
        
                           Adolph Freiherr von Knigge
                               Benjamin Noldmanns
                    Geschichte der Aufklärung in Abyssinien
                                      oder
Nachricht von seinem und seines Herrn Vetters Aufentalte an dem Hofe des grossen
                         Negus oder Priesters Johannes
                                    Vorbericht
Ich überreiche hier dem hochgeneigten Leser - doch sage ich das nicht etwa, um
mich zu rühmen - ein äusserst interessantes Werk. Ohne die Wahrheit und
Bescheidenheit zu verleugnen, von welchen die ältern und neuern Reisebeschreiber
und alle statistischen und politischen Schriftsteller sich so ungern zu
entfernen pflegen, kann ich mit Recht behaupten, es werde Ihnen ein solches Buch
noch gar nicht vorgekommen sein. Sie finden darin nicht etwa Beschreibungen von
längst und oft beschriebnen Städten und Gegenden; nicht etwa unterwegens in
Wirtshäusern und andern unbedeutenden Gesellschaften aufgesammelte Anekdoten;
nicht etwa ärgerliche Nachrichten und falsche Schilderungen von der sittlichen
und politischen Verfassung gewisser Städte und Länder, in dem Umgange mit
unzufriednen, unruhigen Köpfen aufgeschnappt und ohne weitre Untersuchung
nacherzählt; nicht etwa einseitige Urteile über Menschen und Weltbegebenheiten,
nach gewissen Lieblingsideen und herrschenden Vorurteilen gemodelt oder mit den
freien Mahlzeiten in Verhältnis gesetzt, die dem Reisebeschreiber in besagten
Städten sind gereicht worden; noch verliebte Abenteuer, kleine bunte Bilderchen
von empfindsamen Szenen, und was dergleichen Materialien mehr sind, woraus unsre
lieben Landsleute und Nachbarn ihre Reisebeschreibungen zusammensetzen: - nein!
ich liefre Ihnen die Beschreibung eines grossen, wichtigen, bis jetzt fast
gänzlich unbekannt gewesenen Reichs in Afrika, von welchem diejenigen, die bis
auf den heutigen Tag darüber geschrieben (wie Sie aus meiner so glaubwürdigen
Erzählung sehen werden), ganz falsche Nachrichten gegeben haben; zugleich aber
auch entält mein Buch die Erzählung einer höchst merkwürdigen Revolution,
welche in diesem Reiche, durch mich und meinen Herrn Vetter, den jetzigen Herrn
Notarius Wurmbrand in Bopfingen, ist bewirkt worden.
    Es wird manchen Leser befremden, dass von allen diesen Dingen sowie von dem
grossen Zuge, den wir, mein Herr Vetter und ich, mit dem ältern Prinzen des
grossen Negus, an den deutschen Höfen umher, unternommen haben und von welchem
ich in diesem Werke gleichfalls Nachricht gebe, noch gar nichts in Zeitungen und
Journalen ist bekanntgemacht worden; allein diese Verwundrung wird aufhören,
wenn man erstlich bedenkt, dass wir die Reise im strengsten Inkognito
vorgenommen, und dann am Ende des zweiten Teils die Beschreibung des traurigen
Unfalls lieset, durch welchen alle mit uns in Abyssinien gewesenen Europäer
ihren Tod in den Wellen gefunden haben.
    Ich zweifle nicht, dass mein Buch reissend abgehen wird und dass die Herren
Nachdrucker sich die Mühe nicht werden verdriessen lassen, den Debit desselben zu
befördern. Es war anfangs meine Absicht, es diesen redlichen Männern zu widmen;
denn da ich in demselben zugleich eine kurze Erzählung von meinem Aufentalte in
Fes und Marokko liefre, so dachte ich, es würde ihnen nicht uninteressant sein,
die Nachrichten, welche ich von ihren dortigen Mitbrüdern gebe, sich von mir
zueignen zu lassen. Allein mein Herr Vetter redete mir die Dedikationsgedanken
aus. Er berichtete mir, man sei jetzt im Begriff, der edeln Nachdrucker-Zunft im
Heiligen Römischen Reiche das Handwerk zu legen, und da meinte er, es könne
meinem Rufe schaden, wenn ich mich öffentlich als ein Anhänger derselben zeigte.
Da es nun einmal Sitte in der Welt ist, seine Freunde, wenn sie im Gedränge
sind, aus Politik zu verlassen, so gab ich denn auch den Vorstellungen des Herrn
Wurmbrand nach. Um jedoch in der Stille etwas zum Besten der gelehrten Korsaren
zu tun, bat ich meinen Herrn Verleger, sich mit keinem andern Privilegio
versehen zu lassen als mit einem abyssinischen. Sollte also der gegen den
Nachdruck auszuwirkende Reichsschluss so bald noch nicht zustande kommen, so
behalten meine verehrten Freunde in Karlsruhe, Reutlingen, Wien, Frankental
etc. noch immer freie Hände, dies Werk, insofern sie glauben, dass dabei etwas zu
gewinnen sein möchte, auf ihre Weise umgearbeitet, das heisst mit den
gewöhnlichen Kastrationen, auf weichem Löschpapiere, erscheinen zu lassen. Mein
Honorarium habe ich richtig erhalten, und mein Herr Verleger mag sehen, wie er
zurechtkommt!
 
                                  Erster Teil
                                  Erstes Kapitel
       Etwas von der Familie und den übrigen Verhältnissen des Verfassers
Ich weiss wohl, dass man es Schriftstellern, und besonders einigen neuern
Reisebeschreibern, sehr übel auslegt, wenn sie in ihren Werken viel von sich
selber, ihren Freunden und Verwandten reden; und da ich mir fest vorgenommen
habe, in diesem Buche einen ganz andern Weg zu gehn als den gewöhnlichen, so
sollte ich mich freilich hüten, gleichfalls in diesen Fehler zu verfallen;
allein ich halte es doch für Pflicht, bevor ich zu der Erzählung der
Begebenheiten selber schreite, die Leser zuerst genauer mit den Personen bekannt
zu machen, von deren Abenteuern und Unternehmungen ich ihnen Rechenschaft geben
will. Meine Geschichte gewinnt dadurch an Glaubwürdigkeit; und wenn ich mich
kurz fasse, so hoffe ich auch, Sie sollen, meine wertesten Herren und Damen,
nicht ungebührlich viel Langeweile dabei haben. - Also frisch daran!
    Mein Vater, seligen Andenkens, war ein Bierbrauer in Goslar und verfertigte
die vortreffliche Gose, von welcher der grosse Hübner, was ihren Geschmack und
ihre eröffnende Wirkung betrifft, rühmlichst Erwähnung tut. Wir hielten zugleich
ein Wirtshaus und hatten immer die Stube voll lustiger Gäste. Hier fielen dann
sehr angenehme Gespräche, besonders über politische Gegenstände, Krieg und
Frieden vor; reisende Handwerksburschen, Soldaten u. dgl. erzählten von fremden
Ländern und Städten; und wenn ich, als ein Knabe, mit meinen Büchern aus der
Schule kam (wo man mir zehn Jahre lang hauptsächlich mit Gesenii
Katechismus-Lehren und nebenher mit einigen nützlichen weltlichen Kenntnissen
das Gedächtnis schmückte, die Bildung des Herzens nebst der Übung des
Scharfsinns und der richtigen Beurteilungskraft aber der Zeit und den Umständen
überliess), verweilte ich oft in dem allgemeinen Gastzimmer, um jenen Erzählungen
zuzuhören, und liess schon früh die Lust zum Reisen und Wandern in mir erwecken.
    Es hatten aber meine Eltern beschlossen, mich die Rechte studieren zu lassen
und aus mir einen Advokaten zu machen. Von dieser wohltätigen und nützlichen
Menschenklasse befanden sich damals kaum funfzig in Goslar, von denen einige,
die schon sehr alt waren, vermutlich bald aus dieser Welt heraus kontumaziert
werden mussten; und so war denn Hoffnung da, dass ich, nach vollbrachten Studien,
in meiner Vaterstadt als Sachwalter Brot finden würde. Man schickte mich zu
diesem Endzwecke, sobald ich konfirmiert war, auf die Schule zu Holzmünden und
dann, im zwanzigsten Jahre meines Lebens, nach Helmstedt, woselbst ich von einem
kleinen Stipendio lebte und, in einer grossen Fütterungsanstalt für arme
Studierende, mit derber Kost versehen wurde, die in der Tat wohl passender für
Tagelöhner, als für Gelehrte gewesen wäre, jedoch meinen Vater, der monatlich
ein paarmal bei Trompeten- und Paukenschalle beträchtliche Summen im
braunschweigschen Lotto verspielte, von der Sorge befreiete, sehr viel auf
meinen Unterhalt zu verwenden.
    Im Jahre 1764 befahl mir mein Vater, nach Goslar zurückzukehren. Ich fand
ihn in sehr zerrütteten Gesundheits- und Vermögensumständen. Es schien, als wenn
die ungerechten Flüche derer, denen seine Gose zuweilen Leibschmerzen
verursachte, alles nur mögliche Ungemach über sein Haupt brächten. Ausser dem
Verluste, den er in der Zahlenlotterie erlitten hatte, war er noch auf andre
Weise unglücklich gewesen. Die Sache ging also zu. Der berühmte Graf St.
Germain, der bekanntlich ein grosser Alchimist und Universalarzt war oder
vielmehr ist (denn den Gerüchten, als sei er kürzlich in Schleswig gestorben,
darf man keinen Glauben beimessen; ein solcher Mann stirbt nicht; und wäre dem
so und hätte man am Ende entdeckt, dass er ein Betrüger gewesen, so würden ja
doch die Leute, bei denen er zuletzt gelebt, es für Pflicht der
Rechtschaffenheit gehalten haben, seine Schelmereien, zur Warnung des
abergläubischen Publikum, öffentlich bekanntzumachen, möchte man auch ein
bisschen über ihre Leichtgläubigkeit lächeln oder seufzen!), dieser Mann nun
bereisete den Harz und hielt sich einige Wochen lang in Goslar auf, wo er seinen
herrlichen Tee, den er wohltätigerweise, das Pfund für einen Karlsdor, verkaufen
liess, debitierte. Dieser Tee hatte, wie man weiss, die unvergleichliche Gabe,
wenn er lange genug gebraucht wurde, von allen Sorgen dieses Lebens zu befreien
und zu einer bessern Welt vorzubereiten. Der Graf war damals in seinen besten
Jahren, kaum eintausendachtundert Sommer alt. Einer seiner Lakaien, der noch
nicht viel über fünfhundert Jahre bei ihm diente, kam täglich in meiner Eltern
Haus, war sehr geschwätzig, redete viel von den Arzeneimitteln seines Herrn und
machte endlich meinem Vater begreiflich, dass, wenn er dem Herrn Grafen einen
grossen Vorrat von dem Wundertee auf Spekulation abkaufte und damit den ganzen
Unterharz laxierte, er nicht nur an manchen Familien zum Wohltäter werden,
sondern auch ein ansehnliches Kapital gewinnen könnte. Mein Vater liess sich
ankörnen, erhandelte zweihundert Pfund von der wohltätigen Ware, und der
Wundermann reisete weiter. Die ersten Proben, welche Herr Noldmann mit diesem
Universalmittel machte, fielen unglücklich aus; die Patienten hatten nicht
Geduld genug, so lange zu leben, bis die eigentliche Wirkung des Tees erfolgen
konnte, und der Stadtphysikus, der sein Privilegium, für die Bevölkerung des
Paradieses zu sorgen, mit niemand teilen wollte, verklagte meinen Vater bei dem
Magistrate. Der Prozess fiel zum Nachteile des Beklagten aus; der Tee wurde
konfisziert, von Sachkundigen geprüft und, da man ihn aus äusserst gemeinen,
wohlfeilen, aber bei unvorsichtigem Gebrauche schädlichen Kräutern
zusammengesetzt fand, ins Wasser geworfen, mein armer Vater aber zu einer grossen
Geldstrafe verurteilt. Aus Kummer über diesen neuen Unfall und über seine
täglich sich verschlimmernden häuslichen Umstände fiel er in eine gefährliche
Krankheit. In dieser Zeit schrieb er mir, ich möchte zu ihm kommen, indem er
durch meine Praxis sich wieder in eine bessere Lage zu versetzen hoffte. Was aber
seine Gesundheit betraf, so war er jetzt gegen den Arzt aufgebracht und wollte
sich also seiner Hülfe nicht bedienen; noch hatte er ein paar Pfunde von seinem
Tee heimlich gerettet, und da sein Glaube an die Wirkung desselben um nichts
schwächer geworden war, so trank er selbst fleissig davon. Vierzehn Tage nach
meiner Ankunft brachten ihn so weit, als die beharrlichsten unter St. Germains
Patienten früher oder später zu kommen pflegten; er starb in meinen Armen und
hinterliess seiner Familie drückende Sorgen für die Zukunft.
    Meine Mutter, von der ich noch nichts gesagt habe, lebte damals noch; mein
Vater hatte für sie in eine auswärtige Witwenkasse gesetzt; allein da die
Einrichtung derselben auf unrichtigen Berechnungen beruhete, so konnte sie
keinen Bestand haben; die Direktion der Kasse hatte daher schon vor einigen
Jahren bekanntgemacht, dass sie nicht Wort halten könnte; das ganze Institut
zerfiel; eine Menge von Familien verloren ihren Unterhalt, ihre von der
Landesherrschaft gesicherten Forderungen, die armen Weiber ihre Aussichten, ihre
Hoffnungen, künftig vor Mangel geschützt zu sein; und unter diesen war denn auch
meine Mutter.
    Da es meinem Vater gefallen hatte, aus mir das zu machen, was man einen
Gelehrten nennt, so schickte es sich nicht für mich, als Bierbrauer und
Schenkwirt in seine Fussstapfen zu treten; auch fanden sich so viel Schulden, dass
wir Haus und Inventarium verkaufen mussten, um diese zu tilgen. Ich mietete also
ein paar kleine Zimmer, tat den sehr unbedeutenden Rest, der von unserm Vermögen
übrigblieb, auf Zinsen aus und beschloss, vorerst davon, und dann von meiner
Arbeit als Advokat, mich und meine Mutter, so gut es gehen wollte, zu
unterhalten.
 
                                Zweites Kapitel
                            Fortsetzung des vorigen
Soviel von meiner eignen werten Person bis zu der Katastrophe, die mich bewog,
auf Reisen zu gehen! Jetzt muss ich von den übrigen Personen meiner Familie,
besonders von meinem Herrn Vetter reden, dessen Schicksale mit den meinigen
zusammenhängen.
    Ich war nicht der einzige Sprössling des Noldmannschen Geschlechts, sondern
hatte eine ältere Schwester, die, als ich noch ein Knabe von sechs Jahren war,
mit dem Prediger Wurmbrand im Eisenachschen getraut wurde. Dieser Mann war reich
und schon verheiratet gewesen. Mit der ersten Frau hatte er zehn Söhne erzeugt;
meine Schwester beschenkte ihn mit dem eilften, den er, indem ihm der Erzvater
Jakob im Kopfe steckte, Joseph taufte. Die Jungen sollten sämtlich Teologie
studieren; das war denn so die geistliche Grille des Herrn Pastors; doch wurde
sein Plan vereitelt. Zwei von den jungen Herren liefen aus der Schule weg und
liessen sich zu Soldaten anwerben; einer wurde blödsinnig und deswegen in ein
Hospital gesteckt; der vierte starb auf Universitäten, an der zurückgetriebnen
Krätze; der fünfte ertrank auf der Reise, als er eben nach Ilefeld auf das
Gymnasium ziehen wollte; einer wurde Landprediger und lebt noch; ein andrer liess
sich verleiten, mit den spanischen Luftspringern in die Welt hinein zu gehen und
die hohen Herrschaften in den Frankfurter Messen durch seine Gaukeleien zu
unterhalten; der achte verschwand auf einmal, nachdem er sich auf Schulen
allerlei Ausschweifungen ergeben hatte, soll gegenwärtig Schauspieler sein und
edle Heldenrollen spielen; der neunte, welcher Isaschar hiess, plagte seine
Eltern so lange, bis sie einwilligten, dass er Bartscherer und Wundarzt würde
(zwei Künste, die in Deutschland, wie jedermann weiss, zur Ehre der gesunden
Vernunft in einem Stande vereinigt sind); Sebulon aber, als der zehnte Sohn,
vollendete seine Studia, war ein wenig taub und kurzsichtig, wurde daher zum
Informator gut genug befunden, in welcher Qualität er sich vielleicht noch jetzt
herumtreibt. Der kleine Joseph, der wenig Jahre jünger als ich war, blieb am
längsten in seines Vaters Hause und wurde also, wie sich das versteht, von Vater
und Mutter verzogen. Gern hätten Seine Hochehrwürden noch einen kleinen Benjamin
geliefert; allein so gut wurde es ihnen nicht; es blieb also Joseph Wurmbrand
der Liebling der Eltern. Er war ein lebhafter Knabe, voll Mutwillen und
unruhigen Geistes. Da die kleinen Tücken, die er ausübte, als Zeichen seines
aufgeweckten Temperaments ausgelegt und seine Naturgaben bei jeder Gelegenheit
zur Ungebühr erhoben wurden, so gewann der Junge bald eine grosse Meinung von
seinem eignen Ich. Der Vater pflegte ihm oft in der Bilderbibel die Geschichte
von Jakobs Söhnen aufzuschlagen. Wenn dann das naseweise Kind auf dem
Holzschnitte den ägyptischen Finanzminister Joseph, mit königlichen Kleidern
angetan, auf einem grossen Stuhle sitzen sah, wie er seine Brüder, die als
lumpige Juden vor ihm erscheinen und seine Füsse küssen, von oben herab seiner
Gnade versichert, so dachte der kleine Wurmbrand, es könne ihm auch wohl noch so
gut werden; und dann kam es ihm im Schlafe vor, als wenn er dem Oberschenken und
dem Schlosshauptmanne in Weimar ihre Träume ausgelegt hätte und dieser
merkwürdige Umstand der durchlauchtigsten Herzogin Regentin wäre berichtet
worden, da er dann einen Ruf bekommen, vor Ihrer Durchlaucht zu erscheinen, und
der erhabenen Fürstin den Rat gegeben, zu rechter Zeit Magazine anzulegen, und
wie er darauf stante pede zum Kammerpräsidenten wäre ernannt worden, wodurch er
dann Gelegenheit erhalten hätte, seine ganze Familie zu hohen Ehren zu bringen,
und was dergleichen Torheiten mehr waren.
    Indessen liessen sich solche erhabne Gedanken nicht wohl mit seines Vaters
Plane, ihn der Gottesgelehrteit zu widmen, vereinigen; deswegen empfand er denn
auch sehr wenig Neigung, diesen Stand zu wählen. Wenn der alte Pastor mit seinem
Ideenschwunge nicht weiter hinauf konnte, als dass er in Gedanken seinen lieben
Sohn auf dem Consistorio in Weimar sein examen rigorosum rühmlichst aushalten
sah, indes der Alte hinter dem grünen Schirm auf jede Frage und Antwort lauerte
und unter der Hand zu erfahren suchte, ob der hoffnungsvolle junge Kandidat bene
oder valde bene zum Urteil erhalten habe, so flog Joseph mit seiner Phantasie
viel höher. Er erblickte sich als Minister an der herzoglichen Tafel auf dem
grossen Schloss (dessen prächtige Merkwürdigkeiten sowohl als die schönen
Gärten, Lust- und Jagdschlösser sich der Herr Pastor nebst seiner Familie bei
einer Reise nach Weimar einmal hatte zeigen lassen), sah sich da den herrlichen
Pasteten und Fleischmassen gegenüber, woran die herzoglichen Mundköche ihre
Kunst verschwendet hatten, und erlauerte den Augenblick, da er, durch irgendein
Abenteuer in die Residenz geführt, dort einer vornehmen Dame Liebe einflössen,
von ihr, nach vorhergegangener Mantel-Szene, auf die Wartenburg verwiesen werden
und dort, durch Traumdeuterei, den Grund zu jener glänzenden Laufbahn legen
würde.
    Es war aber im Buche des Schicksals anders beschlossen. Sein Vater unterwies
ihn selbst bis in das funfzehnte Jahr, nach der damals allgemein üblichen alten
Metode, und in der Tat war über seinen Fleiss nicht zu klagen. Dann wurde er
nach Eisenach auf die Schule geschickt, wo er bei seinem Oheim, einem Kantor, im
Hause wohnte. Hier geriet er mit andern wilden jungen Leuten in Verbindung; man
wachte nicht sorgfältig genug über seine sittliche Aufführung; sein Kopf war
voll von Erwartungen sonderbarer Abenteuer; es dauerte ihm zu lange, ehe sich
eine Aussicht zeigte, die Träumereien seiner Kindheit realisiert zu sehen; es
wurde nun immer ernstlicher davon geredet, dass er sich den teologischen
Wissenschaften widmen sollte; das Ding gefiel ihm nicht; er geriet über einige
Reisebeschreibungen, die ihm die Lust einflössten, fremde Länder zu sehen; er
fing an zu glauben, Weimar sei wohl nicht der Ort, wo er die grosse Josephs-Rolle
würde spielen können, und da ihn die Abenteuer nicht suchten, so beschloss er,
sie aufzusuchen. In dieser Stimmung wurde er durch einen andern jungen Menschen
bestärkt, der ihm den Plan entwerfen half, fortzulaufen und mit ihm auf gutes
Glück in die weite Welt zu gehen. Hierzu kam, dass er ein wenig zu bekannt mit
des Herrn Kantors Tochter geworden, woraus Folgen entstanden waren, die bald
sichtbar werden mussten und die ihn in grosse Verlegenheit setzten. In diesem
Punkte ahmte er also seinem ägyptischen Helden nicht nach, der sich bei Madam
Potiphar ganz anders betragen hatte; allein das hielt ihn nicht ab zu glauben,
er könne wenigstens im übrigen sein Vorbild erreichen. Er ging also fort, und um
die Leser nicht mit einer weitläuftigen Beschreibung seiner Wanderschaften zu
ermüden, will ich davon nur das Hauptsächlichste erzählen.
    Joseph Wurmbrand erlebte, was jedem leichtsinnigen Knaben begegnen muss, der,
ohne zu wissen wohin und ohne alle Erfahrung, in die Welt hinein läuft. Dass man
wohl tue, sich mit Gelde zu versehen und einen bestimmten Plan zu entwerfen,
bevor man einen solchen Schritt wagt, daran hatte der junge Herr sowenig wie
sein Reisegefährte gedacht. Einige Tage lag es ihnen nur am Herzen, ihre Tritte
zu beschleunigen, weil sie fürchteten, man möchte ihnen nachsetzen. In dieser
Zeit nun waren sie bis an die preussische Grenze gekommen, fühlten sich aber so
ermüdet und, da sie indes fast gar nichts genossen hatten, einer guten Mahlzeit
so bedürftig, dass sie sich entschlossen, hier haltzumachen, sich mit Speise und
Schlaf zu erquicken und inter pocula miteinander zu beratschlagen, wohin nun
eigentlich die Reise gehen sollte. Ein einsam liegendes Wirtshaus ladete sie
eines Abends ein, hier Quartier zu nehmen. Sie fanden darin, ausser dem dicken
einäugigen Gastwirte und seinem buckligen Weibe, noch zwei grosse, starke Kerle
um den Tisch herum sitzen, die zuvorkommend freundlich gegen sie waren und mit
denen sie bald in allerlei vertrauliche Gespräche gerieten. dabei liessen sie
sich zu essen und zu trinken geben.
    Die beiden Fremden nötigten sie, ein paar Gläser Wein mit ihnen auszuleeren,
wobei unsre jungen Abenteurer treuherzig genug waren, ihre Geschichte zu
erzählen, nämlich: wie sie, um sich dem Schulzwange und dem ewigen Einerlei
einer sitzenden Lebensart zu entziehen, sich mit der Absicht auf den Weg gemacht
hätten, die Welt zu sehen, und dass es nun ihr Plan sei, nach Holland zu reisen
und dort, weil sie doch im Schreiben und andern nützlichen Kenntnissen erfahren
wären, sich zu bemühen, auf einem Schiffe, das zu einer grossen Reise bestimmt
wäre, als Schreiber oder dergleichen angesetzt zu werden. Die übrige
Gesellschaft lobte diesen Entschluss, und weil es indes spät geworden war und die
beiden jungen Leute sich ungewöhnlich schläfrig fühlten, so wurde Anstalt zu
einer Streue gemacht, auf welcher Joseph mit seinem Gefährten und bald nachher
auch ihre neue Bekannte Platz nahmen.
    Es war schon heller Tag, als mein Herr Vetter von seinem festen Schlafe
erwachte; er rief seinem Freunde, aber niemand antwortete; er stand auf, fragte
den Wirt und die Wirtin, wo denn die andern wären, und bekam zur Antwort, dass
sie das nicht wüssten. Schon vor Tage habe einer von ihnen die Magd geweckt, habe
die Zeche für sie alle bezahlt und sei weitergereiset; vermutlich sei der junge
Mensch mit den beiden Männern gegangen. Sowenig dies nun mein Herr Vetter
begreifen konnte, so blieb ihm doch nichts übrig, als sich in Geduld zu fassen.
Vergebens wartete er bis zum Mittage auf die Zurückkunft seines Freundes; er
erschien nicht, und Joseph musste sich entschliessen, einsam seine Reise
fortzusetzen. Er liess sich den nächsten Weg, der auf die holländische Heerstrasse
führte, beschreiben, nahm sein Bündelchen und ging fort.
    Unterwegens gesellte sich ein Mann zu ihm, mit dem er bald eine Unterredung
anfing und dem er den ihn betroffenen Unfall klagte. Der Mann schien grossen
Anteil an der Sache zu nehmen und erklärte ihm zugleich, wie es damit zugegangen
wäre. Er sagte ihm, dies Wirtshaus sei eine Herberge für preussische Werber und
die beiden gestrigen Gäste seien dergleichen gewesen; er wisse auch recht wohl,
wie es diese Herrn machten. Sehr wahrscheinlich hätten sie ihm und seinem
Freunde einen Schlaftrunk in den Wein geschüttet, dann in der Nacht den jungen
Menschen von der Streue aufgenommen, auf einen Wagen gelegt und wären mit ihm
nach Magdeburg gefahren. Dies war auch in der Tat also geschehen, und was meinen
Vetter von einem gleichen Schicksale gerettet hatte, war der Umstand gewesen,
dass er nicht sehr ansehnlich von Figur ist, dahingegen der andre ein schlanker,
hübscher Pursche war. Der ehrliche Mann beschloss seine Rede mit der ziemlich
bekannten Anmerkung, dass es allerorten böse Leute gebe und dass ein junger Mensch
sich auf Reisen sehr in acht nehmen müsste.
    Schon am folgenden Morgen hatte Joseph Gelegenheit, die Wahrheit und
Wichtigkeit dieser Bemerkung zu fühlen; denn nachdem er mit seinem neuen
Bekannten in einem kleinen Städtchen übernachtet hatte und nun weiter seiner
Strasse ziehen wollte, fand sich's, dass der Fremde vorausgegangen war und, teils
um ihn von der Last zu befreien, gar zu schwer tragen zu müssen, teils um seine
Lehre von der Vorsichtigkeit auf Reisen ihm anschaulicher zu machen, sein Bündel
mitgenommen hatte.
    Das war denn ein harter Schlag für meinen armen Herrn Vetter; denn das
Päcklein entielt seine besten Sachen an Wäsche, silbernen Schnallen und
dergleichen, und nun hatte er, ausser der Kleidung, die er auf dem Leibe trug,
und einem halben Taler barer Münze, nichts im Vermögen, das ihm hätte die Mittel
verschaffen können, Holland zu erreichen. Er schritt also, traurig und
unentschlossen, was er anfangen wollte, weiter. Indessen machte er es hier wie
die mehrsten Menschen; denn er nahm sich jetzt, da es zu spät war und er nichts
mehr zu verlieren hatte, vor, künftig behutsamer zu sein.
    Der halbe Taler, der Josephs ganzen Reichtum ausmachte, war nun auch bald
ausgegeben, und so blieb ihm denn, nach einigem Kampfe zwischen seinem hungrigen
Magen und dem Ehrgeize, nichts übrig, als mitleidige Menschen um einen
Zehrpfennig anzusprechen. In dieser Lage wünschte er wohl freilich zuweilen, dass
irgendeine reiche Madam Potiphar ihn in Versuchung führen möchte; allein so gut
wurde es ihm nicht; doch bettelte er sich, mit ziemlichem Anstande und Erfolge,
noch einige Tage lang weiter.
    Ich habe vorhin gesagt, dass der jetzige Herr Notarius Wurmbrand, von dem
hier die Rede ist, keine vorzüglich schöne Leibesgestalt besässe. Hierdurch habe
ich aber keineswegs eine nachteilige Schilderung von meinem Herrn Vetter
entwerfen wollen. - Im Gegenteil! er hat gewiss keine ganz gemeine
Notariatsphysiognomie, und was ich jetzt erzählen will, wird dies beweisen. Als
er nämlich auf dieser Wanderschaft einen westfälischen Edelmann um eine kleine
Gabe ansprach, gefiel diesem Herrn seine Gesichtsbildung so vorzüglich, dass er
ihm den Antrag tat, ihn als Lakaien zu sich zu nehmen. Des armen Josephs
Erwartungen von seinem künftigen Schicksale waren nun schon durch die ersten
Widerwärtigkeiten ziemlich herabgespannt, und so besann er sich denn nicht
lange, ob er ein so gütiges Anerbieten annehmen sollte oder nicht.
    Unter den westfälischen Edelleuten, sowie überhaupt unter der deutschen auf
ihren Gütern wohnenden Noblesse, gibt es, wie bekannt, ungemein viel feine,
gebildete und gelehrte Männer. Sie nützen die glückliche Musse des Landlebens zu
Ausbildung ihres Geistes, und da sie sehr wohl fühlen, dass ein blosser Stammbaum
noch nicht beweiset, dass der Abkömmling von sechzehn adelig gebornen Personen
ein edler Mann und kein Tölpel sei, so suchen sie sich wirkliche Vorzüge des
Geistes und Herzens zu erwerben und, durch Beförderung einer weisen Aufklärung
und durch väterliche Sorgfalt für die ärmern Landleute, ihren Mitmenschen
wahrhaftig nützlich zu werden. Ja, in der Tat, so sind die deutschen Edelleute,
und ich kann es nicht begreifen, wie manche Menschen das Gegenteil behaupten
können. - Ein solcher Mann war denn auch der Kavalier, der meinen Herrn Vetter
zu sich nahm. Er besass eine grosse Büchersammlung, in vergoldetes Leder gebunden
und mit seinem Wappen geziert, und da er fand, dass Joseph nicht ohne Kenntnisse
und nicht ohne gute Anlagen zu weitrer Ausbildung derselben war, so verstattete
er ihm den freien Gebrauch dieser Bibliotek, liess ihn auch nicht lange die
Livree tragen, sondern nützte ihn, als eine Art von Schreiber, zu Führung seines
Briefwechsels und zu andern Geschäften.
    Hier lebte Herr Wurmbrand zwei Jahre lang, fand Gelegenheit, bei dem
Prediger des Orts Unterricht in einigen Sprachen und Wissenschaften zu erlangen,
befestigte sich aber, besonders durch Lesung vieler Reisebeschreibungen, immer
mehr in dem Vorsatze, ferne Länder und Völker kennenzulernen.
    Einstens erhielt der Edelmann Besuch von einem Professor aus Frankfurt an
der Oder, der sehr stark in orientalischen Sprachen war. Dieser lernte meinen
Vetter kennen, gewann ihn lieb und tat dem gnädigen Herrn den Vorschlag, er
möchte ihm den jungen Menschen überlassen, indem er für seine weitern Studien
und für sein Fortkommen zu sorgen versprach. Der Herr Professor hatte grossen
Einfluss an Höfen, den er auf edlere Art nützte als wohl mancher andrer Professor
der Philologie, den ich kenne. Der Edelmann willigte ein, und Joseph reisete mit
dem Professor nach Frankfurt.
    Drei Jahre brachte Herr Wurmbrand bei diesem Gelehrten hin, war sein
Amanuensis, schrieb das, was dieser drucken liess, ins reine, übernahm die
Korrekturen, gab sich ein wenig mit Rezensieren ab, studierte aber und las dabei
fleissig, was nicht jeder Rezensent tut, hörte indessen nicht auf, seinen
Wohltäter zu bitten, er möchte ihn doch irgendeinem vornehmen Herrn, der eine
weite Reise vorhätte, als Gesellschafter empfehlen, wozu man, wie billig ist,
gern Leute wählt, die sich auf orientalische Sprachen gelegt haben.
    So standen die Sachen, als ein pommerscher Edelmann, welcher Deutscher
Ordensritter war, sich eine Zeitlang in der dortigen Gegend aufhielt und sich an
verschiedne Personen mit dem Anliegen wendete, sie möchten ihm doch einen
geschickten Sekretär verschaffen; da dann mein Vetter, durch Vorsprache seines
Beschützers, diese Stelle erhielt.
    Den in diesen Dingen etwa unwissenden Lesern dient zur Nachricht, dass der
Deutsche Orden ein für die Menschheit sehr nützliches Institut ist. Der
Hauptgegenstand der Bemühungen desselben bleibt, seitdem seine Bestimmung am
Heiligen Grabe wegfällt, die Ausrottung der Erbfeinde der Christenheit, der
vermaledeieten Türken. Es wäre wohl zu wünschen, dass andre, der Welt ebenso
nützliche Unternehmungen, zum Beispiel: die Erziehung der Jugend, die
Beförderung der Wissenschaften, die Aufmunterung unterdrückter Talente, die
Minderung der Not und Armut, der Sturz des Fürstendespotismus und der
Ungerechtigkeit, die Beschützung der unterdrückten Hülflosen, die Ermunterung
des echten Verdienstes und dergleichen, den Hauptzweck ebenso reicher und
mächtiger Gesellschaften ausmachen möchten - doch vielleicht erleben wir auch
das noch. Obgleich nun der Deutsche Orden mit der menschenfreundlichen Absicht,
die Ungläubigen zu vertilgen, in den letztern fünfhundert Jahren nicht sehr weit
fortgerückt ist, so muss doch jeder Ritter drei Feldzüge gegen die Türken tun,
das heisst, er muss drei verschiedne Kampagnen hindurch bei irgendeiner Armee, die
gegen den Erbfeind in Bewegung ist, sich aufhalten und sich's im Hauptquartiere
wohl sein lassen. Der Orden hat auch Priester, die aber den Türken keinen
Abbruch tun und, nach Priesterweise, statt gegen sie zu fechten, sie nur
anatematisieren. Um Deutscher Ritter zu werden und Anspruch auf reiche
Kommentureien machen zu dürfen, muss man das Gelübde der Armut und auch die des
Gehorsams und der Keuschheit, welche auf ebensolche Weise in Erfüllung gebracht
werden, eidlich ablegen.
    Ein strenger Beweis von sechzehn echten Ahnen beurkundet die Würdigkeit, in
den Orden aufgenommen zu werden, welches mit kirchlichen Zeremonien geschieht,
die, besonders einem Protestanten, gar sonderbar mitzumachen vorkommen müssten,
wenn die Menschen nicht einmal daran gewöhnt wären, Spielereien Feierlichkeiten
zu nennen und das Alte ehrwürdig zu finden, wenn auch gar kein Sinn darin liegt.
    Der Ritter, welcher den Herrn Wurmbrand zu sich nahm, war in der Jugend ein
wenig zu kavaliersmässig erzogen worden; man hatte vergessen, ihn das Schreiben
und Lesen gehörig zu lehren, und mein Herr Vetter war ihm also ein sehr
nützlicher Mann zu Führung seines Briefwechsels. Da sich sonst keine Gelegenheit
fand, wider die Türken zu Felde zu ziehen, so beschloss er, nach Malta zu reisen
und mit den Galeeren, die jahraus, jahrein von dort aus auf die Kinder Muhameds
Jagd machen, gegen die Ungläubigen zu kreuzen.
    Gleich bei der ersten Expedition dieser Art, wenig Wochen nach ihrer Ankunft
auf der Insel (mein Vetter wich seinem Herrn nicht von der Seite), hatten sie
das Unglück, einem barbarischen Seeräuber in die Hände zu fallen, der sich, ohne
grossen Widerstand, ihres Fahrzeugs bemächtigte und die ganze Equipage zu
Gefangnen machte. Der Ritter schaffte in wenig Monaten ein ansehnliches Lösegeld
herbei und wollte auch seinen Sekretär loskaufen, allein der Korsar hatte den
Herrn Wurmbrand so liebgewonnen, dass er ihn durchaus nicht wollte fahrenlassen.
Hierzu trug nicht wenig meines Herrn Vetters Kenntnis der orientalischen
Sprachen bei. Der Seeräuber war übrigens ein Mann von Kopf und von
menschenfreundlichem Herzen. Er hielt und behandelte seinen Sklaven so wohl, dass
dieser oft in Versuchung geriet zu glauben, man könne in der türkischen
Gefangenschaft fast ebensoviel Freiheitsgefühl schmecken als in den Diensten
manches alten Edelmanns in Deutschland. Ali Muski (so hiess der Korsar) war ein
deutscher Renegat, der, nachdem er in Europa lange genug von kleinen und grossen
Despoten, Schelmen und Pinseln war herumgehudelt worden, sein Glück zur See
versucht hatte. Sein Schicksal hatte ihn nach Tripoli geführt; er war einem
billigdenkenden Manne in die Hände gefallen, hatte den Vorteil gehabt, diesem
einst das Leben zu retten; wurde aus Erkenntlichkeit in Freiheit gesetzt; hielt
es für vernünftig, den Gottesdienst des Landes anzunehmen, und bekam von seinem
ehemaligen Herrn einen Vorschuss, womit er anfing Handel zu treiben und Fahrzeuge
auszurüsten. Die Vorsehung begünstigte sein Unternehmen; er wurde reich; eigne
Erfahrungen hatten ihn Mitleiden mit fremdem Kummer gelehrt; er behandelte seine
Sklaven mit Milde und Schonung, hatte Sinn für fremden Wert und Dankbarkeit für
erwiesene Dienste.
    Ali Muski hatte ein wichtiges Geschäft in Kairo zu besorgen; dies trug er
meinem Vetter auf, der es zu seiner Zufriedenheit ausrichtete und zum Preise
seiner Bemühung die Freiheit erhielt.
    Nun erwachte in Josephs Kopfe der Gedanke, in diesen Weltgegenden die Rolle
zu spielen, von welcher er in seinen Kinderjahren so schön geträumt hatte. Er
fand, dass unter den Menschen, welche wir Räuber und Barbaren nennen, wohl
ebensoviel Treue und Glauben herrschen als in unsern sogenannten verfeinerten
bürgerlichen Verbindungen; er beschloss also, in Afrika zu bleiben, wo man ihn
wenigstens nicht zwang, Candidatus Teologiae zu werden. Er kleidete sich nach
Landessitte, und was die Religion betraf, so war der Renegat billig genug, von
ihm nicht zu fordern, dass er seinem Beispiele folgen sollte. Ali Muski
versicherte ihn, dass, wenn er sich nur entielte, gegen die herrschenden
Meinungen und Gebräuche zu eifern, so könnte er ungestört bei seinem Lutertume
bleiben.
    Jetzt kam es nur darauf an, einen Plan für die Zukunft zu entwerfen. Handel
zu treiben, wozu ihm Ali Muski gern Geld vorgestreckt haben würde, war seine
Sache nicht; und der Gedanke, in einem von den unzähligen grossen afrikanischen
Reichen eine wichtige Rolle zu spielen, blieb immer herrschend bei ihm, zu
welchem Endzwecke er denn die koptische Sprache und die von Tigre oder Geez und
die amharische fleissig studierte. - Im Arabischen war er schon geschickt.
    Indessen fügte es sich, dass er bald noch eine Reise nach Kairo, in
Geschäften seines ehemaligen Gebieters, zu machen hatte. Er traf dort einige
Abyssinier an, die ihm so viel Gutes von ihrem Vaterlande sagten, dass er,
nachdem er vorher in Tripoli Ali Muski Rechenschaft von seinen Verhandlungen
gegeben hatte, sich entschloss, nach Gondar zu gehen und dort sein Glück zu
versuchen. Da er, der Kleidung und Sprache nach, völlig wie ein Muselman aussah,
so hatte er auf der Reise nichts zu fürchten; allein sein Wohltäter erwies ihm
noch die Grossmut, dafür zu sorgen, dass es ihm nicht an Gelde oder vielmehr an
wollnem Zeuge fehlte, welches in Abyssinien statt der Silbermünze gebraucht
wird, und dass der Bassa von Ägypten ihm eine Bedeckung von Sklaven und so
dringende Empfehlungsschreiben an die Nayben oder Stattalter an der Grenze
mitgab, dass mein Herr Vetter in der Tat in jenen unbekannten Ländern allerorten
so freundlich aufgenommen und bewirtet wurde als ein junger Gelehrter in
Deutschland, der, um die schönen Franzbände der öffentlichen Biblioteken und
die Studierzimmer der Bücherschreiber zu beäugeln, versehen mit einem Firman
oder mit einem Hirtenbriefe von irgendeinem Stimmführer in der Literatur, seine
Wanderschaft mit dem Postwagen von Zürch bis Kiel oder von Wien bis Bonn
antritt.
    Da indessen die Türken vom festen Lande Abyssiniens vertrieben sind, so war
es nötig, gleich bei seiner Ankunft in Adova, der Hauptstadt von Tigre, für
einen koptischen Christen zu gelten. Übrigens versah er sich mit einigen
einfachen Arzeneimitteln und gab sich für einen Medikus aus, welches, so
unwissend er auch in dieser Wissenschaft war, in den dortigen Gegenden, wo die
Heilkunde eben keine grosse Fortschritte gemacht hatte, durch Hülfe der den
europäischen Scharlatanen abgelernten Windbeuteleien sehr leicht auszuführen
war.
    Auf diese Weise kam er glücklich nach Gondar, der Residenz des Königs von
Abyssinien, wurde dem Monarchen vorgestellt, hatte das Glück, demselben einige
Würmer abzutreiben und ihn, durch Gebrauch einer Merkurialsalbe, von dem
Aussatze zu befreien - zwei der gewöhnlichsten Krankheiten in diesen
afrikanischen Ländern, die aber unter unsern europäischen Fürsten noch nicht
eingeführt sind -, und kam durch diese Kur zu hohen Ehren.
    In seinem Glücke nun erinnerte er sich seiner Verwandten in Deutschland, und
ich bekam im Jahre 1766 einen Brief von ihm, wovon ich im folgenden Kapitel
Rechenschaft geben werde.
 
                                Drittes Kapitel
Der Verfasser erlebt unangenehme Schicksale in Goslar und reiset zu seinem Herrn
                             Vetter nach Abyssinien
Ich habe vorhin erzählt, dass ich nebst meiner Mutter eine kleine Wohnung in
Goslar bezog, um dort mit ihr, so gut es gehen wollte, zu leben; allein neue
Widerwärtigkeiten trafen mich ohne Unterlass. Im ersten Jahre wollte es mit
meiner Praxis gar nicht fort. Bei den kleinen Zwistigkeiten unter den Bürgern,
Bauern und Bergleuten war wenig Geld zu verdienen; ich verstand die eigentliche
Advokatenkunst nicht, klare Sachen dunkel zu machen, friedliebende Leute vom
Vergleiche abzuhalten, wenig Sachen mit viel Worten zu sagen und dann meine
Schriften nicht nach der Wichtigkeit der Arbeit, sondern nach der Anzahl der
unnütz vollgeschriebnen Bogen mir bezahlen zu lassen; ich nahm von armen Leuten
kein Geld, und reichre wendeten sich nicht an mich, sondern an irgendeinen alten
Advokaten, der schon, durch vieljährigen Besitz, sich das Recht erworben hatte,
ein Organ der Schikane zu sein und dasjenige in seinen Beutel zu spielen,
worüber sich zwei andre Leute zankten. Zu Anfange des andern Jahrs geriet
endlich ein etwas wichtigrer Prozess in meine Hände, allein ich musste in dieser
Sache nach Wetzlar appellieren - das hiess denn, in gewissem Sinne, für die
Ewigkeit arbeiten, brachte aber kein Geld ein. Der Reichskammergerichtsassessor,
in dessen Hände die Akten fielen, legte sie zu den übrigen hundertundfunfzig
Prozessen, aus denen er Relationen schuldig war; und jetzt, nach fünfundzwanzig
Jahren, da ich dieses schreibe, werden sie noch wohl an demselben Platze liegen,
wenn die Parteien nicht etwa Mittel gefunden haben, durch Sollizitieren einige
Beschleunigung auf Unkosten andrer, vielleicht noch ängstlicher nach Recht und
Gerechtigkeit Seufzenden, zu bewirken.
    Es ging also sehr schlecht mit meiner Einnahme, und die Ausgaben hingegen
vermehrten sich, da meine Mutter erkrankte und nach dreimonatlichem Leiden
starb. Ich musste unser kleines Kapitälchen angreifen und war in der Tat in der
traurigsten Lage, als ich von meinem Herrn Vetter den obenerwähnten Brief
erhielt, dessen Inhalt ungefähr folgender war: Er sei, nach mancherlei erlebten
Schicksalen, nach Abyssinien geraten und habe jetzt die Ehre, daselbst erster
Staatsminister des Königs oder grossen Negus zu sein, den wir irrigerweise den
Priester Johannes nennten. Dieser Monarch nun beglücke ihn mit seiner
vorzüglichen Gunst, habe auf seinen Rat verschiedne gute Einrichtungen, nach dem
Muster der europäischen Staaten, in seinem weitläuftigen Reiche gemacht und
wünsche, noch mehr Europäer dahin zu ziehen, auch Bücher, Maschinen und andre
Dinge, wovon das Verzeichnis hiebei erfolge, aus unserm Vaterlande zu erhalten.
Er, der Herr Minister, habe diese Gelegenheit, mich glücklich zu machen, nicht
entwischen lassen wollen, da ich von den Personen seiner Familie der einzige
Mann sei, von dem er glaubte, er könne ihn in seinem grossen Vorhaben
unterstützen. - Mein Herr Vetter bat mich daher, mich auf die Reise nach Afrika
zu machen, schrieb mir den Weg vor, den ich nehmen sollte, schickte mir die
nötigen Adressen, für die verschiednen Handlungsplätze nebst den Anweisungen, wo
ich das Geld zur Reise und zu Anschaffung der Bücher und andern Sachen, die ich
mitbringen sollte, heben könnte, versicherte mich der besten Aufnahme, seiner
hohen Protektion und versprach mir ein glänzendes Glück, das meine Erwartungen
weit übertreffen würde. Übrigens kam mir die Auswahl der Bücher, welche ich
anschaffen sollte, sonderbar genug vor; ich werde in der Folge wohl noch etwas
darüber zu sagen haben, wenn ich von dem Grade der Aufklärung rede, zu welchem
ich den Hof des grossen Negus durch meines Herrn Vetters Bemühungen erhoben fand.
    Der Vorschlag, den mir Joseph Wurmbrand tat, hatte in meinen dürftigen
Umständen viel Anlockendes. Ich bekenne zwar, dass es meinen Stolz ein wenig
empörte, die bessern Aussichten, welche mir derselbe eröffnete, weniger meinen
eignen Verdiensten als der Vetterschaft des Herrn Ministers zu danken zu haben.
Der Nepotismus war mir stets ein Greuel gewesen; allein die Not wurde bei mir
dringender. Die Begierde, fremde Länder zu sehen, war denn auch noch immer bei
mir sehr lebhaft geblieben, und obgleich mein Vetter ein wenig aus einem
hochtrabenden Tone von der Wohltat sprach, die er mir zu erweisen dachte, so war
es doch auch sehr bemerklich, dass er meiner zu Ausführung seiner dortigen Plane
bedurfte, und es blieb mir ja noch die Erwartung übrig, dass ich selbst mich
vielleicht bei dem Könige durch eigne Geschicklichkeit in Gunst setzen könnte,
besonders im juristischen Fache, wenn es mit der Aufklärung in Abyssinien schon
so weit sollte gekommen sein, dass man dort Prozesse führte.
    Ich erschien nun in meiner besten Kleidung, die, im Vorbeigehen zu sagen, in
einem leberfarbenen Rocke mit gelben Knöpfen und einer blauen Weste mit Silber
bestand, vor dem Magistrate in Goslar und hielt eine lange Rede, in welcher ich
feierlich meinem Bürgerrechte entsagte und den hochweisen Herrn anzeigte, dass
ich meine Vaterstadt auf immer verlassen würde. Der hohe Magistrat schien dies
als eine sehr unwichtige Sache anzusehen, und einige von den Gliedern desselben
verwiesen es mir, dass ich mit dieser feierlichen Anzeige einer so unbedeutenden
Begebenheit ihre Aufmerksamkeit gespannt und sie von der Mittagstafel abgehalten
hätte. »Und wo geht denn die Reise hin?« fragte der regierende Bürgermeister. Da
erzählte ich denn, dass ich von dem Könige in Abyssinien, durch seinen Minister,
der mein Herr Vetter wäre, sei eingeladen worden, dortin zu ziehen und ein
wenig an dem Aufklärungswesen mitzuarbeiten. Weil nun die Herren vom Magistrate
nicht sehr erfahren in der Geographie waren und in den Zeitungen nie etwas von
einem solchen Könige gelesen hatten, so hielten sie meine Erzählung für eine
Fabel, glaubten, ich wollte sie zum besten haben oder sei närrisch geworden, und
gaben mir deswegen die ernstliche Weisung, sie mit meinen Torheiten zu
verschonen. Allein nach einem paar Tagen erschienen in Goslar zwei ägyptische
Kaufleute, welche meinem Herrn Vetter versprochen hatten, mich abzuholen. Sie
waren von einigen teils schwarzen, teils braungelben Sklaven begleitet und
erregten unter dem Pöbel gewaltigen Auflauf.
    Nun sahen die Herren vom Rate wohl, dass es mit der Einladung nach Abyssinien
seine gute Richtigkeit hatte, und dies versetzte das ganze Publikum in Goslar in
eine sehr verschiedne Stimmung. Einige, die bisher den armen Advokaten Noldmann
nicht der geringsten Aufmerksamkeit gewürdigt hatten und die zu der Klasse von
Menschen gehörten, welche jedes fremde Glück beneiden, sie mögen selbst darauf
Anspruch machen wollen oder nicht, erlaubten sich hämische und spöttische
Bemerkungen über diesen Vorfall, bemüheten sich, mich auf alle Weise zu
verkleinern und mein Vorhaben lächerrlich zu machen. Andre, aus denen das
Häuflein der in allen grossen und kleinen Staaten zu findenden Unzufriednen
bestand, denen die Regierung nichts recht machen kann, suchten, sowenig sie auch
von mir und meinen Verdiensten wussten, diese Gelegenheit zu nützen, um laut
darüber zu schreien, dass der Magistrat, welcher es, wie sie sagten, zur Schande
der Republik Goslar, immer also mache, hier nun wiederum einen geschickten und
fähigen Mann, den ein grosser König mit offnen Armen aufnehme, aus dem Lande
gehen liesse. Die Andächtigen und Schwachen an Geist, von der Geistlichkeit
gestimmt, verfehlten nicht, bei dieser Veranlassung ihren Eifer für die Religion
zu zeigen, indem sie riefen, es sei ein Greuel, dass ein christlich geborner
Einwohner in Goslar sein Vaterland und die Gemeine verliesse, um bei verdammten
Heiden, Türken und Mohren zu leben und sein Seelenheil zu verscherzen. Der
grösste Teil des Magistrats aber wollte gern die Ehre, welche mir widerfuhr, auf
die Stadt lenken. Man beschloss, mir aufzutragen, dem Könige von Abyssinien, im
Namen der Reichsstadt, zu danken für die Ehre, welche er einem ihrer Bürger
erwiese, Seine Majestät um ferneres gutes Vernehmen mit der Republik Goslar und,
bei etwa entstehendem Kriege, um Schutz und Beistand zu bitten. Ich hatte Mühe
zu verhindern, dass man mir nicht, zum Geschenke für den König, einige Krüge des
besten Goslarschen Bieres mitgab; und acht Tage nachher las man in der
Braunschweigschen Zeitung einen Artikel des Inhalts: Es habe Seine Majestät der
König von Abyssinien die Freie Reichsstadt Goslar durch eine eigne Deputation
ersuchen lassen, ihm aus ihren Mitteln einen geschickten Rechtsgelehrten zu
senden, der das dortige Justizwesen auf einen soliden Fuss bringen sollte, und
habe der hochweise Magistrat, um diesem königlichen Verlangen ein Gnüge zu
leisten, den Advokaten Herrn Benjamin Noldmann dahin abgehen lassen.
    Ich machte mich indessen mit meinen Reisegefährten auf den Weg und will nun
über den Verfolg meiner Begebenheiten in den nachstehenden Kapiteln Bericht
erstatten.
 
                                Viertes Kapitel
 Benjamin Noldmanns Abreise von Goslar am Harz, um nach Gondar in Abyssinien zu
   gehen, nebst den Nachrichten von seiner Audienz bei dem Kaiser von Marokko
Auf meiner Reise zu Lande bis Stade begegnete mir nichts Merkwürdiges, als dass
in den Städten und Dörfern zwischen Goslar und jener Stadt Kinder und erwachsene
Leute hinter uns herliefen, weil die schwarzen und braunen Gesichter meiner
Begleiter ihnen sehr auffallend waren. Von da mussten wir zu Wasser nach Plymout
gehen, weil ich dort verschiedne englische Ware einzukaufen hatte. Dort wurden
wir bald nachher wieder eingeschifft und erreichten, ohne widrige Vorfälle, die
Kanarischen Inseln.
    Mein Herr Vetter war so sorgsam gewesen, mir einen geschickten Sprachmeister
zu senden, und ich wendete die ganze Zeit, die wir auf der Nordsee, auf dem
Atlantischen und nachher auf dem Mittelländischen Meere zubringen mussten, dazu
an, mir die gehörigen Kenntnisse zu erwerben, um wenigstens nicht ganz unwissend
in den Sprachen der Länder zu sein, in denen ich nun künftig leben sollte.
    In Madeira fand ich das Schiff, welches mich nach Marokko führen sollte. Dass
wir dazu mit den nötigen Pässen versehen waren, versteht sich von selber; ich
hatte aber einen wirklichen Auftrag an dem marokkanischen Hofe von dem Könige in
Abyssinien auszurichten. Mein Herr Vetter wollte, dass ich hier die erste Probe
ablegen sollte, ob ich zum Staatsmanne taugte, und der Zweck meiner
Gesandtschaft war, Seiner Kaiserlichen Majestät ein Bündnis anzubieten und
zugleich mit dem braunen Monarchen einen Handlungstraktat zu schliessen.
    In dem Schiffe fand ich eine vollständige afrikanische Garderobe für mich,
und sobald wir die Kanarischen Inseln aus den Augen verloren hatten, vertauschte
ich meinen braunen Rock und die blaue Weste mit einer prächtigen abyssinischen
Kleidung. Mein Herr Vetter hatte von mir verlangt, dass ich meiner
Bierbrauers-Genealogie nicht Erwähnung tun, sondern mich für einen deutschen
Kavalier von altem Adel ausgeben sollte. Es tat mir weh, dass ich mir eine solche
Lüge erlauben musste, und ich seufzte darüber, dass auch in Abyssinien die
Abstammung eines Menschen, die doch weder persönlichen Wert gibt noch
persönliche Unvollkommenheiten tilgt, für etwas Wesentliches gelten sollte; weil
es nun aber einmal erfordert wurde und ich so wohlfeil dazu kommen konnte, ohne
die gewöhnlichen Gebühren zu bezahlen, so reisete ich als ein Edelmann von
Madeira ab.
    Unter den Büchern, deren ich im vorigen Kapitel Erwähnung getan habe und die
ich mit nach Gondar bringen sollte, hatte mir der Minister von Wurmbrand auch
den Titel des sehr interessanten grossen Werks aufgeschrieben, welches der
Freiherr von Moser in Quarto herausgegeben hat und das die Beantwortung der
wichtigen Frage entält, ob die Gesandten vom zweiten Range den Titel Exzellenz
fordern dürfen oder nicht. Dies schätzbare Buch war, so wie noch ähnliche andre,
welche Gegenstände des Staatsrechts abhandeln, die einen beträchtlichen Einfluss
auf die Wohlfahrt des Heiligen Römischen Reichs haben, eigentlich zu meinem
Gebrauche mitgenommen worden, indem ich daraus den nötigen Unterricht erhalten
sollte, wie ich es anzufangen hätte, meiner eignen und des allergnädigsten
Königs Ehre an dem marokkanischen Hofe nichts zu vergeben. Sobald ich daher im
Hafen Mazagan angekommen war, schickte ich meinen Dolmetscher voraus nach
Marokko, um vorläufig jeden kleinen Punkt des Zeremoniells bei meiner
feierlichen Audienz ins reine bringen zu lassen. Nun gingen fast täglich Kuriere
hin und her zwischen Mazagan und Marokko; die dortigen Zeitungsschreiber
urteilten, es müssten am Hofe äusserst wichtige Dinge verhandelt werden, um so
mehr, da binnen den sechs Wochen, die ich im Hafen zubrachte, um über jene
Punkte bestimmte Erklärung zu erhalten, alle, auch die wichtigsten einländischen
Geschäfte im marokkanischen Ministerio liegenblieben. Anfangs begnügten sich die
öffentlichen Blätter, nur oft wiederholt zu erzählen, es sei schon wieder ein
Kurier durchpassiert, von dessen Ausrichtung - man nichts wisse. Als aber dem
Publiko die Zeit zu lange dauerte und ich die strengste Verschwiegenheit
beobachtete, erfanden die Zeitungsschreiber allerlei zuverlässige Nachrichten
von bevorstehenden Kriegen und Ländertausch, bis endlich die ganze Sache klar
wurde. Man erlaubte sich nämlich am Hofe des Kaisers von Marokko die unerhörte
Anmassung, zu fordern, der abyssinische Gesandte sollte in des Kaisers Gegenwart
durchaus sich nicht unterstehen zu niesen. Nun hatte ich aber nicht nur, durch
Verkältung auf der Reise, einen ungeheuern Schnupfen bekommen, sondern es stand
auch bestimmt in meiner Instruktion, dass ich auf diesem höchst wichtigen Punkt,
weswegen schon einmal ein zehnjähriger Krieg war geführt worden, mit aller
Beharrlichkeit bestehen sollte. Es glückte mir endlich, durch ernstliche
Bedrohung, dass man wieder zu den Waffen greifen würde, nicht nur die Freiheit zu
erlangen, bei Hofe ungehindert zu niesen, sondern auch, dass man mich von dem
ärgerlichen Zeremoniell befreiete, während der Audienz eine Pomeranze im Munde
zu führen. Da indessen mein Katarrh vorübergegangen war und ich mich doch in den
Besitz des Rechts zu niesen setzen wollte, so versah ich mich mit dem grünen
Schneeberger Schnupftobake, der auch solche Wirkung hervorbrachte, dass darüber
ein grosser Teil der schönen Reden verlorenging, die bei dieser Gelegenheit
gehalten und verdolmetscht wurden.
    Ich verschone die Leser mit Beschreibung meines feierlichen Einzugs und
schweige über den übrigens sehr glücklichen Erfolg meiner Verhandlungen am
marokkanischen Hofe, als welche, wie billig, ein Geheimnis bleiben müssen;
dagegen aber will ich einiges von der Person des Kaisers, von dem Lande selber
und von einem sehr interessanten Gespräche, das ich mit Seiner Majestät führte,
hier erzählen.
    Der damalige Kaiser von Marokko war ein stattlicher, korpulenter Herr, der
einen vortrefflichen Appetit bei Tafel hatte und die Frauenzimmer ungemein
liebte. Die Zeit, welche er diesen beiden Gegenständen widmete, erlaubte ihm
nicht, sich sehr viel um Regierungsgeschäfte zu bekümmern. Diese waren deswegen
gänzlich den Händen seines Premierministers überlassen, der ein Jude und ein
wenig schmutzig in seinem Äusserlichen war. Der Kaiser schien, wenn ich die
wenigen Stunden zwischen dem Frühstücke und der Mittagsmahlzeit ausnehme, fast
immer schläfrig und abgespannt zu sein, und dann begegnete es ihm wohl,
Gespräche zu führen, die man bei einem Privatmanne äusserst albern finden würde,
welches aber bei einem grossen Herrn der Fall nie sein kann. Mitunter kam
indessen auch wohl einmal etwas in seinen Reden vor, das nicht ohne Vernunft
war, und dann pflegte er dies einigemal zu wiederholen und zu erwarten, dass man
ihm darüber eine Schmeichelei sagte. Eines Morgens war ich nebst meinem
Dolmetscher und dem Oberzeremonienmeister bei dem Kaiser allein, und da fiel
folgendes Gespräch unter uns vor:
    KAISER: Das Europa, wo du zu Hause bist, mein lieber Gesandter, mag ein ganz
hübsches Ländchen sein; es ist schade, dass es nicht einem einzigen Herrn gehört.
    OBERZEREMONIENMEISTER: Und einem so weisen Monarchen, als Euer Majestät
sind.
    KAISER: Halte jetzt dein Maul! Ich rede mit dem Gesandten. Wenn ich einmal
des Nachmittags auf dem Ruhebette liege, so sollst du mir dergleichen
vorsprechen. Also, was ich sagen wollte! Fürchten sich eure Könige und Fürsten
nicht, dass ich sie einmal absetze?
    ICH: Man kennt die edle Denkungsart Euer Majestät, rechnet auf die Verträge
und Friedensschlüsse und dann auch ein wenig auf die weite Entfernung.
    KAISER: Lass sehen! Was sagtest du? Es war viel auf einmal, aber ich kann es
noch alles zusammenbringen. Man rechnet auf die Entfernung? Ja, man kennt mich
noch nicht; wenn ich mir einmal etwas vorgenommen habe, so muss das gehen, und
wenn es auch noch soviel Schwierigkeiten hat. Meine edle Denkungsart? - Nun! das
ist etwas. Ja, wenn man mich nicht in Zorn bringt, so geht alles gut. Aber was
die Verträge betrifft, Herr Gesandter, so lasse ich mich darauf mit den
europäischen Fürsten nicht ein, weil sie unter sich selber auch nicht Wort
halten. Wenn meine Schiffe fremden Fahrzeugen begegnen, und sie haben Lust dazu,
so nehmen sie sie weg, und damit Punktum!
    ICH: Aber, allergnädigster Kaiser, doch nicht, wenn diese fremden Fahrzeuge
solchen Mächten gehören, mit denen Euer Majestät Frieden haben?
    KAISER: Gesandter! Du hast den Sinn meiner Worte nicht begriffen. Ich
schliesse mit keinem europäischen Könige Frieden, weil sie ihn doch nicht halten,
sobald sie glauben, dass sie ungestraft nehmen können. Plündern sie sich doch
selber einer den andern und nehmen sich Länder weg, die ihnen sowenig zugehören
als mir deine Nase!
    ICH: Euer Majestät halten zu Gnaden! Wenn einer unsrer Könige in die
Notwendigkeit versetzt wird, seinem Nachbar den Krieg anzukündigen -
    KAISER: Dein Wort in Ehren! aber ich sehe es nicht ein, wie dabei eine
Notwendigkeit eintreten kann - doch nur weiter!
    ICH: Dann lässt er, durch einen geschickten Rechtsgelehrten, eine Deduktion
verfertigen -
    KAISER: Was ist das für ein Ding?
    ICH: Das ist eine Schrift, darin bewiesen wird, dass dieser König ein Recht
auf diese oder jene Provinz habe.
    KAISER: Ich möchte, bei meiner Seele! wohl einmal sehen, wie man es anfängt,
wenn man beweisen will, dass irgendein Mensch oder irgendein Volk auf irgendein
Stück der Welt ein andres Recht habe als das, was ihm die Stärke gibt. Aber lass
hören! Wird nun der andre dadurch überzeugt? Und wenn er es nicht wird, wer
entscheidet dann? Wer ist Richter?
    ICH: Der Gegenteil schreibt gleichfalls eine Deduktion, und dann greifen sie
zu den Waffen.
    KAISER: Das ist eine dumme Einrichtung. Was kann die unnütze Schmiererei
helfen, wenn man sich einmal vorgenommen hat, seinem Kopfe zu folgen? Ist es
nicht viel ehrlicher gehandelt, wenn man grade zugreift und hinnimmt, ohne den
andern mit Heucheleien zu betriegen? Ist es nicht ehrlicher gehandelt, gar
keinen Frieden zu versprechen, wenn man voraus weiss, dass einmal das, was du
Notwendigkeit nennst, uns bewegen kann, über den Nachbar herzufallen? Wer hält
da mehr Treue und Glauben, ihr oder wir? Aber ohne alle diese unnützen
Versicherungen lassen wir unsre Nachbarn in Ruhe, und nur die falschen Europäer
glauben wir nicht schonen zu dürfen, weil sie unsrer nicht schonen. Wenn wir uns
auf ihre Bündnisse und beschwornen Frieden einliessen, so würden sie auch bald
gegen uns mit ihren Deduktionen, oder wie die Dinger heissen, angezogen kommen.
Jetzt hält die Furcht sie beständig im Zaume, weil sie wissen, dass mit uns nicht
zu scherzen ist.
    Ich sah wohl, dass ich den mohrischen Kaiser nicht überzeugen konnte, und
schwieg also, da ich ohnehin in Marokko nicht als ein Europäer, sondern als
abyssinischer Abgesandter erschien. Übrigens gefiel es mir sehr gut an diesem
Hofe, und ich kann nicht sagen, dass ich, während meines zweimonatlichen
Aufentalts, die geringste Ungerechtigkeit ausüben gesehen hätte, sowenig gegen
mich als gegen andre. Wenn die Seeräuber die Sache mit dem wahren Namen nennen
und kein anders Recht als das des Stärkern respektieren, so erkennen sie doch
zugleich die Pflicht des Mächtigern, den Schwächern zu schützen, und da sie wohl
einsehen, welche Verwirrung daraus entstehen würde, wenn kein Privatmann sicher
sein könnte, die Früchte seines Fleisses einzuernten, so ist das wahre, selbst
erworbne Eigentum, ohne geschriebne Gesetze, durch Herkommen heilig und
gesichert, ausser unter den herumziehenden Horden.
    Die Königreiche Fes und Marokko haben einen Überfluss an allem, was zur
Annehmlichkeit des Lebens dienen kann; sie bestehen aus den schönsten,
reizendsten Gegenden, in einem milden, gemässigten Himmelsstriche gelegen. Die
Einwohner haben Verstand, Witz und Liebe zu den Wissenschaften - mit einem
Worte! ich bin überzeugt, dass, wenn unsre europäischen Majestäten hoffen
dürften, mit einigem Erfolge die Sache betreiben zu können, man schon längst
einem Professor aufgetragen haben würde, in einer gründlichen Deduktion das
Recht zu beweisen, sich in Seiner Marokkanischen Majestät Provinzen zu teilen.
    Ich genoss ausgezeichnete Achtung an dem Hofe dieses Kaisers und wurde
reichlich beschenkt. Um dafür meine Dankbarkeit zu zeigen und die Ehre des
königlich abyssinischen Gesandten zu behaupten, kam ich auf den Gedanken, Seiner
Majestät eine vollständige europäische Kleidung zu Füssen zu legen. Ich suchte
also meinen leberfarbnen Rock mit der blauen Weste, sodann Beinkleider, Hut,
Schuhe, Hemd, Schnallen, Strümpfe, kurz, alles, was zu einem zierlichen Anzuge
nach unsrer Weise gehört, hervor und liess mir dies aufs Schloss nachtragen. Der
Kaiser hatte eine unbeschreibliche Freude bei dem Anblicke aller dieser Stücke
und lachte überlaut über die Menge von Kleinigkeiten, mit allen Knöpfen, Lappen,
Ecken, Nähten und dergleichen, woraus diese Kleidung bestand, von welcher er
behauptete, dass sie dem menschlichen Körper ein solches verschobnes,
unförmliches Ansehen gäbe, dass, wer das zum ersten Male sähe, kaum wissen würde,
was für eine Kreatur in diesem Flickwerke steckte. Er lachte so überlaut, dass er
fast erstickt wäre, und statt, dass ich erwartet hatte, er würde den europäischen
Geschmack bewundern, erlebte ich die Demütigung zu sehen, dass Seine Majestät es
gar nicht für möglich hielten, dass ein Mensch im Ernst also gekleidet sein
könnte. Ja, er befahl seinem Hofnarren, diesen leberfarbnen Rock, nebst Zubehör,
jeden Mittag nach Tafel anzuziehen und also vor ihm zu erscheinen, damit er ihn
aufs neue in lustige Laune versetzen und dadurch seine Verdauung befördern
möchte. Indessen schien er doch grossen Wert auf dies Geschenk zu setzen. Ich
beurlaubte mich, stieg nebst meinem Gefolge in Mazagan in ein Schiff, das
ausdrücklich für mich, und zwar aufs prächtigste, ausgerüstet war. Eine Fregatte
diente zu unsrer Bedeckung. Wir fuhren vor Gibraltar vorbei, hielten uns immer
nahe an der barbarischen Küste und stiegen in Tolomita, einem Hafen im
Königreiche Barkan, an das Land.
 
                                Fünftes Kapitel
 Fortsetzung des vorigen. Kurze Schilderung einiger grossen afrikanischen Höfe,
                die der Verfasser bei seiner Durchreise besuchte
Mein Herr Vetter hatte mir geschrieben, ich sollte von Barkan aus an der Grenze
von Ägypten hinauf und dann durch Nubien reisen, woselbst ich an den Höfen der
Könige, die dem Monarchen von Abyssinien zinsbar sind, wichtige Geschäfte zu
besorgen hatte.
    Es gehört nicht zu dem Plane meines Werks, eine weitläufige Beschreibung
dieser in der Tat sehr beschwerlichen Reise zu liefern; ich fand übrigens, als
ich nach Tolomita kam, dass man dort von Gondar aus alles so eingerichtet hatte,
dass ich mir die möglichste Gemächlichkeit und Sicherheit auf meinem Wege
versprechen konnte. Jetzt bedurfte ich nun auch kaum noch eines Dolmetschers,
und so reisete ich denn mit meinen Leuten getrost längs dem Nil fort, der, in
einer Entfernung von einigen Meilen, mir zur linken Seite hinfloss. Ich ritt auf
einem Elefanten; hinter mir sass ein schwarzer Sklave, der mir, sooft mich
dürstete, in einem Becher Met oder Hydromel reichte, wovon ein grosser Vorrat in
Schläuchen auf den Kamelen, welche meine Leute ritten, mitgeführt wurde. - Was
nicht aus einem Menschen werden kann! Wer hätte ein paar Jahre vorher denken
sollen, dass der Advokat Benjamin Noldmann, der in Goslar kaum das liebe Brot
hatte, jetzt, mit einem glänzenden Gefolge als Gesandter, an den afrikanischen
Höfen herumziehen würde?
    Obgleich ich mir nun vorgesetzt habe, keine ausführliche Schilderung von
diesen Höfen zu liefern, so will ich doch im Vorbeigehen über einige derselben
etwas sagen; einst aber denke ich geographische, politische, statistische,
kameralistische, philosophische, teologische, physikalische, medizinische und
andre Bemerkungen über Nubien und dessen Könige und Fürsten herauszugeben. Da
ich ein ganzes Jahr lang an den Höfen in Nubien herumgereiset bin, so habe ich
Gelegenheit genug gehabt, diese Bemerkungen zu machen.
    Der erste König, den ich sah, war der von Sennar. Er ist unumschränkt in
seiner Macht, aber ganz blödsinnig. Bei der Audienz, welche ich bei ihm hatte,
war er auf dem Trone festgebunden, weil ihn sonst zuweilen in der Narrheit die
Grille anwandelte, den Gesandten oder andern Fremden auf die Schultern zu
springen oder mit Gewalt einen Schleifer mit ihnen zu tanzen. Wie das Land unter
dem Zepter eines solchen Monarchen regiert wird, das kann man sich leicht
einbilden. Die Personen seiner Familie und die Grossen des Reichs reissen ihm
diesen Zepter wechselsweise aus der Hand, suchen einer den andern zu stürzen;
oft lässt ihn dieser etwas unterschreiben, das dem widerspricht, was jener eine
Stunde vorher hat ausfertigen lassen; das Glück der Untertanen ist ein Spielwerk
der Kabale; Gunst und Gabe und Privatleidenschaften, Nepotismus, Rachsucht - das
sind die Triebfedern, und an ein festes System ist nicht zu denken.
    Der König von Dequin war ein grosser Liebhaber der Fischerei. Zwei seiner
schönsten Provinzen hatte er, mit ungeheuern Kosten, ausgraben und in Seen
ummodeln lassen; ja, ein Schmeichler hatte ihm einst den Vorschlag getan, das
ganze Reich in ein Meer zu verwandeln, auf demselben mit seinem Volke in grossen
Schiffen herumzufahren und nur vom Fischfange zu leben; folglich ein ganzes
neues schwimmendes Reich zu stiften und sich den Beherrscher aller Gewässer der
Welt und deren Bewohner zu nennen. In seinen Schlössern hatte er in allen
Zimmern grosse und kleine Teiche anlegen lassen. Da sass er denn mit seinen
Lieblingen und Weibern, die Angelrute in der Hand, indes die Stattalter und
Minister das Volk plünderten. Wollte dieses mit seinen Klagen bis zum Könige
dringen, so gebot man ihm, unter fürchterlichen Drohungen, Stillschweigen, weil
durch lautes Reden die Fische verscheucht wurden und nicht anbissen. Jedermann
wurde daher vom Schloss entfernt gehalten. Alles ging in demselben in grösster
Stille zu, ausser bei den Mahlzeiten, wo jedoch nichts als Fische gespeist
wurden. Ich erreichte den Zweck meiner Sendung dadurch, dass ich Seiner Majestät,
durch Seine Exzellenz den Geheimen Hof-Fischer, eine neue Art von Köder (oder
Lockspeise für die kleinern Fische) überreichen liess, durch dessen Hülfe ich, in
meinen Knabenjahren, manche Forelle aus den Harzbächen gestohlen hatte. Dies
gefiel dem Monarchen ungemein, und er unterschrieb auf der Stelle den
Handlungstraktat mit Abyssinien, ohne ihn gelesen zu haben.
    Den König von Bugia fand ich beschäftigt, Zahnstocher aus Sandelholz zu
schnitzeln. Dies war seine einzige Beschäftigung, vom Morgen bis zum Abend. Er
hatte einem benachbarten Volke kürzlich zweiundzwanzig einträgliche Ämter gegen
einen kleinen Wald von Sandelbäumen abgetreten; denn schon fing es an, ihm an
Materialien zu Zahnstochern zu fehlen. Er beschenkte jedermann mit diesen
Kostbarkeiten. Die Beamten mussten die Untertanen zwingen, Sandelbäume zu
pflanzen, und unter diesem Vorwande wurden sie denn schrecklich gedrückt; denn
wenn unter andern ein solcher Geld brauchte, so befahl er dem Bauer, seine
besten Felder in einen Wald zu verwandeln, und dann war kein andres Mittel da,
als sich mit einer Summe Geldes den kleinen Tyrannen vom Halse zu schaffen.
    Als ich nach Fungia kam, war der Monarch dieses Volks in einen blutigen
Krieg mit seinen Nachbarn, den Barbirini, verwickelt. Der Gegenstand dieses
Kriegs war die Auslieferung der heiligen Knochen eines Priesters, der am
Aussatze gestorben war. Der König war nämlich im höchsten Grade andächtig und
abergläubisch. Er war von Pfaffen erzogen worden, die ihn in der äussersten
Dummheit erhalten hatten, damit sie desto despotischer das Land regieren
könnten. Die Hälfte aller Güter im Lande gehörte den Priestern, und bei diesem
Kriege war es eigentlich auf nichts angelegt, als gewisse hell sehende Köpfe, zu
denen der König einige Zuneigung gefasst hatte und die sich listig, und um sicher
zu sein, in das Gewand der Religiosität gehüllt hatten, dadurch zu entfernen,
dass man sie mit der Armee fortschickte. Meine Unterhandlung an diesem Hofe ging
dadurch gut vonstatten, dass ich dem Könige drei ganze Körper von
Einsiedlermönchen aus den Gebirgen Waldubba in Abyssinien versprach. Solche
Mönche werden für Wundertäter und Heilige gehalten und pflegen ein hohes Alter
zu erreichen, wenn sie nicht von venerischen Krankheiten aufgerieben werden,
welches sehr oft der Fall ist. Schwerlich würden indessen diese Gebeine mein
Wort geredet haben, wenn ich nicht dem Oberpriester ein grosses Geschenk an
abyssinischem Golde versprochen hätte.
    Der König von Tasi war ein warmer Freund der Beredsamkeit. Den sehr
gedrückten Untertanen, die um Brot baten, pflegte er lange Reden zu halten,
worin er ihnen bewies, dass es unpatriotisch sei, soviel Hunger zu haben. Bei
meiner ersten Audienz erinnerte ich mich der Aktus, denen ich in meiner Jugend
auf der Schule in Holzmünden beigewohnt hatte. Es ging ungefähr ebenso dabei
her, und wurden im grossen Rittersaale sieben Reden gehalten; auch wurde da viel
unnütze Feierlichkeit angestellt. Den Allianztraktat unterschrieb man unter
Absingung von Hymnen; doch baueten sie in Abyssinien nicht viel auf die Treue
des Königs von Tasi, und der Erfolg rechtfertigte dies Misstraun. Beim Abschiede
beschenkte ich den König mit neun Bänden von Freimaurer-Reden, die ich ins
Arabische hatte übersetzen lassen und die sehr gnädig aufgenommen wurden.
    In Ilab musste alles durch Weiber durchgesetzt werden. Der Monarch war mit
neun wirklichen Gemahlinnen und fünfunddreissig Kebsweibern versehen, deren jede
ihren Anhang, ihre Kreaturen, ihre Grillen und ihr Privatinteresse auf Kosten
der andern gelten machen wollte. Der entnervte Wollüstling war das Spielwerk
aller dieser Parteien. Sie verleiteten ihn zu tausend Torheiten und
Ungehörigkeiten, und das ehemals so mächtige Reich war seinem Sturze nahe, als,
gleich nach meiner Abreise von dort, der schwache Regent starb und sein Sohn zur
Regierung kam, von welchem man, wie von allen Tronfolgern in der Welt, die
besten Hoffnungen hatte.
    In Omazib, einem der grössten Reiche in Nubien, und in welches vor mir, und
vielleicht auch bis jetzt, noch kein andrer Europäer gekommen ist, regierte ein
König oder wurde vielmehr ein König von seiner Gemahlin regiert, deren Herz über
alle Massen an Glanz, Pracht, an der Bewundrung des Pöbels und an Feierlichkeiten
hing. Statt für den innern Flor des Landes zu sorgen, machte man, mit ungeheurem
Kostenaufwande, ohne Unterlass Plane zu Eroberung fremder Provinzen, nicht
sowohl, um dadurch wahre Vorteile für die übrigen eignen Länder zu ziehen, als
vielmehr, um das Vergnügen zu haben, grosse Huldigungsfeste zu feiern, den
königlichen Titel um einige Zeilen zu verlängern und in den Jahrbüchern, von
kurzsichtigen und knechtischen Geschichtschreibern, unter die mächtigen Eroberer
gezählt zu werden. Die unnützen Kriege und die Summen, welche man der weibischen
Eitelkeit opferte, erschöpften die Kassen; der Staat wurde mit grossen Schulden
belastet, und den armen Bedienten blieb man den Gehalt schuldig.
    In Agazan herrschte ein Monarch, der allen guten Willen hatte, sein Land
glücklich zu machen, verjährte Vorurteile auszurotten und eine vernünftige
Gleichheit unter allen nützlichen Ständen in seinem Reiche einzuführen; allein
der Ungestüm, mit dem er das alles trieb, Mangel an weiser, nüchterner
Übersicht, an Überlegungen und Festigkeit, verdarben auch seine edelsten
Absichten. Er musste oft Schritte zurückgehen, die er übereilt getan, oft
widerrufen, was er befohlen hatte, weil es nicht ausführbar war. dabei
respektierte er zuwenig die Freiheit der Menschen und ihr Eigentum, rechnete
zuwenig auf ihre verschiednen Stimmungen und Vorstellungen von Glückseligkeit,
denen der Weise zur rechten Zeit in Kleinigkeiten nachgibt, um grössere Zwecke zu
erreichen. Er wollte alles gewaltsam, nach Willkür, mit der eisernen Hand des
Despotismus durchsetzen; und so erbitterte er denn die Gemüter des Volks, so wie
er von einer andern Seite die Grossen durch zuviel Popularität vor den Kopf stiess
und demütigte, die Andächtler gegen sich aufbrachte und die strengen Moralisten
durch seine unreinen Sitten empörte. Er war krank, als ich ihm vorgestellt
wurde, aber ich konnte mich nicht entalten, Interesse für ihn zu empfinden, und
wenn er länger in der Welt lebt und nicht durch seinen Ungestüm mehr verdirbt,
als wiedergutzumachen möglich ist, so kann noch einst sein Reich sehr glücklich
unter seiner Leitung werden.
    Der König von Nemas hatte keinen Sinn für andre Freuden als für die elenden
Freuden der Jagd. Das Land wimmelte von Löwen und Hyänen, welche ungeheure
Verwüstungen anrichteten, aber nicht geschossen werden durften, damit der
Monarch seine rasende Mordlust befriedigen konnte, sooft er wollte, das heisst:
täglich, vom Morgen bis zum Abend. Er sah sein ganzes Land nur als einen grossen
Park an, der ihm zum Vergnügen vom Schöpfer angelegt wäre. Seine Untertanen,
nebst ihrem Viehe und ihren Früchten, betrachtete er als das bestimmte Futter
für die Tiere, unter denen er sein Wesen trieb. Was aber die Löwen und Hyänen
nicht frassen, das nahmen die Beamten und Stattalter weg. Die Klagen der Bauern
über Not, Druck und Armut zu hören, dazu hatte er weder Musse noch Lust. Es fand
sich kein Augenblick, wo man ihm eine Bittschrift überreichen konnte, als wenn
er durch die Galerie ging, um sein Jagdpferd zu besteigen; dann nahm er kalt und
unteilnehmend die Papiere an, achtete der Tränen nicht, lachte über die
komischen Figuren, welche die um Hülfe Flehenden machten, wenn sie vor ihm
niederfielen und seine Knie umfassen wollten, oder befahl den Leuten, wenn er
einmal recht gnädig war, aufzustehen, indem er hinzufügte, er sei ja nicht der
liebe Gott (welches sie nun freilich wohl merkten), übrigens wolle er die Sache
seinen Räten empfehlen. Und dabei blieb es. Die Bittschriften wurden an die
verschiednen Departements abgeliefert; - und wehe dem, der darin über
Ungerechtigkeit und Bedrückung geklaget hatte! Ihm wussten es die Bassen
einzudrängen! Wurde aber einer, dem man es recht arg gemacht und der nun nichts
mehr zu verlieren, nichts mehr zu fürchten hatte, gar zu laut, ging hin zu dem
Könige und wusste sich Gehör zu verschaffen, so dass Seine Majestät etwa einmal
aus ihrem Seelenschlafe erwachten und ernstlich befohlen, dem Armen zu helfen,
dann verbanden alle sich gegen ihn; er wurde dem Monarchen als ein Querulant,
als ein unruhiger Kopf geschildert, der nie zufrieden wäre, den man gar nicht
anhören müsste. Zugleich machte man ihn dem Volke verdächtig, brachte allerhand
böse Gerüchte von ihm in Umlauf, als sei er ein gefährlicher, boshafter Mann;
und so fand denn der Unglückliche weder Gehör noch Glauben, noch Beistand.
    Der König von Orawad schien eine unförmliche Fleischmasse ohne Geist und
Leben zu sein; unfähig, an irgendeiner Sache wahres Vergnügen zu finden, für
irgendeinen Gegenstand Interesse zu fassen, irgendein paar Begriffe zu verbinden
und zu ordnen, war er nicht nur weit entfernt, seine Regentenpflichten erfüllen
zu können, sondern auch ungeschickt, mitten in dem Schlaraffenleben, das er
führte, einen Augenblick von Genuss zu haben und eine leidlich anständige,
ernstafte Miene anzunehmen, wenn seine Hinterviertel den Tron seiner Väter
ausfüllten. Echte Stupidität und Langeweile dehnten sich auf seiner Stirne, und
wenn er den Mund öffnete, so geschah es, um eine Albernheit zur Welt zu bringen.
Unter seinen Weibern das wollüstigste und ränkevollste beherrschte ihn, und das
auf eine so verächtliche, erniedrigende Weise, dass sie ihn bei jeder Gelegenheit
öffentlich zu einem Gegenstande des Spottes machte. So unersättlich wie ihre
körperlichen Begierden, so grenzenlos war ihr Hang zur Pracht und Verschwendung.
Da war keine Art von Auflage zu erdenken, womit man nicht das arme Land
heimsuchte, um den unvernünftigen Aufwand der Königin zu bestreiten und ihre
niederträchtigen Sklaven, Lieblinge und Buhler zu bereichern. Der höchste Grad
von Verderbnis der Sitten herrschte in allen Ständen und verhinderte das an
Leib, Seele und Vermögen zugrunde gerichtete Volk, sich dem abscheulichen
Despotismus entgegenzustemmen, womit es geschunden wurde. Ein zweideutiges Wort,
ja, nur ein lauter Seufzer war hinlänglich, den, welchem dies Wort oder dieser
Seufzer entfahren war, auf seine Lebenszeit im Kerker schmachten zu lassen.
Verhaftbefehle und Todesurteile wurden, unter mutwilligen Scherzen, in der
Garderobe und im wollüstigen Taumel ausgefertigt, indes man dem seelenlosen
Monarchen, in dessen Namen man dies Unwesen trieb, kleine Nüsse hinwarf, womit
er spielen musste, und ihn mit Hohn in die Schranken seiner Dummheit zurückwies,
wenn er es einmal wagte, nach etwas zu fragen. Ein glücklicher Leichtsinn und
die Gabe, mit Lebhaftigkeit die kleinen guten Seiten an jedem Dinge zu entdecken
und die Augenblicke von frohem Genuss zu erhaschen, hatte denn auch die Nation
bis jetzt abgehalten, ernstaft über ihren traurigen Zustand nachzudenken und
kräftige Mittel zu wählen, ihre schimpflichen Fesseln abzuschütteln; allein ich
sah doch feste, edle Männer mit finsterm Blicke umherschleichen, sich zuweilen
verstohlen die brüderliche Hand drücken und sich mit dem grossen, wohltätigen
Plane beschäftigen, der auch nachher ist ausgeführet worden.
    Von dem Könige von Tafak habe ich wenig zu sagen. Er ist den Türken zinsbar,
welche ihm die Krone auf den Kopf gesetzt haben, die auf diesem leeren Haupte
nur so lange festsjetzt, als er der demütige Diener der Pforte bleibt. Er ist
aber von dieser gekrönten Sklavenrolle sehr zufrieden, insofern ihn seine
Königsbedienung nur in den Stand setzt, ungestört in Völlerei und Wollust zu
leben.
 
