
        
                           Friedrich Heinrich Jacobi
                            Eduard Allwills Papiere1
                 Wieviel Nebel sind von meinen Augen gefallen, und doch bist du
                nicht aus meinem Herzen gewichen, alles belebende Liebe! die du
                mit der Wahrheit wohnst, ob sie gleich sagen, du seist
                lichtscheu und entfliehend im Nebel.
                                                          Aus einer Handschrift.
                                   Vorbericht
Von Allwills Papieren sind die fünf ersten Briefe bereits im IV. Bande der
»Iris« erschienen. Der Besitzer dieser Sammlung hat sich seitdem entschlossen,
auch die folgenden, soviel er davon gesammelt und aufbewahrt hat, dem Publiko
nach der Reihe vorzulegen. Diesemnach waren sie, wie in kurzem jeder Leser
einsehen wird, kein schicklicher Beitrag mehr zu einem Journal fürs
Frauenzimmer.
    Ich habe alles angewendet, meinen Freund zu bereden, mit den ersten Briefen
seiner Sammlung gegenwärtig den Anfang zu machen; aber er weigerte mir dieses
geradezu, ohne meine Gründe widerlegen, noch die seinigen angeben zu wollen.
    Sein Vorhaben ist gewesen, aus diesen Materialien einen Roman zu bilden; da
dieses aber, leider! nicht in Erfüllung gegangen: so folgt, dass Allwills
Papiere, in ihrem gegenwärtigen Zustande, kein Roman sind. Ich zweifle sogar, ob
sie nur tauglichen Stoff dazu an die Hand gäben. Die vorkommende Begebenheiten
sind nicht merkwürdiger, als man sie alle Tage überall sehen wird, wo nur
ebensolche Leute in ähnlicher Verbindung angetroffen werden, um sie
hervorzubringen. In der Tat sind hier die Menschen fast das einzige
Interessante: wer sich mit diesen nicht befreunden; wer überhaupt durch das
Leben, so wie es sich gewöhnlich in unsrer Werktagswelt ergibt, ohne herzliche
Teilnehmung an allem durchschleichen kann, der muss viele Briefe dieser Sammlung
äusserst schal und langweilig finden. Und da ich nun soeben belehret worden2, dass
selbst ein eigentlicher Roman nur zu den Auswüchsen der Literatur gerechnet zu
werden pflege; so muss mir mein eigen Gewissen sagen, dass dergleichen wie
Allwills Papiere wohl gar nur Unkraut sei, welches kein anderer als ein Feind
unter den reinen Weizen unserer Literatur zu säen die Pflichtvergessenheit haben
mag.
    Mit den philosophischen und moralischen Fähigkeiten dieser Briefe, sieht es
insoferne misslich aus, dass ihre Verfasser anstatt des ganzen Menschengeschlechts
immer nur eine einzelne Person im Auge - und mehrenteils andre zu dringende
Geschäfte vor der Hand haben, um nicht die Angelegenheiten des grossen Alls, und
wohl gar ihre eigene gegenseitige Belehrung darüber zu versäumen. O dass es
Helden wären! die (wie ich aus vielen Büchern verstanden habe) ihre Taten bloss
andern zum Exempel verrichteten - uns zur Lehre nur das gewesen sind, was sie
waren.
    Von meinen unbedeutenden Leuten, die so gar keine Helden sind, muss ich
einiges vorerinnern; denn sie konnten nicht wissen, dass ein geneigter Leser sie
erwarte, der ein und andre Umstände von ihnen zu wissen bedürfen werde; sonst
hätten sie, dächt ich, dieselben wohl auf eine geschickte Weise einfliessen
lassen.
    Sylli, geborne von Wallberg, stammte aus einer alten Patrizienfamilie in
C**. Als sie 15 Jahr alt war, verlor sie ihre Mutter, welche mehr als das
gemeine Erdeleben in sie geboren hatte, und sich so ganz in ihr fühlte, dass
davon in beider Herzen eine namenlose Liebe ward. Ihr Vater, von einer
unbezwinglichen Leidenschaft bis zum Wahnsinn gefoltert, begrub sich zwei Jahre
nachher in ein Kartäuserkloster. Er war, als die folgenden Briefe geschrieben
wurden, noch am Leben. Nun geriet sie mit ihrem Bruder in Vormundschaft, und in
eine so verwirrte Lage, dass ihr Herz dabei um und um wund werden musste.
    Sie mochte 21 Jahr alt sein, als einer von den Gefährten ihrer Kindheit und
zartern Jugend, August Clerdon, sie wiedersah, und die heftigste Liebe für sie
empfand - ein feuriger Mann, von überschwenglichem Geist, aber sehr unstetem
Sinne. Die Verbindung kam zustande, und Sylli zog nach E***, wo ihr Mann eine
der ansehnlichsten Stellen bekleidete. Gleich darauf kam desselben Bruder,
Heinrich Clerdon, als Regierungsrat nach C**. Beide waren in der Schweiz
geboren, aber schon als Kinder mit ihrem Vater nach Teutschland versetzet
worden.
    Syllis liebster Gespiele war immer Heinrich gewesen. Er hatte in ihren
Grundnoten die meisten Akkorde, und von vielen Dingen tönten beider Seelen
reinen Einklang ineinander: Demnach verstanden sie sich über manches vollkommen,
über vieles sehr gut, über einiges aber auch nur kaum erträglich.
    In leidenfreiester Eintracht leben wir mit denjenigen, die über einen
gewissen Punkt hinaus, ausgemachterweise, uns gar nicht verstehen; daher dann
der entschlossene Menschenverächter allein den ewigen Frieden geniesst. Sylli und
Clerdon aber fanden es in jedem Falle unmöglich, eine Idee bei sich
festzusetzen, oder eine Partei zu ergreifen, wodurch ihre gegenseitige Meinung
voneinander heruntergesetzt, und ihre Freundschaft vermindert worden wäre;
lieber harrten sie aufeinander im äussersten Schmerz, und keinmal verfehlte diese
schöne Duldung ihren Lohn. Es stieg ihre Freundschaft in immer wachsenden
Harmonieen, durch Misslaute - starke und kühne Auflösungen, zum reinsten
Engelsgesang, worin Menschenatem sich verwandeln mag, empor.
    Es hatte Sylli geahndet, dass August auf vielerlei Weise sie unglücklich
machen würde, aber sie liebte den herrlichen Menschen und gab sich ihm hin. Drei
Jahre nachher starb er mitten in der Verwicklung eines durch niederträchtige
Treulosigkeit gegen ihn angesponnenen Handels, der ihm die völlige Zerstörung
seiner äusserlichen Glückseligkeit drohte. Seine Witwe, die wenig eigenes
Vermögen hatte, und auch das noch in Gefahr sah, musste diesen Rechtshandel von
schlechten Menschen unterstützt, gegen schlechte Menschen fortsetzen, und
deswegen zu E*** bleiben; an einem Orte, den sie nie geliebt, und welcher ihr
nun um so mehr zuwider war, da ihre ganze Seele nach C** hing, wo alles, was sie
noch an die Erde fesselte, vereiniget war. Ein einziges Kind das sie geboren
hatte, war dem Vater nachgefolgt. Als sie die beikommenden Briefe schrieb,
mochte sie achtundzwanzig Jahr alt sein.
    Der sonderbare Gemütszustand, der keinen Namen hat, worin Sylli uns gleich
in den drei ersten Briefen dieser Sammlung erscheint, lässt sich im Grunde weder
aus den angeführten noch aus andern äusserlichen Umständen hinlänglich erklären.
Er kann nur in lebendiger Darstellung gezeigt, und nur durch Sympatie begriffen
werden.
    Amalia, deren gleich im 2. Briefe, ohne weiteres, gedacht wird, war Heinrich
Clerdons Gattin, und die Schwestern, Lenore und Clärchen von Wallberg, Syllis
leibliche Kusinen. Alle diese Leute hatten, in verschiedenen Perioden, viele
Jahre neben- und miteinander zugebracht, und lebten in brüderlicher
Vertraulichkeit. Von Eduard Allwill und andern vorkommenden Personen etwas
voraus zu erinnern wäre überflüssig.
    Der Besitzer von Allwills Papieren glaubte, es sei gar nicht tunlich, sie in
ihrer eigenen Gestalt dem Publiko vorzulegen; die kleinen Details müssten
ausgemerzt, der Gesichtskreis erweitert, und das Ganze zur allgemeinen
Brauchbarkeit umgearbeitet werden. Dawider führte ich ihm folgende Worte aus
Lavater an: »Wer alles sehen will, sieht nichts; wer alles tun will, tut nichts;
wer mit allen redet, redet mit keinem. Sieh eins und du siehst alles; tu eins
und du tust alles; rede mit einem allein, und du redest mit unzähligen.« Ich
glaube in Shaftesbury etwas Ähnliches gelesen zu haben; und daneben ist die
Sache an und für sich - wahr.
    Geschrieben den 22. Febr. 1776.
                                                                              F.
 
                                Sylli an Clerdon
                                                                    Den 6. März.
Ja, mein Freund, noch alle Tage wird es öder um mich herum, und so setzt sich
denn die sonderbare Gemütsstimmung, die Sie an mir tadeln, und wofür Sie keinen
Namen wissen, immer fester. Ich soll Ihnen nennen, was es sei, das weder
Milzsucht, Trübsinn, Menschenhass oder Menschenverachtung, noch sonst etwas ist,
das sich aus Romanen oder Schauspielen bedeuten liesse, das aber mein Herz
zugleich so warm und so kalt macht, meine Seele so offen und so zugeschlossen.
Lieber Clerdon, Vielleicht ein andermal, diesmal hören Sie, was mir gestern
begegnete.
    Ich geriet auf einige Stunden lang an das Bett einer Sterbenden. Sie war
eine gute Bekanntin von meiner Tante Mossel; mich ging sie weiter nichts an,
stand mit meiner eigentlichen Person nicht in dem mindesten Verhältnis; ein
alltägliches Geschöpf, sehr dumpfen Sinnes, aber ohne alles Arge. Ihre Leiden
auf dem Sterbebette waren gross. Man hatte zu ihrer Genesung eine der
schrecklichsten Operationen versucht. Das alles stand sie gelassen aus: es war
die Fassung ihres Temperaments, schlichte Fortsetzung ihres Lebens bis ans Ende.
Vier Stiefkinder (eigene hatte sie nie) standen um ihr Bette; näher ihr Mann,
der es bloss gewinns- und gewerbshalber geworden war. Alle weinten und
schluchsten recht ernstlich; gewiss, Clerdon, ihre Trauer ging von Herzen. Aber
im Grunde, was war's? Etwa ein wenig Reue, ein wenig Erkenntlichkeit, armselige
Scheu vor der Befremdung, wenn sie jetzt nicht mehr dasein würde, Bangen vor dem
Bild des Todes. - O wie gleicht doch alles einander so widerlich! Ich sass da
ganz kalt; körperlich gepeinigt von dem körperlichen Leiden der Kranken; konnte
sonst mit niemanden sympatisieren.
    Itzt kam der Geistliche hinzu, und begann seine Geschäfte. Ich versichere
Ihnen, die gute Frau zagte nicht der Zukunft wegen, hatte nicht die mindeste
Seelenangst; nur das Dahinsterben ihrer Kräfte, die Lebensermattung presste ihr
manches Ach aus der Brust; und da kam jedesmal ein Zuruf, ein Spruch, ein Vers
aus einem Liede, das dann nur die ohnmächtigen Organen zu einem marternden
Gebrauche wieder auffing, die milde Hand des Todes bewaffnete, und der Seele
wehrte, still und sanft von dannen zu scheiden. - O des Wusts von Welt!
    Heute nun ist der Verstorbenen wegen ein Klagen, ein Weinen, auch hier bei
meiner Tante, dass einem um Trost bange wäre, der nicht wüsste, dass unter allen
diesen Hochbetrübten keiner ist, der die Gattin, Mutter, Freundin bei ihrem
Leben nicht immer ganz entbehren konnte. Und nun ich, welcher dies alles so klar
vorschwebt, mitten unter diesem Haufen, ganz ohne Teilnehmung; aber ach! im
Innersten meines Wesens erschüttert, von unerträglichen Gedanken. - Du mit den
vielen Namen, das die Menschen alle zueinanderzerrt, durcheinanderschlinget, was
bist du? Quell und Strom und Meer der Gesellschaft, woher? und wohin? ...
    Ich sehe die finstere Hohle, und den grossen Kessel, worin »Macbets« Hexen,
allerhand Stücke von Tier und Mensch, Froschzehen, Wolfszahn, Fledermaushaar,
Judenleber, Türkennase, Tartarlippe, und wieviel andre Dinge sammeln, um das
Werk ohne Namen zu bereiten; kochen und kochen am Zauberwesen, bis aus dem
Gemenge die Phantomen all hervorgehn:
Erscheinen, erscheinen, erscheinen,
Kommen wie Schatten, und verschwinden wieder
Und dazu dann den grotesken Rundetanz, und die herrliche Musik, und die
bezauberte Luft, die ganze, beste, vollständigste Lustbarkeit!
    Doch so abenteuerlich, mitunter so fürchterlich, ist's lange nicht. Ich muss
des Grausens lachen, das mich anstiess. Nein, guter Clerdon, nein, nur eine bunte
hölzerne Jahrmarktspuppe, Rumpf und Rock aus einem Klötzchen, Arme, Füsse, Kopf
daran geleimt, und ein Brettchen darunter, dass es stehe: ist denn das ein
Gespenst? -
 
                                Sylli an Clerdon
                                                                    Den 7. März.
Ich war heute lange vor Tag aus dem Bette. Ein sonderbar schönes Licht, das
immer heller mich umgab, trieb mich aus meinem Kabinett in das Zimmer gegen
Morgen, welches die weite Aussicht nach dem kleinen Gebürge hat. Ich fuhr
zusammen von dem Anblick, und blieb unbeweglich am Eingang des Gemachs. Was mich
fesselte, war die grosse Stille bei all dem Glanz, bei all dem Werden am weiten
Himmel; unüberschauliche unaufhörliche Verwandlungen, und doch kein sichtbarer
Wechsel, keine Bewegung. Aber jetzt trat die Sonne näher, und fuhr auf einmal
hinter den Hügeln herauf, dass ich davon mit in die Höhe fuhr. - Clerdon, es
waren selige Augenblicke. Und sehen Sie! wie dieser Sonnenaufgang, so war der
ganze heutige Tag; Frühlingsanbeginn, Anbruch des Jahrs, erster Lichtstrahl
einer viel grössern Schöpfung, als die Schöpfung eines einzelnen Tages. Ich musste
heraus aus dem Gemäuer in die offene Welt. Sophie, die ich angerufen hatte,
begleitete mich. Welch ein Spaziergang! Der Himmel war so rein, die Luft so
sanft, die ganze Erde wie ein lächelndes Angesicht, voll Trost und Verheissung,
Unschuld und Fülle des Herzens. Dies alles konnte ich jetzt wunderbar auffassen,
meine Blicke waren milde, segnend; und so ward ich unvermerkt wieder das gute
zuversichtliche Geschöpf, das nichts als Wonne über der Gotteswelt Schönheit,
und volle Hoffnung im Herzen hatte.
    Ja volle Hoffnung, bester Clerdon, ohne zu wissen, was ich hoffte; alles
Gute, alles Schöne; und diese liebe Verworrenheit, diese Dämmerung war's eben,
was mir so wohl machte, war's, dass kein Unglaube mich wach stören konnte.
    Dieser Tag sollte recht genossen werden. Ich wollte unter freiem Himmel die
Sonne auch untergehen sehen. Wir nahmen unsern Weg über die Wälle. Ich verweilt
an dem Orte, wo ich vor zwei Jahren im späten Herbst mit Ihnen stand, und Sie
von der weiten mannigfaltigen Aussicht so entzückt waren. »Säh er sie jetzt!« Ein
lieber Frühlingshauch wehte mich an, und stellte Sie neben mich. O wie war rund
um uns herum alles so herrlich, so schön! Aber es liess sich nicht lange so
ansehen; ich begab mich weg. Nun kam ich an die Stelle, wo man den langen,
breiten Weg um die Ecke nach Zielen3 gerade vor sich sieht. - »Da kam ich her
vor sechs Jahren, da kam vor zwei Jahren Clerdon her, da geht der Weg hin. - Ach
wann?« Sie erinnern sich der Lage: eine unabsehbare Fläche; nichts, das Auge zu
hemmen; der Weg ganz geradaus, und so breit, und so eben - wie ich da drüber
hinrollen könnte! - Indem liessen sich nahebei, gleich hinter der Stadtmauer,
zwei Instrumente hören. Es war eine Flöte und eine Harfe, die ganz vortrefflich
in meine Melodie einfielen, sie begleiteten und fortführten. Da liess ich mich
denn gehen, liess mir's so werden, dass ich die Augen recht nass kriegte. Mein
gutes Mädchen neben mir wartete alles mit Freundlichkeit ab. Auf mein Stöckchen
gelehnt blieb ich lange so dastehen: endlich lief ich hurtig mit ihr nach Haus,
und - Gute Nacht, Clerdon, Amalia, und Schwestern, gute Nacht!
 
                                Sylli an Clerdon
                                                                    Den 8. März.
Ich habe Ihnen gestern und vorgestern geschrieben, l.C.; doch muss ich Ihren eben
erhaltenen Brief auf der Stelle beantworten.
    Wenn Sie wüssten, wie es mich ängstigt, dass Sie so viele Sorge, so vielen
Kummer meinetwegen haben! Glaubt's doch, Ihr guten Leute, glaubt's, dass ich
lange nicht so übel dran bin, als Ihr es Euch vorstellt. Alles Schöne in der
Natur, alles Gute ist mir ja schön und gut, wird's noch alle Tage mehr. Oder
wisst Ihr eine, die jede menschliche Freude inniger kostet, als Eure Sylli? Und
wie sollte ich nicht an Liebe glauben, ich, der die Brust so enge davon ist? Nur
die Hyazinte hier! wie oft stand ich nicht vor ihr, mit klopfendem Busen; sog
an ihrem Wesen mit all meinem Sinn, bis es meine Nerven durchbebte, und ich die
schöne, gute in mir lebendig hatte, und - nennt es Torheit, Unsinn, Schwärmerei
- und ich Gegenliebe von ihr fühlte! So pfleg ich eines jeden Dinges, von
welchem Wohltun unmittelbar ausgeht, es sei aus Gestalt oder Geist, Liebe,
Harmonie, Gemälde, was es wolle; ich halte es an mich, leih ihm Herd und Feuer,
ruhe nicht, bis sein inneres Wesen, das Gute, Schöne, das Wohltun in mich
strömt, Leben in mir empfangen hat und Liebe. Ach! nichts soll untergehen, das
mir einen Blick der Vereinigung zuwarf, das mir Leben gab und Leben von mir
nahm; wenigstens so lange soll es nicht untergehen, als ich selbst daure.
    Nun bin ich hiermit freilich mancher Verletzung blossgestellt, die ich ohne
das nicht empfände. Alle die Dumpfheit, Achtlosigkeit, Geringschätzung,
Flüchtigkeit der Menschen um mich her, und die noch ärgere Schmach ihrer
vorüberrauschenden Entzückungen trifft mich, verwundet mich. So von allen Seiten
angefochten, jedermanns Hand wider mich, ist doch meine Hand, ich schwör es
Euch, wider keinen. Ich seh immer noch viel Liebes und Gutes an den Menschen. Da
hab ich hier einige rosenwangichte Mädchen, die mich durchaus erquicken, so oft
ich sie sehe. Es wird einem unter ihnen, als wandelte man zur Frühlingszeit in
einem Blütenregen. So voll Mut, so voll Lust sind sie, dass sie Hülfe rufen
müssen. Da hangen sie dann an meinen Armen, an meinem Hals, entladen ihre
Lippen, und lassen in ihren schuldlosen Augen mich einen Zauber schöpfen, der
mich alles vergessen macht. Mit einer Wonne drück ich sie dann an mein Herz,
fast als wenn's Liebe, dauernde Liebe wäre. Und seht, geradeso treib ich's mit
hundert andern Dingen; lasse alles gut sein, und mir zugute kommen, was nur gut
sein mag. Ich werfe nichts auf den Boden, trete nichts unter die Füsse, mag aber
auch nichts aufspeichern, nichts von Menschengunst und Achtung. Seht, wenn mir's
wohl einmal wird, als sollte dergleichen dauern, als erwartete ich's, so
überfällt mich doch gleich eine Schwermut, ein Zagen, dass ich vergehen möchte.
Wie warm auch von aussen mein Herz sich anfühlt, wie von sich scheinend es auch
ist, so dünkt mich's alsdenn doch in der Tiefe kalt. Ja, das ist's, dass jede
Anwandlung von Vertrauen, von Freundschaft in meiner Seele zum Trauer- und
Schreckengedanken wird; dass ich's gleich so hell vor mir habe, dass es nur
Wiedererscheinung ist jener längst entwichenen Engelsgestalt, mit welcher ich
ein Totengerippe in den Schoss nahm. Dann raschelt's mir von neuem unter der
Haut, und ich fühle die grinsende Frucht sich in meinem Busen regen.
    Ach! Clerdon, Amalia, Schwestern, zürnt nicht über Eure Sylli. Ihr wisst ja
meine Geschichte zum Teil - und wenn Ihr sie ganz wüsstet, Euch das alles
offenbar wäre, was hier tief und fest verschlossen liegt! - Aber redet, zeugt,
ist es meine Schuld, dass es so mit mir geworden? War ich zaghaft, weichlich,
dachte ich wohl darauf, mir Schmerz, Tränen zu ersparen; brachte ich je etwas in
Anschlag, das nicht Liebe war? Voller Mut, voller Zutrauen, im Glauben
unbeweglich, duldete ich nicht alles, wagt ich nicht alles, gab ich nicht alles
dran, alles, alles? - Was half's? Nacheinander und miteinander musst ich sie alle
verdorren sehen, die Bäume und Lauben in den Gefilden meiner Jugend, und sinkend
die Blumenbeete ihres Schattens verheeren!
    O des unvergifteten Pfeils, der aus Freundeshand in Euer Herz fährt; den er
lächelnd darin umkehrt, und voll Unschuld fragt: »Wie kann das so schmerzen? er
war ja nicht giftig!«
    Nicht diejenigen, die mit Grimm und böser Tücke mich von sich stiessen, waren
meine Verderber; die waren's, die ohne sichtbare Verletzung, mich nur so da
liessen; gleich einer zeitig gewordenen Frucht, die sich vom Zweige trennt, und
mit ihrer Schwere davongeht. Hört, ich bin nicht vom Blitze zersplittert, nicht
abgehauen; nur ausgesogen bin ich; habe noch Kron und Blätter: und so mag denn
der Stamm bleiben, bis auch diese einmal verwelken und nicht wiederkommen.
    Wenn ich nur meinen Augen wehren könnte, umherzuschauen, wüsste sie wohin
abzuwenden, weg von dem traurigen Einerlei menschlichen Lugs und Trugs. Es ist
ein wahrer Jammer, wieviel die Leute voneinander fordern, erwarten, hoffen, sich
und ihren Brüdern zutrauen, würklich zu geben und zu nehmen meinen. Jede Sonne
bringt unsterbliche Liebe, unsterbliche Freundschaft auf die Welt; wer nur nicht
weiss, dass auch mit jedem Tag ein Abend kommt, und was dreimal geschehen wird,
ehe der Hahn krähet. Am mehrsten dauern einen die guten Seelen, die, wenn sie
einige Jahre zusammen fortgeschlendert, oder wohl gar von Kindesbeinen an ihr
Tun miteinander getrieben hatten, und ihrer Sache recht gewiss zu sein glauben,
nur ein Schicksal, nur ein Grab sehen, allen Stürmen Trotz bieten; am Ende doch
sich unversehens einander in den Grund segeln; oft, der läppischsten,
armseligsten Grille wegen, gescheitert daliegen, ohne Rettung. Wohl ihnen, dass
sie selten das Geheimnis ihres Schicksals verstehen.
    Ich habe lange ein Bild alles menschlichen Tuns und Seins, unserer
sogenannten Laufbahn, in der Seele; ein ärgerliches, aber richtiges Bild: den
Gang im Kranen. Mit zugeschlossenem Auge rennt jeder vorwärts in seinem Rade,
freut sich der zurückgelegten Bahn; weiss soviel Torheiten, soviel Jammer hinter
sich, und merkt nicht, dass nah an seinem Rücken alles das wieder emporsteigt,
von neuem über sein Haupt, vor seine Stirne, und unter seine Tritte kömmt. Ich
mag hievon nicht reden: denn wer's am hellsten einsieht, hat's nur um so viel
besser, dass er in seinem Rade stille stehen bleibt, die andern auslacht, oder
beseufzt - und sich mit - - Oh, er ist weit am schlimmsten dran!
    Wo ich hingeraten bin! - Das war mein Wille nicht; aber nun sei es mein
Wille; denn was schadet's? Ihr wisst ja, was tausendmal gesagt worden, dass
jedweder seine Not in Augenblicken, wo er mit seinem ganzen Dasein in ihre
Vorstellung übergeht, als die grösste fühlen muss: und so lasst Euch dann nochmals
gesagt sein, dass Eure Sylli es im Grunde doch so schlimm nicht in der Welt hat.
Glaubt mir, glaubt den Worten unsers lieben Primrose: »Die dunkelsten
Gegenstände, je näher wir ihnen treten, erhellen sich mehr, und das Auge des
Geistes bequemt sich nach der trüben Lage.« Auch führt ja Clerdon so oft die
Verse im Munde:
»Kein Leiden ist so gross, ein Chor von stillen Freuden
Gesellt sich ihm mitleidig bei.«
O glaubt, glaubt, so wenig auch der Zeugen dafür sein mögen: wer nicht weiss, wie
man sich auf Dornen bettet, den hat die beste Rast noch nie erquickt.
    Freilich wär all dies Sagen nichts, wenn mein Herz von den Menschen los
wäre; aber, gewiss, es hängt an ihnen mit seinen besten Nerven und Gefässen. Kann
doch niemand sich erwehren, die Kinder zu lieben, an denen wir sicher nicht mehr
haben, und von denen wir nicht mehr erwarten, als ich von meinen Menschen. So
einen kleinen, hübschen, muntern Jungen, wenn ihr den drückt und küsst und herzt,
und ihn nicht lassen könnt; ist das wohl, dass ihr den vortrefflichen Mann denkt,
der vielleicht in ihm steckt? Nein, das blosse Kind zieht euch an, wie es in dem
gegenwärtigen Augenblicke vor euch leibt und lebt; weil es ist lieblich
anzuschauen, süssen Mund, freundliche, blickende Augen, hüpfende Glieder, Leib
und Leben hat wie ihr, und seine Nerven mit den eurigen Triller schlagen. Ihr
wisst, dass ihr seine Zuneigung mit Naschereien und Spiel erkauft, und geniesst sie
nichtsdestoweniger mit herzlichem Wohlgefallen. Ihr trauert nicht, zürnt nicht,
wenn ein anderer mit glänzendern Geschenken oder höherem Tanz es von euch
ablockt, und es euch dann nicht mehr mag, und euch »Bah!« schilt; oder wenn es
geradezu eurer müde wird, weil ihr seine Laune nicht länger unterhalten, seine
Begierden alle nicht erfüllen konntet. Ich erstaune, dass die Bemerkung, wir
Erwachsene sein nur ältere Kinder, mehrenteils, wo nicht immer, mit einer
verachtenden bittern Miene, und zum Behuf der Lieblosigkeit angebracht worden;
da sie mir der zuverlässigste Lebensbalsam zu sein scheint. Und dann - ein wenig
besser als Kinder, sind wir - Mann und Weib, Jüngling und Braut, doch noch
allemal.
    Ja! helle Wonne ist es, so die Menschen zu lieben, ohne Eitelkeit ohne
Ansprüche, eben, mit lauter Liebe. Da geht alles so gerad und rein zum Herzen,
und das Herz ist so mächtig. - O lasst, lasst mich nur schweben im Limbus, bis ich
vollendet werde!
 
