
        
                               Benedikte Naubert
                                 Alf von Dülmen
                                      Oder
                 Geschichte Kaiser Philipps und seiner Töchter
                                        
                      Aus den ersten Zeiten der heimlichen
                                    Gerichte
                                     Eingang
                                      1393
Auf einer einsamen Reise, deren Ursach und Endzweck die Sage zu melden vergessen
hat, kam Pfalzgraf Ruprecht, mit dem Zunamen der Bärtige, in eine Gegend, welche
unser Urschreiber, der seine Gegenstände überhaupt hier und da geflissentlich in
Dunkel zu hüllen scheint, ebenfalls ungenannt lässt. Es war ein wüstes Tal mit
hohen Gebürgen umgeben, in der Mitte von einem schmalen, aber tiefgehenden und
hochufrigen Bergstrom durchschnitten, der sich nordwärts von einer Felsklippe
auf die andre herabstürzte, und sich schon in der Fern durch sausendes Geräusch
verkündigte.
    Ruprecht war in diesem Gebiet so wohl ein Neuling als wir, er hatte die
umliegenden Gegenden oft bereist, wusste ihren Namen und ihren Eigener, aber in
diesen Abschnitt derselben, in diesen verlassenen Winkel der Natur war er nie
gekommen, hatte nie nur das Dasein desselben gemutmasst, ob er gleich in der
Folge sich besann, dass er jenseit dieser Gebürge zuweilen an heitern Tagen,
etwas wie Turmspitzen und Mauerzinnen auf einer der höchsten Anhöhen hatte
herüberragen sehen; doch die Augen des Pfalzgrafen waren schlecht, die
Ferngläser noch nicht erfunden, und wenn er in diesen Gegenden wallte, ritt ihm
gemeiniglich kein hellersehender Knappe zur Seite, denn die Natur seiner Reisen
wollte es, dass - er allein war.
    Jetzt, da ihn ein enger Bergweg durch Zufall in die Gegend leitete, die er
zuvor niemals sah, erblickte er deutlicher, was er vorher nur wie Schatten
gesehen hatte. Jene Turmspitzen und Mauerzinnen zeigten sich ihm jetzt näher,
und von einer andern Seite, sie waren ein Teil einer allen halb verfallenen
Burg, welche auf einem der mittlern Hügel der besagten Gegend lag, und den
Hintergrund eines Gemäldes ausmachte, welches im Ganzen wenig Reiz für die
Sinnen hatte. Ein ödes Tal mit unfruchtbaren Gebürgen umgränzt, ein brüllender
Bergstrom, eine alte Trümmer von einem Schloss, das wahrscheinlich schon zu Karls
des Grossen Zeiten nicht mehr neu gewesen war, welche Gegenstände für einen müden
Reisenden, über dessen Haupt sich Gewitterwolken zusammen zogen, und seine
Sehnsucht nach Ruhe und Obdach vermehrten!
    In dem ganzen Bezirk zeigte sich dem Auge kein lebendiges Geschöpf, als die
niedrig fliegenden Vögel, welche die Ahndung des Sturms ihre Nester suchen
machte. Die Luft im Tale atmete schwül, kleine Windstösse unterbrachen die
bängliche Stille. Der Staub drehte sich in kurzen Kreisen, einzelne Regentropfen
begannen zu fallen, und in der Ferne rollte der Donner.
    Ruprecht spornte sein Pferd an, dem drohenden Sturm zu entkommen. Zwar sah
er keine andere Zuflucht vor sich, als das noch ziemlich ferne Schloss, das auf
seiner Höhe in der dicksten Nacht der Gewitterwolken zu liegen schien, und auf
keine Art einen einladenden Anblick gab; aber er war in dem Falle, nicht wählen
zu können, welcher gewöhnlich jeder Bedenklichkeit ein Ende macht.
    Ehe er die Burg noch erreichen konnte, brach schon das Ungewitter mit vollem
Wüten los; der Himmel strömte, der Fluss schwoll an, die hundertjährigen
Fichten, die einigen hier gedeihenden Bäume, beugten sich, und der arme Pilger
sah seinen Weg wechselsweis in dichte Dunkelheit gehüllt, und in Feuer
schwimmend vor sich. Der Schlossberg war jetzt erreicht, jetzt über die Hälfte
zurückgelegt, der Pfad ward weniger steil; auf einem Absatz linker Hand machte
ihm ein Blitzstrahl ein hohes steinernes Gebäude sichtbar; es schien kein Ort,
wo man Obdach finden konnte, sondern ein altes halb verfallnes Monument zu sein,
von dem er keine weitere Notiz nahm, sondern im vollen Trabe vorübersetzte,
endlich die Burg zu erreichen, wo er noch nicht wusste, ob er Menschen, oder
Raben und Eulen zu Hauswirten haben würde.
    Das Tor war geschlossen; der Pfalzgraf schlug mit einer Macht an, die
seinen Stand und seine Hülfsbedürftigkeit gleich stark bezeichnete. Erst auf den
vierten Schlag erfolgte zur Antwort von innen die Frage: wer sich einmal in
diese Gegend verirrt habe? - Ein Reisender, war die Antwort, den das Ungewitter
hieher treibt. - Das merke ich, antwortete man, indem sich die Pforte öffnete;
bei schönem Wetter wird hier wohl niemand einsprechen. Doch kommt herein, das
Unwetter hat euch übel mitgefahren, ihr seid nass bis auf die Knochen!
    Es war ein alter Mann in ehrbarer Kleidung von gutem Ansehen, der diese
Worte zu dem triefenden und keuchenden Ruprecht sagte, es war etwas Zutrauen
erweckendes in seinem Tone, der Pfalzgraf, der jetzt abgestiegen war, schüttelte
ihm treuherzig die Hand, und folgte ihm aus dem hochgewölbten Vorhaus, das von
einer hängenden Ampel erhellt wurde, in die untere Halle, wo nach alter
deutscher Sitte auf dem steinernen Tisch in der Mitte ein Krug mit Wein und ein
gefüllter Becher auf den warteten, der sie leeren wollte.
    Labt euch hier mit einem Trunke, sagte der Hauswirt, indes ich Befehl gebe,
dass man ein Feuer anmache, und euch trockne Kleider bringe. Ruprecht tat wie
ihm geheissen war, und trat denn ans Fenster, in den Sturm hinaus zu sehen, dem
er eben entkommen war. Ein fürchterlicher Blitz, und ein Donnerschlag, welcher
nicht anders tönte, als ob der alte Steinhaufen, in dem der Reisende eingekehrt
war, über ihm zusammenstürzte, scheuchte ihn zurück. Ruprecht war eben nicht
furchtsamer Art, aber die wenige Kenntnis von den Geheimnissen der Natur machte,
dass man zu den damaligen Zeiten noch mehr vor dem Feuer des Himmels bebte, als
heut bei Tage.
    Das ist ein fürchterliches Wetter, sagte der Wirt, der jetzt wieder herein
trat; dieser Schlag hat in der Nähe Baum oder Fels gespalten! Gott gnade mir und
meinen armen Hause, wenigstens um des Reisenden willen, den ich eben aufgenommen
habe. - Kennt ihr ihn? fragte Ruprecht, könnte er nicht etwa ein Sünder sein,
der die Rache des Himmels erst über euch brächte?
    Das ist er nicht! sagte der Alte, indem er seinen Gastfreund behülflich war,
die nassen Kleider gegen das mitgebrachte reine und ausgewärmte Gewand zu
vertauschen; aber verzeiht, dass ihr so langsam bedient werdet; ich habe nur zwei
Knechte! Vincent, eile du dort am Feuer, dass du meinen Herrn zu Tische dienen
kannst; Kurds Wildpret muss, wenn er nach Hause kommt, auf Morgen aufbewahrt
werden, ich hoffe die Gegenwart meines edeln Gasts mehr als einen Tag zu
geniessen.
    Vincent hatte im Kamin ein tröstendes Feuer angezündet, der Hauswirt, der
sich seinem Gaste auf Befragen, Tomas Knebel nannte, zog ihm einen Sitz herbei,
und sorgte, dass er sich mit dem Rücken nach den Fenstern kehrte, damit ihn das
noch immer fortdauernde Feuer der Blitze nicht schrecke oder blende. Darauf half
er seinem Knechte selbst den Tisch bereiten, der mit Wein, Brod, kaltem Wildpret
und Früchten bald so gut besetzt war, dass ein hungriger Reisender volle
Erquickung und Sättigung hoffen konnte.
    Erlaubt, sagte Tomas, als Ruprecht sich setzte, dass ich euch gegenüber
meinen Platz nehme.
    Und warum erlauben? Ihr seid Wirt, ich Gast!
    Ihr habt recht, ein ehrlicher Wirt darf wohl an seines Gastes Seite sitzen,
und wir sind ja weit genug von der Welt entfernt, die die scharfe Gränzlinie
zwischen Fürst und gemeinen Mann gezogen hat, welche eigentlich nur zwischen den
guten und bösen Menschen statt finden sollte!
    Fürst? Kennt ihr mich? -
    Schon vorhin meine Hoffnung, dass mir Gott um euretwillen gnädig sein möchte,
hätte euch sagen sollen, dass ich euch kenne. Ihr seid Pfalzgraf Ruprecht der
Kleine, ein wackerer biederherziger Mann, der den Fluch in kein Haus bringen
wird, wo er einkehrt.
    Tomas Knebel, antwortete Ruprecht, ich würde sagen, mir sei nie so fein
geschmeichelt worden, wenn sich das Wort Schmeichelei zu eurem Gesicht passte.
    Ihr würdet mir in Wahrheit unrecht tun, lachte Tomas. Dass ich nicht
schmeicheln und kriechen kann, zeigt euch die Art, auf welche ich mit euch
spreche; die Stelle, worauf ich sitze, und der Trunk aus diesen Becher, mit
welchen ich euch hier willkommen heisse.
    Tomas trank, Ruprecht tat Bescheid, man speisste mit Appetit, und so ganz
ohne Zwang, als wenn hier der Gleiche mit dem Gleichen zu Tisch gesessen hätte,
und nachdem ein halbes Dutzend Gemeinplätze z.B. über das nachlassende
Ungewitter, und die Verirrung auf Reisen vorüber waren, dergleichen sich bei dem
Eingang jedes Gesprächs finden, so nahm eine Unterhaltung unter beiden Platz,
welche den redlichen geradsinnigen Pfalzgrafen in der Seele wohl tat. Das
funfzehende Jahrhundert, an dessen Grenzen sich diese Geschichte zutrug, misste
schon manchen der Vorzüge seiner Vorgänger, es war in denselben schon etwas
seltnes geworden, dass ein Fürst, wenn er mit einem Niedern zusammentraf, etwas
anders fand, als den Ton der Schmeichelei oder die düstre Zurückhaltung des
Misstrauens und heimlichen Neides.
    Mein redlicher Tomas, sagte Ruprecht am Ende der Abendmahlzeit, indem er
seine Hand über den Tisch nach seinem Wirte ausstreckte, die seinige zu fassen.
Ich werde von euch scheiden müssen, sei es gleich Morgen oder über mehrere Tage,
und ich fühle, dass mir die Kenntnis eures Namens beim Andenken an euch nicht
genug tun wird, lasst mich mehr von euch wissen, lasst mich wenigstens wissen,
woher ihr mich kanntet.
    Ich führte unter eurem Vater, antwortete er, zuerst die Waffen, wie sollte
ich euch, den Sohn meines Herrn und Wohltäters nicht kennen? Manches Jahr ist
wohl seitdem entflohen, ihr seid seitdem aus dem Jüngling zum Manne geworden,
aber die Grundzüge des Gesichts, so wie die des Gemüts, sind nicht so leicht zu
verlöschen, man kann in denselben nach einen halben Menschenalter noch immer
seinen Bekannten wieder finden.
    Aber wie ists möglich, fragte der Pfalzgraf, dass der Mann, dem ich bekannt
war, der sich durch das, was mich jetzt in wenig Stunden an ihn gefesselt hat,
vor Tausenden auszeichnen musste, dass dieser mir so lang unbekannt blieb?
    Glaubt denn Ruprecht, jeden Biedermann zu kennen, der ihn kannte? - Mich hat
mein Schicksal Jahrelang der abendländischen Christenheit aus den Augen gerückt,
und ich musste also wohl unbekannt werden! In meinem Vaterlande erregte zu der
Zeit, da ihr ein Jüngling waret, ich ein Mann wurde, eine Untat allgemeines
Aufsehen, welche zu gross für die Ahndung der öffentlichen Gerechtigkeit, den Arm
heimlicher Rächer auf sich lenkte. Ein Mann, der mein Freund war, hatte sie
begangen, ich war so unschuldig als unwissend in der Sache, aber die Tat
schlängelte sich durch allerlei Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten, so dicht
zu mir heran, dass ich eine fast unmögliche Rechtfertigung zu Stande bringen,
sterben oder fliehen musste. Ich wählte das letzte. Palästina ist mein Vaterland
gewesen bis vor wenigen Jahren, da sich eine gute Gelegenheit zeigte, den Orient
zu verlassen. Die furchtbaren Unbekannten, die mich verfolgten, sind allwissend,
aber Dank sei ihrem grossen Oberrichter, sie sind nicht unsterblich. Ich dachte
mir die Möglichkeit, keinen von ihnen mehr am Leben, oder mich durch jahrelange
Mühe und Abwesenheit so unkenntlich gemacht zu sehen, dass ich nun mit Sicherheit
in dem Lande leben könnte, aus welchen mich einst zu hochgespannte und
übelverstandene Gerechtigkeit vertrieb. Meine Hoffnung ward erfüllt, niemand
kannte meinen Namen mehr, wie hätte man sich meiner Gestalt noch erinnern
sollen! Verwandte hatte ich von jeher wenig, Freunde noch weniger; die ich hatte
waren gestorben, ich war allein auf der Welt. Da nahm ich die Denkmale der
sarazenischen Siege, meine mühsam zu rat gehaltene, nicht mit unnötig
vergossenem Blut besudelte Beute zusammen, und kaufte mir von denen von Reinen
dieses verfallene Schloss. Die Gegend, in welcher es liegt, passte zu meiner
Laune, es fehlt mir nicht an Mitteln, es auf die wenigen Jahre, die ich noch zu
leben habe, für mich bewohnbar zu machen; Arbeiter zu diesem Entzweck sind auf
künftigen Frühling schon bestellt; da ich nur für mich, nicht für Nachkommen zu
bauen habe, so wird ihr Werk bald geendigt sein, ich werde noch einige Jahre
hier ruhig leben, und dann eben so ruhig sterben. - Wär ich nicht ein Feind auch
jedes Anscheins von Augendienerei, so würde ich sagen, (und wahrhaftig, ich
könnte es ohne Nachteil der Wahrheit tun,) mir sei es Freude, euch, teurer
Pfalzgraf, hier gesehen und bewirtet, und die Hoffnung zu haben, euch öfter
hier zu sehen und zu bewirten, da, wie aus euren Reden erhellt, eure Geschäfte
euch oft in diese Feldmark treiben. -
    Meine Geschäfte beiseite gesetzt, unterbrach ihn Ruprecht, was konnte euch
bei eurer langen Abwesenheit aus dem Abendland zu so viel Vorliebe bewegen, als
ihr gegen mich, einen Mann beweisst, von dem ihr nicht viel mehr kennt, als den
Namen?
    Eure Taten, Herr Pfalzgraf.
    Meine Taten sind sehr unbedeutend und glanzlos.
    Ich habe in meinen Leben sehr glänzende Taten gesehen, deren Ruhm ich nicht
in meinen Mund nehmen, noch vielweniger den, der sie vollbrachte, einiger
Vorliebe würdigen werde. Was aber euch anbelangt, so gebe Gott dem deutschen
Reiche einmal einen solchen Kaiser, wie euch, er wird ihm mehr Frommen bringen,
als all die da gewesen sind, und deren glänzende Taten zwanzig Seiten der
Geschichtbücher erfüllen.
    Ich weiss nicht, Tomas, wie ihr auf diesen seltsamen Wunsch kommt. Kaiser zu
werden, ist mir wohl nie eingefallen, ungeachtet ich wohl oft gedacht habe, wenn
ich es wär, so sollte manches anders werden.
    Sahet ihr etwa auch Stätte der Gerechtigkeit, wo Gewissenlosigkeit und
Übermut den Scepter führte, und Tränen der Unterdrückten an der Stufe des
richtenden Trons? - Was ihr gesehen habt, das habe ich gefühlt und erfahren,
und noch einmal, Gott gebe seinem Reiche, anstatt des trägen schwelgerischen
Wenzels, einen Fürsten, wie euch, der so wenig in die Fehler dieses unwürdigen
Menschen als in die seiner streitbaren und ruhmsüchtigen Vorfahren fällt, der,
indem er keinen Anspruch auf glänzende Taten macht, das Schwerd gegen den
Reichsfeind nur zieht, wo er muss, und dafür lieber darauf sieht, das Schwerd der
Gerechtigkeit in seinen Landen so zu lenken, dass es strafe und schone, wie es
recht ist, dass es nicht, indem es sich rühmt, der Allgewalt Gottes nachzuahmen,
Rechte an sich reisse, die keiner sterblichen Macht gebühren.
    Ruprecht verstand den eifernden Tomas wohl. Im deutschen Reiche hatte
damals die Macht jener heimlichen Rächer, welche meine Leser nicht erst aus
diesen Blättern kennen lernen werden, fürchterlich überhand genommen. Alles
wurde vor ihren Richterstuhl gezogen, nichts konnte ihrer Gewalt entgehen, sie
richteten meistens recht, aber sie richteten zu streng, und waren oft durch
einen blossen Anschein von Schuld nur allzuleicht zu täuschen. Ruprecht hatte
bei dem scharfen Beobachtungsgeist, der ihn beseelte, oft Gelegenheit gehabt,
Dinge wahrzunehmen, die sein Innerstes erschütterten, und deren Abschaffung
einer höhern Gewalt als der seinigen vorbehalten zu sein schien. Er seufzte zu
der Äusserung seines Wirts und schwieg, aber zum erstenmal regte sich
vielleicht in seinem Herzen der Wunsch, einst auf der Stelle zu stehen, die ihm
Tomas wünschte, um alles Gute ausrichten zu können, das er wollte.
    Während der Pause, welche das Nachdenken des Wirts und des Gasts machte,
öffnete sich die Tür, und Vincent trat herein, um seinem Herrn anzumelden, wie
Kurd von der Jagd zurückgekommen sei, und keinen Schaden von dem Ungewitter
gelitten habe, von welchem er übereilt worden sei. Lebhafte Freude glänzte in
den Augen des Herrn und des Dieners über die Nachricht. Kurd erhielt Befehl, so
durchnässt als er war, einzutreten, und der Pfalzgraf ward nicht einmal um
Erlaubnis gebeten; ein Zug, der ihn so wenig beleidigte, dass er ihm vielmehr ein
neuer Beitrag zu der Treflichkeit des Mannes schien, den er vor sich hatte.
Tomas trug kein Bedenken, seinen Diener vor den Augen des Fürsten zu ehren, den
er vor einem Augenblicke noch im vollen Ernst einen der höchsten Trone
gewünscht, und ihn schon im prophetischen Geist darauf gesehen hatte. Ruprecht
ward eine Viertelstunde lang ganz aus den Augen gelassen, und der alte Konrad
spielte die Hauptrolle beim Tischgespräch, er wurde um die wahrscheinliche
Gefahr beim Ungewitter und beim schnellen Austreten des Flusses gefragt, und
erhielt denn die Weisung, sich sogleich zu entfernen, ein Maass Wein zu trinken,
und zur Ruhe zu gehen.
    Höre doch, Kurd, rief ihm Tomas nach, was mag der letzte fürchterliche
Donnerschlag für Schaden getan haben? dass er traf, glaubte ich zu hören.
    Er hat des von Dülmen Säule von der Spitze bis auf die Stufen zertrümmert,
war die Antwort, morgen sollt ihr mehr davon hören.
    Verzeiht, Herr Pfalzgraf, sagte Tomas, da jetzt Kurd fort war, und er sich
von der Freude, ihn geborgen zu sehen, wieder erholt hatte, dass ich mir in eurer
Gegenwart so viel Freiheit nehme, aber meine Knechte sind mir so lieb wie meine
Kinder, beide haben mich nach Palästina und wieder heraus begleitet, Vincent war
mein Reisiger und Konrad mein Knappe, dem letzten habe ich zweimal mein Leben zu
danken, so wie ich auch ihm das seinige einmal rettete; noch einmal, es ist
zwischen ihnen und mir das nehmliche Verhältnis, wie unter Vater und Kindern.
    Wollte Gott; rief Ruprecht, jeder Fürst stünd mit seinen Untertanen, so wie
ihr mit euren Knechten; doch was wollte Konrad mit des von Dülmen Säule?
    Diese Säule, Herr Pfalzgraf, ist ein altes Denkmal in diesen Gegenden, bei
welchem ihr vorübergekommen sein müsst, und das wir nicht anders zu nennen
wissen, als die Säule Alfs von Dülmen, weil sein Name und der Name einer
gewissen Alverde, die wohl seine Gattin gewesen sein mag, unter andern
Charakteren darauf noch lesbar war.
    Und wer mag dieser von Dülmen gewesen sein? es tut mir leid, dass ich das
Monument so kurz vor seinem Untergang nur im Schimmern gesehen habe, denn ich
vermute, es war eben das, das ich vorhin auf einem Absatz des Schlossbergs im
Heraufreiten zur Seite liegen liess; so viel mir der Schein des Blitzes zeigte,
eine Gigantische Pyramide auf vier Stufen, mit einer kleinen abgestumpften
Nebensäule.
    Ihr habt recht gesehen, und hört, was ich euch von diesen Dingen sagen kann,
so wie ich es beim Ankauf dieser Gegend aus dem Munde eines alten Bauern des
jenseitigen Dorfs erfuhr. Wer die uralten Eigner dieses Schlosses gewesen sind,
weiss ich nicht, ich erhielt es aus den Händen derer von Remen, die es
andertalbhundert Jahr besessen haben sollen. Der erste Ankäufer aus diesem
Hause, Evert von Remen, fand Gefallen an der wilden Gegend, in welcher es lag,
wie ich Gefallen daran gefunden habe, glaubte sie des Anbauens und der
Verschönerung fähig, und beschloss den alten Steinhaufen, diese Burg, wie sie
noch jetzt ist, zum zierlichen Schloss zu machen. Bei seinem ersten Eintritt
als Eigentümer, warf sich ihm der Schlossbewahrer zu Füssen, und bat um Gnade
wegen dessen, was er ihm jetzt, durch Not gezwungen, bekennen müsse. Zehn Jahr,
fuhr er auf Befehl fort, war ich Hüter dieses Hauses, bei Antritt meines Amts
ward ich in Pflicht genommen, einen Gefangenen, welcher damals schon dreissig
Jahr in einem unterirdischen Gefängnis schmachtete, auf die Art fortan zu
halten, wie er bisher gehalten worden war, und ihn, sobald dieses Schloss in
fremde Hände käm, zu erwürgen. Das erste habe ich treulich getan, das andre zu
erfüllen, ist mir unmöglich. Hier sind die Schlüssel zu seinem Kerker, tut mit
ihm, wie euch gefällt, nur macht mich nicht zu seinem Henker!
    Evert von Remen schauderte ob den Gedanken einer vierzigjährigen
Gefangenschaft, und flog, die verjährten Fesseln desjenigen zu lösen, dessen
Freiheit das Schicksal so wunderbar in seine Hände gestellt hatte. Die Tradition
sagt nicht genau, wie er jenen Unglücklichen gefunden habe, doch das versichert
sie, dass er, ich weiss nicht ob mit mehr Freude oder Entsetzen, in ihm einen
alten, lang verlohrnen, todgeglaubten, fast vergessenen Jugendfreund, eben jenen
Alf von Dülmen fand, dem zu Ehren er bald darauf das Denkmal setzen liess,
welches jetzt der Donner gespaltet hat. Alf von Dülmen überlebt das Glück, seine
Freiheit und seinen Freund nach vierzigjährigem Elend wiedergefunden zu haben,
nur wenige Tage. Er starb in des von Remen Armen, und wurde von ihm auf der euch
bezeichneten Stelle begraben.
    Evert fand von nun an die Gegend, wo sein Freund so lang gelitten hatte, zu
schrecklich, um sie zu bewohnen, er liess den Bau des Schlosses, und begnügte
sich, hier ein Grab gebaut zu haben. Er tat nachher grosse Reisen nach Spanien,
Frankreich und Welschland, die, wie man sagte, Beziehung auf die Geschichte
seines unglücklichen Freundes hatten, welches aber diese Geschichte war, das ist
nie kund worden, wirds auch wohl nie werden, bis auf jenen grossen Tag, den
Erklärer aller Geheimnisse. Einige behaupten, Alf von Dülmen sei sehr in die
Begebenheiten von der Ermordung weiland Kaiser Philips verflochten gewesen,
andere wollen, auch hier habe jene furchtbare unbekannte Macht, von welcher wir
vorhin sprachen, und deren Verfolgungen auch ich gefühlt habe, die blutige Hand
mit im Spiele gehabt, seine Geschichte habe in jenem furchtbaren Gericht Anlass
zu grösserer Heimlichkeit und geschärften Gesetzen gegeben, als bis dahin üblich
waren. Doch wer will auf diese Sagen trauen! das gemeine Gerücht ist lügenhaft,
in unsern Tagen kann kein grosser Herr ohne Verdacht der Vergiftung oder des
Meuchelmords das Leben verlieren, und kein Privatmann unvermerkt aus dem Zirkel
seiner Bekannten verschwinden, ohne dass man hier die Macht der unsichtbaren
Rächer ahnde. Wie man heute denkt, so dachte man wahrscheinlich schon vor
zweihundert Jahren, zu Kaiser Philipps und Alfs von Dülmen Zeiten; die Sache sei
übrigens Wahrheit oder nicht, wir werden sie nicht ergründen; doch ist jenes
Denkmal der Vorzeit wohl der Wichtigkeit von euch gesehen zu werden, ehe ihr
diese Gegend verlasset, sollte es auch nur in seinen Trümmern sein.
Tomas führte seinen erhabenen Gast, nachdem noch die späte Mitternacht in
Gesprächen mancherlei Inhalts herangekommen war, in das beste Zimmer seines
Schlosses, das den Pfalzgrafen zum Schlafgemach bereitet worden war; ein hohes
schallendes Prachtgewölbe, mit Mahlereien mancher Art, Sarazenenschlachten und
biblischen Geschichten, Familienbildern und allegorischen Gemälden ausgeziert.
Ruprecht war noch nicht schläfrig, und brachte, nachdem sich der Schlossherr
zurückgezogen hatte, noch eine gute Stunde mit Betrachtung dessen hin, was hier
einige gute lombardische Meister geliefert, einige Stümper mit krellen Farben
gepfuscht hatten.
    Drei Stücke zogen besonders seine Aufmerksamkeit auf sich, die er sich
deutete, so gut er konnte. Das erste waren zwei Helden der Kleidung, dem
gezogenen Schwerd und der Miene nach; beide hielten das entblösste Eisen mit der
Linken und die Rechte des Freundes mit der Rechten, Freunde waren sie, dies sah
man nicht allein aus den fast in einander gedrückten Händen, sondern noch mehr
aus den Blicken voll Liebe, mit welchen beide an einander hingen. Das sind David
und Jonatan, dachte der Pfalzgraf, der es mit der ziemlich modernen Rüstung der
beiden Krieger und dem Kreuz auf dem Brustschild nicht so genau nahm. Der arme
David! wie bleich! wie verfallen! er scheint eben erst aus der Höhle Asel
hervorgegangen zu sein, um mit Sauls Sohne den Todesbund der Freundschaft zu
beschwören.
    Ruprecht, der sich seiner Meinung nach das erste von seinen
Lieblingsgemälden so wohl gedeutet hatte, war schnell fertig, aus den andern
ebenfalls eine biblische Geschichte zu machen. Dieser Kerker, sagte er zu sich
selbst, dieser Mann in Fesseln, und diese freundliche Gestalt, die ihm die
wunden Hände lossschliesst, stellen nichts anders vor, als Sankt Peters Befreiung
durch den Engel; sonderbar, dass dieser Engel ohne Flügel und kein Jüngling,
sondern ein bärtiger Mann ist; vermutlich eine Grille des Mahlers, welcher etwa
wähnte, die Erscheinung einer himmlischen Gestalt möchte den heiligen Apostel zu
sehr geschreckt haben. Aber hier, dieses dritte Bild, das, so hässlich es
gesudelt ist, meine Aufmerksamkeit doch so sehr rejetzt? - Die
Schöpfungsgeschichte kann es nicht sein, denn ich sehe hier zwei
Menschengestalten, die aus den Händen zweier Schöpfer hervorgehen; das, was
Geschaffen wird, ist kein Adam, sondern eine gewappnete Gerechtigkeit mit Wage
und Schwerd! - Die Bildner tragen einer das kaiserliche Diadem, der andre die
dreifache Krone. - Sankt Peters Nachfolger scheint dem ersten die Künste
abzusehen! - aber was er fertigt, wird keine Göttin, wird ein feierspeiendes
Ungeheuer, dessen Missgestalt die Binde nur schlecht verbirgt. - Gott und alle
Heilige, was mag das bedeuten! - In meiner Kindheit erzählte mir mein Lehrer
eine heidnische Fabel von Epimeteus, der seinem Bruder das Bildnerhandwerk übel
nachahmte, passte hier nur eine der Gestalten, ich würde raten - - doch raten
hilft hier nichts, und - setzte er gähnend hinzu, ist unnütz! was gehn mich die
seltsamen Phantasien der Vorwelt an!
    Noch ein Blick, auf das letzte Bild, der den Pfalzgrafen unter der einen
Hauptfigur den Namen Carolus M. lesen liess; und die Kerze wurde ausgelöscht,
welche den schlaftrunkenen Forscher nicht behülflich sein wollte, auch den
andern Namen zu erkennen.
    Ruprecht legte sich zur Ruhe, aber so müde er auch war, verzog doch der
Pfalzgraf, seine Augen zuzudrücken. An die gesehenen Bilder dachte er zwar nicht
mehr, aber andre Ideen durchkreuzten sein Gehirn, und verscheuchten den
Schlummer. Die alte Geschichte dieses Schlosses, von welcher ihm der
gegenwärtige Besitzer nur so unvollkommene Fragmente geliefert hatte, Alf von
Dülmen, und vor allen Evert von Remen, welcher, wie Tomas Knebel ihm gesagt
hatte, unter päbstlichem Bann ohne Einsegnung und Sakrament gestorben war,
schwebten ihm im Sinn, und er tat sich tausend Fragen hierüber, deren
Beantwortung er an eben den Ort gestellt sein lassen musste, von welchem er die
Enträtselung jenes Bilds von Epimeteus und seinem Bruder stellen musste.
    So befiel ihn endlich weit gegen den Morgen der Schlaf, welcher ihm ein
Gewühl von Träumen brachte, so bunt und verworren als seine Ideen vor dem
Einschlafen gewesen waren; bis zuletzt folgendes Gesicht so hell und deutlich
vor ihm aufstieg, als wär es etwas mehr, als nächtliches Schattenwerk gewesen.
    Eine männliche Gestalt voll Majestät und Würde, stand vor ihm. Kennst du
mich? fragte sie, nachdem sie ihn eine Weile mit festem Blick angesehen hatte.
    Du bist eine von den Figuren, die ich gestern sah, erwiederte Ruprecht,
bist der David jenes Jonatans!
    Mein Name ist Adolf, Graf von *** oder Alf von Dülmen, wie jene
Unglücksbenennung lautet, unter welcher ich den Weg zu Tod und Elend ging.
Ruprecht! Ruprecht! du wirst einst Kaiser sein! Siehe das Blut, das an meinen
Händen haftet, es ist Kaiser- es ist Freundesblut! steure der blinden
Gerechtigkeit, die mich mit demselben besudelte, steure ihr, dass sie nicht ganz
jenem feuerspeienden Ungeheuer ähnlich werde, das du im Bilde gesehen hast! -
Was sie in meinen Tagen im Verborgenen übte, das wagt sie in den deinigen
kühner, noch einmal steure ihr, so wahr du einst Kaiser sein wirst!
    Ruprecht schauerte in sich zusammen und erwachte. Er lag lange, um dem Traum
nachzudenken, der ihn erweckt hatte, Gedanken stiegen in ihm auf, die seiner
Deutung ziemlich nahe kommen mochten, aber immer blieb es noch dunkel vor ihm.
Heller zu sehen, hätte er Alfs von Dülmen Geschichte wissen müssen, deren
Entüllung, wie vorigen Abends Tomas Knebel sagte, nur für jenen grossen Tag,
den Erklärer aller Geheimnisse, aufbehalten zu sein schien.
    Der Mond schien hell durch die Fenster des Schlafgemachs, der Pfalzgraf,
misstrauisch auf sein Gedächtnis, verzeichnete alle Worte seines Traums auf eine
Tafel, die er bei sich zu tragen pflegte, und stand denn auf, um das Bild der
beiden Freunde noch einmal zu betrachten, die er des vorigen Abends für Jonatan
und David gehalten hatte. Es ward hinlänglich von dem einfallenden Mondstrahl
beleuchtet, um ihm in dem letzten die volle Aehnlichkeit Alfs von Dülmen zu
zeigen, so wie er ihn eben im Traum gesehen hatte; jener Petrus im Gefängnis
zeigte das nehmliche.
    Noch war ihm alles ein Rätsel. Ein Schauer, wie man ihn nur da fühlen soll,
wo Geister uns umschweben, befiel ihn; er eilte auf sein Lager zurück, und
verhüllte sich in die Decken; wo sich bald darauf ein Schlummer seiner
bemächtigte, welcher so tief war, so völlige Vergessenheit alles Vergangenen mit
sich brachte, dass der Pfalzgraf in der Folge mehrmal versichert hat, er habe
kein anderes Denkzeichen desselben für sein Gedächtnis, als was er davon in der
Nacht in sein Taschenbuch geschrieben habe.
    Es war heller Tag, als der Schlossbesitzer vor sein Bette trat, und ihn zu
erwecken suchte. Ruprecht fragte, indem er sich die Augen rieb, ob sein Pferd
gesattelt sei, und er seine Reise weiter fortsetzen könne?
    Erhebet euch, Herr Pfalzgraf, war die Antwort, um die Entscheidung eurer
Frage selbst zu sehen. Ruprecht richtete sich auf, Tomas schlug den Vorhang
zurück, und deutete auf die hohen Fenster, durch welche man ins Tal hinab, wie
in eine wallende See sah. Was ist das? schrie der Pfalzgraf. - Nichts,
antwortete Tomas Knebel, als die Gewissheit, dass ihr heute und morgen nicht
reisen könnt: der anhaltende Regen hatte schon gestern den Fluss, der bei seinen
hohen Ufern doch so leicht überströmt, dermassen angeschwellt, dass euch das
Fortkommen ziemlich erschwert worden sein möchte; gegen Morgen hat ein Sturm -
(Ich glaube, dass ihr einst den jüngsten Tag verschlafen werdet, weil ihr diesen
verschlafen habt) - ein Felsenstück am Eingang des Tals losgerissen, und in den
Fluss gestürzt, welches uns die völlige Ueberschwemmung gebracht hat. Die Leute
aus dem jenseitigen Dorfe, welche mein Haus versorgen, sind vor einer Stunde auf
Kähnen angekommen, und haben diese Nachricht mitgebracht. Seid indessen ruhig,
Herr Pfalzgraf, auf unserm Berge sind wir sicher, die Flut steht noch mehrere
Ellen tiefer als Dülmens Säule, und wie hoch wir über denselben wohnen, ist euch
bekannt.
    Ruprecht stand auf, und ging bald darauf mit seinem gastfreien Wirte
hinaus, die Verheerung anzusehen, welche das Wasser angerichtet hatte; es war
ein schauerlicher Anblick, den sie von ihrer Höhe hatten. Der Schlossberg und
seine Nachbarn, die sich ringsum noch höher als er, Himmelan türmten, standen
wie einzelne unter sich nicht verbundene Inseln in der allgemeinen Flut, der
Strom, dessen Bette in der grossen Wasserfläche, durch den reissenden Zug seiner
Wellen noch kenntlich war, führte Felsstücke, ausgewurzelte Bäume und Trümmer
von Häusern und Fahrzeugen mit sich fort, ein schnell vorübergehendes, immer
änderndes Schauspiel des Schreckens. Der Pfalzgraf und sein Freund tronten wie
Götter über der allgemeinen Verheerung, aber über ihnen hing noch ein ganzer
Himmel voll Ungewitter, und unter ihnen zeigte die vom Donner zerschmetterte
Säule von Dülmens, wie wenig auf die Sicherheit dieses Gebürgs zu trauen sei.
    Herr Pfalzgraf, sagte Tomas, nach einer gedankenvollen Pause, gefällt es
euch, so wollen wir hier hinabsteigen, und sehen, was der Stral des Himmels von
jenem Denkmal unversehrt gelassen hat, das mir jetzt merkwürdiger als jemals
ist. -
    Und warum heute mehr als sonst? fragte Ruprecht. - Nicht darum, erwiederte
er, weil, wie ihr vielleicht wähnen möchtet, mir der Arm des Himmels genauere
Untersuchung dessen nunmehr erschwert hat, was ich all die Zeit über, da ich
hier wohne, mit so leichter Mühe hätte betrachten können, ehemals zu tun, nein,
weil ich heute, eben erst heute, oder vielmehr schon gestern erfahren habe, dass
das, was hier in einen Steinhaufen zusammengestürzt liegt, mehrere Betrachtung
würdig ist, als die meisten Monumente, die ein Freund dem Andenken des andern
weiht. Diese Steine decken nicht nur die Asche eines Menschen, der bei seinem
Leben denen die ihn liebten, wichtig sein mochte, nein, wahrscheinlich
verschliessen sie Dinge, an welchen noch der Nachwelt gelegen ist, und die euch,
der einst Kaiser sein wird, besonders wichtig sein müssen.
    Ruprecht sah seinen Begleiter bei diesen Worten mit starren Augen an, er
hatte ähnliche diese Nacht im Traume gehört, dieser Traum, welcher fast gänzlich
aus seinem Gedächtnis verwischt war, schwebte wie ein dunkles Bild schnell vor
ihm über, dicht an denselben kettete sich die Idee, von dem was er diese Nacht
niedergeschrieben hatte, auch dieses schien ihm Traum zu sein, doch griff seine
Hand maschienenmässig nach der Tafel, die er bei sich trug, und die den Beweis
entalten musste, was von der ganzen Sache zu halten sei.
    Tomas war indessen einige Schritte vorausgegangen. Ruprecht stand still,
las was er diese Nacht bei Mondenlicht von jenem Nachtgesichte aufgezeichnet
hatte, das Ganze vergegenwärtigte sich seiner Seele auf einmal aufs lebhafteste,
er sah Alf von Dülmen gleichsam wieder vor sich stehen, hörte die Worte, die ihm
das Kaisertum weissagten, und dachte sich einen Zusammenhang unter diesen
Dingen, den er selbst noch nicht absehen konnte, den er erst aus dem Munde
seines Freundes vernehmen wollte; er beschloss zu schweigen, bis er ihn erst
gehört hätte, und ging vollends langsam den Abhang hinab, wo Tomas unter den
Trümmern stand, und sich mit Hinwegräumung der leichtern herabgerissenen Steine
beschäftigte.
    Herr Pfalzgraf, rief er, als er Ruprechten herannahen sah, indem er von
seiner Arbeit abliess, Hört was mir Konrad diese Nacht von diesem Orte gemeldet
hat: Der Wetterstrahl, der dieses Gebäude zertrümmerte, fiel in dem Augenblick
herab, da mein Knecht auf seiner Heimkehr nicht zwanzig Schritte von hier
entfernt war. Betäubt von dem Schlage, der uns viel weiter Entfernte zittern
machte, stürzte er zu Boden, der Regen, welcher auf ihn troff, brachte ihn
endlich zu sich selbst. - Er erhub sich und schleppte sich langsam fort, aber
seine Schwäche war so gross, dass er nicht weiter kommen konnte, als bis auf die
Stelle, wo der Blitz getroffen hatte; Konrad sank auf einem der herabgerissenen
Steine nieder, wo er noch über eine Stunde halb sinnlos gelegen haben muss, denn
völlig erholte er sich erst denn wieder, als das Ungewitter nachgelassen hatte.
Er besann sich jetzt ganz auf das, was ihm wiederfahren war, und beschloss, da
der Himmel sich ein wenig zerteilte, und der Mond hinter den schwarzen Wolken
hervortrat, hier noch eine Weile zu ruhen, und denn den nicht kleinen Rest des
Weges nach dem Schloss vollends zurückzulegen. Hier war es, wo ihm der
Mondstrahl, unter den umhergestreuten Trümmern etwas glänzendes in die Augen
fallen liess, das er, weil die Sage von vergrabenen Schätzen, die bei jedem alten
Denkmal nicht fehlt, auch hier ihr Recht behauptet hat, für Gold hielt und zu
sich nahm; es war dieses kleine küpferne Schild, das er mir bei seiner Heimkunft
mit Erzählung des ganzen Vorgangs einlieferte, und dessen Inschrift ihr jetzt
selbst lesen mögt.
    Ruprecht nahm und las in Charakteren die drei halbe Jahrhunderte nicht ganz
unkenntlich gemacht hatten, folgendes: »Evert von Remen setzte dieses Denkmal
der Schuld und der Unschuld seines Freundes Graf Adolfs von *** - Grabe tiefer,
du, dem der Arm des Himmels diese Höle öffnete, und bist du aus dem
Fürstenstamme desjenigen, welcher unschuldig für Kaiser Philipps vergossnes Blut
büssen musste, so wisse, dass du einst Kaiser sein wirst, die Wage der
Gerechtigkeit richtig wägen, und ihr Schwerd mit Schonung strafen zu lehren.«
    Was ist das? rief Ruprecht, indem er die Tafel fallen liess, und auf wen mag
dies gehen?
    Ich weiss nichts weiter, sagte Tomas, als dass die Welt nun zwei Seculo
hindurch den durch Peter von Kalatin hingerichteten Pfalzgrafen Otto von
Wittelsbach für Kaiser Philipps Mörder hielt, und dass ihr, Pfalzgraf Ruprecht,
einer der Urenkel jenes Fürstenhauses seid. Nicht ohne mühsames Forschen habe
ich diese Nacht über diesen kleinen Schimmer von Licht in der dunkeln Weissagung
gefunden; ihr seid weiser und gelehrter als ich, seht ob ihr mehr entdecket.
    Das Vornehmste, sagte Ruprecht nach langen Schweigen, wird wohl hier sein,
nach Ausweisung der Schrift, tiefer unter diesem Gestein nachzugraben; mehrere
Nachricht, auf die ich hoffe, wird uns des unnützen Grübelns überheben.
    Die Arbeit, von welcher hier die Rede war, war nicht für den Pfalzgrafen und
seinen Begleiter; man konnte sich auf die Treue der beiden Knechte Tomas
Knebels verlassen; man sagte ihnen so viel von der Sache, als sie, die beide
nicht lesen konnten, wissen mussten, und ehe die Sonne zweimal unterging, hatten
sie unter Aufsicht ihres Herrn ein kleines bleiernes Kästchen zu Tage gefördert,
welches er dem Pfalzgrafen brachte.
    Es ward geöffnet, und das darin gefunden, was unsere Leser in einigen
Stunden der Musse beschäftigen kann, so wie es Ruprechten und den treuen Tomas
viele Tage lang beschäftigte, da sie im Lesen nicht so geübt waren wie die
klügere Folgezeit, da die etwas veralteten Charaktere ihnen das Lesen
erschwerten, und eine Menge zwischen eingestreuter mündlicher Anmerkungen
dasselbe weiter ausdehnte als bei Personen geschehen kann, die bei diesen Dingen
nicht so viel Interesse haben als der Pfalzgraf und sein Gefärte. Sie fanden
hier übrige Unterhaltung für alle die Tage, welche Ruprecht wegen der
Ueberschwemmung auf dem Schloss verweilen musste; die Wasser verliefen sich, und
sie waren mit Beherzigungen noch bei weiten nicht zu Ende, welche einen tiefen
Einfluss in die Zukunft hatten. Welches ihre Betrachtungen und Plane waren, wird
der Leser besser erraten können, wenn er gelesen hat was sie lasen.
    Ruprecht nahm diese Schriften, als er das Schloss wieder verlassen, und seine
Reise fortsetzen konnte, mit sich. O! Tomas, sagte er, was für Dinge habe ich
in eurem Hause erfahren, und welche Gedanken haben sich in meiner Seele
entwickelt!
    Denket daran, versetzte der Alte, wenn ihr einst Kaiser sein werdet, und
erfüllt das Gute, was jetzt in eurem Herzen reifen mag.
    Everts von Remen und seiner so mühsam auf Kosten seiner Ruhe und seines
Lebens gesammelten Schriften werde ich wohl ewig gedenken, und die Wünsche für
Gerechtigkeit und Gericht, die daher in meiner Seele entglommen, sollen nimmer
erlöschen; aber ob ich je der Mann sein werde, sie auszuführen, ob ich je Kaiser
sein werde, oder ob ich es nur sein möchte, das ist eine Sache, die wir
unentschieden lassen wollen. In allen diesen Blättern habe ich nichts gefunden,
das Everten von Remen in meinen Augen das Ansehen eines Propheten geben könnte,
und seine Weissagung nebst etwa einem seltsamen Traume ists doch allein, was euch
und mir die Gedanken an den Kaiserstuhl in den Sinn bringen könnte.
    Wir wollen die Sache Gott und der Zeit überlassen, sagte Tomas, ihr aber
gedenkt in eurer künftigen Hoheit der hier verlebten Tage, der hier gefassten
Entschlüsse, und des alten Mannes, der euch jetzt nicht ohne eine Träne von
sich lassen kann!
    So gewiss werde ich seiner denken, erwiederte Ruprecht, dass ich denn kommen
werde, ihn zu mir zu holen, damit er mein Freund und Ratgeber sei, und mir
ausführen helfe, wozu jetzt mir Menschenkräfte zu schwach dünken.
    Tomas schüttelte den Kopf und meinte, dies wär schlechter Lohn für die
genossene gute Bewirtung, wenn er noch auf seine alten Tage der ruhigen
Einsamkeit, die sein Glück machte, beraubt und in die Welt zurückgeschleudert
werden sollte!
    Der Pfalzgraf lachte des Eifers, mit welchen sein Freund sprach. O wie fern,
rief er mit gefalteten Händen, wie unglaublich fern sind diese Dinge noch von
mir und euch! mich dünkt, ihr könntet kühnlich versprechen, wozu ihr vielleicht
nie in der Würklichkeit aufgefordert werden dürftet!
    Und fern, sehr fern waren würklich die Dinge noch, von welchen hier die Rede
war. Mehr als zehn Jahre vergingen, und der Pfalzgraf blieb noch immer der er
war, ohne an das Kaisertum zu denken, oder, wie so viele um und neben ihm
taten, ängstlich darnach zu ringen. Die Begebenheiten bei des von Dülmen Säule
schien er ganz vergessen zu haben, wenigstens hat er sie nie gegen jemand
erwehnt, und sie sind erst lang nach seinem Tode, vielleicht, als wofür wir
nicht stehen können, durch die Tradition ein wenig verfälscht ans Licht
gekommen; aber was ihm das Schicksal beschieden hatte, erfolgte doch endlich.
Nach Kaiser Wenzels Absetzung fielen alle Stimmen auf ihn; er erlangte die
Würde, die ihm geweissagt worden war. Das Kriegsschwerd und andere Unruhen
verhinderten ihn lange, die Verbesserungen und Beschränkungen im Gebiet der
rächenden Gerechtigkeit vorzunehmen, die in den damaligen Zeiten so nötig
wurden, dass es keiner Geschichte eines Alf von Dülmen bedurft hätte, um sie zu
veranlassen; aber endlich begann1 er, was erst unter Kaiser Siegmunds Regierung,
und doch nicht ganz so, wie er es geendet haben würde, zu Stande gebracht wurde.
Tomas Knebel ward sein Rat, so wie er bisher sein Freund gewesen war; er
überlebte den edeln Mann, der es so wohl verdient hatte, Kaiser zu sein, der
verdient hätte, es noch länger zu bleiben, und war einer von denen, welche
Ruprecht verordnet hatte, das Erbe unter seine Kinder zu teilen; dann kehrte er
in sein einsames Schloss zurück, froh an den Gränzen eines Lebens zu stehen, das
nach dem Verlust seines königlichen Freundes allen Reiz für ihn verloren hatte.
 
                           Geschichte Alfs von Dülmen
                        Evert von Kemen an die Nachwelt
                                      1252
So nimm sie denn hin, Nachwelt, diese Blätter! und du, in dessen Hände sie
geraten, bedenke, dass sie dem Sammler teuer zu stehen kamen, und nutze sie,
wie du urteilen kannst, dass er sie genutzt haben würde, hätte die Lage der
Sachen es nicht gehindert.
    Ich hatte im Frühling des Lebens einen Freund; ob er meiner Treue ganz so
lohnte, wie er gesollt hätte, das gehört nicht an diese Stelle; von ihm, nicht
von mir will ich die Folgezeit unterhalten! -
    Ich hatte einen Freund, wir wurden getrennt, wie Menschen oft getrennt
werden. Das Schicksal führte einen jeden seinen eigenen Weg, der meinige ging
weit aus meinem Vaterlande, Abwesenheit brachte Vergessenheit, ich war ein
Mensch, wie hätte nicht auch ich endlich vergessen sollen, den der mich vergass!
Doch fragte ich, als ich im späten Herbst der Jahre mein Vaterland wieder sah:
Wo ist der Freund meiner Jugend? wo ist Graf Adolf von ***? Jedermann schwieg! -
Wo ist Alf von Dülmen? wiederholte ich, in der Meinung, die Nachwelt würde jenen
Unglücksnamen, über dessen Annehmung wir zuerst uns entzweiten, besser kennen. -
Man zuckte die Achseln! - Da ging ich hin, in irgend eine Einsamkeit, sein
Andenken zu beweinen, welches der Anblick des Himmels, unter dem er und ich
geboren waren, wieder neu machte. Ich suchte einen verlassenen Winkel meines
Vaterlands, dem Andenken des Verlohrnen, Vergessenen, oder Verstorbenen, ihm und
noch einer, deren Namen ich nie ohne Tränen nennen kann, meine letzten Tage zu
widmen. - Ich suchte, und das Schicksal liess mich die Stelle finden, wo mir
schreckliche Aufklärung all meiner Zweifel bevorstand. Ich kaufte ein Haus, und
wusste nicht was ich mit ihm gekauft hatte; wusste nicht, dass ich durch den Besitz
dieser verfallenen Burg Herr über Freiheit und Leben meines Verlohrnen geworden
war. O warum wurde ich es nicht vierzig Jahre eher?
    Länger als diese genannte Zeit hatte Alf von Dülmen in dieser Hölle die
Ketten von Henkern getragen, die ich nicht nennen kann. Ich glaubte einem
Unbekannten die Pflicht gemeiner Menschlichkeit zu leisten, indem ich seine lang
getragnen Fesseln lösste, und der Freund meiner Jugend lag in meinen Armen. O Alf
von Dülmen! wie gern hätte ich deinem Leben die Hälfte des Rests meiner Tage
zugesetzt, um nur noch eine kurze, ganz kurze Zeit die Freude gehabt zu haben,
dich gerettet, getröstet, erfreut, dem Grabe zuwandeln zu sehen! aber diese
Freude sollte mir nicht werden. Vierzigjähriges Elend konntest du ertragen, aber
die Wiederkehr besserer Tage, das Wiedersehen der Sonne, die Wiedervereinigung
mit deinem Freunde tödtete dich.
    Mein Wiedergefundener, mein Alf von Dülmen, starb in den ersten Tagen des
Wiedersehens in meinen Armen; ich grub ihm dieses Grab, türmte über seiner
Asche diese Marmorsäule auf, grub Worte darauf, ihm zum Gedächtnis; ihm und
seiner Schwester Alverde, deren Gebeine nicht hier ruhen, die einst in andern
Gegenden zur ewigen Wiedervereinigung erwachen wird. Sie war mir unvergesslich
wie er, sie - doch genug von dem was sie betrifft!
    Mein Freund hatte mir ein Erbteil hinterlassen, die traurige,
verhängnisvolle Geschichte seines Lebens. Nachwelt, ich bin dir sie schuldig!
Leiden, wie die seinigen, dürfen nicht der Vergessenheit überlassen werden! Aber
soll ich dir sie geben, wie er mir sie gab? Sie war mit der Feder des düstersten
Selbstasses geschrieben; ohne Erklärung würde sie dir einen Begriff von ihm
beibringen, welcher der Wahrheit Gewalt antät! - Alf von Dülmen war nicht
unschuldig, aber er war auch der Verbrecher nicht, für den er sich selbst hielt:
andere brauchten ihn zum Werkzeug ihrer finstern Entwürfe, die Schuld ihrer
Verbrechen sei über ihnen! -
    Die Rechtfertigung meines Freunds zu bewürken, seine Entschuldigung und
anderer Bosheit aufzudecken, überwand ich die Unmöglichkeit. Ich spähte die
schriftlichen Beglaubigungen beider aus, und entriss sie der Dunkelheit, in
welcher sie begraben lagen. Die Kabineter der Könige, die Archive der Klöster,
selbst St. Peters Heiligtum öffneten sich mir, und gaben ihre Heimlichkeiten
heraus, mir folgte Fluch und Bannstrahl, man schrie mir nach: ich sei getäuscht
worden; was ich gesammelt habe, seien Lügen! man sei unschuldig an dem, was ich
nur auf meine Gefahr wagen dürfe, ans Licht zu bringen!
    Gut, dem sei so! Wer kann hier über Menschen Schuld und Unschuld
entscheiden! - Nicht ihre Drohungen, sondern das Gefühl weniger Macht, und die
Möglichkeit, dass ich auch Ihnen unrecht tun könne, bewogen mich, das zu
unterdrücken, was ich gern gegen alle vier Winde des Himmels ausschreien möchte.
Nimm es auf, heiliges Denkmal, in deine Schatten! Lieferst du es einst in die
Hände eines Weisen oder Mächtigen, so nütze er es mit Klugheit. Vielleicht sind
denn schon Jahrhunderte über meine und meines Freundes Asche hingeflogen, und es
kümmert niemand mehr, ob Alf von Dülmen schuldig oder unschuldig war, aber seine
Geschichte ist nicht ohne gute Lehre, und nachdem die Zeit ist, in welcher sie
sich aus der Dunkelheit hervorwindet, nachdem wird ihr Nutzen sein. Vielleicht
gross, wenn sie Zeit genug kommt, dem Uebel zu steuern, das jetzt unter dem Namen
der Gerechtigkeit Unheil stiftet, vielleicht klein, wenn sie erst in
Jahrhunderten erscheint, in welchen Dinge, unter deren Druck jetzt die Welt
seufzt, längst vernichtet und zur Fabel geworden sind.
 
               Der Kardinal Lotar an den Bischof von Kastilien.
                                     1198.
Ich schreibe euch noch unter meinen alten Namen, ungeachtet ich schon eines
neuen und glorreichern gewiss bin. Bald wird die ganze christliche Welt mich als
ihr sichtbares Oberhaupt verehren, aber dem ehrwürdigen Hirten der kastilischen
Heerde werde ich nie etwas anders als Freund sein.
    Noch würde ich nicht gesiegt haben, wär nicht der alte Nebenbuhler meiner
Grösse, der alte Feind all meiner Anschläge, wär nicht Philipp von Tuscien
schnell nach Deutschland gefordert worden, daselbst seine eigenen
Angelegenheiten zu betreiben; und wisst ihr, worin dieselben bestehen? in nichts
geringern, als in der Erlangung des Kaisertums. O mein Freund, bekennt die
Uebermacht meiner Einsichten gegen die eurigen! - Als Kaiser Henrich Philippen
die Vormundschaft über den unmündigen Friedrich auftrug, da waret ihr bereit zu
wetten, der treuherzige Schwabe, wie ihr den Tuscier nanntet, würde Blut und
Leben für das Wohl seines Mündels aufopfern, würde ehe sterben, als diesem Kinde
die römische Krone entreissen lassen; ihr wisst was ich euch damals sagte, jetzt
liegt der Erfolg meiner Behauptung am Tage. Die deutschen Fürsten mögen kein
Kind zu ihrem Herrscher haben, und der ehrgeizige Philipp vergisst seine
Vormundschaft so ganz, dass er sehr geneigt ist, sich in ihren Eigensinn zu
fügen.
    Ob es ihm gelingen, ob es meinem alten Hasser gelingen wird! - Ihm ward am
nehmlichen Tage der Kaiserstuhl geweissagt, da mir jener Mönch die dreifache
Krone prophezeihte, die letzte ist mir gewiss, wird es ihm auch der erste sein?
Er hat mächtige Nebenbuhler, mir darf sich niemand entgegen setzen. Zwar dem
geizigen Herzog von Zähringen könnte er wohl seine Ansprüche mit Gelde abkaufen,
aber was will er gegen den weisen uneigennützigen Bernhard von Sachsen beginnen,
welcher zum Kaiser geboren zu sein scheint? Mir wär - da doch nun einmal das
Schicksal die Päbste und die Kaiser in seine Wagschalen gesetzt hat, einander
das Gegengewicht zu halten, - mir wär ein solcher Gegenmann, wie Bernhard
fürchterlich, und wenn ich alles betrachte, so wollte ich fast Philippen noch
lieber als ihm das Diadem gönnen! - Auf jeden Fall müssen Massregeln genommen
werden, und höret wie ich sie genommen habe:
    Ich komme von dem Sterbebette der Kaiserin Konstanzia. Ich habe ihr Philipps
Treulosigkeit nachdrücklich vorgestellt, und das dadurch erlangt was ich
wünschte. Philipp, sagte sie, verlässt seinen Mündel, und sucht das für sich, was
dem Sohn Kaiser Henrichs zukam? Wohl gut, ich muss die Sorge für dieses
unglückliche Kind treuern Händen empfehlen. Ich lege sie in die eurigen, Graf
von Segni, in die eurigen, ihr, den ich schon als Stattalter Christi verehre.
Legt eure Hand in die meinige, und schwöret mir, dass ihr dem verlassenen
Friedrich die Krone seines Vaters erhalten wollt!
    Ich schwur ihr, Friedrichen die Krone seines Vaters zu erhalten, wobei ich
zwar eigentlich keine andere in den Sinn nahm, als die von Sicilien; doch würde
ich gar nicht dawider sein, wenn ich ihm auch die deutsche erhalten könnte.
Friedrich wär Kaiser, der Pabst sein Vormund, könnte etwas glücklichers für die
Christenheit erdacht werden? - Doch dieses Unternehmen möchte wohl, wie ich
besorge, zu viel Blut kosten, möchte mir auf alle Art unausführbar sein, ich
kenne den Starrsinn der deutschen Fürsten, und hütete mich daher wohl, etwas
mehr zu versprechen als ich halten konnte. Die Kaiserin war nach Art aller
Matronen unfähig ein Misstrauen in die Worte eines Geistlichen zu setzen, glaubte
durch mein Versprechen all ihre Wünsche gewährt, und entschlief wohl zufrieden.
    Friedrich ist nun mein Mündel und König von Sicilien, aber nur auf gewisse
Bedingungen, welche heute zu melden, da ich noch Graf von Segni oder Kardinal
Lotar bin, lächerrlich sein würde; morgen wird der Pabst aus einem andern Tone
sprechen.
    Das was euch nach der Standserhöhung eures Freundes in diesem Briefe das
Wichtigste sein wird, habe ich auf die letzt verspart. Die unter uns beiden
beschlossene Vermählung des kastilischen Prinzen mit der jungen Gräfin von
Toulouse ist so gut als richtig; heute habe ich Nachricht von dem Beichtvater
des Grafen, er hat mit ihm von der Sache gesprochen, und ihn geneigt gefunden,
und ihr könnt auch nun eurem Könige davon sagen, dessen Einwilligung zu
erhalten, es euch nicht an Mitteln fehlen kann.
 
        Bernhard, Herzog zu Sachsen, an Pfalzgraf Otten von Wittelsbach.
                                     1198.
Mit was für Herzen, mein Otto, hätte ich nach dem Kaiserstuhl streben, oder
vielmehr, da er mir geboten wurde, ihn annehmen sollen? Die sichtbare und die
unsichtbare Obergewalt im deutschen Reiche können und dürfen nie in einer Person
vereinigt sein, ich hätte die letzte aufgeben müssen, um die andre zu behaupten,
und urteilt ihr selbst, ob dieser Tausch vorteilhaft gewesen wär. Das höchste
Gut des redlichen Mannes ist Gelegenheit und Macht, der Bosheit zu steuern und
das Gute empor zu bringen. Der Stuhl,2 auf welchem ich im Verborgenen sitze,
gibt mir dieser Gelegenheiten tausend, ich möchte sie nicht missen, um zehn
Kaisertrone; auch ist das Schwerd furchtbar, das ich in den Händen trage, ich
möchte seine Schärfe keinen andern als den meinigen anvertrauen. Unheil damit
anzurichten, wär leicht, wie sollte ich es um einen Scepter vertauschen, und
dadurch den, der wie ihr wisst, nach mir der nächste ist, und der es nach mir
aufnehmen würde, in Gefahr setzen, ein Tyrann zu werden.
    Dinge, wie diese, versteht kein Profaner, ihr, die ihr schon auf gewisse Art
zu den Wissenden gerechnet werden könnt, könnt viel davon verstehen.
    Nein, mein Otto, ich neide Kaiser Philippen nicht seiner Erhöhung, und
zürnen könnte ich nur aus einem Grunde mit ihm: Der Herzog von Zähringen hat
sich seine Ansprüche um 12000 Mark abkaufen lassen, wie habe ich verdient, dass
mir ein ähnliches geboten wurde! - Doch Philipp kennt Bernharden von Sachsen
nicht, das ist seine Entschuldigung! Es ist verschmerzt, mein Zorn ist vorüber.
Zum Zeichen, wie gut ich es mit dem neuen Kaiser meine, sagt ihm, was er
unmöglich noch wissen kann, (ihr wisst, keine Posten gehn schneller als die
unsrigen;) sagt ihm, der nunmehrige Pabst fange an, sich ihm als einen
fürchterlichen Feind zu beweisen. Die Vormundschaft über den jungen König von
Sicilien hätte nicht vernachlässigt werden sollen, sie ist nun in seinen Händen.
Doch dies ist eine alte Zeitung, aber diese ist neu, dass er den kaiserlichen
Präfekt der Stadt Rom gezwungen hat, ihm, dem Pabst, den Eid der Treue zu
schwören, dass Markgraf Markard der Mark Ankona, und Konrad von Schwaben seines
Herzogtums Spoleto beraubt, nächstens in Deutschland sein werden, dass alle
lombardischen Städte sich dem furchtbaren Innozens unterwerfen, und Tuscien
nächstens das nehmliche tun wird. Sehet hier eine Menge Dinge, die Philipp
eilig wissen muss, um Gegenvorkehrungen zu treffen. Gehet, empfehlet euch ihm mit
denselben. Er hat schöne Töchter und keinen Sohn, könnte er sich doch mit einer
derselben Pfalzgraf Otten zum Sohn eintauschen, dies würde Glück für beide sein,
mich dünkt, Philipp braucht einen Helden, wie ihr, zur Stütze seines Trons, der
wahrscheinlich, besonders von Rom her, viel Erschütterungen erfahren wird, und
ihr braucht eine holdselige Gattin, die euch, nachdem ihr lang genug die
Mühseligkeiten des Kriegs empfandet, die Freuden des häuslichen Lebens schmecken
lehre. Möchte mir doch ähnliches Glück lachen! möchte mich doch der Besitz der
schönen Adila von Pohlen meinen trübseligen Wittwerstand vergessen machen! Doch
sie ist noch sehr jung, und die Sache leidet Aufschub.
 
                        Elise von Schwaben an die Gräfin
                               Alix von Toulouse.
                                     1198.
Ich komme wieder in deine Arme, meine Freundin! der Glanz am Hofe meines Vaters
kann Elisen nicht fesseln. Du weisst, was ich fühlte, als Philipp ehemals den
Aufentalt in meinem Vaterlande dem friedlichen Schwaben mit dem stolzen
Tuscien verwechselte. Die italiänischen Herrlichkeiten behagten mir nicht, ich
wählte das Kloster, in welchem ich dich wusste, und söhnte dadurch meinen Vater
mit meiner Wahl aus; er, der alles Ausländische liebt, liess sich ehe gefallen,
seine Tochter zu Lion an der Seite einer französischen Prinzessin erziehen zu
lassen, als wenn ich Marienzell, wo meine Base Aebtissin ist, oder ein anderes
deutsches Kloster zu meinem Aufentalt erwählt hätte; dies sind Schwachheiten,
die ich als Tochter vielleicht kaum bemerken sollte; - aber wie kann ich die
Augen hier vor so manchem verschliessen, das mich bekümmert?
    O Alix, mein Vater hat sich sehr geändert! Die Kaiserwürde kann es unmöglich
allein sein, die dieses getan hat! - Meine Mutter, die mich immer mehr als
Freundin behandelte, sagt mir, Philipp habe in Welschland viel Umgang mit den
Römern gepflogen; diese können wohl sein Herz verderbt haben! Eine übertriebene
Freundschaft mit dem Grafen von Segni, dem nunmehrigen Pabst, hatte lange Zeit
Platz genommen, sein Haus und das unsrige haben Jahrelang ein Einiges
ausgemacht, man hat von nähern Verbindungen durch Vermählung einer meiner
Schwestern mit einem Neffen des damaligen Grafen gesprochen, bis ein
unbedeutender Wortstreit einst der Vertraulichkeit auf einmal ein Ende gemacht,
und die ehemaligen Freunde in die erbittertesten Feinde verwandelt hat.
    Gottlob, sagte ich, da Irene mir dieses erzählte, Gottlob, dass ein Ungefähr
den deutschen Philipp von der gefährlichen Verbindung mit einem Ausländer
lossriss! - O mein Kind, erwiederte sie, du sprichst wie die Erfahrung deiner
Jahre es mit sich bringt. Entzweiungen dieser Art tragen bittre Früchte; man hat
sich ehedem geliebt, hat sich Dinge vertraut, welche kein andrer wissen durfte,
ein Nichts hat die genaue Verbindung zertrümmert, und eben darum hasst man sich
desto herzlicher, man fürchtet das Andenken vergangener Dinge, man besorgt, der
andere möge den Bruch rächen, und will ihm lieber zuvorkommen; so ziehen
Beleidigungen Gegenbeleidigungen nach sich, bis endlich Rache, die von beiden
Seiten sich ziemlich rechtfertigen kann, den einen oder den andern der
ehemaligen Freunde, oder vielleicht beide aufreibt. Dein Vater hat schon längst
von seinem gewesenen Vertrauten, dem Grafen von Segni, Proben rächenden Hasses
erhalten, die er selbst jetzt im Kaiserstande noch nicht verwinden kann. Segni
ward Cardinal, und das erste, wozu er sich seiner Würde bei Cölestin dem
Dritten, bei welchen er viel galt, bediente, war die Erregung des päbstlichen
Donnerkeils gegen seinen vormaligen Freund. - Philipp liegt unter dem Banne, wer
soll ihn lösen? - etwa der nunmehrige Pabst? war er es nicht selbst, der dieses
Unglück über ihn herabrief? O Kind! Kind! die Äusserungen des Hasses welche
zwischen deinem Vater und dem Grafen von Segni klein begannen, gehen nun
zwischen Kaiser Philippen und Innozens dem Dritten ins Grosse, gebe Gott, das sie
nicht blutig endigen!
    Meine Mutter gab mir noch einige neuere Beweise von dem, was sie sagte, und
ich zitterte! - Möchte doch Philipp Herzog von Schwaben geblieben sein, möchte
er doch diesen Römer und sein verführerisches Vaterland nie gesehen haben;
möchte er doch wenigstens nicht Kaiser geworden sein! Vielleicht dass wir, seine
Kinder, uns denn seines Lebens und seiner Vorsorge desto länger zu erfreuen
hätten!
    Eins tröstet mich! Die deutschen Fürsten beten ihr gewähltes Oberhaupt an;
mein Vater - (Man sagt mir, ich soll ihn Kaiser nennen, wenn ich von ihm spreche
oder schreibe, aber ich tue solches ungern) - Mein Vater hat wieder eine neue
herrliche Eroberung an einem der deutschen Helden gemacht, den ich zuvor noch
nie sah. O meine Alix! welch ein Mann ist der Pfalzgraf Otto von Wittelsbach!
Schön wie der Prinz von Kastilien, dessen Bild ich bei dir sah, und gut, tapfer
und bieder wie der Herzog von Sachsen, dessen Seite er bisher hielt, auf dessen
eigene Einwilligung er sich nun eben zu meinem Vater wendet!
    Lass mich aufrichtig mit dir reden, meine Freundin, der Wittelsbacher hätte
machen können, dass du deine Elise nicht wieder im Kloster gesehen hättest; man
spricht von einer Verbindung mit ihm, durch eine von Philipps Töchtern; er hat
sein Auge auf Kunigunden geworfen, und ich fliehe. Freilich ist Kunigunde jünger
und schöner als ich, aber ich fürchte, sie hat ihr Herz in Italien
zurückgelassen!
    Ich komme, Alix, ich komme wieder in deine Arme! Ich bringe dir noch eine
Freundin mit, meine Schwester Beatrix; sie ist zwar noch ein Kind, aber in wenig
Jahren wird sie ganz zu deiner Freundin gebildet sein. Unsere Mutter sieht es
gern, dass ich sie mit nach Lion nehme, sie ist mit der Erziehung zufrieden, die
ich in unsern heiligen Mauern erhalten habe, und wünscht für ihre jüngere
Tochter die nehmlichen Vorteile; auch sieht sie sie gern von den glänzenden
Scenen eines Kaiserhofs entfernt, die ein junges Herz so leicht verderben
können. Was meinen Vater anbelangt, so hat er für niemand unter seinen Kindern
Augen als für Kunigunden, und lässt sich also unsere Entfernung, wenn nur sie ihm
bleibt, herzlich gern gefallen!
    O Elise! Elise! was hast du da geschrieben? Prüfe dich, ob nicht in diesen
Äusserungen etwas Neid lauscht, Neid gegen Kunigunden, wegen Philipps und Ottos
Vorliebe, welche sie doch wegen Schönheit, Munterkeit, Geist und Weltsitte so
sehr verdient! - Wahrhaftig, Alix, ich fühle, es ist Zeit, dass ich in unsere
heilige Einsamkeit zurückkehre. Die Kunst, mein Herz zu prüfen, mag ich wohl aus
derselben mit in die Welt gebracht haben, aber die Kunst, es zu besiegen, liess
ich zurück; ich muss eilen, sie wieder zu finden.
 
                    Pabst Innozens III. an Kaiser Philippen.
                                     1198.
Ich höre, das Oberhaupt des deutschen Reichs klagt über den Stattalter Christi,
wegen einiger Unannehmlichkeiten, die ihm von demselben widerfuhren. - Mögen
doch der Pabst und der Kaiser Klage wider einander haben, wenn nur der Graf von
Segni und Philipp von Schwaben die alte Freundschaft wiederfinden können. Oder
habt ihr dieselbe vergessen? haltet ihr die Kleinigkeiten, die euch, seit ich
auf Sankt Peters Stuhl sitze, widerfuhren, für Erneuerungen alter Fehden, die
ehemals unter uns vorfielen? - Sollte ich doch nicht glauben, dass Philipp,
welcher nun selbst weiss, was höhere Würden oft von uns heischen, so
schwachsinnig urteilen könne! Was der Pabst dem Kaiser Pflicht wegen zuwider
tun musste, das geht ja die Freunde Lotar und Philipp nicht an! Lasst die Kirche
und das Reich diese Dinge mit einander ausmachen!
    Um euch indessen zu beweisen, wie viel ich euch, meinem alten Freunde, zu
Liebe zu versuchen im Stande bin, so hat derjenige, aus dessen Händen ihr dieses
vertrauliche Schreiben erhaltet, Befehl, mit euch geheime Unterhandlungen zu
treffen, und so viel von euren Beschwerden zu heben, als nur bei unserer Pflicht
für das uns befohlne Wohl der Kirche möglich ist.
    Lebt wohl, mein Bruder, und empfangt den herzlichsten Glückwunsch zur
erlangten Kaiserwürde, und den apostolischen Segen von eurem alten Freunde.
 
                              Philipp an Innozens.
                                     1198.
So viel ich mich erinnere, habe ich nie über das geklagt, was mir von Rom her
begegnete. Wir Deutsche klagen überhaupt niemals, wir tragen ein Schwerd an der
Seite, welches allen Beschwerden ein schnelles Ende macht. - Doch ziehen wir es
nie ohne Not, und es ist mir daher lieb, dass ich von eurem Gesandten, dem
Bischof von Sutri Vorschläge gehört habe, die mir nicht ganz unannehmlich
dünken. Doch ich gedenke nicht über diese Dinge der einige Richter zu sein, die
deutschen Fürsten mögen die Sache beleuchten und entscheiden.
    Dass ihr als Pabst noch der ehemaligen Freundschaft denkt, erfreut mich. Es
waren selige Tage, die wir, entfernt von der Höhe, die wir erstiegen haben,
verlebten; wollte Gott, sie möchten wiederkehren! - An mir soll es nicht liegen,
dass dieses - so fern es möglich ist, - nicht geschehe, auch könnt ihr mir
glauben, dass ich den Kaisernamen, den ihr mir in eurem letzten Schreiben zuerst
zugestehet, nicht gesucht, nicht euch zum Trotz angenommen habe. Vielmehr hatte
ich auch hier, so wie allemal euer Wohl und das Wohl der heiligen Kirche zum
Augenmerk. Philipp ist ein treuer Sohn dieser heiligen Kirche, ob er gleich aus
ihrem Schoss verstossen leben muss, er wird ihr und Sankt Peters Nachfolger nicht
so viel Unruhe machen, wie mancher andre, auf den die Wahl schier gefallen wär.
Nehmt den Herzog von Zähringen, der überall nur auf seinen Nutzen denkt, nehmt
den Philosophum, - hätte bald gesagt den Ungläubigen! - Bernhard von Sachsen,
und fragt euch selbst, ob Philipp von Schwaben, der euch zu Liebe alles glaubt,
was ihr wollt, der freigebige Philipp, der auch bei dieser Gelegenheit Sankt
Petern ein Zeichen seines guten Willens zusendet, ob ihr ihn nicht lieber euch
gegenüber auf dem Trone seht als jene?
    Blos um Unheil für euch zu verhüten, ward ich Kaiser, und aus dem nehmlichen
Grunde werdet ihr, hoffe ich, zugeben, das ich es bleibe, als welches sich doch
nun nicht ändern lässt.
    Hiemit Gott befohlen, von eurem geneigten Bruder Philipp.
 
                    Pabst Innozens an den Bischof von Sutri.
                                     1198.
Ich habe ein Schreiben von meinem lieben Sohn und Bruder, Kaiser Philippen
erhalten, welches mich bis zu Tränen bewegt hat; er klagt, aus dem Schoss der
heiligen Kirche verstossen zu sein, welcher er so treulich anhangt. Diesem Jammer
muss abgeholfen werden, und ihr erhaltet hiermit Befehl, den frommen Fürsten vom
Banne loszusprechen, mit welchem er von unsern in Gott ruhenden Vorfahren wegen
einiger im Toskanischen verübten Gewalttätigkeiten belegt wurde.
    Dass dieses auf das feierlichste geschähe, wär wohl mein heissester Wunsch,
doch äussern sich dabei einige Bedenklichkeiten; daher ihr auch dieses Schreiben
kaiserlicher Majestät insgeheim zu zeigen, und mit ihr darüber zu rat zu gehen
habt.
    Die Excommunication unsers teuren Sohns und Bruders ist, so viel uns
wissend, nur wenigen bekannt, denn wie möchte er sonst, bei der Verehrung, die
noch jedermann für die Stimme Gottes aus unserm Munde hat, durch einhellige Wahl
zum Kaisertum gelangt sein? Sollen wir nun durch öffentliche Lossprechung erst
kund machen, dass er bisher ein Gebundner des Herrn war? würden wir nicht durch
dieselbe ihm vielleicht mehr Leid zufügen als Gutes erzeigen? -
    Noch einmal, geht ihr selbst mit unserm Freund, Kaiser Philipp, hierüber zu
rat, und was er für gut finden wird, das geschehe; doch habt ihr überall ihn
durch eure bessere Einsicht in geistlichen Dingen zu leiten.
 
                      Von Rom an den Erzbischof von Kölln.
                                     1198.
Auf Befehl melden wir euch, dass der Bischof von Sutri in diesen Tagen Philippen
von Schwaben, der, wie ihr wisst, unter dem Kirchenbann liegt, unter Vorwand
päbstlicher Vergunst heimlich losgesprochen, und wieder in den Schoss der Kirche
aufgenommen hat, bedenket, ob euch ansteht, dieses zu dulden.
    Gar nicht zu gedenken, dass ihr bei dieser hochfeierlichen Handlung so
schimpflich übergangen worden seid, so liegt euch auch noch überdem, ohne
weitere Rücksicht auf euch selbst, ob, an der Rechtmässigkeit der ganzen Sache zu
zweifeln, da die Lossprechung heimlich vor sich ging, und päbstliche Heiligkeit
sich wohl nie zu einem Anteil an dem ganzen Vorgange verstehen wird.
    Es ist wohl billig zu beklagen, dass das deutsche Reich ein unter dem Bann
liegendes Oberhaupt haben soll, da es sich besseres Glücks unter einem andern
Könige hätte erfreuen können; aber niemand denkt mehr daran, dass Heinrich des
Löwen Sohn, der fromme Herzog Otto noch lebt, welcher sich wohl besser für das
Reich geschickt haben würde, als ein excommunicirter Philipp. -
    Der Empfang dieses Schreibens bleibt verschwiegen.
 
                   Die Kaiserin Irene an ihre Tochter Elise.
                                     1198.
Glücklichere Zeiten begannen uns zu lächeln. Das Joch des Banns war von des
Kaisers Nacken gerissen, er atmete freier, und konnte nun, so meinte er, mit
heiterm Mut auf das Wohl des Reichs und das Glück seiner Kinder denken. O
Elise, wie soll ich dir die Plane zärtlicher Eltern zum Besten ihrer Lieblinge
schildern! Dir, du Heilige, die sich, wie es scheint, den Himmel zum einigen
Erbteil erwählt hat, dir weltliches Glück zu bereiten, daran dachten wir wohl
nicht, aber unversorgt sollst du auch nicht geblieben sein, die Aebtissinnen von
Quedlinburg waren immer Töchter deutscher Kaiser, und du kannst also erraten,
worauf man für dich dachte, und was dir auch noch nicht entgehen soll, da das
Glück all deiner Schwestern gestört ist. -
    Zufrieden, unsere Kunigunde mit Pfalzgraf Otten von Wittelsbach so wohl
beraten zu sehen, dachten wir nun auch an unsere Jüngern. Für die dreijährige
Agnes bestimmte dein Vater den jungen König von Sicilien, und für Beatrix den
wackern Herzog von Braunschweig, Heinrich des Löwen Sohn; Verbindungen, welche
dem ganzen Reiche den Frieden gebracht haben würden.
    Die Ausführung guter Plane darf nicht verschoben werden: Kunigundens
Vermählung mit dem Pfalzgrafen war so gut als geschlossen; du weisst, dass dich
mein letzter Brief zum Hochzeitfest einlud. Von der kleinen Agnes etwas zu
gedenken, war fast noch zu früh, doch liess dein Vater, der jetzt auf ganz gutem
Fusse mit dem Pabste steht, in einem vertraulichen Schreiben einige Worte davon
fallen; und wegen Beatrix waren schon Boten an den Herzog nach Poiton
abgeschickt, als wir, o Jammer! erfahren mussten, dass man eben diesen Herzog von
Braunschweig, eben diesen Otto, Heinrich des Löwen Sohn, den wir verehren, den
wir an unser Haus zu verbinden trachteten, zum Gegner deines Vaters macht.
    Ach, Elise, du wirst es nicht aus meinem Briefe zuerst erfahren, dass es das
Ansehen hat, als wollte das Reich zwei Kaiser bekommen! auch schrieb ich dir ihn
nicht in der Absicht, sondern nur um die Einladung des Letzten zu widerrufen. Du
kannst dir wohl vorstellen, dass man bei jetzigen Aussichten nicht an
Hochzeitfeste denken darf. Der Pfalzgraf und Kunigunde bleiben vor der Hand nur
Verlobte, und es ist zu verwundern, wie wohl sie sich darein schicken, besonders
Kunigunde, sie scheint mehr ererfreut als bekümmert über den Aufschub zu sein;
welches ich weder begreifen noch billigen kann.
    O Elise! mein Herz ist gepresst! was wollte ich darum geben, dich als meine
Trösterin bei mir zu haben! - Noch hoffe ich, es wird alles gut gehen. Alle
deutsche Fürsten sind auf Philipps Seite, und der Pabst, welcher hier so viel
tun kann, ist sein Freund; ich wünsche, dass man, um Blutvergiessen zu verhüten,
die Sache seiner Entscheidung übergibt, er wird gewiss wider den Herzog von
Braunschweig und für deinen Vater sprechen.
    Das ganze Unglück entspann sich durch Anstiften des Erzbischofs von Kölln,
welcher die Rechtmässigkeit der Lossprechung des Kaisers vom Banne nicht
anerkennen wollte; es ist lächerrlich, das bezweifeln zu wollen, wobei wir die
Stimme des Pabsts vor uns haben, und ich kann nicht begreifen, warum der Beweis
dieser Dinge darüber Brief und Siegel in den Händen des Bischofs von Sutri ist,
so erschwert wurde, bis alles zu spät, und die Trennung im Reiche da war.
 
                    Pabst Innozens an die deutschen Fürsten.
                                     1198.
Da das Reich erst durch die Päbste von den Griechen auf die Deutschen gebracht
wurde, da kein Kaiser diesen erhabenen Namen mit Recht führen kann, wir geben
ihm denn Salbung und Krone, und da besonders mir, wegen erlangter Macht und
Ansehens die Stimme der Entscheidung in solchen Sachen zukommt, so tut ihr
recht und löblich, getreue Söhne der Kirche, dass ihr euch in gegenwärtigem
zweifelhaften Fall an den heiligen Stuhl wendet, und ihm die Berichtigung der
grossen Frage vorlegt: Wer soll unser Oberhaupt sein?
    Es ist ein schmeichelhafter Beweis eures Zutrauens auf unsere
Unparteilichkeit, dass ihr kein Bedenken traget, uns zu fragen, da ihr doch
vielleicht wähnen könntet, wir möchten mit unserm Vorwort (dass wir unserer
Stimme keinen höheren Namen geben) - auf unsern Mündel, den jungen König von
Sicilien fallen, dessen wir als Vormund uns anzunehmen, vielleicht gehalten sein
möchten; doch fern sei es von uns, der Billigkeit entgegen für einen Prinzen zu
sprechen, der hier gar nicht in Betrachtung kommen darf, indem er bei seiner
ehemaligen Ernennung zum Nachfolger seines Vaters, ja noch nicht einmal getauft,
und folglich nicht wahlfähig war; - Wär indessen auch dieses nicht, so verwehrte
doch auch sein gegenwärtiges noch zu zartes Alter schon jeden Gedanken auf ihn.
Wehe dem Lande, des König ein Kind ist, und dessen Fürsten frühe essen! welches
letzte vielleicht auf noch einen andern passen möchte, den wir sonst
Freudschafts halber unser Wort gern zu geben geneigt wären.
    Philipp von Schwaben ist unser Freund, aber darf Freundschaft bei einer
Sache in Anschlag kommen, wo bloss die Gerechtigkeit vorwalten muss? - Nein, sie
darf uns nicht gegen die Wahrheit verblenden, darf uns nicht vergessen lassen,
dass Philipp als ein Gewalttäter von unserm in Gott ruhenden Vorfahren
excommunicirt wurde, und noch unter dem Banne liegt; seine heimliche3
widerrechtliche Loszählung durch den Bischof von Sutri kann ihm hier nicht
helfen. Warum heimlich, wenn, wie er rühmt, unser Beifall auf seiner Seite war?
Ueberdieses ist Philipp ein Wollüstling und Schwelger, bei welchem, wie wir oben
berühmten, Tag und Nacht, Abend und Morgen der Ueppigkeit geweiht sind, ein
Meineidiger, welcher das Kaysertum an sich riss, das er seinem Mündel, dem
jungen König von Sicilien zu erhalten schuldig war, ein Feind der Kirche, ein
Abkömmling Heinrich des Fünften und Friedrich des Ersten, Heinrich des Sechsten
Bruder, und all dieser Widersacher der Kirche würdiger Nachfolger, welcher schon
einige Proben gegeben hat, was diese heilige Mutter von ihm fürchten muss.
    Werdet ihr nach diesen angezogenen Punkten noch zweifeln, auf wen unsere
entscheidende Stimme fällt? Was fehlt dem Herzog von Braunschweig? ist er nicht
ein Held und eines Helden Sohn? ist er nicht ein getreues Kind der Kirche? Ihm
mag nicht schaden, dass er später und von wenigern gewählt wurde, als Philipp, da
er zur Regierung tauglicher, und uns und der Kirche anständiger ist als er.
    Habt ihr indessen etwas wider diesen unsern Gewählten einzuwenden, so wollen
wir euch in so weit eure Freiheit nicht beschränken, sondern euch nur andeuten,
dass ihr euch bald über die Wahl eines Würdigern vergleichet, oder widrigenfalls
gewärtig seid, dass wir Otten von Braunschweig öffentlich als König erkennen, und
zu uns nach Rom zur Kaiserkrönung berufen.
 
                                Irene an Elisen.
                                     1200.
Eine Hoffnung bleibt uns noch, nach so manchen blutigen Händeln, die jener
ungerechten unerwarteten Entscheidung des Pabsts folgten, auf die ich all meine
Hoffnung setzte. O Elise, freue dich, der ehrwürdige Konrad von Maynz ist von
seinem Zuge nach Palästina zurück! Er war der Jugendlehrer deines Vaters, er
vermag alles über ihn, so wie hingegen Philipp immer auch sein Liebling war. In
gleicher Achtung steht er mit dem Herzog von Braunschweig, (dem nach seiner
Krönung zu Aachen jedermann den Kaisernamen gibt), - und selbst der Pabst
fürchtet sich vor ihm, o Elise, was lässt sich von der Vermittelung eines
Heiligen, wie Konrad erwarten! Vermittler will er sein, das hat er meinem Gemahl
in den mildesten Ausdrücken geschrieben, und Philipp, der nie etwas von
Vermittlung hören wollte, hat zum erstenmal dieses Wort geneigt aufgenommen, er
tut noch mehr, er geht der Vermittlung entgegen, und vergibt sich damit, wie
einige Friedensstöhrer wollen, etwas von seiner Hoheit. Ich kann ihn nicht
tadeln. Erzbischof Konrad ist ein achtzigjähriger Greis, ist für den geistlichen
Vater des Kaisers zu rechnen, dem er die ersten Grundsätze der Tugend ins Herz
prägte, es geschieht ihm wohl nicht zu viel Ehre, wenn ihm Philipp zu Gefallen
nach Maynz geht, seine Meinung zu hören. Sie sei, welche sie wolle, mir soll sie
willkommen sein. Ein Mann, den die Glorie der Heiligen schon bei lebendem Leibe
umstrahlt, kann nicht falsch entscheiden. Wenn er nun auch von
gemeinschaftlicher Herrschung mit Otto sprechen sollte, würde das Philipps
Hoheit etwas benehmen? da er als der ältere immer den Vorrang behielt, da er
durch seine Tochter sich seinen Nebenkaiser noch fester verbinden könnte? Und
ich? wär ich denn nicht zugleich Mutter und Gemahlin eines Kaisers? sähe ich
nicht meine Kinder um mich her glücklich und das Reich in Ruhe? - O ihr Engel
des Friedens beglückt die Anschläge, die jetzt im Verborgenen zu unserer aller
Besten reifen, gebt Konrads Worten unwiderstehliche Gewalt, und Philipps Herzen
Biegsamkeit!
 
                    Pfalzgraf Otto von Wittelsbach an Adolf,
                                Grafen von ***.
                                     1200.
Du verziehst deine Nachfolge zu lange, mein Freund, komm, eile zu kommen, mein
Herz sehnt sich nach dir. Ich lebe hier in einer Welt, für die sich mein
deutsches Herz nicht schickt. Himmel, an wen hat Bernhard von Sachsen meine
Anhänglichkeit für ihn abgetreten! Hätte ich doch Kaiser Philippen und seine
verführerische Tochter nie gesehen! Du weisst, wie Kunigunde anfangs mein Herz
fesselte, du weisst auch, wie wenig sie bei genauerer Bekanntschaft demselben
genug tat. Sie ist schön, aber nicht für mich, munter und witzig, aber nur mich
bei meiner Gerechtigkeit in denken und sprechen in Verlegenheit zu setzen; ich
glaube sie ist mir hold, und möchte mich ungern verlieren, woher sonst ihre
Bemühungen, mich wieder auszusöhnen, wenn ihre italiänischen Grillen mich einmal
aufgebracht haben? gleichwohl aber scheint ihr Herz nie ganz bei mir zu sein,
und bei den unablässigen Hinderungen unserer Verbindung ist sie so wohlgemut,
dass ich wohl deinen Scharfsinn haben möchte, aus ihr klug zu werden. Komm, mir
diese Dinge zu enträtseln, und mir aus neuen noch fürchterlichen Zweifeln zu
helfen, die sich in mir von einer andern Seite erheben.
    Gott und alle Heilige was soll ich von Philipp denken! Sollte das möglich
sein, was mir der Bischof von Sutri bei dem, was sich in diesen Tagen hier
zutrug, ins Ohr raunte? Wir sind in Maynz, Erzbischof Konrad, ein leibhafter
Sankt Peter, der Würde und dem Ansehn nach, ein Engel an Beredsamkeit, ein
sichtbarer Heiliger, hat den Kaiser hieher erbeten, Unterhandlungen zu treffen,
über die ich, der mehr vom Schwerde halte, nicht richten kann; alles fügt sich
wohl, Philipp lebt und webt in seinem alten Lehrer, kann keine Stunde ohne ihn
sein, speisst mit ihm aus einer Schüssel, trinkt mit ihm aus einem Becher, und
man sagt, er sei sein heimlicher Feind? Kann, kann dies möglich sein?
    Erzbischof Konrad ist tod, schnelles Todes gestorben, nach einer an Philipps
Seite gehaltenen einsamen Mahlzeit; kann, kann Philipp, wie man mich bereden
will, sein Vergifter sein?
    Ich bin ausser mir, ich kann und darf mit niemand von diesen schrecklichen
Dingen reden, Philipp kann unschuldig sein, niemand ausser mir und dem, der
dieses Gift der Hölle, diesen teuflischen Verdacht in mein Herz goss, denkt
daran, dass Konrad eines andern Todes als des Todes hohen Alters gestorben sei;
doch kann ich den quälenden Gedanken nicht los werden, alles bestättigt mich in
demselben, selbst die Behändigkeit, mit welcher Philipp gleich nach seinem Tode
wusste, was ihm zu tun sei, die Eil, mit welcher er einen andern, eigenmächtig
an seine Stelle gesetzt hat.
    Mein Herz wollte springen, ich musste mich einer Seele vertrauen, ich
schüttete meinen innern Gram gegen die einige Person aus, gegen welche ich hier
am Hofe unumschränkte Achtung hege, gegen die Kaiserin Irene, die durch ächte
deutsche Redlichkeit ihre griechische Abkunft so ganz verleugnet. Sie hat mit
mir gesprochen, wie ein Engel. Sie bürgt mir für ihren Gemahl, wie könnte ich
noch Misstrauen in ihn setzen. Gleichwohl ist und bleibt mir hier alles zu enge;
ich kann niemand ganz trauen als ihr, und ich muss fort, wenn du nicht bald
erscheinst, meine Unruhe durch deine Freundschaft zu lindern; komm, wenn du
kannst, unter verstelltem Namen, ich habe hiezu Ursachen, die du ein andermal
erfahren sollst.
 