                                Sechstes Kapitel
                                  Fortsetzung.
                                        
                     Beschreibung der kleinern Höfe Nubiens
Die kleinern Fürsten Nubiens, deren Höfe ich im Vorbeigehen besuchte, waren
nicht weniger originell in ihrer Art als jene grossen; nur fehlte es ihnen an
Macht, ihre Torheiten und Untugenden mit soviel Aufwande zu offenbaren.
Grösstenteils erregten sie bei mir nur Mitleid und Lächeln. Wo sie aber konnten
und durften, da übten sie eine Tyrannei aus, die, wenigstens für einzelne
Untertanen, ebenso fürchterlich als die des grössten Despoten war.
    Am auffallendsten war mir's, dass ich nicht einen dieser unbedeutenden
Menschen sah, der nicht in seiner Residenz von zwanzig Häusern, in seinem
Ländchen, das auf der Landkarte gänzlich bedeckt ist, wenn sich eine grosse
Fliege daraufsetzt, sich so erhaben, so wichtig vorgekommen wäre als der Kaiser
von China. Je kleiner ein solcher Gesalbter war, einen desto längern Titel gab
er sich; ja, zwei von ihnen führten seit drei Jahren einen fürchterlichen Krieg
miteinander, weil der eine sich unterfangen hatte, den Titel Herr des
Sonnenscheins seinem durchlauchtigen Namen hinzuzufügen, da hingegen der andre
behauptete, dies sei ein ausschliessliches Recht seines Hauses.
    Indessen hindert doch dieser Hochmut nicht, dass einer in des andern Dienste
tritt und sich dafür jährlich eine Kleinigkeit bezahlen lässt, dass er die Farbe
trägt, worin der Nachbar seine Sklaven kleidet, oder dass er eine goldene Kette
umhängt, die ihm ein Fürst, der einige Hufen Landes mehr als er besitzt,
geschenkt hat und worauf eingegraben steht, dass dies ein Zeichen von Verdienst
sein solle.
    An jedem dieser kleinen Höfe herrschten ein andrer Ton, andre Grillen, andre
Liebhabereien, und das alles, leider! auf Unkosten der armen Untertanen. Der
Fürst von Schankala hatte einen übertriebnen Sammlungsgeist. Ich musste seine
Kabinette besehen. An Messern und Scheren von aller Art, an Schuhen, Pantoffeln,
Sandalen und dergleichen, und wie nur die Fussbekleidung heissen mag, die
irgendein Volk des Erdbodens trägt, an Haarkämmen, Bürsten und andern ähnlichen
Kleinigkeiten besass er einen solchen Schatz, dass er, zu Herbeischaffung dieser
Dinge aus allen Teilen der Welt, sein Land mit ungeheuren Schulden belastet
hatte.
    Der Fürst von Goyam fand ein grosses Vergnügen an chirurgischen Versuchen und
liess wöchentlich zweimal an einem seiner Untertanen eine Operation vornehmen;
zum Beispiel ihm die Leber zur Hälfte aus dem Leibe schneiden, um zu sehen, wie
lange man ohne Leber noch atmen könne. Dies war in der Tat sehr unterrichtend
für junge Wundärzte; dabei war er so billig, wenn ein Mensch in einer solchen
bei lebendigem Leibe vorgenommnen Sektion nicht starb, ihm ein kleines Jahrgeld
auszusetzen, welches denn auch, wenn die Kassen nicht erschöpft waren, zuweilen
wirklich ausgezahlt wurde.
    In Gonga habe ich die prächtigsten Pferde, Kamele und Elefanten gesehen, die
in Afrika gefunden werden können. Es ist wahr, dass diese Tiere so viel frassen,
dass darüber jährlich tausend Untertanen verhungern mussten; allein dagegen konnte
sich auch kein Kaiser rühmen, einen solchen Schatz zu besitzen, und mehr Löwen,
Hyänen, Affen aller Gattungen, Ratzen, Ibis und dergleichen sind nirgends
anzutreffen als in der Menagerie zu Gonga. Ein Spottvogel sagte einst, der Hof
von Gonga sei ein Hof voll Vieh und das sei doch ein angenehmer Anblick.
    Der Fürst von Enam war ein grosser Beförderer der schönen Künste. Alle
Suppliken, welche ihm eingereicht wurden, mussten in Versen verfasst sein; nicht
anders als singend durfte ihm referiert werden. Sein oberster Paukenschläger und
der Geheime Posaunenbläser, welche beide zugleich Sitz und Stimme im Ministerio
hatten, bekamen jeder doppelt soviel Gehalt als der Justiz- und der
Finanzminister.
    Der unumschränkte Beherrscher des kleinen Landes Ghedm liess prächtige
Paläste errichten und herrliche Gärten anlegen. Seine Schlösser, mit allen ihren
Nebengebäuden, hatten einen solchen Umfang, dass seine sämtlichen Untertanen
darin hätten wohnen können. Es wäre fast zu wünschen gewesen, dass er sie dazu
hätte einrichten lassen; denn die armen Leute konnten es doch in ihren
verfallnen Hütten nicht aushalten, sondern wanderten haufenweise aus, um sich
den herumziehenden Nomaden zuzugesellen.
    In Damot war die Gelehrsamkeit zu Hause; der Fürst beschäftigte sich mit
spekulativen Wissenschaften. Für diesen Herrn war es wirklich schade, dass ihm
seine Studien nicht Musse liessen, sich der Landesregierung anzunehmen; es fehlte
ihm gar nicht an Fähigkeiten dazu. Nun aber war alles in den Händen seines
General-Ober-Land-und-Feld-Sonnenschirm-Trägers, der sein Liebling war und von
dem man nun freilich nicht ohne Grund behauptete, dass ihm nicht anders als durch
Bestechung beizukommen wäre.
    Da das Ländchen Contisch durch seine Armut und seine Lage gegen alle
feindliche Angriffe gesichert ist und der Landesherr doch wünschte, seine
Untertanen möchten einige Kenntnis vom Kriegswesen erlangen, wozu ihm schon in
seiner Kindheit sein Hofmeister, der, man weiss nicht recht warum, ein alter
Soldat aus Abyssinien war, grosse Neigung erweckt hatte, so teilte er seine
sämtlichen Untertanen in Regimenter ein, belegte alle übrige Stände mit einer
Art von Schimpfe und wird dadurch den Zweck erreichen, dass, wenn nun bald
niemand mehr im Lande die Felder bauet, er ein wohlgeübtes Heer hat, an dessen
Spitze er die blühenden Fluren seiner Nachbaren erobern kann.
    Das ist eine treue Schilderung der Höfe, die ich in Nubien, als Gesandter
des Königs von Abyssinien, besucht habe! Doch muss man keineswegs glauben, es
herrschten in dem grossen, zum Teil noch gänzlich unbekannten Afrika nicht auch
edle, weise Könige und Königinnen, Fürsten und Fürstinnen; vielmehr habe ich
deren, besonders in dem mittägigen Teile, einige in der Nähe und Entfernung zu
bewundern Gelegenheit gehabt, die von ihren Völkern verehrt, geliebt und deren
Namen wie die Namen Adolph, August, Carl, Catarina, Christian, Ernst, Franz,
Franziske, Friedrich, Georg, Gustav, Joseph, Leopold, Ludwig, Maximilian, Peter,
Stanislaus, Victor, Wilhelm, Wolfgang und andre uns in Europa so teure, heilige
Namen mit Segen genannt werden; allein es liegt ausser meinem Gesichtskreise, von
diesen hier zu reden, und sie sind über das Lob eines armen, unbedeutenden
Schriftstellers, wie ich bin, erhaben. - Wahre Grösse kann nur im stillen
bewundert, angestaunt, mit warmen Herzen gefühlt, aber sie muss und will nicht
gelobt werden.
    Es gibt auch kleine Freistaaten in Nubien; allein sie sind es mehrenteils
nur dem Namen nach, sind Oligarchen-Regierungen, wo man statt eines Tyrannen
deren zehne hat, von denen sowie von ihren Weibern, Kindern und Kreaturen man
abhängen, kriechen, schmeicheln und sich krümmen muss, wenn man sein Glück machen
will, insofern man nicht zu den herrschenden Pinselfamilien gehört - Tyrannen,
ohne Erziehung, ohne Ehrgefühl, die nur darauf denken, sich und ihre Vettern zu
bereichern, die nicht, wie in Monarchien, durch irgendeinen äussern Sporn zu
grossen Taten getrieben werden, weder durch die Stimme des Rufs noch durch die
Feder des Geschichtschreibers, sondern die, ohne Verantwortung und Scheu, alles
Böse tun können, weil man voraussetzen darf, es sei durch die Mehrheit der
Stimmen also entschieden, und die selten Reiz haben, etwas Gutes zu bewirken,
weil sie die Ehre doch teilen müssen; die, wenn sie auch dies Gute ernstlich und
uneigennützig wünschen, unendliche Schwierigkeiten finden, es durchzusetzen,
weil die Zahl der Edlern immer die kleinere Zahl ist, der grössere Haufen aber
teils aus Schelmen, teils aus unbedeutenden Menschen besteht, die nicht zu
erwärmen sind und sich leichter von Schurken und Schleichern als von graden,
edlen Männern stimmen lassen. Da lässt man denn kein eminentes Genie emporkommen,
sondern macht es dem Volke verdächtig; da heisst Eifer für das Gute -
Empörungsgeist, Bekämpfung schädlicher Missbräuche und Vorurteile -
Neuerungssucht und Ketzerei; da heisst der Mann, der die Schliche der
heuchlerischen Bosheit aufdeckt und der ernstaften Dummheit die Larve abreisst -
ein Satiriker, ein gefährlicher Friedensstörer. - Oh! wer würde nicht lieber
einem gekrönten Pinsel gehorchen, der doch nicht unsterblich ist und endlich
einmal einem bessern Menschen Platz macht, als das Joch von unzähligen solchen
Geschöpfen tragen, die nie aussterben?
    Und nun, liebe Leser, muss ich Sie, ehe ich dies Kapitel schliesse, fragen, ob
Sie, bei der Schilderung des Despotismus in Nubien, nicht mit mir Ihr Schicksal
gesegnet haben, das Sie in Europa hat geboren werden lassen, wo wir dergleichen
Tyranneien nicht kennen, wo die Rechte der Menschheit heiliggehalten werden und
die echte Philosophie Regenten und Volk über ihre gegenseitigen Pflichten
aufgeklärt hat? Aber auch in Nubien wird es einst dahin kommen, dass man diese
Rechte und Pflichten näher beleuchtet. Dann wird man es laut und kühn sagen: es
ist gegen die Ordnung der Natur, dass Millionen bessere Menschen, ohne Wahl, ohne
Übereinstimmung, grade dem Schwächsten, dem Elendesten unter ihnen gehorchen;
gegen die Ordnung der Natur, dass nicht das Gesetz, sondern die Willkür eines
einzigen Tod und Leben, Eigentum, Ehre und Schande frei und gleich geborner
Menschen bestimmen soll, dass ein Knabe, ein Blödsinniger, ein Bösewicht an der
Spitze grosser, edler, gesunder und weiser Männer stehen und diese zum Spielwerke
seiner Grillen und Torheiten machen soll; gegen die Ordnung der Natur, dass es
vom blinden Ungefähr abhängen soll, ob der, welcher in ein Hospital oder
Waisenhaus gehörte, auf einem Fürstentrone sitzen und mit Ländern und Völkern
Possen treiben soll; gegen die Ordnung der Natur, dass man Menschen und Provinzen
und Recht über Leben und Tod erben kann. Wir wollen gern gehorchen, aber nur den
Gesetzen, denen wir uns freiwillig unterworfen haben, nicht der Willkür, und
einer soll an unsrer Spitze stehen und über Haltung der Gesetze wachen; aber
dieser eine soll ein weiser und guter Mann und, wäre er auch nicht der Beste und
Weiseste unter uns, wenigstens nicht der allgemein anerkannt Schwächste und
Schlechteste sein. Unsre Fürsten sollen es erfahren, dass alles, was sie besitzen
und verwalten, unser Eigentum ist; dass ihr Amt, ihr Stand nur von unsrer
Übereinkunft und Beistimmung abhängt; dass erst der geringste arbeitsame Bürger
unter uns Brot haben muss, ehe an den Hofschranzen und Tagedieb die Reihe kömmt,
ehe aus dem öffentlichen Schatze dem Müssiggänger Pasteten und Braten gekauft und
Geiger und Pfeifer und Buhlerinnen besoldet werden. Und wenn das unsre Fürsten
einsehen, anerkennen und darnach handeln, dann wollen wir sie in Ehren halten
und nicht absetzen, wollen ihnen ihr Leben süss und leicht machen, wollen ihnen,
für ihre Arbeit und Sorgfalt, Gemächlichkeit und erlaubte Freuden des Lebens und
Wohlstand zusichern und dafür sorgen, dass ihre Kinder nach diesen Grundsätzen
erzogen und würdig werden, nach ihnen an unsrer Spitze zu stehen. Und wenn sie
tot sind, wollen wir das Andenken des guten, tätigen, väterlichen Wohltäters
segnen, der für viele gelebt und seine Kräfte dem allgemeinen Besten gewidmet
hat.
    Ich hoffe, dass man bald aus diesem Tone auch in Nubien reden wird; und welch
ein glückliches Reich, glücklich wie unser Europa, wird dann Nubien werden!
    Nach dieser Ausschweifung kehre ich zu der Geschichte meiner Reise zurück,
womit ich ein neues Kapitel anfangen will.
 
                               Siebentes Kapitel
  Ankunft in Gondar, Empfang und andre Nachrichten, das Land, den Hof und die
                                Stadt betreffend
Es war nun im Jahre 1768, als ich Nubien verliess, wo ich nicht nur die mir
aufgetragnen Verhandlungen vollkommen nach Wunsche ausgerichtet hatte, sondern
auch an allen Höfen mit ausgezeichneter Achtung war behandelt worden. Die Hitze
war gross am Tage und in der Nacht dagegen die Kälte fast unerträglich; mein
Vetter, der Minister, hatte aber dafür gesorgt, dass ich mich gegen beides
verwahren konnte.
    Die Reise ging immer längs den Ufern des Nils hinauf. Mit wahrem Entzücken
erblickte ich hier das schönste Land, das ich noch je gesehen hatte; ganze
Wälder von Akazienbäumen, eine angenehme Abwechselung von Bergen und Tälern, das
schönste Obst und allerorten die Spuren des Fleisses der Einwohner, den
herrlichsten Weizen, grosses, fettes Vieh - kurz, ich durchreisete Provinzen, die
mir dem mittägigen Teile von Frankreich nichts nachzugeben schienen, nämlich der
Beschreibung nach, die ich davon gelesen hatte, denn ich kannte damals von
Europa noch nichts als die Gegenden von Goslar, Holzmünden, Helmstedt und den
Strich von meiner Vaterstadt an bis Stade. Die Fruchtbarkeit in manchen
Provinzen von Abyssinien, zum Beispiel um Selechleche her und in der Provinz
Waggora, ist so gross, dass die Einwohner dreimal im Jahre ernten.
    Manche von den abyssinischen Völkern, die ich sah, waren schwarz, andre
braun und noch andre olivenfarbig.
    Schon einige Meilen von Gondar, welches eine grosse, prächtige, schön gebaute
Stadt ist, erblickte ich vortreffliche Anlagen, Lustschlösser, Gärten, Alleen,
Strassendämme, Wasserkünste - alles nach europäischem Fusse. Wenn dies sämtlich
meines Herrn Vetters Werk ist, sagte ich zu mir selber, so hat er wahrlich grosse
Verdienste um dies Königreich. Ich wollte, dass seine Eltern die Freude erlebt
hätten, das altes so zu sehen, wie ich es jetzt sehe.
    Ungefähr eine halbe Meile von der Residenz kam mir der Minister mit einem
zahlreichen Gefolge entgegen. Er liess sich langsam von seinem prächtig
geschmückten Elefanten herunterheben; ich sprang, so gut ich konnte, von dem
meinigen und ging auf ihn zu. Herr Wurmbrand umarmte mich, freilich nicht so
herzlich, als ein weniger vornehmer Herr seinen Vetter würde umarmt haben, aber
doch mit viel Anstande und freundlicher Herablassung. Es war Harmonie in meinen
Ohren, zum erstenmal wieder seit zwei Jahren meine Muttersprache reden zu hören,
und ich konnte mich nicht entalten, ihm meine Freude darüber zu bezeugen. »Dies
Vergnügen«, antwortete mir Joseph, »könnt Ihr, mein lieber Vetter, hier oft
geniessen; denn des Königs Majestät reden selbst Deutsch, worin ich die Ehre
gehabt, Ihnen Unterricht zu geben, und haben diese Sprache zur Hofsprache
erhoben. Jetzt ist, bis auf die Küchenjungen hinunter, kein rechtlicher Mensch
in Gondar, der, so elend und fehlerhaft er auch das Deutsche redet, nicht sich
schämen würde, sich seiner Muttersprache anders als im Gebete zu bedienen.« -
»Euer Exzellenz haben hier grosse Dinge bewirkt«, erwiderte ich, »Sie haben sich
unsterblich gemacht.« - Mein Herr Vetter lächelte bescheiden und nickte gnädig
mit dem Kopfe. »Wer hätte das denken sollen«, fuhr ich fort, »als Euer Exzellenz
aus des Kantors Hause in Eisenach« - der Minister zog seine Stirn in ernstafte
Falten; ich brach das Gespräch ab.
    Wir setzten uns nun zusammen in eine Art von Sänfte, einander gegenüber, und
so ging denn der Zug langsam bis zur Residenz, wo alle Wachen vor uns ins Gewehr
traten; unterwegens aber bereitete mich Joseph zu demjenigen vor, was meiner
wartete, und unterrichtete mich von dem, was ich zu beobachten hätte, wenn ich
morgen dem Könige vorgestellt würde.
    Jetzt kamen wir zu dem Palaste des Ministers, über dessen Pracht, der Menge
von Sklaven und der Ordnung und Zierlichkeit, welche darin herrschten, ich die
Augen gewaltig aufriss. Da ich indessen sehr müde von der Reise war, so wurde
ich, nach einer leichten Abendmahlzeit, die ich allein mit dem Minister einnahm,
in meine Wohnung geführt, wozu ich den einen Flügel seines Palais aufs beste
eingerichtet und mehr als zwölf Sklaven fand, die auf meine Befehle warteten. In
Goslar, wo ein Stiefelknecht meine einzige Bedienung und ein schwarzer Pudel das
einzige Geschöpf war, das auf meinen Wink herbeieilte, würde ich mich freilich
bei einer so schleunigen Veränderung ein wenig links genommen, ja, ich würde es
unbequem gefunden haben, einen Haufen müssiger, gaffender Menschen ohne Unterlass
um mich zu sehen und über das, was ich ganz bequem selbst tun konnte, erst Worte
und Zeit zu verlieren, bis ein andrer seinen Arm dazu ausstreckte; allein man
nimmt nichts leichter an als die vornehmen Manieren, und so viel hatte ich schon
auf meinem Gesandtschaftszuge gelernt, dass ich jetzt meinen Advokatenanstand
gänzlich abgelegt hatte und die Rolle eines deutschen Edelmanns, in welcher mein
Herr Vetter mich auftreten liess, vielleicht mit mehr Würde spielte als mancher
Landjunker, der, durch ähnliche Protektion und Familienverbindung, in einen
solchen Posten hinaufgerückt ist.
    Am folgenden Tage nun wurde ich dem Monarchen vorgestellt. Meine Augen
wurden fast verblendet von dem Glanze, den ich auf dem Schloss erblickte; aber
auch das hatte ich schon gelernt, dass vornehme Leute immer das Ansehen haben
müssen, als fänden sie alles gemein und höchst alltäglich, was ihnen auch noch
so fremd ist. Ich schritt zuversichtlich und selbstgenügsam durch die Reihe der
Hofschranzen und Grossen des Reichs hindurch und hielt, nachdem ich mich, der
dortigen Sitte gemäss, zur Erde geworfen hatte (wobei meine Nase einen derben
Stoss bekam), an Seine Majestät, in deutscher Sprache, meine Anrede, in welcher
ich nicht nur mein Dankgefühl auszudrücken suchte, sondern auch, nebst
Überreichung der Schreiben von den verschiednen nubisschen Höfen, einen kurzen
Bericht von meinen glücklichen Verrichtungen erstattete.
    Der König oder grosse Negus hatte einen kleinen Schaden am Gehör, und daher
war es Mode, dass alle Hofleute ein wenig taub zu sein affektierten. Kaum hatte
ich daher meine Rede begonnen, so zog, als wie auf einen Wink, der ganze hier
versammelte Zirkel seine tubos acusticos oder Hörtrompeten aus den Taschen,
hielt dieselben vor die Ohren und machte, ohne übrigens wirklich auf das
achtzugeben, was ich sagte, die Pantomime des Wohlgefallens, die man
schicklicherweise machen muss, wenn ein Mann von Gewicht redet.
    Seine Majestät, ein Herr von vierundfunfzig Jahren, waren äusserst prächtig
gekleidet; der hohe Turban war mit so viel Juwelen geziert, dass man damit hätte
das ganze deutsche Grafenkollegium auskaufen können; auch waren Sie dabei
gewaltig parfümiert und schön frisiert.
    Als dieser feierliche Aktus vollendet war, bezeugte mir der Monarch seine
gnädige Zufriedenheit und fragte nach allerlei gleichgültigen Dingen, z.B. ob
ich böse Wege angetroffen hätte, wo sich jetzt der Fürst von Anhalt-Zerbst
aufhielte, ob es wahr sei, dass die Jesuiten, die er aus Abyssinien vertrieben
hätte, Gold machen und Geister sehen könnten, ob in Hanau noch so gute Pasteten
verfertigt würden, ob man an den deutschen Höfen noch immer französisch redete
u. dgl. m. Dann winkte der König dem Obermarschalle, dass er sich nähern sollte,
und sagte ihm etwas in das Ohr, worauf dieser dem Hofe mit lauter Stimme
verkündigte, Seine Majestät hätten den anwesenden deutschen Kavalier (mich
nämlich) zu Ihrem Baalomaal oder Gentilhomme de la Chambre und Obersten der
Leibgarde ernannt. Hierauf küsste ich, mit der demütigsten Dankbarkeit, Seiner
Majestät die Füsse, empfing die heuchlerischen Glückwünsche der neidischen
Hofleute; der König erhob sich vom Trone, ging in sein Kabinett und wir nach
Hause.
    »Aber um Gottes willen, verehrungswürdigster Herr Vetter«, rief ich, sobald
ich mit Joseph allein war, »was fange ich nun an? Ich verstehe nichts, weder vom
Hof, noch vom Kavalleriedienste, bin, ausser auf den Philisterpferden in
Helmstedt, nie zeit meines Lebens auf ein Pferd gekommen.« - »Seid unbekümmert!«
erwiderte er, »um Kammerjunker zu sein, braucht man gar nichts zu wissen, und
bei der Garde du Corps, obgleich sie nur aus einer Schwadron besteht, sind,
ausser Euch, noch sechs Obersten, die den Dienst für Euch tun können. Ihr seid zu
grössern Dingen bestimmt; dies ist nur der Anfang, um Euch einen Rang und
Besoldung zu geben. Vorerst wird Euer Geschäfte sein, Seiner Majestät, wenn Sie
einschlafen wollen, aus den Büchern, die ich Euch namhaft machen werde, etwas
vorzulesen, mit Ihnen über die Verfassung der europäischen Staaten zu reden und
Sie unvermerkt zu demjenigen zu stimmen, was ich durchzusetzen mir vorgenommen
habe. Wenn Ihr dabei leidlich grade auf dem Pferde hängen könnt (ich will Euch
schon eine geduldige Mähre geben lassen), sooft die Garde gemustert wird, und
bei Tafel guten Appetit habt, so wird der Himmel schon weiter sorgen, bis der
Zeitpunkt da ist, wo ich Euch in Eurem Fache ansetzen kann.« - »Aber«, sagte ich
ängstlich, »mein Hauptfach sind die Pandekten, und was soll ich damit hier?« -
»Noch einmal!« sprach mein Vetter mit Ungeduld, »verlasset Euch nur auf mich und
räsonieret nicht!«
 
                                 Achtes Kapitel
                Fragmente aus der ältern Geschichte Abyssiniens
Das vorige Kapitel ist besonders für solche Leser geschrieben, denen
Gesandteneinzüge, Hoffeierlichkeiten, Fürstengespräche, Audienzen und
dergleichen interessante Dinge sind. Diese Personen muss ich dann um Verzeihung
bitten, dass ich jetzt solche Sächelchen linker Hand liegenlasse und einen andern
Gegenstand abhandle, der ihnen trocken vorkommen wird, von dem ich aber
notwendig eine kurze Übersicht geben muss, wenn mein Werk so verständlich und
nützlich werden soll, als ich es von Herzen wünsche.
    Um nämlich zu zeigen, wie mein Herr Vetter es angreifen musste, sein
Aufklärungsgeschäft in Abyssinien mit Erfolge zu treiben, wie weit es dort mit
der Kultur und gewissen andern politischen und moralischen Umständen damals
gekommen war, die Einfluss auf die Stimmung des Geistes und Herzens eines Volks
haben, und welche Ressorts also vor und gegen seine Bemühungen wirkten, sehe ich
mich gezwungen, einen Blick in die ältere und mittlere Geschichte dieses Reichs
zu werfen.
    Ich würde dabei in grosse Verlegenheit geraten sein, besonders was die Zeiten
des grauen Altertums betrifft, weil diese in den Jahrbüchern aller Völker in
Fabeln gehüllt sind, welche die Unwissenheit, bei dem Mangel zuverlässiger
Urkunden, aus verstümmelten, mündlichen Überlieferungen zusammenbuchstabiert und
nachher mehrenteils der Betrug in ein gewisses System gebracht zu haben pflegt,
welches System dann, wenn es zu einem Glaubensartikel geworden, dem Forscher den
Weg versperrt, der Wahrheit auf den Grund zu kommen oder wenigstens seine
Entdeckungen bekanntzumachen. - Ich würde, sage ich, in grosse Verlegenheit
geraten sein, wenn nicht ein weiser, menschenliebender und von Vorurteilen
freier Mann in Abyssinien, von dem ich in der Folge noch öfter zu reden
Gelegenheit haben werde und der als ein Verwiesener in den Gebirgen von Waldubba
lebte, mir sehr schätzbare Beiträge zu dieser alten Geschichte geliefert hätte.
- Rücken wir der Sache näher!
    Die Geschichte aller Völker stösst zuletzt auf eine Hauptrevolution der
Natur, die, wie es scheint, nach einem Zwischenraume von vieltausend Jahren
periodisch dem Erdboden eine andre Gestalt gibt. Ohne zu entscheiden, ob diese
Revolution jedesmal mit einer grossen Überschwemmung (sogenannten Sündflut) oder
mit einer andern grossen Naturbegebenheit, als Erdbeben und Brand, ihren Anfang
nimmt; ohne zu entscheiden, ob diese Umkehrung des Erdbodens, nach gewissen
Gesetzen, in gewissen Zeiträumen erfolgen muss oder, durch zufällige Umstände
herbeigeführt, bald früher, bald später eintritt, so scheint doch aus den
Beobachtungen der Naturkündiger, Astronomen und Philosophen folgendes als
ungezweifelt angenommen werden zu können.
    Nach Verlauf einer Reihe von Jahrtausenden wird ein grosser Teil der
bewohnten Erde, durch eine Empörung der Elemente, gänzlich umgeschaffen, Land in
See, See in Land verwandelt; Berge werden umgewälzt, Täler emporgehoben; die
Bewohner dieses Teils des Erdbodens kommen um, und mit ihnen gehen ihre
Kunstwerke, ihre Anlagen, die Monumente und Resultate ihres Fleisses und ihrer
Nachforschungen verloren; blühende Staaten werden vernichtet, und vor der
Aussicht in die Geheimnisse der Weisheit, in welche man schon im Begriff war mit
kühnem Schritte zu dringen, fällt nun wieder ein Vorhang.
    Das allsehende Auge der Vorsehung scheint diese Katastrophe immer dann
herbeizuführen, wenn die menschlichen Erkenntnisse und Erfahrungen grade das
Ziel erreicht haben, über welches sie nicht hinausgehen sollen, wenn Kultur im
Intellektuellen und Moralischen alle Stufen hinaufgelaufen ist, die zu ersteigen
möglich, nützlich, ja, zur Erziehung dieser Generationen für eine höhere Sphäre
nötig war - nötig war, um die Triebfedern des Strebens, des Forschens und
Wirkens, die der Zweck des Erdenlebens sind, aufs neue anzuspannen; weil nun
einmal unter dem Monde über einen gewissen Punkt des Wissens und Wollens nicht
hinauszukommen und Ruhe, Untätigkeit, klares, unvermischtes Anschauen und
Durchschauen nicht die Bestimmung des ungeläuterten Geistes ist, solange er in
Menschenformen sichtbar wirken muss, bis alles, auch der gröbeste Stoff,
bearbeitet und veredelt worden und alle Form aufhört.
    Allgemein, über den ganzen Erdboden verbreitet, kann eine solche Revolution
nie sich erstrecken, hat nie sich so weit erstreckt, darf das auch nicht - das
haben alle verständige Naturkündiger und Philosophen eingesehen.
    Je nachdem nun entweder kein einziger von denen, welche dies zerstörte Stück
des Erdbodens bewohnt haben, sich rettet und also die neue Bevölkerung aus
andern benachbarten oder entfernten, zivilisierten oder barbarischen Ländern her
unternommen wird, oder je nachdem die, welche dem Sturme entkommen, viele oder
wenige an der Zahl, alte oder junge, kultivierte oder unwissende Menschen sind:
je nachdem fängt denn auch die neue Generation den Zirkel der Kultur ganz von
vorn oder in der Mitte wieder an. Immer aber folgt unvermeidlich, dass die
Nachrichten, welche die Personen uns von jener wichtigen Katastrophe geben
können, weil sie in ihrem hülflosen Zustande nötigere Dinge zu tun haben als
Anstalt zu Verfertigung von Geschichtbüchern zu machen, durch die mündlichen
Überlieferungen äusserst unzuverlässig werden müssen. Ebenso unvermeidlich folgt,
dass der Zustand der neuen Bevölkerer dieses wüsten Erdstrichs, wären sie auch
noch so kultivierte, Menschen, sich doch sehr dem ersten rohen Zustande der
Natur nähern muss, teils weil es ihnen an allen Hülfsmitteln, Werkzeugen,
Veranlassungen fehlt, an etwas anders als die nötigsten Bedürfnisse zu denken,
und der verwilderte Boden sich weigert, das Erforderliche zu den
Gemächlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens herzugeben, teils weil eine
Menge konventioneller Begriffe, die im geselligen und bürgerlichen Leben
unendliche Mannigfaltigkeiten, Gesetze, Wünsche, Freuden, Pflichten, Unruhen,
Unternehmungen etc. erzeugen - hier gänzlich wegfallen.
    Die älteste Geschichte jedes Volks ist daher, kleine Modifikationen
abgerechnet, die Geschichte fast aller Völker. - Das ist nicht auffallend; aber
auffallender ist es wohl und doch nicht weniger wahr, dass auch die nachfolgenden
Veränderungen, die mit der Kultur und allen moralischen und politischen
Umschaffungen vorgehen, in allen Reichen, wenn man die Geschichte derselben von
ihrem Schmucke und von den Episoden entblösst und über das langsamere und
geschwindre Fortrücken hinausgeht, in allen Teilen der Welt nach einem und
demselben Systeme herbeigeführt werden.
    Indem ich nun eine Skizze von der Geschichte des Königreichs Abyssinien
entwerfe, wünsche ich, dass die Leser bemerken mögen, dass dies zugleich die
Geschichte des Despotismus überhaupt, in seiner Entstehung, seinem Wachstume und
seinen Folgen ist, die ihm früh oder spät das Grab bereiten. Fangen wir jetzt
ohne weitere Ausschweifung an!
    In Abyssinien kannte man in den ältesten Zeiten, wie in allen Ländern, nur
das Familienregiment. Jeder Hausvater, der mit seiner Familie das Stückchen
Landes bauete, das ihn, sein Weib und seine Kinder ernähren sollte, wies jedem
seiner Hausgenossen seine Arbeit an. Es fand kein geteiltes Interesse statt;
jeder wirkte zum Wohl der ganzen Familie; jeder war arbeitsam, weil Menschen
ohne andre Zerstreuungen und Bedürfnisse, folglich auch ohne kränkliche Launen
und Leidenschaften, nichts kannten als die Sorgfalt, ihr kleines Tagewerk zu
vollenden und dann zu ruhen. Der Begattungstrieb paarte die Kinder des
Patriarchen. Solange die Familie nicht zu gross wurde, blieb sie beisammen.
Konnte das Fleckchen Erde, das sie umzäunt hatten, sie nicht mehr ernähren, so
teilte sie sich ab, und so entstanden mehr Familien, die weiter miteinander in
keiner Verbindung standen, sondern ungestört sich ihren Wirkungskreis schufen,
weil Raum genug für sie da war und sie nichts bedurften, als was sie sich
selbst, ohne fremde Hülfe, verschaffen konnten. Hier entstand also Eigentum;
nicht eines einzelnen Menschen, sondern einer ganzen Familie. Sie glaubten mit
Recht, dass das Land ihnen zugehörte, welches ihr Fleiss bebauet hatte, und starb
ein Glied aus dieser Familie, so blieben die übrigen im Besitze.
    Indessen traten Fälle ein, wo eine Familie der andern beistehen musste. Die
eine hatte etwas mehr Vorrat von Lebensmitteln gewonnen, als sie grade zu
verzehren vermochte; die andre hatte durch einen unfreundlichen Sturm, durch den
Einbruch wilder Tiere oder irgendeine andre kleine irdische Widerwärtigkeit
etwas eingebüsst - und die benachbarte Bruderfamilie half aus. Der Tod raffte
dagegen in dieser einen nützlichen Arbeiter weg - ein Mitglied aus jener
ersetzte auf eine Zeitlang freundschaftlich den Platz. Durch Heiraten verbanden
sich denn auch manche Familien miteinander - und so wurde das erste
zusammengesetztere Gesellschaftsband geknüpft.
    In dieser Periode darf man nicht erwarten, andre Künste erfunden zu sehen
als die, welche den unmittelbarsten, leicht zu übersehenden Nutzen auf das
häusliche Leben und die Befriedigung der unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse zum
Gegenstande hatten.
    Sobald aber in den Geschäften der Familienglieder, eben durch die
Vervielfältigung der Arten von Arbeit, eine Verschiedenheit eintrat, war der
Anteil, den jeder an dem Unterhalte der ganzen Gesellschaft nahm, nicht mehr so
leicht zu übersehen, und indem jeder einzelne die Verwendung seiner Kräfte nach
seiner Art taxierte, hatte er nicht mehr die Aufmunterung, einen Strich von
Tätigkeit mit den übrigen zu halten; die Verschiedenheit der Temperamente wirkte
dabei mit, und so gab es nun bald faulere und fleissigere Menschen.
    War das Haupt einer Familie ein weniger tätiger, weniger fleissiger Mann, so
ging es auch in seinem Hauswesen schläfriger her. Die nötigen Bedürfnisse für
jedes Jahr wurden nicht gewonnen, am wenigsten Vorrat auf das folgende
gesammelt, indes sein arbeitsamerer Nachbar zurücklegte oder seine Besitzungen
erweiterte, unbebauetes Land urbar machte, kurz, anfing, mehr zu haben, als er
brauchte. - Was folgte hieraus? Nicht nur die Entstehung des Unterschieds
zwischen Armen und Reichen, sondern auch des Unterschieds zwischen Herrn und
Knecht. Denn wenn jemand fortgesetzt faul war, folglich gänzlich verarmte und
Mangel litt, so blieb ihm, um nicht zu verhungern, nichts anders übrig, als den
Nachbar um Hülfe zu bitten, und wenn dieser nicht geneigt war, ihn unentgeltlich
zu füttern, so wurde eine Art von Vertrag unter ihnen geschlossen, zum Beispiel,
dass die Familie A. der Familie B. das von ihr urbar gemachte, aber seit einiger
Zeit vernachlässigte Gut abtrat (welches vielleicht ein erwachsener Sohn aus der
Familie B. anfing zu bauen), wogegen aber die Familie A. auf gewisse Zeit von
der andern musste ernährt werden; oder ein einzelner Mensch, der nicht gern
arbeitete und dadurch zurückgekommen war, verdung sich endlich aus Not einer
andern Familie, für ein bisschen Kost und Kleidung, als Handlanger. Es lässt sich
begreifen, dass ein solcher durch Faulheit verarmter Mensch in keiner grossen
Achtung stand, dass er in der Familie, welcher er diente, zurückgesetzt, dass ihm
nicht eben die fettesten Brocken gereicht wurden. Dieser erste Unterschied der
Stände, nämlich der zwischen Herrn und Diener, wirkte also auch schon auf die
äussere Begegnung der Menschen untereinander.
    Hierbei aber sind zwei Dinge wohl zu bemerken, nämlich: dass also der erste
Anspruch auf das Recht, andrer Menschen Herr zu sein und von ihnen mit
ausgezeichneter Achtung behandelt zu werden, in Abyssinien, so wie in allen
Ländern, nur dadurch gewonnen wurde, dass man arbeitsamer wie sie war, und es ist
wahrlich zu verwundern, wie jetzt in manchen Ländern der Welt diese
ursprüngliche Entstehung der Herrschersrechte so sehr in Vergessenheit gekommen
ist, dass grade der, welcher Millionen Menschen despotisch beherrscht, einen
Freibrief zu haben glaubt, der Faulste und Untätigste unter ihnen allen zu sein.
Ferner ist zu bemerken: dass natürlicherweise von seiten des Knechts der Vertrag
der Abhängigkeit und Dienstbarkeit jeden Augenblick aufgehoben werden konnte,
sobald der Knecht Mittel fand und Lust hatte, sich selbst zu ernähren und für
sich zu arbeiten.
    Bis dahin war alles, was Recht und Unrecht heissen konnte, so leicht zu
übersehen, so keinem Zweifel unterworfen, dass es weder eines Gesetzes noch eines
Richters bedurfte. Nun aber traten einige sonderbare Fälle ein: eine Familie
starb aus und hinterliess ein schönes, wohlangebautes Gütchen; es entstand die
Frage, wer nun die Früchte des Fleisses dieser Familie geniessen, mit andern
Worten, wer das Gut erben sollte (denn von der albernen Idee, dass ein Mensch
bestimmen, was nach seinem Tode geschehen soll, oder das, was man ein Testament
nennt, machen könne, war man damals noch weit entfernt). Verschiedne machten
Anspruch darauf; wer sollte entscheiden? Ferner, man musste sich gegen die
Überschwemmungen des Nils sichern; dies erforderte gemeinschaftliche Mitwirkung
mehrerer einzelner Familien, Vereinigung zu einem Zwecke. Man war nicht einig
über die Art, das Werk zu betreiben; wer sollte die Oberaufsicht führen?
Endlich: ein unruhiger Kopf, der sich auf die Stärke seiner Arme verlassen
konnte, fand es bequemer, seinem schwächern Nachbarn die Früchte wegzunehmen,
als selbst zu arbeiten. Dem Schwächern kamen andre zu Hülfe; es entstand Streit,
vielleicht gar Mord und Totschlag; wie war es anzufangen, Ruhe und Frieden zu
erhalten und, da nun einmal das Recht des Stärkern anerkannt werden muss, durch
Vereinbarung gegen den, welcher Missbrauch von diesem Rechte machen wollte, ein
gewisses Gleichgewicht herzustellen? Auch entstand wohl Zwist über den Besitz
der Weiber, über Grenzen, Verwüstungen, welche des Nachbars Haustiere
angerichtet hatten, und dergleichen mehr. - Dies alles brachte denn die
sämtlichen Familien auf den Gedanken, sich ein gemeinschaftliches Oberhaupt des
ganzen Stammes zu wählen, der ihr Schiedsrichter, Ratgeber und Anführer wäre.
    Auf wen nun sollte diese Wahl fallen? Natürlicherweise auf den Ältesten,
denn wo alle zusammengesetztere Bedürfnisse, Kenntnisse und Wissenschaften
wegfallen, da ist Weisheit Erfahrung, und um diese zu erlangen, war ein langes
Leben hinlänglich. Der Älteste wurde also zum Fürsten gewählt, und wenn er
starb, folgte ihm in seinem Platze der, welcher nach ihm der Älteste war. Hier
nun haben wir die erste Entstehung eines kleinen Staats in Abyssinien. Da dies
Oberhaupt, nach Verhältnis, wie die Bevölkerung zunahm, sehr viel zu tun
bekommen musste, indem jeder seine Zuflucht zu ihm nahm, so blieb ihm keine Musse
übrig, sein Feld zu bauen. Dies war nun freilich bei denen, welche sich andern
Geschäften als dem Ackerbaue widmeten, auch der Fall; doch konnten diese das,
was sie produzierten, unmittelbar gegen Nahrungsmittel umsetzen. Der, welcher
Körbe flocht, konnte dem Nachbar seinen Korb gegen ein Lamm umtauschen; der
Jäger lieferte dem Schneider einen Braten in die Küche und erhielt dafür ein
Gewand zu Bedeckung seiner Blösse. Allein das Oberhaupt der kleinen Republik
hätte verhungern und nackt einhergehen müssen, wenn nicht alle Familien
zusammengetreten wären und ihm dafür, dass er jedem mit Rat und Tat diente,
seinen Unterhalt gereicht hätten. Der Fürst wurde also vom Staate ernährt;
allein nie kam ihm der tolle Gedanke ein, dass er deswegen der Eigentümer des
ganzen Landes wäre, weil das ganze Land seine nötigen Bedürfnisse befriedigte,
ihm auch wohl ein wenig bessere Kost, Wohnung und Kleidung reichte, weil man
ihm, seiner Weisheit, seines Alters und seines allgemeinern Einflusses wegen,
mehr Achtung bewies. Übrigens war er ein Mitglied des Ganzen wie die andern, und
Oberhaupt und Richter zu sein oder Jäger zu sein oder Korbmacher oder Hirte oder
Ackermann zu sein, das hiess: einen von den im Staate gleich nützlichen Ständen
gewählt haben, ohne sich deswegen besser halten zu dürfen als die, welche andre
Geschäfte nach ihrer Neigung treiben. Es war aber der Familie des Fürsten und
ihm selber unverwehrt, nebenher noch ein andres Geschäft zu treiben, folglich
auch Güterbesitzer zu sein (das nennen wir in Europa Domänen haben); und als ein
solcher genoss er nicht mehr und nicht weniger Vorrechte als jeder andre
Eigentümer von Grundstücken.
 
                                Neuntes Kapitel
                            Fortsetzung des vorigen
Je mehr die Bevölkerung in Abyssinien zunahm, desto mannigfaltiger wurden die
Fälle, in denen man des Rats und der Entscheidung des Oberhaupts bedurfte. Um
nun nicht über jeden kleinen streitigen oder schwierigen Punkt seine Zuflucht zu
diesem nehmen zu müssen und um zu verhindern, dass nicht zuweilen eine Partei
sich durch den Ausspruch des Fürsten gekränkt glaubte oder ihn im Verdacht einer
Parteilichkeit hätte, traten alle Häupter der Familien zusammen und setzten über
oft vorkommende Fälle gewisse Regeln fest, wonach diese entschieden werden
sollten. Dies waren die ersten Gesetze. Bei so einfachen Verhältnissen bedurfte
es keiner grossen Menge solcher Gesetze. Der Fürst hatte nun eine Richtschnur,
welche alle Willkür hinderte, einen Kodex, nach welchem er richten musste. Nur in
ausserordentlichen, noch nie vorgekommenen oder nicht klar determinierten Fällen
überliess man es seiner Klugheit, ein billiges Urteil zu sprechen.
    Unter diesen Gesetzen war auch eines, die Erbschaften betreffend. Darin
wurde unter andern ausgemacht, dass, wenn eine Familie ausstürbe, ihre
Besitzungen dem ganzen Staate anheimfallen sollten, und da es nicht gut möglich
war, diese in unendlich kleine Stücke unter alle übrigen Familien zu verteilen,
so räumte man dem jedesmaligen Fürsten das Recht ein, sie, im Namen des Staats,
nach bestem Wissen und Gewissen vorzüglich würdigen, fleissigen oder durch
Unglücksfälle verarmten Familien zu schenken. - Als dies Gesetz gemacht wurde,
schüttelten einige weise, in die Zukunft voraussehende Männer bedenklich die
Köpfe; allein es ging, durch Mehrheit der Stimmen, durch.
    Auf grosse Tafeln wurden nun die neuen Gesetze gegraben und da, wo die
Sammelplätze der verschiednen Stämme waren, aufgehängt. Sie kamen also zu
jedermanns Wissenschaft und waren auf Kinder und Kindeskinder verbindlich, weil
das Korps der Familienhäupter dazu eingewilligt hatte. Doch verstand sich's von
selber, dass es jeder einzelne die Freiheit behielt, ihre Gültigkeit nicht
anzuerkennen, folglich auf seine Gefahr dagegen zu handeln oder das Land zu
verlassen.
    Was die Strafen betrifft, so waren sie äusserst einfach. Wo Ersatz möglich
war, Ersatz; in einzelnen Fällen Einkerkerung auf einige Zeit oder, wenn die
Sicherheit des Staats es erforderte, doch äusserst selten, auf immer; vielmehr,
statt dieses letzten heftigen Mittels, die Landesverweisung, mit der Bedrohung
einer ewigen Einkerkerung, wenn der Verbrecher sich wieder unter den Abyssiniern
sehen liesse. An Todesstrafen war auf keine Weise zu denken. Dieser abscheuliche
Gedanke kam nicht in die Seele der guten Gesetzgeber. Wie sollte es ihnen
eingefallen sein, sich das Recht anzumassen, einem ihrer Brüder eine Existenz zu
rauben, die sie ihm weder geben noch zusichern konnten, worauf er ein Recht
gehabt hatte, ehe an ihre Gesetze gedacht war, und dies deswegen, weil er andre
Begriffe von Recht und Unrecht hatte als sie? Wie konnte es ihnen einfallen,
selbst zu Bestrafung des Totschlags, noch einen Totschlag zu begehen; ohne
Zweck, ohne das geschehene Übel dadurch gutzumachen, ohne den Verbrecher zu
bessern, ohne hoffen zu dürfen, dass durch diese unbefugte Gewalttätigkeit andre
Rasende abgehalten werden würden, in der Wut der Leidenschaften ähnliche
Verbrechen zu begehen?
    Von diesen Strafen nun wurden nie Ausnahmen gemacht, am wenigsten stand dem
Fürsten die Befugnis zu, sie zu mildern oder zu erschweren; denn noch war der
Begriff, dass der Fürst in Staatsangelegenheiten nach seinem Willen handeln, sich
an die Stelle des Staats setzen, Rache ausüben, willkürlich verdammen und
lossprechen, Gesetze aufheben, aus eigner Macht Verordnungen geben, Gnade für
Recht ergehen lassen und überhaupt Gnaden erteilen könnte, nie in eines
Abyssiniers Kopf gekommen. Gerechtigkeit üben, das war seine Pflicht; Gesetze,
gesunde Vernunft und Billigkeit seine Richtschnur; er ein Verwalter des Staats;
seine Verrichtungen ein übertragnes Amt, wofür er ernährt, versorgt und geehrt
wurde.
    So standen die Sachen, und ich meine, sie standen so übel nicht, als einige
Stämme in Nubien, welches von Ägypten aus durch rauhe, wilde Menschen war
bevölkert worden, die mit den Abyssiniern in keiner Verbindung lebten, auf den
unglücklichen Einfall gerieten, mit bewaffneter Hand in dies schöne, friedliche
Land einzubrechen und unserm guten Völkchen seine fruchtbaren Besitzungen
streitig zu machen. Dies war der erste Krieg, den die Abyssinier führten; sie
waren aber nicht ungeübt in Waffen; gegen Löwen und Hyänen hatten sie sich
verteidigen gelernt; nur gegen ihre Brüder das Schwert zu ziehen, das war ihnen
neu. Aber hier galt es Rettung des Eigentums, des Lebens, der Freiheit, und sie
waren an Leib und Seele gesund, nervig, stark. Der Zorn der mutwillig gereizten
Sanftmütigen ist fürchterlicher als das Toben des unruhigen Zänkers. Unsre
Abyssinier empfingen, schlugen und verfolgten siegreich die Nubier, auf eine
Weise, die diesen auf lange Zeit die Lust benahm, sich wieder an ihnen zu
vergreifen. Hierdurch entwickelte sich bei dem Volke ein bisher unbekannt
gewesenes, schlafen gelegenes Ressort, die Tapferkeit, aber mit ihr zugleich
spross auch der Keim der Ehr- und Ruhmsucht hervor, und in denen, welche in der
Schlacht sich vorzüglich ausgezeichnet hatten, war ein Toben, ein Streben
entstanden, das ihnen nachher die stillen häuslichen und ländlichen Geschäfte
unschmackhaft machte. Man focht Mann gegen Mann; die Niederlage der Nubier war
gross; viele von ihnen wurden gefangen; keiner von abyssinischer Seite. Noch
kannte man die Spekulation nicht, Menschen gegen Geld und Ware umzusetzen; also
nahm jeder seinen Gefangenen mit sich nach Haus und betrachtete ihn als seinen
Knecht. Die Erbitterung aber gegen sie war so gross, dass man diese Gefangnen
nicht wie andre Knechte, die, wie vorhin ist gesagt worden, immer wieder frei
werden konnten, behandelte, sondern ihnen die schwerste Arbeit aufbürdete, ihnen
schlechtere Kost und Kleidung gab und ihnen nicht das Recht zugestand, sich frei
zu machen, in ihr Vaterland zurückzukehren oder sich in Abyssinien festzusetzen.
Das war denn die Entstehung des unnatürlichen Sklavenstandes. Wie man sich
indessen an alles gewöhnt, so hörten diese Sklaven zuletzt auf, den Verlust
ihrer Freiheit zu fühlen, besonders wenn sie das Glück gehabt hatten, an gute
Herren zu geraten, und weil sie denn doch ohne häusliche Sorgen lebten, indem
die Herren ihnen alle Bedürfnisse des Lebens reichen mussten. Ja, da es hübsche
Männer unter ihnen gab, so geschah es zuweilen, dass die Liebe, die keinen
Unterschied der Stände kennt, zwischen ihnen und den Töchtern des Landes
Ehebündnisse zustande brachte. Nun wurde durch ein Gesetz verordnet, dass auch
die Weiber, Kinder und deren Abkömmlinge Sklaven sein sollten - also
Sklavenfamilien! Dass durch diese Einrichtung wieder ein grosser Unterschied in
den Vermögensumständen der Eingebornen entstand, ist sehr natürlich; denn wer
viel Sklaven hatte, konnte nicht nur grössere Anlagen machen, von denen er den
ganzen Vorteil zog, sondern man kam auch bald auf die Finanzoperation, seine
Sklaven zu vermieten.
    Jedermann hatte freie Macht, mit seinem Vermögen, also auch mit seinen
Sklaven, nach Gutdünken zu schalten und zu walten. Hatte nun ein gutmütiger Herr
einen seiner Sklaven liebgewonnen oder dieser hatte des Herrn Tochter zum Weibe
gemacht oder der Herr hatte nicht Arbeit genug für ihn, so schenkte er ihm und
seiner Familie die Freiheit. Diese Freigelassnen genossen dann alle Rechte der
Einheimischen, und da jeder freie Mann in Abyssinien sich niederlassen und
anbauen konnte, wo er wollte, so entstanden nach und nach Familien, die von
Fremden abstammten und die hernach hie und da auch wohl andre in das Land
lockten, wodurch zugleich fremde Sitten, Gebräuche und Bedürfnisse nach
Abyssinien verpflanzt wurden.
    Die Nubier waren durch den ersten unglücklichen Erfolg ihrer Waffen noch
nicht vom Kriege abgeschreckt worden, sondern erneuerten ihre Anfälle in
Abyssinien. Dies setzte die Einwohner in die Notwendigkeit, sich stets zur
Verteidigung bereit zu halten. Das Oberhaupt, der Fürst, war immer, wie wir
gehört haben, ein alter Mann, folglich weniger geschickt, die Beschwerlichkeiten
der Feldzüge auszuhalten, in denen er sein Volk, das jetzt kriegerisch geworden
war, anführte. Dies lehrte die Abyssinier, dass es nun besser sei, bei
entstehendem Todesfalle ihres Oberhaupts, einen jüngern Mann an seiner Stelle zu
wählen. Natürlicherweise traf die Wahl den, welcher in den Feldzügen die grössten
Beweise von Mut gegeben hatte. Nun also wurde, statt dass vorher bloss Weisheit,
Alter, Erfahrung ein Recht zum Trone gegeben hatten, noch persönliche
Tapferkeit ein Erfordernis, um Fürst zu sein.
    Persönliche Tapferkeit hat zum Teil ihren Grund in Organisation des Körpers,
zum Teil wird sie durch einen Entusiasmus, durch ein Ehrgefühl erzeugt, und
beides pflegt in gewissen Familien fortgepflanzt zu werden. Der tapfre, nervige
Sohn des tapfern, nervigen Fürsten focht an der Seite seines Vaters, wurde
angefeuert durch das Beispiel seines Muts und zu Hause durch kühne, grosse
Grundsätze emporgehoben. Die Achtung, Furcht und Ehrerbietung, welche man für
den Fürsten empfand, fing bald an sich auch auf ihre Familien zu erstrecken. Bei
einer neuen Fürstenwahl glaubte man dem tapfern Oberhaupte keinen bessern
Nachfolger geben zu können als seinen tapfern Sohn. Nach Verlauf eines halben
Jahrhunderts wurde es zu einer Art von Observanz, die Fürsten aus einer Familie
zu wählen, um so mehr, da diese früh zu Regenten auferzogen wurden und keine
andre Hantierung trieben. Endlich wurde ein Recht daraus, und das Reich wurde
ein Erbreich.
    Zwei Umstände trugen hierzu noch sehr viel bei. Nämlich erstlich: da jeder
Bürger im Staate, der das männliche Alter erreicht hatte, mitwählte und das Volk
nun auf einen kriegerischen Ton gestimmt war, so hatte der tapfre Fürstensohn
immer die Stimmen derer auf seiner Seite, unter deren Augen er bei der Armee
gefochten hatte, indes die kleinere Anzahl der weisern Alten, die nicht mit im
Felde gewesen waren, wohl freilich lieber für einen Mann stimmten, der mehr
durch Einsicht, Kaltblütigkeit und Erfahrung als durch Kühnheit und Mut des
Trones würdig schien. Zweitens: der Tapferste gewann im Kriege die mehrsten
Gefangnen, erhielt folglich die mehrsten Sklaven, konnte folglich reicher und
mächtiger werden als die andern (und Reichtum verblendet ja das Volk und gibt
Zuversicht), konnte endlich mehr Sklaven freilassen, die dann Bürger wurden,
aber ihm aus Dankbarkeit verpflichtet blieben und seinem Sohne ihre Stimme nicht
versagten, vielleicht gar nur unter dieser Bedingung die Freiheit erhielten.
Hier haben wir eine Entstehung der Hofkreaturen und den schwachen Anfang des dem
Despotismus so vorteilhaften Lehnsystems in Abyssinien.
    Auf stürmische Zeiten folgten ruhigere; der Krieg, den die Nubier angefangen
hatten, war hauptsächlich darauf abgezielt gewesen, sich in den Besitz einer
Provinz von Abyssinien zu setzen, aus welcher ein Produkt gezogen werden konnte,
an welchem es in Nubien fehlte. Dagegen gab es aber in diesem Lande wieder
Produkte, welche man in Abyssinien nicht hatte. Kältere Überlegung unterrichtete
beide Parteien von der Möglichkeit, durch Tausch ihre gegenseitigen Wünsche zu
befriedigen; man schloss einen Vergleich. - Dies war die Entstehung des Handels,
mit welcher wiederum die abyssinische Kultur, Stimmung und Verfassung eine andre
Gestalt und Wendung bekamen, wovon es der Mühe wert ist, etwas weitläufiger zu
reden; und das soll im folgenden Kapitel geschehen.
 
                                Zehntes Kapitel
              Fragmente aus der mittlern Geschichte von Abyssinien
Wie gross der Einfluss ist, den der Handel auf die Kultur der Völker, auf ihren
Geist und auf ihre Moralität hat, das erfährt jeder, der die Geschichte mit
einiger Aufmerksamkeit studiert; auch das Königreich Abyssinien fühlte bald
diesen Einfluss, wie wir jetzt sehen werden. Vorher aber müssen wir noch
zergliedern, welche Art von Revolution die Einführung des Geldes und die
Entdeckung der Bergwerke bewirkten.
    Da der Tauschhandel grosse Ungemächlichkeiten hatte, so wünschte man längst,
eine Ware zu finden, die immer gleichen Wert behielte, die jedermann brauchen,
leicht herbeischaffen, leicht in Verhältnis mit allen seinen Bedürfnissen
setzen, die der allgemeine Massstab des Werts aller Landesprodukte werden könnte
- mit einem Worte, die ihnen das würde, was wir Geld nennen. Ein Ausländer
geriet nach Abyssinien und lehrte den Fürsten den Wert kennen, den andre Völker
auf die edeln Metalle und auf Juwelen setzen, und den Gebrauch, welchen sie
davon machen. Abyssinien ist reich an Gold, Silber, Eisen, Kupfer, Edelsteinen
aller Art, hat Salz, Marmor und dabei einen solchen Überfluss von Früchten, Korn
und andern Notwendigkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens, dass es dem Fremden
nicht schwer hielt, dem Fürsten zu beweisen, wie gross der Vorteil des Handels
auf seiten der Abyssinier sein würde, wenn man die Bergwerke fleissig betriebe,
Gold und Silber zum Massstabe der grössern Waren machte, zu kleinern Summen aber,
statt der Scheidemünze, sich des blauen wollnen Zeugs bediente, welches im Lande
verfertigt wurde.
    Nun war nur die Frage, wer den Nutzen von den Bergwerken ziehen sollte.
Erlaubte man jedem Eigentümer eines Bodens, alles, was dieser Boden entielte,
auszugraben und als sein Eigentum zu betrachten, so konnte das ungefähr den
Besitzer eines kleinen Stückchen Landes unermesslich reich machen, indes der
Eigentümer einer zehenmal so grossen Besitzung arm blieb, welches eine
unnatürliche Verteilung des Vermögens zu sein schien. Noch fand man, dass
Bergwerke viel Hände erfordern, folglich mancher unterirdische Schatz, aus
Unvermögen des Grundeigentümers, ihn aus der Erde zu fördern, vergraben
geblieben sein würde. Das Natürlichste war also, die Bergwerke auf Kosten und
zum Vorteile des ganzen Staats zu betreiben, den Besitzern des Bodens aber,
welchen man umwühlte, den dadurch verursachten Schaden zu ersetzen. Was sollte
aber nun mit dem Schatze angefangen werden, den der Staat auf diese Weise
gewann? Billig wäre es gewesen, ihn unter alle Familien zu verteilen. - Aber
welche Weitläufigkeit! Hierzu kam, dass man anfing, den Nutzen einer öffentlichen
Staatskasse einzusehen. Wenn Heerstrassen, Wasserdämme, Wasserleitungen anzulegen
und dergleichen dem ganzen Lande vorteilhafte Einrichtungen zu machen waren, so
wurde es schwer, die entfernt wohnenden Familien an der gemeinschaftlichen
öffentlichen Arbeit, ohne grosse Versäumnis ihrer eignen Geschäfte, ebensoviel
Anteil nehmen zu lassen als die benachbarten Einwohner. Hatte man aber eine
öffentliche Kasse, in welche die Einkünfte des Staats flossen, so wurden auch
die öffentlichen Ausgaben daraus bestritten, und hatte man Geld, so konnte man
die, welche an solchen Werken arbeiteten, daraus bezahlen, und das Geld, welches
die Arbeiter gewannen, war hinreichend, sie dafür zu entschädigen, dass sie indes
für sich nicht tätig sein konnten; denn für dies Geld vermochten sie alle
Bedürfnisse des Lebens von denen, welche indes ihre Geschäfte trieben,
einzuhandeln. Also wurde Geld eingeführt, eine öffentliche Kasse errichtet, und
die Bergwerke gehörten dem Staate. Weil aber der Staat nur eine metaphysische
Person ist, so glaubte der Vorsteher des Staats, der Fürst, sich an die Stelle
desselben setzen zu dürfen. Als ich in Holzmünden auf der Schule war, nannte
unser Rektor diese oratorische Figur eine Metonymia praesidis, pro re, cui
praesidet - ich glaubte niemals, dass diese Pedanterei in der Anwendung so
ernstafte, wichtige Resultate liefern könnte. Also noch einmal! Hier setzte
sich der Fürst zuerst an die Stelle des Staats, wurde der Verwalter der
öffentlichen Kasse und der Inhaber der Bergwerke.
    Allein es verstand sich doch von selber, dass der Fürst nicht willkürlich mit
dem Staatsschatze wirtschaften durfte, sondern dass er zu gewissen Zeiten den
Häuptern der einzelnen Stämme Rechnung von seinem Haushalte ablegen musste. Da
sich nun überhaupt die Geschäfte sehr vervielfältigten und er nicht allem allein
vorstehen konnte, so beschloss man, Kollegia, das heisst Ausschüsse verständiger,
alter Männer, aus dem Volke zu errichten, welche, unter Anführung des
Oberhaupts, sich in die Geschäfte teilen mussten. Die Subjekte dazu oder die
Repräsentanten der Nation wählte teils das Volk, teils ernannte sie der Fürst,
weil es ihm doch nicht einerlei war, mit wem er gemeinschaftlich arbeiten
sollte. Diese Männer aber mussten nun freilich ihre häuslichen Geschäfte
aufgeben; man suchte sie dafür zu entschädigen und wies ihnen Besoldungen aus
der öffentlichen Kasse an.
    Die wohlverdiente Verehrung, welche man gegen das gewählte Oberhaupt des
Reichs hatte, entfernte alles Misstrauen. Man dachte nicht daran, ihn so sehr
einzuschränken, dass man verlangt hätte, er sollte zu jedem Schritte erst die
Beistimmung der Kollegien zu erlangen suchen. Der Fürst fing daher nach und nach
an, nach Gutdünken die Besoldungen auszuteilen und die erledigten Bedienungen zu
besetzen, und dies tat er damals sehr gewissenhaft, weil er für sich nichts
durchzusetzen, kein andres Interesse hatte als das allgemeine, weil ihm nichts
zu wünschen übrig blieb, als dass die Geschäfte ordentlich getrieben würden.
    Das Ruder war also ganz in des Fürsten Händen, das Staatsvermögen unter
seiner Aufsicht, und die Staatsbediente standen unter ihm; allein man setzte
doch fest, dass grosse, wichtige Nationalangelegenheiten der Entscheidung
gewählter Repräsentanten aus allen Stämmen, die sich, sooft es nötig wäre,
versammeln würden, überlassen werden sollten.
    Der Umlauf des Geldes machte bald eine gänzliche Veränderung in den
Vermögensumständen der Einwohner. Da man sah, dass man für einen Haufen von
dieser kleinen Ware alles erlangen konnte, was man brauchte und wünschte, ohne
selbst graben, säen, spinnen zu dürfen, so bemühete sich nun jeder, teils durch
vorteilhaften Handel, teils dadurch, dass er sich für seine weniger mühsamen
Dienste so teuer als möglich bezahlen liess, soviel Geld, als zu gewinnen war, zu
gewinnen.
    Die Folgen davon auf die Moralität und auf die Industrie sind leicht zu
überdenken. Der esprit public wurde lauer; man dachte bei jedem Schritte an das
Privatinteresse. Der kriegerische Geist liess nach; eine Gefahr, die dem Staate
im allgemeinen drohete, schreckte den einzelnen nicht so sehr, insofern er nur
hoffen konnte, für sich und die Seinigen ruhig zu bleiben. Durch Errichtung der
Staatskasse war das Privateigentum von dem allgemeinen getrennt; man hielt den
Staat für sehr reich und machte unaufhörlich Jagd auf Besoldungen und
Vergütungen. Da diese von dem Fürsten abhingen, so fing man an ihm zu
schmeicheln, sich ihm gefällig zu machen, um für kleine, unwichtige Dienste
grosse Bezahlung zu erhalten. Der herrschende Gedanke nun, alles, Arbeit, Mühe,
Verwendung zum Besten des Staats, nach barem Gelde taxieren zu können,
erniedrigte die Seelen der Menschen; Grossmut, Aufopferung, Uneigennützigkeit
wurden seltner. Man hielt keine Art von Geschäfte mehr für unedel, sobald es nur
Geld einbrachte. Die Notwendigkeit, sich einzuschmeicheln, um sich Gönner oder
Käufer zu verschaffen, benahm dem Charakter Eigenheit und Energie, erzeugte
Falschheit, Verstellung, Höflichkeit und feine Lebensart, und da man den Handel
als einen freiwilligen Kontrakt ansah, so nahm man sich's nicht übel, wenn der
andre den Wert der Ware nicht verstand, ihn zu überlisten, zu betrügen. - Treue
und Wahrheit verschwanden.
    Die Begierde, Geld zu erwerben, gab indessen doch auch Gelegenheit zu
Erfindung mancher nützlichen Künste.
    Die täglich zunehmende Vervielfältigung der Verhältnisse erforderte eine
Menge neuer Gesetze. Je grösser die Zahl derselben wurde, desto mehr verloren sie
von ihrer Ehrwürdigkeit und Heiligkeit. Bald machte man sich kein Verbrechen
mehr daraus, sie heimlich zu übertreten, wenn man seinen Vorteil dabei fand.
    Der Fürst, der nun immer mehr anfing, sich an die Stelle des ganzen Staats
zu setzen, wagte es, zuerst unwichtige und nachher wichtigere Gesetze aus eigner
Macht zu geben. Man liess ihn wirken; die mehrsten dachten an ihren Privatnutzen
und liessen im Staate alles geschehen, insofern sie nicht unmittelbar dabei
verloren; viele traueten dem Fürsten; auch hatte er ja noch kein Interesse
dabei, schlecht zu handeln: allein die Sache war wichtig der Folgen wegen. Seine
Macht wurde durch Indolenz der Nation immer grösser; man hätte ihn im Zaume
halten sollen; aber die Kollegien bestanden aus seinen Kreaturen, die Zahl der
hungrigen Schmeichler nahm täglich zu, erfüllte ihn mit törichter Eitelkeit und
verschrob ihm, seinen Weibern und seinen Kindern Kopf und Herz.
    Auf einer grossen Versammlung der Nationaldeputierten wurde nun aufs neue die
Frage wegen der Erbschaften aufgeworfen. Man wollte es unbillig finden, dass
einem Menschen, der keine Familie hinterliess, nicht das Recht zustehen sollte,
das liebe, schöne Geld, welches er gesammelt hatte, nach seinem Tode einem
Freunde zuzusichern, sondern dass diese Reichtümer in den öffentlichen Schatz
kommen sollten. Diese Motion bewies genug, wie sehr man jetzt das
Privatinteresse vom allgemeinen trennte. Wirklich wurden die Erlaubnis zu
testieren und die Rechte der Seitenverwandten auf den Nachlass eines Menschen,
der ohne Testament starb, festgesetzt, und dies öffnete dann den Weg, durch
Schmeichelei Erbschaften zu erschleichen, gab reichen Leuten Gelegenheit, ihre
ärmern Verwandten zu tyrannisieren, brachte Eigennutz in die ehlichen Bündnisse,
machte, dass die Leute anfingen, sich in ihrer Verwandten häusliche Geschäfte und
Ehestandssachen zu mischen, und da der Staat nun nicht mehr Gelegenheit hatte,
durch Verschenkung solcher heimgefallenen Güter an Ärmere eine gewisse
Gleichheit der Vermögensumstände herzustellen, so wurden einige Stämme durch
Erbschaften ungebührlich reich.
    Das waren die ersten und natürlichsten Folgen, welche die Schätze, die man
der Erde entlockt hatte, sodann der Geldumlauf, der inländische Handel und die
dadurch entstandne grosse Verschiedenheit unter den Vermögensumständen in
Abyssinien nach sich zogen. Der ausländische Handel aber bewirkte, ausser allen
diesen, noch weit wichtigere Revolutionen, wovon ich jetzt reden will.
    Der Verkehr mit den benachbarten Nationen erzeugte den Luxus, machte die
Abyssinier mit Annehmlichkeiten und Gemächlichkeiten des Lebens bekannt, die
ihnen bis dahin fremd gewesen waren und die, nachdem sie dieselben einmal
geschmeckt hatten, ihnen bald zum Bedürfnisse wurden. Sie lernten die
Zubereitung betäubender, starker Getränke, den Gebrauch langsam vergiftender
Gewürze, nervenkitzelnder Opiate, des Tobaks, des Rauchwerks und balsamischer
Wohlgerüche. Die durch den Handel reich gewordnen Leute fingen an, einen
asiatischen Aufwand in ihrem Hausrate, in ihrer Kleidung zu machen, schliefen
des Nachts auf weichen Betten, wälzten sich bei Tage auf seidnen Polstern. Die
starken Körper wurden entnervt; da erwachte eine Menge unmässiger Begierden,
heftiger Leidenschaften - Grillen, Launen, Kränklichkeit, kurz, Verderbnis der
Sitten. Herabwürdigung an Leib und Seele waren die sichern Wirkungen dieser
weichlichen, wollüstigen Lebensart. Hohe Tugenden schliefen; der Nerv zu grossen
Taten wurde gelähmt; Einfalt, häusliche Glückseligkeit, unschuldige Freuden,
Kindersinn, Treue, herzliche Hingebung und froher, reiner Genuss verschwanden.
    Da die Bedürfnisse immer mannigfaltiger wurden und die Preise der
Lebensmittel stiegen, so bedurfte nun jedermann mehr als bisher; reich zu sein
wurde also täglich wichtiger, nötiger; denn einfach, mässig und weise sein hiess
nun schon: sich etwas versagen; arm zu sein, kein Geld zu haben war eine Art von
Schimpf; der Wohlhabende wurde geschmeichelt, geehrt, um von ihm zu ziehen, der
Dürftige zurückgesetzt, verachtet; persönliches Verdienst kam nicht mehr in
Anschlag; Eigennutz war die grosse Triebfeder, und man erlaubte sich, um reich zu
werden, alle, auch die niedrigsten, schiefsten Mittel und Wege.
    Der Reiche wollte nun nicht mehr arbeiten, hatte für nichts Sinn als für
Genuss. Um sich her versammelte er einen Haufen bezahlter Schmeichler und
Gaukler, die ihm die Zeit vertreiben halfen. Der Müssiggang erzeugte teils neue
Laster und Torheiten, teils gab er Gelegenheit zu Erfindung und Vervollkommnung
der schönen Künste. Der Missbrauch derselben machte nun vollends weibisch,
erhitzte die Phantasie, erregte die Begierden. Bald war der Geist der ganzen
Nation nur für Kleinigkeiten, Torheiten, Spielwerke empfänglich. Witz galt mehr
als gesunde Vernunft, Bombast in Worten mehr als nüchterne Weisheit. Die Sinne
wollten ohne Unterlass gekitzelt sein. Man entfernte von sich alles, was
Anstrengung, Ernst, Ausdauer erforderte, und sehnte sich nur nach dem Genuss des
Augenblicks; floh alles, was unangenehme Eindrücke machte, lebte und webte in
immerwährendem sinnlichem Taumel und haschte nach Idealen.
    Jetzt entstanden eine grosse Menge neuer Verhältnisse, Konventionen,
Umgangsregeln, leere Komplimente, wobei man nichts dachte, unnütze Geschäfte, um
die Zeit zu töten, gesellschaftliche Vergnügungen von alberner Art; und je mehr
man darauf studierte, seinen Genuss zu vervielfältigen, um desto weiter floh die
wahre, reine Freude; und Langeweile, die man ehemals nie gekannt hatte, nagte an
den friedenlosen, von tausend unbestimmten, törichten Wünschen und Unruhen in
Tumult gebrachten Herzen.
    Der Reiche missbrauchte das Übergewicht, welches er über den Armen hatte, den
er nur geschaffen glaubte, um seinen Lüsten und Phantasien zu fronen; und
dieser, der auch korrumpiert war und tausend Bedürfnisse hatte, die ihn von
jenem abhängig machten, trug sklavisch sein Joch und beschäftigte sich nur mit
listigen Planen auf den Geldbeutel des dümmern Reichen.
    Wer hatte aber ein grösseres Recht über alle als der Fürst? Er hatte die
Mittel in Händen, reicher als jemand im Lande zu werden; er wurde also auch
üppiger und wollüstiger als einer; er wurde mehr als einer durch Schmeichelei
verderbt. Er, in dessen Händen die Staatskasse war, hatte mehr als einer die
Macht, die Ärmern zu drücken, die Lebensmittel zu verteuern und auf alle
wirkliche und eingebildete Bedürfnisse seine schwere Hand zu legen. Auch tat er
das, und die Menschen, die sich zu Sklaven ihrer Begierden gemacht hatten,
mussten nun wohl die Sklaven dessen werden, der Gewalt hatte, diese törichten
Begierden zu befriedigen oder nicht. Der genügsame, mässige, gesunde Mann findet
allerorten Freiheit und Vaterland; der schwache Wollüstling lebt in ewiger
Knechtschaft von innen und aussen. Luxus und Korruption wurden die ersten
Grundpfeiler des Despotismus. Das entnervte Volk fühlte nicht nur die Fesseln
nicht, die es sich geschmiedet hatte, sondern, da es auch durch den Handel mit
Völkern in Verbindung gekommen war, bei denen der Despotismus schon grössere
Fortschritte gemacht hatte, so veränderten sich auch nach und nach ihre Ideen
von den Verhältnissen zwischen Fürsten und Nation so sehr, dass sie sich's für
eine Ehre hielten, einen ebenso unumschränkten, in eitler Pracht glänzenden
Monarchen auf ihrem Nacken sitzen zu haben als ihre Nachbarn, die Völker
Nubiens. In dieser Periode nahm denn auch das Oberhaupt der Abyssinier den
königlichen Titel an oder den Titel des grossen Negus.
 
                                Eilftes Kapitel
               Bruchstücke aus der neuern Geschichte Abyssiniens
Wir haben gesehen, wie nach und nach sich das Familienregiment an der Hand der
Zeit, durch natürliche Revolutionen, in eine republikanische, dann in eine
monarchische Form ummodelte und endlich in unbegrenzten Despotismus ausartete.
Allein bis jetzt wurde von seiten des Königs dabei nicht eigentlich planmässig zu
Werke gegangen; doch bald kam es auch dahin, dass der Despotismus in ein System
gebracht wurde. Aus dem vorhin Erzählten lässt sich leicht schliessen, dass die
Menschen, welche der König um sich her versammelte, eine Rotte nichtswürdiger,
sklavischer Schmeichler ausmachten; denn die, deren Herz und Sitten noch
unverderbt waren, flohen den Hof, welcher der Sitz der Schwelgerei, der
Üppigkeit und des Müssiggangs geworden war. Jene aber verführten den Despoten zu
immer grössern Ausschweifungen, Inkonsequenzen, Torheiten und zu dem Missbrauche
seiner Gewalt. Die Schlauesten unter ihnen wurden seine Lieblinge, gaben ihm
Anschläge, wie er es anfangen müsste, der Nation noch den letzten Schatten von
Freiheit zu rauben, und indem sie ihm behülflich waren, die unumschränkteste
Gewalt in seine Hände zu legen, regierten sie den Despoten und suchten sich auf
Kosten des Staats zu bereichern.
    Nun wurden alle Bedienungen mit den Kreaturen der Lieblinge besetzt,
Besoldungen und Jahrgelder an Unwissende und Bösewichte ausgeteilt;
Parteilichkeit, Ungerechtigkeit und Bestechung herrschten in allen Departements.
Man gab willkürlich Verordnungen und Gesetze, deren eines dem andern
widersprach, verhing gegen die Übertreter derselben Strafen, die nicht im
Verhältnisse mit den Verbrechen standen und die man nach Gutdünken erschwerte,
minderte oder nachliess. Freigeborne Menschen wurden wie Sklaven am Leibe
bestraft, ja, endlich sogar am Leben.
    In den Befehlen, welche der König gab, las man nun die Ausdrücke Gnade,
untertänigste Befolgung und mehr solcher empörenden Phrasen. Man sprach von der
Heiligkeit der Person des Monarchen, von Majestät und dem Verbrechen der
beleidigten Majestät.
    Rechte, die jedem freien Manne zukommen, zum Beispiel die wilden Tiere auf
dem Felde, die Vögel in der Luft zu schiessen und die Fische im Wasser zu fangen,
erklärte man für Regalien oder beschenkte nichtswürdige Günstlinge mit diesen
Befugnissen.
    Auch Handel und Gewerbe blieben nicht frei. Man erteilte Privilegien,
Monopolia, Exemtionen von gewissen Verordnungen an einzelne Personen und hielt
es nicht für Pflicht noch der Mühe wert, der Nation andre Ursachen für dies
alles anzugeben, als dass es Seiner Majestät gnädig gefallen habe, es also zu
verordnen.
    Um jedoch irgendeinen Schein anzunehmen, als wenn diese abscheulichen
Eingriffe in die Rechte der Menschheit und der gesunden Vernunft mit Beistimmung
des Volks geschähen, versammelte man noch einmal die Repräsentanten der ganzen
Nation; allein man wusste durch Bestechungen, Verheissungen und Drohungen die Wahl
dieser Repräsentanten so zu lenken, dass nur sklavische und unwissende Menschen
sich dort versammelten und alles billigten, was der Despot vorschlug.
    Der König bauete sich eine grosse, prächtige Stadt, die Axum hiess, jetzt aber
nicht mehr die Residenz ist, seitdem Gondar gebauet worden. Dort lebte er in
asiatischem Puppenglanze, von seinen Sklaven umgeben. Man veranstaltete daselbst
das ganze Jahr hindurch Feste, Schauspiele und Feierlichkeiten, welche die Augen
des Volks blendeten, die Sinne reizten, die Vernunft übertäubten und von
ernstaften Betrachtungen ableiteten. Da tanzte und spielte man die Grillen weg
und umwand sich die Sklavenketten mit Rosen.
    Allein noch gab es eine Anzahl fester, von der allgemeinen Korruption
weniger angesteckten Männer, die endlich des Unwesens müde wurden, sich laut und
kräftig den Tyranneien und Bedrückungen widersetzten und sich weigerten,
willkürliche, törichte und verderbliche Verordnungen zu befolgen. Die Besitzer
nämlich der grössern Güter, die Häupter der Stämme, die des Hofs nicht bedurften,
nach keinen Pensionen angelten, keine Bedienungen suchten, sondern fern von der
Residenz auf dem Lande lebten und sich, wie billig, als Mitregenten und
Stellvertreter ihrer ärmern Nachbarn ansahen, hielten lange Zeit dem Despotismus
die Stange. Dies war der eigentliche Adel des Reichs. Es war eine mächtige
Partei, die man schonen musste; und wirklich sah sich der Despot gezwungen,
einige seiner Verordnungen zurückzunehmen, um einem allgemeinen Aufruhr
vorzubeugen. Freilich wurden viele von ihnen auch nach und nach des ewigen
Protestierens müde, liebten die Ruhe und liessen manches geschehen, was grade
nicht unmittelbar sie und ihre Untertanen traf; doch blieb diese Partei noch
immer mächtig genug, um den Despoten in die Notwendigkeit zu setzen, auf andre
Mittel zu denken, sich auch diesen Stand unterwürfig zu machen. Hierzu nun
bediente man sich schlauer Kunstgriffe. Man erteilte einigen von ihnen wichtige
Bedienungen, lockte sie in die Residenz, verführte ihre Kinder, erweckte in
ihnen den Hang zur Pracht, zu eiteln Vergnügungen, zum Flitterstaate. Da liessen
sie nun ihre Besitzungen in den Händen eigennütziger Verwalter und Pächter,
verzehrten, was ihnen diese gaben, in der Stadt, richteten sich durch unnützen
Aufwand zugrunde und verarmten. Als man viele so weit gebracht hatte, schoss man
einigen Geld vor und machte sie dadurch abhängig vom Hofe. Andern tat man den
Vorschlag, gegen gewisse Summen, die man ihnen schenkte, ihre Güter für ein
Eigentum des Königs zu erklären und sie von ihm zu Lehn zu nehmen. Wenn die
Familien ausstarben, erteilte man diese Lehne an Kreaturen des Hofs. Man reizte
die Eitelkeit von andern, erfand unnütze Hofbedienungen, Titel und dergleichen,
die man ausschliesslich dem Adel zusicherte, masste sich das Recht an, diesen Adel
zu erteilen und erblich werden zu lassen. Man gewöhnte die Menschen, Wert auf
kleine, elende äussere Auszeichnungen zu legen, auf Bänder und Ketten, die man
ihnen umhing, auf gewisse Kleidungen, die man ihnen zu tragen erlaubte, auf
Stellen, die einen gewissen Rang gaben. Da rissen sich dann die Leute um die
Ehre, dem Könige den Sonnenschirm nachtragen zu dürfen oder den Schlüssel zu
seinem heimlichen Gemache in Verwahrung zu haben, ihm die Braten zu zerlegen,
seine Livree zu tragen, ihm die Schuhe küssen und dann wieder seine eignen
Knechte zu ähnlichen niederträchtigen Diensten zwingen zu dürfen. Diese
Vorrechte aber wurden nur dem Adel erteilt, und die Idee, dass hierin wirklich
wahrer Wert beruhe, ging unmerklich in alle Stände über; jeder rang darnach, ein
Ämtchen, wobei er müssiggehen konnte, ein Titelchen, einen Adelsbrief oder
dergleichen zu erhaschen. Nun fehlte es dem Despoten nicht an Mitteln, das Volk
zu fesseln, und der Adel, welcher ehemals eine Vormauer gegen die Eingriffe des
Tyrannen gewesen war, wurde nun das Werkzeug zu gänzlicher Unterjochung der
Nation.
    Seitdem der König sich das Recht zu verschaffen gewusst hatte, nach Belieben
seine Einkünfte zu vermehren, die Staatskassen als die seinigen anzusehen, Lehne
einzuziehen, Regalien zu erfinden etc., war er freilich sehr reich geworden;
allein der ungeheure Luxus, welcher am Hofe herrschte, die Verschwendung aller
Art und dabei die unordentliche und betriegerische Verwaltung der
Staatseinkünfte erschöpfte doch die Kassen. Davon war nun gar nicht mehr die
Rede, dass man dem Volke Rechnung von Verwendung der Gelder tun müsse. Dem Könige
war jedermann Rechenschaft schuldig; er niemand. Allerlei neue Regalien, die man
erfand, Handlungsoperationen, neue Anlagen von Bergwerken, Marmorgruben, Zölle,
Geldstrafen und viel andre Mittel hatte man schon versucht; doch war man noch
nicht so kühn gewesen, das bestimmte Privatvermögen der Untertanen unmittelbar
anzugreifen und sie mit Auflagen zu belästigen; jetzt kam auch daran die Reihe.
Man forderte Abgaben, Steuern; um aber gegen alle Widersetzung sicher zu sein,
befreiete man den Adel und andre Stände, die Einfluss auf das Volk hatten, von
diesen Steuern und wälzte die ganze Last derselben auf den ärmern Teil der
Nation, der nun, um das Geld herbeizuschaffen, wovon Müssiggänger, Hofschranzen,
Geiger, Pfeifer und Huren besoldet wurden, vom frühen Morgen bis spät in die
Nacht im Schweisse seines Angesichts arbeiten musste. Da verlor dann der
niedergebeugte Untertan allen Mut, allen Lebensgenuss, alle Hoffnung, ein wenig
wohlhabender zu werden, für seine Kinder etwas zu sammeln. - Ja, man fing an,
genau zu berechnen, wieviel man dem Bauer erlauben dürfe zu besitzen; wieviel
man ihm jährlich von seinem eignen, selbst erworbnen Vermögen lassen dürfe, ohne
dass er übermütig würde, das heisst, ohne dass er fühlte, dass er ein Mensch wäre,
und damit er doch auch nicht verhungerte, auch Kräfte genug behielte, um wieder
so viel herbeizuarbeiten, als man ihm im folgenden Jahre nehmen wollte.
    dabei herrschte in der Residenz und in den übrigen Städten das allgemeinste
Verderbnis der Sitten. Die unnatürlichsten, unmenschlichsten Laster wurden
öffentlich getrieben; man rühmte sich seiner Verbrechen; die abscheulichsten
Ausschweifungen zu begehen, das gehörte zu dem Ton der grossen Welt. Von den
schändlichsten Krankheiten wurden ganze Familien angegriffen. Man erreichte
nicht mehr die Hälfte des ehemals gewöhnlichen Menschenalters; häusliche
Glückseligkeit, Treue und Glauben, Menschenliebe und Gesundheit fand man nur in
den Hütten der Armen.
    Die Vornehmen hielten sich berechtigt, nicht unter dem Zwange der Gesetze zu
stehen, und konnten sie sich ihnen auch nicht ganz entziehen, so war doch mit
einer Handvoll Geld alles wieder gutzumachen, und es gab andre Strafen für den
Reichen als für den Armen, andre für den Edelmann als für den Bauer. Wenn dieser
ein Jagdtier schoss, so wurde er lebendig gespiesst; wenn jener einen Knecht
tötete, so wurde er zu einer mässigen Geldbusse verurteilt. - Ein Gesetz aber, dem
der König unterworfen gewesen wäre, gab es gar nicht.
    Nun wirkten in allen Ständen nur drei Triebfedern zu allen Handlungen:
Eitelkeit, sinnlicher Genuss und Geldgier. Um Gewinst war es dem Richter bei
Verwaltung der Justiz zu tun. Gerechtigkeit wurde eine Wissenschaft; die Menge
der unbestimmten, schwankenden, sich widersprechenden Gesetze erforderte bei
jedem einzelnen Falle eine besondere Auslegung. Man stellte Sachwalter an,
welche die Kunst, diese Gesetze auf allerlei Seiten zu drehen, zu einem eignen
Studium machten. Gesunde Vernunft und klare, kurze mündliche Darstellung wurden
aus den Gerichtshöfen verbannt. Die einfachsten Prozesse wurden jahrelang
herumgezerrt, bis beide Parteien soviel an Gerichtsgebühren und Prozesskosten
ausgegeben hatten, als der ganze Gegenstand des Streits wert war. Falsche
Beredsamkeit, Bestechung, Gunst und Schikane lenkten das Urteil zu ihrem
Vorteile.
    Der für die Menschheit so wohltätige Stand eines Arztes verlor nicht weniger
als der des Richters von seiner Würde. Zu ihm durfte nicht mehr der Arme seine
Zuflucht nehmen, wenn der Tod drohete, sechs unmündige Kinder zu Waisen zu
machen, die, sobald sie ihrer einzigen Stütze, ihres Vaters, beraubt wurden, von
dessen Erwerbe sie lebten, betteln mussten, sondern der Arzt war nun nur für
reiche Kranke sichtbar. Wie sollte er es anfangen, wenn er mit seiner Familie
leben, und was man nennt anständig leben, wollte? Und anständig, das heisst: mit
einigem Aufwande musste er leben, wenn es ihm um Praxis zu tun war, denn sonst
nannte man ihn den Betteldoktor, und niemand vertrauete sich ihm an; denn wenn
der Kerl etwas verstünde, sprach man, so würde er nicht so armselig leben
müssen. Der Staat besoldete ihn nicht; also musste er sich bei den Grossen und
Reichen einzuschmeicheln suchen, des Morgens seine teure Zeit bei ihnen
verlieren, um ihre Klagen über eingebildete oder solche Übel anzuhören, die sie
sich selber durch Unmässigkeit zugezogen hatten. Aber er musste auch dabei ein
Schmeichler, ein angenehmer Gesellschafter sein, musste Stadtanekdoten zu
erzählen wissen. Seine Arzeneien sollten leicht und angenehm zu nehmen, durften
nicht zu wohlfeil sein, und da man immer nach neuen, unerhörten Dingen haschte,
so mussten seine Metoden auch neu sein oder wenigstens neue Namen haben. Er
durfte keine strenge Diät vorschreiben, und das Publikum musste einige glückliche
Hauptkuren von ihm zu erzählen wissen. Da war denn keine Art von Scharlatanerie,
zu welcher sich die Söhne Äskulaps nicht herabliessen, um Geld in ihren Beutel zu
spielen, ihre Amtsbrüder herabzuwürdigen und sich zu erheben. Bei den
unbedeutendsten Übeln schüttelten sie bedächtlich den Kopf, um nachher ihre Mühe
und ihr Verdienst desto teurer anrechnen zu können; gegen eine Unpässlichkeit,
die durch das einfachste Mittel, vielleicht nur durch Lebensordnung, zu
überwinden war, zogen sie mit ganzen Heeren von Quacksalbereien zu Felde. Sie
suchten einer den andern zu verleumden und zu verfolgen, statt brüderlich in
Gemeinschaft zu arbeiten, um ihre Kunst auf feste Grundsätze zu bringen. Sie
verkauften Arkana, Wunderessenzen, von deren Nichtigkeit sie selbst überzeugt
waren; sie machten an armen Leuten allerlei Proben von Kurarten und erhoben die,
an welchen die wenigsten Schlachtopfer starben, als neu erfundne, unfehlbare
Heilungsmittel. Da herrschten dann allerlei Moden in der Arzeneikunst, und was
man in diesem Jahre in einer Krankheit für Gift hielt, wurde im folgenden als
ein unfehlbares Mittel in derselben Krankheit angepriesen.
    So wie mit der Heilkunde, so ging es auch mit den übrigen Wissenschaften.
Die Begierde zu allem, was unbekannt, wunderbar, unerhört war, brachte eine
Frivolität, Bizarrerie und Neuerungssucht in alle Fächer, die der wahren
Gelehrsamkeit unendlichen Schaden taten; und da ernstaftes Nachdenken über
denselben Gegenstand Langeweile machte, so wurde alles nur oberflächlich
behandelt, von der lustigen Seite angesehen. - Witz und Persiflage spielten den
Meister über gründliche Darstellung; man bezahlte sich mit wohlklingenden
Worten, ohne Sinn und ernstaftes Studium; Bestimmteit in Begriffen und
Ausdrücken hiess Pedanterei. Jedermann wollte alles wissen, um von allem reden,
über alles lachen zu können; ein Mann, der nur in einem Fache gross war, galt für
einen beschränkten Kopf. Der Stutzer plauderte über Staatswirtschaft; in dem
Zirkel um den Nachtstuhl einer Dame her wurden philosophische Probleme
aufgelöset. Komische Gegenstände wurden metaphysisch; wichtige, der ganzen
Menschheit interessante Materien in Marionettenspielen abgehandelt. Man prägte
neue Worte für Dinge, womit man gar keinen Begriff verband; man appellierte an
das Gefühl, wo die Vernunft zu ungeschmeidig war, sich von der Phantasie nicht
wie ein Freudenmädchen wollte behandeln lassen. Man schwätzte, wo man wirken
sollte; man spannte ohne Unterlass die Einbildungskraft an, interessierte sich
für eine Ideenwelt, indes man in der wirklichen alles gehen liess, wie es ging.
Man fand Genuss, Wonne darin, nie aus einem fieberhaften Zustande zu kommen, und
machte sich eine Ehre daraus, an Leib und Seele kränklich zu scheinen.
Männliche, ernste Beredsamkeit verwandelte sich in zierlichen, schallenden
Wortprunk; die schönen Künste arbeiteten nur zu dem Zwecke, die Nerven zu
kitzeln; die Dichter feuerten nicht mehr durch erhabne, geistreiche Gesänge zu
grossen Taten an, sondern sangen im Posaunenton das Lob der Grossen und Reichen,
beleierten unwichtige, kleine Gegenstände oder erhitzen durch üppige Bilder die
Einbildungskraft feuriger Jünglinge und geiler Schwelger; und als auch dies
Gewürz den Gaumen nicht mehr kitzelte, suchte man durch Darstellung
riesenmässiger Zauberszenen und schändlicher Greuel die verwöhnten, immer nach
unerwarteten Eindrücken schnappenden Herzen aufzurühren. Eine natürliche,
gesangvolle Melodie ermüdete die Ohren; man forderte ein Gewühl von Tönen. Ein
einfacher Plan, kunstlos, mit Wahrheit und Würde ausgeführt, machte Langeweile;
man forderte Verwicklung, Überspannung, buntes Guckkastenspiel.
 
