
        
                            Christoph Martin Wieland
                               Peregrinus Proteus
                                   Erster Band.
                       Vorrede zur ersten Ausgabe von 1791.
Ich habe mich schon, bei einer andern Gelegenheit1, etwas von einer kleinen
Naturgabe verlauten lassen, die ich (ohne Ruhm zu melden) mit dem berühmten
Geisterseher Swedenborg gemein habe, und vermöge deren mein Geist zu gewissen
Zeiten sich in die Gesellschaft verstorbener Menschen versetzen, und, nach
Belieben, ihre Unterredungen mit einander ungesehen behorchen, oder auch wohl,
wenn sie dazu geneigt sind, sich selbst in Gespräche mit ihnen einlassen kann.
    Ich gestehe, dass mir diese Gabe zuweilen eine sehr angenehme Unterhaltung
verschafft: und da ich sie weder zu Stiftung einer neuen Religion, noch zu
Beschleunigung des tausendjährigen Reichs2, noch zu irgend einem andern, dem
geistlichen oder weltlichen Arme verdächtigen Gebrauch, sondern bloss zur
Gemütsergötzung meiner Freunde, und höchstens zu dem unschuldigen Zweck,
Menschenkunde und Menschenliebe zu befördern3, anwende; so hoffe ich, für diesen
kleinen Vorzug (wenn es einer ist) Verzeihung zu erhalten, und mit dem Titel
eines Geistersehers, der in unsern Tagen viel von seiner ehemaligen Würde
verloren hat, gütigst verschont zu werden.
    Es ist noch nicht lange, dass ich das Vergnügen hatte, eine solche
Unterredung zwischen zwei Geistern von nicht gemeinem Schlage aufzuhaschen, die
meine Aufmerksamkeit um so mehr erregte, da diese Geister in ihrem ehemaligen
Leben nicht zum besten mit einander standen, und der eine von ihnen mein sehr
guter Freund ist.
    Der letztere (um die Leser nicht unnötig raten zu lassen) war ein gewisser
Lucian4 - keiner von den zwei oder drei Heiligen Lucianen, die mit einem goldnen
Cirkel um den Kopf in den Martyrologien figuriren; auch nicht Lucian der Mönch,
noch Lucian der Pfarrer zu Kafar-Gamala, der im Jahre des Heils 415 so glücklich
war, von St. Gamaliel im Traume benachrichtiget zu werden, wo die Gebeine des
heiligen Stephanus zu finden seien; noch Lucian der Marcionit, noch Lucian von
Samosata, der Arianer, von dem eine eigene Nebenlinie dieser unglücklichen
Familie den Namen der Lucianischen führt - sondern Lucian der Dialogenmacher,
der sich ehemals mit seinen Freunden Momus und Menippus über die Torheiten der
Götter und der Menschen lustig machte, übrigens aber (diesen einzigen Fehler
ausgenommen) eine so ehrliche und genialische Seele war und noch diese Stunde
ist, als jemals eine sich von einem Weibe gebären liess.
    Der andere war eine nicht weniger merkwürdige Person, wiewohl er in seinem
Erdeleben in allem den ausgemachtesten Antipoden meines Freundes Lucian
vorstellte, und eine so zweideutige Rolle spielte, dass er bei den einen mit dem
Ruf eines Halbgottes aus der Welt ging, während die andern nicht einig werden
konnten, ob der Narr oder der Bösewicht, der Betrüger oder der Schwärmer in
seinem Charakter die Oberhand gehabt habe. Alles in dem Leben dieses Mannes war
excentrisch und ausserordentlich: sein Tod war es noch mehr; denn er starb
freiwillig und feierlich auf einem Scheiterhaufen, den er vor den Augen einer
grossen Menge von Zuschauern aus allen Enden der Welt, in der Gegend von Olympia,
mit eigner Hand angezündet hatte.
    Lucian, der ein Augenzeuge dieses beinahe unglaublichen Schauspiels gewesen
war, wurde auch der Geschichtschreiber desselben, und glaubte, als ein erklärter
Gegner aller Arten von philosophischen oder religiösen Gauklern, einen besondern
Beruf zu haben, die schädlichen Eindrücke auszulöschen, welche Peregrin (so hiess
dieser Wundermann, wiewohl er sich damals lieber Proteus nennen liess) durch
einen so ausserordentlichen Heldentod auf die Gemüter seiner Zeitgenossen
gemacht hätte: und wie hätte er diesen Zweck besser erreichen können, als indem
er sie zu überzeugen suchte, dass der Mann, den sie, nach einer so
übermenschlichen Tat für den grössten aller Weisen, für ein Muster der höchsten
menschlichen Vollkommenheit, ja beinahe für einen Gott zu halten sich genötigt
glaubten, weder mehr noch weniger als der grösste aller Narren, sein ganzes Leben
das Leben eines von Sinnlichkeit und ausschweifender Einbildungskraft
beherrschten halb wahnsinnigen Scharlatans, und sein Tod nichts mehr als der
schicklichste Beschluss und die Krone eines solchen Lebens gewesen sei.
    Ich habe an einem andern Orte die Gründe ausgeführt5, welche mich
überredeten, zu glauben dass Lucian nicht nur in allem, was er als Augenzeuge von
diesem Peregrin berichtet, sondern auch in Erzählung derjenigen Umstände, die er
von blossem Hörensagen hatte, ehrlich zu Werke gegangen, und von dem Gedanken,
seine Leser zu belügen und dem armen Phantasten wissentlich Unrecht zu tun,
weit entfernt gewesen sei. Aber wie zuverlässig auch Lucians Aufrichtigkeit in
dieser Sache immer sein mag, so bleibt nicht nur die Glaubwürdigkeit der
Gerüchte und Anekdoten, die auf Peregrins Unkosten in Syrien und anderer Orten
herumgingen und jenem erzählt worden waren, zweifelhaft, sondern auch die
Fragen: »ob Lucian in seinem Urteile von ihm so unparteiisch, als man es von
einem ächten Kosmopoliten fordern kann, verfahre? und: ob Peregrin wirklich ein
so verächtlicher Gaukler und Betrüger und doch (was sich mit diesem Charakter
nicht recht vertragen will) zu gleicher Zeit ein so heisser Schwärmer und
ausgemachter Phantast gewesen sei, als er ihn ausschreit?« - diese Fragen, sage
ich, bleiben für Leser, welche einem Angeklagten, der sich selbst nicht mehr
verteidigen kann, eine desto schärfere Gerechtigkeit im Urteilen über ihn
schuldig zu sein glauben, unauflösliche Probleme.
    Man kann sich also vorstellen wie gross mein Vergnügen war, als ich durch
einen glücklichen Zufall Gelegenheit bekam, die erste Unterredung, die zwischen
Lucian und Peregrin im Lande der Seelen vorfiel, zu belauschen, und aus dem
eignen Munde des letztern Aufschlüsse und Berichtigungen zu erhalten, wodurch
das Mangelhafte in den Lucianischen Nachrichten ergänzt, das Dunkle und
Unerklärbare ins Licht gesetzt, und das ganze moralische Rätsel des Lebens und
Todes dieses sonderbaren Mannes, auf eine ziemlich befriedigende Art aufgelöset
wird.
    Wenn man sich erinnert, dass seit dem Tode beider redenden Personen beinahe
sechzehnhundert Jahre verstrichen sind, so wird man vielleicht unglaublich
finden, dass sie in einem so langen Zeitraum nicht eher Gelegenheit gehabt haben
sollten, sich anzutreffen und gegen einander zu erklären. Allein fürs erste sind
sechzehn Jahrhunderte, nach dem Massstabe woran die Geister die Zeit zu messen
pflegen, kaum so viel als nach unserm Zeitmasse eben so viel Jahrzehnte: und dann
traten bei Lucian und Peregrinen noch besondere Umstände ein, von denen (wiewohl
sie zu den Geheimnissen des Geisterreichs gehören) uns vielleicht künftig etwas
zu verraten erlaubt sein wird, die aber hier nicht an ihrem rechten Orte stehen
würden.
    Nach diesem kleinen Vorberichte würde mich nun nichts weiter hindern, die
Unterredung zwischen den besagten beiden Geistern sogleich mitzuteilen, wenn
ich voraussetzen könnte, dass der Inhalt der oben angezogenen Lucianischen
Schrift (ohne welche diese ganze Unterredung unverständlich und ihre Mitteilung
zwecklos sein würde) entweder aus dem Original oder aus irgend einer
Uebersetzung allen Lesern bekannt und gegenwärtig wäre. Da es aber billig ist,
auf diejenigen, die sich nicht in diesem Falle befinden, Rücksicht zu nehmen: so
hoffe ich diesen letztern durch folgenden Auszug aus Lucians Bericht von
Peregrins Lebensende einen kleinen Dienst zu erweisen.
 
                         Inhalt des sechzehnten Bandes.
                                  Einleitung.
Veranlassung dieser Unterredungen zwischen Peregrin und Lucian. Etwas über das
Recht oder Unrecht, Schwärmerei und Torheit durch Spott heilen zu wollen.
Peregrin nimmt davon Gelegenheit, sich gegen die harten Urteile, welche Lucian
in seiner Schrift von Peregrins Tode über ihn gefällt, und besonders gegen die
Beschuldigungen eines darin redend eingeführten Ungenannten so zu verteidigen,
dass Lucians Wahrheitsliebe und Redlichkeit dabei ins Gedränge kommt. Da er
indessen nicht zu läugnen begehrt, dass der Schein und zum Teil die auf blossen
Gerüchten und Verleumdungen beruhende öffentliche Meinung gegen ihn war, so
wünscht er seinen neuen Freund durch eine reine offenherzige Beichte seines
ganzen ehemaligen Lebens in den Stand zu setzen, ein richtigeres Urteil von ihm
zu fällen, hauptsächlich aber die zweideutigen und rätselhaften Stellen seiner
Geschichte in ihr wahres Licht zu setzen. Lucian zeigt sich geneigt ihn
anzuhören, und so beginnt Peregrin, im
                                 I. Abschnitt.
seine Erzählung mit einer kurzen Nachricht von seiner Vaterstadt und Familie, um
sogleich zur Schilderung der Lebensweise und des Charakters seines Grossvaters
Proteus, von welchem er erzogen wurde, überzugehen, und zu zeigen, wie teils
durch diese Erziehung, teils durch zufällige Umstände schon in seinen frühesten
Jahren der Grund zu seinem ganzen Charakter und zu den seltsamen Verirrungen
seiner frühzeitig erhitzen und exaltierten Einbildungskraft gelegt worden. Wie
er schon im ersten Jünglingsalter dazu gekommen, etwas Dämonisches in sich zu
erkennen, und welchen Einfluss diese Entdeckung auf seine Ideen von seiner
Bestimmung und dem, was für ihn das höchste Gut sei, gehabt habe. - Tod seines
Grossvaters, dessen Erbe er wird. Wahre Erzählung seines ersten Liebesabenteuers
mit der schönen Kallippe, wodurch die schiefe und in wesentlichen Umständen
verfälschte Art, wie der Ungenannte zu Elis davon spricht, berichtiget wird.
Peregrin geht von Parium nach Aten. Ursachen der sonderbaren Lebensart, die er
daselbst führt. Zweites unglückliches Abenteuer, welches ihm mit einem schönen
Knaben zu Aten begegnet, und ihn schleunig nach Smyrna abzureisen bestimmt.
                                 II. Abschnitt.
Gemütszustand, worin Peregrin Aten verlässt. Wie sich sein Ideal von
Glückseligkeit (Eudämonie) in ihm entwickelt, und durch eine natürliche Folge
ein heftiges Verlangen daraus entsteht, vermittelst einer vermeinten erhabenen
Art von Magie in die Gemeinschaft höherer Wesen zu kommen, und von einer Stufe
dieses geistigen Lebens zur andern endlich zum unmittelbaren Anschauen und Genuss
der höchsten Urschönheit zu gelangen. Er wird zu Smyrna mit einem gewissen
Menippus, und durch diesen mit dem Charakter und der Geschichte des Apollonius
von Tyana, bekannt; auch erhält er von ihm die erste Nachricht von einer in der
Gegend von Halikarnass sich aufhaltenden vermeintlichen Tochter des Apollonius,
welche sich unter dem Namen Dioklea in den Ruf gesetzt habe, im Besitz der
höchsten Geheimnisse der teurgischen Magie zu sein. Peregrin beschliesst diese
wundervolle Person durch sich selbst kennen zu lernen, geht nach Halikarnassus
ab, und wird von Dioklea, einem von Apollonius im Traum erhaltnen Befehle
zufolge, als ein zu hohen Dingen bestimmter Günstling der Venus Urania, deren
Priesterin sie ist, aufgenommen. Sein Aufentalt in Diokleens Felsenwohnung.
Wunderbarer Anfang und Fortgang seiner Liebe zu dieser Göttin. Erste Teophanie,
die ihm in ihrem Tempel widerfährt, mit ihren Folgen.
                                III. Abschnitt.
Peregrin wird mit einer zweiten Teophanie beglückt, und gelangt zur
unmittelbaren Vereinigung mit der vermeinten Göttin. Wie er in ihrer Wohnung
aufgenommen und durch welche Mittel er eine kurze Zeit in der seltsamsten aller
Selbsttäuschungen unterhalten wird. Die Göttin verwandelt sich endlich in die
Römerin Mamilia Quintilla, und macht unvermerkt ihrer ehemaligen Priesterin
Platz, die sich Peregrinen in einem ganz neuen Lichte zeigt, ihm den Schlüssel
zu allen zeiter mit ihm vorgenommenen Mystificationen mitteilt, und sich mit
abwechselndem Erfolg alle mögliche Mühe gibt, ihn von seiner Schwärmerei zu
heilen und mit seiner gegenwärtigen Lage auszusöhnen. Nach mehr als Einem
Rückfall versinkt Peregrin in eine peinvolle Schwermut. Er erhält neue seine
Eitelkeit nicht wenig kränkende Aufschlüsse über den Charakter und die
Lebensgeschichte der Dioklea: aber die Entdeckung eines neuen Talents an der
letztern wirft ihn in die vorige Bezauberung zurück; bis endlich der schmähliche
Ausgang eines von Mamilien veranstalteten Bacchanals ihn plötzlich auf die
Entschliessung bringt, sich der Gewalt dieser ihm zu mächtigen Zaubrerinnen durch
eine heimliche Flucht zu entziehen, die er auch glücklich bewerkstelligt.
                                 IV. Abschnitt.
Psychologische Darstellung der Gemütsverfassung, worin Peregrin nach Smyrna
zurück kam. Schwermut und Verfinsterung, worein ihn das Gefühl der Leerheit
stürzt, welche das Verschwinden der Bezauberungen, deren Spiel er gewesen war,
in seiner Seele zurück lässt. Er wird zufälliger Weise (wie er glaubt) durch die
Erscheinung eines unerklärbaren aber sehr interessanten Unbekannten aus diesem
Zustand aufgerüttelt und in neue Erwartungen gesetzt, wohnt, ohne zu wissen wie
es zugeht, einer Versammlung von Christianern zu Pergamus bei, und ein neues
mystisches Leben beginnt von dieser Stunde an in ihm. Der Unbekannte fährt fort
mächtig auf sein Gemüt zu wirken, spannt seine Erwartungen in dem magischen
Helldunkel, worein er ihn einhüllt, immer höher, befiehlt ihm aber nach Parium
zurückzukehren, wohin sein Vater ihn gerufen hatte, und daselbst ruhig auf
denjenigen zu warten, der ihm zum Führer auf den rechten Weg zugeschickt werden
sollte.
                                 V. Abschnitt.
Die Unbekannten, in deren Händen Peregrin ohne sein Wissen sich befindet, fahren
fort, ihn durch klüglich berechnete Umwege, Schritt für Schritt, dahin zu
leiten, wo sie ihn haben wollen. Durch eine Veranstaltung dieser Art, die er für
blossen Zufall hält, findet er die erste Nachterberge auf seiner Reise bei einer
einsam auf dem Lande lebenden Familie von Christianern, deren Liebenswürdigkeit,
Eintracht, Gemütsruhe, Einfalt der Seele und Unschuld der Sitten einen so
tiefen Eindruck auf ihn macht, dass der Wunsch mit solchen Menschen zu leben das
Ziel aller seiner Bestrebungen ist, zumal da dieser Eindruck durch die Erzählung
seines Wirtes von dem Tode des Apostels Johannes (zu dessen Gemeine er gehörte)
und durch die Schilderung, die ihm sein Wegweiser von dem Charakter des
erhabenen Wesens macht, nach welchem sie sich nannten, verstärkt wird. Peregrin
kommt in das väterliche Haus zurück und übernimmt die Besorgung der
Handelsgeschäfte seines Vaters. Bald darauf entdeckt sich ihm in der Person
seines ehemaligen Wegweisers Hegesias, ein Kaufmann von Aegina, und einer der
tätigsten Agenten des Unbekannten. Hegesias erwirbt sich durch seine Kenntnisse
und Handelsverbindungen das Vertrauen des Vaters, welchem er seine Gemeinschaft
mit den Christianern verbirgt, um desto ungestörter an dem Sohne das von dem
Unbekannten und ihm selbst angefangene Bekehrungswerk betreiben zu können.
Peregrin erhält den ersten Grad der Weihe von ihm. Charakter des Hegesias, mit
einer Digression über den Unterschied zwischen den damaligen Christianischen
Brüdergemeinen und den Christianern unter den Constantinen und Teodosiern. Der
Unbekannte, welcher fortan Kerintus heissen wird, offenbart sich nun dem
hinlänglich geprüften Peregrin etwas näher, und erteilt ihm den zweiten Grad
der Weihe, hüllt sich aber gar bald wieder in das heilige Dunkel ein, worin er
ihm bisher immer erschienen war. Peregrin entdeckt, dass er erst in den zweiten
Vorhof des Heiligtums vorgeschritten sei, und diese Entdeckung verdoppelt
seinen brennenden Eifer, sich der höhern Grade, die er noch zu ersteigen hat,
durch die willigste Unterwerfung unter jede Prüfung, Vorbereitung und
Aufopferung würdig zu machen. Er kehrt aus Gehorsam zu seinen Geschäften nach
Parium zurück, und macht den Brüdern ein voreiliges Geschenk von seinem ganzen
Vermögen. Sonderbares aber schlaues Benehmen des Hegesias bei dieser
Gelegenheit, welches zu einigen der Entwicklung der Geschichte zuvorkommenden
Anmerkungen über die schon damals immer sichtbarer werdende Abweichung der
Christianer von dem Geist und Vorbild ihres Meisters Anlass gibt.
 
                                 Erster Teil.
                        Auszug aus Lucians Nachrichten vom
                              Tode des Peregrinus.
Die öffentlichen Kampfspiele zu Olympia, womit die zweihundert
sechsunddreissigste Olympiade6 begann, waren der Zeitpunkt, und eine Ebene in der
Gegend dieser Stadt der Schauplatz, welchen der Philosoph Peregrinus, auch
Proteus genannt, dazu ausersehen hatte, den Griechen und Ausländern aus allen
Teilen der Welt, so diese Spiele zu Olympia zu besuchen pflegten, die
ausserordentlichste und schauerlichste aller Tragödien, das Schauspiel eines sich
freiwillig verbrennenden Cynikers, zu geben.
    Auch Lucian, wiewohl er die Olympischen Spiele schon dreimal gesehen hatte,
hielt es der Mühe wert, einem solchen Schauspiel zu Liebe diese Reise zum
viertenmale zu machen; und als er nach Elis (der nicht weit von Olympia
gelegenen Hauptstadt der Republik dieses Namens) gekommen war, hörte er, indem
er bei dem dortigen Gymnasion vorbei ging, einen cynischen Philosophen, um den
sich eine Menge Volks versammelt hatte, mit der brüllenden Stimme die zum Costum
dieser Capuziner der alten Griechen gehörte, dem Peregrinus eine Lobrede halten,
und sein Vorhaben, sich zu Olympia zu verbrennen, in der, seinem Orden eigenen,
popularen und deklamatorischen Manier rechtfertigen. - Von nun an mag Lucian in
seiner eigenen Person sprechen.
    »Und man darf sich noch erfrechen (rief der Cyniker) einen Mann wie Proteus
einer eiteln Ruhmsucht zu beschuldigen? O ihr Götter des Himmels und der Erde,
der Flüsse und des Meeres, und du Vater Hercules! Wie? diesen Proteus, der in
Syrien in Banden lag, ihn, der seiner Vaterstadt fünftausend Talente7 schenkte,
ihn, den die Römer aus ihrer Stadt vertrieben, ihn, der unverkennbarer ist als
die Sonne, und der es mit Jupiter Olympius selbst aufnehmen könnte, - ihn
beschuldigt man der Eitelkeit, weil er durchs Feuer aus dem Leben gehen will? -
Tat etwa Hercules8 nicht eben dasselbe? Starb Aesculap und Dionysos nicht durch
einen Wetterstrahl? und stürzte sich nicht Empedokles9 in den Flammenschlund des
Aetna?«
    Als Teagenes (so nannte sich der Schreier) dies gesagt hatte, fragte ich
einen der Umstehenden, was er mit seinem Feuer meinte, und was Hercules und
Empedokles mit dem Proteus zu schaffen hätten? - Du weisst also nicht, versetzte
er mit, dass Proteus sich nächstens zu Olympia verbrennen wird? - Sich
verbrennen? rief ich mit Verwunderung: wie ist das gemeint? und warum will er
sich verbrennen? - Aber wie mir jener antworten wollte, schrie der Cyniker
wieder so abscheulich, dass ich kein Wort von dem andern verstehen konnte. Ich
hörte also nochmals den erstaunlichen Hyperbolen zu, die jener zum Lobe des
Proteus in einem Strom von Worten ausgoss. Dem Diogenes und seinem Meister
Antistenes geschähe schon zu viel Ehre, sagte er, wenn man sie nur mit ihm
vergleichen wollte. Dazu wäre nicht einmal Sokrates gut genug: kurz, er forderte
endlich Jupitern selbst zum Kampf mit seinem Helden heraus; doch fand er zuletzt
für besser, die Sachen zwischen ihnen ins Gleichgewicht zu bringen, und schloss
seine Rede folgendermassen: »Mit Einem Worte, die zwei grössten Wunder der Welt
sind Jupiter Olympische Jupiter und Proteus; jenen bildete die Kunst des
Phidias, diesen die Natur selbst; und nun wird dieses herrliche Götterbild auf
einem Feuerwagen zu den Göttern zurückkehren, und uns als Waisen zurücklassen!«
- Der Mann schwitzte wie ein Braten, indem er dies tolle Zeug vorbrachte aber
bei den letzten Worten brach er auf eine so komische Art in Tränen aus, dass ich
mich des Lachens kaum erwehren konnte; er machte sogar Anstalt sich die Haare
auszuraufen, nahm sich aber doch in Acht, nicht gar zu stark zu ziehen. Endlich
machten einige Cyniker dem Possenspiel ein Ende, indem sie den schluchzenden
Redner unter vielen Trostsprüchen davon führten.
    Er war aber kaum von der Kanzel herab gestiegen, so stieg schon ein Anderer
wieder hinauf, um die Zuhörer nicht aus einander gehen zu lassen, bevor er dem
noch flammenden Opfer seines Vorgängers eine Libation aufgegossen10 hätte. Sein
erstes war, dass er eine laute Lache aufschlug, wodurch er, wie man wohl sah,
seinem Zwerchfell eine nötige Erleichterung verschafte. Hierauf fing er
ungefähr also an: Hat der Marktschreier Teagenes seine verwünschte Rede mit den
Tränen des Heraklitus beschlossen, so fange ich umgekehrt die meinige mit dem
Gelächter des Demokritus11 an - und nun brach er von neuem in ein so anhaltendes
Lachen aus, dass die meisten von uns Anwesenden sich nicht erwehren konnten ihm
Gesellschaft zu leisten. Endlich nahm er sich wieder zusammen, und fuhr fort:
»Was könnten wir auch anders tun, meine Herren, wenn wir so höchst lächerliches
Zeug in einem solchen Tone verbringe hören, und sehen, wie bejahrte Männer, um
eines verächtlichen kleinen Rühmchens willen, auf öffentlichem Markte nur nicht
gar Burzelbäume machen? Damit ihr doch das Götterbild, das nächster Tage
verbrannt werden soll, etwas näher kennen lernet, so höret mir zu; mir, der
schon seit langer Zeit seinen Charakter studiert und sein Leben beobachtet,
ausserdem aber noch verschiedenes von seinen Mitbürgern und von Personen, die ihn
notwendig sehr genau kennen mussten, erkundiget hat.
    Dieses grosse Wunder der Welt wurde in Armenien, da er kaum die Jahre der
Mannbarkeit erreicht hatte, im Ehebruch ertappt, und genötigt, mit einem Rettig
im Hintern,12 sich durch einen Sprung vom Dache zu retten, um nicht gar zu Tode
geprügelt zu werden. Gleichwohl liess er sich bald darauf wieder gelüsten, einen
schönen Knaben zu verführen; und bloss die Armut der Eltern, die sich mit
dreitausend Drachmen abfinden liessen, war die Ursache, dass er der Schande, vor
den Stattalter von Asien geführt zu werden, entging. Doch, ich übergehe alle
seine Jugendstreiche dieser Art; denn damals war das Götterbild freilich noch
ungeformter Ton, und von seiner Ausbildung und Vollendung noch weit entfernt.
Aber was er seinem Vater getan, ist allerdings nicht zu übergehen, wiewohl ihr
vermutlich alle schon gehört haben werdet, dass er den alten Mann, weil er ihm
mit sechzig Jahren schon zu lange lebte, erdrosselt haben soll. Da die Sache
bald darauf ruchtbar wurde, sah er sich gezwungen, sich selbst aus seiner
Vaterstadt zu verbannen, und von einem Lande ins andere unstät und flüchtig
herum zu irren.
    Um diese Zeit geschah es, dass er sich in der wundervollen Weisheit der
Christianer unterrichten liess, da er in Palästina Gelegenheit fand mit ihren
Priestern und Schriftgelehrten bekannt zu werden. Es schlug so gut bei ihm an,
dass seine Lehrer in kurzer Zeit nur Kinder gegen ihn waren. Er wurde gar bald
selbst Prophet, Tiasarch, Synagogenmeister13, mit Einem Worte alles in allem
unter ihnen. Er erklärte und commentierte ihre Bücher, und schrieb deren selbst
eine grosse Menge; kurz, er brachte es so weit, dass sie ihn für einen göttlichen
Mann ansahen, sich Gesetze von ihm geben liessen, und ihn zu ihrem Vorsteher
machten. - Es kam endlich dazu, dass Proteus bei Begehung ihrer Mysterien14
ergriffen und ins Gefängnis geworfen wurde; ein Umstand, der nicht wenig
beitrug, ihm auf sein ganzes Leben einen sonderbaren Stolz einzuflössen, und
diese Liebe zum Wunderbaren und dieses unruhige Bestreben nach dem Ruhm eines
ausserordentlichen Mannes in ihm anzufachen, die seine herrschenden
Leidenschaften wurden. Denn sobald er in Banden lag, versuchten die Christianer
(die dies als eine ihnen allen zugestossene grosse Widerwärtigkeit betrachteten)
das Mögliche und Unmögliche, um ihn dem Gefängnis zu entreissen; und da es ihnen
damit nicht gelingen wollte, liessen sie es ihm wenigstens an der sorgfältigsten
Pflege und Wartung in keinem Stücke fehlen. Gleich mit Anbruch des Tages sah man
schon eine Anzahl alter Weiblein, Wittwen15 und junge Waisen sich um das
Gefängnis her lagern; ja die vornehmsten unter ihnen bestachen sogar die
Gefangenhüter, und brachten ganze Nächte bei ihm zu. Auch wurden reichliche
Mahlzeiten16 bei ihm zusammen getragen, und ihre heiligen Bücher gelesen; kurz,
der teure Peregrin (wie er sich damals noch nannte) hiess ihnen ein zweiter
Sokrates. Sogar aus verschiedenen Städten in Asien kamen einige, die von den
dortigen Christianern abgesandt waren, ihm hülfreiche Hand zu leisten, seine
Fürsprecher vor Gericht zu sein, und ihn zu trösten. Denn diese Leute sind in
allen dergleichen Fällen, die ihre ganze Gemeinheit betreffen, von einer
unbegreiflichen Geschwindigkeit, und sparen dabei weder Mühe noch Kosten. Daher
wurde auch Peregrinen seiner Gefangenschaft halber eine Menge Geld von ihnen
zugeschickt, und er verschafte sich unter diesem Titel ganz hübsche Einkünfte.
    Uebrigens wurde er (als es zu gerichtlicher Entscheidung seines Schicksals
kam) von dem damaligen Stattalter in Syrien wieder in Freiheit gesetzt; einem
Manne, der die Philosophie liebte, und sobald er merkte wie es in dem Kopfe
dieses Menschen aussah, und dass er Narrs genug war aus Eitelkeit und Begierde
zum Nachruhm sterben zu wollen, ihn lieber fortschickte, ohne ihn auch nur einer
Züchtigung wert zu halten. Peregrin kehrte also in seine Heimat zurück, fand
aber bald, dass das Gerücht von seinem Vatermorde noch immer unter der Asche
glühte, und dass viele damit umgingen, ihm einen förmlichen Prozess deswegen an
den Hals zu werfen. Die Hälfte seines väterlichen Vermögens war über seinen
Reisen aufgegangen, und der Rest bestand ungefähr in funfzehn Talenten an
Feldgütern. Denn die sämmtliche Verlassenschaft des Alten war höchstens
dreissigtausend Taler wert, und nicht, wie Teagenes lächerlicher Weise
geprahlt hatte, fünf Millionen; welches eine Summe wäre, wofür das ganze
Städtchen Parium17 und fünf andere benachbarte obendrein verkauft werden können.
Wie gesagt also, der Verdacht seines Verbrechens war noch warm, und es hatte
alles Ansehen, dass in kurzem ein Ankläger gegen ihn auftreten würde. Besonders
war das gemeine Volk über ihn aufgebracht, und beklagte, dass ein so wackerer
Mann, wie der Alte nach dem Zeugnis aller seiner Bekannten gewesen war, auf eine
so gottlose Art aus der Welt gekommen sein sollte. Nun sehe man, durch welche
schlaue Erfindung der weise Proteus sich aus diesem bösen Handel zu ziehen
wusste! Er hatte sich inzwischen einen grossen Bart wachsen lassen, und ging
gewöhnlich in einem schmutzigen Caput von grobem Tuch, mit einem Tornister auf
den Schultern und einem Stecken in der Hand. In diesem tragischen Aufzug
erschien er nun in der öffentlichen Versammlung der Parianer, und erklärte
ihnen, dass er hiermit die ganze Verlassenschaft seines seligen Vaters dem
Publicum überlassen haben wolle. Diese Freigebigkeit tat auf den gemeinen Mann
eine so gute Wirkung, dass sie in laute Bezeugungen ihres Dankes und ihrer
Bewunderung ausbrachen. Das heisst man einen Philosophen, schrien sie, einen
wahren Patrioten, einen ächten Nachfolger des Diogenes und Krates! Nun war
seinen Feinden der Mund gestopft, und wer sich hätte unterfangen wollen des
Vatermordes noch zu erwähnen, würde auf der Stelle gesteiniget worden sein.
Indessen blieb ihm nach dieser Schenkung nichts anders übrig, als sich abermals
aufs Landstreichen zu begeben: denn da konnte er auf einen reichlichen
Zehrpfennig von den Christianern rechnen, die überall seine Trabanten machten,
und es ihm an nichts mangeln liessen. Auf diese Weise brachte er sich noch eine
Zeit lang durch die Welt. Da er es aber in der Folge auch mit diesen verdarb -
man hatte ihn, glaube ich, etwas, das bei ihnen verboten ist, essen sehen18 -
und sie ihn deswegen nicht mehr unter sich duldeten, geriet er in so grosse
Verlegenheit, dass er sich berechtigt glaubte, die Güter von der Stadt Parium
zurückzufordern, die er ihr ehemals überlassen hatte. Er suchte beim Kaiser um
ein Mandat deswegen an: weil aber die Stadt durch Abgeordnete Gegenvorstellungen
tat, richtete er nichts aus, sondern wurde befehligt, es bei dem zu lassen, was
er einmal aus eigener freier Bewegung verfügt habe.
    Nunmehr unternahm er eine dritte Reise zum Agatobulus19 nach Aegypten, wo
er sich durch eine ganz neue und verwundrungswürdige Art von Tugendübung
hervortat: er liess sich nämlich den Kopf bis zur Hälfte glatt abscheren,
beschmierte sich das Gesicht mit Leim, tat (um zu zeigen, dass dergleichen
Handlungen unter die gleichgültigen gehörten) vor einer Menge Volks - was schon
Diogenes öffentlich getan haben soll, geisselte sich selbst, und liess sich von
andern mit einer Rute den Hintern zerpeitschen, mehrerer noch ärgerer
Bubenstreiche zu geschweigen, wodurch er sich in den Ruf eines ausserordentlichen
Menschen20 zu setzen suchte. Nach dieser schönen Vorbereitung schiffte er nach
Italien über, wo er kaum den Boden betrat, als er schon über alle Welt zu
schimpfen und zu lästern anfing, am meisten über den Kaiser,21 gegen den er sich
die ärgsten Freiheiten um so getroster herausnahm, weil er wusste, dass es der
sanfteste und leutseligste Herr war. Wie man leicht denken kann, bekümmerte sich
dieser wenig um seine Lästerungen, und hielt es unter seiner Würde, einen
Menschen, der von Philosophie Profession machte, Worte halber zu strafen, zumal
da er das Lästern und Schmähen ordentlich als sein Handwerk trieb. Indessen half
auch dieser Umstand seinen Ruf vermehren: denn es fehlte unter dem gemeinen
Volke nicht an Einfältigen, bei denen er sich durch seine Tollheit in Credit
setzte; so dass der Oberpolizeimeister ihn endlich, da er's gar zu arg machte,
aus der Stadt hinaus bieten musste, weil man, wie er sagte, solche Philosophen zu
Rom nicht brauchen könnte. Aber auch dies vermehrte nur seine Celebrität, weil
jedermann von dem Philosophen sprach, der seiner kühnen Zunge und allzu grossen
Freimütigkeit wegen aus der Stadt verwiesen worden sei, und diese Aehnlichkeit
ihn mit einem Musonius, einem Dion, einem Epiktet,22und wer sonst von dieser
Classe das nämliche Schicksal erfahren hatte, in Eine Linie stellte.
    In Griechenland, wohin er sich jetzt begab, spielte er keine bessere Rolle;
denn bald liess er seine Schmähsucht an den Einwohnern von Elis aus, bald wollte
er die Griechen bereden die Waffen gegen die Römer zu ergreifen, bald lästerte
er über einen durch seine Gelehrsamkeit und Würden gleich erhabenen Mann,23 der
unter mehrern andern Verdiensten um Griechenland eine Wasserleitung nach Olympia
auf seine Kosten geführt hatte, damit die Zuschauer der Kampfspiele nicht länger
vor Durst verschmachten müssten. Diese Wohltat machte ihm Peregrin zum Vorwurf,
als ob er die Griechen dadurch weibisch gemacht hätte. Es gebühre sich, sagte
er, dass die Zuschauer der Olympischen Spiele den Durst ertragen könnten, und der
Schade sei so gross nicht, wenn auch manche an den hitzigen Krankheiten, die
bisher wegen der Dürre dieser Gegend daselbst im Schwange gingen, drauf gehen
müssten. Und das alles sagte er, während er sich das nämliche Wasser wohl
belieben liess; eine Unverschämteit, wodurch die Anwesenden so erbittert wurden,
dass alles zusammenlief und im Begriff war, ihn mit Steinen zuzudecken, so dass
der tapfere Mann, um mit dem Leben davon zu kommen, zu Jupitern24 seine Zuflucht
nehmen musste.«
    In der nächst folgenden Olympiade erschien er wieder vor den Griechen, und
zwar mit einer Rede, woran er in den verflossenen vier Jahren gearbeitet hatte,
und worin er, unter Entschuldigung seiner letztmaligen Flucht, den Stifter des
Wassers zu Olympia bis an den Himmel erhob. Wie er aber gewahr wurde, dass sich
niemand mehr um ihn bekümmerte, und dass er kommen und gehen konnte ohne das
mindeste Aufsehen zu erregen - denn seine Künste waren nun was Altes, und etwas
Neues, wodurch er in Erstaunen setzen und die Aufmerksamkeit und Bewunderung des
Publicums hätte auf sich ziehen können, wusste er nicht aufzutreiben, da dies
doch vom Anfang an das Ziel seiner leidenschaftlichsten Begierde gewesen war -
so geriet er endlich auf diesen letzten tollen Einfall mit dem Scheiterhaufen,
und kündigte den Griechen bereits an den letzten Olympischen Spielen an, dass er
sich an den nächst folgenden verbrennen würde.
    »Und dies ist nun also das wundervolle Abenteuer, mit dessen Ausführung er,
wie es heisst, beschäftigt ist, indem er bereits eine Grube graben, und eine
Menge Holz zusammen führen lässt, um uns das Schauspiel einer übermenschlichen
Stärke der Seele zu geben.« u.s.w.
    Wie wir (fährt Lucian in eigner Person fort) in Olympia angekommen waren,
fanden wir die Galerie hinter dem Tempel mit einer Menge Leuten angefüllt, die
teils übel, teils rühmlich von dem Vorhaben des Proteus sprachen. Endlich
erschien in Begleitung einer Menge Volks mein Proteus selbst, und hielt eine
Rede an das Volk, worin er sich über seinen ganzen Lebenslauf, über die
mancherlei gefahrvollen Abenteuer, die ihm zugestossen, und das viele Ungemach,
das er der Philosophie zu Lieb' ausgestanden, umständlich vernehmen liess. Er
sprach lange; aber da ich der Menge und des Gedränges wegen zu weit entfernt
war, konnte ich wenig davon verstehen, und fand endlich aus Furcht erdrückt zu
werden (welches mehr als Einem begegnete), für das sicherste, mich auf die Seite
zu machen, und den Sophisten seinem Schicksale zu überlassen, der nun einmal mit
aller Gewalt sterben, und das Vergnügen haben wollte sich seine Leichenrede
selbst zu halten. Indessen hörte ich doch wie er sagte: er habe vor, einem
goldnen Leben eine goldne Krone aufzusetzen; denn es gebühre sich, dass der Mann,
der wie Hercules gelebt habe, auch wie Hercules sterbe, und in den Aeter, woher
er gekommen, zurückfliesse. »Auch gedenke ich, sagte er, ein Wohltäter der
Menschen dadurch zu sein, dass ich ihnen zeige, wie man den Tod verachten müsse;
und ich darf also billig erwarten, dass alle Menschen meine Philokteten sein
werden25.«
    Diese letzten Worte verursachten eine grosse Bewegung unter den Umstehenden.
Die Einfältigsten brachen in Tränen aus und riefen: erhalte dich für die
Griechen! Andere, die mehr Stärke hatten, schrien: vollführe was du beschlossen
hast! Dieser Zuruf schien den alten Kerl ziemlich aus der Fassung zu bringen;
denn er mochte gehofft haben, dass ihn alle Anwesende zurückhalten und nötigen
würden, wider Willen bei Leben zu bleiben. Aber dies leidige: »Vollführe was du
beschlossen hast!« fiel ihm so ganz unerwartet auf die Brust, dass er noch
blässer wurde als vorher, wiewohl er schon eine wahre Leichenfarbe gehabt hatte,
und es wandelte ihn ein solches Zittern an, dass er zu reden aufhören musste.
    Du kannst dir vorstellen, wie lächerrlich mir das ganze Gaukelspiel vorkam.
Denn ein so unglücklicher Liebhaber des Ruhms, wie dieser, verdiente kein
Mitleiden, da wohl schwerlich unter allen, die jemals von dieser Plagegöttin
gehetzt wurden, Einer war, der weniger Ansprüche an ihre Gunst zu machen gehabt
hätte. Indessen wurde er doch von vielen zurückbegleitet; und sein Dünkel fand
eine stattliche Weide, wenn er über die Menge seiner Bewunderer hinsah, ohne dass
der Tor bedachte, dass auch die Elenden, die zum Galgen geführt werden, ein sehr
zahlreiches Gefolge zu haben pflegen.
    Die Olympischen Spiele waren nun vorüber, und weil eine so grosse Menge von
Fremden auf einmal abging, dass kein Fuhrwerk mehr zu bekommen war, musste ich
wider Willen zurückbleiben. Peregrin, der die Sache immer von einem Tage zum
andern aufgeschoben hatte, kündigte endlich die Nacht an, worin er uns seine
Verbrennung zum Besten geben wollte. Ich verfügte mich also gegen Mitternacht in
Begleitung eines meiner Freunde gerades Weges nach Harpine26, wo der
Scheiterhaufen stand. Wenn man von Olympia neben der grossen Rennbahn ostwärts
geht, hat man gerade zwanzig Stadien dahin zu gehen. Wie wir ankamen, fanden wir
den Holzstoss in einer ellentiefen Grube aufgesetzt. Er bestand grösstenteils aus
Kienholz mit dürrem Reisig vermischt, damit das Ganze desto schneller in Flammen
geriete.
    Sobald der Mond aufgegangen war (denn billig musste auch Luna eine
Zuschauerin dieser herrlichen Tat abgeben), erschien Peregrin in seinem
gewöhnlichen Aufzug, und mit ihm die Häupter der Hunde,27 vornehmlich der edle
Teagenes, der eine brennende Fackel in der Hand trug, und die zweite Rolle bei
dieser Komödie nicht übel spielte. Auch Proteus selbst war mit einer Fackel
bewaffnet. Beide näherten sich von dieser und jener Seite dem Scheiterhaufen und
zündeten ihn an. Proteus legte den Tornister, den cynischen Mantel und den
berühmten Herculischen Knittel ab, und stand nun in einer ziemlich schmutzigen
Tunica da. Hierauf liess er sich eine Hand voll Weihrauch geben, warf sie ins
Feuer, und rief, das Gesicht gegen Mittag gerichtet (denn auch dies gehörte zur
Etikette des Schauspiels) - »O ihr mütterlichen und väterlichen Dämonen, nehmt
mich freundlich auf!« - Mit diesen Worten sprang er ins Feuer, und wurde
sogleich durch die rings umgebenden und aufsteigenden Flammen dem Aug' entzogen.
 
                          Peregrins geheime Geschichte
                           in Gesprächen im Elysium.
                                   Einleitung.
                               Peregrin, Lucian.
                                   Peregrin.
    Täuschen mich meine Augen, oder ist es wirklich mein alter Gönner Lucian von
Samosata, den ich nach so langer Zeit wieder sehe?
                      Lucian (ihn aufmerksam betrachtend).
    Wir sind also bessere Bekannte als ich weiss. Und doch ist mir selbst als ob
mir deine Züge nicht fremd wären; sie mahnen mich an jemand den ich einst
gesehen habe, wiewohl ich mich nicht besinne an wen.
                                   Peregrin.
    Es sind freilich über sechzehnhundert Jahre, seitdem wir uns auf der Ebene
zwischen Harpine und Olympia zum letztenmale sahen.
                                    Lucian.
    Wie? Was für Erinnerungen weckst du plötzlich in mir auf? Solltest du wohl
gar der Philosoph Peregrinus Proteus sein, der den seltsamen Einfall hatte, sich
freiwillig zu Olympia zu verbrennen?
                                   Peregrin.
    Eben der, dem du in deinen Werken ein nicht sehr beneidenswürdiges Denkmal
gesetzt hast.
                                    Lucian.
    Närrisch genug, dass ich in meinem Kopfe hatte, du müsstest notwendig über
und über mit Brandblasen überdeckt und so schwarz wie ein Köhler sein! Du
hättest noch zehnmal vor mir vorbei gehen können, ohne dass ich dich in der
glänzenden Figur, die du jetzt machst, erkannt hätte.
                                   Peregrin.
    Du dachtest wohl damals nicht, dass wir uns nach sechzehnhundert Jahren in
Elysium wieder sehen würden?
                                    Lucian.
    Aufrichtig zu reden, nein. Schwärmen war nie meine Sache, wie du weisst.
                                   Peregrin.
    Und doch lehrt dich nun die Erfahrung, dass es nicht geschwärmt gewesen wäre,
wenn du damals über diese Dinge gedacht hättest wie du jetzt denkst.
                                    Lucian.
    Um Vergebung! Wie oft sieht man sogar im gemeinen menschlichen Leben Dinge
geschehen, welche nicht vorausgesehen zu haben dem klügsten Manne nicht zum
Vorwurf gereichen kann! Die Natur hatte mich mit einem kalten Kopfe
ausgesteuert; ich hätte das hitzige Fieber in einem hohen Grade haben müssen, um
mir damals, als ich dich zu Harpine in die Flammen springen sah, einzubilden,
dass ich dich an einem andern Orte wie dieser und so wohlbehalten wiederfinden
würde.
                                   Peregrin.
    Indessen beweisen deine Werke, dass es dir nicht an Einbildungskraft fehlte;
oder vielmehr, dass nur wenige sich rühmen können, dich an Fruchtbarkeit und
Stärke dieser Seelenkraft übertroffen zu haben.
                                    Lucian.
    Aber sie beweisen auch, dächte ich, dass ich die Imagination nie anders als
zum Spielen gebrauchte. Im Scherz machte ich wohl mit ihrer Hülfe Reisen in den
Mond und nach der Jupitersburg28: aber dass ich im Ernst hätte glauben sollen,
mit ihr über die Gränzen hinausfliegen zu können, die unsern fünf Sinnen, und
folglich auch unsrer Vernunft, in jenem Leben von der Natur gesetzt waren, so
etwas konnte eben so wenig in einen Kopf wie der meinige kommen, als der
Gedanke, mir im Ernste einen Adlers- und einen Geiersflügel an die Arme zu
binden und damit nach dem Monde zu fliegen.
                                   Peregrin.
    Dies geb' ich dir willig zu; denn alles was daraus folgt, ist, dass es zu
deiner eignen Art zu sein gehörte, deine Einbildungskraft nur zum Scherz, zum
Erfinden und Ausmalen abenteuerlicher Bilder, und zur Belustigung deiner Zuhörer
oder Leser zu gebrauchen. Aber ich denke nicht, dass dir dies ein Recht gab
diejenigen zu verspotten, die einen ernstaftern Gebrauch von der ihrigen
machten, und, indem sie sich die Bestimmung und das künftige Loos des Menschen
ungefähr so einbildeten wie wir es wirklich befunden haben, durch die Tat
bewiesen, dass eine gewisse Divinationskraft in unsrer Seele schlummert, die
vielleicht (wie so viele andere Fähigkeiten) in den meisten Menschen nie erweckt
wird, aber denen, in welchen sie erwacht und zu einem gewissen Grade von
Lebhaftigkeit gelangt, ein Vorgefühl des Unsichtbaren und Zukünftigen gibt, das
in einer feurigen und tätigen Seele natürlicherweise nicht ohne Wirkung bleiben
kann.
                                    Lucian.
    Freund Peregrin, wenn es erlaubt ist über einen Tersites29 zu spotten, der
schöner als Phaon und Adonis zu sein wähnt, oder einen Zwerg lächerrlich zu
finden, der sich unter einer sechs Schuh hohen Tür bückt, aus Furcht im
Durchgehen die Stirne anzustossen: so sehe ich nicht, warum es so unrecht sein
sollte, über einen Ehrenmann zu lachen, der, zum Beispiel, sich einbildete,
vermittelst ich weiss nicht welches eigenen Sinnes das Gras wachsen zu hören, und
den Umstand, dass das Gras wirklich gewachsen ist, als eine Bestätigung dieser
ihm beiwohnenden Gabe geltend machen wollte.
                                   Peregrin.
    Und ich sehe eben so wenig, wie man ihm beweisen könnte, dass er diesen Sinn
nicht habe, als warum man ihm seinen Wahn, wenn es auch Wahn wäre, nicht
unverspottet lassen sollte, zumal wenn er sonst ein unschuldiger und guter
Mensch ist.
                                    Lucian.
    Es gibt wohl unter der ganzen unermesslichen Last von Torheiten, woran der
Verstand der armen Erdenkinder krank ist, wenige, die nicht an sich selbst so
unbedeutend und unschuldig sind oder scheinen, dass sie nicht mit gleichem Rechte
sollten fordern können, unverspottet ihren Weg gehen zu dürfen: und doch sind
eben diese kleinen unschuldigen Torheiten zusammengenommen die Quellen der
grössten Uebel, von denen das Menschengeschlecht geplagt wird. Keine Torheit,
wie unschuldig sie auch scheinen mag, kann also einen Freibrief gegen den Spott
verlangen, der beinahe das einzige wirksame Verwahrungsmittel gegen ihren
schädlichen Einfluss ist.
                                   Peregrin.
    Gut! aber gestehe mir auch, dass gerade dieser grosse Hang der Menschen zur
Torheit, und diese fast allgemeine Betörung, womit selbst diejenigen, die sich
die klügsten dünken, unwissend angesteckt sind, es ihnen oft schwer macht, sich
in ihren raschen Urteilen über das, was töricht oder nicht töricht ist, vor
Irrtum zu bewahren. Immer wird viel Behutsamkeit vonnöten sein, damit wir den
Menschen, indem wir ihnen Gutes zu tun glauben, nicht Schaden zufügen, wenn
unsre Arznei noch viel schlimmere Wirkungen tut, als das Uebel ist, dem wir
abhelfen wollen. Welcher weise und gute Mann wird sich gern der beschämenden
Reue aussetzen, eine Meinung, die den Menschen veredelt, die ihn über sich
selbst erhebt und zu allem was schön und gross ist begeistert, als einen
törichten Wahn dem Spotte der Narren und Gecken Preis gegeben zu haben?
                                    Lucian.
    Nicht alles was gleisst ist Gold, mein edler Freund, und manche Meinung, die
kein guter Mensch ihrer selbst wegen anfechten würde, wird durch den törichten
Gebrauch, welchen alberne oder brennende Köpfe von ihr machen, belachenswürdig.
Ueberhaupt, lieber Peregrin, hat mich ein ruhiger Blick auf die menschlichen
Dinge in jenem Leben etwas misstrauisch gegen alle hoch fliegenden Anmassungen
gewisser Leute, deren Absichten selten lange zweideutig bleiben, gemacht; und
ich argwohne immer eine Natter unter den Blumen, wenn ich von Mysterien oder
magischen Operationen höre, wodurch die menschliche Natur über sich selbst
erhoben, wo nicht gar vergöttert werden soll. Meistens habe ich gesehen, dass
diese Dinge nichts als goldfarbige Fliegen sind, womit Betrüger ihre Angeln
bestecken und guterzige Schwindelköpfe damit anlocken, um, wenn sie einmal in
den Hamen gebissen haben, etwas weniger als Menschen, oder, rund heraus zu
reden, Narren und blinde Werkzeuge ihrer geheimen Absichten aus ihnen zu machen.
Wer zum Menschen geboren wurde, soll und kann nichts Edleres, Grösseres und
Besseres sein als ein Mensch - und wohl ihm, wenn er weder mehr noch weniger
sein will!
                                   Peregrin.
    Aber, lieber Lucian, gerade um nicht weniger zu werden als ein Mensch, muss
er sich bestreben mehr zu sein. Unläugbar ist etwas Dämonisches in unsrer Natur;
wir schweben zwischen Himmel und Erde in der Mitte, von der Vaterseite, so zu
sagen, den höhern Naturen, von unsrer Mutter Erde Seite den Tieren des Feldes
verwandt. Arbeitet sich der Geist nicht immer empor, so wird der tierische
Teil sich bald im Schlamme der Erde verfangen, und der Mensch, der nicht ein
Gott zu werden strebt, wird sich am Ende in ein Tier verwandelt finden.
                                    Lucian.
    Es wäre denn, dass ihn die wohltätige Natur, wie Mercur den Ulysses beim
Homer, mit einem Moly30 beschenkt hätte, durch dessen Tugend er allen solchen
Bezauberungen Trotz bieten kann.
                                   Peregrin.
    Und wie nennest du diesen wundervollen Talisman? Denn so viel ich mich aus
meinem Homer besinne, ist Moly nur der Name, den ihm die Götter gaben.
                                    Lucian.
    Verstand nenne ich ihn, lieber Peregrin, gemeinen, aber gesunden
Menschenverstand.
               Peregrin (indem er ihm scharf in die Augen sieht).
    Und dieses Moly hätte dich in deinem Leben immer vor der Zauberrute der
schönen Circe verwahrt?
                                    Lucian.
    Vor ihren Verwandlungen allerdings: es setzte mich ungefähr in das nämliche
Verhältnis mit ihr, worein Ulysses durch die Kraft seines Moly mit der
Sonnentochter kam. Denn seinem Moly allein, so wie ich dem meinigen, hatte er es
zu danken, dass er jenes Aristippische exo oyk exomai31 sagen konnte, worauf in
solchen Dingen alles ankommt, wie du weisst.
                                   Peregrin.
    Dass du hier bist, beweiset viel für dich - aber Abschälungen32 mag es doch
gekostet haben!
                                    Lucian.
    Davon kann wohl niemand besser aus Erfahrung sprechen als Proteus.
                                   Peregrin.
    Die Luft, die wir hier atmen, lieber Lucian, macht uns zu Freunden, wie
verschieden wir auch noch immer in unsrer Vorstellungsweise sein mögen. Aber
gestehe nur aufrichtig, du wunderst dich, wie ein so verächtlicher und
nichtswürdiger Mensch, als du den armen Peregrin geschildert hast, eine Tür ins
Elysium offen finden konnte?
                                    Lucian.
    Ich schilderte dich damals wie ich dich sah oder zu sehen glaubte. Freilich
muss indessen entweder mit meinen Augen, oder mit deinem inwendigen Menschen eine
grosse Veränderung vorgegangen sein.
                                   Peregrin.
    Vermutlich mit beiden. Aber doch bin ich's der Wahrheit schuldig, dir, wenn
du Musse hast mich anzuhören, eine etwas bessere Meinung von dem, was ich in
meinem Erdeleben war, beizubringen, als du der Nachwelt davon hinterlassen hast.
                                    Lucian.
    Ich bin zwar im Begriff eine kleine Reise in unser altes Mutterland zu
machen; aber mein Geschäft ist nicht so dringend, dass es Eile erforderte.
Überdies können mir die Nachrichten, die ich über gewisse Stellen deiner
Lebensgeschichte von dir selbst am zuverlässigsten erhalten könnte, vielleicht
bei dem, was der hauptsächlichste Gegenstand meiner Absendung ist, nicht ohne
Nutzen sein.
                                   Peregrin.
    Desto besser. Wenigstens gewinnest du immer so viel dabei, dass du nichts von
mir hören wirst, als was ich selbst für Wahrheit halte.
                                    Lucian.
    Wir sind zwar sogar im Elysium nicht gänzlich von den geheimen Einflüssen
der Eigenliebe frei: aber da es unmöglich ist, dass wir vorsetzlich gegen unser
Gefühl und Bewusstsein reden sollten, so bin ich gewiss, dass ich über alles, was
du selbst am besten wissen kannst, die reine Wahrheit von dir erfahren werde.
Die Quellen, woraus ich ehemals meine Nachrichten schöpfte, mögen wohl nicht
immer die lautersten gewesen sein, wiewohl ich allerdings den Willen hatte dir
kein Unrecht zu tun.
                                   Peregrin.
    Wer weiss besser als du, wie wenig auf die Erzählungen und Urteile der
Sterblichen von einander zu bauen ist! Jene werden schon dadurch allein fast
immer verfälscht, dass man diese, es sei nun unvermerkt oder mit Vorsatz, unter
sie einmischt, und also den Sachen durch unsre Meinungen von ihnen fast immer
eine falsche Farbe oder ein betrügliches Licht gibt. Selten ist der Erzähler ein
Augenzeuge, noch seltner der Augenzeuge ganz unbefangen, ohne alle
Parteilichkeit, vorgefasste Meinung oder Nebenabsicht; fast immer vergrössert oder
verkleinert, verschönert oder verunstaltet er was er gesehen hat. Du, zum
Beispiel, hattest den Willen mir kein Unrecht zu tun: aber ich war ein
Christianer33 gewesen, und du hieltest alle Christianer für Schwärmer oder
Schelme; ich war in den Orden des Diogenes übergegangen, und dein Hass gegen die
Cyniker ist bekannt genug, da du keine Gelegenheit versäumtest ihm die
möglichste Publicität zu geben. Wie hättest du also den armen Peregrin, mit
allem guten Willen ihm kein Unrecht zu tun, in keinem ungünstigen Lichte sehen
sollen? Ihn, auf den der ehemalige Christianer und der nunmehrige Cyniker einen
doppelten Schatten warf?
                                    Lucian.
    Was die Cyniker betrifft, so muss ich dich um Erlaubnis bitten zu bemerken,
dass ich, anstatt ein Feind, vielmehr ein Bewunderer ihres Ordens, seiner ersten
Stifter und der wenigen ächten Glieder, die ihm Ehre brachten, war. Mein Demonax
und mein Dialog mit einem Cyniker sollten mich, dächte ich, über diesen Punkt
hinlänglich gerechtfertiget haben. Vermutlich würde ich auch mit den
Christianern gelinder verfahren sein, wenn ich jemals so glücklich gewesen wäre,
nur einen einzigen edeln und liebenswürdigen Menschen aus dieser Secte kennen zu
lernen.
                                   Peregrin.
    Dies wäre eben nicht unmöglich gewesen; wiewohl ich gestehen muss, dass ein
ächter Christianer zu unsrer Zeit beinah' eben so selten war als ein ächter
Cyniker. - Aber dies für jetzt bei Seite gesetzt, antworte mir, wenn ich bitten
darf, nur auf eine einzige Frage.
                                    Lucian.
    Sehr gern. Frage was du willst.
                                   Peregrin.
    Der Unbekannte, der zu Elis, von der öffentlichen Redekanzel herab, so viel
schändliche Dinge von mir erzählt haben soll, war er eine wirkliche Person? oder
hast du ihn vielleicht nur aufgestellt um deine Composition einfacher zu machen,
und einem Einzigen in den Mund gelegt, was du vielleicht von verschiedenen
Personen zu verschiedenen Zeiten über mich gehört hattest?
                                    Lucian.
    Gewissermassen beides.
                                   Peregrin.
    Ich erinnere mich nun selbst wieder, dass mir Teagenes, sobald er nach
Olympia kam, etwas von einem solchen Auftritt zu Elis erzählte, wo ihn sein
übermässiger und (wie ich glaube) nicht ganz lautrer Eifer für den Ruhm des
cynischen Ordens antrieb, die Kanzel zu besteigen, um mir und meinem Vorhaben
die Lobrede zu halten, die dir so anstössig war.
                                    Lucian.
    Der Unbekannte war kein Geschöpf von meiner Erfindung. Er schien, der
Aussprache nach, ein Bitynier oder Paphlagonier von Geburt, ein Epikuräer von
Profession, und übrigens ein Mann zu sein, der viel gereist und kein Neuling in
der Welt war. Die Heftigkeit, womit dieser Mann gegen dich declamierte, hätte
mir seine Erzählung vielleicht verdächtig machen sollen: aber mein natürlicher
Hass gegen einen jeden der etwas Ausserordentliches sein wollte, die nachteilige
Meinung die ich bereits von dir hegte, und die Uebereinstimmung des Charakters,
den er von dir machte, mit meiner eigenen vorgefassten Meinung, und mit den
Nachrichten, die ich aus andern Quellen erhalten hatte - alles dies zusammen
machte mich geneigt ihm zu glauben, und die Hitze, womit er gegen dich sprach,
einer der meinigen ähnlichen Sinnesart zuzuschreiben. Hierzu kam noch, dass ich
in dem Resultat seiner ganzen Erzählung den Schlüssel zu finden glaubte, der mir
das Ausserordentliche in deinem Leben, und besonders die seltsame Art wie du es
zu endigen vorhattest, aufzuschliessen schien. Indessen gestehe ich offenherzig,
dass ich kein Bedenken trug, die Erzählung des Ungenannten mit verschiedenen
Anekdoten, die ich zu verschiedenen Zeiten und Gelegenheiten aufgelesen hatte,
vollständiger zu machen. Auch kann ich nicht läugnen, dass das Orakel des Bakis34
, welches ich ihn dem Spruch der Sibylle stehendes Fusses entgegen setzen liess,
eine Verschönerung von meiner eigenen Erfindung war.
                                   Peregrin.
    Man kann, denke ich, immer darauf rechnen, dass Schriftsteller, denen es mehr
um Beifall als um strenge Wahrheit zu tun ist, sich eben kein Gewissen daraus
machen werden, der Composition zu Liebe manchen Eingriff in die Rechte der
letztern zu tun. Ein Bisschen Unwahrheit und Ungerechtigkeit mehr oder weniger,
wenn es darauf ankommt einen witzigen Einfall anzubringen oder eine Periode zu
ründen, ist eine sehr unbedeutende Kleinigkeit in ihren Augen. Wer das Unglück
hat, der Gegenstand einer Philippika35 zu sein, muss freilich unter diesem
hergebrachten Vorrecht witziger Schriftsteller leiden: dafür aber befinden sich
auch die Glücklichen, denen Lobreden zu Teil werden, desto besser dabei, und
gewinnen oft, eben so unverdienterweise, doppelt und dreifach wieder, was jene
verloren haben. Ich kann also, da du mein Bild von Teagenes vergolden, von dem
Unbekannten hingegen mit Kot übertünchen liessest, immer eines gegen das andere
aufgehen lassen: aber es bleibt mir noch eine andere kleine Beschwerde übrig,
gegen welche es vielleicht schwerer sein dürfte, deine Unparteilichkeit
hinlänglich zu rechtfertigen.
                                    Lucian.
    Vermutlich, dass ich so leicht über die Rede wegging, die du selbst wenige
Tage vor der Ceremonie an die Versammlung zu Olympia hieltest?
                                   Peregrin.
    Und worin ich mich, wie du dich erinnern wirst, über alle zweideutigen
Stellen meiner Lebensgeschichte umständlich genug vernehmen liess. Wie kam es,
dass der grosse Freund der Wahrheit - der so gewissenhaft war, von allem was der
Unbekannte zu meinem Nachteil vorgebracht hatte, kein Wort auf die Erde fallen
zu lassen - von allem was ich selbst zu meiner Rechtfertigung sagte, und was als
die letzte Erklärung eines Sterbenden doch immer einiger Aufmerksamkeit wert
war, nicht ein einziges armes Wörtchen vom Boden aufzuheben würdigte? Denn dass
die angeführte Entschuldigung - »du wärest, der Menge und des Gedränges wegen,
zu weit entfernt gewesen, um etwas davon zu verstehen« - nicht eine blosse
Ausrede gewesen sei, werden sich unbefangene Leser schwerlich überreden lassen.
                                    Lucian.
    Aufrichtig zu reden, lieber Peregrin, ich zweifle sehr, ob du damals, wenn
du von mir hättest reden oder schreiben sollen, gerechter gegen mich gewesen
wärest als ich gegen dich. Wir waren beide zu ganz das was wir waren, ich zu
kalt, du zu warm, du zu sehr Entusiast, ich ein zu überzeugter Anhänger
Epikurs, um einander in dem vorteilhaftesten Lichte zu sehen. Ein inniges
Gefühl von Verachtung war mit dem Begriff eines Schwärmers (unter welchem ich
mir unmöglich etwas andres als entweder einen Narren oder einen Spitzbuben
denken konnte) zu genau in mir verbunden, um nicht, selbst auf eine
instinctmässige Weise, bei solchen Gelegenheiten auf mich zu wirken. Ich hatte
weder Achtung noch Neugier genug für das, was du dem Volke vortrugst, um mich,
mit Gefahr halb erdrückt zu werden, durch die Menge von Menschen, welch Kopf an
Kopf um die Redekanzel herum standen, näher hin zu drängen - oder mich früh
genug eines Platzes neben ihr zu versichern. Es war also die reine Wahrheit, da
ich sagte ich hätte wenig oder nichts von deiner Rede verstanden, und erst, als
viele, die es in dem erstickenden Gedränge nicht mehr aushalten konnten, sich
mit Händen und Füssen wieder herausarbeiteten, fand ich Gelegenheit, nahe genug
zu kommen um den Schluss derselben zu hören. Um so mehr wirst du mich demnach
verbinden, guter Peregrin, wenn du mir durch die versprochnen Berichtigungen
deiner Geschichte zu einer unverfälschten Kenntnis deines Charakters verhelfen
willst. Wenn dir's gefällt, so setzen wir uns dazu unter diesen Platanus, der
jenem Sokratischen am Ufer des Ilyssus so ähnlich sieht.
                                   Peregrin.
    Sehr gern. Höre also, was ich dir von meiner Jugend, von meinen ersten
Wanderungen, meiner Gemeinschaft mit den Christianern, meinem Uebergang zu den
Cynikern, meinem Aufentalt in Alexandrien, Rom und Aten, und endlich von den
Bewegursachen, warum ich meinem irdischen Leben ein so ausserordentliches Ende
machte, mit aller Aufrichtigkeit, die eine natürliche Folge unsers gegenwärtigen
Zustandes ist, erzählen werde. Es kommt, wie du weisst, bei den Menschen nicht
weniger als bei den Pflanzen, sehr viel wo nicht alles darauf an, in welchem
Boden und unter welchen Einflüssen die zartesten Fasern ihrer aufkeimenden Natur
entwickelt und genährt worden sind. Du wirst mir also erlauben, lieber Lucian,
meine Geschichte, wie jener Dichter die Zerstörung des Trojanischen Reichs, vom
Ei anzufangen.
 
                               Erster Abschnitt.
                                   Peregrin.
    Parium, wo ich geboren wurde, war eine Römische Pflanzstadt in der Provinz
Mysien auf der östlichen Küste des Hellesponts, die durch ihre Lage an einem
kleinen Busen der Propontis, der ihr zum Hafen diente, und durch die
Betriebsamkeit ihrer Einwohner zu einer der blühendsten Städte dieser Gegenden
geworden war. Mein Vater war ein Kaufmann, den seine Geschäfte zu häufigen
Reisen veranlassten; und da er weder Zeit noch Lust hatte, sich meiner Erziehung
selbst anzunehmen, willigte er desto lieber ein, mich, sobald ich die weiblichen
Zimmer verliess, der Aufsicht und Pflege meines mütterlichen Grossvaters Proteus
zu überlassen, der sich gewöhnlich auf seinem nahe bei der Stadt gelegenen
Landgut aufhielt.
    Nach dem Tode meiner Mutter, die ich am Eintritt in meine Jünglingsjahre
verlor, wurde ich von ihrem Vater, mit Bewilligung des meinigen, an Kindesstatt
angenommen, und erhielt dadurch den Beinamen Proteus36; wiewohl ich mich in der
Folge auf meinen Wanderungen, je nachdem es mir schicklicher war, bald des einen
bald des andern Namens bediente. Du siehest, lieber Lucian, dass ich wenigstens
ziemlich unschuldig zu dem Namen gekommen bin, der dir zu einer mir nicht sehr
rühmlichen Vergleichung meiner Wenigkeit mit Homers Aegyptischem Meergotte
geholfen hat.
                                    Lucian.
    Desto besser, lieber Peregrinus Proteus, desto besser! Um so mehr habe ich
Hoffnung, zu hören, dass du zu einigen andern noch weniger schmeichelhaften
Beinamen, womit der Ruf deine Jugend angeschmutzt hat, eben so unschuldig
gekommen bist.
                                   Peregrin.
    Du wirst - und kannst in der Lage, worin wir uns befinden - nichts als die
reine Wahrheit von mir hören.
                                    Lucian.
    Das versteht sich. Also nur weiter, wenn ich bitten darf.
                                   Peregrin.
    Die Natur hatte mich zu einer glücklichen Gestalt und Gesichtsbildung mit
einer sehr zarten Empfänglichkeit für sinnliche Eindrücke, und mit einer äusserst
beweglichen, warmen und wirksamen Einbildungskraft beschenkt. Bei einer solchen
Anlage konnte es wohl nicht anders sein, als dass Homer, mit dessen Rhapsodien
meine literarische Erziehung, der Gewohnheit nach, angefangen wurde,
unbeschreiblich auf meine Imagination wirkte; vornehmlich alles Wunderbare, die
Götterscenen auf dem Olymp und auf der Erde, und die Feerei der Odyssee. Mein
Pädagog, der nichts als Wörter, Redensarten und Dialekte, grammatische und
rhetorische Figuren, Mytologie, alte Geschichte und Geographie - und auch dies
alles nur mit den Augen eines stumpfsinnigen Pedanten in dem Dichter sah, trug
nichts dazu bei, die Art, wie dieser auf mich wirkte, zu begünstigen oder zu
berichtigen, zu verstärken oder zu schwächen. Da er in meinem Gedächtnis alles
fand, was seine stolzesten Erwartungen befriedigte, so pries er bei allen
Gelegenheiten nur meine Gelehrigkeit an, und tat sich nicht wenig darauf zu
gut, dass ich eine Menge grosser Stellen aus allen Gesängen, das ganze Verzeichnis
der Schiffe, die Nekyomantie, den Tod der Freier und dergleichen, trotz einem
Rhapsodisten von Profession herdeclamiren konnte, und nicht nur alle Trojaner,
die von Diomedens oder Achillens Hand gefallen waren, mit Namen zu nennen,
sondern sogar die Wunden, die jeder empfangen, so genau anzugeben wusste, als ob
ich Feldarzt im Griechischen Lager gewesen wäre. Um alles Uebrige, und wie oder
wodurch Homer zu viel oder zu wenig, zu meinem Vorteil oder Nachteil, auf mich
wirken möchte, blieb er um so unbekümmerter, da er von einem Schaden, den ich
dadurch leiden könnte, eben so wenig als von der Behandlung, die in dem einen
und andern Falle nötig war, die leiseste Ahndung hatte.
    Mein Grossvater trug allzu viel zu der ersten Bildung meiner Seele bei, als
dass ich mich überheben könnte, dich etwas genauer mit ihm bekannt zu machen. Er
war einer von den eben so unschädlichen als unnützlichen Sterblichen, die, weil
sie selbst wenig von der Welt fordern, sich berechtigt halten, noch etwas
weniger für sie zu tun als sie von ihr erwarten. Im Genuss eines mässigen aber
seinen Aufwand noch immer übersteigenden Erbgutes hatte er binnen mehr als
siebzig Jahren, die er verlebte, oder, eigentlicher zu reden, verträumte, nie
einen Finger gerührt es zu vergrössern, noch einen Augenblick dazu verwandt, eine
Vergleichung zwischen ihm selbst und seinen reichern Nachbarn zum geringsten
Nachteil seiner Leibes- und Gemütsruhe anzustellen. Er liebte zwar das
Vergnügen, aber nur insofern es seiner Trägheit nicht zu viel kostete: und weil
man, ausser den Stunden der Mahlzeit und des Bades, doch nicht immer auf seinem
Ruhebettchen oder an einer rieselnden Quelle schlummern, oder dem Lauf der
Wolken und dem Tanz der Mücken in der Abendsonne zusehen kann; so hatte er sich
zum Zeitvertreib eine Art von Philosophie und Literatur ausgewählt, die seiner
Gemächlichkeit die zuträglichste war, und die Stelle dessen, was bei andern
Menschen Beschäftigung des Geistes ist, bei ihm vertrat.
    Der Zufall, der im menschlichen Leben so viel entscheidet, hatte ihn in
seinen jüngern Jahren etlichemal mit dem berühmten Apollonius von Tyana37
zusammengebracht, und die Eindrücke, die dieser ausserordentliche Mann auf sein
Gemüt machte, waren stark genug gewesen, um sich bis ins hohe Alter beinahe in
immer gleichem Grade der Lebhaftigkeit zu erhalten. Der einzige Mann, von dem
ich ihn jemals mit einer Art von Begeisterung sprechen hörte, war Apollonius.
Apollonius war ihm das höchste Ideal menschlicher oder vielmehr übermenschlicher
Vollkommenheit; denn es war aus dem Tone, worin er von ihm sprach, leicht zu
merken, dass er ihn für irgend einen Mensch gewordnen Gott oder Genius hielt; und
in der Tat hatte es dieser neue Pytagoras bei allen seinen Handlungen und
Reden darauf angelegt, eine solche Meinung von sich zu erwecken und zu
unterhalten.
    Indessen fand doch mein Grossvater keinen Beruf in sich, die Zahl der sieben
Jünger zu vermehren, welche Apollonius vor seiner Reise nach Indien immer um
sich zu haben pflegte. Alles was der vermeinte Gottmensch auf ihn wirkte, war,
dass die Neugier für ausserordentliche Dinge, die ein so wesentlicher Charakterzug
aller trägen Menschen ist, eine bestimmtere Richtung bei ihm erhielt, und zu
einer erklärten Liebhaberei für das wurde, was man in unsrer Zeit Pytagorische
Philosophie nannte. Proteus, dessen Sache nicht war, in den Geist der
Philosophie eines Pytagoras einzudringen, machte sich einen so weiten und
willkürlichen Begriff von derselben, dass alles Aechte und Unächte Platz darin
hatte, was dem Aegyptischen Hermes, dem Baktrianischen Zoroaster, dem Indischen
Buddas, dem Hyperborischen Abaris, dem Tracischen Orpheus, und allen andern
Wundermännern des Altertums von der Sage zugeschrieben oder von verschmitzten
Betrügern untergeschoben wurde. Er sammelte sich nach und nach einen
ansehnlichen Schatz von grossen und kleinen Büchern, teosophischen,
astrologischen, traum- und zeichendeuterischen, magischen, mit Einem Worte,
übernatürlichen Inhalts - auf Pergament, Aegyptischem und Serischem Papier,
Palmblättern und Baumrinden geschrieben, - über Götter und Geister, - über die
verschiednen Arten ihrer Erscheinungen und Einwirkungen, über ihre geheimen
Namen und Signaturen, über die Mysterien, wodurch man sich die guten Geister
gewogen und die bösen untertänig machen könne - über die Kunst Talismane und
Zauberringe zu verfertigen, über den Stein der Weisen, die Sprache der Vögel -
kurz über alle Schimären, womit Griechische und barbarische Beutelschneider38,
sogenannte Chaldäer, herumziehende Bettelpriester der Isis oder der grossen
Göttermutter, und andere Schlauköpfe von diesem Schlage, die gern betrogene
Leichtgläubigkeit müssiger Toren zu unterhalten und zinsbar zu machen wussten. Je
seltsamer, dunkler und rätselhafter diese Schriften klangen, desto höher stieg
ihr Wert bei ihm; und waren sie vollends in lauter Hieroglyphen geschrieben, so
glaubte er ein paar Blätter, zumal wenn sie etwas mufficht rochen und ein Ansehn
von moderndem Altertum hatten, um hundert und mehr Drachmen noch sehr wohlfeil
bezahlt zu haben.
    Bei allem dem war es natürlich, dass die Indolenz des guten Proteus sich auch
nach einer leichtern und verdaulichern Nahrung sehnte; und daher machten alle
Arten von Wundergeschichten, Götter- und Heldenlegenden, Geistermährchen,
Milesische Fabeln und dergleichen, keinen kleinen Teil seiner Bibliotek und
seine gewöhnliche Erholung aus, wenn er sich an dem vergeblichen Versuch, in
jenen geheimnisvollen Schriften klar zu sehen, ermüdet hatte. Glücklicherweise
für ihn waren die Eindrücke, die diese Lesereien auf seine Einbildungskraft
machten, flüchtig genug, dass er sie der Reihe nach zwanzigmal durchlesen konnte,
und jedesmal wieder ungefähr eben so viel Reiz darin fand, als eine Seele wie
die seinige nötig hatte, um in diesen Mittelstand von Traum und Wachen versetzt
zu werden, worin er seine einsamen Stunden am liebsten hinzubringen pflegte.
Dieses Mittel, sich selbst auf eine angenehme Art um seine Zeit zu betrügen,
reichte um so eher zu, da in der Tat, ungeachtet er fast alle Gemeinschaft mit
den Parianern abgebrochen hatte, wenige Tage oder Wochen im Jahre vergingen, wo
er sich ganz allein gesehen hätte. Denn seine bald genug bekannt gewordene
Neigung zu den geheimen Wissenschaften und Künsten zog ihm eine Menge Besuche
von Fremden zu, die das Ihrige zu Befriedigung derselben beitragen wollten.
Herumziehende Chaldäer und Magier, reisende Pytagoräer, und Leute, die mit der
Art von Handschriften, auf die er so erpicht war, handelten, gingen bei ihm
immer ab und zu; selten fehlte es ihm an dem einen oder andern Tischgenossen
dieser Art, und es würde einem, der ihre Tischreden aufgeschrieben hätte, ein
Leichtes gewesen sein, in kurzer Zeit ganze Karren voll solcher Conversationen
zusammen zu bringen, wie du eine in deinem Lügenfreunde verewiget hast. In den
letzten Jahren seines Lebens liess er sich von einem Hermetischen Adepten
überreden, eine geheime Werkstätte in seinem Hause anzulegen, worin Tag und
Nacht an dem grossen Werke, das man in spätern Zeiten den Stein der Weisen
nannte, gearbeitet wurde. Zu gutem Glücke starb er noch zeitig genug, um den
Plan des Adepten zu vereiteln, der sich wahrscheinlich mit guter Art zum Erben
des alten Mannes zu machen hoffte.
    Du siehest leicht, lieber Lucian, was die Erziehung in dem Hause eines
solchen Grossvaters bei einem jungen Menschen mit einer Anlage wie die meinige
natürlicherweise für Folgen haben musste. Dazu kam noch, dass ich der Liebling des
alten Proteus war, und dass er sich eine eigne Freude daraus machte, mich so gut
er konnte und wusste in den Geheimnissen seiner Philosophie zu iniziieren. Sein
Museum stand mir immer offen; ich musste ihm oft, wenn er auf seinem Ruhebette
lag, vorlesen, und er fand grosses Behagen daran, aus meiner Neugier für diese
Dinge, und aus der Leichtigkeit womit ich mich in alles zu finden wusste, zu
auguriren, dass dereinst (wie er sich ausdrückte) ein grosser Mann aus mir werden
würde. Das Einzige, was er nicht an mir bemerkte, war der Unterschied, der bei
aller dieser anscheinenden Sympatie zwischen seiner und meiner Sinnesart
vorwaltete. Ihm war das Wunderbare nichts als eine Puppe, womit seine immer
kindisch bleibende Seele spielte; bei mir wurde es der Gegenstand der ganzen
Energie meines Wesens. Was bei ihm Träumerei und Mährchen war, füllte mein
Gemüt mit schwellenden Ahndungen und helldunkeln Gefühlen grosser Realitäten,
deren schwärmerische Verfolgung meine Gedanken Tag und Nacht beschäftigte. Er
belustigte sich an philosophischen Bildern, Rätseln und Hieroglyphen, wie ein
Kind an bunten Blumen oder Schmetterlingen Freude hat; ich bestrebte mich in
ihren tiefsten Sinn einzudringen: kurz, er liebte das Ausserordentliche, weil es
den ewigen Schlummer seiner natürlichen Trägheit durch angenehme Träume
unterbrach, und ich brannte schon als ein Mittelding von Knabe und Jüngling vor
Begierde, diese ausserordentlichen Dinge selbst zu erfahren und zu verrichten.
                                    Lucian.
    Oder, mit andern Worten, der Unterschied zwischen euch war der: dein
Grossvater las die Geschichte der Abenteurer zum Zeitvertreib, und du machtest
alle mögliche Anstalten selbst auf Abenteuer auszuziehen. Allerdings ein sehr
wesentlicher Unterschied, und wovon du in deinem ganzen Leben die Folgen stark
empfunden hast.
                                   Peregrin.
    Ohne mich jemals eine derselben gereuen zu lassen.
                                    Lucian.
    Um Verzeihung, dass ich dich unterbrochen habe! es soll ohne Not nicht
wieder geschehen. Fahre immer fort, ich bin lauter Ohr.
                                   Peregrin.
    In der Bibliotek meines Grossvaters befand sich auch das Buch des Empedokles
von der Natur, verschiedene Dialogen von Plato und einige kleine Schriften des
Heraklitus. Weil es gerade die einzigen waren, die er nicht zu lesen pflegte, so
mochten sie, dicht mit Staube bedeckt, hinter einem Vorhang von Spinneweben
schon zwanzig oder dreissig Jahre ruhig gelegen haben, als ihm einst, da er um
etwas Neues verlegen war, zufälligerweise Platons Gastmahl, als ein Werkchen,
das sehr sinnreich und unterhaltend sein sollte, vor die Stirne kam. Ich musste
es holen, und ihm, da er nach einer tüchtigen Mahlzeit aus dem Bade kam, an
seinem Ruhebette vorlesen. So lange Phädrus, Pausanias, Eryximachus und
Aristophanes ihre Meinungen von der Liebe vortrugen, ging es ziemlich gut; der
letzte machte ihn sogar, mit seiner komischen Hypotese über die ursprüngliche
Natur der Menschen und die wahre Ursache der verschiedenen Arten von Liebe, mehr
als einmal laut auflachen. Bei der eleganten Hymne, die der schöne Agaton dem
Amor singt, fing er mitunter zu gähnen an: aber wie endlich Sokrates das Wort
nimmt, und nach einer Disputation in seiner eignen Manier, die mein Alter sehr
langweilig fand, der Gesellschaft den Unterricht mitteilt, den er ehemals von
der Prophetin Diotima über die Liebe und die Kunst zu lieben empfangen zu haben
vorgibt; schlief er unvermerkt so fest ein, dass ich Zeit hatte, diesen Teil des
Symposions, der sich meiner ganzen Aufmerksamkeit bemächtigte, zwei-oder dreimal
wieder zu lesen, bevor er wieder aufwachte. Ich selbst begab mich nicht eher zur
Ruhe, bis ich noch in derselbigen Nacht diese Rede der Diotima heimlich
abgeschrieben hatte; und als ich am folgenden Morgen, wie ich das Buch an seinen
Ort zurücktrug, seine Mitverbannten in eben demselben Winkel liegen sah, und aus
den blossen Titeln und Namen der Verfasser von der Wichtigkeit des gefundenen
Schatzes urteilte, nahm ich sie alle mit, und verwandte von Stund' an keinen
Augenblick, über den ich Meister war, auf etwas andres, als diese Schriften zu
lesen, wieder zu lesen, zu durchdenken, zu vergleichen, und aus den Ideen, die
sie in mir entwickelten, wo möglich ein Ganzes in mir selbst zu bilden. Mein
bisheriges Leben schien mir dem Zustand eines Menschen zu gleichen, über dem,
nachdem er lange bei schwachem Mondschein in einem dicht verwachsenen Walde
herumtappte, die Morgendämmerung aufzugehen anfängt. Aber nun ward es auf einmal
Tag und Sonnenschein in meiner Seele. Sie wurde anfangs dadurch geblendet,
stärkte sich aber unvermerkt durch das Lichtbad selbst, worin sie zu schwimmen
glaubte, und erstaunte, sich auf einer Höhe zu finden, wo sie, von der reinsten
Himmelsluft umflossen, in eine unermessliche Welt voll Schönheit hinaus sah, und
in dem Wonnegefühl ihrer eigenen Freiheit, Kraft und Grösse sich wie vergöttert
fühlte.
                                    Lucian.
    Deine Seele, lieber Peregrin, muss (mit der ehrwürdigen Prophetin Diotima zu
reden) von einer ganz erstaunlichen Fruchtbarkeit gewesen sein, da sie nur die
Berührung eines Plato, Empedokles und Heraklitus nötig hatte, um auf einmal von
einer ganzen Welt voll Licht und Schönheit entbunden zu werden.
                                   Peregrin.
    Wenn dies nicht Scherz wäre, Lucian, so würde ich sagen, die Einwirkung
dieser Weisen auf mein Innerstes könnte eher mit einem Funken, den der Stahl aus
einem Feuerstein schlägt, verglichen werden. Denn was sie in mir entzündeten,
war im Grunde nur eine einzige aber unauslöschliche Flamme, die von diesem
Augenblick an die Quelle alles Lichts und Lebens in mir wurde. Oder, um mich
noch genauer auszudrücken, mir war, da diese Flamme in mir hervorbrach, als ob
eine dunkle dichte Rinde, die mein Wesen bisher umschlossen hätte, plötzlich von
mir abfiele; ich erblickte mich nicht mehr in einem Spiegel ausser mir, sondern
in mir selbst, erkannte mich selbst zum erstenmal , und bedurfte von diesem
Augenblick an keines Pytagoras oder Platons mehr dazu; so wenig, als die Sonne
einer fremden Beleuchtung und Erhitzung bedarf, um lauter Licht und Feuer zu
sein.
                                    Lucian.
    Ich bekenne dir unverhohlen, Freund Peregrin, dass ich meines Orts noch
einiges fremden Lichtes nötig hätte, um zu verstehen was du mir hier
offenbarest. Allem Ansehn nach muss mein Wesen seine alten Schalen und Rinden
noch nicht alle durchbrochen haben.
                                   Peregrin.
    Das könnte leicht sein, lieber Lucian. Doch vielleicht kann ich dir durch
ein einziges Wort verständlicher werden. Du erinnerst dich vermutlich, da du
Platons Symposion gelesen hast, was Diotima von der Liebe als einem Dämon, das
ist nach ihrer Erklärung, einem Mittelwesen zwischen der sterblichen und
unsterblichen Natur, spricht. So einleuchtend mir diese Teorie war, die ich
(wie beinahe alle Platonischen Begriffe) immer in mir geahndet zu haben glaubte,
so sah ich doch anfangs diesen Dämon der Liebe noch ausser mir; nur dass er mir,
durch eine sonderbare Art von Täuschung, immer näher zu kommen, immer
anschaulicher zu werden schien. Die Rinde, von der ich dir sagte, wurde immer
dünner, und in eben diesem Masse ward es auch immer heller in meinem Inwendigen;
kurz, sie wurde endlich so dünn, dass ein einziger Vers des Empedokles, der mir
zufälliger Weise in die Augen fiel, genug war, sie ganz zu zersprengen. Nun
fühlte ich mich gleichsam von mir selbst entbunden, fühlte, dass der Dämon der
weisen Diotima in mir, oder vielmehr, dass ich selbst der Dämon sei, der keiner
Vermittlung eines dritten, sondern bloss des ihm eigenen ewigen Verlangens und
Aufstrebens nach dem höchsten Schönen und Vollkommnen nötig habe, um im Genuss
desselben Eudämon, das ist, der reinsten Wonne, deren ein Dämon fähig ist,
teilhaftig zu sein, und im Genuss des Göttlichen sich selbst vergöttert zu
fühlen.
                                    Lucian.
    Ich fange an zu besorgen, dass, um die erhabenen Dinge, die du mir sagst, zu
fassen, ein eigener Sinn erfordert werde, womit die Natur mich zu versehen
vergessen haben muss.
                                   Peregrin.
    Es ist nichts als die Rinde, die du noch nicht ganz durchbrochen hast,
Lucian.
                                    Lucian.
    Wie es auch damit sein mag, so muss ich dich bitten, wenn du in deiner
Geschichte fortfahren willst, dich so nahe als dir immer möglich ist an meine
Rinde zu halten, und eine Sprache mit mir zu reden die ich verstehe, wenn du
willst dass es nicht eben so viel sei, als ob du bloss mit dir selbst sprächest.
                                   Peregrin.
    Was ich gesagt habe, schien mir die einfachste Sache von der Welt zu sein.
Aber sei ruhig, Lucian! es wird, so wie ich in meiner Erzählung fortfahre, immer
heller um mich her werden, und ich bin nun nahe an einigen Begebenheiten meiner
Jugend, die, wiewohl du sie ehemals in einem falschen Lichte gesehen hast, doch
so beschaffen sind, dass man nur ein ganz gewöhnlicher Mensch zu sein braucht,
sowohl um solche Abenteuer zu haben, als um zu begreifen wie es damit zuging.
    Ich hatte kaum das achtzehnte Jahr zurückgelegt, als mein Grossvater starb,
nachdem er mich in seinem letzten Willen zum einzigen Erben seiner
Verlassenschaft eingesetzt hatte. Ich sah mich nun im Besitz eines weit grössern
Vermögens, als ich brauchte um unabhängig zu leben; und mein erster Gedanke war,
Parium zu verlassen, und mich auf Reisen zu begeben, nicht sowohl um das was man
die Welt nennt zu sehen (die mich damals wenig kümmerte) als um Menschen zu
suchen, die, wie ich, von der göttlichen Liebe der Vollkommenheit entbrannt, in
dieser innigen Gemeinschaft und Vereinigung der Seelen mit mir leben könnten,
die ich mir vermöge einer mir selbst unbekannten Vermischung des Instincts
meines damaligen Alters mit dem Bedürfnis meines Herzens - als einen
wesentlichen Teil der höchsten Eudämonie39 vorstellte. Aber die Geschäfte, die
ich meiner Erbschaft halben vorher abzutun hatte, hielten mich, wegen
Abwesenheit meines Vaters, unter dessen Vormundschaft ich stand, noch ein ganzes
Jahr in Parium zurück; und in diesem Zeitraume begegnete mir das Abenteuer, das
dein Ungenannter in der schönen Lobrede, die er mir zu Elea hielt, so übel
verunstaltet hat, dass ich, wofern mein Name nicht dabei genannt wäre, nie hätte
vermuten können der unglückliche Held dieses Mährchens zu sein.
    Während der ersten Jahre meines Lebens, die ich unter der Aufsicht meiner
Mutter zubrachte, befand sich ein junges Mädchen in unserm Hause, die, als das
einzige Kind einer verstorbenen Schwester meines Vaters, unter seiner
Vormundschaft von meiner Mutter erzogen wurde. Sie war nur ein Jahr älter als
ich, und da sie eine Tochter vom Hause vorstellte, so wurden wir unvermerkt
gewohnt, uns als Bruder und Schwester zu betrachten. Die kindische Liebe, die
sich zwischen uns entspann, war um so unbedeutender, da ich mit dem siebenten
Jahre in das Haus meines Grossvaters versetzt wurde, und von dieser Zeit an nur
selten in die Stadt kam.
    Kallippe (so hiess die Nichte meines Vaters) erwuchs indessen nach und nach
zu dem schönsten Mädchen in Parium. Ich sah sie bis zum Tode meiner Mutter von
Zeit zu Zeit; aber wiewohl ich etwas für sie empfand, das der Anlage zu einer
künftigen Leidenschaft ähnlich sah, so war ich doch noch viel zu jung, um recht
zu wissen was ich fühlte, oder auch etwas andres für sie zu fühlen, als was
unsrer nahen Verwandtschaft ganz anständig war; Kallippe hingegen, die um diese
Zeit schon das funfzehnte Jahr angetreten, hatte mit demselben auch die
Sinnesart eines Mädchens von diesem Alter angenommen, und betrachtete mich als
einen Knaben, dem man ohne alle Gefahr liebkosen könne.
    Bald darauf glaubte mein Vater dieses einzige Kind einer Schwester, die er
sehr geliebt hatte, aufs glücklichste versorgt zu haben, indem er sie an einen
der reichsten und angesehensten Männer in Parium verheiratete, ohne weder auf
die Untugenden seiner Gemütsart und Sitten, noch auf den grossen Abstand seiner
Jahre von den ihrigen die geringste Rücksicht zu nehmen. Von dieser Zeit an
verlor sich meine Base Kallippe unvermerkt aus meinem Gesichtskreise; ich bekam
sie nicht mehr zu sehen, und bekümmerte mich, in der Meinung dass sie mit ihrem
Loose zufrieden sei, nicht weiter um sie, bis nach meines Grossvaters Tode die
Angelegenheiten seiner Verlassenschaft mich nötigten, einige Monate in der
Stadt zuzubringen.
    Hier hörte ich, dass mein Vater seine Absicht, Kallippen glücklich zu machen,
nicht leicht ärger hätte verfehlen können. Jedermann sprach von ihr als einer
Frau, welche die schönsten Jahre ihres Lebens unter dem Druck eines
unempfindlichen, finstern, kargen und eifersüchtigen Tyrannen zu schmachten
verurteilt sei; jedermann bedauerte sie, und alle Stimmen waren gegen den Mann,
der einer solchen Frau übel zu begegnen fähig sei. Ich kannte den Lauf der Welt
zu wenig, um etwas von der Sache zu begreifen; ich sann hin und her, verwarf
aber meine Anschläge immer wieder als unschicklich und unausführbar. Vor allem
schien mir nötig, sie selbst zu sprechen: aber die kaltsinnige Höflichkeit und
argwöhnische Vorsicht des alten Menekrates wusste es immer so einzurichten, dass
ich keine Gelegenheit dazu finden konnte.
    Endlich erfuhr ich von einer jungen Sklavin, der einzigen auf deren Treue
Kallippe ein unumschränktes Vertrauen setzte, dass ihre Gebieterin nichts
sehnlicher wünsche als mich zu sprechen, indem sie mir Sachen von der grössten
Wichtigkeit zu entdecken hätte. Bei einer solchen Uebereinstimmung unsrer
Wünsche war es nur noch um die Ausführung, nämlich um eine geheime Zusammenkunft
zu tun , die aber, in der Lage worin sich Kallippe befand, notwendig so
behutsam veranstaltet werden musste, dass weder ihr Mann, noch die Nachbarn noch
die übrigen Hausgenossen auch nur die leiseste Ahndung davon haben könnten. Auch
hier fehlte es nicht an meinem guten Willen: aber wenn Kallippe und ihre Sklavin
nicht erfindsamer oder dreister als ich gewesen wären, so möchte es wohl immer
dabei geblieben sein; denn selbst das Gewöhnlichste, was in solchen Fällen zu
tun ist, kam mir gar nicht in den Sinn. Dafür liess ich mich desto williger von
der weiblichen Klugheit leiten; und so wurde endlich, nachdem verschiedene
andere Vorschläge als gefährlich oder untulich verworfen worden, beschlossen,
dass man eine kurze Abwesenheit des Menekrates benutzen wollte, um mich in der
Stille der Nacht durch eine kleine Gartentür in ein Cabinet zu bringen, wo ich
meine Base finden würde.
                                    Lucian.
    Natürlicherweise gewinnt die Sache unter allen diesen Umständen eine ganz
andere Gestalt; und doch, wenn der Zufall gegen uns ist, nehmen weder die
Gesetze noch die Welt auf solche Umstände Rücksicht.
                                   Peregrin.
    Nur zu wahr. Aber für mich gab es keine Gesetze; oder vielmehr, da ich mein
Gesetz in mir selbst hatte, so dachte ich nicht an die Gesetze von Parium. Und
was ist das Urteil der Welt einem Menschen, der nach dem Beifall höherer Zeugen
strebt, die seinem innern Auge so gegenwärtig sind, als ob sie auch dem äussern
sichtbar wären! Ich dachte nichts als eine Pflicht zu erfüllen, und in der Wahl
der Mittel mich bloss der Notwendigkeit zu unterwerfen, der die Götter selbst
untertan sind.
                                    Lucian.
    So weit begreife ich alles. Was mich wundert ist bloss, ob ich den Erfolg
erraten habe oder nicht. Die Gelegenheit ist eine gefährliche Versucherin, und
ich glaube aus Erfahrung zu wissen, was in solchen Fällen möglich oder unmöglich
ist.
                                   Peregrin.
    Die Schlüsse, die man aus seinen eignen Erfahrungen auf das, was andere in
ähnlichen Fällen getan haben oder tun werden, macht, sind schon trüglich; wie
sehr müssen es erst die sein, die man von dem was meistens geschieht, auf das
was möglich ist, macht! Indessen zweifle ich keinen Augenblick, lieber Lucian,
dass ich mit einer Art von Gewissheit sagen könnte, wie du dich an meiner Stelle
aus der Sache gezogen hättest: aber dass du dies mit eben so vieler Gewissheit von
mir sagen könntest, daran zweifle ich, mit deiner Erlaubnis.
                                    Lucian.
    Du hast Recht, Peregrin! Ich war immer nur ein gewöhnlicher Mensch, und von
einem gewöhnlichen Menschen lässt sich freilich nicht auf einen Dämon schliessen.
Und doch sollte mich's nicht befremden, wenn auch einem Dämon (zumal einem
dessen Natur Lieben ist) in dem Körper eines blühenden Jünglings von achtzehn
Jahren, der sich mit einer schönen, zärtlichen und betrübten jungen Base von
neunzehn in der Stille der Nacht in einem Gartencabinet eingeschlossen findet,
unvermerkt eben so zu Mute würde, als wenn er ein Mensch wie andere wäre.
                                   Peregrin.
    Auch in meinen Augen würde es kein grosses Wunder sein. Höre also was sich
zutrug. Unsre Zusammenkunft ging durch die schlaue Veranstaltung der getreuen
Sklavin glücklich von Statten. Die erste Ueberraschung war auf beiden Seiten
nicht gering, da ich Kallippen zum erstenmal in der vollen Reife der Schönheit
und Jugend, und sie den Knaben von vierzehn, den sie vor vier Jahren zum
letztenmale gesehen hatte, in einen hochaufgeschoss'nen Jüngling verwandelt sah,
an dessen Blüte noch kein Wurm genagt hatte, und dem ein sonderbares Gemisch
von Sanfteit und Feuer, von Heiterkeit und Ernst, das Ansehen eines weit
reifern Alters gab, ohne dem, was die Jugend Empfehlendes hat, nachteilig zu
sein. Die einzige Lampe, die das Cabinet beleuchtete, trug wohl auch das Ihrige
bei, dass unser mit so geheimnisvollen Umständen verbundenes Wiedersehen mehr das
Schauerliche einer unverhofften Erscheinung, als das Freudige einer
veranstalteten Zusammenkunft hatte. Indessen fassten wir uns bald wieder, und
Kallippe fing die Unterredung mit Entschuldigung und Rechtfertigung des
sonderbaren Schrittes, wozu sie sich gezwungen sähe, an. Natürlich führte dies
zu einer umständlichen Ausführung der grossen Beschwerden, die sie über ihren
Tyrannen zu führen hatte; wobei die schöne Klägerin weder Redefiguren noch
Tränen sparte, um das Mitleiden des jungen Menschen zu gewinnen, den sie zum
Richter ihrer Leiden machen wollte. Sie schien alle Fragen, die ich an sie tun
könnte, vorausgesehen zu haben, mit so vieler Leichtigkeit antwortete sie auf
alles; und sie beschloss endlich mit verschiedenen geheimen Aufträgen, teils an
meinen abwesenden Vater, teils gewisse Familienumstände, die eine Beziehung auf
ihre eigenen hatten, betreffend, welche eine zweite und dritte Zusammenkunft
vorbereiteten und ganz ungezwungen herbeibrachten.
    Hätte ich damals schon die Menschenkenntnis haben können, die uns eine
Erfahrung von dreissig oder vierzig Jahren verschafft, so könnte mir vielleicht
das Betragen der schönen Kallippe einigen Argwohn gegeben haben; und wäre ich
gesinnt gewesen, wie beinahe jeder andere in meinem damaligen Alter, so würde
ich mich an allen Grazien zu versündigen geglaubt haben, wenn ich eine so gute
Gelegenheit aus den Händen hätte schlüpfen lassen. Aber bei mir war weder das
eine noch das andere möglich. Wie sichtbar auch die Schlingen waren, die meiner
unerfahrnen Unschuld gelegt wurden, ich sah sie nicht, weil ich nicht mehr
Begriff von Schlingen hatte als eine neu ausgebrüteter Vogel; und vor
Nachstellungen von mir hätte die schöne Kallippe nicht sicherer sein können,
wenn sie eine Priesterin der Diana oder meine leibliche Schwester gewesen wäre.
Jede Frau oder Jungfrau war in meinen Augen ein heiliges Gefäss im Tempel der
Natur, desto heiliger und unverletzlicher, je schöner sie war. Wie sehr musste es
mir also die Gemahlin des Menekrates sein, die durch Anverwandtschaft, Schönheit
und Unglück ein dreifaches Recht an meine Teilnehmung, meine Ehrfurcht und
meine Dienste hatte!
                                    Lucian.
    Wunderbarer Mensch!
                                   Peregrin.
    Ich sehe, mit deiner Erlaubnis, hier nichts Wunderbares; vielmehr wär' es
ein Wunder gewesen, wenn ich anders gedacht hätte. Meine Erziehung hatte meinen
Leib und meine Seele vor aller Verderbnis, zumal vor allzu früher Erweckung und
willkürlicher Reizung des Instincts, verwahrt. Meine Einbildung war so rein wie
meine Sinne; und die Liebe des höchsten Schönen, die in dieser Epoche meines
Lebens die Seele aller meiner Gedanken und Neigungen war, gab dem Eindruck,
welchen schöne Gestalten auf mich machten, eine vom Gewöhnlichen, was andere
Erdensöhne erfahren, so verschiedene Tinctur, dass auch die Wirkung desselben
notwendig sehr verschieden sein musste. Uebrigens bitte ich dich nicht zu
vergessen, dass ich mir kein Verdienst daraus zu machen begehre, sondern die
Sache bloss erzähle wie sie war. Als ich mich von Kallippen entfernte, folgte mir
zwar ihr Bild, aber ohne mir eine andere Unruhe zu verursachen, als die Sorge,
ihre Aufträge so gut mir möglich war auszurichten.
                                    Lucian.
    Alles Feuer in deiner Natur musste sich damals in die höchste Region deiner
Einbildungskraft hinauf gezogen haben.
                                   Peregrin.
    Doch nicht so ganz; denn ich läugne nicht, Kallippe wurde, mit jedem Male
dass ich sie sah, schöner und liebenswürdiger in meinen Augen: aber ich setzte
noch immer nicht den geringsten Argwohn weder in mich selbst noch in sie, und
fand nichts natürlicher, als dass mein Wohlgefallen und meine Teilnahme an ihr
immer lebhafter wurde, je liebenswürdiger sie mir erschien. War die Liebe zum
Schönen meiner dämonischen Natur nicht eben so eigentümlich als meiner Brust
das Atemholen? Dass auch Kallippe immer wärmer, und immer sinnreicher wurde neue
Ursachen und Wege zu neuen geheimen Zusammenkünften auszudenken, bemerkte ich
zwar, hielt es aber für eine so natürliche Folge der rechtmässigen Zuneigung zu
einem nahen Anverwandten, den sie von Kindheit an wie einen Bruder anzusehen
gewohnt war, dass es mir gar nicht als etwas Mögliches einfiel, wie die
Tadelsucht selbst etwas daran zu tadeln finden könnte. Und war es ihr, in einer
so verlass'nen Lage als die ihrige, am Ende zu verdenken, wenn sie schwer daran
ging sich des einzigen Trostes wieder zu berauben, der ihr einige Erleichterung
ihres traurigen Zustandes verschafte. - »Deine Gegenwart, deine Reden sind
Nepente40 für mich, sagte sie mir einsmals beim Abschied, mit einer Stimme die
wie Musengesang in meiner Seele widertönte. - Ich vergesse in diesen stillen
Augenblicken der Freundschaft dass ich unglücklich bin: könntest du schon müde
sein, mir zuweilen eine Stunde zu schenken, die du nur dem Schlaf entziehest?« -
Ich hätte mich für einen Barbaren gehalten, Lucian, wenn ich dessen fähig
gewesen wäre.
                                    Lucian.
    Ich wahrlich auch! Aber gestehe, dass du um diese Zeit den unsichtbaren Pfeil
schon in der Leber stecken hattest!
                                   Peregrin.
    Ich glaub' es selbst, Lucian; aber damals wusste, ahndete ich sogar nichts
davon: und was mich notwendig sicher machen musste, war, dass ich die Nacht, da
wir uns wieder sehen sollten, immer mit eben so vieler Ruhe erwartete, als ich
sie mit Vergnügen kommen sah.
    Indessen darf ich einen neuen Umstand nicht unerwähnt lassen, der einige
Veränderung in der Beschaffenheit unsrer Zusammenkünfte machen konnte. Weil
Menekrates eine ziemliche Zeit lang nicht aus der Stadt kam, so wurde das
Gartencabinet für unsern fernern Gebrauch zu gefährlich befunden. Nach langem
Ueberlegen was zu tun sei, sagte endlich die Sklavin mit der Miene einer
Person, die auf einmal das Wahre gefunden hat: ich weiss im ganzen Hause keinen
Ort, wo wir so völlig vor jedem Ueberfalle sicher sind, als das Schlafzimmer
meiner Gebieterin. - Da hast du Recht, versetzte Kallippe lächelnd; ich weiss
nicht, warum es mir nicht sogleich in den Sinn kam! - Aber - sagte ich etwas
betroffen, Menekrates? - O, der ist in Jahr und Tag mit keinem Fusse über die
Schwelle gekommen, und - hat seine Ursachen dazu, sagte die Sklavin. Ich
schwieg, und es blieb fürs nächstemal bei Kallippens Schlafzimmer.
                                    Lucian.
    Ein schöner und bequemer Ort, ohne Zweifel; aber, beim Jupiter! der
schlüpfrigste, den dein Platonischer Dämon zwischen Himmel und Erde finden
konnte!
                                   Peregrin.
    Du wirst mich auch gar zu unschuldig nennen, Lucian, - genug, mir fiel das
nicht ein. Wäre Kallippe bei dem Vorschlage rot geworden, hätte sie einige
Bedenklichkeit geäussert, so möchte vielleicht auch in mir ein Zweifel über die
Schicklichkeit der Sache rege geworden sein: aber dass sie so unbefangen, so
schnell und so ruhig ihren Beifall gab, liess mich in meiner natürlichen
Sicherheit. Ich liebte zwar Kallippen, aber mit einer so jungfräulichen
Unwissenheit, dass ihr Schlafzimmer für mich nichts mehr war als jeder andere
Ort. Und in der Tat hätte sie im innersten Heiligtum der Vesta nicht sichrer
vor geheimen Absichten und Anschlägen auf ihre Unschuld von meiner Seite sein
können als in ihrem Schlafzimmer.
                                    Lucian.
    Was für ein schlauer kleiner Bube euer Dämon Amor ist, Peregrin! Wie er die
guten arglosen Seelen durch seine kindisch unschuldige Miene zu locken weiss! Und
doch wette ich, das Schlafzimmer war die Ursache alles Unheils.
                                   Peregrin.
    Höre nur. Beinahe hätte ich noch einen kleinen Umstand vergessen, der auch
nicht ganz unwichtig war, wiewohl ich damals nicht auf ihn achtete. Die junge
Sklavin war immer bei unsern Zusammenkünften gegenwärtig; anfangs ohne sich
einen Augenblick ganz zu entfernen; bei der zweiten und dritten ging sie ab und
zu; in der Folge blieb sie bald kürzer bald länger aus, oft eine halbe Stunde,
auch noch länger: aber alles so ungezwungen und absichtlos, dass ich ihre
Abwesenheit kaum gewahr wurde.
                                    Lucian.
    Die Spitzbübin!
                                   Peregrin.
    Es vergingen mehrere Tage, ehe ich wieder den gewöhnlichen Wink von ihr
erhielt.
                                    Lucian.
    Auch das vielleicht nicht ohne Absicht - Aber du merktest immer nichts?
                                   Peregrin.
    Gewiss nicht, ausser dass mir die Zeit doch länger vorkam als ich ungefähr
gerechnet hatte. Ich fing an für Kallippen unruhig zu werden, als die Sklavin
mir durch den gewöhnlichen Weg das zwischen uns abgeredete Zeichen gab. Es war
eine ziemlich dunkele Nacht, und alles im Hause lag in tiefem Schlafe begraben,
als ich durch den Garten zu einem niedrigen Fenster in das Haus herein gelassen
wurde. Ich konnte mir selbst nicht recht sagen warum, aber zum erstenmale war
mir's, als ob ich um diese Zeit nicht in diesem Hause sein sollte. Diese kleine
Unruhe verschwand zwar in dem Augenblicke, da mir die schöne Kallippe in ihrem
Zimmer mit Augen voll Dank und Liebe entgegen kam; doch kehrte sie von Zeit zu
Zeit wieder, wiewohl ich sie zu unterdrücken suchte. Kallippe ward es endlich
gewahr. Sie fragte mich nach der Ursache einer Unruhe, die sie noch nie an mir
bemerkt hatte, und ich gestand ihr, dass ich sie und mich weder in diesen Mauern
noch in diesem Zimmer für sicher halten könne. - Ohne Zweifel schlagen unsre
Herzen auch hier sympatetisch, sagte sie; du irrest dich nur in der Ursache.
Auch mir, fuhr sie fort (und mit einem zärtlich wehmütigen Tone, der alle meine
Nerven in antwortende Schwingungen setzte), auch mir ahndet dass wir uns zum
letztenmale sehen. Nicht als ob wir hier das Mindeste zu befürchten hätten. Ich,
liebster Proteus, zittre vor einer ganz andern Gefahr, der einzigen, die ich zu
befürchten habe - ich darf, ich kann dich nicht länger sehen. Frage mich nicht
nach der Ursache - denn du bist unter allen Sterblichen der letzte, der sie
wissen darf.
    Diese mir ganz neue Sprache setzte mich in Erstaunen: aber Kallippe liess mir
keine Zeit zu mir selbst zu kommen. Sie sagte mir, mit einem Ausdruck von
Wahrheit und zugleich mit einer Sanfteit, die ihren Worten einen
unbeschreiblichen Zauber gab, das Zärtlichste was die erste Liebe einem
gefühlvollen jungen Weibe eingeben kann; und das Ende davon war die
Wiederholung, dass wir uns zum letztenmal gesehen hätten. Wir müssen scheiden,
rief sie mit erstickter Stimme, indem sie ihre schönen Arme um meinen Hals wand
- Lebe wohl, Proteus! und erinnere dich zuweilen - der Unglücklichen, die dich
deiner und ihrer Tugend aufopfert! - Lebe wohl!
    Ein so unvermuteter Sturm, auf mein Herz und meine Sinne zugleich, war zu
stark um seine Wirkung zu verfehlen; aber es kam noch ein Umstand hinzu, der den
Sieg der schönen Kallippe über den unerfahrnen Neuling entscheidend machen
musste. Sie war bei allen unsern Zusammenkünften immer äusserst anständig
gekleidet gewesen. Dies war sie, dem ersten Anblick nach, auch jetzt; nur für
die heftigen Bewegungen des Schmerzes und der Liebe, denen sie sich in diesen
Augenblicken des Scheidens überliess, zu leicht. Freilich war es eine sehr warme
Sommernacht: aber für eine so zärtliche Abschiedsscene war eine Tunica, die ein
einziger Seidenwurm hätte gesponnen haben können, gar zu dünn; und als die
zärtliche Kallippe ihre Arme um meinen Nacken wand, und in einem Augenblicke, wo
der Gedanke eines ewigen Scheidens sie ausser sich setzte, ihren Busen etwas zu
heftig an den meinigen drückte, kam natürlicherweise eine so duftartige Hülle in
eine Unordnung, die in einem solchen Moment ihren Reizen ein zu grosses
Uebergewicht über meine unverwahrten Sinne gab.
    Was in diesem Augenblick in mir vorging, ist schwer zu beschreiben. Ein
allgemeines Zittern überfiel mich, mir ward schwindlig und dunkel vor den Augen,
und ich wäre, glaube ich, zu Boden getaumelt, wenn mich Kallippe nicht in ihren
Armen aufgehalten, und zu ihrem Ruhebette geführt hätte, wo ich in kurzem wieder
zu mir selber kam, indessen sie, den rechten Arm noch immer um meinen Leib
geschlungen, Augen auf mich heftete, die alles Feuer der Liebe in mich zu
ergiessen schienen. Die Sklavin war bei dieser Scene nicht zugegen; Kallippe
musste meinen Zufall nicht für gefährlich genug gehalten haben, sie um Hülfe zu
rufen.
    Die Götter mögen wissen, wie das alles sich geendigt hätte, wenn nicht in
diesem Augenblick ein grosser Lärm im Hause uns auf einmal aus unserm Taumel
gerissen und genötigt hätte, auf das, was ausser uns vorging, Acht zu geben. Wir
sind verraten, rief die bestürzte Kallippe, indem das Getümmel immer näher kam,
und die donnernde Stimme des Menekrates sich bereits deutlich unterscheiden
liess. Ich sprang auf, und brauchte mich nicht einen Augenblick zu besinnen, dass
ausser meinem plötzlichen Verschwinden kein Mittel sei die Dame und mich zu
retten.
                                    Lucian.
    In solchen Fällen haben die Dämonen ohne Körper ein beneidenswürdiges
Vorrecht.
                                   Peregrin.
    Ich lief an das Fenster, das in den Garten ging: aber, ausserdem dass die Höhe
für einen Sprung zu gefährlich war, sah ich den Garten von verschiedenen mit
Knütteln und Stangen bewaffneten Sklaven besetzt, in deren Hände zu fallen noch
gefährlicher schien. Ein anderes Fenster ging in einen kleinen Hof, der zu einem
Holzbehältniss zugerichtet und mit einem Schindeldache versehen war, das nahe an
Kallippens Fenster reichte, und von welchem es nicht unmöglich schien, durch
einen Sprung auf das ziemlich flache Dach des niedrigen Seitengebäudes eines
benachbarten Hauses zu kommen. Das Weitere musste dem Zufall überlassen werden.
Menekrates pochte inzwischen, mit einem so lauten und herrischen Befehl
aufzumachen, an der verschloss'nen Tür des Schlafzimmers, dass Kallippe, ohne
den Verdacht zu vergrössern, nicht länger verziehen konnte sie zu öffnen. Ich
wagte also den entscheidenden Sprung. Ich gelangte glücklich auf das benachbarte
Dach, und von diesem in einen kleinen Garten, wo es mir nicht schwer fiel, über
eine niedrige und baufällige Mauer in ein enges Gässchen herabzuglitschen, an
dessen Ausgang ich mich vor der Hintertür meines eigenen Hauses, und einen
Augenblick darauf in der Freiheit befand, von einer Gefahr, deren blosser Gedanke
alle meine Haare emporrichtete, wieder zu Atem zu kommen. Allerdings war es
viel Glück, dass ich meine so oft wiederholte Unvorsichtigkeit mit der blossen
Angst, noch immer wohlfeil genug, bezahlte: indessen verhielt sich die ganze
Sache wie ich dir erzählt habe; die Prügel und der Rettig waren blosse
Verzierungen womit dein Ungenannter das Geschichtchen seinen Zuhörern
interessanter zu machen hoffte.
                                    Lucian.
    Wahrscheinlich wartete beides auf dich, wenn dir dein guter Dämon nicht noch
so glücklich durchgeholfen hätte. Uebrigens sind diese Verzierungen, wie du
wissen wirst, bei Geschichten dieser Art, wovon das Publicum meistens etwas,
aber selten die wahren Umstände erfährt, zu gewöhnlich, als dass man dem
Ungenannten ein grosses Verbrechen daraus machen könnte, sie, vielleicht ohne
historischen Grund, der blossen Wahrscheinlichkeit zu Ehren hinzu gedichtet zu
haben. - Aber wie erging es der armen Kallippe? Denn, wiewohl ich gestehe, dass
sie mir in dieser ganzen Sache bei weitem nicht der unschuldigste Teil zu sein
scheint, so kann ich doch nicht umhin zu wünschen, dass sie nicht zu hart für
eine so verzeihliche Schwachheit gebüsst haben möchte.
                                   Peregrin.
    Es war ein Glück für sie, dass ihre Sklavin die Geliebte eines Freigelass'nen
war, welcher alles über den alten Menekrates vermochte, und sie, indem er sich
für ihre Unschuld verbürgte, von der angedrohten Tortur rettete, die ihr ohne
Zweifel das Geständnis der Wahrheit ausgepresst haben würde. Kallippe, vielleicht
nicht so unvorbereitet auf solche Scenen als ich ihr zutraute, war Meisterin
genug über sich selbst, um die Unwissende zu spielen; und da sich nichts fand,
was gegen sie hätte zeugen können, so blieb sie am Ende noch berechtiget,
Genugtuung von ihrem Unholde zu verlangen, dessen unzeitige Eifersucht ihren
sanften Schlummer gestört und ihre unbefleckte Ehre angeschmjetzt hatte. Zu gutem
Glücke war mein Vater eben wieder nach Hause gekommen. Ich entdeckte ihm den
ganzen Hergang; er nahm sich seiner beleidigten Nichte an: und da beide Teile
ihre Ursachen hatten, die Sachen nicht aufs äusserste zu treiben und dem Gelispel
der Parianer je eher je lieber ein Ende zu machen; so überliess Menekrates seiner
Gemahlin die Freiheit, über sein Haus in der Stadt und über ihre Tugend nach
eigenem Gutdünken zu schalten, und zog sich bald nachher auf eines seiner
Landgüter zurück, während ich in aller Stille Anstalten traf, an eben demselben
Tage nach Aten abzureisen.
    Das sonderbare Vorgefühl, womit ich in die ehrwürdige Minervenstadt eintrat,
- die Meinung von ihrem hohen Altertume, das sich bis in die Götterzeit verlor,
- die Heiligkeit eines Ortes, wo man keinen Schritt tun kann, ohne dem Denkmal
eines Gottes oder Hero's oder merkwürdigen Menschen zu begegnen - die Erinnerung
an ihren ehemaligen Glanz, an alles was sie einst war, und was Griechenland, und
durch dieses die ganze Welt ihr zu danken hat, - im Gegensatz mit ihrer jetzigen
Stille und Ruhe, stimmte in den ersten Tagen meines Aufentalts zu Aten meine
vorhin schon wunderbar genug gestimmte Seele in einen Ton von Melancholie und
Feierlichkeit, der mit dem leichten muntern Geiste der Atener einen starken
Missklang machte. Wenig um diese letztern und um alles Unbedeutende was sie
taten, da sie nichts Bedeutendes mehr zu tun hatten, bekümmert, entzog ich
mich beinahe aller Gesellschaft, hielt mich immer an den einsamsten Orten auf,
besuchte den Keramikus41, die Akademie, die Pökile, das Lykeion, nur in den
frühen oder nächtlichen Stunden, wenn sonst niemand da zu sehen war: kurz,
anstatt wie andere Leute in dem wirklichen Aten zu leben, schwebte ich bloss wie
ein abgeschiedener Geist über dem Grabe des grossen und herrlichen Aten, das -
nicht mehr war.
    Die Schulen der Philosophen hatten damals keinen aufzuweisen, der sich über
das Gewöhnliche merklich erhoben hätte. Sogar unter denen, die sich mit dem
Pytagorischen und Platonischen Costum decorirten, fand ich nicht Einen, von dem
ich mich im geringsten angezogen gefühlt hätte. Da die Stadt, ihrer Grösse
ungeachtet, nur sehr mittelmässig, wie du weisst, bevölkert war, und die Atener
alle mögliche Musse hatten, sich um alles zu bekümmern was sie nichts anging: so
beschäftigte ich eine Zeit lang ihre Aufmerksamkeit und ihren Witz, und sie
liessen es nicht an Epigrammen fehlen, zumal da ihnen meine Lebensweise mit
meiner Jugend und Gestalt sehr lächerrlich abzustechen schien. Weil ich aber,
ohne darauf zu achten, bei meiner Weise blieb, und nach Verlauf weniger Wochen
in einem der nächst gelegenen Flecken ein Landhaus mietete, hörte ich bald auf,
etwas Neues für sie zu sein; und so wie ich ihnen aus den Augen kam, kümmerte
sich niemand mehr um mein Dasein, bis ein kleines Abenteuer, das dein
Ungenannter zu Elea nicht vorbeigelassen, aber eben so übel zugerichtet hat wie
die Liebesgeschichte mit Kallippen, mich auf eine sehr unangenehme Art wieder in
Erinnerung bei ihnen brachte.
    Der Zufall liess mich einst in einem Gehölz am Fusse des Pentelikus einen
Knaben von vierzehn bis funfzehn Jahren finden, der dürres Reisig zusammenlas,
und dessen ungewöhnliche Schönheit meine ganze Aufmerksamkeit an sich zog. Ich
liess mich in ein Gespräch mit ihm ein, und bewunderte die Offenheit und
Lebhaftigkeit seiner Antworten. Auf einmal fiel mir die Anekdote von der ersten
Bekanntschaft ein, welche Sokrates einst mit einem eben so schönen Knaben in
einem engen Gässchen von Aten gemacht hatte, und dass unter der Leitung des
Weisen und seines Genius aus diesem Knaben der berühmte Xenophon geworden war.
Mein Waldknabe schien mir ein nicht weniger glückliches Naturell zu versprechen;
ich beschloss an ihm zu tun was Sokrates an dem jungen Xenophon getan hatte,
vergass aber unglücklicherweise, dass Sokrates damals ein Mann von funfzig Jahren
war, und ich kaum zwanzig zählte. Die Reinheit meiner Seele und die Unschuld
meiner Absichten liessen mich an diesen Unterschied nicht denken; und es fiel mir
- mir, der das Urteil anderer Leute nie in Anschlag brachte - so wenig ein, dass
jemand an meinem guten Willen für diesen Knaben etwas Tadelhaftes finden könnte,
als wenn ich einen Vogel aus dem Walde mit nach Hause gebracht hätte, um ihn
singen zu lehren. Ich hing damals, ohne dass mich meine kleine Erfahrung mit der
schönen Kallippe behutsamer über diesen Punkt gemacht hätte, noch sehr stark an
dem Platonischen Glauben, dass die äussere Schönheit ein Widerschein der innern
sei; und meine rasche Einbildung weissagte sich in meinem jungen Xenophon
vielleicht einen künftigen zweiten Pytagoras oder Apollonius, ohne es nur für
möglich zu halten, dass es eben so wohl ein Alcibiades42 oder Kallias sein
könnte. Aber ausser dem Verdienste, das ich mir durch die Pflege einer so schönen
Pflanze um die Menschheit zu machen hoffte, hatte ich noch die besondere
Absicht, mir in ihm einen künftigen Gehülfen in den Mysterien der hohen Magie zu
erziehen, die damals das grosse Ziel meiner Wünsche und Gedanken war, und wozu
ich die Pytagorische und Platonische Philosophie, welcher ich seit einiger Zeit
mit grossem Fleiss obgelegen hatte, als eine Vorbereitung ansah. Die Schönheit und
Unschuld des jungen Gabrias war eine sehr wesentliche Bedingung zu meinen
Absichten, so wie seine Unwissenheit kein Hindernis derselben war. Denn je
reiner ich seine Seele von erkünstelten Begriffen und falscher Wissenschaft
fand, desto geschickter war sie, die Ideen aufzufassen, zu welchen ich sie nach
und nach zu erheben hoffte.
    Die Neigung, die den Knaben gleich anfangs zu mir zu ziehen schien,
verwandelte sich ziemlich schnell in eine so grosse Anhänglichkeit, dass er mich
bat, ihn als einen Menschen zu betrachten der mir gänzlich angehöre. Von dieser
Zeit an lebte er einige Wochen beständig mit mir in dem vorerwähnten kleinen
Landhause. Es zeigte sich indessen immer mehr, dass meine Hoffnungen von der
Anlage des jungen Gabrias zu voreilig gewesen waren. Seine Lebhaftigkeit war mit
einem Leichtsinn und einem Hang zum Mutwillen und zur Sinnlichkeit verbunden,
der ihn zum untauglichsten aller Menschen machte, in Mysterien eingeweiht zu
werden, deren erste Stufe die Reinigung der Seele von allen tierischen
Neigungen ist.
    Sobald ich mich hiervon überzeugt hielt, verging mir alle Lust mich weiter
mit ihm abzugeben. Hätte ich keine andern Zwecke mit ihm gehabt, als ihn zu
einem leidlichen Bürger von Aten zu bilden, so war freilich die Hoffnung dazu
nichts weniger als verloren; er konnte sogar werden was seine Landsleute einen
liebenswürdigen Menschen hiessen; denn er war der angenehmste Plauderer von der
Welt, hatte Witz und drollige Einfälle, machte auf einen Blick das Lächerliche
an einer Person oder Sache ausfindig, und besass die Gabe, anderer Leute Stimme,
Gebärden, Gang und übrige Eigenheiten nachzuahmen, in einem ungewöhnlichen
Grade: aber für meine Absichten war er unverbesserlich, und ich suchte mich also
je eher je lieber von ihm loszumachen. Dennoch wusste er mich zwei- oder dreimal
durch seine ausserordentliche Liebe zu mir, die er meisterlich spielte und mit
den zärtlichsten Liebkosungen begleitete, wieder dahin zu bringen, dass ich ihn
noch länger bei mir duldete: bis endlich sein Betragen (welches einem weniger
Unerfahrnen schon lange hätte verdächtig sein müssen) keinen Zweifel mehr übrig
liess, dass er sich an mir eben so sehr betrogen habe als ich mich an ihm.
    Er wurde noch an demselben Tage aus dem Hause geworfen; aber auch an
demselben Tage meldete sich ein alter schlecht gekleideter Mann mit einer Miene
von böser Vorbedeutung, als Vater des jungen Gabrias, bei mir, beklagte sich mit
grosser Heftigkeit, dass ich seinen Sohn - das unschuldigste Kind von der Welt,
eh' er in meine Hände gefallen sei - verführt hätte, und forderte Genugtuung
deswegen, wenn ich nicht wollte, dass er seine Klage gegen mich noch in dieser
Nacht im Areopagus laut erschallen liesse. Ich merkte bald genug, dass ich einen
Mann vor mir habe, dem es nicht um Versicherungen oder Beweise meiner Unschuld,
sondern um mein Geld zu tun war; und alle Standhaftigkeit, die ich ihm entgegen
setzte, wurde zum Schweigen gebracht, da er mir sagte, dass Gabrias bereit wäre,
über Gewalt gegen mich zu klagen. - Wie schlecht diese Leute auch waren, so war
ich ein Fremder, ohne Freunde, und konnte darauf rechnen, ganz Aten,
vornehmlich die ganze Zunft der Philosophen, die sich eine falsche Rechnung auf
mich gemacht hatten, wider mich zu haben. Aber auch ohne diese Rücksichten hätte
ich lieber mein ganzes Vermögen hingegeben, ehe ich in einem solchen Handel vor
Gericht erschienen wäre. Ich bequemte mich also, dem alten Bösewicht die Summe
worauf er bestand, und die in der Tat nicht gering war, zu bezahlen, wie ich
mich bequemt haben würde, mein Leben oder meine Freiheit von einem Seeräuber
loszukaufen.
    Dieser Zufall, der wie ein Blitz bei hellem Wetter auf mich herabstürzte,
unterbrach das innere Geschäfte meiner Seele auf eine höchst schmerzliche Weise.
Der Aufentalt zu Aten wurde mir durch den Gedanken, was für Leute meinen guten
Namen in ihrer Gewalt hätten, unerträglich; ich konnte mich nicht schnell und
weit genug von Menschen entfernen, die mir zu meinem Zwecke so wenig halfen, und
unter welchen man solchen Bübereien ausgesetzt war. Ich packte also meine Sachen
zusammen, und begab mich schon am dritten Tage nach dieser verhassten Begebenheit
an Bord eines Schiffes, das nach Smyrna abzugehen begriffen war.
                                    Lucian.
    Was du tatest um dir dieses Gesindel vom Halse zu schaffen, würde ich, und
vermutlich ein jeder anderer, an deinem Platze auch getan haben; wiewohl
vielleicht wenige sein mögen, die zu einem so schlimmen Handel so unverschuldet
gekommen wären wie du. Der Verfasser der Liebesgötter43, zu denen ich eben so
unschuldig Vater sein muss, würde gesagt haben, du hättest deine Strafe durch
deine Unschuld verdient: aber, meiner Meinung nach, verdientest du sie durch die
Unvorsichtigkeit, dich mit einem dir unbekannten Atenischen Knaben - wenn er
auch schöner als Ganymed und Adonis gewesen wäre - in einen Umgang einzulassen,
der einen jungen Menschen von deinem Alter notwendig verdächtig machen musste;
zumal da du den Vorwurf gegen dich hattest, ein Sonderling und ein Verächter der
besten Gesellschaft zu sein die vielleicht in der ganzen Welt zu finden war;
denn dafür galten die Atener unsrer Zeit, und nicht ohne Grund, däucht mich.
Uebrigens ist es sehr möglich, dass der Alte so ganz Unrecht nicht hatte, sich zu
beschweren dass du seinen Sohn verführt habest.
                                   Peregrin.
    Wie so?
                                    Lucian.
    Der Junge konnte wirklich, da du ihn im Walde antrafst, noch unschuldig und
ohne die Sokratische Liebe die du so plötzlich auf ihn warfst, es noch lange
geblieben sein. Vermutlich erzählte er zu Hause, was ihm mit dem schönen
fremden Herrn im Walde begegnet sei. Sein Vater, ein dürftiger, schlecht
denkender, und wo es auf Gewinn ankam wenig bedenklicher Mann, machte seine
Glossen darüber. Natürlicherweise hatte er von einer so geistigen
uninteressierten Liebe zu schönen Bübchen oder Mädchen, wie die deinige war,
nicht die geringste Vorstellung noch Ahndung; er erkundigte sich vermutlich
nach dir, erfuhr dass etwas bei dem fremden Herrn zu gewinnen sei, machte nun
seinen kleinen Plan auf den einen oder den andern Fall, und unterrichtete den
Jungen wie er sich zu benehmen habe. Die Hoffnung eines namhaften Gewinns ist
für Leute von diesem Schlag eine unwiderstehliche Verführung; und so hättest du
dich denn doch, mit aller deiner Unschuld, als den Verführer des jungen Gabrias
anzusehen.
                                   Peregrin.
    In diesem Sinne allerdings. Indessen war der weise Sokrates selbst, nach dem
unverwerflichen Zeugnisse, welches ihm der schöne Alcibiades in ziemlich grosser
Gesellschaft darüber erteilte, nicht reiner von diesem seinem Liebling, als ich
von dem jungen Gabrias; wiewohl ich dich versichern kann, dass der berüchtigte
Günstling Hadrians44 ihm den Vorzug der Schönheit kaum hätte streitig machen
können. Wäre ich gesinnt gewesen wie zehntausend andere, so hätte alles den
gewöhnlichen Gang genommen, und dein Unbekannter zu Elea würde
wahrscheinlicherweise eine Verleumdung weniger gegen mich vorzubringen gehabt
haben. Ich bezahlte also meine Tugend mit dreitausend Drachmen und einer
Verwundung meiner Ehre, wovon ich die Narbe bis an meinen Tod behielt.
                                    Lucian.
    Deine Tugend, und - deinen Mangel an Klugheit, bitte ich hinzuzusetzen. Wer,
ohne sich den Gesetzen dieser letztern, welche die grosse Tugend des
gesellschaftlichen Lebens ist, zu unterwerfen, in seinem Betragen gegen andere
bloss von seinem Herzen und von einer idealischen Vorstellungsart geleitet wird,
läuft immer Gefahr ähnliche Erfahrungen zu machen.
                                   Peregrin.
    Diese Klugheit war freilich nie meine Tugend. Durch sie allein würde mein
ganzes Leben eine andere Gestalt gewonnen haben, alle Abenteuer, woraus es
zusammengeflochten ist, würden unterblieben, und Peregrin -
                                    Lucian.
    - würde, mit Einem Worte, nicht Peregrin gewesen sein - welches, nach dem
ewigen Beschluss der grossen Pepromene45, oder, wenn du lieber willst, vermöge der
Natur der Dinge, eben so wenig möglich war, als dass Lucian unschuldiger Weise
hätte in den Fall kommen können, aus dem Fenster des alten Ratsherrn Menekrates
zu springen, oder einem Atenischen Sackträger dreitausend Drachmen dafür zu
bezahlen, dass er seinem Jungen einen Kuss auf die Stirne gegeben hätte.
 
