
        
                          Friedrich Maximilian Klinger
                      Fausts Leben, Taten und Höllenfahrt
 Der Verfasser dieses Buchs hat von allem, was bisher über Fausten gedichtet und
geschrieben worden, nichts genutzt, noch nutzen wollen. Dieses hier ist sein
eignes Werk, es sei wie es wolle. Davon wenigstens wird sich jeder Leser leicht
aus der Darstellungsart, der Charakteristik und dem Zweck überzeugen.
                                                                            1791
 
                                  Erstes Buch
                                       1.
Lange hatte sich Faust mit den Seifenblasen der Metaphysik, den Irrwischen der
Moral und den Schatten der Teologie herumgeschlagen, ohne eine feste, haltbare
Gestalt für seinen Sinn herauszukämpfen. Ergrimmt warf er sich in die dunklen
Gefilde der Magie und hoffte nun der Natur gewaltsam abzuzwingen, was sie uns so
eigensinnig verbirgt. Sein erster Gewinn war die merkwürdige Erfindung der
Buchdruckerei,1 der zweite war schaudervoller. Er entdeckte durch Forschen und
Zufall die furchtbare Formel, den Teufel aus der Hölle zu rufen und ihn dem
Willen des Menschen untertänig zu machen. Bis jetzt konnte er sich noch nicht,
aus Vorliebe zu seiner unsterblichen Seele, für die jeder Christ wacht, ohne sie
weiter zu kennen, zu diesem gefährlichen Schritt entschliessen. In diesem
Augenblick war er ein Mann in seiner vollen Blüte. Die Natur hatte ihn wie einen
ihrer Günstlinge behandelt, ihm einen schönen, festen Körper und eine
bedeutende, edle Gesichtsbildung verliehen. Genug, um Glück in der Welt zu
machen; aber da sie die gefährlichen Gaben strebende, stolze Kraft des Geistes,
hohes, feuriges Gefühl des Herzens und eine glühende Einbildungskraft
hinzufügte, die das Gegenwärtige nie befriedigte, die das Leere, Unzulängliche
des Erhaschten in dem Augenblick des Genusses aufspürte und alle seine übrigen
Fähigkeiten beherrschte, so verlor er bald den Pfad des Glücks, auf den nur
Beschränkteit den Sterblichen zu führen scheint und auf welchem ihn nur
Bescheidenheit erhält. Früh fand er die Grenzen der Menschheit zu enge und stiess
mit wilder Kraft dagegen an, um sie über die Würklichkeit hinüberzurücken. Durch
das, was er in frühern Jahren begriffen und gefühlt zu haben glaubte, fasste er
eine hohe Meinung von den Fähigkeiten, dem moralischen Wert des Menschen, und in
der Vergleichung mit andern legte er natürlich seinem eignen Selbst (welches der
grösste Geist mit dem flachsten Schafskopf gemein hat) den grössten Teil der
Hauptsumme bei. Zunder genug zu Grösse und Ruhm; da aber wahre Grösse und wahrer
Ruhm gleich dem Glücke den am meisten zu fliehen scheinen, der sie dann schon
erhaschen will, bevor er ihre feinen, reinen Gestalten von dem Dunst und Nebel
absondert, den der Wahn um sie gezogen, so umarmte er nur zu oft eine Wolke für
die Gemahlin des Donnerers. In seiner Lage schien ihm der kürzeste und bequemste
Weg zum Glück und Ruhm die Wissenschaften zu sein; doch kaum hatte er ihren
Zauber gekostet, als der heftigste Durst nach Wahrheit in seiner Seele
entbrannte. Jeder, der diese Sirenen kennt und ihnen ihren betrügrischen Gesang
abgelernt hat, fühlt (wenn er die Wissenschaften nicht als Handwerk treibt) ohne
mein Erinnern, dass ihm sein Zweck, diesen brennenden Durst zu stillen,
entwischen musste. Nachdem er lange in diesem Labyrint herumgetaumelt hatte,
waren seine Ernte Zweifel, Unwille über die Kurzsichtigkeit des Menschen, Missmut
und Murren gegen den, der ihn geschaffen, das Licht zu ahnden, ohne die dicke
Finsternis durchbrechen zu können. Noch wäre er glücklich gewesen, hätte er mit
diesen Empfindungen allein zu kämpfen gehabt; da aber das Lesen der Weisen und
Dichter tausend neue Bedürfnisse in seiner Seele erweckten und seine nun
beflügelte und zugekünstelte Einbildungskraft die reizenden Gegenstände des
Genusses, die Ansehen und Gold allein verschaffen können, unablässig vor seine
Augen zauberte, so rann sein Blut wie Feuer in seinen Adern, und seine übrigen
Fähigkeiten wurden bald von diesem Gefühl allein verschlungen. Durch die
merkwürdige Erfindung der Buchdruckerei glaubte er sich endlich die Tore zum
Reichtum, Ruhm und Genuss aufgesprengt zu haben. Er hatte sein ganzes Vermögen
darauf gewandt, sie zur Vollkommenheit zu bringen, und trat nun vor die Menschen
mit seiner Entdeckung; aber ihre Laulichkeit und Kälte überzeugten ihn bald, dass
er, der grösste Erfinder seines Jahrhunderts, mit seinem jungen Weibe und seinen
Kindern Hungers sterben könnte, wenn er nichts anders zu treiben wüsste. Von
dieser stolzen Hoffnung so tief herabgesunken, gedrückt von einer schweren
Schuldenlast, die er sich durch leichtsinnige Lebensart, übertriebene
Freigebigkeit, unvorsichtige Bürgschaften und Unterstützung falscher Freunde auf
den Hals gezogen, warf er einen Blick auf die Menschen, sein Groll färbte ihn
schwarz, sein häusliches Band, da er seine Familie nicht mehr zu erhalten wusste,
ward ihm zur Last, und er fing für immer an zu glauben, dass die Gerechtigkeit
nicht den Vorsitz bei der Austeilung des Glücks der Menschen habe. Er nagte an
dem Gedanken, wie und woher es käme, dass der fähige Kopf und der edle Mann
überall unterdrückt, vernachlässigt sei, im Elende schmachte, während der Schelm
und der Dummkopf reich, glücklich und angesehen wären. So leicht nun Weisen und
Prediger diesen Zweifel zu heben wissen, so erbittert er gleichwohl, da sie nur
zu dem Verstande reden und das Gefühl durch die tägliche Erfahrung verwundet
wird, das Herz des Stolzen und schlägt den Sanftern nieder. Zu den erstern
gehörte Faust. Von diesem Augenblick strebte sein gekränkter Geist den
verschlungenen Knäuel aufzuwickeln, über dessen Auflösung so viele Tausende die
Ruhe und das Glück ihres Lebens umsonst verloren haben. Er wollte nun den Grund
des moralischen Übels, das Verhältnis des Menschen mit dem Ewigen, erforschen.