                                Zwölftes Kapitel
                            Fortsetzung des vorigen
Dahin war es in allen Klassen der Bürger in den Städten gekommen, indes das
Landvolk zum Teil noch unverderbt war, als ein neuer Einfall der Nubier in das
abyssinische Land den grossen Negus zwang, in Eil ein Kriegsheer
zusammenzubringen; allein jetzt war dies mit mehr Schwierigkeiten verknüpft als
in den goldnen ältern Zeiten, wo jeder Abyssinier, voll Wärme für das Wohl des
Ganzen und für die Ehre der Nation, zu Rettung des Vaterlandes herbeieilte. Es
fanden sich soviel Ausflüchte, um nicht ins Feld zu gehen; notwendige Geschäfte
zu Hause, Kränklichkeit des Körpers etc. Zu einem üppigen, weichlichen Leben
gewöhnt, erschütterte der Gedanke an die Beschwerlichkeiten des Kriegs und die
Gefahr des Todes besonders den Adel und die Städtebewohner so sehr, dass unter
zehn nicht einer mitwollte. - Ja, Mord und Totschlag auf dem Teater zu sehen,
das ist recht unterhaltend, und man meint, das zeige Stärke und Mut an, den
Anblick solcher fürchterlichen Szenen ertragen zu können; aber in natura - nein,
das ist nichts!
    Nun, endlich kam denn eine Art von Armee zustande; allein da ging es wieder
an ein Kabalieren um die Anführerstellen. Dass die adeligen Herren allein sich in
den Besitz derselben setzen wollten, verstand sich von selber; aber auch unter
diesen gönnte keiner dem andern die Oberbefehlshaberrolle. - Die gesunden,
nervigen Landleute verachteten ihre weichlichen, feigen Anführer, welche ganze
Serails von Metzen, ganze Warenlager voll starker Getränke, einen unzählbaren
Tross von unnützen Bedienten, Fuhrwerken, Tragsesseln, Lastvieh, Küchengeräte,
Lebensmittel, Garderoben und Toiletten mit sich herumschleppten. Man gehorchte
also solchen weibischen Anführern teils gar nicht, teils ungern. Diese Elenden
hingegen waren immer unter sich durch Neid getrennt, wollten keiner dem andern
den Sieg gönnen, hatten auch überhaupt nicht viel Lust zu entscheidenden
Schlachten. - Aber focht denn nicht der König an ihrer Spitze, gab Beispiele von
Mut, Entschlossenheit, Überwindung aller Gefahren, Beschwerden und
Schwierigkeiten? - Nein, der grosse Negus besuchte in der Residenz die
Schauspiele, liess sich da Schlachten liefern, die kein Blut kosteten, schwelgte
mit seinen Weibern und sprach von den prächtigen Triumphen, die er halten
wollte, wenn sein damaliger Liebling, der Oberküchenmeister, dem er die Armee
anvertrauet hatte, die Feinde würde geschlagen haben.
    Zum Glücke hatten es die Abyssinier mit einem ebenso verderbten,
ausgemergelten Volke zu tun, als sie selber waren. Da gab es denn ungeheure
Zurüstungen zu kleinen Vorfällen, Märsche hin und her, Prahlereien von beiden
Seiten, wenn ein kleines Korps einmal mit dem andern handgemein geworden war,
aber dagegen desto mehr Plünderungen, Städte- und Länderverwüstungen,
Notzüchtigungen, Ermordung von Weibern und Kindern - denn wer ist grausamer als
der Feige? - Das Ende vom Kriege war ein Frieden, in welchem alles auf dem
vorigen Fuss blieb bis auf den Ruin so vieler unschuldigen Familien, die das
Unglück gehabt hatten, durch diese Helden ihre ehemals so blühenden Fluren in
Einöden verwandelt zu sehen.
    Die Beschwerlichkeiten dieses Kriegs nun und die Schwierigkeit, ein Heer
dazu zusammenzubringen, führte den grossen Negus und seine Ratgeber zuerst auf
den Gedanken, ein stehendes Heer zu errichten. Dies sollte nicht nur immer in
Bereitschaft sein, gegen den Feind zu Felde zu ziehen, sondern auch rebellische
Untertanen, die sich unterstehen würden, den allergnädigsten Verordnungen ihre
untertänigste Befolgung zu versagen, zu Paaren treiben, endlich auch für die
innere Sicherheit des Landes sorgen, indem nun, bei immer zunehmendem Luxus und
allgemeiner werdenden Korruption, Diebstahl, Strassenraub und Mord, trotz aller
Todesstrafen, täglich mehr einrissen. Dass übrigens der Bürger und Bauer dafür,
dass er bei der Gefahr, die dem Vaterlande drohete, ruhig zu Hause bleiben
konnte, den Soldaten, der für ihn in das Feld ging, im Kriege und Frieden
bezahlen musste, das verstand sich von selber.
    Sonderbar war in der Tat der Gedanke, auch aus dem Soldaten einen eignen
Stand zu machen, gewisse Leute dafür zu bezahlen, dass sie sich für die andern
totschiessen lassen und ihr Leben eines Streits wegen aufs Spiel setzen sollten,
dessen Gegenstand sie auf keine Weise interessierte. Wer diese Einrichtung nicht
schon längst in unserm zivilisierten Europa zur Wirklichkeit gebracht gesehen
hätte, der sollte es fast nicht glauben, dass es Menschen geben könnte, die sich
zu so etwas verleiten liessen, ja, eine Ehre darin suchten und das Tapferkeit
nennen könnten, wenn man da nicht fortläuft, wo man - nicht fortlaufen kann.
Doch das gehört ja nicht hierher. Genug! es wurde in Abyssinien ein Heer
errichtet, und wir müssen doch hören, wie.
    Zu Anführern wurden, wie man denken kann, die Söhne der Vornehmen genommen,
und weil diese in der Tat nicht immer die Tapfersten waren und man sie auch
nicht übermässig für ihre Dienste belohnen konnte, so musste man andre Ressorts
erfinden, um sie zu bewegen, sich durch kühne Taten auszuzeichnen. Man fand
diese Ressorts in der törichten Eitelkeit der Menschen, in ihren falschen
Begriffen von Ehre, von Rang und in ihrer Albernheit, auf kleine Auszeichnungen,
auf Bänder, Kleidung, Lob und dergleichen Wert zu setzen. Man gab dem ganzen
Heere einerlei Kleidung zu tragen, der König selbst erschien in diesem Gewande,
und man legte einen hohen Wert darauf, im Kriegsrocke einhergehen zu dürfen,
diesem Rocke Ehre zu machen und keine Beschimpfung zu ertragen, wenn man ihn am
Leibe hatte. Der nützlichste Mann im Staate, der Handwerker, durfte es nicht
wagen, sich mit einem Trommelschläger in eine Klasse zu setzen. Schimpfwörter,
die man in Übereilung gegen jemand auszustossen pflegt, durfte der auf innere,
wahre Ehre stolze Bürger grossmütig verzeihen; der Kriegsmann musste sich mit
Blute rächen. Der Offizier, der in der Schlacht seine Pflicht tat, wurde durch
ein Bändchen oder ein andres kleines Angehänge, das man ihm zu tragen erlaubte,
belohnt. Man verzieh dem Soldatenstande leichtsinnige Übereilungen,
Unsittlichkeiten, Ausschweifungen, rauhes Betragen und Unwissenheit, weswegen
Menschen in andern Ständen verachtet und geflohen wurden. - Und so hatte denn
der Stand eines Offiziers neben dem Müssiggange, in welchem er den grössten Teil
seines Lebens zubringen konnte, für Leute mancher Art viel Reiz. Ein solcher
rückte denn auch nach und nach von Stufe zu Stufe weiter, wo er immer etwas
besser besoldet, mehr geehrt, mehr geschmeichelt wurde; und war er alt,
kränklich oder im Kriege verstümmelt, so konnte er sich mit einer mässigen
Pension in Ruhe setzen. Die Schwierigkeit, in andern Ständen sich durch Kabalen
und Hudeleien mancher Art bis zu einer Stelle hindurchzuarbeiten, die in diesen
teuren Zeiten eine Familie ernährte, bewog denn auch würdige und edle, aber arme
Männer, Offizier zu werden, weil sie doch dadurch eine kleine, aber sichre, mit
äusserer Ehre verknüpfte Versorgung erhielten und weniger Schikanen ausgesetzt
waren.
    Das alles fand aber nur bei den Offizieren statt; mit den gemeinen Soldaten
sah es ganz anders aus. Schlecht bezahlt, dürftig gekleidet, mager gespeiset,
ohne Hoffnung, weiter fortzurücken, und mit der Aussicht, wenn sie einst Krüppel
oder sonst zum Dienste unfähig würden, fortgejagt und Bettler oder Räuber zu
werden, und, dabei in sklavischem Zwange lebend, ausserstande, sich durch
Tapferkeit Ruhm zu erwerben, wollte kein arbeitsamer Mensch gutwillig sich
diesem Stande widmen. Es mussten daher andre Mittel gewählt werden, die Armee
vollzählig zu machen. Taugenichts und Vagabonden, die durch den Reiz eines
zügellosen, müssigen Lebens herbeigelockt wurden, liess man die Waffen tragen;
bessere Menschen wurden teils mit Gewalt, teils durch List angeworben. Man übte
sie in den Waffen, das heisst, da man jetzt auf persönliche Tapferkeit im Kriege
nicht mehr rechnen durfte, so lehrte man sie gehen und kommen, schiessen und sich
totschiessen lassen, sooft ihnen der Wink dazu gegeben wurde. Mit fürchterlichen
Schlägen wurden die Widerspenstigen und Ungeschickten zu diesen mechanischen
Übungen abgerichtet, die strengste Unterwürfigkeit, der pünktlichste Gehorsam
eingeführt, das kleinste Verbrechen, das geringste Murren auf die
abschreckendste Weise bestraft; jeder Offizier übernahm die Unterjochung einiger
solcher Leute. Die Schlechtern unter diesen hatten nicht den Mut, sich der
unmenschlichen Tyrannei zu widersetzen; die Bessern wurden nach und nach des
Jochs gewöhnt und wussten nicht, ob sie sich bei einer Empörung auf die
Mitwirkung ihres Nebenmannes verlassen konnten; als Bauern zu Hause war auch
nicht viel Glück und Freiheit für sie - da wurden sie von den Beamten
geschunden; und so erhielt und befestigte sich dann - in der Tat ein Wunder der
Menschheit! - eine Maschine, in welcher vieltausend Unzufriedne und Unglückliche
sich auf den Wink eines einzigen zu Handlungen bestimmen liessen, die gänzlich
gegen ihre Neigung, gegen Billigkeit, gegen Vernunft und Natur waren, ohne
jedoch zu murren, ohne die Rechte der freien Menschheit zu reklamieren, ohne
empört zu werden von dem entehrenden Schauspiele, dem wahren Sinnbilde des
Despotismus, wenn sich ein ehrwürdiger Greis unter den Schlägen von der Hand
eines Knaben krümmen musste.
    Nun wurde die Kunst, Menschen von der Erde zu vertilgen, in ein System
gebracht, und man sah auch in Abyssinien ein, dass nicht mehr die Tapferkeit,
sondern das, was man Kriegskunst nennt, das Glück der Feldzüge entscheide. Es
kam darauf an, die Maschine, welche man aus vernünftigen Wesen, denen man den
freien Willen geraubt, zusammengesetzt hatte, mit grössrer Behendigkeit und
Schnelligkeit zu bewegen als der Feind, um über diesen den Meister zu spielen.
Feuergewehr hatten die Abyssinier schon längst über Arabien her bekommen; ein
Jesuit (denn jetzt rede ich schon von den neuern Zeiten, von der Regierung der
letztern drei Könige) lehrte sie den besten, schnellsten und gleichförmigsten
Gebrauch von diesen Waffen machen und führte sie selbst im nächsten Kriege an,
der entscheidend zum Vorteile der Abyssinier ausfiel und eine Menge nubischer
Könige dem grossen Negus zinsbar machte.
    Auf diese Zeiten folgte ein langjähriger Frieden, während welchem die
Soldaten anfangs untätig in den Städten lagen. Viele von ihnen waren eingeborne,
mit Gewalt aus dem Schosse ihrer Familie, von nützlicher Arbeit weggerissene
Bauern- und Bürgersöhne. Mit reinen Sitten waren sie zum Teil zum Heere
gekommen; jetzt wurden sie von den übrigen zu allen Arten von Lastern verführt,
die durch sklavische Behandlung, Müssiggang und böses Beispiel erzeugt und
genährt werden. Von ihrem geringen Solde konnten sie in der Residenz nicht
leben; ein jeder half sich, so gut er konnte, und trieb nebenher irgendein
mitunter sehr unedles Gewerbe, um Brot zu haben. Wer Verwandte auf dem Lande
hatte, dem brachten diese Nahrungsmittel in die Stadt; und nicht genug, dass man
den Vater seines Sohnes beraubt hatte, der ihm in der Arbeit beistehen konnte,
musste er diesem noch obendrein seinen kleinen Vorrat zutragen. Die Schwestern
und Geliebten der jungen Krieger kamen bei dieser Gelegenheit häufig in die
Residenz, wurden von dem Flitterglanze geblendet, verführt und nicht selten von
ihrem eignen Bruder vornehmen Wollüstlingen in die Hände geliefert. Andre
Soldaten erhielten die Erlaubnis, auf gewisse Zeit bei ihren Verwandten in den
Provinzen sich aufhalten zu dürfen; dann brachten sie alle Stadtlaster mit
hinaus auf das Land; und so wurde denn durch die stehenden Heere die Korruption
auch in den Strohhütten verbreitet, und Einfalt der Sitten und Unschuld
verschwanden aus allen Ständen.
    Damals kam ein Negus zur Regierung, der sich gern auf wohlfeile Weise einen
grossen Namen machen wollte. Er bekam Lust, ein wenig Krieg zu führen und fremde
Provinzen zu erobern. Die Armee war da, war einmal bestimmt, sich zur
Schlachtbank führen zu lassen, wohin man wollte. Der oben schon rühmlichst
genannte Jesuite bewies Sr. Majestät nicht nur, dass die Könige dazu ein Recht
hätten, sondern dass es auch höchst nötig sei, bei dem Soldaten nicht, durch gar
zu langen Frieden, die Kriegszucht sinken zu lassen. Es wurde also der erste
mutwillige Krieg geführt. Hunderttausend vernünftige Wesen wurden von beiden
Seiten ermordet; man schloss endlich einen Frieden, durch welchen man halb soviel
Land gewann, als die Heere verwüstet hatten; der Negus hielt ein grosses Fest,
das den schon verarmten Untertanen den letzten Heller aus dem Beutel lockte, und
fand nun Vergnügen daran, mehr dergleichen unschuldige Possen zu treiben.
    Einem seiner Gesandten wurde an einem Hofe in Nubien eine unbedeutende
Ehrenbezeugung versagt - und man fing einen Krieg an. Der Liebling des Negus
hatte einen Privatass gegen den Minister des Königs von Sennar - und man fing
einen Krieg an.
    Man würde sich irren, wenn man glaubte, die Völker Abyssiniens hätten nicht
endlich die Abscheulichkeit dieser Handlungen gefühlt, hätten nicht sich dagegen
sträuben wollen, mit Gut und Blut der Ball der törichten Leidenschaften und
Grillen ihres Despoten zu sein. Wirklich entstand in der Provinz Hangot ein
fürchterlicher Aufruhr; allein man schickte einen Teil des Heers dahin, und nun
zum erstenmal besudelten die Krieger ihre Hände mit dem Blute ihrer Brüder,
halfen Menschen unterjochen und morden, von denen sie besoldet, ernährt,
gepflegt wurden. Der Sohn musste gegen den Vater fechten, der Freund den Freund
zu Boden strecken. Nun erst war der Despotismus fest gegründet, das Volk zu
Sklaven gemacht; keiner wagte es ferner zu murren; der gekrönte Schurke spielte
mit dem Leben, mit dem Vermögen, mit der ganzen natürlichen, bürgerlichen und
moralischen Existenz derer, die ihm freiwillig und zutrauvoll ihr zeitliches
Glück in die Hände gegeben hatten. Ein einziges freies Wort brachte den
redlichsten, weisesten Mann ohne Urteil und Recht, ohne Verhör, ohne Mitleid
gegen seine trostlose Familie auf das Blutgerüste; die bewaffneten Henker rissen
den Edeln, der dem Günstlinge nicht zu schmeicheln verstand, aus den Armen
seines treuen Weibes, schleppten ihn in den Kerker und liessen ihn da
verschmachten.
    Doch das war nicht der letzte Missbrauch, den der Despot von seinem
Kriegsheere machte; man zeigte ihm noch einen Weg, Vorteil davon zu ziehen. Er
verkaufte nämlich das Leben seiner Untertanen an benachbarte Mächte, vermietete
vernünftige Wesen, wie man Lasttiere vermietet, liess sich grosse Summen bezahlen,
die in seine Kassen flossen und die er mit seinen Lieblingen und Kebsweibern
verschwelgte. - Höher, sollte man meinen, könne der Despotismus nicht steigen;
allein da würde man irren; das folgende Kapitel wird dies klarmachen.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                               Schluss des vorigen
Frei geborne Menschen durch stufenweise verstärkte Eingriffe in ihre Rechte,
dann durch immer mehr gewagte Misshandlungen, nebenher durch Korruption ihrer
Sitten, wodurch Seele und Leib geschwächt, zum Widerstande unfähig gemacht
werden, endlich durch erschreckliche Strafen sich unterwürfig zu machen, das
heisst, Meister über alle ihre Handlungen zu werden; das ist freilich ein
abscheulicher Despotismus! - Aber was bedeutet das gegen die Tyrannei, die man
ausübt, wenn man auch über ihre Meinungen, über ihre Vorstellungen und über
ihren Glauben sich eine Herrschaft anmasst? Dennoch kam es auch so weit in
Abyssinien. Dass dies das Werk der Priester war, versteht sich wohl von selber.
    Bis jetzt habe ich von dem Religionswesen in Abyssinien noch gar nichts
gesagt; hier ist der Ort dazu. In den ältesten Zeiten, das heisst, in den Zeiten,
die unmittelbar auf die grosse Überschwemmung folgten, war der Gottesdienst der
Abyssinier äusserst einfach; ihre Religion beruhete auf sehr dunklen Ideen vom
göttlichen Wesen, und von Teologie und Priesterstande hatten sie das Glück
nichts zu wissen.
    Die Tradition von der Überschwemmung durchkreuzte ihre Traditionen über die
Schöpfung der Welt und über das, was bis zu jener Überschwemmung in ihren
Gegenden vorgefallen war. Indessen glaubten sie, dass die ganze Welt von einem
einzigen unsichtbaren Wesen wäre geschaffen worden und noch im Gange erhalten
werde; dass dies Wesen ehemals sich den Menschen sichtbar gezeigt hätte; sie
wären ihm aber ungehorsam gewesen und hätten sich der Abgötterei ergeben; da
wäre das Wesen erzürnt worden und hätte sie alle vertilgt, bis auf eine fromme
Familie, durch welche nachher Abyssinien wieder wäre bevölkert worden.
    Ihr Gottesdienst bestand nur in Verehrungsbezeugung und Huldigung gegen das
unsichtbare höchste Wesen, dem sie ihre Unterwürfigkeit und ihren Gehorsam zu
bezeugen suchten, um es zu bewegen, nie wieder eine so schreckliche Verwüstung
auf dem Erdboden anzurichten. Die wenigen Zeremonien, deren sie sich bedienten,
trugen noch das Gepräge des Schreckens, der durch die Überschwemmung damals in
den Herzen derer, die sie erlebt hatten, war erzeugt worden. Sie gossen an
gewissen Tagen Wasser in die Luft und heulten und klagten dabei; sie wuschen und
badeten mit Feierlichkeiten ihre Kinder, wenn diese ein gewisses Alter erreicht
hatten; sie warfen sich bei Aufgang und Untergange der Sonne zur Erde nieder,
stiessen Seufzer aus, wenn die Nacht heranbrach, und Freudentöne, wenn sie des
Morgens, ohne Unfall zu erleben, erwacht waren.
    Allen diesen Gebräuchen nun stand jeder Hausvater an der Spitze seiner
Familie vor; nur an dem grossen Versöhnungstage, wenn alle Familien sich
vereinigten, um die oben beschriebne Libation vorzunehmen, präsidierte der
Älteste unter ihnen oder, nachdem sie sich ein Oberhaupt gewählt hatten, dieses
bei der grossen Feierlichkeit. - Also noch einmal! sie hatten damals keine
Priester.
    Über das Wesen Gottes, über seine Ökonomie bei Schöpfung und Erhaltung der
Welt, über den Zustand jenseits des Grabes nachzudenken, das fiel ihnen
vielleicht nicht einmal ein; vielleicht glaubten sie auch, dass das Grübeln über
Gegenstände, in denen die Vernunft doch nie sich Licht zu verschaffen vermag,
Torheit wäre; vielleicht endlich liess ihnen ein tätiges Leben, im Schweisse ihres
Angesichts, auch nicht die Musse, sich mit Spekulationen abzugeben. - Also hatten
sie auch keine Teologie, und was jeder in müssigen Stunden über solche Dinge
denken und träumen wollte, das blieb ihm überlassen.
    Indessen kamen lange nachher durch einen Zufall unter den Abyssiniern die
Traditionen in Kurs, welche in den Geschichtsbüchern des jüdischen Volks
entalten sind. Dies geschahe in einer Periode, wo schon die Kultur weiter um
sich gegriffen hatte und die Neugier zuweilen, von den täglichen Bedürfnissen
ab, in das Gebiet der Phantasie einen Gang zu wagen Zeit gewann. Da fassten dann
die in den Mosaischen Gedichten entaltnen teologischen, teosophischen,
teokratischen, kosmogonetischen und übrigen Begriffe von Gott, der Schöpfung
und dem Weltgebäude in Abyssinien Wurzel, und es wurden auch einige der
orientalischen Religionsgebräuche, unter andern die Beschneidung, Opfer und
dergleichen, dort eingeführt.
    Als sich verschiedne Stände im Lande abzusondern begannen und jeder sich
einer eignen Lebensart widmete, sich ein eignes Gewerbe ausschliesslich wählte
und nach und nach auch die Abyssinier an äusserm Prunk und an Feierlichkeiten
Geschmack fanden, ordnete man mehr jährliche öffentliche Feste, Busstage und,
nach dem Beispiele der Israeliten, auch einen wöchentlichen, dem Gottesdienste
und der Ruhe von Geschäften gewidmeten Sabbat an, bauete Tempel und ernannte
einen Stamm, der, wie der Stamm Levi, den religiösen Zeremonien vorstehen, dem
Volke vorbeten und die Opfer verrichten sollte. Da dieser Stamm, wie billig, vom
Staate ernährt werden musste, so wies man ihm einen Anteil an den Opfern an,
verwilligte ihm den Zehnten von gewissen Feldern, beschenkte ihn auch wohl mit
heimgefallnen Gütern. Zu bereichern suchten sich diese Leviten, wie alle
Priester; allein sie durften doch ohne Bestimmung des Fürsten nichts an sich
reissen. Geherrscht hätten sie gern, wie alle Priester; aber dazu fand sich noch
keine Gelegenheit. Freilich suchten sie sich in den Ruf zu setzen, als seien sie
in unmittelbarer Verbindung mit dem höchsten Wesen, gaben Wunder und
Weissagungen vor, wollten zu Rate gezogen sein, wenn etwas Grosses in dem Staate
unternommen werden sollte; doch war ihr Kredit noch immer sehr eingeschränkt.
Auf unnütze Spekulationen fielen sie auch, wie alle Müssiggänger; sie fingen an,
die jüdischen heiligen Bücher auf mannigfaltige Weise zu kommentieren; allein
sie zankten sich nur unter sich, und die Laien nahmen keinen Anteil an ihren
teologischen Streitigkeiten. Da wurde zum Beispiel die grosse, wichtige Frage
unter ihnen aufgeworfen, wieviel Sprossen die Himmelsleiter gehabt, welche Jakob
im Traume gesehen hätte, ob es Engel weiblichen Geschlechts gäbe und dergleichen
mehr; aber das Volk ging seinen Nahrungsgeschäften nach und liess die Priester
das unter sich verfechten.
    Da alle diese Mittel, sich gelten zu machen, nicht anschlagen wollten, so
erlauerten sie den Zeitpunkt, als grade ein schwacher, abergläubischer Fürst auf
dem Trone sass, suchten diesem eine grosse Meinung von der Wirkung ihres Gebets
und von ihrer Gabe, Wunder zu tun und zu weissagen, beizubringen und erlangten
von ihm das Privilegium, Schulen anzulegen und Menschen, die zu nützlicher
bürgerlichen Lebensart bestimmt waren, und überhaupt ohne Unterschied alle
Bürger mit Gewalt in der Teologie zu unterrichten.
    Die Folgen davon sind leicht einzusehen. Der Geist des ganzen Volks wurde
von dem graden Wege der gesunden Vernunft, die sich berechtigt glaubt, nichts
als wahr annehmen zu dürfen, als wovon sie den Grund einsieht, auf
Spitzfindigkeit, Sophismen und Aberglauben, von zweckmässiger Tätigkeit auf
unnütze Spekulationen geleitet, nicht nach Überzeugung, sondern nach Autorität
zu urteilen, nach Autorität zu glauben und darnach zu handeln; das Herz wurde
für warme, innige, einfältige Gottesverehrung unempfänglich gemacht und an
Formeln, kalte Feierlichkeiten und mechanische Andächtelei gewöhnt; die
schönsten Jugendjahre, wo es Zeit gewesen wäre, den Verstand aufzuklären und das
Gedächtnis mit heilsamen Vorkenntnissen auszurüsten, wurden mit kaltem Wortkrame
verschleudert; die Priester aber machten sich dem Volke wichtig und notwendig,
erfüllten die Kinder mit blinder Verehrung des geistlichen Standes, schlichen
sich in die Familien ein, mischten sich in allerlei Händel und bereicherten
sich.
    Als sich endlich die Könige in Abyssinien unabhängig machten, waren die
Priester schon ein äusserst bedeutender Stand geworden, den man nicht vor den
Kopf stossen durfte. Sie fanden aber ihre Rechnung dabei, den Despotismus zu
unterstützen; sie bewiesen dem Volke, dass der König ein Stattalter Gottes sei
und unbedingten Gehorsam fordern könne. Sie erfanden ein Geschlechtsregister für
die Familie des Monarchen, der man nun die erbliche Tronfolge zugesichert
hatte, und liessen den grossen Negus von dem jüdischen Könige Salomon und der
Königin Saba abstammen.1 Für diese geistliche Unterstützung aber liessen sie sich
denn auch von dem Despoten wichtige Privilegien einräumen; und seit dieser Zeit
hielten sie es immer so, dass, je nachdem ein verständiger oder schwacher, ein
ihnen ergebner oder nicht gut gegen sie gesinnter Regent auf dem Trone war, sie
entweder gegen gute Bezahlung sich zu seinen Werkzeugen oder sich ihm furchtbar,
entweder gemeinschaftliche Sache mit dem weltlichen Despotismus machten oder
Meuterei erregten. - Wie es aber auch kam, so war immer das Volk das Opfer
davon.
    So stand es, als die christliche Religion oder vielmehr ein Mittelding
zwischen ihr und der jüdischen, nämlich die koptische Religion in Abyssinien
eingeführt wurde. Die einfache, so jedermann klare, für alle Stände unter den
Menschen so heilsame, so verständliche, so weise, für Kopf und Herz gleich
beruhigende Lehre des Erlösers der Welt fand in ihrer Reinigkeit keinen Eingang
bei Menschen, die sich durch jene Albernheiten verschroben und verstimmt hatten.
- Wie hätten auch die Priester da ihr Konto finden sollen, wo nichts auswendig
zu lernen, nichts zu glauben war, als dass man, um Gott wohlgefällig zu sein, ihn
über alles und seinen Nächsten wie sich selbst lieben müsse; wo keine andre
Beweise für die Echteit der Lehre gefordert wurden, als dass man an sich selber
die Probe anstellen sollte, ob sie uns besser und ruhiger machte oder nicht?
    Die koptische Religion hingegen war eine wahre Pfaffenreligion und
vereinigte dabei alle Gebräuche der jüdischen und christlichen miteinander:
Beschneidung und Taufe, Abendmahl und Konfirmation und Firmelung und
Priesterweihe und Mönchsstand und Heiligendienst. - Und welch eine herrliche
Menge mystischer Lehren, die auf die Sittlichkeit und auf die Ruhe im Leben und
im Sterben gar keinen Einfluss hatten, worüber sich aber gewaltig disputieren und
schwätzen liess! Nun waren vierzehn Jahre, selbst für einen Laien, kaum
hinlänglich, die Skizze dieses ganzen teologischen Systems in sein Gedächtnis
zu propfen; und doch wurde das von jedem Abyssinier gefordert.
    Um den Negus ganz für dies System und für den Priesterstand zu
interessieren, bewogen ihn die Pfaffen, sich zum Diakonus weihen zu lassen. Seit
dieser Zeit ist der Beherrscher von Abyssinien immer zugleich Diakonus, wird,
wenn er die Regierung antritt, von jenen Kerln gesalbt und trägt einen
Hauptschmuck, der halb Priestermütze, halb Krone ist. Nun sah er sich auch als
das Oberhaupt der Priesterschaft an; jetzt wurden die fruchtbarsten Felder, die
fettesten Wiesen ein Eigentum der Pfaffen; es wurden Klöster gestiftet und reich
dotiert, in welchen ein Haufen erzdummer Schurken sich bei frommen Müssiggange
Schmerbäuche zeugten und dabei in Unzucht und Völlerei lebten. Auch Einsiedler,
die das Volk für Wundertäter hielt, setzten sich in den Gebirgen von Waldubba
fest. Alles dies begünstigte und beförderte der grosse Negus; dagegen aber
sprachen ihn denn auch die Priester im Namen Gottes von allen vergangnen,
jetzigen und künftigen Sünden los, predigten dem Volke unaufhörlich die Lehre
von der Heiligkeit der königlichen Majestät und erhielten es in der Dummheit und
Unwissenheit, so dass es nie den Gedanken wagte, sich der unmenschlichen Tyrannei
zu widersetzen.
    Um ihr Reich noch vollends zu befestigen, war es nötig, auch dafür zu
sorgen, dass kein andrer als ein so frommer Monarch auf den abyssinischen Tron
käme. Hierzu war das wirksamste Mittel, die Erziehung der Prinzen in ihre Hände
zu spielen, welches ihnen auch so wohl gelang, dass in den letzten hundert Jahren
nicht nur kein einziger Negus von andern als Pfaffenhänden ist gebildet worden,
sondern auch, dass ihnen die Wahl überlassen blieb, welcher von den Prinzen zur
Regierung kommen sollte, und dass die übrigen königlichen Kinder nach Waldubba in
ihre Klöster verwiesen wurden. Dieser letzte Umstand war ihnen sehr nützlich.
Die Prinzen bürgten ihnen als Geiseln für die beständige Dauer ihres Systems;
denn starb die regierende Familie aus, so hatten sie im voraus dafür gesorgt,
dass der Tronfolger, den man aus ihrem Kloster holen musste, gewiss wenigstens
ebenso dumm und ein ebenso grosser Pfaffenfreund war als der jüngst Verstorbne;
und wollte der König zuweilen Miene machen, als wenn er ihr Joch abschütteln
möchte, so regten sie das Volk gegen ihn auf, indem sie dasselbe anhetzten, dass
es das Kloster stürmen und einen von den frommen Prinzen zum Könige ausrufen
musste. Dann gab der Negus gute Worte, bat und flehete, dass die Priester den
Aufruhr stillen möchten, und räumte ihnen neue Vorteile, neue Vorrechte ein.
    Die gewaltige Übermacht nun, welche die Pfaffen in Abyssinien hatten, machte
sie aber auch im höchsten Grade übermütig und schamlos. Ihr Hochmut, ihr
geistlicher Stolz kannte keine Grenzen mehr; und wer sich nicht vor ihnen im
Staube beugte, vielleicht gar einem ihrer eigennützigen Plane etwas in den Weg
legte, der wurde mit seiner ganzen zeitlichen Glückseligkeit das Opfer davon. In
alle Häuser schlichen sie sich als Ratgeber ein, verschaften sich das Vorrecht,
sich die wichtigsten Geheimnisse anvertrauen lassen und, gegen jedermann
verschwiegen, folglich auch mit Mädchen und Weibern Gespräche unter vier Augen
halten zu dürfen, die weder der Ehemann noch der Vater zu unterbrechen wagte.
    Allein das war ihnen noch nicht genug. Wer vierzehn Jugendjahre in ihren
Schulen verschleuderte, konnte denn doch die übrige Zeit seines Lebens anwenden,
die schiefen Begriffe wiederum aus seinem Kopfe herauszuarbeiten, die er dort
aufgesammelt hatte; und wenn er dann der Klerisei die schuldigen Gebühren
entrichtete und gegen keines ihrer Privilegien Eingriffe wagte, so mussten sie
ihn wohl in Ruhe lassen. - So blieb es aber nicht; es kam darauf an, auch ein
Mittel zu finden, mit einigem Schein des Rechts offensive gegen ruhige Bürger
verfahren zu können, und das Mittel musste den Pfaffen die herrliche Erfindung
der Ortodoxie darreichen.
    Die Überzeugung des Verstandes ist, wie bekannt, ein Ding, das durchaus
nicht in unsrer Gewalt steht. Sehr unwillkürlich sind die Eindrücke, welche die
äussern Gegenstände auf uns machen, sehr unwillkürlich die Vorstellungen, die in
uns erzeugt werden. Selbst bei solchen praktischen Sätzen, auf welchen gewisse
Handlungen beruhen, ist das höchste, was derjenige, welcher mir Gesetze
vorschreibt, von mir verlangen kann, dass ich jene Handlungen so begehe, wie er
sie mir vorschreibt. Aber noch obendrein zu fordern, dass ich den Gründen, warum
er sie mir vorschreibt, meinen vollkommenen Beifall geben soll, das ist
Tyrannei! Vollends aber bei bloss teoretischen oder gar spekulativen Sätzen, die
gar keinen Einfluss auf Handlungen haben, meine Vernunft in einen fremden
Schraubestock zwängen zu sollen; wer das fordert, der will die Menschen unter
die Tiere erniedrigen, das kann - nur ein Priester wollen! Und dennoch wagten
die Pfaffen in Abyssinien, unter der Regierung eines erzfrommen Negus, auch
diesen Eingriff in die Rechte der Menschheit. Man machte damit den Anfang, zu
befehlen, dass, da die Sätze der Teologie und dasjenige, was in den Schulen von
dem Wesen des unsichtbaren Gottes, von Schöpfung der Welt und dergleichen
vorgetragen würde, unzählige Menschen überzeugte und glücklich und ruhig machte,
so solle sich keiner unterstehen, Zweifel gegen diese Lehren vorzutragen.
    Schon dies Gesetz empörte die Weisern im Volke. Man sagte, eine Lehre, die
keine Prüfung und Beleuchtung verstatte, müsse jedem sehr verdächtig vorkommen;
es sei möglich, dass jemand, der bis dahin bei dem Glauben an diese Lehren ruhig
gewesen sei, doch noch ruhiger werden würde, wenn er andre Sätze annähme, wozu
man ihm nun aber den Weg versperrte; die Überzeugung solcher Leute, die von
jedem sophistischen Zweifel in ihrem Systeme irregemacht würden, sei gar nichts,
sei nicht mehr wert als der Unglaube eines solchen; und endlich sei es ja doch
möglich, dass Menschen irren könnten, dass man durch Zweifeln und Streiten auf den
Grund besserer Wahrheiten käme, welches offenbarer Gewinst für die Menschheit
sei. - Indessen gehorchte man der Verordnung und - schwieg.
    Damit aber war den Pfaffen noch immer nicht geholfen. Bald fing man an, auch
zu befehlen, was die Menschen glauben sollten. Es wurde ein eigenes Gericht
niedergesetzt, welchem sogar der König selbst in Glaubenssachen sich unterwarf.
Dies Gericht hatte das Recht, jeden vorladen zu lassen und ihn zu befragen, ob
er dies oder jenes glaube oder nicht. War der Mann kein Heuchler, sondern
gestand offenherzig, er könne dies oder jenes nicht glauben, wolle aber gern
still dazu schweigen, so half ihm das nichts, sondern er wurde, seines
Unglaubens wegen, mit willkürlicher, ja, zuweilen mit Todesstrafe belegt.
    Darauf erschien ein Befehl, dass auch kein Fremder, der im Lande sich
niederlassen wollte oder schon sich niedergelassen hätte, darin geduldet werden
sollte, er habe denn vorher seine alten Irrtümer abgeschworen und den Glauben
der Abyssinier angenommen. Man nannte dies aber: die Religion des Landes
annehmen, denn nun waren Religion, Teologie und Gottesdienst schon
gleichbedeutende Dinge geworden.
    Jetzt hatten die Pfaffen freie Hand, ihre Privatsache gegen die besten
Menschen auszuüben; denn wenn sie gern jemand auf die Seite schaffen wollten,
der ihnen im Wege war oder ihnen sein Weib nicht preisgeben mochte, so brachten
sie falsche Zeugen gegen ihn auf, die aussagen mussten, er habe gegen die
Religion oder deren Priester geredet. (Denn sie machten ihre Sache zur Sache
Gottes) Seine Verteidigung, ja, sein Widerruf half nichts, und er wurde auf
grausame Weise hingerichtet.
    Jeder Druck, jeder Zwang reizt zum Widerstande. Vorher war es keinem Laien
eingefallen, sehr eigensinnig für oder gegen die Glaubenslehren eingenommen zu
sein; jetzt fanden sich eine Menge Irrgläubiger, Sektierer, Freigeister und von
der andern Seite blinde Fanatiker. Die Dogmatik und Ortodoxie also waren es in
Abyssinien, wie in allen übrigen Ländern, welche Unglauben und Aberglauben
erzeugten. Diese verschiednen Sekten aber hassten und verfolgten sich auf das
schrecklichste im bürgerlichen Leben. - Und so wurde denn auch da die heilige,
zum Wohl der Welt den Menschen gegebene, Frieden und Bruderliebe predigende
Religion die reichste Quelle des Zwistes, der Verfolgung und unnennbaren Elends
unter ihnen.
    Doch nicht genug daran; in ihrem Schosse fand auch der heuchlerische
Bösewicht Mittel, alle Bubenstücke zu begehen und dennoch für einen frommen,
rechtschaffnen Mann zu gelten. Da nun das Wesen der Religion in blindem Glauben,
in Werkheiligkeit, gottesdienstlichen Gebräuchen, Verehrung und Bereicherung der
Priester und Unterwürfigkeit gegen sie beruhete, so sahen diese nicht nur dem
Scheinheiligen, bei allen seinen heimlichen und öffentlichen Lastern und
Verbrechen, durch die Finger, sondern der Andächtler wusste sich auch von dem
abergläubischen Volke durch verstellte Demut und Gottesfurcht Ehrerbietung zu
erzwingen. Leute hingegen, die an den Glaubenslehren zweifelten, schüttelten
nicht selten, da in dem Religionsunterrichte, den sie genossen hatten, alle
sittliche Pflichten aus den Glaubenslehren waren herbeigeleitet worden, sobald
ihr Glauben an diese wankte, zugleich die reine, hier auf Erden ewig wahre Moral
von sich. - Auf diese Weise untergrub also auch die Teologie die moralische
Glückseligkeit der Menschen.
    Die Folgen dieses Priesterunwesens wurden noch abscheulicher, als endlich
gar die Pfaffen unter sich selber in Uneinigkeit gerieten. Dies geschahe zuerst
bei einer sonderbaren Veranlassung. Es hatte nämlich ein Pfaffe in Sire, einer
Stadt, die noch grösser ist als die ehemalige Residenz Axum, sich unterstanden,
in der Schule, die er hielt, zu sagen, man dürfe die Geschichte von Elias' Wagen
nicht wörtlich verstehen; jedermann wisse, dass es nicht möglich sei, mit einem
Wagen durch die Luft zu kutschieren, und ein feuriger Wagen sei nun gar etwas,
wobei ein ehrlicher Mann, der sich daraufsetzte, seine fleischernen Hinterteile
in grosse Gefahr bringen würde; die ganze Geschichte sei also so zu verstehen,
dass ein starkes Gewitter das Vehikulum gewesen sei, dessen sich Gott bedient
habe, den Propheten aus der Welt zu nehmen. - Kaum war das Gerücht von dieser
fürchterlichen Ketzerei den Mitgliedern des Glaubenskollegium in Axum zu Ohren
gekommen, so wurde der irrgläubige Priester vorgeladen, verhört und ihm
zugemutet, öffentlich zu widerrufen. Er war ein Mann von Grundsätzen und -
widerrief nicht. Man liess ihm drei Wochen Zeit, die erfordert wurden, die
nötigen Anstalten zu seiner feierlichen Exekution zu machen, und als er da sein
Wort nicht zurücknahm, wurde er mit grosser Pracht, in Gegenwart des Hofs und
vieler tausend Zuschauer, auf dem Markte in Axum am Spiesse gebraten.
    Ich, Benjamin Noldmann, muss bei dieser Gelegenheit meine Schwäche bekennen,
wenn es anders eine Schwäche ist. Ich würde mich, eines bloss teoretischen
Satzes wegen, gewiss nicht braten lassen, sondern augenblicklich widerrufen,
glaube auch, der Schöpfer, welcher mir das Leben gegeben hat, womit ich kein
Spielwerk treiben darf, würde mir's zur grossen Sünde anrechnen, wenn ich, aus
Eigensinn und um meine Überzeugung öffentlich dartun zu dürfen, mir auch nur ein
Glied verstümmeln liesse. Durch mich wird daher nie die Feierlichkeit eines
Autodafé vermehrt werden.
    Wer hatte bis dahin sich um die Konstruktion jenes Wagens bekümmert? Jetzt
wurde des Propheten Kalesche der Gegenstand des allgemeinen Interesse. - Eine
Lehre, für die ein Mann sein Leben lässt, muss doch wohl wahr und von der höchsten
Wichtigkeit sein. - Ehe ein Jahr verging, war die Sekte derer, die öffentlich
erklärten, sie könnten und würden nie glauben, dass man mit einem feurigen Wagen
zum Himmel fahren könnte, zu mehr als tausend angewachsen. Man ergriff eine
Menge von ihnen; einige widerriefen bei den schrecklichen Martern, womit man sie
peinigte; die Hartnäckigsten versiegelten ihre Lehre mit dem Märtyrertode; aber
je mehr Anti-Kaleschianer gefoltert, gespiesst, gebraten, gekreuzigt, geschunden,
gesteinigt und ihrer Augen beraubt wurden2, desto zahlreicher wurde diese Sekte,
die endlich anfing, sich eine eigne kirchliche Verfassung zu errichten, sich
Oberhäupter und eigne Priester zu wählen und sich der Obrigkeit zu widersetzen,
die ihre Anführer gefangennehmen wollte.
    Nun war es Zeit, die Kriegsvölker gegen diese Rotte anrücken zu lassen;
allein die Ketzer hatten dies vorausgesehen, sich bewaffnet und mit einer der
nubisschen Völkerschaften verbunden. Da fing denn ein blutiger Religionskrieg an,
und Elias' Wagen kostete tausend arbeitsamen Bürgern das Leben.
    Mit abwechselndem Glücke wurde dieser einländische Krieg eine lange Reihe
von Jahren hindurch geführt. In einem Feldzuge wurde die schöne Stadt Axum von
Grund aus zerstört (noch jetzt sieht man nur die Rudera davon); der grosse Negus
musste fliehen und bauete die neue Residenz Gondar. Im folgenden Jahre war der
Nachteil auf der Seite der Ketzer; und so ging es fort; zuweilen siegte die
eine, dann die andre Partei; Ströme von Blut flossen, und die schönsten
Provinzen wurden in Wüsteneien verwandelt. Zuweilen schloss man einen Frieden mit
den Ketzern, der aber, wie sich das von Priestern nicht anders erwarten lässt,
jedesmal von seiten der Ortodoxen treulos gebrochen wurde. Das Ende von diesem
allen aber war, dass zuletzt, der fortdauernden Bedrückungen und Verfolgungen
müde, mehr als hunderttausend fleissige und geschickte Untertanen, die nicht
glauben konnten, dass man in einem Räderfuhrwerke durch die Lüfte fahren könne,
zum Lande hinaus wanderten und sich in Nubien festsetzten, wo sie geduldet
wurden, Handel und Manufakturen in Flor brachten und sich als ruhige Bürger
betrugen.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Geschichte der letzten Vorfälle in Abyssinien, bis zu der Ankunft des Verfassers
Als sich dieser letzte Vorfall zutrug, starb grade der damals regierende Negus,
der sich den Titel des allerrechtgläubigsten Monarchen hatte erteilen lassen.
Sein Nachfolger, obgleich auch unter Pfaffenhänden aufgewachsen, war, durch ein
Ungefähr, dergleichen in dieser Welt oft das Schicksal von Ländern und Völkern
entscheidet, ein wenig aufgeklärter und verständiger, als wohl den geistlichen
Herren lieb sein mochte. Er sah bald den Fehler ein, den man begangen hatte,
die besten Untertanen aus dem Reiche zu jagen, und suchte ihn wieder zu
verbessern, indem er den sogenannten Ketzern Frieden und die Erlaubnis zu freier
Religionsübung versprach; allein sie traueten seinem Worte nicht, hatten sich
auch schon in Nubien festgesetzt; und so bestand denn alles, was der Negus tun
konnte, darin, dass er in der Folge mehr Duldung in seinen Ländern einführte und
den Priestern ein wenig den Daumen aufs Auge hielt, die jetzt nicht mehr so
furchtbar waren und sich sehr verhasst gemacht hatten. Nun setzten sich in der
Handelsstadt Gauza Mahometaner und in Adova Juden fest; doch blieb der Schaden,
den der Fanatismus angestiftet hatte, unersetzlich.
    Ich habe oben zuweilen eines Jesuiten Erwähnung getan, dem die Abyssinier
die Verbesserung ihres Kriegswesens und die Errichtung eines stehenden Heers zu
danken hatten. Nach seinem Tode war kein Mitglied dieses Ordens wieder nach
Abyssinien gekommen; und in den nachherigen Zeiten, von denen ich im vorigen
Kapitel geredet habe, wurden ja auch keine Fremde im Reiche geduldet. Kaum aber
war es in Kairo bekannt geworden, dass der jetzige Negus tolerantere Grundsätze
ausübte, so machte die Gesellschaft Jesu, die leicht zu wittern pflegt, wo für
sie etwas zu tun ist, Plan auf ein dauerhaftes Etablissement in diesem Lande,
das so schönes Gold und Silber und Herrlichkeiten aller Art hervorbringt. Sie
schickte daher eine Mission nach Gondar; ein paar verschmitzte Jesuiten, die
alle Gestalten anzunehmen wussten, schmeichelten sich bei dem Monarchen ein,
dessen Steckenpferd nun einmal Toleranz war, und erlangten von ihm die
Erlaubnis, den christkatolischen Glauben predigen und in Freniona ein
Jesuitenkollegium stiften zu dürfen. Hierdurch nisteten sich denn diese schlauen
Herren bald so gut ein, dass nach und nach, besonders in der Provinz Tigre, eine
Menge katolischer Kirchen und Klöster gebauet wurde.
    Dies ging eine Zeitlang ganz gut vonstatten, und die verschiednen Sekten
lebten miteinander in Frieden. Allein das System der Römischen Kirche und
Hierarchie verträgt, wie jedermann weiss, keine Unterwürfigkeit unter den
weltlichen Arm; und so tolerant auch der Negus war, so schien er doch gar nicht
geneigt, seine Pfaffen zu unterdrücken, um sich unter das Joch von andern, noch
herrschsüchtigern Pfaffen zu begeben. Als daher die Herren Jesuiten anfingen,
das Bekehrungswesen ein wenig grob zu treiben, gab man ihnen den Wink, sie
möchten es damit leise angehen lassen. Zwei von ihnen drängten sich ohne
Unterlass dem Monarchen auf und sprachen von Träumen, worin ihnen Gott offenbart
hätte, es würden S. Majestät mit ihrem ganzen Hofe sich in den Schoss der
Römischen Kirche werfen. - Am Hofe herrschten damals freigeisterische
Grundsätze; man spottete der Träumer. Sie versicherten den König, er könne nach
den Grundsätzen ihrer Religion unendlich mehr Sünden begehen als nach koptischen
Grundsätzen. - Er antwortete, diese Freiheit nähme er sich, ohne ihre Erlaubnis.
Sie bestachen ein paar Lieblinge und sogar die Iteghe oder Königin unter den
Weibern des Negus. - Diese waren sämtlich so ehrlich, das Geld zu nehmen, es
aber dem Monarchen anzuzeigen und mit ihm über die feinen Herren zu lachen.
    Indessen gestattete man den Jesuiten, dass sie ihren Glauben predigen,
Gemeinen stiften, viel Kirchen und Klöster bauen und endlich gar einen Bischof
weihen durften; der Hof sah dieser Feierlichkeit zu und fand sie recht artig;
übrigens erlaubte man den Katoliken, den Bischof aus ihrem Beutel zu bezahlen.
Allein nun kamen sie auf einmal mit einem Heere von päpstlichen Rechten,
Exemtionen von weltlicher Gerichtsbarkeit, Gebühren und Abgaben für
Dispensationen und dergleichen, die man nach Rom schicken sollte, angezogen; das
gefiel denn dem Negus nicht; er liess also den Bischof zu sich rufen und fragte
ihn ganz trocken: »Wer ist der Kerl in Rom, der in meinem Lande Befehle geben
und Geld heben will?« Der Bischof suchte die Sache in das beste Licht zu setzen;
aber seine Beredsamkeit fruchtete nichts. »Ihr Schlingel sämtlich«, sprach der
König, »sollt unter der weltlichen Obrigkeit stehen; den alten
Glaubensgerichtshof, der monatlich einige gute Leute braten liess, habe ich
abgeschafft; meint  ihr, ich wollte nun gar von solchem Gesindel, als ihr seid,
meine Untertanen hudeln lassen? - Das sollt ihr, meiner Seele! wohl bleiben
lassen, und der erste von euch, der mir wieder den alten Pfaffen in Rom nennt,
den lasse ich bei den Beinen aufknüpfen.«
    Die Jesuiten und ihre Anhänger gehorchten nicht; sie fuhren fort in ihrem
hierarchischen Eifer, predigten laut das Papsttum, die Rechte der
alleinseligmachenden Kirche, Verdammung der Ungläubigen, Intoleranz und
erweckten den Geist des Zwiespalts. Der grosse Negus liess einen von diesen
unverschämten Predigern fangen und ihm vorerst nur den Staupbesen, zur Warnung
der übrigen, geben. Nun kannte die Wut der Jesuiten, die nicht die Kunst
verstehen, sich im Zorne zu mässigen, keine Grenzen mehr. Sie erregten insgeheim
Aufruhr und Empörung und wurden endlich über einem Komplott gegen das Leben des
Monarchen ertappt. Da verging dem guten Herrn die Geduld; die Rädelsführer
wurden gespiesst, alle römischen Priester auf ewig des Landes verwiesen, das
Jesuitenkollegium in Freniona wurde zerstört und den Katoliken kein
öffentlicher Gottesdienst mehr verstattet. Einige Jesuiten kamen, als ägyptische
Kaufleute verkleidet, wieder nach Abyssinien, richteten aber nicht viel aus.
    Kurz nach diesen Vorfällen starb der Negus, und an seine Stelle kam der
Prinz zur Regierung, dessen Baalomaal und Oberster der Leibgarde zu sein ich die
unverdiente Ehre gehabt habe. Er war nicht im Kloster erzogen worden, sondern am
Hofe seines Vaters, wo er sehr viel von Aufklärung hatte reden gehört und wo ein
bisschen schöne Künste, Wissenschaften und Deismus getrieben wurde. Seine
teoretische und praktische Moral war nicht die strengste; ein grosser Geist war
er übrigens auch nicht, wenigstens nicht halb sosehr, als er glaubte und die
Schmeichler ihm sagten, dass er es sei; sich aber einen Namen unter den Monarchen
zu machen, das steckte ihm sehr im Kopfe, und diese Stimmung nützte mein Herr
Vetter, Joseph Wurmbrand, um ihn zu bewegen, das Aufklärungswesen in Abyssinien
mit grossem Eifer nach europäischer Weise zu treiben.
    »Die Pfaffen, sowohl die unsrigen als die katolischen, haben meine
Untertanen in der Dummheit erhalten«, sagte der grosse Negus zu meinem Herrn
Vetter. »Freilich sehe ich wohl ein«, fuhr er fort, »dass es zuviel verlangt
wäre, wenn ich fordern wollte, dass jemand in meinem Reiche so weise sein sollte
als ich; allein es macht doch einen Staat blühend und eine Regierung berühmt,
wenn Wissenschaften und Künste im Lande getrieben werden. Die Abyssinier aber,
die wenigen ausgenommen, die sich an meinem Hofe gebildet haben, sind noch sehr
weit zurück. Es ist mir daher sehr lieb, dass du gekommen bist; du scheinst ein
Mann zu sein, den ich brauchen kann. Du sollst mir helfen hier alles auf
europäischen Fuss setzen. Schaffe mir Leute, die dich in diesem Geschäfte
unterstützen können, Bücher, Maschinen und dergleichen aus deinem Vaterlande.
Zugleich wollen wir neue Verbindungen mit andern Nationen knüpfen und die alten
erneuern. Ich erwarte über dies ganze Werk deinen Plan, den ich prüfen und
berichtigen will.«
    Diesen Plan nun arbeitete Herr Wurmband aus; mein Ruf, nach Abyssinien zu
kommen, und was ich mit dahin bringen musste, und meine Gesandtschaft in Nubien,
das alles war mit in diesem gnädigst approbierten Plan entalten; indes aber war
auch mein Herr Vetter nicht untätig gewesen, und als ich nach Gondar kam, fand
ich, wie schon gesagt, sehr vieles nach europäischer Manier eingerichtet.
 
                              Funfzehntes Kapitel
        Des Herrn Wurmbrands erste Anstalten zur Aufklärung Abyssiniens
Als mein Herr Vetter seinen Aufklärungsplan ausgearbeitet hatte, überreichte er
ihn Sr. Majestät, die ihn sich vorlesen liessen und dann über die einzelnen Teile
desselben mit dem Verfasser redeten.
    Mit einer prächtigen Lobrede auf die Aufklärung hatte Herr Wurmbrand
angefangen. »Derjenige Monarch«, hiess es darin, »ist der grösste und mächtigste,
welcher den weisesten Menschen Gesetze vorschreibt; nur ein Tyrann kann
wünschen, über eine Horde unwissender Menschen zu herrschen; aber auch der
Tyrann bedarf, da er doch nicht hundert Augen, Ohren, Hände und Köpfe hat,
wenigstens einiger vernünftigen, gebildeten Menschen, durch deren Hülfe er den
grossen Haufen in Ordnung hält; und wie will er zu diesem Zwecke die besten Köpfe
aus seinem Volke auslesen können, wenn er nicht, durch Beförderung allgemeiner
Aufklärung, den Funken erweckt, der ausser dem verborgen liegenbliebe?« - Nun
waren denn eine Menge Gemeinsprüche über den herrlichen Einfluss der Wissenschaft
und Künste auf den Charakter und die Glückseligkeit eines Volks gesagt, und wie
Weisheit und Geschicklichkeit die Griechen und Römer zu Herren über alle übrige
Nationen erhoben hätten; und aus diesem allen war der Schluss gezogen, dass der
grosse Negus mit aller Gewalt sein Volk aufklären müsste.
    »Das ist«, sprach der König, »dasselbe, nur mit andern Worten gesagt, was du
neulich von mir gehört, und es freut mich, dass du den Sinn meiner Reden so gut
gefasst hast; allein ich wollte, du könntest mir auch recht gründlich einen
Zweifel heben, der oft in mir erwacht, nämlich, ob mir die Leute auch wohl noch
gehorchen werden, wenn ich sie gar zu klug mache. Du weisst, dass ich die Pfaffen
nicht leiden kann; aber darin hatten sie, meiner Seele! recht, dass sie immer
sagten, man müsse die Menschen in der Dummheit erhalten, sonst glaubten sie,
sich selbst regieren zu können. Und was die Dummheit angeht, Herr Minister, so
meine ich, das verstünden doch die Priester, wie man damit umgehen müsse.« -
»Oh! was das betrifft«, erwiderte mein Herr Vetter, »so brauchen Euer Majestät
sich vor dem Räsonieren nicht zu fürchten, solange Sie hunderttausend Soldaten
auf den Beinen haben.« - »Aber wenn nun der Teufel der Aufklärung auch in diese
fährt und auch sie nicht mehr auf jeden Wink zu Gebote stehen wollen?« - »Dafür
ist der Stock gut.« - »Und wenn nun die vielen nicht länger von einem sich
wollen prügeln lassen?« - »Das hat nichts zu bedeuten; keiner trauet auf des
andern Mitülfe; die erste schiefe Miene muss wie offenbare Meuterei bestraft
werden.
    Nach und nach gewöhnt sich dann der Mensch daran, nicht selbst denken und
handeln zu dürfen, und wer wenig im Magen und Beutel hat, ohne Unterlass
beschäftigt und beobachtet wird, dem vergehen die aufrührischen Gedanken.« -
»Das ist gut geantwortet«, sprach der Negus, »ich habe das auch gedacht und
wollte nur sehen, ob du die Sache aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtetest.«
    Das erste, was nun der neue Minister zu tun für nötig hielt, war.
Buchdruckereien anzulegen, wobei er in einer langen Deklamation zeigte, welche
grosse Summe neuer Wahrheiten durch diese herrliche Erfindung in der Welt wäre
verbreitet worden. Der König machte den Einwurf, ob durch diese Leichtigkeit,
seine Ideen allgemein zu machen, wohl nicht ebensoviel und mehr schiefe Begriffe
und Irrtümer wären in Umlauf gekommen. Wurmbrand gab dies zu, behauptete aber,
selbst diese Albernheiten hätten wiederum auf die Spur von neuen Wahrheiten
geführt. Der Hofnarr des Königs, der gegenwärtig war, meinte, nach diesem
Grundsatze müsse man auch die Ansteckung epidemischer Krankheiten zu erleichtern
suchen, damit hierdurch die Arzeneikunst auf die Erfindung neuer Heilmetoden
geleitet würde. - Der Hofnarr wurde aus dem Zimmer gejagt und Anstalt zu
Errichtung der Buchdruckereien gemacht. »Damit aber«, sprach mein Herr Vetter,
»niemand sich's einfallen lasse, gefährliche Grundsätze zu verbreiten, die das
Volk gegen die weisen Regierungsmaximen Euer Majestät und gegen die herrschende
Religion misstrauisch machen könnten, so wird es gut sein, zu befehlen, dass
nichts dürfe gedruckt werden, als was vorher einem eignen Kollegio sei vorgelegt
worden.« Der Hofnarr hatte vor der Tür gehorcht; bei diesem Gespräche steckte er
den Kopf wieder herein und sagte: »Das macht ihr gut! da werden die Menschen in
allen Dingen klug werden und ihre Ideen berichtigen, ausser in dem, was ihnen auf
der Welt am wichtigsten ist. Und wenn ihr euch auf eure Weisheit und auf eure
hunderttausend Puppen verlassen dürft, so dächte ich, ihr könntet auch die Leute
immer reden und schreiben lassen, was sie wollten.« - Der Hofnarr bekam zwanzig
Prügel auf die Hinterteile, und das Zensurkollegium wurde errichtet.
    Nächst Anlegung der Buchdruckereien empfahl mein Herr Vetter dem Könige
vorzüglich die Beförderung des Studiums fremder Sprachen. Neue Wörter,
Redensarten und Wendungen wären, meinte er, das wenigste, was man dadurch
lernte; aber man gewänne auch neue Ideen, die unmerklich, mit den fremden
Redensarten zugleich, zu uns übergingen. Es wäre, zum Beispiel, wohl der Mühe
wert, mit philosophischem Scharfsinne genauer nachzuspüren, wie der Charakter
der Deutschen und ihre Sitten von mancher Seite eine andre Richtung bekommen
hätten, seitdem in unserm Vaterlande die französische Sprache nach und nach
allgemeiner geworden wäre. Hierauf machte dann Herr Wurmbrand den Negus mit
einigen ausländischen Wörtern bekannt, die, teils übersetzt, teils in unsre
Sprache aufgenommen, eine Revolution in unsrer Art zu denken und zu handeln
gemacht hätten. Dahin gehörten, meinte er, die Worte: Delikatesse, Diskretion,
kompromittieren, Sentiment, empfindsam, konventionell und dergleichen mehr. »Wie
undelikat«, rief mein Herr Vetter aus, »war nicht der alte rauhe, grade, biedre
Deutsche! Wie wenig diskret! Wie leicht kompromittierte er durch seine
Freimütigkeit! Die feinern Sentiments rührten nie seine starke Seele zur
Empfindsamkeit, und er hielt alles für eine Art unnützen Zwanges oder gar für
Betrug, was bloss auf konventionellen, nicht natürlichen Pflichten beruhete, bis
er durch jene fremden Wörter aufmerksam auf alle diese herrlichen Dinge gemacht
wurde.« - »Wenn die fremden Ideen gut und klar sind«, fiel ihm der König in die
Rede, »und man dadurch nicht zuletzt so viel neue Seiten bekömmt, dass man nicht
mehr recht weiss, welche die rechte und eigne Seite ist, so lasse ich das Ding
gelten. Doch das ist zu weitläufig. - - Ich will es versuchen, will meinen
Untertanen ein Beispiel geben, will selbst Deutsch lernen. Aber mit den Sprachen
ist es so eine Sache. Selbst unsereiner kann doch diese nicht so ohne alle
Anweisung studieren, wenigstens ist das mühsamer. Du sollst also die Ehre haben,
mir Unterweisung zu geben; aber ich verbitte mir, dass du dich dessen nicht etwa
rühmest.« Mein Vetter lehrte also den Negus die deutsche Sprache; er wählte
dabei die Metode, welche unsre neuern Pädagogen so sehr anpreisen und wodurch
man die Sprachen freilich weniger gründlich lernt, aber desto geschwinder und
ohne Anstrengung einige Fertigkeit darin erlangt, nämlich durch beständiges
Plaudern; und bald wurde, wie ich schon oben erzählt habe, die deutsche Sprache
die Hofsprache in Gondar.
    Zu dem Aufklärungsplane des Herrn Wurmbrand gehörte ferner mit, dass er dem
Monarchen vorschlug, Fremde in das Land zu locken und diese vorzüglich
auszuzeichnen. »Das mag geschehen«, sagte der Negus, »aber notiere dabei, dass es
Fremde sein müssen, die rechtliche Kerl und geschickter und arbeitsamer als
meine Untertanen sind; sonst fressen mir die Tagediebe das Fett des Landes und
verderben noch wohl obendrein die Einheimischen!« Bei dieser Gelegenheit nun
wagte es mein Herr Vetter, zuerst meiner geringen Person, als eines sehr
nützlichen Subjekts, Erwähnung zu tun, und es wurde festgesetzt, dass vorerst
niemand als ich aus Deutschland verschrieben werden sollte.
    »Euer Majestät«, hiess es ferner in dem Aufsatze, »klagen darüber, dass
Allerhöchst Dero Untertanen in sich selber nicht Trieb genug fühlten, in
Weisheit, Tugend und Aufklärung zu wachsen. Diese schlafende Kräfte nun zu
ermuntern, weiss ich keine diensamern Mittel, als gewisse Preise auf vorzüglich
edle Handlungen, auf Proben von beharrlichem Fleisse und auf neue Entdeckungen zu
setzen. - Und nun kamen Vorschläge von Rosenfesten, von Geldverwilligungen für
nützliche Erfindungen, von Titeln für Gelehrte etc. - »Diesmal«, rief der Negus,
indem er meinem Vetter abermals in die Rede fiel, »bist du auf einem Holzwege;
das lass dir von mir gesagt sein! Wenn du nichts Bessres weisst, um die Abyssinier
klüger und tugendhafter zu machen, so streiche nur die ganze Stelle aus! Meinst
du, ich wollte aus der Tugend und Weisheit Metzen machen, die sich bezahlen
liessen? Ich sollte meine Untertanen daran gewöhnen, zu glauben, dass man seine
und seiner Nebenmenschen Köpfe und Herzen vervollkommnen müsse, um Geld damit zu
verdienen? Meinst du, ein wahres Genie liesse sich deswegen in seinem Schwunge
aufhalten, weil ich ihm noch nicht den Titel als Baalomaal gegeben hätte? Meinst
du, die Keuschheit sei etwas wert, die nur nach einem elenden Rosenkranze und
einer Aussteuer gerungen hätte? - Wenn ihr in Europa keine bessere Antriebe
habt, vollkommner zu werden, so sind die Abyssinier, meiner Seele! nicht weiter
zurück als ihr.« - Der Punkt mit den Rosenfesten, Prämien und Titeln ging also
nicht durch.
    Mit dem darauffolgenden Vorschlage ging es nicht viel besser. Mein Vetter
wünschte nämlich, der König möchte jährlich gewisse Summen aussetzen, die
angewendet werden sollten, armer Leute Kinder studieren zu lassen. »Du willst«,
wendete dagegen der Negus ein, »dass armer Eltern Kinder Gelehrte werden sollen,
und ich möchte, dass mehr reicher Leute Söhne Bauern würden. Wer wird zuletzt das
Feld umgraben wollen, wenn wir diese Menschenklasse als einen unglücklichen
Stand betrachten, aus welchem man die Menschen erlösen muss? Ich möchte auch
gern, dass ein Mann, der Wissenschaften triebe, zugleich eine feine Erziehung
hätte. Ihr mögt wohl ungeschliffene Gelehrte in Deutschland haben, wenn jeder
Bauerbengel, der bis in die Jahre, wo er Lust zeigt zu studieren, auf dem Miste
herumgelaufen ist, die Ochsenpeitsche mit der Schreibfeder vertauschen darf. -
Doch, das magst du hinschreiben, dass, wenn sich einmal ein ganz
ausserordentliches Genie unter den Kindern eines armen Mannes findet, ich dem
Vater Geld geben will, damit der Sohn in irgendeinem Fache etwas Tüchtiges
lernen könne; aber das braucht nicht grade als Gelehrter zu sein. Wenn es Genies
unter den Bauern und Handwerkern gibt, so ist das auch gut für den Landbau und
für die Manufakturen. Wer übrigens sich zu etwas Höherm berufen fühlt, der
arbeitet sich durch Armut und andre Schwierigkeiten hindurch. Man muss den Leuten
nicht alles so leicht machen. Durch Überwindung von Hindernissen wird das Genie
verstärkt, wie eine gespannte Feder.« - Was der König da sagte, schien meinem
Herrn Vetter so vernünftig, dass er fast nicht glauben konnte, es käme aus Sr.
Majestät Gehirne; auch war das richtig geurteilt. Diese ganze Stelle war aus
einem ägyptischen Manuskripte entlehnt und hatte dem Negus deswegen so gut
gefallen, weil er darin eine Entschuldigung fand, kein Geld herzugeben, und er
die allgemeine Aufklärung in seinem Reiche gern so wohlfeil als möglich
betreiben wollte.
    Gegen den Vorschlag, der hierauf folgte, Künstler in fremden Ländern reisen
zu lassen, fand sich weniger einzuwenden, und es wurden Gelder dazu verwilligt,
doch mit der Bedingung, dass diese Leute, nach ihrer Zurückkunft, einige Jahre
hindurch für den Hof umsonst arbeiten sollten.
    Hierauf wurde festgesetzt, in Adova, der Hauptstadt von Tigre, eine
Universität, in einigen andern Städten aber Gymnasien und Schulen anzulegen,
worauf denn auch endlich der König den Vorschlag billigte, sich zu bemühen, nach
und nach deutsche Gelehrte nach Abyssinien zu ziehen.
    Um diesen letztern Punkt in Ordnung zu bringen und überhaupt dem Werke die
Krone aufzusetzen, wagte mein Vetter den Antrag, den Erbprinzen von Abyssinien
auf Reisen zu schicken. Viel Widerstand fand er anfangs bei Durchsetzung dieser
Sache. - Scheuete der grosse Negus die Kosten oder fürchtete er, wie es zuweilen
der Fall bei den Fürsten sein soll, dass sein Sohn, durch eine bessere Erziehung
und Bildung, als er selbst genossen, auch klüger als er werden möchte? - Genug!
er sträubte sich ein wenig, dazu einzuwilligen, gab aber doch nach, und
folgender Plan wurde gnädigst approbiert.
    Der König hatte nämlich zwei Söhne. Der Älteste, welcher einst dem Vater in
der Regierung folgen sollte, war ein Jüngling von sechzehn Jahren, sehr von sich
eingenommen, durch Hofschmeichelei verderbt, kalt, eingebildet von seinem
Fürstenstande, hatte dabei viel Hang zur Sinnlichkeit, zum Geize, wenig Genie,
gar keine Kenntnisse und keinen Trieb, dergleichen zu erlangen. Der Jüngste
hingegen war sanft, bescheiden, wohlwollend, aufmerksam auf alles, was ihn
belehren konnte, nicht eben von durchdringendem Geiste, aber von gutem, graden
Hausverstande und unschuldig von seiten der Sitten. Jener war von Jugend auf in
den Händen eines eigennützigen, unwissenden Hofpedanten gewesen, dieser aber
einem guten alten Manne anvertrauet worden, der, nicht ohne Mühe, von dem
Monarchen die Erlaubnis erlangte, seinen Zögling, fern vom Residenzgetümmel, auf
dem Lande zu erziehen. Wir werden künftig sehen, mit welchem Erfolge dieser
Erziehungsplan gekrönt wurde. Jetzt will ich nur noch sagen, dass jener alte Mann
derselbe war, dem ich die oben mitgeteilten Bruchstücke aus der Geschichte
Abyssiniens zu danken habe. - Wenden wir uns wieder zu dem ältern Fürstenknaben!
Herr Wurmbrand hatte seinem Monarchen so viel von Peter des Grossen in Russland
kühnem Unternehmen, als Privatmann zu reisen, alle Verhältnisse des Lebens
kennenzulernen und als Soldat und Schiffmann und Handwerker von unten auf zu
dienen, erzählt, dass, als er, der Negus, seinen Plan zur Reise des Kronprinzen
billigte, um doch auch etwas von eignen hohen Einfällen hinzuzutun, zugleich
erklärte, sein Sohn sollte, wie Peter von Russland, in Deutschland als gemeiner
Soldat dienen und nach und nach alle Stufen, bis zum Trone, ersteigen. Es wurde
vorläufig beschlossen, dass ich, den man damals in Abyssinien erwartete, wenn ich
anders dem Könige zu gefallen das Glück hätte, den Prinzen nebst einem
zahlreichen Gefolge auf Reisen führen und, bei unsrer Zurückkunft, einige Fuder
deutscher Gelehrten und Künstler mit nach Abyssinien bringen sollte. Da ich
diese Reise im zweiten Teile meines Buchs beschreiben werde, so sage ich hier
nichts mehr davon und eile zu dem letzten Punkte, der in meines Herrn Vetters
Aufklärungsplane weitläufig auseinandergesetzt war.
    Dieser Punkt betraf den Luxus. Herr Wurmbrand gab sich Mühe zu beweisen, dass
dieser einem Lande gar nicht schädlich wäre; dass man ihm manche neue Erfindungen
zu danken hätte; dass er das Geld in gehörigen Umlauf brächte und Tätigkeit und
Industrie ermunterte; endlich, dass er das Volk beschäftigte und von Meutereien
gegen den Alleinherrscher abhielte und zugleich, indem er tausend neue
Bedürfnisse erzeugte, die Untertanen von dem Monarchen abhängiger machte. Bei
dieser Gelegenheit war denn auch von den glänzenden Vergnügungen in der
Residenz, von Pracht und zuletzt von Schauspielen die Rede. »Es ist ein eitler
Einwurf«, schrieb mein Herr Vetter, »wenn man sagt, diejenigen, welche bloss für
das frivole Vergnügen der Bürger sorgten, bereicherten sich auf Unkosten der
nützlichern, arbeitsamern Klassen. Ich will hier nicht einmal von dem Nutzen der
Schauspiele auf Bildung des Kopfs und Herzens reden, sondern nur das bemerklich
machen, dass solche Künstler und muntre Gesellen selten Reichtümer sammeln,
sondern das Geld, was sie heute verdienen, morgen wieder verzehren.« - »Das mag
sein«, erwiderte der Negus, »aber die Gastwirte, Modehändler und andre, an
welche das Geld aus diesen leichtfertigen Händen kömmt, sind ein ebenso böses
Volk, das es gleichfalls nicht zu besitzen verdient. Die arbeitende Klasse also
trägt es hin, um es durch Hände von Verschwendern an Müssiggänger zu bringen, die
sich damit bereichern.« - »Und das finden Euer Majestät nicht gut?« fragte
Wurmbrand, »grade das passt in das System einer unumschränkten Regierung! Was
würde aus den Monarchien werden, wenn man darin frugale und fleissige Menschen
reich werden liesse? Um über diese Herr zu bleiben, dürfen sie sich nie im
Wohlstande fühlen, indes die andern, sammelten sie auch noch soviel Schätze,
immer durch ihre Torheiten abhängig, immer Sklaven von innen und aussen bleiben.«
- »Du hast zu meiner Zufriedenheit geantwortet«, sprach der König. »Ich machte
dir nur den Einwurf, um zu sehen, ob du die Sache gehörig durchdacht hättest.
Ich erwarte von dir einen Entwurf zu einem neuen Schauspiel-Etat. Lass mir auch
die ägyptischen Luftspringer wieder kommen, die im vorigen Jahre hier waren! Und
wenn dein Vetter, der Herr von Noldmann, aus Deutschland kömmt, soll er
directeur des plaisirs werden.«
 
                              Sechzehntes Kapitel
Der Verfasser tritt seine Bedienungen an und unterredet sich mit dem Negus über
                            verschiedne Gegenstände
Am zweiten Tage, nachdem ich von des Negus Majestät zum Baalomaal oder
Kammerjunker und Leibgardeobersten war ernannt worden, kündigte mir mein Herr
Vetter an, dass es nun Zeit wäre, Besitz von den mir gnädigst anvertraueten
Stellen zu nehmen. Ich musste daher erst des Morgens den Waffenübungen der Garde
du Corps beiwohnen, zu welchem Endzwecke mir von besagtem meinem Vetter ein
schöner Gaul, der auf drei von seinen Beinen noch so ziemlich flink war, zum
Geschenke gemacht wurde. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand dazu.
Es ging mit der Reuterei besser, als ich gedacht hatte; und was die Manoeuvres
betraf, so verstanden die andern Offiziers nicht mehr davon als ich. Der König
war selbst gegenwärtig; unter seinen Augen machten wir allerlei hübsche
Angriffe; hätte ein Feind da gestanden, wo wir einhaueten, so würden wir ihn
garstig zugerichtet haben. Jetzt ging alles ohne Unglück ab, ausser dass wir ein
altes Weib und zwei Kinder, die im Wege standen und sich nicht so schnell retten
konnten, töteten, indem wir sie überritten, weil wir, wie sich das versteht,
dieser Kleinigkeit wegen nicht unsre Glieder trennen durften.
    »Herr Vetter!« sprach ich, als ich zu Hause kam, »ich habe mir, mit
Erlaubnis zu sagen, einen Wolf geritten.« - »Das tut nichts«, antwortete er, »in
des Königs Dienste muss man Leib und Leben für nichts achten. Indessen sollt Ihr
Euch noch heute in einer andern Amtsverrichtung zeigen, zu welcher Ihr dieser
beschädigten Teile, die Ihr einstweilen mit Kamelsfett schmieren möget, gar
nicht bedürft. S. Majestät befehlen nämlich, dass Ihr Allerhöchst Denenselben
heute zum erstenmal vorlesen sollt; also haltet Euch nach der Mittagstafel
bereit dazu!«
    Indes wir noch also sprachen, wurde der Minister abgerufen, ehe er mir
genauere Anweisung geben konnte, aus welchem Buche der König sich wollte
vorlesen lassen. Darüber kam die bestimmte Zeit heran, und ich steckte ein paar
Bände zu mir, die mir grade in die Hände fielen. Unglücklicherweise waren es
französische Bücher, und zwar ein Teil von Rousseaus Werken, worin sein »Contrat
social« stand, und der erste Teil von Montesquieu, »Esprit des loix«. In diesen
Werken steht nun freilich wohl nichts, womit man einen Despoten in den Schlaf
lesen kann, aber ich hatte nun einmal kein anderes; doch fragte ich zum
Überflusse, in welcher Sprache Ihro Majestät beföhlen, sich vorlesen zu lassen.
- »Das ist mir einerlei«, erwiderte der Monarch, »lies du nur her, was du hast!«
Also fing ich an, laut und vernehmlich, doch mit sanfter Stimme, das erste
Kapitel aus Montesquieu herzudeklamieren. Der König nickte von Zeit zu Zeit mit
dem Kopfe, als wollte er mir seinen Beifall zu erkennen geben, und endlich
verwandelte sich dies Nicken in einen sanften Schlummer, worauf ich, meiner
Instruktion gemäss, das Buch beisteckte und davonschleichen wollte; allein der
Negus erwachte in demselben Augenblicke und winkte mir wiederzukommen. »Nein,
nein!« rief er, »gehe nicht fort! Mein Schlaf ist schon vorüber. Es hat recht
hübsch geklungen, was du gelesen hast; ich bin zufrieden; doch magst du ein
andermal deutsche Bücher mitbringen. Jetzt will ich mit dir über verschiedne
Gegenstände reden.« -
    Nun begann unter uns ein Gespräch, das ich hier, insofern ich mich dessen
noch erinnre, mitteilen will.
    NEGUS: Da ich dir nun die Direktion der Schauspiele übertragen habe, so musst
du auch ein wachsames Auge auf die Musik halten. Die Kerl spielen mir da nicht
immer alle mit; es sind faule Schlingel darunter, die zuweilen mitten im Stücke
aufhören und die andern fortspielen lassen. Sie meinen, ich merkte das nicht;
aber ich sehe alles und will, dass du sie anhaltest, fleissiger zu sein.
    ICH: Allergnädigster Herr! Es findet sich oft, dass einzelne Stimmen
pausieren müssen.
    NEGUS: Was? pausieren? In meinem Dienste leide ich keine Pausen; das lass dir
gesagt sein! Und was die Regimentsmusik bei meiner Garde betrifft, so sollst du
mir die Grössten von den Spielleuten auf die beiden Flügel stellen, und diese
sollen mir die Posaunen von Jericho blasen. Ich kann es nicht leiden, wenn ein
kleiner Knirps sich pechbraun an einem Instrumente drückt, das noch einmal so
lang als er selbst ist.
    ICH: Aber Euer Majestät geruhen zu überlegen, dass doch nicht jedermann sich
auf alle Instrumente gelegt hat. Wenn nun ein solcher Mann grade die Posaunen
von Jericho zu spielen nicht gelernt hätte?
    NEGUS: Darauf nehme ich keine Entschuldigung an; er muss so lange geprügelt
werden, bis er bläst. Oh, ich sehe wohl, du kennst die Subordination noch nicht,
die ich eingeführt habe. Aber, weil wir doch von Schauspielen reden, damit muss
mir's auch auf einen andern Fuss kommen. Ich weiss nicht, was die abyssinischen
Teaterdichter dabei haben, dass sie dem Volke lauter jämmerliche, infame
Mordgeschichten darstellen, dass sie nichts als Schurken, Stocknarren,
Karikaturen und Nickel und solches Lumpengesindel zu Helden und Heldinnen ihrer
Trauerspiele und Lustspiele wählen; dass bei dem Plane ihrer Stücke oft eine
Begebenheit zum Grunde liegt, die entweder höchst unwahrscheinlich ist, in
hundert Jahren nicht einmal im menschlichen Leben vorfällt oder die aus einer so
höchst elenden Verkettung unglaublich unglücklicher Zufälle, die sich gegen die
besten Menschen verschworen zu haben scheinen, zusammengesetzt ist, dass man, bei
meiner Seele! nichts dabei empfinden kann als Ekel vor diesen Greueln und
Unwillen gegen Gott, der, wenn man solchen Unglücksmalern glauben soll, auch
dann seine Geschöpfe peinigt und mit Gewalt in den Abgrund zieht, wenn sie
nichts verschuldet haben. Nein! ich mag wohl, dass der Zuschauer seine Torheiten
und Laster in Beispielen geschildert sehe, aber es müssen keine
Tollhaustorheiten und keine Strassenräuberslaster sein, damit der Zuschauer sich
selber in seinen Augen nicht als ein Engel von Tugend und Weisheit in
Vergleichung mit jenen Kreaturen erscheine. Ich mag wohl, dass auf dem Teater
anschaulich gezeigt werde, in welches Labyrint von Elend der schwache Mensch
durch einen einzigen schiefen Bockssprung geraten kann; aber bloss eine Galerie
von Jammer und Not zu eröffnen, um zu zeigen, dass man die elende Kunst versteht,
uns zu erschüttern; den Mann, der in das Schauspiel geht, um sich, auf
anständige und vernünftige Weise, von seinen häuslichen und bürgerlichen
Geschäften zu erholen, seine Sorgen und Leiden zu vergessen und sein Gemüt durch
Lächeln aufzuheitern oder durch sanfte Rührung in süsse Schwermut einzuwiegen und
dadurch den Sturm wilder Leidenschaften zu dämpfen: einen solchen Mann
dergestalt zu handhaben, dass ihm die Haare zu Berge stehen müssen, ihm gleichsam
zu sagen: Siehst du, Kerl, alles Unglück, was du zu Hause und auswärts gesehen
und erlebt hast, ist gar nichts gegen das, was dir noch jeden Augenblick
begegnen kann, wärst du auch der edelste und klügste Mann auf der Welt; damit er
dann trauriger, mutloser und verzweiflungsvoller als je nach Hause gehe - mich
dünkt, das ist ein unedler Zweck, dessen sich die Schauspielkunst schämen
sollte. Und wenn denn die Bösewichte in solcher Herrlichkeit und Kraft
dargestellt werden, dass man über ihre Grösse die Abscheulichkeit und Gefahr ihrer
Grundsätze vergisst, oder so liebenswürdig, dass wir uns hingezogen fühlen zu
ihnen und dass leise der Gedanke in uns erwacht, für ein so eminentes Genie gäbe
es keine Gesetze, keine Moral, und dass der feurige Jüngling leicht versucht
wird, sich für ein solches privilegiertes Wesen zu halten; und wenn nun neben
diesen Riesen von abscheulicher Erhabenheit die kalten Tugendbilder wie
geschmacklose Zwergfiguren aussehen; endlich, wenn man uns, statt natürlicher,
menschlicher Szenen und interessanter Begebenheiten, höchst verwickelte, sich
durchkreuzende, immer unerwartet sich auflösende Geschichten darstellt, so dass
man zuletzt keinen Sinn mehr für das Einfache hat und uns alles in der
wirklichen Welt langweilig und zu alltäglich vorkömmt, weil man unsre Phantasie
ohne Unterlass reizt, mit uns in idealischen Sphären herumzusegeln - was für
Nutzen hat dann das Schauspiel für Kopf und Herz? Nein! Du sollst mir das
Teaterwesen auf andern Fuss bringen, so wie es in Deutschland ist, denn ich
hoffe, da wird es ja besser sein.
    ICH: Allergnädigster König! Ich bewundre in tiefster Demut Euer Majestät
hohe Einsichten und werde diese gnädigsten Befehle zu meiner Richtschnur nehmen.
Was aber unsern Geschmack in diesem Fache in Deutschland betrifft, so geht es,
leider! dort ebenso damit wie hier und in allen übrigen Ländern. Der Trieb nach
Neuheit jagt die Menschen ohne Unterlass weiter von dem gebahnten Wege ab, und
nachher, wenn die Einbildungskraft erst an das Herumschwärmen gewöhnt ist, dann
hält es schwer, sie wieder zurückzuführen. Auf einmal wird sich das auch hier
wohl nicht tun lassen; allein ich denke, nach und nach wird man der
Hirngespinste müde und sehnt sich wieder nach Einfalt und Wahrheit.
    NEGUS: Nun, nun! wir wollen schon sehen, wie sich das Ding treiben lässt.
Seitdem ich Buchdruckereien habe anlegen lassen, schreiben die abyssinischen
Gelehrten ziemlich fleissig; noch ist zwar nicht viel kluges Zeug erschienen,
aber ich denke, wenn sie erst ein wenig in Übung kommen, so soll es schon besser
gehen. In Deutschland kommen wohl recht viel Bücher heraus?
    ICH: Viel tausend jährlich.
    NEGUS: Gott bewahre! Da sind wir noch weit zurück. Aber da können doch
unmöglich in jedem Buche neue Sachen stehen.
    ICH: Nichts weniger! Einer schreibt den andern aus; was schon
hunderttausendmal gesagt ist und täglich am Tische und auf der Gasse, im Wachen
und Traume gesagt wird, das lässt man auf unzählige Art, anders eingekleidet,
drucken.
    NEGUS: Das halte ich aber wahrlich für den elendesten Zeitverlust, woran die
Leichtigkeit, solches dummes Zeug durch Buchdruckereien in die Welt schicken zu
können, schuld ist.
    ICH: Ich halte es auch für Zeitverlust, aber was ist dagegen zu machen? Kein
Buch ist so schlecht, dass es nicht Leser finden sollte. Bei täglich wachsendem
Luxus, Reichtume und Müssiggange steigt auch das Bedürfnis, sich die Zeit durch
Lesen zu vertreiben. Eine Menge Leute, die weder Lust noch Geschicklichkeit
haben, nützliche Arbeiten im Staate zu treiben, leben davon, dass sie Bücher
machen. Das erste, was ihnen grade in den Kopf kömmt, werfen sie auf das Papier.
Am mehrsten Unfug wird mit den sogenannten schönen Wissenschaften getrieben; sie
sollten der Gelehrsamkeit eigentlich nur das sein, was bei den Armeen die
leichten Truppen sind. So wie man diesen wohl erlauben darf, auch zuweilen in
Reihen und Gliedern zu fechten, sie aber, ohne von einem regulären Korps
unterstützt zu werden, doch nichts ausrichten können, so sollten die soliden
Wissenschaften auch die eigentliche Stärke der gelehrten Hauptarmee ausmachen.
Nun aber bleibt es immer bei der Spiegelfechterei, und die literarischen Husaren
verstehen nichts Gründliches vom Dienste. Weil sie nicht Lust haben, die Regeln
zu lernen, die doch aus der Natur geschöpft sind und ohne welche man des sichern
Erfolgs nie gewiss ist, sich auch leicht zu weit verirrt, so stellen sie sich,
als verachteten sie alle Regeln, als wären diese völlig überflüssig. Selbst gute
Köpfe werden von diesem so bequemen Vorurteile angesteckt und leisten nicht, was
sie leisten könnten. Es erscheint jetzt in Deutschland, unter dem Namen von
Gedichten, Schauspielen und Romanen, ein solcher Wust von geschmacklosem Zeuge,
dass wir uns dessen vor unsern Nachbarn schämen müssten, wenn es nicht, leider! in
allen Ländern ebenso herginge. An fleissige Ausfeilung seiner Werke denkt
niemand. In einer müssigen Stunde, oder wenn der Autor Geld bedarf, bei guter
oder schlechter Laune, heiterm oder umwölktem Kopfe, ohne seinen Gegenstand im
ganzen durchgedacht zu haben, schreibt er den Bogen voll und schickt ihn vor
Abend in die Druckerei. Er muss auch eilen; denn eine Messe später, und die Form
seiner Werke (worauf es mehr als auf den Inhalt ankömmt) und die Sprache, darin
er schreibt, sind nicht mehr in der Mode. - Niemand würde das Buch lesen und
entielte es auch eine Quintessenz von Weisheit. Da er, bei dieser
Veränderlichkeit des Geschmacks, gewiss weiss, dass sein Buch spätstens nach zehn
Jahren Makulatur sein wird, so spornt ihn kein Ringen nach Unsterblichkeit an;
er sucht also bei seinen Lebzeiten noch einigen Vorteil von seinen Talenten zu
ziehen, ein eitles Lob einzuernten, etwas Geld zu gewinnen. Dieser letzte Punkt
hängt von der Gefälligkeit des Verlegers ab, den er durch Nachgiebigkeit gegen
den verderbten Modegeschmack, durch auffallende Titel, durch bizarre
Einkleidungen und durch allerlei andre unwürdige Künste zu gewinnen, schadlos zu
halten und gegen die Räubereien der Nachdrucker zu sichern suchen muss. Aus
diesem allem erfolgt nun, dass der Geschmack an gründlichen Wissenschaften, die
Lust, ernstafte Werke zu lesen und zu schreiben, immer geringer wird, dass das
Publikum den Sinn für Wohlklang, Numerus, Würde und Eleganz im Ausdrucke,
Sprachrichtigkeit und Ordnung in Gedanken und Einkleidung verliert; dass jeder
schiefe Kopf oder Tagedieb, der keinen Trieb hat, etwas Gründliches zu lernen,
keine Geduld, eine nützliche Hantierung im Staate zu treiben, Schriftsteller
wird; dass hierdurch der Stand eines Schriftstellers tief herabsinkt und mancher
gute Kopf deswegen nicht schreibt, weil er sich schämt, mit jenen in eine Klasse
geworfen und von einem unwissenden, undankbaren, verschrobnen Publikum beurteilt
zu werden.
    NEGUS: Ich erstaune; dein Vetter hat mir Wunderdinge von eurer Literatur
erzählt; wenn ich wüsste, dass er mich zum Narren gehabt hätte, so liesse ich ihn
spiessen. Wenn die Buchdruckerei solches Unwesen stiftet, so wäre es ja fast
besser, man erschwerte die Mittel, schlechte Einfälle allgemein auszubreiten.
    ICH: Euer Majestät halten zu Gnaden! Der Erfindung der Buchdruckerei haben
wir unendlich mehr Gutes zu danken, als sie Verwirrung angerichtet hat. Ich habe
auch keineswegs sagen wollen, dass es uns an guten Büchern in Deutschland fehlt;
aber es könnte besser mit unsrer Literatur aussehen, wenn -
    NEGUS: Wenn, wenn - vollkommen ist nichts in der Welt. - Wir wollen das
Wesen mit den Buchdruckereien ein wenig ablauern. Wenn mir die Kerl denn gar zu
dummes Zeug schreiben, so will ich einmal an einem ein Exempel geben, das die
andern abschrecken soll. Aber dein Vetter spricht mir ja immer soviel von der
Kritik in Deutschland, und dass gewisse Leute sich's zum Geschäfte machten, alle
neue Schriften öffentlich zu beurteilen und vor schlechten Büchern zu warnen;
hilft denn das nicht?
    ICH: Allergnädigster Herr! Mit der Kritik sieht es bei uns nicht besser aus.
Von Obrigkeits wegen kann man doch keine Leute ansetzen, die in Werken des
Geschmacks Urteile sprechen sollen; also wirft sich jeder zum Kunstrichter auf,
der Beruf dazu fühlt; beurteilt, ohne seinen Namen zu nennen, folglich ohne dass
man weiss, ob die Machtsprüche von einem Manne herrühren, der in dem Fache
erfahren ist, Bücher, die er nicht versteht, oft nicht einmal durchgelesen hat;
posaunt die Schriften seiner Freunde aus, schimpft aus Neid und Parteilichkeit
die grössten Männer, mischt persönliche Angriffe auf den Charakter der
Schriftsteller mit in die Rezensionen - und so ist man denn auch dahin gekommen,
auf die Kritik gar nicht mehr zu achten - ja, man hält sich's fast für einen
Schimpf, sein Werk in manchen gelehrten Zeitungen und Journalen gelobt zu sehen.
    NEGUS: Das ist eine tolle Einrichtung. Indessen muss man dem Dinge hier den
Lauf lassen. Ich möchte doch gar zu gern, dass Abyssinien auch durch Aufblühen
der Wissenschaften und Künste berühmt würde. - Aber es ist schon spät; es wird
wohl Zeit sein, in das Schauspiel zu gehen. Was wird heute gegeben?
    ICH: Das Trauerspiel »Der Levit vom Stamme Ephraim«.
    NEGUS: Ha! das ist die Geschichte aus dem Buche der Richter. Da wird die
Frau des armen Leviten genotzüchtigt, bis sie stirbt, und dann gevierteilt. Das
ist ganz lustig anzusehen. Komm mit mir! Und morgen nach der Tafel sollst du mir
aus einem deutschen Buche vorlesen.
 