                               Zweiter Abschnitt.
                                   Peregrin.
    Ich sollte nun in meiner Apologie, wenn ich es so nennen kann, auf den Tod
meines Vaters und meine Gemeinschaft mit den Christianern kommen. Aber es
verflossen einige Jahre zwischen diesen Begebenheiten und meinem Aufentalt zu
Aten. Willst du dass ich diese überspringen soll? oder hast du Geduld genug die
Erzählung etlicher Geschichten anzuhören, die diese Zwischenzeit ausfüllten, und
in der Tat zu besserer Uebersicht des Ganzen meines Lebens nicht gleichgültig
sind, wiewohl dein Unbekannter nichts davon wusste?
                                    Lucian.
    Du bist mir, ohne dir eine Schmeichelei sagen zu wollen, aus dem was du mir
bereits vertraut hast, interessant genug geworden, dass mir kein Umstand
gleichgültig sein kann, der deinen Charakter stärker oder von einer neuen Seite
beleuchtet, und mir begreiflicher machen hilft, was ich in deinem Leben
zweideutig, rätselhaft und übel zusammenhängend fand.
                                   Peregrin.
    So mache dich immer auf eine sehr seltsame Geschichte gefasst! Aber ehe ich
dahin komme, wird es nötig sein noch ein paar Worte von der innern Verfassung
zu sagen, worin ich mich befand, als ich den Entschluss nahm nach Asien
überzugehen.
    Seitdem mich der Dämon der Liebe, den die Wahrsagerin Diotima dem Sokrates
offenbarte, auf die Entdeckung gebracht hatte, dass ich selbst ein eingekörperter
Dämon dieser Art sei, schien mir nichts natürlicher, als das Verlangen, mich
selbst und die Wesen meiner Gattung sowohl, als die höhern, mit denen meine
Natur verwandt war, besser kennen zu lernen. Diese Kenntnis war die einzige die
ich meiner würdig hielt, da sie mich geraden Weges zur Eudämonie führte, jener
erhabenen Geisterwonne, die mir nichts Irdisches weder geben noch rauben konnte,
und nach welcher zu streben mein angebornes Vorrecht war. Und was konnte diese
Eudämonie anders sein, als das Leben eines Dämons zu leben, mit Dämonen und
Göttern umzugehen, und von einer Stufe des Schönen zur andern bis zum Anschauen
und Genuss jener höchsten Urschönheit46, jener himmlischen Venus zu gelangen,
welche die Quelle und der Inbegriff alles Schönen und Vollkommnen ist?
    Die grosse Frage blieb indessen immer: wie, auf welchem Wege, und durch was
für Mittel dies geschehen könne? und, wofern es mehrere Wege gäbe, welches der
nächste und kürzeste wäre? Da es mir nun ausgemacht schien, dass unter den Alten
Pytagoras und unter den Neuern Apollonius zu dieser hohen Eudämonie, und
vielleicht zur höchsten Stufe derselben, gekommen seien: so war meine erste
Sorge, mich mit diesen so bekannt zu machen, als es durch eignes Forschen in
allem was sie hinterlassen, und durch vertrauten Umgang mit Personen, die in den
Mysterien ihrer Weisheit wirklich eingeweiht wären, geschehen könnte. Die
Hoffnung, Einen wenigstens von dieser Classe zu Aten zu finden, war mir fehl
geschlagen: die wenigen Pytagoräer, die ich dort sah und hörte, schienen Leute
zu sein, die sich an den äusserlichen Formen ihres Ordens und an Ansprüchen
begnügten, welche sie zu realisiren weder wussten noch begehrten. Ich sah mich
also genötigt die einsame Lebensart zu erwählen, die den Zerstreuung liebenden
Atenern so lächerrlich vorkam, und mich auf mein eigenes Forschen, und auf die
Reinigungen und Uebungen der Seele einzuschränken, welche die natürliche
Vorbereitung zu den höhern Stufen waren, die ich so sehnlich zu ersteigen
wünschte.
                                    Lucian.
    Und fandest du denn, guter Peregrin, in ganz Aten keine ehrliche Glycerion,
die dir die Wohltat erweisen konnte, dich von allem diesem Unsinn auf einmal
und von Grund aus zu entledigen? Denn, so viel ich merken kann, fehlte dir doch
nichts als diese Cur.
                                   Peregrin.
    Um einen Arzt zu suchen oder zuzulassen, Lucian, muss man sich für krank
halten, und davon war ich himmelweit entfernt. Auf dem Wege der Entaltung, den
ich ging, begegnet man keiner Glycerion, und wäre es geschehen, ich würde sie
wie eine Empuse47 geflohen haben.
                                    Lucian.
    Sage mir nur noch dies Einzige: da du doch deine ganze Existenz an eine
Eudämonie setztest, die dich mit Dämonen und Göttern in Gemeinschaft bringen
sollte, stieg dir nie ein Zweifel über das Dasein dieser wunderbaren Wesen auf?
Fragtest du dich nie selbst: woher weiss ich dass es Dämonen und Götter gibt?
                                   Peregrin.
    Nie in meinem ganzen Leben! so wenig als es mir je einfiel mich zu fragen,
ob es eine Sonne in der Welt gebe?
                                    Lucian.
    Aber dass die Sonne da sei, sahest du -
                                   Peregrin.
    Mit dem körperlichen Auge, aber nicht gewisser, als den Gott der Sonne mit
dem geistigen.
                    Lucian (den Kopf ein wenig schüttelnd).
    Also weiter, Freund Peregrin!
                                   Peregrin.
    Es scheint, lieber Lucian, man müsse aus eigener Erfahrung wissen, was es
ist, seine Seele mit lauter Idealen von Schönheit und Vollkommenheit angefüllt
zu haben; welche innere Ruhe, welche Freiheit und Grösse es gibt, auf alle
Gegenstände der Wünsche und Leidenschaften der Menschen mit Verachtung
herabzusehen, - im Getümmel aller dieser nach der Erde hin gebückten Geschöpfe
seine eigene höhere Natur zu fühlen - und, während sie einen nie gesättigten
Hunger mit tierischen oder wesenlosen Befriedigungen zu stillen suchen, sich am
reinen Ambrosia der Götter, an Schönheit, Harmonie und Vollkommenheit zu weiden
- kurz, mitten in der Hülle der groben Sinnenwelt, in einer lichtvollen und
gränzenlosen Welt von Geistern und Ideen zu leben: man muss, sage ich,
vermutlich aus Erfahrung wissen was für eine Existenz dies ist, oder du würdest
mich in diesem Zustande nicht so bedauernswürdig finden, als du zu tun
scheinst. Aber solltest du nicht wenigstens dies erfahren haben: dass es Träume
gibt, die uns glücklicher machen, als wir wachend je gewesen sind, und deren wir
uns, selbst nach dem Erwachen, noch immer mit Vergnügen erinnern?
                                    Lucian.
    Träume? - Allerdings! - Aber wie ging es dir denn auf der Fahrt nach Smyrna?
Ihr hattet doch günstigen Wind und gutes Wetter?
                              Peregrin (lächelnd).
    Sehr gutes. Wir kamen glücklich zu Smyrna an, und mein Genius wollte mir so
wohl, dass ich gleich in den ersten Tagen die Bekanntschaft eines eisgrauen alten
Mannes, Namens Menippus, machte, der keiner von den Unangesehensten in der Stadt
war, und in seiner Jugend mit dem Weisen, den ich genauer zu kennen so begierig
war, mit dem grossen Apollonius, vielen Umgang gepflogen hatte.
                                    Lucian.
    Wie? doch nicht des Menippus, von dem uns der aberwitzige Damis in seine
Reisen des Apollonius das abgeschmackteste aller Ammenmährchen erzählt, die
Geschichte von der Empuse oder Lamie, die, um diesen Menippus in sich verliebt
zu machen, die Gestalt einer schönen Frau aus Phönicien angenommen, ein
prächtiges Haus gemacht, und die Sache zwischen ihr und ihrem verblendeten
Liebhaber bis zur Hochzeit getrieben habe; da denn der teure Wundermann
Apollonius ganz unerwartet zum Hochzeitschmause gekommen, das ganze
Zaubergastmahl sammt allem Gold- und Silbergeschirr und allen Bedienten
verschwinden gemacht, und die arme in Tränen zerfliessende Braut genötigt habe,
zitternd und zähnklappend zu gestehen, dass sie eines von den Gespenstern sei,
womit die Ammen den unartigen Kindern zu drohen pflegen, und dass sie den holden
Menippus bloss darum an sich gezogen, um ihn erst recht fett zu machen und dann
lebendig aufzuessen, indem sie und die übrigen Lamien, ihre Schwestern, gar
grosse Liebhaberinnen von jungen wohl genährten Mannspersonen seien, weil sie so
reines Blut hätten? War's etwa der?
                                   Peregrin.
    Eben der, Lucian, wiewohl er die Geschichte mit der Lamie, wie du leicht
erachten kannst, etwas anders erzählte. Das angebliche Gespenst war weder mehr
noch weniger als eine ausländische Hetäre, die schon seit mehrern Jahren zu
Korint unter dem Namen einer Phönizischen Dame junge Leute an sich gezogen, und
auf die eine oder andere, oder auch auf beiderlei Art zugleich, so gut
ausgezogen hatte, als es eine leibhafte Empuse nur immer hätte tun können.
Menippus, der sich damals zu Korint aufhielt und ein wohlgemachter
atletenmässiger junger Mensch war, hatte sich ebenfalls in den Netzen dieser
schönen Menschenfresserin gefangen; und Apollonius, der ihn wenige Wochen zuvor
in voller Blüte und Jugendkraft gesehen hatte, brauchte weder ein Prophet noch
ein Halbgott zu sein, um ihm die Verheerung, welche die Phönicierin an den Rosen
seiner Wangen angerichtet hatte, auf den ersten Blick anzusehen. Er brachte den
jungen Menschen, der ihm sehr ergeben war, ohne Mühe zum Geständnis, und
Menippus musste ihm versprechen, einem so gefährlichen Umgang zu entsagen. Aber
die Phönicierin hatte keine Lust, sich einen Liebhaber rauben zu lassen, von
dessen Wichtigkeit niemand besser urteilen konnte als sie. Sie hatte wirklich
eine heftige Leidenschaft für ihn gefasst, und da sie schon ziemlich weit über
ihre Rosenzeit hinaus war, und bereits einen grossen Teil ihrer Reizungen von
der Kunst borgen musste, beschloss sie, weil ihr kein anderes Mittel übrig blieb,
den Menippus durch den Antrag ihrer Hand und der Reichtümer, die sie auf
Unkosten ihrer Liebhaber erworben hatte, an sich zu fesseln. Dieser liess sich in
einem Augenblick von Schwäche überwältigen. Die Phönicierin veranstaltete eine
prächtige Hochzeit, und legte bei dieser Gelegenheit alles ihr Silber und alle
ihre goldnen und mit Edelsteinen besetzten Becher und Trinkschalen aus, um ihren
Geliebten durch die Grösse seines Glücks zu desto lebhafterer Dankbarkeit
aufzufordern. Alles ging so gut wie sie es nur wünschen konnte: als auf einmal
der von allem unterrichtete Apollonius erschien, und der Hochzeitfreude ein Ende
machte. Das, wodurch dieser ausserordentliche Mann den grössten Teil seiner
Wunder wirkte (sagte Menippus) war die majestätische Länge und Schönheit seiner
Gestalt, und die Magie seiner Beredsamkeit, die durch sein Ansehen und den Ton
seiner Stimme eine hinreissende Gewalt bekam - kurz, ein Aeusserliches, wodurch er
Königen und dem Kaiser Domitian selbst eine Art von Ehrfurcht zu gebieten gewusst
hatte. Was Wunder, dass eine so mancher Schuld sich bewusste Dirne, wie diese, von
der unerwarteten Gegenwart und der donnernden Anrede eines solchen Mannes , der
sie eine Lamie schalt und seinen Freund aus ihren Klauen, wie er sagte, zu
retten gekommen war, zu Boden geworfen wurde? Das Gastmahl, das Gold und Silber
und die Bedienten verschwanden freilich, aber auf ihren eigenen Wink. Die
bestürzte Phönicierin fiel dem Apollonius zu Füssen: allein, was hätten ihre
Bitten und Tränen über diesen Mann vermögen sollen? Er führte die angefangene
Vergleichung ihres Charakters und ihrer bisherigen Lebensart mit dem, was von
den Lamien oder Empusen gefabelt wird, ohne alle Schonung und mit Worten von
solchem Nachdruck aus, dass das arme Weib beinahe selbst zweifelte ob sie nicht
wirklich eine Lamie sei - und endigte damit, dass er den erschrocknen und
beschämten Menipp, mit der Autorität, die er sich über seine jungen Freunde zu
geben wusste, beim Arm ergriff und mit sich davon führte, indem er zugleich der
verblüfften Lamie befahl, unverzüglich aus Korint zu verschwinden, und sehr
nachdrückliche Drohungen hinzu fügte, wofern sie sich unterstände jemals wieder
einem seiner Freunde nachzustellen.
                                    Lucian.
    So habe ich mir diese Geschichte immer gedacht, und es ist bei diesem, wie
bei allen andern Mährchen des Babyloniers Damis, ziemlich leicht, das Natürliche
und Wahre von dem Wunderbaren, wodurch er es, dem Genie seines Landes gemäss,
aufzustutzen sucht, zu unterscheiden.
                                   Peregrin.
    Der alte Menippus erzählte mir eine Menge dergleichen Anekdoten, worauf der
Schildknapp Damis und andere seines gleichen ihren Glauben gründeten, dass
Apollonius wenigstens ein Halbgott, wo nicht gar ein ganzer Mensch gewordner
Gott gewesen sei; welche aber, seiner Meinung nach, weiter nichts bewiesen, als
dass er ein Mann von ungewöhnlich grossem Genie und Charakter war - und damit sehr
viel bewiesen. Es ist natürlich, sagte er, dass derjenige von gemeinen Menschen
für mehr als ein Mensch gehalten wird, der das Grösste was ein Mensch sein kann,
und also so weit über sie erhaben ist, dass ihnen schwindelt wenn sie an ihm
hinauf sehen. Wir stritten uns öfters über diesen Punkt; denn ich konnte dem
angenehmen Wahne, den Apollonius für eines der glänzendsten Beispiele eines
vermenschten Dämons zu halten, ohne eine allgemeine Umkehrung meiner ganzen
Vorstellungsart unmöglich entsagen; und Menippus, entweder weil er diese
Bemerkung gemacht hatte, oder weil er nicht stark an seinen Meinungen hing,
begnügte sich bei unsern Disputen über diese Dinge gemeiniglich, sich mit einem
ungläubigen Vielleicht in die Sokratische Unwissenheit zurückzuziehen.
    Ich fragte ihn einst, wie es käme, dass ein Weiser von so ausserordentlicher
Art, wie Apollonius, keine Schüler, die seiner würdig wären, hinterlassen, und
dass dieser zweite, oder vielleicht zum zweitenmal in die Welt gekommene
Pytagoras auf die Pytagoräer unsrer Zeit so wenig gewirkt habe? Menippus
schien dies für eine Bestätigung und natürliche Folge seiner Meinung von der
Person des Apollonius anzusehen. Ein ungewöhnlich grosser Mann, sagte er, hat
eben deswegen wohl dumpfe Anstauner, abergläubische Verehrer, kindische
Nachahmer und mechanische Widerhaller seiner Worte, aber keine Söhne und Erben
seines Geistes, seiner Naturgaben und seines Charakters. Indessen, wenn man
einer Sage, die seit einiger Zeit sich verbreitet, glauben dürfte, so befände
sich in der Gegend von Halikarnassus eine Art von Prophetin oder Magierin, die
eine Ausnahme hiervon machte. Man spricht sehr verschieden von dem was sie sein
soll. Einige geben sie für eine Aegyptische oder Syrische Priesterin aus; nach
andern ist sie nichts Geringer's als die Eryträische Sibylle48, die nach einer
Verschwindung von tausend Jahren sich wieder sehen lässt; die meisten aber halten
sie für eine Tochter des Apollonius, dem sie ungemein ähnlich sein soll, und
geben ihr, um ihren Ursprung noch mehr zu verherrlichen, ich weiss nicht welche
Göttin oder Nymphe zur Mutter, mit welcher er sie, nach seiner Verschwindung aus
den Augen der Menschen, in einer der glücklichen Inseln49, wohin er sich ohne zu
sterben zurückgezogen, erzeugt haben soll. Kurz, diese Dioklea, wie sie sich
nennt, ist eine sehr geheimnisvolle Person: aber darin stimmen alle Gerüchte von
ihr überein, dass ihr nichts Vergangenes noch Künftiges unbekannt sei, dass sie
mit den Göttern umgehe, viele Wunderkuren verrichtet habe, und überhaupt ganz
unbegreifliche Dinge zu tun im Stande sei. Wenn mich, setzte er hinzu, mein
hohes Alter nicht an Smryna fesselte, so hätte ich selbst die Reise nach
Halikarnass gemacht, um diese wundervolle Person kennen zu lernen, und zu sehen,
ob sie dem Apollonius, dessen Bild keine Zeit aus meinem Gedächtnis auslöschen
kann, wirklich so ähnlich ist als man sagt. - Besitzest du, fragte ich ihn,
keine Bildsäule oder Büste von ihm? - Mehr als Eine, erwiederte er, und führte
mich sogleich in ein Museum, wo er mir unter andern Brustbildern grosser Männer
verschiedene zeigte, die den Apollonius vorstellen sollten, aber an deren jedem
er vieles auszusetzen hatte. Ich drückte diejenige, die er für die ähnlichste
erklärte, tief in meine Seele, und beschloss bei mir selbst (wiewohl ich ihm
nichts davon merken liess), dass sich der Mond nicht zweimal ändern sollte, ehe
ich mich durch meine eigenen Augen überzeugt hätte was an der Sache wäre.
    Ich machte die Reise von Smyrna nach Halikarnass zu Lande, und mit solcher
Eilfertigkeit, dass ich zu Ephesus nicht einmal so lange verweilte, um den
Dianentempel zu sehen, dem ich zu einer andern Zeit eine grosse Reise zu Liebe
getan hätte. Je näher ich dem Ziel meiner Reise kam, je öfter hörte ich von der
weisen Dioklea, oder Apollonia, wie sie von vielen genannt wurde, sprechen. Man
erzählte seltsame und (wie es zu gehen pflegt) übertriebene Dinge von ihren
Orakeln und Wundern, von ihrem einsamen Aufentalt in einem heiligen Walde der
Venus Urania, von ihrer Felsenwohnung, in welche keinem Menschen den Fuss zu
setzen erlaubt sei, und wo sie von unsichtbaren Nymphen bedient werde, und wie
übel es gewissen Verwegenen bekommen sei, die sich aus Vorwitz oder einer andern
sträflichen Absicht hätten erfrechen wollen, ohne ihre Erlaubnis in ihre
geheimnisvolle Wohnung einzudringen. Alles was ich hörte, vermehrte mein
Verlangen, mit dieser Tochter des Apollonius (wofür ich sie, ungesehen und
ununtersucht, zu erkennen geneigt war) so bald als möglich genauer bekannt zu
werden. Besonders war ich über den heiligen Hain der Venus Urania, worin sie
sich aufhielt, erfreut: denn ich schloss daraus, dass sie mit dieser Gotteit, zu
deren Anschauen zu gelangen schon lange das Ziel aller meiner Bestrebungen war,
in unmittelbarer Verbindung stehen müsste. Die Schwierigkeit war nur, wie ich
Zutritt bei ihr erhalten könnte, da meine Fremdheit, mein Geschlecht und meine
Jugend meinen Wünschen nicht geringe Hindernisse entgegen setzten. Nach vielem
Hin- und Hersinnen schien mir das schicklichste zu sein, ihr mein Anliegen
schriftlich vorzutragen. Ich machte ihr, mit Verschweigung meines Namens, in
wenigen aber starken Zügen eine Abschilderung von mir selbst; entdeckte ihr das
mich unumschränkt beherrschende Verlangen, in den Mysterien der höchsten und
heiligsten Magie iniziiert zu werden, und wie weit ich es in der Vorbereitung
dazu gebracht zu haben glaubte; und, um ihre Zuneigung desto eher zu gewinnen,
setzte ich hinzu (wie es denn auch die reine Wahrheit war), dass ich der
himmlischen Venus, als der ewigen Quelle und Fülle des höchsten und
unvergänglichen Schönen, schon seit mehreren Jahren ein heiliges Gelübde getan
hätte, mich von aller irdischen Liebe und allem sinnlichen Liebesgenuss rein zu
erhalten, und meine Seele sowohl als meinen Leib in unbefleckter Unschuld für
ihren Dienst, dem ich mich gänzlich gewidmet hätte, aufzubewahren. Alles dieses
vorausgeschickt, legte ich ihr diese zwei Fragen vor: ob mein Verlangen der
Göttin angenehm sei? und, was ich in diesem Falle weiter zu tun hätte?
    In einer Entfernung von vierzig bis funfzig Schritten von dem Felsen, worin
Dioklea sich aufhielt, lief eine hohe und dichte Hecke von wilden Myrten um
denselben, deren Pforte immer verschlossen blieb. Vor dieser Pforte lag ein
grosser Sphinx von weissem Marmor, in dessen offnen Mund alle, welche die
Prophetin um etwas befragen oder ersuchen wollten, ein Papier steckten, worauf
ihr Anliegen kurz und deutlich ausgedrückt war. Aber so wie man ihre Antworten
oder ihre Hülfe unentgeltlich erhielt, so war auch die Erlaubnis, sich durch
dieses Mittel an sie zu wenden, auf eine einzige Stunde eines gewissen Tages in
jeder Woche eingeschränkt, und die Erhörung hing gänzlich von der Willkühr der
Göttin oder ihrer Priesterin ab. Auch durfte niemand, der sich einer Uebeltat
oder Verunreinigung, wodurch er der Göttin missfällig sein könnte, bewusst war,
den Graben überschreiten, der den heiligen Bezirk von dem übrigen Walde
absonderte; und man pflegte sich daher gewöhnlich eines Knaben unter zwölf
Jahren zu bedienen, um die Briefe oder die Zettel dem Sphinx in den Mund zu
stecken.
    Ich hatte mir jenseits des Grabens ein Zelt aufschlagen lassen, wohin ein
einziger alter Diener, der bei mir war, meine unentbehrlichsten Bedürfnisse
bringen musste. Aber von dem Augenblick an, da ich meinen Brief an Dioklea
abgelegt hatte, brachte ich den ganzen Tag in dem Innern des Hains zu, dessen
heilige Dunkelheit und Stille das schicklichste Mittel war, die Abgeschiedenheit
oder den Pytagorischen Tod50, wodurch ich in das dämonische Leben übergehen
musste, zu befördern, und mein Inneres dem himmlischen Lichte aufzuschliessen,
worin ich zum unmittelbaren Anschauen der göttlichen Dinge zu gelangen
versichert war. Eine unzählige Menge schneeweisser Tauben schienen die einzigen
Bewohner dieses Hains zu sein, deren Farbe das Symbol der Reinheit, so wie ihr
sanftes Girren (der einzige Laut der die tiefe Stille belebte) mir ein Bild des
sehnenden Verlangens der Seele war, sich mit der höchsten Schönheit zu
vereinigen. Die damalige Jahrszeit (es war im Anfang des Sommers), der reine
Himmel dieses schönen Landes, dem wenige in der Welt zu vergleichen sind, die
durch die lieblichste Kühlung gemilderte Wärme, alles trug das Seinige bei,
einen Jüngling von zwanzig Jahren, der so sonderbar gestimmt war, in diese Art
von wachenden Träumen zu versetzen, wo, unter einem Schlummer der Sinne den das
Flattern eines Schmetterlings erwecken kann, das Zauberspiel der begeisterten
Einbildung zum Anschauen und die leiseste Ahndung der Seele zur Empfindung wird,
- wo wir in vorbei blitzenden Augenblicken sehen und hören, was keine Zunge
beschreiben, kein Apelles malen, kein Günstling der Musen in Töne setzen kann, -
und das, was wir in diesen unbegreiflichen Augenblicken erfahren, es uns
vielleicht durch unser ganzes Leben unmöglich macht, dem Gedanken Raum zu geben,
dass es Täuschung gewesen sein könnte.
                                    Lucian.
    Eine glücklichere Stimmung hätte in der Tat die göttliche Dioklea oder
Apollonia ihrem künftigen Schüler nicht wünschen können!
                                   Peregrin.
    Nachdem ich den grössten Teil des Tages und der Nacht auf diese Weise vorbei
geträumt hatte, war ich endlich in einer süssen Ermattung unter einigen
Lorberbäumen mitten im Hain eingeschlafen. Beim Erwachen fand ich die Antwort
der Tochter des Apollonius auf meinem Schoss liegen. Wie gross war mein
Erstaunen, als ich, der in meinem Briefe nicht genannt war und schwerlich in
ganz Karien von jemand gekannt sein konnte, die Aufschrift erblickte: An
Peregrinus Proteus von Parium. Es konnte nur durch die Entzückung, in welche
mich der Inhalt setzte, übertroffen werden. »Mein Verlangen war der Göttin
angenehm, und noch heute sollte ich mich in der ersten Stunde nach Mitternacht
vor der Pforte einfinden, die in den innersten Bezirk des heiligen Haines
führte.«
    Ich erlasse dir, lieber Lucian, die Beschreibung alles dessen, was bis zu
dieser feierlichen ersten Stunde nach Mitternacht in mir vorging. Du kennst nun
bereits deinen Mann so gut, als ein Geist aus deiner Classe ihn zu kennen fähig
ist; und überdiess habe ich dir noch so viele sonderbare Dinge bis zu dem
Augenblick meiner Verlüftung (wie es dein Unbekannter zu nennen beliebt hat) zu
erzählen, dass ich mich, wo es nur immer ohne Nachteil der Sache geschehen kann,
der möglichsten Kürze werde befleissigen müssen.
                                    Lucian.
    Du kannst wenigstens auf einen willigen und dankbaren Hörer rechnen,
Peregrin. So lange du meine Aufmerksamkeit unvermerkt immer höher spannst, werde
ich deine Erzählung nie zu umständlich finden.
                                   Peregrin.
    Nachdem ich mich in der heiligen Quelle, die aus einem Felsen des Hains
hervor sprudelte, dreimal gewaschen, und ein schneeweisses Kleid angezogen hatte,
begab ich mich an den bestimmten Ort, und wartete mit klopfendem Herzen bis die
Pforte sich öffnen würde. Sie öffnete sich endlich, und schloss sich sogleich
wieder hinter mir zu. Ich befand mich zwischen zweien mehr als mannshohen
Myrtenwänden, in einem sehr langen Gange, der mich zu einem Rosenhain führte, wo
die schönsten Rosen, die ich jemals sah, in unendlicher Menge und
Mannichfaltigkeit der Formen an hoch aufgeschoss'nen und zierlich durch einander
geschlungenen Büschen in voller Blüte standen, und, im Glanze des beinahe
vollen Mondes, durch die anmutigste Vermischung von Licht und Dämmerung, und
den Abstich starker Schlaglichter mit schwarzen Schatten, eine beinahe magische
Wirkung auf mich taten. Ich schien mir in die Sphäre verzückt zu sein, die der
eigene Wohnsitz der Göttin der Schönheit und Liebe ist; der Glanz, der mich
umfloss, war der Wiederschein ihres Lächelns, und die Luft, die ich einsog, der
Rosenatem ihres himmlischen Mundes. Das Wonnegefühl, wovon mein ganzes Wesen
durchdrungen war, befreite mich von aller Bangigkeit; mir war als ob ich keinen
Körper mehr hätte, ich fühlte mich lauter Seele, und noch nie war ich mir so
lebhaft und innig meiner dämonischen Natur bewusst gewesen.
    In diesem Zustande irrte oder schwebte ich vielmehr unter den zauberischen
Rosengebüschen umher, als eine ehrwürdige Gestalt langsam auf mich zu kam, in
welcher ich, so wie sie sich näherte (es sei nun dass es Täuschung oder Wahrheit
war), immer mehr und mehr die auffallendste Aehnlichkeit mit dem Bilde des
Apollonius, und der Abschilderung, die mir der alte Menipp von ihm gemacht
hatte, entdeckte. Es war eine Frau von hohem schlankem Wuchs und feiner Gestalt,
dem Ansehen nach zwischen dreissig und vierzig, von einer schönen
Gesichtsbildung, worin gerade so viel Weiblichkeit war, als erfordert wurde, den
Ernst ihrer edeln, beinahe männlichen Züge angenehm zu machen. Sie war, über
eine lange weisse schmal gefaltete Tunica, die ein breiter funkelnder Gürtel
unter dem Busen zusammenhielt, in ein himmelblaues, mit silbernen Sternen
durchwirktes Gewand gekleidet, dessen weite Aermel bis auf die halbe Hand
herabhingen. Ihre schwarzen Haare, um die Stirn mit einer weissen priesterlichen
Binde umschlungen, wallten in langen dichten Locken um ihre Schultern den Rücken
hinab. Ich blieb stehen, indem sie mit Grazie und Würde langsam auf mich zu
ging, und da sie in einer Entfernung von drei oder vier Schritten still hielt,
näherte ich mich ihr ehrerbietig und sagte: ich glaubte mich nicht irren zu
können, wenn ich die Tochter des grossen Apollonius und die Erbin seiner
erhabenen Weisheit in ihr verehrte; wer ich selbst wäre, hätte ich nicht nötig
derjenigen zu sagen, die mich in diesem Lande Unbekannten sogar ungesehen schon
gekannt hätte. Sie erwiederte: »Ich würde mich nicht mehr hierüber wundern, wenn
sie mir sagte, dass ihr in der ersten Nacht meiner Ankunft zu Halikarnass
Apollonius im Traum erschienen sei, und sie angewiesen habe, mir zur
Befriedigung meiner Wünsche behülflich zu sein.« - Ich gestehe, dass sich meine
Eigenliebe durch diese Eröffnung nicht wenig geschmeichelt fand; denn sie
versicherte mich der Wahrheit meiner Meinung von mir selbst und aller meiner
Lieblingsideen, und ich schien mir nun mit meinen stolzesten Ansprüchen nach
nichts zu streben, als wozu ich gleichsam durch meine Geburt berechtigt war.
    Dioklea führte mich hierauf aus dem Rosenwäldchen in einen Gang, der mit
einer doppelten Reihe hoher Pomeranzenbäume besetzt war, und auf einer sanft
emporsteigenden Anhöhe zu einem marmornen Tempel führte. Wir setzten uns unter
dem vordern Säulengang auf eine Bank, und sie wusste mich, wiewohl sie wenig
sprach, unvermerkt dahin zu bringen, dass ich ihr eine umständliche Erzählung der
Geschichte meines Lebens machte. Bald darauf, als ich mit meiner Erzählung
fertig war, stand sie auf, nahm mich bei der Hand, führte mich an der linken
Seite der Anhöhe auf einem durch Gebüsche sich windenden Pfade herab, und, indem
sie mich mit einem leisen Druck der Hand versicherte, dass ich bald wieder von
ihr hören würde, sah ich mich unversehens wieder vor der Pforte, durch die ich
herein gekommen war. Sie öffnete und schloss sich, wie das erstemal, von selbst,
Dioklea war verschwunden, und ich befand mich in der Verfassung eines aus dem
schönsten Traum erwachenden Menschen in dem äussern Bezirke des Hains allein.
                                    Lucian.
    Deine Dioklea legitimirt sich als eine ächte Tochter des grossen Apollonius;
denn sie konnte ein wenig hexen, wie es scheint. Ich gestehe dass du meine
Neugier gewaltig aufgeregt hast.
                                   Peregrin.
    Du wirst dich nicht betrogen finden, wenn du von einem solchen Anfange
nichts Alltägliches erwartest.
    Die Sonne hatte die Hälfte ihres Laufs zurückgelegt, als ich, nach einem
leichten Mahle, unter dem angenehmen Gewirre von Gedanken, Ahndungen und
Träumereien, die das Abenteuer der vergangenen Nacht in meiner Seele teils
zurückgelassen teils erweckt hatte, einschlummerte, und nicht eher wieder
erwachte, als nachdem sie bereits untergegangen war. Wie ich die Augen
aufschlug, sah ich einen nackten Knaben von neun bis zehn Jahren vor mir stehen,
dessen Schönheit mir mehr als menschlich schien. Mit Rosen bekränzt, in der Hand
einen Lilienstängel, der mich an Anakreons Amor erinnerte, winkte er mir mit
einem lieblich unschuldigen Lächeln, ihm zu folgen. Er ging immer schweigend vor
mir her, und führte mich durch ein Gewinde unbekannter Büsche, auf einem durch
Kunst geebneten schneckenförmig steigenden Pfad an einem Felsen hinauf. Auf
einmal standen wir am Eingang einer hohen gewölbten Grotte, die von einer
einzigen Lampe erleuchtet war, und in ihrer Vertiefung mit jedem Schritte
niedriger und enger wurde. Mein kleiner Führer öffnete eine Tür, und ich befand
mich in einem mit Marmor zierlich ausgelegten Vorsaale, durch dessen innere
Öffnung ich in einem grössern schön erleuchteten Gemach eine kleine Tafel
gedeckt sah.
    Indem ich mich nach meinem verschwundnen Führer umsah, kam mir die Tochter
des Apollonius entgegen. Du bist mir zu gut empfohlen worden, Proteus - sagte
sie mit einem leisen Lächeln, das den Ernst ihrer Züge sehr angenehm erheiterte
und ihrer Miene etwas Einladendes gab - als dass es mir erlaubt wäre, dich nicht
als einen Gast zu betrachten, den mir Apollonius zugeschickt hat. Und hiermit
nahm sie mich bei der Hand und führte mich zu einem vergoldeten Stuhl, wo ich
mich an der kleinen Tafel ihr gegenüber setzen musste. Sie war leichter und
einfacher als gestern, aber äusserst edel angezogen, und hatte mit ihrer
priesterlichen Binde um die Stirn das Ansehen einer Vestalin in ihrer
Hauskleidung. Die kleine Tafel war niedlich besetzt, und eine einzige junge
Nymphe, lieblich und unentfaltet wie eine Rosenknospe, verrichtete den Dienst,
der dabei nötig war.
    Während ich mit aller Esslust eines Menschen von meinem damaligen Alter, der
seit etlichen Tagen nur sehr leichte Mahlzeiten getan hatte, dem Gastmahl
meiner freundlichen Wirtin Ehre machte, sprach sie mit mir von meiner Reise,
von den Schönheiten der Stadt Smyrna, und von dem Dianentempel zu Ephesus; und
es schien ihren Beifall zu haben, dass ich, vor lauter Verlangen bald zu
Halikarnass zu sein, keine Zeit gehabt hatte, dieses Wunder der Welt in
Augenschein zu nehmen. Als die Tafel abgetragen war, goss sie etwas Wein in eine
goldene Schale, machte der Göttin eine Libation damit, und, nachdem sie die
Schale wieder gefüllt hatte, brachte sie mir den gewöhnlichen Gast- und
Freundschaftstrunk in einem Weine zu, der nur dem Nektar der Götter weichen
konnte. Wir standen endlich auf; und während uns die junge Nymphe Wasser zum
Waschen in einem vergoldeten Becken reichte, verschwand die Tafel, ohne dass ich
sah wohin sie gekommen war.
    Eine Anmerkung, die ich erst lange hernach machte, war, dass Dioklea bei
allem Wunderwürdigen, das ihren Aufentalt von der Wohnung gewöhnlicher
Sterblichen unterschied, gerade so aussah als ob nichts Alltäglicher's sein
könnte als diese Dinge, und dass sie meine wenige Befremdung darüber eben so
wenig zu bemerken schien. Bald nachdem wir von Tische aufgestanden waren,
öffnete sie eine Tür, die auf eine kleine Terrasse führte, von welcher man über
einen Teil dieser anmutigen Wildnis, und weiter hin durch eine Öffnung des
Waldes in die See, wie ins Unendliche, hinaus sah. Hier setzten wir uns wieder,
und die junge Nymphe brachte ihr eine Laute. Dioklea spielte einige sanfte
melodische Stücke, und endigte mit einem Hymnus an Venus Urania, der meine Seele
mit heiligen Gefühlen durchdrang; ich glaubte, die hohe Teano oder ihre Tochter
Myja51 dem still horchenden Pytagoras und seinen Freunden himmlische Ruhe
zusingen zu hören. Nach dieser Pytagorischen Vorbereitung zum Schlafengehen gab
sie die Laute zurück, führte mich in ein kleines, nur vom Mondschein schwach
erhelltes Schlafgemach, das für mich zubereitet war, wünschte mir mit
feierlicher Miene einen gesunden und heiligen Schlummer, und entfernte sich.
    Was dir vielleicht sonderbarer als alle diese Feerei vorkommen wird, ist
dies: dass ich das alles, wie gesagt, ohne Erstaunen oder Verwunderung, als etwas
das meine Erwartung nicht übertraf, kurz als die natürlichste und schicklichste
Sache von der Welt aufnahm. Die ganze Wirkung, die es auf mich tat, war, mich
gleichsam unter Gewährleistung aller meiner Sinne gewiss zu machen, dass ich
wirklich bei der Tochter des Apollonius, der Erbin seiner Weisheit und erhabenen
Geheimnisse, sei. Dies vorausgesetzt, hätte alles noch weit ausserordentlicher
bei ihr sein können, ohne dass ich einen Augenblick stutzig darüber geworden
wäre. Meine Einbildung war von früher Jugend an mit allen Arten des Wunderbaren
vertraut, und was im gemeinen Laufe der Dinge wunderbar heisst, war, nach meiner
Vorstellungsart, in dem höhern Kreise, zu welchem Dioklea gehörte, natürlich.
Ich überliess mich also mit dem ruhigsten Zutrauen der Freude über eine Aufnahme,
die alles was ich erwarten konnte übertraf, und schlief in Hoffnungen ein, die
der Traumgott selbst mit aller seiner gränzenlosen Macht nicht hätte übertreffen
können.
    Als ich mit dem Tag erwachte, war das erste was mir in die Augen fiel, ein
wunderschönes Gemälde, welches in einem prächtigen Rahmen von vergoldetem
Schnitzwerk eine ganze Wand meines Schlafgemachs einnahm. Es stellte Venus und
Adonis vor: jene, in dem Augenblicke, wie sie, von einer rosenfarbnen Wolke
umgeben, auf einer Anhöhe des Idalischen Hains aus ihrem Schwanenwagen steigt,
indem eine von ihren Grazien die Zügel hält, und die beiden andern, mit der
Göttin die schönste Gruppe machend, ihr im Aussteigen behülflich sind; diesen,
wie er, zu ihren Füssen liegend, mit dem wärmsten Ausdruck der anbetenden Liebe
zu ihr emporschaut, in einer Stellung als ob er die Arme gegen sie ausbreiten
wollte, aber plötzlich von einem heiligen Schauer zurückgehalten würde.
    Es wäre schwer die Bewegungen zu beschreiben, die dieser unerwartete und
meinen eigenen innern Zustand mir so lebhaft vorspiegelnde Anblick in meinem
ganzen Wesen hervorbrachte. Genug, dieses Gemälde beschäftigte mich einige
Stunden lang um so angenehmer, da ich es als ein Unterpfand betrachtete, dass ich
dem Ziele meiner Wünsche nahe sei. Indessen, wie gross und blendend mir auch die
Schönheit der Göttin anfangs vorkam, so verlor sie doch bei so oft wiederholtem
Anschauen und Betrachten unvermerkt, und schien mir zuletzt weit unter dem
Ideale zu bleiben, das ich in meiner Seele trug. Nicht als ob ich mir wirklich
schönere Formen, oder im Ganzen ein vollkommneres Bild von ihr hätte einbilden
können: sondern weil ihm die Glorie, worin ich sie mir dachte, alles das
Unaussprechliche, Himmlische und Göttliche, das sich nicht malen lässt, fehlte, -
oder vielmehr, weil das gemalte Bild die ganze Wirkung nicht auf mich tat, die
ich von einer Erscheinung der Göttin selbst erwartete. Indessen kam ich doch von
Zeit zu Zeit zu ihm zurück, um den Gedanken an ihm zu nähren, was Adonis beim
Anschauen der gegenwärtigen Göttin empfunden haben müsse, da der blosse gefärbte
Schatten des Bildes, das ein Maler sich von ihr vorstellen konnte, schon so viel
Anziehendes und Liebeatmendes hatte.
                                    Lucian.
    Wie sehr, guter Peregrin, bestätigt dein Beispiel die grosse Wahrheit, dass es
nicht die Dinge selbst, sondern unsre durch die Individualität bestimmten
Vorstellungen von ihnen sind, was die Wirkung auf uns macht, die wir den Dingen
selbst zuschreiben, weil wir sie unaufhörlich mit unsern Vorstellungen
verwechseln!
                                   Peregrin.
    Ich sollte an diesem Morgen auf mehr als Eine Art überrascht werden. Indem
ich verschiedene schöne Stücke, womit dieses Gemach ausgeziert war, durchging,
ward ich auf einem kleinen Ecktische von Ebenholz eines elfenbeinernen Kästchens
gewahr, worin ein goldner Schlüssel steckte. Da ich dies für eine Erlaubnis
ansah es zu öffnen, so schloss ich es auf, und fand - eine mit goldnen Buchstaben
beschriebene Rolle von purpurfarbnem Pergament darin, welche die Ueberschrift
hatte: Apollonius von Teophanien.52 Du kannst dir vorstellen, mit welchem
Entzücken, und zugleich mit wie viel Ehrerbietung und Glauben ich diesen
kostbaren Schatz in die Hand nahm, und wie begierig ich zu lesen anfing. Ich war
noch nicht weit gekommen, als mir Dioklea durch die junge Nymphe wissen liess,
sie wäre verhindert mich diesen Morgen zu sehen; ich würde aber etwas gefunden
haben, das meine Musse hinlänglich beschäftigen könnte, und ich möchte es
übrigens in allen Stücken so halten, als ob ich in meinem eigenen Hause wäre.
Ich steckte also die Rolle in meinen Busen, und begab mich in eine Laube des
Rosenhains, der nahe an Diokleens Felsenwohnung lag. Bald darauf erschien der
Knabe, der gestern mein Führer gewesen war, wieder, setzte ein aus Golddrat
geflochtenes Körbchen, worin mein Frühstück war, auf einen kleinen Marmortisch,
und schwand wieder aus meinen Augen, ohne ein Wort zu sagen. Ich brachte den
ganzen Morgen mit Lesen und Wiederlesen der gefundnen Handschrift zu, die mir
zwar in ihrer bildervollen mystischen Sprache nicht viel Deutliches offenbarte,
aber eben darum mein Gemüt nur desto lebhafter in Bewegung setzte. Unvermerkt
überschlich mich die Mittagshitze bei dieser süssen Beschäftigung, und ich
schlummerte unter den seltsamsten Träumereien ein.
    Als die schwülsten Stunden des Tages vorüber waren, liess sich mein stummer
Aufwärter wieder sehen, um mich in ein zierliches marmornes Bad zu führen, wo er
mich stillschweigend mit allem bediente was man in einem Bade verlangen kann;
denn bei Diokleen zeichnete sich alles durch Vollkommenheit aus. Wie endlich der
Tag sich zu neigen anfing, liess sie mir sagen, sie erwarte mich in der Grotte,
wo sie in der heissen Jahrszeit den Abend zuzubringen pflegte. Sie empfing mich
mit einem Ausdruck von Wohlwollen, der den Ernst ihrer Miene unvermerkt
erheiterte. Das Buch des Apollonius von Teophanien wurde bald der Gegenstand
unsers Gespräches; und da ich ihr auf die Frage, »ob ich alles darin verstanden
hätte?« mit einem zögernden Nein antwortete, nahm sie davon Gelegenheit, mir
über das, was mir notwendig darin dunkel sein müsste, so viel Licht zu geben,
als ich dermalen ertragen könnte. Sie unterschied zweierlei Arten von
Teophanien. Die Götter, sagte sie, sind von jeher einigen besonders von ihnen
geliebten Menschen sichtbar geworden: zuweilen ohne Zutun der letztern, aus
blossem Antrieb ihres eignen freien Wohlwollens; zuweilen auf Veranlassung der
Menschen, und durch die Mittel dazu bewogen, welche die teurgische Magie in
ihrer Gewalt hat. Nicht als ob es nicht immer von den Göttern abhinge, sich mehr
oder weniger, oder gar nicht mitzuteilen; sondern weil es möglich ist auf die
Neigung ihres Willens selbst zu wirken, und sie durch die Allgewalt der Liebe
zur Gegenliebe zu nötigen. In jedem Fall aber ist es unmöglich anders zu dieser
Mitteilung zu gelangen, als stufenweise, und durch Mittel, wodurch sie selbst,
in eben dem Masse, wie wir uns zu ihnen erheben, sich zu uns herablassen. Die
höchsten und wohltätigsten Götter haben sich daher immer in menschlicher
Gestalt gezeigt; und bloss hierauf gründet sich die Verehrung, die wir ihren
Bildern, als Denkmälern ehemaliger Teophanien, und weil sie diese Gestalt
gewissermassen zu ihrer eigenen gemacht haben, schuldig sind. Nicht selten sind
diese Bilder - nach Massgabe der Stärke, womit die Seele durch ihr unverwandtes
Anschauen sich von allen andern Bildern abzuscheiden, und in einem einzigen
reinen Gedanken des Herzens sich die unsichtbare Gotteit selbst anschaulich zu
machen fähig ist - Canäle ausserordentlicher Gnaden der Götter gewesen; und es
ist daher immer wohl getan, sich dieses Mittels zu bedienen, was auch der
Erfolg sein mag; der zwar immer von der Willkür der Gotteit, aber gewiss sehr
viel von der Beschaffenheit des Subjects und der Energie der Gefühle abhängt,
wodurch wir uns zu ihnen aufschwingen und sie zu uns herunter ziehen.
    Diese Teorie - von welcher ich dir hier bloss einen leichten Umriss mache -
hatte desto mehr Einleuchtendes für mich, da sie mit meinen eigenen
Vorstellungen sehr gut zusammenstimmte, und mir zu einer vollgültigen
Bestätigung derselben diente. Dioklea setzte noch verschiedenes hinzu, das mir
einen hohen Begriff von ihren Einsichten in die göttliche Magie gab, und sprach
unter andern mit Verachtung von gewissen Mitteln, wodurch manche angebliche
Teurgen die Götter zum Erscheinen nötigen zu können vorgäben. Es sei zwar
nicht zu läugnen, sagte sie, dass es, zum Beispiel, gewisse auserlesene
Wohlgerüche gebe, die ihnen angenehm seien; denn sie liebten das Reinste und
Vollkommenste in jeder Art: aber sie durch Räucherungen oder Zauberlieder
anziehen zu wollen, sei ein kindischer Gedanke, und es werde nie ein anderes
Mittel, sie zu uns zu ziehen, geben, als eben das, wodurch wir uns zu ihnen
aufschwängen, nämlich das heisseste Verlangen einer von jeder andern Begierde und
Leidenschaft gereinigten Seele. Vielleicht hätten jene vermeinten Teurgen
gehört, die Götter pflegten ihre Gegenwart zuweilen durch himmlische Wohlgerüche
oder Harmonien oder ein überirdisches Licht anzukündigen, und hätten hieraus,
ohne Grund, den Schluss gezogen, dass man sie durch Fumigationen und Epoden53
herbeilocken könne: immer sei es gewiss, dass die unächte Magie sich solcher
Behelfe zu Bewirkung betrüglicher Teophanien und Geistererscheinungen bediene,
aber eben darum entielten sich die wahren Teurgen dieser zweideutigen Mittel
gänzlich.
    Als sie zu reden aufgehört hatte, bat ich sie sehr inständig, mir, wofern
sie mich dessen nicht unwürdig hielte, das Heiligtum der Göttin nicht länger zu
verschliessen, an dessen Schwelle sie mich vermutlich bei unsrer ersten
Zusammenkunft geführt hätte. Sie antwortete: dieser Tempel sei allen Profanen
unzugangbar; aber mir sollte er, wie billig, noch in dieser Nacht geöffnet
werden.
    Bald darauf befahl sie unsre Abendmahlzeit zu bringen, welche, ganz nach
Pytagorischer Weise, bloss aus einigen leichten Speisen und auserlesenen
Früchten bestand; auch wurde blosses Wasser aus krystallenen Bechern dazu
getrunken, aber das reinste, leichteste und frischeste, das ich je getrunken
hatte. Nach der Mahlzeit hörten wir in einiger Entfernung eine äusserst sanfte
und herzerhöhende Musik von Instrumenten und Stimmen, ohne zu sehen wo sie
herkam. Wir setzten uns auf eine Bank im Rosenhain, und hörten ihr eine Weile
zu. Endlich wurde sie immer schwächer und schwächer, bis sie ganz in die Lüfte
zu zerfliessen schien. Wie wir nichts mehr hörten, stand Dioklea auf. Es ist
Zeit, sagte sie, dein Verlangen zu befriedigen! - Du wirst das heilige Bild der
Göttin sehen, und auf sie allein wird es ankommen, wie viel oder wenig sie dir
durch dieses Mittel von sich selbst erblicken lassen will. Von nun an bis zum
Aufgang der Sonne versiegelt das heilige Schweigen unsre Lippen!
    Ich bückte ihr meinen Dank und meinen Gehorsam zu, und wir gingen mit
langsamen Schritten den Pomeranzengang zum Tempel hinauf. Als wir ankamen,
fanden wir unter den Säulen rechter Hand drei junge Nymphen in langem weissem
Gewande, und auf der Linken drei zwölfjährige Knaben, ebenfalls weiss gekleidet,
auf uns warten. Dioklea schloss die äussere Pforte auf, und wir traten in eine
Halle, in deren Mitte eine vergoldete Tür unmittelbar in den Tempel führte. Zu
beiden Seiten war ein Gemach, zum Ankleiden der Personen, die in den Tempel
eingehen durften, bestimmt. Dioklea begab sich mit den drei Nymphen in das eine,
und winkte mir, den Knaben in das andere zu folgen. Alles was hier zu tun war,
wurde stillschweigend verrichtet. Ich wusch vor allem mein Gesicht und meine
Hände. Hierauf zogen sie mir mein Oberkleid ab, bekleideten mich mit einem
langen Rock von weisser glänzender Seide, und gürteten mich mit einem breiten
Gürtel von glattem Goldstoff mit den feinsten Perlen gestickt. Als ich
angekleidet war, führten sie mich heraus, bückten sich, die Arme über die Brust
gefaltet, vor mir und verschwanden.
    Bald darauf trat auch die Priesterin wieder heraus. Sie war, über ein
rosenfarbnes Gewand das nur bis an die Knöchel reichte, in ein violett purpurnes
Oberkleid mit langen weiten Aermeln gehüllt; ihre dichten Haare flossen
losgebunden um ihre Schultern, und mitten auf der priesterlichen Binde um ihre
Stirn funkelte ein Stern von citronfarbnen Diamanten. Sie hatte in diesem
Aufzuge beinahe selbst das Ansehen einer Göttin, und noch nie war sie mir so
schön und blendend vorgekommen. Die drei Nymphen erschienen in einer Art enge
gefalteter Leibröcke von weisser Seide, mit breiten rosenfarbnen Gürteln, und
ihre Haare waren mit einem goldnen Bande aufgebunden, dessen Enden an beiden
Seiten bis an die Knie herabhingen. Alle vier gingen mit zur Erde gesenktem
Blicke vor mir vorbei; Dioklea öffnete mit einem goldnen Schlüssel die innere
Pforte des Tempels, trat mit ihren Dienerinnen hinein, und schloss die Pforte
wieder hinter sich zu. Nach einer kleinen Weile tat sich diese wieder auf, sie
kamen heraus und langsam auf mich zu, jede etwas in der Hand haltend, das sie
aus dem Tempel mitgebracht hatte. Dioklea band mir eine der ihrigen ähnliche
Binde um die Stirn; eine der Nymphen setzte mir einen Myrtenkranz auf, die
zweite gab mir einen Lilienstängel in die rechte Hand, und die dritte einen
Rosenzweig in die linke. Hierauf berührte die Priesterin jedes meiner Augen mit
den drei Mittelfingern ihrer rechten Hand, winkte mir in den Tempel
hineinzugehen, und schloss die Pforte hinter mir zu.
                                    Lucian.
    Wahrlich, viel Ceremonien, und mehr als zu viel um diese Mysterien
verdächtig zu machen! Ich bin ungeduldig zu hören, wie sich das alles enden
wird.
                                   Peregrin.
    Was auch der Zweck dieser Feierlichkeiten war, so viel ist gewiss, dass mir
das Herz beim Eintritt in den Tempel merklich höher schlug. Ich blieb nahe an
der Pforte stehen, und fasste mich zusammen so gut mir möglich war, indem ich
mich umsah und den edeln Geschmack der innern Baukunst und Verzierung
bewunderte, so viel ich davon bei dem Lichtstrom sehen konnte, der aus einer
halbrunden Vertiefung hervorbrach, wo die Göttin in einer hohen vergoldeten
Blende stand. Vor ihr, etwas seitwärts nach der rechten Hand, kniete ein
marmorner Amor mit einer goldnen Pfanne, an Form dem Horn der Amaltea ähnlich,
aus welcher mit dem lieblichsten Wohlgeruch eine ungemein helle Flamme in der
Dicke einer Zirbelnuss emporloderte, und dem geglätteten Marmorbilde der Göttin
eine zum Verblenden täuschende Beleuchtung gab. Dieses Bild war merklich grösser
als alle Venusbilder die ich noch gesehen hatte, und verband in meinen Augen die
Majestät einer Göttin mit einer Schönheit, welche gleich beim ersten Anblick
alles, womit man sie hätte vergleichen können, auslöschte, und nichts
Vollkommneres wünschen liess. Eine unfreiwillige Gewalt warf mich vor ihm auf die
Erde nieder, ich betete in ihm den sichtbaren Abglanz der höchsten geistigen
Schönheit an, und fühlte in seinem Anschauen mein ganzes Wesen in die reinste
Liebe aufgelöst. Doch ich will nicht versuchen, unbeschreibliche Empfindungen
oder Täuschungen, wenn du willst, beschreiben zu wollen; denn in der Tat war es
doch wohl Täuschung, dass ich zuletzt, ob schon nur einen Augenblick, die Göttin
selbst in ihrer ganzen überirdischen Glorie vor mir zu sehen glaubte.
                               Lucian (lächelnd).
    Das sollt' ich beinahe auch vermuten. Aber was wurde zuletzt aus dem allen?
                                   Peregrin.
    Ich ward endlich gewahr, dass die Fackel Amors, die zu diesen Mysterien
unentbehrlich war, in wenig Augenblicken erlöschen würde, und zog mich, noch
früh genug um die Tür des Tempels ohne Tappen zu finden, zurück, nachdem ich
meinen Myrtenkranz nebst dem Rosenzweig und Lilienstängel zu den Füssen der
Göttin niedergelegt hatte. Ich fand vor der Tür einen von den Knaben, der mir
das feierliche Gewand wieder abnahm, und ich kehrte mit einem neuen Bilde in
meiner Seele zurück, das, so zu sagen, ihre ganze Weite ausfüllte, aber, anstatt
kalter Marmor zu sein, von aller der Liebe belebt war, die -
                                    Lucian.
    - der kalte Marmor in dir angezündet hatte!
                      Peregrin (nach einer kleinen Pause).
    Mein Zustand in dieser Nacht war wachend und schlafend ein immer währender
Traum von meiner angebeteten Göttin. Bald lag ich wieder im Tempel zu ihren
Füssen, bald wandelte ich an ihrer Seite im Hain von Amatunt, bald fand ich mich
mit ihr in die himmlische Sphäre der Schönheit und Liebe verzückt, und sah und
fühlte unaussprechliche Dinge. Diese Gemütsverfassung wäre vielleicht bei jedem
andern völlig erklärter Wahnsinn geworden: aber bei mir war sie durch alles
Vorhergehende so gut vorbereitet, hing mit meinen herrschenden Ideen so schön
zusammen, und war meiner ganzen Art zu sein so angemessen, dass ich mich in
meinem Leben nie so heiter, so gut und so glücklich gefühlt hatte. Kurz, mein
Zustand war - bei aller Ueberspannung meiner Phantasie - der Begeisterung, worin
sich jeder gefühlvolle und noch ungeschwächte Jüngling in den goldnen Tagen der
ersten Liebe befindet, ähnlich genug, um im Grunde die natürlichste Sache von
der Welt zu sein.
    Ich brachte einen Teil des folgenden Morgens mit Diokleen in den
Rosengebüschen zu. Sie sagte mir: dass ich von nun an den Tempel so oft besuchen
könnte als ich wollte, ohne dass es dazu ihrer Gegenwart oder besonderer
Feierlichkeiten vonnöten hätte; sie würde mir zu diesem Ende einen eigenen
Schlüssel zustellen, um davon freien Gebrauch zu machen; nur mit dem einzigen
Vorbehalt, dass der Tempel nie vor Untergang der Sonne aufgeschlossen werden
dürfte, und bei ihrem Aufgang wieder zugeschlossen sein müsste. Die Göttin,
setzte sie hinzu, hat Wohlgefallen an der hohen Reinheit deiner Empfindungen,
die unter den Sterblichen einem Wunder ähnlich ist; und ich müsste mich sehr
irren, oder dir ist ein Loos beschieden, das selbst unter den Söhnen der Weisen
nur selten einem Glücklichen zu Teil wird, wiewohl mir nicht erlaubt ist dir
mehr davon zu sagen.
                                    Lucian.
    Aha! Ich sehe sie kommen! - Dachte ich's doch gleich vom Anfange an!
                                   Peregrin.
    Ich errate deinen Gedanken; aber nicht zu voreilig, Lucian! du könntest
dich betrogen finden. Man ist mit den Leuten, in deren Gesellschaft ich dich
gebracht habe, nicht so leicht im Klaren. Gedulde dich! das Drama nähert sich
seiner Peripetie54.
    Mein gestriger erster Besuch des Tempels, und was dabei in mir vorgegangen,
war natürlicher Weise der vornehmste Gegenstand, worüber sich Dioklea mit mir
unterhielt. Sie fragte mich, ob ich jemals zu Knidos gewesen sei? und da ich mit
Nein antwortete, fuhr sie fort: du kennst also die berühmte Venus des Praxiteles
nur dem Namen nach; aber vermutlich hast du die Venus des Alkamenes zu Aten
gesehen? - Oefters, war meine Antwort: allein, o wie wenig ist sie mit dieser zu
vergleichen! oder vielmehr, wie unendlich ist der Unterschied zwischen dem was
ich beim Anschauen der einen und der andern erfahren habe! - Jene, sagte
Dioklea, flösste dir wohl nur kalte ruhige Bewunderung ein; aber diese? - »Ein
Gefühl, das meine Brust zu zersprengen schien, das meine ganze Seele kaum zu
ertragen vermochte. In jener sah ich nur das Symbol der höchsten Schönheit; in
dieser erkannte und fühlte ich die gegenwärtige Göttin selbst.« - Bei allem dem,
versetzte sie, muss ich dich erinnern gegen deine Phantasie auf der Hut zu sein;
sie arbeitet oft zur Unzeit der höhern Einwirkung entgegen, und weidet uns mit
Schatten, da wir ohne ihre zu grosse Dienstfertigkeit das Wesen selbst haben
könnten. Du glaubtest die Gegenwart der Göttin zu fühlen, und es war vielleicht
blosse Täuschung. Das sicherste Mittel dich vor den Blendwerken der Einbildung zu
verwahren, ist ihrer Geschäftigkeit Einhalt zu tun, und dich gänzlich den
Gefühlen deines Herzens zu überlassen. Durch diese allein kannst du hoffen, die
Göttin dir günstig zu machen. Das Herz, nicht die Einbildungskraft, ist das
Organ, das ihrer Mitteilungen empfänglich ist. - Nach diesen Worten verliess sie
mich, damit ich mir diese Lehren durch eigenes Nachdenken wahr machen könnte.
    Um deine Geduld durch Erzählung des stufenweisen Wachstums meiner
vermutlich beispiellosen Leidenschaft nicht auf eine allzu grosse Probe zu
stellen, will ich von dem Besuche, den ich in der folgenden Nacht im Tempel
machte, nichts weiter sagen, als dass diesmal die Art, wie das Anschauen der
Göttin auf meine Sinne wirkte, indem ich mich (nach dem Rate der Tochter des
Apollonius) den Empfindungen, die sie mir einflösste, gänzlich überlassen wollte
- zuletzt so lebhaft wurde, dass sie mich erschreckte und gegen mich selbst
misstrauisch machte. Ich eilte in grosser Unruhe aus dem Tempel hinweg, und
beschloss mich der Göttin nicht wieder zu nähern, bis ich durch die sorgfältigste
Reinigung meiner Seele alles Sinnliche von meiner Liebe abgewaschen hätte,
welche, meiner Meinung nach, ganz rein und geistig sein müsste, um mich der
wirklichen Teophanie als des einzigen Zieles meiner Wünsche fähig zu machen.
Ich konnte nicht von mir erhalten, mit einer so heiligen Jungfrau, als Dioklea
in meinen Augen war, von dieser Entschliessung zu sprechen, weil ich mir keine
Worte zu finden getraute, das, was sie veranlasst hatte, zart genug auszudrücken,
um keine unziemlichen Vorstellungen in ihr zu veranlassen. Sie konnte indessen
leicht bemerken, dass es nicht ganz richtig mit mir stehen müsse: ich war
unruhig, tiefsinnig, zerstreut, und suchte die Einsamkeit um meine
Gemütsverfassung vor ihr zu verbergen, ohne zu bedenken, dass ich sie eben
dadurch verriet. Indessen tat sie doch, als ob sie nichts davon gewahr würde,
und vermied, nach dem Beispiel das ich ihr gab, alles was mich zu einer
Erklärung hätte nötigen können. So ging der Tag vorüber, und in der nächsten
Nacht hatte ich wirklich so viel Gewalt über mich selbst, mir das Anschauen
meiner geliebten Göttin zu versagen, wiewohl ich mich mehr als zehnmal auf den
Weg machte, und einmal schon bis an die äussere Pforte gekommen war.
    Diese grausame Selbstpeinigung kostete mir eine schlaflose Nacht. Meine
Unruhe wurde dadurch mehr vergrössert als vermindert, und ich sah am folgenden
Tage so blass und hohläugig aus, dass Dioklea sich nicht länger überheben konnte,
Kenntnis davon zu nehmen. Was ist mit dir vorgegangen, Proteus? fragte sie mich:
wo ist deine vorige Heiterkeit und Ruhe? Woher diese Blässe deines Gesichts?
dieses trübe Feuer in deinen Augen? Und warum besuchtest du gestern den Tempel
nicht, sondern schweiftest die ganze Nacht durch im Hain und in den Gärten
umher? - Ich fand lange keine Antwort auf diese Frage. Endlich bemühte ich mich,
nicht ohne grosse Verlegenheit und vieles Stocken, in so behutsamen Ausdrücken
als ich (mit Gefahr ein wenig unverständlich zu sein) nur immer finden konnte,
ihr die Bedenklichkeiten zu eröffnen, die mir die Pflicht auferlegt hätten, mich
freiwillig aus den Augen Göttin zu verbannen. Sie schien mir mit Erstaunen in
die Augen zu sehen, wiewohl sie mich mehr als zu wohl verstanden hatte. Sie
schwieg eine gute Weile. Endlich nahm sie mich lächelnd bei der Hand und sagte:
du bist ein wenig wunderlich, Proteus, und die Göttin ist nur zu gütig gegen
dich. Steht es etwa nicht in ihrer Willkür, durch welche Art von Einwirkung sie
ihre Macht über dich beweisen will? Und wie sollten deine Sinne allein bei den
entzückenden Einströmungen ihrer Gegenwart unempfindlich bleiben, da sie sogar
die leblose Natur mit Wonnegefühlen durchschüttert? Wie kannst du glauben, dass
die Göttin etwas Unmögliches und Unnatürliches von dir fordern werde? - Ist die
Liebe, die sie dir eingeflösst hat, nicht ihr eigenes Werk? Kann Liebe ohne
Verlangen, Verlangen ohne Ausdruck sein? Die reinste Liebe - Venus Urania kann
keine andere erwecken! - veredelt und verfeinert die Sinne, erhöht und
begeistert sie, aber vernichtet sie nicht.
    Dioklea war, indem sie dies sagte, lebhafter geworden als ich sie noch nie
gesehen hatte: sie bemerkte dies vielleicht in meinen Augen, und hielt auf
einmal ein. - Soll ich dir sagen (fuhr sie nach einer ziemlich langen Pause in
einem ruhigern Tone und mit einem kaum merklichen ironischen Lächeln fort), soll
ich dir sagen, was ich von deiner Liebe denke? Sie täuscht dich! oder vielmehr,
du täuschest dich selbst mit einer Art von phantasierter Liebe, die du gleichsam
durch Kunst und durch teurgische Mittel in dir erzwingen willst, weil du dich
durch sie zu einer Stufe von Vollkommenheit empor zu schwingen hoffest, die
deiner stolzen Eigenliebe schmeichelt. Wahre Liebe ist zu stark an ihren
Gegenstand geheftet, zu tief in ihn versenkt, um so viel auf sich selbst Acht zu
geben, und so behutsam und ängstlich über unbedeutende Dinge zu sein. Du bist
vielleicht einer sich so rein und ganz hingebenden Liebe nicht fähig: aber,
glaube mir, die Götter lassen sich mit weniger nicht abfinden; und wiewohl es
möglich ist, durch ihre besondere Gunst zu jener Teilnehmung an ihrer Macht zu
gelangen, die das einzige Ziel deiner Wünsche scheint, so gibt es doch kein
Mittel ihnen diese Gunst wider ihren Willen abzunötigen.
    Dioklea berührte mich durch diese Rede an einem sehr empfindlichen Teile;
denn in der Tat war ich mir sehr wohl bewusst, mit den Absichten, die sie mir
zuschrieb, zu ihr gekommen zu sein: aber auf der andern Seite fühlte ich noch
lebhafter, dass mir das Bild der Göttin eine Liebe eingehaucht hatte, die meine
ganze Seele beschäftigte, und wovon das, was ich ehemals für Kallippen fühlte,
kaum eine leise Ahndung genannt werden konnte. Da mich nun ihr Vorwurf von
dieser Seite nicht traf, so antwortete ich mit einer Zuversicht, die ihr
vermutlich nicht unangenehm war: diesmal wäre wohl, wenn ich es sagen dürfte,
sie selbst diejenige die sich irrte, wenn sie mich beschuldigte, dass meine Liebe
blosser Selbstbetrug, oder gar eine heuchlerische Maske eigennütziger Absichten
sei. Ich erklärte mich so warm und lebhaft über diesen Punkt, dass sie genötigt
war, ihren Worten einen mildern Sinn zu geben, oder vielmehr zu behaupten, ich
hätte den ihrigen nicht recht gefasst. Dieser kleine Streit, der erste und letzte
den wir mit einander hatten, endigte sich in einer Aussöhnung, wodurch wir
bessere Freunde wurden als jemals, und brachte eine Lebhaftigkeit in die
Unterhaltungen dieses Tages, die der Einförmigkeit unsrer Lebensart sehr zu
Statten kam.
    Meine Ungeduld die Göttin wieder zu sehen gab den Vorstellungen, welche
Dioklea meinen vielleicht allzu zärtlichen Bedenklichkeiten entgegengesetzt
hatte, so viel Gewicht, dass ich das Ende eines Spaziergangs, wozu sie mich nach
der Abendmahlzeit einlud, kaum erwarten konnte, wiewohl sie sich's so angelegen
sein liess mich angenehm zu unterhalten, dass sie nicht wohl befürchten konnte mir
lange Weile zu machen. Es war schon ziemlich spät, als sie sich von mir
beurlaubte, und ich eilte nun mit geflügelten Schritten dem Tempel zu. Nie
hatten die Nachtigallen, die in grosser Menge ein dichtes Gehölze zur Linken des
Tempels bewohnten, sich so sehr beeifert meine Aufmerksamkeit auf ihre
lieblichen Wettgesänge zu ziehen; aber nie war es ihnen weniger gelungen. Meine
ganze Seele war bereits in meinen Augen. Ich verdoppelte meine Schritte, schloss
die Pforten des Tempels hastig auf, und - stand auf einmal wie versteinert, da
ich Amors Fackel ohne Feuer und den Tempel so dunkel fand, dass die geöffnete
Tür nicht Licht genug einliess, um das Bild der Göttin unterscheiden zu können.
    Unter tausend Zweifeln und Besorgnissen, die sich über diese unerwartete
Begebenheit in meinem Gemüte drängten, behielt endlich der Gedanke die
Oberhand, dass die Göttin mich vielleicht auf die Probe stellen wolle, ob ich
fähig sei, sie auch ohne Beihülfe einer meine Sinne rührenden Gestalt eben so
gegenwärtig zu denken, als ob sie in diesem Marmor vor meinen Augen stände. Aber
wenn dies ihre Absicht war, so liess sie mir wenigstens nicht Zeit genug die
Probe zu machen. Denn unversehens erfüllte den Tempel eine hell leuchtende
Klarheit und ein leises Wehen der lieblichsten Rosendüfte; und statt der
Bildsäule erblickte ich in einer helldunkeln Wolke, welche die ganze Vertiefung
erfüllte, die Göttin selbst in lebendiger unaussprechlicher Schönheit und
Glorie, zwischen ihren ewig jugendlichen Grazien, welche Hand in Hand wie in
einem leicht schwebenden Tanze sich um sie her bewegend, von Augenblick zu
Augenblick ihre himmlischen Reize bald umschleierten bald wieder sichtbar
machten. Ich stand in Entzückung und Anbetung verloren, als die Göttin, mit
einem Lächeln das den ganzen Tempel zu erheitern schien, einen Blick voll Huld
und Majestät auf mich warf und plötzlich wieder aus meinen Augen verschwand.
                                    Lucian.
    Freund Peregrin! - was willst du dass ich glauben soll?
                                   Peregrin.
    Dass ich dir nichts sage als was ich gesehen habe.
                                    Lucian.
    Gesehen nennst du es? Geträumt willst du sagen -
                                   Peregrin.
    Ich versichere dich, dass ich in diesem Augenblicke nicht mehr träume als
damals.
                                    Lucian.
    So war es doch wenigstens einer von den wachenden Träumen, wovon du vorhin
sprachest, wo man in vorbei blitzenden Augenblicken sieht, was kein besonnener
Mensch, dessen Vernunft und Einbildung im gehörigen Gleichgewichte stehen, je
mit gesunden Augen gesehen hat.
                                   Peregrin.
    Denke davon was du kannst, Lucian.
                                    Lucian.
    Bei allem dem müssten die geschworensten Gegner aller Täuschungen, Demokrit
und Epikur selbst, gestehen, dass du in deinem Erdenleben mit einer
beneidenswürdigen Imagination ausgesteuert warst! - Aber wie lange dauerte diese
himmlische Erscheinung?
                                   Peregrin.
    Diese Frage, lieber Lucian, ist schwerer zu beantworten als du glaubst.
Erscheinungen dieser Art lassen sich mit keinem gewöhnlichen Zeitmasse messen;
und wer, der mit einem solchen Gesichte beseligt wird, könnte daran denken
dessen Dauer messen zu wollen, wenn es auch möglich wäre? Alles was ich dir
davon sagen kann, ist, dass sie mir, als alles wieder verschwunden war, nur
wenige Augenblicke gedauert zu haben schien, aber dass, meinem Gefühle nach,
diese Augenblicke gegen die zwanzig Jahre, die ich bisher gelebt hatte, eine
Ewigkeit gegen einen Augenblick waren.
                                    Lucian.
    Ich merke aus allen Umständen, dass du noch etwas im Rückhalt hast, das mir
auf die eine oder andere Art aus dem Wunder helfen wird: denn alles, was dir in
dem Zauberhaine der wundervollen Tochter des Apollonius begegnet ist, kannst du
doch nicht wohl geträumt haben.
                                   Peregrin.
    Wenigstens würde ich nicht so unbescheiden gewesen sein, dich mit einem so
langen Traume aufzuhalten. Aber ich fühle selbst, dass es Zeit ist, dir aus dem
Wunder zu helfen, wie du es nennst, und wenn es auch nicht anders geschehen
könnte, als indem ich dich in ein neues noch weit grösseres werfe.
                                    Lucian.
    Du wirst mich sehr verbinden: denn ich muss gestehen, dass ich den
Gemütszustand, in welchen du mich hinein gezaubert hast, nicht lang' ertragen
kann.
                                   Peregrin.
    Du glaubst mir wohl ohne Schwüre, dass Venus Urania nach dieser Erscheinung
keinen inbrünstigern Anbeter in der weiten Welt hatte als mich. Das ganze System
meiner teurgischen Schwärmerei hatte durch diese offenbare Teophanie eine neue
Stütze erhalten, und war in diesen wenigen Augenblicken so verdichtet und über
allen Zweifel hinausgesetzt worden, dass ich nun das Wunderbarste und
Unglaublichste zu ertragen fähig sein musste. So wie die wonnevolle Erscheinung
verschwunden war, wurde mir auch der wieder verfinsterte Tempel zu enge. Ich
eilte ins Freie, um meiner von Entzücken fast erstickten Brust Luft zu machen.
Diese Nacht kam natürlicherweise eben so wenig Schlaf in meine Augen als in der
vorigen; aber die aufgehende Sonne überraschte mich, da ich sie noch weit
entfernt glaubte.
    Dioklea erblickte mich als ich vor ihrer Wohnung vorbei ging. Sie war schon
völlig angekleidet, kam zu mir herab, und sagte: sie wäre so früh aufgestanden,
weil sie notwendiger Geschäfte wegen in die Stadt reisen müsste: aber, setzte
sie mit Verwunderung hinzu, wie kommt es, dass ich dich zu einer solchen
Tageszeit schon so munter finde? Ich erzählte ihr, mit aller Redseligkeit eines
Menschen, der kein dringenderes Bedürfnis hatte als seinem zu vollen Herzen
einige Erleichterung zu verschaffen, was mir diese Nacht im Tempel begegnet war.
Ich musste es ihr mehr als Einmal mit allen Umständen erzählen, bis ich sie von
allen Zweifeln geheilt sah, dass meine Phantasie die Schöpferin dieses schönen
Gesichtes gewesen sein könnte. Die Stärke meiner eigenen Ueberzeugung nötigte
ihr endlich auch die ihrige ab; sie freute sich meines Glückes, und trennte sich
nun, wie sie sagte, mit desto leichterem Herzen auf einige Tage von mir, da sie
so gewiss sein könne, dass ich ihre Abwesenheit kaum gewahr werden würde. Ich
sollte mich inzwischen als denjenigen ansehen, der in dem ganzen Bezirke des
heiligen Hains unumschränkt zu gebieten habe; alle, die von ihr abhingen, wären
angewiesen, meine Winke eben so gehorsam wie die ihrigen zu befolgen: auch hätte
sie dafür gesorgt, dass es mir an nichts fehlen würde, was ich nötig haben oder
wünschen könnte, ohne dass ich mich selbst deswegen zu bekümmern brauchte. Nach
diesen Worten umarmte sie mich mit der Vertraulichkeit einer alten Freundin,
bestieg mit einer ihrer Nymphen und einem Diener einen mit zwei schneeweissen
Pferden bespannten Wagen, und verschwand in kurzem aus meinen ihr nachfolgenden
Blicken.
    Die Entfernung der Tochter des Apollonius hätte mir nie weniger unangenehm
sein können, als in meiner damaligen Verfassung. Der ekstatische, oder, wenn du
willst, nympholeptische Zustand55, worein mich die Erscheinung der vergangenen
Nacht versetzt hatte, machte mir's zum Bedürfnis, mir selbst und meinen
Empfindungen überlassen zu werden. Doch, was sage ich mir selbst? da mein ganzes
Selbst in jenes himmlische Gesicht, das noch immer in äterischer Klarheit vor
mir schwebte, übergegangen war. - Nichts Äußeres um mich her, nichts - als
Diokleens Gegenwart, hätte mich in dieser süssen Entzückung stören können; denn
sie würde mich freilich unvermerkt verleitet haben, von dem Unaussprechlichen,
das mein ganzes Wesen ausfüllte, zu sprechen; und wie wenig wäre das, was ich
ihr von meiner Wonne hätte mitteilen können, gegen das gewesen, was mir selbst
dadurch entgangen wäre!
    Ich begab mich nun in den dunkelsten und stillsten Teil des Hains, und es
gingen einige Stunden hin, ehe die in meiner Einbildung noch immer fortdauernde
Vision durch ein fast unmerkliches Ermatten des Lichts und der Farben so viel
von ihrer ersten Lebhaftigkeit verlor, dass ich wieder zu mir selbst kam, mich
wieder da sah wo ich war, mich mit einer Art von süssem Erstaunen fragte, ob ich
es sei, dessen Augen mit dem unmittelbaren Anschauen der Göttin beseligt worden?
und mir selbst diese Frage mit der Gewissheit des innigsten Gefühls beantwortete.
Die Gedanken, die jetzt mit ausserordentlicher Klarheit und Leichtigkeit in mir
aufstiegen, waren nicht mehr Gedanken eines Sterblichen; mit meiner Liebe zu
Venus Urania hatte sich bereits meine Dämonisierung angefangen. Konnt' ich noch
zweifeln ob diese Liebe der Göttin angenehm sei? Sie hatte mir ja den stärksten
Beweis davon gegeben; hatte sich herabgelassen, mir in der einzigen Art von
Erscheinung, die meine Sinne ertragen konnten; in der Gestalt der höchsten
weiblichen Schönheit, sichtbar zu werden. - Sollte sie bei dieser ersten Gunst
stehen bleiben wollen? Unfehlbar war dieses Gesicht nur ein Pfand noch
vollkommnerer Mitteilungen; mit jedem höhern Grade derselben, hoffte ich, würde
sich meine eigene dämonische Natur mehr entüllen, bis ich endlich, von einer
Stufe zur andern, zum reinen unmittelbaren Anschauen ihres Wesens, und zum
vollen Genuss aller Vorrechte des meinigen gelangen würde. - Welche Hoffnungen!
Welche Aussichten! Wie ganz anders versprach ich mir selbst mir die Liebe der
Göttin zu Nutze zu machen, als die Adonis und Endymionen der poetischen Fabel!
Schon durchflog ich mit ihr in Gedanken das unermessliche Weltall, durchschaute
alle Geheimnisse der Pytagorischen Zahlen, hörte die Harmonie der Sphären, und
begriff den tiefsten Sinn aller Hieroglyphen der Natur. Nichts was ein Dämon
wissen kann, war mir verborgen, nichts was er wirken kann, unmöglich. - Welche
Wonne, welch ein Vorgefühl neuer Kräfte, neuer weit ausgebreiteter Tätigkeit,
lag in diesem vergötternden Gedanken! Und nun ergoss sich auf einmal die ganze
Gutmütigkeit meines Herzens in ihn. Ein neuer Prometeus, bildete ich schon in
meiner allvermögenden Phantasie das Menschengeschlecht zu gutartigen und
glücklichen Geschöpfen um; alles Elend verschwand von der Erde; ich rief Asträen
wieder vom Himmel herab, stellte die Unschuld und Gleichheit des goldnen Alters
wieder her, und beseligte es mit allem, was Künste, Musen und Grazien zur
Ausschmückung und Veredlung des menschlichen Lebens beitragen können.
                                    Lucian.
    Armer Ikarus! wie hoch schwangst du dich auf deinen Wachsflügeln empor, und
wie schmerzlich muss der Fall aus einer solchen Höhe gewesen sein!
                                   Peregrin.
    Ahndest du schon meinen Fall, Lucian? - Ganz andre Ahndungen schwellten
damals meinen Busen! Auch nicht der kleinste Zweifel, nicht der leiseste Laut
einer unglückweissagenden Vorempfindung, störte die Wonne meiner bezauberten
Seele; und, wenn es wahr ist, dass kein wirklicher Genuss an das reicht was uns
die Einbildung davon verspricht, so war dieser einsame Tag unstreitig der
glücklichste meines Lebens.
    Ich hatte inzwischen, ohne darauf Acht zu geben, den Ort mehr als Einmal
verändert, und befand mich in einer Laube des Rosenwäldchens, wo ich endlich in
der heissesten Stunde des Tages unvermerkt eingeschlummert war, als ich beim
Erwachen einen Tisch mit verschiedenen Speisen und einem in Eis stehenden
krystallnen Krug Wein vor mir sah, ohne gewahr worden zu sein wie er hierher
gebracht worden. Solltest du es glauben? aller seiner hohen dämonischen
Schwärmerei zu Trotz, fiel der bezauberte Liebhaber der himmlischen Venus mit
der Esslust eines gemeinen Erdensohns über die anziehend duftenden Schüsseln her,
und liess, wiewohl sie für zwei mässige Esser zureichend gewesen wären, nicht so
viel übrig, dass ein Schoosshündchen davon hätte satt werden können.
                                    Lucian.
    Dies ist gerade was mich von allen Symptomen deines damaligen Fiebers am
wenigsten befremdet. Wiewohl man zu glauben pflegt, bezauberte Personen
bedürften weder Speise noch Trank, so bin ich doch überzeugt, dass bei der
verliebten Art von Bezauberung gerade das Gegenteil stattfindet, und dass von
allen Arten der Liebe keine mehr Aufwand von Lebensgeistern verursacht, und also
ihre öftere Ersetzung notwendiger macht, als die Platonische. Vielleicht, da
doch die Quelle der Ahndungen an diesem Tage so reichlich bei dir floss, war
diese ausserordentliche Esslust auch eine geheime Ahndung, dass du zu den neuen,
vermutlich nahe bevorstehenden Mitteilungen der Göttin einer solchen
Vorbereitung nötig haben könntest.
                                   Peregrin.
    Wie dem auch gewesen sein mag, so zweifle ich nicht, dass Hippokrates oder
Galenus diese Begebenheit sehr natürlich gefunden haben würden. Was ich dir
übrigens für gewiss sagen kann, ist, dass die Schüsseln leer waren, bevor ich ein
Wort davon wusste, und dass die erhabenen Träume meiner Phantasie sehr wenig durch
dieses animalische Geschäft unterbrochen wurden. Wirklich habe ich in spätern
Zeiten oft die Bemerkung gemacht, dass Seele und Leib bei der Art von Menschen,
unter denen ich damals keiner der geringsten war, eine ganz eigene Wirtschaft
zusammenführen. Bald treibt jedes seine Geschäfte für sich, ohne von dem andern
die mindeste Kenntnis zu nehmen; bald vertauschen sie unvermerkt ihre Rollen mit
einander; bald leben sie in offenbarer Fehde; aber ehe man sich's versieht, sind
sie wieder so warme Freunde, dass nichts in der Welt ist, was sie nicht für
einander zu tun oder zu leiden bereit wären. - Doch vergib, dass ich dich mit
unnötigen Bemerkungen aufhalte, da ich dir bloss meine Geschichte versprochen
habe, und in der Tat einer seltsamen Auflösung der Rätsel nahe bin, womit ich
dir eine Weile her den Kopf warm zu machen genötigt war.
    Ob es bloss eine Folge der natürlichen Veränderlichkeit der menschlichen
Seele war, die sich nicht lange in einer und eben derselben Stimmung erhalten
kann, oder ob die beträchtliche Verstärkung, die der Strom meiner Lebensgeister
so eben erhalten hatte, das Ihrige dazu beitrug, gewiss ist, dass die halcyonische
Stille56, welche in der erste Hälfte des Tages mein Gemüt, wie ein heitrer
wolkenloser Himmel die Erde unter ihm, umgeben hatte, sich in der andern Hälfte
unvermerkt verlor. Ein geheimer Drang, ein unruhiges Sehnen, das mit jeder
Stunde des sich neigenden Tages zunahm, trieb mich hin und her, und liess mich
nirgends lange verweilen. Das Bild der Erscheinung, die ich in der letzten Nacht
gehabt hatte, stand wieder mit neuer Lebhaftigkeit und mit neuen
unbeschreiblichen Reizen vor meiner Stirne. Aber das äterische Licht, worin es
mir diesen Morgen vorschwebte, war nicht mehr. Ich sah die Göttin in einer
Beleuchtung, die ihre Schönheit mehr zu verkörpern, ihren Reizungen einen Zauber
zu geben schien, dessen Gewalt ich noch nie so lebhaft gefühlt hatte. Das
Verlangen sie wieder zu sehen wurde immer feuriger, immer ungeduldiger. Oft
breiteten sich meine Arme unfreiwillig aus sie zu umfangen. Ich sprach mit ihr,
sagte ihr alles was die höchste Schwärmerei der ersten Liebe dem Liebhaber einer
Göttin eingeben kann, schweifte im ganzen Hain umher, und befand mich immer
unvorsetzlich vor der Tür des Tempels. Je näher die Sonne ihrem Niedergang kam,
desto länger wurde mir jede Minute, welche sie noch über dem Horizont verweilte.
Eine geheime Ahndung - die im Grunde wohl nichts andres war als das
instinctmässige Harren dessen was wir sehnlich wünschen - hiess mich von dem
Besuche, den ich diese Nacht wieder in dem Tempel machen wollte, irgend eine
neue noch grössere Gunst der Göttin hoffen. In jener ersten Erscheinung hatte sie
bloss den Versuch gemacht, wie viel meine Sinne von ihrer Gegenwart ertragen
könnten. Vielleicht, dachte ich, lässt sie sich diesmal länger, vielleicht in
einem noch mildern Glanze sehen; vielleicht nähert sie sich mir, würdigt mich
einer Anrede, lässt mich aus ihren eigenen göttlichen Lippen hören, was ich tun
muss, um unmittelbarerer, vollkommnerer Mitteilungen würdig zu werden. Wahr
ist's, dass ich mir von diesen Mitteilungen nur sehr dunkle, oder, besser zu
reden, gar keine Vorstellungen machen konnte: aber die Wirkung dieses dunkeln
Vorgefühls auf mein Gemüt war nur desto gewaltiger, und mein Wesen erlag
beinahe unter der unnennbaren Wonne des Gedankens, von Venus Urania geliebt zu
sein - - so wie mir in der Tat die Sprache zu gebrechen anfängt, da ich dir mit
einiger Wahrheit schildern möchte, was in diesem seltsamen Zustande mit mir
vorging.
                                    Lucian.
    Es ist freilich schwer von unnennbaren Dingen zu sprechen, und von
ausserordentlichen Gefühlen einem andern, der in seinem Leben nichts
Ausserordentliches gefühlt hat, einen Begriff zu geben. Ich entbinde dich also
eines vergeblichen Versuchs um so lieber, da du mir bereits genug gesagt hast,
um sehr deutlich einzusehen, dass du, mit aller möglichen Bestrebung, dem
Blinden, den du vor dir hast, keinen anschaulichern Begriff von den Farben der
unsichtbaren Gegenstände, die du ihm schilderst, mitteilen könntest.
                                   Peregrin.
    Ich verstehe den Wink, und werde in meiner nächsten Beschreibung, wo nicht
so deutlich, doch wenigstens so kurz als möglich sein.
 