                                Clerdon an Sylli
                                                                    Den 8. März.
Liebste Sylli! dass Sie so lange nicht schrieben! Wir alle zerbrechen uns die
Köpfe darüber, die gute Amalia, die Nichtchen und ich, jeder nach seiner Weise.
Aber nächsten Sonnabend kömmt sicher ein Brief von Ihnen, denn ich weiss, Sie
lassen meinen letzten keinen Tag unbeantwortet. In Fällen, die das Herz angehen,
will ich alles Gute mit weit grösserer Zuverlässigkeit von Ihnen, als von mir
selbst, voraussagen; denn Sylli kann da nicht straucheln. Sie seufzen doch wohl
nicht über meinen starken Glauben?
    Hier bei uns sollten Sie jetzt sein, liebste Sylli, dass wir Sie mit in unsere
Reihen schlängen, den neuen Frühling zu umtanzen. Die unwiderstehliche Wonne des
gestrigen Tages müssen auch Sie gefühlt haben. Mich hat sie ganz durchdrungen,
gelagert sich in all mein Gebein. Mir ist, wie einem Jünglinge, der soeben aus
eines frommen Mädchens Auge sich die Seele voll Liebe und Hoffnung getrunken
hat; so froh, und zugleich so heimlich ist mir's im Busen.
    Früh mit dem Morgen ging's an. Ich erwachte von der ersten sanftesten
Dämmerung, fand mich aufgerichtet, wie von dem Arm eines Freundes, der mich zum
unerwarteten Wiedersehen aus dem Schlummer küsste. Ich streckte meine Arme aus
nach dem Liebenswürdigen; irrte ihm nach, und fand ihn, fand ihn -schaffend am
Aufgange. - Wer an einer Musik für das Auge zweifelt, der hätte diese Morgenröte
sehen sollen. Ein solcher Engelsgesang schwebte mir nie auf Tönen in die Seele.
Doch was weiss ich, mit welchen Sinnen ich empfand? ich war ausser mir. Gleich im
ersten Moment, beim Erreichen der Gegenwart, überwandelte mich's,
durchschauderte mich's; dann tiefer in der Brust ein Beben, immer tiefer und
inniger; im geheimsten Busen auflösendes Beben, das den ganzen Erdensohn tötete.
Tod, schöner, himmlischer Jüngling! Des verwesenden Teils entladen, flog ich in
seine Arme, sank in seinen Schoss, war bei ihm, war in ihm, in Ihm, der da ist,
war und sein wird; kostete Allmacht, Schöpfung, ewiges Bleiben in Liebe. - Ach,
Sylli, dass ich wieder zurückkehren, dass es Tag werden musste!
    Aber dennoch ein herrlicher Tag, wohl der schönste meines Lebens!
    Mit dem ersten Blicke der Sonne, der meine Augen auf die umher verbreitete
herrliche Gegend sich niedersenken machte, und den von Erde Gebornen wieder
weckte, schoss mir lichtschnell durch die Seele ein Strafgedanke: welch ein
sündlich Wesen es doch sei, diese herrliche Pracht Gottes so über Wall und
Graben nur zu beschielen, nur etwa am Abend ein wenig daran vorbei- oder
hinterherzuschleichen, da doch nichts wehre, sich hinein zu lagern in diese
Herrlichkeit ganze Tage lang, sich anzukleiden über und über mit dieser Pracht
Gottes, zu geniessen das Seinige, den weiten offenen Himmel, und die grosse offene
Erde.
    Ich raffte mich zusammen, und zog hinaus in den vollen Sonnenglanz,
wandelte, und nahm Besitz von Acker, Wiese, Bach, Wald und Strom, Höh und Tiefe,
Himmel und Erde. Und als ich nun an den Hügel, mein Ziel, gelangte,
hinankletterte, endlich droben stand in meinem ganzen Vermögen, und weit
umherschaute; da hüpfte in meinem Blut, und pochte auf meiner Brust, und trotzte
in meinem Gebein, und schauerte in meinem Haar, jauchzte, klang und sang in
allen meinen Nerven, Liebe, Lust und Macht zu leben.
    Was hier weiter mit mir vorgegangen, und die vollständige Geschichte dieses
Tages bekommen Sie, wenigstens heute, nicht. Ich ward in meiner Begeisterung
durch einen Besuch von Eduard Allwill unterbrochen. Er blieb mit uns zu Tische,
und nun bin ich zerstreut und in ganz veränderter Stimmung. Nicht wahr, Sie
erkundigten sich ja ohnlängst nach unserm Eduard? Geduld! meine Frau soll Ihnen
ausführlich von ihm erzählen. Seitdem Sie ihn sahen, hat er sich sehr
ausgebildet, aber ein eben unbegreifliches Durcheinander von Mensch ist er noch
immer. Nie habe ich eine solche Allgemeinheit des Gefühls gesehen, und das in
einem Alter von zweiundzwanzig Jahren, wo sie nicht aus vielen Erfahrungen und
Bemerkungen abgezogene, kalte, mangelhafte Erkenntnis, sondern nur unmittelbare
Empfindung sein kann. Ein so schneller und fast gleich mächtiger Sinn für alles
muss eine wunderbare Mannigfaltigkeit seltsamer Erscheinungen hervorbringen.
dabei ein so glühendes mutiges Herz, seine ganze Seele so offen, so lieb, kurz,
für mich ist dieser Eduard einer der interessantesten Gegenstände.
    Sein Vater erzählte jüngst von ihm, er wäre seit seinem dritten Jahre nie
heil gewesen, hätte immer ein paar Beulen am Kopfe, und Wunden überall gehabt.
Man wird nicht müde, den guten Major von den seltsamen Streichen des Knaben
erzählen zu hören; und wie er selbst und die Herren Präzeptoren ihn eben für
kein Kind guter Hoffnung gehalten, weil er, mit aller seiner Lebhaftigkeit, doch
im Studieren sehr träge, und mit aller seiner Guterzigkeit äusserst hartnäckig,
ausgelassen, beissend und trotzig gewesen. Für etwas schwach am Geist hielt man
ihn, weil seine Kameraden ihn beständig überlisteten, ohne Müh ihn zu allem
beredeten, und ihn alle Zechen bezahlen liessen. Ein grösserer Held in der
Freundschaft und Liebe ist nie gewesen, und verliebt bis zur Raserei war er
schon in seinem neunten Jahre. Mir fallen eben ein paar Züge ein, die kurz und
leicht zu erzählen sind. Gegen sein sechstes Jahr hatte er sich in den Kopf
gesetzt, sein treues Schaukelpferd, genannt der Fuchs, würde lebendig werden,
wenn er ihm eine lebendige Fliege beibringen könnte. Er quälte sich ohnermüdet
mit den Zubereitungen zu seinem Versuch, der so leicht nicht angestellt werden
konnte, weil die Schaukelmaschine nicht hohl war. Einst, als er sie sehr heftig
in Bewegung brachte, so dass sie mit den vordersten Enden beständig auf den Boden
stiess, ward er unverhofft inne, dass sie fortrutschte. Nun trieb er sein Tier
stärker an, und gelangte ziemlich geschwinde mit ihm bis ans entgegengesetzte
Ende des Gemachs. Seine Freude war ausgelassen. Kein Mensch vermochte ihm
auszureden, dass sein Fuchs zu leben anfange, und für nichts in der Welt wäre er
mehr von seiner Seite gewichen. Es ward Mittag, und Eduard hatte keinen Hunger.
Sein Vater liess ihm sagen, wenigstens herunterzukommen; aber sosehr er sonst den
Major fürchtete, konnte er diesmal nicht gehorchen. Alle Leute im Hause, die
schon im Geiste ihren lieben Eduard bis aufs Blut peitschen sahen, liefen
hinauf, fleheten, schmeichelten, verhiessen, droheten: alles war umsonst. Der
Major, der schlechterdings gehorcht sein wollte, befahl, den Knaben mit Gewalt
herunterzuschleppen. Das geschah. Nachdem er weidlich ausgescholten worden,
sollte er sich zu Tische setzen; nein, er hatte keinen Hunger. Man drohte, man
zwang; alles vergeblich: er sah nur seinen Fuchs, und den Himmel offen. Da nun
aber schlechterdings ihm der Kopf gebrochen werden sollte, so blieb nichts
übrig, als ihn tüchtig abzuprügeln, und von seinem Fuchse zu trennen, welches
dann ohnverzüglich also ins Werk gerichtet ward, dass man ihn auf ein paar
Stunden in ein finsteres Loch sperrte.
    Einige Zeit nachher hatte er sich abends im Dunkeln auf ein hohes Gestell
geschlichen, in der Absicht, einen grossen Sprung zu versuchen, den er nach
vielen Übungen und Sukzessen jetzt glaubte wagen zu dürfen. Er sprang herzhaft
zu, stürzte aber so gewaltig, dass man fürchtete, das Nasenbein wäre entzwei.
Kleinigkeit! Aber am folgenden Tage vor dem Vater zu erscheinen! Alles in der
Welt; nur das Ausschelten konnte der Junge nicht leiden. Man hatte es diesmal
leicht beim Major dahin gebracht, dass er seinem Eduard alle Strafe, und noch
obendrein das Zu-Tische-Sitzen erlassen. Nun aber sollte nach dem Essen der
Junge denn doch vor ihm erscheinen, und da entstand grosse Not. Der schüchterne
Starrkopf wollte durchaus nicht hinunter, bis sein älterer Bruder Wilhelm, ein
feiner, beredter, doch aber grundguter Knabe, ihn unter den heiligsten
Versicherungen, der Vater werde der zerquetschten Nase mit keiner Miene
erwähnen, endlich dazu vermochte. Grosse Mühe hatte es dennoch gekostet, weil
Wilhelms Kunst Eduard schon in so manchen schlimmen Handel verwickelt hatte;
aber eine unversiegende Quelle von Glauben im Grunde seines Herzens
überschwemmte immer bald sein Gedächtnis, so dass er auch noch von dieser Seite
nicht weiser geworden, und es wohl nie werden kann. Nun wanderte Eduard an des
Bruders Hand zum Major, der ihn verheissenermassen ganz milde ansah, doch aber zu
bemerken nicht unterliess, er würde ihm wohl müssen ein Nasenfutteral machen
lassen. Rasch dreht sich mein Eduard: und zu Wilhelm: »da Lügner!« mit einem so
kräftigen Stosse, dass dieser vier Schritte weit rücklings in einen Sandtrog
tummelte. Der Major entsetzte sich, und warf den Täter, als das verächtlichste
Ungeheuer, von sich.
    Dergleichen begab sich alle Tage, aber Eduards Mut und guten Humor konnte
von der Seite nichts beugen. Schwerlich hat ein Mensch mehr Schläge erlitten,
denn nie wollte er sie durch willige Übernehmung nur der kleinsten Schmach
abkaufen, noch den Unwillen seiner Vorgesetzten durch Tränen oder Flehen
mildern. Er selbst erzählte mir neulich, dass er einst nah auf den Tod gegeisselt
worden, da sein Präzeptor ihn durch sokratische Fragen zu dem Geständnisse
versuchet, Prügel sein Wohltaten, und er ihn immer durch verstellte Albernheit
aus der Folge gebracht. Für seine Kameraden übernahm er mehrmals Schuld und
Strafe, nicht sowohl aus Freundschaftsentusiasmus und Mitleiden, als weil ihm
vor ihrem Flehen und Heulen während der Exekution unerträglich ekelte. Bei allem
dem nicht ein Schatten von Keckheit; im Gegenteil so schüchtern, so demütig
gegen jedermann, wovon er Gutes dachte; zugleich so vorliebend, so dankbar, so
mild und so gut, dass er den meisten, teils für einen Tropf, teils für einen
Schmeichler galt.
    Vor Unwahrheit, ja vor blossem Irrtum - Gut dass ich hier ein neues Blatt
suchen musste, sonst wäre mir schwerlich eingefallen, dass in einer Viertelstunde
die Post abgeht. Wenn Sie wollen, so komme ich nächstens auf diese Materie
zurück, und erzähle Ihnen von den Kontrasten im kleinen Eduard, wie er bei aller
seiner Unbändigkeit nicht wild, sondern zur Stille, zum vertraulichen Leben
geneigt war; wie er bei seiner heftigen Begierde nach sinnlicher Lust, bei
seiner Unbesonnenheit im Handeln, doch immer grübelte, und mit ganzer Seele an
unsichtbaren Gegenständen hing; wie er hierüber zu Ansichten gekommen, deren
Grösse sein ganzes Wesen zerrüttete, ihn bis zur Ohnmacht drückte; so, dass er, um
den Anwandlungen davon zu entrinnen, sich oft die Hände blutig biss, oder gar
sich die Treppe hinunter in den Keller wälzte; wie er endlich im vierzehnten
Jahr ein Pietist geworden, usw. - Es ist unaussprechlich reizend, alles dies vom
Kinde zu wissen, und hernach den Jüngling zu beobachten: wie es immer noch
dieselbigen Karten sind, nur etwa ein paar dazu oder davon, anders gemischt und
anders gespielt.
N.S. Mir fällt ein, Ihnen einen Brief beizulegen, den Eduard mir jüngst aus
Kambeck schrieb. Ich muss ihn aber ohnfehlbar zurückhaben, um zu seiner Zeit die
erste Hälfte davon dem Verfasser wieder vorzulegen. Der gute Allwill glaubt
schon geliebt zu haben. Aber dennoch wieviel Wahres liegt nicht in seinem
leichtfertigen Geschwätz! Die Waldbegebenheit wird Sie freuen.
                           Beilage zu Clerdons Briefe
                                Eduard an Clerdon
Es war gar nichts von einem Schlagflusse, mein Bester, was Ihnen so fürchterlich
beschrieben worden; nur ein heftiger Schwindel, der seine guten Ursachen hatte.
Es ist nun wieder besser, und mir nicht mehr bei Strafe - des ewigen Lebens,
oder - des Tollhauses verboten, zu lesen, zu schreiben, oder sonst etwas
Menschliches zu beginnen. Auch scheint die Sonne wieder am heitern Himmel; die
Luft ist still; ich und die ganze Natur, wir sind bei gutem Humor.
    In unserm C** heisst's also, ich sei der Frau von Kambeck im Netze, oder noch
besser, ich liege ihr zu Füssen, bete sie an? Mag's doch! aber Sie, lieber
Clerdon, sollen die Sache besser wissen. Hören Sie mein ganzes Geheimnis. Der
Umgang des andern Geschlechts reizt mich unendlich; die artigen Geschöpfe haben
so etwas Sanftes, Anschmiegendes, das mir behagt. Neben ihnen stimmt allmählich
das allzu Heftige in meiner Empfindungsart sich herab; sie stehlen mir
Gleichmütigkeit und Ruhe ins Herz. Kömmt nun gar noch eine etwas nähere
Beziehung hinzu, und ich fahre mit meiner Juno droben auf den Wolken, und die
Stutzerchen unten klettern die Berge hinan, und türmen ihre Felsen aufeinander -
oh, Clerdon, das bringt immer richtig meinen Satan um all sein Latein; es ist so
gut, als ob er in einem Weihkessel scheiterte, und ich - habe gewonnen Spiel.
Aber bei allem dem, oder vielmehr eben deswegen ist es mir ein unerträglicher
Gedanke, von eben belobten Göttinnen irgendeine anzubeten, ihr in ganzem Ernst
zu Füssen zu liegen. Vor Jahren, ja, da waren Rolands Taten auch meine Sache;
allein ich ward doch ziemlich bald inne, wie es im Grunde mit meinen
»Unsterblichen« beschaffen war, und bemühte mich glücklich, den Willen des
allgewaltigen Schicksals auch zu dem meinigen zu machen.
    Lieber, ich habe nichts dagegen, dass es Clarissen, Clementinen, Julien, und
sogar heilige Jungfrauen von unbefleckter Empfängnis überall gebe: aber, ich
bitte, nur keinen zu grossen Lärm davon! Denn seht, diese erhabenen Einbildungen
sind schuld, dass so viele Menschen verächtlich von denen Weibern denken, die -
Gott gemacht hat, von Weibern für diese Erde, und nicht für den Mond, wohin die
Herren den Weg fragen. Da schelten sie dann, und klagen über Grausamkeiten,
Treulosigkeiten, Abscheulichkeiten, Schandtaten, die sie von ihnen erfuhren, da
doch die guten Geschöpfchen mehrenteils nicht einmal wissen, was das für Sachen
sind. Toll, dass wir so hart gegen sie verfahren! Lassen wir sie, wie die Natur
sie beliebt hat, ohne sie zu Engeln martern und versuchen zu wollen; alsdenn
werden sie uns sehr gerne lieben, und mit so viel Innigkeit, Festigkeit und
Grossmut, als ihre artigen lieben Seelchen nur vermögen.
    Ich muss meiner spotten, und mich ärgern, wenn ich zurückdenke, wie ich sonst
nie an einem Mädchen hangen konnte, ohne mich aus allen Kräften zu bemühen, es
nach einem gewissen Muster, das ich im Kopf hatte, umzubilden. Sie erinnern sich
doch jener amerikanischen Wilden, die zwischen zwei Brettern ihren Kindern Kopf
und Hirn zerquetschen, und sie zu Ungeheuern verstellen, in der löblichen
Absicht, sie der vergötterten Sonne und dem vergötterten Monde ähnlich zu
machen. Geradeso war auch mein Tun, und während ich mit dieser Narrheit mich
schleppte, hab ich schreckliche Leiden erduldet. Alle Augenblicke waren meine
Gestirne in Verfinsterung, und so arg ich auch lärmte, um den hässlichen Drachen,
der sie zu haschen lauerte, fortzuscheuchen, musst ich ihn zuletzt doch immer sie
vor meinem Angesichte jämmerlich verschlingen sehen. Von so viel unglücklichen
Erfahrungen müde, sprach ich einst an einem frühen Morgen sehr weislich zu mir
selbst: es ist ja wahr, dass weder Aspasia, noch Danae, noch Phyllis, noch
Melinde, noch so viele andre Namen, die du wohl weisst, Namen von Sternen am
Himmel sind: aber sag an! zecht man nicht oft beim Wachslichte fröhlicher, als
man im höchsten Sonnenglanze tafelt? Nun, so geniesse der kleinen Feste, und lass
die wunderbaren, ungeheuren Herrlichkeiten, womit es, ohne den Zauberstab des
grossen Merlins, doch nie recht gelingen kann. - Seit dieser Zeit, was für
Abenteuer mir auch im Gebiet der Liebe zugestossen, habe ich nie wieder an meinen
Schönen Hörner, Fischschwänze oder Krallen wahrgenommen, sondern - es mir immer
wohl sein lassen. Von hier komm ich vor Anfang der künftigen Woche schwerlich
weg. Ich liess mich auch gerne halten, wenn nur der junge Graf von Batuff nicht
wäre, den mein böser Geist hieher gebannt hat, und der mir alle Augenblicke
etwas Unangenehmes mit sich zu schaffen macht. Er verstimmte mich gleich im
ersten Augenblicke, da ich hier ins Schloss trat. Sie wissen, dass mein Präsident
mir den ärgerlichen Auftrag gab, auf dem Wege hierhin ein paar Stunden
umzureiten, um die neue Wassermaschine in dem Bergwerke zu D*** in Augenschein
zu nehmen. Ich tat das so kurz ab, als möglich; und ritt nun in gestrecktem
Trabe durch den Wald nach Kambeck zu. Ohngefähr in der Mitte des Waldes sah ich
zwei ausgespannte Pferde, einen umgeworfenen Karren, und den Führer, an einen
Baum gelehnt, daneben stehen. Der arme Kerl hatte sein Holz alle abgeladen, auch
das eine Rad ausgenommen, war aber dennoch nicht imstande gewesen, den
eingesunkenen Wagen in die Höhe zu lüften. Der Vorfall - wie ich's nehmen mochte
- kam mir ungelegen. Ich ritt vorbei; aber vermutlich hatte mein rechter Arm
sich mechanisch zurückgezogen, denn mein Pferd kam aus dem Trab. Den Augenblick
ward's mir auffallender, dass ich - nicht auf der Flucht sei, und so ward
Meister, was recht war. Ich stieg ab, und bot dem armen Hülflosen meine Dienste
an. Ein Blick auf meine goldene Einfassung, mit einem bittern Lächeln, erwiderte
mir, dass seinesgleichen von Vornehmen keinen Beistand, wohl aber den grausamsten
Spott erwarten müsse. Das war ein Blitz in meine Seele, Clerdon. Ich fühlte alle
die Schimpfreden und die Prügel, die ich ohnfehlbar dem Menschen gegeben hätte,
wenn er in ähnlichen Umständen mich angetroffen, und seine Hülfe mir versaget
hätte. Ohne weiters griff ich den Karren mit solcher Kraft an, dass er in einem
Ruck auf der entgegengesetzten Achse ruhte; dann flog ich auf das Rad zu, und
rollte es herbei; der Wagen ward hervorgezogen und das Rad eingesetzt. Ich
wollte dem Manne auch sein Holz wieder aufladen heiren, aber das litt er
schlechterdings nicht wie herzlich auch mein Bitten war. Er fühlte nicht, was
für eine Wohltat er mir erwiesen hätte. - Ach, wie zufrieden der Arme mit mir
war, wie er mir dankte, mich bewunderte, es nimmer vergessen, es seinen Kindern,
dem ganzen Dorf erzählen wollte! Grosser Gott! ich meinte vor Scham und Schwermut
zu versinken, und wäre diesmal gewiss nicht nach Kambeck geritten, wenn ich nur
sonst gewusst hätte, wohin. Ich kam spät an. Aus meinem übelzugerichteten Anzuge
ward geschlossen, ich sei mit dem Pferde gestürzt. Ich erzählte meine
Geschichte. Der Herr Graf standen ausgegreitscht mir dicht vor der Nase, in
einer echt adelichen Positur, die ich gemalt haben möchte; und als ich geendiget
hatte, sagte er mit einer albernen Fratze zur Frau von K.: »Es ist ein Glück,
dass dem Bauern die Pferde nicht durchgegangen waren, und er selbst mit einer
starken Blessur dalag; sonst hätte Allwill seinen Engelländer einspannen, und
den lieben Nächsten heimkarrigen müssen.« - »Herr Graf«, erwiderte ich, »Sie
urteilen vielleicht zu günstig von mir, denn ich hätte ja so nah meinen armen
Bauer hülflos gelassen, und wäre - ein Schurke gewesen.« So leise ich, aus guter
Lebensart, das Wort »Schurke« näher hin zu Ihro Hochgeboren aussprach, so war's
doch, gebräuchlichermassen, der F.v.K. nicht entgangen; sie veränderte von Farbe;
und in den Augen des Grafen sah man - dass es ihm seltsam ward in seinem
Eingeweide. - Aber ich fuhr fort, und schwatzte mir das Herz ganz rein, und
ruhte nicht, bis ich alle die Schimpfworte und Prügel, worunter ich den Morgen
mich geängstiget, auf Ihro Gnaden abgeladen hatte. Damit war's denn gut - für
diesmal.
    Wollen Sie wohl, lieber Clerdon, es bei meinem Präsidenten ins rechte Licht
stellen, dass ich einige Tage länger ausbleibe, und es auch meinem Vater zu
wissen tun? Grüssen Sie das vortreffliche Weib, auch Lenore und Clärchen, wenn
Sie dieselben sehen.
 
