
        
                           Adolph Freiherr von Knigge
                             Josephs von Wurmbrand,
 kaiserlich abyssinischen Exministers, jetzigen Notarii caesarii publici in der
  Reichsstadt Bopfingen, politisches Glaubensbekenntnis, mit Hinsicht auf die
                    französische Revolution und deren Folgen
                                     Vorrede
Als ich anfing, dies Buch zu schreiben, da hatte ich, wie man aus der folgenden
Einleitung sehen wird, von der wienerischen Zeitschrift nur noch erst die
Ankündigung gelesen, die der Herausgeber derselben in dem »Hamburgischen
Korrespondenten« hatte einrücken lassen und worin er die Unverschämteit beging,
des Kaisers Majestät als Mitarbeiter seines elenden Journals anzugeben. Kurz
nachher erschien das erste Stück jener Zeitschrift, und da ich in demselben
einige Männer, für welche ich Achtung hege, auf bübische Weise gelästert fand,
so erklärte ich mich darüber im dritten Abschnitte. Gleich darauf kam Hoffmanns
zweites Heft an das Licht; darin stand nun eine schändliche Lüge von mir, und
das verleitete mich, nicht nur in öffentlichen Blättern, sondern auch an einigen
Stellen in diesem Buche über Aloysius Hoffmann und sein Journal mehr Worte zu
verlieren, als diese unwürdigen Gegenstände wert sind - der Leser wird das
gütigst verzeihn.
    Indessen bestärkte mich doch die Erfahrung, dass man jetzt solche Versuche
gegen freimütige, wahrheitliebende Schriftsteller wagt, um sie verdächtig zu
machen, in dem Vorsatze, nichts mehr über politische Gegenstände zu schreiben,
ohne meinen Namen davorzusetzen; allein da die Form dieses Werks nicht mehr
gestattete, dass ich dies auf dem Titelblatte tun konnte, beschloss ich, eine
Vorrede mit meiner Unterschrift hinzuzufügen.
    Meine Absicht dabei ist, das Publikum zu überzeugen, dass ich mir bewusst bin,
meine Grundsätze sind von der Art, dass ich mich ihrer nicht zu schämen brauche
und dass es noch Gegenden in Teutschland gibt, in welchen eine weise Regierung
dem Schriftsteller die Freiheit gestattet, über Gegenstände, die der ganzen
Menschheit wichtig sind, unbefangen, aber bescheiden seine Meinung zu sagen.
    Ich bin - Dank sei der gütigen Vorsehung dafür! -, ich bin in einem Lande
einheimisch, wo Wahrheit sich nicht zu verstecken braucht, wo der gütigste
Monarch und die, denen er das Ruder des Staats anvertrauet hat, keiner
Zwangsmittel und überhaupt keiner künstlichen Anstalten bedürfen, um Aufruhr und
Empörung zu hindern. Wenn ich also zuweilen ein wenig heftig gegen Beschränkung
der natürlichen Freiheit eifre, so redet nicht Leidenschaft aus mir. Dies kann
noch weniger der Fall sein, wenn ich von den ungerechten Anmassungen der
Edelleute und Priester rede. In diesen nördlichen Gegenden kennen wir den
Despotismus aller Art, gottlob! nicht aus eigner traurigen Erfahrung; aber ich
habe ehemals Gelegenheit gehabt, seine Greuel in der Nähe zu sehn; und das hat
Eindrücke in mir zurückgelassen, die meinen Schilderungen einen Anstrich von
Bitterkeit geben, welche nicht in meinem Herzen ist.
    Übrigens hoffe ich, dass selbst die, welche mich zuweilen beschuldigen, ich
sei zu parteiisch für eine demokratische Verfassung, wenn sie dies Buch einiger
Aufmerksamkeit bis an das Ende würdigen wollen, finden werden, dass ich über
diese Gegenstände nachgedacht habe, dass ich nicht zu den Enrages gehöre, dass ich
vielmehr glaube, man könne ruhig und froh leben in jedem Lande, die
Regierungsform möge auch sein, welche sie wolle, wenn nur eine weise
Gesetzgebung alle Stände gegeneinander vor Misshandlung sichert, und dass ich
behaupte, wir haben in Teutschland keine Revolution weder zu befürchten noch zu
wünschen Ursache, wenn nur die verschiednen Regierungen, statt die Aufklärung zu
hindern, mit ihr Hand in Hand fortrücken und die Mittel, Ordnung zu erhalten,
mit der Stimmung des Zeitalters in ein richtiges Verhältnis setzen.
    Bremen, im Februar 1792
                                                          Adolph Freiherr Knigge
 
                                   Einleitung
Es ist nun ein Jahr verflossen, seit mein Herr Vetter, der Advokat Benjamin
Noldmann in Goslar, ehemaliger Baalomaal oder Gentilhomme de la Chambre am
kaiserlichen Hofe in Gondar, seine »Geschichte der Aufklärung in Abyssinien«
herausgab. Hätte er mich um Rat gefragt, so würde ich ihn davon abgemahnt haben,
und ich erschrak nicht wenig, als mir das Buch zu Gesichte kam. Nicht dass ich
glaubte, ein Gentilhomme de la Chambre dürfe nicht auch einmal ein
historisch-philosophisch-politisches Werk herausgeben (hat doch der Gentilhomme
ordinaire de la Chambre, Herr von Voltaire, deren viele in die Welt geschickt),
allein ich kannte meinen Herrn Vetter zu gut, als dass ich nicht hätte ahnden
sollen, er werde schwerlich unterlassen können, mit zuviel Feuer seine
republikanischen Ketzereien auszukramen und andre ein wenig kühne Sätze
einzumischen, die ihm leicht missgedeutet und gefährliche Folgen für ihn haben
könnten; denn da die beiden grössten Mächte des Erdbodens, Dummheit und Bosheit,
in allen Winkeln der Welt ihre Residenten und Agenten haben, welche jeden frei
denkenden und frei redenden Mann als einen Aufrührer verdächtig machen, so ist
es ein kitzliger Punkt, diesen sich blosszustellen. Desfalls nun legte ich mich
auf Kundschaft, um zu erfahren, welchen Eindruck jenes Buch auf das Publikum
gemacht hätte; und da bestätigte sich denn wenigstens ein Teil dessen, was ich
befürchtet hatte. Verschiedne geistliche Herrn fanden sich hauptsächlich dadurch
beleidigt, dass darin von ihrem Stande und der edeln Dogmatik nicht mit der
gehörigen Schonung wäre gesprochen worden; Edelleute meinten, Herr Noldmann
möchte nur aus Neid sich gegen den erblichen Adel erklären, weil er selbst das
Unglück hätte, von bürgerlicher Abkunft zu sein; Rechtsgelehrte sagten, Herr
Noldmann müsse wohl ein schlechter Jurist sein, weil er mit Geringschätzung von
der erhabensten und einträglichsten aller Wissenschaften redete; verschiedne
Ärzte warfen ihm Undankbarkeit gegen die wohltätige und zuverlässige Heilkunde
vor - kurz, wenn auch jeder heimlich alles so ziemlich der gesunden Vernunft
gemäss fand, was mein Herr Vetter über Menschenrechte und bürgerliche
Einrichtungen gesagt hatte, so liess er doch das nicht gelten, was seinen
besondern Stand anging. Nun nahm ich mir gleich damals vor, ein paar Bogen
wenigstens zu Verteidigung der politischen Grundsätze des Herrn Noldmanns zu
schreiben. Ich wollte darin ungefähr folgende Sätze ausführen: »In der
Geschichte der Aufklärung von Abyssinien sind Missbräuche in den
Staatsverfassungen gerügt, deren, mehr oder weniger, in jedem Lande angetroffen
werden. Das Bild der Ausartung der bürgerlichen Gesellschaften und ihres
Widerspruchs mit den ersten Zwecken des Sozietätsvertrags ist zwar mit sehr
starken Farben ausgemalt, aber nicht, als hätte der Verfasser dadurch zu
erkennen geben wollen, dass alle diese Missbräuche in allen Staaten herrschend
wären, sondern nur, um aufmerksam zu machen auf die fürchterlichen Folgen, die
notwendig entstehn müssen, wenn man sich immer weiter von den ursprünglichen,
heiligen Rechten der Natur entfernt, zu zeigen, wie tief der raffinierte
Despotismus mit allen seinen Ressorts, an der Hand des Luxus und der
Sittenlosigkeit, die Völker herabwürdigen kann; wie dann aber selbst seine
schimmernde Blüte den Samen zu einer neuen Sprosse trägt, welche hervorschiesst,
bald ihn selbst unterdrückt und weit umher Wurzel fasst; wie die lange Zeit
hindurch misshandelten Völker, wenn ihr Elend und der Druck aufs höchste
gestiegen sind und sie, bei einer andern Ordnung oder Unordnung der Dinge,
nichts verlieren, aber vielleicht alles gewinnen können, die Augen öffnen, an
der eignen Fackel des Despotismus, nämlich an der Aufklärung, welche die feinere
Kultur herbeigeführt hat, ihr Licht anzünden und damit endlich ihren armseligen
Zustand beleuchten; wie hierauf vergebens alle Mittel angewendet werden, den
Stärkern, dessen Namen Legio heisst, wenn er es einsehn gelernt hat, dass er der
Stärkere ist, wieder unter das Joch des schwächern Einzelnen zurückzubringen,
und welche gewaltsame Umkehrungen, welche blutige Kämpfe alsdann da erfolgen
müssen, wo, wenn alle umstürzen helfen, jeder auf seine eigne Weise und zu
seinem eignem Vorteile wieder aufbauen will. Heisst das Aufruhr predigen, wenn
man ein solches Bild entwirft, damit man die Regierer der Völker warne, es dahin
nicht durch eigne Schuld kommen zu lassen? wenn man ihnen begreiflich macht, dass
es jetzt grade noch Zeit ist, die Saiten herunterzustimmen, wenn sie nicht
reissen sollen? Nie ist dem Herrn Noldmann eingefallen, den Reformator zu spielen
und alle Staaten nach dem neuen Systeme seines abyssinischen Prinzen ummodeln zu
wollen; aber ein Ideal wollte er aufstellen, von einer nach den Grundsätzen der
reinsten Vernunft und natürlichen Billigkeit errichteten Verbindung der Menschen
zu einem Staatskörper. Es kömmt hier nicht auf die Möglichkeit der Ausführung,
der Erreichung eines solchen Ideals, sondern darauf kömmt es an, dass man, durch
Betrachtung desselben, sich überzeuge, wie weit man sich von demselben entfernt
hat, damit man, bei Gründung einer neuen Konstitution, einen Massstab habe,
wonach man bestimmen möge, welche Schritte man zurück tun muss, um dem Ideale
nahezukommen. Über solche der ganzen Menschheit wichtige Gegenstände kann nie
genug nachgedacht, gesagt und geschrieben werden. Übrigens kann man ein sehr
ruhiger Bürger sein und dennoch manches in seinem Vaterlande anders wünschen,
als es ist, sich auch darüber gelegentlich deutlich herauslassen. Man kann gegen
Missbräuche in dogmatischen und gottesdienstlichen Sachen eifern und dennoch
nicht nur sehr warm für Religion sein, sondern auch, ohne Heuchelei, die
kirchlichen Gebräuche mitmachen, weil sie nun einmal so eingeführt sind. Man
kann wünschen, dass alle geheime Verbindungen aufgehoben würden, und dennoch die
Freimäurerlogen, die nun einmal da sind, besuchen und darin Gutes wirken. Man
kann behaupten, dass, wenn man einen neuen Staat zu errichten hätte, man in
demselben keine Schauspiele dulden wollte, und dennoch in dem Staate, darin man
lebt, sich des Schauspiels annehmen. Man kann mit Entusiasmus die
Glückseligkeit einer republikanischen Verfassung erheben und dennoch ein sehr
gehorsamer Untertan seines Monarchen sein. Man kann die Torheiten und Tücken der
Menschen rügen und dennoch die Menschen herzlich lieben und seine eignen Fehler
nicht misskennen - kurz, der philosophische Schriftsteller muss über alles
räsonieren dürfen; Räsonnements sind aber weder Gesetze noch Glaubensartikel,
noch Fehdebriefe.«
    Diese und ähnliche Sätze wollte ich zu Verteidigung meines Herrn Vetters dem
geneigten Leser an das Herz legen, als mir die Ankündigung einer periodischen
Schrift vor Augen kam, die nun bald in Wien hervortreten wird und in welcher man
die neumodischen Philosophen entlarven, abfertigen und das Publikum vor diesen
abscheulichen Volksaufrührern warnen will. Nun lässt es sich gar nicht denken,
dass, bei der Aufklärung und Denkfreiheit, welche jetzt im ganzen teutschen
Reiche herrschen, einige niedrige, sklavische Schmeichler es wagen sollten, um
für sich Pensionen und andre Vorteile zu erringen, dem politischen,
teologischen und philosophischen Despotismus und der Verfinsterung das Wort zu
reden, die guten Fürsten, die auf halbem Wege sind, ihren Völkern statt der
eisernen, spröden Ketten der willkürlichen Gewalt die sanften und dauerhaften
Bande der Gesetze, der Liebe und der Achtung anzulegen, misstrauisch gegen die
freimütigen, edeln Männer zu machen, die den Mut haben, ihnen, zu ihrem Heile,
die Wahrheit zu sagen. Es lässt sich nicht denken, dass die Unternehmer jener
periodischen Schrift boshafte Dummköpfe wären, welche sich verschworen hätten,
jeden helldenkenden Mann, dessen Licht ihnen etwa zu sehr in die Augen
schimmerte, bei dem Volke verdächtig zu machen, ihn zum Schweigen zu nötigen
oder gar ihm Verfolgung im bürgerlichen Leben zuzuziehn. Es lässt sich nicht
denken, dass namenlose, unberühmte Leute die Unverschämteit haben würden, auf
eigne Autorität, ein philosophisches Inquisitionsgericht anzulegen - nein, ich
bin vielmehr überzeugt, dass die in Wien angekündigte Zeitschrift Männer zu
Verfassern haben wird, die sich schon durch Schriften und Handlungen in den Ruf
aufgeklärter, denkender, uneigennütziger und edler Eiferer für Wahrheit und
Recht gesetzt, und dass diese den lobenswerten Zweck haben, echte
philosophisch-politische Grundsätze zu entwickeln, diejenigen, welche sich ohne
Kenntnis der Sache an Beurteilung grosser Weltbegebenheiten wagen, gütlich
zurechtzuweisen und durch Warnung und richtigen Volksunterricht den gefürchteten
bösen Folgen vorzubeugen, welche unvorsichtig vorgetragne Sätze, von falschem
Entusiasmus irregeleiteter Schriftsteller, auf die allgemeine Stimmung haben
könnten.
    So wenigstens habe ich jene Ankündigung verstanden, und das hat mich
bewogen, damit auch ich mein Scherflein zu dieser guten Absicht beitragen
möchte, meinen ersten Plan, der nur auf Verteidigung des Herrn Benjamin
Noldmanns ging, zu erweitern. Ich will nämlich in dieser Schrift die Frage
abhandeln: ob und in welchen Fällen den europäischen Staaten, bei der jetzigen,
durch zunehmende Denk- und Pressfreiheit bewürkten Stimmung des Zeitalters, eine
Staatsumwälzung bevorzustehn scheinen möchte? Und da wohl ohne Zweifel die
französische Revolution jetzt den grössten Einfluss auf diese Stimmung hat, indem
sie so manche Feder und Zunge in Bewegung setzt, so will ich meine Frage also
einkleiden: Welche Folgen haben wir von der französischen Revolution zu fürchten
oder zu hoffen?
 
                                Erster Abschnitt
             Wer kann richtig über grosse Weltbegebenheiten urteilen
Über grosse Weltbegebenheiten kann am richtigsten erst von der Nachkommenschaft
geurteilt werden; nur sie vermag mit kaltem Blute die Zeugnisse der
Zeitgenossen, die, ohne Unterschied, alle mehr oder weniger parteiisch sind, zu
prüfen und Ursachen, Würkungen und Folgen, die einen durch die andern, zu
erklären.
    Nur der, welcher auch nicht auf die entfernteste Weise mit den handelnden
Personen in Verhältnissen steht, darf sich schmeicheln, ein unbefangner Richter
zu sein, und das ist bei solchen Ereignissen, die auf ganze Staatskörper Einfluss
haben, nie der Fall, solange wir selbst noch Glieder eines Staatskörpers sind.
    Man wende hiergegen nicht ein, dass die Zeit die kleinen Vorfälle vergessen
mache, die oft, mehr wie die grossen, öffentlichen Ereignisse, als Triebfedern
würken! Wer weiss nicht, mit welchen falschen Anekdoten sich die Neuigkeit des
Tags trägt! Grade diese werden erst nach und nach berichtigt, erläutert, und das
echt Charakteristische bleibt. Doch versteht sich's, dass ich hier von einem
Zeitalter rede, in welchem Kultur und Philosophie nicht schlafen. Wer wird
leugnen, dass wir jetzt richtiger über das Zeitalter Ludwig des Vierzehnten
urteilen wie die, welche, während seiner Regierung, aus Menschenfurcht, aus
Schmeichelei, aus falschen Entusiasmus ihn bis in den Himmel erhoben oder aus
Rache und Neid ihm vielleicht jede Art von Grösse und Tugend absprachen? Wer
möchte wohl eine allgemeine Geschichte der Reformation für zuverlässig halten,
die im sechzehnten oder siebzehnten Jahrhunderte geschrieben wäre?
    Das Gemälde muss erst aus einem Standpunkte beobachtet werden können, wo man
es im Ganzen übersieht, ohne von dem Schimmer einzelner Farben, ohne von dem
Interesse an einzelnen Gruppen geblendet, ohne durch die kleinen Details
zerstreuet zu werden. Unsre individuellen Lagen aber, Vorliebe oder Widerwillen
vor oder gegen unsre und fremde Verfassungen, gegen unsre und fremde Systeme,
vor oder gegen Nationen und Personen, die entweder Beförderer oder Störer,
Tadler oder Lobpreiser jener Gegenstände sind, determinieren uns, solange wir
mitten in dem Gewühle leben. Kleine, unmerkliche Beziehungen stimmen uns zur
Parteilichkeit gegen lebende Personen und gegenwärtige Dinge. Selbst auf den
geübten Denker, der sich ganz kalt und unbefangen glaubt, würkt heimlich
irgendeine von diesen Rücksichten; wäre es auch nur ein vaterländisches oder ein
Erziehungsvorurteil, eine vorgefasste Meinung von denen, welche sich der Sache
annehmen, oder dergleichen.
    So unwürdig eines Philosophen es ist, den Wert einer Unternehmung nicht nach
der innern Güte des Zwecks und der Mittel, sondern nach dem Glücke oder Unglücke
des Erfolgs zu würdigen, so scheint es doch bei manchen Fällen, wenn von
politischen Umwälzungen die Rede ist, notwendig, sein Urteil nicht bloss nach
moralischen und szientifischen Grundsätzen einzurichten, sondern der Zeit zu
überlassen, dem praktischen Nutzen, den die Veränderung stiftet, der Konsequenz
der angewendeten Mittel und der Möglichkeit der dauernden Ausführung das Wort zu
reden. Da fallen denn nun freilich die Resultate oft ganz anders aus wie unsre
Räsonnements. Als Amerion die heilige, unleugbare Befugnis des Menschen,
unbestimmte oder von seiner Seite gebrochene Kontrakte wieder aufzuheben, sich
fremden Schutz zu erbitten, wenn man sich selbst schützen kann, und die Früchte
seines eignen Fleisses nach seiner eignen Weise zu geniessen, gegen das
uneigentlich sogenannte Mutterland gelten machen wollte, da eiferten nicht nur
Moralisten und Rechtsgelehrte wider die Undankbarkeit der Kolonien, sondern die
Staatspropheten sahen auch voraus, dass diese von eigennützigen Bösewichtern und
Aufrührern irregeleitete, nicht von einem Geiste beseelte, unter sich selber
durch Uneinigkeit getrennte Leute, ohne disziplinierte Armee, ohne Gesetze, ohne
Bundesgenossen, ohne Geld, ohne Kredit, wenig ausrichten und bald zum Gehorsame
würden zurückgeführt werden. Den Journal- und Bücherschreibern der damaligen
Zeit, besonders dem empfindsamen Herrn Fähndrich Anburei, dessen Beschreibung
von Nordamerika der Herr Geheimerat Forster übersetzt hat, schauderte die Haut
bei Schilderung der Abscheulichkeiten, durch welche die verblendeten Amerikaner
sich alles Mitleids unwert machten und ihr armes Land für Jahrhunderte in eine
Wüstenei verwandelten. Er, und mit ihm nicht nur mancher andrer Fähndrich,
sondern auch mancher General und Mann von Gewichte, beschrieb die Heere dieser
Vagabonden als Räuberrotten, die kaum verdienten, von regulierten Truppen zu
Paaren getrieben zu werden. Wer hätte auch glauben sollen, dass Leute ohne Schuhe
und Strümpfe, die zuweilen bloss davonliefen, wo man schicklicher nach dem Takte
hätte retirieren sollen, die nicht wussten, was deployieren und durchziehn und
dergleichen hiess, und deren Anführer gemeine Kerl, ohne Geburt und Stand, waren,
dass diese unsre bunten Männerchen, mit Gold und Silber geziert, die, unter
Anführung von Lords, Grafen und Edelleuten, alles nach dem Tempo zu tun
verstanden, schlagen, gefangennehmen und zum Lande hinausjagen würden? Die
Zeitungen und Privatbriefe waren voll von Zwist und Spaltung, die unter den
Mitgliedern des Kongresses herrschten, von Trennung und Unterwerfung einzelner
Provinzen unter Britanniens Zepter, von allgemeiner Anarchie, Mord und Raube.