                               Dritter Abschnitt.
                                   Peregrin.
    Die Sonne war nicht lange untergegangen, als ich mich nach den gewöhnlichen
Vorbereitungen auf den Weg zum Tempel machte. Aber, wie gross meine Ungeduld nach
diesem Augenblick gewesen war, so befiel mich doch, da ich unter den Säulengang
trat und im Begriff war den Schlüssel in die Pforte zu stecken, ein so
wunderbares Schaudern, dass ich wieder umkehren, und den langen Gang von
Pomeranzenbäumen zwei- oder dreimal hin und her gehen musste, bis ich Mut genug
gefasst hatte, die Pforte aufzuschliessen.
    Ich fand das Innerste des Tempels nur schwach beleuchtet, ohne zu sehen wo
das Licht herkam; der Amor mit der Fackel fehlte, und die tiefe bogenförmige
Blende, wo das Bild der Göttin zu stehen pflegte, war mit einem purpurnen
Vorhang bedeckt.
    Mit hochschlagendem Herzen stand ich in ehrfurchtsvoller Entfernung, die
Augen auf den Vorhang geheftet, als er von zwei eben so schnell erscheinenden
als verschwindenden Liebesgöttern plötzlich aufgezogen wurde, und die Göttin in
ihrer gewöhnlichen Stellung meinen entzückten Augen zeigte. Der einzige
Unterschied war, dass sie nicht auf ihrem Fussgestelle, sondern auf einer kleinen,
mit einem purpurnen Teppich belegten Erhöhung stand, zu welcher man auf zwei
niedrigen Stufen emporstieg.
    Während ich dieses Ideal der höchsten Schönheit mit einer Liebe und einem
Verlangen, als ob ich es mit meinen Augen einsaugen wollte, betrachtete, schien
mir's, die Statue belebe sich unvermerkt unter meinen Blicken; ihre Augen
funkelten von einem überirdischen Lichte, ihr Busen schien sich zu heben, und
eine liebliche Röte alle Lilien ihrer nach dem schönsten Ebenmasse gebauten
Glieder in Rosen zu verwandeln.
    Du wirst mir gern glauben, dass mein Gefühl bei dieser Erscheinung - mochte
sie nun Täuschung oder Wahrheit sein - alle Beschreibung zu Schanden machen
würde. Von einem unwiderstehlichen Zug überwältigt wagte ich es endlich, mich
ihr mit zögernden Schritten zu nähern; ein unbeschreiblich süsser Blick schien
mich dazu einzuladen, und in eben dem Augenblicke, da ich meinen unfreiwillig
sich öffnenden Armen nicht länger gebieten konnte, breiteten sich die ihrigen
gegen mich aus. Ich flog ihr entgegen, schlang jeden glühenden Arm um ihren
Leib, fühlte ihren elastischen Busen den meinigen umwallen; dieses göttliche
Feuer, das die ganze Natur beseelt, blitzte und strömte aus ihr mit einer
Wollust, die ich nicht ertragen konnte, in mein ganzes Wesen über, alle meine
Sinne taumelten, alle Bande meines Körpers lös'ten sich auf, meine Augen
erloschen, und ich verlor alles Gefühl meiner selbst.
                                    Lucian.
    Eine seltsame Geschichte! - und im Grunde doch die gemeinste von der Welt.
Alles kommt bei diesen Dingen auf die vorhergehenden und begleitenden Umstände,
und vornehmlich auf die Beschaffenheit und Stimmung des Subjects an. - Indessen
muss ich gestehen, Peregrin, du warst ein glücklicher Erdensohn; und wäre deine
Verbrennung zu Harpine die einzige Bedingung gewesen, unter welcher das
Schicksal dir erlaubt hätte solche Erfahrungen zu machen, du hättest sie
wahrlich nicht zu teuer bezahlt! Wenn die Sterblichen eines Genusses fähig
sind, der ihnen das Glück sich zu vergöttern gibt, so ist es das, was du in
diesen Augenblicken erfuhrst.
                                   Peregrin.
    Die Vergötterung, lieber Lucian, erfolgte erst, als sich der Todte, ohne zu
wissen wie ihm geschah, auf einem zugleich äusserst weichen und elastischen
Ruhebette - in den Armen der Göttin wiederfand. Aber über diese Mysterien
versiegelt (mit der Hohenpriesterin Dioklea zu reden) das heilige Schweigen
meine Lippen. Alles was ich dir schuldig zu sein glaube, ist, dich nicht länger
in der Ungewissheit zu lassen, wer diese irdische Venus Urania war, die den
unbedeutenden Sohn eines Bürgers von Parium, mit einem solchen Aufwand von
wunderbaren Anstalten und teurgischen Vorbereitungen, zu ihrem Adonis zu machen
würdigte.
    Ohne Zweifel musst du schon selbst gefunden haben, dass dein Verdacht irre
ging, da er auf die ehrwürdige Tochter des Apollonius fiel. Wäre die Priesterin
und die Göttin nur eine und eben dieselbe Person gewesen, so müsste ich den
Betrug schon bei der ersten Teophanie, da sie mir mit ihren Grazien in der
Wolke erschien, und noch deutlicher in dem Augenblicke, da ihre Bildsäule sich
so unverhofft für mich belebte, notwendig entdeckt haben, und sie hätte sich
also dieser Mittel zu meiner Bezauberung nicht bedienen können. Denn, wiewohl
Dioklea, den Mangel der Jugend abgerechnet, eine sehr schöne Frau genannt werden
konnte, so sah sie doch der Bildsäule nicht gleich; hingegen war die
Aehnlichkeit des Bildes mit der Göttin, die ich in den Wolken sah und in der
Blende des Tempels umarmte, durchaus in allen Teilen, Formen und Zügen so
vollkommen, dass das Leben allein den Unterschied zwischen dem einen und der
andern machte.
    Wisse also, Freund, dass der heilige Hain, die Felsenwohnung der Dioklea, die
Gärten um sie her, und der Tempel der Venus Urania - einen Teil eines grossen
Landgutes ausmachten, welches, nebst vielen ansehnlichen Ländereien in Ionien,
Karien, Lycien und auf der Insel Rhodus, das Eigentum einer edlen Römerin war,
die hier, im Mittelpunkt ihrer Besitzungen und in der vollkommensten
Unabhängigkeit, den Rest ihrer Jugend, und die Reichtümer, die ihr ein betagter
Gemahl hinterlassen hatte, nach einem eigenen, romantischen, aber (wie du
gestehen wirst) nicht übel ausgedachten Plane zu geniessen beschlossen hatte. Sie
nannte sich Mamilia Quintilla, und würde in den Zeiten eines Caligula, Claudius
oder Nero durch ihre ausserordentliche Schönheit sich eben so leicht zu dem Range
der Poppeen57 und Messalinen erhoben haben, als es ihr unter der Regierung
Hadrians gelang, sich - mit Aufopferung ihrer ersten Blüte an einen alten
Römischen Ritter, der durch Handelschaft, Glück und Pachtung der Staatseinkünfte
ganzer Provinzen in Asien ein unermessliches Vermögen zusammengebracht hatte - in
wenig Jahren zur Erbin desselben zu machen.
    Wenn die Dame Mamilia Quintilla den besagten Kaiserinnen, ausser der
Schönheit, noch in einer andern Eigenschaft, die ihren Ruhm bei der Nachwelt
mehr als zweideutig gemacht hat, ähnlich war, so ist wenigstens nicht zu
läugnen, dass sie einen so sinnreichen Geschmack in der Art, wie sie ihre
Lieblingsleidenschaft befriedigte, und so viel Feinheit in der Wahl der
Personen, welche sie dazu vonnöten hatte, zeigte, dass es nicht gerecht wäre,
sie mit jenen übel berüchtigten Augusten, oder andern Römerinnen ihrer
zahlreichen Classe, in eben dieselbe Linie zu stellen. Ihre Phantasie hatte, wie
die meinige, in früher Jugend einen gewissen dichterischen Schwung bekommen: und
da sie vermutlich von den Tischfreunden ihres alten Titons oft genug mit der
Göttin von Cytere verglichen worden war; so mochte ihr, als sie sich mit
zwanzig Jahren, in der Fülle des Lebens und der Schönheit frei, und im Stande
sah jeder ihrer Neigungen und Launen ein Genüge zu tun, der Gedanke leicht
genug gekommen sein, sich einiger Vorrechte dieser Göttin anzumassen, und die
Freuden, welche sie zu empfangen und zu geben gleich geschickt und geneigt war,
einer gewissen idealischen Vollkommenheit so nahe zu bringen, als es einer
Sterblichen nur immer möglich sein könnte.
    In dieser Absicht hatte sie ihre Villa zu einem wahren Zauberpalast, und den
weitläuftigen Bezirk, der zu derselben gehörte, zu lauter Idalischen Hainen58
und zu einem zweiten Daphne59 umgeschaffen. Die prächtigen Gebäude, woraus die
Villa bestand, waren mit einer zahllosen Menge wunderschöner Knaben zwischen
acht und zwölf, und reizender Mädchen zwischen zwölf und sechzehn Jahren
angefüllt, die sie aus allen Provinzen des Römischen Reichs mit der
eigensinnigsten Auswahl hatte zusammen kaufen lassen. Kein Fürst konnte sich
rühmen, schönere Stimmen und Instrumente, vollkommnere Tänzerinnen, bessere
Köche, und geschicktere Künstler von allen Gattungen die dem Vergnügen und dem
Luxus dienen, in seinen Diensten zu haben, als die schöne Mamilia; und sie hatte
sich der letztern so gut zu bedienen gewusst, dass ihr Palast und ihre Gärten eben
so vielen künstlichen Scenen glichen, wo alles zu jedem Schauspiel, jeder
Teaterveränderung, die zu ihrer Absicht nötig sein konnten, aufs sinnreichste
eingerichtet und vorbereitet war. Und wie es von Zeit zu Zeit solche Günstlinge
der Glücksgöttin gibt, zu deren Vorteil alle Zufälle sich miteinander
verabredet zu haben scheinen, so musste es sich fügen, dass auch diese Römerin,
deren Einbildung auf einen so romantischen Lebensgenuss gestimmt war, die einzige
Griechin antraf, die ganz dazu gemacht war, ihr zu Ausführung ihrer feinsten und
sonderbarsten Ideen behülflich zu sein.
    Doch, ich will mir nicht länger selbst durch eine nähere Erklärung zuvor
eilen, die noch zeitig genug an ihrem rechten Orte kommen wird. In den
Augenblicken, wo die Erzählung meiner Abenteuer stehen geblieben ist, war ich
noch unendlich weit von dem leisesten Argwohn entfernt, dass ich in allem dem
Ausserordentlichen, was mir seit einigen Tagen begegnete, nur das Spielzeug einer
phantastisch-wollüstigen jungen Römerin und einer - alternden Griechischen
Schauspielerin sein könnte. Freilich würde jeder andere, der nicht so ganz
unerfahren in den Angelegenheiten der Göttin von Cytere gewesen wäre als ich,
durch eine solche Entwicklung des Lustspiels auf einmal ins Klare gekommen sein:
aber bei mir stieg gerade durch das, was jedem andern die Augen geöffnet hätte,
die Täuschung auf den höchsten Grad. So glücklich, als ich in den Armen der
schönen Mamilia war, konnte, meinem Gefühle nach, nur die Göttin der Liebe
machen, und nur ein Halbgott konnte unter solchem Übermass von Wonne nicht
erliegen. Wirklich wandte die schlaue Römerin alles an, mich nicht einen
Augenblick aus dieser Berauschung aller Sinne zu mir selbst kommen zu lassen;
und die Leichtigkeit, womit es ihr gelang, schien etwas so Neues für sie zu
sein, dass sie (ohne einige täuschende Künste von meiner Seite) endlich selbst
versucht war, mich für etwas mehr als einen Sterblichen zu halten.
    Indessen, da sogar die Götter von Zeit zu Zeit nötig haben, der
unverlöschbaren Flamme ihrer ewigen Jugend etwas Nektar und Ambrosia zuzugiessen,
so erschienen, vermutlich auf irgend ein geheimes Zeichen, plötzlich eben die
drei lieblichen Mädchen, die bei ihrer ersten Teophanie die Grazien vorgestellt
hatten, und boten uns auf goldenen Schalen und in zierlichen Gefässen von
geschliffenem Krystall Erfrischungen an, die einen bei grosser Frugalität
auferzogenen Bürger von Parium sehr leicht in dem Wahn erhalten helfen konnten,
dass er in die Wohnung der Liebesgöttin versetzt sei. Die Grazien liessen uns
wieder allein, und - kurz, Freund Lucian, als ich nach einem kleinen Schlummer
wieder erwachte, war der Tag angebrochen, die Göttin verschwunden, und ich
befand mich, ohne zu wissen wie, von einem Gewimmel kleiner Amoretten
umschwärmt, in einem lauen Bade, dem vermutlich einige Tropfen Rosenöl den
ambrosischen Wohlgeruch mitteilen, der auch hier nicht fehlte, sich mit so
vielen andern Umständen zu vereinigen, um meine Sinne in immer währender
Trunkenheit und Täuschung zu erhalten.
                                    Lucian.
    In der Tat scheint die Circe, in deren Schlingen du gefallen warst, an
Alles gedacht zu haben.
                                   Peregrin.
    Nachdem ich das Bad verlassen hatte, und in einem daranstossenden kleinen
Gemache mit einer sehr zierlichen Kleidung von Fuss auf angetan worden war,
öffnete sich eine Tür, und ich befand mich in einem grossen Parterre, in welches
Flora alle ihre schönen Kinder zum Vergnügen der Göttin der Liebe versammelt
hatte. Eine Menge kleiner Zephyre, die unter den Blumen umher schwärmten,
hüpften mir mit Kränzen und Sträussen entgegen, und führten mich, in tausend
lieblichen Gruppierungen vor mir hergaukelnd, durch einen kleinen Wald von immer
blühenden Citronenbäumen, auf eine sanft emporsteigende Anhöhe, wo ein
prächtiger doppelter Säulengang sich um einen grossen Platz herumzog, in dessen
Mitte ein Brunnen, mit Gruppen von vergoldetem Erze geziert, das schönste Wasser
in ein geräumiges Becken von Jaspis ausströmte.
    Ich folgte meinen kleinen Führern in einem Zustande von Begeisterung, den du
dir eher einbilden kannst, als ich ihn beschreiben könnte. In meinem Leben hatte
ich mich nie so leicht gefühlt; mir war als ob ich mit schärfern Augen sähe und
mit feinern Ohren hörte, oder vielmehr als ob ich jetzt erst zu leben anfinge,
und mit jedem Augenblick ein neuer Sinn, eine neue Quelle geistiger Gefühle sich
in mir auftäte.
                                    Lucian.
    Eine sehr natürliche Folge der unmittelbaren Mitteilungen der Liebesgöttin
bei einem zwanzigjährigen Neuling in ihren Mysterien, der durch sein ganzes
bisheriges Leben, und vornehmlich durch die guten Dienste einer Tochter des
Apollonius, vorbereitet war, auf eine so angenehme Art mit der Wahrheit selbst
getäuscht zu werden!
                                   Peregrin.
    Im Grunde des Platzes erhob sich zwischen den zwei Bogen, die der Säulengang
zu beiden Seiten machte, ein Pavillion von Frygischem Marmor, aus dessen weit
offner Pforte mir zwei Chöre junger Nymphen singend und tanzend entgegen kamen,
die mich in diesem Palast, als meiner künftigen Wohnung, willkommen hiessen, und
das Glück des neuen Adonis priesen. Sie entschlüpften mir wieder aus den Augen,
und ganze Schwärme neuer Amorinen und Zephyretten hüpften von allen Seiten
herbei, um mich in den schimmernden Marmorsälen und zierlichen Gemächern meiner
neuen Wohnung herum zu führen, welche mit dem Reichsten und Ausgesuchtesten, was
alle der Wollust dienstbaren Künste zu Befriedigung des feinsten Geschmacks, der
üppigsten Phantasie und der verwöhntesten Sinnlichkeit erfunden haben, bis zur
Verschwendung angefüllt war. Aber weder das alles, noch die Menge der schönen
Gemälde, Bildsäulen und Hermen, womit die Galerie ausgeziert war, konnten mehr
als einen flüchtigen Ueberblick von mir erhalten: meine Augen suchten überall
nur die Göttin, und suchten sie vergebens. Der einsamste Busch, die dunkelste
Höhle, wo ich mich ungestört dem Anschauen ihres Bildes, das sich mir aus meiner
eignen Seele entgegen spiegelte, und den süssen Erinnerungen, die keinem andern
Gedanken Raum gaben, überlassen konnte, wäre mir tausendmal lieber gewesen als
alle diese Herrlichkeiten.
    Ich eilte also wieder in die Gärten, warf mich neben einer Quelle, die aus
der Urne einer schönen marmornen Nymphe sprudelte, unter ein dichtes Gewölbe von
hohen Bäumen und duftenden Gebüschen, und verlor mich im Gefühl meines Glückes,
in einer Art von Entzückung, worüber vielleicht alle andere Bedürfnisse
vergessen worden wären, wenn die Liebesgötter, die mir zugegeben waren, mich
nicht zur gewöhnlichen Zeit zu mir selbst gebracht, und zu einer Tafel geführt
hätten, die unter einem dichten Laubgewölbe für mich bereitet war. Die
lieblichste Musik unterhielt mich, ohne dass ich sah woher sie kam, während ich
meine durch die höchste Kunst des Komus gereizte und befriedigte Esslust stillte,
und dauerte, sich unvermerkt entfernend, noch lange fort, nachdem die Tafel und
die Amorinen wieder verschwunden waren. Endlich überschlich mich eine wollüstige
Mattigkeit, und ich verschlummerte die heissen Stunden des Tages unter den
geistigsten Träumen, die vermutlich jemals ein aus den ersten Umarmungen seiner
Göttin kommender Verliebter geträumt hat. Ich erwachte wieder um die Zeit, da
die Sonne ungefähr noch den sechsten Teil ihrer täglichen Reise zu vollenden
hat, und eilte mit aller Munterkeit und Ungeduld, die ein Vorrecht unverdorbener
Jugend ist, meine angebetete Göttin so lange zu suchen bis sie sich finden
liesse. Ein anmutiger Schlangengang führte mich auf einem sanften Abhang
unvermerkt in ein enges von buschigen Felsen umringtes Tal -
                                    Lucian.
    - dessen Beschreibung ich dir erlasse, wie romantisch es auch ohne Zweifel
gewesen sein wird.
                                   Peregrin.
    Daran tust du mir einen grossen Gefallen, lieber Lucian; denn in der Tat
sah ich von allen seinen romantischen Schönheiten so viel als nichts, weil ein
ganz anderes Schauspiel sich meiner Augen bemächtigte, und, hätte ich ihrer auch
so viele gehabt als Argus60, sie alle zugleich angezogen und beschäftigt haben
würde. In einer der Felsenwände, die dies liebliche Tal von jeder andern Seite
als der, woher ich hinein gekommen war, unzugangbar machten, hatte die Kunst
eine hohe und geräumige Grotte, und in dieser Grotte ein so schönes, heimliches
und einladendes Bad erschaffen, als sich irgend eine Göttin zu ihrer Erfrischung
in den glühenden Tagen des Sommers nur immer wünschen könnte. In einem Gebüsche
von Rosen und Myrten, das die Grotte umgab, umherirrend, war ich ihr nahe genug
gekommen, um durch ein leichtes Plätschern nach der Ursache desselben neugierig
zu werden, und - wen anders als meine Göttin? in eben der Lage zu erblicken,
worin eine nicht so gefällige Unsterbliche überrascht zu haben dem unglücklichen
Aktäon61 einst so übel bekam. Wiewohl ich nun, allem Ansehen nach, kein
ähnliches Schicksal zu besorgen hatte, so hielt mich doch Ehrfurcht und
Entzücken bei diesem unverhofften Anblick so gefesselt, dass ich mir kaum zu
atmen getraute - aber glücklicher Weise war das Gebüsche zugleich so dunkel und
so durchsichtig, dass ich sehen konnte ohne gesehen zu werden.
                                    Lucian.
    Man sollte denken, deine Augen müssten durch die Bildsäule, die der Göttin so
ähnlich war, mit ihrer Gestalt schon so bekannt gewesen sein -
                                   Peregrin.
    Bekannt? - O ja; aber was für ganz andere Augen hatte mir die letzte Nacht
gegeben! Welch ein Unterschied! Nicht geringer, als ob einer in ein Buch
schaute, dessen Charaktere ihm unbekannt wären, oder ob er die Sprache und die
Zeichen verstände, worin es geschrieben ist.
                                    Lucian.
    Du hast Recht, Peregrin! daran dachte ich nicht, und das macht doch in der
Tat, selbst für einen so kalten Anschauer der Schönheit als ich und meines
gleichen, einen grossen Unterschied.
                                   Peregrin.
    Zudem vereinigten sich hier noch verschiedene kleine Umstände, die Schönheit
der Göttin in ein Licht zu setzen, worin ich sie noch nie gesehen hatte. Die
Grazien, die ich in immer abwechselnden Gruppierungen um sie her beschäftigt
sah, waren bekleidet; zwar leicht und nymphenhaft, aber doch genug, um mit allen
ihren Reizen eine Art von Schatten zu machen, der die unverhüllte Schönheit der
Göttin desto mehr erhob. Überdies war die Zeit dieser neuen Teophanie so
schlau gewählt worden, dass ein Strom von Sonnenstrahlen zwischen den
Felsenspalten gerade in die gegenüber liegende Grotte fiel, und eine Glorie auf
die badende Göttin warf, die meine Betörung hätte vollenden müssen, wenn noch
etwas daran zu vollenden gewesen wäre.
                                    Lucian.
    Du glaubst also, dass auch diese Bade-Scene absichtlich angelegt war?
                                   Peregrin.
    Ohne Zweifel; denn ich hatte (wiewohl ich damals nicht darauf merkte) immer
den einen oder andern sichtbaren oder unsichtbaren Amor neben mir, oder über
mir, oder hinter mir, der auf alle meine Bewegungen Acht gab, und kraft dieser
Vorsicht konnte Quintilla genau wissen, um welche Zeit ich ungefähr auf dem
Spaziergang, den mir einer von ihnen gezeigt hatte, nicht weit von der Grotte
anlangen würde.
    Die Göttin wurde ihrer Rolle eher müde als ihr Zuschauer der seinigen; sie
verliess das Bad meiner Rechnung nach sehr bald, und nachdem sie von ihren
Grazien wieder angekleidet worden war, wurden plötzlich auf ein gegebenes
Zeichen alle Gebüsche umher lebendig, und eine unzählige Menge junger Nymphen
und kleiner Amorinen eilte herbei, sie zurückzubegleiten. Ich entfernte mich so
schnell ich konnte; und als ich eine Weile darauf von einer andern Seite gegen
den Pavillon zurückging, fiel mir mitten in einem dunkeln Myrtenwäldchen ein
kleiner Tempel in die Augen, vor dessen halb offner Pforte ein Amor, mit dem
Zeigefinger auf den Lippen, stand. Er winkte mir, öffnete die Pforte, schloss sie
hinter mir zu, und ich befand mich in einem Augenblick zu den Füssen der Göttin,
die in halb sitzender Lage auf einem tronförmigen Ruhebette mich zu erwarten
schien. Die Wollust selbst hatte dieses Gemach, wie zur Scene ihrer Siege, mit
einem zauberischen Rosenlichte beleuchtet, dessen Quelle verborgen war; und ein
Pausanias hätte etliche Blätter zu Beschreibung aller Wunder der Kunst, womit es
ausgeziert war, verwenden können. Aber besorge nichts, Lucian; wiewohl das
Ganze, auch bei einem unaufmerksamen Anblick, notwendig eine wunderbare Wirkung
tat, so wurde ich doch nicht so viel von den Teilen gewahr, dass ich dir diese
Wirkung begreiflich machen könnte; denn auch hier sah ich nur die Göttin.
    Die in der letzten Nacht angefangene Einweihung in ihren Mysterien wurde in
dieser vollendet: aber da ihr der Zwang ihrer Gotteit endlich lästig werden
mochte, so verwandelte sich Venus Urania unvermerkt in die leibhafte Mamilia
Quintilla; und, wiewohl in dem süssen Taumel, worin sie ihren Adonis zu erhalten
wusste, selbst das Übermass ihrer Gunsterweisungen die Täuschung eine Zeit lang
beförderte, so kam doch endlich der Augenblick, wo die Erscheinung der Grazien
eben so erwünscht als notwendig war.
    Sie erschienen auch wie gestern; aber mit ihrer Ankunft lösete sich, leider!
der Zauber auf, der meine Vernunft seit einiger Zeit so seltsam gebunden hatte.
Ein gewisses spöttelndes Lächeln, das ich in den Augen und Lippen derjenigen,
die mir die Nektarschale anbot, überraschte, machte mich stutzen. Ich
betrachtete sie mit einer misstrauischen Aufmerksamkeit, heftete dann mit
Bestürzung meine Augen auf die Göttin, und glaubte - o Himmel, welche
Verwandlung! - in der Grazie nur eine Cypassis62, und in der vermeinten Venus
Urania nur eine sehr irdische Lais und Phryne zu entdecken.
    Die plötzliche Veränderung, die bei diesem Gedanken in mir vorging, war zu
gross, um einer Kennerin wie Mamilia unbemerkt zu bleiben: aber ohne das
geringste Zeichen von Verdruss darüber sehen zu lassen, sagte sie bloss mit einem
unbeschreiblich süssen Lächeln zu mir: du bedarfst der Ruhe, mein Geliebter! -
Und, auf einen Wink, den sie ihren Mädchen zuwarf, hüllte sie sich in einen
grossen Schleier ein, und verschwand mit ihnen aus meinen Augen.
    Wie bedürftig ich auch (nach dem Urteil der schönen Mamilia) der Ruhe sein
mochte, so war doch in dem Zustande, worein mich meine so plötzliche - wiewohl
freilich sehr natürliche - Entzauberung geworfen hatte, für diese Nacht an keine
Ruhe mehr zu denken. Der Fall eines Phaëton63, mit welchen Farben ihn auch ein
Dichter ausmalen könnte, gäbe nur ein schwaches Bild des Sturzes ab, den meine
taumelnde Seele von der Spitze ihrer vergötternden Aussichten tat, als der
magische Nebel so auf einmal von meinen Augen niedersank. Keine Beschreibung
könnte die Beschämung des betrognen Dämons und den Unwillen erreichen, worin er
über sich selbst entbrannte, der Held einer lächerlichen Posse, das Spielzeug
einer Bande leichtfertiger Weibsstücke gewesen zu sein, die sich zusammen
verschworen hatten, ihren Mutwillen mit seiner Unschuld und Aufrichtigkeit zu
treiben.
    Da meine Unerfahrenheit mich in diesem Augenblicke noch unwissend darüber
liess, wie vielen Anteil vor zwei Tagen der Überfluss meiner Lebensgeister an
meiner Bezauberung, und nun die Erschöpfung an der Auflösung derselben hatte: so
war es bei einem Menschen von meiner Vorstellungsart nicht wohl anders möglich,
als dass ich von einem Äussersten ins andere fiel, mich selbst sowohl als die
Gegenstände, denen meine Phantasie und mein Herz unwissender Weise eine
idealische Vollkommenheit geliehen hatte, auf einmal tiefer als recht war
herabwürdigte, und indem ich mir alles, was seit acht Tagen mit mir vorgegangen,
mit den kleinsten Umständen ins Gedächtnis zurückrief, nicht begreifen konnte,
wie es möglich gewesen sei, dass ich die Kunst, womit Dioklea und die vorgegebene
Göttin mir ihre Schlingen gelegt hatten, nicht viel früher gewahr geworden. Der
Unmut, womit mich diese Gedanken erfüllten, machte mir die Scene meiner
Entgötterung unerträglich; ich floh in den entlegensten Teil des Waldes, der
die Gärten umgab, warf mich unter einen Baum, und hatte schon einige Stunden in
dieser von meiner vorigen Wonne so stark abstechenden Gemütslage hingebracht,
als eine Erscheinung, deren ich mich gerade am wenigsten versah, den Lauf meiner
kränkenden Betrachtungen hemmte.
    Es war die Tochter des Apollonius selbst, die mit der Ruhe und
Unbefangenheit einer Person, welche keine Vorwürfe befürchtet weil sie keine
verdient zu haben glaubt, auf mich zukam und mich anredete. Wie? sagte sie mit
einer angenommenen Miene von Verwunderung, wie finde ich dich hier, Proteus? -
Möchtest du mich nie gefunden haben! antwortete ich, mein Gesicht mit einem
tiefen Seufzer von ihr wegwendend. - Ist's möglich, versetzte sie schalkhaft
lächelnd, dass Proteus, nach allem was seit unsrer Trennung mit ihm vorging,
eines so undankbaren Wunsches fähig sein kann? - »Undankbaren? - Und du, kannst
du nach dem schändlichen Betrug, den du mir gespielt hast, noch Dank erwarten?«
- Seltsamer Mensch! Wenn du das Betrug nennest, wo ist der König, der sich nicht
glücklich schätzte so betrogen zu werden? Du bist mir unbegreiflich, Proteus!
»Und du, Dioklea, oder wie du heissen magst denn warum sollte nicht auch dein
Name, wie alles andere an dir, falsch sein? - kannst du läugnen, dass die Venus,
in deren Arme du mich betrogen hast, eine -«
    Dioklea liess mich nicht vollenden was ich selbst nicht herauszusagen
vermochte. Du bist in einer Laune, fiel sie ein, worin du nicht zu fühlen
scheinst, was dir zu sagen, oder mir anzuhören geziemt. - Und mit diesen Worten
entfernte sie sich mit ihrer gewöhnlichen Majestät, und liess mich in einem
Zustande von Verwirrung und Unzufriedenheit über meine eigenen Gefühle, den ich
mir selbst nicht hätte erklären können. Genug, es zeigte sich bald, dass mein
Unwille nicht lange gegen diese rätselhafte Frau aushalten konnte. Die
Zuversicht mit der sie sich mir darstellte, ihr Anblick selbst, der edle Anstand
womit sie dem Ausbruch meines Unmuts Einhalt tat, alles an ihr gebot mir eine
unfreiwillige Ehrerbietung; und so wie sie sich entfernte, wurden alle die
wunderbaren und zauberischen Eindrücke wieder rege, die sie von unsrer ersten
Bekanntschaft an auf mich gemacht hatte. Kurz, sie erhielt wieder ihre vorige
Gewalt über mich; und kaum hatte ich sie aus den Augen verloren, als ich in
einer plötzlichen Anwandlung von Reue über mein ungebührliches Betragen
aufsprang, und ihr, zwar nicht ohne innern Kampf, aber wie von einer stärkern
Kraft fortgezogen, nachzugehen anfing.
    Es währte eine ziemliche Weile, bis ich sie wieder zu Gesichte bekam. Sie
sass, mit einer Nadelarbeit auf ihrem Schoss, unter einer Laube des
Myrtenwäldchens, und schien nicht zu bemerken dass ich ihr immer näher rückte.
Nachdem ich in einiger Verlegenheit eine Zeit lang hin und her um die Laube
herumgegangen war, ohne dass sie sich nach mir umgesehen hätte, konnte ich mich
nicht länger zurückhalten hineinzutreten, und mich stillschweigend ihr gegenüber
zu setzen. Sie schien meine Gegenwart noch immer nicht zu achten, und diese
stumme Scene dauerte so lange bis ich zu seufzen anfing. War das nicht ein
Seufzer, Proteus? sagte sie in einem scherzenden Tone. Du bist in der Tat sehr
zu bedauern, dass man dich wider deinen Willen dahin gebracht hat, ein
chimärisches Glück gegen ein wirkliches, das alles was du dir jemals einbilden
konntest übertrifft, zu vertauschen! - Ich glaube selbst, sagte ich, dass ich
mich sehr glücklich finden würde, wenn ich so denken könnte, wie du es jetzt zu
verlangen scheinst. - Glaubst du das? versetzte sie mit einem kleinen
Nasenrümpfen. Aber, fuhr sie in dem ernstaften Tone, den ich an ihr gewohnt
war, fort, indem sie aufstand und auf den Pavillion zuging, wir sind jetzt nicht
aufgelegt, von einem so zarten Gegenstande zu sprechen. Die Gebieterin dieses
Ortes, von deren Stand und Vermögen du dir aus allem was du hier siehest die
richtigste Vorstellung machen kannst, ist durch unvermutete Geschäfte nach
Milet abgerufen worden, und hat mir aufgetragen, in ihrer Abwesenheit dafür zu
sorgen, dass dir die Weile nicht lang werde. Wenn es dir nicht zuwider ist,
wollen wir die Zeit bis zur Tafel mit Besehung der merkwürdigsten Dinge in
dieser Villa hinbringen.
    Hiermit nahm sie mich bei der Hand, führte mich in die Galerie, die ich
zuvor nur flüchtig übersehen hatte, und zeigte mir, indem sie die
mannichfaltigen Kunstwerke, welche Reichtum und Geschmack hier aufgehäuft
hatten, mit mir betrachtete, so viele Kenntnisse in diesem Fache, und bei jeder
Gelegenheit, die sich dazu anbot, so viel Weltkunde und Bekanntschaft mit allen
merkwürdigen Personen der Zeiten Trajans und Hadrians, dass die Bewunderung, die
sie mir einflösste, mit jeder Minute höher stieg, und alle Beschwerden, die ich
gegen sie zu führen hatte, auf die Seite drängte. Kurz, Dioklea war so reich an
Erfindung angenehmer Zerstreuungen, so unerschöpflich an Unterhaltung wenn wir
uns allein befanden, und so aufmerksam, jeden leeren Zwischenraum mit Musik,
Tänzen, Pantomimen, oder den übrigen Künsten, die hier für Mamiliens Vergnügen
beschäftigt waren, auszufüllen, dass mir die drei Tage, welche die Dame des
Hauses abwesend war, wie einzelne Stunden vorbei kamen. Die Wolken, die mein
Gemüt umzogen hatten, zerstreuten sich; meine Einbildung klärte sich wieder
auf; die tausendfachen zauberischen Eindrücke, welche Natur und Kunst auf alle
meine Sinne machten, gewannen unvermerkt die Oberhand, und ehe der zweite Tag
vorüber war, befand ich mich wieder so lebendig und so hohen Mutes als jemals;
mit dem einzigen Unterschiede, dass die Götternächte der Venus Mamilia einen
Sinn, dessen geheime Forderungen mir so lange unverständlich geblieben waren, in
eine Tätigkeit gesetzt hatten, die sich nicht so leicht beruhigen liess, und
sich nun des Einflusses und der Obermacht bemeisterte, in deren Besitz ehemals
die Phantasie gewesen war. - Warum sollte ich dir, da ich doch einmal im
Bekennen bin, nicht alle meine Verirrungen und Betörungen gestehen? Zwei Tage
Abwesenheit, die Ruhe einer einsamen Nacht, und der üppige Überfluss einer
Römischen Tafel hatten der schönen Mamilia in meiner Einbildung ihre ganze
Gotteit wiedergegeben; ich sehnte mich nach ihrer Zurückkunft: aber sie war
abwesend, und die Tochter des Apollonius war gegenwärtig. Ihre ehemalige
priesterliche Feierlichkeit war mit der Binde um ihre Stirn verschwunden; sie
hatte sich allmählich ihrer natürlichen Lebhaftigkeit überlassen; und so wie sie
alle Reize ihres Geistes vor mir entfaltete, schien sie sich auch nicht länger
verbunden zu glauben, mir aus den eben so mannigfaltigen Reizen ihrer Person
länger ein Geheimnis zu machen. Nie waren vielleicht die Grazien einem Weibe
holder gewesen als ihr, und in der Kunst, die Gunstbezeugungen der Natur mit
Anstand in das vorteilhafteste Licht oder Helldunkel, und was der Zahn der Zeit
etwa daran benagt haben mochte, in den schlauesten Schatten zu setzen, hatte sie
schwerlich jemals ihres gleichen gehabt. Kurz, wiewohl sie die Hälfte ihrer
Jahre hätte abgeben müssen um die Göttin der Jugend vorzustellen, so blieb ihr
doch mehr, als für einen Neuling meiner Art nötig war, um in einer dämmernden
Rosenlaube oder in dem kleinen Tempel des Stillschweigens die Abwesenheit der
Göttin Mamilia zu ersetzen.
                                    Lucian.
    Und sie machte sich vermutlich eben so wenig Bedenken daraus, als der
Neuling sich machte diese Untreue an seiner Göttin zu begehen?
                                   Peregrin.
    Er glaubte Mamilien keine Treue schuldig zu sein. Aber die erfahrne Dioklea
kannte die Männer zu gut, als dass sie ihm den Sieg, den er über ihre Weisheit
erhielt, nicht schwer genug zu machen gewusst hätte, um den Wert desselben in
seinen Augen zehnfach zu verdoppeln. - Soll ich dir noch mehr sagen? So
lächerrlich es in unserm dermaligen Stande sein mag, von den Spielzeugen und
Kurzweilen unsrer ehemaligen Kindheit mit einem gewissen Wohlbehagen zu
sprechen, so kann ich mich doch der Tochter des Apollonius nicht ohne das
Vergnügen erinnern, welches den Gedanken, irgend etwas Schönes oder Gutes in
seiner höchsten Vollkommenheit genossen zu haben, natürlicherweise begleitet.
Wie weit war die Römerin auch in diesem Stücke unter der seiner organisierten,
seelenvollern, erfindungsreichern Griechin, die, von allen Musen und Grazien mit
ihren Gaben überschüttet, einige Jahre lang unter andern Namen, als
Mimentänzerin die Augenlust und der angebetete Liebling der halben Welt gewesen
war!
                                    Lucian.
    Du kannst dich nun verbrennen wenn du willst, Peregrin! Du hast gelebt, und
in einer einzigen Woche auf der Villa Mamilia zu Halikarnass des Lebens mehr
genossen, als Millionen Menschen in der ganzen Zeit ihres Daseins.
                                   Peregrin.
    Gut! Aber ehe wir zu jenem letzten und höchsten Lebensgenuss, zu meinem
Verbrennen kommen, Lucian, wirst du wohl noch einige Scenen meines Lebensmimus
(wie es Cäsar Augustus nannte) anhören müssen, die zur Vorbereitung dieses
letzten Auftritts notwendig waren.
                                    Lucian.
    Für jetzt bin ich nur begierig zu sehen, wie du dich aus den Händen zweier
so gefährlichen Personen, als deine Venus Mamilia und ihre Priesterin zu sein
scheinen, retten wirst.
                                   Peregrin.
    Wiewohl Dioklea die priesterliche Maske mit der Gleichgültigkeit einer
Schauspielerin, die ihre Teaterkleidung von sich wirft, abgelegt hatte, so war
sie doch viel zu klug, meinen Entusiasmus, durch dessen magische Wirkung sie
Vorteile, die ihr nicht gleichgültig zu sein schienen, über mich gewonnen
hatte, geradezu bestreiten zu wollen. Sie suchte ihm nur eine andere Richtung zu
geben, und unvermerkt den Gedanken in mir zu veranlassen, dass es keine andere
Göttinnen gebe als liebenswürdige Weiber, und keine höhere Magie als den Zauber
ihrer Reizungen und des Instinkts der uns zu ihnen zieht; und diesem Plan
zufolge fand sie für gut, mir in einer vertraulichen Stunde den Schlüssel zu dem
ganzen Zauberspiele zu geben, dessen Held ich, ohne es zu merken, gewesen war.
    Nachdem sie mir von Mamiliens Person und Charakter, und von ihrer eigenen
Verbindung mit dieser Römerin, so viel als ich (ihrer Meinung nach) zu wissen
brauchte, entdeckt hatte, sagte sie mir: diese Dame werde durch gewisse
Kundschafter, welche sie zu Halikarnass und an verschiedenen noch entferntern
Orten halte, so gut bedient, dass sie schon am ersten Tage meiner Ankunft eine
ziemlich genaue Beschreibung meiner Person erhalten habe. Da ihre Aufmerksamkeit
dadurch nicht wenig gereizt worden sei, habe sie nicht nur alle meine Schritte
aufs genaueste beobachten lassen, sondern auch bald Mittel gefunden, aus meinem
alten Diener (einem arglosen und kurzsinnigen Phrygier) so viel von meinen
Lebensumständen auszufischen, dass der Anschlag, sich meiner auf die eine oder
andere Art zu bemächtigen, schon vor dem Empfang meines seltsamen Briefes an die
göttliche Dioklea eine beschlossene Sache gewesen sei. Dieser Brief (sagte
Dioklea), indem er die schöne Römerin mit einem Charakter bekannt machte, der
allen möglichen Reiz der Neuheit und des Wunderbaren für sie hatte, trieb ihre
Vorstellung von der Wichtigkeit deiner Eroberung auf den höchsten Grad, und
zeigte uns zugleich den einzig möglichen Weg, auf welchem sie zu machen war. Wie
viel Dank wurde jetzt dem Unbekannten gesagt, der vor mehrern hundert Jahren
einen Teil der Waldungen, welche zu Mamiliens Halikarnassischen Gütern
gehörten, der Venus Urania geheiligt hatte! Wie glücklich pries man sich, dass
man den Einfall gehabt hatte, der Göttin, statt ihres alten in Ruinen gefallnen
Capellchens, den schönen marmornen Tempel aufzuführen, und ihn mit den
Hauptgebäuden der Villa, besonders mit demjenigen, welches zu teatralischen
Vorstellungen eingerichtet war, in unmittelbare Verbindung zu bringen! - Der
Plan und die Ausführung gab sich nun von selbst; und die wenigen Tage, die du in
dem heiligen Hain und bei mir in meiner Felsenwohnung zubrachtest, waren völlig
hinreichend, alle zu unserem Zauberspiele nötigen Maschinen in Bereitschaft zu
setzen.
    Du begreifst nun, fuhr Dioklea fort, wie natürlich es zuging, dass du auf
deinen Brief ohne Namen eine Antwort mit der Aufschrift, an Peregrinus Proteus
von Parium, auf deinem Schoss fandest, als du im Hain aus einem Schlafe
erwachtest, der, ohne dass du es merktest, sehr genau beobachtet worden war.
Mamilia, die vor Ungeduld brannte den wunderbaren Jüngling selbst in Augenschein
zu nehmen, hatte ihn mit eigner Hand auf deinen Schoss gelegt. Der schlafende
Endymion kann schwerlich seine Göttin stärker bezaubert haben als du die
deinige, da sie dich, wie in einem süssen Traume, in der schönsten Beleuchtung
des durch einige Zweige gebrochnen Mondlichtes, vor sich liegen sah. Du wirst
mir, da du die Lebhaftigkeit dieser feurigen Römerin nun kennst, gern glauben,
dass ich alle Mühe von der Welt hatte, sie wieder wegzubringen, ehe sie sich,
durch den Kuss den sie dir geben wollte, in Gefahr setzte, den schlummernden
Träumer zur Unzeit aufzuwecken. Mir kostete diese Scene meinen Schlaf; denn ich
musste den ganzen Rest der Nacht an Mamiliens Bette zubringen, um die Ergiessungen
ihrer Leidenschaft anzuhören, und ihre Ungeduld durch die Beschreibung aller
Maschinen, die zu ihrem Vorteile zusammenspielen sollten, einzuschläfern. Wir
konnten nicht zweifeln, dass die blosse Versetzung in einen so romantischen, mit
lauter schönen Gegenständen angefüllten Ort, verbunden mit dem Scheine des
Wunderbaren, den alles von sich werfen sollte, auf einen Neuling, den seine
eigene Schwärmerei und die ihm unbewusste Magie des noch mit seiner ganzen Stärke
wirkenden Naturtriebes so ganz wehrlos in unsre Hände lieferte, schon sehr viel
zur Beförderung unsers Anschlages tun würde. Aber das meiste kam doch auf den
ersten Eindruck an, den die Tochter des Apollonius bei der ersten Zusammenkunft
auf dich machen sollte; und daher wurden auch (wie du dich erinnern wirst) alle
Umstände so gewählt und verbunden, dass sie die verlangte Wirkung tun mussten,
und dass keiner hätte fehlen dürfen, ohne dieser etwas von ihrer Stärke zu
benehmen. Alles musste mit deinen entusiastischen Ideen zusammen klingen, alles
musste sie wahr machen und immer höher spannen, alles in deinen Augen
ungewöhnlich und wunderbar sein und dir doch natürlich vorkommen, alles
übereinstimmen deine Vernunft vollends zu betäuben, und deine bezauberte Seele
mit ungewissen Erwartungen, neuen entzückenden Gefühlen, und dumpfer Ahndung der
hohen Mysterien, die der Gegenstand deiner Wünsche waren, anzufüllen. Bei einem
so arglosen, so unerfahrnen, so schwärmerischen Jüngling war wenig zu besorgen,
dass er das Maschinenspiel, wodurch er gefangen werden sollte, so leicht
entdecken würde: aber du wirst dich nun auch hintennach erinnern, wie sorgfältig
alles darauf angelegt war, dir eine solche Entdeckung unmöglich zu machen.
Unsere Nymphen und Amoretten, die gewandtesten Geschöpfe von der Welt, waren
jedes zu seiner Rolle aufs beste abgerichtet. Die Beschaffenheit des Ortes, und
die Art, wie die Gärten der Villa von dem geheiligten Hain und dem Bezirke, der
die Felsenwohnung umgibt, abgesondert sind, liess dich nicht ahnden, dass eine
solche Villa in der Nähe sei. Wiewohl der hintere Teil des Tempels, der dem
Anschein nach an einen Felsen angelehnt ist, unmittelbar mit derselben
zusammenhängt, so war diese Verbindung doch durch die dichten Gebüsche und hohen
Bäume, die den Tempel umgeben, so gut versteckt, dass sie ohne eine sehr genaue
Untersuchung schwerlich entdeckt werden konnte; und sowohl damit du hierzu keine
Gelegenheit finden möchtest, als um die gute Wirkung der Teophanien, womit wir
dich beglücken wollten, zu befördern, wurde dir gleich anfangs zum Gesetz
gemacht, dass der Tempel nur nach Sonnenuntergang besucht werden dürfe. Die
Bildsäule der Göttin war schon lange zuvor nach dem Modell der schönen Mamilia
verfertigt worden, und eine jede andere, wäre es auch die Knidische selbst
gewesen, würde zu unserer Absicht nichts getaugt haben. Ohne Zweifel wäre diese
Absicht eben so wenig erreicht worden, wenn sie dir bei Tageslicht und an einem
andern Orte, als das Bild irgend einer schönen Römerin, gezeigt worden wäre.
Aber nachdem die Idee der Göttin in deiner Phantasie nun einmal mit diesem Bilde
zusammengeschmolzen war, und Mamilia, sogar im Marmor, schon beim zweiten
Besuche deine Sinne so stark beunruhiget hatte: so durften wir es wagen, sie dir
mit ihren Grazien in eigener leibhafter Person, wiewohl in Wolken und in einem
übernatürlich scheinenden Lichte, erscheinen zu lassen, und konnten um so
gewisser sein, dass die abgezielte Täuschung bei dir erfolgen, und dass dir selbst
der Taumel deiner Sinne als eine natürliche Folge der vermeinten Teophanie
erscheinen werde, da du, zu allem Überfluss, durch die zwischen uns
vorgefallenen Unterredungen (deren du dich vermutlich noch besinnest) so
trefflich zu dieser Scene vorbereitet warst. Denn du wirst nun leicht begreifen,
warum ich zu eben der Zeit, da ich dich des Wohlgefallens der Göttin an der
Reinheit deiner Empfindungen versicherte, mir so angelegen sein liess, dich zu
überzeugen, dass es in ihrem Belieben stehe, durch welche Art von Einwirkung sie
sich dir mitteilen wolle. - Spitzbübin! rief ich (wiewohl mit einer Umarmung,
die ich ihrer reizend schalkhaften Miene nicht versagen konnte), ich erinnere
mich noch deiner eigensten Worte: »ist die Liebe, die sie dir eingeflösst hat,
nicht ihr eignes Werk? Kann Liebe ohne Verlangen, Verlangen ohne Ausdruck sein?
Die reinste Liebe - Venus Urania kann keine andere erwecken - veredelt und
verfeinert die Sinne, erhöht und begeistert sie, aber vernichtet sie nicht.« -
Du hast ein treffliches Gedächtnis, versetzte sie lächelnd: vermutlich
verstehst du nun auch, - nachdem wir dir den Schlüssel nicht nur zu dem was mit
dir vorgenommen wurde, sondern auch zu dem was in dir vorging, gegeben haben -
was ich damit meinte, als ich zu zweifeln schien, »ob du auch einer so rein und
ganz sich hingebenden Liebe, wie die Göttin verlange, fähig seist?« - Und
gleichwohl, bei allen diesen Täuschungen, glaubtest du nicht, als dir Mamilia
mit ihren drei Mädchen in der helldunkeln Wolke von gemalter Leinwand erschien,
die Göttin der Liebe selbst mit ihren ewig jugendlichen Grazien zu erblicken?
und kannst du läugnen, dass dich diese vermeinte Teophanie unaussprechlich
glücklich machte? - Weil ich sie für Teophanie hielt, fiel ich ihr ins Wort. O
dass ihr mich doch ewig in diesem Wahne gelassen hättet! - Sei versichert,
antwortete Dioklea, es wäre geschehen, wenn nicht die Natur selbst es unmöglich
gemacht hätte, nach dem höchsten Grade von Genuss, dessen die Sinne fähig sind,
noch länger getäuscht zu werden. Aber, wer wollte sich, wenn er so glücklich
geworden ist als es ein Sterblicher sein kann, noch beklagen, dass man ihn nicht
gar zum Gott gemacht hat? Und zudem, hattest du nicht, in den Stunden da sich
die Göttin in Mamilien verwandelte, Augenblicke, worin du dich wirklich
vergöttert fühltest? - »O da war mir Mamilia noch immer die Göttin selbst.« -
Und sollte sie es nicht, trotz aller Aufschlüsse die du bekommen hast, wieder
werden können? sagte Dioklea.
    Die Zurückkunft der schönen Römerin, die dieser sonderbaren Unterredung ein
Ende machte, verfehlte die Wirkung nicht, welche die Tochter des Apollonius von
ihren Reizungen und meiner starken Anlage, immer auf eine oder andere Art zu
schwärmen und getäuscht zu werden, erwartete. Meine Verführerinnen glaubten die
ausserordentlichen Mittel, die nun nicht länger zu gebrauchen waren, auch nicht
länger nötig zu haben. Sie hatten den Zauber, der vorher auf meiner
Einbildungskraft lag, nun auf meine Sinne geworfen, und zweifelten nicht, in der
fortwährenden Trunkenheit, worin sie mich durch immer abwechselnden Genuss der
ausgesuchtesten Vergnügungen zu erhalten wussten, mich unvermerkt dahin zu
bringen, dass meine vorige Denkungsart mir selbst endlich eben so lächerrlich
werden müsste als sie ihnen war. Kurz, sie hofften mich aus dem eifrigsten
Verehrer und Nachahmer des Pytagoras und Apollonius in den ausgemachtesten
Epikuräer zu verwandeln. Auch in den Künsten, die zu einer solchen Operation
erfordert wurden, war Dioklea eine ausgelernte Meisterin; und hätte nur Mamilia
mehr Gelehrigkeit für ihre Unterweisungen gehabt, so möchte es ihr, wo nicht auf
eine sehr lange, doch gewiss auf eine weit längere Zeit gelungen sein, mich in
dem Taumel zu erhalten, der in den ersten Tagen nach ihrer Zurückkunft mein
ganzes Dasein in einem fortdauernden Moment von Genuss und Wonne verschlang. Aber
diese kluge Mässigung, die allen Befriedigungen der Sinne so nötig ist, diese
Kunst dem Überdruss von ferne schon zuvorzukommen, die Begierde immer lebendig
zu erhalten, sie auf tausendfache Art zu ihrem desto grössern Vergnügen zu
hintergehen, sie in jedem Genuss einen noch vollkommnern ahnden zu lassen, und
dies alles auf eine so ungezwungene Art und mit so viel Grazie zu
bewerkstelligen, dass es Natur scheint, - alle diese feinen Künste, worin Dioklea
unübertrefflich war, vertrugen sich nicht mit der raschen Sinnesart der feurigen
Römerin. Der Zwang, den sie sich hätte auflegen müssen, um ihren Adonis wie
einen Liebhaber, den man verlieren könnte, zu behandeln, war der Tod des
Vergnügens in ihren Augen: kurz, sie betrug sich als ob sie wirklich die Göttin
wäre, deren Rolle sie so gern spielte; und ihr Günstling hätte nichts Geringer's
als der ewig junge Apollo oder der unerschöpfliche Sohn der Alkmena sein müssen
um nicht viel eher, als sie es vielleicht erwarten mochte, gesättigt, ermüdet,
und wieder zu sich selbst gebracht zu werden.
    Wie unangenehm die Gefühle und Betrachtungen sein mussten, die auf dieses
zweite Erwachen folgten, wird dir die Kenntnis, die du bereits von der eigenen
Form meiner Seele, und der sonderbaren Vorstellungsart die ihr natürlich war,
erlangt hast, anschaulicher machen, als ich es durch irgend eine Schilderung
bewirken könnte. Diese Form, diese Vorstellungsart war mir zu wesentlich, um
durch irgend eine zufällige Veränderung ausgelöscht zu werden. Die ungewohnte
Trunkenheit, worein Mamiliens Zauberbecher meine Sinne gesetzt hatte, konnte
unter keinen Umständen von langer Dauer sein; und ihre verschwenderische Art zu
lieben beschleunigte nur den Augenblick des Erwachens.
    Mein erstes Gefühl in diesem schmerzlichen Augenblicke war die Höhe, von
welcher ich gefallen war, und die Tiefe, worin ich lag. Aber glücklicherweise
war es nicht der Sturz eines Ikarus, dessen mit Wachs zusammengeleimte Flügel an
der Sonne schmolzen, sondern der Fall eines Platonischen Dämons aus den
überhimmlischen Räumen in den Schlamm der gröbern Elemente. Wie gross auch meine
Beschämung darüber war, so fühlte ich doch, dass mich dieser Fall nur erniedriget
und besudelt, nicht zerschmettert hatte. Die Schwingen meiner Seele waren nicht
zerbrochen; ich konnte sie wieder loswinden, mich wieder in die reinen Lüfte,
die ich gewohnt war, emporschwingen, und die Erfahrungen selbst, die mich jetzt
demütigten, konnten mir dazu dienen, mich künftig vor ähnlichen Verirrungen zu
hüten, und das Ziel meiner innersten Wünsche desto sicherer zu erreichen.
    Dieses Gefühl allein, oder vielmehr die Ahndung dieser Gedanken, und das
dunkle Bewusstsein der in mir liegenden Kräfte und Hülfsquellen war es, was mich
in den ersten Augenblicken vor Verzweiflung bewahrte. Aber es fehlte viel, dass
Gedanken wie diese gleich anfangs die Oberhand gehabt, und mit ihrer ganzen
Stärke auf mich gewirkt hätten. Im Gegenteil, ich wurde finster, missmutig und
übellaunisch; alles umher verlor seinen Reiz und Glanz, und nahm die Farbe
meiner düstern Seele an; ich verachtete mich selbst, und zürnte bitterlich auf
diejenigen, die mich dazu gebracht hatten. Und dennoch hatte dieses Seelenfieber
seine Abwechslungen; und ich lernte nun verstehen, was Xenophons Araspes64 mit
dem Streit seiner beiden Seelen sagen wollte, denn ich erfuhr es in mir selbst.
Ich schämte mich, wie ein anderer nektartrunkner Ixion65, eine Teatergöttin für
Venus Urania genommen zu haben, und erinnerte mich doch mit Entzücken der
Augenblicke wo mich diese Täuschung zum glücklichsten aller Sterblichen machte.
Ich betrachtete in den Stunden der bösen Laune die üppige Mamilia als eine
zauberische Lamie, die mich bloss deswegen nährte und liebkosete, um mir alles
Blut aus den Adern zu saugen; und bald darauf, wenn ein Becher voll
unvermischten Weins von Tasos in der schönen Hand dieser Lamie dargeboten, und
zuvor von ihren wollustatmenden Lippen beschlürft, meine Lebensgeister wieder
in Schwingung setzte, war ich wieder schwach genug, eine irdische Venus in ihr
zu sehen, und in ihren immer willigen Armen neuen Stoff zu der bittern Reue zu
holen, die meine einsamen Stunden vergiftete.
    Wie sehr ich mich auch eine Zeit lang bemühte, diesen peinvollen Zustand
meines Gemütes vor Mamilien und ihrer scharfsichtigen Freundin zu verbergen, so
war es doch (wie du leicht denken kannst) eben so verlorne Mühe, als alles was
diese Damen sagen und tun konnten, um die einmal aufgelöste Bezauberung der
ersten Wonnetage wieder herzustellen. Die Römerin hoffte es durch Verdopplung
dessen, was sie ihre Zärtlichkeit nannte, zu bewerkstelligen, beschleunigte aber
dadurch die gegenseitige Wirkung. Die Tochter des Apollonius versuchte es auf
einem andern Wege. Sie liess meine Sinne unangefochten, machte bloss die Freundin
und Ratgeberin, schien nichts Angelegneres zu haben als mich zu beruhigen und
mit mir selbst auszusöhnen; und indem sie die Unterredung bei jeder Gelegenheit
vom Gegenwärtigen ablenkte und ins Allgemeine spielte, suchte sie mir unvermerkt
eine feine Aristippische Art zu philosophieren einleuchtend zu machen, die in
ihrem Munde eine so einnehmende Gestalt annahm, dass die ganze Widerspänstigkeit
eines zum Entusiasten gebornen Menschen dazu erfordert wurde, nicht von ihr
gewonnen zu werden. Sie erhielt indessen doch immer so viel, dass die Grazien
ihres Geistes, die sich in diesen Gesprächen in so mancherlei vorteilhaftem
Lichte zeigen konnten, mir ihren Umgang immer unentbehrlicher und gar bald zu
dem einzigen machten, was mich an diesen Ort fesselte. Wir verirrten uns unter
diesen Gesprächen zuweilen in ihre Felsenwohnung, oder in das Rosenwäldchen,
dessen Anblick so viel angenehme Erinnerungen in meiner Seele wieder anklingen
machte; und nicht selten endigte sich dann unser Streit über die Verschiedenheit
unsrer Grundbegriffe auf eine Art, die das Uebergewicht der Aristippischen
Philosophie über die Platonische völlig zu entscheiden schien; wiewohl im Grunde
nichts dadurch bewiesen wurde, als die Schwäche des Platonikers, und die grosse
Fertigkeit seiner Gegnerin in dem, was man die Sophisterei ihres Geschlechts
nennen möchte. Genug, sie verhalf der schlimmern Seele zu manchem schmählichen
Sieg über die bessere: aber eben dies stürzte mich unversehens in jenen
gewaltsamen und qualvollen Zustand zurück, der von dem ewigen Widerspruch
zwischen einer Art zu denken, deren Wahrheit man im Innersten fühlt, und einem
Betragen, das man immer hintennach missbilligen muss, die natürliche Folge ist.
    Während dieses seltsame Verhältnis zwischen Diokleen und mir bestand, hatte
Mamilia, deren Leidenschaften eben so schnell verbraus'ten als aufloderten,
einen neuen Gegenstand für ihre launenvolle Phantasie gefunden. Sie war fast
immer abwesend, und schien sich eine geraume Zeit gar nicht mehr um mich zu
bekümmern. Ohne Zweifel trug die Ruhe, die sie uns liess, viel dazu bei, dass auch
jenes Verständnis mit Diokleen, das im Grunde weder Liebe noch Freundschaft war,
den Reiz ziemlich bald verlor, den es anfangs für mich gehabt hatte. Der leeren
Stunden wurden immer mehrere, in welchen der Zweikampf der beiden Seelen sich
erneuerte, und der Sieg sich endlich auf die Seite der bessern neigte, ohne dass
Dioklea, die es auf der andern Seite an mancherlei Kriegslisten nicht fehlen
liess, mehr als einige Verzögerung ihrer gänzlichen Niederlage bewirken konnte.
Ich sah mich mit Unwillen und Selbstverachtung wie in den Stall einer neuen
Circe eingesperrt. Jeden Morgen stand ich von meinem weichen aber meist
schlaflosen Lager mit dem Vorsatz zu entfliehen auf, und legte mich jede Nacht
mit Grimm über mich selbst nieder, dass ich den Mut nicht gehabt hatte ihn
auszuführen.
    Einsmals, da ich mit der ersten Morgenröte aufgestanden war, und in dem
abgelegensten Teile des Waldes, der an Mamiliens Gärten stiess, verdriesslich und
unentschlossen herum irrte, kam eine reizende weibliche Gestalt zwischen den
Bäumen hervor geschlichen, die mich aufzusuchen schien, und in welcher ich bald
eine der vermeinten Nymphen erkannte, die uns in Diokleens Felsenwohnung bedient
hatten. Diese Sklavin, Myrto genannt, war eines von den Geschöpfen, die eine
allgemeine Empfehlung an die ganze Welt in ihrem Gesichte tragen; und sie redete
mich mit so vieler Anmut und anscheinender Schüchternheit an, dass ich nicht
stark genug war, die Unhöflichkeit zu begehen und ihr den Rücken zuzukehren, wie
mein erster Gedanke gewesen war, da ich sie erkannte. Sie sagte mir, sie habe
schon lange diese Gelegenheit gesucht mich allein zu finden, um mir verschiedene
Dinge, die mir nicht gleichgültig sein könnten, zu entdecken; und nachdem wir
uns in einem Gebüsche, wo wir nicht überrascht zu werden besorgen durften,
gesetzt hatten, fing sie damit an, mir im engesten Vertrauen eine Menge geheimer
Nachrichten von Mamilien mitzuteilen, die nicht sehr geschickt waren den
Widerwillen zu mildern, den ich bereits gegen diese Venus Pandemos66 gefasst
hatte. Aber was der guten Nymphe ganz besonders am Herzen lag, war die allzu
günstige Meinung herunter zu stimmen, die ich von ihrer Gebieterin Dioklea zu
hegen schien. Die umständliche Geschichte, die sie mir von ihr erzählte, würde
uns zu weit von der meinigen entfernen; ich will also nur das Wesentlichste
davon berühren.
    Die sogenannte Dioklea war, unter den Namen Chelidonion, Dorkas, Philinna,
Anagallis, und einer Menge anderer dieser Art, schon zwanzig Jahre in
Griechenland, Italien und Gallien eine der bekanntesten Personen ihrer Classe
gewesen, ehe sie zu Halikarnass als Prophetin auftrat und sich Dioklea nennen
liess. Ein junger Tessalier hatte sie beinahe noch als Kind zu Korint einem
Manne abgekauft, der mit hübschen Mädchen handelte, und ein feines Sortiment von
dieser schlüpfrigen Waare beisammen hatte. Ein paar Jahre hernach bekam ein
alter Epikuräer zu Aten Lust zu ihr, als sie mit einer kleinen Truppe von
herumziehenden Tänzern und Luftspringern in Gestalt einer Flötenspielerin vor
seine Türe kam: er nahm sie zu sich, und fand grosses Belieben daran, die
mannichfaltigen Talente, die er in dem Mädchen aufkeimen sah, auszubilden, und
ihr die Maximen von Klugheit und Wohlanständigkeit einzuprägen, durch deren
Beobachtung sie sich in der Folge so weit über die meisten Personen ihrer Classe
erhob. Nachdem sie noch durch verschiedene andere Hände gegangen war, und
allerlei Abenteuer bestanden hatte, erschien sie zu Antiochia und Alexandria
unter dem Namen Anagallis als die schönste und geschickteste Mimentänzerin, die
man jemals in Syrien und Aegypten gesehen hatte. Sie zeigte sich nach und nach
in dieser Eigenschaft in verschiedenen Provinzen des Römischen Reichs, und
endlich in Rom selbst, wo sie einige der ersten Senatoren und Hofleute unter
ihren Anbetern zählte. Nun erschien sie nicht mehr öffentlich auf dem
Schauplatz, sondern lebte von den Einkünften ihrer Reize und Geschicklichkeiten,
mit dem verschwenderischen Aufwand einer Person, die es in ihrer Gewalt zu haben
glaubt, sich überall die Mächtigsten und Reichsten zinsbar zu machen. Indessen
hörte sie unvermerkt auf neu und jung zu sein, die Quellen ihres Aufwands
flossen immer spärlicher, und sie fand sich endlich genötiget, in Gallien,
Sicilien und Griechenland ihre vorige Profession wieder auszuüben. Da sie aber
die grosse Wirkung nicht mehr tat, die sie in der glänzendsten Zeit ihrer Blüte
zu tun gewohnt worden war, so gab sie diese Lebensart wieder auf, veränderte
ihren Namen, und gesellte sich zu einer in Pontus, Cappadocien und Syrien
herumwandernden Bande von Isispriestern, deren Gewerbe sie durch ihre
erfinderische Einbildungskraft und die Mannichfaltigkeit ihrer Talente sehr
einträglich zu machen wusste. In dieser Epoche ihres Lebens, fuhr die Nymphe
fort, war es, wo sie sich mit allen den goëtischen, magischen und teurgischen
Mysterien und Künsten vertraut machte, wodurch sie geschickt wurde, einige Zeit
darauf, als die besagte Bande durch ein unangenehmes Abenteuer aus einander
getrieben worden war, die Rolle einer vorgeblichen Tochter des göttlichen
Apollonius zu spielen, und unter dem Schutze der Römerin Mamilia Quintilla,
einer erklärten Liebhaberin alles Ausserordentlichen, eine Art von Orakelbude in
dem heiligen Hain der Venus Urania, der ein Zugehör ihrer Halikarnassischen
Güter ist, aufzurichten. Der Name einer Erbin der Wissenschaften des grossen
Apollonius, der mystische Schleier worein sie sich hüllte, ihre sonderbare
Lebensart, und die vielerlei Gerüchte, die sie von ihrer prophetischen Gabe,
ihrem geheimen Umgang mit den Göttern, und den Wunderdingen die sie verrichtet
hätte, unter das Volk zu bringen wusste, fing schon an in Karien und den
benachbarten Gegenden zu wirken, und gab der Prophetin gute Hoffnung, in dem
Aberglauben begüterter Toren eine neue ergiebige Quelle von Einkünften zu
finden: als die Entschliessung der Dame Mamilia, diese Villa zu ihrem
gewöhnlichen Aufentalte zu machen, der ganzen Sache eine andere Wendung gab.
Dioklea wurde nun bekannter mit der edlen Römerin, und bemächtigte sich in
kurzem ihrer Zuneigung in einem so hohen Grade, dass sie die vertrautesten
Freundinnen wurden: und da die Prophetin kein Geheimnis mehr für ihre neue
Freundin hatte, so wurde beschlossen, dass sie die angefangene Rolle, wiewohl mit
verschiedenen Abänderungen die zu Mamiliens Absichten nötig schienen,
fortsetzen sollte. Die Mysterien der Venus Urania, zu deren Priesterin sie sich
aufwarf, schienen der wollüstigen Römerin eine Menge unterhaltender Scenen zu
versprechen, wodurch sie das Einförmige des ländlichen Lebens zu
vermannichfaltigen, und ihrem Hang zu romantischen Einfällen und sonderbaren
Liebesabenteuern Nahrung zu geben hoffte. Dioklea ordnete alle Einrichtungen an,
die in den Gebäuden und Gärten der Villa zu diesem Ende für dienlich gehalten
wurden, alles ging nach Wunsch von Statten, und schon mancher Unvorsichtige
hatte sich in den Schlingen gefangen, die der treuherzigen oder lüsternen Jugend
hier überall gelegt waren, ehe mein Verhängnis, oder - um die Sache mit ihrem
rechten Namen zu nennen, meine Torheit mich, wiewohl auf meine eigene Weise, zu
ihrem Nachfolger machte. Es wäre, setzte die geschwätzige Nymphe hinzu, zwischen
den beiden Sirenen verabredet, dass Mamilia die Unglücklichen, die ihnen in die
Klauen gerieten, sobald ihr die Phantasie zu ihnen vergangen wäre, ihrer
dienstfertigen Freundin überliesse. Dieses schreckliche Schicksal würde, wofern
ich es nicht bereits erfahren hätte, auch das meinige sein. Sie schilderte mir
hierauf die Dame mit den vielen Namen als eine wahre Zaubrerin; es sei nicht
anders möglich, sagte sie, das Weib müsse unerlaubte magische Mittel dazu
gebrauchen, um die feinsten Männer so unbegreiflich zu verstricken, dass sie in
einer Hetäre, die der halben Welt angehört habe, und die ohne die Hülfe der
Färbekunst, des Pinsels und aller nur ersinnlichen Geheimnisse des Putztisches,
der Kumäischen Sibylle gleich sehen würde, die liebenswürdigste Person ihres
Geschlechtes zu umarmen glaubten. Aber dies sei gewiss, dass ich mir vergeblich
schmeicheln würde, jemals diesen Ort verlassen zu können, so lange Dioklea mich
zurück behalten wolle; und ich könnte versichert sein, dass sie dies so lange
wolle, bis sie mich durch ihre verderblichen Liebkosungen zum Schatten
abgemergelt, und in ein wahres Gespenst verwandelt haben werde.
    Die Lebhaftigkeit, womit die schöne Myrto diese Uebertreibungen vorbrachte,
hatte mir ihre Absicht bei der ganzen Vertraulichkeit schon verdächtig gemacht,
als sie, nach einer kleinen Pause, mit dem Tone des zärtlichsten Mitleidens und
mit aller Verführung, die sie in ihre schwarzen Augen legen konnte, fortfuhr:
der Gedanke, dass ein so liebenswürdiger Mann wie ein Wachsbild an dem
Zauberfeuer einer so schändlichen Empuse dahin schmelzen sollte67, sei ihr
unerträglich; sie hätte seit dem ersten Augenblicke, da sie mich in der
Felsenwohnung gesehen, einen Anteil an mir genommen, der sie zu meiner genauen
Beobachterin gemacht habe; sie finde mich eines bessern Looses würdig; und kurz,
wenn ich ihre uneigennützige Freundschaft mit einiger Gegengunst belohnen
wollte, so fühle sie sich stark genug, mir alle Annehmlichkeiten ihrer Lage in
diesem Hause aufzuopfern, meine Flucht zu befördern, und mir, an welchen Orte
der Welt es mir gefiele, zu folgen.
                                    Lucian.
    Das uneigennützige Nymphchen hätte also doch mit dem Rest, den die Empusen
von dir übrig gelassen, grossmütig fürlieb genommen?
                                   Peregrin.
    Sie war noch uneigennütziger als du denkst; denn es zeigte sich in der
Folge, dass sie, wie ihr der Anschlag alles zu haben nicht gelingen wollte,
bescheiden genug gewesen wäre, mich mit den Empusen zu teilen. Ich machte mich
mit so guter Art als ich konnte von ihr los, indem ich ihr ein unverbrüchliches
Stillschweigen über die Geheimnisse, die sie mir vertraut hatte, angeloben
musste. Die Flucht, womit ich schon mehrere Tage umging, war mit so wenig
Schwierigkeiten verbunden, dass ich der Hülfe dieser Sklavin dazu nicht vonnöten
hatte. Aber, anstatt dass ihre geheimen Nachrichten von Diokleens bisherigem
Lebenslauf, und die Furcht, die sie mir vor ihrer angeblichen Zauberei
einzujagen hoffte, meine Lust zum Fliehen hätte vermehren sollen, fand ich mich
nach dieser Unterredung weniger dazu geneigt als jemals. Ich konnte mich nicht
entschliessen, die Villa Mamilia zu verlassen, bevor mich Dioklea eine Probe
ihrer so hoch gerühmten Geschicklichkeit in der pantomimischen Tanzkunst hätte
sehen lassen. Ich ergriff die erste Gelegenheit, die sich anbot, um zu versuchen
ob ich ihr Lust dazu machen könnte, ohne ihr merken zu lassen, dass ich mehr von
ihrer Geschichte wisse, als sie mir selbst davon zu entdecken beliebt hatte. Es
traf sich, dass einer von den Knaben und eines von den kleinen Mädchen, womit
dieses Haus so reichlich bevölkert war, während wir bei Tische sassen, die Fabel
von Amor und Psyche ganz artig für Kinder ihres Alters tanzten. Ich möchte wohl,
sagte ich, nachdem wir ihnen eine Weile zugesehen hatten, ein so schönes Sujet
von der berühmten Anagallis tanzen gesehen haben! Mein Wille war, indem ich dies
sagte, so unbefangen dazu auszusehen, dass Dioklea glauben müsste, ich dächte
nicht mehr noch weniger dabei, als wenn ich gewünscht hätte die Glycera des
Menanders oder die Corinna des Ovidius gesehen zu haben: aber ich errötete, zu
meinem grossen Verdruss, so plötzlich und stark bei dem Namen Anagallis, dass sie
leicht merken konnte, ich müsse mehr von ihr wissen als ich das Ansehen haben
wollte. Ohne die geringste Betroffenheit in ihrem Gesichte zu zeigen, versetzte
sie: du hast also auch von dieser Anagallis gehört? Und da ich mich wunderte,
wie sie daran zweifeln könne, flüsterte sie mir lächelnd zu: ich bin eine
mächtigere Zaubrerin als du denkst; du sollst sie tanzen sehen, wiewohl sie
schon eine geraume Zeit aus der Welt verschwunden ist.
    Ein paar Tage darauf lud sie mich zu einem kleinen Schauspiel ein, das sie
mir zu Ehren veranstaltet habe. Die Scene war mit zwei Chören von Liebesgöttern,
Zephyrn und jungen Nymphen besetzt, die unter einem mit Musik begleiteten Tanz
einen Lobgesang auf Amor und Psyche zu singen anfingen. Bald darauf teilten sie
sich wieder zu beiden Seiten, und es erschien eine Tänzerin, die mir beim ersten
Anblick die nämliche Psyche darstellte, die ich öfters in Mamiliens Galerie
betrachtet hatte, wo sie, von der Hand Aëtions gemalt, unter die vorzüglichsten
Zierden derselben gerechnet wurde. Ihre Kleidung, von einem sehr zarten
Indischen Gewebe, zeichnete mit Anstand und Grazie die zierlichste
Jugendgestalt, und eine Fülle der feinsten goldgelben Haare floss in grossen
ringelnden Locken um ihre schönen Schultern den Rücken hinab. Ohne diese gelben
Haare hätte sie beim ersten Anblick Dioklea scheinen können; wiewohl die
Tänzerin auch noch schlanker und feiner gebildet schien. Ich betrachtete sie mit
einem halb schauderlichen Erstaunen, ungewiss wofür ich sie halten sollte, und
beinahe zweifelhaft, ob das was ich sehe nicht wirklich ein Wunder der
Zauberkünste sei, deren die Sklavin Myrto ihre Gebieterin beschuldigt hatte.
Aber das sogleich angehende Spiel ihrer Arme und Hände, oder vielmehr die
bewundernswürdige Musik aller Glieder und Muskeln ihres ganzen Körpers, die mit
unbeschreiblicher Fertigkeit, Wahrheit und Anmut zu einem immer malerischen und
vorbildenden Ausdruck der Fabel, deren verschiedene Scenen sie darstellte,
zusammenstimmten - bemächtigte sich meiner ganzen Aufmerksamkeit zu stark, um
einem andern Gedanken Raum zu lassen. Dieser pantomimische Tanz - der, ohne
Hülfe der Wortsprache, bloss von einer melodiösen und ausdrucksvollen Musik
unterstützt, in einer allgemein verständlichen, unmittelbar zur Empfindung und
Einbildungskraft redenden Sprache, die feinsten Schattierungen nicht nur der
stärkern Leidenschaften, sondern sogar der zartesten Gemütsregungen, den Augen
mit der grössten Deutlichkeit verzeichnete - gewährte mir ein Vergnügen, das nach
und nach zu einem nie gefühlten und beinahe unaushaltbaren Entzücken stieg. Aber
was wurde erst aus mir, als auf einmal alle Amoretten und Nymphen verschwanden,
und die reizende Psyche in meine Arme flog, mich vollends zu überzeugen, dass sie
mir Wort gehalten, und - um mich einen der stärksten Züge aus dem Nektarbecher
der Wollust tun zu lassen - wieder Anagallis geworden sei! - O gewiss warst du
eine Zaubrerin, Dioklea! wiewohl in einem andern Sinn als es die uneigennützige
Myrto nahm; in dem einzigen, worin es vermutlich jemals Zaubrerinnen gegeben
hat: denn alles was Natur und Kunst Reizendes, Verführerisches und
Seelenschmelzendes haben, war in dir aufgehäuft! Wer hätte, mit einer
Empfindlichkeit wie die meinige, deinen Zaubereien widerstehen können! - Diese
einzige Stunde, Lucian, warf mich auf einmal mitten in den Taumel der ersten
Tage meiner Verirrungen zurück: und da die Gefälligkeit der wieder auferstandnen
Anagallis eben so unerschöpflich war, als die Quelle dieser neuen Art von
Unterhaltung, wozu ich ihr so unverhofft Gelegenheit gemacht hatte, so dauerte
dieser neue und letzte Rückfall länger, als ich dir ohne Beschämung gestehen
dürfte.
                                    Lucian.
    Ich glaube gar, du willst dir noch leid sein lassen, dass die Götter des
Vergnügens mit ihren Wohltaten so verschwenderisch gegen dich gewesen sind?
Täuschung oder nicht! welcher König (möchte ich mit Anagallis-Dioklea sagen), ja
welcher Weise in der Welt hätte sich nicht um diesen Preis täuschen lassen
wollen!
                                   Peregrin.
    Um die Sache in ihrem wahren Lichte zu sehen, lieber Lucian, musst du dich in
meine eigenste Person hineindenken, und den Zustand, worin du mich so
neidenswürdig findest, mit demjenigen vergleichen, worin ich von Kindheit an
aufgewachsen war, und der im Grunde als eine blosse Entwicklung meines Ichs
anzusehen ist. Wäre meine vorige Gemütsverfassung, und die ganze Sinnesart,
woraus sie entsprang, bloss das Werk einer unfreiwilligen Beraubung angenehmer
Gegenstände, und also eines notgedrungnen Bedürfnisses, den Mangel eines
reellen Genusses durch Chimären zu ersetzen - kurz, wäre das hohe Selbstgefühl,
die innere Ruhe, die Zufriedenheit mit mir selbst, das Ahnden einer erhabenen
Bestimmung, und das Aufstreben zu idealischer Vollkommenheit, die mein
vormaliges Glück ausmachten, blosse Täuschung gewesen: dann wäre wohl nichts
begreiflicher, als warum sie gegen eine Kette der lebhaftesten und
ausgesuchtesten Vergnügungen der Sinne und des Geschmacks, welche keine
Täuschungen sind, nicht hätten aushalten können. Aber jene Ideen und
Gesinnungen, wie viel oder wenig sie auch mit Wahnbegriffen in meinem Kopfe
verschlungen sein mochten, waren meinem Gemüte natürlich und wesentlich; die
moralische Venus, die meinem Geiste vorschwebte, war kein Phantom, sondern ewige
unwandelbare Wahrheit; nicht dieses Ideal, sondern meine durch erwachende
Naturtriebe überraschte Phantasie, hatte mich in das künstliche Netz gelockt,
das meiner erfahrungslosen Jugend von sinnlicher Liebe und Wollust gestellt
wurde. Dies, däucht mich, macht einen grossen Unterschied; und bei dieser
Bewandtnis der Sache ist wohl nichts natürlicher, als dass ich keine dauernde
Zufriedenheit in einem Zustande finden konnte, worin tausend andere sich viele
Jahre lang den Göttern gleich geachtet hätten.
    Indessen dauerte doch dieser letzte Rückfall in das goldne Netz der
Zaubrerin Dioklea lange genug, dass ich das Vergnügen hatte mein beliebtes
Rosenwäldchen zum zweitenmale in voller Blüte zu sehen. Während dieser Zeit
hatte Mamilia mehr als Einmal den Einfall gehabt, und Mittel gefunden, ihre
vernachlässigten Ansprüche wieder geltend zu machen: da sie aber, nach ihrer
leichten Sinnesart, bloss die Vergnügung einer augenblicklichen Laune suchte, und
weder zu lieben wusste noch geliebt zu werden verlangte, so schien sie mich ihrer
Freundin immer wieder mit eben so wenig Eifersucht zurückzugeben, wie sie ihr
alles übrige, was sie hatte, zum Gebrauch überliess. Denn dies tat sie mit so
wenigem Vorbehalt, dass ein Fremder lange ungewiss bleiben konnte, welche von
beiden die Dame des Hauses sei. Überdies brachte sie einen grossen Teil der
Zeit, die ich noch hier verweilte, bald zu Milet, bald auf ihren Gütern zu
Rhodus zu, und schien sich ohne uns gut genug zu belustigen, um von unserm Tun
und Lassen keine Kenntnis zu nehmen.
    Dioklea bediente sich dieser Freiheit mit so vieler Behutsamkeit, hatte eine
so grosse Mannichfaltigkeit reizender Formen und Umgestaltungen in ihrer Gewalt,
wusste auf so vielerlei Art zu gefallen, und dem Überdruss durch eine so grosse
Abwechslung und eine so feine Mischung der Vergnügungen der Sinne, der
Einbildungskraft und des Geschmacks zuvorzukommen, dass sie sich mit einigem
Rechte schmeicheln konnte, einen bei eben so vieler Empfindsamkeit weniger
sonderbaren Menschen als ich war, noch ziemlich lange in ihren Fesseln zu
erhalten. Gleichwohl konnte sie mit allen ihren Künsten nicht verhindern, dass
die Täuschung, die dazu gehörte, wenn sie sich sogar in den Augen eines sehr von
ihr eingenommenen Zuschauers in eine Psyche, Danae, oder Leda verwandeln sollte,
immer schwerer wurde, je öfter man sie in dergleichen Rollen gesehen hatte; und
wie nichts unterm Monde vollkommen sein kann, so war es ganz natürlich, dass sie
mir, nachdem die Stärke des ersten Eindrucks durch öftere Wiederholung
geschwächt worden war, zuletzt immer weiter unter dem Ideale zu bleiben schien,
dem sie so nahe als möglich zu kommen sich beeiferte.
    Die Zeit, da auch dieser Talisman alle seine Zauberkraft an mir verlor,
rückte immer näher heran, als die schöne Mamilia auf den Einfall geriet, die
bevorstehenden Dionysien durch ein grosses Bacchanal zu feiern, wobei Dioklea die
Ariadne und ich den Bacchus vorstellen sollte.
    Du wirst mich, denke ich, gern mit einer Beschreibung dieses Festes
verschonen, dessen ich mich ungern erinnere, wiewohl es würdig gewesen wäre,
einem Sardanapal68 oder Elagabalus gegeben zu werden. Die üppige Römerin, die
sich viel darauf zu gut tat, die ganze Einrichtung dieser Lustbarkeit mit allen
ihren Scenen selbst erfunden und angeordnet zu haben, hatte sich vorgesetzt, die
Darstellung eines ächten Bacchanals, wie es von Malern und Dichtern geschildert
wird, so weit zu treiben als sie nur immer gehen könnte; und sie hatte zu diesem
Ende eine ziemliche Anzahl frischer wohl gebildeter Jünglinge aus ihren
weitläufigen Landgütern zusammengebracht, welche die Faunen und Satyrn
vorstellen mussten, während sie selbst sich an der bescheidenen Rolle einer
gemeinen Bacchantin genügen liess. Aber, ihrer Meinung nach, der feinste Zug von
Imagination an dem ganzen Feste, und etwas, wodurch sie mich auf eine sehr
angenehme Art zu überraschen hoffte, war: dass sie mit ihrer immer gefälligen
Freundin die Abrede genommen hatte, wenn diese, als Ariadne, ihre Person bis zum
letzten Act gespielt haben würde, sich, unter Begünstigung der Dunkelheit,
unvermerkt an ihren Platz zu setzen, und das übrige in ihrem Namen vollends
auszuspielen. Der arme Bacchus, von einer zweifachen Trunkenheit erhitzt, fand
den Betrug, als er ihn endlich entdeckte, so angenehm, dass er in dem Taumel,
worein der Zusammenfluss so vieler berauschenden Umstände seine Sinne setzte,
mehr Bacchus war als einem Sterblichen geziemet. Mamilia liess nichts, was dem
Charakter einer Bacchantin Ehre machen konnte, unversucht, ihn dazu
aufzumuntern; und um dieses ächte Satyrspiel mit einem recht lustigen Ende zu
krönen, musste zuletzt Ariadne an der Spitze eines Schwarms von Faunen, Satyrn,
Mänaden, Amoretten und Nymphen, alle mit Fackeln in der Hand, unversehens dazu
kommen, und ihren Ungetreuen, unter einem ungezähmten Gelächter des ganzen
Tyasos69, auf der Tat ertappen.
    Dieser letzte Zug stellte den bestürzten After-Bacchus auf einmal in die
vollkommenste Nüchternheit her, und der Zauber, unter welchem er so lange
gelegen, war unwiederbringlich aufgelöst. Ein Mensch, der in einem entzückenden
Traum an Jupiters Tafel mitten unter den seligen Göttern gesessen hätte, und im
Erwachen sich von Gespenstern, Furien, Gorgonen und Harpyien umzingelt fände,
könnte von keinem grauenvollern Erstaunen ergriffen werden, als ich, da ich mich
in einer solchen Lage dem unsittigen Mutwillen einer solchen Gesellschaft Preis
gegeben sah. Indessen behielt ich doch so viel Gewalt über mich selbst, dass ich
die Bewegungen zurückhielt, deren Ausbruch meine Demütigung nur vergrössert, und
die Entschliessung, die ich auf der Stelle fasste, vielleicht unausführbar gemacht
haben würde. Aber sobald das Unvermögen es länger auszuhalten diesen Scenen der
wildesten Schwärmerei endlich ein Ende machte, und die sämmtlichen Bewohner der
Villa, die daran Teil genommen hatten, in einen allgemeinen Schlaf versunken
lagen: raffte ich mich auf, bekleidete mich mit der einfachsten Kleidung die ich
finden konnte, und verliess, ohne von Mamilien und ihrer Freundin Urlaub zu
nehmen, mit einem Vorrat neuer Begriffe und Erfahrungen, den ich mit dem
Verlust meiner Unschuld und Gemütsruhe teuer genug bezahlt hatte, diesen
verhassten Boden, ohne auch nur Einen Blick auf die Wunder der Natur und Kunst,
womit er bedeckt war, zurückzuwerfen.
                                    Lucian.
    Vermutlich war dies gerade was die edle Römerin wollte. Denn, ich kann dir
nicht bergen, dieses Bacchanal, und diese Abrede mit der ehrwürdigen
Venuspriesterin Anagallis, hat mir ganz das Ansehen eines Anschlags, einen
Menschen, der uns lästig zu werden anfängt, mit guter oder böser Art los zu
werden. Die scharfsichtige Dioklea musste dich zu gut kennen, um die Wirkung, die
ein so übertrieben ausschweifendes Possenspiel auf dich tun musste, nicht voraus
zu sehen.
                                   Peregrin.
    Ich denke du hast es getroffen, ob ich gleich noch immer glaube, dass Dioklea
bei dieser ganzen Sache bloss einer allzu grossen Gefälligkeit gegen ihre Freundin
schuldig war. Wie es aber auch damit sein mochte, so war doch jeder Tag, um den
ich eher aus diesen Sirenenklippen entrann, Dankes wert; und wenn ich ihn auch
dem Überdruss der edlen Mamilia Quintilla schuldig gewesen wäre. Allein so viel
Gutes traute ich ihr damals nicht zu; ich besorgte vielmehr, dass es der
launischen und viel vermögenden Römerin leicht einfallen könnte, mir nachsetzen
zu lassen. Diese unnötige Furcht bewog mich, sobald ich zu Halikarnass anlangte,
anstatt den Weg gerade nach Milet zu nehmen, tiefer ins Land hineinzugehen; wo
ich einige Wochen in grosser Verborgenheit damit zubrachte, dem was mit mir
vorgegangen war nachzudenken, und zu überlegen, was für Mittel mir übrig
geblieben sein könnten, das so übel verfehlte Ziel meiner Wünsche zu erreichen.
 