                                Amalia an Sylli
                                           Den 11. März, morgens um halb sieben.
Gestern nachmittag kamen Eduard, der Herr von Kambeck und ein Offizier, den Du
nicht kennst, und entführten meinen Clerdon nach Born, wo diesen Morgen eine
Kuppel englische Pferde hinkommt. Dem guten Clerdon war's gar nicht drum zu tun;
aber Du weisst, er lässt sich seine Zeit, die ihm so kostbar ist, seine Ruhe,
Gesundheit, Verdienste, Lust und Leben abschwätzen, wie sein Geld: ich werde ihn
noch müssen festsetzen lassen. - Also bin ich jetzt allein, in der betrübten
Lage, all das Fette der vor mir sprudelnden Milch in meine eigene Tasse schöpfen
zu müssen: sie hätte nur gerinnen mögen. Ich fing an zu lesen, aber schon auf
der zwoten Seite ging mir dies und jenes durch den Kopf, das mit Dir zu schaffen
hatte; ich konnte der Zerstreuung nicht wehren, und legte das Buch weg. Liebe
Sylli! der Himmel ist nicht heiter, und das macht, dass mein Kabinett weniger
schön ist. Ich habe ein Fenster geöffnet, und bin ein Weilchen daran stehen
geblieben, um nach meinen Freunden zu sinnen; und jetzt, bis meine Knaben kommen,
will ich ein wenig mit Dir plaudern.
    Ich finge gern mit sonst etwas an, weil Du es schon von Clerdon hast, und
ich ungern nachleire; aber es steckt vorne in meiner Feder, wie ein Pfropf; der
muss vor allem heraus. Also zuerst und abermals von unserm Jammer, unserm
Verdruss, Ärger, Zorn (was hievon es eigentlich sein müsse, wissen wir eben,
leider! noch nicht) über das ungewöhnlich lange Ausbleiben Deiner Briefe.
Clerdon will all sein bares Geld darauf verwetten (wieviel meinst Du, dass wir
ihm dagegen setzen?), dass wir mit dem ersten Postillion mehrere Briefe auf
einmal von Dir erhalten werden. So viel ist gewiss, dass das U**r Paket schon zwei
Posttage ausgeblieben ist. Eine Überschwemmung, die bei E* die Brücke
weggerissen und gewaltigen Schaden angerichtet hat, soll schuld daran sein.
Sonst könnte ja wohl auch zwischen Dir und uns die Erde sich ein bisschen
gespalten haben: warum nicht? nur war es sehr schlimm. - Ernstlich gesprochen,
liebe Sylli, Du machst uns verlegen. Schon am Montag glaubten wir, es könne
nicht mehr fehlen, ein Brief von Dir müsse kommen; und doch war's gefehlt: und
so ging's all die folgenden Tage, nur dass an jedwedem mit unserer Hoffnung auch
unsere Zweifel stiegen, und wir von einer Unruhe ergriffen wurden, mit der
schlechterdings kein Vertrag noch Auskommen war. Die Nachricht von der grossen
Überschwemmung, und den ausgebliebenen U**r Paketen, begleitet von Clerdons
Zureden und kühner Wette, hat uns von neuem ein wenig eingewiegt. Jene Sorge
abgerechnet, liebste Sylli, bin ich jetzt so ganz glücklich, so ganz zufrieden,
so ruhig froh des Lebens - Oh, lass Dir's wohl gehen, Sylli; lass Dir's ja wohl
gehen, und mache mir die schönen Tage nicht zuschanden!
    Ich bin so ruhig, so froh, und konnte doch die verwichene Nacht wenig
schlafen, für fremder Sorge. Die gute Frau von - ... (Die hier erzählte
Begebenheiten müssen, wegen gewisser noch obwaltender Beziehungen, für diesmal
unterdrückt bleiben.) - ... Wie unartig, dass ich Dir diese lange Geschichten
machte, da Du so viel eigenen Gram hast? Auch will ich rein aufhören, mich aus
dem Staube machen, und diesen Abend mit lachender Laune wiederkommen.
                                                           Abends um halb 5 Uhr.
Da kommen meine drei Ältste mit grossem Jubel von einer Spazierreise über die
Donau nach Hause, und sind gar herrlich und guter Dinge gewesen, haben mit zween
Vetter-Franzens-Kameraden sich himmlisch ergötzt. Wieviel Freuden mir die Knaben
machen! Alle drei führen sich ungemein gut - und Heinrich musterhaft gut auf.
Dieser wird allgemach ein lieber Junge, so dass auch sein Vater anfängt, weniger
Arges von ihm zu denken, und Carl, den Topinambu, nicht mehr so grausam
vorzieht. Sein Virtuoso ist ordentlich verliebt in ihn; in etlichen Wochen soll
er schon die Ouvertüre vom »Deserteur« spielen; aus »Lucile« und andern
Operetten, die er aufführen sehen, geigt er eine Menge Sachen mit einer solchen
Herzenslust, dass man sich gern dünken lässt, er mach es so schön wie möglich:
gewiss der Junge wird ganz musikalisch, und verdient den ersten Platz in meiner
Kapelle, und ich hab's geschworen, kein anderer soll ihn drum bringen. - Auch
Herr Bering und Herr Kamp rühmen ihn sehr, und da Georg ihn nun alle Tage fein
ordentlich frisieret, so würdest Du viel Freude an ihm erleben. Von diesem
kleinen Heinrich verkündigt Heinrich der Grosse, dass er bei unserm Geschlecht
dereinst in hohem Ansehen stehen, und zu grossen Ehren gelangen werde. In der Tat
wird seine Bildung täglich einnehmender; er hat nicht mehr die hohlen Backen,
noch die abgestümpften Haare; sondern ein rundes Gesicht, mit hübschen Locken
eingefasst, und ist gepudert obendrein. Aber, ach, der Knoten, der Knoten unter
dem Kinn! Beim Ansehen nimmt man ihn nicht wahr; aber ich hab ihn in allen
Fingerspitzen, und kann mir ihn unmöglich aus dem Sinn schlagen. - Nun, das
heisst von Buben geschwätzt! Wenn Dir's diesmal Langeweile macht, so bedenke,
liebe Sylli, dass Du mich durch Deine herzwillige Teilnehmung an all dergleichen
verwöhnt und verstockt hast. Gegen andre Leute rede ich - Ich höre Clerdon!
 
                                                                  Sonntagmorgen.
Es ist schon neun Uhr. Ich schlief bis halb sieben, und erschrak fast so sehr,
als ob ich - mich tot fände. Lass mir das Gleichnis, und höre weiter. Ich bin im
Negligé; öffne die Tür: - Was um des Himmels willen? - ja gewiss! Denk, Sylli, da
sitzt meinem Clerdon gegenüber ganz impertinent in meinem Sessel Eduard, und
lässt sich's wohl schmecken aus meiner Schale. Ich wollt ihm in die Haare; aber
er rief aus allen Kräften: »Warten Sie doch, ich bin ja nicht frisiert!« Der
junge Mensch hatte recht; ich beschied ihn auf den Mittag. Nun ward mir
bedeutet, er habe meinen Kaffee bloss deswegen zu sich genommen, weil er kalt
gewesen wäre, und mir ein besseres Frühstück gebührte. Es war auch schon dafür
gesorgt. Im Kamin stand ein Schokoladentopf, welchen, mit allem Zubehör, der
wackere Ritter im Hui auf der Serviette hatte, und hernach mit dem besten
Anstande mir bediente. War das nicht sehr artig, Sylli? Aber, Du magst es
glauben oder nicht, unser Beisammensitzen und Geschwätz war doch wohl ebensoviel
wert. Beide Mannsleutchen sagten gar herrliche Dinge, so dass ich mit Mühe
überwand, da mein Stündlein erschien, von dannen zu scheiden.
    Nun ist in meinem Hauswesen alles bestellt, meine Toilette gemacht, und für
Dich noch eine Stunde aufgehoben. Heinrich, Carl und Ludwig wurden gestern
abends nach Hainfeld4 abgeholt, wo sie bis morgen bleiben; und so kam heut
Ferdinand ganz allein »Morgen sagen«; denn der arme Edmund, wie Du weisst, sagt
noch nichts. Liebe Sylli, ja, alles genauso wie Du neulich schriebst, soll
werden, und sein, und bald kommen. Der kleine Edmund, den Du bisher nur aus
denen Portraits kennst, die Guido und Maratti von ihm gemacht haben, mit seinen
grossen hellbraunen Augen, deren Augäpfel man so klar da sieht, und wo eine
beständige Offenheit und Herzensfröhlichkeit ausstrahlt; der soll Dich gleich
anlachen und anjauchzen, wie er lacht und jauchzt, wenn er recht ausgeschlafen
hat. Ohne Gutsel soll der Knabe Dich liebhaben, oder er wäre nicht unser Fleisch
und Blut, hätte nichts von meinem Herzen mitgekriegt, nichts von Clerdons
durchdringendem Gefühl alles Schönen und Guten, von dem Reichtum seiner Liebe -
Sieh, ich kann diese Saite nicht berühren, ohne dass es mir inwendig zittert, und
mir Tränen in die Augen kommen; aber diese Tränen, o wie süss! Engel Sylli, Du
musst kommen, und den Mann sehen, wie er alle Tage lieber und vortrefflicher
wird, wie er sich seiner Kinder annimmt, sich immer freut, wenn ihm eins in den
Weg kommt, und er diese Freude dem Unschuldigen immer lohnt. Mit Ferdinand ist
des Singens und Springens oft kein Ende, und da lässt er tausend Kindereien mit
sich treiben, und sich zausen und hudeln, dass wir alle drum herumstehen, und oft
bange werden und lachen; gewiss, Sylli, er wird als ordentlich mit zum Buben,
hilft ihnen allerhand Streiche ausführen und erdenken, und wenn sie denn wohl
einmal das Ding besser verstehen und ihn auslachen, und er dasteht, der Liebe -
Grosse - Schöne, als der Kinder Spott, er, vor dem so viele in Bewunderung und
Ehrfurcht staunen und sich beugen - selbst der Edelsten so viele - vor dem
besonders ich, o Gott du weisst mit wie echter Demut! mich neige; - wenn er so
dasteht, der Anbetungswürdige, und die ausgelassenen Knaben herumtaumeln um den
Kameraden, und jauchzen und lachen; und nur ich aus meiner Ecke in seinem
göttlichen Auge den Vater sehe und den Mann; ach, Sylli! dann beben dem
schwachen wonnevollen Weibe die Glieder, es sinkt in die Arme des
Unvergleichlichen, hängt an seinem Halse - Und Erd und Himmel möchten nur
vergehen!
    Bin ich nicht allzu glücklich, Sylli? So einen Gatten: so wohl anlassende
Knaben; so liebe treue Gefährtinnen, wie Lenore und Clärchen, die Engel! meine
Schwestern und Töchter; so braves Gesinde; ein schickliches Auskommen; Stand,
Ansehn und Hoffnung; und um das alles her ein so schöner - schöner, lieber Kranz
von Freunden! Aber, sag mir, Sylli, ob die Leute meinen, man könne das alles
haben, ohne Freude darüber, ohne herrlich zu sein? Es muss wohl; denn wie würde
ich sonst so oft gefragt, was ich doch habe, dass ich so heiter und vergnügt
aussehe; gerad als ob das Wunder wäre, was doch gar nicht anders sein kann. Dir,
beste Sylli, sollte ich vielleicht das Bild meiner Glückseligkeit nicht so
lebhaft vor Augen stellen; aber eben weil Du es bist, darf ich's. Du weisst, wie
mich der Gedanke anzieht, das alles mit Dir zu teilen, wie mein Herz so laut
schlägt für Verlangen Dich zu haben und mit glücklich zu machen; und wie ich
dann auf einmal wieder nicht glücklich bin; manche Träne um meine Sylli fällen
lasse - oh, das weisst Du alles, meine Gute, meine Beste, denn Du kennst Deine
Amalia durch und durch. War Dir's nicht, als wenn Dein ganzes Inneres sich
beständig von einer Seite zur andern hin bewegte, wenn Du etwas Widriges von uns
vernahmst? So ist mir, und eine stachelnde Unruhe lässt mich keinen Augenblick
stille, wenn ich weiss, dass Du unpässlich, unzufrieden oder schwermütig bist. Nach
Deinem letzten Briefe scheinst Du jetzt ziemlich gesund; auch machen Dir die**
und die*** noch manche Stunde angenehm, wofür ich ihnen so herzlich gern dankte,
wenn Dank hier Platz fände.
    Von der endlichen Ankunft Deines langsamen Fuhrmanns hast Du schon
Nachricht. Hier noch einen Dank über den Dank, welchen Dir unsere Mädchen
übersandten, für die schöne Besorgung aller unserer Sachen. Das Wachstuch und
die Körbchen hast Du aufzurechnen vergessen. Melde mir, wie ich's mit dem Dir
noch zukommenden Gelde machen soll. Die drei Carolins habe ich nach B. sogleich
besorgt. Die Tabatiere bleibt noch immer allerliebst, und wird nicht anders als
in ihrem ledernen Säckchen getragen. Das Tischblatt? - die Girlande ist sehr
niedlich - aber der Grund? - lass, ich werde mich dran gewöhnen. Wegen des
porzellanenen Deckels schreibe ich nächstens.
    Du wirfst mir vor, dass ich Dir nicht mehr von Ferdinand erzähle. Der Junge
ist eben kaum erst zween Jahre alt, daher sich nicht viel anders von ihm
erzählen lässt, als wie er aussieht; und dies - wie erzählt man dies? Er ist
klein und rund, hat von meinetwegen, das heisst vom mütterlichen Grossvater, das
Dir bekannte etwas finster liegende Auge; doch kann er sehr freundlich daraus
kucken, und Feuer ist die Menge drin. Du weisst, dass Clerdon sich schon längst
verbürgt hat, dass wir an diesem Ferdinand den besten, freimütigsten Jungen von
der Welt bekommen würden. An mir hängt er wie eine Klette, und Bruder Heinrich
holt ihn alle Morgen, ohne Fehl, aus seinem Bettchen, zieht ihm Schuh und
Strümpfe an, und dann gehen wir zusammen frühstücken; nach dem Frühstück muss
Bruder Heinrich mit ihm fort auf den Hof, und ihm sein Spiel in Gang bringen,
und das tut Bruder Heinrich mit immer gleicher Geduld und Freundlichkeit. Liebe
Sylli, wer hätte gedacht, dass Heinrichs Charakter, der so ganz lieblos und mit
allen Lastern furchtsamer Eigensucht besamt schien, sich dergestalt ausbilden
würde? Ich glaube, Du hast ihm alle Morgen mit einem Kuss etwas von Deiner Seele,
die lauter Liebe und Verleugnung ist, eingehaucht, denn erst seitdem Du ihn bei
Dir hattest, ist er so merklich geändert. Carl ist noch immer derselbe »Capitano
Tempesta«, wie Du ihn vor neun Monaten bei uns verliessest; hat aber im Grunde
viel weniger Herz, als Ludwig, der sich täglich wackerer zeigt. Alle vier sind
gut, nur dann sind sie es nicht, wenn man sie zu den Dienstboten lässt; mit und
unter diesen verträgt sich keiner nur eine Viertelstunde lang. Während ich dies
schrieb, ist Ferdinand mit einem Freudengeschrei gekommen, dass er mich funden
hat, und läuft, spielt und schwatzt um mich herum. Für Deinen Garbetto5 liess ich
auch gern hier ein Wörtchen einfliessen, weil es mir vorkommt, als gehörte er mit
zur Kinderfamilie; allein die Kirche ist aus, meine gute Mädchen sind lange da,
und ich habe noch gar nichts heute mit ihnen geschwatzt. Wäre Garbetto hier, es
ging ihm recht gut; denn Ferdinand teilte alle Bissen mit ihm, wie mit einem
Hündchen zu B**, dem er alles und alles gab, zum grossen Skandal der Frau von
Dertrut und ihrer grossen wohlconduisierten Gesellschaft. - Wie das lacht und
plaudert hier neben um Clerdons Kamin herum? Ich will einen Augenblick hin,
liebe Sylli, und mich dann anziehen, und dann essen, und dann in die Kirche, und
dann - ach Himmel! zur Frau Direktorin an den Spieltisch. Ade, Du Beste, Du
Liebe! -
 