Und wie sieht es jetzt mit diesen Rebellen aus, nachdem kaum der sechste Teil
eines Menschenalters seit jener Zeit verflossen ist? Keine Spur mehr von Mangel,
Unordnung und Gärung! In voller Würde, respektiert und gefürchtet von allen
Völkern des Erdbodens, steht der neu errichtete Staat da, nachdem er seine
Freiheit mutig errungen und sich einen ehrenvollen Frieden verschafft hat - ein
wundersames politisches Phänomen! Menschen, unter verschiednen Himmelsstrichen
geboren, nun in eine Nation zusammengeschmolzen. Provinzen, deren jede sich
besondre Gesetze gemacht hat, zu einem grossen Staatskörper vereinigt, ohne
gemeinschaftliches einzelnes Oberhaupt, ohne Adel, ohne herrschende Religion, im
höchsten Wohlstande und Flor, den nur Freiheit, Frieden, gute Polizei, Handel,
Wissenschaften und Künste gewähren können, von Tage zu Tage zunehmend, in
brüderlichem Bündnisse mit ihren ehemaligen Vormündern, ein Muster, dem andre
Völker nachstreben! Wie gern würde mancher Fürst, der damals von den
amerikanischen Rebellen mit der tiefsten Verachtung redete, jetzt mit grosser
Herablassung und Dankbarkeit von der amerikanischen Nation eine kleine
Stattalterschaft für einen seiner Prinzen annehmen, wenn dies Volk es zu
erkennen wüsste, wozu ein Fürstensohn taugt! Wie gern verfertigte jetzt ein
Schriftsteller, der damals seine Federn gegen den Kongress wetzte, eine Lobrede
auf die vereinigten Provinzen, wenn ihm das ein Jahrgeld eintragen könnte!
    Selten also urteilt die gegenwärtige Generation richtig über die grossen
Weltbegebenheiten ihrer Zeit; wenigstens wage sich niemand daran, der nicht oft
den Versuch gemacht hat, mit philosophischem Blick, ohne Systemgeist,
unparteiisch (soviel das möglich ist) über allgemeine Gegenstände der Politik,
über die Vorteile und Nachteile einzelner Staatsverfassungen und, an der Hand
der Geschichte, über die Ursachen des Glanzes und des Sturzes älterer Reiche und
Völker nachzudenken! Es wage sich nicht an diese Arbeit der Mann, dem die
kleinern Lokalumstände fremd sind, der den Geist, die Stimmung, den Grad der
Kultur der Nation, wovon die Rede ist, nur aus Büchern kennt! Es wage sich nicht
an diese Arbeit der Stubengelehrte, der bis dahin mehr mit verstorbnen als mit
lebenden Menschen umgegangen ist und der die gewaltigen Stürme des Lebens,
welche Leidenschaften aller Art erregen können, nur von dem Fenster seines
warmen Studierzimmers herab in ihren fürchterlichen Folgen beäugelt, nie aber
ein unmittelbar teilnehmender Zeuge dabei gewesen ist und nie die ersten, oft
sehr kleinen Ursachen der Entstehung beobachtet hat! Endlich wage sich nicht an
diese Arbeit der Reisende, der das Land mit Postpferden durchstreicht und aus
den Gesprächen der einzelnen Anhänger dieser und jener Partei, die er bei seinem
kurzen Aufentalte in den Städten kennengelernt, den Stoff zu seinen allgemeinen
Urteilen entlehnt!
    Nach solchen Voraussetzungen wird man mich nicht in dem Verdacht haben, ich
wolle diese Grundsätze bei meinem Räsonnement über die französische Revolution
verleugnen oder ich hielte mich berufen, über dieselbe sowie über die Vorzüge
und Mängel der neuen Konstitution zu entscheiden. Meine Absicht ist im
Gegenteile, zu zeigen, wie wenig wir noch jetzt imstande sind, in dieser grossen
Begebenheit klar zu schauen, zu warnen vor übereilten Urteilen, zu unzeitiger
Furcht und vor blindem Eifer und endlich aufmerksam zu machen auf die
allgemeinern Grundsätze, von denen wir ausgehn müssen, wenn wir etwas Passendes
von der französischen Staatsumwälzung und deren vermutlichen Folgen sagen
wollen.
 
                               Zweiter Abschnitt
               Bemerkungen über gewaltsame Revolutionen überhaupt
Nichts kömmt mir alberner vor, als wenn man sich in moralischen und politischen
Gemeinsprüchen über die Befugnisse und Nichtbefugnisse einer ganzen Nation, ihre
Regierungsform zu ändern, ergiesst; wenn man darüber räsoniert, was ein Volk,
wenn es sich empört, hätte tun sollen und wie es hätte besser und gelinder
handeln können und sollen und ob zuviel oder zuwenig Blut dabei vergossen
worden. Ja, wenn von einem Plane die Rede ist, den ein einzelner Mann entwirft,
wenn die Frage ist, ob Brissac recht und weise handelte, als er, ehe Heinrich
der Vierte sich auf dem Trone befestigt hatte, über dem Entwurfe brütete, aus
Frankreich eine freie Republik zu machen, dann lässt sich vielleicht entscheiden,
inwiefern er dazu Befugnis und Veranlassung hatte, ob er, bei der damaligen
Stimmung und politischen Lage der Nation, sich mit einem glücklichen Erfolge
schmeicheln durfte oder nicht und welche Mittel er hätte anwenden sollen und
können, um seinen Zweck zu erreichen; wenn aber ein ganzes Volk, durch eine
lange Reihe von würkenden Ursachen, dahin gebracht ist, seine bisherige
Regierungsform, die nicht taugte, die nicht in die jetzigen Zeiten, nicht zu dem
gegenwärtigen Grade der Kultur passte, in welcher sich der grösste Teil der Bürger
unglücklich fühlte, mit Gewalt über den Haufen zu werfen, wenn sie alle hierzu
durch einen Geist belebt werden, den ihre elende, verzweifelte Lage in ihnen
erweckt hat, wenn dies also nicht nach einem bestimmt angeordneten Plane,
sondern durch einen Windstoss geschieht, der auf einmal das Feuer, das lange
unter der Asche geglimmt hatte, in helle Flammen auflodern macht - wer kann da
Ordnung fordern? wer kann da bestimmen, ob zuviel oder zuwenig geschieht?
Schreibe dem Meere vor, wie weit es fortströmen soll, wenn es den Damm
durchbricht, den Jahrhunderte untergraben haben!
    Und wenn auch bei solchen gewaltsamen Umwälzungen Szenen vorfallen, bei
deren Anblicke die Menschheit zurückschaudert, wer trägt dann die Schuld dieser
Greuel? Ganz gewiss mehr die, gegen welche man sich empört (oder vielleicht ihre
Väter), als die Empörer selbst - auf sie, die entweder durch despotische
Misshandlungen das Volk aufs äusserste gebracht oder durch Beispiel und
Beförderung des schändlichsten Luxus und aller Wollüste wahren Seelenadel und
Einfalt der Sitten in allen Klassen der Bürger zerstört oder wenigstens, sorglos
in ihrem Berufe, von boshaften, gleisnerischen, raubsüchtigen Schranzen umgeben,
die Untertanen der Verführung, der Plünderung und dem Drucke preisgegeben, es
gegen jede Herrschaft, gegen jeden Zwang erbittert, alle Herzen von sich
abgelenkt haben - auf ihnen ruht die Sünde. Die Menschen im ganzen lieben Ruhe
und Frieden, setzen nicht leicht den mässigen, aber sichern Genuss des
Gegenwärtigen aufs Spiel bei der Aussicht eines mühsam zu erkämpfenden
ungewissen Künftigen; allein wenn der Despotismus es dahin gebracht hat, dass die
Staatsverfassung einem Kriege aller gegen alle ähnlich sieht, wenn jeder nimmt,
wo er ungestraft nehmen darf, niemand Gesetze anerkennt, sobald er sich
Impunität erschleichen, ertrotzen oder erwürgen kann, wenn kein Eigentum mehr
respektiert wird, wenn kein Bürger sicher ist, den Erwerb seines Fleisses vor den
Klauen der Raubtiere bewahren zu können, wenn man endlich doch Leben und
Freiheit wagt, man spiele das grosse Spiel mit oder nicht - wer wird es dann auch
dem Sanftmütigsten zum Verbrechen machen wollen, dass er, statt sich geduldig
schinden zu lassen, mit dreinschlägt, mit zugreift, da, wo soviel zu gewinnen
und keine andre Gefahr zu laufen ist, als die ihm, nicht weniger, täglich in
seiner friedlichen Hütte drohte, als er sich auch nicht regte?
    Überhaupt ist es ganz verlorne Mühe, zu räsonieren über die Befugnisse eines
Volkes, seine Regierungsverfassung zu ändern. In den grossen Plan der Schöpfung
gehören diese Umkehrungen; sie sind unvermeidlich; sie werden herbeigeführt
durch die Ebben und Fluten der Kultur; die Menschen sind nur die Werkzeuge in
der Hand der alles ordnenden Vorsehung. Ist der Zeitpunkt da, stimmen alle
Umstände dazu ein, so sind alle Würkungen einzelner Leute, alle Anstalten der
Regenten, alle Predigten und Deklamationen dagegen vergeblich. Das Recht des
Stärkern ist in der ganzen Natur herrschend. Worauf sonst als auf dieses Recht
gründen die Despoten ihre Gewalt? womit sonst als mit diesem Rechte des Stärkern
machen sie uns, an der Spitze von hunderttausend Mann, die Gründe, worauf ihre
Deduktionen gestützt sind, anschaulich? Ist dies Recht aber nicht auf ihrer
Seite, so haben auch ihre Gründe wenig Gewicht, und sie müssen dem nachgeben,
der mit mehr Nachdruck den Beweis seiner Rechtmässigkeit führt. Von der Natur
sind nun einmal die Menschen nicht in Klassen geteilt, nicht einige zum
Gehorchen, andre zum Herrschen bestimmt. Der Mensch, der sich von einem Menschen
regieren lässt, tut dies entweder, weil er muss oder weil er will. Er muss, wenn
der andre stärker ist, sei es an Körper oder Geiste oder durch Bündnisse mit
mehrern. Er will, wenn er sich behaglich dabei fühlt oder wenn er in dem Wahne
steht, der andre sei auf irgendeine Weise berechtigt, ihm Gesetze
vorzuschreiben. Wenn aber kein Übergewicht da ist, wenn Liebe und Zutraun
aufhören, wenn Unzufriedenheit eintritt und Wahn verschwindet - dann
demonstriere einmal, drohe einmal, Fürst, Moralist, Staatsmann! und siehe zu, ob
du etwas ausrichtest! Denn (möge auch der Satz noch so herbe klingen!) man kann
dem Menschen die Notwendigkeit der Erfüllung aller moralischen Pflichten
unwiderleglich beweisen; aber ich weiss nicht, wie man es anfangen kann, einen
Menschen zu überzeugen, dass er eine natürliche, angeborne Verbindlichkeit auf
sich habe, einem andern Menschen von Fleisch und Bein zu gehorchen, wenn er dies
nicht glauben will, nicht glauben muss oder nicht sein Interesse dabei findet, es
zu glauben. Seine Vernunft sagt es ihm nicht; die Religion sagt ihm, dass er
seiner Obrigkeit gehorchen solle; aber wer diese Obrigkeit sein soll und wer das
Recht hat, sie einzusetzen, da wir keine Teokratien mehr haben, das sagt sie
ihm nicht, und das ist doch der Punkt, worauf es ankömmt. Gegen Kontrakte, die
er nicht selbst geschlossen hat, wird er viel Einwendungen finden, wenn sie ihn
drücken; die Beförderung der allgemeinen Ruhe, des allgemeinen Wohls kann einen
Philosophen bewegen. Privatvorteile aufzuopfern, aber nicht den Pöbel - diesen
zum ruhigen Gehorsame zu bringen, wenn man ihn weder durch Wahn noch Gewalt
zwingen kann, dazu gibt es, ich sage es noch einmal, kein andres Mittel, als dass
man in ihm den freien Willen erwecke, gern zu gehorchen. Wie dies möglich zu
machen sei, das soll noch, zur Erbauung aller Regenten, in diesen Blättern
gezeigt werden, und ich zweifle nicht, einer von ihnen wird mich für dies Rezept
mit einer kleinen jährlichen Pension von einem paar tausend Tälerchen belohnen.
Unter den zahlreichen Geschenken, die sie aus fremden Beuteln nehmen, würde
dieses, denke ich, nicht am schlechtesten angelegt sein; und ich will ihnen dann
nie wieder ein Rezept aufdringen.
 
                               Dritter Abschnitt
             Anwendung dieser Sätze auf die französische Revolution
Lasset uns nun, was ich von den grossen Staatsumwälzungen überhaupt gesagt habe,
auf die französische Revolution anwenden! Unvermeidlich war sie, vorauszusehn
war sie, mit allen ihren fürchterlichen Folgen; das wird jetzt jeder
Geschichtsforscher und Philosoph zugestehn müssen; aber dergleichen mit klaren
Worten voraus zu verkündigen, das ist eine kitzlige Sache, besonders in
despotischen Staaten.
    Seit Jahrhunderten seufzte Frankreich unter dem Drucke des fürchterlichsten
orientalischen Despotismus. Bekannt genug sind die greulichen Schandtaten, die
verheerenden Kriege und die innerlichen Unruhen, durch welche die Regierung der
mehrsten Könige aus dem Hause Valois, besonders die des blutdürstigen Ludwig des
Eilften und des verächtlichen Karls des Neunten, sich auszeichnete.
    Der grosse, edle Heinrich genoss der ruhigen Tage zu wenige, um seinem armen
Volke wieder aufzuhelfen; aber er lebte lange genug, um dies Volk mit der
Glückseligkeit, einen guten und weisen König zu haben, bekannt zu machen, damit
es desto lebhafter den Kontrast dieser Zeiten mit den vorigen und nachherigen
Regierungen fühlen möchte; und so gab er selbst der Nation den Unterricht, was
sie von ihren Königen einst fordern, das Beispiel, worauf sie ihre Monarchen
einst hinverweisen könnte.
    Die männlichen und weiblichen Vormünder des bis zu seinem Tode
minderjährigen, schwachen Ludwig des Dreizehnten verschaften Frankreich Ansehn
von aussen und Armut, Sklaverei und Zerstörung aller Moralität von innen.
    Auf die tiefste Stufe der Erniedrigung aber wurde die Nation durch den
Monarchen Mazarin und nachher durch den kindisch eiteln Tyrannen, der sich den
Beinamen des grossen Ludwigs geben liess, herabgestürzt. Die Regierung dieses
abscheulichen Menschen war eine ununterbrochene Reihe von glänzenden
Niederträchtigkeiten, Grausamkeiten und Verwüstungen. Er spielte mit dem Leben,
dem Eigentume, der Ehre, der Freiheit, der ganzen bürgerlichen, physischen,
moralischen und intellektuellen Existenz seiner Mitbürger. Kaum hatte der magre
Aachensche Frieden dem Blutvergiessen eine Ende gemacht, so fing er, ohne alle
andre Ursache, als weil er seinem Nebenbuhler um Ruhm, Wilhelm von Oranien, die
Grösse beneidete, welche er nicht erreichen konnte, einen neuen Krieg an, der mit
dem für Frankreich ebenso nachteiligen Ryswickischen Frieden geschlossen wurde.
Jeder Staat, der seinem niedrigen Hochmute ein Opfer versagte, wurde von ihm
geneckt, angegriffen und von seinen Räuber- und Banditenheeren zu einem
Schauplatze grausamer Ermordungen, Verheerungen und Mordbrennereien gemacht. Das
nannte er dann Siege und liess sich dafür von feilen Dichtern lobpreisen und von
Malern und Bildhauern der Verachtung der freien Nachwelt ausstellen. Indes
Hunderttausende in seinem Namen erwürgt wurden, bauete er asiatische Paläste, in
denen er mit Histrionen, Schranzen und geilen Weibern Ballette tanzte und
Unzucht trieb. Ihm waren beschworne Verträge und das königliche Ehrenwort
Kinderpossen, und gleich als wenn ihm die weltlichen Händel nicht Gelegenheit
genug gegeben hätten, wie ein reissendes Tier unter friedlichen Menschen
herumzufahren, riss er den grausamen und heuchlerischen Pfaffen den Dolch und die
Fackel des Fanatismus aus der Hand und stürzte damit unter seine treuesten und
fleissigsten Untertanen, von denen indes der fünfte Teil doch seiner Mordlust
glücklich entwischte, auswanderte und Wohlstand und Segen mit sich fort in
fremde Provinzen trug. Allein seine Lieblingswaffen waren unredliche Politik,
Kabale, Ränke und Bestechungen; mit diesen verbreitete er Misstrauen und Zwist an
auswärtigen Höfen und tötete edle Gesinnungen und grosse Gefühle in den Herzen
seiner Untertanen. Noch galt er für einen eminenten, glänzenden, gefürchteten
Bösewicht; aber auch diesen Schimmer von Grösse nahm das Glück ihm im Spanischen
Sukzessionskriege, in welchem seine nur für seine Eitelkeit fechtenden Heere
fast immer geschlagen, seine Provinzen entvölkert und die Schulden gehäuft
wurden. Am Ende seiner Tage blieb dem Elenden keine andre Wonne übrig, als,
umgeben von Bettlern, mit der alten Vettel, die er sich hatte zum Eheweibe
aufschwätzen lassen, die Sünden, die er gern noch länger begangen hätte, am
Rosenkranze abzubeten. Sprechet, was hatte dieser Bösewicht vor den Vitellien,
Diokletiane und Heliogabeln voraus? Oh! er stand tief unter ihnen. Diese
schwachen Tyrannen konnten doch noch einen Teil ihrer Schuld auf das Glück und
die Verblendung eines Volks schieben, das sich vergriffen hatte, als es ihnen
ein Los zuteilte, dessen sie sich so unwürdig zeigten; auch war die Stimmung des
damaligen Zeitalters rauher; aber Ludwig, mit den herrlichsten Anlagen,
wenigstens zum Privatmanne, von der Natur ausgerüstet, unter einer Nation und in
einer Periode geboren, die sich durch mildere Sitten auszeichneten, ein
Liebhaber und Kenner der schönen Künste - nein! von ihm kann nichts den Fluch
abwenden, den soviel Millionen Menschen seinem Andenken nachschicken.
    Man könnte sich wundern, dass nicht schon damals die französische Nation aus
dem fürchterlichen Schlafe erwachte, in welchen der Despotismus sie
hineinmanipuliert hatte, dass sie nicht schon damals aufsprang und die
unnatürlichen Fesseln abschüttelte, wenn man nicht Rücksicht nehmen müsste auf
ihren herrschenden Charakter und auf das Zusammentreffen vieler Umstände. Sie
war von jeher gewöhnt, einem einzelnen Beherrscher zu gehorchen, hielt dies für
die Ordnung der Natur, liebte entusiastisch die monarchische Verfassung und
ihre Könige; der äussere Glanz der Taten, wodurch sie sich, obgleich als Maschine
eines hochmütigen, eiteln Toren, in den ersten glücklichen Kriegen verherrlichte
und andre Völker demütigte, kitzelte den Nationalstolz; der Leichtsinn, der den
Franzosen so eigen ist, liess sie das Elend nicht wahrnehmen, in welches sie nach
und nach hineingezogen wurden. Der Prunk der Schauspiele und Feste blendete ihre
Augen, wirkte auf ihre Sinnlichkeit, riss die Bürger aller Klassen in einen
Strudel von Zerstreuungen hinein. Sie sangen, witzelten und tanzten den Hunger
weg. Noch herrschte in dem an Hülfsquellen so reichen Frankreich keine so
allgemeine Not, die nicht irgendeine komische Seite gehabt hätte, auf welche ein
lustiger Franzose ein Epigramm machen konnte; und dann lachte das ganze Volk
mit. Die ärgsten Räsoneurs schwiegen auch oder wurden gar in Lobredner
verwandelt, wenn sie einen Brocken von der allgemeinen Beute erhaschten, sich
durch Kreaturen von Kreaturen ein Ämtchen oder ein Jahrgeld erbetteln konnten;
ein grosser Teil der Nation vergass das Murren unter dem Geräusche der Waffen -
und, kurz, die ärgsten Wirkungen des despotischen Unfugs wurden erst unter den
folgenden Regierungen recht, sichtbar.