                     Der Bischoff von Sutri an den Kardinal
                              Guido von Präneste.
                                     1201.
Ich höre, ihr seid zu Kölln angelangt, die Eingriffe zu ahnden, welche Philipp
durch Einsetzung eines maynzischen Erzbischofs in die päbstlichen Rechte tat,
und ich eile, mich gegen euch über gewisse Dinge zu erklären, welche man mir,
wie ich höre, am römischen Höfe zur Last legte, ich erkenne in euch nicht allein
den päbstlichen Legaten, dem ich Rechenschaft von meinem Verhalten schuldig bin,
sondern auch den Freund, gegen welchen ich mich offenherziger über meine Lage
herauslassen kann, als gegen andre, den Mann, von dem ich weiss, er wird das, was
ich ihm sage, und sagen muss, nicht zu meinem Nachteil gebrauchen. Hört meine
kurze Geschichte, und denn beurteilet mich nach eurem eigenen Herzen, nach dem
was, wie ihr wisst, in dieser argen Welt ein jeder tun muss, der sich empor
schwingen will, der sein Leben nicht im Staube zu endigen denkt.
    Aus dem widrigsten unter allem Staub auf Erden, aus dem Klosterstaube hatte
ich mich schon längst empor geschwungen. Ich war Bischof von Sutri, und wurde,
was ihr jetzo seid, päbstlicher Legat. Ich erhielt geheime und öffentliche
Aufträge nach Deutschland, wie ihr sie erhalten habt, und richtete sie
hoffentlich so gut aus, wie ihr die eurigen ausrichten werdet. Ich sprach den
Kaiser gerade so vom Banne los, wie mir vorgeschrieben, und alles hatte die
Folgen, die es haben sollte: Zwist und Uneinigkeit entsprang, und das Reich
sieht jetzt zwei Kaiser. -
    Dass man, nachdem alles geschehen war, was man von mir verlangte, mir den
Rücken wandte, mir keine Versprechungen hielt, die mir getan wurden, und sich
gar unter der Hand verlauten liess: man müsse dem Bischof von Sutri wegen Kaiser
Philipps heimlicher Lossprechung an den Hals; dies waren freilich Dinge, die ich
hätte voraussehen sollen, da mir meine Erfahrung sagte, man pflege sich gern
derer auf eine gute Art zu entledigen, durch die man heimliche Dinge
ausgerichtet hat, und das Werkzeug ins Feuer zu werfen, wenn das Werk geschehen
ist; Leider fanden mich diese Dinge unvorbereitet. Ich war ein Mensch, ich ward
aufgebracht, und suchte, da Rache unmöglich war, meine Sicherheit.
    Ich fand sie in Philipps Armen, Philipp schätzte und liebte mich, weil er
aus meinem Munde zuerst die Worte der Gnade gehört hatte, und ich nicht
unterliess, ihm täglich zu versichern, dass meine ihm erteilte Absolution gültig
sei, und dass er sich dem Pabst und dem ganzen Kardinalskollegio zum Trotz für
bannfrei halten könne. Diese Tröstungen trugen mir ausser der kaiserlichen Gnade
und Vertraulichkeit noch glänzende Versprechungen ein, ich traute auf sie, denn
ich bedachte nicht, dass Philipp nur ein halber Deutscher ist. Ich rechnete in
der Stille auf einen Fall, wie er jetzt durch den Tod des alten Erzbischofs von
Maynz geschehen ist, und sah mich schon im Geist einen der ersten geistlichen
Fürsten, einige Stufen näher zur dreifachen Krone, welche doch nun einmal, -
gesteht es selbst, Guido, - das Kleinod ist, nach dem wir alle mit Sehnsucht
hinblicken.
    Erzbischof Konrad starb, Kaiser Philipp fühlte Notwendigkeit und Macht, an
seiner statt dem Pabste zum Trotz eine eigene Wahl zu tun. Ich glaubte, der
Gewählte zu sein, alle Dinge bestättigten mich in dieser Hoffnung, und - ich
ward übergangen. Ein Lüpold, ein Bischof von Wormbs begleitet die Stelle die,
wenn Recht und Dankbarkeit gegolten hätten, mir zugekommen wär. Törichter
Philipp, welch eine Stütze hast du dich an mir beraubt! Wird Lüpold das leisten
können, was du von mir erwarten konntest? Zittre vor den Folgen deiner Wahl!
    Doch dies ist nun vorüber, ich lache der Versprechungen, die man mir von
neuem tat, und denke auf andre Mittel zu Rache und Glück. - Guido, ich gestehe
es, dass ich, durch schlechte Begegnung aufgebracht, mich vom Pabste mit meinem
Herzen zum Kaiser wandte, aber ich kehre zurück. Die römischen Geheimnisse sind
mir bei aller Vertraulichkeit gegen Philipp heilig gewesen, ich bringe sie
unversehrt in den Schoss der Kirche zurück, noch ist nichts verloren, und
erklärt man sich mir auf eine anständigere und sicherere Art als bisher, so kann
ich mich vielleicht anheischig machen, Angaben zu machen, die man zu dem grossen
Entzweck, Philippen zu stürzen, würksam finden wird. Ich habe bereits, um meine
verneute Treue zu zeigen, einen Anfang gemacht, den nur der, welcher nicht die
ganze Sache zu übersehen im Stande ist, klein und unbedeutend nennen kann.
    Philipp hat an seinem Hofe einen Mann, den Pfalzgrafen Otto, den man wohl
mit recht eine eherne Säule des Kaiserstuhls nennen kann, er soll sein
Schwiegersohn werden; und wird es dieser Held mit dem eisernen Arme, dieser
ächte Deutsche mit der festen unerschütterlichen Rechtschaffenheit, so mögen wir
nun alle Anschläge gegen Philipp aufgeben. Sein Feind muss der Pfalzgraf werden,
wenn wir ihn stürzen wollen. Seit mein Vorteil mit Philipps Besten nicht mehr
ein Ganzes ausmacht, habe ich nachgesonnen, wie man das Herz des Biedermanns von
ihm abwendig machen könne, und gefunden, dass nichts, selbst persönliche
Beleidigungen nicht, das bei ihm bewürken werden, was Verdacht in Philipps
Rechtschaffenheit tun kann.
    Der Pfalzgraf ist ein Mann, bei welchem das Herz Gold, der Verstand nur
Silber ist, sein Urteil zu täuschen, ihn morgen zu bereden, der, der ihn heute
beleidigte, habe ihn eigentlich nicht beleidigt, ist leicht; aber ihn mit dem
Beleidiger der Tugend auszusöhnen, ist Unmöglichkeit; dem ersten wird er gern,
dem andern nie verzeihen. Dies ist der Mann, den ich Philippen rauben, und damit
all mein erlittenes Unrecht rächen will, und höret, wie ich es begonnen habe.
    Erzbischof Konrad starb des Todes, den mehrere Greise seiner Art gestorben
sind, Kaiser Philipp ist so unschuldig an seinem Tode, wie ich an Lüpolds
Erhebung zum Erzbistum. Auch hat niemand einen Gedanken, dass er etwas wider
seinen alten Lehrer, wider den getan haben könnte, der ihn väterlich liebte.
Der Argwohn, den ich zu erregen mir vorgenommen hatte, ist ungeheuer, und doch
gelang mir es, ihn in das trugloseste unbewachteste aller deutschen Herzen in
das Herz des Wittelsbachers überzutragen. Ich bin sein Beichtiger, seit unserer
letzten geistlichen Unterhaltung, glaubt er in Kaiser Philipp einen Mörder zu
sehen, sein ganzes Herz empört sich bei seinem Anblicke, und wir können darauf
rechnen, dass wenn auch Ueberzeugung von der Falschheit des Argwohns bei ihm
endlich unvermeidlich wär, doch der zuerst ausgestreute Saame des Misstrauens in
der Folge Früchte tragen wird, die uns eine gute Erndte bringen können.
    Sehet, das ists, was ich bereits für diejenige Macht getan habe, von der
ich auf einen Augenblick abtrünnig ward, und zu der ich nun auf ewig
wiederkehre. Ich sage euch nur den kleinen Vorteil, den man von mir erwarten
kann, die Angabe des grössern behalte ich zu meiner Sicherheit zurück. Fallen die
Bedingungen so aus, wie ich wünsche, so soll man mehr erfahren, so wie ich aus
dem Munde des Wittelsbachers, der in den Stunden der Andacht ganz heilige
unverstellte Offenherzigkeit ist, Dinge erfahren habe, auf die man in Rom
nimmermehr raten würde, und deren völlige Kenntnis von einem Nutzen sein müsste,
welchen weder wir noch unsere Nachkommen übersehen könnten. - Der Pfalzgraf weiss
viel von verborgenen Dingen, deren Mitteilung ich unserm Oberhaupt unter
gewissen Bedingungen verspreche, aber er hat in Westphalen einen Freund, dem
noch mehr von denselben bekannt ist. Ich habe Sorge getragen, dass er herüber
gerufen, und mit in unser Netz gezogen werde, gebe der Himmel, dass er nicht
scharfsichtiger, behutsamer und weniger andächtig sei, als der Pfalzgraf, fast
fürchte ich dieses, da seine Ueberkunft sich so lange verzögert!
 
                          Pfalzgraf Otto an den Pabst.
                                     1201.
Zwar pflegt ein deutscher Fürst immer lieber das Schwerd als die Feder zu
gebrauchen, doch darf er, wenn es das Wohl des Reichs und der Wille gemeiner
Fürsten erfordert, auch den Gebrauch der letzten nicht versäumen. Unglücklicher
Weise bin ich unter uns allen derjenige, welcher dieses Werkzeug der Gelehrten
mit der meisten Fertigkeit führt, und ich muss mich also zu einer Arbeit
verstehen, die ich gern jedem andern überlassen haben möchte.
    Das was ich dem Oberhaupt der Christenheit mit all der Ehrfurcht vorzutragen
habe, die ich und wir alle gegen desselben fühlen hat nicht so wohl die
gekränkten Rechte Kaiser Philipps, an den man mich durch besondere Bande
gefesselt halten möchte, als einige Eingriffe in die Freiheiten des deutschen
Reichs zum Gegenstand, die wir von Rom her erfahren mussten, und die sich auf
keine Art verschmerzen lassen.
    Wo denkt Sankt Peter hin, dass er uns nach seinem Gefallen einen König
aufdringen will? Wo wagte es je einer der uralten frommen Bischöfe von Rom, die
noch in der Demut ihres himmlischen Meisters einhergingen, sich in weltliche
Dinge zu mischen, und bei der Kaiserwahl eine Stimme zu fordern? Dass Kaiser
Päbste wählen, ist bekannt, aber Kaiser zu wählen hatte man nie den Beitritt
eines Pabstes nötig. Liessen die Kaiser zuweilen aus christlicher Bescheidenheit
das Recht aus der Hand, das sie hatten, bei der Pabstwahl im entscheidenden Ton
zu sprechen, wie soll man die Kühnheit benennen, mit welcher sich der römische
Hof Rechte anmasst, welche er nie besass, auch nie mit unserm Willen erlangen
wird?
    Wär ich in künstlichen Wortverschränkungen geübter als ich es nicht bin, so
würde ich annehmen, Innozens der Dritte könne unmöglich etwas von den Dingen
wissen, die kürzlich zu Kölln vorgegangen sind, und ihm klagend berichten,
welchen Frevel der Bischof von Präneste daselbst geübt, indem er sich wider alle
Reichsordnung in die römische Königswahl gemischt hat; doch es ist bekannt, dass
euch dieses nicht unbewusst ist, und dass Guido, indem er zu Kölln den Herzog von
Braunschweig zu unserm König bestättigte, nichts tat als euren Willen.
    Unmöglich dünkte es uns, schon des heiligen Vaters letztes Schreiben zu
verschmerzen, und noch unmöglicher ist es uns, die letzte Vorlegung unserer
Reichsrechte gleichgültig anzusehen; den schiedsrichterlichen Ton des ersten
mochten wir vielleicht einigermassen verschuldet haben, weil wir selbst auf
gewisse Art euch zu Rat und Urteil aufforderten; aber wodurch haben wir dem
kühnen Bischof von Präneste Anlass zu seinem eigenmütigen Verfahren gegeben? Wir
bitten euch, heiliger Vater, ruft ihn zurück, erklärt sein Beginnen für null und
nichtig, oder lasst es euch nicht befremden, dass wir dasselbe, indem wir es bloss
aus Achtung gegen euch ungeahndet lassen, gänzlich auf die Seite setzen, und zum
Kaiser behalten, wer uns, nicht wer einer fremden Macht recht dünkt. Wahrhaftig,
wir würden eine schwere Verantwortung auf uns laden, wenn wir den, der nur in
geistlichen Dingen richten kann, in weltlichen als Richter erkennten und ihm
dadurch neue Gelegenheit zu pflichtwidriger Anmassung fremder Rechte gäben.
 
                     Der Pabst an den Herzog von Zähringen.
                                     1201.
Den Pfalzgrafen Otto, welcher neulich ein kühnes Schreiben an uns abgelassen
hat, kennen wir nicht, und wir richten also die Beantwortung jenes Briefs, die
uns dennoch nötig dünkt, weil sie gemeine deutsche Fürsten angeht, an euch, den
wir kennen und schätzen.
    Wie kommen doch die Erben und getreuen Söhne der Kirche auf den Wahn, als
wollte die liebende Mutter Freiheiten beschränken, und Rechte schmälern, welche
ihre Kinder ja zuerst aus ihren Händen erhielten? Kam nicht das römische Reich
durch Hülfe des apostolischen Stuhls in der Person Karl des Grossen zuerst an
euch Deutsche? und könnt ihr wähnen, der Stattalter Christi wollte euch mit
einer Hand wieder nehmen, was er euch mit der andern schenkte? - Das sei fern!
Aber gönnen wir euch von der einen Seite die Macht, den zu eurem König zu
ernennen, den ihr selbst wollt, so dürft ihr uns auch von der andern das Recht
nicht bestreiten, den zu prüfen, den wir salben und krönen sollen, wie auch denn
bekannt sein wird, dass kein deutscher Fürst ohne päbstliche Salbung und Krönung,
das ganz ist, wozu ihr ihn wählt, und dass unsere Weihe eurer Wahl allererst das
Siegel aufdrückt.
    Es ist eine allgemeine Regel und Observanz, dass der, welcher geistlicher
Handauslegung und Weihe bedarf, sich zuvor geistlicher Prüfung unterwerfen muss,
so hält es die heilige Kirche bei den kleinsten Aemtern und Bestallungen, so muss
es auch bei den grössten bleiben, selbst der Pabst muss getauft werden, ehe er die
dreifache Krone tragen kann, wie sollte sich der deutsche König der Prüfung
entziehen dürfen? Ihr könntet uns ja sonst einen Kirchenräuber, einen
Verbannten, einen Tyrannen, einen Blödsinnigen, einen Ketzer oder Heiden zur
Salbung vorstellen, und uns zumuten, an ihm das heilige Oehl zu entweihen.
Urteilet nun selbst, ob wir in Ansehung eures Königs Herzog Philipps von
Schwaben, was Prüfung und Entscheidung anbelangt, widerrechtlich verfahren
haben, und gestehet, dass unser Legat, der Bischof von Präneste, keinesweges, wie
ihr ihm beimesset, sich ein richterliches Ansehen über euch angemasst, weder
einen König für euch gewählt noch verworfen, sondern nur in unsern Namen erklärt
habe, was wir von eurer Wahl halten, und was wir hiermit nochmals erklären und
bekannt machen, dass, ihr mögt von Philipp und Otto, Heinrich des Löwen Sohn, nun
denken was ihr wollt, doch immer der erste nach unserm untrüglichen Urteil
untüchtig, der andere vor allen Fürsten des deutschen Reichs würdig sein wird,
Kron und Salbung aus unsern Händen zu erhalten4. ect. etc.
 
                  Die Kaiserin Irene an ihre Tochter Beatrix.
                                     1206.
Du schreibst mir fast zuviel von dem Besuche des Prinzen von Kastilien bei
seiner verlobten Braut, der Gräfin von Toulouse, und von der Rolle, welche du
und deine Schwester bei derselben gespielt habt. Ich sehe die Notwendigkeit
nicht ein, warum ihr euch einem fremden Manne zeigen musstet, welcher entweder
nur Augen für seine Braut hatte, und also euren Anblick entbehren konnte, oder
mehr Aufmerksamkeit für euch bewies, als seine Pflicht erlaubte, wie es mir in
Ansehung deiner Schwester Elise fast der Fall gewesen zu sein scheint.
    Mehr hievon zu wissen, als mir vielleicht die Bescheidenheit deiner
Schwester und ihre Furcht vor mütterlichen Verweisen gestehen würde, wende ich
mich an dich, mein Kind; du wirst dich erinnern, dass deine Pflichten gegen deine
Mutter älter sind, als die gegen deine Schwester, und mir nichts verschweigen;
auch weiss ich, dass du mir nichts nachteiliges von unserer Elise melden kannst,
und ich schreibe jeden Fehler, der hier vorgegangen ist, auf die allzugrosse
Freiheit, die man den Fräuleins in den französischen Klöstern gönnt; wollte
Gott, die entscheidende Neigung eures Vaters für das Ausland, hätte mich nicht
um eure nahe Gegenwart gebracht, damit ich selbst über euch wachen könnte. - Ich
fühle es immer mehr, wie nötig diese sorgfältige mütterliche Wachsamkeit über
heranwachsende Töchter ist, sah es an Kunigundens Beispiel; die Bildung, die
sie einst in einem unglücklichen Jahre, da ich sie aus den Augen lassen musste,
in Tuscien erhielt, gefällt mir nicht; ich sehe die Folgen dessen, was sie dort
einsog, und was sie zu dem Liebling ihres Vaters macht, immer mehr. - Sie
verdient nicht von dem edeln Pfalzgrafen Otto so lange, so standhaft geliebt zu
werden, wie er liebt; sie vermag ein Herz, wie das seinige, gar nicht zu
schätzen; ich besorge zuweilen, sie hat das ihrige in Italien zurückgelassen. -
O meine Kinder, bewahrt eure Herzen vor eigenmächtiger Wahl, dies ist die
Pflicht aller, auch der gemeinsten Jungfrauen: Prinzessinnen liegt sie doppelt
ob, da sie weniger als irgend eine ihres Geschlechts wissen, wozu sie das
Schicksal bestimmt hat, und wem sie das Opfer der ersten ungeteilten Liebe
vorbehalten müssen.
    Wem das Opfer der deinigen bestimmt ist, meine Beatrix, das könnte ich dir
vielleicht sagen, wenn du bei mir wärst, doch Dinge von solcher Wichtigkeit sind
Briefen nicht anzuvertrauen; sei nur von deiner Mutter im Allgemeinen so viel
erinnert, dass du wohl vor allen deinen Schwestern bestimmt sein könntest, dem
römischen Reich durch Vergebung deiner Hand und deines Herzens die Ruhe wieder
zu schenken. Welch Unglück, wenn du in dem Augenblick, da diese Pflicht von dir
gefordert würde, von früherer Leidenschaft geblendet, dich weigern, oder wärst
du Heldin genug, deinem Herzen zum Trotz dich nicht zu weigern, ein Raub des
Elends und fehlgeschlagener Hoffnungen werden solltest, indem du andre glücklich
machtest!
    Von diesen Dingen ist jetzt nicht mehr zu reden, ich verlasse mich ganz auf
deine Klugheit und Tugend, vielleicht erlauben die Umstände, dass ich bald
mündlich mit dir von deiner künftigen Bestimmung sprechen kann.
    Ein Sturm ist wieder vorüber. Dein Vater hält seinem Gegenkaiser, dem edeln
Otto, der gewiss wider Willen unser Gegner ist, mächtig die Wage. Nicht durch
Gewalt, nein durch Huld, Freigebigkeit und Geschenke gewinnt sich Philipp aller
Herzen. Sein Gegner, Herzog Otto, von Natur die Liebe und Grossmut selbst, ahmt
ihm hierin nach, aber sein Vermögen kann es nicht so gut aushalten als das
unsrige; und doch auch, selbst wir fühlen die grossen Schenkungen, die die
Zeitläufte nötig machen. Schadet nichts! der Schatz des deutschen Kaisers ist
der Reichtum seiner Fürsten; auch seine Kinder sind reich, wenn sie auch im
äussern Prunk andern etwas nachstehen sollten. Nimm dieses zur Antwort, mein
Kind, auf das Lob, dass du den Schmuck der kastilischen Braut giebst, und den
Wunsch, dass du und deine Schwester als Töchter eines Kaisers, es ihr hierin
gleich tun möchten. Nacheiferung dieser Art hat oft Neid zum Grunde. Die Gräfin
Alix ist ja eure Freundin, ihr würdet ja sie nicht beneiden!
    Es gibt eine Sache, in welcher sich Kinder grosser Fürsten von keinen andern
übertreffen lassen müssen, und dieses ist Bereitwilligkeit Bedrängte zu
schützen, und ihnen Gunst zu erzeigen, ich überschicke euch, dir und deiner
Schwester, hier ein Mittel, diese Pflicht eures Standes zu üben:
    Peter von Kalatin, du kennst ihn, der schönste, reichste und leichtsinnigste
Ritter an unserm Hofe, brachte neulich ein Fräulein herüber, zu deren Besitze er
wohl nicht durch rechtmässige Mittel gekommen sein mag, ich ahnde hier Entführung
oder andere Ränke, ungeachtet weder er noch sie sich darüber erklären. Sie nennt
sich Alverde von Merode, aber ich ahnde, dass sie vom höhern Stande sei, als sie
sich ausgibt; ein schönes liebenswürdiges Geschöpf, von deinen Jahren, meine
Beatrix, und also jung genug, um anzunehmen, dass sie, die vielleicht nicht so
guter Erziehung genoss, als du und deines gleichen, unschuldig zu einem Schritte
hingerissen wurde, der sonst keine Entschuldigung verdient.
    Eine junge Schönheit, wie sie in der Gewalt eines Mannes, wie Kalatin,
erregte meine Aufmerksamkeit; ich liess sie vor mich kommen, und fand sie meines
Schutzes nicht unwürdig. Um sie noch sicherer zu wissen, sende ich sie mit den
Leuten, die euch diesen Brief überbringen, nach Lion, und empfehle sie deiner
und deiner Schwester Vorsorge. Sprechet für sie bei der Aebtissin eures Klosters,
versichert der hochwürdigen Frau in meinen Namen die Zahlung der Gebühr für
Alverdens Aufnahme, erwerbet dem jungen Mädchen die Freundschaft der edeln
Gräfin von Toulouse, und wendet die Summen, die ich euch hier zu euren kleinen
Ausgaben schicke, nicht an, es der künftigen Königin von Kastilien in
Kleiderpracht gleich zu tun, sondern lieber der neuen Freundin, die ich euch
empfehle, ihre Lage so angenehm zu machen, dass sie es fühle, Kaiser Philipps
Töchter waren ihre Versorgerinnen; - ich meine, ihr Herz soll es fühlen, nicht
euer Mund oder euer Betragen soll es ihr zu verstehen geben; doch es wär
lächerrlich, so etwas Unedles nur von euch zu vermuten.
    Deiner Schwester Elise meinen mütterlichen Gruss, und die Versicherung, dass
unsere Sachen, von welchen sie mehr weiss als du, weil sie älter ist, jetzt ein
immer vorteilhafteres Ansehen gewinnen. Sogar der römische Hof neigt sich
zugleich mit dem Glück auf unsere Seite. Der Pabst soll vorteilhaft von Philipp
gesprochen haben; ich traue hier nicht ganz, doch kann ich nicht dawider sein,
dass man sich entschliesst, verbindliche Worte mit verbindlichen Briefen zu
erwiedern, und eine Gesandtschaft nach Rom zu schicken, in welcher der Pfalzgraf
Otto von Wittelsbach, Kunigundens Verlobter, auch mit begriffen sein wird. Hier
also wieder eine neue Verzögerung, der Jahrelang verschobenen Vermählung, die
nun vor der Tür war, und jetzt nur um der römischen Reise willen auf künftigen
Winter verlegt werden muss. Ich weiss nicht ob mich das freuen oder betrüben soll.
Man hat schon längst Versuche gemacht, den edeln Pfalzgrafen auf die grausamste
Art wider euren Vater aufzuhetzen, ihn mit dem gräulichsten Argwohn gegen ihn zu
erfüllen; mit Mühe habe ich ihm sein redliches Herz wieder gewonnen; aber wird
man in Rom nicht neue Versuche machen, Uneinigkeit zu stiften? und wer wird da
den Schaden heilen? - O meine Kinder, es ist hier ein undurchdringliches Gewebe
von Kabalen, die Hand, die die Fäden durcheinander schiesst, sehen wir nicht,
Gott gebe, dass wir die Folgen der finstern Arbeit nicht fühlen mögen! Wohl euch
in eurem Kloster, und wohl mir, wär ich noch Herzogin von Schwaben!
 
                            Beatrix an ihre Mutter.
                                     1206.
Recht aufrichtig, meine Mutter, will ich euch auf alles antworten, worum ihr
mich befragt, ich kann es um so leichter, da ich es mit Bewilligung und unter
den Augen meiner Schwester tue, ich könnte euch ja unmöglich hinter ihrem
Rücken etwas von ihr sagen, dies wäre wider Schwestertreue, so wie die Versagung
meines Gehorsams in diesem Stück, wider Kindespflicht gewesen wär; ich
vereinigte diese beiden Dinge, die hier ein wenig zu streiten schienen, dadurch,
dass ich ihr euren Brief lesen liess; sie hat, ich weiss es, kein Geheimnis vor
euch, sie schreibt euch selbst, aber da ich mir das Recht nicht nehmen lassen
will, euch selbst die Antwort auf eure Fragen zu geben, so hat sie mir lachend
erlaubt, euch nur alles von ihr zu sagen, was ich wüsste. - Recht wohl, Elise!
alles was ich weiss? - Ey ich könnte wohl etwas von dir wissen, dass du nicht
dächtest, wie nun, wenn ich dir eine kleine Schalkheit bewies, und der guten
Mutter auch dieses entdeckte?
    Wisset also aufs erste, dass bei jener Zusammenkunft mit dem Prinzen von
Kastilien, wegen welcher ich uns nicht mehr entschuldigen will, da ihr es selbst
tut, meine Schwester Elise der guten Gräfin Alix zum besten wohl hätte zurück
bleiben können; aber warum hätte sie es tun sollen? sie erschien bei derselben
auf Bitte ihrer Freundin, so wie ich aus Vorwitz. Das Herz der kastilischen
Braut ist gegen ihren Bräutigam so kühl, dass sie nicht fürchtet, dass ihr jemand
bei ihm Eintrag tun werde, und Elisens Meinung von ihren eigenen Reizen ist so
bescheiden, dass sie nicht glaubt, dass sie jemand Eintrag tun könne; aber ich
fürchte, sie hat es wider Wissen und Willen hier getan. Die arme Alix, so schön
und gut sie ist, stand ganz im Schatten gegen der herrlichen Elise, die selbst
ich bewundere, ungeachtet ich ihre Schwester bin.
    Der Prinz von Kastilien, der nur Augen für die schöne Freundin seiner Braut
zu haben schien, mag indessen für sie in den damaligen Augenblicken gefühlt
haben was er will, so versichere ich euch, dass Elise es gar nicht bemerkte, dass
wenigstens ihr Nonnenherz ganz kalt dabei blieb. Eins lobte sie an ihm, als wir
in der Einsamkeit von ihm sprachen, seine sprechenden Augen und einige andere
Züge seines schönen Gesichts; solltet ihr aber wohl glauben, warum? - Weil sie
in denselben die auffallendste Aehnlichkeit mit dem Pfalzgrafen Otto von
Wittelsbach zu finden glaubt. - Ach Mutter! Mutter! hier liegt eben das
Geheimnis, das ich wider meiner Schwester Wissen und Willen von ihr im Besitz
habe, und das ihr wegen der allgemeinen Erlaubnis, die sie mir gab, so neben bei
auch mit erfahren sollt. Elise würde gewiss, wenn sie an Kunigundens Stelle wär,
nicht kalt gegen den Pfalzgrafen sein! - Ueber Kunigundens Gleichgültigkeit
wundre ich mich weiter nicht, wusste ich doch schon als Kind, da ich manches
erlauschte, was man andern verbarg, dass der nunmehrige päbstliche Nepot, Graf
Richard ihr Herz hat!
    Wie ihr sehet, so mussten mir aus dem Beispiel meiner Schwestern schon die
Lehren einleuchten, die ihr mir gebet. Ja, Mutter, ich will meinen Herzen und
meinen Augen gebieten, will beide verschliessen, bis ihr mir Befehl gebt, sie zu
öffnen, will selbst an Otten von Wittelsbach nicht denken, der mir im Grunde
wohl so gut gefällt, als er einer meiner Schwestern gefällt und der andern
gefallen sollte. Wenn ich Zeit habe, an so etwas zu denken, so soll mein einiger
Gedanke jener Ungenannte sein, dessen Namen ihr mir einst entdecken wollt, nach
dem ich aber gar nicht neugierig bin, ungeachtet Elise mir sagt, es würde wohl
jener Otto, nicht der von Wittelsbach, sondern der Gegner meines Vaters sein.
    Ich kann eben nicht sagen, dass ich mich über diese Mutmassung freue; so wird
mir also wohl auch so ein trübseliger Brautstand bestimmt sein, wie der guten
Gräfin Alix, die ich wahrhaftig um ihre Juwelen nicht beneide. Mich dünkt, sie
fühlt so wenig für den Prinzen von Kastilien, als er für sie, bedenkt selbst,
schon so lange ist sie seine Braut, die Sache gewinnt nimmermehr ein Ende, ich
bin indessen aus einem Kinde zur Jungfrau geworden, und gleichwohl wird ihr die
Zeit gar nicht lang dabei, das zeigt von schlechter Liebe! - Sie treibt ein
unaufhörliches Lesen gewisser Bücher welche ihr ihr Bruder, der Graf von
Toulouse, heimlich zuschickt, dies ist ihre einige Leidenschaft. Mich dünkt, sie
sollte sich besser zur Nonne als zur Königin schicken, gleichwohl habe ich nie
jemanden heftiger wider den Klosterstand sprechen hören als sie. Ueberhaupt
äussert sie ganz andre Meinungen, als uns von unsern Lehrern eingeprägt werden,
vieles, das sie sagt, gefällt mir unendlich, und ich wollte wohl, dass es wahr
wäre. Diese Dinge müssen in ihren Büchern stehen. Elise hat sie auch gelesen,
und spricht mit Entzücken davon. Auch mir sollen sie mitgeteilt werden, wenn
ich gesetzter bin und besser schweigen kann, denn all dieses wird sehr heimlich
behandelt.
    Dass ihr Alverden von Merode dem Heinrich von Calatin entrissen und uns
geschenkt habt, dafür sagen wir alle drei, die Gräfin und wir, den herzlichsten
Dank; sie ist uns schon sehr lieb geworden, und lebt mit uns, ohne Rücksicht auf
Standesunterschied, an welchen uns die Nonnen, denen die Aufsicht über uns
befohlen ist, zuweilen erinnern, völlig auf schwesterlichem Fuss. Sie scheint
mehr Zutrauen zu uns zu haben, als zu euch, denn sie hat uns schon die
Mitteilung ihrer Geschichte versprochen, die ihr freilich auch erfahren sollt.
    Die verwirrten Händel von unserm und dem römischen Hofe verstehe ich nicht,
mag mir auch den Kopf nicht damit zerbrechen, meine Schwester, die über ihrem
Briefe so emsig ist, dass sie den meinigen nicht lesen will, wird euch schon
vernünftiger über diese Dinge schreiben, als ich es könnte. Gott bewahre nur
euch, unsern Vater, und den Grafen von Wittelsbach für Unglück, so wird schon
alles gut gehen.
 
                         Kaiser Philipp an den Pabst.5
                                     1207.
Die gelegenste Zeit, einem entfremdeten Freunde zur Aussöhnung die Hand zu
bieten, ist die, da er selbst die Unannehmlichkeiten des Zwists zu fühlen und zu
wünschen beginnt, Geschehenes möchte ungeschehen sein; diese Zeit ist, nach
einigen Äusserungen, die man uns aus eurem Munde gemeldet hat, bei euch
gekommen, und ich eile, sie nicht zu versäumen.
    O Lotar, waren wir auch je Feinde? was entzweite uns? Kleinigkeiten! -
Wohl, so ist es billig, dass euch eine Kleinigkeit, ein vorteilhaft gesprochenes
Wort, ein günstiger Rückblick auf vergangene Zeiten uns wieder aussöhne. Ihr
wisst selbst, ihr gebrauchtet auch einst selbst dieser Worte gegen mich: alle
wichtigere Streitigkeiten, die unter uns vorfielen, waren nicht unsere Sachen,
war die Sache der Kirche und des Reichs, lasst uns diese vergessen, und wieder
die alten Freunde sein!
    Haben wir euch und die heilige Kirche auf eine Art beleidigt, die ihr nicht
ungeahndet vergessen könnt, wohlan so verstehen wir uns zu jeder Genugtuung,
die die Versammlung der deutschen Fürsten und das Kardinalskollegium vereint uns
zusprechen werden. Erhielten wir ähnliche Beleidigungen von euch, so überlassen
wir, mit Entsagung jeder Genugtuung die Sache Gott und eurem Gewissen, weil wir
überzeugt sind, dass ihr hier nicht von Menschen gerichtet werden könnt.
    Voll Vertrauen auf die ehemals beschworne brüderliche Treue, und noch mehr
auf die Vaterliebe, auf welche wir als ein treuer Sohn der Kirche Anspruch
machen können, erwarten wir eure Entscheidung; ihr werdet uns wenigstens denn
nicht die Rückkehr eurer Zuneigung versagen, wenn ihr die neuen Beweise unseres
christlichen Gehorsams gegen die Gebote der Kirche und unserer herzlichen
Ergebenheit gegen euch gesehen haben werdet.
 
                    Pfalzgraf Otto von Wittelsbach an Adolf,
                                Grafen von ***.
                                     1207.
Du säumst auf meine Einladung zu kommen, säumtest nun schon Jahrelang, und
gleichwohl habe ich Post, dass du längst dein Vaterland verlassen hast, um, wie
Evert von Remen, dein Freund versichert, zu mir zu kommen; wo magst du
verweilen? Ist dir ein Unglück begegnet? hat sich dein Herz gegen mich geändert?
oder was ist sonst die Ursach deines Zögerns?
    Die Unruhe, wegen welcher ich deine Anwesenheit so sehnlich verlangte, ist
gehoben, meine gute Meinung von dem Vater meiner Verlobten ist wieder
hergestellt, mag doch der Anschein wider ihn sein, ich kann ihn nicht für
schuldig halten; der Friedensengel, Irene, verbürgt sich für ihn. Also wenn du
kommst, keine von den Nachforschungen, die ich dir aufzulegen dachte; Philipp
muss unschuldig sein, ich will nicht, dass mir die Augen über das Gegenteil
geöffnet werden. Könnte ich meinen Vertrauten, den Bischof von Sutri, um einer
Ursach willen hassen, so wär es wegen der hartnäckigen Zweifel, die er wider das
was ich glauben will, einzustreuen weiss, wegen des verdächtigen Stillschweigens,
das er beobachtet, wenn er sieht, dass ich seinen Reden kein Gehör geben will.
    Sutri ist sonst ein treflicher Mann, um seinetwillen musst du herüber kommen,
ich habe ihm von dir gesagt, habe ihm versprochen, ihn mit dir bekannt zu
machen, er weiss alles von dir, nur deinen wahren Namen nicht, diesen glaubte ich
ihm verschweigen zu müssen, weil ich deinen Willen nicht wusste, und aus diesem
Grunde bitte ich dich nochmals, dich unter irgend einer angenommenen Benennung
zu verstecken; du hast ja Schlösser und Burgen genug, nach welchen du dich, ohne
die Wahrheit zu beleidigen, nennen kannst. Wird denn dein Herz zu jener
Vertraulichkeit bewogen, die ich gegen ihn hege, so ists noch allemal Zeit, dich
ihm zu entdecken, und diese Zeit wird, wie ich vermute, bald kommen. Sutri weiss
einem jedes Geheimnis aus dem Herzen zu stehlen, ich selbst habe ihm mehr
gesagt, als ich glaubte je einem Menschen sagen zu können, mehr als ich
vielleicht gesollt hätte; doch es geschah unter dem Siegel der Beichte! - O
Gott, dass alle Geistliche ihm gleichen möchten! jeder Mensch dürfte denn ohne
Scheu ihnen sein Herz öffnen, aber ich komme jetzt von Rom mit neuen
Erfahrungen, wie ungleiche Brüder er in seinem Stande hat.
    Lass dir alle diese Dinge genauer berichten, sie sind umständlicher Erzählung
wohl wert.
    Als Gesandter Kaiser Philipps kam ich nach Rom. Philipp hatte eigenhändig an
Sankt Peters Nachfolger ein Schreiben verfasst, das ich nicht geschrieben haben
würde; es atmete nichts als Zuneigung gegen den, welchen er hassen muss, nichts
als Unterwerfung gegen den, welchen er, dächte er wie ich, billig die Stirn
bieten sollte; es war in aller Absicht zu süss, als dass man seinem Inhalt trauen
konnte, und vielleicht ward das Misstrauen, welches es erregte, der Grund zu
einem Verfahren, das mir sonst doppelt teuflisch vorkommen würde.
    Mit Entzücken lass der heilige Vater Philipps Schreiben, ich sah es ihn mehr
als einmal an seine Lippen drücken, und hörte Worte von ihm, wie ich sie etwa
gegen dich beim Wiedersehen, auf welches ich so sehnlich hoffe, führen könnte.
Und eben dieser Mann konnte mir an dem nehmlichen Tage Anträge tun lassen, vor
welchen ich zurückschaudre! Sie geschahen nicht in seinem Namen, aber wie konnte
man ihn in denselben verkennen?
    Himmel! man konnte es wagen, Otten von Wittelsbach, dem Verlobten der
Tochter Philipps, dem Mann, der gegen ihn, er mag nun übrigens von ihm halten
was er wolle, die Pflichten eines Sohnes hat, man konnte ihm zumuten, sein
Gegner zu werden, die Hand nach der Krone auszustrecken, die er trägt, den Stuhl
noch mehr zu untergraben, der ohnedem nur allzuoft schwankte! Es scheint, man
glaubt Herzog Otto sei ihm nicht genug gewachsen, oder man findet in ihm nicht
das, was man erwartete, oder was sonst die Dinge sein mögen, welche den
schwärzesten aller Anschläge veranlassten. Ich fühlte die Beschimpfung, die ich
in der Zumutung, an Philipp treulos zu werden, erlitt, und antwortete dem
gemäss; ein höhnisches Lächeln war die Erwiederung meiner Rede.
    Der Pfalzgraf Otto handelt sehr weislich, sagte der Mann, den man an mich
abgesandt hatte, dem so treu ergeben zu sein, der gegen ihn keine Treue kennt,
und dagegen durch bittere beleidigende Äusserungen denjenigen zu reizen, welcher
sein Glück sucht und es zu befördern wissen würde. Vielleicht wird er bald
einige Proben sehen, wie der Philipp gegen ihn gesinnt ist, für den er sich
aufopferte.
    Der Pabst war lauter Huld, als ich meine Abfertigung erhielt, in dem Briefe,
welchen er mir für den Kaiser überreichte, sollte, wie er mich versicherte,
alles entalten sein, was dem Reiche Frieden, dem Kaiser Glück, und auch mir
neue Freude und genauere Kenntnis meiner Freunde bringen würde. Ich lasse es
dahin gestellt sein! dieser vielsagende Brief ist bereits an den Kaiser
übergeben; ausserordentliche Dinge mochte er wohl entalten, ich sah es an dem
öftern Farbenwechsel auf Philipps Gesicht, und an der Miene, mit welcher er
einigemal die Augen auf mich heftete. Es lag ein Zug von Mitleid in derselben,
der mich beleidigte, und mich ehe aus dem Zimmer trieb, als ich es eigentlich
hätte verlassen sollen. - Sollte man mich vielleicht bei Philippen zu verleumden
suchen? ein solcher Streich von Rom unter dem Deckmantel der Freundschaft wär
nichts ungewöhnliches; mich würde er indessen wenig rühren. Dem biete ich Trotz,
der etwas nachteiliges auf mich bringen könnte, welches den mindsten Schein der
Wahrheit hätte!
    Ich habe seitdem mit niemand gesprochen, auch habe ich mit niemand zu
sprechen gesucht; die Sache macht nicht den Eindruck auf mich, dass ich
Erläuterung ängstig suchen sollte.
 
                                   Nach Rom.
                                     1207.
Die Dinge, welche der Bischof von Sutri unter dem Siegel der Beichte von
Pfalzgraf Otten erfahren hat, bestättigen sich: es ist gewiss, dass seit Karl des
Grossen Zeiten in Deutschland ein heimliches Tribunal besteht, das alle
todeswürdige Verbrechen ausfindig zu machen, und zur Strafe zu ziehen weiss, es
ist zum Erstaunen, dass in so langen Jahren noch keiner von den tausenden, welche
teils als Richter, teils als Beisitzer an diesem verborgenen furchtbaren
Gericht Teil haben, gegen Beichtiger oder Freund von diesen heimlichen Dingen
so viel verriet, als uns auf die Spur leiten konnte, die uns jetzt der
Entdeckung des Ganzen so nahe bringt. Die Winke, die der Bischof von Sutri von
seinem Beichtsohn erhielt, sind klein, aber sie haben zu grössern Aufklärungen
geführt; der Pfalzgraf ist nur einer von der niedern Klasse der Wissenden, wir
haben Personen unter unserer geistlichen Heerde, welche höher stehen, und von
welchen man mehr erforschen kann. In den nächsten Tagen wird an dem kaiserlichen
Hofe ein gewisser Alf von Dülmen erscheinen - (sein wahrer Name hat noch nicht
erforscht werden können) - welcher Pfalzgraf Ottens vertrauter Freund ist, und
der eine hohe Stufe in dem heimlichen Gericht begleitet. Er ist unterwegens in
unsern Händen gewesen, aber alle Künste - Gewalt wollte man nicht brauchen, -
sind nicht im Stande gewesen, mehr aus ihm zu bringen, als die Gewissheit, dass
bei der Versammlung, die nächstens zu Pamiers gehalten werden soll, sich mehrere
der Richter und Beisitzer jenes Tribunals, vielleicht auch der oberste
Stuhlherr, wie sie ihn nennen, sich unter verdecktem Namen einfinden werden. Es
ist hochnötig, dass man jetzt alle Anschläge zu Philipps Sturz und des kühnen
Wittelsbachers Untergang auf die Seite setze, und einen schlauen Kopf nach
Pamiers sendte, sich über Dinge zu unterrichten, die der Kirche zu wissen Not
sind.
    Welcher Vorteil für sie, besonders in diesen kezerischen Zeiten, da das
Unkraut der Waldenser und Albigenser sich immer mehr ausbreitet, wenn man die
Gewalt dieses Tribunals an sich reissen, oder, da nach dem was wir erforscht
haben, dieses unmöglich scheint, nach Maassgabe dieses weltlichen Gerichts ein
geistliches errichten könnten, welches die Macht und Allwissenheit des ewigen
Richters auch seine wundervolle Einrichtung nachahmt, jedes Geheimnisses
spottet, und das Verbrechen aus der tiefsten Dunkelheit zur Strafe zu ziehen
weiss. Unser Herz wallt, unsere Hand zittert, da wir dieses schreiben, die
Begeisterung zeigt uns in der Folgezeit Möglichkeiten, die auf diese einige
Entdeckung gebaut, die Macht und Allgewalt der Kirche unumschränkt machen, und
ihren Scepter über die ganze Erde verbreiten würden.
 
                         An den Bischof von Kastilien.
                                     1207.
Wir hören, dass euer König nächstens Anstalt machen wird, die Braut seines Sohns
aus Frankreich abholen zu lassen. Versäumet nicht unter den Abgesandten zu sein,
und euch zu Pamiers einige Zeit lang aufzuhalten; es werden sich Personen
daselbst einfinden, welche Dinge von Wichtigkeit mit euch zu bereden haben.
Richtet besonders eure Aufmerksamkeit auf einen gewissen Grafen von Segni,
dessen wahren Namen ihr vielleicht erraten könnt.
    Hättet ihr unter der mittlern Klasse eurer Geistlichen irgend einen fähigen
Kopf, durch welchen sich Dinge, bei welchen kein Grosser die Hand sichtbar im
Spiel haben darf, ausrichten liessen, so vergesset nicht, ihn mit euch zu
bringen, wir werden in Zukunft Leute dieser Art genug nötig haben.
    Auf die Braut eures Prinzen habt ein wachsames Auge, man sagt, sie solle von
dem verderblichen Gift des Peter Waldus angesteckt sein, und sich erkühnen, die
heiligen Bücher, welche er durch eine verwegene Uebersetzung unter die Layen
gebracht hat, nicht allein zu lesen, sondern auch andern mitzuteilen. Muss denn
eben sie Königin von Kastilien werden? - Es gibt Prinzessinnen, mit welchen wir
unsere Absichten besser erreichen können.
 
                      Die Kaiserin Irene an ihre Töchter.
                                     1207.
Kommt zurück, meine Kinder, in das Haus eures Vaters, eine doppelte
Notwendigkeit erfordert es. Dein Brief, Beatrix, entält Dinge, welche mich
fürchten lassen, die Gesellschaft der kastilischen Braut könne euch gefährlich
werden; schon aus dieser Ursache würde ich geeilt haben, euch wieder in meine
Arme zu rufen, wo kein Gift der Ketzerei eurem Glauben, keine Freiheit, die
königlichen Jungfrauen nicht ansteht, eurer Tugend droht, aber es haben sich
ausserdem noch hier Begebenheiten ereignet, welche mir würklich eure Hülfe,
besonders die deine, meine Elise, nötig machen.
    Schon längst merkte ich, dass man deinem Vater die Freundschaft des edeln
Pfalzgrafen Otto beneidete, ich könnte dir von schrecklichen Versuchen, ihn von
uns abwendig zu machen, schreiben, doch ich schone dein Herz, du bist zu jung,
um durch frühzeitige Erfahrung von der Bosheit der Menschen die Welt hassen zu
lernen, in welcher du noch eine Zeit lang zu leben hast. Die neuesten Mittel die
man gebraucht hat, den treflichen Wittelsbacher in unsern Feind zu verwandeln,
kann und darf ich dir nicht so verschweigen, sie liegen zu klar am Tage, als dass
sie verborgen bleiben könnten.
    Ein Antrag vom Pabste, ein Brief, den der unschuldige Otto selbst
überbringen musste, ladet deinen Vater ein, die dem Pfalzgrafen Otto versprochene
Braut, deine Schwester Kunigunde, ihm zu entreissen, und sie Graf Richarden, des
Pabsts Nepoten zu geben. Kannst du die Antwort erraten, welche darauf erfolgt?
- Sie heisst Ja! - O Gott! der gerühmten deutschen Treue, dem heiligen
unverletzlichen Kaiserwort zum Trotz heisst sie Ja! - Der Pabst hat seine Huld
zum Preis dieses Ja gemacht. - Stelle dir das Wüten des Pfalzgrafen, stelle dir
meine Verzweiflung vor!
    Nach deiner Schwester Kunigunde frage nicht; sie willigt lächelnd in das was
der Pabst und der Kaiser wünschen; o Beatrix, du wusstest was niemand bekannt
war; ihr Herz spricht für Richarden, nur Mangel an Hoffnung diesen je zu
erlangen, trieb sie in Ottos Arme, den sie nie wahrhaftig liebte. Es ist
schändlich, einen deutschen Mann all diese Zeit über so geäfft zu haben; und
doch auf diesen Teil der ganzen fatalen Geschichte, der eigentlich meinem
Herzen, das sich an Kunigundens Stelle schämt, der kränkendste ist, doch eben
auf diesen baue ich die Möglichkeit, den Pfalzgrafen, den ich uns nicht rauben
lassen will, aufs neue an uns zu fesseln. Es ist unmöglich, dass der stolze
biedre Otto einer Person länger achten kann, die es nie redlich mit ihm meinte,
auch gesteht er selbst, dass der Eindruck, den Kunigundens Schönheit anfangs auf
ihn machte, durch genauere Kenntnis ihres Charakters längst geschwächt ist, dass
er hier mehr über die erlittene Beschimpfung als über die verlohrne Braut zürnt,
dass er vielleicht selbst die Hand von ihr zurückgezogen haben würde, wenn die
Anhänglichkeit an das einmal gegebene Wort nicht die Ueberzeugung aufgewogen
hätte, dass er mit einer Person von ihrem Charakter nicht glücklich sein könne!
    Auf dieses Geständnis gründe ich einen Plan, den du, meine Tochter, mir
ausführen helfen sollst. Elise, zürne nicht mit deiner Schwester, dass sie deine
Geheimnisse verraten hat. Beatrix hat mir gesagt, dass du Pfalzgraf Otten
liebst, komm herüber, und zeige dich ihm in allen deinen Vorzügen, er wird auch
dich lieben, und durch dich unser Sohn werden. Der Kaiser, welcher den
Wittelsbacher so ungern verlirt als ich, er, der sich nur durch Staatsklugheit
gezwungen glaubt, ihm sein Wort zu brechen, suchte ihn schon anfangs durch etwas
zu beruhigen, das mich seine Einwilligung hoffen lässt. Pfalzgraf, sagte er, ich
habe mehr Töchter!
    Ich habe seit der Zeit mit ihm von dir gesprochen, er willigt in eure
Zurückberufung, und hat mir gestanden, dass er dich vielleicht gleich anfangs für
den von Wittelsbach bestimmt haben würde, hätte er deine Neigung zum Kloster
nicht für entschieden gehalten, der Pfalzgraf scheint das nehmliche von dir
gedacht zu haben, und aus einem meiner letzten Gespräche mit ihm, schöpfe ich
die Vermutung, dass nur die Ueberzeugung, du seist eine Verlobte des Herrn,
ehemals seine Augen von dir auf Kunigunden, (die bereits zu ihrem Bräutigam nach
Rom gesandt worden ist), lenken konnte. -
    Ich bitte dich, Elise, lass keinen unzeitigen jungfräulichen Stolz, keine
unnötigen Bedenklichkeiten dich vom Gehorsam ablenken, du schenkst deiner
Mutter die Ruhe, deinem Vater einen wichtigen Freund wieder, wenn du den
Pfalzgrafen für uns erhältst, und wie gross wird dein eigenes Glück an der Seite
eines solchen Mannes sein, den du bereits liebst, und der dich, sobald er dich
kennt, lieben wird.
    Dir, Beatrix, habe ich nichts zu sagen, du bist klug und gutdenkend genug,
zu wissen, wie du dich in Gegenwart des Mannes zu betragen habest, der für dich
bestimmt ist; verspare den Schimmer all deiner Vorzüge für den jungen Herzog von
Braunschweig, - (es wird mir schwer, ihm den Kaisernamen zu geben, den ihm alle
Welt, deinem Vater zum Trotz beilegt) - du hasts erraten, für diesen Prinzen
bist du bestimmt, und du siehst wohl, welche Vorteile die Verbindung mit ihm,
uns und dem Reiche bringen wird; doch all dieses liegt noch weit in der Zukunft,
er kennt dich so wenig als du ihn, Glück und Gelegenheit muss euch erst wieder
zusammen bringen.
    Die Jungfrau Alverde darf nicht mit euch nach Hofe kommen, ich seh es gern,
wenn sie sich unter das Gefolge der kastilischen Braut begäbe, damit sie dem
Kalatin ganz aus den Augen käme. Ich hasse diesen Menschen mehr als ich fast vor
dem Richterstuhl der Billigkeit verantworten kann; Leichtsinn und etwas
Ausgelassenheit nach Art der heutigen Hofjünglinge ist ja das einige was man
noch zur Zeit auf ihn bringen kann. - Um mein Urteil über ihn mehr zu
berichtigen, wünschte ich sehr, etwas von Alverdens Geschichte zu wissen. Hat
sie sie euch noch nicht mitgeteilt, so veranlasst, dass sie dieselbe schriftlich
verfasse, und euch zuschicke, denn eure Abreise darf um keiner Betrachtung
willen einen Tag verschoben werden.
 
                    Evert von Gemen an Adolf Grafen von ***.
                                     1207.
Mehrere Monate sind vergangen seit du dein Vaterland und mich verliessest, und
von dieser Zeit an, folgen dir meine Boten überall, dich aufzufinden, und wo
möglich zurück zu bringen, keiner kann deine Spur treffen, und ich muss glauben,
die Unglücksahndung, die mich bewog, mich dieser letzten mehr als allen deinen
vorhergegangenen geheimen Reisen zu widersetzen, sei bereits eingetroffen.
    Ach meine Stimme wird dich nicht mehr von dem Rande des Abgrundes
zurückreissen können, aber ich muss meinem Herzen Luft machen, muss das aufs Papier
aushauchen, was an meinem Herzen nagt, und mir dabei die Möglichlichkeit denken,
es könne einst in deine Hände kommen; vielleicht wird dies mich beruhigen, in
diesen schrecklichen Augenblicken, da ich alles verloren habe.
    Dem Grafen von Wittelsbach will ich diese Blätter zuschicken, Unglück macht
uns auch mit Unbekannten vertraut, ich kannte diesen Mann nie anders, als aus
dem Gerücht, aber ein abgerissener Zettel mit einigen unzusammenhängenden
Worten, den ich in einem Kabinet deines verödeten Schlosses fand, nannte seinen
Namen, ich dachte mir es möglich, du, den ich seit einigen Jahren in so manchen
mir unbegreiflichen Verhältnissen mit zuvor nie gesehenen Personen fand, du
könntest auch mit ihm in Verbindung stehen, und ich entschloss mich, ihm fragend
von dir zu schreiben. Ich habe Antwort von ihm, aber sie tröstet mich nicht,
Pfalzgraf Otto scheint dich zu kennen und zu lieben, wie ich, scheint um dich
Trotz mir bekümmert zu sein, und eben so wenig als ich erraten zu können, was
aus dir geworden sei.
    Er bekennt, dass er dich zu dieser Reise veranlasst, dass er schon vor einigen
Jahren von dir gefordert habe, sie unter verdeckten Namen zu unternehmen, und
ich kann nicht sagen, dass er mir um dieser Entdeckung willen lieber ist. Wegen
des Entzwecks der dir ausgesonnenen Reise, lässt er mich in Zweifel: er wünsche
dich mit einem seiner Freunde bekannt zu machen, sagt er, mit einem Manne, der
noch dazu ein Bischof ist; das danke ihm ein andrer als ich; auswärtige
Bekanntschaften haben dich deinem Hause entfremdet, und die Ehre, den
Geistlichen in unsern Tagen bekannt zu sein, wird von so rätselhaften Menschen
wie du, oft teurer erkauft. Was mich mit meinen neuen Korrespondenten aussöhnt,
ist seine Einladung, dir zu Erleichterung meines Herzens weitläuftig zu
schreiben, und ihm den Brief zuzuschicken, weil, wie er sich rühmt, er
vielleicht noch am ersten eine Möglichkeit wisse, ihn dir zu Händen zu bringen.
    So wende ich mich denn schriftlich an dich, aber alles was ich auf das
Papier bringen kann, sind Klagen. O du, der meinem Herzen unter allen Männern am
nächsten ist, wollte ich all meine Klagen um und über dich ausatmen, wo sollte
ich anfangen? - Nicht von dem Augenblicke, da du dich zuletzt aus meinen Armen
losrissest, und dich mit rauhem Ton erklärtest, du müsstest reisen, nein, früher,
viel früher heben meine Beschwerden an.
    Wir wurden mit einander erzogen, das Glück schien uns so ziemlich auf eine
Stufe gesetzt zu haben; dein Vater schien zu sein, was der meinige war, ein
wackerer Ritter von altem westphälischen Adel, nur vom Glück etwas schlechter
mit zeitlichen Gütern bedacht, als Konrad von Remen, sein Freund. Dein Vater
arbeitete von jeher unter einem geheimen Kummer, der ihn wahrscheinlich zuletzt
auf das Krankenbette warf, und dem Tode entgegen führte. Er lag zu sterben, du
und ich weinten an seinem Lager, er hiess mich hinausgehen, und behielt bloss dich
zurück. Was du in jener Stunde von ihm erfahren hast, weiss ich nicht, aber nie
habe ich einen Menschen in einer seltsamern Bewegung gesehen als dich, da du
dich mir wieder zeigtest.
    Kummer über deinen Vater, der eben die Augen zum ewigen Schlafe geschlossen
hatte war es nicht allein, es war mehr. Du gingst einige Tage wie im Traume
umher, und kaum hattest du die Reste des Entschlafenen zur Erde bestattet als du
dich erklärtest, dein Bleiben sei nicht in diesen Gegenden, du müsstest fort, um
Plane auszuführen, deren Folgen wir vielleicht bald sehen würden. Deine
Schwester, damals ein zehnjähriges Kind, vertrautest du der Aufsicht meiner
Eltern, und entferntest dich, entflohest, möchte man fast sagen, ohne dass jemand
wusste, wohin du gekommen seist. Das Geheimnisvolle in deinem Betragen war der
erste Bruch brüderlicher Vertraulichkeit, ich fühlte ihn, an dein volles
Zutrauen gewöhnt, so tief, wie man gewöhnlich den ersten Anfang eines Leidens
fühlt, das man mit der Zeit ertragen lernen muss.
    Du kehrtest in nicht allzulanger Zeit als Graf von *** zurück, dass du aus
diesem Hause entsprossen warest, dass du die gegründetsten Ansprüche auf die mit
deinem grossen Namen verbundenen Güter hattest, das durfte niemand bezweifeln,
die Leichtigkeit, mit welcher dir alle deine weitläuftigen Besitzungen
eingeräumt wurden, bewiess, das deine Rechte höhern Orts anerkannt waren, dass du
von einer Macht geschützt wurdest, der sich niemand widersetzen durfte; wer
diese Macht war, wusste niemand, man riet ganz natürlich auf den Kaiser, aber es
liess sich erweisen, dass du nicht nach Hofe gekommen warest, dass du dein
Vaterland nicht verlassen, sondern dich all die Zeit deiner Abwesenheit an einem
Irgendwo aufgehalten hattest, das niemand kannte.
    Von diesem Zeitpunkte an rechne ich eine gänzliche Veränderung deines
Charakters, nicht der Moralität desselben, du bliebst gut und bieder, wie du
immer warest, aber du hattest die Heiterkeit, den Freimut verloren, der bei
einem Jüngling von zwanzig Jahren, wie du damals warest, immer mit Herzensgüte
und Biedersinn verbunden ist. Du warest von nun an düster und zerstreut in
Gesellschaft, ein übertriebener Freund der Einsamkeit, immer beschäftigt, ohne
dass jemand wusste, was du triebst, oft abwesend ohne dass jemand erraten konnte,
wo du warest, in eine Menge von neuen Bekanntschaften verflochten, die niemand
wusste woher sie entstanden; man fand dich oft in Gesellschaft von Leuten, die
niemand kannte, die da kamen und verschwanden, ohne dass man wusste wie. Verzeihe
mir, Adolf, ich würde dich in Verdacht böser Händel gehalten haben, hätte es
sich nicht gefunden, dass Männer vom Range und Tugend die Notiz nahmen, Männer,
von denen ich nicht einmal wusste, dass du ihnen bekannt wärest. Ich habe
Abgeschickte des Herzogs von Sachsen bei dir gesehen, und ein Gesuch, das einer
deiner Freunde bei dem von Braunschweig hatte, wurde durch eine einige Reise von
dir erlangt, so wie ein einiges Wort von dir einem Unschuldigen, der in die
Hände der Gerechtigkeit gefallen war, die Freiheit brachte. Du warest ein
mächtiger Mann, aber wie du es wurdest, und worin eigentlich deine Macht und
dein Ansehen gegründet war, das wusste niemand. Du begleitetest weder bei dem
Heer noch bei der Regierung eine Stelle, drängtest dich nicht zu den
Gunstbezeugungen der Fürsten, hieltest dich in der Stille, und zürntest, wenn
man etwas mehr in dir ahndete als du sein wolltest.
    Lass mich die Geschichten all übergehen, welche in die folgenden Jahre
fielen, und die mir immer mehr rätselhaftes in dir zeigten, lass mich zu der
letzten, zu dem Grund all meiner Klagen übergehen, lass mich dich fragen, was
dich bewog, vor nunmehr acht Monaten plötzlich deine Schwester, die in dem Hause
meiner Eltern, du weisst es wohl, für mich herangewachsen war, in das deinige zu
nehmen, wo sie bei dem beständigen Zufluss von Fremden, der in denselben war,
nicht mit Ehren leben konnte, was dich bewog, Tags darauf nach diesem übereilten
Schritte, dich zu einer Reise zu erklären, die, wie du selbst gestandest, lang
dauern sollte, warum du mir sagtest, du würdest nirgend unter deinem wahren
Namen, überall unter dem, Alf von Dülmen, zu erfragen sein; du weisst den
Widerspruch, den all diese Dinge bei mir fanden, und die Antworten, die ich
erhielt. Du reistest, allen Warnungen zum Trotz, und nun höre, was aus dieser
Reise entstanden ist. Der Bischof von Bremen, welcher längst ein Auge auf deine
östlichen Güter hatte, nutzte den ersten Augenblick, da sich deine Abwesenheit
nicht mehr verbergen liess, sich derselben zu bemächtigen, ich machte mich auf,
Gegenvorkehrungen zu treffen, und musste den guten Fortgang, mit welchem ich dem
Unheil steuerte, durch ein andres Unglück erkaufen, das dein Haus in meinem
Absein betroffen hatte. Deine Schwester, die in deinem von seinem Herrn
verlassenen Schloss freilich nicht so gut aufgehoben war, als in dem Schoss
meiner Mutter, war durch jenen Peter von Kalatin, den du immer, mir zum Trotz um
dich duldetest, davon geführt worden. Ich setzte ihr nach, ein Sturz vom Pferde
brachte mich in den Zustand, in welchem ich schon mehrere Wochen das Bette
gehütet habe, und aus welchem ich mich jetzt nur empor richte, um mir es lebhaft
zu denken, dass ich dich und Alverden verloren habe, dass während meiner
Krankheit, da meine Leute bloss um mich besorgt waren, auch die Spur verloren
ging, nach welcher ich die Geraubte wiederfinden könnte. Dich selbst kann ich
weder nach deinem würklichen, noch nach dem Namen, Alf von Dülmen, ausfündig
machen, und meine letzte Hoffnung steht noch auf den Grafen von Wittelsbach, zu
dem mich, wie gesagt, ein in deinem Kabinet gefundner abgerissener Zettel
hinleitete.
    O Alf von Dülmen, (denn diese fremde Benennung schickt sich am besten für
den, der mir so ganz fremd geworden ist,) was soll aus diesen Rätseln werden!
Ich muss glauben, du und Alverde habt euch gutes Willens so von mir losgemacht,
dass ich nie wieder etwas von euch hören soll; ist dieses, denn gute Nacht
Vaterland! ich habe nichts mehr, das mich an dich fesselte, das letzte noch
übrige heiligste Band ward diese Nacht gelösst: meine Mutter, welche seit
Alverdens Verlust schwer darnieder lag, ist nicht mehr, ich bin von nun an hier
ein Fremdling, der, da er keine Freunde mehr hat, auch künftig keine Heimat
hier haben will. Verfliesset noch eine festgesetzte Zeit, ohne Nachricht von dir
und Alverden, so verkaufe ich alles, was ich hier besitze, nehme das Kreuz, und
wallfarte nach dem heiligen Grabe, nicht auf Monate und Jahre, nein auf
Lebenszeit; andere tragen ihre Sündenlast an die heilige Stelle, ich will die
Last meines Kummers dortin schleppen, ob es mir am Herzen leichter werden
möchte.
 
                  Der Graf von Segni an den Bischof von Sutri.
                                     1207.
Wir haben allerdings Ursach, euch wegen der Treue zu danken, mit welcher ihr uns
gewisse Dinge gemeldet habt, welche uns nützlich werden können, indem sie uns
Anlass geben, da tiefer zu forschen, wo uns noch nicht alles entüllt ist; ihr
würdet indessen irren, wenn ihr wähntet, ihr hättet ganz etwas neues unerhörtes
getan; indem ihr uns auf jene Macht aufmerksam machtet, die durch ganz
Deutschland im Verborgenen herrscht; wir haben sie an ihren Würkungen erkennen
können, wenn wir auch nicht im Stande waren, wie wir vielleicht nun bald sein
möchten, ihr Inneres ganz zu zergliedern.
    Die Geschichte seit Karl des Grossen Zeiten ist voll von Ereignissen, die
selbst uns unerklärbar waren, Verbrechen, welche in die tiefste Nacht gehüllt
schienen, wurden, man wusste nicht wie, ans Licht gezogen; sie fanden ihre
Verteidiger, aber gesetzt auch, dass sie vor allen Richterstühlen losgesprochen
wurden, so entgingen sie doch einen heimlichen Rächer nicht, dessen blutige
Fusstapfen niemand in der Dunkelheit erkennen konnte. - So wie auf der einen
Seite die Strafe schnell auf jedes unablösliche Verbrechen folgte, so ward auf
der andern Seite die gekränkte Unschuld, man wusste nicht wie, gerechtfertigt,
Gewalttätigkeiten wurden abgestellt, unrechtmässiges Eigentum seinem Besitzer
entrissen, und dem wahren Eigner mit gränzenloser Macht wieder zugestellt;
dieses und viel andre Dinge sahen und fühlten wir, wie hätten wir nicht längst
auf das fallen sollen, wovon ihr euch stolz genug rühmt, uns den ersten
Fingerzeig gegeben zu haben, und eure Forderungen derhalben bis zum
Unbescheidenen ausdehnt.
    Hätte uns nichts über diese Dinge, von welcher ihr zuerst die Decke genommen
zu haben glaubt, die Augen öffnen können, so wär es die Geschichte des Grafen
Adolf von *** die so ganz in unsere Zeiten fällt, dass wir nicht leugnen können,
sie mit eigenen Augen gesehen zu haben; und blind müssten die Augen gewesen sein,
hätten sie hier nicht eine verborgene Macht entdeckt, welche alles regierte, und
das Unmögliche möglich machte, stumpf müsste unser Verstand gewesen sein, hätte
er uns nicht die Möglichkeit geschildert, diese Macht könne der heiligen Kirche
einst nachteilig werden, wie sie es denn z.B. in der Geschichte Graf Adolfs
schon geworden ist.
    Ueberlegt euch selbst diese Begebenheiten, von welchen ihr zum Teil Zeuge
gewesen seid. Der Erzbischof von Bremen, und der von Münster nebst einigen
andern Herrn hatten sich in den Besitz der Güter des Vaters Graf Adolfs gesetzt,
welcher sein Recht vor keinem Richterstuhle erlangen konnte, und in den
Gegenden, wo er ehedem geherrscht hatte, als ein gemeiner Edelmann lebte. Er
starb, und auf einmal sahen wir seinen Sohn unter dem Namen seiner Vorfahren
auftreten, seine Güter wurden ihm ohne Schwerdschlag herausgegeben, denn die
mächtigsten Fürsten, die selbst zum Teil ihre Ohren vor den Bitten seines
Vaters verschlossen hatten, verwendeten sich für ihn, man wollte sich seiner
wachsenden Grösse hier und da widersetzen, aber seinen Gegnern wurden die Hände
gehalten, eine allgemeine Furcht bemächtigte sich ihrer, Graf Adolf kam immer
mehr empor, und würde vielleicht noch jetzt nicht zu steigen aufhören, wenn man
nicht - -
    Doch dieses sind Dinge, welche nicht hieher gehören, wir halten es indessen
für nötig, weil wir einmal dieses Grafen erwehnt haben, auch noch einige Worte
seinetwegen zu sagen; ihr meldet in einem eurer geheimen Schreiben eines
Freundes, welchen Otto von Wittelsbach in Westphalen haben, und den er auf euren
Wink gesonnen sein solle herüber zu rufen; andre Schreiben sagen uns, dieser
Freund nenne sich Alf von Dülmen, und werde nächstens am kaiserlichen Hofe
eintreffen; uns ist daran gelegen, genau zu wissen, ob dieser Alf von Dülmen mit
Graf Adolfen eine Person sei, Mutmassung davon haben wir bereits; auf unsere
Veranlassung ist Graf Adolf aus seinen Landen verlockt worden, durch
Nachlässigkeit unserer Agenten ging seine Spur perlohren, aber wir glauben ihn
unter den Namen Alf von Dülmen wieder in unsern Händen gehabt zu haben; die Art
Leute, zu welcher er sich zählt, ist unerforschlich, wir konnten mit List und
Gewalt bei weiten nicht alles von ihm erpressen, was uns zu wissen not ist,
solltet ihr hierinn glücklicher sein, denn erst würdet ihr verdienen, was ihr
schon verdient zu haben glaubt; strengt all euren Fleiss, all euren Scharfsinn
an, durchzudringen, und denkt, dass der Kardinalshut euer Lohn sein wird.
 
                Der Graf von Segni an den Bischof von Kastilien.
                                     1207.
Wir sind nun beide zu Pamiers, aber die Klugheit will es, dass wir uns weder
kennen noch Gemeinschaft mit einander haben, daher sei das, was uns beiden zu
wissen not ist, der Feder oder dem jungen Dominikus Gutzmann vertraut, doch der
ersten noch mehr als dem letzten; der junge Mensch besitzt zu viel tugendhafte
Schwermerei, als dass er mit allem zufrieden sein könne, was hier nötig ist;
sein Feuereifer für die Wahrheit, sein Ehrgeitz müssen genutzt werden, ohne dass
man ihn überall das Ganze durchschauen lasse. -
    Gesegnet sei die Reise nach Pamiers! sie hat uns grossen Vorteil gebracht,
und wir sehen uns nun im Stande darauf fort zu bauen, was Pabst Lucius der
Dritte bereits einigermassen angefangen hat.
    So wie die Christenheit bisher unter dem verborgenen Scepter weltlicher
unbekannter Richter lebte, so beuge sie sich nunmehr vor einen geistlichen6
heimlichen Gericht, die Erde säubre sich auf diese Art von dem untilgbaren
Unkraut der Ketzerei, und das Feuer reinige das Gold des Glaubens von den
Schlacken, die wir nun erst überall wo sie verborgen liegen, auszuspähen im
Stande sein werden.
    Es kann dem jungen Dominikus sein Gesuch zu Stiftung eines neuen Ordens so
wenig abgeschlagen werden, als wir es dem frommen Johann Bernardon abgeschlagen
haben; er errichte einen Predigerorden zu Bekehrung der Ketzer, und sende, so
wie jener tut, seine Jünger aus in alle Welt, sie dem Glauben unterwürfig zu
machen. Diese Leute werden unsere Augen und Ohren sein, die uns zu jener
Allwissenheit verhelfen, deren sich die furchtbaren Richter vermittelst der
zahllosen Mitglieder ihres Gerichts rühmen; wir haben sie nun erst ganz kennen
gelernt, und uns zum Vorbild gewählt; es ist Schande, dass wir von den Weltlichen
in solchen herrlichen allgemein nützlichen Dingen ein Muster nehmen sollen; aber
wir hoffen, wenn wir unser Original in der Nachbildung übertreffen, dennoch vor
ihm den Preis zu gewinnen.
    Lasst uns aber bei Erreichung dieses grossen Entzwecks auch einige Nebendinge
nicht versäumen; unsere billigen Beschwerden über Kaiser Philippen sind, wozu
uns auch äusserlich die Staatsklugheit nötige, noch nicht vergessen; fast
gleichen Anteil an unserm Hass hat Otto von Wittelsbach, der kühne Mann, der uns
durch Briefe und stolze Worte zu schmähen wagte. Zu ihnen gesellt sich ein
Dritter, Graf Adolf von ***, den wir wegen widerrechtlicher Anmassung geistlicher
Güter billig hassen; er schwärmt, so hat der Bischof von Sutri endlich durch
seine Nachforschungen gewiss gemacht, nachdem ihn Peter von Kalatin auf unsern
Befehl aus seiner Sicherheit aufjagte, unter dem Namen Alf von Dülmen in der
Welt umher. Könnten wir doch diese drei auf eine Stelle versammeln, um sie mit
einem Schlage desto gewisser zu treffen! könnten wir doch einen durch den andern
fällen! es ist billig, dass ein Gottloser der Henker des andern sei, und die
Hände der Heiligen Gottes rein erhalten werden!
    Diesen Otto von Wittelsbuch mit Philippen zu entzweien, scheint eine
Unmöglichkeit zu sein, seine Treue für ihn ist felsenfest, er verschmerzt ihm zu
Liebe, was sonst nie ein Deutscher verschmerzte, Wortbruch und Beschimpfung.
    Doch Otto kann sich leicht Kunigunden rauben lassen, da die schöne Elise ihm
zu Teil wird, o liess sich auch dieses neue Band zerschneiden mit welchen
Philipp ihn an sich zu fesseln sucht! Elise hätte sich wohl besser zur Königin
von Kastilien geschickt als die Gräfin von Toulouse, eine heimliche Anhängerin
des verdammten Waldus, eine Leserin verbotener Bücher, die künftige
Verfälscherin des rechten Glaubens, der sich, Gott und eurer Vorsicht sei es
gedankt, bisher so herrlich an dem Hofe und in den Landen eures Königs erhalten
hat.
 
                       Der Unbekannte an Alf von Dülmen.
                                     1207.
Unter diesem Namen, höre ich, habt ihr eure Lande verlassen, und ich halte es
für Pflicht, euch darüber zu Rede zu stellen. Euch ist bekannt, dass euch nach
den Gesetzen, die ihr beschworen habt, nicht erlaubt ist, den Ort eures
Aufentalts ohne mein Vorwissen zu verlassen, noch viel weniger euren Namen zu
ändern, ohne in Angelegenheiten des grossen Bundes. Ihr seid zu Pamiers gesehen
worden, was trieb euch dahin, wohin ihr nicht gefordert wurdet? was trieb euch
an einen Ort, den ich selbst nicht betreten zu haben wünschte? Ich lernte dort
einen Grafen von Segni kennen, welcher Mittel wusste, sich mein ganzes Herz zu
eigen zu machen. Bei einer Jagdpartie, die für mich sehr unglücklich hätte
ablaufen können, dankte ich ihm mein Leben. Von diesem Augenblick an war er
unablässig um mich beschäftigt, er war der einnehmendste Mann, den ich je
gesehen habe, meinem Urteil nach, gleich vortreflich an Geist und Herzen, schon
dachte ich auf Mittel, ihn für unsere Verbindung zu gewinnen, als er sich mir
als bereits einen der unsern bekannt machte, als einen, der, nachdem was er
wusste, schon eine hohe Stufe in dem unsichtbaren Reiche erstiegen hatte. Ich
kannte ihn nicht; wie wär es möglich, alle Glieder der endlosen Kette zu kennen,
ich kannte ihn nicht, aber ich traute ihm, musste ihm trauen.
    Wir sprachen viel mit einander von dem Innern des grossen Bundes, ich zittre
über das, was wir mit einander sprachen, da mir hinten nach aus einem einigen
Umstande wahrscheinlich wird, dass ich hintergangen ward, dass ein Profaner mir
Worte entriss, welche ewig ungesprochen hätten bleiben sollen. Ist dieses, so
haben wir einen Verräter unter uns, irgend jemand lehrte ihn die Mittel, nicht
allein mich unter meinem verdeckten Namen zu kennen, sondern sich auch auf eine
Art, die ich weder mutmassen, noch vermeiden konnte, in meine Vertraulichkeit
einzuschlingen.
    Wehe euch, Alf von Dülmen, wenn ihr dieser Verräter seid. Ich rufe das
dreifache Wehe über euch, und lade euch auf den Tag, den ihr aus der Zahl der
Buchstaben erraten werdet, zur Verantwortung. Am nehmlichen Tage soll Gericht
über Philipp, den Kaiser, gehalten werden, Gericht über unerhörte
Beschuldigungen, die mir von ihm zu Ohren gekommen sind. Lasst Otten von
Wittelsbach von diesen Dingen wissen, was er wissen muss, im Uebrigen schweiget.
 
                       Alf von Dülmen an den Unbekannten.
                                     1207.
Wohl mir, dass euch euer eignes Beispiel lehrt, dass bei der höchsten Spannung der
Vorsicht Täuschung möglich sei. Kein Verräter bin ich nicht, ich werde nicht
ermangeln, mich gehörigen Orts zu verantworten.
    Ihr sprecht mit mir aus einem Tone dessen sich kaum unser Oberhaupt Herzog
Bernhard bedienen würde. Wehe der Sache der Gerechtigkeit, dass er durch
Krankheit verhindert wurde, nach Pamiers zu gehen, und dass ihm das Unglück euch
zum Stellvertreter gab, ihn würde kein Graf von Segni mit gleissenden Worten
hintergangen haben!
    Doch was sage ich? bin nicht vielleicht auch ich hintergangen? Ich verliess
mein Land, änderte meinen Namen, kam nach Pamiers nicht anders als auf höchsten
Befehl, Peter von Kalatin war der Ueberbringer desselben; sollte auch ich
hintergangen sein, so müsste man sich an ihn halten. Ich erscheine unausbleiblich
auf dem bestimmten Tag, gegenseitige Erklärungen werden das Geheimnis entüllen,
mag dann Gericht gehalten werden über wen da wolle, ich weiss, was ich geschworen
habe, und halte meinen Arm zur Rache über den Schuldigen fertig, ich weiss, dass
ich keinen Höhern über mir erkennen darf, als Gott und die Gerechtigkeit.
 
                               Alverde an Irene.
                                     1207.
Ja, meine Kaiserin, ich weiss es, dass ich euch die Geschichte meines kurzen
Lebens schuldig bin, die Gnade, mit welcher ihr euch für mich verwendetet, den
Schutz, den ihr mir gewährtet, ehe ich noch wusste, dass ich desselben bedürfe,
machen mir die Aufrichtigkeit zur Pflicht, auch ists möglich, dass meine eigene
Ehre es nötig macht, dass ich rede, wo Schweigen mir Verdacht bringen könnte.
    In einem kleinen nicht unzierlichen Hause einer Landschaft, die ich nicht
nennen darf, wenn ich nicht eidbrüchlich werden will, verlebte ich die ersten
Jahre meines Lebens, alles was mich umgab, zeigte ehe von Mittelmässigkeit als
Überfluss, und sagte mir, was mich mein Vater oft versicherte, dass ich die
Tochter eines unbemittelten Hauses sei, deren künftige Aussichten auf Glück in
der Welt, sich bloss auf Tugend und gute Aufführung gründeten; ich fragte, als
ich über das, was man mir vorsagte, nachdenken lernte, was Tugend sei, und mein
Vater führte mich in das Haus einer benachbarten Edeldame, die, wie er mich
versicherte, mir meine Frage besser beantworten könne, als irgend jemand. Sie
ist die Tugend in sichtbarer Gestalt, sprach er, suche ihr gleich zu werden, so
wirst du tugendhaft sein. - Ich warf mich in die Arme der Frau von Remen, so
hiess die Dame, welcher ich vorgestellt wurde, und bat sie, mich doch geschwind
zu lehren, wie ich ihr ähnlich werden könnte, weil ich nichts liebenswürdigers
kennte als sie, und weil man durch ihre Nachahmung, wie mein Vater versicherte,
glücklich würde; Tränen standen der edeln Frau bei meiner kindischen Äusserung
im Auge, vielleicht dass die ungesuchte Schmeichelei, die ich ihr sagte, sie
rührte, vielleicht, dass die Ueberzeugung, mit welcher ich Tugend und Glück in
meinen Vorstellungen paarte, ihr Erfahrungen vom Gegenteil in den Sinn brachte.
-
    Ich kannte die Frau von Remen schon lange, sie war die vertraute Freundin
meiner Mutter gewesen, und hatte, als diese starb, eine Art von Vorsorge für
ihre Hinterlassenen übernommen: meine Mutter hatte es ihr sterbend empfohlen,
ihrem Gemahl und ihren Kindern ihren Verlust so viel es möglich zu ersetzen.
    Ich war bisher schon oft in dem Hause der guten Dame gewesen, jetzt, da mich
ihr mein Vater auf so eine besonders feierliche Art empfohlen hatte, verliess ich
es fast nie. Ich hatte noch einen Bruder, welcher einige Jahre älter war als
ich, er liess sich zuweilen herab, Teil an meinen Spielen zu nehmen, und ich
misste seinen Umgang, den ich von nun an sparsamer genoss, ungern; doch was ich in
ihm verlohr, das fand ich in dem Sohne meiner zweiten Mutter, in dem jungen
Evert von Remen zweifältig wieder; er beschäftigte sich mehr und auf weit
gefälligere Art mit mir, als mein Bruder Adolf, wie er denn überhaupt mehr
einnehmendes in Bildung und Charakter hatte als jener. Mein Bruder war ein
wilder stürmischer Jüngling, Evert von Remen sanft, nachgebend und mild, wie
seine Mutter.
    Einige Jahre, die glücklichsten meines Lebens verflossen auf diese Art, ich
war bald bei meiner Pflegmutter, bald bei meinem Vater, liess mich bald von dem
feurigen Adolf zu Beschäftigungen, die ihm behagten, hinreissen, und spielte bald
mit meinem jungen Freunde stille Spiele, oder neckte ihn durch kleinen
kindischen Mutwillen, denn dieses merkte ich, so jung ich war, gar bald, dass
ich aus ihm machen konnte, was mir gefiel; eine Entdeckung, die mir
schmeichelte. Evert war der einige unter den Erwachsenen, mit denen ich Umgang
hatte, der sich von mir gängeln liess, der erste und einzige, der mir bald durch
kleine Schmeicheleien, bald durch die gränzenlose Gefälligkeit, mit welcher er
sich nach meinen Grillen bequemte, ein Gefühl von meiner Wichtigkeit beibrachte.
    Ich hatte das zehende Jahr zurückgelegt, als das Schicksal mir meinem Vater
entriss. Meine Pflegemutter, ihr Sohn, mein Bruder und ich umringten sein
Sterbelager, um seine letzten Seufzer aufzufassen. Alverde, sagte er, ich
verlasse dich, aber du verlierst wenig an mir, da ich dir die Frau von Remen zur
Mutter gegeben habe, ich wünsche, das Glück mag auch in Zukunft aus dir machen
was es wolle, dass du ganz ihre Tochter werdest; wie das geschehen soll, das wird
sie und dein Freund Evert von Remen dir sagen, wenn du älter bist. Umarmt euch,
meine Kinder, und seid glücklich, wenn euch einst festere Bande verbinden!
    Evert, der diese Worte vermutlich besser verstand als ich, küsste mich, und
ich weinte. Ich wollte mich darauf wieder an dem Bette meines Vaters
niederwerfen, und seine erstarrende Hand ergreifen, aber er bat die Frau von
Remen, sich mit mir zu entfernen; sie macht mir das Sterben schwer, sagte er,
auch habe ich, ehe ich den Mund auf ewig schliesse, noch einige Worte insgeheim
mit meinem Sohne zu reden.
    Ich folgte meiner zweiten Mutter auf ihr Schloss, und sah das Haus meines
Vaters nicht wieder, als am Tage seiner Beerdigung. Mein Bruder hatte mir nie
mehr missfallen, als in seiner Trauer, die wohltätigen Zeichen des Kummers, die
Tränen fehlten ihm ganz, sein Betragen war nicht Gram, nicht Wehmut, war
Verzweiflung. Er warf sich einmal über das andre auf den Leichnam unsers Vaters,
der nun eben beigesetzt werden sollte, sprang denn auf, rang die Hände und
schrie: Ach dass diese Augen sich zu frühzeitig schlossen, um bessere Tage zu
sehen! dass diese Lippen sich so spät öffneten, mir zu sagen, wo ich ein Glück
finden sollte, das nun mein bester Freund nicht mit mir geniessen wird! - Niemand
verstand diese Worte, aber wir wiederholten sie uns in der Folge oft, und sie
wurden für die Frau von Remen, ihren Sohn und mich die Quelle tausendfacher
Mutmassungen, die wahrscheinlich alle ihres Zwecks verfehlten.
    Kaum ein Tag war nach der Beisetzung unseres Vaters verflossen, so erklärte
mein Bruder, wie er genötigt sei, eine Reise zu tun, deren Ende und Folgen er
noch nicht absehen könnte - Es gehe, wie es wolle, setzte er hinzu, indem er
sich zu der Frau von Remen wandte, die Dinge, welche ich vor mir habe, glücken
oder sie glücken nicht, so empfehle ich euch meine Schwester, lasset sie in
eurem Hause wohnen, lasset sie eures Umgangs, eures Unterrichts geniessen, bis
ich sehe, was das Schicksal aus mir machen wird.
    Die Frau von Remen nahm mich zu sich, Adolf reiste, aber ich habe vergessen
die Zeit seiner Abwesenheit zu messen, weil sich während derselben in dem Hause
wo ich als Kind aufgenommen wurde, Dinge zutrugen, die meine Tränen um meinen
Vater wieder hervorriefen, und meine ganze Aufmerksamkeit an sich rissen. Der
Vater Everts von Remen, der Busenfreund des meinigen starb, ich glaube Gram um
den Verstorbenen war es, was ihn demselben so schnell folgen liess.
    An meinem jungen Freunde lernte ich jene Art des Traurens kennen, die mit
meinen Gefühlen harmonirte, und die ich an meinem Bruder so sehr vermisst hatte.
Evert, immer sanft und gemässigt, äusserte bei dem Verlust seines Vaters, so tief
er ihn fühlte, nichts von Adolfs stürmischem Ungestüm, wir weinten mit einander,
wallfarteten zu den Gräbern unserer Verstorbenen, sprachen von ihnen, und
fühlten unsere gegenseitige Zuneigung durch das harmonische unserer Empfindungen
gestärkt; damals, glaube ich, fühlte ich es zuerst, dass Evert von Remen mir mehr
war, als mir je ein Jüngling werden konnte, wir waren einander durch die letzten
traurigen Begebenheiten unsers Lebens näher gerückt, mich hatten sie um einige
Jahre älter, und weniger leichtsinnig gemacht, und er war durch dieselben wo
möglich noch sanfter und liebenswürdiger geworden, als er zuvor war.
    Mein Bruder kehrte zurück, aber wer hätte die Art ahnden sollen, wie er
zurück kehrte! Das Glück hatte ihn aus einem gemeinen Ritter zum grossen Herrn,
aus einem unbegüterten Edelmann zum reichen Besitzer grosser Ländereien gemacht.
Unsere Vorfahren, das war erwiesen, hatten Ansprüche auf diese Dinge gehabt;
mein Vater hatte sein Leben zu Wiedererlangung derselben vergeblich verarbeitet
und vertrauert, aber wer Adolfen zu Erlangung so lang unmöglich erfundener Dinge
geholfen habe, das konnte niemand erraten.
    Ich hielt meinen Freund für den Vertrauten meines Bruders, und befragte ihn
um diese Dinge, er zuckte die Achseln und schwieg. Ueber meine Unwissenheit in
Ansehung des Grunds eures Glücks, fing er endlich an, wollte ich mich noch
beruhigen, wär ich nur ihrer Folgen gewiss. - Wie versteht ihr das, Herr von
Remen? erwiederte ich. Wird die Gräfin Alverde, sagte er, die Gesinnungen
beibehalten, mit welchen sie mich in ihrem niedern Stande beehrte? - Ich werde
immer eure Freundin sein! sagte ich. Immer Freundin, und sonst nichts mehr? rief
er, o Alverde! Euer Verstand übertrifft eure Jahre, ihr solltet wohl wissen, dass
ich auf zärtlichere Gefühle hoffen darf. Ich errötete, und versprach zum
Beweis, wie wert ich ihn schätze, jede andere Gesellschaft ausser der seinigen
zu fliehen, und das Schloss meines Bruders, welches jetzt nie leer von Fremden
wurde, nie zu besuchen, als wenn es ganz einsam wär.
    Was ich gelobt hatte, das hielt ich eine Zeitlang treulich. Nur ein einziges
mal traf sichs, dass ich einen jungen Herrn vom kaiserlichen Hofe bei meinen
Bruder fand, als ich ihn ohne Gesellschaft glaubte, es war Peter von Kalatin,
und ihr, meine Kaiserin, die ihr ihn kennt, werdet urteilen, ob es ihm gelang,
mich fest zu halten. Anfangs blieb ich aus Achtung gegen meinen Bruder, und aus
Furcht durch schnelle Entfernung den Wohlstand zu beleidigen, in der Folge waren
es seine Gespräche, die mich fesselten. Hatte Peter von Kalatin die Absicht,
meine Entfernung zu hindern, so hätte er den Gegenstand der Unterhaltung nicht
glücklicher wählen können; er sprach von euch, gnädige Frau, und euren reizenden
Töchtern; die wahren treffenden Züge, mit welchen er euch schilderte, hier
beizubringen, verbietet mir Bescheidenheit und Ehrfurcht; aber so weit die
Personen, die ich hier zum erstenmal gleichsam im Bilde sah, dieses Bild
übertreffen, so war es doch reizend genug, den Wunsch nach persönlicher Kenntnis
in mir zu erregen.
    Ganz von euch erfüllt, kehrte ich zu der Frau von Remen zurück, und
entüllte ihr alle meine Wünsche. Mein Kind, sagte sie, dein Verlangen ist nicht
unbillig, dein Stand erfordert es überdem, dass du bei Hofe vorgestellt werdest.
Gedulde dich noch einige Jahre, und ich will dich selbst dahin begleiten, wohin
dein Herz drängt. Die Jahre, welche mein Sohn den ritterlichen Uebungen weihen
muss, kannst du nicht besser, als in der Schule der Tugend, an dem Trone der
Kaiserin Irene zubringen.
    Diese Jahre vergingen. Das Verlangen von euch und den Prinzessinnen zu
hören, trieb mich oft auf das Schloss meines Bruders, wenn ich Peter von Kalatin
daselbst wusste. Evert von Remen, der ihn nicht leiden konnte, trauerte bald,
bald zürnte er darüber. Das Lob der kaiserlichen Damen, sagte er eines Tages,
wird bald mit dem Lobe der schönen Alverde abwechseln, und ihr müsstet kein
Fräulein sein, wenn ihr das letzte nicht weit lieber anhören solltet, als das
erste.
    Was mein Freund besorgt hatte, das geschah; ich hörte es nicht ungern, dass
Kalatin mich versicherte, ich sei nicht weit hinter den vortreflichsten Frauen
der Welt zurück, und ich würde sie dereinst ganz erreichen. Seine Schmeicheleien
wurden immer süsser, und behagten mir um so vielmehr, da Evert von Remen in
seinem Unwillen, den er wieder mich gefasst hatte, mir wenig angenehmes vorsagte,
und mir es ein wenig zu oft zu verstehen gab, dass ich durch das väterliche Wort
für ihn bestimmt sei, und dass es meine Pflicht erfordere für niemand Augen und
Ohren zu haben, als für ihn.
    Ich war töricht genug, hierüber gegen meinen Bruder zu klagen, Kalatin
erfuhr davon, und wusste meinen armen Freund mit seinem beissenden Witze auf so
eine unbarmherzige Art lächerrlich zu machen, dass der eine bei mir dadurch soviel
gewann, als der andre verlohr. Kalatin spottete, so geistreich Evert von Remen
war, so steif wurde er durch das wachsende Missverständnis, in welchem wir
lebten, noch so viel mehr, dass ich kein zwölf oder dreizehnjähriges Mädchen
hätte sein müssen, um nicht den ersten liebenswürdiger als den andern zu finden.
    Mein Bruder liebte Everten würklich noch immer, aber auch bei ihm wusste sich
Kalatin durch seine Spöttereien Eingang zu verschaffen. Es fand ohnedem schon
seit langer Zeit, ich weiss nicht warum, keine rechte Vertraulichkeit unter ihnen
mehr Platz: Evert von Remen fühlte dieses, forschte nach, wo er nicht sollte,
gab Ermahnungen, wo sie nicht verlangt wurden, und sein heimlicher Widersacher,
Kalatin, bekam dadurch den Vorteil in die Hände, ihn um die Neigung des
Freundes zu betrügen, so wie er ihm das Herz der Freundin entfremdet hatte.
    Evert von Remen, mein Bruder und ich lebten von nun an in einer Art von
heimlichen Missverständnis, welches keins dem andern, und noch vielweniger
unserer gemeinschaftlichen Freundin und Mutter der Frau von Remen gestehen
wollte, und das eben dadurch unheilbar ward.
    Kalatin und mein Bruder hatten öftere geheime Konferenzen, in welchen wohl
nicht allemal, wie sie vorgaben, von Geschäften die Rede sein mochte. Ich
überraschte einst meinen Bruder halb ausser sich bei dem Bild einer schönen
Person, das er, wie ich nachher erfuhr, aus den Händen Kalatins erhalten hatte;
er konnte es meinen Augen nicht mehr entziehen, liess mich es bewundern, liess
mich es küssen, und den Namen lesen, den ich in der Folge so oft mit dem
höchsten Gefühl der Zuneigung ausgesprochen habe, und den ich hier nennen würde,
wenn ich nicht so wie über verschiedene andere Dinge hierüber eidlich
Stillschweigen hätte angeloben müssen.
    Mein Bruder sah das Entzücken, mit welchem ich das Bild dieses irdischen
Engels betrachtete, es war etwas mehr als Schönheit, womit es sich auszeichnete,
ich habe schönere Personen gesehen, aber keine, die so ganz den Abdruck einer
himmlischen Seele im Auge trug, keine, die als Sterbliche schon die Bürgerin
einer bessern Welt zu sein schien.
    Ich muss sie sehen, rief mein Bruder, als er mein Entzücken bemerkte, muss sie
persönlich kennen lernen, und du sollst mir den Weg zu ihr bahnen. Höhere
Befehle werden mich bald nötigen von hinnen zu scheiden, halte dich fertig, mir
zu folgen; Peter von Kalatin wird dich wenig Tage nach meiner Abreise nachholen,
und dich dahin führen, wo ich deine Dienste brauchen kann, aber diese Reise muss
ein unverbrüchliches Geheimnis decken, weder die Frau von Remen noch ihr Sohn
müssen etwas von derselben erfahren, sie zu erleichtern, werde ich dich aus
ihrem Hause abfordern, und in das meinige bringen, das übrige wird die
Gelegenheit geben, nur vergiss nicht, dass, du kommst hin, wohin du wollest, unser
Name verborgen bleiben muss; die Natur meiner Reise fordert diese Vorsicht von
mir.
    Ich fand Bedenklichkeit, hinter dem Rücken meiner Wohltäterin und meines
Freundes zu scheiden, fand es unschicklich, an der Hand eines unbekannten Mannes
mein Vaterland zu verlassen, und dadurch den Verdacht einer Entführung auf mich
zu ziehen, aber mein Bruder wollte es, und ich gehorchte; nicht allein
gränzenlose Liebe fesselte mich an ihn, sondern auch eine gewisse Art von
scheuer Ehrfurcht. Seit meines Vaters Tode hatte er die Stelle desselben bei mir
eingenommen, und ich hielt es für Hochverrat, ihm hartnäckig entgegen zu sein.
    Was er beschlossen hatte, geschahe; den nächsten Tag, nachdem ich das Haus
der Frau von Remen mit dem seinigen verwechselt hatte, trat er seine Reise an,
und ich machte alle Anstalten, ihm, sobald Peter von Kalatin mich in seinen
Namen abfordern würde, zu folgen. O Gott, noch gedenke ich mit Kummer des
letzten Abends vor diesem Schritte! Ich hatte ihn bei der Frau von Remen
zugebracht. Ihr Sohn, dem ich jetzt geneigter war als zuvor, gegen den ich ein
innerliches Mitleiden wegen des Streichs fühlte, den ich ihm bald versetzen
sollte, ihr Sohn, der grossmütige, ganz unserm Dienst geweihte Evert von Remen,
war diesen Tag ausgezogen gegen den Bischof von Bremen, dessen Leute in einem
entlegenen Teil der Besitzungen meines Bruders eingefallen waren. Unsre
Trennung war so zärtlich gewesen, als die Gespräche, die ich nach seinem
Abschiede mit seiner Mutter hielt. Sie nannte mich tausendmal ihre Tochter, ihre
einige Trösterin in der Abwesenheit ihres Sohnes, sie beschwur mich, wenn ich,
so lang mein Bruder ausser Landes wär, mich nicht getraute sein Haus gänzlich zu
verlassen, doch nur täglich das ihrige zu besuchen, weil sie ohne mich nicht
leben könne; - und diese Frau sollte ich täuschen? sollte ich hinterlistig
verlassen, und ihr dadurch den Dolch in die Brust stossen? ich weiss nicht, wie
sie meinen Abschied empfunden hat, weiss nicht was Evert von Remen bei demselben
gefühlt haben mag, aber ich zittre, wenn ich nur an diese geliebten Seelen
denke. Ach sie werden mich für eine Verbrecherin halten, und Gott weiss, wann ich
das Zeugnis von meiner Unschuld, das ich in die Hände meiner Kaiserin
niederlege, ihnen mitteilen kann, da Wort und Eyd mich binden, mein Vaterland
nicht ohne Bewilligung meines Bruders wieder zu sehen. - Eben dieser Eyd
versiegelte jenes Abends, da ich mich mit der Frau von Remen letzte, meine
Lippen. Zwanzigmal schwebte das Geheimnis, dass ich mich von ihr trennen müsse,
auf meinen Lippen, aber ich hatte geschworen, und musste schweigen.
    Peter von Kalatin kam diese Nacht; er legitimirte sich durch das
Beglaubigungsschreiben meines Bruders, ich musste ihm trauen, und er führte mich
davon. Das Ganze musste vor jedermanns Augen das Ansehen einer gesetzlosen
Entweihung haben, denn Kalatin nützte auch nicht den kleinsten Vorschlag, den
ich tat, unserer Reise das Verdächtige zu benehmen.
    Noch hatte ich keinen bösen Verdacht auf meinen Begleiter, noch argwohnte
ich nicht, er könnte bei meiner Abholung ausser dem Befehl meines Bruders
Nebenabsichten haben. Er führte zwar oft Reden gegen mich, welche
Liebeserklärungen ähnlich lauteten, aber ich war zu einfältig, sie zu verstehen,
und sie für etwas anders zu halten, als für den Unsinn, den, wie die Frau von
Remen mir gesagt hatte, die jungen Männer in der Welt den Jungfrauen
vorzuschwatzen pflegen, es war einer höhern Hand, die für mich sorgte, ohne dass
ich es dachte, vorbehalten, mir hierüber die Augen zu öffnen. Dass Kalatin mich
liebte, war gewiss, und Gott weiss, wo er mich hingebracht haben würde, wenn nicht
der Zufall ihn genötigt hätte, mich in eure Residenz zu führen. Ein Sturz vom
Pferde machte mir die Hülfe eines Wundarztes nötig, Kalatin war zu besorgt um
mich, zu sehr um meine Heilung bekümmert, als dass er alle die Vorsicht hätte
brauchen sollen, die er sich vielleicht vorgesetzt hatte, wir mussten nicht
allein in der Hauptstadt liegen bleiben, sondern man sah und kannte ihn auch,
und seine Bedienung als Reichsmarschall nötigte ihn, da einmal seine
Anwesenheit nicht zu verbergen war, nach Hofe zu gehen. Dieses ward das Mittel,
auch mich der edelsten aller Fürstinnen bekannt zu machen. Ihr, vortrefliche
Kaiserin, hörtet nicht sobald, dass Kalatin ein fremdes Fräulein mit sich
gebracht habe, als ihr euch um mich bekümmertet. Ich genoss während meiner
Krankheit eine Pflege, die von eurer Hand geleitet wurde, und nach meiner
Genesung eures Schutzes; dass ich dieses Schutzes gegen Kalatin bedürfe, erfuhr
ich erst des Tages, da ich von euch die Einladung erhalten hatte, mich unter
eure Hofstatt zu begeben; an diesem Tage hielt er zuerst erst ein Gespräch mit
mir, das mir ihn verdächtig machen musste. Mein Bruder war der Gegenstand
desselben. Ich hatte diesen meinen einigen Verwandten, den Liebsten, den ich auf
der Welt kannte, so lang nicht gesehen; so lang nicht von ihm gehört, was war
natürlicher als dass ich Sehnsucht und Besorgnis um ihn äusserte.
    Möchte doch Graf Adolf dieser zärtlichen Anhänglichkeit des schönsten und
truglosesten Herzens würdig sein! erwiederte der hämische Kalatin.
    Was wollt ihr mit diesen seltsamen Wunsche sagen? fragte ich voll
Befremdung. Wisst ihr etwas nachteiliges von meinen Bruder?
    Nachteiliges eben nicht, aber unendlich viel rätselhaftes, und es müsste
Wunder sein, wenn die kluge Alverde nicht schon längst das nehmliche gefunden
hätte.
    Ihr zielt auf seine Reisen, seine Gesellschaften, seine Arbeiten? O Evert
von Remen hat schon mit seine Mutter und mir über diese Dinge zu sprechen.
    Evert von Remen? - Nun wahrhaftig, wenn diese Dinge jenem Schwachkopfe in
die Sinne fielen, so muss Graf Adolfs Schuld wohl erwiesen sein.
    Welche Schuld, Kalatin?
    Graf Adolf ist, damit ich nur einmal aufrichtig mit euch rede, aller
Wahrscheinlichkeit nach, Mitglied einer verdächtigen im Finstern schleichenden
Gesellschaft, welche sich Richter Gottes nennen, aber im Grunde nichts sind als
eine Bande von Henkern, die sich unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit die
grössten Kränkungen der Menschheit erlauben, Vater, Mutter, Bruder, Schwester,
keine Verbindung, kein Name ist ihnen zu heilig. -
    Behüte Gott, schrie ich, Kalatin was redet ihr!
    Er fühlte, dass er sich zu harter Ausdrücke bedient hatte, fühlte, dass er
einlenken musste, und begnügte sich, mir nur nochmals zu verstehen zu geben, was
er vermutlich durch die ganze Tirade hatte einleiten wollen, dass ich meinem
Bruder nicht zu trauen habe, und weit besser tun würde, mich seiner Leitung zu
überlassen, als Geschäfte auszuführen, die Adolf mir aufgetragen hätte, die sich
gar nicht für ein junges Fräulein schickten, und deren Bedenklichkeit zu
beurteilen ich nicht im Stande sei. Ueberlegt es selbst, sagte er, ihr sollt
eurem Bruder in Anspinnung einer Intrigue mit einer Person behülflich sein, die
eigentlich gar nicht für ihn existirt. Die Dame, welche Adolf anbetet, lebt im
Kloster, ist die Verlobte eines andern, und ist noch obendrein mit den Gift
einer verabscheuungswürdigen Ketzerei angesteckt, das sich Zeit genug auch
seiner bemächtigen und Bann und Fluch über ihn herab ziehen wird.
    Ich entsetzte mich über die Dinge, welche ich hören musste, sie würden
vielleicht ihre Würkung nicht ganz verfehlt haben, wenn nicht einige Reden aus
eurem Munde, gnädige Kaiserin, mir die Reinigkeit der Absichten Kalatins
verdächtig gemacht hätten, ein förmliches Geständnis der glühendsten
Leidenschaft, welches das ganze Gespräch beschloss, vollendete meinen Argwohn,
ich verliess ihn ohne Antwort, und konnte den Morgen kaum erwarten, da ich, ohne
weitere Rücksprache mit ihm, mich zu euch begab, und um die Vollziehung eures
Versprechens, um Aufnahme in euer Frauenzimmer bat.
    Mein Gesuch ward bewilligt, aber die Ehre, zu eurem Hause zu gehören,
befreite mich nicht ganz von Kalatins Verfolgungen. Zu schwach, sich dem
Entschluss, den ich gefasst hatte, zu widersetzen, oder mich eurem Schutz zu
entreissen, und zu klug, nur einen Wunsch dieser Art zu äussern, nützte er
wenigstens jede Gelegenheit, mich mit seiner gehässigen Leidenschaft, mit
Ausfällen auf meinen Bruder, und Planen für mein künftiges Glück, die mir nicht
anstanden, zu unterhalten; ihr, gnädige Kaiserin, saht mein Leiden, ehe ich es
euch noch klagen konnte, ich erhielt ganz unverhofft den Befehl von euch, mich
nach Lion in das Kloster zu begeben, wo sich die Prinzessinnen aufhielten; er
war mir doppelt lieb, da ich Kalatins Vorspiegelungen zum Trotz die Absicht noch
nicht aus dem Gesicht verloren hatte, warum ich eigentlich von meinem Bruder
aus meinem Vaterlande entfernt worden war; ich hatte die Dame, die er anbetete,
an eurem Hofe nicht gefunden, dass ich sie in dem Kloster, nach welchem ich
bestimmt wurde, finden würde, wusste ich gewiss, und ich brannte vor Verlangen,
teils diesen Engel zu kennen, teils mich selbst zu überzeugen, ob das würklich
wahr sei, was mir Kalatin von der Unmöglichkeit, sie für meinen Bruder zu
gewinnen, gesagt hatten.
    Mit der heissesten Inbrunst, vortrefliche Kaiserin, danke ich euch, dass ihr
mich in das Kloster brachtet, wo ich das Glück meines Lebens fand. Ich lernte
die besten Fürstinnen der Welt, lernte diejenige darin kennen, um deren Willen
ich mein Vaterland verlassen hatte. Das was Kalatin mir von ihr sagte, ist nicht
ganz unwahr, aber kann mein Bruder nicht durch diesen Engel glücklich werden,
wird sie darum weniger meine Freundin sein? - Nie erfahren sie aus meinem Munde
seine kühnen Hoffnungen, damit sich nicht vielleicht bloss dieserwegen ihr Herz
von mir wende!
    Euren Rat, gnädige Frau, mich unter das Gefolge der Gräfin von Toulouse zu
begeben, habe ich befolgt; Gott weiss, wenn ich in mein Vaterland zurückkehren
kann, aus welchen ich so unnötig verlockt wurde, und seit die Prinzessinnen,
eure Töchter dieses Kloster verlassen haben, ist nichts vorhanden, das mich mehr
an dasselbe fesseln sollte.
    Morgen früh mit Aufgang der Sonne bricht die Dame, zu deren Hofstatt ich nun
gehöre, die Gräfin Alix, die mich mit den Namen Freundin beehrt, nach Pamiers
auf, und ich begleite sie; die kastilischen Gesandten sind bereits daselbst
angekommen, sie von da in die Arme ihres Bräutigams zu führen. Mir ist es
empfindlich, diese Gegenden verlassen zu müssen, ohne etwas von meinem Bruder
gehört zu haben; wie wird er mich suchen, wie wird er um mich besorgt sein, wenn
er mich da nicht findet, wohin ich von ihm bestimmt war! Möchte ihn doch das
Schicksal an euren Tron führen, gnädige Frau, möchte doch euer Blick, der die
tiefsten Geheimnisse aus dem Herzen ziehen kann, ihn nötigen, sich euch zu
entdecken, über alles was ihm Sorge machen könnte, würdet ihr ihn zu beruhigen
wissen!
 