Wollte wissen, ob er es sei, der das Menschengeschlecht leite, und wenn - woher
die ihn plagenden Widersprüche entstünden. Er wollte die Finsternis erleuchten,
die ihm die Bestimmung des Menschen zu umhüllen schien. Ja, er fasste selbst den
verwegnen Gedanken, den erforschen zu wollen, dessen Sein uns so unbegreiflich
und dessen Würken uns so klar ist. Die Hoffnung, mit diesen wichtigen
Kenntnissen ausgerüstet, die Welt in Erstaunen zu setzen und als ein Geist
erster Grösse unter die Menschen zu treten, versüsste eine Zeitlang seine
fruchtlose, peinliche Anstrengung. Da aber seine Lage immer trauriger ward, die
Menschen, die ihm soviel zu danken hatten, sich immer mehr von ihm entfernten
und all sein Streben, Licht in diese Finsternis zu bringen, nur dazu diente, sie
noch schwärzer und quälender zu machen, so senkte sich bald der Gedanke tief in
seine Seele, nur ein Geist der andern Welt könnte seinem Elend abhelfen und ihm
Licht über diese Gegenstände geben. Zwar schlummerte dieser Gedanke noch in
seinem Busen, aber seine Begierden, sein Unmut brauchten nur einen neuen, äussern
Reiz, um ihn über die Grenzen zu treiben, gegen die er so wild anstiess.
                                       2.
In dieser düstern Stimmung wanderte Faust von Mainz nach Frankfurt, dem
hochweisen Magistrat eine von ihm gedruckte lateinische Bibel zu verkaufen, um
seine hungrige Kinder von dem gelösten Gelde zu sättigen. In seiner Vaterstadt
hatte er nichts ausrichten können, weil damals der Erzbischof mit seinem Kapitul
in einen grossen Krieg verwickelt war und sich ganz Mainz in der grössten
Verwirrung befand. Die Ursache davon war folgende: Es hatte einem
Dominikanermönch geträumt, er schliefe mit seinem Beichtkinde, der schönen
Klara, einer weissen Nonne und Nichte des Erzbischofs. Morgens sollte er die
heilige Messe lesen, er las sie und empfing ohngeachtet der sündlichen Nacht den
Leib des Herrn. Abends erzählt er in Begeisterung des Rheinweins einem jungen
Novizen seinen Traum. Der Traum kitzelte die Einbildungskraft des Novizen, er
erzählte ihn mit einigen Zusätzen einem Mönche, und so lief er durch das ganze
Kloster, verbrämt mit Greuel und lüsternen Bildern, bis er zu den Ohren des
strengen Priors kam. Der heilige Mann, der den Pater Gebhardt wegen seinem
Ansehen in vornehmen Häusern hasste, erschrak vor dieser Ärgernis, und da er's
als eine Entweihung des heiligen Sakraments ansah, so wagte er nicht über den
wichtigen Fall zu entscheiden und meldete ihn dem Erzbischof. Der Erzbischof,
vermöge des richtigen Schlusses, was der sündige Mensch bei Tage denkt und
wünscht, davon träumt er des Nachts, sprach den Kirchenbann über den Mönch aus.
