordensangelegenheiten
gar nicht in Verhältnis standen. - Der Tag der Aufnahme konnte noch nicht
bestimmt werden. Nach der Versicherung, dass Michael unbedenklich dienender
Bruder werden sollte, entfernte sich der Ritter, um bei seiner Mutter, was er
versprochen hatte, getreulich auszurichten Nach drei Tagen fand er in eben dem
Kästchen eine neue Einladung, was konnte er mehr, als sie ehren und befolgen?
    Es kam ein anderer violetter Mann ihm entgegen, der nach dem geforderten und
empfangenen Versprechen, die reinste Wahrheit seines Herzens zu entdecken,
nichts weiter zu wissen begehrte, als was er von dem neuen Orden hoffe? Der
Ritter hatte keinen Hehl, ausser den geistlichen Gaben auch leibliche zu
wünschen, nämlich durch Sophien beglückt zu werden. Ohne sich auf Verheissungen
mit dem Ritter einzulassen, liess der Mann mehr als Schimmerlicht von Aussicht
auf ihn fallen, womit sich der Ritter begnügte. Noch hörte der Ritter eine
Ordenswahrheit, die er schon oft gehört hatte: Die Natur erreicht nur allmählig
ihren Endzweck, so auch der Orden, der so langsam als sicher die gefasste
Hoffnung übertrifft und zur Erfüllung seiner Zusagen und Nichtzusagen bringt.
    Jetzt ward dem Ritter eröffnet, sich von heute über drei Tagen wieder
einzufinden. Er erschien und fand einen Mann, in den er sich gar nicht finden
konnte, - der Engländer schimmerte überall durch. Nichts interessirte ihn als
die Mutter des Ritters, nach der er unablässig sich erkundigte. Er umarmte den
Ritter einigemale unerklärlich und drückte ihn an sein Herz. Sie haben die beste
Mutter, sagte er, die auf Gottes Welt ist. Kaum hatte der Engländer Zeit zu
versichern: »was ich vermag, soll Ihnen im Orden zu Teil werden,« um nur wieder
bei der besten Mutter sich zu verweilen. Die Geschichte Sophiens von Unbekannt,
die ihm der Ritter umständlich erzählen musste, schien ihm innige Freude zu
machen, als wenn er sich über ein leichtes Mittel freuete, um einen grossen Zweck
zu erreichen.
    Nach diesem Vorbereitungsgeschäfte, welches sich hiermit schloss, sollte dem
Ritter die Bestimmung des Tages in die Hand fallen. Sie fiel ihm wirklich in die
Hand, denn er fand sie oben auf seinen Papieren, - die er verschlossen hielt. Es
war vom Tage der letzten Unterredung der zwölfte Tag. Die Zahl war ihm neu, doch
hatte sie eine gegründete Bedeutung. Der Orden, dem er sich widmen wollte, hiess
der
                                    §. 148.
                                        
                                 Apostelorden,
dem (sehr natürlich) die Jüngergrade, deren Zahl eigentlich siebenzig war,
vorgingen. Doch wurden sie unserm Ritter schnell gegeben, und, was ihn äusserst
aufmerksam machte, ohne Geld! Wahrlich viel vom Jünger- und Apostelorden.
    Meine Leserwelt ist schon mit so vielen Aufnahmen belästigt worden, dass ich
es nicht wage, ihr mehr als den Anfang des Apostelgrades aufzudringen.
    Nachdem vierzig Tage und vierzig Nächte um waren, ward unser Held zwischen
eilf und zwölf in der Nacht vor dem allerkürzesten Tage durch ein mysteriöses
Cartel überfallen, wodurch er am folgenden Morgen um sieben Uhr herausgefordert
ward zu erscheinen, um andere Erscheinungen abzuwarten. Dass unser Held diese
Nacht seinen Schlaf zwischen eilf und zwölf beschloss, versteht sich von selbst.
Die Ausforderung war datirt »Heiliger Abend vor dem kürzesten Tage im Jahre.«
Wahrlich diese Nacht ward ihm so entsetzlich lang, dass er schon um fünf Uhr
fertig war, und sich nicht entbrechen konnte, um sechs Uhr Morgens zu
erscheinen. Die Haupterscheinung, die er dagegen erwartete, war - Sophie. Es
sei, dass er wirklich durch sein zu frühes Kommen sich diese Strafe zugezogen,
oder dass, wenn er auch pünktlich erschienen wäre, ihn die nämliche Stimme
zurückgewiesen hätte, kurz, die Assignation auf das ihm im Cartel bezeichnete
Zimmer ward nicht honorirt. Er hörte eine hohle Stimme: Vorwitziger! zu früh und
zu spät ist einerlei! Gehe, Oel zu laufen in deine Lampe, und dann erscheine um
sieben Uhr Abends! - Unschlüssig, ob er um Verzeihung bitten, sich mit der
schlechten Uhrenpolizei entschuldigen oder stockstill sein und tun sollte, was
ihm, wenn gleich aus einer hohlen Kehle geboten ward, entschloss er sich zum
letzten und kam betrübt zurück wie ein Bräutigam, dessen Braut am Hochzeitstage
durch Blattern heimgesucht wird. Herzlich gern hätte der Ritter Oel vom Knappen
auf Kredit genommen, wenn er nicht die hohle Stimme gefürchtet hätte. Gelt! Sie
sind zu früh gekommen? fing Michael an, und dies Gelt! brachte unsern Helden in
Verwirrung, woraus ihn eine seiner Lieblingsmeinungen riss, dass es einen
unzuverläugnenden Umgang unter den Seelen der Menschen auch schon in dieser Welt
gebe. Wo Oel kaufen? fragte sich der Ritter, und bestellte ein mageres Mahl,
womit Michael unzufrieden gewesen wäre, wenn er in ihm nicht Ordensvorschrift
verehrt hätte. Ich darf wohl nicht bemerken, dass der kürzeste Tag im Jahr unserm
Helden der längste in seinem Leben war. So wie überhaupt Furcht und Hoffnung
unserm Leben eine Länge beilegen, die es wirklich nicht hat, so wusste auch unser
Held nicht, was er mit der Scheidemünze von Zeit anfangen sollte. Drei Viertel
auf Sieben, sagte Michael. Die heiligen Zahlen Drei und Sieben fielen dem Ritter
so trostreich auf, dass es ihn dünkte, mit lichterloh brennender Lampe an Ort und
Stelle zu kommen. Wer ist da? fing es an. Eben war der Ritter im Begriff zu
antworten, als eine Antwortstimme sich hören liess, die ihn der Erklärung
überhob, so dass es ihm nicht viel anders als in den Gerichtsstuben erging, wo
man Leute pro und contra über sich, sein Hab und Gut schalten und walten lassen
muss, ohne das Recht zu haben mitzureden. Es war ihm schon etwas ähnliches
begegnet, und wie war es auch möglich, dass einem so erfahrnen Ritter etwas ganz
neues in den Weg kommen konnte? Es ist ein Todter, der lebendig werden will,
sagte diese Antwortsstimme, und nun ward dreimal gerufen:
    Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Todten! - Wohl! dachte
unser Held, der seit gestern zwischen eilf und zwölf kein Auge geschlossen,
vielmehr die Lampen seiner Augen, ohne einen Augenblick zu verlöschen, in Einem
weg brennen lassen. - Eine Stille. Nun liessen sich beide Stimmen über unsern
Helden verlauten. Die eine klagte an, die andere entschuldigte, bis plötzlich
eine eiserne Türe aufsprang und Recipiendus die Worte hörte: Es werde das erste
Licht! Dieses erste Licht bestand in einem Lämpchen. Eine Stimme erscholl: Ziehe
aus deine Schuhe, denn diese Stätte ist heilig! Nichts Neues, dachte der Ritter,
der weit öfter als Moses seine Schuhe ausgezogen hatte, und im Augenblick war er
auf Strümpfeu. Die Stimme fuhr fort: Falle nieder auf dein Antlitz und rede! -
Er fiel nieder und schwieg. - Die Stimmen, die im Vorhofe sich über ihn erhoben,
deuten dein Gewissen an, das du nicht siehst und das deine Gedanken richtet.
Kennst du diese Stimme?
    Ich kenne sie.
    Was hindert dich, dieser Stimme Gottes zu gehorchen?
    Meine Neigungen!
    Durch Vernunft wirst du vergöttlichet; Neigungen vermenschlichen! - Wenn du
durch Neigungen gefallen bist, straft dich die Nachvernunft oder das Gewissen,
dass du jener. Stimme Gottes, der Vorvernunft, nicht gehorsam warst. Wie viele
Personen sind in dem göttlichen Wesen der Nachvernunft oder des Gewissens?
    Da er schwieg, antwortete eine andere Stimme:
    Drei sind, die da zeugen im Himmel: Vater, Sohn und heiliger Geist, und drei
sind die da zeugen im Gewissen: Kläger, Anwalt und Richter. Der Kläger ist
väterlich, der Anwalt ist Bruder, der heilige Geist des ins Herz der Menschheit
geschriebenen Gesetzes ist Richter.
    Kennest und ehrest du dieses rechtliche Verfahren?
    Ja!
    Schwöre denn bei dem heiligen Geiste deines Gewissens, schwöre bei deiner
Vor- und deiner Nachvernunft: zu bekennen deine Neigungen, die dich und deinen
Gott von einander scheiden, und diese Schlangen nicht zu verbergen, die dich
verführten und die dich aus dem Paradiese der Zufriedenheit in Jammer und Elend
stürzten, tief! tief! tief! Schwöre mit Leib und Seele, mit A und O, mit Ja und
Amen, mit Kyrie eleison und Hosianna!
    Eine andere Stimme: Schwöre beim heiligen Geist!
    Eine dritte Stimme: Schwöre!
    Ich schwöre (drei harmonische Stimmen sagten vor) bei dem heiligen Geist
meines Gewissens, mit Leib und Seele, mit A und O, mit Ja und Amen, mit Kyrie
eleison und Hosianna, meine Neigungen, die mich und meinen Gott von einander
scheiden, zu beichten und nichts zu verhehlen. Ich will alle meine Sünden, die,
so lange ich denken kann, mich beschwerten, gestehen und nichts verhehlen; und
in dem Augenblick, da ich fest mich entschliesse in einem neuen Leben zu wandeln,
lass, Heiligster, in diesem seligen Wiedergeburtsaugenblick deines Wohlgefallens
mich nicht unwürdig sein! Wenn ich meine Sünden bekenne, sei mir gnädig! und
behalten sollen diese Seelengreuel mir bleiben in meiner Todesnot und vor
deinem Gericht, wenn ich das mindeste verhehle. Amen!
    Jetzt trat jemand zu ihm, verband ihm die Augen und führte ihn in die Höhe
und in die Tiefe, bis er ihn endlich an einen Beichtstuhl brachte, wo er dem
Ritter hinzuknien gebot.
    Der Beichtvater hiess ihm die Augen aufbinden, und obgleich Recipiendus auch
nach dieser Lösung der Bande nicht sonderlich mehr als vorher zu sehen im Stande
war, vielmehr sich noch immer im Schimmerlichte befand, bemerkte er doch
Beichtstuhl und Ohrloch. Beichtvater und Beichtsohn hielten eine Quarantaine von
Minuten, und nun fing der Beichtvater väterlich und herablassend an, sich dem
Beichtsohne noch mehr zu nähern.
    Alle diese List hatte er bei einem edlen Manne nicht nötig, dem nichts auf
dem Gewissen lag und der darum nichts beichten konnte, weil er nichts zu
beichten hatte. Verstandesmeinungen sind nicht sträflich, und Willensmeinungen
nur dann, wenn sie nicht unterdrückt werden, im Fall sie böse sind. Weniger
hatte der schlaue Frager noch von keinem Beichtenden erfahren; - und doch war
nie weniger in einer Seele, die er torquirt hatte, zurückgeblieben. - Genug -
von der Aufnahme! Alles, was Dogmatik heisst, sei überschlagen, um nicht am
Buchstaben, sondern am Geiste zu hangen. Das
                                    §. 149.
                                        
                                   Protokoll,
aus Rosental eingegangen, wörtlich.
                                                     Actum Rosental, den - 17 -
    Nach gehöriger Requisition erscheint vor endesunterschriebenem Justitiario
der Frau Baronin von Rosental, geborenen -, Hochreichsfreiherrliche Gnaden, dem
Justitiario von Person und als eine von Vorurteil und Nebenabsicht hochwohl
entfernte Dame bekannt. Sie ist der evangelisch-luterischen Confession hochwohl
beitan, und hat keinen Hehl, - - Jahre alt zu sein. Exordium. Die feierlichste
Versicherung, die reine Wahrheit zu sagen und nichts, was ihr vom grausen und
schaudervollen Vorgange beigewohnt, aus Liebe, Hass, Freund-, Feindschaft oder
Geschenks halber zu verschweigen. Noch mehr: sie will alles, was sie gehört und
gesehen, getreulich anzeigen, bei allem, was heilig ist im Himmel und auf Erden.
Auch soll dieser Erklärung an Eidesstatt der förmlichste körperliche Eid folgen,
sobald er gefordert wird.
    Eigene Worte:
    Es hatte bei einer Dämmerung (oder Vorlesung), die mein unersetzlicher
Gemahl mir und unserm Sohne über den Johanniterorden hielt, uns alle drei eine
Begeisterung ergriffen. Ich erinnere mich ganz eigentlich, dass ich in dieser
Ekstase nicht eine Göttererscheinung verlangte, dazu war ich nie kühn genug. Es
genügte mir, den Wunsch zu äussern, wenn meine Mutter oder mein Vater, oder
Fräulein -, die nach ihrem Ableben durch Brief und Siegel Frau - - zu werden
sich nicht entbrechen konnte, mir erscheinen möchte, Licht über so manche
Erdenhieroglyphen zu erhalten. Schon war ich mit Erscheinung einer dieser meiner
Lieben befriedigt, die ich, als sie hier wallten, oft noch ehe sie sprachen,
verstand, und deren Gedanken ich von fern erriet; wir waren sehr genau
verbunden. Mein Gemahl goss nicht Oel zum Feuer; er beruhigte mich mit dem
Gedanken: wenn wir uns zu den Bewohnern der andern Welt erhöben, neigten sie
sich zu uns. Hier fiel (mit Zuverlässigkeit beteur' ich es) schnell ein Blitz,
dem ein heftiger Knall folgte, und plötzlich flog die Flügeltür des Auditoriums
auf. Ob mein Gemahl mehr als ich gesehen und mehr als ich gehört, weiss ich
nicht. Dass etwas Uebernatürliches vorging, bewies die ganz eigene Art von
Schreck, die uns anwandelte. - Unsere Zungen, die feurig waren, erstarrten. -
Nie behauptete mein Gemahl, mehr gesehen und gehört zu haben, als ich; doch
schloss ich, als wir uns, wiewohl heimlich, ein einziges Mal über diesen Vorfall
unterhielten, aus seiner Zurückhaltung, die sich in Schüchternheit auflöste: es
sei ihm mehr als mir und meinem Sohne in die Sinne gefallen. - Jene
Schüchternheit lässt sich weniger beschreiben, als fühlen. - Nie in meinem Leben
hab' ich mit meinem Sohne über diesen Vorfall gesprochen. Durch diesen Hergang
der Sache und verschiedene andere Vorfälle überzeugt, dass Dinge in der Welt
vorgehen, die wir nicht fassen, begreifen und erklären können, überlass' ich
mich Gott und seinem heiligen Willen.
    Noch werden einige Leute, die zu jener Zeit im herrschaftlichen Hofe in
Diensten standen, namentlich N.N.N.N.N.N.N.N.N., nach vorhergegangener Ermahnung
eidlich abgehört. Alle stimmen überein, nicht das Mindeste zu wissen und zu
begreifen, ob und wie dieser Vorfall ganz oder zum Teil natürlich zu erklären
sei. G - - versichert, der wohlselige Herr Ritter, Freiherr von und zu
Rosental, habe ihm heimlich aufgetragen, in der grössten Stille auf eine
natürliche Erklärung dieses Blitz-, Knall- und Türvorfalls auszugehen. Es war,
setzt er hinzu, alle meine Bemühung umsonst; nie hab' ich mich unterstehen
dürfen, dem wohlseligen Herrn (er besass Mut wie ein Löwe und liess nur vor Wesen
höherer Art die Segel seiner Herzhaftigkeit streichen) weiter daran zu denken. -
Nachdem dieses Protokoll der Frau Deponentin wörtlich vorgelesen worden,
genehmigt sie es in allen Stücken. Auch ist es mit ihres Namens Unterschrift
bestärkt, begründet und ausser Zweifel gesetzt.
    Eine einstimmige Bekräftigung erfolgt von den abgehörten Hof- und
Dorfleuten, welche dies Protokoll ebenfalls respective unterschreiben und mit
Kreuzen bezeichnen.
                        Namen und Kreuze der abgehörten
                        neun Hof- und Dorfleute.
                        Namen des Justitiarius.
                        Siegel.
    Dass dies alles getreulich vorgegangen, wird von mir corroborirt.
                                    A. u. s.
                        Namen der Baronin.
                        Namen des Justitiarius.
                        Siegel.
    Der Honiggeschmack, den Demokritus an Pflaumen spürte, brachte den
Philosophen auf tausend gelehrte Spekulationen; selbst die Wurzel des Baums
musste sich eine Obduktion gefallen lassen. Es ist die Frage, ob er bei aller
dieser Mühe nicht im Leben und Sterben zweifelhaft geblieben wäre, wenn seine
Haushälterin ihm nicht das Rätsel gelöset hätte. Vom Honigtopfe stammte dieser
Geschmack, in den die Philosophin, der länger Erhaltung halber, die Pflaumen
gelegt hatte. - Der Ritter erhielt sein Protokoll, eben als er zu einer neuen
Aufklärung in die Apostelversammlung gehen wollte. Es war keine Bedenklichkeit,
Michaeln dies Protokoll mitlesen zu lassen. Dieser geriet bei dem Lesen in so
ungewöhnliche Zuckungen, dass sein Herr zu vermuten anfing, es erscheine
Michaeln wirklich etwas, oder es sei etwas auf dem Wege, ihm zu erscheinen.
    Gnädiger Herr! sagte Michael bei dem Schluss des Protokolls zitternd und
bebend.
    Was ist dir? erwiederte der Ritter.
    Werben Sie verzeihen?
    Was verzeihen? den Leichtsinn am Grabes-Kapiteltage?
    Das Protokoll.
    Siehst du etwas?
    Ausser Ihnen und dem Protokoll nicht das Mindeste. - Doch verdien' ich Ew.
Gnaden Unwillen.
    Der Begleiterin, willst du sagen.
    Den Ihrigen.
    Müsste unser Ritter nicht eilen, dies quid pro quo würde so bald nicht sein
Ende erreichen. Kurz und gut, Michael gestand, auf Specialbefehl des
Schulmeisters seliger, zu jener Zeit einen kleinen Puffer unter dem Fenster eben
da losgeschossen zu haben, wo der wohlselige Herr ihm durch Winkelandachten ins
Amt gefallen sei. Ick erfuhr, sagte Michael, schon zu jener Zeit die geheimen
Nachforschungen dieses Vorganges halber, und es tat mir auf der Stelle leid;
Scham und Furcht banden mir aber die Zunge. - Konnte der Blitz- und Knallvorfall
sich leichter aufschliessen? Was das Aufspringen der Tür betrifft, so beteuerte
Michael bei allen Ordenseiden, daran unschuldig zu sein.
    Der Ritter, äusserst empfindlich über diesen Pflaumentopf von Auflösung, sah
deutlich ein, die Flügeltür, deren Schloss nie ganz ehrenfest war, sei von
selbst aufgegangen. - Zu so ungelegener Zeit ward Demokritus von seiner
Haushälterin nicht aufgekärt. - Wie wird unser Ritter den Honiggeschmack seines
Protokolls verschmerzen? Er stand wirklich bei sich an, was er den Aposteln
dieses Blitz-, Knall- und Türvorfalls halber unterschieben sollte. Wahrlich,
rief er aus, wir leiden durch Freunde am meisten, und durch Menschen, die uns
die Liebsten und Besten sind. Was zu tun? Ich kann, dacht' er, die Apostel mit
der Anzeige beruhigen, meine Mutter finde Bedenken, sich in einer Sache abhören
zu lassen, die schon vor so langer Zeit geschehen sei. Und wie? wenn ich eine
juristische Leiter ansetze? - - Die Herren Juristen ersteigen, trotz unsern
Feuermauerkehrern, alles. - Z.B.: Es wolle sich kein Rechtsgelehrter ohne höhere
Autorisation zur Aufnahme eines dergleichen Protokolls verstehen; oder: mein
Vater habe meiner Mutter testamentlich zur Pflicht gemacht, über diesen Vorfall
kein Wort zu verlieren. - Aber weg mit Dietrichen, die ich bei der nächsten
Beichte mit Scham und Schande bekennen müsste! Ich will, dachte und sagte der
Ritter, dem Protokoll den Aufschluss meines Begleiters beifügen.
    Freilich der geradeste und beste Entschluss! Doch bat Michael mit Tränen,
seiner zu schonen, um im Orden nichts durch diese Jugendsünde (wer ist ohne
dergleichen?) einzubüssen. Ja, sagte der Ritter, hielt Wort, und hatte, wie es
bei strenger Wahrheit immer der Fall ist, wenig oder gar keine Mühe, Wort zu
halten. Der violette Mann erleichterte ihm seine Bürde durch die zuvorkommende
Bemerkung, dass der Türvorfall doch immer noch unerklärbar bliebe. Der Ritter
verschwieg die schlechte Beschaffenheit des Schlosses nicht, und es war nicht
seine Schuld, dass der Apostel sich über dergleichen Erläuterungen wegsetzte. Mit
Dank ward das Protokoll, und, wie der Ritter nicht anders weiss, ohne die
Erklärung vom Honiggeschmacke der Pflaumen beizufügen, ad Acta genommen, und dem
Ritter beteuert: es würde ihn nie gereuen, die Apostelbahn eingeschlagen zu
sein.
    Nach einigen überstandenen Dämmerungen wurden dem Ritter verschiedene
dergleichen gerichtliche Protokolle vorgelegt, um ihn zu überzeugen, dass nicht
nur im, sondern auch ausser dem Orden an unerklärlichen Dingen kein Mangel wäre.
Freilich! - So brauchen die Kirchengeistlichen die natürliche Religion, und die
positiven Rechtsgelehrten das Naturrecht, um etwas zu bestärken, das, ihrer
eigenen Behauptung nach, keine Bestärkung nötig hat. Körper, wenn sie gleich
einer ursprünglichen Elektricität fähig sind, erhalten, wenn sie durch
Mitteilung elektrisirt werden, eine grössere Elektricität, sagte der violette
Mann.
    Mit Fleiss bin ich bei diesem unbeträchtlichen Vorfalle so weitläufig. - Nur
wenig Erscheinungsvorfälle haben das Glück, wie der gegenwärtige, gerichtlich
beleuchtet zu werden. Die meisten erschleichen den Zeitpunkt, wenn man sich
ihrer nicht ganz bewusst und halb im Traum ist. Und doch, wenn gleich die
Interessenten sich durch die öfteren Wiederholungen der Erscheinungsgeschichten
zuletzt so sehr in die Unfehlbarkeit derselben hinein erzählt haben, dass sie sie
zu beschwören nicht ungeneigt scheinen; wer hat nicht Vorfälle erlebt, wo der
Erzähler, wenn man ihn bei dem Worte halten wollte, zu schwanken anfing? Selbst
unbedenkliche Jaherren, sie mögen es aus Gemächlichkeit, oder aus
Eingeschränkteit des Kopfes und Herzens sein, fahren zusammen und nehmen
Anstand ehe sie öffentlich beschwören, was sie tausendmal im gemeinen Leben
beteuerten. - Protokolle haben sich in unsern letzten betrübten Zeiten zur
höchsten Probe der historischen Gewissheit in Ruf geschwungen; und bleibt es
nicht unrecht, dass, der vielen Registraturen ungeachtet, welche die Wunder am
Grabe des Abts Paris bekundeten, der gottesvergessene Polizeilieutenant Herault
den Kirchhof schliessen liess, und de par le Roi dem lieben Gott verbot, hier
Wunder zu tun? Ist es schicklich, dass man den notarialischen Instrumenten über
die Gassnerschen Wunder die Exception der Unglaublichkeit entgegensetzt? Wie
aber? gibt es nicht noch eine leichtere Wunderprobe, ohne dass ein Protokollist
sich in Schweiss des Angesichts setzen darf? - Lasst den Erzähler schriftlich
abfassen, was ihm mündlich so geläufig war. Probatum est. - Der gegenwärtige
Vorfall blieb übrigens nach der Entscheidung des violetten Mannes
unerforschlich. - Freilich! weil die Türe nicht zum Protokoll vernommen werden
kann. Freund, sagte dieser violette Mann, die Verbindung der Menschen mit höhern
Geistern ist
                                    §. 150.
                                    möglich;
und braucht es mehr? Freilich ist zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit eine
grosse Kluft befestigt; doch hat die Möglichkeit nicht dieselbe Null-Eigenschaft?
Null bedeutet nichts, wenn sie vor, und viel, wenn sie hinter der Eins sich
befindet. Hat die Möglichkeit keine Wirklichkeit mit oder ohne Protokoll vor
sich, was gilt sie? Hat sie aber deren eine solche Menge, als die Möglichkeit
der Mensch- und Geisterverbindung, was bedarf es mehr? Ist nicht Freude im
Himmel über Einen Sünder, der Busse tut? Sind die Engel der Kinder nicht die
Ersten in ihrer Ordnung? Warum sollen Geister ohne Leib sich nicht an Geister
mit Leibern gewöhnen? Und warum ihnen nicht Kräfte der Natur entdecken, auf die
sie nicht ohne die Geisterwelt gekommen wären? Die grössten Erfindungen fielen
ihren Urhebern aus dem Aermel. Wahr! Und warum also? Weil höhere Geister in sie
wirkten. - In Parentest: Newton schrieb aus schuldiger Dankbarkeit über die
Offenbarung Johannis; und - - Wie weit es Menschen bei dieser Verstärkung
bringen können, ziemt uns nicht zu erforschen, obgleich vielen die Bücher der
Vergangenheit und der Zukunft aufgeblättert vor Augen lagen. - Einwendungen:
Wie? Sollten Geister durch Gebete, Beschwörungen, Formeln sich zu Erscheinungen
herablassen? Wie? Aus Neugierde, aus Neigung zu den Menschen. Was tut man nicht
eines Schoosshündchens wegen? Erscheinen bloss gute oder auch böse Geister? Und
wie sind diese Geister zu unterscheiden? Gleich und gleich gesellt sich gern;
ganz böse, Freund, ist kein Geist und kein Mensch. - Die Teufel glauben auch,
und zittern.
    Die Magier, denen Geister dienten, oder besser, um die sich Geister verdient
machten, waren sie Newtons? - - Cagliostro's waren es; nicht Erfinder im Reiche
der Natur, sondern Schwarzkünstler. Ei Lieber! was sagst du vom Sokrates, der
seinen Dämon so deutlich sah, wie ihn Newton und andere Weise seiner Art bloss
undeutlich in der Offenbarung Johannis erblickten? Sehen und nicht sehen, tut
hier nichts zur Sache. Cagliostro, Schröpfer und - - - gaben vor, zu sein, was
sie nicht waren. Die sich Teosophen und Magier nennen, wollen es sein, ohne dass
sie es sind; und wenn gleich allerdings bei der Lehrgabe der Geister das Ziel
näher ist, so wird doch kein gerechter und ächter Magier die Weltweisheit
verachten.
    Wer weiss, ob man wirklich Erscheinungen hat? War es nicht bloss Spiel der
Phantasie? Freund! hast du nie in deinem Leben ein: Steh, Wanderer! ein Halt
empfunden, ohne zu sehen? Eilten dir nicht oft Schnellboten von Winken voraus?
Ergriffen dich nicht Ahnungen, wo du zum Sterben verlegen warst? Sollten alle
die Knoten, die sich in deinem Leben (keins ist ohne Knoten) schürzten, und die
sich lösten, lauter Ungefähre sein? Nun, so nenne Ungefähre anders, und der
Apostelorden hat sein Spiel gewonnen.
    Warum sucht man die Sehsüchtigen zuerst zu blenden, ehe man erscheinen lässt?
Warum im Rauch? Warum um Mitternacht? Warum berauscht man Körper und Seele?
Freilich sind Vorbereitungen dieser Art nichts Wesentliches, und ächte Magier
machen es eins, zwei, drei, - (Ein Sprichwort aus dem Innersten der Magie). Hat
aber Feierlichkeit nicht Einfluss auf unsere Kräfte? Gehört nicht Anspannung
dazu, mit hohern Wesen umzugehen? Bereitet man sich nicht auf Gäste von
Bedeutung vor? Ist nicht vielleicht dem Körperchen des Geistes eine gewisse
Atmosphäre nötig, und eine Art von Augenschirm? Soll, des Täuschers und
Gauklers halber, der ehrliche Mann leiden?
    War es denn ein Geist, was ich sah? Mein wenigster Kummer! Aus seinen
Früchten sollst du ihn erkennen. Ist es möglich, dass ein Geist in dir
Vorstellungen erregen und dass du dich davon überzeugen kannst; was willst du
mehr? Sind die Wirkungen der Erscheinung von der Art, dass sie nicht von
natürlichen Kräften abgeleitet werden konnten, so bist du im Besitz einer Regel
für's Haus von der Richtigkeit der Erscheinung, und wendet man dir ein, ob du
die Grenzen von den Kräften auf dem Wege der Ordnung kennst, so wirst du
wenigstens so lange, bis dir diese Grenzen abgesteckt sind, die Erlaubnis haben,
zu glauben. - Und wem? Dem Geiste, der, wenn er ein Mensch wäre, freilich in
seiner eigenen Sache kein Zeugnis ablegen könnte. - Ist er aber ein Mensch? Der
Allselige sprach: »Und stehe da! es ist alles sehr gut.« Wenn Menschen allselig
tun, was denkst du von ihnen? - Oder verdient etwa ein höheres Wesen nicht
Glauben, wenn seine Belehrungen dir heilsam waren? Dieser Erkenntlichkeit sollt'
es unwürdig sein?
    Wunder haben keine Beziehung auf das, was sie beweisen sollen. - Kann sein!
Wenn aber Wunder nur Wunder sein, und nichts weiter als sich selbst beweisen
wollen? - - -
    Die Vorlesung über das alte, neue und neueste Platonische Testament ist zu
weitläuftig, um sie mitteilen zu können. Dass man hier nicht wie in Rosental
für das Alte, sondern für das Neue und Allerneueste war, bedarf keiner
Bemerkung. Obgleich der Neuplatonismus schon ein Gemisch von Pytagoreischen,
Aristotelischen, Platonischen und Gott weiss von was noch sonst für Ideen war, so
schien der Neueste ihn doch an Toleranz übertreffen zu wollen. Gnostik, Kabbala,
morgenländische Philosophie, Judentum und Christentum sind uns homogen, um
allen allerlei zu sein. Zwar entstand der Neuplatonismus, um zu Schutz- und
Trutzwaffen gegen das Christentum zu dienen. So wie indes Clemens von
Alexandria die wahre Gnosis von der falschen unterschied, und die wahre in die
höchste christliche Vollkommenheit setzte, so kann die heidnische und jüdische
Philosophie, wenn sie sich taufen lässt, ganz unbedenklich zum Christentum
aufgenommen werden.
    Moses machte die Mysterien der ägyptischen Weisen und Gelehrten zur
Volksreligion, und das Christentum ist nicht weniger eine Religion der
Aufgeklärten. Moses entsinnlichte die heidnische Religion, deren Gotteiten
sinnliche Gegenstände waren. Und die christliche Religion, geht sie in ihrer
Entsinnlichung nicht noch weiter? - Will sie uns nicht vollkommen haben, wie der
Vater im Himmel vollkommen ist? Und erhebt uns nicht die Teurgie oder Magie zur
Gotteit und zu seinen Bevollmächtigten, zu wirklichen Kammerherren mit
Schlüsseln, die Natur auf- und zuzuschliessen? Den Zusammenhang und die Harmonie
zwischen Irdischem, Himmlischem und Ueberhimmlischem einzusehen, sich zu
entsinnlichen, und ein gottseliges, von der Welt entferntes Leben zu führen,
nicht nur ein wackerer, fester Mann zu sein, sondern sich noch ausserdem höhere
übernatürliche Kräfte hierdurch zu erwerben, das ist unser Beruf.
    Vater Plato nahm besondere Arten von Fegfeuer an, wodurch die Seele von
ihren Schlacken gereinigt werden könnte, von welchen ich ihm denn die
Seelenwanderung in weibliche Körper nicht verzeihen kann. Wahrlich, Plato hat
keine von den beiden Sophien gekannt, die du kennst. - Schade! der Name Sophie
brachte unsern Helden so in Verwirrung, dass er von der Platonischen
Aehnlichwerdung Gottes, von der Entsinnlichung und der Weltüberwindung durch
Tugend wenig oder nichts vernahm.
    Lass uns, sagte der violette Mann, Plato's Lehre folgen, und wenn nicht durch
Abstraktion und Matematik, so doch durch Mässigkeit, Standhaftigkeit und andere
teurgische und göttliche Tugenden uns gewöhnen, unsere vernünftige Seele vom
Körper zu entfernen, und uns je länger je mehr überzeugen, dass, so wenig Gott
stirbt, auch unser Geist nicht sterben könne und werde. Wir sind seines
Geschlechts, durch ihn vermittelst besonderer Emanation erzeugt. - Sein Geist,
das heisst, die uns angebornen Ideen, zeugt in uns, und wir sind alle inspirirt.
- Die
                                    §. 151.
                                        