                             Siebenzehntes Kapitel
          Des Verfassers zweite Unterredung mit dem grossen Negus über
                             Staatsangelegenheiten
Mit der Ängstlichkeit, die einen Minister zu befallen pflegt, wenn er eine
seiner Kreaturen in den Dienst seines Despoten gebracht hat und er nun noch in
der Ungewissheit schwebt, ob der gnädigste Herr auch zufrieden mit seiner Wahl
ist oder ob nicht vielleicht diese Empfehlung ihm, dem Minister selber, schaden,
seinen Kredit schwächen könnte - mit dieser Ängstlichkeit zog mich mein Herr
Vetter, sobald er im Schauspiele sich mir nähern konnte, auf die Seite und
fragte mich, wie meine erste Amtsverwaltung bei dem Monarchen abgelaufen wäre.
»Ihr seid, wie ich höre, sehr lange bei Seiner Majestät gewesen«, sagte er, »ich
hoffe, Ihr werdet mit Vorsicht und nichts geredet haben, was uns schaden könnte.
Ihr seid mit Fürsten und Höfen noch nicht sehr bekannt. Jedes Wort muss man hier
auf die Waagschale legen. Die grossen Herrn sind denn auch misstrauisch, und
verschweigen können sie gar nichts von dem, was man ihnen im Vertrauen sagt.«
    Ich bat den Herrn Minister, nur ruhig zu sein, und erzählte ihm alles, was
zwischen dem Könige und mir vorgefallen war. »Aber«, rief mein Vetter aus, »seid
Ihr denn toll, Seiner Majestät aus einem Buche vorzulesen, das in einer Sprache
geschrieben ist, wovon er nicht eine Silbe versteht?« - »Konnte ich das wissen?«
erwiderte ich, »warum sagte er mir's nicht, dass er kein Französisch gelernt
hätte?« - »Als wenn es sich für einen König schickte zu bekennen, dass er in
irgendeiner Sache unerfahren wäre, die einer seiner Untertanen weiss! Ich hoffe,
Ihr habt es ihm nicht merken lassen, dass Ihr dies nur einmal ahnden könntet?« -
»Nichts weniger! Aber ich gestehe Euch auch, der Herr sprach so verständig über
manche Gegenstände, dass ich versucht war, ihm alle mögliche Gelehrsamkeit
zuzutrauen. Unter andern fällte er über die Schauspielkunst sehr treffende
Urteile.« - »Oh! bleibt mir damit vom Leibe! diese lange Deklamation habe ich
schon so oft von ihm gehört; die hat er in einem deutschen Manuskripte gelesen,
das ich ihm geliehen habe, hat sie auswendig gelernt und prahlt nun damit; doch
das bleibt unter uns! Diese Gabe haben alle Fürsten, mit fremden Kenntnissen zu
prangen; und Ihr werdet sehen, dass, wenn Ihr ihm heute etwas Gutes gesagt habt,
er nach einigen Tagen vergessen haben wird, dass das von Euch kam und dass er Euch
dann vielleicht Eure eigne Ware wieder verkaufen wird. Übrigens wünschte ich,
Ihr möchtet suchen, künftig die Gespräche unvermerkt auf politische Gegenstände
zu lenken, und ihm ein wenig von den herrlichen Einrichtungen unsrer deutschen
Staaten erzählen; denn von dieser Seite habe ich meine Last mit ihm; er will in
allem seinem Kopfe folgen und hat so despotische Grundsätze, dass ich selbst oft
für meine und Eure Sicherheit bange bin. Hier ist der Ort nicht, davon zu reden.
Kommt morgen früh in mein Kabinett! da will ich Euch weitläufig instruieren.«
    Ich ermangelte nicht, diesen Befehl des Herrn Ministers zu vollziehen, und
ging des andern Tages nach der Tafel, vollkommen vorbereitet, zu meinem
allergnädigsten Negus.
    Die Leser werden es mir, wie ich hoffe, nicht zur Eitelkeit auslegen, wie
einige von ihnen es einem grossen deutschen Schriftsteller bei einem ähnlichen
Falle dafür ausgelegt haben, wenn ich ihnen noch ein paar von meinen Gesprächen
mit dem Monarchen Abyssiniens erzähle. Es ist notwendig, dass ich berichte, wie
der Negus über manche Gegenstände, welche auf die Aufklärung seines Landes Bezug
haben konnten, dachte, wenn ich von meinen und meines Herrn Vetters Bemühungen,
dort alles auf europäischen Fuss zu setzen, Rechenschaft geben will. - Also ohne
Umschweife!
    Ich las heute dem Negus aus Wielands »Geschichte der Abderiten« vor, wobei
Seine Majestät herzlich lachten, als wir durch einen grossen Lärm, der draussen
vor den Fenstern des Schlosses entstand, unterbrochen wurden. Ich erschrak und
fürchtete einen Auflauf des Volks; allein der König beruhigte mich und erklärte
mir den Vorfall. Es war nämlich von undenklichen Zeiten her in Abyssinien
eingeführt, dass täglich, um eine gewisse Stunde, eine Anzahl Menschen vor die
Fenster der königlichen Zimmer treten und mit grossem Geschreie Gerechtigkeit und
Hülfe erflehen und fordern mussten.3 Der Zweck dieser Zeremonie war, den
Monarchen, mitten in seinen Freuden und Wollüsten, aus dem Schlummer der
Sinnlichkeit zu erwecken und ihn daran zu erinnern, dass tausend Menschen jeden
Augenblick auf seine Tätigkeit und Wachsamkeit Anspruch zu machen ein Recht
hätten.
    Diesen Gebrauch lobte ich und fügte hinzu: ich wünschte, es möchte etwas
Ähnliches bei uns in Deutschland eingeführt werden.
    »Ich hoffe«, sprach der Negus, »eure Könige und Fürsten werden solcher
Erinnerungen so wenig als ich bedürfen.« - »Wenigstens«, erwiderte ich ganz
freimütig, »kann es wohl nicht schaden, wenn man es ihnen zuweilen an das Herz
legt, dass sie Menschen sind wie wir alle. Auf dem Trone, umringt von
Schmeichlern, die jedes halbkluge Wort, das aus ihrem Munde geht, wie einen
Orakelspruch bewundern, jede menschliche Handlung, deren ein guter Privatmann,
nach Verhältnis seines Vermögens, ohne einmal zu ahnden, dass er etwas anders als
seine Pflicht getan hat, unzählige begeht, in Zeitungen und Gedichten
ausposaunen; angebetet von Sklavenseelen, die sie ohne Unterlass in dem Wahne
erhalten, als sei jeder Fürst ein Stattalter Gottes, folglich alles Gute, was
er seinen Untertanen erwiese, und alle Sorgfalt, welche er ihnen widmete und
wofür er doch ernährt, gepflegt und geehrt wird, eine Gnade, als sei das Geld,
welches er ausspendet, das Almosen, welches er gibt, die Besoldung, womit er den
Fleiss belohnt, aus seinem Schatze hergegeben, da es doch nur das Eigentum des
Landes ist, welches er verwaltet; in eitlen Freuden, Zerstreuungen und Lüsten
herumtaumelnd, vergessen die Grossen der Erde, wenn sie nicht so erhaben, so edel
wie Euer Majestät denken, gar zu leicht, dass indes Millionen Menschen nach Brot
und nach Sicherheit gegen Unrecht und Bedrückungen seufzen. Man entfernt von
ihnen den Anblick des Elendes, damit sie nicht auf die Spur kommen, woher dies
Elend rührt, nicht erfahren, dass die kleinen Untertyrannen es sind, die das Volk
so unglücklich machen; damit sie nicht böser Laune werden, noch verstimmt seien,
wenn irgendein Liebling für sich oder seine Kreaturen eine neue Gunst auf
Unkosten andrer erbetteln will. Da würde es denn ganz heilsam sein, wenn man sie
zuweilen durch die laute Volksstimme daran erinnerte, dass dies Volk ein Recht
hat, sie zu ihrer Pflicht aufzufordern, und dass, wenn sie auch vor dieser lauten
Stimme ihre Ohren verschlössen, jeder dieser schreienden Mäuler auch zwei Arme
hat, womit man Felsen sprengen, also auch Trone umstürzen kann.«
    NEGUS: Darfst du das in Deutschland laut sagen, was du dich unterstehst,
hier vor mir zu reden?
    ICH: Allergnädigster König! Ein grosser, edler Regent fürchtet die Stimme der
Wahrheit nicht und hasst nicht den, welcher die Stimme führt; und die kleinen,
niedrigen Despoten scheuet man jetzt nicht mehr. Man schreibt und redet schon
ziemlich laut über Menschenrechte und Regentenpflichten und wird bald noch
lauter darüber reden. Nur ist es zu bedauern, dass solche Wahrheiten selten zu
den Ohren unsrer Fürsten kommen. Die Wesirs und Muftis, die mehr als die Sultane
dabei interessiert sind, dass alles auf dem alten Fusse bleibe, verstopfen ihren
Herrn die Ohren und verbinden ihnen die Augen. Unsre Fürsten sind zum Teil
gutgeartete Menschen; wenn man ihnen an das Herz redete, so würden wohl viele
von ihnen auf bessere Wege zu lenken sein, ja, sie würden die Notwendigkeit
einsehen, ihr System zu ändern. - Denn das lässt sich doch begreifen, dass, früh
oder spät, das gemisshandelte Volk die Last der unnatürlichen Ketten fühlen und
sich wundern wird, wie es wohl kömmt, dass es erst jetzt einsieht, es liege nur
an ihm, diese Fesseln abzuschütteln. Und dann möchte vielleicht eine ärgre
Revolution erfolgen, als gegenwärtig zu befürchten wäre, wenn die Despoten
gutwillig sich den ersten, heiligsten Gesetzen, den Gesetzen der Menschheit,
unterwürfen.
    NEGUS: Aber wenn eure Fürsten das, was gegen die Missbräuche ihrer Gewalt
geschrieben und gesprochen wird, nicht erfahren, so stiftet ja das ganze
Geschrei darüber keinen Nutzen, wohl aber den Nachteil, dass das Volk zum
Aufruhr, auch gegen gute Regenten, zur Unzufriedenheit, auch über die besten
Einrichtungen, angereizt werden kann.
    ICH: Nein, mein gnädigster König! Das Volk im ganzen ist nie zum Aufruhre
geneigt, und einzelne unruhige Köpfe würden es vergebens versuchen, Menschen zur
Meuterei zu verführen, die sich, unter einer väterlichen Regierung, glücklich
fühlen, Menschen, die Freude und Wonne und Sicherheit und Wohlstand in ihren
stillen, friedlichen Hütten schmecken, die nach öffentlich bekannten Grundsätzen
regiert, nicht im Blinden geführt, nach Gerechtigkeit und Verordnungen, nicht
nach Willkür gerichtet werden. Einzelnes Klagen und Murren wird dann freilich
wohl dennoch gehört werden; nicht jeden wird man zufriedenstellen können; auch
werden einzelne Unvollkommenheiten mit unterlaufen, aber allgemeine Meuterei
wird nie Wurzel fassen, und schrieben die Bösgesinnten auch noch so arge
Libelle. Also schaden dergleichen freie Reden und Schriften nicht. - Aber sie
stiften auch Nutzen. Lieset und hört sie der Fürst nicht, so lesen und hören sie
doch zuweilen seine Verführer, zittern bei dem Gedanken, dass ihr Reich sich
seinem Ende nahen könne, und verlieren den Mut. Der Gedrückte, Gebeugte, Scheue,
Furchtsame aber wird belebt, wagt es einmal, bei einer entscheidenden
Gelegenheit, wo er aufs äusserste gebracht ist, den Götzen die Kniebeugung zu
versagen; und der Schwache, der im Begriff war, sich zum Werkzeuge der
Unterdrückung missbrauchen zu lassen, schämt sich und tritt zurück, tritt auf die
Seite der Bessern, wenn jene Wahrheiten in allgemeinen Umlauf kommen und
niedrige Sklavenseelen der öffentlichen Verachtung preisgegeben sind.
    NEGUS: Du redest kühn; aber ich mag dergleichen wohl hören und werfe darum
keine Ungnade auf dich. Komm morgen wieder! Für heute habe ich genug. Nur bitte
ich, wenn du nicht Lust hast, gekreuzigt zu werden, dass du über dergleichen
Gegenstände nur mit mir und ausserdem höchstens noch mit deinem Vetter, sonst
aber mit niemand redest.
    Ehrerbietig verbeugte ich mich nun zur Erde und ging von dannen; aber ich
gestehe es, ich war sehr zufrieden von meiner Wenigkeit an diesem Tage.
 
                              Achtzehntes Kapitel
          Drittes Gespräch mit dem Negus; über die deutsche Verfassung
Ich konnte unmöglich meinem Herrn Vetter die Behaglichkeit verbergen, die mir
das Bewusstsein, als ein redlicher, freimütiger Mann geredet zu haben, gab;
sobald ich daher mit ihm allein war, erzählte ich ihm haarklein jedes Wort, das
zwischen dem Negus und mir gewechselt worden war. »So habt Ihr es denn«, rief
der Herr Minister aus, »recht darauf angelegt, mich und Euch durch Eure
Unvorsichtigkeit ins Verderben zu stürzen? Solche Dinge einem Monarchen zu
sagen! - Hat man je so etwas gehört? Mich wundert, dass er Euch nicht auf der
Stelle hat spiessen lassen. Nun, gottlob! dass es so abgelaufen ist! Aber ich rate
es Euch, vorsichtiger zu werden, sonst werde ich der erste sein, der seine Hand
von Euch abzieht.«
    Als mein Vetter also sprach, glaubte ich, es sei grade Zeit, mich ein für
allemal bei ihm in Ansehen zu setzen; ich ging also ernstaft auf ihn zu,
runzelte ein wenig die Stirn und sprach mit Nachdruck folgendes zu ihm: »Herr
Minister! ich muss es Euch gradeheraus sagen, dass mir dieser Protektorston gar
nicht gefällt. Wer immer grade und redlich handelt, bedarf keines Schutzes, und
wer nicht eher redet, als bis er gefragt wird, und dann, wenn es Pflicht ist, so
redet, wie es Rechtschaffenheit und Wahrheit fordern, der hat nicht Ursache,
irgend jemand zu fürchten. Drohen aber lasse ich mir nun vollends von niemand
auf der Welt. Wenn Ihr geglaubt habt, Ihr würdet aus mir hier einen Sklaven
machen, der kein andres Wort über seine Lippen brächte, als was Ihr ihm
vorschriebet und was in Euren Plan passte, so hättet Ihr mich lieber in Goslar in
meiner Armut lassen sollen. Ich mag keines sterblichen Menschen Maschine sein.
Hoferfahrungen habe ich freilich wenig; aber das finde ich doch auch hier
bestätigt, was ich immer geglaubt habe, dass die Fürsten selbst nicht so schlimm
sind als die, welche sie umgeben. Ihr seid es, welche diese Menschen verderben,
indem Ihr aus knechtischer Furcht sie in ihren schädlichen Grillen durch
untertänigen Beifall bestärkt oder gar, aus niedrigen Nebenabsichten, ihnen
gefährliche Grundsätze in den Kopf jagt. Ihr sehet es, Herr Vetter, der Negus
hat die Dinge, welche ich ihm gesagt habe, geduldig angehört und hat mich nicht
spiessen lassen, und Ihr, die Ihr Euch freuen solltet, dass Ihr einmal einen
ehrlichen Mann in den Dienst gebracht habt, Ihr wollt mir das Maul stopfen.
Nein! ich werde reden, solange ich meine Stelle behalte; ich fühle es, der König
ist kein schlimmer Mann; er verdient es, dass man ihm die Wahrheit nicht
verhehle. Glaubt Ihr, ich werde mich deswegen je zu der Rolle eines schändlichen
Schmeichlers erniedrigen, weil ich hier umsonst Pasteten bei Hofe fresse, oder
ich liesse mich besolden, um den Negus mit verderben zu helfen, so irrt Ihr Euch
gewaltig. Dient das nicht in Euern Kram, bedürft Ihr eines Menschen, der anders
denkt, so schickt mich wieder zurück nach meinem schmutzigen Goslar - und damit
Gott befohlen!«
    Leichenblass wurde mein Herr Vetter bei dieser Erklärung; er versuchte es
verschiedene Mal, mich zu unterbrechen und mich durch ungnädige Mienen in Furcht
zu setzen, aber vergebens! Ich fuhr ernstaft fort; und als ich fertig war,
wollte ich ihn verlassen. Nun spannte er andre Saiten auf, lobte meine
Redlichkeit, versprach, mich zu unterstützen, und bat mich nur, nicht gar zu
unvorsichtig zu Werke zu gehen. Das verhiess ich ihm denn sehr gern, und wir
schieden als Freunde auseinander.
    Gegen Abend fand ich mich wieder bei meinem Monarchen ein, der mich mit
heiterm Gesichte empfing. »Heute«, sprach er, »sollst du mir etwas von der
Verfassung eurer deutschen Höfe erzählen. Ich denke, das wird ganz lustig
anzuhören sein, und ich erlaube dir, von nun an immer ebenso offenherzig wie
gestern mit mir zu reden. Fange nur gleich an!« Das tat ich denn und machte ihm
ungefähr nachstehende Schilderung:
    
    »Unsre grössern deutschen Staaten werden mehrenteils nach menschlichen und
gerechten Grundsätzen regiert; ein mächtigrer Fürst fühlt lebhafter die
Wichtigkeit seines Berufs, weiss, dass so viel Augen auf ihn gerichtet sind, dass
er einst in der Geschichte seines Zeitalters auftreten muss; er wird sorgsamer
erzogen; seine Verbindung mit andern Reichen leidet nicht, dass er willkürlich
sein Regierungssystem ändern könne, und fremde Mächte wachen über ihn und sein
Land als einen wichtigen Teil des Ganzen. Grosse, allgemeine Gebrechen, worüber
ganz Europa seufzt, drücken freilich diese mächtigern Staaten auch; die täglich
anwachsenden, ungeheuren stehenden Heere, die der Bevölkerung und der Industrie
schaden und müssige Menschen auf Kosten der arbeitsamen ernähren; schädliche
Vergrösserung der Residenzen, wohin aller Reichtum aus den öden Provinzen fliesst,
unnützer Aufwand, Sittenlosigkeit, Liebe zur Pracht, Üppigkeit und Wollust, die
von daher sich in alle Klassen verbreiten - das alles sind freilich schwere
Landplagen; aber sie werden von dem unaufhaltsamen Strome der Kultur
herbeigeführt, und es steht fast nicht in der Macht des Landesherrn, diesen Lauf
zu hemmen. - Im ganzen herrscht denn doch in diesen beträchtlichern deutschen
Staaten eine gewisse, wenigstens nicht ganz unsystematisch verteilte Summe von
Wohlstand und Zufriedenheit unter allen Klassen der Bürger, und wenngleich die
albernen Grundsätze von Fürstenrechten, die nun einmal allgemein angenommen
sind, echte, der freien Menschheit zukommende Behaglichkeit verdrängen, so tritt
doch an deren Stelle eine Art konventioneller Glückseligkeit, und alles ist so
kalkuliert, dass wenigstens jeder Stand diejenige kleine Portion von Lebensgenuss
schmeckt, die man ihm, nach jenen Grundsätzen, gestatten kann. Die Völker
beruhigen sich dabei, wenn es nicht zu arg wird und man sie nicht zur
Verzweiflung bringt; und vielleicht würde es noch schlimmer werden, wenn sie auf
einmal dies System über den Haufen werfen wollten.
    Ganz anders aber sieht es mit den kleinern Fürsten aus. Diese könnten, nach
Verhältnis, sehr viel glücklicher sein und sehr viel mehr Gutes verbreiten als
die mächtigern. Auch sind unter ihnen edle, vortreffliche Männer, die ihre
Untertanen wie ihre Kinder betrachten und behandeln und von ihnen wie Väter
geliebt werden. Ein kleinerer Zirkel ist leichter zu übersehen; es ist leichter,
da zu helfen, wo es fehlt, wenn das ganze Ländchen gleichsam nur eine ruhige
Familie ausmacht. Sie bedürfen des ungeheuren Aufwandes von Kriegsheeren, Hof-
und Staatsbedienten, Tafeln, Festen, Gesandten und dergleichen nicht. - Und ist
es nicht rühmlicher, erhabner, grösser, in der Stille tausend Menschen an Leib
und Seele glücklich, frei und froh zu machen, von ihnen gesegnet und zärtlich
geliebt zu werden, als Millionen Sklaven mit eisernen Ketten an ein Joch zu
schmieden, damit die Nachwelt den Mann, der nicht einen Freund je gehabt, für
den nicht eines Menschen Herz je geschlagen hat, als einen - merkwürdigen
Beherrscher bewundre?
    Und diese Wonne könnten alle unsre kleinen Fürsten schmecken; allein dafür
haben nur wenige unter ihnen Sinn. Die rasende Begierde, es den grössten
Monarchen gleichzutun, sich bemerken zu machen, von sich reden zu lassen,
verleitet sie zu hundert Torheiten und bösen Streichen. Der Fürst will einen
kurfürstlichen Hofstaat haben, der Graf kauft sich den Fürstentitel. Die
kleinen, von arbeitsamen Menschen leeren, hölzernen Residenzen wimmeln von
müssigen, liederlichen, hungrigen, bunten Soldaten und von hirnlosen,
niederträchtigen, bettelarmen Hofschranzen, die sich untereinander hassen,
verleumden, verfolgen und, durch die schändlichste Schmeichelei und durch die
Bereitwilligkeit, sich zu den entehrendsten Diensten brauchen zu lassen, den
schwachen Fürsten noch täglich mehr verderben. Feile, menschenscheue
Schriftsteller und erkaufte Zeitungsschreiber posaunen dann Handlungen von
diesen durchlauchtigen Sündern aus, um welche gelobt zu werden ein Privatmann
sich schämen würde, und beschreiben ihre geschmacklosen Feste. Noch geht es
leidlich, wenn die Potentaten ihr Unwesen nur zu Hause treiben und das, was der
arme Untertan im Schweisse seines Angesichts aufbringt, wenigstens im Lande
wieder verzehren; allein da kutschieren manche von ihnen alle Jahre nach
Frankreich, Italien oder England oder figurieren im Dienste grösserer Herren; und
wenn sie denn einmal nach Hause kommen, so wissen sie nichts zu treiben, als vor
Langerweile die Torheiten nachzuahmen, die sie auswärts gesehen haben. Dazu
bringen sie auch noch wohl einen Schwarm fremder Windbeutel und Schelme mit, die
dann an die Spitze der Geschäfte gestellt werden, verdienstvolle Einheimische
verdrängen und die grösste Verwirrung in einem Lande anrichten, von dessen
Verfassung sie nichts verstehen. Diese Fremde setzen dem Fürsten nun vollends
allerlei kostbare Spielereien in den Kopf. Da wird das ganze Land zu einem
Jagdpark umgeschaffen, oder es werden prächtige Teater erbauet, indes das alte
Schloss den Einsturz droht, Schauspieler und Tänzer reichlich besoldet, indes die
Räte nicht das liebe Brot haben, oder Tonnen Goldes an Kutsch- und Reitpferden
verschwendet, indes der arme Bauer keine Mähre hat, die seinen Pflug zieht.
    Zu diesem allen muss das unglückliche Ländchen das Geld aufbringen, und da
gibt es denn keine Art von Finanzoperation, zu welcher man nicht seine Zuflucht
nähme, um dem unglücklichen Bauer den letzten Heller aus dem Beutel zu locken.
Ist, bis auf die freie Luft nach, alles, was sich taxieren lässt, mit Auflagen
beschwert, so legt man Lotterien und Lotto an. Da holt der arme Dienstbote, der
sich einen sauer erworbnen Notpfennig, zur Sicherheit gegen Alter und Krankheit,
zurückgelegt hatte, getäuscht durch die eitle Vorspieglung des zu hoffenden
Gewinstes, seine Sparbüchse hervor und verliert seinen einzigen Trost im Spiele
gegen seinen durchlauchtigsten Landesvater. Und sind alle Mittel, Geld zu
erhaschen, durchprobiert, so nimmt man noch zu dem letzten und abscheulichsten
seine Zuflucht - man verkauft das Leben seiner Untertanen fremden Potentaten.
    So wie das ganze Augenmerk solcher Fürsten nur dahin geht, aus dem Lande
soviel Geld als möglich zu ziehen, um den unnützen Aufwand zu bestreiten, so
studieren denn auch die Räte und Diener allein darauf, sich zu bereichern; und
ihnen wird durch die Finger gesehen, insofern sie nur neue Plünderungsmittel
erfinden helfen - ja, es gibt Länder, wo die Besoldungen ausdrücklich darum so
geringe sind, weil man darauf rechnet, dass das übrige durch Betrug und
Bestechung herbeigeschaft wird. Es gibt besonders einen Staat in Deutschland,
wo dieser Unfug aufs höchste getrieben wird; wo öffentlich, unter des Ministers
Schutze und mit Vorwissen des Fürsten, ein Jude die Bedienungen dem
Meistbietenden verkauft; wo dieser Handel schamlos in des Ministers Vorzimmer
getrieben wird; wo die Beamten Recht und Gerechtigkeit um Geld feilhaben, und
das alles vor den Augen des ganzen deutschen Publikum, dem man diese
Abscheulichkeiten schon oft in Journalen und andern Büchern gedruckt vor Augen
gelegt hat, worüber aber die unverschämten Schelme nur lachen und ihr Wesen
forttreiben.«
    NEGUS: Es ist kaum möglich, dass du deine Schilderung nicht übertreiben
solltest. Was würden eure Landstände zu solchen Abscheulichkeiten sagen?
    ICH: Dass es Gott erbarme! Was sind denn unsre Landstände? Gewählte
Repräsentanten aus solchen Volksklassen, die bei diesen Bedrückungen am
wenigsten leiden, zuweilen sogar ihren Vorteil dabei finden, folglich, auf
Unkosten des Standes, der alles tragen muss und nicht mitsprechen darf,
verwilligen, was der Despot fordert. Mit den Wahlen geht es denn auch so her,
dass es ein Jammer ist.
    Unwissende Menschen ohne Kenntnis des Landes, ja, nicht selten ohne gesunde
Vernunft, Leute, die vom Hofe abhängen, Bedienungen haben oder dergleichen für
sich und die Ihrigen suchen, versammeln sich da. Der Bevollmächtigte des Fürsten
hält da eine Rede, worin er landesväterliche Grundsätze auskramt, fordert dann
neue Abgaben, und die Deputierten - verwilligen. Die Versammlungen werden in die
Länge gezogen, damit man mehr Diäten gewinne, und die Bürden, die das Land
drücken, werden von Jahr zu Jahr grösser.
    NEGUS: Das ist freilich traurig; aber am Ende bleibt doch dem, welchen man
gar zu arg misshandelt, der Weg der Justiz übrig, die, wie mich dein Vetter
versichert, in Deutschland, sogar gegen den Fürsten selber, unparteiisch
durchgreift.
    ICH: Das ist wahr; allein dem sei der Himmel gnädig, der in Deutschland
einen Prozess zu führen hat! Kostbarer und weitläufiger kann wohl in keinem Lande
die Justiz verwaltet werden als bei uns. Unsre Streitigkeiten werden nach den
Sammlungen der alten römischen Gesetze entschieden; diese Gesetze sind voll von
Albernheiten und Spitzfindigkeiten, passen nicht auf unsre Zeiten, auf unsre
Verfassung und lassen sich auf zehnfache Weise auslegen. Es gibt eine eigne
Klasse von Menschen, die bloss davon leben, dass sie die Prozesse in die Länge
ziehen und die Gesetze verdrehen. Niemand darf mündlich und klar seine Sachen
vortragen, sondern alles muss schriftlich durch die Hände der Advokaten
verhandelt werden. Über die Beendigung der einfachsten Streitigkeiten, welche
die gesunde Vernunft in zwei Minuten entscheiden könnte, verstreicht eine ganze
Lebenszeit, und wenn unzählige Riese Papier sind verschrieben worden, so haben
beide Parteien mehr an Gerichtsgebühren und Prozesskosten bezahlt, als der ganze
Gegenstand des Streits, vielleicht mehr als ihre Habe und Gut wert ist. Zu
dieser Menge unnützer römischer Gesetze kommen denn noch in jedem Staate
ungeheuer viel besondre Landesverordnungen, die niemand im Gedächtnisse behalten
kann und deren eine die andre aufhebt. Noch sind die Parteien glücklich und
können wenigstens hoffen, dass endlich einmal ihr Rechtshandel entschieden werden
wird, wenn sie in einem Lande wohnen, wo die Appellationen nicht nach Wetzlar
gehen; denn wer das Elend erlebt, bei dem Reichskammergerichte einen Prozess
anhängig zu haben, der ist sehr zu beklagen. Dort bleiben jährlich viel hundert
Sachen liegen, wovon die zeitliche Glückseligkeit so mancher Familie abhängt.
Und das kann, bei dem besten Willen der dortigen Richter, der einmal
eingeführten Form nach gar nicht anders sein. Nun setzen Euer Majestät den Fall,
dass einem von den unzähligen Herren über Leben und Tod, die in Deutschland ihr
Wesen treiben, dass es einem von den kleinen Fürsten einfällt, aus meiner Haut
Riemen zu seinen Parforce-Peitschen schneiden zu lassen, wie sie denn zuweilen
gar sonderbare Grillen haben, und ich sterbe nun an einer solchen Operation, so
hat denn freilich meine arme Witwe das Recht, den Tyrannen in Wetzlar zu
belangen. Sie erlebt es nicht, meine Kinder und Kindeskinder erleben es nicht,
dass das Urteil gesprochen wird. Zu Bettlern wird die ganze Generation. - Endlich
erscheint der längst erseufzte Spruch; der Fürst wird verurteilt - Geld zu
bezahlen. In das Leben zurückrufen kann er den Ermordeten nicht, die
durchweinten, durchjammerten Nächte sind nicht zurückzurufen, doch Geld soll er
bezahlen oder vielmehr sein unschuldiges Land - aber er bezahlt nicht; einem
benachbarten Fürsten wird die Exekution aufgetragen - aber sie erfolgt nicht;
tausend Schikanen hindern die Vollziehung des Urteils.
    NEGUS: Schweig! so geht es ja in Marokko nicht her! Du selbst sagst, dass
unter den Fürsten in Deutschland soviel edle Männer sind; würden diese, wenn es
also wäre, wie du es beschreibst, nicht längst zusammengetreten sein, nicht
längst in Regensburg oder wie das Nest heisst, wo der grosse Divan gehalten wird,
die Missbräuche ihrer Verfassung in Überlegung genommen und abgestellt haben?
    ICH: Ja, wenn das eine so leichte Unternehmung wäre! Vorgekommen sind diese
Gegenstände oft genug, und laut genug geschrien wird auch darüber; allein in
Deutschland erfordert so etwas Zeit und Förmlichkeiten, und darüber zerschlägt
sich das Ganze. Über unnützes Zeremoniell werden unendliche Verhandlungen
gepflogen, und wie manche grosse, wichtige Unternehmung hat sich, nachdem sie
schon einen Aufwand von Millionen gekostet hatte, bloss darum zerschlagen, weil
man nicht darüber einig werden konnte, ob alle Gesandten oder nur einige von
ihnen in Armsesseln sitzen dürften.
    NEGUS: Nein! Da lobe ich mir doch unsre Einrichtung; aber mehr Aufklärung
ist in deinem Vaterlande als bei uns; das muss man gestehen. Übrigens bleibt es
dabei, dass du mit dem Kronprinzen nach Deutschland reisest, und das bald. Er
soll das Gute und Böse dort kennenlernen; in vier Wochen sollt ihr fort.
    Und so schloss sich denn mein heutiges Gespräch mit dem Negus.
 
                              Neunzehntes Kapitel
  Noch ein Gespräch mit dem grossen Negus, moralischen und vermischten Inhalts
Manche Leser mögen mir vielleicht schuld geben, ich hätte das Gemälde, welches
ich dem grossen Negus von unsern deutschen Höfen entwarf, mit zu starken Farben
aufgetragen. Wer das Glück hat, in dem nördlichen Teile von Deutschland, unter
einer milden Regierung und umringt von zufriednen, nicht gedrückten Menschen zu
leben, dem kömmt das unglaublich vor, was in den südlichen Gegenden täglich
vorgeht und was der warme Freund der Menschheit nicht ohne Unwillen und
Zähneknirschen sehen und hören kann. Allein es ist nun einmal so, und da es
öffentlich vorgeht, so muss es auch öffentlich erzählt werden dürfen. Doch hatte
ich noch einen andern Grund, warum ich dem Könige dies Unwesen so fürchterlich
schilderte; einige der Gebrechen, die ich hier als meinem Vaterlande eigen
angab, waren, wie man sich aus meinen Fragmenten der abyssinischen Geschichte
erinnern wird, hier nicht weniger eingerissen. Es war ein delikater Punkt, dies
gegen den Monarchen zu rügen; indem ich aber die Szene nach Deutschland hin
verlegete und dennoch der Wahrheit treu blieb, gab ich ihm Gelegenheit, die Übel
mit allen ihren Folgen kaltblütig zu überschauen.
    Ich hielt dies um so mehr für Pflicht, da ich sah, wie mein Vetter, nicht
eigentlich aus bösem Herzen, aber aus einer unverzeihlichen Schwäche und aus
Furcht, Gunst und Ehrenstellen zu verlieren, dem Negus auf unendliche Weise
schmeichelte, sein Steckenpferd, die Aufklärung, zu verbreiten und von sich als
einem Beförderer der Wissenschaften und Künste reden zu machen, streichelte und
wie mit der europäischen sogenannten Aufklärung alle unsre schädliche Torheiten
und Ungehörigkeiten mit nach Abyssinien zogen. Hindern konnte ich das nicht,
aber ich wollte wenigstens nichts dazu beitragen. Benjamin Noldmann ist weit
davon entfernt, sich denen zum Muster aufdringen zu wollen, die Einfluss auf
Potentaten haben; aber das kann er doch nicht verhehlen, dass er die Erfahrung
gemacht hat, dass man mehr als bloss die innere Beruhigung, die Pflicht der
Rechtschaffenheit erfüllt zu haben, dabei gewinnt, wenn man freimütig die Partei
der Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit nimmt. Die Fürsten verachten doch
im Grunde den sklavischen Schmeichler und schonen und ehren den unbestechbar
redlichen Mann. Und ist es nicht das feinste Lob, das man einem Fürsten zu geben
vermag, wenn man in seiner Gegenwart andre seinesgleichen tadelt? Heisst das
nicht soviel gesagt, als dass man ihn unfähig hält, in ähnliche Fehler zu
verfallen? Geschieht dies ohne Bitterkeit und Leidenschaft, so kann es auch
wirklich, insofern es oft wiederholt wird, eine Sinnesänderung bei ihm bewirken
und ihn wenigstens von manchem raschen Schritte abhalten, wenn er sieht, dass
auch er der öffentlichen Prüfung unterworfen ist.
    Diesem Systeme bin ich immer treu geblieben, solange ich in Gondar war. Ich
hatte einige Belesenheit in der Geschichte der europäischen Staaten, und das gab
mir Gelegenheit, was ich vorzubringen hatte, zuweilen von daher zu entlehnen.
Wir redeten von Ludwig dem Vierzehnten, den die Schmeichler einst den Grossen
genannt haben, und ich machte ihm bemerklich, welch ein elender, kleiner, eitler
Kerl dieser grosse König gewesen wäre, wie er die Menschen als das Vieh
betrachtet hätte, erzählte ihm unter andern, wieviel Tausende er in seinen
unnützen Kriegen aufgeopfert, wie er an armen Leuten Proben mit Arzeneien und
gefährlichen Fistelkuren hätte vornehmen lassen, um zu sehen, ob sie daran
stürben oder ob er seinen gesalbten Körper einer gleichen Behandlung unterwerfen
dürfte. Ich hätte ihm einen ähnlichen Zug von einem deutschen Fürsten erzählen
können, unterliess das auch nicht etwa aus Menschenfurcht - denn an den Ufern des
Nils pflegt man sich nicht viel um einen Despoten zu bekümmern, der an den Ufern
des Rheins hauset -, aber ich erlangte ja denselben Zweck durch das Beispiel
eines verstorbnen Königs. Ich zeigte ihm, wie bis dahin unsre mehrsten
historischen Werke nicht etwa die Geschichten der Völker, sondern das
Inventarium der Torheiten der Grossen entielten, und machte ihn unter andern
aufmerksam auf die Reihe von Oktavbänden: »La vie privée de Louis XV«, in
welchen mit grosser Wichtigkeit Armseligkeiten erzählt sind, worüber die Nachwelt
nur spotten kann.
    Ich erzählte ihm, wie tyrannisch einige deutsche Fürsten mit ihren Dienern
umgehen, und bestritt das Recht des Landesherrn, seine Räte willkürlich zu
verabschieden, die ebensowohl als er selbst in Diensten des Staats stehen,
dessen oberster Aufseher er ist, und die, wenn sie ihre Pflicht erfüllen, nicht
nach Gutdünken abgeschafft werden können. - Ein Satz, den der Freiherr von Moser
in einer eignen, sehr lesenswerten Schrift mit den wichtigsten Gründen
unterstützt hat!
    Einst hatte ein abyssinischer Schriftsteller sehr frei über die
Landesverfassung geschrieben und den persönlichen Charakter des Negus
angegriffen. Die Zensurkommission verbot nicht nur die öffentliche
Bekanntmachung dieses Buchs, sondern trug auch darauf an, den Verfasser für
seine Kühnheit zu bestrafen. Seine Majestät verzieh ihm und bildete sich sehr
viel auf diese gnädige Nachsicht ein. Ich schwieg; aber einige Tage nachher nahm
ich Gelegenheit, dem Könige einen Aufsatz über Scheintugenden vorzulesen: er war
von mir, ich gab aber vor, er stehe in einem gedruckten Werke. Folgende Stelle
sollte auf jenen Vorfall zielen; es hiess da: »Man nennt das Grossmut, wenn der
vornehme Beleidigte dem geringern Beleidiger verzeiht, wenn man sich im Glücke
nicht an dem rächt, der uns im Unglücke gekränkt hat. Begreift man denn nicht,
dass es kein Verdienst sein kann, wenn angenehme Verhältnisse uns in eine heitre
Laune setzen, sich nicht durch das unangenehme Gefühl der Rache wieder zu
verstimmen; dass stolze Verachtung nicht Grossmut ist, dass der Reiz des Ehrgeizes,
deswegen gelobt zu werden, weit grösser geworden sein kann als das Gefühl der
alten Wunde; dass der Mann uns vielleicht nicht wichtig genug ist; endlich, dass
uns daran gelegen sein muss, eben ihn um so mehr zu unserm Anhänger zu machen, je
furchtbarer er als Feind gewesen ist?«
    Ich sah mit Vergnügen, dass solche hingeworfne Ideen nicht ohne gute Wirkung
blieben, und hätte mein Vetter und das Heer der Hofleute mit mir
gemeinschaftliche Sache gemacht, so zweifle ich nicht daran, dass wir noch etwas
Gutes aus unserm alten Negus würden haben ziehen können.
    Da nun die Zeit unsrer Abreise immer näher heranrückte, so bat ich um
Erlaubnis, noch vorher eine kleine Reise in einige Provinzen von Abyssinien
machen zu dürfen, die ich auch erhielt. Hauptsächlich aber war mir's darum zu
tun, den merkwürdigen Mann kennenzulernen, von dem ich nun schon ein paarmal
Erwähnung getan habe; ich meine den Erzieher des jüngern königlichen Prinzen.
Mit wahrer Traurigkeit bemerkte ich auf dieser Reise das abscheuliche Verderbnis
der Sitten in allen Ständen, das, leider! mit den Graden der Kultur in gleichem
Verhältnisse stand, und ich rief oft missmütig aus: »Müssen denn die Menschen um
so lasterhafter werden, je mehr sie ihre intellektuellen Anlagen ausbilden, oder
ist dies alles nur Folge der halben Aufklärung; werden nicht endlich diese
Nebenwege, diese Abwege dennoch zu dem letzten grossen Ziele, zu dem Triumphe der
Aufklärung, zu der auf Erfahrung gestützten Wahrheit hinführen, dass der höchste
Grad von Weisheit in dem höchsten Grade von Tugend beruhe und dass nur der
mässige, nüchterne, von unruhigen Leidenschaften freie Mensch den grossen Genuss
des Lebens, aller geistigen und körperlichen Kräfte, häuslicher Glückseligkeit
und bürgerlicher Vorteile schmecken könne?«
    Die Weiber in Abyssinien, besonders die in Tabelaque, sind im höchsten Grade
frech und verbuhlt4; sie spotten öffentlich der Pflicht und der Tugend; die
Priester und Mönche sind allen Ausschweifungen ergeben und dabei die ärgsten
Diebe. - Und dennoch hält man strenge auf Beobachtung der religiösen Zeremonien,
betet sehr viel und besucht fleissig die zahlreichen Kirchen.
    Über alle diese Gegenstände, und hauptsächlich über die Kraft des Einflusses
der Religion auf die Sittlichkeit, hatte ich, nach meiner Zurückkunft, sehr
weitläuftige Gespräche mit dem grossen Negus. Eines Tags fragte mich der König,
ob es wahr sei, dass in Deutschland jeder Mann sich mit einer Frau, jede Frau
sich mit einem Manne begnügte.
    ICH: Das nun eben nicht; aber gesetzmässig sind doch die Vielweiberei und
Vielmännerei verboten.
    NEGUS: In der Bibel steht nichts von dem Verbote der Vielweiberei. Was die
Vielmännerei betrifft, so sagt uns schon die gesunde Vernunft, dass unter
Menschen, die nicht wie das Vieh leben wollen, eine Frau nicht mehr als einen
Mann haben dürfe, der ihr Herr, ihr Ernährer und der Vater ihrer Kinder sei;
aber das sehe ich nicht ein, warum eure bürgerlichen Gesetze dem Manne nicht
erlauben, soviel Weiber zu nehmen, als er ernähren kann.
    ICH: Weil in Europa die Gattin zugleich des Mannes treue Gefährtin, seine
teilnehmende Freundin im Glück und Unglücke, die sorgsame Mutter und
Miterzieherin seiner Kinder sein soll - Bande, die nur durch gegenseitiges
Zutrauen, durch gegenseitige Hochachtung, durch gegenseitige ausschliessliche
Hingebung und durch die Überzeugung fester geknüpft werden können, dass, auch
ausser den Augenblicken der Befriedigung sinnlicher Begierden und auch dann, wenn
Schönheit und Jugend von ihr weichen, die Frau dem Manne noch etwas sein werde.
- Und wo findet man das in einem orientalischen Harem?
    NEGUS: Das Ding klingt ganz hübsch; aber wenn nun der Mann sich bei der Wahl
seines Weibes übereilt hat, so hat er dann ein solches Geschöpf, seine ganze
Lebenszeit hindurch, auf dem Halse und darf sich für dies Ungemach nicht an der
Seite eines liebenswürdigern Gegenstandes entschädigen.
    ICH: Das ist freilich ein grosses Leiden; allein dem sind ja beide Teile
ausgesetzt; und muss nicht jedermann die Folgen seiner Übereilungen tragen?
    NEGUS: Nein! das steht mir nicht an, und das Gesetz soll in Abyssinien nie
eingeführt werden. Aber du sagtest vorhin, man begnügte sich auch in Deutschland
damit nicht.
    ICH: Ei nun! Die Verfeinerung der Sitten, die Galanterie, worin uns zuerst
unsre Nachbaren, die Franzosen, unterrichtet haben, hat meine verheirateten
Landsleute gelehrt, jenes beschwerliche Gesetz von beiden Seiten durch
Konvention aufzuheben. Die Dame hat einen Freund, der zugleich sich des Herrn
Gemahls Zutrauen und Zuneigung zu erwerben weiss; folglich kann die Welt nichts
darüber sagen, wenn er Tag und Nacht im Hause freien Zutritt hat, insofern der
Ehemann nichts dagegen zu erinnern findet. Und dieser ist sehr zufrieden mit der
Einrichtung, wenn man ihm nur unterdessen die Freiheit erlaubt, bei seinem
verheirateten Nachbar gleichfalls den Hausfreund zu spielen. So bleibt das
Äussere der bürgerlichen Verfassung immer in seinen Würden, und der Teufel
verliert doch nichts dabei.
    NEGUS: Ihr seid, wie ich sehe, in Deutschland gewaltig anhänglich an Formen.
Um die Sachen selbst bekümmert ihr euch wenig, wenn ihr nur den Schein davon
seht, und dann räsoniert ihr mächtig viel über eure vortrefflichen
Einrichtungen, indes es im Innern bei euch hergeht wie bei uns und allerorten.
    ICH: Freilich gibt es überall auf der Erde menschliche Unvollkommenheiten;
aber sehr kultivierte Staaten haben denn doch das zum voraus, dass sie, durch
diese Anhänglichkeit an äussere Formen, dem allgemeinen Einreissen mancher
Verderbnisse steuern. Sehr unweise handeln daher solche Fürsten, die öffentlich
das Beispiel von Hinwegsetzung über dergleichen Konventionen geben, die vor den
Augen ihres Volks einer feilen Buhlerin alle Ehre und Rechte, einer Gattin
einräumen. Hat Politik oder ein unglückliches Geschick einen solchen Fürsten an
ein Geschöpf gekettet, das seiner unwert, das unfähig ist, durch angenehmen
Umgang die Sorgen seines wichtigen und schweren Berufs zu erleichtern, so
erlaube man ihm denn, in der Stille, an der Seite eines liebenswürdigern Wesens,
seine Sorgen zu vergessen und das Glück der Liebe und Freundschaft wie ein
Privatmann zu schmecken! Aber er, und zwar er mehr als irgendein andrer,
respektiere die äussern Formen, welche die Gesetze vorschreiben (solange nun
einmal die Menschen nicht nach natürlichen, sondern nach konventionellen
Vorschriften handeln sollen)! Und das nicht etwa bloss, weil aller Augen auf ihn
gerichtet sind, weil er schuldig ist, dem Volke aller Klassen Beispiel zu geben,
sondern auch seines eignen Vorteils wegen. Denn wenn er den Untertanen zeigt,
dass derjenige den Gesetzen nicht zu gehorchen braucht, der mächtig genug ist,
sich Impunität zu verschaffen, so gibt er ihnen den Wink, dass auch jeder den
Pflichten gegen ihn und dem ihm schuldigen Gehorsame sich entziehen dürfe, der
nur die Mittel ausfindig machen könne, dies heimlich oder ungestraft zu tun.
    NEGUS: Das lässt sich hören; aber wenn ihr mit den Pflichten des Ehestandes
soviel Zwang verbindet, so hoffe ich, eure Gesetze schränken desto weniger die
freie Wahl der Leute ein, die sich nun einander heiraten und ihr ganzes Leben
ausschliesslich miteinander hinbringen wollen.
    ICH: Euer Majestät wissen, dass die Grade der Blutsverwandtschaft wenigstens
einige Einschränkung in diese Freiheit legen.
    NEGUS: Warum denn das?
    ICH: Ei! schon in den Mosaischen Gesetzen -
    NEGUS: Das ist ein albernes Geschwätz! Was kümmern euch die Gesetze, die man
einem Volke in Palästina gegeben hat und die nach dem Klima und nach den
Bedürfnissen der Juden eingerichtet waren? Ich sehe gar nicht ein, warum bei
euch nicht der Bruder seine Schwester heiraten soll, wenn sie ihm gefällt, um so
mehr, da er diese besser als andre Mädchen kennt und also weiss, ob ihre
Gemütsart sich zu der seinigen schickt.
    ICH: Wenn aber das Vorurteil von Blutschande ausgerottet würde, sollten dann
nicht die frühern Ausschweifungen unter jungen Leuten beiderlei Geschlechts, die
uneingeschränkt in den Häusern der Eltern miteinander umgehen, allgemeiner
werden?
    NEGUS: Gar nicht! Der Reiz der Neuheit und die Überwindung der
Schwierigkeiten - das ist es grade, was verbotene Begierden erweckt; und
Menschen, die sich täglich sehen und mit allen ihren Unvollkommenheiten
kennenlernen, werden nie lüstern nacheinander werden; und wenn sie dennoch Liebe
zueinander fassen, so wird das eine vernünftige Liebe sein, bei welcher die
Sinne nur die Nebenrolle spielen und der man keine Hindernisse in den Weg legen
sollte. Allein von den Schwierigkeiten, die das Vorurteil der Verwandtschaft der
freien Wahl bei den Heiraten in den Weg legt, redete ich nicht; sondern das
wollte ich von dir hören, ob du ein so schweres Monopolium nicht unbillig
fändest, da auch die Verhältnisse des bürgerlichen Lebens es euern Jünglingen
unmöglich machen, bei der Wahl ihrer Gattinnen gänzlich ihrer Neigung zu folgen.
Du siehst, dass ich nicht ohne Kenntnis der Sache rede; ich lese deutsche Bücher.
Alle eure Schriftsteller klagen über den steigenden Luxus, der es zur
Notwendigkeit macht, bei den Heiraten vorzüglich auf die Vermögensumstände
Rücksicht zu nehmen.
    ICH: Und dennoch halte ich diese Klagen für ungegründet. Aufwand in Kleidern
hat zugenommen; aber dagegen kostet auch jetzt ein seidnes Gewand weniger als
ehemals eines von Leinen oder Wolle. Man besetzt die Tafeln mit mehr Speisen und
trinkt mehrere Arten von Wein; aber dagegen werden auch jährlich mehr Gärten und
Weinberge angebaut, mehr Bäume gepflanzt, mehr Wüsten urbar gemacht. Die kleinen
Bedürfnisse des Lebens vervielfältigen sich, aber mit ihnen zugleich die
Anstalten, sie in grössrer Zahl und zu wohlfeilern Preisen zu liefern. Seiden-,
Porzellan-und andre Fabriken werden allerorten angelegt, und indes alle Preise
steigen, vermehrt sich auch die Summe des Geldes durch die ungeheure Menge des
Metalls, das jährlich der Erde entlockt wird. Jetzt sind also hundert Taler
grade das, was ehemals zehn Taler waren. Gehalt, Gagen, Lohn und Tagelohn
steigen in demselben Verhältnisse; der Arbeitsmann nimmt mehr für seine Waren,
und so wird in allen Ständen das Gleichgewicht wiederhergestellt, ausser dass der
Verschwender jetzt mehr Anlockung hat, sein Eigentum zu verprassen; aber wessen
Schuld ist das anders als seine eigne?
    NEGUS: Der Unterschied der Stände legt denn auch den Heiraten nach blosser
Neigung Hindernisse in den Weg.
    ICH: Für Leute, die nicht den Mut haben, sich über Vorurteile
hinauszusetzen.
    NEGUS: Und der Unterschied der Religion?
    ICH: Bei der jetzt immer allgemeiner werdenden Toleranz -
    NEGUS: Ihr mögt mir ja tolerant sein! In Worten seid ihr es, aber in der Tat
nichts weniger als das. In allen euren Journalen lese ich Klagen darüber. In
einer deutschen Stadt kann niemand zum Bürger aufgenommen werden, als der die
Prädestination glaubt; in der andern darf niemand gute Schuhe machen, als der
den heiligen Kerl in Rom für unfehlbar hält; in der dritten hilft dem Manne die
grösste Geschicklichkeit nicht, er kann keinen Torschreiberdienst erlangen, wenn
er nicht Martin Luters Begriffe vom Abendmahle hat. - Das ist mir eine schöne
Toleranz! Und wie zanken sich nicht eure Gelehrte, und zwar solche, die gar
keine Pfaffen sind, schimpfen wie die Bettelbuben aufeinander und suchen einer
den andern auf die abscheulichste Weise verhasst und verdächtig zu machen, wenn
einer, der bis jetzt für einen Calvinisten gegolten, sich einmal hat merken
lassen, dass es doch wohl möglich wäre, dass der liebe Gott die Menschen nach dem
richten würde, was sie getan, und nicht nach dem, was sie geglaubt hätten! -
Nein! so etwas musst du mir nicht aufhängen wollen. Ich weiss wohl, was ihr in
Deutschland Gutes und Böses habt; aufgeklärter seid ihr im ganzen als wir, das
muss wahr sein, aber toleranter mitnichten!
    Im Grunde konnte ich hierauf wenig antworten; der Negus hatte nicht so
durchaus unrecht. Zur Ehre meines Vaterlandes hätte ich wohl wünschen mögen, dass
er weniger belesen in deutschen Büchern gewesen wäre, in welchen wir ewig über
die Gebrechen unsrer Verfassung schreien, ohne dass die, welche ihnen abhelfen
könnten, desfalls mehr oder weniger tun. Von einer andern Seite aber war mir's
doch lieb, dass diese Klagen Eindruck auf ihn gemacht hatten, weil ich hoffte, er
würde dadurch aufmerksam auf die Mängel in seinen eignen Staaten werden.
    Ich gab sogar hierzu nähere Gelegenheit, indem ich ihm bemerklich machte,
wie sehr es noch in allen europäischen Ländern an Gesetzen fehlte, welche die
moralische Verbesserung der Menschen zum Gegenstande hätten. »Dafür«, sagte ich,
»wird so ziemlich gesorgt, dass das Eigentum und das Leben der Bürger gesichert
sei; aber in welchem Lande ist eine Strafe auf heimliche Verleumdung, auf Lügen,
auf falsche Beteuerungen, auf offenbar verwahrlosete Kindererziehung, auf Betrug
und unvernünftiges Überfordern im Handel und Wandel, auf Verspottung des
Schwachen, Verkleinerung des Rufs des Edeln, auf Einmischung in fremde Geschäfte
gesetzt? Ja, wir haben einige Gesetze und bürgerliche Einrichtungen, die
offenbar die heimlichen Übertretungen der Pflichten begünstigen. Ein armes
Mädchen, welches das Unglück gehabt hat, einen einzigen Fehltritt zu begehen und
schwanger zu werden, wird wirklich härter bestraft als eine offenbare
Gassenhure, die man ertappt und die dasselbe Verbrechen täglich begeht. Durch
diese Härte gegen verunglückte Mädchen und durch den Schimpf, womit sie und ihre
uneheliche Kinder belegt sind, befördern wir den Kindermord und bestrafen dann
diesen auf die grausamste Art. Das Zeugnis eines Menschen, der das schändliche
Handwerk eines Kupplers treibt oder von dem sich beweisen lässt, dass er ein
Lügner oder sonst ein sittenloser, seinen Pflichten untreuer Mensch ist, gilt,
wenn er einen Eid ablegt, vor Gericht ebensoviel als das Wort des Mannes von
unbescholtnen Sitten.
    Und bei allen diesen Gebrechen unsrer Staatsverfassungen legt man noch in
manchen Ländern den Leuten den Zwang auf, nicht auswandern zu dürfen. Es scheint
so billig als möglich, dass man sich entweder den Verordnungen eines Landes
unterwerfen oder dasselbe verlassen muss; grausam aber ist es, die Menschen
zwingen zu wollen, da zu leben, wo sie nicht leben mögen, und sich Gesetzen zu
unterwerfen, zu deren Bestimmung sie ihre Einwilligung nicht gegeben haben.«
    Dem Könige mochte es wohl gefallen, dass ich, unparteiischer als mein Herr
Vetter, das Gute und Mangelhafte in meinem Vaterlande mit gleicher Freimütigkeit
bekannte; endlich aber schien ihm doch mein Gespräch über diese ernstafte
Gegenstände Langeweile zu machen. - Und gestehen Sie es, liebe Leser, es geht
Ihnen auch so! - Er beurlaubte mich also für heute; und da meine Unterredungen
mit ihm in den folgenden Tagen nur den Plan zu meiner bevorstehenden Reise
betrafen, so will ich Sie mit Erzählungen dieser unwichtigen Dinge nicht ferner
ermüden.
 
                              Zwanzigstes Kapitel
  Zurüstungen zu der Reise des Kronprinzen. Abreise des Verfassers mit ihm von
                                     Gondar
Nun rückte denn die Zeit immer näher heran, wo ich den grossen Beruf erfüllen
sollte, den Kronerben von Abyssinien auf Reisen zu führen. Da der Zar Peter der
Grosse von Russland unser Vorbild bei diesem Zuge war, so wurde alles, was
Voltaire und andre glaubwürdige Männer davon erzählt hatten, fleissig gelesen und
darnach unser Plan eingerichtet. Die Schätze des Reichs wurden nicht geschont;
ein Überfluss an Gold und Juwelen war da; man machte Geschäfte mit ägyptischen
Kaufleuten, die uns mit Wechsel- und Kreditbriefen auf alle die Hauptstädte
versahn, durch welche wir reisen würden; und so wurde dieser ökonomische Punkt
geschwinder aufs reine gebracht, als es wohl bei ähnlichen Reisen andrer
Potentaten geschehen ist; es kam nun nur noch auf die übrigen Einrichtungen an.
    Mein Herr Vetter zeigte sich dabei als ein wahrer Minister. Sorgenvoll und
zerstreuet ging er umher, während dies grosse Geschäft schwer auf ihm lag; und
die Konferenzen sowohl mit Seiner Majestät als den übrigen Staatsräten nahmen
gar kein Ende. Die Zeitungsschreiber redeten von nichts anderm mehr, so
uninteressant und langweilig dies auch auswärts zu lesen war; die abyssinischen
Poeten sangen sich heiser und beeiferten sich, die frommen Wünsche der
Untertanen in Reime zu bringen; die Hofleute aber kabalierten und schmiedeten
Ränke, um einer vor dem andern zum voraus die Ehre zu erlangen, mit von der
Reisegesellschaft zu sein und die übrigen davon zu verdrängen.
    Was die Wahl dieser Reisegesellschaft betraf, so ernannte sie der Negus,
teils aus eigner Bewegung, teils auf den Vorschlag meines Herrn Vetters. Mich
bat niemand als der alte ehrliche Hofnarr, ein Vorwort für ihn einzulegen, damit
er mitgehen dürfte; ich verwendete mich zu seinem Besten, und der König willigte
ein. Ich fand in der Folge keine Ursache, mich das reuen zu lassen, denn er war
in der Tat der Klügste von der ganzen Gesellschaft; der Hofmarschall übernahm
es, unterdessen sein Amt in Gondar zu verwalten. Er schickte sich dazu recht gut
und arbeitete nur in einer andern Manier als der eigentliche Hofnarr, indem
dieser andre Leute zum besten zu haben pflegte, der Hofmarschall hingegen
dadurch belustigte, dass er sich zum besten haben liess.
    Als nun die ganze Liste der Begleitenden aufgesetzt war, fand sich's, dass
sie mehr als sechzig Personen ausmachten. Unter diesen waren ausser mir nur noch
sechs Weisse; die übrigen waren teils so wie der Prinz selbst, schwarz, teils
olivenfarbig; und so wie ihr Äusserliches, so waren auch ihre Gemütsarten sehr
verschieden. Manche von ihnen, an den Ufern des Nigers geboren, waren schön von
Gestalt und sanft von Sitten; andre, die von der Zahnküste abstammten, hässlich,
wild und grausam. Ich wurde mit Vollmachten, Instruktionen und mit
uneingeschränkter Gewalt über alle diese Leute versehen, die, wie die sämtlichen
Untertanen des Königs, Sklaven waren. Was man mir übrigens in Ansehung des
Zwecks und der Einrichtung unsrer Reise, der Art, den Prinzen zu behandeln und
seine Schritte und Beobachtungen zu leiten, vorschrieb, war nicht in allen
Stücken nach meinem Geschmacke; allein so geht es ja immer denen, die
Fürstensöhne führen; ich nahm mir also vor, soviel möglich diesen Anweisungen zu
folgen.
    Sodann war mir verordnet, wieviel Stück deutscher Gelehrten, Philosophen,
Pädagogen, Fabrikanten, Dichter, Maler, Bildhauer, Tonkünstler usf. ich bei
unsrer Zurückkunft mitbringen sollte.
    Nach dem Muster der Reise des Zar Peters wurde ich als abyssinischer
Gesandter an alle Höfe und Republiken, die wir besuchen würden, bevollmächtigt;
der Kronprinz aber sollte sich inkognito in meinem Gefolge befinden.
    Wie denn bei Höfen alle wichtige Schritte, die vorgehen sollen oder
vorgegangen sind, sich mit Festen, Schmausereien und Farcen anfangen und
endigen, so gab es denn auch in der Residenz und im ganzen Lande bei dieser
Gelegenheit sehr viel Schauspiele, Bälle, Erleuchtungen, Galatage und
Kirchengebete.
    Endlich erschien der Tag des Aufbruchs; der Zug war prächtig anzusehen; ich
habe eine weitläuftige Beschreibung davon aufgesetzt, aber mein Herr Verleger
weigerte sich, sie hier mit abdrucken zu lassen. Der Mann nimmt es ein bisschen
genau mit seinem Honorario und weiss nicht, wieviel vernünftige Leute an der
Schildrung solcher Feierlichkeiten Vergnügen finden. Des alten Negus Majestät
begleiteten uns, nebst zahlreicher Suite, bis an die Grenze; den 1. Mai 1772
reiseten wir aus Gondar ab. - Das Weitre ist im zweiten Teile dieses Buchs zu
lesen.
 
                                  Zweiter Teil
                                  Erstes Kapitel
              Vermischte Reisenachrichten. Ankunft in Deutschland
Da ich den ersten Teil dieses Buchs mit der Nachricht von meiner Abreise aus
Gondar beschlossen habe, so werden nun wohl die Leser sich zum voraus vor einer
weitläuftigen Reisebeschreibung fürchten oder (wie denn der Geschmack sehr
verschieden ist) sich zum Teil darauf freuen. Soviel möglich, möchte ich gern
beiden Parteien gefallen; ich will daher zwar einige Nachrichten von demjenigen,
was uns bis zu unsrer Ankunft in Hessen begegnet ist, aus meinem Tagebuche
auszeichnen, sie aber mit einer ausführlichen Reisebeschreibung verschonen.
    Der Weg, welchen ich mit dem Kronprinzen und unserm ganzen Gefolge machen
sollte, war mir folgendermassen vorgeschrieben: Wir reiseten zu Lande durch einen
grossen Teil des abyssinischen Reichs, um den Tronfolger den getreuen Untertanen
zur Schau auszustellen. Da wurden dann in Städten und Dörfern Ehrenpforten ohne
Zahl errichtet und Reden gehalten und Gedichte überreicht; der arme
Handwerksmann holte seinen kleinen Geldbeutel hervor, gab die Hälfte daraus dem
drohenden Kontributionseinnehmer hin und kaufte für die andre Hälfte ein paar
Lichter, womit er seine Fenster erleuchtete, hinter welchen er mit hungrigem
Magen stand und sich die Tränen trocknete, als wir in einem prächtigen Zuge auf
Elefanten und Kamelen durch die Gassen zogen.
    Wir hatten auf der Reise gewaltig viel von der Hitze auszustehen, besonders
unter der Linie. Gegen Ende des Maimonats erreichten wir die Grenze von
Unter-Guinea. Man hat in diesen Gegenden vom April an bis zum September, in
welchem der Sommer eintritt, fast immer Regenwetter; das verleidete uns ein
wenig das Vergnügen der Reise, doch da es unsre Absicht war, die Könige dieses
Landes zu besuchen, so hatten wir Gelegenheit, uns von Zeit zu Zeit von den
Beschwerlichkeiten des Wegs auszuruhen, und an den Höfen findet man ja stets
dasselbe Wetter.
    Wir hielten uns einige Tage in der Residenz des Monarchen von Loango auf. Er
war aber ein gar wunderlicher Herr, der uns wenig Gastfreundschaft erzeigte.
Nach den Landesgesetzen darf, bei Todesstrafe, niemand ihn speisen sehen; wir
wurden also an besondern Tafeln, und zwar ziemlich mager, bewirtet. Bei den
Audienzen redete der König nicht ein einziges Wort, weswegen ihn dann das Volk
für einen sehr weisen Herrn hielt und ihm göttliche Verehrung bezeugte. Man
wollte uns zumuten, die Füsse dieses gekrönten Sterblichen zu küssen. Da hiervon
nichts in meiner Instruktion stand und ich es abgeschmackt fand, diese ekelhafte
und lächerliche Unterwürfigkeit einem Erdensohne zu beweisen, so vergingen vier
Tage mit Forderungen von seiner und Protestationen von unsrer Seite. Unser
Hofnarr war der einzige, der sich aus Scherz entschloss, dem Könige einmal den
Fuss zu küssen, da er dann zu einer Audienz zugelassen und mit einem Ordensbande
beschenkt wurde. Übrigens reiseten wir ziemlich unzufrieden und ohne Abschied zu
nehmen von dannen.
    Den Hof in Kongo fanden wir viel glänzender und geselliger. Der König und
die ersten Kronbedienten, Edelleute und Ritter waren prächtig in Gold und Seide
gekleidet, trugen weisse Halbstiefel und grosse Mützen. Man bewies uns
ausgezeichnete Höflichkeit, die uns viel Langeweile machte und uns prächtige
Geschenke an die hungrigen, schlecht besoldeten Hofleute kostete. Die Einwohner
in Kongo waren indessen sehr artig und gesittet; wir fanden viel katolische
Christen unter ihnen; sogar der ganze Hof war der römischen Kirche zugetan. Bei
Gelegenheit, da wir einige in diesem Reiche von den Portugiesen angelegte
Festungen besahen, hatte ich viel Mühe, dem Prinzen das Recht zu beweisen, das
die Europäer hätten, in allen Gegenden des Erdbodens, ohne gutwillige Erlaubnis
der Einwohner, sich niederzulassen, Besitz von Grundstücken zu nehmen und mit
den Produkten des Landes zu ihrem Vorteile zu wuchern.
    In Angola gefielen mir die Orang-Utan vorzüglich wohl. Man konnte sie kaum
von den übrigen Hofleuten unterscheiden; denn auch das in der Naturgeschichte
angegebne Kennzeichen, dass sie keine Waden und keine Hinterbacken haben, passte
ebensowohl auf die dortigen Kammerjunker. Es ist aber jene Affenart mehr in
Kongo als in Angola einheimisch.
    Übrigens ist ganz Unter-Guinea ein fruchtbares, reiches und angenehmes Land.
    Bei der Insel Loanda bestiegen wir ein portugiesisches Schiff und fuhren
damit, ohne grosse Widerwärtigkeiten, nachdem wir zum zweitenmal den Äquator
durchschnitten hatten, Cabo Verde vorbei bis Lissabon. Da es nun unser Zweck
nicht war, uns in andern europäischen Reichen lange aufzuhalten, so suchte ich
sogleich ein Schiff auf, das nach Deutschland segeln wollte, verdung uns
sämtlich mit unsern Päckereien darauf und kam, nach einer ziemlich
beschwerlichen Reise, in Hamburg im Hafen an.
 
                                Zweites Kapitel
   Reise des Kronprinzen von Abyssinien und seines Gefolges durch Deutschland
Eine so volkreiche und in allem Betrachte so interessante Handelsstadt wie
Hamburg verdiente wohl, dass wir uns eine Zeitlang hier aufhielten; ich nahm also
auf vierzehn Tage Quartiere für unsre ganze Suite in zwei grossen Gastöfen am
Jungfernstiege und führte meinen Prinzen, in Begleitung seiner Cavaliers und
meines Freundes, des Hofnarren und Ritters, in der Stadt herum.
    Es war eine unbeschreiblich angenehme Empfindung für mich, als wir in
Hamburg an das Land stiegen, nach so langer Zeit den vaterländischen Boden
wieder zu betreten; und dies Gefühl wurde verstärkt durch die Überlegung, dass es
grade der erste freie, von Despotismus aller Art unentweihte Staat war, den ich
dem Kronprinzen von Abyssinien zeigen konnte. »Hier, mein Prinz!« sagte ich, als
er beim Blockhause, wo man nach unserm Namen fragte, auf den albernen Einfall
geriet, sich für einen Grafen oder dergleichen ausgeben zu wollen, »hier bedarf
es keines Inkognito; hier sind wir alle gleich, und niemand bekümmert sich um
Ihren Fürstenstand. Kaum wird Ihr schwarzes Gesicht in einer Stadt Aufsehen
erregen, wo man gewöhnt ist, allerlei Arten von Figuren zu sehen, wo jedermann,
unbesorgt um fremde Händel, sich nur um seine eignen Geschäfte bekümmert, wo
kein Haufen müssiger Tagediebe und besoldeter Ausspäher den Schritten der Fremden
auflauert, um dem neugierigen Fürsten oder seinem misstrauischen Minister
Nachricht davon zu geben, sobald ein fremdes Gesicht sich in der Stadt blicken
lässt.«
    Ich nahm überhaupt Gelegenheit, dem Prinzen richtige Begriffe von der
Glückseligkeit einer nicht dem Namen nach, sondern in der Tat republikanischen
Verfassung beizubringen. Gewiss kann der kleine Staat von Hamburg den übrigen
deutschen reichsstädtischen Gebieten zum Muster dienen. Unsre deutschen
Schriftsteller deklamieren zum Teil so gewaltig zum Vorteile der Monarchien und
behaupten, früh oder spät arte doch ein Freistaat in eine Oligarchie aus und
dann sei man schlimmer daran als unter der unumschränkten Herrschaft eines
einzigen. Wenn doch die guten Leute nur einen Blick auf die Regierungsform in
Hamburg werfen und sagen wollten, ob es möglich ist, bei der grössten Ordnung und
strenger Aufrechterhaltung der Gesetze freier, ungekränkter zu leben als dort!
Und diese Verfassung hat nun unverändert, so manches Menschenalter hindurch,
also fortgedauert. Man hört von keinen Klagen, von keinen Bedrückungen; man hat
keine stolze Patrizierfamilien, die, wie in andern Reichsstädten, den Ton
angeben, die kleinen Fürsten spielen und vor deren unmündigen Knaben der bessere
Bürger sklavisch den Hut abzieht. Man würde in Hamburg kaum wissen, dass es einen
Adel in Deutschland gibt, wenn nicht einige Menschen dieser Art dort wohnten,
die auf ihre Kutschen allerlei bunte Bestien gemalt haben, wodurch sie ihre
Abstammung beweisen. Man lässt diesen Leuten ihren Wert; sind sie übrigens
verständige Menschen, so wird ihnen mit Achtung begegnet, ohne dass man ihnen den
elenden Vorzug einer adligen Geburt beneidet. Ich habe nie gehört, dass sich ein
hamburgischer Bürger einen Adelsbrief gekauft hätte - und dennoch bemerkt man
einen feinen Ton in allen Gesellschaften; und dennoch gehen alle Geschäfte ihren
ordentlichen Gang; es herrscht keine Anarchie; die kleine Republik steht bei
auswärtigen Mächten in hohem »Ansehen; Kaiser und Könige schicken ihre
Gesandten, und sie bleibt ungekränkt von ihren eifersüchtigen Nachbarn. - Warum
sollte es unmöglich sein, dass diese wohltätige Verfassung in allen deutschen
Staaten nach und nach, wenigstens in den Reichsstädten, allgemein eingeführt
würde?
    Wir sahen des Abends die Bürgerwache aufziehen, die des Nachts, zu Bewachung
der Stadt, die Lohnsoldaten ablöset. Mein junger Prinz erlaubte sich einige
mutwillige Scherze über die Verschiedenheit der Kleidung und Bewaffnung dieser
guten Leute; ich hielt es für Pflicht, ihm hierüber einen kleinen Wink zu geben.
»Diese Menschen«, sprach ich, »scheinen mir tausendmal ehrwürdiger als die
bezahlten Krieger in den einförmigen Sklavenröcken mit ihren mechanischen
Uhrwerksbewegungen. Jene bewachen ihr und ihrer Brüder Eigentum und ihre Rechte,
und es ist ziemlich einerlei, in welchem Rocke sie das tun; es ist wahrlich ein
närrisches Vorurteil, dass man denjenigen höher achtet, der ernährt und gekleidet
wird, als denjenigen, welcher ihn ernährt und kleidet; allein ich begreife wohl,
dass es zum Systeme des Despotismus gehört, da man nun einmal dieser künstlichen
Werkzeuge so notwendig bedarf, einen hohen äussern Wert darauf zu legen, um,
durch den Reiz der Ehre, freie Menschen anzulocken, sich für wenig Geld zu
Unterjochung ihrer Brüder missbrauchen zu lassen. Der von Vorurteilen freie Mann
nennt die Sache bei ihrem rechten Namen; er verlangt nicht umzustürzen, was auf
einmal nicht zerstört werden kann, aber er will, dass man das notwendige Übel
(wenn es denn wirklich notwendig ist) nicht höher schätze als das ursprüngliche
Gute; dass man nicht hochmütig mit seinen Ketten prahle und nicht diejenigen
höhne, die so glücklich sind, dieses traurigen Schmucks nicht zu bedürfen.«
    Ich merkte wohl, dass, ausser Soban (so hiess der Hofnarr) und mir, nur wenige
von unsrer Gesellschaft Sinn für solche Wahrheiten hatten und dass die
Hofschranzen mächtig die Nase rümpften; aber ich hielt es für Pflicht, so zu
reden, und werde es immer für Pflicht halten. Man bekehrt die Despoten und ihre
Kinder nicht, aber man erweckt doch ernstafte Gedanken in ihnen, dass sie sich
vielleicht scheuen, noch weiter zu greifen, indem sie ahnden, es könne einmal
dem ganzen Volke einfallen, ihre Rechte und Pflichten ein wenig näher zu
beleuchten. Erlangt man das, so hat man doch wahrhaftig schon viel gewonnen; es
wird dann wenigstens nicht ärger, als es jetzt ist; und am Ende muss man doch
auch dafür sorgen, dass gewisse natürliche Begriffe unter dem Haufen von
konventionellen nicht gänzlich verlorengehen.
    Ich habe oben gesagt, dass wenige von unserer Gesellschaft Sinn für kühne,
unverstellte Wahrheit hatten. Ich muss doch aber hiervon den geheimen Sekretär
des Kronprinzen ausnehmen, der Manim hiess, ein sehr verständiger Mann und
richtiger Beobachter war. Er fing in Hamburg ein Tagebuch an, in welchem er
alles aufzeichnen wollte, was ihm in Deutschland im Guten und Bösen merkwürdig
vorkommen würde, und ich werde zuweilen etwas daraus anführen.
    Dem Plane gemäss, den ich zu unsrer Reise entworfen hatte, wollten wir von
Hamburg über Braunschweig und Berlin durch einen Teil von Sachsen nach Frankfurt
am Main, dann in den Rheingegenden umher, hierauf nach Bayern und Österreich
reisen und zuletzt zurück bis Kassel, wo der Kronprinz in Kriegsdienste treten,
und zwar, nach Peter des Grossen Beispiele, von unten auf dienen sollte. Da ich
indessen Vollmacht hatte, diesen Plan nach Gutdünken zu verändern, so beschloss
ich, die Reise zu teilen, gleich von Berlin aus nach Kassel zu gehen und dort
den Prinzen in Tätigkeit zu bringen. Ich hatte oft gehört, welche klägliche
Rolle zuweilen die Fürstensöhne spielen, wenn sie unmittelbar aus der
väterlichen Residenz in die grosse Welt kommen und sich an fremden Höfen zeigen,
welche lächerliche Prätensionen sie dann mit sich herumtragen und wie wenig
Nutzen sie von ihren Reisen ziehen. Da ich doch gern einige Ehre mit meinem
Prinzen einlegen wollte, so hielt ich es für besser, dass er erst im Dienste ein
bisschen geschmeidig gemacht, mit verschiednen menschlichen Verhältnissen bekannt
und an militärische Subordination gewöhnt würde. Wenn die Leser sich zu erinnern
belieben, welche Schilderung ich im fünfzehnten Kapitel des ersten Teils dieses
Buchs von Seiner Hoheit gemacht habe, so werden sie meinen Entschluss nicht
anders als billigen können. Wir besuchten auch desfalls auf dieser Reise gar
keine Höfe, sondern besahen nur andre Merkwürdigkeiten, Hospitäler,
Philantropine, Werk- und Spinnhäuser und dergleichen in den Städten, durch
welche wir reiseten.
    Nicht weit von Dresden stiessen wir auf einen Haufen grosser und kleiner
Knaben, begleitet von einigen erwachsenen Leuten; alle zu Fusse und sämtlich
einförmig gekleidet. Sie schienen sehr munter zu sein und machten allerlei
Bockssprünge, weswegen wir sie denn für eine Gesellschaft von Seiltänzern oder
etwas Ähnliches hielten, die einen Jahrmarkt besuchen wollten. Indessen erfuhren
wir bei genauer Erkundigung, dass es die Zöglinge eines Erziehungsinstituts nebst
ihren Lehrern waren, die jetzt eine Lustreise von zwanzig Meilen unternommen
hatten, um sich in Sachsen umzusehen. Das Wetter war angenehm, und ich schlug
meinem schwarzen Prinzen, mit welchem ich in einer zweisitzigen Kutsche allein
sass, vor, auszusteigen, den Rest des Wegs bis Dresden in Gesellschaft dieses
fröhlichen Haufens zu machen und indes das Gefolge vorauszuschicken. Er willigte
ein, und wir sahen uns bald umgeben von diesen artigen Kindern, die sich an
unsern ausländischen Figuren nicht genug ergetzen konnten und, nachdem wir uns
mit ihnen in Gespräche eingelassen hatten, uns tausend neugierige, doch
bescheidne Fragen vorlegten, deren Beantwortung einige von ihnen auf der Stelle
in ihre Tagebücher aufzeichneten.
    Da ich so lange Zeit aus Deutschland entfernt gewesen war und sich
unterdessen der Ton in den öffentlichen Erziehungsanstalten und überhaupt die
Grundsätze der Pädagogen sehr verändert hatten, so war mir alles, was ich sah
und hörte, neu. Ich gesellte mich zu einem der Lehrer und erkundigte mich genau
nach der Art, wie jetzt die Jugend in solchen Philantropinen (der Name gefiel
mir ungemein) gebildet und unterrichtet würde. Die Erläuterungen, die er mir
darüber gab, setzten mich wirklich in einige Verwunderung, weil sie sich gar
nicht zu meinen altväterischen Begriffen von Erziehung passen wollten; doch da
ich, ohne mich zu rühmen, wohl behaupten kann, dass ich nicht eigensinnig auf
meiner Meinung bestehe, sondern mich gern eines Bessern belehren und von
Vorurteilen zurückbringen lasse, so wagte ich nur behutsam einige Einwürfe und
liess mir die Zurechtweisung des Pädagogen wohl gefallen.
    Ich meinte nämlich, diese Art von Erziehung passe nicht so recht eigentlich
zu unsern übrigen bürgerlichen Verfassungen; es könne doch wohl nicht schaden,
wenn man die Jugend an ein wenig mehr Zwang und Pedanterie gewöhnte, da sie in
der Folge in allen Verhältnissen sich dergleichen gefallen lassen müsste.
    Ich hörte ferner mit Verwunderung, dass es den stärkern Knaben erlaubt sei,
die schwächern zu Leistung der niedrigsten Dienste zu zwingen; dass die, welche
mehr Taschengeld als andre bekämen, die ärmern als Lakaien besoldeten (denn
wirklich sah ich einen armen kleinen Grafen, der dem baumstarken Sohne eines
Bierbrauers ein schweres Bündel nachtragen musste); dass, weil man also durch Geld
sich grosse Gemächlichkeiten oder, nach den Umständen, Befreiung von
Misshandlungen erkaufen konnte, die jungen Leute unter sich einen Handel trieben,
wobei nicht selten einer den andern übervorteilte. Die Lehrer machten mir aber
begreiflich, wie nützlich es wäre, dass die Kinder mit diesen Verderbnissen, die
im grossen in der Welt, wo doch Reichtum und Stärke die Haupttriebräder wären,
allerorten herrschten, früh bekannt würden.
    Von einer andern Seite fürchtete ich, der Freiheitssinn, den ich an ihnen
wahrnahm, und die Hinwegsetzung über allen Zwang, den Konventionen, Stand und
eine gewisse im Leben nötige Geschmeidigkeit auflegen, möchten die Knaben in
eine solche Stimmung setzen, dass sie hernach im Zwange des bürgerlichen Lebens
sich sehr unbehaglich und unglücklich fühlten.
    Ich fand es zwar sehr gut, dass die Kinder nicht verzärtelt, sondern an Wind
und Wetter gewöhnt, auch zu mässigen Bewegungen und nützlichen körperlichen
Übungen angehalten werden, aber das konnte ich nicht fassen, warum man Menschen,
die sich den Wissenschaften widmen und einen grossen Teil ihres Lebens am
Schreibpulte hinbringen sollen, mit soviel Sorgfalt in den brotlosen Künsten des
Schwimmens, Springens, Ringens und Kletterns unterrichtet, wodurch ihnen eine
sitzende Lebensart verhasst gemacht wird und wovon sie in unsern Tagen nie
Gebrauch machen können, auch wohl, wenn der Fall der Not eintritt, mehrenteils
von ihrer Geschicklichkeit verlassen werden.
    Ich erfuhr mit Missvergnügen aus einzelnen Gesprächen der Knaben
untereinander, die sich von mir nicht beobachtet glaubten, dass, ungeachtet der
strengen Aufsicht im Erziehungshause, welche der Herr Pädagoge so hoch pries,
die Kinder zuweilen Gelegenheit fänden, des Nachts hinauszuschleichen, die
Garten- oder Hofmauern zu ersteigen, um, wenn sie nicht noch etwas Ärgers
treiben, wenigstens - Obst zu stehlen.
    Ich warf die Frage auf, ob es nicht gut sein würde, wenn man das Gedächtnis
der Kinder, ein wenig mehr, als jetzt üblich sei, mit einigem mechanischen
Auswendiglernen schärfte und wenigstens eine Sprache, zur Grundlage der übrigen,
nach Regeln lernte.
    Überhaupt kam es mir vor, als wenn das Studium der toten Sprachen bei diesem
Manne in keinem so grossen Ansehen stünde, als ich wünschte und aus eigner
Erfahrung heilsam gefunden hatte.
    Der Pädagoge machte mich auch mit einer neuen von einem gewissen Herrn
Basedow erfundnen Metode, die Kinder das Lesen zu lehren, bekannt, die ich
anfangs für Scherz oder unwürdige Spielerei hielt, nachher aber den grossen
Nutzen davon einsah. Herr Basedow hatte nämlich Brezel backen lassen, welche die
Figur von Buchstaben hatten. An diesen den Kindern so interessanten Gegenständen
nun zeigte er ihnen, aus welchen Zügen ein A, ein B etc. besteht und wie man zum
Beispiel aus einem lateinischen W sogleich ein V machen kann, wenn man die
Hälfte davon herunterbeisst. Dies ist in der Tat recht artig und wurde von mir in
mein Tagebuch notiert. Übrigens aber waren wir doch darin einig, dass es besser
ist, wenn man die Kinder gewöhnt, ernstafte Sachen ernstaft zu treiben,
Vergnügen an Überwindung von Schwierigkeiten zu finden und nicht an allen Dingen
die leichtesten Seiten aufzusuchen.
    Was nun das Reisen des ganzen Instituts betrifft, so fürchtete ich, es
könnten manche Leute glauben, die Lehrer hätten mehr Vergnügen und Nutzen davon
als die Zöglinge; die Eltern kostete das unnützes Geld; die Knaben wären in dem
Alter doch noch nicht imstande, zweckmässige Beobachtungen zu machen; auf der
Reise sei es unmöglich, die jungen Leute so genau zu bewachen; sie könnten also
in den Wirtshäusern und sonst manches sehen und hören, das sie besser nicht
hören und nicht sehen sollten.
    Überhaupt aber glaubte ich zu finden, dass die Erziehung in solchen
Philantropinen zuviel Kostenaufwand erforderte; folglich, dachte ich, käme
diese Wohltat ärmern Eltern nicht zustatten, und die reichen täten besser, ihre
Kinder unter ihren Augen erziehen zu lassen.
    Alle diese Zweifel nun hob mir der Lehrer mit Höflichkeit, Gründlichkeit und
Bescheidenheit, drei Eigenschaften, die man, nebst der Uneigennützigkeit, wie
ich höre (jedoch vermutlich mit Unrecht), einigen neuern Pädagogen zuweilen hat
streitig machen wollen.
    Im ganzen waren wir beide doch der Meinung, dass nicht alles Neue gut und
nicht alles Alte zu verachten sei; dass die Menschen in Deutschland, wie
allerorten, sehr geneigt seien, von einer Übertreibung in die andre zu fallen;
dass in der Erziehung durchaus keine allgemeine Vorschriften Platz haben können;
dass also die Pädagogik nie eine positive Wissenschaft werden könne; dass es
jedermann freistehen müsse, über dies Geschäft, über diese allgemeine
Menschenangelegenheit, seine Meinung zu sagen; dass die Metoden in solchen
Instituten immer höchst mangelhaft bleiben werden, solange die Aufseher
derselben entweder sich dadurch bereichern wollten, diese Unternehmung als eine
Finanzoperation ansähen oder aus Mangel an Fonds gezwungen wären, nach einer
grossen Anzahl Zöglinge, deren Eltern reich wären, zu streben, ihre Einrichtungen
anzupreisen, auszuposaunen, die Fehler derselben zu bemänteln und denen mit
Grobheiten das Maul zu stopfen, die mit Recht oder Unrecht etwas daran tadelten;
endlich, dass die alte Erziehung doch auch sehr viel grosse Männer gebildet hätte
und dass wir beiden selbst, die wir davon redeten, Ursache hätten, die Metoden
unsrer ehmaligen Lehrer nicht zu verachten; dass man übrigens, was die neuere
Erziehung geleistet hätte, erst gegen Ende dieses Jahrhunderts nach dem Erfolge
würde beurteilen können.
    Ich gestehe, dass ich mich freundschaftlich hingezogen fühlte zu dem wackern
Erzieher, und da ich von meinem allergnädigsten Könige Auftrag hatte, auch ein
Paar Pädagogen mit dem nächsten Transporte nach Abyssinien zu schicken, so tat
ich meinem neuen Freunde den Antrag, einer von diesen zu sein, und überliess ihm
die Wahl des andern. Allein er schlug mein Anerbieten aus, so verführerisch es
auch, wie er sagte, für ihn war. Dagegen aber empfohl er mir zwei andre Männer,
wovon der eine kürzlich sich mit dem Direktor eines solchen Instituts
verunwilligt hatte, wobei es zu einigen Schlägen gekommen war, der zweite aber
das Unglück gehabt hatte, zu bekannt mit einem Fräulein zu werden, in deren
Elternhause er Erzieher gewesen war, weswegen er denn hatte flüchten müssen. Da
mein Freund beiden Männern übrigens ein sehr gutes Zeugnis gab, so nahm ich
keinen Anstand, ihm die Bedingungen mitzuteilen, unter denen ich sie annehmen
dürfte, und wir verabredeten, dass sie sich binnen vier Wochen in Kassel bei mir
einfinden sollten.
    Indes wir nun also miteinander plauderten, hatten sich die Knaben mit meinem
Prinzen unterredet. Dieser war, wie man weiss, über siebenzehn Jahre alt, aber
sehr verzärtelt und schwach an Kräften. Er hatte, wie es schien, bei den jungen
Leuten seinen Fürstenstand gelten machen wollen; sie aber waren nicht gewöhnt,
darauf etwas gutzutun; auf einige Stichelreden, die man desfalls gegen ihn
vorgebracht hatte, war er grob geworden; ein nervichter Junge nahm dies krumm,
und ehe ich es hindern konnte, sah ich den Prinzen von seinem Gegner zur Erde
gestreckt. Ich sprang herzu und erlösete ihn, dem diese Lektion sehr missbehagte,
und hielt mit Mühe ein paar herbeieilende Bediente des Prinzen ab, sich in das
Spiel zu mischen. Da übrigens hier an keine Bestrafung des Verbrechens der
beleidigten Majestät zu denken war, so blieb uns nichts übrig, als in den Wagen
zu steigen und von dannen zu fahren; und so kamen wir in einer Stunde in Dresden
an.
 