Das Domkapitul, dessen Hass immer mehr zunimmt, je länger ein Erzbischof lebt,
und gern jede Gelegenheit, ihn zu quälen, ergreift, nahm den Pater Gebhardt in
Schutz und widersetzte sich dem Banne aus dem Grunde: es sei weltbekannt, dass
der Teufel den heiligen Antonius mit den üppigsten Vorstellungen und lüsternsten
Lockungen in Versuchung geführt habe, und wenn dies der Teufel mit einem
Heiligen getrieben hätte, so könnte ihm auch wohl einmal einfallen, sein
Gaukelspiel mit einem Dominikaner zu treiben. Man müsste den Mönch vermahnen, dem
Beispiel des heiligen Antonius zu folgen und gleich ihm gegen die Versuchungen
des Teufels mit den Waffen des Gebets und des Fastens zu kämpfen. Übrigens
bedauerte man sehr, dass der Satan nicht mehr Achtung vor dem Erzbischof hätte
und so unverschämt wäre, seine höllische Vorspieglungen nach den Gestalten
seiner hohen Familie zu bilden. Das Domkapitul führte sich hierbei ganz so auf
wie die Erbprinzen, denen ihre Väter zu lange regieren. Was aber den Fall
gänzlich verwirrte, war ein Bericht aus dem Nonnenkloster. Die Nonnen waren alle
im Refektorio versammelt, eine Mutter Gottes zum nächsten Fest aufzuputzen, um
es durch ihre Pracht den schwarzen Nonnen zuvorzutun, als die alte Pförtnerin
hereintrat, die höllische Geschichte erzählte und hinzusetzte, der Dominikaner
würde gewiss lebendig verbrannt werden, denn eben sei das Domkapitul versammelt,
sein Urteil zu sprechen. Während die Pförtnerin die Geschichte mit allen
Umständen erzählte, färbten sich die Wangen der jungen Nonnen hochrot, und die
Sünde, die keine Gelegenheit entwischen lässt, unschuldige Herzen zu vergiften,
schoss in ihr Blut und dramatisierte in flüchtiger Eile ihrer Einbildungskraft
alle die gefährlichen Szenen vor. Wut und Zorn zogen indessen ihre grimmigen
Larven über die Gesichter der Alten. Die Äbtissin zitterte an ihrem Stabe, die
Brille fiel von ihrer Nase, die Mutter Gottes stund indessen nackend in der
Mitte und schien den erstaunten und erzürnten Nonnen zuzurufen, ihre Blösse zu
decken. Da aber die Pförtnerin hinzusetzte, es sei die Schwester Klara, die der
Teufel dem Dominikaner zugeführt hätte, so erfüllte ein wilder Schrei den ganzen
Saal. Nur Klara allein blieb gelassen, und nachdem eine kleine Pause auf das
Zetergeschrei erfolgte, so sagte sie lächelnd: »Liebe Schwestern, warum schreit
ihr so fürchterlich? Träumte mir doch auch, ich schliefe mit dem Pater Gebhardt,
meinem Beichtvater, und wenn es der böse Feind getan hat« (hier machte sie und
die übrigen alle ein Kreuz), »so mögen sie ihm die Disziplin geben. Ich für
meinen Teil habe nie eine kurzweiligere Nacht gehabt, sie komme, woher sie
wolle.« »Der Pater Gebhardt?« schrie die Pförtnerin. »Nun, alle ihr Engel und
Schutzheiligen! das ist er eben, dem von Euch geträumt hat, dem Euch vielmehr
der Teufel zugeführt hat und den sie nun darum verbrennen wollen.« So ging die
Pförtnerin noch einen Schritt weiter, verkörperte den Traum, und in dieser
Gestalt flog er in die Stadt. Man liess die Mutter Gottes so nackend stehen, wie
sie war, bekümmerte sich nichts mehr darum, ob es die weissen Nonnen den
schwarzen zuvor tun würden. Die Äbtissin machte sich auf den Weg, um die
höllische Geschichte auszubreiten, ihr folgte die Schaffnerin; die Pförtnerin
hielt eine Versammlung an ihrem Pförtchen, und Klärchen beantwortete naiv die
noch naiveren Fragen der Schwestern. Die Trompeter des jüngsten Gerichts können
einst in Mainz nicht mehr Schrecken und Verwirrung verbreiten als diese
Geschichte. Nur der Schrecken in den rheinischen Bistümern war grösser, als es
sich die muntern Franzosen einfallen liessen, die schon bei dem ersten
Zusammentreten in Gesellschaft verlerne Rechte der Menschheit hervorzusuchen.
Und natürlich, man erinnerte sich hierbei des berühmten Sankt Veitstanzes, der
einstens ansteckend durch alle Provinzen und Reiche Europas sich ausbreitete und
die Köpfe der Europäer, besonders der Teutschen, so verwirrte und erhitzte, dass
sich Ritter und Bauer, Graf und Trossknecht, Bischof und Dorfpfarrer, Edelfrau
und Bettlerin, Gräfin und Kammerjungfer untereinander und durcheinander an den
Händen fassten und in wilden, unsinnigen Kreisen von Dorf zu Dorfe, von Stadt zu
Stadt herumtanzten, bis sie alle erschöpft und die Geschwächtesten von ihnen
leblos niedersanken.
    Da der Prior der Dominikaner diesen Vorfall erfuhr, rannte er nach dem
versammelten Kapitul und gab durch diesen Bericht auf einmal der Sache eine neue
Wendung. Der Erzbischof hätte nun gern den ganzen Handel unterdrückt; aber jetzt
lag dem Kapitul dran, ihn auszubreiten, und alle Domherrn stimmten einmütig
darauf, die bedenkliche Sache müsste dem Heiligen Vater in Rom vorgelegt werden.
Man schrie, raste, tobte, drohte, und nur die Mittagsglocke konnte die
Streitenden auseinanderbringen. Die offne Fehde verwandelte sich bald in eine
feinere. Von Hofe aus fing man an zu bestechen, im Kapitul zu intrigieren, und
ganz Mainz, Mönch und Laie, zerfiel auf einige Jahre in zwei Teile, so dass sie
nichts sahen, hörten, von nichts sprachen und träumten als dem Teufel, der
weissen Nonne und dem Pater Gebhardt. Auf den Katedern jeder Fakultät ward
darüber disputiert; die Kasuisten, nachdem sie die Nonne und den Pater ad
protocollum genommen und gegeneinander gestellt hatten, schrieben Foliobände
über alle die möglichen sündigen und nicht sündigen Fälle der Träume. War dies
eine Zeit für Fausten und seine Erfindung?
                                       3.
In Frankfurt nun, dem stillen Sitz der Musen, dem Schutzort der Wissenschaften,
hoffte Faust bessres Glück. Er bot dem erlauchten Rat seine Bibel für zweihundert
Goldgulden an; da man aber vor einigen Wochen fünf Stück Fässer Rheinwein in den
Ratskeller gekauft hatte, so fand sein Gesuch so leicht nicht statt. Er hofierte
den Schöppen, dem Schulteiss, den Senatoren, vom stolzen Patrizier bis zu dem
noch stolzern Ratsherrn der Schuhmacherzunft. Man versprach ihm überall Huld,
Schutz und Gnade. Zuletzt hielt er sich vorzüglich an den regierenden
Bürgermeister, wobei er aber bisher weiter nichts gewann, als dass die Frau
Bürgermeisterin eine gewaltige Flamme in seinem leichtfangenden Busen anzündete.