                                     Wunder
des Apostelgrades? .... Ist es Ernst? Hat diese Geschichte nicht schon zu viele
Kreuz- und Querzüge? Zwar unterscheiden sich diese Apostelwunder durch eine
äussere Einfachheit und innere Wirkung von den übrigen. Heisst dies aber nicht mit
andern Worten: diese grössern Wunder lassen sich leichter auflösen, als die
kleinern? So wie die kleinen Propheten gemeinhin mehr Achtung verdienen, als die
grossen.
    Der animalische Magnetismus und die Kunst zu magnetisiren und zu
desorganisiren war hier eine der niedern Stufen, indem man es für keine grosse
Ehre halten konnte, dass ein desorganisirtes schönes Mädchen im Somnambulismus
klüger war, als eine hochlöbliche Manipulirgesellschaft und die höchsten
Magnetisten und Desorganiseure.
    Man gab überhaupt vor, von der magnetischen Kraft nähere Aufschlüsse zu
besitzen. So gern ich diese Aufschlüsse besässe, so wenig weiss ich mir sie und
die Materie zu erklären, die in elektrischen Erscheinungen Wunder tut an uns
und allen Enden, ohne dass man den Apostelgrad der Natur zu erschleichen im
Stande ist.
    Die eigentliche Wunderstärke der Apostel war, alte Leute zu verjüngen, über
unbekannte Kräfte zu befehlen, Todte zu erwecken und auf die Geisterwelt zu
wirken.
    Die geheime Geschichte einiger Apostel älterer Zeit, z.B. Apollonius von
Tyana, Plotin, Origines, Jamblichius, Hypatia, Johannes Brunus, Teophrastus
Paracelsus, sonst Bombast von Hohenheim, Robert Fludd, Jakob Böhme, Peter
Poiret, Heinrich Morus, war stockfinster verhängt.
    Bruchstücke aus einigen Dämmerungen neuerer Zeit, zu denen der Ritter nichts
beigetragen hat, der überhaupt an den eigentlichsten Kern-und Sternnachrichten
so unschuldig wie die Sonne am Himmel ist.
    Gassner? Nie aufgenommen, ein guter Empirikus.
    St. Germain? Gehörte zum Grabesorden. - Sein Name steht nicht in unsern
Büchern des Lebens. Er war nicht unächt. Gott hab' ihn selig! Seine Behauptung,
auf der Hochzeit zu Cana in Galiläa eine Menuet getanzt zu haben, ist stark. Er
gab vor, auf seinem Todtbette verjüngt zu werden; doch starb der arme
Grabesritter wie jedermann, und wird, wie wir nach der Liebe hoffen, auch wie
jedermann verjüngt werden, in einer bessern Welt - um mit dem Ateisten Price zu
reden, der, seiner bekannten Ateisterei unbeschadet, sein Testament, das er vor
dem Kirschlorbeertrank machte, anhob: Da ich vermutlich bald an einem bessern
Orte sein werde. - Der Stümper! Wie wenig Zusammenhang in Price's Kenntnissen
war, setzen folgende Umstände ausser Zweifel.
    Er war ein Ateist, und verlangte Glauben.
    Er versprach, des Unglaubens halber seinen angeblichen Versuch zu
wiederholen. Das tut kein Meister, wohl wissend, dass sich schon Gläubige finden
werden. Der Unglaube in Hinsicht des ersten Versuches tut nichts. Ist es nicht
heute, so morgen; ist es nicht vor, so doch nach dem Tode!
    Schröpfer? Nicht von den Unsrigen. Dies beweist der Pistolenschuss, wodurch
er sich in die Geisterwelt recipirte. Doch scheint er dem Apostelorden etwas
entwendet zu haben; aber was und wie!
    Swedenborg? An ihn wird in unsern heiligen Zünften und Innungen so wenig,
wie im gemeinen Leben an den Tod eines Hektikus gedacht. Es war ein Ganskulot,
ein Marseiller in unserer geheiligten Kunst. - Ein ächter Jünger ist kein
Schriftsteller. - Das Orakel spricht kurz; - gegen den änigmatischen Styl ist
der lapidarische ein Pastor Gamaliel. Leidenschaften lassen sich nicht durch
Dialektik in Ordnung bringen; Grundsätze sind ihre Meister. Und wie? Muss ein
Hierophant sich nicht vom Fackelträger unterscheiden? der Papst nicht vom
Küster? Sokrates erwiederte dem König Archelaus, der ihn zum Hofphilosophen
machen wollte: er sei nicht im Stande, Gleiches mit Gleichem zu vergelten; und
sicher ist Sokrates nie in grösserer Verlegenheit gewesen, ausser an dem Tage, da
er vom Orakel für den Allerweisesten erklärt ward. - Maître André Peruquier in
Paris mag aus dem Lissaboner Erdbeben eine lustige Tragödie machen. - Ueber die
andere Welt lassen sich nicht lustige Trauerspiele in Folio schreiben!
    Graham? Ein College des Hans Nord, ein Schwarzkünstler von Hause aus. »Nach
neun Monden wirst du mehr erfahren,« heisst in unserer Ordenssprache: »nach neun
Monden wirst du sterben.« Bei Graham wirst du nach neun Monden respektive in die
Wochen kommen oder Vater werden. Sein himmlisches Bett ist das sinnlichste, das
man kennen kann. Je mehr Sinne beim Genuss angespannt werden, desto mehr
verlieren die obern Seelenkräfte. Niemand kann zweien Herren dienen, und aktiver
Bürger der Sinne und der Geisterwelt sein, Gott und dem Mammon anhangen. - -
Wenn das Fleisch gewinnt, verliert der Geist.
    Cagliostro? - - - - - - - und neunmal neun andere seines Gelichters! Alle
nicht wert, unsern Aposteln die Schuhriemen zu lösen, die viel, sehr viel durch
den Glauben ausrichteten. Du bist gesund, sagten sie, und der Kranke glaubte;
das heisst: er ward es. Von der moralischen zur sinnlichen Ueberzeugung ist es
nur über Feld. Individuelle Beziehungen machen oft zu Witz und Rührung, was
andere nicht dafür erkennen. So zeigen sich auch Richtsteige zu Seele und Leib,
die man durchaus aus dem einzelnen Falle lernen muss. Nie liessen sich unsere
Apostel wie - - r auf sichtbare Schäden ein, die sie, als ihnen zu klein, den
Wundärzten anheim stellten: vielmehr kurirten sie innerliche Schäden durch
Glauben, durch Schrecken, durch Freude, durch Ueberfall, durch Schmerzableiter,
durch Richtung auf einen Punkt ausserhalb der Krankheit, durch eine Art von
Wortzutrauen (Logolatrie, Wortabgötterei), und wenn es hoch kam, durch Luft und
Wasser. - Das Luftbad, dessen sich Benjamin Franklin bediente, war hier sehr
excolirt. - Durch weisen Genuss, selbst in Krankheiten, ist unendlich mehr, als
durch strenge Entaltsamkeit ausgerichtet. Entaltsamkeit tödtet gemeinhin;
weiser Genuss begeistert - macht fast Todte lebendig. - Es ist ein heimlich
wirkendes Gift, drei Tage fasten und beten und den vierten in Anfechtung der
Völlerei fallen. - Wir zittern vor jedem Glück und haben keine unangenehme
Vorempfindung beim nahen Unglück! - Dies und das, Abhärtungen, Ahnungen, Träume,
Vorurteile, Gebet, Gesang, Lectüre und, sollte man es denken! reine Vernunft,
wohl angebracht, waren hier Arzneien, die man cum grano salis vorteilhaft
benutzte. - Die Metode, den Kranken aus seiner politischen Lage zu setzen und
ihn nach Umständen zu erniedrigen und zu erhöhen (in seiner Vorstellung) tut
Wunder. Ich habe einen Kranken gesehen, der ohne Hoffnung lag. - Einen Kranken?
Nein! es war ein Sterbender. Er genas. Und tat der Menschen- Kauf- und
Handelsmann nicht dasselbe, ohne Apostel zu sein?
    Dass ein kaltblütiger Mensch eher als eine geängstete Wittwe, die vom
Gläubiger und vom Richter geplagt wird, eine Quittung findet, liegt in der Natur
der Sache.
    Es gibt schon Physiognomien, die alles herausfragen können (fast möcht' ich
herausblicken sagen), was sie wollen. Ein Blick aus ihrem Auge macht, dass die
Wangen des schamlosesten Bösewichts hochrot anlaufen, und den Tross und Auswurf
der Menschen wissen sie, wo nicht zu erziehen, so doch von Ausschweifungen
abzuhalten. Die Morgenstunde hat zur Menschenkenntnis Gold im Munde und hilft
selbst die unzulänglichen Grossen der Erde von Angesicht zu Angesicht, von Auge
zu Auge, von Zahn zu Zahn, von Zunge zu Zunge, und fast von Seele zu Seele
kennen zu lernen. Man wasche ihnen die Füsse, damit man die Erlaubnis erhalte,
ihnen den Kopf zu waschen. - Der Diener hat immer das erste und beste Stück aus
der Schüssel; nur mit dem Unterschiede dass er es verstohlen und geschwind, der
Herr dagegen langsam und sicher nimmt. Gab es nicht einen denkwürdigen Staat, wo
man die feurigsten Liebeserweisungen stehlen musste?
    Wenn die Vernunft dem Genie unterliegt, wird es ein Dichter, wenn das Genie
von der Vernunft bemeistert wird, wird es ein Philosoph; wenn Genie und Vernunft
gleich stark bleiben, ist es - man helfe mir auf einen Namen! - mehr oder
weniger als Prophet? Die Zukunft scheint vor dergleichen Menschen einen Vorhang
nach dem andern aufzuziehen. - Es sind die glücklichsten Seelenspieler, wenn ich
so frei sein darf. Freund Plato war erst Dichter (und wer war es nicht, der
etwas Grosses in der Welt vorstellte? Dichtete nicht auch Sokrates unter der
Hand?), dann Philosoph und Matematiker. Ob er von den Zahlen sein mürrisches
Wesen und seine Anlage zum Neide her hatte, weiss Gott. - Die Zahlen sind böse
Gesellen - wenn sie nicht pytagoreisch und geistig gerichtet sind.
    Auch gibt es geborne Rätsellöser; Menschen, die aus zwei gegebenen
Umständen den dritten sogleich finden. Ich lernte (heisst es in meinen
Nachrichten) einen Mann kennen, der den Dieb der - - - im ersten Augenblick
entdeckte. Niemand weiss, was Gott ist, als der Geist, der in ihm ist. Gott ist
unerforschlich; Geister sind, je nachdem sie Gestalten anziehen, schwer oder
leicht zu ergründen. Der Geist des Menschen dagegen, der die Mode seines Anzuges
vom Anfang seiner Existenz bis auf den heutigen Tag nicht verändert hat, ist
aufs Haar zu treffen. - Kein Gedanke ist ohne Einfluss auf den Körper, ohne
äusseren Ausdruck. Siehe! und du wirst den seelenlosen Ruhigen vom Ruhigen aus
Grundsätzen leicht unterscheiden. Bemerkst du nicht die Gedankenfiröme auf dem
Gesichte des Denkers? Das Gesicht ist eine Seelenkarte. - Mache die Tore weit
und die Türe hoch für den, den Gott so gezeichnet hat! - Zwischen sehen und
schauen - welch ein Unterschied! - Wer etwas doppelt sieht, hat schlechte Augen.
- Was diesem erscheint, schwebt jenem nur vor Augen. - Kunstliebhaber sehen und
urteilen oft richtiger, als die strengen Herren Kunstverwandten.
    Einst (ungern erzähl' ich die Geschichte), einst wurden unser Held und sein
Knappe zu einem Sterbelager geführt. Der Abscheidende sprach wie der sterbende
Sokrates. - Man bat ihn, sich noch der vorgeschriebenen Ordensmittel zu
bedienen. Meine Stunde ist kommen, erwiederte unser Sokrates; Ihr wisst selbst,
dass Ihr Nachrichten nötig habt, die Euch seit sechs Wochen ausgeblieben sind.
Ohne Zweifel ist der selige - - degradirt, der sie Euch schuldig blieb, und es
ist gut, dass ich hingehe: denn so ich nicht hinginge - Seine starrende Zunge
gebot ihm Anstand. Er erholte sich. - Nicht der Tod, sagte er, ein Lichtstrom
der künftigen Welt verdunkelt mein Auge. - Er schwor mit sterbenden Lippen, neun
Tage nach seinem Tode zu erscheinen. Ich komme, ich komme, ich komme! - waren
seine letzten Worte. Gehe in Frieden! - sagten alle, die um sein Lager standen.
- Er starb, ward begraben - und erschien am neunten Tage nach seinem Begräbnis
in der nämlichen Figur, die ich im Bette sah, nur verklärt. - Ob er wirklich
todt gewesen, ob er selbst der Todte gewesen, den ich im Sterben besuchte, eben
der, dem ich mit zum Grabe folgte (eigene Worte des Ritters), weiss ich nicht -
Bei seiner Erscheinung wehte er uns Dinge zu (er sprach nicht, und ich gäbe was
drum, die Art seines Ausdrucks zu bezeichnen), die mir schrecklich waren. Mir!
Es waren Familiengeheimnisse von meinem Vater, die ausser unserm Hause niemand so
leicht wissen konnte. Der Schatten (wenn ich eine erhabene Figur, die langsam
bis auf etwa neun Schritte - sich mir näherte, so nennen darf) befragte mich, ob
ich meinen Vater sprechen wollte. Er ist in Eldorado, erwiederte ich. Ich werde
zu ihm kommen, wenn es Zeit ist! - Das Besonderste! Der Schatten beschwor mich,
meine Mutter zur zweiten Ehe zu bewegen, und gelobte mir, dass ich Sophien
besitzen würde.
    Kein Wunder, dass ich weniger untersuchte als vernahm! Sophiens Name, der bei
dieser Erscheinung, ich weiss nicht ob wohlbedächtig oder von ungefähr, gleich in
den ersten Minuten vorfiel, machte, dass ich mit Leib und Seele nur hörte. Nur?
Dass doch keine Erscheinung ohne ein Nur ist! - Ehe man mir die Erlaubnis
erteilte, dieser Erscheinung beizuwohnen, ward vermittelst einer den heiligen
Johannes vorstellenden Figur mit unbekannten Obern korrespondirt. Die Briefe
wurden unter Gesang in diese Figur hineingelegt. - Nach drei Stunden erfolgte
Antwort. - Ich veranlasste drei Fragen und drei Antworten. Die letzte, welche
dieser heilige Dreifuss erteilte, war Ja. - Während der neun Stunden, die ich,
mit zwei andern Gliedern des Apostelgrades, in Gesellschaft des heiligen
Johannes zubrachte, wechselten Gesang, Gebet und frommes Gespräch. - Ein Paar
                                    §. 152.
                                        