                              Beatrix an Alverde.
                                     1207.
Dank dir, meine Freundin, für die offenherzige Darlegung deiner Geschichte, die
dich in unser aller Augen rechtfertigt, und dir den Namen eines entführten
Fräuleins, der bei meiner Mutter nicht im besten Ansehen ist, völlig erlässt. Die
Kaiserin findet viel abenteuerliches an deinen Begebenheiten, sie bedauert
dich, unter der Gewalt eines Bruders gestanden und von seinen Grillen abgehangen
zu haben, der wie es scheint, keine allzuvorteilhafte Meinung in ihr erregt;
was ich von der ganzen Sache, was ich besonders von ihm halte, das ist freilich
ein wenig verschieden von dem Urteil meiner Mutter, wie denn die Urteile
junger und bejahrter Personen es immer sind.
    Anstatt deinen Bruder zu hassen, oder schlecht von ihm zu denken, schätze
und bewundre ich ihn; es ist so etwas grosses in den Unbegreiflichkeiten, die
sich in ihm finden, die Verborgenheit seines und deines Namens dient meiner
Phantasie zum unterhaltenden Spiel, sie reizt meine Neugier, und doch ists als
möchte ich das Geheimnis nicht gelösst sehen, Graf Adolf hat mehr Interesse für
mich, so lange ich mir von ihm denken kann was ich will, als wenn man mir ihn
als einen der grössten Fürsten der Welt bekannt machte. Und denn die heimliche
Gesellschaft, zu welcher er sich zählt, mit dem grossen Namen, die Richter
Gottes! - Ich glaube Kalatin nichts von dem Bösen, was er diesen Leuten
nachsagt, muss denn hinter jeder Heimlichkeit etwas verdächtiges verborgen
liegen?
    Meine Schwester Elise scherzt mit mir, dass ich seit deinem letzten Briefe
von nichts zu reden weiss, als von Graf Adolf dem Unbegreiflichen. Ich weiss wohl,
was mich so zu ihm hinreisst, aber niemand als dir, meine Schwester Alverde,
möchte ich es gestehen, und doch merke ich, auch gegen dich, meine Vertrauteste,
kostet es mir Ueberwindung, mich zu erklären, wenn ich nicht meiner Feder
gebiete, ohne Ueberlegung hinzuschreiben, was ihr Wahrheit und Offenherzigkeit
diktiren.
    Alverde, ich weiss wen dein Bruder liebt, kenne die Dame, deren Bild dich und
ihn so entzückte, dass es von euch wahrhaftig mit übertriebenen Lobeserhebungen
beehrt wurde. Ich kenne die Glückliche, die in der Folge deine Freundin ward,
und die es bleiben würde, und wenn du auch deinen Vorsatz brächest, und ihr die
kühnen Wünsche deines Bruders geständest. - Warum kühn, meine Alverde; ist dein
Bruder auch nicht ganz der grosse Fürst, für den ich ihn halte, o es gibt
Prinzessinnen genug, die sich um Liebe Willen eine Stufe herabsetzen; und was
meine Verlobung betrifft - -
    Gott, was habe ich gesagt! - Alverde, das Geheimnis ist heraus! Ich weiss es,
Beatrix von Schwaben ist die Dame, die deines Bruders Herz gerührt hat, alle
Umstände, die du angiebst, passen auf mich und auf keine andre, je öfter ich
deinen Brief lese, je gewisser werde ich hievon, aber lass dich von nichts irren;
meine Verlobung an den Gegner meines Vaters, an Herzog Otten, ist noch nicht auf
die entfernteste Art eingeleitet, geschweige geschlossen, und was das sogenannte
Gift der waldensischen Lehre anbelangt - Alverde, du weisst, was wir alle viere,
du, Alix, meine Schwester und ich davon halten, und ich, überhaupt nicht
sonderlich aufgelegt zu ernstaften Dingen, bin noch vielleicht diejenige unter
euch, die sich am ersten eines andern belehren liess. Gleicht dein Bruder, wie du
uns einmal sagtest, dir von Gesicht, und dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach
von Gestalt, so werde ich ihn lieben, und was wird der, den ich liebe, nicht aus
mir machen können!
    Himmel was habe ich dir alles geschrieben! Geschwind will ich es schliessen,
ich stürbe vor Beschämung, wenn es ausser dem treuen Auge der Freundschaft jemand
erblickte. Lass es weder von Sonne noch Mond bescheinen, sondern wenn du es
gelesen hast, so opfre es augenblicklich den Flammen, dass mein Geheimnis nur in
deinem Herzen existire. - Es beschämt und beunruhigt mich in der Tat nicht
wenig, dass ich vor meiner Mutter und meiner Schwester, denen ich nie etwas
verschwieg, eine Heimlichkeit haben soll, aber meine Mutter hat nichts im Sinn
als ihren Herzog Otto, bei dessen Namen mich immer ein Schauer befällt, weil
mirs immer ist, als flüsterte man mir ins Ohr: du wirst nicht acht Tage leben,
wenn du seine Gattin wirst. Was Elisen anbelangt - o die ist so glücklich in
ihrem Wittelsbach, dass sie kein Mitleiden für die Gefühle andrer haben würde,
und dass ich also auch gegen sie schweigen muss. - Sie kann sich selig preissen;
die Stelle in dem Herzen des vortreflichen Pfalzgrafen, die eine andre einnahm,
hat ihr das Glück, sie weiss selbst nicht wie, geräumt, er vergisst bei ihr
Kunigunden völlig, und kann sie leicht vergessen, denn Elise ist besser und
schöner, als die nunmehrige Gemahlin des päbstlichen Nepoten, aber ist nicht
Beatrix auch gut und schön? hatte sie nicht auch Gefühl für die Vorzüge des
Grafen von Wittelsbach? und doch musste sie zurückstehen, doch gebot ihr die
strenge Mutter, ja keinen ihrer Vorzüge vorleuchten zu lassen, damit es ja bei
dem Pfalzgrafen gar nicht zur Wahl käme, damit sein Auge ja gleich allein auf
der, welche man ihm bestimmte, haften bliebe.
    O Alverde, diese Dinge marterten mich ungemein, ehe ich wusste, dass Graf
Adolf mich liebt, jetzt bin ich mit allem ausgesöhnt, bin fest entschlossen, der
fatalen Staatsheirat auszuweichen so viel ich kann, und keines andern zu sein,
als der mich aus freier Wahl liebte; warum soll ich unter meinen Schwestern
allein die Unglückliche sein? warum will man mich allein aufopfern, da man die
andern nach ihrem Wunsch und Willen vergibt? Glaube mir, ich habe es an der
kastilischen Braut genug gesehen, welch ein elendes Ding es ist, wenn man so
einer trübseligen Verbindung entgegen schleicht, wie mir aufbehalten wird; Alix
hatte doch bei ihrem Elend noch einen Trost, ihre Bücher, was aber würde ich
haben, die bei der Unterhaltung mit den Todten nie die lebende sichtbare Welt zu
vergessen vermochte?
 
                           Alverde an Alf von Dülmen.
                                     1207.
                                                                        Pamiers.
Betrogen mich meine Augen, oder habe ich würklich meinen Bruder gesehen? Warst
du es der heute in der Messe uns gegenüber an der Säule stand, ganz im Anschauen
der schönen Alix verloren? du, der sich zwei Stunden darauf der kastilischen
Braut unter den Namen, Alf von Dülmen, vorstellen liess? - Mein Erstaunen überwog
meine Freude, sonst müsste ich mich gleich in deine Arme gestürzt, und den Namen
Bruder ausgerufen haben, und doch weiss ich nicht was geschehen wär, hätte mich
nicht dein gebietender Blick zurückgescheucht.
    O dass der meinige die nämliche Kraft haben könnte! dass er dich von einem
Orte zurückscheuchen möchte, wohin du nichts als Unglück bringen kannst. Bruder!
Bruder! was willst du hier! du weisst doch wohl, das deine angebetete Alix, deren
verführerisches Bild dir der verräterische Kalatin, Gott weiss warum, in die
Hände spielte, du weisst doch wohl, dass sie verlobte Königin von Kastilien ist?
dass sie in wenig Tagen dem Grafen von Kastelmoro, als dem Stellvertreter seines
Prinzen, vom Bischof von Kastilien angetraut wird? Noch einmal, was willst du
hier? verlangst du in dem Herzen noch einer unschuldigen Seele ein Feuer
anzuzünden, wie du es schon bei einer andern ohne es zu wissen getan hast? - O
Adolf, lass ab von der verlobten Alix, das Herz einer andern spricht für dich,
die so schön und unschuldig als jene, zwar ebenfalls verlobt, aber bei weiten
noch nicht so fest gebunden als sie, vielleicht eher dein Glück machen wird, als
die kastilische Braut. Bedenke, dass wir hier überall von wachenden Augen umgeben
sind, bedenke vor allen die Blicke der zahlreichen Geistlichkeit, die hier
überall auf uns treffen, du sagtest oft zu mir, die Bischöfe und Mönche wären
deine Freunde nicht, warum ziehst du dich hier, wo alles von geinfulten und
bekappten Herrn wimmelt, nicht zurück? Glaubst du, der Name, Alf von Dülmen,
werde dich schützen? sollte unter so viel scharfen Augen nicht ein einziges Paar
sein, das dich kennte? - Und wozu der Einfall, der Gräfin von Toulouse im Namen
ihres Bruders aufzuwarten, und ihr Schriften von seiner Hand zu überreichen, die
ihr wohl heimlicher hätten eingeliefert werden können? Du hast dich in die
Vertraulichkeit des Grafen eingeschlichen, um dich bei der Schwester einführen
lassen zu können, aber so unvorsichtig zu verfahren, als du verfuhrst, ward dir
vermutlich nicht aufgetragen. Du glaubtest wir wären ganz allein, und was
würdest du sagen, wenn ich dich versicherte, dass wir dennoch beobachtet worden
sein mussten?
    Die Fürstin von Kastelmoro, die man der Prinzessin aus Kastilien entgegen
geschickt hat, bat sie noch am nehmlichen Abend, sich nicht durch allzuvieles
Lesen die Augen zu verderben, und machte einige Versuche, sich der Bücher zu
bemächtigen, welche der liebste Zeitvertreib der unglücklichen Alix sind, es
gelang uns, ihren Augen die verdächtigsten, Henrich Brües und Peter Waldus
Gedanken vom Fegefeuer, vom Ablass, von den Bischöfen u.s.w. zu entziehen, aber
die Uebersetzung der Evangelien ist doch in ihre Hände geraten; Alix hat die
ganze Nacht über den Verlust geweint, und ich weine in der Stille über die
Folgen, die dieser Verlust haben könnte. - Alles dieses, erlaube mir es zu
sagen, sind Folgen deiner Unvorsichtigkeit! - O des boshaften Kalatins, dass er
durch das Bild der verlobten Alix dich auf Gedanken leitete, die, wie es
scheint, deinen Verstand ganz benebeln, und deine jüngere Schwester, die
einfältige Alverde, in den Fall setzen, dich zu recht weisen zu müssen, dich,
dem sie bisher, und wie es mich jetzt dünkt, nicht allemal zur Ehre der gesunden
Vernunft blindlings folgte. - Oeffne die Augen, Adolf, erkenne doch, was es dich
hilft, dich zum Anschau einer Person zu drängen, welche nicht mehr frei ist, und
bei welcher aufs beste genommen, deine Gegenwart ganz nutzlos sein wird, denn
das wirst du doch nicht wünschen wollen, dass du einen Eindruck auf die
unschuldige Seele machtest, dass du ihr Gefühle einflössest, welche sich mit der
Treue nicht vertrügen, die sie in wenig Tagen dem Prinzen von Kastilien schwören
soll? -
    Ich werde diesen Brief dir diesen Abend, wenn du wieder unvorsichtig genug
sein solltest, uns beim Spaziergehen zu verfolgen, selbst in die Hand drücken.
Die Fürstin von Kastelmoro, welcher dein geflissentliches Nachschleichen
überall, wo wir uns blicken lassen, nicht entgeht, affektirt zu wähnen, du
habest ein Auge auf mich geworfen; ich werde mich nach dir umwenden, dir einige
harte Worte sagen, und beiläufig Gelegenheit suchen, dir dieses unvermerkt
zuzustecken, es fremden Händen anzuvertrauen, wär unmöglich. - Hast du eine
Antwort für deine Schwester, so verbirg sie in dem hohlen Baume am Ende der
dritten Allee des Gartens, de la Mariniere, aber sie darf nichts entalten, als
Abschied auf ewig, von Alix und den Gegenden, wo sie lebt. Begieb dich an dem
kaiserlichen Hof, vielleicht dass dort ein besseres Glück dir lächelt,
vielleicht, dass ich dir dort Nachricht von mir geben und mit mehrerer Sicherheit
das nehmliche von dir erhalten kann.
 
                          Peter von Kalatin nach Rom.
                                     1207.
Es ward mir aufgetragen, den Grafen Adolf von *** auf was Art es sei, aus seiner
Sicherheit zu locken, und es ist mir endlich gelungen, ist mir schon vor
mehreren Monaten gelungen; dass ich dieses so spät melde, geschieht darum, weil
ich seine Spur gänzlich verloren hatte, und erst jetzt mit Zuverlässigkeit
weiss, dass er, nachdem er sich eine Zeit lang beim Grafen von Toulouse
aufgehalten hatte, jetzt zu Pamiers angelangt ist. Was ihn dortin leitete, war
Liebe. Liebe war das einige Mittel, den Unerschütterlichen zu fangen, sollte
ich, der ich sie in seinem Herzen weckte, sie auf einen unschicklichen
Gegenstand gelenkt haben, so wird der Schade davon immer allein auf ihn fallen;
ich darf nicht darüber zur Rechenschaft gezogen werden, da, wie ich hier
nochmals wiederhole, mir ungemessene Freiheit gegeben wurde, zu Erreichung
meiner Absichten, kein Mittel zu verschmähen.
    Dass der Graf von Segni von dem sogenannten Unbekannten, dem Stellvertreter
des Herzogs von Sachsen zu Pamiens viel verborgene Dinge erfahren haben soll,
darauf kann ich nichts sagen; ich habe ja erklärt, dass mir von allen
Heimlichkeiten dieser Art nichts bewusst ist. Der Unbekannte ist ein schwacher
leicht zu betörender Fürst, das Schicksal könnte dem klugen Grafen von Segni
keinen schicklichern Gegenstand in die Hände geführt haben. Ich wünsche ihm, dass
er nicht selbst betrogen sein mag!
 
                     Peter von Kalatin an den Unbekannten.
                                     1207.
Der Brief, welchen der sogenannte Alf von Dülmen an euch, mein gnädiger Herr,
geschrieben hat, ist mehr als kühn, und verdient die Vermehrung eures Hasses;
wohl euch, dass ihr nun bald im Stande sein werdet, ihm die Würkungen desselben
fühlen zu lassen. Er ist jetzt zu Pamiers, und was ich getan habe, ihn bloss
euch zu Liebe dahin zu bringen, das ist euch bekannt. Niemand als ich, der als
Repräsentant des freien Stuhls zu ** bei ihm den meisten Glauben findet, hätte
ihn durch falsche Ladungen zu Schritten verleiten können, die er vor dem
Gericht, in welchem er selbst eine so hohe Stufe bekleidet, nimmer verantworten
wird.
    »Sollte ich irre geleitet worden sein« spricht er in seinem Antwortschreiben
von euch - »Sollte ich irre geleitet worden sein, so müsste man sich an Peter von
Kalatin halten.« O guter Adolf, Peter von Kalatin wird den Kopf aus der Schlinge
zu ziehen wissen, wenn die Sache vor unserm furchtbaren Tribunal zum Vortrag
gebracht wird, und du wirst allein büssen, wozu du dich zu deinem Verderben
bereden liessest. Ich hasse diesen sogenannten Alf von Dülmen jetzt mehr als
jemals; euch machte ihn die schnell erlangte hohe Gewalt in unserm Zirkel zum
Feinde, und mich verhetzte gekränkte Liebe gegen ihn. Er schlug mir zu
wiederholten malen seine Schwester unter dem Vorwand ab, sie sei bereits an
Evert von Remen versprochen; ich musste mich rächen, und wie konnte ich es besser
tun, als wenn ich ihn in Leidenschaft gegen eine ebenfalls schon Verlobte
verstrickte. Seine rasende Liebe zu der Gräfin Alix von Toulouse, von deren
Vermählung an den kastilischen Gesandten ihr nun bald Zeuge sein werdet, liess
ihn alle Schritte, zu denen wir ihn verleiten wollen, mit mehrerer
Unbesonnenheit tun, als vielleicht sonst geschehen sein würde, und sie ward
noch überdem das Mittel, mir meine geliebte Alverde in die Hände zu spielen;
zwar ist mir dieser köstliche Raub jetzt wieder entwischt; aber Geduld! wenn all
unsere Anschläge geglückt sind, wird auch meine Liebe glücklich sein! Ein
mächtiges Hindernis derselben ist ja schon aus dem Wege geräumt. Evert von
Remen, mein glücklicher Nebenbuhler, hat nach seiner gewöhnlichen Einfalt und
Voreiligkeit all seine Habschaft in Geld verwandelt, und ist nach dem heiligen
Lande gezogen; sehr wohl! Das Glück hat gut zwischen uns entschieden, ihm gab es
das Kreuz, und mir bewahrt es die schöne Alverde auf.
    Verzeihet, gnädiger Herr, ich tue Unrecht, euch mit meinen Angelegenheiten
zu unterhalten, ja noch mehr, ich begehe vielleicht eine Torheit, dem
Heimlichkeiten anzuvertrauen, welcher so leicht auszulocken ist! - O der Graf
von Segni! der Graf von Segni! Eure beiden Augen hättet ihr ehe verlieren, als
diesem trauen sollen! Dass ich doch zu spät kam, euch zu warnen! Wie war es doch
möglich, einen so helldenkenden scharfsichtigen Geist, wie den eurigen zu
täuschen! - Ich in meiner Schwachheit habe ähnlichen Versuchungen, denen auch
ich ausgesetzt war, nie untergelegen, doch ich entging vielleicht der Gefahr
dadurch am sichersten, dass ich nie eingeständig war, Anteil an verborgenen
Dingen zu haben; wie sollten die Räuber in der Hütte des Mannes von kundbarer
Armut Schätze suchen!
    Das fatalste bei der ganzen Sache ist das, - erlaubt mir es zu sagen -
unüberlegte Geständnis gegen Alf von Dülmen, das der Graf von Segni euch
abgelockt hat. Wozu dieses? habt ihr eurem Gegner nicht damit die Waffen, euch
zu schaden, in die Hände gegeben? - Ich kann mich hierin in der Tat nicht in
euch finden, gnädiger Herr! Die Angst über die abgedrungenen Geheimnisse muss
euch zum Geständnis eurer Schuld, gleich gegen den ersten den besten, der euch
in den Sinn kam, gereizt haben, wie es denn weiche Seelen gibt, die die
kleinste Gewissenswunde nicht schnell genug durch Beicht und Absolution zu
heilen wissen. Ey Lieber, wenn ihr beichten wolltet, warum musste denn Alf von
Dülmen euer Konfessor sein? gab es keinen treuern Kalatin in der Welt, welcher
euch Trost und Lossprechung nicht versagt, und euch wohl noch eine Warnung
angehängt haben würde?
    Wisst ihr, worin sie besteht? - Ihr schreibt in der Kopie eures Briefs an den
von Dülmen, da so etwas von Verbrechen Kaiser Philipps, welche vor das heimliche
Gericht gezogen werden sollten; ich bitte, nehmt euch hier wohl in Acht, kommen
die Denunciationen von dem Grafen von Segni, so sind sie verdächtig. - Man
trachtet den Geheimnissen unsers Bundes nach, das ist offenbar; man beneidet uns
unsere unumschränkte Gewalt, will sie uns vielleicht entreissen, wie könnte das
leichter geschehen, als wenn man unsere Unfehlbarkeit verdächtig machte? wenn
man unsere Gerechtigkeit statt der Binde gefärbte Gläser vor die Augen legte,
und sie zu falschen Urteilen verleitete? -
    Noch einmal, nehmt euch in Acht, denn könnte es nicht auch möglich sein,
dass eine fremde Macht Philipp den Kaiser hasste, und durch unser Schwerd
auszuführen suchte, was sie sich selbst nicht zu handhaben getrauet?
    Was mich anbelangt, ich hasse Alf von Dülmen herzlich, weil ich Alverden
liebe, ich wünsche seinen Untergang, teils weil seine Grösse meinen Stolz
beleidigt, teils weil es hier und da einige gibt, die ihn ebenfalls gern
gedemütigt sehen möchten, und mir meinen Beitritt in ihren Anschlägen gut
bezahlen. Aber der Göttin, deren Diener wir alle sind, der unsichtbaren Temis
werde ich ewig treu und gewärtig bleiben, und bis auf den letzten Hauch meines
Lebens sei es mein liebstes Geschäft, an der Unerschütterlichkeit ihres Trons
zu arbeiten. Ungeachtet ich bedürfenden Falls es für gut halte, sie gar nicht zu
kennen, wohl gar gelegentlich auf ihre Diener zu schmähen; Dinge, womit ich ihr
sicher die treusten Dienste leiste.
 
                           Alf von Dülmen an Alverde.
                                     1207.
O Schwester, was legst du mir auf! Ich soll den Himmel verlassen, in welchem
meine Göttin wohnt, nachdem ich alle Quaalen der Vorhölle ausgestanden habe, ihn
zu erreichen? ich soll die himmlische Alix nicht mehr sehen, deren Anblick die
Spur jeder Schönheit, die ich vor ihr sah, verlöschte, jeden Reiz, den ich nach
ihr erblicken möchte, zur Häslichkeit machen wird? Rede mir nicht vom Glück, das
ich durch fremde Liebe erreichen könnte, rede mir nicht von dem, was das Herz
einer andern für mich sprechen mag, ich höre nichts, ich sehe nichts als die
göttliche Gräfin von Toulouse; und liebte mich das Wunder unserer Zeit, Kaiser
Philipps Tochter, die aufblühende Beatrix, nach deren Besitz alle geizen, die
sie je gesehen haben, ich verschmähte ihre Liebe, um einen einigen Blick von
jenem Engel zu gewinnen, dessen Reize mir Kalatins Bild so schwach, so
unvollkommen schilderte.
    O Alverde, es ist Unsinn was ich dir schreibe, aber verzeihe! - Du hast nie
einen Zustand wie den meinigen erfahren, mein Gehirn ist in Flammen, mein Blut
kocht, ich fühle, dass ich wie ein Rasender handle, aber ich kann, ich kann mich
nicht zurückziehen, und stünd mein Leben und das Leben meiner Geliebten auf dem
Spiele. -
    Die wildesten Entwürfe von Raub, Mord und Entführung durchkreuzen meine
Einbildungskraft. Sprich selbst, wie soll ich meine Geliebte dem glücklichen
Kastilier anders entreissen, als durch Gewalttat? Ihm, der sein Glück nicht
einmal zu schätzen weiss, der kalt genug ist, einen Gesandten zu schicken, der
seine Hand an seiner Statt in die Rechte der himmlischen Braut legen, und den
priesterlichen Segen über sich sprechen lassen soll! - O für so einen
Handschlag, für so einen Segen über mich und sie, gäbe ich mein Leben; aber mir
wird nicht einmal ein Blick von ihr zu Teil; sittsame Zurückhaltung und eine
himmlische Schwermut, die sie vollends unwiderstehlich macht, senken ihre
Augenlieder zur Erde, und du und die feindselige Kastelmoro zieht euch so dicht
um sie her, dass kein Seitenstrahl von ihren Blicken auf mich fallen kann!
    Ich habe euch gestern, deinen Warnungen zum Trotz, wieder unablässig
umschwebt, ich habe sie gesehen, ob ich gleich von ihr wohl nicht bemerkt wurde.
Sie war traurig, - Sprich, warum mag Alix trauern? Ach sie liebt ihn nicht, den
Prinzen von Kastilien, oder sie weiss, dass sie von ihm nicht geliebt wird! Ich
habe Nachricht von einem vertrauten Freunde, dass Ferdinand die Prinzessin Elise
einst sah, und mehr bei ihrem Anblick fühlte, als bei den Reizen des Engels, den
ich anbete. Himmel! wie mag irgend ein Sterblicher die Gräfin von Toulouse
sehen, und doch für eine andere noch Augen haben können?
    Möchte doch der Himmel eine so übelausgesonnene Verbindung stören! Ferdinand
fühlt nichts für Alix, sie nichts für ihn, was kann daraus entstehen! - Möchte
man doch Ferdinanden seine Elise geben, und mir meine Geliebte lassen. Man soll,
(hast du nichts davon gehört?) am kaiserlichen Hofe sehr darauf denken, eine
Prinzessin zur kastilischen Königin zu machen; was man sich doch für Mittel
bedienen wird, diesen Entzweck zu erreichen?
    Wie, wenn ich Philippen einen Ritterdienst erzeigte, und die Gräfin von
Toulouse entführte, dass seine Tochter auf dem kastilischen Trone Raum hätte!
    Alverde, ich hoffe, du glaubst nicht, dass diese Dinge mein Ernst sind; du
könntest etwa heimliche Anschläge auf die Gräfin argwohnen, und da du meiner
Liebe so entgegen bist, Gegenvorkehrungen zu treffen. - Dies wär lächerrlich!
Alverde, wahrhaftig, dies wär sehr lächerrlich! Unternimm nichts von solchen
Dingen, wenn du einen Anteil an meiner brüderlichen Liebe behalten willst!
 
            Die Fürstin von Kastelmoro an den Bischof von Kastilien.
                                     1207.
Was für einen Posten hat man mir anvertraut? was für einer Person bin ich zur
Hüterin gesetzt? - Diese Alix soll Königin von Kastilien werden? - Hier leset
die Bücher, die ihre Lieblingsunterhaltung sind, hier die Briefe, die man an
ihre Jungfrauen schreibt! - Was wollen wir machen? eine Ketzerin auf den Tron
setzen? unserm Prinzen eine Gemahlin geben, die weder ihn liebt, noch von ihm
geliebt wird? - Leset, was der Unsinnige, dessen Brief ich hier einschliesse,
hievon schreibt. Sollte es möglich sein, dass die kaiserliche Prinzessin dem
Prinzen von Kastilien besser behagen würde, als diese Gräfin von Toulouse? - Und
wär hier nicht auch ein Ausweg zu finden, eine Aenderung in der Sache zu
treffen, ohne Wortbrüchig zu scheinen? -
    Ihr müsst diese Dinge reiflich überlegen! - Man könnte nach Kastilien
berichten, dass Alix eine heimliche Waldenserin ist, dass sie von einem Rasenden
verfolgt wird, welcher nicht ehe ruhen wird, bis er sich ihrer bemächtigt hat; -
doch das geht nicht! - Eilt, gebt mir euren Rat. Was ich tun kann, habe ich
getan, das ist, ich habe jene Alverde, deren heimliche Korrespondenz man mir
verriet, eilig entfernt, und zwanzig Spione aufgeboten, mir den Verwegenen
auszukundschaften, der sich ihren Bruder nennt, ohne sich einen andern Namen zu
geben. Ich habe auf jenen Alf von Dülmen, jenen Menschen, mit dem unerklärlichen
Ansehen geraten, der sich seit einiger Zeit hier sehen lässt, ich habe Alverden
darüber auszuforschen gesucht, aber weder Gewalt noch Güte konnten sie besiegen.
Ich würde noch strenger gegen sie verfahren sein, als ich getan habe, wenn es
nicht offenbar wär, dass in vergangener Nacht würklich ein Anschlag zur
Entführung der Gräfin vorhanden war, der allein durch Alverdens Klugheit
vernichtet wurde - Ich glaube allenfalls, ich könnte sie beibehalten, ohne zu
fürchten, dass ihre Ehrlichkeit irgend einem der rasenden Anschläge ihres Bruders
die Hand bieten würde, aber ich habe sie entlassen, weil sie der Gräfin von
Toulouse mit unverbrüchlicher Treue ergeben ist, und sich Dinge ereignen
könnten, bei welchen wir sie nicht zur Zeugin zu haben wünschen würden. Eilet,
mir Antwort auf meine Fragen, Rat in meinen Verlegenheiten, und wenn ihr einen
Entschluss gefasst habt, die nötigen Verhaltungsregeln zu schicken.
 
                 Alverde an den Pfalzgraf Otto von Wittelsbach.
                                     1207.
Die fürchterliche Angst, in welcher ich mich befinde, entschuldige mich, dass ich
mich an einen Mann wende, der mir, wenn ich die wenigen male ausnehme, da ich
ihn als Kunigundens Bräutigam bei Hofe sah, ganz unbekannt ist. - Unbekannt? -
kann man sagen, man kenne den Pfalzgrafen Otto nicht, wenn man seinen Namen auch
nur gehört hatte? diesen Namen, der im ganzen römischen Reiche den edeln
Charakter desjenigen bezeichnet, welcher ihn führt? - Ja, Otto, ich kenne euch,
ich weiss, dass ihr gern helfen wollt, wo ihr könnt, und wer könnte es mehr in dem
Falle, da ich eure Hülfe anflehe.
    Euer Freund, Alf von Dülmen, oder wenn ihr lieber so wollt, Graf Adolf von
***, mein Bruder, ist in Gefahr. Eine wütende Leidenschaft zu der kastilischen
Braut, eine Liebe, die man ihm, ich weiss nicht ob durch Zauberkünste beigebracht
hat, hält ihn hier zu Pamiers fest, und lässt ihn Dinge begehen, welche ehe den
Handlungen eines Rasenden, als dem Betragen ähnlich sind, das sich von einem so
guten Kopf und Herzen, wie das seinige sonst war, vermuten lassen.
    Da persönlicher Umgang mit ihm hier unter tausend Aufmerkern unmöglich ist,
so suchte ich eine Zeitlang durch Briefe ihn auf den rechten Weg zu leiten;
zweimal vernichtete ich seine tollkühnen Anschläge auf die Gräfin Alix, welche
ihn zum Hochverräter und zum Jungfrauenräuber gemacht haben würden. Ob das, was
ich für ihn tat, ihn zur Erkenntnis und Besserung gebracht hat, weiss ich nicht,
er befindet sich in einem fürchterlichen Rausch von Leidenschaft, der ihn nichts
beachten lässt; so viel ist gewiss, dass alle seine Plane zu unvorsichtig angelegt
waren, um nicht entdeckt zu werden, sie haben nur allzuschnell Unglück über uns
beide gebracht. Ich habe meine Entlassung aus der Hofstatt der Gräfin von
Toulouse erhalten, und ihm stellt man auf eine Art nach Freiheit und Leben, die
bei seiner gänzlichen Verblendung nicht wohl fehlschlagen kann.
    Was ich in dieser schrecklichen Lage von euch getan wünsche? - O Otto,
könntet ihr so fragen? Ich weiss die Verbindung nicht, in welcher ihr mit meinem
Bruder steht, aber dass eine solche, dass die allergenauste zwischen euch statt
findet, davon bin ich durch tausend Umstände überzeugt. Ich kann mich hierüber
nicht genau erklären, aber ihr könnt wohl denken, dass eine Person mit sehenden
Augen, eine Schwester, die ihren Bruder und was ihn umgab, so lange wir noch in
Westphalen waren, täglich sah, manches mutmassen musste, was sie zu furchtsam ist
zu gestehen. Ich weiss, dass ihr, oder durch eure Vermittelung einer, der noch
höher ist als ihr, nur ein Wort zu sagen braucht, eure Verbundenen aus allen
Winkeln Deutschlands zusammen zu rufen; sprecht dieses Wort, und Adolf, der
sonst auf nichts hört, wird gehorchen, oder gehorchen müssen; ruft ihn hinweg
von diesem Orte, wo Lebensgefahr und Gelegenheit zu neuen Vergehungen ihm
drohen, gebt eurem Freunde Sicherheit und Tugend, und der unglücklichen Alverde
das Leben wieder. Ihr kennt mich zwar wenig, und nichts ist, das euch für mich
persönlich interessiren könnte, aber ihr würdet Mitleiden mit mir haben, wenn ihr
meine Angst sehen könntet. Ich bin Schwester, ich bin Freundin, meine Lieben
stehn am Rande des Verderbens, dies ist alles was ich sagen kann, denkt euch das
Uebrige.
    Ach, Otto, ich habe euch einmal zum Vertrauten gewählt, mein Herz ist
geöffnet, ich muss es vollends ausschütten. Die Lage meines Bruders ist es nicht
allein, was mich ängstigt, ich leide noch um eine Person, die mir wenigstens so
lieb ist als er, leide um meine Freundin Alix. Ich bin von ihr getrennt, habe
meine Entlassung trotz meiner Unschuld an Alf von Dülmens Händeln erhalten. Ihr,
der ihr meinen Stand kennt, werdet wohl erraten, dass die Entbehrung einer
armseligen Hofstelle, die ich meinen eigenen Jungfrauen besser geben kann, mich
nicht beunruhigt; die Trennung von der Gräfin von Toulouse ists, was mich quält,
unter dem Namen ihrer Dienerin war ich ihre Freundin, sie kennt meinen Stand, so
weit ich ihr ihn entdecken durfte, und lebte nie anders mit mir, als die Gleiche
mit der Gleichen. Sie verlassen, sie in Händen verlassen zu müssen, die mir
verdächtig sind, dies ist die Ursach meiner Angst.
    Die kastilische Heirat ist eine von den unseligsten Verbindungen, welche je
in dem Kopfe eines Staatsmanns ausgeheckt worden sein mögen, bei den beiden
Hauptpersonen findet sich nicht ein Funken von Liebe; dies ist nicht genug, auch
die Grossen von Kastilien sind heimliche Feinde der unglücklichen Braut. Der Plan
zu dieser Vermählung ward so lange gemacht, dass sich seitdem das Staatsinteresse
zehnmal verändert hat, man schliesst sie jetzt nur darum, weil man einmal
gegebenes Wort nicht brechen mag; aber ich bin so gewiss überzeugt, als ich das
Leben habe, dass man nichts mehr wünscht, als sich je eher je lieber eine
unglückliche Prinzessin vom Halse zu schaffen, welche ihrem Gemahl jetzt keine
sonderlichen Staatsvorteile mehr zubringen kann. Man geht mit neuen
vorteilhaften Verbindungen für den kastilischen Prinzen um, die ich euch nicht
genauer bezeichnen will, um euer Herz, guter betrogener Pfalzgraf, nicht vor der
Zeit zu brechen. Die letztern Abenteuer, der unglücklichen Alix, die
entstandenen Zweifel wider ihre Rechtgläubigkeit, und die Rasereien meines
Bruders, kamen vielleicht recht zu gelegener Zeit, um irgend einem grausamen
unbilligen Verfahren gegen eine Unschuldige einen Anstrich zu geben. Worin das,
was man wider meine Freundin im Sinne hat, bestehen mag, weiss ich nicht, aber
dass irgend ein schrecklicher Vorgang vor der Tür ist, das mutmasse ich aus
allen Umständen. Ach man entfernte mich vielleicht bloss darum von ihr, damit man
sie desto sicherer stürzen könnte, man wusste, dass mein Auge zu sehr über sie
wachen würde, um betrogen zu werden.
    Ich erhielt, als ich von der Fürstin von Kastelmoro entlassen ward, den
Befehl, Pamiers sogleich zu verlassen, und ihr werdet wohl erraten, dass ich
mich nicht für verbunden hielt, ihn zu befolgen. Verlass mich nicht ganz,
Alverde! rief Alix, als sie sich beim Abschied weinend an meinen Nacken
schmiegte, bleib hier in irgend einem Kloster, wo ich dir Nachricht von mir
geben kann; dieser Bitte, oder vielmehr dem Antrieb meines eigenen Herzens zu
folge, halte ich mich bei den hiesigen Cölestinernonnen auf, bereit auf den
ersten Wink alles für diejenige zu wagen, für welche ich gleichfalls die Hülfe
des guten Fürsten anflehen würde, an welchen ich schreibe, wenn ich anzugeben
wüsste, wie der unglücklichen Gräfin zu helfen wär. So lang sie in den Händen der
Kastilier ist, gibt es keine Möglichkeit, sie mit einem Anschein des Rechts zu
befreien, und wer weiss, ob sie lebendig aus denselben kommen wird. O
schreckliche, schreckliche Vorstellungen! ich suchte ihr Quälendes durch
Mitteilung zu lindern, aber ich merke, dass sie bei mehrerer Auseinandersetzung
nur mehr Wahrscheinlichkeit, nur mehr Kraft gewinnen, mein Herz zu foltern.
    Pfalzgraf Otto, ihr könnt die Prinzessin nicht retten, rettet wenigstens
meinen unglücklichen Bruder auf die Art, welche euch besser bewusst sein wird als
mir.
 
                                Alix an Alverde.
                                     1207.
Noch einen harten Stand habe ich nach deiner Entfernung gehabt; ich ward über
Dinge befragt, von welchen ich zum Glück keine Auskunft geben konnte, über
deinen Stand und Herkunft; dass du mehr bist als du dich ausgiebst, musste ich
gestehen, wie hätte ich leugnen sollen, was jedem, der dich sieht, in die Augen
fällt. Ueberhaupt ist leugnen gar nicht meine Sache. Eure Rede sei ja, ja, nein,
nein, sagen unsere Bücher, die man mir so grausam entrissen hat; gut dass die
Lehren derselben in mein Herz geschrieben stehen, womit wollte ich sonst mich
jetzt, und in meinem langen freudenlosen Leben trösten, das ich an dem
kastilischen Hofe vor mir sehe?
    O, Alverde, weisst du was ich jetzt oft mir wünsche? frühen Tod! Ich mit all
meinen Wünschen und Hoffnungen passe ja eigentlich gar nicht in diese Welt. Ich,
Alverde, ich soll eine Königin werden? Ja, wenn Königinnen ihren Scepter trügen,
bloss um wohlzutun! - Dieser Gedanke, der Gedanke durch die Krone zur
unumschränkten Macht zu gelangen, Gutes zu stiften, und Elend zu lindern, dieser
machte mir lange Zeit mein Loos erträglich. Himmel, Gutes tun, und nicht müde
werden, und bei dieser unermüdeten Begier nach guten Taten, eine eben so
unerschöpfliche Quelle an Macht und Vermögen zur Seite zu haben, aus der man nur
nehmen und ausstreuen könnte, wo Mangel und Elend lechzte, und wenn denn rund
umher, so weit die Augen reichen, alles befriedigt, alles beglückt wär, mit dem
Seherblick, den man Königen zuschreibt, in die Ferne spähen nach neuer Arbeit,
mit ihrem weitreichenden Arm Hülfe und Trost in die entlegensten Gegenden der
Erde tragen, dieses war so mein Plan, und wer bei einem solchen eine Krone
verschmähen, oder die Ruhe des Todes der Tätigkeit des Lebens vorziehen wollte,
o der müsste wohl den Hauch nicht verdienen, den ihm der Schöpfer für andere
nicht für sich schenkte.
    Ich habe der Kastelmoro viel von meinen Wünschen und Hoffnungen gesagt, sie
hat mich verlacht, und mir so ein ganz andres Bild von dem Leben einer Königin
entworfen, dass ich mich mit wahrer Lebensmüdigkeit sehne, das Joch abzuwerfen,
welches man mir auflegen will, und das ich zum Teil schon trage. Es scheint, zu
tugendhafter Tätigkeit werden mir die Hände in Kastilien noch mehr gebunden
sein, als im Kloster; wer wollte sich da das Leben wünschen? -
    Mein Ansehen ist hier so klein, ungeachtet alles sich stellt mir zu Füssen
zu sinken, dass ich nicht einmal Macht zu bitten habe, oder Hoffnung, dass man
meine Vorbitte hören wird: Du erinnerst dich vielleicht eines jungen Menschen,
welcher einst von meinem Bruder abgeschickt, mir einige Bücher brachte, deren
Verbergung uns in der Folge so grosse Unruhe machte - (ach sie sind auch dahin,
man hat mir sie genommen, und ich habe die Kastelmoro in Verdacht, dass sie sie
den Flammen opferte) - dieser junge Mensch also, - (Alf von Dülmen denke ich ist
sein Name) - der schönste Jüngling, den ich jemals sah, mir doppelt rührend,
durch den Ausdruck heiliger Schwermut in seinem Auge, ist einigemal in Kirchen
und auf Spaziergängen ertappt worden, dass er mir und meinen Frauen folgte; ich
weiss es selbst, dass er es tat, ich sprach damals mit dir davon, und glaubte,
dass du, meine Alverde, der Gegenstand seiner Aufmerksamkeit wärest, ach die
blendende Blässe seiner Wangen, und der wilde Blick seiner herumirrenden Augen
hätte wohl auf das deuten können, was ich wohl ehe von den Würkungen
unglücklicher Liebe hörte. - - Nun dieser Alf von Dülmen, (ich weiss nicht, wie
ich dies sagen soll, mir ists als würde ich mit der Nachricht dein Herz
verwunden, ich fange zehnmal an und kann nicht endigen,) - genug man hat ihn,
Gott weiss warum, eingezogen, und in ein abscheuliches Gefängnis geworfen. Sein
Diener kam, nach dir zu fragen, und dich um Vorbitte für ihn anzusprechen,
woraus ich fast schliessen möchte, dass er dir bekannt wär, und meine Furcht, du
könntest durch die Nachricht von seinem Schicksal gekränkt werden, ihren guten
Grund hätte. -
    Du warst nicht mehr vorhanden, da wandte sich Alf von Dülmens Vorbitte an
mich, und du kannst wohl denken was ich tat. Zum Bischof von Kastilien eilte
ich, welcher des Gefangenen Schicksal in Händen hat, für ihn zu bitten; aber
glaubst du, dass meine Vorbitte, die Vorbitte einer Person, welcher man mit der
Macht zu befehlen schmeichelt, etwas fruchtete? Fast zu Füssen habe ich mich dem
grausamen Priester geworfen, umsonst! Mein Eindringen schien ihn nur noch mehr
zu erbittern. - Ich eilte von ihm zu den Grafen von Kastelmoro, dem Sohn der
Fürstin, ich bestürmte das Mitleid der Fürstin selbst, sich mit mir bei dem
Bischof zum Besten des armen Unbekannten zu verwenden; ich ward eben so hart,
fast möchte ich sagen schimpflich zurückgewiesen. Es hat das Ansehen, als wollte
man mir es zur Sünde rechnen, dass ich Gefühl für fremde Leiden habe. Man hat
mich in Verdacht geheimer Kenntnis von den mir unbekannten Verbrecher jenes
Gefangenen; man tut Fragen an mich, über die ich erstaune! O, Alverde, noch
einmal, ist dieses der Zustand einer künftigen Königin, so wähle ich den Tod -
doch ihn herbeizuwünschen, ist fast so ruchlos als ihn beschleunigen, ich nehme
also meine Worte zurück, und ergebe mich in mein Schicksal.
    Alf von Dülmen soll tod sein, man sagt, meine Vorbitte habe sein Urteil
beschleuniget, o Alverde, siehe hier die glorreichen Würkungen, welche
inskünftige meine Verwendungen für Elende haben werden.
 
        Pfalzgraf Otto von Wittelsbach an Bernhard, Herzog von Sachsen.
                                     1207.
Ich habe Nachricht, Graf Adolf von *** sei in Lebensgefahr, ich sehe nicht, was
man ausser einigen jugendlichen Torheiten für Verbrechen auf ihn bringen kann,
hier ist der Brief seiner Schwester, durch welchen ich hievon das erste erfuhr,
zu weiterer Belehrung; ihr wisst, meine Macht reicht nicht zu seiner Rettung hin,
ihr aber vermögt alles. Der Ort der Gefahr ist Pamiers, die Hauptfeinde des
Verfolgten wahrscheinlich Mönche. Genauere Kunde werdet ihr besser und schneller
als durch mich erhalten können.
 
                                    Antwort.
                                     1207.
Noch immer durch Krankheit festgehalten, muss ich die tätige Hülfe für den
Freigrafen Adolf, dem Herzog von ** auftragen, welcher sich an meiner Statt
unbekannt zu Pamiers aufhielt. Wenn ihr dieses durch die gewöhnlichen Mittel
erhaltet, wird Graf Adolf wahrscheinlich schon gerettet sein! - Dass Mönche seine
Feinde sind, ist nicht zu bewundern, sie sind Feinde unsers ganzen Bundes; sie
trachten nach der Macht, die uns Gott und der Kaiser verliehen hat. Ich habe dem
Herzog ** nach Pamiers warnend geschrieben, dass er sich von niemand auslocken
lasse, auch euch, mein teurer Wittelsbach, warne ich. Ich höre von einer
besondern Vertraulichkeit zwischen euch und dem Bischof von Sutri; Dinge, die
mir nicht gefallen. Nehmt euch in Acht, ihr werdet nie aus Bosheit und
Leichtsinn fehlen, aber ich kenne euer Herz, ihr könntet leicht aus frommer
Unachtsamkeit, euch zu Äusserungen über Dinge verleiten lassen, die uns Gefahr
bringen könnten, und die euch auf der Stufe, auf welcher ihr steht, noch nicht
einmal verständlich sind.
 
                    Alf von Dülmen an den Pfalzgrafen Otto.
                                     1207.
Kann ich die Hand verkennen, welche mich aus dem Kerker, dem Tode aus dem Rachen
riss? Es war die Deinige, aber soll ich dir danken für das was du tatest? In
welch ein Leben hast du mich zurückgerufen! Es ist wahr, das Elend des
Gefängnisses hat mein Gehirn ein wenig abgekühlt, hat mein Blut ruhiger fliessen
gemacht, hat mir Musse zum Nachdenken gegeben; in der Dunkelheit eines Kerkers
beurteilt man manche Dinge richtiger, als bei hellem Sonnenlichte, aber wenn
ich auch das Rasende meines Betragens in Ansehung der Gräfin von Toulouse
einsehe, wenn ich auch fühle, zu welchen Taten mich eine wütende Leidenschaft
beinahe hingerissen hätte, und dem Schicksal danke, dass es mich bei so viel
Abgründen vorüber führte, macht dies meine Lage glücklicher? Alix ist und bleibt
dennoch für mich verloren. Mit dem Tage, der sie zur Königin von Kastilien
macht, stirbt für mich jede Hoffnung auf Glück. Noch irgend eine Freude auf der
Welt zu erwarten, würde für den, welcher so niedergedrückt ist als ich,
lächerrlich sein.
    Du schreibst, an dem kaiserlichen Hofe könne Glück für mich blühen, die
jüngere Schwester deiner Verlobten, die Prinzessin Beatrix sei noch nicht so
fest für den Herzog von Braunschweig bestimmt, dass sich nicht Aenderung hoffen
liess, sie habe dir den wahren Namen ihrer Freundin Alverde und ihres Bruders
abgefragt, habe mein Bild bei dir gesehen, und vorteilhaft von mir gesprochen;
alles gute und schöne Dinge, welche mir fast dasjenige wieder ins Gedächtnis
rufen könnten, was mir einst meine Schwester in voller Angst über meine
Anschläge auf die Gräfin von Toulouse schrieb; - mir helfen im Grunde all diese
Hoffnungen nichts; und wär Beatrix noch zehnmal schöner, als sie sein soll, und
wär sie, statt die Tochter eines Kaisers zu sein, selbst Kaiserin, und brächte
sie mir mit ihrer Hand Kron und Tron, die angebetete Alix würde sie mich doch
niemals können vergessen machen. -
    Doch ich fühle das Gewicht deiner Ratschläge, ich muss mich herausreissen,
muss Pamiers verlassen, und meinen Gedanken, wär es auch nur zum Schein, eine
andere Beschäftigung geben, damit ich die Königin von Kastilien vergesse.
    O Otto, du weisst nicht, wie weit meine Leidenschaft für sie gegangen ist, so
weit, dass sie mich die Pflichten der Freundschaft vergessen machte; mir kam
etwas zu Ohren, als könnte man willens sein, der Gräfin von Toulouse die ihr so
lang bestimmte kastilische Krone zu entziehen, und sie einer andern, die dem
Königreiche mehr Nutzen brächte, zuzuwenden; diese Andre, versicherte man mich,
könnte wohl Kaiser Philipps Tochter, deine Elise sein; und solltest du es wohl
glauben, dass ich mich freute, dich zum zweitenmal deiner Verlobten beraubt zu
sehen? nicht etwa weil dies dich unglücklich machte, sondern weil es meinen
Hoffnungen auf Alix mehrere Wahrscheinlichkeit gab. In dem Taumel, in welchen
ich damals war, glaube ich im Stande gewesen zu sein, dir deine Braut mit
eigener Hand zu entreissen, und auf den kastilischen Tron zu setzen, nur dass
Alix mir geblieben wär. - Gott lob, dass die blinde Raserei der Leidenschaft
vorüber ist, welche nichts auf Freundschaft und Billigkeit achtet, nur auf
eigenen Nutzen sieht.
    Jetzt habe ich schon wieder gelernt, auf den Gedanken mit Entsetzen zu
blicken, dass Philipp dich zum zweitenmal verraten könnte; o Otto, wenn dieses
möglich wär! traue ihm nicht zuviel, ich habe Dinge von ihm gehört, welche mich
schaudern machen! Auf jeden Fall sorge, dass Elise bald dein Eigentum werde, so
lange sie noch in der Gewalt ihres wankelmütigen Vaters bleibt, kannst du nicht
gewisser auf ihren Besitz rechnen, als auf ihre Schwester Kunigunde. Der Pabst
hasst dich und den Kaiser, er zittert vor dem Gedanken, die Macht des einen durch
Verbindung mit dem andern gestärkt zu sehen, er wird nicht ermangeln, zum
zweitenmal zu stören, was er weder dir noch ihm gönnte. Glaube nicht, dass ich
dich mit blossen Mutmassungen unterhalte, sobald ich bei dir bin, will ich dir
Beweise auflegen.
    Bald, bald siehst du mich an dem kaiserlichen Hofe, diesen Abend noch einen
Abschiedsbesuch bei meiner Schwester im Kloster, und morgen meine Abreise. Die
arme Alverde, die treue zärtliche Schwester verdient durch den Anblick dessen
getröstet zu werden, dessen Schicksal ihr so viel Kummer machte. Man hatte ihr
hinterbracht, ich sei tod; denke dir das Entsetzen der guten Seele.
    Du wunderst dich über den ruhigen Ton, in welchem ich der vor wenig Tagen
noch halb Wahnsinnige schreibe, du kannst nicht begreifen, dass die Kerkerluft
allein diese Aenderung bewirkt habe? - Du möchtest vielleicht Recht haben.
Wisse, ich bin jetzt mit mehreren Hoffnungen in meiner Liebe beglückt als zuvor,
ich habe erfahren, dass die himmlische Gräfin von Toulouse sich in meinem Elend
durch die dringendsten Vorbitten für mich verwendet hat; dies schmeichelt mir
nicht allein mit dem Gedanken, dass ich ihr nicht gleichgültig bin, sondern es
bringt mir auch noch andre Möglichkeiten in den Sinn. Sie hat durch ihre Gnade
gegen mich, welcher man einen höhern Namen gibt, als ich für wahr halten kann,
den Hass der Kastilier noch mehr auf sich geladen, ihre Einsegnung mit dem
kastilischen Gesandten wird verschoben von einem Tage zum andern, sie werden sie
nimmer zu ihrer Königin machen; sie sinnen nur darauf, wie sie das Band mit
guten Schein brechen, und die Heiratswerbung um deine Elise anspinnen wollen;
das letzte soll ihnen, so Gott will, fehlschlagen, aber das erste bringt die
schöne Alix in meine Arme. Auf die erste Bewegung, die man macht, sie ihrem
Bruder zurück zu schicken, - und dies muss geschehen, ehe man mit Anstand die
Werbung um die kaiserliche Prinzessin einleiten kann - auf den ersten Wink, den
mir Alverde, mit der ich einverstanden bin, hievon gibt, habe ich Recht, die
Verstossene in meine Arme aufzufassen. Hier ist die Rede weder von Entführung
noch Gewalttat. Ganz ruhig, und vor den Augen der ganzen Welt bringe ich sie
nun in die Arme ihres Bruders zurück. Die Lage des Grafen von Toulouse ist
bedenklich, der Schutz, den er den Waldensern in seinen Landen gönnt, reizt
allgemach den Zorn des Pabsts, man sagt, der tapfre Graf Simen von Montfort
rüste sich mit mehreren Tausenden, einen7 Einfall in die durchächtete Grafschaft
zu tun; dies ist gerade so ein Gegner für mich. Der Graf von Toulouse wird Alf
von Dülmens Schwerd brauchen können, und ihm denn, wenn er sich ihm als Graf
Adolf von *** zu erkennen gibt, seine Schwester nicht versagen.
    Siehe, Otto, dies sind meine Plane und meine Hoffnungen, sie haben mich aus
der Tiefe der Verzweiflung herausgerissen, ein Unglück für mich ists, dass diese
Dinge Zeit brauchen. Verlass dich darauf, ich komme nach Hofe, um die grosse Crise
abzuwarten; meine Schwester, Alverde bleibt hier in der Verborgenheit ihres
Klosters, und wacht für alles.
 
                           Alverde an den Pfalzgrafen
                             Otto von Wittelsbach.
                                     1207.
Ich habe den Brief gelesen, den euch mein Bruder schreibt, um Gotteswillen
begünstiget alle seine weitaussehenden Hoffnungen, sie sind das einzige Mittel,
seinen Rückfall in jenen fürchterlichen Zustand zu verhüten, dem er kaum
entgangen ist. Was mich anbelangt, ich hoffe wenig und fürchte viel, aber ich
verschliesse meine heimliche Angst in meinen Busen. Die Hauptsache ist jetzt,
meinen Bruder von Pamiers zu entfernen; seine Gegenwart hier taugt zu nichts,
als ihn in neue Gefahren zu stürzen, und die Lage der Gräfin von Toulouse noch
bedenklicher zu machen. Die Grossmut, mit welcher sich diese edle Seele für den
verwendete, den sie nie anders kannte, als Alf von Dülmen, und für den sie
nichts weiter fühlt als Mitleid, da ihr seine Leidenschaft für sie ganz
unbekannt ist, diese Grossmut, dieses dringende Bitten um seine Befreiung, als
er gefangen war, ihr Kummer über den Abschlag, ihre Betrübnis über seinen
vermeinten Tod, ihre Freude, als sie von ohngefähr erfuhr er sei frei, werden
ihr hier ganz falsch ausgelegt, und es ist nichts besser, als dass Alf von Dülmen
gänzlich verschwinde, um ihr Ruhe zu schaffen.
    Wie ihr seine Befreiung bewürkt, wie ihr den Bischof von Kastilien genötigt
habt, ihn herauszugeben, das ist Gott bekannt, mir ziemt es nicht darnach zu
fragen, es scheint, euch und den eurigen ist alles möglich, und ihr könntet wohl
dem Tod und die Hölle zwingen, ihre Gefangenen wieder heraus zu geben. Möchte
sich doch eure Macht auch auf die unglückliche Alix erstrecken! aber es scheint,
man muss in euren Bund gehören, um eure Hülfe vollkommen zu geniessen, und der
schwächere und am meisten hülfsbedürftige Teil des menschlichen Geschlechts,
wird sich also immer eurer Macht am wenigsten zu getrösten haben.
    Lebt wohl, edler Pfalzgraf. Die Warnungen, wegen eurer Verlobten, der
Prinzessin
    Elise, schlagt nicht in den Wind, sie haben ihre guten Gründe.
 
                      Der Unbekannte an Peter von Kalatin.
                                     1207.
Gott weiss, welche Hand über den sogenannten Alf von Dülmen waltet. Zweien
Schlingen ist er entgangen, in welchen wir ihn gewiss zu haben glaubten. Die
Ausschweifungen, welche er aus Liebe gegen die Gräfin von Toulouse recht
erwünscht beging, brachten ihn in die Gewalt des Bischofs von Kastilien. Aber
ein Wink unsers leider allgemeinen Oberhaupts, des Herzogs von Sachsen, dem
seine Gefangenschaft, ich weiss nicht wie verkundschaftet worden war, und ich
musste alles anwenden, ihn zu befreien.
    Hier genötigt, meinem Feinde die Fesseln zu lösen, dachte ich ihn auf einer
andern Seite desto gewisser zu fällen. Er war nicht sobald frei, als ich Sorge
trug, dass die euch bewussten Klagen wider ihn in unserm heimlichen Gericht
angebracht wurden, aber er verteidigte sich so bündig, dass alle Schuld sich von
ihm hinweg und auf einen andern, auf euch lenkte; die Mittel, die ihr sehr
klüglich gebraucht hattet, euch auf diesen Fall sicher zu stellen, schlugen
nicht fehl, ihr wurdet schuldlos erklärt, aber er war es nicht weniger, und was
ich noch zu seinem Nachteil hätte tun können, war unmöglich, wenn ich mich
nicht in Gefahr setzen wollte, dass er auftrat und alles entdeckte, was ihm einst
von meiner erzwungenen Vertraulichkeit gegen den Grafen von Segni merken liess.
    O Kalatin, wohl hattet ihr Ursach, mir diese Unvorsichtigkeit zu verweisen!
ohne sie wär jetzt unser Feind aufs wenigste seiner Stelle im heimlichen Gericht
entsetzt, ich an seinem Übermut gerochen, und mein Bruder, der Erzbischof von
Bremen, wieder im Besitz der geraubten Lande, und Alverde euer. - Ich würde ganz
ohne Trost über die Fehlschlagung meiner Wünsche sein, wenn sich nicht Hoffnung,
ihn zu fällen, mir noch von andern Seiten öffnete.
    Einige der Bischöfe, welche bereits zu viel von unsern Geheimnissen wissen,
drangen darauf, dass die schreckliche Anklage wider Kaiser Philippen, die
vorgebliche Vergiftung Erzbischof Konrads von Kölln vor den Richterstuhl
gebracht werden sollte. Ich musste einwilligen, der Graf von Segni hat mich in
seinen Banden. Noch hoffte ich, die Sache sollte sich selbst zerstören, weil ich
sie ganz für unerweislich hielt, leider war sie es nicht; doch was könnten
Bischöfe nicht beweisen!
    Kaiser Philipp sei schuldig oder nicht, so machte die Sache auf die
Versammlung einen erstaunenswürdigen Eindruck, und den tiefsten auf den
sogenannten Alf von Dülmen, welcher, nachdem er von vorgedachter Anklage
gerechtfertigt war, nun wieder seinen Sitz in der Versammlung eingenommen hatte.
Der Stab ward gebrochen, das Loos über die Bluträcher geworfen, es traf, wie ihr
denken könnt, den Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach, und Alf von Dülmen.
    Stimmen erhuben sich von allen Seiten zur Appellation, ihr wisst, Pfalzgraf
Otto ist des Kaisers erwählter Schwiegersohn, und Alf von Dülmen - (wie ich den
stolzen Grafen Adolf am liebsten nenne) - des Wittelsbachers bester Freund, aber
es durfte keine Einwendung mehr angenommen werden, der Hahnenschrei verkündete
den Tag, der Himmel graute, und die Richter gingen auseinander.
    Lasst uns warten, was aus diesen grossen Anlagen entstehen wird. Behauptet
sich Philipps Schuld, so folgt ihm der Bluträcher, aber es ist kein kleines,
einem Kaiser ungestraft den Todesstreich zu geben, so viel ich weiss, ist noch in
keinem unserer Gerichte der Fall vorgekommen. - Otto von Wittelsbach und Alf von
Dülmen, ihr Gehassten beide! Wehe über euch! euer Schwerd erreiche oder verfehle
sein Ziel! im ersten Fall seid ihr der öffentlichen Gerechtigkeit als
Kaisermörder, im andern der heimlichen, als Meineidige verfallen.
 
                              Beatrix an Alverde.
                                     1208.
Dein Alf von Dülmen, den ich nun aber schon längst nach seinem wahren Namen, und
eben so lang nach einem Bilde von ihm, das mir der Pfalzgraf zeigte, kenne, der
Bruder meiner Alverde ist hier angekommen, aber Gott, welch ein Mann gegen die
Vorstellungen, die ich mir nach allen Umständen von ihm machen musste! Können so
schöne Züge durch ein innerliches Etwas so entstellt werden? und was mag das
Etwas sein, das in seinen Innern gährt?
    Nein Alverde, dein Bruder hat den Eindruck nicht auf mich gemacht, den ich
geglaubt hätte, als ich ihn nur noch von Hörensagen, als ich ihn nur noch aus
jenem geschmeichelten Bilde kannte; statt ihn zu lieben, fürchte ich ihn. Auch
in seinem Betragen herrscht eine gewisse scheue Furchtsamkeit, die ihn zu einem
äusserst widrigen Gegenstande macht; und dieser Mann sollte mich einst geliebt
haben? - Nein, er hat es nicht, das Ganze war nur eine Täuschung der Eitelkeit,
welche meine Alverde mir zu benehmen nicht freundschaftlich genug dachte. Der
Pfalzgraf hat es mir entdeckt, dass die verlobte Königin von Kastilien der
Gegenstand seiner Leidenschaft war, den du mir verschweigest, und ich hörte
diese Entdeckung mit mehrerem Kaltsinn an, als bei meinem für ihn gefassten
Vorurteil geschehen sein würde, hätte ich ihn ganz dem Bilde ähnlich gefunden,
das ich mir von ihm machte.
    Doch er mag wohl nicht immer so beschaffen gewesen sein, als er jetzt ist,
der Pfalzgraf versichert mich, dass er ihn selbst kaum mehr kenne, dass er ihm
ganz fremd geworden sei, fremd auf alle Art; denn bei der grossen
Vertraulichkeit, die von je her unter ihnen herrschte, hat er noch zu keiner
Privatunterredung mit ihm kommen können; Wittelsbach behauptet, es müsste etwas
ganz ausserordentliches in seinem Innern arbeiten, aber dieses zu entdecken, ist
keine Möglichkeit, da er ihn auf das sorgfältigste flieht.
    Alverde, fast möchte ich anfangen deinen Bruder zu bemitleiden! sollten dies
vielleicht noch Ueberbleibsel der Rasereien um Alix sein? O der schöne herrliche
Mann! dass die Liebe ihn so zu Grunde richten musste! Möchte sie ihm doch die
ausgestandenen Leiden auf andere Art vergüten! und wie glücklich wär diejenige,
welche der Himmel zum Werkzeug dieser Vergütung bestimmt hätte, sie, die diesem
edeln Herzen die Ruhe, dieser Stirn die Heiterkeit, dieser Gestalt ihre Würde
wieder geben könnte; ach Freundin, ich weiss nicht was ich denke, ich scheue, ich
fürchte diesen unbegreiflichen Mann, deinen Bruder, und doch ist wieder mein
Mitleid gegen ihn so zärtlich, dass ich im Stande wär, ihm alles zu verzeihen,
selbst, dass er die Gräfin von Toulouse liebte, und nicht mich!
 
                       Alf von Dülmen an den Pfalzgrafen.
                                     1208.
Verfolge mich nicht, Wittelsbach, frage mich um nichts, du möchtest schreckliche
Dinge hören. Allerdings tobt ein grauenvolles Geheimnis in meinem Busen, das ich
dir zu entdecken schuldig wär, da es einen Auftrag betrifft, den wir vor dem
heimlichen Gericht gemeinschaftlich erhalten haben; du kannst ihn nicht
ausrichten, er würde dein Unglück machen, nun so fällt er also mir auf die
Schultern, aber ich versichere dich, es ist kein kleines ihn zu übernehmen.
    Nimm jetzt den Rat an, den ich dir gebe, heirate deine Elise sobald als
möglich, und wärs diesen Abend, es ist ihrem Vater auf keine Weise zu trauen,
wer weiss ob nicht schon Verhandlungen deine Verlobte zur kastilischen Königin zu
machen, unterwegens sind, denen er nur allzugefällig gehorchen wird, die er
vielleicht selbst veranlasste. Nimm Elisen, sage ich nochmals, und führe sie so
weit du kannst, auf eines deiner Schlösser, damit du nicht hörest, was hier bei
Hofe vorgeht, - Wohl, o wohl mir, da ich tun muss, was ich tun werde, dass nicht
die reizende Beatrix, sie, die einzige, welche die Stelle der Gräfin Toulouse
ersetzen könnte, mein Herz fesselte, was würde sonst aus mir werden? denn wär
ich gerade in dem nehmlichen Fall, in welchem du, ohne es zu wissen, dich
befindest!
    Aber Himmel, sollte die Sache auch völlig erwiesen sein? Der Herzog von
Sachsen war nicht beim Gericht, als es uns den grauenvollen Auftrag gab; mit ihm
Rücksprache zu halten, wär doch wohl Pflicht und Notwendigkeit ehe man
handelte. -
    Otto, ich weiss du verstehst mich nicht, ich hatte dir all dieses nicht
schreiben sollen, aber meine Gedanken werden, ich schreibe oder ich spreche,
unwillkührlich zu Worten, und da Worte nicht im Stande sind, den Zustand meines
Herzens zu schildern, so rede und schreibe ich unverständlich, und werde für
einen Träumer gehalten. - O Schicksal, Schicksal! dass du mich in allem das
härteste Loos ziehen liessest!
 
                          Elise an ihre Mutter Irene.
                                     1208.
Es war als ob mein Herz von mir riss, da ihr die Reise nach eurem neuen
Lustschlosse antratet; doch eure Gesundheit wollte es, die Aerzte, diese
allgewaltigen Herrscher in eurer Lage, geboten, und man musste nachgeben. O warum
durfte ich euch nicht folgen! Ihr sagtet mir lachend, meine Pflege würde euch
bei den Stunden, welche euch bevorstehen, wenig frommen; nun wohl, für euch in
der Nähe zu wachen, dem Kaiser täglich Nachricht von euch und endlich die
frohste aller Botschaften zu überschreiben, dazu wär ich doch wohl verständig
genug gewesen, dazu hätte es doch wohl nicht Not getan, dass ich erst, wie ihr
euch scherzend ausdrückt, ein halbes Dutzend Jahre Gräfin von Wittelsbach
gewesen wär?
    Ach wie weit ist dieser Name warscheinlich noch von mir entfernt! - Ihr
wisset, wie ich den teuren Pfalzgrafen liebe, ich habe es euch gestanden, dass
lange vorher, ehe seine Wahl unter Kaiser Philipps Töchtern auf Kunigunden fiel,
mein heissester, heimlichster Wunsch war, er möchte mich wählen. Er wählte mich
nicht, und ich eilte den Kummer, dessen ich mich schämte, in der Dunkelheit des
Klosters zu vergraben.
    Sehet, das Schicksal hat nun zwischen mir und meiner Schwester, die ihr
Glück nicht erkannte, entschieden; Pfalzgraf Otto ist mein, tausendmal beteuert
er mir, dass er sich freut, von Kunigunden getäuscht, und durch ihren Wankelmut
mein geworden zu sein; ein Kind, sagte er oft zu mir, geht ja wohl vor
köstlichem Golde über, und wählt eine schimmernde Scherbe, es verwundet sich die
Hand, und greift nach dem heilenden Golde8; sehet, Elise, dies ist mein Fall,
ich weiss jetzt was ich an Kunigunden verloren, und an euch gewonnen habe. -
    Reden von dieser Art schmeicheln mir, entzücken mich, sie haben in dem Munde
meines Otto doppelten Wert, in dem Munde eines andern würden sie nichts sagen.
Die Sekte Peters von Kalatin, die schmeichelnde, süsslächelnde, wortreiche Sekte
der Frauendiener nimmt immer mehr überhand, nur wenig Männer sind, bei welchen,
so wie bei meinem Verlobten, jedes Wort genau den Gehalt hat, welchen sein
Gepräg versprach.
    Zu welcher Gattung mag sich jener Alf von Dülmen rechnen, der sich seit
einiger Zeit hier aufhält, den wir aber alle unten einem höhern Namen kennen. -
Er ist der Freund meines Otto, o möchte er ihm an Redlichkeit gleichen! Ihr
wisst, meine Mutter, was mich zu diesem Wunsche bewegt. Die vorgehabte Verbindung
unserer Beatrix mit dem Herzog Otto von Braunschweig ist so gut als vernichtet.
Mein Vater und er konnten ja bei der letzten vom Pabst veranstalteten
Friedensunterhandlung so wenig einig werden, dass gar nicht daran zu denken ist,
eine Vermählung könne den ewigen Zwist heben; sprecht selbst, wer sollte nur den
Vorschlag dazu tun? - Ist dieses, hat Beatrix von dieser Seite nichts zu
hoffen, oder fast möchte ich lieber sagen, zu fürchten, so könnte man ja auf
eine andere Verbindung, auf eine Verbindung nach dem Herzen des armen Mädchens
denken! - Dieses Herz, meine teure Mutter, spricht mir nur gar zu hörbar für
den sogenannten Alf von Dülmen, in dem sie so wenig als wir alle, den bekannten
Grafen Adolf von *** verkennt; zwar ist er eben keiner von den grössten Fürsten
unserer Zeit, aber er hat doch Land und Leute, ist vom hohen königlichen Adel,
und kann sich an Ansehen im römischen Reiche mit manchem weit höher Benamten
messen. O meine Mutter, wenn wir Beatrix durch ihn glücklich machen könnten! -
Doch dies sind weitaussehende Dinge. Er hat für meine Schwester nichts als
Bewunderung, da sein Herz noch voll ist von unglücklicher Liebe gegen die
künftige Königin von Kastilien. Meine Schwester gibt vor, ihn in der Nähe weit
weniger einnehmend zu finden, als in der Fern, auch ist es wahr, er hat ein
gewisses Etwas an sich, das mich von ihm zurückschreckt, doch mich dünkt, dies
ist ihm fremd, ist vielleicht nur noch ein unglückliches Ueberbleibsel von
seinen Leiden um Alix, ist erst diese so fest gebunden, dass keine Hoffnung auf
sie mehr übrig bleibt, so wird er sich erholen, wird ganz wieder der werden,
welcher er ehemals war, wird für andre Reize Augen zu haben beginnen, wird sie
ganz natürlich auf die liebenswürdige Beatrix werfen, ihr und mein Vater werdet
einwilligen, und auch sie wird glücklich sein, wie ich es bin.
    O wenn nur Alf voll Dülmen ganz der ist, für welchen ich ihn, ungeachtet
seines finstern zurückstossenden Wesens, halte! Zwei Dinge sind, davon das eine
für, das andre wider ihn spricht. Peter von Kalatin, dieser Mann, den wir alle
verabscheuen, und seit der Kenntnis von Alverdens Geschichte noch mehr
verabscheuen müssen, war einst sein Freund und ist es nicht mehr, auf die erste
Nachricht von seiner Ankunft bei Hofe, entfernte er sich, wie ihr wisst, und hat
sich seitdem nicht wieder sehen lassen; dies gereicht zu Alf von Dülmens Besten;
brechen lasterhafte Freunde mit einem Manne, so muss er wohl der Tugend gehuldigt
haben; aber ist das auch vorteilhaft für den Mann, von welchem wir reden, dass
mein geliebter Pfalzgraf einst sein Freund war, dass er es auch noch ist, und
doch von ihm wie ein Feind geflohen wird?
    Der Pfalzgraf hat in diesen Tagen einen äusserst seltsamen Brief von ihm
erhalten, aus dem er selbst, ungeachtet er gewiss mehr davon versteht als ich,
nicht klug werden kann.
    Mich dünkt, meine Mutter, Otto hätte mich ihn nicht lesen lassen sollen, es
kommen Punkte darin vor, welche geheime Dinge betreffen, die wohl eigentlich
vor kein profanes Auge, am wenigsten vor das Auge eines Weibes kommen sollten;
aber so ist das truglose Herz meines Geliebten, er vertraut sich andern zu
leicht, und obgleich seine Verschwiegenheit in dem was er eigenlich zu
verschweigen gelobt hat, unverbrüchlich ist, so entfallen ihm doch oft, ohne dass
er es denkt, Winke, welche kühnen Mutmassern Stoff genug zum Forschen und
Nachdenken geben. Gott gebe, dass ich die Einzige bin, und gewesen sein mag,
gegen welche er sich solche Unvorsichtigkeiten zu Schulden kommen liess von mir
hat er nichts nachteiliges zu besorgen; kann ich mir das Mutmassen nicht
wehren, so wird mich doch Vernunft und Bescheidenheit wohl ewig vor kühnem
Forschen und Ausschwatzen bewahren. Selbst gegen euch, meine Mutter, würde ich
dieses wenige nicht gesagt haben, wüsste ich nicht, dass euch jedes Geheimnis,
selbst das Geheimnis eurer Kinder, heilig ist, und von euch wohl immer
unangetastet bleiben wird.
    Ausser den Dingen, über welche ich mich nicht weiter erklären kann, entielt
Alf von Dülmens Brief noch verschiedenes, welches mich wohl wider ihn
aufbringen, und bewegen könnte, all die gute Meinung, all die guten Absichten,
die ich für ihn habe, zurück zu nehmen. Bedenkt selbst, er sucht meinem
Verlobten Argwohn gegen meinen Vater einzuflössen, gibt nicht undeutlich zu
verstehen, der Kaiser könne die Absicht haben, mich ihm zu entreissen, und an die
Stelle der Gräfin von Toulouse auf den kastilischen Tron zu heben!
    Ich hoffe, Alf von Dülmen ward selbst von unsern Feinden getäuscht, und
schreibt dieses nicht aus bösem Herzen. Ich habe mächtig gestritten, dem
Pfalzgrafen alle Unwahrscheinlichkeiten zu zeigen, welche in diesem Vorgeben
liegen. Weil Philipp einmal wortbrüchig an dem Pfalzgrafen ward, darum muss er es
nicht zum zweitenmale werden! Dass Kunigunde ihm entzogen wurde, lässt sich
entschuldigen, sie liebte ihn nicht, und ein anderer hatte ihre frühern Gelübde,
aber was für ein Vorwand zeigte sich, mich ihm zu rauben, mich, die ganz in dem
geliebten Otto lebt und atmet, die nie, ausser ihm, einen Mann eines Wunsches
würdigte, die sich dem Kloster gewidmet haben würde, wär kein Wittelsbach für
sie in der Welt gewesen? -
    Die Sache widerlegt sich selbst, mein Vater ist ein Deutscher, so wird er
nicht handeln, und auf der andern Seite, welch ein ungeheurer Einfall: Alix,
welche so nahe am Trone steht, sollte jetzt noch einer andern Platz machen! Ich
habe meinem Geliebten das Abgeschmackte in einem solchen Vorgeben deutlich
gezeigt, aber er gab mir hier nicht so viel Gehör, als in Ansehung des ersten,
er meinte: Wie und warum die Verfassung der Gräfin von Toulouse möglich wär,
wollte er mir wohl ein andermal bei mehrerer Musse erklären, doch schien er mir
im Ganzen beruhigt, und schied mit ziemlich frohem Mute eine Reise nach Polen
anzutreten, welche ihm der Kaiser aufgetragen hat. Ich aber bin seit seiner
Entfernung sehr traurig. Das was mir anfangs in Alf von Dülmens Brief so
unwahrscheinlich dünkte, macht mir jetzt manche trübe Stunde; einmal ist doch so
viel gewiss, meine Verbindung mit dem Grafen wird über die Gebühr verschoben, und
was mag seine Reise jetzt wieder bedeuten? Musste man eben ihn, konnte man keinen
andern schicken? -
    Ach, meine Mutter, wie ich im Anfang sagte, der Name der Gemahlin meines
Otto ist wohl noch weit entfernt von eurer
                                                                          Elise!
 
             Kunigunde, Gräfin von Segni, an ihre Schwester Elise.
                                     1208.
Du hast mich, seit ich aus dem vaterländischen Hause schied, keines Briefs
gewürdigt, und ich muss glauben, das was dein sogenanntes Glück gemacht hat,
bringe dich wider mich auf, und bewege dich, gegen mich unschwesterlich zu
handeln. O Elise! was hab ich dir getan? zürnest du darum mit mir, weil ich den
Pfalzgrafen Otto von der Hand liess, um meinem Richard treu zu bleiben? Du
liebtest deinen Wittelsbacher, die Art, wie ich gegen ihn handelte, handeln
musste, ward dein Triumph, ohne mich wär Otto nie dein geworden, so solltest du
ja billig mir ehe danken, als auf mich zürnen!
    Und doch hättest du billig Ursach, mir übel zu wollen, hätte ich gutwillig
die Veranlassung zur Verbindung mit einem Manne gegeben, der deiner Wahl nicht
würdig ist; bei Gott, das wollte ich nicht, ich erschrak als ich erfuhr, die
Gefahr, Gräfin von Wittelsbach zu werden, welcher ich mit genauer Not entkam,
betreffe nun eine meiner Schwestern! - Wie konnte ich glauben, der Kaiser,
welcher einmal Bedenken trug, dem Pfalzgrafen eine Tochter zu geben, sei nun zum
zweitenmal im Begriff, sich berücken zu lassen? wie konnte ich vermuten, die
stolze Elise würde sich an dem Besitz eines Herzens laben, das ich verschmähte,
oder um weltlicher Liebe den heiligen Vorsatz zum Kloster aufgeben? Kaum hätte
ich dieses der kleinen leichtsinnigen Beatrix zutrauen sollen, die nun, wie ich
höre, gross und schön geworden ist, und gar davon träumt, durch den Herzog von
Braunschweig, (den freilich ich als Philipps Tochter nicht Kaiser nennen darf,
obgleich alle Welt ihm diesen Namen zugesteht) - römische Kaiserin zu werden.
    Wir wollen die Kleine mit ihren vergeblichen Hoffnungen lassen und zu dir
zurückkehren. - Elise, du weisst, dass du verschiedene Jahre mehr hast, als ich,
und also mich an Klugheit übertreffen solltest, aber du lebst in dem schlichten
geradsinnigen Teutschland, ich in dem aufgeklärten Italien, dies diene uns
beiden zur Entschuldigung, wenn wir das Geben und Annehmen wohlgemeinter
Warnungen einmal gegen einander vertauschen.
    Dich zu warnen, mein Kind, schreibe ich dieses, dich zu warnen vor dem
falschen Grafen von Wittelsbach; - ich hoffe, du traust mir zu, dass ich nicht
ohne Ursach so schnell mit ihm brach; nicht allein die ältere Liebe zu Richard,
sondern auch genaue Kenntnis seines Charakters bewog mich, so zu handeln, wie
ich handelte, und der Bann, den alle Welt, den selbst Mutter und Schwestern
wegen meiner sogenannten Wankelmütigkeit über mich ergehen liessen, trifft nicht
mich, sondern den, welchen ich mit reifer Ueberlegung verliess.
    O Elise, du dauerst mich! Wittelsbach ist nicht der, welcher ein Herz, wie
das deinige beglücken kann; was solltest du fromme Nonne mit dem unruhigen
Pfalzgrafen? Du zärtliche, du treue Tochter, mit dem Manne, der Zeit genug seine
Hand nach deines Vaters Kron und Tron ausstrecken wird? Du ewigliebende Seele,
mit dem, welcher mit jedem Jahreswechsel die Treue ändert, welcher irgend eine,
die ich nicht nennen kann, einst um meinetwillen, mich für dich, und dich für
eine neue Geliebte vergass, die, wenn er nicht bald stirbt, auch wohl nicht die
letzte in seiner Liebesreihe sein wird! Was dient dir ein Mann, der zu einem
furchtbaren heimlichen Bunde gehört, dessen ich nicht ohne Grauen gedenken kann,
zu einem Bunde, welcher es seinen Mitgliedern zur Pflicht macht, das Schwerd
immer gewetzt zu halten, und sollte es auch sein, Vater, Bruder und Freund
hinzuopfern!
    Du entsetzest dich, ob den harten Beschuldigungen? Du forderst Beweise? Wohl
gut, deine Forderung übersteigt die Schranken eines Briefs, aber ich kenne das
weibliche Herz genug, um zu wissen, dass wenn ich dir die Wahrheit einer meiner
Anklagen vor Augen gelegt habe, du keine mehr bezweifeln wirst. Beweise ich dir,
dass Otto von Wittelsbach treulos gegen seine Elise handeln konnte, so vermute
ich, du wirst ihn keiner Untat unfähig halten.
    Du kennst doch die Königin Adila, Premislaus geschiedene Gemahlin? sie, um
deren willen unser Vater sich einst den König von Böhmen zum Feinde machte, weil
er die Seite der verstossenen Adila nahm? Diese Adila hat eine schöne Tochter
ihres Namens, man nennt sie die Prinzessin von Pohlen, weil ihr Oheim, der
Herzog von Pohlen, sich ihrer in ihren Elend erbarmte, und sie zur Tochter
annahm. Fräulein Adila ist, wie gesagt, recht schön, fast so schön wie du, und
noch um einige Jahre jünger; ihr Oheim wollte sie gern verheiraten, er
verspricht dem, der ihr die Hand bietet, eine königliche Mitgift, aber das
beste, was sie mit in den Ehestand bringt, ist eine Anwartschaft auf das
Königreich Böhmen, welche ein Held, wie Wittelsbach, nicht leicht verschmähen
wird; du weisst wohl, die schwächsten Ansprüche kann ein Schwerd, wie das
seinige, geltend machen. Adila ward deinem Otto angetragen; er zögerte, sprach
von Treue gegen dich, wog Vorteil und Verdienste, und - fand dich zu leicht.
Ein Gerücht, das sich ausbreitete, Kaiser Philipp möchte dich wohl lieber
Königin von Kastilien als Pfalzgräfin sehen, gab ihm Ursach, sich mit dem Kaiser
zu entzweien, man zankte sich ein wenig, vertrug sich dann wieder, und Otto
versprach, dich so wie mich zu vergessen, wenn Philipp ihm sein mächtiges
Vorwort bei der Prinzessin von Pohlen verleihen wollte. Der Kaiser verachtete
den kleinen Pfalzgrafen in seinem Herzen, doch um ihn loszuwerden, tat er was
er verlangte, er schrieb; aber war es ihm zu verdenken; dass er in das
Empfehlungsschreiben nach Pohlen allerlei einmischte, den Charakter des
Ueberbringers zu bezeichnen, den Herzog von Pohlen und die schöne Adila zu
warnen, und des Wittelsbachers Anschläge verunglücken zu machen? -
    Erwarte nun mit jedem Tage, dass dein Otto wiederkehrt, entweder kochend von
Rache gegen den Kaiser, der seine Absichten vereitelte, oder nachdem es die
Gelegenheit gibt, so treu und zärtlich gegen dich, wie vormals. Das wird er
freilich nicht denken, dass irgend eine treue Hand, dir seine Tücke verraten
könnte, und wenn ihm die schöne Adila nicht werden kann, so wird er immer noch
Liebe genug für dich übrig haben, wenn du sie nur annehmen willst.
    Bedenke dich, Elise, was du auf jeden Fall zu tun hast, und willst du dem
was ich dir sage, keinen Glauben beimessen, - denn freilich unwiderleglich
beweisen lässt sich so etwas nicht, davon die Urkunden in andern Händen sind -
willst du mir nicht glauben, sage ich, so vergiss wenigstens nicht, dass du
gewarnt bist, von deiner Schwester Kunigunde.
 