Eines Abends versicherte ihn der Bürgermeister, dass man ersten Tags einen
Ratsschluss fassen würde, vermöge welchem die gesamte Judenschaft gehalten sein
sollte, Mann für Mann die Summe für die Bibel herzuschiessen. Da Faust bemerkt
hatte, dass seine Kinder Hungers sterben könnten, bevor eine so aufgeklärte
Versammlung einstimmig würde, so ging er ohne Hoffnung, voller Liebe und Grimm
auf seine einsame Stube. In diesem Missmut nahm er seine Zauberformeln vor. Der
Gedanke, etwas Kühnes zu wagen und Unabhängigkeit von den Menschen durch die
Verbindung mit dem Teufel zu suchen, schoss lebhafter als je durch sein Gehirn.
Noch erschütterte ihn die Vorstellung davon. Mit heftigen Schritten, wütenden
Gebärden, unter fürchterlichen Ausrufungen ging er in seinem Zimmer auf und ab
und kämpfte mit seinen innern, aufrührerischen Kräften. Kühn strebten diese, das
Dunkel zu durchbrechen, das uns umhüllt, noch schaudert sein Geist vor dem
Entschluss; aber nun wägt der Lüsterne die Befriedigung der unersättlichen
Begierden seines Herzens, die längst gewünschte Genüsse der ganzen Natur gegen
die Vorurteile der Jugend, die Armut und die Verachtung der Menschen. Schon
schwankt die Zunge der Waage. Die Glocke schlägt elf auf dem nahen Turme.
Schwarze Nacht liegt auf der Erde. Der Sturm heult aus Norden, die Wolken
verhüllen den vollen Mond, die Natur ist im Aufruhr. Eine herrliche Nacht, die
empörte Einbildungskraft zu verwildern. Noch schwankt die Zunge der Waage. In
dieser Schale tanzen leicht Religion und ihre Stütze, die Furcht vor der
Zukunft. Die Gegenschale schlägt sie hinauf; Durst nach Unabhängigkeit und
Wissen, Stolz, Wollust, Groll und Bitterkeit füllen sie. Ewigkeit und Verdammnis
schallen nur dumpf in seiner Seele. So strauchelt die Jungfrau, welche die
glühenden Küsse des Geliebten auf dem Busen fühlt, zwischen den Lehren der
Mutter und dem Zug der Natur. So schwankt der Philosoph zwischen zwei Sätzen,
dieser ist wahr, jener glänzend und führt zu dem Ruhme; welchen wird er wählen?
    Nun zog Faust nach der Vorschrift der Magie den fürchterlichen Kreis, der
ihn auf ewig der Ob- und Vorsicht des Höchsten und den süssen Banden der
Menschheit entreissen sollte. Seine Augen glühten, sein Herz schlug, seine Haare
stiegen auf seinem Haupt empor. In diesem Augenblick glaubte er seinen alten
Vater, sein junges Weib und seine Kinder zu sehen, die in Verzweiflung die Hände
rangen. Dann sah er sie auf die Knie fallen und für ihn zu dem beten, dem er
eben entsagen wollte. »Es ist der Mangel, es ist mein Elend, das sie in
Verzweiflung stürzt«, schrie er wild und stampfte mit dem Fusse auf den Boden.
Sein stolzer Geist zürnte der Schwäche seines Herzens. Er drang abermals nach
dem Kreise, der Sturm rasselte an seinen Fenstern, die Grundfeste des Hauses
zitterte. Eine edle Gestalt trat vor ihn und rief ihm zu:
    »Faust! Faust!«
    FAUST: Wer bist du, der du mein kühnes Werk unterbrichst?
    GESTALT: Ich bin der Genius der Menschheit und will dich retten, wenn du zu
retten bist.
    FAUST: Was kannst du mir geben, meinen Durst nach Wissen, meinen Drang nach
Genuss und Freiheit zu stillen?
    GESTALT: Demut, Unterwerfung im Leiden, Gnügsamkeit und hohes Gefühl deines
Selbsts, sanften Tod und Licht nach diesem Leben.
    FAUST: Verschwinde, Traumbild meiner erhitzen Phantasie, ich erkenne dich
an der List, womit du die Elenden täuschest, die du der Gewalt unterworfen hast.
Gaukele vor der Stirne des Bettlers, des zertretnen Sklaven, des Mönchs und
aller derer, die ihr Herz durch unnatürliche Bande gefesselt haben und ihren
Sinn durch Kunst hinaufschrauben, um der Klaue der Verzweiflung zu entwischen.
Die Kräfte meines Herzens wollen Raum, und der verantworte für ihr Würken, der
mir sie gegeben hat.
    »Du wirst mich wiedersehen«, seufzte der Genius und verschwand.
    Faust rief: »Necken mich die Märchen der Amme noch am Rande der Hölle? Sie
sollen mich nicht abhalten, das Dunkel zu durchbrechen. Ich will wissen, was der
düstre Vorhang verbirgt, den eine tyrannische Hand vor unsre Augen gezogen hat.