                               Vierter Abschnitt.
                                    Lucian.
    Ich muss gestehen, Freund Peregrin, dass du einen reichen Stoff zu
Selbstgesprächen aus der Villa Mamilia mitgebracht hattest. Mit aller meiner
Kälte kann ich mich doch so ziemlich in deine damalige Lage hineindenken, und
ich zweifle sehr, ob sich eine schmerzlichere für einen Jüngling, der mit so
hohen Erwartungen dahin gekommen war, ersinnen liesse.
                                   Peregrin.
    So wie du mich nun kennest, wirst du mir ohne Mühe glauben, dass das, was
mich am meisten schmerzte, nicht der Verlust der Wollüste und Vergnügungen war,
womit die schöne Römerin und ihre sinnreiche Freundin mich ein ganzes Jahr lang
überfüllt hatten. Selbst die Vernichtung der schwärmerischen Hoffnungen, die
mich nach Halikarnassus zogen, kränkte mich jetzt so wenig, dass ich im
Gegenteil unbegreiflich fand, wie es möglich gewesen, dem Urbilde der
Vollkommenheit eine Venus Urania, und dieser ein Marmorbild, das am Ende doch
nur eine wollustatmende Erdentochter vorstellte, unterzuschieben. Meine ganze
ehemalige Vorstellungsart hatte durch eine physische Folge meiner neuen
Erfahrungen eine grosse Veränderung erlitten. Meine Einbildungskraft war
abgekühlt. Alles was in meinen ekstatischen Träumen und Gesichten Täuschung
gewesen war, erschien mir jetzt auch als solche; und ich glaubte deutlich zu
sehen, wofern es ja möglich wäre, zu jener einst so feurig gewünschten Erhöhung
meines Wesens und Empfänglichkeit für die Einflüsse der göttlichen Naturen zu
gelangen, so müsste es wenigstens auf einem ganz andern Wege geschehen, als auf
dem, der mich an der Hand der sehr unächten Tochter des Apollonius in die Arme
einer Venus Mamilia geführt hatte.
    Aber, wenn gleich die Phantomen, die ich ehemals als Wahrheit liebte,
verschwunden waren, so war doch der Raum noch da, den sie eingenommen hatten;
und dieses ungeheure Leere wieder auszufüllen, wurde nun das dringendste meiner
Bedürfnisse. Ich hatte mich verirrt; aber das Ziel, wohin ich wollte, stand noch
immer unverrückt, als der einzige Zweck meines Daseins, in dunkler Ferne vor
meinen Augen; und bis ich den rechten Weg dahin gefunden hatte, war keine Ruhe
noch Glückseligkeit für mich. Mein Zustand in dieser Gemütslage ist der
dunkelste Schatten im Gemälde meines Erdelebens, woraus ich dir jetzt die
lichtesten Stellen aushebe. Alles, was ich mich davon erinnern kann, ist, dass es
mir unmöglich schien, aus dieser Leerheit, diesem Hin- und Herschwanken, dieser
immer getäuschten Bestrebung in einem bodenlosen Moore Grund unter mir zu
finden, mich jemals heraus zu arbeiten, und dass mir diese Unmöglichkeit endlich
unausstehlich wurde. Ich irrte von einem Orte zum andern, und konnte nirgends
bleiben. Da ich mich aber, nachdem auf diese Weise mehrere Monate verstrichen
waren, jetzt vor allen Nachstellungen der Römerin sicher hielt, kehrte ich nach
der Ionischen Küste zurück, und langte zu Anfang der schönen Jahreszeit in
Smyrna an, ohne dass die körperliche Stärkung, die mir dies mühsame Herumwandern
verschafte, eine merkliche Erheiterung meines Gemütes hätte bewirken können.
    Zu Smyrna war meine erste Sorge, den alten Menippus zu besuchen, der ohne
seine Schuld die Veranlassung zu allen Abenteuern gegeben hatte, welche mir seit
unserer ersten Zusammenkunft zugestossen waren: aber ich fand ihn nicht mehr
unter den Lebenden. Der Anblick einer unzähligen Menge von Fremden, wovon dieser
grosse Handelsplatz wimmelte, und worunter ich viele Aegyptier, Syrer und
Armenier sah, weckte jetzt auf einmal den Gedanken wieder in mir auf, der mich
vor andertalb Jahren nach Smyrna geführt hatte; und ich beschloss, zu Ausführung
desselben mich an Bord des ersten Schiffes zu begeben, dass nach Laodicea abgehen
würde.
    Während ich die Anstalten zu einer so langen Reise machte, traf es sich
eines Tages, dass mir auf einem einsamen Spaziergange, den ich in einer Gegend
des Ufers, wo der Fusstritt eines Menschen etwas Seltenes war, beinahe alle
Abende zu machen pflegte, ein Mann in den Wurf kam, der hier eben so fremd zu
sein schien als ich, und durch seine Gestalt und Miene sowohl als durch seine
Kleidung, die einen Syrer oder Phönicier vermuten liess, meine Aufmerksamkeit
auf sich zog. Nie sah ich so viel Tiefsinn mit so viel Feuer, einen so finstern
Blick mit einer so offnen Stirn, und etwas so Anziehendes mit einem solchen
Ehrfurcht-gebietenden Ernst in Einem Gesichte vereinigt. Ich fand ihn, indem ich
um die Ecke eines vorragenden Felsen herumkam, in einer natürlichen Nische,
welche die Zeit in den Felsen gegraben hatte, auf einem Steine sitzen, mit einem
aufgerollten Buche auf seinem Schoss, in dessen Lesung er begriffen war, als
ihn meine unvermutete Erscheinung aufzuschauen bewog. Er warf, unter seinen
schwarzen überhängenden Augenbrauen hervor, einen scharfen Blick auf mich, und
fuhr wieder fort in seinem Buche zu lesen. Ich weiss nicht welcher geheime Zug
sich bei seinem Anblick in mir regte. Meine erste Bewegung war, mich ihm zu
nähern: aber ich sah so wenig Einladendes in seinem Auge, dass ich es nicht
wagte. Ich ging tiefer in den Wald hinein, der sich auf dieser Landspitze bis
nah ans Ufer erstreckte, und als ich zurückkam, fand ich den Unbekannten nicht
mehr.
    Des folgenden Abends trieb mich ein mehr als gewöhnlicher Grad von Trübsinn
abermals in diese Gegend. Ich sah mich lange vergebens nach dem Fremdling um,
den ich, ohne zu wissen warum, hier wieder anzutreffen hoffte. Alles weit umher
war einsam, still und schauervoll. Meine Gedanken wurden immer trüber. Ich stand
mit gesenkter Stirn, an den Rumpf einer alten Eiche gelehnt, als ich auf einmal
den Fremden gewahr ward, der langsam bei mir vorüber ging. Er hielt einen
Augenblick still, heftete einen Blick auf mich, der mir bedeutungsvoll schien,
wiewohl ich ihn nicht entziffern konnte; und als ich, nach einigem Zaudern, zum
Entschluss kam ihm zu folgen, war er wieder verschwunden.
    Der Mann fing an mich zu beunruhigen. Ich entfernte mich; aber sein Bild
folgte mir; ich konnte mich nicht davon los machen, und es kam mir sogar im
Schlafe wieder vor. Etwas, das ich mir selbst nicht erklären konnte, hielt mich
am dritten Abend zurück, den einsamen Ort, wo ich diese sonderbare Erscheinung
schon zweimal gehabt hatte, zum drittenmale zu besuchen: aber ein eben so
unerklärbares Etwas zog mich beinahe wider meinen Willen dahin. Ermüdet setzte
ich mich auf den Stein, wo der Unbekannte neulich gesessen hatte, und hing, den
Kopf auf den rechten Arm gestützt, meinen gewöhnlichen Gedanken nach, als er
plötzlich wieder vor mir stand.
                                    Lucian.
    Man muss gestehen, Peregrin, deine Abenteuer haben alle einen ganz eigenen
Anfang - immer so feierlich! so geheimnisvoll!
                                   Peregrin.
    Das ist das letzte, Lucian, das sich so anfängt; und wiewohl meine Neugier
gereizt war, so gewann doch der Unbekannte durch diese ungewöhnliche Art meine
Bekanntschaft zu suchen nichts, als dass ich alle meine Klugheit (welches
freilich nicht viel gesagt ist) aufbot, um auf meiner Hut gegen ihn zu sein.
Dioklea hatte mich misstrauisch gemacht.
                                    Lucian.
    Und doch wollte ich wetten, mit allem deinem Misstrauen wurdest du so gut
wieder betrogen, als du dich mit der reizenden Kallippe, dem schönen Gabrias,
und der göttlichen Dioklea betrogst, da du lauter Vertrauen warst.
                                   Peregrin.
    Alles zu seiner Zeit, lieber Lucian. - Sobald der Unbekannte nahe genug war,
dass ich nicht zweifeln konnte seine Absicht sei mich anzureden, stand ich auf,
als ob ich ihm meinen Sitz überlassen wollte, und machte eine Bewegung mich zu
entfernen, aber wie einer der erst ein Band zerreissen muss, wodurch er
zurückgehalten wird. - Wie, Peregrinus? sprach der Unbekannte mit einem Tone,
der sogleich den Weg zu meinem Herzen fand, und einem Blicke, der wie ein
Lichtstrahl in das Dunkle meiner Seele drang, - du fliehest vor deinem guten
Genius? - Bei dieser Anrede blieb ich stehen, und raffte alle Kälte, die ich in
meine Gewalt bekommen konnte, zusammen, um ihm statt der Antwort mit einer so
ungläubigen als befremdeten Miene ins Gesicht zu sehen. Aber ich zweifle sehr,
dass der Erfolg meinem Willen gehorsam war. Denn, indem ich es sprach, lief mir
ein Schauder durch alle Adern, und das unfreiwillige Erstaunen, mich von einem
so sonderbaren Unbekannten mit einer so seltsamen Anrede bei meinem Namen nennen
zu hören, verschlang in einem Augenblicke mein Bestreben, dieses
ausserordentliche Wesen durch eine angenommene Kälte von mir zurück zu schrecken.
                                    Lucian.
    Da haben wir's!
                                   Peregrin.
    »Kannst du, fuhr er in eben dem herzgewinnenden Tone fort, kannst du
glauben, dass uns ein blosser Zufall hier zusammengebracht habe? Es gibt keinen
Zufall, Peregrin! Wir sollten uns finden, und wir fanden uns.«
    Ich fühlte mich überwältigt. Ich setzte mich wieder auf meinen Stein, und
der Unbekannte liess sich mir gegenüber auf einem bemoosten Felsenstücke nieder.
    »Du fliehest die Menschen (fuhr er fort, da meine Zunge noch immer gebunden
schien), du suchst die Einsamkeit, suchest Ruhe, und lebst im Kriege mit dir
selbst, sehnest dich nach dem Licht, und taumelst in der Finsternis. Noch so
jung an Jahren, an Erfahrung schon so reich, was hast du an Weisheit gewonnen?
Vor wenig Monaten noch eine so schöne Blume, wo ist der Glanz deiner Blüte?
Empusen in Lichtgestalten haben ihn mit ihrem Hauche befleckt! Der stolze Ixion
glaubte die Königin der Götter zu umarmen; noch glücklich, wenn die vermeinte
Göttin an seinem Busen in eine Wolke zerflossen wäre! Aber er selbst schmolz in
den Armen einer Sirene hin.«
    Und dies alles liesest du in meinem Gesichte? rief ich mit Erstaunen und
Bestürzung aus: wunderbares Wesen, wer bist du?
    »Nicht wofür du mich vielleicht hältst, wiewohl mehr als ich scheine. Du
bist lange genug getäuscht worden, Peregrin! es ist Zeit, dass dir der Weg der
Wahrheit aufgeschlossen werde. Ich nannte mich deinen guten Genius, denn ich
vertrete seine Stelle bei dir; und, wiewohl ich im Grunde nicht mehr bin als du
selbst, so kann ich doch, in der Hand dessen dem ich diene, ein Werkzeug deiner
Rettung werden.« -
    Du begreifst, lieber Lucian, dass mein Erstaunen mit jedem Augenblicke
wachsen musste. Wie konnte der Unbekannte mit den geheimsten Umständen meiner
Geschichte so vertraut sein, als ob er wirklich mein Genius wäre?
                                    Lucian.
    Dein alter Bedienter wird wieder geschwatzt haben.
                                   Peregrin.
    Da hätte er mehr sagen müssen als er selbst wusste.
                                    Lucian.
    Er wusste doch etwas, wenn schon nicht alles; und ein so schlauer Mann, als
mir dein Unbekannter scheint, brauchte zu dem, was ihm deine eigene Gegenwart
sagte, nur einige Bruchstücke von Nachrichten, um das Rätsel deiner Person
ziemlich leicht aufzulösen.
                                   Peregrin.
    In der Tat vermutete ich selbst so etwas, und dieser Gedanke gab dem
letzten Funken von Misstrauen, den die Offenheit des Unbekannten in mir übrig
gelassen hatte, noch so viel Nahrung, dass seine Reden nicht die ganze Wirkung
auf mich taten, die er erwarten konnte. Aber auch dies las er in meinem
Gesichte. »Mich wundert nicht, fuhr er fort, dass du unschlüssig bist, was du von
mir denken sollst. Nichts ist was es scheint, wiewohl dem Erleuchteten alles
scheint was es ist. Die Natur ist eine Hieroglyphe, wozu wenige den Schlüssel
haben, und der Mensch kennet alles andre besser als sich selbst. Er gleicht
einem ausgesetzten Königsohne, der, von Hirten erzogen, in schlechter
Gesellschaft, unter tausend verworrenen Zufällen und Abenteuern grau ward, ohne
von seinem Ursprung und von dem, wozu er geboren war, einige Ahdung gehabt zu
haben. Was für Trost hat der Blinde davon, dass rings um ihn her Sonnenschein
ist? Was hilft dem Bettler das Gold in den Eingeweiden der Erde? Das Leben des
Menschen, das sein Alles scheint, ist nichts; immer von einem Augenblicke
verschlungen, der schon dahin ist ehe man gewahr wurde dass er da war, ist es
nichts! Aber, - o möchten's die Menschen wissen! möcht' es ihnen der Donner, der
die Todten wecken wird, in die Seele donnern! - es ist mit der Zukunft
schwanger, die alles ist.«
    Mein Unbekannter gab dieses sonderbare Orakel mit einer Begeisterung, einem
Feuer in den Augen, einem, ich weiss nicht welchem mehr als menschlichen Klang
der Stimme, von sich, dass ich davon ergriffen wurde, und den Mut verlor, ihn zu
fragen was er damit wollte. Nachdem wir beide eine ziemliche Weile geschwiegen
hatten, nahm er das Wort wieder, und sagte in einem sanftern, aber nach und nach
immer feierlicher werdenden Tone: »Du bist zu einer grossen Bestimmung berufen,
Peregrin! - Eine mächtige Stimme vom Himmel ist durch alle Lande erschollen. Der
Eingeladenen sind viele, aber die Zahl der Erwählten ist klein. Wir stehen am
Rande einer furchtbaren Umkehrung der Dinge. Das Licht ist mitten aus der
Finsternis hervorgebrochen, das Reich der Dämonen und ihrer Diener naht sich
einem schrecklichen Ende. Schon ist die Stadt Gottes herabgestiegen, durch das
Licht selbst, das von ihr ausstrahlt, den geblendeten Augen der Unheiligen noch
verborgen: aber sie wird plötzlich, gleich der Morgensonne aus Wolken,
hervorbrechen; die Völker der Erde werden sich zu ihr versammeln, und jeder
ihrer Strahlen wird ein Blitz sein, der die Feinde des Lichts verzehren wird.«
                                    Lucian.
    Immer besser! Ich erkenne deinen Mann an dieser Weissagung. Die wackern
Leute, zu denen er gehört, bedrohten die Welt so lange mit einer fürchterlichen
Umkehrung der Dinge, bis sie es in ihre Macht bekamen, die Drohung wahr zu
machen.
                                   Peregrin.
    Er hielt abermal ein, und heftete einen Blick auf mich, der mein Innerstes
durchforschen zu wollen schien. Ich gestehe dir, dass die Spitzen meiner Haare
sich zu bewegen anfingen. So hatte ich noch keinen Menschen sprechen gehört!
Ohne zu verstehen was er wollte, fühlte ich alle Kräfte meines Wesens durch
seine Reden erschüttert; geheime Ahnungen stiegen in mir auf; mir war nicht
anders, als ob ich dem Augenblick einer grossen Veränderung nahe sei. Indessen
hatte ich mich doch, nach einer ziemlich langen Pause, so zusammen genommen, dass
ich eben die Lippen öffnen wollte, ihn zu bitten, dass er sich über die
geheimnisvollen Dinge, die er mit der Begeisterung und der Gewissheit eines
Propheten vorgebracht, deutlicher gegen mich erklären möchte; als er mir
zuvorkam, und in einem viel ruhigern Tone fortfuhr: »Fasse dich, Peregrin! - Ich
habe dich in Erstaunen gesetzt. Es war nötig, um den erstorbenen Keim des
Lebens in deinem Innersten wieder zu erwecken. Du bist gefallen, aber du wirst
dich wieder erheben. Ich sehe das Zeichen der Erwählung auf deiner Stirne. Von
nun an haben die Dämonen, in deren Schlingen du dich zu Halikarnass verfingest,
keine Gewalt mehr über dich. Reinige dein Gemüt mit Strenge gegen dich selbst
von jeder körperlichen Befleckung! Nur durch Ertödtung des tierischen Menschen
wird der geistige ins Leben geboren; und keine andern als diese können Bürger
der heiligen Gottesstadt werden, in die ich dich einen Blick des Geistes tun
liess. Noch einmal, Peregrin, das Reich des Lichtes ist nahe - es hat schon
angefangen - unwissend und als ein Fremdling, wie dein Name sagt, stehst du
bereits in seiner Mitte. Bald wird die Decke von deinen Augen fallen; du wirst
in Mysterien, wovon jene zu Eleusis nur täuschende Schatten sind, zum Anschauen
eines ganz andern Lichtes kommen, und ein ganz andrer Führer der Seelen, als
jener fabelhafte Hermes, wird das Göttliche in dir zu seinem Ursprung
zurückführen! - Dann wirst du mein Bruder sein, Peregrin! wirst die Stimme des
hohen Berufs hören, zu welchem du erwählt bist, und der Ehre teilhaftig werden,
ein Mitarbeiter an dem glorreichsten aller Werke zu sein, und unter dem Scepter
des grossen Eingebornen die neu geschaffene Erde regieren zu helfen.«
                                    Lucian.
    Das war viel auf einmal, guter Peregrin! Nach einer solchen Weissagung wird
wieder eine ziemliche Pause erfolgt sein?
                                   Peregrin.
    Der Unbekannte ergriff bei den letzten Worten meine Hand, drückte sie mit
Inbrunst, und stand auf. »Ich sehe, sprach er mit gerührter Stimme, dein Herz
ist voll; allein mehr zu sagen ist mir nicht erlaubt. Ich stehe unter einem
höhern Befehl. Ich muss dich verlassen. Am siebenten Tage nach dem nächsten
Neumond werden wir uns zu Pergamus wiedersehen.« - Und hiermit küsste er mich mit
einem Blick voll Liebe und Vertrauen auf die Stirn, entfernte sich eh' ich ein
Wort sprechen konnte, und verlor sich zwischen den Felsen aus meinen Augen.
    Ich stand in einer unfreiwilligen Bewegung auf, als ob ich ihm folgen
wollte: aber die Furcht ihm zu missfallen zog mich schnell zurück. Mit einem in
der Tat sehr vollen Herzen setzte ich mich auf den Stein, wo dieser wunderbare
Sterbliche oder Genius gesessen hatte. Seine Stimme schien noch leise um die
Felsen zu tönen, von denen ich eingeschlossen war; von seinen Reden war kein
Wort aus meinem Gedächtnis entschlüpft; noch hörte ich sie alle in meinem Innern
widerhallen, und ich blieb, in tiefes Nachdenken über ihren Inhalt versunken, so
lange sitzen, bis die einbrechende Nacht mich endlich nötigte nach meiner
Wohnung zurückzukehren.
    Hier war mein Erstes, meinen alten Freigelass'nen in die schärfste
Untersuchung zu nehmen, ob er es sei, der den Unbekannten mit dem geheimern
Teile meiner Begebenheiten so vertraut gemacht habe? Aber es fand sich, dass der
Alte ihn weder selbst gesehen, noch mit irgend einem andern, von welchem jener
seine Nachrichten hätte ziehen können, ein Wort von mir und meinen
Angelegenheiten gesprochen hatte.
                                    Lucian.
    Und was schlossest du hieraus?
                                   Peregrin.
    Eigentlich zu reden, nichts: aber ich machte mir doch selbst einen Vorwurf
darüber, dass ich, nach allem was ich von dem Unbekannten mit meinen Augen
gesehen und aus seinem Munde gehört hatte, noch eines Misstrauens gegen ihn fähig
sei.
                                    Lucian.
    An diesem Zug erkenn' ich dich, Freund Peregrin: diese Gemütsbeschaffenheit
war es eben, die dir immer alle Vorteile, die du aus deinen Erfahrungen hättest
ziehen können, rauben musste.
                                   Peregrin.
    Du wirst dich um so weniger wundern, dass ich so leicht in die Falle des
Unbekannten einging (wofern wir es anders, durch ein etwas vorschnelles Urteil,
für eine Falle erklären wollen) wenn du bedenkst, wie dringend bei mir das
Bedürfnis war, das Leere, das meine letzte Entzauberung in meiner Seele
zurückgelassen hatte, wieder auszufüllen; und dass die Harmonie in meinem Innern
durch nichts andres hergestellt werden konnte, als indem die ganze Tätigkeit
meines Geistes wieder auf den grossen Zweck gerichtet wurde, der, wiewohl ich ihn
auf einem Irrwege verfehlt hatte, nicht aufhörte, noch ohne eine gänzliche
Verwandlung meines Ich's aufhören konnte, das Ziel meiner ewigen Sehnsucht zu
sein. Mir war, als ob mich die Reden des Unbekannten mit einer neuen Lebenskraft
angeweht hätten. Ihre Beglaubigung war in meinen eigenen Gefühlen und Wünschen.
Sie blieben mir, wie sein Bild, immer gegenwärtig; mit jeder Erinnerung senkten
sie sich tiefer in meine Seele ein, und sein Abschiedskuss brannte noch lange auf
meiner Stirne.
                                    Lucian.
    Ganz gewiss wusste dein Unbekannter auch dies voraus! Der verstand sich auf
die prophetische Kunst! Und mit welcher Sicherheit er vorhersagte, ihr würdet
euch am siebenten Tage nach dem ersten Neumond wiedersehen! Das ist doch keine
Begebenheit, die sich so voraus berechnen lässt wie eine Mondsfinsterniss! Und er,
er bestimmt nicht nur den Tag; er nennt dir, damit du ihn ja nicht verfehlen
könnest, sogar den Ort, wo ihr euch wiederfinden würdet. Der grosse Prophet! Wie
gut er seinen Mann kannte!
                                   Peregrin.
    Spotte nicht, Lucian! So simpel die Sache scheint, so gehörte doch
vielleicht ein Mann von ungewöhnlichem Geiste dazu, ein so simples Mittel,
seiner Sache gewiss sein zu können, zu finden. Du wirst über meine Einfalt
lachen; ich gestehe dir aber aufrichtig, dass ich mir damals eben so wenig zu
erklären wusste, wie der Unbekannte wissen könnte dass wir uns zu Pergamus
wiedersehen würden, als woher er meinen Namen und meine Begebenheiten zu
Halikarnass erfahren habe.
                                    Lucian.
    Und doch hattest du nichts Eilfertigeres zu tun, als den Ort und den Tag in
dein Denkbuch einzuzeichnen?
                                   Peregrin.
    Ich tat es wirklich, wiewohl ich meinem Gedächtnis auch ohne diese Beihülfe
hätte trauen dürfen; aber als ich es tat, war ich weit von dem Vorsatz
entfernt, die Vorhersagung durch eine freiwillige Reise nach Pergamus wahr zu
machen. Indessen wurde doch nach einem vierzehntägigen Aufentalt zu Smyrna, wo
die einsame Felsengegend alle Abende einen Besuch bekam, unvermerkt Anstalt
gemacht, von Smyrna nach Kyme, von Kyme nach Myrina, von Myrina nach Grynion
vorzurücken, ohne dass sich ein wesentlicherer Beweggrund hätte angeben lassen,
als dass ich dem gebenedeiten Pergamus dadurch immer näher kam.
                                    Lucian.
    Darf ich dich, weil wir doch (wie es scheint) jetzt zu deiner Verbindung mit
den Christianern gekommen sind, ohne Unterbrechung fragen, ob du vor dem Tage,
der dich mit dem Unbekannten zusammenbrachte, niemals Neugier oder Gelegenheit
hattest, diese Leute näher kennen zu lernen? Eine aus Palästina entsprungene
Secte, die einen gekreuzigten Gott zum Stifter hatte, und sich eines Geistes
rühmte, welcher Galiläischen Fischern die Gabe mitteilte alle Sprachen des
Erdbodens zu reden, eine Secte, welche die reinsten und erhabensten Grundsätze
der Philosophie mit allem, was der Magismus Schwärmerisches hat, in Verbindung
zu bringen wusste, und sich einer Menge von Mitgliedern rühmte, die durch die
blosse Kraft ihres Glaubens, oft an Einem Tage, mehr und grössere Wunder gewirkt
haben sollten, als dein Apollonius von Tyana in seinem ganzen Leben, - eine
solche Secte, sollte man denken, hätte eine Imagination wie die deinige um so
mehr reizen sollen, da sie einen so dichten Schleier um ihre Mysterien zog, und
überdiess durch Beispiele der grössten Standhaftigkeit und einen mehr als
Pytagorischen Gemeingeist die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen
hatte.
                                   Peregrin.
    Beinahe möchte ich deine Frage auf dich selbst zurückdrehen; denn für einen
so eifrigen Menschenforscher, wie du warst, scheinst auch du ehemals um eine
genauere Kenntnis der Christianer wenig bekümmert gewesen zu sein.70
                                    Lucian.
    Die rechte Antwort auf diese Gegenfrage würde uns zu weit aus dem Wege
führen, Freund Peregrin. Und dann wirst du mir erlauben zu sagen, dass der Fall
bei dir und mir nichts weniger als eben derselbe war. Ich hatte einen
natürlichen Abscheu vor dieser Art von Leuten; dich zog eine natürliche
Sympatie zu ihnen.
                                   Peregrin.
    Also kurz, lieber Lucian, die Ursache, warum ich in der Tat nie neugierig
gewesen war die Christianer näher kennen zu lernen, war die einfachste von der
Welt; denn es war ungefähr eben dieselbe, warum ich nie daran dachte, mit den
seltsamen Geschöpfen, womit du in deiner wahren Geschichte den Mond und die
Sonne bevölkert hast, Bekanntschaft zu machen. Du wirst dich erinnern, dass zu
unsern Zeiten in guter Gesellschaft entweder gar nicht, oder nur mit Verachtung
von den Christianern gesprochen wurde. Zu Parium hatte ich kaum ihren Namen
nennen gehört, und zu Aten auch diesen nicht. Mein Grossvater hegte aus
mancherlei Ursachen einen gränzenlosen Abscheu vor Juden und Judentum; seine
Vorurteile gegen sie waren vielleicht zum Teil ungerecht, aber sie waren
unheilbar: und weil die Christianer für eine Jüdische Secte galten, und, was
noch schlimmer war, für eine, die sogar von den Juden selbst aus ihrem Mittel
ausgestossen worden; so glaubte man ihnen kein Unrecht zu tun, wenn man das
Schlechteste von ihnen dachte und sagte, zumal da ein so weiser und gerechter
Fürst wie Trajan, und Männer wie Plinius und Tacitus71 keine bessere Meinung von
ihnen gehegt hatten. Mit diesen Vorurteilen gegen Juden und Christianer
aufgewachsen, hatte ich es, wie gesagt, nie der Mühe wert gehalten, mich
genauer nach ihnen zu erkundigen; und wiewohl mein Unbekannter, wie du bemerkt
hast, ein Christianer war, und sogar eine wichtige Person unter ihnen
vorstellte, so kam doch damals, eben darum weil er mir Ehrfurcht und Vertrauen
einflösste, kein Verdacht in meine Seele, dass er zu einer so verächtlichen
Menschenclasse gehören könnte. Denn dies war sie in meinem Wahne so sehr, dass,
wiewohl ich wusste dass sich eine zahlreiche Gemeine derselben zu Smyrna befand,
mir gar nicht einfiel, die geringste Nachfrage ihrentalben zu tun.
                                    Lucian.
    Der Unbekannte scheint gute Nachrichten von dir gehabt zu haben. Denn nun
sehe ich offenbar, dass er sich deiner zuvor versichern wollte, eh' er es wagte
sich vor dir zu einem Namen zu bekennen, gegen welchen du so stark eingenommen
warst. Würde er sonst Bedenken getragen haben, dich mit den Christianern zu
Smyrna in Bekanntschaft zu bringen?
                                   Peregrin.
    In der Tat wusste er mehr von mir als ich ihm zutraute. Aber das letztere zu
unterlassen, mochte er wohl noch einen andern Beweggrund haben: denn er war das
Haupt einer von den vielen besondern Secten, in welche sich die Christianer um
diese Zeit zu spalten anfingen; und da die Gährung, welche seine Lehre in der
Gemeine zu Smyrna verursachte, damals gerade am stärksten war, würde es auf
keine Weise klug von ihm gewesen sein, mich in einem so kritischen Augenblicke
zum Zeugen derselben zu machen. Aber durch alle diese Aufklärungen laufen wir
der Geschichte vor.
    Ich hatte bald nach meiner Ankunft zu Smyrna von meinem Vater verschiedene
Aufträge erhalten, die mich nötigten meinen Aufentalt an diesem Orte zu
verlängern. Je weniger diese Geschäfte mit dem, was mir jetzt allein am Herzen
lag, gemein hatten, desto mehr nahm meine Sehnsucht, den Unbekannten wieder zu
sehen und den Aufschluss seiner geheimnisvollen Eröffnungen von ihm zu erhalten,
mit jedem Tage zu. Als meine Geschäfte geendiget waren, fehlten noch fünf bis
sechs Tage bis zum siebenten nach dem Neumond. Ich verliess Smyrna, weil ich
nichts mehr da zu tun hatte: aber zu Mitylene warteten neue Aufträge auf mich,
und überdiess sollte ich sobald als möglich nach Parium zurückkehren. Was war
also natürlicher, als von Smyrna gerade nach Mitylene, und von Mitylene nach
Hause zu reisen? Wozu diese Landreise nach Pergamus, die mich so weit von meinem
Wege abführte - als die Weissagung des Unbekannten wahr zu machen, welcher,
wofern ich den Ausrechnungen der kalten Vernunft, und dem, was im Grunde meine
Pflicht war, mehr Gehör gegeben hätte, als meinem Hang zum Ausserordentlichen,
unstreitig diesmal zum Lügenpropheten geworden wäre. Aber wirklich wurde der
Drang nach Pergamus zu gehen unvermerkt so stark, dass ich keinen Willen in mir
fand, nur zu versuchen ob ich ihn überwältigen könnte. Das Sonderbarste an der
Sache ist, dass die Vorhersagung des Unbekannten dadurch, dass ich sie vorsetzlich
wahr machte, nichts von ihrem Wunderbaren in meinen Augen verlor: denn woher
hätte er voraus wissen können, dachte ich, dass ich so viele Beweggründe, einen
ganz andern Weg zu nehmen, dem blossen Verlangen ihn wieder zu sehen aufopfern
würde, wenn er nicht die Gabe hatte, Gesinnungen in meiner Seele vorauszulesen,
die in vielen Tagen erst entstehen sollten?
                                    Lucian.
    Mit Personen von so gutem Willen ist es in der Tat eine bequeme Sache ein
Wundermann zu sein.
                                   Peregrin.
    Wie wollten die Wundermänner auch zurechte kommen, wenn es nicht solche
gutwillige, jeder Täuschung immer selbst entgegen kommende Seelen in der Welt
gäbe? Dies war also auch hier der Fall. Ich reisete so eilfertig, als ob mir
alles daran gelegen gewesen wäre, die Weissagung meines Unbekannten ja nicht zu
Wasser werden zu lassen, und langte schon am sechsten Tage nach dem Neumond zu
Pergamus an, wo ich den ganzen Abend damit zubrachte, mich allentalben, wo er
zu finden sein konnte, nach ihm umzusehen. Allein seine Stunde war noch nicht
gekommen. Mein Glaube wurde dadurch nicht erschüttert, aber meine Ungeduld nahm
überhand. Endlich ward ich des folgenden Tages einen Sklaven gewahr, der mir
eine Zeit lang von ferne bald zur Seite gegangen bald nachgefolgt war, und mich
sehr aufmerksam zu betrachten schien. Ich blieb bei einem alten Denkmale an
einem wenig gangbaren Platze stehen; der Sklave näherte sich mir endlich, fragte
mich sehr demütig mit leiser Stimme, ob ich Peregrinus von Parium sei? und da
ich es bejahte, überreichte er mir einen versiegelten Zettel, der nichts als
diese Worte entielt: »Folge diesem wohin er dich führen wird« - mit der
Unterschrift, der Unbekannte von Smyrna. Der Sklave sagte hierauf: wenn ich
diesen Abend um die vierte Stunde nach Sonnenuntergang mich an einem gewissen
Platze einfinden wollte, würde er mich dahin führen wo man mich erwartete. Ich
versprach es. Die Stunde kam, ich begab mich an den bestimmten Ort, und bald
erschien auch der Sklave wieder, und brachte mich durch eine Menge enger Gassen
an eine kleine Tür, die uns, auf ein Zeichen das er gab, von innen aufgemacht
wurde.
    Ich folgte ihm an seiner Hand durch einen finstern Gang in ein kleines
Gemach, das er hinter mir verschloss. Auch dieser Winkel war ohne Licht, hatte
aber eine viereckige Öffnung, die mit einem so durchsichtigen Flor bedeckt war,
dass sie die Stelle eines Fensters vertreten konnte. Ich wurde bald gewahr, dass
diese Öffnung durch die Mauer einer Scheune ging, welche von einigen Lampen
ziemlich schwach erleuchtet war. So viel ich sehen konnte, befand sich hier eine
Anzahl Personen von allerlei Alter, Geschlecht und Stande versammelt, die in
grosser Stille auf verschiedenen Reihen von Bänken um einen Tisch herum sassen,
der einige Stufen über den Boden der Scheune erhöht und mit einem Teppich
zugedeckt war.
    Ich hatte kaum Zeit dies alles zu bemerken, als ein Mann in einem langen
leinenen Gewande, ein grosses purpurnes Kreuz auf der Brust, mit einem Rauchfass
hereintrat, und die Scheune mit Wolken von Weihrauch erfüllte; eine Ceremonie,
die meiner Nase um so willkommner war, da ihr der dumpfige Geruch des Ortes und
die Atmosphäre der anwesenden Personen beschwerlich zu werden anfing, und leicht
den Verdacht hätte erregen können, dass ich mich nicht in der besten Gesellschaft
befinde, wiewohl ich zu merken anfing, dass ich unter Christianern sei. Bald
darauf erschien ein anderer, ungefähr eben so gekleidet, stellte sich vor den
Tisch, und begann eine Art von Wechselgesang anzustimmen, wobei die Gemeine von
Zeit zu Zeit, mit halber Stimme und mit ziemlich genauer Beobachtung der
Modulation und des Rhytmus, einfiel und dem Sänger zu antworten schien. Ich
konnte zwar mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit nur einzelne Worte dieser
Litanei (wie es die Christianer nennen) verstehen; allein das Feierliche dieses
sehr einfachen und um so herzrührendern Gesangs, weil er blosse Sprache des
innigsten Gefühls der Singenden zu sein schien, wirkte mit seiner vollen Kraft
auf meinen innern Sinn, und erregte (zumal da der Sabäische Wohlgeruch den
ersten widrigen Eindruck verschlungen hatte) unvermerkt ein leises Verlangen in
mir, mit den guten Wesen, die sich mir durch diesen einzigen Sinn auf eine so
angenehme Art mitteilten, in nähere Gemeinschaft zu kommen.
    Als der Wechselgesang zu Ende war, erfolgte eine allgemeine tiefe Stille,
die nur zuweilen durch halb laute abgebrochne Worte und Seufzer, welche ich mir
damals nicht zu erklären wusste, unterbrochen wurde. Der Mann mit dem Rauchfass
erschien abermal, und erfüllte den ganzen Versammlungsort mit einer dicken Wolke
von Weihrauch: und als sie sich zerteilt hatte, sah ich auf dem erhöhten Platze
vor dem bedeckten Tische - wen anders als meinen Unbekannten, im Begriff eine
Anrede an die Gemeine zu halten. Seine Stellung und sein ganzes Aeusserliches
gebot Ehrfurcht; er hatte das Ansehen eines Weisen, dessen Gemüt von allen
Leidenschaften und Gebrechen der sterblichen Natur gereinigt ist, und der
gewohnter ist mit höhern Wesen als mit Erdenkindern umzugehen. Niemals hörte ich
einen Menschen mit einem so wahren Tone der Ueberzeugung von Dingen sprechen,
die ausser der Einbildung und Vorstellungsart dessen, der sie glaubt, keine
Realität haben, oder von deren Realität es wenigstens nicht möglich ist sich
durch Anschauung oder Vernunftschlüsse zu überzeugen. Seine Rede bezog sich zwar
unmittelbar auf das Lob eines gewissen Märtyrers (mit den Christianern zu
reden), dessen Gedächtnis an diesem Tage von ihnen begangen wurde: aber ihr
ganzer Inhalt schien mir darauf abgezielt zu sein, mir - den er doch wohl nicht
ohne eine besondere Absicht hierher gebracht hatte - über die geheimnisvollen
Dinge, in die er mich zu Smyrna hatte blicken lassen, einigen nähern Aufschluss
zu geben. Er sprach von dem Jüngling, der an diesem Tage die Wahrheit durch die
standhafteste Erduldung eines grausamen Todes verherrlichet habe, als von einem
edeln Kämpfer, der in dem grossen Streite, worin die Kinder des Lichts mit den
Geistern der Finsternis und ihrem Anhang begriffen wären, rühmlich gefallen sei,
um nach der bevorstehenden glorreichen Endigung dieses heiligen Krieges als
Sieger wieder aufzustehen, und einer von denen zu sein, welche die neue Erde
regieren würden. Er breitete sich mit hinreissender Beredsamkeit über diesen
Zeitpunkt aus, dessen Glorien zu beschreiben ihm (wie er sagte) Bilder und Worte
fehlten; wiewohl er den ganzen Reichtum der Sprache erschöpfte, nur einen
matten Schattenriss davon zu entwerfen. Er kündigte ihn mit der Gewissheit eines
Propheten, der das Künftige schon gegenwärtig sieht, als etwas sehr nahe
Bevorstehendes an, und ermahnte die anwesenden Brüder und Schwestern (die er in
der eigenen Sprache seiner Secte mit den prächtigsten Titeln belegte), um so
tapferer und unermüdeter in dem Streite zu sein, wozu sie berufen wären, da
jeder Sieg, den sie über den Feind erhielten, den grossen Tag beschleunigte, an
welchem alles neu werden, oder vielmehr, durch die Wiedervereinigung mit dem
Urquell des Guten, in den ursprünglichen Stand der reinsten und göttlichsten
Vollkommenheit zurückkehren würde. Dieser Feind hätte, wie sie wohl wüssten,
ehemals seinen Sitz in ihnen selbst gehabt, und seine Herrschaft über sie durch
die Gewalt ausgeübt, womit er sie zu den Werken der Finsternis hingerissen
hätte: aber, wiewohl er, seitdem der neue Mensch in ihnen zu leben angefangen,
aus ihrem Herzen vertrieben sei, so suche und finde er doch, so lange das
Göttliche in ihnen in diesem sterblichen Leibe gefangen gehalten werde, tausend
Wege, sich durch die Sinne in den innerlichen Menschen wieder einzuschleichen,
das Licht ihrer Seele zu umnebeln, und Aufruhr, Stürme und Verheerungen in ihrem
Inwendigen anzurichten. Da nun zu Ertödtung des tierischen Menschen kein
anderes Mittel sei, als das Leben des geistigen zu befördern, so ermahnte er sie
mit grossem Ernste, dem erstern, so viel nur immer mit der schuldigen Erhaltung
des natürlichen Lebens bestehen könne, alle Nahrung zu entziehen, jede sinnliche
Lust und Begierde in der Geburt zu ersticken, und durch öfteres Fasten, Wachen
und Anhalten im Gebet den Einfluss der himmlischen Kräfte in ihr Innerstes zu
unterhalten. Söhne des Lichts, rief er, euch gebührt es, rein und ohne Makel zu
sein, wie der Vater der Lichter von dem ihr abstammet! Brüder des Eingebornen,
Erstlinge der neuen Schöpfung, auserwählt mit Ihm das herrliche Reich zu
regieren, dessen Stifter und König Er ist, euch gebührt es, aller Gemeinschaft
mit den Kindern dieser Welt zu entsagen, und jede Gleichstellung mit den
Unheiligen für Schmach zu halten. Gehet aus von ihnen! Sondert euch ab von
ihnen! Ihr Anhauch ist Befleckung, ihre Berührung Gräuel und Bann! Welche
Gemeinschaft könnte zwischen dem Licht und der Finsternis sein? welche
Teilnehmung zwischen den Glaubigen und den Unglaubigen? Ihre Augen sind
verschlossen, die eurigen aufgetan. Sie trachten nach dem was auf Erden, Ihr
nach dem was droben ist. Euer Wandel ist im Himmel. Dieser verächtliche
Kotklumpen unter euern Füssen hat nichts das eurer Wünsche wert sei. Die
zerbrechliche Schale, meine Brüder, die uns noch umgibt, ist es allein, was uns
hindert das Leben der Geister zu leben: aber auch diese dünne Scheidewand wird,
durch das Feuer der göttlichen Liebe unvermerkt verzehrt, immer dünner, immer
durchsichtiger. Hier hielt er auf einmal ein; sein Haupt sank zurück, er schaute
mit starren Augen empor, und schien einige Augenblicke in Verzückung zu
schweben, während die Stille in der Versammlung noch stiller wurde, und alle
Augen mit Erstaunen auf ihn geheftet waren. - Sollten aber auch, fuhr er wieder
zu sich selbst kommend fort, sollten gleich viele unter euch in diesem Leben,
welches nur die Geburt ins wahre Leben ist, noch nicht bis zum Anschauen selbst
gelangen, noch nicht entkörpert genug sein, dass die Herrlichkeiten der
unsichtbaren Welt ihrem Geiste aufgeschlossen würden: hat nicht der Glaube, der
euch mitgeteilt ist, ein Auge, zu sehen was ihr nicht sehet, wiewohl ihr um und
um davon umgeben seid? hat er nicht eine Hand, zu ergreifen was euch ferne
scheint, wiewohl es euch so nahe ist? Und wenn weder Glaube noch Liebe Gränzen
haben; wenn beide so unendlich sind wie ihr Gegenstand, so unerschöpflich, wie
die Aeonen,72 deren Ausflüsse sie sind - wer, meine Brüder, kann sagen, was dem,
der Glauben und Liebe hat, zu tun oder zu erreichen unmöglich ist?
                                    Lucian.
    Um der Grazien willen, Peregrin, halt ein! Lass es an dieser Probe genug
sein! Ich sehe, dein Unbekannter war ein Meister in seiner Kunst. Braucht es
einer grössern Probe, als dass er dich noch in diesem Augenblicke mit seiner
göttlichen Raserei wieder angesteckt hat? - Du guter Peregrin! Da hattest du
deinen Mann gefunden!
                                   Peregrin.
    In der Tat sog mein Ohr, oder vielmehr meine ganze Seele mit tausend
unsichtbaren Ohren, alle seine Worte mit einer wunderbaren Befriedigung ein. Was
ich fühlte war dem unbeschreiblichen Gefühl ähnlich, womit ein lechzender
Wanderer, der lange nach einem Tropfen frischen Wassers schmachtete, die ersten
Züge aus einer ihm unverhofft entgegen rauschenden Felsenquelle tut. Der
Unterschied war nur, dass, wie bei jenem der Durst mit jedem Zug abnimmt, ich
hingegen mit jedem Zuge begieriger wurde, mich, den Kopf zu unterst, in diesen
Strom zu stürzen, und kaum meine äussersten Lippen gelabt zu haben glaubte, als
der göttliche Mann zu reden aufhörte. In eben demselben Augenblick erschien auch
der Sklave, der mich hierher gebracht hatte, wieder, nahm mich bei der Hand, und
führte mich eilends davon, indem er mir ins Ohr flüsterte, dass nun die heiligen
Mysterien, bei denen kein Uneingeweihter zugegen sein könnte, ihren Anfang
nehmen würden. Ich entfernte mich, die Glücklichen beneidend, denen erlaubt war
an diesen Mysterien Teil zu nehmen, und im Weggehen hallte mir noch das
herzerhebende Getön eines neuen Hymnus nach, den die Gemeine anstimmte.
                                    Lucian.
    Natürlicher Weise entferntest du dich also mit dem Entschluss, je jeher je
lieber einer von diesen beneideten Glücklichen zu werden: und da dies
vermutlich gerade das war, was der Unbekannte wollte, so wirst du, hoffe ich,
deines Wunsches bald genug gewährt worden sein?
                                   Peregrin.
    Dein Scharfsinn hat dich diesmal nur zur Hälfte getäuscht, Lucian. Meine
Gedanken hast du erraten: aber der Unbekannte war nicht so leicht zu entziffern
als ich. Er überliess mich den ganzen Morgen, der auf diese merkwürdige Nacht
folgte, meiner Sehnsucht, ihn allein zu sehen und zum Vertrauten dessen was in
meinem Gemüte vorging zu machen; aber vergebens erwartete ich ihn in meiner
Wohnung, vergebens suchte ich ihn überall auf, wo ich ihn zu finden vermuten
konnte. Endlich, da ich um die siebente oder achte Stunde nach Hause kam, fand
ich einen Brief, worin er mir sagte: »Es wäre ihm nicht erlaubt mich jetzt zu
sprechen; aber wir würden uns zu rechter Zeit wieder sehen; inzwischen sollte
ich zu Parium, wohin mich meine Pflicht zurückrufe, denjenigen erwarten, der mir
zugesandt werden würde, um mich auf dem rechten Wege weiter zu bringen.«
 
                               Fünfter Abschnitt.
                  Peregrin (fährt in seiner Geschichte fort).
    Da ich zu Pergamus nichts weiter zu erwarten hatte, machte ich auf der
Stelle Anstalt nach Pitane abzugehen, um von da nach Mitylene überzusetzen. Man
sagte mir, dass ich einen grossen Wald zu durchwandern hätte, worin man sich ohne
Wegweiser leicht verirren könne; und indem ich meinen Wirt darüber zu Rate
zog, bot sich ein Landmann von freien Stücken an, dem, seiner Versicherung nach,
die ganze Gegend sehr bekannt war. Er müsste, sagte er, ohnehin durch diesen
Wald, um in seine jenseits desselben liegende Heimat zurückzukehren, und der
Weg würde ihm desto kürzer scheinen, wenn er ihn in meiner Gesellschaft
zurücklegen könnte. Es war etwas in der Physiognomie dieses Mannes, das mir
Vertrauen einflösste. Ich trug also, zumal da mein alter Diener bei mir war, kein
Bedenken sein Erbieten anzunehmen, und wir gingen früh genug ab, um noch vor
Sonnenuntergang die Gefahr des Verirrens überstanden zu haben.
    Aber es fiel anders aus als mein Mann geglaubt hatte. Die Sonne ging unter,
und wir sahen noch keinen Ausgang aus dem Labyrinte; vielmehr schienen wir uns
immer mehr darin zu verfangen, wiewohl mein Führer versicherte, dass wir auf dem
rechten Wege wären. Da ich kein Misstrauen in einen Menschen setzen konnte, der
seiner Sache so gewiss war und ein so sprechendes Zeugnis seiner Redlichkeit in
seinem Gesichte trug, so beruhigte ich mich dabei, und folgte meinem fast immer
stillschweigenden Führer so lange, bis er endlich selbst zu gestehen anfing, dass
er den Weg nach Pitane verfehlt habe. Er schien nicht zu begreifen wie es
zugegangen sei. Da muss, sprach er, eine höhere Hand im Spiele sein. - Glaubst du
etwa, dass uns ein Waldgeist irre geführt habe? sagte ich lachend. - Das wäre
nicht unmöglich, antwortete er ganz gelassen: es gibt überall böse Geister. -
Und du fürchtest sie nicht? fragte ich. - Gewiss nicht, versetzte er: sie müssen
doch immer, wie leid es ihnen auch tut, durch das Böse, das sie wollen, das
Gute befördern, das sie nicht wollen.
    Ich hätte dem Manne bei diesen Worten gern ins Gesicht sehen mögen, wenn es
nicht zu dunkel gewesen wäre. - Es wäre mit Dank anzunehmen, sagte ich, wenn uns
dein Waldgeist, indem er uns in irgend einen Sumpf oder an einen jähen Abgrund
zu verführen gedachte, unversehens zu einem guten Nachtlager gebracht hätte. -
Das soll er auch, hoffe ich, erwiederte er; ich sehe schon Licht zwischen jenen
Bäumen. - Es ist vielleicht ein Irrwisch, wenn es nicht der Mond ist, versetzte
ich. - Er schwieg; aber bald darauf wurde der Wald offner, der Mond gab uns
etwas Licht, und es zeigte sich wieder ein Weg, den mein Führer zu erkennen
versicherte. Wir waren kaum eine Viertelstunde fortgegangen, so fanden wir ein
langes angebautes Tal vor uns liegen, und entdeckten zwischen Gruppen von
Bäumen einige Wohnungen. Sagte ich's nicht? sprach der Wegweiser, mit der Hand
nach den Wohnungen deutend. - »Aber die Frage ist, ob man uns aufnehmen wird.« -
Was wir hier sehen, ist ein kleines Landgut, erwiederte er, dessen Besitzer mir
bekannt ist. Er ist ein guter Mann; er wird uns das Nachtlager nicht versagen.
    Wir eilten, so ermüdet wir waren, den Hügel hinab, und sahen uns bald
zwischen einigen Reihen hoher Castanienbäume, die uns gerade zu einem sehr
einfachen aber geräumigen Gebäude führten, welches die Wohnung des Landwirts
schien, dem dieses Gut zugehörte. Wie wir näher kamen, tönte uns aus der Stille
der Nacht ein äusserst anmutiger Gesang verschiedener männlicher und weiblicher
Stimmen entgegen, deren gut zusammenpassende Verschiedenheit, bei einer überaus
reinen Intonation, die angenehmste Harmonie hervorbrachte. Ich glaubte einen
Chorgesang jener himmlischen Wesen zu hören, deren wieder hergestellte
Gemeinschaft mit uns, nach der Versicherung meines Unbekannten, eine der
Glückseligkeiten des bevorstehenden Reichs Gottes sein sollte. Meinem Führer
schien das eine gewohnte Sache zu sein, und ich fing an zu vermuten, dass seine
Verirrung im Walde weder ein Werk des Zufalls noch der Wald-Dämonen, sondern
vorsetzlich abgezielt gewesen sei, mich hierher zu bringen.
                                    Lucian.
    Dies ist, dünkte mich, klar genug, und ich vermutete es lange vor dir,
lieber Peregrin.
                                   Peregrin.
    Wir hörten dem Gesang eine gute Weile stillschweigend zu; und als er
aufhörte, klopfte mein Führer dreimal an der Pforte des Vorhofs an. Nicht lange,
so hörten wir jemand aus dem Hause an die Pforte kommen, der uns fragte, was
unser Begehren sei? Mein Führer antwortete ihm etwas auf Syrisch, das ich damals
nicht verstand, und setzte auf Griechisch hinzu: er hätte ein paar Fremde, die
nach Pitane wollten, durch den Wald geleitet; wir wären verirrt, und hofften
keine Fehlbitte zu tun, wenn wir an dieser Pforte um ein Nachtlager bäten.
    Er hatte die letzten Worte noch nicht ausgesprochen, so ging die Tür auf,
und wir sahen einen rüstigen Mann von funfzig Jahren, der uns, einen nach dem
andern, bei der Hand nahm und in seinem Hause willkommen hiess. Einer seiner
Söhne leuchtete uns, und wir wurden in einen kleinen Saal geführt, wo sich in
kurzem noch fünf oder sechs andere wackere Jünglinge einfanden, die als Söhne
vom Hause sich geschäftig erwiesen, uns zu zeigen dass wir freundlich aufgenommen
wären. Bald darauf brachten sechs Mädchen von dreizehn bis zwanzig Jahren, die
Schwestern dieser Jünglinge, alles was vonnöten war, uns die Füsse zu waschen.
Sie waren alle eben so reinlich als einfach gekleidet, und zeichneten sich von
allen weiblichen Wesen, die mir jemals vorgekommen waren, durch ein Ansehen von
Unschuld, Zucht und in sich selbst verhüllter Jungfräulichkeit aus, das sich
besser fühlen als beschreiben lässt. Sie setzten das Wasser, ohne die Augen
aufzuschlagen, vor uns nieder, breiteten reine Tücher und das übrige Zubehör auf
einen Tisch aus, und entfernten sich wieder, eine nach der andern, eben so
sittsam und ohne Geräusch, wie sie gekommen waren. Noch etwas das mir auffiel,
war, dass diese sechs Mädchen einander so ähnlich sahen, als ob es eben so viele
Copien eben desselben Modells gewesen wären; bloss das Alter und die Grösse machte
den Unterschied aus. Eben dies, wiewohl in minderem Grade, bemerkte ich auch an
den Söhnen, von welchen die drei jüngsten, nachdem sie sich mit Schürzen von
Leinen umgürtet hatten, ohne auf meine und meines alten Dieners Weigerungen zu
achten, den Dienst des Fusswaschens in grosser Stille und mit einem sonderbaren
Anschein von Demut und Andacht verrichteten.
    Als sie damit fertig waren, und wir eine Weile ausgeruht hatten, erschien
der Hausvater wieder, und führte uns in einen andern kleinen Saal, zu einem
gedeckten Tische, der mit Eiern und Milch, sehr schönem Brote und vortrefflichen
Früchten besetzt war. Hier fanden wir eine Matrone von etwa vierzig Jahren, die
Frau des Hauses und die Mutter aller dieser Kinder, die uns bat, da wir doch
einiger Erquickung bedürften, mit dem fürlieb zu nehmen, was das Haus noch so
spät zu geben vermöchte. Diese Frau flösste mir beim ersten Anblick eine
Empfindung ein, die ich noch nie gefühlt hatte - etwas das aus dem, was man für
eine Königin und für eine Mutter fühlen kann, zusammengesetzt war, und mich
zwischen zwei unfreiwilligen Anwandlungen, vor ihr nieder zu knien und ihr um
den Hals zu fallen, im Gleichgewicht hielt: in einem so hohen Grade leuchtete
jede Tugend, die wir mit dem schönen Worte Sophrosyne73 zusammenfassen, aus
ihrem ganzen Gesicht und Wesen hervor. Ohne dass sie vermutlich jemals eine
Schönheit gewesen war, gab ihr die Mischung von Würde und Demut, von Ernst und
Güte, Weisheit und Einfalt, Betriebsamkeit und Ruhe, die den Charakter ihrer
Gesichtsbildung und Züge ausmachte, eine so eigene Art von Würde und Anmut, und
zu aller der Mütterlichkeit, wenn ich so sagen kann, die eine Mutter von sechs
Söhnen und eben so viel Töchtern in ihr darstellte, etwas so Jungfräuliches und
Vestalenartiges, dass ihr Anschauen auf einmal alle Bilder von Schönheit und
Grazie auslöschte, die aus der Villa Mamilia in meiner Seele zurückgeblieben
waren. Damals kannte ich nichts, womit ich diese Frau, und das was ich bei ihrem
Anblick empfand, hätte vergleichen können; aber lange nachher, als ich in allen
Mysterien der Christianer eingeweiht war, dachte ich, so oft ich mich ihrer
erinnerte, ein Maler oder Bildner hätte, um die Mutter des Gottgesandten
darzustellen, kein vollkommneres Modell finden können als diese Frau.
    Es war ein schöner und für mich ganz neuer Anblick, diese Eltern zu sehen,
die von so vielen ihnen ähnlichen, gesunden und gutartigen Kindern umgeben,
einem schönen Baume glichen, der sich durch zwei Hauptäste in eine Menge
saftvoller, dicht belaubter Zweige ausgebreitet hat. Die ganze Familie schien
Ein Herz und Eine Seele. Die Befehle der Eltern wurden nur durch Winke gegeben,
und doch eben so schnell und mit eben der Stille vollzogen, wie die Glieder des
Leibes dem Willen gehorchen. Guterzigkeit und Wohlwollen, eine Gefälligkeit,
die aus reinem herzlichen Gefallen an einander zu entspringen schien, kurz eine
Uebereinstimmung der Gemüter, wovon ich noch keine Vorstellung gehabt hatte,
leuchtete aus allen Augen, sprach aus allen Bewegungen und Handlungen dieser
glücklichen Geschöpfe, und wirkte desto sonderbarer auf mich, da ich noch nie
unter Menschen gewesen war, die so wenig Worte gemacht hätten wie diese. Es war
als ob ihnen die Seelensprache, worin sie einander so gut verstanden, zu allem
hinreichte, was sie sich zu sagen hatten. Sind dies, sagte ich zu mir selbst,
die Menschen, von denen unsre Priester und unser Pöbel mit solchem Abscheu, und
unsre grossen Männer mit solcher Verachtung sprechen? Ist der Geist, der diese
gutartige Familie beseelt, der allgemeine Geist ihres Ordens? O so hatte mein
Unbekannter wohl Recht, sie neue Menschen und Erstlinge einer neuen Schöpfung zu
nennen! Selbst das goldene Alter unserer Dichter ist nur ein kindisches Mährchen
gegen eine Welt, die von lauter Menschen, wie diese Familie, bewohnt würde.
    Ich konnte mich nicht entalten, ihnen die Bewunderung und Zuneigung, die
ich für sie fühlte, in sehr lebhaften Ausdrücken zu bezeigen. Aber meine Sprache
schien ihnen fremd; die jungen Leute schlugen die Augen nieder oder traten auf
die Seite, und der Hausvater sah mich an, als suchte er in meinem Gesichte, ob
er sich an mir geirret habe. Indem ich nachdachte, was dies zu bedeuten haben
könnte, reichte mir die Frau des Hauses einen Becher mit Wein, welchen eine
ihrer Töchter, nach Gewohnheit des Landes, vorher mit Wasser vermischt hatte.
Ich nahm ihn an, und aus einer bloss mechanischen Gewohnheit goss ich, indem ich
meine Wirtin mit Ehrerbietung und Wohlgefallen betrachtete, ohne zu denken was
ich tat, etwas Wein auf den Boden, bevor ich trank. Sie erblasste, trat zurück,
und in wenig Augenblicken waren die Mutter und die Töchter aus dem Saale
verschwunden.
    Warum tatest du das? fragte mich der Hauswirt mit freundlichem Ernste:
siehe, wie du diese guten Seelen erschreckt hast! - Ich wurde feuerrot, und
entschuldigte mich, mit einer eben so mechanischen Beteuerung beim Jupiter, dass
meine Hand es ohne den Willen meiner Seele getan habe. Nun schlichen sich auch
die Söhne unvermerkt und in grösster Stille einer nach dem andern fort. - Die
Macht der Gewohnheit! sagte der Wegweiser mit einem kleinen Kopfschütteln. -
Seit mehr als vierzig Jahren, fuhr unser Wirt fort, ist dieser Boden durch
keine abgöttische Libation entweiht, und der Name keines bösen Dämons in diesem
Hause ausgesprochen worden. Wir scheuen uns nicht zu bekennen, dass wir nur den
Einzigen anbeten, durch welchen und in welchem alles ist, und dass wir ihm
dienen, wie es uns der Liebling seines Sohnes, nach dessen Namen man uns nennt,
gelehrt hat. Unser Bruder, der dich hierher gebracht hat, sagte uns, du wärest
auf dem Wege einer der Unsrigen zu werden.
    Er hielt ein, und ich gestehe, dass mir diese Rede von einem Manne, den ich
bisher eben so verständig als biederherzig gefunden hatte, mächtig auffiel. Du
hättest mich also, ohne diese vielleicht irrige Meinung nicht aufgenommen?
fragte ich mit einiger Empfindlichkeit. - »Dennoch, antwortete er mit seiner
gewohnten Ruhe, nur auf eine andere Art. Alle Menschen, wer sie auch sein mögen,
können gewiss sein, dass wir uns keiner Pflicht der Menschlichkeit gegen sie
weigern; aber Liebe können nur unsre Brüder von uns erwarten; und wenn wir nicht
so strenge darüber hielten, so viel möglich alle Gemeinschaft mit denen, die es
nicht sind, zu vermeiden, würden wir bald aufhören das zu sein, was dir (wie du
sagst) so viel Wohlwollen für uns eingeflösst hat. Nur die Absonderung von den
Kindern der Welt sichert uns, nicht von ihnen angesteckt zu werden.« - Wenn der
Wunsch, einer der Eurigen zu sein, hinreichend wäre! versetzte ich - Aber ich
bin noch so unwissend, dass ich nicht einmal die Elemente der Weisheit, die euch
zu so guten Menschen macht, begriffen habe. - »Was wir Gutes haben, erwiederte
unser Wirt, ist Gnade von oben: der Wille allein ist unser; und auch das ist
Gnade, dass er gut ist. Uebrigens sind wir als blosse Säuglinge der himmlischen
Weisheit nur mit Milch genährt worden; wir sind ungelehrte Landleute, und die
hohe Gnosis unsrer Propheten ist eine Gabe des Geistes, die uns nicht gegeben
ist. In Einfalt des Herzens begnügen wir uns, an unserm Meister zu hangen, ihn,
der aus Liebe zu uns sein Leben liess, von ganzem Herzen zu lieben, seines Sinnes
zu sein, seinem Exempel zu folgen, und mit Freudigkeit seiner Wiederkunft zu
harren.«
    Dies ist zum Heil hinreichend, mein Bruder, sagte unser Wegweiser: aber
Kinder sind doch nicht geboren, um Kinder zu bleiben; sie sollen Jünglinge und
Männer werden, und bedürfen alsdann, ja schon um es zu werden, stärkere Speise.
    Der Hauswirt erwiederte nichts hierauf. Nach einer kleinen Weile fuhr jener
fort: ich weiss dass man dir Vorurteile gegen unsre Gemeine beigebracht hat; aber
ich bin gewiss, wenn du unsern Propheten gesehen, wenn du ihn gehört hättest, du
würdest andres Sinnes werden.
    Mein Bruder, versetzte unser Wirt mit Wärme, ich werde nie einen solchen
Mann wieder sehen wie Johannes, der Liebling unsers Herrn, war! Wohl mir, dass
ich ihn gesehen habe, den liebenswürdigen Greis, den wir alle wie unsern Vater
liebten und als den Stellvertreter seines geliebten Meisters verehrten, und dass
sein Bild, oder vielmehr sein Geist in himmlischer Lichtgestalt, noch immer vor
mir schwebt, so oft ich mich seiner erinnere! Unvergesslich wird mir, so lang'
ich lebe, der Augenblick sein, da er in diesem Hause, in diesem nämlichen
Gemache wo wir jetzt sind, als ich ein Knabe von sieben Jahren war, seine
heiligen Hände auf mich legte und mich segnete! Und so lang' ich lebe, werd' ich
den herzlichen Ton der letzten Worte in meiner Seele hören, mit denen er von
seiner Gemeine zu Ephesus schied. Durch eine besondere Schickung hatte mich
damals mein Vater in meinem vierzehnten Jahre nach Ephesus gebracht, um meine
Erziehung daselbst vollenden zu lassen. Bald darauf fühlte der Heilige, der
beinahe das ganze erste Jahrhundert des Heils durchlebt hatte, dass die Stunde
des Scheidens gekommen sei. Er wurde in einem Lehnstuhl in die Gemeine getragen,
die sich in dem Hause, wo er wohnte, versammelt hatte. Nie, nie wird mir dieser
Anblick, diese Gefühle, die mein Innerstes durchdrangen, aus dem Sinne kommen!
Wenn uns ein Engel in Gestalt eines Greises erscheinen wollte, so würde er die
Gestalt des von seinen Kindern scheidenden Johannes annehmen. Seine Augen waren
dunkel geworden: aber das letzte Auflodern der erlöschenden Flamme schien sie
auf einmal zu erheitern, und in einem Blick voll Liebe auf uns alle
auszustrahlen. Die ganze Gemeine lag in heiliger Stille und mit tränenden Augen
auf den Knien um ihn her, seinen letzten Segen zu empfangen. Er erhob sich,
breitete seine Arme gegen uns aus, segnete uns, sank zurück, und war
verschieden.
    Die Stimme unsers guten Wirts erstickte bei den letzten Worten, und Tränen
rollten über seine glühenden Wangen herab; er sah eine lange Weile unverwandt
empor; mein Wegweiser schwieg, wie in Gefühl verloren; und ich - ich gelobte mir
selbst, dass von nun an alle meine Gedanken dahin gerichtet sein sollten, so bald
immer möglich in die Gemeinschaft dieser liebenswürdigen Menschen aufgenommen zu
werden, die in meinen Augen einen Timon selbst mit dem ganzen Menschengeschlecht
ausgesöhnet hätten.
    Bald darauf stand unser Wirt schweigend auf, führte uns in ein für uns
aufgerüstetes Schlafgemach, und wünschte uns eine gute Nacht.
    Mein Herz war zu voll, als dass ich, wiewohl von der Reise sehr ermüdet,
selbst hätte ruhen, oder meinem Gefährten Ruhe lassen können. Wie ist es
möglich, sagte ich zu ihm, dass so gute Menschen, wie ich nun sehe dass ihr seid,
von der Welt so sehr verkannt werden können?
    »Das wundert dich? antwortete er mit dem Lächeln, womit man auf die
einfältige Frage eines Kindes antwortet: eben darum weil wir gut sind. Können
wir, die wir noch so weit unter dem Vorbilde unsers Meisters und Herrn sind,
können wir erwarten, dass es uns besser ergehen werde als ihm?« - Und nun fing er
an, durch meine Fragen veranlasst, und durch das Interesse womit ich ihm zuhörte
aufgemuntert, sich mit einer immer zunehmenden Wärme über den Charakter des
ausserordentlichen Menschensohnes, den er seinen Meister und Herrn nannte,
auszubreiten; der (wie er sagte) in einem Alter, worin gewöhnliche Menschen kaum
die ersten Elemente der Weisheit zu fassen fähig sind, die weisesten Männer
aller Völker und Zeiten so weit hinter sich zurück liess, dass die Hermes und
Zoroaster, die Pytagoras und Sokrates, sich für glücklich geachtet haben würden
seine Schüler zu sein; in dem Alter der Leidenschaften sich als ein so
vollkommnes Muster der Mässigung, Entaltsamkeit, Ruhe des Gemüts, Sanftmut,
und überhaupt aller Tugenden, die am schwersten auszuüben sind, darstellte, dass
er seine Feinde öffentlich auffordern konnte ihn irgend einer Vergehung zu
zeihen, und dass selbst der Römische Procurator von Judäa, wiewohl feige genug
den Unschuldigen dem Hasse der Priester und der Wut des Pöbels Preis zu geben,
laut gestehen musste, er finde keine Schuld an ihm. - »Wo ist jemals, fuhr er
fort, ein Menschensohn gesehen worden, der so gesprochen, so gelebt, und ein so
reines Leben mit einem so bewundernswürdigen Tode gekrönt hätte? Ohne die
geringste Anforderung an diese Welt, ohne Sorge für sich selbst, gewiss dass der
Auftrag, womit er auf die Erde gesendet worden war, alle Mächtigen und Reichen,
alle Priester und Schriftgelehrten, und überhaupt alle Regenten und Untertanen
des Reichs der Finsternis zu seinen tödtlichsten Feinden machen würde, - ging er
mitten unter ihnen seinen Weg so heiter und ruhig fort, als ob er nicht voraus
gewusst hätte, dass dieser Weg ihn gerade ans Kreuz führe. Jeder seiner Schritte
zu diesem grausenvollen Ziele war mit einer Wohltat bezeichnet, jedes seiner
Worte ein goldner Spruch der Weisheit, o wie weit erhaben über alles, was vor
ihm, selbst bei unsern auf ihre höhere Cultur so stolzen Griechen, diesen Namen
geführt hatte! Wer sprach jemals zugleich mit solcher Hoheit und Einfalt, so
tief und doch so fasslich, so Gott geziemend und doch zugleich so menschlich, von
himmlischen und göttlichen Dingen? Es war unmöglich ihn mit unbefangenem Sinne
zu hören, ohne die Wahrheit seiner Worte zu fühlen, oder vielmehr zu fühlen, dass
es die Wahrheit selber war, die in Gestalt eines Menschensohnes zu Menschen
sprach. Es war unmöglich nur ein bloss natürlich guter Mensch zu sein, und ihn zu
sehen, zu hören, mit ihm zu leben, ohne von seiner unwiderstehlichen
Holdseligkeit und Güte überwältiget zu werden, und ihm mit einer Liebe, die kein
anderer Sterblicher einflössen konnte, zugetan zu sein. Alle seine Jünger und
Jüngerinnen, sogar diejenigen, die er zu beständigen Gefährten und Zeugen seines
Lebens auserwählt hatte, hingen bloss durch diese Liebe an ihm. Seine Person
blieb ihnen immer ein unauflösliches Geheimnis; mehrmals wurden sie sogar irre
an ihm: aber auch, nachdem sie nun gewiss waren, dass sie nichts in dieser Welt
von ihm zu hoffen hätten, gewiss waren, dass im Gegenteil ihre Anhänglichkeit an
ihn ihnen nichts als Hass und Verfolgung, ein mühseliges Leben und einen
peinvollen Tod zuziehen würde: auch da wirkte diese unbegreifliche Liebe noch
immer so wunderbar in ihnen fort, dass sie, nach seinem Beispiel, keine Gefahren,
keine Leiden, keine Martern scheuten, um den von ihm empfangnen Auftrag zu
vollziehen, indem sie der ganzen Welt das Reich Gottes ankündigten, zu dessen
Gründung er auf die Erde gekommen war. So lebte er, auch nach seinem Hingang,
noch immer (wie er ihnen versprochen hatte) mitten unter den Seinigen; oder
vielmehr nur seine Gestalt war ihren Augen entschwunden, Er selbst lebte in
ihnen fort, redete aus ihnen, wirkte aus ihnen, und vollendete durch sie das
grosse Werk, welches die Geister der Finsternis durch seinen Tod im Werden zu
zerstören gehofft hatten. - Und dieser göttliche Mensch (rief mein begeisterter
Evangelist mit verstärkter Stimme aus), dieser weiseste, beste, reinste,
liebevolleste, liebenswürdigste und geliebteste aller Menschen, starb im
dreiunddreissigsten Jahr eines solchen Lebens - am Kreuze! - - Und nun, setzte er
nach einer ziemlich langen Pause hinzu, wirst du dich noch länger wundern, die
Jünger eines Meisters, der so verkannt wurde, nicht besser behandelt zu sehen?
In der Tat geht es uns noch viel zu gut: und ich fürchte sehr, es ist ein
schlechtes Zeichen unsrer Lauterkeit und Gleichförmigkeit mit ihm, dass uns die
Kinder dieser Welt seit geraumer Zeit so viele Ruhe lassen.«
    Ich hatte, wie du leicht erachten kannst, gegen eine Antwort, die den Knoten
so rasch entzwei hieb, nichts zu erwiedern, und konnte es um so weniger, da mir
in diesem Augenblick eine Stelle meines Plato einfiel, wo er behauptet: »ein
vollkommen weiser und guter Mensch würde eben darum, weil er dies wäre, von den
übrigen Menschen notwendig gemisskannt, gehasst, geschmähet, verfolgt und endlich
gar getödtet werden, ohne dass er darum sogar am Kreuze aufhören würde, sich
selbst gleich zu bleiben.«
    Sollte man, dachte ich, nicht glauben, ein prophetischer Geist hätte dem
Attischen Philosophen diese Worte als eine Weissagung eingegeben, welche mehrere
Jahrhunderte nach ihm unter einem Volke, dessen blosser Name ihm vielleicht
unbekannt war, auf eine so auffallende Weise in Erfüllung gehen sollte?
    Ich konnte mich nicht entalten meinem Gefährten diesen Gedanken
mitzuteilen. Er schien meiner Meinung zu sein, und behauptete: die Weisen unter
den abgöttischen Völkern hätten sich öfters in dem Falle befunden, ohne es
selbst zu wissen, Vorboten und Ankündiger des Gottgesandten zu sein. Sein Eifer,
mich vollends zu überzeugen, wurde nun immer feuriger, je mehr Eindruck seine
Reden auf mich zu machen schienen. Vermutlich wollte er, da wir uns mit Anbruch
des Tages wieder trennen sollten, sich nicht vorzuwerfen haben, er hätte es an
sich fehlen lassen, mich auf den rechten Weg zu bringen; und so überschlich uns
der Morgen unvermerkt, ohne dass der Schlaf in unsre Augen gekommen war.
                                    Lucian.
    Dein Wegweiser war, wie ich sehe, nicht ohne Absicht zu diesem Amte
befördert worden. Aber bei aller Geschicklichkeit und allem Eifer, womit er sich
seines Auftrages entledigte, sollte dir doch aufgefallen sein, dass mächtig viel
Declamation in seinem Vortrage war; und es lag, dünkt mich, nur an dir, das
ganze Rätsel des ausserordentlichen Mannes, zu dessen Anhänger er dich machen
wollte, auf eine viel simplere Art zu erklären als die seinige. Das
Ausserordentliche an ihm musste sich so ziemlich verlieren, und alles wieder in
den begreiflichen Lauf der Dinge eintreten, sobald du bedachtest, dass die
Geschichte, oder, um ihr ihren rechten Namen zu geben, die Mytologie aller
dieser Göttersöhne, vom Brama der Indier, dem Hermes der Aegypter, dem Zoroaster
der Baktrianer, dem Zamolxis der Geten, dem Linus und Orpheus der Griechen
u.s.w., bis auf unsern wundervollen Apollonius herab, in der Hauptsache immer
eben dieselben Erscheinungen und eben dieselben Resultate gibt. Immer, von der
Empfängnis bis zum Tode, alles wunderbar; übermenschliche Natur und Kräfte,
übermenschliche Weisheit und Tugend; Gemeinschaft mit den Göttern und einer
unsichtbaren Welt; Gewalt über die Elemente und die vermeintlichen in ihnen
herrschenden Geister; unwiderstehliche Einwirkung auf gewöhnliche Menschen;
hinreissende oder alle Herzen gewinnende Beredsamkeit; Gabe Wunderdinge zu tun,
Todte zu erwecken, das Zukünftige vorherzusagen u.s.w. Immer ein unter den
Sterblichen erschienener wohltätiger Dämon in Menschengestalt, um sie von
grossen Uebeln zu befreien und in einen höchst glücklichen Zustand zu versetzen,
irgend eine neue Religion, einen geheimen Gottesdienst und Orden, oder eine
Teokratie74 zu stiften, welche anfangs das wohlgemeinte Werk unschuldiger
Entusiasten, zuletzt, und in ziemlich kurzer Zeit, zu einer ganze Völker und
Reiche unterjochenden Priesterregierung wird. Für uneingenommene Zuschauer der
menschlichen Dinge löset sich in allen diesen Fällen der geheimnisvolle Knoten
durch ein und eben dasselbe Dilemma auf. Entweder die Wundermänner täuschten
ihre Anhänger und den übrigen grossen Haufen - vielleicht aus wohltätigen
Absichten - vorsetzlich, was z.B. von den Stiftern unsrer Eleusinischen
Mysterien unläugbar ist: oder sie täuschten unwissenderweise sich selbst durch
ihren Entusiasmus, und andere durch den natürlichen Zauber, womit grosse Seelen
auf kleine wirken. In beiden Fällen erklärt sich alles auf die natürlichste Art
von der Welt; zumal wenn man bedenkt, wie wenig dazu gehört, dass in den Augen
unwissender und abergläubischer Leute aus einem ungewöhnlichen Menschen ein
Heros, und aus einem Heros ein Gott werde. Man müsste die menschliche Natur wenig
kennen, wenn man von den unmittelbaren Jüngern eines solchen Mannes, oder von
den Jüngern dieser Jünger, etwas anderes erwartete, als dass sie immer mehr sagen
werden als sie wirklich gesehen und gehört haben. Und wie sehr kommt ihnen dabei
der Umstand zu Statten, dass sie nie begieriger sein können, unglaubliche Dinge
zu erzählen, als ihre meisten Zuhörer es sind, dergleichen zu hören und zu
glauben!
                                   Peregrin.
    Du wärest also, an meinem Platze, weiser gewesen als der Pytagorische
Timäus beim Plato, der die religiöse Tradition der Griechen auf einen sehr
festen Grund gesetzt zu haben vermeint, indem er behauptet: »ihre alten Sänger
und Dichter hätten als Göttersöhne von den Angelegenheiten und Taten ihrer
Ahnen und ihrer ganzen Sippschaft natürlicherweise am besten unterrichtet sein
müssen; und es sei also, wie unerweislich und unglaublich auch ihre Nachrichten
an sich sein möchten, für uns Menschensöhne schon genug, dass sie uns von
Göttersöhnen gegeben würden, um sie mit gebührender Ehrfurcht für hinlänglich
beglaubigte Tatsachen gelten zu lassen.«
                                    Lucian.
    Ich mache deinem Verstande wohl kein grosses Compliment, Peregrin, wenn ich
ihm zutraue, dass ein Argument von dieser Stärke selbst in dem höchsten Punkt der
Wärme deines Kopfes keinen grossen Vorteil über dich erhalten hätte?
                                   Peregrin.
    Bei allem dem wäre es nicht mehr als billig, das Ansehen solcher Männer wie
Timäus einem jungen Menschen zu Statten kommen zu lassen, welchen, ausser der
Wärme seines Kopfes und seinem angebornen Hang zum Ausserordentlichen, noch der
mechanische Einfluss der Gewohnheit, von Kindesbeinen an Göttersöhne geglaubt zu
haben, in diesem Stücke etwas leichtgläubig machen musste. Allein die Gründe des
Glaubens , zu welchem ich mich durch die Unterredung mit meinem Wegweiser so
mächtig hingezogen fühlte, hatten (um nicht ungerecht zu sein) ein ganz anderes
Gewicht, als Timäus, oder Plato selbst - der mir in dieser Sache ohnehin der
Ironie verdächtig ist - demjenigen, dem sie das Wort zu reden scheinen, jemals
verschaffen können. Wie scheinbar auch beim ersten Anblick die Aehnlichkeit sein
mag, die du unter den Göttersöhnen aller Völker und Zeiten findest, so war doch
der Vorzug und die Ueberlegenheit desjenigen, mit welchem ich seit kurzem durch
die Christianer bekannt geworden war, so gross, so wesentlich, so unverkennbar -
-
                                    Lucian.
    Um Vergebung, lieber Peregrin, dass ich dir in die Rede falle! Aber es
bedarf, wie du selbst siehest, keiner Rechtfertigung über diesen Punkt. Wir sind
ja beide schon lang im Klaren, und ich hatte Unrecht, dich durch eine Anmerkung,
die uns in ganz unnötige Erörterungen verwickeln könnte, in deiner Erzählung zu
unterbrechen.
                      Peregrin (nach einer kleinen Pause).
    Die Geschäfte meines Vaters in Mitylene waren so dringend und die Zeit
meiner Zurückkunft nach Parium so nahe, dass ich, wie schwer es mir auch wurde
mich von meinen neuen Freunden so bald wieder zu trennen, nicht daran hätte
denken dürfen, länger zu verweilen, wenn auch mein gastfreier Wirt auf einen
längern Aufentalt angetragen hätte. Ich schied also mit Aufgang der Sonne von
ihm und von meinem Wegweiser, der, indem er es einem der Hausgenossen unsers
Wirtes überliess, mich vollends auf die Strasse nach Pitane zu bringen, mich sehr
liebreich umarmte, mit der Versicherung, dass wir uns eher, als ich vielleicht
vermutete, wiedersehen würden. Er weigerte sich sehr ernstlich eine Belohnung
von mir anzunehmen, und da ich schlechterdings darauf bestand, bequemte er sich
endlich nur insoferne dazu, als es eine milde Handreichung zu den Bedürfnissen
notleidender Brüder sein sollte, für welche von den Beiträgen der Begüterten
aller Gemeinen in jeder Provinz eine gemeinschaftliche Casse errichtet sei.
Unter diesem Titel allein, sagte er, könne er meine Gabe annehmen, da er mich,
wenigstens dem guten Willen nach, bereits als einen Bruder zu betrachten Ursache
habe.
    In der Tat hatte ich ihm zu warme und positive Versicherungen über diesen
Punkt gegeben, als dass er sich etwas andres zu mir hätte versehen können: und
wenn du dich des Gemütszustandes erinnerst, worin mich die erste Erscheinung
des Unbekannten zu Smyrna antraf; und alle die Eindrücke, die von jenem Abend an
auf mich gemacht worden waren, zusammen nimmst, so wirst du nichts
Unbegreifliches darin finden, dass ich mich (um dir einen deiner
Lieblingsausdrücke abzuborgen) den Kopf zu unterst in einen Glauben stürzte, der
meinen schönsten Gefühlen und erhabensten Ideen so angemessen war; dass ich diese
jetzt als blosse Ahndungen betrachtete, deren wirkliche Gegenstände mir nun bald
in ihrer ganzen Fülle mitgeteilt werden sollten.
    In der grössten Lebhaftigkeit erwachte jetzt, da ich mir selbst und meinen
Betrachtungen überlassen war, alles wieder in mir, was mich der Unbekannte hatte
hoffen heissen, und mir war als hörte ich die emphatischen Worte noch in meinen
Ohren klingen: »bald wird die Decke von deinen Augen fallen! Du wirst in
Mysterien, wovon die zu Eleusis nur täuschende Schatten sind, zum Anschauen
eines ganz andern Lichtes kommen, und ein ganz andrer Führer der Seelen, als
jener fabelhafte Hermes, wird das Göttliche in dir zu seinem Ursprung
zurückführen!« - Und nun kannst du dir leicht vorstellen, mit welcher Ungeduld
ich eilte, die Hindernisse, die noch in meinem Wege lagen, auf die Seite zu
schaffen, und wie ich wachend und schlafend nichts andres dachte und träumte,
als mich sobald nur immer möglich von allen andern Verhältnissen loszumachen, um
mich gänzlich dem grossen Beruf zu widmen, zu welchem ich erwählt war. Denn,
hatte nicht der Unbekannte das Zeichen meiner Erwählung auf meiner Stirne
gesehen?
                                    Lucian.
    Da du doch selbst wieder auf deinen Unbekannten gekommen bist, so wär' es,
däucht mich, wohl einmal Zeit, dass er aus dem geheimnisvollen Nebel, worein er
sich schon so lange, gleich einem Homerischen Gott, eingehüllt hat, hervor
träte, und uns wissen liesse wer er eigentlich sei, und durch was für eine Magie
er dazu gekommen, bei eurem ersten Zusammentreffen dir nicht nur alles was
damals in dir vorging, sondern sogar alles was lange vorher mit dir vorgegangen
war, an den Augen anzusehen? Suchtest du nicht von deinem Wegweiser einige
Erkundigungen über seine Person einzuziehen?
                                   Peregrin.
    Allerdings; aber alles was ich herausbrachte, war bloss, dass er Vorsteher
einer ansehnlichen Anzahl Asiatischer Gemeinen, und ein Lehrer, oder (wie sie es
nannten) ein Prophet von grosser Geisteskraft und hoher Erleuchtung in göttlichen
Dingen sei. Mehr, sagte mein Mann, könne er mir, ehe ich unter die Epopten75
aufgenommen sei, nicht entdecken; und daran, lieber Lucian, wirst auch du dich
vor der Hand begnügen müssen, bis die Zeit mehr ans Licht bringen wird.
    Ich bin bei Erzählung der Begebenheiten, die mich mit den Christianern
bekannt machten, und die Entschliessung, mich unter sie zu begeben, herbeiführten
und beförderten, vielleicht in kleinere Umstände hinein gegangen, als ein
Erzähler, dem vor der Gefahr langweilig zu werden bang ist, sich erlauben
sollte. Aber ich glaubte so umständlich sein zu müssen, weil ich dir begreiflich
machen wollte, wie es ohne einen Sprung (den die Natur niemals tut) möglich
war, dass aus einem Epopten der Mysterien der Venus Mamilia in so kurzer Zeit
einer der eifrigsten Neophyten werden konnte, die mein Unbekannter für sein
tausendjähriges Lichtreich jemals angeworben haben mochte.
                                    Lucian.
    Du hast deine Absicht erreicht, Peregrin -
                                   Peregrin.
    Und ich werde also um so füglicher die Geschichte mehrerer Jahre, die noch
bis zu dem Zeitpunkte, da ich eine nicht ganz unbedeutende Person unter den
Christianern vorstellte, verstrichen, ins Kurze zusammenfassen können.
    Bei meiner Zurückkunft in das väterliche Haus fand ich meinen Vater von den
Beschwerden des Alters früher übereilt als ich es seinen Jahren nach vermutet
hätte, und daher entschlossen, seine Handlung aufzugeben, mit allen seinen
Correspondenten Richtigkeit zu machen, und den Rest seines Lebens in
gemächlicher Ruhe unter seinen Freunden in Parium hinzubringen. Diesem Vorhaben
zufolge säumte er nicht, mir anzukündigen: dass er mich bloss deswegen
zurückberufen habe, um alle seine noch übrigen Geschäfte, besonders diejenigen,
die mit grössern oder kleinern Reisen nach verschiedenen Handelsplätzen des
Schwarzen, Aegeischen und Cilicischen Meeres verbunden waren, auf die jüngern
Schultern seines einzigen Sohnes abzuwälzen. Wiewohl nun nichts in der Welt mit
meinen Neigungen weniger zusammenstimmte als die Lebensart, wozu ich dadurch
verdammt wurde: so fühlte ich doch meine Pflicht stark genug, um mich ihren
Obliegenheiten mit so guter Art zu unterziehen als mir möglich war.
                                    Lucian.
    Im Grunde, lieber Peregrin, lag es nicht an deinem Schicksale, wenn du von
der Ueberspannung, die dich bisher in so sonderbare und so weit ausser dem
gewöhnlichen Wege liegende Abenteuer verwickelte, nicht bei dieser Gelegenheit
noch zu rechter Zeit um einige Grade herabgestimmt wurdest. Eine beschäftigte
Lebensart, häufige Reisen, und die mannichfaltigen Verhältnisse mit allerlei
Arten von alltäglichen Leuten, in welche man dadurch gesetzt wird, sind sonst
immer das sicherste Mittel die übermässige Lebhaftigkeit der Einbildung zu
schwächen, und einen Platonischen Schwärmer, unvermerkt und zu seiner eigenen
Verwunderung, in einen Menschen wie andere umzugestalten.
                                   Peregrin.
    In der Tat begegnete mir auch bei dieser Gelegenheit wieder etwas
Menschliches. Nicht als ob mein Entschluss, mich so bald als immer möglich unter
die Christianer zu begeben, wankend gemacht worden wäre. Im Gegenteil, je
weniger ich an den Geschäften und Zerstreuungen meiner neuen Lebensart Vergnügen
fand, und je auffallender der Contrast war, den die Menschen, mit welchen ich zu
verkehren hatte, mit jenen arglosen und guterzigen Geschöpfen machten, unter
welche mich mein Wegweiser von Pergamus hatte verirren lassen: desto
ungeduldiger ward von Zeit zu Zeit meine Sehnsucht nach der unbewölkten Stille
der Seele und der reinen Eudämonie, wozu ich nirgends als unter so guten
Menschen gelangen zu können glaubte. Aber eben dies hing an einer in mir
vorgegangenen Veränderung, die vermutlich unter andern Umständen nicht so bald
erfolgt wäre. Das, was du meine Schwärmerei nennest, bekam allmählich eine
andere Richtung. Je mehr Gewalt die Einwirkungen der äussern Sinnenwelt über mich
erhielten, je stumpfer wurde der innere Sinn für die geistigen Erscheinungen der
phantastischen Ideenwelt, in welcher ich ehemals gelebt hatte. Anstatt dass einst
das Ziel aller meiner Wünsche gewesen war, unter höhern Wesen das Leben der
Geister zu leben, und mich bei lebendigem Leibe zum Dämon zu entkörpern - fühlte
ich jetzt kein dringenderes Bedürfnis, als von aller Verbindung mit Menschen,
deren ganze Art zu sein in ewigem Widerspruch mit meinem Ideale von Harmonie und
Schönheit stand, je eher je lieber befreit zu werden, um in einer kleinen
Gesellschaft unverfälschter, durchaus guter Menschen zu leben, an deren
Anschauen meine Seele immer reines Wohlgefallen haben, und über die ich die
ganze Fülle meiner Liebe, ohne Furcht vor Täuschung und Reue, ohne Gefahr von
ihren Leidenschaften und Sitten angesteckt zu werden, ergiessen könnte. Mit Einem
Worte, Lucian, die magische Schwärmerei meiner frühern Jugend ging unvermerkt,
eine Zeit lang wenigstens, in eine moralische über, welche mich zwar wieder
neuen Illusionen der Einbildung und des Herzens aussetzte, aber doch zugleich
dem, was in meinen Augen die Vollkommenheit des Menschen ist, näher brachte, und
vielleicht ein Mittelzustand war, durch welchen ich notwendig gehen musste, um
auf den geradesten Weg, der zu jener Vollkommenheit führt, zu kommen.
                                    Lucian.
    Das wollen wir sehen! Aber wie benahmen sich inzwischen der Unbekannte und
der Wegweiser?
                                   Peregrin.
    Nichts weniger als zudringlich. Es verging beinahe ein halbes Jahr, ehe ich
von dem letztern, mit Gelegenheit einiger Waaren, die meinem Vater von Smyrna
kamen, ein Briefchen erhielt, worin er meldete, dass er mich in kurzem zu Parium
besuchen würde. Bald darauf erschien er wirklich in unserm Hause in Gestalt
eines Handelsmannes von Aegina, Namens Hegesias, der von verschiedenen unsrer
Correspondenten Aufträge an meinen Vater hatte. Er betrug sich dabei mit so
vieler Geschicklichkeit und Klugheit, dass der Alte ganz von ihm eingenommen
wurde, und sein Anerbieten, sich hinwieder von ihm mit Aufträgen nach einigen
Plätzen der Ionischen Küste beladen zu lassen, mit Vergnügen annahm. Dies setzte
ihn in kurzem auf einen so freundschaftlichen Fuss mit uns, dass es mir an
Gelegenheit nicht fehlen konnte, so viele besondere Unterredungen mit ihm zu
haben als ich nur immer wünschte. Ich erhielt einige der Bücher von ihm, die von
den Christianern damals noch sehr geheim gehalten wurden, und hauptsächlich die
Geschichte der drei letzten Lebensjahre ihres Meisters, seine Wundertaten,
seine öffentlichen Reden, und den geheimern Unterricht, der nur seinen
auserwählten Anhängern zu Teil ward, entalten. Ich verschlang diese Bücher mit
meiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit, und schöpfte daraus eine so innige Liebe für
die Person dieses wunderbaren und in seiner Art einzigen Menschensohnes, dass es
mir nicht schwer gewesen wäre, ihm noch weit unglaublichere Dinge, als er zum
Teil gesagt haben soll, mit eben der zutraulichen Guterzigkeit zu glauben,
womit ich, auf das Wort und die ehrliche Miene meines Freundes Hegesias, an die
historische Zuverlässigkeit der Erzähler so ausserordentlicher Dinge glaubte.
Hegesias liess nichts ausser Acht, was mich in meinem neuen Glauben bestärken, und
mir den Beruf eines Mitarbeiters an dem grossen Werke der Zerstörung des Reichs
der Finsternis immer wichtiger machen konnte; und kurz (um dich mit der
Beschreibung meiner Fortschritte nicht noch längere Zeit aufzuhalten als ich
gebrauchte sie zu machen), er fand mich in so guter Verfassung, dass er kein
Bedenken trug, mir noch in der Nacht vor seiner Abreise von Parium den ersten
Grad der Initiation in den Mysterien der Christianer zu erteilen, und bei
dieser Handlung - deren einfache aber herzerschütternde Feierlichkeit durch die
Stille der Mitternacht und das Schauerliche des Orts, den er dazu ersehen hatte,
nicht wenig erhöht wurde - ein Gelübde von mir anzunehmen, das mich auf ewig zum
Genossen des Reichs des Lichtes und zum unversöhnlichen Bekämpfer des Reichs der
Finsternis machen sollte.
    Hegesias hatte schon mehr als Einmal seine ganze Beredsamkeit anwenden
müssen, den Eifer, den er selbst in mir entzündet hatte, zu mässigen, und mich zu
überzeugen, dass es Pflicht sei, mich den Verrichtungen, welche die Vorsehung mir
dermalen angewiesen habe, nicht eher zu entziehen, bis ein höherer Befehl mich
davon abrufe. Aber in diesen feierlichen Augenblicken ergriff mich das
Verlangen, alles zu verlassen und mich meinem neuen Beruf gänzlich und mit
ungeteilter Tätigkeit zu widmen, mit solcher Gewalt, dass ich von neuem in ihn
drang, und in Hoffnung, seinen Widerstand auf einmal zu entwaffnen, mit grossem
Feuer mich auf die Antwort berief, die unser Meister dem reichen Jüngling
erteilt hatte, der ihn fragte, was er tun müsse um selig zu werden. Nichts
konnte, meiner Meinung nach, entschiedener sein, als die Anwendbarkeit dieser
Antwort auf meinen Fall. Allein Hegesias war nicht so leicht aus seinem Vorteil
zu werfen als ich mir einbildete. Er strafte meine Ungeduld mit sanftem aber
unerbittlichem Ernst, und bestand schlechterdings darauf , dass es mir nicht
erlaubt sei, meinen Vater eher zu verlassen, als bis er meines Dienstes nicht
mehr benötigt sein würde. »Die Antwort, die dem Jüngling, auf den du dich
beziehest, erteilt wurde, sagte er, passt so wenig auf deinen Fall, dass sie
vielmehr gegen dich entscheidet. Die Gemütsverfassung, worin du dich in diesem
Augenblicke befindest, ist gerade das Gegenteil der seinigen: denn er schlich
sich traurig fort, als er hörte dass er das alles fahren lassen müsse, was du mit
Ungeduld zu verlassen wünschest. Irre dich nicht, mein Bruder, fuhr er fort:
dich selbst, nicht deine äusserlichen Umstände, dich selbst zu verläugnen, indem
du dem feurigsten Wunsche deines Herzens widerstehst, ist die erste Pflicht, die
dir deine Aufnahme in die Gemeinschaft der Kinder des Lichtes auflegt! Wie,
Peregrin? du schmeichelst dir das grosse Gebot unsers Herrn zu erfüllen, und ihm
alles aufzuopfern, indem du in der Tat nur eine mühsame drückende Last von dir
würfest, und, anstatt seinen Willen zu tun, deinen eigenen tätest? Gerade
diese leidenschaftliche Begierde, womit du alles um seinetwillen verlassen
möchtest, würde dein Opfer verwerflich machen; denn sie ist blosse Täuschung
deines noch nicht ganz überwältigten Selbst, oder vielmehr ein unsichtbares
Netz, welches dein böser Dämon dir über den Kopf zu werfen sucht. Willst du dich
gewiss machen ob deine Selbstverläugnung ächt ist? Opfre dem, welchem du alles
was du bist und hast aufzuopfern bereit zu sein wähnest, diese unzeitige
Begierde auf; kehre in dein väterliches Haus zurück, und glaube, du dienest dem
Herrn, indem du fortfährst die Geschäfte deines Vaters mit Aufmerksamkeit und
Eifer zu besorgen. Du wirst, wenn du in diesem geringen Posten treu gewesen
bist, zu rechter Zeit an einen höhern abgerufen werden.«
    Hegesias erteilte mir diese Züchtigung mit einem so ernsten und Gehorsam
fordernden Tone, dass ich den Unbekannten von Smyrna zu hören glaubte. Ich
unterwarf mich also mit aller Demut, die einem Neophyten76 zukam, und empfing
seinen Segen, mit der Versicherung, dass ich mich von nun an als einen Bürger der
Stadt Gottes, die in kurzem in sichtbarer Glorie auf die Erde herabsteigen
würde, zu betrachten hätte: und da ich mit Uebernahme der strengen Pflichten
dieser hohen Würde auch alle Vorrechte derselben erhalten hätte, so könnte ich
gewiss sein, dass ich, von diesem Augenblick an, unter dem unmittelbaren Schutz
und Einfluss aller Geister des Lichtes, und in einer Verbindung mit den Genossen
ihres Reiches stehe, die weder durch Raum noch Zeit gehemmet werden könne, und
wovon ich ohne mein Zutun, so oft es der Dienst unsers Königs erforderte,
untrügliche Beweise erhalten würde.
                                    Lucian.
    Dieser Hegesias spielte, wie es scheint, keine geringe Rolle unter den
Kindern des Lichtes.
                                   Peregrin.
    Er war, wie ich in der Folge erfuhr, einer der vertrautesten und tätigsten
geheimen Agenten meines Unbekannten, ein Amt, wozu ihn seine ausserordentliche
Gegenwart und Geschmeidigkeit des Geistes, seine Weltkenntnis, und seine
Geschicklichkeit mit allen Arten von Menschen umzugehen und ihr Zutrauen zu
erwerben, ganz vorzüglich geschickt machte. Es war beinahe unmöglich ihm zu
entgehen, wenn er sich eines Menschen bemächtigen wollte, der nur einige Anlage
hatte, wissentlich oder unwissentlich, in einem höhern oder niedrigern Posten,
als Gewicht, Rad oder Springfeder, an dem grossen Werke, dessen Seele der
Unbekannte war, arbeiten zu helfen. Er sprach mit vieler Fertigkeit alle
Sprachen, die in dem ganzen damaligen Umfang des ungeheuern Römerreichs
gesprochen wurden; besass grosse Geschicklichkeit und Kenntnisse in
Handelsgeschäften; stand mit vielen Grossen und mit den vornehmsten Häusern in
allen Handelsplätzen des Reichs in Verbindung, und konnte der Sache, welcher er
sich gewidmet hatte, desto wichtigere Dienste tun, da sich (ausser den Brüdern,
die ihn kannten oder denen er sich zu erkennen gab) niemand einen Christianer
hinter ihm vermutet hätte. Denn er war, um zum Besten der guten Sache Allen
Alles sein zu können, von jeder äusserlichen Handlung dispensirt, die ihn den
Profanen hätte verdächtig machen können; eine Befreiung, welche mein Unbekannter
den tätigsten unter seinen Vertrauten gewöhnlich zu erteilen pflegte, und die
er auch mir (wiewohl ich noch weit von diesem Grade war) durch Hegesias
erteilen liess, da es mir von ihnen selbst zur Pflicht gemacht wurde, meine
Verbindung mit den Brüdern vor meinen Verwandten und Mitbürgern geheim zu
halten.
                                    Lucian.
    Diese Erlaubnis, zum Vorteil des ganzen Ordens jede beliebige Person unter
jeder erforderlichen Maske vorzustellen, gibt mir auf einmal Licht über die
Möglichkeit, wie eine zu meiner Zeit noch so sehr verachtete Secte schon in der
ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts ihrer Zeitrechnung so zahlreich und
ansehnlich sein konnte, dass sie die Eifersucht der Priester der alten Götter
notwendig erregen musste. Ihre Anzahl war schon unter den Antoninen viel grösser
als man glaubte, da vermutlich nicht wenige (zumal in den höhern Classen der
bürgerlichen Gesellschaft) aus mancherlei Rücksichten, und zum Teil auch (wie
dein Hegesias) in der Absicht, ihren Brüdern bei jeder Gelegenheit desto
nützlicher sein, und überhaupt ihre neue Teokratie im Stillen desto
ungehinderter gründen und ausbreiten zu können, mit Vergünstigung der Obern ihre
Verbindung mit den Christianern so lange geheim hielten, bis veränderte Umstände
diese Zurückhaltung immer weniger nötig machten.
                                   Peregrin.
    Sehr wahrscheinlich. Indessen muss ich gestehen, dass für mich selbst, wiewohl
ich mehrere Jahre in ziemlich enger Verbindung mit einigen von ihnen gestanden,
ein undurchdringliches Dunkel auf der Geschichte des Ursprungs und der ersten
Zeiten dieses in der Folge für die ganze Menschheit so wichtig gewordenen Ordens
liegt. An meinen Vermutungen darüber kann dir wenig gelegen sein; auch würden
sie uns zu weit von der Geschichte meiner eigenen Wenigkeit abführen, um welche
es doch jetzt allein zu tun ist. Aber was ich aus eigener Erfahrung weiss, ist,
dass zwischen den Christianern unter dem sogenannten grossen Constantinus, und den
grössern und kleinern, durch den ganzen römischen Erdkreis zerstreuten
Brüdergemeinen, die man zu meiner Zeit unter diesem Namen zu begreifen pflegte,
ein mächtiger Unterschied war. Denn damals herrschte noch so wenig Zusammenhang,
Ordnung und Uebereinstimmung unter ihnen, dass vielleicht nicht zwei Gemeinen von
beträchtlicher Grösse zu finden waren, die in allen Stücken Eines Glaubens und
Sinnes gewesen sein sollten. Aus Mangel eines genau bestimmten und allgemein
angenommenen Lehrbegriffs, blieben viele Punkte ihres Glaubens zweifelhaft: und
da eine Menge Fragen, die man sich nicht entbrechen konnte nach und nach
aufzuwerfen, aus eben diesem Grunde nicht rein aufgelös't werden konnten, so
hing jede besondere Gemeine hierin grösstenteils von den Meinungen und
Vorurteilen ihrer Vorsteher und Lehrer ab. Der Meister selbst hatte nichts
Schriftliches hinterlassen, das seinen künftigen Anhängern zur Richtschnur hätte
dienen können. Natürlicherweise war also das Mass von Gedächtnis und Verstand,
das seinen ersten Schülern zu Teil geworden war, nebst dem Glauben an die
Redlichkeit ihres Willens, die einzige Gewährleistung, welche diese den ihrigen
für die Wahrheit der Tatsachen, wovon sie als Augenzeugen sprachen, und der
Lehren, die sie aus seinem Munde gehört zu haben versicherten, geben konnten.
Was Wunder also, dass sogar schon bei Lebzeiten derjenigen, durch welche die
ersten Brüdergemeinen gepflanzt wurden, Irrungen, Streitigkeiten und Spaltungen
entstanden, die das Ansehen dieses oder jenes Lehrers um so weniger verhüten
oder ersticken konnte, weil derjenige, der etwas anderes lehrte, sich ebenfalls
auf Tradition, oder auf Schriften, die im Grunde für nichts mehr als für
geschriebene Tradition gelten konnten, berief, und also so viel anscheinendes
Recht hatte, als jener, seine Lehre für diejenige zu geben, die mit dem Sinne
des Meisters und mit dem Geiste seiner Worte am besten übereinstimme.
    Bei dieser Bewandtnis der Sachen lässt sich zwar mit vieler
Wahrscheinlichkeit vermuten, dass die Anzahl der ächten Christianer schon zu
meiner Zeit ziemlich gering, und vielleicht bloss auf einzelne Familien oder
kleine Gemeinen von derjenigen Art, wie ich auf meiner Wanderschaft nach Pitane
eine kennen gelernt hatte, eingeschränkt war. Aber desto ansehnlicher musste
hingegen die Zahl derjenigen werden, die den Namen der Christianer führten, und,
wiewohl sie in einigen Glaubenspunkten übereinstimmten, dennoch sowohl in ihrer
Vorstellungsart überhaupt, als in besondern Lehrmeinungen und religiösen
Gebräuchen und Uebungen, weit genug von einander abgingen, dass die
Streitigkeiten, die darüber unter den Lehrern entstanden, unvermerkt den Geist
der Liebe und Eintracht ersticken mussten, der aus allen Gemeinen einen einzigen
Leib, dessen Seele Christus wäre, hätte machen sollen.
    Und eben diese Spaltung der damaligen Christianer in etliche Hauptparteien,
die zum Teil wieder in mehrere kleinere Secten zerfielen, - eine Spaltung,
welche um die nämliche Zeit, da ihre Anzahl, während der ihnen von Hadrian und
den beiden Antoninen gegönnten Ruhe, ausserordentlich gewachsen war, dem Orden
selbst einen baldigen Untergang zu drohen schien - eben dies war es, was meinen
Unbekannten (einen Mann, der sich zu schweren Unternehmungen geboren fühlte) auf
den grossen Gedanken brachte, einen geheimen Orden zu stiften, durch welchen er
nach und nach allen Asiatischen und morgenländischen Gemeinen die zu ihrer
Consistenz und Dauer nötige Gleichförmigkeit geben, und aus dessen Mittelpunkt
er selbst, als unsichtbares Oberhaupt des Ganzen, die grosse Unternehmung, - eine
neue, alles umfassende und beherrschende Teokratie auf den Trümmern aller alten
Religionen und Staatsverfassungen aufzuführen - wo nicht zu Stande zu bringen,
wenigstens so fest zu gründen hoffte, dass er die gänzliche Vollendung seines
Werkes der Zeit getrost überlassen könnte.
    Doch ich merke, dass ich meiner Geschichte schon wieder zuvorlaufe, und dir
ein grosses Teil mehr von dem Geheimnisse des Unbekannten verrate, als ich in
der Epoche von welcher jetzt die Rede ist, selbst davon wissen konnte.
    Es war nun, seitdem ich von Hegesias den ersten Grad der Weihe erhalten
hatte, über ein Jahr verflossen; wir hatten uns in dieser Zeit mehr als Einmal
an verschiedenen Orten gesehen, und ich hatte schon so viele Proben meiner
eifrigen Anhänglichkeit an die gute Sache, und meines gränzenlosen Gehorsams
gegen die Winke meiner Obern, die ich als unmittelbare Organe des grossen Logos
betrachtete, abgelegt, dass ich endlich von Kerintus77 (so nannte sich, wie ich
nun erfuhr, mein Unbekannter) einer zweiten Zusammenkunft, und bald darauf der
feierlichen Einführung in eine der Gemeinen, die unter seiner Leitung standen,
gewürdiget wurde.
    Ich empfing bei dieser Gelegenheit den zweiten Grad78 der Weihe, wobei der
hochwürdigste Kerintus selbst das Amt des Mystagogen verwaltete, und wo alles,
was ich sah und hörte, meine Seele mit nie empfundnen Gefühlen durchdrang. In
der Tat verdiente das, was bei dieser Gelegenheit nicht sowohl ausser mir (denn
dies war sehr einfach) als in mir selbst vorging - so natürlich ich es mir auch
jetzt erklären kann - den Namen unaussprechlicher Dinge (Aporrheta) in einem
ganz andern Sinne, als jene Aufschlüsse, die den Epopten der Eleusinischen
Mysterien zu Teil wurden, und ich entalte mich deswegen mehr davon zu sagen;
denn man müsste schlechterdings in dem Falle gewesen sein das Nämliche erfahren
zu haben, um sich einen Begriff davon machen zu können.
                                    Lucian.
    Ich überhebe dich dessen sehr gern, Freund Peregrin. So wie ich dich selbst
nun kenne - und nach allem, was du mir von dem Unbekannten, von dem Geiste der
Brüdergemeinen, von ihren Versammlungen, von der hohen Meinung, die sie von der
Würde, den Vorrechten und den Erwartungen ihres Ordens hegten, und überhaupt von
allem, was seit deinem zweiten Aufentalt in Smyrna mit dir vorgegangen war,
bereits entdeckt hast, kann ich mir, auch ohne eigene Erfahrungen dieser Art und
ohne alle Anlage dazu, ziemlich lebhaft vorstellen, wie dir bei der feierlichen
Einführung in die Brüderschaft der Kinder des Lichts zu Mute sein musste.
                                   Peregrin.
    Immer bleibt zwischen deiner Vorstellung, mein lieber Lucian, und dem was
damals in meiner Seele gegenwärtiges Gefühl und Anschauen war, der Unterschied,
wie zwischen einem gemalten Feuer und einem wirklichen; ein Unterschied, den ich
hier bloss deswegen geltend mache, damit du den brennenden Eifer desto
begreiflicher findest, womit ich von diesem Augenblick an in alle Plane des
Unbekannten einging. Dieser schien mit dem Grade der Hitze, zu welchem er die
drei grossen Beweger des menschlichen Gemütes, Glauben, Liebe und Hoffnung,
bereits in mir gestiegen sah, so wohl zufrieden, dass er in den ersten Tagen nach
meiner Aufnahme zwischen mir und seinen Vertrautesten keinen Unterschied zu
machen schien. Aber unvermerkt hüllte er sich wieder in das geheimnisvolle
Dunkel ein, worin er sich mir beim Anfang unsrer Bekanntschaft gezeigt hatte;
und da ich schon ins Innere des Heiligtums eingegangen zu sein vermeinte,
erfuhr ich, dass ich erst im zweiten Vorhofe sei, und dass es noch längere und
stärkere Prüfungen und Vorbereitungen erfordere, ehe es ihm erlaubt sei, die
Decke gänzlich von meinen Augen wegzuziehen, und mich zum vollen Anschauen des
Lichtes, dessen Glanz ich noch nicht ertragen würde, zuzulassen.
    Diese Eröffnung konnte die Wirkung nicht verfehlen, die er vermutlich
dadurch auf mich zu machen hoffte. Anstatt mich abzuschrecken, spannte sie
zugleich mit den Erwartungen, wozu sie mich berechtigte, alle Springfedern
meines Wesens, alles zu unternehmen und alles zu erdulden, was ich nur immer zu
tun und zu leiden haben könnte, um jene hohe Stufe zu ersteigen, die nun das
Ziel aller meiner Wünsche war. Indessen liess sich Kerintus in keine nähere
Erklärung über die Vorbereitungen und Prüfungen ein, die ich noch zu überstehen
hatte. Er ermahnte mich bloss, wie er schon bei unsrer ersten Zusammenkunft zu
tun angefangen hatte, in Reinigung meines Gemütes und Ertödtung aller
sinnlichen Neigungen und eigennützigen Leidenschaften unverdrossen und
unerbittlich gegen mich selbst zu sein, und dieses Selbst als den
gefährlichsten, schlauesten und hartnäckigsten unter allen Feinden zu
betrachten, die ich als ein Streiter im Reiche des Lichts zu bekämpfen hätte. Er
gab mir zu verstehen, dass die unerschütterlichste Entschlossenheit, sich der
Sache Gottes gänzlich aufzuopfern, der einzige Weg sei, der zu jener hohen
Vollkommenheit führe, die er mir in der Brüderversammlung zu Pergamus von fern
und wie in der ersten Dämmerung des anbrechenden Tages gezeigt habe. Ich sehe
dein Herz für sie entbrannt, setzte er hinzu; aber Sehnsucht und klopfendes
Verlangen ist noch nicht dieser felsenfeste Wille selbst, den keine Gefahr
abschrecken, keine reizende Verführung bestricken, keine Arbeit ermüden, keine
Aufopferung in Verlegenheit setzen kann. Dieser Wille ist nicht das Werk weniger
Tage oder Wochen; er wird bloss durch die Abtödtung jeder andern Neigung, jedes
andern Willens in uns geboren, und er ist nicht eher wirklich da, bis er unser
Selbst ganz in sich verschlungen hat. - Er gab mir hierauf verschiedene
besondere Anweisungen und Verhaltungsregeln, die Mittel betreffend, wodurch ich,
desto eher, je eifriger ich in ihrem Gebrauch sein würde, zum gänzlichen
Durchbruch durch die Scheidewand, die noch zwischen mir und dieser
Vollkommenheit stehe, gelangen könne. Denn, wiewohl er mir den Weg nichts
weniger als leicht machte, so liess er mich doch deutlich genug merken, dass die
Zeit, in welcher ich ihn zurücklegen könne, grösstenteils von mir selbst
abhange.
    Fünf oder sechs Tage nach meiner Aufnahme in die Gemeine der Heiligen riefen
den Vorsteher seine Verrichtungen anderswohin, und mich die meinigen nach Parium
zurück. Die Art, wie er sich von mir trennte, liess auch diesmal einen tiefen
Stachel in meinem Herzen zurück. Ich scheide nicht von dir, mein Bruder (sagte
er zu mir, indem er mir die Hand mit Wärme drückte), denn ich werde dir im
Geiste immer nahe bleiben, und ein unsichtbarer Zeuge der Treue sein, mit
welcher du das empfangne Kleinod bewahren wirst. Mit diesen Worten, die aus
seinem Munde etwas unbeschreiblich Eindringendes und Magisches hatten, gab er
mir den Bruderkuss, der eines der Zeichen ist, woran die Christianer einander
erkennen, und war aus meinen Augen verschwunden, ehe ich vermögend war, meinem
von Empfindung geschwellten Herzen durch Worte Luft zu machen.
    Kerintus liess mich in einer Stimmung, die mich geneigter und geschickter
machte, unter die Anachoreten der Tebaischen Wüste79 zu gehen, als nach Parium
in das Getümmel des beschäftigten Lebens, und zu Menschen, deren Umgang mir mit
jedem Tage peinlicher ward, zurückzukehren: aber Hegesias, der sich beinahe eben
so viel Gewalt über mein Gemüt erworben hatte als der Prophet selbst, und dem
ich etwas von dieser Abgeneigteit merken liess, brachte mich bald wieder auf
andere Gedanken. Er wiederholte die Vorstellungen, die er mir schon ehemals
deswegen gemacht hatte, mit verdoppelter Stärke, und bestand schlechterdings
darauf, dass das Beharren in meinem bisherigen Wirkungskreise die grösste Probe
von Selbstverläugnung sei, welche dermalen von mir gefordert werde. So gönne
mir, rief ich endlich mit einer Wärme die ihn sehr kalt zu lassen schien, so
gönne mir wenigstens den einzigen Gedanken, der mir diese weltlichen, den Geist
belastenden Sorgen, wozu du mich verurteilest, erträglich machen kann! Die
Natur bedarf wenig, und selbst in dem Wenigen, worauf ich mich einschränke, ist
noch so viel Nahrung für den alten Menschen, dass ich täglich darauf bedacht bin,
mich noch von etwas Entbehrlichem frei zu machen. Erlaube mir also, von diesem
Augenblick an die Gemeine als den Eigentümer und Herrn meines ganzen Vermögens,
und mich als den blossen Verwalter desselben, der ihr für jeden Obolen Rechnung
abzulegen hat, anzusehen. Unter dieser Bedingung will ich nicht nur mit Geduld,
sondern mit Vergnügen, so lange es von mir gefordert wird, an dieser Ruderbank
angeschmiedet bleiben.
                                    Lucian.
    Darüber wird der arme Hegesias gewaltig erschrocken sein!
                                   Peregrin.
    In der Tat bekam ich in der Folge alle Ursache zu glauben, dass ihm meine
Freigebigkeit, im Namen der Brüdercasse, deren oberster Verwalter er war, nicht
sehr unangenehm sein mochte. Aber wenigstens liess er sich nichts davon merken.
Er dankte mir für meinen guten Willen so kaltsinnig, als ob die Rede von funfzig
Drachmen und nicht von mehr als zweihundert Talenten gewesen wäre; aber zugleich
warnte er mich mit brüderlichem Ernste, wohl auf meiner Hut zu sein, dass nicht
etwa ein geheimer Stolz oder irgend eine andere unlautere Absicht unbemerkt bei
dieser wohlgemeinten Darbringung meiner zeitlichen Güter im Hinterhalt laure.
Mein Bruder, sprach er zu mir, wir gehören mit allem was wir sind und haben dem
Herrn an; denn was haben wir, das wir nicht empfangen hätten? oder was können
wir unser nennen, das nicht sein wäre? Wir alle sind, in jeder Betrachtung,
nichts andres als Verwalter über einen kleinern oder grössern Teil seiner
Haushaltung. Er wird, wenn seine Zeit kommt, das Seinige schon von uns zu
fordern wissen; und wehe uns, wenn er uns nicht alle Augenblicke bereit fände,
ihm alles bis auf den letzten Heller zurückzugeben!
                                    Lucian.
    Wie schmeckte das, Freund Peregrin?
                                   Peregrin.
    Ich gestehe, es fiel mir einen Augenblick auf die Brust, dass so gar nichts
Freiwilliges und Verdienstliches bei meinem Opfer sein sollte: aber ich
unterdrückte diese kleine Empörung meines Herzens auf der Stelle, als die
Eingebung eines bösen Dämons, und fand in der Rede des Hegesias nichts als die
einfachste und unwidersprechlichste Wahrheit. Denn so weit war ich noch nicht
gekommen, - oder vielmehr, wie wäre es in meiner damaligen Gemütsverfassung
möglich gewesen, - den Taschenspielerstreich zu argwöhnen, mit welchem diese
subtilen Heiligen so behend, dass es keine arglose Seele wahrnehmen konnte, sich
selbst an die Stelle des Herrn zu schieben, und die Einfältigen zu bereden
wussten, was man ihnen gebe, sei bloss eine alte Schuld, die man Ihm
zurückbezahle?
                                    Lucian.
    Ich fürchte sehr, mein guter Peregrin, dass es mit der ganzen überstrengen
und sogar über die stoische Spitzfindigkeit hinaus getriebenen Moral, mit der
sich diese Schlauköpfe so viel wussten, bloss auf Maskirung der Kunst, die
Gemüter der Menschen zu beherrschen und über ihre Casse zu schalten, abgesehen
war.
                                   Peregrin.
    Bei Ihm, dessen ehrwürdigen Namen sie trugen, und bei seinen ersten
redlichen Anhängern gewiss nicht! Ihm war es in ganzem Ernst darum zu tun, die
Menschen durch die Eigenschaften, die uns die Kindheit so liebenswürdig machen,
durch Einfalt, Unschuld, reine Güte des Herzens und unbesorgtes Vertrauen auf
den Vater im Himmel, zu der höchsten moralischen Vollkommenheit, und dadurch zu
der reinsten Eudämonie, deren die Menschheit jenseits des Grabes fähig ist, zu
führen. Dahin brachte er alle, die sich mit einfältigem Sinne seiner Führung
überliessen; und lebendige Beispiele davon hatte ich auf dem Maierhofe zwischen
Pergamus und Pitane gesehen. Aber es erfolgte, was vermöge der Natur der Sache
erfolgen musste, und was keine menschliche noch göttliche Macht verhindern
konnte. Die Christianer arteten schon nach Annehmung dieses Namens aus; sie
verfielen nach und nach in alle Arten von Schwärmerei, standen allen Verführern,
welche den Geist ihres Meisters zu heucheln und die Stimme des guten Hirten
nachzuäffen wussten, bloss; und so wurden jene hohen Gesinnungen und zarten
Gefühle (die, so zu sagen, die angeborne Moral der schönsten Seelen ausmachen)
von arglistigen Menschen zu subtilen Netzen verwebt, worin sie immer die
guterzigsten und arglosesten Gemüter am ersten zu fangen gewiss waren.
    Aber, wie gesagt, um diese Zeit hatte ich noch nicht die mindeste Ahnung
davon, dass ich einst Ursache finden würde, so nachteilig von diesen heiligen
Menschen zu denken, von welchen nun Bruder genannt zu werden der höchste Stolz
meines Herzens war. Ich nahm alles was sie mir sagten in dem reinsten und
wörtlichsten Sinne; und da ich mich von nun an als einen blossen Geschäftsträger
der Gemeine betrachtete, so gewannen die Geschäfte selbst eine ganz andere
Wichtigkeit in meinen Augen als sie vorher hatten. Sie schienen mir nun durch
diese Bestimmung zu einer Art von Gottesdienst erhoben, und ich arbeitete, von
Hegesias und andern unter seiner Leitung stehenden Brüdern fleissig unterstützt,
um so eifriger an Vermehrung meines künftigen Erbgutes, da es - in der Sprache
unsers Ordens zu reden - gänzlich zum Bau des Reichs Gottes verwendet werden
sollte.
 