                          Lenore von Wallberg an Sylli
                                                          Hainfeld den 12. März.
Wir hatten gestern einen herrlichen Tag in Clerdons Hause, und da entstand
zwischen Clärchen und mir ein grosser Streit, welche von uns beiden Dir heute von
dem herrlichen Tag erzählen sollte. Ich - hatte, leider! nur das Recht auf
meiner Seite - und Clärchen, wie immer, die Gründe; damit beschwatzte sie in der
Geschwindigkeit, eh ich nur ein Wort anbringen konnte, den leichtfertigen
Clerdon so artig, dass er mit der ehrlichsten Miene von der Welt zu mir sagte:
»Aber, Lenore, du hast ja wieder unrecht!« Ich schalt ihn einen parteiischen,
gewissenlosen Mann, der er ist, und rief Amalia zu Hülfe. Mamachen sagte, eine
von uns müsse ohnedem bis auf den Mittwoch bei ihr bleiben; welche von beiden
das nun wäre, die sollte nicht schreiben, sondern es der andern überlassen. Wir
loseten ums Bleiben; Clärchen zog das grösste. Nun hättest Du hören sollen, wie
der unartige Clerdon mich zum besten hatte, wie er mir Glück wünschte, dass ich
zu meinem Recht gelanget sei - Der Kutscher sollte den Phaeton anspannen, und
die Galalivree anlegen, um mich im Triumph nach Hause zu führen, u. dgl. m.
Gegenwärtig ist's mir doch ganz wohl bei meinem kleinern Lose: ich habe Dir von
meinem blauen Tische her, unter dem frohen Gezwitscher einer Menge Vögel, die in
unsern Hecken und Obstbäumen flattern und nisten, einen sehr schönen Morgen zu
bieten, der sich durch das alles hindurch recht frisch zu Dir hinbegeben soll.
Du bist doch wach, liebe Sylli? - So lass Dir erzählen.
    Du weisst, wie Amalia zu uns an den Kamin kam. Eben hatte sie uns, jedwedem
besonders, ihr frohes Gesicht angepasst, und uns ein wenig geneckt, als Bering
mit einem Schreiben von Hof hereintrat. Es entielt die Nachricht, dass eine
Sache, für die Clerdon nicht ohne Gefahr und Verlust aus allen Kräften gefochten
hatte, nach seinem Wunsch entschieden sei. Sie betraf vornehmlich den
grundehrlichen von Birk, der die wackere Frau mit eilf Kindern hat: eine
vornehme Rotte wollte Unehre und Dürftigkeit über ihn verhängen. Noch drei andre
gute Bürger waren in den Handel verflochten, und mit ähnlichem Jammer bedroht.
Der einzige Clerdon hielt bei den Unglücklichen stand; welche sich
nichtsdestoweniger für verloren achteten, da ihnen alle andre Stützen durch List
und Macht vor und nach entrissen worden. Die guten Leute, wie konnt es auch in
ihre Seelen kommen, was man an solch einem Manne hat! - Sie waren gerettet - -
»Lieber Bering«, rief Clerdon, »laufen Sie doch zu Birk und den drei andern, und
bringen Sie ihnen hurtig diese gute Zeitung.«
    Bering mochte ungefähr unten an der Treppe sein, als Clerdon ihm nachflog,
und ihn zurückrief. - »Ich bilde mir ein«, sagte er zu ihm, »die Leute werden im
ersten Freudentaumel zu mir laufen, und ihren Dank gegen mich ausströmen wollen;
Sie wissen, wie mich dergleichen ängstiget: also hindern Sie's, lieber Bering;
erzählen Sie den guten Leuten, was alles zu ihrer Rettung beigetragen: dass ich
es nicht allein tat, und dass, was ich tat, nicht einmal eigentlich um
ihrentwillen geschah. Gott weiss, mein Gemüt war so aufgebracht durch die
Tyrannei und Niederträchtigkeit ihrer Feinde, so voll innern Grimms, dass - dass
ich - Nun Sie wissen's ja, Sie wissen, wie mir ums Herz war; machen Sie das den
Leuten nur recht deutlich, damit sie's begreifen und sich in Ruhe geben.«
    Der gute Bering schüttelte lächelnd den Kopf. - »Ich will mein Bestes tun,
Herr Regierungsrat; aber wieviel ich ausrichten werde? - Die Leute wissen
allzusehr - -«
    »Was?« unterbrach ihn Clerdon etwas hitzig. »Ich wäre ja der schlechteste
Mensch, wenn ich anders gehandelt hätte, und ich hoffe, Sie werden dies mit
gutem Gewissen aus sich selbst bekräftigen können. Besinnen Sie sich nur, und
bedeuten Sie nur gehörig diesen Leuten, wie ich nicht ausstehen kann, wenn man
viel Wesens davon macht, dass einer seine Schuldigkeit getan hat, und kein
Unmensch war.« - Er klopfte Bering freundlich auf die Schulter: - »Gehen Sie,
gehen Sie, und machen Sie Ihre Sachen gut.«
    Ein Weilchen nachher wurden Riedersheimer Deputierte gemeldet. Du musst
wissen, dass unser Freund die Eingesessenen dieses Amts von einem fast
unausstehlichen Druck, worunter sie seit 70 Jahren sich gekrümmt, kürzlich
losgekämpft und losgebettelt hat. Amalia und wir Mädchen taten uns ganz heimlich
etwas damit zugut, dass Clerdon dem Verhängnis einer Danksagung an diesem Tage
nicht ausweichen können. Die Männer traten herein: ein Bürgermeister, zwei
Schöffen, und sechs der angesehensten Grundsassen. Die drei ersten hatten
Clerdon mehrmals gesprochen. Zuversicht und Liebe sprach aus ihrer ganzen
Gebärde, besonders waren ihre ehrliche Gesichter so voll und schön davon, dass
ich sie wohl hätte küssen mögen. - »Herr Regierungsrat«, sagte der
Bürgermeister, »wir kommen mit leeren Händen, das bei dergleichen Gelegenheiten
wohl nie passiert ist; aber da sind sechs Männer mitgekommen, die sollen mit uns
fürs ganze Amt zeugen, dass wir alle in unserm Herzen und vor Gott Ihnen und
Ihren Kindern Haus und Hof zum Notpfennig verschrieben haben, und, wenn's drauf
ankäme, dass auch der Ärmste von uns dann seine letzte Kuh zuviel im Stall hätt.«
- »Ja, Ihro Gnaden«, beteuerten die Männer, »das ist so wahr, als ein Gott im
Himmel ist, und soll auch so wahr bleiben.« dabei falteten sie ihre Hände in die
Höhe, und man sah auf aller Stirne, dass sie vor Gottes Angesicht standen, unserm
Clerdon, Du kennst ihn, war die Sprache vergangen, aber Aug und Mund lächelten
den Rechtschaffenen den Himmel seiner Seele in die ihrigen hinüber. Er reichte
eben seine Hand dem nächsten dar, und wollte zu reden versuchen, als die Tür
aufging, und hinter dem Bedienten drein, der ihn melden sollte, Birk
hereinstürzte, der ohne ein Wort hervorbringen zu können sich ihm zu Füssen warf.
- »Stehen Sie auf, Birk«, rief Clerdon; »stehen Sie auf; ich kann das durchaus
nicht leiden.« Birk gehorchte, schlug die Augen gen Himmel, und deutete hinauf
dem Edlen mit beiden Armen. Indem kamen auch die drei andern, ergriffen Clerdons
Hände und überströmten sie mit Tränen. Birk erzählte unterdessen den
Deputierten, was Clerdon für ihn und die Gefährten seines Kummers getan: und als
diese nun auch hinzukamen, und die Deputierten mit ihrer eigenen Geschichte
erwiderten, da fingen die guten Leute an, unsre Gegenwart zu vergessen; sie
drängten sich zusammen, irrten in vertrauten Umschlingungen durcheinander und um
uns herum, und von allen Stimmen hörten wir die Worte wiederholen: - »Ja, so
gibt's keinen Mann mehr; so hilft er allen Menschen - Stadt und Land muss für ihn
beten.« - - Laut rief unversehens einer aus dem Hauf: »Gott, der Vergelter segne
euch, und erfreu euch auf ewig!« Alle wurden wach, umzingelten Clerdon, küssten
uns die Hände, und wiederholten immerwährend: »Gottes Segen und die ewige Freud,
Amen! Amen!« - Wir weinten recht herzlich. Clerdon wusste nicht zu bleiben. Er
fuhr mit der Hand sich an die Stirne, und wankte so, mit zurückgeschlagenem
Haupte, in sein Kabinett. Das Zimmer ward bald leer. Unsern Clerdon fanden wir
ganz in sich gekehrt, in seinem Kabinett sitzen. Wir lagerten uns an ihn, jede
so gut und dicht sie konnte. Ein Meer von Liebe ergoss sich über uns aus seinen
Augen, welche alles sahen, was in unsern Herzen vorging. - - »O wie wohl mir von
eurer Liebe ist! - Aber zuviel, zuviel! - Einst - vielleicht bald -« hier flog
eine Blässe über sein Angesicht, die wie ein Blitz kam und verschwand. - Unser
Herz zerriss. O des unbegreiflichen Zweiflers! Wir verbargen uns in seine Arme,
in seinen Schoss, und weinten, dass wir schluchzten. - »Auch an mir?« bebten
Amaliens Lippen; - aber kein Wort der Zuversicht kam aus seinem Munde.
    Kaum hatten wir uns ein wenig erholen, und Amalia sich vollends ankleiden
können, als es ein Uhr schlug, und Allwill, der zum Mittagsessen gebeten war,
sich zu uns gesellte. Wir erzählten ihm das Vorgegangene, und gerieten darüber
in ein schönes herzliches Gespräch, das uns zusammen in die reinste Stimmung zu
aller Wonn und Wehmut setzte. So geleiteten wir einander die Treppe hinunter
nach dem Speisesaal. - - Es sollte einmal recht Sonntag sein an diesem Tage -
denn nun trafen wir noch im Vorhause zween Kinder in neuer Kleidung, welche vor
ihre Pflegmutter Amalia zur Ehrenerscheinung kamen. Sie gehören einem
Unglücklichen, dessen Frau wegen Dieberei auf dem Raspelhause, sitzt. Der Knabe
war mit kleinen Heinrichs Überrock und Matrosenwams geputzt. Das Mädchen hatte
Jacke und Rock von Tuch; ein siamoisinen Schürzchen, kattunen Halstuch usw.,
nicht zu vergessen ein neues Hemd, deren Amalia für jedes zween hatte machen
lassen. - »Gib du ihnen etwas Geld«, sagte Amalia zu Clerdon; er tat's und wir
auch. Der Bub, 9 Jahr alt, sah uns freundlich und vergnügt an, und dankte; das
kleine Mädchen aber, ohngefähr 8 Jahr alt, wendete sich mit einem betrübten
Gesichtchen zu Amalia, und stotterte leis und eilig: - »O machen Sie doch, dass
meine Mutter wieder zu mir kömmt!« Hiebei fing es an zu weinen, versteckte sich
unter sein Händchen und schlich sich so zur Türe hinaus. Man hatte ihm
vermutlich bei seinen kleinen Unarten wohl einmal gesagt, es sollte sich was
schämen zu weinen, und es wusste nichts davon, wie sehr uns seine Tränen rührten.
Allwill gab den Kindern nichts; er hatte Clerdons und Amaliens Hände ergriffen,
die er beide fest an seine Lippen gedruckt hielt; Mann und Weib neigten sich
über ihn, seine Stirne zu küssen: nie habe ich eine so rührende Gruppe gesehen.
    Leb wohl, liebste Sylli.
    Ich schicke diesen Brief an Clärchen, damit sie noch etwas dran schreiben
kann, wenn sie Lust hat.
    Was uns allen auf dem Herzen liegt, weisst Du - - O dass Dir's wohl gehe!
                                                                         Lenore.
 
                           Nachschreiben von Clärchen
Lenorens Brief kam zu spät, um noch gestern abend mit der Post abzugehen, und
das war recht gut - sag ich; denn nun kann ich Dir auch einen schönen Morgen
bieten, einen so schönen als Lenorens ihrer immer sein mochte. Ich sitze ganz
obenauf, in dem grünen Zimmer, und schaue über die Kastanienallee weg, gerad
aufs freie Feld. Am Himmel herum schwebt dünnes Gewölk, welches die aufgehende
Sonne so schön bemalt, dass es wohl schöner ist, als sie selbst; aber doch bin
ich auf der Lauer, und meine alle Augenblicke sie hervorbrechen zu sehen. Wie
meinst Du, dass meinem Stumpfnäschen das lässt, so hoch über die hohen Gipfel weg
in die Sonne zu blicken, »gleich dem majestätischen Donnervogel«? Ich muss selbst
darüber lachen. Ärgerlich ist's aber doch, ein Gesichtchen zu haben, dem so
etwas nicht lässt.
    Liebe Sylli, ich schäme mich anjetzt, neulich darüber gemurrt zu haben, dass
wir so früh aufs Land sollten: aber, wie bekannt, ist Hainfeld eine Stunde weit
von Clerdons Hause; und dann, wer hätte binnen unsern dreifachen Mauern sich
einbilden können, dass draussen schon der Frühling wäre? Hecken und Sträuche sind
schon ganz grün, und überall - aus der Erde herauf- von allen Zweigen herab -
kriegt's einen doch so lieb zwischen, und äugelt dich an, oh, so herzig, wie ein
Mutteraug den angeschlungenen Säugling. Ich kann Dir nicht sagen, wie mir's ans
Herz greift - so nah, Sylli, so nah und immer näher, dass mir bange ist für
meinen lieben Mai, wenn er kömmt, dass ich ihm wohl möcht ein wenig untreu
geworden sein.
    Vorgestern spazierten wir noch nach Sonnenuntergang längst den Ufern der
Donau. Ich setzte mich hin und sang: »Mädchen, lasst euch die Freude schmecken!«
Hinaufwärts den Strom sah es dunkel - dunkel und dunkeler - und hell und heller
gegenüber: so sahen wir den Tag von dannen ziehn, und gerad über uns die Nacht
ihm an der Ferse. Leise rauschte, nah an mir vorbei, der herrliche Fluss, und
spiegelte den Himmel ab mit seinem Abendrot und schönfarbigen Gewölk und mit
seiner Nacht. Ich erinnerte mich Deiner, beste Sylli, und segnete Deine Seele,
mit der heitern Ruhe, welche rund um mich her über alles, und auch über mich
sich ergoss.
    Beim Weggehen rief ich Dir, gute Nacht: eben blickte der erste Stern hervor,
und ich warf Dir einen Kuss zu: hast Du ihn gefühlt?
                                                                       Clärchen.
 
                               Clärchen an Sylli
                                                         Hainfeld, den 18. März.
Clerdon und Amalia sind seit gestern hier. Als wir ihnen entgegenflogen, und ich
mich an Clerdons linken Arm hing, fasste er meine Hand und drückte sie leise an
die Rocktasche. Leise rief ich: »Briefe von Sylli! Gute?« - »Gute, o ja; etwas
schwermütig, aber lass, sie ist dennoch wohl dran.«
    Tante war noch nicht angezogen. Sie sollte alle Zeit haben. Wir liefen ins
hinterste Boskett. - »Nun, Clerdon, nun!« jauchzten und hüpften wir. - Er sah
uns an mit dem vollen stillenden Blick seines Auges; lächelte: weg war die Hast.
Wir schlüpften aneinander her und lagerten uns auf die Rasenbank. Clerdon stand
noch einen Augenblick, dann ging auch er seinen Platz nehmen. Nun kam die
Brieftasche hervor, die er auf sein übergeschlagenes Knie legte, seine Hände
gefalten darüber. Wir hingen an seinem Auge, das einen so wunderbar fassen und
füllen kann. Eine eigene - schauerliche Freundlichkeit wandelte durch die
Stille. Clerdon öffnete die Brieftasche, und schlug hernach sie wieder zu. -
»Ein herrliches, liebes Weib!« sagte er: -"wenn sie sich erblickte, wie sie vor
meiner Seele steht!« - und gleich darauf: »Gott, wem du ein tief fühlendes Herz
schenkst, dem schenkst du doch alles damit, alle deine Gaben, und dich selbst.«
    Die Briefe wurden gelesen. Zwo Stunden verstrichen darüber. Wie sie
zugebracht wurden diese zwo Stunden - dies, liebste Sylli, erzähle Dir wer es
weiss, kann und mag. Meine ...
 
                                    Clerdon
Keiner von uns wird es Dir erzählen. Das Anschauen, die Umarmung einer ganz
entüllten, schönen, tiefempfindenden Seele ist zu heilig, um in Bildern und
Worten nachgespiegelt zu werden. Und wer vermöchte jenen Blitzstrahl dahin
abzulenken;
    Leblosen den lebendigen Kuss der Liebe zu geben? - Nein, schaue selbst - den
verklärten Blick - und Wonnegefühl sanft über ihn die Augenlider decken - und
dahingegeben die Seele.
    Wohl glaub ich Dir, dass Du es im Grunde so schlimm nicht in der Welt hast,
wie arg es Dir auch ergangen, und so viel auch jetzt noch Deiner Leiden sind.
Eine immer reiner und voller klingende Saite auf der grossen Leier der Natur, ein
immer mächtigeres Organ in dem Ganzen des Alliebenden zu werden, oh, das lohnt
Dir jeden Schmerz.
    Dornen malmen, sie zu Pflaumfedern wühlen, lernete ich lang; und nun weiss
ich, dass es für den Menschen eine Lauterkeit des Sinnes - mit ihr eine Kraft und
Stetigkeit des Willens gibt - eine Erleuchtung, Wahrheit, Eigenheit und
Konsistenz des Herzens und Geistes, wodurch ihm der eigentliche Genuss seiner
göttlicheren Natur, Rück- und Aussicht wird, und wozu niemand gelanget, der
nicht mehrmals im äussersten Gedränge von allem ausser sich verlassen war. Da hat
die ganz auf sich selbst gestemmte Seele sich in allen ihren Teilen gefühlt:
hat, wie Jakob, mit dem Herrn gerungen und seinen Segen davongetragen. Wer,
liebste Sylli, wollte nicht gerne für diesen Preis sich eine Zeitlang mit einer
verrenkten Hüfte schleppen?
 
                                    Clärchen
Schön, was Clerdon sagte, gut auch und wahr; aber wenn es am Ende doch - nur
Trost wäre; ein köstlicher Balsam, aber nur lindernd, und die Wunde - tödlich?
Arme Sylli, wohl bist Du übel dran, wohl hast Du es schlimm in der Welt! Ich hör
ihn ja so hell aus Deiner Brust hervorgehn den Schrei des tiefsten Schmerzes.
Was hilft es mir, dass Du hintennach lächelst? damit machst Du mich nur
bitterlicher weinen. Du weisst, Arria lächelte auch. - Ach, Sylli, Du kannst
nicht leben ohne Liebe; und was ist Liebe ohne Zuversicht? Sag was Du willst;
Liebe die sich nicht ewig weiss und ewig erwidert, das ist keine Liebe, das ist
blosses Ergötzen, dem Du nur in der Angst jenen Namen liehest - Blumenfreude,
Schmuck, Tanz und Spiel. Und hieran sollte Dir genügen - Dir Sylli? -
Seifenblasen zu werfen - und alles, alles Seifenblase? - Je mehr ich nachgrübele
...! Oh, ich fühle, dass Dir's das Herz zersprengen muss.
 
                                     Lenore
Auf der Zunge: »Bist du bald fertig, Clärchen?« so trat ich ins Zimmer.
Clärchens Anblick hemmte mir Sprache und Gang, und mein Herz hob sich zu dem
Schlag, bei dem es einem auf einmal so ganz anders wird. Leise nahete ich ihrem
Schreibtisch. Sie schob, ohne ihre Stellung zu verändern, mit der einen Hand mir
das Geschriebene zu. Nachdem ich es gelesen, hierauf einen Augenblick gesessen
hatte, ging ich an ihren Stuhl knien, um sie zu küssen. Wir kamen allmählich
einander in die Arme, weinten - und fingen zu sprechen an.
    Deine Briefe wurden stückweise wiederholt, und so nach und nach zu einem für
uns eigenen Ganzen umgebildet, das wir besser fassen konnten. Alles drang jetzt
weit tiefer ein, und dennoch wurden wir heiterer. Wir ahndeten Deinen Zustand,
gewonnen Teil an Deinem himmlischen Wesen. Wer wollte nicht Sylli sein? sagten
wir. Der blosse Abglanz - nur eines Teils von ihrer Seele, und den wir - ach! nur
so schwach aufzunehmen vermögen; was gibt er uns nicht Mut und Wonne! und sie -
besitzt - sie ist diese Seele selbst; hat in ihrem eigenen Wesen was so
unbegreiflich entzückt; den Quell und die Fülle all der Schönheit, all der
Grösse! - Wer wollte nicht Sylli sein! gäbe nicht alles hin für die
Unabhängigkeit dieses hohen Selbstgenusses, für die helle Wonne göttlich zu
lieben, die allein aus solchem Reichtum überfliessen kann. Glückliche, glückliche
Sylli! ...
 
                                    Clärchen
Meine Schwester ist abgerufen worden, und ich, liebste Sylli, bin nicht imstande
fortzufahren. Mein Blick ist schon wieder getrübet; jenes Wehklagen, wovon ich
erst sagte, dass ich es so hell aus Deiner Brust hervorgehen hörte, dringt von
neuem in mein Ohr, und kein Jubel wird es übertäuben. Du kennst das an mir, dass
ich nicht leicht in einem Gefühl mich so ganz verliere, von einer Vorstellung so
ganz befangen werde, dass ich nun weiter nichts sähe noch wüsste. Wahr - Du hast
den Himmel in Dir selber; und wer wird Dich nicht deswegen selig preisen? Aber
auch nicht minder wahr ist alles was ich vorhin bemerkte: und so sässest Du mit
Deinem Himmel dann doch in einer Art von Hölle. Deine Briefe sind ein
eigentlicher Wechselgesang aus beiden, voll Verzweiflung und Wonne. Was muss ein
Herz nicht ausstehen, in welchem so feindliche Töne zusammenkommen, das sie
ineinanderschmelzen, zu einer Melodie vereinigen soll! Alle Saiten des
Instruments müssen nacheinander springen, und der Sangboden selbst. Liebste
Sylli, ich ertrag's nicht. Oh, dass ich bei Dir wäre, oder ich dürfte meine
Lenore für Dich missen. Wir entbehrten gern einander, opferten noch viel mehr
auf, wenn Dir damit geholfen wäre. Sag ob Du eine von uns willst, und welche? So
unvollkommen auch die Teilnehmung wäre, die Du bei uns guten Kindern fändest, so
wäre sie doch rein, voll in ihrem Mass und innig. Unsere Augen, Sylli, liessen
gewiss die mehrsten Deiner Blicke ein - und weiter. So gewönne Deine Seele Raum;
erhielt eine Stätte, wo sie einen Teil ihres Lebens hinflüchten und aufbewahren
könnte. - Sag, Liebe, soll ich kommen. Ich fühle seit einiger Zeit einen
ausserordentlichen Trieb wieder einmal um Dich zu sein, und wollte Dich schon
jüngst mit Anschlägen dazu unterhalten. Damals war es mir fast allein um mich zu
tun. Ich hätte gern mehr Freude an mir selber, und die erhielt ich zuverlässig,
wenn ich Dir ähnlicher würde. Mir deucht - was Amalia jüngst vom kleinen
Heinrich sagte - jeder Deiner Küsse müsste mir etwas von Deinem holden Wesen
einhauchen.
    Ich soll zusiegeln, schickt Clerdon. Also kriegst Du nichts von Amalia. Die
Gute hat sich wohl nicht überwinden können, unsere Frau von Reinach allein zu
lassen. Ein wunderbares Weib! so jung, so sprudelnd von Leben, und doch von
allem was nur einer Schuldigkeit ähnlich sieht, so völlig hingerissen, wie andre
von ihren Leidenschaften. Wir fahren fort uns oft Vorwürfe darüber zu machen,
dass wir ihre immerwährende Aufopferungen zulassen; aber es ist als wenn die
Gottlose mit Fleiss einen gleich wieder verstockte. Ich sage tausendmal, wenn sie
einem Mägdedienst anböte, man dächte kaum daran sich zu widersetzen, so lieb und
schicklich geht ihr alles ab. Und hüten kann sich einer nie genug vor ihr; im
Hui hat er die Gefälligkeit, das Gute weg, und weiss von keinem Dank. - Ade,
Sylli! so lauf ich hin, und fall ihr um den Hals.
                                      Note
Ich muss hier etwas nachholen, das in der Vorrede vergessen worden. Rousseau
(dessen Unterredung über die Romane von der neuen Heloise ich gern dem Leser
ganz übersetzte, da sie so manches entält, das diesen Briefen trefflich
zustatten käme) soll für mich sprechen. Dieser legt seinem Freunde die Bemerkung
in den Mund, dass ein gewisser Zug von Ähnlichkeit in Sinn und Schreibart, die
man bei den Personen der neuen Heloise wahrnehme, nebst einigen andern
Unschicklichkeiten die Mutmassung verstärke, dass sie kein erdichtetes Werk sei.
»Die Natur«, sagt er, »welche nicht besorgt, dass man sie verkenne, ändert oft
von Schein; und oft verrät sich die Kunst, indem sie natürlicher sein will, als
jene, ist der Grunzer in der Fabel, der es besser kann als das Tier! In dieser
Sammlung ist vieles so ungeschickt, dass sich der ärgste Schmierer davor gehütet
hätte . ... Wo ist einer, der nicht angefangen hätte sich zu sagen: man muss die
Charaktere genau bezeichnen, muss pünktlich den Stil verändern. Ohnfehlbar hätte
er es bei diesem Vorsatz besser gemacht, als die Natur.
    Ich beobachte, dass in einer sehr innigen Gesellschaft, die Schreibarten sich
einander so nähern, wie die Charaktere, und dass wie die Seelen der Freunde sich
vermischen, ebenso auch ihre Arten zu denken, zu empfinden, und sich
auszudrücken, ineinanderfliessen.«
    Wenn es hiemit seine Richtigkeit hat, so wird man sich nicht wundern, in den
Briefen Amaliens und der Fräulein von Wallberg Beobachtungen, Ideen, einen
Schwung der Seele anzutreffen, die man an dem andern Geschlechte nicht gewohnt
ist. Der Entusiasmus, womit diese guten Geschöpfe an ihrem Clerdon hangen, die
Andacht, in der sie immerwährend vor ihm schweben, geben demjenigen, der hievon
eine Vorstellung hat, zu allem Aufschluss. Warum aber indessen doch Amalia, die
beinah Abgötterei mit demselben treibt, mehr oder auffallendere Eigenheit in
Wesen und Stil behält, wird sich in der Folge entwickeln.
                                                                              F.
 