Hab ich mich so gebildet, dass das Los der Beschränkteit meine Kraft empört? Hab
ich die Flamme der Leidenschaft in meinem Busen angeblasen? Hab ich den Trieb,
immer zu wachsen und nie stille zu stehen, in mein Herz gelegt? Hab ich meinen
Geist so gestimmt, dass er sich nicht unterwerfen und die Verachtung nicht
ertragen kann? Wie, ich, der Topf, von fremder Hand gebildet, soll darum einst
gewaltsam zerschlagen werden, weil er dem Werkmeister nicht nach seinem Sinn
gelang, weil er dem niedrigen Gebrauch nicht entspricht, zu dem er ihn geformt
zu haben scheint? Und immer nur Gefäss, immer nur Werkzeug, immer nur
Unterwerfung; wozu denn dies widersprechende lautschreiende Gefühl von Freiheit
und eigner Kraft dem Sklaven? Ewigkeit! Dauer! Schallt ein Sinn heraus? Was der
Mensch fühlt, geniesst und fasst, nur das ist sein, alles übrige ist Erscheinung,
die er nicht erklären kann. Der Stier nutzt die Kraft seiner Hörner und trotzt
auf sie, der Hirsch seine Leichtigkeit, dem Jäger zu entfliehen; ist das, was
den Menschen unterscheidet, weniger sein? Ich hab es lange genug mit den
Menschen und allem dem, was sie ersonnen, versucht, sie haben mich in Staub
getreten; Schatten habe ich für Wahrheit ergriffen, lass mich's nun mit dem
Teufel versuchen!«
    Hier sprang er wild begeistert in den Kreis hinein, und Klagegetön seines
Weibes, seiner Kinder, seines Vaters erschollen in der Ferne: »Ach verloren!
ewig verloren!«
                                       4.
Satan, der Herrscher der Hölle, hatte durch schrecklichen Hörnerschall, der an
der glühenden Scheibe der Sonne widertönte, allen gefallnen Geistern auf der
Ober- und in der Unterwelt kundtun lassen, dass er heute ein grosses Freudenfest
geben würde. Die höllischen Geister versammelten sich auf den mächtigen Ruf.
Selbst seine Abgesandten beim päpstlichen Stuhl und den Herrschern Europas
verliessen ihren Posten, denn die Einladung liess etwas Grosses und Wichtiges
vermuten. Schon ertönte das ungeheure Gewölbe der Hölle von dem wilden Geschrei
des Pöbels der Geister. Myriaden lagerten sich auf den verbrannten,
unfruchtbaren Boden. Nun traten die Fürsten hervor und geboten Schweigen der
Menge, damit Satan die Berichte seiner Abgesandten der Oberwelt vernehmen
könnte. Die Teufel gehorchten, und eine schaudervolle Stille herrschte durch die
dicke, düstre Finsternis, die nur das Gewinsel der Verdammten unterbrach. Die
Sklaven der Teufel, Schatten, die weder der Seligkeit noch der Verdammnis wert
sind, bereiteten die unzähligen Tische zum Schmaus, und sie verdienen dies Los
der schändlichsten Knechtschaft. Als sie noch in Fleisch und Bein die Früchte
der Erde assen, waren sie von jener zweideutigen Art, die aller Menschen Freund
sind, ohne es von einem zu sein. Deren Zungen von den herrlichen Lehren der
Tugend plappern, ohne dass ihr Herz sie fühlt. Die das Böse nur darum
unterlassen, weil es Gefahr mit sich führt, und das Gute, weil es Mut und
Verleugnung erfordert. Die mit der Religion wuchern und sie, wie der filzigte
Jude sein Kapital, auf Zinsen legen, in der Meinung, ihren elenden Seelen ein
gutes Behältnis zu sichern. Die Gott aus Furcht anbeten und vor ihm wie Sklaven
zittern. Die Teufel, die wahrlich keine bessere Herren sind als die polnischen,
ungarischen und livländischen Edelleute, reiten sie dafür in der Hölle wacker
herum. Indessen schwitzten ihre Brüder in den höllischen Küchen, das Mahl für
ihre strengen Herren zuzurüsten; ein schreckliches Geschäft für eine Seele, die
einst einen menschlichen Körper durch Frass, Soff und Üppigkeit aufgerieben hat.
Denn obgleich die Teufel weder essen noch trinken, so haben sie den Menschen
doch den Gebrauch abgelernt, jede Feierlichkeit durch Fressen und Saufen
merkwürdig zu machen, und bei solchen Gelegenheiten halten sie ein Seelenmahl.
Der Anführer jeder Legion (denn die Hölle ist auf militärischen Fuss eingerichtet
und gleicht darin jedem despotischen Reiche; oder vielmehr jedes despotische
Reich gleicht darin der Hölle) wählt eine gefällige Anzahl verdammter Seelen zum
Schmause für seine Untergebenen. Diese übergeben sie den Sklaven, die sie
sieden, braten und mit höllischer Brühe begiessen. Oft trifft es sich, dass einer
dieser Elenden seinen Vater, sein Weib, Sohn, Tochter oder Bruder an den Spiess
stecken und das peinliche Feuer unter ihm unterhalten muss - eine schreckliche,
wahrhaft tragische Lage, noch tragischer, da ihre Aufseher, mutwillige Teufel
wie alle Diener grosser Herren, mit der Geissel hinter ihnen stehen, das Werk zu
befördern. Ich empfehle diese Situation den Tragikern Teutschlands. Heute wurden
für den Gaumen des Grossherrn, seiner Viziere und Günstlinge zwei Päpste, ein
Eroberer, ein berühmter Philosoph und ein neu geprägter Heiliger zugerichtet.
Für den Pöbel der Hölle waren ganz frische Viktualien angekommen. Der Papst
hatte vor kurzem zwei Heere Franzosen, Teutscher, Italiener und Spanier
gegeneinander getrieben, um einige Herrschaften in dem Tumult zu fischen, die
Verlassenschaft des heiligen Peters zu ründen. Sie schlugen sich wie Helden und
fuhren zu Tausenden zur Hölle. Welch ein Glück wäre es für die zu der Tafel der
Teufel bestimmten Seelen, wenn sie dadurch das Ende ihrer Qual fänden; da sie
diese aber stückweise in die Sümpfe der Hölle ausschütten, so wachsen sie wieder
zusammen und stehen zu neuen Martern auf.