                          Anmerkungen zum ersten Teil
                                    Vorrede.
1 S. die Lustreise ins Elysium vom Jahr 1787 unter den politischen Schriften.
Bd. 31.
2 Die Juden-Christen hatten auch nach Jesu Tode ihre irdischen Hoffnungen von
dem Messias und der Stiftung seines Reiches nicht aufgegeben, und so entstand
die Lehre von dem Chiliasmus, d.i. von einem tausendjährigen Reiche voller
Glückseligkeit. Tausend Jahre vor dem jüngsten Tage und der Auferstehung, sagte
man, werde Christus mit den Seinigen regieren. Als Urheber dieser, nachher von
religiös-politischen Schwärmern öfters erneuerten, Lehre wird Kerintus genannt,
der in dieser Schrift eine wichtige Rolle spielt. Vergl. Offenbarung Johannis
Kap. 20. Unnötig würde es sein, von den verschiedenen Arten der Chiliasten -
wie man die Anhänger dieser Lehre nennt - hier zu reden: man vermutet leicht,
dass sie sich in gröbere und feinere werden unterschieden haben.
3 Anspielung auf Lavaters Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der
Menschenkunde und Menschenliebe.
4 Ueber die verschiedenen Luciane, welche hier von dem berühmten
Dialogenschreiber unterschieden werden, kann, wen es interessirt, nachsehen
Fabricii Bibl. graeca ed. Harless Bd. 5. S. 361. fg. u. Bd. 7. S. 303. fgg. Der
Dialogendichter war zu Samosata am Euphrat in der Syrischen Provinz Kommagene
geboren. Sein Landsmann, dessen hier gedacht wird, Presbyter zu Antiochia, war
von der Partei des Arius und seine eigenen Arianischen Anhänger nannten sich
Lucianisten und Collucianisten. Dies ist es, worauf sich Wieland hier bezieht.
Dass von Einigen jene Sage widerlegt wird, und dass dieser Lucian auch in den
Martyrologien, d.i. in den Lebensbeschreibungen der Märtyrer vorkommt, braucht
nur beiläufig erwähnt zu werden.
5 S. Lucians-Sämmtl. Werke übers. von Wieland Bd. 3. S. 93. fgg. über die
Glaubwürdigkeit Lucians in seinen Nachrichten von Peregrinus.
                        Auszug aus Lucians NachrichtenA1
6 Die 236ste Olympiade entspricht dem Jahr 168 nach Christus Geburt.
7 Fünf Millionen Taler.
8 Hercules verbrannte sich selbst auf dem Berg Oeta; Aesculap, der Gott der
Heilkunde, wurde von Jupiter mit dem Blitze getödtet, weil er der Unterwelt ihre
Beute entriss; Dionysos - Bacchus - in einem Epigramm, worin zwischen Hercules
und Bacchus eine Vergleichung angestellt wird (Antol. gr. ed. Jacobs T. IV. p.
169 CCLI.) heisst es auch:
Beiden war Here hart; doch kamen beide durch Feuer
Von der Erde hinweg, zu den Unsterblichen hin.
Weitere Nachweisungen über diesen Umstand habe ich nicht gefunden.
9 Empedokles, der Philosoph - (vergl. die Natur der Dinge, die 9. Anm. zum 2
Buch, Bd. 25) soll sich in den Krater des Aetna gestürzt haben, weil er dessen
Ausbrüche nicht ergründen konnte.
10 Wein zu Ehren eines Gottes ausgiessen, hiess libare. Dies geschah bei einem
Opfer zweimal. Die erste Libation bestand darin, dass man aus einem Gefäss einige
Tropfen Weins auf den Kopf des Opfertiers goss; bei der zweiten goss man sie auf
das Feuer.
11 Dem ersten sagte man nach, er habe beständig geweint, dem andern, er habe
beständig gelacht. Von beiden ist in früheren Bänden gesprochen.
12 Gegen einen im Ehebruch Ertappten war bei den Griechen und Römern eine
ziemlich grausame Privatrache erlaubt. Eine der gewöhnlichsten (wie sich aus
einer Stelle in den Wolken des Aristophanes V. 1079. fgg. schliessen lässt), war
das, was sie rapanidoystai nannten, d.i. dass man dem armen Sünder einen
tüchtigen Rettig in den After trieb - wie der Scholiast obiges Wort erklärt. W.
13 Der Text gebraucht die Worte prophts, tiasarxhs und xynagogeos. Die doppelte
Bedeutung des ersten ist bekannt. Tiasos war eigentlich der Name der
Gesellschaft von Satyrn, Faunen und begeisterten Weibern, mit welchen Bacchus
die Welt durchzog; in der Folge gebrauchte man dieses Wort von jedem Haufen
schwärmender Bacchanten, und überhaupt von jeder gottesdienstlich Brüderschaft,
und der Vorsteher derselben hiess Tiasarch. Dass die Juden den Ort ihrer
gottesdienstlichen Versammlungen Synagoge nannten, war Lucianen ohne Zweifel
bekannt, und er scheint daher durch den Gebrauch des Wortes Synagogenmeister die
Christianer und Juden in Eine Brühe zu werfen; teils weil die ersten jüdischen
Ursprungs waren, teils weil er sie für Leute einerlei Geschlechts halten
mochte. Ob ihm aber die unter ihnen gebräuchlichen Namen, Presbyter und
Episcopus (Aeltester und Bischof) unbekannt gewesen, oder warum er sie lieber
mit andern vertauschen wollte, lässt sich nicht sagen. W.
14 Die Dogmen und Ceremonien ihrer Religion, wovon in diesem Werke noch weiter
die Rede ist, nannten die Christianer selbst ihre Mysterien,
Religions-Geheimnisse, zu denen zugelassen zu werden es der Vorbereitung und
Weihung bedurfte.
15 Ohne Zweifel sind hiemit die Diaconissen gemeint, die (nach St. Pauls
Verordnung) nicht unter 60 Jahre sein durften, und denen unter andern auch
oblag, notleidenden kranken und gefangenen Brüdern und Schwestern alle mögliche
Hülfsleistungen um Christi willen zu erweisen. W.
16 Man sieht, ohne mein Erinnern, dass von den agapais (Agapen) oder
Liebesmählern die Rede ist, deren Beschaffenheit sowohl, als die dabei schon in
der Apostel Zeiten mit untergelaufenen Missbräuche, bekannt genug sind. W.
17 Das Städtchen Parium war eine römische Colonie in Mysien am Hellespont, und
hatte daher Municipalrechte und eine Art von demokratischer Verfassung, wie alle
dergleichen Städte. Daher die öffentlichen Volksversammlungen, deren gedacht
wird. W.
18 »Es gefällt dem heiligen Geist und uns (schrieben die Apostel und Aeltesten
zu Jerusalem an die Brüder zu Antiochia, Syria und Cilicia, Apost. Gesch. 15),
euch keine Beschwerung mehr aufzulegen als diese nötigen Stücke, dass ihr euch
entaltet vom Götzenopfer (d.i. nicht vom Opferfleische esset) und vom Blute,
und vom Erstickten, und von Hurerei.« Diese Apostolische Constitution wurde
unter den Christianern genau beobachtet, und die Strafe der Excommunication
stand wenigstens auf dem Essen von Götzenopfern. W.
19 Ein Cynischer Philosoph, der um das Jahr 120 sich hervorzutun anfing. (s.
Euseb. Chronic.) Lucian nennt ihn unter den Lehrern seines Demonar, und es ist
kein Grund vorhanden, warum er nicht um das Jahr 150 und noch viel später zu
Alexandrien gelebt haben könnte. W.
20 Alle diese Absurditäten sollten Peregrins Initiation in den Cynischen Orden
vorstellen, wodurch er öffentlich Profession machte, alle conventionellen
Begriffen und allen Gesetzen der Wohlanständigkeit zu entsagen, hingegen als
freier Sohn der Natur zu leben, alles dulden und ausdauern zu können, allen
körperlichen Schmerz zu verachten u.s.w. W.
21 Antoninus Pius.
22 Von welchen der erste unter dem Kaiser Nero, und die beiden andern nebst
allen übrigen Philosophen, so viele ihrer damals in Rom waren, durch ein Dekret
des Kaisers Domitian aus Italien verwiesen worden waren. W.
23 Die Rede ist von dem berühmten Tiberius Claudius Atticus Herodes, dem
angesehensten, beredtesten, reichsten und grosstätigsten unter allen Griechen,
die unter den Antoninen lebten. Ausser dem grossen Kosmus von Medici kann
schwerlich noch ein andrer Privatmann genannt werden, der ein fürstliches
Vermögen auf eine so grosse Art angewandt hätte als dieser Herodes Atticus, wie
er gewöhnlich genennt wird. Unter den Werken, womit er die Stadt Aten
verschönerte, war ein Stadion (Rennbahn) von weissem Marmor, wovon noch einige
Ueberbleibsel zu sehen sind, und ein prächtiges Teater, dergleichen eins er
auch zu Korint auffahrte. Philostratus erwähnt noch verschiedener anderer
teils prächtiger, teils wohltätiger Werke, womit er sich um Griechenland
verdient gemacht; und Pausanias recensirt eine Menge herrlicher und kostbarer
Kunstwerke, die er in den Tempel Neptuns zu Korint gestiftet hatte. Herodes
wurde von Antoninus Pius zu einem der Lehrer seiner adoptiven Söhne bestellt. Er
bekleidete im J. 143 die Consularische Würde, und war in der Folge kaiserlicher
Präfect über die freien Städte in Anen, und Präsident der Panhellenischen und
Panatenischen Feste. W.
24 Nämlich in den Tempel Jupiters zu Olympia, der, wie alle Tempel, eine
Freistätte war. W.
25 Philoktetes, dieser getreue Freund und Gefährte des Hercules, war der einzige
von dessen Angehörigen, der sich von ihm erbitten liess, den Scheiterhaufen
anzuzünden, worauf er sich verbrannte.
26 Nach Harpine, oder vielmehr nach den Ruinen einer ehemaligen kleinen Stadt
dieses Namens, die ungefähr eine Stunde weit von Olympia entfernt waren. Paus.
El. 21. W.
27 Der cynischen Philosophen. W.
                                  Einleitung.
28 Die höchst interessante Beschreibung dieser Reise, welche Menippus machte,
indem er sich der Flügel eines sehr grossen Adlers und eines Lämmergeiers
bediente, findet der Leser in Lucians Ikaromenippus. Wielands Uebers. Bd. 1. S.
198.
29 Tersites, war der hässlichste unter allen Griechen vor Troja; Phaon, der
Geliebte der Sappho, und Adonis, sind ihrer Schönheit wegen berühmt.
30 Ein aus der Odyssee bekanntes Zauberkraut, welches Ulysses zu Entkräftung der
Zauberkräfte der Circe (von Hermes empfing.) W.
31 Ich habe sie, nicht sie mich.
32 Was es mit diesen für eine Bewandtnis habe, ersieht man aus einem Dialog
zwischen Lucian und Diokles. S. die Dialogen in Elysium.
33 d.i. Christusanhänger, war anfangs der Name einer blossen Secte von
Judenchristen in Antiochia, wurde aber nachmals in der katolischen Kirche ein
allgemeiner Name für alle Bekenner des Christentums; und er ist allerdings
richtiger als der Name Christen. Nach Suidas kam der Name der Christianer zuerst
unter der Regierung des Kaisers Claudius auf - Wie die Meisten aber von den
Christianern urteilten, ersieht man aus des Tacitus Annalen B. 15. Kap. 44. Die
Verachtung, in welcher die Juden standen, ging auf die über, quos vulgus
Christianos adpellabat, weil man sie für eine jüdische Secte hielt.
34 Teagenes, dieser Lobredner des Peregrinus, gab vor, folgendes Orakel von der
Sibylle gehört zu haben:
Aber sobald Proteus, der Cyniker grösster und bester,
Neben dem Tempel des Donnerers Zeus ein Feuer entzündet,
Und in die Flamme springend den beiden Olympus besteiget,
Alsdann sollen alle, die von den Früchten der Erde
Essen, den grossen nächtlichen Heros, der neben Hephästos
Und Herakles dem Könige tront, als Schützer verehren!
Der Unbekannte, welchen Lucian gegen Peregrinus auftreten lässt, setzte jenem
Orakel sogleich eins von Bakis entgegen.
Aber sobald der Cyniker mit den vielerlei Namen
Von der Erinnys des Ruhmes gepeitscht in die Flammen hineinspringt,
Sollen hinter ihm drein die ihm folgenden Hundefüchse
Allesammt springen, das Schicksal des fliehenden Wolfes zu teilen.
Wollte sich einer, aus Furcht, der Gewalt des Hephästos entziehen,
Diesen sollen sogleich die Achäer alle mit Steinen
Decken, damit er sich, trotz seinem Froste, nicht länger
Feurig zu reden vermesse, und mit erwuchertem Golde
Seinen Tornister fülle, wiewohl sein väterlich Erbe
Ihn zum Herren von dreimal fünf Talenten gemacht hat.
Von dem Böotischen Orakelerteiler Bakis ist früher schon die Rede gewesen. Die
Sibyllen waren, wie auch ihr Name anzeigt, Verkündigerinnen von dem Willen des
Zeus oder Gottes-Ratgeberinnen. Sie mussten sich, sagt Wieland, zu Lucians
Zeiten von jedem Betrüger zu Unterstützung seiner Absichten gebrauchen lassen.
Auch machten sich einige Christianer schon damals ein Geschäfte daraus,
Sibyllinische Orakel zu schmieden, und eine so vollgültige Autorität zu
vermeintlicher Bekräftigung ihrer Religion hier und da geltend zu machen. (S.
Origen o. Cels. I, 5. 7.) Ein Betrug, der ihnen um so leichter war, da die neue
Compilation, die der Kaiser M. Aurelius von allen Sibyllinischen Orakeln, die
sich finden würden, machen liess, sowohl dem Glauben der Einfältigen an diese
Albernheiten, als der Industrie der Schlauköpfe, neues Leben und neue
Aufmunterung gab.
35 Bekanntermassen werden die Declamationen des Demostenes gegen den König
Philipp von Macedonien so genannt. W.
                               Erster Abschnitt.
36 Lucian fängt seinen Bericht von des Peregrinus Lebensende mit den Worten an:
»und so hat denn der heillose Mensch, Peregrinus, oder, wie er sich selbst
lieber nannte, Proteus, die Aehnlichkeit mit seinem Homerischen Namensverwandten
vollständig gemacht, und der ehrsüchtige Tor, nachdem er sich nach und nach in
tausenderlei Gestalten verwandelt hatte, ist zu guterletzt - so heftig brannte
die Liebe zum Ruhm in ihm - noch gar zu Feuer geworden!« Dies alles ist gesagt
als Anspielung auf den schon in früheren Bänden erwähnten Aegyptischen Meergott
Proteus, der sich, nach Homers Bericht, in alle Gestalten verwandeln konnte,
auch in Feuer, und in der Voraussetzung, Peregrinus habe den Namen Proteus von
dem Meergott erborgt.
37 Apollonius von Tyana wird den Lesern aus dem nachfolgenden Agatodämon
hinlänglich bekannt werden.
38 d.i. ausländische, nicht griechische, denn alles Ausländische hiess bei den
Griechen Barbarisch. Es werden als solche angeführt die Chaldäer, d.i. Zöglinge
aus dem Priesterinstitut zu Babel, welcher Orden den Namen der Chaldäer führte.
Diese Priester standen im Rufe gleich grosser Astronomen und Weissager, wurden
aber dadurch späterhin so verrufen dass die Namen Chaldäer und betrügerischer
Charlatan gleichbedeutend wurden. Wer über sie nähere Nachricht wünscht, der
lese Juvenals sechste Satyre V. 553. fgg., so wie über die Isispriester und
Priesterinnen und die Priester der grossen Göttermutter V. 489 und 511 fgg.,
Stellen, aus denen sich ergibt, wie bei der sittenlosesten Lüderlichkeit der
schändliche Aberglaube bestand.
39 Eudämonie bedeutet gewöhnlich den Zustand der Glückseligkeit, wird hier aber
in demselben Sinne gebraucht, wie früher Eudämon, als der Zustand der reinsten
Wonne, deren ein Dämon fähig ist, also ungefähr das, was wir unter Seligkeit zu
denken pflegen.
40 Ein aus der Odyssee bekannter Trank, dessen schöne Wirkung Vergessenheit
alles Kummers und aller Leiden war.
41 Der Name zweier öffentlicher Plätze zu Aten (Vergl. die Anm. zu: Nachlass des
Diogenes, Bd. 19.); die Akademie, das Gymnasium, wo Platon und seine Nachfolger,
die Akademiker, Pökile, die Halle, wo die Stoiker, Lykeion, das Gymnasium, wo
Aristoteles und seine Nachfolger, die Peripatetiker, lehrten.
42 Alcibiades, der schöne Wüstling, ist bekannt genug; Nicias, älter als
Alcibiades und dessen Gegner, wurde mit ihm zugleich zum Oberfeldherrn ernannt,
damit, wie Plutarch sagt, seine Vorsicht der allzugrossen Verwegenheit jenes zur
Seite stehe. Tucydides sagt von ihm, nachdem er in Sicilien ermordet worden,
dass von allen Griechen seiner Zeit er am wenigsten solch ein unglückliches
Schicksal verdient, indem er seine Pflichten gegen die Gotteit stets aufs
sorgfältigste erfüllt habe. Da es nun diesemnach unbegreiflich ist, wie Nicias
hier mit Alcibiades zusammengestellt werden konnte, und da er nicht einmal in
der Carricatur, welche Aristophanes in den Rittern von ihm entwirft, hieher
passt; so vermute ich, dass Kritias hier stehen solle, welcher eben so schlimm
wie Alcibiades, nur von etwas anderer Art, zugleich mit diesem dem Sokrates den
Vorwurf zuzog, seine Schüler verdorben zu halben, wogegen Xenophon seinen Lehrer
(Memorab. 1, 2.) rechtfertigt. Ein anderer Nicias, welcher hier gemeint sein
könnte, ist mir wenigstens nicht bekannt; Kritias aber passt vollkommen hieher.
43 Unter dem Titel die Liebesgötter (Erotes) befindet sich ein Aufsatz unter
Lucians Schriften, den Wieland auch aus andern Gründen als wegen Verschiedenheit
des Styls, und also mutmasslicher Unächteit, unübersetzt gelassen hat.
44 Antinous, dessen Schönheit durch mehrere berühmte Darstellungen der bildenden
Kunst verewigt worden ist.
45 Schicksal.
                               Zweiter Abschnitt.
46 Vergl. die Anm. zu Sympatien. Bd. 29.
47 S. die Anm. zum neuen Amadis 7. Ges. 28. Str. Bd. 15.
48 Nach ihrem Geburtsort Eryträ in Kleinasien benannt, hatte den Trojanischen
Krieg verkündigt.
49 Homers Elysium wurde als eine oder mehrere glückselige Inseln in dem, die
Erdscheibe umflutenden, Strom Okeanos gedacht. Nur Günstlinge von Zeus lebten
dort, dem Tod entrückt, in untätiger Wonne. Hesiodus versetzte dahin das
Geschlecht der Heroen unter der Herrschaft des Kronos (Saturns), bei welcher der
Grieche allezeit an ein paradiesisches Leben dachte.
50 Den Pytagorischen Tod nannte man Befreiung der Seele von dem Körper, wozu
der Anfang mit Entaltung von aller Art körperlicher Wollust gemacht wurde.
Dieser folgte strenge Beherrschung der Affecten und Leidenschaften, und hiedurch
wurde Einkehr der Seele in sich selbst, Betrachtung des Göttlichen und Ewigen,
und Annäherung an Gott selbst möglich.
51 S. Wielands Abhandlungen über die Pytagorischen Frauen.
52 Göttererscheinungen.
53 Räucherungen und Beschwörungsgesänge.
54 Glückswechsel, nach Aristoteles ein wesentlicher Punkt in jedem Drama. Er
erklärt diese Peripetie als den, nach Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit
erfolgenden Uebergang der handelnden Personen in einen entgegengesetzten
Zustand.
55 Der ekstatische Zustand ist ein Aussersichsein, eine Verzückteit überhaupt,
welche Ursache ihn auch bewirkt haben möge; nympholeptisch ist er, wenn -
Nymphen ihn verursacht haben. Den Nymphen schrieb man die Kraft der Begeisterung
zu (die Musen waren ebenfalls Nymphen), und Nympholepten waren solche, welche
vom Anhauch der Nymphen begeistert waren. Da aber die Begriffe von Begeisterung,
Raserei und Wut in einander liefen, so hiess auch der von Nymphen in Wut
gesetzte ein Nympholept. Hier bezieht sich der nympholeptische Zustand wohl auf
den Glauben der Alten, dass der unvermutete Anblick von Nymphen wahnsinnig
mache.
56 S. Crates u. Hipparchia, die Anm. z. 38. Br. Bd. 21.
                               Dritter Abschnitt.
57 Poppäa war die Gemahlin Nero's, und stand in nicht besserem Ruf als Messalina
- Vergl. die Anm. zum Antiovid, 1. Ges. Bd. 25.
58 Die heiligen Haine der Venus auf der Insel Cypern.
59 Ein Flecken unweit der Syrischen Stadt Antiochia, berühmt durch die Schönheit
seines heiligen Haines, worin ein Tempel Apollo's und der Diana stand.
60 S. Bd. 3.
61 S. Bd. 3.
62 Sklavin der aus Ovids Liebesgedichten bekannten Korinna.
63 Der Sohn des Sonnengottes, der den Sonnenwagen einst so unglücklich lenkte,
dass er selbst herabsturzte, und die Welt in Brand geriet.
64 S. Bd. 27. Araspes und Pantea, und besonders den Schluss. Vergl. die letzte
Anm. zu: die Wahl des Hercules. Bd. 28.
65 Ixion umarmte bekanntlich statt der Gemahlin Jupiters, die er um Liebe
anzuflehen gewagt hatte, ein ihr ähnliches Wolkenbild.
66 Die irdische, gemeine Venus, im Gegensatz der Urania. Vergl. die Anm. zum
Antiovid. 1. Ges. Bd. 25.
67 Die Zauberinnen bei den Griechen und Römern nahmen wächserne Bilder oder
Puppen von Personen, und setzten sie dem Feuer aus, und man glaubte, dass das
lebende Original dieser Bilder eben so welch werde oder zerschmelze wie die
Wachspuppe. Dieses Mittels bediente man sich, teils um ungetreue oder
kaltsinnig gewordene Liebende zu neuer Liebe zu entflammen, teils um Rache zu
nehmen und sie zu verderben.
68 Der Assyrische König, und Elagabalus, oder Heliogabalus, der römische Kaiser,
sind wegen der höchsten Schwelgerei und Ueppigkeit berüchtigt.
69 S. oben die Anmerk. zu Tiasarch.
                               Vierter Abschnitt.
70 Lucian antwortet, dass die rechte Antwort hierauf zu weit aus dem Wege führen
würde. Wieland hat indes diese rechte Antwort in seiner Uebersetzung Lucians zu
geben versucht (s. Bd. 3. S. 59. fgg.), und es scheint zweckdienlich, sie auch
hier den Lesern mitzuteilen. Folgende Umstände, deren historische Gewissheit
unläugbar ist, dienen zusammengenommen, den Gesichtspunkt, woraus Lucian die
ganze Sache, wovon hier die Rede ist, ansah, zu bestimmen, und seine
Vorstellungsart davon begreiflich zu machen.
 I. Die Christianer waren zwar um diese Zeit, d.i. in der andern Hälfte des
zweiten Jahrhunderts nach Chr. G., schon durch alle Provinzen des römischen
Reichs zerstreut, und besonders in Asien, Syrien und Aegypten zahlreich, hielten
aber mit den Dogmen und Ceremonien ihrer Religion, oder mit dem, was sie selbst
ihre Mysterien nannten, gegen alle, die der herrschenden Religion zugetan
waren, ausserordentlich zurück: es war also natürlich, dass selbst aufgeklärte
Männer unter diesen letztern, wie Tacitus, Plinius, Lucian u.A. sich zum Teil
unrichtige Vorstellungen von ihren Grundsätzen, Glaubenspunkten und heiligen
Gebräuchen machten, von der Person Jesu selbst aber nichts Näheres und Besseres
wussten, als das Wenige, was das gemeine Gerücht von seinem Leben und Tode
verbreitet hatte, folglich weit entfernt waren, sich eine richtige und würdige
Vorstellung von ihm zu machen. Überdies standen Ihm starke Vorurteile bei
ihnen im Wege. Römer und Griechen hatten von den Juden, aus Ursachen, eine
äusserst, verächtliche Meinung - und Er war ein Jude gewesen. Bei einem
Wundertäter dachten sich Männer wie Tacitus und Lucian einen Betrüger, Gaukler,
Taschenspieler oder etwas dem Aehnliches, gerade so, wie dies der erste Gedanke
ist, der heutzutage einem vernünftigen Menschen einfällt, wenn er von den
Wundertaten eines Gassner, Schröpfer, Cagliostro und ihresgleichen erzählen
hört. Wundertäter, Magier, Zauberer, Schlangenbanner, Siebdreher u.s. w:
gehörten nach ihren Begriffen in eine und eben dieselbe Classe - und Er wurde
für einen Wundertäter ausgegeben. Beides war mehr als hinlänglich, ihnen das
widrigste Vorurteil gegen Ihn zu geben, und sie von aller nähern Erkundigung
abzuschrecken.
 II. Die ursprüngliche Einfalt und Lauterkeit des Herzens, die ein Charakterzug
der ersten Jünger Jesu war, hatte um diese Zeit unter denen, die sich
Christianer nannten, schon sehr abgenommen; nicht nur weil es vermöge der Natur
der Dinge nicht anders sein konnte, sobald man die Bekenner der neuen Glaubens-
und Lebensweise bei Hunderttausenden zählen konnte: sondern auch vornehmlich,
weil sich, schon von den Zeiten der Apostel an, eine Menge halbjüdischer,
halbheidnischer Schwärmer, Visionäre, Teosophen, Teurgen und Adepten von
allerlei Secten und Namen unter dem Christlichen Namen verbargen, und die
mannichfaltige, wenn auch nur zufällige und momentane Vermischung mit diesen
Fanatikern oder Betrügern natürlicher Weise sowohl auf die christlichen Gemeinen
selbst, als auf das Urteil der Heiden von ihnen, einen nachteiligen Einfluss
haben musste. Bekanntermassen liefen, aus diesen unreinen Quellen, eine Menge
untergeschobener oder verfälschter, zum Teil mit dem abgeschmacktesten Unsinn
und den plattesten Mährchen angefüllter Schriften, unter dem Namen der Apostel
und ihrer Jünger, ja sogar der Patriarchen vor und nach der Sündflut u.s.w. bei
den Christianern herum, über deren Aechteit oder Unächteit noch nichts
entschieden war. Alles dies musste notwendig bei vielen, und es ist wohl nicht
zu viel gesagt, bei den meisten Bekennern des Christentums dieser Zeit die
Disposition zur Schwärmerei (die den Asiaten ohnehin so natürlich ist) um so
mehr befördern, da schon an sich selbst nichts leichter ist, als der unmerkliche
Uebergang vom reinen und ächten Entusiasmus zum unächten, und überdiess so viele
andere innere und äussere Ursachen das Göttliche, das anfangs in der Sinnesart
der Christianer herrschte, nach und nach mit so viel menschlicher Unlauterkeit
legirten, bis das immer schlechter werdende Gold diesen Namen endlich gar nicht
mehr verdiente.
 Dieser Umstand erklärt nicht nur wie es zuging, dass der aufgeklärte Teil der
Welt so verächtlich von den Christianern dachte, sondern auch wie leicht es
möglich war, dass ein Mensch wie Peregrin (eine Zeitlang wenigstens) eine
ansehnliche Rolle unter ihnen spielen konnte. Wir brauchen nur die Augen
aufzutun, und zu sehen, was in unsern Tagen (die doch in Ansehung der
Möglichkeit und Leichtigkeit der Aufklärung vor jenen beinah' unermessliche
Vorteile haben) vorgegangen ist und noch vorgeht, um auf das, was damals
möglich war, und wahrscheinlicher Weise wirklich geschah, sehr sichere Schlüsse
machen zu können.
 III. Die meisten Christianer zu Lucians Zeiten konnten des ächten Sinnes und
Geistes Christi ermangeln (wie dies dann, aller Wahrscheinlichkeit nach, der
Fall wirklich war), und gleichwohl von dem feurigen Gemein- und Parteigeist und
von dem Brudersinne getrieben werden, der alle neuen, auf Mysterien gegründeten,
unter Druck und Verfolgung nur durch diesen brüderlichen Gemeingeist sich
erhaltenden Secten, Orden und geheimen Gesellschaften auszeichnet, und den
Lucian als einen auffallenden Charakterzug an ihnen bemerkt Denn eben dieser
Gemeingeist ist es eigentlich, was das Leben und die Seele einer jeden zu
gemeinschaftlichen Zwecken vereinigten Gesellschaft ausmacht, und was ihr festen
Zusammenhang, Dauer und ausgebreitete Einwirkung in die übrige Welt gibt. Bei
wem ist diese mächtige Triebfeder jemals wirksamer gewesen als bei den Jesuiten?
Hoffentlich werden es diese nicht übel nehmen, wenn ich die Christianer unter
den Kaisern des zweiten und dritten Jahrhunderts als einen religiösen Orden
betrachte, und die Jesuiten selbiger Zeit nenne: wenigstens bin ich überzeugt,
dass dieser Name, mit der ganzen Kraft desselben, sie besser als irgend ein
anderer charakterisirt. Brauchen unbefangene Beurteiler der menschlichen Dinge
mehr, um zu begreifen, woher es kam, dass der Mann, der sich selbst in den
Wiederauferstandenen (Bd. 1. S. 399. fgg) als einen geschwornen Feind aller
ungebührlichen Anmassungen, alles Betrugs, aller Gleissnerei, Schwärmerei und
Gauklerei erklärt, und sich als einen solchen in allen seinen Schriften
darstellt, von den Jesuiten seines Jahrhunderts ungefähr eben so dachte, wie
alle gesund denkenden und gegen die menschliche Gesellschaft wohlgesinnten
Männer des unsrigen von dem Orden des Loyola, und überhaupt von allen auf
mystische Hypotesen gegründeten, und nach übermenschlichen Zwecken strebenden
geheimen Gesellschaften denken?
 IV. Wiewohl mir nun diese Betrachtungen begreiflich zu machen scheinen, warum
Lucian (der die Christianer für eine verächtliche Secte fanatischer Schwärmer
ansah, und, ohne selbst in ihren Mysterien iniziirt zu sein, nicht wohl anders
von ihnen denken konnte als alle andern verständigen Heiden seiner Zeit), warum,
sage ich, Lucian weder das Wenige was er von ihren Glaubenslehren gehört hatte,
noch ihren Gemeingeist und Brudersinn, in einem günstigern Lichte sah; so bin
ich doch nicht so parteiisch für ihn eingenommen, den Einfluss der epikurlichen
Grundsätze, denen er (zumal in seinen spätern Jahren) öffentlich zugetan war,
auf sein Urteil von den Christianern zu misskennen, oder die Denk- und Sinnesart
gut zu heissen, aus welcher einige seiner Ausdrücke, die selbst an einem
vernünftigen Epikuräer kaum zu entschuldigen sind, geflossen zu sein scheinen.
Ein Epikuräer kann zwar, nach seiner Teorie, nicht anders, als glauben, dass
Leute, »die sich in den Kopf gesetzt haben, mit Leib und Seele ewig zu leben,«
in einem irrigen Wahne stehen: aber wie er sie um eines so süssen, tröstlichen,
Geist und Herz erhöhenden Wahnes willen (wenn es auch nur Wahn wäre) arme Teufel
(kakodaimones) schelten könne, ist nicht wohl zu begreifen. Sie verachten dieses
Glaubens wegen den Tod, sagt er: aber warum soll an ihnen getadelt werden, was
bei den freien und durch Knechtschaft und Luxus noch unverdorbnen Griechen der
höchste Ruhm war? Und er, der in so vielen seiner Werke über die griechischen
Götter spottet, und sich ein ordentliches Geschäft daraus macht, sie um alles
Ansehen zu bringen, wie kann er den Christianern zum Vorwure machen, dass sie mit
solchen Göttern nichts zu tun haben wollten?
71 Am härtesten von diesen urteilte Tacitus, da er a.a.O. die Christianer, eine
Secte, die von Christus, der unter Tibers Regierung mit Todesstrafe belegt war,
den Namen habe, - als ihrer Schändlichkeiten wegen verhasste, des Hasses des
menschlichen Geschlechtes überwiesene Leute, und ihre Glaubenslehre als höchst
verderblichen Aberglauben bezeichnet. Man hat wahrscheinlich gemacht, dass dieser
ihnen vorgeworfene Hass des menschlichen Geschlechtes nichts anderes andeute als
feindliche Gesinnung gegen die Römer und den Römischen Staat, und solcher konnte
eine Religionspartei, von deren heimlichen Zusammenkünften man den Zweck nicht
kannte, leicht verdächtig werden. Die Kaiserlichen Verordnungen gegen solche
verdächtige Zusammenkünfte wurden daher auch öfters gegen sie angewendet, und
wohl auch missbraucht. Um vieles billiger dachte Plinius, der im J. 105 n. Chr.
Stattalter von Bitynien und Pontus wurde. Merkwürdig ist, in dieser Hinsicht
sein Schreiben an Trajan und dessen Antwort (s. Plin. Epp. X. 97. 98). »Ich
habe, schreibt er, an ihnen nichts gefunden als einen verkehrten und unmässigen
Aberglauben, und daher den Urteilsspruch verschoben, um deinen Rat einzuholen.
Der Veratung scheint mir die Sache sehr würdig, hauptsächlich wegen der
gefährdeten Menge: denn vielen von jedem Alter, Stand und Geschlecht ist der
Prozess gemacht und wird er gemacht werden. Nicht bloss über die Städte, sondern
auch über die Flecken und das Land hat die Seuche dieses Aberglaubens sich
verbreitet, die jedoch wohl gehemmt werden kann und Heilmittel zulässt.
Wenigstens ist, gewiss, dass man wieder anfängt, die fast verödeten Tempel zu
besuchen, die lange unterlassenen Opfer zu bringen, und hin und wieder
Opfertiere feil zu bieten, die bisher nur sehr, seltene Käufer fanden. Daher
lässt sich denn vermuten, welche Menge Menschen gebessert werden könne, wenn man
nur der Reue Raum lässt.« Trajan billigt dies Verfahren, und schreibt: »Aufsuchen
muss man sie nicht. Werden sie angegeben und überwiesen, so muss man sie strafen;
jedoch so, dass der, welcher ein Christianer zu sein läugnet, und es durch
Anrufung unserer Götter beweist, Verzeihung seiner Reue wegen erhalte, wenn er
auch früherhin verdächtig gewesen. Anklagen ohne Namen des Anklägers, dürfen in
keinem Criminalfalle Statt finden. Das ist von sehr bösem Beispiel und unserm
Zeitgeist nicht gemäss.«
72 So nannten die Gnostiker, zu welchen der Unbekannte gehörte, die höchsten
himmlischen Kräfte, welche sie als die ersten Ausflüsse der Gotteit, des
Urquells aller geistigen Kräfte und Vollkommenheiten, betrachteten. W.
                               Fünfter Abschnitt.
73 Weise Mässigung.
74 Ein Staat, den die unsichtbare Gotteit durch sichtbare Stellvertreter
regiert.
75 So hiessen die Iniziirten der Eleusinischen Mysterien, nachdem sie zum
Anschauen des Lichts gelangt waren. Die Christianer entlehnten bekanntermassen
dieses Wort, wie mehrere andere dieser Art, um es auf ihre Mysterien anzuwenden.
W.
76 So wurden von den damaligen Christianern diejenigen genannt, die nur noch den
ersten Grad der Initiation in ihren Mysterien erhalten hatten. W.
77 Hier, wo der Name dieses in gegenwärtiger Geschichte so wichtigen Mannes, von
welchem Lucian selbst nichts weiss, den aber Wieland gewählt zu haben scheint, um
an ihm die Ausartung des Christentums zu zeigen, zum erstenmale genannt wird,
scheint es zweckmässig, über ihn selbst, so wie über die Chronologie, dieses
Werkes, noch Einiges beizubringen.
 Kerintos (Cerintus) scheint zunächst den Zeiten, der Apostel gelebt zu haben,
und muss wenigstens noch ein Zeitgenosse des Johannes gewesen sein, denn er wurde
von Einigen für den Verfasser der Offenbarung des Johannes gehalten, und Andere
behaupteten, dass Johannes sein Evangelium zur Widerlegung der Kerintischen
Irrlehre geschrieben habe. Irenäus sagt ausdrücklich: »Johannes, der Schüler des
Herrn, wollte durch Bekanntmachung seines Evangeliums den Irrtum wegschaffen,
welchen Kerintos den Menschen eingepflanzt hatte.«
 Mit Beantwortung der Frage, worin des Kerintos Irrlehre bestanden, haben drei
berühmte Teologen der neueren Zeit sich beschäftigt, und wen es interessirt,
der kann nachlesen: Storr über eine Stelle des Irenäus III. II. (Eichhorns
Repertorium für Biblische und Morgenländische Literatur XIV 127 fgg.) Paulus
Commentationes teologicae potissimum historiam Cerinti Iudaeochristiani ac
Iudaeognostici, atque finem Iohanneorum in N.T. libellorum illustraturae. Jena
1795, und die Abhandlung von J.E. Ch. Schmidt: Cerint, ein judaisirender Christ
(in dessen Bibliotek für Kritik und Exegese des N.T. und älteste
Kirchengeschichte Bd. 1. St. 2. S. 181 fgg). Der erste von diesen will im
Kerintos einen blossen Gnostiker erkennen, der zweite hält ihn für einen
judaisirenden Christen und Gnostiker zugleich, der dritte behauptet, er sei nur
jenes gewesen. Ohne uns auf eine Entscheidung hierüber einzulassen,A2) wollen
wir bloss das mitteilen, was uns, als der Kerintischen Lehre eigentümlich, ist
berichtet worden.
 1) Der Schüler ist nicht über den Meister. Da Jesus beschnitten war, so muss
sich auch sein Schüler beschneiden lassen. Da Jesus das Mosaische Gesetz
befolgte, so muss es auch sein Schüler befolgen.
 2) Jesus war ein Sohn des Joseph und der Maria. (So mussten die Juden, diesem
ihm den Messias sahen, der aus dem Geschleckte Davids entsprungen sollte, aus
welchem Joseph stammte, aber nicht Maria, behaupten. S. die Geschlechtstafel vor
dem Evangelium des Mattäus.)
 3) Jesus übertraf die übrigen Menschen an Gerechtigkeit, Weisheit und Macht.
 4) Nach der Taufe stieg auf Jesus von dem höchsten Wesen Christus herab in
Gestalt einer Taube, und darauf verkündigte er einen unbekannten Pater. Am Ende
flog Christus von Jesus wieder zurück, und Jesus war es, welcher gelitten hat
und auferstanden ist; Christus aber kann keinem Leiden unterworfen werden.
An diese allerdings den Juden verratenden Sätze reiht sich nun eine Teologie,
deren Eigen hümlichkeit nicht leicht auszumitteln ist. Sie geht von einer
Behauptung aus, die nicht sehr jüdisch scheint, dass nämlich die Welt nicht von
dem höchsten Gotte gemacht worden, dass der Gott der Juden nicht der höchste
Gott, und das Mosaische Gesetz nicht von dem höchsten Gotte gegeben sei. An die
Stelle des Judaismus tritt nun ein System, welches mit dem der Gnostiker,
insofern dies auf der Lehre von den Aeonen beruht, die grösste Aehnlichkeit hat.
Kerintos scheint eine höchste Gotteit angenommen zu haben, die aber nicht
unmittelbar mit der Schöpfung im Zusammenhange stand, sondern bloss mittelbar.
Aus ihr geht hervor der Eingeborene, und der Logos ist dieses Eingeborenen
wirklicher Sohn. Wie es scheint, ist der Eingeborene nach diesem System
Christus; es bleibt aber zweifelhaft, ob er auch der Weltschöpfer sei, oder ob
die Schöpfung von ihm nur durch untergeordnete Kräfte (Aeonen eines niedrigern
Ranges) ausgeführt worden. An einer Lehre von Engeln und andern Geistern fehlte
es höchst wahrscheinlich dabei nicht.
 Uebrigens war Kerintos ein Anhänger des Chiliasmus, d.i. er erwartete, wie
alle Juden-Christen, die Wiederkehr des Messias nach tausend Jahren, und die
Stiftung eines irdischen jüdischen Reiches desselben zum grossen Vorteil seiner
Anhänger.
Ueber das Leben des Kerintos wissen wir nur so viel, dass er in früheren Jahren
in Palästina lebte, ein jüdischer Philosoph war, ein judaisirendes Christentum
annahm, dann nach Aegypten überging, wo er wahrscheinlich bei den
Alexandrinischen Juden und Judenchristen in der allegorischen Erklärungsart sich
vervollkommnete, und dass er längere Zeit in Klein-Asien lebte, namentlich in der
Gegend von Ephesus, wo ihn Johannes einst in einem Bade soll angetroffen, und
dieses sogleich verlassen haben. Er hatte in dortiger Gegend viele Anhänger,
ungeachtet Johannes sein Gegner war, und rühmte sich besonderer Offenbarungen
durch Engel. (Euseb. Chron. 3, 28.) In Ansehung seiner Gesinnungen ist
merkwürdig die Äusserung des Bischofs Dionysius von Alexandria über ihn, die
ebenfalls Eusebius in seiner Kirchengeschichte (7, 23.) aufbewahrt hat. Etliche
der Aelteren, heisst es, haben die Offenbarung Johannis geradezu verworfen, da
schon der Titel eine Unrichtigkeit entalte und die Schrift gar nicht
apostolisch sei. Sie wollten sie nicht einmal einem Christianer zuschreiben,
sondern schrieben sie dem Kerintos zu, dem Urheber der Kerintischen Ketzerei,
der, um seinen Meinungen Glauben zu verschaffen, dem Buche des Johannes Namen
vorgesetzt habe. Die Lehre, dass das Reich Christi auf Erden entstehen solle, sei
Kerintisch; und wie man dem Kerintos nachgesagt, er sei ein Liebhaber der
fleischlichen Lüste gewesen, so habe er auch hier nicht unterlassen, den Seligen
des zukünftigen Reiches solche Dinge zu verheissen, die ihm angemutet hätten,
wonach dann bleiben würden die Werke des Buches und der Wollust, Überfluss an
Speise und Trank, Hochzeit, und was nachfolge. Auch habe er gehofft, dass
wiederkehren sollten die Hochzeit und jüdischen Feste und die gesetzlichen
Opfer.
 Da nun hier dieser Mann von einem, der wenigstens nicht viel über ein halbes
Jahrhundert nach ihm lebte, auf Zeugnisse Aelterer hin, und also wohl von
Zeitgenossen des Kerintos, als ein Verfälscher, Lüstling und Erzjude
geschildert wird, während Andere ihn den falschen Aposteln zuzählen; so konnte
Wieland wohl der Ueberzeugung sein, dass es mit seinem Plane seines Reiches
Christi auf Erden nicht eben auf ernste Beförderung des ächt Christlichen in
Gesinnung und Wandel abgesehen gewesen, und dass er ihm nicht Unrecht tun werde,
wenn er bei seiner Schilderung von einem Gesichtspunkt ausgehe, welchen Lucian
angewiesen hat. »Sobald, sagt dieser, irgend ein verschmitzter Betrüger an die
Christianer gerät, der die rechten Schliche weiss, so ist es ihm ein Leichtes,
die einfältigen Leute an der Nase zu führen und gar bald auf ihre Unkosten ein
reicher Mann zu werden.« Die eingeführte Gütergemeinschaft gab dazu wenigstens
gute Gelegenheit. Uebrigens schildert Wieland den Kerintos, den die wahren
Christianer nicht für einen der Ihrigen wollten gelten lassen, nicht eigentlich
historisch, sondern wie er den Umständen jener Zeit gemäss hätte sein können,
mitin nach der Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit, die Aristoteles als Vorzüge
der Poesie vor der Geschichte rühmt. Dem Peregrinus gegenüber erscheint er nicht
als strenger Judenchrist (als welcher er in diese Geschichte gar nicht gepasst
hätte), sondern lediglich nach Storrs Ansicht als ein gnostischer Christianer,
d.i. als ein solcher, welcher annahm, dass der Religionsunterricht Jesu und der
Apostel unvollkommen, und nur auf unvollkommene Menschen berechnet gewesen sei,
und dass sich der vollendete Christianer darum zu einer höheren
Religionsphilosophie, Gnosis, erheben müsse. Damit er in dieser Beziehung
gehörig gewürdigt werden könne, teile ich hier noch eine Stelle aus Schmidts
oben genannter Abhandlung mit.
 »Es sind zwei Systeme, die ihrem Ursprung nach wesentlich verschieden sind, die
sich aber bei ihrer weiteren Ausbildung einander so näherten, dass sie leicht mit
einander vermischt werden konnten, welches um so leichter war, da sich das eine
mit Beibehaltung derselben Sprache in das andere verwandeln liess. Das eine
dieser Systeme entstand durch Personification der göttlichen Eigenschaften. So
wie die Speculation mehrere Kräfte in der Gotteit unterscheiden lernte, so wie
sich die Verhältnisse derselben unter sich näher entwickelten, so mehrte sich
auch die Anzahl dieser Personificationen, und so entstanden die Aeonen,
Sephirot u.s.w. Kühn vollendet entstand eine Tafel derselben. - - Das andere
System ging von der Bemerkung aus, dass es schicklicher wäre, der Gotteit einen
Hofstaat, eine Menge unterworfener Diener zu geben, durch die sie ihren Willen
könne ausführen lassen. Es stützte sich nachher auf die Betrachtung, dass auf der
Stufenleiter der Wesen die Lücke zwischen der Gotteit und den Menschen allzu
ungeheuer sei, als dass man sie nicht vernünftiger Weise mit Geistern, Engeln,
Dämonen u. dergl. ausgefüllt denken sollte. Der allgemeine Volksglaube an
Polyteismus schloss sich hier an, und schien seine vernünftige Erklärung dadurch
zu finden. - Diese beiden Systeme, so wesentlich verschieden, konnten nun
gleichwohl so nahe gebracht werden, dass sie dem ungeübteren Betrachter in Eins
zerstiessen wussten. Durch die kühne Vollendung der Personification einer
göttlichen Kraft schien diese zu einem von der Gotteit verschiedenen Wesen zu
werden. - Der Geweihte einer solchen Philosophie konnte sich nicht verirren; er
kannte die Genesis der scheinbaren Untergötter; gefahrlos bezeichnete er sich,
um seine Ideen von den gegenseitigen Verhältnissen und Beziehungen der
göttlichen Kräfte darzustellen, diese mit den Bildern von Erzeugung, Vermählung
u.f., und fühlte so die Personendichtung vollständig aus. Aber der Laie musste
sich nun täuschen.«
 Jetzt ist nur übrig, ein Wort über die in diesem Werke angenommene Zeitrechnung
beizufügen.
 Es lebten noch Menschen, welche den Evangelisten Johannes persönlich gekannt
hatten, und sein Zeitgenosse Kerintos spielt eine wichtige Rolle darin. Da nun
Johannes, welcher ein Alter von nah an 100, nach Einigen sogar von 120 Jahren
erreichte, im J. 95 n. Chr. nach der Insel Patmos verwiesen wurde, wo er die
unter seinem Namen vorhandene, von Manchen dem Kerintos beigelegte, Offenbarung
geschrieben, nachher aber, während seines Aufentaltes zu Ephesus, sein
Evangelium gegen die Kerintischen Lehrsätze gerichtet haben soll; so folgt
hieraus, dass diese Geschichte in die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts nach
Christus fallen müsse. Von Peregrin wird man annehmen müssen, dass er zu Anfange
des zweiten Jahrhunderts, unter der Regierung Trajans, geboren worden; ob aber
seine Verbindung mit den Christianern in die Regierungszeit Hadrians falle, die
von dem Jahr 117 n. Chr. bis 138 dauerte, in welcher Zeit auch Agatobulus als
Philosoph bekannt wurde, oder ob sie lediglich in die Regierungszeit des
Antoninus Pius zu setzen sei, welcher im I. 161 starb, ist ziemlich zweifelhaft,
und Wielands eigne Angabe dafür scheint am allerwenigsten für die Geschichte,
wie er sie entworfen hat, zu passen. Wieland in seinem Lucian setzt nämlich
Peregrins Verbindung mit den Christianern, nach ungefährem Anschlag, in das Jahr
140-152, so dass also Peregrin, als er sich nach Alexandria zu Agatobulus begab,
in einem Alter von 50 Jahren müsste gewesen sein. Dies passt allerdings zu dem
Folgenden ziemlich genau, denn nach einem Aufentalt von 10 Jahren in Alexandria
kommt Peregrin nach Rom und in die Verlegenheit mit Faustina, der Gemahlin des
Marcus Aurelius Antoninus, wegen deren er verwiesen wird. Geschah dies im I.
160, also ein Jahr vor der Tronbesteigung des Marcus Aurelius, so fallen die
drei Olympischen Spiele, welche Peregrin besuchte, gerade in die 8 Jahre, welche
zwischen seiner Verweisung aus Rom und seinem Tode im J. 168 verflossen, und
Peregrin war, als er starb, in dem Alter zwischen 60 und 70 Jahren. Ob jene
Annahme Wielands aber eben so genau zum Vorhergehenden passe, bezweifle ich,
denn Kerintos müsste dann um die Zeit, in welcher Peregrin mit ihm
zusammentrifft, im höchsten Greisenalter gestanden haben. Nimmt man auch bloss
auf sein Verhältnis zu Johannes Rücksicht, so musste er um diese Zeit an 90 Jahre
alt sein; aber wofern gar gewiss sein sollte, dass mehrere Stellen in den
apostolischen Schriften (Apost. Gesch. X. XI. Gal. 2, 2-5.) sich auf ihn
bezögen, über 120 Jahre. Wieland hätte dann in Beziehung auf Kerintos denselben
Fehler begangen, den er Bruckern in Beziehung auf Peregrin vorwirft. Es scheint
daher am sichersten, für Peregrins Verbindung mit den Christianern, die
Regierungszeit Trajans anzunehmen und höchstens den Anfang der Regierungszeit
Hadrians. Dann stand Kerintos etwa in den Sechzigen, und dies gibt ihm zu
seiner Schwester Dioklea ein leidlich richtiges Verhältnis, und stellt diese
selbst in ein Alter, wobei sich der Satyrstreich Peregrins gegen sie im
Gefängnis, so wie von diesem selbst, wenn er ein Vierziger, und kein Fünfziger
war, denken lässt. Dass Dioklea als Diakonissin nicht, nach Paulinischer
Verordnung, schon das sechzigste Jahr zurückgelegt habe, lässt sich wohl
annehmen, da Kerintos sich an jene Verordnung noch weit weniger gebunden haben
dürfte als Andere es taten, die sich seine Abweichungen nicht erlaubten.
 Uebrigens wäre wohl möglich, dass Wieland denen gefolgt wäre, welche den
Herintos erst ins zweite Jahrhundert versetzen. Die Stellen aber, aus denen man
dieses hat dartun wollen, sind erweislich unzuverlässig, und dies verdiente
wohl bei einem Werke, welches nicht in das blosse Gebiet der Dichtung gehören
soll, Bemerkung.
78 Mysterien finden sich bei allen Religionen der alten Welt. Sie waren aber
entweder allgemeine, für das ganze Volk, und dann nichts anderes als dramatische
Vorstellungen von den Sagen der Götter, meist zur Nachtzeit gegeben, oder
besondere, für kleinere Gesellschaften und einzelne Personen, und in diesen
teilte man den Eingeweihten Geheimlehren mit, gradweise und unter der Bedingung
heiligen Schweigens. Sie hiessen daher Aporrheta, d.i. Lehren, die man nicht
aussagen durfte, und dies ist der Sinn des Wortes, welchen Wieland in dieser
Stelle andeutet. Die Christianer ahmten diese Einrichtung nach, teils weil
selbst Eingeweihte unter ihnen waren, wie Justin der Märtyrer und Clemens von
Alexandrien, teils weil sie Eingeweihte unter sich aufnahmen. Auch nur
gradweise und nach mancherlei Prüfungen teilten sie manche Lehren und Gebräuche
als Geheimnisse mit. Während der Prüfungszeit hiessen die, welche den ersten
Unterricht empfingen, Katechumenen (zu Unterrichtende), und diese waren
eingeteilt in die drei Grade, der Hörenden (audientes), Kniebeugenden
(substrati) und der Erwählten (eiecti, competentes), die nie zu den Sakramenten
zu gelassen wurden. Dazu berechtigte erst die Weihe der Taufe, die man
alljährlich am Oster- oder Pfingstfeste vornahm. Dieser gingen aber noch vorher
die Scrutinia. Sieben Tage lang gingen die Erwählten in einem einzigen Gewande,
barfuss und mit verhülltem Antlitz, damit sie nicht zerstreut werden möchten. Man
trieb aus ihnen den Teufel aus, wusch und salbte sie, und nun teilte man ihnen
das Geheimnis der Dreieinigkeit, das Glaubensbekenntnis (Symbolum) und das Gebet
des Herrn mit. Hiedurch, und durch den Empfang der Taufe wurden die Katechumenen
zu Neophyten, d.i. zu Neugebornen. Als solche gingen sie während der Osterwoche
in weissen Kleidern einher, besuchten täglich die Kirche, genossen täglich das
heilige Abendmahl, und wurden nun vollständig in allen Geheimnissen
unterrichtet. Deswegen hiessen sie Iniziirte, Eingeweihte, und Illuminaten,
Erleuchtete. Hatten sie nach der Osterwoche die weisse Kleidung abgelegt, so
waren sie, als wirkliche Mitglieder der Gemeine, Getreue (Fideles), und als
solche aller Sakramente teilhaftig, und hatten Stimmrecht in der Gemeine. Unter
diesen Getreuen bildeten sich wieder mehrere Grade, der Märtyrer, die um des
Glaubens willen Qual und Tod erlitten, der Bekenner (Confessores), die vor
Gericht unerschrocken ihren Glauben bekannten, und der Asketen (Asceten, der
Uebenden), die in ihrem ganzen Leben und Wandel freiwillig sich einer strengeren
Tugendübung unterwarfen.
79 Unter den Asketen gab es welche, die sich aller Gesellschaft entzogen, und
diese hiessen Anachoreten, d.i. Zurückgetretene, Einsiedler, oder Eremiten,
Bewohner der Wüste, wenn sie in eine solche sich begeben hatten, um eine noch
strengere und beschwerlichere Lebensart zu führen. Seit dem dritten Jahrhundert
war die Wüste hinter Teben in Oberägypten voll von ihnen. Auch Einrichtungen
dieser Art waren nur Wirkungen des durch orientalischen Geist missgestalteten
Christentums.
 
                                    Fussnoten
A1 Die mit W. bezeichneten Anmerkungen sind; so weit sie hier nötig schienen,
aus der Wielandischen Uebersetzung Lucians entlehnt.
A2 Wegscheider in seinem Versuch einer vollständige Einleitung in das Evangelium
des Johannes Gött 1806., S. 109 äussert, die meisten Widersprüche, die man in des
Irenaus Nachrichten von aufgewiesen, möchten sich durch Unterscheidung der
Zeiten, in welchen Corint solche widersprechende Meinungen behauptet haben
könnte einigermassen heben lassen - Weder die Anhandlung Massuets de Cerinto vor
seiner Ausgabe des Irenaus, noch Walchs habe ich benutzen könnten.
 
                                  Zweiter Band
                            Inhalt des zweiten Teils.
                                 VI. Abschnitt.
Peregrin wird durch den Tod seines Vaters Besitzer eines grossen Vermögens, und
seine Obern lassen sich endlich gefallen, den grössten Teil davon, als ein zum
Bau des Reichs Gottes beigetragenes Scherflein, zu ihren Handen zu nehmen. Er
wird nach Nikomedien berufen, erhält zur Belohnung der Treue, welche er bisher
in dem angefangnen Werke seiner Heiligung bewiesen, das Versprechen, dass er nun
ohne weiters zum Anschauen der höchsten Geheimnisse des Reichs des Lichts
zugelassen werde, und empfängt von Hegesias, als dem dazu von Kerintus
verordneten Mystagogen, den wirklichen Unterricht in der erhabenen Gnosis,
hinter deren emblematischen und allegorischen Bildern Kerintus das wahre
Geheimnis seines weit gränzenden politischen Plans verbarg. Peregrin, dessen
unheilbare Phantasie in dieser aus magischen und kabbalistischen Quellen
geschöpften Gnosis die nahe Befriedigung seiner höchsten Wünsche ahndet, nimmt
die Bilder für die Sache selbst, und bestärkt dadurch seine Obern in dem
Urteil, dass er ihrem Orden bloss als Werkzeug, aber als solches durch seinen
Eifer für ihre Sache, die ihm die Sache Gottes war, und durch die unbedingten
Aufopferungen, wozu sie ihn immer bereit sahen, desto grössere Dienste tun
könne. Anstatt also die Decke von seinen Augen wegzunehmen, unterhalten sie ihn
vielmehr in seiner schwärmerischen Vorstellungsart, und bestimmen ihn endlich,
nach einer strengen Vorbereitung, in den Missionen zu arbeiten, durch welche der
Orden die in Asien zerstreuten Brüdergemeinen nach und nach mit sich zu
vereinigen suchte. Peregrin wird zu diesem Ende in eine Pflanzschule der
Kerintischen Secte nach Ikonium, und von da nach Syrien abgeschickt. Der
glückliche Fortgang seiner Arbeiten wird durch eine von Parium aus gegen ihn
gerichtete Cabale unterbrochen: er wird vor dem Stattalter von Syrien angeklagt
und kraft des bekannten Trajanischen Edicts ins Gefängnis geworfen. Berichtigung
der Erzählung des Lucianischen Ungenannten. Peregrins Gemütszustand bei der
Fortdauer seiner Einkerkerung.
                                VII. Abschnitt.
Unverhoffter nächtlicher Besuch, den er von Diokleen im Gefängnis erhält. Sie
entdeckt sich ihm als die Schwester des Kerintus, macht ihn mit der geheimen
Geschichte ihres Bruders und mit dem Innern seines grossen Plans bekannt, und
öffnet ihm dadurch auf einmal die Augen über die ganze Kette von Täuschungen,
wodurch er von Kerintus und Hegesias bisher zum blinden Werkzeug ihrer
politischen Absichten gemacht worden war. Peregrin erhält durch ihre Vermittlung
seine Freiheit wieder, unter der Bedingung Syrien sogleich zu verlassen. Er
stellt sich als ob er in alle ihre Absichten mit ihm eingehe, verlässt sie aber
bald darauf heimlich, und entflieht nach Laodicea, fest entschlossen, alle
Gemeinschaft mit Kerintus und seinem Anhang auf immer abzubrechen.
                                VIII. Abschnitt.
Der schwärmerische Hang zur teurgischen Magie, von welchem Peregrin bisher
beherrscht und unter mancherlei Gestalten getäuscht wurde, macht nun allmählich
einer andern Art von Schwärmerei Platz, deren erste Wirkung sein plötzlicher
Entschluss ist, sich für sein übriges Leben mit der liebenswürdigen Familie von
Johanniten zu vereinigen, welche ihn bald nach seiner ersten Bekanntschaft mit
Kerintus, auf seiner Reise von Pergamus nach Pitane, so freundlich aufgenommen
hatte. Dieses Vorhaben wird durch das unvermutete Zusammentreffen mit einem
gewissen Dionysius von Sinope vereitelt, mit welchem er vor etlichen Jahren zu
Ikonium bekannt worden war. Beide teilen einander die Geschichte ihrer
ehemaligen Verbindung mit Kerintus und die während derselben gemachten
Beobachtungen und Erfahrungen mit. Gründe, warum Dionysius Peregrins Trennung
von Kerintus und Diokleen eher missbilligt als gut heisst, nun aber, da dieser
Schritt einmal geschehen war, und Peregrin seinen unüberwindlichen Abscheu, an
dem Plan dieser gefährlichen Geschwister Anteil zu nehmen, erklärt, darauf
besteht, dass er alle Gemeinschaft mit den Christianern, von welcher Secte sie
sein möchten, gänzlich aufheben müsse. Merkwürdige Äusserungen des Dionysius
über die Tendenz des damaligen Christianismus, und über Hierarchie und
Teokratie überhaupt. Peregrin, bei welchem sich inzwischen aus den Trümmern
seines ehemaligen Platonisch-magischen Systems eine neue, wiewohl nicht weniger
schwärmerische Vorstellungsart entwickelt hat, entschliesst sich, die Eudämonie
(das ewige Ziel seiner Wünsche) zwar auf einem andern, aber seinem zeiterigen
sehr nahe liegenden Wege zu suchen, und das höchste Ideal eines vollkommnen
Cynikers zum Zweck und Vorbild seines übrigen Lebens zu machen. Er trennt sich
von seinem Freunde Dionysius, der ihm vergebens anbietet sein unscheinbares aber
sicheres Glück mit ihm zu teilen, und kehrt im Costume eines Cynikers nach
Parium zurück, um die Ueberbleibsel seines, grösstenteils dem Kerintus
aufgeopferten, Vermögens in Sicherheit zu bringen. Seine Verwandten verursachen
ihm neue Ungelegenheiten und Kränkungen, welchen er sich durch den raschen
Entschluss, dem Volk von Parium ein Geschenk von dem Rest seines Erbgutes zu
machen, auf einmal entzieht. Er begibt sich nun nach Alexandrien in Aegypten, um
die Schule des Philosophen Agatobulus zu besuchen, nachdem er sich von dem
Ertrag eines kleinen Maierhofes (dem einzigen, was er sich bei Verschenkung
seines Vermögens an die Parianer mentaliter vorbehielt) ein zur höchsten
Notdurft eines Cynikers ungefähr hinreichendes Einkommen versichert zu haben
glaubte, welches ihm zwar in der Folge durch die Bemühungen seiner Feinde wieder
entzogen, durch einen unverhofften Zufall aber reichlich ersetzt wird. Er findet
zu Alexandrien nicht was er suchte, und bestärkt sich dadurch in dem Vorsatz,
die Austerität der Heroen des Cynischen Ordens in seinen Maximen, Reden und
Handlungen aufs äusserste zu treiben. Charakter seiner Misantropie, und seltsame
Leibesübungen und Selbstpeinigungen, wodurch er die Gewalt über seinen
tierischen Teil bis zur völligen Apatie zu treiben sucht. Der grosse, wiewohl
zweideutige Ruf, in welchen er sich durch dies alles setzt, zieht ihm die
Aufmerksamkeit eines vornehmen jungen Römers zu, von welchem er sich bereden
lässt, ihn in der Eigenschaft eines Freundes und Hausgenossen nach Rom zu
begleiten. Peregrin tritt seine Reise nach der Hauptstadt der Welt mit dem
ganzen Entusiasmus eines Menschen an, der dem glorreichsten Werke, das ein
moralischer Hercules unternehmen konnte, der Sittenverbesserung dieser zur
tiefsten Unsittlichkeit und Verderbnis herabgesunkenen Stadt, entgegen geht, und
findet sich, zu seinem Erstaunen, abermals in allen seinen Erwartungen betrogen.
Er verlässt das Haus des jungen Römers; der Unmut versäuert und erbittert seine
Sinnesart immer mehr, und er benutzt die Freiheit, welche der Schutz Marc-Aurels
damals allen Griechischen Philosophen zu Rom gewährte, seiner bösen Laune durch
die heftigsten Satyren und die schonungsloseste Züchtigung des Lasters und der
Lasterhaften Luft zu machen.
                                 IX. Abschnitt.
Peregrin setzt sich durch sein Betragen in Rom in den Ruf eines erklärten
Weiberhassers, und behauptet diesen Ruf bei verschiedenen Proben, auf welche er
gestellt wird. Dies gibt Gelegenheit, dass auch bei der jungen Faustina von ihm
gesprochen wird, und diese Prinzessin (in deren Charakter leichter Frohsinn und
arglose Guterzigkeit die Hauptzüge waren) kommt auf den Einfall, den Cynischen
Weiberfeind von Person kennen zu lernen. Peregrin wird ihr vorgestellt, und
benimmt sich auf eine so linkische Art, dass Faustina in einem Anstoss von
mutwilliger Fröhlichkeit Lust bekommt, den Versuch selbst zu machen, ob die
Apatie dieses seltsamen Sonderlings gegen die feineren Verführungskünste, die
sie gegen ihn anzuwenden gedenkt, aushalten werde. Sie geht darüber mit einer
andern Römischen Dame eine Wette ein, und weiss, ohne ihrer eigenen Würde etwas
zu vergeben, die bald von ihr ausfindig gemachte schwache Seite des unheilbaren
Schwärmers so geschickt anzugreifen, dass sie endlich einen Triumph über seine
Misogynie erhält, der ihr selbst zwar den Preis der Wette verschafft, aber den
armen Peregrin zur Fabel des Hofes und der Stadt macht. Der Unwille über diesen,
seinem nichts Arges besorgenden Herzen gespielten Streich treibt jetzt seinen
Cynischen Menschenhass so weit, dass er alle Gränzen der Klugheit überspringt, und
nicht nur Faustinen und ihre Freundinnen, sondern auch ihren Gemahl und den
Kaiser ihren Vater selbst in seinen Declamationen nicht verschont. Faustina, die
sich zu einer billigen Entschädigung gegen Peregrin verbunden glaubt, wird mit
allem, was sie für ihn tun will, auf eine so beleidigende Art abgewiesen, dass
Peregrin am nächsten Morgen vom Präfect der Stadt Rom den Rat erhält, die Stadt
ohne Aufschub zu verlassen. Er gehorcht, und kehrt nach Griechenland mit dem
Vorsatze zurück, der Menschen weniger als jemals zu schonen, und, da er sie
nicht besser machen könne, sie durch den ungefälligen Spiegel, in welchen er sie
zu sehen zwingen wollte, wenigstens zu demütigen und zu beschämen. Das
gegenseitige unangenehme Verhältnis, das zwischen ihm und der Welt daraus
entsteht, nötigt ihn, sich unweit von Aten in die einsamste Abgeschiedenheit
zurückzuziehen, wo der Cyniker Teagenes, wiewohl wegen seiner plumpen Rohheit
zu einer engern Verbindung mit Peregrin unfähig, beinahe der einzige Mensch ist,
der sich ihm durch seine Anhänglichkeit erträglich macht. Endlich fühlt sich
Peregrin von einem Lebensüberdruss und von einer Lust zu sterben ergriffen, die
mit jedem Tage zunehmen, und die für ihn anständigste Art, sein Leben freiwillig
zu endigen, zum Hauptgegenstand seiner Gedanken machen. So wie seine ganze Art
zu sein, seine strenge Entaltsamkeit, und, mehr als alles andere, seine
Erfahrungen, die dünnen Fäden, wodurch er noch am Leben hängt, einen nach dem
andern abreissen, erwacht hingegen das alte, nie ganz erloschne Gefühl seiner
dämonischen Natur wieder in seiner ganzen Stärke und in eben demselben
Verhältnis, wie der natürliche Trieb zum Leben die seinige verliert. Er sehnt
sich immer ungeduldiger nach jenem höhern Leben der Wesen seiner Gattung; er
fühlt, dass er den Menschen nur noch durch seinen Tod nützen kann, und beschliesst
zu sterben. Gründe, die ihn bewegen, die Todesart des Hercules allen andern
vorzuziehen, und vier Jahre zuvor öffentlich anzukündigen. Erwähnung der
Cirkelbriefe, die er unmittelbar vor seinem Tod an alle Griechischen Städte
abgehen liess, in der schwärmerischen Erwartung, dass sie, als der letzte Wille
eines zur Bestätigung seiner Lehre sterbenden Weisen, gewaltig auf die Gemüter
wirken, und ihn noch im Tode selbst zum Wohltäter der ganzen Hellas machen
würden. Peregrin beschliesst damit seine nicht selten auf Unkosten seines
Verstandes aufrichtigen Bekenntnisse, indem er sich, wie es scheint, mit der
Hoffnung tröstet, seinen neuen Freund überzeugt zu haben, dass er in seinem
Erdeleben, wenn auch ein Schwärmer, wenigstens (was ziemlich selten ist) ein
ehrlicher Schwärmer gewesen sei.
 