                                Drittes Kapitel
                            Fortsetzung des vorigen
Wir hielten uns nicht lange in Dresden auf; es war die Zeit der Leipziger
Buchhändlermesse, und ich hatte eine doppelte Ursache, gern alsdann dort sein zu
wollen. Ich war nämlich, durch meine Abwesenheit, ein wenig verhindert worden,
in der Kenntnis der deutschen Literatur mit fortzurücken; hier, wo einige
hundert Buchhändler alle neuern Produkte vaterländischer Gelehrsamkeit und des
Geschmacks gegeneinander austauschen, konnte ich hoffen, in wenig Tagen
deutlichere Begriffe von dem gegenwärtigen Zustande der Kultur und dem
literarischen Tone in Deutschland zu bekommen als andrerorten in langen Monaten.
Da ich ferner den Auftrag, Gelehrte und Schriftsteller aller Art für Abyssinien
anzuwerben, nie aus den Augen verlor, so dachte ich, Leipzig sei zur Zeit der
Messe grade der Ort, wo ich teils einige derselben persönlich kennenlernen,
teils von den Buchhändlern erfahren könnte, welche unter ihnen in vorzüglich
grossem Rufe stünden. Die jungen reisenden Prinzen müssen, wie bekannt, daran
Geschmack finden, was ihre Hofmeister wählen; also war auch mein schwarzer Prinz
sogleich bereit, meinem Plane zu folgen.
    Wir kamen gegen Abend an und traten in einem grossen Gastofe ab. Indes die
Tafeln für Seine Hoheit und uns alle bereitet wurden, ging ich hinunter in das
allgemeine Gastzimmer und unterhielt mich ein wenig mit den dort sitzenden
Gästen. Es waren auch, wie ich bald merkte, Gelehrte und Buchhändler darunter.
Einer von ihnen zeigte mir den grossen Messkatalogus. - Mein Gott! wie erschrak
ich! Gegen ein Werk von nützlichem Inhalte zehn dickleibichte Romane, deren
Titel nicht einmal von Sprachfehlern und Albernheiten frei waren; ebensoviel in
acht Tagen verfertigte Lust- und Trauerspiele, ebensoviel Werke über
Freimaurerei, Taschenspielerkünste, Geistersehen und Goldmachen; ebensoviel
Schmähschriften gegen den persönlichen Charakter solcher Männer, die man, bei
ihrer ersten Erscheinung in der gelehrten Welt, zur Ungebühr ausposaunt hatte,
an denen man nun seine eigne Blödsinnigkeit bestrafte, alles wirklich Gute an
ihnen mit Füssen trat und auf die unwürdigste Weise kleine Anekdoten aus ihrem
Privatleben, die niemand nichts angingen, hervorsuchte, um den Mann öffentlich
zu beschimpfen und preiszumachen, der im Grunde nichts weiter versehen, als dass
er das Unglück gehabt, einst, mehr als er gefordert hatte, hoch gepriesen zu
werden; ebensoviel Märchensammlungen, in welchen Geschichtchen, die schon
hundertmal gedruckt waren, ja, deren einige in aller Ammen Munde waren, neu
aufgestutzt erschienen. - Und endlich Musenalmanache, Blumenlesen! - Einer von
den Gästen holte ein solches Büchelchen aus der Tasche hervor; ich blätterte
darin und erstaunte. »O Himmel!« rief ich, »sind das Verse? Ist es genug, dass
man seinen Unsinn in kurzen, langen und mittelmässig langen Zeilen absetze, um
das ein Gedicht zu nennen? So kann ja jeder Knabe seine Schulexercitia, wenn er
sie auf diese Weise schreibt, zu Versen erheben! Wo man verlegen ist, eine lange
Silbe zu finden, da nimmt man statt dessen fünf kurze oder macht auch nach
Belieben zu kurzen Silben solche, in denen sechs rauhe Konsonanten, zwei
doppelte M und dergleichen vorkommen. Was in aller Welt«, fragte ich, indem ich
weiter blätterte, »will dieser Barde aus Wien mit seinem holprichten reimlosen
Gewäsche voll Provinzialismen? Kann etwas als Gedicht wohlklingen, was schon als
Prosa das Ohr beleidigen würde? Und welch eine unwürdige Veranlassung zu diesem
kleinen Liede? Kann man in Dichterfeuer gesetzt werden von einem Gegenstande,
der der Aufmerksamkeit jedes verständigen Mannes unwert ist? Und dies platte
Sinngedicht! Ist ein Einfall, dessen sich ein Knabe von einigen Anlagen schämen
sollte, wert, in der erhabnen Sprache der Begeisterung vorgetragen zu werden?
Und diese Kleinigkeit von dem edeln Gleim! Kann der würdige Sänger der
Kriegslieder sich, aus Gefälligkeit gegen ein entnervtes Publikum, zu solchen
wässrichten Spielereien herablassen? Lieset denn niemand mehr unsre alten Lehrer,
Hagedorn, Gerstenberg, Lessing, Kleist, Utz, Gellert, Ramler, Wieland, Klopstock
und andre, um zu lernen, was Versbau, Wohlklang, Erhabenheit heisst? Und was
sagen unsre Kritiker dazu?« Als ich der Kritiker Erwähnung tat, sah ich, wie
ein paar von den Buchhändlern schelmisch einander anlächelten. Ich bat sie, mich
zurechtzuweisen, wenn ich etwas Albernes sollte gesagt haben. »Nein!« antwortete
der eine, der ein stattlicher Mann aus Hamburg war, »Sie würden vollkommen recht
haben, von der Kritik zu verlangen, dass sie Schriftsteller und Dichter vor
Vernachlässigung weiser Regeln warnte, wenn unsre Kunstrichter bekannte Männer
von Kenntnissen und Ruf wären. Wenn aber jeder unbärtige Knabe, der ein wenig
Lectur hat, sich mit einer Gesellschaft von Halbgelehrten seinesgleichen
vereinigt und dann hinter der Maske der Anonymität die Werke der grössten Männer
von entschiednem Rufe mit Machtsprüchen für lose Ware erklärt, seiner
unbedeutenden Freunde unreife Geburten hingegen als Meisterstücke ausposaunt;
oder wenn ein elender Zeitungsschreiber seinen interessanten Nachrichten von den
geschmacklosen Festen, welche die Fürsten und Gesandten gegeben haben, von
Universalarzeneien und von Kuriern, deren Depeschen noch niemand gelesen hat,
grössern Gewinstes wegen, auch einen sogenannten gelehrten Artikel anhängt, das
heisst ein leeres Blatt, bestimmt, um darauf gegen gute Bezahlung die
Lobeserhebungen abzudrucken, welche wir Verleger oder die Schriftsteller selbst
von ihren eignen Büchern ihnen einschicken; oder wenn ein Dutzend junger Leute,
unter der Firma eines Mannes von einigem Rufe in der gelehrten Welt, in einem
kritischen Journale, statt unparteiisch die herauskommenden Werke nach dem
innern Gehalte zu beurteilen, den darin herrschenden bestimmten Begriffen
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die schwankenden hingegen zu widerlegen,
wenn sie, sage ich, statt dessen die Lieblingsmeinungen ihres Anführers
allgemein zu machen suchen und jedes Buch tadeln müssen, in welchem gegenteilige
Sätze vorgetragen werden; oder wenn nun gar, unter dem Namen von gelehrter
Kritik, der persönliche Charakter der Schriftsteller hämischerweise angegriffen
wird; wenn man ehrliche, harmlose Leute dem Publico verdächtig zu machen sucht,
Szenen aus ihrem Privatleben, die niemand nichts angehen, auf die gehässigste
Art hervorzieht, um dem Manne, dessen literarische Verdienste man vielleicht
beneidet, die öffentliche Achtung zu rauben, von welcher sein bürgerliches Glück
abhängt - sagen Sie mir, mein Herr, ob dann noch die Kritik bei uns in Ansehen
stehen kann und ob nicht die Rezensionen auch der unparteiischsten,
kenntnisvollsten Journalisten verdächtig werden müssen?«
    Diese Schilderung gefiel mir nicht; ich fasste aber Zutrauen zu dem Manne,
welcher sie mir entwarf, und eröffnete ihm meinen Vorsatz, in Leipzig einige
Gelehrte, Künstler und einen Buchhändler anzuwerben, die sich entschliessen
könnten, nach Abyssinien zu reisen, wobei ich ihm dann die vorteilhaften
Bedingungen bekanntmachte, unter denen sie sich in Adova niederlassen könnten.
Der redliche Buchhändler sagte mir gradeheraus, dass schwerlich Männer von
einigem Rufe, und die in Deutschland ihr Auskommen hätten, sich zu dieser weiten
Reise verstehen würden; doch versprach er, die Sache in Leipzig bekanntzumachen.
    Am folgenden Tage nun hatte ich einen grossen Überlauf von Leuten aller Art,
die sich für Dichter, Philosophen, Tonkünstler, Maler und dergleichen ausgaben
und mir, zum Beweise ihrer Geschicklichkeit, ihre Werke überreichten. Von
Buchhändlern meldete sich niemand als Herr Schulz aus Hanau. Dieser schien ein
ganz guter Mann zu sein, und wir wären gewiss unsers Handels einig geworden, wenn
er nicht noch an demselben Tage die Nachricht bekommen hätte, dass man einen
Buchhändler-Umschlag in Hanau anlegen wollte, bei welchem für ihn viel zu
gewinnen sein würde; er zog also sein Wort zurück. Dagegen wollte mir Herr
Schmieder aus Karlsruhe einen seiner Freunde empfehlen, allein man warnte mich,
mich mit diesem nicht einzulassen. »Sie werden sich«, sagte man mir,
»unangenehmen Vorfällen aussetzen, wenn anders Polizei in Abyssinien ist; denn
diese Leute, so wackre Männer sie auch sonst sind, können das vermaledeite
Nachdrucken nicht lassen, und dagegen hat man nun einmal das Vorurteil, es für
Dieberei zu halten.« Endlich wurde ich mit einem jungen Manne aus Berlin einig,
der einen Buchladen in Adova anzulegen versprach.
    Ich wollte nun auch gleich ein grosses Sortiment von deutschen Büchern mit
nach Abyssinien schicken und ging desfalls mit dem redlichen hamburgischen
Buchhändler, wegen der Wahl dieser Schriften, zu Rate. Er stellte mir folgendes
vor. »Ich weiss nicht«, sprach er, »ob in Abyssinien, wie etwa in England, ein
bestimmter, fester Geschmack herrscht oder ob, wie bei uns, eine Modeseuche von
der andern verdrängt wird. In Deutschland machen zum Beispiel jetzt alle
Schriften über Freimaurerei und Jesuiten ihr Glück; in den folgenden Messe kauft
diese Ware kein Mensch mehr, weil die Periode von Empfindelei eingetreten ist,
welche Herr Miller in Ulm mit seinen Romanen voll Mondenschein angegeben hat;
ein halbes Jahr nachher muss Sturm und Drang aus allen Produkten der neuesten
Literatur hervorbrausen; die Leute müssen dann alle reden, als wenn sie im
Fieberparoxysmus lägen; dieser Geschmack wird wieder von einem andern
überwältigt, und wenn grade gar keine solche Torheit herrschend ist, schreibt
man über Pädagogik. Auf allen Fall werden Sie indessen am besten tun, wenn Sie
von jedem Sortimente einige Zentner mitschicken. Als Ballast können Sie die
grösste Anzahl Artikel brauchen, die bei den Gebrüdern Korn in Breslau
herauskommen. Wo am mehrsten von den Schiffsmäusen zu besorgen ist, dahin legen
Sie die Erziehungsschriften und die Anekdoten- und Märchensammlungen. Wenn auch
einige Alphabete davon weggefressen werden, so schadet das nichts, weil das
mehrste von dem, was darin steht, doch schon oft anderwärts gedruckt ist. Die
Musenalmanache und dergleichen müssen Sie vor der Nässe bewahren, sonst
verderben die Bilder, und die sind das Beste darin. Die Romanen, die ein
gewisser geistlicher Herr herausgibt, bedürfen weniger Sorgfalt; sie sind
ziemlich weitschweifig geschrieben, so dass ohne Nachteil aus jedem zwanzig Bogen
ausfallen können, und zudem wiederholt er sich ja in jedem seiner neuen
Produkte; folglich kann nicht leicht etwas von dem, was er je gesagt hat,
verlorengehen. Die teologischen Schriften würde ich sorgfältig von andern
verständigen Werken absondern; es gibt sonst Streit. Die juristischen können Sie
statt der Matratzen in die Hängematten legen; es schläft sich gut darauf. In die
Journale mögen Sie die übrigen Waren einwickeln. Wollen Sie Übersetzungen
mitschicken, so müssen Sie zwei Schiffe ausrüsten. Die wenigen guten
Geschichtsbücher, die wir seit kurzer Zeit gewonnen haben, einige
philosophische, matematische und kameralistische Aufsätze und die Schriften
unsrer geschicktesten Ärzte und Naturkündiger will ich Ihnen aufzeichnen; diese
bitte ich in Ehren zu halten; sie haben alle in der Kajüte Platz. Meines lieben
Bürgers Gesänge und drei unsrer andern neuern Dichter will ich Ihnen, nebst
Wielands Meisterstücken, in Franzband einbinden lassen, damit Ihre Leute
unterwegens darin lesen und darüber die Beschwerlichkeiten der Reise vergessen
mögen.«
    Ich dankte dem ehrlichen Buchhändler für diesen Unterricht und folgte
pünktlich seinem Rate. Was aber die Gelehrten und Künstler betraf, die ich in
Leipzig in Sold nehmen wollte, so war ich doch in einiger Verlegenheit über die
Wahl, welche ich unter der Menge derer, die sich gemeldet hatten, treffen
möchte. In meiner Instruktion stand, dass ich durchaus zwei Philosophen vom
Handwerke liefern sollte; dies schien mir aber leichter zu befehlen als
auszuführen. »Wer wahrhaftig den Namen eines Philosophen verdient«, sagte ich,
als ich mit Manim, dem geheimen Sekretär, darüber sprach, »der wird da, wo er
lebt, zufrieden sein und sich nicht durch den Wink eines Fürsten verleiten
lassen, nach Abyssinien zu wandern. Indes nennt sich heutzutage jeder Mensch,
der ein bisschen querfeldein räsoniert, einen Philosophen; aber mit solchen
sogenannten Philosophen würde ich wenig Ehre einlegen.« Zwei Männer hatten sich
bei mir unter diesem Titel gemeldet; der eine schien ein etwas ungeschliffener
Geselle zu sein, der allem widersprach, was man in seiner Gegenwart vorbrachte,
übrigens aber beinahe so vernünftig redete wie ein Mensch, der kein Philosoph
ist. Das einzige, was mir an ihm missfiel, war, dass er auf alle solche Dinge
schimpfte, zu deren Besitz er entweder, seinen bürgerlichen Verhältnissen nach,
nicht gelangen konnte, zum Beispiel Rang und Ehrenstellen, oder wozu er keine
Neigung in sich empfand, und dass er sich über alle Konventionen der
gesellschaftlichen Verbindung hinaussetzte, von welcher er doch nicht gänzlich
unabhängig leben konnte, auch die Vorteile vorlieb nahm, die ihm ihre
Einrichtungen gewährten. Übrigens hatte er einen Widerwillen gegen den Wein und
empfohl daher die goldne Mässigkeit. Die Philosophie des andern Mannes, der sich
bei mir angab, war in ein lächelndes Gewand gehüllt; seine Weisheit bestand
eigentlich darin, alles von der lustigen Seite anzusehen; er genoss, wo er
Gelegenheit hatte und Trieb dazu fühlte; er spottete über das, was er nicht
verstand, floh alle beschwerliche Arbeit und Anstrengung und war kein Feind von
einer wohlbesetzten Tafel. Ich war lange Zeit unschlüssig, ob ich diese beiden
Philosophen nach Abyssinien schicken sollte oder nicht; endlich aber, und da mir
ohnehin keine Wahl übrig blieb, bestimmte ich mich dazu und gab ihnen die
Anweisung, zu eben der Zeit wie die von mir in Sold genommnen Pädagogen und der
Buchhändler nach Kassel zu kommen.
    Was die Dichter betraf, so hatte ich unter einhundertunddreiundvierzig
Poeten, die sich bei mir meldeten, die Wahl. Dies waren insgesamt junge Leute,
an welche die Eltern zum Teil den Rest ihres Vermögens gewendet hatten, um sie
in Leipzig Brotstudien lernen zu lassen, damit sie einst die Stützen ihrer
Familien und nützliche Bürger im Staate werden sollten. Weil sich aber Neigungen
nicht zwingen lassen, so waren die Söhne ihrem Hange zu dem bequemern Studium
der schönen Wissenschaften und Künste gefolgt und hatten sich vorzüglich auf das
Versemachen gelegt. Ich hielt es vier Tage lang mit aller möglichen Geduld aus,
mir von ihnen Produkte in aller Art Poesie vorlesen zu lassen und die
Manuskripte, welche sie mir, zur Probe ihrer Geschicklichkeit, überreichten,
durchzublättern; endlich aber wurde mir's zuviel; ich musste mich wohl für zwei
unter ihnen entscheiden. Einen jungen Menschen, welcher Hexameter machte und ein
Heldengedicht, betitelt »Herkulesarbeiten«, in zwölf Gesängen verfertigt, und
einen andern, der mir funfzehnhundert Sinngedichte, einen dicken Stoss
Trinklieder und ein Trauerspiel »Achab und Jesebell« in Alexandrinern überreicht
hatte, diese beiden nahm ich an. Die übrigen verdross der Vorzug, den ich diesen
gab; sie machten Pasquillen auf mich und den abyssinischen Hof, den sie nicht
kannten, besangen die Freiheit des Dichterlebens und die Schande, von den Grossen
der Erde Pensionen anzunehmen, und einer von ihnen warf mir gar in der Nacht die
Fenster ein.
    Ich wollte Leipzig nicht verlassen, ohne einen Mann kennenzulernen, der
damals dort war und der mir ebenso merkwürdig wegen seines edeln Herzens als
wegen der unverkennbaren grossen Verdienste um die deutsche Literatur schien.
Auch ein Buchhändler, aber nicht von gemeinem Schlage; ein Mann, der Studium,
Geschmack, echte Philosophie und unbestechbaren Eifer für Wahrheit in gleich
hohem Grade besitzt; ich meine Nicolai, der nun seit einer langen Reihe von
Jahren, mit den besten Köpfen Deutschlands in Verbindung, vernünftige und
gründliche Kritik in ihrer Würde zu erhalten sucht und den falschen Geschmack
und die jedesmaligen Torheiten des Zeitalters mutig bekämpft. Ich hatte das
Glück, mich ein paar Stunden lang mit ihm zu meiner Belehrung zu unterhalten.
Wirklich bedurfte ich dieser Belehrung, denn ich war gar nicht mehr zu Hause in
der deutschen Literatur. Als ich mein Vaterland verlassen hatte, warf man unsern
Gelehrten mit Recht Pedanterei vor; jetzt hatte man Ursache, gegen den allgemein
einreissenden Mangel an Gründlichkeit und Anordnung in Gedanken und Vortrag zu
eifern.
    Um den ersten Transport von Gelehrten und Künstlern, die ich nach Abyssinien
schicken sollte, vollständig zu machen, fehlten mir noch einige Tonkünstler;
auch hierzu hoffte ich in Leipzig Gelegenheit zu finden. Es gaben sich viel
Leute bei mir an; aber soll ich meinen altväterischen verdorbnen Geschmack
anklagen, oder waren die Künstler daran schuld? Genug! keiner von diesen Herren
wirkte mit seiner Musik auf mein Herz. Derjenige, welcher als Kapellmeister
angenommen zu werden verlangte, spielte mir auf dem Klavier etwas von seiner
eignen Komposition vor und phantasierte nachher noch ein Stündchen; allein ich
hörte nichts als ein verwirrtes Gewühl von Tönen untereinander - das war keine
Sprache menschlicher Empfindung, menschlicher Leidenschaft. Ausweichungen in
entfernte Tonarten, durch Verwandlungen von # in b, die nur dazu dienen konnten,
die Ohren für den feinen Unterschied zwischen Dis und Es, Cis und Des usf.
stumpf zu machen und Verhältnisse unter Harmonien zu finden, die nichts
miteinander gemein haben; ungeheuer schwere Passagen und Fingerkunststückchen,
die lustiger anzusehen als ihre Wirkungen reizend zu hören waren. Mit dem allem
aber hatte der Mann sich doch einen gewissen Namen gemacht, und man würde meiner
gespottet haben, wenn ich ihn nicht angenommen hätte.
    Der zweite Tonkünstler, den ich für die Kapelle meines gnädigsten Königs
anwarb, war ein Violinist, der eine bewunderungswürdige Fertigkeit in seiner
linken Hand hatte. Er fuhr damit jeden Augenblick bis an den Steg hinauf; ich
kann nicht sagen, dass er immer ganz rein intoniert hätte; allein das bemerkt man
auch bei diesen schnellen Spässen und Sprüngen nicht, und empfinden konnte man
nun freilich nicht mehr dabei als bei dem Anblicke eines Seiltänzers; immer aber
war seine Kunst merkwürdig zu sehen. Ich brachte eine kleine musikalische
Gesellschaft zusammen; unser Virtuose spielte ein Violinkonzert. Das erste
Allegro war erhaben und schön, fast im hohen tragischen Stile geschrieben; ein
bisschen verdarb er es durch die letzte Kadenz, in welcher er das Katzengeschrei,
obgleich sehr natürlich, nachahmte. Dann kam ein Adagio, dessen langsame,
melodische Fortschreitung er durch eine Menge unnützer Läufe und Schnörkel dem
Gange eines Hundes gleich machte, der denselben Weg zehnmal hin- und herläuft.
Zuletzt folgte ein artiges Rondo, wovon das Tema die Melodie des Liedes war:
»Meine Mutter, die hat Gänse, fünf graue, sechs blaue; sind das nicht Gänse?«
Alle Zuhörer, mich ausgenommen, bewunderten dies allerliebste Stück; ich konnte
es nicht fassen, wie man Vergnügen daran finden könnte, ein elendes Gassenlied,
das schon Ekel erweckt, wenn es einmal geleiert wird, auf vielfache Art, mit
allerlei armseligen Veränderungen wiederholen zu hören. Indessen erschallte,
sooft der Virtuose durch ein paar Semitone wieder in das Tema fiel und wieder
anhub die Melodie: »Meine Mutter, die hat« etc., ein lautes Bravo, Bravissimo!
Er zeigte mir auch die Partitur eines von ihm komponierten musikalischen
Hochamts. Die Ouvertüre war im Dreivierteltakte geschrieben; ein bisschen
geschwinder gespielt, so würde man sie für eine von den wienerischen
Wirtshausminuetten gehalten haben, womit der grosse Haydn, leider! seine
erhabensten Werke bunt-scheckicht macht. Alle übrigen Teile der Messe waren im
galanten Teaterstil geschrieben, und das Agnus Dei war eine Art von Pastorale.
Ich hatte von jeher ganz andre Begriffe von der Würde der gottesdienstlichen
Musik gehabt, als dass ich hätte glauben können, dass dergleichen Spielereien
darin angebracht werden dürften, und ich erinnerte mich noch recht wohl, wie
herzlich ich einmal in meiner Jugend lachte, als ich in Goslar von dem Kantor
unsrer Schule (der, im Vorbeigehen gesagt, da es ihm an Sängern fehlte, zwei
Stimmen zu übernehmen pflegte, indem er bald einen fürchterlichen Bierbass, bald
eine unangenehme fistula ani sang), als ich von diesem Kantor des guten
Schwindels Oratorio »Die Hirten bei der Krippe in Betlehem« aufführen hörte. In
dieser Kantate liess er es im Stalle, wo die Muttergottes doch wohl keine
englische Wanduhr stehen gehabt hat, zwölf schlagen, und jeden Glockenschlag
beantworteten die Violinen mit einem Akkord. Das war nun wohl auch Spielerei
gewesen; allein im ganzen hatte doch vor zehn Jahren mehr Ernst im Kirchenstil
geherrscht, als ich jetzt fand. Ich äusserte meine Verwunderung darüber; man
versicherte mich aber, das sei jetzt der neueste Geschmack, und man fände,
besonders in katolischen Kirchenmusiken, nicht nur äusserst selten einfachen
edeln Gesang ohne melismatische Verzierungen, sondern es wäre auch nichts
Ungewöhnliches, den Organisten, während der Wandlung, das Tema eines Liedchens
aus einer Opera buffa leiern zu hören; überhaupt forderte man jetzt von der
Musik nichts, als dass sie das Ohr kitzeln, und von dem Spieler und Komponisten
nichts, als dass sie überraschen, sich durch irgendeine Bizarrerie auszeichnen
sollten. Die Italiener fingen schon wieder an, die Rezitative, dem Namen und
Zwecke dieser Gattung gänzlich entgegen, statt eines einfachen, der gewöhnlichen
Sprache, bis auf die stärkere Akzentuierung nach, so nahe als möglich kommenden
Vortrags, mit Manieren, Läufen und Passagen zu überladen. Kürzlich wäre eine
vortreffliche Sängerin, die aber zu reine Begriffe von ihrer Kunst gehabt hätte,
um jenen verdorbnen Geschmack anzunehmen, in einer grossen Residenz angekommen;
man hätte es ihr aber unmöglich gemacht, sich soviel Zuhörer zu verschaffen, als
zu Bestreitung der Unkosten eines Konzerts erforderlich gewesen wären. Bald
nachher hätte ein reisender Scharlatan angekündigt, er wolle sich auf der
Maultrommel öffentlich hören lassen, und da hätte nicht nur die Polizei den Kerl
nicht zur Stadt hinausgejagt, sondern er wäre mit einem bespickten Beutel
weitergereist.
    Am mehrsten Beifall fand damals, wie ich merkte, die Musik der italienischen
Opere buffe. Deutsche Männer, die Talente zu bessern Dingen gehabt hätten,
fingen an, diese elenden geschmack- und sittenlosen Farcen zu übersetzen, der
italienischen Komposition, ohne Rücksicht auf Vernunft, Wohlklang und echte
Deklamation, holprichte deutsche Worte unterzulegen, und das Publikum tötete in
diesem abscheulichen Schauspiele seine besten Stunden, hörte nur auf das Geleier
und übersah den Unsinn - als wenn es unmöglich wäre, Vernunft und Geschmack zu
vereinigen. - Die welschen Possenspieler hatten Zulauf in Menge, und unsre
einländischen Meisterstücke wurden vor leeren Bänken aufgeführt.
    Da es denn nun einmal mit der Tonkunst in Deutschland nicht anders aussah
und ich doch deutsche Tonkünstler anwerben sollte, so schloss ich mit dem
Kapellmeister und dem Violinisten meinen Kontrakt und nahm noch einen Virtuosen
auf einem ganz neuen Instrumente an, welches man das Basset-Horn nannte und das
viel Ähnlichkeit mit dem Geschrei einer wilden Gans hatte.
    Auf diese Weise waren nun meine Geschäfte in Leipzig beendigt, und ich
reisete mit meinem Prinzen und seinem Gefolge weiter.
 
                                Viertes Kapitel
  Ankunft in Kassel, Transport der Gelehrten und Künstler nach Abyssinien. Der
                         Kronprinz tritt in den Dienst
Es würde die Leser ermüden, wenn ich ihnen eine längere Beschreibung von
demjenigen liefern wollte, was wir auf dieser ersten Reise bis zu unsrer Ankunft
in Kassel sahen und beobachteten; deswegen will ich meine Erzählung nun von
unserm Einzuge in diese letztere Stadt wieder anfangen.
    Hier war es, wo mein Prinz in Kriegsdienste treten, und zwar von unten auf
anfangen und so von Stufe zu Stufe bis zu den höchsten militärischen
Ehrenstellen fortrücken sollte, welches, wie bekannt ist, bei Fürstensöhnen,
ihrer angebornen Verdienste wegen, ziemlich schnell zu gehen pflegt.
    Ich glaubte nicht, dass man diesem Plane das geringste Hindernis in den Weg
legen würde, denn er war ja wahrlich so gut Prinz als einer und wollte nur der
Ehre wegen dienen; allein es fiel sehr gegen meine Erwartung aus. Des Königs von
Abyssinien Majestät hatten mich als Gesandten an dem Hofe des damals regierenden
Landgrafen akkreditiert, und Seine Hoheit der Tronerbe befand sich in meiner
Suite inkognito. Unser Gefolge war prächtig, und ich zweifelte keinesweges
daran, dass man uns mit ausgezeichneter Ehre am Hofe empfangen würde. Um desto
grösser war mein Befremden, als man uns für Abenteurer hielt, gar nichts von
einem Königreiche Abyssinien wissen wollte und mich, den Gesandten eines grossen
Monarchen, lächerrlich zu machen suchte. Der damalige Bibliotekar in Kassel, ein
Franzose, bekam Auftrag, in Reisebeschreibungen nachzusehen, ob und wo in der
Welt das Königreich Abyssinien gelegen sei. Ich war zuweilen bei seinen mühsamen
Nachforschungen gegenwärtig und fand, zu meiner Verwunderung, »Sophiens Reisen
von Memel nach Sachsen« mit unter die Reisebeschreibungen gestellt. War nun der
Umstand daran schuld, dass der gute Mann kein Deutsch verstand, oder wusste man
wirklich in Kassel nichts von Abyssinien und hatte auch keine Bücher darüber -
genug! das Resultat blieb, dass man mir ankündigte, man wollte uns zwar erlauben,
in der Residenz als Fremde unser Geld zu verzehren, könne mich aber keinesweges
als den Gesandten eines fremden Hofes anerkennen und den Prinzen schon deswegen
nicht in Kriegsdiensten ansetzen, weil sein schwarzes Gesicht gar zu sehr gegen
die Physiognomien der schönen jungen Leute, woraus des Landgrafen Armee bestand,
abstechen würde. Indessen fand sich ein Mittel, diesen letzten Einwurf zu heben;
es hatte nämlich der Landgraf beschlossen, bei seiner ersten Garde Mohren zu
Trommelschlägern anzunehmen; da nun mein Prinz, wie Peter der Grosse, von unten
auf dienen sollte und Trommelschläger zu werden in der Tat von unten auf dienen
heisst, so tat man mir den Vorschlag, den Tronerben von Abyssinien das Kalbfell
schlagen zu lassen. Ein gewisser italienischer Graf Bollo galt damals sehr viel
am Hofe; ein würdiger Mann, der einst in Polen eine wichtige Rolle gespielt,
einer kleinen kühnen Unternehmung wegen aber, die in dem kalten Polen für nicht
so unbedeutend angesehen wird als in dem wärmern Italien, aus dem Lande gejagt
worden war. Dieser riet mir, den Antrag vorerst anzunehmen, indes aber nach
Abyssinien zu schreiben, mir Verhaltungsbefehle und wichtigre Dokumente zu
meiner Beglaubigung schicken zu lassen, wobei er mir dann Hoffnung machte, dass
in der Folge mein Prinz doch noch wohl, trotz seines schwarzen Antlitzes, zu den
höchsten kriegerischen Ehrenstellen gelangen könnte. Ich liess also Seine Hoheit
Tambour werden und mietete für mich und unser Gefolge ein grosses Haus. Hier
lebten wir als reiche Privatleute, gaben oft grosse Schmausereien und hatten das
Glück, unsre Tafel immer von Gästen, besonders von Fremden, deren eine Menge
dort wohnten, umringt zu sehen, unter welchen sich vorzüglich einige
französische Marquis, zum Beispiel der Chevalier de Batincourt, der mit den
ersten Häusern in Frankreich in Verhältnissen stand, fleissig einfanden.
    Während dieser Zeit nun kamen die von mir in Sold genommenen Gelehrten und
Künstler der Verabredung gemäss an. Ich beschloss, sie, begleitet von einigen
unsrer Leute, zu Schiffe auf der Fulda bis Münden, dann auf der Weser bis Bremen
und von da zur See weiter spedieren zu lassen. Mein lustiger Freund, der
päpstliche Ritter und Hofnarr Soban, gab ihnen, als sie abreiseten, einen
komischen Frachtbrief mit, der, in dem gewöhnlichen Kaufmannsstil verfasst, an
den Minister Wurmbrand adressiert war und sich anfing: »Unter Geleite Gottes und
durch den Schiffer N. N. liefern wir Euer Edeln zehn Stück deutscher Gelehrter
und Kunststückmacher, welche wir hier für Seine Majestät eingekauft haben, und
zwar No. 1 et 2 ein Paar Poeten, wovon der eine Lieder und Reime, der andre ganz
ungereimte Verse macht; No. 3 et 4 zwei wohlkonditionierte Menschenerzieher«
usf.
    Nachdem ich diesen meinen Auftrag nach bestem Vermögen ausgerichtet hatte,
war nun meine ganze Sorgfalt auf den mir anvertraueten Kronerben gerichtet;
allein da erlebte ich bald die unangenehmsten Vorfälle, die im folgenden Kapitel
erzählt werden sollen. Der Prinz war, wie alle Fürstenkinder, mit hohen
Begriffen von seinem Stande auferzogen worden; Subordination war schon an sich
ein Ding, woran er gar nicht gewöhnt war, und nun vollends einer so strengen
Zucht sich zu unterwerfen, als unter welcher ein Trommelschläger bei der
hessischen Garde zu stehen pflegt, das war etwas Unleidliches für Seine Hoheit;
doch ging es ein ganzes Jahr hindurch ziemlich gut. Zwar wollte man von seinem
Fürstenstande nichts wissen, weil die Mohren gewöhnlich da, wo man ihre
Genealogie nicht untersuchen kann, sich für Prinzen auszugeben pflegen, die man
in ihrer Jugend ihren durchlauchtigen Eltern geraubt hätte; allein man
behandelte ihn doch ziemlich freundlich; die jungen Offizier scherzten mit ihm;
der Dienst war nicht schwer, und man erlaubte ihm, wenn er nicht auf der Wache
war, in unserm Hause zu leben, wo er seinen Hofstaat bereit fand, alles zu
seinem Vergnügen und zur Entschädigung für die ertragnen Ungemächlichkeiten
beizutragen. Ja, was sonst unerhört, von ihm aber in seiner Kapitulation
ausbedungen war, man gab ihm, während der Landgraf sich in Paris aufhielt, die
Erlaubnis, mit mir eine Reise zu machen. Wir gingen zur Messe nach Frankfurt,
sahen noch andre merkwürdige Städte, besuchten einige Bäder und blieben vier
Monate lang aus.
    Diese Reise hatte auf die Sitten des Prinzen keine so vorteilhaften
Einflüsse, als ich gewünscht hätte. Durch die freien, zum Teil zügellosen Reden,
die der junge Herr in der Wachtstube in Kassel gehört, und durch mutwillige
Scherze, die man dort mit ihm getrieben hatte, war der Keim zu allerlei
unregelmässigen Begierden in ihm rege und sein Sinn für Trunk, Spiel und Weiber
erweckt worden. Seine Hofleute hatten bald gemerkt, zu welchem Grade von
Aufklärung der Prinz gekommen war, und hatten, um sich ihm gefällig zu machen,
ihm heimlich Gelegenheit verschafft auszuschweifen. Mein ehrlicher Manim machte
mich aufmerksam darauf; aber was sollte ich tun? Der Prinz war kein Kind mehr;
es war mir unmöglich, ihn so ängstlich zu bewachen; auch hatte ich manche andre
Geschäfte. Jetzt, auf dieser Reise, fanden sich der Gelegenheiten irrezugehen
noch weit mehr. Er kam in Frankfurt ein paarmal betrunken zu Hause; ich machte
sanfte und ernste Vorstellungen; man antwortete leichtsinnig und spöttisch. In
Mainz hatten sich ein paar junge Domherren ein Fest daraus gemacht, ihn in ein
berüchtigtes Haus zu führen, wo er sich eine ekelhafte Krankheit holte. Ich
ahndete dies bald an seiner Gesichtsfarbe, liess einen Arzt rufen und hoffte,
dieser Unfall sollte ihn von Ausschweifungen zurückbringen; allein kaum war er
hergestellt, so ging wieder das vorige Leben an. Nun hatte ich freilich
unumschränkte Gewalt über die Personen seines Hofstaats und hätte seine
Hauptverführer fortjagen können; aber ich gestehe es, dazu hatte ich den Mut
nicht. Was hätten diese verstossnen Elenden mitten in Deutschland anfangen
wollen? Wer weiss ferner, ob ich nicht ihre heimliche Rache hätte fürchten
müssen! Bei einem einmal an Zügellosigkeit gewöhnten Prinzen würden auch bald
andere ihre Plätze eingenommen haben. Und wer kann sagen, was endlich meiner
erwarten, was Verleumdung und Ahndung, von seiten des Kronprinzen selbst, mir
zubereiten konnte, wenn wir nach Abyssinien zurückkamen? Also, ich bekenne es zu
meiner Schande, sah ich durch die Finger; und ihr, die ihr oft die armen
Prinzenhofmeister tadelt, wiegt ein wenig diese Gründe ab, und setzet euch in
unsre Stelle!
    Bei einem Orte, dessen Bäder und Brunnenquellen eine Menge Leidende
hinziehen, denkt man sich einen ruhigen, friedevollen Aufentalt, wo die armen
Kranken, neben dem Gebrauche der Heilmittel, Leib und Seele durch zwanglose
Geselligkeit und durch Entfernung von allen häuslichen Sorgen, von tobendem
Geräusche und leidenschaftlichem Tumulte, zu stärken und zu erheitern suchen. Um
desto auffallender musste den Bessern unter unsern abyssinischen Reisegefährten,
die mit den europäischen Sitten noch nicht völlig bekannt waren, der Anblick der
Lebensart in den Bädern sein, die wir besuchten. Pracht, Aufwand, Residenzton,
Hofetikette, Schmausereien, Üppigkeit, Bacchantenunfug bis in die späte Nacht
hinein; die heftigsten Ausbrüche der Liebe, des Zorns, der Rache, der
Eifersucht; Intrigen, Kabalen, hohes Spiel, das so manchen um seine und der
Seinigen ganze zeitliche Glückseligkeit und um seine Gemütsruhe brachte;
Völlerei, Wollust - und, kurz, alles, was Leidenschaften und Begierden im Tumult
erhalten kann, das fand man hier. - »Und hierher reiset man seiner Gesundheit
wegen?« rief Manim aus. »Und was treibt man an jenem grünen Tische, den Leute
mit Sternen und Ordensbändern nun schon seit sechs Stunden umringen? Auf den
Gesichtern der Umstehenden lese ich abwechselnd ängstliche Erwartung,
Schadenfreude, Verzweiflung, Wut. - Hier müssen wichtige Sachen verhandelt
werden, denn ich sehe da Männer von Jahren und Erfahrung, ja, Regenten sitzen,
die gewiss ihre Zeit nicht mit Kleinigkeiten oder gar mit schädlichen Dingen
verderben werden. Sehen Sie nur an! jetzt führt man auch unsern Prinzen hin.
Nun! das ist doch einmal gut, dass er sich auch den bessern Leuten zugesellt.« -
O Himmel! wie sehr irrte Manim! Es war ein Pharao-Tisch. Man hatte Seine Hoheit
verleitet, sich an dies abscheuliche Spiel zu geben; er spielte wie jeder reiche
Neuling, und dabei machte man seinen Ehrgeiz rege. Ein Fürst, hiess es, müsse
grossmütig spielen. - Grossmut und Spiel? - wie herrlich die beiden Dinge zusammen
passen! - Das Ende vom Liede war, dass ich am folgenden Tage eine ungeheure Summe
bezahlen musste. »Pfui!« rief ich aus, »freilich macht Sie dieser Verlust nicht
arm; aber können Sie, ohne zu erröten, hier, in fremden Ländern, Tausende auf
eine Karte setzen, indes Sie in Ihren Staaten, mit der Hälfte der Summe, zehn
Familien vom Untergange erretten könnten? Und vergessen Sie denn, dass dies Geld,
welches Sie hier vergaunern, gar nicht Ihr, sondern der guten Abyssinier
Eigentum ist, die es im Schweiss ihres Angesichts erworben haben?«
    »Hier scheint alles recht lustig herzugehen«, sprach Soban, als wir einst
dem Tanze in einem grossen Saale zusahn; »aber woher kömmt es, dass diese
Menschen, mitten in den Freuden des Tanzes, so gezwungen, so ernstaft aussehen,
als wenn sie ein verdriessliches, wichtiges Geschäfte trieben? Heisst das Tanzen?
Woher kömmt es überhaupt, dass hier in Deutschland die Jünglinge, wenigstens in
den Städten und in den Zirkeln der höhern Stände, so feierlich, so kalt, so
kränklich, so gelehrt, so erfahren, so unteilnehmend, so verschlossen scheinen?«
- »Ach!« erwiderte ich, »daran ist, leider! die Erziehung schuld. Sie werden zu
früh mit der Welt und ihren Verderbnissen bekannt, werden zu früh klug, lesen
zuviel Romane und Bücher zu Beförderung der Menschenkenntnis. Und wenn sie nun
in die wirkliche grosse Welt treten, dann bringen sie schon Widerwillen, Ekel und
überspannte Forderungen mit. Alles ist ihnen zu alltäglich; sie kennen alles
schon aus Büchern; es ekelt sie an. Vererbte Krankheiten nagen am Körper; der
einfache Genuss hat keinen Reiz der Neuheit für sie; sie jagen also dem
erkünstelten nach; Ausschweifungen aller Art erschlaffen die Nerven, in den
Jahren schon, wo die Natur ihre Kräfte zum Wachstume braucht. Kränklichkeit und
böse Launen folgen ihnen dann ohne Unterlass; sie machen sich und andern das
Leben sauer. - Lassen Sie mich dies Bild nicht weiter ausmalen! Wo ist jetzt
noch ein Platz auf dem Erdboden, der nicht die Originale zu diesem Gemälde bei
Tausenden liefert?«
    Die Zeit unsers Urlaubs war nun bald verstrichen, und wir reiseten nach
Kassel zurück. Wir hatten grosse Summen verschwendet - mit wieviel Nutzen, das
können sich die Leser selbst sagen. Der Kronprinz war nicht mehr der blühende,
starke Jüngling, und seine Launen wurden mir oft unerträglich. Er war
auffahrend, ungestüm, dann einmal ausgelassen munter und offenherzig und gleich
nachher herabgespannt, misstrauisch, bitter, heimtückisch.
    Was dabei noch meinen Verdruss vermehrte, war ein Brief von meinem Herrn
Vetter aus Abyssinien, den ich in Kassel fand und aus welchem ich hier einige
Auszüge liefern will.
    »Was zum Henker!« schrieb er mir, »was für Kerl hat mir der Herr Vetter da
aus Deutschland geschickt? Wenn ich nicht glaubte, dass sie alle toll geworden,
indem sie die Linie passiert sind, so würde ich nicht wissen, was ich zu des
Herrn Vetters Auswahl sagen sollte. Die beiden Philosophen haben sich schon
unterwegens auf dem Schiffe gewaltig prostituiert. Der eine war fast immer
besoffen, und da der andre sehr jähzornig ist, so gab es zuweilen fürchterliche
Auftritte. Einst gerieten sie über die echte Toleranz in Streit, und da jener
behauptete, dass man jedem seine Privatmeinungen lassen müsse, dieser hingegen
für das Gegenteil eiferte, wurde der Zwist so lebhaft, dass der Duldungsprediger,
als er seinen Gegner gar nicht überzeugen konnte, ihn bei den Ohren fasste; da
kam es dann zu einer solchen Prügelei, dass sie mit verbundnen Köpfen hier
ankamen. Die Pädagogen sind noch ärger; Herr Ilsenbert läuft allen Mädchen und
Knaben nach, und der Magister Löffler schreibt, statt sich um das
Erziehungswesen zu bekümmern, über Politik. Er hat kürzlich ein Werk
herausgegeben, in welchem er gegen alle Regenten eifert, ungeachtet er doch von
dem unsrigen die schöne Pension einstreicht; er nennt die Fürsten gesalbte
Henker und ermuntert das Volk zum Aufruhre und zu Gründung einer freien
Republik. Von den beiden Dichtern malt der eine die Freuden der Wollust mit den
reizendsten Farben, und der andre singt in rauhen Bardengesängen die
aufrührerischen Grundsätze, die der politische Pädagoge in Prosa ausbreitet. Der
Buchhändler verlegt und empfiehlt allen diesen gefährlichen Unsinn und hat
heimlich eine Menge irreligiöser und unsittlicher Bücher mitgebracht. Die
unschädlichsten Narren sind Eure drei Musiker; aber die Kerl machen ein solches
Geleier, dass der alte Obermarschall neulich im Hofkonzerte die Strangurie davon
bekommen hat. Seine Majestät waren im Begriffe, sehr ungnädig auf Euch zu
werden; ich habe alle Mühe gehabt. Sie zu überzeugen, dass alles dies zur
Aufklärung gehörte, dass die Männer, welche Ihr uns geschickt hättet, im Grunde
sehr geschickte Leute wären, denen man aber, nach den Regeln der Toleranz, Denk-
und Pressfreiheit, ihre kleinen Eigenheiten übersehen müsste. Indessen bitte ich
doch den Herrn Vetter, bei dem nächsten Transporte recht vorsichtig in der Wahl
der Subjekte zu Werke zu gehen und vor allen Dingen die Speditionen über das
Mittelländische Meer her zu machen, damit sie nicht die Linie zu passieren
brauchen, denn ich merke wohl, das verträgt kein deutscher Gelehrter. Übrigens
rückt es nun mit der Universität in Adova ziemlich gut fort. Die beiden Erzieher
sind auch dahin geschickt worden, haben ein Institut angelegt und schon ziemlich
viel Zöglinge. Bezahlen lassen sie sich nicht schlecht, geben sich aber auch
viel Mühe mit den Kindern, lehren sie unter andern allerlei Sprünge und baden
sie täglich in dem Flusse Rieberaini.«
    Dies war der Hauptinhalt des Briefes, der mir einige Unruhe verursachte und
mich zu dem Entschlusse bewog, künftig vorsichtiger in der Wahl der Leute zu
sein, die ich nach Abyssinien senden würde.
 
                                Fünftes Kapitel
   Der Kronprinz erlebt einen verdriesslichen Vorfall, verlässt die hessischen
                       Dienste und geht wieder auf Reisen
Ich habe vorhin gesagt, dass unsre letztre Reise keine lobenswerte Veränderung in
der Gemütsart und in den Sitten des Kronprinzen von Abyssinien bewirkt hatte und
dass dies unangenehme Vorfälle nach sich zog; jetzt komme ich zu der Erzählung
dieses Umstandes.
    Die Ausschweifungen, denen sich Seine Hoheit ergab, hatten seine Natur
geschwächt. Er war nicht mehr so leicht aus dem Schlafe zu wecken als ehemals
und mehrenteils übler Laune, wenn er aus dem Bette aufstand. Eines Tages, da
sein Kammerdiener vergebens sich bemüht hatte, ihn zu gehöriger Zeit auf die
Beine zu bringen, erschien er vor seines Hauptmanns Hause, als die Kompanie
schon nach dem Paradeplatze marschiert war. Der Kapitän, ein Herr von Natsmer,
der überhaupt den Ruf hatte, ein wenig strenge im Dienste zu sein, fragte den
Prinzen, als er sich endlich bei der Kolonnade am Schloss einfand, warum er so
spät käme. Seine Hoheit nahmen dies sehr ungnädig, antworteten etwas naseweis
und wurden (es tut mir leid, dass ich es erzählen muss), nachdem man Ihnen erst
zwanzig derbe Stockprügel hatte zumessen lassen, verurteilt, einige Stunden
krummgeschlossen zu werden.
    Sobald ich Nachricht von dieser unehrerbierigen Behandlung erfuhr, begab ich
mich zu dem Herrn General, Kommandanten und Obersten der ersten Garde, bat,
versprach, drohete sogar mit der strengsten Ahndung von seiten Seiner
abyssinischen Majestät, musste aber die Demütigung erleben, dass auf dies alles
nicht geachtet und mir sogar bedeutet wurde, ich sollte mich bescheidner
ausdrücken, wenn ich nicht Lust hätte, an mir selber eine kleine Exekution
vollziehen zu lassen. Was war also zu tun? Der Prinz musste seine Strafe
aushalten.
    Wütend kamen Seine Hoheit aus der Wachtstube in Ihr Hotel zurück; ich tat
alles, um den Prinzen zu trösten. »Man muss«, sagte ich, »aus jedem widrigen
Vorfalle im menschlichen Leben nützliche Lehren zu ziehen suchen. Unsers
allergnädigsten Königs Majestät haben gewünscht, dass Sie mit der militärischen
Subordination bekannt werden möchten, und Sie haben diese Bekanntschaft,
obgleich freilich auf schmerzliche Art, gemacht. Wer einst befehlen will, muss
gehorchen lernen; auch diese Lektion haben Euer Hoheit heute erhalten. Endlich
aber kann Sie dieser Vorfall noch auf wichtige Betrachtungen leiten. Sie sind
von königlichem Stamme; in ganz Afrika macht man Ihnen das nicht streitig; hier
hingegen will niemand Sie für einen Prinzen anerkennen; man behandelt Sie bloss
als einen Menschen in den Verhältnissen von Unterwürfigkeit gegen stärkere
Menschen. Dies, denke ich, müsste Euer Hoheit auf den Gedanken führen, dass es
doch wohl nicht eigentlich ein allgemeines Naturgesetz ist, was gewisse
Sterbliche zu Fürsten macht, sondern dass man die Rücksicht auf den Unterschied
der Stände nur der Übereinkunft zu danken hat; dass die Menschen, was in ihrer
Macht steht zu geben und einzuräumen, auch wieder nehmen können; dass es also
höchst wichtig und nötig ist, sich Eigenschaften zu erwerben, die nicht von der
willkürlichen Bestimmung des grössern Haufens abhängen, sondern deren Wert von
jedem Erdensohne anerkannt werden muss. Setzen Euer Hoheit nun den Fall, dass, so
wie man hier nichts von Ihrer königlichen Abstammung wissen will, auch die
Völker in Afrika plötzlich auf den Einfall kämen, Sie nicht mehr für vornehmer
halten zu wollen als jeden andern Bürger im Staate, dann, gnädigster Herr,
würden Sie doch wirklich aufhören, Fürst zu sein, weil Sie nur dadurch Fürst
sind, dass man Sie dafür anerkennt, weil nicht die Natur, sondern die Konvention
Fürsten schafft. - Was würde Ihnen dann übrigbleiben, womit Sie sich Unterhalt,
Schutz und Achtung erwerben könnten, wenn Sie nicht dafür gesorgt hätten, sich
zu einem bessern Menschen zu bilden? Sie sehen hier, dass man in der Welt Schläge
austeilt und Schläge bekömmt, je nachdem die äussern Umstände es mit sich
bringen, und dass die Natur es nicht ist, die manche Menschengattungen geboren
werden lässt, um ewig geprügelt zu werden, und andre, um immer zu prügeln.«
    Sehr kräftige dauernde Eindrücke machte diese meine Predigt nun wohl nicht
auf den Prinzen; aber ich tröstete mich damit, meine Pflicht erfüllt zu haben;
übrigens war doch auch mir dieser Vorfall sehr ärgerlich, und da ohnehin nie zu
erwarten war, dass Seine Hoheit in Deutschland zu höhern militärischen
Ehrenstellen hinaufrücken würden, so glaubte ich es verantworten zu können, dass
ich den Prinzen seinen Abschied fordern liess, welcher ihm, seiner Kapitulation
gemäss, nicht verweigert werden durfte. Die Begebenheit selber aber berichtete
ich, mit einiger Vorsicht, nach Abyssinien und meldete dem Könige, dass wir nun
unsre Reise durch Deutschland fortsetzen und auch die Höfe besuchen würden.
    Von dieser Reise werde ich, wie von der vorigen, keine weitläuftige
Beschreibung liefern, sondern wiederum nur einzelne Bemerkungen mitteilen, die
meine Abyssinier über die Sitten und Einrichtungen in Deutschland machten, und
hie und da irgendeinen Vorfall erzählen, der uns begegnete. Wir durchstreiften
übrigens diesmal den grössten Teil der westlichen und südlichen Provinzen meines
Vaterlandes und nahmen dann, wie man hören wird, den Rückweg durch die
preussischen Staaten.
    Äusserst auffallend war meinen Reisegefährten die Menge und Mannigfaltigkeit
der Gesetze, die Verschiedenheit des Münzfusses, des Masses, des Gewichts, der
Regierungsform, der Lebensart und der Gebräuche. Sie meinten, auf unsern
Reichstagen, wo doch wohl manche wichtige Dinge verhandelt würden, möchte es der
Mühe wert sein, diese Buntscheckigkeit endlich abzuschaffen. »Für Fremde und
Einheimische ist das alles gleich unbequem«, sagte Manim, »in manchem deutschen
Staate, der kaum drei Quadratmeilen gross ist, gibt es mehr zum Teil sich
widersprechende Verordnungen, als ein Mensch, erreichte er auch Metusalems
Alter, im Gedächtnisse fassen kann. Jeder Stand, jeder Ort hat seine eignen
Sitten, und mit der feinen Lebensart, mit welcher man in einer Gesellschaft
allgemein gefällt, gilt man in der andern für einen abgeschmackten Menschen. Die
Verschiedenheit des Masses, Gewichtes und Münzfusses macht unbeschreibliche
Verwirrung und Erschwerung im Handel. Ihr rechnet nach Geldsorten, die gar nicht
existieren. Der Kaufmann, der sein Hauptbuch schliessen will, muss sich den Kopf
zerbrechen, um die Prozente mit kurrenten, mit den Species-, mit den
Banco-Talern, leichten und schwerern Gulden, Kreuzern, Stübern, guten Groschen,
Mariengroschen, Albus, Dreiern, Batzen, Pfennigen, Hellern, lübisschen,
dänischen, flämischen Schillingen und Groten, Petermännchen und, Gott weiss! mit
welchem Zeuge zu vergleichen, seine Agio-Rechnung und seinen Abschluss zu machen.
Postanstalten, Meilenberechnung, Wege, Zölle, alles ist unendlich verschieden.
Man verliert Geduld, Zeit und Geld dabei.«
    Was die Post betrifft, so hatten wir damit einen sonderbaren Vorfall. Einer
unsrer Bedienten hatte, ich weiss nicht mehr, wo, der öffentlichen fahrenden Post
einen Koffer, worin seine sämtliche Wäsche war, weil kein Raum mehr dafür auf
unserm Bagagewagen gewesen, anvertrauet. Der Adresse nach sollten wir ihn in
Frankfurt finden; allein es kam die Nachricht, der Koffer sei vom Wagen
gestohlen worden und man könne ihm nichts dafür vergüten, weil in dem Lande, wo
er ihn auf die Post gegeben, eine Verordnung stattabe, nach welcher man nur
dann den Wert der von dem Postwagen gestohlnen Sachen ersetzte, wenn dieser Wert
von dem Eigentümer vorher wäre angegeben worden. Wir stellten dagegen vor, es
sei albern, von einem Fremden zu verlangen, dass er jede Verordnung eines Landes
kennen sollte, besonders solche Verordnungen, die gegen alle Begriffe von
Billigkeit und Recht stritten. Ein Landesherr sollte überhaupt, soviel er kann,
für die Sicherheit der Heerstrassen einstehen und selbst dann, wenn die Post mit
Gewalt angefallen und bestohlen würde, den Schaden ersetzen, weil die Post ihm
eine Revenue gewährte, weil man teures Porto bezahlen müsste, weil es einem
Reisenden in diesem Lande nicht einmal freigestellt sei, ob er mit der Post oder
mit anderm Fuhrwerke reisen wollte; allein diesmal sei gar nicht der Fall einer
gewaltsamen Beraubung gewesen, sondern man hätte denen Leuten den Koffer unter
den Händen weggestohlen, welchen er an vertrauet gewesen. Die Postdirektion sei
doch also wenigstens gewiss als ein negotiorum gestor anzusehen und müsse für
dasjenige haften, was durch Vernachlässigung ihrer Leute verlorenginge. Die
Verordnung, dass der Wert der Sachen vorher angegeben werden müsste, sei dem
Fremden, bei Ablieferung des Koffers, nicht bekanntgemacht worden; woher sollte
er sie also wissen? Man könne sich leicht einbilden, dass, wenn er sie gewusst
hätte, er, da es nicht wohl möglich sei, seine Wäsche u. dgl. genau zu taxieren,
den Wert zehnmal höher würde angegeben haben, da dies doch nichts mehr kostete;
und wäre das geschehen, so müsste sie nun mehr bezahlen, als gerecht wäre. Diese
ebenso unbillige als zwecklose Verordnung könne also nur dazu dienen, die
Postknechte zu verleiten, dass sie unerfahrne Reisende bestöhlen, und Fremde zu
bestimmen, ein Land zu fliehen, wo man seines Eigentums nicht sicher sei, wenn
man nicht zehntausend Verordnungen in der kurzen Zeit seines Aufentalts
durchstudieren könne. - Alle diese Vorstellungen halfen nichts, und der arme
Bediente erhielt keine Vergütung für seinen Verlust.
    In einer Stadt, die ich nicht nennen will, waren wir Zeugen einer Szene, die
mich innigst rührte, weil sie mir bewies, dass noch nicht alle Stände in
Deutschland den Sinn für Tugend und Keuschheit verloren hatten. Dem regierenden
Fürsten daselbst, der ein sehr ausschweifendes, sittenloses Leben führte, war
einst die Tochter eines Bürgers begegnet; sie hatte ihm gefallen, und er hatte
ihr den Antrag tun lassen, seine Buhlerin zu werden. Das Mädchen verwarf mit
Würde diesen entehrenden Antrag, und der Vater, ein nervichter Bierbrauer, warf
den Unterhändler zur Tür hinaus. Kurz darauf starb das ehrliche Mädchen; und nun
beeiferte sich jedermann, ihren Sarg mit atlassnen Kissen, mit Kronen und Blumen
zu schmücken, und vor des Fürsten Schloss vorbei führte man den Leichenzug, dem
unzählige gutgesinnte Einwohner aus allen Ständen folgten. Wir hatten das Glück,
grade um diese Zeit in der Stadt zu sein, und ich nützte die Gelegenheit, um
meinem Prinzen eine kleine Lektion zu geben, die aber, leider! auf seinem
polierten Fürstenherzen abgleitete.
    Auf der benachbarten Universität hielten wir uns einige Tage auf und
besuchten da einige berühmte Männer, von denen ich hier keine Schilderung
entwerfe, weil ich es für unverschämt halte, dem Beispiele unserer neuern
Reisenden zu folgen, die sich in die Studierzimmer der Gelehrten eindrängen,
ihnen da eine Menge platter Schmeicheleien vorsagen und, wenn dann die
gutmütigen Männer das für bares Geld annehmen, in froher Herzensergiessung
irgendein nicht ganz weises Wort fallenlassen oder in Augenblicken der
Zerstreuung und Überraschung ein wenig unzusammenhängend reden oder das Unglück
haben, nicht grade so zu sein und auszusehen, wie es den Reisenden gefallen hat,
sich den Mann zu denken, das Unglück erleben müssen, eine schiefe Schilderung
von sich oder eine wörtliche Wiederholung ihrer vertraulichen Gespräche in
irgendeinem Journale gedruckt zu lesen.
    Man behandelte uns sehr ehrenvoll auf dieser Universität, und ich beschloss,
mit meinem Prinzen sechs Wochen dazubleiben und einigen Vorlesungen beizuwohnen.
    Einst hatte ich mit einem Professor der Statistik ein Gespräch über die
Sitten einiger wilden Völker. Ich wagte es, zu behaupten, dass nicht eigentlich
die Natur, sondern nur gewisse durch Vorurteil erzeugte Begriffe uns einen so
grossen Abscheu gegen das Essen des Menschenfleisches einflössten. Ob
Menschenfleisch ein appetitlicher Bissen sei, sagte ich, das wüsste ich nicht;
aber das glaubte ich nicht, dass ein allgemeiner Instinkt in uns einen grössern
Ekel gegen das Fleisch eines frisch getöteten Menschen erzeugte als gegen das
Fleisch irgendeines andern Tiers. Dies war eine Hypotese, die ich nur so
hinwarf; aber ich war nicht wenig verwundert, als ich kurz nachher in einer
historischen Zeitschrift, die dieser Professor herausgab, die Nachricht las, dass
die Abyssinier Menschenfresser wären.
    Man tat kurz vor unsrer Abreise von da dem Kronprinzen den Antrag, die
Doktorwürde in der Rechtsgelehrsamkeit anzunehmen. Ich hatte Mühe, Seiner Hoheit
begreiflich zu machen, wozu eigentlich diese pedantische Posse dienen könnte;
und als es ihm deutlich wurde, da konnte ich doch weder ihn noch einen von
seinen Hofleuten bewegen, diese Farce mit sich spielen zu lassen, welche sie
wirklich als ein Überbleibsel der Barbarei und als eine Satire auf die wahre
Gelehrsamkeit ansahen. Der einzige Soban entschloss sich endlich, diese Mummerei
mit sich vornehmen zu lassen. Zu diesem Endzwecke schrieb ich ihm eine sehr
gelehrte Dissertation. Ich wählte einen Gegenstand aus der Lehre von den
Testamenten und bewies, wie philosophisch, billig und vernünftig das Gesetz in
Ansehung der Quadrigae wäre. Dies Gesetz nämlich, welches vielleicht manchen
meiner Leser unbekannt ist, verordnet, dass, wenn jemand in seinem Testamente
einem Freunde einen Zug von vier Pferden vermacht und indes eines von den vier
Pferden stirbt, der Freund - gar nichts bekömmt, weil der Erblasser ihm nicht
drei, sondern vier Pferde habe schenken wollen. In der Tat kann man nichts
Weiseres ersinnen als dies Gesetz; auch fand meine Disputation allgemeinen
Beifall; der Ritter und Hofnarr Soban wurde Doktor juris darüber, las Reden und
Antworten her, die ich ihm aufgesetzt hatte; ich und der Reisestallmeister
opponierten, und alles ging vortrefflich vonstatten, denn bei dem Examen wurde
alter Rheinwein herumgereicht. Zwei Tage nach dieser Feierlichkeit reiseten wir
weiter.
 
                                Sechstes Kapitel
                        Fortsetzung der Reisenachrichten
Sobald wir über den oberrheinischen Kreis hinauskamen, beschloss ich, meinen
Prinzen an die zahlreichen grossen und kleinen Höfe in dortiger Gegend zu führen.
Sie sind wirklich, jeder in seiner Art, sehr merkwürdig zu sehen; dennoch aber
übergehe ich, um nicht zu weitläuftig zu werden, die Schilderung derselben mit
Stillschweigen. Nur so viel muss ich aus Dankbarkeit erwähnen, dass man uns
allerorten äusserst höflich und artig behandelte, sobald man erfuhr, dass Seine
Hoheit ein Königssohn, wir andern abyssinische echte Edelleute und dabei
überflüssig mit Gelde versehen wären. Übrigens mussten wir immer gewaltig viel
von Afrika erzählen und wurden, besonders von den Prinzessinnen und Hofdamen,
reichlicher gefragt als gespeiset.
    In Mannheim konnte Soban der Versuchung nicht widerstehen, sich einen
Geheimenrats-Titel zu kaufen. Er wurde um neunhundert Gulden einig, konnte aber
nicht die Erlaubnis erlangen, diesen Titel auf seinen siebenjährigen Sohn, der
in Gondar geblieben war, vererben zu dürfen, indem in der Pfalz nur die
wirklichen Bedienungen, nicht aber die Titel auch Kindern versichert und gegeben
werden.
    In derselben Stadt warb ich auch zwei Maler, einen Bildhauer, einen
Baumeister und noch einen Tonkünstler für Abyssinien an. Mit Vergnügen sah ich,
in welchem blühenden Zustande hier die schönen Künste waren. Vor zwanzig Jahren
schien man in Deutschland so sorglos über diesen Punkt und überlegte nicht,
welchen Einfluss der beständige Anblick von falschen Schnörkeln, überladnen
Zieraten, zwecklosen Kleinigkeiten und die Gewohnheit, Misstöne zu hören und
verzeichnete Karikaturen und bunten Popanz zu sehen, auf den Geschmack, auf die
Denkungsart und auf die Einfalt des Charakters haben, schöne Formen und
allgemein herrschende Harmonie hingegen Kopf, Herz und Sinn veredeln. Die
Entdeckung der Monumente des schönern Altertums in Italien hat einigen
wohltätigen Einfluss auf den Geschmack und das Gefühl der Deutschen gehabt.
Leider aber reisst jetzt, da ich dies schreibe, wieder die elende Augenlust an
bunten Arabesken und kindischem Firlfanz bei uns ein; und so werden wir denn
wohl bald wieder in die Zeiten der gotischen Barbarei zurücksinken.
    Die Menge der Bettler, die uns in manchen Städten, besonders in solchen, wo
katolische geistliche Fürsten regierten, haufenweise anfielen und auf allen
Spaziergängen das unschuldige Vergnügen des Genusses der schönen Natur durch den
Anblick des Elendes verbitterten, gaben meinen Reisegefährten sehr üble Begriffe
von der Polizei in Deutschland und von der Menschenliebe der Regierungen.
Niemand ging in seinem Tadel unbilligerweise weiter als der Geheimerat, Ritter,
Doktor und Hofnarr Soban. Einst sah ich ein Heft von seinem Reisejournale
liegen, blätterte darin und fand folgende bittre Stelle:
    »Die Schauspiele und andre öffentliche Vergnügungen sind in manchen
deutschen Städten sehr prächtig; die Hospitäler, Waisen- und Findelhäuser
hingegen elend und jämmerlich. In grossen Residenzen geht man unentgeltlich in
die Oper, muss aber seinen Platz in der Kirche und alle gottesdienstlichen
Handlungen, Trauung, Taufe, Beichte etc., bezahlen. Ein Tänzer oder ein
verschnittner welscher Sänger bekömmt jährlich funfzigmal mehr Gehalt als ein
Volkslehrer und Kindererzieher, Jener wird bei den Grossen des Reichs zur Tafel
gebeten, wenn sie sich selber ehren, für Kenner der Kunst gelten wollen; diesen
hingegen bittet höchstens dann ein Minister einmal zum Essen, pflanzt ihn neben
der Tür hin und redet kein Wort mit ihm, wenn er, ausser seinen Kindern und dem
Informator, grade niemand an der Tafel hat als etwa seinen Advokaten und den
Gerichtshalter von seinem Gute. Sammle in einer Gesellschaft von reichen Leuten
zu einer Summe, wofür Philadelphia oder irgendein andrer Gaukler seine unnütze
Künste zeigen soll - und es wird Dukaten in deinen Hut regnen; sammle ein
Almosen für eine fleissige, in Dürftigkeit geratne Familie - und man wird mit
Verdruss Groschen hineinwerfen. Die müssigen Hofschranzen fahren in vergoldeten
Kutschen; der nützliche Handwerker und Künstler muss zu Fusse umherschleichen, um
vergebens die Rechnungen in die Paläste zu tragen, die ihm jene Windbeutel zu
bezahlen schuldig sind. Er wird von groben Lakaien zurückgewiesen, die in
Kleidern stecken, welche bei ihm auf Kredit ausgenommen sind. Die Fürsten lassen
in die Zeitungen und Journale einrücken, wie sehr sie einländische Fabriken und
Manufakturen unterstützten, und tragen nichts an ihrem Leibe, was nicht ausser
Landes gekauft und verfertigt ist. Die Not des armen Landmannes rührt nicht die
harterzigen Minister; sie lesen französische Romane und werfen die Suppliken
der jammernden Untertanen in die Ecke. Es bekümmert sie wenig, ob das Volk sie
segne oder ihnen fluche; aber ein erkauftes oder erbetteltes Ordensband von
einem fremden Könige, der nie ihren Namen gehört hat, halten sie für den wahren
Stempel ihres Verdienstes; und wenn sie ihr kaltes Herz mit einem silbernen
Stern beklebt haben, so sehen sie voll Zuversicht und Unverschämteit auf bessere
Menschen herab. Willst du, dass der Präsident, wenn er um zehn Uhr des Morgens
sich aus dem Bette erhebt, beim Frühstücke, unter der Menge von Briefen, die
unerbrochen daliegen, deiner Klage einige Aufmerksamkeit widmen soll, so fange
deine Bittschrift mit den Worten an: Durch den Fuhrmann N. N. schicke Euer etc.
ein Fässchen mit Austern; und du wirst sehen, wie sich sein Gesicht erheitert.
Schwätzer, Windbeutel und unverschämte Ignoranten machen ihr Glück; das
bescheidne Verdienst wird übersehen. Verwandtschaft, niedrige Schmeichelei und
gewissenlose Gefälligkeit sind die Mittel, sich emporzuschwingen. Wenn der ohne
seine Schuld Arme einige Taler stiehlt, so wird er gesetzmässig aufgeknüpft; wer
aber im Handel und Wandel überfordert, schlechte Ware für teures Geld liefert,
den nennt man einen schlauen Mann. Der Richter, der Sachwalter und der
Deputierte dürfen ihre Geschäfte unnützerweise in die Länge ziehen, um desto
mehr Gebühren und Diäten zu bekommen; der Tagelöhner darf faulenzen, sobald der
Aufseher die Augen wegwendet; verdungne Arbeit darf liederlich von der Hand
geschlagen werden; der Schneider darf doppelt soviel Zeug zum Kleide berechnen,
als er gebraucht hat; zu seiner Rechtfertigung ist es genug, dass es alle übrige
Schneider auch so machen.«
    »Nein! das ist zu arg!« rief ich aus, als ich dies las, »gibt es nicht edle
Fürsten, sorgsame Landesväter, wohltätige, aufmerksame Regierungen in
Deutschland?«
    
    SOBAN: Nun ja! diese sind also Ausnahme; aber ist darum jenes weniger wahr?
Soll man darum von den Gebrechen schweigen, weil sie nicht ganz durchaus
allgemein sind?
    ICH: Allein das sind ja Gebrechen, die man in allen Staaten, in allen
bürgerlichen Einrichtungen des Erdbodens antrifft.
    SOBAN: Vielleicht! doch sind sie darum nicht notwendig, nicht unvermeidlich.
Man rede um desto öfter und lauter davon, um zu bewirken, dass endlich zu ihrer
Abstellung Anstalten getroffen werden!
    ICH: Was hat dir denn das arme Deutschland getan, dass du das Original zu
diesem abscheulichen Gemälde grade daher entlehnst?
    SOBAN: Närrischer Kerl! ich schreibe ja ein Journal von meiner Reise durch
Deutschland und nicht durch Spanien oder Marokko. Bist du doch wie die mehrsten
Menschen, die es übelnehmen, wenn man die Wahrheit sagt, und, wenn sie die
Tatsachen nicht leugnen können, mit der elenden Ausflucht gegen uns zu Felde
ziehen, dass es andrerorten nicht besser hergeht.
    Ich sah wohl, dass Soban nicht zu bekehren war und dass man Ritter, Doktor und
Rat sein und dennoch übereilt und unbillig von den Sitten, die in Ländern und
Städten herrschen, urteilen kann.
    Da ich immer fortfuhr, zu dem zweiten Transporte der Gelehrten und Künstler,
welche ich nach Abyssinien schicken sollte, Subjekte aufzusuchen und anzuwerben,
so hatte ich auch in Regensburg einen Mann bewogen, diese weite Reise zu machen,
der mir als ein grosser Chymiker gerühmt wurde. Er trieb hauptsächlich den
pharmazeutischen Teil der Scheidekunst und bewies mir durch Zeugnisse und
Dokumente, dass er mit gewissen Wundertropfen alle Krankheiten zu heilen imstande
wäre. Sosehr auch der Vorfall, den mein Vater mit dem Grafen St. Germain erlebt
hatte und dessen sich die Leser noch aus dem ersten Teile dieses Buchs erinnern
werden, mich hätte von meinem Glauben an Universalarzeneien ablenken können, so
gestehe ich doch, dass ich nicht imstande war, der einleuchtenden und
überzeugenden Beredsamkeit dieses Mannes zu widerstehen. Ich hielt es vielmehr
für ein grosses Glück, ihn mit nach Abyssinien spedieren zu können, wo es doch
wirklich noch in dem Fache der höhern geheimen Naturwissenschaften sehr dunkel
aussah. Wir nahmen diesen Mann mit uns, da wir grade noch einen Platz in der
dritten Kutsche übrig hatten; allein der arme Schelm war so schwächlich, dass wir
ihn in München zurücklassen mussten, wo er auch vier Wochen nachher starb.
 
                               Siebentes Kapitel
 Ein neuer Transport von Gelehrten wird nach Abyssinien geschickt. Unerwartete
                       Nachrichten nötigen zur Rückreise
Bis jetzt waren wir alle, die wir aus Abyssinien gereiset waren, immer gesund
und munter gewesen, den Kronprinzen ausgenommen, der sich, wie ich oben erzählt
habe, durch seine Ausschweifungen allerlei Übel zuzog; dennoch aber führten wir
zwei Ärzte in unseren Gefolge, nicht sowohl um uns ihrer Hülfe unterwegens zu
bedienen, als vielmehr weil ich den Auftrag hatte, ein paar tüchtige Männer in
diesem Fache nach Abyssinien zu schicken, und ich doch diesmal gern die
Subjekte, die ich nach Afrika überschiffen liess, erst genauer kennenlernen
wollte. Ich weiss wohl, dass man einem gewissen grossen Manne vorwirft, er habe,
bei einem ähnlichen Auftrage, nicht so gewissenhaft in Rücksicht auf ein fremdes
Reich gehandelt, sondern dahin ein solches Sortiment von elenden Ärzten
spediert, dass seit dieser Zeit die Sterblichkeit in Deutschland bei weitem nicht
so gross gewesen als vorher. Dem sei, wie ihm wolle! ich tat das Meinige, nahm
jene beiden Männer auf dringende Empfehlung einer ganzen Fakultät an und suchte
auf der Reise, durch Gespräche mit ihnen (insofern ein Laie dazu imstande ist),
mich von ihren Talenten und Kenntnissen zu überzeugen. Jetzt indessen fand sich
auf einmal eine Gelegenheit, wo sie ihre Geschicklichkeit praktisch zeigen
konnten.
    Wir wurden nämlich in Wien zu so viel herrlichen Gastereien eingeladen und
dann mit einer solchen Menge von nahrhaften Speisen versehen, dass Manims, des
geheimen Sekretärs, afrikanische Konstitution dies Übermass des Guten nicht zu
ertragen vermochte; wenigstens schoben wir nachher die Schuld auf die in Wien
geführte Lebensart, als er in Prag von einem heftigen Fieber befallen wurde, das
anfangs die Wirkung aller Arzneimittel, welche ihm unsre Ärzte reichten,
vereitelte. Endlich wurde er hergestellt, und dies gab mir, da ich meinen Freund
schon für verloren gehalten hatte, in der Tat sehr grosse Begriffe von der
Geschicklichkeit der beiden Äskulapen. Soban, der ein Erzspötter war, dachte
ganz anders darüber. Er hatte schon vorher seinen Hohn über die unter Ärzten
übliche Terminologie gehabt. Er fand es lächerrlich, dass sie etwas mit dem Namen
der ersten Wege belegten, was, seiner Meinung nach, offenbar die letzten Wege
wären, und dass sie von zwölf ausserordentlichen Dingen redeten, um die
allernatürlichsten Dinge von der Welt auszudrücken. Als aber der gute Manim
hergestellt wurde, da erzählte Soban noch, auf Unkosten der beiden Ärzte, ein
Märchen, dem ich aber keinen Glauben beimessen mochte. Er behauptete nämlich, er
hätte zu Anfange der Krankheit einmal die beiden Herren belauscht, als sie sich,
beinahe bis zum Schlagen, über den Sitz des Übels gezankt hätten. Der eine hätte
behauptet, es stecke in der Leber, der andre, in der Lunge. Nun hätten sie
gegenseitig gedroht, einander als Ignoranten der Welt bekannt zu machen, endlich
aber, um die Hoffnung auf die schönen Pensionen in Abyssinien nicht zu
verlieren, sich dahin verglichen, dass sie den Kranken auf ein Magenfieber,
folglich auf eine Krankheit, von der sie beide glaubten, dass er sie nicht hätte,
kurieren wollten - und siehe da! das Glück habe ihre Unwissenheit begünstigt und
Manim sei gerettet worden.
    Noch einmal! ich hielt dies für einen mutwilligen Scherz, glaubte dankbar an
die Geschicklichkeit der beiden Ärzte, und als im nächsten Frühjahre der zweite
Transport von Gelehrten und Künstlern abging, schickte ich sie nebst den Malern,
Bildhauern, Baumeistern, einem Apoteker, zwei Wundärzten, noch einigen
Tonkünstlern und verschiednen Fabrikanten und Manufakturisten nach Italien,
woselbst sie eingeschifft wurden, glücklich nach Kairo und von da zu Lande
weiter nach Abyssinien kamen.
    Das Heer der Mönche, die wir in den katolischen Gegenden, durch welche wir
reiseten, antrafen, fiel unsern Abyssiniern sehr auf. Sie wünschten alle, man
möchte diese völlig unnütze Menschenklasse gänzlich aussterben lassen. Ich
konnte nicht anders als diesen Wunsch billigen, nur fügte ich die Bemerkung
hinzu, es möchte, wenn es einmal dahin kommen sollte, die unnützen Stände ganz
oder zum Teil aufzuheben, doch auch die Reihe solche treffen, die wenigstens
ebenso unnütz und vielleicht viel schädlicher wären, und da dachte ich denn
freilich, obgleich ich selbst einst Sachwalter gewesen war, an das ungeheure
Heer der Advokaten und an manche andre Menschenklassen, die ihren Unterhalt von
den Torheiten und Verderbnissen der Leute ziehen.
    Die Menge religiöser Gebräuche und der zum Teil geschmacklose, kleinliche
Prunk, welcher in den katolischen Kirchen herrscht, war gleichfalls ein Stein
des Anstosses für meine Reisegefährten, die an keinen andern Gottesdienst als an
kurze feierliche Gebete gewöhnt waren. Nicht besser aber waren sie von den
protestantischen Kirchengebräuchen zufrieden. »Etwas für die Sinne muss jedoch
der äussere Gottesdienst haben«, sagte Manim, »eben weil es äusserer Gottesdienst
ist und die Menschen sinnlich, durch sinnliche Mittel zu rühren sind und für
höhere Eindrücke empfänglicher gemacht werden. Eine blosse Verstandesreligion,
bei welcher gar nicht auf das Gefühl Rücksicht genommen wäre, würde daher aller
äussern Feierlichkeiten entbehren können. Sollen aber gottesdienstliche Gebräuche
stattfinden, zu welchen sich Menschen aus allen Volksklassen versammeln, so
müssen diese Gebräuche nicht kindisch, aber auch nicht langweilig sein. Eine
Predigt, das heisst eine Rede über irgendeinen religiösen Gegenstand, ist eine
gute Sache; aber sie kann nicht als ein gottesdienstlicher Gebrauch angesehen
werden und wirkt nur bei denen, welche, ihrer Gemütsstimmung nach, grade zu der
Zeit an dem verhandelten Gegenstande teilnehmen können, und nur bei denen,
welchen der Vortrag gut und geschmackvoll vorkömmt, also bei einer sehr kleinen
Anzahl von Zuhörern, einige Rührung; wirkt durch den Verstand auf das Herz,
statt dass das Wesen des äussern Gottesdienstes gewiss darin bestehn soll, durch
das Gefühl, durch das Herz, durch die Sinne auf den Verstand, auf den Willen zu
wirken. Sollte nun aber ein kalter Räsoneur oder sogenannter Philosoph alle
äussern sinnlichen Mittel, nämlich Feierlichkeit, einfache Pracht, Zauber der
Musik, der Baukunst und der Malerei für unwürdige Mittel halten, das Herz zur
Gottesverehrung zu stimmen, so wird er doch zugeben müssen, dass es noch viel
unverständiger und unwürdiger sei, Eindrücke von ganz entgegengesetzter Art zu
bewirken und solche gottesdienstliche Gebräuche einzuführen, die jeden Mann von
edelm Geschmack, von feinem Gefühle und von gesunder Vernunft empören, ihm
Langeweile machen und dem höchsten Wesen, wenn es sich herabliesse, dies Unwesen
zu beschauen, äusserst missfällig sein müssten. Nun besuche man aber einmal eure
protestantischen Kirchen, besonders auf dem Lande, und erstaune über die
Verkehrteit der Menschen! In dem geschmacklosesten, feuchtesten, kältesten und
schmutzigsten Gebäude des ganzen Städtchens oder Dorfs versammelt sich das Volk
beiderlei Geschlechts und setzt sich, teils wie in den Schulen auf Bänken, teils
in kleinen hölzernen Kasten, den Tollhauskojen gleich, teils auf andern
erkauften oder nicht erkauften Plätzen, in groteskem Anputze hin. Dann beginnt
ein Gesang, dessen Poesie oft platt und komisch, die Musik abscheulich und die
Begleitung einer verstimmten Orgel unerträglich ist. Ein Schulmeister gibt mit
grässlich verzerrtem Gesichte die Melodie an und wiederholt durch die Nase die
letzten Worte jedes Verses. Einige hundert unmusikalische Menschen brüllen aus
Leibeskräften mit. Und solcher Gesänge muss man vielleicht sechs in einer Sitzung
hören. Wollt ihr durchaus Musik geben, so gebet gute Musik! Soll gesungen
werden, so lasset doch Menschen singen, die singen können! Zwischendurch werden
von einem Manne in einer grossen Perücke, in heulendem Tone, Stellen aus der
Bibel verlesen; es werden Gebete gesprochen, die jedermann auswendig weiss. Dann
tritt der Geistliche in einen kleinen, erhaben gestellten Kasten und hält eine
Rede, die nur auf den Gemütszustand weniger Zuhörer passt. Hierauf geht das
Gebrülle noch einmal an, und am Ende spielt der Organist ein lustiges Stückchen,
worauf die Versammlung, wovon die Hälfte geschlafen hat, im Winter durch und
durch gefroren, im Sommer von den Dünsten fast erstickt ist, auseinandergeht. -
Und das soll ein dem erhabensten Wesen gefälliger, zu wahrer Andacht erweckender
Gottesdienst sein? Versammelt euch doch lieber in einfach verzierten, reinlichen
Gebäuden, wo gesunde, gemässigte Luft herrscht! Lasset vier Menschen, die gute
Stimmen haben und musikalisch sind, kurze, erhabne Hymnen singen! Euer Priester
trete in einem anständigen und geschmackvollen Gewände auf und bete aus der
Seele! Fallet auf eure Knie und betet ihm in der Stille nach! Lasset ihn eine
kurze Rede in kunstloser, aber warmer Herzenssprache über die Schönheiten der
Natur und die Herrlichkeiten der Schöpfung halten! Das Ganze daure nicht zu
lange und komme nicht zu oft, damit ihr mit Vergnügen und Wonne die Tempel
besuchet und in froher, heitrer Stimmung wieder herausgehet!«
    Ich glaubte, dass Manim recht hatte; aber was ist zu tun? Einzelne Fürsten,
besonders die Regenten kleinerer Staaten, könnten freilich nach und nach, mit
Vorsicht und ohne das gegen jede Neuerung eingenommene Volk zu empören,
zweckmässige Verbesserungen in der Liturgie einführen, und so würde der Nachbar
dem Beispiele folgen; eine allgemeine Veranstaltung dieser Art von seiten aller
protestantischen Fürsten hingegen ist wohl weder zu erwarten noch auszuführen;
allein das ist gewiss, dass die täglich mehr einreissende Gleichgültigkeit gegen
Religion grösstenteils mit von der geschmacklosen Einrichtung unsers äussern
Gottesdienstes herrührt und dass man es wahrlich, bei immer mehr zunehmender
Aufklärung und Ausbreitung eines eklern Geschmacks in allen Ständen, einem
Manne, der kein Heuchler ist und nicht etwa, seiner bürgerlichen Lage nach,
andern ein Beispiel geben muss, nicht übel deuten kann, wenn er selten die
Kirchen besucht, wo er nicht nur weniger als zu Hause zur Andacht gestimmt wird,
sondern auch tötende Langeweile und Empörung seines Sinnes für alles, was schön
und gross ist, seiner wartet.
    In einem sächsischen Dorfe sahen wir auf dem Gute des Edelmanns einen
Auflauf von Menschen; wir fragten nach der Ursache und erfuhren, dass der
Besitzer dieses Guts kürzlich gestorben war; der, welchen jedermann für den
rechtmässigen Erben hielt, befand sich ausser Landes. Nun nützte ein andrer, der
Ansprüche auf die Verlassenschaft machte, diesen Augenblick, um sich vorerst in
den Besitz zu setzen. - »Und wie fängt der Mann das an?« fragte Manim. »Er
lässt«, antwortete man ihm, »von einem Notarius und Zeugen einen Splitter aus der
Haustür schneiden, Feuer auf dem Herde anzünden, den Schafen ein bisschen Wolle
abschneiden, und nun erlangt er dadurch den Vorteil, dass er in Possession des
Guts bleibt, seine Ansprüche mögen auch noch so ungegründet sein, dass sein
Gegner klagen muss und vielleicht das Ende des Streits nicht erlebt.« - »Aber«,
rief Manim und wendete sich gegen mich, »ist dieser Gebrauch allgemein in
Deutschland eingeführt?« - »Nichts weniger«, sprach ich, »und ich denke, er
sollte nirgends Platz finden, wo man Billigkeit und gesunde Vernunft
respektiert; allein«, fügte ich hinzu, »es gäbe noch wohl wichtigre Missbräuche
in der Justizverfassung einzelner deutscher Staaten abzuschaffen, wenn sich das
ebenso leicht tun liesse, als man darüber räsoniert. Glaubst du zum Beispiel
wohl, dass es bei uns Länder gibt, in welchen die Tortur, das Monument der
grausamsten Barbarei, noch jetzt im Gange bleibt?«
    MANIM: Tortur? Was ist das?
    ICH: Eine Reihe von körperlichen Peinigungen, durch welche man dem
Verbrecher das Geständnis seiner verübten Schandtaten zu entlocken sucht.
    MANIM: Aber wenn nun der Bösewicht so starke Nerven hat, dass er die Martern
aushält und dennoch nicht bekennt? oder wenn der unschuldig Angeklagte, von der
Grausamkeit der Schmerzen überwältigt, Verbrechen gesteht, die er nie begangen
hat?
    ICH: Von dem letztern Falle hat man, wenigstens in Deutschland, nur sehr
seltene Beispiele.
    MANIM: Ich dächte, eines wäre genug, um diesen schändlichen Gebrauch
abzuschaffen.
    ICH: Es wird aber auch nicht eher jemand zur Tortur verurteilt, als bis er
schon des Verbrechens überwiesen ist. Bekennt er dann nicht, so wird er doch
nicht freigelassen. Höchstens kann er der Todesstrafe entgehen; ein
lebenslängliches Gefängnis erwartet nichtdestoweniger seiner.
    MANIM: Nun! so dächte ich doch, es sei hundertmal menschlicher, einen
Bösewicht mit einer geringern Strafe davonkommen zu lassen, als ein einzig Mal
sich dem erschrecklichen Falle auszusetzen, einen Mitbürger unverdienterweise zu
peinigen.
    ICH: Die Gesetze fordern das eigne Geständnis.
    MANIM: Das ist töricht, wenn man die Sache schon gewiss weiss.
    ICH: Und der Verbrecher soll die Mitschuldigen angeben.
    MANIM: Meine gesunde Vernunft getrauet sich zu beweisen, dass dies die
höchste Grausamkeit ist. Der Staat kann den Bürger, welcher in diesem Staate
leben will, zwingen, nach den moralischen Grundsätzen zu handeln, die der
grössere Teil des Volks als richtig und heilsam erkannt und ihnen gesetzliche
Kraft gegeben hat. Er kann den, welcher dagegen handelt, bestrafen, ausstossen,
einsperren; er kann offenbar gewordne Handlungen richten, nie aber kann er, ohne
die höchste Tyrannei, das Bekenntnis verborgen gebliebner Übertretungen durch
grausame Martern erzwingen.
    ICH: Ich sehe, du bist kein Jurist.
    MANIM: Nein! ich bin ein Mann, der gesunde Vernunft und Freiheit und
Menschenwürde respektiert. Reden wir nicht mehr davon!
    Allein ich will auch die Leser nicht länger mehr mit den Bemerkungen meiner
abyssinischen Reisegefährten über solche Dinge, welche ihnen in Deutschland
auffielen, ermüden; was ich davon erzählt habe, das sollte ihnen nur zeigen, aus
welchen sonderbaren Gesichtspunkten zuweilen die Leute, denen europäische
Verfassungen fremd sind, dergleichen Gegenstände ansehen. Dass es übrigens
unbillig sein würde, wenn man ihre verkehrten Meinungen auf meine Rechnung
schreiben wollte, das versteht sich, wie ich glaube, von selber. Kürzer aber
habe ich mich unmöglich fassen können. Ich bin in sieben Kapiteln einen Zeitraum
von mehr als fünf Jahren durchlaufen; denn so lange waren wir jetzt aus
Abyssinien abwesend gewesen, und nun bin ich schon im Begriffe, von unsrer
Rückreise zu reden.
    Im August des Jahrs 1777 nämlich bekam ich, eben als ich mit dem Kronprinzen
und seinem Gefolge in Berlin war, einen Brief von meinem Herrn Vetter, dem
Minister von Wurmbrand. Dieser Brief entielt den Befehl, gleich nach Empfang
desselben Anstalt zu unsrer Rückkehr nach Abyssinien zu machen, so schnell als
möglich zu reisen und den kürzesten Weg zu nehmen. »Seine Majestät der König«,
schrieb mir mein Vetter, »befinden sich in sehr bedenklichen
Gesundheitsumständen und wünschen den Tronerben hier zu sehn. Ihr müsst also die
Rückreise Seiner Hoheit, soviel sich's nur irgend tun lässt, beschleunigen.
Allein der Weg ist weit, und ich zweifle sehr, dass der Prinz seinen Herrn Vater
noch lebendig antreffen wird. Indessen hoffe ich, mein lieber Vetter, es wird
sich unser künftiger Monarch unter Eurer Anleitung so gebildet haben, dass die
Länder, welche nun unter seinem Zepter stehen werden, sich blühende, glückliche
Zeiten versprechen können. Ich darf dabei Eurer Klugheit und Redlichkeit
zutrauen, dass Ihr nichts werdet versäumt haben, nicht nur Euch Seiner Hoheit
Gunst, Gnade und Vertrauen zu erwerben, sondern auch, bei schicklichen
Gelegenheiten, dem Prinzen meine eifrigen und treuen Dienste von einer solchen
Seite zu schildern, dass ich ruhig und ohne Besorgnis der nahe bevorstehenden
Regierungsveränderung entgegensehen könne.«
    Sobald ich diesen Brief erhielt, machte ich dem Kronprinzen den Hauptinhalt
desselben bekannt, und zwei Tage nachher befanden wir uns schon auf der
Rückreise nach Abyssinien.
 