                                 [Fortsetzung]
                     Eduard Allwill an Clemenz von Wallberg
Freilich, wo eigentliche Freundschaft ist, da sind auch Prätensionen, und diese
müssen von beiden Seiten laut anerkannt werden und überall gelten, oder der T**
soll den ganzen losen nichtswürdigen Bettel holen. Also verzeih, Lieber, und lass
mich Deine weiteren Vorstellungen übergehen. Du weisst ja, wie sehr ich Deiner
Meinung bin; weisst, was ich für ein Gesicht machte, wenn ich von Leuten hörte,
die sich einander so liebhätten, dass sie sich gar nicht umeinander bekümmerten;
denn im Grunde ist's das, wenn man sich einander alles nachsehen kann. Fratzen!
Mein Ekel daran nimmt von Tage zu Tage zu; aber mich darüber zu erbosen, wie
ehedem, so kein Tor bin ich länger; ich will mich nicht einmal darüber mehr
ärgern: es behagt nun einmal den Menschen, sie sind darüber einig, sich einander
etwas weiszumachen, und es kömmt auch selten jemand dabei zu kurz. Was brauchen
die Leute sich weiter liebzuhaben? woher und wozu? Sie haben ganz andre Dinge
aneinander zu bestellen; geht's damit voran, so bleibt das gute Vernehmen, ohne
dass sich der eine um den andern viel zu scheren hat. Indessen, Lieber, wollen
wir uns doch nicht verhehlen, was der eigentliche Geist jener freundlichen
Toleranz und edlen Unbefangenheit sei: Gleichgültigkeit und Bettelei. - Also
noch einmal, Bruder, verzeih; aber dass ich mich bessern werde, darauf musst Du
nicht zu sicher rechnen. Bisher hab ich es mit allem zu ernstlich gemeint; ich
spüre, dass man dabei zugrunde geht, und für nichts. Wie ich's hinfüro anders
machen werde, weiss der Himmel. Ich bin, von innen und von aussen in einem
wunderbaren Gedränge. Etwas Ruhe hab ich wieder genossen, weil ich einige Tage
her unpässlich war. Blieb mein Kopf so dumpf, so nebelicht, wie diese Zeit über,
dann sah ich der Verwirrung ein Ende; alles sollte bald gerichtet und
geschlichtet sein; und was einmal ausgemacht wäre, dabei blieb's. Du weisst, beim
Nebel fliessen die Dinge so hübsch ineinander; es erscheinen einem nie mehrere,
als nebeneinander in einem Gliede Platz haben; keine Farbenverwirrung, alles
grau, alles flach; und sieh, Bruder, so ist wahrhaftig der Nebel das treffendste
Bild weiser Gemütsfassung. Wenn mein Geist umnebelt ist, dann bin ich so
altklug, so verständig, wie ein Schulmeister; dann weiss ich mich über alles zu
bescheiden, und was ich mich heisse, das tue ich; dann räume ich mein Zimmer auf,
bringe meine Papiere in Ordnung, beantworte alle Briefe nach dem Datum ihrer
Ankunft, und würde auch mein Testament machen, wenn ich nur Erben wüsste, die
sich's gefallen lassen könnten. Clerdon, der mich gestern besuchte, glaubte in
der Tür geirrt zu haben, so fremd sah ihm mein Zimmer aus; was zu stehen gehört,
stand; was zu hängen gehört, hing; was zu liegen gehört, lag. In dergleichen
Rücksichten ist mir eine solche neblichte Disposition zuweilen eine wahre
Wohltat: und je mehr ich der Sache nachdenke, je heller leuchtet es mir ein, dass
die Tugend der echten Schul-, Stadt- und Heermoral, welche die beliebte
durchgängig gute Aufführung, das exemplarische Leben hervorbringt, nichts anders
als eine Art von Nebel sei, der alles leichtfertige Aussenwesen, als da sind
Glanz, Farbe, Licht und Schatten, an den Gegenständen verhüllt, und nur das
solide Unveränderliche an ihnen beäugen lässt.
    Die merkwürdige Entwicklung meines Romans mit Nannchen, worüber ich Dir eine
eigene lange Epistel schreiben wollte? -Hör, erst vor einer halben Stunde noch
dachte ich wunder, was ich Dir zu erzählen hätte: ich schnitt eine frische
Feder, tunkte sie ein, wusste nichts anders, als dass es recht vom Fleck gehen
sollte: als ich zu meinem nicht geringen Befremden innewurde, es habe Not, ich
besänne mich zuvor ein wenig. Ich sann eine grosse halbe Stunde lang; da war ich
fertig, hab's nun auf einmal - dass ich selbst nicht mehr weiss, was ich mich so
eifrig angeschickt hatte, Dich wissen zu machen. Der Sachen erinnerte ich mich
genug, nur konnte ich mich ihrer nicht auf die Weise erinnern, wie sie Dich so
mächtig interessieren sollten. Wer weiss, vielleicht hätte meine Materie mir
weniger dürftig geschienen, wäre zu ihrer Abhandlung die Feder nicht so schön
geschnitten, und gleich anfangs so tief eingetaucht gewesen. Nun ist's drum
geschehen; das ganze Abenteuer mit allen seinen Zufällen und Zubehören,
Schelmereien, Zaubereien, Heldentaten und Wundern, kömmt mir in diesem
Augenblicke nicht viel interessanter als ein Ammenmärchen vor - zum Erzählen
wenigstens. Versteh! Du Clemenz von Wallberg warst es nicht, welcher bei
dermaliger Katastrophe in dem Falle war - etwa vergiftet, erstochen, aus einer
Kanone geschossen, oder in einen Papagei, Drachen, Teufel, oder Gott verwandelt
zu werden: ich war es; und glaube mir, so etwas will in eigner Haut erfahren
sein. Demnach sollst Du mir erlauben, und zwar recht gerne, dass ich Dich heute
von ganz andern Dingen, als von meinen Begebenheiten im Feenlande unterhalte.
    Wo fang ich an? Ich habe Dir die Menge Neues von mir und meiner hiesigen
Lage zu erzählen. Meine besten Stunden bring ich in Clerdons Hause zu. Es kostet
Mühe, auf einen etwas vertraulichen Fuss darin gelitten zu sein, aber mir wird's
glücken. Clerdon fühlt und versteht mich ganz, und durchgängig steh ich in sehr
gutem Rufe. Dass ich immer eine oder die andre Prinzessin, welche mich ihrer
vollkommensten Hochachtung würdigt, ausnehmend verehre - zuweilen auch zwei,
drei auf einmal - weiss kein Mensch so recht: man sagt nur: der Allwill ist
überall wie das Kind, wie der Bruder im Hause. - Du begreifst! ... und gewiss,
bester Wallberg, ich komme fast immer ganz unschuldig dazu, stifte auch überall
viel mehr Gutes als Böses. Einen Anschlag auf irgendein weibliches Geschöpf zu
machen, um es zu verführen, ist von jeher so ferne von mir gewesen, dass ich
einen Menschen, der dazu fähig ist, nicht ohne Hass und Ekel ansehen kann. Dass
aber eine freundschaftliche Verbindung so warm und innig werde, dass sie ferner
kein Mass noch Ziel mehr wisse - wer könnte das Herz haben, sich davor zu hüten?
- - - Mit Deinen Cousinen hat's davor gute Wege; die wandeln in einem Lichte,
das sie meiner Leuchte entübriget. Und Amalia - den möcht ich sehen, dem es nur
von fern einfallen könnte, ihr etwas anders sein zu wollen, als Gast an Clerdons
Herde. Mir ist sie sehr gut, weil ich ihrem Clerdon anstehe, und weil mir der
treuherzige Junge aus den Augen sieht. Ihre Jugend, ihre Schönheit hindern mich
nicht, dass ich sie beständig Mama heisse; ich wüsste mir auch keinen andern Namen
für sie. Liebe Mama, Mutter Amalia, auch wohl Mutter schlechtweg - wenn ich Dir
sagen könnte, wie mir ist, wenn ich sie so heisse, und ich ihr dabei in das
spiegelhelle Angesicht schaue, das nur gut ist, und mich nur anlacht! - Ich
fühle mich wie untergetaucht in Unschuld und Reinheit, und ich wüsste nichts so
Saures in der Welt, das ich alsdenn nicht unentgeltlich und mit Freuden tun
könnte. Die Lauterkeit ihres Herzens übersteigt allen Glauben. Jedes Gute, jedes
Schöne darin ist so ganz für sich selber da, so ganz was es ist und scheint,
unversetzt und unauflösbar; und kein Gefühl, kein Hang, kein Wunsch, nichts, das
sich zu verhehlen, nichts, das sich zu verstellen hätte! Aber hiemit ist Dir
soviel als nichts gesagt; denn, wie ich mich eben besinne, bin ich selbst, der
ich doch Amalien persönlich kenne, nicht einmal imstande mir das Eigentliche
dabei vorzustellen, wenn ich sie mir nicht in den bestimmtesten Verhältnissen,
als die Gattin ihres Clerdons, als die Mutter ihrer Kinder, als die Frau ihres
Hauswesens denke. Sag, ob Du etwas davon weisst, dass es eine besondere
Leidenschaft gibt, die sich eheliche Liebe nennt, ganz verschieden von jener
Leidenschaft, welche allgemein den Namen der Liebe trägt, und die - Sag weisst Du
etwas davon? denn was schwätz ich sonst? Ich wusste nichts davon, und ihre
Entdeckung in Clerdons Hause ist das Interessanteste, was sich jemals meiner
Betrachtung dargeboten. Der eigentlichen Liebe scheint das schönere Geschlecht
nicht fähig zu sein; mir wenigstens ist noch kein Weib erschienen, das den Zeug
dazu gehabt hätte. Amalien traue ich über diesen Punkt weniger als hundert
andern zu, und Clerdon und sie selbst sind hierüber mit mir eins. Anfangs hat
ihr Mann weiter nichts als einen vorzüglichen Grad der Hochachtung ihr
abzugewinnen vermocht; und bis auf diese Stunde weiss sie keine eigentliche
Rechenschaft zu geben, wie sie hernach allmählich sich so ganz in ihn verloren,
dass ihr Herz nun alle seine Rege allein von dem seinigen empfängt, ihre gesamten
Kräfte sich unverrückt in seinem Willen fühlen; Freiheit, Leben, Glück, Tun und
Sein - ihre ganze Seele hingewaget auf ihn. Ich weiss nicht, ob es eine
herrlichere Liebe geben kann, als diese; wenn auch jene höhere, wovon ich
ehemals so wunderbare Ahndungen hatte, kein leeres Hirngespinst wäre; alle andre
Liebe ist doch gewiss nur Schaum dagegen. Wo findest Du, bei den
entgegengesetzten Eigenschaften und Bedürfnissen der Menschen, diese innige
Teilnehmung, welche alle Kräfte in einen Willen zusammenschmelzt, und den
Menschen wirklich verdoppelt? Hier ist sie. Die kleine Welt, zu deren Schöpfung
und Regierung beide vereinigt sind, wird ihnen tausendfaches Organ einander zu
fühlen, zu fassen. Das gemeinschaftliche Interesse gibt jedem Vermögen, das dazu
beiträgt, einen gefühlten Wert: und so regen sich in dem Wesen des einen alle
die Kräfte des andern; und je vielfacher, je verschiedener nun diese Kräfte, je
merkbarer der Gewinn, je entzückender das Bündnis. Bedenk einmal, wie
unterschiedne auch einander entgegengesetzte Interessen jeden einzelnen Menschen
in ihm selber teilen, und was für eine Wonne ihn erquickt, sooft er ein
wahrhaftes Einverständnis nur zwischen etlichen davon bewürkt hat; wie wir
einstimmig denjenigen für den Grössten und Glücklichsten schätzen, welcher, ohne
eine seiner Fähigkeiten, seiner Kräfte dran zu geben oder zu schwächen, alle
seine Triebe unter einen Willen gemeindet - mächtig zu einem Heere sie geordnet
hat: - Und nun zween, die so eins werden! es muss eine Fülle sein, eine
Seligkeit, die ... Oh, dass ich dies alles so fühlen muss; dass ich zu dem
glühenden Sinn, zu dem tobenden Herzen, dem hellen unbestechlichen Geist, diese
stille himmelanschwebende Seele erhalten musste! - Tränen, guter Wallberg, Tränen
über Deinen armen Eduard, den die Liebe zum Schönen verzehrt, und der in ewiger
Zerrüttung mit den Zähnen knirschen muss - der den Frieden Gottes ahndet, und
verdammt ist zu täglicher Sünde! - Nie, nie wieder eine Stätte finden, wo sein
Haupt ruhe! - Nie? - Doch, doch! es wird ja einst brechen -ja brechen in Wonne
wirst du einst, gutes qualvolles Herz! ... Aber es war ja von Glücklichen die
Rede! Liebe Mutter Amalia - dein Antlitz, dein Lächeln!
    Sie ist allen Menschen so gut, Mutter Amalia, und könnte doch, gewiss, im
Fall der Not sie alle missen, wenn ihr nur der Mann blieb und die Kinder. Ich
mag Dir nicht verhehlen, dass sie an diesen - an ihrem Hause auf eine sehr
sträfliche Weise hängt, nämlich ebenso ohngefähr, wie die alten Republikaner an
ihrem Vaterlande hingen. Aber Du gehörst ja nicht zu unsern mächtigen
Philosophen, welche nie weniger als den ganzen Erdkreis - was? - das ganze
Universum übersehen, und, gemässlich, zu Herzen nehmen, und aus brennender Liebe
zu den Menschen überhaupt dem Patriotismus der Alten und jeder andern
parteiischen Liebe so gram sind; sie sollen herkommen, die gütigen Herren, mit
ihrem unbeschränkten göttlichen Wohlwollen, mit ihrer allsehenden Gerechtigkeit
- mit ihrem ganzen Untadel; sie sollen kommen, die Fratzen, und schauen und
fühlen, wo von allem diesen - in Tat und Wahrheit am Ende dann doch mehr
angetroffen wird, ob bei ihnen, oder bei dem Weibe hier, das für Mann, Kinder,
Haus, sich gegen die ganze Welt empörte! - Holde Mutter Natur! o wie laut sagt
mein klopfendes Herz mir da wiederum, dass doch allein auf deinem Pfade wahres
Heil zu suchen ist! - Sieh das wohlgemute Weib, wie die Befriedigung ihrer
reinen Triebe alle ihre Wünsche vollendet, sie von allen andern Begierden so
losmacht, und ihr teilnehmendes Herz (das ja in jedem menschlichen Busen wohnt)
sich nun so frei und allgemein ergiessen kann. - Ihr prächtigen Weltweisen, ihr
lieblichen Herren und Damen, mit euren erhabenen Grundsätzen und schönen
Sentiments! sagt, wie wird's euch? - wie besteht ihr vor dieser Hausfrau? Da
verschleudert, da verpufft ihr eure Seele in die weite Welt, seid überall, und
nirgend; euer unbefangenes, richtungsloses Herz - jedwedem Anfalle bloss - ohne
Drang und ohne Ruh, ohne Genuss und Gabe - strebend nach allem, hängend an allem
- zu keinem Opfer willig, bei keinem Unfall leicht - bebend durchaus bis in die
kleinste Faser - schwach, elend, zehrend - voll allgemeinen Wohlwollens ... Weg
von diesen Allumfassern, hinab zu Amaliens Schemel, zu der Kurzsichtigen, zu der
Armseligen, die nur ihren Mann liebt und ihre Kinder, allen übrigen Wesen nur
gut ist, und in Wohltun gegen sie, aus voller Genüge, nur - überfliesst, wie die
Sonne von sich scheinet Licht und Wärme, nur - weil sie Licht ist und warm, und
die Fülle hat. Tritt in den Umfang von Amaliens Sphäre: du stehst in Segen; das
ist's alles. Darum ist Amalia auch das bescheidenste Geschöpf - das demütigste,
möcht ich sagen, das man finden kann. Dass sie Gutes aller Art unermesslich würkt
- darauf gibt sie nicht acht; dass sie alle Pflichten erfüllt, alle Gebote hält -
das weiss sie nicht; hat von den Gründen ihres durchgängigen Verhaltens nichts
weniger als vollständige Begriffe, gar keine eigentliche Moral, kaum eine solche
wie schon vor Jahrtausenden dem uralten Hiob eine zu Diensten stand. Wunderbar,
dass Amalia auslangt; denn sie ist auch nicht einmal was man fromm heisst. Aber
ich fordere euren ekelsten Mückensäuger auf, ihren Wandel nach der Strenge zu
prüfen, und wenn er wird leugnen können, dass sie sündenfreier, dass sie
tadelloser sei (selbst nach so vielen Fratzenbegriffen unserer Zeit) als eine;
so will ich vor dem Mückensäuger mich beugen und mich zu ihm bekehren.
    Du, lieber Wallberg, siehst doch hier wohl kein Wunder, oder argwöhnest kein
Blendwerk? Komm näher! Was ist's als ein echtes Gottesgeschöpf, in Gesundheit
und natürlicher Wohlgestalt; auferzogen ohne Künstelei; alsdenn befangen mit
einem Gegenstande, in welchem seine Kräfte sich sammlen, ordnen und zur
schicklichsten Wirksamkeit vereinigen konnten. Sind doch alle Tugenden eine
freie Gabe des Schöpfers; unmittelbare Naturtriebe, nur verschieden gestaltet
nach den verschiednen Formen und Zuständen menschlicher Gesellschaft; keine, die
nicht da war, ehe sie Namen hatte und Vorschrift! Alle Moral, von jeher bloss
philosophische Geschichte, spekulative Entwicklung, Wissenschaft; und jene
innere Harmonie, jene Einheit in Tun und Dichten, das Augenmerk emporstrebender
Menschheit, allemal nur die Geburt irgendeiner erspriesslichen Hauptneigung,
welche dem Menschen Beruf erteilte und Plan! Wo Einheit der Neigungen entsteht,
da macht sich die Einheit des Wandels von selbst; da bildet der Mensch seine
erwählte Lage aus; formt sich je mehr und mehr zum Ganzen; und nun, je
befangener von der einen Seite, je freier von allen übrigen; verletzbar nur in
einem Punkte seines Wesens; in ihm selber gewiss; mutig; begnügt; und darum
unabhängig, edel, gefällig und von ganzer Seele gut. Greif's an allen Enden; du
wirst finden: gerader Sinn, dringendes Geschäfte, und darin Emsigkeit und Treue
mit Lust, sind die Eckpfosten aller Glückseligkeit und Tugend.
    Nun erinnere Dich, was ich am Anfange dieses Briefs über Nebel und
ordentlichen Wandel philosophierte. Vielleicht klang es Dir leichtfertig; tiefer
erwogen, wie wahr? Wie dumpfen Sinnes, wie erstorben muss der sein, der seine
Neigungen sich aus lauter Moral bilden, der mit lauter Moral sie nach Gefallen
unterdrücken kann! Zehnmal besser ist mir da der guterzige Wildfang, der noch
Leben im Busen nährt und Liebe. Und dann noch eins: auch dem Menschen höherer
Art, der ein geordnetes durchgängig zusammenhangendes Leben führt, muss vieles in
Nebel verhüllt stehen; aber es ist nur der Duft, welcher von dem ganz
aufgehellten Plan seines Würkungskreises sich an desselben Grenzen gedrängt hat.
Unsere Philosophen allein bewohnen himmelnahe Felsenhöhen, von keinem Dufte
getrübt, rundum endlose Helle und Leere. Mir ginge da der Atem aus. Schon ist
mir die Luft zu dünn, wo ich bin, und ich sinne darauf, wie ich allmählich noch
etwas tiefer herabkomme. Auch ist nicht wohl zu läugnen, dass in einem engern
Horizont uns die Gegenstände viel wärmer an Aug und Herz kommen. Grenzenlose
Begrenzung, Raum ohne Mass und Ende, wo ich's erblicke, macht's mir Höllenangst;
darum eng ich mich gern ein bisschen ein; lasse mir's wohl sein in irdischem
Beginnen, da ich ein Ende meines Tuns sehe, und doch alle meine Kräfte
dransetzen muss.
    Zum Schlusse noch ein Wörtchen von Freundschaft. - Das nichtswürdige lose
Wesen unter diesen Namen, wovon es vorhin die Rede gab, dass wir ihm beide eben
feind seien, ist es nicht auch eine Missgeburt aus jenem toten Meere der
Unbestimmteit, der Richtungslosigkeit, der unendlichen Zerstreuung? Schwache
Fäden aus veränderlichen Absichten und flüchtigen Ergötzen gesponnen, wie bald
müssen die sich wirren? und dann Riss an Riss, Knote an Knoten. Ganz anders die
Bande echter Freundschaft, wo zween etwas zwischen kriegen, wie rechte und linke
Hand, um es zu einem Werke zu bilden; zween etwas miteinander fortbewegen, wie
beide Füsse den Leib. Tritt den mit Füssen, der sagt, dass eine solche Freundschaft
sich auf Eigennutz gründe! Das Objekt, warum sie sich vereinigen, ist ihnen nur
Medium einer den andern zu fühlen - Sinn, Organ. Nicht denjenigen lieb ich ja am
mehrsten, der das mehrste für mich tut, sondern denjenigen, mit dem ich das
mehrste ausrichten kann. - Eigenliebe? alles soll Eigenliebe sein: was geh ich
mich dann selber mehr an als andre, ich, der ich mich nur im andern fühlen,
schätzen, lieben kann? - Das heisst euren Philosophen Unsinn: mag's! weiss doch,
wer's besser hat, ob ich, oder sie.
                                                                         Eduard.
        N.S. Grüsse Luzie. Ich schreibe ihr noch diese Woche. Vielleicht hat sie
        Dir den Brief gezeigt, worin ich ihr meinen Abschied von Nannchen
        erzählte. Ich war damals in ziemlich patetischer Laune, und muss
        wunderbare Hoffnungen von mir gegeben haben; denn ich erhielt in Antwort
        einen schönen, langen, höchst ernstaften Glückwunsch. Schade, dass ich
        bei seiner Ankunft schon wieder ganz bei Sinnen war. Ich mag das liebe
        Mädchen nicht im Traum lassen. Wenn sie doch einmal wieder herkäme! In
        Clerdons Familie hängt alles gewaltig an ihr. Du weisst, wie sie mir im
        Sinn liegt. Wer wollte sie auch vergessen können!
 