                          Elise an ihre Mutter Irene.
                                     1208.
O Mutter, alles vereinigt sich, mir das Herz zu brechen! - Ich, ohnedem
kummervoll und zweifelhaft über das was ich euch zuletzt schrieb, muss heute
einen Brief erhalten, der mich vollends in Verzweiflung stürzt; wehe mir, dass
ich ihn euch nicht mitteilen, und euren Rat vernehmen kann, was ich davon zu
halten habe; leider ist er von einer Person, welche zu schonen mir Pflicht ist,
wider welche ich euren Zorn auf keine Art reizen mag, und gleichwohl stosse ich
in diesem Unglücksschreiben fast bei jedem Absatz auf Stellen, die euch
aufbringen würden, so dass ich ihn euren Augen vorhalten soll und muss.
    Ach Gott, wenn ich nur irgend eine Seele fragen könnte, was ich von der
Sache glauben soll! - Mein Wittelsbach untreu? Er Brautwerber um die schöne
Adila von Pohlen? sollte, könnte dies möglich sein? - Nach Pohlen ist er mit
Briefen vom Kaiser gereist, auch hat es vor einiger Zeit ein hartes Gespräch
zwischen beiden über mich und die kastilischen Träume gegeben, alles dieses sagt
mein geheimes Schreiben auch; aber wird alles, was es entält, wahr sein, so wie
einiges wahr ist? - Da ich hier schlechterdings niemand fragen kann, so muss ich
abwarten, was von diesen Dingen durch den Ausgang bestättigt oder vernichtet
wird. Auf meinen Otto ein Misstrauen zu haben, ist freilich schwer, doch klingt
alles, was man mir von ihm vorbringt, so wahrscheinlich. Er ist treu und bieder,
aber er ist gleichwohl ein Mensch, der durch Treulosigkeit und Wortbruch
aufgebracht und zur Rache gerejetzt werden kann, gesetzt nun, es wär wahr, was
ich mir gar nicht als möglich denken kann, der Kaiser dächte darauf, mich ihm zu
entreissen, wär es da wohl Wunder, wenn auch er sich seines Eydes quitt, und es
sich verstattet glaubte, sein Glück von einer andern Seite zu suchen?
    Doch nein, sobald könnte mein Wittelsbach seine Elise nicht vergessen! an
mir würde er ja nicht rächen, was ein anderer verschuldet hätte!
    Himmel! Himmel! sollte dies Möglichkeit sein! und er war beim Abschied noch
so treulich und so hold! - Wie oft er zurückkehrte, mich noch einmal in seine
Arme zu schliessen! - Wie bekümmert er war, über den blossen Gedanken, man könne
mich ihm rauben wollen! Was ich alles anwenden musste, ihn zu beruhigen! Und
dieser Mann mit der schönen Träne im Heldenauge, das sonst nie weinte, dieser
Mann mit den Worten der Wahrheit auf der bebenden Lippe, dieser sollte mich
betrügen können? - Nein! Nein! Nein! ich kann nichts davon glauben.
    Und doch! und doch! - O Mutter, mein Kampf beginnt von neuem! Schaffet mir
Hülfe, dass ich nicht vergehe!
 
                                Irene an Elisen.
                                     1208.
Mir dünkt alles, was du mir schreibst, so unglaublich als dir. Für Pfalzgraf
Ottens Treue dächte ich, wollte ich mit meinem Leben bürgen! Indessen, da du mir
die Quelle, aus welcher du deine Zweifel schöpftest, nicht entdecken darfst, so
kann ich hier nicht mit voller Gewissheit entscheiden, und muss dich an andere
Tröster und Ratgeber verweisen.
    Der beste, und der dir über alles die bündigste Auskunft geben könnte, wär
wohl dein Vater, wenn du ein Herz zu ihm fassen könntest, aber leider ist
Philipp jetzt nicht mehr Herzog von Schwaben, sondern Kaiser; diese Würde hat
ihn seinem Hause entfremdet, die Staatsgeschäfte bemächtigen sich all seiner
Zeit, du würdest schwerlich eine Stunde treffen, da er so ganz dein wäre, dass er
dich ruhig hören, und dir wie ein Vater raten könnte; überdieses, wenn er nun
würklich wider dich und den Pfalzgrafen, welches mich so unmöglich eben nicht
dünkt, Böses im Sinn haben, wenn er nun würklich auf höhere Dinge für dich
sinnen sollte, als du denkest und wünschest, was für Trost würdest du denn bei
ihm nehmen?
    Höre meinen Rat. Ich habe in meinem Leben so wohl als du Stunden erlebt, wo
mir um Trost und Leitung bange war, und wo ich sie nicht bei Menschen suchen
durfte, ich suchte sie denn in den Armen der Religion; das tue auch du, doch
traue auch hier nicht deinem eigenen Nachdenken, sondern vertraue dich irgend
einem verständigen frommen Manne, vertraue dich deinem Beichtiger; ich weiss
nicht in wessen Schoss du deine heimlichen Anliegen auszuschütten pflegst, kenne
den Heiligen nicht, dem du deine geistliche Führung anvertraut hast, aber ich
bin überzeugt, dass du auch hier glücklich gewählt haben wirst, und glaube also
deine Ruhe in guten Händen. Lebe wohl, mein Kind, ich bin sehr schwach, das
viele Schreiben wird mir beschwerlich, aber nicht so das Lesen, ich hoffe bald
und umständlich wieder von dir zu hören.
 
                             Elise an ihre Mutter.
                                     1208.
Ich habe euch gehorcht, habe mich dem Manne vertraut, welcher in aller Absicht
der einige ist, der mir aus dem Labyrint, in welchem ich irrte, helfen konnte,
dem, der so wohl meine als Pfalzgraf Ottos Herzensgeheimnisse in Verwahrung hat,
unserm gemeinschaftlichen Konfessor, dem Bischof von Sutri. Er selbst empfahl
mir ihn einst zum Gewissensrat. - - O Wittelsbach! Wittelsbach! du dachtest
wohl damals nicht, welchen Stab du mir in die Hand gabst, mich aus den Irrgängen
zu leiten, in welchen mich mein eigenes Herz, dies Herz, das dir nicht misstrauen
konnte, gerade falsch geführt haben würde.
    Er ist vorüber, Mutter! ich weis nun ganz gewiss, was ich von meinem
ehemaligen Geliebten glauben soll, aber kein Wort mehr von ihm, andre
Wichtigkeiten heischen meine Feder!
    O Mutter, was habe ich euch zu berichten! werde ich Mut haben, euch mit
Dingen zu unterhalten, die mein Herz in Tränen schmelzen? - Doch seid mir
willkommen ihr Trauergesichter, ich will mich ganz in euch vertiefen, will
keinen eurer kleinsten Umstände unberührt lassen, ich bin so gerade auf der
Laune, unter Gräbern zu wallen, und die Nichtigkeit irdischer Hoffnungen mit den
Freuden einer bessern Welt zu messen. O Alix! Alix! wie gross waren deine
Ansprüche auf irdisches Glück! wie lächelte dir die Welt in frühern Jahren! sie
täuschte dich, du fandest nicht, was du so wohl verdient hattest, du fandest den
Tod! Wohl dir, dass du ihn gefunden hast, möchte auch ich ihn finden, bald
finden!
    Ja, meine Mutter; meine liebste Freundin, die ältste Gespielin meiner
Jugend, die unvergleichliche Alix von Toulouse ist nicht mehr. Alverde ist die
Ueberbringerin der Trauerpost; gestern langte sie hier an, - aber welche Törin
bin ich! ich verspreche euch umständliche Erzählung dieser Dinge, und Alverde,
die arme Alverde, ist noch nicht im Stande gewesen, uns, einige wenige Winke
ausgenommen, mehr zu sagen, als ihr jetzt eben von mir erfahren habt! -
Verzeiht, meine Mutter! mein Kopf ist sehr schwach, mein Herz blutet, wie leicht
ists da, unüberlegt, und unordentlich zu schreiben!
    Ach Alverdens Winke von dem Tode meiner Freundin sind fürchterlich! ich
wünsche und scheue mehrere Aufklärung, sobald ich sie erhalte, will ich sie euch
mitteilen. Jetzt Ruhe, nur ein wenig Ruhe für eure unglückliche Tochter Elise!
 
                          Alverde an die Prinzessinnen.
                                     1208.
Ich soll euch erzählen, wie Alix starb? Himmel! werde ich das können? Jahre
könnten wohl hingehen, ehe meine Stimme fest, von Tränen ungehemmt genug sein
würde, um, wenn ich von diesen Dingen rede, euch verständlich zu werden!
    Nein, der Feder sei überlassen, was der Mund nicht auszusprechen vermag; da
kann die müde Hand doch so oft ausruhen, das Auge sich so oft satt weinen als es
will, ohne dass euch die Erzählerin lästig oder langweilig würde. Doch langweilig
genug werde ich euch auch mit meinem Schreiben werden, nicht durch Zahl der
Worte; wenig Züge werden im Stande sein, euch die Trauergeschichte zu schildern;
nein, durch Länge der Zeit, die ich zu dieser sauren Arbeit brauchen werde. Ich
spare sie für die düstern Stunden der Nacht auf, die ich doch ohnedem schlaflos
verweine, der Tag sei euch geweiht, ob vielleicht die lebenden Freundinnen mich
wieder mit der Welt aussöhnen möchten, die mich der Tod meiner Alix hassen
lehrte, und in der ich doch leben muss.
    Unter allem, was mich beim Gedanken an ihr Scheiden martert, ist die
Vorstellung, ob wohl ich oder jemand von den Meinen ihren Tod beschleunigte, die
fürchterlichste Quälerin. Tröstet mich, meine Freundinnen, tröstet mich nur über
diesen einigen Punkt, und ich will der himmlischen Seele mit Lächeln in jene
bessern Welten nach sehen, die ihr schneller Flug nun schon erreicht hat.
    Alf von Dülmen, er, den ihr als meinen Bruder kennt, liebte die Gräfin von
Toulouse; Fluch über den, welcher seine Wahl auf die schon Verlobte lenkte! -
Alf von Dülmen hatte hohen Sinn, nichts schien seinen Wünschen unerreichbar, er
würde seine Augen zu Kaiser Philipps Töchtern erhoben haben, hätte man ihre
Reize gebraucht, ihn zu verlocken, aber die frevelhafte Hand nach dem Eigentum
eines andern auszustrecken, dazu dachte er zu edel, er würde den ersten Gedanken
an Alix getödtet haben, hätte man ihm gesagt, dass sie nicht mehr frei, dass sie
versprochene Königin von Kastilien sei. Sein falscher Freund, jener Peter von
Kalatin, der, ich weiss nicht welchen Vorteil in seinem Untergang suchen musste,
verschwieg ihm dieses, fachte die enstehende Leidenschaft durch teuflische Kunst
zur Flamme an, brauchte sie zum Mittel, meinen Bruder und mich aus dem Schoss
der Ruhe und Sicherheit zu reissen, und uns in die quaalvollsten Verhältnisse zu
setzen. Als der unglückliche Adolf erfuhr, Alix sei nicht für ihn geboren,
frühere Bande fesselten sie an einen andern, da war es schon zu spät, Gefühle
auszurotten, welche bereits zu tief im Herzen gewurzelt hatten, und Schritte
zurückzunehmen, die ihn an den Rand des Verderbens brachten. Seine Leidenschaft
kennte weder Einschränkung noch Behutsamkeit mehr; was er für Alix fühlte, was
er ihrentwegen zu unternehmen fähig war, musste bald der ganzen Welt in die Augen
fallen; nur ihr, der unschuldsvollen Seele, blieb es verborgen, sie hielt ihre
Reize nie für mächtig genug, eine Leidenschaft, wie die seinige, zu erregen, sie
war zu bescheiden, so etwas nur zu denken, zu fromm, es zu wünschen, sie
kümmerte sich wenig um irdische Liebe, da ihr Sinn mit himmlischen Dingen
erfüllt war; es dauerte lang, ehe der Unglückliche, von welchem ich spreche, nur
ihre Aufmerksamkeit erregte, und als endlich ihr Auge sich auf ihn heftete, so
fühlte sie, bei sehr richtiger Beurteilung seiner Vorzüge, nichts für ihn als
Mitleid; ein Mitleid, welches doch die wahre Ursach, warum er zu beklagen war,
weit verfehlte.
    Ihr war es unbekannt, dass ich seine Schwester sei, sie hielt mich für den
Gegenstand seiner Wünsche; sie sprach oft mit mir zu seinem Besten; mich für ihn
einzunehmen, lobte sie ihn oft in Gegenwart verdächtiger Personen, und als
endlich seine rasenden Versuche auf sie, die nur sie nicht kannte, ihn um die
Freiheit und in Lebensgefahr brachten, da verwendete sie sich mit solchem Eifer
für ihn, dass sie jedem Verdacht, den man auf sie hatte, oder zu haben
affektirte, volle Nahrung gab. Meine Warnungen, sich zu mässigen, fruchteten
nichts, ich hätte ihr die ganze Sache entdecken müssen, wenn ich ihr hätte die
Augen öffnen wollen, und wie konnte ich das, ohne die Pflichten der
schwesterlichen Liebe und der Klugheit zu beleidigen?
    Es fragt sich, ob mein Betragen verantwortlich war? ich hielt es damals für
das einige rechtmässige, obgleich jetzt tausend Gewissensbisse mich foltern, und
die Reue mir tausend andere Wege zeigt, welche ich hätte gehen sollen.
    Man hasste die Gräfin von Toulouse schon längst, und beneidete ihr den
kastilischen Tron. - Himmel, wars möglich, dass man einen Engel hassen, dass man
der Tugend eine Stelle beneiden konnte, die sie mit so vieler Würde erfüllt
haben würde? - Doch nichts ist der Bosheit zu viel! - Immer bedacht, irgend
etwas ausfindig zu machen, das man an der selbstständigen Vollkommenheit tadeln
könne, geriet man auf die Spur ihrer Meinungen in Religionssachen; ich schweige
hiervon; was ich sagen könnte, möchte parteiisch ausfallen, da ich bekenne, von
ihr auf den Weg geleitet worden zu sein, den sie selbst ging.
    Ihre Anhänglichkeit an die Lehren des Waldus musste, wie man glaubte, sie
schnell von dem Trone verdrängen, den man ihr misgönnte, nur wünschte man,
sprechende Beweise von ihren Gesinnungen zu haben. Eine Unvorsichtigkeit meines
Bruders bot hierzu die Hand, einige im Namen des Grafen von Toulouse der
unglücklichen Dame auf unbehutsame Art überreichte Bücher veranlassten eine
strenge Untersuchung, man fand in ihrem Kabinet wenigstens etwas von dem, was
man finden wollte, und eilte, es zu ihrem Nachteil nach Kastilien zu schicken;
König Alphons, der für seine künftige Tochter fast noch mehr eingenommen war,
als ihr bestimmter Bräutigam, schrieb dem Bischof von Kastilien nach Pamiers
zurück: er wolle die fromme Alix über diese Dinge selbst hören, sie trügen den
Stempel der Wahrheit, und er sei zu gewohnt, die himmlische Wahrheit überall zu
verehren, wo er sie fänd, als dass er ihre schöne Anhängerinn ungehört verdammen
sollte.
    Dies war zu viel für den altgläubigen Bischof von Kastilien, welcher eben
neue Verhaltungsbefehle zu Verfolgung und Ausrottung jeder Ketzerei, wo er sie
nur immer finden möchte, von Rom erhalten hatte. Hier war nach seinen Gedanken
Gefahr für den Glauben seines Herrn, Gefahr für das ganze Königreich vorhanden.
Die, welche die Fackel der Wahrheit in entfernte Gegenden hätte tragen können,
musste aus dem Wage geräumt werden, und es kam hier nur darauf an, wie man die
Unschuldige von einer andern Seite verdächtig machen, oder glückte dieses nicht,
sie ohne weitere Rücksprache verderben wollte.
    Die Rasereien meines unglücklichen Bruders gaben Anlass genug zu dem, was man
wünschte; man nahm die unschuldige Gräfinn als Teilhaberinn seiner Leidenschaft
an, weil man diese zu verborgenen Absichten tauglich fand; es zeigte sich in
ihrem Betragen, wie ich vorhin erwähnte, unterschiedliches, welches das, was man
für erwiesen annehmen wollte, begünstigte, man griff begierig zu, und ich
glaube, von diesem Augenblicke an war ihr der Tod geschworen.
    Mich hatte man von ihr verbannt, um sie desto gewisser zu fällen; was hätte
sonst die Ursach meiner Entfernung sein sollen, da man vor Augen sah, dass ich
keinen Anteil an den Dingen hatte, welche man zur Ursach meiner Entlassung
machte, dass ich Alf von Dülmens Anschlägen entgegen gearbeitet hatte, anstatt
sie zu befördern? Dass Alix vielleicht längst in seine Hände geraten wär, wenn
ich nicht gesteuert hätte. - Ach Gott! dass ich dieses tat, ist jetzt die
heftigste Pein meines Gewissens. Hätte Alf sie doch entführen mögen, so wär sie
nun aus den Händen ihrer grausamen Henker gerettet, lebte in den Armen ihres
Bruders, des Grafen von Toulouse, (denn dortin und an keinen andern Ort würde
ihr Entführer sie gebracht haben,) in Ruhe, und ich müsste nicht nur glauben, dass
ich in dem Augenblicke, da ich der Tugend ein Opfer zu bringen glaubte, die
Unschuld eines Rettungsmittels beraubte, das ihr vielleicht vom Himmel zugesandt
worden war. - O meine Freundinnen, meine Gedanken verwirren sich, wenn ich
hierüber nachsinne, doch wird zuweilen die tröstende Ueberzeugung in mir
lebendig, dass ich nach meiner besten Kenntnis von Recht und Unrecht handelte,
und also nicht straffällig sein kann.
    Ich hatte auf die Bitte meiner unglücklichen Freundinn bei meiner Entlassung
Pamiers nicht gänzlich verlassen, sondern mich zu den Cölestinernonnen begeben,
in deren Kirche Alix oft ihre Andacht hatte, dies ward das Mittel, mir öfters
Briefe und zweimal eine geheime Unterredung mit ihr zu verschaffen. Das
letztemal, da ich sie sah, - Himmel, es war den Tag vor ihrem Tode! -
Prinzessinnen, ich muss die Feder niederlegen, muss Luft schöpfen, ehe ich
fortfahre; die Erinnerung an die letzte Unterhaltung mit ihr drückt mich zu
Boden.
Es war am heiligen Osterabend; die Nonnen waren nach geendigter Vesperandacht
mit Ausschmückung ihrer Kirche beschäftigt, ich hatte die betende Alix in einem
mir in ihrem letzten Briefe kenntlich gemachten Schleier gehüllt längst in einem
Stuhle knien gesehen; das unter uns verabredete Zeichen zur geheimen Unterredung
war das Läuten der Abendglocke, ich erhub mich von meiner Stelle, und sah von
weitem auch Alix sich erheben, ich ging durch eine kleine nur wenigen bekannte
Pforte in einen verfallenen Kreuzgang, und von da auf den sonst von allen Seiten
verschlossenen Begräbnissplatz der Nonnen; eine weite grünende Wiese, mit den
ersten Blumen des Frühlings geschmückt, rund um von säusselnden Lindenbäumen
umgeben, und nur durch die weissen Kreuze, die sich über den Gräbern erhuben, als
das ausgezeichnet, was sie wirklich war, als einen Todenacker.
    Ich hatte von Zeit zu Zeit zurück geblickt, und Alix mir folgen gesehen,
mein Wink hatte sie in dem sinkenden Gemäuer, durch welches wir passiren mussten,
fleissig vor den Stellen gewarnt, welche am meisten den Einsturz drohten; -
wahrhaftig niemand hätte sich auf diesen gefahrvollen Weg wagen können, als ein
paar Liebende, oder ein paar Freundinnen, die so wie wir von Feinden belauscht,
sich einige frohe Augenblicke abstehlen wollten. Ach es war das letzte mal, dass
wir uns sehen sollten! das letzte Lebewohl, dem wir mit Lebensgefahr entgegen
eilten!
    Schon stand ich unter den Linden, meine Freundinn zu erwarten, die jetzt
auch die morschen Stufen, welche aus dem Gewölbe herabgingen, zurückgelegt
hatte, und sich in meine Arme stürzte; wir setzten uns auf das nächste Grab, das
einer der dichtesten Bäume in seinem Schatten barg, ich drückte Alix an mein
Herz, und setzte sie über die ungewöhnliche Blässe, die ich jetzt erst auf ihren
Wangen wahrnahm, zur Rede.
    Sie lächelte. Wünsche mir Glück, sagte sie, das, was dich erschreckt,
verkündigt mir baldige Freiheit.
    Freiheit, Alix? ist eine königliche Braut eine Gefangene? Du wirst doch die
Kleinigkeit, dass wir uns verstohlen sehen müssen, dich nicht bewegen lassen,
deinem Zustande einen so verhassten Namen zu geben.
    Alverde, du bist nicht aufrichtig! niemand kann wohl meinen Zustand
richtiger beurteilen, wie du; was quälst du dich, mir ihn unter gefälligen
Farben vorzustellen. Mich dünkt - (dies sagte sie leise ihren Mund dicht zu
meinem Ohr geneigt, als fürchte sie, belauscht zu werden) mich dünkt, ich bin in
bösen Händen, und dass ich dir es kurz sage, ich glaube, man hat mich vergiftet.
    Vergiftet, Alix? du tödest mich!
    Erschrick nicht! - ich kann mich ja irren! doch höre meine Beweise: Ich
bemerkte schon seit einiger Zeit an meinem Morgentrunk einen seltsamen
Geschmack, über den ich mir aber vielleicht keine Gedanken gemacht haben würde,
wären meine Empfindungen nach dem Genuss desselben nicht allemal so sonderbar
gewesen; eine befremdende, zwar nicht unliebliche Mattigkeit, eine übertriebene
Neigung zum Schlaf, aus dem ich mich doch eben erst erhoben hatte, war diese
überwunden, ein konvulsivisches Zittern über den ganzen Körper, und eine
fliegende Hitze, die sich oft mit dem stärksten Fieberfrost endigte, dies waren
die Zufälle, welche ich so oft bemerkte, als ich getrunken hatte; unterliess ich
dieses, so blieb ich frei. Du wirst erraten, dass ich nun nicht mehr trank,
sondern bei der gänzlichen Verdachtlosigkeit, man könne Absichten wider mein
Leben haben, mich über den bemerkten fremden Geschmack und die darauf erfolgten
Empfindungen beklagte; man stellte sich besorgt um mich, man sprach von
Symptomen einer annahenden Krankheit, man brachte mir Arznei. Ich kostete, und
bemerkte den nehmlichen widerlichen Reiz auf der Zunge, der mir mein
Morgengetränk zuwider gemacht hatte. Hier erhob sich der erste Argwohn in meiner
Seele, welcher dadurch vermehrt wurde, dass man mir eben Botschaft brachte, wie
mein kleiner Hund, der von allem etwas zu bekommen pflegte, was ich genoss, und
der diesen Morgen das Getränk, das ich hinweg setzen liess weil es mir nicht
schmeckte, ganz ausgeschlürft hatte, gestorben sei.
    Mich überfiel ein Zittern über den ganzen Körper bei den Gedanken, die sich
auf einmal in meiner Seele erhuben, ich sah die Person, welche mir die Arznei
reichte, bleich werden, und gleichfalls zittern. Man drang nicht in mich, das
Dargereichte zu nehmen, auch habe ich jenen verdächtigen Geschmack seit dem
weder an Speisen noch Getränken bemerkt; aber ich muss glauben, ich habe bereits
in den zwei-oder dreimalen, da ich noch verdachtlos hinnahm, was man mir gab,
ohne mich durch Geschmack und Empfindungen irren zu lassen, genug bekommen, um
den Tod oder ein sieches Leben besorgen zu müssen. Siehe selbst, wie bleich und
abgefallen ich bin, ist das noch die blühende Alix, die du vor vierzehen Tagen
auf dieser Stelle in deine Arme schlossest? - Und sprich, warum widerfuhr mir
dieses? Wer gab den Befehl dazu? Was habe ich verbrochen? - O Alverde, soll ich
leben denen zum Trotz, die meinen Tod wünschen? soll ich mein schmachtendes
Leben in ein Land schleppen, wo man wahrscheinlich nichts weniger wünscht, als
meine Ankunft? - Bedenke, wie diese Gedanken mein Herz beengen müssen, und
wundre dich noch, wenn ich der baldigen Befreiung, die mir der Tod bringen wird,
entgegen leuchte.
    In Tränen schwimmend sank ich an den Busen der Gräfinn von Toulouse, sie
weinte nicht. Ein himmlisches Lächeln überströmte ihr Gesicht. Freundinn, sagte
sie, indem sie mich fester umschlang, ich fühle es, dass wir uns heute zuletzt
sehen, aber wie schön, wie ahndungsvoll ist unsre heutige Zusammenkunft an
diesem Orte! Bedenke selbst, heute am Vorabend vor dem Feste der Auferstehung,
hier unter Gräbern, welche der Frühling alle neu bekleidet, unter Gräbern welche
einst alle die Schlummernden wieder herausgeben werden - -
    Sie wollte weiter reden, aber ein grässliches Gepolter hinter uns im
Kreuzgange unterbrach sie, wir sprangen beide auf und starrten einander an. -
Ich besorge, sagte sie, welche sich am ersten fasste, uns ist das verdrüsslichste
Abenteuer begegnet, das uns zustossen konnte! Ganz gewiss ist eins von jenen
überhangenden Gewölbern, durch welche wir hieher gekommen sind, eingestürzt, und
hat uns den Rückweg versperrt. Was soll ich nun beginnen? An der Pforte warten
meine Leute, welche mich in der Kirche noch betend glauben, es wird Nacht, was
wird man denken, wenn ich nicht zurückkehre, und man nirgend mich findet?
    O schrie ich, möchtest du nie in jene Hölle zurückkehren dürfen! möchtest du
hier bleiben! In meinen Armen, durch meine Pflege sollte dir Gesundheit und
Leben erhalten werden.
    Das sind vergebliche Wünsche, sagte sie, ich muss zurück, wenn mit mir nicht
auch du unglücklich werden sollst; glaube mir, ich kenne die Wut dieser Leute
besser als du, ich mag dich ihr nicht aufopfern.
    Mit diesen Worten sah ich sie von mir eilen, die Stufen zum Kreuzgange
hinaufsteigen, und in das Gewölbe eindringen, das von der kürzlich erlittenen
Erschütterung noch zu schwanken schien. - Ich rief ihr nach, lieber alles als
dieses zu wagen, sie hörte mich nicht! -
    Ihr Mut erweckte den meinigen; ich konnte sie nicht verlassen, ich folgte
ihren Fusstapfen, und wir traten bei halbem Dämmerlichte einen Weg an, auf
welchem sich bei jedem Schritte neue Schrecknisse unsern Augen darboten; hier
wadeten wir in Schutt und Steinen, dort versperrten die herabgestürzten Quader
uns den Weg, auf einer andern Seite hatte sich ein Grab geöfnet, und zeigte uns
zerfallene Totenleichen und morsche Gebeine; wir mussten hinüberschreiten, und
uns bücken um unter dem zusammengesunkenen Gemäuer durch zu kommen; aber nun war
auch der gefährlichste Teil unserer Reise überstanden, der Weg krümmte sich,
die Gewölber wurden fester, und wir erreichten die Kirche.
    Wir sahen sie mit Leuten erfüllt, welche die Prinzessinn mit Fackeln suchten.
Dies machte unsern Abschied kurz, sie umarmte mich noch einmal, und drückte mir
einen Brief in die Hand. Er ist an meinen Bruder, den Grafen von Toulouse, sagte
sie heimlich, du wirst ihn zu gehöriger Zeit zu bestellen wissen.
    Not bereichert auch die truglosesten Seelen mit Einfällen zu anderer
Täuschung. Während ich mich in einer Nische hinter einem heiligen Bilde verbarg,
sah ich die Gräfinn in einen Kirchenstuhl schlüpfen, und sich schlafend stellen.
Hier ward sie gefunden, dem Anschein nach erweckt, und trat den Rückweg mit
ihren Leuten an, welche ihr ihre Sorge über ihr langes Ausbleiben, und die Angst
bei der vergeblichen Nachsuchung nicht genug beschreiben konnten.
    Der Schlaf, sagte Alix, der mich jetzt überall beschleicht, überraschte mich
auch hier; ich danke euch, das ihr mich erweckt habt, und verlange, dass die
Fürstinn von Kastelmoro nichts von diesem Vorgang erfahre.
    Zitternd stand ich in meiner Nische. Nicht die Furcht, von denen noch im
Kirchgewölbe verweilenden Klosterleuten entdeckt zu werden, machte mich beben,
es war eine andere Empfindung; ich glaube, es war Vorgefühl, dass ich jetzt die
geliebte Alix zum letztenmahl gesehen hatte, die sich in der Kirchtür noch
einmal umwandte, und einen Blick auf den Ort warf, wo sie mich verborgen wusste;
es war der letzte Abschiedsblick, alles lag in demselben, was sich liebende
Seelen so kurz vor Trennung am Grabe sagen können. -
    Die Kirche war jetzt leer, ich konnte hervorgehen, aber ich fand alle Türen
verschlossen, und musste mich entschliessen hier zu übernachten, wenn ich es
nicht etwa für bequemer hielt, durch den Kreuzgang, den Weg auf dem Gottesacker
noch einmal zu machen. - Um Mitternacht hörte ich das Geräusch einstürzender
Gewölber noch einmal, ich zog mich auf den Altarstufen, auf welchen ich jetzt
sass, dichter zusammen, und Gedanken von Vernichtung und Untergang erfüllten
meine ganze Seele. Ach nichts schwebte mir lebhafter vor Augen, als die
Vernichtung des schönsten Werks Gottes, das allmählige Hinsterben meiner Alix;
doch hielt ich sie noch nicht ganz rettungslos, ich machte Plane zu ihrem
Besten, zu deren Ausführung ich am künftigen Morgen den ersten Schritt dadurch
tun wollte, dass ich mich dem Kaplan der Nonnen, der zugleich unser Arzt war,
entdeckte, ihm den Zustand der Gräfinn schilderte, ihm unsere Besorgnisse
mitteilte, und seine Hülfe für sie forderte; er war ein so kluger als frommer
Mann, alles liess sich von ihm erwarten.
    Unter der Metten, welche nun anging, fand ich Gelegenheit aus der Kirche zu
entschlüpfen, und nach meiner Zelle zu kommen. Erstarrt und bis zum Tode von den
letzten Vorgängen, und von dem Kampf im Innern meiner Seele ermattet, verhüllte
ich mich in mein Bette. - Ich läutete der dienenden Nonne, die wie gewöhnlich
diesesmahl vom Gottesdienst hatte zurück bleiben müssen; es ward mir leicht,
Krankheit zu erdichten, und dadurch den Besuch unsers Kapellans, des Pater
Cyrill, zu erlangen, da ich mich würklich krank fühlte. - Man sagte mir, ich
müsse mich gedulden, weil er zu einem Krankenbesuch bei der Fürstinn von
Kastelmoro gefordert worden wäre. -
    Bei der Fürstinn von Kastelmoro der kastilischen Oberhofmeisterinn?
wiederholt ich. - Die Antwort war ja, und ich fühlte, dass sich ein geheimer
Schauer meiner bemächtigte. - Ist die Fürstinn krank? fuhr ich fort zu fragen. -
Nein, aber die Prinzessinn Alix, welche ohnedem schon seit einiger Zeit kränklich
war, befindet sich sehr übel, sie soll sich gestern in unserer Kirche, wo sie
der Schlaf übereilt hat, so dass man sie erst nach länger als einer Stunde hat
finden und erwecken können, eine Erkältung geholt haben. - Pflegt Pater Zyrill
sonst Kranke ausserhalb des Klosters zu besuchen? fragte ich, indem ein
schrecklicher Gedanke gegen des Mannes Redlichkeit in meiner Seele aufstieg,
weil mir die vergiftete Arznei der Gräfinn einfiel. - Nie! war die Antwort,
ausser in ganz ausserordentlichen Fällen, wie wohl dieser sein mag.
    In ausserordentlichen Fällen? wiederholte ich, nun so sei Gott mir gnädig! -
Die Nonne deutete diesen Ausruf auf meine Begierde nach der Hülfe des Arzts, und
suchte mich zu beruhigen. Ich hörte nicht auf sie, und schickte ohn Unterlass, um
zu vernehmen, ob Zyrill noch nicht zurück sei.
    Endlich erschien er. Mit einer Stimme, die ihn wohl bei so einer kranken
Person, als ich sein sollte, befremden mochte, fragte ich nach der Gräfin von
Toulouse. Ihr ist wohl! erwiederte er mit gen Himmel gehobenem Blick.
    Gott sei Dank! der Schlaf im kalten Kirchgewölbe hat ihr also nicht
geschadet?
    Kennt ihr die Prinzessin Alix? fragte er, indem er sich umsah, ob wir allein
wären.
    Ob ich sie kenne? - Mehr um ihret- als um meinetwillen liess ich euch zu mir
berufen; sie bedarf eurer Hülfe!
    Sie bedarf ihrer nicht mehr!
    So schnell genesen, bei so bedenklichen Umständen?
    Genesen auf ewig! - Sie ist bei Gott!
    Eine Ohnmacht war bei mir die Folge dieser Nachricht.
    Zyrill wusste nicht, wie nahe Alix meinem Herzen war, sonst würde er die
Nachricht von ihrem Tode behutsamer eingekleidet haben; doch hätte wohl etwas
den Eindruck, den dieselbe auf mich machte, vermindern können? Sie, die gestern
noch mit leidlicher Gesundheit in meinen Armen lag, sollte nach so wenigen
Stunden tod sein? Sie war schwach, aber ihre Krankheit war ein schleichendes
Uebel, sollte würklich Erkältung in der Kirche und vielleicht Schrecken und
Angst über den verschütteten Rückweg nebst der heftigen Anstrengung ihr Ende
beschleuniget haben?
    Als ich wieder zu sprechen vermochte, entdeckte ich dem Mönche meine
Gedanken. Er schüttelte den Kopf. Die Prinzessin sagte er, starb weder an
Schreck noch Erkältung, sie starb am Gifte!
    Gott! und ihr konntet sie nicht retten?
    Nicht sie zu retten, nur sie erblassen zu sehen ward ich gerufen, ihr könnt
wohl aus dem, was euch von ihr bewusst zu sein scheint, urteilen, dass es ihren
Feinden nicht darum zu tun war, dass ein geschickter Arzt ihr Werk vernichtete,
ein solcher musste nur gerufen werden, da es zu spät war; ich kam nur den letzten
Blick ihrer brechenden Augen zu sehen, und dann nebst andern Aerzten, die man
der Ceremonie wegen herbei gerufen hatte, das notwendige Zeugnis von ihrem
würklichen Tode abzulegen, dessen Ursach keiner unter uns, so unwissend man uns
auch halten mochte, in so dichtem Schleier man sie auch gehüllt glaubte,
verkennen konnte.
    Ich sah Zorn in den Augen des redlichen Mannes über die Untat, zu deren
Zeugen man ihn gemacht hatte, und ich beschwur ihn, laut wider dieselbe zu
schreien, und aller Welt kund werden zu lassen, welches Todes Alix gestorben
sei.
    Was verlangt ihr von einem armen Mönche? sagte er. Wird meine Anklage irgend
etwas in der Sache ändern? Die unschuldig Ermordete wird nicht erwachen, ihre
Feinde werden sich rechtfertigen, Zyrill wird gelogen haben, und das Opfer ihrer
Rache werden. Ein einiges flüchtiges Wort dieser Art, das ich gegen den
Almosenier des Bischofs von Kastilien fallen liess, zog mir eine Antwort zu,
welche ich wohl nie vergessen werde, und die mich gänzlich zur Ruhe und
Schweigen verweist.
    Ich überliess mich dem finstersten Gram über den Tod meiner Freundin. Zyrill
war und blieb mein liebster Gesellschafter, er wusste von den kaiserlichen
Angelegenheiten so viel als ich, und versprach mir, (denn auch dem redlichsten
Mönche ist die Gabe des Auskundschaftens gegeben), noch mehrere Beiträge.
    Die Nonnen des Klosters, wo ich lebte, schickten eine Gesandtschaft an die
Fürstin von Kastelmoro und den Bischof von Kastilien, mit der Nachricht, wie
sich in voriger Nacht bei ihnen ein grosses Anzeichen von dem Tode der
Prinzessin, die ihre Heiligen so fleissig zu besuchen geruht hätte, durch
Einstürzung eines Kreuzgangs ereignet habe, und erhielten sich dadurch die Ehre,
dass der Leichnam der unglücklichen Alix indessen in ihrem Kloster beigesetzt
wurde. Ein Todesfall, meinten die Kastilier, welcher auf so anständige Art durch
Zeichen vorgedeutet worden wär, müsse bei jedermann das Ansehen eines unzeitigen
gewaltsamen Todes verlieren.
    Allerdings mochte man befürchten, dass einiger Verdacht dieser Art unter dem
Volke durch die albern herbeigerufenen Aerzte, welche nicht schwiegen, rege
werden möchte; das Volk liebte Alix, und man konnte einen Auflauf besorgen;
derhalben ward der Leichnam in äusserster Stille beigesetzt, und aufs strengste
verboten, so lang derselbe der Gewohnheit zu folge noch über der Erde bleiben
musste, niemand seinen Anblick zu gönnen.
    Ich liess mir diese traurige Genugtuung dennoch nicht rauben. Der Pater
Zyrill, welcher die Messen zu besorgen hatte, die bei dem Sarge gelesen wurden,
verschafte mir das Anschauen meiner entseelten Alix; einen Anblick, den ich nie
vergessen werde. Ach dieses schöne Gesicht war von scheuslicher Geschwulst
entstellt, und mit schwarzen und blauen Flecken gezeichnet! dieser
herrlichgebildete Körper trug schon überall Spuren schneller Verwesung, das
Merkmahl beigebrachten Giftes! und die, welche noch gestern in meinen Armen lag,
konnte des andern Tages schon nicht mehr über der Erde geduldet werden, wenn
nicht durch todatmenden Duft auch die noch Lebenden vergiftet werden sollten.
    Ich erstaunte über den plötzlichen Fortgang eines Anfangs so langsam
schleichenden Uebels, aber Zyrill bewies mir, dass man aus der letzten
Begebenheit im Kloster, nehmlich aus ihrem langen Aussenbleiben, und einigen
Umständen bei der Wiederfindung der Vermissten, Anschläge zur Flucht gemutmasst,
und es daher für schicklich gehalten habe, durch Beibringung einer doppelten
Dosis von dem schon zu verschiedenen malen gekosteten Todestrank, lieber schnell
mit ihr zu enden, als sich der Entdeckung auszusetzen; da, wie es scheint, der
kastilische Hof mit dieser Untat nichts zu tun hat, und so wohl von ihm als
von Toulouse bei dem geringsten Verdacht schwere Ahndung zu befürchten wär.
    Pater Zyrill hat mir viel hierüber gesagt, das ich nicht entdecken darf, nur
eins halte ich mich verbunden anzuzeigen, da es eine der edeln Prinzessinnen, an
welche ich schreibe, unmittelbar angeht. O Elise, man denkt darauf, durch euch
die Stelle eurer Freundin zu ersetzen, prüfet euch, was euer Herz dazu sagt, und
nehmt darnach eure Massregeln, so wie ich die meinigen nahm, als ich aus dem
Munde meines Vertrauten erfuhr, man ahnde im Kloster die Anwesenheit einer
verdächtigen Person, und ich werde wohltun, mich zu entfernen.
    Ich flohe, flohe an den Hof, wo ich schon einmal Schutz gefunden hatte,
flohe in die Arme der Freundinnen, welche in Alix verloren haben, was ich
verlohr, die süsseste Gespielin, das herrlichste Tugendmuster, die Leiterin zur
Wahrheit! - Ach sie war das erste Opfer unter Tausenden, die vielleicht dieser
verfolgten verkannten Wahrheit geschlachtet werden möchten, wenn das erfüllt
wird, wovon man mir sagt, dass es jetzt am römischen Hofe im Verborgenen reife.
 
                               Beatrix an Irene.
                                     1208.
O meine Mutter, welche Unruhen hat die Nachricht von dem Tode unserer lieben
Gräfin von Toulouse verursacht! meine Schwester, überhaupt von Natur tieferer
Gefühle fähig als ich, und nicht mit genugsamen körperlichen Kräften begabt, um
innerliche Stürme auszuhalten, liegt ganz zu Boden, sie ist unfähig, euch zu
schreiben, und hat mir dieses Geschäft, das einige, was mir gegenwärtig Trost
bringen kann, aufgetragen. Ach ich weiss es, was ihren Kummer, der ohnedem beim
Verlust einer solchen Freundin wie Alix, bei einer solchen Verkettung von
tragischen Umständen wohl natürlich ist, ich weiss es, was ihren Kummer
gränzenlos macht, die Furcht vor der kastilischen Heirat, welche wohl nicht
ganz ungegründet sein möchte, da gestern der Graf von Kastelmoro, der Bischof
von Kastilien und der junge Dominikus Guzmann in Geschäften hier angelangt sind,
welche niemand erfährt, die sich aber erraten lassen. Sie haben schon zweimal
geheime Audienz bei meinem Vater gehabt, und meine Schwester ist, wenn sie sich
so weit erholen kann, ausser dem Bette zu sein, auf diesen Abend zu einer
Privatunterredung in das Kabinet des Kaisers beschieden.
    Sie arbeitet unter tödlicher Angst, sie zittert vor der Trennung von ihrem
Otto, und doch, meine Mutter, und doch weiss ich nicht, ob der Wittelsbacher es
verdient, so heiss von ihr geliebt zu werden, ob er es verdiente, dass auch ich
ihn einst mit besonderer Parteilichkeit ansah, und - was sollte ich leugnen, -
mir gern das Loos meiner glücklichern Schwester gewünscht hätte. - Diese Träume
sind Gottlob vergangen, ich sehe jetzt heller, in Ansehung des Pfalzgrafen als
meine parteiische Schwester. Ich habe kürzlich einen Brief von Kunigunden aus
Rom, welcher mir Dinge von dem Wittelsbacher meldet, über die ich
zurückschauere. Ich habe ihn Alverden mitgeteilt, welche versichert, Elise habe
ein ähnliches Schreiben von unserer Schwester erhalten, und sie habe ihr über
dasselbe schon gesagt, was sie jetzt auch mir sagen müsse, dass Kunigunden nicht
zu trauen sei, dass das schlechte Glück, das sie an Graf Richards Seite geniesse,
sie wohl bei dem von ihr bekannten Charakter veranlassen könne, das bessere Loos
ihrer Schwester zu beneiden und dass sie überdem, wie Alverde von ihrem
Vertrauten, dem Pater Zyrill weiss, so ganz unter der Herrschaft der römischen
Mönche steht, dass wohl ihr eigenes Urteil getäuscht, und ihr Brief nichts sein
könne, als das Sprachrohr, durch das ein anderer redet.
    Ich weiss nicht, was ich von diesen Dingen denken soll, gleichwohl
bestättiget sich alles Nachteilige, dass man von dem Pfalzgrafen hört, durch den
Mund des Bischofs von Sutri, den ich, so wie meine Schwester, zu meinem
Gewissensrate gewählt habe. Gleichwohl ist so viel gewiss, dass Otto von
Wittelsbach, wie ich genau erforscht habe, nach einem erhaltenen hochheimlichen
Schreiben von Herzog Bernharden von Sachsen, eine Privataudienz beim Kaiser
hatte, dass Empfehlungsschreiben nach Pohlen ausgefertigt wurden, deren Inhalt,
wie man von dem kaiserlichen Geheimschreiber erlauscht hat, eine Heiratswerbung
um die schöne Adila war, dass der Pfalzgraf diese Reise selbst antrat, und dass er
noch nicht zurück ist.
    Arme Elise, braucht man noch etwas mehr, dein Unglück zu erweisen? und würde
dir, wenn Otto von Wittelsbach treulos ist, die kastilische Heirat, falls sie
in Vorschlag käme, nicht wenigstens aus Rache zu wählen sein?
    Ich habe diesen Morgen schon eine lange Unterhaltung mit meiner Schwester
über diesen Gegenstand gehabt, sie bleibt standhaft auf ihren Vorurteilen, zwar
trauet sie dem Wittelsbacher, von welchem sie seit seiner Abreise keine
Nachricht hat, nicht mehr ganz, aber sich völlig von ihm loszumachen, dazu
fordert sie volle Gewissheit, eigenes Geständnis seiner Schuld, und da ich dieses
für unmöglich halte, so wird sie freilich wohl ewig seine Gebundene bleiben.
    O meine Mutter, so viel ist doch gewiss, dass wir Töchter Philipps recht
unglücklich in der Liebe sind! Kunigunde ward es durch eigene Schuld; Elise
durch Untreue ihres Geliebten, und andere widrige Umstände, und die arme
Beatrix? - O Mutter, lasst mich dieses Herz ganz vor euch ausschütten; wenn es
sich auch aus Scheu wegen seiner Schwäche eine Zeitlang euren Augen entzieht, so
kehrt es doch immer gar bald zu euch zurück, entüllt euch seine Gebrechen, und
fordert die mütterliche heilende Hand zu Trost und Linderung auf, die es sonst
nirgends findet.
    Nehmt hier das Bekenntnis seiner innersten Geheimnisse: Den Pfalzgrafen Otto
von Wittelsbach liebte ich, oder würde ihn geliebt haben, wenn ihn das Schicksal
für mich bestimmt hätte. Den Herzog Otto, dem man mich gern vorbehalten hätte,
liebte ich nie, und nun, da er, wie man mir sagt, mich bei der letzten
Friedensunterhandlung mit meinem Vater verschmäht hat, ohne mich einmal gesehen
zu haben, nun möchte ich wohl sagen, dass ich ihn hasse. - Aber leider ist ein
anderer, den ich liebe, den ich anbete, würde ich sagen, wenn dieser Ausdruck
nicht gar zu erniedrigend in meinem Munde lautete; gleichwohl ist er der rechte;
wie sollte man sonst die unbegreifliche Parteilichkeit nennen, die ich für den,
den ich mich fast namhaft zu machen schäme, die ich für Alf von Dülmen fühle?
    Alles was mein Herz von ihm losreissen könnte, verfehlt seine Würkung, und
bringt das Gegenteil hervor, sein wildes rastloses Wesen anstatt mich zu
schrecken, erregt meine Aufmerksamkeit, gewisse geheime Verbindungen mit einer
unbekannten furchtbaren Macht, die man ihm schuld gibt, erregen statt scheuer
Furcht in mir ein Gefühl von seiner Wichtigkeit, das Alltägliche fesselte nie
meinen Blick, nur das Unbegreifliche, das Geheimnisvolle pflegte mir zu
gefallen. - Das wichtigste, was mir ihn zuwider machen könnte, seine
unsterbliche Liebe für Alix, tat seine Würkung nur eine kleine Zeit, und hat
jetzt nach dem Tode meiner Freundin, dieselbe vollends ganz verloren; ich würde
nicht zürnen, sein Herz mit einer Verstorbenen teilen zu müssen, ich würde es
für meinen höchsten Triumph halten, ihn endlich über dieselbe zu trösten. Alle
diese seltsamen Gefühle, die ich euch gestehe, vollends zur heftigsten
Leidenschaft zu machen, mischt sich noch das Mitleid ein. O, meine Mutter, wie
ist der unglückliche Graf Adolf zu bedauern! wie elend ist er vollends nach der
Nachricht von dem Tode der Gräfin von Toulouse, welche, so sehr wir es zu
verhüten suchten, sein Ohr dennoch erreicht hat!
    Vom Anfang seiner Anwesenheit am kaiserlichen Hofe, lebte er in dem Pallaste
des Grafen von Wittelsbach, auch noch hält er sich daselbst auf, aber in welcher
traurigen Lage! - Sein Verstand scheint durch die Post von dem Tode der armen
Alix gelitten zu haben, seine treuen Leute suchen seinen wahren Zustand zu
verhelen, aber so viel ist gewiss, dass man ihn bewachen muss, dass man ihm Waffen
und Rüstung genommen hat, um ihm die Möglichkeit, Unheil anzurichten, zu
benehmen; er soll sich sehr gefährliche Reden verlauten lassen, soll den Tod der
Gräfin von Toulouse, welcher, wie er wähnt, bloss erfolgt ist, Elisen auf den
kastilischen Tron zu helfen, Personen zuschreiben, welche hier schuldig zu
halten Lächerlichkeit und Hochverrat sein würde, und in seinen Paroxismen oft
fürchterlich von blutiger Rache rasen!
    Gott was wird noch endlich aus diesen Dingen werden - Könnte ich nur mit
jemand verständiger hierüber sprechen, und Verhaltungsregeln fordern, die ich
von euch bei eurer Entfernung so spät erhalte! - Graf Heinrich von Andechs und
Bischof Egbert sind hier angelangt, beides fromme und verständige Männer, die
ich von Kindheit auf kenne, die von meinem Vater geschätzt werden, und denen man
sich wohl vertrauen könnte - aber - sie sind Brüder des verdächtigen
Pfalzgrafen, und so könnte man sich doch immer über das wichtigste, über das,
was ihn angeht, nicht gegen sie herauslassen. -
    O, meine Mutter, nur einige Worte, einige wenige Worte von eurer Hand uns zu
leiten, jetzt, da uns Leitung nötig ist.
 
                               Irene an Beatrix.
                                     1208.
Ich bin zu schwach, mein Kind, dir viel zu schreiben, die gefürchtete Stunde,
die mir, wenn Ahndungen nicht trügen, wohl diesmal gefährlich werden könnte,
naht heran. Nimm auf deinen Brief nur das wenige, was ich dir und deiner
Schwester zu sagen vermag. Verdammet Otten von Wittelsbach nicht unverhört, er
kann, er muss unschuldig sein; vertraut euch dem Bischof von Sutri nicht zuviel;
ich sehe es ungern, dass er euer Gewissensrat ist, die geistlichen aus der
römischen Schule sind mir verdächtig; und du, meine Beatrix, wie war dir es doch
möglich, dein Herz dergestalt an jenen Alf von Dülmen zu hängen; der Mensch ist
mir furchtbar, ich zitterte vor ihm beim ersten Anblick! doch meine
Empfindungen, von denen ich noch überdem keinen Grund anzugeben weiss, können
nicht zum Regelmass für die deinigen dienen; bemitleide ihn also und bete für
ihn, ich will mich darin mit dir vereinigen, aber Mitleid ist auch alles was du
ihm schenken darfst; auch irrst du dich gewiss in deinen Gefühlen: heftig
aufgeregtes Mitleid kann bei einer so guten zartfühlenden Seele leicht die
Gestalt der Leidenschaft tragen, aber du tust dir gewiss Unrecht, wenn du ihm
einen zu hohen Namen giebst! Beatrix ist und bleibt für den Herzog von
Braunschweig bestimmt, er konnte sie nur darum verschmähen, weil er sie nicht
kannte; die Vorsicht wird euch zusammen bringen, und eure beiderseitigen Gefühle
werden sich ändern; an seiner Seite wirst du erst die Liebe kennen lernen, deren
du dich gegen diesen Alf von Dülmen mit Unrecht beschuldigst. -
    Wärs denn nicht möglich, diesen unglücklichen Mann vom Hofe zu entfernen? -
Seine Entfernung liegt mir, ich weiss selbst nicht warum, so hart an, dass ich
selbst Nachts im Traume damit beschäftigt bin. Ich mache in eigener Person, mit
unglaublicher Aengstlichkeit zu seiner Reise Anstalten; habe ich ihn denn
abreisen, habe ich ihn von der Schlosszinne mit seinen Reisigen am äussersten
Gesichtskreis verschwinden gesehen, so findet es sich, er ist in verstellter
Tracht dennoch zurückgeblieben, und meine Angst beginnt von neuem. O Beatrix!
mütterliche Besorgnis um dich, gibt mir diese Träume ein, hüte dich, dass dein
betörtes Herz dich nicht deinem Stande und jungfräulicher Zurückhaltung
unwürdig handeln lehrt; und noch einmal, suche Alf von Dülmen zu entfernen; mit
Heinrich von Andechs und Bischof Egberten, die du mit Recht hochschätzest, wär
zu bereden, wie dieses mit Anstand, vielleicht unter dem Vorwand seiner
schwachen Gesundheit und der nötigen Erholung in der Landluft geschähe. -
    Elise komm hierin deiner schwachen Schwester zu Hülfe, und du selbst verzage
nicht; halte deinem Wittelsbach feste Treue, Gott wird dir ihn als Sieger über
alle Verleumdungen wieder schenken. Der kastilischen Heirat, sollte sie dir
angetragen werden, widersetze dich mit Klugheit, es ist schwer, einem Vater
ungehorsam zu sein, aber noch schwerer, gegebenes Wort, ohne hinlängliche
Ursach, zu brechen.
 
                       Alf von Dülmen an den Unbekannten.
                                     1208.
Zum zweitenmal ward ich an Ausrichtung meines Auftrags erinnert, ich zweifelte
an der Schuld des Angeklagten und dachte mich, - verzeiht der Appellation von
dem eurigen an ein höheres Gericht - dachte mich um Tilgung meiner Unwissenheit
an den Herzog von Sachsen zu wenden; - Jetzt bin ich davon überzeugt, wovon ich
mich zuvor nie überzeugen konnte. Der Verfehmte ist ein zwiefacher Mörder! und
ich trage kein ferneres Bedenken, das von neuem zu versprechen, was Otten von
Wittelsbach und mir im letzen Gericht befohlen ward.
    O Herzog! mein Verstand ist jetzt oft abwesend, mein Kopf, mein Herz hat
zuviel gelitten, um unzerrüttet zu bleiben! O Alix! Alix! unschuldig Ermordete!
wo bist du?
 
        Herzog Bernhard von Sachsen an Pfalzgraf Otten von Wittelsbach.
                                     1208.
Peter von Kalatin ist gestern hier angelangt, und meldet mir ausserordentliche
Dinge, Folgen von der Bosheit oder Unüberlegteit des Herzogs von ** meines
diesmaligen Stellvertreters zu Pamiers. O, dass mich Krankheit von dieser Reise
abhalten musste! ich fürchte, bei dem letzten Gericht sind unverantwortliche
Sachen vorgefallen, oder vielmehr, ich weiss es gewiss! Peter von Kalatin ist so
wenig mein Liebling als der eurige, tausenderlei liess sich gegen seinen
Charakter einwenden! Aber eins lobe ich an ihm: seine Treue gegen den heimlichen
Bund ist eisenfest, und seine Klugheit und Verschwiegenheit unbestechbar, ich
traue ihm in gewissen Dingen mehr als irgend einem; sehet hier die Ursach, warum
ihr hierdurch unter Eid und Bann erinnert werdet, euch stracks Angesichts
dieses, aufzumachen, um vor dem freien Stuhl zu *** als dem höchsten auf der
roten Erde9 Red' und Antwort über die Vorgänge des letzten Gerichts zu geben.
Peter von Kalatin weiss nicht genau, ob ihr gegenwärtig waret, aber Alf von
Dülmen war es gewiss, von ihm müsst ihr alles erfahren haben, was uns Sorge macht;
auch geht zugleich mit diesem Schreiben ein ähnliches an ihn ab, ihn, gleich
euch, vor unser Gericht zu laden. - So wie nach Pamiers an den Herzog von ***
noch geschärftere Befehle gelangen. - Von den pohlnischen Händeln ein andermal!
    Seid der Eil erinnert, und aller Freundschaft versichert von
                                                   Bernhard, Herzog von Sachsen.
 
            Pfalzgraf Otto von Wittelsbach, an die Prinzessinn Elise.
                                     1208.
Nunmehr kann ich alles glauben, ich zweifelte an der Wiederholung der
Treulosigkeit, die mir dein Vater, meine Verlobte, schon einmal bewiesen hatte,
nun kann ich alles glauben! Elise, verzeihe, dass ich aus einem Ton mit dir
spreche, den ich mir noch nie erlaubte. Aber Eifer, Angst, Entsetzen, Furcht,
auch dich zu verlieren wüten in meinem Herzen, und lassen mich jede Schonung
vergessen. Elise, du bist mir jetzt einen grossen Beweis deiner Treue schuldig,
du musst mit mir fliehen um der Gewalttätigkeit zu entgehen, mit welcher man
auch dich mir entreissen will. Die kastilischen Gesandten sind an dem Hofe
deines Vaters angelangt, man wird dich ihnen mit oder wider deinen Willen
ausliefern, man wird dich zu dem Trone schleppen, der noch von dem Blute deiner
Vorgängerinn träuft, und den du nicht ohne doppelte Treulosigkeit besteigen
kannst!
    O des falschen, falschen Kaisers! Um meine erste Braut betrogen, in der
Werbung um die pohlnische Adila durch falsche Briefe getäuscht, soll ich nun
auch Elisen verlieren?
    Noch einmal, du Verlobte Wittelsbachs, der bei Gott nicht mit sich spielen
lässt, verlass den treulosen Vater, und wirf dich in die Arme deines Gemahls, die
Bande, die dich an mich fesseln, sind jetzt die stärksten, du kannst sie nicht
ohne Ruchlosigkeit zerreissen. Mein Bote wird dich dahin führen, wo ich wenige
Meilen von der Stadt mit meinen Reisigen deiner warte, erscheinst du nicht, sehe
ich ihn einsam zurückkehren, so nimm die Verantwortung der schrecklichsten
Folgen über dich.
 
                                    Antwort.
                                     1208.
Alle Schmähungen, die du auf meinen Vater häufest, fallen auf dich zurück, du
selbst Treuloser! Kannst du in dem Briefe, da du deine eigene Untreue bekennst,
mich zur Treue auffordern? - O es ist schrecklich, was ich in diesen Zeilen
lese! Ja, Otto, ich wär dir gefolgt, wär - mein Herz gegen dich war immer
schwach - wär ohne Rücksicht auf Kindespflicht mit dir geflohen, geflohen aus
Ende der Erde, um nur dein zu bleiben! aber das Bekenntnis deiner Schande aus
deinem eigenen Munde lösst alle Bande zwischen uns auf. Die Bande, die mich an
meinen Vater fesseln, sind unauflösbar, diese fühle ich, jetzt da mir die Augen
über deine wahre Gestalt aufgehen, mit neuer Stärke; nur die täuschende Liebe
und der törigte Wahn von deiner Treue hätten mich hierinn verblenden können! -
O Otto! wenn du das Herz sehen könntest, das du zerrissen hast! - Nein, ich
komme nicht, dein Bote kehrt einsam zurück, mögen die Folgen davon sein wie sie
wollen!
 
                  Otto von Wittelsbach an die Kaiserinn Irene.
                                     1208.
Leset beigeschlossene Briefe, eine Kopie eines Schreibens von mir nebst seiner
Antwort, und entscheidet zwischen mir und eurer Tochter! Ich treulos? Otto
treulos? Ich ein Bekenner meiner eigenen Schande? Was habe ich gesagt, was habe
ich geschrieben, das sich auf diese Art deuten liess?
    Euch, meine Mutter, übergebe ich meine Sache. Zu ruhelosem Umhertreiben
bestimmt, muss ich in dem Augenblick, da mein Herz von tausendfachen streitenden
Gefühlen glüht, da es alles fühlt, was Rache, Liebe und Bekümmernis folterndes
haben, mich zu einer neuen Reise verstehen, da ich die vorhergehende kaum
geendigt habe. Herzog Bernhard von Sachsen fordert mich in einem mir ganz
unverständlichen Briefe zu sich, fordert mich auf eine Art, der ich nichts
entgegen setzen kann! - Muss denn alles auf mich einstürmen? Was will Bernhard
mir zu dieser Unzeit? will er mich vielleicht wegen der mislungenen Werbung um
die pohlnische Adila, die ich für ihn übernahm, zur Rede setzen? - Er halte sich
an den Kaiser, den ich einen Verräter nennen würde, wenn er nicht Irenens
Gemahl war! Doch er ist, er ist es trotz seiner Verbindung mit diesem Engel!
Anstatt Bernhards Ehewerbung in dem von ihm geforderten Empfehlungsschreiben an
den Herzog von Pohlen zu begünstigen, schilderte er mich und ihn in den
gehässigsten Farben, und widerriet heimlich, was er öffentlich zu befördern
versprach. Der Pohle, redlicher als er, entdeckte mir dieses, und hies mich
zurück eilen, wenn ich noch einem heimtückischen Streiche vorbeugen wollte. Ich
eile auf den Flügeln der Ungeduld, und das Gerücht kommt mir entgegen, wie
kastilische Gesandte bei Hofe angelangt wären, die mir versprochene Elise zu
ihrer Königinn abzufordern. In der ersten Wut gekränkter Ehre und Liebe,
schreibe ich an meine Verlobte, und erhalte diese Antwort. O Mutter, Mutter!
entscheidet zwischen ihr und mir, entscheidet günstig für mich, oder ich
wiederhole es auch euch, zittert vor den Folgen!
 
    Anton von Hagenau, kaiserlicher Kammerherr an die Oberhofmeisterinn der
                                Kaiserinn Irene.
                                     1208.
Wapnet euch mit Standhaftigkeit, edle Frau, das schrecklichste zu vernehmen, was
der Himmel über uns verhängen konnte. Der Kaiser ist ermordet!!
    Auf Befehl der Reichsräte setze ich mich, euch die Unglückspost im ersten
Wahnsinn der Bestürzung, fast in dem Augenblick, da die Tat geschah, zu
berichten, damit sie das Ohr unserer guten Gebieterinn nicht unzeitig erreiche,
damit ihr für sie wachen könnt, dass übereilte Entdeckung ihres Unglücks sie
nicht tödte.
    Es ist die unerhörteste Tat, welche je verübt wurde, sie ist vor unser
aller Augen geschehen, ohne dass einer sie hindern konnte. Ich würde mir sagen,
ich habe den unsinnigsten, schrecklichsten Traum geträumt, wenn hier auf dem
Boden nicht das rauchende Blut, aus welchem man eben Philipps entseelten Körper
aufhub, ihn in ein anderes Zimmer zu bringen, und wenn nicht die Stimme
allgemeines Klagens nebst dem Getümmel der Bestürzung mir die Gewisheit des
grauenvollen Vorgangs bestättigten.
    Der hochwürdige Erzbischoff von Speier, welcher sieht was ich geschrieben
habe, befiehlt mit, mich nicht in fruchtlose Klagen zu vertiefen, sondern zu
eilen, damit das gemeine Gerücht nicht meinem Briefe zuvorlaufe, und vielleicht
unserer guten Kaiserinn den Tod bringe.
    Hört also mit wenig Worten das Ganze der Greueltat, welche nicht in so viel
Minuten geschehen war, als ich brauchte, davon zu schreiben.
    Otto von Wittelsbach ist der Mörder! dass er wenige Meilen von der Stadt
angekommen war, wusste der Kaiser, er wunderte sich über sein Zögern und liess ihn
zu sich fordern, weil er Wichtigkeiten mit ihm zu bereden hatte, er erwartete
ihn in Gesellschaft des Bischoffs von Speier, und des von Bamberg in seinem
Kabinet, wohin auch die Prinzesinn Elise beschieden war; man vermutete ein
Anmutung an den Pfalzgrafen, sich wegen der kastilischen Heirat von seiner
Verlobten loszusagen, aber ich, der immer um den Kaiser war, und viel Geheimes
aus seinem Munde hörte, weis fast mit Gewissheit, dass die Absicht unsers
unglücklichen Monarchen war, sich vor dem Pfalzgrafen, wegen eines
untergeschobenen Briefes an den Herzog von Pohlen, der ihm zur Last gelegt wird,
zu rechtfertigen, und ihm den Besitz seiner Elise, die den kastilischen
Gesandten abgeschlagen wurde, von neuem zu versichern.
    Während der Kaiser nebst den beiden Bischöfen die zu ihm beschiedenen
erwartete, stand ich an der einen Seite der Kabinetstür, und wartete auf
Befehl, sie zu öfnen. Ich hörte jemand mit Hastigkeit, in das Vorzimmer
eintreten, und bemerkte durch das Seitenfenster den Pfalzgrafen in voller
Rüstung mit entblösstem Schwerd, und so festgeschlossenen Helm, als gehe es zur
Schlacht und nicht zum Verhör bei seinem Herrn; welchem er sich doch Wohlstands
wegen mit entblösstem Gesicht zu zeigen, verbunden gewesen wär, - aber gewiss war
dieses auf Geheimhaltung des Verübers der vorhabenden Greueltat abgesehen; als
wenn nicht des Wittelsbachers Waffen, und seine Riesengestalt, in welcher er
hier bei Hofe kaum eines Gleichen hat, hinlänglich wären, ihn kenntlich zu
machen. - Ich ward gefragt, wer im Vorzimmer tose. Es ist der Herr Pfalzgraf,
sagte ich halb lachend, welcher mit seinem Schwerd allerlei wunderliche Gaukelei
treibt, er ficht gegen die Wände, kehrt jetzt das Eisen gegen seine Brust, und
murmelt unverständliche Worte zwischen den Zähnen.
    Er glaubt sich allein, sprach der Kaiser, öfne die Tür, und sage, dass er
gebührlich eintrete. Otto trat, oder vielmehr er stürzte herein. Es war, als ob
seine Geberde und das fortdauernde Gaukelspiel mit dem Schwerdte schaudern
machte. Der Kaiser erwartete seine Anrede, und sagte denn mit mildem Ton: Mein
Otto, was ist euch? vergesset ihr ganz, vor dem ihr stehet? - Ha, Verräter
schrie der Wahnsinnige, indem er sich auf den Kaiser stürzte, der ihm einige
Schritte entgegen trat, ich stehe vor einem verruchten Mörder, den dieses
Schwerd richten soll!
    Mehr erraten als gehört haben wir diese Worte, jeder von uns will sie
anders vernommen hoben; wahrscheinlich hörte keiner ganz richtig, unsere Seele
war in die Augen geflohen, wir sahen das Schwerd des Meuchelmörders blinken, wir
stürzten hinzu, aber der Kaiser war gefallen, der Täter entflohen, ehe wir
beide erreichen, oder das Geschehene hindern konnten.
    Kaiser Philipp lag in den Armen des Bischofs von Bamberg, und blutete aus
einer fürchterlichen Halswunde, die er empfangen hatte. Ihr seid der Bruder
meines Mörders, stammelte der Kaiser, ich vergebe euch und ihm, und will
glauben, dass ihr unschuldig seid.
    Ich lag vor dem Verwundeten auf den Knien, und bestrebte mich, das Blut zu
stillen; der Bischof von Speier stand wie versteinert da, und warf verdachtvolle
Blicke auf Bischof Egberten, den ich an der Tat seines Bruders schuldlos halte,
und der in einem Zustand war, welcher ihn dem Tode fast so nahe brachte, als der
verwundete Kaiser war; es eilten mehrere Kammerbediente auf das Geräusch von des
Kaisers Fall und den Anblick des fliehenden Mörders, den sie nicht aufhalten
konnten, herzu, sie brachten den ohnmächtigen Egbert hinweg, und liefen nach
Wundärzten.
    Da trat die Prinzessin Elise herein, sie war dem Mörder begegnet, welcher
mit dem blutigen Schwerde bei ihr vorbeigestrichen war, ohne von ihr gekannt zu
werden, oder sich bei ihr aufzuhalten. -
    Doch dies lässt sich nicht beschreiben! - Denkt selbst, was die zärtliche
Tochter bei dem blutenden und sterbenden Vater, bei der Nachricht fühlen mochte
ihr Verlobter habe ihn ermordet.
    Der Kaiser war, während man sich mit der ohnmächtigen Prinzessinn
beschäftigte, verbunden worden, aber die Wundärzte gaben keine Hoffnung! - Elise,
stammelte er, noch ehe er verschied, dein Wittelsbach, den ich dir so gern
gegönnt hätte, ist für dich verloren, du wirst dem Mörder deines Vaters nicht
die Hand geben, werde kastilische Königinn!
    Ich werde hier erinnert, der Eil wegen zu schliessen! Gott weis, was ich
geschrieben habe, die Wahrheit ist es, das andere entschuldige die allgemeine
Bestürzung.
 
                Alverde an den Pater Zyrill vom heiligen Kreuze.
                                     1208.
Mein Herz braucht Trost, meine Aufführung Leitung, an wen könnte ich mich lieber
wenden als an Euch. Ach, mein Vater, die Dinge, von welchen ich Euch zu
unterhalten habe, sind Eurem Herzen nicht fremd, sie betreffen die, welche Ihr
ehedem schätztet und liebtet, betreffen Philipp und Otto, mit welchen ihr einst
in so genauer Verbindung standet. Trauert nicht, dass Eure zu feste
Anhänglichkeit an Pflicht und Tugend Euch vom Hofe vertrieb, Euch aus einem
kaiserlichen Gesandten zu eurem gegenwärtigen demütigen Posten brachte, denn
welche Greueltat würdet ihr hier erlebt haben, aber darüber trauert, dass
endlich das teuflische Projekt, das Herz des besten Mannes zu vergiften, und ihn
zum Mörder seines Freundes, seines Vaters zu machen, dennoch geglückt ist. O
Zyrill, hättet ihr damals, als ihr den Grafen von Wittelsbach auf seiner
Gesandschaft nach Rom begleitetet, als ihr Augenzeuge von seiner grossmütigen
Verachtung alles desjenigen waret, was man aussann, ihn gegen den Kaiser
aufzuwiegeln, hättet ihr gedacht, dass Philipp einst durch seine mörderische
Faust fallen würde? - Muss es denn der Bosheit vergönnt sein, die Tugend so lange
mit unablässigen Angriffen zu ängstigen, bis sie endlich Siegerinn ist? - Ach
Otto würde kein Verbrecher geworden sein, hätte man nicht durch unablässiges
verleumderisches Einhauchen sein Urteil allmählig bestochen, und so ihn nach
und nach zu einer Tat bereitet, die nun leider geschehen ist, und die ich Euch
nicht erzählen darf, da ihr bereits durch das Gerücht alles vernommen haben
werdet.
    Man kann sich keine andere Ursach denken, warum Wittelsbach die Hände mit
dem Blute seines Freundes seines Vaters benetzte, als seinen Wahn von der
kastilischen Heirat, den ich Unschuldige von andern getäuscht, leider auch mit
nähren half und einen Brief, welchen der Kaiser an den Herzog von Pohlen zu
Ottos Nachteil geschrieben haben soll, und der, mit sich nun ergibt, von einem
erkauften nun bereits bestraften Geheimschreiber untergeschoben ward!
    Mit der kastilischen Heirat hat es die nemliche Bewandtnis, es erweist sich,
dass die Gesandten um des Pfalzgrafen willen bereits abgewiesen waren und dass der
edle Philipp auf keine Art treulos an seinem Mörder gehandelt hatte. Aber wird
durch die Erweisung und Kundbarkeit dieser Dinge unsere Lage glücklicher? o
nein! wir steigen durch sie noch eine Stufe tiefer in den Abgrund des Elends
hinab!
    Ein verräterischer Tyrann wird ja nicht so bitter beklagt, als ein gütiger
nur verkannter Vater; den Rächer angetanen Unrechts kann man ja weniger
verabscheuen, als den, welcher aus blindem Jähzorn seinen Wohltäter ermordete,
und wie schrecklich ists, den verabscheuen zu müssen, den man ehemals liebte!
    Elisens Jammer ist nicht auszusprechen. Das Unglück, ihren Vater auf diese
Art verloren zu haben, berechtigte sie schon zu Kummer ohne Gränzen, aber ihn
durch Wittelsbach verloren zu haben, wer misst das Fürchterliche, das in diesem
Umstande liegt? wer kann sie verdenken oder tadeln, dass sie sich selbst Vorwürfe
macht, weil auch sie voreilig zu Werke ging, weil sie aus einigen falsch
verstandenen Worten in einem Briefe ihres Otto ihn für treulos hielt, und ihn
durch Härte und Vorwürfe aufs äusserste brachte?
    Zittre vor den Folgen deiner Strenge! schrieb er am Ende jenes unglücklichen
Briefs, von dessen Beantwortung alles abgehangen zu haben scheint; ach wer hätte
sich bei diesem Manne die schrecklichen schrecklichen Folgen getäuschter Liebe,
die wir nun vor Augen sehen, denken können!
    Nun erklärt sichs, dass Philipp unschuldig, dass von Kastilien her nichts zu
fürchten, dass Otto nicht treulos, sondern nur Herzog Bernhards Brautwerber um
die schöne Adila war, aber die schreckliche Tat, welche auf den falschen Wahn
von all diesen Dingen gebaut war, ist nun einmal zur Hölle entschlichen, wer
will sie zurückrufen, wer den ermordeten Philipp erwecken, oder Ottos Hände von
Blut reinigen?
    Es ist schrecklich, wie eine Tat wie diese den ganzen Charakter eines
Mannes, selbst eines Tugendhelden, wie Wittelsbach, umwandeln kann; hätte ich
mir ihn nach verübter Tat vorstellen sollen, so würde ich mir ihn am Abgrund
der Verzweiflung, reuig, bekennend, oder aufs höchste sein Verbrechen
beschönigend gedacht haben; aber zu leugnen, mit der höchsten Unverschämteit zu
leugnen, was vor den Augen mehreren Zeugen begangen ward, zu drohen, noch Plane
zu neuen Verbrechen zu machen, wer hätte das in dem edeln Pfalzgrafen gesucht!
    Leset diesen Brief, welchen Elise gestern Morgen erhielt, höret, was auf
denselben erfolgte, und erstaunet über die Herabwürdigung Eures ehmaligen
Tugendhelden. Auf Vergunst der Prinzessinn mache ich euch zum Vertrauten in
diesen Dingen, sie schätzt Euch, wie ich Euch schätze; und nicht allemal mit den
strengen Aussprüchen ihres Gewissensrats, des Bischofs von Sutri, gleich
zufrieden, will sie auch Eure Meinung über diese Dinge hören.
    Hier ist Wittelsbachs Schreiben.
                         Der Pfalzgraf Otto an Elisen.
Falsche! nicht genug, mich durch deine Härte, durch die grausame Behandlung
eines Unschuldigen aufs äusserste gebracht zu haben, willst du mich noch zum
Mörder deines Vaters machen? Ich bin es nicht! ein Mensch oder ein Teufel muss
meine Gestalt angenommen haben, euch alle zu täuschen, wenn das Ganze nicht nur
ein Vorwand ist, dich ohne den Tadel der Welt von mir loszumachen! Wisse, ich
lasse dich nicht, und ob heilige Mauern dich bärgen, und ehe der Abendstern
zweimal heraufgeht, bist du in meinen Armen.
Dieser Brief versetzte uns alle in das heftigste Schrecken, den Beteuerungen von
Wittelsbachs Unschuld glaubten wir nicht, konnten ihnen nicht glauben, wenn wir
nicht die von mehreren Zeugen bestättigte Wahrheit zur Lügnerin machen wollten,
aber vor seinen Drohungen zitterten wir. Wir sahen sie noch in selbiger Nacht
erfüllt. Gewappnete brachen in das Zimmer der Prinzessinn ein, und brachten sie
davon, Wittelsbach war persönlich nicht gegenwärtig, aber da keiner von seinen
vornehmsten Dienern unter den Entführern fehlte, so konnte man die Hand nicht
verkennen, welche die angedrohte Tat ausführte.
    Ich, welche diese Nacht allein bei Elisen geblieben war, entkam mit Mühe den
Räubern, welche auch mich festalten und verhindern wollten, Lerm zu machen. Ich
wusste keine tätigere Hülfe zu suchen, als bei meinem tapfern Bruder; der
Pallast des Pfalzgrafen, in dem er sich bisher aufgehalten hat, stösst an den
unsrigen, wenig Schritte brachten mich in Alfs Vorzimmer; hier erfuhr ich erst,
dass seine Hüter - (ach der zerrüttete Gemütszustand des Unglücklichen, welchen
ich in dem Augenblick, da ich seine Hülfe suchen wollte, nicht gleich erwog, hat
ihm seit einiger Zeit Hüter nötig gemacht!) - Hier, sage ich, erfuhr ich erst,
dass man ihn schon seit vorgestern vermisste; der allgemeine Tumult am Tage der
Ermordung des Kaisers muss gemacht haben, dass man ihn aus der Acht liess, er muss
ganz bloss entflohen sein, denn nichts von seinen Sachen, die man ohnedem vor ihm
verschlossen hatte, vermisst man, und selbst sein Nachtgewand, darin er das Bette
verliess, hat man in einem Winkel des Hauses gefunden.
    Hier also neue Ursach für mich zu Gram und Verzweiflung, ich hatte also auch
den Bruder verloren, der auf die letzt mir seine Liebe ganz entwendet hatte,
mich nicht einmal vor sich lassen wollte, weil er glaubte, ich habe in seinen
Abenteuern mit der Gräfinn von Toulouse nicht zu seinem Vorteil gehandelt.
    Die Angst um Elisen machte, dass ich diesen neuen Schlag des Schicksals nur
halb fühlte. Sie musste schleunige Rettung haben, und ich suchte sie bei den
kastilischen Gesandten, welche, ungeachtet sie mit ihrer Werbung vom Kaiser
abgewiesen worden waren, doch noch hier verweilten, weil sie gehört hatten, er
habe in seinen letzten Augenblicken noch einige Worte zum Besten ihres Herrn mit
der Prinzessinn gesprochen; dies ist nur allzuwahr, und ich weis nicht, was die
Folge davon sein wird, und ob ich das, was wahrscheinlich geschehen muss,
billigen oder tadeln soll.
    Durch Hülfe der kastilischen Gesandten, besonders des tapfern Grafen
Kastelmoro, sahen wir des andern Morgens unsere Elise uns wieder geschenkt, er
hatte sie noch eher ereilt, als sie von Wittelsbachs Reisigen in die Arme ihres
wartenden Herrn geliefert wurde. Der Schrecken hat die Geraubte so krank
gemacht, dass sie den Pallast der Gesandten, in welchen sie ihr Retter brachte,
noch nicht hat verlassen können. Ihre Schwester, die Prinzessinn Beatrix ist bei
ihr, und vereinigt sich mit dem Bischof von Sutri, dem von Speier, und dem von
Kastilien, der unglücklichen Dame begreiflich zu machen, dass sie verbunden ist,
den letzten Willen ihres Vaters zu erfüllen, und in den Armen des kastilischen
Prinzen den Schutz zu suchen, den ihr kein Ort, selbst kein Kloster vor
Angriffen des wütenden Wittelsbachers geben wird. -
    Noch schützt sie sich mit der fehlenden Einwilligung ihrer Mutter, aber wie
wird ihr geschehen, wenn sie erfährt, dass die vortrefliche Kaisersinn nicht mehr
ist!
    Die Schreckenspost von Philipps Ermordung durch Wittelsbach, hat ihr eine
frühzeitige Niederkunft, und durch dieselbe den Tod gebracht. Am Ende dieses
Schreibens erhielt ich die Nachricht von der Oberhofmeisterinn, mit Bitte sie
den Prinzessinnen behutsam beizubringen. -
    Wie kann ich das? Wie kann ich ihnen den Dolch in die Brust stossen, ohne sie
zu töden? - Hier ein Schreiben von der abgeschiedenen Heiligen an ihre Kinder,
wie soll ich es ihnen überreichen? -
    O mein Vater, mir schwindelt, ich weis nicht mehr was ich schreibe! ich
hatte euch noch so viel zu sagen, von dem frommen Bischoff Egbert, und dem
treflichen Marggrafen von Andechs, wie sie ihres Bruders des Wittelsbachers
Schuld, und seine Durchächtung teilen müssen; alles dieses bleibt nun bis zu
besserer Fassung. O Otto! Otto! über wie viel gute Seelen hast du den Fluch
gebracht.
 
                      Die sterbende Irene an ihre Kinder.
                                     1208.
Kennt ihr noch die zitternden Züge von der Hand Eurer Mutter? - O ich strenge
meine letzten Kräfte an sie fest und kenntlich zu machen! Sie sollen die letzte
Handlung der Gerechtigkeit vollführen, die mir genseit des Grabes zu tun
beschieden war, sollen Euch des Pfalzgrafen Unschuld beteuren. Otto von
Wittelsbach ist unschuldig. Zu der Stunde, da mein Gemahl, dem ich in die
Ewigkeit folge, unter dem Stahl des Meuchelmörders fiel, hat der Verleumdete an
meinem Bette gesessen; Plane für die Zukunft beschäftigten uns, die nun ein
einiger Schlag alle zernichtet!
    Doch die Ewigkeit wird alles klar machen! - Noch einmal: Otto ist
unschuldig! - Kinder! unglückliche verlassene Kinder! meinen Seegen! -
 
                          Alverde an den Pater Zyrill.
                                     1208.
Wer kann die Worte einer Sterbenden, die letzten Worte einer Heiligen
bezweifeln? Zyrill, ihr habt den Brief der verewigten Kaiserinn, dessen
Abschrift ich Euch auf Vergunst mitteilte, gelesen; wir müssen nach demselben
Wittelsbachs Unschuld glauben, obgleich unser Verstand bei der Möglichkeit
derselben still steht; und welches sind die Folgen von dieser Entdeckung? - Also
wären die Bande zwischen ihm und Elisen noch unzerrissen? also müsste sie allen
Hindernissen zum Trotz die Seinige bleiben? - Meinem Urteil nach wär dem also,
auch war es ohne Zweifel die Meinung der sterbenden Kaiserinn dieses zu
bewürken. -
    Niemand sieht dieses deutlicher ein als Elise, deren Herz noch immer für den
Pfalzgrafen spricht, dessen Unschuld sie aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz mit
voller Ueberzeugung glaubt. Ach, dass diese Ueberzeugung zu spät kommen müsste,
dass sie jetzt nur darum, mit voller Stärke eintritt, um die gequälte Prinzessinn
noch unglücklicher zu machen!
    Elise ist seit gestern vermählte Prinzessinn von Kastilien; absichtlich hielt
man mich von ihr zurück, bis die Einseegnung, welche in aller Stille vor sich
ging, geschehen war; man wusste, dass ich nicht dafür war, dass die Stelle der
Gräfinn von Toulouse durch eine andere von meinen Freundinnen ersetzt würde, ich
kannte die kastilischen Herrlichkeiten zu gut, um Einer meiner Geliebten dieses
Loos zu gönnen, ich wusste, dass dasjenige, was man an der unglücklichen Alix
tadelte, was ihr wahrscheinlich den Tod brachte, sich auch bei Elisen fand; ihr
versteht mich Zyrillo, ihr habt mit uns in verschiedenen Stücken einen Glauben,
und ich kann mich also hierüber deutlicher gegen Euch erklären, als ich gegen
einen andern Eures Standes tun würde.
    Niemand wusste das, worauf ich ziele so gut, als Beatrix, und doch liess sie
sich von den Bischöfen verblenden, ihre Schwester zu einer Verbindung zu
bereden, die ihr Glück nicht machen kann! Doch dies ist ihr Charakter! - O
Beatrix! wie vortreflich würdest du sein, würden deine Vollkommenheiten nicht
durch so viel Leichtsinn, Leichtgläubigkeit, und übereiltes Wesen befleckt!
    Einen neuen Beweis ihrer Voreiligkeit, legte sie bei dem Auftritte ab, von
welchem ich Euch jetzt unmittelbar unterhalte. Nach zweitägigem vergeblichen
Streben, vor die nunmehrige Prinzessinn von Kastilien gelassen zu werden, erhielt
ich endlich Zutritt. Elise kam eben vom Altar. Mir vergingen die Sinnen über den
Schritt, den sie getan hatte, ungeachtet mir der Inhalt von dem Briefe der
Kaiserinn, die der ganzen Sache ein noch bedenklicheres Ansehn gibt, noch nicht
bekannt war! - Ich hatte indessen Besonnenheit genug mich zu fassen, und nicht
mit der Trauerpost, welche mir auf dem Herzen lag, unzeitig heraus zu brechen.
Die Prinzessinn Beatrix hatte man schon mit dem Tode ihrer vortreflichen Mutter
bekannt gemacht, und sie hatte Mittel gewusst, ihrer Schwester die
Schreckenszeitung, die sie beide zu völligen Waisen machte, mit ziemlich guter
Art beizubringen. Irenens Tod war es eben, worauf man die Beschleunigung des
kastilischen Bundes gebaut hatte, Elise hatte niemand mehr, an dessen
Einwilligung sie appelliren, mit dessen Nein sie sich schützen konnte, sie war
sich selbst überlassen, und der Gedanke, von niemand mehr abzuhängen, führte die
Vorstellung von Hülflosigkeit so natürlich herbei, machte die Ausschlagung einer
königlichen Heirat zu so offenbarer Torheit, dass Elise Ja sagte, aus
Bewegungsgründen Ja sagte, die wohl noch nie bei einer so edlen Seele, wie die
ihrige, entschieden haben. - Doch, nein, ich tue dieser unvergleichlichen
Person Unrecht, nicht Rücksicht auf zeitlichen Vorteil, nur das Andenken an die
letzten Worte ihres Vaters, konnte sie zu dem bestimmen, was sie tat; Sie hielt
dieselben nach dem Absterben ihrer Mutter, für das Einzige, an was sie sich nun
zu binden hatte.
    Ganz in Tränen gebadet, warf sich jetzt die Neuvermählte in meine Arme.
Keine Glückwünsche, Alverde, zu dem was jetzt geschehen ist! rief sie, jetzt
kein anderes Gespräch als von meiner Mutter! - O wo bist du in diesen für mich
so schrecklichen, so wichtigen Tagen gewesen? wie sehr habe ich meine
Trösterinn, meine Ratgeberinn vermisst! - Warst du vielleicht gar bei dem
Sterbebette jener verklärten Heiligen? - Hat sie nicht vor dem Scheiden noch
unserer gedacht? hat sie nicht für ihre Elise gebetet? Hat sie nichts an ihre
Töchter hinterlassen?
    Urteile, Zyrill, was ich bei dieser Aufforderung fühlte. Schon war ich im
Begriff, ihr Irenens Schreiben zu überreichen, doch bessere Ueberlegung hielt
mich zurück; es war Pflicht, jetzt die Zagende zu trösten, anstatt durch irgend
etwas ihre Gefühle noch mehr zu erwecken. Der Brief der Kaiserinn kam aus meinen
Händen zuerst vor die Augen der Prinzessinn Beatrix; fester und mutiger als ihre
Schwester, brauchte sie wenige Schonung, auch konnte man von ihr erwarten, sie
würde Elisen den Inhalt der traurigen Zeilen nicht ohne Prüfung, und erst gerade
zu der Zeit mitteilen, da es ihr die wenigste Gefahr drohte. -
    Wie konnte ich diese weise Vorsicht von Beatrix erwarten? Elise las das, was
man ihre Jahre lang hätte vorentalten sollen, noch am nehmlichen Abende, und
ward dadurch gerade in den Zustand gesetzt, den ihr Euch vorstellen könnt. - Sie
fiel in ein hitziges Fieber, sie raste, wie ich höre, in ihren Paroxismen
fürchterlich von Philipps Ermordung, Irenens Tode und des Wittelsbachers
Unschuld. - Ich, die man, weil man mich noch wegen der Gräfinn von Toulouse
hasst, sehr freigebig die Ursacherin dieses Unglücks nennt, werde wie eine halb
Gefangene gehalten, darf Elisen nicht sehen. Wohl gut! wie lang, so lege auch
ich mich zu sterben. - Die Würkungen alle der Uebel, die ich seit einiger Zeit
ausstand, werden sich doch endlich äussern, ich fühle Vorboten einer Krankheit,
die mich schnell dahin führen kann, wo Alix voranging, und wohin Elise mir
folgen wird!
    Lebt wohl, Zyrill, vielleicht auf ewig! - Betet für die unglückliche
Alverde; deren Herz durch eine heute aus ihrem Vaterlande erhaltene unglückliche
Zeitung den letzten Stoss bekam! ach Evert von Remen! du entflohen? aus
Verzweiflung über Alverdens Verlust entflohen, niemand weis wohin? - Und du,
meine Mutter, meine Erzieherinn tod?, ich also ganz verwaist in der Welt zurück
geblieben? Jede Hoffnung, jede Aussicht auf Glück mir verschlossen?
 