                                 Achtes Kapitel
                 Etwas über den Prinzen. Rückkunft nach Gondar
Der letzte Teil von meines Herrn Vetters Briefe, nämlich was den Kronprinzen und
meinen Einfluss auf denselben betraf, machte mir in der Tat unruhige Nächte, und
meine Beklemmung nahm zu, je mehr ich ihn, nachdem er die Nachricht von des
Königs gefährlichen Gesundheitsumständen erhalten hatte, auf der Reise
beobachtete. Der Minister erwartete, wie ich aus seinen Äusserungen sah, nun bald
einen durch meine Sorgfalt und durch eigne Erfahrungen gebildeten würdigen
Fürsten auf Abyssiniens Tron zu sehen - und ach! wie wenig Ursache hatte ich,
seinen Hoffnungen einen guten Erfolg zu versprechen!
    Ich habe schon im fünfzehnten Kapitel des ersten Teils dieses Buchs, als ich
den Charakter der beiden königlich abyssinischen Prinzen schilderte, ein Bild
von diesem ältesten entworfen, das, leider! zu erkennen gab, welche schlimme
Anlagen dieser Königssohn schon in seiner frühen Jugend verriet, und was ich von
seiner Aufführung in Kassel und überhaupt auf der Reise erzählt habe, passt
vollkommen zu jenen Zügen. Dass ich es an Eifer, Fleiss und Ermahnungen nicht
mangeln liess, um bessere Gesinnungen und Gefühle in ihm zu erwecken, das kann
ich auf meine Ehre versichern; aber ich muss es gestehen, als ich sah, dass alle
meine Vorstellungen vergebens waren, dass die Schmeicheleien der Hofschranzen,
die man uns mitgegeben hatte, nebst den bösen Beispielen, die er an den Höfen
und in den Städten, welche wir besuchten, sah, mächtiger auf ihn wirkten als
meine Lehren und oft in einer Stunde alles vereitelten, was ich durch
wochenlange Predigten bewirkt zu haben glaubte, da verlor ich den Mut und wurde,
um mich ihm zuletzt nicht durchaus verhasst zu machen, nachsichtiger gegen ihn
und - wenn man glaubt, dass es Pflicht sei, auch da zu arbeiten, wo man gewiss
weiss, dass alle Arbeit verloren ist - nachlässiger in Erfüllung meiner Pflichten.
    Die kalte, unteilnehmende Seele des Prinzen war schlechterdings durch
nichts, was gute Menschen interessiert, zu rühren. Glaubte ich zuweilen
wohlwollende Aufwallungen in ihm zu bemerken, so erfuhr ich doch bald nachher,
dass diese entweder nur von schwachen Nerven herrührten, die manchen
unwillkürlichen Eindrücken nicht zu widerstehen vermochten, oder dass er, wie das
bei sanguinischen Temperamenten nicht ungewöhnlich ist, sich hingab, wo diese
Hingebung ihm eignen Genuss gewährte, auch keine Art von Aufopferung kostete, und
dass er aus Langerweile Freundschaften schloss, wobei sein Herz nicht war.
    Eitel im höchsten Grade und nur dann herablassend, gefällig und höflich,
wenn er Schmeichelei und niedrige Gefälligkeit dafür einzuernten hoffen durfte,
hatte er keinen Sinn für fremdes Verdienst, schätzte niemand, betrachtete alle
Menschen als geborne Sklaven und sich von der Natur bestimmt, hoch über sie alle
dazustehen und sie zu Werkzeugen seiner törichten Unternehmungen zu machen. Er
hielt jedermann für eigennützig, glaubte so wenig andre fähig, aus Liebe zum
Guten, ohne Nebenabsichten zu handeln, als er selbst in sich fühlte, wie wenig
er imstande war, etwas aus edlern Trieben zu unternehmen. Der Gedanke, dass
jedermann Plane auf seine Schätze machte, trieb ihn zu dem schmutzigsten Geize;
wo es aber Befriedigung seiner Lüste oder seiner kindischen Eitelkeit galt, da
warf er grosse Summen weg.
    Sein Hang zu Ausschweifungen und sinnlichen Vergnügungen aller Art nahm mit
jedem Jahre zu, und bald wurde ihm eine ununterbrochne Reihe von wollüstigen und
betäubenden Freuden zum Bedürfnisse.
    Nicht eine Spur von wahrhafter Festigkeit war in seinem Charakter; momentane
Eindrücke, Launen und Grillen bestimmten ihn; aber in dem Augenblicke, dass er
etwas wollte, durfte nichts der Erfüllung seiner Wünsche im Wege stehen; allein
er hob die Schwierigkeiten nicht, sondern ertrotzte es von andern, dass diese sie
aus dem Wege schaffen mussten.
    Ich sah bald, dass dieser Jünglingscharakter einen Mann ankündigte, der einst
als kalter Tyrann und schwacher Wollüstling vieltausend Menschen elend machen
würde, und mit traurigem Herzen wurde ich gewahr, dass er aus jeder fremden
Stadt, die wir besuchten, neue Laster, verstärkte Eindrücke zu Ausbildung seiner
unglücklichen Gemütsart mit sich nahm. Wo Verderbnis der Sitten herrschte und
die Gelegenheit zu Ausschweifungen häufig war, da ergab er sich blindlings
seinem Hange zur Wollust und Völlerei. Wo der Despotismus am höchsten getrieben
wurde, da bestärkte er sich in seinen Grundsätzen von unbedingtem Gehorsame, den
er forderte. Statt in den preussischen Staaten die unermüdete Wachsamkeit und
Tätigkeit des grossen, unsterblichen Friedrichs zum Wohl seiner glücklichen
Untertanen anzustaunen und zum höchsten Ideale eines Vorbilds für ihn zu machen,
freuete er sich nur, wenn er hörte, dass der weise Monarch nicht litte, dass man
ihm widerspräche, und nahm die Idee aus Berlin mit, dass ein König nie irren
könne. Er ahmte nicht die Einfalt, Gradheit, Prunklosigkeit und Popularität des
edeln, für die gute Sache so warmen Josephs nach, aber er legte die Art zu
handeln des Kaisers nach seiner Weise aus und bildete sich daraus übel
verstandne Grundsätze zu Unterdrückung und Demütigung aller höhern Stände und zu
willkürlicher Anwendung einer unumschränkten Gewalt, die keine Gesetze, keine
Meinungen, kein Eigentum respektiert; und statt von Karl Teodor zu lernen, wie
ein Fürst Talente, Wissenschaften und Künste ermuntern und belohnen soll, nährte
er in Mannheim und in München seinen Hang zur Unkeuschheit, zur Unmässigkeit und
zur Pracht.
    Kurz, er kam an Leib und Seele sehr viel verderbter zurück, als er
ausgereiset war; dennoch aber war es mir gelungen, ihm eine gewisse Furcht vor
meinen strengen Grundsätzen einzuflössen, insoweit nämlich, dass er sich doch
scheuete, in meiner Gegenwart sich ganz so zu zeigen, wie er war, ganz so zu
handeln, wie er gern gehandelt hätte. Allein auch dieser Überrest von Scham
verschwand, als er den Brief gelesen hatte, den ich aus Abyssinien erhielt. Nun
sah er sich schon in Gedanken auf dem Trone eines grossen Reichs, über jede
Einschränkung, jede Rücksicht hinaus; von diesem Augenblick an veränderte sich
sein Gesicht gegen mich, und er behandelte mich, als wenn ich der geringste
seiner Sklaven gewesen wäre.
    Wie wenig er sich nun noch um meinen Beifall und meine Achtung bekümmerte,
davon gab er mir, als wir uns in Venedig einschifften (denn wir nahmen den Weg
durch Tirol dahin), eine auffallende Probe. Er hatte nämlich in Kassel
Bekanntschaft mit einer verbuhlten und ränkevollen französischen Schauspielerin
gemacht und diese während der ganzen Zeit seines Aufentalts in dieser Stadt
unterhalten. Ich habe oben erzählt, dass seine Hofleute, sobald sie merkten, dass
er sich dergleichen Ausschweifungen ergäbe, ihm allen Vorschub dazu leisteten;
unter diesen Kupplern und Gelegenheitsmachern war aber keiner so geschäftig als
der erste Kammerjunker Seiner Hoheit, welcher Stilky hiess. Dieser Mensch machte
mir unerhört viel Kummer; er war unerschöpflich an Ränken und
Niederträchtigkeiten und der einzige, der sich durch schändliche Gefälligkeit
dem Prinzen notwendig zu machen verstand.
    Als wir Kassel verliessen, hatte Stilky die Veranstaltung getroffen, dass die
französische Schauspielerin uns nachreisen musste. Es befremdete mich ein wenig,
in Frankfurt am Main und nachher in Mannheim im Schauspiele und an andern
öffentlichen Örtern ein Frauenzimmergesicht wahrzunehmen, das ich schon öfter
gesehen zu haben glaubte; allein ich dachte nicht weiter daran, bis ich dieselbe
Person wiederum in München in der Oper, und zwar mit Seiner Hoheit im Gespräch
begriffen, fand. Da merkte ich nun wohl, dass dies Zusammentreffen nicht von
ungefähr kam. Der Prinz schlich oft gegen Abend, allein von Stilky begleitet,
aus und kam dann erst gegen die Morgendämmerung wieder zu Hause. Es wurden mir
von den Örtern her, durch welche wir gereiset waren, Wechsel, die der Prinz
ausgestellt hatte, zur Zahlung vorgelegt, ohne dass ich deutlich sah, wozu er
diese Summen angewendet haben konnte. - Das alles war mir sehr unangenehm; aber
was sollte ich tun? Vorstellungen halfen nicht; er war kein Knabe mehr, gegen
den ich heftigre Mittel hätte anwenden, ihn etwa einsperren können; am Ende war
es auch wohl für seine Gesundheit wenigstens besser, wenn er doch nun einmal
ausschweifen wollte und musste, dass er sich an ein einziges Frauenzimmer hing,
als wenn er aus einem berüchtigten Hause in das andere gelaufen wäre. Wenn wir
Europa verlassen, dachte ich, so wird doch die Dame zurückbleiben müssen, und
habe ich den Prinzen erst in Gondar abgeliefert, dann mögen andre die Sorgen
übernehmen, auf seine Schritte achtzugeben!
    Allein wie soll ich mein Erstaunen schildern, als er in Venedig in mein
Zimmer trat und mit einem hohen, befehlenden Ton und Blicke mir ankündigte, dass
ich dafür sorgen müsste, eine Dame, welche ihn nach Abyssinien begleiten würde,
nebst ihren Domestiken mit an Bord zu nehmen und ihnen alle Gemächlichkeiten zu
verschaffen. Jetzt glaubte ich reden zu müssen, und ich tat das mit Nachdruck.
Von ernsten Vorstellungen und männlichen Weigerungen liess ich mich zu den
dringendsten, flehentlichsten Bitten herab - alles umsonst! Ich mischte Spott
und Satire hinein, suchte seine Eitelkeit rege zu machen, ihm vorzumalen, wie
schimpflich es für einen Fürsten sei, sich in den Fesseln einer feilen Dirne zu
schmiegen - alles vergebens! Endlich erklärte er mir mit dem frechsten Ungestüm,
dass die Zeiten vorüber wären, wo ich ihn hätte als ein Kind behandeln dürfen,
und dass, wenn einer von uns beiden, die Französin oder ich, in Europa bleiben
müsste, die Reihe mich treffen würde.
    Nun schwieg ich, aber ich warf einen Blick auf ihn, der ihn hätte erröten
machen müssen, wenn afrikanische Fürsten erröten könnten. - Die Buhlerin wurde,
nebst zwei Kammermädchen und zwei Livreebedienten, eingeschifft, und wir
segelten mit günstigem Winde aus dem Golfo di Venezia ab.
    Nie ist mir eine Reise unangenehmer, langweiliger gewesen als diese Seereise
von Venedig bis Alexandrien. Unser Schiff glich einem schwimmenden Bordelle. Vom
frühen Morgen bis in die späte Nacht wurden Bacchanale gefeiert, und die
zügelloseste Frechheit herrschte in Reden und Handlungen. Sobans und Manims
Gesellschaft waren mein einziger Trost. Wir sassen, sooft wir konnten, in einer
kleinen Kajüte oder auf dem Verdecke zusammen, suchten zu vergessen, von was für
Menschen wir umgeben waren, unterredeten uns miteinander oder lasen und hatten
die Ehre, spottweise von der ausgelassenen Bande die Philosophen genannt zu
werden.
    In Alexandrien fanden wir alles zu der Landreise durch Ägypten und Nubien in
Bereitschaft. Mein Herr Vetter hatte dafür gesorgt; Kamele und Elefanten nebst
allen Lebensbedürfnissen und einer zahlreichen Bedeckung hatten schon seit zwei
Monaten auf uns gewartet; bei Abreise des Zugs hatte der alte Negus noch gelebt.
    Hier nun teilte ich mit des Kronprinzen Erlaubnis die Karawane in zwei
Teile. Die Wahrheit zu gestehen, so schämte ich mich, mit dem Gefolge dem Könige
und dem Minister unter die Augen zu treten; ich wollte also vorausreisen und sie
erst vorbereiten zu dem, was sie sehen würden. Mit mir reisete Soban, der ein
herzliches Verlangen hatte, Weib und Kind wiederzusehen. Wir nahmen nur wenig
Leute mit; Manim blieb, mit dem Reste der Suite, bei dem Prinzen und führte den
zweiten Zug. Wir kamen zu Anfange des Februars im Jahre 1778 in Gondar an; der
Kronprinz hielt zehn Tage später seinen Einzug in der Residenz.
 
                                Neuntes Kapitel
  Schilderung des Zustandes, in welchem der Verfasser den Hof in Gondar fand.
                           Betragen des neuen Königs
Sobald ich die Grenzen des abyssinischen Reichs betrat, erfuhr ich, dass der gute
alte König vor vier Wochen gestorben wäre. Nach allem, was ich von dem
Kronprinzen und meinen Verhältnissen mit ihm gesagt habe, wird man leicht
begreifen, dass diese Nachricht mich recht sehr niedergeschlagen machte. Ich trat
in Gondar sogleich in dem Hause meines Herrn Vetters, in welchem, wie man weiss,
auch ich wohnte, ab und wurde von ihm, der mich längst sehnlich erwartet hatte,
liebreich empfangen. Zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, legte er mir
tausend Fragen über die Erwartungen vor, die man von dem neuen Monarchen hegen
dürfte, und ich hielt es für Pflicht, ihm offenherzig zu gestehen, wie wenig
Glück ich dem Lande von dieser Veränderung versprechen könnte.
    Ich habe im ersten Teile dieses Buchs den alten Negus so treu als möglich
geschildert. Das war freilich nicht das Gemälde eines grossen Regenten, aber doch
eines Mannes, der das Gute mit Wärme zu lieben, zu wünschen und zu befördern
imstande war; der sich gern unterrichten, gern etwas in der Welt ausrichten
wollte, das nützlich und lobenswert wäre; der dabei, obgleich er eine zu hohe
Meinung von sich selber hatte und gern glänzen wollte, dennoch auch fremdem
Werte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, guten Rat anzunehmen, nützliche
Dienste zu erkennen und zu vergelten wusste; endlich der, soviel er auch auf
seinen Fürstenstand und auf unumschränkte Gewalt hielt, doch kein eigentlicher
Tyrann war.
    Wie der Kronprinz von allen diesen Zügen nicht einen einzigen hatte, wie er
dagegen alle Fehler seines Vaters in dem höchsten Grade und Übermasse mit
unzähligen Lastern vereinigte, wovon in des alten Negus Charakter keine Spur zu
finden war, das wissen die Leser nun auch. - Meinem Vetter aber entfiel der Mut,
als er diese Umstände erfuhr. Indessen war es der Klugheit gemäss, dies gegen
niemand zu äussern und ruhig abzuwarten, welche Wendung das Ganze nehmen und wie
sich der neue König bei seiner Ankunft gegen jedermann betragen würde.
    Das Volk in allen Ländern ist, wie bekannt, nie von der gegenwärtigen
Regierung vollkommen zufrieden, verspricht sich unter dem Zepter des
Tronfolgers ein Goldnes Zeitalter und hegt immer von den Kronprinzen gewaltige
Hoffnungen, von welchen es dann gewöhnlich, nach Jahresfrist, wenn der neue Herr
nicht jeden unruhigen Kopf zufriedenstellt, tief wieder herabsinkt und den
hochseligen Fürsten wieder aus dem Grabe hervorwünscht. So ging es auch hier!
Noch ehe der Prinz nach Gondar kam, lief schon der Ruf seiner grossen Tugenden,
seiner Menschenliebe, Huld, Weisheit und Gerechtigkeit vor ihm her, und die
Zeitungen waren voll Anekdoten von edlen Zügen und Proben der liebenswürdigsten,
erhabensten Denkungsart, die er auf seiner Reise hätte blicken lassen und wovon
ich freilich nichts gesehen hatte. Als er nun aber vollends seinen feierlichen
Einzug in der Residenz hielt, schön geschmückt auf einem Elefanten sass und von
beiden Seiten mit fürstlicher Herablassung und Freundlichkeit den
herzudringenden Haufen anlächelte, die Glückwünsche in Prosa und Versen und die
leeren Komplimente so gnädig annahm und so artig beantwortete, da erschallten
aus allen Ecken die Ausrufungen: Oh! der gute Herr! der gnädige Herr! das ist
ein Herr! wie wird nun das Land so glücklich sein!
    Es kostet die Fürsten sehr wenig, die Herzen des Pöbels zu ihrem Vorteile zu
stimmen; das eingewurzelte Vorurteil, dass diese Menschenklasse aus Wesen höherer
Art besteht, wirkt, dass man alles, was sie Menschliches tun, für Herablassung
erklärt. Durch diese sklavische Anbetung hat man wirklich den mehrsten von ihnen
so den Kopf verdreht, dass sie glauben, was andre ihnen erwiesen, das wäre
strenge Pflicht, was sie hingegen für andre täten, blosse willkürliche Gnade. Man
sollte ihnen doch von Jugend auf sagen, dass Titus ein eitler Narr war, wenn er
ausrief, der Tag sei verloren, an welchem er nicht eine gute Handlung begangen,
eine Wohltat erzeigt hätte. Das ist bei allen Menschen in der Welt der Fall, dass
die Tage verloren sind, an welchen man nichts Gutes tut; aber bei Fürsten ist es
keine Kunst, Wohltaten zu erzeigen, denn sie nehmen die Mittel dazu aus fremden
Geldbeuteln. Was sie geben, gehört nicht ihnen, sondern dem Staate; was man von
ihnen erbittet, insofern man es mit Gerechtigkeit von ihnen erbitten kann, ist
nicht mehr und nicht weniger, als was man sich selbst geben oder nehmen würde,
wenn man nicht darüber einig geworden wäre, einem gemeinschaftlichen Ausspender
und Verwalter sich anzuvertrauen, und dieser hat Ursache, dem Volke dafür zu
danken, dass es ihm erlaubt, auf so wohlfeile Art Gutes zu tun und Menschen froh
zu machen, ohne dass es ihm etwas kostet. - Man verzeihe mir diese Ausschweifung!
Das sind Wahrheiten, die man nicht oft genug sagen kann. - Kehren wir nun zu
unserm neuen Könige zurück!
    Jedermann war nun in Erwartung, wodurch der junge Negus den Antritt seiner
Regierung bezeichnen würde. Die ersten Monate verstrichen mit Feierlichkeiten,
Krönungen, Huldigungen, mit Erteilung von Titeln, Orden und Ausspendungen von
Geschenken an allerlei gute, schlechte und unbedeutende Menschen. Da Seine
Majestät sich nicht gern mit Arbeiten abgaben und mein Herr Vetter als ein
fleissiger, der Geschäfte kundiger Mann bekannt war, dem Negus auch als
Kronprinzen nie etwas zuleide getan hatte, so blieb es anfangs mit ihm beim
alten, und er behielt seine Stellen und Würden. Was mich betrifft, so hätte ich
freilich eine Beförderung zu höheren Ehrenämtern erwarten können; denn es hatte
mir der alte Negus dergleichen versprochen, wenn ich den Prinzen glücklich
zurückbrächte. Allein man weiss ja, wie wenig ich mich bei dem jungen Herrn und
seinen Günstlingen eingeschmeichelt hatte; ich blieb also, was ich war,
Baalomaal, und konnte froh sein, dass ich nicht verabschiedet wurde. Einige
schiefe Gesichter, die ich zuweilen bekam, und je einmal einen matten Spott über
langweilige Philosophen abgerechnet, ging mir's also nicht schlimm. Manim wurde
Finanzrat, Soban aber erhielt eine Pension und die Erlaubnis oder vielmehr den
Wink, mit seiner Familie nach Sire zu ziehen, woher er gebürtig war. Sein
Hofnarrenamt würde ihm den Freibrief gegeben haben, ungestraft derbe Wahrheiten
zu sagen, und die hatte man nicht Lust zu hören.
    Der neue König wurde nun mit Bitten und Klagen aller Art bestürmt, wie denn
bei solchen Regierungsveränderungen alles Alte wieder aufgerührt zu werden
pflegt und nun jeder das durchsetzen zu können hofft, was ihm bis jetzt nicht
hat glücken wollen. Die mehrsten dieser Bittschriften wurden dem Minister zur
Prüfung, und um das Nötige zu verfügen, von Seiner Majestät übergeben, und dies
gab meinem Herrn Vetter wirklich Gelegenheit, manche nützliche Abänderung zu
machen, wovon der alte Negus, aus einem kleinen Eigensinne oder irgendeinem
Vorurteile, nichts hatte hören wollen. Die Räte in allen Departements suchten
sich angenehm zu machen und kamen mit nützlichen Vorschlägen, die zum Teil
ausgeführt wurden. Wo irgend in Geschäften Schläfrigkeit eingeschlichen war und
Sachen liegengeblieben waren, da trat nun neue Tätigkeit ein. - Die Ehre von
diesem allen fiel auf den jungen König, und da hiess es wieder: Sehet! das ist
ein Herr! der sorgt für sein Land!
    Es war unter der vorigen Regierung den Untertanen eine gewisse Auflage
zugemutet worden, die ein wenig drückend für einige Klassen der Bürger schien.
Die Summen waren zum Teil nicht einzutreiben gewesen, aber immer in den
Rechnungen liquidiert worden. Man legte dem neuen Könige ein langes Verzeichnis
dieser inexigibeln Posten vor, und Seine Majestät hatten die hohe Gnade zu
befehlen, dass ein Strich dadurch gemacht werden sollte - Sie schenkten den
Untertanen, was doch nie zu erlangen war -, und alle Zeitungen posaunten, es
habe der huldreiche Monarch dem Lande einen grossen Teil der rückständigen
Abgaben erlassen.
    Weiter fiel in dem ersten halben Jahre eben nichts Neues vor; nun schwiegen
nach und nach die Stimmen der Lobredner; mancher hatte auch nicht erlangt, was
er gehofft und erbeten hatte; da fing man denn an, Seine Majestät mit kälterm
Blute in der Nähe zu beobachten, und wir werden künftig hören, was man bemerkte.
 
                                Zehntes Kapitel
   Nachricht von den Fortschritten, welche indes die Aufklärung in Abyssinien
                                 gemacht hatte
Es ist Zeit, dass wir nun sehen, wie weit das edle Aufklärungsgeschäft in
Abyssinien bis zu der Tronbesteigung des neuen Königs vorgerückt war.
    Wir haben gehört, dass der gute alte Negus sehr ernstlich darauf bedacht war,
Wissenschaften und Künste in seinem Lande blühen zu machen, dass er dabei dem
Rate meines Herrn Vetters folgte und alles auf europäischen Fuss einzurichten
sich bestrebte. Die Universität in Adova kam bald in grossen Flor; die von mir
nach Abyssinien spedierten Gelehrten und Künstler suchten, jeder in seiner Art,
sich Ruhm, Anhang, Schüler und Zöglinge zu verschaffen. Wo sie in den niedern
Ständen einen Knaben entdeckten, in dem ein Funken eines höhern Genius loderte,
da zogen sie, wie sie das nannten, das verborgne Talent aus dem Staube hervor;
der Bauerjunge lief vom Pfluge weg und setzte sich an den Schreibtisch oder
hinter die Staffelei, und der Gärtner warf das Grabscheit in die Ecke, um die
Geige zur Hand zu nehmen; der Schuster machte Verse und beschmutzte seine
Dichterwerkzeuge nicht mehr mit garstigem Pechdrahte; Akademien der bildenden
Künste wurden gestiftet, Preise ausgeteilt, und der alte Negus freuete sich
herzlich, in Prosa und Versen als ein zweiter August geschildert zu werden und
von einheimischen Künstlern hundertmal sein Antlitz auf Leinwand getragen und in
Marmor gehauen zu sehen.
    Die schönen Künste haben etwas sehr Verführerisches; bald wurde im ganzen
Reiche in allen Ecken gepinselt, gefiddelt, geleiert, gedichtet, und wer auch
über diese angenehmen Zeitvertreibe nicht jede bürgerliche und häusliche
Beschäftigung aufgab, der teilte doch seine Zeit zwischen nützlicher Tätigkeit
und dem Umgange mit den gefälligen Musen. Man fing an einzusehen, dass es zu
einer guten Erziehung gehörte, nicht fremd in den schönen Künsten zu sein, sich
angenehme Talente zu erwerben; die jungen Mädchen liessen die einförmige Spindel
ruhen und sangen und spielten süsse abyssinische Lieder.
    Man weiss, welchen Einfluss Poesie und Musik auf das Herz und die Sitten
haben; auch in Abyssinien wurde dieser Einfluss sichtbar. Süsses Schmachten und
zärtliche Sehnsucht schwammen nun in den Blicken der kultiviertern
Bürgertöchter; nun erst sahen sie, welch ein liebliches, holdes Gesicht der
bescheidne Mond hätte und wie traulich er auf sie herablächelte, wenn sie der
langweiligen Spinnstube entschlichen und Arm in Arm mit den Nachbarssöhnen in
dem stillen Garten umherschlenderten. Der kleine lose Liebesgott nützte diese
glücklichen Stimmungen; der Schalk war allerorten und liess den bedächtlichern
Hymen zu Hause. Man kam zurück von den altväterischen Begriffen von übertriebner
Sittsamkeit und Keuschheit. - Sich des Lebens zu freuen, zu geniessen, hier, wo
so reiche Fülle ist, die schöne Jugend nicht zu verträumen und eine Handvoll
kurzer Jahre nicht mit ernstaften Grillen zu verderben - das war die bessere
Philosophie, welche jetzt die weiser gewordnen, aufgeklärten, gebildeten
Abyssinier studierten und in Ausübung brachten.
    Die Grossen des Hofs und überhaupt die Edelleute, die Affen des Monarchen,
die ehemals sich's fast zu einer Ehre rechneten, nicht lesen und schreiben zu
können, affektierten nun, wie er, Beschützer der Gelehrten und Künstler zu sein;
Landjunker forderten von einem Manne, den sie als Verwalter annehmen wollten,
dass er auch ein bisschen Bassgeige spielen musste, schickten ein Fuder Korn in die
Stadt und gaben ihrem Advokaten Auftrag, für das daraus zu lösende Geld Bücher
für ihre Weiber und Töchter zu kaufen, die nun auch anfingen, von Wonne und
Lebensgenuss und Mondenschein zu reden, Cicisbei zu halten und Romane zu spielen.
    Als die Leute merkten, dass der Stand eines Gelehrten und Künstlers in
Abyssinien in Ansehen kam und etwas dabei zu gewinnen war, da wollte nun
jedermann studieren; der Schneider schämte sich seiner Nadel und schickte seinen
Tölpel von Jungen in die Stadtschule, um einst die Ehre zu haben, ihn einen
Degen tragen zu sehen, und der Bauer verkaufte einen Teil seines Erbguts, um
seinen Knaben nach Adova zu senden, damit dort in den gelehrten Treibhäusern die
Keime des Genius aus seiner bäurischen Natur hervorgejagt würden.
    Die Folgen von diesem allgemeinen Drange zur sogenannten Gelehrsamkeit
wurden nach zehn Jahren, ja, schon als ich nach Abyssinien zurückkam, sehr
sichtbar. Man wird sich hierüber um so weniger wundern, wenn man sich erinnert,
dass ich im eilften und zwölften Kapitel des ersten Teils dieses Buchs erzählt
habe, wie weit es damit schon gekommen war, ehe wir Deutsche in Abyssinien unser
Wesen trieben. Die nützlichsten Stände im Staate, die erwerbenden Klassen der
Bürger, kamen in Verachtung und Abnahme und die glänzendere, verzehrende Klasse
in Flor. Da jetzt auch sehr viel mittelmässige und schiefe Köpfe sich in die
Studien warfen, so verlor man nach und nach die Idee, dass ein Mann, der sich
einen Gelehrten nennte, gründliche Kenntnisse in seinem Fache haben müsste; und
so erntete denn oft der unwissende Schwätzer und Windbeutel den Preis ein, zog
die Vorteile, die dem wahren Verdienste gebührten. Die Menge der jungen
Gelehrten, die sich zu den öffentlichen Ämtern drängten, war so gross, dass, um
auf der Versorgungsliste in die Reihe zu kommen, man früher anfangen musste, als
der Verstand reif war, und ein Vater, um noch in seinem Alter die Freude zu
erleben, seinen Sohn in einer Bedienung zu sehen, sich gezwungen sah, ihn ohne
Vorkenntnisse auf Universitäten zu schicken und beinahe ebenso unwissend von da
zurück in ein Amt zu rufen. Daraus entstand dann eine stillschweigende
Konvention, keine gründliche Kenntnis in einzelnen Fächern zu fordern, sich mit
oberflächlichem Wortkram zu begnügen, aber dagegen auch in allen Zweigen der
Gelehrsamkeit herumzupfuschen. - Doch ich habe ja schon den grössten Teil dieser
Verkehrteiten beschrieben, als ich von dem Zustande der Wissenschaften bei
meiner ersten Ankunft in Gondar redete, und füge also nur hinzu, dass dies alles
im höchsten Grade zugenommen hatte, seitdem die Regierung die sogenannten
Gelehrten und Künstler vorzüglich zu unterstützen, Aufklärung zu befördern,
Akademien, Buchdruckereien und Buchläden anzulegen und Pressfreiheit einzuführen
anfing.
    Nun wetteiferten die Bücherschreiber in Abyssinien miteinander um den Preis,
wer die grösste Menge von Geistesprodukten liefern könnte, um die Wut aller
Stände nach täglich neuer Lectur zu stillen. Man kann sich wohl einbilden, was
für Zeug dann zum Vorschein kam; allein die unbeschreibliche Veränderlichkeit
der literarischen Moden, die eine sichere Folge des Mangels an gründlichen
Kenntnissen und an echtem Geschmacke ist, bewirkte gewisse Perioden, wovon ich
doch einige namhaft machen will.
    Am fruchtbarsten waren die Romanschreiber. Anfangs nannte man einen Roman
ein Buch, in welchem die Sitten guter und böser Menschen aus verschiednen
Ständen so, wie sie in der wirklichen Welt beschaffen zu sein pflegen, durch
Erzählung und lebhafte Darstellung ihres Betragens in erdichteten, aber
wahrscheinlichen, doch nicht immer alltäglichen Begebenheiten zum Beispiele, zur
Warnung und überhaupt zu Vermehrung der Menschenkenntnis geschildert wurden. -
Und so war dann ein Roman ein nützliches Buch für junge Leute, die in die grosse
Welt treten wollten und noch unbekannt waren in dem, was die Menschen, mit allen
ihren Leidenschaften und Torheiten, in derselben treiben, wirken, wünschen und
begehren. Allein bald waren ihnen die gewöhnlichen, wirklichen oder möglichen
Begebenheiten zu gemein und die mit Wahrheit dargestellten Menschen zu
alltäglich. Da schafften die Herren Romanschreiber für ihr Publikum eine neue
Welt, arbeiteten ins Wunderbare hinein, stellten Ideale von Menschen dar, wie
sie nun freilich der Schöpfer nicht zu liefern imstande ist, und liessen ihre
Helden die unerwartetsten, unerhörtesten Schicksale, Freuden und Leiden erleben.
Nun wurde die Phantasie der Jünglinge und Mädchen hoch über die gewöhnliche Welt
hinaus erhoben; nun war alles, was sie umgab, ihnen zuwider; alles ekelte sie
an; der gemeine Gang der Dinge war nichts für sie. Ein Mädchen hielt sich für
verloren, wenn sie, ohne vorhergegangne Entführung, mit Beistimmung ihrer braven
Eltern, einem ehrlichen Kerl die Hand als Gattin reichen sollte, und ein
Jüngling, in dem der Geist der Aventure in Brand geriet, lief ohne bestimmte
Ursache in die weite Welt hinein, um zu sehen, was die wohltätigen Feen da für
ihn tun würden.
    Als die Ideale, welche auf diese Weise den jungen Leuten in den Kopf gesetzt
waren, sich nirgends realisiert finden wollten, da ging das Winseln über die
erbärmliche Alltagswelt los. - So nannte man die Welt, welche der Schöpfer
selbst recht gut fand, als er sie fertig hatte! Nun schrieben die Herren
Büchermacher nur klägliche, rührende Geschichten; alles jammerte, empfindelte,
seufzte. Diese empfindsame Periode griff dann die Nerven gewaltig an; jedermann
klagte über Kränklichkeit und Vapeurs, beschwor einen Freund, ihm einen Dolch in
das Herz zu stossen, um dem Leben voll Jammers ein Ende zu machen, und beschwor
die Sterne, mitleidig auf das Elend dieses Erdenlebens herabzublicken.
    Aber bald erwachte der Geist andrer Schriftsteller voll Drang und Kraft.
Diese sprachen der Jugend Mut ein, ermunterten sie, nicht zu verzweifeln,
sondern das Übel mit der Wurzel auszureissen. Die leidigen Konventionen und
Regeln und Moralien - das waren die Fesseln, in denen die freie Menschheit
seufzte und die man brechen musste. - Fort also mit dem Zwange, den sogenannter
Anstand, unnatürliche Gesetze, eingebildete Regeln auflegen! Dem Herzen, der
Natur, den innern Trieben gefolgt und umgestürzt, was dem Genusse, für welchen
wir geschaffen sind, und der Entwicklung grösserer Kraft entgegen ist! - Das war
die Parole, mit welcher nun das Reich des Geniewesens anfing. Nun trotzte der
Jüngling kühn den langweiligen Vorschriften des Sittenpredigers, warf das Joch
des bürgerlichen Zwanges und der feinern Lebensart weg, liess die Haare um den
Kopf hängen, nahm seinen Knotenstock in die Hand und ging, wohin ihn zu gehen
gelüstete, wäre es auch in das Ehebette seines Bruders und Freundes gewesen. Er
folgte seinen Trieben, und die Schriftsteller bewiesen ihm, dass kein Mensch
anders handeln könne, als er handelt, dass oft der, welchen die ganze Welt für
einen Bösewicht, Verwüster und Zerstörer der öffentlichen Ruhe gehalten hätte,
ein grösserer Mann gewesen als der hochgepriesene Wohltäter des
Menschengeschlechts und dass alles gut und gross sei, wozu Kraft gehörte.
Vergebens suchten einige ernstafte Männer zu beweisen, dass Auflodern nicht
erwärmendes Feuer, Stoss nicht Kraft genannt werden dürfe; dass wahre Kraft und
Festigkeit und Mut im Ausdauern, in konsequentem, regelmässigem, bestimmtem
Fortrücken zu reinen, verständigen Zwecken besteht. - Man spottete der Pedanten
und rasete darauflos. Auch in den Wissenschaften und Künsten warf man alle
Regeln zur Seite und verschrie die Vorschriften, welche aus der Natur geschöpft
waren, als schändliche Fesseln des höhern Genies.
    Diese Periode erhielt sich bis zu der grössern Revolution, wovon ich in der
Folge reden werde, und schien auch in der Tat äusserst passend für die
Abyssinier, wie sie jetzt waren. Weichlichen, verzärtelten Menschen, mit äusserst
reizbaren Nerven und dabei gewöhnt an Üppigkeit und Wohlleben und sinnlichen
Kitzel, deren Phantasie immer mit der gesunden Vernunft davonlief und die dabei
jede dauernde Anstrengung flohen, solchen Menschen war freilich ein System
willkommen, nach welchem ihre Ausschweifungen gerechtfertigt wurden, ihre
Fieberwut für Kraft, ihre Unverschämteit und Regellosigkeit für angeborne
natürliche Freiheit und ihr polyhistor'sches Geschwätz für Gelehrsamkeit galt.
    Es ist nun Zeit, auch zu sagen, wie sich die Priester hiebei betrugen. Aus
der neuern Geschichte von Abyssinien, die ich im ersten Teile dieses Buchs
vorgetragen habe, wird man sich noch erinnern, dass das Ansehen der Geistlichkeit
und der edeln Ortodoxie unter der Regierung des zuletzt verstorbnen Negus nicht
eben sehr gross war. Als nun die Aufklärung so mächtige Fortschritte machte, man
allen Zwang abschüttelte und eine gewisse Kühnheit in Grundsätzen und Handlungen
allgemein wurde, da kam denn auch die Reihe an das Kirchensystem. Die Zeiten
waren vorbei, wo man sich mit unnützen Grübeleien über Glaubenslehren abgab;
aber auch die Zeiten waren vorbei, wo man sich von dem Priesterstande
vorschreiben liess, was man glauben und denken sollte. Jetzt, da es auf alle
Weise, wegen des unangenehmen Gedränges, in welches zuweilen die jetzige
Moralität mit dem Religionssysteme kam, bequemer war, auch dieses wegzuwerfen,
machte man dazu Anstalt. Allein es war dem Genius des Zeitalters zuwider, dies
mit einigem Forschungsgeiste zu unternehmen; leichter war es, auch in diesem
Fache, wie in allen übrigen, mit Spott und Persiflage das anzugreifen, was zu
mühsam mit Gründen zu bekämpfen war, und da der alte Negus die Pfaffen nicht
schätzte und selbst immer aufgeklärter und toleranter wurde, so mussten die
geistlichen Herren dies wohl geschehen lassen. Um jedoch nicht allen Einfluss zu
verlieren, dreheten die Feinsten unter ihnen den Mantel nach dem Winde, fingen
selbst an, Duldung zu predigen und die Glaubenslehre nach Zeit und Umständen zu
modifizieren. - - Wie konsequent dies gehandelt war und ob nicht die wenigen
eifrigen Zeloten weiser handelten, die auch nicht ein Tittelchen ausgelöscht
haben wollten und, in Erwartung besserer Zeiten, nicht aufhörten, die Kanzel zu
pauken, den Unglauben zu anatematisieren, Verderben und Untergang zu
prophezeien und mit Feuer vom Himmel zu drohen - das überlasse ich dem geneigten
Leser zu entscheiden.
 
                                Eilftes Kapitel
                            Fortsetzung des vorigen
Ich habe eben gesagt, dass der alte Negus täglich toleranter und aufgeklärter
geworden wäre; doch darf ich nicht behaupten, diese Vervollkommnung sei das Werk
eines tiefen, reiflichen Nachdenkens über dergleichen Gegenstände gewesen;
vielmehr riss ihn der allgemeine Strom des Lichts unmerklich mit sich fort. Wir
haben gehört, dass er eine Bücherzensur errichtet hatte; diese wurde freilich
nicht aufgehoben, aber das konnte er doch nicht ändern, dass die Zensoren selbst
allmählich anfingen, die Grundsätze ihres Zeitalters anzunehmen. Nach und nach
starben denn auch die alten, ungeschmeidigen Männer, und junge, freier denkende
kamen, in diesem Departement, an das Ruder. Man wird immer weniger empört durch
kühne Sätze, je öfter man sie hört, und zuletzt kommen sie in allgemeinen Kurs
und erhalten durch vieljährigen Besitz die Rechte der Wahrheit. Dies haben
diejenigen wohl gewusst, welche den Menschen Torheiten und Irrtümer aufheften
wollten. Sie haben so lange dieselben Fratzen gepredigt, gesungen, geschrieben,
gemalt, bis zuletzt kein Mensch mehr das Herz hatte, sich selber zu fragen, ob
auch wohl ein gesunder Begriff in dem allen liege; und beobachten wir mit
philosophischem Auge, auf welche Weise, mitten in aufgeklärten Zeiten, gewisse
Betrüger sich grossen Anhang zu verschaffen wissen, so werden wir finden, worauf
die Kunst dieser Leute beruht; sie wissen, dass, wenn sie nur nicht müde werden,
den Unsinn zu behaupten, der anfangs verlacht, nachher übersehen, dann geduldet,
hierauf verteidigt wird und endlich Märtyrer findet, sie doch zuletzt ihren
Zweck erreichen und dass, wenn es erst soweit ist, dann wenig Leute den Mut
haben, sich allgemeinen Meinungen zu widersetzen. Diese Bemerkung könnten sich,
wie ich glaube, diejenigen zu Nutzen machen, welchen es darum zu tun ist, edle,
grosse und nützliche Wahrheiten auszubreiten. Noch einmal! Das ganze Geheimnis,
um alles in der Welt durchzusetzen, beruht in diesen vier Worten: nicht müde zu
werden.
    Bei dieser kleinen Ausschweifung habe ich nur die Absicht gehabt,
begreiflich zu machen, wie es zuging, dass die Aufklärung in Abyssinien so
schnelle Fortschritte machte. In der Tat brachte man kurz vor dem Tode des alten
Negus in öffentlichen gemischten Gesellschaften, an Tafel und sonst
gesprächsweise Sätze vor, die man zehn Jahre früher kaum würde zu denken gewagt
haben; und die Grossen des Hofs, ja, der Monarch selbst, glaubten jetzt schon den
Ruf vorurteilfreier Beförderer der Aufklärung auf das Spiel zu setzen, wenn sie,
so ungern sie auch manches hörten, die natürliche Befugnis der Leute, über alles
ihre Meinung zu sagen, einschränkten. Es schlich sich also unvermerkt eine
gänzliche Denk- und Pressfreiheit ein, von welcher denn auch, wie von allen guten
Dingen in der Welt, vielfältig Missbrauch gemacht und weder die häusliche Ruhe
der Bürger noch die wohltätigen Vorurteile der Schwächern, noch der Ruf der
Edlern, noch das Vertrauen der Freundschaft, noch das Familiengeheimnis - kurz,
nichts geschont, sondern alles an das Tageslicht gezogen, beurteilt, verdächtig
gemacht, angegriffen, verspottet und ohne Ersatz vertilgt wurde.
    Unmittelbar aber traf diese Folge auch den ersten Beförderer der Aufklärung,
den König selber. Das Licht, welches er angezündet hatte, leuchtete weiter, als
seine Absicht gewesen war. Nachdem man lange genug frei und kühn über Moral,
Religion und Privatverhältnisse geredet und geschrieben hatte, fing man auch an,
ebenso ungezwungen über Menschen- und Völkerrechte, über Fürstenansprüche und
-befugnisse, über Sklaverei und Freiheit zu räsonieren.
    So standen die Sachen, als meine deutschen Philosophen und Pädagogen nach
Abyssinien kamen. Diese, besonders die letztern, hätten nun viel dazu beitragen
können, alles in ein vernünftiges Geleise zu bringen. Unglücklicherweise aber
taten sie das Gegenteil. Ich habe immer geglaubt, dass sich über Erziehung keine
allgemeine Regeln geben liessen, sondern dass sich diese nach Zeit und Umständen
richten müssten, weil doch ihr Hauptzweck ist, Menschen zu bilden, die in ihr
Zeitalter passen und als nützliche Bürger zu ihrer und ihrer Mitbürger
Vervollkommnung und Glückseligkeit alles mögliche beitragen sollen. In einer
Periode also, in welcher die Abyssinier ausschweifende Begriffe von Freiheit und
Zwanglosigkeit hatten, jede ernstafte Anstrengung scheueten, sehr vorlaut und
egoistisch waren, alle Konventionen und alle Rücksichten auf Stand, Alter und
Erfahrung verachteten und, über ihren Gesichtskreis hinaus, über alles im Himmel
und auf Erden räsonierten, schien es der Klugheit gemäss, die Jugend an mehr
Ordnung, Pünktlichkeit, Gehorsam, Bescheidenheit, Misstrauen in eigne
Fähigkeiten, emsigen Fleiss, Überwindung von Schwierigkeiten und Aufopferung zum
allgemeinen Besten zu gewöhnen; allein daran dachten, leider! meine Pädagogen
nicht. Sie ermunterten vielmehr in den Knaben den übel verstandnen
Freiheitssinn, deklamierten gegen Pedanterie, Autorität, Sklaverei und
Despotismus und erzogen die jungen Leute so, dass sie sich hernach durchaus nicht
in den Zwang des bürgerlichen Lebens fügen wollten und die frohen, im Spielen
hingetändelten Stunden, welche sie in den Erziehungsinstituten genossen, nachher
durch manche unbehagliche, bittre büssen mussten, folglich die Summe der
unzufriednen, unruhigen Bürger vermehrten.
    Noch etwas verstärkte diese allgemeine Gärung, und das waren die geheimen
Verbindungen, wovon ich doch auch noch ein Wort sagen muss. Nachdem die
Abyssinier in allen Gebieten wissenschaftlicher Kenntnisse herumgeirrt waren und
über alles nachgedacht zu haben glaubten, was den Menschen wichtig sein kann,
fanden sie, was man auf der letzten Seite jedes Systems findet, dass unser Wissen
und Wollen und Wirken Stückwerk, unvollkommen und dunkel bleibt. In diesen
Grenzen irdischer Weisheit und Tätigkeit aber sich einpfählen zu lassen, das
dünkte Menschen von so reizbaren Nerven, schwärmender Phantasie und unruhigem
Tätigkeitstriebe zu gemein; weil indessen ihre Begriffe nicht gehörig geordnet,
sondern verwirrt und schwankend waren, so nährten sie unaufhörlich heimliche
Wünsche und dunkle Ahndungen. Hie und da teilten sich Menschen, in denen dies
kochte und wurmte, solche Empfindungen mit und freueten sich, wenn sie sahen,
dass sie einander verstanden oder zu verstehen glauben durften, obgleich sie
nicht imstande waren, mit Worten deutlich zu machen, was sie eigentlich wollten
und suchten. Sie wurden aber über gewissen Hieroglyphen, Zeichen und Phrasen
einig, wodurch sie ineinander ihre dunkle Ideen wieder erwecken konnten, und der
Gedanke, dass dies nun eine Sprache war, die nicht jeder verstand, hatte etwas
Angenehmes, Kitzelndes. Bald hielten sie diese neue Typen für wirkliche neue
Sachen, für neu erfundene Wahrheiten, täuschten sich selbst, sprachen von ihren
geheimen Kenntnissen, nahmen andre in diesen Bund auf, welche auch diese Bilder
lernten, einen Sinn damit zu verbinden glaubten, aber eigentlich nichts
Bestimmtes darüber zu sagen wussten, als dass sich so etwas mit gemeinen Worten
gar nicht ausdrücken liesse. Der gemeinschaftliche Besitz eines Geheimnisses
bindet die Bewahrer desselben enge zusammen, und in einem Zeitalter, wo alle
natürliche Bande locker geworden sind und den Menschen zu alltäglich und
langweilig vorkommen, erweckte eine neue Art von Verhältnis, das gar nicht auf
den gewöhnlichen Konventionen beruht, den doch zur Geselligkeit geschaffenen
Menschen zu neuer Wärme für seine Nebenmenschen. Er vergisst dann, dass er dies
Glück auf eine viel natürlichere Weise finden könnte, schimpft auf die Mängel
der bürgerlichen Einrichtungen, ohne Vorschläge zu ihrer Verbesserung zu tun,
und schafft sich neue Verbindungen, die noch grössere Mängel, aber den Reiz der
Neuheit und das Verdienst haben, dass er selbst ihr Schöpfer ist. Dies alles
wohlüberlegt, so darf man sich darüber nicht wundern, dass in kurzer Zeit die Wut
zu geheimen Bündnissen in Abyssinien sehr hoch stieg und dass deren eine Menge
von allerlei Art errichtet wurde.
    Solange die ersten Stifter noch lebten, verband man doch einigen dunkeln
Sinn mit der Bildersprache und den mystischen Gebräuchen dieser Gesellschaften;
nachher fing man an, sich nicht viel um die Deutung zu bekümmern, sondern hielt
sich an die geselligen Zwecke; als aber die Gärung in den Köpfen und Gemütern
der Abyssinier unter allen Ständen so allgemein wurde und Aufklärer,
Reformatoren und Aufrührer von vielfacher Art im Volke hervortraten und sich
Parteien zu machen suchten, da nützten diese Menschen, zu guten und bösen
Zwecken, den Schleier und das Vehikulum geheimer Verbindungen, und weil die
Hieroglyphen und Gebräuche alle mögliche Auslegungen litten, so war dies ein
herrliches Mittel, jedes System darauf zu bauen. Noch konnten solche
Verbindungen an Ehrwürdigkeit viel gewinnen, wenn man ihnen ein hohes Altertum
andichtete; zum Glück war auch dazu Rat zu schaffen. Man untersuchte die
Pyramiden und Obelisken in Ägypten (die, im Vorbeigehen zu sagen, der übrigens
gelehrte Herr Professor Witte kürzlich für vulkanische Produkte und die innere
Einrichtung der Zimmer etc. für Arbeiten gewisser Schnecken erklärt hat) und
fand mit Freuden, dass darauf, so wie auf den Ruinen der Stadt Axum, Figuren
eingegraben waren, die mit den Hieroglyphen der geheimen Verbindungen sehr viel
Ähnlichkeiten hatten; und da war denn bald eine zusammenhängende Geschichte der
verborgnen Weisheit herausbuchstabiert, die jede Partei zum Vorteile ihrer Lehre
auslegte und die übrigen Praktikanten verketzerte. Schwärmer und Betrüger aller
Art, Geisterseher, Goldmacher, Diebe, politische Reformatoren, Stifter neuer
Religionssekten - alle hingen dies Gewand um und setzten phantastische Menschen,
schwache Denker und unruhige Köpfe in Bewegung, lockten sie von nützlicher
Tätigkeit ab und erfüllten sie mit Reformationsgeiste. - Doch ich habe schon
zuviel von diesen Armseligkeiten gesagt; wir werden bald hören, was am Ende aus
dieser allgemeinen Gärung entstand.
 
                                Zwölftes Kapitel
  Nachricht von dem, was in den ersten Regierungsjahren des neuen Landesvaters
                                    vorging
Wir haben am Ende des neunten Kapitels gehört, dass die abgöttische Verehrung,
welche man in den ersten Monaten der neuen Regierung dem jungen Könige erwiesen
hatte, nach und nach der kältern Überlegung wich. Und diese kältere Überlegung
lehrte die Abyssinier bald, wieviel sie bei der Veränderung gewonnen oder
verloren hatten. Kaum war der erste Taumel der Feierlichkeiten vorüber und der
Gang der Geschäfte wieder in die gewöhnliche Ordnung gekommen, als der junge
Despot sich durch einige willkürliche Verordnungen ankündigte, die jedermann
furchtsam und mutlos machten. Er führte das Kniebeugen und das alte sklavische
Zeremoniell wieder ein, beschränkte die Freiheit der Presse, verstattete nicht
mehr jedem aus dem Volke freien Zutritt zu seiner Person, sondern schloss sich
mit seiner französischen Buhlerin und seinen Lieblingen in dem Palaste ein,
lebte dort in Völlerei und Untätigkeit, erschien dann nur einmal in der Woche,
und zwar, nach alter abyssinischer Weise, verhüllt, von Trabanten umgeben, in
dem Zirkel seiner verachtungswerten Günstlinge, wovon die Niederträchtigsten in
alle Departements eingeschoben, den verdienstvollen Männern vor und an die Seite
gesetzt und zu Geschäften gebraucht wurden, wovon sie nichts verstanden. Diese
machten dann den Negus misstrauisch gegen seine treuesten Diener, welche er nicht
mehr hörte, nicht mehr um Rat fragte, sondern sie kalt und rauh behandelte. Es
wurden Einrichtungen gemacht, die nicht in die Landesverfassung passten, alle
natürliche Freiheit einschränkten und sehr drückend für die Untertanen waren. Er
nahm keine Gegenvorstellungen an; sein Wink war strenger Befehl, sein Wille die
Ursache; die geringste Weigerung oder auch nur ein bescheidner Einwurf war
hinreichend, den würdigsten Mann um Bedienung und Freiheit zu bringen. Es
schlichen Ausspäher, Auflaurer und Horcher in allen öffentlichen und
Privatäusern herum und sammelten jedes Wort auf, das einem Manne in guter oder
böser Laune entwischte. Dann wurde auf einmal ein sorgloser, unschädlicher Mann
durch Wache des Nachts aus seinem Bette geholt und, ohne öffentlichen Prozess,
seiner Bedienungen entsetzt oder eingekerkert oder des Landes verwiesen oder
verschwand, ohne dass man wusste, wohin. Zuweilen wurde bei Todesstrafe verboten,
von gewissen Dingen oder von gewissen Personen zu reden. Gab jemand einmal
seinen Freunden ein fröhliches Mahl oder vergnügte sich in seinem Hause mit
Musik und Tanz oder kaufte sich ein schönes Kamel, so wurde dies dem Negus
hinterbracht. Es hiess, dem Manne sei zu wohl, und es wurde ihm ein Teil seines
Gehalts genommen. Allgemeine Mutlosigkeit herrschte nun, niemand trauete dem
andern; Geselligkeit, heitre Laune und Gastfreundschaft verschwanden, und wer
einen guten Bissen essen wollte, verschloss sich in sein Kabinett.
    Desto üppiger und wollüstiger aber lebte das Kebsweib des Negus mit seinem
Anhange. Paläste und Lustschlösser wurden für diese mit ungeheuren Kosten
erbauet oder gekauft oder den Eigentümern abgenötigt, und nichts glich der
Pracht, die in ihrem Putze und Hausrate herrschte. Unersättlich waren die
Begierden des abscheulichen Weibes, in dessen räuberischen Händen Glück und
Unglück von Millionen edler Menschen lag. Nun gab es kein andres Mittel, als
diesen Götzen anzubeten und ihm Geschenke zu bringen, wenn man etwas erlangen
wollte. Ihr Vorzimmer wimmelte von den Grossen des Reichs, denen sie mit Übermut
und Spott begegnete; Generale mussten ihr den Fussschemel nachtragen, ehrwürdigen
Greisen äffte sie vor dem versammelten Hofe die körperlichen Schwachheiten ihres
Alters nach und machte sie zum Gegenstande des allgemeinen Gelächters. Sie
beherrschte despotisch ihren Negus; gab ihm nicht die Erlaubnis, mehr Weiber zu
nehmen, ja, nur eine einzige freundlich anzublicken, und wenn er mit ihr und
einem paar Günstlingen allein war, dann trieb sie mutwillige französische
Scherze mit ihm und nötigte ihn zu kindischen Spielen, die sonderbar mit der
Majestät des Trons kontrastierten, worauf man so strenge hielt.
    Nach dem Beispiele der königlichen Buhlerin waren auch die von ihr
beschützten Lieblinge nicht untätig zu Vermehrung ihrer Gewalt und ihres
Vermögens. Auch sie liessen sich Güter schenken, welche andern gehörten; auch sie
liessen sich bestechen, um durch ihr Vorwort einen Schurken auf einen Platz zu
stellen, auf welchen ein redlicher Mann Recht hatte, Ansprüche zu machen. Justiz
wurde verkauft, ja, man musste dafür bezahlen, dass man von seinen Nachbarn in
Ruhe gelassen würde.
    Bei dieser abscheulichen Wirtschaft konnte es freilich mit den Finanzen
nicht besser aussehen als mit der Moralität. Die ungeheure Verschwendung, die am
Hofe herrschte, erschöpfte die Kassen; man nahm seine Zuflucht zu allen Mitteln,
welche in solchen Fällen angewendet zu werden pflegen; man forderte Abgaben von
allen, auch von den nötigsten Bedürfnissen des Lebens; man erfand Auflagen,
wovon in Abyssinien noch kein Beispiel war, und trieb diese mit einer grausamen
Strenge ein, die die Menschheit empörte.
    So standen die Sachen, als ein verderblicher Krieg mit dem Könige von Nemas
das Werk, die abyssinischen Untertanen zugrunde zu richten, vollendete. Dieser
Krieg hatte einer elenden Grenzstreitigkeit wegen seinen Anfang genommen; beide
Monarchen wurden von schelmischen Lieblingen regiert, die voraussahn, dass sie
dabei im trüben fischen könnten, und daher das Feuer anbliesen, das ausser dem
leicht zu dämpfen gewesen wäre. Man verwarf also von beiden Seiten alle
Vergleichsvorschläge und rüstete sich zum Feldzuge. Die beiden Könige brauchten
ja nicht mitzugehen, sondern konnten sich's bei Weibern und Flaschen wohl sein
lassen, indes ihre Untertanen die Ehre hatten, sich die Hälse zu brechen.
    Nun wurde durch ganz Abyssinien eine gewaltsame Werbung vorgenommen; einzige
Söhne, die Stützen ihrer Familien, Greise und Knaben mussten mit in den Krieg. An
die Spitzen der Regimenter und des ganzen Heers aber wurden die Günstlinge der
Buhlerin gestellt, die weder militärische Kenntnisse noch Mut besassen, aber
desto besser die Kunst verstanden, sich zu bereichern. Der Ausgang dieses Kriegs
war leicht vorauszusehen. Die Soldaten stritten mit Unlust, liebten ihre
Anführer nicht, wurden schlecht behandelt, dabei betrogen und durch die
Unwissenheit der Generale aufgeopfert; am Ende des dritten Feldzugs erfolgte ein
für Abyssinien sehr nachteiliger Frieden, durch welchen, ohne die ungeheuren
Summen zu rechnen, die der Krieg gekostet hatte, mehr verlorenging, als vor
demselben der König von Nemas je in Anspruch genommen hatte.
    Allein wie verhielten sich denn der Herr Minister Joseph von Wurmbrand und
der Baalomaal Benjamin Noldmann bei diesem allen? - Das werden wir im nächsten
Kapitel erfahren.
 
                              Dreizehntes Kapitel
               Wie es dem Verfasser und seinem Herrn Vetter geht
Ich habe bis jetzt die Fehler nicht verschwiegen, welche man meinem Herrn
Vetter, als Staatsmann betrachtet, vorwerfen könnte. Einer der hauptsächlichsten
war gewiss der, dass er den alten Negus in despotischen Grundsätzen bestärkte oder
vielmehr, durch Verpflanzung der europäischen Einrichtungen nach Abyssinien, die
Ausübung des dortigen Despotismus erleichterte und in ein zusammenhängendes
System brachte, ohne dennoch ernstlich genug auf Einführung weiser Grundsätze zu
denken, nach welchen man despotisch regieren wollte. Was mich selber betrifft,
so habe ich gleichfalls nicht verhehlt, dass ich mir einige Unvorsichtigkeiten in
der Wahl der nach Abyssinien geschickten Gelehrten und Künstler und einigen
Mangel an Festigkeit, bei Leitung des Kronprinzen, habe zuschulden kommen
lassen; allein mit eben dieser Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe darf ich doch
auch behaupten, dass wir beide uns, als unter der neuen Regierung nur Schelme und
Schmeichler, auf Unkosten der Bessern, ihr Glück machen konnten, gewiss so
betragen haben, wie es redliche Männer ziemt. - Auch wird man mir das glauben,
wenn ich nun erzähle, dass wir das Opfer davon wurden.
    Solange die Einrichtungen, welche der neue Monarch machte, und seine raschen
Schritte nur Unkunde, jugendliche Übereilung und Schwäche verrieten, hoffte der
Minister immer noch, Zeit, Erfahrung und sanfte Vorstellungen würden in der
Folge das Ihrige tun. Er verbarg oft seinen Unwillen, ertrug manche Demütigung,
beruhigte sich, wenn er nach Gewissen geredet hatte, und liess dem Dinge seinen
Lauf. Als aber endlich der Haufen der niederträchtigen Kreaturen, in allen ihm
anvertraueten Fächern, nach Willkür schaltete und waltete, man dann von ihm
verlangte, dass er Befehle unterschreiben und ausfertigen lassen sollte, die
tyrannisch und unvernünftig waren, da wagte er endlich einen Schritt, wovon er
voraussah, dass er ihm teuer zu stehen kommen würde, den er aber sich selber, der
Redlichkeit und seinem Rufe schuldig zu sein glaubte. Er weigerte sich
gradeswegs, die Hände zu solchen Grausamkeiten zu bieten, und forderte, dass man
ihm folgen oder ihm den Abschied geben sollte. Hierauf hatte man gelauert; das
hatte man gehofft und vorausgesehen. Er bekam nicht nur den Abschied, sondern
auch Befehl, ein kleines Jahrgeld, welches man ihm aussetzte, in den Gebirgen
von Waldubba zu verzehren. Sein Sturz (wenn man den Triumph der
Rechtschaffenheit also nennen muss) zog den meinigen nach sich; mein Urteil war
dem seinigen gleich; und Stilky, der bekannte Liebling und Kuppler des Negus,
wurde erster Minister.
    Ich meine gesagt zu haben, dass die Dörfer, welche in den Gebirgen von
Waldubba liegen, woselbst auch viel Einsiedlermönche wohnen, wie das russische
Sibirien zu einem Exil für die in Ungnade gefallnen Staatsbedienten bestimmt
sind, dass man ferner die jüngern Prinzen, welche nicht auf den Tron kommen
sollen, dahin zu senden pflegt und dass also auch der jüngere Bruder des neuen
Negus mit seinem Hofmeister, den ich als einen edeln und weisen Mann beschrieben
habe, dort lebte. Die Einrichtung, die jüngern königlichen Kinder auf diese
Weise aus aller Verbindung mit dem Hofe und dem Volke zu setzen, rührte aber
eigentlich aus ältern Zeiten her und war das Werk herrschsüchtiger Minister, die
auf diese Weise unter den Prinzen den schwächsten zum Tronerben auswählen und
die übrigen in Dunkelheit vergraben konnten. Als nun mein Herr Vetter an das
Ruder der Geschäfte trat und dieser in der Tat die besten, uneigennützigsten
Absichten hatte, wenngleich er nicht immer glücklich in der Wahl der Mittel war,
bat er den alten Negus, jene grausame Gewohnheit, die Prinzen als Gefangne zu
behandeln und in Unwissenheit zu erhalten, abzuschaffen. Er erhielt ohne Mühe
von dem gutmütigen Könige zugleich mit dem Befehle, den Kronprinzen unter meiner
Führung auf Reisen zu schicken, auch für den andern Negussohn die Erlaubnis,
nebst seinem einsichtsvollen Mentor den Aufentalt in Waldubba mit Adova zu
vertauschen, wo nun die neue Universität gegründet und der Umgang mit Gelehrten
fähig war, seinen Geist vollends auszubilden und ihn sein Leben angenehm
hinbringen zu machen. Seit fünf Jahren wohnte also der junge Herr nebst seinem
kleinen Hofstaate in Adova.
    Als nun meinem Herrn Vetter und mir angekündigt wurde, dass wir jene rauhe
und zugleich ungesunde Gegend zu unserm künftigen Aufentalte wählen sollten, da
wurde uns in der Tat das Herz schwer. Unser Umgang würde sich haben auf die dort
wohnenden heuchlerischen und ausschweifenden Mönche einschränken müssen - und
welch ein elendes Leben war das! Nach Europa zurückzureisen, daran war jetzt
nicht zu denken. Die Jahrszeit schien dazu nicht günstig; man würde uns nicht
erlaubt haben, etwas von dem Vermögen, welches wir uns gesammelt hatten,
mitzunehmen, und als Bettler in unser Vaterland wiederzukommen, nach der Rolle,
die wir gespielt hatten - das war ein bittrer Gedanke. Hierzu kam noch, dass,
ohne besondre Empfehlung und Sorgfalt der abyssinischen Regierung, worauf wir
doch jetzt nicht rechnen durften, diese weite Reise für uns gefährlich, ja
unmöglich wurde.
    In dieser Verlegenheit hielten wir es für Pflicht gegen uns selber, den
Umständen nachzugeben und uns zu guten Worten herabzulassen. Wir demütigten uns
also und baten, dass man uns gestatten möchte, ruhig in Adova uns niederzulassen,
wo jetzt eine grosse Anzahl unsrer Landsleute wohnte, an denen wir in unsern
glänzenden Tagen soviel auszusetzen gefunden hatten und nach deren Umgang wir
uns nun innigst sehnten. Nicht ohne Schwierigkeit erlangten wir diese
Vergünstigung; doch gab man endlich nach, und wir zogen im Anfange des Jahres
1781 nach Adova.
    Undankbar müsste ich gegen das Schicksal sein, wenn ich nicht laut bekennen
wollte, dass die sechs Jahre, welche ich dort im Exil zugebracht habe, mit zu den
glücklichsten meines Lebens gehört haben. Wir kauften, mein Vetter und ich, ein
kleines artiges Häuschen, nebst Hof und Garten, richteten uns nicht prächtig,
aber gemächlich ein, schlossen uns auf gewisse Weise an den kleinen Hof des
liebenswürdigen Prinzen an, von welchem ich in der Folge noch soviel werde sagen
müssen, und genossen den lehrreichen Umgang seines mir unvergesslichen Führers
Alwo. (Wie kommt es, dass ich den Namen dieses vortrefflichen Mannes noch nicht
genannt habe?) Aber auch die Gesellschaft der deutschen Gelehrten und Künstler,
die dort wohnten, gewährte uns manche angenehme Unterhaltung. Es waren darunter
doch gute Köpfe, wenn auch hie und da ein wenig Verschraubteit mit unterlief. -
Unser Leben war den Wissenschaften, der Gemütsruhe und geselligen Freuden
gewidmet; die Ausbildung meines Geistes und Herzens habe ich dieser
sechsjährigen Periode zu danken.
    Was nachher in Abyssinien vorging und ich in den folgenden Kapiteln erzählen
werde, das habe ich grösstenteils in der Entfernung, mit kaltem Blute, ohne
tätige Teilnahme beobachtet, und um desto unparteiischer wird nun der Rest
meiner Geschichte ausfallen.
 
                              Vierzehntes Kapitel
            Aufruhr in Nubien. Wirkung davon im abyssinischen Reiche
Obgleich die willkürlichste, höchst tyrannische und drückendste Regierung in
Abyssinien herrschte und allgemeines Verderbnis der Sitten täglich mehr
überhandnahm, so war es dem Negus doch unmöglich, den einmal angezündeten Funken
von Freiheit im Denken und Reden gänzlich auszulöschen. So allgemein war denn
auch wirklich die Korruption nicht, dass nicht, besonders in den Mittelständen
und unter solchen Leuten, die bei Hofe nichts zu suchen hatten, noch Tugend,
Weisheit und Gradheit geherrscht hätten. Brachte die übereilte Aufklärung in
schiefen und aufbrausenden Köpfen verkehrte Wirkungen hervor, so gab sie doch
auch in den besser organisierten Anlass zu einer nützlichen Gärung, regte manche
schlafende Kraft auf und erweckte auch wohl den echten Sinn für Wahrheit und
Freiheit. Ich möchte wünschen, dass diejenigen, welche so geneigt sind, wegen des
Missbrauchs einer Sache die Sache selbst zu verwerfen, und die daher auch jetzt
jede Anstalt zur Aufklärung verdächtig zu machen suchen, weil das Wort
Aufklärung so oft missverstanden wird und zur Firma schädlicher Zwecke dient, ich
möchte doch wünschen, dass diese Leute recht wohl kalkulierten, ob es besser
getan sei, bei ausgemacht tödlichen und ansteckenden Krankheiten der Natur alles
zu überlassen oder Mittel zu wählen, unter denen, wenn sie auch ein wenig gewagt
sind, doch wohl eines anschlagen kann und woran wenigstens kein einziger stirbt,
der nicht ohne dasselbe auch gestorben wäre oder einen siechen Körper behalten
hätte.
    Je strenger der Negus jedes kühne Wort, das gegen ihn ausgestossen und ihm
hinterbracht wurde, bestrafte, um desto grösser (wie immer das Verbotene süsser
schmeckt) wurde der Reiz, heimlich über die neue Regierung zu räsonieren. Aber
es war nicht bloss vom Räsonieren die Rede, sondern das Elend, die Armut, der
Jammer der Völker rührten jedes gefühlvollen Mannes Herz und erzeugten den
leisen Wunsch in ihm: möchte doch die Vorsehung Hülfe schicken! Er suchte dann
unter dem Haufen einen Freund, dem er sich vertrauen konnte, dem, wie ihm, die
allgemeine Not des Landes die Seele erschütterte, und er fand bald einen
solchen, da nach einem paar Jahren schon, ausser dem glänzenden Pöbel, der in den
Ringmauern des Palastes sein Wesen trieb, kein Mensch mit zufriedner, heitrer,
froher und freier Miene umherwandelte. Wenn dann zwei solcher Unzufriednen sich
gegeneinander aufschlossen, dann stiess auch wohl einer von ihnen das Wort
heraus: »Nein! Das kann so nicht bleiben; es muss anders werden!«
    Die geheimen Verbindungen, welche seit einiger Zeit jeder Anführer einer
Partei, jeder Erfinder eines Systems, jeder Reformator zu seinen Zwecken nützte,
waren auch bei dieser Gelegenheit nicht untätig. Man stiftete dergleichen, in
welchen, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, kühne politische Grundsätze
gepredigt und die Mitglieder mit Wärme und Entusiasmus für Freiheit erfüllt
wurden.
    Der allgemeine Hass, der in allen Klassen der Bürger gegen den korrumpierten
Hof herrschte, erweckte einen sehr wohltätigen Widerwillen gegen verderbte
Sitten; und dieselben Menschen, welche bis dahin sich von dem allgemeinen Strome
zu einem üppigen, wollüstigen und müssigen Leben hatten hinreissen lassen, suchten
nun eine Ehre darin, eine Lebensart zu führen, die von jener abstach. Man sah
nun wieder, wenigstens äusserlich, Eifer für Keuschheit, Mässigkeit, Simplizität
und für alle geselligen Tugenden erwachen.
    Bittre Spötter, die, ohne wahre Wärme für das Gute, nur jede Gelegenheit,
etwas Witziges und Beissendes zu sagen, begierig ergriffen, schrieben Satiren auf
den König, auf das Kebsweib und die Günstlinge. Man hört auf zu fürchten, was
man einmal gewagt hat in verächtlichem, burleskem Lichte anzusehen. Diese
Spöttereien liefen abschriftlich aus Hand in Hand und wurden endlich gar
heimlich gedruckt. Einländische und auswärtige Dichter, Blätterschreiber, Maler
und Kupferstecher wählten den abyssinischen Hof zum Gegenstande ihres Witzes.
Bald zirkulierte eine ungeheure Menge solcher Pamphlete. Nun wollte die
Regierung grössern Ernst brauchen, Untersuchungen anstellen, liess einen armen
Pasquillanten einkerkern - das sicherste Mittel, das Übel ärger zu machen! Wer
bis dahin noch nicht frei geschrieben, gelesen, geredet hatte, fing jetzt erst
an, und unter Menschen, die ausserdem vielleicht geschworne Feinde waren,
entstand eine stillschweigende Verabredung, sich einander nicht zu verraten; die
Buchhändler aber wurden reich dabei und sorgten für geheime Austeilung aller
sogenannten rebellischen Schriften. Das Volk wurde immer kühner; der Minister
Stilky fand auf seinem Schreibtische, unter den Suppliken, Schandschriften und
Drohungen gegen ihn, und des Morgens prangten an den Torpfeilern des Schlosshofs
Pasquillen auf Seine Majestät.
    Vielleicht hätte dennoch diese allgemeine Gärung weiter keine entscheidende
Folgen gehabt, wenn nicht auf einmal die grosse Revolution, welche in Nubien
anfing und vielleicht noch jetzt nicht gänzlich zustande gekommen ist, in
Abyssinien eine Hauptkatastrophe herbeigeführt hätte. Man wird sich erinnern,
welche Schilderung ich im fünften und sechsten Kapitel des ersten Teils dieses
Buchs von dem Despotismus in Nubien entworfen habe; die Völker seufzten dort
alle unter dem abscheulichsten Drucke; aber noch war die Unzufriedenheit zu
keinem tätlichen Ausbruche gekommen. Ein kleiner Umstand, dergleichen
mehrenteils in dieser Welt die grössern Begebenheiten zu erzeugen pflegt, reizte
die Untertanen des blödsinnigen Königs von Sennar zu einem Aufruhre gegen seine
Stattalter. Man wählte verkehrte Mittel, um die Unruhen zu dämpfen, die dann
bald weiter um sich griffen und sich den mehrsten nubisschen monarchischen und
republikanischen Staaten mitteilten. Der Pöbel, der keine Grenzen kennt, wenn er
einmal die erste Linie überschritten hat, wurde nun in allen Reichen unbändig;
Könige und Fürsten wurden aus ihren Ländern vertrieben, die Volksunterdrücker
ermordet, Gefängnisse erbrochen, Paläste geschleift, Magazine geplündert, ganze
Städte verwüstet. - Freilich gingen dabei fürchterliche Grausamkeiten und
Ungerechtigkeiten vor; aber an wem liegt denn die Schuld, wenn abscheuliche
Missbräuche verzweiflungsvolle Mittel unvermeidlich machen?
    Die abyssinischen Zeitungen waren voll von den Erzählungen dieser Empörungen
in Nubien, und so vorsichtig sie auch waren, dergleichen Unfug als verderblich,
unglücklich und unerlaubt darzustellen, so machten doch diese Erzählungen dem
abyssinischen Volke die Wahrheit einleuchtend, dass tausend vereinigte Menschen
stärker sind als ein einziger und dass jene sich nur so lange von diesem
misshandeln zu lassen brauchen, als es ihnen beliebt. Diese an sich sehr einfache
Wahrheit wurde jetzt laut und öffentlich gesagt und geschrieben.
    Noch war der Zeitpunkt da, wo der Negus alles hätte gutmachen können, wenn
er weise und redliche Ratgeber gehabt hätte; und sollten je ähnliche Szenen in
einem europäischen Staate vorfallen5, so möchte ich wünschen, dass die
benachbarten Fürsten sich an diesen afrikanischen Begebenheiten spiegeln
möchten, um bessere Massregeln zu nehmen, als damals der Negus nahm. Ein ganzes
Volk ist nicht so leicht zum Aufruhre geneigt, als man gewöhnlich glaubt. Jeder
einzelne liebt seine Ruhe, bauet, bei Revolutionen, nicht so ganz fest auf den
Beistand des Nachbars, hofft noch immer auf bessere Zeiten. Viele sind dann auch
durch Privatinteressen an die jetzige Regierungsform geknüpft; sieht die Nation
nur guten Willen von seiten des Hofs und darf sich nur vergleichungsweise
weniger gedrückt halten als das benachbarte Volk, so trägt sie mit Geduld das
Joch, wenn dies Joch irgend ein wenig ausgefüttert, ausgepolstert ist. Nur dann,
wenn die Untertanen fast aller Klassen, durch Tyrannei aller Art, so aufs
äusserste gebracht sind, dass sie, deren Leben, Freiheit und Eigentum ja ohnehin
jeden Augenblick von der Willkür ihres Despoten abhängen, bei dem Aufruhre
nichts mehr verlieren und alles gewinnen können, nur dann greifen sie zu diesem
verzweifelten Mittel.
    Hätte daher der Negus Deputierte aus allen Ständen versammelt und, ohne von
seiner wahren Würde etwas zu vergeben noch kindische Furcht oder böses Gewissen
zu verraten, ihnen vorgestellt, sie sähen, welche schreckliche Unruhen in den
benachbarten Ländern herrschten und wie nichts weniger als bessere Ordnung,
sondern allgemeine Anarchie die Folgen der willkürlichen, gewaltsamen Schritte
des grossen Haufens wären; es sei aber billig, dass das Volk mit seinen Klagen
über die Regierung gehört werde und dass man ihm Rechenschaft von der
Staatsverwaltung ablege; der Fürst sei doch eigentlich nur der Vorsteher des
Staats; es sei dies ein beschwerliches, gewiss weder angenehmes noch leicht zu
verwaltendes Amt. Auch er, der Negus, könnte vielleicht manches darin versehen;
gern wollte er einem Würdigern den Platz auf dem Trone überlassen, auf welchem
sich's wahrlich nicht so weich und ruhig sitzen liesse, als wohl mancher glaubte.
Wollten sie aber fernerhin Zutrauen zu ihm fassen, so sei er bereit, allen
billigen Beschwerden abzuhelfen und, gemeinschaftlich mit den Repräsentanten,
Grundsätze zu bestimmen, nach welchen dann unabänderlich verfahren werden sollte
usw. - ich sage, hätte er das getan, so wäre alles gut gegangen.
    Wenn doch nur die Fürsten weise genug sein wollten, einzusehen, dass sie
sichrer und unumschränkter ein Volk regieren können, das sich für frei hält,
sich selber zu regieren glaubt, als einen Haufen immer unzufriedner, immer
murrender Sklaven, denen man nie Rechenschaft gibt, sie nicht einmal dann, wenn
man ihnen Gutes erweiset, genug würdigt, um ihnen die Ursache zu sagen, warum
man es ihnen erweiset! Ein guter Fürst kann doch nur die Absicht haben, sein
Volk glücklich zu sehen, von den weisesten, treuesten und besten Menschen
umgeben und geliebt zu sein und für sich und die Seinigen eine frohe, bequeme,
auch wohl ein wenig glänzende Existenz zu haben. Das alles kann er ja erlangen,
wie es der gute Vater Georg erlangt, und dennoch selbst den Gesetzen unterworfen
sein. Wo diese Gesetze regieren, diese Gesetze von der Nation selbst gegründet
sind, der König aber nur die ausübende Macht hat, alles Gute und nichts Böses
tun kann, da darf sich niemand an ihn halten, wenn nicht alles geht, wie es
gehen sollte, und man wälzt nicht wie in unumschränkten Regierungen die Schuld
von allem, was Schicksal, Zeit und Umstände herbeiführen, auf den, welcher sich
als allmächtig ankündigt. Allein die kleinen Untertyrannen, die sind es, welche
den Fürsten solche verkehrte Begriffe einprägen. Sie fürchten, ihren Einfluss zu
verlieren und von bessern Menschen aus dem Sattel gehoben zu werden, wenn ihr
Herr einmal zu der Erkenntnis käme, dass sein und des Landes Interesse ein
einziges und dasselbe ist.
    Unser alberner Negus hatte für diese Wahrheiten keinen Sinn; auch sagte sie
ihm niemand. Wie er sich betrug, davon will ich in den nächsten Blättern Bericht
erstatten.
 
                              Funfzehntes Kapitel
 Fortsetzung des vorigen. Grosser Sturm in Abyssinien. Des Negus Flucht und Tod
Als zuerst die Untertanen des Königs von Sennar die Waffen gegen ihre Tyrannen
ergriffen und man sich gezwungen sah, die benachbarten Könige um Hülfsvölker
anzusprechen, da schrieb mir Manim, man affektiere am Hofe zu Gondar, von diesem
Aufruhre gar nicht zu reden, so sehr wolle man das Ansehn haben, dies als eine
Kleinigkeit zu verachten. Allein die Gärung breitete sich bald weiter aus; in
Dequin, Bugia und in einigen kleinern nubisschen Staaten griff das Feuer der
Empörung gleichfalls um sich, und nun wurde auch unser Negus gebeten, eine Armee
zu Hülfe zu schicken. Er war sogleich dazu bereit, zog die Achseln über die
Schwäche seiner nachbarlichen Könige, weil sie das rebellische Lumpengesindel
(so nannte man die Leute, welche ihre Menschenrechte gegen schändliche
Unterdrücker verteidigten und Macht durch Macht vertilgten!) noch nicht zu
Paaren getrieben hätten; und so liess er denn ein Heer ausrüsten, das einer von
des würdigen Stilkys Brüdern anführte, der übrigens kein ganz schlimmer Mensch
war.
    Anfangs schrieben die Offizier von der Armee, sie hofften bald wieder nach
Gondar zu kommen, die Rebellen wären nur zusämmengelaufner, buntscheckiger
Pöbel, ohne Disziplin und Waffenübung; man hätte kaum Ehre davon, gegen solches
Pack zu streiten; sie liefen in die Wälder, sobald sich nur ein tapfrer
Abyssinier sehen liesse.
    Ganz anders lauteten die Briefe im folgenden Jahre. Da bekamen die tapfern
Abyssinier, wo sie sich zeigten, von jenem sogenannten Pack derbe Schläge; ganze
Korps wurden gefangengenommen, und da verwandelte sich dann des Negus Verachtung
in bittern Grimm, vermischt vielleicht mit einer kleinen Ahndung, dass der Geist
des Aufruhrs wohl über die Grenze nach Abyssinien hereinschleichen könnte. In
der Tat hatte es auch dazu allen Anschein; kühne Unternehmungen, besonders wenn
sie vom Schicksale begünstigt werden, erwecken immer Bewundrung; man sprach
jetzt, in Gondar selbst, laut, mit Interesse und Wärme, zum Lobe der Tapferkeit
jener braven Nubier, die mit kleinen Haufen ungeübter Leute ganze Armeen
erfahrner Krieger in die Flucht schlügen. Es fanden sich Dichter, die dreist
genug waren, diese Taten zu besingen; man las mit Eifer die neuen Zeitungen von
daher und murrte unter der Hand darüber, dass der Negus, mit Aufopferung so
vieler wackern Abyssinier, sich in Händel mischte, die ihn nichts angingen.
    Ich merkte in Adova, wo ich dies alles in der Entfernung beobachtete, dass
meinen deutschen Gelehrten, besonders den republikanisch gesinnten Pädagogen,
die Finger juckten, etwas Kühnes über diesen Gegenstand schreiben zu können;
allein ich suchte dies zu verhindern, zeigte ihnen die Unzweckmässigkeit und
Gefahr eines solchen Unternehmens. »Man muss«, sagte ich, »der wohltätigen Hand
der Zeit die Sorge überlassen, dergleichen Revolutionen zur Reife zu bringen;
vielleicht kömmt der Augenblick, wo Sie, wenn das Feuer auch hier ausgebrochen
ist, Ihre schriftstellerische Talente auf eine würdigere Art anwenden können,
zur allgemeinen Ruhe etwas beizutragen und mit philosophischem Geiste Volk und
Monarchen über ihre gegenseitigen Pflichten aufzuklären. Und denken Sie denn
nicht daran, welcher Gefahr Sie sich selber, den edeln Prinzen und uns alle
aussetzen würden, wenn der Negus glauben müsste, dass, von Adova aus, der Geist
des Aufruhrs, vielleicht aus Privatrache von mir und meinem Vetter angereizt, in
Abyssinien erweckt würde?« - Meine Vorstellungen bewirkten, was ich gehofft
hatte, und nirgends vielleicht im ganzen Reiche wurde mit soviel Mässigung und
Nüchternheit von diesen Angelegenheiten geredet als grade da, wo ein kleiner
Haufen von Menschen lebte, die sich nicht wenig über den Monarchen zu beklagen
hatten und deren Einfluss nicht geringe gewesen sein würde, wenn sie ihn hätten
anwenden wollen.
    Bald nachher erschienen von seiten des Hofs die strengsten Verordnungen,
über den Aufruhr in Nubien nicht zu reden, nebst einem Verbote aller Schriften,
welche davon handelten, und aller ausländischen Zeitungen. - Wie wenig diese
Befehle fruchteten, das wird man leicht begreifen; man sah nun, dass sich der
Negus fürchtete, und das verschlimmerte das Übel.
    Das nächste Frühjahr kam heran, und es sollte eine grosse Rekrutenausnahme
für die Armee in Nubien vorgenommen werden; aber da weigerten sich, als sei
deswegen eine allgemeine Verabredung getroffen worden, die sämtlichen
Dorfschaften, ihre junge Mannschaft auf die Schlachtbank zu schicken. Man liess
Regimenter gegen die widerspenstigen Bauern anrücken - aber die Soldaten wurden
zurückgeschlagen.
    In dieser Not rief man das ziemlich geschmolzene Heer aus Nubien zurück. Es
kam; aber Anführer und gemeine Soldaten hatten dort Freiheit und Menschenwürde
respektieren gelernt; alle weigerten sich einstimmig, gegen ihre Mitbürger die
Waffen zu führen; und der armselige Negus stand, nebst dem Haufen seiner
Lieblinge, in vernichteter Majestät verlassen da.
    Nun wollte er anfangen, mit dem Volke zu kapitulieren; allein es war zu
spät; die Partei war jetzt zu ungleich. Ein zahlreiches Heer hatte sich unter
Anführung eines vom Könige übel behandelten, zurückgesetzten und beschimpften
alten Generals zusammengezogen, wurde täglich durch neuen Zulauf verstärkt und
rückte schnell gegen Gondar an.
    Was war zu tun? Seine Majestät lagen damals an einer Entkräftung krank, die
Sie sich durch allerhöchstdero viehische Ausschweifungen zugezogen hatten;
Schreck und Ärgernis vermehrten das Übel, und doch musste eilig ein Entschluss
gefasst werden. Der Haufen der Hofschranzen selbst fing nun an, da die Altäre der
Götzen wankten, dem Negus und seinem Kebsweibe nicht mehr mit jener sklavischen
Ehrerbietung zu begegnen; sie wären gern alle davongelaufen, wenn sie nicht
geahndet hätten, dass sie bei der Armee mit dem Staupbesen würden empfangen
werden.
    In diesen Augenblicken von Verzweiflung hatte mein Herr Vetter, der
Exminister, den Triumph, einen Kurier vom Könige in Adova ankommen zu sehen,
welcher ihm einen Brief von dem Monarchen brachte, der ihn in den
herablassendsten Ausdrücken bat, alles Vergangne zu vergessen, und ihn beschwor,
sich sogleich zum Kriegsheere zu begeben und alles anzuwenden, das unruhige Volk
zufriedenzustellen, indem er die Bedingungen gänzlich seiner Klugheit und
Grossmut überliess. Der König selbst hatte sich indes nebst seinem Hofstaate nach
einer Festung führen lassen, wo er wenigstens vor den kleinen wilden Haufen, die
jetzt ohne Zucht und Ordnung durch das ganze Reich rennten, sicher sein konnte.
    Mein Vetter genoss diesen Triumph, wie es einem verständigen und redlichen
Manne zukömmt; er vergass den alten Groll und begab sich, begleitet von meiner
Wenigkeit, unverzüglich in das Lager der Insurgenten.
    Allein die Zeiten, Vergleichsvorschläge anzunehmen, waren vorbei. Wir
wendeten unsre ganze Beredsamkeit vergebens an; die Nation drang auf gänzliche
Abschaffung der monarchischen Regierung, auf Vernichtung des Adels, auf
Abdankung des stehenden Heers, auf Auslieferung der Volksunterdrücker, um sie
gebührend zu bestrafen, verlangte endlich, dass der Negus selbst den Tron
verlassen und in den Stand eines Privatmannes zurücktreten sollte.
    Das waren nun harte Bedingungen; weil wir aber keine Hoffnung vor uns sahen,
dies Nationalurteil zu mildern, so wollten wir wenigstens den unglücklichen
König nicht verlassen. Der jüngre Prinz war grossmütig genug, seines Bruders
Schicksal mit ihm teilen zu wollen; und so zogen wir denn, der gute Prinz, sein
vortrefflicher Lehrer, mein Herr Vetter und ich, im Frühjahre 1787 zu dem Negus
in die kleine Festung, um dort den Ausgang der Sache zu erwarten.
    Als wir dahin kamen, fanden wir seinen Gesundheitszustand so sehr
verschlimmert, dass wir bald sahen, er würde den Schimpf, welcher ihm bevorstand,
nicht erleben. Wirklich starb er wenige Tage nachher, wie solche unbedeutende
Menschen zu sterben pflegen, und wir liessen ihn in der Stille begraben.
    Jetzt harrte freilich der Buhlerin und des ganzen Anhangs ein sehr trauriges
Los. Der Pöbel, welcher bei solchen Revolutionen sich nie in den Schranken der
Gerechtigkeit und Mässigung hält, hatte schon in Städten und Dörfern alle
diejenigen auf die grausamste Weise ermordet, welche er für Kreaturen des Hofs
hielt; was für ein Schicksal die Hauptgegenstände des allgemeinen Hasses zu
erwarten hatten, das liess sich leicht voraussehen. Wir wollten doch gern, soviel
an uns lag, allem fernern Blutvergiessen steuren; und so sorgten wir dafür, dass
dieser ganze Haufen in der Nacht verkleidet die Festung verliess und durch
unbekannte Wege in das Königreich Kongo flüchtete; da wir dann weiter nichts
mehr von diesen unwürdigen Menschen gehört haben.
 