    Während diese an den Bratspiessen winselten, besetzten die Kellermeister und
Schenken, alle Schatten gemeldeter Art, die Kredenztische. Die Flaschen waren
gefüllt mit Tränen der Heuchler, falscher Witwen, der Scheinheiligen, der
Empfindsamen und der aus Schwäche Reuigen. Mit Tränen, die der Neid bei dem
Glück eines andern auspresst, mit Tränen der Egoisten, die sie bei dem Unglück
eines andern aus Freude weinen, dass es sie nicht getroffen. Mit Tränen lustiger
Erben und mit Tränen der Söhne, die sie bei dem Sarge der geizigen, harten Väter
weinen. Die Flaschen zu dem Nachtische waren gefüllt mit Tränen der Priester,
die die Rolle des Komödianten auf den Kanzeln spielen, ihre Zuhörer zu rühren;
und um das Getränk schärfer zu machen, mischte man Tränen der H-n darunter, die
aus Hunger so lange weinen, bis ein Kunde kommt, die Sünde für Geld mit ihnen zu
treiben. Zu diesen goss man noch Tränen der Kuppler, Kupplerinnen, der Ärzte und
schelmischen Advokaten, die sie über schlechte Zeiten vergiessen. Für den Satan
und die Fürsten stunden, auf besondern Kredenztischen, Flaschen des edelsten
Getränks. Es war berauschend, schäumend und sprudelnd, ein Gemisch von Tränen
der Herrscher der Welt, die sie über das Unglück ihrer Untertanen weinen,
während sie Befehle erteilen, die es auf Jahrhunderte befördern. Von Tränen der
Jungfrauen, die den Verlust ihrer Keuschheit beweinen und sich mit noch nassen
Augen prostituieren. Zu diesen hatte man Tränen begünstigter Grossen gegossen,
die in Ungnade gefallen sind und nun weinen, dass sie unter dem Schutz ihres
Herrn nicht mehr rauben und unterdrücken können.
                                       5.
Als nun diese Elenden die Tische besorgt hatten und so demütig hinter den Sitzen
ihrer Gebieter stunden als ein Teutscher vor einem Fürsten, so traten die Grossen
der Hölle aus den Gemächern des Satans. Die Gefährten der Menschen - die Sünde,
das scheussliche Gespenst der Vernichtung, der Hunger, die Krankheit, die Pest,
der Krieg, die Ungerechtigkeit, die Armut, die Verzweiflung, die Herrschsucht,
die Gewalt, der Stolz, die Verachtung, der Reichtum, der Geiz, die Wollust, der
Wahn, der Neid, die Neugierde und die Lüsternheit gingen als wohlbestallte
Furiere des satanischen Hofes voraus. Ihnen folgten Trabanten, diesen die
Kammerherren. Nun die Pagen mit brennenden Fackeln, die aus Seelen der Mönche
geflochten waren, die den Weibern die Kinder machen und den Ehemann auf dem
Todbette drängen, sein Vermögen der Kirche zu vermachen, ohne Rücksicht, dass
ihre eigne ehebrecherische Brut im Lande herumbetteln muss. Dann trat der
mächtige Satan heraus, und ihm folgten die übrigen Grossen seines Hofs nach Gunst
und Rang. Die Teufel beugten sich ehrfurchtsvoll nieder, die Pagen stellten die
Fackeln auf den Tisch des Grossherrn, und nun stieg er mit stolzer und
siegreicher Miene auf seinen erhabenen Tron und hielt folgende Rede:
    »Fürsten, Mächtige, unsterbliche Geister, seid mir alle willkommen! Wollust
durchglüht mich, wenn ich über euch zahllose Helden hinblicke! Noch sind wir,
was wir damals waren, da wir zum erstenmal in diesem Pfuhl aufwachten, zum
erstenmal uns sammelten. Nur hier herrscht ein Gefühl, nur in der Hölle herrscht
Einigkeit, nur hier arbeitet jeder auf einen Zweck. Wer über euch gebietet, kann
leicht den einförmigen Glanz des Himmels vergessen. Ich gestehe, wir haben viel
gelitten und leiden noch, da die Ausübung unsrer Kräfte von dem beschränkt ist,
der uns mehr zu fürchten scheint als wir ihn; aber in dem Gefühl der Rache, die
wir an den Söhnen des Staubs, seinen schwachen Günstlingen, nehmen, in der
Betrachtung ihres Wahnsinns und ihrer Laster, wodurch sie unaufhörlich seine
Zwecke zerrütten, liegt Ersatz für dieses Leiden. Heil euch allen, die dieser
Gedanke hoch entflammt!