                          Sylli an Lenore und Clärchen
Ich habe kürzlich an Clerdon, an Euch, und zweimal an Amalia geschrieben; aber
die arme Sylli muss nur wieder ganz geschwinde hinsitzen, und abermals nach C**
schreiben, sonst hält sie's nicht aus. Es ist ihr von neuem so traurig ums Herz;
ihr Sehnen nach Euch hin ist in so starkem Schwunge, dass sie nicht wohl sich zu
lassen weiss. - Diesen Morgen, unterdessen Susanna sie anziehen half, kam eine
Einladung ... Antwort: »Meine Empfehlung; ich würde aufwarten gegen Abend.« -
Und nun seufzte die arme Sylli, und konnte sich nicht entalten zu Susanna zu
sagen« »Wer nur fliegen könnte! ich wüsste wohl wohin ich auf Besuch flöge.« Die
hölzerne Susanna hatte nichts hierauf zu antworten. Das Mädchen ist mir ein
allzu unbehülfliches Geschöpf. Von Empfindung wäre keine Frage; aber auch nicht
einmal so viel Phantasie, so viel Glaube, dass sie an mich und Euch auf
irgendeine Weise zu hangen käme. - Doch ist es keine Gliederpuppe! denke ich
wohl einmal, und versuch es neuerdings, dies oder jenes bei ihr anzubringen;
aber da kömmt sie mir ein wie allemal entgegen mit ihrer Seele, ebenso hölzern,
wie mit der vorgereckten Brust ihres Leibes. Auch wenn sie wohl von selbst des
Herrn Regierungsraten oder der Frau Regierungsrätin erwähnt, welche sie gekannt
gehabt zu haben die Gnade gehabt hat, so hat sie dabei ein so unlebendiges
Aussehen, wie die Toilettschachteln, neben denen sie steht, mir die Nadeln
herauszulangen ... Seht Kinder! so geht's mir.
    Die vergangene Woche war wegen meines Prozesses ein Vergleich im Vorschlag.
Ich musste bei dieser Gelegenheit allerhand fatale Leute sehen, hauptsächlich
denn auch den grundschlechten Gierigstein. Der alte Unhold war mir lange nicht
vor Augen gekommen; ich erschrak vor seiner Gestalt, die seitdem noch um vieles
widriger geworden ist. Denkt nur, der Mensch machte mir Vorwürfe, und zuletzt,
nach einigem Hin- und Widerreden, fing er gar an zu weinen. Ach! dass Augen wie
die seinigen - dass alle Augen Tränen haben! Einem Gierigstein, wenn er weinen
wollte, sollte, anstatt Tränen, etwas aus den Augen kommen, das man wie
Staubflocken weit von sich abschütteln könnte; denn Tränen, die rühren einen
doch immer, betriegen einen. An diesem Gierigstein ist mir's zum Schrecken
aufgefallen, was für eine Gestalt zum Vorschein kommt, wenn einem verkehrten
Menschen das Alter die Maske wegdorret, Fleisch und Farbe seine Züge nicht mehr
verhüllen: da weisst sich die abgehärtete Nerve; erstarret im Wesen des Hässlichen
liegt sie da zur grässlichen Schau: da bebt der nackende Mund, der kalte,
unholde; da zittert das trübe Auge, dessen Blick, nicht mehr lenksam, harren muss
im Ausdruck des Argen; da schlappt, odemleer, die Nase, verkündiget
Stadtneuigkeiten, Skandale, und weiter nichts; da senkt sich die kraftlose
Stirne, auf welche Furchtsamkeit und Misstrauen die Hauptrunzeln geprägt haben. -
Es ist ein peinlicher Anblick, ein wahres Höllenbild, so ein ganz verkommener
Mensch, der nun offenbar heillos in die Erde hinunterstarrt. - Meine Mutter, die
süsse Liebe! oh, wie war die so schön von ihrer Seele! - sie verschwand wie ein
Engel. Nie werd ich das liebe Bild vergessen, werd es noch oft wieder anfrischen
mit Tränen, mit Freudentränen über die liebe Mutter, dass sie so war, und dass sie
so aussah.
    Ich möchte wissen was Ihr heute treibt. Beisammen seid Ihr gewiss, denn es
ist Sonntag; aber was für eine Art Wohlleben Ihr miteinander habt, wie und wohin
Ihr Euch miteinander weidet, darauf sinn ich. Ist Amalia die Heerführerin, dann
geht's wohl nach der Fasanerie, und Ihr kriegt Gebackenes, Milch und Musik; ist
aber Clerdon an der Spitze, dann geht's in den Wald, oder über die Felder längst
der Donau, und Ihr kriegt Hunger und Durst. - Hört! und Euer eigenes Geschäfte
dabei, Ihr zwei lose Mädchen? was wohl unter Euren Schalksaugen sich für Glück
und Unglück zuträgt? ... Dass nur von Eduard keine Frage sei! An diesem Eduard in
Eurer Mitte kann ich unmöglich Behagen finden. Alles was ich von ihm erfahre,
was mir auch mein Bruder von ihm meldet, der ihn doch über alles liebt, macht
mich zittern für Unheil. Der unbändige Mensch mag wohl ausserdem ein herzguter
Junge, mag wohl grundbrav sein, und es mit andern gewöhnlich besser meinen, als
mit sich selbst: aber das macht ihn nur gefährlicher; das gibt ihm die offene,
unschuldige Miene, wogegen kein Rat ist, worauf man die Hand ihm von ferne
reicht, sich ihm anschlingt, und Gemeinschaft mit ihm macht: erst hintennach
wird man dann gewahr, was er für unsichere Strassen wandelt, wie verwegen er im
Handel ist, wie wohlfeil er seine Haut bietet, und folglich die seines Genossen
mit ... Nun ein Mädchen das seines Weges käme - das abzuweisen - wie wär es
möglich? So ward unsere Luzie hingewagt, so ging uns das süsse Geschöpf verloren;
denn sie stirbt, Kinder, und ihr Tod ist dieser Allwill! Nie war der Holden ein
Jüngling erschienen wie Allwill - so sinnend, so bescheiden, und zugleich so
voll Geist und edlen Eifers. Keine Tugend, keine Liebenswürdigkeit, die sich
nicht in ihm abspiegelte wie Sonn im Meer, und das so ganz aus nackender
Eigenschaft seiner Natur. Überall in vollem Entzücken über fremdes Verdienst,
war sein einziges Bestreben, dass er nur gelitten würde. Eine so rührende
Einfalt, bei so vielen Vortrefflichkeiten, bei dem schönsten Jugendglanz, musste
jedweden bezaubern. Auch gab es niemand, wie ehrenreich er war, der sich nicht
gern Eduards Freund nannte ... Unserer Luzie - dies alles vor Augen! ... Oh, ich
seh den Engel - still, unsichtbar in der Ferne schweben - beten für den seltnen
Jüngling - Entzündet nur in Freude, in reiner Engelsfreude über den Edeln! ...
Und dennoch war's Gift! ... Kinder! wenn's Euch nur hiebei schaudern könnte, wie
es mich schaudert! ... Töricht! Es kann Euch so dabei nicht schaudern. Aber wie
rett ich Euch? Clerdon, Amalia, hütet mir die zwei lieben Geschöpfe!
    Es soll unerhört sein, dass dem Eduard je ein Anschlag misslungen wäre. Er
wagt sein alles an die Erreichung jedes Zwecks. Wer ihm abgewönne, der gewönne
ihm nie weniger ab als sein Leben. Clemenz nennt ihn einen Besessenen, dem es
fast in keinem Fall gestattet sei, willkürlich zu handeln; - man brauche nur
einmal ihn gesehn zu haben, um dies lebendig wie eigenes Dasein zu fühlen. - Ein
schrecklicher Charakter! - Und was für ein göttliches Ansehen der Mensch haben
muss, wenn er das Gute, das Schöne verfolgt! - und es muss beinah scheinen, als
verfolg er es immer, denn alles Böse, das durch ihn geschieht, bleibt entweder
verborgen oder es lässt sich als zufällig nehmen. - Oh, hütet Euch! Oh, flieht! -
Du Lenore besonders, Du mit dem zarten durchdringlichen Sinn. - Glaube mir,
Beste! Liebe macht uns Weiber immer unglücklich. Die Männer verdienen so wenig
das Opfer unsers Daseins, dass sie nicht einmal anzunehmen wissen, was wir ihnen
geben. Das Glück ein ganzes Herz zu besitzen - wie sollten sie das schätzen
können, da ihr Herz nie einen Augenblick ganz, da kein Gefühl desselben bei
ihnen lauter ist! Keine Wonne, nicht die höchste der Menschheit, gilt ihnen so
viel, dass sie dieselbe rein bewahrten. Keine Empfindung ist ihnen in dem Grade
lieb, dass sie dieselbe nicht durch ekelhafte Vermischungen trübten, ihr Bild
entweihten. Die Fülle des Köstlichen - Was? die schmecken sie nie, haben sie
nie; darum kann ihnen nie genügen; darum sind sie - ohnmächtig zur Liebe. Wir
Arme merken das nicht gleich; wir glauben wohl gar eine Zeitlang stärker geliebt
zu sein, als wir selber lieben. Aber, o wie bald offenbart sich das anders! - Da
stehen wir dann dem Geliebten gegenüber, und fühlen durch unser ganzes Wesen:
Dein! - fühlen durch unser ganzes Wesen: - nicht mein! ... Wenn du das Grässliche
- die unaussprechliche Schmach des Gefühls ahnden könntest: - ich - Dein! Du -
nicht mein! - - Verloren zu sein, platt verloren an jemand ... Unser eigenes
Selbst entflohen aus uns - entflohen aus Ihm ... Gar kein Dasein mehr; keins in
sich, keins im andern. Man ist verschwunden unter den Lebendigen; getilget mit
Schande aus ihrer Zahl - Elend ohne Mass, ohne Namen! ...
                            Eduard Allwill an Luzia
Ihr langes Sendschreiben, gute Luzia, hab ich soeben zum drittenmal wieder
gelesen; habe alles beiseite geworfen, und sitze Ihnen nun da auf meinem Stuhl
so fest, als wenn der kleine Schreibtisch hier die ungeheure runde Tafel in
unserm Ratssaal wäre; und Sie, mein teures Fräulein! wären das landesherrliche
Portrait unter dem grünen goldbefranzten Baldachin; aber wohl zu merken, dass Sie
nur insofern das Portrait Ihro - - -, titulo pleno, vorstellen, als mein trautes
Tischlein hier die verwünschte ungeheure runde Tafel in dem Ratssaal vorstellt;
und dass die ganze Vergleichung sich einzig und allein auf mein festes Sitzen
gründet. - Närrisch genug mit allem dem, dass ich so ganz von ohngefähr, und ohne
alles Arge, Sie in das Bildnis eines gepanzerten Erdengottes verwandelte; denn
in der Tat, liebe Luzie, jüngst, als Du mit aller Weisheit Himmels und der Erde
vor mich tratest, sah ich Dich würklich von der Scheitel bis zu den Sohlen in
schön gebläutem Stahl - mächtig erhaben auf den Zehen des linken Fusses; das
andre Bein künstlich von der Erde geschwungen; empor die heilige Rechte, das
Haupt mit einem Lorbeerzweig zu beschatten; und Dein ganzes Wesen begriffen - in
der Verdauung der göttlichen Eule, welche Du soeben roh und ungepflückt
hinuntergeschluckt hattest. Gewiss hattest Du neulich meine geringe Person unter
einer nicht viel weniger veredelten Gestalt erblickt; als da wär eine
unermessliche Perücke über meinem trotzigen Haarzopf, die mir dicke
Schweisstropfen aus der Stirne presste; zween Seraphimsflügel an den Schultern,
deren ich mich statt zweener Fächer zum Anwehen bediente; ebenfalls auf einem
Bein stehend, fest wie ein Fels. - O komm doch, komm, liebe Luzie! lass uns
aufeinander zu hinken; dann her Deinen Helm, dass ich meine Perücke hineinlege; -
und nun sieh: dies ist Eduards Nase, und jene Luziens; wir sind unter vier
Augen; schwatzen wir miteinander, wie ich und Du!
    Schade was, liebe Luzie! Schade was für unsere Weisheit, für alle die
prächtigen Verwandlungen, worüber wir uns so hoch zu gratulieren pflegen;
gemeiniglich hat es am Ende so viel damit zu sagen, dass - wir uns schämen
müssen. Man schwitzt im Sommer, und friert im Winter: im ersten Fall kleidet man
sich in Taft, und im letzten in Pelz; das ist meist die ganze Geschichte. Sie
wissen, was die Ptolomäische Epizykloide für ein Ding ist (sonst kann Wallberg
Sie daran erinnern): Auf-, Ab- und Durcheinanderschwingungen ohne Ende; doch nur
ein Mittelpunkt, und der Planet tritt immer wieder in die Grenzen seines Zirkuls
zurück. Es liegt mir noch klar genug im Gedächtnis, wie ich ehmals, bei jedweder
merkwürdigen Sinnesändrung, mich nun endlich zur wahren Weisheit bekehrt, und
den einzigen Weg zur Glückseligkeit betreten zu haben glaubte, dann vor
Entsetzen und Scham verging, dass ich nur vor so wenig Tagen - oft vor nur so
wenigen Stunden, noch ein so unbegreiflicher Tor hatte sein können. Aber, o
Tyrannei des Schicksals! bald darauf kam mein unbegreiflicher Tor wieder ganz
stattlich, als der weiseste Mann, ans Licht, und schämte sich seines Vorfahrs
nicht weniger, als dieser vor kurzem seiner sich geschämt hatte.
    Ein Schelm tut mehr, als er kann, sagt ein altes teutsches Sprüchwort. Es
liess sich ein schönes dickes Buch hierüber schreiben, und es soll mein erstes
sein, wenn ich je eins mache. Ein feuriger, geistvoller Jüngling, der ein
Epiktet sein will, will mehr als er kann, und muss schlechterdings dabei zum
Schelm werden. Wie kann er alles Gute, alles Schöne mit Entzücken lieben, und so
genaue Mass halten, und nie irregehen? Wie kann er schon wissen, was jene Freude
zur Torheit macht? Euch euren Überdruss, euren Ekel, eure Mattigkeit nachfühlen,
liebe Graubärte? Wie kann sein Mut sich vor euren Furchten entsetzen? Er, der
dem Schmerze trotzt, und dem Tode, und nur Lust wittert. Kurz, euern innern Sinn
könnt ihr ihm nicht geben; und so hättet ihr ihm, wenn er euch hörte, vollends
allen Genuss des Lebens geraubt. In seinem Kopf, wenn er ein bisschen eigenes
Wesen hat, muss eure Vernunft zum ärgsten Unverstande werden; höchstens kann sie
durch Schreckbilder einige Schwermut in seine Einbildungskraft staffieren. Ihre
Stimme tönt alsdann seinem Ohr, wie ein verdriessliches Gegrein, und macht ihm
Weh. Sie heisst ihn die ärgsten Qualen unaufhörlich leiden, damit ihm nur ja kein
Leid widerfahre.
    Um die Lehren der Weisheit zu verstehen, um sie annehmlich zu fühlen, muss
die Seele sich in einem Zustande von Gleichgewicht befinden, müssen ihre
lebhaftesten Begierden - eingeschläfert sein; welches soviel gesagt ist, als,
sie muss ausser Stande, oder doch wenigstens ausser der Lage sein irgend eine
entzückende Freude zu empfinden. - Hole der Henker einen solchen Zustand für
jeden wackern Jungen! Geniessen und Leiden ist die Bestimmung des Menschen. Der
Feige nur lässt sich durch Drohungen abhalten, seine Wünsche zu verfolgen; der
Herzhafte spottet des; ruft Liebe bis in den Tod! und weiss sein Schicksal zu
ertragen.
    Es ist die hohlste Idee von der Welt, dass die blosse Vernunft die Basis
unsrer Handlungen sein könne. Das Ding Vernunft, woher hat es sein Wesen? Ist es
mehr als helleres Bewusstsein durch zartere Sinnlichkeit hervorgebracht? In
seinem ganzen Umfange genommen, und zu einem besondern Dinge abstrahiert, mehr
als System unsrer Empfindungen und Neigungen? Am Ende ist es doch allein die
Empfindung, das Herz, was uns bewegt, uns bestimmt, Leben gibt und Tat, Richtung
und Kraft.
    Nur ein Presswerk, ihm das Blut durch die Adern zu sprützen, kein Herz muss
derjenige im Busen tragen, der sich zu einer fortdauernden Gemütsruhe stimmen,
und darin die Erfüllung seiner Wünsche schmecken kann. - Und der sollte
glücklich sein - glücklich vor allen? Es gibt der Feigen genug, die vor jedem
Zufall beben, und doch fast keinen unter ihnen, selbst unter Betagten, der in
eure Freistätten flüchtete; alle wagen immer von neuem ihre Haut, um der Freuden
mehr zu haschen, um die Fülle ihres Lebens zu geniessen. So schuf den Menschen
Gott, und es ist doch wohl ein bisschen unsinnig, zu behaupten, er wäre besser,
wenn er wäre, wie Gott ihn nicht haben wollte. - - Glaube mir, holde Liebe, das
beste ist, wir bleiben eines Sinnes mit Natur. Ihr Wesen ist Unschuld, und wenn
wir annehmen, was sie uns nach Zeit und Umständen in die Ohren raunt, werden wir
uns so wohl befinden, als jemand unter dem Monde. Wir brauchen starke Gefühle,
lebhafte Bewegungen, Leidenschaften. Was man gewöhnlich mit einem vernünftigen
klugen Wandel meint, ist eine erkünstelte Sache; und der Seelenzustand, den sie
voraussetzt, ist zuverlässig derjenige, der am wenigsten Wahrheit in sich fasst.
- Nimm, einer wollte ein Haus von so künstlicher Einrichtung bauen, dass, wenn er
sein Licht unter dem Dache aufsteckte, das ganze Haus davon erleuchtet wäre. Es
kann geschehen, wenn er den Tacht ausspreitet und wohl auflockert, dass etwas
Schimmer durch das ganze Gebäude dringe; aber welche arme verwirrende Dämmerung!
lieber gewöhnte ich mich im Dunkeln zu hantieren. Indessen mag's hingehen für
eine Kuriosität: sonst wird doch jeder Verständige allemal lieber sein Licht
dahin tragen, wo er gegenwärtig zu sehen braucht, und es in Gottes Namen finster
sein lassen, wo er nichts zu schaffen hat.
    Ich soll mich um feste Grundsätze bemühen, damit ich zu unwandelbarer Tugend
gelange. Nun klingt es mir geradeso, wenn mir jemand vorschlägt aus Grundsätzen
tugendhaft zu werden, als wenn mir einer vorschlüge, mich aus Grundsätzen zu
verlieben. Ein Verliebter - nicht aus Empfindung, sondern aus Grundsätzen, wäre
freilich wohl sehr treu. Und ebenso würde der Herzhafte, der Grossmütige, der
Wohlwollende, der es nicht aus leidigem Triebe wäre, der der Empfindung dazu
entbehren könnte, nicht nur zu allen Zeiten herzhaft, grossmütig, wohlwollend
sein, sondern auch in jedem besondern Falle so sehr, und so nicht-sehr, als er
müsste. - Mit dem Unsinn! Ich weiss ja das alles; bin ja mehr als einer gehütet
worden irgend zu wissen - was ich wollte; zu empfinden - - was ich empfand;
strenge angewiesen wie ich etwas schön und gut, und nur dies etwas so finden
müsse; ausgestopft mit erkünsteltem, erzwungenem Glauben; verwirrt in meinem
ganzen Wesen durch gewaltsame Verknüpfung unzusammenhängender Ideen;
hingewiesen, hingestossen zu einer durchaus schiefen, ganz erlogenen Existenz.
    Dennoch wurde mir viel von meiner Beilage bewahrt, und darum weiss ich, an
wen ich glaube. Der einzigen Stimme meines Herzens horch ich. Diese zu
vernehmen, zu unterscheiden, zu verstehen, heisst mir Weisheit; ihr mutig zu
folgen, Tugend. So ward mir Eigenheit, Freiheit - Fülle des Lebens; und, o
wieviel köstlicher das, als die Behaglichkeit der Ruhe, der Sicherheit; als der
Friede des Heiligen sogar!
    Noch mit jedem Tage wird der Glaube an mein Herz mächtiger in mir, dass ich
wohl gar auf dringende Veranlassung des Moments meinen eigenen tief empfundenen
Vorschriften zuwiderhandle. - Schrei nicht über Gefahr, liebe Luzie! Was geht
uns das an, dass der Ruchlose ohngefähr ebendas tut, und so immer ruchloser wird?
Jedes Wesen erspriesst in seiner eigenen Natur: wird nicht auch die schöne Seele,
aus eigenem Keim, sich immer schöner bilden? Was ist zuverlässiger, als das Herz
des edel Gebornen? - - Nimm alle Moralen, alle Philosophien des Lebens zusammen,
und versuche streng nach ihren Vorschriften zu wandeln: wenn Du wahres Gefühl
von Schönheit und Vortrefflichkeit hast, auf wieviel Ausnahmen wirst Du stossen?
Willst Du nun, aus Furcht zu verirren, keine solche Ausnahme gelten lassen: wie
muss da nicht endlich Dein Herz und Verstand sich verstocken, Dein Geist zu
jedweder freien Bestrebung unfähig werden?
    Nehmen Wir auch einen einzelnen Menschen, den empfindsamsten, stärksten; und
lassen wir ihn, nach unzählig gemachten Erfahrungen, bloss für seine Person, mit
dem freiesten Mut, eine Philosophie des Lebens entwerfen; er wird in der Folge
abermals auf Ausnahmen stossen; und fürchtet er sich diese zu gestatten, so wird
er nach und nach zu einer Art von Maschine, wiewohl zu einer vorzüglichen vor
jenem andern, der in dem Rade noch allgemeinerer Vorschriften dreht. Allzuoft
muss er sein gegenwärtiges Gefühl unterdrücken, ihm nicht glauben, nicht trauen
wollen; folglich bloss nach dem Buchstaben handeln. Eludiert, verdreht er das
Gesetz, so wird der Kerl ein Heuchler, ein Schurke; unterwirft er sich ihm
redlich - so kommt er allmählich um Sinn und Gefühl - wird, je höher er die
Fertigkeit seiner Tugend treibt, je kälter, geschmackloser; gehorcht immer nur
(blindlings oder sehend - wie es kommt) seinem ehmaligen Willen, hat aber jetzt
keinen eigenen Willen mehr; kann sich hinfüro nie weiter über sich selbst
emporschwingen.
    