                              Sechzehntes Kapitel
  Erste Anstalten zu Gründung einer neuen Regierungsform. Nationalversammlung
Als die Nachricht von des Negus Tode und der Entweichung seiner Lieblinge im
Lande bekannt wurde, war die Volksarmee nur noch wenig Meilen von der Festung
entfernt, in welcher wir uns mit dem Prinzen befanden. Eine unbeschreibliche
Freude bemeisterte sich der Gemüter; allein zugleich schien auch der Pöbel zu
glauben, mit der Vernichtung der Tyrannei sei aller Zwang der Gesetze
aufgehoben. Allgemeine Unordnung herrschte, besonders auf dem platten Lande; der
Stärkere griff zu, um seine Habsucht, schlug zu, um seine Rachsucht zu
befriedigen. Gewalttätigkeiten aller Art und Sittenlosigkeit nahmen die
Oberhand; es war Zeit, schleunige Mittel zu wählen, um diesem Unwesen Einhalt zu
tun; allein wer sollte hierzu Anstalt treffen, da kein Oberhaupt an der Spitze
stand und die Menschen besserer Art selbst unter sich uneinig waren, welche
Gattung von Regierungsform sie künftig wählen und gründen sollten? Das
abyssinische Reich ist gross; wie in den entfernten Provinzen die Gemüter
gestimmt waren und ob dort das gebilligt werden würde, was man nun in Gondar
vornahm, das konnte man nicht wissen. Hier, wo man die liebenswürdigen
Eigenschaften des jüngern Prinzen kannte, schien der grösste Teil des Volks
geneigt, diesem die Regierung zu übertragen; misstrauischere, vorsichtigere und
sehr republikanisch gesinnte Leute hingegen wollten dies teils nur unter
gewissen Einschränkungen zugeben, teils durchaus nichts von Herrschaft eines
einzigen hören. Indessen war die Armee gross, und es liess sich voraussetzen, dass,
wenn diese sich einstimmig für ein System erklären würde, es nicht schwerhalten
könnte, dasselbe durchzusetzen.
    In dieser Lage baten wir alle inständigst den Prinzen, sich an die Spitze
des Heers zu stellen, davon der grösste Teil ihm schon ergeben war und wovon er
den Rest leicht durch seine Leutseligkeit und edle Beredsamkeit gewinnen würde;
allein er wollte sich durchaus nicht dazu entschliessen, bis endlich die Generale
zu ihm gekommen waren und ihn im Namen aller Korps angefleht hatten, sie nicht
zu verlassen, sondern durch seine Gegenwart den Gewalttätigkeiten im Lande zu
steuren und Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Da machte sich denn der Prinz,
begleitet von seinem ehrwürdigen Mentor und uns andern, auf und begab sich in
das Lager, woselbst er mit lautem Jauchzen empfangen wurde.
    Sobald wir bei der Armee angekommen waren, liess der Prinz allen Truppen
ankündigen, dass er ihnen etwas vorzutragen hätte, weswegen er sie ersuchte, von
jedem Regimente oder (da das Heer zum Teil nur aus zusammengelaufenen Haufen
bestand) je aus tausend Mann zwei auszuwählen, die man ihm als Abgeordnete
schicken möchte, damit er diesen seine Absichten und Plane eröffnen könnte. Dies
geschahe mit aller Ordnung und Bereitwilligkeit, worauf er denn den Deputierten
eine Rede hielt, die, sowenig sie studiert war, für ein Meisterstück männlicher,
einfacher und erhabner Beredsamkeit gelten konnte. - Ich will nur etwas von dem
Hauptinhalte derselben hier herschreiben; es hiess darin, ihn blende nicht der
Glanz der Krone; er habe gelernt, die Süssigkeit eines den Wissenschaften und der
nützlichen Tätigkeit in kleinern Kreisen gewidmeten Lebens zu schmecken. Er habe
oft gefühlt und fühle noch, wie schwer es sei, sich selber, ohne den Rat eines
weisen Freundes, zu regieren - welche Torheit also, Millionen Menschen nach den
Einsichten seines eignen beschränkten Kopfs und nach den Gefühlen seines leicht
irrezuführenden Herzens lenken und, ohne fremden Beirat, unumschränkt
beherrschen zu wollen! - Ihm sei daher schon der Gedanke einer willkürlichen
Alleinherrschaft unerträglich. Nur nach bestimmten, mit reifer Überlegung
verfassten Gesetzen müssten vernünftige Wesen ihre Handlungen einrichten, nicht
nach den Winken eines einzigen unter ihnen. Indessen sei jetzt ein so
stürmischer Zeitpunkt, wo es nicht möglich sei, über Gründung dieser Gesetze
sogleich einig zu werden. Er wollte also, doch nur auf ein Jahr, das Ruder des
Staats in seine Hände nehmen, nicht als sein Eigentum, sondern als ein ihm
anvertrautes Pfand, bis er es würdigern Händen übergeben könne. Es sei hier
nötig, rasche, entschlossene Schritte zu tun, um der Anarchie zu steuern und
Anstalt zu einer festen Konstitution zu machen. Wenn die Abgeordneten der Armee
dies billigten, so sollten diese dann sogleich sich an die Spitze einzelner
Korps stellen, mit diesen in alle Provinzen des Reichs marschieren und dort mit
vollem Ernst einer militärischen Strenge die Ordnung und Ruhe herstellen. Sie
sollten hierauf Sorge tragen, dass jedes Dorf und jede Stadt einen oder, nach
Verhältnis der Grösse, mehr Deputierte, zu welchem die Gemeinen oder Kirchspiele
das grösste Zutrauen hätten, ohne allen Unterschied der Stände wählten; solche
Deputierten aus allen den Örtern, welche zu einem Amte gehörten, sollten
wiederum unter sich zwei Männer auszeichnen, zu deren Vorteil sich das Urteil
der mehrsten unter ihnen vereinigte; mehrere Ämter, aus welchen eine Provinz
bestehe, sollten nach eben diesem Massstabe verfahren; und so würde denn aus
zwölf Provinzen eine Anzahl von vierundzwanzig Menschen zusammenkommen - grade
nicht zuviel, um wichtige Gegenstände mit Ordnung und Ruhe verhandeln zu können,
und nicht zuwenig, um doch die Verschiedenheit der Meinungen und Einsichten zu
nützen! Diese vierundzwanzig Personen sollten sich in Gondar versammeln und ein
Nationalkollegium ausmachen, dessen Präsident er, der Prinz, vorerst zu sein
sich verbindlich mache. Der Zweck dieser Versammlung müsste sein, eine auf
bestimmte Gesetze gegründete Staatsverfassung zustande zu bringen. Einen Plan
hierzu hätte der Prinz, unter Anführung seines weisen Lehrers, schon seit
einigen Jahren fertig liegen gehabt - nicht in der stolzen Absicht, je der
Gesetzgeber seines Volks zu werden, sondern um seine Gedanken über Gegenstände
zu berichtigen, die der ganzen Menschheit so wichtig wären, und weil er, bei der
fürchterlichen Regierungsverfassung der letztern Zeiten, vorausgesehen hätte,
dass er vielleicht einst seinen lieben Mitbürgern durch guten Rat nützlich werden
könnte. Diesen Plan nun sollte die Nationalversammlung durchgehen, prüfen, die
einzelnen Teile desselben ausarbeiten und dann ihre Gedanken darüber ihren
Kommittenten mitteilen. Dort würden diese Gesetze abermals geprüft, berichtigt
und noch weiter hinunter an die grössern Ausschüsse geschickt und endlich jedem
einzelnen vorgelegt; durch eben diesen Weg kämen sie wieder, verbessert oder
bestätigt, bis an die Quelle, an den Nationalkongress zurück, welcher die
Resultate davon, nach der Mehrheit der Stimmen, als Grundgesetz niederschriebe.
Auf diese Weise würde die neue Konstitution durch die Mehrheit der Stimmen aller
Hausväter aus allen Ständen im ganzen Reiche gegründet werden, und nach
Jahresfrist könne alles in Ordnung sein. Bis dahin wolle er, der Prinz, obgleich
sehr gegen seine Neigung, sich als den König des Landes betrachten, weil das
Nationalkollegium nicht Zeit haben würde, neben der Gesetzgebung sich noch mit
Regierungsangelegenheiten zu befassen. Er wolle dafür sorgen, dass die Geschäfte
einen ordentlichen Gang gingen, nach der Weise, wie es unter seines Vaters
Regierung gewesen sei. Man möge nur nicht den Einwurf machen, ein Jahr sei nicht
hinreichend, ein so grosses Werk zustande zu bringen; sobald man über Grundsätze
einig geworden wäre (und das hoffte er bald zu bewirken), würde die weitre
Ausarbeitung nicht viel Zeit wegnehmen; denn die Menge der Gesetze mache ein
Land nicht glücklich, sondern ihre Einfalt, Bestimmteit und pünktliche
Befolgung. Auch dürfe man nicht einwenden, dass die Prüfung und Beistimmung
aller, auch der wenigen kultivierten Stände weder nützlich noch erforderlich zu
diesem Geschäfte wären. Jeder volljährige Mensch sei kultiviert genug, um über
das zu urteilen, was er tun oder lassen müsse, oder vielmehr, es sei ungerecht,
verlangen zu wollen, dass ein Mann etwas leisten oder unterlassen sollte, wenn
man ihm nicht einmal soviel Verstand zutrauete, einzusehen, warum man dies von
ihm forderte. Menschen im Staate seien ja keine Kinder, welche im Blinden zu
leiten und gegen ihren Willen ihre Handlungen zu lenken andre gewisse Menschen,
und noch obendrein die wenigsten an Menge, das Privilegium haben könnten. Wenn
also der mögliche Fall angenommen werden könnte, dass die grössere Anzahl der
Bürger in einem Staate Toren wären, so würde es sehr viel natürlicher sein,
dort, mit Einwilligung aller, törichte Gesetze zu geben, als einigen Klügern
oder sich klüger Dünkenden zu gestatten, jenen mit Gewalt ihre Weisheit
aufzudringen.
    Diese Vorschläge fanden allgemeinen Beifall, wurden niedergeschrieben und
von den sämtlichen Deputierten der Armee, welche mit ihren Korps in alle
Gegenden des Reichs zogen, im Lande bekanntgemacht. Hierauf schritt man sogleich
zu den Wahlen, und binnen wenig Wochen waren die vierundzwanzig
Nationaldeputierten in Gondar versammelt. Der Prinz aber übernahm, unter dem
Titel eines Regenten, die Interimsregierung, schaffte vorerst die drückendsten
Missbräuche ab, machte aber übrigens keine wichtige eigenmächtige Veränderungen.
    Da ich hoffe, dass es den Lesern nicht unangenehm sein wird, wenn ich sie mit
seinen Regierungsbegriffen bekannt mache, so will ich in den folgenden Kapiteln
den ganzen Plan, welchen er der ehrwürdigen Versammlung von Deputierten aus
allen Ständen vorlegte, stückweise abschreiben.
 
                             Siebenzehntes Kapitel
      Entwurf der neuen Staatsverfassung. Richtige allgemeine Begriffe von
                     bürgerlicher Freiheit und Gesetzgebung
Der Mensch in dieser Welt sucht Glückseligkeit, sucht sie vorzüglich, wenn er
mit andern Menschen in Verbindung tritt; allein fühlt er sich hülflos und
unbehaglich; um die Summe seiner Glückseligkeit zu vermehren, schliesst er sich
an seinesgleichen an.
    Glückseligkeit ist Lebensgenuss, und um des Lebens geniessen zu können, muss
man frei sein. Lebt man aber in Verbindung mit andern Menschen, so kann nicht
jeder einzelne verlangen, alles zu geniessen; er muss auch den übrigen erlauben,
ihren Anteil Genuss von den allgemeinen Lebensgütern und Vorteilen zu schmecken;
er muss also seiner Freiheit gewisse Grenzen setzen; doch nur solche Grenzen, in
welchen er, mit der allgemeinen Glückseligkeit, seine eigne durch einzelne
Aufopferungen befördert; denn sind die Grenzen der Freiheit zu enge gezogen, die
Aufopferungen zu gross, so fühlt sich der Mensch in Verbindung unglücklicher als
im isolierten Zustande; und so fällt also die Ursache weg, weswegen er sich an
andre angeschlossen hat. Jedermann wünscht daher, auch als Staatsbürger noch
immer soviel von der natürlichen Freiheit zu behalten, als mit der Wohlfahrt des
Ganzen bestehen kann. Es kömmt desfalls darauf an, richtige Begriffe von der
bürgerlichen Freiheit festzusetzen, damit wir, die wir das Joch der Tyrannei
abgeschüttelt haben, um freie Bürger zu werden, uns untereinander verstehen und
wissen mögen, was wir suchen und was wir erlangen können.
    Die Systeme des Natur- und Völkerrechts, die bei den europäischen Nationen
im Gange sind und die ich studiert habe, finde ich voll verdrehter
konventioneller Ideen, die nichts weniger als aus der Natur entlehnt, nicht von
der nüchternen, vorurteilsfreien Vernunft eingegeben sind; ich finde künstliche,
ja, sogar religiose Begriffe mit eingemischt, die gar nicht dahin gehören, wovon
der Mensch im Stande der Natur nichts wissen kann.
    Die Freiheit des Menschen im natürlichen, rohen, wilden Zustande besteht
darin, dass jeder einzelne alle seine Handlungen willkürlich einrichten, tun
darf, was ihm beliebt und wozu er Kräfte hat, und nehmen, was ihn gelüstet und
was er bekommen kann.
    Der Mensch im geselligen Zustande unterlässt manche willkürliche Handlung,
versagt sich manchen Besitz und Genuss, um andern dergleichen zu überlassen, in
der Absicht, dass diese ein Gleiches in Rücksicht seiner tun werden, oder er gibt
etwas hin, um wieder zu erhalten und desto sichrer das übrige zu besitzen;
allein diese Aufopferungen sind willkürlich, sind das Werk wohlwollender
Empfindungen oder Spekulation des Eigennutzes.
    Die Menschen im bürgerlichen Leben bringen diese Regeln der Geselligkeit und
gegenseitigen Aufopferung in gewisse Systeme, setzen, mit Übereinstimmung aller,
Vorschriften darüber fest, die man Gesetze nennt, nach welchen dann jeder
handeln muss, zu deren Befolgung man jeden zwingen kann, der im Staate geduldet
sein will. Nun fallen alle willkürliche Handlungen weg, weil keine Handlung
erdacht werden mag, die nicht Einfluss auf die Wohlfahrt des Ganzen haben könnte.
Wollte man, wie es von vielen geschieht, gewisse Handlungen davon ausnehmen und
diese der freien Willkür der einzelnen überlassen, so würden sich bald Ursachen
und Vorwände für jede Handlung finden. Dies nun, nämlich dass jede Handlung des
Bürgers vom Staate eingeschränkt werden darf, ein Gegenstand der Gesetzgebung
werden kann, klingt sehr despotisch; doch wird das wegfallen, wenn ich mich
deutlicher erkläre. Despotismus besteht in der Befugnis, die einem oder mehrern
verstattet, von einem oder mehrern genommen wird, andern willkürlich
vorzuschreiben, was sie in einzelnen Fällen tun oder unterlassen sollen; die
Gewalt einer vernünftigen Staatsverfassung hingegen beruht auf der Befugnis des
ganzen Korps der Bürger, unter sich, durch Mehrheit der Stimmen, Regeln
festzusetzen, nach welchen jeder einzelne Bürger seine Handlungen einrichten
soll, solange er im Lande leben will, und in der Befugnis der Vorsteher des
Staats, mit aller Strenge auf Befolgung dieser Regeln oder Gesetze zu dringen
und zu halten.
    Nach diesen allgemeinen Begriffen bestimme ich folgende besondere Sätze:
    1. Alle Handlungen eines Bürgers im Staate können ein Gegenstand der
Gesetzgebung sein, weil sie alle Einfluss auf das Ganze haben können; eine andre
Frage aber ist, ob es gut sei, über alle Handlungen Vorschriften zu geben. Es
ist also keinem Zweifel unterworfen, dass der Staat sich zum Beispiel in das
Erziehungswesen mischen und darüber Gesetze geben dürfe, weil es ihm nicht
einerlei sein kann, was für Bürger ihm die folgende Generation liefert; allein
es ist noch nicht ausgemacht, ob es zweckmässig und vorteilhaft sei oder nicht,
sich in das Geschäft der Privaterziehung zu mischen. Ganz gleichgültige
Handlungen einzuschränken wäre nun vollends Torheit.
    2. Neue Gesetze aber, welche die Freiheit gewisser Handlungen einschränken,
können nur mit Wissen und Willen aller erwachsenen Bürger im Staate gegeben
werden.
    3. Da nicht zu erwarten steht, dass Tausende leicht einerlei Meinung sein
werden, so muss, bei einer solchen Gesetzgebung, die Mehrheit der Stimmen
entscheiden. Die weiseste Meinung ist nun aber freilich nicht immer die Meinung
des grössern Haufens; allein jeder kann sich für den Weisesten halten; und wer
darf dann entscheiden? Es bleibt daher kein anderes Mittel übrig, als die
Meinung der mehrsten für die beste Meinung zu halten; und am Ende muss es ja auch
von dem grössten Haufen abhängen, unweise Gesetze zu geben, wenn er nun einmal
keine andre haben will, weil der grössere Haufen der stärkste Teil ist und das
Recht der Stärkern in der ganzen Natur die Oberhand hat.
    4. Es muss jedermann erlaubt sein, wenn ihm diese Gesetze nicht gefallen, das
Land zu verlassen, in welchem man gezwungen wird, nach denselben zu handeln. Ein
Gesetz also, welches den Bürgern im Staate das Auswandern verbietet, ist ein
tyrannisches Gesetz; denn die bürgerliche Einrichtung soll eine Wohltat für
einzelne Menschen sein, und man darf niemand zwingen, wider seinen Willen
Wohltaten anzunehmen.
    5. Durch das Recht des Stärkern, folglich auch durch Vereinigung der grössern
Anzahl gegen die kleinere, folglich auch durch Entscheidung der Mehrheit der
Stimmen, könnten ungerechte Befehle gegeben werden; die blosse Freiheit aber,
sich diesen Ungerechtigkeiten durch Auswanderung aus dem Lande zu entziehen,
scheint manchen guten und nützlichen Bürger in die Verlegenheit stürzen zu
können, des Eigensinns vieler schiefen Köpfe wegen mit seinem gradern Kopfe das
Land zu verlassen und die Früchte seines Fleisses darin mit dem Rücken anzusehen,
ein Land, in welchem er manche andre Gemächlichkeit fand und auf vielfache Weise
Gutes stiften konnte. Um auch diesen Nachteil vom Staate abzuwälzen, muss man
jedem erlauben, die Gemüter der grössern Anzahl zum Vorteile seiner Meinung zu
lenken. Da doch am Ende alles auf dem Recht des Stärkern beruht, so darf man
auch niemand die Mittel benehmen, durch Stärke des Geistes, durch die Übermacht
welche höhere Verstandeskräfte gewähren, der andern Macht das Gleichgewicht zu
halten. Es muss daher jedem unverwehrt bleiben, frei über zu machende und zu
verändernde Gesetze seine Meinung zu sagen und zu schreiben und alle Künste der
Überredung und jedes andre Mittel anzuwenden, um den grossen Haufen, welcher
entscheidet, auf seine Seite zu bringen. Wendete er unedle Mittel an und liessen
seine Mitbürger sich durch unedle oder sophistische Gründe lenken, so wäre das
ein Zeichen, dass die mehrsten dieser Leute schlechte, unvernünftige Menschen
wären; und da würde dann erfolgen, was sie verdienten und der Ordnung der Dinge
angemessen ist - sie würden eine schlechte Staatsverfassung bekommen. Dies wird
aber schwerlich je der Fall sein, und wenn man nur zwanglos der Ordnung der
Natur den freien Lauf lässt, so wird auf die Länge immer die Sache der gesunden
Vernunft die Oberhand behalten.
    6. Ist ein Gesetz einmal gegründet, so muss freilich die heranwachsende
Generation sich demselben unterwerfen, obgleich sie nicht ihre Stimme dazu
gegeben hat; denn sie hat ja keinen neuen Staat zu errichten, sondern der Staat
ist schon gegründet, in welchem zu leben die Neuhinzukommenden entweder die
Freiheit behalten und sich dann den Vorschriften unterwerfen müssen oder aber
auswandern mögen. Allein auch dies könnte zu einer Art von Ungerechtigkeit
werden; nach Verlauf eines Jahrhunderts lebt ja keiner von den Gesetzgebern
mehr; auch verändern sich die Zeiten und Umstände; da ist es dann unbillig, dass
Menschen ihren freien Willen nach Vorschriften einschränken sollen, die in alten
Zeiten Personen gegeben haben, welche gar keine Gewalt über die Handlungen
solcher Menschen haben konnten, die damals noch nicht existierten. Um auch
diesen abzuhelfen, muss jedem Bürger im Staate freistehen, nicht nur über zu
gebende Verordnungen ungestört seine Meinungen zu sagen und sie auf alle Art
gelten zu machen, sondern diese Freiheit muss sich auch auf sein Urteil über
schon existierende Gesetze und Einrichtungen erstrecken, die er abgeschafft zu
sehen wünscht. - Frei und ungehindert muss also jeder Bürger über Regierung und
Staatsverwaltung reden und schreiben dürfen.
    7. Da der Ton des Zeitalters, da Lebensart und Sitten, Verhältnisse der
Einwohner gegen einander und gegen Fremde, das Land selbst, kurz, alles in einem
Zeitraume von einem Menschenleben sich verändert, so werden manche heute
gegebene Gesetze nach funfzig Jahren unnütz und zwecklos sein. Es ist daher der
Klugheit gemäss, dass die Volksversammlung, nach Ablauf einer gewissen zu
bestimmenden Zeit, die sämtlichen Landesverordnungen aufs neue durchgehe,
untersuche, Einwendungen dagegen und nützliche Vorschläge zu Abänderungen und
Neuerungen von jedem Bürger im Staate sich vorlegen lasse und darnach ein neues
Gesetzbuch verfertige.
    8. So gewiss jede Handlung eines Bürgers durch Gesetze bestimmt oder
eingeschränkt werden darf, wie ich das schon bewiesen habe, so sehr befördert es
die allgemeine und die Privatglückseligkeit, dass man bei der Gesetzgebung darauf
Rücksicht nehme, sowenig als möglich die natürliche Freiheit einzuschränken,
sich untereinander keinen unnützen oder gar schädlich werdenden Zwang
aufzulegen. Es werden daher bei unsrer Legislation eine Menge kleiner
Verordnungen wegfallen, die bei andern Völkern ganze Bände füllen.
    9. Da die Gewalt der Gesetzgebung sich nur auf Handlungen erstreckt, so
können Gedanken und Meinungen gar nicht, offenbare Absichten sehr selten ein
Gegenstand derselben sein.
    10. Was der Mensch besass, ehe er in die bürgerliche Verbindung trat, was er
ohne sie besitzen kann, was er ihr nicht zu verdanken, von ihr nicht zu erwarten
hat, wovon sie ihm den Besitz nicht zuzusichern vermag, endlich was er ihr nicht
aufopfern kann, weil er selbst nicht Herr darüber ist, das darf ebensowenig ein
Gegenstand der Gesetzgebung werden.
    11. Weil es jedermann erlaubt sein muss, auch über die wichtigsten Dinge frei
und offenherzig seine Meinung zu sagen, und nur Handlungen der Gegenstand der
Gesetzgebung sind, so dürfen also gesprochene und geschriebne Worte, von welcher
Art sie auch sein mögen, nie durch Gesetze eingeschränkt werden.
    12. Da auf diese Weise der Staat den Bürgern Gelegenheit gibt, öffentlich
alles Gute zu tun und zu reden, zum Besten des Ganzen und zu ihrer eignen
Wohlfahrt alle redliche Mittel anzuwenden, sie auch gegen Beeinträchtigung
dieser Freiheit kräftig schützt, so darf er dagegen desto strenger jede geheime
Machination, jede versteckte Meuterei, jede im Finstern schleichende Wirksamkeit
einzelner und verbundner Menschen, jede anonyme Verunglimpfung, Schmähung und
Anklage verdächtig finden und ahnden; denn da, wo man der Vernunft, der
Ausbreitung nützlicher Kenntnisse und der Ausführung nützlicher Zwecke keinen
Zwang auflegt, da kann es keine erlaubte geheime Künste und keine redliche
geheime Plane geben. - Soviel von der bürgerlichen Freiheit und den Grenzen der
gesetzgebenden Macht im allgemeinen!
 
                              Achtzehntes Kapitel
            Fortsetzung. Staatsbediente und Vorsteher. Ämter. Stände
Ich sehe voraus, dass, bei den besondern Vorschlägen, die ich nun zu Errichtung
einer neuen Staatsverfassung wagen will, von allen Seiten der Einwurf mir
entgegengestellt werden wird, solche gegen alle bisher herrschend gewesene Ideen
streitende Einrichtungen liessen sich, ohne gänzlichen Umsturz der ganzen
Verfassung und ohne unabsehliche Verwirrung, nicht einführen. - Ich will dies
zugeben; allein meine Absicht ist auch nur, meinen Mitbürgern das Ideal einer
vollkommnen Verfassung, wie ich sie mir denke, hinzustellen. Betrachten Sie dies
Ideal genau, untersuchen Sie, ob es ganz oder zum Teil zu erreichen ist! Und
wenn Sie dann auch nur einige meiner Vorschläge nützlich und anwendbar finden,
so werde ich meine Mühe nicht verloren zu haben glauben. Allein ich muss Sie
zugleich ermuntern, sich nicht durch Vorliebe für das Alte, nicht durch
Privateigennutz noch durch Schwierigkeiten abschrecken zu lassen, das wahrhaftig
Gute, dem Ganzen Nützliche, mit Hinwegwerfung alles dessen, was auch durch
verjährte Vorurteile gleichsam geheiligt scheint, mit Wärme und unverdrossen zu
ergreifen. Ist man einmal von der Güte eines neuen Systems und von der
Mangelhaftigkeit des bisherigen überzeugt, so ist es besser, das alte mit Stumpf
und Stiel auszurotten, als ewig zu flicken und nie ein vollkommnes Ganzes
zustande zu bringen. Was helfen Palliativkuren, wenn man voraussieht, dass, früh
oder spät, ohne gewaltsamen Schnitt der Tod unvermeidlich ist? - Rücken wir der
Sache näher!
    Ohne Haupttriebfeder kann keine Maschine bestehen, ohne Oberhaupt keine
Gesellschaft Bestand haben; es muss also das Ruder des Staats gewissen Händen
anvertrauet werden; nur muss dafür gesorgt sein, dass der Mechanismus des Ganzen
so geordnet sei, dass die dirigierende Kraft darin dem Gange keine willkürliche
Richtung geben, nichts mehr tun könne als grade, was eine Feder in einem
Uhrwerke bewirkt, nämlich alle übrigen, nach gewissen Regeln fortlaufenden Räder
und Walzen die erste Bewegung zu geben. Je einfacher dies erste Ressort ist,
desto weniger Verwirrung wird zu besorgen sein; nach dieser Analogie halte ich
es für besser, dass eine als dass mehrere Personen die mechanischen Bewegungen des
Staatskörpers dirigieren. - Ich rate euch also, einen Mann - nennt ihn König
oder wie ihr wollt! - zu wählen, der für Ausübung eurer Gesetze und
Aufrechtaltung eurer Einrichtungen sorge. Man weiss dann, an wen man sich zu
halten hat, und er fühlt, dass Ehre und Schande und Verantwortung auf ihn allein
fällt, statt dass da, wo mehrere die Hände am Ruder haben, Verschiedenheiten in
den Charakteren, Zwist, Missverständnisse die Einheit des Ganzen stören, die
Geschäfte aufhalten und, indem einer die Schuld auf den andern schiebt, die Last
dem andern aufladet, nichts mit Eifer und Ordnung betrieben wird.
    Unsern König müssen wir aus dem ganzen Volke wählen, und das ganze Volk muss
ihn wählen, und zwar einen Mann, der schon der Nation bekannt ist, folglich
einen unter den Stattaltern, von denen ich nachher reden werde. Er bekleidet
seine Stelle, so wie alle übrige höhere Staatsbediente, nur sechs Jahre lang und
tritt dann in den Privatstand zurück, wenn man ihn nicht etwa aufs neue wählt.
Während seiner Amtsführung kann niemand ihn zur Verantwortung ziehen; sobald
seine Zeit verflossen ist, kann die Nationalversammlung Rechenschaft von ihm
fordern. Eine Art, aller mannbaren Bürger Stimmen zu sammeln, habe ich
vorgeschlagen, als ich den Häuptern des Kriegsheers meinen ersten Entwurf zu
Errichtung einer Nationalversammlung vorlegte.
    Der König hat, solange seine Regierung dauert, unumschränkte Gewalt, die
Gesetze der Nation mit aller vorgeschriebenen oder erlaubten Strenge in Ausübung
bringen zu lassen. Er wacht über die Ordnung im Ganzen; an ihn laufen die
Berichte der Stattalter; bei eiligen, in den Gesetzen nicht bestimmten Fällen
befiehlt er vorerst, was geschehen soll; ist die Sache wichtig, betrifft sie zum
Beispiel Krieg und Frieden, so beruft er die Nationalversammlung oder erbittet
sich schriftlich ihre Stimmen. Diese Nationalversammlung kömmt ordentlich zwar
nur alle sechs Jahre einmal zusammen, weil dann die Mitglieder, woraus sie
bestehen soll, aus allen Provinzen gewählt werden; allein diese sechs Jahre
hindurch bleibt doch jeder von den Nationalräten in dem Verhältnisse, dass er
bereit sein muss, mit seiner Person oder seinem Gutachten sich einzustellen. In
allen Fällen, die einmal in den Landesgesetzen bestimmt sind, bedarf es weiter
keiner Anfragen, der König darf darin nichts willkürlich tun, muss immer
pünktlich auf Befolgung derselben halten, darf eigenmächtig keine Strafen
verhängen, aber auch keine Strafen erlassen noch mildern.
    Im Kriege ist der König kein Heerführer, sondern bleibt, so wie alle
Staatsbediente, im Lande. Die Generale werden von der Nationalversammlung
ernannt und mit Instruktionen versehen.
    Er ist verpflichtet, jeden Morgen drei Stunden lang jedermann, der ihn
sprechen will, vor sich zu lassen, Klagen anzuhören oder schriftliche Aufsätze
darüber zu fordern, wenn das nötig ist, und dann die Sachen den verschiednen
Gerichtshöfen zur Besorgung zu übergeben. Sechs untergeordnete Staatsräte
arbeiten unter seiner Anweisung in diesen Geschäften.
    Mit ihm zugleich wird ein Vizekönig erwählt, der aber nicht eher etwas mit
Staatsgeschäften zu tun hat, als bis der wirkliche König krank, zur Arbeit
unfähig wird oder stirbt.
    Die Residenz des Königs und des Staatsrats wird gleichfalls alle sechs
Jahre, nach der Reihe, aus einer der zwölf Hauptstädte des Landes in die andre
verlegt.
    Des Königs Person ist nicht heiliger als die eines jeden andern nützlichen
Bürgers; ihm wird keine Art von äusserer, sklavischer Verehrung bewiesen; er ist
kein Gesalbter und kein Stattalter Gottes; er hat keine Leibwachen, keine
ausgezeichnete Kleidung; seine Kinder und Verwandte sind Privatleute, wie wir
alle; er ist niemand in Gnaden gewogen, und niemand ist ihm untertänig. Er
erhält während der sechs Jahre seiner Amtsführung, da er nicht Musse übrig hat,
durch Betreibung andrer Geschäfte seinen Unterhalt zu gewinnen, ein
ansehnliches, doch nicht das Einkommen eines reichen Privatmannes
überschreitendes Jahrgeld; allein der Staat besoldet ihm keine Hofschranzen,
keine Müssiggänger, hält ihm keine Spielwerke. - Unser König soll ein weiser Mann
sein, und ein weiser Mann ist über Flitterstaat, unnütze Bedürfnisse und
Torheiten hinaus.
    Der König kann keinen, auch den geringsten Diener des Staats nicht, weder
ernennen, befördern, noch absetzen. Alle werden entweder von ihren Untergebenen
oder von ihresgleichen gewählt oder, besonders die, welche Besoldung erhalten,
von dem Kollegio ihrer Vorgesetzten ernannt. Zu allen diesen Ämtern aber die
Subjekte, sowie überhaupt alles, was der König nötig und nützlich findet, in
Vorschlag zu bringen, das ist seine Pflicht; und seine Mitbürger werden gewiss
gern, wenn sie können, auf seine Empfehlungen Rücksicht nehmen, da seine
Geschäfte ihn in den Stand setzen, die Bedürfnisse des Landes und die
Fähigkeiten einzelner Personen genauer kennenzulernen.
    Wundert euch nicht, meine lieben Mitbürger, wenn ich meinem Könige sowenig
willkürliche Macht einräume, ihn so gänzlich den Gesetzen und der Nation
unterwerfe! Ihr habt es hier gesehen, welche schreckliche Dinge der Despotismus
anstellen kann; und wenn ihr überleget, wie gross der Reiz eines ehrgeizigen
Mannes ist, seine Gewalt über andre Menschen immer weiter auszudehnen, wenn ihr
einen Blick in die Geschichte werfet und da leset, wie die Beherrscher der
Völker in allen Zeitaltern stufenweise weiter gegriffen haben, von einer
Gewalttätigkeit zur andern fortgeschritten sind, bis zuletzt ganze Völker sich
und Gottes Erdboden, den sie bebauet hatten, als das Eigentum eines höchst
elenden Menschen ansahen, der ihnen nach Belieben Gesetze gab, die er selbst
nicht hielt, und, wenn er einmal einen Überrest von Menschlichkeit und
Pflichterfüllung zeigte, dies denen Leuten, welche ihn ernährten und
beschützten, für überschwengliche Gnade und Huld verkaufte - wenn ihr das alles
überlegt, so denke ich, ihr werdet die Notwendigkeit einsehen, bei Gründung
einer neuen Konstitution auch die entfernteste Möglichkeit, wiederum unter das
Joch der Tyrannei zu kommen, aus dem Wege zu räumen. Wem schaudert nicht die
Haut, wenn er lieset, wie Philipp der Zweite von Spanien und sein Herzog von
Alba mit der Existenz der Menschen gespielt haben; wie gegen Sklaverei
unempfindlich gewordene Menschen den kleinen, verachtungswerten Ludwig den
Vierzehnten, der seiner niedrigen, kindischen Eitelkeit Millionen Leben und den
Flor des Reichs aufopferte - den Grossen nannten; wie das Oberhaupt eines
Standes, der den Eid der Keuschheit schwören muss, der Chef einer
Religionspartei, die Hurer und Ehebrecher zur Verdammung verurteilt, wie der
Papst Alexander der Sechste seine anerkannten Bastarde zu Herzogen erhob und in
öffentlicher Unzucht und Blutschande lebte; wie endlich noch jetzt in allen
Ländern Europens grosse und kleine Fürsten mit Verordnungen und Strafen Unfug
treiben und Todesurteile über Verbrechen unterzeichnen, die sie und ihre
Lieblinge täglich begehen! - Und diese Beispiele sollten uns nicht die Augen
öffnen? - Doch lasset uns jetzt von den übrigen Staatsbedienten reden!
    Solange ein Mann Mitglied des Nationalrats oder des höchsten Volkstribunals
ist, kann er kein Amt im Staate bekleiden, denn er kann nicht zugleich Herr und
Diener sein.
    Die Staatsräte des Königs haben keine Stimme, sondern besorgen nur, unter
seiner Anweisung, das Mechanische der Geschäfte. Sie sind also eigentlich keine
Staatsbediente, obgleich die Nation sie besoldet; der König allein wählt sie
sich, kann sie nach Willkür annehmen und verabschieden, denn er allein hat mit
ihnen zu arbeiten.
    Das ganze Reich ist in zwölf Provinzen geteilt; jede Provinz hat eine grosse
Stadt, die, wie ich schon gesagt habe, abwechselnd die Residenz des ganzen
Reichs wird. In jeder dieser Städte wohnt ein Stattalter, der in seiner Provinz
die Stelle bekleidet, welche der König im ganzen Reiche versieht, doch also, dass
er an den König berichten muss. Der Stattalter ist der Präsident des
Provinzialtribunals, das, ausser ihm, aus sechs Räten besteht und Justiz-,
Finanz- und alle andre Angelegenheiten der Provinz dirigiert. Jeder Rat hat eine
Stimme; der Stattalter nur dann, wenn die Meinungen geteilt sind. Der
Stattalter und diese Räte werden aus den Munizipalmagistraten und von denselben
gewählt und von der Nation besoldet. Weiter hinunter muss jeder Staatsbediente
sein Amt unentgeltlich verwalten. Nur die unbeträchtlichsten kleinen Stellen,
wie zum Beispiele die der Aufseher über Strassen und Dämme, Nachtwächter und so
ferner sind mit Gehalt verknüpft. Alle wichtige Ämter werden nur sechs Jahre
lang von denselben Personen bekleidet.
    Ausser der grossen Provinzialstadt sind in jeder Provinz nur noch drei
kleinere Landstädte und drei grosse und neun kleinere Dörfer. Es ist
vorgeschrieben, aus wieviel Häusern und Familien höchstens diese Städte und
Dörfer bestehen dürfen. Dies ist nach der möglichst zu erwartenden Bevölkerung
bestimmt. Nimmt irgendwo die Volksmenge über diese Grenze hinaus zu, so wird den
übrigen Familien in einer andern Gegend, wo die Anzahl noch nicht vollständig
ist, ein Aufentalt angewiesen.
    In jeder der kleinern Städte ist ein Munizipalmagistrat, der aus einem
Vorsteher und vier Beisitzern besteht; diese werden aus und von der Bürgerschaft
gewählt.
    Drei kleinere Dörfer stehen unter einem Beamten, der zwei Gehülfen hat und
mit diesen in dem grössern Dorfe wohnt. Er und sie werden von den Landleuten
gewählt. Es müssen aber Männer sein, die in dem grössern Dorfe ansässig sind.
    Jedes kleinere Dorf hat einen Richter, den die Einwohner wählen.
    Alle kleinere Stellen werden durch Wahlen in den Stadtquartieren und
Dorfgemeinen alle drei Jahre besetzt. Berichte, Anfragen und Forderungen gehen
von unten hinauf, doch also, dass die Dorfangelegenheiten durch die Beamten, die
Stadtsachen durch die Magistrate an das Provinzialkollegium gehen. Ebenso laufen
die Antworten und Bescheide von oben herunter. Was in den Gesetzen klar bestimmt
ist, darüber wird nicht angefragt, sondern es wird kurz abgetan. Die letzte
Instanz für jemand, der auf diesem Wege keine Befriedigung findet, ist der
König, der, wenn die Sache wichtig ist, sie dem Nationalkollegio vorträgt.
    Da die Regierungsgeschäfte auf diese Weise gar nicht verwickelt sein werden,
so bedarf es nicht für jeden Zweig derselben eines eignen Kollegiums. Die
Hauptregierung, die Provinzialdirektionen, die Stadtkollegia und die
Dorfobrigkeiten haben zugleich das Justiz-, Finanz-, Kriegs- und Polizeiwesen,
kurz, alles zu besorgen.
    Jeder Abyssinier in der Stadt und auf dem Lande ist verbunden, noch ausser
den Jahren, da er die Waffen tragen muss, wovon in der Folge geredet werden wird,
wenigstens drei Jahre seines Lebens hindurch unentgeltlich ein kleineres
bürgerliches Amt zu verwalten - gleichviel welches! Er muss es annehmen, wenn das
Zutrauen seiner Mitbürger ihn dazu erwählt.
    Alle Ämter, Stände und Gewerbe im Staate aber sehen wir für gleich wichtig
und vornehm an. Das Wort Rang wird bei uns gänzlich unbekannt werden. Der Staat
bedarf ebenso notwendig eines Nachtwächters als eines Beamten, ebenso notwendig
eines Schusters als eines Gelehrten. Wer kann bestimmen, wieviel eignes
Verdienst der Mann und wieviel mehr oder weniger Nutzen das gemeine Wesen davon
zieht, dass dieser Mann grade Talente zu dem und nicht zu jenem Geschäfte von der
Natur erhalten oder ausgebauet hat? Und welcher Mann verdient wohl mehr Achtung
und Vorzug, der, welcher mit besondrer Fertigkeit und mit unausgesetztem Fleisse,
jahraus, jahrein, Schwefelhölzer schnitzelt und davon seine Familie ernährt,
oder der Bücherschreiber, der einmal vortreffliche Dinge hat drucken lassen, die
übrige Zeit seines Lebens aber gefaulenzt und, bei der Ungewissheit, ob er mit
seiner Schriftstellerei wirklich etwas Gutes gestiftet, die Gelegenheit und
Pflicht, unmittelbar seine Kräfte dem gemeinen Wesen zu widmen, verabsäumt hat?
Vom Schuster kaufe ich Schuhe, weil er das Schuhmachen gelernt hat, vom Arzte
eine Vorschrift für meine Gesundheit, weil er sich darauf versteht. Der eine
kann sich glücklicher fühlen in dem Besitze einer edlen Kunst als der andre mit
seiner bloss mechanischen Geschicklichkeit; das ist seine Sache; aber ich, der
ich beider bedarf, warum soll ich weniger tief den Hut abziehen vor dem, der
meine Blösse bekleidet, damit ich nicht durch Verkältung krank werde, als vor
dem, der mir, wenn ich krank bin, zu helfen sucht? Mit der innern Ehrerbietung
und Achtung, ja, da ist es ganz etwas anders; wenn wir diese zum Massstabe unsrer
äussern Behandlung annehmen wollen, so bin ich gern zufrieden. Da wird man denn
aber auch dem ehrlichen Tagelöhner oft eine tiefe Verbeugung machen müssen,
indes der schelmische Minister, wie er es verdient, über die Schulter angesehen
wird. In despotischen Staaten hält sich der geringste Fürstensklave, und wäre er
auch nur ein gemeiner Schreiber, für ein Wesen besserer Art als der freie,
unabhängige Handwerksmann. - Fort mit diesen Armseligkeiten! Fort mit Rang und
Titeln! Die Rücksichten, welche man auf höheres Alter, auf bessere Erfahrungen,
auf Weisheit, Güte, feinere Sitten und Herzenssympatie nimmt und im äussern
Betragen zeigt, die werden nie wegfallen; aber vor falschem Glanze und
eingebildeten Vorzügen wollen wir nicht länger die Knie beugen. Der redliche und
verständige Bauer stehe in unsrer Achtung hoch über dem nichtswürdigen Sohn des
Staatsrats. Der Vorgesetzte im Amte ist nur in Amtsgeschäften vornehmer als sein
Untergeordneter; ausserdem gilt er nicht mehr, als was er, als Mensch betrachtet,
wert ist. Sollten wir Gesandten an fremde Höfe schicken, so müssen diese in
Gesellschaft andrer Botschafter allen Rangstreit aufgeben. Sie sind nicht
Stellvertreter eines Despoten, sondern Geschäftsträger einer Nation; und ein
Volk ist nicht vornehmer als das andre.
    Noch viel alberner als die Idee von Rang und Titel überhaupt ist der Begriff
von ererbten oder erkauften oder von einem Menschen dem andern verwilligten
Range und Titeln - mit einem Worte! der Begriff von erblichem und erteiltem
Adel. Wie kann ein Fürst, und wäre seine Macht auch unbegrenzt, ein ganzes Volk
zwingen, einen Menschen für edel zu halten? Wie kann er die Nachkommenschaft
dieses Mannes, die noch nicht existiert, schon zum voraus für edel erklären? Wie
kann der, welcher Verdienste um sein Vaterland hat, die grössere Achtung seiner
Mitbürger auf einen andern übertragen, der vielleicht gar keine Verdienste hat,
gar keine Achtung verdient? Wie schreiet man über Ungerechtigkeit, wenn in einem
Lande der rechtschaffne Sohn eines schlechten Vaters einen Teil der Verachtung
und Strafe mit tragen muss, die sein Erzeuger verwirkt hat? - Und dennoch findet
man es billig, dass ein verachtungswerter, dummer Mensch auf die grösste äussere
Ehre, auf die höchsten Staatsbedienungen, auf Freiheiten, Vorrechte, Exemtionen,
Einkünfte und andre Vorteile Anspruch machen dürfe, weil das Ungefähr ihn
mutmasslich hat von einer Familie abstammen lassen, von welcher einmal ein Mann
von vorzüglich guten Eigenschaften das Oberhaupt gewesen ist, vielleicht auch
nur diese Vorrechte für sich und die Seinigen erkauft oder erschmeichelt hat!
    Also kein Adel und keine Titel mehr unter uns! Ist es aber nicht grausam und
gewalttätig, einer ganzen Klasse von Bürgern Vorrechte zu rauben, in deren
langjährigem Besitze sie sind? - Nichts weniger! denn nach dieser Lehre dürften
ja gar keine verjährte Missbräuche abgeschafft, keine durch Usurpation
erschlichene Rechte vernichtet werden. Und hätten unsre Vorfahren ihren Tyrannen
und deren Gehülfen jene Privilegien, die wir nun aufheben, durch die heiligsten
Eide auf ewig zugesichert - was kümmert das uns? Durften sie etwas verschenken,
was nicht ihr Eigentum war? durften sie Gesetze geben, die den ersten Gesetzen
der Menschheit widersprechen?
    Allein ich sehe auch schon voraus, wie wenig Verwirrung diese Abschaffung
der erblichen Vorzüge, diese Vernichtung eines falschen Stempels des Verdienstes
stiften wird. Die Edeln unter den Edelleuten werden sich nun freuen, wenn sie
überzeugt sein können, dass sie die Achtung, welche ihnen ihre Mitbürger vor wie
nach beweisen werden, nun wirklich ihrem wahren Werte und nicht dem Vorurteile
zu danken haben; ihre Kinder werden sich bestreben, sich zu guten, nützlichen
Mitgliedern der Gesellschaft zu bilden, um nicht die Demütigung zu erleben,
geringere Vorrechte als ihre Eltern zu geniessen. Nur die sogenannten Parvenus,
die so lange nach diesen elenden Vorzügen gekämpft haben, und die Unwürdigsten
unter den jetzt lebenden Edelleuten werden murren und schreien, besonders die
letztern, darüber, dass man ihnen das einzige nimmt, was sie noch ein wenig
emporheben konnte - aber denen geschieht schon recht.
    Dass Sklaverei und Leibeigenschaft von jetzt an auf immer in Abyssinien
aufhören müssen, versteht sich wohl von selber. Wir sind alle freie Menschen,
und wer bei dem andern in Dienste tritt, kann sich jeden Augenblick wieder frei
machen, sobald er Mittel findet, sich häuslich niederzulassen und sein eigner
Herr zu werden.
 
                              Neunzehntes Kapitel
             Fortsetzung. Ehen. Kindererziehung. Väterliche Gewalt
Das erste und natürlichste Band unter den Menschen ist das zwischen Mann und
Weib; auch diese Verbindung muss die bürgerliche Gesellschaft veredeln, fester
knüpfen und durch weise Gesetze den Unordnungen steuern, die den Ehestand
verbittern oder trennen könnten, ohne ihn jedoch durch drückenden Zwang zu einem
beschwerlichen Joche zu machen.
    Im rohen Stande der Natur suchen beide Geschlechter, wenn sie sich
verbinden, nichts als Befriedigung ihrer körperlichen Triebe; im bürgerlichen
Leben soll die Frau des Mannes treue Gefährtin, Gehülfin, Gesellschafterin,
Teilnehmerin an seinen Leiden und Freuden, Mitregentin seines Hauswesens und
Mutter und Miterzieherin seiner Kinder sein. Vernunft, Gefühl und Kenntnis der
menschlichen Natur sagen uns daher sehr laut, dass ein Mann nicht zugleich mehr
Weiber, ein Weib nicht zugleich mehr Männer haben soll und dass das ehliche
Bündnis nicht willkürlich, jeden Augenblick, wenn es einem der beiden Teile
gefällt, wieder getrennt werden darf. Von einer andern Seite aber würde es hart
sein, wenn der Staat zwei Menschen, die in jugendlicher Übereilung sich
verbindlich gemacht haben, miteinander zu leben, nachher aber finden, dass ihre
Gemütsarten durchaus nicht zueinander passen, und daher beiderseits unter sich
darüber einig geworden sind, sich wieder zu trennen, wenn er diese zwingen
wollte, einander zur Qual ein unzertrennliches Paar auszumachen. Folgende
Gesetze über den Ehestand wird man daher der Vernunft und Billigkeit gemäss
finden:
    Es muss ein dem Klima angemessenes Alter bestimmt werden, unter welchem
Jünglinge und Mädchen nicht heiraten dürfen.
    Er und sie melden sich bei der Obrigkeit, lassen sich als Mann und Weib
einschreiben und geben zugleich an, welche Art von Gewerbe oder Beschäftigung
sie künftig treiben wollen.
    Es gibt keine Verwandtschaftsgrade, die ein ehliches Bündnis unter
Blutsfreunden unerlaubt machten.
    Die Eltern der jungen Leute haben nicht das Recht, der Wahl ihrer Kinder bei
den Heiraten Zwang aufzulegen.
    Werden aus der Verbindung zweier Personen, die sich nicht als Mann und Weib
bei der Obrigkeit angekündigt haben, Kinder erzeugt, so entsteht die Frage, ob
der Mann verehlicht oder ledig ist. In beiden Fällen trifft das Kind nicht der
geringste Nachteil von dieser Unregelmässigkeit, sondern dies erbt den Vater wie
jedes andre ehliche Kind. Er muss es in sein Haus aufnehmen, und die Obrigkeit
wacht darüber, dass er ihm ebensoviel Sorgfalt als den Söhnen und Töchtern widme,
die in öffentlicher Ehe erzeugt werden. - Der Name Bastard ist also bei uns gar
nicht schimpflich. Wo man den zufälligen Umständen der Geburt und Abstammung
keine Vorteile einräumt, da muss man ihnen auch keine nachteiligen Einflüsse
gestatten.
    Ist nun der Vater des Kindes unverehlicht oder Witwer, so werden beide
Eltern vor Gericht gefordert und befragt, was sie abgehalten haben kann, sich
auf gesetzmässige Weise zu verbinden. Zeigen sich ökonomische Hindernisse, so
sucht man diese aus dem Wege zu räumen. Wollen aber beide Teile oder will einer
von ihnen sich auf keine ehliche Verbindung einlassen, so wird der Vater
angehalten, sich des Kindes vollkommen so anzunehmen, als wenn er es in
rechtmässiger Ehe erzeugt hätte. Ausserdem legt ihm das Gericht noch eine nach den
Umständen zu bestimmende Strafe auf, die, wenn der Fall öfter eintritt,
verstärkt wird. Das Mädchen wird nicht bestraft, teils in Rücksicht der Schwäche
des Geschlechts, teils um nicht Gelegenheit zu Verheimlichung und Kindermord zu
geben.
    Ist der Vater ein Ehemann, so muss er das Kind in sein Haus aufnehmen, und es
wird ihm eine schwere Strafe auferlegt, doch keine Geldbusse, weil dadurch sein
Weib und seine andern Kinder am mehrsten gestraft sein würden.
    Ehescheidungen können stattaben, wenn entweder beide Teile es verlangen
oder wenn nur der eine Teil darum anhält. In beiden Fällen wird die Klage nicht
eher angenommen, als nachdem Mann und Frau drei Jahre lang miteinander gelebt
haben, es müsste dann ein bewiesener Ehebruch oder Lebensgefahr von einer Seite
die Ursache der verlangten Scheidung sein.
    Halten Eheleute, die nach dreijährigem Ehestande durchaus nicht länger
miteinander leben zu können glauben, gemeinschaftlich um die Trennung an, so
wird ihnen noch ein halbes Jahr Bedenkzeit gegeben. Melden sie sich dann wieder,
so werden sie geschieden, dürfen wieder heiraten; dem Mann liegt die Versorgung
der Kinder ob, und die Frau muss sich zu ernähren suchen, so gut sie kann.
    Bittet einer von den beiden Teilen um die Ehescheidung, so kömmt es auf die
Ursache an, weswegen er die Trennung fordert. Bei einem Ehebruche, welcher
erwiesen der Frau zur Last fällt, darf der Mann sogleich wieder heiraten; die
Frau wird auf eine nach den Umständen zu bestimmende Zeit entweder in ein
Strafarbeitshaus oder gar in ein Gefängnis gesetzt und darf nach Verlauf dieser
Zeit, wenn sich ein Mann findet, der ihrer begehrt, wieder heiraten. Sie kann
sich gebessert haben, und es wäre grausam, sie lebenslang den Qualen eines
heftigen Temperaments auszusetzen. Die Kinder, welche der Mann nicht für die
seinigen erkennen kann, nimmt der Staat in die Waisenhäuser auf.
    Fordert die Frau die Scheidung wegen eines erwiesenen Ehebruchs von seiten
des Mannes, so muss dieser die Frau lebenslang unterhalten. Seine Strafe wird
ebenso bestimmt wie im vorigen Falle.
    Ehescheidungsklagen wegen Unfruchtbarkeit werden nicht angenommen.
    Unvermögenheit oder solche Kränklichkeit, die den vertrautesten Umgang unter
Eheleuten unmöglich oder gefährlich macht, muss von Ärzten bestätigt werden. Die
Scheidung geschieht dann auf gute Weise; beide Teile treten in die Rechte
unverheirateter Personen zurück. Sind Kinder da, so muss sie der Mann ernähren.
Ist die Frau während der Ehe kränklich geworden, so muss der Mann für ihren
Unterhalt sorgen.
    Eheleute, die über sechs Jahre lang, ohne gerichtliche Klage gegeneinander,
zusammengelebt haben, können, auf Verlangen des einen Teils, nicht so leicht,
nach zehnjähriger ruhiger Ehe aber gar nicht geschieden werden; es sei denn, dass
bewiesener Ehebruch oder Lebensgefahr die Ursache wäre.
    Ehescheidungsklagen von einem Teile, wegen Verschiedenheit der Gemütsart
oder dergleichen, werden nicht angenommen; aber gegen Misshandlungen,
Verschwendung des Vermögens etc. schützen die Gerichte und können, wenn gar kein
andres Mittel da ist, ex officio scheiden.
    Geschiedene Eheleute, die sich zum zweiten Male miteinander verheiraten,
können nie wieder getrennt werden.
    Da bei uns, wie man in der Folge sehen wird, jeder arbeitsame Mensch mit
Weib und Kindern Unterhalt finden, folglich im ganzen Reiche kein Bettler
geduldet werden kann, also auch die Schwierigkeit, eine Familie zu ernähren,
niemand abhalten darf, sich zu verheiraten, so kann man desto strenger alle
Hurerei bestrafen. Deswegen werden Personen beiderlei Geschlechts, welche
überwiesen sind, dass sie sich einer liederlichen, ausschweifenden Lebensart
ergeben haben, bei der ersten Ertappung scharf gezüchtigt und, wenn sie zum
zweitenmal eines solchen Lebenswandels überwiesen werden, sowohl wie Kuppler und
Kupplerinnen nach den Umständen zu kurzer, langer oder immerwährender
Gefängnisstrafe oder zur Landesverweisung verurteilt.
    Es kann dem Staate nicht gleichgültig sein, wie die Kinder der Bürger im
Physischen, Intellektuellen und Moralischen erzogen und gebildet werden. Ein
grosser Teil der Möglichkeit, unsre neue Staatsverfassung einzuführen und
dauerhaft zu machen, beruht auf der Hoffnung, dass die folgende Generation so
geartet sein soll, dass gesunde Vernunft, gemässigte Begierden, veredelte
Leidenschaften und einfache Sitten bei ihnen die Oberhand über Vorurteile,
Phantasie, Sinnlichkeit, Reizbarkeit, Kränklichkeit und Korruption aller Art
gewinnen werden, so dass es kaum des Zwanges der Gesetze bedürfen wird, um sie zu
solchen Handlungen und Unterlassungen zu bewegen, die verständiger, an Leib und
Seele gesunder Menschen würdig sind. Obgleich nun also wirklich der Staat sich
als den gemeinschaftlichen Vater seiner jungen Mitbürger ansehen kann und, wenn
es ihm obliegt, dafür zu sorgen, dass sie nicht Not leiden und dass sie Genuss des
Lebens und der Freiheit haben, ihm auch das Recht zugestanden werden muss, dafür
zu sorgen, dass sie nützliche, verständige Menschen werden, die diese Sorgfalt
nicht erschweren und vereiteln, so ist es doch der Klugheit und Billigkeit
gemäss, sich in das Erziehungsgeschäft nur grade soviel zu mischen, als
zweckmässig ist, die süssen häuslichen Verhältnisse nicht zu trennen, den Eltern
die Freude nicht zu rauben, ihre Kinder unter ihren Augen aufwachsen zu sehen,
nicht zu veranlassen, dass die Eigenheiten, kleinen Familiensonderbarkeiten,
Verschiedenheiten und Mannigfaltigkeiten, die dem geselligen Leben soviel Reiz
geben, gänzlich ausgelöscht und alle Menschen im Lande pedantisch nach einerlei
Norm und Form gemodelt werden - ohne zu erwähnen, dass wirklich eine vernünftige
häusliche Erziehung manche unverkennbare Vorzüge vor der öffentlichen hat. Um
hier die Mittelstrasse zu halten, schlage ich folgende Einrichtungen vor:
    Da wir allen Unterschied der Stände aufheben, so muss man dafür sorgen, dass
künftig in ganz Abyssinien wenigstens kein eigentlicher Pöbel gefunden werde,
dass folglich alle Bürger im Staate zu einem gewissen Grade von Aufklärung
gelangen, ohne jedoch die einzelnen zu hindern, diesen Grad noch zu erhöhen.
Unter dieser Aufklärung verstehe ich: eine Sammlung von klaren Begriffen über
Menschenverhältnisse, gesellige und bürgerliche Pflichten, eine nicht gelehrte,
aber richtige Kenntnis von dem Erdboden und besonders von dem Vaterlande,
endlich einige Fertigkeit in solchen Dingen, die uns bei Erlernung und Ausübung
jeder Kunst, Wissenschaft und Hantierung zu Hülfe kommen. Deswegen sollen in
allen Städten und Dörfern, auf Kosten des Staats, öffentliche Schulen angelegt
werden, in welchen allen Kindern, sie mögen künftig bestimmt sein, zu welcher
Lebensart es auch sei, unentgeltlich ein gleicher Unterricht im Lesen und
Schreiben der Muttersprache sowie im Rechnen erteilt werde; dabei mache man sie
mit einigen Hauptsätzen der Naturlehre und Naturgeschichte, des Landbaues und
der Messkunst bekannt, lehre sie ein wenig Geschichte und Erdbeschreibung, rede
mit ihnen von den verschiednen Temperamenten der Menschen, von den Regeln der
Klugheit und Redlichkeit, die man im Umgange mit diesen verschieden gestimmten
Leuten zu beobachten hat, von den natürlichen und geselligen Pflichten, von den
Mitteln zu Beförderung eigner und fremder, innerer und äusserer Glückseligkeit
und lege ihnen endlich einen Auszug aus den wichtigsten Gesetzen des Landes vor,
wobei der vernünftige Grund jedes Gesetzes erklärt werden muss! Dies sind die
wichtigsten Vorkenntnisse für jeden Bürger eines gut eingerichteten Staats. Was
die Religion betrifft, so rede man mit Ehrfurcht von dem unbegreiflichen Wesen
Gottes, des Schöpfers und Erhalters, lehre sie, dass treue Berufserfüllung die
beste Weise sei, sich seiner Wohltaten wert zu machen, verbinde mit dem Studium
der Geschichte eine Nachricht von den verschiednen Meinungen verschiedner Völker
über das Wesen Gottes und der Art, ihm äussere Verehrung zu bezeugen, und
überlasse ihnen, sich bei reiferm Alter eine von diesen Metoden zu wählen!
    Sobald einem Vater ein Kind geboren wird, ist er verbunden, der Obrigkeit
Anzeige davon zu tun, damit das Kind, unter dem Namen, den ihm der Vater gleich
bei der Geburt gibt, in die Listen eingetragen werde.
    Bis in das zehnte Jahr bleiben die Kinder der Sorgfalt der Eltern einzig
überlassen, und der Staat mischt sich nicht in ihre Erziehung.
    Hinterlässt ein Hausvater bei seinem Tode unmündige Kinder, so werden
denselben Vormünder gesetzt, und zwar jedem Kinde ein eigner. Von den Vormündern
hängt es ab, ob sie die Kinder in ihre Häuser aufnehmen und mit ihren Söhnen und
Töchtern erziehen oder aber, besonders wenn ökonomische Rücksichten dies
notwendig machen, sie dem Staate übergeben wollen. Im letztern Falle werden die
Kinder, welche unter zehn Jahre alt sind, dem Waisenhause anvertrauet,
diejenigen aber, welche dies Alter schon erreicht haben, bei einem Mitbürger in
die Kost gegeben. Der Staat bezahlt eine bestimmte, im ganzen Reiche
gleichförmige Summe dafür, und die Kinder besuchen die öffentliche Schule des
Orts, wovon schon vorhin ist geredet worden und woselbst sie unentgeltlich in
den jedem Bürger nötigen Kenntnissen unterrichtet werden.
    Unter einem Waisenhause darf man sich keine solche Anstalt denken, darin
armer Leute Kinder dürftig ernährt, unterrichtet und zu den niedrigsten
Bestimmungen im Staate zubereitet werden, sondern ein öffentliches Gebäude,
worin die Kinder aus allen Klassen der Bürger, wenn sie früh ihre Eltern
verlieren, aufgenommen und nicht weniger sorgsam als alle übrige Kinder gebildet
und gepflegt werden.
    Von den Schulanstalten ist noch folgendes zu sagen. Sobald ein Kind das
zehnte Jahr erreicht hat, so ist der Vater oder Vormund verbunden, der Obrigkeit
anzuzeigen, ob er demselben häuslichen Privatunterricht geben und geben lassen
oder es in die öffentliche Schule schicken will. Im ersten Falle hält die
Obrigkeit ein wachsames Auge darauf, dass auch in der Privaterziehung nichts
vernachlässigt werde. Zu diesem Endzwecke wird jährlich an gewissen Tagen die
Jugend, welche die öffentliche Schule nicht besucht, versammelt und in Gegenwart
eines Richters und einiger Zeugen von den öffentlichen Lehrern und Lehrerinnen
geprüft. Diese Prüfung erstreckt sich, wie sich das versteht, nicht eigentlich
auf gelehrte Kenntnisse; auch wird dabei Rücksicht auf Fähigkeiten, Temperamente
und Umstände genommen. Findet sich's aber, dass der Vater oder Vormund sich eine
auffallende Nachlässigkeit in der Bildung des Kindes hat zuschulden kommen
lassen, so wird er ernstlich zu grösserer Sorgsamkeit ermahnt und, wenn dann die
nächstjährige Prüfung nicht besser ausfällt, gezwungen, das Kind in die
öffentlichen Lehrstunden zu schicken. Hat der Vater Vermögen oder, wenn er nicht
mehr lebt, dergleichen hinterlassen, so muss er das festgesetzte jährliche
Schulgeld in die Staatskasse bezahlen, wo nicht, so bleibt es bei der
Einrichtung, dass die Kinder unentgeltlich die Wohltat des Unterrichts geniessen.
    Die Wahl der Lehrer und Lehrerinnen liegt der Obrigkeit ob. Es gehören aber
diese Personen zu der geachtetsten Klasse unsrer Mitbürger, und wenn wir nicht
alle Rangordnungen abgeschafft hätten, so würden sie gewiss zu dem ersten Range
gerechnet werden müssen. Sie werden vom Staate so besoldet, dass sie gemächlich
und ohne häusliche Sorgen leben können. Unverheiratete Personen werden nie zu
öffentlichen Lehrern und Lehrerinnen gewählt, wohl aber Witwer und Witwen.
    Es versteht sich, dass in jedem Dorfe und jeder Stadt wenigstens eine
besondre Schule für Knaben und eine andre für Mädchen errichtet werde. In
letztern wird der literarische Unterricht als Nebensache, die Anweisung zu aller
Art weiblichen häuslichen Handarbeit als der Hauptgegenstand betrachtet.
    Um aber auch in männlichen Schulen die Kinder an Arbeitsamkeit zu gewöhnen,
so ist mit denselben eine Industrieschule verknüpft. Ein mehrere Stunden lang
fortdauernder trockner Vortrag ermüdet; recht bequem kann nebenher und in den
Zwischenfristen eine nützliche Handarbeit getrieben werden, und es ist ein
abgeschmacktes Vorurteil, dass dergleichen für das männliche Geschlecht,
besonders für die, welche sich den Wissenschaften widmen, unanständig wäre. Die
Arbeiten, welche hier verfertigt werden, liefert der Lehrer in die öffentlichen
Magazine ab und erhält von daher die Materialien und Werkzeuge. Was in den
Mädchenschulen gearbeitet wird, kömmt gleichfalls dahin. Man wird in der Folge
hören, wozu diese Magazine genützt werden.
    Der Unterricht in den öffentlichen allgemeinen Schulen wird vom zehnten bis
zum funfzehnten Lebensjahre der Kinder fortgesetzt. Sobald ein Kind dies Alter
erreicht hat, so ist der Vater oder Vormund verbunden, der Obrigkeit anzuzeigen,
zu welcher Lebensart er den jungen Menschen bestimmt. (Die Mädchen bleiben als
Gehülfinnen bei ihren Müttern oder Verwandten oder andern guten Leuten, bis sie
Gelegenheit finden, sich zu verheiraten.) Leiden es die ökonomischen Umstände,
so sorgt nun der Vater oder Vormund dafür, dass der junge Mensch, je nachdem er
aus ihm einen Handwerker, Gelehrten, Künstler, Kaufmann, Landmann, oder was er
aus ihm machen will, auf eigne Kosten seine Lehrjahre in der neuen Laufbahn
antrete; wo nicht, so übernimmt der Staat diese Sorgfalt; dann aber wird der
Knabe erst geprüft, und es hängt von der Obrigkeit ab, wenn man ihn zu einem
Geschäfte untauglich findet, ihm dazu keine Unterstützung zu geben. Gezwungen
wird niemand zu irgendeiner Lebensart; aber dem Staate kann man auch nicht
zumuten, Kosten zu verwenden, um Menschen auf Plätze zu stellen, auf welchen sie
sich und andern zur Last sind und immer eine schlechte Rolle spielen.
    Zwingen darf auch kein Vater den Sohn, eine Lebensart zu ergreifen, zu
welcher er keine Neigung hat. Beklagt sich der Sohn desfalls bei der Obrigkeit,
so wird die Sache untersucht, und findet man, dass er Geschick und Lust zu einem
andern Studium hat, als wozu ihn der Vater bestimmt, so wird dieser angehalten,
soviel herzugeben, als er seinem Plane nach verwenden wollte, der Sohn folgt
seinem bessern Berufe, und der Staat trägt den Rest der Unkosten.
    Bis in das funfzehnte Jahr der Kinder leidet die väterliche Gewalt weiter
keine Einschränkung als die, von der vorhin in Ansehung des Unterrichts ist
geredet worden; es müsste denn sein, dass grausame, durch Zeugen bewahrheitete
Misshandlungen von seiten der Eltern die Obrigkeit nötigten, sich in ihre
häuslichen Geschäfte zu mischen. Nach dem funfzehnten Jahre hingegen gehören die
Kinder schon mehr dem Staate als ihren Eltern, können sich gänzlich der
väterlichen Gewalt entziehen und sich in den Schutz des Staats begeben. Dann
aber ist der Vater auch nicht mehr verbunden, den Sohn zu unterhalten, und
dieser muss sich's gefallen lassen, welche Art von Laufbahn ihm der Staat
anweisen will, damit er nicht dem gemeinen Wesen zur Last falle. Ist hingegen
der Vater von dem Sohne unzufrieden, so kann er gleichfalls (jedoch nicht vor
dem funfzehnten Jahre) seine Hand von ihm abziehen. Indem er ihn aber dem Staate
übergibt, muss er zugleich eine zu bestimmende Summe zu Abkaufung seiner
Verbindlichkeiten in den öffentlichen Schatz erlegen.
    Mit dem zwanzigsten Jahre des Jünglings hört alle Gewalt des Vaters über
ihn, aber auch alle Verbindlichkeit desselben, ihn zu ernähren, auf.
 