    Die Regentenschaft des Herzogs von Orleans vollendete den Ruin und die
Korruption des französischen Volks, und seine Administration zeichnete sich
durch Bubenstücke und Laster aller Art aus, obgleich er selbst mehr ein
schwacher Wollüstling als ein unternehmender Bösewicht war.
    Ludwig des Funfzehnten Zeiten sind uns noch so nahe; die Inkonsequenzen und
Abscheulichkeiten dieser Regierung, die Diebstähle aller öffentlichen
Staatsbedienten, die in den gesegnetesten Jahren durch die königlichen
Getreidepächter künstlich erregte Hungersnot, die greuliche Finanzverwaltung,
die höllische Wirtschaft der raubgierigen und ränkevollen Mätressen, die
mutwillig verlornen Schlachten, in welchen tapfre Krieger von unbärtigen Knaben,
von unwissenden Kreaturen der Dame Pompadour und von erkauften Schurken auf die
Schlachtbank geliefert wurden, die heimlichen Einkerkerungen und Ermordungen
edler Männer, die das Unglück hatten, den Hass der verschwornen Rotte auf sich zu
laden, die lettres de cachet, die heillosen Verschwendungen - das alles ist uns
noch in frischem Andenken.
    Und so erbte dann der arme, gutmütige Ludwig der Sechzehnte den Tron, auf
welchem er ein Volk beherrschen sollte, das in Not, Armut und Verzweiflung
schmachtete; der Staat war mit Schulden belastet, das tiefste Verderbnis der
Sitten in allen Ständen verbreitet, die wichtigsten Ämter im Reiche hatte man an
Bösewichte verhandelt, die tausendmal des Galgens wert waren, an welchem einige
von ihrer Bande nachher ihre rühmliche Laufbahn geendigt haben; der Adel übte
ungestraft die ärgste Tyrannei gegen den unglücklichen Bauernstand; aus Mangel
an Geld und Kredit ruheten die mehrsten Nahrungszweige, die dem Bürger hätten
aufhelfen können, bei welchem noch obendrein der verheerende Luxus die unnützen
Bedürfnisse vervielfältigt hatte; nur der verächtlichste Teil derselben, der
sich in den Hauptstädten von diesem Luxus nährte, erschwang sich so viel, dass er
den Grossen in ihrer Verschwendung nachahmen konnte; die Erpressungen aller Art
gingen indessen fort; die Auflagen waren unerträglich und unnatürlich; die
Geistlichkeit steuerte nichts und verschwelgte in sittenloser Üppigkeit, was der
unglückselige Landmann im Schweisse seines Angesichts und mit heissen Tränen
herbeischafte. Der Frieden gab der Nation Musse, diesem allen nachzudenken; das
Volk durch Feste zu übertäuben, dazu fehlte es auch an Mitteln; was aber
vollends die fürchterlichsten Folgen prophezeiete, war die durch den Despotismus
selbst beförderte, nun täglich allgemeiner sich ausbreitende Aufklärung. Eine
gewisse räsonierende Philosophie, die, wenn sie, unter weniger unglücklichen
äussern Umständen, von Einfalt der Sitten begleitet ist, die Menschen lehrt, mit
ihrem Zustande zufrieden zu sein, unvermeidliche Widerwärtigkeiten zu ertragen,
den Mangel an Wohlstand durch verdoppelte Mässigkeit zu ersetzen und ihre innere
Gemütsruhe nicht durch gefährliche Plane auf eine ungewisse Zukunft zu stören,
diese Philosophie, sage ich, hatte einen Anstrich von Bitterkeit angenommen. Sie
öffnete dem Volke die Augen über seinen verzweifelten Zustand, erweckte in ihm
das Gefühl, nicht länger mehr die schändlichsten Misshandlungen ertragen zu
können; man fing an, über ursprüngliche Menschenrechte, über den Beruf der
Könige, über die Gültigkeit der Privilegien des Adels und über Pfafferei und
Hierarchie laut zu reden und zu schreiben.
    Indessen hofft man immer alles von jeder neuen Regierung; also erwartete man
auch von Ludwig dem Sechzehnten Milderung des allgemeinen Elendes, Abschaffung
der Missbräuche - aber man wartete lange vergebens. Was er hätte tun können und
sollen, was die Königin zum Besten gewirkt hat oder nicht gewirkt hat, ob man
die Finanzen besser verwalten, den unnützen Aufwand einschränken, redlicher und
offner hätte verfahren können, darüber lasset uns jetzt nicht räsonieren! -
genug! dem Jammer wurde nicht abgeholfen, und die Unruhe und die Gärung nahmen
zu. Nun berief man denn endlich die Stände des Reichs; allein von der einen
Seite waren schon die Forderungen der lange Zeit misshandelten, oft getäuschten
sogenannten untern Stände zu hochgespannt, von der andern schienen Adel und
Geistlichkeit gar nicht zu ahnden, dass die Zeit, Übermut zu zeigen, ererbte
Verdienste gelten zu machen und durch Verjährung geheiligte Missbräuche
aufrechtzuerhalten, verstrichen wäre. Man sprach wohl von freiwilligen,
ansehnlichen Beiträgen, von grossmütigen Aufopferungen, aber der tiers état fand
diese Sprache nicht mehr passend.
    Er war nicht mehr zu überzeugen, dass er, der grössere, wichtigere und
arbeitsame Teil der Nation, geboren sein könnte, länger die untergeordnete Rolle
zu spielen, sich taxieren, sich im Blinden führen, sich nicht nach bestimmten
Gesetzen, sondern nach Willkür regieren zu lassen. Alles Zutrauen, aller guter
Wille war verschwunden - mögen immerhin bösgesinnte Stürmer das Feuer angeblasen
haben! Genug, dies Feuer war da, glimmte in allen Ecken, musste unvermeidlich
einmal mit Ungestüm ausbrechen.
    Was für Auftritte nachher erfolgt sind, das ist bekannt genug - noch einmal!
ich vermesse mich nicht, darüber zu urteilen, und glaube nicht, dass irgend
jemand, bei der Lage der Sachen, sagen dürfe, »das hätte man tun, das
unterlassen sollen«. Ich glaube, dass die Anarchie kein Werk einzelner Aufrührer,
sondern die unvermeidliche Folge der abscheulichen Behandlung ist, durch welche
man das Volk aufs äusserste getrieben hatte. Ich glaube endlich, dass die
Deputierten zwar ihre Vollmachten überschritten sind, dass sie aber dem Geiste
des grössten Teils der Nation gemäss gehandelt haben und dass, wenn sie weniger
getan hätten, neue Empörungen gefolgt sein würden, bis doch alles endlich auf
diesen Punkt des allgemeinen Umsturzes alles dessen, was irgend mit der
ehemaligen Staatsverwaltung zusammenhing, gekommen sein würde. Dies alles wird
schon dadurch bestätigt, dass das Volk freiwillig zu Deputierten der zweiten
Versammlung noch eifrigere, kühnere Männer (oder vielmehr, leider! Jünglinge)
gewählt hat, welche die Einschränkungen der königlichen Gewalt noch viel weiter
treiben. Schwerlich hätte man zum Beispiel, bei der jetzigen Stimmung, die
Einrichtung von zwei Kammern, wie in England, zustande gebracht; und wäre es
geschehn, so würden bald die dem Despotismus und den vorigen Missbräuchen
ergebnen höhern Stände neue Trennungen bewirkt haben - so glaube ich; aber ich
verlange nicht, irgend jemand zu meinem Glauben zu bekehren.
    Über diese Revolution, über die neue Konstitution und über die Schritte der
Nationalversammlung muss man jetzt so manche widersprechende Urteile hören und
lesen, dass man in der Tat immer vorsichtiger in seinen Entscheidungen werden
sollte. Von einer Seite schildert man uns diese grosse Begebenheit als das Werk
der verachtungswürdigsten, eigennützigsten Bösewichte, Aufrührer und
Königsmörder, verschworen, das ganze Reich in Elend und Verwirrung zu stürzen,
um im trüben zu fischen. Man schildert uns die Beschlüsse der Deputierten als
ein Gemische von schreienden Ungerechtigkeiten und törichten Hirngespinsten und
die Ausschweifungen des Pöbels als unerhörte, nie gesehene Greuel, planmässig von
den Verschwornen veranstaltet. Endlich prophezeiet man dem armen Frankreich den
gänzlichen Ruin oder eine nahe bevorstehende Umkehrung der Dinge durch eine
Contre-Revolution und die Einmischung der übrigen europäischen Mächte. Von der
andern Seite erheben die Freunde der Revolution dieselbe, mit allen ihren schon
erlebten und noch zu erlebenden Folgen, bis in den Himmel. Sollen wir ihnen
glauben, so ist, solange die Welt steht, noch keine grössere, der Menschheit
wichtigere und wohltätigere Begebenheit vorgefallen. Sie lassen uns alle dabei
verübten Gewalttätigkeiten als notwendige, durch die Grösse des Zwecks geheiligte
Mittel ansehn. Sie schildern uns die Männer, welche bei diesen Unternehmungen
vorangegangen sind, als die edelsten, weisesten, uneigennützigsten,
kraftvollsten Helden und Philosophen und verkündigen nicht nur der französischen
Nation von jetzt an die ruhigste, glücklichste Periode, ein Goldnes Zeitalter,
sondern allen übrigen europäischen Staaten eine baldige Nachfolge. Die
gemässigtere Partei billigt den Zweck, tadelt aber die Mittel oder findet, dass
man im ganzen zu weit gegangen sei, oder hofft, dass diese allgemeine Gärung nach
und nach alle Gemüter zum Frieden geneigt machen, dass man von beiden Parteien
die Saiten herabstimmen und am Ende eine monarchische Staatsverfassung wieder
herstellen werde, doch also, dass die Gewalt des Königs und der Minister, durch
die Mitwirkung gewisser Volksrepräsentanten, beschränkt sei. Nur wenige sind
weise genug, sich aller entscheidenden Urteile zu entalten, das, was geschehn
ist, wie unvermeidliche Folge vorhergegangener Missbräuche zu betrachten und die
beste Entwicklung von der gütigen und weisen Vorsehung zu erwarten.
    Wundern wir uns nicht über die grosse Verschiedenheit dieser Meinungen!
Selbst zwei gleich unparteiische, gleich einsichtsvolle Reisende können, was sie
während dieser Unruhen in Frankreich sehen, aus sehr verschiednen
Gesichtspunkten betrachten. Der eine, wie zum Beispiel der Herr Rat Campe,
durchreist, ehe er den französischen Boden betritt, Gegenden, in welchen von
allen Seiten der Anblick der Not, der Niedergeschlagenheit, der Sklaverei,
welche des armen Landmanns Erbteil in so manchen Provinzen sind, und des
Übermuts und der willkürlichen Anmassungen der höhern Stände sein moralisches
Gefühl empört hat; und nun wird er auf einmal auf einen Schauplatz versetzt, wo
ein von der eben mühsam errungnen (wahren oder, wäre das auch, eingebildeten)
Freiheit wonnetrunkenes Volk ihm entgegenjubelt; wo er, im Geräusche dieser
allgemeinen Trunkenheit, keinen Seufzer, keine Klage hört, wo die ganze Nation,
zu einem herrlichen Feste vereinigt, in dem Augenblicke der Berauschung alle
Privatuneinigkeiten und allen Parteigeist vergisst, wo Freund und Feind Hand in
Hand um den Altar der Freiheit den Reihen tanzen und wo er, in diesem ungeheuren
Gewühle, doch auch nicht eine einzige Szene von Unordnung oder Gewalttätigkeit
wahrnimmt, ohne welche in monarchischen Staaten selten das Geburtsfest
irgendeines der Menschheit sehr unwichtigen und unnützen Grossen gefeiert werden
kann - wen kann es befremden, wenn dieser Mann, bezaubert von dem vorher noch
nie genossenen einzigen Anblicke in seiner Art, von einem Anblicke bezaubert,
der den gefühllosesten Menschenfeind mit Wonne und Bewunderung erfüllen müsste,
wenn dieser Mann, sage ich, sein Herz sich erweitern fühlt und diese Empfindung
sich in ihm erneuert, indem er die Szenen schildert, wobei er ein Zeuge gewesen,
wenn er dann mit Wärme einer Revolution das Wort redet, die wenigstens nach dem,
was er gesehn und gehört hat, soviel Millionen Menschen glücklich und froh
macht? - Wehe dem verächtlichen Sklaven, der deswegen von dem Kopfe oder von dem
Herzen dieses Mannes nachteilig urteilen oder gar es versuchen wollte, ihn,
wegen einiger kühnen Ausdrücke oder einiger vielleicht (doch nur vielleicht)
übertriebnen Deklamationen, verdächtig oder lächerrlich zu machen!1
    Ein andrer, nicht weniger hellsehender Reisender kömmt in eine französische
Stadt, wo grade der noch nicht beruhigte Pöbel sich gegen wahre oder
vermeintliche Unterdrücker Grausamkeiten aller Art erlaubt, den Gesetzen und der
Polizei trotzt, die jugendliche Kraft und die ihm noch neue Freiheit missbraucht,
wie Jünglinge, die eben dem Schulzwange entkommen sind, ihre Unabhängigkeit zu
missbrauchen pflegen; er eilt erschüttert hinweg von diesem Schauplatze blutiger
Gewalttätigkeiten; auf der Rückreise schliesst sich einer von denen an ihn, die
bei der Revolution, vielleicht ohne alle Schuld, Vermögen, bürgerliche Ehre und
Sicherheit eingebüsst haben. Dieser unterhält ihn mit den schrecklichen
Auftritten, die in seiner Provinz vorgehen; mit Tränen in den Augen schildert er
ihm die Not seiner verlassenen, ehemals wohlhabenden, nun dürftigen,
unglücklichen, flüchtigen Familie, die zerstörten Paläste, die Wohnungen, wo
sonst Frieden und häusliches Glück zu Hause waren, jetzt in Steinhaufen
verwandelt, auf denen man unschuldige Bürger mordet - befremdet es euch, wenn
dieser Reisende ein Bild von der französischen Revolution entwirft, das jenem
wie die Hölle dem Himmel ähnlich sieht?
    Allein nicht nur in der Verschiedenheit der einzelnen Szenen, die ein
Fremder in Frankreich wahrnehmen kann, je nachdem er zu dieser oder zu einer
andern Zeit, in dieser oder einer andern Provinz seine Bemerkungen sammelt,
liegt der Grund des Widerspruchs in den Urteilen über die französische
Staatsumwälzung, sondern auch in den Verhältnissen, Stimmungen und herrschenden
Ideen der Menschen selbst, die darüber reden und schreiben.
    Wer bis dahin eine Herrschersrolle gespielt hat und nicht ganz gewiss ist,
dass, sobald es auf freiwillige Wahl ankäme, die Untergebnen lieber ihm als einem
andern gehorchen würden, der zittert vor der Möglichkeit, dass man ihm, wenn der
Revolutionsgeist allgemein würde, diese Hauptrolle abnehmen und eine
untergeordnete anweisen könnte. Deswegen gibt es unter den grossen und kleinen
Monarchen so wenige, die auf die neue Ordnung der Dinge gut zu sprechen sind -
vom Länder- und Völkerbeherrscher und Zepterführer an bis auf den Schulmonarchen
herab, der fürchtet, die Discipuli möchten ihm den Baculum aus der Hand winden.
Fast alle bei den alten Einrichtungen interessierte, an empfangne Huldigung und
passiven blinden Gehorsam gewöhnte Personen reden der willkürlichen Gewalt das
Wort.
    Personen, die in solchen Ämtern und Würden stehen, welche man in freien
Staaten für unbedeutend, unnütz oder gar für verächtlich und schädlich hält,
Hofschranzen und andre besoldete, pensionierte und bepfründete Müssiggänger,
können den Gedanken nicht ertragen, dass ein System Anhänger finden möchte, das
ihre ganze Existenz vernichtet, indem es nur dem Fleisse und dem wahren
Verdienste Achtung, Vorrechte und Vorteile einräumt:
    Solche Fürsten und Edelleute, die sich bewusst sind, dass sie gar nichts mehr
sein würden, wenn sie aufhören sollten, Fürsten und Edelleute zu sein; Auch
manche bessere, verdienstvollere Männer unter diesen, die aber von Jugend auf
mit den Vorurteilen ihres Standes aufgewachsen und gewöhnt sind, Dinge, deren
Wert jetzt in Frankreich gänzlich verrufen ist, wo nicht wie Schätze voll
inneren, echten Gehalts, wenigstens wie eine durch den Stempel der Konvention
gewürdigte, nützliche Ware zu betrachten; Geadelte Bürger und alle solche
Personen, die es sich haben Mühe und Geld kosten lassen, in eine Klasse
hinaufzurücken, mit Ständen in Verbindung zu kommen, die sie ausser dem
vielleicht verachten würden; Hohe und niedre Geistliche aller Bekenntnisse, die
so gern Religion und Gottesverehrung, Teologie, Dogmatik, Kirchensystem und
Christuslehre miteinander verwechseln, ihr Amt zu einem besondern Stande im
Staate erheben und ihre Sache zur Sache Gottes machen; Solche Menschen, die
überhaupt gegen jede Neuerung eingenommen sind und es gern beim alten lassen;
Schmeichler, feile, kriechende Schriftsteller, wie der elende Professor Hoffmann
in Wien einer ist, und alle solche Insekten, die unbemerkt herumkriechen und
sich fürchten müssten, zertreten zu werden, wenn sie sich nicht in das
Unterfutter der Grossen dieser Erde einnisteten; an Leib und Seele arme
Schlucker, die sich von den Brosamen nähren, welche von der Herren Tische
fallen; Gutmütige, furchtsame, mitleidige, gefühlvolle und sanguinische
Menschen, welche durch die Schilderung der verübten Gewalttätigkeiten
erschüttert und empört werden; Untertanen guter Fürsten, besonders in dem
nördlichen Teile von Teutschland, die, unter milden Regierungen, bei dem ruhigen
Genusse ihres Eigentums und ihrer Freiheit, gar keinen Begriff vom
Despotendrucke haben und - oh! der glücklichen Unwissenheit! - das Bedürfnis
einer andern Verfassung nicht kennen.
    Alle diese stimmen mehr oder weniger lebhaft die allgemeine Meinung gegen
die französische Revolution. Man kann ihnen, was die nachteiligen Eindrücke
betrifft, welche sie bewirken, noch diejenigen zugesellen, die aus
unvernünftigem Eifer, ohne Kenntnis der Sache, aus unbändigem Freiheitssinne,
aus ungerechter Unzufriedenheit mit den Regierungen, welche nicht so hohe
Begriffe wie sie selbst von ihren Verdiensten haben, sich unberufen zu
ungeschickten Verteidigern aufwerfen.
    Man sollte meinen, die neue Verfassung müsste in republikanischen Staaten die
eifrigsten Verfechter finden; allein es zeigt sich fast allgemein das Gegenteil.
In England affektierte man anfangs, dieser grossen Begebenheit gar keine
Aufmerksamkeit zu widmen. Erst in der Folge hat man mehr Wärme für die Sache
besonders unter denen wahrgenommen, die mit den jetzt in England einreissenden
Missbräuchen in der Verfassung unzufrieden sind. Dagegen hat sich der Sophist
Burke durch eine Schmähschrift, in welcher er seine grossen Talente zu falscher
Darstellung und Verdrehung offenbarer Tatsachen missbraucht, die Gunst des
Ministers erbettelt, um ein Jahrgeld zu erlangen, das er zu teuer mit der
allgemeinen Verachtung erkauft. Die Widerlegung, womit der edle Paine ihn zu
Boden geschlagen hat, verdient von Freunden und Feinden der Revolution gelesen
zu werden.
    Was man in Holland über diese Gegenstände urteilt, kann kaum hierher
gehören; denn die Vereinigten Niederlande haben jetzt weniger als jemals eine
republikanische Verfassung.