                                   Nachträge
werden das Nur des Ritters - heben? oder verstärken?
                                Erster Nachtrag.
    Nur der Verstand kann, nach Plato, erkennen, die Sinneserkenntniss ist
ungewiss und trüglich; und kommen Leidenschaften, die Bluts- und Gemütsfreunde
der Sinne, dazu: - so gibt es Interpolationen und Verstümmelungen, wozu endlich
die Sprache kommt, die völlig jedes Faktum verdreht. Ich habe einen edlen
Stammler gekannt, der, um nicht zu stammeln, geradesweges die Unwahrheit sagte.
Warum? Das Wort der Wahrheit war ihm zu schwer auszusprechen.
    Einer der Apostel, der ausser dem Engländer an mir hing, lehrte mich, dass die
Chiffern unter der Würde des Apostel-Ordens wären, obgleich die andern Orden den
Kabinetten in dieser Kunst Trotz bieten. Chiffern beweisen Schwäche, fing er an;
wir schreiben wie gewöhnlich, ohne dass wir wie gewöhnlich verstanden werden
können, wenn wir wollen. - Je offener wir scheinen, desto versteckter sind wir.
- Schon ist es Klugheitsregel, mit der strengsten Interpunktion zu schreiben,
wenn von gleichgültigen Dingen die Rede ist; dagegen ohne Strich und Punkt, wenn
wichtige Dinge im Werke sind. Der Orden mag geben oder verlangen, alles
mündlich. Nichts Schwarz auf Weiss. - Wofür halten wir geistliche und leibliche
Schnellboten im Himmel und auf Erden? Dagegen sucht der Orden so viel Schwarz
auf Weiss von andern zu erhalten, als möglich. Jedes beschriebene Blatt, mein
Bruder, ist, je nachdem man will, ein Dokument für und gegen den Schreiber; so
wie jedes Dogma teologisch geschwefelt, juristisch distinguirt, medicinisch
versüsst und philosophisch versalzt werden kann.
                               Zweiter Nachtrag.
    Was ist von zehn Recepten, um Geister zu sehen, zu halten? Im Kupferstich,
in Wolken, im Ueberwurf, im Traum u.s.w.
                               Dritter Nachtrag.
    Und von drei Recepten, um Seelen lebendiger Menschen an sich zu ziehen? Eine
fürchterliche Art von Erscheinung! - Durch das Recht der Stärke, wodurch der
starke Geist den schwächern an sich zieht, wie ein Planet seinen Trabanten, ist
es keine Kunst!
                               Vierter Nachtrag.
    Eine Rubrik mit einem grossen NB.
    Kunst des Gedächtnisses des Simonides.
    Grosses Himmelsjahr des Plato.
    Experimente mit der Wünschelrute und Auflösung dieses Naturrätsels.
                               Fünfter Nachtrag.
    Am leichtesten ist den Menschen anzukommen, wenn sie krank sind. Die
vornehmere Klasse fängt in der Regel zu zeitig an zu leben, und das, was sie
noch von Früchten zeigt, kommt aus Treibhäusern. Es sitzt den Hohen der Erde
immer wo: im Kopf, im Magen, in den Nieren, im Gewissen, in den Beinen. - Auch
arbeiten diese Hohen an ihren Esstischen mehr als an ihren Sessionstischen; sie
geben ihr Lebenskapital auf Leibrenten aus und ziehen beim Verlust der Fonds
höhere Zinsen.
                               Sechster Nachtrag.
    Du bebst schon zurück vor dem Worte Vergiftung? Was sagst du von X.? - Er
hasste Z -, ich weiss nicht warum; er hielt ihn für seinen Feind, frage nicht nach
der Ursache. Kurz, Feind Z. sollte das Weite suchen; so nannte X. den Tod. Er
vergiftete Z.; und wie? Mit Wohltaten! Wie weit gütiger und menschlicher wäre
aqua tofana gewesen! X. bat Z. zu den gewürzten Mahlen, kam ihm mit Höflichkeit
zuvor, und gewöhnte seine Zungenspitze zu einer Verfeinerung, die ihm entweder
den Bettelstab des Vermögens oder der Gesundheit bringen musste. Ein verwöhnter
Mensch ist der unglücklichste auf Gottes Erdboden; er ist unzufrieden und
mürrisch mit diesem Leben, und doch verlässt er es ungern, Z. zog sein Gift mit
Wohlgefallen ein; und es dauerte nicht lange, dass er alle Ungemächlichkeiten des
so wohlschmeckenden Gifts empfand, welches ihn so langsam und so ungern sterben
liess, dass X. selbst sich nicht entbrechen konnte, ihm eine Art von Mitleiden zu
widmen. Wahrlich, eine süsse Rache! Was denkst du von dieser Ordensvergiftung?
Ist sie minder schrecklich, als jemanden bei der Sündentat zu ermorden oder ihn
zum Freigeist zu machen, damit er ewig verdammt werde? Weit natürlicher,
fasslicher und gewisser ist das Ordensgift, wobei die Stadt obenein X. segnete,
weil er seinem Feinde so wohl tat!
                               Siebenter Nachtrag
oder Beischrift mit roter Tinte: Hütet euch vor den falschen Propheten, die in
Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reissende Wölfe.
    Ob diese Beischrift mit roter Tinte dem ganzen Apostelgrad, oder nur den
Auswüchsen desselben galt, ist nicht bemerkt. Es war gewiss eine nicht kleine
                                    §. 153.
                                        
                               Selbstüberwindung
und Entsinnlichung unseres Ritters, dass er den Aposteln seinen Wunsch, Sophien
zu sehen, nicht zeitiger in Erinnerung brachte, besonders da einer von den
Todten sie ihm verheissen hatte. Ich halte dies für ein eben so grosses Wunder,
als es alle die sind, die im Apostelgrade vorkommen. Jetzt war seine Sehnsucht
nicht etwa zur Leidenschaft, sondern zu einer der ausgelassensten geworden. Der
Engländer hatte, von dem Augenblick der Vorbereitung an, dem Ritter so das Herz
abgewonnen, dass er an ihm zu hangen schien; und eben dieser Engländer war es
auch, an welchen er sich wendete, um nicht bloss den Stein der Weisen, sondern
die Weisheit selbst zu finden. Mein Sohn und mein Bruder, sagte der Engländer,
ich liebe dich von Herzen; und nur eine Person gibt es in der Welt, die ich mehr
liebe als dich. Rate, wer es ist! Nimmermehr wäre der Ritter auf seine Mutter
gefallen. - Der Engländer hatte sie schon im Hause ihres Vaters kennen gelernt.
- Ich war, sagte er, damals von wegen meines Onkels in Handlungsgeschäften in -
-, wo ich sieben Jahre zubrachte. - Ost sah ich deine Mutter, und ich beteuere
dir bei allem, was heilig ist: nie hab' ich ein weibliches Geschöpf gesehen und
gekannt, das deiner Mutter auch nur in einem einzigen Zuge gleich käme. - In
dir, lieber Sohn und Bruder, find' ich deine Mutter wieder. Schon lang gehe ich
mit dem Gedanken um, einen wechselseitigen Vertrag mit dir aufzurichten. Kurz,
du sollst Sophien sehen; hilf mir zu Sophien. - Der Ritter verstand mehr, als er
verstehen wollte; indes forschte er, um gewiss zu sein, nach dem Sinne dieser
Rede, und da war es denn, wie er dachte. Der Sohn sollte der Freiwerber des
Engländers bei seiner Mutter sein, und unter dieser Bedingung der Ritter Sophien
nicht länger suchen dürfen. Umsonst wendete der Ritter ein, dass er Sohn sei, dass
er seiner Mutter nicht vorschreiben könne, dass er wisse, wie zärtlich und über
alles sie seinen Vater geliebt habe, dass sie von jeher zu geistig gesinnet
gewesen, um bei ihrer edlen Liebe bloss auf das Sichtbare zu sehen. »Ich weiss,«
setzte der Ritter hinzu, »ihr Geist hängt an dem Geiste meines Vaters. Der
Schwung ihrer Seele ist nicht von gemeiner Art, und es herrschte in Rosental
eine Liebe, die zum grössten Teil platonisch war, geheiliget durch ritterliche
Gesinnungen der Vorzeit. - Wahrlich! meine Mutter war in eben dem Grade
Ritterin, wie mein Vater Ritter. - Du glaubst vielleicht, ich schwärme, allein
du irrest; die strengste Wahrheit kann nicht treuer sein.« Der Engländer,
entfernt, das was er höre, für Schwärmerei zu halten, versicherte, bekannter in
Rosental zu sein, als der Ritter glaubte; und eben diese Denkart deiner Mutter,
setzte er hinzu, heiliget meine Liebe zur Engelerhabenheit, zur Göttlichkeit. -
Sophie ist deine Mutter; doch ist ihre Seele in der jugendlichsten Schönheit.
Der Sinnenwelt müde, die mich lange genug hinterging, werde ich nicht von der
Sinnenwelt gereizt. - In Wahrheit, ich weiss nicht, ob ich als Jüngling oder
jetzt deine Mutter inbrünstiger liebte. - Mein Onkel verlangte von mir eine
schnelle Zurückkunft nach England. - Ich kannte ihn und musste eilen, dass ich
seine Gunst und die Aussicht, der Erbe seines grossen Vermögens zu werden, nicht
verlöre. Ich reisete nicht, ich flog nach England, um in kurzer Zeit nicht
zurück zu reisen, sondern zurück zu stiegen. Schon war mein Onkel, der bei aller
seiner Härte ein gütiger, menschlicher Mann war, durch mein unablässiges Bitten
dahin gebracht, dass er in die Heirat mit deiner Mutter willigte; allein stehe!
in dieser Zwischenzeit ward sie die Gemahlin deines Vaters, und durch ihn deine
Mutter. Von dem Augenblick dieser Nachricht an hörte ich auf, der zu sein, der
ich bis dahin war. Von Stunde an fröhnte ich der Sinnlichkeit. Ich schlug eine
Partie aus, die mein Onkel mir aufdrang, und er enterbte mich. Wahrlich, deine
Mutter hat mich glücklich und unglücklich gemacht; sie allein lenkte die
Schicksale meines Lebens, und selbst (dir sei es anvertraut) bei sinnlichen
Ausschweifungen war sie das Bild, das ich anbetete; nicht den feilen Gegenstand,
sondern nur sie liebte ich; ihr Andenken war es, das mich bei recht grossen
Anerbietungen verpflichtete, allen ehelichen Verbindungen zu entsagen, und wenn
nicht meinen Körper, so doch meinen Geist ihr zu weihen. Die Verlegenheit, in
die mich die Enterbung meines Onkels setzte, zwang mich, mein Vaterland zu
verlassen, und in Indien Geschäfte nicht zu unternehmen, sondern zu wagen. Alles
gelang, und allemal übertraf der Erfolg bei weitem das Ziel, das sich meine
Erwartung gesteckt hatte. Alles, was ich versuchte, war unter dem Panier deiner
Mutter; ihr Bild ging mir überall vor, ich mochte beginnen, was ich wollte. Mit
Reichtümern, die für einen Privatmann ungewöhnlich sind, kam ich zurück in mein
Vaterland, und zog die genauesten Nachrichten von deiner Mutter ein. Dein Vater
lebte noch; doch wollt' es ein Traum, dass ich hierher käme, um wenigstens die
Luft eines Landes mit deiner Mutter einzuziehen. Meine Gesundheit hatte durch
meine Ausschweifungen und Arbeiten, in die mein Leben sich geteilt hatte,
gelitten; und ein Gesicht machte aus einem schnaubenden Saulus einen Apostel. In
England ist die Maurerei ohne Kraft und Nachdruck; ich fand in ihr nicht den
mindesten Reiz. Ich ward Quäker, Metodist, und alles, was excentrisch macht und
dazu beitragen konnte den Geist dem Fleische zu entreissen. Du bist Mitglied
vieler Orden geworden; ich zähle deren mehr. Du hast, so jung du bist, manches
in diesen Verhältnissen erfahren; glaube mir, meine Erfahrungen übertreffen die
deinigen! Und wenn ich gleich nur selten fand was ich suchte, so war doch meine
Bemühung nicht überall vergeblich. Ich darf hoffen, in meinen Ideen, dass der
Mensch sich entkörpern könne, weiter gekommen zu sein. Nimm, mein Sohn, von mir
ein Geheimnis, das eines Apostels würdig ist. Der Mann allein kann weder im
Fleisch noch im Geist etwas bewirken; in Gemeinschaft mit einer Männin vermag er
mehr, vermag er viel, vermag er alles. - Weisst du jetzt, was ich bei der Ehe mit
deiner Mutter beabsichtige? Die altplatonische Liebe bestand in einer geistigen
Liebe, die ein Mittel zur Seelabbildung war. Hier bedurfte es nicht eines
Männleins und eines Fräuleins; zwei und mehr Männlein waren im Stande, unter
einander eine platonische Liebe zu stiften (zwei und mehr Fräulein können sich
nicht füglich unter einander platonisch lieben). Der Neoplatonismus liess sich
vielleicht aus Scheinheiligleit auf das Liebeskailtel nicht ein; wogegen das
neueste platonische Testament jenes Liebessystem verbesserte, und jene geistige
Liebe nur zwischen Männlein und Fräulein nachgab, die nicht Hand in Hand,
sondern Seele in Seele, Geist in Geist sich zu Gott erheben. - Gott ist die
Liebe!
    Der Ritter, durch die Neuheit dieses Vortrages hingerissen, belass jedoch
noch so viel Besinnung, dem Vater und Bruder den Einwand entgegen zu setzen, dass
bei diesen Umständen eine eheliche Verbindung mit seiner Mutter zur Sache wenig
oder nichts bei tragen könne; allein der Engländer behauptete: die von der Natur
eingesetzte und von der Gotteit geheiligte eheliche Verbindung sei durchaus
nötig, um aus Mann und Männin nur einen vollständigen Geist, ein Ganzes zu
machen, und durch dieses Ganze in der Geisterwelt mehr Progressen, als in der
körperlichen zu bewirken. Da diese sonderbare Unterredung zugleich den Fall
zwischen dem Ritter und Sophien, wiewohl mit einem kleinen fleischlichen Zusätze
entschied, so mochte der Ritter wohl oder übel wollen, er musste der Sache näher
treten. Beide vereinigten sich dahin, dass der Ritter der Verbindung des
Engländers mit seiner Mutter nichts in den Weg legen, vielmehr dieselbe sogleich
schriftlich, und in Zukunft mündlich, bitten würde, dem Engländer ihre Hand zu
geben, und durch die äusseren Zeichen der Ehe eine platonische Liebe des neuesten
Testaments zu veranstalten. Als der Ritter dieses Versprechen auf eine
feierliche Art abgelegt hatte, erhielt er eine gleich feierliche
Gegenversicherung, Sophien in wenigen Tagen zu sehen.
    Der Ritter war zu voll, als dass er in der ersten Hitze an Michaeln hätte
denken sollen. Nachdem er sich zu Hause mehr gefasst, und den Begleiter von dem
was vorgegangen war, unterrichtet hatte, liess dieser nicht nach, und der Ritter
musste ein Postscript der Verheissung bewirken, damit auch Michael zum Ziel seiner
Wünsche gelangen möchte, wobei Michael bei allem Respekt für den Geist sich
wohlbedächtig auch das Fleisch nicht nehmen lassen wollte, - welches, wie ihm
Gamaliel zu seinem nicht kleinen Troste zugesichert hatte, selbst im Grabe nicht
bleiben, sondern, wiewohl geläutert, zum Vorschein kommen oder auferstehen wird.
- Die Punkte der Zusammenkunft zwischen Ritter und Sophien, Begleiter und
Begleiterin, wurden näher verabredet. Nie in seinem Leben waren zwei Menschen so
gespannt, wie Ritter und Michael, und wäre das bewilligte
                                    §. 154.
                                        
                                  tête-à-tête
noch länger ausgesetzt worden, sie würden vergangen sein vor lauter Hoffnung.
Man sah wie wenig beide das sinnliche Vergnügen von der Bestimmung des Menschen
ausschlössen und wie weit sie noch im alten, neuen und neuesten platonischen
Testamente zurück waren. - Die Stunde kam. - Sophie! - war alles, was der Ritter
sagen konnte, und Sophie erwiederte: Ritter! Die stumme Scene dauerte länger als
man denken sollte. Sie haben sich verändert, sagte Sophie, und brach dies
Stillschweigen. Sie nicht, erwiederte der Ritter. Er nahm das Porträt von seinem
Busen und küsste es, entzückt über den Umstand, dass Sophie so Zug für Zug
getroffen wäre. In der Tat waren ähnliche Züge im Originale und in der Copie
nicht zu verkennen. Wenn Leute in der Raserei griechisch redeten oder Verse
machten, was sie in Stunden der Besonnenheit nicht vermochten und ihr ganzes
voriges Leben hindurch nicht vermocht hatten, warum sollte die Liebe hier
nachstehen, da sie, wie Michael meinte, nicht wie der Zorn eine kurze, sondern
eine vernünftige Naserei ist? Sophie und der Ritter konnten sich nicht genug
ansehen, und es war natürlich, dass wenig Zeit zum Gespräch übrig blieb. Sie fing
vom Orden der Verschwiegenheit und von der Adoptionsloge an, allein der Ritter
brach schnell ab, weil er seit der Zeit so viele Orden und Grade durchgegangen
war, dass es ihm kaum zu verdenken gewesen wäre, wenn er wie weiland der
Werbehauptmann, als ihm der Ritter den ersten Grad des Verschwiegenheits-Ordens
anbot, aus vollem Halse gelacht hätte. Ach Sophie! sagte er, ich könnte böse auf
alle meine Ordensverbindungen sein, weil sie mich so glücklich nicht werden
liessen, Sie zu finden. Die gleichgültigsten Dinge, denen die Liebe wie bekannt
oft das grösste Interesse und eine fast unglaubliche Wichtigkeit beizulegen
gewohnt ist, füllten die Stunde aus, und ehe noch der Ritter fragen konnte: wie
Sophie zum Nachbar gekommen, was es mit der Krankheit der Nachbarin für eine
Bewandtnis gehabt, warum sie so eilig jene Gegend verlassen, kam der Engländer
und bat, die Unterredung zu schliessen. Die Zeit, sagte er, ist verflossen. Wie
schwer für den Ritter! Sophie verstand den Ritter, denn sie war in eben
derselben Lage. Sie konnte nicht umhin, dem Geliebten einen Blick des Trostes
zuzuwerfen, und hiermit auf heute geschieden. Du bist
                                    §. 155.
                                    grausam,
sagte der Ritter zum Engländer. - Nicht ich, der Anstand ist es. - Anstand?
erwiederte der Ritter. - Allerdings, sagte der Engländer. - Die Liebe, fuhr der
Ritter fort, hat den Anstand gemacht, und kann ihn wider heben oder einlenken. -
Du bist Apostel, erwiederte der Engländer, du bist Eklektiker, Weiser der
Weisen. Ihr esset oder trinket, Ihr herzet oder küsset, Ihr tut, was Ihr tut,
tut alles zu Gottes Ehre! Sich, Sohn und Bruder! Sophie ist Weib und könnte, so
sehr ich auch für sie zu stehen übernehmen will, durch die feurige Zuneigung
eines so liebevollen und liebenswürdigen Jünglings sich missleiten lassen. Der
Ritter fühlte freilich, dass er noch nicht zu den so genannten Tugenden der schon
gereinigten Seele, den betrachtenden und teurgischen, gekommen war, indes hatte
er auch so die Welt nicht genossen und die Welt ihn nicht, wie Vater und Bruder
Engländer. Er drang zu antistoisch, zu antiplatonisch, zu antiaristotelisch, zu
antipytagoräisch in ihn, und je dringender er ward, desto kälter stellte sich
der Vater und der Bruder, denn solch ein grosser Eklektiker er zu sein schien,
war er doch so wenig kalt wie der Ritter. Ost dünkt man sich gut, wenn man auf
eine andere Manier böse ist. - Sie über drei Tage abermals eine Stunde sprechen
zu können, war alles, was der Ritter erreichen konnte.
    Michaeln ging es kein Haar besser und schlechter, als seinem Herrn. Er hatte
die Begleiterin dem Bildnisse, das er an seinem Busen trug, so ähnlich gefunden,
dass er seinen Herrn vielfältig versicherte, es könne kein Ei dem andern
ähnlicher sein. Da der Begleiter eben so wenig Zeit gehabt, sich nach dem
Aufentalt der Zofe zu erkundigen, wie sein Herr, wo Sophie anzutreffen sei, so
gab es zwischen Herrn und Diener eine kurzweilige Unterredung, bei welcher einer
dem andern Vorwürfe machte, ohne dass es auszumachen war, wer von beiden sie am
meisten verdiente. Zwar konnte Michael nicht läugnen, dass es ihm besser
angestanden haben würde, durch die Kammerzofe Sophiens Aufentalt zu ergründen,
indes musste man dagegen in Erwägung ziehen, dass diese Frage zu den neugierigen
und vorgreifenden gehörte, die sich weder für Ritter noch Knappen geziemen.
Beide, Herr und Begleiter, gaben sich, geleitet von der inbrünstigsten Liebe,
alle nur ersinnliche Mühe, den Aufentalt Sophiens und ihrer Zofe auszuforschen;
da indes alles vergeblich war, so fing der Ritter an: Was uns bewegt edlen
Dingen nachzustreben, muss uns auch bewegen sie entbehren zu lernen, und was
würden uns alle Ordenskenntnisse, den Apostelgrad nicht ausgenommen, helfen,
wenn sie uns nicht standstafter, gefasster, mässiger und weiser machten? Gibt es
denn nicht grosse Apostel-Eigenschaften, teurgische Tugenden? Und ist das Gebet
der Weisheit, stets bereit zum Sterben zu sein, etwas anderes, als die Bemühung,
uns allem zu entziehen, was nicht göttlich ist?
    Freilich, erwiederte der Knappe, der Mensch muss so weit als möglich zu
kommen suchen, und wen hat je seine Entaltsamkeit gereuet?
    Sollte indes die Liebe, fuhr der Ritter fort, nicht etwas Teurgisches an
sich haben und Handlungen hervorrufen, die göttlich sind?
    Freilich, sagte der Knappe, denn gibt es ein grösseres Ziel als eine
vernünftige Liebe? Und kann man Entaltsamkeit üben, wenn man nicht weiss, wo
Fräulein Sophie und ihre Zofe sich aufhalten?
    Aller dieser goldenen Sprüche ungeachtet, konnten beide nicht anders als mit
der grössten Ungeduld die zweite
                                    §. 156.
                                        
                               Unteredungsstunde
erwarten, die indes sowohl von Seiten des Ritters als des Knappen eben so
unbedeutend wie die erste ablief. Das nämliche Entzücken, die nämlichen
unbeträchtlichen Kleinigkeiten, derselbe Aerger über die Kürze der Stunde,
welcher bei der Ankunft des Engländers den entzückten Liebhaber anwandelte.
Beide Liebende waren keinen Schritt weiter bei den Nachforschungen gekommen, die
sie anzustellen sich vorgesetzt hatten. Keiner von beiden wusste den Ort, wo
seine Geliebte sich aufhielt. Beide hatten sich abermals in den Umständen
befunden, sich nach dem Wohnort ihrer Gebieterinnen erkundigen zu können.
Freilich konnte niemand ihnen den Trost rauben, dass sie Eklektiker und Weise der
Weisen wären, und dass, wenn es gleich hart schiene, alles aus allgemeinen und
notwendigen Gründen zu rechtfertigen, diese Art doch etwas Teurgisches, etwas
Göttliches in sich habe.
    Aller dieser weisen Sprüche ungeachtet, entschlossen sie sich bei der
dritten Unterredung, zu der ihnen vom Vater und Bruder Engländer Hoffnung
gegeben war, durch nichts sich abhalten zu lassen. Es ist die Zahl
                                    §. 157.
                                        
                                     Drei,
sagte der Ritter; sie wird Heil bringen. Dreimal Heil! erwiederte der Knappe.
Beide hatten sich mit ihren Maurerhandschuhen liebreich versehen, ohne
gemeinschaftlich diese Verabredung zu treffen.
    Nehmen Sie, sagte der Ritter zu Sophien, die Handschuhe, die ich drei-,
sieben- und neunmal küsste, als ich sie empfing. Sophien von Unbekannt, sagte ich
bei meiner Maureraufnahme, gehört dieses Unterpfand. Wie doch die Liebe, die
nicht Mut hat zu fragen, wo die Geliebte sich aufhält, so dreist ist, ein
Geschenk anzubieten! Sophie empfing die Handschuhe mit einer Feierlichkeit, die
den Ritter rührte, ob sie gleich bei den vorigen zwei Unterredungen schon oft
nahe daran war, aus der Melodie zu kommen; und wer kann, ausser in der Oper,
singen, wenn er innigst verliebt ist? - Wer andern nicht traut, fing sie an,
traut sich selbst nicht; und wer sich nicht auf ein Paar Augen, wo Herz und
Seele leibhaftig wohnen, versteht, wer und was kann dem Bürgschaft leisten? Sie
sind durch dies Unterpfand mein auf ewig! - Der Ritter hatte nur einen Seufzer
in seiner Gewalt. Der Ausdruck versagte ihm alle Dienste. Er zitterte! - und die
heilige Zahl Drei würde ihm das Heil der Anzeige von Sophiens Aufentalt eben so
wenig wie Eins und Zwei gebracht haben, wenn nicht Sophie selbst ihm Winke
gegeben hätte, ehe der Engländer auch die dritte Unterredung zum Schluss brachte.
Für einen Mann, wie unser Vater und Bruder, war dies
                                    §. 158.
                                        