                          Alverde an den Pater Zyrill.
                                     1208.
Nach einer langen Bewustlosigkeit erholte ich mich; mir war geschehen wie ich
dachte. Von meinem letzten Schreiben an Euch war ich aufgestanden um mich zu
langer Krankheit zu legen; dass ich krank gewesen war, hatte ich wenig gefühlt,
ich erinnere mich nur zuweilen ein dunkles Gefühl von meiner Schwäche, von der
Herannahung der Nacht des Todes, und die Vorstellung vom Erwachen in einer
bessern Welt gehabt zu haben. Ich erwachte, aber noch diesseit des Grabes. Ich
sah um mich her, und alles war einsam. - Ich fragte nach der Prinzessinn von
Kastilien - »Sie werde nun wohl am Hofe ihres Gemahls angelangt sein.« - Nach
der Prinzessinn Beatrix. - »Man wollte Sie rufen, und Sie mit dem Anblick meiner
angebenden Genesung erfreuen.« - Wie? schrie ich, die Prinzessinn von Schwaben
ist ihrer Schwester nicht nach Kastilien gefolgt? - Glaubt denn Alverde,
antwortete mir ihre sanfte Stimme, dass ich sie hier krank, und unberaten
verlassen konnte?
    Ja, Zyrill, Beatrix war grosmütig genug gewesen, um meinetwillen in dem
unruhigen Teutschland zurück zu bleiben, und die Wartung einer kranken
Freundinn, der Teilnahme an dem königlichen Empfang ihrer Schwester
vorzuziehen. Zyrill, denkt Euch meine Rührung! - Reden, danken, konnte ich
nicht, aber ich schmiegte mich mit strömenden Augen in ihre Arme.
    Beatrix ist nicht so leichtsinnig, sagte die Prinzessinn, als du sie deinem
Freunde schildertest, ich habe den Brief an ihn, an dessen Versiegelung der
schnelle Einbruch deiner Krankheit dich hinderte, gelesen, und ihn abgeschickt.
Zyrill ist verständig genug, mich nicht übereilt zu beurteilen; und was ich
versah, das sollen meine nachfolgenden Handlungen vergüten.
    Ach Beatrix, schon die gegenwärtige löscht jedes Vergehen aus, und macht
mich zur Verbrecherinn!
    Jetzt nichts mehr hievon, Alverde! Sorge für deine völlige
Wiederherstellung, und traue mir zu, dass ich mich über manches, das du tadelst,
rechtfertigen kann.
    Die Zeit dieser Rechtfertigung ist gekommen, aber sie tut mir bei weiten
nicht völlig genug, sie zeigt mir nur so viel, dass der Bischof von Kastilien und
der von Sutri der armen Beatrix zu mächtig waren. Auch kann ich ihr und ihnen
bei kaltem Blute nicht ganz unrecht geben; ohne Zweifel ist der Stand einer
kastilischen Königinn dem einer verwaissten Prinzessinn, die der Gnade des
nunmehrigen Kaisers leben muss, weit vorzuziehen; Wittelsbachs Unschuld war in
dem Augenblick, da Beatrix ihre Schwester zu dem unwiderruflichen Ja bereden
half, noch unbekannt, und wär sie auch damals schon so erwiesen gewesen als
jetzt, da sich des Pfalzgrafen Abwesenheit zur Stunde des Kaisermords
bestättigt, da mehrere Umstände zu seinem Vorteil reden, hätten ich und sie
dieselbe schon damals so fest als jetzt geglaubt, was hätte dies gefruchtet?
Wittelsbach wird immer nur vor den Augen Weniger entschuldigt, immer in dem
Urteil des grossen Haufens ein Kaisermörder bleiben; ist dieses nicht genug, das
Band zwischen ihm und Elisen völlig zu zerschneiden? oder hätte Philipps Tochter
den Fluch und die Verachtung der ganzen Welt dadurch auf sich laden sollen, dass
sie ihre Hand demjenigen gegeben hätte, den jederman für den Mörder ihres Vaters
hält.
    So urteile ich jetzt, so hat mich Beatrix und der Bischof von Sutri
urteilen gelehrt, dieser weise Mann ist noch immer bei uns, auch über ihn hat
sich mein Urteil geändert, es gibt der Leute viel, welche durch genauere
Kenntnis gewinnen, und wenn ich mich auch vor diesem, von welchem ich jetzt
spreche, immer wegen seines Scharfsinns, der ihm aus den durchdringenden Augen
leuchtet, fürchten werde, so wird sein Herz mir doch schätzbar bleiben, von
dessen Güte er täglich tausend Beweise ablegt.
    Eins tadle ich an ihm, und finde es nicht ganz einstimmig mit den Lehren des
Evangeliums, die er annimmt, und die ich zu Pamiers noch deutlicher kennen
lernte: - Er predigt mir und Beatrix ohne Unterlass die Rache. - Ihr sagt er, es
komme der Tochter des ermordeten Kaisers zu, den Bluträcher wider den, welcher
sein Blut vergoss, aufzurufen, und mich erinnert er, dass es meine eigene Ehre,
die Ehre meines Hauses wolle, auf die Kundmachung und Bestrafung des wahren
Täters zu dringen. Seit man sich hier und da, sagt er, mit der Mutmassung
trägt, der Pfalzraf könne unschuldig sein, seitdem erheben sich Gerüchte, die
ich, um euch zu schonen, nicht einmal erwähnen würde, wenn euch nicht die
Pflicht zufiele, sie zum Stillschweigen zu bringen. Euer Bruder, edle Alverde,
fährt er fort, ward zur nehmlichen Zeit vermisst, da der Kaisermord geschah, war
es möglich, die Gestalt des Grafen von Wittelsbach mit der irgend eines andern
zu verwechseln, so fällt aller Verdacht auf Alf von Dülmen, welcher ihm an
ausserordentlichem Wuchse hier bei Hofe noch der ähnlichste ist.
    Ihr werdet mir glauben, Zyrill, dass solche Äusserungen mich zittern machen,
ich verteidige meines Brudens Unschuld, ich erweise, dass er in jener
grauenvollen Stunde krank im Pallast des Wittelsbachers daniederlag, dass sein
schnelles Verschwinden sich anders deuten lasse, und dass noch über das alles
sich ja gar keine Vermutung zeige, was sein Schwerd gegen den Kaiser gerichtet
haben könne, mit dem er nie in besonderer Verbindung stand, der ihn nie, wie
etwa den Wittelsbacher, zu persönlicher Rache reizte. Sutri versichert mich hier
mit dem Ton fester Gewissheit, den er all seinen Worten zu geben weis, dass gegen
ihn die Verteidigung meines Bruders ganz unnütz sei, dass er nicht einen
nachteiligen Gedanken von ihm hege, aber um so viel mehr fährt er fort, muss ich
auf seine Rechtfertigung dringen, wozu man euch zu seiner Zeit die Mittel
anweisen wird.
    Dergleichen Gespräche habe ich viel mit dem Bischof von Sutri gehabt, ihre
wahre Deutung und ihren Erfolg werdet ihr und ich erst in der Zukunft erfahren.
Aehnliche Unterhaltungen fallen auch zwischen ihm und der Prinzessinn vor, sie
ist fest entschlossen, zum nunmehrigen Kaiser, dem ehmaligen Herzog Otto von
Braunschweig, zu ziehen, und Rache des vergossenen Blutes von seinen Händen zu
fordern.
    Ich zittre! ein Rache flehendes Weib, welch ein empörender Anblick!
gleichwohl dringt man von allen Seiten mit der Notwendigkeit dieses Schrittes
auf sie ein; und was von ihr die Kindespflicht fordert, das möchte vielleicht
von mir schwesterliche Liebe und die Sorge für die Ehre meines Bruders heischen.
Ach der Geliebte! der Verlorene! was mag aus ihm geworden sein! vielleicht ist
er bereits nicht mehr, darum wagt es die Schmähsucht desto kühnlicher, seine
Asche zu besudeln! soll ich dieses dulden? Soll ich nicht vielmehr jeden Schritt
gehen, den man mir vorzeichnet, seine Ehre zu retten?
 
          Elise, Prinzessinn von Kastilien an ihre Freundinn Alverde.
                                     1209.
Die Rache schläft, soll ich sie wecken? Otto von Wittelsbach ist unschuldig, an
wessen Händen mag das Blut meines Vaters haften? Diese Gedanken verfolgen mich
ohne Unterlass, verfolgen mich doppelt heftig seit einem Schritte, zu welchen
mich Reue über begangene Fehler bewog.
    Alverde, du und ich sind grosse Sünderinnen, auch Alix war es, Gott sei ihrer
Seele gnädig! Der fromme und gelehrte Bischof von Kastilien hat während der
Reise zu meiner Bestimmung oft mit solchen Ermahnungen an mein Herz geklopft,
als wüsste er, welche Irrtümer ich zu Toulouse eingesogen habe, eine Predigt des
Dominikus Guzman, der, wie man versichert, dereinst ein grosses Licht der Kirche
werden wird, vollendete meine Bekehrung. Ich nützte die erste ruhige Zeit nach
den Festen, welche meine Vermählung nach sich zog, mir Erlaubnis zu einer
achttägigen Andacht im Kloster S. Maria zu erbitten; ich erhielt sie, und säumte
nicht, mich zu den Füssen der Heiligen zu werfen. Ach Alverde, mein Herz war
voll, noch lebte der Wittelsbacher in demselben, da ich es doch nur allein
meinem Gemahl schuldig bin, dem mich der Himmel so augenscheinlich in die Arme
geführt hat, dass ich seine Hand nicht verkennen, dass ich nicht murren darf.
Gleichwohl blieb die Erinnerung vergangener Dinge unaustilgbar, und der Gram um
Unmöglichkeiten unsterblich. Sprich, Alverde, sollte ich beim Gefühl meiner
Schwäche nicht nach übernatürlicher Hülfe schmachten? Ich suchte sie bei den
Altären, ich schwur, um mir sie vom Himmel zu erringen, den Glauben an alles ab,
was ich von Alix erlernte, und was man mir mit dem Glauben der Kirche weiland
geschildert hat; Gott, was hätte ich nicht getan, um mir Ruhe zu erkaufen!
    Ich denke, ich habe sie erlangt, das Andenken des Wittelsbachers ist in
meinem Herzen ertödet, oder es schlummert wenigstens; Gott gebe, dass es nie
erwache! - Aber ein anderes peinigendes mit meinem ganzen Charakter streitendes
Gefühl ist in mir erwacht, der Trieb nach Rache! Trieb? Wunsch? - nein, so kann
ich das nicht nennen, wovor ich zittre; es ist bloss der Gedanke, der in mir rege
ward, Rache des unschuldig vergossnen Blutes meines Vaters sei nötig, und ich,
die Tochter, müsse sie fordern; denke selbst: Keine Nacht im Kloster verging,
dass mir nicht der blutige Schatten des ermordeten Kaisers in Nebelduft gehüllt
vor die halb wachenden Augen kam, und Worte an mich ertönten, die mir wohl ewig
unvergesslich bleiben werden. Ich wiederhole sie nicht; Geistersprache, sagt man,
darf die Zunge der Sterblichen nicht nachlallen; meinem Beichtvater habe ich
davon entdeckt, was ich musste, und höre hier den Plan, der mehr aus fremden
Ratschlägen, als aus eigenem Nachdenken zu Wiedererlangung meiner Ruhe
entstand, und zu dessen Ausführung du mir die Hand bieten musst.
    Kaiser Philipps Blut muss von der Hand seines Mörders, so gern mein leidendes
Herz ihm auch die Strafe schenkte, blutig zurückgefordert werden, meine
Schwester Beatrix hat, wie ich vernehme, am Trone des neuen Kaisers vergebens
um Recht und Rache gefleht, sie ward gnädig, mehr als gnädig aufgenommen, aber
ihr Gesuch schlug man ihr unter dem Vorwand ab, dass bei einer so verborgenen
Sache niemand als Gott richten könne. Nun wohlan, so muss man sich an Gottes
Stellvertreter, an jene furchtbaren Richter wenden, die an seiner Statt im
Verborgenen richten. Wisse, durch das ganze deutsche Reich herrscht eine
heimliche Macht, nur durch ihre Würkungen sichtbar; sie weis jedes Verbrechen
aus der Verborgenheit zu ziehen, jede Untat nach Gebühr zu strafen. Mache dich
auf, Alverde! klage in meinem Namen an den Stufen des furchtbaren Richterstuhls!
die Mittel, zu demselben zu gelangen, findest du auf diesem Blatte verzeichnet,
ich dachte nicht, dass diese Dinge, welche ich einst von Einem erfuhr, welcher
mir nichts verschweigen konnte, mir nutzbar werden würden. Nutzbar? - wird Rache
mir Nutzen oder Ruhe bringen? - Man versichert es mich, aber mein Herz spricht
nein! - Wenn nun die Tochter die Rache über den Mörder des Vaters herabgerufen
hat, und das Gerücht erschallt, dieser oder ein anderer, den ich kenne, oder
nicht kenne, ist durch den Stahl heimlicher Henker gefallen, weil er Kaiser
Philipps Blut vergoss; wird da nicht mein Herz beben, und mich selbst eine
Mörderinn nennen? - Ist auch das Urteil jener Unbekannten unfehlbar? - und da
ich dieses durch viel Beispiele gelehrt glauben muss, darf auch der Mensch
richten, wo Gott Nachsicht hat? Wer weis, zu welchen grossen Absichten der ewige
Richter dem Kaisermörder seine Verborgenheit gründe, die ich nun zerstöre! -
    O Alverde, ich weis nicht, was ich beginne, richte du selbst über die
Rechtmässigkeit meines Verlangens, und gehe, so viel die Geheimhaltung der Sache
verstattet, mit Verständigen darüber zu Rate. Ich nenne dir besonders den
Bischof von Sutri, zu welchem ich unumschränktes Vertrauen habe.
 
                    Alverde an die Prinzessin von Kastilien.
                                     1209.
Der Schritt, zu welchen ihr mich aufruft, ward mir wegen meinen eigenen
Angelegenheiten bereits geraten. Ich eile, eure Befehle zu erfüllen, ich werde
in eurem Namen Rache für einen ermordeten Vater, in dem meinigen Rechtfertigung
eines unschuldig verleumdeten Bruders flehen! - Es ist schrecklich, es euch zu
sagen, aber wegen Aehnlichkeit der Gestalt beginnt man auf Alf von Dülmen das
Verbrechen zu wälzen, welches man hier und da von des Wittelsbachers Schultern
nimmt. O dass beide zur Stelle wären, um sich zu verteidigen! Doch vor jenen
furchtbaren Richtern, die ich besser kenne als ihr denkt, kann sich niemand
bergen, ihr allmächtiger Ruf vermöchte wohl Schuld und Unschuld aus dem Schoss
der Erde herauf zu holen.
    O Prinzessin! es ist ein schwerer Gang, den ich unternehme, doch
Freundesrat, Freundespflicht und Schwesterliebe leiten mich, wie kann ich
irren?
 
                              Beatrix an Alverde.
                                     1209.
Ich komme von meiner unglücklichen Reise nach Frankfurt zurück, ich eile auf
mein Schloss Frankenstein, dahin ich dich beschied, ich denke in deinen Armen
mein ganzes Herz auszuschütten, und ich vernehme, dass du zwar hier gewesen, aber
schnell davon geschieden bist. Deine Abreise trägt die seltsamsten Spuren des
Geheimnisses. Um Mitternacht in Trauergewand, ohne alle Begleitung, hast du das
Schloss verlassen.
    Deine Weiber, die mir weinend entgegen kamen, wollen dich vor dem
unerklärlichen Schritte in ausserordentlicher Bewegung gesehen haben, du sollst
die Jutta, welche du immer am meisten liebtest, und die dich ungeachtet deines
Verbots weiter als ihre Gespielinnen begleitete, noch einmal umarmt, und zu ihr
gesagt haben, bete für mich, gutes Kind, ich weiss nicht ob ich zum Leben oder
zum Tode gehe! -
    Ich habe mit den Ueberbringerinnen dieser unerklärlichen Nachrichten
gescholten, sie hätten dich schlechterdings nicht allein lassen sollen, wer
weiss, zu was für Ausschweifungen dich der Trübsinn, der dir nach den letzten
Trauergeschichten anhängt, und die Einsamkeit, in welcher du hier gelebt haben
sollst, gebracht haben.
    Ich höre, dass du niemand gesehen hast, als den Bischof von Sutri, und meine
Mutmassung, dass er um deine Angelegenheiten wissen muss, ist wohl nicht
ungegründet; ich habe schon mit ihm hierüber gesprochen, ohne etwas ergründen zu
können. Nur in einem hat er mich beruhigt: Ich besorgte, Kalatin, der, wie ich
weiss, dir noch immer nachstellt, habe dich zu verlocken gewusst, und du seist
vielleicht in seine Hände geraten; Sutri versichert mich vom Gegenteil, und
setzt das Versprechen hinzu, dir einen Brief von mir in die Hände zu liefern; so
weiss er doch wo du bist, also kennt er doch die Mittel zu dir zu gelangen? - Wer
mag sich in diese Bischöfe finden! auch ich habe mich nur allzuoft von ihnen
lenken lassen, und jetzt sehe ich die Folgen davon, Folgen, die ich ewig bereuen
werde! Gebe Gott, dass du nicht das nehmliche erfahrest: Höre hier das vornehmste
meiner letzten Geschichte, das ich dir mitteilen muss, um mein Herz nur
einigermassen zu erleichtern.
    Von Sutri angefeuert, entschloss ich mich zur Reise nach Frankfurt; ich
glaubte dem Tode entgegen zu gehen. Beides der Ort, wohin, und die Ursach, warum
ich reiste, missfiel mir. Ich sollte Rache über das vergossene Blut desjenigen
flehen, welchen keine Ahndung der Schreckenstat in die Arme seiner Kinder
zurückbringt, sollte dieses verabscheuungswürdige Gesuch bei demjenigen
anbringen, den ich hasste, ohne ihn je gesehen zu haben, bei Otto, dem
nunmehrigen Kaiser, dem Gegner meines unglücklichen Vaters bei seinen Lebzeiten,
jetzt dem Besitzer seines Trons, bei ihm, mit dessen Heirat ich von Kindheit
auf gequält wurde, und der, als ich ihm endlich angetragen ward, mich
verschmähte.
    Er verschmähte mich, weil er mich nicht kannte, dies sagte man mir
tausendmal, und o möchte er mich doch nur nie kennen gelernt haben! Aber ich
habe Ursach zu glauben, dass man mich nur darum zu dieser Reise veranlasste, um
mich ihm vor die Augen zu bringen; - man hat seine Absicht erreicht, der Kaiser
hat mich gesehen, in einer unglücklichen Stunde gefiel ich seinen Augen, und er
hat Unterhandlungen verneuert, welche er einst selbst abbrach.
    Alverde, ich kann nicht sagen, dass Otto, der Kaiser mir missfällt, er ist ein
schöner, und wenn die gemeinen Regeln der Gesichtskunde nicht trügen, ein edler
Mann, ich hätte ihn vielleicht lieben, hätte ihn wenigstens dulden können - wenn
kein Alf von Dülmen in der Welt gewesen wär. - O, meine Schwester, verzeihe mir
das nochmalige Geständnis einer Schwachheit, die du nie billigtest, ich liebe
deinen Bruder, ich werde ihn ewig lieben, der Kummer um ihn ist jetzt, da ich
bereits alles verloren habe, was mir das Leben lieb machte, da ich nach dem
Tode angebeteter Eltern für kein andres Leiden Gefühl übrig haben sollte, noch
immer stark genug meine umwölkten Tage noch mehr zu trüben. O, Alverde, wo mag
Alf von Dülmen sein? wo mag er verweilen, dass er nicht die Flecken abwischt,
welche man seinem guten Namen anhängt! Es war mir schon entsetzlich, Otten von
Wittelsbach, meinen Freund, den Liebling meiner Mutter, den Verlobten meiner
Schwester, Kaisermörder schelten zu hören, denke was ich fühle, wenn man den
Mann meines Wunsches und meiner Wahl mit diesen Namen brandmarkt!
    Frankfurt zu besuchen, vor dem Kaiser um Recht zu flehen, liess ich mich
wahrlich mehr aus Liebe als aus kindlicher Pflicht bewegen; Rache kann, wie ich
schon vorhin sagte, mir meinen Vater nicht wiedergeben, aber Rache, wenn sie den
rechten Mann trifft, kann wohl den Unschuldigverleumdeten rechtfertigen, und mir
den Gedanken an ihn erlaubt machen! -
    Ach dieser Gedanke möchte mir wohl nun auf ewig verboten sein! Des Kaisers
Absichten auf mich sind ernstlich, man sagt, er sei über meine schnelle Abreise
aus Frankfurt in Verzweiflung, er habe gewähnt, ich sei aus Zorn geschieden,
weil er mein Gesuch mit den Worten abschlug: »Kaiser Philipps Mord sei in so
dichte Dunkelheit gehüllt, dass kein anderer als Gott den Mörder richten könnte.«
    Bei Gott! dies war nicht die Ursach, warum ich mich so bald zurückzog; ich
wusste ja kaum ob ich das wünschte, was ich am Trone suchte, wie hätte mich die
Verweigerung beleidigen sollen; aber den Eindruck, den ich auf dem Kaiser
machte, sah ich, seinen Fortgang wollte ich hindern, darum flohe ich.
    Der Bischof von Speier, welcher dem Kaiser die Reichskleinodien nach
Frankfurt überbrachte, und dem ich auf halben Wege begegnete, schalt mit mir
über meine Flucht, er drang auf meine Rückkehr, und schwur, als ich mich
weigerte, er wolle die Sache zu meinem Glück schon zu endigen, und meine
begangenen Fehler auszugleichen wissen.
    Glück, Alverde, was nennen diese zudringlichen Freunde Glück? dass ich
Kaiserin werde? - O wie armselig gegen den Wunsch meines Herzens, Liebe und
Leben an der Seite des Mannes, den ich mir wählte!
 
                           Kaiser Otto IV. Erklärung.
                                     1209.
Nachdem es uns obliegt, das Blut unsers in Gott ruhenden Vorgängers auf dem
Kaiserstuhl von den Händen des Mörders zu fordern, und dadurch Flecken
auszutilgen, welche man unserer eigenen Ehre anhängen könnte; so erging schon
längst in alle Gegenden des deutschen Reichs unser gemessener Befehl zu
Entdeckung und Bestrafung des Mörders; allein da das erste unmöglich war, so
blieb es auch das andere.
    Jetzt, da Kaiser Philipps Tochter an unserm Trone um Rache flehte, welche
wir anfangs nur darum zurückwiesen, weil wir ihrem Gesuch nicht nach Maassgabe
der Gerechtigkeit Gnüge tun konnten, jetzt, da der Bischof von Speier und Anton
von Hagenau, als persönliche Zeugen beim Kaisermord, den sie doch nicht hindern
konnten, einmütig den Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach den Täter nennen, jetzt
sehen wir uns genötigt, die Acht, welche wir gleich anfangs über den Verbrecher
und seine Brüder ergehen liessen, nochmals zu erklären, letztere all ihrer
zeitlichen Habschaften auch Ehrenämter und Titel verlustig, und erstern
vorgemeldeten meuchelmörderischen Pfalzgrafen, für Vogelfrei zu erklären; so dass
jedermann, (laut unserer ersten Erklärung, welche wir über die Person des
Kaisermörders zweifelhaft gemacht, zurücknehmen mussten,) ihn ungestraft tödten
könne, wo er ihn findet, damit das unschuldig vergossene Kaiserblut von unsern
Tron und unsern Landen hinweg getan, und die Rache des ewigen Richters von uns
gewendet werde.
 
                            Kaiser Otto an Beatrix.
                                     1209.
Prinzessin, eure Wünsche sind erfüllt, die Rache folgt den Fusstapfen des
mörderischen Wittelsbach, nur Täuschung konnte mich bewegen, euch Recht zu
versagen; jetzt, da der Bischof von Speier mir die Augen öffnet, jetzt, da zwei
Augenzeugen die Untat des Pfalzgrafen gewiss machen, jetzt sollt ihr sehen, dass
ich Kaiser bin, und zu strafen wisse.
    O dass ich hoffen könnte, nur Unwille über den, der es wagte, euch die erste
Bitte zu versagen, nicht Abneigung gegen meine Person, nicht Hass gegen den alten
Gegner eures Vaters, nicht Verachtung gegen den, welcher ehemals seine Augen vor
seinem Glück verschloss, habe euch bewogen, Frankfurt so schnell zu verlassen!
Bischof Konrad versichert mich davon, o dass ich die Bestättigung aus eurem Munde
oder von eurer Feder erhalten möchte!
    Meine Gesandten haben Befehl mit euch, euren Vormündern, und euren
Verwandten über die Angelegenheit, welche das Glück meines Lebens betrift, über
eure Erhebung auf den Tron Unterredung zu pflegen; wie selig würde ich mich
schätzen, mir eure Huld um eine Krone einzutauschen! wie selig Philipps
Andenken, zu dessen Feinde mich nur mein böses Schicksal machen konnte, in
seiner Tochter Gerechtigkeit wiederfahren lassen zu können.
 
                     Herzog Bernhard an Peter von Kalatin.
                                     1209.
Dein Eifer um die Rechte der heimlichen Gerechtigkeit, war löblich. Deine
Anzeige indessen, was man zu Pamiers hinter meinem Rücken, vielleicht in
Hoffnung, meine Krankheit sollte mein Tod sein, begann, hochnötig und Lohns
wert, auch weisst du, dass verschiedene Warnungsschreiben aufs schleunigste von
uns an diejenigen ergingen, die von einer falschen Temis, der Nachäfferin der
unsrigen Auftrag erhalten hatten, ihre Hände mit dem Blute Philipps zu
beflecken, welcher vielleicht in mehr als einer Betrachtung sorgfältig, doch in
Rücksicht auf das angeschuldigte Verbrechen unschuldig war.
    Alf von Dülmen und Otto von Wittelsbach wurden vor unsern freien Stuhl nach
*** geladen, teils von der Untat, welche eine feindselige Macht ihnen
aufbürden wollte, abgehalten zu werden, teils Rechenschaft über verschiedene
dir bewusste Verbrechen abzulegen; man beschuldigte beide eigenmächtiger Schritte
ohne Vorwissen des heimlichen Bundes, beschuldigte besonders den Pfalzgrafen
eines Mangels an Verschwiegenheit, dessen Folgen wir bereits nur gar zu deutlich
spüren, Ursach genug für uns, zu rufen, und für jene eilig zu erscheinen.
    Aber unser Ruf erreichte ihr Ohr nicht, oder blieb von ihnen unbefolgt; die
schwärzeste Tat der Hölle, der Kaisermord erfolgte, und noch hatte jene beiden
niemand von den unsern gesehen; grosse Veranlassung für uns, einen von ihnen oder
beide für die Täter zu halten, und sie mit dem Rachschwerd zu verfolgen.
    Dicke Nacht liegt hier noch über Schuld und Unschuld verbreitet, selbst
unser Auge, das sonst alles durchdringet, ist zu schwach, hier deutlich zu
sehen. Otten von Wittelsbach hält das ganze Reich vor den Mörder, der Bischof
von Speier hat wider ihn zu Frankfurt gezeugt, und er und seine Brüder sind in
die Acht gesprochen. Dagegen klagen Kaiser Philipps Töchter an unserm Trone,
aber nicht gegen Wittelsbach, dessen Unschuld sie nicht unwahrscheinlich
beweisen. Sie rufen Rache in alle vier Winde, sie fordern uns auf, den
unbekannten Mörder ihres Vaters aufzufinden, und denn zu richten, und siehe, Alf
von Dülmen steht auf, und bekennt sich selbst zu der Tat. -
    Auf! Kalatin, du weisst was in solchem Fall unsere Rache heischt, auf! denn
dir ist das Loos gefallen, der Bluträcher zu sein, und den Kaisermörder zu
richten, wo du ihn findest; säume nicht, damit die gemeine Gerechtigkeit nicht
ihrer Schwester ein Opfer raube!
 
                              Alverde an Beatrix.
                                     1209.
Ich liege zu Regenspurg krank, liebt mich Beatrix, so wird sie kommen, meine
letzten Seufzer aufzufassen, denn ob ich gleich eine Wiedergenesende heisse,
obgleich die Aerzte, die man wider meinen Willen mir zu Hülfe rief, mich so weit
gebracht zu haben glauben, dass sie mir den Gebrauch der Feder gestatten können,
so ist diese Besserung doch nur scheinbar; ich werde und will nicht leben! Der
Tag täuscht meine Helfer, mein Befinden ist während desselben erträglich. Aber
die Nacht ist meine Peinigerin! in ihren düstersten Stunden tritt allemal eine
Furie an mein Bette, und wiederholt mir das, was ich sah, und das was ich hörte,
und foltert mich mit den Schrecknissen der Zukunft. Sie nennt mich
Brudermörderin, und reisst durch lebendige Vorstellung von dem, was ich tat, und
was ich so wohl vermeiden konnte, jede Nacht einen Teil von meinen Leben ab.
Der Rest, der noch vorhanden ist, kann nicht gross mehr sein, vielleicht ist er
aufgezehrt, ehe ihr, teure Beatrix, meine Bitte erfüllt, vielleicht, ehe dieser
Brief noch vor eure Augen kommt.
    Im Fall denn, dass ich euch diesseit des Grabes nicht wiedersehe, und euch
mündlich gewisse Aufträge an eure Schwester, die Prinzessin von Kastilien geben
kann, so vergesset nicht, was ich euch schriftlich sage, ihr wörtlich kund
werden zu lassen. Euch wird es rätselhaft sein, aber ich bitte euch, grübelt
nicht zuviel in diesen Dingen, wenn ihr euer eigenes Herz nicht durchbohren
wollt. Vergesst Alf von Dülmen, vergesst Alverden, seine unglückliche Schwester,
werdet die Gemahlin des edeln Mannes, den euch der Himmel zuführt; der
Kaisername ist Ottos kleinstes Verdienst, ich sagte euch dieses oft, wenn ich
euch durch Vorstellung eurer Bestimmung, von einer blinden Leidenschaft ablenken
wollte. O, Beatrix, wissen wir auch allemal was wir wählen, oder was wir
wünschen? Das Schicksal entreisst uns den Gegenstand unserer Wahl, und bietet uns
einen andern, wir erheben ein grosses Geschrei, und wissen nicht, dass es unser
Unglück war, was wir unser Bestes, was der Himmel für uns wählte. -
    Ich wiederhole es euch nochmals, Prinzessin, schlagt Ottos dargebotene Hand
nicht aus, vergesst Alf von Dülmen, und werdet Kaiserin; dass euch das Glück10
reicher als eure Schwestern machte, mag euch nichts zum frohen Leben helfen,
wenn ihr töricht genug seid, um einer Chimäre willen den Sohn Heinrich des
Lowen, den edeln Otto auszuschlagen, und dadurch den Tadel der ganzen Welt auf
euch zu ziehen. Der Rang, den euch der Himmel anweisst, gibt euch aufs wenigste
den Trost, den Wunsch eurer Eltern erfüllt zu haben, und für Eure11 unmündige
Schwester mit mehreren Anstand sorgen zu können. Nehmt dieses als die letzten
Ratschläge einer sterbenden Freundinn, und vernehmet jetzt, was ich euch an
Elisen aufzutragen habe.
    Nach manchen innerlichen Kämpfen, fasste ich den Entschluss dahin zu gehen,
wohin sie mir Auftrag gab; ich wankte lang, doch ich wähnte selbst bei der Sache
interessirt zu sein, und Freundesrat bestimmte mich völlig. Der Bischoff von
Sutri wusste, und billigte jeden meiner Schritte.
    So rüstete ich mich denn. Ich verhüllte mich in Trauergewand, bloss aus
Rücksicht auf den Wohlstand, wie ich meinte, aber sollte nicht geheime Ahndung
mich bei meiner Wahl in dieser Kleinigkeit gelenkt haben? Ahndung, dass ich von
nun an zu ewiger Trauer bestimmt sei! Es ist möglich, dass ich im Drang
unerklärbarer Gefühle, zu meinen Frauen Worte gesagt habe, welche halbe Deutung
auf mein Geschick haben könnten; ich weiss nicht mehr, was ich sagte.
    Ein heimliches Grauen befiel mich, ob dem Wege den ich betreten sollte, doch
betrat ich ihn einsam, so wollte es meine Anweisung. Es dauerte nicht lang, so
fand ich meinen Führer, er leitete mich, ob nahe oder fern, ob in Stunden oder
Wochen, das tut nichts zur Sache, genug er leitete mich an den Ort, wo die
Richter richteten; eine geschlossene Ehrfurcht gebietende Versammlung! Als
Klägerinn trat ich vor derselben auf und zitterte, was muss hier der Beklagte
fühlen! -
    Man bedeutete mich, nicht ehe zu sprechen bis ich aufgefordert würde, und
ich schwieg. Vor meinen Ohren wurden Dinge abgetan, die ich nicht nachsagen
darf, denn man trug Sorge, meine Lippen beim Eintritt in den geweihten Ort, mit
einem Eide zu versiegeln. Aus allen Bezirken des Deutschen Reichs, auch noch aus
fernern Gegenden, standen Zeugen auf und zeugten von ungeheuren Verbrechen.
Kläger, die von andern Richtstühlen zurückgewiesen worden waren, suchten hier
Genugtuung und fanden sie. Die ausgesendeten Diener der Rache, wurden
aufgerufen, und empfingen durchs Loos Anweisung zu schrecklichen Geschäften;
Andre traten auf, und legten Rechnung ab, wie sie das anvertraute Schwerd hie
und da nach Befehl gehandhabt hatten; Ach das Blut des Freundes und des Bruders
haftete an manchem, und die Tränen flossen in seine Erzehlung.
    Mir ward das Blut zu Eis bei diesen Auftritten, o Elise, hättest du alle
Schrecknisse des Auftrags gewusst, den du der armen Alverde gabst, du würdest
ihrer geschont haben. Einige der Männer unter welchen ich stand, - (kein Weib
war überall gegenwärtig) - - hatten Mitleid mit der Bewegung, in welcher sie
mich sahen, und unterstützten mich, dass ich nicht sank. Einer von ihnen wagte
es, das heilige Stillschweigen, das hier ausser den Stimmen am Richterstuhle
herrscht, zu brechen, und mir Verwundrung, eine Person meines Geschlechts hier
zu sehen, zuzuflüstern, ein anderer bewunderte meinen Mut mich an diesen Ort zu
wagen. - Ich antwortete nicht; mein gerühmter Mut verminderte sich von
Augenblick zu Augenblicke, und er war ganz hin, da man mich zum Sprechen
aufforderte.
    Ich ward an die Stufen des Trons geleitet, aber ich konnte nichts weiter
tun als niederfallen, und die Hauptworte meines Gesuchs stammeln. Man fragte
mich, ob ich Kaiser Philipps Tochter sei? ich verneinte und nannte den Namen der
Prinzessinn, auf deren Befehl ich erschien. -
    Eine grosse Untersuchung begann; Personen waren gegenwärtig, welche wohl um
die Tat wussten, und mehr hierüber sagen konnten als ich selbst vermochte. Die
Zeugen und Beisitzer des grossen Gerichts, sind die lebendigen Verzeichnisse von
allem, was hier des Forschens bedarf. Kein Fall kann vorkommen, über welchen
nicht einer aus der Versamlung bündige Auskunft zu geben wüsste.
    Nachdem alles vorgebracht war, was zur Sache taugte, nannte man einmütig
den Namen Pfalzgraf Ottos von Wittelsbach. Ich hatte indessen Mut genug gefasst,
seine Verteidigung zu übernehmen, ich zog den Brief der Kaiserinn Irene vor,
welcher den besten Beweis seiner Unschuld entielt, auch erhub sich einer aus
der Versammlung, den ich schon vorher wohl bemerkt und gekannt hatte, den
Wittelsbacher schuldlos zu erklären. Man forderte Beweise von ihm; die Stelle,
antwortete er, die ich in diesem Gericht bekleide, berechtigt mich, mein blosses
eidliches Wort, als beweisend anzugeben.
    Wittelsbach war also entschuldigt, und nun erhub sich eine Stimme, den
Mörder Kaiser Philipps aus allen Gegenden der Welt zur Strafe herbei zu rufen;
mir bebte das Herz, als wär ich die Verbrecherinn! - Eben wollte man weitere
Verfügung zu Herbeibringung des Schuldigen auf den nächsten Gerichtstag treffen,
da stand einer von den Höchsten aus der Versammlung auf und rief; Ich, Ich bin
der Mörder! Verführung und halber Wahnsinn könnten mich entschuldigen, aber - -
    Ein fürchterliches Getös erhub sich auf der ganzen12 Fläche, so weit des
Sprechers Worte gehört worden waren. Es war etwas unerhörtes, einen Beisitzer
des furchtbaren Gerichts, als Verbrecher aufstehen zu sehen, die ganze
Versammlung erhub sich, alle Stühle wurden mit Geräusch umgekehrt, alle Lichter
gelöscht, nur der Mond erhellte mit seinen Stralen die grauenvolle Scene.
    Von Entsetzen übermocht, war ich zur Erde gesunken, der, welcher sich als
Kaiser Philipps Mörder bekannte, der, wider welchen ich das Rachschwerd
aufgerufen hatte, war eben derjenige, welcher zuvor nebst mir zu des Pfalzgrafen
Verteidigung gesprochen hatte, es war - - - - O Elise! schenkt mir den Namen!
    Gänzliche Bewustlosigkeit würde mir in meiner Lage Wohltat gewesen sein,
der Himmel begnadigte mich nicht mit derselben, ich blieb bei mir selbst um zu
hören, wie der, den ich liebte mit den fürchterlichsten Flüchen belastet, und
hinaus gewiesen ward, aus der Versammlung, dass ihn töde wer ihn finde, weil
dieser Ort zu heilig sei sein Blut zu vergiessen. Ich sprang auf, ihm zu folgen,
man hielt mich zurück; man zog das Loos, über die bestimmten Henker des
Unglücklichen wider den ich die Rache geweckt hatte, aber ich vernahm die Namen
nicht; endlich besiegte die Verzweiflung die Kräfte der Natur, und ich sank in
einen Zustand des Nichtseins, aus welchem ich erst nach mehrerern Tagen hier in
Regenspurg, in dem Hause eines Verwandten, in welches man mich aus jenem
Schreckensorte gebracht hat, erwachte.
    Ich zürne mit der Natur, dass sie sich aus dem gefahrvollen Zustande, in
welchem ich dem Tode nahe war, empor half; doch die Hoffnung zu sterben, bald zu
sterben, ist noch nicht erloschen, wie wärs möglich, das, was ich im Stillen
leide, lang auszuhalten?
    Eilet, Beatrix, wenn ihr mir den Trost gönnet, euch diesseit des Grabes noch
einmal zu umarmen, eilet zu mir nach Regenspurg! Von dort aus habt ihr kaum den
halben Weg nach Frankfurt, und ihr könnt so gleich vom Grabe der Freundinn nach
dem Traualtar gehen.
    O Elise, könnte ich auch dich noch einmal umarmen! Doch wohl dir, dass du
nicht hier bist meinen Jammer zu sehen, den du besser als irgend jemand
verstehen würdest! Leb wohl! - Dort, wohin Alix voran gegangen ist, sehen wir
uns wieder.
    Ach dein letzter Brief an mich, entält manches in Rücksicht auf die Gräfinn
von Toulouse, darüber ich gern dein Urteil berichtigen möchte! - Mein Trost
ist, dass dort nicht Verirrungen des Verstandes, nur des Herzens gerügt werden,
doch wehe denen die dich verabscheuen lehrten, was du ehemahls mit so heissem
Eifer für wahr erkanntest! Wisse, du hast keine Stunde deines Lebens zu bereuen,
die du mit Alix zubrachtest, und ich nenne mich um keiner Handlung willen eine
Sünderinn, als um derjenigen, die mich jetzt zum Grabe befördert; noch mehr, ich
würde gegenwärtig ganz ohne Trost sein, wüsste ich nicht, was ich zu Toulouse
lernte.
    Dies dir, meine Elise! und dir Beatrix nochmahlige Einladung zur Eile!
 
                               Beatrix an Elisen.
                                     1209.
Alverdens Brief, den du nun erhalten haben wirst, und den ich besser verstand,
als eine von euch denken mag, liess mir kaum Kraft übrig, die eilige Reise zu
beginnen, die mir unsere Freundinn empfahl; aber den Entschluss, des Kaisers
Bewerbung um meine Hand nicht zurück zu weisen, zu dem man mich schon halb
überredet hatte, diesen fest zu machen, bewies er seine volle Kraft.
    Ich weiss, ich werde auf kurze Zeit Kaiserinn sein, aber diese kurze Zeit sei
angewandt Pflichten zu erfüllen, die ich nicht anders als auf dem Trone
vollbringen könnte. Wollte Gott, ich wär schon Ottos Gemahlinn! wollte Gott, ich
könnte schon jetzt vom Trone den Ausspruch tun: Ich Philipps Tochter, verzeihe
seinem Mörder! ich will nichts von Rache hören, meine erste Bitte an die
Gerechtigkeit, und an den Handhaber derselben, den Kaiser, ist Schonung!
Schonung für die Schuldigen und Unschuldigen! - Meinst du nicht, Elise, dass der
Kaiser Macht, Gerechtigkeit für die hat, allen Rächern, allen, du verstehst
mich, allen sage ich, Einhalt zu tun?
    Arme, unglückliche Schwester! ich denke mir, wie seit den letzten Briefen
aus Deutschland deine Tränen geflossen sein werden!
    Sehr unvorsichtig hat man dir, wie ich höre, berichtet, dass auch über den
Pfalzgrafen, so unschuldig er sein mag, die Reichsacht ergangen ist, und du
beweinst also ohngefähr, was ich beweine; nur ohngefähr, nicht ganz. Verleumdete
Tugend ist der Gegenstand deines Kummers, meine Tränen fliessen für das
Verbrechen! Wer ist am meisten zu beklagen?
    O Schwester! wär der Anteil, den wir an dem Verderben dieser Unglücklichen
haben, nur nicht so gross! Himmel! wozu hat man uns verleitet! Man hat uns zu
Anklägerinnen derjenigen gemacht, die wir gern mit einem Teil unsers Blutes
retten würden! Otto, der Kaiser, denkt, die Erklärung seiner Liebe gegen mich
nicht besser einleiten zu können, als mit der Versicherung, dass Wittelsbach
sterben solle. Wittelsbach der Unschuldige, mein ehemahliger Freund, mein
gehofter Bruder: Auch um ihn fliessen meine Tränen, fliessen fast so häufig um
ihn, als um den andern, den ich nicht nennen mag! Ich habe dem Kaiser um
Schonung geschrieben, ich sehne mich nach dem Tage, da mir der Name Gemahlinn
noch mehr Recht über sein Herz und seine Handlungen gibt, ach dass nur nicht
denn alles schon zu spät sei! Die Rache hat Flügel, wer will sie einholen.
    Ich hasse jetzt jeden, der mich an den Abgrund von Elend leitete, an welchem
ich jetzo stehe; oft wenn ich über das ganze All unserer Unfälle nachdenke, so
ist mirs, als herrschte durchaus eine verborgene feindseelige Macht, die alles
zu unserm Verderben leitete, die uns selbst zu Werkzeugen desselben machte, die
uns handeln lehrte, wie wir nicht handeln wollten, und uns gerade das
vollbringen liess, was wir verabscheuten.
    Hier sind Abgründe, die weder du noch ich jemahls durchschauen werden; Hände
haben hier gewürkt, Triebräder in die grosse Maschiene, die zu unserm Verderben
in Gang gesetzt wurde, eingegriffen, auf die wir wohl nie raten durften.
    Die, welche uns sichtbar am Seil führten, waren Sutri, und der Bischoff von
Speier. Den letzten entschuldige ich, ich kenne den alten Mann hinlänglich, um
ihm zuzutrauen, dass überall Treue gegen seinen unglücklichen Kaiser, und Wünsche
seine verlassenen Töchter zu beglücken der Grund seiner Handlungen war; aber was
soll ich von Sutri denken? -
    Wider meinen Willen ist er mir nach Regenspurg gefolgt. Er quält die
schwache Alverde unablässig um Mitteilung verborgener Dinge, zu deren
Augenzeuginn sie seine hämische Staatsklugheit zu machen wusste; er, der wohl von
Männern Geheimnisse herauszulocken wusste, glaubte von einem schwachen
Frauenzimmer alles erfahren, ihre Augen ganz wie die seinigen gebrauchen zu
können; aber er irrte. Alverde musste, wie ihr Brief sagt, Geheimhaltung gewisser
Dinge beschwören, und es fehlt ihr nicht an Festigkeit, ihren Eid zu halten.
Auch sie scheint jetzt Sutri aus einem andern Lichte zu betrachten als vordem,
da er sie mit seiner schlauen List sowohl als dich und mich eingenommen hatte;
sie hasst und flieht ihn. Bei ihm will gleichfalls die Maske der Freundlichkeit
gegen sie nicht mehr recht haften; er spielt oft auf ihren Irrglauben an, nennte
sie jüngst öffentlich eine Waldenserinn, und sprach viel von den Verfolgungen,
die diese unglücklichen Leute jetzt in Toulouse auszustehen haben, oder von dem
Triumpf des Glaubens, wie er es zu nennen pflegt.
    Meinst du nicht, Beatrix, sagte die arme Alverde zu mir, meinst du nicht,
dass ich mich bald zum ewigen Schlafe niederlegen muss, wenn ich ruhig und
ungefoltert sterben will? Ich schloss sie in meine Arme. Wenn Beatrix Kaiserinn
wird, sagte ich, so wird sich niemand unterstehen, ihre Busenfreundinn
anzutasten. Du vermissest dich viel! antwortete sie; wollte Gott, das Gute wäre
alles schon getan, das du dir in den Sinn nimmst.
    Uebrigens sprechen wir wenig von den Dingen, die uns am meisten am Herzen
liegen, und nichts von dem Inhalte ihres letzten schrecklichen Briefs; ich fühle
die Notwendigkeit, sie auf alle Art zu schonen. Sie muss wissen, dass ich jedes
Wort desselben verstehe, sie schrieb ihn vielleicht in der Absicht nicht
unmittelbar an dich, dass ich ihn lesen, und aufs wenigste Mutmassungen fassen
könnte, die mich zu meiner Pflicht antrieben. Sie handelte recht; die Bande,
welche mich an den unglücklichen Alf von Dülmen fesselten, mussten gewaltsam
zerrissen werden, wenn der Kaiser nicht abgewiesen werden sollte.
    O Alf von Dülmen! Alf von Dülmen! wer hätte das von dir gemeint! noch bist
du mir ein Rätsel! Verführung und halber Wahnsinn machten dich zum Mörder,
sagtest du? - Ach ja wohl Verführung! Auch wir sind in ihre Stricke gefallen,
auch uns hat sie zu Mörderinnen gemacht! sind du und der Pfalzgraf nicht zu
retten, so klebt euer Blut an unsern Händen!
 
                     Peter von Kalatin an den Herzog von **
                                     1209.
Musste es so mit mir enden? - Ja, ich hasste diesen Otto von Wittelsbach, weil er
mit Verachtung auf mich herabsah, hasste den sogenannten Alf von Dülmen, weil er
sich höher geschwungen hatte, als ich je mich schwingen werde, und weil er
übermütig genug war, mir seine Schwester zu versagen; aber wäre die Demütigung
meiner beiden Feinde erfolgt, wär Alverde die Meinige geworden, so wär ich
befriedigt gewesen, Ottos und Adolfs Mörder wünschte ich nicht zu werden.
    Und doch bürdet mir das Schicksal diese schreckliche Rolle auf. Als Mitglied
des grossen Bundes bestimmte mich das Loos zum Ausrichter der heimlichen Rache,
die - o es ist entsetzlich zu sagen - die die Schwester wider ihren Bruder
aufgerufen hat! - Als Untermarschall des Reichs habe ich die Obliegenheit, die
Verfolgung des Pfalzgrafen zu veranstalten, treffe ich ihn persönlich, so haftet
mein Leben für das seinige, ich muss sterben, oder ihn mit dieser Hand erwürgen!
grauenvolle Pflichten, welche die schreckliche Göttinn, die wir Gerechtigkeit
nennen, von uns heischt! - Sind beide Angeklagte schuldig, oder ists nur einer?
sollen beide büssen, was nur einer verschuldete? und warum muss ich ihr Henker
sein? - Ach das dachte ich nicht, da ich die ersten Feindseligkeiten wider sie
begann, das dachte ich nicht, da ich mich durch römisches Gold zu falschen
Schritten verleiten liess; demütigen wollte ich die Stolzen, ihr Blut vergiessen
wollte ich nicht! -
    Ihr sagt, dass ich gleichwohl der erste war, der den Verdacht des Kaisermords
wider sie erweckte; doch geschahe dieses nicht, um die Heiligkeit unsers Bundes
zu retten, um der Gerechtigkeit, die im Verborgenen richtet, den Namen der
unbefleckten, untrüglichen auf ewige Zeiten zu erhalten? - Ihr, Herzog! ihr gabt
die Losung zu allen diesen Gräueln! ihr liesst euch zu strafbarer Vertraulichkeit
mit römischen Spionen verleiten, ihr schwatztet aus, was verschwiegen bleiben
sollte, ihr gabt dadurch unsern Feinden die Mittel an die Hand, unserer
Gerechtigkeit statt der heiligen Hülle gefärbte Gläser vorzuschieben. Vor eurem
Gericht kam die ungeheure Beschuldigung des nun ermordeten Kaisers zu stande,
ihr rüstetet die Rächer aus, ihn für ein Verbrechen zu bestrafen, das er nicht
begangen hatte; die Tat geschah, und nun sollen die Täter für ein Verbrechen
sterben, das eigentlich ihr beginget.
    Herzog! Herzog! die Rache tritt auch in eure Fusstapfen, ich will euch
glauben, dass ihr getäuscht, dass ihr in einen Wirbel von falschen Schritten
gezogen wurdet, ohne es fast gewahr zu werden; aber soll das Auge des Richters
so leicht zu täuschen sein? soll sein Fuss so leicht von dem rechten Pfade
abirren? - Gesteht, dass ihr euch der hohen Würde eines Stellvertreters des
weisen Bernhard von Sachsen ganz unwürdig erzeigt habt, stehet auf aus dem
Gericht, wo ihr nicht mehr Platz haben könnt, da das Blut der Unschuld, da
Philipps, Wittelsbachs, und Graf Adolfs Blut, da auch das meinige an euren
Händen haftet. Stehet auf, Herzog, von dem heiligen Stuhl, ehe man euch mit
Gewalt hinwegreisst.
    Euch das Elend, dessen Ursach ihr waret, vor Augen zu legen, euch vor dem zu
warnen, was euch selbst betreffen könnte, das ist der Endzweck dieses Briefes.
Lasset ab von den römischen Verbindungen, in welche ihr, wie man versichert,
euch immer tiefer verwickelt. Man hat euch die geheime Einrichtung des
allsehenden Gerichts abgelauscht, um seine Macht an sich zu reissen, oder ihm ein
anderes an die Seite zu setzen, welches sein Nebenbuhler werden, das unsrige
verschlingen, und lange nach seinem Untergang noch existiren kann, da man bei
seiner Gründung weniger auf die Nachahmung unserer Gerechtigkeit als derjenigen
Dinge sehen wird, die unsern Bund zum Schrecken der Menschheit machen.
    Noch einmal Herzog! legt eure Würde gutwillig nieder, ehe man euch die
Zeichen derselben mit Gewalt entreisst. Schon ist unser weises Oberhaupt von dem
grössten Teil eures unvorsichtigen Betragens unterrichtet, durch mich
unterrichtet, denkt euch die Folgen, und zittert.
 
                   Otto von Wittelsbach an Elise und Beatrix.
                                     1210.
Was tat ich euch, ihr Töchter Philipps, dass ihr mich so grimmig verfolgt? Ihr
fordert das Blut eures Vaters von meinen Händen, das weder ich, noch die
meinigen, vergossen haben. Ich weis mich keiner Untat schuldig, als des
Versuchs, dich treulose Elise, die meiner nun in den Armen eines andern spottet,
gewaltsam zu entführen; ein törigter Anschlag, welcher der Wut gehöhnter
Leidenschaft noch wohl zu verzeihen ist! auch traf er dich nicht ungewarnt, ich
sagte dir zuvor, du solltest mich nicht durch deine Härte aufs äusserste bringen,
oder dir gefallen lassen, was daraus erfolgte; dies war der Gegenstand meiner
Drohungen, die man jetzt wider mich anführt, und mir schuld gibt, ich habe dir
den Mord deines Vaters gedroht, an dem ich unschuldig bin, und den ein Mensch
oder ein Teufel auf meine Rechnung beging, welchen Gott richte. -
    Für meine Unschuld zeugt alles, wenn man nur die Augen auftun wollte, um zu
sehen; demohngeachtet muss ich in meinem Vaterlande wie ein Vertriebener leben.
Meine Schlösser wurden geschleift, meine Habe zur gemeinen Beute gemacht, meine
Knechte des Gehorsams entlassen, meine Brüder und Verwandte, so unschuldig als
ich, (unschuldiger können sie nicht sein,) teilen mein schreckliches Loos,
meine Freunde kehren mir den Rücken, öffentlich wütet gegen mich des Kaisers
Bann, heimlich tritt ein noch furchtbarerer Feind in meine Fusstapfen, schleicht
um mein elendes Lager, das ich in Büschen und Felsklippen nehmen muss, und droht
mir, den Dolch schlafend ins Herz zu drücken. Ich will mich vor dem Gericht
rechtfertigen, dessen Verfolgung mich am meisten ängstigt; aber Todesfurcht, die
ich im Felde, in tausend rühmlichen Fehden nicht kannte, schreckt mich in meine
Höle zurück; der Rächer könnte mir auf dem Wege zum Stuhl der Unfehlbarkeit,
wohin ich meine Unschuld tragen will, begegnen, und mich erwürgen. Ich will mein
Vaterland verlassen, aber soll Wittelsbach, der nie seinem Feinde einen Fussbreit
wich, jetzt wie ein Verbrecher fliehen?
    Doch was mache ich! Philipps stolze Töchter könnten auf den Tronen, zu
welchen sie blindes Glück und Treulosigkeit erhoben haben, wähnen, der
unglückliche Otto flehe ihr Mitleid an! Dafür lieber den Tod, der mich schon
getroffen haben würde, hätte sich nicht ein Freund, ein Schutzengel zu mir
gesellt, dessen Wert, so hoch ich ihn immer schätzte, mir doch erst mit voller
Klarheit in die Augen leuchtet. -
    O Alf von Dülmen, welch ein Freund bist du! - Jetzt da alles von mir
zurückweicht, stehst du allein an meiner Seite! suchst mich auf in meiner
düstern Einsamkeit, teilst mit mir das Felsenlager und das Mahl von Wurzeln und
wilden Früchten, arbeitest für mich, dass ich nicht aus der Sicherheit der Höle
entweichen darf, wachst, damit ich ruhig schlafen kann, und schwörst, mich gegen
jeden zu verteidigen, der mich antasten will, oder mein Blut wenigstens an ihm
zu rächen! -
    O Jonatan, mein Bruder, deine Liebe ist zärtlicher als Frauenliebe! Das
habe ich erfahren, frage meine treulose Braut auf dem kastilischen Trone, frage
die stolze Kaiserinn Beatrix, sie werden dir mit Erröten den Vorzug lassen
müssen, ob du gleich mir täglich sagst, du opferst mir nichts mit deinem Leben,
du seist selbst ein Verbannter, ein Verbrecher, der Urheber meines Unglücks, und
wie die Worte alle lauten, mit welchen du die unglaubliche Treue, die du mir
erzeigst, herabsetzen, und meinen Dank schwächen willst.
    Lebt wohl, Prinzessinnen, ehemals meine Freundinnen, jetzt grimmige
Verfolgerinnen, die nach meinem Blute dürsten, fast hätte ich vergessen, dass ich
mit euch, nicht mit dem redete, der jetzt der einige Gegenstand meiner Liebe
ist; durch seine Vermittelung komme dieses Blatt in eure Hände; es lehre euch,
dass mich eure Wut doch nicht des besten Guts, das die Menschheit kennt, eines
Freundes, berauben konnte.
 
                Beatrix an die Prinzessinn Elise von Kastilien.
                                     1210.
Mein Loos ist entschieden. Morgen trete ich die Reise nach Frankfurt zu meinem
Gemahl an; ach Schwester, warum ist mir mein Herz so schwer? Otto ist ja
liebenswürdig, er liebt mich, er wird mir keine der Bitten versagen, die ich auf
dem Herzen habe, und um derenwillen allein ich Kaiserinn zu sein wünsche: des
Pfalzgrafen Rechtfertigung, die Begnadigung des unglücklichen Alf von Dülmen,
dessen Name mir wohl ewig eine Quelle von Tränen bleiben wird! -
    Ich kann, ich kann nicht bereuen, was ich für ihn fühlte, aber unablässig
wird mein Herz fragen: Warum musste ich mich so schrecklich in meiner Wahl irren?
Woher diese unglaubliche Vorliebe zu einem Menschen, der mir das grösste Leid
zufügen sollte? Was machte den zu einem Verbrecher, der in jedem Zuge das Bild
der höchsten Tugend trug?
    Ich leide unbeschreiblich bei Betrachtungen von dieser Art, gleichwohl
wollen es Pflicht und Wohlstand, dass ich heiter scheine; was würde man von den
Tränen einer königlichen Braut denken? Sie zu hemmen, muss ich mich vom
Nachdenken gänzlich losreissen. Alverde, welche von einer schweren Krankheit
genugsam hergestellt ist, wieder meine Gefärtinn und Ratgeberinn zu sein,
zürnt schon mit mir, dass ich durch das Schreiben an dich meine erkünstelte
Heiterkeit trübe; sie hat mir die Erlaubnis abgenötigt, sich eine Zeitlang
aller Briefe, welche an mich einlaufen, bemächtigen zu dürfen, nun wird sie mir
auch die Feder rauben; das Schreiben von vergangenen Dingen, behauptet sie, sei
mir so nachteilig, als wenn ich durch Briefe von meinen Freunden an dieselben
erinnert würde. Was könnte ich eben für Briefe dieser Art erhalten, als etwa von
dir oder Kunigunden? doch nahm gestern Alverde ein Schreiben zu sich, das an
dich und mich zugleich überschrieben war, und das ihr verdächtig vorkam, weil es
das wittelsbachsche Wappen trug. Ein Unbekannter hat es gebracht. Also ein Brief
von dem unglücklichen Pfalzgrafen. -
    Sie nehme es hin, und berichte uns daraus, was uns zu wissen gut ist. Ich
zweifle, ob man dir bei deiner gegenwärtigen Lage, die du mir ziemlich zwangvoll
beschreibst, gestatten würde, Schreiben von einer ehemaligen Verlobten
anzunehmen. Möchte doch dieses, welches ich Alverden überliess, Nachricht von
seiner Sicherheit entalten, Sicherheit nur so lang, bis die Urheberin seines
Unglücks, die arme Beatrix, mehr für ihn tun kann!
    Tröste dich, Wittelsbach! deine Schlösser sollen wieder aufgebaut, du und
deine durchächteten Verwandten losgesprochen werden, sobald nur meine Stimme das
Ohr des Kaisers erreichen kann. Mein erster Fussfall soll, was meine schriftliche
Vorbitte nicht vermochte, euch Gnade erwerben! Mein künftiger Gemahl schrieb mir
ja nur noch neulich: bittende Schönheit sei unwiderstehlich, die knieende
Beatrix habe zuerst sein Herz gerührt! - Und um was kniete, um was bat ich da? -
Um Rache! Sollte ich nicht noch mehr vermögen, wenn ich bei einem guten,
gnadevollen Monarchen um Schonung flehte?
    Ich fragte Alverden um den Inhalt jenes Schreibens; sie schwieg, aber ich
sah wohl, dass sie, als sie aus ihren Kabinet, in welches sie sich um zu lesen
verschlossen hatte, hervorging, heftig geweint hatte. -
    Auf meine nochmalige Frage, ob sie Erschwerung unseres Leidens gelesen habe,
antwortete sie: Nein! ehe das Gegenteil! Wittelsbach hat einen Freund, einen
Tröster gefunden, ein Ort der Sicherheit birgt ihn; dies ist, denke ich, genug,
euch zu beruhigen!
    Es ist es, Alverde! aber was mag aus deinem unglücklichen Bruder geworden
sein? - Gern hätte ich so gefragt, aber um sie zu schonen, darf ich Alf von
Dülmens nicht gedenken.
    Sie ist noch sehr schwach! Nur überwiegende Liebe für mich bewegt sie, mir
nach Frankfurt zu folgen, so wie mich nichts veranlasst, sie aus ihrer Ruhe und
Einsamkeit zu reissen, als die Hoffnung, das Geräusch des Hofs werde ihren innern
Gram über Dinge, die sie sich ohn Ursach zur Last legt, erst betäuben, denn
seinen Stachel abstumpfen, und so nach und nach ihr Gemüt zu völliger Heilung
vorbereiten, die mir gelingen muss, wenn alles so geht, wie ich es wünsche, und
wie ich es eingeleitet habe.
    Leb wohl, Elise! Denkst du gar nicht mehr an unsere Freunde in Toulouse? Man
verfährt grausam mit ihnen, einiger Lehren wegen, die sie annehmen, und die man
irrig nennt? - Die Klugheit verbietet mir, mich hierüber deutlicher zu erklären,
eine Frage glaube ich tun zu können, und ich dächte, auch dir würde sie erlaubt
sein: Ob Feuer und Schwerd Mittel sei, Irrende zu bekehren? - O Elise! bittende
Schönheit ist unwiderstehlich! Knie auch du vor deinem Gemahl, um Schonung, wie
ich für dem meinigen knien werde. Sein Einfluss, in das Schicksal der
unglücklichen Anhänger des Waldus ist gross. Der Bischof von Kastilien ist einer
ihrer vornehmsten Verfolger, er soll einer der ersten Richter in dem Tribunal
sein, welches der Pabst zu Ausrottung der Ketzer neulich errichtet hat; bitte
auch ihn, knie auch vor ihm, wenn es sein muss, keine Demütigung zu Rettung der
Unschuldigen wird deiner Hoheit schaden.
    Alverde schüttelt den Kopf über das, was ich geschrieben habe, sie meint, es
könne dir Nachteil bringen; auf vieles Bitten überlasse ich ihr den Brief, sie
mag ihn in deine Hände befördern, wenn es ihre Klugheit am sichersten hält; ach
freilich hat sie Recht, dass ein mündliches Gespräch, alles was ich dir hier
sagte und sagen könnte, besser und gefahrloser berichtigen würde, als zwanzig
Briefe; aber wird mir das Glück, dich wieder zu sehen, auch diesseit des Grabes
beschieden sein? - Ich zweifle! In dem Augenblicke, da man mich zum Traualtar
führen will, umschatten mich Todesgedanken, und schwarze Ahndungen steigen in
meiner Seele auf! Leb wohl, leb wohl, Elise!
 
                    Alf von Dülmen an Otto von Wittelsbach.
                                     1210.
Dein Brief an die Prinzessinnen ist überliefert, ich selbst war der
Ueberbringer; ich achte mein Leben so wenig, dass ich mich kühnlich dahin wagte,
wo meine Entdeckung mein Todesurteil gewesen wär, obgleich die Botschaft, wie
ich dir wohl glaube, nicht von der Wichtigkeit war, ein solches Opfer zu
fordern; deinen Hasserinnen Nachricht von deinem Elend zu geben, war in
Wahrheit, wie du selbst gestehst, eine undankbare Mühe! - Ach Schicksal! dass du
die, welche uns sonst die liebsten waren, zu unsern Feinden machtest! -
    Dein Brief kam aus meinen in Alverdens Hände, ich sah sie, meine ehemalige
Schwester, jetzt meine Verfolgerin und Anklägerin, ohne von ihr gekannt zu
werden, das Geräusch von der Heimführung der königlichen Braut, verhinderte die
Aufmerksamkeit, auch mag das Elend wohl unkenntlich machen!
    Otto, ich weiss, dass du verschiednes nicht verstehst, was ich hier
geschrieben habe, meine Geschichte ist dir noch bei weitem nicht ganz bekannt,
du weisst nicht, welch einen Verbrecher du bisher an deiner Seite duldetest. -
Verbrecher? kann es wohl einen grössern geben, als einen Kaisermörder? und doch
fänd auch dieser seine Entschuldigung: Philipp hatte Blutschulden genug auf
sich, es war billig, dass er einmal bezahlte. O Alix, Alix von Toulouse!
    Mir ist, seit ich Personen wiedersah, die mir einst in glücklichern Zeiten
teuer waren, seit ich aus der Einsamkeit unter Menschen kam, der Kopf ganz
schwindelnd, die alten Anfälle kehren wieder! - Du sollst dereinst schon alles
erfahren, aber nicht ehe, bis ich an heiliger Stelle mich entsündigt habe, und
mich dir ganz rein von den Schulden darstellen kann, die jetzt noch auf mir
haften. - Einst wär ich der schönen Alix von Toulouse zu Liebe bald ein
Albigenser geworden, aber diese Leute halten nichts von den Entsündigungen, die
jetzt mein einiger Trost sind!
    Nein, Otto, es bleibt dabei, wir ziehen zum heiligen Grabe, dort findet sich
Ruhe für unsere Seele, und Arbeit für unser Schwerd. Meine Reise nach Regenspurg
war nicht fruchtlos, ich hoffe, dir übermorgen Mittel genug zu unserer
Ausrüstung und Zehrung auf dem weitern Wege zu bringen; das alte Gemäuer, wo du
auf deiner ersten Flucht vor des Kaisers Bann deine Schätze bargst, habe ich
gefunden; die Nacht wird mir zu dem Uebrigen helfen. Dir nur einige Kunde von
meinen Expeditionen zu geben, schrieb ich dieses, du wirst es in der holen Weide
an der Donau, die du mir zu diesem Behuf bezeichnetest, schon zu finden wissen.
O dass die Begierde nach Nachricht von mir, dich nur nicht bewege, dich
unvorsichtig zu wagen! Bedenke, dass die Hand der Rache in deinem Nacken, und
der, welcher dir schwur, für dich zu sterben, fern ist. Nur bei Nacht darfst du
die Weide besuchen.
    Otto, du wirst finden, dass ich am Ende dieses Briefs ganz vernünftig
geschrieben habe. Nur zuweilen, nur wenn ich auf gewisse Punkte komme, schwankt
mein Verstand. Habe Geduld mit mir, es wird sich alles aufklären!
    Sei morgen meiner auf der Stelle gewärtig, wo du diesen Brief finden wirst,
doch darfst du mich nicht ehe als um Mitternacht erwarten. Wir setzen denn bis
an den Morgen die Reise durch den Wald fort, ruhen des Tages, erheben uns
wiederum bei Nacht, und fahren so fort, bis wir in Gegenden kommen, wo wir mit
mehrerer Sicherheit unsere Reise beschleunigen, und das Meer erreichen können,
das uns unter einen friedlicheren Himmel tragen wird.
    Blutschulden, sagt man, folgen dem Menschen nicht aufs Meer, sie bleiben auf
der Erde zurück, die das Blut von seinen Händen trank. Und ob sie uns auch
folgten; Busse am heiligen Grabe tilgt alles.
 
             Jutta, Alverdens Kammerfrau, an den Bischof von Sutri.
                                     1210.
Ich fand so wenig bedenkliches an eurem Auftrag, euch alles zu melden, was auf
unserer Reise nach Frankfurt vorfallen möchte, dass ich ihn erfüllt haben würde,
auch wenn unsere Begegnisse von anderer Art gewesen wären, als die, welche uns
leider betroffen haben; Begegnisse, welche mich in die Notwendigkeit gesetzt
haben würden, euch zu schreiben, auch wenn ich den Befehl dazu, nicht unter dem
Siegel der Beichte erhalten hätte. Höret das ganze All unsers Unglücks; die
königliche Braut ist krank, der Reichsmarschall, der Herr von Kalatin, welchen
der Kaiser der Prinzessin zum Führer zuschickte, ist ermordet, und mein armes
Fräulein befindet sich an den Pforten des Todes!
    Dass die letzte euren geistlichen Zuspruch wünschen oder fordern solle, kann
ich eben nicht sagen, auch ist sie zu schwach, zu wissen, was ihr gut ist, mir
aber, als einer getreuen Dienerin, liegt ob, für ihr ewiges Heil zu sorgen, und
euch, hochwürdiger Herr, zu ihrem geistlichen Beistand herbei zu rufen; und
dieses um so viel mehr, da ihr mir oft sagtet, dass ihr Glaube mangelhaft, ihr
Hang zu Ketzereien stark sei; Dinge, welche meine Anhänglichkeit an sie zwar
merklich schwächten, aber jetzt den Wunsch, sie gerettet zu sehen, nur desto
mehr anfachen.
    Mit halber Nachricht, ehrwürdiger Herr, wär euch, wie ich überzeugt bin,
nicht gedient, und ich nütze also die Stunden der Nacht, die mir bis zu Abgang
des Boten übrig sind, euch alles zu melden, was uns zugestossen ist; es sind
schreckliche Dinge, von welchen ich das wenigste verstehe; doch ich erhielt
Befehl von euch, auch das mir unverständliche, und eben dieses mit der meisten
Sorgfalt zu verzeichnen, damit es eurer Weisheit nicht an Mitteln fehle, sich
aus Irrgängen zu finden, wo mein schwacher Verstand still steht.
    Die Schwermut, mit welcher mein Fräulein seit einiger Zeit befallen war,
kennt ihr, und ich behaupte nochmals, was ich euch oft sagte, wenn ihr euch
herabliesst, mit mir über diesen Punkt zu sprechen, dass dieselbe etwas mehr als
aufgeregten Gewissenszweifel zum Grunde haben müsse. So heiter die Prinzessin
sich äusserlich erzeigte, mit so viel Freude sie ihrer erhabenen Bestimmung
entgegen zu gehen schien, so ward sie doch so wohl als ihre Freundin in der
Stille von einem Gram gefoltert, welcher keine Gränzen hatte. Euch über den
Grund dieser Dinge vollen Aufschluss zu geben, trachtete ich noch des Abends vor
unserer Abreise, mich zweier Briefe zu bemächtigen, davon die Prinzessin den
einen selbst geschrieben, und ihn Alverden endlich nach einigem Streit
überlassen hatte; den andern brachte an einem der vorigen Tage ein Unbekannter,
den ich nicht selbst gesehen habe; auch von dem Briefe weiss ich nichts weiter zu
sagen, als dass er, ob er gleich an die Prinzessinnen Elise und Beatrix gerichtet
war, dennoch von meinem Fräuleim erbrochen, und unter tausend Tränen gelesen
wurde.
    Ihr sehet wohl, dass sich aus diesen Schreiben viel aufgeklärt haben würde,
aber sie sind mir unter den Händen verschwunden, und ich muss glauben, dass sie
nebst andern Schriften zusammen gepackt, und nach einem Kloster zur Verwahrung
geschickt worden sind, dessen Namen ich, als Alverde den Boten abfertigte, nicht
verstehen konnte.
    Ob diese Dinge einen Zusammenhang mit dem haben, was ich nun melden werde,
mögt ihr entscheiden; ich gehe weiter.
    Der Gram der Prinzessin und meines Fräuleins ward durch das Geräusch der
glänzenden Heimführung der ersten nicht getilgt. Unser Führer, der Herr von
Kalatin, den ich wohl ehe bei Hofe als den muntersten unter allen Rittern
gesehen habe, schien von der nehmlichen Seuche angesteckt zu sein. Er nahte sich
Alverden nie, ungeachtet ich wohl weis, wie er ehedem um einen Blick, um ein
Wort von ihr gerungen hat. Mag wohl sein, dass die Verminderung ihrer Schönheit
seine Liebe tödtete, denn gewiss der heimliche Gram hat sie ganz zu einer andern
gemacht, als sie vormals war.
    Der Herr von Kalatin schränkte, ungeachtet ich weis, dass er von euch bei der
Abreise andere Einschläge erhielt, unsere Freiheit auf keine Art ein; in
Gedanken verloren ging er meistens seinen einsamen Weg für sich, und liess uns
den unsrigen nach Gefallen suchen. Die Reisigen, welche zu unserer Hut bestellt
waren, mochten wohl die wenigste Zeit wissen, wo ihr Führer und wo die ihnen
Anbefohlnen waren. Ihn fanden sie etwa des Abends oder auch wohl erst des
Morgens im Feld und Wald mit der Miene eines Verzweifelnden umher irren,
indessen unsere Damen zu der Zeit, wenn Ablager gehalten werden sollte, immer
auch gesucht, und dann ebenfalls in irgend einer Einöde, von ihren Tieren
abgestiegen, weinend und seufzend gefunden wurden; in Summa, eine trübseligere
und unordentlichere Heimführung einer königlichen Braut, als die unsrige, mag
wohl, seit die Welt steht, nicht gesehen worden sein.
    Ich war nur selten die Begleiterinn meines Fräuleins auf ihren einsamen
Wanderungen; die Gnade, mit welcher sie mich ehemals beehrte, scheint seit dem
Vertrauen, das ihr, ehrwürdiger Herr, auf mich warfet, merklich gemindert zu
sein; doch wollte es das Schicksal, dass ich mich gerade in den merkwürdigen
Augenblicken an ihrer Seite fand, welche den vornehmsten Gegenstand meiner
Erzählung ausmachen.
    Es war eine der schönsten mondhellen Nächte, die wir in diesem Sommer gehabt
haben. Unser Reisegefolge ruhte unter den Zelten, welche man, um einmal zu
rasten, auf der grossen Ebene an der Donau aufgeschlagen hatte, aber dass wir
nicht rasteten, brauche ich euch nicht erst zu sagen. Die Prinzessin und ihre
Vertraute wurden von ihrem ruhlosen Gram vom Lager aufgescheucht, und mich bewog
die Hitze unter den Gezelten, vielleicht auch Neugier und Wunsch, euch zu
dienen, meinem Fräulein nachzuschleichen, und Erfrischung im Freien zu suchen.
Ich folgte nur von weiten, weil ich nicht zur Begleitung aufgefordert war. Ich
sah, dass die Damen ihren Weg nach dem Strome nahmen, der, wie er seine Fluten
im Mondglanz dahin wälzte, würklich ein hinreissend schönes Schauspiel gab. Der
Ort, wohin sich unsere Schritte lenkten, war einsam. Der ausgetretene Strom
hatte sich in einer der lieblichsten Gegenden ein Bette gemacht, das in
niedrigen Ufern die klare Flut umschloss, und von alten Weiden beschattet wurde.
Man liess sich an denselben nieder, man sprach, man weinte; ich hätte die Welt
darum gegeben, ein Wort zu verstehen, aber die Entfernung, in welcher ich mich
halten musste, war meiner Neugier nicht günstig, und nur einigemale kamen mir die
Namen, Otto von Wittelsbach, und Alf von Dülmen zu Ohren; wars nicht schon
Verbrechen für Kaiser Philipps Tochter, für Kaiser Ottos Braut, diese Namen in
ihren Mund zu nehmen? - Doch ihr sollt noch mehr hören!
    Ueber der vergeblichen Bemühung, etwas zu vernehmen, das ich euch melden
könnte, war ich entschlummert. - Mit Schrecken erwachte ich; Waffengeräusch
wars, was mich weckte. Ich sprang auf, mein erster Blick war nach den Damen,
mein erster Gedanke Besorgnis um sie. Ich sah sie nicht mehr auf der Stelle, wo
sie gesessen hatten, aber die klagende Stimme der Prinzessin, lenkte meine
Schritte nach dem Orte, wo ich sie finden sollte. Weiter ins Tal hinein ist
eine Stelle von dichten Bäumen umschattet, die sie meinen Augen verbarg. Das
Geklirr der Schwerdter und die unaufhörlich von der Prinzessin ausgesprochenen
Namen, Otto von Wittelsbach und Alf von Dülmen liessen mich dortin eilen, ich
sah zwei gerüstete Ritter im vollen Kampfe, ich sah Beatrix, wie sie bald sich
mit Gefahr ihres eigenen Lebens zwischen sie warf, um ihren Streit zu hindern,
bald auf den Boden neben einem Verwundeten, den ich noch nicht wahrgenommen
hatte, hinkniete, um ihm das quellende Blut zu stillen; mein Fräulein sah ich
gar nicht, und man hat sie erst ziemlich spät in tiefer Ohnmacht unter den
Weiden entdeckt. Das Herz jedes Weibes ist zum Mitleid gebildet: ich flog zu dem
Verwundeten, die Sorge um ihn, mit der Prinzessin zu teilen, und ihr die
Trennung der beiden Kämpfer, davon ich den einen beim Mondlicht für den Herrn
von Kalatin erkannte, zu erleichtern.
    O, Jutta! schrie die Prinzessin, rette, rette, wenn du kannst, den
Pfalzgrafen! er ist unschuldig, der Kaiser wird ihn begnadigen! Ja, bei Gott!
lallte der Sterbende, das bin ich! aber Kaisergnade bedarf ich nicht mehr, nur
die Gnade des Richters, vor dem ich nun bald stehen werde!
    Beatrix betauete des Wittelsbachers bleiches Gesicht mit ihren Tränen. Geht
Prinzessin, lallte er, indem er sie von sich abwehrte, rettet Alf von Dülmen,
mit mir ists zu spät! O Alf von Dülmen! Alf von Dülmen! schrie die Prinzessin,
indem sie aufsprang, und sich von neuem unter die Kämpfenden stürzte, deren
Gefecht sich jetzt weiter nach dem Strom hingezogen hatte. Der Pfalzgraf
verschied unter meinen Händen; das Geschrei der Prinzessin, das von der andern
Seite zu mir um Hülfe ertönte, machte, dass ich meinen Tränen, die würklich auch
um den schönen edeln Mann flossen, ungeachtet er in Acht und Bann gestorben ist,
Einhalt tun musste; ich flog dahin, wohin ich gerufen ward, ich sah den Herrn
von Kalatin fallen, seinen Mörder sich aus den Armen der Prinzessin winden, und
sich vom hohen Ufer mit einem Sprunge in den Strom stürzen. Beatrix sank ohne
Gefühl zu Boden, mir mochte es nicht besser gegangen sein; denn ohne zu wissen,
wie das zusammenhing, sah ich mich auf einmal von unsern Leuten umringt, die
mich empor huben, und der Prinzessin und Alverden nach, unter die Gezelte
trugen.
    Die Unruhe, welche seitdem hier herrscht, ist unglaublich. Der Leichnam des
Herrn von Kalatin ist bis auf weitere Verordnung des Kaisers, nach dem nahen
Paulinerkloster gebracht worden, den Körper des Wittelsbachers, als eines
Durchächteten, hat man in den Strom geworfen.
    Alf von Dülmen aus den Fluten zu retten, soll sich einer von euren uns
mitgegebenen vertrauten Leuten, ehrwürdiger Herr, sehr viel Mühe gegeben haben.
Die Prinzessin liegt ohne Besinnung, Alverde ist dem Tode nahe; der Kaiser,
welcher seiner Braut entgegen gegangen war, ist persönlich hier eingetroffen,
und da aus den kranken Damen von dem ganzen Vorgange nichts zu erforschen ist,
so habe ich Dinge aussagen sollen, wovon ich doch nichts als das Ende gesehen
habe.
    Ich schütze mich mit meiner Unwissenheit; Erklärungen über so delikate, und
nach meinen Gedanken ziemlich verdächtige Händel, hätten leicht mir selbst
Gefahr bringen können.
    Ihr, ehrwürdiger Herr, werdet euch aus diesen Rätseln besser finden können,
als ich. Der Morgen bricht an; ich muss eilen, damit der kaiserliche Bote, der
mir versprochen hat, ein Schreiben an euch mit sich zu nehmen, nicht ohne
dasselbe abgehe.
 
           Alverde an die Aebtissin des Cölestinerklosters zu Pamiers.
                                     1210.
Verwahrt die Papiere wohl, die Euch kurz vor diesem Schreiben oder mit demselben
eingereicht wurden; merkwürdige Dokumente beispiellosen Unglücks! - Alverde,
Mörderin ihres eigenen Bruders? Beatrix und Elise, Verderberinnen derer, welche
sie auf der Welt am meisten liebten? Wird die Nachwelt fassen, wird sie glauben,
was in diesen Worten liegt?
    Ich schreibe auch dieses durch die Hand einer vertrauten Dirne, nicht der
Jutta, welche mir seit ihrer Vertraulichkeit mit Sutri, verdächtig geworden ist.
Sutri ist hier, vermutlich auf ihr Anregen, mir meine letzten Stunden schwer zu
machen; vielleicht fordert mich Gott ab, ehe die Stimme donnernden Gesetzes aus
seinem Munde mir noch den wenigen Trost raubt, den ich übrig habe!
    Ja, ehrwürdige Mutter, mein kurzes qualvolles Leben ist bald vorüber, die
Stunden sind kostbar, ihr müsst in wenig Worten vernehmen, was mich so schnell
zum Ziel beförderte. Die Würkung einiger unüberlegten Schritte, die ich,
verführt, ohne Euren Einrat und Vorwissen tat! -
    Das Ganze, wie man uns nach und nach zu unserm und unserer Freunde Verderben
leitete, euch zu erzählen, wär für mich am Rande des Lebens zu viel; ich beziehe
mich auf meine Papiere. Alles ist unsern Feinden gelungen: Wittelsbach ist tod,
das Schicksal liess uns ihn am Ufer der Donau sterbend treffen. Kalatin, von der
Gerechtigkeit zu der blutigen Tat autorisirt, war sein Mörder. Während wir uns
mit der Rettung des Verwundeten vergeblich bemühten, erschien Alf von Dülmen,
Wittelsbachs bisheriger Elendsgefärte, damals nur zu seinem Unglück auf wenige
Tage von ihm getrennt, an deren Ende ihn das Schwerd des Rächers getroffen
hatte.
    Alf von Dülmen, ich wage es nicht ihn Bruder zu nennen, fand seinen tödlich
verwundeten Freund, fand uns an seiner Seite, wechselte wenige schreckliche
Worte mit uns, die mich in Ohnmacht stürzten, und flog dann, Wittelsbachs Mörder
aufzusuchen, und ihn an der Stelle, wo er gefallen war, hinzurichten. Ich sah
nichts davon, wie ihm sein Unternehmen glückte, sah nicht, wie er nach
vollbrachter Tat den grauenvollen Entschluss fasste, seinem elenden Leben durch
einen Sprung in die Donau ein Ende zu machen. Ich hörte es von Beatrix, von ihr
könnt ihr alles weitläuftiger erfahren, wenn Gott ihr das Leben fristet, wie ich
zu ihm sterbend flehe, ich werde zu schwach, um der Schreiberin alles in die
Feder zu sagen.
    Beatrix ist krank, man zweifelt an ihren Aufkommen; der sie mit der
heissesten Inbrunst liebende Kaiser, besteht darauf, dass sie als seine Gemahlin
leben oder sterben soll, sie wurden diesen Morgen in der Stille eingeseegnet.
Beatrix hat für die Freunde des Wittelsbachers und für seinen Leichnam gebeten,
den man in die Donau geworfen hat; für Alf von Dülmen kommt alle Vorbitte zu
spät. - Von den Verwandten des Pfalzgrafen ist die Acht zurück genommen, sein
Leichnam ist gefunden, und ehrlich beerdigt worden. Alfs Körper hat man nicht
finden können!
    O, meine Mutter, ihr merkt aus den letzten so kurzabgebrochenen Worten, wie
schwach ich bin! - Meine letzte Hoffnung ist Ruhe in jener bessern Welt, Gott
gebe, dass mir sie kein Sutri raube! - Vergesset nie die unglückliche Alverde!
 
              Bernhard, Herzog von Sachsen, an den Herzog von ***
                                     1210.
Ich muss mich mit Eurer Erklärung brfriedigen; Gott gebe, dass euer eigenes
Gewissen sich damit beruhigen lässt, es ist hier eine Kette von Schrecknissen,
davon allemal das erste Glied in eurer Hand war.
    Philipp, Wittelsbach, Graf Adolph, seine Schwester, die arme Beatrix, welche
nur vier Tage den Namen einer Kaiserin führte, und vielleicht mehrere andere,
haben ihr Schicksal den Unordnungen zu danken, welche ihr in den Euch
anvertrauten Geheimnissen einreissen liesset. Die Möglichkeit, der guten Sache
auf die Art zu schaden, wie bereits geschehen ist, muss euch auf ewig benommen
werden, ihr sehet selbst, dass Entsetzung von Eurer Stelle eine sehr mässige
Strafe des Bösen ist, das ihr veranlasst, und das für uns und die Welt
unwiederbringlichen Schaden nach sich zieht. Wer vernichtet das, was auf die von
uns erlauschten Heimlichkeiten erbauet ward? wer benimmt den arglistigen Römern
die Mittel, hinfort noch mehr Unkraut unter unsern Waizen zu säen?
    Fortan müssen unsere Gesetze geschärfter und heiliger gehalten werden. Bruch
der Verschwiegenheit, dessen der unglückliche Pfalzgraf und ihr, Gott weiss ob so
unschuldig als er, euch erkühntet, werde gleich jedem andern unablöslichen
Verbrechen vor unserm Gericht mit dem Tode bestraft.
    Wer sich erkühnt unsere heiligen Gebräuche nachzuäffen, und unter dem Namen
unserer Gerechtigkeit Unheil zu stiften, der sterbe!
    Wer eigene Rache unter der Maske der heimlichen Rächer ausübt, der sterbe
ungewarnt und wo man ihn findet!
    Wer den Richter zu blenden sucht, den Schuldlosen mit seinem Namen schreckt,
oder den Verbannten warnt, der sterbe! -
    Mein Herz blutet, ob den fürchterlichen Gesetzen, welche die Stellvertreter
der göttlichen Gerechtigkeit zu geben, und ich zu bestättigen genötiget bin;
ich zittre vor dem Unheil, das der Misbrauch derselben in die Welt führen wird,
aber die Not heischt was wir tun müssen; Euch sei ein Teil der künftigen
Verfassung unsers Rechts zuerst kund getan, damit ihr eure begangenen
Vergehungen schätzen, und euch prüfen lernt, ob euch noch gelüstet länger in
unserm Bund zu bleiben, in welchem ihr ohne dem jetzt nur eine der untersten
Stellen behaupten könntet. Wollt ihr euch gänzlich von uns trennen, wie ich euch
wohl raten möchte, so hütet euch vor den Römern, dauert eure Vertraulichkeit
mit denselben fort, so wird euch die Rache, wie jeden andern, der nicht zu
unserm Bunde gehört, zu treffen wissen. Ihr neues Gericht soll unserer
Allwissenheit nachäffen, aber schützen kann es den nicht, welcher unser
Misfallen auf sich lud.
 