                              Zwanzigstes Kapitel
           Fortsetzung. Eigentum. Erbschaften. Versorgung der Bürger
Beinahe ebenso vernunftwidrig als der Begriff von geerbten Ständen, Titeln und
Würden ist die Idee von geerbtem Vermögen. Es ist billig, dass der, welcher durch
seinen Fleiss sich Vermögen erworben hat, in dem ruhigen Besitze dieses Vermögens
geschützt werde und, solange er lebt, frei mit dem Erworbnen schalten und walten
dürfe; aber dass er auch nach seinem Tode einen Willen haben und berechtigt sein
soll, die Schätze der Erde, an wen er will, auszuteilen und den Besitz
derselben, der nur dem Arbeitsamen zukömmt, wenn er nicht mehr lebt, auf einen
andern, auf einen faulen, untätigen Menschen zu übertragen; dass dieser anfangen
kann, wo jener aufgehört hat, dass er ohne Mühe und Arbeit freie Macht erhält,
Tausende zu verwenden, indes sein würdigrer und fleissiger Nachbar Hunger leidet;
endlich, dass dieser vom blinden Ungefähr ihm zugeteilte Vorteil ihm in allen
andern Verhältnissen ein Übergewicht über bessere Menschen gibt - das ist doch
wohl höchst widersinnig und ungerecht. Liesse sich nicht der mögliche Fall
denken, dass auf diese Weise zuletzt aller Reichtum eines Landes, und sogar das
Land selbst, in die Gewalt eines einzigen schlechten Menschen käme, indes alle
Edeln darben oder seine Sklaven werden müssten? Freilich sorgt das Schicksal
dafür, und auf einen Geizhals folgt in der Familie gewöhnlich ein Verschwender,
der den väterlichen Schatz wieder zerstreuet und eine Art von Gleichheit
herstellt; allein das ist nur zufällig, ist hundertmal auch nicht der Fall, und
indessen stiftet doch der unmässige Unterschied zwischen zufällig reich und arm
gewordnen Leuten unendlich viel Unheil. Wie schön wäre es daher, wenn man eine
neue, gleiche Verteilung der Güter vornehmen und dann das Recht, sein Vermögen
auf andre zu vererben, gänzlich aufheben könnte! Der Staat wäre verbunden, jeden
seiner Bürger, sobald er mündig würde und seinen Haushalt anfangen wollte,
auszustatten; dagegen fielen ihm auch alle von Verstorbnen besessene Güter
wieder zu. Ich weiss wohl, welche Einwürfe man dagegen machen kann: wer wird Mut
haben, zu arbeiten, etwas zu erwerben, wenn er nicht voraussieht, für wen er
arbeitet, wenn er vielmehr voraussieht, dass seine Kinder, sobald er tot ist,
sein sauer erworbnes Eigentum mit dem Rücken ansehen müssen? Ich halte diesen
Einwurf für sehr unbedeutend; denn mancher gute Mann wird viel ruhiger schlafen,
wenn er weiss, dass seine Kinder dem Staate gehören, dass dieser sie versorgen wird
und muss, wenn auch Unglücksfälle ihm sein ganzes Vermögen raubten; und er wird
doppelt eifrig arbeiten, den Schatz des Landes zu vermehren, der zu so
wohltätigen Zwecken verwendet wird. Der tätige, betriebsame Mann wird darum
nicht faul und nachlässig werden, denn ihm ist Arbeit ein Bedürfnis. Der
Verschwender wird darum nicht mehr verprassen; im Gegenteil! er weiss ja, dass er
auf keine Erbschaft je rechnen darf und dass, wenn das väterliche Vermögen
durchgebracht ist, der Staat ihn zwingen wird (wie das in der Folge gezeigt
werden soll), in einem öffentlichen Werkhause zu arbeiten, um Brot zu haben.
Auch wird niemand seine Verschwendung dadurch begünstigen, dass man ihm Geld
liehe und ihm hülfe seine Güter mit Schulden belasten, die nachher der Sohn
bezahlen muss. Und der Geizhals? - der sammelt Geld, aus Liebe zum Gelde, nicht
aus Sorgfalt für die Erben. Er glaubt nie genug zu haben; er hofft hundert Jahre
zu leben und zittert nur davor, dass es ihm noch einst am Notwendigsten fehlen
könnte. Aber der Sohn des reichen Mannes wird nun nicht mehr die Nase so hoch
tragen gegen ärmere bessere Menschen; er wird nicht, voll Zuversicht auf die zu
erwartende Erbschaft, die Gelegenheit verabsäumen, Kopf und Herz zu bilden,
sondern, da er nun weiss, dass er, wenn zwei Augen sich schliessen, nichts zu
erwarten hat, als was er sich durch Fleiss und Geschicklichkeit erwirbt, sich
anstrengen, geschickt und gut zu werden. Und der reiche Vater, der sein Kind
liebt, wird, weil er doch dem Sohne sonst nichts hinterlassen kann als eine gute
Erziehung, einen Teil seiner Schätze anlegen, um diesen in allen Wissenschaften
und Künsten geschickt zu machen, die ihm einst sichern Unterhalt und Wohlstand
versprechen können. Freilich aber würde eine neue gleiche Verteilung der
Glücksgüter in einem schon errichteten Staate schwer zustande zu bringen sein -
ich sage schwer, denn unmöglich ist sie ganz gewiss nicht. Lasset uns daher eine
Mittelstrasse wählen! Jedoch muss ich nochmals erinnern, dass alle meine Vorschläge
mehr auf eine gänzlich neu zu gründende als auf eine nur in einzelnen
Nebenteilen zu verbessernde Regierungsverfassung abzielen. Ich muss das ganze
Gemälde mit allen Haupt- und Nebenfiguren ausmalen; von meinen lieben Mitbürgern
hängt es ja ab, nur einzelne Gruppen daraus zu kopieren.
    Ich teile also die Ländereien aller Provinzen des ganzen Reichs in gleiche
Teile von solchem Umfange, dass der Ertrag einer solchen Portion, nach einem
Durchschnitte von guten, schlechten und mittelmässigen Jahren, grade hinreiche,
eine Familie, die aus acht Personen besteht, bequem zu ernähren. Es versteht
sich, dass bei dieser Einteilung auf das Verhältnis des bessern gegen den weniger
fruchtbaren Boden Rücksicht genommen werden muss. Von diesen Portionen dürfen die
Stadteinwohner keine besitzen; ihnen werden nur Gartenplätze verstattet; Dörfern
allein kömmt es zu, die Landwirtschaft zu treiben; dagegen wohnen aber auch
feinere Handwerker, Künstler, Manufakturisten, Kaufleute etc. nur in den
Städten. Jede Familie in den kleinen und grossen Dörfern bekömmt vom Staate eine
solche Portion nebst dem dazu erforderlichen Viehe, dem übrigen Inventarium und
den nötigen Gebäuden in gutem Stande überliefert und muss dann für ihr weitres
Fortkommen sorgen; die übrigbleibenden Portionen und die, welche dem Staate
durch Aussterben etc. heimfallen, werden unter Aufsicht des in dem grössern Dorfe
wohnenden Beamten und der in den kleinern Dörfern angesetzten Dorfrichter auf
Rechnung des Staats administriert, bei Zunahme der Volksmenge aber oder wenn ein
junges Paar einen Haushalt anfangen will, werden diese vakante Portionen wieder
ausgeteilt.
    Die Wiesen bleiben ungeteilt dem Dorfe, die Waldungen dem Amte
gemeinschaftlich, und weiset der Beamte jedem Bauer jährlich eine gleiche Menge
Holz an. Steinbrüche und Bergwerke werden zum Vorteile der Staatskasse genützt;
Jagd und Fischerei dürfen nur von sachkundigen Personen betrieben werden. Jede
Gemeine hat ihren Dorffischer und Dorfjäger; von diesen werden Fische und
Wildbret nach einer bestimmten geringen Taxe verkauft, und das Geld wird in die
Staatskasse geliefert.
    Kein Einwohner in Abyssinien darf mehr als eine solche Landportion besitzen,
und nach seinem Tode fällt sie dem Staate wieder anheim, der sie aufs neue
austeilt. - Kein Grundstück kann also um Geld verkauft, noch auf jemand vererbt
werden, aber das, was man mit seinem Fleisse verdient, folglich der Erwerb aus
den verkauften Früchten dieser Ländereien, das bare Geld, davon erben die Kinder
ihr Teil. Es wird daher jeder gute Hausvater sein Land, obgleich es nach seinem
Tode an einen fremden Besitzer kömmt, dennoch möglichst zu verbessern suchen, um
durch den Verkauf der Produkte Schätze für seine Nachkommen zu sammeln. Es fällt
also nicht aller Unterschied zwischen armen und reichen Leuten weg; aber die
Reichen können nun nicht mehr die Gewalt des Geldes zu Unterdrückung ihrer
Mitbürger anwenden, viel Grundstücke zusammenkaufen, grosse, mächtige Herren im
Lande werden und viel Menschen zu Sklaven und Knechten machen.
    Keinem Dorfbewohner wird gestattet, auf seine Landportion mehr als einen
Knecht und eine Magd zu halten. - Lasset uns aber das Wort Knecht abschaffen und
diese Leute Gehülfen oder Arbeiter nennen! Ist seine Familie stark, so sind
dagegen die ältesten seiner Kinder auch gewiss schon imstande, ihm und der Mutter
in der Landarbeit zu helfen.
    Wer sein Gut ansehnlich verbessert oder den Wert des Inventariums und der
Gebäude zweckmässig erhöht, dem oder dessen Erben bezahlt der Staat, wenn ihm das
Gut heimfällt, eine Vergütung.
    Auf kein Grundstück darf Geld geliehen werden.
    Wer dem andern Geld leiht, darf keine Zinsen nehmen. Hierdurch wird allem
Wucher, aller Übermacht des Kapitalisten gesteuert, und doch behält der reiche
Mann einen Wirkungskreis, indem er mit seinem Gelde Handel treiben, Manufakturen
anlegen darf usf.
    Es ist im vorigen Abschnitte gesagt worden, dass die jungen Leute im
funfzehnten Jahre sich zu einer Lebensart bestimmen müssten. Wählen sie nun die
Landwirtschaft zu ihrem Fache, so haben sie Gelegenheit, sich in derselben zu
vervollkommnen, indem sie als Gehülfen bei andern Landleuten oder auf den Ämtern
dienen. Haben sie aber das zwanzigste Jahr erreicht, verheiraten sich und wollen
einen eignen Haushalt anfangen, so übergibt ihnen der Staat eine Landportion,
und sie können ihre Geschäfte ohne alle häuslichen Sorgen anfangen. Durch die
Menge der Kinder wird kein Hausvater zurückkommen, weil der Staat auf die bisher
beschriebne Weise für sie sorgt; der arbeitsame Mann kann also nie verarmen.
(Von Erleichterung in Unglücksfällen soll in der Folge geredet werden.)
    Wie wird es aber mit dem Verschwender? Ihm wird niemand Geld leihen, weil
bei dem Geldleihen nichts zu gewinnen ist. Kömmt er nun sehr zurück, lässt sein
Land unbebauet liegen, seine Gebäude verfallen und verkauft sein Vieh, so greift
endlich der Staat zu, nimmt sein Gut in Besitz, versorgt seine Kinder und gibt
ihm seine Stelle in einem Werkhause oder bei andern öffentlichen Arbeiten. Hier
wird er zur Tätigkeit angehalten, aber sein Schicksal ist doch noch immer sehr
milde. (Seine Frau muss freilich dies Schicksal mit ihm teilen.) Zeigt er aber
Besserung, so wird er aufs neue in den Besitz eines Guts gesetzt oder vorerst
auf den Amtsgütern angestellt.
    Nichts von dem, was Pachtung heisst, findet hier im Lande statt; denn wer ein
Gut verwalten kann, dem übergibt man es ja gern zum lebenslänglichen Eigentume.
    Die Regierung bemüht sich, nach und nach alle Gegenden des Reichs urbar,
fruchtbar zu machen, Holz anzupflanzen und neue Landportionen einzurichten.
    Wenn ein Mann zu einem öffentlichen Amte gewählt wird, welches ihn
verhindert, seinem Gute vorzustehen, so lässt der Staat dasselbe verwalten, bis
die Jahre seiner Amtsführung vorüber sind.
    Die Mädchen in Abyssinien haben gar keinen Anteil, weder an den Gütern der
Väter noch an ihrer baren Verlassenschaft, also überhaupt kein Vermögen.
Indessen ist doch auch für sie gesorgt: solange sie Kinder sind, leben sie in
den Häusern ihrer Eltern oder Vormünder oder in den Waisenhäusern und werden in
allem freigehalten; nach dem funfzehnten Jahre aber haben sie ja Gelegenheit,
als Gehülfinnen in einer Privat- oder Amtshaushaltung oder in den Städten ihren
Unterhalt zu finden. Sobald ein Mädchen dies Alter erreicht hat, ist der Staat
verbunden, ihm eine Ausstattung an Kleidungsstücken und Wäsche zukommen zu
lassen. Diese wird aus den öffentlichen Magazinen genommen und ist für alle
Mädchen in Abyssinien gleich gross.
    Man sage nicht, dass bei dieser Einrichtung, nämlich wenn die Töchter nicht
miterben, hässliche Frauenzimmer, die ausserdem vielleicht des Brautschatzes wegen
aufgesucht werden, keine Männer bekommen würden. Schönheit ist ein vergänglicher
Vorzug und ist dabei ein sehr relativer Begriff. Manchem gefällt ein Gesicht,
das der andre unerträglich findet; hässliche Personen können etwas sehr
Angenehmes in ihrem Betragen und, was noch mehr als das ist, sehr schätzbare
Eigenschaften haben, die mehr als ein glattes Gesicht das Glück der Ehe
befördern. Heiraten die bloss des Reichtums wegen geschlossen werden, pflegen ja
ohnehin selten glücklich auszufallen; reiche Mädchen sind mehrenteils schlechte
Wirtinnen, lieben Aufwand und Putz und verschwenden ihren Brautschatz in den
ersten Jahren der Ehe. Ist aber ein Frauenzimmer so äusserst hässlich und
ungestaltet, dass sich der Fall gar nicht denken lässt, dass man sie ihrer Person
wegen heiraten könnte, so scheint eine solche von der Natur zu keiner ehlichen
Verbindung bestimmt. Sie tut besser, ledig zu bleiben, und würde, wäre sie auch
noch so reich, nicht glücklich als Hausfrau an der Seite eines Mannes sein. Sie
kann in einem öffentlichen Arbeitshause ein angenehmes und nützliches Leben
führen. Alle Witwen finden in diesen Häusern, wovon in der Folge noch mehr
geredet werden soll, gleichfalls ihren Unterhalt oder können, wenn sie Talente
dazu haben, öffentliche Lehrerinnen werden.
    Soviel von den Landleuten! Was die Einwohner der Städte betrifft, so wird,
wenn der Knabe, welcher das funfzehnte Jahr erlebt hat, ein städtisches Gewerbe
zu seiner künftigen Lebensart wählt, entweder von dem Vater, dem Vormunde oder
dem Staate dafür gesorgt, dass er an einen Ort gebracht werde, wo er Gelegenheit
hat, die zu dem gewählten Fache nötigen Kenntnisse zu erlangen. Wird hierzu ein
Kostenaufwand erfordert und es ist kein bares Vermögen da, um diesen zu
bestreiten, so hilft der Staat. Hat der Jüngling das zwanzigste Jahr erreicht,
will heiraten oder sonst seinen eignen Stadtaushalt anfangen und sein Gewerbe
treiben, so wird ihm ein vakant gewordnes Haus in der Stadt nebst dem
dazugehörigen Garten und Inventarium und, je nachdem das Geschäft ist, wovon er
sich künftig ernähren will, werden ihm auch die nötigsten Geräte und Werkzeuge
unentgeltlich vom Staate überliefert. Man überlässt ihm dann, für sein weiteres
Fortkommen zu sorgen, und wenn er durch schlechte Wirtschaft zurückkommt, findet
er, wie in demselben Falle der Landmann, in den öffentlichen Werkhäusern noch
immer seine Versorgung.
    Es bleibt mir nun übrig, von dem baren Vermögen der Mitbürger zu reden.
Jedermann kann mit dem, was er sich erworben hat, solange er lebt, schalten und
walten, wie er will, insofern er die vorgeschriebnen Abgaben entrichtet. Sobald
ein Hausvater stirbt, wird sein Nachlass von der Obrigkeit untersucht; der zehnte
Teil fällt dem Staate anheim, und das Übrige wird zu gleichen Teilen unter
seinen Söhnen verteilt.
    Kein Vater darf einen Sohn enterben, noch sonst ein Testament machen, dessen
Inhalt dieser Einrichtung widerspräche; allein man kann ihm die Freiheit nicht
rauben, bei seinen Lebzeiten soviel zu verschenken, als er will. Bei der
Erziehung, die wir unsern Kindern geben, und bei der Überzeugung, die sie haben
müssen, dass die gewählten Obrigkeiten nur für das Beste des Ganzen sorgen, lässt
sich der Fall nicht denken, dass künftig ein Abyssinier, durch betrügerische
Schenkungen bei Lebzeiten, dem Staate das entziehen sollte, was ihm gebührt und
was er zu Versorgung der Mitbürger anwendet. Erwiesene Betrügereien von der Art
würden mit Konfiskation des Vermögens bestraft werden.
    Wo kein Sohn ist, da fällt die ganze Erbschaft dem Staate anheim; Brüder,
Eltern, Seitenverwandte und andre Personen können nie erben.
    Obgleich die Stadtgewerbe manchen Hausvater in die Notwendigkeit setzen,
mehr Bediente oder Gehülfen anzunehmen, als den Landleuten gestattet sind, so
muss doch dafür gesorgt werden, dass diese Freiheit nicht in einen unnützen
Aufwand ausarte und nicht jedem eiteln Manne erlaubt sei, eine Menge Müssiggänger
zu seiner Bedienung zu unterhalten. Man setzt also voraus, dass ein gewöhnliches
bürgerliches Gewerbe ungefähr soviel als eine gemeine Landportion eintragen,
folglich ausser den Personen, die zur Familie gehören, noch zwei Gehülfen,
männlichen oder weiblichen Geschlechts, ernähren könne; hält nun ein
Stadteinwohner mehr als diese, so wird angenommen, dass er reicher sei, und er
muss von jedem Gehülfen jährlich soviel dem Staate bezahlen, als von einer halben
Landportion gesteuert wird.
    Es ist noch ein Fall zu bestimmen übrig: Wie, wenn nun ein Mitbürger seine
Lebensart verändern und aus einem Stadteinwohner ein Landmann werden will oder
umgekehrt? - Auch diese Freiheit mag ihm gestattet werden; dann aber muss er sich
gefallen lassen, dass die Obrigkeit untersuche, ob er zu der neuen Lebensart die
nötigen Kenntnisse habe und nicht etwa bloss ein schlechter Wirt sei, der,
nachdem das, womit ihn der Staat ausgestattet hatte, verzehrt ist, nun aufs neue
darauflos zehren will. Ist dies der Fall, so kann man ihm darum die Freiheit
nicht rauben, seine Lebensart zu verändern; aber der Staat vertrauet ihm weder
Grundstücke, noch Geld, noch Hausrat und Geräte an.
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
     Fortsetzung. Auflagen. Abgaben. Staatseinkünfte. Öffentliche Anstalten
Man sieht aus dem, was bisher ist gesagt worden, dass unser Staat grosse Lasten
übernimmt, dass ihm die Ausstattung und Versorgung fast aller seiner Bürger
allein obliegt, dass also auch für beträchliche Einnahme gesorgt werden muss, wenn
die Verfassung Bestand haben soll. Freilich fällt eine Menge unnützer Ausgaben
weg, die in andern Ländern erfordert werden, als: Besoldungen, Pracht am Hofe
und dergleichen; immer aber bleiben die Bedürfnisse sehr beträchtlich. Auf
folgende Weise wird nun dafür gesorgt, dass die Kassen imstande seien, dies zu
bestreiten, und jeder Mitbürger verhältnismässig dazu beitrage.
    Eine Haupteinnahme zieht der Staat, wie man weiss, aus dem Ertrage der
Amtsländereien und der vakanten Güter. Die Früchte werden in den öffentlichen
Magazinen aufbewahrt, in wohlfeilen Zeiten aufgehäuft und in teuren zu einem
immer gleichen, mässigen Preise verkauft, damit diese nie zu hoch steigen und der
jüdische Wuchrer sich nicht auf Unkosten des ärmern Landmanns bereichern könne.
Dagegen kann aber auch jeder Dorfbewohner sein Getreide in diese Magazine
liefern und bares Geld dafür empfangen.
    Die Bergwerke, Steinbrüche, die Münze, die Jagden und Fischereien sind
gleichfalls beträchtliche Hülfsquellen für den Staat.
    Sodann der zehnte Teil von allen Erbschaften und das Vermögen derer, die
keine Söhne hinterlassen.
    In die öffentlichen Warenlager werden die Arbeiten aus den Werkhäusern
abgeliefert und dann teils verkauft, teils zu Ausstattung der Jünglinge und
Mädchen angewendet.
    Manufakturen und Fabriken, deren Anlage die Kräfte eines Privatvermögens
übersteigt, werden auf öffentliche Kosten betrieben. Der Vorteil daraus,
besonders durch den ausländischen Handel, fliesst in die Staatskasse.
    Allein dies alles würde zu den Abgaben bei weiten nicht hinreichen; es
müssen also auch Auflagen und Abgaben stattfinden, und um diese so einfach, so
billig als möglich und zugleich so einzurichten, dass ihre Hebung nicht
schwerfalle, schlage ich folgendes vor:
    Von jeder Landportion wird jährlich der zehnte Teil dessen, was sie in
mittelmässig guten Jahren eintragen kann, in die Staatskasse geliefert. - Das ist
die einzige Abgabe, die der Landmann zu bezahlen hat. Der Stadtbewohner
entrichtet dieselbe runde Summe jährlich und, wie schon erwähnt worden, für
jeden Hausgenossen, den er über die verwilligte Anzahl hält, soviel, als wenn er
noch eine halbe Landportion besässe. Wenn ein ähnliches Gesetz in Ansehung des
Viehes, das jemand halten darf, verfasst wird, so trägt der Reichere oder der,
welcher grössern Aufwand macht, als nötig wäre, verhältnismässig mehr als der
Ärmere, und niemand wird Ursache zu klagen haben.
    Ausser diesen Auflagen ist nur noch eine Zollabgabe bestimmt, nämlich der
zehnte Teil des Werts von allen ausländischen Waren ohne Unterschied, die in das
Reich eingeführt werden; von den ausgehenden Waren wird nichts entrichtet.
    Die Posten sollen dem Staate keine Einkünfte tragen, sondern nur eine
wohltätige Anstalt zur Gemächlichkeit des Publikums sein; jedem aber steht frei,
sich ihrer auch nicht zu bedienen.
    Grosse Strassen, Dämme und dergleichen öffentliche Werke anzulegen, dazu
werden die Soldaten in Friedenszeiten genützt und bekommen dafür eine gewisse
Vergütung. Da nun jeder Mitbürger eine Zeitlang in der Armee dienen muss, so ist
auch keiner von dieser Arbeit befreit. - Handarbeit schändet niemand und stärkt
den Körper.
    Von den Waisenhäusern ist schon vorhin geredet worden; die Kinder werden
darin mit der grössten Sorgsamkeit, die bei öffentlichen Anstalten irgend möglich
ist, erzogen, in allerlei Art Arbeit unterrichtet; sie besuchen die allgemeinen
Schulen, und wenn sie das funfzehnte Jahr erreicht haben, wird für sie wie für
alle andre Mitbürger gesorgt.
    Die übrigen Arbeitshäuser sind von dreierlei Art: In einigen finden einzelne
bejahrte Personen beiderlei Geschlechts und Witwen einen Zufluchtsort und
Gelegenheit, ein ihren Kräften und Kenntnissen angemessenes Geschäft oder
Handwerk zu treiben. Wer Vermögen hat, kauft sich ein und kann sich zugleich
mehr Gemächlichkeit ausbedingen; wer kein Vermögen hat, wird auf den
gewöhnlichen, anständigen, reinlichen, aber freilich einfachen, nicht prächtigen
Fuss behandelt und muss sich gefallen lassen, bestimmte Stunden des Tags für die
Manufakturen, oder was ihm sonst, seinen Talenten gemäss, aufgetragen wird, zu
arbeiten.
    In die zweite Art von Arbeitshäuser werden Menschen aufgenommen, die durch
schlechte Wirtschaft zurückgekommen sind. Sie geniessen hier, wie billig, nicht
soviel Gemächlichkeit und Freiheit als in den vorhin beschriebnen Werkhäusern,
müssen gröbere Arbeit verrichten, werden genauer beobachtet, aber doch
keineswegs strenger behandelt.
    Die Arbeitshäuser der dritten Gattung sind für Verbrecher bestimmt. Sie sind
die eigentlichen Gefängnisse. Die Art der diesen Leuten obliegenden leichten
oder schweren Arbeit richtet sich nach dem Grade ihrer Vergehungen. Viele unter
ihnen werden, gefesselt und bewacht, auch ausser den Gebäuden bei beschwerlichen
und unangenehmen Arbeiten angestellt, wozu freie, gebildete Menschen sich ungern
brauchen lassen; doch wird auf alle Weise auch für ihre Gesundheit gesorgt.
    Alle diese öffentlichen Anstalten sind von der Art, dass der Staat, durch die
darin verfertigten Arbeiten, mehr oder wenigstens ebensoviel Vorteil zieht, als
die Unterhaltung derselben kostet; Hospitäler und Tollhäuser hingegen erfordern
mehr Aufwand; doch muss für diejenigen, welche Vermögen haben und darin
aufgenommen werden wollen, eine bestimmte Summe eins für alles in den
öffentlichen Schatz niedergelegt werden.
    Damit der Staat von richtiger Einnahme der festgesetzten Abgaben gewiss sei
und nicht zuweilen Hauptunglücksfälle einzelne Familien oder ganze Gegenden
insolvent machen, so sind im ganzen Reiche Assekuranzkassen errichtet, durch
welche alle Mitbürger sich einander nicht nur für erlittenen Brandschaden,
sondern auch für Misswachs, Hagelschlag, Viehsterben, Verlust von Schiffen und
dergleichen entschädigen.
    Auf dem Lande und in den Städten sind Ärzte, Wundärzte, Apoteker und
Hebammen angestellt, denen jede Familie jährlich eine gewisse von der Obrigkeit
einzusammelnde kleine Summe bezahlt, wogegen sie aber auch ohne Unterschied
jedermann, ohne weitre Forderungen zu machen, mit Rat und Tat beistehen müssen;
so wie denn auch alle von den besoldeten Ärzten verschriebne Arzneimittel
denenjenigen, welche nur einfache Taxen entrichten (das heisst soviel, als von
einer einzelnen Landportion bezahlt wird), unentgeltlich verabfolgt werden.
    Obgleich jedem Mitbürger erlaubt ist, das Land zu verlassen, so fällt doch,
wenn er sein bares Vermögen mit aus Abyssinien nehmen will, die Hälfte davon der
Staatskasse anheim. Dies ist sehr billig; dem Ertrage des vaterländischen
Bodens, der ihn ernährt hat, verdankt er seinen Reichtum, dem Staate seine
Bildung und Sicherheit aller Art. - Kann er sich beklagen, wenn man, was sein
eigner Fleiss dabei bewirkt hat, auf die Hälfte des Erworbnen anschlägt? Es ist
sehr begreiflich, dass dies Gesetz leicht zu täuschen sein würde; allein sollen
wir denn gar nichts auf den Erfolg der bessern moralischen Bildung unsrer Bürger
und darauf rechnen, dass sie nicht geneigt sein werden, aus Leichtsinn ein Land
zu verlassen, in welchem sie sich freier und glücklicher fühlen, als sie in
irgendeinem andern sein können?
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
        Fortsetzung. Religion. Justiz. Strafen und Belohnungen. Polizei
Die Religion kann eigentlich gar kein Gegenstand der Gesetzgebung sein. Die
innere Gottesverehrung und die Begriffe, die man sich von dem göttlichen Wesen
und seinen Verhältnissen gegen dasselbe macht, richten sich nach den Fähigkeiten
und Empfindungen jedes einzelnen, und es kann vom Staate nichts darüber bestimmt
werden, weil dieser nur über Handlungen, nicht aber über Gedanken und Meinungen
Richter ist. Die moralischen Vorschriften, zu denen man die Gründe aus
religiosen Sätzen herleitet, müssen gleichfalls der innern Überzeugung eines
jeden überlassen bleiben; der Staat soll nur dafür sorgen, dass keine Handlungen
geduldet werden, die solchen moralischen Regeln zuwider sind, auf welchen die
Gesetzgebung beruht. Ebensowenig darf die Regierung den Mitbürgern verbieten,
laut und öffentlich ihre Meinung über diese ihnen wichtige Dinge zu sagen und zu
schreiben, weil überhaupt Worte keinem Zwange unterworfen sind. Was endlich die
religiosen und gottesdienstlichen Gebräuche betrifft, so darf sich der Staat nur
insofern dareinmischen, als sie die befohlnen Handlungen hindern und die
verbotnen befördern könnten, zum Beispiel, wenn sie anstössig, unsittlich wären
oder die Bürger von nützlicher Tätigkeit abhielten. Übrigens also ist die
spekulative, teoretische und praktische Religion keinem Zwange unterworfen; wir
wissen nichts von einer Landesreligion; jedermann kann glauben, was er will, und
seinen Gott verehren und ihm dienen, wie es ihm beliebt. Wollen mehrere Familien
zusammentreten und nach ihrer Weise gottesdienstliche Versammlung halten, auch
aus ihrem Vermögen Leute besolden, die sie Priester oder Prediger nennen, so
steht ihnen auch das frei, nur mit der Einschränkung, dass zu diesen
Zusammenkünften niemand der Zutritt versagt werden darf, weil überhaupt in einem
Lande, wo alles Gute und Gleichgültige öffentlich geschehen kann, jede geheime
Versammlung, jede heimliche Unternehmung unerlaubt ist. Auch ist es jeder Sekte
verstattet, auf nicht ungestüme, aber auf öffentliche Weise Proselyten zu
machen, soviel sie will.
    Es erkennt aber der Staat die Priester und Prediger, die sich übrigens
kleiden mögen, wie es ihnen beliebt, für gar keinen besondern Stand, nimmt keine
Wissenschaft von ihrem geistlichen Berufe, sondern behandelt sie nach der
Rücksicht auf das bürgerliche Gewerbe, zu welchem sie sich als Jünglinge haben
einschreiben lassen, befreit sie von keinen Abgaben und Diensten, weiset ihnen
keine besondre Einkünfte an und entscheidet nie in sogenannten geistlichen
Dingen. Die Lehren einer echten göttlichen Religion müssen durch ihre innere
Kraft über Irrtümer siegen, und deswegen muss es erlaubt sein, diese wie jene
laut zu predigen, sie der freien Prüfung zu unterwerfen; der Stifter des
erhabnen Christentums legte es nie darauf an, seine Religion zu einer
Staatssache zu machen, und die ersten Prediger derselben verlangten weder
Exemtionen noch Besoldungen, noch Titel, noch Pfründen, noch die Freiheit,
müssige Mitglieder im gemeinen Wesen zu sein.
    Um aber das Volk zuweilen zu gemeinschaftlicher Gottesverehrung zu ermuntern
und durch edle, religiöse Empfindungen die Herzen zur Liebe, Dankbarkeit, zum
Wohlwollen und zur brüderlichen Eintracht zu stimmen, wird jährlich einmal an
einem festgesetzten Tage in der schönsten Gegend jeder Provinz ein grosses
Volksfest veranstaltet, woran jeder ungezwungen mit seiner Familie teilnehmen
darf. Unter freiem Himmel werden dann herzerhebende, schöne Hymnen, welche die
Kinder in den Schulen vollstimmig aufführen lernen, mit Begleitung musikalischer
Instrumente gesungen. Gute Redner, denen die Obrigkeit dies Geschäft aufträgt,
halten kurze, rührende Anreden an das Volk und ermahnen es zu Erfüllung seiner
Pflichten; die andre Hälfte des Tages verstreicht unter geselligen,
gastfreundschaftlichen und gesitteten Freuden. Die Obrigkeit sorgt dabei für
Beobachtung des Anstandes und der Ordnung.
    Die Justiz wird in Abyssinien unentgeltlich verwaltet; wie die Land- und
Stadtobrigkeiten erwählt werden, das ist in einem der vorigen Abschnitte gesagt
worden; sie bekommen keinen Gehalt und dürfen keine Sporteln nehmen. Nebst denen
ihnen obliegenden gewöhnlichen Amtsverrichtungen sind sie auch verbunden, jeden
Vormittag gewisse Stunden hindurch jedermann vorzulassen, der Klage zu erheben
hat. Da wir nicht eine Menge dunkler sich durchkreuzender Gesetze haben und
unsre Staatsverfassung nicht Gelegenheit zu mannigfaltigen, verwickelten
Streitfragen und Händeln gibt, die Hauptfälle aber sehr klar in den Gesetzen
bestimmt sind, so kömmt weniger darauf an, dass unsre Richter sehr gelehrte
Leute, als dass sie verständige, hellsehende, erfahrne und unverführbar
rechtschaffne Leute seien.
    Alle Rechtshändel werden mündlich verhandelt, worüber jedoch Protokolle
geführt werden. Die Parteien müssen ihre Notdurft, nebst den Gründen, selbst
einfach vortragen, und kein Advokat noch Vorsprecher wird geduldet.
    Jeder Prozess muss wenigstens nach Ablauf eines Jahrs beendigt sein.
    Wenn zwei Personen miteinander in Streit geraten, so muss jeder von ihnen,
bevor sie sich bei der Obrigkeit melden dürfen, sich einen Schiedsrichter
wählen. Diese beiden Schiedsrichter treten zusammen und suchen einen Vergleich
zustande zu bringen. Gelingt dieser Vergleich nicht, so stellen sich die
Parteien, begleitet von ihren Schiedsrichtern, vor die Obrigkeit. Diese hört
ihre Klagen und Verteidigungen, hört, wenn es nötig ist, die Zeugen ab, auf
welche man sich beruft, und entscheidet dann nach Gesetz, Billigkeit und
gesunder Vernunft und mit Rücksicht auf Umstände und Menschenkenntnis. In diesem
Gerichte haben die beiden Schiedsmänner sowohl wie die obrigkeitlichen Personen
Sitz und Stimme.
    Nur in wenig Fällen, die bestimmt werden müssen, findet eine Appellation
Platz. Diese geht an den Stattalter und in äusserst wichtigen, gleichfalls zu
bestimmenden Fällen noch von da an den König und den Nationalrat.
    Alle Eide sind als unnütz abgeschafft. Wie falsche Zeugnisse bestraft
werden, das wird in der Folge vorkommen.
    Es ist oben gesagt worden, dass es nicht erlaubt sei, Geld auf Zinsen
auszuleihen. Jedoch findet davon folgende Ausnahme statt: Wenn jemand zu einer
nützlichen Unternehmung, wobei etwas zu gewinnen ist, mehr Geld braucht, als er
vorrätig hat, und ein andrer zeigt sich geneigt, ihm das Geld vorzuschiessen, so
kann nicht verlangt werden, dass dieser dies umsonst tue, indem er ja selbst
durch Handel oder auf andre Weise mit seiner Barschaft sich erlaubte Vorteile
verschaffen könnte. In diesem Falle nun melden sich beide Teile bei der
Obrigkeit und werden über die Bedingungen einig, welche der Richter bestätigt.
    Nur solche mit Bewilligung der Obrigkeit ausgeliehene Gelder, ferner die
bedungne Summe für erhandelte Ware und dergleichen, Erbschaftsgelder und endlich
alle Arten von Arbeitstagelohn etc. dürfen gerichtlich eingetrieben werden;
wegen aller übrigen Schulden wird keine Klage angenommen.
    Strafen können nur dreierlei Zweck haben: entweder das verübte Unrecht
wieder gutzumachen und den dadurch erlittnen Verlust zu ersetzen oder die
Verbrecher zu bessern oder, endlich, böse Menschen ausserstand zu setzen, die
bürgerliche Ruhe ferner zu stören (jedoch nur durch ein solches Mittel, das
Gegenstände trifft, über welche sich der Staat ein Recht anmassen kann). Aus
diesen Voraussetzungen und aus dem, was in der Einleitung über die Grenzen der
gesetzgebenden Macht ist gesagt worden, folgt natürlich, dass weder Tod noch
Verstümmlung der Gliedmassen eine bürgerliche Strafe sein kann, selbst nicht zur
Ahndung eines begangnen Mordes. Und dies auch schon darum nicht, weil hierdurch
das vollbrachte Unglück nicht ungeschehen gemacht, nicht gehoben, der Verlust
nicht ersetzt wird; weil der Staat nichts nehmen darf, was er weder geben noch
zusichern kann; weil es andre Mittel gibt, einen Verbrecher ausserstand zu
setzen, ferner zu schaden; endlich, weil Strafe nie Rache werden soll; alle
übrige Arten der Strafen sind für rechtmässig zu halten, insofern sie mit den
Verbrechen in richtigem Verhältnisse stehen.
    Wo Ersatz möglich ist, da ist Ersatz des Schadens und der Unkosten, nebst
billiger Vergütung für Versäumnis, Verdruss, Schmerz u. dgl., die natürlichste
Strafe.
    Selbstverteidigung und erwiesene unvermeidliche Notwehr werden nicht
geahndet, wohl aber Rache und tätige Erwiderung des Übels.
    Tätige Rache für wörtliche Beleidigung wird bestraft.
    Blosse Worte, selbst wenn es Gotteslästerungen wären, können, unsern
Hauptgrundsätzen gemäss, nicht bestraft werden. Nur um Handlungen kann sich der
Staat bekümmern. Es ist ein elendes Vorurteil zu glauben, dass Schimpfwörter und
Verleumdungen einem wirklich unschuldigen, ehrlichen, festen Manne je Schaden
tun, ihn kränken oder erniedrigen könnten. Übrigens steht es in jedermanns
Macht, ein von ihm ausgesprengtes nachteiliges Gerücht öffentlich zu widerlegen,
und wird dann offenbar, dass der, welcher ihm eine Schandtat schuld gegeben, aus
Bosheit gelogen hat und der Beleidigte beweiset dies und verlangt gerichtlich
seine Genugtuung, so wird der Verleumder dadurch bestraft, dass er in den
öffentlichen Blättern, die unter Aufsicht der Regierung herauskommen, dem
Publikum als ein Lügner bekanntgemacht wird. Diese Strafe ist, unter einem
Volke, das nach den Grundsätzen der wahren Ehre und Redlichkeit erzogen wird, an
sich schon sehr hart; sie hat aber auch noch schlimme Folgen im bürgerlichen
Leben; denn ein solcher kann kein öffentliches Amt im Staate verwalten, kein
Zeugnis vor Gericht ablegen, kein Geld leihen etc.
    Dies ist dann auch die Strafe, womit erwiesenes falsches Zeugnis geahndet
wird.
    Wir sehen aber dieselbe für so hart an, dass sie immer nur auf gewisse Jahre
verhängt wird, und zwar auf mehr oder weniger Jahre, je nachdem die Verleumdung
oder das falsche Zeugnis boshaft oder der Gegenstand von Wichtigkeit war. Nach
Verlauf dieser Zeit wird der Bestrafte öffentlich wieder in die Rechte eines
glaubwürdigen Mannes eingesetzt.
    Ein Mensch, der zum drittenmal diese Strafe verdient, wird, als ein unnützes
Mitglied in einem Staate, dessen Wohlfahrt auf Treue und Glauben beruht, des
Landes verwiesen.
    Wer den andern mit Schlägen misshandelt, der muss ihm nicht nur, für
erlittenen Schmerz und Schimpf, eine Summe Geldes bezahlen oder, wenn er das
nicht kann, auf gewisse Zeit im Gefängnisse büssen, sondern es wird auch,
insofern der gekränkte Teil es verlangt, der Täter, durch einen Gerichtsdiener,
grade ebenso öffentlich, als er jene Handlung verübt hat, wiederum mit Schlägen
bestraft.
    Menschen, die gar zu oft die bürgerliche Ruhe stören und die Gesetze des
Staats höhnen, in welchem sie dennoch immer fortleben, obgleich sie auswandern
könnten, werden denn endlich, entweder auf viel Jahre oder auf immer,
eingesperrt.
    Ein Landesverwiesener, der sich wieder im abyssinischen Reiche blicken lässt,
wird, wenn man seiner habhaft geworden, auf seine Lebenszeit eingekerkert.
    Wer sich unberufen tätig in fremde häusliche oder andre Geschäfte mischt,
wird, wenn Klage darüber entsteht, von der Obrigkeit bestraft.
    Da bei Kauf und Verkauf beide Teile ihren freien Willen haben und man von
einem verständigen Manne billigerweise fordern kann, dass er sich in keinen
Handel einlasse, wenn er nichts von dem Werte der Waren und ihren Preisen
versteht, so werden keine Klagen wegen Übervorteilung im Handel angenommen. Es
steht indessen dem Betrogenen frei, den Betrug, zur Warnung andrer, öffentlich
bekanntzumachen. Wird aber gerichtlich erwiesen, dass der Verkäufer seine Ware
selbst für etwas ausgegeben, was sie nicht ist, oder, auf Treue und Glauben, ein
falsches Mass oder Gewicht angegeben, welches der Käufer auf sein Wort also
angenommen, dann wird vorausgesetzt, dass dieser mehr auf jenes Redlichkeit als
auf seine eigne Einsicht und Vorsicht gebauet habe, und der Betrüger muss dem
Betrognen nicht nur den Schaden ersetzen, sondern noch den hundertfältigen Wert
obendrein in die öffentliche Kasse bezahlen.
    Totschlag wird mit lebenslänglichem Gefängnisse von der schwersten Art
bestraft; ein misslungner Angriff auf das Leben eines Menschen nicht weniger mit
lebenslänglichem, doch gelinderm Gefängnisse. In sehr seltnen Fällen kann der
Umstand, dass der Angriff in der Blindheit des Zorns geschehen, einige Milderung
bewirken. Wer seine Leidenschaften sowenig im Zügel zu halten vermag, der muss
dafür büssen.
    Diebstahl wird nach den Umständen strenger oder gelinder bestraft. Strenger
ein Hausdiebstahl, ein Raub, den man an dem Eigentume seines Freundes begeht,
eine Vergreifung an anvertrauetem Gute, die Beraubung eines Armen, ein Diebstahl
aus blossem Geize ohne den Antrieb der dringenden Not, ein solcher, wobei Gewalt
angewendet worden usf.
    Da bei uns überhaupt kein Unterschied der Stände stattat, so ist es fast
überflüssig zu sagen, dass auf die Härte und Milde der Strafen der Stand des
Verbrechers gar keinen Einfluss haben kann; es darf also bei uns der, welcher
einst das höchste Amt im Staate bekleidet hat, zu der schimpflichsten Strafe
verurteilt werden, wenn er ein schimpfliches Verbrechen begeht. Soll man
Rücksicht auf sein feineres Ehrgefühl nehmen, so zeige er dies feinere Ehrgefühl
durch bessere Handlungen! Übrigens aber bringt eine weise Obrigkeit, bei
Bestrafung der Verbrechen, Alter, Temperament, körperliche Konstitution u. dgl.
mit in Anschlag.
    Der Klugheit unsrer Richter bleiben die Arten der zu verhängenden Strafen
sowie ihre Stufen und Dauer, nach Massgabe der Grösse der Verbrechen und der damit
verbunden gewesenen Umstände, überlassen.
    Alle Gefängnisse sind zugleich Werkhäuser; keiner der Gefangnen ist müssig;
sie arbeiten teils im Kerker, teils werden sie, geschlossen und bewacht, auf die
öffentlichen Arbeitsplätze geführt. Nach Verhältnis der Grösse ihrer Vergehungen
werden ihnen leichtre oder schwerere, genehmere oder unangenehmere Arbeiten
auferlegt, und nach eben diesem Verhältnisse werden sie auch nachsichtiger oder
strenger, bequemer oder weniger gemächlich gehalten, besser oder schlechter
gespeiset und wird ihnen mehr oder weniger Freiheit gestattet, zum Beispiel: in
den Erholungsstunden ihre Verwandten zu sehen oder sich andre unschuldige
Vergnügungen zu machen. Aber dafür wird bei allen gleich gewissenhaft gesorgt,
dass Reinlichkeit und gesunde Luft in den Kerkern herrschen und dass, wenn die
Gefangnen erkranken, es ihnen nicht an Pflege fehle.
    Keine Strafe beschimpft, wenn sie überstanden ist.
    Soviel von Strafen! Belohnungen für gute Handlungen kann der Staat
eigentlich gar nicht austeilen, und am wenigstens möchten wir unsre Mitbürger
daran gewöhnen, eitles Lob, äussere Ehrenzeichen, Ordensbänder, Monumente oder
andre Narrheiten von der Art für Belohnungen zu halten. Jede gute Handlung
belohnt sich selber durch das innere Bewusstsein, seine Pflicht erfüllt zu haben,
durch die Freude an dem Guten, das man gestiftet hat, durch den lauten oder
stillen Dank, den man einerntet, durch den guten Ruf und durch die Achtung und
Liebe edler Menschen, die sich ein redlicher, nützlicher, wohltätiger Mann
sicher erwirbt. - Ein Abyssinier bedarf weiter keiner andern Belohnungen; allein
dafür muss doch die Regierung sorgen, dass grosse, schöne Taten nicht unbekannt,
nicht unbemerkt bleiben und dass nicht dem, welcher sie ausübt, ein Teil jener
natürlichen Belohnungen entzogen werde. Desfalls nun werden solche Handlungen in
den Staatszeitungsblättern öffentlich bekahntgemacht. Diese Blätter dienen
überhaupt im ganzen Lande zu allgemeiner Verbreitung und Bekanntmachung dessen,
was in den einzelnen Provinzen vorgeht und alle Mitbürger interessieren kann.
Was sich in unserm Lande zuträgt, das ist uns wichtiger, als was auswärts
geschieht. Wir nehmen wenig teil an fremden politischen Händeln; es kümmert uns
sehr wenig, in welchem Lustschlosse ein müssiger europäischer Fürst nebst seinem
elenden Hofgesindel seinen Wanst gefüllt hat; aber ob Bevölkerung, Fleiss,
Tugend, Einfalt der Sitten bei uns zu-oder abgenommen haben, das liegt uns sehr
am Herzen zu erfahren, und das ist der Inhalt unsrer Landeszeitung. Sie kömmt in
der Residenz heraus, und die Materialien dazu liefern, von unten hinauf, alle
Obrigkeiten durch monatliche Berichte; die Zeitung ist gleichsam der
Hauptbericht an das Volk.
    In dieser Zeitung werden auch alle Haupturteilsprüche und verhängte Strafen
bekanntgemacht. Auch werden darin nützliche Bemerkungen und neue Entdeckungen,
zu Verbesserung des Landbaues, zu Erhaltung der Gesundheit etc., der Nation
mitgeteilt. - Dies alles so kurz und deutlich als möglich.
    Die Polizei, in den Städten wie in den Dörfern, sorgt, soviel sie kann, für
die Sicherheit, Freiheit, Ruhe, Gesundheit und Gemächlichkeit der Mitbürger. Zur
Reinhaltung, Sicherheit und Erleuchtung der Strassen, Hinwegschaffung der
Unreinigkeiten durch Kanäle, Austrocknung stehender Sümpfe, Ausbesserung der
Wege, Nachtwachen, Vorkehrungen gegen Feuersgefahr, Löschungsanstalten, und was
dahin gehört, werden die besten Vorkehrungen getroffen.
    In unserm Staate wird niemand geduldet, der nicht irgendein bürgerliches
Geschäft treibt und zu treiben versteht, womit sich Unterhalt erwerben lässt;
eine bloss verzehrende Klasse kennen wir nicht. Ob er übrigens in diesem Berufe
sehr fleissig sei oder ob er nicht mehr Zeit auf Nebendinge, mit denen er sich
lieber beschäftigt, verwendet, darum kann sich die Regierung nicht genau
bekümmern; auch hiesse das zu sehr die natürliche Freiheit einschränken. Nur
davon wollen wir gewiss sein, dass, wenn ein solcher einmal durch seine Faulheit
verarmt und nun von dem Staate Hülfe fordert, dieser ihn nicht umsonst zu
füttern brauche, sondern ihn bei irgendeiner Arbeit, die er versteht, anstellen
könne. Leute also, die, ohne andre Geschäfte, bloss von ihren Renten leben,
werden bei uns nicht geduldet, und wollten fremde Müssiggänger von der Art mit
grossen Schätzen nach Abyssinien ziehen, so würden wir sie nicht aufnehmen; es
ist uns weniger daran gelegen, sehr reiche als fleissige, tätige Mitbürger zu
haben. Auch bloss spekulierende Gelehrte dulden wir nicht; wir wissen recht gut,
dass die höchste Geisteanstrengung und das emsigste Studium sich vortrefflich mit
einiger nützlicher Tätigkeit im bürgerlichen Leben vereinigen lässt. Derselbe
Fall ist mit Menschen, die sich mit schönen Künsten beschäftigen; ein Maler, ein
Tonkünstler, ein Dichter zu sein, das gilt bei uns für keinen Stand. Wir glauben
nicht daran, dass die Begeisterung, welche den Künstler beleben muss, durch die
Aufmerksamkeit auf die kleinen Details, die bei bürgerlichen Geschäften
vorfallen, verscheucht werde.
    Wir leiden nicht, dass Gaukler, Springer und überhaupt Menschen, die eine
Kunst üben, welche weder der bürgerlichen Gesellschaft nützlich ist, noch
wohltätigen Einfluss auf Kopf oder Herz hat, bei uns ihr Wesen treiben; sie
werden sogleich des Landes verwiesen. Dass kein einziger Bettler in einem Reiche
sich blicken lassen dürfe, wo jeder arbeitsame Mensch bequem Unterhalt finden
kann, das versteht sich wohl von selber.
    Es sind bei uns alle Zünfte abgeschafft; jedermann kann frei eine
Hantierung, ein Gewerbe treiben, welches er will und worin er sich geschickt
glaubt, und kann seine Arbeit so hoch taxieren, als ihm beliebt. Es wird sich
bald ausweisen, ob er sein Handwerk versteht oder nicht, und der Pfuscher wird
gewiss nicht lange dem geschickten Arbeiter das Brot vor dem Munde wegnehmen.
Fordert aber jemand, zu Betreibung seines Handwerks oder seiner Kunst,
Unterstützung vom Staate, dann muss er freilich erst Beweise seiner
Geschicklichkeit geben.
    Der Lohn für Gesinde, für Arbeitsleute, Tagelöhner etc. ist im ganzen
abyssinischen Reiche bestimmt; wer mehr nimmt oder mehr bezahlt, wird bestraft.
    Aller Aufwand bei Begräbnissen ist verboten. Sobald ein Abyssinier stirbt,
sind seine Verwandte oder Freunde verbunden, es dem vom Staate angesetzten Arzte
anzuzeigen. Dieser begibt sich in das Sterbehaus, besichtigt den Körper und
stellt, wenn er ihn wirklich tot findet, darüber ein Zeugnis aus. Dies Zeugnis
wird der Obrigkeit vorgezeigt, die den Befehl zur Beerdigung nach Verlauf einer
bestimmten Anzahl Tage ausfertigt. Länger darf dann auch der Leichnam nicht
liegenbleiben. Die allgemeinen Begräbnisplätze sind weit genug von den Wohnungen
der Lebendigen entfernt. Der Tote wird unbekleidet in einen Kasten von gemeinem
Holze, ohne alle Zieraten, gelegt. Bevor der Kasten vernagelt wird, öffnet man
dem Verstorbenen eine Pulsader; der Tote wird in der Stille fortgebracht. Es ist
bestimmt, wie tief der Kasten in die Erde eingegraben werden muss; vor funfzig
Jahren darf kein altes Grab umgegraben werden. Die Begräbnisplätze sind daher in
Quartiere eingeteilt, deren jedes die Toten aus einem Jahrzehent umfasst.
Monumente und dergleichen Spielwerke der Eitelkeit werden nicht geduldet. Das
Andenken unsrer edeln Männer verewigt sich in der Wirkung ihrer guten
Handlungen, und kein grosser Name geht verloren, wenn er auch nicht in Marmor
oder Erz eingegraben steht.
    Jedermann hat bei uns die Freiheit, seine Lebensart, seine Kleidung und
dergleichen nach seinem Geschmacke und seiner Phantasie einzurichten; es findet
darin durchaus kein Zwang statt. Wäre es möglich, so wünschten wir, dass unsre
ganze Nation darüber einig würde, alles, was Mode und Konvention heisst,
abzuschaffen, und dass jeder, ohne sich um den andern zu bekümmern, täte und
trüge, was er wollte. Mancher kann vielleicht seiner Gesundheit und seinem
Körperbau eine lange türkische oder eine armenische Kleidung angemessen finden;
er kleide sich also türkisch oder armenisch! Einen andern behagt mehr eine kurze
spanische oder irgendeine andre von den albernen europäischen Trachten; auch
dieser folge seiner Phantasie! Gesetze gegen den Luxus haben wir gar nicht.
Unsre Mitbürger werden so erzogen, dass sie über zwecklose Torheiten und über
Flitterprunk hinaus sein werden; und da wir alle gleich sind, so fällt die
Hauptursache eines glänzenden Aufwandes, nämlich die Absicht, für einen
vornehmen Mann angesehen zu werden, weg; wir haben ja unter uns keine vornehme
Männer.
    So wie jeder die Freiheit hat, sich zu kleiden, wie er will, und soviel
Aufwand zu machen, als ihm beliebt, so bleibt es auch seiner Willkür überlassen,
sein Haus so zu bauen und auszuzieren, wie es ihn am besten und zierlichsten
dünkt. Weil doch aber wirklich der Geschmack in Verzierungen und dergleichen
sehr viel mehr Einfluss auf die Denkungsart der Menschen hat, als man glauben
sollte, so ist die Obrigkeit jedes Orts bereit, jedem Mitbürger, der sich an sie
wendet, Risse und Zeichnungen nach den edelsten und einfachsten Planen und
Formen zu Gebäuden aller Gattung sowie zu aller Art Hausrat unentgeltlich
mitzuteilen. Auch werden solche Aufrisse von Zeit zu Zeit in Kupfer gestochen
und öffentlich angeschlagen. Die Baumeister, welche der Staat besoldet und die
über die öffentlichen Gebäude die Aufsicht haben, sind angewiesen, den
Mitbürgern mit Rat und Tat beizustehen, und in den öffentlichen Fabriken wird
dafür gesorgt, dass nur nach den einfachsten und edelsten Mustern und Formen
gearbeitet werde.
    Da uns daran gelegen ist, dass unsre Sitten nicht durch Ausländer verderbt
werden, dass man uns nicht fremde Torheiten und Laster von aussen herein spediere
und dass nicht eine Menge vorwitziger, müssiger, neugieriger Reisender, welche die
Langeweile aus ihrem Vaterlande jagt, unter uns herumrenne, so sehen wir uns
gezwungen, zu fordern, dass jeder Fremde, der unsre Grenze betritt, sich sogleich
erkläre, was für ein Geschäft er bei uns habe, auch wie lange und in welchen
Gegenden er sich aufzuhalten gedenke. Werden seine Verrichtungen erlaubt und
wichtig genug befunden, so erhält er von der Obrigkeit einen Pass, der nach
diesen Umständen eingerichtet ist. Diesen muss er allerorten in Abyssinien, wohin
er kömmt, vorzeigen. Ertappt man ihn auf einem Nebenwege oder in einem
Geschäfte, das er nicht angezeigt hat, oder bleibt er über die bestimmte Zeit,
so wird er sogleich über die Grenze gebracht.
    Der Polizei liegt auch ob, ein wachsames Auge auf die Buchdruckereien zu
halten, das heisst, dafür zu sorgen, dass die Pressfreiheit nicht gemissbraucht
werde. Es ist nämlich im Vorhergehenden gesagt worden, dass jedermann frei und
offen über alle Gegenstände und über alle Personen seine Meinung sagen und
schreiben dürfe und dass er von der Regierung in dem Besitze dieser Freiheit
geschützt werde, dass ihm deswegen von niemand ein Haar gekrümmt werden dürfe,
insofern er die Wahrheit gesagt habe und nicht vom beleidigten Teile dargetan
würde, dass er ein Verleumder sei. - Doch dies alles unter der Bedingung, dass der
Name des Schreibers nicht verschwiegen sei. Die Polizei nun wacht darüber, dass
durchaus keine anonyme Schriftsteller auftreten dürfen, und forscht, wenn
dergleichen Blätter dennoch zum Vorschein kommen, genau nach dem Urheber, um
denselben zu bestrafen. Doch ist ein Fall ausgenommen, wo der Name des
Schreibers nicht erfordert wird, nämlich, wenn jemand Fakta bekanntmacht, die
auf öffentlichen Dokumenten beruhen oder von deren Grund oder Ungrunde sich
jedermann durch den Augenschein oder bei der geringsten Erkundigung überzeugen
kann, zum Beispiel, wenn er den ungerechten Gang eines Prozesses öffentlich
rügte, da dann, wenn die Angabe falsch wäre, ein von den Richtern,
Schiedsrichtern und Zeugen unterschriebner Auszug aus den Akten das Publikum
sogleich von der wahren Lage der Sachen unterrichten könnte.
    Wirtshäuser, in welchen müssige Leute sich bloss zum Trinken versammeln,
werden bei uns gar nicht geduldet; den Gastwirten, die Fremde beherbergen, sind
genaue Taxen vorgeschrieben.
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
                             Kriegswesen. Handlung
Wir können nie in den Fall kommen, einen offensiven Krieg zu führen. Zufrieden
mit unserm Zustande, wenn Fleiss, Industrie, Einfalt der Sitten und Frieden bei
uns herrschen, bauen wir unsre Felder, verarbeiten unsre Produkte und begehren
nichts von dem, was fremde Völker besitzen. Unser Land ist gross genug, um
doppelt soviel arbeitsame Menschen zu ernähren, als jetzt darin leben; also
suchen wir auch unsre Grenzen nicht zu erweitern. Überdies halten wir es für
unnatürlich und den ersten Rechten der Menschheit zuwider, dass ein Staat sich
die Befugnis anmasse, durch Eroberung, Tausch oder Vertrag ein anders Land an
sich zu bringen, wenn er nicht weiss, ob die Einwohner desselben damit zufrieden
sind, dass sie nun von andern Menschen regiert werden sollen. Denn wenn nun auch
alte Usurpationen gegen die heiligen Menschenrechte ewig gültig bleiben und
Völker, die vor tausend Jahren ihren Nacken unter das Joch eines einzelnen
gekrümmt haben, immerfort auch noch den späten Nachkommen dieses einzelnen
sklavisch gehorchen sollen, so empört doch das alle gesunde Vernunft, dass diese
Herrschersfamilien das Recht haben sollen, sich einander Länder und Völker zu
schenken, zu verkaufen oder zu rauben, wie man Herden Vieh veräussert.
    Wir führen also keine offensive Kriege; allein wir müssen uns in einem
solchen Stande erhalten, dass wir, sobald ein unruhiger Nachbar uns angreift,
gerüstet seien, ihm mit einem starken und geübten Heere die Spitze zu bieten.
    Zu diesem Endzwecke bleibt jeder Bürger bis in sein sechzigstes Jahr Soldat
und muss in das Feld, sobald die Not es erfordert, ist in seinem
Provinzialregimente eingeschrieben, hat in seinem Hause eine vollständige
Kriegskleidung und Bewaffnung liegen und wohnt jährlich vierzehn Tage lang, wenn
die Waffenübungen vorgenommen werden, denselben bei. Die übrige Zeit kann er
ruhig zu Hause bleiben.
    Drei Jahre seines Lebens hindurch muss aber jeder Abyssinier, auch in
Friedenszeiten, fortgesetzt als Soldat dienen. Diese fangen mit seinem
zwanzigsten Jahre an, das heisst, bevor er sich häuslich niederlässt. Ihm wird
dann vom Staate eine vollständige Kleidung gegeben, die er aber hernach auf
seine Kosten unterhalten muss; er lernt den Dienst und muss alles tun, was einem
Soldaten obliegt; der Staat gibt ihm nur Brot; allein da er, wie man nachher
hören wird, in seiner Heimat bleibt und nebenher seinen Unterhalt erwerben kann,
man ihn auch für die öffentlichen Arbeiten, wozu das Heer gebraucht wird, zum
Beispiel Strassen, Dämme, Wasserleitungen, etc. anzulegen, besonders bezahlt, so
kann er keinen Mangel leiden. Dieser Dienst ist aber nicht schwer, und wird ein
Jüngling dadurch gewiss nicht in der Wissenschaft, der Kunst oder dem Handwerke,
das er gewählt hat, binnen diesen drei Jahren zurückkommen, indem ihm Zeit genug
übrigbleibt, sehr viel nebenher zu arbeiten. Nach Verlauf der drei Jahre geht er
nach Hause und ist, ausser den jährlichen vierzehn Tagen, wo die Waffenübungen
getrieben werden, und ausser dem Falle, wenn Krieg entsteht, völlig frei.
    Jede Provinz hält in Friedenszeiten nur ein Regiment, das aus zwölf
Kompanien, drei zu zweihundert und neun zu hundert Mann, besteht. In jedem der
drei grossen und neun kleinen Dörfer liegt eine dieser zwölf Kompanien, die aus
den Jünglingen desselben Dorfs zusammengesetzt ist, so dass also keiner durch
seinen Soldatendienst sich von seiner Heimat entfernt. Dies macht zuerst, in den
zwölf Provinzen, ein Kriegsheer von achtzehntausend Mann, das in Friedenszeiten
auf den Beinen und zur innern Sicherheit und den öffentlichen Arbeiten
hinlänglich ist. Sobald eine Armee zur Verteidigung des Reichs zusammentreten
und nun jeder Bürger unter sechzig Jahren die Waffen ergreifen muss, werden aus
jedem kleinen Regimente vier stärkere gemacht. Dann haben wir ein furchtbares
Heer, furchtbarer noch, weil es nicht aus Mietlingen und Fremden, sondern aus
freien Menschen besteht, die für ihr Eigentum und ihre Ruhe fechten.
    Die Städte liefern die Artilleristen, Ingenieurs, Pontoniers und Pioniers.
Jeder Stadteinwohner muss sich gleichfalls im zwanzigsten Jahre zu einem von
diesen Korps einschreiben lassen und bekömmt, während seiner drei Dienstjahre,
unentgeltlich Unterricht in den dazu erforderlichen Kenntnissen.
    Nur wenn Krieg entsteht, schafft der Staat Kamele und Elefanten an und
besetzt diese mit einem Korps von Freiwilligen, die bald eine Fertigkeit
erlangen, mit diesen Tieren gegen den Feind zu operieren, da überhaupt die
Abyssinier zu Leibesübungen sehr geschickt sind. Übrigens machen wir, weil wir
nur Verteidigungskriege führen, wenig Gebrauch von Reiterei.
    Das bleibende Heer der Jünglinge übt sich jahraus, jahrein täglich eine
Stunde in den Waffen. In einer Jahreszeit aber, wo der Landmann am wenigsten
Geschäfte hat, wird die vorhin erwähnte grössere Übung, vierzehn Tage hindurch,
von allen Mitbürgern unter sechzig Jahren vorgenommen. Alsdann zieht sich in dem
Mittelpunkte jeder Provinz das kleine Provinzialkorps, welches dann aus vier
Regimentern besteht, zusammen, zu welchem die Korps aus den vier Städten stossen
und mit jenen gemeinschaftlich allerlei Kriegsevolutionen machen.
    Wir halten es nicht für zweckmässig, in unsern eigentlichen Schulen den
Kindern Anweisung in körperlichen Übungen geben zu lassen. Bis zum funfzehnten
Jahre kann man die Stunden besser anwenden, und solange der Körper noch im
ersten Wachstume ist, können Anstrengungen von der Art gefährlich werden. In
jeder Stadt aber unterhält die Obrigkeit ein paar Männer, die in einem
öffentlichen Gebäude Unterricht im Ringen und besonders im Reiten und schnellen
Lenken der Kamele geben. Hier wird kein Schüler, der unter funfzehn Jahre alt
ist, angenommen. Wer Vermögen hat, muss dafür bezahlen, eine gewisse Anzahl
Ärmerer aber wird ein Jahr lang unentgeltlich unterrichtet. Auf diese Weise kann
doch nach und nach die sämtliche Jugend in den Städten sich in Leibesübungen
geschickt machen. Monatlich an einem gewissen Tage stehen die dazu bestimmten
Gebäude jedermann offen; dann können auch die, welche grade zu der Zeit keinen
Unterricht mehr geniessen, den Platz betreten und mit den Schülern wetteifern.
Für die Landleute halten wir eine solche Anstalt überflüssig. Die
Beschäftigungen, die bei dem Ackerbaue vorfallen, stärken den Körper
hinlänglich; doch ermuntert die Obrigkeit das junge Volk in den Dörfern, an den
beiden monatlichen Ruhetagen, die künftig, statt des ehemaligen wöchentlichen
Sonntags, in ganz Abyssinien einzuführen sind, sich mit allerlei körperlichen
Übungen, im Laufen, Springen, Ringen, Nach-dem-Ziele-Werfen und dergleichen, zu
belustigen, und teilt dann Preise an die Geschicktesten aus. Was aber jenen
monatlichen Tag in den Städten betrifft, so pflegen da viel Zuschauer
gegenwärtig zu sein, und reiche Mitbürger machen sich das Verdienst, kleine
Preise für diejenigen Jünglinge zusammenzulegen, die sich dabei vorzüglich
auszeichnen. - Das sind unsre Schauspiele! Jährlich aber ist in jeder Stadt ein
Festtag angesetzt, an welchem jene Gebäude von innen verziert und dann, bei dem
Klange musikalischer Instrumente, grosse Wettübungen vorgenommen werden. Hier
bezahlt jeder Zuschauer einen freiwilligen Beitrag, und von diesem Gelde werden
denen, die an dem Tage besondre Ehre einlegen, Geschenke gereicht. Auf solche
Weise erlangen wir, dass unsre Krieger keine unbehülfliche, bloss nach dem Stocke
abgerichtete Maschinen sind, sondern dass ihr Körper stark und biegsam wird.
    Ich muss nun sagen, auf welche Weise wir unsre Offiziersstellen besetzen. Da
die ältern Mitbürger, binnen den vierzehntägigen jährlichen Waffenübungen,
Gelegenheit haben, die Fähigkeiten der einzelnen jungen Leute kennenzulernen, so
beruft jede Ortsobrigkeit, an dem letzten dieser vierzehn Tage, die zwölf
Ältesten unter jenen Männern zusammen und lässt durch diese aus der Kompanie des
Orts vier Unteroffizier unter den Jünglingen für das folgende Jahr wählen. Es
muss aber ein solcher, der Unteroffizier werden soll, schon zwei seiner
Dienstjahre zurückgelegt haben. Die übrigen Unteroffizier, nämlich die, welche,
wenn die ganze Kompanie von alten und jungen Leuten beisammen ist, erforderlich
sind, werden gleichfalls auf diese Weise gewählt, bekleiden aber lebenslang ihre
Stellen und treten in Verrichtung, sobald sich die Kompanie zusammenzieht.
    Jede Kompanie des bleibenden Heers der Jünglinge hat einen Hauptmann, zwei
Lieutenante und einen Panierträger. Diese werden von der Ortsobrigkeit, mit
Zuziehung der zwölf Ältesten, ernannt und behalten ihre Stellung lebenslänglich;
denn auf ihre Erfahrung, Übung und Geschicklichkeit muss sich der Staat bei
Bildung der jungen Mannschaft verlassen. Sie werden besoldet und avancieren
unter sich bis zum Hauptmanne. Zu der grössern Armee werden gleichfalls die
Kompanieoffizier ernannt, die auch ihre Stellen lebenslang behalten, aber, da
sie nur in der Exerzierzeit und im Kriege in Funktion treten, nicht besoldet
werden.
    Die Stabsoffizier wählt das Provinzialkollegium aus den Hauptleuten der
Provinz. Sie bleiben immer in ihren Stellen, bekommen aber in Friedenszeiten
keinen Gehalt.
    Die Heerführer wählt die Nationalversammlung, sobald ein Krieg entsteht.
    Jeder Hauptmann erstattet Bericht von dem Zustande seiner Kompanie an die
Obrigkeit des Orts, die auch bei den Hauptwaffenübungen gegenwärtig ist. Da alle
Abyssinier geübte Soldaten sind, so ist nie zu befürchten, dass unsre
Magistratspersonen unwissend in diesem Fache sein sollten.
    Wenn Krieg entsteht, so müssen zwar alle Mitbürger sich fertig halten, die
Waffen zu führen; allein Städte und Dörfer dürfen deswegen nicht leerstehen, die
Felder nicht unbebauet bleiben, noch die Geschäfte der Handwerker und Künstler
ruhen. Die Obrigkeiten sorgen also dafür, dass, ausser den Fällen der äussersten
Not, niemand ins Feld rücke, der seinem Hauswesen unentbehrlich ist.
    Im Kriege werden alle Soldaten aus der Staatskasse besoldet, und wenn diese
den Aufwand nicht bestreiten kann, so werden sich's die Mitbürger gefallen
lassen, eine ausserordentliche Steuer zu bezahlen.
    Es ist vorhin von einer Kriegskleidung geredet worden. Man muss sich dabei
aber keine europäische bunte Soldatenröckchen denken, die dem Auge den
lächerlichen Kontrast zwischen Armseligkeit und Flitterglanz darstellen. Unsre
Soldaten sollen nicht glänzen; ihre Kleidung ist bequem, zweckmässig, dem Klima
angemessen, so wohlfeil als jede andre bürgerliche Kleidung und zeichnet sich
nur dadurch aus, dass sie gleichförmig ist, die Provinzen sich aber durch die
Farben unterscheiden. - Dies sei genug von unserm Kriegswesen; reden wir nun von
dem Handel!
    Wir kennen alle die schönen Floskeln, die sich über die Glückseligkeit, den
Reichtum und den Wohlstand eines Landes, das einen vorteilhaften grossen
auswärtigen Handel treibt, sagen lassen; allein da wir uns fest vorgenommen
haben, bei Einrichtung unsrer Staatsverfassung von Grundsätzen auszugehen, die
nur auf gesunder Vernunft beruhen und über alle konventionelle Ideen und
verjährte Vorurteile hinausgehen sollen, so gestehen wir, dass, wenn wir so
glücklich sind, Abyssinien zu dem innern Flor zu bringen, nach welchem wir
ringen, wir den Nationen, die durch auswärtigen Handel reich werden, ihre
Glückseligkeit nicht beneiden. Wenn alle unsre Felder bebauet und fruchtbar
sind, wenn wir dann Früchte genug ziehen, um, auch bei zunehmender Bevölkerung,
uns reichlich zu sättigen, wenn wir alle unsre rohen Produkte selbst bearbeiten,
alle unsre Bedürfnisse befriedigen können, kurz, wenn unser Land, wie es denn
wirklich dazu imstande ist, uns alles liefert, was zur Notdurft und
Annehmlichkeit des Lebens gehört, so begnügen wir uns gern mit diesem innern
wahrhaften Reichtume und wollen lieber die echte Arbeitsamkeit unsrer Mitbürger
als ihre Habsucht ermuntern. Wir möchten lieber auf die hochgepriesenen
Vorteile, die der Handel gewähren soll, auf die Vermehrung und Ausbreitung so
mancher nützlichen Kenntnisse, Vervollkommnung der Künste und dergleichen
Verzicht tun, um nicht zugleich ihr trauriges Gefolge, den übertriebnen Luxus,
die Entstehung so mancher unnützen Bedürfnisse, Unmässigkeit, Korruption der
Sitten, Verstimmung des Charakters, Verlust der Originalität, ausländische
Krankheiten und Torheiten, Wuchergeist, Untreue und unzählige andre Verderbnisse
mit aufnehmen zu müssen. Der Staat wird also nie den geringsten Schritt tun, um
den Handel der Privatleute in fremde Länder zu befördern, doch will er auch
nicht hindern, dass unsre Mitbürger ihre überflüssigen Produkte und diejenigen
Waren und Fabrikate, deren man im Laufe nicht bedarf, an fremde Nationen
verkaufen.
    Es steht also jedermann frei, einen uneingeschränkten Handel in und ausser
Lande zu treiben und jedes Landesprodukt aus dem abyssinischen Reiche
auszuführen.
    Von den ausgehenden Gütern wird nicht der geringste Zoll entrichtet.
Ausländische Waren hingegen dürfen der Regel nach durchaus nicht in das Land
eingeführt werden, bei Strafe der Konfiskation. Sollten vorerst, bis alle unsre
Fabriken in vollem Gange sind, einige Artikel davon ausgenommen werden müssen,
so wird von diesen der zehnte Teil des Werts als Zoll abgegeben.
    Der Staat selbst aber treibt in und ausser Lande einen Handel, der für das
Reich höchst vorteilhaft ist. Er lässt durch Agenten den Überfluss der in den
öffentlichen Fabriken und Manufakturen verfertigten Waren fremden Nationen für
bares Geld verkaufen. Er häuft in den Magazinen Früchte und Waren aller Art auf
und schlägt diese, sobald die Wucherer eine Teurung verursachen wollen, zu
billigen Preisen los, so dass alle Artikel der Notdurft und der Gemächlichkeit
stets in ganz Abyssinien in einem Mittelpreise bleiben. In diese Magazine kann
auch jeder seine guten Waren, statt sie mit Unkosten auf fremde Märkte zu
bringen, jedoch zu einem niedrigern Preise, abliefern und empfängt bares Geld
dafür.
    Die grössten und wichtigsten Magazine dieser Art haben wir an den vornehmsten
Grenzörtern angelegt. Dort werden auch zu gewissen Zeiten im Jahre grosse Märkte
gehalten, wodurch wir zu bewirken hoffen, dass die Fremden die Kaufmannsgüter,
deren sie bedürfen, dort abholen und dass nicht, unter dem Vorwande des Handels,
müssige Ausländer in dem Innern unsers Reichs herumschleichen.
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
                           Wissenschaften und Künste
Wieviel Wissenschaften und Künste zur moralischen Bildung einer Nation, zu
Beförderung wahrer menschlicher Geselligkeit, zu Erweckung wohlwollender
Gesinnungen und überhaupt zu Gründung der bürgerlichen Glückseligkeit beitragen,
davon liefert die Geschichte aller Zeitalter die Beweise; und es kann keinem
Zweifel unterworfen sein, ob es zu den Pflichten einer weisen und sorgsamen
Regierung gehöre, Wissenschaften und Künste zu befördern und wahre Gelehrte zu
unterstützen. Allein wir machen billigerweise, ohne einem einzigen Studium
seinen Wert benehmen zu wollen, einen Unterschied unter den verschiednen
gelehrten und andern Kenntnissen und Talenten. Wir halten diejenigen
hauptsächlich unsrer Aufmerksamkeit und Unterstützung würdig, die einen
unmittelbar vorteilhaften Einfluss auf das Wohl des Staats und überhaupt der
menschlichen Gesellschaft haben. An den Fortschritten der bloss spekulativen
Wissenschaften hingegen und solcher Künste, die nur zur angenehmen Unterhaltung
oder Beschäftigung der Phantasie dienen, nehmen wir weniger tätigen Anteil.
    Es ist vorhin gesagt worden, dass wir den Stand eines Gelehrten nicht
eigentlich für einen besondern Stand im Staate anerkennen, sondern dafür halten,
dass der, welcher sich den Wissenschaften widmet, schuldig sei und auch Musse
genug übrigbehalte, nebenbei seine Pflichten im geselligen und bürgerlichen
Leben zu erfüllen und irgendein Geschäft zu treiben, das ihn in die Reihe der
arbeitenden Mitbürger klassifiziert. Wenn indessen ein Mann von grossen Gaben,
Fähigkeiten und Kenntnissen, durch seine Schriften oder durch Unterricht der
Jugend, eine lange Reihe von Jahren hindurch vorteilhaft auf sein Zeitalter
gewirkt oder eine Wissenschaft mit neuen Entdeckungen bereichert, darneben aber
auch treulich seine Pflichten als Mitbürger erfüllt hat, so hält es die
Regierung für gerecht, einem solchen ein ruhiges Alter zuzubereiten. Zu diesem
Endzwecke sind in drei der grössten Städte des Reichs geräumige Häuser erbauet,
die teils auf Kosten des Staats, teils von den freiwilligen Beiträgen
unterhalten werden, welche man an dem jährlichen zur allgemeinen Gottesverehrung
bestimmten Tage unter allen Klassen des Volks einsammelt.
    In diese Gebäude werden zuerst überhaupt alle Greise, die durch Alter und
Schwachheit ausserstand gesetzt sind, ihr Gewerbe ferner zu treiben, nebst ihren
Weibern aufgenommen. Doch wird ein grosser Teil dieser Veteranen auch zu
Aufsehern in den öffentlichen Arbeitshäusern, Fabriken und Manufakturen
angestellt. Sodann nimmt man darin diejenigen auf, die im Kriege verstümmelt
worden. (Die wirklich Kranken finden in den Hospitälern ihre Verpflegung.)
Endlich werden jene Häuser, wie gesagt worden, von Gelehrten bewohnt, denen man
in ihrem Alter, zum Preise ihrer Verdienste um das Menschengeschlecht, eine
glückliche Musse verschaffen will. Sie werden an grossen Tafeln gespeiset, haben
in den angrenzenden Gärten Gelegenheit, frische Luft einzuatmen und sich eine
gelinde Bewegung zu machen, und werden überhaupt, bei einem kleinen Jahrgelde,
das sie erhalten, in Wohnung, Kleidung und allem, was zu einem von Sorgen
freien, angenehmen, doch philosophisch mässigen Leben gehört, so gepflegt, dass
sie Zufriedenheit und Ruhe geniessen können. Hat einer von ihnen bares Vermögen,
so muss er bei seinem Eintritte eine Summe, die sehr geringe angesetzt ist,
welche aber zu erhöhen seiner Grossmut überlassen bleibt, zu dem Fonds dieser
wohltätigen Anstalt zuschiessen.
    Ein Teil der Einkünfte dieser Häuser wird verwendet, Büchersammlungen,
Naturalienkabinette, Maschinen, Modelle und dergleichen anzuschaffen.
    Eine gewisse Anzahl junger Leute, die sich den Wissenschaften widmen, die
Biblioteken und den Umgang erfahrner Männer nützen wollen und denen es ein
Ernst ist, in ihrem Fache gross zu werden, erhalten die Erlaubnis, wenn sie
Zeugnisse ihres bisherigen Fleisses beibringen können, gegen Erlegung eines
gewissen Kostgeldes drei Jahre lang in diesen Häusern zu wohnen. Die Greise sind
nicht verbunden, ihnen Unterricht zu geben; es müssen aber die Jünglinge, durch
bescheidne Bitten und Fragen, durch Proben von Lehrbegierde und durch edle
Aufführung, zu erlangen suchen, dass ihnen die Wohltat eines guten Rats und einer
belehrenden Zurechtweisung nicht versagt werde.
    Es ist erwähnt worden, dass bei uns alle junge Leute bis in ihr funfzehntes
Jahr in den öffentlichen Schulen eine gleiche Art des Unterrichts geniessen,
folglich alle gleich vorbereitet sind, neben dem Gewerbe, dem sie sich alsdann
widmen, auch die gelehrte Laufbahn zu betreten. Zu Fortsetzung der Studien nun
für diejenigen, welche sich den Wissenschaften ergeben wollen, ist das
zweckmässigste Mittel, dass sie einen Gelehrten, zu dessen Kenntnissen, in dem
Fache, das sie gewählt, sie das grösste Zutrauen haben, bewegen, sie als Schüler
anzunehmen; denn wir haben keine Universitäten, und sowenig als wir
Handwerkszünfte haben, sowenig gibt es bei uns Gelehrtenzünfte oder Fakultäten.
    Die Ursache, weswegen wir keine Fakultäten haben können, ist sehr
begreiflich. Die Teologie ist in Abyssinien keine positive, autorisierte
Wissenschaft; die Rechtsgelehrsamkeit ist gleichfalls bei uns kein besondres
Studium, da jeder Mitbürger verbunden ist, sich mit den sehr einfachen
Landesgesetzen bekannt zu machen, wozu er schon in der Schule die erste
Anweisung erhält. Eine philosophische Fakultät oder Zunft ist vollends eine
Albernheit, da Philosophie auf freiem Nachdenken beruht und jeder verständige,
nachdenkende Mann sich sein eignes besondres philosophisches System, wie es für
seinen Kopf und sein Herz passt, bauen wird. Matematische, physikalische und
alle dahin einschlagende Wissenschaften werden täglich durch neue Entdeckungen
bereichert und werden am besten aus den ältern und neuern Schriften, verbunden
mit eignen Versuchen, erlernt. Es bliebe also noch die Arzeneikunst übrig, von
der nachher geredet werden soll.
    Was nun die Universitäten betrifft, so lehrt uns die Erfahrung, dass dort die
Jünglinge mit einer Menge unnützer Dinge geplagt werden, die sie nachher wieder
vergessen müssen; dass der dort herrschende Systemgeist, Schlendrian,
Autoritätszwang, Pedantismus und dergleichen manchen guten Kopf verschraubt und
vom Selbstdenken ableitet.
    Es fehlt aber darum dem jungen Gelehrten bei uns nicht an Gelegenheit, sich
in seinem Fache zu vervollkommnen. Männer, die in einer Wissenschaft gross sind,
pflegen Freude daran zu finden, von dem zu reden, womit sie sich immer und gern
beschäftigen, pflegen mit Vergnügen ihre Kenntnisse mitzuteilen. Ein junger
Mensch also, dem es ein Ernst ist, mehr zu lernen und dies gründlich zu lernen,
wird leicht einen Gelehrten bereit finden, ihn als Schüler, vielleicht auch als
Kostgänger, auf gewisse Jahre anzunehmen. Er wird dann gewiss von einem solchen
praktischen Gelehrten, mit geringerm Aufwande, in kürzerer Zeit weiter geführt
werden, als ihn auf einer Universität die Stubengelehrten mit ihren unnützen
Spitzfindigkeiten und ihrem kritisch-historischen Wortkrame leiten können. Jener
wird dies alles linker Hand liegenlassen und dem Schüler überlassen, einst, wenn
er erst in dem Wesentlichen seines Faches fest ist, durch Lektüre sich auch
damit bekannt zu machen und ihn indes immer auf die einfachen Grundsätze und das
Praktische der gewählten Wissenschaft lenken.
    Dies ist besonders von der Arzneikunst wahr, und ein geschickter Arzt und
Wundarzt, welcher seinen Zögling mit zu seinen Kranken führt und ihm dann, bei
den wirklichen Fällen, die Natur dieser und der damit verwandten Krankheiten und
die Wirkung der Arzneimittel erklärt, ihm auch darneben zu Hause einigen
teoretischen Unterricht gibt und ihm die besten Bücher empfiehlt, wird einen
geschicktern Mann aus ihm bilden als die Universität.
    Durch Schriftstellerei kann unendlich viel Gutes bewirkt werden; wir ehren
also diejenigen Männer unter uns, die durch ihre literarischen Produkte, welche
nützliche, der menschlichen und bürgerlichen Gesellschaft interessante
Gegenstände behandeln, auf ihre Zeitalter vorteilhaft gewirkt oder grosse, bis
jetzt versteckt oder verdunkelt gewesene Wahrheiten in Kurs gebracht und in ein
helleres Licht gesetzt haben. Wir ehren sie, aber wir verderben sie nicht durch
Schmeichelei, durch übertriebne Lobeserhebungen und setzen nicht den Mann,
welchen die Natur mit hinreissender Beredsamkeit, lebhafter Einbildungskraft und
einem hellen Blicke ausgerüstet hat, so dass er Sätze, die in manches Biedermanns
Kopfe und Herzen ruhen, klar, lichtvoll und rührend vorträgt, diesen setzen wir
nicht in unsrer Achtung weit über den hinaus, der ein langes Menschenleben
hindurch in der Stille und unbemerkt, ohne Bücher geschrieben zu haben, immer
gleich edel, verständig, konsequent und fest gehandelt und durch Rat, Tat und
Beispiel viel Gutes um sich her verbreitet hat. Endlich, da wir allen Prunk,
alle Spielerei hassen und uns der Gedanke empört, dass man wahre Tugend und
wahres Verdienst belohnen und krönen könne, so ist bei uns an keine Preise für
literarische Verdienste und an keine Bildsäulen und dergleichen Torheiten zu
denken. Unsre Jünglinge ermuntern wir durch Preise, sich in körperlichen Übungen
geschickt zu machen, aber Tugend und Weisheit lassen sich nicht taxieren noch
bezahlen. Das mittelmässige Genie wird dadurch nicht gross, und das erhabene
bedarf solcher Ermunterungen nicht, sondern arbeitet sich sogar durch
Schwierigkeiten und Hindernisse empor.
    Über die Grenzen der Pressfreiheit und Publizität ist im vorhergehenden schon
genug gesagt worden.
    Dem Buchhandel gestattet die Regierung alle mögliche Freiheit; allein aus
Ursachen, die hier zu weitläuftig zu entwickeln wären, kann sie den Nachdruck
nicht durch ein bestimmtes Gesetz verbieten. Sie hält ihn für eine moralische
Untat und alle Nachdrucker für Schelme; als bürgerliche Verbrecher aber kann sie
diese Schleichhändler nicht betrachten.
    Eine vernünftige Kritik stiftet gewiss für die Gelehrsamkeit grossen Nutzen
und eine unvernünftige richtet gar keinen Schaden an. Da nun überhaupt jedermann
freisteht, über alles seine Meinung zu sagen, so muss es auch jedem erlaubt sein,
fremde, öffentlich gedruckte Geistesprodukte öffentlich zu beurteilen. Freilich
wäre zu wünschen, dass dies immer in einem bescheidnen, höflichen Tone geschähe;
allein auch das lässt sich nicht von Obrigkeits wegen befehlen. Dafür aber sorgt
die Polizei, dass erstlich keine Kritik oder Rezension erscheinen dürfe, ohne dass
der Beurteiler seinen Namen nenne, und zweitens, dass in diese Kritiken auf keine
Weise der geringste Angriff auf den persönlichen Charakter eines Schriftstellers
mit eingemischt werde. Beides wird, wenn es auskömmt, strenge bestraft.
    Wir wünschten, dass die Herren Gelehrten das Publikum mit ihren oft in
Grobheit ausartenden, für den dritten Mann sehr uninteressanten Streitigkeiten
verschonen möchten. Jedoch lässt sich auch das durch kein Gesetz bewirken; die
Regierung wird aber bei Unterstützung und Versorgung der Gelehrten vorzüglich
auf diejenigen Rücksicht nehmen, die sich zugleich als bescheidene, sanftmütige
und weltkluge Männer bekannt gemacht haben.
    Die schönen Künste verfeinern den Geschmack, mildern die Sitten, rühren das
Herz, machen es zum Wohlwollen geneigt und stimmen es zu allerlei sanften und
edeln Empfindungen; allein die Freuden, welche sie gewähren, müssen keusch und
vorsichtig genossen werden. Ihr Missbrauch macht weich, weibisch, wollüstig,
erhitzt die Phantasie, bringt die Sinnlichkeit in Aufruhr und lenkt von
ernstafter Anstrengung ab. Deswegen nun machen wir es nicht eben zu einer
Staatsangelegenheit, den Flor der schönen Künste tätig zu befördern, sondern
überlassen dies der Zeit und der zunehmenden Kultur. Dafür aber sucht doch die
Regierung zu sorgen, dass ein edler, einfacher Geschmack herrschend werde und
weder das Kleinliche, Spielende, Witzelnde, noch das Wilde, Unregelmässige,
Ungestüme, noch das Luxuriose, die gröbere Sinnlichkeit Reizende die Oberhand
gewinne. Was für Anstalten in Ansehung der Baukunst getroffen sind, das ist
vorhin erwähnt worden. Für Musik und Poesie ist insofern gesorgt, dass man die
Verfertigung der Hymnen, welche an grossen feierlichen Tagen abgesungen werden,
solchen Dichtern und Tonkünstlern aufträgt, von deren reinem Geschmacke man
überzeugt ist; sie werden für ihre Bemühung belohnt; in den Schulen werden, wie
schon ist gesagt worden, die jungen Leute auch in der Tonkunst unterrichtet; und
auch auf diesen Unterricht hat die Regierung ein wachsames Auge. Über die
Meisterstücke unsrer besten Dichter werden gleichfalls in den Schulen
Vorlesungen gehalten, um den Geschmack der Jugend zu bilden. Endlich werden auch
die besten Werke von der Art auf Kosten des Staats gedruckt und eine grosse
Anzahl Exemplare in allen Gegenden des Reichs unter den Mitbürgern ausgeteilt.
    Schauspiele werden bei uns nicht geduldet. Wir können uns von ihrem
überwiegenden Nutzen nicht überzeugen, sind aber sehr gewiss von dem nachteiligen
Einflusse, den ein mittelmässiges Schauspiel und ein solches, dessen Inhalt nicht
mit soviel Strenge gesäubert ist, als es fast nicht möglich scheint, ohne ihm
das Interesse zu benehmen, wir sind gewiss von dem nachteiligen Einflusse, den
ein solches Schauspiel auf die Jugend haben kann. Was die grossen
Nationalschauspiele betrifft, zu deren Verteidigung man uns soviel von den
Wirkungen der alten griechischen Schauspiele erzählt, so verlangen wir gar
nicht, so gar gewaltsame Eindrücke auf die Herzen und die Phantasie unsrer
Mitbürger zu machen. Sie sollen zu keinen Handlungen angefeuert werden, die eine
Art von Berauschung erfordern, sondern wir wünschen alle, immer recht nüchtern,
in der ruhigsten Gemütsstimmung und nach Vernunft handeln zu können, und unser
Entusiasmus soll nie von kochendem Blute und erhitzter Phantasie, sondern von
unwiderstehlicher Bewunderung und fester Überzeugung von der Schönheit der
Tugend und Weisheit herrühren.
    Dies, meine lieben Mitbürger, wäre dann die Skizze meines Plans zu einer
neuen Verfassung von Abyssinien. Wie manches kleine Detail ich übergangen bin,
wie oft meine Einrichtungen sich in unbedeutenden Nebenstücken zu durchkreuzen,
zu widersprechen scheinen, wie manches wohl vorerst noch ganz unausführbar ist,
das wird euch freilich leicht in die Augen fallen. Allein lasset euch dadurch
nicht abschrecken, den Hauptinhalt meiner Vorschläge zu prüfen! Verwerfet,
verbessert, sichtet; aber wenn ihr denn doch gestehen müsst, dass die Hauptsätze
meines Systems aus der graden, natürlichen, gesunden Vernunft entlehnt sind, so
lasset euch nicht durch Vorurteile und Schwierigkeiten davon abhalten, das Übel
bei der Wurzel anzugreifen und auszurotten! Jetzt ist der Zeitpunkt da - so
vorteilhaft kömmt er gewiss nie wieder; begnügt ihr euch aber jetzt mit halben
Verbesserungen, so habt ihr ewiges Flickwerk.
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
                    Des Verfassers Gespräch mit dem Prinzen
Bevor der edle Prinz diesen Entwurf den versammelten vierundzwanzig Deputierten
der Nation vorlegte, war er so gütig, ihn meinem Herrn Vetter und mir zum
Durchlesen zu geben. Ich war so entzückt über den Inhalt - er war so ganz aus
meiner Seele hingeschrieben -, dass ich mich in dem Drange meiner Empfindungen
dem Prinzen zu Füssen warf und ausrief: »Erhabenster Monarch! Wie ist es möglich,
dass ein Fürstensohn so den heiligen Naturgesetzen und Menschenrechten das Wort
reden kann? Du allein bist würdig, als König und Kaiser über Abyssinien, ja,
über die ganze Welt zu herrschen. Oh! erlaube mir, dass ich diesen Entwurf in
Deutschland drucken lasse, damit meine Landsleute gewahr werden, dass noch ein
Platz auf dem Erdboden ist, wo die gesunde Vernunft nicht ganz durch die
konventionellen, erkünstelten Begriffe ist verdrängt worden! Erlaube, grosser
Monarch, dass ich zugleich die Geschichte dieses Reichs und die Erzählung dessen,
was ich selbst nebst meinen deutschen Gefährten hier erlebt habe, der Welt
mitteile! Erlaube endlich, dass ich mein Buch unter deinem Schutze, mit deinem
Privilegio versehen, herausgebe! Vielleicht respektieren die räuberischen
Nachdrucker mehr diesen abyssinischen Schutzbrief als die Privilegien, welche
unsre Fürsten erteilen, gegen die sie sowenig Achtung bezeugen. Ich will dies
Werk in einem Lande herausgeben, das von einem edeldenkenden, grossen Könige
regiert wird, der Menschenwürde ehrt, in dessen Staaten die Rechte des Eigentums
heiliggehalten werden, wo persönliche Sicherheit unangetastet bleibt, wo auch
der geringste Untertan, geschützt vor jeder Gewalttätigkeit, selbst gegen die
Landesregierung frei seine Rechte verfechten darf, wo Gesetze, nicht Willkür,
das Schicksal der Untertanen bestimmen, wo man der Wahrheit, die mit
Bescheidenheit vorgetragen wird, kein Stillschweigen auflegt - dort will ich
mein Werk drucken lassen, und es wird gewiss Beifall finden.«
    PRINZ: Stehe auf, Noldmann! Ich sehe wohl, dass du den Europäer nicht ganz
vergessen kannst, soviel Sinn du auch für Wahrheit und Freiheit zu haben
scheinst. Du glaubst mich zu ehren, indem du mich zum Monarchen von Abyssinien
erheben willst, und überlegst nicht, dass mir dein Lob tausendmal willkommner
sein würde, wenn du mir sagtest, dass du mich würdig hieltest, ein Privatmann in
einem freien Staate zu sein. Du glaubst mit der Bekanntmachung meines Entwurfs
in Deutschland grosse Ehre einzulegen und bedenkst in dem Augenblicke nicht, dass
eure schiefköpfigen Rechtsgelehrten ihn um so alberner und phantastischer finden
werden, je mehr gesunde Vernunft darin herrscht. - Doch führe immerhin deinen
Plan aus; aber lass uns jetzt von deiner und deiner Landesleute künftigen
Bestimmung reden! Ihr könnt nicht in Abyssinien bleiben; ich sehe voraus, dass
von allen meinen Vorschlägen der, keine Ausländer unter uns zu dulden, den
allgemeinsten Beifall finden wird. Und wollten wir auch zu eurem Vorteile eine
Ausnahme machen, so weiss ich doch gewiss, dass ihr bald anfangen würdet, euch
unbehaglich zu fühlen. Reiset also, begleitet von meinen besten Wünschen, in
euer Vaterland zurück! Noch habe ich, aber, wie ich hoffe, nicht lange mehr,
unumschränkte Gewalt in diesem Reiche; ich glaube es verantworten zu können, dass
ich euch nicht mit leerer Hand von hier ziehen lasse. Ich will euch soviel Gold
und Edelgesteine mitgeben, dass ihr den Rest eures Lebens bequem und ruhig in
Deutschland sollt hinbringen können. Rüstet euch also zur Reise! Für eure
Sicherheit und Bequemlichkeit bis an den Hafen von Kairo in Ägypten soll gesorgt
werden; dort werdet ihr leicht ein europäisches Schiff finden, das euch
aufnehmen kann. Es tut mir leid, mich von euch trennen zu müssen, aber unser
Verhängnis will es so; ihr könnt vielleicht eurem Vaterlande noch sehr nützlich
werden; es scheint, als wenn bald Zeiten kommen würden, wo man auch dort des
Rats und der Hülfe verständiger, vorurteilsfreier und vorsichtiger Männer
bedürfen wird. Dann habt ihr einen grossen und würdigen Gesichtskreis vor euch.
Lebet also wohl! - Doch wir sprechen uns noch vor eurer Abreise.
    Mit diesen Worten verliess uns der gute Prinz, ohne unsre Antwort zu
erwarten.
 
                      Sechsundzwanzigstes, letztes Kapitel
                 Abreise der Europäer aus Abyssinien. Seesturm.
               Nur der Verfasser und sein Herr Vetter retten ihr
                  Leben und lassen sich in Deutschland nieder.
                                     Schluss
Ich gestehe, dass es meinem Herrn Vetter und mir ein bisschen wehe tat, ein Reich
verlassen zu müssen, in welchem, nachdem wir so manche unangenehme und unruhige
Szenen darin erlebt hatten, wir nun erst recht glückliche und heitre Tage zu
sehen hofften; doch erwachte auch in unsern Herzen die Vaterlandsliebe, und das
grossmütige Versprechen des Prinzen, uns reichlich zu beschenken, eröffnete uns
die frohe Aussicht, in Deutschland ohne Nahrungssorgen das Alter herbeikommen zu
sehen. Dies Versprechen blieb nicht lange unerfüllt; wir bekamen, Herr Wurmbrand
und ich, jeder an Golde und Diamanten für mehr als dreissigtausend Taler
zugeteilt, welches uns in der Tat, nebst dem, was wir nun erspart hatten, zu
reichen Leuten machte. Nach Verhältnis wurden auch unsre übrigen Landsleute sehr
grossmütig ausgestattet. Die Pädagogen hatten noch ausserdem Gelegenheit gefunden,
sich hübsche Kapitälchen zu sammeln, die Philosophen und Künstler hingegen waren
hie und da, besonders in den Wirtshäusern, schuldig; der Prinz bezahlte aber
auch diese Rückstände; der Tag unsrer Abreise wurde angesetzt und kam endlich
herbei.
    Mit Tränen in den Augen nahmen wir von unserm edeln Fürstensohne und seinem
vortrefflichen Mentor Abschied und wünschten ihnen tausendfachen Segen zu ihrem
grossen Vorhaben; dann machten wir uns auf die Reise. Unsre Karawane war gross und
ansehnlich; wir zogen längs dem Ufer des Nils fort. Für unsre Sicherheit und
Gemächlichkeit war so sehr gesorgt, dass wir keine Art von Unbequemlichkeit
fühlten und nichts entbehrten, was dazu dienen konnte, uns die kleinen
unvermeidlichen Beschwerden eines so weiten Weges in diesen zum Teil unbewohnten
Gegenden vergessen zu lassen. Übrigens hatten wir alles, was das Reisen angenehm
machen kann, Gesundheit, einen bespickten Beutel und gute Gesellschaft. Unsre
Unterhaltung war mannigfaltig; bald spielten uns ein Paar Tonkünstler auf ihren
Instrumenten ein schönes Duetto und beseelten von ihren Kamelen herunter das
stille Tal durch ihre Harmonien, bald verkürzten uns unsre gelehrten Gefährten
die Zeit durch sokratische Gespräche, indes wir, um auszuruhen, unter Zelten
gelagert die vollen Becher aus Hand in Hand ringsumher gehen liessen. Und wenn
einmal eine kurze Frist hindurch alles schwieg, dann beschäftigten jeden für
sich angenehme Plane für die Zukunft.
    Auf diese Weise kamen wir glücklich in Kairo an und schickten unser Gefolge
mit schriftlichen Zeugnissen unsrer wärmsten Dankbarkeit nach Gondar zurück.
    Wir brauchten hier nicht lange auf Gelegenheit zu harren, nach Europa zu
kommen. Ein genuesischer Schiffer, der ausser dem fast ganz leer hätte
zurücksegeln müssen, nahm uns sämtlich mit unsern sehr geringen Päckereien (denn
das mehrste davon bestand in Gold und Juwelen) an Bord.
    Unsre Fahrt war anfangs sehr glücklich; wir hatten das schönste Wetter, bis
wir schon von fern die reizenden italienischen Küsten erblicken konnten. Da aber
erhob sich ein fürchterlicher Sturm, der mit jeder Viertelstunde zunahm. Die
Leser erinnern sich vermutlich aus Reisebeschreibungen mancher Schilderung eines
Seesturms; ich will sie also mit Ausmalung des unsrigen verschonen. Lange hatten
wir in der schrecklichsten Gefahr geschwebt und alle unsre Kräfte erschöpft;
zwei Masten waren gekappt; die wenigen Kanonen, und was noch etwa von schweren
Gütern auf dem Schiffe gewesen, war über Bord geworfen worden, um die Last zu
erleichtern und zu Verstopfung eines grossen Lecks Anstalt machen zu können, den
das Schiff, durch einen heftigen Stoss an einem Felsen, bekommen hatte - als auf
einmal ein klägliches Geschrei, es sei Feuer im Raume, unser Elend aufs höchste
trieb und einen grossen Teil der Equipage zur Verzweiflung brachte. Nun rief
jedermann, man solle die Schaluppe aussetzen, und so gefährlich dies Unternehmen
war, so wurde es doch mit Gewalt ins Werk gesetzt. Kaum aber war dies geschehen,
so drängte sich alles hinzu, um in dies kleine Fahrzeug zu springen und sein
Leben zu retten. Wir sahen, mein Herr Vetter und ich, voraus, welchen kläglichen
Ausgang dies nehmen würde, beschlossen daher, das Schiff nicht zu verlassen, und
suchten auch unsre Gefährten von ihrem tollen Vorhaben abzuhalten, allein
vergebens. Niemand verlor früher die Gegenwart des Geistes als unsre beiden
Philosophen, und ihrem Beispiele folgten bald alle übrigen Deutschen; jeder
ergriff sein Bündel und eilte hinunter in die Schaluppe. Allein die stürmische
Bewegung des Meers legte diesem Vorhaben gewaltige Schwierigkeiten in den Weg.
Verschiedne von denen, die diesen Sprung wagten, erreichten das Boot nicht,
sondern wurden von den Wellen verschlungen, und die übrigen beschwerten das
kleine Fahrzeug so, dass es vor unsern Augen untersank. - Und so waren denn von
allen nach Abyssinien gereisten Deutschen nur wir beide noch übrig, und auch uns
umschwebte fast unvermeidliche Todesgefahr.
    Alles kam jetzt auf Gegenwart des Geistes an, und diese fehlte dem grössten
Teile des Schiffsvolks, das noch obendrein betrunken war, indem es sich, in der
Verzweiflung und allgemeinen Verwirrung, der Branntweinsfässer bemächtigt und
diese fast ganz ausgeleert hatte. Selbst das Feuer war auf diese Weise
entstanden, indem ein Matrose einem noch angefüllten Fasse mit dem Lichte zu
nahe gekommen war und den Branntwein angesteckt hatte. Unser Schiffskapitän, ein
entschlossner Mann, traf die besten Anstalten zum Löschen und war so glücklich,
in kurzer Zeit seinen Zweck zu erreichen. Indes strengten auch wir unsre letzten
Kräfte an und versammelten bald einige Matrosen um uns (denn nun hatte die
dringende Not alle wieder nüchtern gemacht), mit denen wir ohne Unterlass
pumpten, bis es endlich auch dem Schiffszimmermann gelang, den Leck zu finden
und notdürftig zu verstopfen.
    Um die Hoffnung zu unsrer Rettung zu erhöhen, fing auch der Sturm an, sich
allmählich zu legen; und bald sahen wir über uns den heitersten Himmel und um
uns her die ruhige Spiegelfläche des besänftigten Meers - ja, wir hatten die
Freude, durch unsre Gläser von fern die genuesische Küste zu erblicken. Diese
glücklichen Umstände belebten eines jeden Mut wieder. Man flickte noch einen
kleinen Mast zusammen, brachte das Segelwerk ein wenig in Ordnung, und so
erreichten wir bald den Hafen. Wir dankten, gewiss sehr inbrünstig, Gott für
unsre Rettung, widmeten unsern verlornen Gefährten eine Träne und eilten, unsre
Reise zu Lande fortzusetzen, nachdem wir zuvor europäische Kleidung angelegt
hatten.
    Unser Plan war, durch den obern Teil von Italien über die Alpen, durch
Österreich, Bayern, Schwaben, Franken und Sachsen zu gehen; mein Herr Vetter
machte mir einige Hoffnung, an meiner Seite den Rest seines Lebens in meiner
lieben Vaterstadt Goslar hinzubringen; und so begaben wir uns dann getrost auf
den Weg. Was für Empfindungen aber unsre Seelen durchströmten, als wir zuerst
den Fuss auf deutschen Boden setzten - oh! wer könnte es unternehmen wollen, das
zu beschreiben?
    Wir waren, ohne alle Unfälle, bis Bopfingen gekommen, als meinen armen
Vetter eine Krankheit befiel, die ihn nötigte, vier Wochen lang das Bette zu
hüten. Gefährlich war diese Krankheit nicht, aber beschwerlich und schmerzhaft,
denn sie bestand in gichtischen Zufällen. Ich wich selten von seinem Bette, und
wir verkürzten uns mehrenteils die Zeit durch Rückerinnerungen an die erlebten
ausserordentlichen Vorfälle, durch Gespräche über Abyssinien, und waren oft so
stolz, uns zu schmeicheln, wir hätten doch auch, durch Beförderung der
Aufklärung, unser Scherflein zu der erwünschten Revolution beigetragen, die
jetzt diesem Reiche bevorstünde.
    Wir hatten uns in Bopfingen in einem Gastofe niedergelassen, in welchem die
Wirtin die Witwe eines Notarius und noch in ihren besten Jahren war. Die gute
Frau bezeugte meinem Herrn Vetter in seiner Krankheit ungewöhnlich viel
zärtliche Sorgfalt und Aufmerksamkeit, und dies stimmte, wie ich bald merkte,
sein Herz zum Vorteile der artigen Witwe. Eines Morgens nun, als ich zu ihm in
das Zimmer trat, begann folgendes Gespräch unter uns:
    WURMBRAND: Sagt mir doch, mein lieber Vetter, habt Ihr nie Lust gehabt zu
heiraten?
    ICH: Ei nun, mein lieber Vetter! Jeder hat seine schwachen Augenblicke, und
wenn dann eine gute Mahlzeit und ein Glas voll alten Weins -
    WURMBRAND: Ihr versteht mich unrecht; ich meine, ob Ihr nie daran gedacht
habt, zur Pflege in Eurem Alter und überhaupt zur Annehmlichkeit des Lebens,
Euch eine Gefährtin zuzugesellen.
    ICH: Damit ich nachher doppelte Lasten zu tragen hätte? Nein! dazu habe ich
nie Lust gehabt, tadle aber niemand, der diesen Schritt tut, und auch Euch
nicht, mein Bester, der Ihr, wie ich merke, im Begriff seid, so ein Stückchen zu
wagen. Ich will Euch die Mühe ersparen, mir Eure Absichten mit allen den
Bewegungsgründen vorzutragen. Mir gefällt die Frau; auch hat sie Vermögen; Ihr
fügt das Eurige hinzu; die Gastwirtschaft wird aufgegeben und Ihr lebt hier als
Privatmann von Euren schönen Renten. - Das alles finde ich recht gut und wohl
ausgedacht.
    WURMBRAND (mich umarmend): Nun! so hebt Ihr mir doch einen schweren Stein
vom Herzen; ich dachte schon, Ihr würdet die Sache nicht billigen. Aber nun
tritt noch ein gar kurioser Umstand ein; die gute Frau will nämlich durchaus,
weil ihr erster Mann Notarius gewesen, auch jetzt niemand heiraten als einen
solchen, der diesen Titel führt. Nun wäre der freilich leicht zu erhalten; aber
wenn man denn wieder bedenkt: in Gondar erster Minister und hier Notarius. -
Doch was ist am Ende aller eitler Glanz, alle Titelsucht?
    ICH: So gefallt Ihr mir, Herr Vetter! Die Hand her! Ihr werdet Notarius und
ich, der ehemalige Baalomaal, ziehe wieder nach Goslar, lebe dort als Advokat
und führe nur für Arme und Unterdrückte Prozesse.
    WURMBRAND: Nein! Ihr müsst bei mir bleiben; ich kann den Gedanken nicht
ertragen, mich wieder von Euch trennen zu sollen.
    ICH: Das kann nicht geschehen, dass ich bei Euch bleibe. Meine liebe
Vaterstadt muss ich wiedersehen; ich will da begraben werden, wo meine Augen zum
erstenmal das Licht des Tages erblickt haben; aber was hindert uns, uns von Zeit
zu Zeit zu besuchen und Monate miteinander hinzubringen?
    Mein Herr Vetter fuhr fort, mich zu bitten; allein ich weigerte mich
standhaft. Am folgenden Tage gingen wir zusammen (denn er war nun so weit wieder
hergestellt, dass er ausgehen durfte) zu meinem Comes Palatinus, woselbst er
sich, gegen die Gebühr, zum Notarius umschaffen liess und, zum Andenken an seine
vorigen Begebenheiten, in sein Notariatssiegel einen Afrikaner in abyssinischer
Kleidung stechen liess, mit der Unterschrift: Olim meminisse juvabit. Hierauf
blieb ich noch vierzehn Tage lang bei ihm, binnen welcher Zeit seine Hochzeit
ohne grossen Aufwand vollzogen wurde. Gleich hernach trennte ich mich von ihm.
Seit dieser Zeit sind nun andertalb Jahre verflossen. Wir stehen im
fortgesetzten Briefwechsel miteinander; seine Frau hat ihn mit einem jungen
Sohne beschenkt, und ich denke ihn im nächsten Frühjahre zu besuchen.
    Im Junius 1789 kam ich hierher nach Goslar; mein Herz pochte vor Freude, als
ich die alten Türme zuerst wieder erblickte. Meine Mitbürger, und selbst der
hochweise Magistrat, nahmen mich sehr liebreich auf, besonders als sie hörten,
dass ich ein hübsches Vermögen mitgebracht hätte. Ich wurde in der ersten Zeit
täglich in irgendein Haus zu Gaste geladen und musste dann gewaltig viel von
Afrika erzählen. Die gar zu lästigen Frager verwies ich auf dieses mein Werk, an
welchem ich damals schon anfing zu arbeiten.
    In der Herbstmesse des vorigen Jahrs reisete ich nach Leipzig und verkaufte
dort ziemlich teuer meine Diamanten an polnische Juden. Den grössten Teil meines
Vermögens habe ich zu Ankauf meines kleinen Guts, eine Meile von hier entlegen,
verwendet. Dort bringe ich die angenehmsten Monate des Jahrs hin. Im Winter
ziehe ich nach Goslar, wo ich ein Haus gekauft habe. Ich advoziere nicht für
Geld; wendet sich aber ein armer Mann an mich, so diene ich ihm, wie es
Christenpflicht ist.
    Dies Büchelchen wird nun in der Ostermesse erscheinen, und ich kann wohl
sagen, ich freue mich darauf, denn ich habe noch nie etwas drucken lassen, und
ich meine, es stünde doch manches darin, was man nicht alle Tage zu hören
bekömmt. Übrigens empfehle ich mich dem geneigten Leser ergebenst.
                     Geschrieben in Goslar im Dezember 1790
 
                                    Fussnoten
1 Man sehe Bruces »Reisen« nach.
2 Alle diese Strafen sind noch jetzt in Abyssinien üblich, wie uns Bruce
erzählt.
3 Siehe Bruces »Reisen«.
4 Siehe Bruce.
5 Vermutlich hat Herr Noldmann dies vor dem Jahre 1787 geschrieben.
 
    