                                   Wagestück,
das er unternommen hatte, unerklärlich. Doch wer Menschen kennt, kennt der schon
die Liebe? Der Engländer war freilich in vielen hohen und niedern Schulen
gewesen, um Menschen kennen zu lernen; in der Liebe war er wahrlich kein
Eklektiker. Nur Sophien hatte er mit der Seele geliebt; bei allen andern
Liebschaften hatte er die Seele, Sophiens Tempel, nicht enteiligt. Er traute
seiner Sophie die Rolle vollkommen zu, die er ihr zugeteilt hatte; und, stehe
da! sie war ihr zu schwer.
    Des Engländers Sophie war
                                    §. 159.
                                      nicht
die rechte Sophie; sie war vom Engländer untergeschoben, um seine Absicht bei
des Ritters Mutter zu erreichen.
    So tief konnte sich der geistige Engländer herablassen! Freilich gehörte
diese List nicht zu den apostolischen Tugenden der schon gereinigten Seele, und
war gewiss nicht teurgisch; indes gibt es nichts in der Welt, das teuflisch
wäre, oder das keine Entschuldigung austreiben könnte. Liebte der Ritter nicht
den Selbstbetrug? Wenn er es sich nicht übel nahm, die Idee seiner Sophie malen
zu lassen; warum sollte man nicht seine Idee in natura darstellen? Wo ist denn
die wahre Sophie? Die Apostel, die zwar Geister, so viel man verlangte, nicht
aber die wahre Sophie, citiren konnten, hätten gewiss nicht verfehlt, diese
Dulcinea ausfindig zu machen. Nur zu einer Zeit, als sie nicht zu finden war,
entschloss man sich zur falschen. Konnte der Vater und Bruder dafür, dass der
Ritter so sophiensüchtig war, dass er nicht länger anstehen wollte?
    Diese falsche Sophie war gewiss nicht ohne viele Kosten und Mühe zu Stande
gebracht; und wie? hielt der Engländer sie nicht in der Tat für eine Art von
Sophie, für eine nicht gemeine Tugend? War es seine Schuld, dass sie Feuer sing?
Warum war der Ritter so liebenswürdig? Der Engländer hatte in seiner
vieljährigen Praxis weibliche Tugend kennen gelernt; selbst Festungen nicht, die
auch nur capitulirten; - und doch, blieb er nicht Teaterdirector? Liess er nicht
seine Komödiantin lange allein? Behielt er sich nicht die Einlenkung vor? Und
wie konnte er sich vorstellen, ein Mädchen, das ihm alles zu verdanken hatte,
würde so unerkenntlich sein, und aus der Rolle fallen? War es je seine Meinung,
dass die Sache so weit (bis zur Verwechslung der Handschuhe) kommen sollte?
    Aber der Actrice selbst, war es ihr ganz zu verdenken? Fiel sie nicht aus
der Rolle bloss in die Natur? Würde sie nicht eine unerträgliche Schauspielerin
gewesen sein, wenn sie die Natur nicht mit der Kunst verbunden hätte? Tat sie
mehr, als was alle Mädchen auf Gottes Welt tun, denen der Beruf obliegt, in
sich verliebt zu machen, und dann entweder wieder zu lieben, oder aus der
Verliebteit des männlichen Teils Vorteil zu ziehen? Lässt sich die Liebe
darstellen, ohne dass man liebt? Und wenn ein Licht das andere ansteckt, wenn
Liebe Liebe entzündet; wer ist Schuld? Unser Ritter war freilich sehr weit
entfernt gewesen, es bei seiner Sophie für einen Vorschritt in der fleischlichen
Zuneigung anzulegen; doch artet die geistige Liebe nur zu leicht in fleischliche
aus, so dass ich für keinen als den Engländer Bürge bin, der indes vielleicht
selbst bei seinem Platonismus das Fleisch nicht verlassen haben würde, wenn es
nicht so ungütig gewesen wäre, ihn zu verlassen. Der Ritter, im System der Liebe
völlig unerfahren, war nicht nur, ohne es zu wissen, verliebt, sondern konnte
auch, ohne es zu wissen, verliebt machen. Beide Dinge sind zu unzertrennlich.
Freilich hatte der Engländer zu der Erziehung seiner Sophie alles beigetragen,
was die besten Eltern nicht reichlicher und tauglicher bewirken konnten; war
indes die falsche Sophie die einzige, die er erziehen liess? Sein Gelübde war
(ein besonderes votum castitatis!) so viele Mädchen erziehen zu lassen, als er
weiland zu Liebhaberinnen gehabt; und wahrlich, das war keine kleine Zahl! Warum
aber sollte bloss seine Sophie diesen harten, fast übernatürlichen und
teurgischen Proben ausgesetzt werden, da es mit den andern Pflegetöchtern
entweder gar nicht zur Probe kam, oder da sie leichter abkamen? Gewiss, seine
Sophie müsste zu wenig in der Mädchen-Aritmetik erfahren gewesen sein, wenn sie
nicht summa summarum herausgebracht hätte: es sei besser, einen Gemahl ihrer
Gnade leben zu lassen, als der Gnade eines alten launigen Engländers zu leben.
Bei aller Unbefangenheit, die unserm Ritter in Liebesangelegenheiten eigen war,
hätte ihn Sophiens zuvorkommende Gefälligkeit freilich befremden können und
sollen; und - sie befremdete ihn wirklich. Bei aller seiner Verliebteit würde
er einen grossen Teil von seiner guten Meinung in Hinsicht ihrer aufgegeben
haben, wenn sie nicht Sophie, wenn sie nicht die rechtmässige Besitzerin seiner
Maurerhandschuhe gewesen wäre. Diese Hieroglyphe hatte sie, wenn ich so sagen
darf, copulirt. - Da die falsche
                                    §. 160.
                                        
                                  Begleiterin
gegen den Knappen noch freigebiger war, als die falsche Sophie gegen den Ritter,
lag es nicht in der Natur der Liebe, dass Zusammenkünfte verabredet wurden, die
so geheim blieben, dass der Engländer nichts merken konnte? Bei den
teatralischen Unterredungen, die unter seiner Direktion vorfielen, spielten die
Verliebten ihre Rollen so magisch, dass man glauben sollte, sie hätten dem alten,
neuen und neuesten Testamente des Platonismus den Eid der Treue geleistet. Wie
das
                                    §. 161.
                                        
                                   Baumorakel
der ächten Sophie ausgefallen? Der Baum Er? allerliebst! Der Baum Sie?
verdorrte. Wie das? Ein Versehen des kleinen Spions zwischen Er und Sie. -
Dieser unerwartete Vorfall (wer sollte das denken?) brachte die kleine
Schwärmerin auf den unerlässlichen Gedanken, sie würde sterben. Da sie sich
keiner Untreue gegen ABC bewusst war, was konnte der Untergang des Baumes Sie
anders bedeuten? Vergebens verschwendete die Zofe die ersten und besten
Beruhigungsgründe. Die Apostel selbst, die so wunderbare Krankheiten heilen,
hätten hier bei ihrer Kunst den Kürzern gezogen. Ein wunderbarer Einfall der
Zofe, den Baum bis auf seine Wurzel zu untersuchen, und ein noch wunderbareres
Glück, dass Sophie gegenwärtig war; sie hätte sonst so wenig an den Befundschein
als an die Trostgründe geglaubt! Jetzt fing sich durch die abgeschnittenen
Wurzeln ein Rätsel an aufzuschliessen, das Sophien und ihre Zofe auf so
wildfremde Gedanken gebracht hatte. Man setzte von Stund an eine Probe aus, bei
der über Er und Sie dem kleinen Spion kein Zweifel blieb, und nun entdeckte sich
nach einiger Zeit alles. - Der kleine Spion und sein Vater gestanden den
Hergang, da der Gärtner auf Wurzelmordtat betroffen ward; indes beteuerte der
letztere, von niemanden zu diesem Verbrechen beredet zu sein. - Ich habe, sagte
er, wider den mir unbekannten Er einen Hass, den ich mir selbst nicht erklären
kann. Dass Er hierdurch in Sophiens Augen gewann und der Cavalier verlor, war
natürlich. Er war völlig in den vorigen Stand gesetzt und mehr war nicht nötig,
um die Rache des Nebenbuhlers anzuflammen. Der Cavalier wendete alles an, damit
der unschuldige Er nicht nur Sophiens Liebe verlöre, sondern noch obenein büssen
möchte, und warum? weil das Bubenstück mit Er und Sie nicht besser eingeschlagen
war. Der Cavalier liess mit unglaublichen Kosten und noch grösserer Mühe seinen
Nebenbuhler beobachten, und - man denke! - seine Verbindung mit der falschen
Sophie blieb der ächten kein Geheimnis. Sie wusste alles, nur das einzige nicht,
dass ABC in ihr die ächte Sophie liebte. Nach ihren unwiderleglichen Nachrichten
war die Verlobte des Ritters eine zweideutige Dirne, die - Die Zofe mochte
immerhin behaupten, dass auch diesen Nachrichten insgeheim die Wurzeln
abgeschnitten sein könnten, - nichts! Sie schlug Blumentöpfe, Gesträuche und
Bäume mit Er und Sie in dieser Hinsicht vor, nichts! - Auf alles - nichts! -
Sophie, überzeugt von der Untreue des Ritters - was wird sie tun? dem Cavalier
ihre Hand anbieten? Der
                                    §. 162.
                                        
                                Vater und Bruder
schmachtete nach Antwort aus Rosental, die so ausfiel, wie man sie erwarten
konnte. Der Ritter verzuckerte sie; er musste indes aufs neue und noch einmal
aufs neue die Sache des Engländers treiben, der während dieses Briefwechsels
durch ein glückliches Ungefähr zu der Entdeckung kam, dass seine Sophie und der
Ritter geheime Zusammenkünfte hielten. Nichts in der Welt, selbst die Verstossung
der Ritterin nicht, konnte ihn so aus der Fassung setzen. Wie diese Sache ins
Reine zu bringen?
    Das sind die Folgen der Unrichtigkeit! Er stellte Sophien auf das
nachdrücklichste vor, wie sehr sie ihn getäuscht hätte und verlangte, dass sie
sich zurück in die ihr angewiesene Rolle begeben sollte. Sie versprach es, doch
schien sie nicht Lust zu haben, seine Drohungen zu fürchten. Warum auch? Sie
wusste, dass er wo nicht mehr, so doch ebenso viel wie sie selbst in den Augen des
Ritters verlieren müsste, wenn es hiesse, Sophie sei nicht Sophie. Ihr seine
Unterstützung zu entziehen, dachte der Engländer, würde ungrossmütig und
gefährlich sein. Was ist natürlicher, als dass sie aus der Not eine Tugend
macht, und so sehr in die Enge getrieben dem Ritter ihre schlechte Verfassung
entdeckt? Nur einen einzigen Ausweg hatte der arme Engländer, und dieser war?
den Ritter zu warnen. - Zu warnen? Wen? Den Jüngling, der soviel Umwege nicht
gescheut hatte, um diesen Hafen seiner Hoffnung zu erreichen? - Und wovor? Vor
Sophien, welche der Engländer selbst zur Bedingung gemacht hatte, um den
höchsten Gipfel eines Glücks zu erreichen? - Und wer sollte warnen? Der Väter
und Bruder! In diesem Ausdruck lag mehr, als der Engländer tragen konnte. Doch
wagt' er es, und musst' er nicht? Er suchte dem Ritter auf eine äusserst seine
Weise die Gefahren der Liebe zu zeigen, wenn man sich auf Ordensbahnen befände,
um eben hierdurch sein Herz vor jeder falschen Sophie zu bewahren. Eine falsche
Speculation! Sophie war ihres Sieges so gewiss, dass sie die Rolle seit geraumer
Zeit ganz sorglos spielte, und diese Sorglosigkeit trug nicht wenig zur
Vollendung ihres Sieges bei. Michael und die Begleiterin befanden sich in eben
dieser Lage. Jeden Tag entdeckte Michael neue Vollkommenheiten an seiner
Gebieterin. Er war so verliebt, dass er seinen Herrn flehentlich bat, durch das
Ende das Werk zu krönen, wozu der Ritter an sich selbst schon so sehr geneigt
schien. Die Handschuhe sind voraus und wir müssen nach, sagte der Knappe;
wahrlich es ist Zeit, gnädiger Herr, dass wir der Welt zeigen, wir verstehen
Handschuhe so heiliger Art zu verschenken. - Näher konnt' es dem Ritter nicht
gelegt werden. - Und wer war denn die falsche Sophie? Die Tochter einer
Schauspielerin und eines ihrer Liebhaber, welcher, der Ränke seiner Buhlerin
müde, sie verlassen wollte. Die Schauspielerin drohte, die Mittlerin zwischen
ihm und ihr, wie sie dieses Kind nannte, ein Opfer ihrer Wut werden zu lassen,
wenn er nicht - und was? - sich noch länger zum Gespötte der Welt machen und an
den Bettelstab bringen wollte. Er ermannte sich, der Drohung ungeachtet, entriss
dem Ungeheuer von Mutter die Hauptperson des beabsichtigten Trauerspiels und
erklärte ihr in ganzem Ernst, er hätte nicht die mindeste Lust, das Lustspiel
mit ihr weiter fortzusetzen. Besonders, dass Sophiens Vater und Mutter in einem
Jahr ihre Lebensrollen endigten! sie, wie es hiess, aus Lebensüberdruss; er aus
bitterm Aerger, dass er seinen Posten, nach seinem Ausdruck ohne zu wissen warum
verlor. Vielleicht hätte ihn der Minister diesen Umgang mit einer zweideutigen
Schauspielerin, den er ihm verbot, nicht so hart sollen empfinden lassen. - Und
die Kammerzofe? Die Tochter eines vornehmen Geistlichen und einer Dame von
Stande, die aus Grundsätzen der Ehre ihr Kind dem Findelhause in - übergeben
hatten, und da für dasselbe ein ansehnlicher Zuschuss bewilligt war, wusste einer
der Aufseher dies reiche Kind mit einem andern zu vertauschen, dessen Vater ein
dürftiger Geistlicher und des Aufsehers leiblicher Bruder war. Da das durch den
Tausch herabgesetzte Kind bei diesen Umständen zur Classe derer gehörte, die
nach erlangten vorschriftsmässigen Jahren zu Dienstboten bestimmt waren, so
schien es ein Glück für die Unglückliche, dass sie der Tochter einer Actrice, die
der Engländer erzog, aufwarten konnte. Die vortreffliche Mutter unseres Ritters
konnte nicht ohne Kleck im Stammbaum abkommen; was wirb aus dem dürren Holze
dieser unächten Sophie werden? Wie viele Buchstabenopfer wird man fordern? und
wird nicht der ganze Name bis auf jeden Punkt auf dem i ersäuft werden müssen?
Noch hing es an einer Kleinigkeit zwischen der falschen Sophie und unserm
Ritter, die gewiss leicht beizulegen ist. Sie wollte nach ihrer Verbindung in
Rosental eingeführt werden, der Ritter wünschte, dass es vor derselben geschehe.
Schon hatte Sophie so viele scheinbare Gründe gehäuft, dass der Ritter schwankte.
Bin ich denn nicht, sagte sie, bei aller meiner Unbekanntschaft in Rosental
bekannt? Hat nicht Ihr sterbender Vater mich gesegnet und mir ein Recht auf Ihr
Herz gegeben? War es nicht Ihre Hauptabsicht das Glück Ihrer Sophie zu machen?
Und wirb Mutter Sophie Fehler der Förmlichkeiten auf die Wagschale legen? Sie,
die so wie die Gotteit nicht auf das steht, was vor Augen ist, sondern auf das
Herz? Besitz' ich nicht Ihre Maurerhandschuhe? Und wer wirb mich begleiten? Sie?
was wird dann die Welt sagen! Sie nicht? was dann mein Herz! Doch, was Sie
wollen, ist mein Wille; nur dass der Engländer uns nicht trennt, der nicht liebt,
sondern Liebesgrillen hat! - Tag und Stunde waren verabredet, wann der Ritter
seine Sophie ihrem Pflegvater entführen wollte; und so schlau der Engländer war,
und so sehr er seine Sorgfalt seit einiger Zeit vermehrte, so wusste er doch so
wenig von diesem Vorhaben, dass er vielmehr aus Sophiens Betragen abnehmen zu
können glaubte, sie bemühe sich wider zurück in die ihr angewiesene Rolle zu
kommen, wenn sie gleich noch nicht zu den sich reinigenden Seelen, viel weniger
zu den Tugenden einer schon gereinigten Seele sich hinaufgeschwungen habe. Es
war' auch Schande, wenn Weiber nicht über Apostel wären. - War nicht Delila über
Simson und Eva über Adam? Eine Antwort von seiner
                                    §. 163.
                                        
                                     Mutter
schob die Reise einen Tag auf; zwar nicht Sophiens; - diese reiste gerade zum
Altar, begleitet von dem vertrautesten Freunde unseres Helden. Der Brief
entielt die Schlussantwort für den Engländer, der edlen Sophie völlig
angemessen. Sie beschwor ihn bei jenen jugendlichen Freuden, welche Freude und
Unschuld veranlasst hätten, nicht in sie zu dringen. Ihr Entschluss war
unerschütterlich; doch, fügte sie hinzu, wird es mir Freude machen, einen alten
Freund wieder zu sehen - Der Ritter traf den Engländer in keiner seligen Stunde.
- Sophie quälte sein Gewissen. - Er war eben aus dem engsten Ausschusse der
Apostelversammlung zu Hause gekommen, wo man lettres de cachet verabredet hatte,
um die falsche Sophie zu entfernen. - Hatte dieser wundertätige Ausschuss keine
andere Wege, dies Ziel zu erreichen? Der Engländer las mit augenscheinlichem
Entzücken; wenn gleich sein Plan zu einer ehelichen Verbindung abgeschlagen
ward, so begeisterte ihn doch die Art, womit Sophie abschlug. Er umarmte den
Ritter und drückte ihn fest aus Herz. Sophie - (mehr könnt' er nicht sagen)
Sophie ist nicht Sophie. Der Ritter, der diesen Ausdruck auf seine Mutter
deutete, erwiederte: Sie ist es wahr und wahrhaftig. - Ach! Sohn und Bruder, wie
erschein' ich in deinen Augen! »Als mein Freund, als mein Führer, was ich nie
vergessen kann und werde.« Dies rührte den Engländer noch mehr, und er schloss
dem Ritter nicht nur das Geheimnis mit der falschen Sophie, sondern auch so
manche Vorgänge im Orden der Apostel auf. - Grauen und Entsetzen überfiel den
Ritter, der sich es nie hätte einbilden können, dass Menschen im Stande wären,
Menschen auf diese Weise zu betrügen. Schon wandelte ihn der Gedanke an, dass
vielleicht die ganze Apostelwürde ein auf seinen Zustand eingerichteter Orden
wäre; der Engländer beteuerte indes, dass nur einige Episoden zu diesem grossen
Werke des Ritters wegen dazu gekommen wären. Viele Dinge, fügte er hinzu, sind
mir selbst in diesem Grad unerklärlich; doch ist kein Zweifel, dass die Zukunft
mich zu mehreren, meinen jetzigen Horizont übersteigenden Dingen führen wirb. -
Gewiss existirt eine noch höhere Region, wo Wunder über Wunder sind. - - Der
Engländer war bei weitem nicht am letzten Ende des Aufschlusses, und ich wette,
es war's keiner, auch nicht Einer. - Die Ehrlichkeit, womit der Vater und Bruder
dies sagte, hätte freilich den Ritter mit dem Orden völlig aussöhnen können;
indes nährte er den Argwohn, dass man bei Aposteln, die einmal Episoden in ihr
System aufnähmen, nicht wissen könnte, woran man wäre und wo diese Episoden
anfingen und aufhörten! Die Reue des Engländers, der sich, seiner Geistigkeit
unbeschadet, bei dieser Gelegenheit etwas fleischlich betragen hatte, konnte das
Zutrauen des Ritters nicht gewinnen, der ein Feind aller Heuchelei war. Beide
kamen darin überein, dass Mutter Sophie weit eher den Apostelnamen verdiene, als
viele Väter und Brüder Episodenliebhaber. Michaeln schlug die fehlgeschlagene
                                    §. 164.
                                        
                                   Entführung
so ausserordentlich nieder, dass sein Herr Mühe hatte, sein völlig verstimmtes
Gemüt in den gehörigen Stand zu bringen. Vielleicht, sagte er, ist die jetzige
Reue des Engländers eine stärkere Episode, als seine bereute Versicherung. Ist
es nicht schwer, zu erklären, wie eine Begleiterin, die mit dem Ideal, das man
malen lässt, so pünktlich übereinstimmt, nicht die rechte Begleiterin sein soll?
Er verlangte, der Engländer sollte beweisen. - Was denn? fragte der Ritter, kann
man den Augenschein beweisen? Wenn ich nur wüsste, sagte Michael nach einer Pause
höchst betrübt, wenn ich nur wüsste, wiederholte er, ob ich je die ächte
Begleiterin finden werde! Ich will Verzicht tun auf das Glück, in ihr die
Tochter eines vornehmen Geistlichen zu treffen, die, wenn sie gleich vertauscht
war, doch immer ein seltener Vogel bleibt. Tochter einer Schauspielerin! sagte
der Ritter; Tochter vielleicht eines Papstes, eines Cardinals. Mindestens eines
Bischofs, erwiederte der Knappe. Beide sanken in jene besondere Art von
Schwermut, welche die Liebe des Leibes und die Verachtung der Seelen an
geliebten Gegenständen bei unserem Geschlechte nach sich zu ziehen pflegt. -
Schreckliche Lage! sie kam dem Herrn und dem Begleiter so hoch zu stehen, dass
ihretwegen zu fürchten war. - Kein goldener Spruch des Pytagoras war kräftig
genug, sie aufzurichten. Bei allen Episoden des Apostel-Ordens schien sein Wink
zum Einsiedlerleben ihnen erwünscht. Ihr Entschluss war, die Venus Urania im
Geiste anzubeten, der Welt des Fleisches abzusterben, in gänzlicher
Abgeschiedenheit Ambrosia und Nektar zu kosten, mit Gott umzugehen und höchstens
mit Engeln ein Kränzchen zu halten, mitten in der Sinnenwelt in einem
wundervollen Lichte zu wandeln, im Schimmerlichte des Elysiums das Auge des
Verstandes zu schonen u.s.w. - - als ob ein Platoniker sich nicht an Ideen ärger
den Kopf verderben könnte, als ein Schwelger durch Lesung eines neuen Kochbuchs
den Magen! Als ob! - -
                                    §. 165.
                                        