    In der Schweiz sind die grossen aristokratischen Kantons, wie sich's
begreifen lässt, gegen die Sache, und die kleinern, glücklichen freien, halten
sich wenig mit politischen Räsonnements über fremde Verfassungen auf. In den
italienischen Freistaaten herrscht ein Ton in der Staatsverwaltung, der zu den
in Frankreich angenommenen Grundsätzen gar nicht passen will.
    Unter den teutschen kleinen Freistaaten ist vielleicht Hamburg der einzige,
wo man sehr viel warme Bewundrer der neuen französischen Verfassung findet.
    Im ganzen scheint der Nationalstolz der Republiken, bei dem Genusse ihrer
errungnen Freiheit, andern Ländern eben auf die Weise den Besitz dieses Guts zu
missgönnen, wie ein Kavalier von alter Familie dem Parvenü und dem geadelten
Bürger nicht gewogen zu sein pflegt.
    Diese Bemerkungen treffen aber auf keine Weise die Vereinigten Staaten von
Nordamerika; denn dort herrscht allgemeine Wärme für die französische
Revolution. Gegenseitige Dankbarkeit knüpfen beide Nationen aneinander - edle
Gefühle, die in despotischen Staaten von Eigennutz und Politik erstickt, aber da
heiliggehalten werden, wo wahre Tugend allein Anspruch auf Achtung und
Ehrerbietung geben kann! In Amerika haben die Franzosen den Wert der Freiheit
kennengelernt, und dort hat sich einer ihrer ersten Männer, ja, gewiss einer der
edelsten Männer in der Welt, Fayette, ausgebildet. Von der andern Seite
verdanken die nordamerikanischen Staaten grösstenteils den Franzosen ihre
errungene Unabhängigkeit.
    Gegen die Menge derer nun, die wir als nicht unparteiische Gegner der
französischen neuen Verfassung angeführt haben, kann der Haufen derer, die in
Europa davor eingenommen sind, freilich nur sehr klein sein, und selbst unter
diesen können wir die nicht für kompetente Richter gelten lassen, welche, ohne
eigentliche Überlegung und ohne Kenntnis der Sache, aus blindem Feuerreifer für
alles Neue und Ausserordentliche, die Partei jeder Umkehrung der Dinge nehmen.
Solche Menschen schaden auch der besten Sache durch ihr Lob. Wie unbeträchtlich
bleibt daher nicht die Anzahl der unparteiischen und gründlichen Beurteiler
jener wichtigen Begebenheit, und wie wenig beweist die grössere oder kleinere
Anzahl der Tadler oder Verteidiger vor oder gegen dieselbe?
    Es bleibt noch eine dritte Klasse von Menschen übrig, nämlich die, welche
ihre Meinung darüber gar nicht sagt. Sie besteht teils aus Furchtsamen, die es
mit keiner Partei verderben wollen, teils aus solchen, die sich über nichts
bestimmt zu erklären pflegen, sondern die schafsköpfige Gewohnheit haben, es
immer erst abzulauern, wie eine Sache ausfallen wird, und dann hintennach zu
versichern, das hätten sie gleich also vorausgesehn.
    Ich glaube nun hinlänglich erwiesen zu haben, dass jetzt noch jedes bestimmte
Urteil über das, was in Frankreich geschehn und was davon zu erwarten ist,
übereilt sein würde. Man wende dagegen nicht ein, dass wir offenbare Tatsachen
vor uns haben, nach denen wir unsre Meinung berichtigen können! Diese Tatsachen
werden uns von Zeitungsschreibern, Journalisten und andern Schriftstellern oft
äusserst unvollständig, verstümmelt und entstellt vorgetragen. Nicht jeder will,
nicht jeder darf schreiben, wie und was er gern schreiben möchte. Vielen von
diesen Nachrichten fehlt es durchaus an historischer Glaubwürdigkeit; durch die
Art der Darstellung kann jedes Faktum eine ganz andre Gestalt gewinnen. In
Frankreich kann jetzt fast nicht ein einziger Mensch für einen unbefangenen
Zuschauer gehalten werden; der Reisende sieht die grössern Wirkungen, aber selten
die kleinen Triebfedern; und wenn er uns diese so schildert, wo er sie sich
denkt oder wie ihm andre Leute die Sache vorgestellt haben, uns aber den Beweis
schuldig bleibt - ein Fehler, den einige Schriftsteller bei Erzählung der
merkwürdigen Vorfälle vom fünften und sechsten Oktober begangen haben! -, so
darf man wohl auf alle Weise vor zuviel Leichtgläubigkeit und voreiliger
Beurteilung warnen.
    Alles, was ein unparteiischer Mann sich daher erlauben darf, diese grosse
Begebenheit zu sagen, wird, meiner Meinung nach, sich ungefähr auf folgendes
einschränken müssen: Die französische Revolution wurde unvermeidlich
herbeigeführt durch eine Kettenreihe von Begebenheiten und durch die
Fortschritte der Kultur und Aufklärung.
    So, wie die vorige Regierungsverfassung war, konnte sie, bei dermaliger
Stimmung der Nation, nicht bleiben, Verkehrte Massregeln, welche die Hofpartei
gleich anfangs nahm, erbitterten das Volk, vermehrten das Misstraun und bewirkten
Gewalttätigkeit.
    Die Lebhaftigkeit des Nationalcharakters liess voraussehn, dass nun schnelle
und rasche Schritte folgen müssten, und es würde albern sein, bei allen diesen
Umständen von Franzosen etwas anders zu erwarten.
    Alle Gewalttätigkeiten aber, die vorgegangen sind, alle Ermordungen, alle
Plünderungen, Mordbrennereien, Ausschweifungen und überhaupt alle gesetzlose
Handlungen sind, in Vergleichung mit den Unordnungen und Greueln, womit von
jeher ähnliche, ja, viel geringre Vorfälle bezeichnet gewesen, für nichts zu
rechnen. Diese Revolution ist eine grosse, beispiellose und, sie falle aus, wie
sie wolle, sie sei rechtmässig oder widerrechtlich unternommen worden, der ganzen
Menschheit wichtige Begebenheit. Ein Krieg, den irgendein ehrgeiziger Despot zu
Befriedigung seiner kleinen Leidenschaften führt, ein Krieg von der Art, wie der
war, zu welchem Louvois seinen Herrn aufhetzte, damit er den Grad von
Wichtigkeit wieder erlangen möchte, den er durch einen Fehler in der Baukunst
verloren hatte - so ein Krieg kostet tausendmal mehr Blut und unschuldiges Blut,
und zu welchem Zwecke? Ob Gibraltar den Engländern oder Spaniern gehört, das ist
gewiss für die Welt, und vielleicht für das wahre Glück der beiden streitenden
Nationen selbst, ein ziemlich unbedeutender Umstand; und dennoch hat der Kampf
um diesen Felsen in einigen Stunden mehr Menschen, die gar nicht dabei
interessiert waren, das Leben geraubt als ein jahrlanger Kampf um Freiheit und
Gesetze in Frankreich. Alle Gewalttätigkeiten, über die man so unbändig
schreiet, übertreffen wenigstens nicht die Greuel, die man im Jahre 1790, mitten
im Frieden, bei dem Matrosenpressen in England im Namen der Regierung verübte.
In den Zeiten der Ligue und während der unglücklichen Religions- oder vielmehr
Pfaffereikriege (denn es gibt keine Religionskriege) war Frankreich ein
Schauplatz viel grösserer Unordnungen - und über dies alles empört sich das
Gefühl der vorgeblichen Menschenfreunde nicht. Dass ein Landesvater Tausende
seiner Kinder (dass es Gott erbarme!), das heisst seiner Untertanen, stückweise
verhandle, um sie irgendwo, fern von ihrem Vaterlande, totschiessen zu lassen,
wenn damit Geld zu verdienen ist, wovon nachher Buhlerinnen und Müssiggänger
unterhalten werden, das erlauben ihm die Menschenfreunde; aber wenn bei so einer
allgemeinen Gärung der unbändige Pöbel unter zehn Schelmen auch vielleicht, in
der blinden Wut, ein paar ehrliche Leute, gegen welche man Verdacht hat,
aufhenkt, so wird davon ein Lärm gemacht, als wenn kein Mensch in Frankreich
seines Lebens sicher wäre.
    Untersuchen wir unparteiisch die Grundsätze, auf welchen die neue
Konstitution beruht, so ist es unmöglich, zu leugnen, dass sie den Stempel der
gesundesten, reinsten Vernunft tragen. Was die hellsten Köpfe aller Zeitalter
einzeln über Menschenrechte, Menschenverhältnisse und über die reinen Zwecke
aller gesellschaftlichen Verträge gesagt haben, das findet man hier in der
einfachsten, deutlichsten Ordnung dargestellt und zum Fundament einer
Gesetzgebung hingelegt, wie es noch nie eine natürlichere, gerechtere in
irgendeinem Lande der Welt gegeben hat. Ob sie in der Ausübung möglich und ob
die französische Nation dazu reif ist, das gehört zu den Dingen, worüber uns nur
die Zeit aufklären kann; aber das behaupte ich, dass es keinen glücklichern
Menschen auf Erden geben könne als einen König, den ein nach diesen Grundsätzen
regiertes, diesen Gesetzen gehorchendes, nach diesen Begriffen von Recht und
Billigkeit handelndes Volk würdig gefunden hat, ihn freiwillig an die Spitze des
Ganzen zu stellen. Der erste von vierundzwanzig Millionen freien Menschen zu
sein, die keinen andern Vorzug anerkennen, als den Tugend, Weisheit und Fleiss
gewähren; dabei die Ausübung alles Guten in Händen zu haben, ohne Verantwortung
und ohne die Furcht, durch seine Leidenschaften irgendeines Bürgers Unglück
bauen zu können, und endlich und in dieser Lage alle Gemächlichkeiten des Lebens
und alle äussere Ehre, die irgendein König fordern kann - wer diesen Zustand
gegen den eines nach Willkür herrschenden Gebieters sklavischer Menschen
vertauschen möchte, der ist der tiefsten Verachtung wert, und zitterte auch der
halbe Erdboden, wenn er seinen eisernen Zepter schwingt.
    Die Abschaffung des Adels und die Schmälerung der Einkünfte der
Geistlichkeit sind freilich harte Artikel für die, welche nun auf einmal sich
der Vorteile beraubt sehen, die sie, ohne Mühe und Verdienst, auf Unkosten
besserer und arbeitsamerer Menschen besassen. Um aber beurteilen zu können, ob
das, was man in dieser Rücksicht getan, nützlich und gerecht war, müsste man erst
einige Fragen entscheidend beantworten können, worüber bis jetzt die Stimmen
wenigstens noch sehr geteilt sind, nämlich: ob nicht in dem Zustande, darin sich
Frankreich bei der Revolution befand, zu völliger Ausrottung des Despotismus die
gänzliche Abschaffung des Adels und die Einschränkung der Geistlichkeit
notwendig war? ob die Begriffe, welche diese privilegierten Stände in die
Gesellschaft brachten, und überhaupt ihre Existenz und ihr Einfluss sich mit den
Grundsätzen, worauf die neue Verfassung gestützt ist, auch nur einigermassen
vereinigen lassen? ob ihre vermeintlichen Rechte auf einen vorauszusetzenden
Kontrakt oder auf Usurpation beruhen? ob usurpierte Rechte, die gegen die
Ordnung der Natur sind, durch Verjährung geheiligt werden können? ob des
römischen Bischofs Gewalt, Fürsten ein- und abzusetzen, die Befugnis,
Sündenablass um Geld feilzubieten, die bei einigen unkultivierten Völkern
üblichen Menschenopfer, Leibeigenschaft, jus primae noctis, alle Inkonsequenzen
des türkischen Despotismus und überhaupt alle eingewurzelte Missbräuche eine
geringere Sanktion haben? ob Verbindlichkeiten, die nur allein das Recht des
Stärkern hat einführen können, nicht auch durch das Recht des Stärkern wieder
aufgehoben werden dürfen? ob alle Kontrakte, die auf unbestimmte Zeit
geschlossen worden, deswegen ewig dauern müssen, Zeit, Umstände und Bedürfnisse
mögen sich verändern oder nicht? ob überhaupt Menschen Kontrakte für die
Ewigkeit schliessen können? ob man, im Namen einer Generation, die noch nicht
existiert, mit solchen Gütern schalten und walten dürfe, die eigentlich auf
keine Weise der Gegenstand willkürlicher Bestimmung sein können, als da sind:
Freiheit, Achtung, bürgerliche Ehre, Herrschersrecht u. dgl.?
    Wenn man sagt, es seien die gewählten Repräsentanten des Volks zum Teil
Menschen von äusserst zweideutigem Charakter gewesen, so kann ein unparteiischer
Mann darauf nur folgendes antworten: Der moralische Privatcharakter dieser Leute
kömmt bei ihrer politischen Laufbahn sehr wenig in Anschlag, wenn auch jener
Vorwurf erwiesen wäre. Alle Schritte der Nationalversammlung, qua talis,
geschahen, der Natur der Sache nach, öffentlich; ihre Reden, ihre Vorschläge,
ihre Entschlüsse - alles ist klar den sehr strengen Augen des Publikums
dargelegt. Möchten sie immerhin geheime, eigennützige oder ehrgeizige Absichten
gehabt haben; möchten sie immerhin ausschweifende, ränkevolle Leute gewesen
sein! - es kömmt hier auf die Sache an, die sie mit unerschrocknem Mute
durchgesetzt, auf das System, das sie eingeführt haben. Ist das gut, ist es der
Nation und der Menschheit überhaupt heilsam; wer ist Richter über ihr Herz und
ihre Sitten? Und soviel ist denn doch gewiss, dass unter ihnen Männer genannt
werden, die bei ihren Mitbürgern in allgemeiner Achtung stehen, von denen auch
die boshafteste Verleumdung nicht wagen würde zu behaupten, sie hätten ihre
Hände an den Plan zu einem Bubenstücke legen wollen.
    »Viele von ihnen«, heisst es, »haben sich auf Unkosten des gemeinen Wesens
bereichert, haben die Nationalgüter in ihren Nutzen verwendet.« Möglich, aber
nicht erwiesen! Wie betrügerisch und verschwenderisch man aber mit dem
öffentlichen Schatze während der vorigen Verfassung umgegangen, das ist
erwiesen, ist unter andern in dem berüchtigten roten Buche nachzulesen. Soviel
ist übrigens auch begreiflich, dass zwölfhundert Männer nie einen
gemeinschaftlichen Komplott zum Betruge machen werden. Dass unter diesen
Zwölfhunderten gewiss auch Schelme sind, darüber wundre ich mich gar nicht; aber
darüber könnte man sich wundern, dass in einer so von Grund aus durch den
Despotismus und dessen Gefolge korrumpierten Nation noch sechs ehrliche Leute
gefunden werden. Wer ist schuld daran, wenn Diebereien und schiefe Streiche
aller Art gleichsam als unzertrennlich von der öffentlichen Verwaltung angesehn
werden? Hat die Revolution die Menschen so schleunig verderbt? - Die Frage
beantwortet sich selbst.
    Ganz verschwendet sind indessen die aus dem Verkaufe der geistlichen Güter
gelöseten Summen nicht; denn man hat doch wenigstens diejenigen Personen damit
entschädigt, welche ehemals Ämter im Staate gekauft hatten, die ihnen nunmehr
genommen wurden; und eine Menge unnützer Ausgaben, die man vielleicht gemacht
hat, fallen teils in der Folge weg, teils sind die Gelder, womit dieselben
bestritten worden, in Frankreich selber geblieben und also nicht
verlorengegangen, sondern in Zirkulation gekommen, wenn sie auch besser hätten
verwendet werden können.
    »Die Abgaben werden nicht ordentlich entrichtet; man muss also immer von
jenem Kapitale zuschiessen, um die nötigen Ausgaben zu bestreiten.« Das ist
freilich übel, und es ist zu wünschen, dass bald die Ruhe hergestellt werden und
das Volk die Gesetze respektieren lernen möge. Was schadet jedoch am Ende diese
temporelle Unordnung? Wer kein Geld gibt, der behält es; folglich bleibt es im
Lande; Privatleute häufen es in ihren Kasten auf, weil sie es nicht für Papier
hingeben wollen; allein lasset die Ruhe auf irgendeine Weise hergestellt sein,
so wird man es bald wieder zirkulieren sehn.
    Den grössten Geldraub an Frankreich aber begehen die Emigranten, durch die
Summen, welche sie herausziehen. Schon allein der Erzdieb Calonne, den man
füglich hätte aufhenken können, ohne sich zu versündigen, hat ungeheure Schätze,
die er sich zusammengestohlen hatte, fortgeschleppt. Hieran ist die
Nationalversammlung nicht schuld; man müsste denn ihre zu milden, nachsichtigen
Grundsätze ihr zum Verbrechen machen wollen, indem sie die Auswanderungen und
Exportationen nicht mit Gewalt gehindert hat.
    Möge man indessen auch alles bare Geld aus Frankreich wegnehmen, so wird das
Reich doch darum noch nicht zugrunde gerichtet, solange man nicht den
fruchtbaren Boden, die Industrie, den Handel, die Fabriken und Manufakturen mit
fortreissen kann. Im Grunde ist das Geld doch nur das Repräsentative und nicht
die Sache selbst. Lasset die armen, verführten Flüchtlinge zurückkehren (ihre
schelmischen Aufrührer mögen bleiben, wo sie wollen!), lasset Frieden
hergestellt sein, Treue und Glauben und Kredit wieder Wurzel fassen, die Gesetze
respektiert, Fleiss, guten Mut und Tätigkeit wieder erweckt werden - und
Frankreich im ganzen wird durch alle diese Verwirrungen um nichts ärmer geworden
sein.
    Ob aber wohl Hoffnung da sei, die Ruhe bald wieder hergestellt zu sehn, das
ist unmöglich vorauszusagen; nur das lässt sich ohne Vermessenheit behaupten,
dass, wenn auch, durch eine Gegenrevolution oder auf andre Weise, alles wieder
niedergerissen werden sollte, was die Nationalversammlung aufgebauet hat, die
ganze Verfassung doch nie wieder auf den alten Fuss kommen kann. Die Begriffe von
den Verhältnissen des Volks zu der Regierung haben zu tiefe Wurzel gefasst; so
etwas wieder auszurotten, dazu würde ein grosser Zeitraum gehören, währenddessen
Kultur und Aufklärung gänzlich zurückgingen und die Nation wieder in einen
solchen Zustand von Kindheit versetzt würde, in welchem man sich, gegen sein
eignes Interesse, blindlings führen lässt. Der grössere und stärkere Teil der
Nation hat nun einmal die Fesseln abgeschüttelt, hat seine Kräfte kennengelernt
und sich von der Möglichkeit der Ausführung überzeugt. Sie mit Gewalt aufs neue
zu unterjochen, dazu würden sehr grosse Anstalten erforderlich sein. Das Reich
ist nicht in so schlechtem Verteidigungsstande, die Nationalgarden sind nicht so
schlecht diszipliniert, als uns die Freunde der aristokratischen Partei glauben
machen wollen. Die innern Zwistigkeiten und Gärungen würden sehr wahrscheinlich
aufhören, sobald Frankreich von aussen her angegriffen und die Verteidigung des
Vaterlandes der gemeinschaftliche Punkt würde, in welchem sich die lebhafte
französische Regsamkeit konzentrierte. Und wer sollte sie angreifen? Das
Aristokratenhäuflein macht zwar, nach alter französischer Manier, ungemein viel
Lärm, rennt am Rheine durcheinander, wie ein Ameisennest, droht und schimpft
gewaltig; allein es fehlt ihm noch an einigen Kleinigkeiten, um die Sache in
Ausführung zu bringen. Generale, Offiziers, Köche, Friseurs, Wundärzte und
Apoteker, auch Marchands parfumeurs und Marketender sind wirklich da; allein
das macht doch nur den état-major einer französischen Armee aus. Zwar haben sie
auch ein paar hübsche Gardekompanien, zu welchen kürzlich ein teutscher
Reichsfürst seine losgelassnen Karrengefangnen als Rekruten geliefert hat; nur
was man gewöhnlich ein Kriegsheer zu nennen pflegt, das fehlt, nebst allem
Zubehör, als da ist: argent content, Kredit, Festungen, Magazine, ja sogar der
Platz, auf welchem sie sich zuerst formieren könnten; denn des in der Chronik
von Frankreich so berühmten Kardinals von Rohan Besitzungen, auf welchen jetzt,
im Januar 1792, da ich dies schreibe, das ganze ausgewanderte Frankreich sich
niedergelassen hat, sind kaum gross genug, um einen Antirevolutionsklub darauf zu
halten. Zählen sie aber auf den Beistand der europäischen Mächte, so fürchte
ich, sie werden sich verrechnen. Warum sollten diese Frankreich angreifen? Um
einer Nation die Befugnis streitig zu machen, ihre Regierungsform, mit
unbezweifelter Einstimmung ihres Königs, zu verändern? Um eine Konstitution über
den Haufen zu werfen, die Vernunft, Recht, Treue und Glauben und Frieden mit den
Nachbarn zu Grundpfeilern hat? Dazu sind sie zu gerecht. Um die teutschen
Reichsfürsten, die in den französischen Staaten Güter haben, mit Gewalt in den
Besitz der Rechte zu setzen, welche sie durch die Revolution verloren haben?