    Wir wissen, dass, der allgemeinen Sicherheit wegen, jeder Richter nach dem
dürren Buchstaben der Gesetze urteilen, und für jede andre Betrachtung blind
sein muss; daher denn oft die abscheulichsten Untaten gerichtlich bestätiget
werden, weil der Bösewicht nicht gegen den Buchstaben des Gesetzes gehandelt,
und die Form der Prozedur zu seinem Schutz angewendet hatte: der gewissenhafte
Richter konnte nicht anders, er musste - war er auch der wärmste Menschenfreund -
Verderben über den vervorteilten Rechtschaffenen aussprechen. Aber was für ein
Mensch wäre dieser Richter, wenn er kein anderes, als dieses gesetzmässige,
öffentliche Gewissen hätte; wenn er den Verurteilten nun würklich für einen
Verbrecher hielte; wenn er, falls es diesem Ehre und Leben gölte, und er ihn
könnte heimlich entrinnen lassen, es nicht täte? - Und siehe, gerade solche
Richter sind doch alle unsere unbeweglichen Sittenbesteller. Ich weiss nicht, wie
fern ich ihnen aus dem Wege gehen möchte!
    System der Glückseligkeit, so heisset, was sie uns lehren wollen - höchster
Genuss der Menschheit; das wissen sie, was das ist - und für alle und für
jedweden; wissen was alle können und jedweder; was alle müssen und wollen: haben
im Auge jede Bestimmung, und in der Seele das Mass aller menschlichen Kraft.
    Hochweise, hochgebietende Herren! wir sind nicht füreinander. Ich sing ein
ganz anderes Lied, als wovon die Melodie auf die Walze eures heiligen
moralischen Dudeldeis genagelt ist. Auch geniessen wir ganz verschiedene Kost;
können nicht an einem Tische miteinander sitzen; mein gesunder Verstand, meine
gesunden Sinne gingen mir bei eurer Krankendiät Zuschanden. Deswegen überlasst
mich meiner guten Natur; welche verlangt, dass ich jede Fähigkeit in mir
erwachen, jede Kraft der Menschheit in mir rege werden lasse. Freilich drängt
sich's da wohl einmal: aber die freie Bewegung hilft durch, passt, sondert und
vereinigt; und so immer leichter der Geist, immer mächtiger das Herz. - - Du
hohnlächelst, weiser Mann? Was soll das lange Register meiner Vergehungen,
meiner Torheiten? - Sag an, bin ich schlimmer, bin ich törichter geworden als
ich war? - bin ich schlimmer, törichter, weniger glücklich, als du? - - Dass ich
gestern den Himmel an den Kuss eines Mädchens wagte? - Armer Tropf! du hast weder
einen Kuss, noch die Freuden des Himmels gekostet: Himmel und Ewigkeit sind schon
lebendiger in meiner Seele als sie vorher waren: ich tat wohl! Und siehe, so
sind alle meine Taten gut, oder ihre Folge wird's; denn durch alle meine
Empfindungen weht der lebendige Atem der Natur, der vermehrende, ewig neu
gebärende. - - Ja, fallen werde ich öfter, aber auch ebensooft wieder aufstehen,
und herrlicher fortwandeln: sagte dir's nicht deine Amme, dass man nur durch
Fallen gehen lernt? - O ihr doppelt gegliederten, ihr Krüppel in eurem
Gängelwagen!
    Es ist traurig anzusehen, wie manche gute Leute so ängstlich und emsig - ja
zusehen, dass sie - nur ja nichts Böses, nur ja nichts Ungerechtes verursachen
oder zulassen; und darüber in ihrem Trübsinn es nur zehnmal ärger anrichten, oft
an unsäglichem Unheil schuld werden. Um nicht, pflichtwidrigermassen, durch des
abwesenden Nachbars verschlossene Tür einzubrechen, überliessen sie euch
wahrscheinlicher dringender Gefahr; als wohl, in desselben Garten von seinem
ruchlosen Sohn ermordet zu werden; nun verlöre dieser arme Nachbar darüber
Nährer, Helfer und Freund, und müsste seinen Sohn auf dem Rade sterben sehen:
aber sie hätten dann doch kein Gesetz übertreten, hätten sich nichts
vorzuwerfen, behielten ein reines Herz und ein gutes Gewissen.6
    Es liess sich auf alle Weise dartun, und durch eine Menge von Beispielen
erläutern, dass in dem Begriff der entschiedensten Tugenden doch immer etwas
Schwankendes bleibe, so dass zuweilen der Mensch sich am vortrefflichsten zeigen
könne, indem er ihnen schnurstracks entgegenhandelt. Ich kann mir Fälle
gedenken, wo es das erhabenste Verdienst wäre - einen ewigen Stachel - aber das
leitete mich in ein zu weites Feld. Nur noch ein Beispiel für was ich eben
vorhin sagte.
    Die erhabenste aller Tugenden, welche zugleich die allgemeinste Anwendung
verträgt, die übrigen alle schützt, vermehrt, gebiert - ist wohl durchgängige
Wahrhaftigkeit. Was für ein göttlicher Mensch müsste nicht aus einem werden, der
sich entschlösse, immer wahr zu sein? Schon das würde notwendig zur
Rechtschaffenheit leiten, wenn man den Vorsatz ausführte, nur keine Unwahrheit
je zu sagen; so gross ist unsre Achtung für unsre Mitmenschen - so brennend der
Spiegel, der unsre Gestalt aus ihnen in uns zurückwirft! Man erinnere sich
irgendeines Vorfalls, wo man um eine Leidenschaft zu befriedigen, einen Betrug
zu Hülfe genommen, und stelle sich nun vor, man hätte, anstatt heimlich zu Werke
zu gehen, demjenigen, den man hintergangen, die nackende Wahrheit, sein
eigentliches Vorhaben entdecken müssen - wie wird man nicht auffahren und
erblassen von dem blossen Gedanken! - Leichtsinn, in Absicht der Wahrheit, ist
Sohn und Vater des Lasters, sein Helm und Schwert, und schon die kleinste Lüge
eins der ärgsten Verbrechen gegen uns selbst, gegen die Menschheit. - Aber wer
könnte zu unsern Zeiten den unüberlegten Entschluss fassen, nie eine Unwahrheit
sagen zu wollen? Und hat es nicht zu allen Zeiten Fälle gegeben, wo es Trieb der
erhabensten Menschheit, wo es Eingebung Gottes war zu lügen? - »Oh, wer hat
diese entsetzliche Tat getan?« - »Niemand«, antwortet Desdemona; »ich selbst,
lebe wohl; bringe meinem gütigen Gemahl meinen letzten Gruss; o lebe wohl!« -
Otello ruft: »Sie ist als eine Lügnerin zur Hölle gefahren; ich war's, der sie
ermordete. «- Aber, o gerechtester Gott! wer wollte nicht mit einer solchen Lüg
im Munde den Geist aufgeben, und sich für deinen Richterstuhl stellen?
    Auch ist schon das so gar schwankend, was ich diesen Augenblick zum Behuf
der Wahrhaftigkeit, der Unverstellteit, der Offenherzigkeit vorbrachte; als,
z.B., wir verabscheuen nicht selten ebensosehr das Unschuldige, das Ruhmwürdige
sogar, zu offenbaren, als das Böse und Schändliche; und diese Schüchternheit zu
überwinden, ist manchmal der grösste Heldenmut nicht zureichend.
    Das schöne Register eurer sogenannten Tugenden auf diese Weise
durchgegangen; dann in dem Mischmasch sie betrachtet, wie ihr sie ganz und alle
zusammen, durch einen chymischen Prozess so gern in unsre Seelen treiben, und
darin hermetisch versiegeln möchtet! - Sollten wohl sein (wir Menschen) eine Art
von Gewächs, das zugleich Kastanien trüge und Pomeranzen, und auch eine Ananas
wäre, und ein Erdapfel, und ein Rosenstrauch - aber beileibe! daran keine
Dornen. - Sollte wohl - Asia gelegen sein in Europa - sollten uns wohl bemühen,
die Kunst der Barometer und Termometer so weit zu treiben, dass wir rund um die
Erde Zonam temperatam kriegten, und immer schönes und fruchtbares Wetter
zugleich hätten - sollten wohl alle Tugenden erwerben und ausüben - beim
Kegelschieben, oder beim Tarock, à l'hombre - sollten - sollten -
    Ja, so in etwa - denken lässt sich freilich manches - noch so eben. Aber von
der schimärischen Vorstellung bis zur eigentlichen; vom Traum bis zur
Würklichkeit - wie weit!
    Es wird überhaupt nie genug erwogen, was für ein unendlicher Unterschied
zwischen Bild und Sache, zwischen Idee und Empfindung ist. Welch eine Menge der
entgegengesetztesten Dinge können wir in der Idee nebeneinanderstellen,
aufeinanderfolgen lassen? Ich denke, Himmel und Hölle, und mir ist ohngefähr
einerlei dabei zumute. Darum überwiegt so häufig sinnlicher Reiz die Ideen von
den schrecklichsten Plagen der Zukunft: Und darum ist's so ein Lumpenkram um
alle gelernte Religionen und alle gelernte Moral. Ein Mensch, der beständig in
der Anschauung edler Gegenstände ist, wird gewiss nie unedel handeln; wer aber
das minder Gute, das minder Schöne in der Anschauung, und das höhere Schön' und
Gute in der Idee hat; wie wollte der handeln können diesen gemäss? Alles stimmt
zusammen die Menschen unsrer Zeit in diesen Fall zu setzen; daher der beständige
Widerspruch zwischen Handlungen und Grundsätzen - daher die Irrungen selbst in
dem System der Grundsätze, weil nichts irrleitender ist, als die Kombinationen
bloss spekulativer Ideen. - Was für Meinungen, was für Entschlüsse werden in
unsrer Kindheit nicht in unsre Köpfe geschraubt, was für Sentiments nicht
hineingedämmert? - und wenn wir Arme dann hinausgestossen werden in die Welt, wo
jetzt alles dawider angeht, welch innerer Zwiespalt, welche Zerrüttung, welch
gegenseitiges Misstrauen zwischen Herz und Geist!
    Oh, schlage du nur fort, mein Herz - mutig und frei; dich wird die Göttin
der Liebe - es werden die Huldinnen alle dich beschirmen: denn du liessest alle -
alle Freuden der Natur in dir lebendig werden; - vertrautest unumschränkt der
allgütigen Mutter - schenktest ihrem zartesten Lächeln jedesmal von neuem dich
ganz - strömtest hin in verdachtlosem Entzücken: lerntest, empfingst darum von
ihr, zu geben und zu nehmen, wie sie selbst; wie die Millionen Lichtstrahlen,
die auf unzähligen Gegenständen reverberieren, ohne sich zu verwirren, dann im
Auge sich sammeln - wieder ohne sich zu verwirren: - Oh, unaussprechliches
Wohltun - unendliche Güte - Leben und Liebe -
    Luzie! liebe Luzie! dass ich Dir es mitteilen könnte! könnte leben Dich
lehren dies unendliche Leben. Nie würdest Du dann befestigen wollen die Sonne,
weder in Osten noch in Westen, sondern würdest wenden Dich nach Aufgang und
Untergang -Und schön ist ja auch der Mond unter Sternen am Nachtimmel - Und
schön der dunklere Nachtimmel mit heller funkelnden Sternen im Neulicht! - Oh,
dass ich diese Gottesader in Dir rühren, und zum immerwährenden Pulsschlag
bringen könnte! -
 