                                    Johannes
kam, welchen der Ritter fest an sein Herz und, nach seiner platonischen Sprache,
an seine Seele drückte. Nach dem Engländer Judas musst' ihm dieser Apostel
freilich höchst willkommen sein. Fürs erste suchte Johannes seinen Freund mit
der Welt auszugleichen. Ein Engel, sagte der Ritter, ist mir erschienen, und wie
könnt' er anstehen, ihm die letzte Falte der Seele zu entwickeln? Johannes, ein
Feind alles Ubernatürlichen, wovon der Ritter so oft sich überzeugt hatte,
erschien als Wunder in den ritterlichen Augen, weil ein so natürlicher Johannes
von allen seinen Ordensschritten fast pünktlich unterrichtet war. Wie erschrak
der Ritter über die natürlichen Deutungen so vieler Vorfälle, die er bis jetzt
für Wunder gehalten hatte! Freund, sagte der Ritter, was ist Ihnen für eine
seltene Wundergabe eigen, alles zu entwundern und das Maschinenwerk der
magischen Oper aufzuziehen! - Johannes schonte den Ritter nicht, dessen
vorteilhafte Stimmung er zu seiner Absicht benutzte. Es glückte ihm, seinem
Freunde die Augen zu öffnen. Man darf nicht die Hälfte vom Kopf und Herzen
unseres Johannes besitzen, um so manchen Greuel an heiliger Stätte zu erklären,
wenn man den Umstand voraussetzt, dass auch der entschiedenste Philosoph der
Glaubensversuchung unterliegen müsse, so bald nur zwei Menschen, von denen er
nicht weiss und vermutet, dass sie es auf ihn angelegt haben, ihn metodisch
hintergehen. Sind mehr als zwei Menschen dieser Art vereinigt, sind in diesem
Bunde Postbediente, Hauswirte, Domestiken - halt, sagte der Ritter, von meinen
Domestiken könnt' ich nicht hintergangen werden. Michael ist mein Begleiter, und
der Reitknecht so ehrlich, dass, als man Michael zur Vorbereitungsprobe an Hals
und Hand kommen wollte, er sich seiner mit unglaublicher Redlichkeit annahm,
obgleich Michael so ungütig war, nicht sein Vetter sein zu wollen. Johannes
lachte, und in kurzer Zeit war der Reitknecht zum Erstaunen des Ritters
überführt, der geheime Postillon der Briefe gewesen zu sein, welche der Ritter
auf eine unerklärliche Weise an Orten gefunden hatte, zu denen niemand als er
selbst zu kommen im Stande war. Der Reitknecht war klug genug, die Wundersprache
einzuschlagen und wohlbedächtig vorzugeben, dass ihn der arge böse Feind zu
dieser Untreue verleitet hätte. Da indes in Geschäften keine Wunder gelten, und
wenn ein Apostel mit dem andern über Mein und Dein schaltet und waltet, eine
Erscheinung, und wär' es eine Teophanie, keinen Rechtsgrund abzugeben sich
anmassen kann, so sah der Reitknecht wohl ein, dass zwischen Ordens- und gemeinem
Leben ein himmelweiter Unterschied sei, so folgerungsrecht es auch immer sein
möchte. Kniend übergab er seinem Herrn die Nachschlüssel. Mit Gottes Hülfe,
fügte er hinzu, wird der Teufel meine Verführer schon holen! - Es war erbaulich,
dass Johannes Unbegreiflichkeiten teils augenscheinlich, teils wahrscheinlich
begreiflich machte, und Dinge lösete, die dem Ritter bis jetzt unauflöslich
geschienen hätten. Wenn wir nichts mehr zu antworten wissen, sind wir dadurch
schon zur Meinung des Gegners übergetreten? Ist es genug, dass die Knoten
verschoben und verrückt werden? Muss man sie nicht lösen? - - - - Zum
Synkretismus hat, seines Wissens, der Ritter nie Neigung gezeigt, nach welchem
man mit seinen Feinden Frieden macht, um einen gemeinschaftlichen Feind desto
nachdrücklicher anzugreifen. So schwer es unserem Johannes ward, Menschen in
ihrer Blösse zu zeigen, so könnt' er es doch da nicht unterlassen, wo nur durch
die Entzauberung dieser Ordensmeister die Vorgänge selbst entzaubert werden
konnten. Bon Reden kommt Reden, von Tun kommt Tun. Doch bewies Johannes so
viel Menschenschonung, dass der Ritter auf keinen einzigen unwillig ward. - In
der Tat, es gehörte viel auf seine Nottaufe, so wacker er auch scheint und so
sehr er es auch in den meisten Fällen war und noch ist. Fing er nicht mit der
Türkengeschichte an? Wollte er nicht Wappenkaiser werden? Ward er nicht durch
die zehn Haupt- und so viele Nebenverfolgungen zum Ordensgeiste vorbereitet?
Hatte er nicht verheissen, das Rosentalsche Jerusalem zu ehren sein Lebenlang?
Ward er nicht zur Maurerei berufen, erleuchtet und geheiligt? Und braucht nicht
auch der persönliche Adel Sporen? Wenn man das Kreuz unter der Weste trägt, hört
es darum auf, ein Kreuz zu sein? - Auch lernte unser Held einsehen, dass der
Apostel Engländer von andern Aposteln kollegialisch hintergangen war, und dass
selbst Hintergeher ihres Betruges zuletzt so gewohnt würden, dass sie selbst
nicht glaubten, sie betrögen, indem sie sich überredeten, ihre gute Absicht
verbessere die Mittel, und Täuschungen könnten durch das Bewusstsein eines
redlichen Zwecks geheiligt werden. - Ist es nicht verzeihlich, die Hieroglyphen:
Gott, Geist, Seele, Mensch, Zeit, Ewigkeit u.s.w. erklären, und da noch leiblich
sehen zu wollen, wo den Menschen nur der moralische Glaube zugemessen ist?
    Die Bibel, ein Buch, das wir von Jugend an heilig zu halten gewohnt sind,
dient zum Vorschub dieser Anstalten; - und sind Menschen auf den Weg des
Wunderbaren geleitet, können nicht sehr leicht mit fünf Gerstenbroden und ein
wenig Fischlein vier tausend Menschen gespeist werden? Anspielungen auf
patriarchalisches Leben, Liebesmahle, und die kreuzbrave Idee der alten
Ritterschaft wirken auf unverdorbene Gemüter, so dass es kein Wunder, sondern
völlig natürlich ist, wenn sie vom Ordenswesen bemeistert werden. Ich weiss
nicht, sagte Johannes, ob der vernünftigste Mensch in gewissen Jahren besser
spielen könne; doch einmal muss man die Kinderschuhe ausziehen, die Steckenpferde
zerbrechen und die Spielpuppen zum Fenster hinauswerfen. Das Mönchsleben und die
Klöster, die in unsern letzten Tagen so viele Bestreiter gefunden haben, können
sicher sein, bei einer gewissen Stimmung des Gemüts immer noch zu gewinnen. Sie
behaupten, die zweite Edition von dem Leben der ersten Christen zu sein; und
scheint es nicht wirklich, dass sie den einfältigen Wandel dieser ersten Bekenner
und Bekennerinnen nachahmen? - Nicht wahr, lieber Ritter, fuhr Johannes fort,
Sie waren in dies erste Christenleben verliebt? Doch ist es, wie alles erste,
nichts weiter als Kindheit, durch die männlichen Jahre des Christentums bei
weitem übertroffen! - Wunder lassen sich jetzt so leicht nicht unter die Leute
bringen. Würd' es nicht schwer halten, der Welt einzubilden, eine neue Wittwe zu
Sarepta sei in -; der Teich Betesda zu Jerusalem tue in - Wirkung? Und während
der Zeit, dass unsere neuen Bibelerklärer beweisen, unter Engeln werden Boten
verstanden (so dass nach dieser Erklärung unser corps diplomatique, man denke!
ein Corps Engel und Erzengel wäre), könne man in - für Geld und gute Worte mit
Engeln essen? - Behauptungen dieser Art machen jetzt in grössern Weltcirkeln kein
Glück, und der heilige Vater hat zu dieser Frist gewaltige Mühe, einen Heiligen
zu Stande zu bringen. Die Folge? Man glaubt, in kleinern Cirkeln, bei Menschen,
die sich einmal zum Wunderbaren stimmen lassen, oder vielmehr sich selbst
stimmen, leichter fortzukommen; und ist es zu läugnen, dass diese Strategeme
gelingen? - Die alten Ritter widmeten sich der Beschützung der Religion, des
Vaterlandes und der Unschuld. Sie waren zu roh, als dass man vermuten könnte, es
wären bei ihnen Kleinode von Künsten und Wissenschaften vorhanden gewesen; sie
waren eine Art von Nomaden, die sowohl im Geistlichen als Leiblichen nicht für
den andern Morgen sorgten; wie will man bei ihnen Einsicht unseres
Zeitalterserwarten? Ihr Leben sahen sie als Geschenk an, das ihnen zum Wucher
anvertraut sei, um ungläubigen Sarazenen den Hals zu brechen. Ist hiess etwa ein
Grundsatz, der ihre Vorzüge verbürgt? Ihnen musste manches Wunder dünken, was
jetzt Kinder natürlich zu erklären wissen. Lasst uns von ihnen lernen, unser
Leben nicht lieber zu haben, als unsere Bestimmung! Lasst uns von ihnen Mut
lernen, Gefahren zu überwinden, wenn die Umstände es wert sind, da ein Teil
dieser Religions- und Minneritter den in barbarischen Landen gedrückten Vasallen
aus Menschenliebe beistanden, verfolgte Gerechte schützten, verlassenen Wittwen
Recht schafften, und jedem, der ihrer Hülfe bedurfte, sie fern von aller
Gewinnsucht und Nebenabsicht leisteten! Lasst uns, wie sie, in der Welt, so viel
an uns ist, das Gleichgewicht herstellen, wozu die Gotteit jeden berief, der
sich an Stärke des Geistes von seinen Zeitgenossen unterscheidet.
    Diese Unterhaltung lenkte unsere Freunde zu verschiedenen Ideen und zum
erbaulichen
                                    §. 166.
                                        
                                  Wortwechsel.
Ein Extrakt. - Die Verbindung mit Gott brachte vielleicht von jeher Menschen auf
den Hang zum Umgange mit Wesen höherer Art. Wer beim Fürsten gelten will, sucht
Bekanntschaft bei Hofe; und vom Geiste des Menschen, welch ein Weg bis zur
Gotteit! Ein Sprung, welcher der Natur nicht eigen ist! - Auch weiss man, dass es
der lieben Geisterwelt nicht um Geld und Gut zu tun ist; und wem sollte sie es
lieber zuwenden, als ihren Halbbrüdern, den Menschenkindern, die sich alles, bis
auf ein gutes Gewissen, mit Geld und Gut verschaffen können? Zwar fallen Gelb
und Gut nicht vom Himmel, und es wird dem Peter genommen, was dem Paul gegeben
wird; doch hatte Paul es nicht nötiger, als Peter. - Hierzu kommen Furcht und
Hoffnung, ein paar Lagen, in die sich das Menschenleben verteilt, edle und
unedle Neugier, Lebensverachtung - Stolz - politischer Druck - Langeweile,
schlechte Gesellschaft in dieser Erdenwelt, Grenzstreit in Hinsicht der
teoretischen Vernunft, und Unkunde der Vorschrift der praktischen. - Vor allem
wirbt die Kürze des Lebens der Magie Jünger. Verlohnt es, durch Fleiss, durch
Anstrengung zu einem gewissen Ziele zu gelangen? Kaum sieht man Kanaan, und
unser Leben ist dahin; und von welchem Jahre ab kann man sein Leben mit Recht zu
berechnen anfangen? Eben darum ist schwer zu hoffen, dass Menschen je die beste
Staatsverfassung erringen werden. Für wen? denkt man; für wen? -
    Da man Gott als einen alten ehrwürdigen Mann vorstellte, so konnten die
Geister von Glück sagen, dass wir ihnen von unsern Heraldikern (senioren nämlich)
die Schnabelmäntel machen liessen. - Die Menschen begaben sich in Hinsicht ihrer
nicht der Schöpferrechte; vielmehr machten sie aus ihnen grosse Herren und
Diener, je nachdem man sie nötig hatte. Ein armer Taglöhner hält sich seinen
Engel, mir nichts, dir nichts; und dieser macht sich eine Ehre daraus, ihm zu
dienen, ohne dass es dem Herrn Taglöhner einen Dreier lostet. Die Schnabelmäntel
der Seele sind Leidenschaften, und diese existiren nicht ohne Bedürfnisse; was
aber für Bedürfnisse schicken sich für Geister? Kostbare konnte man ihnen nicht
beilegen, um nicht mehr zu verlieren als zu gewinnen. Man opferte anfänglich der
Gotteit, und rechnete es sich zur Schuldigkeit, den Geistern ein Vergnügen zu
machen. Man liess sie malen - wobei die Malerei am meisten gewann; denn man sagt,
dass sie bei weitem das nicht geworden wäre, was sie jetzt ist, wenn den Malern
nicht Götter und Geister gesessen hätten. Das beste, was man der Geisterwelt
brachte - war Lob. - Freilich leicht, allein auch schwer, je nachdem das Lob
ist! - - Aller dieser Verehrung unbeschadet fand doch selbst ein Volt, wie das
römische, keine Bedenklichkeit, die Götter in effigie zu strafen und zu
beschimpfen, wenn sie nämlich so ungütig waren, nicht zu tun, was man wollte. -
Wenn Sokrates seinen Dämon hat; wenn der Stifter des Christentums sich durch
einen Engel stärken lässt: ist es Wunder, wenn die alten, neuen und allerneuesten
Platoniker die Erde mit dem Himmel, die Körper mit der Geisterwelt in eine so
genaue Verbindung setzen, dass ein Mensch, der sich mit Geistern verstärkt, mehr
tun kann, als Werktagsmenschen zu begreifen vermögen?
    Freilich ist der Mensch ein Knoten, den nur die Gotteit lösen kann; indes
sind Versuche, ihn zu entwickeln, doch besser, als wenn man ihn zerhauet. Plato,
unser Freund, behauptete: die Bildung des Menschen wäre den Dämonen überlassen
gewesen. Diese kneteten den Leib aus den Elementen zusammen; der göttlichen,
unsterblichen Seele dagegen ward das Haupt zum Wohnsitze angewiesen. Der
göttliche Plato liess es bei dieser göttlichen Seele nicht bewenden; er
praktisirte noch zwei unvernünftige Seelen in den Körper, und setzte die eine
ins Herz, die andere in den Unterleib - ja wohl, in den Unterleib! - Hätte Plato
mit einer vernünftigen Seele im Menschen sich begnügt, er hätte ihr gewiss im
Magen die Residenz angewiesen, der auf alles, was Fleisch ist und heisst, einen
nicht geringen Einfluss hat. Ein so ächter Republikaner, wie Plato, machte auf
diese Weise jeden Menschen zu einer Republik, wo ewiger Zank ist, wo oft
Unterleib und Herz nicht wissen, was sie wollen, wo indes doch, durch Erfahrung
gestärkt, am Ende die vernünftige göttliche Seele die Oberhand gewinnt, - bis
endlich (Gott geb' es!) das Reich Gottes auf Erden sich hervortut: eine
Staatsgesellschaft, wo nicht Könige, Priester und Propheten (eine andere Art von
Unterleib und Herz!) die Gotteit repräsentiren; sondern wo die Menschheit,
ihres göttlichen Ursprungs sich bewusst, ihren Geist als einen Ausfluss der
Gotteit ansieht, und den Leib so nach der Seele modelt und einlenkt, dass ein
Paradies entsteht, in das die Menschheit nicht ohne Mühe und Arbeit
hineingepflanzt wird, sondern in das sie sich selbst hineinringen und hinein
arbeiten muss.
    Da Unterleib und Herz zu überwinden dem Kopfe zuweilen äusserst schwer wird,
so gerät der Mensch aus Seelenverdruss (der vernünftigen Seele) nicht selten in
die Versuchung, den Körper für eine Bastille der Seele zu halten; doch diesen
Verdruss selbst - spielt ihn nicht der Unterleib? Nichts anders, als der
Unterleib. Gott! was ist der Mensch! ein Knoten aller Knoten. Ist es Wunder,
wenn er sich nach Geistern umsiehet? Nur wenn ihr Kollege, die vernünftige
Seele, die Hauptseele bleibt; wenn sie der Sinnlichkeit und den Leidenschaften
ritterlich entgegenarbeitet, sie heiliget, und so mit Weisheit und Tugend in
Verbindung setzt, dass selbst das Fleisch, genau erwogen, bei dieser an selbst
gegebene Gesetze gebundenen Freiheit sich weit besser befinden muss: nur alsdann
zeigt sich Hoffnung, der Mensch werde und könne sich auf diesem Wege entwickeln
und verstehen lernen. Was der Mensch soll, wird er auch mit der Zeit wollen.
Hätte die Gotteit ihm wohl ein Gesetz in die Seele geschrieben, wenn es ewig
unerfüllbar bleiben sollte? - Aus dem Gesetzbuch ist ein Volk, das sich selbst
Gesetze gab, oder dem sie von einem weisen Geber vorgezeichnet worden, am
richtigsten zu beurkunden.
    Da jede vernünftige Seele des Individuums mit seinen Gegnern des Fleisches
genug für sich zu tun hat, so scheint es fast unmöglich, dass dieser Sieg im
allgemeinen zu Stande kommen werde. Doch lasst uns glauben, es scheine bloss so. -
Mensch, überwinde dich selbst, und der Hauptschritt ist getan, alles zu
überwinden. Wenn viele Selbstsieger zusammenreten; kann dieser Phalanx sich
nicht getrösten, er werde mit der Zeit mehr Unterleiber und Herzen zur
Oberherrschaft der vernünftigen Seele bekehren? Und wenn alle diese Bekehrten
gemeinschaftlich eine sich bloss auf Vernunft gründende Souverainetät bewirken,
wenn sie Eins und unteilbar, teils wegen ihres Ursprungs, teils wegen ihrer
Uebereinstimmung in Gesinnungen (Meinungen tun nichts zur Sache) sind; wenn sie
sich wider jede Anmassung einer partiellen Souverainetät das Wort geben und sie
nicht aufkommen lassen: Gott! welch' ein Vorzug, in diesem Reiche Gottes ein
Beamter zu sein! Wann diese Teokratie ohne Priester, wann dieser Vorschmack von
Eldorado kommen wird? Das kann nicht die Frage sein; wohl aber, was zu tun ist,
dass dieses Eldorado komme. Die Hände zu kreuzen zum Gebet: dein Reichkomme -
tut es freilich nicht. Das Reich Gottes kommt nicht in Worten und Geberden,
nicht in Rednerfiguren, es mögen Figuren des Witzes, des Verstandes oder des
Herzens sein. Wer unbehülflich in Worten ist, ist es darum nicht in Taten.
Redner, welche obere und untere Seelenkräfte zusammenzumischen, vernünftig und
sinnlich zu sein, zu überzeugen und zu rühren verstanden: was richteten sie aus?
- Die natürlichste Regel ist: Jeder suche für sein Teil sich zum Bürger in
Gottes Reich vorzubereiten, wobei er um so weniger vergebliche Arbeit
unternimmt, da diese Vorbereitung zum Leben zugleich eine Vorbereitung zum Tode
ist, dem kein Mensch entgeht. Zum Tode? Allerdings; und in dieser Rücksicht
heisst sterben lernen mit Recht: weise sein. Wenn jeder diese seine Lektion
lernte und Gottes Reich in sich stiftete, könnte es fehlen, dass es bald im
Grössern kommen würde? Aechte Philosophie spricht uns den Umgang mit Geistern ab.
Was zu tun? Lasst uns einen andern Weg einschlagen. Gehören nicht Auserwählte
dazu, die im Stillen fördern, nachhelfen, vollenden, die nichts im Staate
bedeuten müssen, um sich nicht eine Herrschaft über die Gemüter der Menschen
anzumassen? - Allerdings! und diese Gottessöhne, diese Auserwählten, legen es
nicht darauf an, eine Brüdergemeinde zu stiften, eine Stadt Gottes anzubauen,
und Bande zwischen Eltern und Kindern und Verwandten zu zerreissen. Auch kann es
ihrer nicht viel geben; - und gewiss keinen Einzigen, der lichtvoll ruft: es
werde Licht! und nun eine von Goldpapier ausgeschnittene Sonne zeigt. Sie leben
im Staat, als lebten sie nicht darin; nur einzelne Strahlen lassen sie fallen.
Wenn (wie in unsern besten Staaten) Souverain und die gesetzgebende und
vollziehende Gewalt oft in noch ärgere Verwickelungen geraten, als Vernunft,
Herz und Unterleib, was ist alsdann die Pflicht dieser Stillen im Lande? Im
Grossen und Kleinen zu willen, den Vorwurf gern zu ertragen: es sei Kinderspiel,
was sie in ihren Schriften beginnen, es sei eine Komödie, die nicht aufgeführt
werden könne. Sie lassen die Kindlein zu sich kommen und wehren ihnen nicht;
denn diese spielen das Reich Gottes, und durch weisen Unterricht werden diese
Kindlein zu tüchtigen Werkzeugen eines Werkes erzogen, das durchaus im Kleinen
und langsam kommen muss! - Entweder so, oder nie. Wenn man an Kindern,
vermittelst der Erziehung, beweiset, dass der Mensch, der Erbsünde unbeschadet,
es weit bringen könne, ohne dass man Asträen vom Himmel erwarten dürfe, damit sie
Unschuld und Gleichheit des goldenen Zeitalters auf der verdammten Erde wieder
herstelle, und ohne dass man auf himmlische Einflüsse Rechnung machen dürfe;
wahrlich! da lässt sich von der Menschheit ohne Wunder alles hoffen! Selbst wenn
es Wunder wären, die auf ihre Veredlung wirkten, müsste man nicht durchaus so
tun, als gäbe es keine? Durch Gewalttätigkeiten und Machtsprüche ein Regiment
der Vernunftgesetze im Moralischen und Politischen einführen wollen, hiesse durch
Unvernunft vernünftig sein. Gewalt und Moralität! wahrlich das Heterogenste, was
in der Welt ist. Gewalt? Allerdings, wenn es nämlich jene äussere Gewalt ist, wo
Schwert und Stock Recht und Pflicht sind, wo man durch diese eisernen Scepter
die Freiheit einschränkt, ohne zu erwägen, dass Gewalt eigentlich im Willen des
Menschen liegt. - Doch gibt es (ohne dem Worte Gewalt Gewalt zu tun) eine
innere; und diese ist die des Verstandes und der Vernunft. - Diese lässt sich aus
heiligen Urgesetzen der Vernunft a priori demonstriren; jener (der Gewalt des
Verstandes) hat die Erfahrung das Siegel aufgedrückt; sie beruhet auf Verträgen,
wodurch man sich einschränkt, wenn dagegen die Vernunftgewalt sich über sich
selbst und die Erfahrung wegsetzt, und nicht als Stimme der Menschen, sondern
als Stimme Gottes gelten will. Zwar muss man Gott überall mehr gehorchen, als den
Menschen; indes bleibt doch noch die Frage: ob es je der Vernunft a priori in
solchen grossen Gesellschaften, wie man jetzt hat (ob zu Gottes Wohlgefallen, ist
die Frage), gelingen werde? Wenigstens bleibt in diesen grossen Gesellschaften
die Pluralität viel zu sinnlich, um durch etwas Unsichtbares sich zwingen zu
lassen. - Doch sind diese grossen Gesellschaftsmassen einmal vorhanden, und es
wird tausend und abermal tausend Jahre, die hier wie ein Tag sind, dauern, ehe
ein Codex reiner Vernunftgesetze zu Stande kommt. - Immerhin! man eile hier mit
Weile, ohne es auf das platonische Jahr (auf den Tag nach dem jüngsten Tage)
auszusetzen. Sobald nur reine Vernunft-Anordnungen im Staate zur Grundlage
dienen; was schadet es, wenn auch ihre nächsten Gründe in einer
Verstandesautorität aufzusuchen sind? - Was Recht ist, bestimmt die reine
Vernunft; was bürgerlich Recht ist, mag die gesunde Vernunft oder die Autorität,
die sich in der positiven Gesetzgebung offenbart, angeben. Wenn Autorität den
vernünftigen Willen gegen Neigung, Leidenschaft, Interesse, kurz, gegen
unvernünftige Aus- und Einfälle in Schutz nimmt, - wer darf sie für jene äussere
Schwert- und Stockgewalt halten? Wer kann den fürchten, den er nicht ehrt? Wo
Ehrerbietung ist, da ist Furcht. - Schon haben diese beiden Begriffe im Worte
Ehrfurcht sich ehelich verbunden. Die Rechte der Menschen, die nach unsern
jetzigen Verfassungen nicht viel mehr als bloss möglich sind, durch bürgerliche
Rechte wo nicht zu wirklich wirklichen zu machen, so doch sie der Wirklichkeit
etwas näher zu bringen; das ist die Pflicht der positiven Gesetzgebung, die in
Abgötterei ausartet, wenn sie nicht die Rechte der Menschheit sich zum
unablöslichen Gesetze macht. Jetzt wird ein Gesetzbuch aus dem andern gemacht;
und die Stände (der nähere Ausschuss der Gesetznehmer) im monarchischen Staat
bestehen selbst mit Recht darauf, dass ihnen ihre alten Rechte nicht genommen
werden mögen, weil, wenn einmal die äussere Gewalt sich Willkürlichkeiten
erlaubt, alles drüber und drunter geworfen wird. Ein Gesetzbuch ist eine
Vernunftabschrift; und nicht nur bei der Staatseinrichtung, sondern in allen
Zweigen der Staatsverfassung kann und muss sich Vernunft offenbaren, wenn nicht
alles heute so und morgen anders sein soll. - Die Pflicht jener Stillen im Lande
, jener Gottessöhne, jener Kinder des Höchsten, jener Auserwählten, die wir den
Geistern substituiren? Den Menschen richtig berechnen, keinen Bruch übrig
lassen, durch Erfahrung der Demonstration, durch empirische Principien den
rationalen fortelfen, bei der Sanction der Vernunft die Vorträge des Verstandes
in Anschlag zu bringen, das Muss und das Wird in genaue Verhältnisse setzen, wenn
Gesetznehmer sich lieber unter die Hand des Fürsten schmiegen wollen, weil das
Gesetz unerbittlich ist, und es von ihm nicht heisst: den Demütigen gibt er
Gnade, sondern: den Gehorsamen gibt er Recht; ihnen lebhaft vorstellen, welch
ein Vorzug es sei, wenn Menschen sich vor dem Gesetz, wie vor der Natur, als
eine einzige Familie versammeln. Kann man denn nicht Gebote und Verbote durch
Ausweichungen widerlegen? Dem Luxus durch Beispiel vorbeugen? Durch ein
Moralbuch (warum denn immer ein Gesetzbuch) den Staat zu einem moralischen
Instrument stimmen? Kann man nicht ernstaft ohne Trotz, freimütig ohne
Plauderhaftigkeit, witzig ohne Beleidigung sein? Ist zwischen gemaltem und
wirklichem Feuer nicht ein gewaltiger Unterschied? Kann man nicht auch Gott
geben, was Gottes ist, wenn man dem Kaiser gibt, was des Kaisers ist? Kann denn
der Mensch, wenn er gleich über seine Zeit und seine Dienste disponirt, wohl
über sich selbst disponiren? Kann er das, was geboten wird, tun, und was
verboten wird, lassen, wenn er dieses nicht als schädlich und jenes als nützlich
alleruntertänigst selbst einsieht? Ist nicht wirklich Etwas von Menschen (an
sich selbst) ohne übernatürliche Beihülfe zu erwarten, dass sie nur die achten,
die Gutes tun, da sie selbst in den ärgsten Feinden edle Handlungen ehren, und
sich bei aller Selbstsucht nur alsdann im Herzen schätzen, wenn sie sich das
Zeugnis, es zu verdienen, nicht abschlagen können? - Wer Gedanken für zollfrei
erklärte, war ein schlechter Vernunftfinanzier; und über ein Kleines wird der,
der Gedanken nicht anzuhalten gewohnt ist, auch den Worten, und über ein noch
Kleineres auch den Handlungen freien Lauf lassen. - Oft macht der Mensch in sich
selbst ein Gesetz, das schon längst gemacht war, und das sich von selbst
verstand. - Warum? um nicht in seinen eigenen Augen zu verlieren, um sich in
integrum bei sich selbst zu restituiren, weil er so oft jenes ewige, in seiner
Vernunft sich gründende Gesetz übertreten hatte. - Wahrlich, der Mensch ist kein
schlechter Schlag - was soll ich sagen? - vom Orang-Utang oder vom Engel!
    Diese Kreuz- und Querzüge von Ideen waren - wer sollte es glauben? -
zugleich eine Vorbereitung zu einem neuen Orden. Ein neuer Orden?
                                    §. 167.
                                        