Davon würde doch nur dann die Rede sein können, wenn erst alle gütliche Mittel
umsonst wären versucht worden. Es hat sich ja aber die Nation zu einer
Entschädigung erboten; man muss nur ihre Vorschläge gemeinschaftlich anhören; man
muss die ausschweifenden Forderungen der Aristokraten nicht damit vermengen
wollen; man muss nicht vergessen, dass jene Reichsfürsten, solange sie sich bei
der Abhängigkeit von Frankreich wohl zu befinden glaubten, von ihren
französischen Besitzungen dem teutschen Reiche keine Prästanda geleistet,
folglich sich auf gewisse Weise von dem Staatskörper losgerissen haben, dessen
Schutz sie nun auf einmal reklamieren. Sehr wahrscheinlich werden die übrigen
europäischen Mächte der vorsichtigen Politik folgen, welche der weise Leopold
bei dieser Gelegenheit zur Richtschnur nimmt. Sie werden ja wohl auch überlegen,
dass es bei jetzigen Zeiten nicht ratsam sei, mit den Kriegsvölkern, die hie und
da noch zu Hause ein Stückchen Arbeit finden, um Ruhe zu erhalten, in fremde
Länder einzufallen, wo die fatale Freiheitsluft weht, die so leicht ansteckt.
Sie werden überlegen, dass, bei dem ersten Ausbruche des Krieges, die schönen
fruchtbaren teutschen Provinzen, welche unmittelbar an Frankreich grenzen, das
Opfer dieses übereilten Schritts, der Schauplatz grässlicher Verheerungen werden
würden.
    Und das sei denn genug über die französische Revolution! Reden wir jetzt
davon, ob andern europäischen Staatsverfassungen, der Wahrscheinlichkeit nach,
ähnliche Umwälzungen bevorstehen und ob zu vermuten ist, dass die Vorfälle
jenseits des Rheins dazu Anlass geben werden.
 
                               Vierter Abschnitt
                     Welche Staatsverfassung ist die beste
Diese prahlende Überschrift scheint anzukündigen, dass ich, Joseph von Wurmbrand,
mich unterfangen wolle, von Bopfingen aus zu entscheiden, worüber bis jetzt die
grössten Staatsmänner noch nicht haben einig werden können, nämlich: welche von
den bekannten Staatsverfassungen das Glück der Völker am kräftigsten befördre.
Allein so übel ist es nicht gemeint; ich hoffe im Gegenteil, die Art, wie ich
diese Frage beantworten werde, soll den Lesern keinen so nachteiligen Begriff
von meiner Bescheidenheit beibringen.
    Also kurz und einfach! Diejenige Staatsverfassung ist, vorausgesetzt, dass
sie die übrigen Haupterfordernisse habe, in jeder Periode die beste, welche
erstlich mit dem dermaligen Grade der Kultur und den übrigen der Veränderung
unterworfnen Zeitumständen in der besten Harmonie steht und zweitens, sowenig
als dies mit Rücksicht auf die Bedürfnisse von Zeit und Umständen möglich ist,
die natürliche Freiheit und die ursprünglichen Rechte jedes einzelnen Menschen
einschränkt. Diese letzte Forderung ist wohl sehr billig, denn da die Menschen
sich doch nur darum in Staaten vereinigt haben, damit ihnen, durch diese
Verbindung, eine Summe von Glückseligkeit zuteil werde, die sie im isolierten
Zustande nicht erlangen können, so muss die bürgerliche Verfassung mehr Vorteil
gewähren, als sie Aufopferung kostet, sonst ist sie nichts wert. Was aber den
ersten Punkt betrifft, so ist auch dieser wohl keinem Widerspruche unterworfen.
Denn so wie ein Vater das kleine Kind, das noch taub für die Stimme der Vernunft
ist, mit der Rute züchtigt oder (zwar billige ich diese Metode zu täuschen
keineswegs) vorgibt, ein unsichtbarer Genius sage ihm alles, was das Kind, auch
wenn es nicht bei ihm sei, unternehme, bei dem erwachsenen Knaben hingegen
bessere Bewegungsgründe anwendet, und wie ein kluger Erzieher sich nach der
Verschiedenheit der Anlagen und Temperamente der Kinder richtet, so werden auch
bei einem Volke, das noch in der Kindheit ist, seine Geistesfähigkeiten nicht
entwickelt hat und seine Kräfte nicht kennt, Täuschung und Zwangsmittel eine
Wirkung tun, die bei einer kultivierteren und aufgeklärteren Nation verkehrten
Eindruck machen würden. Ich glaube daher, dass Regierungskunst und Volksreligion
(oder, besser zu sagen, Kirchensystem) nach Zeit und Umständen, nach dem Grade
der Kultur und nach der Stimmung der Völker abgeändert werden müssen.2 Jedermann
würde es unvernünftig finden, wenn es einem Gesetzgeber in unsern Zeiten
einfiele, die alten sogenannten Gottesgerichte wieder einzuführen, in welchen
die Wahrheit einer Anklage durch einen Kampf begründet oder widerlegt wurde. Wen
vor vierhundert Jahren der Papst mit Kirchenbann belegte, der galt für einen
verlornen Mann, und wenn er auch ein König war; heutzutage lacht man über die
römischen Teaterblitze; ein Philipp der Andre würde nebst seinem Herzoge von
Alba auf dem Trone von Grossbritannien eine kurze Rolle spielen; Numa Pompilius
würde mit seiner Göttin Egeria auf dem polnischen Reichstage nicht viel
durchsetzen und der alte Gesetzgeber der Lakedämonier mit seinen braunen Suppen
in Venedig wenig Beifall finden. Doch so wie man in der Pädagogik, bei allen
ihren Abänderungen, gewisse allgemeine, aus der Natur geschöpfte Regeln zum
Grunde legt, die immer stichhalten, so geht es auch mit den politischen und
religiösen Systemen immer gut, wenn nur jene heilige Hauptregel: soviel möglich,
Wahrheit und Freiheit zu respektieren, nie aus den Augen gesetzt wird. Hiermit
hat die Form nichts zu schaffen, die Regierung mag monarchisch, aristokratisch,
demokratisch oder gemischt sein; und was die Religion betrifft, so mag sie zu
einer Angelegenheit des Staats gemacht oder der Übereinkunft der Bekenner
freigestellt werden; sie mag katolisch oder protestantisch oder anders heissen -
alle können, aber sie können auch nur dann sich sichre Dauer versprechen, wenn
sie so beschaffen sind, dass sie mit Kultur, Zeit und Umständen in ein richtiges
Verhältnis zu bringen sind.
    Und welche Staatsverfassungen, welche Volksreligionen sind von dieser Art?
Diese Frage lässt sich nun nach den obigen Voraussetzungen beantworten. Da alle
Oberherrschaft entweder auf dem Rechte des Stärkern oder auf Übereinkunft
beruht, weil kein Mensch dem andern gehorcht, ausser wenn er entweder muss oder
will, und dann die stärkere Partei, an Zahl oder Kraft, nie muss, wenn sie nicht
will, der Wille zu gehorchen aber bei ihr auf keine andre Weise erweckt werden
kann, als indem man sie überzeugt, dass sie sich wohl dabei befinde, welches
freilich auch auf eine Zeitlang durch Täuschung, dauerhaft aber nicht anders
bewirkt werden kann, als wenn jeder einzelne sich unter der Oberherrschaft eines
andern glücklicher und sichrer weiss als, aller Wahrscheinlichkeit nach, in jeder
andern Lage, so muss eine Staatsverfassung, wenn sie nicht fürchten will, über
den Haufen geworfen zu werden, sie sei nun monarchisch, republikanisch oder
gemischt, das heisst: die Verwaltung sei in einer Hand oder in mehrern Händen,
also beschaffen sein, dass die Regierung
    1. nie Gehorsam im Namen einzelner, sondern nur auf Autorität des Ganzen
fordre;
    2. keine Hauptveränderungen in der Regierungsform vornehme als mit
Beistimmung der grössern Anzahl, der sie auch von jedem Schritte Rechenschaft
schuldig ist;
    3. von dieser grössern Anzahl keine Abgaben, Einschränkungen, Dienste oder
Aufopferungen und keinen Gehorsam fordre, welche bloss der kleinern Anzahl
Vorteile gewähren, ohne das Wohl des Ganzen zu befördern, oder welche die
natürliche Freiheit über Gebühr einschränken;
    4. keine solche Mittel, sich Gehorsam zu verschaffen, wähle, die in
verkehrtem Verhältnisse mit dem Grade der Kultur und der Stimmung des Zeitalters
und der Nation stehen.
    Handelt eine Regierung nach diesen Grundsätzen, so wird sie schwerlich eine
Revolution, eine Umkehrung, zu befürchten haben.
    Und nun, was das Religionssystem betrifft! Da der Glaube der Menschen viel
weniger wie ihre Handlungen dem Zwange unterworfen sein, da nicht einmal jeder
einzelne sich selbst Gesetze über das, was er glauben oder nicht glauben will,
vorschreiben, folglich das Recht, hierüber zu bestimmen, auch auf keinen andern
noch auf den ganzen Staat übertragen kann; da ferner das Wesen der Religion
einzig darin besteht, dass sie uns, aus den Begriffen, die wir uns von dem
göttlichen Wesen machen, kräftigere Bewegungsgründe zu Erfüllung der von allen
vernünftigen Wesen anerkannten Pflichten derTugend darbietet; da endlich die
äussre Art, der Gotteit unsre Verehrung zu bezeugen, zwar auch keinen
eigentlichen obrigkeitlichen Verordnungen unterworfen sein, ihr wohl aber, durch
Übereinkunft, eine gewisse Grenze gesetzt werden kann, so ist
    1. selbst der Stärkere unvermögend, Meinung und Glauben irgendeinem Zwange
zu unterwerfen;
    2. der Stärkere missbraucht sein Ansehn, sündigt gegen Wahrheit und billige
Freiheit, wenn er auch nur der freien Untersuchung religiöser Gegenstände in
Schriften und mündlichen Vorträgen Fesseln anlegen will;
    3. die Regierung greift zu weit, wenn sie eine bestimmte Form von äusserer
Gottesverehrung vorschreiben, eine vor der andern beschützen will. Welcher
schwache Mensch kann bestimmen, auf welche Art Gott äusserlich verehrt sein will?
Es kann also keine herrschende Religion geben; Toleranz ist Versündigung, denn
tolerieren heisst: sich das Recht anmassen zu erlauben; und da ist nichts zu
erlauben; durch Einschränkungen solcher Art wird das zeitliche Wohl der Bürger
nicht befördert, und das ewige Wohl liegt ausser den Grenzen der Staatsanstalten;
    4. der Staat kann aber dafür sorgen, dass keine Kirchensysteme eingeführt
werden, welche Lehren verbreiten, die entweder den guten Sitten, der Tugend oder
der bürgerlichen Ruhe gefährlich sind;
    5. dasjenige Religionssystem kann sich in jedem Zeitalter sichre Dauer und
eifrige Anhänger versprechen, welches uns die würdigsten, erhabensten,
einfachsten, jedem Verstande fasslichen Begriffe von der Gotteit gibt, uns dabei
die kräftigsten Bewegungsgründe zu aller Art menschlicher und bürgerlicher
Tugend liefert und endlich einen solchen äussern Gottesdienst empfiehlt, der dem
Geschmacke, den Sitten und der Kultur des Zeitalters angemessen ist. Das Lallen
der Kinder und das Geheule der Wilden kann, in Betracht der guten Absicht, Gott
auch wohlgefällig sein; aber - nur von Kindern und Wilden.
 
                               Fünfter Abschnitt
    Ob die Welt ohne Staatsverfassungen und Religionssysteme bestehn könnte
Es ist ein herrlicher Traum, den Philosophen geträumt haben, aber es ist auch
wohl nur ein Traum, dass einst eine Zeit kommen müsste, wo das ganze
Menschengeschlecht mündig geworden sein, den höchsten Grad von Geistesbildung
erlangt, zugleich seine moralischen Gefühle aufs höchste veredelt haben und dann
keiner Gesetze mehr bedürfen würde, um weise und gut (denn das ist ja einerlei),
kurz, um seiner Bestimmung gemäss zu handeln.
    Das Bild ist zu schön, das dieser Traum unsrer Phantasie darstellt, als dass
ich der Versuchung widerstehn könnte, eine Skizze davon zu entwerfen.
    Man denke sich jedes Volk des Erdbodens in einem Zustande von Kindheit, in
der grössten Einfalt der Sitten! Jede Familie bebauet das Stück Ackers, das ihr
bequem liegt; und das Land ist gross genug, ihr eine freie Wahl zu gestatten. Der
Boden trägt willig die Früchte des Fleisses, und dieser Ertrag reicht zu, ihre
mässigen Bedürfnisse, ohne grosse Anstrengung, ohne saure Arbeit, zu befriedigen,
ihr alle Notwendigkeiten des Lebens zu liefern. Bei dieser nützlichen
Geschäftigkeit ist der Mensch an Leib und Seele gesund, ohne Gebrechen, ohne
unruhiges Streben, ohne Leiden, ohne Sorgen für die Zukunft, stark und heiter.
Aber die Bevölkerung nimmt zu; die Verbindungen werden mannigfaltiger, die
Bedürfnisse vervielfältigen sich; und nun erwachen Wünsche und Leidenschaften.
Durch Künste, Tausch und Handel entstehen neue Verhältnisse, die Einförmigkeit
der Lebensart verschwindet; Misstraun, Begierlichkeit und Neid erzeugen
Forderungen, Zwist, Kampf, Streit, Krieg. Es werden Vergleiche geschlossen; neue
Vereinigungen, Bündnisse und Trennungen geben dem gesellschaftlichen Leben eine
andre Form. Es entstehen Staaten; der Stärkere aber unterjocht den Schwächern;
man entwirft Gesetze, über die sich der Mächtige hinaussetzt und denen sich der
Schutzbedürftige unterwerfen muss. Doch der Schlaue ersetzt durch List, was ihm
an Kraft fehlt, und herrscht über den von geringern Geistesfähigkeiten.
Täuschung ersetzt die Stelle der Gewalt; die Politik eines einzigen bauet ihren
Tron auf die Uneinigkeit und Unentschlossenheit von Millionen. Treue und
Glauben, Mässigkeit und Einfalt verschwinden; die Sitten werden verderbt; jeder
lebt nur für sich, hascht nach Genuss, geniesst und begehrt noch immer, nimmt, wo
er nehmen kann, und hat doch nie genug - fraget jeden einzelnen, und keiner ist
zufrieden. Nichtswürdige Kleinigkeiten haben Wert erhalten, und das, was allein
Wert hat und allein glücklich und ruhig machen kann - das findet der mit
Blindheit geschlagne Haufen nicht. Indes aber hat die Kultur, zugleich mit
Einführung des Luxus in alle Klassen der Bürger, Wissenschaften verbreitet und
Geistesausbildung befördert. Das rastlose Streben nach Glück und Gemütsruhe
erweckt Nachdenken über diesen verwickelten Zustand; die sich unglücklich
fühlenden Menschen fangen an zu philosophieren, zu räsonieren; und nun kömmt der
schönste Teil des Traums, aber, wie es mit Träumen geht, dann ist man auch nahe
am Erwachen. Die Menschen werden endlich weise, durch eigne Erfahrungen und
durch die Geschichte andrer Völker, und indem sie weise werden, werden sie auch
tugendhaft; denn der höchste Grad der Aufklärung ist immer auch der höchste Grad
von Güte. Sie öffnen die Augen und sehen: dass alles Streben und Ringen nach
Genuss, Besitz und Freude auf nichts abzielt; dass die Befriedigung aller dieser
Wünsche keine so grosse Summe von Glückseligkeit gewährt, als man in dem ersten
Zustande der Natur ohne Mühe, auf dem einfachsten Wege, findet; dass der am
mehrsten besitzt, der am wenigsten bedarf; dass nur der Genuss hat, der mässig
geniesst; dass Tugend üben, sein eignes Interesse befördern und tugendhaft sein
nichts anders heisst, als der Natur gemäss handeln; dass alle bürgerliche
Einrichtungen doch nur Kinder des Verderbnisses, nur Mittel sind, das Übel zu
verhindern oder gutzumachen; dass, statt an diesen ohne Unterlass zu flicken und
auszubessern, es vorteilhafter ist, solcher künstlichen Anstalten gar nicht zu
bedürfen; dass alle Gesetze und Handhaber der Gesetze da überflüssig sind, wo
jedermann den guten Willen hat, andre in Ruhe zu lassen, damit man seine Ruhe
nicht störe; dass über andre zu herrschen ein sehr nichtswürdiger Vorzug ist. -
Und so kommen denn die Menschen am Ende wieder auf den Punkt, von welchem sie
ausgegangen, aber um nie wieder zurückzukehren. Denn nun ist die Einfalt ihrer
Sitten nicht mehr das Kennzeichen der rohen Unerfahrenheit, sondern das Werk der
richtigsten Überlegung und Abwägung aller möglichen Verhältnisse und Lagen, das
Resultat der reifsten, unverführbarsten Vernunft. Da ist dann der grosse Plan der
Schöpfung vollbracht, das Menschengeschlecht in eine einzige Familie vereinigt
und zu seiner ersten hohen Würde, dem Ebenbilde der Gotteit wieder erhoben, das
verlorengegangen war durch den Genuss der verbotnen Frucht von dem Baume des
Erkenntnisses des Guten und Bösen. Nun ist die Erlösung vollbracht; die Wahrheit
hat die Menschen frei gemacht und ihnen eine ewige Glückseligkeit erworben.
    Derjenige Teil des Traums, welcher uns die religiöse Erziehung des
Menschengeschlechts darstellt, ist nicht weniger reizend; Lessing malt uns ein
Zauberbild davon. Offenbarung ist geoffenbarte Vernunft, Mitteilung von
Wahrheiten, die aus der Natur erkannt werden könnten, aber ohne höheren
Unterricht nur mühsam gefunden werden. Die heiligen Bücher sind die
Elementarbücher, welche der allweise Lehrer bei der Erziehung zum Grunde legt.
Sie sind den schwachen Begriffen des Kindes angepasst. Das Kind muss sinnlich
geleitet werden; man gibt ihm die Lehre, in Bilder, in Gleichnisse, selbst in
Fabeln eingehüllt. Man zeigt hin auf entfernte Belohnungen und Strafen; man
führt nicht jedes Kind denselben Weg; die Metode muss nach Zeit, Umständen und
dem Grad der Empfänglichkeit abgeändert werden, bis der Verstand zur Reife
gediehn sein wird; dann bedarf es keiner Täuschung, keiner Bilder mehr. Dann
wird es die Wahrheit unmittelbar aus der Quelle selbst schöpfen, ohne Zusatz.
Wir sehen noch durch einen Spiegel in ein dunkles Wort; dann aber werden wir ihn
sehn, wie er ist.