                                 Zweiter Teil.
                               Sechster Abschnitt.
                  Peregrin (fährt in seiner Geschichte fort).
    Nach etlichen Jahren erfolgte der Tod meines Vaters; plötzlich, aber niemand
befremdend, da man, seiner Leibesbeschaffenheit und Lebensweise nach, schon
lange voraus vermutet hatte, dass ein Stickfluss etwas früher oder später seinem
Leben ein Ende machen würde. Keiner Seele in Parium, am wenigsten mir selbst,
fiel nur der Gedanke einer Möglichkeit ein, dass nach mehrern Jahren die
boshafteste Verleumdung fähig sein könnte, von diesem Umstande den Stoff zu
jenem schändlichen Gerüchte herzunehmen, dessen dein ungenannter Redner zu Elis
sich so boshaft und zuversichtlich gegen mich bedient hat. Das gute Vernehmen,
welches immer zwischen meinem Vater und mir, der Verschiedenheit unsrer
Grundsätze und Neigungen ungeachtet, verwaltete, und die Achtung, in welche mein
sittlicher Charakter und ein Betragen, das keiner Art von Verleumdung die
mindeste Blösse gab, mich bei meinen Mitbürgern gesetzt hatte, machte einen
solchen Argwohn eben so unnatürlich, als es die Tat selbst gewesen wäre. Meines
Wissens hatte ich um diese Zeit in ganz Parium keinen Feind. Der einzige
Menekrates, der seit mehrern Jahren alle nur ersinnliche Künste der
Erbschleicherei (die du in deinen Todtengesprächen so meisterlich geschildert
hast) angewandt hatte, um sich eine ansehnliche Stelle in dem letzten Willen
meines Vaters zu verschaffen, liess mich einige Erkältung seiner Freundschaft
spüren, nachdem sich bei Bekanntmachung des Testaments gezeigt hatte, dass seiner
gar nicht darin erwähnt, und nur seine Gemahlin Kallippe, als Nichte meines
Vaters, mit einem nicht sehr erheblichen Legat bedacht worden war. Die Wahrheit
zu gestehen, auch diese Dame, die seit meiner Zurückkunft nach Parium ihre alten
Ansprüche an mich bei jeder Gelegenheit ohne Erfolg erneuerte, gab mir seit
Eröffnung des Testaments wenig Ursache, sie für meine besondere Gönnerin zu
halten; indessen kam ihr Missvergnügen doch zu keinem öffentlichen Ausbruch. Erst
nachdem ich durch meine Entfernung von Parium, und durch das Gerüchte, dass ich
unter die Christianer gegangen sei, ein Gegenstand des allgemeinen Tadels meiner
Mitbürger geworden war, erlaubte sie sich (wie ich lange nachher erfuhr)
Anmerkungen und Winke über mich, die den ersten Grund zu der Verleumdung legten,
auf welche ich zu rechter Zeit wieder zurückkommen werde.
                                    Lucian.
    Ich brauche dich wohl nicht erst zu versichern, mein Bester, dass du bei mir
schon gerechtfertiget bist. Wäre die Rede nur von irgend einer grossen Narrheit,
so wirst du mir erlauben zu sagen, dass meine Partei genommen wäre: aber wer dich
eines Bubenstücks beschuldiget, hat seinen Prozess bei mir verloren, und wenn er
auch ganz Mysien zum Zeugen gegen dich aufstellen könnte. Doch, das versteht
sich von selbst. - Wohlan denn, Freund Peregrin! das einzige Hindernis, das
deiner gänzlichen Vereinigung mit den Christianern im Wege stand, ist nun
fortgeräumt; du bist frei und Herr über ein ansehnliches Vermögen - Doch nein!
ich vergesse, dass du dir bereits einen unsichtbaren Herrn gegeben hast, dessen
sichtbare Hausverwalter schon vorläufig bedacht gewesen waren, dich aller Sorge,
was du mit deinem Erbgut anfangen wollest, zu entbinden. Vermutlich hattest du
nun nichts Angelegneres, als alles je eher je lieber dem wundervollen
Unbekannten zu Füssen zu legen?
                                   Peregrin.
    Das konnte nicht fehlen. Sobald ich von der ganzen Erbschaft, die sich nach
Abzug einiger Vermächtnisse auf zweihundert und zwanzig Talente1 belief, Besitz
genommen hatte, schrieb ich an Hegesias: ich hoffte, man würde nun kein längeres
Bedenken tragen, in meine gänzliche Absonderung von den Kindern der Finsternis
einzuwilligen, und zu erlauben, dass ich mich selbst, und alles was ich besässe,
einzig und allein dem Dienst unsers Herrn und der Beförderung seines Reiches
aufopferte.
    In der Tat hatte Hegesias, durch seine Verbindungen mit den vornehmsten
Kaufleuten und Wechslern in den Asiatischen Handelsplätzen, bereits auf eine so
gute Art, dass ich ihm noch dafür verbunden sein musste, dafür gesorgt, dass ein
grosser Teil meines Vermögens schon zu seinen Befehlen stand. Er begnügte sich
also, ohne etwas Bestimmtes auf mein Ansuchen zu antworten, mir eine
Zusammenkunft in Nikomedien vorzuschlagen, wo wir uns mündlich darüber
besprechen könnten; als bis dahin er von dem Propheten (wie Kerintus gewöhnlich
von seinen Anhängern genannt wurde) zu vernehmen hoffte, was der Wille unsers
Herrn in Absicht meiner wäre.
    Auf diese Antwort beschleunigte ich meine Abreise mit Ungeduld; und nachdem
ich alle meine Angelegenheiten zu Parium in Ordnung gebracht, schiffte ich mich,
unter dem Vorwande die mir angefallnen Landgüter in Bitynien zu besichtigen,
nach Nikomedien ein, ohne mich das gemächliche Leben, welches ich im Schoss des
Vergnügens unter meinen Mitbürgern hätte geniessen können, auch nur einen
Augenblick dauern zu lassen; so voll war meine ganze Seele von den
Herrlichkeiten, die in der Gemeinschaft der Kinder des Lichts auf mich warteten,
und von dem hohen Beruf, dem ich entgegen eilte! Denn wie konnte der höchste
Stolz eines Sterblichen einen grössern Gedanken erstreben, als an dem glorreichen
Werk aller Aeonen, welche ihre göttlichen Kräfte und Einflüsse zur Zerstörung
des Reichs des Gottes dieser Welt und seiner Dämonen vereinigten, ein
Mitarbeiter zu sein, und eine neue Erde unter dem Scepter des menschgewordnen
Logos2 regieren zu helfen? - Du kennest doch diese Sprache, Lucian?
                                    Lucian.
    Meinen Ohren wenigstens ist sie nicht so fremd als meiner Vernunft.
                                   Peregrin.
    Auch dieser wird sie sehr verständlich sein, wenn ich dir diese vorgeblichen
Geheimnisse der Geisterwelt aus der rätselhaften Bildersprache unsrer Secte in
die gewöhnliche Menschensprache übersetze. Erinnere dich der grossen Entwürfe
eines Alexanders und Julius Cäsars, - aus dem ganzen Erdboden ein einziges
Reich, aus allen Völkern eine einzige Nation zu machen, diesem ungeheuern Reiche
eine einzige Hauptstadt zum Mittelpunkt zu geben, und in diesem Mittelpunkt ihr
stolzes Selbst zur regierenden Seele des Ganzen zu machen.
    Mein Kerintus hatte keinen kleinern Plan; und wiewohl es ihm mit dem
seinigen nicht besser gelang als dem grossen Alexander, so bin ich doch gewiss,
dass er sich schmeicheln darf, den ersten Grund zu der grossen Revolution gelegt
zu haben, die wir in den Zeiten der Teodosier zu Stande kommen sahen. Diese
furchtbare Umkehrung der Dinge, die er mir gleich bei unsrer ersten
Zusammenkunft so feierlich ankündigte, der Untergang des Reichs der Dämonen, das
Herabsteigen der Stadt Gottes, zu welcher sich die Völker der Erde versammeln,
und deren blitzende Strahlen die Feinde des Lichts verzehren sollten - alle
diese pompösen Bilder waren keine Worte ohne Sinn; ganz gewiss wusste er was er
damit sagen wollte: und was konnte dies anders sein, als dass es der neuen
Teokratie der Christianer gelingen werde, die alte Religions- und
Staatsverfassung umzustürzen? Diese Revolution zu bewirken und zu beschleunigen,
war der wahre Zweck des geheimen Ordens, wovon ich einige Jahre nicht sowohl ein
sehendes Mitglied, als ein blindes Werkzeug war.
                                    Lucian.
    Dein Kerintus war ein kalter kluger Mann. Ein so warmer treuherziger
Entusiast, wie du, war zu seinem Plane sehr gut zu gebrauchen, aber nur so
lange als man deine Vernunft in dem gehörigen Helldunkel zu erhalten wusste.
Alles war verloren, wenn man dich sehen liess, was hinter dem hoch tönenden
mystischen Prunk verborgen steckte, und wie natürlich diese teurgische Magie
war, womit man die herrschende Leidenschaft deiner Seele gefesselt hatte.
                                   Peregrin.
    Der Erfolg wird zeigen, dass du richtig geraten hast, Lucian. Hegesias
empfing mich zu Nikomedien mit der zärtlichsten Bruderliebe; führte mich in die
dortige Gemeine ein, welche nicht sehr zahlreich, aber gänzlich unter dem Zauber
des Kerintus war; bezeugte mir die Zufriedenheit des Vorstehers über die Treue,
die ich bisher in dem angefangenen Werke meiner Heiligung bewiesen hätte, und
endigte mit der Versicherung: dass er nun kein Bedenken mehr trüge, den letzten
Vorhang wegzuziehen, und mich in Geheimnisse schauen zu lassen, welche selbst
dem grössern Teile der Brüder nur in Bildern und Symbolen geoffenbaret würden.
    Dieses Versprechen spannte, wie du denken kannst, meine Erwartung auf den
höchsten Grad; und Hegesias, dem das Mystagogenamt hierbei aufgetragen war,
wusste dem geheimen Unterricht, den ich nun einige Wochen lang von ihm empfing,
alles das Feierliche, Heilige und Magische zu geben, wodurch seine Wirkung auf
ein Gemüt, wie das meine, zehnfach verstärkt werden musste. Die Gnosis
umleuchtete mich wie ein überirdisches Licht, das aus offnem Himmel auf mich
herabströmte; ich fühlte mich davon emporgetragen, fühlte die schauervolle
Gegenwart und das gewaltige Eindringen der göttlichen Urkräfte in das Innerste
meines Wesens, und glaubte, mit Einem Worte, in manchen Augenblicken jenes hohe
dämonische Leben, jenes unmittelbare Zusammenfliessen mit der göttlichen Natur -
ein Gefühl, unter welchem (wie viel Täuschung auch dabei sein mag) alle
menschliche Sprache einsinkt - wirklich zu erfahren, wovon in meiner ersten
Jugend, und in dem Hain Uraniens zu Halikarnass, nur der schwache Schimmer leiser
Vorempfindungen (wie ich jetzt wähnte) in meiner Seele aufgedämmert hatte. -
Vermutlich würde eine ausführliche Darstellung dieser erhabenen Gnosis wenig
Interesse für dich haben -
                                    Lucian.
    Darauf kannst du dich verlassen! nicht das allermindeste!
                                   Peregrin.
    Ich begnüge mich also zu sagen, dass sie weder mehr noch weniger als ein
Gewebe von teosophisch-magischen Träumereien war, welche Kerintus eben so
leicht den Grundbegriffen des damaligen Christentums anzupassen wusste, als sie
sich mit jeder andern Moral und Religion in Verbindung setzen liessen. Denn es
war eine der natürlichen Folgen seiner Teorie, dass der menschliche Geist, trotz
der dichten Rinde von kaltem und finsterm Stoffe, womit er nach seiner
Verbannung aus den empyreischen Wohnungen umzogen worden, doch nie so ganz
verfinstert geblieben sei, dass nicht, gleichsam durch die Risse und Spalten
dieser Kruste, einige Funken und Strahlen des allumfliessenden Oceans von Feuer
und Licht, der sich ewig aus dem Abyssus3 der Gotteit ergiesst, in sie
eingedrungen wären, und -
                                    Lucian.
    Genug, genug, lieber Peregrin! - Mir ist nichts unausstehlicher als diese
dityrambische Art von Philosophie, die sich die Miene gibt, das unergründliche
Geheimnis der Natur ausfindig gemacht zu haben; und doch mit allen den
Phantasiebildern, in welche sie ihre vorgeblichen Offenbarungen verkleidet,
entweder nichts, als was jedermann schon längst gewusst hatte, offenbart, oder
geradezu platten Unsinn sagt. Indessen hat mich gleichwohl die Neugier einst
verleitet, unter so vielen andern Ausgeburten der menschlichen Torheit, mich
auch mit diesem gnostischen Aberwitz bekannt zu machen: und du kannst also
getrost voraussetzen, dass es überflüssig wäre, dich über das ganze teurgische
System deines hochwürdigsten Propheten weiter auszubreiten; wie viel oder wenig
es auch mit dem Ebionitischen, Valentinianischen4, und andern dieser Art, wovon
es in der Folge verschlungen wurde, gemein haben mochte. Die Vollständigkeit
deiner eigenen Geschichte wird, denke ich, nichts dadurch verlieren.
                                   Peregrin.
    Erlaube mir nur noch diese einzige Anmerkung. Es kommt bei dieser
gnostischen Teosophie alles im Grunde darauf an, dass die abstracten Begriffe
der gemeinen Philosophie darin versinnlicht, und den Wörtern, wodurch sie
bezeichnet werden, die unbekannten Wesen und Urkräfte selbst, wovon jene
metaphysischen Begriffe nur leere Hülsen sind, untergelegt werden: und gerade
dies war es, was diese Art zu philosophiren für alle warmen Köpfe und glühenden
Herzen eben so anziehend und verführerisch machte, als sie den kalten Köpfen
deiner Art immer verächtlich sein musste. Ihr wusstet, dass die Göttin, in deren
Arme man euch zu führen versprach, nur ein Wolkengebilde war; was für Genuss
hätte euch also eine wissentliche Täuschung verschaffen können? Wir Ixionen
hingegen glaubten in der Wolke die Göttin, deren Gestalt sie uns vorspiegelte,
selbst zu umfassen, und fühlten uns selig, nicht nur weil wir nicht wussten dass
wir getäuscht wurden, und also unser Genuss (so lange die Täuschung dauerte)
wirklich war; sondern auch, weil die Aehnlichkeit der Wolke mit der Göttin etwas
Wirkliches, und also der Gegenstand, der uns in diese Entzückungen setzte, mehr
als ein blosses Hirngespinnst war. Denn, wofern auch dem Menschen in jenem
irdischen Leben alle unmittelbare Gemeinschaft mit der unsichtbaren Welt versagt
ist, so wird doch niemand zu läugnen begehren, dass in dem unergründlichen
Geheimnisse der Natur (wie du es nanntest) etwas sei, das sich zu den Aeonen
oder Urkräften der Gnostiker, und dem ewigen Urwesen, aus welchem sie
ausströmen, ungefähr so verhält, wie die Juno der Fabel zu der Wolke, womit
Jupiter den Ixion täuschte. Immerhin mögen also die Bestrebungen der wärmsten
Einbildungskraft, sich zum wirklichen Anschauen dieser unerreichbaren
Gegenstände zu erheben, vergeblich sein: so sind doch diese Gegenstände selbst
wirklich; so besitzt doch die menschliche Seele das Vermögen sich eine Art von
Schattenbildern von ihnen zu machen; und so ist begreiflich, wie jenes blosse
Bestreben in den innern Sinnen begeisterter Menschen Gefühle und Erscheinungen
hervorbringen kann, die bei aller Täuschung noch immer Realität genug haben, um
das Subject derselben, wenigstens seiner eigenen Schätzung nach, unbeschreiblich
glücklich zu machen.
                               Lucian (lächelnd).
    Ich glaube etwas davon zu begreifen, Freund Peregrin. Aber weiter, wenn ich
bitten darf!
                                   Peregrin.
    Der geheime Unterricht, den mir Hegesias während meines Aüfentalts zu
Nikomedien erteilte, anstatt dass er der letzte Grad meiner Initiation gewesen
sein sollte (wie ich mir schmeichelte), war ohne allen Zweifel vielmehr eine Art
von Probe, worauf man mich stellte, um zu sehen, ob ich würdig sei zum
Aufschlusse des wahren Geheimnisses zugelassen zu werden. Denn in diesem Punkte
sich nicht zu irren, musste ihnen aus mehr als Einer Rücksicht sehr angelegen
sein. Wäre meine Vernunft damals schon meiner Phantasie mächtig genug gewesen,
dass ich - anstatt alle diese Blendwerke einer den Tatsachen des Christentums
untergelegten teurgischen Magie (woraus die Gnosis des Kerintus grösstenteils
zusammengewebt war) im Wortverstande zu nehmen und mich unbeschreiblich dafür zu
erhitzen - vernünftige Zweifel gegen den wörtlichen Sinn derselben und gegen
ihre Uebereinstimmung mit der reinen Lehre des Gottgesandten geäussert, und den
scharf sehenden Menschenkenner Hegesias durch mein ganzes Benehmen überzeugt
hätte, dass ich durch schimmernde Luftgestalten nicht zu täuschen sei: so würde
er wohl kein Bedenken getragen haben, mir das Innere des Ordens wirklich
aufzuschliessen, mich des Unterschiedes zwischen seiner exoterischen und
esoterischen Lehrart5 zu verständigen, und, kurz, mir zu vertrauen, dass der
buchstäbliche Sinn nur für die schwächern und schwärmerischen Seelen, der
moralische und politische hingegen (der alles wieder in die natürliche Ordnung
der Dinge einleitete, und welchem jener nur zur Hülle dienen sollte) nur für die
Wenigen sei, die an der Spitze der ganzen Verbrüderung standen, und eben darum
heller sehen mussten als die übrigen. Aber einen Entusiasten meiner Art, einen
Menschen, dem das, was Kerintus und Hegesias nur als Mittel zu ihrem Zwecke
gebrauchten, der Zweck selbst war, und dem, so wie man die Binde von seinen
Augen genommen hätte, auf einmal alle Lust zum Werke vergangen wäre, konnte man
unmöglich in ein Geheimnis von dieser Wichtigkeit sehen lassen.
    Sie beschlossen also (wie die Tat zeigte) den einzigen Gebrauch von mir zu
machen, wodurch ich ihrer Sache wirklich Nutzen schaffen konnte, und wozu ich
mich selbst so treuherzig darbot. Sie bemächtigten sich, zu Beförderung des
Reichs Gottes, nach und nach mit meinem besten Willen, meines Erbgutes; mich
selbst aber, sobald sie sahen, dass der Eifer für die Ausbreitung der heilsamen
Lehre (wie sie ihre Gnosis nannten) meine ganze Seele in Flammen gesetzt hatte,
bestimmten sie in den Missionen zu arbeiten, welche der Orden in allen Teilen
der Asiatischen und morgenländischen Provinzen des Römischen Reichs unterhielt.
Denn ausserdem, dass sie mich bereit sahen, für die Sache Gottes (wofür ich die
ihrige ansah) alles Mögliche zu wagen und zu leiden, glaubten sie in meinen
Fähigkeiten und selbst in meinem Aeusserlichen alles zu finden, was ihnen einen
glücklichen Proselytenmacher in meiner Person versprechen konnte. Ein einziges
Requisit ging mir noch ab: ich sah für einen Missionär noch zu wohl genährt aus.
Aber dafür wusste der kluge Hegesias in kurzem Rat zu schaffen. Das heilige
Werk, wozu mich der Herr erwählt hatte, erforderte eine strenge Vorbereitung;
und so musste ich einige Monate lang so viel fasten, wachen und beten, dass die
wenige Nahrung und die vielen in erhitzender Betrachtung und Contemplation
durchwachten Nächte mir bald genug das Ansehen eines Indischen Büssers gaben,
welches in der Tat ein wesentliches Erfordernis zu dem Beruf ist, dem ich mit
brennendem Verlangen entgegenging.
    Endlich kündigte mir Hegesias an, dass er eine Reise zu machen hätte, auf
welcher ich sein Gefährte sein würde. Wohin, sagte er mir nicht, und mir war es
nicht erlaubt zu fragen; denn ein unbedingter Gehorsam gegen alle Winke des
Vorstehers - von welchem vorausgesetzt wurde, dass er seine Verhaltungsbefehle
unmittelbar von unserm Herrn empfange - war eine der ersten Pflichten, zu deren
Erfüllung ich mich, vor meiner angeblichen Einführung in das innere Heiligtum
des Ordens, verbindlich gemacht hatte. Hegesias selbst schien in diesem Stücke
nichts vor mir voraus zu haben. Er verbarg mir sorgfältig, dass er die rechte
Hand, ja, im eigentlichen Verstande des Wortes, das Factotum des hochwürdigen
Kerintus war, und wollte dafür angesehen sein, dass er ein eben so blindes und
passives Werkzeug in der Hand des Herrn sei als ich selbst.
    Nach einer langen Wanderschaft, auf welcher wir Bitynien, Galatien und
Phrygien die Kreuz und die Quer durchzogen und überall die Brüder besucht und
gestärkt hatten, langten wir endlich zu Ikonium an, wo Kerintus eine der
ansehnlichsten Pflanzschulen seiner Secte angelegt hatte. Wir fanden ihn mitten
unter seinen Zöglingen, welche (wie ich in der Folge erfuhr) teils von ihm
selbst, teils von einem seiner Vertrauten, zu der nämlichen Bestimmung, wozu
der Herr meine Wenigkeit erwählt hatte, ausgebildet wurden. Kerintus empfing
mich mit aller Zärtlichkeit und Offenheit, die mich (falls ich noch gezweifelt
hätte) gewiss machen mussten, dass ich ein Jünger von der vertrautesten Classe sei,
und dass er vor mir kein Geheimnis mehr habe; und, so lange ich zu Ikonium lebte,
zeichnete er mich durch tausend Merkmale einer besondern Achtung vor den übrigen
Brüdern, welche, wie ich, zum fahrenden Apostolat bestimmt waren, aus. Nichts
konnte, bei allem Anschein von der offensten Mitteilung, feiner sein als sein
Betragen gegen mich; wiewohl ich diese Reflexion zu machen erst lange nachher
fähig war, und damals alles so für wahr nahm wie es schien. Um dir nur ein
einziges Beispiel davon zu geben, so wusste er es so einzurichten, dass ich es
selbst war, der die erste Anregung von dem Amte, wozu er mich bestimmt hatte,
tat, indem ich ihm davon als von einem Geschäfte sprach, wozu ich mich
innerlich berufen fühlte. - »Ich zweifelte keinen Augenblick (war seine
Antwort), als mir geoffenbaret wurde dass du zu diesem hohen Beruf erwählt
seist, dass dir auch die Gewissheit davon in deinem Innersten würde gegeben
werden.«
    Von dieser Zeit an unterhielt er sich mit mir, so oft wir allein waren, von
keinen andern Gegenständen, als die sich auf dieses Geschäft bezogen, und
teilte mir eine Menge Verhaltungsregeln und Cautelen mit, die ich dabei zu
beobachten haben würde. Er verbarg mir nicht, dass von mehr als fünfhundert
grössern und kleinern Brüdergemeinen, welche damals durch Asien, Syrien und
Aegypten zerstreut waren, kaum der siebente Teil in näherer und unmittelbarer
Verbindung mit ihm stehe; und dass es daher von unumgänglicher Notwendigkeit
sei, zahlreiche Arbeiter auszusenden, um der Verwirrung, dem Misstrauen und den
Spaltungen, welche der Geist der Finsternis unter den Gemeinen zu unterhalten
geschäftig sei, vorzubeugen, und alle diese zerstreuten Schafe, durch die
engeste Verbindung ihrer Hirten unter einander, nahe genug beisammen zu haben,
um die Stimme des Oberhirten immer hören zu können, und von keinen blinden oder
betrügerischen Leitern irre geführt zu werden. Er liess sich hierüber, besonders
über die Klugheit, womit die Vorsteher der verschiedenen Gemeinen geprüft,
behandelt und gewonnen werden müssten, in sehr genaue Instructionen ein, die ich
übergehe, weil sie mich zu weit von mir selbst abführen, und einem
Menschenkenner, wie du, wenig Neues sagen würden.
                                    Lucian.
    Ich muss gestehen, Peregrin, dass ich der Entwicklung dieses Teils deiner
Geschichte mit Verlangen entgegen sehe.
                                   Peregrin.
    Wir kommen ihr immer näher, lieber Lucian. Nur Eines Umstandes muss ich, ehe
ich mein sogenanntes Apostolat wirklich antrete, noch vorher erwähnen; und
dieser war, dass ich während meines Aufentalts zu Ikonium, unter andern jungen
Männern, die in der Pflanzschule des Kerintus beisammen lebten, einen kennen
lernte, der meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben würde, wenn ihn der
Vorsteher auch nicht durch eine besondere Art von fein beobachtender Hochachtung
von den andern unterschieden hätte. Er nannte sich Dionysius, war (dem Ansehen
nach) einige Jahre älter als ich, und hatte Paphlagonien (wo er aus einer
kleinen Stadt gebürtig war) schon in seinen ersten Jünglingsjahren verlassen, um
sich zu Aten aus einem Paphlagonier6 zu - einem Menschen bilden zu lassen.
Nachdem er in dieser ehrwürdigen Grabstätte der Sokraten und Platonen über zehn
Jahre von einer Philosophenschule zur andern herumgeirret und nirgends
hinlängliche Befriedigung gefunden hatte, begab er sich, um mit der Natur und
den Menschen durch eigenes Anschauen bekannt zu werden, auf Reisen;
durchwanderte Griechenland, Italien, Gallien, Spanien, das Römische Afrika und
Aegypten; wurde zu Alexandrien mit Hegesias, und durch diesen mit Kerintus
bekannt, und gefiel sich so wohl bei diesen Männern (welchen, wenn sie jemand an
sich ziehen wollten, schwerlich zu widerstehen war), dass er, nachdem sie
einander eine Zeit lang beobachtet hatten, den Entschluss fasste, sich in ihren
Mysterien einweihen zu lassen, und sein Loos mit dem ihrigen zu verketten. Die
Heiterkeit und anscheinende Ruhe, die sich in der Physiognomie dieses Dionysius
ausdrückte, zog mich eben so stark zu ihm, als ihn ich weiss nicht was in der
meinigen hinwieder anzuziehen und zu interessiren schien. Wir suchten und fanden
einander öfters; aber die Aufrichtigkeit meiner Schwärmerei hielt ihn (wie ich
in der Folge aus seinem eigenen Munde hörte) wider seinen Willen in einer Art
von Respect, und unsre Gespräche blieben, wie unsre Freundschaft, immer an der
äussersten Gränze der Vertraulichkeit stehen. Kerintus und Hegesias schienen
grosse Absichten mit ihm zu haben; allein zu Beobachtungen dieser Art waren meine
Augen damals noch nicht hell genug. Ich trennte mich ungern von diesem Menschen,
den ich, seiner Kälte ungeachtet, ungemein liebenswürdig fand, und der überdiess
wegen seiner mannichfaltigen Kenntnisse ein unterhaltender Gesellschafter war.
Aber die Zeit kam, da wir, mit dem Bedauern einander nicht näher gekommen zu
sein, scheiden mussten: er blieb bei unserm Vorsteher zurück, und ich wurde mit
einem jungen Akoluten7, der mir zum Dienst zugegeben war, nach Cappadocien
geschickt, um bei den Brüdergemeinen, die in diesem grossen Lande zerstreut waren
und unter die eifrigsten gerechnet wurden, meine erste Mission anzutreten.
    Ueber diesem Geschäfte, worin ich - da ich es mit Cappadociern zu tun hatte
- ziemlich glücklich war, gingen einige Jahre hin, binnen welcher Zeit es mir
gelang, verschiedene zahlreiche Gemeinen mit der Kerintischen Schwärmerei
anzustecken, und in mehrern andern wenigstens einen so guten Anfang zu machen,
dass es dem Propheten ein Leichtes war, das Uebrige durch seine eigene Gegenwart,
und durch einige Wunder, die ich ihn verrichten sah, vollends zu Stande zu
bringen.
                                    Lucian.
    Wunder? - Was nennst du Wunder, Freund Peregrin?
                                   Peregrin.
    Ich will damit eben nicht sagen, dass er den Mond vom Himmel herabgerufen
habe, um ihn in seinen linken Rockärmel hinein und zum rechten wieder heraus
rollen zu lassen; oder dass er durch sein blosses Wort Berge versetzt und Flüssen
einen andern Lauf geboten habe: indessen muss ich doch bekennen, dass ich ihn
höchst seltsame Nervenkrankheiten, welche (wie leicht zu erachten) auf Rechnung
böser Dämonen gesetzt wurden, durch blosses Handauflegen vertreiben sah; wobei
doch vielleicht, als kein unbedeutender Umstand, nicht zu vergessen ist, dass
dieses Handauflegen mit einem ziemlich lange anhaltenden Streicheln und Reiben
verbunden war -
                                    Lucian.
    Das lass' ich gelten!
                                   Peregrin.
    Einige Teufel wurden durch die blosse Kraft lieblich betäubender Wohlgerüche
und die Magie eines feierlich schönen Gesangs, den er von den Brüdern und
Schwestern mit gedämpften Tönen anstimmen liess, vertrieben. Ein paar Kranke - in
der Einbildung vermutlich - wurden bloss dadurch plötzlich gesund, dass er ihnen,
nach allerlei vorbereitenden Feierlichkeiten, auf einmal mit mächtiger Stimme
befahl zu glauben dass sie gesund seien -
                                    Lucian.
    Auch nicht übel!
                                   Peregrin.
    Das stärkste Stück aber, das ich mit meinen eignen Augen gesehen habe, war
die Auferweckung einer - hysterischen Jungfrau, welche, als er herbei gerufen
wurde, nach der Versicherung ihrer weinenden Verwandten, schon vor zwei Tagen
gestorben war -
                                    Lucian.
    Und - den einzigen Umstand, dass sie noch lebte, ausgenommen - ohne Zweifel
alle Zeichen einer todten Person an sich hatte?
                                   Peregrin.
    Wie es auch damit beschaffen sein mochte, bei den ehrlichen Cappadocischen
Bauern galt diese Auferweckung für ein augenscheinliches Wunder; und ich kann
nicht läugnen, dass ich selbst bei dieser Gelegenheit so sehr Cappadocier war als
ein anderer; mit so vielem Anstand und in einer so grossen Manier wusste der
hochwürdige Kerintus seine Rolle in solchen Scenen zu spielen. Kurz, die
Wirkung der Wunder, die er zum Beweise seiner Sendung tat, war so entscheidend,
dass nicht nur alle anwesenden Brüder, die noch an ihm gezweifelt hatten, sondern
sogar viele von der Neugier herbeigezogene Götzendiener auf der Stelle gewonnen
wurden. Ich, dem er sich gleich im ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft als
ein ausserordentlicher und mit höhern Wesen in Verbindung stehender Mann
dargestellt hatte, wurde vielleicht durch diese Dinge am wenigsten befremdet:
indessen gaben sie doch meinem Glauben an ihn einen neuen Schwung; und ich zog
nun, nachdem er mir seine wundertätigen Hände aufgelegt hatte, desto getroster
auf das neue Abenteuer aus, zu dessen Bestehung er mich, mit den nötigen
Empfehlungen und Instructionen versehen, nach Syrien abschickte.
    Die Eroberung dieser Provinz lag ihm sehr am Herzen. Denn die Brüder zu
Antiochia, Seleucia und Laodicea am Meer waren zum Teil reiche Handelsleute,
von deren Vermögen und Verbindungen in allen Teilen des Römischen Reiches der
geheime Orden, dessen Seele er war, grosse Vorteile ziehen konnte, wenn es ihm
nur erst gelang, die Gemeinen selbst auf seinen Ton zu stimmen, und mit seinen
Anhängern in den Provinzen des kleinen Asiens in nähere Vereinigung zu bringen.
Da die Syrer überhaupt Leute von sehr lebhaften Sinnen und warmer
Einbildungskraft sind, so schien ich ihm zu diesem Werk ein auserwähltes
Rüstzeug zu sein: und damit meine Bearbeitung eines so guten Bodens desto
schneller und reichlicher Früchte bringen möchte, hatte er mich durch Hegesias
und andere seiner heimlichen Anhänger als einen Jünger aus der Schule des
heiligen Johannes ankündigen lassen, der die Tradition der wahren Lehre
unmittelbar aus der lautersten Quelle geschöpft habe, und sowohl dieses Vorzugs
halber, als wegen der Heiligkeit seines Lebens und seines Eifers für die
Ausbreitung des Reichs unsers Herren, als ein wahrhaft apostolischer Mann
aufgenommen zu werden verdiene.
    In der Tat hatte meine Schwärmerei um diese Zeit den höchsten Grad ihrer
Hitze erreicht. Meine innige Liebe für das Ideal der reinsten Menschheit, unter
welchem ich mir die Person unsers ersten Meisters dachte, und mein Sinn für die
Wahrheit seiner eben so erhabenen als einfachen Lebensweisheit hatte sich mit
der schwärmerischen Gnosis und dem Glauben an die bevorstehende Teokratie des
Kerintus völlig amalgamirt; und meine von so viel brennbaren Materien
entzündete und in stetem Feuer erhaltene Seele kochte und strudelte von einem so
heissen Verlangen, ihre Gefühle und Ueberzeugungen mit ihrer ganzen Fülle von
Glauben, Liebe und Hoffnung über alle, die derselben nur einigermassen
empfänglich wären, auszuströmen, dass Kerintus schwerlich ein tauglicheres
Subject zu Ausführung dessen, wozu er mich sendete, hätte finden können.
    Ich machte meine erste Erscheinung in den Gemeinen, die unter der Aufsicht
des Bischofs von Laodicea standen, und wurde allentalben wie ein Engel, der
geraden Weges vom Himmel käme, aufgenommen. Das Evangelium Johannis, wovon mir
Kerintus eine von ihm nach seinen Grundsätzen verfälschte Abschrift mitgegeben
hatte, und die Auslegung, die ich - der selbst keine andre Abschrift kannte -
den Brüdern in ihren Versammlungen über die darin entaltenen Geheimnisse
vortrug, wirkten ausserordentlich. Mein Ansehen unter diesen guten Leuten, deren
grösster Teil sich eben so treuherzig von mir täuschen liess als ich selbst
getäuscht war, nahm von Tag zu Tage zu, und - kurz, meine Mission ging so gut
von Statten, dass in weniger als zwei Jahren mehr als die Hälfte der Gemeinen in
Syrien und Palästina unvermerkt in den feinen Netzen des Kerintus gefangen war,
und sammt ihren Vorstehern unter die unsichtbare Leitung und Oberherrschaft
eines Ordens kam, von dessen Existenz sie nicht die geringste Ahndung hatte.
    Du stellst dir wohl von selbst vor, dass bei diesem Geschäfte von Zeit zu
Zeit Schwierigkeiten und Hindernisse zu bekämpfen waren, deren Beschreibung
meine Erzählung ohne Not verlängern würde. Dafür konnte ich aber auch sicher
auf beständige Unterstützung der Unsichtbaren rechnen; und, was mir am meisten
zu Statten kam, war der Umstand, dass die Bischöfe und andere Diener der
Gemeinen, welche mir hätten hinderlich sein können, durch ansehnliche
Verbesserungen ihrer Einkünfte, die ihnen aus der Ordenscasse (vermutlich auf
Unkosten meines Erbgutes) zuflossen, klüglich gewonnen waren, sich wenigstens
bloss leidend bei der Sache zu verhalten.
    Mitten in dem Laufe meiner apostolischen Triumphe wurde ich ganz unvermutet
von einer unsichtbaren Hand aufgehalten, welche keinem der unsichtbaren Obern,
von welchen ich abhing, zugehörte. Hättest du wohl gedacht, Lucian, dass der
geheime Pfeil, der mich zu Antiochia traf, in Parium abgeschossen wurde.
                                    Lucian.
    In deiner Vaterstadt? - Ich begreife. Deine Verwandten und präsumtiven Erben
hatten wohl keine Lust, ruhig zuzusehen, wie das ansehnliche Erbgut, worauf das
Gesetz, falls dir etwas Menschliches begegnete, ihnen die nächste Anwartschaft
gab, in die Brüdercasse der Christianer, wie in einen Strudel der nichts wieder
zurückgab, hineinstürzte?
                                   Peregrin.
    Du hast es erraten, Lucian! Meine Entfernung von Parium - welcher man,
wiewohl sie nichts weniger als heimlich geschehen war, in der Folge den Anschein
einer Entweichung zu geben suchte - hatte grosses Aufsehen erregt, sobald man
gewahr wurde, dass ich an kein Wiederkommen dachte, und sobald man
ausgekundschaftet hatte, dass ich unter den Christianern lebe, und, wie es
scheine, in sehr enge Verbindungen mit ihnen getreten sei. Einige Jahre lang
hatten meine Verwandten sich vergebens Mühe gegeben, den Ort meines Aufentalts,
seit der Zeit da ich Nikomedien verliess, ausfindig zu machen; bis endlich der
alte Menekrates von einem seiner Freunde, der einen Correspondenten zu Antiochia
hatte, erfuhr, dass ich mich, in der Qualität eines Propheten und Mystagogen der
Christianer, bald zu Laodicea, bald zu Antiochia oder Seleucia aufhielte, und in
grossem Ansehen bei dieser Secte stände. Meine Verwandten gingen nun mit einander
zu Rate, wie sie es anfangen wollten, um wenigstens das, was von der
väterlichen Verlassenschaft noch zu Parium war, und das Landgut meines
Grossvaters aus den Klauen der Christianer zu retten. Das Resultat ihrer
Beratschlagungen war endlich: durch Vermittlung des besagten Antiocheners mich
dem kaiserlichen Stattalter als einen Christianer von der gefährlichsten Art
anzuzeigen, dessen unruhige Schwärmerei die Aufmerksamkeit der Regierung um so
mehr erregen müsse, weil er seinem Eifer für die Ausbreitung dieser
hassenswürdigen Secte bereits den grössten Teil eines ansehnlichen Erbgutes
aufgeopfert habe.
    Du erinnerst dich, Lucian, dass die Strafgesetze gegen alle heimliche
Zusammenkünfte überhaupt, und gegen die ausdrücklich verbotenen geheimen
Versammlungen der Christianer insonderheit, unter der milden Regierung des
Kaisers Hadrianus zwar nicht aufgehoben, aber doch unvermerkt eingeschlafen
waren. Da sich die Christianer um diese Zeit ziemlich ruhig verhielten, so waren
die Obrigkeiten überall unter der Hand angewiesen worden, sie auch hinwieder in
Ruhe zu lassen, und, ohne dass man sie ganz aus den Augen verlöre, zu tun als ob
man sie nicht gewahr würde; so lange nicht besondere Umstände oder eine
förmliche Anklage es etwa nötig machten, gegen diesen oder jenen nach der
Strenge der Gesetze zu verfahren. Die eben so unvernünftige als unmenschliche
Maxime, keine andere Religion neben sich dulden zu wollen, war (wie du weisst)
den Priestern der alten gesetzmässigen Religion so lange fremd geblieben, bis
diese neue, welche geduldet sein wollte ohne eine andere zu dulden, im Dunkeln
und durch die Nachsicht der Obrigkeiten und der Priester unvermerkt so weit um
sich griff, dass die letztern notwendig aus ihrer allzu grossen Sicherheit
erwachen mussten. Es war seit geraumer Zeit zur Mode geworden, die Christianer
und Epikuräer (weil beide darin, dass sie die alte Volksreligion für Aberglauben
erklärten, gemeine Sache zu machen schienen) gewissermassen mit einander zu
vermengen; und da die Epikuräische Secte schon einige Jahrhunderte lang
bestanden hatte, ohne dem Interesse der Priesterschaft merklichen Abbruch zu
tun (denn man hatte ja Beispiele, dass Priester selbst, ohne ihrem Amt oder
ihrer Philosophie etwas dadurch zu vergeben, Epikuräer waren), so ging es ganz
natürlich zu, dass man sich, gerade dieser Vermengung wegen, unvermerkt
angewöhnte, die Christianer für eben so unschädlich anzusehen als jene.
Gleichwohl war der Unterschied in diesem Punkte so gross, dass er auch den
sorglosesten Priestern der alten Götter in die Augen springen musste. Die
Epikuräer glaubten zwar so wenig als die Christianer an die Pronöa (Vorsehung)
des grossen Jupiter, aber seine Gotteit machten sie ihm nicht streitig; sie
spotteten über alle Arten von Aberglauben, aber die herrschende Religion
respectirten sie als ein politisches Institut der Gesetzgeber. Indem sie also
jenen verlachten, und diese unangetastet liessen, blieben sie (dem Geist ihrer
Philosophie gemäss) in einer Gleichgültigkeit gegen beide, die keinen Eifer, ihre
Secte auf Unkosten der Staats- und Priesterreligion auszubreiten, unter ihnen
aufkommen liess. Bei den Christianern hingegen fand das vollkommenste Gegenteil
statt. Sie waren die erklärten Gegner nicht nur des Aberglaubens, sondern des
gesetzmässigen Dienstes der Götter selbst; und der Entusiasmus, womit sie den
Dienst ihres Einzigen, der keine andern neben sich duldete, und den Glauben an
seinen Gesandten, welcher das Reich dieses Einzigen allgemein machen sollte,
auszubreiten suchten, liess mit Recht von ihnen erwarten, dass sie nicht eher
ruhen würden, bis sie den alten Volksglauben und den darauf gegründeten
Götterdienst, oder, in ihrer Sprache zu reden, das Reich der Dämonen, gänzlich
vertilgt haben würden.
    Meine Verwandten zu Parium hatten, bei dem Anschlag den sie gegen mich
fassten, sehr richtig darauf gerechnet, dass Vorstellungen dieser Art die
Priesterschaft zu Antiochia in Feuer setzen und geneigt machen würden, ihre
Angebung bei dem Stattalter von Syrien durch eine förmliche Klage zu
unterstützen; und, um dieser den gehörigen Nachdruck zu geben, hatte man solche
Massregeln genommen, dass ich in einer nächtlichen Versammlung der Brüder, mitten
in der Begehung unsrer heiligsten Mysterien ergriffen wurde. Man begnügte sich,
die übrigen, mit der ernstlichen Verwarnung, sich nie wieder in einer solchen
gesetzwidrigen Zusammenkunft betreten zu lassen, nach Hause zu schicken: ich
hingegen, als Vorsteher und Mystagog dieser verbotenen nächtlichen
Zusammenkünfte, wurde vor den Richter der ersten Instanz gebracht, und sobald
ich die Frage, ob ich ein Christianer sei? mit aller Entschlossenheit eines
Märtyrers bejahet hatte, dem Trajanischen Edict zufolge in ein öffentliches
Gefängnis abgeführt.
    Diese Begebenheit machte anfangs um so mehr Aufsehen zu Antiochia, weil sich
seit mehrern Jahren nichts Aehnliches in dieser grossen, reichen und unendlich
üppigen Hauptstadt zugetragen hatte. Man sprach ein paar Tage von nichts anderm;
dafür wurde aber auch, sobald sie aufhörte etwas Neues zu sein, gar nicht mehr
daran gedacht. Die Christianer hingegen, und besonders die mit Kerintus
verbündeten Gemeinen, gerieten dadurch in ausserordentliche Bewegung: und,
wiewohl man bald merken konnte, dass alles bloss auf meine Person gemünzt sei, und
die Brüder überhaupt wenig oder nichts desshalben zu befürchten hätten; so
zeigten sie doch so viel Unruhe, nahmen so warmen Anteil an meinem Schicksal,
und machten im Verborgenen so vielerlei Anschläge und zum Teil so viel
wirkliche Schritte zu meiner Befreiung, dass eben diese ihre unruhige
Geschäftigkeit wahrscheinlich nicht wenig dazu beitrug, meine Gefangenschaft
über ein ganzes Jahr hinaus zu ziehen. Kerintus und Hegesias waren zwar viel zu
klug, um in dieser Sache unmittelbar zu erscheinen; aber ich bin ihnen die
Gerechtigkeit schuldig, zu gestehen, dass sie sich durch die dritte Hand mit
vielem Eifer für mich verwendeten, und grosse Sorge trugen, dass es mir, so lang'
ich im Gefängnis war, an keiner Bequemlichkeit, die um Geld zu erhalten war,
fehlen möchte. Ueberhaupt, Lucian, ist dein Ungenannter zu Elis in seiner ganzen
Erzählung der Wahrheit nirgends so getreu geblieben als da, wo die Rede von
meiner Gefangenschaft ist. Alle Umstände, die er anführt, sind buchstäblich
wahr; den einzigen ausgenommen, dass ich durch die Freigebigkeit der Brüder nicht
so reich ward als er vorgibt. Denn, wiewohl sie in solchen Fällen nichts zu
sparen pflegten, den Zustand ihrer Märtyrer (wie sie einen jeden aus ihrem
Mittel nannten, der deswegen, weil er sich zum Christentum bekannte, etwas
leiden musste) zu erleichtern, und, wo möglich, ihre Befreiung zu bewirken, so
waren sie doch viel zu gute Oekonomen, um etwas Ueberflüssiges und Zweckloses zu
tun. Man liess keinen Bruder Not leiden; aber ihn durch ihre Freigebigkeit
reich zu machen, wäre gänzlich gegen den Geist des Ordens gewesen, bei welchem
die einzelnen Glieder nur in so weit in Betrachtung kamen, als der Vorteil des
Ganzen es erforderte.
    Was mich betrifft, so hatte die Einkerkerung, durch den Gedanken, für welche
Sache ich litt, und durch alles das Heroische und Glorreiche, das in meiner
Einbildung mit dem Namen eines Bekenners und Dulders verbunden war, zumal in den
ersten Tagen und Wochen, etwas so Herzerhöhendes für mich, dass ich mich
vielleicht in meinem ganzen Leben nie freier fühlte als damals -
                                    Lucian.
    Zum klaren Beweise, dass die Stoiker ihrem Weisen zu viel schmeicheln, wenn
sie behaupten, er allein habe das Vorrecht, selbst in Ketten und Banden frei zu
sein. Der Schwärmer, der doch, um nichts Härteres zu sagen, gerade das
Gegenteil des Weisen ist, kann diesem auch hierin den Vorzug sogar noch
streitig machen. - Uebrigens, Freund Peregrin, würdest du mich verbinden, wenn
du, diesem edeln Freiheitsgefühl unbeschadet, deinen Ausgang aus dem Kerker so
viel möglich beschleunigen wolltest.
                                   Peregrin.
    Sehr gern. Denn, wiewohl diese Epoche meines Lebens die letzte war, wo mir
die hohe Stimmung meiner Einbildungskraft eine Art von Glückseligkeit
verschafte, deren Verlust ich in der Folge oft genug zu bedauern Ursache hatte:
so muss ich doch gestehen, dass die allzu grosse Einförmigkeit dieses fantastischen
Glücks nach Verfluss einiger Monate seinen Zauber merklich schwächte, und mich
das Unangenehme der Einkerkerung und der Ungewissheit meines Schicksals zuweilen
sehr lebhaft fühlen liess.
    Auch der Mangel an Umgang mit Menschen, die, anstatt bloss an mir zu saugen,
auch mir, wie Hegesias und Kerintus, etwas zu geben fähig gewesen wären, trug
nicht wenig dazu bei, das Unbehagliche meines Zustandes zu vermehren. Zwar
ermangelten die andächtigen Schwestern und guterzigen alten Mütterchen, welche
meiner pflegten, nicht, durch Bestechung des Kerkermeisters von Zeit zu Zeit
kleine Versammlungen von Glaubigen, die das Wort von mir zu hören Verlangen
trugen, und bei dieser Gelegenheit sehr reichliche Liebesmahle in meinem
Gefängnisse zu veranstalten, auch überhaupt ihr Möglichstes zu tun, mir ihre
herzliche und eben dadurch oft sehr beschwerliche christliche Liebe mit Worten
und Werken zu beweisen: aber -
                               Lucian (lachend).
    Armer Peregrin! - Kein Aber, wenn ich bitten darf - nur immer zu!
                                   Peregrin.
    Genug, es kam endlich so weit mit mir, dass in gewissen Stunden - zumal wenn
ich (wie öfters geschah) auf meinem nicht allzu weichen Lager den Schlaf nicht
finden konnte - Erinnerungen und Bilder aus der zauberischen Villa Mamilia in
mir erwachten -
                                    Lucian.
    Und du wunderst dich noch darüber?
                                   Peregrin.
    Wenigstens geschah es sehr wider meinen Willen, das kannst du mir glauben!
und ich kämpfte oft bis aufs Blut, um dieser Anfechtungen (wie sie in unsrer
Sprache hiessen), als Eingebungen böser Dämonen, los zu werden. Ich sage bis aufs
Blut, im wörtlichen Verstande; denn ich geisselte mich zuweilen, wenn mir Satan
zu mächtig werden wollte, so unbarmherzig, dass mein Rücken des folgenden Tages
meinen mitleidigen Wärterinnen nicht wenig zu schaffen machte.
                                    Lucian.
    Und was war der Erfolg dieser listigen Art dem Feind in den Rücken zu
fallen?
                                   Peregrin.
    Ich kann nicht läugnen, dass ich übel dadurch ärger machte.
                                    Lucian.
    Das hätte ich dir vorhersagen wollen, mein guter Peregrin. Diesen Dämon mit
Fasten und Beten zu bekämpfen, das lass' ich allenfalls gelten: aber Ruten und
Geisseln sind immer für ein besseres Mittel gehalten worden, ihn vielmehr
aufzureizen als zu dämpfen.
                                   Peregrin.
    Der Hauptfehler war wohl, dass ich (nach den Grundsätzen der Kerintischen
Philosophie) gleich anfangs solchen sehr natürlichen Anfechtungen die
Wichtigkeit gab, sie in meinem Wahne zu übernatürlichen zu erheben. Eben dass ich
sie für Anfälle böser Geister hielt, und mich mit so grossen Bewegungen und
Anstalten gegen sie zur Wehre setzte, musste die Sache immer ernstafter und
schwieriger machen. - Doch, es ist hohe Zeit, auf die Begebenheit zu kommen, die
das Ende aller dieser Ausschweifungen und meine gänzliche Trennung von den
Christianern herbeiführte.
                                    Lucian.
    Ich bin lauter Ohr.
 
                              Siebenter Abschnitt.
                                   Peregrin.
    Eines Abends, da die lange Dauer meiner Gefangenschaft und die Lauigkeit,
womit meine Freunde an meiner Befreiung zu arbeiten schienen, meiner Geduld
härter als gewöhnlich zusetzten, öffnete sich die Tür meines Gefängnisses, und
eine verschleierte Frau, mit einem Korb auf dem Kopfe und einer Lampe in der
Hand, trat herein, und grüsste mich (indem sie die Lampe auf einen kleinen Tisch
und den Korb auf den Boden setzte) mit dem wohl bekannten Friedenswunsche der
Christianer. Ihr Anzug war die gewöhnliche Kleidung der Diakonissen, das ist,
der ältlichen Wittwen, die sich dem Dienste der Brüdergemeinen widmeten; ein
dunkelbrauner Habit von der gemeinsten Wolle, mit einem ledernen Gürtel
zusammengehalten: aber in ihrer Gestalt war etwas, das mit diesem Anzuge
kontrastierte, und, in eben dem Augenblick, da es mich befremdete, eine
schlafende Erinnerung zu erwecken schien. Ich war betroffen, und das Herz schlug
mir vor Erwartung, was aus dieser Erscheinung werden sollte, ohne dass ich ein
Wort hervorbringen konnte. Auch die unbekannte Schwester schien keine Eile zu
haben, die Unterredung anzufangen. Das erste, was sie tat, war, dass sie in
grosser Gelassenheit ihren Korb aufdeckte, ein kleines Rauchfass voll glühender
Kohlen herausnahm, etwas Räuchwerk darauf warf, und das ziemlich dumpfe Gewölbe
mit einem Wohlgeruch erfüllte, der es auf einmal (wenigstens für Einen Sinn) in
ein Zimmer eines Feenpalasts verwandelte.
    Dies erweckte neue Rückerinnerungen: mein Erstaunen nahm zu; ich erwartete
mit Ungeduld, was auf diese magische Vorbereitung folgen würde. - »Und dein Herz
sagt dir noch immer nichts, mein Bruder Peregrin?« sprach sie endlich mit einer
Stimme, die mich zu oft in Entzücken gesetzt hatte, um mich länger im Zweifel zu
lassen; und mit dem letzten Worte schlug sie ihren Schleier zurück und öffnete
ihre Arme.
    Was seh' ich? Dioklea? rief ich ausser mir, indem ich in ihre Arme sank;
ist's möglich? Dioklea hier? Dioklea eine Christianerin?
    »Und warum nicht? versetzte sie lächelnd. Ich habe so vielerlei Rollen
gespielt, warum nicht auch diese? die einzige, die es vielleicht der Mühe wert
war noch zu lernen?«
    Eine Rolle nennst du es? rief ich mit Bestürzung.
    »Stosse dich nicht an dieses Wort, lieber Peregrin; es ist nicht so übel
gemeint als du es aufnimmst. Es gehört, wie du weisst, Zeit dazu, eine lange
gewohnte Sprache zu verlernen und sich eine ganz neue anzugewöhnen. Ich wollte
nichts damit sagen, als worin wir unfehlbar beide einverstanden sind, dass wir
nichts Weiseres und Besseres tun konnten, als das, was wir ehemals waren, mit
dem, was wir nun sind, zu vertauschen.«
    Ganz gewiss, Dioklea, hast du das beste Loos erwählt! Aber, o sage, wie und
wann und wo warest du so glücklich, dich von der schändlichen Mamilia
loszureissen? Wer war das gebenedeite Werkzeug deiner Erleuchtung?
    »Kerintus.«
    Ist's möglich? Kerintus? rief ich mit Entzückung aus; Kerintus, der mich
auf eine so wunderbare Weise gerettet hat, Kerintus hat auch dich aus den
Klauen der Dämonen gerissen, und der unermesslichen Seligkeiten des Reichs der
Himmel teilhaftig gemacht?
    »Ich habe dir noch weit wundervollere Dinge zu entdecken, mein lieber
Proteus; aber vor allen Dingen lass' dich bitten, diese seltsame Sprache, die
dir, wie ich höre, so geläufig geworden ist als ob du nie eine andere gesprochen
hättest, mit einer natürlichern zu vertauschen.«
                                    Lucian.
    Darum hätte ich dich selbst bitten wollen.
                                   Peregrin.
    »Fast sellte ich denken (fuhr sie fort), du wärest noch nicht über die
Schwelle des innern Heiligtums unsers Ordens gekommen: oder glaubst du etwa,
dass dies bei mir der Fall sei, mein Bruder? so irrest du dich sehr. Ich bin von
den Jüngern hinter dem Vorhang,8 lieber Peregrin; ich bin - was du gewiss nicht
vermutest, nie erraten würdest, ich bin -«
    Und was denn? rief ich -
    »Die Schwester, die leibliche Schwester des Kerintus,« sagte sie mit einem
lächelnden Blick, und einem Tone, der über mein Erstaunen zu triumphiren schien.
    Sprichst du im Ernste? Du? Du, Anagallis-Dioklea, die Schwester des
Kerintus? -
    »In vollem Ernste, lichtstrahlender Peregrinus Proteus, erwiederte sie indem
sie meine Hand ergriff; hier hast du meine Hand darauf, die leibliche Schwester
des grossen Propheten Kerintus, wiewohl nicht länger Anagallis noch Dioklea,
sondern Teodosia.«
    Bisher, lieber Lucian, hatte ich, ungeachtet des Eindrucks der Gegenwart
dieser Zaubrerin, und des magischen Nimbus von tausend süssen, Herz und Sinne
schmelzenden Erinnerungen, in welchem sie vor meinen Augen stand, noch immer
ausgehalten: aber gegen diese Entdeckung, und gegen den leisen Druck ihrer Hand
in dem nämlichen Augenblicke - hielt ich nicht länger aus. Es war als ob ich
plötzlich aufhörte der vorige Mensch zu sein. - Ich warf mich, oder taumelte
vielmehr, unwissend wer ich war und was ich tat, zu ihren Füssen, umfasste ihre
Knie, drückte mich mit der Entzückung eines Rasenden an sie an, stiess sie einen
Augenblick darauf wieder von mir, sprang auf, schlug mich mit der Faust vor die
Stirne, sank mit dem Kopf aufs Lager hin, sprang wieder auf, stürzte auf
Diokleens Schulter, und brach glücklicherweise in einen Strom von Tränen aus,
der mir die Sprache wieder gab, und wahrscheinlich meine Vernunft rettete. O so
war auch dies alles Täuschung! rief ich endlich aus, indem ich mein Gesicht an
ihren leicht verschleierten Busen drückte. - Aber du bleibst mir! Anagallis oder
Dioklea, oder unter welchem Namen du dich mir darstellst, unter jedem Namen,
unter jeder Verkleidung bist du - du selbst! Nicht wahr, Dioklea, du täuschest
mich nicht?
    Sie umarmte mich statt der Antwort mit der ruhigen Zärtlichkeit einer
Schwester, indem sie mich bat, mich zu fassen und diese stürmischen Bewegungen
zu mässigen. »Ich habe dir noch unendlich viel zu sagen, setzte sie hinzu; aber
du musst erst ruhiger werden. Setze dich, lieber Peregrin. - Ich bringe in diesem
Korb Erfrischungen mit, die deine Lebensgeister besänftigen werden; und ich
hoffe, schon meine Gegenwart soll wie Homers Nepente auf dich wirken, und dich
aller unangenehmen Dinge vergessen machen. Ich habe dafür gesorgt, dass uns
niemand stören wird. Die Nacht ist unser. Sogar die frommen Bettler und die
Schaar von alten Weibern, die sonst immer vor der Tür lagen und Wache bei dir
hielten, sind durch einen Polizeibefehl entfernt. Dioklea denkt an alles, wie du
weisst.« - Unter diesen Reden schickte sie sich an, ihren Korb auszupacken, und,
um desto rüstiger zu sein, legte sie den Wittwenschleier, den braunen Ueberrock
und den ledernen Gürtel ab, und stand in einer faltenvollen schneeweissen Tunica,
die von einem Gürtel von künstlichen Rosen zusammengehalten wurde, mit halb
aufgebundnen, halb wallenden Haaren, nymphenähnlicher und reizender, däuchte
mich, als jemals, vor mir da.
                                    Lucian.
    Armer - oder vielmehr nicht armer, reicher, an süssen Täuschungen reicher
Peregrin! Und du hättest gewollt, dass dich Dioklea nicht täuschen sollte?
                                   Peregrin.
    Ach! was mich täuschte, war immer in mir selbst! Ich wage es kaum - denn in
der Tat, entweder du bist so gefällig und erlässest mir ein Geständnis, wofür
ich wirklich keine Worte zu finden weiss - oder was ich dir gestehen muss, die
Wirkung, welche Dioklea (du weisst was für Reitze, was für Erinnerungen dieser
Name umfasst), Dioklea, in diesem Anzug, in einem so gefährlichen Augenblicke,
beim magischen Schein einer einzigen Lampe, nach einer so langen Trennung, nach
einem so entaltsamen Leben als ich seit sieben Jahren geführt hatte, in diesem
Aufruhr aller meiner äussern und innern Sinne - auf mich machte - Nein, Lucian,
fordre es nicht! - es wirft mich zu sehr vor dir zu Boden! Du würdest nicht
begreifen können, wie dieses Weib, - die das war was ich wusste, - die, wiewohl
noch immer voller Reize, doch gewiss in einer ruhigern Gemütsstimmung und bei
hellem Tageslichte wenig Eindruck auf meine Sinne gemacht hätte, in diesem
Augenblicke den Mann, den ich dir bisher geschildert habe, aus einem
Entusiasten von der höchsten Classe, aus einem halben Engel - in einen
wütenden - ich kann das Wort nicht aussprechen - in einen -
                                    Lucian.
    So lass' es mich sagen - in einen Satyr verwandeln konnte. - Freund
Peregrin, das begreife ich so gut, dass ich noch keine von allen deinen
Begebenheiten besser begriffen habe; so gut, dass dies Geständnis in meinen Augen
allen deinen übrigen das Siegel der Wahrheit aufdruckt, und dass ich, hätte
Dioklea in jenem nämlichen Augenblick, unter solchen Umständen, unmittelbar nach
einer so heftigen Revolution in deinem ganzen Sein und Wesen, auf einen Menschen
wie du, diese Wirkung nicht getan, entweder geglaubt hätte, du verschweigest
mir etwas, oder gezwungen gewesen wäre, in deine ganze bisherige Erzählung ein
Misstrauen zu setzen. - Gib dich also zufrieden, dass du, mit allen deinen
Visionen und trotz der hohen Gnosis des Kerintus, doch nur ein Mensch, das ist,
ein Ding warst, das unter gewissen Umständen und Bedingungen ein halber Engel,
unter andern ein ganzer Satyr sein kann, - und sage mir, wie benahm sich die
schöne Teodosia in diesem Sturme?
                                   Peregrin.
    Ich bin ihr die Gerechtigkeit schuldig, zu sagen, dass sie das Mögliche und
das Unmögliche versuchte, um dem wütenden Nympholepten zu entgehen; aber ihre
Kräfte reichten nicht so weit. Überdies war die Tür von aussen verriegelt, und
noch lauter zu schreien als sie wirklich schrie, - uns beide dadurch zum
Stadtmährchen von Antiochia zu machen, und auf die unschuldigen Christianer eine
Nachrede zu bringen, welche gewiss von ihren Feinden sehr grausam gemissbraucht
worden wäre, dazu war sie zu verständig und zu edel denkend. - Aber lass' mich
kein Wort weiter von dieser widerlichen Scene sagen; denn du, der alles so gut
begreift, begreifst auch dies, dass Dioklea -
                                    Lucian.
    O gewiss begreife und billige ich sogar, - unter allen vorwaltenden
Umständen, versteht sich - dass sie dir vergab; dir, da du (wie ich mir leicht
vorstellen kann) im Staube vor ihr lagst, und, von Scham und Reue beinahe
vernichtet, um Gnade flehtest, eben so aufrichtig vergab, als sie getan haben
würde, wenn du sie durch eine unfreiwillige Bewegung mit einem Messer verwundet
hättest. - Nichts davon zu sagen, dass eine Dame von Diokleens Stand, Alter und
Charakter sich im Grunde durch einen so ausserordentlichen Beweis der Gewalt
ihrer Anziehungskraft weniger beleidigt als geschmeichelt finden musste.
                                   Peregrin.
    Dies, Lucian, war wohl nicht der Fall mit Diokleen. Was geschehen war,
verrückte ihren ganzen Plan, und konnte ihr also unmöglich anders als äusserst
unangenehm sein. Und in der Tat, wenn ich bedenke, dass dieser Sturm, wie du es
zu nennen die Güte hattest, vielleicht das einzige war, was mich von den
Verführungen dieser schlauen Kreatur retten, und in die ruhige Fassung setzen
konnte, ohne welche es mir, aller Wahrscheinlichkeit nach, unmöglich gewesen
wäre ihren Anschlag auf mich zu vereiteln: so bin ich beinahe versucht, jenen
wilden Ausbruch, der so ganz und gar nicht in meinem natürlichen Charakter war,
eher für das Werk meines guten Genius zu halten, oder wenigstens in die Zahl der
unerklärbaren Zufälle zu setzen, durch welche wir, indem wir bloss als blinde
Werkzeuge einer mechanisch auf uns wirkenden Ursache handeln, von irgend einem
grossen Uebel befreit oder irgend eines grossen Gutes teilhaftig werden;
Zufälle, wovon jeder Mensch, vielleicht ohne Ausnahme, auffallende Beispiele aus
seiner eigenen Erfahrung anzuführen hat. Der Verfolg meiner Erzählung wird dich,
denke ich, überzeugen, dass ich Grund habe diese Bemerkung zu machen.
                                    Lucian.
    Etwas, wovon ich sehr stark überzeugt bin, ist: dass die gute Mutter Natur,
die ihre Kinder nicht leicht im Stiche lässt, sehr mütterlich dafür gesorgt hat,
dass wir, um den Glauben an uns selbst (dies so unentbehrliche Triebrad in unserm
Wesen) durch keine unsrer Vergehungen oder Torheiten gänzlich zu verlieren, für
jede Anklage in unserm eigenen Busen eine Entschuldigung finden, welche
unvermerkt die Gestalt einer Rechtfertigung gewinnt, und wenigstens uns selbst
beruhigt, wenn sie auch nicht immer vor einem ganz unparteiischen Richter
bestehen könnte. - Aber weiter, Peregrin!
                                   Peregrin.
    Als ich endlich, wiewohl nicht ohne grosse Mühe, meine so gröblich beleidigte
Freundin wieder besänftiget sah, und einige Becher von einem Weine, der die
Bacchanalien der Villa Mamilia in unsre Erinnerung zurückrief, das gute
Verständnis zwischen uns wieder hergestellt hatten, bat ich sie, mir zu
erklären, durch was für ein Wunder die Tochter des Apollonius, die weltberühmte
Tänzerin Anagallis, die Vertraute der üppigsten aller Römerinnen, mit Einem
Worte, die schöne Dioklea, aus einer sehr irdischen Priesterin der himmlischen
Venus in eine Schwester des erhabnen Kerintus und in eine Christianerin
umgestaltet worden sei.
    Ich bin, versetzte sie, mit der Entschliessung hierher gekommen, dich über
alle diese Dinge ins Klare zu setzen; und wiewohl ich wenig Ursache habe, viel
Vertrauen in deine Weisheit zu setzen, so will ich es doch auf die Gefahr noch
einmal von meinem Herzen betrogen zu werden, mit dir wagen, und deiner
Freundschaft für mich, an welcher ich nie gezweifelt habe, das Geheimnis meiner
Seele anvertrauen. Alles müsste mich betrügen (setzte sie hinzu), oder das
Schicksal hat uns nach einer so langen Trennung wieder zusammengebracht, um an
einem grossen Plane mit einander zu arbeiten, und, wie oft uns auch die Umstände
noch ferner trennen möchten, dem Geist und Herzen nach immer aufs engeste
vereiniget zu bleiben. - Nach dieser Vorrede forderte sie, als die einzige und
absolute Bedingung, ohne welche alle Gemeinschaft zwischen uns sogleich
unwiderruflich aufgehoben werden müsste, dass ich ihr feierlichst angeloben
sollte, von diesem Augenblick an zu vergessen, dass sie jemals Dioklea und
Anagallis für mich gewesen sei, nichts andres mehr in ihr zu sehen, als meine
neu gefundene Schwester Teodosia, und mit dem heiligen Namen eines Bruders auch
die Gesinnungen und das Betragen eines Bruders gegen sie anzunehmen. Es war
natürlich, dass ich mich auf alle Fälle gegen einen solchen Antrag sträubte;
aber, da sie mit grossem Ernst darauf bestand, blieb mir nichts andres übrig als
zu gehorchen, und es lediglich auf die Bescheidenheit meines Betragens und ihre
eigene Grossmut ankommen zu lassen, ob und unter welchen Umständen sie für gut
finden würde, von der strengen Busse, welcher ich mich unterwarf, etwas
nachzulassen.
    Nachdem dieser vorläufige Punkt berichtiget war, fing sie an, mir das
Wesentlichste von der geheimen Geschichte ihres Bruders und ihrer eignen
mitzuteilen. Kerintus war einige Jahre älter als sie; sie stammten von
jüdischen Eltern ab, die ihnen aber noch in ihrer Kindheit entrissen wurden.
Not und Dürftigkeit brachten ihren Bruder dahin, sich selbst und seine kleine
Schwester auf eine gewisse Zeit an eine Bande herumziehender Tänzer und
Luftspringer zu verhandeln. Etliche Jahre darauf fiel die kleine Dorkas, wie sie
sich damals nannte, in die Hände eines gewissen Hermias, eines Weisen von dem
Aristippischen Orden, der zu Aten privatisirte, und sich, aus nicht ganz
uneigennützigen Absichten, ein Geschäft daraus machte, die Anlagen, die er in
ihr entdeckte, teils selbst, teils durch die besten Meister die er finden
konnte, auszubilden. Sie sprach von diesem ihrem zweiten Vater mit der Wärme und
Zärtlichkeit einer Tochter, die ihm alles was sie war zu danken hätte. Aber auch
er wurde ihr nach einigen Jahren durch den Tod geraubt; und weil das kleine
Vermächtnis, das er ihr hinterlassen konnte, ziemlich bald aufgezehrt war, so
befand sie sich nun in dem Falle, von den Talenten zu leben, welche sie zu Aten
erworben hatte; und in der Tat erfüllte sie, indem sie zu Smyrna, Ephesus,
Antiochia, und in andern Hauptstädten der östlichen Provinzen des Reichs, unter
dem Namen Anagallis als mimische Tänzerin auftrat, wirklich die Absicht, zu
welcher Hermias (der sie auf keinem andern Wege glücklicher machen zu können
glaubte) sie mit so vielem Aufwand erzogen hatte.
    Inzwischen hatte das Schicksal auch mit ihrem Bruder auf mancherlei Art
gespielt. Er war ehemals zugleich mit ihr nach Aten gekommen, und Hermias
hatte, aus Liebe zu ihr, ein paar Jahre für seinen Unterhalt gesorgt, und ihm
Gelegenheit verschafft, in den Schulen der Rhetorn und Philosophen die erste
Bildung eines Geistes zu erhalten, der schon damals nichts Gemeines zu
versprechen schien. Nach Verfluss dieser Zeit fand Hermias Gelegenheit, den
jungen Menschen an einen seiner Freunde zu Korint zu empfehlen, der ihn zu
Handlungsgeschäften gebrauchte, und in dessen Gesellschaft er verschiedene
Reisen machte, auf einer derselben aber, durch die Unruhe seines immer ohne
bestimmten Zweck emporstrebenden Geistes, von ihm getrennt, und zuletzt nach
Alexandrien verschlagen wurde, wo er einige Zeit in Gemeinschaft mit den Juden
lebte, sich in der Religion seiner Väter unterweisen liess, und mit verschiedenen
übel berechneten Entwürfen, seinem unglücklichen Volke aufzuhelfen, umging,
deren Vereitlung ihn von Alexandrien wieder weg, und von einem Abenteuer zum
andern trieb. Er hatte sich in Aegypten mit der Hermetischen Philosophie bekannt
gemacht, und wanderte nun durch Chaldäa und Medien bis nach der heiligen Stadt
Balk, an die Ufer des Oxus, um sich in den Mysterien der Chaldäer und der
Zoroastrischen9 Schule einweihen zu lassen.
    Während der ganzen Zeit, da Kerintus von seinem rastlosen und mit Entwürfen
schwangern Geiste in den Morgenländern herumgetrieben wurde, zeigte sich seine
Schwester nach und nach in allen Provinzen der Römischen Herrschaft als die
erste Tanzkünstlerin ihrer Zeit, und bezauberte sowohl auf den öffentlichen
Schauplätzen, als in den Privatäusern, wohin er eingeladen wurde, alle Augen
und Herzen. Seitdem sie sich dieser Lebensart ergeben hatte, waren mehr als zehn
Jahre verflossen, in welchen sie ihren Bruder unvermerkt völlig aus dem Gesichte
verloren hatte: als sie unverhofft eine Einladung von ihm erhielt, sich mit ihm
zu einer Unternehmung zu verbinden, von welcher er sich und ihr grosse Vorteile
versprach. Er hatte sich nämlich zum Haupt einer Brüderschaft aufgeworfen,
welche in den nördlichen Provinzen von Kleinasien von Ort zu Ort herumziehen
wollte, um die Liebhaber fanatischer Religionsübungen in den Mysterien der Isis
einzuweihen, und dieses Institut zugleich mit einem Orakel und andern
Chaldäischen und magischen Operationen zu verbinden, welche unter den rohen
Völkern in Paphlagonien, Galatien, und im Pontus grosse Ausbeute hoffen liessen.
Kerintus hatte dazu einer Priesterin vonnöten, auf deren Geist und
Geschmeidigkeit er sich in allen Fällen verlassen könnte; und der öffentliche
Ruf hatte ihm über diesen Punkt einen so vorteilhaften Begriff von seiner
Schwester gemacht, dass er sich des glücklichsten Erfolgs seiner Unternehmung
gewiss hielt, sobald sie an der Ausführung Anteil nehmen würde. Da die schöne
Anagallis um diese Zeit des Teaters ziemlich überdrüssig war, so ging sie um so
williger in die Vorschläge ihres Bruders ein, als sie sich von dieser neuen
Lebensart tausend Gelegenheiten versprach, ihren erfinderischen Kopf auf eine
angenehme Art zu beschäftigen, und weil überdiess, seitdem sie aufgehört hatte
den Augen des Publicums in den Hauptstädten etwas Neues zu sein, die Quellen zu
Bestreitung ihres grossen Aufwandes immer unergiebiger wurden. Sie begab sich
also zu ihrem Bruder, der sie zu Smyrna erwartete; liess sich von ihm in der
Rolle, welche sie in seinem geheimen Isisorden spielen sollte, unterrichten;
durchwanderte hierauf mit ihm und seiner Gesellschaft einen grossen Teil des
kleinern Asiens, und rechtfertigte durch ihre Talente für diesen neuen Zweig der
Schauspielkunst und Mimik die Meinung vollkommen, welche Kerintus von ihr
gefasst hatte. Allein diese wandernde Lebensart war, bei allen ihren
Annehmlichkeiten, auch grossen Beschwerden und Gefahren ausgesetzt; nicht alle
Abenteuer fielen glücklich aus, und Anagallis, oder Parisatis (wie sie sich
jetzt nennen liess) ging schon einige Zeit mit ihrem Bruder zu Rate, wie sie
ihre Fähigkeiten auf eine edlere und seines hoch strebenden Geistes würdigere
Art beschäftigen könnten: als ein glücklicher Zufall sie mit der schönen und
reichen Römerin Mamilia Quintilla bekannt machte, und die beiden Damen eine so
grosse Zuneigung für einander fassten, dass sie von nun an beschlossen, sich nie
wieder zu trennen. Kerintus war eben abwesend, als sich dieses zutrug; sie
benachrichtigte ihn schriftlich davon, und er liess sich um so eher gefallen
seine Schwester in so guten Händen zu lassen, da er selbst im Begriff war, neue
Verbindungen einzugehen, und bereits über dem grossen Entwurfe brütete, mit
dessen Ausführung wir ihn beschäftigt gesehen haben; jedoch musste sie ihm
versprechen, dass sie so viel möglich einen ununterbrochnen Briefwechsel mit ihm
unterhalten und immer bereit sein wollte, ihm, bei jeder Aufforderung, zu seinem
Vorhaben (woraus er ihr damals noch ein Geheimnis machte) beförderlich zu sein.
                                    Lucian.
    Ah! nun klärt sich auf einmal alles auf, was dich bei deiner ersten
Zusammenkunft mit Kerintus beinahe nötigen musste, ihn für ein übermenschliches
Wesen, oder wenigstens für einen Wundermann vom ersten Range anzusehen.
                                   Peregrin.
    Mich hatte dieser fatale Lichtstrahl in dem Augenblicke durchbljetzt, da ich
aus Diokleens Munde hörte, dass sie die Schwester des Kerintus sei; und daher
diese heftige Revolution, die auf einmal mein ganzes Wesen erschütterte. Es
brauchte für mich nichts mehr, als mir zwei solche Personen wie Kerintus und
Anagallis in einem solchen Verhältnisse zu denken, um alles Uebrige dunkel
voraus zu sehen, und mich verraten und betrogen zu glauben. Indessen wollte ich
doch aus ihrem eignen Munde hören, wie es damit zugegangen; und sie ermangelte
nicht, mir von freien Stücken alles Licht zu geben, das ich wünschen konnte.
    Ich habe wohl nicht nötig (fuhr sie mit dem halb ironischen Lächeln, das in
ihrem Gesicht einen so eigenen Zauber hatte, fort), mich über meine
Begebenheiten, so lange ich in Verbindung mit Quintillen war, weitläufig
auszubreiten, da du selbst eine Hauptrolle dabei gespielt, und schon damals, als
wir in der Villa Mamilia beisammen lebten, den Schlüssel zu der ganzen
Maschinerei, durch welche man dir so beneidenswürdige Täuschungen verschafte,
von mir bekommen hast. Ich eile also zu einem Umstande, der sich bald nach
deiner Entfernung von uns zutrug, und dir einen neuen Schlüssel zu dem
wunderbaren Abenteuer, das dir zu Smyrna aufstiess, geben wird.
    Und nun erzählte sie mir: ihr Bruder hätte ihr seit ihrer zweiten Trennung
so viel Nachricht von sich gegeben, dass sie daraus ersehen können, er habe
endlich einen Wirkungskreis gefunden, worin er seine Fähigkeiten zu einem sehr
grossen und ehrenvollen Zweck anwende, und sich einen gewissermassen unsichtbaren,
aber nur desto wichtigern Einfluss verschaffe, dessen Gränzen nicht abzusehen
wären. Er meldete ihr von Zeit zu Zeit, dass sein Geschäfte, trotz der vielen
Schwierigkeiten die er zu bekämpfen habe, den glücklichsten Fortgang gewinne,
sagte aber nie warum es eigentlich zu tun sei, und drückte sich über alles in
einer so geheimnisvollen Sprache aus, dass ihre Neugier dadurch um so stärker
gereizt werden musste, da er noch immer auf ihre künftige Mitwirkung Rechnung zu
machen schien. Wenige Tage nach meiner Entweichung erschien er selbst zu
Halikarnass, und lud seine Schwester zu einer geheimen Zusammenkunft ein, worin
er sich über die Natur seiner neuen Verbindungen, über seine Plane, und über die
Mittel, wodurch er sich, so zu sagen, zum König eines unsichtbaren Reichs zu
machen hoffte, ausführlich gegen sie heraus liess. »Seine Reisen durch den
grössten Teil des Reichs hätten ihm mancherlei Gelegenheiten verschafft die
Christianer genauer kennen zu lernen, und sich von ihrem Institut, oder vielmehr
von dem, was es unter den Händen eines fähigen und unternehmenden Mannes werden
könne, ganz andere Begriffe zu machen als man gewöhnlich davon habe. Er hätte
gefunden, was sich vielleicht noch keiner aus ihrem Mittel deutlich gedacht
haben möchte, - dass es ganz dazu gemacht sei die grösste Revolution in der Welt
zu bewirken, und dass dazu, nächst der Zeit, die alles zur Reife bringen muss,
nichts weiter erfordert werde, als vermittelst eines geheimen Ordens wo nicht
alle, wenigstens den grössern Teil der Brüdergemeinen, in ein wohl organisiertes
Ganzes zu verbinden, und unter die unsichtbare Leitung eines Einzigen zu
bringen, der durch seinen Geist, seine Talente, seinen Mut und eine
unermüdliche Tätigkeit und Beharrlichkeit, einem so viel umfassenden Amte
gewachsen sei.« - Du kennest meinen Bruder, fuhr sie fort, und so brauche ich
dir nicht zu sagen, wer dieser Einzige war, den er zur Ausführung seines Plans
bestimmte, und ob er von dem Augenblick an, da dieser grosse Gedanke in seinem
erfindungsreichen Geiste aufblitzte, mit etwas anderm beschäftigt war, als mit
den Mitteln, wodurch er ihn in Wirklichkeit setzen könnte. Er wurde ein
Christianer, und tat sich durch die Behendigkeit, womit er den Geist ihres
Instituts erfasste, durch die Beredsamkeit und das Feuer seines Vortrags in ihren
Versammlungen, durch den neuen Schwung, den er ihren Lieblingsideen zu geben
wusste, und durch den brennenden, aber immer von Klugheit geleiteten Eifer, womit
er sich für einzelne Gemeinen sowohl als für die allgemeine Sache verwendete, in
kurzer Zeit so sehr hervor, dass er das Vertrauen vieler einzelner Vorsteher und
dadurch immer neue Gelegenheiten erhielt, das Innere ihrer Verfassung und
Umstände, und (was für ihn das Wichtigste war) die einzelnen Personen sehr genau
kennen zu lernen, die entweder zu seinem geheimen Vorhaben als Werkzeuge oder
als wirkliche Mitarbeiter brauchbar waren, oder, wenn er sie zu keinem von
beiden aufgelegt fand, durch andere Mittel und Wege, wo nicht gewonnen,
wenigstens verhindert werden mussten, ihm mit Erfolg entgegenzuarbeiten.
    Mitten unter diesen rastlosen Bemühungen brachte er den geheimen Orden zu
Stande, mit dessen Hülfe er nun, da die Mitglieder durch eine grosse Anzahl der
Asiatischen Gemeinen zerstreut waren, an dem Vereinigungswerke arbeiten konnte,
wodurch er dem Institut der Christianer die Festigkeit und den genauen
Zusammenhang geben wollte, ohne welche (wie er glaubt) seine immer weitere und
schnellere Ausbreitung und endlich sein Triumph über die herrschende religiöse
und politische Verfassung unmöglich sein würde. Der Anfang zu diesem allem war
gemacht. Aber noch immer suchte er Ordensglieder, denen er sich ganz vertrauen
könnte, und welche mit den allzu seltnen Fähigkeiten ausgerüstet wären, die er
bei den unmittelbaren Organen seines Plans zu finden wünschte: und da er mir
(setzte sie hinzu) die Ehre erwies, von den meinigen eine sehr günstige Meinung
zu hegen, so liess er nichts unversucht, um mich zu bewegen, dass ich alle andern
Verbindungen und Entwürfe aufgeben, und die Geistesgaben, die mir seine
brüderliche Parteilichkeit zuschrieb, der Beförderung eines Werkes widmen
sollte, wovon er meine Vernunft selbst überzeugte, dass es das grösste,
glänzendste und vorteilhafteste sei, was Personen, die sich über den
gewöhnlichen Menschenschlag erhaben fühlten, jemals unternehmen könnten. Er
beantwortete alle meine Fragen, löste alle meine Zweifel, entdeckte mir alle
seine Hülfsquellen, und überführte mich von der wirklichen Ausführbarkeit seines
Plans, bis zur Unmöglichkeit weiter etwas dagegen einzuwenden. Aber meine Zeit
war noch nicht gekommen. Ich hing noch zu stark an Mamilien, oder (aufrichtig zu
reden) an allem, was meine Verbindung mit ihr Angenehmes und Vorteilhaftes
hatte; und Kerintus selbst schien das letzte wichtig genug zu finden, um
endlich seine Ansprüche auf mich, wiewohl ungern, der Betrachtung, dass ich ihm
in meinen damaligen Verhältnissen vielleicht nützlicher sein könnte,
aufzuopfern. Indem wir diese Sache noch mit vielem Eifer zwischen uns
verhandelten, stellte sich mir auf einmal das Bild meines lieben Flüchtlings
dar. Gib dich zufrieden, Bruder, rief ich mit einer Art von Begeisterung, ich
habe einen Mann gefunden, der dich für deine fehl geschlagene Hoffnung reichlich
entschädigen wird! - einen jungen Mann, der so ganz in deine Plane passt, als ob
ihn die Natur und das Glück absichtlich und ausdrücklich für dich ausgebildet
hätten. Und nun, mein lieber Peregrin, erzählte ich ihm alles, was ich von
deiner Geschichte aus deinem eigenen Munde wusste, und was mir selbst mit dir
begegnet war; und du kannst leicht ermessen, ob ich ihn dadurch begierig machte,
einen so seltenen, so liebenswürdigen und so ganz entschiedenen Schwärmer je
eher je lieber in seine Partei zu ziehen. Wir überlegten mit einander, was du
nach deiner Entweichung von Halikarnass vermutlich für einen Weg genommen haben
könntest; und da ich nicht zweifelte dass du über Smyrna zurückgehen würdest, so
beschloss Kerintus sich unverzüglich dahin zu begeben, und inzwischen
allentalben, wo du wahrscheinlich auf deiner Wanderung durchkommen würdest,
durch seine Freunde Erkundigungen von dir einzuziehen. Nach einiger Zeit erfuhr
ich den glücklichen Erfolg des Plans, den er dieser Verabredung zufolge
entworfen hatte, und erhielt grosse Danksagungen von ihm, dass ich ihn in den
Stand gesetzt, eine Eroberung zu machen, von welcher er seiner Unternehmung
wichtige Vorteile versprach.
    Dioklea fuhr nun fort, mir von dem, was sich bis auf diese unsre, von meiner
Seite so unverhoffte Zusammenkunft mit ihr selbst zugetragen, so viel zu
berichten, als sie für nötig hielt, mich zu überzeugen, dass es auch damit ganz
natürlich zugegangen sei. Die schöne Mamilia wurde des Aufentalts in diesen
Gegenden von Kleinasien überdrüssig, und Dioklea begleitete sie zuerst nach den
berühmten Bädern von Daphne, unweit Antiochien, sodann nach Alexandrien, und
endlich nach Italien zurück, wo die üppige Römerin eine schöne Villa, welche sie
in der Gegend von Bajä besass, zu ihrem gewöhnlichsten Aufentalt machte, und von
dem Beispiele der neuen Bekanntschaften, in welche sie hier verwickelt wurde,
hingerissen, sich allen Arten von Ausschweifungen mit so wenig Mässigung
überliess, dass ihre aus einem feinern Tone gebildete Freundin es endlich nicht
länger bei ihr aushalten konnte. Sie trennten sich von einander; und Dioklea,
welche sich von der Rolle, die sie in der Unternehmung ihres Bruders spielen
könnte, eine neue, den Fähigkeiten ihres Geistes und ihrem gegenwärtigen Alter
angemess'nere Art von Tätigkeit versprach, säumte nun nicht länger sich mit ihm
zu vereinigen, und, nachdem sie in kurzer Zeit alle dazu erforderlichen
Kenntnisse und die Einweihung in den innersten Mysterien seines Ordens unter dem
Namen Teodosia erhalten hatte, ihm an der Beförderung seiner geheimen
Teokratie mit eben so vielem Eifer als Erfolg arbeiten zu helfen. Diese
Vereinigung mit Kerintus erfolgte bald, nachdem ich mich wieder von ihm
getrennt hatte, um meine Mission nach der Syrischen Küste anzutreten.
    Wie billig, war es eine ihrer ersten Sorgen, sich nach ihrem alten Freunde
Proteus bei ihm zu erkundigen, und so erfuhr sie nicht nur alles, was ich - in
der Meinung für die Sache Gottes und der ganzen Menschheit zu arbeiten - für ihn
und seine Sache getan hatte, sondern auch zugleich, dass Kerintus, weit
entfernt mich seines innersten Vertrauens würdig zu halten, mich bisher nur als
ein blosses Werkzeug seiner Absichten betrachtet habe; als einen Menschen von
gutem Willen, dessen Schwärmerei man benutzen müsse, ohne ihn jemals auch nur
ahnden zu lassen, dass das, was er für den Zweck hielt, bloss ein Mittel zu dem
wahren Zweck seines Ordens sei. Ich konnte (sagte mir Dioklea mit aller Wärme
unsrer ehemaligen Freundschaft), ich konnte mich mit dem Gedanken nicht
versöhnen, einen Mann wie du in den Augen meines Bruders so klein zu sehen. Wir
stritten uns oft über dieses Kapitel, ohne dass ich mit allem, was ich ihm zu
deinem Vorteil sagte, etwas über seine vorgefasste Meinung gewinnen konnte,
welche (wie ich mir selbst nicht verbergen kann) auf Beobachtungen und Maximen
gegründet war, die einen kältern und weniger für dich eingenommenen Kopf als der
meinige notwendig zurückhaltend machen mussten. Mit Einem Worte, Kerintus
scheint sich überzeugt zu haben, dass du seiner Sache als Apostel, allenfalls
auch als Märtyrer, unendlichemal nützlicher sein könnest, als du ihm sein
würdest, wenn er dich ohne Schleier in sein Geheimnis schauen liesse. Aber er mag
seiner Schwester verzeihen, wenn sie eine bessere Meinung von dir hegt, und
nichts dabei zu wagen hofft, indem sie, einen alten Freund zu retten,
gewissermassen zur Verräterin an einem Bruder wird. In der Tat sah ich kein
anderes Mittel, dich aus der gegenwärtigen Gefahr zu ziehen und vor künftigen
sicher zu stellen. Nein, mein lieber Peregrin! du sollst nicht das Opfer eines
schwärmerischen Eifers werden. Wenn Kerintus Märtyrer für seine Secte braucht,
so mag er sich nach solchen umsehen, an welchen mein Herz weniger Anteil nimmt.
Uebrigens kennest du meine Art zu denken. Es ist angenehm, sich zuweilen einer
unschädlichen und vorübergehenden Schwärmerei der Phantasie oder des Herzens zu
überlassen, so wie zuweilen eine kleine Trunkenheit angenehm und unschädlich
ist: aber sein ganzes Leben durchzuschwärmen, und darüber zum blinden Werkzeuge
fremder Absichten und Entwürfe zu werden, ist eine eben so undankbare als
verächtliche Art von Existenz. Man gewinnt immer bei der Wahrheit, auch dann,
wenn sie uns der schmeichelhaftesten Täuschungen beraubt. Der schlechte Erfolg,
womit ich dir diese Philosophie vor sieben Jahren in der Villa Mamilia predigte,
hätte mich billig abschrecken sollen, einen neuen Versuch zu machen: aber
diesmal, Peregrin, hast du so wenig dadurch zu verlieren, dass ich dir die Augen
öffne, und der Vorteil, hell in diesen Dingen zu sehen, ist dagegen so
entschieden, dass ich weder deinem noch meinem Verstand ein grosses Compliment
mache, wenn ich mir schmeichle, dich, noch ehe wir uns wieder trennen müssen,
gänzlich zu meiner Vorstellungsart bekehrt zu haben.
    Und nun fing sie an, sich in eine ausführliche Darstellung sowohl der
Beschaffenheit und Lage, worin ihr Bruder die Angelegenheiten der Christianer
gefunden habe, auszubreiten, als über den Plan, nach welchem er sie unvermerkt
zu befestigen, empor zu bringen, und den grössten und edelsten Zweck, der jemals
zum Besten der Menschheit gefasst worden, dadurch zu bewirken gesonnen sei. Sie
wandte alle ihre Beredsamkeit an, mich von der Realität und Erreichbarkeit
dieses Zweckes, und von der Unsträflichkeit und Unfehlbarkeit der Mittel, die er
zu wirklicher Erreichung desselben zusammenspielen lasse, zu überführen. Die
erhabnen Offenbarungen der unsichtbaren Welt, zum Beispiel, die du (sagte sie
lächelnd) mit einer in der Tat allzu kindlichen Einfalt im buchstäblichen
Verstande genommen hast, scheinen mir weder mehr noch weniger als die
unschuldigste Poesie: entweder bildliche Einkleidungen grosser Wahrheiten, um
sie, die in ihrer reinsten Form den meisten Menschen unverständlich sein würden,
anschaulich und eben dadurch geschickt zu machen auf das Gemüt dieser Menschen
zu wirken; oder Versinnlichung edler Zwecke, welche, ohne dieses unschuldige
Mittel, die eigennützige Trägheit sinnlicher Menschen kalt lassen würden,
hingegen, sobald sie ihnen als Befriedigungen ihrer liebsten Wünsche gezeigt
werden, ihre ganze Seele erhitzen und alle ihre Kräfte in Bewegung setzen. Ist
nicht die Natur selbst die erste und grösste Zaubrerin? Täuscht sie etwa nicht
uns alle durch Phantasie und Leidenschaften? und sind, dieser Täuschung
ungeachtet, Phantasie und Leidenschaften, von Vernunft geleitet, nicht
unentbehrliche Springfedern des menschlichen Lebens? Mit welcher Billigkeit
könnte man es also einem Gesetzgeber, einem Religionsstifter, einem von den
grossen Heroen der Menschheit, die auf das Ganze wohltätig zu wirken geboren
sind, verargen, wenn sie sich der Mittel, welche die Natur selbst zu diesem Ende
in uns gelegt hat, zu Beförderung des möglichsten und allgemeinsten Glücks der
Menschen bedienen? Ich möchte nicht behaupten, dass Kerintus ein Wort mehr von
der unsichtbaren Welt wisse, als ich, du, oder irgend ein anderer Erdensohn:
aber wenn es höhere Wesen gibt, die sich damit beschäftigen den Menschen Gutes
zu tun, so hätte wahrlich keines von ihnen einen edlern, göttlichern Gedanken
in die Seele eines Sterblichen hauchen können, als die Befreiung der Menschheit
von allen Arten der Tyrannei, der Vorurteile und der Leidenschaften, des
Aberglaubens und des Despotismus, der Cäsarn und der Priester, welche der letzte
Zweck der Teokratie des Kerintus ist. Was könnte die erhabnen Benennungen des
Reichs des Lichts, des Reichs Gottes, verdienen, wenn eine solche Freiheit sie
nicht verdiente? Und sogar die Einflüsse der Aeonen, und alle diese heiligen
Mysterien der unsichtbaren Welt, womit Kerintus die Einbildung schwärmerischer
Seelen bezaubert, sind sie etwa ohne Sinn und Bedeutung? Könnte, dürfte wohl
jener grosse Zweck, eh' er wirklich erreicht ist, anders als durch unsichtbare
Kräfte, als durch eine geheime Verbindung unsichtbarer Beweger verfolgt werden?
Das Schwärmerische, Mystische und Wunderbare des Glaubenssystems und der
religiösen Uebungen, welche Kerintus den mit ihm verbundenen Brüdern und
Schwestern gegeben hat, ist um so unentbehrlicher, da sein wahrer Plan sowohl
vor denen gegen welche, als vor denen, für welche er arbeitet, nicht geheim
genug gehalten werden kann. Denn diese würden, wenn ihre Vorstellungen ganz
geläutert würden, weder den Wert der ihnen zugedachten Güter zu schätzen
wissen, noch begreifen können, dass der Weg, worauf sie geführt werden, der
richtigste und sicherste ist; jene, welche den Glauben der Christianer für eine
unschädliche Schwärmerei zu halten angefangen haben, würden die gewaltsamsten
Mittel zu Ausrottung derselben anwenden, sobald sie wüssten, dass das Reich der
Freiheit und Glückseligkeit, mit dessen Bau wir uns beschäftigen, nur auf den
Trümmern des ihrigen errichtet werden könne.
    Dioklea kannte mich so gut, dass sie alles gewonnen zu haben glaubte, wenn
sie mir sowohl die verhasste Vorstellung, dass ich selbst betrogen worden sei,
benehmen, als meine natürliche Abneigung, andere zu täuschen, überwinden, und
mich überreden könnte, dass diese Täuschung nicht in der Sache selbst, sondern
bloss in den Formen, oder vielmehr in den Hüllen liege, worin die Wahrheit sich
zeigen müsse, um desto mehr Liebhaber anzulocken, und sich den Nachstellungen
ihrer Feinde leichter zu entziehen. Die Scheinbarkeit ihrer Gründe, durch die
Beredsamkeit ihrer Augen und den Reiz ihrer Stimme und ihres ganzen Wesens
verstärkt, überwältigte mich für den Augenblick: sie glaubte mich gewonnen zu
haben, und genoss schon im voraus den Triumph, den ihr meine Bekehrung (wie sie
es nannte) über den Unglauben ihres Bruders verschaffen werde. Sie kündigte mir
nun an, dass der Stattalter von Syrien einer ihrer wärmsten Freunde sei, ohne
mir zu verbergen, was für Rechte sie sich während ihres ehemaligen Aufentalts
in den Bädern von Daphne an seine Dankbarkeit erworben habe. Alles sei bereits
zu meiner Befreiung vorgearbeitet; ich würde morgen von dem Stattalter selbst
vernommen werden, welchem sie die Meinung beigebracht habe, dass ich ihr naher
Anverwandter, und, einen unschuldigen Hang zur Schwärmerei ausgenommen, ein Mann
von vorzüglichen Gaben, und in jeder Betrachtung wert sei, dass der allzu grossen
Wärme meiner Einbildungskraft etwas zu gut gehalten werde. Sie unterrichtete
mich hierauf umständlich, wie ich mich bei diesem Römischen Satrapen zu benehmen
hätte, und, nachdem sie mir gesagt hatte, wo sie mich nach meiner Freilassung
anzutreffen hoffte, schieden wir von einander als die besten Freunde von der
Welt.
                                    Lucian.
    Weisst du auch, Freund Peregrin, dass ich selbst von deiner Dioklea immer mehr
und mehr bezaubert bin, und es dir schwerlich verzeihen könnte, wenn du
eigensinnig genug gewesen wärest, ihre gute Meinung von dir zum zweitenmale zu
täuschen?
                                   Peregrin.
    So mache dich nur gefasst darauf, mir auch diese Anomalie vergeben zu müssen,
da du mir so viele andere schon übersehen hast. Denn in der Tat, dieser Zauber,
womit sie mich seit dem ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft gebunden hielt,
und dem du selbst, wie es scheint, nicht widerstehen kannst, dauerte immer nur
so lange sie gegenwärtig war. Kaum sah ich mich wieder allein, so war mir
ungefähr zu Mute, wie einem sein müsste, der die Nacht mit der lieblichsten
Nymphe zugebracht zu haben geglaubt hätte, und sich beim Erwachen von den dürren
Armen einer alten Tessalischen Zaubrerin umfangen sähe. Der grosse Plan des
Kerintus - der mich vielleicht hätte verblenden können, wofern er selbst, zu
der Zeit da ich ihn noch für den ersten aller Menschen hielt, mir mit dem Feuer
eines Mannes, der kein anderes Interesse als das allgemeine Beste der Menschheit
hat, den Aufschluss darüber gegeben hätte - war nun, seitdem ich einen Scharlatan
und eine Schauspielerin an seiner Spitze sah, nichts als ein betrügerisches
Netz, worin er mich und tausend andere guterzige Menschen gefangen hatte, um
uns zu blinden Werkzeugen, und, nach Erfordernis der Umstände, zu Opfern seiner
Herrschsucht und seines Eigennutzes zu machen. Es war mir unmöglich, einem
Manne, der alles, was in meinen Augen das Ehrwürdigste und Heiligste war, bloss
als Maschinen, Decorationen und Masken zu Ausführung eines weit gränzenden
politischen Plans gebrauchte, edle Absichten dabei zuzutrauen; und nichts in der
Welt hätte mich dahin bringen können, mit dem ehemaligen Vorsteher einer
herumziehenden Bande von Isispriestern gemeine Sache zu machen, und wäre ich
auch noch so gewiss gewesen, in nicht mehr Jahren, als Alexander zu seinen
Eroberungen brauchte, den Tron unsrer heuchlerischen Teokratie mitten in der
Hauptstadt der Welt aufgerichtet zu sehen, und der Zweite nach Kerintus in
dieser allgemeinen Monarchie zu sein.
    Diesen Gesinnungen zufolge bedachte ich mich nicht lange, was ich von der
Freiheit, die ich nun durch Diokleens Vermittlung wieder erhalten sollte, für
einen Gebrauch zu machen hätte. Sobald die Täuschung, die mir eine Wolke statt
der Juno in die Arme gespielt hatte, vorüber war, konnte ich mich nicht schnell
genug von den Gegenständen meiner betrognen Liebe losreissen, für die ich nun
eben so viel Widerwillen empfand, als sie mich ehemals angezogen und gefesselt
hatten. Aber wie ich mich von Diokleen, welche ich wieder zu sehen nicht
vermeiden konnte, auf eine bessere Art als durch eine heimliche Flucht losmachen
könnte, dazu fand ich in dem ganzen Umfang meiner Einbildungskraft kein Mittel.
Denn ich kannte die Schwäche meines Herzens und die magische Gewalt ihrer
Ueberredungen, ihrer Liebkosungen, und (wenn nichts andres helfen wollte) ihrer
Tränen, zu gut, um nur daran denken zu dürfen, ihr meine Entschliessung und die
Beweggründe derselben eher zu entdecken, bis ich aus dem Kreise heraus wäre,
worin sie alles was sie wollte aus mir machte. Dies war die einzige
Schwierigkeit, die mich keine geringe Ueberwindung kostete. Denn der Gedanke an
die grossen Summen, die aus meiner Erbschaft in die Brüdercasse des Kerintus und
Hegesias geflossen waren, und welchen auch Dioklea, wiewohl nur im Vorbeigehen,
bei mir geltend zu machen nicht vergessen hatte, hielt mich keinen Augenblick
auf. Wie hätte auch ein solcher Verlust einen Menschen kränken sollen, der die
Befriedigung eines einzigen seiner schwärmerischen Wünsche mit allen Schätzen
von Indien noch sehr wohlfeil erkauft zu haben geglaubt hätte, und, nachdem er
sich nun zum zweitenmale vom höchsten Gipfel seiner schönsten Hoffnungen
herabgestürzt sah, nichts mehr zu verlieren hatte, was bedauernswert war!
    Alles erfolgte nun wie Schwester Teodosia es vorhergesagt hatte. Ich wurde
am nächsten Morgen vor den Stattalter geführt, fand ihn aber von einer so
ungeheuern Menge von Leuten, die entweder etwas anzubringen hatten oder auf
seine Befehle warteten, belagert, dass er weder Zeit noch Lust zu haben schien,
mir zu der Schutzrede für die Christianer, die ich meditirte, Gelegenheit zu
geben. Er begnügte sich zwei oder drei Fragen an mich zu tun, deren
Beantwortung ihn vermutlich in der Meinung, die ihn Dioklea von mir
beigebracht, bestärken mochte: denn er erwiederte sie bloss mit einem ironischen
Lächeln, und dem Befehl, mich, als einen Menschen, von welchem der Staat und die
öffentliche Ruhe nichts zu besorgen habe, auf der Stelle in Freiheit zu setzen,
unter der einzigen Bedingung, dass ich die Provinz Syrien sogleich verlassen und
mich hüten sollte, noch einmal in verbotenen Versammlungen, von welcher Art sie
sein möchten, betreten zu werden. Von der Klage, welche meine Verwandten der
Verschleuderung meines Erbgutes halben gegen mich erhoben hatten, wurde gar
nichts erwähnt. Vermutlich hatte die vorsichtige Dioklea, die mit ihrem Bruder
auf Gewinn und Verlust in Gesellschaft getreten war, Mittel gefunden, diesen
Punkt mit dem Stattalter in geheim auszumachen. Genug, meine guten Freunde zu
Parium mussten sich an dem Bescheid ersättigen, dass man bei der vorgenommenen
Untersuchung keine Ursache gefunden habe, den Beklagten der Gewalt, die ihm die
Gesetze in Rücksicht seines Alters über die Anwendung seines Vermögens gäben, zu
berauben. Und so endigte sich, lieber Lucian, diese ganze Sache, ohne dass die
Philosophie des Stattalters so viel zu meiner Entlassung mitgewirkt hätte, als
dein Ungenannter zu Elis dich glauben machen wollte.
                                    Lucian.
    Aber wie lief es nun mit Diökleen ab?
                                   Peregrin.
    Die Lebhaftigkeit der Freude, womit sie mich empfing, hätte beinahe alle
meine Entschlossenheit umgeworfen. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, um das
Bewusstsein des Widerspruchs zwischen meiner wirklichen Gesinnung und der Person,
die ich spielen musste, zu übertäuben, als dass ich mich dem Eindrucke, den die
Gegenwart dieser sonderbaren Frau immer auf mich machte, gänzlich Preis gab, und
den Gedanken an das, was wir vorhatten, so viel möglich von ihr und mir zu
entfernen suchte. Indessen war es doch unmöglich, dass der innerliche Zwang, den
ich mir antun musste um ruhiger und fröhlicher zu scheinen als ich war, einem so
scharfen Auge wie das ihrige hätte entgehen können. Sie zeigte mir von Zeit zu
Zeit einige Unruhe darüber; und da ich, in der drückenden Notwendigkeit, sie
durch eine Lüge zufrieden zu stellen, mich wenigstens derjenigen bedienen
wollte, die der Wahrheit am ähnlichsten sah - oder vielmehr wirklich zur Hälfte
Wahrheit war -
                               Lucian (lachend).
    Das nenne ich einen gewissenhaften Schelm!
                                   Peregrin.
    - so gab ich ihr endlich zu verstehen, dass es sehr grausam von ihr gehandelt
wäre, wenn sie dem Zwange, den sie mir in der verwichnen Nacht fürs Künftige zu
einer Pflicht gemacht hätte, die mir, bei dem was ich für sie fühlte, weder
leicht noch angenehm sein könnte, nicht wenigstens so viel zu gut halten wollte,
um die unfreiwilligen Seufzer, die mir von Zeit zu Zeit entführen, ungeahndet zu
lassen. Sie beantwortete diese Äusserung, welche sie, ohne eine zu geringe
Meinung von mir oder eine zu grosse von sich selbst zu hegen, für sehr natürlich
halten konnte, durch ein Betragen, das mir einige Hoffnung liess, wenn ich mich
ihres Zutrauens erst würdiger gemacht haben würde, von ihrem Herzen zu erhalten,
was in der Tat bei einer Frau wie sie durch irgend eine andere Art von
Verführung schwerlich zu erhalten war. Diese Wendung, welche unsre Unterhaltung
nahm, führte unvermerkt Erinnerungen an Scenen aus der Vergangenheit herbei;
dein armer Freund (wenn du ihn anders dieses Namens noch würdig findest) wurde
eben so unvermerkt immer wärmer, und es kam so weit mit ihm, dass, wenn Dioklea
nur die mindeste Ahndung der Gefahr, von ihm verlassen zu werden, gehabt hätte,
es gänzlich in ihrer Gewalt gewesen wäre, ihn bis zum Geständnis seines
treulosen Vorhabens zu treiben, und ihm einen Rückfall wenigstens auf lange Zeit
unmöglich zu machen. Aber von dieser Seite lebte sie in der vollkommensten
Sicherheit: und da sie alle ihre Aufmerksamkeit und Kunst bloss darauf wandte,
dem, was sie für die einzige Gefahr bei unserm neuen Verhältnisse hielt, mit
guter Art vorzubauen; so entging ich zu meinem Glücke der einzigen, in welcher
mein Entschluss unfehlbar gescheitert wäre. Denn ich hätte, in diesen zärtlichen
Augenblicken, da meine Seele in dem Andenken so vieler unbeschreiblich
wonnevoller Tage dahin schmolz, die mir in der zauberischen Einsamkeit der Villa
Mamilia mit ihr zu einzelnen Stunden geworden waren, keine Stirne gehabt, ihr
etwas zu verheimlichen oder abzuläugnen, wenn sie in meinem Inwendigen hätte
lesen können. So hingegen schien sie, vielleicht aus Misstrauen in ihr eigenes
Herz, nichts Angelegner's zu haben, als mich von jenen verführerischen
Erinnerungen zurückzuziehen, und wusste mir auf ihre eigene feine Art unvermerkt
Fragen abzulocken, deren Beantwortung ihr Gelegenheit gab, sich in eine
umständliche Erzählung des Merkwürdigsten einzulassen, was ihr in den sieben
Jahren unsrer Trennung begegnet war. Eine Vertraulichkeit, die meinem wankenden
Vorsatz ungemein zu Statten kam, da es nicht fehlen konnte, dass sie mich dabei
manchen Blick in ihr Inneres tun liess, der mich in der alten Entdeckung
bestätigte, dass sie eine zu grosse Meisterin in der Mimik sei, als dass ein Mensch
von meinem Schlage jemals hoffen dürfe, das, was der Natur oder der Kunst in ihr
angehöre, mit einiger Sicherheit unterscheiden zu lernen.
                                    Lucian.
    Meine erste Sorge, sobald du deine Lebensgeschichte glücklich zu Ende
gebracht haben wirst, soll sein, diese Dioklea aufzusuchen, wofern sie anders in
den Gegenden, die uns zur Wohnung angewiesen sind, zu finden ist.
                                   Peregrin.
    Ueber diesen Zweifel kann ich dich beruhigen, Lucian. Ich habe sie schon
öfters und immer in sehr guter Gesellschaft angetroffen. Es soll mir ein
Vergnügen sein dich mit ihr bekannt zu machen.
                                    Lucian.
    Eine Gefälligkeit mehr, wofür ich dir verbunden sein werde. Aber nun zum
Verfolg deiner eigenen Angelegenheiten!
                                   Peregrin.
    Da mir auferlegt war, Antiochien noch an dem nämlichen Tage und ohne alles
Aufsehen zu verlassen, und Dioklea alle Anstalten dazu bereits getroffen hatte;
so begreifst du ohne mein Erinnern, dass alles, was ich dir so eben von unsrer
gegenseitigen Lage gesagt habe, das Merkwürdigste von den drei Tagen ausmacht,
an welchen wir auf ihrer Rückreise zu ihrem Bruder, der uns zu Damaskus
erwartete, zum letztenmal allein beisammen waren. Dioklea befand sich um die
dritte Nacht so ermüdet, dass sie, sobald wir in unsrer Herberge anlangten, sich
sogleich zur Ruhe begab, und mir dadurch Zeit verschafte, meine beschlossene
heimliche Flucht ins Werk zu setzen. Glücklicher Weise hatten wir uns den Abend
zuvor über das, was ich Heuchelei nannte, ein wenig mit einander entzweit, aber
auf meiner Seite stark genug, dass es mir bei Ausführung meines Vorhabens
leichter ums Herz war als ich selbst gehofft hatte. Wir befanden uns nicht weit
von Gabala, in dem Hause einer Christianerin, einer guten alten Wittwe, die hier
von den Einkünften eines kleinen Landgutes lebte, und, da sie kinderlos war, den
Mann Gottes Kerintus, oder vielmehr die unter seiner Verwaltung stehende
Brüdercasse, zu ihrem eventualen Erben eingesetzt hatte. Ich liess also meine
geliebte Schwester Teodosia in guten Händen. Überdies hielt ich es auch für
Pflicht, ihr von einer ziemlichen Summe an Gold, welche sie mir bei unsrer
Abreise von Antiochien übergeben hatte, zwei Dritteile zurückzulassen, wiewohl
ich, ohne mein Gewissen zu belasten, das Ganze, als einen sehr kleinen Ersatz
für das reiche Opfer, so ich der Brüdercasse dargebracht, hätte behalten können.
Meine Flucht hatte nicht die geringste Schwierigkeit. Ich hinterliess einen Brief
an Diokleen, worin ich ihr sagte: »Die Aufschlüsse, die ich über das Geheimnis
des Ordens, in welchen mich meine unvorsichtige Guterzigkeit verflochten habe,
seit kurzem erhalten hätte, machten mir eine gänzliche Aufhebung aller
Gemeinschaft mit besagtem Orden und seinen Vorstehern zum unumgänglichen Gesetz.
Ich begäbe mich hiermit freiwillig und wohlbedächtlich alles Anspruchs an alle
Summen, welche Hegesias und Kerintus während unsrer Verbindung von mir erhalten
oder in meinem Namen bezogen hätten; und hoffte dagegen, dass sie so billig sein
würden, mich für ein so beträchtliches Lösegeld hinwieder aller Pflichten zu
entlassen, die ich beim Eintritt in ihren Orden übernommen, und deren Erfüllung
mir von nun an moralisch unmöglich sei. Im Uebrigen werde ihnen ihre Kenntnis
meines Herzens Bürgschaft dafür leisten, dass keines von ihnen jemals etwas
Nachteiliges von mir zu besorgen haben könne.«
    Ich machte, als alles im Hause im ersten Schlafe lag, meinen Abzug durch ein
Fenster, das aus meinem kleinen Zimmer in den Garten ging, doch mit etwas mehr
Bequemlichkeit als ehemals aus dem Fenster der schönen Kallippe; und da ich, vom
Gefühl meiner Freiheit und dem schmeichelhaften Bewusstsein der Leichtigkeit,
womit ich der Tugend so viele und grosse Opfer brachte, begeistert, die ganze
Nacht durch in Einem fort lief, befand ich mich mit Anbruch des Tages am Ufer
des Meeres. Ich liess mich unverzüglich in einem Fischernachen nach Laodicea
übersetzen, wo ich, in grösster Verborgenheit, ein paar Tage damit zubrachte
meine Lage zu überdenken, und zu sehen was für eine Partei mir nach einer so
grossen Katastrophe meiner innerlichen und äusserlichen Umstände zu nehmen übrig
sei.
 