                 Alf von Dülmens Geständnisse an die Nachwelt.
                                     1210.
Ich ward gerettet, aber o Gott, zu welch einem Leben! - Ist das Leben im Kerker
Leben zu nennen? - Lebe ich würklich? - Würde ich, wenn heute mir die Freiheit
wieder geschenkt wär, anders unter den Lebendigen wandeln, als ein aus jener
Welt zurückkehrender Schatten? - Die Sonne ist mir fremd geworden, meine Augen,
Jahre lang - (ach ich mag sie nicht zählen!) an die Dunkelheit des Grabes
gewöhnt, würden ihren Glanz nicht mehr ertragen können. - Die Welt ist mir fremd
geworden, keiner meiner Lieben, keiner meiner Bekannten würde mir dort oben
begegnen, der da sagen könnte: das ist Alf von Dülmen! Den grössten und besten
Teil dessen, woran mein Herz hing, verlor ich, ehe man mich hier lebendig
verscharrte, die wenigen Uebrigen werden längst auch abgetreten sein von dem
grossen Schauplatz des Elends; nur mir fristete die Vorsicht mein Leben zur
längern Qual! Ich verdiente diese grausame Fristung, denn ich war ein
Verbrecher! - Ja das war ich! ein grösserer Verbrecher, als zu meinen Zeiten die
Erde einen tragen mochte! Heiliges Blut haftete an diesen Händen. Entschuldige
dich nicht, gequältes Herz, du weisst die Lehren, welche die Nacht, und
Einsamkeit diese halbe Ewigkeit hindurch predigten; Nacht und Einsamkeit, diese
grossen Lehrerinnen, welche das Gewissen laut reden machen, und jedem Verbrechen
seine Hülle nehmen! Hier gilt keine Entschuldigung! auf der Stelle, wo ich hin
geschleudert wurde, ist der Standpunkt, wo man jedes Ding nach seinem wahren
Werte schätzt, jedes mit seinem rechten Namen benennt, Sclave der Ehrsucht,
Sclave noch törigterer Leidenschaften, der war ich! Dies war der Anfang einer
glorreichen Laufbahn, die sich mit Kaiser- mit Freundesmord endigte! O Philipp
und Kalatin! lasst ab von mir! eure rächenden Schatten, die mich unablässig
umschwebten, könnten wohl mit meinen langen, langen Leiden befriedigt sein!
    O, dass die Fluten der Donau nicht mein Grab wurden! Grausame Hülfe, die
mich zu endloser Qual rettete! - Ja wohl endlos! Ich ward müde die Jahre zu
zählen, die man mich hier schmachten liess, und doch finde ich, da ich nun auf
einer Art von Ruhepunkt stehe, und rückwärts blicke, auch sie sind wie ein Traum
verschwunden! - Die erste Epoche meines Elends, da ich ganz unwissend war warum
man mich hier einkerkerte, war kurz, ihr folgte eine andre, da ich heller sehen
lernte, da man mir die Möglichkeit zeigte, Freiheit und Glück durch
Treubrüchigkeit zu erkaufen; sie war schrecklich; die Kämpfe zwischen der Stimme
der Menschheit und den Forderungen der Tugend waren nicht leicht; ich seufzte
nach Ruhe, aber die Ruhe, welche ich endlich fand, war noch schrecklicher, sie
hiess Vergessenheit. Meinen Verfolgern hatte entweder der Tod die
Schlangengeissel aus den Händen gewunden, oder sie waren müde geworden, immer
vergebens gegen einen Fels zu wüten, und ich blieb ungestört in langer, langer
Nacht, deren grauenvolle Einförmigkeit mir nach und nach fast Empfindung und
Bewusstsein raubte, und mich mein Dasein in einer Art von Schlummer hinbringen
liess, dessen Ende, bei den allmählig sinkenden Kräften der Natur, wahrscheinlich
der Tod sein musste.
    Ein wohltätiger Schlag erweckte mich zu einem neuen Leben! Wer misst die
Empfindungen eines Menschen, der schon mehr als halb dem Grabe anheimgefallen
ist, wenn eine mächtige Erschütterung ihn gewaltsam empor reisst, und ihn fühlen
lässt, dass er noch lebt? Wer misst die Empfindung jener Nacht, da ich im Donner
Gottes die letzte Posaune zu hören glaubte, die mich Toden zur Auferstehung
rief, da die Fesseln von meinen Händen sprangen, und die einstürzenden Gewölbe
um mich her die kaum erlangte Freiheit, von der ich keinen Gebrauch zu machen
wusste, schnell zu endigen drohten? -
    Frommer, mildherziger Ademar, du warst der erste Gegenstand, den ich nach
meiner Betäubung erblickte; es war mir wohl zu verzeihen, dass ich dich für einen
Engel, den schönen Ort, an den du mich gebracht hattest, für den Wohnplatz der
Seeligen hielt! Einen Menschen der gelitten hat, wie ich, scheint jede kleine
Besserung seines Schicksals überirrdisch, jeder lindernde Helfer eine Gotteit
zu sein.
    Guter Ademar! dir danke ich Erleichterung meines Schicksals, du musst dich
nicht entschuldigen, dass du mir dieselbe nicht ehr gabst; du warst Hüter meines
Kerkers, du hattest geschworen meine Ketten nicht zu brechen, du kanntest deinen
unglücklichen Gefangenen nicht einmal, ein Blitz vom Himmel musste mich dir
kenntlich machen, ein Blitz vom Himmel musste dir zeigen, was du für mich tun
solltest; wie konntest du ohne höhere Führung dich zu mir finden? Keiner deiner
Vorgänger hatte ja in langen dreissig Jahren daran gedacht, dass es Pflicht für
ihn sei, zu mir in mein Grab hinabzusteigen, wie hätte dir, der mit ihnen nach
einerlei Grundsätzen zu handeln verpflichtet war, dieses einfallen sollen? Was
würde dir der Anblick eines Elends geholfen haben, das du, durch Eid gebunden,
nicht lindern durftest?
    Jetzt, da der Himmel selbst dich zu mir führte, da der Himmel selbst meine
Bande brach, jetzt hast du freiere Hand zu handeln. Niemand beeidigte dich mir
neue Fesseln anzulegen, und diese wunden Hände, diese steifgewordenen Füsse
bleiben also frei; mein altes Grab ist zusammen gestürzt, warum solltest du mir
ein neues bauen? du gönnst mir ja gern diese hellere geräumigere und reinere
Wohnung, und die Aussicht den Schlossberg hinab, die mir beim ersten Anblick so
elisisch dünkte. Etwas bessere Pflege kann vielleicht mir einen Teil der
verlornen Kräfte wieder erstatten; dann und wann eine Stunde in deiner
Gesellschaft wird mir das Leben zum Himmel machen, und die Beschäftigung mit
Büchern, und mit der Feder, die du mir gönnst, vertreibt die ärgste Quälerin des
Gefangenen, die Langeweile, mit allen Schrecknissen, die sie in ihrem Gefolge
hat; nur zuweilen in meinen schwärzesten Stunden kehren jetzt jene Furien, die
Gefärtinnen meiner Einsamkeit zurück. Nur zuweilen ist mirs, als läg ich noch
in jener Nacht begraben; aber ein Blick von dir, ein Gedanke an dich, kann diese
Phantasien immer verjagen!
    O Ademar! Ademar! Gott seegne dich, und erhalte dich mir! Sollte dich ein
feindliches Geschick mir entreissen, was würde aus mir werden? Töde mich lieber,
ehe du mich in fremde Hände kommen lässest; du weisst wohl, es war ein Teil
deines Eides, den du jenen Unerbittlichen schwören musstest, als sie dich zum
Hüter dieses alten Steinhaufens und zu dem Meinigen machten, mich hinzurichten,
wenn der Zufall mich und die Geheimnisse ihrer Grausamkeit, die in meinem
Gedächtnis verwahrt sind, unter fremde Gewalt zu bringen drohte!
    Ademar, ich habe gedacht, wie ich dir deine Treue gegen mich Hülflosen
belohnen wollte; und schnell fiel mir ein, da ich sonst nichts habe, dir ein
treues Geständnis vergangener Dinge, so weit ich das darf, zu schenken; Du musst
dies Geschenk nicht gering schätzen, es hat gewiss seinen Wert, und wird mir
hier und da viel schmerzhafte Aufopferung kosten. Zeit und Kräfte, die ich zum
Niederschreiben meiner traurigen Geschichte brauche, bringe ich nicht in
Rechnung; ich kann sie nicht besser anwenden als für dich und die Nachwelt, wenn
du ihr die Mitwissenschaft dieser Dinge gönnen willst.
    O mein Freund, du musst hier auch auf den Nutzen rechnen, den du aus der
Kenntnis dieser Dinge schöpfen kannst. Du bist gegen mich sechzigjährigen Alten
- (Gott! ich war noch nicht dreissig Jahr, als man mich in jene Tiefe hinabstiess)
- du bist gegen mich alten Lehrling in der Unglücksschule noch ein Jüngling;
manches in dem Leidenverzeichniss des armen Alf von Dülmen wird dir aufstossen,
das dir zu Trost und Leitung für dein künftiges Leben dienen kann.
    Doch nichts mehr von Verteurung meiner Gabe, sondern nun ohne weitere
Umschweife den Anfang meines Versprechens!
    Mein Vaterland ist Westphalen. Bis in mein zwanzigstes Jahr hielt ich mich
für den Sohn eines gemeinen unbemittelten Edelmanns, ohne Rang und ohne
Ansprüche, und war glücklich in diesem Wahn; o Gott, dass er mir ewig geblieben
wär! -
    An hohen Flügen schwärmender nach Ruhm und Grösse dürstender Phantasie,
fehlte es mir von meinen ersten Jünglingsjahren an, nicht; Trieb, mich in einer
höhern Sphäre zu zeigen, musste mir angebohren sein; ich tödete ihn nicht,
sondern ich hing ihm mit geheimer Wohllust nach. Die Bahn, auf welcher ich das
zu erlangen glaubte, was ich wünschte, lag, wie ich meinte, offen vor mir; schon
mancher gemeine unbemittelte Jüngling, das sagte mir die Geschichte, welche mein
Lehrer, ein gelehrter Mönch aus dem benachbarten Kloster, fleissig mit mir
traktirte, hatte sich durch sein Schwerdt und seine Tugend empor geschwungen.
Ich hatte mir schon eine Reihe von Edeltaten vorgezeichnet, zu denen sich, wie
ich meinte, nach meiner Vorschrift, die Gelegenheit ganz genau finden musste, und
die mich Zeit genug mit Ehre und Glück krönen mussten. O Schicksal, warum
verleidetest du mir diesen sichern und anmutsvollen Weg zu Erreichung meiner
Wünsche, indem du mir einen kürzern aber gefahrvollern zeigtest? Doch ich will
nicht mit der Vorsicht rechten, sondern mich demütigen, mich als den allein
Schuldigen bekennen.
    Voll Ungeduld sah ich den Jahren entgegen, da mein Vater mir versprochen
hatte, mich wehrhaft machen zu lassen, und an irgend einen Fürstenhof zu
schicken; ich war geitzig nach jeder Gelegenheit mich in den Waffen zu üben; ich
fand sie in der Gesellschaft eines guten Jünglings aus unserer Nachbarschaft,
dessen Namen ich mir nie ohne Schmerzen denken kann. Ach auch an ihm habe ich
gesündigt! - Sein Name war Evert von Remen!
    Nimmer müde, Arbeit für Schwerdt und Wurfpfeil zu suchen, ward ich ein
wilder Jäger. Tag und Nacht lag ich in den Wäldern. Meine Faust ward stark, mein
Wuchs ausserordentlich durch die unaufhörlichen Uebungen. Mein braver Vater,
selbst in seinen Jünglingsjahren ein tapferer Krieger, hatte seine Freude an
mir, und nannte mich oft gegen Konraden von Remen, Everts Vater, seinen jungen
Helden. Lob und Beifall feuerten mich noch mehr an; ich dürstete nach immer
neuen Beweisen meiner Stärke, und trauerte aufrichtig, dass es in den
europäischen Gehölzen nicht Löwen und Tieger gebe, und dass Wölfe und Bären nur
zuweilen in den unsrigen gefunden wurden. Hinfort kam ich nur selten in das Haus
meines Vaters, um daselbst zu übernachten, und die Wälder wurden meine Heimat.
    Ich hatte eine jüngere Schwester, ich zürnte mit ihr über die Schwäche ihres
Geschlechts, die mich um ihre Begleitung bei meinem Herumschweifen brachte,
zürnte mit ihrem und meinem Freunde, dem jungen Evert von Remen, der ganz an ihr
hing, und der, da sich sein Gemüt mehr zu weiblicher Sanftmut neigte, lieber
bei ihr zu Hause blieb, als die Gefahren der Jagd mit mir teilte.
    Ich war die mehresten mahle auf meinen Wanderungen ganz allein, und da mir
die tausendmahl durchstreiften Gegenden in der Einsamkeit endlich lange Weile
machten, so entfernte ich mich oft mehrere Tagereisen von meines Vaters Wohnung,
um neue Unterhaltung für mich, neue Beute für meine Waffen zu finden.
    Weit nach Norden am Ausfluss der Weser, zwischen einer Gruppe von kahlen
Gebürgen, liegt ein enges Tal, von welchem in unsrer Gegend zur Zeit meiner
Jugend viel seltsame Sagen gingen. Die meisten machten es zu einem Eigentum
böser Geister, welche zu gewissen Zeiten daselbst ihre Zusammenkünfte halten
sollten; man sprach viel von Personen, welche es betreten hätten, ohne wieder
herauszukommen, von nächtlichem Getös, das sich daselbst hören liess, von
quellendem Blut und blaulichen Flammen, und andern ungeheuren Dingen, welche ich
mir alle auf meine Art deutete. Ich glaubte nehmlich, gewisse weisse Bären, die
sich zuweilen in unsern Waldungen spüren liessen, und davon ich einst einen
erlegt hatte, hätten daselbst ihre Behausung und die Legende von
übermenschlichen Wesen, welche dort regierten, diene der Furchtsamkeit nur zum
Vorwand, sich nie dortin zu wagen. - Ich kannte keine Furcht; die Vorstellung
neuer Gefahren war mir ein Gedankenfest; dass ich überall durch meine Faust
unverletzt hindurch kommen würde, war mir gewiss, und die Reise dortin ward
beschlossen. -
    Man war in meines Vaters Hause gewohnt, mich mehrere Tage nach einander
nicht zu sehen, und die Ausführung meines Plans, welcher in der Tat Zeit
brauchte, hatte also keine Schwierigkeit.
    Es war einst gegen den Abend, da ich nach einer würklich mühseligen Reise,
das Ende meines Wegs vor mir sah; der letzte von mehrern grossen und kleinen
Bergen, welche sich immer einer hinter dem andern erhuben, war erstiegen; ich
sah ins Tal hinab, welches ich mir als eine schöne weite waldigte Gegend, die
Wohnung zahlreichen Wilds, vorgestellt hatte, und das sich mir nun ganz als das
Gegenteil zeigte. Hier, das sagte mir mein erfahrner Waidmanns Blick, hier
möchten weder Wölfe noch Bären hausen. Vielleicht hatten in dem niedrigen
Gestände einige Hasen ihr Lager, die ich aber in unsern Wäldern besser finden
konnte, und deren Nachstellung überhaupt meine Sache nicht war, wenn ich mir
nicht etwa zuweilen die Lust machte, einen in vollem Lauf mit der Hand zu
ergreifen, und mir selbst dadurch einen Beweis meiner Schnelligkeit zu geben.
    Misvergnügt, dass ich hier das so wenig fund, was ich suchte, wollte ich
schon unverrichteter Sache zurückkehren, als ich ein Volk Rebhühner vor mir
aufsteigen sah; ich schenkte ihnen einige Pfeile, hub mein gefälltes Wildpret
auf und trat den Rückweg an, entschlossen, diese Gegend nie wieder zu betreten,
die ich in der Folge noch so oft sehen sollte.
    Ich entdeckte einen kürzern Weg als den, welcher mich zuerst hieher geführt
hatte. Man fand zu Hause mein Wildpret köstlich; die Damen vornehmlich wollten
nie etwas ähnliches gekostet haben, und der Frau von Remen zu Liebe, verging
keine Woche, da ich nicht ausging, in jenen Gegenden Beute zu machen.
    Sie wurden jetzt genauer untersucht, ich stieg hinab, ich durchspähte alle
Winkel, die sich zwischen den zerstreuten Gebürgen verbargen, und fand endlich
eines Tages eine Stelle, die zwar dem Auge des Jägers nicht eben merkwürdig war,
die aber doch auf andere Art meine Aufmerksamkeit reizte.
    Ich hatte die alte Geschichte der Römer gut studirt, ich wusste viel Wahres
und Unwahres, das mir mein Lehrer von Spuren ihrer Anwesenheit gesagt hatte, die
sie in Deutschland zurückgelassen haben sollten, und glaubte hier sehr
kenntliche Ueberbleibsel eines römischen Amphiteaters zu finden. Dies war
etwas, das meiner Phantasie schmeichelte, und ich beschloss, hier das Andenken
der grauen Vorzeit oft zu feiern. In der Folge war allemahl ein Fragment aus der
römischen Geschichte, dergleichen mir aus der Klosterbibliotek nicht versagt
wurde, ein notwendiges Stück meiner Jagdbagage. Halbe und ganze Tage wurden
hier in Gesellschaft der Alten verträumt, Vergangenheit vergegenwärtigt, Zukunft
herbeigerufen, Plane und Vergleichungen gemacht, und all der phantastische Unfug
getrieben, welchen eine junge Seele gemeiniglich in dem Gebiet des Wissens oder
Empfindens zu treiben pflegt, das sie sich vor andern ausgesehen hat.
    Die Gegend, auf eine halbe Meile umher, war ganz öde; ein heftiger Regen,
der mich einst aus meinen Träumen aufschreckte, fand mich ganz ohne Obdach; alle
Ueberbleibsel von Gemäuer, die man hier fand, waren gegen den Himmel zu offen,
und meine Zuflucht war ein holer Baum, in welchem ich gemeiniglich meine
mitgebrachten Gerätschaften zu bergen pflegte, es war eine ungeheure Weide,
welche ausser mir wohl noch eine Person hätte beherbergen können, und deren
überhangende Zweige mich vollkommen schützten. Ich sass warm und reinlich; der
Regen hielt an, sein monotonisches Rauschen schläferte mich ein; der weite Weg
hatte mich ermüdet, und die hereinbrechende Nacht führte die Zeit des Schlummers
herbei.
    Nach Mitternacht, wie mir der Stand des Mondes sagte, der jetzt rein und
voll am Himmel leuchtete, erwachte ich. Ich wusste nicht was mich erweckte; es
war Geräusch, desgleichen ich in der ewigen Stille, die hier herrschte, nie
vernommen hatte. Ich schlug die Augen auf und sah die Gegend rund umher von
Menschen belebt. Ich schauderte in mich selbst zusammen, und alle ehedem
vernommene und für Märchen gehaltene Geistersagen kamen mir vor die Seele. -
Mein innres Beben dauerte indessen nur kurze Zeit; gewohnt, mich vor nichts zu
fürchten, erhub ich mich, verliess meine enge Wohnung und trat ohne besondere
Vorsicht näher hinzu, um Dinge zu sehen und zu hören, zu deren genauer
Schilderung mir Zunge und Feder gebunden ist. Euch sei genug, zu wissen, dass ich
mich hier auf einmal ohne es zu wissen zuerst in einer Versammlung befand, die
man wohl mit recht unter die furchtbarsten und ehrwürdigsten rechnet, welche
unsere Zeiten kennen, oder vielmehr, welche, von dem grössern Teil der Menschen
ungekannt, ihr zur Geissel und zum Seegen im Verborgenen bestehen.
    Dass ich unter Menschen nicht unter Geistern war, das sagte mir mein gesunder
Verstand, obgleich würklich hier alles das Gepräg des übermenschlichen, des
ausserordentlichen trug. Ich starrte in eine zahllose Versammlung hin, die durch
einen gewissen traurigen Ernst, in der Kleidung so wohl als im Betragen, die
Wichtigkeit der Dinge bezeichnete, warum sie hier zusammen gekommen war. Ich sah
in der Mitte des grossen Kreises einen Mann auf einer Art von Trone, welcher
durch die Würde, die in seinem ganzen All herrschte, und durch die Urteile der
Weisheit, welche aus seinem Munde gingen, Anspruch auf den Namen eines Richters
des ganzen Menschengeschlechts zu haben schien. Auch war es, als wenn bei den
Dingen, welche hier in Vortrag kamen, die ganze Menschheit interessirt wär. -
Meine Aufmerksamkeit wuchs von Minute zu Minute, die Vorgänge wurden immer
wichtiger. Ich Furchtloser schauerte mehr als einmal zusammen; mir, dem
Jüngling mit den gestählten Nerven, wandelte mehr als einmal gänzliche
Machtlosigkeit an. Was ich sah, was ich hörte, das ist Gott bekannt, auch wird
es wohl durch keine Zeit aus meinem Gedächtnis verlöscht werden, aber euch mehr
davon zu sagen, als ihr bereits vernommen habt, ist unmöglich.
    Ganz im stummen Staunen verloren, kaum atmend vor Wissbegier, wie das alles
enden würde, stand ich da. Ich nahm Partie bei allem was verhandelt wurde, und
als jetzt der Richter vom Trone in einer Sache einen Ausspruch tat, der nicht
ganz zu meinen Einsichten passte, so ward meine Befremdung durch einige Worte
laut! - Ist hier der Tron der Unfehlbarkeit? schrie ich, oder darf man noch von
diesem, an den Richtstuhl des Ewigen appelliren?
    Jedermann in dem grossen Cirkel war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um
auf mich geachtet zu haben. Ich stand noch überdem auf ein kleines Gemäuer
gelehnt, hinter den andern in halber Dunkelheit, so dass ich wohl hätte verborgen
bleiben können, wenn ich der Vorsichtigkeit getreu geblieben wäre.
    Meine sehr laut gesprochenen Worte, und die mit dem Ausdruck des höchsten
Affekts in die Höhe gehobene Rechte, zogen die Augen all meiner Nachbaren auf
mich. Ein leises Murmeln begann, das sich immer weiter ausbreitete, immer mehr
verstärkte, und endlich wie ein brüllender Donner ertönte; was ich verstehen
konnte, waren die Worte: Es habe sich ein Fremder zu ihren Geheimnissen
eingeschlichen, und Tod müsse sein Lohn sein! - Die Tat schien hier unmittelbar
den Worten folgen zu müssen, denn ich hatte kaum gehört, wusste kaum was ich
gehört hatte, so bekam ich einen Schlag in den Nacken, der mich sinnlos zu Boden
streckte.
    Ob der Streich, den ich empfing, mich würklich tödten oder nur meines
Bewusstseins berauben sollte, weiss ich nicht; ich glaube das letzte; ich war in
der Gewalt dieser Unbekannten, was hätte sie hindern sollen, da sich noch Leben
in mir regte, mich vollends hinzurichten.
    Als ich mich wieder erholte, war alles viel dunkler um mich her als zuvor,
all die Leuchten, welche zuvor den weiten Platz mit schwachem phosphorischen
Licht erhellten, waren ausgetan, und nur ein Mondstrahl beglänzte die Stelle,
wo ich lag; sie war zu den Füssen des Trons, den ich zuvor in der Ferne
wahrgenommen hatte. Der Richter befahl mir, mich so gut ich konnte zu erheben,
und zu versuchen, ob ich durch Beantwortung der Fragen, die man mir vorlegen
würde, mein verwürktes Leben retten könnte.
    Die erste derselben war: Wie ich an diesen geweihten Orte käme, ob Vorwitz
oder Zufall mich hieher gebracht habe, und warum ich auf die Warnung, welche bei
Hegung eines jeden dieser heimlichen Gerichte, an die Personen, welche sich
eingeschlichen haben könnten, gleich anfangs zu ergehen pflegte, nicht
augenblicks davon gegangen sei?
    Ich konnte beteuren, von dieser Warnung, die ich vermutlich in meiner
Weide verschlafen hatte, nichts gehört zu haben; auch die übrigen Teile der
vorgemeldeten Frage konnte ich ziemlich zu Befriedigung des Richters
beantworten, und man ging zu andern Untersuchungen fort, welche die Dinge, die
ich hier gesehen und gehört hatte, nebst meiner Meinung davon betrafen, und die
ich also hier mit Stillschweigen übergehen muss.
    Und was, fuhr der Richter fort, der mir durch meine Antworten immer gewogner
zu werden schien, was brachte euch zu der Kühnheit in jene Worte auszubrechen,
welche uns eure Anwesenheit an diesem verbotenen Orte entdeckten?
    Gefühl der Billigkeit!
    Glaubt ihr nicht, dass hier der Stuhl der Unfehlbarkeit ist?
    Ich denke, ich stehe vor einem menschlichen Gericht, welches Gott zum
Oberrichter erkennen muss, dessen Urteil allein nicht trügen kann.
    Habt ihr Ursach zu zweifeln, dass wir in dem Fall, der euch aus eurer Fassung
brachte, gerecht richteten?
    Ich glaube sie zu haben.
    Seid ihr in der Sache des Verurteilten interessirt?
    Nein, ich habe bis diese Stunde nicht gewusst, dass ein solcher Mensch in der
Welt ist.
    Wünschtet ihr unser Urteil aufgeschoben oder geändert zu sehen?
    Sobald ich es für unrecht halte, muss ich dies wünschen!
    Noch eine Frage! Kennt ihr das Mittel, euer gegenwärtiges Versehen oder
Unglück, wie ihr es nennen wollt, euch in unserm verbotenen Kreise befunden zu
haben, ungeschehen zu machen?
    Nein.
    Es heisst; Eintritt in unsern Bund!
    Ich nehme es ohne Bedenken an, nicht aus Todesfurcht, welche ich nicht
kenne, sondern weil ich diese Nacht viel von eurem Bunde kennen lernte, das mir
gefällt.
    Ihr habt diese Nacht viel von unserm Bunde kennen gelernt, und wisst also die
verschiedenen Geschäfte, welche unsern Mitgliedern obliegen?
    Ja, ich weis, dass ihr, ausser Richtern und Beisitzern auch Ausrichter des
Urteils und Kundschafter unter euch habt.
    Welche Stelle, meint ihr, wird die eurige sein, wenn es uns gefällt euch zu
begnadigen und aufzunehmen?
    Doch wohl die unterste, die mir sonst nicht sonderlich behagende Stelle
eines Kundschafters.
    Womit wünschet ihr euer Probestück zu machen?
    Mit genauerer Erkundigung jener Sache, über welche vorhin, und wie ich
meinte, falsch gesprochen wurde.
    Jüngling, eure Erklärungen sind freimütig und zeugen von einem edeln und
hohen Geiste. Wer seid ihr?
    Ich nannte mich und - - doch das Uebrige zu melden wär zu weitläuftig, genug
ich ward aufgenommen, meine Lippen wurden versiegelt, wie man hier die
Beeidigung zur Teilnahme an den Geheimnissen der Gerechtigkeit nennt, und ich
sah mich auf einmal das Mitglied eines grossen Bundes, von dessen Existenz ich
zuvor nie gehört hatte. Ich, der vorher in der grössten Einsamkeit und
Absonderung lebte, befand mich schnell in genauer Verbindung, wie ich meinte,
mit dem halben Menschengeschlecht. Ich, der vorher niemand zu gehorchen hatte
als einem Vater, bekam hier Oberherrn die ich zum Teil nicht einmal kannte,
und die so unumschränkt über mich herrschten, dass sie sich erkühnen durften,
mich auf gewisse Art von der kindlichen Pflicht loszuzählen; wie ihr denn wohl
denken könnt, dass mein Vater von den Vorgängen dieser Nacht und allem, was davon
abhing, nichts erfahren durfte. Ich hing an diesem teuren Vater mit so
gränzenloser Liebe und Vertrauen, dass ich glaubte, diese einige Klausul hätte
mich von dem grossen Bunde abwendig machen können, wenn ich sie vorher gewusst
hätte. Nun waren die fürchterlichen Eide geschworen, und ich konnte nicht mehr
zurück.
    Der Herzog von Sachsen, Herzog Bernhards Vater, der damahliche Stuhlherr der
heimlichen Gerichte, eben der Richter, dessen Weisheit mich in jener Nacht zu so
viel Bewunderung, sein herrliches Ansehen zu so viel Ehrfurcht hinriss, nahm es
selbst über sich, mich in der Verlegenheit zu beruhigen in welcher er mich sah.
Mein Sohn, sagte er mit der herablassendsten Güte, der Gehorsam, den du deinem
Vater schuldig bist, wird nie mit dem, welchen du mir geschworen hast, streiten.
Erfülle deine Pflichten treu, und du wirst einen gnädigen Herrn an mir haben.
    Den hatte ich auch an ihm, aber einen desto ungnädigern an dem Herzog von
***, der dem Herzog von Sachsen, hier der nächste in der Hoheit, und allezeit
bedürfenden Falls sein Stellvertreter ist. Der Herzog von ***, hatte vom Anfang
meiner Erscheinung im grossen Kreise einen sonderbaren Hass auf mich geworfen,
der sich auf meine kühne Misbilligung jenes gesprochenen, von ihm eingeleiteten
Urteils, gründen mochte, und durch meine glückliche Durchsetzung der Sache
unversöhnlich ward. Ich habe Ursach ihn für eins der vornehmsten Werkzeuge zu
halten, welche mein ganzes unglückliches Leben hindurch, zu meinem Verderben,
tätig waren.
    Ich hatte, wie ich vorhin weitläuftig erzehlte, meinen ersten Eintritt in
die geheimnisvolle Verbindung durch kühnen Widerspruch eines gesprochenen
Urteils gemacht. Ein solcher Widerspruch, er mochte von geweihten oder
ungeweihten Lippen kommen, durfte, wenn der Angeklagte sich nicht selbst
schuldig gab, in den damahligen Zeiten nicht zurück gewiesen werden, und hätte
das Richtschwerd schon über seinem Kopfe geschwebt; genauere Untersuchung folgte
demselben, Untersuchung, bei welcher der, welcher den Einspruch tat, allemal
die Hauptrolle spielen musste. Nachdem sie denn ausfiel, hatten entweder der
Beklagte und der Verteidiger ihr Leben gerettet, oder - beide mussten sterben.
    So hatte ich mich also, ohne es zu wissen, in einen gefährlichen Handel
verstrickt; er betraf eine Person, die ich nicht kannte. Der Herzog *** wollte
sie getödet haben, und hatte alle Wahrscheinlichkeit der Schuld wider sie
zusammen zu bringen gewusst, nur ich hatte eine Lücke in den geführten Beweisen
entdeckt; hatte dawider geschrieen; alles war so gegangen, wie ich eben gemeldet
habe, und nun sollte ich meines Klienten Unschuld beweisen oder sterben. Ich
forderte von meinem Vater Urlaub auf einige Wochen zu einer Jagd, in entfernten
Gegenden; ich tat die erste Reise in Geschäften des Bundes; ich war glücklich
in meinen Ausspähungen; was ich erweisen wollte, war erwiesen, der Beklagte war
gerettet, der Herzog von Sachsen lobte mich, und der Herzog von ** - schwur mir
ewigen Hass.
    Ich erhielt mehrere Aufträge, und ich konnte sicher sein, dass, wo es von dem
Herzog von ** abhing, allemal das schwerste auf meinen Anteil fiel. Da es mir
nicht an Treue, Vorsicht und Mut fehlte, so war ich immer glücklich, ihm zum
Trotz, und brachte beinahe die Unmöglichkeit zu Stande. Einst als es darauf
ankam, gewisse lang verlorene Urkunden ausfündig zu machen, die sich noch von
Karl des Grossen Zeiten herschrieben und an welchen sehr viel gelegen war,
gelang mir die Sache so schnell, so vollkommen nach dem Willen meiner Obern, dass
ich vom Herzog von Sachsen die Erlaubnis zu einer freien Bitte erhielt, an deren
Gewährung ihm, wie er sich ausdrückte, nichts als die Unmöglichkeit hindern
sollte. Sorge dafür, Adolf, rufte mir der edle Fürst noch nach, als ich
Bedenkzeit forderte, dass deine Forderung nicht klein sei, denn mich dünkt, wir
sind dir viel schuldig.
    Ich entfernte mich, und wusste wohl was ich bitten wollte. Ich war fast
zwanzig Jahr, und das Versprechen meines Vaters, mich wehrhaft machen zu lassen,
war wegen häuslicher Umstände noch immer unerfüllt geblieben. Ich nahm mir vor,
den Herzog von Sachsen um das Ritterschwerdt, und um Dienste bei seinem Heer zu
bitten; eine Forderung, die mich mächtig gross dünkte, und die doch bald von
einer andern verdrängt werden sollte, an deren Höhe damals alle meine Wünsche
noch nicht reichten.
    Meine öftere, und lange Abwesenheit aus dem Hause meines Vaters war niemand
befremdend gewesen; man war dergleichen schon von meinen ersten Jünglingsjahren
her gewohnt. Nur Konrad von Remen, der Vater meines Freundes des jungen Evert
von Remen, schüttelte zuweilen den Kopf, und schien Gedanken zu haben, die er
sich nicht zu entdecken getraute.
    Da meiner Geschäfte in meinem verborgenen Amte immer mehr wurden, so weiss
ich nicht wie ich länger das beschworne Geheimnis hätte behaupten wollen. Dass es
mit mir eine ausserordentliche Bewandtnis hatte, würde man endlich gemerkt haben;
die, welche das Recht dazu hatten, hätten mich befragt, und ich hätte antworten
müssen; ich sann schon auf tausend Ausflüchte, welche meinem an Aufrichtigkeit
gewöhnten Herzen schwer zu behaupten gewesen sein würden, aber das Schicksal
überhob mich der traurigen Notwendigkeit meinen Vater täuschen zu müssen, indem
es mir jenen Streich versetzte, welchen ich den Anfang aller meiner Leiden
nennen muss.
    Eine tödliche Krankheit warf meinen besten Freund, meinen teuren Vater
darnieder; es kam bald dahin, dass er ohne Hoffnung lag, und ich, meine Schwester
und unsere Freunde, die von Remen, trostlos an seinem Lager weinten. Wenig
Stunden vor seinem Tode, verlangte er mit mir allein zu sein, und wandte sich
mit folgender Rede an mich, deren ich mich noch fast wörtlich erinnern werde.
    »Mein Sohn, sagte er, ich kann und darf die Welt nicht verlassen, ohne ein
Familiengeheimniss in deinem Busen niederzulegen, das auch mir mein Vater
sterbend anvertraute. Mir ist es von keinem Nutzen gewesen, dagegen hat es meine
Seele mit einem unruhigen Streben, nach einem unerreichbaren Gute erfüllt,
welches mein Leben verbitterte, und vielleicht meinen Tod früher herbeirief, als
er sonst gekommen sein würde. Wüsste ich, dass dieses auch dein Loos sein würde,
ich würde den Eid verwünschen, der mich nötigt zu reden, wo ich gern schweigen
möchte. Wisse, du bist nicht der namen- und anspruchlose Jüngling, für den du
dich hältst; du stammst aus dem Hause der Grafen von ***. Die Güter und Titel
dieses Hauses, in welche sich jetzt die Bischöffe von Bremen und Münster nebst
andern geteilt haben, sind dein; man entriss sie deinen Vätern, und brachte uns
fast bis zur Niedrigkeit des bürgerlichen Standes herab. Mein Vater, der erste,
auf welchen dieses traurige Loos ganz fiel, fand Sicherheit und Ruhe in der
Verbergung seines grossen Namens, doch wollte er nicht eher sterben, bis er mir
unsere Ansprüche und die Mittel sie geltend zu machen, entdeckt hatte. Er
beschwur mich, mich dieser Mittel als der einigen würksamen, die er selbst nur
aus Furchtsamkeit versäumt hatte, zu bedienen, oder sie wenigstens seinen Enkeln
zu empfehlen, welche vielleicht besser Glück haben möchten als ihre Väter.«
    Fast atemlos vor Erstaunen kniete ich an dem Bette meines Vaters; mein
Herz, das von je her nach Grösse dürstete, fühlte ein Entzücken über diese
Entdeckung, welches die traurigen Umstände, die dieselbe begleiteten, nicht ganz
tilgen konnten. Wie? rief ich, wie mein Vater? ihr seid Graf von ***, und dieses
muss ich in diesen betrübten Augenblicken zuerst erfahren?
    Unglücklicher Jüngling! erwiederte er, die Sucht nach Ehre muss dein ganzes
Herz besessen haben; wie könntest du sonst jetzt auf die Entdeckung deiner
Herkunft einen so hohen Wert legen! Jetzt, da die Nichtigkeit aller irdischen
Dinge dir in meinem Bilde so lebhaft vor Augen liegt.
    Ich errötete über den Verweis, den ich so wohl verdient hatte, ich fühlte
die Wahrheit in den Worten meines Vaters, und doch konnte ich mich nicht
entalten, begierig nach den Wegen zu fragen, auf welchen sich das verlorne
wieder erlangen liess.
    »Die Wege, die ich gegangen hin, antwortete er, führten mich irre; ich
suchte Gerechtigkeit an den Tronen der Fürsten, und fand sie nicht; es gibt
noch einen Tron, vor welchem ich wie dein Grossvater mir sagte, unausbleibliche
Hülfe gefunden haben würde, aber er scheute sich, vor denselben zu treten, ich
fühlte die nehmliche Abneigung und ich hoffe, du wirst mit deinen Vätern
übereindenken, wenn du das Ganze übersehen kannst. Es gibt im deutschen Reiche
eine heimliche Macht, welche dem Unrecht zu steuern, den Bedrückten zum Recht zu
helfen weiss, wenn man ihre Hülfe gehörig sucht.«
    Und warum suchtet ihr sie nicht? rief ich mit Eil, indem mein ganzes Gesicht
glühte, denn ich verstand vollkommen, welche Macht er meinte.
    Sie sind furchtbar, jene Unbekannten, sagte mein Vater mit schwacher Stimme,
ich kann dir nicht raten, dich an sie zu wenden. Forsche, was das gemeine
Gerücht von ihnen sagt, und glaube mir, dass es gefährlich ist, mit ihnen in
Verbindung zu treten!
    Gott! mein Vater! was habt ihr wider die heimlichen Richter? ist nicht der
Herzog von Sachsen ihr Oberhaupt?
    Der Herzog von Sachsen ist gut, aber was sagst du zu dem Herzog von **,
seinem Stellvertreter? Dergleichen Männer gab es auch zu deines Grossvaters
Zeiten im heimlichen Gericht; sie müssen bei der fast gränzenlosen Macht zu
schaden, der Unschuld, die an ihrem Trone fleht, immer fürchterlich sein.
    Ich wollte meinem Vater Einwürfe machen, welche mehr von meinen Geheimnissen
verraten haben würden, als ich wollte; aber es war hier keine Zeit zu
weitläuftigen Erörterungen; das viele Sprechen hatte meinem Vater eine Ohnmacht
zugezogen, aus welcher er sich nur erholte, mir gewisse Documente über unsere
Ansprüche anzuweisen, und denn in meinen Armen zu sterben.
    Wer misst meinen Schmerz, als ich denjenigen tod vor mir sah, welcher nun
erst ein glückliches Leben hätte führen können? Warum erfuhr ich diese Dinge
nicht eher! Mein Vater hatte sich lange traurige Jahre um eine Sache gequält,
die ich ihm nun mit einem Worte hätte erlangen können. Ich wusste, dass ich seinen
Namen nun vor unserm Gericht nennen, seine Ansprüche nur beweisen durfte, so
mussten alle Hindernisse, mit welchen er Zeitlebens gekämpft hatte, weichen. Denn
ich, ein Einverleibter des grossen Bundes, wusste die kürzesten und leichtesten
Mittel, zum Zweck zu gelangen, ich vermochte vielleicht noch mehr, als irgend
ein anderer, durch die Gewogenheit mit welcher mich der Herzog von Sachsen, und
sein Sohn, der junge Bernhard, sein Nachfolgen in der höchsten Würde des
heimlichen Gerichts beehrten, durch die treuen nicht unbeträchtlichen Dienste,
welche ich bereits meinen Obern in einige Jahren geleistet, und durch die
Vergunst zu einer freien Bitte, welche ich zum Lohn für mein Wohlverhalten
erlangt hatte.
    Ich war ausser mir! ich schlug mich vor die Stirn, und schrie tausendmal:
warum wollte er, und warum durfte ich nicht reden? - O der unglücklichen
Vorurteile! - O zu spät, zu spät kommt alles Glück, da ich es nun nicht mehr
mit dem teilen kann, der mir auf der Welt der liebste war! O Vater! welch
Entzücken, dich die letzten Jahre deines Lebens noch in dem Glanz und der Grösse
zubringen zu sehen, die dir zukam! das alles soll ich nun allein geniessen? ach
schämen, schämen werde ich mich des Ranges, der meiner wartet, da du in
Dunkelheit und Armut leben und sterben musstest!
    So wütete ich fort, meine Freunde mussten aus meinem Bezeugen glauben, dass
ich den Verstand verloren hätte, und dieser Wahn bestättigte sich, da ich den
Verstorbenen auf eine Art beerdigen liess, die ganz seinem wahren, nicht seinem
vermeinten Stande gemäss war; fast alles was ich besass, wurde daran gewendet,
seinem Leichnam eine Begräbnissstelle im benachbarten Kloster unter den Fürsten,
die es gestiftet hatten, zu erkaufen.
    Ich hatte in den nachgelassenen Schriften indessen noch einiges gefunden,
welches mir Bedenklichkeiten erregte, ob mein Gesuch bei unsern Richtern so ganz
gewiss glücken würde, als ich im ersten Feuer wähnte; der Hass des Herzogs von **
und seine grosse Macht schreckte mich, das Urteil über ihn, und einige andere
Mitglieder des geheimen Bundes, das ich in meines Vaters Schriften gelesen
hatte, war richtig; ich warf die Frage auf, die er aufgeworfen hatte. Warum
werden solche Leute im Bunde der Heiligen geduldet, und fand das, was er von den
Gefahren mit der Gesellschaft der Unbegreiflichen in Verbindung zu stehen, fast
auf jedem Blatt äusserte, das er über diesen Gegenstand geschrieben hatte, so
wichtig, dass mich ein heimlicher Schauer anwandelte; vielleicht Ahndung dessen,
was mir in der Zukunft begegnen sollte.
    Meine Reise zu dem sogenannten Tron der Unfehlbarkeit war indessen
beschlossen; ich empfahl meine Schwester der Sorgfalt der Frau von Remen, nicht
ganz gewiss, auf was für Art ich wiederkehren würde.
    Wie ich meine Sache anbrachte, welche Verwunderung sie erregte, wie sie
aufgenommen ward, welche Hindernisse mir in den Weg gelegt wurden, und auf was
Art ich meinen Feinden zum Trotz dennoch siegte, dies sind Dinge, welche nicht
hieher gehören, und die dem, der unsere Geheimnisse nicht kennt, grösstenteils
unverständlich sein würden. Genug, der grosse Urteilsspruch geschahe zu meinem
Besten, und hatte die Folgen, die sich bei der grossen Macht meiner Beschützer
denken lassen. Es half den Besitzern meiner Güter nicht, dass sie Freunde und
Verwandten in unserm Kreise hatten, es half dem Erzbischof von Bremen nichts,
dass er der Bruder des Herzogs von ** war, und ich kehrte als allgemein
anerkannter Erbe der Grafen von ***, als rechtmässiger, festbestättigter Eigner
all ihrer Titel und Güter zu den Meinigen zurück. Man denke sich das Erstaunen,
das diese Erscheinung bei einigen, und die Freude, die sie bei andern erregte!
    Unter all meinen Freunden war keiner, der sich über meine erlangte Grösse
weniger freute, als Evert von Remen; meine Schwester Alverde ward ihm bereits in
ihrer Kindheit zur Gemahlin versprochen. Diese Vermählung würde in ihrem
ehemaligen Stande ein glänzendes Glück für sie gewesen sein, und in ihrem
gegenwärtigen musste Evert nun zweifeln, ob er seine Augen zu ihr erheben dürfe.
Ich liebte Evert von Remen, und suchte ihn bald hierüber zu beruhigen; er war
ein edler Jüngling, nicht allein dem Charakter, sondern auch der Geburt nach,
und ich war jetzt in einem Stande, der mir es möglich machte, ihn höher zu
heben, und sein Glück ganz den Ansprüchen meiner Schwester gemäss zu machen.
    Ein Unglück für ihn, - (ach sollte ich nicht sagen ein weit grösseres für
mich?) - war es, dass unsere Charaktere nicht ganz zusammen passten; er war sanft,
ich feurig, er liebte, ungeachtet des unerschrockenen Muts und der tafern
Faust, deren er sich rühmen konnte, die Ruhe; ich liebte kriegerische
Tätigkeit, und hätte es gern gesehen, wenn der Urteilsspruch der heimlichen
Richter mir etwas mehr Arbeit für mein Schwerd übergelassen hätte. Evert hatte
einen entschiedenen Abscheu vor allen Geheimnissen, und ich hatte nur gar zu
viel, das ich vor ihm verbergen musste. Er predigte mir täglich, dass unter
Freunden, wie wir, keine Zurückhaltung statt haben dürfe. Er war klug genug,
manches Verborgene bei mir zu ahnden. Er forschte, wo er nicht hätte forschen
sollen, schlich mir nach, wo ich allein sein wollte und musste, verfocht Dinge
gegen mich, die er nicht verstand, leugnete andere, die ich besser wusste, ohne
ihn überführen zu dürfen, und so war die Fehde zwischen uns erklärt;
tausendfache Zwistigkeiten entsponnen sich, und ob wir uns gleich immer wieder
versöhnt in die Arme schlossen, ob wir uns gleich am Ende beteuerten, es sei
Torheit für solche Freunde, wie wir sich zu entzweien, und uns zuschwuren, jede
Ursach zu neuem Streit von beiden Seiten zu vermeiden, so war doch der Grund
unserer Freundschaft schon insgeheim untergraben, und es brauchte nur
Veranlassung von aussen, uns völlig zu trennen.
    Mein neuer Stand, und der Rang, den ich als Graf von *** im Reiche der
Unsichtbaren behauptete, zog viel neue Verbindungen nach sich. Freunde und
Feinde wurden teils, durch Geschäfte zu meinem genauern Umgang geführt, teils
hielten sie es aus bösen und aus guten Absichten für dienlich, sich zu mir zu
drängen; die, welche ich bereits als meine Feinde kannte, den Herzog von ** und
seinen Anhang wusste ich zu meiden, in Ansehung der andern wurde ich freilich,
wie meistens der Fall ist, durch Zufall und Vorurteil geleitet. Ich wählte mir
unter dem ganzen Haufen, der mich umgab, zwei Freunde, die in der Folge den
grössten Einfluss auf mein Schicksal hatten; der eine liess sich von mir suchen, es
war der edle Pfalzgraf Otto von Wittelsbach, ein junger Mann, der erst seit
kurzer Zeit in unsern Bund getreten war; der andre drängte sich mühsam zu meiner
Freundschaft, und wusste sie durch seine ganz eigene Gabe zum Gefallen ganz an
sich zu reissen; sein Name war Peter von Kalatin, der Unglückliche, welcher in
der Folge von meinem Schwerde fallen musste, ein Mann, von dem ich heute noch
nicht genau weiss, ob seine Farbe schwarz oder weiss war, denn sobald tausend
Wahrscheinlichkeiten aufstiegen, mir ihn als einen Verräter zu zeigen, so
erhebt sich im innersten meiner Seele eine Stimme: Er war dein Freund, und du
hast ihn ermordet! Alle Bemühungen meines Herzens, ihn zum Verbrecher zu machen,
sind Tücke, die nur zu Verminderung deiner eigenen Schuld abzielen! - O
Gewissen, Gewissen wird deine Geissel nimmer ruhen? muss dein Geschrei jedes
Mittel vernichten, das ich zu meiner Beruhigung ersann?
    Lasst mich fortfahren. Lasst mich umständlicher von diesem Peter von Kalatin
reden. Ausser seinem einnehmenden Aeusserlichen, ausser seiner wunderbaren Kunst
sich gefällig zu machen, war noch etwas, das mich zu seinem Freunde machte, ich
glaubte Grossmut in seinem Betragen gegen mich zu entdecken. Peter Kalatin stand
schon auf einer sehr hohen Stufe im Rat der heimlichen Richter, da ich erst zu
den untersten Graden eingeweiht wurde, schon damals hatte er mir keine Ursach
zur Klage gegeben, so oft ich auch in Geschäften mit ihm zusammentraf; er war
herablassender und gütiger gegen mich gewesen, als irgend einer von den Obern,
und jetzt, da mich das Glück und mein entdeckter Stand emporhob, da es mich ihn
und tausend andere überspringen machte, da ich auf einer Höhe stund, die er nie
zu erreichen hoffen konnte, jetzt entdeckte ich dennoch nicht eine Spur, von der
Missgunst, von der scheuen Zurückhaltung an ihm, die ich wohl an Höhern als er,
die ich selbst an dem Herzog von ** wahrgenommen hatte. Er blieb gegen mich
immer der nehmliche nur dass das, was zuvor Freundlichkeit gegen einen Geringen
war, sich jetzt in Freundschaft verwandelte; diese Erscheinung, deren Seltenheit
mich die Erfahrung beurteilen lehrte, nahm mich für ihn ein, ich ward zuerst
sein Freund, bloss weil ich ihn weniger bös als andere fand, bis er sich mein
Herz durch wahre oder erkünstelte Tugendproben noch mehr zu eigen machte.
    Als Kalatin merkte, wie fest er in meinem Herzen sass, liess er mich auch
einen tiefern Blick in das seinige tun; er verheelte mir nicht, dass er meine
Schwester liebte, und sich Hoffnung auf ihren Besitz machte; eine Entdeckung,
die mir nicht allerdings behagte. Stolz war meine herrschende Leidenschaft; so
wert mir auch Kalatin war, so dünkte mich doch sein Stand gegen den meinigen zu
gering. Nur um eines Everts von Remen willen hätte ich meiner Schwester erlauben
können, durch Heirat eine Stufe herabzusteigen. Evert von Remen, mein alter
Jugendfreund, hatte die Liebe meinen Schwester, hatte das Versprechen meines
Vaters; Dinge, welche bei Kalatin hinwegfielen, und deren Mangel ihn eine
abschlägliche Antwort finden liess, bei welcher mir doch des jungen von Remen
frühere Ansprüche zum Vorwand dienen mussten.
    Ich weiss nicht, ob Kalatin den Grund meiner Weigerung ganz durchschaute; er
schien wenigstens damals Everten für die Hauptinderniss seines Glücks zu halten,
und sparte keine Kunst, sie hinweg zu räumen. Sehr künstlich musste er in seinen
feindseligen Verfahren gegen seinen Nebenbuhler zu Werke gehen, da ich nicht
gewahr wurde, dass er es war, welcher meinen alten Jugendfreund meinem Herzen
nach und nach zu verleiden wusste, da ich erst lang hintennach Spuren seiner
Machinationen zu unserer Entzweiung zu entdecken glaubte, und daher Zweifel in
seine Redlichkeit schöpfte, welchen noch mehrere Umstände an die Seite traten.
    Damals war ich noch ganz zu seinem Vorteil eingenommen; dass der Umgang
Everts von Remen mir immer gleichgültiger, endlich gar lästig wurde, dieses
schrieb ich weniger Kalatins witzigen Ausfällen auf ihn, als der Vergleichung
zu, die ich zuweilen zwischen diesen meinen beiden Freunden in der Stille
machte, und bei welcher Evert unglaublich im Schatten stand. Wie konnte sich
dieser schlechte geradsinnige Deutsche mit dem glattzüngigen Hofmann, Kalatin,
messen! wie fein und einschmeichelnd war jedes Wort, jede Handlung des letzten,
wie steif und störrig betrug sich der erste, besonders seit er es ahndete, dass
mein Herz sich allmälig von ihm losriss! Wie zudringlich war Evert in seinem
Nachforschen, wie entscheidend, oft beleidigend in seinen Urteilen! Er hatte
sich nach meinen Gedanken ganz geändert; er war sonst so sanft und nachgebend,
wie war er auf einmal so eigenwillig geworden? Ich erstaunte über die
Veränderung, an welcher eigentlich nur ich selbst schuld war, und bedachte
nicht, dass Vernachlässigung diese Erscheinung bei den besten Seelen am ersten
hervorbringen kann.
    Meine Schwester führte über unsern alten Freund die nehmlichen Klagen;
Kalatin affektirte seine Partie zu nehmen, aber er tat dieses auf eine so feine
Art, welche nur ihm selbst zum Besten, seinem sein sollenden Klienten zum
grössten Nachteil gereichte. Allgemach kamen verdeckte Anspielungen zum
Vorschein, dass ich ja weder durch Eid noch Pflicht an den Herrn von Remen
gebunden sei, und meiner Schwester leicht wo ein besseres Glück lachen könne,
besonders wenn ich sie nach Hofe brächte, welches ohnedem jetzt, da sie mehr
heranwüchse, unumgänglich geschehen müsste.
    Ich weiss nicht, was Kalatin darunter suchen musste, mich aus meinem
Vaterlande zu entfernen; er brachte die Notwendigkeit einer solchen Reise
unaufhörlich auf die Bahn, bald war es die Einführung meiner Schwester in die
Welt, die seinem Vorgeben nach, dieselbe erforderte, bald wusste er andere
Ursachen anzuführen. Ich gab ihm hierin wenig Gehör. Ihr wisst, Herr von Kalatin,
sagte ich oft, dass ich nicht von mir selbst abhänge; von einer Reise aus meinen
Landen, müsste der Herzog von Sachsen unausbleibliche Kundschaft haben, und ich
zweifle, dass er sie billigen würde, da er weiss, dass meine Gegenwart hier nötig
ist, auch um meines eigenen Vorteils willen nötig ist. Der Besitz einiger
Jahre hat mich in meinen Rechten noch nicht so befestigt, dass nicht die
ehemaligen eingedrungenen Eigner, dass nicht besonders der Erzbischof von Bremen
mir Gefahr drohen sollte, wenn ich mich jetzt entfernte.
    Kalatin wusste nichts auf meine Einwürfe zu sagen, und schwieg. Er liess dem
Anschein nach alles gehen, wie es ging, und lebte friedlich in meinem Hause, das
ich ihn gebeten hatte als das seinige anzusehen. Ununterbrochener Umgang, der
sonst oft den liebenswürdigsten Personen nachteilig ist, gereichte ihm nur zu
Erhöhung seines Werts in meinen Augen; seine mir missfällige Leidenschaft für
Alverden, schien er so ganz besiegt zu haben, dass er mit mir oft von
anderweitigen Verbindungen sprach, die er im Sinne habe, und in Summa, ich habe
all diese Zeit über nichts verdächtiges an ihm entdeckt, als einen fleissigen
Briefwechsel nach Rom und mit dem Herzog von **; Dinge, wegen welchen er sich
sehr gut zu rechtfertigen wusste.
    Als wir eines Tages von seinem Entschluss sprachen, sich eine Gemahlinn unter
den Töchtern unsers Vaterlands zu wählen, und ich ihm scherzend verschiedene
Damen vorschlug, fragte er mich mit einem scharfen Blick, ob ich nie geliebt
habe?
    Nie, Kalatin! mein Umgang mit den Frauen, war von je her gering, und deren,
die ich meiner Wahl vollkommen würdig halten könnte, sah ich noch nie eine.
    Und was für Vorzüge werden wohl bei einer künftigen Gräfinn von ***
erfordert?
    Ausser denen, welche jeder Mann sich an einer Lebensgefärtin wünscht, noch
Rang und hohe Geburt; ich wünsche bei meiner Wahl die Augen ehe über mich als
zur Seite oder unter mich zu richten. Ich finde unter meinen Eltermüttern mehr
Prinzessinnen als blosse Edelfräuleins; will ich den Glanz meines Hauses wieder
herstellen, so muss ich wählen wie meine Ahnen wählten.
    Ihr habt recht, Herr Graf, aber wie wollt ihr solche Damen kennen lernen,
die eurer Hand würdig sind, wenn ihr euer Land nie verlasset?
    Ich bin noch nicht veraltet, Kalatin, erwiederte ich mit Lachen, was ich
heute noch nicht sah, kann ich in zehn Jahren Zeit genug erblicken, indessen
wird noch manche schöne Blume für mich lieblich heranblühen!
    Und manche gebrochen werden oder welken, versetzte er, welche vielleicht der
Himmel eben für euch bestimmte. Europa ist jetzt reich an schönen Fürstinnen,
deren ihr auf diese Art nicht eine in voller Blüte sehen würdet, wenn euer
Diener Kalatin und ein freundlicher Maler eurer Bequemlichkeit nicht etwa zu
Hülfe käm, und euch das vor Augen brächte, das euch aufzusuchen zu beschwerlich
dünkt.
    Wie Kalatin? ihr besitzt ein Bilderkabinet von allen jetzt lebenden
fürstlichen Schönheiten?
    Bei weiten nicht von allen, doch kann ich mich rühmen die treusten Kopien
von fünf unsrer schönsten Prinzessinnen zu haben, die ich nur herüber bringen
lassen darf, um sie euch zu zeigen.
    Wer fühlt nicht Neugier, das grösste Meisterstück der Schöpfung, ein schönes
Weib zu sehen, sollte es auch nur im Bilde sein! Ich fand grosses Behagen an dem
Einfall meines Freundes, und dieses um so viel mehr, da sich doch der Gedanke in
meinem Innersten zu regen begunnte, ob ich nicht unter den versprochenen
Gemälden vielleicht diejenige finden könnte, die mich die Liebe kennen lehren
sollte.
    Der köstliche Transport ward mit Ungeduld erwartet, das Kistgen, welches die
gewünschten Schätze entielt, in ein einsames Gartenkabinet getragen, und so
begierig eröfnet, als sich von einem jungen Manne, der sein fünf und zwanzigstes
Jahr noch nicht geendigt hatte, und der jetzt den Gegenstand seiner Phantasien
zu sehen hofte, und von seinem dienstfertigen Freunde erwarten liess.
    Macht euch gefasst, sagte Kalatin, indem er die Hüllen der Kunstwerke des
Malers nach und nach hinweg räumte, macht euch gefasst, hier das schönste und
erhabenste zu sehen, was unsere Zeiten an weiblichen Reitzen aufzuweisen haben;
ich werde euren Augen die drei Töchter Kaiser Philipps, die man gemeiniglich nur
die drei Heldinnen nennt, die Prinzessin Adila von Pohlen und die schöne Alix
von Toulouse vorstellen, wählet nun, und bedenket, dass kein Fürst euch seine
Tochter versagen wird.
    Ich antwortete Kalatin nicht, denn ich war ganz im Anschauen dessen
verloren, was sich nun vor meinen Augen entüllte. Ich sah die blühende Adila,
König Premislaus Tochter, ich sah die majestätische Elise, die zauberische
Kunigunde, welche mir wegen des verbuhlten Blickes, so schön sie auch war, unter
allen am wenigsten gefiel, und die junge Beatrix, schön und im ersten Aufblühen,
wie die Göttin der Jugend, und lachend wie die Göttinn der Freude; dieselbe sah
ich, aber wie soll ich den Sinn nennen, der mir das Bild der himmlischen Gräfinn
von Toulouse vorstellte! Ich sah ihre Reitze nicht, ich fühlte sie tief im
Herzen. Alle Bewunderung, alles staunende Entzücken, das die andern Schönheiten
in mir erregt hatten, verschwand bei den Gefühlen, die mir der Anblick dieser
Ueberirdischen einflösste. - O Gott! wenn ich mir sie ins Gedächtnis zurück rufe,
wie ich sie damahls im Bilde, wie viel herrlicher ich sie in der Folge, in
Person sah, so ists als ob ein himmlisches Licht meinen Kerker durchstrahlte! -
O Alix, Alix! auch um deinetwillen trage ich diese Ketten, wohin hat mich Liebe
und Gram um dich geschleudert! Du bist bei Gott! lange konntest du nicht von
deinem Vaterland, dem Himmel, getrennt bleiben! Die unschuldvolle Engelsmine,
das unaussprechliche Lächeln einer vollendeten Seeligen, der überirrdische Blick
der himmlischen Augen, jeder Teil des ganzen Alls, das mich so bezauberte,
hätte mir ja sagen sollen, dass ich in dir einen Gegenstand anbetete, der gar
nicht für die Liebe eines Sterblichen bestimmt war. Ach daran dachte ich nicht,
als ich deine Reitze zuerst erblickte! ich schaute und konnte deines Anblicks
nicht satt werden, bis der Eindruck unaustilgbar ward, vor dessen Gefahren mich
niemand warnte.
    Ach wer hätte mich warnen sollen! vielleicht Kalatin! war ers nicht, der
mich mit diesen Zauberbildern in irgend eine unglückliche Leidenschaft zu
verstricken suchte? - Sonderbar war es mit alledem, erst lang nachher in der
Zukunft habe ich mirs überdacht, und daraus neuen Verdacht wider Kalatins
Redlichkeit geschöpft, sonderbar war es, dass er unter allen Prinzessinnen, deren
es, wie er selbst sagte, damahls so viele von bewundernswürdiger Schönheit gab,
keine einige Unversagte gewählt hatte, sie meinen Augen vorzustellen. Unter
diesen fünfen hätte meine Wahl fallen mögen, auf welche sie gewollt hätte, so
wär ich unglücklich gewesen. Adila liebte Herzog Bernharden von Sachsen, Elise
war an Otto von Wittelsbach versprochen, Kunigunde an Graf Richarden von Segni
schon vermählt, Beatrix dem Herzog von Braunschweig bestimmt, und Alix, ach
meine göttliche ewig unvergessliche Alix, versprochene Königinn von Kastilien;
Dinge, welche ihm, dem alleswissenden Hofmann, nicht unbekannt waren, wovon aber
ich in meiner Einsamkeit freilich kein Wort gehört hatte. Briefe von dem
Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach, die ich fleissig von Hofe erhielt, hätten mich
wohl über diese Dinge benachrichtigen können; aber sie waren grösstenteils in
der romanischen Sprache geschrieben, die ich nicht sonderlich verstand, und bei
welcher ich mich allemahl Kalatins Hülfe bedienen musste; der mir ja, wenn er
einmal ein Verräter sein wollte, verdeutschen konnte, was er selbst wollte,
und was in seine Plane taugte.
    O Kalatins Schatten! verzeihe, wenn ich dir unrecht tue, ich sehe freilich
nicht ein, was dir es gefrommt haben würde, mich gutwillig in unmögliche Liebe
zu verstricken, gleichwohl aber ist die Lage der Sachen so, dass ich diesen
Verdacht fassen muss, den ich freilich damals nicht kannte. Einmahl ist so viel
gewiss, dass du mich auf einen Pfad stelltest, wo ich unter fünf Wegen wählen
konnte, welchen ich wollte, mit der Gewissheit, auf jedem, nur auf verschiedene
Art, unglücklich zu werden.
    Aber musste ich mich denn fangen lassen? Konnte ich nicht bei allen Reizen,
die mir aufgestellt wurden, kalt und unempfindlich bleiben? - Doch, um mein Herz
zu stählen, hätte ich Verrat ahnden müssen; auch hatte Kalatin Sorge getragen,
mich all die Zeit über, da ich in Erwartung seiner Zauberbilder lebte, auf eine
Art zu unterhalten, die mein junges unerfahrnes Herz jedem Eindruck der
heftigsten Leidenschaft öfnen musste.
    Ihr seid also gefangen, sagte Kalatin, als er mich im Anschauen meines
geliebten Bilds ganz verloren sah, ihr seid gefangen, und die schöne Alix von
Toulouse hat die Ehre des Siegs. Viel Glück, Herr Graf! Nur bitte ich euch, nun
nicht zu säumen, sondern euch eilig nach dem Orte aufzumachen, wo eure Göttinn
lebt, denn ihr begreift wohl, dass Damen, wie sie, nicht lange für den Liebhaber
aufgehoben werden möchten, und dass ihr schnell zugreifen müsst, wenn ihr euch
ihres Besitzes bemächtigen wollt.
    Ich fühlte die Notwendigkeit dessen, was mir Kalatin anriet, nur gar zu
gut, die Reise nach Frankreich ward von nun an der Gegenstand all meiner
Gespräche mit ihm; aber wie sie ohne Versäumnis nötiger Pflichten möglich
gemacht werden sollte, das blieb immer unentschieden, bis ein Befehl von den
Obern unsers Bundes, meine Lande zu verlassen und mich unter verstelltem Namen
nach Pamiers zu begeben, alles entschied. Gelegner hätte mir wohl kein Auftrag
kommen können, ich ergriff ihn mit beiden Händen, und bemerkte nicht, was ich
mir wohl nachher bedachte, dass an Form und Art ihn zu erhalten, manches zu
finden war, das mir ihn hätte verdächtig machen können. Genug, ich wusste, dass
die Vornehmsten von den Unsern sich um verborgener Ursachen willen insgeheim zu
der grossen Versammlung der Bischöffe begeben würden, die damahls zu Pamiers
gehalten wurde, und ich fand es nicht unwahrscheinlich, weil ich es nicht
unwahrscheinlich finden wollte, dass auch ich dazu berufen ward; überdieses
dachte ich Herzog Bernharden von Sachsen daselbst zu finden, und über alles, was
mich hätte befremden können, von ihm Aufklärung zu erhalten. Ach ich wusste
nicht, dass dieser edle Fürst damahls krank lag, und den feindseeligen Herzog von
** als seinen Stellvertreter hatte nach Frankreich abgeben lassen müssen.
    Meine Anstalten zur Reise wurden ernstlich. Liebe und Pflicht riefen mich,
wie hätte ich säumen sollen! Ich dachte zuerst einen Besuch bei dem Grafen von
Toulouse zu machen, seine schöne Schwester zu sehen und um sie zu werben, (alles
Dinge, welche mir Kalatin, der es doch besser wissen musste, ausnehmend leicht
machte,) und dann hofte ich noch übrige Zeit zu haben, mich bei der Versammlung
zu Pamiers einzufinden, da von der Zeit, in welcher ich meine
Herzensangelegenheiten zu endigen meinte, bis auf den von meinen Obern
bestimmten Tag noch ein ganzer Monat zu rechnen war.
    Meine Absicht war, meinem Freund von Remen, den ich immer noch schätzte, ob
ich ihn gleich nicht mehr lieben konnte, die Hut meines Landes, und seiner edeln
Mutter meine Schwester anzuvertrauen, die ohnedem fast beständig in ihrem Hause
lebte. Plane, welche wohl für uns alle die sichersten gewesen sein würden, aber
sie standen Kalatin nicht an, er misbilligte sie, und wusste sie zu
hintertreiben.
    Ein Gewebe von Umständen zeigte sich, die mir die Treue meines Freundes, und
selbst die Redlichkeit seiner Mutter verdächtig machen mussten, ich würde sagen,
sie wären von Kalatin herbeigeführt worden, wenn er nur den geringsten Anteil
daran zu haben geschienen hätte, und doch weis ich wiederum nicht, welche andere
Hand, als die seinige, hier gewürkt haben könnte, da mir des unglücklichen
Everts von Remen Unschuld in der Folge fast ganz erwiesen und sein Nebenbuhler,
Kalatin, immer verdächtiger ward.
    Damahls war ich verblendet gegen die Schuld und die Unschuld des einen und
des andern, ich sah nichts als die Unwiderleglichkeit des Schlusses, welchen
Kalatin aus den Entdeckungen zog, die ich eben von der vermeinten Treulosigkeit
derer von Remen gemacht zu haben glaubte.
    Eure Schwester, Herr Graf, sagte er, ist an keinem Orte unsicherer, als im
Hause derer von Remen, ihr dürft sie nicht in demselben zuzücklassen; auch
diesen Abend muss sie in das Eurige abgefordert werden; ihr könnt sie euch nach
Frankreich folgen lassen, ich selbst will ihr Begleiter sein. Ihre Unterhandlung
kann euch bei der Gräfinn von Toulouse sehr nötig werden, sie lebt zu Lion in
einem Kloster, wir wollen Alverden in eben dasselbe bringen, die schöne Alix
lerne durch die Schwester den Bruder kennen, damit ihr Herz für euch eingenommen
werde, ehe sie den Befehl erhält die eurige zu werden, und ihr Besitz nicht die
Frucht des Gehorsams gegen ihre Anverwandten, nein, freiwillige Ergebung, eigene
Wahl sei.
    So redete Kalatin, und Gott weis, ob er eines dieser Worte im Ernst und ohne
Nebenabsichten sprach; mich hatten Liebe und Vorurteil verblendet, und ich
glaubte ihm. - - Ich bedachte weder die Ungewissheit, auf welcher noch das Glück
meiner Liebe beruhte, noch die Undankbarkeit gegen die von Remen, indem ich
Alverden aus dem Hause zurückforderte, in welchem sie fast erzogen worden war,
noch die schwankenden Beweise, welche mir gegen die Treue meiner alten Freunde
beigebracht wurden, noch die Unschicklichkeit, meine Schwester einem Menschen
anzuvertrauen, welcher sie ehemahls geliebt hatte. Jede Erwegung wurde von dem
Vertrauen auf Kalatin und von den Anschlägen auf den Besitz der schönen Gräfinn
von Toulouse verschlungen.
    Ich tat meiner Schwester einige vorläufige Anträge, welche zu Ausführung
unserer Plane leiten sollten, ich liess ihr das Bild der Gräfinn von Toulouse
sehen, sagte ihr von der Notwendigkeit, das Haus der Frau von Remen zu
verlassen und mir zu folgen; aber ich fand mehr Einwendung bei dem jungen
Mädchen, als ich vermutet hatte. Ihr Herz war frei von Leidenschaft, ihr
Verstand nicht von den Täuschungen der Liebe umnebelt, sie sah also freilich
heller, und urteilte richtiger als ich. Sie musste indessen nachgeben; sie
erfuhr von unserm ganzen Plan und seinen Bewegungsgründen nur so viel ihr zu
wissen nötig war; man empfahl ihr Geheimhaltung, und ihre Bedenklichkeiten,
welche doch noch etwa überblieben, wurden durch die fast kindliche Ehrfurcht,
welche sie gegen mich, ihren Bruder, hegte, und durch die Ueberzeugung gehoben:
sie tue recht, wenn sie mir gehorche.
    Noch jetzt weis ich nicht, wie ich - (angenommen, dass Kalatin ein Verräter
war) - mich so von ihm konnte verblenden lassen. Alle meine Verfügungen, auch in
Ansehung meiner Lande, wurden bloss so getroffen, wie er es für gut hielt. Erst
lang nachher habe ich erfahren, dass alles schon damals verloren gewesen wäre,
wenn der redliche Evert von Remen sich an meine Einrichtungen gekehrt, und mir
nicht wider Willen gedient hätte. - Der Erzbischoff von Bremen, welcher kaum
meine Entfernung abwarten konnte, um einen Einfall in meine Lande zu tun, wurde
bloss durch Everts Klugheit und Tapferkeit zurück getrieben, indessen ich mich
von seinem Feinde verleiten liess, verräterisch an ihm zu handeln, ihm die Treue
zu brechen, und ihm seine Geliebte entführen zu lassen.
    Meine Entfernung aus meinem Lande schien - so hat mich erst spätes
Nachdenken gelehrt, - eine Sache zu sein, auf welche man viel gebaut hatte; darf
ich meinen Mutmassungen trauen, so trieb man sie durch Kalatin, auf den immer
all mein Verdacht zurück kehrt, bloss darum so emsig, dass man mich meiner
Besitzungen berauben, und sich, Gott weiss zu welchen Entzwecken, meiner Person
bemächtigen möchte.
    Von heimlichen Nachstellungen hatte ich Spur, ehe ich noch fünf Meilen von
meinem Residenzschlosse war, ich entging allen Fallstricken, welche mir auf
meiner Reise gelegt wurden, bald durch Behutsamkeit, bald durch mein gutes
Schwerdt immer glücklich, bis mich endlich an den Gränzen von ***, übel
verstandene Guterzigkeit in die Stricke von Feinden fallen liess, welche ich
nicht kannte, und spät genug kennen lernte.
    Es war einst gegen den Abend, als ich auf einem Scheidewege anlangte; ich
war einsam, und der Gegend unkundig. Ein alter Mann sass am Wege und sprach mich
um eine Gabe an. Guter Vater, sagte ich, indem ich ihm reichlich mitteilte,
welcher Weg führt mich zu der besten Herberge? -
    Der Rückweg, gestrenger Ritter, war die Antwort.
    Wie das? fragte ich.
    Ihr werdet wissen, wo ihr diese Nacht geruht habt, und ob euch daselbst wohl
war; wo ihr ruhen werdet, und ob euch da wohl sein wird, wisst ihr nicht!
    Ihr habt recht, Alter, und eben darum frage ich euch.
    Ich weiss nur so viel, dass der enge Pfad dort unten, euch in den Wald führt,
welchen Räuber unsicher machen, und dass jener, der euch zwar noch vor
Mitternacht in die Stadt bringen würde, wenigstens für euch unsicher sein
möchte.
    Warum für mich?
    Ihr müsst Feinde haben, junger Ritter, ich sah Gewappnete im Busche
lauschen, die euren Namen nennten, und von euch, als einer freien Beute,
sprachen.
    Meinen Namen? Wie kann euch dieser bekannt sein?
    Als ob euer Gesicht das Haus, aus welchen ihr entsprossen seid, verleugnen
könnte! Auch sah ich, als ihr mir eure mehr als fürstliche Gabe reichtet, den
Ring mit dem Wappen eurer Voreltern an eurer Rechten. Dreissig Jahr habe ich
unter eurem Grosvater teils in des Kaisers Kriegen, teils in seinen eigenen
mit dem Bischoff von Bremen gedient, so wird mir doch sein Enkel kenntlich sein?
- Graf Raimund von *** war in euren Jahren ein Herr wie ihr! ich würde glauben,
in die Zeit meiner Jugend zurück versetzt zu sein, und ihn lebend vor mir zu
sehen, wenn mich nicht die Hinfälligkeit meines Körpers, diese
zusammengeschrumpfte Haut und dies zerlumpte Kleid eines andern belehrten.
    Wie? schrie ich, ihr dientet unter der Fahne meines Hauses, und alles was
ihr in seinen Diensten erwarbt, war der Bettelstab?
    Macht mir mein elendes Gewerbe nicht zum Vorwurf, ich treibe es nicht für
mich, sondern für meine nach Brod wimmernden Enkel, die in mir ihren einigen
Versorger sehn.
    Gott! Gott! schrie ich, und das sollte ich wissen und nicht helfen? Nein,
Alter, ich verlasse diese Gegend nicht, bis ich die Schuld meiner Voreltern bei
euch abgetragen habe. Ich bin euch überdem mit eigner Schuld verhaftet; ihr
waret mein Warner vor Gefahr, die mir nicht unwahrscheinlich dünkt, da ich auf
meiner Reise Spuren genug von heimlichen Nachstellungen hatte.
    Und was wollt ihr machen, Graf Adolph?
    Mit euch gehen will ich, in der Hütte der Armut übernachten, und sie beim
Abschied in ein bequemes Haus verwandeln. Eure Kinder sollen die Meinigen sein,
ich will euch genug zu eurer und ihrer Verpflegung hinterlassen.
    Ich bedaure Euch, sagte der Alte, indem er sich ziemlich munter an seinen
Krücken in die Höhe richtete, euer Nachtlager unter meinem Dach wird schlecht
sein, es schützt kaum mich und die Meinen vor Wind und Regen; doch kommt mit
mir, besser mögt ihr euch immer bei mir als da befinden, wohin ihr ohne meinen
Rat, gekommen sein möchtet.
    Ich trat den Weg an, den mir mein Begleiter zeigte. Um seinen schwachen
Füssen zu Hülfe zu kommen, stieg ich von meinem Ross ab, und leitete es langsam
hinter mir her, so dass er gleichen Schritt mit mir halten konnte, welches ihm in
der Tat leichter ward, als ich gedacht hätte.
    Mit Erzehlungen aus der alten Geschichte meines Hauses, unterhielt er mich
so lang und so angenehm, dass ich kaum gewahr ward, dass die Sonne gänzlich unter
den Horizont hinunter war, und wir in immer wachsender Dämmerung gingen. Er
schien meine schwache Seite zu kennen und nützte sie, er ward so wenig müde von
den Taten meiner Voreltern zu erzählen, als ich, von denselben zu hören.
    Mitten in einer seiner interessantesten Geschichten, begegnete uns ein
wohlgekleideter Mann, der meinen Begleiter zu kennen schien, und ihn in
romanischer Sprache anredete, von welcher ich, wie ich schon gesagt habe, nur
wenig verstand, besonders wenn sie so geschwind, wie hier, gesprochen wurde.
    Schon wurde ich ungeduldig, über die etwas lang dauernde Unterhaltung, als
sich der Alte zu mir wandte. Dieser Mann, sagte er, ist ein Bedienter unsers
gnädigen Herrn des Besitzers dieser Gegend, er fragt mich, wohin ich euch führe,
er ahndet aus eurem Ansehen einen Gast, der für meine Bewirtung zu hoch ist,
und wagte es, euch im Namen seines Gebieters auf das Schloss einzuladen, wo ihr
euch besser befinden werdet, als in der Hütte eines Bettlers.
    Der Fremde verbeugte sich sehr ehrerbietig vor mir, und versicherte mich in
gebrochenem Teutsch, dass ich seinem Herrn zwar ein unbekannter und
unvermuteter, aber sehr angenehmer Gast sein würde, indem er keinen Fremden von
Stande unbewirtet vor seiner Burg überziehen lasse, und allen seinen Leuten
ungemessenen Befehl erteilt habe, wen sie in seinen Bezirken fänden, der des
Ansehens wär, sich an seinem Tisch zu zeigen, mit geziemender Achtung an
denselben zu erbitten.
    Das Ansehen des Redners gefiel mir so wenig, als seine Sprache, ich kannte
weder ihn noch seinen Herrn; Erfahrung hatte mich Behutsamkeit gelehrt, und eine
abschlägige Antwort war auf meiner Zunge; ich zog die Herberge unter dem
armseeligen Dache meines ehrlichen Kriegers, dem Schloss jenes Unbekannten vor.
Ich wandte mich nach ihm um - und sah mit Erstaunen seine Krücken zu meinen
Füssen liegen und ihn, mein Pferd am Zügel davon führend, mit der Schnelligkeit
eines Vogels über ein Stoppelfeld eilen.
    Gnädiger Herr! stammelte mein undeutscher Unbekannter, ihr erstaunt über
das, was ihr hier seht? Vermutlich wisset ihr nicht, dass ihr euch in sehr bösen
Händen befandet; dieser Mann ist der Anführer einer berufenen Räuberbande,
dessen Geschäft es ist, unglückliche Reisende unter mancherlei Verkleidung ins
Netz zu locken; er scheut hier nichts als die Macht meines Herrn, der seiner
Bosheit schon mehr Opfer entrückte; und ihr habt eurem Heiligen zu danken, der
mich euch gerade zu eurer Rettung entgegen schickte.
    Starr vor Erstaunen sah ich den Unbekannten an; dass jener Alte ein Betrüger
war, dies fiel mir in die Augen; aber ob ich mir bei dem, der ihn vertrieben zu
haben schien, und doch vielleicht ingeheim mit ihm einverstanden war, etwas
besseres zu versehen hatte, das konnte ich nicht erraten.
    Er schien die Meinung meines durchdringenden Blicks nicht zu verstehen, er
ging vor mir gelassen dahin, als wenn es die Notwendigkeit erforderte, dass ich
ihm folgen müsse, redete von der Nähe des Schlosses, von der Gesellschaft, die
ich daselbst finden würde, und von einer Menge anderer Dinge, mit der grössten
Unbefangenheit; ich verstand ihn nur halb, weil er sehr schlecht sprach, und
eine Menge fremde mir ganz unverständliche Worte einmischte.
    Ich wusste nicht, was ich tun sollte, mir kam vor dem Orte, wohin er mich
führen konnte, ein Grauen an, und gleichwohl sah ich mich hier in einer ganz
fremden Gegend, wo ich nicht wusste, ob mir nicht vielleicht noch grösseres
Unglück drohen möchte.
    Mein Führer wandte sich, als er mein Zögern merkte, nach einer Weile ganz
gelassen nach mir um, und sah, dass ich mein Schwerd gezogen hatte, und es bloss
in den Händen trug. Ich glaube, ihr fürchtet euch vor mir, sagte er mit einem
widrigen Lachen, seht ihr nicht, dass ich unbewehrt bin? Gebt euch doch
zufrieden!
    
    Er schlug den Mantel zurück, und zeigte mir, dass er weder Schwerd im
Wehrgehäng noch Dolch im Gürtel hatte. Ich schämte mich des Verdachts der
Furchtsamkeit, und schlenderte mit etwas festerm Schritt an seiner Seite her.
Wir schwiegen beide, wie Leute, welche nicht ganz wissen, was sie von einander
zu halten haben. Ich fragte nach dem Namen seines Herrn, und bekam keine
Antwort; zwischen den Zähnen murmelte er etwas in seiner Sprache, davon ich nur
die Worte, Gehen oder Bleiben verstehen konnte; dies schien mir der Trotz eines
redlichen Mannes zu sein, der sich durch falschen Verdacht beleidiget fühlt, ich
steckte mein Schwerd ein, und überredete mich, dass ich ohne Ursach bange gewesen
sei.
    Dort ist das Schloss, sagte er nach einer langen Weile, als wir hinter einem
Hügel hervor, auf eine weite Ebene kamen; ihr könnt euch nun entschliessen, ob
ihr dort oder hier unter freiem Himmel übernachten wollt.
    Ich gehe mit euch, erwiederte ich, und verzeiht, wenn ich, durch viel
traurige Erfahrungen gewitzigt, euch Unrecht tat.
    Wir traten jetzt in einen grossen Vorhof ein, wo verschiedene Bedienten mit
Fackeln um uns her kamen. Ist die Gesellschaft heute gross? fragte mein
Begleiter. Wir haben, war die Antwort, heute keinen Fremden, als den ihr uns
bringt; er wird dem Herrn und seinen Freunden willkommen sein.
    Meine Furcht war jetzt ganz verschwunden; ich sah wohl, dass ich mich in
keiner Räuberhöhle, wohin ich geführt zu werden besorgt hatte, sondern würklich
in dem Pallast eines grossen Herrn befand, wo alles Pracht und Reichtum atmete.
Man öffnete einen grossen erleuchteten Speisesaal, wo ich eine sehr zahlreiche
Gesellschaft bei gefüllten Bechern sitzen sah, welche mir noch besser und
unverdächtiger geschienen haben würde, wenn mir nicht ihre Kleidung auf den
ersten Blick gezeigt hätte, dass sie grösstenteils Geistliche wären; ein Stand,
bei welchem ich, wie ich wusste, in keiner sonderlichen Gunst stand, und vor
welchem auch ich immer noch mehr Furcht als Ehrerbietung gehegt hatte, weil ich
wusste, dass ich mächtige Feinde in demselben hatte.
    Der Herr des Hauses, ein freundlicher fetter Mann, mit der Miene der
Intrigue in den scharfblickenden Augen, trat mir entgegen, er trug ein elegantes
geistliches Negligee, ohne Abzeichen einer hohen kirchlichen Würde, als das
goldne Prälatenkreuz, das mir ihn als einen Bischof vorstellte. Ich ward
bewillkommt, freundlich zur Tafel geladen, an eine der Oberstellen gesetzt, und
durch Freundlichkeit, Trunk und zutrauliches Wesen, damit man mir von allen
Seiten entgegen kam, bald völlig über meine Lage beruhiget.
    
    Dem frohen Mahle, welches weit nach Mitternacht noch nicht zu Ende war, und
das durch Witz und frohe Laune eins der unterhaltendsten ward, dabei ich mich je
befunden habe, folgte eine sanfte Nacht auf weichem Lager, und dieser ein so
freundlicher Morgengruss von meinem gastfreien Wirte, und eine so dringende
Bitte, noch diesen Tag sein Gast zu sein, dass ich blieb - wo ich bleiben musste,
denn nach doppelter und dreifacher Verlängerung meines Besuchs, ward mir es
endlich klar, dass ich nicht scheiden konnte, wenn ich auch gewollt hätte; und
dass mit dem ersten Eintritt auf das Schloss, vor welchem mich nicht ohne Ursach
gegraut hatte, meine Freiheit verloren gegangen war.
    Das, was ich mit allem meinen Nachdenken nicht begreifen konnte: was man
hier eigentlich von mir wollte, ward mir auch nach und nach deutlich; ich sah,
dass man mich kannte, und dass alles darauf hinauskam, durch List, welche zuweilen
nahe an Gewalt gränzte, Dinge von mir zu erforschen, deren Kenntnis man bei mir
vermutete, und die ich, auch ungebunden durch fürchterliche Eide, diesen
Fragern nie entdeckt haben würde. Gezwungen muss ich hier mich kurz fassen, man
kann die Art, auf welche gewisse Dinge angefochten wurden, nicht genau
bestimmen, ohne sie selbst zu verletzen. Es sei euch genug, dass man mich auf
meinen schwächsten Seiten angrif, um mich straucheln zu machen. Frauenliebe und
Sucht nach Grösse suchte man zu meinem Verderben in mir rege zu machen. Man
verkannte mich in Ansehung des ersten; mein Herz war jener zärtern Gefühle im
höchsten Grade empfänglich, aber es schlug allein für die schöne Gräfin von
Toulouse; die reizende Verführerinnen, die man brauchte, um mich eidbrüchig zu
machen, mussten also ihres Endzwecks verfehlen.
    Dieses entdeckte man bald, und Alix von Toulouse sollte also der Preis
meiner Verführung sein; man sagte mir hier zuerst, was mich halb wahnsinnig
machte, dass Alix für mich ein unerreichbares Gut, dass sie bereits an den Prinzen
von Kastilien verlobt sei, und man riss mich aus der Tiefe der Verzweiflung durch
das Versprechen empor, dass ich sie dennoch erlangen, dass keine menschliche Macht
sie mir entreissen sollte, wenn ich mich zu dem bequemte, was man von mir
forderte.
    Die Versuchung war gross, aber ists nur noch eine Frage, ob ich siegte? Da
ich hier überwunden hatte, so brauche ich wohl nicht erst zu erwähnen, dass die
Lockspeisen, welche man meiner Ehrfurcht vorhielt, mir verächtlich waren; man
zeigte mir den höchsten Rang im deutschen Reiche, oder die höchste Staffel am
römischen Hofe von der einen, und den Verlust meiner Lande, Gefängnis und
schimpflichen Tod von der andern Seite; ich lachte, und blieb der, welcher ich
war, der Mann mit den versiegelten Lippen, der ächte Diener der unerforschlichen
Geheimnisse.
    Mein Zustand verschlimmerte sich von einem Tage zum andern, ich verschloss
mein Auge vor der Gefahr, oder vielmehr, ich lächelte ihr zu, denn was konnte
man mehr tun, als mir das Leben rauben, und war dieses mir wohl noch
wünschenswert, da Alix für mich verloren war? - Getrost wär ich in den Tod
gegangen, unschuldiger und weit glücklicher hätte sein Pfeil mich getroffen, als
jetzt, da ich mit Blutschuld behaftet, als ein Verbrecher ihn nun schon
Jahrelang herbeiwünsche. Ach wär ich damals gestorben! wie schuldlos wär ich in
die lange Nacht hinabgestiegen! Vielleicht wär sie nun schon verträumt, und ich
wär zu einem bessern Leben an der Seite meiner Geliebten erwacht!
    Ich sollte nicht sterben, die Hand der Liebe rettete mich, die Hand einer
zurückgewiesenen, verschmähten Liebe. Eine von den schönen Zauberinnen, die mir
meine Geheimnisse aus dem Herzen locken sollten, dachte edler als ihre
Mitschwestern, sie hatte sich das gränzenlose Zutrauen meiner Kerkermeister zu
verschaffen gewusst, sie schmeichelte ihnen mit einem Erfolg, den sie mir zum
Besten erdichtete. Die Türen meiner verriegelten Zimmer standen ihr offen, sie
kam zu mir um Mitternacht, nicht bei mir zu verweilen, sondern mich
hinauszuführen, wo Freiheit und Mittel zu sicherer Flucht meiner warteten.
    Fliehe mit mir edles Mädchen, schrie ich, entreiss dich der Schande dieses
Schlosses; du verdienst von den Stricken des Lasters befreit zu werden. Sehr
wohl! lachte sie, gewiss um eine Aufwärterin der schönen Alix, oder gar Nonne zu
werden? Mit diesen Worten entfloh sie, und verschmähte den besten Dank, den ich
ihr für meine Freiheit hätte geben können.
    Ich hatte das Schloss kaum etliche Meilen hinter mir, als ich merkte, dass man
meine Flucht zu zeitig wahrgenommen hatte, und dass meine Verfolger in meine
Fusstapfen traten; die Finsternis der Nacht kam mir noch eine kurze Zeit zu
statten, aber der Morgen brach an, und entdeckte mich meinen Feinden, in meiner
Verborgenheit, die ich in der Angst meines Herzens schlecht genug hinter einem
dünnen, belaubten Busche gewählt hatte; es schien, man war nun gesonnen, alle
Gelindigkeit bei Seite zu setzen, und mich ganz als einen Verbrecher zu
behandeln; man belegte mich mit Fesseln und schleppte mich davon, ohne auf meine
Appellation an Recht und Menschlichkeit zu hören.
    Der Weg, den man nahm, war mein Glück. Es war ein schmaler, wenig besuchter
Felspfad, den man vermutlich gewählt hate, um sich seines Raubes desto besser
zu versichern, weil man nicht wusste, ob ich Anhänger oder Schützer in dieser
Gegend hatte, welche zu fürchten wären. Leider wusste ich nichts von solchen
Helfern, aber der Himmel sandte mir einen Retter entgegen, auf welchen ich nicht
gerechnet hatte, auf welchen ich nicht rechnen konnte, da er mir ganz unbekannt
war.
    Wir hatten ohngefähr die Hälfte unsers schmalen Pfads zurückgelegt, als uns
ein bequemer Reisewagen, in Begleitung einiger Bewaffneten begegnete; ein alter
ehrwürdiger Mann sass darin, und schien sehr andächtig mit Lesen beschäftigt zu
sein. Der Weg war so, dass wir nicht ausweichen konnten, auch schienen meine
Hüter es nicht für nötig zu halten, da die Person, welche uns begegnete, ihnen
wenig Furcht einflösste.
    Mir flösste das Ansehen des ehrwürdigen Mannes Hoffnung ein, und mein
Entschluss war kurz gefasst. Unser kleiner Trupp musste halten, um den Reisenden
vorüber zu lassen; ich war ihm so nahe, dass die Räder seines Wagens meine
Kleider berührten, er hub die Augen auf, und warf einen Blick auf mich, in
welchem ich Mitleid zu entdecken glaubte. O Rettung! schrie ich, ehrwürdiger
Herr, Rettung für einen Unglücklichen, welcher unschuldig die Fesseln trägt!
    Wer seid ihr, mein Sohn, fragte der Greis, indem er seinen Wagen halten
liess, mich genauer zu betrachten.
    
    Mein Herr, antwortete der Anführer meiner Feinde, indem er mich
hinwegdrängte, und an meiner Stelle die Antwort tat, ich hoffe, ihr werdet euch
nicht an die Lügen eines Böswichts kehren, welcher zur längst verdienten Strafe
geführt wird.
    Ihr waret es nicht, welchen ich fragte, antwortete der Alte mit einem
gebietenden Blick; ich verlange Antwort von dem jungen Menschen, welcher mir
nicht ganz das Ansehen eines Verbrechers zu haben scheint. Noch einmal, mein
Sohn, wie ist euer Name?
    Herr! schrie mein Feind, hütet euch vor Ungelegenheit! Dieser Gefangene
gehört dem Bischoff von ***, welcher gerechte Ansprüche auf ihn hat.
    Dem Bischoff von ***? antwortete der Reisende. Ey so gehört die Sache ja gar
unter meine Gerichtsbarkeit. Ich bin der Erzbischoff von Maynz, und verlange auf
der Stelle nähere Erklärung von ihm oder von Euch.
    Der Name des Erzbischoffs von Maynz, dessen man nach seiner Rückkehr aus
Palästina, schon seit einigen Wochen in diesen Gegenden gewärtig war,
verbreitete tödliches Schrecken unter dem ganzen Haufen, doch wusste sich der
Anführer schnell zu helfen.
    Gnädiger Herr, sagte er, wenn ihr die wahre Ursach von der Gefangenschaft
dieses Menschen entdecken wollt, so urteilt ihr sehr weislich, dass ihr die
sicherste Auskunft über seine Verbrechen von uns nicht von ihm erfragen könnt.
    Und was für Verbrechen kann man mir aufbürden? rief ich, indem ich mich
losriss und näher trat. Rede Böswicht, rede vor den Ohren dieses Heiligen, den
Gott mir zum Retter schickte.
    Wie? schrie mein Gegner, kannst du es leugnen, Verworfener, dass du in
vergangener Nacht ein Mädchen aus dem Hause unsers Herrn entführen wolltest?
    Also eine Mädchengeschichte? sagte der Erzbischoff mit spöttischem Lachen. -
Unsere Brüder in Europa haben, wie es scheint, sehr wichtige Sachen
auszugleichen, indessen wir andern der Andacht am heiligen Grabe pflegen.
    Ich bitte, erwiederte mein Ankläger, ich bitte nur dieses, dass der Mensch
zum Geständnis genötig werde, ob mein Vorgeben falsch sei?
    Nun so redet, mein Sohn! fuhr der ehrwürdige Greis noch immer lächelnd fort,
das Verhör auf ofner Landstrasse hat zwar ein wunderliches Ansehen, aber wem
Macht zu Handhabung der Gerechtigkeit verliehen ist, der übe sie, wo er
Gelegenheit findet. Eben las ich in unsern heiligen Büchern die Stelle, dass die
Obrigkeit ihren Scepter nicht umsonst, sondern zu schneller Entscheidung trage.
    Auf die erste Anhörung der Anklage vom Mädchenraub, hatte Verneinung auf
meiner Zunge geschwebt, jetzt während der Rede meines gnädigen Richters, besann
ich mich erst, dass sie nicht ganz ungegründet war; und dass ich würklich meiner
Befreierin Anlass zur Flucht gegeben hatte, welches man erlauscht, oder aus ihrem
eigenen Munde erpresst haben mochte. - Ich hielt es für das Beste, die ganze
Geschichte zu erzählen, und ich tat es auf so eine Art, dass der Erzbischoff
ganz für mich gewonnen ward.
    Hier ist offenbare Wahrheit, rief er mit Kopfschütteln, ich kenne die
hiesigen Bischöffe ein wenig aus dem Gerücht, und werde die Sache näher
untersuchen. Denn in der Ursach, warum man diesen Ritter zuerst als einen
Gefangenen hielt, finden sich noch viel Verborgenheiten, die ich ergründen muss.
Schliesst den jungen Mann los, ich werde ihn mit mir nach Maynz führen, und sagt
eurem Herrn, er möge dortin zu mir kommen, und das weitere aus meinem Munde
hören.
    So war ich denn also frei, frei durch den Rechtsspruch eines Heiligen. Meine
Feinde gingen beschämt davon, ich erhielt Befehl mich zu den Bedienten des
Erzbischoffs zu gesellen, aber in der Betäubung, in welche mich die schnelle
Wandelung meines Glücks gesetzt hatte, verstand ich nicht, was man mir sagte,
vergass, dass man mich hier nicht als den kannte, der ich war, und schwang mich
getrost in den Reisewagen des Erzbischoffs, die leere Stelle an seiner Seite
einzunehmen.
    