    Soweit der herrliche, tröstliche Traum! Dass die Erfahrung aller Zeitalter
die Möglichkeit der Erfüllung verdächtig macht; dass wir, leider! wahrnehmen, wie
die Nationen, statt die Erfahrungen andrer Völker zu nützen, immer wieder in
dieselben Torheiten und Verirrungen fallen, statt die Quelle des Übels
aufzusuchen, nur die Form der Verderbnisse ändern, durch gewaltsame Revolutionen
das Böse nur noch ärger machen, nicht die Ursachen der Tyrannei aus dem Wege
räumen, sondern nur von Tyrannen wechseln; dass, wenn Kultur und Verderbnisse
aufs höchste gestiegen sind, fast immer ein Zustand von tiefer Barbarei wieder
folgt, so wie nach einem Zeitraume, wo Aufklärung und spitzfündige Klügelei die
Oberhand hatten, eine Periode voll Aberglauben und Stupidität eintritt - alle
diese Tatsachen aus der Geschichte machen den gutmütigen, für das Wohl der
Menschen glühenden Träumer nicht irre. »Eher«, sagt er, »kann jener glückliche
Zeitpunkt nicht erscheinen, eher kann das unvergängliche Reich der Weisheit und
Tugend nicht fest gegründet werden, als bis alle diese Erfahrungen sich ins
unendliche gehäuft haben und alle Völker des Erdbodens den Zirkel der
Verderbnisse mehrmals durchlaufen sind. Allein es kann nicht der Plan der
Vorsehung sein, dass das Menschengeschlecht sich ewig in diesem Zirkel von
Unvollkommenheit herumdrehn soll. Der Augenblick der letzten Katastrophe ist nur
noch nicht da; aber er ist nicht fern; die Begebenheiten der neuern Zeit sind
keine Wiederholungen; sie lenken unmittelbar und schnell zum Ziele. Die Gärung
ist allgemein und kann zu nichts Kleinem, kann nicht das alte Spiel wieder
herbeiführen.«
    Wollte Gott, es wäre also! aber mir scheint diese Hoffnung wenigstens noch
zu gewagt. Ja, wenn jeder einzelne die ganze Reihe von Erfahrungen an sich
selber gemacht hätte, so könnte man wohl darauf rechnen, dass dauerhafte
Eindrücke davon zurückblieben und seine Bildung vollendeten; allein fremde
Erfahrungen dämpfen nicht eigne Leidenschaften, und von allgemeinen
Begebenheiten macht man selten spezielle Anwendung, wenn das liebe Ich in das
Spiel kömmt. Überhaupt liegt es sehr selten an der Erkenntnis, wenn die Menschen
nicht gut und nicht weise handeln. Freilich muss echte Aufklärung manche Tugenden
allgemeiner verbreiten, die in einem Zeitalter, wo Barbarei herrscht, nur selten
angetroffen werden; aber immer wird der grössere Teil der Menschen in jedem
Jahrhunderte unmündig bleiben, wird Lenkung, Gesetze, ja, Zwangsmittel und
Täuschung bedürfen. Diese Fesseln trägt auch jeder gern ohne Murren, wenn der,
welcher sie ihm anlegt, nur dabei die Mühe übernimmt, ihm Sicherheit und Ruhe zu
verschaffen. Er lässt sich gern einen Teil seiner Unabhängigkeit rauben, wenn er
dagegen einen Teil seiner Sorgen von sich abwälzen kann; er tut gern Verzicht
auf eignes Denken, wenn der, welcher für ihn denkt, ihm nur Resultate liefert,
die ihn beruhigen; er lässt sich gern täuschen, wenn diese Täuschung nur
tröstlich ist - kurz, er opfert gern seine Freiheit auf, wenn dies Opfer nur
freiwillig und für ihn wohltätig ist oder scheint.
    Nach diesem Massstabe also muss man alle Regierungsverfassungen und
Volksreligionssysteme beurteilen, und jede, die auf andern Grundsätzen beruht,
muss früh oder spät scheitern oder umgestürzt werden, sobald die grössere Anzahl
die Augen über ihren Zustand öffnet. Hingegen kann jede Verfassung von der Art
sich Dauer versprechen, wenn sie jene Grundsätze respektiert, ihre Form mag
sein, welche sie wolle. Ja - und vielleicht wird man sich wundern, mich aus
diesem Tone reden zu hören -, ich glaube fast, obgleich ich anfangs erklärt
habe, dass ich hierüber nichts zu entscheiden wagen würde, dass die monarchische
Form vielleicht die zweckmässigste von allen ist. Ich setze dabei voraus, dass der
Monarch ein weiser und guter Mann sei. Ist er das nicht, so muss er wagen, was
jede inkonsequente Regierung wagt, nämlich, dass es mit seinem Monarchenwesen
keinen Bestand habe. Wir reden aber hier nur von der Form, caeteris paribus.
    Ein einzelner Regent hat mehr Antrieb, seine Pflicht zu erfüllen, als
mehrere; alle Ehre und alle Schande seiner Verwaltung fällt auf ihn; allen Dank,
allen Segen erntet er ein; auf seinen Namen schreibt die Geschichte alles Gute
und Böse in die Rechnung. Stehen aber mehrere am Ruder, so kann jeder von ihnen,
wenn er etwas Böses tut, die Schuld von sich ab auf das Ganze wälzen, indes er
nachlässig zum Guten ist, weil der Ruhm davon nicht ihm zuteil wird.
Verschiedenheit der Meinungen und Neid hindern manche nützliche Ausführung. Weiss
der Monarch, dass er, insofern er seine Pflicht erfüllt, lebenslang Herr bleibt,
sieht er also das Land gleichsam als sein Eigentum an, so wacht er, wie ein
guter Haushälter, über das öffentliche Vermögen; sein Interesse ist das
Interesse des Ganzen; wo hingegen mehrere nur eine Zeitlang herrschen, da
durchkreuzen sich oft die mancherlei Privatvorteile mit dem allgemeinen Wohl;
und wir sind alle schwache Menschen. Weiss der Monarch, dass auch seine Kinder,
insofern die Nation sie dessen nicht unwürdig findet, einst in seine Stelle
treten werden, so kann er diese mit den Grundsätzen einer weisen Regierungskunst
bekannt machen; da hingegen gewählte Repräsentanten, wenn sie unerwartet an die
Spitze der Geschäfte gestellt werden, bei allem guten Willen doch zuweilen noch,
aus dem Beutel des Staats, teures Lehrgeld geben müssen. Endlich herrschen bei
der Regierung eines einzigen mehr Schnelligkeit in den Geschäften und Einheit im
Plane; und der Monarch kann dennoch alle Kenntnisse einsichtsvoller Männer,
deren Rat ihm nicht versagt wird, nützen.
    Allein, indem man mich der Monarchie das Wort reden hört, vergesse man
nicht, welche Bedingungen ich oben bei jeder Gewalt, die Menschen über Menschen
ausüben, vorausgesetzt habe!
 
                               Sechster Abschnitt
  Ob unsre heutigen Staatsverfassungen auf echten Grundsätzen beruhen und der
                    Stimmung des Zeitalters angemessen sind
Nachdem ich nun im allgemeinen die Grundsätze entwickelt habe, auf welche
durchaus eine jede Regierungsverfassung gebauet sein muss, wenn sie zweckmässig
und dauerhaft sein soll, so lasset uns doch nun auch sehn, ob unsre
gegenwärtigen europäischen Staaten nach diesen Grundsätzen regiert werden oder
nicht und ob also zu erwarten steht, dass sie noch lange so, wie sie beschaffen
sind, bleiben können! Ich glaube, das ist nicht schwer zu beantworten, und es
bedarf wohl keines weitläuftigen Beweises, um darzutun, dass die Regierungen der
mehrsten kultivierten Länder nach und nach Maximen angenommen haben, die in dem
allerauffallendsten Kontraste mit den ersten Grundsätzen des gesellschaftlichen
Vertrags stehen - eine kurze Darstellung wird hinreichen, dies anschaulich zu
machen, und dann werden wir zugleich gewahr werden, dass die mehrsten nicht
einmal politisch genug sind, solche Mittel zu wählen, die der Stimmung des
Zeitalters angemessen sind.
    Das römische Recht schon ist ein wahres Alphabet des Despotismus. Kann man
sich einen abscheulichern Grundsatz denken als den, welcher L.I. in pr. D. de
constitutionibus principum steht? Quod principi placuit, habet legis vigorem.
Der Willen, die Phantasie, die Grillen eines einzigen Menschen also sollen die
Handlungen von Millionen bestimmen? Darauf kann der Vorsteher eines Irrhauses
oder der Erzieher unmündiger Kinder seine Gewalt stützen, in einem
wohlgeordneten Staate hingegen muss das Gesetz eher existieren als der Handhaber
und Exekutor der Gesetze. Gestattet aber ein Volk seinem Regenten, willkürlich
Verordnungen zu machen, die nicht in der Konstitution gegründet sind, so ist
natürlich zu erwarten, dass diese Herrschaft nur so lange dauern kann, als die
Nation, das heisst der stärkere Teil, sich das gefallen lassen will, weil sie
entweder zu roh und unwissend ist, um über ihre Verhältnisse nachzudenken, oder
sich bei den Verordnungen wohl befindet. Also ist eine solche
Regierungsverfassung allen Gefahren einer Revolution ausgesetzt. Wir haben aber
in Europa Länder, wo es gar keine Volksrepräsentanten, Reichsstände, Parlamente,
Landstände und dergleichen gibt, sondern wo der Willen des Herrn das höchste
Gesetz ist; und in diesen Ländern ruht dann die Oberherrschaft auf schwachen
Füssen.
    Eine sehr unnatürliche, von einigen unsrer Juristen bestimmt oder verblümt
behauptete und auch aus den römischen Gesetzbüchern, obgleich erzwungen,
hergeleitete Lehre ist die: dass der Mensch, indem er das Band der bürgerlichen
Gesellschaft geknüpft, seinen natürlichen Rechten entsagt hätte, dass das
Völkerrecht das Naturrecht aufhöbe oder wenigstens dieses durch jenes beschränkt
werden könnte - ein grober Irrtum! Seinen natürlichen Rechten kann niemand
entsagen; sie machen einen Teil seiner Menschheit aus; aber übertragen kann er
sie, und zwar:
    1. nicht mehr Rechte übertragen, als er selbst haben würde, wenn er sie in
Person ausüben wollte, und
    2. kann er zwar einen Kontrakt schliessen, der ihn, nicht aber einen solchen,
der andre Menschen, am wenigsten die folgende Generation, verbindet.
    Nun aber üben unsre Beherrscher Rechte aus, die sich gar nicht aus dem
Naturrechte erklären lassen, sondern die vielmehr mit diesem im Widerspruche
stehen, die niemand ihnen übertragen konnte, die niemand ihnen übertragen hat,
die ihnen nicht angeboren und nicht auf sie vererbt sein können. Solche Regenten
haben dann zu befürchten, dass ihre Gewalt aufhört, sobald der gute Willen, sich
dies gefallen zu lassen, lau wird.
    Überhaupt scheinen die beiden Grundsätze, dass der Willen des Fürsten das
höchste Gesetz sei und dass die bürgerliche Verbindung die natürlichen Rechte
aufhebe, von den mehrsten europäischen Beherrschern als ein Glaubensartikel
betrachtet zu werden. Sie setzen sich und ihre Nachkommen auf ewige Zeiten an
die Stelle derer, durch deren Übereinkunft sie die Oberherrschaft besitzen, ja,
einige von ihnen scheinen ganz zu vergessen, dass alle Oberherrschaft
ursprünglich von freiwilliger Übertragung herrührt und alle Gewalt vom Volke
abstammt, dessen Stellvertreter sie sind. Sie sehen das ganze Land als ihr
Erbstück, als ihr Eigentum an; sie vertauschen und verkaufen Provinzen, ohne
sich darum zu bekümmern, ob die Untertanen Lust haben, sich einem andern Herrn
zu unterwerfen oder nicht; sie fordern Abgaben und treiben sie ein, ohne
Rechenschaft abzulegen, ob diese Gelder zu Bestreitung der Staatsbedürfnisse
verwendet werden; sie bestreiten aus dem öffentlichen Schatze ihren unnützen
Aufwand und die Unkosten zu eiteln Vergnügungen und Flitterstaate; sie bestrafen
Beleidigungen ihrer eignen Person wie öffentliche Verbrechen; sie setzen die
übrigen Staatsbedienten nach Willkür an und ab; sie machen willkürlich neue
Gesetze und widerrufen die alten, dispensieren, begnadigen, mildern und
verdoppeln die Strafe; sie rauben Freiheit und Leben ohne vorhergegangnen
öffentlichen Prozess, ohne Bekanntmachung des Verbrechens. Wem schaudert nicht
die Haut, wenn er liest, dass Ludwig der Eilfte zwei Prinzen von Armagnac in
einem Kerker, in welchem sie nie grade aufrecht stehn und gar nicht gehn
konnten, verschmachten liess, nachdem sie wöchentlich zweimal bis aufs Blut
gepeitscht und ihnen vierteljährlich ein Zahn ausgerissen wurde, und dass sich
nachher fand, dass sie - gar nichts verbrochen hatten? Man antworte hierauf
nicht, dass dergleichen in unsern Tagen nicht mehr geschehe! Erstlich ist das
nicht wahr, und dann, wenn es auch so wäre, so bewiese das nichts. Eine
Staatsverfassung, in welcher es nur möglich ist, dass dergleichen geschehn kann
und darf, ist nicht besser wie eine Mördergrube und Räuberhöhle, und wer
leugnet, dass dies noch jetzt in manchem europäischen Staate geschehn kann und
darf? Sie selbst, die Regenten, glauben sich über die Gesetze erhaben, bestrafen
Verbrechen, die sie täglich selbst begehen, und an der Seite einer vor den Augen
des Volks unterhaltenen, geehrten, im Glanze des Reichtums und der Hoheit
lebenden Mätresse unterschreiben sie Verdammungsurteile gegen Hurer und
Ehebrecher. Zu Befriedigung ihrer Privatrache, und wo bloss ihr Familieninteresse
im Spiele ist, führen sie blutige Kriege, die Hunderttausende das Leben kosten.
Was ging denn der Spanische Sukzessionskrieg die französische Nation an? Was
kümmerte es die Schweden, ob der König in Polen Augustus oder Stanislaus hiess?
Sie privilegieren gewisse Stände auf Unkosten der übrigen Bürger und bestimmen
über die öffentliche Ehre, als wenn diese von ihrer Schätzung abhinge, ein Werk
ihrer Schöpfung wäre. Rang, Gewicht und Ansehn sind nicht der Preis des grössern
Verdienstes, der grössern Nützlichkeit, sondern der Gunst eines einzelnen.
Gefällt dem Fürsten ein Schmeichler, ein müssiggehender Hofschranze vorzüglich
wohl, so gibt er ihm den Rang eines Feldherrn und überschüttet ihn mit
Reichtümern, die hundert arbeitsame Familien aus dem Elende retten würden. So
sind denn die unnützesten Bürger die vornehmsten und reichsten und die, welche
mit ihrer Hände Arbeit den Staat aufrechterhalten, verachtet und dürftig. Wo
etwa noch Repräsentanten des Volks, dem Anscheine nach, das Recht haben, zu
Abgaben und neuen Einrichtungen ihre Einwilligung zu geben oder zu verweigern,
da werden diese Repräsentanten nicht frei gewählt aus denen, welche am mehrsten
bei solchen Verhandlungen interessiert sind, sondern es sind Personen, die
entweder aus Furcht oder aus Eigennutz so reden, wie es der Regent gern sieht,
und die um so williger sind, ihm alles zu geben, was er fordert, da sie das
Privilegium haben, keine der Lasten mitzutragen, sondern sie allein auf die
Klassen zu wälzen, welche keine Stimme haben. Derjenige Stand, welcher grade am
mehrsten leisten und zahlen muss, darf am wenigsten dazu sagen, auf welche Weise
er leisten und zahlen will. Friedensschlüsse, die ganzen Nationen neue
Verbindlichkeiten auflegen, werden, ohne Rücksprache, von einzelnen Personen
beschworen und - gebrochen. Über dies alles seine Meinung freimütig, wenn auch
noch so bescheiden, zu sagen, so wichtig auch diese Gegenstände der ganzen
Menschheit sind und so unbezweifelt das Recht jedes Mitbürgers ist, sich darum
zu bekümmern, wie mit ihm und dem Seinigen gewirtschaftet wird - das gilt für
ein Staatsverbrechen. Gibt es doch in Italien einen Staat, der noch vor wenig
Jahren sechstausend Spione besoldete, die jedes Wort von der Art aufsammeln und
hinterbringen mussten!
    Ebenso mit Vernunft und Billigkeit streitend wie die politischen Grundsätze
in dem grössten Teile von Europa, so sind es auch unsre gottesdienstlichen
Einrichtungen und kirchlichen Verfassungen. Der Staat masst sich das Recht an zu
entscheiden, wie man von Gott und göttlichen Dingen denken und reden und nach
welcher Form man dem höchsten Wesen seine Verehrung bezeugen solle. Diese von
der weltlichen Regierung dem Schöpfer aller Dinge vorgeschriebne Weise, wie er
sich soll anbeten lassen, nennt man dann die herrschende Religion, und gute
Bürger, die aber nach einer andern Art, ihrer Überzeugung gemäss, die heiligste
ihrer Pflichten, die keinem Zwange unterworfen sein kann, erfüllen wollen,
können froh sein, wenn sie geduldet werden. Dass man sie von bürgerlichen Ämtern
und Vorteilen ausschliesst, versteht sich von selber, und es ist die Frage, ob
jemand, der laut sich erklären würde, er glaube nicht an die ewige Verdammnis,
auf dem ganzen festen Lande von Europa an irgendeinem Orte als Nachtwächter Brot
fände. Die Geistlichen machen einen besondern Stand aus und mischen sich in
Geschäfte, welche allein die weltliche Regierung angehen, dirigieren den
Unterricht der Jugend und lassen den Menschen den vierten Teil seines Lebens,
den er anwenden sollte, sich zum guten Bürger zu bilden, mit dem sehr unnützen
Studium der dogmatischen Lehrsätze verschwenden und ihn, wenn er vierzehn Jahre
alt ist, angeloben, was er sein ganzes Leben hindurch glauben will, gleich als
wenn ein Mensch voraus wissen könnte, was er in der nächstfolgenden Stunde
glauben wird, und als wenn man nicht jedem überlassen müsste, da, wo es nur auf
seine individuelle Überzeugung und Glückseligkeit ankömmt, sich ein System zu
wählen, das ihm Ruhe und Zufriedenheit gewährt! Noch alberner, wenn das möglich
ist, muss es einem Philosophen vorkommen, dass die Fürsten in Friedensschlüssen
miteinander darüber einig werden, was ihre sämtlichen Untertanen künftig glauben
sollen. In katolischen Reichen übt denn vollends die Geistlichkeit eine Gewalt
aus, die zuweilen sogar der weltlichen Regierung furchtbar ist und die ihr
niemand übertragen hat, verschwelgt im Müssiggange das Fett des Landes,
verurteilt ihre Mitglieder, den Trieben der Bestimmung und den Pflichten zu
entsagen, wozu die Natur alle Geschöpfe auffordert, und entzieht dem Staate
tätige Bürger, um sie in Klöster einzusperren. Die vorgeschriebne Art der äussern
Gottesverehrung besteht in manchen Ländern aus läppischen, kindischen
Zeremonien, in andern aus den allerlangweiligsten und geschmacklosesten
Gebräuchen.
    Alle diese politischen und kirchlichen Systeme nun hindern denn auch den
Fortgang der Wissenschaften und hemmen den freien Untersuchungsgeist. Wem die
Natur Talente gegeben hat, Licht zu verbreiten und Wahrheit zu finden, der muss
seine schönsten Jahre verschleudern, um sich und die Seinigen fähig zu machen,
durch die Menge verwickelter Verhältnisse hindurch, in die Klasse der wenigen
hinaufzurücken, die auf Unkosten der übrigen grössern Anzahl leben; die
Philosophie darf über alles grübeln, nur nicht über das, was den Menschen am
wichtigsten ist; wer Geschichtbücher schreibt, der schildert die Torheiten und
Verirrungen einzelner Personen. Der Gelehrte muss ums Geld arbeiten; er muss sich
also nach Zeit, Umständen und den Launen des Publikums richten, statt nur
Wahrheit und Schönheit vor Augen zu haben. - Doch warum sollte ich die Züge
häufen, um die Inkonsequenzen unsrer Verfassungen zu schildern? Leugne einer,
wenn er kann, dass das Original zu diesem mehr oder weniger ähnlichen Bilde in
allen europäischen Staaten anzutreffen ist! Oder sollen wir England ausnehmen?
Freilich, wenn wir des Herrn de l'Olme Roman über die englische Konstitution für
treue Darstellung der Verfassung halten wollen, so findet man nirgends eine
zweckmässigere Gesetzgebung, mehr Gleichheit in Verteilung der Gewalt, mehr
persönliche Freiheit und Sicherheit als in Grossbritannien. Aber beleuchten wir
ein wenig die Szene, so werden wir andrer Meinung. Des Königs Gewalt über Krieg
und Frieden und überhaupt seine monarchische Macht ist dadurch eingeschränkt,
dass von der Nation die Verwilligung der zu jeder Unternehmung nötigen Gelder
abhängt; auch darf er, ohne Einstimmung der Parlamente, keine Gesetze geben.
Diese Parlamente nun bestehen aus gewählten Repräsentanten, die, wie bekannt
ist, nach einer höchst widersinnigen Proportion das ganze Volk vorstellen, so
dass eine Universität deren mehr abschickt als eine ganze Grafschaft.