                               Achter Abschnitt.
                                    Lucian.
    Ich gestehe dir offenherzig, Freund Peregrin, dass in deinem letztern
Betragen gegen Diokleen etwas ist, das ich mit deinem Charakter, so wie er sich
bis zu dieser Epoche gezeigt hat, nicht recht zusammen reimen kann. Mich dünkt,
das feine moralische Gefühl, das dich sonst bei allen Verirrungen deiner
Phantasie und deines Herzens nie verliess, müsse durch deinen langen Aufentalt
unter den Christianern ein wenig abgestumpft worden sein: denn wie wäre es sonst
möglich gewesen, dass du eine Freundin, die schon so viel für dich getan, dir in
diesem Augenblick einen so grossen Beweis ihrer Teilnehmung und ihres Zutrauens
gegeben hatte, auf eine eben so unedle als unzärtliche Art, ohne die geringste
Rücksicht auf die Verlegenheiten, in welche sie dadurch gesetzt wurde, hättest
verlassen können? Bloss aus Freundschaft für dich, bloss weil sie den Gedanken
nicht ertragen konnte, dass du, anstatt ein Mitgenoss der Unternehmungen ihres
Bruders, nur ein Werkzeug, und wohl gar ein Opfer derselben sein solltest, hatte
sie dir sein Geheimnis entdeckt, und sich dadurch in den Fall gesetzt, seinen
ganzen Unwillen auf sich zu laden, ja vielleicht seinen ganzen Plan scheitern zu
machen, wofern sie zu viel auf dich gerechnet haben sollte. Würde sie dies
gewagt haben, wenn sie nicht die grösste Meinung von deinem Edelmut gehegt, dich
nicht schlechterdings für unfähig gehalten hätte, ihr Zutrauen so zu belohnen
wie du tatest? Und wärest du fähig gewesen so zu handeln, wenn du dich nur
einen Augenblick an ihren Platz gesetzt hättest?
                                   Peregrin.
    Welch einen warmen Sachwalter diese Zaubrerin an dir gefunden hat, von deren
verführerischer Gewalt du dir nur erst jetzt einigen Begriff machen kannst,
nachdem es ihr schon bei einer bloss mittelbaren Bekanntschaft gelungen ist, den
kalten Lucian, den erklärten Feind aller Täuschungskünste, durch einen einzigen
behenden Handgriff auf ihre Seite zu bringen! Mit welcher Leichtigkeit hat sie
alle Aufschlüsse, die wir in dem Haine der Venus Urania und auf dem Landgute der
edeln Römerin von ihrem wahren Charakter erhalten haben, plötzlich aus deinen
Augen gerückt! Aber ich, mein lieber Lucian, ich trug zu tiefe Narben von allem,
was ich durch ihren Leichtsinn, ihren Mutwillen, ihre Eitelkeit, ihre
eigennützige Gefälligkeit gegen fremde Leidenschaften, gelitten hatte, in meiner
Seele; ich hatte zu viele, zu entscheidende Proben, wie hoch sie es in der Mimik
gebracht, und wie leicht es ihr sei, die Gestalt, Miene, Sprache und Gebärde
jeder schönen Empfindung, jeder Tugend, jeder moralischen Grazie anzunehmen, als
dass ich (zumal nach Geständnissen, welche notwendig einen dem Kerintus und ihr
selbst höchst nachteiligen Eindruck auf mich machen mussten) so geneigt hätte
sein können, von der anscheinenden Grossmut ihrer Freundschaft auf eine dauernde
Art gerührt zu werden. Ich begehre mich nicht zu rechtfertigen, Lucian; ich
erzähle dir bloss mit aller Aufrichtigkeit, deren ich in unserm gegenwärtigen
Zustande fähig bin, was ich von meiner eigenen Geschichte weiss; und Nachsicht
mit meinen Verirrungen ist alles, worauf ich, bei einem Manne wie du, Anspruch
machen kann. Ich bin getäuscht worden, und habe andere getäuscht; aber jenes
immer unwissend; dieses immer ohne Vorsatz: ich gestehe beides offenherzig; aber
am Ende ist es doch nur Gerechtigkeit, wenn ich sage, dass ich zu beidem fast
immer durch Anscheinungen verleitet wurde, die so lebhaft auf mich wirkten dass
ich sie für Wahrheit hielt. Mich dünkt, ich habe in meiner Erzählung schon
erwähnt, dass es mir während der vier Tage, die ich wieder mit Diokleen lebte,
nicht wenig kostete, dass ich nicht so offen und gerade gegen sie sein durfte,
als es ihr Betragen gegen mich zu fordern schien. Aber wie konnte ich anders, da
ich entschlossen war, mit einem so gefährlichen Menschen, als Kerintus nun in
meinen Augen war, schlechterdings alle Gemeinschaft aufzuheben? Der Abscheu, den
ich nach so unerwarteten und aus einem so glaubwürdigen Munde erhaltenen
Aufschlüssen gegen ihn gefasst hatte, war so übermässig als die Verehrung, von
welcher ich, so lang' ich ihn in einer überirdischen Glorie erblickte, für ihn
durchdrungen war; er war zu heftig, um in seiner ersten Energie von irgend einer
andern Empfindung überwogen zu werden. Und dennoch machte Dioklea meine
Entschliessung mehr als Einmal wanken! Dennoch würde sie allem Vermuten nach
einen gänzlichen Sieg über mich davon getragen haben, wenn sie in dem kritischen
Momente, dessen du dich erinnern wirst, tiefer in mich gedrungen, und mich
genötiget hätte, ihr die wahre Ursache meiner Verlegenheit und meiner Seufzer
zu entdecken.
                                    Lucian.
    Ich erinnere mich dieses kritischen Augenblicks sehr wohl, lieber Peregrin:
aber erlaube mir zu bemerken, dass es nicht Edelmut und dankbares Gefühl für die
ausserordentliche Freundschaftsprobe, die sie dir gegeben hatte, sondern etwas
ganz anderes war, was ich damals in ihre Gewalt brachte.
                                   Peregrin.
    Ich bekenne meine Schuld, und weiss zu meiner Verteidigung nichts weiter
anzuführen als was ich schon gesagt habe. Im Fall eines Zusammenstosses zweier
einander entgegen wirkender Gefühle muss natürlicherweise das schwächere weichen;
und dies geschah im vorliegenden Falle um so mehr, da ich Diokleens
Offenherzigkeit gegen mich, in der Stimmung worin mich die Geheimnachrichten von
ihrem Bruder gesetzt hatten, bloss als einen feinern Kunstgriff ansah, mich
stärker und unauflöslicher in die Unternehmungen eines Ordens zu verwickeln, der
schon allein dadurch, dass er im Grunde bloss politische Absichten und
Finanzspeculationen zum Zweck hatte, alles Anziehende für mich verlor, und
meiner ganzen Sinnesart zuwider war. - Aber es ist Zeit, den Rest meiner
Geschichte mit etwas schnellern Schritten fortzusetzen.
                                    Lucian.
    Doch nicht schneller, wenn ich bitten darf, als das Interesse, das mir deine
Geschichte eingeflösst hat, gestatten kann. Du bliebst zu Laodicea stehen, in
Ueberlegungen vertieft, was du nun mit deiner wieder erlangten Freiheit und mit
deinen neuen Erfahrungen anfangen wollest. Beide waren, nach deiner Gewohnheit,
etwas teuer erkauft!
                                   Peregrin.
    Und mussten eben darum auch einen desto grössern Wert in meinen Augen haben.
Indessen übertreibe ich nichts, wenn ich sage, dass weder der Verlust des grössten
Teils meines Vermögens, noch die Trennung von Kerintus, Dioklea und meinen
ehemaligen Brüdern, mir das Vergnügen, mich wieder frei zu wissen, verkümmern
konnten. Es gehörte, wie du bereits bemerkt haben wirst, zu den Eigenheiten
meiner Sinnesart, dass dieselben Gegenstände, welche in dem Zauberlichte, worin
sie mir erschienen, meine ganze Seele eingenommen hatten, sobald ich fand oder
zu finden glaubte, dass sie das nicht waren wofür ich sie gehalten hatte, nur aus
meinen Augen gerückt zu werden brauchten, um sich in wenigen Tagen auch aus
meinem innern Gesichtskreise so gänzlich zu verlieren, als ob alles, was
zwischen mir und ihnen vorgegangen, ein blosser Traum gewesen wäre. Ich trennte
mich von Kerintus und seinen Anhängern, nachdem der Sturm des ersten
Augenblicks vorüber war, ohne dass es meinem Herzen das Geringste kostete, als
von Betrügern oder Betrognen, zwischen welchen und mir von nun an keine
Gemeinschaft mehr statt fand; ohne Reue oder Beschämung, und durch das
Bewusstsein befriediget, dass ich, durch die edelsten Beweggründe in meine
Verbindung mit ihnen hinein gezogen, der guten Sache, so lange ich sie dafür
halten musste, alles aufgeopfert hatte. Aber noch lebte ein Bild in meiner Seele,
das mir zwar unter so vielen Gegenständen, welche unmittelbarer auf mich gewirkt
und sich aller meiner Aufmerksamkeit bemächtigt hatten, nach und nach aus dem
Andenken gekommen war, aber nun, in der tiefen Einsamkeit, in die ich mich
zurückgeworfen sah, durch einen Contrast, der seine Liebenswürdigkeit
verdoppelte, auf einmal wieder wie eine himmlische Erscheinung vor meiner Stirne
stand; - und dies war - das Bild der guten, unschuldigen, unverfälschten Familie
von Christianern, zu denen mich mein Wegweiser Hegesias ehemals in dem Walde
zwischen Pergamus und Pitane verirren liess. Du kennest mich nun so gut, Lucian,
dass ich dir nicht zu sagen brauche, mit welchem Feuer meine Einbildungskraft, in
dem abermaligen Schiffbruch, den alle meine Hoffnungen und Wünsche erlitten
hatten, nach diesem Brette griff. Meine Partie war auf einmal genommen. Mein
grossväterliches Erbe, - eine Kleinigkeit gegen das, was die Ordenscasse des
Kerintus verschlungen hatte, aber mehr als hinlänglich einen Menschen von
mässigen Bedürfnissen zu befriedigen - dieses Erbe, welches grösstenteils in
einem kleinen, nahe bei Parium gelegenen Landgute bestand, war glücklicher Weise
noch in meinen Händen. Mein Plan war also, mit dem ersten Schiffe, das nach
Cypern und Rhodus befrachtet wäre, abzugehen, von da nach Hause zurückzukehren,
die Trümmer meines Vermögens zu Gelde zu machen, und mich dann, wo möglich,
unmittelbar mit jenem auserwählten Häuflein ächter Jünger unsers guten Meisters
zu vereinigen, um in paradiesischer Unschuld und Abgeschiedenheit von der Welt,
Ein Leib, Ein Herz und Eine Seele mit diesen engelähnlichen Sterblichen, im
reinsten Genuss des gegenwärtigen und in freudigster Erwartung des zukünftigen
Lebens, dieser hohen Eudämonie und göttlichen Befriedigung meines Innersten
teilhaftig zu werden, welche schon so lange vergebens das letzte Ziel meiner
Wünsche gewesen war.
                                    Lucian.
    Bravo, Peregrin! Deine Imagination tut wieder ihre Schuldigkeit, wie ich
sehe; du geniessest wieder so überschwänglich viel voraus, und alles in einer so
überirdischen Lauterkeit und Vollkommenheit - dass die guten ehrlichen Seelen,
von denen du so viel erwartest, schlechterdings in die Unmöglichkeit gesetzt
sind, deiner Phantasie genug zu tun, wenn sie auch noch so guten Willen dazu
hätten.
                                   Peregrin.
    Diessmal liess das Schicksal, oder meine Wankelmütigkeit (wenn du nicht etwa
lieber einmal meiner Vernunft die Ehre davon geben willst) es nicht zur Probe
kommen, welche sehr warscheinlich gerade so ausgefallen sein dürfte, wie du
erwartest. Eine unverhoffte Zusammenkunft mit einem Freunde, den ich seit
mehreren Jahren ganz aus den Augen verloren hatte, verrückte mir den
Gesichtspunkt, woraus ich diese Dinge noch anzusehen gewohnt war, und das
Schicksal vollendete, was jener angefangen hatte.
    Während dass ich zu Lindus auf ein Fahrzeug wartete, welches mich nach
Mitylene bringen sollte, begegnete mir in einer bedeckten Halle ein Mann, der
bei meiner Erblickung eben so verwundert still stehen blieb, als ich bei der
seinigen. Zu unsrer beiderseitigen Freude entdeckten wir, ich in ihm den
nämlichen Dionysius von Sinope, mit welchem ich zu Ikonium in der Pflanzschule
des Kerintus Bekanntschaft gemacht hatte, er in mir den damaligen Vertrauten
und Günstling des Propheten, der auf eine geheime Mission nach Syrien
abgeschickt worden war. Der blosse Umstand, dass wir uns so allein zu Lindus
wiederfanden, sagte uns, dass wir einander merkwürdige Dinge zu entdecken haben
würden. Dionysius war seit kurzem, wie er mir sagte, durch eine Erbschaft nach
Lindus gezogen worden, und gefiel sich da so wohl, dass er diese anmutige Stadt
zum Ziel seiner Wanderungen zu setzen Lust hatte.
    Und wie machtest du es, fragte ich etwas voreilig, dass du dich und deine
Erbschaft aus den Klauen des Propheten Kerintus in Sicherheit brachtest?
    Diese Frage sagt mir viel auf einmal, erwiederte Dionysius; aber wir müssen
einen bequemern Ort suchen, uns einander näher zu erklären: und hiermit führte
er mich in seine Wohnung, und nötigte mich, das Gastrecht bei ihm anzunehmen. -
Ich habe dir schon gesagt, Lucian, dass dieser junge Mann den Schlüssel zu meinem
Kopf und Herzen bei sich trug; denn in der weiten Welt fand sich schwerlich noch
ein anderer, der, was die Schwärmerei betrifft, ein vollkommnerer Gegenfüsser von
mir gewesen wäre, und doch in allem übrigen mehr mit meiner Gemütsart
sympatisirt hätte als er. Wir wurden also in wenigen Stunden vertraut genug, um
nichts Geheimes vor einander zu haben. Dionysius machte den Anfang mich über
seine ehemalige Verbindung mit Kerintus ins Klare zu setzen.
    Ich wurde, sagte er, durch einen Zufall mit ihm bekannt. Er schien mir ein
Mann von tiefem Inhalt zu sein, und alles, was ich an ihm sah, fesselte meine
Aufmerksamkeit. Auch er schien mich hinwieder als einen Menschen zu betrachten,
der die seinige verdiente. Wir näherten uns einander unvermerkt, aber von beiden
Seiten so behutsam, dass ich lange nicht recht wusste, was ich aus ihm machen
sollte. Da wir einige Tage in Gesellschaft reiseten, so fehlte es uns nicht an
Gelegenheit, allein beisammen zu sein; und so fiel die Unterredung nach und nach
auf alles, was für Personen von Erziehung, Weltkenntnis und gesetztem Charakter
Interesse hat. Wir sprachen von Politik, von Philosophie, von Religion - immer
mit Rücksicht auf den gegenwärtigen Zustand der Dinge. Kerintus liess sich über
alles wie ein Mann von grossem Sinne und festen Grundsätzen vernehmen, aber immer
so, dass er viel weniger zu sagen schien als er könnte. Ich glaubte etwas
Geheimnisvolles in ihm zu bemerken; aber er schien es zu tragen, wie einer, der
zwar nicht sehen lassen will was er trägt, aber doch wohl leiden kann, dass man
merke er trage etwas Wichtiges. Dies schien mir auf mich gezielt zu sein, und
machte mich desto behutsamer; denn es war fest bei mir beschlossen, mich nicht
verwickeln zu lassen. Alles was ich von seiner Art zu denken herausbrachte, und
worüber er sich allmählich etwas deutlicher erklärte, war: dass die Welt zu einer
grossen Revolution heran reife; dass wir diesem Zeitpunkte schon wirklich näher
wären als man glaubte; dass in den Begriffen und Meinungen der Menschen eine zu
grosse Veränderung vorgegangen sei, als dass die alten Stützen länger halten
könnten, welche die politische und moralische Welt seit einigen Jahrtausenden
getragen hätten, und dass eine neue, auf die Würde und Bestimmung des Menschen
gegründete Ordnung der Dinge nötig sei, um den fürchterlichen Folgen einer
gänzlichen Auflösung der gegenwärtigen Weltverfassung zuvorzukommen. Dies
brachte mich zuweilen auf den Gedanken, dass er vielleicht ein Christianer sein
könnte; aber er affectirte bei allem dem so gar nichts Prophetisches, sprach von
allem so schlicht, wie es die Natur der Sache und der begreifliche Zusammenhang
zwischen Ursache und Wirkung mit sich brachte, dass ich immer wieder versucht
war, ihn für einen blossen Philosophen zu halten, wiewohl er sich mit ziemlicher
Wärme gegen unsere Sectenphilosophie erklärte.
    Ist's möglich, unterbrach ich meinen Freund, dass du mir von eben dem Manne
sprichst, der mir zu Smyrna zwischen den Felsen des Vorgebirgs als eine Art von
Genius erschien; der in meinem Innern las, sich mit einer Art von magischer
Gewalt meiner ganzen Seele bemächtigte, und, als er wieder verschwand, mich in
Ungewissheit liess, ob ich ihn für einen neuen Zoroaster, oder für einen Gott
halten sollte?
    Du siehest, fuhr Dionysius fort, dass der Mann das grosse Talent hat, jeden
nach seiner Weise zu bedienen; eine Gabe, wodurch schon einer der ersten Häupter
seiner Secte zu ihrer Ausbreitung so viel beigetragen hatte. Bei dir machte er
den Propheten; bei mir den Weisen, den Menschenspäher, den freien, gegen alle
gleich wohlgesinnten Weltbürger, dessen Herz, auch wenn es von Eifer für die
Rechte der Menschheit, von Verlangen ihrem Elend abgeholfen zu wissen glühte,
dennoch immer unter den strengen Befehlen der Vernunft, unter der Leitung eines
kalten Kopfes stand. Mehr als Einmal schien es mir zwar, wenn er von der
Notwendigkeit sprach, dass alle aufgeklärten Menschen, die es wohl mit ihren
Brüdern meinten, mit vereinigten Kräften auf das einzig Notwendige arbeiten
sollten, als ob er absichtlich wärmer würde, um zu sehen wie und was es auf mich
wirkte. Weil ich aber bei dergleichen Äusserungen allemal in gleichem
Verhältnisse kälter und einsylbiger ward, so zog er sich immer unvermerkt wieder
in seine gewöhnliche Ruhe zurück, ohne dass ich an seinem Benehmen die mindeste
Spur einer fehl geschlagnen Hoffnung wahrnehmen konnte.
    So blieben die Sachen zwischen uns, bis es sich, da wir uns wieder trennen
sollten, zeigte, dass wir einander unvermerkt interessant genug geworden waren,
um zu wünschen es noch mehr zu werden: und da ich bei meinen Reisen keine Zwecke
hatte, die ich an dem einen Orte nicht eben so gut als an dem andern verfolgen
konnte, so bot ich ihm an, ihn nach Ikonium, dem Ziel seiner Reise, zu
begleiten, und er schien es mit sichtbarem Vergnügen anzunehmen. Wir kehrten
unterweges zwei- oder dreimal in Häusern ein, wo er das Gastrecht hatte, und
mich seinen Freunden als einen ihm sehr werten Reisegefährten vorstellte. Ich
wurde dadurch mit einigen Familien bekannt, die mir ein liebenswürdiger Schlag
von Menschen zu sein schienen, und sich ungemein gefällig gegen mich bezeugten;
wiewohl es mir vorkam, als ob meine Gegenwart ihnen einigen Zwang auflege, den
sie zu verbergen suchten.
    Als wir endlich nur noch eine Tagereise von Ikonium entfernt waren, wusste
Kerintus das Gespräch unvermerkt auf die Christianer zu lenken; schien aber,
nach seiner Gewohnheit, vor allen Dingen die Tiefe des Wassers sondiren zu
wollen, eh' er sich zu weit hinein wagte. Ich erklärte mich ohne Bedenken:
wiewohl ich wenig Kenntnis von dieser Secte hätte, so könnte ich mich doch nicht
überreden lassen, dass sie so bösartige und gefährliche Leute seien, als ihre
Feinde behaupteten. - Wie es scheint, sagte er lächelnd, hast du vielleicht noch
keinen von ihnen sehr nahe gesehen. - Niemals dass ich wüsste, war meine Antwort.
- Aber vielleicht desto mehrere ohne es zu wissen, versetzte er. - Wie so,
Kerintus? - »Du hast auf unsrer letzten Reise dreimal bei Christianern das
Gastrecht genossen.« - Ich betrachtete ihn bei diesen Worten mit einem Blick,
den er zu verstehen schien - »Und ich bin gewiss, fuhr er fort, dass da schon
tausendmal in deinem Leben mit Christianern gesprochen oder Geschäfte gehabt
hast, ohne sie dafür anzusehen. Dafür kann ich dir wenigstens bürgen, wenn dir
im gemeinen Leben ein stiller, friedfertiger, zuverlässig treuer und guter
Mensch, von unbescholtnem Ruf und reinen Sitten, in den Wurf kommt, so kannst du
drei gegen eins setzen, er ist ein Christianer.« - Du machst mich begierig,
sagte ich, so gute Menschen, und noch begieriger, das was sie zu solchen
Menschen macht, genauer kennen zu lernen; und da du, wie ich sehe, selbst einer
von ihnen, und vermutlich ein Mann von Ansehen unter ihnen bist, so kann ich
mich mit diesem Verlangen wohl an niemand schicklicher wenden als an dich. -
Kerintus beantwortete dieses Compliment auf eine eben so bescheidene als
leutselige Art: er sagte mir, dass auch sie ihre Mysterien hätten, zu welchen
zwar, dem ersten Ansehen nach, weniger harte und beschwerliche, aber im Grunde
weit strengere Bedingungen erfordert würden als zu den Eleusinischen und andern
dieser Art. - Ich antwortete: da ich von einem Manne, wie er, keine Zumutung,
die der Vernunft oder dem Herzen eines Menschen von gutem Willen widerstehen
könnte, zu besorgen habe, so sei ich zu allem Uebrigen bereit. Und so wurde denn
ausgemacht, dass ich, sobald wir in Ikonium angelangt sein würden, zur
Vorbereitung für den ersten Grad der Weihe zugelassen werden sollte.
    Nach einer Vorbereitung von wenigen Wochen erhielt ich diesen ersten Grad;
aber dabei blieb es auch, und ich kann mich nicht rühmen, weiter als bis an die
Schwelle des innern Vorhofes gekommen zu sein. Denn wiewohl ich eine Zeit lang
ziemlich gute Hoffnung von mir gab, so fand sich doch in der Folge, dass ich
weder als Missionar, noch als Märtyrer, noch als geheimer Minister und
Vertrauter im Reiche des Kerintus (welches ich von einem andern Reiche, wovon
mir viel Herrliches gesagt wurde, sehr gut zu unterscheiden wusste) zu gebrauchen
war: und da ich überdiess noch die Hand fest auf meinem Geldbeutel hielt, und
alles was mir gelegentlich von Verachtung des Irdischen, von dem was der Herr
bedarf, von der tausendfältigen Frucht, welche alles, was man für seine Sache
aufopfere, hier oder dort trage, und was dergleichen mehr war, ans Herz gelegt
wurde, weder verstehen wollte noch um nähere Erklärung bat; so konnte ich
deutlich genug sehen, dass man nach Verfluss einiger Monate an meiner Erwählung zu
verzweifeln anfing, und als ich, dringender Familienangelegenheiten wegen, um
meine Entlassung bat, noch froh war, eines beschwerlichen Beobachters los zu
werden. Vermutlich wünschte sich Kerintus Glück, dass er immer so zurückhaltend
und verschlossen gegen mich geblieben war. Indessen hatte er doch in
Augenblicken, wo meine Neugier mehr die Miene von Gelehrigkeit und
Empfänglichkeit haben mochte, einzelne Lichtstrahlen in meinen Kopf fallen
lassen, die sich darin sammelten, und mir zu sehr wahrscheinlichen Vermutungen
über den geheimen Plan dieses talentvollen moralischen Zauberers, wenn ich ihn
so nennen kann, verhalfen. In der Tat wusste er seinen Plan, das eigentliche
grosse Mysterium seines Ordens, in sehr scheinbare moralische Hüllen
einzuwickeln, welche, je nachdem die Hoffnung mich noch zu gewinnen stieg oder
sank, dünner oder dichter wurden: aber eben diese Kunstgriffe, wie leicht auch
seine Hand dabei war, verrieten mir was er verbergen wollte; und je mehr ich
ihn zu enträtseln glaubte, desto mehr fand ich mich in der Meinung bestärkt,
dass er schwerlich den Mystagogen unter den Christianern spielen würde, wenn es
in seiner Willkür stände, auf dem Wege eines Alexanders oder Julius Cäsars zu
seinem Ziele zu gelangen.
    Dies, lieber Lucian, war ein Punkt, worüber mein Freund Dionysius sehr
autentische Nachrichten von mir zu erwarten hatte. Damit ihm alles desto
begreiflicher sein könnte, sah ich mich genötigt meine Geschichte vom Ei
anzufangen.
                                    Lucian.
    Man hat immer viel vor andern Sterblichen voraus, wenn man eine Geschichte
wie die deinige zu erzählen hat.
                                   Peregrin.
    Einem so ausgemachten Antipoden aller Schwärmerei, wie Dionysius, musste sie
in der Tat wunderbar genug vorkommen; und doch merkte ich, dass von allen den
ausserordentlichen Dingen, womit er dadurch bekannt wurde, ich selbst doch das
wunderbarste in seinen Augen war. Er schien sich ganz leicht zu erklären, wie
man eine Mamilia Quintilla, eine Dioklea, ein Kerintus oder Hegesias sein
könne: aber wie es möglich sei Peregrinus zu sein, dies (wiewohl er zu höflich
war, es mir ausdrücklich zu sagen), dies schien über seinen Begriff zu gehen.
Indessen, da er sich doch nicht erwehren konnte an dem seltsamen Schwärmer
Anteil zu nehmen, fand er, als ich mit meiner Erzählung zu Ende war, dass es
wirklich solcher Erfahrungen bedurft habe, um einen Menschen von dieser Gattung
völlig zur Vernunft zu bringen; ein Vorteil, der, seiner Meinung nach, mit
allem was er mir gekostet hatte, nicht zu teuer bezahlt war. Du kannst dir also
vorstellen, wie der gute Mann erschrak, da er hörte dass er meine Genesung zu
voreilig vorausgesetzt habe, und dass ich, weit entfernt endlich den rechten
Talisman gegen alle Zaubereien meines bösen Dämons gefunden zu haben, noch immer
der alte Entusiast sei, der sich nur in den Personen geirrt zu haben glaubte,
und im Begriff stand, sich in ein neues Abenteuer zu wagen, wobei, seiner
Meinung nach, zehn gegen Eins zu setzen war, dass es keinen fröhlichem Ausgang
nehmen würde. Ich hingegen hatte, seitdem das Bild meiner liebenswürdigen
Johanniten wieder in mir lebendig geworden war, mich in den Gedanken mit ihnen
zu leben schon so tief hinein gearbeitet, dass ich nicht begreifen konnte, wie
auch der kaltblütigste aller Menschen einem so natürlichen und vernünftigen
Projecte seinen Beifall versagen könne. Es muss daran liegen, dachte ich, dass du
bei Erzählung deiner Begebenheiten zu schnell über diese hinweg geeilt bist; der
gute Dionysius hat keine Vorstellung davon, was für Engel von Menschen es sind,
zu denen mein Herz mich so unwiderstehlich hinzieht. Ich bot also alle meine
Malerkunst auf, ihm eine Abschilderung von dieser Familie und von der
Glückseligkeit, die mich in ihrem Schoss erwarte, zu machen: aber ich trug meine
Farben so dick auf, dass mein Gemälde gerade das Gegenteil dessen, was ich
beabsichtete, bei ihm wirken musste.
    »Beinahe, sagte er, sollte ich mir ein Gewissen daraus machen, dich von
einem so süssen und so unschuldig scheinenden Wahnsinne zu heilen: aber ich sehe,
dass deine Phantasie dein Herz abermal zum Besten hat, und dass du bei diesem
neuen Lebensplan um so grössere Gefahr läufst, weil es vielleicht nicht so leicht
sein dürfte, dich, wenn die Täuschung vorüber sein wird, von diesen ehrlichen
Seelen wieder loszuwinden, als von den Komödianten und Gauklern, deren Spiel du
bisher gewesen bist. Ich sehe diesen Ausgang zu gewiss voraus, um eher von dir
abzulassen, bis ich dich überzeugt habe, dass dir, nachdem du einmal glücklich
genug gewesen bist den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, keine andere Wahl übrig
bleibt, als alle Gemeinschaft mit den Christianern aufzuheben.
    Dein Unglück, lieber Peregrin, fuhr er fort, war bisher, dass du dich immer
blindlings von zwei Führern leiten liessest, die dich notwendig irre führen
mussten. Gefühl und Imagination sind sehr angenehme Gefährten, aber gefährliche
Wegweiser durch den Labyrint des Lebens. Du hast dies nun schon so oft
erfahren, dass es wahrlich hohe Zeit ist, es endlich einmal mit einem Führer zu
versuchen, der unmöglich irre führen kann. Lass' also, anstatt einem vielleicht
betrüglichen Zuge nachzugeben, die Vernunft entscheiden, was für eine Partei du
ergreifen sollst. Die Vernunft, glaube mir lieber Peregrin, die Vernunft ist der
gute Dämon des Menschen, und die Eudämonie, nach welcher du strebest, ist die
Frucht eines nach ihrer Vorschrift geführten Lebens, oder es gibt gar nichts,
das diesen Namen verdient, diesseits des Mondes. Ich will jetzt nicht
untersuchen, ob du, da du dich einmal so tief mit Kerintus eingelassen, da
deine Fähigkeiten und Vorzüge dich zu einem ansehnlichen Posten in seinem
unsichtbaren Reiche bestimmten, und die Freundschaft Diokleens (deren
Aufrichtigkeit und Wärme zu bezweifeln, du, so viel ich sehe, keinen Grund
hattest) dir unfehlbar das Innerste seines Ordens aufgeschlossen und einen
unmittelbaren Anteil an den Vorteilen seiner Unternehmung verschafft haben
würde, - ob du, sage ich, nicht klüger getan hättest, bei ihm auszuharren, und
ob nicht gerade das, was dich bewog seine Partei zu verlassen, dich zum
Gegenteil hätte bestimmen sollen.
    Zwar bin ich so überzeugt als du, dass der ausserordentliche Mann, nach
welchem die Christianer sich nennen und für dessen Jünger sie sich ausgeben,
einen ganz andern Plan hatte, als der ist, an welchem Kerintus arbeitet. Ganz
gewiss war das Reich Gottes, welches er ankündigte, und zu welchem er (nachdem
ihm seine Absicht bei den Juden, seinen Stamm- und Glaubensgenossen, fehl
geschlagen war) alle Menschen eingeladen wissen wollte, nichts weniger als eine
politische Universalmonarchie. Alles müsste mich trügen, oder dieses Reich hatte
mit der Teokratie oder Hierarchie, an welcher seine vorgeblichen Anhänger im
Verborgnen arbeiten, und womit sie über lang oder kurz die erstaunende Welt
überraschen werden, nicht mehr gemein, als sein Geist mit dem ihrigen. Er war
ein Entusiast im erhabensten Sinne dieses ehrwürdigen Wortes, welches durch
Vermengung mit Schwärmerei, Fanatismus und Magismus so häufig enteiligt wird:
aber seine Lehre war zu einfach, sein Sinn zu lauter, die Vollkommenheit, zu
welcher er einlud und die er an sich selbst darstellte, zu rein und gross, als
dass es sich nur denken liesse, sie könnte jemals das Anteil von Hunderttausenden
und Millionen sein. Was erfolgte also, und was musste erfolgen? Eines von beiden:
entweder seine reine Teosophie musste, wie die Weisheit und Tugend (zwei nicht
weniger profanirte Wörter!) eines Archytas oder Sokrates, sich immer nur,
unsichtbarer Weise, unter den Wenigen erhalten und fortpflanzen, die seines
Geistes waren; oder, wenn sie sichtbar werden, zu einer Art von Herrschaft über
die menschlichen Gemüter gelangen, und irgend eine wichtige Veränderung in der
Welt hervorbringen sollte, so musste sie sich mit den Meinungen und
Leidenschaften der Menschen amalgamieren, und in der Hand ehrgeiziger,
planvoller und betriebsamer Menschen zu einer neuen Volksreligion, und als
solche zum Mittel eines Zwecks, der nicht der Zweck des ersten Stifters war,
kurz, zu dem gemacht werden, was der Glaube und die Mysterien der Christianer in
den Händen eines Kerintus und Hegesias sind.
    Wie viel Anteil aber auch Regiersucht und Eigennutz an der Unternehmung
dieser Männer haben mögen, so ist doch nicht zu läugnen, dass etwas Grosses in dem
Gedanken ist, die Menschheit zugleich von den Ketten des Aberglaubens und des
Despotismus zu befreien, und alle Völker der Erde, durch einen Glauben, der die
moralische Natur des Menschen reinigt und veredelt, sie zu Kindern Eines Vaters,
zu Mitgenossen gleicher Rechte, zu Erben eben derselben Hoffnung macht, in eine
einzige Brüdergemeine zu versammeln. Mag doch diese Idee, in ihrer höchsten
Vollkommenheit gedacht, unerreichbar sein! Aber würden auch Jahrtausende dazu
erfordert, um ihr von Stufe zu Stufe näher zu kommen, und müsste gleich das Gute,
das für die Menschheit dadurch gewonnen würde, mit tausend vorübergehenden
Uebeln erkauft werden: immer bliebe der, der den Grund zu einer solchen
Revolution gelegt hätte, ein Wohltäter des menschlichen Geschlechts. Ich müsste
mich sehr irren, oder Kerintus betrachtet sich selbst in diesem Lichte. Und,
wiewohl man den keinen Schwärmer nennen kann, der so künstliche Maschinen mit so
viel Klugheit und mit so feinen Handgriffen zu Ausführung eines Werks, wovon er
selbst die Seele ist, zu verbinden weiss; wiewohl der Gebrauch wunderbarer Mittel
und einer Art von moralischer Magie ihm sogar das Ansehen eines Betrügers geben;
so wollte ich doch nicht behaupten, es sei unmöglich, dass er, von der Schönheit
und Grösse seines Plans begeistert, sich selbst über die Mittel täusche, und
alles für recht und gut halte, was zu einem so herrlichen Ziele führe; und dies
um so mehr, je scheinbarer der Gedanke ist, dass durch eine solche Anwendung das,
was in einem andern Zusammenhang der Dinge böse sein würde, insofern als das
Gute dadurch befördert wird, sich wirklich in etwas Gutes verwandelt, und also
aufhört zu sein was es war. Ich erinnere mich, von Kerintus etwas diesem
Aehnliches gehört zu haben; und wenn die Alexander und Cäsarn, wie zu vermuten
ist, Augenblicke hatten, wo eine unfreiwillige innere Gewalt sie nötigte einem
Richter in ihrem eigenen Busen Rechenschaft zu geben, so waren es ohne Zweifel
Sophismen dieser Art, wodurch sie ihn zu bestechen suchten.«
    Wie es aber auch damit beschaffen sein mag, immer macht es dem Genie des
Kerintus in meinen Augen Ehre, dass er (aller Wahrscheinlichkeit nach) der erste
war, der in dem Glauben einer bisher so verachteten Secte das Mittel und
Werkzeug fand, die grösste aller Revolutionen zu bewirken. Es ist sehr möglich,
oder vielmehr es ist sehr wahrscheinlich, dass er mit seiner Unternehmung
scheitern wird. Er betreibt sie zu lebhaft, und, als einer der die Früchte
seiner Arbeit selbst geniessen möchte, zu eilfertig; die Welt ist zu einer so
grossen Katastrophe noch nicht reif. Aber ich bin gewiss, wenn auch Kerintus
unterliegt, das von ihm angefangene Werk wird von andern Händen im Verborgenen
fortgeführt: und vielleicht in weniger als zweihundert Jahren werden unsre
Nachkommen erstaunen, eine in ihren Anfängen so unscheinbare und nichts
geachtete Verbrüderung auf einmal ihr Haupt erheben, die alte Religion und
Verfassung verschwinden, und die Teokratie des Kerintus, vielleicht unter
einem andern Namen und mit einer andern Aussenseite, aber ihrem Geist und ihren
Grundsätzen nach eben dieselbe, der Welt Gesetze geben zu sehen. Ob diese sich
viel besser dabei befinden wird, will ich dahin gestellt sein lassen. Ich meines
Orts gestehe, dass ich kein Freund von den Teokratien bin, in welchen man die
Gotteit die Rolle eines morgenländischen Schachs spielen lässt, während
Menschen, unter dem Namen seiner Satrapen und Wessire, sich seiner Allgewalt so
wohl oder so übel bedienen, als es ihre Fähigkeiten, Leidenschaften,
Schwachheiten und Laster erlauben oder fordern.
    »Ich weiss nur von Einer Teokratie, gegen welche keine Einwendung zu machen
ist, weil sie weder Unrecht haben noch von irgend einer Macht aufgehalten werden
kann; in welcher wir alle unsere Rolle spielen, ohne weder den Plan noch den
Ausgang des Stücks zu kennen; in deren Plan alles, was ist und lebt,
eingeflochten ist, alles von unbekannten Ursachen zu unbekannten Zwecken in
ewiger Bewegung erhalten wird, alles zugleich Mittel und Zweck, Ursache und
Wirkung ist, und der erste Beweger von allem ewig unsichtbar hinter der Scene
bleibt.
    In dieser Teokratie, mein lieber Peregrin, bin ich was ich bin, wirke was
ich kann, und leide was ich muss: von allen andern Autokratien, Demokratien,
Aristokratien und Teokratien halte ich mich so fern als möglich. Ich verachte
mich selbst nicht so sehr, dass ich von der Willkür eines andern abhangen möchte,
so lang' es in der meinigen steht frei zu sein: aber ich bin auch nicht stolz
oder eitel genug, um über meines gleichen herrschen zu wollen.
    Aufrichtig zu reden, ist bei einer solchen Sinnesart gewöhnlich eine gute
Portion Trägheit und Liebe zum seligen Leben der Götter im Himmel, dem goldnen
Müssiggang; eine Liebhaberei, wovon ich mich selbst nicht frei sprechen will, und
woraus du dir leicht erklären kannst, warum ich keine Lust hatte, mich mit dem
hoch strebenden Kerintus auf das gefahrvolle Meer weit aussehender, mühsamer,
und vielleicht undenkbarer Abenteuer einzuschiffen.
    Du, Peregrin, hast keine Entschuldigungen dieser Art: aber, wie geschickt du
dich auch während deiner Verbindung mit Kerintus und Hegesias gezeigt hast, in
ihrem Operationsplan eine der tätigsten Rollen zu spielen, so begreife ich
doch, wie dir durch die Entdeckung, dass, was du für Ernst hieltest, nur Spiel
sei, die Lust dazu vergehen konnte. Aber, o mein Freund! du, dem es so innig
zuwider ist andere zu betrügen oder von andern betrogen zu werden, warum
wolltest du dich von neuem in Gefahr begeben, der Betrogne eines magischen
Gauklers zu sein, der in deinem eignen Busen sitzt? Die Farben, womit er dir die
Seligkeit vormalt, die im Schoss der vermeintlichen Engel auf dem Meierhofe bei
Pitane deiner warten soll, sind Zauberfarben; das Licht, worin du diese guten
Menschen siehst, ist Zauberlicht. Eine Zeit lang würdest du dich in das Paradies
der Morgenländer versetzt glauben, und unter deinen Idealen von Unschuld und
Liebe in den seligsten Gefühlen zerfliessen. Aber sobald Zeit und Gewohnheit die
erste Blüte des Genusses abgestreift hätte, würden diese Engel unvermerkt zu
armen, einfältigen Menschen herabsinken, mit denen du, ausser einiger
Gleichförmigkeit in Gesinnungen des Herzens, wenig oder nichts gemein haben
könntest. Du bist von Jugend an gewohnt mit Personen von gebildetem Geiste zu
leben, bist selbst viel zu sehr entwickelt, als dass du es, bei einer wenig oder
bloss mechanisch beschäftigten Lebensart, unter so schlichten und einförmigen
Landleuten in die Länge aushalten könntest. Ihr Unvermögen, das wirklich für
dich zu sein, was dir deine Phantasie in ihrem Namen versprach, würde dich
zuletzt übellaunig machen: und wäre es einmal dahin gekommen, so würde nicht nur
das, was du an ihnen liebst, viel von seinem Wert und Reitz verlieren; es
würden auch Unvollkommenheiten zum Vorschein kommen, die du ehemals nicht
gesehen hattest, und die nun in deiner umgestimmten Einbildung (eben so gewiss
wie ehemals das Schöne und Gute) grösser erscheinen würden als sie sind. Was die
natürliche Folge von diesem allen sein müsste, brauche ich dir nicht zu sagen:
aber ob es dann so leicht, oder nicht wohl gar unmöglich sein dürfte, die
Verbindungen, welche du in der ersten Schwärmerei des Herzens mit diesen guten
Leuten eingegangen wärest, wieder aufzuheben, ist eine Frage, deren Beantwortung
du nicht auf den Erfolg ankommen lassen darfst. Wenn also mein Rat etwas über
dich vermöchte, so folgtest du meinem Beispiel, und brächest, nachdem du dich
doch einmal durch einen Sprung aus dem Fenster von dem Propheten Kerintus
losgemacht hast, alle fernere Gemeinschaft mit den Christianern ab. Das was du
suchest, lieber Peregrin, ist weder hier noch dort, weder bei dieser noch bei
jener Partei oder Secte: es ist in dir selbst oder es ist nirgends.«
    Verzeihe, Freund Lucian, wenn ich vielleicht in Anführung dieser Rede meines
klugen und wohlmeinenden Wirtes zu weitläufig gewesen bin, wiewohl ich nur das
Wesentlichste, dessen ich mich erinnere, ausgezogen habe. Aber ich hielt es für
nötig, weil diese Vorstellungen, und die Gewalt, die sein Geist unvermerkt über
den meinigen erhielt, in den acht Tagen, welche ich bei ihm zubrachte, eine
Veränderung in mir bewirkten, die in der Geschichte meines Lebens Epoche macht.
Denn es gelang ihm nicht nur, mir das neue Project, worauf sich meine Phantasie
geworfen hatte, gänzlich auszureden; sondern er war es auch, der die
Entschliessung in mir veranlasste, sobald ich meine häuslichen Angelegenheiten zu
Parium ins Reine gebracht haben würde, zu dem weisen Agatobulus nach Aegypten
zu reisen, und in vertrauterem Umgang mit diesem Manne (welchen er mir als einen
sehr vortrefflichen Menschen und als das Muster eines ächten Cynikers beschrieb)
mich in der einzigen Lebensweise vollkommen zu machen, wobei ich, vermöge der
Selbstkenntniss wozu mir die Erfahrung verholfen hatte, glücklich zu sein hoffen
konnte.
    »Wärest du, sagte mir Dionysius kurz zuvor ehe wir von einander schieden,
wärest du ein weniger ungewöhnlicher Mensch, Peregrin, so würde ich dir
vorgeschlagen haben, ob du nicht bei mir zu Lindus bleiben, und an dem kleinen
Handel, womit ich mich (um nicht ganz müssig zu gehen) beschäftige, Anteil
nehmen wollest. Aber du bist nun einmal nicht dazu gemacht, auf irgend einem
gebahnten Wege durchs Leben zu ziehen, und es wäre vergeblich, zu erwarten dass
du hierin jemals deine Natur ändern werdest. Ich sehe zwei Grundzüge in deinem
Charakter, die dich unvermeidlich bestimmen, so lange du lebst, und vielleicht
(setzte er lachend hinzu) in deinem Tode selbst, ausserordentlich zu sein. Du
strebest nach einem Lebensgenuss, den nur innere Vollkommenheit geben kann; und
wiewohl du, durch den Zauber einer unaufhörlich geschäftigen Einbildungskraft,
dein bisheriges Leben in lauter Verblendung und Täuschung zugebracht hast, so
kenne ich doch wenige, und vielleicht niemand, der die Wahrheit so
leidenschaftlich liebt wie du, und für den es ein grösseres Bedürfnis wäre, sich
in ihrem Besitz zu glauben. Für einen solchen Menschen ist meines Erachtens nur
Ein Mittel sich zu retten. Er muss sich von allen Banden der bürgerlichen
Gesellschaft sowohl als von allen besondern Verbindungen gänzlich loswickeln,
und, um allentalben, immer und im höchst möglichen Grade unabhängig zu sein,
sich schlechterdings auf die unentbehrlichsten Bedürfnisse des Körpers
einschränken, und gegen allen äusserlichen Reiz von Vergnügen und Schmerz, so wie
gegen die Urteile der Menschen, ihren Beifall oder Tadel, ihre Verehrung oder
Verachtung, gleichgültig zu werden suchen. Auf diesem Wege wird er unfehlbar mit
allem, was lebt und ist, in das reinste Verhältnis kommen, und, frei von Wahn
und Leidenschaft, in ungestörtem Selbstgenuss und unumschränktem Wohlwollen, sich
selbst in allem und alles in sich selbst fühlend, der göttlichen Natur so
gleichförmig werden, als die menschliche dessen fähig ist. Es steht mir wohl
nicht zu, dich zu einer Lebensweise aufzumuntern, zu welcher ich selbst weder
Lust noch Fähigkeit habe: aber, wenn dich die Schwierigkeiten des Weges, worauf
es deines gleichen vielleicht zu dieser Vollkommenheit bringen können, nicht
abschrecken, so bin ich versichert, dass es das Vernünftigste ist, was du in
deiner Lage und mit einer Sinnesart, wie die deinige, unternehmen kannst.«
    Wie du siehest, Lucian, war es weder mehr noch weniger als das Ideal, das du
in deinem Cyniker aufgestellt hast, was, nach der Meinung meines Freundes
Dionysius, die wahre Bestimmung des ehemaligen Günstlings der Mamilien und
Diokleen sein sollte. Seltsam genug! aber vielleicht noch seltsamer, dass dem
Günstling der Mamilien und Diokleen nichts einfacher und einleuchtender schien
als dieser Gedanke. Er schmiegte sich so schön an meine eigensten und innigsten
Lieblingsideen an, passte so gut zu meinen Umständen, und die Ausführung war so
ganz in meiner Gewalt! - Überdies schien mir dieser reine, hohe Cynismus von
dem ursprünglichen Institut der Christianer so wenig in irgend einem
wesentlichen Punkte verschieden zu sein, dass er, auch in dieser Rücksicht, die
einzige Partei war, die ich, ohne meinem Gefühl zu widerstreben, ergreifen
konnte. Denn wiewohl mich Dionysius, in einer besondern Unterredung über die
Person des Stifters jenes Instituts, von seiner Meinung zu überreden suchte, dass
er (abgezogen, was vernünftigerweise nur als poetische Auschmückung seiner
Geschichte zu betrachten sei) mit allen andern eminenten Weisen, deren beinahe
jedes namhafte Volk in der Welt sich wenigstens Eines rühmen könne, in eben
dieselbige Linie zu stellen sei: so war doch etwas in seinem individuellen
Charakter, das er mir vor allen übrigen voraus zu haben schien, und das mir
durch die Anhänglichkeit, die ich selbst für ihn empfand, - ich, der ihn weder
gesehen noch gehört hatte, die unbeschreibliche Liebe begreiflich machte, womit
diejenigen, die mit ihm gelebt hatten, bis an ihren Tod an ihm hingen. Du
siehest also, Freund Lucian, dass der Cynismus, zu welchem ich von diesem
Augenblick an so leicht überging als man einen Rock mit einem andern vertauscht,
im Grunde eine ziemlich christianische Miene hatte; und ich möchte nicht dafür
stehen, dass es nicht abermals ein unversehener Streich meiner Einbildungskraft
war, die Sokraten, Diogenen und Epikteten mit einem so schönen Ideal zu
gruppiren, und durch das Licht, das von ihm auf sie zurückfiel, sie desto
würdiger zu machen, von dieser Zeit an meine Helden zu sein.
                                    Lucian.
    Du bedarfst bei mir keiner Entschuldigung deiner Apostasie, Peregrin; aber
ich begreife, dass du damals einiger Entschuldigung bei dir selbst nötig haben
konntest.
                                   Peregrin.
    Weniger als du glaubst. Denn in der Tat ward ich durch diesen Uebergang zu
einem Cynismus, worin ich aller Wahrscheinlichkeit nach das einzige Exemplar in
der Welt war, keiner meiner vorigen Gesinnungen ungetreu; und, die gnostische
Geisterlehre des Kerintus ausgenommen, blieb in meinem innern Mikrokosmos alles
wie es war. Aber auch jene Träumereien waren schon lange zuvor, ohne eine Spur
in meinem Kopfe zurück zu lassen, in dem nämlichen Augenblicke verschwunden, da
ich erfuhr, dass mein Prophet derselbe Mann sei, der vor einigen Jahren mit einer
Bande Isispriester in der Welt herumgezogen war. Alles, was sich also (wenn ich
anders eine Stimme über mich selbst habe) von der Sache mit Wahrheit sagen lässt,
ist dies: dass mein Christianismus das reinigende Mittel war, durch welches ich
gehen musste, um des hohen Cynismus fähig zu werden, zu welchem ich mich von
dieser Epoche an eben so warm und aufrichtig, wie vormals zu meinen magischen,
erotischen und teosophischen Schwärmereien, bis zu meinem letzten Augenblick
bekannte.
    Dionysius, der zu Mitylene Geschäfte hatte, begleitete mich bis dahin. Wir
schieden als Freunde, die sich wiederzusehen hofften; und diese Hoffnung wurde
in der Folge mehr als Einmal erfüllt.
    Wie ich nach Parium zurückkam, fand ich überall eine sehr kalte Aufnahme.
Ich erklärte mir die Sache anfangs als etwas ganz Natürliches, aus der
Verachtung, welche die Einwohner einer Handelsstadt gegen einen Mitbürger fühlen
mussten, der ein grosses Vermögen, in einer Zeit, worin der geringste von ihnen es
duplirt und tripliert haben würde, so heilloserweise durchgebracht hatte. Aber
es fand sich bald, dass mein Credit in Parium noch viel schlimmer war als ich mir
einbildete. Meine Verwandten, deren Erbitterung gegen mich durch den Ausgang
ihrer zu Antiochien angebrachten Klage auf den höchsten Grad gestiegen war,
hatten unter der Hand, durch allerlei heimliche Kunstgriffe, unter das Volk
gebracht: man habe Anzeigen, dass es mit dem plötzlichen Tode meines Vaters nicht
richtig zugegangen sei. Bald darauf hiess es: man sei der Sache näher auf die
Spur gekommen; man sprach von einem Sklaven, den ich vor meiner Entfernung von
Parium frei gelassen, und der bald darauf verschwunden war. Endlich flüsterte
man einander in die Ohren: es wäre leider nur zu gewiss, dass Peregrin selbst der
Täter sei. Unvermerkt wurde davon als von einer ausgemachten Sache gesprochen,
wovon die Familie die Beweise in den Händen hätte; und man nannte schon einen
Tag, da die Klage gegen mich öffentlich angebracht werden sollte. Jetzt wollte
jedermann so klug gewesen sein, etwas von der Sache geahndet zu haben; jedermann
hatte, als mein Vater todt war und begraben wurde, und bei Eröffnung des
Testaments, und bei zwanzig andern Gelegenheiten irgend einen verdächtigen
Umstand wahrgenommen; und nun klärte sich's auf, warum ich ohne irgend eine
begreifliche Ursache mich selbst aus Parium verbannt hatte, und als ein von den
Furien hin und her getriebener Vatermörder in der Welt herumgeirret war.
    Als mir diese Gerüchte endlich zu Ohren kamen, erriet ich, ohne ein Oedipus
zu sein, sehr leicht, aus welcher Quelle sie geflossen, und was meine
Intestaterben damit zu gewinnen hofften. Sie wussten sehr wohl, dass sie nicht
beweisen konnten was nicht geschehen war: aber sie kannten die Wirksamkeit
dreister Verleumdung bei einem ohnehin schon gegen mich eingenommenen Volke, und
sie glaubten auch mich zu kennen. Kurz, sie zweifelten nicht, ich würde aus
Verdruss und Unwillen über eine so wenig verschuldete Aufnahme bald wieder davon
gehen, und sie dadurch berechtigen, zu sagen: die Furcht vor der Anklage und vor
der Strafe, welcher ich nicht anders hätte entgehen können, habe mich zur Flucht
getrieben. Sie würden dann (wie sehr wahrscheinlich zu vermuten war) dem
Abwesenden wirklich den Prozess gemacht, und, da sie in Parium einen grossen
Anhang hatten, meine ewige Landesverweisung und die Einziehung meines noch
übrigen Vermögens ohne Mühe ausgewirkt haben.
    Ich hatte diesen geheimen Anschlag kaum erraten, als mir plötzlich ein
Mittel, ihn auf einmal zu Wasser zu machen, einfiel, welches, so einfach es auch
in meinen Augen war, schwerlich einem andern Parianer an meinem Platze in den
Sinn gekommen wäre. Ich erschien bei der ersten öffentlichen Volksversammlung im
ganzen Costume eines Cynikers, bestieg den Redestuhl, und hielt eine Anrede an
meine Mitbürger, worin ich ihnen mit Wenigem von meiner zweimaligen langen
Abwesenheit Rechenschaft gab, und, nach einer öffentlichen Profession meiner
Grundsätze und des Plans meines künftigen Lebens erklärte: da ich künftig nur
sehr wenig bedürfen und Parium ungesäumt verlassen würde, um zu dem weisen
Agatobulus nach Alexandrien zu reisen, so glaubte ich von meinem väterlichen
Hause und von dem Landgute meines Grossvaters keinen edlern Gebrauch machen zu
können, als indem ich, wie hiermit geschehe, meinen geliebten Mitbürgern, dem
Volke von Parium, eine mündliche und in gehöriger Form schriftlich beurkundete
Schenkung davon machte.
    Die Wirkung, welche diese Handlung auf die untern Volksclassen tat, denen
nach meiner Verordnung die Einkünfte jener Grundstücke vornehmlich zu gut kommen
sollten, hat dein Ungenannter (der sich in allen unbedeutenden Dingen immer
genau an die Wahrheit hält) so richtig beschrieben, dass ich nichts weiter davon
zu sagen brauche. Ich war nun auf einmal an meinen Verwandten gerochen, und bei
meinen Mitbürgern gerechtfertigt. Aber während die Lüfte von Lobpreisungen und
Segnungen des edeln, grossmütigen und weisen Peregrinus erschallten, schlich ich
mich aus dem Getümmel fort, und verliess Parium mit den Empfindungen, die seine
Einwohner wert waren, auf immer.
    Ein kleiner Meierhof in Bitynien, und einige böse Schuldforderungen aus der
väterlichen Verlassenschaft, welche ich noch in Taurien einzutreiben hatte, wenn
ich die Reisekosten daran wagen wollte, machten nun den ganzen Rest meines
ehemaligen Vermögens aus. Das Gütchen warf etwas über vierhundert Drachmen
jährlich ab. Ich machte also den Ueberschlag, dass mein Einkommen, insofern meine
tägliche Ausgabe die Summe von vier Obolen10 nicht überstiege, zu den
unentbehrlichsten Bedürfnissen meines tierischen Teils hinreichen würde, und
damit hielt ich mich für reich genug. Hatte Sokrates jemals mehr, oder
Antistenes und Diogenes nur so viel gehabt? Nur der Schmutz - mit deiner
Erlaubnis, Lucian -
                               Lucian (lachend).
    Was für ein Gedächtnis du hast, Peregrin! Wie? du erinnerst dich noch der
ziemlich schmutzigen Tunica, worin ich dich in meiner Erzählung vor dem
Scheiterhaufen paradiren liess?
                                   Peregrin.
    Wäre sie zufälliger Weise (wie es sich doch auch hätte fügen können) just
schneeweiss gewesen, so würdest du es mir, in der Laune worin du damals warst,
zur Hoffart ausgedeutet haben. - Der Schmutz also - war das einzige, worüber ich
mit dem Cynismus capitulierte; ich wollte, im Notfall, lieber tierischer
essen, um etwas menschlicher gekleidet zu sein. Ich machte mir also zum Gesetz,
das Wasser nicht zu sparen, da ich es doch beinahe überall, so gut als die freie
Luft, umsonst haben konnte. Indessen gestehe ich gern ein, dass ich keinen
Anspruch an den Titel eines eleganten Cynikers machte. Ich vertauschte nun den
Namen Peregrinus, den ich unter den Christianern geführt hatte, wieder mit dem
Namen meines Grossvaters Proteus, und schickte mich zu meiner Reise nach Aegypten
an, über welcher, da ich sie zu Fusse machte, und überall, wo die Natur meinem
Geiste oder gute Menschen meinem Herzen Nahrung gaben, verweilte, beinahe ein
ganzes Jahr verstrich.
    Aber, ehe ich zu meinem Aufentalt bei Agatobulus komme, muss ich noch mit
zwei Worten berichtigen, was der Ungenannte zu Elis von dem vergeblichen und
schimpflichen Processe sagt, den ich mit den Parianern wegen der bewussten
Schenkung vor dem Kaiser geführt haben sollte. Es ist, wie an allen seinen
Anekdoten, etwas Wahres auch an dieser, aber mit so viel Unwahrheit vermischt,
als er nötig hatte, damit eine an sich sehr unschuldige Handlung mich bei
seinen Zuhörern zugleich lächerrlich und verächtlich machen müsste. Die Sache
verhielt sich so.
    Es waren einige Jahre verstrichen, ehe meine Verwandten zu Parium erfuhren,
dass ich das vorerwähnte kleine Gütchen in Bitynien, woraus ich meinen
notdürftigen Unterhalt zog, aus dem allgemeinen Schiffbruche meines Vermögens
gerettet hätte. Der Streich, den ich ihrer Bosheit durch die mehr erwähnte
Schenkung gespielt hatte, war zu empfindlich, als dass sie nicht jede
Gelegenheit, sich deswegen zu rächen, mit Begierde hätten ergreifen sollen. Sie
zeigten also die gemachte Entdeckung dem Volk an, und behaupteten: da ich mir in
der Schenkung, die ich der Stadt Parium von meinen noch übrigen liegenden
Gründen gemacht, nichts ausdrücklich vorbehalten hätte; so wäre unstreitig auch
der Bitynische Meierhof darunter begriffen, und die Stadt wäre nicht nur
vollkommen berechtiget denselben als ihr Eigentum anzusprechen, sondern auch
den Ersatz der seit mehrern Jahren von mir bezogenen Nutzniessung
zurückzufordern. Die Parianer liessen sich dies wohlgefallen, und fanden bei dem
Stattalter von Bitynien so gutes Gehör, dass sie ohne weitere Untersuchung in
augenblicklichen Besitz gesetzt wurden. Ich befand mich damals noch zu
Alexandrien, und erfuhr diesen Vorgang nicht eher als durch das Ausbleiben
meines kleinen Einkommens, welches mir jährlich durch die Vermittelung eines
alten Freundes zu Smyrna (eines ehemaligen Freigelassnen meines Vaters)
zugeflossen war. Die Verlegenheiten, in welche ich dadurch gesetzt wurde,
nötigten mich an die Parianer zu schreiben, und ihnen mit allem nur möglichen
Glimpf vorzustellen: wenn ich mich auch in der Schenkungsurkunde unvorsichtiger
Weise so ausgedrückt hätte, dass sie meinen eignen Buchstaben gegen mich geltend
machen könnten; so forderte doch die Billigkeit von ihnen zu bedenken, dass es
unmöglich meine Meinung habe sein können, mich selbst zu ihrem Vorteil sogar
des Unentbehrlichsten, was ich zum Leben nötig hätte, zu berauben. Weil aber
diese Vorstellungen ohne Wirkung blieben, wandte sich mein Smyrnischer Freund,
wiewohl er keinen Auftrag dazu von mir hatte, aus blossem Mitleiden in meinem
Namen unmittelbar an den Kaiser: aber alles was er auch bei diesem mit vielem
Bitten und Betreiben ausrichtete, war, dass das strenge Recht den Sieg erhielt,
und Supplicant mit seinem unstattaften Begehren zur Ruhe verwiesen wurde.
    Dieser Handel brachte mich dahin, meine tägliche Ausgabe vor der Hand von
vier Obolen auf zwei zu beschränken; bis es bald genug so weit mit mir kam, dass
ich mich, um meinen Unterhalt von niemand als eine Wohltat zu erbetteln,
entschliessen musste, täglich in den Hafen herabzusteigen, und durch einige
Stunden harter Arbeit so viel zu verdienen, dass ich dem Hunger wehren konnte.
Ich hatte diese Lebensart bereits eine geraume Zeit, zu grossem Vorteil meiner
Gesundheit, getrieben, als ein ganz unvermuteter Zufall mich mit einem
Cyprischen Kaufmanne zusammenbrachte, welchem ich vor mehr als zehen Jahren, in
einer Verlegenheit, worein er, an einem Orte wo ihn niemand kannte, geraten
war, auf die blosse Bürgschaft seiner Physiognomie, oder vielmehr ohne jemals auf
Wiedererstattung zu rechnen, fünftausend Drachmen geliehen hatte. Wiewohl dies
keine erhebliche Summe war, so war doch der Dienst, den ich dem Cyprier dadurch
leistete, damals von der äussersten Wichtigkeit für ihn; und da ich darauf
bestand, ihm meinen Namen zu verbergen, so bestand er nicht weniger hartnäckig
darauf, dass ich ihm versprechen musste, wenn er jemals so glücklich wäre mich
wiederzufinden, so wollte ich mich nicht weigern das Doppelte von ihm
anzunehmen. Wie wenig liess ich mir damals einfallen, dass ich diesen Mann in
meinem Leben wiedersehen würde! Und nun liefen wir einander, nach eilf oder
zwölf Jahren, unverhofft am Ufer von Alexandrien in die Hände, und
glücklicherweise musste es sich fügen, dass die Physiognomie des Cypriers die
Wahrheit gesagt hatte. Seine Hände, mich wiederzufinden war so gross, als ob er
alle sechs Zauberringe deines Timolaus11 auf einmal gefunden hätte; aber sein
Erstaunen war es nicht weniger, mich in Umständen zu sehen, worin mancher andere
sich erlaubt hätte, einen ehemaligen Wohltäter nicht wieder zu erkennen. Der
Cyprier verkannte mich nicht. Er sagte mir, er wäre ein sehr reicher Mann; aber
die Hälfte seines Vermögens würde nicht hinreichend sein, ihn seiner
Verbindlichkeit gegen mich zu entbinden: - kurz, er nötigte mich auf die
edelste Art, nun auch an meiner Seite die Bedingung, unter welcher er meine
Wohltat angenommen, zu erfüllen, und die Summe, die ihn gerettet hatte, doppelt
von ihm zurückzunehmen. Überdies sagte er mir auch seinen Namen und den Ort
seines gewöhnlichen Aufentalts, und drang mir das Versprechen ab, wenn ich mich
jemals wieder in Not befände, ihm vor allen andern Freunden, die ich haben
könnte, den Vorzug zu gönnen. Ich sagte es ihm zu, machte aber nie Gebrauch
davon. Mit zehntausend Drachmen war ich nun, für einen cynischen Philosophen,
ein Crösus. Ich überrechnete, wie weit ich damit reichen würde , wenn ich meine
tägliche Ausgabe auf vier bis fünf Obolen festsetzte; und da ich nicht gesonnen
war länger als bis zum sechzigsten Jahre zu leben, so fand sich, dass ich ohne
irgend einen ausserordentlichen Zufall meinen wackern Cyprier nicht weiter nötig
haben würde.
    Der weise Agatobulus, dessen Ruf mich nach Alexandrien zog, erfüllte zwar
die Vorstellung nicht ganz, die ich mir auf das Wort meines Freundes Dionysius
von ihm gemacht hatte: und daran waren beide allerdings gleich unschuldig; denn
welcher Sterbliche hätte einer Einbildungskraft wie die meinige ein Genüge tun
können? Indessen war er doch unter den Lehrern der damaligen Alexandrinischen
Schule der einzige, der mir einige Anhänglichkeit an seine Person einflösste.
Agatobulus ist mit gleich wenigem Rechte bald unter die Epikuräer, bald unter
die Cyniker gezählt worden; denn er war im Grunde keiner Secte zugetan. Er
schien das Ideal des Weisen, welches er sich selbst zum Kanon vorsetzte, aus
dem, was ihm an mehrern Einzelnen das Schönste dünkte, wie Zeuxis seine Helena,
zusammengesetzt zu haben; und, wenn er ja mit einem von den Alten verglichen
werden müsste, so hätte man ihn einen Aristipp in Gestalt eines Stoikers nennen
können. So wie man ehemals von Sokrates sagte, dass er die Philosophie vom Himmel
herabgerufen, und sie mit den Menschen umzugehen und an den mannichfaltigen
Verhältnissen ihres häuslichen und bürgerlichen Lebens Anteil zu nehmen gelehrt
habe: so konnte man von Agatobulus sagen, er habe die Lebensweisheit des
Diogenes in die gute Gesellschaft eingeführt, und, indem er die Strenge ihrer
Maximen auf eine ihm eigene Art mit Urbanität und Grazie zu mildern wusste,
Wahrheiten und Tugenden, welche sich gewöhnlich in den Cirkeln der
Glücksgünstlinge weder hören noch sehen lassen können ohne überlästig oder
lächerrlich zu sein, selbst dieser am meisten verfeinerten, und eben darum
verderbtesten Classe von Menschen ehrwürdig oder wenigstens erträglich gemacht.
Da er ohne Leidenschaften war, und sich von Jugend an der strengsten Ausübung
der stoischen und cynischen Grundsätze ohne Mühe unterworfen hatte, so war es
ihm ein Leichtes geworden, seine Sitten unter den Weltleuten rein zu erhalten.
Er stand von der üppigsten Tafel eines Römischen Ritters so nüchtern auf als von
einem Sokratischen Mahle, und die reizendste Gaditanische Tänzerin liess seine
Sinne so ruhig als eine sechzigjährige Vestalin. Kurz, Agatobulus lebte die
Weisheit die er lehrte, weil sie ihm eben so leicht auszuüben war als das
Atemhohlen und Verdauen einem gesunden Menschen; und eben diese Leichtigkeit,
die von der prunkvolle Gravität und steifen Pedanterie seiner meisten
Professionsverwandten so stark abstach, war die Ursache, warum die vornehmsten
Römer und Griechen zu Alexandrien sich in die Wette beeiferten, ihn zum
Tischgesellschafter zu haben. Wie die Eitelkeit der Menschen aus allem, sogar
aus dem, was ihr zur Beschämung dienen sollte, Nahrung zu ziehen weiss, so
schienen besonders die Römischen Magnaten, die in dieser Hauptstadt Aegyptens
sehr zahlreich waren, ihre Toleranz gegen manche an sich selbst unangenehme
Wahrheiten, welche sie bei Gelegenheit von dem Philosophen hören mussten, sich
selbst zu keinem geringen Verdienst anzurechnen; aber sie glaubten auch dadurch
das Äusserste getan zu haben, was sich von ihres gleichen erwarten lasse, und
hielten sich durch diese Duldsamkeit ihrer an lauter Schmeichelei und Beifall
gewöhnten Ohren aller Verbindlichkeit überhoben, in ihren Urteilen oder
Handlungen auf besagte Wahrheiten die mindeste Rücksicht zu nehmen. Der gute
Agatobulus, wenn seine Gefälligkeit gegen die Grossen anders so uneigennützig
war als sie es in der Tat zu sein schien, verfehlte also seines Zwecks gerade
durch das, was er für das einzige Mittel hielt dieser Classe von Menschen
beizukommen. Man liess ihm seine Philosophie hingehen, weil der Witz und die
Laune, womit er sie würzte, seine Grillenfängerei (wie sie es nannten)
unterhaltend machte; aber um aller Wahrheiten willen, die er ihnen täglich und
oft mit grosser Freimütigkeit predigte, geschah nicht eine einzige Torheit,
Ungerechtigkeit und Schelmerei weniger in Alexandrien.
    Die zweideutige Figur, welche Agatobulus unter diesen Umständen machte,
bestärkte mich nicht wenig in dem Gedanken, dass die Philosophie, wenn sie unter
so verdorbnen Menschen, als unsre Zeitgenossen waren, wenigstens ihre eigne
Würde behaupten wolle, anstatt das Geringste von der Strenge und Austerität der
Heroen des cynischen Ordens nachzulassen, sie vielmehr, wo möglich, noch weiter
treiben, und den blossen Gedanken verschmähen müsse, den Schleier der Grazien
oder den Gürtel der Venus zu entlehnen, um sich zu einer gefälligen
Gesellschafterin dieser Menschen zu machen, deren strenge Richterin und
unerbittliche Zuchtmeisterin zu sein sie berufen sei. Solche Betrachtungen
konnten in einem Menschen meiner Art nicht lange müssig liegen. Die Erfahrungen,
durch welche ich in der ersten Hälfte meines Lebens gegangen war, hatten mein
Gemüt zu einer Art von Misantropie gestimmt, deren in der Tat nur solche
Menschen fähig sind, die, indem sie einem jeden mit Liebe, Zutrauen und
Wohlwollen entgegen kamen, entweder allentalben abgewiesen und zurückgestossen
wurden, oder, so oft sie sich den lockendsten Einladungen der Sympatie, den
verführendsten Anscheinungen von Aufrichtigkeit und Wahrheit überliessen, sich am
Ende so grausam getäuscht und betrogen sahen, wie dies in den wichtigsten
Verbindungen meines vergangnen Lebens mein Fall gewesen war. Ich glaubte die
Menschen zu hassen; aber im Grunde war es doch nur der Anteil den ich an ihnen
nahm, war es doch nur die Liebe zur Menschheit, was mich zum Entschluss brachte,
im ganzen Rest meines Lebens einen Weg einzuschlagen, der, anstatt mich für
alles was ich von den Menschen gelitten hatte zu rächen, zu nichts führen konnte
als mich selbst, ohne Gewinn für mich oder andere, zum Gegenstand ihres Hasses
zu machen. Denn wo anders hin hätte mich die Entschliessung führen sollen, mit
freiwilliger Uebernahme alles Ungemachs, das daraus erfolgen könnte, den
herrschenden Maximen und Sitten meiner Zeit offene Fehde anzukündigen, und alle
meine Reden und Handlungen zu einer immer währenden lebendigen Satyre auf die
Torheiten und Laster der Menschen um mich her, und vornehmlich auf diejenigen
zu machen, denen alle übrigen zu gefallen und zu schmeicheln beflissen waren?
                                    Lucian.
    In der Tat ist die heroische Entschliessung, sein Leben in einem
unaufhörlichen Kriege mit den Torheiten und Lastern, oder, was noch
gefährlicher ist, mit den Narren und Schelmen seines Zeitalters zuzubringen,
kein sonderliches Mittel sich beliebt zu machen, und ich könnte dir davon ein
Lied aus eigener Erfahrung singen. Indessen kommt es auch hierin, wie in allen
Dingen, auf ein wenig mehr oder minder, und vornehmlich auf die Sinnesart und
innere Stimmung desjenigen an, der sich dieser gefährlichen Profession widmet.
Ich gebe zu, dass es Fälle gibt, wo die wärmste Liebe zur Menschheit in eine Art
von Abscheu vor den Menschen, die uns umgeben, umschlagen kann. Aber ich zweifle
sehr, ob dies so leicht ohne Beimischung irgend einer sauren Leidenschaft von
der eigennützigen Art geschehe; und bei genauerer Untersuchung wird sich wohl
meistens finden, dass es gekränkte Eigenliebe, nicht Liebe zur Menschheit ist,
was diejenigen, die in der Jugend immer mit Übermass liebten, im Alter zu
Misantropen macht. Ich glaube dir nicht Unrecht zu tun, Freund Peregrin, wenn
ich annehme, dass es auch dir so ergangen sei, und dass an dem Heldenmute, womit
du die Torheiten und Laster deiner Zeitgenossen bekämpftest, ein wenig
Bitterkeit und versteckte Rachbegierde Anteil gehabt habe. Doch gestehe ich
gern, dass ich mir an einem zu Selbsttäuschungen so ausserordentlich aufgelegten
Sterblichen, auch ohnedies, sehr gut erklären kann, wie der blosse Gedanke,
allein gegen das ganze Menschengeschlecht zu stehen, und, als ein neuer
moralischer Hercules, sich durch Bekämpfung der sittlichen Ungeheuer, von denen
du die Welt verwüstet und geängstiget sahest, den Weg zu den Göttern zu
eröffnen, wie dieser Gedanke den Mann, dem bereits zwei grosse Versuche, sich
über die gewöhnliche Menschheit emporzuschwingen, so übel misslungen waren, zum
irrenden Ritter der cynischen Tugend machen konnte.
                                   Peregrin.
    Ich habe mich dir nun einmal Preis gegeben, Lucian, und nach allen
Bekenntnissen, die ich bereits abgelegt, würde eine Apologie für die, so ich
noch zu tun habe, sehr überflüssig sein. Warum sollte ich dir also nicht
unverhohlen gestehen, dass die seltsame Idee - oder Grille (wenn du sie lieber so
nennen willst), die sich meiner Imagination von früher Jugend an bemächtigt
hatte und durch meine Verbindung mit den Christianern nur anders gestaltet,
nicht verdrängt worden war, die Einbildung, oder, wie ich in ganzem Ernste
glaubte, das innige Bewusstsein meiner dämonischen Natur (welches mich unter
keinen Umständen gänzlich verlassen, und dann, wenn ich mich am tiefsten
niedergedrückt fühlte, immer am stärksten empor gehoben hatte), um diese Zeit
wieder mit neuer Lebhaftigkeit erwachte; dass ich mich kraft derselben wirklich
berufen fühlte, in einem geistigen und moralischen Sinne meinem Zeitalter das zu
sein, was der Tebanische Hercules dem seinigen gewesen war, und dass dies von
nun an die herrschende Vorstellung ward, die mich durch mein übriges Leben
führte, und mich zuletzt mit dem Gedanken begeisterte, es auf Herculische Art zu
Olympia in den Flammen zu endigen?
    Ein so hoher Beruf schien mir eine ganz besondere Vorbereitung zu
erheischen. Denn, wiewohl ich bei den Christianern mehrere Jahre lang ein sehr
strenges Leben geführt hatte, so warnte mich doch das, was mir mit Schwester
Teodosien im Gefängnis zu Antiochia begegnet war, zu stark vor der Möglichkeit
eines Rückfalls; und ich sah mich, auch ausser diesem, bei der neu erwählten
Lebensweise so manchen Anfechtungen anderer Leidenschaften ausgesetzt, dass ich,
um dem Dämon in mir eine unbeschränkte Gewalt über den Menschen, an welchen er
noch gebunden war, zu verschaffen, es schlechterdings bis zu der vollkommensten
Apatie bringen musste, deren ein eingefleischter Genius nur immer fähig ist. Ich
musste nicht nur Mangel an allen Bequemlichkeiten und, im Notfalle, selbst an
den Bedürfnissen des Lebens, Frost und Hitze, Hunger, Durst und alle Arten
körperlicher Schmerzen so leicht ertragen können, als ob es nicht ich, sondern
ein andrer wäre, der sie litte; ich musste nicht nur gegen alle Reize der
Sinnenlust und gegen alle Arten von Verführung so unempfindlich sein als ein
Marmorbild; ich musste es auch gegen die empfindlichste aller Beleidigungen,
gegen die Verachtung der Menschen sein. Alles dies erforderte vielfältige und
langwierige Uebungen, - Uebungen, welche mir (da es zu meinem Plan gehörte, bei
manchen derselben keine Zeugen zu scheuen) von vielen den Namen eines Narren und
Wahnsinnigen zuzogen, und zu dem, was dein Ungenannter von Elis (wiewohl mit
ziemlicher Ueberladung) davon erzählte, einen sehr natürlichen Anlass gaben.
    Ich zweifle sehr ob irgend einer von den heiligen Faunen und Satyrn, von
welchen die Tebaide bald nach unsern Zeiten bevölkert wurde, seinen Witz zu
Erfindung neuer Uebungen dieser Art eifriger angestrengt haben könne als ich.
Wirst du es mir wohl glauben, wenn ich dir sage: dass ich - um auf allen Fall
gewiss zu sein, dass ich auch die Probe, worauf die schöne Phryne die Weisheit des
Platonischen Xenokrates gestellt haben soll, rühmlich bestehen könnte - die
Selbstpeinigung so weit trieb, eine der reizendsten Hetären in Alexandrien eine
ganze Nacht durch neben mir liegen zu lassen, und dass ich wirklich so viel
Gewalt über mich und sie behielt, dass sie sich auch nicht des kleinsten Sieges
über meine Entaltsamkeit zu rühmen hatte?
                                    Lucian.
    Bravo, Freund Peregrin! Robert von Arbrissel12 ist also nicht nur nicht der
erste, der dieses gefährliche Experiment glücklich überstanden hat: er muss dir
den Vorzug auch deswegen lassen, weil er es zwischen zwei jungen zuchtvollen
Klosterschwestern anstellte; welches ohne Vergleichung leichter war, als neben
einer einzigen Priesterin der Venus Pandemos.
                                   Peregrin.
    Ich erwähnte dieser Anekdote bloss als einer Probe, wie Ernst es mir mit
meinen Uebungen war, und wie sauer ich es mir werden liess, meinem Vorbilde - dem
von Epiktet hinterlassenen Ideal eines ächten und vollkommnen Cynikers -
    Zug für Zug gleichförmig zu werden. Alle diese Sonderbarkeiten zogen mir
zwar, wie gesagt, unter einem so verfeinerten und üppigen Volke wie die
Einwohner von Alexandria waren, einen sehr zweideutigen Ruf zu; aber es fanden
sich doch auch mehrere, die den Charakter einer hohen und beinahe mehr als
menschlichen Weisheit darin zu sehen glaubten, und von mir als einem neuen
Sokrates, Antistenes und Epiktetus sprachen. Auch fehlte es mir (wiewohl
Agatobulus selbst sich einige Spöttereien, die von Mund zu Mund in der Stadt
herumgingen, gegen mich erlaubt hatte) nicht an Schülern, die von dem
Entusiasmus, womit ich ihnen von der Würde, Freiheit und Eudämonie eines nach
den strengsten Grundsätzen des wahren Cynismus geführten Lebens sprach, um so
mehr überwältiget wurden, da sie bei mir eine Uebereinstimmung zwischen Lehre
und Ausübung wahrnahmen, welche an der prunklosen Weisheit des von allen
Extremen gleich weit entfernten Agatobulus nicht so stark in die Augen fiel.
    Ich hatte bereits über zehen Jahre (einige Reisen in Oberägypten und zu den
Aetiopischen Gymnosophisten abgerechnet) in dieser Lebensart zu Alexandrien
zugebracht, als ich mit einem jungen Römer von Rang und grossem Vermögen, Namens
Cejonius, bekannt wurde, der an meiner Person und an meinen Reden
ausserordentlich viel Geschmack zu finden schien, und, nach langem Widerstand,
endlich von mir erhielt, dass ich ihn nach der Hauptstadt der Welt begleitete;
welcher es, wie er sagte, seit dem berühmten Demetrius13 (dem Freunde eines
Pätus14 und Seneca) an einem Manne gefehlt habe, der mitten in diesem
unendlichen Strudel von prachtvoller Sklaverei Aufwartungen und Gastmählern,
Sykophanten, Schmeichlern, Giftmischern, Erbschleichern und falschen Freunden
(wie er die Stadt Rom mit den Worten deines Nigrinus15 schilderte), den Mut
hätte, einem jeden die Wahrheit zu sagen, und, unter dem buntesten Gewühl und
Gedränge aller Arten von Toren, Gecken und Narren, das Leben eines Weisen zu
leben.
    Ich kann es ruhig deiner eigenen Schätzung überlassen, lieber Lucian, wie
viel Anteil meine Eitelkeit - eine Schwachheit, von welcher ich mich darum
nicht frei sprechen möchte, weil ich mir ihres Einflusses auf meine
Entschliessung nicht bewusst war - an meiner Gefälligkeit gegen das unabweisliche
Anhalten meines jungen Römers hatte. Der Zauberspiegel in meinem Kopfe, worin
ich alles sah, und so oft falsch sah was die gemeinsten Menschen mit blosser
Hülfe ihrer Leibesaugen richtig sehen, stellte mir freilich, ungeachtet der
wenig geschmeichelten Abschilderungen, die mir mein edler Freund von der Königin
des Erdkreises machte, alles ganz anders vor, als ich es in der Folge aus
Erfahrung kennen lernte. Ich könnte jetzt noch über mich selbst lachen, wenn ich
mich erinnere, mit was für Hoffnungen ich meinen jungen Führer nach Italien
begleitete, und wie ich albern genug war, mir einzubilden, dass Peregrinus
Proteus von Parium nicht ein Jahr zu Rom gelebt haben werde, ohne eine mächtige
Umgestaltung in den Sitten und der Denkart der ausgearteten Quiriten
hervorgebracht zu haben. Aber ein Kopf wie der meinige konnte auch nur durch
unangenehme Gefühle überführt werden, dass er sich selbst immer zu viel zutraue,
und von andern immer mehr erwarte als sie leisten wollten oder konnten.
    Das erste, worin ich mich hässlich betrogen fand, war der Charakter des
jungen Römers, dem ich mich anvertraut hatte. Die frühzeitige Cultur, welche
seinesgleichen zu erhalten pflegen, gab ihm, sobald er wollte, einen Anschein
von Reife, von dem ich mich um so leichter hintergehen liess, weil in der
Anhänglichkeit, die er mir zeigte, wirklich etwas Persönliches war. Ich
schmeichelte mir, einen jungen Mann von so glücklichen Anlagen nach und nach
völlig gewinnen zu können, und, da er sowohl durch sein grosses Vermögen als
durch die Verwandtschaft seines Hauses mit dem kaiserlichen zu den ersten
Stellen im Reiche berufen war, ihn zum Werkzeuge der grossen Reformation zu
machen, von welcher ich mir in meiner Einsamkeit zu Alexandrien einen schönen
Plan geträumt hatte, dessen Realisirung lediglich von der einzigen kleinen
Bedingung abhing, den regierenden Teil der Welt in Weise und den gehorchenden
in Patrioten zu verwandeln.
                                    Lucian.
    Ein artiges kleines Project!
                                   Peregrin.
    Unglücklicherweise hatte mein edler Römer, der mich zu Alexandrien mit so
vielem Vergnügen über Staats- und Sittenverbesserung und über alles, was in
dieses Fach (worüber sich so schöne Dinge sagen lassen) einschlug, declamiren
hörte, keinen Begriff davon, dass solche Discurse einen andern Gebrauch und Zweck
haben könnten, als in müssigen Stunden zu einer leidlichen Unterhaltung zu
dienen. Überdies lebte er zu Rom in einem solchen Wirbel von Zerstreuungen, dass
ich ihn, ausser dem Tafelzimmer, sehr selten und immer nur auf Augenblicke zu
sprechen bekam. Kurz, es zeigte sich in wenig Wochen, dass er, indem er einen
Griechischen Philosophen in seinem Hause unterhielt, sich eigentlich nur einer
damals herrschenden Mode fügen wollte, und dass seine Wahl bloss darum auf mich
gefallen war, weil er auf seinen Reisen keinen andern gefunden hatte, der ihm
besser anstand, und mit dem er sich zu Rom mehr Ehre machen zu können glaubte.
Denn der Contrast, den mein Aeusserliches mit meinem cynischen Aufzug machte,
konnte für eine Art von Seltenheit gelten; und der junge Herr schien sich nicht
wenig darauf einzubilden, einen Hausphilosophen zu besitzen, von welchem
jedermann gestehen musste, dass er einer Büste des Pytagoras, die in seiner
Bibliotek parodirte, so ähnlich sehe, als ob sie von ihm abgeformt wäre. Ich
habe dir, lieber Lucian, schon zu viel gebeichtet, das meiner Klugheit nicht zur
Ehre gereicht, um dir zu verschweigen, dass es eine ziemliche Zeit währte, bis
ich über mein Verhältnis mit dem edeln Cejonius im Klaren war: aber von dem
Augenblick an, da ich es war, hörte auch, meiner alten Gewohnheit nach, alle
Gemeinschaft zwischen uns auf. Ich verliess sein Haus auf der Stelle, und, nicht
zufrieden, ihm selbst, mit aller Bitterkeit der gedemütigten Eigenliebe, sehr
derbe Wahrheiten ins Gesicht gesagt zu haben, glaubte ich der Philosophie noch
die Genugtuung schuldig zu sein, öffentlich gegen ihn und die edle Römische
Jugend, die ich in seinem Hause kennen gelernt hatte, in einem sehr heftigen
Tone loszuziehen. Ein Betragen, wodurch ich meinen gewesenen hohen Freund zu
bittern Klagen über meine Undankbarkeit berechtigte, und den ersten Grund zu
mancherlei Unannehmlichkeiten legte, die ich während meines Aufentalts in Rom
zu erdulden hatte. Ohne Zweifel würden die Folgen der Unklugheit, die ich bei
dieser Gelegenheit zu Tage legte, noch verdriesslicher für mich gewesen sein,
wenn Cejonius und sein Anhang sich nicht vor dem erklärten Tronfolger, dem
Cäsar Marcus Aurelius, gescheuet hätten, unter dessen unmittelbarem Schutze
gewissermassen alle Philosophen des stoischen und cynischen Ordens standen, und
unter dessen Hausgenossen ich einige warme Freunde hatte.
 