                                  Allerdings;
und zwar ein solcher, zu welchem Johannes dem Ritter den Weg zeigen wollte.
Dergleichen Brüdervorbereiter waren unserm Ritter seit der Zeit, dass Johannes
ihn zur Freimaurerei präparirte, nicht vorgekommen, und da der Ritter aus jener
Vorbereitung nur zu deutlich den Widerwillen unseres Johannes gegen alles
Ordenswesen bemerkt hatte, so schien es ihm unbegreiflich, dass das Ende dieses
Wortwechsels zu einem Orden führen sollte. Johannes, rief der Ritter auf, es ist
nicht zum erstenmal, dass Teokratie in Hierarchie, der Monarch in einen Despoten
ausartet, und der Philosoph ein Dichter wird. Sie und ein Orden - wie kommt dies
Paar zusammen? Weiss ich nicht, dass Sie Mut und Redlichkeit hatten, ohne
Rückhalt zu sagen, was Sie dachten? Suchten und fanden Sie je durch den Orden
Ihr Glück? Erhielten Sie Ihr Amt nicht als Palme Ihres Verdienstes auf dem
geradesten Wege, wenn andere sich durch Ordensprotectionen zu Ehren und Würden
schwangen, zu denen Sie kein anderes Verdienst mitbrachten, als Ordenskreuze
unter der Weste? Hiessen Sie nicht Tomas der Ungläubige? Und gibt es einen
Menschen, der weniger für Ceremoniell und Feierlichkeit ist, zumal wenn es so
wenig zu der Sache passt, die es vorposaunt? Sie hatten bei Ihrer kleinen Stelle
Gelegenheit, sich durch Handelsunternehmungen das zu erwerben, was viele andere
sich auf Schleichwegen ihres Amts zuzuwenden pflegen, und wohl Ihnen, dass Sie
jetzt ohne Ab-, Hin-und Rücksichten sich selbst - rein leben können! Stimmt Ihr
Lebenslauf mit der Idee eines Ordens? War nicht Ihr altes Lieb: warum Schule
oder Orden?
    Lehrte Plato, erwiederte Johannes, nicht, wie die Herren Sophisten, an einem
gewissen Orte über gewisse Materien für gewisse Personen? Sokrates selbst hatte
seine Brüder Jünger, wenn gleich er und sie keinen Orden ausmachten. Wenn wir
unsern gegenwärtigen Sophisten entgegen arbeiten wollen, geht es ohne
Ordensschule nicht füglich an. Doch ist unsere Loge gegen die Sophisten ohne
Ordensmantel, ohne Bänder, ohne Verzierungen und ohne (des wunderbaren Putzes!)
Kreuz, das, wenn es Galgen hiesse, fein Mensch tragen würde. - Dieser Orden ist
das Gegenteil von allen Orden, oder legt es darauf an, das Gegenteil davon zu
sein. Menschheit, Menschenliebe ist sein Zweck. Wär' ich im Apostelgrade, ich
würde, setzte Johannes hinzu, wie ehemals Natanael in der Bibelsprache, sagen:
Komm und siehe! Mein Herz spricht zu Ihnen; und das heisst Vorbereitung. - Es
gibt keine Aufnahme; - jeder Mensch ist aufgenommen. Doch können Menschen unter
sich Entschlüsse fassen; und sehen Sie da, das ist alles, was ich Ihnen zu sagen
habe! - - Eine
                                    §. 168.
                                        
                                    Episode,
nicht nach Art der Apostel! - Der Apostel verlangte vom Engländer die
Versicherung, dass die falsche Sophie und ihre Zofe nichts von seiner Güte
einbüssen sollten; und Vater und Bruder bewilligten beiden, ausser der bisherigen
Pension, eine Zulage. - Da die Maurerhandschuhe bereits enteiligt waren, so
baten Ritter und Knappe, sie den Schauspielertöchtern abzunehmen und sie bis in
den Grund zu vernichten, dass kein Andenken von ihnen übrig bliebe. Bewilligt. -
Schauspielertöchter! sagte der Ritter mit Widerwillen in einem verdriesslichen
Augenblick. - Ew. Gnaden werden verzeihen, erwiederte der Knappe, die Zofe war
die Tochter eines hohen Geistlichen. - Als ob hohe Geistliche nicht auch
Schauspieler wären! beschloss der Ritter. Johannes war der
                                    §. 169.
                                        
                                     Führer
unseres Ritters, dem er sich ganz überliess, und wahrlich, man könnte sich ihm
überlassen. Jetzt wurden dem Ritter noch vier andere Menschen genannt, die
abwesend waren. Ausser diesen vier andern war einer gegenwärtig, und dieser war -
wer errät es?
                                    §. 170.
                                        
                                Der Gastvetter,
der das Wort führte; wenn man diesen zu starken Ausdruck in einem so kleinen, im
Namen der Menschheit versammelten Cirkel gebrauchen kann, der aus edlen,
prunklosen Menschen bestand, die nicht suchten das Ihre, sondern das, was der
strengsten Wahrheit ist. Gewiss fällt Ihnen, sagte Johannes, Apollonius von Tyana
ein, der auch sieben Jünger gehabt haben soll; allein Apollonius war ein
Meister, der bei uns kein Meister sein würde. Und die Zahl sieben? Ist durch Sie
entstanden; denn bis jetzt waren, trotz der Heiligkeit dieser Zahl, unser nur
sechs. Hatte der Stifter des Christentums nicht auch zweimal sechs Apostel? -
Die Zahl sieben, lieber Ritter, ist bei dem allen eine Art von Naturzahl; ich
bin ihr gut, ohne zu wissen, warum. Die Grundsätze des Gastvetters kennen wir,
nach welchen er einen Ritter nur in so weit dafür hielt, als er sich mit Leibes-
und Seelenkräften angelegen sein liess, das Gute zur Herrschaft über das Böse zu
bringen, in sich - und, wo möglich, überall. - Wenn der Philosoph denkt, der
Edelmann denkt und tut, so sind unsere Begriffe von Glückseligkeit und Tugend
durch die Philosophen berichtigt und befestigt und durch die Ritter das Schöne
und Erhabene auf Erden versinnlicht. Heil den Wortführern und den Tätern des
Worts!
    Eben diese Grundsätze herrschten in diesem Cirkel, den keine Tradition von
uralter ahnenreicher Abkunft, nach väterlicher Ordensweise, ehrwürdig machen
durfte. Gemeinhin stammt Tradition von einem Stümper ab, welcher der tradirten
Sache nicht gewachsen war. - Auf eine Frage, sagte der Wortführer, eine Antwort,
auf einen Gruss einen Dank, auf ein Warum ein Weil; was darüber ist, das ist vom
Uebel. - Alte sagen was sie getan haben, Weise was zu tun ist, Glücksritter
was sie tun könnten, Kinder und Narren was sie tun wollen. - Soll ich noch
mehr Worte dieses Führers mitteilen? Man mag sie in der Anlage dieses Ordens
suchen und finden. Luter behauptet: die Beschaffenheit unserer regierenden
Herren sei der grösste Beweis der Vorsehung. Tamerlan lachte, da er den besiegten
Kaiser Bajazet sah. Nicht aus Hohn, versicherte der Ueberwinder den
Ueberwundenen; ich lache, weil Gott zwei der wichtigsten Staaten einem lahmen
Wicht, wie ich, und einem einäugigen, wie du, anvertraute. - Doch, sind
diejenigen, welche die regierenden Herren mit der Regierungslast aus
allerhöchstem Zutrauen belehnen, nicht noch weit lahmer und blinder als sie
selbst? Und geben diese Lehnsträger der Regenten nicht einen weit stärkern
evangelisch-luterischen Beweis der Vorsehung ab? Die höchsten Staatswürden sind
nichts als ein Spiel des Glücks; und wenn man steht, wie unvorbereitet ein
Liebling zu der höchsten Würde steigt, was Maitressen und Nepoten ausrichten:
was muss man von der Regierung des Staats denken? Wahrlich, je höher die Aemter,
desto leichter sind sie zu bekleiden. Der köstlichste dieser Staatsbeamten ist
ein geschäftiger Müssiggänger. - Möchten sich immer die Fürsten für Herren von
Gottes Gnaden halten, wenn sie nur nicht in ihrem allerhöchsten Namen so oft
Menschen ohne alles Verdienst und Würdigkeit an diesem Vorzuge teilnehmen und
die Gesichter dieser geschmückten Teilnehmer glänzen liessen, wie das Gesicht
Mosis, als er vom Gesetzberge kam! - Es ist gewiss nötig, dass unbeamtete Männer
zusammentreten, um die schrecklichen Lücken so viel als möglich zu ergänzen; und
wahrlich, von jeher gab es Männer, die, um desto mehr zu wirken, unbeamtet
blieben, die beschäftigt waren, wenn dagegen Dienstmänner bloss den Dienst -
spielten. Jene ahmten die Vorsehung nach, die auch im Dunkeln wirkt; und diesen
unbekannten Edeln hat man mehr zu danken, als man denkt und versteht. Das
heimliche Gericht der mittlern Zeit mag etwas von dieser Idee in sich entalten;
doch war es den Zeiten angemessen, die nicht mehr sind, und wohl uns, dass sie es
nicht mehr sind! Warum auch Gericht? Wer ist es, der recht richtet? Gott! gehe
nicht ins Gericht mit den Richtern, die das Volk richten! oder besser, die es
quälen und martern, und war' es nur durch eine Kameelslast von Gesetzen. - Ist
es nicht besser, ohne Zwangsmittel Gutes bewirken, den Willen durch der Gründe
Uebergewicht bestimmen und Täter ziehen, wahre Weisen aufmuntern, und die es
nicht sind, bis zu ihrer Blösse entüllen? - Wer Licht mit Jubelgeschrei
aufsteckt, will nicht erleuchten, sondern verdunkeln. Es kann herrliche Könige
geben, die vom Hirtenstabe genommen und durch Pferde zur Majestät
hinaufgewiehert werden, denn ihre Würde ist eine Titularwürde; werden aber die
eigentlichen Vorsteher und Volksregierer von den regierenden Herren eben so
willkürlich erkieset, was ist da zu erwarten, wenn die Menschheit von Tage zu
Tage zum Nachdenken reist und die Vernunft den göttlichen Funken in sich
gebrauchen lernt? - - Uebertriebene Begriffe von der Perfectibilität des
Menschengeschlechts schaden in eben dem Grade, wie ein zu eingeschränkter
Begriff von der menschlichen Vollständigkeit. Eine unrichtige Anwendung sehr
richtiger Vernunftbegriffe von einer bürgerlichen Verbesserung, hat ne nicht
schon edle Menschen verleitet, zu tun, was nicht taugte? Nicht alles, was
teoretisch wahr ist, kann darum so leicht praktisch werden. Im alten Herkommen
ist oft mehr Verstand, als in gewöhnlichen Neuerungen. Verstand kommt nicht vor
Jahren. - Da der römische Senatorschuh drückt, so wie der Kreuzpantoffel des
heiligen Vaters, und niemand diesen Druck empfindet, als wer den Schuh und
Pantoffel trägt, was bleibt ausser der Bemühung, die Last zu erleichtern, den
Regenten und ihren Dienern mehr übrig, als die Vorteile der Gesellschaft mit
jenem Senatorschuh- und Papstpantoffeldruck ins Gleichgewicht zu stellen? Wer
dem Volk in Planipedien deutlich zeigt, dass nichts als die Gesellschaft drücke,
erweiset den Königen und ihren Unterkönigen einen grössern Dienst, als durch
Rauchwerk und Schmeicheleien, die zur Zeit der Anfechtung abfallen.
    So wie es eine unsichtbare Kirche gibt oder eine Coalition, die nicht in
Samaria oder in Jerusalem, sondern im Geist und in der Wahrheit Gott anbetet,
die in ihren Brüdern Gott verehrt und in der Menschheit ihn sieht, so gibt es
auch eine unsichtbare Staatsverfassung. In jener sind Vorsteher und Wortführer,
ohne dass sie die Ordines empfingen; und auch in der unsichtbaren
Staatsverwaltung sind Köpfe und Herzen, die sich vor den Riss stellen. Ihr
Zusammentritt würde der guten Sache schädlich sein. Schon eine Vereinigung von
sieben, die von Einem Herzen und Einer Seele sind - würde sie wohl bei öfteren
Zusammenkünften eins sein und eins bleiben und für eins gehalten werden können?
Noch nie sind wir vollzählig gewesen; wir wohnen in fünf verschiedenen Staaten.
    Der Ritter fand die Idee dieser edlen Männer so erhaben, dass er ihr völlig
beitrat, und dass er von selbst sich aufs heiligste verband, ihr getreu zu sein
bis den Tod. Nicht auf Kopf, Herz und Vermögen wollt' er es ansehen, soviel an
ihm wäre, dies grosse edle Werk zu befördern. Er hatte so manchen Orden kennen
gelernt, dessen geheimstes Wort die Unterjochung der menschlichen Kräfte ist;
dieser beförderte sie. - Er bestand aus Menschen, wenn in jenen Orden nur
Menschen gespielt werden. - Eine lächerliche Menschenmaskerade! Die Verbesserung
der Menschen (die Juden nicht ausgeschlossen), die Reformation der heiligen
Justiz und der unheiligen Finanzwissenschaft waren Gegenstände dieses Ordens.
Die Menschen haben es schon mit Teokratien versucht; was war aber jene
Regierung anders als Priesterei? Wo die Vernunft regiert, da ist wahre
Teokratie, die ohne Zweifel das Ideal einer glücklichen Staatsverfassung ist.
Wann sie eintreten wird? Eldorado ist oben oder unten; - kann es denn nicht auch
auf Erden sein?
    Dem guten Michael konnte man ohne alle Bedenklichkeit einen Blick in dieses
Heiligtum erlauben; und es schien, als wäre dieser ordensfeindliche Orden dazu
gemacht, den Ritter wegen aller der Kreuz- und Querzüge zu entschädigen, die er
mit seinem Knappen unternommen hatte. Eins noch fehlte zu seiner Zufriedenheit:
- Sophie. Von selbst waren Gastvetter und Johannes darauf bedacht, diesen
stillen Wünschen des Ritters zuvorzukommen. Man fragte ihn, ob er einer
                                    §. 171.
                                        
                             Adoptions-Versammlung
ihrer Art beiwohnen wolle? Seine Antwort war ein entzücktes Ja, dem ein Seufzer
folgte. Er begriff nicht, wie eine Adoption sich mit der geschlossenen Zahl
sieben vertragen könne; doch liess er seinem Zweifel nicht den Zügel schiessen.
    Ein Tag, unserm Ritter unvergesslich, war zur Aufnahme bestimmt. Eine
ehrwürdige Dame warf im Vorzimmer die Fragen auf: ob man nicht dem andern
Geschlecht zur Ungebühr Rechte entzogen hätte? und ob er mit einigen ihres
Geschlechts sich zu verbinden entschlossen sei, diesem Vorurteile zu
widerstehen? Der Tugend und dem Talent (fuhr sie fort) gebührt Vertrauen. Wir
wollen nichts erstürmen; und warum sollen wir auch das Schwert den Gesetzen
entwenden und den Arm lähmen wollen, der es führt? Macht gibt keine Würde,
Achtung kann nicht befohlen werden; und wenn die Subordination nicht Folge von
Grundsätzen ist, was gilt sie? und wer ist sicher bei ihr? Entfernt, Lärmkanonen
zu lösen und Sturmglocken zu läuten, fordern wir vom andern Geschlecht auf dem
Wege der Vernunft und der Billigkeit - und was? Wahrlich nichts, als was wir von
Menschen, von Weibern geboren, erwarten können. Die Ritterzeiten der Männer
haben aufgehört; durch uns soll keine Weiberritterzeit beginnen; wir wollen uns
nicht erheben, nur Menschen wollen wir sein; Rechte nicht ertrotzen, sondern
erbitten, und nur dann, wenn wir sie verdienen, sie verlangen. Neu und
überraschend war dem Adoptions-Candidaten dieser Antrag; doch trat er ihm mit
einem wiederholten Ja bei. Warum auch nicht? Gibt es nicht Verluste, bei denen
man gewinnt? Edler Mann, fuhr die Vorbereiterin fort, es wird wenig in der Welt
verbessert, weil die Menschen es immer auf andere, und niemand auf sich selbst
anlegt. Wollen Sie, um unser gutes Werk zu vollenden, unser Geschlecht aus den
Weg lenken, wo es seines Vorzugs wenn nicht teilhaftig, so doch würdig werden
kann? Er versprach es. Bei Eröffnung der Tür sah er nun noch zwei andere Damen;
und die eine war -
                                    §. 172.
                                        
                                    Sophie.
Gott! welch ein Blick! Sophie! - Wahrlich! Hier sollte der Vorhang fallen. - Er
falle! - Was ich von diesem Augenblick noch hinzufüge, sei Postscript und Zugabe
- wie man will, zum Ueberschlagen und nicht zum Ueberschlagen. Unbeschreiblich
ist, was Sophie und der Ritter empfanden, als sie sich erblickten. Sie machten
auf einander Eindrücke über allen Ausdruck - fast könnt' ich sagen: über alles
Gefühl. Der Gastvetter bemühte sich, diese Scene beiden erträglich zu machen. -
Man kann trunken sein in Begeisterung. Ein übler Rausch! vielleicht der übelste,
den man haben kann! Jene nüchterne Begeisterung aber, wo Feinheit der Reflexion,
Delicatesse der Empfindung, Leichtigkeit des Ausdrucks, selbst anspruchloser
Witz sich denken lässt, welch eine Wonne! - Da Er und Sie zu sich selbst kamen,
dünkten sie sich beide schöner geworden zu sein. Sie hatte übernommen, eine Art
von Aufnahme zu halten; warum nur eine Art? Weil sie Sophie war. - Jetzt -
dahin, alles dahin! - Sie hatte ihn, und er sie! - Wahrlich, dieser Gedanke war
hinreichend, alle Receptionen zu schliessen von der Zeit, da unser Ritter sich
zwischen zwei Stühle setzte, bis auf das Gespräch mit einem von den Todten im
Apostelorden. Wer diese ächte Sophie sei? Kurz und gut: die Tochter des
Gastvetters!
    Dem Knappen Michael ward die Rolle bei der Begleiterin schwerer, als bei der
Tochter des vornehmen Geistlichen; doch entging ihm auf den ersten Blick der
unendliche Unterschied nicht zwischen ächter und unächter Begleiterin. - Ritter
und Knappe gestanden, dass ihre Ideale der Wahrheit und der Natur weichen müssten,
und wurden den Porträten ungetreu, die sie bis jetzt am Busen getragen hatten.
Wie es zuging, weiss ich nicht, doch fanden sich auch von der ächten Sophie und
ihrer ächten Begleiterin Aehnkeiten in diesen Idealporträten. - Es war rührend,
als Gastvetter und Ritter ihre Herzen ausschütteten. Der Gastvetter hatte keinen
Hehl, dass er in ihm schon bei seinem selbsteigenen Kreuzzuge gen Rosental
seinen Eidam gesehen hätte. Der Ueberfall, den Sophie in der dortigen Gegend
machte, sollte dies Paar sich näher bringen.
    Als der Gastvetter sich von der Neigung seiner Tochter zu ihm und der
seinigen zu ihr überzeugt hatte, war der letzte Wunsch seines Lebens erreicht.
Dies Band, dachte er, wirb mir das Glück einer Eutanasie (sanften Todes)
bereiten, wenn mein Stündlein kommt. Er hatte nur Eine Tochter. - Der Cavalier?
war ehemals ein Mündel des Gastvetters. Er sollte in Rosental das Wunderbare
bei dieser Sache verstärken. Wie gewachsen er seiner Rolle war und wie sehr er
sich auf Rollen verstand, ist uns nicht entgangen. - Als ihr Vater den Cavalier
nannte, fiel Sophie in Ohnmacht; sie erholte sich nicht eher, als bis er ihr
verhiess, seines Namens nicht weiter gedenken zu wollen. Wer erwartete vom
Gastvetter Rollenverteilungen? Freilich ein anderer Teaterdirektor, als der
Engländer; warum aber Teater? - Um sich der Denkart in Rosental zu bequemen,
und wo möglich die falsche Richtung, die man dem Kopfe seines Eidams gegeben,
zum Besten zu kehren. Auf allen Umwegen und Wegen, welche der Ritter einschlug,
verfolgte ihn der Gastvetter; der Genius dieses edlen Mannes war sein Begleiter,
und nie hätte er ihn völlig sinken lassen. Desto besser, dass der Ritter ohne
diesen Genius sich selbst aufzuhelfen verstand! - Der Gastvetter liess ihn diesen
Cirkel ungestört machen, um ihn sich selbst zu überlassen. Die sicherste Art, um
weise zu werden und es nicht bloss zu scheinen. - Wahrlich! nicht die Dinge
selbst, unsere durch die Individualität bestimmten Vorstellungen machen
Wirkungen. - Hören Fliegen auf, Fliegen zu sein, sagte der Gastvetter, weil sie
blank, und Schmetterlinge auf, Schmetterlinge zu sein, weil sie mit Puder
bestreut sind? Das Werk lobt den Meister, der Kranz nicht den Wein. - Der
                                    §. 173.
                                        