    Vernehmt nun die Veranlassung zu dem Feste, das ich heute mit euch feiern
will. Faust, ein kühner Sterblicher, der gleich uns mit dem Ewigen hadert und
durch die Kraft seines Geistes würdig werden kann, die Hölle einst mit uns zu
bewohnen, hat die Kunst erfunden, die Bücher, das gefährliche Spielzeug der
Menschen, die Fortpflanzer des Wahnsinns, der Irrtümer, der Lügen und Greuel,
die Quelle des Stolzes und die Mutter peinlicher Zweifel, auf eine leichte Art
tausend und tausendmal zu vervielfältigen. Bisher waren sie zu kostbar und nur
in den Händen der Reichen, blähten nur diese mit Wahn auf und zogen sie von der
Einfalt und Demut ab, die der Ewige zu ihrem Glück in ihr Herz gelegt hat und
die er von ihnen fordert. Triumph! bald wird sich das gefährliche Gift des
Wissens und Forschens allen Ständen mitteilen! Wahnwitz, Zweifel, Unruhe und
neue Bedürfnisse werden sich ausbreiten, und ich zweifle, ob mein ungeheures
Reich sie alle fassen möge, die sich durch dieses reizende Gift hinrichten
werden. Doch dieses wäre nur ein kleiner Sieg, mein Blick dringt tiefer in die
ferne Zeit, die für uns der Umlauf des Zeigers ist. Die Zeit ist nah, wo die
Gedanken und Meinungen kühner Erneurer und Beekler des Alten durch Fausts
Erfindung um sich greifen werden wie die Pest. Sogenannte Reformatoren des
Himmels und der Erde werden aufstehen, und ihre Lehren werden durch die
Leichtigkeit der Mitteilung bis in die Hütte des Bettlers dringen. Sie werden
wähnen, Gutes zu stiften und den Gegenstand ihres Heils und ihrer Hoffnung vom
falschen Zusatze zu reinigen; aber wenn gelingt dem Menschen das Gute und wie
lange ist er dessen mächtig? die Sünde ist ihnen nicht näher als böse Folgen und
Missbrauch ihren edelsten Bemühungen. Das vielgeliebte Volk des Mächtigen, das er
durch ein uns furchtbares Wunder der Hölle auf immer entreissen wollte, wird über
Meinungen, die keiner begreift, in blutigen Krieg zerfallen und sich zerreissen
wie die wilden Tiere des Waldes. Greuel werden Europa verwüsten, die allen
Wahnsinn übertreffen, den die Menschen von ihrem Beginnen gerast haben. Meine
Hoffnungen scheinen euch zu kühn, ich sehe es an euren zweifelnden Blicken, so
hört denn: Religionskrieg heisst diese neue Wut, wovon die Geschichte der Frevel
und Rasereien der Menschen bisher noch kein Beispiel hat. Aus der uns
furchtbaren Religion sogen ihn die Unsinnigen. Einmal hat er schon gewütet, und
dort heulen die in dem glühenden Pfuhl, die ihn erweckten; aber nun erst wird
der Fanatismus, der wilde Sohn des Hasses und des Aberglaubens, alle Bande der
Natur und der Menschheit gänzlich auflösen. Dem Furchtbaren zu gefallen, wird
der Vater den Sohn, der Sohn den Vater ermorden. Könige werden frohlockend ihre
Hände in das Blut ihrer Untertanen tauchen, den Schwärmern das Schwert
überliefern, ihre Brüder zu Tausenden zu ermorden, weil sie andrer Meinung wie
sie sind. Dann wird sich das Wasser der Ströme in Blut verwandeln, und das
Geschrei der Ermordeten wird selbst die Hölle erschüttern. Wir werden Verbrecher
mit Lastern besudelt herunterfahren sehen, wofür wir bis jetzo weder Namen noch
Strafe haben. Schon seh ich sie den päpstlichen Stuhl anfallen, der das lockre
Gebäude durch List und Betrug zusammenhält, während er sich durch Laster und
Üppigkeit selbst untergräbt. Die Stützen der uns fürchterlichen Religion stürzen
zusammen, und wenn der Ewige dem sinkenden Gebäude nicht durch neue Wunder zu
Hülfe eilt, so wird sie von der Erde verschwinden, und wir werden nochmals in
den Tempeln als angebetete Götter glänzen. Wo bleibt der Geist des Menschen
stehen, wenn er angefangen hat, das zu beleuchten, was er als Heiligtum verehrt
hat? Er tanzt auf dem Grabe des Tyrannen, vor dem er noch gestern gezittert,
zerschlägt gänzlich den Altar, auf dem er geopfert hat, wenn er einmal
unternimmt, dem Weg zum Himmel auf seine Weise nachzuspähen. Wer mag ihren
rastlosen Geist auf Jahrtausende fesseln? Vermag der, der sie geschaffen, nur
einen sich so zuzueignen, dass er nicht millionenmal unserm Reiche näher als dem
seinen sei? Alles missbraucht der Mensch, die Kraft seiner Seele und seines
Leibes, alles, was er sieht, hört, betastet, fühlt und denkt, womit er spielt
und womit er sich ernstaft beschäftigt. Nicht zufrieden, das zu zertrümmern und
zu verunstalten, was er mit den Händen lassen kann, schwingt er sich auf den
Flügeln der Einbildungskraft in ihm unbekannte Welten und verunstaltet sie
wenigstens in der Vorstellung. Selbst die Freiheit, ihr höchstes Gut, wenn sie
auch Ströme Bluts dafür vergossen, verkaufen sie für Gold, Lust und Wahn, wenn
sie dieselbe kaum gekostet haben. Des Guten unfähig, zittern sie vor dem Bösen,
häufen Greuel auf Greuel, ihm zu entfliehen, und zerschlagen dann ihrer Hände
Werk.