                               Neunter Abschnitt.
                                   Peregrin.
    Ich übergehe, um deine Geduld zu schonen, lieber Lucian, verschiedene
Begebenheiten, die mir in den drei bis vier Jahren, welche ich in Italien,
teils zu Rom, teils bei meinen Bekannten auf dem Lande lebte, zugestossen sind.
Aber eine einzige wird dir selbst vielleicht eine Ausnahme zu verdienen
scheinen, wenn ich dir sage, dass es nichts Geringeres war, als ein kleines
Abenteuer mit der einzigen Tochter des Kaisers, Faustina, welche damals schon
einige Jahre mit seinem angenommenen Sohne Marcus Aurelius vermählt war, aber
noch in der vollen Blüte der Jugend und Schönheit stand.
    Es wird dir nicht unbekannt sein, in was für einen schlimmen Ruf die Sitten
dieser Dame bei der Nachwelt gekommen sind, ohne dass weder die zärtliche Achtung
ihres Gemahls, welche sie bis an ihren Tod besass, noch die ausgezeichneten
Ehrenbezeugungen, die der Senat ihrem Andenken erwies, einige Unvorsichtigkeiten
vergüten konnten, wodurch sie in ihren jüngern Jahren die Verleumdung gegen sich
gereizt hatte. Ich kann mich nicht von dem Vorwurfe frei sprechen, zu einer
Zeit, da ihr Charakter einem Menschen meiner Art notwendig in einem sehr
zweideutigen Licht erscheinen musste, selbst nicht wenig dazu geholfen zu haben,
dass das Römische Publicum (dessen herrschende Sitten dem Glauben an die Tugend
der Frauen vom ersten Rang ohnehin wenig günstig waren) um so geneigter ward,
die nachteiligsten Anekdoten, die auf Unkosten der schönen Faustina
herumgetragen wurden, glaublich zu finden. Allein, seitdem der Scheiterhaufen zu
Alpine den Zunder der Leidenschaften in mir verzehrt hat, sehe ich auch diese
liebenswürdige Römerin und ihr Betragen gegen mich in einem andern Lichte, und
finde mich - schon nach dem, was mir selbst mit ihr begegnet ist - sehr geneigt
zu glauben, dass ihr wenigstens durch die Gerüchte, welche sie mit den Poppeen
und Messalinen in Eine Linie stellten, grosses Unrecht geschehen sei. Doch, du
magst selbst von der Sache urteilen.
    Ungeachtet der ungeheuern Grösse der Stadt Rom, und der Schnelligkeit, womit
eine unendliche Menge aus allen Weltgegenden zusammengeflogener Menschen, deren
jeder seinen eigenen Zweck verfolgte, sich wie Meereswogen durch und über
einander herwälzten, war doch der Cyniker, welchen Cejonius aus Aegypten (dem
Vaterlande so vieler Wunderdinge) mitgebracht hatte, eine Erscheinung, die in
gewissen Cirkeln eine Art von flüchtiger Aufmerksamkeit erregte. Beinahe ein
jeder, der ihn gesehen hatte, wusste irgend etwas Lächerliches oder Seltsames,
irgend eine kleine, wahre oder falsche Anekdote von ihm zu erzählen, wodurch
diese Neuigkeit aus Afrika dem müssigen Teile des Publicums interessant wurde.
Jedermann wollte den Cyniker mit dem Pytagoraskopfe kennen lernen, um sagen zu
können dass er ihn auch gesehen habe; und es fehlte wenig, dass man nicht den
Kaiser selbst anging, zu befehlen, dass er an dem ersten besten Feste, unter
andern eltsamen Tieren, die aus allen Enden der Welt nach Rom
zusammengeschleppt wurden, dem Volke im Circus vorgezeigt werden sollte.
    Es konnte also nicht fehlen, dass endlich auch die Prinzessin, deren stärkste
und vielleicht einzige Leidenschaft war, immer mit einer neuen Puppe zu spielen,
neugierig ward, sich mit meiner Wenigkeit in Bekanntschaft zu setzen. Aber so
leicht dies an sich selbst zu sein schien, so hatte die Sache doch ihre
Schwierigkeiten; denn man beschrieb ihr das philosophische Wundertier als
ungewöhnlich scheu und störrig. Besonders, sagten ihre Kammerfrauen, äussere es
eine Antipatie gegen das weibliche Geschlecht, welche, wie man wahrgenommen
habe, mit der Schönheit und Jugend der Damen in gleichem Verhältnis stehe, und
also für die Neugier der Prinzessin gar leicht unangenehme Folgen haben könne.
Man erzählte ihr verschiedene Beispiele dieser seltsamen Misogynie16, welche
wirklich nicht ohne Grund waren: aber bei Faustinen war dies gerade ein
Beweggrund mehr, sich von einer so unglaublichen Wirkung der Schönheit durch den
Augenschein zu überzeugen. Sie wohnte während der schönsten Monate des Jahres
gewöhnlich in den Sallustischen Gärten, deren anmutige Lustwäldchen ich in der
heissen Tageszeit öfters zu besuchen pflegte. Ihre Neugier blieb also nicht lange
unbefriedigt. Man sagte mir dass sie mich zu sprechen wünschte, und, da ich mich
dessen unter keinem schicklichen Vorwande weigern konnte, so liess ich mich,
wiewohl ungern, in einen kleinen Gartensaal führen, wo ich sie mit zwei oder
drei von ihren vertrautern Gesellschafterinnen bei einer tändelnden Art von
Arbeit antraf. Ihre Schönheit, wiewohl sie das untadeligste Modell zu einer
Göttin der Liebe abgeben konnte und mit einem einladenden Ausdruck von
Gefälligkeit und Guteit verbunden war, machte, vielleicht eben dieses Ausdrucks
wegen, beim ersten Anblick nur einen schwachen Eindruck auf mich. Aber desto
mehr schienen die Damen in ihrer Erwartung getäuscht zu sein, da sie, anstatt
eines rauhen, übel gekämmten und ungeschliffnen Cynikers, einen Menschen vor
sich sahen, der in guter Gesellschaft gelebt zu haben schien, nach Griechischem
Costume anständig gekleidet war, und seinem äusserlichen Ansehen und Betragen
nach keine Gelegenheit zu den feinen Spöttereien gab, womit sich eine von ihnen
zur Belustigung der Prinzessin bewaffnet hatte, und die bei meinem Eintritt
schon auf ihren Lippen schwebten. Kurz, ich sah dass der Pytagoraskopf auf den
Schultern eines Mannes, den die Venus Mamilia vor dreissig Jahren zu ihrem Adonis
gewählt hatte, seine Wirkung tat. Aber die Unterredung gewann nichts dadurch an
Lebhaftigkeit: und da der Philosoph die gute Meinung, die man auf Empfehlung
seines Aeusserlichen von ihm gefasst zu haben schien, durch die Einsylbigkeit
seiner Antworten auf alle Fragen, die man an ihn richtete, wenig aufmunterte; so
wurde er zu seinem grossen Troste ziemlich bald wieder verabschiedet, ohne dass
man auch nur den leisesten Wunsch äusserte, die angefangene Bekanntschaft
fortzusetzen.
                                    Lucian.
    Ich liebe die Abenteuer, die einen so trocknen Anfang haben: und ich müsste
mich sehr irren, wenn diese anscheinende Kälte nicht einen geheimen Anschlag
gegen deine Weisheit verbarg, der bereits in dem leichten Gehirnchen der schönen
Faustina brütete.
                                   Peregrin.
    Ich wenigstens war damals weit entfernt, so etwas zu argwohnen. Wir sahen
uns indessen nach dieser ersten Zusammenkunft zufälliger Weise noch öfters in
den Sallustischen Gärten. Der sanfte Reiz, der alles, was die schöne Faustina
sagte und vornahm, wie verstohlner Weise begleitete, ihre immer währende
Heiterkeit und Fröhlichkeit, der gänzliche Mangel an allen Ansprüchen, welche
sie als die einzige Tochter des Kaisers zu machen hatte, mit einer Guterzigkeit
und schönen Einfalt verbunden, die an einer Römerin von ihrem Stande und aus
diesem Zeitalter noch unendlichemal überraschender war als der Pytagoraskopf an
einem Cyniker, - das alles überschlich mein Herz unvermerkt. Die schöne Faustina
ward mit jeder Unterredung schöner in meinen Augen: und da sie mir eben so
empfänglich als geneigt schien, ihrem Geist eine Art von Ausbildung geben zu
lassen, wodurch sie (wie sie sagte) der Ehre, die Gemahlin eines Marc-Aurels zu
sein, würdiger zu werden hoffte; so liess sich dein alter Schwärmer - das wahre
tribus Anticyris insanabile caput17 des Horaz - ohne Bedenken überreden, dieses
gefährliche Amt bei einer jungen Fürstin zu übernehmen, deren wahrer Charakter,
ungeachtet aller Aufschlüsse, die er durch die Kallippen, Mamilien und Diokleen
über das grosse Rätsel des weiblichen Herzens erhalten zu haben glaubte, etwas
ganz Neues für ihn war.
    Bei allem dem war das, was ich für die liebenswürdige Faustina fühlte, so
rein und unschuldig, hatte so wenig Leidenschaftliches, und glich, mit Einem
Worte, so sehr der Liebe eines zärtlichen Vaters für eine gutartige Tochter, dass
ich unmöglich in die mindeste Unruhe darüber geraten konnte. Aber eben diese
Ruhe meines Herzens war es, was Faustinen - welche wirklich (wie du sagtest)
einen kleinen schelmischen Anschlag gegen meine Weisheit in der Arbeit hatte,
und in der Ausführung ihrer launischen Einfälle ziemlich ungeduldig war - den
bösen Gedanken eingab, dass sie schlechterdings die unterste von den drei Seelen
18, welche Plato den menschlichen Körper bewohnen lässt, auf ihre Seite ziehen
müsse, wenn sie den Triumph über die Apatie ihres Philosophen erhalten wollte,
worauf sie nun einmal ihren Sinn gestellt hatte, und worüber es (wie ich in der
Folge erfuhr) zwischen ihr und einer vertrauten Freundin eine grosse Wette galt.
    Sie veranstaltete es also mit dem Zufall so geschickt, dass ich sie einsmals
an einem sehr heissen Tage, in der einsamsten Grotte ihrer Gärten auf einer mit
Rosen dicht bestreuten Moosbank, ziemlich leicht bekleidet schlummern fand. Es
war der schönste Anblick, der meinen Augen jemals gewährt worden war; wenigstens
däuchte es mir so, da die Zeit die Bilder ehemaliger Visionen dieser Art zu matt
gemacht hatte, um von dem lebendigen Eindruck der gegenwärtigen nicht
ausgelöscht zu werden. Ich verweilte zwar nicht lange: aber meine Apatie war
erschüttert; die Erinnerungen an diesen Augenblick schwächten die Gewalt, welche
meine Vernunft durch eine vieljährige Uebung in der strengsten Entaltsamkeit
über meine Einbildung erhalten hatte; und, wiewohl ich weder jung noch töricht
genug war, einer unziemlichen Leidenschaft für die Gemahlin eines Marc-Aurels
Raum zu geben, so blieb es doch nicht mehr in meiner Macht, sie bei unsern
fortgesetzten Zusammenkünften mit so unbefangenen Augen wie ehemals anzusehen.
    Diese Veränderung konnte der Prinzessin nicht lange verborgen bleiben. Sie
liess zwar nichts davon gewahr werden, dass sie ihren Lehrer bei jeder
Zusammenkunft wärmer, belebter und unterhaltender fand; aber sie hielt sich von
nun an gewiss, ihre Wette gewonnen zu haben, und beschleunigte die Ausführung
ihres Plans. Einsmals fand ich sie mit einem Buche auf dem Schoss, in dessen
Lesung sie so vertieft schien, dass ich ihr schon ganz nahe war, ehe sie meine
Gegenwart bemerkte. Du hättest zu keiner gelegnern Zeit kommen können, sagte
sie, um mir zur Gewissheit zu helfen, ob ich die Teorie einer sehr sublimen
Dame, die mich schon seit einer halben Stunde unterhält, recht begriffen habe
oder nicht. - Das Buch, worin sie las, war Platons Symposion, und also Diotima
die Dame, von welcher die Rede war. Diese schöne und geistige Art von Liebe,
welche man, mit undankbarer Verschweigung ihrer wahren Erfinderin, die
Platonische zu nennen pflegt, ward nun der Gegenstand einer Unterredung, welche
mich, der schönen Faustina und einer Gruppe der Grazien von Praxiteles
gegenüber, unvermerkt in die Gemütsstimmung meiner ersten Jugend versetzte.
    Ich war vielleicht der einzige Mensch in der Welt, der einer Frau, wie diese
die ich vor mir hatte, in solchem Ernst und mit so vielem Feuer von der
Möglichkeit einer unkörperlichen Liebe zu der liebeswürdigsten aller Frauen, das
ist, (wie ich ihr deutlich genug zu verstehen gab), zu ihr selbst, sprechen
konnte. Faustina schien eben so vergnügt als verwundert darüber zu sein, zum
erstenmal in ihrem Leben einen Mann von einer so feinen und mit ihren Begriffen
so übereinstimmenden Denkungsart zu finden: aber sie konnte nicht umhin, dem
Schüler der Diotima, mit einer Miene, worin Naivetät und Schalkheit sich
zugleich mit einer ihr eigenen Grazie ausdrückten, einige Zweifel über die
Möglichkeit, eine so geistige Art von Liebe auf beiden Teilen in die Länge
auszuhalten, zu zeigen.
    Das Unmöglichste für mich war, in diesem Augenblicke an Kallippen und
Mamilien zu denken, die mich über diesen Punkt billig etwas behutsamer hätten
machen sollen; und es konnte also nicht fehlen, dass ich in einige Verwirrung
geriet, da sie mir mit einem Blicke, der in den Grund meiner Seele zu dringen
schien, sagte: wer mit solcher Gewissheit, wie ich, von dieser Sache sprechen
könne, müsse Erfahrungen gemacht haben, die ihn dazu berechtigten; und ich würde
es sehr verzeihlich finden, wenn sie mir ihre Neugier über diesen Teil meiner
Lebensgeschichte nicht verbergen könnte.
    In der Tat kam sie, nachdem wir einmal so tief in diese Materie gekommen
waren, und meine Verwirrung ihr gar leicht meine Aufrichtigkeit hätte verdächtig
machen können, mit ihrem Wunsche dem meinigen entgegen. Ich versprach ihr also
eine getreue und umständliche Erzählung der Begebenheiten meiner Jugend, die ihr
(wie ich unbesonnen genug war hinzuzusetzen) beweisen würden, was ich schon
damals fähig gewesen wäre, wenn ich das Glück gehabt hätte, eine Diotima mit
Faustinens Gestalt und Reizen anzutreffen. Sie schien dieses Compliment gerade
so aufzunehmen, wie ich es wünschen konnte. Einer der nächsten Tage wurde dazu
bestimmt, den Anfang meiner Erzählung zu machen; und man entliess mich mit
Zeichen von Zufriedenheit, die auch ein weniger Platonischer Liebhaber ohne
grosse Unbescheidenheit für Aufmunterungen hätte nehmen können.
    Du siehest ohne mein Erinnern, lieber Lucian, dass ich mich durch diese
unvorsichtige Gefälligkeit gegen die Neugier der schönen Faustina in ein
schlimmes Abenteuer hatte verwickeln lassen. Unter den Augen einer so
liebenswürdigen Zuhörerin meine Einbildung durch die lebhafteste Versetzung in
die Zauberscenen meiner Jugend in Flammen setzen, hiess die Kerze, wie man zu
sagen pflegt, an beiden Enden anzünden. Faustina, unter deren so lieblich
lächelnden Gesichtszügen ich keine Schalkheit ahndete, trug alles, was sie, ohne
sich gar zu bloss zu geben, beitragen konnte, dazu bei, das Platonische Feuer,
das im Busen ihres schwärmerischen Philosophen loderte, immer stärker
anzufachen. Die Erzählung, durch häufige Digressionen und Erörterungen
unterbrochen, ward alle Minuten zum Dialog, und dieser zuletzt so interessant,
dass er Ergiessungen des Herzens (denn die Platonische Liebe hat ja auch die
ihrigen) nötig machte, welche durch die Gegenwart der kleinen Sklavinnen, deren
die Prinzessin bei unsern Zusammenkünften immer drei oder vier um sich herum
schwärmen hatte, nicht wenig gehindert wurden.
    Natürlicherweise war Faustina durch meine Bekenntnisse in ihren Zweifeln an
der Möglichkeit der Platonischen Liebe vielmehr bestärkt als davon geheilt
worden. Sie machte mir kein Geheimnis daraus; und gleich wohl schien sie sich
der meinigen mit einem so kindlich unschuldigen Zutrauen zu überlassen, dass sie
die Voraussetzung eines sympatetischen Gefühls, in dessen Reinigkeit ihr
Bewusstsein sie kein Misstrauen setzen liess, beinahe unvermeidlich machte.
                                    Lucian.
    Ich wundere mich nicht, Freund Peregrin, warum du immer, sogar bis in den
Jahren, wo man gewöhnlich an die Gunst der Schönen keine Ansprüche mehr zu
machen hat, von den reizendsten dieses Geschlechts, das von unsrer guten Meinung
von ihm so viele Vorteile zu ziehen weiss, so ausserordentlich begünstiget
wurdest. Denn - bei der kindlichen Unschuld der immer lächelnden Faustina! - nie
ist ein Sterblicher mit einer glücklichern Anlage, immer das Beste von ihnen zu
denken, geboren worden als du.
                                   Peregrin.
    Betört von dem süssen Wahne, der mir dieses Compliment von dir zugezogen
hat, ward ich nun immer weniger gewahr, was für ein gefährlicher Gegenstand eine
Seele, deren Schönheiten mit den Reizen ihres materiellen und animalischen
Teils so zart verwebt oder vielmehr so unmerklich in einander verschmelzt
waren, für einen Platonischen Liebhaber sei, der dem Unglück, beide Arten von
Reizen alle Augenblicke mit einander zu verwechseln, so sehr ausgesetzt war wie
ich; und unstreitig war es in einem solchen Augenblick, wo mich die Weisheit so
sehr verliess, dass ich der Prinzessin von dem Zwange sprach, den die einzige
Tagesstunde, welche sie mir (unter dem Vorwande des Unterrichts in der
Philosophie) widmete, und die kleinen Nymphen, die immer dabei gegenwärtig
waren, dem freien Umtausch der Empfindungen unsrer Seelen auferlegten. Sie
schien dies eben so gut als ich zu fühlen, aber verlegen zu sein, wie es anders
eingerichtet werden könnte. Sollte, sagte ich endlich, die keusche Luna, deren
gute Dienste so oft von den gewöhnlichen Liebhabern angerufen werden, sich nicht
erbitten lassen, einem Eingeweihten in den Mysterien der höhern Liebe günstig zu
sein? - Warum nicht? erwiederte Faustina lächelnd. Wenigstens gebe ich dir,
setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu, meine Einwilligung, wenn du es auf
dich nehmen willst, auch mich in diesen erhabenen Mysterien einzuweihen.
    Die schlaue Dame hatte mich, wie du siehest, unvermerkt auf einen Weg
gebracht, worauf sie ihr mir damals noch unbekanntes Ziel schwerlich verfehlen
konnte. Sie erlaubte mir, unter der Leitung der jungfräulichen Göttin - deren
Liebe zu Endymion ganz gewiss, trotz den Lästerungen der Mytologen, ebenfalls
von der Platonischen Art gewesen sei - die Sallustischen Gärten auch zu einer
ungewöhnlichen Zeit zu besuchen, und liess mich hoffen, dass ich sie zu einer
gewissen Stunde, in dem Myrtenwäldchen, das einen kleinen offnen Tempel der
Grazien umgab, nicht umsonst erwarten würde.
    So viel ich mich erinnere, begünstigte sie mich mit drei oder vier solchen
nächtlichen Zusammenkünften. Sie, welche (wie sich's am Ende auswies) nichts
dabei wagte, blieb immer sich selbst gleich, immer so heiter und sanft, so
herablassend gefällig und teilnehmend als ich sie stets gefunden hatte: aber
für meine Apatie19 war diese Probe zu stark. Es gab Augenblicke, wo der Drang
alles dessen, was ich für sie empfand, meine Brust zu zersprengen drohte; und
mehr als Einmal war ich, unter dem fürchterlichen Kampf zwischen dem
Ueberschwang des Gefühls, das mich zu ihren Füssen werfen wollte, und der
Ehrfurcht und Scham, die mich mit gleich grosser Gewalt zurückzogen, in Gefahr
ohnmächtig vor ihr hinzusinken. Aber jedesmal war dies auch der Augenblick wo
sie mich, unter dem Vorwande dass mir die Nachtluft nicht länger zuträglich
scheine, mit dem Ausdruck der zärtlichsten Besorgnis für meine Gesundheit auf
der Stelle nach Hause schickte.
    Der Mond hörte endlich auf, diese nächtlichen Unterredungen zu begünstigen.
Ich konnte mich nicht entalten, ihr meinen Schmerz über den Verlust so seliger
Stunden auf eine Art zu erkennen zu geben, die mich zum Mitleiden einer Frau,
die mir schon so viel Güte gezeigt hatte, berechtigte. Du bist für einen
Endymion ein wenig dringend, mein lieber Proteus, sagte sie: doch, ich
beurteile deine Empfindungen nach den meinigen. Auch ich entsage diesen
angenehmen Unterhaltungen zwischen Seele und Seele, die durch das Elysische
einer stillen Mondnacht so schön befördert werden, ungern: aber, was kann ich
tun, sie dir zu ersetzen?
    Ein tiefer Seufzer war alles, was der bezauberte Wahnsinnige darauf
antworten konnte.
    Ich will sehen was möglich ist, fuhr sie nach einigem Bedenken fort; du
sollst in kurzem wieder von mir hören. Aber, wenn ich mich nun, um deinen und
meinen Wunsch zu befriedigen, genötiget fände, deinen Platonismus auf eine
etwas harte Probe zu stellen?
    Ich glaubte zu erraten was sie damit sagen wollte, und schwor ihr bei der
himmlischen Cytere und den Grazien des Sokrates, sie würde, auf welche Probe
sie mich auch stellen wollte, niemals Ursache finden, sich ihr Zutrauen gegen
mich gereuen zu lassen.
    Die schöne, aber ein wenig leichtfertige Gemahlin des Kaisers Marcus war nun
am Rande der Ausführung ihres Plans. Sie spielte mir übel mit, und ich hab' es
ihr längst vergeben: aber was ich mir selbst nie vergeben werde, war die
Blindheit, mit welcher ich in ihre -
                                    Lucian.
    - von dir selbst gewebten -
                                   Peregrin.
    - Schlingen fiel. - Gut! - auch dies vermehrt die Vorwürfe, die ich mir zu
machen habe.
                                    Lucian.
    Wunderliche Seele! wozu? Sie kommen nun zu spät; und es ist, däucht mich,
klar, dass deine Eitelkeit damals eine solche Demütigung noch nötig hatte.
                                   Peregrin.
    Wie gross auch meine Schuld bei diesem allen war, so würdest du mir doch
Unrecht tun, wenn du glaubtest, dass ich, mitten in diesen Ausschweifungen
meiner Leidenschaft für die schöne Faustina, mich auch nur des leisesten
Anschlags auf ihre Tugend schuldig gemacht hätte. Im Gegenteil, meine
Schwärmerei (wie du es nennen wirst) ging so weit, dass ich, falls es möglich
sein sollte dass Faustina schwach würde, fest entschlossen war, ihrer guten Seele
mit der meinigen zu Hülfe zu kommen, und dass ich sogar auf diesen Fall hin eine
Menge der sublimsten und herzrührendsten Sachen, die ich ihr sagen wollte, in
Bereitschaft hielt.
                                    Lucian.
    Dies, lieber Peregrin, werde ich, - der ich in meinem Leben nie der Tugend,
sondern nur der falschen oder übertriebenen Anmassungen einer dem Menschen nicht
gegebenen Vollkommenheit gespottet habe - dies, Peregrin, werde ich nie
Schwärmerei nennen. Aber dass du dich vorsetzlich in den Fall setztest, dir
selbst vielleicht nicht Wort halten zu können; dass du, nach so manchen
Erfahrungen des Gegenteils, - auf den blossen Triumph hin, den dein Eigensinn
über eine Alexandrinische Hetäre erhalten hatte - dir selbst eine Stärke
zutrautest, die sich kein Sterblicher eher, als bis er ohne seine Schuld in dem
Fall ist ihrer zu bedürfen, zutrauen soll: das nenne ich Schwärmerei!
                                   Peregrin.
    Gib dich zufrieden, Freund Lucian! du wirst mich streng genug dafür büssen
sehen. Es vergingen einige Tage, ohne dass ich die Prinzessin auf ihren
gewöhnlichen Spaziergängen wieder zu sehen bekam, wiewohl ich sie überall,
selbst in der Grotte, wo ich sie einst schlafend gefunden hatte, aufsuchte. Aber
am vierten oder fünften Tage nach unsrer letzten Zusammenkunft, da ich zur
gewöhnlichen Morgenstunde in einem Gange, der zum Tempel der Grazien führte,
traurig auf und nieder ging, fiel ein Granatapfel vor mir nieder, in dessen
Krone ich ein kleines Papier stecken fand. Ich entfaltete es mit zitternder
Freude, und las ungefähr folgende Worte: »Du kannst die ausserordentliche Probe,
die du von meinem Vertrauen auf deine Gesinnungen erwartest, nicht lebhafter
wünschen, als ich wünsche, was ich für dich tue durch dein Betragen
gerechtfertigt zu sehen. Hast du noch Mut, die Probe, worauf ich dich dadurch
stelle, zu bestehen, so finde dich eine Stunde vor Mitternacht bei dem
Seitenpförtchen ein, das aus der Galerie des Apollo in die Rosengebüsche führt,
und folge dem, den du daselbst antreffen wirst.«
    Beides, die hohe Meinung, die ich von der Unschuld und Güte der schönen
Faustina hegte, und das Vertrauen auf die Stärke meines eigenen Vorsatzes, war
zu gross, als dass mein Entzücken über diesen mehr gewünschten als gehofften
Beweis ihrer Gesinnung gegen mich durch den mindesten Zweifel hätte unterbrochen
werden können. Die Zwischenzeit, die einem andern Liebhaber eine Ewigkeit
geschienen hätte, verfloss mir unter wonnevollen Vorgefühlen unvermerkt; kaum
hatte ich mich in den schönsten Tagen meiner Jugend, selbst im heiligen Haine
der Venus Urania zu Halikarnass, so entkörpert, so ganz Dämon gefühlt, als in der
Erwartung dieser heiligen Mitternachtsstunde, in welcher der Bund einer ewigen
Liebe zwischen der schönsten aller Seelen und der meinigen beschworen werden
sollte.
    Sie kam endlich. Die kleine Pforte öffnete sich; eine junge Sklavin nahm
mich bei der Hand, und führte mich durch eine Menge dunkler Gänge in ein hell
erleuchtetes und fürstlich ausgeschmücktes Gemach, dessen offne Mitteltür in
eine Reihe kleiner Zimmer führte, welche ich zu durchwandern hatte, um zu der
Göttin zu gelangen, die in dem letzten derselben ihres seligen Endymions
wartete. In jedem der Zwischengemächer, aus welchen mir der lieblichste
Wohlgeruch entgegen duftete, nahm die Beleuchtung stufenweise ab, bis sie
zuletzt in dem Cabinette, wo ich Faustinen zu finden glaubte, in die sanfteste
Dämmerung zerfloss. Sie lag auf einem prächtigen Ruhebette, in eben dem leichten,
aber äusserst zierlichen Anzug und in eben der schönen Lage, worin ich sie in der
unglücklichen Grotte gesehen hatte.
                                    Lucian.
    Armer Proteus, das war zu viel!
                                   Peregrin.
    Ein halb durchsichtiger Schleier verhüllte einen Teil ihres Gesichts und
des schönsten Busens, den Amors Hand je geformt hatte. Mit immer stärker
klopfendem Herzen hatte ich mich langsam herbeigeschlichen; aber dieser erste
Anblick überwältigte mich gänzlich. Ich warf mich zu ihren Füssen, und - o
Faustina! göttliche Faustina! - war alles, was ich in meiner Entzückung
hervorbringen konnte, indem ich eine ihrer mir dargebotnen schönen Hände mit
glühenden Küssen bedeckte.
    In dem nämlichen Augenblick hörte ich ein lautes Gelächter, das Cabinet
wurde plötzlich so hell als der Tag, und die wahre Faustina rauschte hinter
einem Vorhang hervor, und sagte zu einer andern Dame, die ihr folgte: »ich habe
die Wette gewonnen, Flaviana! - und du, guter Proteus, vergib mir diese kleine
Hinterlist! Ich überlasse es deiner eignen Philosophie, die Moral aus diesem
Platonischen Abenteuer zu ziehen, die für dich die zuträglichste sein mag.« -
Und hiermit eilte sie mit ihrer lachenden Freundin davon, und liess mich in einer
Beschämung, einer Bestürzung, einer Vernichtung, die meinen ärgsten Feind zum
Mitleiden hätte bewegen müssen.
                               Lucian (lachend).
    Armer Proteus! - Verzeih mir, dass ich mitlachen muss! - Aber kanntest du
diese Flaviana, die so lustig darüber war, dass sie ihre Wette auf deine Unkosten
verloren hatte?
                                   Peregrin.
    Sie war eine der ersten jungen Damen zu Rom, und hatte, weil sie grosse
Ansprüche an Witz machte und für eine Beschützerin der Griechischen Musen
gehalten sein wollte, eine Menge Maschinen angelegt, um sich meiner zu
bemächtigen, als ich das Haus des Cejonius verlassen hatte. Aber da sie ihrer
Sitten wegen in einem sehr zweideutigen Lichte stand, und ich mir, um alle
ähnliche Anmassungen abzuschrecken, wirklich vorgenommen hatte, mich in den Ruf
eines entschiedenen Weiberhassers zu setzen: so waren alle ihre Versuche
verunglückt; und dies hatte vermutlich zu der Wette Anlass gegeben, von welcher
ich auf eine so grausam überraschende Art das Opfer wurde.
                                    Lucian.
    Und wer war die Dame auf dem Ruhebette?
                                   Peregrin.
    Ich verweilte nur so lange, dass ich mich zu meinem neuen Erstaunen
überzeugen konnte, dass es Myrto war, eben dieselbe Sklavin Myrto, welche in der
Villa Mamilia eine von den Grazien der Göttin vorstellte, und es sich, wie du
dich erinnern wirst, so angelegen sein liess, die schöne Dioklea bei mir
anzuschwärzen. Der Eindruck, den ich dazumal auf ihr zartes Herz zu machen das
Unglück hatte, schien seit einer so langen Reihe von Jahren noch nicht ganz
erloschen zu sein. Sie wandte, unter dem Vorwand dass sie mir Sachen von grosser
Wichtigkeit zu entdecken hätte, alles Mögliche an, mich zurückzuhalten: aber
mein Stolz war zu tief verwundet, als dass ich die Luft dieses für mich plötzlich
verpesteten Hauses nur einen Augenblick länger hätte ertragen können. Ich riss
mich von ihr los, floh in meine Zelle zurück, und blieb etliche Tage
eingeschlossen, um mich von dem harten Stoss, den ein so schamvoller Ausgang des
schönsten Abenteuers meines ganzen Lebens meiner Philosophie gegeben hatte,
wieder zu erholen, und, alles wohl überlegt, den festen Entschluss zu fassen, dass
es das letzte dieser Art in meinem Leben sein sollte.
                                    Lucian.
    Soll ich offenherzig mit dir sprechen, Freund Proteus? - Dass dein Herz in
der ersten Bewegung Galle und Gift gegen die schöne Faustina kochte, kann ich
dir leicht verzeihen: wem würde es an deinem Platze nicht eben so ergangen sein?
Aber wenn du in den einsamen Stunden der Besinnung nicht wieder so gut zu dir
selber kamst, um sie von aller Schuld an deinem verunglückten Abenteuer mit ihr
frei zu sprechen; wenn dein Gedächtnis so treulos war, dich nicht zu erinnern,
dass sie, - selbst den Mittagsschlaf in der Grotte nicht ausgenommen, welchen
ich, ohne einen gerichtlichen Beweis des Gegenteils, den du schwerlich führen
könntest, für einen blossen Zufall halte - dass sie, sage ich, weder
verführerische Künste, dich in ihre Schlingen zu ziehen angewandt, noch dir die
geringste Ursache gegeben, sie für eine schwärmerische Seele deines gleichen zu
halten, kurz, dass du selbst es warst, der alle Auslagen bei dieser Gelegenheit
auf eigene Rechnung übernahm: wenn du das alles vergessen konntest, so hattest
du wahrlich sehr Unrecht. Das Einzige, was Faustina, deiner eigenen Erzählung
nach, zu verantworten haben konnte, war, dass sie es geschehen liess, dass du sie
nach deiner sonderbaren Art liebtest. Allein, die Neugier, was wohl am Ende
daraus werden würde, ist, däucht mich, einer jungen Fürstin, deren Laune zu
solchen Kurzweilen gestimmt war, um so leichter zu gut zu halten, da sie
vermutlich durch Flavianen zur Wette herausgefordert worden war, und übrigens
von einem Entusiasten deiner Art unmöglich eine so lebendige Vorstellung haben
konnte, um vorauszusehen, wie wehe sie dir durch die unvermutete Verwandlung
aus einem neuen Endymion in - einen neuen Ixion20 - tun würde. In der Tat,
lieber Proteus, war es bloss deine Schuld, dass du sie nicht nur, vermittelst des
vorbesagten Zauberspiegels in deinem Kopfe, zu einer moralischen Venus, zu einem
Ideal jeder geistigen Schönheit erhobst, sondern dieses Göttergebilde deiner
schwärmenden Phantasie sogar mit deiner eigenen Art zu empfinden beseeltest, und
eine Sympatie und Seelenverwandtschaft zwischen ihr und dir freigebig
voraussetztest, für welche in ihrem ganzen Benehmen, so viel ich sehen kann, für
einen Mann mit gewöhnlichen Augen kein entscheidender Grund zu finden war. Im
Gegenteil, man musste so verblendet und bezaubert sein als du es warst, um nicht
zu merken, wie sie bei allen deinen Bestrebungen, ihr deine Platonische
Schwärmerei einzuimpfen, immer kalt und ruhig blieb, und wie wenig Vertrauen sie
darauf setzte, dass die Probe, zu welcher du sie selbst aufzufordern die
Vermessenheit hattest, zu deinem Ruhm ausfallen würde. - Aber, was den Prozess
gänzlich zu ihrem Vorteil entscheidet, und für die Güte ihres Herzens desto
lauter spricht, je mehr Anlage zu Leichtsinn und Mutwillen in ihrer natürlichen
Sinnesart war, ist der Umstand, dass sie dich sogar noch in dem Briefchen, das
dir der Granatapfel in die Hände spielte, vor der Gefahr warnte, wiewohl der
Verlust ihrer Wette darauf stand, falls du dich eines Bessern besonnen hättest.
                                   Peregrin.
    Jetzt, lieber Lucian, bin ich aus allen diesen Betrachtungen so geneigt als
du selbst, Faustinen zu entschuldigen, und was mich damals beinahe wahnsinnig
machte, hat ihr und mir, seitdem wir uns hier wiederfanden, mehr als Einmal
Stoff zum Lachen gegeben. Aber vor meiner Verlüftung zu Harpine war so viel
Unbefangenheit bei mir unmöglich. Auch nachdem sich der erste Sturm in meinem
Gemüte gelegt hatte, blieb es immer ein unverzeihliches Verbrechen in meinen
Augen, dass sie bei dem gränzenlosen Vertrauen, das ich in die Unschuld ihrer
Seele setzte, fähig gewesen war, mit einem Herzen wie das meinige ein solches
Spiel zu treiben, und einen Mann, der selbst in seinen Verirrungen (wie meine
Eigenliebe mir schmeichelte) noch Achtung verdiente, dem Spotte fremder Zeugen,
und (was mich am empfindlichsten kränkte) dem Hohngelächter einer Frau, deren
Eitelkeit ich beleidiget hatte, so leichtsinnig und übermütig preiszugeben.
Dies konnte ich ihr so wenig verzeihen, dass ich mich vielmehr überflüssig
berechtiget hielt, sie bei jeder Gelegenheit als die gefährlichste Sirene zu
schildern, und selbst die Liebenswürdigkeit, die ihr jedermann zugestehen musste,
für eine blosse Larve zu erklären, unter welcher eine falsche, gefühllose und
grausame Seele laure. Wenn ich denn einmal in diesen Ton geraten war, so wurde
weder ihres Vaters noch Gemahls geschont; und die ganze Declamation endigte sich
gewöhnlich in eine bittere Satyre über die Römer und Römerinnen, über die
ungeheure Verdorbenheit ihres Herzens und ihrer Sitten, über den hassenswürdigen
Despotismus ihrer Regierung, und über die seltsame Schwäche des guten frommen
Kaisers, der sich die milde Gelindigkeit seiner phlegmatischen Sinnesart für
fürstliche Tugenden aufschmeicheln lasse, und, weil er allen Menschen Gutes
wünsche, wirklich so unschuldig sei, sich einzubilden, dass die Welt unter seinem
Scepter halcyonische Tage lebe, und dass allen Leuten so wohl sei als ihm selbst.
                                    Lucian.
    Und wie benahm sich die schöne Faustina bei diesem Rückfall ihres
Platonikers in den Charakter eines ächten cynischen Bellers?
                                   Peregrin.
    In der Tat war sie, trotz dem leichtsinnig fröhlichen Mutwillen, der sie
zuweilen zu unschicklichen Schritten verleitete, die guterzigste Seele von der
Welt. Wie leicht hätte sie, wenn sie das gewesen wäre, wofür ich sie in meiner
ungerechten Erbitterung ausgab, sich über den Gedanken weggesetzt, was aus einem
armen Griechischen Landstreicher, den der Zufall zu seinem Unglück in ihren Weg
geworfen hatte, werden könne! Wie unermesslich war der Abstand von der einzigen
Tochter des Kaisers und künftigen Augusta21 zu Peregrinus Proteus von Parium! -
Aber Faustina hatte das Herz ihres Vaters geerbt. Kaum war die erste Freude über
den wunderschönen Hermaphroditen von Parischem Marmor, den sie durch ihre Wette
gewonnen hatte, ein wenig verdünstet, so fiel ihr ein, dass sie dem ehrlichen
Schlag, dessen Torheit ihre Galerie mit einem so schönen Stücke bereicherte,
eine Art von Vergütung für seine fehl geschlagenen Hoffnungen (wie lächerrlich
diese auch an sich selbst gewesen sein möchten) schuldig sei; und so wie ihr
dies einfiel, so bildete sich auch schon ein Plänchen in ihrem Kopfe, den guten
Menschen so glücklich zu machen, als er es billigerweise nur immer wünschen
könne. Die vorbesagte Myrto, welche nach Mamiliens Tod in die Dienste der
Kaiserin gekommen und von dieser ihrer Tochter überlassen worden war, genoss des
besondern Vertrauens ihrer jungen Gebieterin, und war die erste unter ihren
Freigelass'nen. Von ihr hatte Faustina noch eher als von mir selbst alles, was
sie von meiner Geschichte wusste, und bei dieser Gelegenheit auch den
Nebenumstand erfahren, dass der Liebesfunken, den ich ehemals unwissend in ihrem
schönen Busen entzündet hatte, der Zeit und meiner Undankbarkeit zu Trotz, noch
immer unter der Asche fortglimme. Myrto war zwar indessen bis zum
fünfundvierzigsten Jahre fortgerückt: aber die Grazien hatten sie mit der Gabe,
immer jünger zu scheinen als sie war, beschenkt, und die gute Faustina glaubte,
eine Verbindung zwischen uns würde um so schicklicher sein, da die Ausstattung,
welche sie ihrer Favoritin zugedacht hatte, mich in den Stand setzen würde, ein
sehr gemächliches Leben zu führen; ein Umstand, der, ihrer Meinung nach, der
schönen Myrto bei einem Philosophen, dessen Küche auf vier oder fünf Obolen des
Tags fundirt war, keinen Schaden tun könnte.
    Die Favoritin hatte mich schon einige Tage vergebens aufsuchen lassen und
selbst aufgesucht, um mir von diesen guten Gesinnungen ihrer Gebieterin und von
ihren eigenen Nachricht zu geben, als sie mich endlich in den ehemaligen
Mäcenatischen Gärten antraf, und mich, eh' ich ihr entwischen konnte, zu einer
Unterredung nötigte, worin sie nichts vergass, was vielleicht jeden andern in
meiner Lage hätte bewegen können, den Antrag, den sie mir mit der
jungfräulichsten Bescheidenheit im Namen der Prinzessin machte, dankbarlich
anzunehmen. Aber die schöne Myrto fand einen Mann vor sich, dem die
unvergessliche Mitternachtsstunde und der Hermaphrodit, dem er aufgeopfert worden
war, seine ganze Apatie wiedergegeben hatte. Ihre Eigenliebe wurde schon bei
diesem ersten Versuche durch die Kälte und Unbeweglichkeit, die ich ihr entgegen
setzte, so empfindlich beleidigt, dass ihr alle Lust zu einem zweiten verging.
    Einige Wochen verflossen, ohne dass ich von ihr oder Faustinen weiter etwas
hörte, oder mich um sie bekümmerte. Aber einsmals, da ich in der Abenddämmerung
auf den Esquilien einsam herumirrte, nahte sich mir eine verschleierte Gestalt,
welche mich um einige Augenblicke Gehör bat. Ich folgte ihr hinter eine Gruppe
von Bäumen, und sobald sie sicher zu sein glaubte dass sie von niemand gesehen
werde, gab sie sich - für meine alte Freundin - Dioklea zu erkennen.
    Ihr Anblick versteinte mich beinahe im eigentlichen Verstande dieses Wortes.
Dioklea! wollte ich ausrufen, aber das Wort erstarrte auf meinen Lippen. Sie
schien die Wirkung, die ihre so unverhoffte Erscheinung auf mich tat, keiner
Aufmerksamkeit zu würdigen. Faustina, sagte sie mit ruhigem Ernst, hat erfahren,
dass du dich durch das, was zwischen ihr und dir vorgegangen, berechtigt hältst,
übel von ihr zu sprechen. Die Rede geht sogar, man habe dich vor ziemlich vielen
Zuhörern von dem Kaiser ihrem Vater, und von ihrem Gemahl, den sie über alle
Anfälle der Satyre hinweg gesetzt glaubte, in sehr unziemlichen Ausdrücken reden
gehört. Die Prinzessin ist geneigt, diese unbedachtsamen Ergiessungen einer allzu
reizbaren Galle deiner Menschlichkeit zu gut zu halten: aber sie bittet dich, um
deiner eigenen Ruhe willen, die Stadt unverzüglich zu verlassen, und hofft, dass
du diesen von ihr selbst gestrickten Beutel, zum Behuf deiner Rückreise nach
Griechenland, als ein Zeichen ihres guten Willens annehmen werdest. Mit diesen
Worten überreichte sie mir einen ziemlich grossen Beutel, der dem Ansehen nach
mit Gold angefüllt war.
    Es war immer eine von meinen unglücklichsten Eigenheiten, dass ich in Fällen,
wo ich zwischen zwei entgegen gesetzten Parteien auf der Stelle wählen musste,
immer die ergriff, die ich nach besserer Ueberlegung wünschen musste nicht
genommen zu haben. Offenbar war es höchst unklug, die Bitte der Prinzessin für
etwas anderes als einen milderen Befehl anzusehen; und eben so unschicklich war
es, ihr Geschenk mit Verachtung von mir zu weisen. Aber mein Gemüt war noch zu
sehr verstimmt, und das Gelächter hinter dem Vorhang und die fatalen Worte -
»Ich habe die Wette gewonnen, Flaviana!« - ertönten noch zu stark in meiner
Seele als dass ich diese Botschaft einer Dame, von welcher ich mich so
unverzeihlich gemisshandelt glaubte, aus dem Munde einer alten Freundin, die mich
das zwischen uns bestehende Missverhältnis auf eine so kränkende Art fühlen liess,
so gut hätte aufnehmen können wie sie gemeint war.
    Ich antwortete trotzig: ich wäre mir keines Verbrechens bewusst, das mich der
freien Wahl meines Aufentalts, die mir als einem Römischen Bürger zukomme,
berauben könnte. Was die milde Gabe der Prinzessin betreffe, so brauchte ich zu
meinen Bedürfnissen nur Obolen; und da ich deren gerade so viele hätte als ich
brauchte, so bäte ich sie, ihr Gold einem andern zuzuwenden, der dessen
bedürftiger wäre als Proteus. - Und nach dieser impertinenten Gegenrede wandte
ich Diokleen, die einen Blick voll kalter Verachtung auf mich heftete, mit aller
Selbstzufriedenheit eines Menschen, der unverbesserlich geantwortet zu haben
glaubt, den Rücken zu, und ging davon.
    Kaum war der nächste Morgen angebrochen, so wurde ich zum Präfect der Stadt
Rom berufen. Ich zweifelte nicht, dass mir der Vorgang am gestrigen Abend diese
Ehre zuzöge, und versah mir daher wenig Gutes zu ihm. Aber es war mein Loos, die
Menschen immer anders zu finden als ich sie erwartete. Der Präfect nahm mich auf
die Seite, und sagte mir mit einem sehr strengen Blick, aber mit einem eben so
sanften Ton der Stimme: er habe Ursache zu glauben, dass die Luft und der
Aufentalt zu Rom mir ganz und gar nicht zuträglich sei, und wolle mir also, als
mein guter Freund, geraten haben, mich ohne Verzug aus Italien zu entfernen,
und nach Griechenland oder Aegypten zurückzukehren. - Ja wohl, rief ich, ist die
Luft von Rom Pest für mich! Dein Rat ist ein Befehl meines guten Dämons; ich
gehorche ihm auf der Stelle. Und hiermit flog ich meiner Herberge zu, packte
meinen Quersack, und machte mich noch in der nämlichen Stunde auf den Weg nach
Brundusium.
                                    Lucian.
    Du eilest, wie ich sehe, zur Entwickelung der seltsamen Tragikomödie deines
Lebens; und doch kann ich dich nicht mit der Frage verschonen, durch welchen
seltsamen Zufall wir die Schwester des Propheten Kerintus, die wir als eine
eifrige Teilnehmerin an seinen weitgränzenden Entwürfen verliessen, so
unvermutet unter den Hausgenossen der schönen Faustina wiederfinden?
                                   Peregrin.
    Eine völlig befriedigende Auskunft über diesen, auch mir damals sehr
unerwarteten Zufall, würde eine umständliche Geschichte des Fortgangs und
Ausgangs der Unternehmungen dieses ausserordentlichen Mannes erfordern, welche du
bei Gelegenheit besser aus eben der Quelle, woraus ich sie selbst habe, nämlich
aus seinem oder Diokleens eigenem Munde, schöpfen wirst. Alles was ich dir mit
wenigem davon sagen kann, ist: dass die Eifersucht einiger der angesehensten und
tätigsten Vorsteher der Brüdergemeinen von seinen immer sichtbarer werdenden
ehrgeizigen Absichten und von der Verfälschung der Lehre ihres Meisters und
seiner ersten Jünger, die ihm Schuld gegeben wurde, Gelegenheit nahmen, ihn und
seine Anhänger, bald nach meiner Trennung von ihnen, in so schlimme Händel zu
verwickeln, dass ihm, nachdem er alle andern Hülfsquellen seines so erfindsamen
und ränkevollen Kopfes erschöpft hatte, zuletzt kein andrer Ausweg übrig blieb,
als auf immer zu verschwinden, und die Vollendung seines zu rasch betriebenen
Plans der Zeit zu überlassen, welche im Lauf von etlichen Jahrhunderten zu
Stande brachte, was kein Werk für das Leben eines einzigen Mannes war. Seine
Schwester war bei dieser Katastrophe vorsichtig genug gewesen, in Zeiten für
ihre eigene Sicherheit zu sorgen. Sie wurde mit eben der Leichtigkeit wieder
Dioklea, womit sie sich ehemals in eine Teodosia verkleidet hatte; und als sie
nach einer absichtlichen Verborgenheit von etlichen Jahren in Rom wieder zum
Vorschein kam , fand sie durch Vorschub ihrer zahlreichen Freunde gar bald einen
Weg, der ältern Faustina als die tauglichste Person zur Erziehung ihrer einzigen
Tochter empfohlen zu werden. In dieser Stelle erwarb sie sich durch ihre
Klugheit das Vertrauen der Mutter, und durch die gefällige Anmut ihres
Betragens und die Mannichfaltigkeit ihrer Talente die Zuneigung der Tochter in
einem so hohen Grade, dass sie nach der Vermählung der letztern mit dem Cäsar
Marcus ihr in das Haus ihres Gemahls folgte, und bis ans Ende ihres Lebens die
vertrauteste ihrer weiblichen Günstlinge blieb.
                                    Lucian.
    Dies ist zu meiner Beruhigung hinreichend; denn ich muss gestehen, dass es mir
nicht gleichgültig gewesen wäre, über das Schicksal dieser vielgestaltigen und
in jeder Gestalt so anziehenden Dame in Ungewissheit gelassen zu werden. Ein
Kerintus mag verschwinden, wenn er seine Rolle nicht länger spielen kann: aber
für eine Dioklea findet sich unter jedem Glückswechsel noch immer eine
anständige Rolle. Wie hätte die schöne Faustina in bessere Hände geraten, oder
wo hätte sie eine wachsamere Aufseherin, eine erfahrnere Ratgeberin, eine
gefälligere Freundin, und eine geschicktere Ausrichterin ihrer Aufträge finden
können als Diokleen? Das Schicksal sorgte für beide da es sie zusammen brachte:
lass' nun hören, Peregrin, was es für dich tat, da es dich von beiden
vermutlich auf immer trennte.
                                   Peregrin.
    Es würde ihm schwer gewesen sein, etwas für einen Eigensinnigen zu tun, der
eine so besondere Gabe hatte, alles, was Götter und Menschen zu seinem Besten
tun wollten, zu vereiteln, oder gegen ihre Absicht zu seinem Nachteil zu
kehren. In der Tat war ich in meinem ganzen Leben nie weniger aufgelegt gewesen
als damals, meine Ruhe von irgend einem Wesen ausser mir abhangen zu lassen,
geschweige eine bessere Behandlung, als ich bisher von den Menschen erfahren
hatte, durch Gefälligkeit um sie verdienen zu wollen; und die Betrachtungen, die
auf meiner einsamen Wanderschaft aus Italien meine einzige Gesellschaft
ausmachten, waren nicht sehr geschickt, mich in eine andere Stimmung zu setzen.
    Ich rief alle Verhältnisse und Verbindungen, worin ich in meinem bisherigen
Leben gestanden, in mein Gedächtnis zurück; ich verglich in jeder dieser Lagen
meine Erwartungen mit dem Erfolge; und das Resultat war: dass ich mich stärker
als jemals überzeugt fühlte, ich würde, so oft ich unter den Menschen um mich
her meines gleichen gefunden zu haben wähnte, mich eben so übel betrogen sehen,
als ich es bisher immer gewesen war.
    Was blieb mir also übrig, als mich mehr als jemals in mich selbst
hineinzuziehen und von andern schlechterdings nichts weiter zu erwarten noch zu
fordern? Aber - um ihnen doch wenigstens dafür, dass sie mir den freien Gebrauch
der Luft und des Wassers liessen, meine Dankbarkeit zu zeigen, setzte ich mir von
neuem vor, ihnen bei jeder Gelegenheit öffentlich und besonders, wo nicht zu
ihrer Besserung, wenigstens zu ihrer Beschämung und Demütigung, die Wahrheit zu
sagen. Es ist immer etwas getan, dachte ich, wenn wir sie, trotz ihrer
selbstgefälligen Eitelkeit und ihrer allgemeinen stillschweigenden Abrede
einander durch Höflichkeit und Schmeichelei zu hintergehen, nötigen können,
sich in dem ungefälligen Spiegel den wir ihnen vorhalten, wär' es auch nur auf
Augenblicke, so zu sehen wie sie wirklich sind.
    Mit diesem Vorsatze kam ich nach Griechenland zurück; und aus diesem
Gesichtspunkte, Freund Lucian, wirst du dir leicht erklären können, wie es
zuging, dass diejenigen, die sich durch meine Freimütigkeit beleidigt fanden,
den Mann, - der keiner ihrer Torheiten schonte, und sogar die Tugenden und
Verdienste, worüber sie von aller Welt beklatscht wurden, durch ein Probefeuer
gehen liess, worin sie in Rauch und Dunst zerflossen, - in den Ruf eines
menschenfeindlichen, bissigen und halb tollen cynischen Hundes brachten. In
diesem Stücke war alles, was du deinen Ungenannten sagen lässest, blosser
Widerhall der öffentlichen Stimme. Aber, wenn es nötig wäre hierüber ins
Besondere zu gehen -
                                    Lucian.
    Ueberhebe dich dieser Mühe, die nach allem, was ich nun von dir weiss, ganz
überflüssig wäre. Ich begreife nicht nur, wie du, zum Beispiel, die glänzenden
Verdienste, welche sich der Sophist Herodes Attikus, der eitelste aller Menschen
die ich kenne, kraft seiner unermesslichen Reichtümer um die Eitelkeit und
Ueppigkeit der Griechen machte, ohne Ungerechtigkeit in einem ganz andern Lichte
sehen konntest, oder vielmehr sehen musstest, als der grosse Haufe: ich gestehe
sogar, dass ich selbst nicht zu entschuldigen bin, diesem hoffärtigen
Glücksgünstling einige Höflichkeiten, die er mir erwiesen hatte, auf deine
Unkosten bezahlt zu haben.
                                   Peregrin.
    Dafür, lieber Lucian, hast du selbst mich schon mehr als hinlänglich
gerochen, da du, in einem andern deiner Aufsätze, eben diese Freimütigkeit
gegen den nämlichen Herodes22, welche mir zum Verbrechen gemacht wurde, an
Demonax - der im Grunde so gut ein Cyniker heissen konnte als ich - mit
Lobsprüchen belegtest.
                                    Lucian.
    Ich muss gestehen, diese kleine Züchtigung ist nicht ganz unverdient; wiewohl
ich zu einiger Entschuldigung anführen könnte, dass Demonax der liebenswürdigste
und gutlaunigste aller Cyniker war, und seinen Tadel, ja sogar seine Spöttereien
mit einem so feinen Attischen Salze zu würzen und in einer so angenehmen Manier
vorzubringen wusste, dass die Getroffenen selbst nur selten ungehalten auf ihn
werden konnten.
                                   Peregrin.
    Er glich hierin unserm gemeinschaftlichen Meister Agatobulus, welchem ich
aus bereits angeführten Ursachen weder gleichen wollte, noch konnte. Bei mir
ging, vermöge der individuellen Form meines Wesens, alles über die
Aristotelische Linie der Mässigung hinaus. Wen ich nicht mit Schwärmerei lieben,
mit Entzückung loben konnte, den musste ich mit Abscheu fliehen, mit Bitterkeit
tadeln. Wie hätte sich die Welt mit einem solchen, Menschen, oder er sich mit
ihr, vertragen können? Niemand fühlte dies stärker als ich selbst, und daher
bracht' ich auch den grössten Teil meines übrigen Lebens in der einsamsten
Abgeschiedenheit zu. Selbst das stille Aten war für mich noch nicht still
genug. Ich wählte eine kleine abgelegene Bauerhütte nicht weit von der Stadt zu
meinem gewöhnlichen Aufentalt; und ausser einigen jungen Leuten, die mein Ruf, -
und einem oder zweien, welche die täuschende Hoffnung, durch den Unterricht
eines weisen Mannes selbst weise zu werden, an mich zog, war der Cyniker
Teagenes von Paträ der einzige Mensch, dessen Besuche ich annahm, aber in der
Tat mehr duldete als wünschte.
    Ich wundre mich nicht, Freund Lucian, dass dieser Teagenes in deinem
Berichte von meinen letzten Tagen so übel weggekommen ist. Er hatte (ausser
seiner Schwärmerei für mich) in seiner ganzen Person zu viel Anstössiges für
einen Mann wie du, als dass du billiger gegen ihn hättest sein können als gegen
mich selbst. Indessen war er im Grund ein Mensch von gutem Willen, und ich
glaube noch in diesem Augenblicke, dass sein Eifer für mich aufrichtig war.
Allein eine grobe Organisation, eine pöbelhafte Erziehung, eine gewisse
angeborne Ungeschmeidigkeit, und ein natürlicher aber vom Glücke nicht
begünstigter Hang zu einem müssigen und unabhängigen Leben, kurz, eben dieselben
Umstände, die ihn in den cynischen Orden geworfen hatten, setzten seiner
Ausbildung so enge Gränzen, dass er es, mit aller seiner Schwärmerei für den
Tebanischen Hercules und - meine Wenigkeit, doch nie weiter brachte, als unter
den vulgaren Cynikern dieser Zeit eine ziemlich ansehnliche Person vorzustellen.
Gleichwohl, so wie er war, gewann ihm seine Gutmütigkeit, sein Feuer und seine
leidenschaftliche Zuneigung zu mir einigen Anteil an einem Herzen, dessen
dringendstes Bedürfnis war etwas zu lieben: und wenn er mich gleich durch die
unzähligen Dissonanzen, welche seine Art zu empfinden, zu denken und zu leben
mit der meinigen machte, oft genug zurückstiess; so blieb es mir doch unmöglich,
den einzigen Menschen von mir zu entfernen, von welchem ich gewiss zu sein
glaubte, dass er von Herzen und ohne eigennützige Rücksichten an mir hange. Und
so folgte denn auch ganz natürlich, dass er bei meiner berüchtigten Todesscene
die erste und geschäftigste Nebenrolle auf sich nahm.
    Diese letzte Epoche meines Lebens - welches (wie du gesehen hast)
ausserordentlich genug gewesen war, um sich auf eine ungewöhnliche Art zu endigen
- ist nun das Einzige, lieber Lucian, worüber ich dir noch einige Erläuterungen
schuldig bin.
    Ein freiwilliger Ausgang aus dem Leben, ungeachtet er von den Platonen und
Epikteten aus sehr scheinbaren Gründen gemissbilligt wurde, war von jeher unter
Griechen und Römern von einer gewissen Classe etwas so wenig Seltenes gewesen,
und im Gegenteil durch grosse Beispiele so sehr gerechtfertigt und, so zu sagen,
geheiligt worden, dass sich schwerlich jemand darüber verwundert oder bekümmert
haben würde, wenn ich meinem Leben in der Stille, wie so manche andre
Philosophen, durch Hunger, oder Opium, oder einen laufenden Knoten ein Ende
hätte machen wollen. Aber ein in Griechenland so ungewöhnlicher, so feierlicher
und vier Jahre zuvor öffentlich angekündigter freiwilliger Tod musste allgemeine
Aufmerksamkeit erregen, und es war leicht voraus zu sehen, dass er von dem einen
für die grösste Heldentat, von einem andern für Wahnsinn, und von einem dritten
für blosse Charlatanerie erklärt, von allen aber, oder doch wenigstens von den
meisten, nur ihren eigenen Augen geglaubt werden würde.
    Den Gedanken, mein Leben, sobald ich fühlte dass es Zeit wäre, freiwillig zu
beschliessen, hatte ich schon lange, und in der Tat schon damals gefasst, als ich
mich zu Alexandrien entschloss, das Bild eines philosophischen Hercules in meiner
Art zu leben darzustellen. Seit meiner Verbannung aus Italien war dieser Gedanke
mit jedem Jahre lebendiger geworden. Das Leben unter den Erdebewohnern, das seit
meinen letzten Erfahrungen zu Rom allen Reiz für mich verloren hatte, wurde mir
nun von Tag zu Tage gleichgültiger, und endlich gar verhasst. Meine ganze Art zu
sein und die äusserst strenge Entaltsamkeit, welcher ich von jener Zeit an
getreu blieb, hatte alle natürlichen Bande, die den einzelnen Menschen ans Leben
fesseln, nach und nach bei mir zu dünnen Zwirnsfaden abgeschlissen. Dagegen war
die Stärke jenes sonderbaren Gefühls meiner dämonischen Natur - welches dich nun
nicht mehr an mir befremden darf, da es die erste und mächtigste Triebfeder
meiner ganzen Tätigkeit war - in eben dem Masse gewachsen, wie der natürliche
Trieb zum Leben die seinige verlor. Das Klümpchen organisirter Erde, womit ich
mich noch schleppen musste, wurde mir immer überlästiger; diese Organe selbst
waren in meiner Vorstellung nur Hindernisse einer vollkommenern Art zu sehen, zu
hören, mit dem Weltall, und vornehmlich mit den geistigen Wesen und Kräften
desselben, in engere Beziehungen zu kommen, kurz, zu einer unendlich schönern
und unbeschränktern Tätigkeit zu gelangen. Ich fühlte mich endlich von einer
unbeschreiblichen Sehnsucht nach diesem höhern Leben, an dessen Wirklichkeit ich
nie gezweifelt hatte, gepresst: und da die Hoffnung, den Menschen durch meinen
längern Aufentalt unter ihnen nützlich zu sein, immer schwächer und schwächer
wurde; da sie mir endlich als eine lächerliche Chimäre erschien, die nur in dem
Gehirn eines mit der Welt gänzlich unbekannten schwärmerischen Jünglings
erzeugt, und, nach allem was mit mir vorgegangen war, nur von einem unheilbaren
Toren länger gehegt werden könne: so blieb nun nichts übrig, was mich hätte
zurückhalten können, und ich beschloss zu sterben.
    Aber in eben demselben Augenblicke stellte sich mir auch der Gedanke dar: da
mein Leben der Welt zu nichts nütze gewesen sei, wenigstens meinen Tod
wohltätig für sie zu machen. In diesem Zeitalter der weichlichsten Entnervung
müsste, dachte ich, das unmittelbare öffentliche Schauspiel eines freiwilligen
heroischen Todes, so eines Todes wie Hercules auf dem Oeta und Kalanus23 im
Angesichte Alexanders und seines ganzen Kriegsheeres starb, einen tiefern und
heilsamem Eindruck auf die Gemüter machen, als der beredteste Moralist durch
die schönsten Declamationen im Lyceum oder in der Stoa in zwanzig Jahren
bewirken könnte. Du weisst schon, lieber Lucian, wie leicht meine
Einbildungskraft durch Vorstellungen dieser Art in Flammen zu setzen war; und
doch müsste es dir lächerrlich vorkommen, wenn ich ohne die geringste
Uebertreibung von dem seltsamen Reiz sprechen wollte, den der Gedanke - mich zu
Olympia vor den Augen so vieler Myriaden von Griechen und Ausländern aus allen
Gegenden der Welt in einer schönen Sommernacht zu verbrennen - bei seiner ersten
Entstehung für mich hatte.
    Von welcher Seite ich diesen Tod betrachtete, zeigte er sich mir in einer
blendenden Gestalt. In Rücksicht auf die Menschen der gegenwärtigen und
künftigen Zeiten war er eine glorreiche Selbstaufopferung, welche mich durch ein
unvergessliches Beispiel der Standhaftigkeit, der Geringschätzung dessen was den
Sterblichen über alles ist, und des innern Bewusstseins einer über dieses
armselige Erdeleben hinaus reichenden Bestimmung, auf ewig zum Wohltäter der
Menschen, die so wenig um mich verdient hatten, machen würde. In Rücksicht auf
mich selbst war es die kürzeste, edelste, der ursprünglichen Natur des Dämons in
mir, der mein wahres Ich ausmachte, angemessenste Art, nach einer schon zu lange
dauernden Verbannung auf dieses verhasste Land der Täuschungen, der
Leidenschaften und der Bedürfnisse in mein ursprüngliches Element
zurückzukehren. Überdies muss ich gestehen, dass ich mich auch nicht wenig durch
die Vorstellung geschmeichelt fand, den Christianern zu zeigen, dass sie nicht
die einzigen seien, die durch ihren Glauben mit dem Mute begeistert würden, dem
Anblick eines peinvollen Todes Trotz zu bieten.
                                    Lucian.
    Aber, wenn alle diese Vorstellungen so mächtig auf dich wirkten, wie kam es,
dass du dich bei der nächsten Wiederkehr der Spiele zu Olympia an der blossen
Ankündigung deines Vorsatzes begnügtest, und die Ausführung noch vier ganzer
Jahre, die dir in einer solchen Gemütsstimmung vier Jahrhunderte scheinen
mussten, verschieben konntest?
                                   Peregrin.
    Aufrichtig zu reden, Lucian, - da ich mit allen meinen seltsamen
Eigenschaften am Ende doch so gut ein Mensch war wie andere, so möchte ich nicht
dafür stehen, dass der Instinkt, der alle Lebendigen mit einer geheimen und nur
desto mächtigern Gewalt an die einzige Art von Dasein, welche sie aus
unmittelbarer Erfahrung kennen, fesselt, nicht auch bei mir seine Wirkung getan
haben könnte. Indessen ist alles was ich hiervon mit Gewissheit sagen kann, dass
ich mir dieser Bewegursache nicht bewusst war. Ich hatte vielmehr lange mit mir
selbst zu kämpfen, bis ich zum Entschluss kam, mein ungeduldiges Verlangen nach
dem Tode, als die letzte Leidenschaft, die ich der Weisheit noch aufzuopfern
hätte, zu überwältigen, und das Heroische und Exemplarische desselben eben
dadurch, dass ich ihm vier Jahre lang schrittweise entgegen ging, desto
auffallender und vollkommener zu machen. Dies, lieber Lucian, war wenigstens der
einzige Beweggrund, den ich mir selbst gestand, dem ich alles mögliche Gewicht
zu geben suchte, und der endlich um so mehr die Oberhand behielt, weil ich
dadurch Zeit gewann, teils die wenigen Freunde, die mit Wärme an mir hingen,
auf unsere Trennung vorzubereiten, teils einen sonderbaren Einfall auszuführen,
welchen mir die Begierde, ganz Griechenland durch meinen Tod in eine heilsame
Erschütterung zu setzen, eingegeben hatte.
                                    Lucian.
    Du sprichst vermutlich von den sogenannten Cirkelbriefen, die du, wie die
Rede ging, als eine Art Vermächtnisse an alle Städte von einigem Ansehen in
Achaja und in dem Griechischen Asien erlassen haben solltest?
                                   Peregrin.
    Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich mich die Vorstellung der
Wirkungen machte, welche der letzte Wille eines auf eine so ausserordentliche Art
sterbenden Weisen auf diejenigen tun müsste, denen er - zu einer Zeit, da ihm
für sich selbst an ihrem Wohl oder Weh, so wie an ihrer guten oder schlimmen
Meinung von ihm, nichts mehr gelegen war - auf eine so uneigennützige und
rührende Art zu erkennen gab, wie sehr ihm ihr Bestes am Herzen liege. Eine
geraume Zeit vor meinem Tode beschäftigten diese Cirkelbriefe24 meine ganze
Seele; sie erhielt unvermerkt dadurch die Wärme und Begeisterung meiner Jugend
wieder. Noch nie, däuchte mich, war ein Menschensohn vor mir in einer Lage und
Stimmung gewesen, die ihm einen so grossen Vorteil über seine Brüder gab; die
ihn in einem so hohen Grade berechtigte, ihnen jede heilsame Wahrheit mit einem
(wie ich in meiner guterzigen Narrheit mir einbildete) so unwiderstehlichen
Nachdruck ins Gesicht zu sagen; und die hingegen auch sie, auf ihrer Seite so
geneigt machen müsste, seinem strafenden Tadel und den Vorschlägen, die er ihnen
zu Verbesserung ihrer Polizei und ihrer Sitten tat, Gehör zu geben. Ich
richtete es mit Hülfe meiner Cyniker und ihres Anhangs so ein, dass alle diese
Briefe zugleich mit der Nachricht von meinem Tode bei ihren Behörden eintreffen
mussten; und - was vielleicht unter allen Sterblichen nur mir begegnen konnte -
während der ganzen Zeit dass ich mich mit diesen meinen moralischen und
politischen Vermächtnissen beschäftigte, kam es mir auch nicht ein einzigesmal
in den Sinn, dass sie sowohl ihres feierlichen Tons als ihres Inhalts wegen, als
Träume eines Wahnsinnigen mit Nasenrümpfen und Achselzucken aufgenommen werden,
und alles nicht um ein Haar besser gehen würde, als es ohne mich und meinen
letzten Willen in der Welt gegangen wäre.
    Da es mir mit dieser ganzen Beichte meines abenteuerlichen Lebens bloss darum
zu tun war, dich, durch umständliche Erzählung dessen, was du nicht wusstest, in
den Stand zu setzen, von dem, was du wusstest oder zu wissen glaubtest, richtiger
und billiger zu urteilen; so kann ich es nun ganz getrost dir selbst
überlassen, mich, wo es vonnöten ist, gegen den Verfasser der Nachrichten von
Peregrins Lebensende in deinen Schutz zu nehmen. Alles Missverständnis hört nun
auf, und Peregrinus Proteus steht nun, als ein Schwärmer, wenn du willst, aber
wenigstens als ein ehrlicher Schwärmer vor dir da. Du kannst dir nun ohne Mühe
selbst erklären, was an der Erzählung des Arztes Alexander (der in dem heftigen
Fieber, welches mich acht oder neun Tage vor meinem Tode überfiel, zu mir
gerufen wurde) wahr oder unwahr gewesen sein könne; und wirst leicht begreifen,
wie der Arzt Alexander die Ursache, die ich ihm angab, warum ich lieber
freiwillig in den Flammen zu Harpine als an einem hitzigen Fieber sterben
wollte, eben sowohl falsch ausgedeutet, als der Sophist Lucian die Ursache
dieses Fiebers durch sein - »vermutlich weil er sich den Magen überladen hatte«
- übel erraten haben könne. Auch kann ich mich wegen der Todesfurcht, aus
welcher mein besagter Gegner sich die Verzögerung meiner öffentlichen
Verbrennung begreiflich machte, nun, da kein Nebel mehr zwischen uns ist,
getrost auf das Augenzeugniss meines Freundes Lucian berufen, der mich den
Holzstoss mit ziemlich fester Hand anzünden sah.
                                    Lucian.
    Dieses reinere Element, das wir nun bewohnen, macht es uns glücklicherweise
eben so unmöglich uns selbst als andere mit Parteilichkeit anzusehen. - Es muss
ein süsser Augenblick gewesen sein, Peregrin, als du dich aus dem erstickenden
Flammenstrudel auf einmal in dieses neue Leben versetzt fühltest!
                                   Peregrin.
    O gewiss! und doch für mich, der sich dessen versah, nicht so überraschend
als für dich, den der kaltblütige Epikur überzeugt hatte, dass mit dem letzten
Atem alles aufhöre.
                                    Lucian.
    In der Tat, das Vergnügen dieser Ueberraschung war so gross, dass ich seine
Philosophie - auch ohne Rücksicht auf so viele andere grosse Vorteile, welche
sie über das irdische Leben verbreitet - um dieses einzigen willen für kein
geringes Verdienst halte, das der gute Mann sich um die Menschheit gemacht hat.
Doch hiervon ein andermal!
 
   Antworten und Gegenfragen auf die Zweifel und Anfragen eines vorgeblichen
                                  Weltbürgers.
                                     1783.
 Wenn es noch zweifelhaft wäre, ob es auch unächte Weltbürger gebe, die sich
dieses edlen Namens anmassen, ohne durch die Gleichförmigkeit ihrer Grundmaximen
und Gesinnungen mit denen der wahren Kosmopoliten dazu berechtigt zu sein, so
hätte uns der ungenannte Verfasser der Neugierden eines Weltbürgers (einer vor
kurzem auf andertalb Bogen im Druck erschienenen Flugschrift) der Mühe
überhoben, die Welt über das Dasein solcher falscher Brüder ausser allem Zweifel
zu setzen.
    Dieser vorgebliche Weltbürger hat zwar seine Zweifel und Anfragen
ausdrücklich nur den Staatsgrüblern zur Prüfung und Beantwortung gewidmet: da
aber einige der erstem (und gerade diejenigen, die ihm die meisten Wehen zu
machen scheinen) so beschaffen sind, dass sie ohne alle staatsgrüblerische
Spitzfindigkeit mit blosser Hülfe des schlichten Menschenverstandes gehoben
werden können; so finde ich mich um so mehr bewogen, ihm diesen kleinen Dienst
zu leisten, indem diese Zweifel gerade solche Gegenstände betreffen, worüber
sich die wahren Kosmopoliten durch eine gegen die seinige sehr stark abstechende
Vorstellungsart unterscheiden.
    Nichts ist wohl natürlicher, als dass in einer Zeit, wo jedermann grübelt,
manche Satze, welche in Jahrhunderten, wo nur Mönche grübelten, für
unzweifelhafte Wahrheiten galten, zu Aufgaben gemacht und genötigt werden die
Titel zu zeigen, auf welche sich ihre so lange unangefochtene Gewissheit gründe.
Der gemeine Verstand, der alle Menschen instinctmässig lehrt was ihnen gut oder
böse sei, ist zwar für sich selbst träge, und lässt sich nur gar zu leicht
zufrieden stellen, auch wohl unter gewissen Umständen auf ganze Jahrhunderte
einschläfern. Ist er aber einmal aufgeschreckt und verschüchtert, so wird sein
Misstrauen eben so gross als seine vorige Sicherheit; er verliert allen Respect,
glaubt seinen besten Freunden nichts mehr, wittert überall Betrug und Gefährde,
durchleuchtet daher mit seinem Lämpchen jeden finstern Winkel, fürchtet sich
aber eben so sehr vor gar zu blendendem Licht als vor heiligem Dunkel, weil ihn
dünkt, dass man in dem einen so gut als in dem andern Gefahr laufe um seinen -
Geldbeutel zu kommen.
    Dieses Misstrauen muss um so viel grösser werden, je mehr er entdeckt, dass
gewisse Leute sich sein guterziges Vertrauen und feinen sorglosen Schlummer
ungebührlich zu Nutze gemacht haben. Kommt dann noch eine naseweise Philosophie
dazu, die ihn unaufhörlich mit Fragen beunruhigt, auf welche er nichts andres zu
antworten weiss als »fragt meinen Hofmeister,« die sich aber mit dieser Abweisung
so wenig befriedigen lässt, dass sie ihm vielmehr alles, was ihm sein Hofmeister
von Kindheit an als heilige Wahrheit eingeflösst, eingesungen, eingepredigt und
eingeprügelt hatte, streitig und zweifelhaft macht; eine Philosophie, die kein
Ansehen der Person und Würde, kein Privilegium des Alters, keinen Besitzstand
der von Untersuchung des Titels befreie, gelten lässt, nichts Verborgenes
unaufgedeckt, nichts Schimmerndes unangetastet, nichts Rätselhaftes unaufgelöst
wissen will; die man sich nicht einmal durch derbe Beweise vom Halse schaffen
kann, weil sie immer den Beweis des Beweises fordert; und ist es endlich gar so
weit gekommen, dass diese Philosophie ihre Wirkungen, unter dem beliebten Namen
der Aufklärung, der Befreiung vom Joch alter Vorurteile u.s.w. mit Hülfe
unzähliger Bücher-Fabriken und Drucker-Pressen über alle Stände einer grossen
Nation ausgebreitet und alle Arten von Köpfen in Gährung gesetzt hat: was
Wunder, wenn endlich vor lauter Aufklarung, Freiheit zu denken, Eifersucht gegen
alles menschliche und Misstrauen gegen alles übermenschliche Ansehen, die Köpfe
zu schwindeln anfangen, nichts um uns her mehr fest zu stehen scheint, und eine
epidemische Zweifelsucht die Welt zuletzt mit einem noch schlimmem Zustande
bedroht, als derjenige war, worin sie sich ihrem Hofmeister blindlings überliess,
und eher an ihren eignen Sinnen als an der Unfehlbarkeit ihrer Führer zweifelte?
    Augenscheinlich nähert sich ein grosser Teil von Europa diesem Zustande mit
starken Schritten. Die vorbesagte Philosophie, nicht zufrieden sich der höhern
Classen allentalben fast gänzlich bemächtigt zu haben, macht sich auch Wege zu
demjenigen Teile des Volks, der sich beim blossen Glauben immer noch am
leidlichsten befunden hat. Was zuletzt die Folgen dieses immer allgemeiner
werdenden Empörungsgeistes gegen alles Ansehen, gegen alles was unfern Vätern
ehrwürdig und unverletzlich war, natürlicher Weise sein werden - scheint eine
Aufgabe, deren Auflösung eines akademischen Preises würdiger wäre, als manche
andre, womit man die dialektische Geschicklichkeit unsrer besten Köpfe zeiter
in Wetteifer gesetzt hat. Wahrscheinlicher Weise wird, wenn man mit der Religion
und der Priesterschaft fertig ist, die Reihe auch an Untersuchungen kommen, die
unfern weltlichen Gewaltabern in der Folge nicht behagen dürften, so
gleichgültig auch das Gefühl ihrer Stärke sie jetzt dagegen machen mag. Denn
auch sie wird man endlich fragen: aus welcher Macht tut ihr dies und das? Von
wem habt ihr diese Macht empfangen, und wem habt ihr Rechenschaft davon zu
geben? Worauf gründen sich eure Vorrechte, Besitztümer und Ansprüche? Habt ihr
die Gewalt, die uns zu Boden drückt, von der Natur? Werdet ihr aus einer
vollkommnern Masse gebildet als wir? Habt ihr mehr Sinne, mehr Hände und Füsse?
u.s.w. Oder, wenn sich alle eure Vorrechte (wie uns unsre Philosophen von dm
Dächern herabpredigen) auf einen blossen Vertrag zwischen uns und euch gründen;
wenn alles, was ihr besitzt, bloss anvertrautes Gut ist, und euer Ansehen keinen
andern rechtsbeständigen Grund hat noch haben kann, als eine von uns empfangene
bedingte Vollmacht, die wir alle Augenblicke zurücknehmen können, sobald wir uns
auf eine vorteilhaftere Art einzurichten wissen; wie könnt ihr erwarten, dass so
aufgeklärte Leute, wie wir, in der wichtigsten Angelegenheit unsers zeitlichen
Lebens - (des einzigen, welches uns übrig bleibt, nachdem uns eure Philosophen
gelehrt haben, dass die Seele des Menschen in seinem Blute ist) - euch eine
willkürliche und unbeschränkte Gewalt über unsere Personen, unser Eigentum und
unser Leben einräumen werden? Ehe wir euern Verordnungen gehorchen, wollen wir
untersuchen, ob sie uns glücklicher machen werden. Ehe wir euch Subsidien
bewilligen, wollen wir erst wissen, wie ihr sie zu unserm Nutzen anzuwenden
gedenket. Und ehe wir uns an die Schlachtbank führen oder in Gefahr setzen
lassen, unsre Felder verwüstet, unsre Wohnungen angezündet, unsre Weiber und
Töchter geschändet, und unsre Söhne in die Kriegsknechtschaft geführt zu sehen,
wollen wir vorher untersuchen, was uns daran gelegen ist, ob ihr etliche
Quadratmeilen mehr oder weniger zu besteuern habt oder nicht.
    Ich zweifle keineswegs, dass unsere Obern nicht im Stande sein sollten, auf
alle diese unehrerbietigen Fragen - auch ohne Knüttel, Zuchtaus und Festungsbau
- sehr gültige Antworten zu geben. Aber die Geschichte der vergangenen Zeiten
belehrt mich, dass es doch immer sichrer ist, die Sachen nicht auf solche Spitzen
zu treiben; dass illuminirte Bauern und begeisterte Knipperdollinge25, Cromwelle
u.s.w. gefährliche Sachwalter der Menschheitsrechte sind, und, mit Einem Worte,
dass es besser ist, die wohltätigen Wirkungen, die ein unvermerkt zunehmendes
Wachstum der Vernunft unfehlbar unter den Völkern der Erde hervorbringen wird,
ruhig abzuwarten, als diesen Zeitpunkt (der doch gewiss noch kommen wird) durch
Mittel beschleunigen zu wollen, deren unüberlegte Folgen schlimmer und
verderblicher sein würden als die Uebel, die man dadurch zu heben glaubt.
    Der Himmel verhüte, dass der Gedanke, der bisherigen Aufklärung unsrer Zeiten
durch etwas andres als durch gesunde Vernunft und gründliche Wissenschaften
Schranken zu sehen, jemals in denjenigen erweckt werde, welche Gewalt über uns
haben! Wahre Erleuchtung über alles, was den Menschen wesentlich angeht, ist
unser wichtigstes und allgemeinstes Interesse; und Verbesserungen sind ihre
natürlichen Folgen. Aber es gibt auch Irrwische, deren betrügliches Licht in
Moräste führt. Selbst das wohltätige Sonnenlicht darf nicht anders als mit
grosser Behutsamkeit und durch fast unmerkliche Stufen in die schwachen Augen
eines sehend gewordenen Blinden eingelassen werden, und ein zu starker
Lichtstrom blendet sogar ein geübtes Gesicht. Aber die eine Hälfte der Welt in
den Brand stecken, um der andern eine schöne malerische Beleuchtung zu geben,
ist ein Project, das nur in so einem Kopfe sollte entstehen können, wie jener
war, der Rom an vier Ecken anzünden liess, um einem poetischen Gemälde vom
brennenden Troja mehr Wahrheit geben zu können.
    Die Herren, welche die goldnen Zeiten, auf die wir schon so manches
Jahrtausend vertröstet werden, dadurch zu beschleunigen glauben, dass sie vor
allen Dingen auf den Umsturz der Religionsverfassung von Europa antragen, mögen
vielleicht ihrer eignen Meinung nach sehr kosmopolitische Absichten dabei haben:
aber ihr Project selbst ist um nichts besser als jener Neronische Einfall. Unsre
Väter wussten auch, und hatten's schon von ihren Vätern gelernt, dass keine
menschliche Anstalt ohne Missbräuche, keine Religion ohne Aberglauben ist: aber,
dass man alle Religion abschaffen müsse, damit niemand Gespenster glaube, oder
nach Not Gottes wallfahrte wenn er was Nötiger's zu Hause zu tun hätte, das
liessen sie sich freilich eben so wenig träumen, als dass man das bürgerliche
Regiment abschaffen müsse, damit Richter, Amtleute und Advocaten das Recht nicht
länger beugen können, und kein armes Bäuerlein mehr in den Fall komme über
Execution oder Frohndienste zu wehklagen.
    Eine weitläuftige Rechtfertigung unsrer Väter über diese Denkart zu
unternehmen, würde eine unverzeihliche Verzweiflung an dem gemeinen
Menschenverstande verraten. Der Grundsatz, welchem sie in Veurteilung und
Schätzung des wesentlichen und zufälligen Nutzens oder Schadens der Religion
folgten, geht durch alle Zweige des menschlichen Lebens. Wir würden auf den
Zustand der Bewohner von Neu-Holland zurückgebracht werden, wenn man uns alles
nehmen wollte, was durch Zufall oder Missbrauch Schaden tut. Eure Philosophie
selbst, ihr kurzsichtigen und voreiligen Verbesserer! - aller Aberglaube und
alle Möncherei der ganzen Welt, von dem ersten Menschen an, der an seine Träume
glaubte oder zu einem Fetisch sprach, sei mein Gott! hat nicht halb so viel
Elend verursacht, als eure Philosophie in einem einzigen Menschenalter stiften
würde, wenn bei jeder policirten Nation nur zwei Drittel an euern Unglauben
glauben und nach euern Grundsätzen handeln würden.
    Die ewige Quelle aller Chimären und Trugschlüsse, wodurch halb aufgeklärte
Köpfe und aufgeklärte Halbköpfe sich selbst und andre täuschen, ist die
Verwechslung willkürlicher Abstractionen mit den wirklichen Dingen dieser Welt.
Man kann sich einen Staat, eine Polizei, ein durch Fleiss und Handlung blühendes
Volk ohne Religion denken, - also (schliesst man) ist die Religion eine ganz
entbehrliche Sache; und eine entbehrliche Sache, die so leicht gemissbraucht
werden kann und durch den Missbrauch so schädlich ist, wird am besten gar
abgeschafft, sagen unsre raschen Kurzdenker.
    Sollten diese Herren, die sich so viel aufgeklärter zu sein dünken als die
Gesetzgeber und Weisen aller Völker und Zeiten, den Unterschied zwischen einem
Staate, der aus zwanzig Millionen metaphysischer Silhouetten, und einem Staate,
der aus zwanzig Millionen lebendiger Menschenkinder besteht, auch wohl scharf
genug durchdacht haben, um so gewiss zu sein, dass dieser eben so gut ohne
Religion bestehen könnte als jener? Oder, wenn auch ein wirklicher Staat der
Religion, als politisches Institut betrachtet, für sich selbst entbehren könnte,
wie wird er gegen andre Staaten aushalten, welche eine Religion haben, und bei
denen (einen sehr möglichen Fall vorausgesetzt) diese Religion mit voller Kraft
wirkte?
    Doch, wir wollen über alle diese Fragen hinwegsehen. Der Bürger als Bürger
soll, wenn die Herren wollen, der Religion entbehren, soll ohne sie im Zaum
gehalten werden können: kann er sie darum auch als Mensch entbehren? Ist der
Mensch um des Bürgers, oder der Bürger um des Menschen willen? Ist die Sorge für
Nahrung und Kleidung, die Abführung seiner bürgerlichen Schuldigkeiten, und das
Bestreben nach Reichtum und üppigem Genuss die einzige oder höchste
Angelegenheit des Menschen? Ist er nicht ein Wesen, das, sobald es sich ganz
fühlt, sich einer sittlichen und geistigen Vollkommenheit fähig, und zu
Geschäften, die dieser Fähigkeit entsprechen, geboren fühlt? Wollen wir diesen
edlen Instinct in ihm ersticken? ihn bloss auf die tierischen Triebe
einschränken? ihn mit aller Gewalt zu einer Art von Geschöpfen herabwürdigen,
die bloss dafür gefüttert werden, dass sie am Pfluge ziehen und Lasten tragen? Ihm
die Religion nehmen ist freilich der kürzeste Weg dazu. Aber wenn auch
Philosophen und Despoten sich mit einander vereinigten, diese schändliche
Entmenschung an ihren Untergebenen vorzunehmen, werden diese die Operation so
geduldig aushalten? Werden sie, nachdem man ihnen ohnehin schon fast alles
genommen hat, woran sie ein natürliches Recht mit auf die Welt brachten, sich
auch noch das absophistisiren lassen, was jede Nation des Erdbodens immer als
ihre letzte Zuflucht, als ihr heiligstes und liebstes Gut, als einen Schatz,
gegen welchen in Augenblicken des Entusiasmus das Leben selbst für nichts
geachtet wird, angesehen haben? - den Glauben ihrer Väter, den Glauben an eine
Vorsehung die für alles sorgt, an einen unsichtbaren Weltbeherrscher dem alles
untertan ist, an unsichtbare Beschützer von welchen Hülfe zu erlangen ist wenn
sonst nichts helfen kann, an ein künftiges Leben wo alles in Ordnung und
Gleichgewicht kommt, alles, was hier gesündiget wurde, gebüsst, alles, was hier
unvergolten blieb, vergolten werden wird? - Welch ein Unternehmen, dem
Menschengeschlecht den Trost, der aus diesem Glauben entspringt, rauben zu
wollen? Und welch ein Wahn, sich einzubilden dass man es könne?
    Man sage nicht, dass ich hier Streiche in hie Luft führe; dass die Meinung der
Herren, von denen die Rede ist, nicht sei, die Religion selbst, sondern nur den
Missbrauch der mit ihr getrieben werde, abzustellen. Wenn dies wäre, würden sie
sich anders benehmen und eine andere Sprache führen. Wenn einer mitten unter
eine ganze Nation hintritt und fragt:
    »stehet zu vermuten, dass dem respectiven Gouvernement weniger Gehorsam
    geleistet werden wird, dass es weniger gute Staatsbürger geben wird, wenn den
    Völkern die Furcht vor dem Religionsgespenste genommen wird?«
so muss man ihm wenigstens lassen, dass er die Gabe hat sich kurz und deutlich zu
erklären; und ich sehe nicht, wie unser Weltbürger, der dies gefragt hat, seine
Meinung über die Religion stärker und runder hätte heraussagen können. Sie ist
ihm blosse Pfaffenerfindung, ein Gespenst womit man Kinder schreckt, und womit
sich nur Kinder schrecken lassen. Und freilich, wenn sie nichts als das ist, so
kann man nicht besser tun, als sie je eher je lieber abzuschaffen; so wie
nichts gerechter wäre, als die Geistlichkeit - oder, wie sich unser
After-Kosmopolit ausdrückt, die Pfaffen beiderlei Geschlechts - für vogelfrei zu
erklären, wenn es wahr ist, dass sie »Feinde des Staates sind, und Feinde des
Staates ziehen.«
    Religion und Gespenster stehen also, in dem aufgeklärten Kopfe des Welt- und
Staatsbürgers, der so bescheidne und wohlüberlegte Fragen an seine Mitbürger
tut, in Einer Linie. »Und sind es nicht immer Kinder die an Gespenster glauben,
fährt er fort zu fragen, und grosse Leute glauben doch nicht daran?« - Wenn ich
nicht irre, so war es kein Kind, sondern ein grosser Mann, ein Mann von sehr
grossem, alles umfassendem und tief eindringendem Geiste (Bacon von Verulam), der
gesagt hat: »Philosophie, nur mit den äussersten Lippen flüchtig gekostet,
berauscht den Verstand, macht Religionsverächter und Ungläubige: nur mit vollen
Zügen getrunken, wird sie Licht der Seele, und dann führt sie zu Gott.« - Waren
Sokrates und Plato Kinder? Oder war es ein Kind, das von den Eleusinischen
Mysterien sagte26: »dass sie das beste Geschenk seien, was Aten, die Mutter so
vieler vortrefflichen und herrlichen Dinge, der menschlichen Gesellschaft
gemacht habe; weil man in ihnen das, was den Menschen allein zum Menschen mache,
die wahren Grundsätze um glücklich zu leben und mit bess'rer Hoffnung zu
sterben, gelehrt werde.« Das Kind, das so treuherzig an das Gespenst der
Eleusinischen Mysterien glaubte, war einer der ersten Männer in Rom, zu einer
Zeit, wo ein Römer gegen die Männer unsrer Zeit ein Gott war. Wenn unser
Weltbürger sich die Mühe geben wollte genauere Erkundigungen einzuziehen, so
würde er finden, dass eine erste Ursache, die alles schafft, nährt und zu Einem
verbindet, eine alles umfassende Vorsehung, die Verwandtschaft unserer Natur mit
der göttlichen, und die instinctähnliche Ahndung der Fortdauer unsers wahren
Selbsts über die engen Gränzen dieses Augenblicks von Leben, Gespenster sind, an
welche von jeher unter allen Völkern und zu allen Zeiten die grössten und
erhabensten Geister geglaubt haben27.
    Doch, unser Weltbürger spricht ja auch von der Allgüte eines allweisen
Schöpfers, indem er es mit dieser Allgüte und Allweisheit nicht verträglich
findet, »dass die Vernunft nicht hinreiche den Menschen zu führen.« - Aber wenn
die Vernunft hinreicht den Menschen zu führen, wie verträgt sich's denn mit der
Allgüte eines allweisen Schöpfers, »dass (wie er meint) nur so wenig Menschen
vernünftig sind?« Vermutlich will die Allweisheit, dass die Unvernünftigen sich
von den Vernünftigen führen lassen; so tut denn Glauben bei jenen, was Vernunft
bei diesen. Auch ist's meistens immer so gehalten worden: und wenn dieser
Weltbürger die Portion von der allgemeinen Vernunft, die ihm selbst zu Teil
geworden ist, dazu anwenden wollte, sich etwas tiefere Einsichten in die
Beschaffenheit und den Zusammenhang der menschlichen Dinge zu verschaffen als
seine Fragen und Zweifel zu verraten scheinen; so würde er finden, dass gerade
die Vernunft, die dem Menschen zum Führer gegeben ist, die Gesetzgeber und
Weisen aller Völker dahin gebracht hat, durch die Religion dem bürgerlichen
Vertrage die Sanction eines höhern Gesetzgebers, der Sittenlehre die stärksten
Beweggründe, und der Tugend die höchste Begeisterung zu geben; dass es gerade die
Vernunft dieser Weisen, ihre richtige und lebendige Kenntnis der menschlichen
Natur war, was sie die Unzulänglichkeit der politischen Verfassung ohne
Mitwirkung der Religion erkennen machte; und dass (sogar ohne Rücksicht auf die
sittlichen Vorteile, welche die letztere dem Staate gewähren kann) die blosse
Betrachtung, »dass der Keim und die Wurzel der Religion in der Natur des Menschen
liegt, und ein Volk ohne Religion sich so wenig als ein Volk ohne Leidenschaften
denken lässt28,« hinlänglich war, die Vernunft der Gesetzgeber und Weisen von der
Notwendigkeit einer Religion des Staats, d.i. einer unter der Aussicht und dem
Schütze der bürgerlichen Obrigkeit stehenden öffentlichen Gottesverehrung, zu
überzeugen.
    Man muss sehr unbekannt mit der Geschichtskunde und den Verhältnissen der
menschlichen Dinge sein, um die Vorteile zu verkennen, welche die Religion, das
Priestertum, ja sogar ehemals das jetzt so verhasste Mönchswesen, dem
menschlichen Geschlechte gebracht haben. Lässt es die Beschaffenheit unsrer Natur
nicht zu, dass wir diese Vorteile ganz rein geniessen; ist es unmöglich, selbst
die beste Volksreligion immer von aller Mischung mit Schwärmerei und Aberglauben
frei zu erhalten; sind die Priester eben darum, weil sie Menschen find wie wir,
Leidenschaften, Entwürfen und Handlungsweisen unterworfen, wodurch sie von ihrer
wahren Bestimmung abgeführt und der bürgerlichen Gesellschaft nur gar zu oft
schädlich geworden sind: von welchem Institut, welchem Stand unter den Menschen
lässt sich nicht das Nämliche sagen? Aber wann hat die Vernunft jemals gelehrt,
den Gebrechen einer nützlichen und (zur Zeit wenigstens) unentbehrlichen Sache
durch Zernichtung derselben abzuhelfen?
Was sollen also Fragen wie diese? -
»Würde nicht auch Gras und Korn wachsen, wenn wir an Wistnu oder Vizlipuzli
    glaubten?
Wäre nicht das kürzeste Mittel, allem Ungemach des Aberglaubens und der
    Pfafferei abzuhelfen, wenn man dem Volke die Furcht vor dem
    Religionsgespenste benähme?
Wozu die Pfaffen beiderlei Geschlechts, welche Feinde des Staats sind, und
    Feinde des Staats ziehen?
Verträgt sich Glauben mit Verstand?« u.s.w.
    Solche Fragen tut weder ein Sokrates, der belehren, noch ein Unwissender,
der belehrt werden will! Es sind (um ihnen den gelindesten Namen zu geben)
Cruditäten eines Menschen, der - im Heisshunger nach einer schmackhaftern Nahrung
als ihm von seinen Pädagogen gereicht worden sein mag - auf einmal und allzu
hastig mehr Französische Modephilosophie zu sich genommen hat, als er verdauen
konnte.
    Ueberhaupt hört man es diesem Weltbürger an seinem Ton an, dass er zu einem
Volke gehört, dem seit kurzer Zeit (zum Behuf bekannter grosser Absichten) eine
Freiheit laut zu denken eingeräumt wurde, die keine natürliche Frucht der
Staats- und Religionsverfassung desselben ist, und also auch eben so schnell
wieder zurückgenommen werden kann, als sie gegeben wurde. Der gegenwärtige
Zeitpunkt ist eine Art von Saturnusfest29, wo jedem erlaubt ist zu sagen und
drucken zu lassen was ihm einfallt. Da nun diese fröhlichen Tage vielleicht
nicht lange währen möchten; da ein jeder wenigstens weiss, dass man ihm den Mund
wieder zusiegeln könnte sobald Zeit und Umstände es anraten würden: so eilen
die Leute über Hals über Kopf, einem schon lange her gesammelten Groll gegen
alte Missbräuche Luft zu machen; und bei dieser wetteifernden Eilfertigkeit ist
es denn sehr natürlich, dass mitunter auch viel unförmliches Zeug aufs Papier
gegossen, und jede blähende Gährung verworrener Ideen für Drang und innerlichen
Beruf, auch etwas zu Beförderung der guten Sache beizutragen, angesehen wird.
    Wir sind so weit entfernt, irgend einem Volke, dem es der Himmel gönnt, den
Genuss dieser glücklichen Saturnalien zu missgönnen, dass wir uns vielmehr über
alles Gute freuen, was, als eine natürliche Folge der Freiheit des
Untersuchungsgeistes und der durch sie bewirkten Aufklärung, sich über dasselbe
verbreiten wird. Felices sua si bona norint! Aber eben darum wünschen wir, dass
die Freiheit laut zu denken mit Bescheidenheit gebraucht werden möchte. Man darf
und soll zwar über alle menschlichen Dinge philosophiren; auch über alle
göttlichen, insofern sie durch die Vorstellungsart, Bedürfnisse und
Leidenschaften der Menschen einen Zusatz von Unlauterkeit erhalten, oder sonst
auf eine menschliche Art und Weise zu besondern Absichten modificirt worden
sind. Wer philosophiren soll, muss es mit Freiheit tun dürfen, - oder es wäre
gerade als wenn man einen Beobachter in Pflicht nehmen wollte, am Himmel und auf
Erden weder mit blossen noch mit bewaffneten Augen etwas zu sehen, worüber Petri
Canisii christliche Lehre30 (die unserm Weltbürger so anstössig ist) ins Gedränge
kommen könnte. Aber, ehe man etwas Altes verwirft, muss man es lange, genau und
ohne alle Vorurteile und Leidenschaften von allen Seiten erforscht haben. Denn,
so lange bis das Gegenteil erwiesen wird, ist die Präsumtion für das Alte; und
ehe man etwas Neues anfängt, muss man sich auf alle nur mögliche Art gewiss
gemacht haben, dass das Neue, wenn es plötzlich und mit Gewalt an die Stelle des
Alten tritt, nicht andere Uebel nach sich ziehen werde, die vielleicht ungleich
schlimmer sind als diejenigen, denen man abhelfen will: denn, bis das Gegenteil
aufs schärfste erwiesen worden, ist die Präsumtion immer gegen die Neuerung. Die
weisesten Männer aller Zeiten haben mit Respect und Zurückhaltung von Meinungen
und Gebräuchen gesprochen, die entweder consensu omnium gentium oder religione
majorum ehrwürdig geworden sind; und selbst Missbräuche, die mit dem was einem
Volke heilig ist und heilig sein soll zusammenhangen, erfordern eine behutsame
Hand, um ohne grössern Schaden geheilet zu werden.
    Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland, wurden, vom vierten Jahrhundert
an, nach und nach mit wundertätigen Heiligen, mit Klöstern und mit Mönchen
angefüllt, die in diesen Klöstern sich mit den Opfern, welche die fromme Einfalt
jenen nichts mehr bedürfenden Heiligen darbrachte, mästeten. Diese fromme
Einfalt unserer alten Vorfahren in den Jahrhunderten, die man die dunkeln und
barbarischen nennt, ging freilich oft jehr weit. »Aber, mit allem dem (sagen wir
mit den Worten eines verständigen und billigen Beurteilers31 der menschlichen
Angelegenheiten) war diese sancta simplicitas nicht immer schädlich, und selbst
für die Cultur und Bevölkerung Europens nicht ohne Nutzen. Sie hat zu vielen
nützlichen bürgerlichen und politischen Stiftungen Gelegenheit gegeben. Sie hat,
indem sie die Mönche bereicherte, zugleich das Land mit bereichert, die
Industrie aufgemuntert, das Volk zur Tugend, und seine Unterdrücker zur Neue
über ihre Verbrechen erweckt.«
    Dies ist historische Wahrheit; und was hier von der Devotion unsrer
Vorfahren überhaupt gesagt wird, getraue ich mir gewissermassen von jedem
religiösen Gebrauch, so sehr er auch in Missbrauch ausgeartet sein mag, selbst
das Wallfahrten nach Rot Gottes nicht ausgenommen, zu behaupten. Nach einem
Umlauf von so vielen Jahrhunderten haben sich freilich die Umstände verändert.
Einer der ersten Vorwürfe, die man jetzt dem Mönchswesen macht, ist, dass es der
Bevölkerung und Industrie nachteilig sei. Vor tausend Jahren war's gerade
umgekehrt. So ist's mit allen menschlichen Instituten. Was unter gewissen
Umständen der Welt Vorteile brachte, wird ihr, bei geänderten Verhältnissen,
lästig und schädlich. Die Mönche, die in einigen Zeitpunkten beinahe die
einzigen Bewahrer des heiligen Feuers waren, sind zu andern Zeiten hier und da
in Fakirn und Marabuts ausgeartet, die sich die Leichtgläubigkeit des Volkes
ungebührlich zu Nutze machten, und, um ihr betrügerisches Gaukelspiel ungestraft
forttreiben zu können, sich allem, was Vernunft und Aufklärung hiess, mit Fäusten
und Fersen entgegensetzten. Aber auch in diesem Stücke haben sich die Zeiten
ziemlich geändert; und, wenn man die Mönche unsrer Zeit die Verdienste ihrer
Vorfahren nicht geniessen lassen will, ist es billig, sie die Missetaten
derselben entgelten zu lassen? Wozu also die beleidigenden und ungezogenen
Ausdrücke, worin man über den ganzen Stand herfährt? Womit will man eine solche
Verfahrungsart rechtfertigen? Und was für Wirkungen glaubt man dass sie auf die
Gemüter des Volkes tun werden?
    Man spricht und schreibt so viel von Toleranz, und verspricht sich so grosse
Vorteile von der politischen Duldung diffentirender Religionen. Ist es Ernst
damit? Wünschen diese Weltbürger, die in Römischkatolischen Staaten (wo das
Mönchswesen mit allen seinen Attributen und Accidentien nun einmal so tiefe
Wurzeln geschlagen hat, und mit der religiösen und bürgerlichen Verfassung so
enge verwebt ist) so heftig und ohne alle Unterscheidung gegen alles, was in
diesem Punkt Religion und Institut der Vorfahren ist, wüten, wünschen diese
Herren im ganzen Ernst ihre dissentirenden Mitbürger in den Genuss eines gleichen
Anteils an allen bürgerlichen Rechten eingesetzt zu sehen? Wünschen sie im
Ernst, dass der grausame, die menschliche Natur entehrende und dem Staate so
nachteilige Religionshass aufhöre, die Namen Ketzer und Ketzerei, womit das
katolische Volk in gewissen Ländern noch so grässliche Nebenbegriffe und
schauderliche Gefühle verbindet, verbannt werden, und alle, die sich zu der
mildesten und menschlichsten aller Religionen bekennen, einander als Kinder
Eines Vaters und Glieder Eines Staates lieben und behandeln sollen? - Wünschen
sie dies aufrichtig: so ist wahrlich die Erbitterung, die sie durch
unbescheidene Uebertreibung gewisser protestantischer Grundsätze in den
Gemütern der Römischen Geistlichkeit, und des gewiss noch immer an ihr hangenden
grossen Haufens, unterhalten und immer schärfer und giftiger machen, ein sehr
ungeschicktes Mittel jene Absicht zu befördern.
    Endlich (um das Wichtigste zuletzt zu sagen), wenn unserm Weltbürger, und
allen die ihm gleichen, die Vertilgung alles dessen, was der Glückseligkeit der
Völker im Wege steht, und die Bewirkung alles dessen, was sie befördern würde,
wirklich so sehr am Herzen liegt, und wenn sie so überzeugt sind, dass ohne
Aufklärung keine Glückseligkeit, und ohne Freiheit der Vernunft und des
Gewissens keine Aufklärung möglich ist: wie können sie so kurzsichtig sein,
nicht vorauszusehen, dass der Übermut, womit sie sich der ersten Augenblicke
von Freiheit bedienen, der geradeste Weg ist, sich derselben wieder verlustig zu
machen? Diejenigen, welche Gewalt über uns haben, und deren Gedanken selten
unsre Gedanken sind, können, aus Absichten die vielleicht die besten von der
Welt sein mögen, eine Zeit lang zu dem Missbrauche dieser Freiheit ein Auge
zutun. Aber wenn die schädlichen Folgen des Missbrauchs endlich allzu auffallend
werden; wenn Freiheit zu philosophiren in Freigeisterei ausartet; wenn sie die
Grundfeste der Moralität untergräbt, und die stärksten Bande der Gesellschaft
auflöset; wenn es endlich sichtbar wird, dass dieser Libertinismus, der das
Palladium aller bürgerlichen Gesellschaft als ein Gespenst, und den Stand, dem
die Bewahrung desselben anvertraut ist, als den verächtlichsten aller Stände
behandelt, - wenn es, sage ich, sichtbar wird, dass dieser Libertinismus, auf
einem ziemlich geraden Wege und unter ähnlichem Vorwande, auf den Umsturz aller
andern Institute, Gerechtsame und Vorzüge, die ebenfalls keinen festern Grund
als Meinung, Glauben, Altertum, fromme Einsalt, Trägheit und Geduld der Völker
haben, losgeht: dann könnten unsre Erdengötter wohl, um ihrer eignen Sicherheit
willen, eben so plötzlich - den entgegengesetzten Weg einschlagen, und Massregeln
nehmen, die aller Aufklärung, Toleranz, Freiheit und Weltbürgerschaft auf einmal
ein betrübtes Ende machen dürften.
    O Geist des guterzigen, wohlmeinenden, aber einseitigen Helvetius! Wenn du,
wie ich glaube, noch Anteil an den Schicksalen der Menschen nimmst, die du
einst von ihren Vorurteilen befreien wolltest, und wenn du, wie ich nicht
zweifle, jetzt tiefer in die Natur und den Zusammenhang der menschlichen Dinge
siehst, mit welchem Auge wirst du die Unternehmungen deiner unbesonnenen Schüler
ansehen? Wer wusste besser als du, dass es ganz ein anderer Despotismus ist, als
der hierarchische und mönchische, von welchem die Menschheit in unfern Zeiten am
meisten zu befürchten hat? Wer hat dieses Ungeheuer, mit allen seinen
furchtbaren Eigenschaften und verderblichen Wirkungen, wahrer, stärker
geschildert als du? Aber wie konnte dir, oder wie kann irgend einem deiner
Jünger verborgen sein, dass es nur noch alle die schwachen Fäden - von alten
Meinungen, Vorurteilen und Instituten, womit diese Hyder umschlungen ist, - dass
es nur noch diese im Einzelnen schwachen, aber zusammengenommen unzerbrechlichen
Fäden sind, welche sie verhindern, ihre ganze Stärke zur Vernichtung aller noch
übrigen Reste der menschlichen Freiheit anwenden zu können? Und ihr glaubt der
Menschheit einen Dienst zu erweisen, wenn ihr mit eurem Lämpchen herumgeht, und
einen dieser Faden nach dem andern absenget?
    Doch, es ist Zeit dass ich auch mein Lämpchen auslösche. Wie oft sagte ich
schon zu mir selbst: dies soll das letztemal sein, dass du deine Zeit verderben
willst Mohren zu bleichen! Die Menschen sind nun einmal nicht gemacht weise zu
sein. Immer werden sie tun wie ihre Väter von jeher getan haben, - ihre
Endzwecke durch ihre Mittel zerstören, weder in Hass noch Liebe Mass halten, und,
wie dumme Fische, sich mit goldfarbenen Fliegen locken lassen, den Angel ihres
Wohltäters, des Fischers, hinab zu schlingen. Moralische Epidemien lassen sich
so wenig durch Vernunftgründe als leibliche Krankheiten durch Zauberworte
heilen.
    Aber alles was ist und geschieht, gehört zu einem Plane, von dem wir nichts
verstehen. Grosse und Kleine, Weise und Unweise, spinnen und weben wir alle an
dem unendlichen Gewebe des Schicksals, ohne zu wissen was wir machen, und
befördern unbekannte Endzwecke, indem wir oft gerade das Gegenteil zu tun
glauben oder scheinen.
    Und so bleibe es denn dabei, was Pope sagt:
- - - In erring reason's spite,
One trut is clear: Whatever is, is right.32
                         Anmerkungen zum zweiten Teil.
                              Sechster Abschnitt.
1 302,500 Taler.
2 Welches Vernunft, Sprache und Wort bedeutet, gehörte auch zu den
Personificationen der Gnostiker, und wurde von Johannes auf Jesus bezogen. Um
des Kerintos Behauptung sogleich ganz bestimmt zu widersprechen, soll er diese
Erklärung gleich an die Spitze seines Evangeliums gesetzt haben.
3 Abgrund.
4 Ebion oder Hebion, welcher ein Nachfolger des Kerintos war, stimmte diesem
nicht in allem bei, vornehmlich nicht in der Behauptung, dass die Welt von Engeln
erschaffen sei. Er stimmte ihm aber in der Meinung über Jesus bei, und zeigte
grossen Eifer für den Mosaismus. - Valentinus, der in Aegypten die Platonische
Philosophie studirt hatte, ein gelehrter und beredter Mann, gehört zu den
Begründern des gnostischen Christianismus. Seine Lehre lässt sich auf drei
Hauptpunkte zurückbringen: 1) von der Schöpfung der geistigen und materiellen
Welt, 2) von der Natur Jesu, und 3) von der dreifachen Natur des Menschen. Der
ungeborene, unsichtbare Gott, der Vater und die Tiefe, sagte er, wohnte in der
Fülle (Lichtraum) mit seiner Gemahlin, der Denkkraft, die man auch Charis
(Gnade?) und Schweigen nenne. Von ihnen stammen 15 männliche und 15 weibliche
Aeonen, von einander nach und nach erzeugt. Von Gott selbst sind erzeugt die
Aeonen Verstand (auch Monogenes, der Eingeborne) und Wahrheit, diese erzeugten
den Logos und das Leben, diese den Menschen und die Gemeine. Von Logos und Leben
stammten die zehn Aeonen der zweiten Classe: Tiefe und (mixis) Mischung,
Alterlos und Einigung, Selbstgeborner und Lust, Bewegungslos und Zusammenfluss (
sygkrasis, wie diese von der obigen mixis unterschieden worden, weiss ich nicht),
Eingeborner und Seligkeit. Von dem Menschen und der Gemeine stammten die 12
Aeonen der dritten Classe: Tröster und Glaube, Väterlich und Hoffnung,
Mütterlich und Liebe, Stets-Verstand und Klugheit, Kirchlich und Selig,
Freiwille (Telhtos) und Weisheit. Ausser diesen gab es noch vier männliche
Aeonen: Horus (Gränze), Christus, der heilige Geist und Jesus, an dessen Zeugung
alle Aeonen Anteil genommen haben, und der darum auch die Namen aller führt,
und Logos. Als Jesus auf die Welt kam, wurde seine geistige Substanz mit einer
animalischen Substanz so künstlich umgeben, dass sie einen sichtbaren, fühlbaren
und des Leidens fähigen Körper bildete. In der Angabe seiner Menschwerdung
wichen aber die Valentinianer selbst von einander ab. (S. Storr a.a.O.S. 132
fgg) In einem Anfall von Leidenschaft gebar einst die Weisheit einen
ungestalteten Aeon weiblichen Geschlechts, Achamot oder Eutymesis, und dieser
fiel in die Finsternis der Materie. Furcht, Angst und Trauer wechselten bei ihm
unaufhörlich ab mit Lachen, welches erregt wurde durch die Erinnerung an die
Schönheit des verlorenen Lichtes. Ihre heftige Begierde nach diesem brachte
hervor die Seele der Welt, des Weltschöpfers (Demiurgos) und andere Seelen; aus
ihren Tränen entstand das Wasser, aus ihrem Lachen die durchsichtige, aus ihrer
Trauer die dichte Materie. Nachher brachte sie noch drei Substanzen hervor, eine
materielle, eine geistige und eine Seelenartige. Aus Gestaltung der letzten
entsprang der Demiurg, welcher mit Hülse Jesu und seiner Mutter aus der
seelenartigen Substanz sieben Himmel baute, deren sechs von Engeln bewohnt
werden, und der siebente sein eigener Sitz ist. Die materielle Substanz bestand
aus den drei Gemütsbewegungen der Achamot. Aus der Furcht entstanden die
Tiere, aus der Trauer die bösen Geister, aus der Angst die mit Feuer gemischten
Elemente. Endlich bildete der Demiurg den Menschen aus der materiellen und
seelenartigen Substanz, zu welchen aber Achamot auch unvermerkt etwas von der
geistigen mischte. Darum besteht der Mensch aus drei Teilen, der materiellen
und sterblichen, der seelenartigen, der Seligkeit oder Unseligkeit fähigen, und
der geistigen unsterblichen. - Alles dies, wie fremdartig es dem Christentum
ist, wusste man gleichwohl mit ihm in Verbindung zu bringen.
5 Jene entielt das allgemein Mitteilbare, was auch ausserhalb der Schule jeder
wissen durfte, diese das Geheimnis der Schule.
6 Die Paphlagonier waren wegen Stumpfheit des Verstandes und Rohheit in üblem
Rufe.
7 Der Akolut in der Christianischen Kirche war eins Art Küster, Diener der
Diakonen, der ihn in allen Amtsverrichtungen begleitete, beim Gottesdienste die
Lichter anzündete, bei Einweihung und Ordination ein Wachslicht in der Hand
hielt, und für Reinigung der Kirche und kirchlichen Gefässe sorgte.
                              Siebenter Abschnitt.
8 So hiessen diejenigen Schüler des Pytagoras, vor welchen er nichts Geheimes
hatte. W.
9 Vergl. die Natur der Dinge, Anm. 8. zu 1. Buch, Bb. 25.
                               Achter Abschnitt.
10 Ungefähr drei Groschen.
11 S. das Schiff oder die Wünsche in Lucians Werken, übers. von Wieland Bd. 1.
S. 317 fg.
12 S. Bd. 10. S. 521 ff.
13 Demetrius, war ein griechischer Philosoph der Cynischen Schule, der sich
unter der Regierung des Caligula, Claudius und Nero zu Rom aufhielt. Seneca
gedenkt seiner öfters aufs rühmlichste. So sagt er im 62sten Briefe: von
Demetrius, dem besten der Männer, lasse ich nicht ab; ich verlasse die
Bepurpurten; mit diesem Halbnackten spreche ich, ihn bewundre ich. Und wie
sollte ich ihn nicht bewundern? Ich sehe, dass ihm nichts mangelt. Es kann jemand
alles verachten; alles haben niemand. Der kürzeste Weg der zu Reichtum führt,
ist Verachtung desselben. Unser Demetrius aber lebt, nicht als ob er alles
verachtete, sondern als ob er andern alles überlassen habe. Man vergleiche die
Stelle de beneficiis K. 8. 9.
14 Dieses Namens wurden zwei hingerichtet Cäcina Pätus hatte in dem Aufstande
gegen Claudius des Seribenianus Partei ergriffen, und wurde zum Tode
verurteilt. Seine Gemahlin Arria, die ihn auch im Tode nicht verlassen und
diesen ihm erleichtern wollte, stiess sich zuerst den Dolch in die Brust, reichte
ihn dem Gemahl, und sagte: es schmerzt nicht, Pätus. - Dieser Arria gleichnamige
Tochter war vermählt an Traseas Pätus, von welchem hier die Rede ist. Er wurde
unter Nero zum Tode verurteilt, und da man ihm die Wahl des Todes liess, wählte
er Öffnung der Adern. Seine letzten Tage brachte dieser tugendhafte Mann, in
Erwartung des gegen ihn gefällten Spruches, in seinen Gärten zu, und unterhielt
sich eben mit Demetrius über die Natur der Seele und deren Trennung von dem
Körper, als ihm das gefällte Urteil bekannt ward. Seiner Gemahlin, die dem
Beispiel ihrer Mutter folgen wollte, riet er im Leben zurückzubleiben, und der
gemeinschaftlichen Tochter nicht die einzige Stütze zu rauben, begab sich mit
seinem Schwiegersohn Helvidius und Demetrius in das Schlafgemach, und liess sich
die Adern öffnen. Das erste Blut spritzte er auf die Erde, und sagte: dies
opfere ich Jupiter dem Befreier! Hierauf zu Helvidius: merke auf, junger Mann!
Zwar mögen die Götter schlimme Vorbedeutung abwenden, deine Geburt aber ist in
eine Zeit gefallen, wo es frommt, durch Beispiele der Standhaftigkeit das Gemüt
zu stärken. - Nun heftete der langsam Sterbende den Blick auf Demetrius; -
leider aber bricht hier des Tacitus Erzählung ab, und seine Annalen schliessen
mit diesem Blicke des tugendhaften Sterbenden.
15 Lucian ist der einzige, der von diesem Philosophen spricht, in welchem er das
Ideal eines Weisen schildert. Er scheint ihn also bloss zum Contrast mit den
damaligen Philosophen Roms unter den Antoninen erdichtet zu haben. Lucians
Dialog Nigrinus s. in Wielands Uebersetzung Bd. 1 S. 18 fgg.
                               Neunter Abschnitt.
16 Weiberhass.
17 Ein durch drei Anticyren unheilbares Haupt. So nennt Horaz einen schlechten
Dichter, der von Wut der Versmacherei nicht geheilt werden kann. Auf der Insel
Anticyra wuchs viel Nieswurz, deren Gebrauch gegen die Tollheit helfen sollte.
18 Platon setzte die vernünftige Seele in das Haupt, die begehrende in die
Brust, und die tierische unter das Zwerchfell in den Unterleib. Der Grund
errät sich leicht.
19 War bei den Stoikern keineswegs völlige Fühllosigkeit für Vergnügen und
Schmerz, sondern Uebermacht der Vernunft über die Macht der sinnlichen Eindrücke
und der Affecte.
20 S. 137. Künftige Augusta - Augusta (die Erhabene) war der Titel, welchen die
Gemahlinnen der römischen Kaiser führten, welcher selbst Augustus hiess.
21 Augusta (die Erhabene) war der Titel, welchen die Gemahlinnen der römischen
Kaiser führten, welcher selbst Augustus hiess.
22 In seiner Schilderung von dem Cyniker Demonax erzählt Lucian einige Anekdoten
von diesem Herodes Attikus, dessen früher schon gedacht worden ist, wobei
Wieland bemerkt: »Dieser zu seiner Zeit so ausgezeichnete Mann hatte bei einem
fürstlichen Ansehen und Vermögen, wie es scheint, auch fürstliche Launen, und
weiter könnte es doch wohl kein poetischer Schach oder Sultan treiben, als
schlechterdings nicht leiden zu wollen, dass ihm ein Liebling gestorben sei, und
alles in der Welt zu tun, um sich selbst in der Illusion, dass er noch lebe, zu
erhalten.« Herodes gab nicht nur Befehl, dass der Gestorbene in seinem Hause noch
immer so bedient werden musste als ob er noch da wäre und lebte: er verlangte
sogar von seinen Freunden, dass sie sich nach dieser Grille richten sollten, und
fand sich geschmeichelt, da sie es taten, wiewohl er sehr gut wusste, warum sie
es taten. »So verfuhr Herodes bei dem Tode seiner Gemahlin, seines Sohnes und
seines Lieblings Pollux. Als er es bei diesem tat, kam Demonax zu ihm, und
sagte, er bringe ihm einen Brief von Pollux. Herodes, erfreut, dass auch dieser
Philosoph seiner Leidenschaft schmeicheln wolle, fragte: was verlangt Pollux? Er
beklagt sich über dich, antwortete Demonax, dass du ihm nicht schon gefolgt
bist.«
23 Kalanus, den die Griechischen und Römischen Geschichtschreiber einen
Indischen Philosophen nennen, bekam in seinem 73sten Jahre Unfälle von harter
Krankheit, und bat Alexandern, ihm einen Scheiterhaufen errichten und, wenn er
ihn bestiegen, anzünden zu lassen. Da Alexanders Vorstellungen fruchtlos waren,
so ward seine Bitte erfüllt. Diodor sagt, dass von der zuschauenden Menge Einige
ihn der Raserei oder seltsamer Ehrsucht beschuldigt. Andere aber seine
Todesverachtung und Standhaftigkeit bewundert hätten.
24 Cirkelbriefe, litterae communicatoriae, waren bei den ersten christlichen
Gemeinen sehr üblich, die sich dadurch alle wichtigen Vorfälle schneller
mitteilten, das ein Brief an die nächste Gemeine abging, die ihn wieder an die
nächste sendete, und so fort.
                           Antworten und Gegenfragen.
25 Im sechzehnten Jahrhundert entstand die Secte der Anabaptisten oder
Wiedertäufer, zu deren besonderen Glaubenslehren auch die von Errichtung eines
neuen weltlichen Staates durch Christus gehörte. Eine Partei, aus Holland
kommend, den Schneider Johann Bokold, gewöhnlich Johann von Leiden genannt, an
der Spitze, hatte die Stadt Münster in Westphalen zu dem neuen Jerusalem
ausersehen. Sie bemächtigte sich derselben, setzte den Magistrat ab, ernannte
Johann von Leiden zum König, und dieser Knipperdollingen zum Vicekönig. Im Jahr
1556 aber wurde, nach einer langen Belagerung, Münster von Franz, Grafen von
Waldeck, eingenommen, und der König, so wie sein Stattalter, wurden mit
glühenden Zangen gemartert und dann hingerichtet.
26 Mihi, cum multa eximia divinaque videntur Atenae tuae peperisse, atque in
vitam hominum attulisse, tum nihil melius illis Mysteriis, quibus ex agresti,
immanique vita execulti ad humanitatem et mitigati sumus, initiaque, ut
appellantur, ita re vera principia vitae cognovimus, neque solum cum laetitia
vivendi rationem accepimus, sed etiam cum spe meliore moriendi. Cicero de Leg.
II. 14. W.
27 Was der eben angeführte grosse Römer irgendwo von dem Glauben der
Unsterblichkeit sagt: »Nescio quomodo inhaeret in mantibus quasi saeculorum
quoddam augurium futurorum, idque in maximis ingeniis altissimisque animis et
existit maxime et apparet facillime,« lässt sich um so richtiger von der Religion
überhaupt sagen, weil jener Glauben so wenig ohne Religion, als Religion ohne
jenen Glauben bestehen kann. W.
28 Ich verstehe unter denken nicht, mit Abstractionen spielen: denn in dieser
letztern Bedeutung des Wortes lässt sich freilich alles denken. W.
29 Die Saturnalien waren zum Andenken der goldnen Zeit eingesetzt, deren, einer
uralten Sage zufolge, die Bewohner Italiens unter der Regierung des Saturnus
genossen hatten. Die vornehmste Absicht bei diesem Feste war, die natürliche
Gleichheit darzustellen, welche in diesen Zeiten unter Menschen statt: fand, die
von Unterdrückung und Knechtschaft noch keinen Begriff hatten. Daher war an den
Saturnalien die Gewalt der Herren über ihre Knechte suspendirt; sie speis'ten
zusammen an Einem Tische, und die Sklaven hatten die Freiheit, so viele Sottisen
zu sagen und zu tun als ihnen beliebte. Dieser beinahe grausame Spass dauerte in
den Zeiten der Freiheit Roms nur Einen Tag, welcher nach dem Festkalender des
Königs Numa der siebzehnte December war. Julius Cäsar vermehrte das Saturnusfest
um zwei Tage, Augustus fügte den vierten, und Caligula den fünften hinzu. - Die
Saturnalien dehnten sich in dem Verhältnis aus, wie die Freiheit ab- und die
willkürliche Gewalt zunahm; welches (wie man sieht) sehr natürlich war. So
geriet vor einigen Jahrhunderten das Christentum in immer grössern Verfall, je
mehr Heilige kanonisirt und Festtage angeordnet wurden. W.
30 Peter Canisius, Hofprediger des Kaisers Ferdinand I., war der erste Teutsche,
der in den Jesuitenorden trat, zur Ausbreitung desselben in Teutschland viel
beitrug, und bald Provincial daselbst wurde. Um den ketzerischen Katechismen
entgegenzuwirken, arbeitete er im Auftrag des Kaisers einen lateinischen
Katechismus aus, der von Ignaz Loyola gebilligt und in den Schulen der
kaiserlichen Staaten eingeführt wurde, ungeachtet der Papst dies für einen
Eingriff in die geistlichen Rechte erklärte. (Petr. Canisii summa doctrinae et
institutionis christianae sive catechismus major. 1554.) »Er entielt, sagt
Stäudlin, die katolische Lehre in grosser Klarheit und Bestimmteit, aber der
Jesuitische Geist blickt sehr deutlich hervor. Es ist darin viel Moral und
Casuistik.« Ein Auszug daraus sind die Institutiones christianae pietatis seu
parvus catechismus catolicorum, wahrscheinlich 1566 zum erstenmale, und dann
sehr oft herausgegeben. Dieser wurde für die katolische Kirche eben das, was
Luters kleiner Katechismus für die evangelische.
31 Melanges tirés d'une grande Biblioteque, Mm. p. 513.
32 Am Schlusse des ersten Gesanges von Pope's Essay on Man. »Trotz irrender
Vernunft ist Eine Wahrheit klar: was irgend ist, ist recht.«
 
    