                            Luzie an Eduard Allwill
Ihr jüngster Brief, mein teurer Freund und Lehrer, war beinah so viel, als eine
persönliche Erscheinung. Was Sie für ein Zauberer sind! Als ich ihn gelesen
hatte, diesen Brief, war ich -nein, ich war nicht zwei Jahre jünger, nur die
Zeit hatte sich um so viel verjüngt, das Vergangene sich zu mir hinauf bemühet;
Sie waren noch bei uns, und ich hatte Sie ganz rund dastehen, wie kurz vor
unserer Trennung. Nun urteilen Sie, wie mir das so toll im Kopfe herumgehen
musste, dass ich an Sie geschrieben hatte, und geschrieben hatte alles das, wovon
Sie so lustig geworden waren und daneben so heldenwütig. Meine herzliche Epistel
an Sie ward mir nun gerades Weges zur Posse; ich musste lachen und erröten.
Grosser Mann, verzeihen Sie meine Unbesonnenheit: ich vergass, dass Sie ein Held
sind; dass ich - nur ein unbedeutendes, unschuldiges Mädchen bin, und dass
Unschuld dem Helden etwas so Unnützes, so Nichtswürdiges scheinen muss; dass der
Göttliche - Unschuld verspottet; der Göttliche - Unschuld mit Füssen tritt; über
sie hin, erhaben, seine Bahn nimmt. - Unschuld, Eduard! - lieber Eduard,
Unschuld, Unschuld, Unschuld! - Erwacht keine erste Erinnerung davon in Ihrer
Seele? Besinnen Sie sich doch - weit, weit zurück! Dort in der schattigsten
Gegend Ihrer Seele, schwebet da nicht etwas noch von dem Schauder, der Sie
ergriff, als - Ihr offenes Auge enger, auf Ihrer lichten Stirn eine trübende
Kohle ward, als das Gewölbe Ihres Busens wich, Ihr Atem sich verminderte, Stand
und Tritt - Ihr ganzes Wesen schwankte - als Unschuld Sie zu verlassen drohte?
Und wallet da nicht noch in dumpfem Nachhall etwas von dem Donner - als Sie
Unschuld von sich warfen: Und ...? - Nein, armer Eduard, das ist verschwunden,
Dir auf immer verschwunden. Was will ich also? Sie können ja unmöglich mich
verstehen ... Ihr guten Leute überwachst euch in den Kinderschuhen. Bevor ihr
euch in euch selbst ganz sammeln könnt, ist euer Wesen schon angegriffen; bevor
sich euer Herz selbst fühlen kann, ist es schon betört. Da entstehen denn
höchstens, wo Schönheit und Grösse in der Anlage waren, solche herrliche
Ungeheuer, wie ehmals die Zentauren.
    Eduard! ein sehr ausserordentlicher Mensch sind Sie wahrlich. Wer Sie
durchaus kennt, dem muss es oft eben unbegreiflich vorkommen, dass Sie nicht ein
Engel an Tugend oder ein Satan an Laster geworden. Die Ungereimteit Ihres
Wesens lässt sich nicht denken, lässt sich auf keine Weise darstellen: Unbändige
Sinnlichkeit - und stoischer Hang; weibische Zärtlichkeit, der äusserste
Leichtsinn - und der kälteste Mut und die festeste Treue; Tigerssinn - und
Lammesherz; allgegenwärtig - und nirgendwo; alles - und nie etwas - verdammter
zwiefacher Mensch! Unschuldiges, himmelauf steigendes Blut Abels, und
mörderischer, flüchtiger Kain! Ja! - aber auch gezeichnet mit dem Finger Gottes,
dass kein Mensch Hand an Dich zu legen wagt.
    Lassen Sie mich, Eduard! Sie sind ein unbehagliches Geschöpf; wer teil an
Ihnen nimmt, hat ein bitteres Leben, alles machen Sie ihm sauer, das Reden
sogar, und selbst das Denken. Ferne sei demnach von mir, dass ich Ihre lange
Epistel Punkt vor Punkt beantworte; nur beifügen ein Wörtchen will ich hie und
da.
    Vorerst sollen Sie eine Stelle aus einem Briefe von Eduard Allwill lesen,
den er an unsern D** schrieb, als dieser bei einer sichern Gelegenheit seinen
Nacheifer zu besänftigen und ihn zu mehrerer Nachsicht zu überreden suchte:
    »Verträglich, nachsehend, tolerant«, sagt der feurige Jüngling, »bin ich
gewiss so sehr, als ich es ohne Verderbung meines eigentümlichen Charakters, ohne
wesentliche Inkonsequenz sein kann. Mich deucht, wer auf eine andre Weise
tolerant ist, der missbraucht Sache und Wort, der ist nicht tolerant, der ist
wankelmütig, schwach, kindisch. Ein Kind wird von allen Dingen entzückt, die nur
im Vorübergleiten einen angenehmen Eindruck auf seine zarten Sinne machen, es
unterscheidet, es schätzt sie weiter nicht: in jeder Stunde ist ihm etwas
anderes schön, und was in dem gegenwärtigen Augenblick es vergnügt, das Schönste
von allem. Ein Mann im Gegenteil unterscheidet die Dinge an ihren Bestimmungen!
er ordnet sie nach ihrem Gebrauch für sein ganzes Dasein, und weiss, was gut und
schön ist mit Namen zu nennen.
    Alles mögliche von einer gewissen Seite betrachtet, lässt sich in einem ganz
erträglichem Lichte ansehen, denn nichts kann durchaus hässlich und böse sein.
Aber ebenso, wie wir von entfernten Körpern nur alsdann sagen, dass wir sie in
ihrer wahren Gestalt erkennen, wenn wir sie so sehen, wie sie uns in der Nähe,
in derjenigen Distanz erscheinen, welche ich die Sphäre der Betastung nennen
möchte; ebenso haben auch die moralischen Gegenstände ihre ausgemachte Distanz
oder Sphäre, in der ihre verschiedenen Erscheinungen berichtiget, und auf die
beständigen Gestalten der Gegenstände reduziert werden können und müssen. Wer
nicht für sich eine solche bestimmte Sphäre unwandelbar annimmt, sondern bald in
diese, bald in jene flattert; alle Augenblicke den Horizont wechselt, und
überall zu Hause ist; der kann - vielleicht die Hälfte seiner Lebenszeit ein
ganz guter Mensch scheinen; die andre Hälfte aber scheint er zuverlässig ein
desto schlechterer; ein würdiger nie; ist keinen Augenblick ein ganzer Mann.«
    An eben diesen D** schrieb Eduard Allwill: »Das romantische Gebrause Ihres
jungen Grafen ist unerträglich. Ein Clodius, der den Brutus spielen will. Was
ich davon denke, darf ich der Mutter nicht sagen, wohl aber Ihnen. So ein Laffe,
der alle Tage regelmässig seinen dummen oder schlechten Streich spielt, mag sich
einfallen lassen, die Welt sei nicht gut genug für ihn! er soll doch nur ja mit
ihr vorliebnehmen, denn so wie der junge Herr beschaffen ist, ist er noch lange
nicht gut genug für sie, und er mag nur zusehen, dass wir ihm nicht heut oder
morgen auf eine unebne Weise seinen Abschied erteilen. Mir fallen gleich
Ohrfeigen ein, wenn ich Leute mit erhabenen Gesinnungen herankommen sehe, die
nicht einmal nur rechtschaffene Gesinnungen beweisen. Und es macht mich gar
nicht zufriedner mit ihnen, wenn sie auch ihre schönen Gesinnungen mit
sogenannten schönen Handlungen begleiten; wer ein weiches Herz hat, etwas Feuer
im Blut, und viel Leichtsinn, besteht deren mehr als der Beste; hat aber am Ende
eitel Ärgernis angerichtet, und für jeden Segen, der ihm ward, doppelten Fluch
auf sich geladen. Spreu und Wind! Das Böse zu meiden, darum gilt's vor allem;
daran übt, daran erkennt sich der rechte Mann. Mancherlei Gutes tun (ich sag es
noch einmal) ist leicht: mancherlei Grosses - eine Lust: aber ohne Sünde bleiben,
ohne Missetat - das ist - o wie schwer! aber auch, wie weit erhaben über alles!
Was heisst der wunderbarste Luftspringer gegen den Unerschütterlichen im Kampf? -
Ein vortrefflicher Schriftsteller sagt irgendwo: 'Ich wüsste nichts
Preiswürdiges, wozu nicht auch der äusserst missratene, durchaus fehlerhafte
Mensch zuweilen sich erheben könnte - Ordnung, Mässigung und Beständigkeit
ausgenommen.'«
    Ich fordere Sie nicht auf, guter Eduard, diese Auszüge mit den erheblichsten
Stellen Ihres letzten Briefes an mich in Verbindung zu bringen. Wer weiss, was
Sie leisteten? Ich hab eine solche hohe Idee von Ihren philosophischen Gaben,
dass ich Ihnen beinahe das Unmögliche zutraue. Allein Ihrem Herzen sei es
anheimgegeben, wo die Fülle der Wahrheit sei, dort oder hier. Sie glauben ja
Ihrem Herzen alles, ich glaub ihm auch: fragen Sie es, wann es sich am freiesten
fühlte, wo es ganz einstimmte und mit Ihren Gedanken gleichen Strom nahm, ob bei
den Briefen an D**, oder bei dem an mich.
    Lieber, offener - königlicher Jüngling! Ach, so tief herabgewürdiget - zum
bangen, schielenden Sophisten!
    Sie erinnern sich wohl schwerlich eines Briefes, den Sie mir vor andertalb
Jahren schrieben; es war einer der ersten, nachdem Sie Wien verlassen hatten.
Ich bin äusserst versucht, ihn hier ganz abzuschreiben; aber lesen Sie nur
folgende Stellen wieder:
    »Wenn in den vergangenen Tagen, nachts vor Einschlafen, früh beim Erwachen,
in jedem stillen Augenblick mein Wiener Aufentalt mir vor die Seele trat;
mancher entseelte Rest des Vergangenen neues Leben erhielt; was in Beziehung
stand, sich einigte; alles aufeinander wog, ganzer und inniger ward - und ich
nun über vieles, oh! über so vieles in herbes, tiefes Trauern versank, so fuhr's
mir wohl unversehens wie ein giftiger Pfeil durch die Brust; was soll dein
Jammer, deine Reue, dein Klagen? Es ist nur Hohn damit! Ein unbezwinglicher
Leichtsinn, eine verruchte Achtlosigkeit, liegt zu tief in deiner brausenden,
unaufhörlich gärenden Natur. Wer dich kennt, traut dir nicht, liebt dich nicht!
- O Luzie! bis zur Verwirrung hat's mich fast gebracht, dies Sinnen über mich
selbst, dies Hadern mit mir. -Ich möchte nicht alles erzählen, wenn ich auch
könnte.«
    Wie gross, wie lieb! Damals, wie nah mein Eduard den Besten seiner Gattung! -
Aber was half's? Sie wurden dennoch nicht weiser, und so mussten Sie bald nur
desto törichter, desto unglücklicher werden. Es kann nicht anders kommen; die
unbesonnene Heftigkeit, womit Sie sich überall anwerfen, sich so vielfach
zertrennen, muss die ungereimteste Verwirrung in Ihrem Wesen verursachen, der
gänzlichen Zerrüttung es immer näher bringen. Alle Hände voll, wollen Sie doch
immer noch mehr greifen, und können dann weder fassen noch halten. Überdem soll
jeder Gegenstand des Genusses sich Ihnen noch in jedem andern Gegenstande
vervielfältigen; Sie sind gerade der Mann, über den Sie spotteten, der von einem
Oranienbaum Kastanien, und von einem Kastanienbaum Oranien verlangt; die
leichtfertige Dirne soll auch die hohen Reize, alle Tugenden, die Liebe eines
frommen Mädchens, und das fromme Mädchen hinwiederum, die schnöden
Annehmlichkeiten, die ganze Torheit der leichtfertigen Dirne besitzen; und wenn
dergleichen sich nicht findet, dann ist's eine Not, ein Jammer, dass man
zweifelt, ob auch wohl diese Welt einen Gott zum Urheber haben könne? Und das
heisst denn doch eines Sinnes sein mit Natur! - Allwill! Sie, eines Sinnes mit
Natur? der Sie immerwährend die echtesten Bande der Natur auflösen; wahre, reine
Verhältnisse zerstören, um erträumte, schimärische an die Stelle zu setzen -
dann sich abarbeiten, alle Schwarzkünsteleien zu Hülfe nehmen, um den wankenden
Schatten zu befestigen; und da nichtsdestoweniger die Sonn ihn verrückt, dem
Segenswandel der Sonne fluchen - Sie, eines Sinnes mit Natur? Wenn ich nur etwas
wüsste, das der Natur entgegengesetzter wäre, als jene Unmässigkeit, welche alle
Bedürfnisse vervielfältiget und grenzenlosen Mangel schafft, mit seinen
unendlichen Nöten - Angst, Schmerz, Gevalttätigkeit, Betrog, Arglist und Tücke.
Nur einen flüchtigen Blick auf die Welt - was sie vermindert, verringert, was
den schlechten Bürger gibt und den schlechten Staat, was den Acker verödet und
des Lebens weniger macht überall. - Nichts anders als eben jene Ungenügsamkeit,
jenes blinde Ringen nach allem, jenes Scheidekünsteln an den Dingen, um das
Wesen von der Substanz, und die Würkung von der Ursache abzulösen, um zu
widernatürlichen Bedürfnissen widernatürliche Mittel zu erfinden. Ich weiss wohl,
dass es wenig fruchtet, dagegen zu predigen; aber dafür zu predigen, die Teorie
der Unmässigkeit, des Lasters, als die einzige Philosophie des Lebens, als den
einzigen Weg zur Glückseligkeit, ja zur höchsten Vortrefflichkeit, anzupreisen:
das wäre, deucht mich, doch wohl das unsinnigste Beginnen, das sich erdenken
liesse, und das böseste.
    Ja, Eduard, Teorie der Unmässigkeit, Grundsätze der ausgedehntesten
Schwelgerei, das sind die eigentlichen Namen für das, was Sie mit so vielem
Eifer, mit so ungemeinem Aufwande von Witz, Räsonnement, und dichterischem
Schmuck, an die Stelle der alten Weisheit zu setzen trachten; und das gewiss
nicht auf Anraten Ihres Herzens, das gross und edel ist, sondern Ihrer
Sinnlichkeit zulieb, welche Sie, unter dem Wort Empfindung, so gern mit Ihrem
Herzen in eins mischen, wie wohl auch jeder andere Mensch mehr oder weniger tut,
und nicht anders kann. Sinnesfreude ist die Lichtwolke, worauf alles Göttliche
vom Himmel zu uns herniedersteigt; aber Dunst aus Moor und Grüften ist nicht
diese Wolke vom Himmel, obschon er die Hügel hinanschleicht, und Sonnenlicht
haschet. Aber Sie können das nicht unterscheiden. Doch unterscheiden Sie
übrigens so scharf, empfinden so reinweg alles Schöne! - freilich, aber auch
alles Schöne so lebhaft, dass jedweder Eindruck davon Sie berauscht, Ihnen für
die Zeit alle weitere Besinnung raubt; nur ein Tropfen Nektar an des Bechers
Rand, und Sie verschlingen, ohn es zu merken, das abscheulichste Getränke. -
Eine fürchterliche Bestimmung, dieser Eduard Allwill zu sein! Unaufhörlich, auf
so mancherlei Weise bis ins Mark erschüttert; und die Menge tiefer Leiden in der
Folge. Armer! - dass Du nicht endlich mit zugrunde gehst bei den Stössen, da alles
an Dir zerschellt, oder erstickst unter dem Schutt! - Immer doch ein mächtiger
Genius! Wie ich sagte: gezeichnet mit dem Finger Gottes; dass kein Mensch Hand an
Dich zu legen wagt.
    Könnt ich nur jedes liebe unschuldige Geschöpf von Deinem Bann entfernen!
Ach, wie viele der Unglücklichen Du noch machen wirst, die Du ihrer eigentlichen
Bestimmung, ihrem natürlichen Verhältnis entsetzen, sie aller Haltung für ihr
künftiges Leben verlustig machen wirst! - Gutes Mädchen, das sag ich nicht, dass
er dich nicht liebt; er liebt dich gewiss; mit mehr Wahrheit vielleicht, als
sonst kein Mensch dich lieben könnte; liebt gerad alles wahrhaft Schätzbare an
dir, gerade das, worin deine gutgeschaffene Seele ihre angemessenste Tätigkeit,
ihre eigenste Wonne, fühlet. Nicht wahr, das fühlst du, das sichert dich, dass er
dich innig liebt, wie du dich selbst, und wie du ihn liebest; und du hast recht
so an ihn zu glauben; dein ist seine ganze Liebe. Aber, armes Kind! Allwill
liebt nie anders, er ist immer seinem Gegenstande ganz; morgen vielleicht - der
Ehre; einem vortrefflichen Manne; einer Kunst; vielleicht - einer neuen
Geliebten. - Sieh, dieser Allwill - der Elende! muss unstet und flüchtig sein; er
ist verflucht auf Erden - aber gezeichnet mit dem Finger Gottes; dass kein Mensch
Hand an ihn zu legen wagt. - Eduard, guter Eduard, jammert Dich nicht das arme
Geschöpf? O so schone dann! schone, schone! -
    Aber, was hilft mein Flehen, was hälfe das Flehen einer ganzen Welt? Deine
Sinnen, Deine Begierden sind Dir zu mächtig, und da sie eine so bequeme
täuschende Hülle an Deiner schönen Phantasie haben, wirst Du nie sie für das
erkennen, was sie sind. Ach, die Bedürfnisse Deiner Sinne, die Täuschungen
Deiner Sinne - glaube mir, Allwill - (schwindender Atem meiner Brust, komm,
sammle dich, dass meine Stimme weniger bebe, und ihr kranker Laut ihn erreiche) -
Allwill, es sind Mörder! - Hie und da her wird es Dir immer grässlicher in die
Ohren gellen: Mörder! - - Meuchelmörder!
    So manches Unheil, so unsäglicher Jammer allein in diesem Bezirk der
Menschheit durch Sie angerichtet, würde Ihnen die Nichtigkeit Ihres Systems
hinlänglich blossstellen, wenn es nicht ausdrücklich erfunden wäre, um Sie gegen
dergleichen Ansichten zu erblinden. Da soll nun eine Menge herrlicher
Empfindungen, welche sich anders nicht erwarten und zusammenbringen liessen,
alles Böse mit Wucher ersetzen, und dieser innere Genuss alle seine Kosten
aufwiegen. Hiebei fällt mir ein, was ich Sie so oft vom Wissen sagen hörte. Sie
verglichen den grossen Haufen unsrer Studierenden mit Leuten, die gar emsig hin
und her liefen, um zu suchen - was sie nicht verloren hätten, wessen sie auch
weiter nicht bedurften. Es sei eine Schande für den menschlichen Verstand,
behaupteten Sie, dass wir Wissenschaft von Tag zu Tage mehr zu einem
abgesonderten, absoluten Dinge machten, da sie doch von bestimmten Zwecken
allein Ursprung und Wesen habe; nur Bescheid auf eine dringende Frage sei, wie
diesem oder jenem Bedürfnis abzuhelfen; Baugerüste, Maschine, Instrument. - Ich
fand und finde noch das so wahr, dass man sich nicht bekümmern sollte etwas zu
wissen, als nur - wie sich etwas mache oder tue, das einem not ist; belachte
gern mit Ihnen die Torheit alles müssigen Lernens und Spekulierens. Aber sagen
Sie mir, lieber Eduard, ist es eine reellere Sache um das müssige Sammeln von
Empfindungen, um das Bestreben, Empfindungen - zu empfinden, Gefühle - zu
fühlen; findet nicht hier eine ebenso ungereimte Absondrung statt, wie dort beim
Wissen? Ich glaube, wer eine schöne grosse Seele in der Tat besitzet, hält sich
nicht damit auf, die Empfindungen, welche seine Handlungen betreiben, die
entzückenden Gefühle, welche sie begleiten, auf solche Weise abzusondern; wird
sich ihrer nie dergestalt bewusst, dass er sie in Ideen aufbewahren, und aus
derselben Betrachtung einen unabhängigen Genuss sich bereiten könnte; er sagt
nicht: es ist Seligkeit in dieser Empfindung, in diesem Gefühl, sondern es ist
Seligkeit in dieser Tat. Und das, Lieber, macht die Bahn des Edlen richtig.
    Vor einigen Monaten starb ein Greis, mit Namen Wigand Erdig; der hatte aus
dem elenden Flecken D* eine ansehnliche Stadt voll glücklicher Bürger gemacht.
Ich glaube nicht, dass er ausser seinem Gewerbe viel mehr als seinen Katechismus
wusste; aber sein Gewerbe verstand er gut, war an Ordnung, Fleiss, Mässigkeit - an
gesunde Vernunft gewöhnt, und so von Tag zu Tage klüger, geschickter, emsiger
und unternehmender geworden. Nun legte er zu D* eine Tuchfabrik an. Der Fortgang
seines Unternehmens litt unzählige Hindernisse; aber er war einmal im Gedränge,
und musste durch. Eine Not nach der andern wurde ausgedauert; eine Schwierigkeit
nach der andern überwunden; der Mann immer mutiger und weiser. Wenige Jahre, da
waren fünfhundert Familien in seinem Brot; der benachbarte Bauer, um dieses zu
schaffen, vermehrte sein Haus und baute öde Ländereien an; es wurden fruchtbare
Bäume gepflanzt und Gärten die Menge; die ganze Gegend füllte und verschönerte
sich: endlich ward diesen Glücklichen das Tal zu enge, da sprengten sie Felsen
weg und stuften die Berge hinan. Das alles brachte dieser einzige Mann zuwege,
und ohne andre Absicht (seines Bewusstseins) als um sein Gewerbe in Flor zu
bringen, sein Haus zu gründen, und seine Nachkommen in Segen zu setzen. Ebenso
wurden ihm selbst die Eigenschaften ehrwürdiger Menschheit. Die Klugheit und die
Unsträflichkeit seines Wandels hatten ihn bei seinen Mitbürgern in solches
Ansehen gesetzt, dass sie ihn gleich einem Vater über sich walten liessen; sein
Begriff, das Licht seines Gewissens, galt ihnen mehr als alle Gesetzbücher. In
den letzten Jahren, wenn der alte Erdig über die Strasse kam, gingen die Leute
vor ihre Häuser, und wer ihm begegnete auf die Seite, um ihn mit gebührender
Ehrfurcht zu grüssen. Man muss die Leute sehen, wenn sie erzählen, wie der
ehrenreiche Greis langsam so einhertrat, gegen jedweden freundlich sein leichtes
Haupt neigte, und einem all das Gute erinnerlich ward, das er gestiftet hatte. -
Nicht Tränen, es kömmt ihnen sonst etwas in die Augen, verbreitet sich über ihr
ganzes Angesicht -Verheissung des ewigen Lebens - Er ist bei Gott - Allwill!
dieser Glanz der Heiligkeit - wissen Sie etwas drüber?
    Eure Flitterphilosophie möchte gern alles was Form heisst verbannet wissen;
alles soll aus freier Hand geschehen; die menschliche Seele zu allem Guten und
Schönen sich selbst - aus sich selbst bilden; und ihr bedenkt nicht, dass
menschlicher Charakter einer flüssigen Materie gleicht, die nicht anders als in
einem Gefäss Gestalt und Bleiben haben kann; lasst euch deswegen auch nicht einmal
einfallen zu erwägen, dass eitel Wasser in einem Glase mehr taugt, als Nektar in
Schlamm gegossen.
    Unter allen Formen zu Bildung unserer Natur ist freilich die Form eines
blossen moralischen Systems die geringste und zerbrechlichste: aber besser als
keine ist sie doch allemal. Gar alle Grundsätze verwerfen, weil man öfter
Grundsätze unzulänglich oder unwürksam befunden, ist klarer Unsinn. Was nützen
Erfahrungen, wenn nicht durch ihre Vergleichung standhafte Ideen zuwege gebracht
werden; und was wäre überall mit dem Menschen vorzunehmen, wenn man nicht auf
die Würksamkeit solcher Ideen zu fussen hätte? Auch nehmen wir so allgemein für
den eigentümlichsten Vorzug der Menschheit an, nach Grundsätzen zu handeln, dass
der Grad der Fertigkeit hierin den Grad unserer Hochachtung oder Verachtung
bestimmt. Wir preisen denjenigen, bei dem - der Empfindung das Gefühl, und dem
Gefühl der Gedanke die Waage hält. Also nicht unsere Gefühle verringern, nicht
sie schwächen will die Weisheit, sie nur reinigen will sie; und dann bis zur
Lebhaftigkeit des Gefühls den Gedanken erhöhen; also die Empfindung überhaupt -
schärfen, vergrössern. Ich weiss dass Sie mehrmals, von hoher Idee begeistert,
heftige Begierden überwanden, Leidenschaften zu Boden schlugen: Haben Sie jemals
sich grösser gefühlt, als in diesen Augenblicken; waren Sie je freudiger,
triumphierender? Auf nichts dünken Sie ja sich mehr, als dass gewisse Ideen so
fest in Ihnen halten, dass kein Vorfall Ihren Glauben daran einen Augenblick
irremachen könnte, Sinne und Imagination möchten vorspiegeln was sie wollten.
Edler Stolz kann nie eine andre Quelle haben. Jede Erhabenheit des Charakters
kömmt von überschwenglichster Idee. Als Portia den Brutus überführen wollte, dass
ihre Seele fähig sei die seinige in allen ihren Unternehmungen zu begleiten,
wusste sie kein besseres Mittel, als ihm eine Probe vor Augen zu legen, dass
sinnliche Eindrücke nichts über sie vermöchten. Steigen wir von der Heldensitte
bis zum gefälligen Wesen unserer Tage herab, überall sehen wir am mehrsten
geehrt, was Obermacht des Gedankens über Triebe beweiset. Seien die Lebensarten
noch so verschieden, die Gebräuche noch so mannigfaltig und abwechselnd, jene
Übereinstimmung wird, bei genauer Untersuchung, überall sich zeigen; sie
erstreckt sich bis auf die Urteile von Mienen und Gebärden, und führt uns selbst
zur Quelle aller Begriffe von Anständigem und Unanständigem. Wo Gedanke den
Menschen zu verlassen scheint, wo er ganz dem Triebe allein ist; wo er von
diesem - nur sich übernehmen lässt; wo er sich nur der Gefahr aussetzt von ihm
übernommen zu werden; da fühlen wir Unanständigkeit.
    Es ist ganz zum Vorteil der Grundsätze, was Sie am Anfange Ihres Briefes von
denen widersprechenden Erscheinungen im Menschen anführen, wo ihm wechselsweise
- seine Weisheit zur Torheit, und seine Torheit zur Weisheit werde. Man sollte
glauben, eben die feine Organisation, welche Sie zu dergleichen Bemerkungen
geschickt macht, Ihnen Materie und Form dazu bietet, müsste Ihnen auch die
Überzeugung aufdringen, dass dem Menschen eine feste Lehre der Glückseligkeit,
dass ihm unverbrüchliche Vorschriften des Verhaltens unentbehrlich seien: was
anders kann in seinem Tun ihn sichern; was als einen zuverlässigen Mann ihn
darstellen? - In alle Wege muss er verlorengehen.
    Den eingestandenen Wankelmut des menschlichen Herzens sogar beiseite, und
angenommen, das Ihrige wäre so beschaffen, dass es Sie immer zum Guten leitete,
nur aber auf eine Weise, welche der eingeführten Ordnung zuwiderliefe; so müsste
dennoch Ihr Charakter verwildern; so müssten Sie eben darum ins ärgste Verderben
sinken, weil Sie so sehr über Ihre Brüder erhaben wären. Es könnte nicht fehlen,
indem Sie diejenigen Gesetze angriffen, welche der allgemeine Menschensinn für
unverbrüchlich erklärt, dass Ihnen beinah jedweder im Wege stünde; Ihre
Bestrebungen hemmte; unwissend oder aus Absicht Ihnen die äusserste Qual
verursachte; kurz, dass jedermanns Hand sich wider Sie erhöbe: zwiefach wäre dann
gegen jedweden die Ihrige; Ekel, Gram und Hass nähmen Ihre Seele ein; mit der
Gewalt drängen Sie nicht durch; Sie müssten also um Ihr erhabneres Leben zu
retten, List, Verstellung, Betrug zu Hülfe rufen, lauter krumme Wege gehen; dies
entzweite Sie notwendigerweise mit sich selbst, und so müssten Sie bald voll
tiefen Greuels sich und die Welt verfluchen.
    Schnöde Prahlerei, dass Ihr Herz immer freier und freier schlage; es kann
nicht frei schlagen, solang es Geheimnisse des Frevels und der Schande zu bergen
hat; solang es vor dem Blicke des Unsträflichen sich zusammenziehen - von dem
Atem des Reinen ersticken muss in seinem Blut - damit nur Deine Stirne weiss
bleibe, wenn er Dinge der Finsternis mit ihrem Namen bezeichnet, und Du fühlest,
er redet von Deinen Taten - Allwill, mir schaudert die Haut, wie ich Dich
manchmal beben - vergehen sah; bis zur Ohnmacht in Verwirrung über dem
absichtlosen Worte eines Toren, eines Kindes; über den Mutwillen eines
Gassenbuben, die Schmähreden eines Trunkenen.
    Aber Sie haben wohl nunmehr dergleichen Schwachheiten von sich abgeworfen.
Aus einem Stück Ihres Briefes, wo Sie die Zweideutigkeit aller Tugenden zu
erweisen trachten, erhellet, dass Sie wenigstens mit grosser Mühe daran arbeiten.
Ich will Sie nicht stören, Eduard. Doch zur Erholung lassen Sie sich erzählen,
was ich gestern von ohngefähr in meinem ehrlichen Montaigne las, und dann eine
Anekdote, die ich weiss. Der treuherzige Montaigne erzählt, dass man ihn nie hätte
vermögen können, für König und Vaterland sogar, in etwas Schlechtes zu willigen.
Er glaubte, wenn er einmal sich selbst wäre untreu geworden, würde er leichtlich
nachher es auch dem Staat werden. Man muss eine Sache Gott überlassen, sagt er,
wenn menschlich zu helfen unmöglich ist, und was ist unmöglicher, als dass ein
rechtschaffener Mann Treu und Glauben verlasse? Was kann weniger sein, als was
ein Mann von Ehre nur mit Ehr- und Wortesschmach bewerkstelligen könnte?
Hiernächst erwähnt er unter andern des Epaminondas, des vortrefflichsten unter
den Menschen, bei welchem jede einzelne Pflicht in so hohem Ansehen war, dass er
nie in der Schlacht einen Überwundenen zu Boden stiess; der um des unschätzbaren
Gutes willen, die Freiheit seinem Lande zu verschaffen, sich ein Gewissen
machte, ohne die Form der Gerechtigkeit, einen Tyrannen oder seine Mitgenossen
umzubringen, und der denjenigen für einen schlechten Menschen hielt, so ein
guter Bürger er auch sein mochte, der unter den Feinden und in der Schlacht
seinen Freund und seinen Gastgeber nicht verschonte - »Grässlich von Eisen und
Blut kömmt er zertrümmernd und durchbrechend eine Nation, unüberwindlich gegen
jeden andern, als gegen ihn allein; und geht seitwärts mitten im Handgemenge bei
Begegnung seines Gastes und seines Freundes. Wahrhaftig dieser da regierte im
eigentlichen Verstande den Krieg vollkommen, der ihn das Gebiss der Güte erdulden
machte, im Beginn seiner stärksten Hitze so entflammt als er war, und schäumend
vor Wut und Mord. Es ist Wunderwerk, mit dergleichen Handlungen einige Art von
Gerechtigkeit vereinbaren zu können: aber es gehört nur für die Energie des
Epaminondas, die Sanftmut der mildesten Sitten, und der reinsten Unschuld damit
vereinbaren zu können« - »Wenn es Grösse des Mutes ist, und die Würkung einer
seltnen und besondern Tugend, um des gemeinen Wohls willen und der Obrigkeit zu
gehorchen, Freundschaft, persönliche Pflichten, Verwandtschaft und Wort für
nichts zu achten; so ist es wahrhaftig genug, um uns los davon zu sagen, dass es
eine Grösse ist, die in der Grösse des Mutes des Epaminondas nicht Platz finden
kann.«
    Nun die Anekdote. Sie kennen Auguste von G**, die treue, makellose Seele,
die so einzig ist, weil sie nur für das Gute und Wahre Begriff hat, nur für das
Gute und Wahre Witz und Laune. Eine unselige Kokette verführte ihren Mann.
Auguste, im höchsten Grade arglos, merkte lange nichts. Weil aber G** genötiget
war, ihr manche Unwahrheit vorzutragen, und, wie bekannt, eine jede Unwahrheit
Lügen ohne Zahl gebiert, so musste das liebe Weib wohl endlich merken, dass es
hintergangen wurde. Nun begab es sich an einem Tage, dass ihr, in des Mannes
Gegenwart, auf einmal zwo recht frappante Betrügereien offenbar wurden. Sie
können sich G**s Zustand einbilden. Kaum war der Freund, welcher
unschuldigerweise die Sache ans Licht gebracht hatte, zur Tür hinaus, so hub
Auguste an: »Höre doch, Max, du hattest mir ja diese Sache - so, und jene - so
gesagt, und ich hör es nun so ganz und gar anders? Ich merke seit einiger Zeit,
dass du mir öfters Unwahrheiten sagst. - Wenn du wüsstest, wie mich das betrübt!«
- »Freilich«, antwortete G**; »aber das ist nicht meine Schuld; wer sich
unbescheidene Fragen erlaubt, der zwingt den andern zur Lüge.« - »O Gott«, sagte
Auguste mit freundlicher weinender Stimme: »Wenn ich denn nur wüsste was ich
nicht fragen muss; ich wollte gewiss nie so etwas fragen, damit du nie zu lügen
brauchtest.« Ist Ihnen eine Lüge bekannt, Eduard, die an Kraft zum Guten, auch
an Erhabenheit, diesem unschuldigen Gebet meiner Auguste um Wahrheit gleich zu
schätzen wäre?
    Unschuld, Eduard, lieber, lieber Eduard! Unschuld, Unschuld! So fing ich an,
und so schliess ich. - Süsse, reine, ewige Wonne der Unschuld - das ist es doch;
ja, Eduard! das ist es was auch Du suchst - ach! auf dem Wege der Verstockung! -
Liebes Mädchen, eile! Eile Freundin, dass sein Auge dich erreiche und er
zurückfliege! Liebe allein kann ihn retten; kann seinem Herzen den Geschmack an
Unschuld wiedergeben. So komm denn doch, holdes Mädchen! Zeuch den Blick aus
seinem Auge, der alle Sehkraft verschlingt, und er wird ferner nicht
leichtfertig umhergaffen; füll ihm die Seele mit der Wonne, die keinen Zusatz
verträgt; und sie wird - lauter werden: dann reich ihm deine Lippen, und er wird
schwören und wird's halten, dass er alle seine Freuden allein von dir nehmen
will. - O der Tage, wo ich noch glaubte, selbst berufen zu sein, Dein Wesen
durch Liebe zu heiligen! - Ich merkte bald meinen Irrtum, aber das trennte mich
nicht von Dir. Was schadete das meiner Liebe, dass Du mich nicht ebenso lieben
konntest? bloss für Dein Bild in meiner Seele hätt ich den Himmel gelassen. Aber
es kam eine Stunde, da fühlte ich, dass ich wohl einst Dich würde verachten
müssen, dass ich wohl einst würde aufhören müssen. Dich zu lieben: da floh ich;
da suchte ich von mir zu retten, was noch zu retten wäre. - Ich sei von
Schwärmerei, ich sei an der Einbildung gestorben, wird es heissen. - Nun ja! -
Wenn nur Du auf mein Grab kommst, Eduard, mit dem Mädchen, das ich Dir rief, mit
dem Mädchen, das Dein Wesen erneuern, zu jeder Freude der Menschheit Deine Sinne
wieder rein stimmen soll! Dann wirst Du immer nur eins, das Köstlichste, wollen,
anekeln alles andre; wirst dies Köstlichste, Liebste, mit Deiner ganzen Kraft
geniessen, und darum jeden Genuss des ähnlichen Geringern für Verlust achten. -
Ja, Eduard, Du kommst auf mein Grab mit dem Mädchen, und küssest ihm da den
himmlischen ewig neuen Kuss der Treue - komm nur bald!
 
                                    Fussnoten
1 Da die fünf ersten von diesen interessanten Briefen, deren ganze Sammlung mein
Freund, der Herausgeber, dem »T. Merkur« zugedacht hat, vielen unsrer Leser aus
der »Iris« schon bekannt sind: so habe ich für billig erachtet, den Raum, den
diese fünf Briefe hier einnehmen, bei den sechs Bogen, die der »Merkur«
monatlich schuldig ist, nicht in Anschlag zu bringen.
                                                                              W.
2 In der Allg. d. Bibl. T. 26. S. 343.
3 Die erste Poststation nach C**.
4 Ein Landgut der Frau von Steinach, bei welcher Lenore und Clärchen von
Wallberg sich aufhielten. Sie war ihre Tante und folglich auch Clerdon
anverwandt.
5 Syllis Hündchen.
6 Wenn ich nur einen von diesen sachtsinnigen Herren angetroffen hätte, der
nicht unerträgliche Seiten an sich gehabt, der nur halb soviel Nutzen gestiftet,
halb soviel Freuden um sich verbreitet, und alles um ihn herum nicht zweimal
soviel geschoren hätte, als unser einer; ich wollte nie ein Wort mehr von der
Sache reden. (Randglosse von Allwills eigner Hand.)
 
    