    Er hinderte mich nicht, machte mir so gar Platz, und begnügte sich, mich
eine geraume Weile mit unverwandten Augen anzusehen, indessen ich, halb froh
über meine Rettung, halb voll innern Grimms über meine Beleidiger, vor mich hin
sass, und schier des Danks vergass.
    Es scheint, junger Mensch, sagte der Erzbischoff nach einer Weile, ihr kennt
den Platz sehr gut, wohin ihr gehört. Noch einmal; fasst ein Zutrauen zu mir,
und entdeckt euch mir ganz. -
    Mein Herz war voll; die Einladung, es auszuschütten, schien aus dem Munde
eines liebenden Vaters zu kommen. Ich antwortete, und antwortete so vollständig,
als ich es kaum vor Eid und Gewissen verantworten kann. Der Erzbischoff sah,
dass ich auf einmal errötete, und inne hielt - er schonte mich, und drang nicht
in mich fortzufahren.
    Es ist gut, Herr Graf, sagte er, ich kenne nun euch, kenne eure Verfolger,
und eure Unschuld; die Ursach, warum sie euch nachstellten, und alles, was sie
nicht aus eurem Munde erpressen konnten, verlange ich so genau nicht zu wissen,
ihr müsstet denn in der Folge Bedürfnis fühlen, euch mir in der Beichte ganz zu
entdecken, und Trost und Rat bei demjenigen zu suchen, der euch vielleicht
beides geben kann.
    Das, wozu mir dieser verehrungswürdige Mann, dieser Erzbischoff Konrad von
Maynz, dessen Andenken ich ewig verehren werde, damals Anleitung gab, das
geschahe bald darauf würklich.
    Ich folgte ihm in seine Residenz. Seine ungeheuchelte Frömmigkeit, und
besonders das Interesse, das er an mir nahm, machte ihm mein ganzes Herz zu
eigen. Ich, der ich bisher zu keinem Geistlichen ein Vertrauen hatte fassen
können, und daher sehr lange Zeit des geistlichen Trosts entbehren musste,
schüttete vor diesem Heiligen mein ganzes Herz an geweihter Stelle aus, und
nimmer wird mich es gereuen, dass ich es getan habe.
    Von ihm erhielt ich Warnungen und Weisungen in Ansehung meiner Lage, deren
Befolgung mein Glück gewesen sein würde. Ich sollte mich von der Verbindung mit
den furchtbaren Unbekannten, sollte mich von der Liebe zur verlobten Alix
losmachen. Konnte ich das? und weis ein Heiliger wie Konrad auch, wie schwer es
ist, irrdische Fesseln, die Fesseln der Ehre und der Liebe abzuschütteln?
    Von Maynz begab ich mich nach Toulouse, ohne auf dem Wege den geringsten
Anstoss zu haben, entweder scheute man meinen Beschützer, den Erzbischoff, oder
man hatte meine Spur gänzlich verloren, und die Anschläge auf mich bei Seite
gesetzt.
    Mein Herz glühte von Leidenschaft gegen die schöne Alix, so gewiss ich auch
war, dass sie nicht für mich lebte, und alles schien sich zu vereinigen, den
Eindruck, den ihr Bild auf mich gemacht hatte, zu vertiefen. Hier kam ich durch
eine Landschaft, wo man Anstalt machte, sie auf dem Wege, da sie in kurzen ihrem
glücklichen Bräutigam entgegen geführt werden sollte, mit Jubel einzuholen. Hier
hatte sie einst einige Jahre ihres schönen Lebens zugebracht, und sich alle
Herzen gewonnen. Die Bewillkommungen, die man für sie ersann, waren nicht
gekünsteltes Ceremoniel, waren der Zoll einer Liebe, welche nahe an die Anbetung
gränzte. Man führte mich in die benachbarte Klosterkirche. In diesem Hause hatte
sie unter den Nonnen ihre erste Bildung erhalten; bei einer fürchterlichen
Feuersbrunst, welche einst des Nachts hier ausbrach, hatte ihre Wachsamkeit das
Kloster erhalten. Eine kranke Layenschwester, die man in ihrer Celle vergessen
hatte, riss die junge Heldin selbst aus den Flammen, und denn kehrte sie in die
Kirche zurück, dem wundertätigen Marienbilde, zu welchem die fromme Seele eine
sonderbare Andacht hatte, die nehmlichen Dienste zu tun. Sie kam zu spät, die
tode Heilige war schon ein Raub der Flammen geworden, und sie, die lebende hätte
beinahe den Tod auf dem Wege heiliger Schwärmerei gefunden.
    Von Rauch halb erstickt, hatte man sie auf den Stufen des Altars gefunden;
und sich gleich entschlossen, ihr zur Dankbarkeit für ihre Aufopferung sie möge
leben oder sterben, eine sonderliche Ehre zu erzeigen. - Kennt ihr die
Prinzessinn Alix? setzte der Erzähler hinzu, indem er auf das neue Altarbild
deutete; nun wohl, ihr mögt sie kennen oder nicht, so seht ihr hier die völlige
Aehnlichkeit ihres schönen Gesichts und ihrer reizenden Gestalt. Die heilige
Jungfrau darf nicht zürnen, so geschildert worden zu sein, himmlischer gestaltet
als hier, kann sie nicht auf Erden gewandelt haben.
    Der Mann, welcher mit mir sprach, war ein Schwärmer, und was war ich in
diesen Augenblicken? - O Verzeihung! Verzeihung! für alle Verirrungen, zu
welchen mich die Liebe leitete. Ich sah die nach dem Leben geschilderte Alix mit
der himmlischen Glorie vor mir an heiliger Stätte, ich hörte Taten eines Engels
von ihr erzählen, war es zu verwundern, dass ich mich von dem Arm meines Führers
losriss, um mich auf den Stufen des Altars zu Gebeten nieder zu werfen, welche
ich unserer lieben Frau anrechnete, und die doch im Grunde nichts waren, als
Anbetungen ihrer schönen Stellvertreterin.
    Ich erhub mich in einem Zustande, welchen ich wohl mit Recht den ersten Grad
der Verstandsverwirrung nennen kann, die mich in der Folge zum Schauspiel der
Welt machte. In einer Art von Trunkenheit durchreiste ich die nächsten Gegenden,
wo der Name Alix, den ich überall nennen hörte, meinen Zustand noch
verschlimmerte. In einem Hospital, das sie von dem Verkauf ihrer Juwelen gebaut
haben sollte, verlangte ich als ein Kranker aufgenommen zu werden, und da man
mir dieses unter dem Vorwand meiner guten körperlichen Gesundheit versagte, so
liess ich daselbst mein ganzes Vermögen, und kam als ein Bettler nach Toulouse.
    Die kastilische Braut - (Gott! wie bebte ich, ihr überall diesen Namen geben
zu hören,) - hatte sich, nachdem sie das Kloster verlassen hatte nur kurze Zeit
hier am Hofe ihres Bruders aufgehalten, und war denn ihrem Schicksal entgegen
gereist, ich fand sie nicht mehr. Der Zustand, in dem ich war, machte es
unmöglich, mich, (wie ich es sehnlich wünschte, um nur etwas zu sehen, das
Beziehung auf sie hätte) bei dem Grafen vorstellen zu lassen. Ich wär ohne
Zweifel ein Raub des gräulichsten Mangels geworden, hätte ich nicht noch vor
meiner Reise aus Westphalen an meine Bedürfnisse hier zu Toulouse, und auf die
Zufälle gedacht, welche einen Pilger auf einer so weiten Reise aller Mittel
berauben können.
    Einer meiner ältesten und treuen Diener, Rudger Ahlden genannt, war schon
längst mit ansehnlichen Summen voraus, mich hier zu erwarten, er hatte so lang
und mit so viel gegründeten Besorgnissen nach mir ausgesehen, forschte so
unablässig bei allen interessanten Reisenden nach meiner Gestalt und meinem
erborgten Namen, dass er mich nicht verfehlen konnte.
    Ich hatte seiner Unterstützung auf alle Art nötig, er brachte mich endlich
so weit, dass ich bei Hofe mit Anstand erscheinen und in dem Bruder meiner Alix
einen Mann kennen lernen konnte, der den süssen Namen völlig verdiente, den ihm
die Natur in Rücksicht auf sie gegönnt hatte.
    Wenig Tage machten uns zu Freunden, er war der liebenswürdigste Fürst, den
ich je gesehen habe, und ich trug so viel von der Liebe zu der Schwester auf den
Bruder über, strebte so unablässig, mich ihm gefällig zu machen, dass wir wohl
für einander eingenommen werden mussten.
    Der Graf von Toulouse war öffentlicher Beschützer und heimlicher Anhänger
einer gewissen Seckte, welche damals in Ruf zu kommen begunnte; er sagte mir,
sobald wir ein wenig vertraut geworden waren, unaufhörlich von ihren Lehrsätzen
vor, welche ich ihm zu Liebe billigte und himmelan erhub; auch mochten sie wohl
ihre Vorzüge haben, die ich aber in meinem damaligen Zustande genau zu
beurteilen ganz unfähig war; ich gab ihnen nur darum Beifall, weil der Bruder
meiner Geliebten sie für richtig hielt, und als ich vollends erfuhr, dass Alix
mit ihm hierin überein denke, dass sie, die ehemalige Bilderretterin, jetzt ganz
an der Lehre der waldensischen Bilderhasser hänge, so war ich so vollkommen
überzeugt, dass Waldus in allen seinen Behauptungen recht habe, dass ich für
dieselben des Märtyrertodes würde gestorben sein.
    Der Graf von Toulouse liebte mich sehr, und ich glaube, hätte er mich vor
den kastilischen Heiratsverträgen kennen gelernt, ich hätte es ohne Furcht vor
Abschlag wagen dürfen, um die Hand seiner Schwester zu bitten; jetzt nur auf die
entfernteste Art etwas von meiner Leidenschaft gegen ihn zu gedenken, würde
Torheit gewesen sein, und ich war noch hinlänglich bei mir selbst, mich hierin
nicht zu verraten; ich dachte indessen doch darauf, seine Freundschaft zum
Besten meiner Liebe zu nützen. Die weisen Ratschläge des Erzbischofs von Maynz
wurden ganz vergessen, ungeachtet er sie oft in wahren Hirtenbriefen an mich
wiederholte; ich bedachte nicht, dass Alix für mich ein unerreichbares Gut war
und blieb, und dass jede Nahrung, die ich meiner Leidenschaft gab, nichts tat,
als mich dem Abgrund des Verderbens noch näher zu bringen. Bisher kannte ich
Alix nur aus Bildern und Beschreibungen, persönlich kennen wollte ich sie, um ja
unwiederbringlich elend zu werden. Ich erhielt mit leichter Mühe Briefe und
Aufträge von dem Grafen an seine Schwester nach Pamiers, wo sie sich einige
Zeitlang aufhalten sollte, die er keinem schlimmern Boten als mir hätte
anvertrauen können; es waren Dinge, welche der äussersten Geheimhaltung
bedurften, Bücher mit neuen verbotenen Meinungen angefüllt, welche vor den
rechtgläubigen Kastilianern verborgen gehalten werden mussten, aber so sehr mir
auch dieses eingeschärft wurde, so ging es doch schnelle in meinem Gedächtnis
verloren, und nichts blieb zurück, als der Gedanke, dass ich Alix sehen, mit ihr
sprechen, und vielleicht auch einige gütige Worte aus ihrem Munde hören sollte.
    Mein alter Diener, der getreue Rudger, der bei meinem gegenwärtigen Zustande
mehr die Rolle meines Ratgebers und Aufsehers spielte, hatte noch keinen meiner
ausschweifenden Einfälle so sehr gebilligt als den, nach Pamiers zu gehen. Die
Reise nach der damaligen Versammlung, die in dieser Stadt von Geistlichen und
Weltlichen gehalten wurde, war eigentlich die Hauptveranlassung der Entfernung
aus meinem Vaterlande gewesen, oder vielmehr, sie hätte es nach dem Rufe, den
ich von meinen Obern durch Kalatin erhalten hatte, sein sollen. Aber über andere
Dinge war dieses ganz vergessen worden, ich ging gegenwärtig nach Pamiers, um
der schönen Alix, nicht um meiner geheimen Geschäfte willen, und Rudger,
gleichfalls ein Einverleibter des heimlichen Gerichts, musste mich erst daran
erinnern, er, einer der Untersten dieses Bundes, mich den Beisitzer und Richter.
O in was für Händen waren damals die wichtigsten Angelegenheiten! ich erröte,
wenn ich mir es lebhaft vorstelle.
    Ich erhielt um selbige Zeit verschiedene Briefe von dem Pfalzgrafen Otto von
Wittelsbach, welche ich nicht sonderlich beachtete, so wie mir alles
gleichgültig war, was keine Beziehung auf die Hauptangelegenheiten meines
Herzens hatte! Ottos Schreiben entielt unter andern auch Einladungen, an den
kaiserlichen Hof zu kommen, um daselbst mit einem gewissen Bischof von Sutri
bekannt gemacht zu werden; ich hatte Bekanntschaft genug mit Bischöfen gehabt,
um nichts mehr davon zu begehren.
    Auch von Evert von Remen bekam ich ein Schreiben durch Wittelsbachs
Vermittelung; es wurde noch unachtsamer auf die Seite geworfen als jene, wurde
nicht einmal eröffnet; der nachteilige Wahn, den Kalatin mir ehedem von dem
Freunde meiner Jugend beibrachte, war noch nicht getilgt, und ich war damals zu
sehr mit andern Dingen beschäftiget, um seine Rechtfertigung sonderlich zu
wünschen, oder sie in diesem vernachlässigten Schreiben zu ahnden.
    Alle meine Gedanken, all meine Wünsche erstreckten sich nach Pamiers, und es
war in einem halben Rausche, dass ich daselbst anlangte. Ohne die mindeste
Vorsicht, ohne alle Vorbereitung, die mir so nötig gewesen wär, ward meine
Audienz bei der kastilischen Braut eingeleitet, und ich hätte an meiner
Schwester eine so gute Führerin meiner Angelegenheiten haben können! Diese gute,
liebevolle Seele war meinen Planen, um deren willen ich sie ehedem aus ihrem
Vaterlande riss, so treu geblieben, dass sie nicht geruht hatte, bis die Geliebte
meines Herzens von ihr gefunden war, und bis sie eine Stelle in ihrem
Frauenzimmer erhalten hatte. Zwar meiner Liebe bei ihr zu dienen, da Alix schon
so fest gebunden war, dazu hätte es Alverden gewiss so sehr an Willen als an
Möglichkeit gefehlt, aber sie hätte mir doch raten, hätte mich doch vor dem
völligen Verderben warnen können, das meiner im Anschauen der Schönheit wartete,
die mich schon in der Ferne verblendet hatte. -
    Ich sah sie, ich sah Alix, sah sie mit der Gewissheit, sie sei die Braut
eines andern, sei für mich völlig verloren; und das wenige, was ich noch von
Besonnenheit übrig hatte, war ganz hin. Ich erinnere mich keiner besondern
Umstände von dieser merkwürdigen Audienz, die mein Unglück vollendete, erinnere
mich nur des Ganzen. Ich sah die göttliche Alix, und wär lieber anbetend zu
ihren Füssen gesunken, sah Alverden, meine Schwester, die sich gern mit
Entzücken in meine Arme gestürzt hätte, und mein Blick verbot ihr, mich Bruder
zu nennen. Ich weiss nicht, warum ich diese Entdeckung vermied, da der Name des
Bruders der vornehmsten Hofdame der Prinzessin mir vielleicht ihren Anblick
öfter hätte verschaffen können; aber all mein Betragen war damals widersprechend
und unzusammenhängend, ich vermag nicht, Rechenschaft von demselben zu geben.
    Meine Aufträge von dem Grafen von Toulouse waren mit der äussersten Unordnung
und Unvorsichtigkeit ausgerichtet worden; ach ich zittre, wenn ich bedenke, dass
die Fehler, welche ich damals beging, vielleicht das Signal zu dem Untergang
meiner Geliebten gegeben haben können! Dies ist ein Punkt, über welchen ich
nicht ohne Nachteil für mein Gehirn nachdenken kann; er sei auf ewig bei Seite
gesetzt!
    Ich suchte des andern Tages zum zweitenmal vorgelassen zu werden, und - ward
abgewiesen, der dritte und vierte Versuch verunglückten ebenfalls, ich nannte
den Namen des Grafen von Toulouse, man sagte mir, die Prinzessin gehöre nun ganz
dem kastilischen Hofe, und ihr Bruder habe nicht mehr das Recht, so oft, und
durch wen er wolle, Botschaften an sie gelangen zu lassen.
    Ich sah mich genötigt, den Anblick der himmlischen Alix in Kirchen und auf
Spaziergängen zu suchen; auch da ward ich durch die finstern Gesichter der
Hofdamen und durch die Leibwache zurück gescheucht. Selbst Alverde, meine
Schwester, schien sich wider mein Glück verschworen zu haben, sie sagte mir
einst auf öffentlichem Spaziergange einige empfindliche Worte, und drückte mir
heimlich einen Brief in die Hand, welcher noch ernstlichere Weisungen entielt.
Ein heimlicher Briefwechsel, vermittelst eines holen Baums, in dem unsere
beiderseitigen Schreiben niedergelegt werden sollten, ward zwischen mir und
meiner Schwester verabredet; er gab mir sonderliches Vergnügen, weil er mir
Gelegenheit verschafte, meinen Empfindungen Luft zu machen, auch ich ahndete
nicht, dass auch hierin Gefahr für mich, und die, welche ich liebte verborgen
lag.
    Während ich mich mit diesen Kleinigkeiten beschäftigte, vergass ich ganz,
mich um Dinge zu bekümmern, welche mir besser geziemt hätten. Erst von Rudger
erfuhr ich, dass wir die Ankunft Herzog Bernhards von Sachsen hier vergeblich
erwarteten, welcher krank sei, und dessen Stelle der Herzog von ***, mein alter
Feind, unter verdecktem Namen antreten würde. Von dieser Zeitung, die ich wohl
mit recht für böse hielt, bekam ich in kurzer Zeit noch sprechendere Beweise.
Der Herzog von *** schrieb an mich in bedraulichen Ton, und gab mir Verweise
über das, worüber ich hier wohl nimmermehr zur Rede gesetzt zu werden gedacht
hätte, über meine Anwesenheit zu Pamiers, zu welcher ich mich doch, so wie zu
Veränderung meines Namens, durch Befehl meiner Obern, berechtiget geglaubt
hatte. Ich erstaunte, meine volle Ueberlegung kehrte zurück, Rudger half mir zu
recht, wo sich mein geschwächter Verstand nicht helfen konnte, und aller
Verdacht fiel auf Kalatin, welcher mich durch eine falsche Ladung getäuscht
haben musste. Ich antwortete dem Herzog trotzig, denn ich war gerade nicht auf
der Laune, viel von irgend jemand zu vertragen; aber ach, sein Brief liess
scharfe Stacheln in meiner Seele zurück. Er berührte am Ende desselben eine
Sache, von welcher ich bisher nur noch dunkle Nachrichten gehört hatte, und die
er mir auf einer Seite vorstellte, welche ihren Eindruck noch empfindlicher
machte. Ich sollte in diesen Augenblicken erfahren, dass die höchste
leidenschaftlichste Liebe, mich doch nicht für die Regungen der Freundschaft und
Dankbarkeit ganz gleichgültig gemacht hatte.
    Ich hatte Nachricht vom kaiserlichen Hofe; mein Freund, mein Lehrer, mein
geistlicher Vater, der trefliche Erzbischoff von Maynz, von welchem ich noch
kürzlich warnende Briefe erhalten hatte, sei jähes Todes gestorben. Der Brief
des Herzogs von ***, bestättigte diese Nachricht mit dem schrecklichen Zusatz,
er sei vergiftet, von Kaiser Philipp vergiftet worden. Einer von Wittelsbachs,
nur hab gelesenen und betrachteten Briefen fiel mir diesen Tag wieder in die
Hand, und ach! er entielt das nehmliche.
    Niemand misst mein Entsetzen und meine Wut. Jede Empfindung, welche jetzt in
meiner Seele aufging, war Raserei; Rudger vermochte sie nicht zu bändigen, und
da er unaufhörlich nach Beweisen von Dingen fragte, die ich nach der
Leichtgläubigkeit, welche dem Wahnsinnigen eigen ist, für schon erwiesen annahm,
und ich also wenig Nahrung für meine Phantasien bei ihm fand, so eilte ich zu
einem Bekannten, der sich während meines Aufentalts zu Pamiers mir fast
aufgedrungen hatte, und der durch tausendfache schlaue List, schon mehr als zu
viel mein Vertrauter geworden war.
    Er nannte sich Sutrino; und Rudger, welcher ihn hasste, und ihn ungern an
meiner Seite sah, quälte sich täglich, mich zu überreden, er sei eine Kreatur
eines gewissen Bischoffs von Sutri, dessen Wittelsbach oft in seinen Briefen
gedachte, und der uns aus verschiedenen Umständen, als ein gefährlicher Mann
bekannt war, ungeachtet Wittelsbach ganz das Gegenteil von ihm hielt.
    Sutrino war allen Warnungen Rudgers zum Trotz, diesen Abend bis tief in die
Nacht, mein Gesellschafter; er erfuhr den neuen Kummer meines Herzens, die
Vergiftung meines Freundes des Erzbischoffs von Maynz, erfuhr den angegebenen
Täter, und alles was mir die Rache gegen ihn in den Sinn gab. Beschuldigungen
gegen Kaiser Philippen, schienen das Kapitel zu sein, in welchem Sutrino
unerschöpflich war; er erzehlte mir tausend schreckliche und unerweisliche Dinge
von dem Oberhaupt des deutschen Reichs, mich in meinem Verdacht zu bestärken,
und endigte mit dem Schrecklichsten, was er mir sagen konnte, um mich vollends
ganz rasend zu machen.
    Kaiser Philipp, sagte er, denkt auf nichts, als auf die Vergrösserung seines
Hauses, und die Unterdrückung anderer. Was für Schmach die heilige Kirche schon
von ihm erfahren hat, das gehört nicht hieher; den grössten Schaden tat er ihr
gewiss, durch die Ermordung des frommen Erzbischoffs, welche ganz auf seine
Rechnung fällt. Ach wo schläft die Rache, dass sie ihn nicht hinwegreisst, damit
er seine Hände nicht auch nach den Engeln des Himmels ausstrecke, sie von ihren
Tronen zu reissen, um seine angebeteten Kinder darauf zu setzen? - Wisst,
Philipp neidet jedermann, der über die Seinen empor kömmt, er neidet auch der
unschuldigen Gräfinn von Toulouse die kastilische Krone, und wünscht eine seiner
Töchter damit zu zieren; und gebet acht, nicht lange, so werden wir die
göttliche Alix verstossen, oder im Grabe sehen, damit die Prinzessin Elise ihre
Stelle einnehmen könne.
    Verstossen? schrie ich, Alix, verstossen oder im Grabe? - Ja, das erste wär
wohl gut, aber das andere? - O Entsetzen! - - Redet, redet Sutrino! endeckt mir,
welchen Grund euer Vorgeben hat. Verstossen immerhin, nur nicht getödet!
    Das letzte wohl noch wahrscheinlicher als das erste! Philipp pflegt nichts
halb zu tun.
    Aber er in Teutschland, Alix in Frankreich?
    O die Hände der Könige reichen weit, und die Streiche, welche sie in der
Ferne führen, sind die sichersten und unverdächtigsten. Glaubt mir, Alf von
Dülmen, wir können mit jedem Morgen auf die Nachricht vom Tode der kastilischen
Braut rechnen.
    Und will niemand, niemand die Unglückliche retten? Sprecht, Sutrino, was
könnte man tun? was könnte ich tun? ich will mein Leben daran setzen.
    Kühne Entführung freilich! aber wer wird diese wagen?
    Wagen? ich wage alles! - O Entzücken! Alix wird frei, diese Nacht frei durch
mich! ich führe sie in die Arme ihres Bruders, und mein Lohn - nun mein Lohn,
der lässt sich erraten! O Sutrino, Sutrino! ihr seid der Schöpfer meines Glücks!
    Sutrinos Einwendungen gegen meine ungeheuren Einfälle waren sehr schwach,
meine Entschlüsse waren gefasst und blieben unveränderlich. Ein doppelter
Versuch, die Prinzessinn davon zu bringen, ward gemacht, und er verunglückte
beidemahl, ach, wie ich glauben durch Alverdens grausame Vorsicht, welche es
sich zum Gesetz gemacht zu haben schien, ihrem unglücklichen Bruder in allem
entgegen zu handeln. Doch darf ich auch mit ihr zürnen, dass sie dieses tat? Ach
ich bin ja nicht mehr der damahlige Alf von Dülmen! Meine Leidenschaften sind
jetzt abgekühlt und meine Urteile berichtigt. Alverde handelte recht, dass sie
meinen rasenden Einfällen entgegen arbeitete, mochten auch die Folgen für mich
und die unglückliche Alix sein, welche sie wollten.
    Dass ich nach der letzten fehlgeschlagenen Unternehmung fest genommen und in
die Verwahrung des Bischoffs von Kastilien gebracht wurde, war wohl so wenig
Alverdens Absicht, als dass sie selbst um die Gesellschaft der himmlischen Alix
kam. An dem Tage, da man mich ins Gefängnis brachte, erhielt sie ihre
Entlassung, weil man unsern heimlichen Briefwechsel entdeckt hatte; und Alix
blieb also den Angriffen ihrer Feinde, welche sie auch sein mochten, ganz ohne
Freund und Schützer blosgestellt. Es ist entsetzlich, unbegreiflich, dass auch
die Engel des Himmels Feinde haben, aber dass es der unglücklichen Gräfinn von
Toulouse nicht an dergleichen fehlte, hat der Erfolg ausgewiesen.
    So war ich also zum zweitenmahl der Gefangene eines Bischoffs, und das
Verbrechen, welches mich in dieselbe gebracht hatte, Anschläge zu Entführung
einer königlichen Braut, entschuldigte jedes strenge Verfahren, welches man sich
gegen mich erlaubte. Ewiges Stillschweigen über die damahligen Scenen! man hat
Sorge getragen meine Zange durch Eide zu binden, welche so unauflöslich sind,
als die Beeidigungen des heimlichen Gerichts.
    Die Absichten, welche man mit mir ausführen wollte, waren die nehmlichen.
Man hatte den Herzog von ** durch die schlauen Künste eines Grafen von Segni
über gewisse verborgene Dinge zum Sprechen gebracht, man hatte den arglosen Otto
von Wittelsbach um einige unserer Geheimnisse betrogen, man hatte auch
vielleicht Peter von Kalatin auf die Seite zu ziehen gewusst, und nun wollte man
den Rest des Ganzen durch Qualen von mir erzwingen. Verbrechen, zu denen man
mich vielleicht selbst erst durch teuflische Kunst verleitete, hatten mich des
Todes schuldig gemacht; man schmeichelte mir mit Lebensfristung, wenn ich meinen
Starrsinn, wie man es nannte, ablegen wollte. Mein Verstand hatte durch
unglückliche Liebe gelitten, zu welcher mich gleichfalls ein Verräter leitete,
und man hofte mir in meinen unbewachten Stunden Dinge abzulauschen, die ich bei
voller Besonnenheit nicht preis gegeben haben würde; sie hielten mein Gedächtnis
für einen Schatz, den man ruhig plündern kann, weil der Hüter eingeschläfert
ist; ja sie hatten Recht, mein Verstand schlummerte nur, und erwachte schnell,
so bald es die Not erforderte. Alf von Dülmen, stärker oder störriger als die
andern, blieb stumm und reizte dadurch seinen Quäler nur noch mehr; sie wollten
das Reich der heimlichen Gerechtigkeit, der Stellvertreterin des ewigen
Richters, umkehren, und auf seinen Trümmern ein neues bauen, in welchem nicht
die Gerechtigkeit, sondern sie regieren wollten. Wie wir Verbrechen und Untat
bestrafen und in Fesseln halten, dass sie nicht wüten können, wie sie wollen, so
wünschten sie den freien Geist des Menschen zu fesseln, und Abweichungen von
ihrem Glauben zu todeswürdigen Verbrechen zu machen; sie wollten uns die Mittel
der Allwissenheit und Unfehlbarkeit; wollten uns tausend andere Dinge ablernen,
die ich hier nicht nennen darf, aber ihr Endzweck schlug ihnen wenigstens bei
mir fehl. Es glücke ihnen oder es glücke ihnen nicht, wie ich denn nicht weis,
was sie jetzt auf der Oberwelt beginnen, so ist Alf von Dülmen unschuldig an dem
Unglück, welches sie stiften.
    Die Grausamkeit, mit welcher ich behandelt ward, rettete meinen Verstand,
der durch wütende Leidenschaften fast entkräftet war; ich erwachte wie aus einem
schrecklichen Traume, ich fühlte die Notwendigkeit mich zu ermannen, und ich
ermannte mich um ihnen allen gewachsen zu sein.
    Dies zog die Fülle ihres Zorns über mich, mein Tod war beschlossen, ich
sollte fallen ohne zu wissen wer mich fällte. Von dem Turm, in welchem ich
gefangen lag, führt ein schmaler Gang in einen andern, welchen man den Turm der
Freiheit nennt, weil seine Gefangenen gelinder gehalten und eher begnadigt
werden, als die Bürger des unseeligen Kerkers, in welchem ich bis dahin
geschmachtet hatte. Man kündigte mir an, dass mir auf Vorbitte der Prinzessinn
Alix die Tür zu demselben geöfnet werden sollte, und dass ich alles, was mir
heute wiederfahren würde, als eine Folge ihrer Verwendung für mich ansehen
möchte. Alles kam bei mir nun darauf an, einen Weg zu gehen - welchen nie einer
der ihn einmal betrat, zum zweitenmahl gegangen ist.
    Natürlich wusste ich nichts von der schrecklichen Falle, die man mir legte;
ich sah nichts vor mir als Erreichung des Wunsches, den wohl ein jeder
Gefangener fühlen wird. Der Gedanke, Alix habe für mich gebeten, die Hoffnung auf
Freiheit sei ein Geschenk von ihr, berauschte mich, und ich würde blindlings dem
Verderben in den Rachen gestürzt sein, wenn mich nicht ein Zufall gerettet
hätte, wie wir denn immer geneigt sind, das Zufall zu nennen, was die Vorsicht
zu unserm Besten veranstaltet.
    Ich hatte einen Hund von ausserordentlicher Grösse, welchen der Herzog von
Braunschweig einst mit aus England gebracht, und dem Herzog von Sachsen
geschenkt hatte, aus dessen Hand ich ihn erhielt. Dieses treue Tier, dessen
Begleitung mir auf meiner einsamen gefahrvollen Reise so nötig gewesen wär, da
es jeden, der mich antasten wollte, mit Löwengrimm anzufallen pflegte, fand ich
erst zu Pamiers, wohin Rudger es auf meinen Befehl mit sich genommen hatte. Am
Tage meiner Gefangennehmung hatte man es, um mich desto sicherer zu fassen, von
mir zu entfernen gewusst. Ich hatte es all die Zeit über, da ich im Kerker
schmachtete, nicht gesehen; aber diesen Morgen brachte es derjenige, welcher mir
die Verbesserung meines Zustandes ankündigte, mit ins Gefängnis. Ich ahndete so
wenig, dass hinter dieser anscheinenden Gefälligkeit ein heimlicher Tück
verborgen war, als meine Feinde ahnden mochten, dass sie mir das Mittel meiner
Rettung gebracht hatten.
    Die Schwachheit, welche ich beging, indem ich Freude über den Anblick meines
treuen Hundes äusserte, lockte dem Kerkermeister ein hämisches Lächeln ab. Ihr
könnt ihn bei euch behalten, sagte er, und ihn mit hinüber in eure neue Wohnung
nehmen, zu welcher euch die Tür bald geöfnet werden wird, bis ihr die völlige
Freiheit erlangt.
    Er hatte sich in der Tat kaum entfernt, so flog eine Seitentür meines
Behältnisses auf, und zeigte mir eine Aussicht über einen langen und schmalen
Gang in ein helles und geräumiges Gemach, welches hohe weit geöfnete
unvergitterte Fenster in eine freie Gegend hatte. Welch ein Anblick für
denjenigen, welcher so lang der Luft und Sonne entbehren musste! Ich faltete die
Hände gen Himmel, um ihm für das zu danken, was ich für das Unterpfand völliger
Befreiung hielt. Mittlerweile sprang mein Hund, der zu meinen Füssen lag, und dem
die bängliche Luft in meinem dumpfen Kerker schon ein angstvolles Winseln
abgenötigt hatte, schnell empor und schnaubte der freien Luft entgegen; er trat
in die offene Tür, und begann nun in vollem Laufen hinüber nach dem Orte zu
setzen, welcher ihm so lockend als mir selbst dünken mochte; aber kaum hatte er
die ersten Sprünge auf der Gallerie getan, als sich die Tür, aus welcher ich
jetzt ebenfalls hinaustreten wollte, krachend zwischen ihm und mir verschloss,
und über und unter mir ein betäubendes Knarren, wie von zwanzig in Gang
kommenden Triebrädern erhub, unter welchem ich nur schwach die kreischende
Stimme meines Hundes unterscheiden konnte. Ich weis nicht, was ich in diesem
Augenblick dachte, mir ists, als hätte ich eine dunkle Vorstellung von der
Wahrheit gehabt. Ich hatte in meiner Kindheit schon die Geschichte von dem
unglücklichen Marggraf Egbert von Sachsen oft erzählen gehört, welcher im Jahr
1090 durch die meuchelmördrische Bosheit eines13 Weibes in die Schwerdmühle zu
Eisenbüttel fiel. Dergleichen von der Hölle erfundenen Maschinen, wo durch einen
Fusstritt, oder anderweitige Berührung einer verborgenen Feder bewaffnete Arme
oder andere Werkzeuge des Todes aus dem Boden und der Mauer hervorkommen, und
den, welcher durchhingeht im Augenblicke zerfleischen, sind nichts neues, und es
wär kein Wunder gewesen, wenn mir etwas dieser Art in den Sinn gekommen wär;
doch weis ich nicht genau, was ich damahls dachte oder ahndete, nur dies
erinnere ich mich, dass ich den Namen meines Hundes rief und mich bemühte, die
Tür zu öfnen, welche sich nach ihm geschlossen hatte. Maschinenmässige Bewegung!
denn was hätte ich tun wollen?
    Das abscheuliche Schnarren des Räderwerks um mich her liess endlich nach; die
Stimme des armen Geschöpfs, das für mich zum Opfer geworden war, hörte ich schon
lang nicht mehr; jetzt konnte ich die Tür aufreissen, und was ich erblickte
rechtfertigte alle Mutmassungen, die ich hätte haben können. In der Mitte der
Gallerie, welche jetzt sehr dunkel war, da sich die gegenüberliegende lockende
Aussicht geschlossen hatte, erblickte ich den Leichnam des armen Geschöpfs noch
zuckend, und wie es schien aus tausend Wunden blutend. Man wird mir glauben, dass
ich keine Lust hatte die Sache näher zu betrachten, da ich nicht wusste, wie
lange die Würkung der teuflischen Maschiene daure. Ich warf die Tür zu,
verdeckte mein Gesicht mit beiden Händen, und überliess mich einem Schmerz oder
einem Grauen, welches mancher vielleicht unmännlich nennen würde; doch in meine
damahlige Lage kann sich nicht so leicht einer hineindenken, und mich zu
beurteilen würde wohl also den meisten schwer fallen. Nach mehreren Stunden
erholte ich mich erst völlig aus einer schrecklichen Betäubung; ich sass auf der
Erde dicht an der entgegengesetzten Tür, welche den gewöhnlichen Eingang zu
meinem Kerker ausmachte. Trieb der Natur zur Flucht musste mich dahin gezogen
haben, ich weis nicht wie ich dahin gekommen war.
    Ich öfnete die bisher geschlossenen Augen, atmete aus tiefer Brust herauf
und begann meine Rettung lebhaft zu fühlen; aber Gott! welch eine Rettung! War
ich nicht noch immer in den Händen meiner Henker, die ja, wenn ich ihrem Schwerd
auf eine Art entkommen war, noch tausend andere Mittel hatten mich aufzureiben!
- Mein nächster Gedanke flog, wie man denken kann, zu Alix. Wie? rief ich,
dieser höllische Streich sollte von dir kommen, du Heilige? alles was mir heute
wiederfahren würde, sollte ich dir zuschreiben? Toren, die mein Herz mit
solchem Wahn vergiften wollten! Was hätte ich wider dich gesündigt? dass ich dich
liebe? das weisst du ja wohl nicht einmal? - Alverde hat mich ja mehrmahl in
ihren Briefen versichert, dass du mit ihrem Willen dies nie erfahren solltest! -
Aber du hast für mich gebeten? - Ja, ja, das glaube ich; deine himmlische Seele
findet jedes leidende Geschöpf ihrer Verwendung würdig! Vielleicht hast du nicht
bloss bei Menschen, auch bei Gott für mich gefleht, und deiner Vorbitte habe ich
meine Rettung zu danken; sie ist würklich der Grund dessen, was mir heute
begegnete. So phantasirte ich fort, und vertiefte mich immer von neuem in
Gedanken, welche Alix zum Gegenstand hatten. Mir war es erwiesen, dass die
Heilige für mich gebetet haben müsse, und dass ich bloss durch ihre Verwendung für
mich am himmlischen Trone noch lebe. Mein Herz war voll Dank gegen sie; ich
musterte jedes Wort, welches bei meinen zahlreichen Verhören aus meinem Munde
gegangen war, ob auch in der halben Abwesenheit des Verstandes, die sich oft bei
mir fand, mir etwas entschlüpft sei, das ihr hätte nachteilig werden können.
Man hatte mich sehr oft auch über Alix, über meine Liebe zu ihr, und über ihre
Anhänglichkeit an die waldensischen Lehren gefragt, aber ich schmeichle mir, dass
ich nie etwas geantwortet habe, welches ihr neue Verfolgungen hätte zuziehen
können.
    Ich war viel zu sehr in meinen Betrachtungen versunken, als dass ich mich
sobald hätte erheben sollen. Ein Geräusch von aussen war es endlich, was mich
störte. Ich vernahm die klirrenden Schlüssel des Kerkermeisters auf der äussern
Gallerie, und hörte ihn bald darauf nebst noch einigen Personen näher kommen.
    Ich schaudere, gnädiger Herr, sagte der Diener der Bosheit, euch diese Tür
zu öffnen, ihr werdet einen Anblick haben, den ihr euch wohl kaum so schrecklich
denken könnt. Ich selbst hatte ihn noch nicht, aber mein Knecht, welcher dem
Gefangenen den ihr befreien wollt, vor einer Stunde sein Frühstück brachte, kam
bebend zurück, meldete mir den fürchterlichen Vorgang, und ich ging sogleich,
ihn höhern Orts anzusagen. Das Ungeheuer war ihm mit blutigen Rachen entgegen
gesprungen, er hatte die ganze Schreckensscene nur mit einem Blick übersehen,
und sich dann mit Mühe retten können.
    Aber, sagte eine Stimme wie die Stimme des Herzogs von ***, welche Raserei,
den Hund zu ihm zu lassen, dessen wütige Art man kennt, und welcher vermutlich
schlecht gefüttert worden sein muss; denn nichts als wütender Hunger konnte ihn
reizen, seinen Herrn anzufallen.
    Es sind hier freilich viel Versehen vorgegangen, antwortete der
Kerkermeister, die aber mir nicht zu Schulden kommen dürfen. Ich habe es gewiss
allezeit gut mit dem Gefangenen gemeint, und fühlte eine wahre Freude, da ich
ihm diesen Morgen schon, auf die Vorbitte der Prinzessin Alix, ein leidlicheres
Gefängnis anzeigen konnte; da nun noch die eurige dazu kam, wer hätte an seinem
Glück zweifeln sollen? Aber der Himmel ist wunderbar in seinen Schickungen,
seine Rache muss diesen Menschen ausserordentlich verfolgt haben, und mir wird es
immer denkwürdig bleiben, dass er auf dem Wege nach dem schönen Orte, den wir den
Turm der Freiheit nennen, sein Leben auf eine so schreckliche Art einbüssen
musste, ehe er das erreichen konnte, was seine Augen sahen.
    Der Herzog sagte hier etwas, das Ausdruck des Kummers sein sollte, das aber,
wie mir es schien, denselben nicht sonderlich bezeichnete. Der Kerkermeister
fing indessen an, an den Schlössern zu drehen, sagte nochmahls, dass man mich,
von meinem Hunde zerfleischt, auf der Mitte einer Gallerie finden würde, weil
sich noch niemand hieher gewagt habe mich in andere Lage zu bringen, auch
ermahnte er die Anwesenden, ihre Degen zu ziehen, und den wütenden Hund, so wie
er ihnen nach Oefnung der Tür entgegen springen würde, gleich niederzustossen.
    Der Elende! wie ganz anders sollte er es finden, als er erwartet hatte! Die
Tür ging auf, und ich fiel ihnen lebend in die Augen. Ich leugne nicht, dass
mein erster Gedanke war, dem nächsten, den ich erreichen könnte, den blossen
Degen aus der Hand zu reissen, und ihn dem meuchelmörderischen Kerkermeister ins
Herz zu stossen; doch er war nichts als das elende Werkzeug höllischer Bosheit,
und der Abscheu vor seinem unreinen Blut riss mich noch von einer niedrigen Tat
zurück. Ich hatte mich erhoben, und stand mit in einander geschlagenen Armen
mitten in meinem Gefängnis, als sie mit lächerlicher Scheu vor einer Gefahr,
welche hier nicht existirte, hereintraten. Ihr Starren, ihr Staunen, ihre
verwirrten Reden, als sie mich jetzt gewahr wurden, zu beschreiben, wär ich
nicht im Stande. Meine Augen waren vornehmlich auf den Herzog gerichtet, weil
ich zweifelhaft war, ob er an den entsetzlichen Dingen, die man wider mich
geschmiedet hatte, Teil gehabt habe. Ich muss gestehen, dass ich zwar eben keine
sonderliche Freude mich lebend zu sehen, aber doch auch nichts in seinen Augen
entdeckte, das mir das geringste Einverständnis bei jener teuflischen Bosheit
hätte andeuten können; er schien die Legende von dem treuen Hunde, der seinen
Herrn zerfleischt haben sollte, würklich geglaubt zu haben.
    Ich liess mich nicht auf umständliche Beantwortung seiner verwunderungsvollen
Fragen ein, führte ihn zu der Tür nach jener mörderischen Gallerie, riss sie
auf, sagte ihm mit wenig Worten, was mir begegnet war, warf einen verächtlichen
Blick auf den Kerkermeister, der in einem Winkel, wie vom Donner gerührt, da
stand, liess mir von einem seiner Knechte die leichte Kette losschliessen, die
man mir diesen Morgen, da man mich von den übrigen entlastet, noch gelassen
hatte, ging dann langsam zur geöfneten Tür heraus, und überliess es den Andern,
mir zu folgen.
    Graf Adolf, sagte der Herzog, der mich auf der Treppe ereilte, ich hoffe,
ihr habt mich nicht im Verdacht eines Anteils an diesen entsetzlichen Dingen!
Hätte ich diesen, erwiederte ich, indem ich ein Schwerdt, das ich im Gehen zu
mir genommen hatte, über die Hälfte aus der Scheide zog, hätte ich diesen, so
solltet ihr jetzt nicht lebendig an meiner Seite gehen.
    Der Herzog biss sich auf die Lippen ohne meiner Rede zu beantworten. Wir
stiegen zusammen in den an der Treppe wartenden Wagen, und ich erfuhr hier
weitläuftig aus dem Munde meines Gefärten, dass Briefe von unsern Obern ihm
Befehl gebracht hätten, meine Befreiung auf das schnellste und dringendste zu
suchen. - (Das wusste ich zuvor, dass ich ihm hiebei unmittelbar nichts zu danken
hatte.)
    Bei meinen Verfolgern hatte er, wie er mich im Fortfahren berichtete, meine
Freiheit sehr leicht erhalten. Der Kerkermeister war gerufen worden, man hatte
gesagt, er warte bereits im Vorzimmer und habe entsetzliche Dinge zu melden. -
Hier die so greuliche als unwahrscheinliche Legende, dass mich mein Hund erwürgt
habe, welche ja die geringste Untersuchung, welche ja die Beschaffenheit meiner
Wunden hätte widerlegen müssen, wenn ich würklich gefallen wär; doch einer
solchen Untersuchung war man vielleicht bei dem schwachen leicht zu blendenden
Herzog, dem noch überdem wenig an mir gelegen war, gar nicht gewärtig.
    Die Stadt war voll von meinem entsetzlichen Tode, und man sah mich mit
Erstaunen lebendig. Ueber der Tafel sagte der Herzog, der seine hämische Bosheit
nicht zu bergen wusste, mit höhnischer Miene, ich sei sehr glücklich, dass das
schöne Geschlecht so viele Notiz von mir nehme; in dem Cölestiner Kloster,
welches zu dieser Stadt gehöre, habe eine fremde Dame öffentliche Danksagungen
für meine Befreiung angestellt, und die Prinzessinn Alix sollte, als sie meine
Rettung erfahren habe, überlaut zu ihren Damen gesagt haben, Gottlob! Gottlob!
dass er geborgen ist!
    Der Feindselige! er wusste nicht, wie sehr er mich durch diese Dinge, welche
mich beschämen sollten, entzückte! Ich antwortete nichts, sondern sehnte mich,
mit Rudger hierüber zu sprechen; die Freude, mich nach so grosser Gefahr wieder
zu sehen, hatte ihn halb wahnsinnig gemacht, und ich erfuhr erst spät, dass ich
ihm hier eigentlich alles zu danken habe. Sein erstes Geschäft nach meiner
Gefangennehmung war gewesen, unserm grossen Oberhaupt dem Herzog von Sachsen auf
die gewöhnliche Art mein Unglück wissen zu lassen; aber als er bei näherer
Erkundigung erfahren hatte, in was für Händen ich sei, und wie dringend meine
Gefahr werden könne, so war er geflogen meine Schwester von meiner Lage zu
benachrichtigen und mit ihr schleunigere Hülfe zu verabreden. Alverde war an dem
nehmlichen Tage aus dem Dienst der Prinzessinn entlassen worden; er fand sie
nicht, und die Angst trieb ihn, bei Alix für mich zu flehen; daher ihre
grossmütigen Verwendungen für mich, welche ich freilich lieber eigenem Antrieb,
nicht fremder Vorbitte, freilich lieber der Liebe, als dem blossen Mitleiden zu
danken gehabt haben möchte.
    Alverdens Aufentalt hatte er endlich auch ausgekundschaftet; denn bei Hofe
wusste man ihn nicht, sondern glaubte, sie habe dem erhaltenen Befehl zu folge,
Pamiers gänzlich verlassen. Sie war die Dame im Cölestinerkloster, welcher ich
das Te deum für meine Rettung zu danken hatte; eine Schwachheit des guten
Mädchens, ihre Freude um mich so öffentlich zu äussern, welche ihr hätte
gefährlich werden können, und welche wohl bloss der höchste Grad inniger
Schwesterliebe entschuldigen konnte. Und diese gute Seele sollte in der Folge so
verleitet werden, dass sie die Schöpferinn meines Verderbens werden musste? und
ich, der ich ihr Herz kannte, war so verblendet, sie würklich für meine Feindinn
zu halten? - Doch ich kann dem Gang meiner Geschichte nicht vorgreifen, ohne
undeutlich zu werden; ich fahre fort.
    Da es mir nicht vergönnt war, zu den Füssen der himmlischen Alix meine
Danksagungen auszuschütten, so hatte die treue Schwester den nächsten Anspruch
auf mich; ich flog zu ihr in das Cölestinerkloster, und fand sie krank vor
Freude. Durch Briefe von Alix hatte sie meinen Tod und meine Rettung kurz hinter
einander vernommen, ein Wechsel von den gewaltsamsten Gefühlen, welcher die
zärtlichste Seele, die je mit einem eben so feingebildeten Körper verbunden war,
wohl zu Boden drücken musste. Schon einmal war ich ihr durch einen Brief von der
Prinzessin tod gesagt worden; aber die Sache hatte keinen Glauben bei ihr
gefunden, weil sie durch ihre Kundschafter besser belehrt war. Auch sie hatte
sich zu meiner Rettung an die Mitglieder des grossen Bundes gewandt. Briefe von
ihr an den Pfalzgrafen Otto waren längst abgegangen, und wahrscheinlich hatte
sich der Herzog von Sachsen, auch durch ihn belehrt und aufgemahnt, so ernstlich
für mich verwendet.
    Himmel, wie viel edle Personen sorgten um mich! Konnte ich, konnte ich
sinken, da diese für mich wachten? - Wie glücklich war ich damals! wie stolz
fühlte ich mich, in der Achtung der besten Menschen! Alix, Alverde, Bernhard und
Otto liebten mich! - - und jetzt? - O schon das Bewustsein, in der ganzen Welt,
von keiner Seele geliebt zu sein, leben und sterben zu können, ohne dass eine
Träne um mich fliessen würde, schon dieses könnte mich in den Abgrund der
Verzweiflung hinabreissen; ich war damals so reich, und jetzt habe ich nicht
einmal einen treuen Rudger, mit dessen Liebe ich mich trösten könnte; doch ich
bin ungerecht! Ademar! ich habe ja dich, an den ich diese Blätter richte!
    Ich weiss nicht, ob ich mir damals nicht zu viel schmeichelte, wenn ich
glaubte, Alix fühle etwas mehr als Mitleid für mich, wenigstens habe ich nachher
nie eine Spur gehabt, dass sie mich noch kenne oder für mich fühle. Alverde musste
dieses am besten wissen, aber sie sah meinen verzweifelten Zustand, und
schmeichelte mir mit allem was ich wünschen konnte, um mich nur zu beruhigen und
zu entfernen. - Sie zeigte mir tausenderlei Hoffnungen in meiner Liebe, und wies
mich doch auch an den kaiserlichen Hof, wo ich mein Glück vielleicht noch besser
als durch Alix machen könnte; die Angst entschuldige ihr widersprechendes
Betragen, die Angst mich noch in der Stadt zu sehen, wo meine Feinde lebten. Sie
drang darauf, dass ich Pamiers verlassen sollte, aber sie würde vielleicht durch
nichts gesiegt haben, als durch die Vorstellung, dass Alix um meiner Gegenwart
willen leiden müsse, und dass sie, wegen meiner bekannten Leidenschaft für sie,
strenger in meiner Anwesenheit gehalten würde, als nach meiner Entfernung nötig
sei.
    Ich liess mich überreden, und begehrte nur noch einige Tage Frist, ich musste
diesen Aufschub begehren, da der Tag nahe war, um dessen willen sich alle
Mitglieder unsers heimlichen Bundes eigentlich hier versammelt hatten, der Tag
eines grossen Gerichts, bei welchem, wie mir der Herzog von ***, der leidige
Stellvertreter unsers obersten Stuhlherrn sagte, sehr wichtige Dinge verhandelt
werden sollten. Es war sehr viel Widersprechendes in dem Betragen dieses Mannes,
er bestand darauf, dass ich bei der grossen Gerichtssitzung nicht fehlen dürfe,
und doch machte er mir meine Anwesenheit zum Verbrechen, und gab Winke, dass ich
wegen derselben würde strenge Rechenschaft ablegen müssen.
    Was er zu verstehen gab, das geschah. In dem Gerichte, da ich gewohnt war,
eine ganz andere Stelle einzunehmen, wurde ich als Beklagter aufgefordert!
eigenmächtiges Verfahren ohne Wissen meiner Obern, und Mangel an
Verschwiegenheit waren die Hauptbeschuldigungen die man wider mich aufbrachte.
Man setzte mir hart zu. Weniger erfahren in allen Mitteln unsers Rechts, hätte
ich der Bosheit meiner heimtückischen Verfolger unterliegen müssen, aber ich
siegte. Wider die erste der schändlichen Anklagen, schützte mich der Beweis, dass
ich auf Kalatins Ladung mein Land verlassen habe, und alle Schuld fiel auf ihn.
Was den Punkt wegen der Verschwiegenheit anbelangte, so hätten mich die Leiden
rechtfertigen können, die ich für die Geheimnisse des Ordens erduldet hatte,
aber man liess es gar nicht zu diesem mir so rühmlichen Beweis kommen. Der
Herzog, welcher mir einst seine Vertraulichkeiten gegen den Grafen von Segni
gebeichtet hatte, furchte, ich möchte hier seine Beichte wiederholen, und lenkte
ein.
    Ich nahm meinen Platz als ein Schuldlos befundener, nun wieder unter den
Richtern, und sah mit Erstaunen, dass auch Kalatin sich entschuldigen konnte; ich
liess alle diese Dinge an ihrem Ort gestellt sein, und behielt mir vor, einst vor
dem Stuhle des Herzogs von Sachsen hierüber zu sprechen, weil hier mir alles
verdächtig war.
    Die Prüfungen jener schrecklichen Nacht, waren für mich noch nicht geendet;
ach die gefährlichsten, sie, die meine Hasser nicht sinnreicher zu meinem
Verderben hätten erfinden können, folgten noch. Mir sind diese Dinge noch immer
ein unauflösliches Geheimnis, auch hier muss ich glauben, dass der Herzog würklich
getäuscht war; gutwillig hätte er, dem die unverletzliche Majestät unserer
geheimnisvollen Rechte, und die schwere Strafe, welche auf den mindesten
Vergehen, wider dieselben haftete, bekannt war, gutwillig hätte er nicht fehlen,
gutwillig hätte er nicht Erdichtung der fürchterlichsten Anklagen, und
mutwillige Verleumdung eines gekrönten Unschuldigen begünstigen können.
    Aber, unschuldig? Philipp unschuldig? Gott gebe, dass er es nicht war! Sollte
würklich das, was mich damals selbst so ganz verblendete, erdichtet gewesen
sein, wo wollte ich Entschuldigung, wo Mittel finden, meine verbrecherischen
Hände von vergossenem Blute rein zu waschen!
    Die Hälfte der unsern Geheimnissen geweihte Zeit war vorüber. Der Mond ging
unter, und alles verkündigte die Annäherung des Morgens. Da erhub sich das
Panier des Blutbanns noch einmal und der Herold verkündigte noch einmal
Aufmerksamkeit und Stille. Kläger standen auf, und Zeugen zeugten wider Philipp
von Schwaben, den unwürdigen Besitzer des Kaiserstuhls; sie nannten ihn
Erzbischof Konrads Mörder, und riefen das Wehe über ihn herab. Diese
schreckliche Beschuldigung Kaiser Philipps war mir nicht neu, der Herzog von **
hatte schon darüber mit mir geredet und an mich geschrieben, aber sie fasste mich
jetzt mit allen Schrecken der Neuheit, ich hielt sie damals für ganz
unerweislich, jetzt sah ich sie mit den täuschendsten Gründen erwiesen.
    Armer, armer Alf von Dülmen! wie war dir, als dir die Post, dein Freund,
dein Vater, Erzbischof Konrad von Maynz sei nicht mehr, gleichsam von neuem
verkündigt ward, als du seine Vergiftung beweisen, und die Stimme seines
racheschreienden Bluts ertönen hörtest? War Wut und Rachsucht wider den
vermeintlich überwiesenen Mörder dir zu verdenken? War dirs zu verdenken, dass du
mit Ungeduld lauertest, wem die Gerechtigkeit das Schwerd wider ihn in die Hand
geben würde?
    Der Stab ward über Philipp gebrochen; seine Schuld war zu gross, er sollte
ungewarnt sterben; man warf das Loos über die Bluträcher; kein gemeines Schwerd
durfte den gekrönten Verbrecher fällen, Richter standen auf aus dem Gericht, die
Diener der Rache zu werden, und das Loos ward geworfen; es fiel auf mich; und
der abwesende Otto von Wittelsbach ward mir zum Gefärten gegeben.
    Mich überfiel ein Zittern, als gelte es hier das Blut der Unschuld; Rache
und Grimm gegen Konrads sogenannten Mörder waren wie weggehaucht aus meinem
Herzen, mir wars als stünde der Schatten des verblichenen Heiligen an meiner
Seite, und hindere mich, das Schwerd zu ziehen, das ich dem Herkommen gemäss zum
Zeichen der Einwilligung blössen musste.
    Was zögert Graf Adolf? fragte der Herzog von **, versagt er der
Gerechtigkeit seinen Arm, oder zweifelt er an dem, was so eben erwiesen ward?
    Keins von beiden, sagte ich mit dumpfer Stimme, aber ich protestire wider
einen der sogenannten Ausrichter des Urteils.
    Doch nicht wider euch?
    Das darf ich nicht, wo würde ich Vorwand finden? aber was hat Otto von
Wittelsbach getan, der Mörder seines Vaters werden zu sollen?
    Wer weis, ob Philipp je Ottos Vater wird, doch dem sei also, hebt nicht die
Gerechtigkeit jede Bande auf?
    Ich protestire nochmals wider die Schuld, die man auf Ottos Gewissen laden
will!
    So nehmt ihr sie allein auf das eurige! Philipp falle nur; durch wen unter
den ernannten Rächern er falle, das ist für die urteilssprechende Macht
gleichgültig; aber wehe denen, welchen sie das Schwerd vertraute, wenn
Erzbischof Konrads racheschreiendes Blut nicht bald befriedigt wird! der dritte
Mondswechsel darf Philipp nicht mehr unter den Lebendigen finden.
    Es war hier, als wenn noch einige unter den Edelsten unsers Bundes
auftreten, und etwas gegen das Urteil einwenden wollten, aber die Nacht gränzte
dicht an den Morgen, dessen Strahlen die Geheimnisse des Blutgerichts14 nicht
entweihen dürfen; es war unmöglich, noch einen Einspruch zu tun; die
Versammlung zerfloss wie Wolken zerfliessen, und das Urteil blieb gesprochen.
    Keine Sprache schildert meinen Zustand in der Zeit, welche auf das Gericht
folgte, das mir jenen greulichen Auftrag gegeben hatte. Schuld und Unschuld
desjenigen, welchen ich richten sollte, wogte unaufhörlich in meiner Phantasie
auf und nieder, jetzt glühte ich von Rache gegen Erzbischof Konrads Mörder,
jetzt bebte ich vor Angst, mein Schwerd möchte bestimmt sein, einen Unschuldigen
zu fällen, nur eins blieb fest und gewiss in meiner Seele, der Entschluss, Otto
von Wittelsbach sollte des Anteils an diesen grauenvollen Dingen überhoben
bleiben; ich liebte ihn zu sehr, um hier nicht seine Hände rein erhalten zu
wünschen; lieber wollte ich allein tun, was ich tun musste, als ihn durch
Teilnehmung unglücklich machen; und tat ich hierin etwas sonderliches? Wir
opfern uns für das Glück, für die Ehre, für das Wohlsein unsers Freundes auf,
sollten wir nicht das nehmliche für sein Gewissen tun? Niemand hatte ich, mit
dem ich über diese Dinge sprechen konnte; diejenigen unter den Mitgliedern
unsers Bundes, welche ich genau genug kannte, um ihnen mein Herz zu öffnen,
waren des andern Tages nach dieser schrecklichen Nacht schon nicht mehr zu
Pamiers, der Herzog von ** hatte mein volles Misstrauen, und Rudger, der so wohl
als ich in jener Nacht gegenwärtig war, durfte Pflicht wegen seine Meinung über
Dinge, welche in den höhern Regionen unsers Reichs vorgingen, weder sagen, noch
von mir dazu aufgefordert werden. Profane aber zu Vertrauten zu machen, wär
Torheit und Eidbruch gewesen.
    Sutrino, der Freund, dessen ich schon mehr gedacht habe, war keiner der
Unsern, und also auch gegen ihn musste ich schweigen; aber sonderbar war es, dass
er, so oft wir zusammen kamen, mich mit Dingen unterhielt, welche ganz zu meinem
herrschenden Gedanken passten, und mich überall, wo ich noch wankte, fest zu
machen abzielten. Erzbischof Konrads Tod und Philipps Schuld waren unablässig
der Gegenstand seines Gesprächs, und kam ich von ihm, so konnte ich gewiss nie in
dem, was mir zu tun oblag, zweifelhaft sein.
    Mich trieb meine Pflicht zur schnellen Abreise aus Pamiers, Alverde tat das
nehmliche, wenn gleich aus andern Gründen. Sie redete mir unaufhörlich vom
kaiserlichen Hofe und den Prinzessinnen vor, und drang in mich, zu eilen; ach
sie wusste nicht, dass sie dem Hause ihrer Freundinnen in meiner Person das
Unglück zusandte. - Auch Pfalzgraf Otto schrieb, und drang in meine schnelle
Ueberkunft, damit ich ja von allen Seiten bestürmt würde.
    Die Trennung von dem Orte, wo Alix lebte, war mir schwer; ich strebte
darnach sie nur noch ein einigesmal zu sehen; man verbarg sie vor meinen Augen;
auf der andern Seite forderte der Herzog von **, ich sollte mich vor dem
Abschied aus Pamiers noch denen zeigen, welche meine Kerkermeister gewesen
wären, dem Bischof von Kastilien und seinen Räten, die mir gern den grausamsten
Tod gegönnt hätten; die Höflichkeit, sagte er, erforderte solches, man müsse
auch seinen Feinden zuweilen freundliche Mienen machen, und überdieses sei es ja
so erwiesen noch nicht, dass jene meuchelmörderischen Absichten, deren ich sie
anklagte, auf ihre Rechnung, nicht vielmehr auf die Rechnung ihrer Diener
gehörten. - Verdammte Politik, die eines Mannes, wie der Herzog von **, würdig
war!
    Ich beantwortete seine Anmutungen mit verächtlichem Stillschweigen, und
schied ohne Verzug aus Pamiers! - Gefangenschaft und Elend hatten mein Blut
genugsam abgekühlt, um mich die Notwendigkeit dieses Scheidens lebhaft fühlen
zu lassen, mein Verstand war jetzt nur selten abwesend, war die meiste Zeit über
hell genug, um die Armseligkeit der Hoffnungen einzusehen, mit welchen die
guterzige Alverde mir zu schmeicheln suchte, mein Kopf war frei, aber mein Herz
litt unbeschreiblich, wenn ich bedachte, in was für Absichten ich eigentlich den
kaiserlichen Hof suchte, an welchen mich meine Freunde zu Verbesserung meines
Glücks lockten. Sie machten tausend Plane im Stillen für mich, von welchen nicht
einer glücken konnte, da sie nur wenig von meiner wahren Lage wussten.
    Otto und Alverde, mich allmälig von Alix loszureissen, suchten Bande zwischen
mir und der Prinzessin Beatrix zu knüpfen, welche zwischen der Tochter und dem
bestimmten Mörder ihres Vaters ja gar nicht statt haben konnten.
    Als ich diese Dame sah, die schönste, welche ich je nach Alix erblickte, das
lebende Bild der Unschuld und des Frohsinns, als ich die holdselige Elise sah,
welche durch die sanfteste Herablassung mich ganz zu fesseln wusste, als ich die
edle Irene, die Mutter der unvergleichlichen, ganz nach ihr gebildeten
Schwestern, und den Kaiser sah, in all der Majestät und Milde, welche wahrhaftig
keinen Mörder und Giftmischer bezeichneten, da sank mein Herz, und ich
betrachtete mich mit Abscheu, dass ich Unglück in diese Familie bringen sollte.
Ich kämpfte innerlich die schrecklichsten Kämpfe, unstät wie der erste Mörder
irrte ich umher, und floh meine besten Freunde, floh selbst den Pfalzgrafen
Otto, der meinen geheimen Kummer sah, und mir überall, wo er mich festalten
konnte, zusetzte, mein Herz vor ihm auszuschütten, oder mich mit Trost
aufzurichten suchte, welcher kaum halb auf meinen Zustand passte.
    Ich sollte glauben, in dem Zustande, in welchem ich mich damals befand,
müsse auch mein Aeusserliches den widrigsten Eindruck gemacht haben; ich glaubte
ihn in manchen Augen zu lesen. Die Kaiserin schien ein innerliches vielleicht
ahndendes Beben vor mir zu fühlen, Elise zwang sich nur, um Wittelsbachs willen
mich liebenswürdig zu finden, Beatrix liebte mich zwar, aber sie fragte sich,
wie es schien, immer insgeheim, woher doch das Etwas komme, welches mit ihrer
Zuneigung eine Art von Furcht und Missfallen verbinde. -
    Mir war dies schreckliche Etwas wohl bekannt, das mich mir selbst zum
Abscheu machte, und das ich jetzt mehr als jemals abzuschütteln suchte. Ich
konnte, ich konnte den zu Pamiers erhaltenen Auftrag nicht ausführen, konnte
nicht der Verderber dieses Fürstenhauses und der Mörder dieses Kaisers werden,
an welchem ich so viel Vortreflichkeiten entdeckte. Um mich von meiner grausamen
Pflicht loszumachen, strebte ich nach Gründen, Philipp schuldlos und das
Gericht, wo er verdammt wurde, verdächtig zu finden; endlich kam es zwischen mir
und Rudger über diese Dinge zur Sprache. Seine Zweifel waren die meinigen, und
er schlug mir vor, er wolle eine Reise nach dem Herzog von Sachsen tun, um von
ihm Aufklärung jener Dunkelheiten zu holen, ein Einfall, der mir wie vom Himmel
zu kommen schien.
    Dem Herzog von Sachsen Botschaft zu tun, schien mir auch noch aus einem
Grunde nötig: Kalatin, zu welchem ich nach den letzten Vorgängen nun einmal
kein Herz mehr haben konnte, war, wie ich wusste, zu ihm abgereist, er konnte
vielleicht Böses wider mich im Sinne haben, welches Rudgers Gegenwart hindern
konnte. Kalatin war mir bei meiner Ankunft am kaiserlichen Hofe nur wie ein
Gespenst erschienen, um mich noch einmal um Alverdens Hand anzusprechen. Ich
schlug sie ihm ab, und er wandte mir den Rücken; bald darauf verschwand er gar,
ich erfuhr, er sei nach Sachsen gereist, und dieses denke ich, war genug, mir
Besorgnisse seiner Absichten wegen einzuflössen. Rudger sollte ihnen entgegen
arbeiten, sollte mir schnelle Aufklärung meiner Zweifel bringen; wahrhaftig
wichtige und notwendige Geschäfte, wenn nicht das noch notwendiger gewesen
wär, bei mir zu bleiben, und meinen schwankenden Schritten zum Leiter zu dienen.
    Ach der ehrliche Alte, unter dessen Augen ich aufgewachsen war, und der
durch geprüfte Treue das Recht erlangt hatte, ehe mein Freund als mein Diener zu
heissen; da er mich verlassen hatte, gesellten sich Verführer zu mir, die mich zu
Taten vorbereiteten, welche in halber Raserei begangen, mit endloser Reue
gebüsst, und umsonst durch die Vorstellung entschuldigt wurden, ich sei
verpflichtet gewesen, sie zu begehen, Kaiser Philipp sei ungeachtet seiner
schönen Aussenseite dennoch ein Mörder, und ihn habe in meinem Schwerd nichts als
die Hand gerechter Rache getroffen.
    In der Hoffnung, mich durch einen Ausspruch des Herzogs von Sachsen von
meinem grauenvollen Auftrag entledigt zu sehen, fing ich nun schon an, mich mit
noch weitern Aussichten zu belustigen. Der Gedanke, Alix werde nicht Königin von
Kastilien werden, kam mir nicht aus dem Sinn, Alverde hatte mir versprochen, zu
Pamiers für sie zu wachen, und mich bei dem geringsten Anschein, dass man die
Heiratstraktaten aufheben, und sie ihrem Bruder zurückschicken wollte,
herbeizurufen. Ich wollte denn ihr Begleiter nach Toulouse werden, wollte ihrem
Bruder meinen Arm gegen seine Feinde leihen, wollte siegen, und sie sollte der
Lohn meiner Tapferkeit werden.
    Mitten in diesen Projekten, die mir Frohsinn und Selbstzufriedenheit wieder
zu geben begunnten, erhielt ich Briefe von Sutrino aus Pamiers. Rechtfertigung
wegen der Beschuldigung, die ich ihm auf Rudgers Angabe gemacht hatte, er sei
eine Kreatur des Bischofs von Sutri, war ihr Inhalt. Um seine Unschuld hierin
scheinbar zu machen, warnte er mich selbst vor diesem Bischoffe, den ich hasste,
und der sich vergebens bemühte, sich in meine Vertraulichkeit einzuschleichen.
Er riet mir zugleich, auch Otten von Wittelsbach zu warnen, und streute eine
Menge Winke ein, dass man gesonnen sei, ihm seine Elise zu rauben; und dass es der
Kaiser so ehrlich mit ihm als mit irgend einem Menschen meine; mehrere Auskunft
über diese Dinge zu erlangen, verwies er mich an den Ueberbringer seines Briefs,
welcher von der nehmlichen Schlangenart wie er, sich künstlich in mein Herz zu
schlingen, und es mit all seinem Gifte zu erfüllen wusste; er erregte in mir die
schrecklichsten Ahndungen von den Absichten des Kaisers auf den kastilischen
Tron, von Erhebung seiner Tochter und Verdrängung einer andern, und verliess
mich nicht ehr, bis er sein Werk ganz getan zu haben meinte.
    Ich nahm mir vor, endlich einmal ausführlich mit Wittelsbach zu reden,
dessen Umgang, aus Furcht ihm meine schrecklichen Geheimnisse zu verraten, ich
bisher immer geflohen hatte. Ein Brief warnte ihn vorläufig vor Sutri und vor
dem Kaiser; bessere Erläuterung sollte nachkommen, aber sie erfolgte nicht.
Dringende Geschäfte riefen den Pfalzgrafen eilig nach Pohlen, und ich erhielt
von ihm nur schriftlichen Dank, und die Einladung, während seiner Abwesenheit in
seinem Pallaste zu wohnen, um daselbst in der Nähe für Elisen wachen zu können,
die er jetzt verlassen müsse.
    Welch ein Auftrag für den, welcher vom Schicksal bestimmt war, das Herz
dieser edeln Prinzessin auf das tiefste zu verwunden! - Ich nahm ihn an, weil
ich nicht anders konnte, und betrat Wittelsbachs Pallast, um in demselben den
fürchterlichsten Auftritten meines Lebens entgegen zu sehen.
    Ich stand am Tage meines Einzugs auf dem Balkon des Hauses, welcher das
Frontispitz des Gebäudes ausmachte, und die Aussicht auf den Pallast der
Prinzessinnen hatte. Ich sah einen Reisewagen von einem einigen Bedienten
begleitet ankommen, er öfnete sich, und eine Dame stieg heraus; ich fuhr voll
Erstaunen zurück; dies war die vollkommene Gestalt meiner Schwester. Meine Leute
wurden beordert; Erkundigung einzuziehen, und sie brachten Bestättigung zurück:
Die Dame nenne sich Alverde von Merode und komme aus Pamiers mit wichtigen
Nachrichten an den kaiserlichen Hof.
    An den Hof? sagte ich zu mir selbst, warum nicht zu ihrem Bruder? was sie zu
melden hat, sind doch wohl nichts anders als Nachrichten von Alix. - Gott, wenn
die Erreichung meiner Wünsche so nahe wär! wenn sie käme, mich aufzufordern, der
verflossenen Gräfinn von Toulouse meinen Arm zu reichen, und sie in ihr
Vaterland zurückzuführen! - Aber warum musste Alverde selbst kommen? Wie konnte
sie ihre Freundinn in einer Lage, welche auf alle Art bedenklich sein muss,
allein lassen? - Ach sollte hierin vielleicht noch mehr, als ich zu hoffen wage,
verborgen liegen? - O gewiss, gewiss! - Die Umstände sind dringender geworden, man
hat vielleicht böse Anschläge auf Alix gehabt, mich zu Hülfe zu rufen, war zu
weitläuftig, die beiden Freundinnen haben sich selbst helfen müssen, sie sind
geflohen, Alix hat Alverden voraus geschickt, ihr Zuflucht an Philipps Hofe zu
erbitten, und wird ihr diese gewährt, so ist dies ein neues Band, mich an den zu
fesseln, den ich verderben soll. Nein, Philipp! ich schwöre dir, giebst du
meiner Geliebten Schutz vor ihren Feinden, so soll mich nichts bewegen, dein
Leben anzutasten, und wärst du all der Untaten schuldig, deren man dich zeihet,
und gäb mir Herzog Bernhard selbst das Schwerd in die Hand, die Befehle der
Gerechtigkeit an dir zu vollziehen.
    Ich wartete diesen Tag, ich wartete den ganzen Abend vergebens auf Nachricht
von meiner Schwester, ich bewachte die Strasse, wo ich glaubte, dass Alix, meinen
Phantasien zufolge, herkommen müsse; niemand erschien, ich sah Alverden drüben
im Pallaste der Prinzessinnen weinend am Fenster stehen, ich sah auch Beatrix
und Elise weinen! Himmel, was mochte das zu bedeuten haben! Mein Blut ward zu
Eis, und ich hatte kaum so viel Kraft, Befehl zu geben, man möge der
neuangekommenen Dame Nachricht geben, ihr Bruder wohne im benachbarten Hause und
wünsche sie zu sprechen; die Antwort kam zurück: die fremde Dame befinde sich
sehr übel, und könne weder Bruder noch Freund sehen und sprechen. Himmel, welch
eine Antwort! entweder falsch ausgerichtet oder falsch verstanden, oder in einer
Verwirrung gegeben, welche sich bei Alverdens damahliger Gemütsfassung wohl
entschuldigen liess.
    Ich war ausser mir, Ahndung von, ich weis nicht, welchem Unglück durchströmte
mein Innres. Ich schleppte mich mit Mühe an das Fenster, weil ich Geräusch auf
der Gasse hörte, und die lächerliche Hoffnung auf Alix Zukunft noch immer meine
Phantasie beschäftigte. Ich sah einen prächtigen Zug die Strasse herauf nach dem
kaiserlichen Pallaste kommen. Ich erkannte in den beiden Hauptfiguren des
beweglichen Gemäldes, den Bischoff von Kastilien und den Grafen von Kastelmoro.
    Was ist das? rief ich, indem mir kalter Angstschweiss über die Stirne lief. -
Es sind die kastilischen Gesandten, erwiederte einer meiner Leute, der hinter
mir stand, man hat sie diesen ganzen Tag erwartet, aber sie haben sich auf einem
benachbarten Lustschloss verweilt, um sich zur Audienz zu schicken, zu welcher
sie, weil man sich angenehme Werbung von ihnen versieht, augenblicklich geführt
werden.
    Eine Frage schwebte auf meinen Lippen, welche mir hier wohl schwerlich hätte
beantwortet werden können; sie wurde gehemmt und alle weitere Betrachtungen über
das, was ich sah und hörte, wurden gestört, denn man trat ein, mir die Ankunft
eines reitenden Boten zu melden, welcher mich selbst zu sprechen verlange. Der
Zusatz, er komme mit der Gesandschaft aus Pamiers von Sutrino, verschafte ihm
augenblicklichen Zutritt. Ich riss ihm den Brief aus der Hand, ich öfnete, ich
las, und wenn der, für welchen ich schreibe, ihn ebenfalls gelesen haben wird,
so wird der grosse Zwischenraum, den ich zwischen diesem schrecklichen Schreiben
und der Fortsetzung meiner Geschichte machen muss, von ihm sehr leicht ausgefüllt
werden können.
                           Sutrino an Alf von Dülmen.
Alix ist tod, und der Vater der künftigen Königin von Kastilien, der Prinzessin
Elise, ist ihr Mörder. O des heillosen Vergifters jenes Heiligen und dieses
Engels! Alf von Dülmen, wo schläft die Rache? könnt ihr euch von dem, der euch
den Freund entriss, so kaltblütig auch die Geliebte aus den Armen reissen lassen?
- Mir erstarrt die Hand an der Feder, möge die Eurige nicht am Schwerdt
erstarren! - Umständlichere Erzehlung der grauenvollsten Dinge erhaltet ihr von
dem Ueberbringer. Hütet euch vor allen euren sogenannten Freunden, hütet euch
selbst vor eurer Schwester Alverde, die an dem Schicksal der unglücklichen Alix
nicht ausser Schuld ist; vertrauet in diesen Dingen nur der Aussage des Mannes,
den ich euch sende, und der euch all die schrecklichen Geheimnisse aufklären
wird.
Und ich erhielt sie diese Aufklärung um mich in volle Verzweiflung zu stürzen,
erlasset mir ihre Wiederholung, damit nicht mein Verstand zum zweitenmahl
scheitere. Alix war gestorben, an Gift gestorben; nach dem Bericht, welchen ich
erhielt, liess sich die Hand nicht verkennen, welche sie aus dem Wege räumte, um
Elisen auf dem ihr bestimmten Trone Platz zu machen. Die kastilische
Gesandschaft bestättigte Philipps Schuld, und von diesem Augenblicke an war er
in meinen Augen ein dem Tode geweihter Verbrecher, ich glaubte ihn vor mir zu
sehen, und langte nach meinem Schwerdt, das Blut der unglücklichen Alix zu
rächen, meine Hand sank zurück, und ich fiel in gänzliche Bewustlosigkeit.
    Was von diesem Augenblick an bis auf den fürchterlichsten Zeitpunkt meines
Lebens mit mir vorgegangen ist, schwebet mir nur wie Traum vor den Augen.
Schmerzen, Hitze, tödliche Entkräftung besinne ich mich gefühlt zu haben! -
Alverdens Namen hörte ich verschiedenemahl nennen, und er war allemahl ein
Zauber, mich auf einige Augenblicke zur Besonnenheit zu bringen.
    Was will sie bei mir? schrie ich mit knirschenden Zähnen.
    Gnädiger Herr, euch sehen, euch in eurer Krankheit pflegen, ungeachtet sie
selbst krank ist.
    Hinweg mit der Mörderinn! schrie ich; durch Bosheit oder wenigstens
Vernachlässigung lieferte sie Alix in Philipps Hände.
    Fürchterliche Rasereien folgten hierauf, meine Reden wider den Kaiser waren
so, dass man sich scheute sie einem Fremden hören zu lassen, daher ward mein
Zimmer vor jedermann verschlossen. Meine natürliche Stärke, welche durch die
Krankheit verdoppelt ward, nötigte meine Leute mich zu binden, weil ich auf
keine andere Art zu bändigen war, und ich mit der grössten Schlauhigkeit Gewehr
oder andere Werkzeuge zum Schaden an mich zu bringen wusste, die mir denn schwer
zu entreissen waren.
    Man versuchte tausend Mittel mich zu besänftigen. In meinen sanftern
Stunden, pflegte ich oft Herzog Bernhards Namen zu nennen, und über Otto und
Rudgers langes Ausbleiben wie ein Kind zu weinen; man sagte mir, der letzte
werde nur noch wenige Meilen von der Stadt von den Folgen eines Sturzes vom
Pferde, bettlägrig gehalten, und den Pfalzgrafen erwarte man in wenig Tagen von
seiner Reise aus Pohlen zurück, Umstände, aus welchen sich die Dauer meiner
Krankheit erraten lässt.
    Von Herzog Bernhard gab man mir einen Brief; er machte die Idee von Sutrinos
Briefe wieder in mir rege, und statt ihn zu lesen, zerpflückte ich ihn in kleine
Stücken.
    Raserei und Wehmut wechselten lang bei mir ab; bis endlich die letzte die
Oberhand behielt und man mich gelinder behandeln konnte, man band und bewachte
mich nicht mehr so scharf, nur die Mittel, mein Zimmer zu verlassen, benahm man
mir, indem man mir Kleider und Rüstung aus dem Wege räumte. Alverde liess sich
wieder bei mir melden, aber mein Widerwille vor ihr blieb entschieden, ich liess
ihr sagen, ich wolle sie nicht sehen, und legte damit einen Beweis ab, wie viel
noch an der völligen Wiederherstellung meines Verstandes fehlte. Sie sandte mir
einen Brief, mit Bitte ihn, da er offen war, zu lesen, und denn zu bestellen;
ich warf ihn verächtlich auf die Seite. Ich erhielt einen anderen von Kalatin,
und er würde um des Schreibens willen, ein noch schlimmeres Schicksal gehabt
haben, wenn ich ihn nicht verloren hätte. So veranlasste mich meine unglückliche
Gemütsfassung alles hinweg zu werfen, was mich hätte retten können, und blind
in mein Unglück zu rennen.
    O dass ich mich mit meinem halben Wahnsinn schützen, o dass ich behaupten
könnte, ich habe völlig als ein Trunkener gehandelt, als ich die Tat beging,
die ich, ich zögre auch noch so lang, doch endlich bekennen muss; aber hinweg mit
der Schminke eine Tat zu beschönigen, die doch allemahl ihren greulichen Namen,
Kaisermord, behalten wird, da ich mich jedes Umstandes bei derselben zu deutlich
erinnere, um mich hinter Bewusstlosigkeit verbergen zu dürfen.
    Mein Gesundheitszustand war leidlich, meine Hüter fingen an nachlässig zu
werden, und meiner Besserung zu viel zu trauen. Sutrinos Brief war mir wieder in
die Hände gefallen, und hatte meine Wut gegen Philipp erneuert, ich zwang sie
ein, um mir Freiheit zu handeln zu erhalten. Nach einer von Alix Blut und Rache
durchträumten Nacht, erhub ich mich um aufzustehen, ich sah mich noch schlechter
als bisher bewacht, und wünschte mir Glück die Stunde gekommen zu sehen, die ich
schon lang erwartet hatte. Ich fühlte die Unschicklichkeit und Gefahr im
Nachtrock auszugehen, und suchte nach meinen Waffen und Kleidern; sie waren
verschlossen.
    Der Weg zu Wittelsbachs Rüstkammer war mir nicht unbekannt. Ich sah in den
Hof hinab, der zu dem Teil des Pallasts führte, wohin ich wollte. - Der Hof war
leer. Ich eilte ungesehen hinüber, warf mein Nachtgewand unterwegens ab, flog in
die Waffenhalle, welche offen stand, schlüpfte in die erste beste Rüstung, die
mir in die Hand fiel, behelmte mich und schloss das Visier, nahm Wittelsbachs
Kriegsschwerdt und seinen Schild, und eilte auf die Strasse hinaus, gerüstet wie
zur Schlacht, um einen einzelnen Mann zu erwürgen.
    Ohne Anstoss erreichte ich den kaiserlichen Pallast; man liess mich ein,
worüber ich mich wunderte, weil mirs war, als müsste jedermann mir meinen
Mordanschlag ansehen, und ich nicht soviel Besonnenheit hatte zu denken, dass in
Wittelsbachs Waffen mich bei der Gleichheit unserer Statur, die niemand anders
hier mit uns gemein hatte, mich jedermann für Wittelsbach halten müste, für
Wittelsbach, dessen Ankunft, wie ich hernachmahls erfuhr, man heute erwartete,
und der als des Kaisers Schwiegersohn nicht allein immer den freisten Zutritt
hatte, sondern heute noch besonders zu einer geheimen Audienz berufen worden
war.
    Von allen diesen Dingen wusste ich nichts, ich konnte weder Ursach noch
Folgen dessen, was ich vor mir hatte, beherzigen, sondern lebte und webte nur in
dem Gedanken, die Rache zu vollführen, welche schon so lange in meinem Innersten
kochte, und zu welcher ich mich, wenn mir die Aufträge zu Pamiers in mein
zerrüttetes Gehirn kamen, noch oben drein verpflichtet glaubte.
    Als ich auf die grosse Stiege kam, begegnete mir der Bischof von Kastilien,
welcher eben beim Kaiser zur Audienz gewesen war; ich trat auf die Seite ihn
vorüber zu lassen, mein Schwerdt zuckte in der Scheide, auch an ihm den Tod der
Gräfin von Toulouse zu rächen, aber der Gedanke, ich möchte über das kleinere
Opfer meiner Rache, das grössere verfehlen, rettete sein Leben, ich blieb stehen
und sah ihm nach. Unten an der Treppe begegnete ihm die Prinzessin Elise, welche
auch nach Hofe berufen und eben aus ihrem Wagen gestiegen war; er demütigte
sich sehr vor ihr, und bat sie, mit ihm in eine untere Halle zu treten, weil er
Dinge von Wichtigkeit mit ihr zu bereden habe. Ha, sagte ich knirschend zu mir
selbst, die künftige Königin von Kastilien; welcher die arme Alix zum Opfer
geschlachtet wurde! des Wittelsbachers treulose Braut! der heillose Mönch will
sie vermutlich von ihren Schwüren absolvieren, die sie an meinem Freunde brach,
und die ihr gottloser Vater sie brechen lehrte. O Otto, Otto! auch zu deiner
Rache soll Philipps Blut fliessen! Hier hätte es keinen Auftrags der heimlichen
Richter bedurft, ein jeder adlicher Mann ist schon von selbst befugt, solche
Gräuel mit dem Schwerdt zu rächen.
    In solchen Gedanken, welche zu ziemlich laut gemurmelten Worten wurden,
legte ich den Weg nach des Kaisers Gemach vollends zurück. Wie ein Rasender
stürmte ich in das Vorzimmer hinein, ich war ganz verblendet; ein der Tür gegen
über stehendes Bild des Kaisers hielt ich für ihn selbst, und riss das Schwerdt
aus der Scheide es zu durchbohren; Ein gegenüber stehender Spiegel warf Philipps
Aehnlichkeit täuschend zurück, und liess mich den zweiten Stoss eben so vergeblich
anbringen, so taumelte ich mit entblösstem Stahl von einem zu den andern, bis
jetzt die innere Kabinetstüre aufging, und mir den wahren Gegenstand meiner
Wut zeigte, ich stürmte hinein und versetzte dem Kaiser, der mir entgegen trat
und einige Worte zu mir sagte, die ich nicht verstand, einen Streich, der ihn
augenblicklich zu Boden stürzte. Erst jetzt merkte ich aus dem Geschrei
verschiedener Personen, dass ich das Opfer meiner Rache nicht allein gefunden
hatte, und dass es ein halbes Wunder war, dass mir mein Streich so wohl gelang.
    Noch war ich verblendet genug über meine Tat zu jauchzen; der Anblick des
Gefällten pflegt sonst oft den Mörder zu entwafnen, mir flösste er Durst nach
mehrern Blut in die Seele. Ich flog aus dem Zimmer, wo die Bestürzung und das
Bestreben den Kaiser zu retten keinen Gedanken aufkommen liess mich fest zu
halten, ich eilte die Stiegen hinunter, um wo möglich den Bischoff von Kastilien
noch zu finden und ihn dem Schatten der unglücklichen Alix ebenfalls zum Opfer
zu schlachten, aber ich sah seinen Wagen eben abfahren, und die Prinzessin Elise,
von dem Gespräch mit ihm, die Treppe herauf kommen.
    Ihr Anblick verursachte mir eine sonderbare Empfindung, sie ging so ruhig in
der Unschuld und Majestät eines Engels daher, was sollte ich von ihr halten? und
welchen Schrecknissen ging sie entgegen! Schon machte der wachsende Lerm in den
obern Zimmern und die hin und hereilenden Bedienten sie stutzen, sie eilte
vorwärts, ich strich unbemerkt bei ihr vorbei, auf die Strasse. Auch diesmahl
liess mich die äussere Wache ruhig passiren, ich hatte in des Wittelsbachers
Waffen, ohne es zu wissen, einen guten Freibrief, der auch wohl die volle
Geberde eines fliehenden Mörders, die ich hatte, unverdächtig machen konnte.
    Nach Elisens Anblick wars, als wenn sich ganz andere Empfindungen meiner
Seele bemächtigten; nur Empfindungen, keine Gedanken, keine lebhaften
Vorstellungen; der schreckliche Zustand in welchem ich war, machte mich
derselben ganz unfähig. Ich war wie im ersten Erwachen aus einem Rausche. Ich
wusste damahls weder ganz genau was ich getan hatte, noch was ich tun wollte,
ein unnennbares Gefühl belastete meine Seele; fliehen, fliehen war mein einiges
Bestreben, nicht vor einer Gefahr, von welcher ich keine Vorstellung hatte,
sondern vor einem Etwas das in mir war, das ich mir selbst nicht bestimmen
konnte.
    So flohe ich denn über die Strassen, durch die Tore, ins Freie, über Feld
und Wiese, und rastete nicht ehe, bis mir der Atem gebrach und ich auf einem
Stein ohne Bewusstsein niederfiel. Es war fast Nacht als ich mich wieder erholte,
das Rütteln eines Mannes, den ich in der Dämmerung nicht erkennen konnte,
erweckte mich endlich. Ach Gott! schrie eine bekannte Stimme, ist denn alles
vergebens? Lieber, lieber Herr! war es so, dass ich euch wiederfinden sollte?
    Rudger! rief ich, indem ich mich aufrichtete, mit einer Art von
Freudengefühl, Rudger, bist du es? Ach warum bist du nicht ehe gekommen?
    Gnädiger Herr, meine Krankheit! Aber Gott! was ist euch begegnet?
    Mir? nichts! zwar lass mich doch nachdenken! - Mir träumete gestern, ich habe
Kayser Philippen erschlagen und musste nun fliehen.
    Gottlob, dass dieser schreckliche Traum nicht Wahrheit ist! O mein Herr wie
gut! dass ihr mich zum Herzoge von Sachsen schicktet! ihr habt ihn doch erhalten,
seinen Brief?
    Warum? was entielt er? ich habe ihn nicht gelesen! Ich war sehr krank,
Rudger, und in der Krankheit, glaube ich, habe ich ihn zerrissen.
    Armer Herr! krank seid ihr wohl noch! Gott sei dank, dass ich hier bin Euer
zu pflegen. Beruhigt Euch nun, alles wird gut werden, was Euch kränkt. Der
Herzog von Sachsen entebt Euch jeder schrecklichen Verbindlichkeit; das konnte
ich wohl denken, dass es mit jenem Gericht zu Pamiers seine eigenen Bewandnisse
gehabt haben würde; schwer wird der Herzog von ** seine Bosheit oder seine
Unvorsichtigkeit büssen müssen!
    Ach Rudger, rief ich, indem ich seine Rede unterbrach, welche ich weder
verstand noch beachtet hatte. Alles möchte gut sein, wenn nur Alix lebte, und
Philipp nicht ihr Mörder gewesen wär!
    Alix tod? Der Kayser ihr Mörder? Das ist unmöglich!
    Sehr möglich, sage ich dir! auch ist die Tat schon gerochen; siehst du
Philippen? siehst du ihn bluten? - Nein, nein! es war kein Traum, ich habe den
Mörder Konrads und der Nonnen Alix wirklich erschlagen!
    Rudger mochte in diesen Worten, so wenig ich auch übrigens bei mir selbst zu
sein schien, Wahrheit ahnden, denn er fuhr voll Entsetzen auf, und sprach das
Wort: Kaysermord? mit einem Tone aus, der mein Innerstes zerriss. Ich tat einen
lauten Schrei und fiel in Ohnmacht.
    Ich kann meinen damahligen Zustand mit nichts besser vergleichen, als mit
dem Zustand eines Mannes, welcher von Feuer zu träumen glaubt, indessen würklich
die Flammen nahe bei seinem Lager wüten, er ermuntert sich von Augenblick zu
Augenblick ein wenig, aber der Schlaf behauptet seine Rechte, er sinkt zurück
und träumt den vermeinten Traum fort, bis ein heftiger Schlag ihn auf einmal
ganz erweckt, damit der Anblick der würklichen Gefahr, der er nun nicht mehr
entfliehen kann, ihn ganz zu Boden stürze.
    Das Wort, Kaysermord, aus Rudgers Munde, war der gewaltsame Schlag, der mich
traf, ich sah auf einen Augenblick hell, um nun Wochenlang nichts mehr zu sehen,
und ganz wieder in den Zustand zurück zu sinken, in welchem ich die lezte Zeit
nach der Nachricht von dem Tode meines Geliebten zugebracht hatte.
    Rudgers Gegenwart war meine einige Rettung; er schleppte mich mit Hülfe
eines vorübergehenden Bauern in seine Herberge, und brachte mich auf ein Bette,
von welchem ich lang nicht wieder aufstehen sollte. Meine Krankheit war
diesesmahl nicht mit den vormahligen Paroxismen von Wut verbunden, hierzu waren
die Kräfte meiner Natur zu erschöpft, ich lag fast die meiste Zeit ohne alle
Besinnung, und nur Rudgers treue Liebe konnte ihn mit Hoffnung zu meiner
Wiederherstellung begeistern.
    Ja wohl Rudgers traute Liebe! Liebe gegen einen Menschen, den er im Grunde
verabscheuen musste! Was hatte ich getan! Wo war die Entschuldigung meiner Tat!
Das kleinste Nachdenken über dieselbe musste mich in Verzweiflung stürzen, und
eben darum suchte es Rudger zu verteidigen. Er sprach nie mit mir über diese
Dinge. Die Umstände von des Kaysers Ermordung hatte er indessen durch das
Gerücht erfahren, er hatte also nicht nötig, hievon noch etwas bei mir zu
erfragen; einen Punkt, der seinem redlichen Herzen den peinlichsten Kummer
machte, den, dass man den unschuldigen Otto von Wittelsbach für den Täter hielt,
weil man seine Gestalt für die meinige genommen hatte, verschwieg er mir;
vornehmlich er konnte urteilen, was diese Entdeckung, auf welche ich, so
natürlich sie war, nicht von selbst fiel, für einen Eindruck auf meine ohnehin
zerrüttete Seele machen müsse.
    Ottos Unschuld wäre von meiner Seite nicht anders zu retten gewesen, als
wenn ich mich selbst als den Schuldigen bekannt hätte, ich würde es
unausbleiblich getan haben, und dieses wollte Rudger verhüten; nicht gestraft,
nein gerettet wollte er mich sehen. Das erste Mittel hiezu war Flucht, aber wie
sollte er dieselbe bei mir in Vorschlag bringen? schon dieses Wort würde mein
Gewissen geweckt haben, das er, weil er sein fürchterliches Erwachen besorgte,
gern noch im Schlummer erhalten wollte. Sobald meine Gesundheit Entfernung von
dem Orte, wo ich bisher gelebt hatte, erlaubte, schlug er eine Reise nach meinen
Landen vor, wo man meine Abwesenheit, meine zu diesem Endzweck künstlich genug
veranstaltete Abwesenheit wohl genutzt und alles unter und übergekehrt hatte.
Meine meisten Besitzungen waren wieder in den Händen des Bischofs von Bremen und
Münster; und wenige meiner Untertanen hielten noch treulich an ihrem Herren,
und ihre Hülfe war es allein, auf welche Rudger die Wiedererlangung meines
Eigentums baute. Um mein Nachdenken ganz auf eine andre Seite zu lenken, sprach
er mir unablässig von diesen Dingen, und es gelang ihm, dass er meine ohnedem
schwache Seele dahin brachte, die lezten Vorgänge gleichsam zu vergessen, und
nur bei den Epochen früherer Zeiten zu verweilen.
    Der Gedanke an das Land, wo ich meine erste unschuldsvolle Jugendzeit
verlebt hatte, da ich noch weder Liebe, Ehrsucht, noch falsche Freundschaft
kannte, da Alix, Philipp und Kalatin, und alle Personen mir noch unbekannt
waren, mit welchen mich mein Schicksal in der Folge in so unselige Verbindungen
sezte, die Rückerinnerung damahliger ungetrübter nun auf ewig entflohnen Freuden
brachte mir natürlich auch Evert von Remen wieder in den Sinn. Ich fragte nach
ihm, als nach einem lang vermissten Freunde, die Verleumdungen Kalatins, die
ehemals mein Herz von ihm losrissen, waren gänzlich vergessen, und das, was mir
Rudger von der Treue und Tapferkeit sagte, mit welcher er sich meinen Feinden in
meiner Abwesenheit entgegengesetzt hatte, stärkte meine wiederaufkeimende
Freundschaft und meine Sehnsucht nach ihm. Ich freute mich, ihn in jenen
Gegenden wieder zu sehen, und Rudger widersprach mir nicht, weil ihm wirklich
Everts lang ausgeführter Entschluss nach dem heiligen Lande zu gehen, so
unbekannt war als mir; auch ich hätte denselben wissen und vorbeugen können!
Evert hatte mir ihn in einem längst vergessenen Briefe mitgeteilt, der so, wie
viele andre, ungelesen geblieben war. Der Taumel mannichfaltiger Leidenschaften,
in welchem ich die lezt verstrichenen Jahre über gelebt hatte, die mancherlei
Vorurteile, von denen ich mich beherrschen liess, und meine eben so
mannichfaltigen Schicksale, hatten ja gemacht, dass ich mich immer bloss mit mir
selbst, und dem, was gerade vor mir lag, beschäftigte, und alles auf die Seite
warf, was mir von einer andern Gegend zukam.
    Rudger, der meine Fragen um Evert von Remen nicht befriedigend genug
beantworten konnte, versprach mir, wenn ich fortführe, ihm durch meine gute
Fassung Freude zu machen, mir ein kleines Kästgen mit Briefen zur Unterhaltung
zu geben, welche ich ehedem, so wie ich sie erhielt, gelesen oder ungelesen
zusammen warf, und die er, nebst andern Habseligkeiten von mir, aus der
kayserlichen Residenz hatte herüberbringen lassen. Einige Briefe von
Wittelsbach, von Evert von Remen, und andre dem treuen Rudger unverdächtigen
Personen, machten die obersten Lage dieser Schriften aus, und er glaubte, nicht
allein mir sie ohne Gefahr übergeben zu können, sondern auch grossen Vorteil zu
mehrerer Beruhigung für mich daraus zu ziehen.
    Ach wie sehr irrte er sich! Unter einem grossen Gewühl gleichgültiger,
wirklich ehr zerstreuender als beunruhigender Blätter fand ich auch manches, das
alles was Rudger so mühsam herangearbeitet hatte, schnell zu zerstören drohte.
Etliche alte nur halb gelesene Schreiben von Evert und Wittelsbach machten mich
schon wieder aufmerksam auf Dinge, in deren Vergessenheit jezt meine einzige
Rettung bestand. Die Fragmente jenes Briefes vom Herzog von Sachsen, den ich in
meiner Krankheit zerriss, und die hier, Gott weis durch welchen Zufall sich
gleichfalls fanden, brachten mir die Tat, welche mich auf Lebenszeit
unglücklich machte, und vor welcher er mich so treulich warnte, lebendig vor
Augen, und einige Zettel von Alverden und Kalatin vollendeten das Ganze. Es
waren die zulezt erhaltenen, deren ich aber gedacht habe, und ich rücke sie hier
ein, weil sie kurz genug sind, um mir in den Gedanken geblieben zu sein, und
weil man aus ihnen am besten sehen kann, welches meine Gefühle nach ihrer
Vorlesung sein mussten.
                            Alverde an ihren Bruder.
»Was habe ich dir getan, Adolf! dass du mich von deiner Schwelle zurückstössest;
ach der Verlust der unglücklichen Alix zerrüttet deine Seele, sonst könntest du
so nicht handeln! Könnte ich doch dein Gemüt von den gewaltsamen Empfindungen
zu sanfter Wehmut herabstimmen, vielleicht möchte dir denn doch geholfen
werden. Möchtest du doch Alix beweinen lernen, anstatt dass du durch Rasereien,
davon wir täglich hören, dich und sie beschimpfest! Nimm hier diesen Brief, von
ihrer Hand geschrieben die mir so oft die Wohltat tröstender Tränen gewährte,
vielleicht hat er auf dich die nehmliche Wirkung. Behalte ihn, er ist an ihren
Bruder, den Grafen von Toulouse; sie empfiehlt mir ihre Bestellung am Tage vor
ihrem Tode; vielleicht, dass du hierzu ehe Gelegenheit haben möchtest, als die
unglückliche selbst dem Grabe nahe Alverde.«
Ein Brief von Alix Hand! o Ademar, welche Erschütterung! Ja, Alverde hatte
recht, er schmelzte mein Herz zu Tränen, er lehrte mich ihre Todesart in
mancher Betrachtung wichtiger beurteilen, aber heilender Balsam war er mir
darum nicht. Alverde schien die Freundinn der armen Alix bis in den Tod gewesen
zu sein; Kayser Philipps Anteil an den Schreckensscenen zu Pamiers ward mir
zweifelhaft, aber konnte dies mich trösten, da das, was ich getan hatte, nun
nicht ungeschehen gemacht werden konnte?
    Kalatins Brief vermehrte diese gefährlichen Eindrücke; so lautete er:
                         Kalatin an Graf Adolf von ***
»Ihr seid mein Feind, Graf Adolf; die Hartnäckigkeit, mit welcher ihr mir noch
zuletzt die Hand Eurer Schwester abschlugt, beweisst es mir. Wie ich gegen Euch
gesinnt bin, das gehört nicht hieher, nur einen Freundesdienst muss ich Euch
beweisen, wozu mich doch wahrlich weniger die Neigung für Euch, als Sorge um die
Ehre unsers heiligen Bruders anreizt. Höret und merket wohl auf: Setzet ein
Mistrauen in die gerichtlichen Handlungen von Pamiers, hütet euch blutige
Auftritte zu vollführen, die ihr da erhalten haben mögt, und wartet auf Herzog
Bernhards Entscheidung, welche bald erfolgen muss!
                                                                       Kalatin.«
O warum musste ich diesen Brief, als ich ihn erhielt, unachtsam und voll Groll
auf den Schreiber, bei Seit werfen, und ich bekam ihn den Tag vorher, ehe ich
meine Hand mit Philipps Blut befleckte, damals wäre es noch Zeit gewesen, der
Tat vorzubeugen; doch würde ich mich auch haben weisen lassen? fiel Philipp
darum durch meine Hand, weil mir der Herzog von ** zu Pamiers das Schwerdt wider
ihn gegeben hatte, oder nicht vielmehr, weil ich ihn für Alix Mörder hielt? war
es die Rache der Gerechtigkeit oder eigene Rache, was ich hier verübte?
    Meine Gedanken verwirrten sich über diese Betrachtungen, ich wusste nicht
mehr, was ich denken oder tun sollte, wusste nicht, ob Philipp schuldig oder
unschuldig gefallen war, nur dieses wusste ich, dass ich ein Elender war, der kein
dringenders Geschäft hatte, als den Tod zu suchen. Der Gedanke, nach meinem
Lande zu reisen, verschwand ganz, ich wusste aus einem gefundenen Briefe von
Evert von Remen, dass ich ihn, den einigen, der mir diese Gegenden hätte lieb
machen können, dort nicht mehr finden würde. Gram um mich und Alverden hatte ihn
nach Palästina getrieben, wo er vielleicht längst seinen Tod gefunden haben
konnte.
    Ich fasste den Entschluss, Rudgers Hut heimlich zu entwischen, und meinem
Schicksal auf einem Wege, den ich selbst noch nicht wusste, entgegen zu gehen.
Meine Flucht gelang, und auf dem wilden regellosen Wege, den mich die
Verzweiflung führte, fand ich bald Veranlassung zu dem, was mir zu tun oblag.
Ueberall kam mir das Gerücht entgegen: Pfalzgraf Otto habe Kayser Philippen
ermordet und werde nun als ein Durchächteter überall verfolgt; hier erfuhr ich
zuerst den ganzen Umfang, die vollen schrecklichen Folgen meiner Tat. Ich hatte
nicht auf meine Rechnung, hatte auf die Rechnung eines andern gesündigt, der nun
für mein Verbrechen büssen sollte. Hier scheiterte mein oftmahls schon dicht an
die Ausführung gränzender Entschluss, mein Leben durch eigene Hand zu enden.
Nein, schrie ich, ich darf nicht ehe sterben, bis Otto gerettet und
gerechtfertigt ist! schon zu viel Schuld haftet auf meiner Seele, ich darf sie
nicht durch das Blut eines Freundes vermehren, der um meinetwillen leidet! Hin
will ich, vor jenes grosse Gericht, und überlaut rufen: Otto von Wittelsbach ist
unschuldig und ich bin der Mörder, hier bin ich, strafet mich, dass er gerettet
werde!
    Der Stuhl der heimlichen Gerechtigkeit ist für den Wissenden bald zu finden,
denn er ist überall; auch war mir die Zeit günstig, dass ich nicht lang auf das
warten durfte, wonach meine Seele schmachtete: Rechtfertigung für meinen Freund,
und Urteil des Todes für mich.
    Der Tag erschien, dessen Nacht mich in die geweihte Versammlung führen
sollte; langsam und traurig trat ich in den grossen Kreis, wo ich so oft auf
meiner erhabenen Stelle, wie ein König getront hatte. Rings um wich die Menge
vor mir. Das ist Graf Adolf! flüsterte man sich zu, den wir so lange nicht
sahen; Platz für ihn! er wird unserm Oberhaupte willkommen sein.
    Herzog Bernhard war selbst gegenwärtig, wir konnten, weil die Handlung
begann, wenig Worte wechseln, und ich nahm, weil einige der Richter fehlten, die
über mir sassen, meinen Platz ihm zunächst. Ein schöner Rang für den Verbrecher,
den die Gerechtigkeit, so bald er sich ihr kenntlich machte, in die unterste
Tiefe hinabstürzen musste!!
    Halb ausser mir hörte ich nichts von alle dem, was diese Nacht vorgebracht
wurde, und spielte ganz die Rolle eines Abwesenden; noch wusste ich nicht, wie
ich das Geständnis meines Verbrechens, das ich mir vorgenommen hatte, einleiten
sollte. Der grösste Verbrecher, der gerechteste Selbstasser bleibt ein Mensch,
und bebt vor dem Urteil, wenn er sich demselben nahe glaubt, zurück. Ich kannte
die Rechte unserer Gerechtigkeit zu gut, um bei dem Gedanken, mich in ihre Hände
zu liefern, nicht ein heimliches Grauen zu fühlen. Doch das Schicksal wollte
meiner Schwäche und Unentschlossenheit zu Hülfe kommen.
    Am Ende der Sitzung warf sich eine Jungfrau vor den Stufen des Trons
nieder, und stammelte das15 Geschrei um Rache, wie man es sie gelehrt hatte.
    Und welche blutige Tat, fragte der Oberrichter, ists, über die ihr Rache
fordert?
    Kayser Philipps Ermordung!
    Seid ihr eine seiner Töchter?
    Nein, aber ich rede in ihrem Namen und auf ihren Befehl!
    Ueber wen klagt ihr?
    Ueber keinen! aber ich fordre das Auge des Richters auf, den Täter zu
finden!
    Er ist gefunden! Es ist Pfalzgraf Otto von Wittelsbach!
    Nein, er ists nicht! schrie ich mit schrecklicher Stimme, indem ich
aufsprang, und die Hand zum Zeichen des Widerspruchs in die Höhe hob.
    Nein, er ists nicht! schrie die Jungfrau, sehet und höret hier meine
Beweise.
    Pfalzgraf Otto ward entschuldigt, so bündig entschuldigt, als es bei der
Gerechtigkeit seiner Sache unausbleiblich war, und man hiess die Klägerin sich
erheben und gegen alle vier Winde Rache gegen den unbekannten Mörder rufen! sie
schlug den Schleier zurück, und tat mit zitternder Stimme, wie man ihr gebot.
    Ihr Gesicht, ihre Sprache machte sie mir auf einmal kenntlich, und mein
ganzes Wesen durchlebte ein unwillkührlicher Schauer. Alverde! rief ich, indem
ich von meinem Stuhl herabstieg, Alverde, meine Schwester! Du schreist Rache
über deinen Bruder? Ich, ich bin Kayser Philipps Mörder! Hier bin ich, tödtet
mich! Pfalzgraf Otto ist unschuldig!
    Alverde wurde ohnmächtig und ward hinweggeschaft, man nahm meine Worte auf;
das Gericht ergieng über mich; ich ward verurteilt.
    Da erhub sich ein Mann aus der untern Klasse, mich zu verteidigen, es war
Rudger, der mich, den Verlornen, mit Erstaunen hier wiederfand. Seine Worte
konnten kein Gewicht haben, denn die mächtige Wahrheit und mein eignes Zeugnis
waren wider mich. Man hiess ihn schweigen, und in heimlichen Banden, als ein
Gefangner, bleiben, bis der Kaysermörder seinen Lohn empfangen hätte; darauf
brach man den Stab über mich, und stiess mich hinaus, ruhlos in der Welt
umherzustreichen, bis mich der Bluträcher finde und mich tödte.
    Ich eilte davon, damit man Raum hätte, das Loos über diejenigen zu werfen,
welchen man das Rachschwerdt wider mich vertrauen wollte. Ach ich dachte nicht,
dass es auf denjenigen fallen würde, den ich seit einiger Zeit für einen nur
verkannten Freund zu halten begunnte, auf Kalatin, der durch seine Warnung vor
der greulichen Tat, die mich jetzt ins Verderben stürzte, wieder viel in meiner
Achtung gewonnen hatte.
    Meinen Zustand zu beschreiben, ist unmöglich! niemand als ein selbst
Durchächteter weiss, was es heisst, von der ganzen menschlichen Gesellschaft, als
ein verdorbenes Glied, abgeschnitten zu sein, und den heimlichen Rächer immer im
Nacken zu haben. Selbst den Lebensmüden, wie ich es war, ist diese Verfassung
schrecklich, ist ihm ärger als der Tod.
    Eins beruhigte mich; vor meinem Tode, den ich in jeder Stunde erwarten
konnte, noch eine Handlung der Gerechtigkeit getan, und meinem Freunde,
Pfalzgraf Otten, dem man des Ansehens wegen, meine Tat aufgebürdet hatte, Ruhe,
Unschuld und Ehre, wieder gegeben zu haben. Ich erwartete nun von der
Wiedereinsetzung in alle seine Rechte, von seiner Vermählung mit der Prinzessinn
Elise, von der Zurückberufung seiner verbannten Freunde zu hören, aber - ich
wartete vergebens! Der Gerechtigkeit waren zwei Opfer lieber wie eins, was die
heimliche nicht forderte, das heischte die öffentliche. Ottos Unschuld war durch
meine Schuld nicht erwiesen, ich war durch mein Bekenntnis nur zu seinen
Mitverbrecher gemacht worden. Ich hörte, die Prinzessinn Beatrix habe selbst
wider ihn beim neuen Kayser geklagt, seine Braut, die Prinzessinn Elise sei dem
Kastilier gegeben worden, und Otto irre in der Welt umher, unstät und heimlos,
wie ich, bis sein Henker ihn finde, und sein unschuldiges Blut vergösse, wie
mein verbrecherisches nächstens fliessen sollte.
    Konnte mich etwas in einen noch tiefern Abgrund der Verzweiflung stürzen, so
war es dieses; doch nein, es drückte mich nicht zu Boden, es ward das Mittel,
mich auf gewisse Art vor dem letzten Scheiden noch einmal empor zu richten. Ich
wollte und durfte nicht mit Ottos unschuldigem Blut belastet in die Grube
sinken, ich wollte und musste ihn retten, mochte es sein auf wessen Kosten es
wolle.
    Durch Kenntnis der innersten Geheimnisse unsers Bundes im schlauen Herrschen
geübt, entdeckte ich den verlassenen Aufentalt, wo Otto lebte, ehr als seine
bestimmten Henker. Wie hätte das Auge der Freundschaft nicht schärfer sehen
sollen, als das Auge der Rache! - Ich fand meinen unglücklichen, unschuldigen
Freund, in einem wilden Walde, am Ufer der Donau; eine Höle war seine Herberge,
Wurzeln seine Nahrung, und Verzweiflung die Gefährtin seiner Einsamkeit.
Verzweiflung, nein, die Unschuld kann nicht verzweifeln, ein leichter Anschein
von gebessertem Schicksal, ein kleiner Hoffnungsstrahl richtet sie auf. Mich, den
Verbrecher, konnte nichts beruhigen, und wär selbst Alix, um deren willen ich
zum Verbrecher wurde, aus dem Grabe aufgestiegen, mich zu trösten, sie hätte es
nicht vermocht. Den unschuldigen Otto tröstete ein Nichts, tröstete der Zuspruch
eines solchen Elenden, wie ich war.
    Wie? schrie er, als ich ihn auffand und mich mit der Erklärung in seine Arme
warf, ich wolle der Gefärte seines Elends sein, wie? Otto hat noch einen
Freund? einen Freund, der ihn unaufgefordert in seiner Verbannung ausspäht, der,
da alles ihn zum Verbrecher macht, allein an seine Unschuld glaubt? - O meine
Verfolger, nun kann ich Euch Trotz bieten! Freunde, Anverwandte und Geliebte!
nun kann ich eure Treulosigkeit vergessen, denn ich habe Alf von Dülmen, der mit
mir leben und sterben will!
    O wie wenig verdiente meine Tat das Entzücken, mit welchem sie aufgenommen
ward, wie gern hätte ich mich zu den Füssen meines unglücklichen Freunds
geworfen, und mich ihm als den Schöpfer seines Elends, als den Verbrecher, der
ich war, bekannt! aber konnte, durfte ich dieses, ohne meinen ganzen Plan, seine
Rettung zu zernichten? Einen schuldlosen Freund nahm der redliche Otto gern zu
seinem Leidensgefärten an; aber einen Kaisermörder würde er keinen Augenblick
um sich geduldet haben. Hätte er nicht fürchten müssen, der Blitz des Himmels
müste ihn um meinetwillen in seiner Verborgenheit treffen, wenn ihn das
Rachschwerdt verfehlen sollte? - Dieses fürchtete ich nicht, darum gesellte ich
mich zu ihm; ich hofte, der Himmel würde das letzte Gebet eines Elenden erhören,
und ihm Kraft geben, den Freund zu retten, den seine Verbrechen an den Rand des
Verderbens gebracht hatten. Mein Schwerdt sollte Otto schützen, mein Auge für
ihn wachen, meine Hand für ihn arbeiten, und mein Mund ihm Tröstungen ins Herz
strömen, die meinem eigenen fremd waren. Ich machte mutig den Anfang, und es
glückte. Doch mein Gemüt war nicht allemal gleich fähig zu meinen Geschäften.
Abwesenheit des Verstandes waren bei mir zur Gewohnheit geworden; ich suchte sie
vor Otto zu verbergen, oder meine Zerrüttung auf die Rechnung der verstorbenen
Alix zu ziehen. Mein geradsinniger Freund glaubte alles, und versuchte mich oft
zu trösten, wie ich ihn tröstete; ach seine Worte waren voll Kraft und
Nachdruck, aber sie trafen die Stelle nicht, wo ich am meisten Trostes bedurfte,
er kannte sie nicht, die heimliche Wunde, die mir den Tod bringen musste.
    Meinen Freund vor jeder Gefahr zu decken, duldete ich nicht, dass er sich
ausser den Stunden der Nacht aus seiner Verborgenheit wagte. Ich nahm es auf
mich, umher zu gehen und uns die Bedürfnisse des Lebens zu suchen. Mein Leben
war mir feil, war mir nur um seinetwillen einiger Betrachtung würdig, ich wagte
es oft ziemlich kühn, und hatte auf meinen Wanderungen Gelegenheit genug, zu
erfahren, wie es in der Welt ergienge.
    Das Gerücht sagte, Wittelsbachs Leben sei der Mahlschatz, mit welchem sich
der neue Kaiser das Herz der Prinzessinn Beatrix erkaufen wolle; ich entdeckte
ihm hievon so viel, als er wissen musste, um seine gefahrvolle Lage und die
Notwendigkeit der Vorsicht zu kennen. Es kam zu ernstlichen Beratschlagungen
zwischen uns, wie man sich am besten vor den wachsenden Verfolgungen sicher
stellen könne, und wir wurden einig, dass gänzliche Flucht aus dem treulosen
Vaterlande das Beste sei. Otto sollte Mittel suchen nach Palästina unter den
Schutz der Fahne des Kreuzes zu kommen; ich versprach ihn zu begleiten, nicht um
mein eignes Leben, sondern das seinige zu retten, und dann zu sterben.
Entsündigung am heiligen Grabe, und der rühmliche Tod, durch das Schwerdt der
Sarazenen war das, was ich mir dabei wünschte. Bei dem vollen unaustilgbaren
Gefühl meines Verbrechens, empfand ich doch die Verpflichtung immer schwächer,
mich dem Schwerdt des nächsten Mörders preis zu geben; Tod für das Wohl der
Christenheit war meines Bedünkens besser und verdienstlicher, obgleich freilich
für mich Elenden zu schön.
    Noch hatte ich es nicht gewagt, Otto um Erzehlung seines Ergehens binnen der
Zeit zu bitten, da er von des Kaisers Hofe schied, um nach Pohlen zu gehen;
jetzt an einem vertraulichen Abende kam dieselbe ungesucht zum Vorschein.
    »Wohl wenig, so begann mein unglücklicher Freund, wohl wenig dachte ich am
Tage jenes Scheidens von Freund und Geliebten, dass ich die letzte nie, den
andern so wiedersehen würde. Ach Adolf, die notwendigen Zurüstungen zu unserer
orientalischen Reise, machen auch ein Scheiden nötig, wie wird es beim
Wiedersehen stehen?
    Ich letzte mich mit meiner Verlobten, die nun durch die kastilische Heirat
auf ewig für mich verloren ist. Mir ahndete ewige Trennung, ich tat alles, mir
ihre Beständigkeit zu sichern und vergass doch das einige, was Missverständnisse
hätte verhüten und unsere Bande troz dem Schicksal unauflöslich machen können;
ich sagte ihr nichts von dem eigentlichen Endzweck meiner pohlnischen Reise,
nicht aus Misstrauen, das weiss mein Herz; ich habe ihr wohl andere Dinge
vertraut, welche ich ihr vielleicht hätte verschweigen sollen; nein, teils weil
ich glaubte, Herzog Bernhards Angelegenheiten, die mich nach Pohlen trieben,
würden sie nicht sehr interessiren, teils weil schon so viel von denselben in
dem Munde des gemeinen Gerüchts war, dass ich gar nicht glauben konnte, dass ich
ihr etwas neues entdeckte, wenn ich mit ihr von der Liebe meines Freundes zu der
schönen Adila von Pohlen und seiner nunmehrigen Werbung um sie, spräche. Die
Liebe des Herzogs von Sachsen zu der pohlnischen Prinzessin war alt, war mit
tausend seltsamen Schicksalen durchflochten gewesen, die meines Erachtens
weltkundig waren. Adilas Jugend und andere Hindernisse hatten den glücklichen
Zeitpunkt ewiger Verbindung mit ihrem Erwählten lang verzögert; nun war er
endlich erschienen, und Herzog Bernhard ersuchte mich schriftlich, die
Heiratswerbung für ihn zu unternehmen, welches ich ihm längst versprochen
hatte. Auf Seiten des Herzogs von Pohlen, des Oheims der schönen Adila, gab es
noch einige Bedenklichkeiten, die aber nicht besser, als durch meine
Vermittlung, und durch das Vorwort des Kaysers, der sich immer für das Haus der
Prinzessin interessirt hatte, gehoben werden konnten.
    Ich hatte gern in die Forderung meines Freunds gewilligt, hatte bei dem
Kayser gesucht, was ich bei ihm suchen musste, hatte Schreiben von ihm an den
Herzog von Pohlen erhalten, die er mir selbst vorlas, und die alles das
entielten, was ich und Herzog Bernhard zu Erreichung unsers Endzwecks nur
wünschen konnten: dieses waren alles Dinge, davon, wie ich meinte, Elisen das
hauptsächlichste bekannt sein musste, und davon es nicht der Mühe lohnte, mit ihr
zu reden, am wenigsten, bei so einem Abschied, wie der unsrige, da jede Minute
uns kostbar war, jede Minute so ganz mit unserer Liebe ausgefüllt ward, dass wir
keinen Raum behielten, an fremde zu denken. Gleichwohl ward dieses zufällige
Stillschweigen über eine dem Ansehen nach ganz gleichgültige Sache, der Grund
meines ganzen unübersehbaren Unglücks. O! wer kannte die feinen Fäden, welche
das zarte Gewebe unsers Schicksals ausmachen, hinlänglich, um nicht hier
unvorsetzlich zu zerreissen, dort zu verwirren, was die schrecklichsten Folgen
zur Vernichtung des Ganzen nach sich ziehen kann! Nichts kann uns bei den
Gefahren, welche oft hinter dem kleinsten Umstand lauschen, beruhigen, als die
Ueberzeugung, dass jene Macht, welche es zulässt, dass wir oft ohne unser Wissen,
wider unser eignes Glück fehlen, selbst aus der Verwirrung, Ordnung, selbst aus
unsrem anscheinenden Unglück, unsere Wohlfart hervorbringen wird; - wie und wo
dieser mein fester Glaube an mir gerechtfertigt werden wird, weiss ich nicht.
Vielleicht in einer andern Welt, denn für die gegenwärtige möchte wohl nicht
viel mehr für mich zu hoffen sein.
    Ich trat meine pohlnische Reise an, ziemlich befriedigt durch Elisens
Versprechen, dass ich von der kastilischen Heirat, welche ein laufendes ihr ganz
unwahrscheinliches Gerücht, damals zum Hauptgegenstand meiner Sorgen machte,
nichts zu fürchten habe, dass sie mir treu bleiben wolle, so wahr ich ihr treu
bliebe.
    Konnte ihre Treue wohl einen festern Grund haben, als die Meinige? konnte
ich wohl durch irgend etwas mehr beruhigt werden, als durch die Ueberzeugung,
ich bewahre ihr Herz, indem ich das meinige bewahre? Mit gutem Mute richtete
ich mein Gewerbe am Hofe des Herzogs von Pohlen aus, und merkte nichts, bis sich
einst das Gesicht des Herzogs bei Verlesung der kayserlichen Schreiben auf eine
seltsame Art veränderte, und sein Blick mit einer Art von Mitleiden an mir
hängen blieb.
    Herr Pfalzgraf, sagte er, nach einer langen Pause, meine Nichte ist dem
Herzog von Sachsen unversagt, ob ich Euch gleich gestehen muss, dass ich Euch noch
ungleich lieber zum Anverwandten gehabt hätte, als ihn; ich weiss, dass
Freundespflicht und frühere Verlobung die Erfüllung dieses Wunsches auf Eurer
Seite unmöglich machen, aber was das letzte, was Eure Verlobung mit der
Prinzessinn Elise anbelangt, so wünsche ich nur herzlich, dass Eure Treue
diejenige, welche man Euch zu halten gesonnen ist, nicht weit übertreffe.
    Ich weiss, was ich an meiner Verlobten habe! antwortete ich mit einigem
Unwillen.
    Wisst ihr das nehmliche von Eurem gehoften Schwiegervater?
    Ihr spielt vielleicht auf die kastilische Heirat an, mit welcher sich jetzt
das müssige Gerücht trägt, und mit welcher ich selbst von einigen meiner Freunde
geschreckt worden bin.
    Ich spiele auf nichts an, ich weiss von all diesen Gerüchten nichts, ich
urteile nur nach dem, was ich vor Augen sehe. Leset diesen Brief, den mir der
Kayser durch Eure Hand schickt, und der doch wohl ein Empfehlungsschreiben sein
soll, und sagt mir dann, was ihr von dem Schreiber desselben haltet, ob ihr
nicht glaubt, von so einem Mann alles zu fürchten zu haben.
    Ich nahm den Brief, ich las, las ganz andre Dinge als die, welche ich aus
Philipps Munde gehört hatte, las unter einer Menge von geschraubten Worten mit
Entsetzen folgendes: »Politisch betrachtet, sei nach den vorhergehenden
Berichtigungen an der Werbung, welche durch Pfalzgraf Otten geschähe, nichts
auszusetzen, und ein Herzog von Sachsen sei einer pohlnischen Prinzessinn wohl
würdig; aber Herzog Bernhard und sein Freund und Freiwerber der Wittelsbacher,
seien im Grunde gefährliche Leute, unruhige Köpfe und Unglücksfackeln für jedes
Land, in welches sie kämen; man liebe den Herzog von Pohlen und seine schöne
Nichte zu sehr; um zu einer solchen Verbindung, als ein Freund raten zu können,
und man glaube, das beste für ihn würde sein, Zeit zu gewinnen, und den Herzog
von Sachsen in seinen Bewerbungen um die Prinzessinn Adila dergestalt
hinzuhalten, wie man es am kayserlichen Hofe mit dem Wittelsbacher mache, den
man für zu mächtig hielt, um ihm geradezu eine Tochter abzuschlagen, dem man
vielmehr alles verspräche, und die Erfüllung der Zeit überliesse.
    Und das schrieb Philipp? schrie ich, indem ich den Brief knirschend vor Wut
auf den Boden warf, und ihn mit Füssen trat. Hin an den Hof des Verräters, um
ihn zur Rede zu stellen, um augenblickliche, um blutige Erklärung dieser
Schlangenworte, um schnelle Erfüllung seines Worts von ihm zu fordern. Zwar
Philipps Tochter ist nichts in meinen Augen, und ich würde meine Verlobte von
selbst verächtlich von mir stossen, wäre sie nichts als das! Aber Elise! Elise,
dich verlieren? dich, deinem heimtückischen Vater so ganz unähnlich, dass ich
dich kaum für sein Kind halten kann? Nein, dies ist unmöglich; ich fliege, dich
zu meinem Eigentum zu machen, und mich dann zu rächen, an dem, welcher dich mir
rauben will.
    Der Herzog von Pohlen bestärkte mich in meinem Entschluss, tat allen
möglichen Vorschub zur Beschleunigung meiner Reise, und gab mir die
vorteilhaftesten Versprechungen für den Herzog von Sachsen mit auf den Weg.
    Noch ehe ich die Residenz erreichte, kam mir das Gerücht von den
kastilischen Gesandten, und ihrer Werbung um die Prinzessinn Elise entgegen, die
allgemeine Meinung war, sie würden nicht abgewiesen werden; die Heirat sei
vorteilhafter, als die Verbindung mit dem Wittelsbacher, der ja darum auch
nicht zu kurz kommen würde, da der Kayser noch zwei Töchter habe!
    Hölle und Teufel! wer waren diese beiden Töchter? die schon an einen andern
Verlobte, schon für einen andern glühende Beatrix, deren Charakter so schlecht
zu dem meinigen passte? die kleine Agnes, ein Kind, über dessen Heranwachsen ich
zum Greise werden müsste? und diese elenden Hoffnungen sollte ich um die
Gewissheit, den Engel Elise zu besitzen, eintauschen? Nein, mein Entschluss war
gefasst, und das allgemeine Zutrauen, das man bezeigte, der guterzige
Wittelsbacher würde es sich schon gefallen lassen, abermahl zurückgesetzt zu
werden, dies brachte vollends alles zur Reife, was in meinem Herzen tobte,
welches aber doch bei Gott nicht den entferntesten Zug von den Mordanschlägen
hatte, deren Ausführung man mir jetzt beimisst.
    Ich schrieb an Elisen, so viel ich mich erinnere, einen bedrohlichen Brief;
- ich weiss beim Himmel nicht genau, was ich eigentlich geschrieben habe, mein
Blut kochte, mein Verstand verwirrte sich, denn in dem nehmlichen Augenblicke,
da ich schrieb, erhielt ich Post vom Kayser: Er habe gehört, ich sei von meiner
Reise nach Pohlen glücklich wieder angelangt, und er bäte mich, meine Ueberkunft
nach der Residenz zu beschleunigen, und mich auf einen bestimmten Tag und Stunde
zuverlässig bei ihm einzufinden, weil er sehr wichtige Dinge mit mir abzutun
habe.
    Diese Botschaft vollendete meinen Grimm, und überzeugte mich von allem,
woran ich noch hätte zweifeln können. Als man mich ehemals von Kunigunden
trennte, ward ich gerade auf ähnliche Art vorbeschieden, ich wusste also ganz
genau, was man mir zu sagen habe: den Antrag des kastilischen Prinzen, mit der
möglichen Bitte an mich verbunden, ich möchte doch so gefällig sein, meine Braut
abermals abzutreten, es wäre ja besser und glorreicher für sie, eine Königinn,
als eine Gräfinn von Wittelsbach zu werden.
    Ich lachte höhnisch, liess Philippen sagen, ich würde eher, würde auf eine
Art kommen, als er dachte und setzte mich, meinen Brief an Elisen zu vollführen;
er geriet ganz so, wie meine damahlige Laune es mit sich brachte, ermahnte sie
auf, mit mir davon zu gehen, und drohte ihr mit Gewalt, wenn sie sich weigerte.
    Hätte ich mich dann erst ihrer Hand bemächtigt, so war mein Entschluss
gefasst, mit Hülfe des eben sowohl, als ich, beleidigten Herzogs von Sachsen, und
meiner zahlreichen Waffenfreunde, dem heimtückischen Kayser ein Heer auf den
Hals zu führen, das ihn wohl zur Erkenntnis seiner Falschheit gebracht, und
seinen Stuhl ziemlich erschüttert haben sollte. Dies war mein ritterlicher
Entschluss; Meuchelmord ist mir nie in den Sinn gekommen.
    Ehe dieses ausgeführt wurde, musste Elise erst die Meinige sein; ich wusste
vorher, dass sie nach einmal verübten Feindseeligkeiten wieder ihren Vater,
glauben würde, Gewissenswegen mit mir brechen zu müssen, und meine Pflicht war,
die fromme Seele auf alle Art zu schonen; war ich erst ihr Gemahl, so konnte sie
von nichts Rechenschaft geben, was ich tat, sie blieb mir dann, ungeachtet des
Zwists mit ihrem Vater, als Gattin treu, so wie ich von ihr überzeugt war, sie
würde mir als Liebhaberinn treu bleiben, so lang ich nichts tat, ihre Treue zu
verwirken.
    O wie sehr hatte ich mich geirrt! ein Brief von ihr, die Antwort auf den
meinigen, sagte mir ab auf ewig, sie beschuldigte mich der Treulosigkeit,
versagte mir das, was ich von ihr forderte, und spottete meiner Drohungen. Jetzt
entbrannte meine Wut auch wider sie; ich würde zu den verzweifeltsten
Handlungen geschritten sein, wenn mich nicht ein Gedanke an die Kayserinn Irene
zur Besonnenheit gebracht hätte; sie war immer meine Freundinn gewesen, sie
hatte ich immer treu erfunden, wenn alle andre mir Tücke bewiesen, sollte ich
diese durch irgend einen übereilten Schritt beleidigen? -
    Ich schrieb ihr alle meine Klagen, und erhielt den Bescheid zurück, sie sei
zu schwach, mir schriftlich zu antworten, ich solle selbst kommen und die
Aufklärung meiner Zweifel aus ihrem Munde hören. Aber ich sollte eilen, weil
Eile not wäre!
    Ich flog auf das benachbarte Lustschloss, wo sie ihre Niederkunft in
äusserster Schwäche erwartete, um aus deren Munde, die mich nie betrog, die
Wahrheit zu vernehmen, um bei dem Krankenbette derjenigen zu weinen, die mir
immer mehr als Mutter war.
    Als sie mich erblickte, streckte sie die Hände nach mir aus, voll Freude
mich zu sehen. Seid ihr gekommen, mein Sohn? sagte sie, ach Eure Zukunft
entzückt mich doppelt, ich wünschte sie nicht allein um Euret, wünschte sie auch
um meinetwillen. Verzeihet den Phantasien einer Kranken! mein immer schwaches
Geschlecht wird doppelt schwach in den Augenblicken, in welchen ich mich
befinde. Dinge, welche uns sonst nie schreckten, selbst Träume werden uns in
denselben furchtbar. Denket was mir begegnete. Als ich gestern euren klagenden
Brief erhielt, hatte mich eben ein leichter Schlummer überfallen, mir kam es
vor, so deutlich, als ob ich wachte, es träte Einer an mein Bette und spräch:
Irene, Wittelsbach hält sich vom Kayser tödlich beleidigt, verhüte die Folgen!
Drauf war mirs, als wäre gerade der heutige Tag, und die Stunde, in welcher ich
Euch jetzt vor mir sehe; ich befand mich im kayserlichen Kabinet, da trat einer
herein, den ich den Waffen nach für Euch selbst halten musste, und durchbohrte
den Kayser; urteilt, was nach einem solchen Traum, euer verzweiflungsvoller
Brief, der einen Teil meines Gesichts zur Wahrheit machte, für eine Würkung
haben musste, und verzeihet, dass ich so eifrig darauf drang, euch bei mir zu
sehen, damit nicht eine unglückliche Uebereilung mein Trauerbild ganz in
Würklichkeit verwandle.
    Wie? rief ich, kann Irene mich irgend einer schändlichen Tat, die mich noch
oben drein auf ewig von Elisen trennen würde, fähig halten?
    Noch einmal, mein Sohn, verzeiht einer schwachen kranken Frau, setzet euch,
und sagt mir alle eure Beschwerden, damit ihr dann auch meinen Trost vernehmen
könnet.
    Hier begann ich mein ganzes Herz in den Busen der treuen Mutter
auszuschütten, und wahrhaftig, der Trost, den sie mir gab, tat Wunder auf meine
bekümmerte Seele. Diese Frau vermochte alles über mich. Ich, der ich Philipps
verräterischen Brief an den Herzog von Pohlen mit eignen Augen gelesen, die
Gerüchte von der kastilischen Heirat, mit eigenen Ohren gehört hatte, und die
Bestätigung aller dieser für mich so schrecklichen Dinge, in der Botschaft des
Kaysers an mich, und in Elisens Weigerung, mir zu folgen, vor mir zu haben
vermeinte, ich horchte voll Zutrauen auf die Widersprüche, die Irene in diesen
Vorgängen fand, und auf die ganz andere Deutung, welche sie ihnen beilegte. -
Sie merkte meine Rührung und endete folgender Gestalt: »Gewährt mir nur dieses
eine, mein Sohn, zürnet nicht mit Elisen, und brechet nicht mit dem Kayser, bis
ihr beide gesprochen habt. Eurer Verlobten war wahrscheinlich Herzog Bernhards
Liebe zu der pohlnischen Prinzessinn so unbekannt, als sie mir bis diese Stunde
gewesen ist, ihr verschwiegt ihr dieselbe aus Versehen oder Zufall, ihr schriebt
ihr in eurem Briefe ziemlich voreilig und unbestimmt von Eurer Werbung um Adila;
sie deutete diese Worte, wie eifersüchtige Liebe sie deuten musste, und daher
ihre kränkende Erklärung gegen Euch. Was den Kayser anbelangt, so wisst ihr ja
längst, dass man ihm Eure Freundschaft nicht gönnte. Jener Brief ist sicher
wieder ein Tück heimlicher Unheilstifter, und ihr müsst seine mündliche Erklärung
darüber hören, vielleicht hat er schon - denn ihr pflegt immer nicht sehr geheim
mit Euren Empfindungen zu sein - etwas von Eurem Unwillen vernommen, und er liess
vielleicht Euch eben zu sich fordern, um sich mit Euch zu verständigen. Wegen
der kastilischen Heirat lasst Euch übrigens nur nicht bange sein; der Kayser ist
zu nichts weniger geneigt, als sie einzugehen; Elise bleibt die Eure, und sollte
ich hierinn irren, sehet, so gebe ich Euch Erlaubnis, Elisen in meinem Namen zur
Flucht anzumahnen, und sie so weit hinwegzuführen, als ihr selbst wollt. Die
Schwüre, welche Euch beide binden, sind unwiderruflich, nichts kann sie lösen,
als unverzeihliches Vergehen des Einen oder des Andern; droht eine andere Hand
Eure Bande zu zerschneiden, und wäre es die Hand eines Vaters, so entbindet Euch
Furcht vor dem, welcher jeden Meineid rächt, von sonst unauflöslichen Pflichten.
Elise flieht mit Euch, sie wird Eure Gemahlinn, und hat wenigstens meinen
Seegen, wenn ihr auch der Seegen Philipps fehlen sollte; doch dies sind Dinge,
welche, meines Erachtens, nie würklich werden können; um Eurer Beruhigung musste
ich Euch sagen, was ihr auf jedem Fall zu tun habt; Jetzt verlasst mich, mein
Sohn, das viele Sprechen greift mich an; Euer nächster Weg geht zum Kayser,
wohin ihr beschieden seid, dann auf einige Augenblicke zu Elisen, und nun in
voller Eil nach Sachsen, zu Herzog Bernharden, von welchem ihr, wie ihr mir
gleich anfangs sagtet, dringende Briefe habt.«
    Die Kayserinn hatte recht; auf dem Wege zu ihr empfing ich einen Brief vom
Herzog zu Sachsen, der meine schleunige Ueberkunft forderte; in der Bewegung, in
welcher er mich fand, war er nur halb gelesen und halb verstanden worden, auch
jetzt, da ich die Kayserinn auf ihren Befehl eilig verliess, und ihn, ehe ich zu
Pferde stieg, noch einmal las, konnte ich nur wenig Verstand daraus ziehen,
indem er sich auf Vorgänge zu Pamiers bezog, die mir ganz unbekannt waren; das
einzige sah ich deutlich, dass er schon lang geschrieben war, schon längst in
meinen Händen hätte sein sollen, und, vermutlich durch Unvorsichtigkeit des
Boten oder Unfall, liegen geblieben sein musste, ihr, Graf Adolf, der, wie Herzog
Bernhard schrieb, zur nehmlichen Zeit einen ähnlichen erhieltet, könntet mir
vielleicht hierüber Auskunft eben; doch hiervon ein andermahl. Jetzt zur
Fortsetzung meiner Geschichte.
    Aber wie soll ich dieselben beginnen, da sich hier die Schrecknisse meines
Schicksals so sehr häufen, dass mir bei der Wiederholung jener Vorgänge die
Gedanken fast so gänzlich vergehen, als wie damahls, da ich diese Dinge wirklich
belebte.
    Noch dünkt mich es ein Traum zu sein, so wie mich es damahls dünkte, dass
ich, mit neuen Hoffnungen aus dem Munde einer Heiligen belebt dem Unglück
entgegen eilte, dass nun erst, da ich glaubte, Elisens Besitz sei mir durch die
Ratschläge ihrer Mutter, auf ewig gesichert, sie für mich verloren gehen
musste, dass nun erst, da mein Herz fast gänzlich mit Philipp ausgesöhnt, und mit
besserm Zutrauen auf seine Treue erfüllt war, man mich zu seinem Feinde, ach zu
seinem Mörder machen wollte.
    Wie und in welcher Ordnung all dieses geschah, weiss ich fast selbst nicht
mehr, die Streiche des Unglücks stürmten Schlag auf Schlag zu mir ein, wie kann
ich genau sagen, welcher mich zuerst, welcher zuletzt traf.
    Ehe ich noch die Residenz erreichte, kam mir das Gerücht entgegen, der
Kayser sei ermordet, Himmel, sei von mir ermordet! von mir, der ich mit reinen
Händen und ausgesöhntem Herzen kam, mir den Nahmen seines Sohns, aus seinem
Munde bestättigen zu lassen. Kaum hatte ich das Schreckliche und Unbegreifliche,
das in dieser Zeitung vereinigt war, ganz überschaut, so waren auch schon die
Schwerdter derer mir in dem Nacken, die, wie sie mir zubrüllten, gesandt waren,
Wittelsbach, den Kaysermörder, zu fahen, welcher ihrer Rache nicht entfliehen
solle.
    Ich ein Kaysermörder? schrie ich, indem ich meinen Helm vom Haupte riss, und
ihnen mein entblösstes Angesicht zeigte, sind dies die Züge eines Verbrechers? -
und mein Weg, ist er der Weg eines Flüchtigen? mich dünkt doch, ein solcher
würde nicht eben gerade Euch entgegen geflohen sein!
    Alles teuflische Verstellung! schrien sie. Wir kennen den Wittelsbacher wohl
ohne sein Gesicht zu sehen, wir kennen ihn wohl, auch wenn er Waffen und Kleider
verändert hat! Er ist der Mörder unsers Kaysers, und er mag uns auf dem Wege von
oder zu der Stelle begegnen, wo er das heilige Blut vergoss, so soll er uns nicht
entgehen.
    Ich habe es schon mehrmahl in meinem Leben erfahren, dass Wut und
Verzweiflung unsere Kräfte bis zum Unglaublichen erhöht; ich erfuhr es auch
hier: Ich war ganz allein, ich hatte meine Begleiter schon des vorigen Tages in
eine Gegend nahe bei der Residenz beschieden, wo ich ihrer benötigt zu sein
glaubte, und musste mich also allein gegen eine Anzahl verteidigen, die ich
nicht nenne, weil das Unwahrscheinliche, das in der Angabe liegen würde, mich
erröten macht; es mochten ihrer indessen viel oder wenig sein, die Otten von
Wittelsbach als einen Kaysermörder gefangen nehmen wollten, genug die Unschuld
siegte, und ich entkam, zwar am linken Arm und an der rechten Schulter
schwerlich verwundet, aber doch noch fähig, mich den nachkommenden Verfolgern zu
entziehen, die den ganzen Tag bis tief in die Nacht vor dem Orte, wo ich mich
verbarg, truppweis vorüber zogen, Fluch und Verderben, über Wittelsbach den
Kaysermörder ausriefen! und ihm die schimpflichste Behandlung drohten, wenn er
in ihre Hände fallen sollte.
    Zehenmahl war ich im Begriffe mich meinen Fängern zu ergeben, ich war
unschuldig, und Flucht und Verbergung schien mir ein gehässiges Licht über meine
Ehre zu verbreiten; der Tod war es nicht was ich scheute, aber mich den
Misshandlungen unwürdiger Trossbuben auszusetzen, davor bebte mein Herz; ich
wollte eine bessere Gelegenheit abwarten, meine Freiheit in die Hände der
Gerechtigkeit zu übergeben, denn zu fragen, was sie auf mich zu sprechen habe,
und sie durch den Beweis meiner Unschuld zu beschämen.
    Es war etwas in mir, das mir sagte, dies sei heute bei Tage nicht der Weg
sich zu rechtfertigen; die Worte eines freien Mannes seien von mehrer Nachdruck,
als die eines Gefangenen, und Flucht würde hier, wo jedermann von einer ganz
unerweisslichen Sache völlig überzeugt war, für mich das beste sein. Allein das
Wort Flucht, war und blieb mir verhasst, ich wollte wenigstens mein Unglück und
den wahren Grund desselben noch erst genauer wissen, ehe ich demselben auswiche.
    Es war Nacht, meine Verfolger mussten sich in eine andere Gegend gelenkt
haben, der Weg war sicher, und nachdem ich mir meine Wunden elend genug
verbunden, und mich mit einem Trunk aus einer nahen Quelle gelabt hatte, wagte
ich mich hervor, und eilte gerade auf die Residenz zu, deren Tore ich,
ungeachtet der späten Nachtzeit noch alle offen, und die Strassen mit Menschen
gefüllt antraf. Es war eine allgemeine Verwirrung, alles schrie über Philipp und
seinen Mörder. Das vielzüngige Geschrei das sonst bei jeder Kleinigkeit so
widersprechend ist, kam hier völlig darin überein, den Namen Wittelsbach und
Kaysermörder zusammen zu setzen; ich war kühn genug, indem ich mich dicht in
meinen Mantel hüllte, nach Umständen zu fragen, und man berichtete mir solche,
welche mein Blut erstarren, und mich fast zweifeln machten, ob ich auch schuldig
oder unschuldig sei. - Gott weiss, ob Mensch oder Teufel sich meiner Gestalt
bediente, jene Tat zu vollführen, die mir ewig ein Rätsel bleiben wird, und
die auch dadurch mit Wahrscheinlichkeit auf mich fiel, weil man mich würklich,
vom Kayser beleidigt glaubte, und weil ich im Unwillen, manches verdächtige
wider ihn redete und schrieb.
    In meiner Verhüllung schlich ich mich in die Hallen des kayserlichen
Pallasts, wo man die Leiche des Ermordeten ausgestellt hatte, um die Rache des
Volks zu reitzen, die doch ohnedem so stark flammte, dass man ihr kaum Einhalt
tun konnte. Ich sah auf einem Sessel, neben dem entseelten Körper, einen
Handschuh und eine Feldbinde liegen, die der Mörder im Fliehen, verloren haben
sollte, und erkannte beides, bei genauerer Besichtigung für das Meinige.
    Ein unnennbares Grauen befiel mich, ob den täuschenden Anzeichen meiner
Schuld; mir wars, als müsste ich vor Gott, und mir selbst hier ein feierliches
Zeugnis ablegen, dass ich kein Teil habe an der blutigen Tat. Ohne mich an die
drückende Menge zu kehren, die sich an den Schranken häufte, welche man zur
Sicherheit der Leiche und ihrer Hüter gezogen hatte, schwang ich mich hinüber,
und trat zu der Todtentruhe, bei welcher nur einige Mönche mit ihren Weihwedeln
und andern heiligen Gerätschaften beschäftigt waren. Armer Philipp! sagte ich,
nachdem ich den so schnell hingeraften Kayser, eine Weile betrachtet hatte, mit
halblauter Stimme zu mir selbst. Armer Philipp! wie bist du gefallen! - Dein
Freund soll dein Mörder sein? - Siehe, ich lege meine Hand auf deine Stirn.
Oeffene deinen Mund, lass dein Blut von neuem fliessen, wenn es diese Hände
waren, die dich verletzten! - Fluch, Fluch über den, der dich tödtete, und einen
Unschuldigen mit seiner Schande brandmarkte!
    Die Mönche, die mich nicht kannten, aber meine Tat bemerkten, und wohl
etliches von meinen Worten verstanden haben mochten, sahen mich staunend an, das
Volk, durch welches ich mich jetzt, indem ich mich langsam entfernte, wieder
hindurch drängte, wich mir von allen Seiten aus. - Er ist, hörte ich einige
flüstern, der Herzog von Braunschweig, der sein Gewissen reinigen, und seine
Unschuld vor uns, durch diese Handlung retten wollte. O dies bedurfte er nicht,
wir wissen es zu gut, dass der Wittelsbacher die höllische Tat verübte.
    Ich erfuhr in der Folge, dass würklich einige unruhige Köpfe, Herzog Otten
von Braunschweig, Philipps Gegner bei seinen Leben, als Teilhaber dieser Tat
hatten vorstellen wollen; aber diese Sage machte so wenig Eindruck dass er, wie
bekannt, den Kaysernahmen, den er jetzt führt, ohne Widerrede erhalten hat; auch
ich selbst kann mich nicht überwinden, hier einen Verdacht auf ihn zu werfen.
    Da ich hier mein Leben so tollkühn, auf die Gefahr, erkannt und von dem
Pöbel zerrissen zu werden, gewagt hatte, so kostete es mich noch weniger
Ueberwindung auch an andern Orten zu lauschen, und überall Bestättigung eines
Verbrechens zu hören, das ich nicht begangen hatte. Zuletzt ging ich nach meinem
eigenen Pallaste welcher stark bewacht ward, weil der Pöbel verschiedene mahl
Miene gemacht hatte, ihn zu schleifen. Mir war ein verborgener Seitenweg
bekannt, der durch einen verfallenen Keller in den Garten, und durch diesen auf
ein Lustaus führte, welches an die Seite des benachbarten Pallasts gelehnt, den
die Prinzessinn Elise bewohnte, mir oft Gelegenheit gegeben hatte, sie in der
Einsamkeit zu belauschen, da ihr Kabinet dicht an die Mauer gränzte, durch
welche mir ein ausgehobener gut verdeckter Stein die freie Einsicht verstattete.
    In verschiedenen Beschäftigungen, hatte ich hier diesen Engel oft
beobachtet; schlafend, betend, weinend, mit ihren Jungfrauen scherzend, oder mit
ihnen von mir sprechend, hatte ich sie hier gesehen und gehört; aber so noch
nie, als wie in diesem schrecklichen Augenblicke, sie sprach von mir, aber in
welchem Tone! Sie weinte, aber über mich, sie betete, aber wie ich glaube, um
Rache, über den unschuldigen Wittelsbach; Alverde war ihre Gefärtinn; ich weis
nicht genau, was sie eigentlich sagten, nur dies weis ich, dass hier meine
Verzweiflung den höchsten Gipfel erreichte, und den Entschluss fest machte,
Elisen gewaltsam zu entführen, wenn sie mir nicht gutwillig folgen wolle, wär es
auch nur, um sie von meiner Unschuld zu überzeugen, und dann vor ihren Augen zu
sterben.
    Ich riss mich los von dem grauenvollen Schauspiele, eine Heilige, über mich
zum Himmel hinauf weinen zu sehen, ich verliess das Haus und die Stadt, und eilte
zu meinen Leuten, denen ich ihr Ablager in einem gewissen Dorfe angewiesen
hatte.
    Ich bin Wittelsbach, sagte ich, indem ich unter sie trat, haltet auch ihr
mich für Kayser Philipps Mörder? - Sie erhuben ein grosses Freudengeschrei über
meinen Anblick, und einige schwuren, dass sie nie etwas Böses von mir glauben
könnten, andere, dass sie, ob ich auch der wär, für den mich das Gerücht ausgäb,
dennoch bei mir leben und sterben wollten!
    Die Treue dieser Leute, welche jetzt meine einigen Freunde waren, rührte
mich, ich redete mit ihnen offenherzig, von meiner Lage; und forderte als den
ersten Beweis dessen, was sie geschworen hatten, dass sich einer von ihnen
aufmachen sollte, Elisen ein Schreiben von mir zu bringen, indessen die andern
sich rüsteten, die ihr in demselben verkündete Tat stracks zu vollführen. Ich
selbst wollte bei der Entführung sein, aber meine Leute, welche meine Verwundung
entdeckt hatten, wehrten mir, drangen darauf, dass ich mich der Hand des
Wundarztes untergeben müsste, und gaben mir den Handschlag, dass sie alles ohne
mich so gut vollführen wollten, als ob ich selbst gegenwärtig wär.
    Es war die höchste Zeit, dass zu meinen Wunden Rat geschafft wurde, welche
durch Vernachlässigung, und durch die ruhelosen heimlichen Wanderungen der
vergangenen Nacht sich schon sehr entzündet hatten. Ich ward ohnmächtig unter
dem Verbinden, und fiel darauf in ein hitziges Fieber, dass mir auf geraume Zeit,
alle Besonnenheit raubte.
    Als ich weit genug in meiner Genesung gegangen war, um auf das, was mich
umgab, wieder einen Blick zu werfen, erstaunte ich, mich an einem ganz fremden
Orte zu sehen; es war ein kleines dunkles Zimmer, von einer traurigen Lampe
sparsam erleuchtet; ein altes Weib sass an meinem Bette, welches über die wenigen
Worte, die ich ihr sagte, einiges Wohlgefallen spüren liess, und ohne sie zu
beantworten, aufstand, um, wie sie sagte, ihrem Herrn Nachricht, von meiner
Besserung zu geben.
    Und wo ist dieser Herr? stammelte ich.
    Meister Paul von Eisenberg, der Wundarzt antwortete sie, in dessen Hause ihr
Euch schon seit drei Wochen befindet.
    Meister Paul erschien, und ich kannte würklich an ihm das guterzige Gesicht
des Mannes, der bei den Schmerzen, die mir neulich seine Behandlung meiner
Wunden machte, so viel Mitleid zu fühlen schien. Freude glänzte jetzt auf seinem
Gesicht, mich so weit gebracht zu haben, aber auf all meine Fragen, erhielt ich
keine befriedigende Antwort von ihm, sondern nur die Weisung, ruhig zu sein, und
für meine Genesung zu sorgen, da sich alles schon geben würde.
    Ach Gott! was für Entdeckungen standen mir, bei meiner Wiederherstellung
bevor, die endlich doch erfolgte. Ich hatte genug schlimmes geahndet, aber doch
nicht so viel, als ich nun vernahm, und als mir der guterzige Paul, der meine
Lage noch nicht ganz kannte, doch nicht ganz wusste, was meine Seele am meisten
erschüttern musste, mitunter unvorsichtig genug hinplauderte.
    Sagt mir um Gotteswillen, sprach ich eines Tages zu ihm, wo ich mich
eigentlich befinde?
    In guter Sicherheit; in meinem Hause!
    Kennt ihr mich?
    Ihr seid der Wittelsbacher, den man in sehr bösem Verdacht hat, den aber ich
für unschuldig halte.
    Ist der wahre Kaysermörder entdeckt?
    Nein, aber man verfolgt ihn in Eurer Person mit Acht und Bann.
    Wo ist die Prinzessinn Elise?
    Vor acht Tagen ging sie mit den Gesandten nach Kastilien ab!
    Meine Leute?
    Die besten - bei einer Expedition, deren Endzweck ich nicht genau weis,
erschlagen, die andern - von Euch gewichen, da euch jedermann als einen
Durchächteten verliess.
    Ach, es war nur gar zu wahr. Elise war mir geraubt, war aus den Händen
meiner Leute, durch den Grafen von Kastelmoro gerissen worden; die tapfersten
hatten ihr Leben beim Gefecht zugesetzt, die andern waren dem Glück gefolgt und
geflohen, ich wär ganz verloren gewesen, hätte nicht der redliche Paul sich
meiner erbarmt, und mich verborgen, geschützt, und geheilt, da die ganze Welt
nach meinem Blute dürstete.
    Ich hatte nichts ihn zu lohnen, da ich sein Haus verliess, als einen
köstlichen Ring, den er mit Unmut von mir annahm, weil er meinte, ich würde ihn
wohl in meiner Lage selbst brauchen können; ich stellte ihn hierüber zufrieden,
und konnte mit Mühe mich seiner erwehren, dass er mir nicht folgte, mein Unglück
mit mir zu teilen, so lieb hatte er mich gewonnen; ich siegte nur durch die
Versicherung, über seine guterzige Zudringlichkeit, dass die Sicherheit meiner
Flucht, auf der Einsamkeit beruhe.
    Ich ging bei Nacht, aus Meister Pauls Hause, und hatte nun die weite Welt
vor mir, um einen Zufluchtsort zu wählen; dies machte mir keine sonderliche
Sorge, ich kannte das ganze Elend meiner Lage noch nicht; denn die Worte Acht
und Bann hatte ich nicht in dem ganzen Umfange genommen, wie sie hier genommen
werden mussten. Mein erster Gedanke war, zu meiner Freundinn, der Kayserinn
Irene, zu eilen, von deren Treue ich mir Trost und Entschuldigung versprach,
wenn alle Welt mich verliess und verdammte. Ach ich wusste noch nicht, dass sie den
Tod ihres Gemahls nicht überlebet, dass kurz nach der Schreckenspost, eine
frühzeitige Niederkunft ihr Leben geendet hatte.
    Meine Brüder, der Bischof von Bamberg und Heinrich von Andechs, sollten
meine nächste Zuflucht werden, aber ach, sie hatte Acht und Bann getroffen, wie
mich; heimlos und vom Schwerdte verfolgt irrten auch sie umher, wie sollten sie
mir, dem Heimlosen und Verfolgten Schutz geben.
    Da dachte ich an Herzog Bernharden; allein wie ward mir, da ich merkte, dass
auch zu ihm der Weg mir verschlossen war; die Kläger hatten auch vor seinem
grossen furchtbaren Gericht geklagt, der Richter hatte den Freund richten müssen,
nicht genug, dass die Hand der öffentlichen Gerechtigkeit wider mich gerüstet
war, auch der heimliche Bann verfolgte mich, ich war während meiner Krankheit zu
dreienmahlen vor das Tribunal geladen worden, wo auch ich einst als ein Richter
tronte; ich hatte nichts von der Ladung gewusst; ich war nicht erschienen, hatte
nicht erscheinen können, nun war ich verfehmt, wer sollte mich retten? In jedem
meiner Schlösser, das ich heimlich und zitternd besuchte, fand ich, dass die
Schöpfen da gewesen waren mich zu laden. Sie hatten Späne aus meinen Pfosten,
und Steine aus meiner Türschwelle mit sich genommen, und dadurch das Signal
gegeben, was dem Kaysermörder, dem Durchächteten, Verfehmten gebühre.
    Die Wut des Pöbels war wider mich entbrannt; ich sollte das Verderben des
Kaysers sein, aus dem man nun erst, da er nicht mehr war, einen Abgott machte.
Meine Burgen waren teils geschleift, teils rauchende Aschenhaufen, teils
verödet. Wie ein gescheuchter Vogel irrte ich von einem zum andern, ohne eine
Ruhestätte zu finden; doch brachte ich in der Stille der Nacht, wie ein Dieb,
hie und da von dem Meinigen, wo es die Habsucht nicht hatte ausspüren können,
einen kleinen Schatz zusammen, den ich, als ich durch Regenspurg zog, in einem
alten Gemäuer barg, weil ich hier mehr, als an irgend einem Orte merkte, dass
meine Henker mir im Nacken waren, und dass ich ihnen in die Hände fallen musste,
wenn ich durch irgend was meine Flucht erschwerte.
    Endlich fand ich Sicherheit in diesem wilden Walde, eine klägliche
Sicherheit, bei welcher ich mir nicht das Leben hätte wünschen wollen, wenn mir
es nicht die Freundschaft von neuem teuer gemacht hätte; ich fand dich, mein
Alf von Dülmen, oder vielmehr, du fandst mich, du suchtest mich auf, da alles
mich verliess, vor Mangel wär ich längst verschmachtet, aus Verzweiflung wär ich
längst umgekommen, wärst du nicht mein Engel gewesen.
    O Adolf, Adolf! wie verdiente ich das um dich! Unsere Freundschaft, es ist
wahr, war fest und herzlich, aber manche drängten sich, zur Zeit des Glücks,
näher zu meinem Herzen, als du; sie haben mich verlassen, nur du stehst noch
fest, wie ein Fels. Gott lohne dir die Treue, die du einem Durchächteten
erzeigst; ich kann dir sie nicht lohnen, kann auf nichts denken, als dir noch
neue Lasten aufzulegen, die du für mich übernehmen sollst. Noch drei Bitten an
dich habe ich auf meinem Herzen; du darfst, du kannst sie mir nicht abschlagen,
du, der mir schon so viel aufgeopfert hat.
    Unsre Reise nach dem heiligen Lande ist nun beschlossen; auch den
Hoffnungsstrahl, der mir auf dieser Gegend leuchtet, danke ich deinen
Ratschlägen; aber wie sollen wir die Kosten der Reise bestreiten, da du so arm
bist, als ich, du sowohl deiner Lande beraubt lebst, als ich? Ziehe hin, dies
ist meine erste Bitte, ziehe hin nach Regenspurg, und hebe an dem Orte, den ich
dir bezeichnen werde, den Schatz, den ich vergrub; nimm dann zweitens diesen
Brief, an Kayser Philipps Töchter; sie sind grausam genug gewesen, wider mich,
den Unschuldigen, zu klagen, wider mich ohnedem Verfolgten, das Schwerdt der
Rache noch mehr aufzureitzen; dieses Schreiben soll ihnen ein wenig das Gewissen
schärfen, soll ihnen das Elend schildern, das ich bisher erduldete, und das sie
noch zu vermehren suchen. Gehen sie in sich, schenken sie dem unglücklichen Otto
eine reuende Träne, so bin ich befriedigt, aber auf dem höchsten Gipfel der
Glückseligkeit werde ich erhoben sein, wenn Alf von Dülmen mir auch meine dritte
Bitte gewährt. O Adolf! Adolf! ich beschwöre dich bei unserer Freundschaft, bei
den Geheimnissen des furchtbaren Gerichts, welches mich verfolgt, bei meiner und
deiner Unschuld, in der wir beide leiden, beschwöre ich dich, spähe den wahren
Mörder Kayser Philipps aus, spähe ihn aus, den Teufel, der auf meine Rechnung
die schwarze Tat beging, und mich dadurch in den Abgrund des Elends stürzte,
schleppe ihn vor meine verblendeten Richter, dass er gestraft und ich
gerechtfertiget werde! - O könnte dies doch vor unserer Reise nach Palästina
ausgerichtet werden, die Anerkennung meiner Unschuld sollte dieselbe nicht
hindern; mein treuloses Vaterland habe ich in jedem Fall, auf bestimmte Zeit,
verschworen; aber welch ein Triumph würde es für mich sein, nicht als ein
Flüchtling, nein, als ein freiwilliger Diener des Kreuzes, die heiligen Orte zu
begrüssen! O Adolf! ist dir Leben und Ruhe deines Otto noch teuer, so gelobe mir
alle meine Bitten, gelobe mir besonders die letzte zu erfüllen.«
    So endete der unglückliche Pfalzgraf seine Geschichte; sie hatte meine Seele
bereits in allen ihren Tiefen erschüttert, aber der Schluss überwog alles
Schreckliche, das ich gehört hatte; es fehlte wenig, dass ich bei der
fürchterlichen Forderung, die er an mich richtete, sinnlos zu seinen Füssen
stürzte. Ach, dieser Mörder, dieser Teufel, über welchen er Fluch und Rache
herabrief, wider den er meine eigene Faust bewafnen wollte, war ich selbst! Das
grauenvolle Bekenntnis schwebte auf meiner Zunge, aber ich vermochte es nicht
auszusprechen. Ich riss mich von ihm los, um im Freien meiner Verzweiflung Luft
zu machen; mein Leben hieng an einem Haar, mehr als einmal stand ich im Begrif,
es auf eine gewaltsame Art zu enden, nur Sorge um ihn, den ich ins Verderben
gestürzt hatte, nur Sorge um den, der, ohne es zu wissen, nach meinem Blute
dürstete, bewog mich, die Tat zu verschieben; was hätte aus Otto werden sollen,
hätte ich jetzt schon meine Schande und mein Verbrechen in die ewige Nacht
begraben, und ihn allein in der Gewalt seiner heimlichen und öffentlichen
Verfolger gelassen?
    Am Abend kehrte ich in unsere Höle zurück, Otto, rief ich, indem ich seine
Rechte mit meiner Rechten ergrif, und die Linke ans Schwerdt legte, deine
Forderungen sollen erfüllt werden; auch die letzte, die schwerste unter allen,
soll mich nicht schrecken; Kayser Philipps Mörder soll sterben, sterben durch
diese Hand, doch nicht eher, bis du in voller Sicherheit bist. Verliert sich
einst der unglückliche Alf von Dülmen, du weisst nicht wie, von deiner Seite, so
denke an die Rache, die du ihm auftrugst, und beruhige dich!
    Wittelsbach sah mich mit starren Augen an, er konnte nicht begreifen, warum
ich ihm die Gewährung seiner Bitte, die, wie er meinte, weder viel Bedenkzeit,
noch solche Umstände erforderte, auf so ausserordentliche Art kund tat. Er fing
an zu grübeln, und da er schon in wenig Stunden auf die Vermutung kam, ich
müsse denjenigen kennen, an dem er gerächt zu sein wünschte, müsse ihm irgend
mit besonderer Liebe zugetan sein, so fing ich an, mich vor seinem weitern
Forschen zu fürchten; er brauchte ja nur noch wenig Schritte zu tun, so war das
grauenvolle Geheimnis meinem Herzen entrissen, und ich stand als der gehasste,
mit seinem Fluch belegte Verbrecher, vor seinen Augen; dieses zu vermeiden, trat
ich noch in der nehmlichen Nacht meine Regenspurgische Reise an, in der Hoffnung,
dass wenn diese geendet wäre, uns die Anstalten zu unserer Wallfahrt nach
Palästina genugsam beschäftigen würden, um keine Zeit zu Untersuchungen über
gefährliche Dinge übrig zu lassen.
    Sie sollten ihm ewig verborgen bleiben, dies war mein Wunsch, auch meinen
Tod, den ich ihm gelobt hatte, sollte er nie erfahren, ich wollte Sorge tragen,
mein unglückliches Leben weit genug von ihm zu enden, damit seine Tage, vom
Kummer ungetrübt, mein Andenken ihm heilig bliebe, und er den ganzen Umfang
meines kläglichen Verhängnisses nicht eher entdeckte, als in einer Welt, wo
andre Urteile, andre Empfindungen über Menschenhandlungen und
Menschenschicksale statt haben werden, als in der gegenwärtigen möglich ist.
    Nicht, als glaubte ich, die Ewigkeit könne die Tat, die ich beging, und
die, zu welcher ich mich damals entschloss, entschuldigen; nein, nur dieses hofte
ich, dass kein Gram, kein Mitleid dort die Freuden der Seeligen so trüben könne,
als Ottos irdisches Leben getrübt worden wäre, hätte er die Lage des elenden Alf
von Dülmen diesseit des Grabes erfahren.
    Ich zwang mich, meinen Gefühlen beim Abschied nicht freien Lauf zu lassen,
und mich durch das Übermass derselben vielleicht abermahl verdächtig zu machen.
Ich verwies den zagenden Otto auf die Hoffnung des Wiedersehens, von welchem ich
selbst überzeugt war, und verabredete mit ihm einen Briefwechsel, in einer holen
Weide am Ufer der Donau. Die Vertraute unserer geheimen Korrespondenz war halben
Wegs, zwischen unserer Höle und Regenspurg gelegen, so dass es uns beiden gleich
bequem und gefahrlos war, zu den Stunden, wie sie uns die Gelegenheit darbot,
und die wir einander nicht voraus bestimmen konnten, einander Nachricht von
unserm Zustande zu geben, oder dieselben zu finden.
    Ich erreichte Regenspurg ohne Anstoss, da mich die Kenntnis der
Heimlichkeiten des verborgenen Gerichts geschickt machte, den Pfaden, welche die
Rächer zu nehmen pflegen, die auch hinter mir her waren, immer glücklich
auszuweichen. Ich fand den vergrabenen Schatz des Pfalzgrafen ohne Mühe, und
brachte ihn, auf die verabredete Art, in Sicherheit, seinen Brief an die
Prinzessinnen bestellte ich mit eigner Hand. Beatrix, von welcher man sagte, der
nunmehrige Kayser habe sich ihre Liebe durch das Todesurteil über den
Wittelsbacher erkauft, befand sich damals eben zu Regenspurg, und ihre
Heimholung zu ihrem Bräutigam war vor der Tür. Ich sah sie nicht, aber ich
sah Alverden, sah die Schwester, welcher die Rache das Schwerdt, wider ihren
eigenen Bruder, in die Hand gegeben hatte. Ich weiss, sie war unwissend zu meinem
Verderben tätig, aber doch wars, als wenn mein Herz sich wider sie heimlich
empörte; ich glaubte ihr, besonders in meiner Geschichte mit Alix, viel
vorwerfen zu können, damit sie gern oder ungern, billig oder unbillig mein
Schicksal verwirrte. Doch ich bin ungerecht! Ewig, ewig schweige jede Klage, als
die, über meine eigene Vergehungen!
    Alverde sah mich, aber sie kannte mich nicht! ob sie mich vielleicht nicht
kennen wollte? flüsterte mein empörtes Herz mir zu; doch nein, Alverde liebte
mich immer, sie war nie boshaft, und das Elend macht ja jeden Menschen, auch
seinen besten Freunden, unkenntlich! Wie konnte Alverde in einem bleichen
abgezehrten Gerippe, unter einer Verkleidung von Lumpen, die ich zu meiner
Sicherheit angelegt hatte, ihren Bruder ahnden, den blühenden Jüngling, den
Prinzessinnen bewunderten, den stolzen Fürsten, den seine Feinde glücklich genug
fanden, um ihn zu neiden, und seinen Untergang zu suchen.
    Noch verschiedene Umstände hielten mich in Regenspurg auf; was ich zu
unserer orientalischen Reise zu besorgen hatte, das musste mit der äussersten
Behutsamkeit besorgt werden, und dieses erforderte Zeit. Die prachtvolle
Heimholung der kayserlichen Braut ging vor sich, ich sah die von jedermann
hochgepriesene, von jedermann beneidete Prinzessinn, wie sie in ihrem Pomp daher
zog, aber tiefer Gram sass auf ihrer Stirne, die strahlenden Augen und der holde
Mund konnten ihn nicht hinweg lächeln. Alverde, ihre Gespielin, barg ein
bleiches abgezehrtes Gesicht, unter einem köstlichen Schleier, man sagte mir,
sie sei kürzlich von einer tödtlichen Krankheit aufgestanden; da wallte mein
Herz vor Mitleid gegen beide, und ich dachte, ob sie auch so schuldig sein
möchten, als ich und Otto sie wähnten; Dinge, über welche ich nie volle
Aufklärung erhalten habe, denn auch der Augenblick war nahe, der mit mir und
meinem Freunde schnell und auf ewig enden sollte.
    Wie werde ich die Vorgänge schildern, die nur noch wie Traumbilder vor mir
über schweben? Vorgänge, das Werk weniger Minuten, bestimmt das einst nicht
unrühmliche Leben zweier unglücklichen Freunde, in Dunkelheit zu enden,
Vorgänge, von einem Zufall herangeführt, welcher leicht durch andre Zufälle,
vielleicht durch einen zeitiger oder später getanen Schritt, oder ein ähnliches
Nichts hätte verhindert werden können! doch hinweg mit dem traurigen Wort,
Zufall! wehe dem, welcher an diesen blinden Götzen der Toren glaubt, nichts
vermag ihn zu trösten!
    Mein Briefwechsel mit dem Pfalzgrafen, vermittelst der holen Weide, hatte
ununterbrochen fortgedauert, er wusste durch denselben, alles was mir begegnet
war, wusste auch die Zeit meiner Wiederkunft. Von der Gefahr seines und meines
Zustandes immer deutlicher überzeugt, je mehr ich von den Verfolgern, die in
unsere Fussstapfen traten, hier und da erlauscht hatte, schloss ich keinen meiner
Briefe, ohne ernstliche Anmahnung zur Behutsamkeit; seine Wanderungen aus der
Höle hatte ich gänzlich auf die Stunden der Mitternacht eingeschränkt, weil
diese Zeit, von je her, im heimlichen Gericht, mehr zur Ablegung der
Rechenschaft von bereits geübter, mehr zu Planen noch zu übender Rache, als zu
der Tat selbst, bestimmt zu sein pflegte. Diese, meines Erachtens,
gefahrloseste Stunde, sollte auch die Stunde des Wiedersehens, zwischen mir und
Otto, sein; bei der holen Weide wollten wir uns treffen, und dann unverzüglich
den Weg antreten, der uns dem Arm der rächenden Gerechtigkeit am sichersten
entreissen konnte; o Himmel, eben dies sollte die Stelle, dies die Stunde sein,
wo das Schicksal auf einmal über uns beide unwiderruflich entschied.
    Ich kam in der Hülle der Nacht, wie ich meinem Freunde geschrieben hatte.
Schon sah ich im Mondschein von weitem die Stelle, wo ich ihn treffen wollte;
aber der trügerische Strahl entdeckte mir ganz etwas anders, als ich zu sehen
erwartete. Ich erblickte nicht eine männliche, sondern zwo weibliche Gestalten.
Ich glaubte getäuscht zu sein, und eilte näher zu kommen; da sah ich noch
deutlicher zwei Händeringende Frauen, über einen auf dem Boden ausgestreckten
Leichnam gebeugt, da vernahm ich die Stimme ihrer Klagen, mir nicht unbekannter,
mein Herz zerreissender Töne. Eine von ihnen sah mich kommen, sprang auf und
flog mir entgegen.
    Hülfe! schrie sie, Hülfe für einen tödlich Verwundeten!
    Wo ist er? erwiederte ich, was ich vermag, das will ich ihm leisten!
    Ach nein! ach nein! schrie sie, ihr seid ein Ritter, was werdet ihr
vermögen? nur Wundärzte! Wundärzte! sonst ist er verloren; meine Hofstaat ist
nicht weit, dort unten im Tal, unter den Zelten! Ihr seid zu Pferde! eilet!
eilet!
    In diesem Augenblick zeigte mir der helle Mondschein, dass ich mit Beatrix
sprach. Ich erschrack, ich weis selbst nicht warum, doch wollte ich, ohne zu
antworten, mein Pferd herumwerfen und ihr Verlangen erfüllen, als die Andere,
die ich im Augenblick für meine Schwester erkannte, herbeistürzte und schrie: zu
spät! zu spät! der unglückliche Wittelsbach ist nicht mehr!
    Wittelsbach? wiederholte ich, indem ich vom Pferde sprang und zu dem
Verwundeten eilte. Die Frauen folgten mir, und warfen sich, so wie ich, an Ottos
Seite nieder, der auf den Ton von meiner Stimme, die Augen noch einmal
aufschlug, und schwächlich meine Hand drückte! Ich sterbe, Adolf! lallte er. Und
durch wen? schrie ich, durch Kalatin, stammelte er, und schloss die Augen.
    Wird nun Kayser Philipps Tochter bald befriedigt sein? rief ich, indem ich
mich von dem Sterbenden zu der weinenden Beatrix wandre. Kalatin, der Führer
Eures Brautzugs, vollbrachte doch wohl diesen Mord, auf Eurem Befehl.
    Schone, schone ihrer, Adolf! schrie Alverde, die mich erkannte, und ihre
Arme um meinen Hals schlang.
    Hinweg Schlange! hinweg Brudermörderinn! rief ich, indem ich sie von mit
schleuderte, mich wieder auf mein Ross schwang und davon sprengte, um
Wittelsbachs Mörder aufzusuchen.
    Ich ereilte ihn nicht weit von der Mordstelle, im Tal, er kannte mich so
schnell, als ich ihn, er sagte Worte zu mir, die ich so wenig verstand, als er
die meinigen. Wir zogen, ich drängte ihn. Er floh, ich war hinter ihm an. Mein
Schwerdt verletzte ihn nicht, ich wollte ihn auf dem Leichnam meines Freundes
schlachten.
    Jetzt waren wir wieder im Angesicht der Frauen; Beatrix stürzte sich
zwischen uns. Ganz von Wut verblendet, hätte ich mich nicht gescheut, selbst
sie zu verwunden, wenn nicht Kalatin seinen Schild vorgeworfen hätte; er blutete
schon aus einer tödtlichen Wunde, die ich ihm in die Seite versetzt hatte. Ich
fasste den Zügel seines Pferdes, den er sinken liess; dortin! schrie ich; dein
Leben auf dem Unschuldigen auszubluten, den du schlachtetest.
    Ich fällte ihn gezwungen, stammelte er; er fiel im Namen der Rächer, die mir
das Schwerdt wider ihn gaben!
    Stoff zu neuer Verzweiflung lag für mich in diesen Worten. Ich liess ab von
dem sterbenden Kalatin, um mich von neuem auf Ottos Leichnam zu werfen, ob noch
ein Leben in ihm wäre; er war bereits erkaltet. Voll Entsetzen fuhr ich auf.
Gestorben? murmelte ich, indem ich über ihm hing, für mich gestorben? und der,
an den ich die Rache zu nehmen schwur, Philipps Mörder, nun auch Kalatins Mörder
und der Deinige, lebt noch?
    Beatrix, welche dicht neben mir war, musste etwas von den schwarzen Gedanken,
über denen ich brütete, erraten. Sie umschlang mich fest und beschwur mich,
meiner zu schonen; ich aber entriss mich ihren Armen, erreichte mit einem Sprunge
das hohe Ufer, und stürzte mich hinab, in die Fluten der Donau, wo ich das Ende
meines Elends zu finden hofte.
Ich fand es nicht, nur eine neue Epoche, ach eine lange endlose Epoche! Meine
Leiden sollten beginnen
    Wahnsinn, die Frucht von einem Gedräng an die Verzweiflung gränzender
Gefühle, hatte mich in den Abgrund gestürzt, in welchem ich zu vergehen hofte.
Noch erinnere ich mich, dass die Empfindung von der Kälte des Stroms, der mich
davon führte, mich wie lindernde Kühlung nach der Hitze deuchtete, dass der
Gedanke von der Annäherung des Todes, sich lieblich mit der Vorstellung von
endloser Rube nach langer Ermattung verband; nun aber auch weder Gedanke noch
Empfindung mehr, sondern ein gänzliches Stillstehn aller Kräfte, ein gänzliches
Nichtsein, dessen ewige Dauer für einen Elenden, wie mich, Wohltat gewesen sein
würde.
    Ach, ich sollte wieder aus demselben erweckt, zu neuen Qualen erweckt
werden; eine Hand hatte mich gerettet, welcher ich nicht dankte, da ich zu
verblendet war, um den Wert zu erkennen, welchen auch das elendeste Leben hat;
auch möchte, wenn Absicht den Gehalt der Tat bestimmt, meine Lebensrettung wohl
wenig Dank verdienen.
    Den Leuten des Bischofs von Sutri dankte ich meine Erhaltung. Ich war nur
darum mit äusserster Lebensgefahr meiner Retter, den Fluten des wütenden Stroms
entrissen worden, wurde nur darum mit der übertriebensten Sorgfalt gepflegt,
damit durch meinen Tod nicht Geheimnisse verloren giengen, welche man bei mir
vermutete, und die man der sorgfältigsten Erhaltung wert hielt.
    Ich habe schon im Anfang meiner Geschichte gesagt, dass mein Mund und meine
Feder, durch fürchterliche Eyde gebunden, sich nie deutlich über gewisse
Vorgänge meines Lebens erklären werden; es sind hauptsächlich diejenigen, auf
welche ich nun stosse.
    Sobald ich vermochte das zu überlegen, was um mich her vorgieng, so musste
mir schon mein Schicksal ahnden. Ich sah mich fast in den nehmlichen Händen, in
welchen ich mich schon einmal befunden hatte, da ich Gefangener des Bischofs von
*** war, aus dessen Händen mich der Erzbischof von Maynz errettete.
    Von den Mutmassungen kam es endlich zur Gewissheit; die nehmlichen
Anmutungen, die nehmlichen Fragen wurden an mich getan, welche vordem an mich
ergiengen; die nehmlichen Mittel wurden gebraucht, Dinge aus mir heraus zu
schmeicheln und zu foltern, die man zum Teil schon recht gut wusste, und von mir
nur noch besser erfahren wollte.
    Es war in allen so ganz das nehmliche Spiel, dass mein ohnedem genug
zerrütteter Verstand oft ganz irre wurde, jene und diese Epoche für ein Ganzes,
und das dazwischen liegende für Traum hielt, ach ein langer schrecklicher Traum!
Wollte Gott, ich hätte ihn nie geträumt; schuldloser als jetzt könnte ich dann
der so lang, so sehnlich erwarteten Nacht der Ruhe entgegen sehen! - -
    Meine Feinde wurden endlich müde, mich zu fragen, nicht mich zu quälen. -
    Ademar, ich habe dir die Zahl der Jahre genannt, in welchen ich unter ihrer
Folter lag. Zwanzigmal dem Tode nahe, musste ich dennoch leben, leben zu meiner,
vielleicht auch zu ihrer Qual; indessen ihnen immer einer nach dem andern
abtrat, vom Menschenwürger schnell oder langsam dahin gerafft, bis ich endlich
lauter neue Gesichter um mich sah; einen Kreis von Menschen, die meine Richter
sein wollten, die zu gesetzten Zeiten mich vernahmen und entliessen, mir drohten
und schmeichelten, ohne genau zu wissen, warum, bloss weil sie es von ihren
Vorgängern so gesehen, bloss weil sie von ihnen gehört hatten, ich sei eine
wichtige Person, von welcher sich grosse Dinge erforschen liessen.
    Was dieses für grosse Dinge sein sollten, mochte wohl endlich keiner mehr
ganz genau wissen, und es kam dahin, dass ich ernstlich und unter harter
Bedrohung gefragt wurde: warum ich auf diesem Schloss gefangen säss; die
seltsamste unbeantwortlichste Frage unter allen, die ich noch von meinen
Peinigern gehört hatte; es war die nehmliche, die ich in dem ersten Vierteil
meiner elenden Gefangenschaft tausendmahl an meine damaligen Richter tat, ohne
Befriedigung zu finden. Die einige passende Antwort, die mir mein Gewissen gab,
und die ich von denen, welche ich jenesmal fragte, mit Recht erwarten konnte,
erhielt ich nicht; es war offenbar, dass ich hier nicht so lange Jahre die
Fesseln getragen hatte, weil Kayserblut an meinen Händen haftete, sondern aus
andern Ursachen, die mir unbekannt waren, und die ich also, da man jetzo mich
fragte, nicht angeben konnte.
    Man hielt jetzt, da man diese Frage an mich richtete, meine vorgeschützte
Unwissenheit für hartnäckigen Starrsinn, gab Befehl für mich, zu neuen Foltern,
und wandte mir den Rücken, um vielleicht bei irgend einem frohen Gelag den
Verdruss über meine Verstockung zu vertrinken.
    Beim nächsten Verhör erzählte ich, zu meiner Rechtfertigung, so viel von
meiner Geschichte, als davon erzählbar war, und verschlimmerte damit meine Lage
noch mehr. Gott weiss, aus welchem Umstand in derselben man mich für einen
Anhänger der waldensischen Lehren hielt, Leute, welche damals unter der
grausamsten Verfolgung schmachteten.
    Unter diesem Namen duldete ich noch einige Jahre fort; keine Befriedigung,
die ich meinen Henkern gab, konnte mir helfen; denn die Sorge von
geheimnisvollen verborgenen Bewandnissen, die es mit mir habe, erwachte von
neuem, und machte meine Ketten unauflöslich. Ich ward unschuldiger Weise in alle
rätselhafte Begebenheiten der Oberwelt verflochten gehalten, über alle
unerklärliche Dinge verlangte man von mir Aufschluss, und stiess mich, wenn ich
ihn nicht geben konnte, noch einige Stufen tiefer ins Elend hinab.
    Niemand wusste endlich mehr, was er aus mir machen sollte, und dieses
vermehrte die Wichtigkeit meiner Person; es ward nach zwanzig Jahren, die ich
nun schon in diesem Kerker geschmachtet hatte, Sitte, den Hüter dieses
Schlosses, den man seit meinem Hiersein zehnmal verändert hatte, meinetwegen
allemal beim Antritt seines Amtes besonders zu verpflichten. Man wollte mich
schlechterdings nicht missen, ungeachtet man nicht wusste, was man mit mir
anfangen sollte; wollte mir keine Linderung meines Elends gestatten, obgleich
niemand mein Verbrechen kannte; war entschlossen, mich ehr zu tödten, als mir
die Freiheit zu gönnen, die doch niemand schaden konnte.
    O Freiheit! Freiheit! unschätzbarstes aller Güter, was hätte ich auch jetzt
mit dir anfangen sollen, nachdem ich dich nun so lange Jahre vermisst hatte? Als
ein Bettler, als ein kranker, mutloser, von Gram und Gewissensbissen
abgezehrter Greis, hätte ich eine Welt betreten, die mir nun ganz fremd worden
war, wo niemand mich mehr kannte. O Freiheit! selbst dich zu wünschen, hatte ich
längstens aufgehört.
    Ich brachte die letzte Epoche meiner Einkerkerung, bis mein Schutzengel
Ademar mir erschien, in einer fast tierischen Unempfindlichkeit zu. Alle meine
Gefühle, alle meine Seelenkräfte waren abgestumpft; wahnsinnig war ich nicht; zu
irgend einer Ueberspannung gebrach es meinem Verstande an Kraft; nein, ich
befand mich in einer Art von schwerem Schlummer, aus welchem mich nichts als ein
gewaltsamer Schlag erretten konnte.
    Du weisst den Vorgang, Ademar, der dieses bewürkte. Ich lebte nun dreissig
Jahre in dieser Höle. Du hattest dein Amt eilf Monate, als Hüter dieses
Schlosses, über mich verwaltet, ohne deinen Gefangenen nur einmal zu sehen. Man
hatte dir meinetwegen, weil es Herkommens war, so fürchterliche Eyde aufgelegt,
dir von mir so grauenvolle Vorstellungen gemacht, dass dir diese Vernachlässigung
nicht zuzurechnen ist; ungeachtet derselben ermangelte ich doch nicht, in meiner
Tiefe zu fühlen, so gut ich damals etwas zu fühlen vermochte, dass über mir ein
milderes Wesen regiere, als vordem. Deine Knechte, denen die Sorge für mich
aufgetragen war, waren unter deiner Herrschaft glücklicher, und also auch milder
gegen mich Elenden; ich bemerkte einigen Grad von Reinlichkeit und Ordnung in
dem, was mich umgab, und wär ich nicht ganz für jedes Gefühl erstorben gewesen,
so würde sich bald auch die Hoffnung, auf noch bessern Zustand, bei mir
eingefunden haben. Der kleinste Lichtstrahl, der in einen dumpfen Kerker dringt,
pflegt dieser holden Trösterin sonst einen Zugang zu eröfnen, und sie macht dem,
zu welchem sie sich gesellt, immer schnell das kleinste Gute zum Unterpfand
eines noch grössern. Ich war zu tief gesunken, um diese süsse Ahndung zu fühlen,
und die merkliche Besserung meines Schicksals, die mir in der Folge durch dich
zu Teil ward, fand mich ganz unbereitet; aber eben diese Ueberraschung war es,
was mich aus dem Zustand meines Nichtseins weckte.
    Ademar, du weisst es, wie du mich fandest als dir der Blitz in meinen Kerker
den Weg zeigte, du weisst auch, was ich nachher unter deiner Pflege ward. Du
erhieltst Nachricht, das Ungewitter, welches im überirdischen Teil des
Schlosses zweimahl gezündet hatte, habe auch in den unterirdischen Gewölben
Schaden getan, einen Teil derselben eingestürzt, die Fesseln von den Händen
des alten Unbekannten geschmolzen; und ihn wahrscheinlich getödtet. - Hier
bewegte sich dein Herz gegen den Elenden den du noch nie gesehen hattest, du
stiegst selbst zu mir herab, um mich ins Leben zurück zu bringen, wenn dieses
möglich wär. Mein Anblick erschütterte dich, du fandest, wie du mich bereden
willst, noch Spuren dessen an mir, was ich ehemahls war; deine Sorge um mich
ward eifriger, ich erholte mich unter deinen helfenden Händen; durch deine
Bemühungen um mich, ward ich dir lieb, du konntest, du mochtest mich nicht
wieder in meine Tiefe hinabstossen, du tatest zu meiner Erleichterung das, was
du ohne Verletzung deines Eides tun durftest; und ich - bin zufrieden; höheres
Glück würde ich ja vielleicht nicht ertragen können!
    Dank dir, Ademar, für jede Erleichterung, die du mir schaftest, für jeden
Trost, den du mir gabst. Von der Kraft zum Danken, die du wieder in mir zu
wecken wusstest, bis auf den sanften Schimmer des Lichts, bei welchem ich dieses
schreibe, nachdem ich dreissig Jahre lang, in fast ununterbrochener Nacht, schier
erblindet war, das Grösste und das Kleinste das mich erfreuet, alles alles danke
ich dir und der Vorsicht, die dich zu ihrem Werkzeuge brauchte. Ach könnte ich
dir doch auch die Vergessenheit vergangener Leiden danken! aber leider findet
sich hier das Gegenteil. Um deinetwillen regte ich die Qualen der Vorzeit
fürchterlich in meiner Seele auf, dir zu Liebe schrieb ich sie nieder, und
vergegenwärtigte mir von neuem das lang Ueberstandene! O Ademar! Ademar! was ich
hier für dich tat, das überstieg fast meine Kräfte, lass mich die Feder
niederlegen, um zu ruhen!
 