                                   Gastvetter
ging noch weiter, er behauptete, dass ohne die gemachten Erfahrungen des Sohns
die beste der Weiber, die edelste der Mütter die wenigen Sommersprossen nicht
verloren haben würde, welche der Schönheit ihrer Seele nicht angemessen waren.
In dieser Behauptung ging der Gastvetter zu weit. - Da die Männer sich so gern
den Weibern grösser darstellen, als sie wirklich sind, da sie ihren Taten
gemeinhin eine poetische Aufschwellung beilegen und sie über Gebühr anschlagen;
da die Weiber ihre Existenz nach der Art, wie sie jetzt behandelt werden, noch
weniger entüllen können als wir die unsrige (als wir, sage ich, die wir denn
doch wenigstens uns politisch stellen, als wären wir etwas); da es Männer gibt,
denen die Weiber Grösse der Seele und entschiedene Vorzüge nicht abstreiten
können (obgleich diese Ehrenmänner zwischen dem wahren und dem falschen Gott,
zwischen Vernunft und Baal oft gewaltig hinken); da manche Wundergesellschaft
brave Männer anwirbt, die dergleichen Dinge entweder zur Erholung oberflächlich
oder in der Absicht, dort edlen Menschen zu Schutzengeln zu dienen, oder durch
Gewohnheit eingeübt, fast wie in Gedanken oder - - mitmachen, was müssen Weiber,
welchen man diese geheimen Triebfedern nicht zeigt, von jenen
Wundergeeellschaften denken? - Auch wissen Weiber, dass ein gewisser Aberglaube,
eine Art von Schwärmerei, sie kleidet, und viele sehen es als einen Putz an, der
zu ihren Augen, ihrer Nase, ihrem Kinn und Munde absticht. Gibt es nicht Männer,
welche diese Denkart ihrer Weiber als die einzige Sicherheit für ihre Treue
ansehen? Und ist die Erziehung der Weiber von der Art, dass sie das Wahre von
Dichtung in der Geschichte und in dem Gedichte abzusondern verstehen? Der
Religionsunterricht ist nicht minder Nahrung für die Vorliebe zu Wundern in
Hinsicht des andern Geschlechts, der bei uns durch das gemeine Leben eine andere
Wendung erhält. Die alte Ritterschaft hatte besonders bei der Ritterin gewirkt,
und in der Tat, sie muss bei allen Weibern, ja selbst bei Männern wirken, die
sich der Imagination preisgeben. Das Rosentalsche Jerusalem, die Neigung des
edlen Weibes zum öffentlichen Zeichen des Vorzugs ihres Gemahls, und der Wunsch,
dass auch ihr Sohn ein dergleichen Zeichen, wenn auch unter der Weste, erreichen
möchte, der Zufall von gewissen Zahlen, auf die man in Rosental seit einer
gewissen Zeit so aufmerksam war, und andere dergleichen Ungefähre, die, bei
weniger Zerstreuung und zu vieler Musik, den gewöhnlichen Dingen einen
deutungsreichen Anstrich geben, wirkten noch mehr und machten ein an Herz und
Kopf grosses Weib zu einer kleinen Schwärmerin. - Wahrlich! sie verdiente es -
keine zu sein; und von selbst, ohne dass die Erfahrungen ihres Sohnes dazu
beigetragen hatten, war sie geworden, was zu werden sie würdig war.
    Der Schwiegervater söhnte den Eidam mit dem Engländer aus, den er kannte und
dem er bei seinem Querkopf und seiner Grillenfängerei Gerechtigkeit erwies. Die
Ritterin hatte diesem Sonderlinge gestattet, sein Leben in ihrer Nachbarschaft
zu beschliessen, ihm ihre Hand zu geben wäre freilich nicht viel weniger gewesen,
als wenn sie ihre Religion geändert hätte. Sophie
                                    §. 174.
                                      warb
in eben dem Grade um den Ritter, als dieser um sie, und auch hiess schien ein
Gegenstand des Cirkels zu sein, in welchem der Gastvetter Wortführer war.
Adoptionsversammlung war die letzte Rollenverteilung eines Mannes, um den es
mir leid tut, dass er sich durch dieses schnöde Linsengericht um den Rang jenes
Weisen brachte, der auch im Scherz keine Unwahrheit beging. - Als Johannes sich
gegen dies Teatralische erklärte, erwiederte der Gastvetter: Warum denn Himmel
oder Hölle? Alles oder nichts? Ist das Böse nicht selbst Nebenumstand und
Colorit des Guten auf Erden? Ist es nicht Gewürz des Lebens? - Johannes
widerlegte ihn völlig, - - und ich habe Ursache zu glauben, der Gastvetter werde
von Stund an nicht mehr Rollen verteilen. - - Sophie machte dem Ritter den Sieg
nicht schwer, doch erschwerte er sich selbst das Glück, sie zu lieben, da er
sich überzeugte, ihrer nicht wert zu sein. Zwar fiel es ihm nicht ein, zu
wünschen, dass sie in Lebensgefahr käme, um ihr Ritterdienste leisten zu können,
doch hätte er gern sein Leben für den Besitz dieses Kleinods aufgeopfert.
Michael begnügte sich bescheiden zu wünschen, dass der Saum von dem Kleide seiner
Zofe mit der Türe beklemmt werden möchte, um sich ihr verbindlich zu machen.
Ein Unterschied zwischen Ritter und Knappe musste sein. - Drei-, sieben-, neun-
und zehnmal war unser Held belehrt worden: im Menschen wären zwei Naturen, die
göttliche und die tierische; diese hätten wir von der Mutter Erde, jene vom
Vater im Himmel. Doch fand er, dass selbst sein Ideal der Vollkommenheit, seine
Sophie, Gottlob! nicht eine Göttin war, und dass Menschengötter gewiss das höchste
Ziel nicht wären, dem wir nachstreben könnten. - Je länger, desto mehr legte er
es darauf an, Gott nicht mit dem Auge des Geistes, sondern des Herzens zu sehen,
und zum Anschauen der Gotteit nicht durch den Verstand, sondern durch den
Willen zu gelangen. Zwar liess er es nicht an Reinigungen und Läuterungen der
Seele fehlen, doch schien er fröhlich und guter Dinge, dass Sophie und er
bekörpert waren. Und Michael - war so verliebt, dass er unbedenklich die
göttliche Natur mit der menschlichen bei seiner Zofe vertauscht hätte, wenn es
auf diesen kritischen Tausch angekommen wäre. Ein Apfel und eine Birn, pflegte
der Engländer, wenn er den Ritter und Sophien ansah, mit Tränen im Auge zu
sagen, ein Apfel und eine Birn, durch keinen Wurmstich angegriffen. In der Tat,
dies Paar war unschuldig und rein, als käme es aus den Händen der Natur. - Auch
in der grössten Gesellschaft waren die Blicke des Ritters und seiner Sophie ohne
Scheu bei einander. - Grosse Leute pflegen durch Schönsprechen ihre Schwäche im
gemeinen Leben zu decken; Verliebte sind hinaus über den Ausdruck. - Liebe ist
allmächtig; nur Sprechen ist ihre Sache nicht. - Sie geht über alles, sie
strengt Seele und Leib an - sie kann und will nichts halb tun. - Edel und frei
bleibt ihr Gang; warum sollte sie heucheln und sich verbergen? Sie setzt sich
über Ceremoniell und sanctionirte Gewohnheiten hinweg, ohne anzustossen. Die
Natur, die höchste Schule der Lebensart, ist ihre Schutzgöttin. - Der
mütterliche
                                    §. 175.
                                        
                                     Segen
fehlte noch, den sich Sophie in Begleitung ihres Vaters einholte. Der Ritter
schloss seine Ritterbahn, und kehrte mit einer Genugtuung heim, die nicht auf
Worte zu bringen ist. Michael desgleichen. - Wohl uns, sagten beide, dass das
Ende das Wer! krönt!
    Ihr Rückzug brachte ihnen kein Abenteuer in den Weg; und wahrlich! sie waren
nicht in der Stimmung, eins würdig zu bestehen, selbst wenn es sich ihnen
angeboten hätte! Was ist scharfsinniger als die Liebe, die individuellen Züge in
den Gegenständen ihrer Neigung aufzufassen und zu ergründen? Vielleicht ist
nirgends weniger Täuschung als in der Liebe, wo die Geliebte die
menschenmöglichste Bestimmteit des Charakters des Liebhabers erreicht, so wie
er die ihrige. Gibt es Geister, ihr Herren Apostel, die im Umgange des Menschen
Vergnügen finden, so muss eine edle Liebe sie vor allem anziehen. - Wann und wo
bleibt der Mensch sich länger gleich, als wenn er liebt? Und ist er je besser,
als im verliebten Zustande? Der Ritter musste, um gewisse Richtigkeiten zu
treffen und Rechnungen abzuschliessen, Umwege machen, und konnte seine Sophie und
ihren Vater nicht unmittelbar begleiten. Die Herzen der Liebenden waren immer
bei einander, sie sahen sich - ohne sich zu sehen. - Diese Art von Erscheinung
ist der Liebe eigen. - Der Engländer hielt sie für ein Vorbild des Umgangs in
der künftigen Welt. - Auch hatte unser Ritter der Morgenröte Flügel abgeborgt,
um nur so wenig als möglich von seiner Geliebten getrennt zu sein. Michael,
nicht minder verliebt als sein Herr, schien es ihm an Eilfertigkeit wo möglich
noch zuvorzutun; doch verlor er sich in **, und brachte sich und seinen Herrn
um volle drei Stunden. Eine
                                    §. 176.
                                        
                                  Anverwandte
hatte sich einigemal schriftlich an ihn gewendet. Seine Absicht war, ihr sechs
Dukaten zu geben. Um seiner Wohltat, wie er sich überredete, einen desto
grösseren Wert beizulegen, eigentlich aber, um nicht seinen Herrn, und noch
weniger den Nichtvetter Reitknecht, etwas von einer so armen Verwandten merken
zu lassen, ging er insgeheim hin zu tun, was er nicht lassen konnte. Sein
herzliches Verlangen, wohltätig zu sein, und noch mehr, die kindische Furcht,
entdeckt zu werden, machten, dass er den Namen seiner Muhme völlig vergessen
hatte. Er konnte auf keine Sylbe desselben kommen. Im Eifer über sich selbst,
stampfte er mit den Füssen. - Vergebens! - Sechs Dukaten, dachte Michael, sollten
die alte Frau nicht bewegen, dir entgegenzukommen? Sie kann nicht. Dies machte
Michaeln bitter böse auf seine Muhme. Er fragte, ohne dass er sagen konnte, nach
wem. - Der arme Michael! Er erregte manches Gelächter, welches er - um nicht auf
frischer Tat betroffen und verraten zu werden - verschmerzte. Je aufgebrachter
er auf sich, auf die Muhme, auf die Lacher und Lacherinnen war, desto mehr
verlor er die Fassung. Wie blind und taub lief er umher; und als er es völlig
aufgab, sie zu finden, ob er gleich die sechs Dukaten immer in der Hand hielt,
entschloss er sich, aus Rache alle sechs in eine Armenbüchse zu legen, die ein
unsauber geschnitzter Lazarus vor der Türe des Stadtospitals in der Hand
hielt. In diesem Augenblick hörte er eine Stimme: »Gott bezahle den gütigen
Geber, und geleite den Herrn Michael!« - Die Stimme nannte seinen Namen. Flugs
kehrte er um, fand seine Muhme, die im Hospital aufgenommen war, gab ihr die
letzten zehn Dukaten, die er hatte, und ersuchte sie, in ihrem Gebet seinen
Namen nicht laut auszusprechen. Sie versprach es; er küsste sie; lief, kehrte
wieder um, und wollte ihr wohlbedächtig noch die sechs Dukaten, die der Lazarus
empfangen hatte, zuwenden; - - weg war sie! - An seinem Vorsatze, sie von Zeit
zu Zeit insgeheim zu unterstützen, hinderte ihn ihr baldiger Tod. - Michael
hatte übrigens wenig Mühe, seinen Herrn auszusöhnen, der drei Stunden später
ausreiten konnte, als er es sich vorgesetzt hatte. Die
                                    §. 177.
                                        
                                     Mutter
empfing ihren Sohn mit der innigsten Freude. Sophie, war sein erstes Wort; und
ihre Antwort: Sophie. - Ausser Stande, der Mutter alle erlebte Ordensauftritte zu
erzählen, konnte er sich nicht entbrechen, ihr mit dem ersten Buchstaben zu
entdecken, dass bei so vielem Schein das wirkliche Wesen nur äusserst klein und
unbeträchtlich gewesen, und dass er dem Gastvetter mehr als allen Orden von A bis
Z und von Z bis A zu verdanken hätte. Seine Hand, sagte der Ritter, leitete mich
unbekannt durch mein Ordensleben, so dass, wenn mein Fuss an manchen Stein stiess,
ich doch nicht fiel. - Durch die Geschichte der
                                    §. 178.
                                        
                                  After-Sophie
verlor der Engländer bei der Ritterin ausserordentlich. Auch war sie nicht
zufrieden, dass er ihr und der Tochter des vornehmen Geistlichen eine Zulage
bewilligt hatte. Warum Zulage? Am Referenten lag w nicht. Dieser bemühte sich,
der Sache die leidlichste Wendung beizulegen. Einem so geistigen Mann wie der
Engländer, bemerkte die Mutter nicht unrichtig, sind Fehler dieser Art weit
höher anzuschlagen, als fleischlich gesinnten Weltmenschen. Sophiens Ankunft
vollendete dass erhabene Vergnügen! Der Gastvetter bat für seine Tochter den
Segen, und die Ritterin erteilte ihn mit einer Rührung, die allen Ausdruck
übersteigt. Schwester Cousine, sagte der Gastvetter, haben Sie nur den einen
Segen? Segnen Sie auch im Namen des Seligen, dessen Andenken uns heute und
immerdar hellig sei! Auch mir liegt das traurige Vergnügen ob, ihr den Segen für
eine Mutter zu erteilen, die nicht mehr ist. Die Mühe, die ich mir gab, Sophien
zu erziehen, weiss der, der die Erziehung des menschlichen Geschlechtes so
treulich übernimmt, und sie bei allen Hindernissen, die Menschen ihr
entgegensetzen, nicht aufgibt. Die Mutter der Braut und der Vater des Bräutigams
waren an einem Tage gestorben. Eben dieses Segensfest war der Sterbetag eines
Elternpaars, das vorausgegangen war. - Die Kürze dieses Lebens, sagte der
rührende Gastvetter, ist mir der beste Beweis von der Unsterblichkeit der Seele.
- Ihre Tränen verdarben die Freude des Festes nicht. Selbst den Gesichtern
gaben sie die schönste Schminke. - Die Verlobung ward ausgesetzt, bis der
Engländer sich eingefunden haben würde. Die, Ritterin liess sich nur nach und
nach mit ihm aussöhnen; und doch darf ich behaupten, dass er ihrer Verzeihung
nicht unwürdig war. Verziehen ist die Sache guter Menschen; doch muss man die
Vergebung nicht zu leicht machen, um nicht rachsüchtig zu sein. Wahrlich, es ist
die empfindlichste Rache, leicht zu vergeben. Nach diesen Grundsätzen handelte
die Ritterin. - Michael verfehlte nicht, seinen
                                    §. 179.
                                        
                                    Gamaliel
zu besuchen, nur schien dieser mit dem Holzbündel nicht zufrieden zu sein, das
Michael bei ihm ablegte. Die Frage: warum der Begleiter wider sein Versprechen
so selten geschrieben hätte? beantwortete Michael durch eine mystische
Fragantwort: Können abgeschiedene Geister immer erscheinen, wenn sie wollen? und
bleiben nicht viele aus, welche diese Erscheinungen vor ihrem Hingange
feierlichst verhiessen? Hierdurch befriedigte der Begleiter freilich seinen
Gamaliel nicht völlig, doch bracht' er ihn zum Nachdenken. - Michaels Antwort
auf die Frage: was er mitgebracht? setzte den guten Pastor aus aller Fassung. Er
wusste nicht, was, er von seinem Protagoras denken sollte. Hannen, sagte Michael,
und tat so entzückt, als Gamaliel verdriesslich. Doch war Gamaliel viel zu
gutmütig, um Michael unverteidigt zu verurteilen, und dessen Verteidigung
vermochte ihn, der für ein gegebenes Wort Ehrerbietung hatte, zu der Angelobung,
nie in ihn dringen und nichts von ihm begehren zu wollen, als was Pflicht und
Gewissen zu offenbaren ihm erlauben würden. Warum fürchten und ehren Menschen
Geheimnisse? Sie denken, selbst verraten und aufgedeckt zu werden. - Und so
gutartig unser Pastor war, sollte er wohl ohne Verstandes- und
Herzensgeheimnisse gewesen sein - die er, trotz den Ordensgeheimnissen des
dienenden Bruders Michael, nicht entdecken konnte? Aeusserst froh, dass der Ritter
Sophien gefunden hätte, brannte Gamaliel vor Neugierde, seine künftige
Kirchenpatronin zu sehen. Michael war es empfindlich, dass er nicht eben diese
Neugierde wegen seiner Hanne bezeigte. Zur Nachricht. Als Gamaliel Sophien sah,
ward er so hoch erfreut, dass er seinen unwiderstehlichen Hang zur Mystik darüber
volle sechs Wochen aussetzte.
                                    §. 180.
                                        
                               Heraldicus junior
hatte seine Losung von Freiheit und Gleichheit so wenig aufgegeben, dass er
vielmehr hiess Wesen noch immer fort, wiewohl unter der Hand trieb. Er gab nicht
zu, dass zwischen Generalisiren und sich beim täglichen Brod der vorkommenden
Lebensvorfälle nehmen, zwischen Teorie und Praxis, zwischen Gleichheit und
Freiheit in Büchern und im Leben ein gewaltiger Unterschied sei. Bon oben und
von unten (a priori und a posteriori) anfangen, wie verschieden! - Wahrlich! wir
sollen nicht vom Himmel ausgehen, um auf Gottes Erdboden zu kommen; von ihm
himmelan steigen, wenn es angeht und es uns nützlich und selig ist, bleibt die
Sache der Menschen. - Unser Freiheitsstürmer war gewissen Menschen gleich,
welche die heftigsten Schmerzen geduldig leiden und über Kleinigkeiten
verdriesslich werden; die aufspringen, wenn eine Fliege zu hart tritt, und
lächeln, wenn das Haus fällt; die den Balken übersehen und den Splitter
kritisiren. Käte versteht (eben so wie es ehemals die Ritterin verstand) den
Heraldicus junior zu seinem Leisten zu führen; nur fasst sie ihn so leise nicht
an, und er lässt bei ihren Zurechtweisungen die Gabel nicht fallen und kein Glas
roten Wein auf ein damastenes Tischtuch umkippen. Jetzt, da er keine
Nadelstiche der Baronin mehr fürchten durfte, war er zuweilen fast zu dreist.
Bei aller Achtung, die er der Asche seines Erblassers widmete, konnt' er sich
nicht entbrechen, auf seine Aristokratie, die bis auf veraltete Ausdrücke ging,
wovon er sich ein vocabularium gesammelt hatte, zu sticheln, welches ihm Käte
zuweilen bis zum Kreuzlahmwerden verwies. Doch haben, fing er an, die
überfliegenden Gefühle des wohlseligen Aristokraten die ganze Gegend angesteckt.
Angesteckt? wiederholte Käte. Aber Kind, wer kann denn der Vernunft als
Vernunft zehn Gebote geben, ohne dass sie sich selbst gibt? Wir sind frei, und
die Unterwerfung unseres Willens unter die Gesetze, die wir uns selbst
vorschreiben, ist der wahre Adel des Menschen. Ward mir unter Donner und Blitzen
der Leidenschaften und der Sinnlichkeit das Gesetz gegeben, dein Mann zu sein?
Die Vernunft hiess mir, dich zu lieben, liebe Käte. Uebrigens ist es mit Mann
und Weib, wie mit den Zwillingen Castor und Pollux, den Söhnen Jovis. Wer zuerst
erscheint, ist der Mann, und behauptet Erstgeburtsvorzüge. Nicht wahr, liebes
Weib? - Käte lachte aus vollem Halse. - - Sie tut wohl, dass sie ihrem Sklaven
erlaubt, in die freie Luft zu gehen. - Vielleicht lernt er hier, sich selbst
gelassen, mit der Zeit, dass von der Verschiedenheit und Ungleichheit die
wichtigsten Absichten und Vorteile des menschlichen Lebens und der bürgerlichen
Ordnung abhangen, ohne dass eben der Edelmann dem Bürger, und der Bürger dem
Bauer die Röte des Bluts abspricht und an dessen Verschiedenheit so glaubt, wie
der Kalmucke an schwarze und weisse Knochen. - Der Grundsätze von Freiheit und
Gleichheit ungeachtet, schien er anfänglich mit den Vorzügen unzufrieden, die
man dem Begleiter beilegte. Die grossmächtige Philosophie und der Name Protagoras
würden (so konnte Heraldicus junior denken?) enteiligt durch ihn. »Warum nicht
lieber Melitides,« sagte Heraldicus junior, »der das Brautbett nicht besteigen
wollte, weil die Braut bei ihrer Mutter gerechte Beschwerden führen könnte; der
nicht wusste, ob Vater oder Mutter von ihm entbunden wären, und der die Lichter
sorgsam auslöschte, damit die Mücken ihn nicht etwa finden möchten?« - O, des
Aristokraten, rief Käte, der in Michael den Protagoras nicht findet, weil er
nicht studirt hat, und der ihn zu Melitides erniedrigt, weil er Begleiter war!
    Der Ritter gab dem Heraldicus junior die auffallendsten Beweise seiner
Zuneigung. Dies tat unserem Demokraten wohl; und da es ihm nicht entging, dass
sein gewesener Telemach seit der Zeit so ziemlich vom Ordenssystem abgekommen
war, so schrieb er diese Umstimmung auf die Rechnung seines teoretischen
Unterrichts, ohne welchen, meinte er, die lehrreichste Praxis unseres Ritters
den guten Erfolg nicht gehabt haben würde.
    Je weniger der Pastor loci sich von den Wünschen entfernen konnte, vom
Glauben zum Schauen zu gelangen und einen von den sieben Brüdern des reichen
Mannes zu sehen, desto mehr begnügte sich sein Eidam mit der lieben
Zeitlichkeit; er bemühte sich seine Kinder zu bilden oder ihren Seelen einen
Charakter und ihrem Körper eine Stärke zu geben, diesen Charakter zu ertragen.
Der Contrast, der zwischen ihnen herrschte, gab zu vielen angenehmen Auftritten
Gelegenheit, Beide liessen zuweilen von ihrer Strenge nach, und wenn gleich in
Rosental Gefühl und Empfindung nicht in die Acht erklärt waren, so blieb doch
alles in seinen Schranken, und ich wüsste keinen Ort, wo ein so lehrreicher und
herzlicher Umgang stattgefunden hätte. Dem
                                    §. 181.
                                        
                                   Engländer
begegnete die Ritterin mit Schonung und Achtung; Liebe kam ihr nie in Sinn und
Gedanken. Seine Seelenliebe, die sich oft sehr possierlich nahm, machte ihr
keine unangenehme Stunde. - Ich weiss nicht, ob jemand meiner Leserwelt einen
Seelenliebhaber von Person kennt? Es ist eine besondere Figur. - Alles hing in
der Phantasie des Engländers mit seinen herrschenden Ideen zusammen; er glaubte
seine Eudämonie in ein haltbares System gebracht zu haben. Der gemeine Mann hält
nur äusserst tätige Menschen für gross, er will Aufopferungen der Kräfte; unser
Engländer, bloss mit sich und seinen Grillen beschäftigt, könnt' es nicht bis zur
Hochachtung bringen; doch ward er geliebt: und bedarf es mehr, um glücklich zu
sein? - Die Rolle eines Propheten würde ihn bis zur Bewunderung erhöht haben;
aber sie lag ausser den Grenzen seines Kopfes und seines Herzens. Des Betrugs
ungeachtet, den er dem Ritter spielte, war er ein schlichter Mann und zu
Prophetenrollen unfähig, die oft Könige und Fürsten in Furcht und Schrecken
setzen, wenn man sie gut zu spielen versteht. Schon das Äussere des Engländers
war einem Wundermanne nicht günstig, weder durch Majestät des Körpers, noch
durch verkuppeltes Ansehen, wobei alsdann aus einem verzerrten Gesichte ein
feuriges Auge herausbrechen muss, hatte eine Prophetenfigur. - Gemeinhin kennt
man den Wert der Unschuld nicht zeitiger, als bis man sie verloren hat. Unser
Engländer nicht also. Vielleicht brachte diese Lage ihn zuweilen in eine
Schwermut, die von ganz besonderer Art war. - Seine Behauptung, dass es nirgends
mehr Rabatt und Tara als in der moralischen Welt gebe, floss nicht aus
menschenfeindlichem Herzen; er glaubte an Unschuld und Tugend, er glaubte an ein
paar Sophien und an die Rosental'sche Gruppe, und in Wahrheit, ein Teufel hätte
in Rosental daran geglaubt und - gezittert. - Hier bedürfe es, sagte der
Engländer, keiner Einladung guter Geister, Es hätten in diesem Hause Gottes
Menschen sich zu Engeln gemacht; und wenn man gleich ihre Tugenden nicht
teurgisch nennen könne, so wären es doch Tugenden wirklich gereinigter und
menschlich reiner Seelen. - Keine Stimme dürfe hier konk ompax rufen. Fern von
hier alle Ungeweihten, alle Gottlosen, alle Seelen, auf denen Verbrechen haften!
Er war in seinem Eldorado. - Noch mehr vom Engländer? Mit sich zu strenge sein,
heisst oft, sich über andere erheben wollen. Man lasse immerhin Menschen auf Dank
ausgehen oder es heimlich auf Ruf anlegen, wenn nur Gutes befördert wird. Unser
Engländer hatte sich die platonische Moral eigen gemacht, die das Gute will und
tut, des Guten und nicht der Folgen wegen. - Er wusch sich weder vor noch nach
der Handlung die Hände. Was ich getan habe, hab' ich getan, war seine Losung.
Pilatus sagte: was ich geschrieben habe, das hab' ich geschrieben. Unser
Sonderling gab wie Engländer geben: nicht täglich, wohl aber reichlich. Wer vom
Golde abhängt, pflegte er zu sagen, ist ärger als ew Sklav; denn dieser hängt
von seines Gleichen ab. Man sagt: Geld ist ein guter Diener und ein böser Herr.
Nicht also, versicherte der Engländer, es ist ein Teaterdiener, der immer
mitspricht, klug wie ein Teufel ist und alle Welt und seinen Herrn am ersten
überlistet. - Weniger aus Gefühl des Bedürfnisses mit Menschen zu leben, die, ob
sie gleich nicht dachten wie er, dieser Verschiedenheit ungeachtet doch gut
dachten; aus Menschenliebe war der Umgang mit Menschen je länger desto mehr
seine Sache. - Epopten, die Licht sahen oder Ideale zu Idolen machten, dies
Licht mochte übrigens sein wo und was es wollte, blieben vorzüglich seine Leute.
Ein kleines Licht in der Finsternis haben, sagte er, ist besser als ganz im
Dunkeln sein. War es Wunder, dass bei diesen Gesinnungen der Pastor sein Freund
ward, mit dem er bei aller ihrer Verschiedenheit übereinstimmte, und von dem er
bei aller Uebereinstimmung verschieden war? Ein anderer musste angeben, ob sie
eins oder uneins wären, sie selbst wussten es nie. Da Plato philonisirt und Philo
platonisirt, was hatte es am Ende zu bedeuten? Man hätte sie immer sich selbst
überlassen sollen. - Es sei ungerecht, glaubten sie, von unsern Dichtern und
Philosophen immer etwas ganz neues zu verlangen. Etwas neues vom Jahre könnten
sie liefern. - Freilich gilt eine Geistererscheinung mehr als alles, was
philosophirt und gedichtet ist von Anbeginn bis jetzt! - Seit der langen Zeit,
dass die Neigungen und die Seele des Engländers bei zwei ganz himmelweit
unterschiedenen Personen waren, hatte er sich eine gewisse Zerstreuung
angewöhnt, die einzig in ihrer Art war und zu lustigen Missverständnissen
Gelegenheit gab. Immer hatte er unaussprechliche Dinge im Vorrat, wobei der
Pastor mit Worten die Hülle und die Fülle diente. - Auch gab der Engländer sich
gern dazu her, durch Festlichkeiten, im Stillen angelegt, zu überraschen; dies
war ihm eine Art von Reception. - Leicht glitt er über das weg, was man
modisches Bedürfnis und Selbstliebe hiess. - Das Eis zu brechen war seine Luft; -
Lob und Tadel war ihm nicht gleich. Wer Ernst ohne viele Umstände zum Spass
erniedrigen kann, heisst Weltmann; unser Engländer war es nicht. Das Gewisse,
behauptete er, blähe auf, das Geglaubte halte die Menschen in gerechten
Schranken, was nicht aus dem Glauben komme, sei Sünde. Der Pastor hielt darüber
drei Predigten, deren öffentlichen Druck sein Eidam verhindert hat. Da der
Engländer nur Schriftsteller für eigentliche Geistliche hielt, weil sie den
Geist beschäftigen und diese Priesterschaft ehrte, die, wenn sie rechter Art
ist, unläugbar einen göttlichen Ruf hat, so sind wir wegen dieser heiligen Zahl
von Predigten keinen Augenblick sicher. - Heraldicus junior konnte nicht
aufhören über unsere Gläubigen und ihren Glauben zu spotten. Wissenschaft, sagte
er, ist baares, Glaube ist Papiergeld. - Gläubige reden viel und sagen wenig.
Man kann etwas glauben und sich schämen, dass man es glaubt. Die Teufel glauben
und zittern, Philosophen glauben und lächeln. - Weltkluge Geistliche fordern nur
einen äussern Glauben oder Lebensart in der Religion. - Muss ich, weil ich ein
Fernglas habe, mein natürliches Auge ausreissen und es von mir werfen? Kann ich,
weil ich in manchen Dingen weder aus noch ein weiss und die Unzulänglichkeit
meiner Einsicht zu bekennen verbunden bin, den Wissenschaften Hohn sprechen? Ist
die Glückseligkeit ererbtes oder erworbenes Gut? Wahrlich! nicht durch den
Besitz und Genuss derselben, sondern durch die Bemühung, sie im moralischen
Schweisse des Angesichts zu erwerben, ist man glückselig. - So Heraldicus junior.
Und wie sein Schwiegervater und der Engländer? Sie zuckten beide die Achseln,
suchten, wenn es not tat, Schutz bei Johannes und dem Gastvetter. Und fanden
ihn? Zuweilen. Wenn die drei Predigten nicht mächtiger sind, so fürchte ich,
Heraldicus junior werde nicht überzeugt werden, sondern eine
Lebensartüberzeugung annehmen. Mag er doch! Gibt er zu, Freiheit bestehe in der
Unabhängigkeit von seinen Begierden, so lasse man ihn immerhin (um seinen
Ausdruck zu gebrauchen) mit dem Pfunde seiner Vernunft wuchern. - Kätchen wird
schon dafür sorgen, dass seine Fackel nicht zu hell brenne. - Auch werden der
Engländer und der Pastor ihm gewiss das Feld nicht lassen. - Beide sind froh über
ihre Eutökie (leichte Geburt), die sie haben werden, wenn ihre Stunde kommt - so
nennen sie den Tod! -
    Noch hat der Tod keinen dieser
                                    §. 182.
                                        