Bestechungen haben, nach Monsieur de l'Olmes Versicherung, dabei nicht statt;
aber das ist keinem, der gewählt werden will, verwehrt, dass er einem Wählenden
für einen Korb voll Eier hundert Pfund Sterling bezahle. Die Hofpartei ist also
nicht nur Meister von den Wahlen, sondern kann auch, da sie Ehrenstellen und
Pfründen vergibt, sich nach Gefallen Partei machen und durch die Überstimmen
Dinge durchsetzen, wovon jedermann weiss, dass der neunundneunzig Hundertteil der
Nation dagegen ist. Die Justiz wird so verwaltet und die Gesetze sind so klar,
dass nirgends in der Welt die streitenden Teile so jämmerlich von den Advokaten
geschunden und nirgends in der Welt so himmelschreiende Urteile gesprochen
werden als in England. Die Friedensrichter sind nicht selten bestechbar, die
Geschwornen oft gewissenlose Menschen aus dem niedrigsten Pöbel. Ein Bösewicht,
der mich als Dieb angibt und seine Aussage durch einen Meineid bekräftigt, kann
mich ohne Umstände an den Galgen bringen. Durch den geringsten Anstoss gegen
übliche Förmlichkeiten wird die gerechteste Sache verloren, und der ärgste
Verbrecher bleibt ungestraft, wenn bei seinem Prozesse gegen eine solche
Formalität gefehlt ist. Als im Jahre 1790 ein verworfner Mensch die Frauenzimmer
auf offner Strasse mörderischerweise mit Messern anfiel und er endlich entdeckt
und angeklagt wurde, fehlte nicht viel, dass man ihn hätte ohne Strafe freilassen
müssen, weil die Anklage in eine solche Form gebracht war, dass daraus nichts
erwiesen werden konnte, als dass er ein paar Löcher in die Kleider einiger Damen
gerissen hatte. Ein Mädchen, das Hauben gestohlen hat, wird, wenn auch der
Diebstahl selbst erwiesen ist, freigesprochen, wenn der Ankläger aus Versehn
Leinewand nennt, was Nesseltuch war. Ein Mann darf seine Frau, mit einem Stricke
um den Hals, auf dem Markte verkaufen. Vor zwei Jahren geschahe dies in einer
englischen Stadt von Gerichts wegen an einer Armen, welche die Gemeine nicht
länger zu ernähren Lust hatte. Wenn ein unglücklicher Mensch, einer Kleinigkeit
wegen, am Pillory steht, so wird dem Pöbel verstattet, ihn zu Tode zu martern.
Von den greulichen Gewalttätigkeiten, die im Jahre 1790 bei dem Matrosenpressen
vorgingen, habe ich schon oben geredet; ich will nur noch den Herrn von
Archenholz als Zeugen anführen, der uns erzählt, wie damals freie, mit Gewalt
angeworbne Menschen zu Hunderten in enge Schiffsräume zusammengepackt wurden, wo
viele von ihnen, wie im schwarzen Loche in Kalkutta, erstickten. Der Unfug der
Akzise-Bedienten beweist auch nicht, dass Freiheit in England respektiert wird;
dass jemand, der die Schwester seiner verstorbnen Frau heiratet, wie ein
Blutschänder bestraft wird, ist eben kein Zeichen einer philosophischen
Gesetzgebung. Die reichen Geistlichen führen ein ärgerliches und wollüstiges
Leben in der Hauptstadt und lassen drei oder vier Landpfarreien, welche sie an
sich gekauft haben, durch Vikarien versehn. Hierzu werden die gewählt, welche am
wenigsten Besoldung fordern; die Gemeinen müssen mit den verworfensten,
unwissendsten Menschen zu Seelsorgern vorliebnehmen, indes die wirklichen
Pfarrer von ihrem teuren Gelde in London Mätressen unterhalten und nie keinen
Fuss in ihre Kirchsprengel setzen. Die Pressfreiheit wird von Jahren zu Jahren
mehr eingeschränkt. Luxus, Mangel an Treue und Glauben und Unsittlichkeit nehmen
auf eine fast unglaubliche Weise überhand. Öffentlich werden Akademien eröffnet,
in welchen man Unterricht im Stehlen gibt; öffentlich werden die Hasardspiele
geduldet, gegen welche man die strengsten Gesetze gegeben hat; die Menge
müssiger, gegen die Ordnung der Natur lebender Menschen vermehrt sich in allen
Ständen, und die unerhörtesten, niederträchtigsten Verbrechen und Laster, wovon
man täglich Beispiele sieht, laden den Staatsmann und Philosophen eben nicht
ein, die englische Verfassung zum Muster anzupreisen.
    So sieht es mit unsern europäischen Staatsverfassungen aus - leugne das, wer
da kann, und verteidige das, wer da darf! Nicht dass wir keine edle, grosse, die
heiligen Menschenrechte respektierende Könige und Fürsten hätten; aber wir reden
hier nicht von einzelnen Menschen, die sich des Missbrauchs entalten, den sie
von ihrer Gewalt machen könnten, und die, soviel möglich, den Fehlern
auszuweichen, die Gebrechen zu heilen suchen, die in der Konstitution liegen,
sondern von den Verfassungen selbst reden wir, die von der Art sind, dass keine
bestimmte Gesetze jenen möglichen Missbrauch einschränken. Sie sind also gegen
die Ordnung der Natur; sie streiten mit dem ersten Zwecke jeder
gesellschaftlichen Vereinigung, indem sie, statt die allgemeinen Menschenrechte
und die persönliche Sicherheit und Glückseligkeit aller durch gegenseitigen
Schutz zu befördern und gegen Beleidigungen zu sichern, vielmehr ganz darauf
eingerichtet zu sein scheinen, dass eine kleinere Anzahl der Bürger, auf Unkosten
der grössern Anzahl, ihre Leidenschaften befriedigen, sich Vorteile verschaffen
und Vorrechte anmassen könne, die ihnen nach der Ordnung der Natur nicht
zukommen. In den Zeiten der Barbarei nun, wo unter hundert Menschen kaum einer
fähig ist, über seine Verhältnisse nachzudenken, wo dicke Nebel die Augen des
grossen Haufens umhüllen und alle Ressorts, aus welchen das Maschinenwerk des
Despotismus besteht, ihre volle Kraft haben, da lässt sich eine solche Gewalt
über die Menge erlangen. Auch beruht diese Gewalt auf dem heiligen, in der Natur
gegründeten Rechte des Stärkern; denn wenn der Schwächere in den Kräften seines
Geistes und in seiner Geschicklichkeit Hülfsquellen findet, die ihm den Mangel
an körperlicher Prästanz ersetzen, oder wenn er den Stärkern dahin bringen kann,
dass er freiwillig oder aus ungegründeter Furcht ihm ein Übergewicht zugesteht,
so wird er ja dadurch der Mächtigere. Allein sobald jener die Augen öffnet und
anfängt, sich selber zu erkennen und zu fühlen, dann ist die Zeit der Täuschung
aus, und das künstliche Regiment hat ein Ende. Töricht wäre es, verlangen zu
wollen, dass in einem Zeitalter, wo Kultur und Wissenschaften in allen Ständen
zugenommen haben, die alten Gängelbänder, an welchen man unwissende und dumme
Menschen leitet, nämlich Vorurteil, Autorität, Täuschung und blinder Glauben,
noch immer den Haufen der Starken im Zaume halten sollten. Und doch verlangen
wir nicht nur, diese Albernheit durchzusetzen, sondern wir wollen sogar die
Sache per modum contrarium treiben, das heisst: indes das Volk täglich klüger,
täglich abgeneigter wird, sich im Blinden führen zu lassen, werden die Ansprüche
der Herrscher auf blinden Gehorsam täglich grösser. - Das Kind behandelte man mit
Glimpf, und den Mann will man mit der Rute züchtigen. Ist es möglich, ist es
denkbar, dass dies dauern könne? Nein, gewiss nicht! und ohne Prophet und ohne
Aufwiegler zu sein, kann man es voraus verkündigen, dass allen europäischen
Staatsverfassungen eine nahe Umkehrung bevorsteht.
 
                              Siebenter Abschnitt
 Welche Art von Revolution in den Staatsverfassungen zu erwarten, zu befürchten
                               oder zu hoffen sei
Man sage doch ja nicht, dass die französische Revolution das Feuer des Aufruhrs
in allen Gegenden von Europa anblase, noch dass selbst die kühnsten und
unvorsichtigsten Schriftsteller, welche den Rechten der Menschen und der
Freiheit das Wort reden, ruhige Völker zu Empörungen verleiten! Ich werde mich
bemühn, das Gegenteil solcher Behauptungen in diesem und den folgenden
Abschnitten darzutun.
    Ich meine hinlänglich bewiesen zu haben, dass alle europäische
Staatsverfassungen von der Art, dass sie so, wie sie beschaffen sind, bei der
jetzigen Stimmung des Zeitalters nicht dauern können. In Frankreich nun war das
Übel am ärgsten, der Despotismus auf den höchsten Grad gestiegen; zugleich hatte
die gegenwirkende Kultur in allen Ständen zugenommen, indes Armut und Elend das
Volk zur Verzweiflung brachte. Frankreich war also der Teil des Geschwürs, der
zu seiner ganzen Reife gelangt war und der daher zuerst aufbrechen oder
durchgestochen werden musste. Statt darüber zu jammern, sollten wir uns freuen,
wir andern Europäer, dass nicht zuerst uns die Reihe getroffen, dass wir, wenn wir
es nur recht anfangen, uns den Schmerz einer ähnlichen Operation ersparen und
durch zerteilende Mittel die materia peccans fortschaffen können. Das Beispiel
unsrer Nachbarn kann für Regenten und Volk heilsam werden. Jene mögen sich daran
spiegeln und gewahr werden, was der grosse Haufen vermag, wenn man ihn aufs
äusserste treibt, und wie wenig die alten Quacksalbereien gegen ein so
eingewurzeltes Übel wirken; das Volk aber mag durch den Anblick aller Greuel der
Anarchie bewogen werden, sich zu keinen übereilten Schritten verleiten zu
lassen, nicht, ohne die äusserste Not, zu gewaltsamen Mitteln zu schreiten und
einen leidlichen Zustand von konventioneller Ruhe und Glückseligkeit nicht gegen
die ungewissen Folgen einer gänzlichen Umstürzung auf das Spiel zu setzen!
    Also ist es nicht die französische Revolution, welche den Ton von
Unzufriedenheit unter den übrigen Völkern anstimmt, sondern umgekehrt, die
allgemeine Unzufriedenheit ist zuerst in Frankreich ausgebrochen. Auch sind es
nicht die Schriftsteller, die sogenannten Aufklärer und Apostel der Freiheit,
nach denen Hoffmann, elenden und jämmerlichen Andenkens, mit Gassenkot wirft,
diese Schriftsteller sind es nicht, welche Aufruhr erwecken; sondern die
allgemeine Stimme des Volks ist es, die durch diese Schriftsteller redet. Noch
nie haben Bücherschreiber grosse Weltbegebenheiten bewirkt, sondern die
veränderte Ordnung der Dinge wirkt im Gegenteil auf den Geist der
Bücherschreiber. Jeder fühlt dann dunkel das Bedürfnis zu reden, bis einer
endlich den Mund öffnet. Und wäre er es nicht, so würde es ein andrer sein. - Es
ist aber Wohltat, dass dergleichen zur Sprache komme und von allen Seiten
beleuchtet werde, weil es noch Zeit ist. Geht die Tat vor dem Räsonnement her,
so ist das Übel unendlich grösser. Luter hat die Reformation bewirkt; aber was
für eine Reformation? Eine solche, die nicht ausbleiben konnte, wovon das
Bedürfnis in allen christlichen Staaten gefühlt wurde. Ohne dies allgemeine
Bedürfnis würde sein Toben und Wirken ohne Nutzen und ohne Schaden geblieben
sein. Man würde ihn wie einen Schwärmer behandelt und seinen Reformationsplan,
zugleich mit jenes französischen Abts Vorschlägen zu einem ewigen Frieden,
belächelt haben.
    Wollt ihr aber wissen, welche Schriftsteller das Volk zum Aufruhre reizen
könnten? Solche Skribler, solche Schmeichler wie Hoffmann3 und seinesgleichen,
die sind es, welche, indem sie gegen die gesunde Vernunft und den freien
Untersuchungsgeist zu Felde ziehen, jedem bessern Manne, der noch gern
geschwiegen hätte, den Mund öffnen. Sie missleiten und verblenden schwache
Fürsten, die sonst im Begriffe sind, über ihre missliche Lage erleuchtet zu
werden, erbittern durch leidenschaftliche Grobheit und machen jede Sache
verdächtig, die solcher verächtlichen Verteidiger bedarf.
    »Aber was für Beruf«, fragt der Furchtsame, »was für Beruf habt ihr
Schriftsteller, euch in diese Händel zu mischen? Was gehen euch die Regierungen
der Welt an? Wandelt doch euren Gang in Frieden fort und schreibet über ...« -
Nun? worüber? Über was für Gegenstände, wenn man nicht über die schreiben soll,
die der ganzen Menschheit interessant und wichtig sind? Hat nicht jeder Bürger
im Staate Beruf, sich in Angelegenheiten zu mischen, wovon die Wohlfahrt aller
abhängt? Und wenn dein eignes Haus nicht brennt, folgt daraus, dass du deinen
Nachbar nicht warnen dürfest vor Unvorsichtigkeit mit Feuer und Licht? -
Wahrlich! eine schöne Lehre! Also, wenn Millionen über die Misshandlungen eines
einzelnen seufzen, so soll keiner das Recht haben, die allgemeinen Klagen vor
den Richtstuhl zu bringen? »Ja, vor den Richtstuhl.« - Und vor welchen? Etwa vor
den Richtstuhl derjenigen, die selbst die Beklagten sind? - Nein! Vor den
Richtstuhl des Publikums, des gesamten Volks! Dahin gehören solche Klagen, und
diese Publizität allein ist das sicherste Mittel, heimlichen Meutereien und den
Einwirkungen im Finstern schleichender Rotten vorzubeugen.
    »Aber man darf gewisse Wahrheiten ebensowenig laut predigen, als man kleinen
Kindern Messer und Scheren in die Hand geben darf.« - Wer hat euch das glauben
gemacht? Echte Wahrheiten können unbrauchbare Werkzeuge für Unmündige, aber nie,
in keines Menschen Hand, gefährliche Waffen sein. Das Gegenteil haben von jeher
nur solche Leute behauptet, die ihren schändlichen Vorteil bei der Verfinsterung
finden. Schade um die elende Glückseligkeit, die auf Lügen und Vorurteilen
beruht! Täuschung - selige Täuschung! Das ist eine Dichterphrasis und mag beim
Liebeln und Empfindeln gar angenehme Dienste tun; aber wo es heilige
Menschenrechte und zeitliche und ewige Glückseligkeit gilt, da hat kein Mensch,
kein Engel das Recht, uns zu täuschen.
    »Allein habe ich nicht selbst gesagt, dass der grösste Teil des«
Menschengeschlechts in allen Zeitaltern unmündig und der Täuschung unterworfen
bleiben werde?« - Ja, werde, leider! werde; aber nicht solle, nicht müsse. Gibt
denn das uns das Befugnis, ihn mutwilligerweise zu betrügen, ihm sein Eigentum
an Wahrheit und Weisheit zu schmälern? Wer hat uns zu Vormündern auf ewige
Zeiten von gewissen Volksklassen gemacht, ohne Unterschied, ob unter diesen
nicht vielleicht Menschen sind, deren Verstandskräfte die unsrigen weit
übertreffen? Noch einmal! unmündig und schwach bleibt freilich der grösste Teil
aller Lebendigen; aber dieser Teil besteht nicht grade aus Bauern. Das wäre ja
erschrecklich, wenn ein ganzer Stand, und zwar der nützlichste im Staate,
verurteilt sein sollte, ewig dumm und unwissend zu bleiben; und es ist töricht,
zu sagen, man werde an ihm zum Wohltäter, wenn man ihn in einer Täuschung
erhält, bei welcher er sich so übel befindet.
    Allein nicht nur ist keine Befugnis, es ist auch keine Möglichkeit da, die
Aufklärung zurückzuhalten; und wenn sie nun einmal, ohne unser Gebet, ihre
Fortschritte macht, so ist es die Pflicht derer, die über so wichtige
Gegenstände reiflicher nachgedacht haben, ihren Mitbürgern den Leitfaden zu
bessrer Anordnung ihrer Gedanken zu geben - das ist wahrer Schriftstellerberuf.
Auf diese Weise kann der Gelehrte, wenn er das Bedürfnis seines Zeitalters
richtig kennt, sehr nützlich werden. Schaden stiften kann er, wenn das, was er
sagt, wirklich echte Wahrheit ist, nie. Kömmt diese Wahrheit zur Unzeit, das
heisst: kalkuliert er das Bedürfnis unrichtig, so wird sie nicht erkannt, nicht
verstanden, zieht ihm vielleicht Verfolgung zu; aber Unglück kann der nie
stiften, der echte Wahrheit geltend macht. Sehr viel mehr Unglück stiftet halbe
Aufklärung, Verworrenheit in Begriffen. Und jetzt leben wir in einem Zeitalter,
das sehr viel Licht verträgt, in welchem man gewisse Wahrheiten nicht zu oft
sagen kann. Alle Klassen der Bürger lesen, lesen Geschichtsbücher, lesen
Zeitungen; sie erfahren dann, dass Tristan l'Hermite mehr als viertausend
unschuldige Menschen, unter Ludwig des Eilften Regierung, in der Bastille
umkommen liess; sie erfahren, dass nun die Bastille nicht mehr ist, dass das Volk
sie, und mit ihr den Despotismus, zerstört hat. Sie sehen also, dass man so etwas
tun kann; sie lesen auch, dass viele behaupten, man dürfe so etwas tun; sie
fangen auch wohl an zu ahnden, man habe von jeher sich angemasst, alles tun zu
dürfen, was man tun konnte - und so ist denn freilich leicht abzusehn, dass auch
sie so etwas tun werden, wenn sie wollen.
    Hier ist also kein andres Mittel, als den Willen zu lenken und die Vernunft,
welche den Willen regiert, zu überzeugen. Jenes ist in der Regenten Hand, dieses
ein Geschäft der Schriftsteller. Wenn die Regierungen ihre Pflichten so treu
erfüllen und dabei solche zu dem Zeitalter passende Mittel wählen, dass die
Bürger im Staate sich glücklich fühlen, so entsteht kein Missvergnügen, kein
Bedürfnis, folglich auch kein Willen, die Ordnung der Dinge zu verändern. Und
wenn dann die Schriftsteller die echten Grundsätze entwickeln, worauf die Rechte
aller Menschen und ihre Verbindlichkeiten gegeneinander beruhen, die Vorteile
der bürgerlichen Gesellschaft und die daraus entstehenden Pflichten, die
Notwendigkeit einer gewissen Ordnung und der Unterwürfigkeit gegen die Gesetze,
wenn sie dies mit Freimütigkeit und Klarheit tun, so wird das auf alle Stände
gesegneten Einfluss haben; die Regenten werden die Unvermeidlichkeit einer
Veränderung in ihren Systemen erkennen und zweckmässige Mittel wählen, allen
Klagen abzuhelfen; das Volk aber wird vorsichtig werden und sich zu keinen
tumultuarischen Schritten verleiten lassen.
 
                                Achter Abschnitt
           Wie allen gewaltsamen Revolutionen vorgebeugt werden könne
Wer in seinem Hause sich behaglich fühlt und kein Müssiggänger ist, pflegt sich
selten um das zu bekümmern, was der Nachbar in dem Innern seines Hauswesens
treibt; und ein Volk, bei welchem ein ziemlich gleich verteilter Wohlstand und
dabei nützliche Tätigkeit herrschen, pflegt eben keinen leidenschaftlichen
Anteil an den Begebenheiten und Gärungen in fremden Ländern zu nehmen. Die Sorge
für das allgemeine Wohl geht wenig Leuten so nahe zu Herzen als die Sorge für
das eigne Ich. Wer also Interesse für eine Veränderung in der Staatsverfassung
empfinden soll, der muss überzeugt sein, dass seine und der Seinigen persönliche
Existenz bei dieser Veränderung einen Zuwachs von Vollkommenheit erlangen würde.
    Die Anzahl derer, die Ruhe und Gemächlichkeit lieben und ungern rasche
Schritte tun, ist unendlich grösser als die der unruhigen Köpfe voll rastloser
Tätigkeit. Wenig Menschen setzen gern das gewisse Gute aufs Spiel gegen das
Ungewisse, wonach man mit Gefahr ringen muss. Einzelne Aufwiegler machen wenig
Eindruck auf Gemüter, in denen nicht schon der Samen der Unzufriedenheit keimt;
und also sind im ganzen nur gemisshandelte und gemissbrauchte Menschen zum
Aufruhre geneigt oder leicht dazu zu vermögen.