                         Evert von Remen, zum Beschluss
Nachwelt, du kennst nun den Mann, den ich deinem Urteil unterwarf, kennst ihn
nach seinen eigenen Geständnissen, und nach den entschuldigenden Umständen, die
für ihn in dem Verhalten anderer lagen; Umstände, davon ihm selbst wenig bekannt
geworden ist, die ich erst nach seinem Tode, mit Mühe und Lebensgefahr, mit
Verlust eigener Sicherheit und Ruhe, aus den Winkeln, in welchen sie verborgen
lagen, zusammen brachte, um sein Andenken bei der Welt zu rechtfertigen.
    O! Adolf! Adolf! Du musstest fallen, weil man wollte, dass du fallen solltest.
Deine Ehrsucht nicht so wohl als ein Schicksal, das ich unmöglich günstig nennen
kann, erhub dich auf eine Stufe, von welcher dich der Neid, gar bald wieder
herabzustürzen strebte. Man lockte dich aus deinem Eigentum, dich desselben
desto sicherer berauben zu können; du hattest Privatfeinde, die dich, um ihre
Absichten zu erreichen, unvermerkt in die Schicksale der Grossen verwickelten,
bis du dermassen verstrickt warst, dass du nebst allen, die man nebst dir und
durch dich stürzen wollte, fallen musstest. Man hatte so viel durch dich
ausgerichtet, dass man dich noch ferner zu brauchen hofte. Dies glückte nicht,
und man warf dich als ein nutzloses Werkzeug auf die Seite; du wurdest in den
Staub getreten, wurdest vergessen, bis beinahe nach Verfluss eines halben
Jahrhunderts die Freundschaft dich fand, und mit besserm Willen als Vermögen
sich vermass, dir alles wieder zu geben, was du verloren hattest. - Du lächeltest
ob dem Versprechen, das aus meinem Munde ging. Evert von Remen, sagtest du, das
dürftest du wohl nicht vermögen; alles was du mir noch geben kannst, ist ein
ruhiges Grab und eine Träne; denke darauf, ich werde es bald brauchen.
    Was Adolf gesagt hatte, das geschah. Er, der dreissig Jahr unter den
unerhörtesten Leiden einer harten Gefangenschaft nicht erlag, er, den der
wohltätige Ademar in den zehn folgenden Jahren durch milde Behandlung, so weit
er vermochte, sein Leben wieder lieben, seine Leiden vergessen lehrte, er konnte
höhern Wachstum des Glücks nicht ertragen. Der Freund seiner Jugend, sein
treuer Evert von Remen, ward ihm wieder geschenkt, alle Vorteile, welche ihm
sorgsame Liebe mit einiger Macht verbunden, nur gewähren konnten winkten ihm;
aber - es war zu spät. - Er starb des achten Tages nach unserm Wiedersehen in
meinen Armen.
    Oft bin ich auf die Vermutung gekommen, ob vielleicht eben unsre
Wiedervereinigung, an welche sich das lebhafte Andenken der Vergangenheit so
fest ketten musste, seinen Tod beschleunigte. Einige seiner letzten Worte bleiben
mir immer nachdenklich. O Freund Freund, rief er einst nach einer der süssesten
Stunden, die wir nach seiner Wiederfindung zusammen verlebt hatten, du irrst,
wenn du meine Freude über dich für so rein hältst, als die deinige sein mag.
Dein Anblick ist mir ein quälender Vorwurf; was tatest du, was littest du, für
mich, und wie habe ich dir gelohnt? Ich verkannte, verliess, vergass dich! Wie
ganz anders würde der Weg meines Lebens gewesen sein, wär ich ihn an deiner Hand
fortgegangen! Der erste Schritt von dir führte mich dem Unglück entgegen! aus
dem nun du mich retten musst!
    Ich fühlte die Wahrheit dieser Bemerkung wohl, aber ich bestrebte mich sie
zu bekämpfen. Er stellte sich, mir zu gefallen, als ob er diesen schwermütigen
Betrachtungen keinen Raum mehr gäbe; aber wer weis, ob sie nicht in der
Einsamkeit doch zurück kehrten, und seinen dünnen Lebensfaden vollends abnagten.
 
                                    Fussnoten
1 1408 veranstaltete Kaiser Ruprecht die ersten Untersuchungen zu Reformation
der Freigerichte.
2 Der Herzog von Sachsen war oberster Stuhlherr aller Freigerichte.
3 Registr. Innocent III.
4 S. Dekret. Greg. IX.
5 Registr. Innocent III.
6 Die Entstehung der Inquisition so wohl als die Stiftung des Dominikaner- und
Franziskanerordens fällt in diese Zeiten.
7 Welches aber erst mehrere Jahre nachher 1215. geschahe, da Innozens III. wider
den unglücklichen Grafen von Toulouse das Kreuz predigen liess, wie gegen Türken
und Ungläubige, und alle christliche Fürsten wider ihn aufregte.
8 In jenen Zeiten begann man dem Golde alle Wunderkräfte zum Besten der Menschen
zuzuschreiben, der Leser verzeihe dem Pfalzgrafen sein unrichtiges Gleichniss,
einer Dame zu schmeicheln, lässt auch wohl ein Liebhaber des achtzehenden
Jahrhunderts sich etwas ähnliches zu schulden kommen.
9 Die rote Erde war der Name, welcher Westphalen als dem Vaterland der
Vehmgerichte in der geheimnisvollen Sprache der Wissenden gegeben wurde.
10 Beatrix soll ihrem Gemahl ausser andern Schätzen 150 Schlösser zugebracht
haben, die ihr durch Erbschaften zugefallen waren.
11 Sie ward in der Folge an den Herzog von Brabant vermählt!
12 Nicht in verschlossenen Sälen, am liebsten unter freiem Himmel auf grünender
Erde, sollen die heimlichen Richter ihre Sitzungen gehalten haben.
13 Adelheit, einer Aebtissinn von Quedlinburg.
14 Die Fabulisten der grauen Vorzeit, denen wir die umständlichsten (obgleich
eben nicht die wahrscheinlichsten) Relationen von diesen geheimnisvollen Dingen
schuldig sind, behaupten: Karl der Grosse habe den heimlichen Richtern den
Blutbann mit der Bedingung verliehen, dass nur die Nacht ihre Vertraute sein, die
Morgenröte nie ihre Versammlungen erblicken solle.
15 Name der Formel, wie sie zu dieser Absicht in den damahlichen Gerichten
üblich gewesen sein soll.
 
    