                                     Gruppe
entzogen. Wenn gleich Engländer und Pastor den Tod den Sieg des Lebens nennen
und in der Geisterwelt so bekannt sind, wie man weiland zu Rosental im neuen
Jerusalem war, ich stehe dafür, keiner von beiden hat fürs erste Luft und Liebe,
ein Stein in dieser Siegeskrone zu werden. Hat der Engländer nicht alle Hände
voll mit Seelenliebe zu tun? Und der Pastor? Unendlich lieber würd' er den
himmlischen Heerschaaren zuvor bei sich aufwarten, ehe er ihnen den Gegenbesuch
ablegt. Bis jetzt sind jene so ungütig gewesen, sich nicht anmelden zu lassen. -
Entfernt vom Ceremoniell des Hofes und vom Prunk der Städte, von schmeichelnden
Kammerherren und stolzen prahlenden Krämern geniessen in Rosental, wenn es
gleich weder irdisches noch himmlisches Jerusalem mehr ist, liebenswürdige
Menschen ihr Leben, und bringen an Einem Tage vielleicht mehr vor sich als
Weltmenschen in Jahren. - Wahrlich, man führt in Rosental ein einträgliches
Leben.
    Die Natur gibt durch ihre Mannigfaltigkeit und Abwechselung soviel
Unterhaltung, dass man die Wehklagen der Höfe und Städte über Langeweile hier als
etwas ansteht, das keinen Sinn hat. Wahrlich, nichts leidet unschuldiger als die
Zeit. - Man belebt in Rosental das Leblose und findet überall Anlass, aus so
manchen Naturblüten sich einen Schatz der Zufriedenheit und her Wonne zu
sammeln. Sich vergnügen und sich unterrichten, sich unterhalten und sich
belehren, sind hier eins. Wenn Leute von Welt weit lieber unzufrieden mit sich
selbst sind, als dass sie ausstehen könnten, dass andere mit ihnen unzufrieden
wären, so opfert man hier der Gesellschaft nichts von seinem Kopf und seinem
Herzen auf; man bildet beides aus, und dies heisst Umgang. Die Mahlzeiten sind
platonisch, die Seele und ihre Bedürfnisse werden bei dem leiblichen Hunger und
Durst nicht vergessen. - Einfach und mit Geschmack gekleidet geht alles einher,
und nur die Mode gilt in Rosental, welche das Modejournal der Natur billigt.
Oft wird natürlich der Kunst, oft der Unnatur entgegengesetzt. Beide Sophien
kleiden sich nicht nach der Hofmode, weil ihr persönlicher Charakter darüber in
Collision kommt. Sie wollen individuell sein und sind es. Es liege nicht, meinen
diese competenten Richterinnen, ein abstrahirter politischer Charakter der Mode
zum Grunde, wäre das, wie käme Frankreich zur Gesetzgebung oder gar zum Dreifuss?
- Man trägt Kleider zur Notwendigkeit. - Nimmt man die Mitte von diesem Punkt
bis zum Punkt der Eitelkeit, so ist man gekleidet commo il faut. Jene Regel der
grossen Welt: »man kann nicht ächte Freunde haben, wenn man nicht grosse Feinde
hat,« wird in Rosental widerlegt, wo alles Ein Herz und Eine Seele ist. -
Selbst Heraldicus junior lernt je länger desto mehr sich wie ehemals in die Zeit
schicken, und die Grundsätze beider Sophien, für keine Kenntnis einen Dreier zu
geben, an die sich nicht Moral knüpfen lässt, bringen ihn sicherer als Engländer
und Pastor zum Schweigen. Ich glaube, Kätchen werde diesen Ungläubigen auch
ohne die drei Glaubenspredigten bekehren. - - Vernunft fragt, das Herz lehrt zur
rechten Zeit mit Fragen aufzuhören. - Und was helfen Zweifel, wodurch man die
Ruhe anderer zerstört, ohne das mindeste zu gewinnen? - Heraldicus junior
gehörte nie zu jenen Philosophen, die unter alles Säuren mischen, und ist ein
Zustand des menschlichen Lebens so gut, dass man die Absicht seines Daseins
völlig, und ist ein Zustand so schlecht, dass man diese Absicht nicht auf eine
Art erfüllen könnte? Tue das, so wirst du leben. Michaeln erkennt Heraldicus
junior je länger je mehr für Protagoras und tut wohl daran. - In der Tat, man
kann gross im Dienen und klein im Herrschen sein.
    Sophiens Vater hatte seine Güter in ** veräussert und sich nicht weit von
Rosental ein kleines Gut gekauft, um abwechselnd seine Kinder zu besuchen und
von ihnen besucht zu werden. Es war ein Opfer, das er seiner Tochter gern
brachte, als er einen andern Staat verliess, der ihm nie schwer gefallen war: -
alles was man von einem Staate fordern kann! Und Johannes? Von Herz und Geist
ein Mann! Warum doch ein Hagestolz! Er, der in allem durch Entaltsamkeit zum
Genuss sich vorzubereiten, der zu rechter Zeit das Geniessen abzubrechen versteht,
und der im Gedichte die Wahrheit als Hauptperson anerkennt; der von den sieben
Weisen nur den Tales dafür gelten lässt, weil die andern sechs seiner Collegen
Stifter und Regierer von Staaten waren, würde jedem Posten Ehre gemacht haben,
wenn es nicht ein noch grösseres Amt wäre, ohne Amt zu sein. - Das Reich eines
edlen Mannes ist wahrlich nicht von dieser Welt. - Neid, Hass und Verfolgung
bringen ihn hier zu Unmut und sein Ansehen dauert selten länger als zehn Jahre,
wenn es hoch kommt, sind es fünfzehn Jahre, und wenn es köstlich gewesen, ist es
Mühe und Arbeit gewesen. Alles, was käuflich und verkäuflich ist, hat keinen
Wert für die Menschheit; jeder kann es haben, wer Geld hat, und wer hat es in
der Welt? Gott! wer? - Wohl dem guten Johannes, dass er frei - recht frei ist,
dass er die Rosental'sche Gruppe dirigirt, ohne zu teilen, um zu regieren, und
ohne zu vergleichen, um geliebt zu werden. Wenn der Gastvetter das
Missverständnis zu heben zu schwer findet, legt es Johannes bei. - Mit allem und
mit unserm Zeitalter besonders ist er zufrieden, wenn er gleich an ihm die gar
zu grosse Vorschnelligkeit, die Vor- und Eigenliebe zum Praktischen, zum
unmittelbar Nützlichen oder Angenehmen tadelt und mit ihm nicht übereinstimmt,
dass es nichts pflanzen und begiessen will, wovon es nicht auch höchsteigenhändig
Früchte bricht und geniesst. - Der Ritter ist sein anderes Ich. - In puncto
puncti hält sich der Ritter zwischen Dichtern und Dogmatikern. Er ist ein
Kritiker und wird, will's Gott! nichts als absolute Wahrheit anerkennen, was
höchstens relativ zugegeben werden könnte. - Die Gesellschaft, in der er sich
befindet, ist ihm eine Loge zum hohen Licht. - Wahrlich! man wandelt im Lichte
in Rosental. - Physik, Chemie und Astronomie, die Johannes bei ihm auffrischt,
lassen den Ritter nie sinken. - Wenn der Gastvetter auf neue Nahrungszweige für
die Vernunft fast zu mühsam ausgeht und ihr überall Erwerb verschaffen will,
leistet er gern Gesellschaft und scheut den Weg nicht, nur glaubt er nicht, wie
sein Schwiegervater, dass aus diesem Wege neue Naturgesetze zu entdecken sein
werden. - In vielen Stücken ist er mir lieber als der Gastvetter. Doch wer ist
es, der in der Rosental'schen Gruppe nicht an seiner Stelle und wert wäre -
Mensch zu sein? - Jüngst zog ein Maler die Rosental'sche Strasse und der
Engländer wollte durchaus das Ebenbild seiner Seelengeliebten, die gewiss nicht
auf Stellungen denken durfte, um sich malen zu lassen. Es ward dem Künstler
nicht schwer, sie bei einer edlen Handlung zu beobachten. Nicht allerliebst,
wahr! ruft alles, was dieses edle Weib im Bilde sieht. - In der Tat, ein
belohnendes Gewissen legt die höchste Erhabenheit und Schönheit in die
Physiognomie. - Was ist affektirtes Lächeln und gezwungene Zärtlichkeit dagegen?
- Der Engländer, entzückt über Sophiens Ebenbild, erlaubte mir gern eine
Abschrift davon. Ihm gebührt der Dank, dass ich meiner Leserwelt Sophien so
treulich darstellen kann. Dieser sonderbare Mann hat sich unweit Rosental
niedergelassen - und durch ein Testament
                                    §. 183.
                                 das junge Paar
zu Erben eingesetzt. - Das junge Paar? Allerdings, in dem Sinne der goldnen
Zeit, wo immerwährender Frühling die Erde beglückt. - Warum ich Verlobung und
Hochzeit übergangen? - Weil Moses sie in seiner Geschichte des paradiesischen
Paares überging. Mit der Hochzeitrede, einer Geduldsprobe, die dem Meisterstücke
in Lebensgrösse nichts nachgibt, kann ich jedem, der zu Meisterstücken in
Lebensgrösse Luft hat, aufwarten. - - Etwas spät! denn unsere junge Ritterin hat
ihrem Gemahl schon zwei Söhne geschenkt, die so, wie die künftigen Brüder und
Schwestern derselben, nach den weise genommenen Beschlüssen der Rosentalschen
Gruppe, nichts anderes lernen werden, als was sie erwachsen tun sollen. In der
Tat, ein paar Jungen, wert, nach Familiensitte mit ihrer Mutter, und zwar im
Wohnsitze des Seniors, in den Familienstammbaum eingetragen zu werden! Etwas von
der Hochzeitrede? Gern! obgleich die Rosentalsche Familie mit Hochzeitreden
nicht sehr glücklich ist. Jene, des Gewissensrates, mischte Tod und Leben,
Freud' und Leid, himmlische und irdische Braut, wie ein Spiel Karten in
einander, so dass der Herr Amtsbruder selbst nicht wusste, ob er auf Erden oder im
Himmel ein Hochzeitgast wäre. - Gamaliels Text war: Unser Wandel ist im Himmel;
doch nahm er die Worte: da er eine köstliche Perle fand, ging er hin und
verkaufte alles, was er hatte, seinem Text zur Aushülfe an. Wäre vom Engländer
eine Seelenhochzeitrede bei dem Pastor bestellt worden, sie hätte nicht
erwünschter ausfallen können, und doch war sie geradezu gegen ihn. Sie handelte,
wie es nach der Meinung des Pastors ganz offenbar im Texte lag, von der
Elektricität und von der magnetischen Kraft. Ein paar fruchtbare Gegenstände!
Der Anfang seiner Rede war: alles liebt; der Misantrop selbst liebt seinen
Menschenhass. Wie sie schloss, wird man mir des Anfangs halber schenken. -
Heraldicus junior nannte diese Rede eine Geistercitation. Ich will und kann
meine Leserwelt weder damit magnetisiren noch elektrisiren. - Einen passenden
Anhang zu den bewussten drei Predigten über den Glauben - würde sie abgeben. Der
Engländer hatte dem Bräutigam ein Kanonikat gekauft, und dieser musste am
Hochzeitstage durchaus Stern und Kreuz über der Weste anlegen, worüber sich ganz
Rosental - versammelt in der Taubenkammer (es war jetzt eine förmliche Kapelle
geworden) - herzlich freute. Seit der Zeit trägt unser Ritter diese Ehrenzeichen
nicht mehr, die seiner Mutter während der Hochzeitrede eine Träne im Auge zu
stehen kamen. Er und sie, Sophie und der Ritter, gehören wahrlich zu den
trefflichsten Menschen in der Welt. Nie ist ein Paar glücklicher gewesen, als
das unsrige. - Ueberall blühen ihm Rosen von Jericho und neben ihnen die
bescheidenen Blumen je länger je lieber. - Ich war das letztemal in Rosental,
als die Fürstin ** einen Besuch machte, Alles schien ihr geschmackvoll und edel.
Sie kehrte mit dem Entschlusse zurück, wenigstens drei Monate (eine heilige
Zahl!) die Seligkeiten des Landlebens zu geniessen und die Stimmen der Lerchen
und Nachtigallen den italienischen Trillern vorzuziehen. Wenn die Durchlaucht
nur nicht vergisst, dass zum Landleben eine Rosentalsche Gruppe gehört! »Welch
ein Unterschied, hier einen offenen, geraden Weg zu betreten, und dort sich
durch eine steife Etikette durchzudrängen; hier unbemerkt durch Blumen und
Gesträuch zu wandeln, und dort durch Dornen und Disteln des Neides verwundet zu
werden; hier die einfache Predigt der Natur über das Lob des Schöpfers
anzuhören, wenn von dem unbedeutendsten Grase bis zur hohen Eiche seine Güte
verkündet wird, und dort sich durch den auf Stelzen gehenden Oberhofprediger
betäuben zu lassen, der mit strotzender Gelehrsamkeit beweiset, woran niemand
zweifelt, - oder niemand glaubt! Warum erschwert der hochehrwürdige Mann doch
alles, was so kinderleicht ist!« Ja und Amen, Durchlauchtige Fürstin, sagte in
Rosental alles zu dieser Apologie des Landlebens, und war und ist seelenfroh,
hier das Menschenleben zu geniessen und die Zukunft, ohne sie zu wünschen, und
ohne sie zu fürchten, zu erwarten. Eldorado ist freilich nicht hier; doch als
Stufe, ist die Rosental'sche Existenz zu verachten? Soll ich noch zum
                                    §. 184.
                                        
                                     Schluss
an Nebenpersonen dieser Geschichte denken? Wer kann es, wenn man eine Gruppe so
herrlicher Menschen vor sich hat, die ich nicht lassen kann und werde, bis ich
alles verlasse! - Es hat sich in der ganzen Rosental'schen Gegend ein Geist
verbreitet, der den unordinirten Ordensmännern keine Schande macht. Die Familie,
und vorzüglich der jüngste Kastenherr, die zweite Edition des wohlseligen
Ritters, lebt mit dem Rosental'schen Hause in guter Harmonie. - Die
Nachbarschaft gewinnt unendlich durch das liebenswürdige Rosental'sche Haus,
und die, welche man darin aufgenommen hat. - Fräulein B. und C. sind jetzt, da
ich dies schreibe, entweder wirklich schon Bräute, oder werden es in kurzem. -
Gastvetter und Engländer sind die Freiwerber gewesen. - Ihre Liebhaber sind ein
paar treffliche Cavaliere in fürstlichen Kriegsdiensten, denen ihre
Vorgesetzten, und - was noch mehr ist - ihre Kameraden das Zeugnis des
Verdienstes geben! - Und Fräulein A? Ist die Gemahlin - - des Cavalier Mündels,
dem der Gastvetter und - auch seine Tochter verziehen hat, welche bei seinem
Namen keine Ohnmacht weiter anwandelt. Es gibt eine Art Vorwürfe, die ärger als
eine öffentliche Busse ist. Warum Cavalier Mündel ein Feind von Gärten, besonders
von Blumen in Töpfen ist, darf nicht weit gesucht werden. Man vermied in seiner
Gegenwart die Wörter Blumen und Bäume, wie zur Zeit des wohlseligen Ritter S die
Missbräuche des Wortes Kreuz. - Amalie, der er seine Sünde bekannte, verzieh ihm,
nur er selbst kann sich nicht verzeihen. Er wird nach wie vor Vetter genannt,
nur er untersteht sich nicht, diesen Namen zu erwiedern und ist in einer
ähnlichen Verlegenheit mit der Rosental'schen Familie, wie der Reitknecht mit
Protagoras.
    Michael ist von seinem Herrn zum Pächter eines ansehnlichen Teils seiner
Güter angenommen, nicht mehr sein Begleiter, sondern sein Freund. Wer, ausser dem
Demokraten Heraldicus junior, kann ihn minder schätzen, weil er Begleiter war?
Ich stehe dafür, in kurzem wird auch Heraldicus Michael völlig für Protagoras
erkennen. - Nichts ist Michael angenehmer, als dem ersten Beförderer seines
Glücks, seinem Gamaliel, so viel von Ordensangelegenheiten zu entdecken, als
möglich ist. - Kann man sagen, dass Protagoras zur Schwärmerei Anlage hatte? Nahm
er nicht die Sachen nackt und entkleidet von aller Kunst und jedem Feigenblatte?
- Und doch befindet er sich, wenn nicht zu den Füssen, so doch an der Hand
Gamaliels, und nur noch jüngst sprachen beide von herzerhöhender Musik, durch
welches Medium sie, wenn Gott will, noch Geister zu sehen hoffen. Die köstlichen
Perlen, die Pastor seinem Schoossjünger verkauft, sind Elektricität und
magnetische Kraft. Schade um Michaels gefunden Kopf und natürliche Anlagen! Es
ist doch dem besten Kopfe nicht zu trauen, dass er nicht umschlage, wenn er ohne
alle Schule ist! - Zuweilen zieht er sein Grabeskleid auf eigene Hand an, und
würde dem Pastor öfter diese Freude machen, wenn seine Gattin minder darüber
spottete. - Anstatt den Pastor zu unterrichten, erweiset der Pastor ihm diesen
Dienst, der ihn mehr als seinen Eidam liebt. Michaels Frau, die Pastorin und
ihre Tochter Käte sind enge Freundinnen. Michaels Äußeres ist sehr
abgeschliffen. - Er geht mit abgeschnittenen Haaren; - Heraldicus junior muss,
Kätchens wegen, sich täglich frisiren.
    Der Reitknecht ist nicht verstossen. Sein edler Herr wollte ihn versorgen;
allein der Engländer liess es sich nicht nehmen. Seitdem er sich mit einigen im
Orden verband, Schlösser insgeheim aufzumachen, gab er die Vetterschaft mit
Michaeln von selbst auf. Er würde es sich nicht weiter unterstehen, Michaels
Vetter zu sein, wenn dieser es auch erlaubte; - und doch wett' ich Hundert gegen
Eins: nichts als die Begierde, in Ordenskenntnissen sich dem Protagoras zu
nähern, habe ihn zu dieser unrechten Türe des Schafstalls gebracht. - Er ist zu
entschuldigen, nicht zu rechtfertigen.
    Die Schauspielerinnen sind durch die Freigebigkeit des Engländers
verheiratet; doch leben beide so glücklich nicht, als sie könnten, wenn sie
wollten.
    Noch die Schlussfrage, die sich hören lässt: wie ich zu diesen Kreuz- und
Quernachrichten gekommen? Das jetzige Rosental'sche Conseil einigte sich über
die Data, die mir gegeben sind. Von dem kleinsten Teil habe ich Gebrauch
gemacht. Bei Ordenssachen hätte ich hier und da weniger Vorhänge gewünscht.
Gastvetter, Johannes und der Engländer waren dafür, dass wenig oder gar nichts
verhängt werden dürfte; der Ritter blieb anderer Meinung: er glaubte,
verpflichtet zu sehn, Geheimnisse zu verschweigen, wenn sie gleich, ohne es zu
sein, bloss so heissen; doch verhängte er nichts, worüber er kein Gelübde
geleistet hatte. Ohne diese Peinlichkeit des Ritters, wäre der Engländer gewiss
der Freigebigste gewesen. Er schien ein Feind aller Vorhänge zu sein. - Dem
neugierigen Pastor gehörte die erste Idee, dieses Buch zu schreiben, das er bis
jetzt bloss stückweise gelesen hat. - Ob ihm seine erste Idee gereuen wird?
    Sophie, Mutter, und Tochter, wollte nicht minder die ritterlichen Kreuz- und
Querzüge von A bis Z wissen, in so weit es nämlich sie zu wissen erlaubt war.
Abgerechnet, dass bei den Vorhandlungen auch mancher Ordensbruder sich
untergeschoben hat, ist das Geld des Ritters nicht besser angewendet, als wenn
er sich auf galanten Reisen um Gesundheit der Seele und des Leibes gebracht
hätte? - Wer irrt nicht von A bis Z, und von Z bis A? Ob als Ritter oder
Richtritter, tut nichts zur Sache. Die irrende Ritterschaft unseres A B C war
nicht ohne Segen; und Heraldicus junior behauptet, wenn seine Gattin ihm nämlich
so weit Spielraum lässt: irrende Ritterschaft sei eigentlich die wahre; und wo
nicht drei-, sieben-, neun- und zehnmal, so doch weit besser als die nicht
irrende. Ein grober Irrtum! In Rosental haben diese Kreuz- und Querzüge im
Manuskript manche frohe Stunde gemacht. Wie es die Leserwelt damit halten wird,
muss die Zeit lehren. - Der alten Baronin hat man einige Stellen verhängt. -
Heraldicus junior weiss bis jetzt nicht, dass sie gedruckt sind. - Der Ritter A B
C hiess vom Tage der Verlobung an Baron; seine Ritterschaft unter der Weste ist
von A bis Z abgelegt.
    Sollte wohl jemand glauben, ich hätte zu viel von Ordensgeheimnissen
entdeckt? Zu viel? Da man in unsern Tagen Gesichte und Geister zu zeigen so
unbedenklich ausbietet, wie ehemals Elephanten, Riesen und Zwerge? - - Und wenn
man seinem Nächsten siebenzigmal siebenmal täglich vergeben soll, warum will man
mir die hundert vierundachtzig Paragraphen nicht zu gut halten, die wahrlich
nicht böse gemeint sind?
    Eldorado ist, so wie das Himmelreich, nicht in Büchern, sondern in uns; in
uns ist Eldorado! - Es sei oben oder unten, oder auf Erden; ohne uns selbst ist
kein Eldorado!
 
    