    Jeder irgend verständige Mensch weiss, dass man in diesem Erdenleben eine
gewisse Summe von Ungemächlichkeiten und Lasten tragen muss. Von Jugend auf wird
er an Aufopferungen gewöhnt, und Gewohnheit hat grössere Gewalt über ihn wie
alles übrige; folglich muss zu dieser Last, seinem Gefühle nach, eine
unerträgliche Zugabe kommen, wenn er bewogen werden soll, zu murren und das
Gewöhnte unnatürlich zu finden.
    Wer nicht gewahr wird, dass es andern Leuten unter denselben Umständen besser
geht als ihm, wird nicht leicht mit seinem Zustande unzufrieden werden.
    Liebe und Zuneigung zu Wohltätern, Dankbarkeit für Schutz und gewährte
Sicherheit, Erkenntlichkeit gegen edle und redliche Behandlung, Verehrung
hervorstechender Talente und eine Art von Furcht vor überwiegender Klugheit ist
allen vernünftigen Wesen von Natur eingeprägt. Nur Menschen von äusserst
stürmischen Leidenschaften (und diese machen gewiss den geringern Teil des grossen
Haufens aus) verleugnen solche Gefühle.
    Wer eine rasche, gefährliche Tat ausführen will und dazu die Mitwirkung
vieler bedarf, wird nicht leicht sich andern eröffnen und ihnen seine Plane
mitteilen, wenn er nicht gewiss überzeugt ist, dass diese von eben den
Empfindungen wie er durchdrungen sind, und das setzt entweder eine allgemein
gegründete Unzufriedenheit oder eine allgemeine Korruption der sittlichen
Gefühle voraus - an beiden ist die Regierung schuld.
    Aus diesem allen ziehen wir teoretisch folgende Schlüsse: dass Empörungen in
keinem andern als in einem äusserst verderbten, in einem äusserst unglücklichen
oder in einem äusserst inkonsequent regierten Staate zustande gebracht werden
können. In dem erstern, weil da der grössere Teil der Menschen geneigt ist,
ungerecht zu handeln; in dem zweiten, weil da die Menschen, es komme, wie es
wolle, nichts zu verlieren haben; und in dem dritten, weil da die Menschen
weniger Gefahr fürchten, wenn auch der Anschlag misslingen sollte.
    Aber auch aus der Erfahrung lässt sich beweisen, dass nur in solchen Staaten
Revolutionen auszubrechen pflegen, in welchen die Regierungen entweder ohne
feste Grundsätze oder nach grausamen oder nach unmoralischen Grundsätzen
gehandelt, folglich sich entweder Verachtung oder Abscheu zugezogen haben.
    Peter der Grosse stürzte alles über den Haufen, woran seine Völker aus
Vorurteil und Gewohnheit hingen. Mit der unumschränktesten Gewalt herrschte er
über Leben, Stand, Vorrechte und Vermögen der Untertanen. Allein er selbst war
ein grosser, mutiger Mann, der Erste seiner Nation; er gab das Beispiel in aller
Art von Aufopferung, Gehorsam und Tätigkeit; alle seine Einrichtungen trugen das
Gepräge der Sorgfalt für das allgemeine Wohl; ihr Nutzen zeigte sich offenbar,
und sein Despotismus war dem Genie des Volks und dessen Sitten angemessen - also
drang er durch, und es kam keine Hauptempörung gegen ihn zustande, in einem
Reiche, wo sonst der kleinste Funken das Feuer des Aufruhrs in helle Flammen
auflodern macht.
    Karl der Zwölfte opferte seinem unbegrenzten Ehrgeize und seinem Eigensinne
das Leben und den Wohlstand seiner treuesten, besten Untertanen ohne allen Zweck
auf, entvölkerte Schweden, stürzte es zu der tiefsten Stufe der Armut herab und
regierte mit beispielloser Härte und Willkür - und dennoch fand er den
willigsten Gehorsam, ohne Murren - warum? Weil er selbst für sich so wenig
foderte und, bei allen Verirrungen jener Leidenschaften, so wenig der Sklave
weichlicher Begierden und dabei so tapfer wie keiner, so unermüdet, so wachsam,
so populär, so mässig, so religiös war - kurz, weil er in hohem Grade die
Tugenden besass, für welche sein Volk Sinn hatte, und nie in solche Verirrungen
fiel, welche bei diesem Volke die Bewundrung seiner Erhabenheit hätte schwächen
müssen.
    Und nun das Muster aller Könige, das Wunder aller Zeitalter, Friedrich der
Einzige - wer herrschte unumschränkter, willkürlicher als er? Wer vertrug
weniger Widerspruch? Über welches Königs Despotismus und Tyrannei haben die
Ausländer lauter geschrien? - Aber auch nur Ausländer; denn in welchem Lande
herrschte je ein wärmerer Entusiasmus für einen Monarchen als in Preussen
während der unvergesslichen Regierung dieses göttlichen Mannes? Aber er
respektierte das, was dem Menschen das Heiligste ist, für dessen ruhigen Besitz
er gern alles übrige aufopfert - Freiheit zu denken, zu reden, zu schreiben, zu
glauben und zu bekennen, was in seinem Kopfe oder in seinem Herzen ist und er
wahr machen zu können meint. Ihm war nicht bange vor Meutereien, vor
Aufwieglern, vor Aufklärern, vor Volksverführern. Hier in der freien
Reichsstadt, in der ich lebe, würde ich es nicht wagen, über die Torheiten eines
unbedeutenden kleinen Prinzen so unbefangen zu urteilen, wie man damals von dem
grössten Könige des Erdbodens laut in seinem Vorzimmer in Potsdam reden und über
jede seiner Handlungen räsonieren durfte. Aber diese Handlungen brauchten auch
nicht das Licht zu scheuen. Da sass er, ohne Leibwache, bei offnen Türen, ohne zu
fürchten, dass jemand einen Anschlag auf ein Leben wagen würde, das ganz der
Tätigkeit für das allgemeine Wohl gewidmet war. Sein Machtspruch bestimmte
Auflagen und Abgaben, aber er verschwelgte nicht das Eigentum der Untertanen mit
Buhlerinnen und Geigern und Pfeifern; alle Ausgaben waren Staatsbedürfnisse. Wie
mancher reiche Privatmann im Lande lebte bequemer, üppiger, glänzender als er!
Wen ohne sein Verschulden Not und Unglücksfälle zu Boden schlugen, der konnte,
wenn er kein Tagedieb, sondern ein nützlicher Bürger war, sicher sein, bei ihm
Rettung und Hülfe zu finden. Er ehrte das Verdienst in jedem Stande, und seine
Freunde waren Menschen, denen kein vernünftiger Mann seine Achtung versagen
konnte. Projektmacher, Schwärmer und andächtelnde Heuchler fanden keinen Eingang
bei seiner nüchternen Vernunft. Wer arbeitete emsiger, besser, unermüdeter,
pünktlicher wie er? Strenge Gerechtigkeit leitete jeden seiner Schritte, soweit
menschliche Einsicht reichen kann. Nie machte seine Willkür Ausnahmen von
bestimmten Gesetzen; nie verlor er seinen Hauptplan aus den Augen, der nicht
verheimlicht wurde, der offen dalag, jeder Prüfung ausgestellt. Aber wer hätte
auftreten mögen und sagen: ich will besser regieren als er? Wer durfte denken,
er sei unerschrockner, scharfsichtiger, schneller bei dringenden Fällen,
geschickter, begangne Fehler zu verbessern, wachsamer, weniger vergessend? Wer
war liebenswürdiger, hinreissender, überredender, witziger als er im geselligen
Umgange? Er bezahlte keine Inquisitoren, keine Lobredner und keine Spione; seine
Heere beschützten sein Land, nicht seine Person; seine Sicherheit, seine
Unverletzlichkeit beruhete auf seiner Tugend, auf seinem entschieden hohen
Werte, auf der Reinigkeit seiner Absichten und auf der Weisheit seiner Mittel.
Er liess den Leuten nicht aus der Bibel beweisen, dass sie ihm gehorchen müssten,
sondern erregte den Willen in ihnen, gern zu tun, was er befahl, weil sie seiner
Weisheit trauen durften. Und hätte er tausend Jahre regiert und hätten um ihn
her unzählige Volksaufklärer und Freiheitsapostel über die Rechte der
Menschheit, über die Befugnisse, sich frei zu machen, über die Gleichheit der
Stände und gegen Kirchensysteme geschrieben, nie hätten seine Untertanen sich
zum Aufruhre bewegen lassen; denn sie fühlten sich - die Unvollkommenheit aller
menschlichen Anstalten abgerechnet - glücklicher, sichrer, freier als irgendein
andres Volk.
    Fragt man, warum die Regierung des edeln Kaisers Joseph, dessen
Hauptaugenmerk doch gewiss auch nur das allgemeine Wohl und das Glück seiner
Völker war, dennoch durch innerliche Gärungen bezeichnet wurde, so wird es nicht
schwer, die Antwort zu finden, wenn man einen Blick auf das Bild wirft, welches
ich von des grossen Friedrichs Regierung entworfen habe. Grade der Mangel an
jener Konsequenz in allen, auch den geringsten Schritten des unsterblichen
Königs und an der nie aus den Augen gesetzten Rücksicht auf den Grad der Kultur
seines Volks hinderte den für alles Edle und Grosse so eifrigen Kaiser in
Ausführung des Guten; und so konnte denn der Erfolg der Reinigkeit seiner Zwecke
nicht entsprechen.
    »Aber«, wird man mir einwenden, »sind denn nie Empörungen ausgebrochen gegen
die weisesten und besten Regenten? Ist nicht der vortreffliche Heinrich der
Vierte das Opfer einer solchen Verschwörung gewesen?« Freilich! und wer leugnet
denn auch, dass falscher Religionseifer gegen gute Fürsten eine Mörderhand
bewaffnen könne? Aber Königsmord ist ja nicht Umwälzung eines Regierungssystems,
und vielleicht könnte man denen, welche der zunehmenden Aufklärung den Vorwurf
machen, sie richte Verwirrungen in den Staaten an, grade die Erfahrung
entgegensetzen, dass wir Beispiele von solchen Freveln nur da finden, wo der
Fanatismus herrschte und die Aufklärung ihr wohltätiges Licht noch nicht
verbreitet hatte.
    Und wenn denn in keinem Lande gewaltsame Umkehrungen zu befürchten sind, wo
die Regierung edel und konsequent handelt, welche herrliche Aussichten von Ruhe
und Wohlstand haben wir nicht in Teutschland vor uns? - in Teutschland, wo
soviel gute Fürsten den besten Willen, ihre Mitbürger glücklich und froh zu
machen, mit erhabnen Vorzügen des Geistes verbinden und wo die, welche etwa noch
durch fehlerhafte Erziehung und böse Ratgeber irregeleitet sind, auch bald durch
gutes Beispiel, durch die allgemeine Stimme, durch ernstafte Betrachtungen über
die französische Revolution und, welches denn auch nicht schaden kann, durch
Furcht von ihren Vorurteilen, Irrtümern und falschen Grundsätzen zurückkommen
und einsehn lernen werden, dass ihr Interesse und das Interesse des Volks nur
eines ist?
    Reichet also selbst die Hände zur nötigen Verbesserung, ihr Regenten, weil
es noch Zeit ist! Entsaget den elenden und kostspieligen Kindereien, worin so
manche von euch ihren Ruhm, ihre Hoheit, ihren Glanz suchen! Was kann armseliger
sein als eure Zirkel von hirnlosen, müssigen Hofschranzen? Versammelt doch um
euch her - Männer, keine Affen! Männer mit Kopf und Herz, die euch die Wahrheit
nicht verhehlen! Was kann unnützer sein als eure herausgeputzten Puppen, die ihr
Soldaten nennt, mit denen ihr, die ihr vor allen feindlichen Anfällen sicher
seid, mitten im Frieden den Krieg spielt und denen der Hunger und die Sehnsucht
nach ihren väterlichen Hütten aus den Augen blicken? Was kann geschmackloser
sein als eure Feste, eure Cour- und Gala-Tage, an denen kein Herz teilnimmt, wo
ihr dem Zwange und der Langeweile Stunden opfert, die ihr so nützlich, so
segenvoll, so selig verleben könntet?
    Gebet euren Untertanen das erste Beispiel in aller Art Tugend und
Ehrerbietung gegen natürliche und konventionelle Gesetze, in Mässigkeit,
Arbeitsamkeit, Treue, Wahrheit und Häuslichkeit! Respektieret das echte
Verdienst; zeigt Abscheu gegen Ränke und Kabalen, gegen Ausspäher und Anbringer
und suchet das moralische Gefühl eurer Mitbürger zu veredeln!
    Machet euch nicht zu Nachahmern, zu Dienern, zu Sklaven fremder Fürsten,
indes ihr selbst zu Hause den Genuss der süssesten Herrschaft, der väterlichen
Herrschaft über vernünftige und freie Menschen, die euch lieben, in vollem Masse
schmecken könnt!
    Entsaget der törichten Eroberungssucht und überzeuget euch, dass hundert
Menschen glücklich und froh zu machen unendlich ehrenvoller sei, als Millionen
mit Gewalt an das verhasste Joch des Despotismus zu binden!
    Verschanzet euch nicht in euren langweiligen Residenzen gegen den armen,
durch die Unterdespoten gemisshandelten Landmann, der euch gern seine Not klagen
möchte! Reiset in die Provinzen; sehet mit eignen Augen, höret mit eignen Ohren
und verlasset euch nicht auf die Berichte derer, die euch die Augen verbinden!
    Ehret alle nützlichen Stände und leidet nicht, dass sich gewisse Klassen
privilegiert glauben, durch Hochmut, Unwissenheit und Müssiggang sich über
fleissige und bessere Menschen zu erheben! Verbannet auf immer den Wahn, dass
Verdienste, persönliche Vorzüge und das Recht auf Ehrenstellen und
Staatsbedienungen vererbt und angeboren werden können!
    Glaubet den schmeichlerischen Buben nicht, die euch für Stattalter Gottes,
ja für Halbgötter ausgeben, den Heuchlern, die euch wahrheitsliebende Leute
verdächtig machen wollen! Sie zittern aus Furcht, entlarvt zu werden, und hinter
eure Majestät wollen sie sich verkriechen, damit man ihre Schelmenstücke nicht
an den Tag bringe. Sie dürfen den bessern Mann nicht aufkommen lassen, damit ihr
das wahre Verdienst nicht kennenlernet und sie nicht ihr Ansehn verlieren.
    Ehret den Mann und danket ihm, der euch bittre Arzeneien gibt! Wer euch
sagt, dass ihr die ersten Diener des Staats seid, dass ihr eure Macht aus den
Händen des Volks erhalten habt (ein Satz, den der gute Kaiser Joseph selbst
öffentlich bekannte), der meint es redlicher mit Befestigung eures Trons, der
ist ein treuerer Diener als eure kriechende Sklaven. Jenen ist der
Stellvertreter der Nation heilig, diese würden euch noch heute verlassen, wenn
ein andrer Tyrann euch die Krone vom Haupte risse.
    Rücket mit fort in der Kultur; leset die Werke der Geschichtschreiber und
Philosophen, damit nicht unerwartet Wahrheiten in Kurs kommen, worauf ihr nicht
vorbereitet seid, an deren Missbrauch, wenn ein solcher Missbrauch zu fürchten
wäre, niemand schuld sein würde als ihr, berufene Erzieher des Volks!
    Allein glaubt nicht, dass man durch Zwangsmittel und Edikte Meinungen lenken
und Aufklärung hindern könne! Erlaubet immer, dass jedermann laut rede, und seid
versichert, dass niemand weniger zu fürchten ist als der Schwätzer! Je mehr die
Menschen plaudern, desto weniger handeln sie. Widerstand reizt, Einschränkungen
erbittern. Verbote von der Art sind das sicherste Kennzeichen einer schwachen
Regierung, erwecken den sehr gegründeten Verdacht, dass eure Schritte nicht
sicher sind, dass eure Grundsätze das Licht scheuen. Was nicht in Teutschland
gedruckt werden darf, wird auswärts verlegt, und was nicht öffentlich genossen
werden darf, wird heimlich um desto gieriger verschlungen. Wenn die allgemeine
Meinung zu eurem Vorteile spricht, wenn soviel Herzen von Liebe und Verehrung
für euch erfüllt sind, wenn man euren guten Willen sieht und euren Einsichten
trauet, was kümmert euch dann das Geschrei einzelner Schwindelköpfe? Und ist das
nicht der Fall, so gebet die Rolle ab, die ihr nicht zu spielen verstehet! Wenn
die Wahrheit reift, so trägt sie ihre Frucht, und alle Welt sieht, dass von dem
Baume gut zu essen und dass er lieblich anzuschaun ist. Dann seid weise und
stellet euch an die Spitze der Aufleser, damit es fein ordentlich dabei hergehe!
Verbietet ihr die Frucht, so fallen sie euch bei Nacht und Nebel darüber her,
und wer ist dann schuld an der Verwirrung und an den blutigen Köpfen?
    Fühlt ihr nun die Notwendigkeit, bald eure Systeme, eure Maximen, eure
Verfassung zu ändern (und wer von euch sollte die nicht fühlen?), murrt sogar
schon heimlich euer Volk, so berufet die Landesstände; berufet frei gewählte
Repräsentanten aus allen Klassen der Bürger; leget ihnen eure Wünsche, eure
Klagen, eure guten Entschlüsse vor; überleget gemeinschaftlich mit ihnen, wie zu
helfen sei; verheimlichet ihnen nichts! Ihr seid ihnen Rechenschaft schuldig;
gebet sie freiwillig, ehe man sie euch abnötigt! Sie werden euch das zum
Verdienste anrechnen, und ihr gewinnt dadurch an Macht und an Würde. Entwerfet
bestimmte Gesetze, die dem Genius des Zeitalters angemessen sind, und entsaget
aller willkürlichen Gewalt, die niemand verantwortlich sein will! Oh! versuchet
es und glaubt, ihr werdet euch glücklicher und grösser dabei fühlen als jetzt.
Aber eure Wesire, eure Paschas, die sind es, die euch dahin nicht kommen lassen
wollen - trauet ihnen nicht!
    Ich bin ein schlichter Mann, freilich ehemals bei des Kaisers von Abyssinien
Majestät kein unbedeutendes Subjekt gewesen, aber jetzt Notarius caesarius
publicus in Bopfingen, und nichts weiter. Meinetwegen könnte es also wohl noch
so bunt in der Welt hergehn; ich verlöre nichts dabei. Aber ich denke immer, ich
müsste doch auch so meine unmassgebliche Meinung sagen zu dem heutigen
Revolutionswesen. Quaeritur: ob ihr dieses mein opusculum lesen werdet? - Das
steht nun freilich dahin; indessen dixi, et liberavi animam meam.
 
                                    Fussnoten
1 Ich, der ich dies sage, bin gewiss einer von denen, unter welchen Herr Campe am
wenigsten seinen Lobredner suchen würde; allein der Unfug, den sich, während ich
an diesen Blättern schrieb, ein feiler, unberühmter Fürstenschmeichler gegen
diesen verdienstvollen Schriftsteller erlaubt hat, bewegt mich, der Wahrheit
mein Opfer zu bringen. Die Schritte, die man seit kurzem gegen jeden
unparteiisch frei redenden und denkenden Mann unternimmt und die heimlich von
einer gewissen, sehr bekannten Gesellschaft geleitet werden, der daran gelegen
ist, dass das Licht nicht durch die Finsternis dringe, machen es dem Häuflein
unbestochner Wahrheitsfreunde zur Pflicht, ihre kleinen Privatzwistigkeiten zu
vergessen und sich brüderlich die Hand zur Versöhnung und zur gegenseitigen
Verteidigung zu reichen. Von jetzt an, bis sich die Zeiten ändern und Herr Campe
dessen nicht mehr bedarf, biete ich ihm von Herzen jeden Dienst an, den ich ihm
mündlich, schriftlich und tätig zu leisten imstande bin.
2 Warum ich hier auf einmal die Volksreligion mit einmenge, davon ist die
Ursache leicht einzusehn. Leider sind die Kirchensysteme so innig mit den
Staatssystemen verwebt, indem der geistliche Despotismus von jeher, nach
Gelegenheit, dem politischen entweder die Hand gereicht oder die Stange gehalten
hat, dass beide Gegenstände nicht wohl zu trennen sind.
3 Doch dieser unwissende Schwätzer, welcher Professor des teutschen Stils ist
und keine Seite ohne grammatikalische Fehler schreiben kann, der mit
beispielloser Frechheit sich rühmt, der Kaiser sei Mitarbeiter an seinem
albernen Journale - der wird nun wohl von seinen langöhrichten Mitbrüdern am
wenigsten Nachteil stiften.
 
    