    Nach den blutigen Kriegen werden sie, vom Morden ermüdet, einen Augenblick
rasten, und der giftige Hass wird sich nur in heimlichen Tücken zeigen. Einige
werden diesen Hass unter dem Schatten der Gerechtigkeit zum Rächer des Glaubens
machen, Scheiterhaufen errichten und die lebendig verbrennen, die nicht ihrer
Meinung sind. Andere werden anfangen, die unerklärbaren Verhältnisse und dunkle
Rätsel zu benagen, und die zur Finsternis Gebornen werden verwegen um Licht
kämpfen. Ihre Einbildungskraft wird sich entflammen und tausend neue Bedürfnisse
erschaffen. Wahrheit, Einfalt und Religion werden sie mit Füssen treten, um ein
Buch zu schreiben, das einen Namen mache und Gold einbringe. Ja so weit wird
dieses aufgeblasene Geschlecht hierinnen den Wahnsinn treiben, dass sogar ihre
Weiber - hört es alle, ihr Kräfte und Geister der Hölle! - dass sogar ihre Weiber
Bücher schreiben werden. Ihr kennt die eitlen Töchter Evas, und ich brauche euch
nicht zu sagen, was dieses für verzerrte Ungeheuer aus ihnen machen muss. So wird
nun das Bücherschreiben ein allgemeines Handwerk werden, wodurch Genies und
Stümper Ruhm und Fortkommen suchen, unbekümmert, ob sie die Köpfe ihrer
Mitbürger verwirren und die Flamme an das Herz der Unschuldigen legen. Den
Himmel, die Erde, den Furchtbaren selbst, die verborgene Kräfte der Natur, die
dunklen Ursachen ihrer Erscheinungen, die Macht, die die Gestirne wälzt und die
Kometen durch den Raum schleudert, die unfassliche Zeit, alles Sichtbare und
Unsichtbare werden sie betasten, messen und begreifen wollen, für alles
Unfassliche Worte und Zahlen erfinden, Systeme auf Systeme häufen, bis sie die
Finsternis auf Erden gezogen haben, wodurch nur die Zweifel wie Irrwische, die
den Wandrer in Sumpf locken, blitzen. Nur dann werden sie helle zu sehen
glauben, und da erwarte ich sie! Wenn sie die Religion weggeräumt haben wie
alten Schutt und gezwungen sind, aus dem stinkenden Überbleibsel ein neues
ungeheures Gemische von Menschenweisheit und Aberglauben zusammenzugiessen, dann
erwarte ich sie! Und dann machet weit die Tore der Hölle, dass das
Menschengeschlecht einziehe! Der erste Schritt ist geschehen, der zweite ist
nah. Noch eine schreckliche Revolution auf dem Erdboden steht bevor. Ich berühre
sie nur mit flüchtiger Eile. Bald werden die Bewohner der alten Welt ausziehen,
um neue, ihnen bisher unbekannte Erdstriche zu entdecken. Dort werden sie
Millionen in religiöser Wut erwürgen, um sich des Goldes zu bemächtigen, das
diese Unschuldigen nicht achten. Diese neuen Welten werden sie mit allen ihren
Lastern erfüllen und Stoff zu scheusslichern der alten zurückführen. So werden
Völker unsre Beute werden, die bisher Unschuld und Unwissenheit vor unsrer Rache
gesichert hat. Jahrhunderte werden sie im Namen des Furchtbaren den Erdboden mit
Blute netzen, und so sieget die Hölle durch die Günstlinge des Himmels über den,
der uns hierher geschleudert hat!
    Dies ist es, ihr Mächtigen, was ich euch verkünden wollte, und nun freut
euch mit mir des festlichen Tags, geniesst im voraus der Siege, die ich euch
verspreche, weil ich die Menschen kenne. Höhnt des Ewigen, der so lächerrlich und
widersinnig in dem Sohne des Staubs das rohe Tier mit dem Halbgott
zusammenspannte, dass nun ein Teil den andern zerreibt! Höhnt seiner und ruft mit
mir in Siegesgebrüll!
    Es lebe Faust!«
    Erschreckliches Getöse, dass die Achse der Erde zitterte, die Gebeine der
Toten in den Gräbern zusammenrasselten, erscholl: »Es lebe Faust! Es lebe der
Vergifter der Söhne des Staubs!«
    Hierauf wurde der vornehmste Adel des dunklen Reichs zur Anbetung, dem
Kniebeugen, Handkusse, das heisst zum Glückwunsch zugelassen, und ich habe bisher
noch nicht entdecken können, ob der Satan diese hündische Gebräuche der
Hofhaltung der Fürsten der Erde oder ob sie dieselben der seinen nachgeäfft
haben.
                                       6.
Nun warfen sich die frohlockenden Teufel an die Tische und fielen über das
zugerichtete Mahl her. Die Becher erklangen, die Seelen knarrten unter ihren
scharfen Zähnen, und man trank des Satans, Fausts, der Klerisei, der Tyrannen
der Erde, künftiger und lebender Autoren Gesundheit unter dem Knall der
höllischen Artillerie. Um das Fest recht glänzend zu machen, fuhren die Aufseher
der Ergötzungen des Satans nach den Sümpfen der Verdammten, trieben die
brennenden Seelen heraus und jagten sie über die Tafeln, die düstre Szene zu
erleuchten. Sie ritten mit giftigen Peitschen hinter ihnen her und zwangen sie,
sich grimmig zu balgen, und die Funken knasterten und leuchteten am schwarzen
Gewölbe, wie wenn in dunkler Nacht der Blitz die Garben des Feldes anzündet. Um
die Ohren der Teufel beim Schmause mit Tafelmusik zu kitzeln, eilten andre nach
den Pfühlen, gossen glühendes Metall in die Flamme, dass die Verdammten in
grässlicher Verzweiflung heulten und fluchten. Könnt ich statt euren kalten und
fruchtlosen Busspredigten dieses scheussliche Gewinsel auf die Erde ziehen!
wahrlich, die Sünder würden ihr Ohr dem wollüstigen Gesang der Kastraten und dem
üppigen Geflüster der Flöten verschliessen und reuig Psalmen anstimmen. Umsonst,
weit entfernt ist die Hölle und nah das Vergnügen! Hierauf wurden auf einem
grossen Teater Schauspiele aufgeführt, die die Heldentaten des Satans
darstellten (denn da der Teufel Dichter an seinem Hofe hält, so hat er auch
Schmeichler), zum Beispiel: die Verführung Evas, Judas Ischariot etc.
    Dann verwandelte sich das Teater zur Vorstellung eines allegorischen
Balletts. Die Szene stellte eine wilde Gegend vor. In einer dunklen Höhle sass
die Metaphysik, eine hagre, lange Gestalt, die ihre Augen auf fünf schimmernde
Worte heftete, die sich beständig hin und her bewegten und bei jeder Veränderung
einen andern Sinn vorstellten. Der Hagre liess nicht nach, ihnen mit seinen
starren Augen zu folgen. In einem Winkel stund ein kleiner schelmischer Teufel,
der ihm zuzeiten Blasen, mit Wind gefüllt, an die Stirne warf. Der Stolz, des
Hagern Amanuensis, las sie auf, drückte den Wind heraus und knetete ihn zu
Hypotesen. Der Hagre war in ein ägyptisches Unterkleid gehüllt, das mit
mystischen Figuren besäet war. Über diesem trug er einen griechischen Mantel,
der diese mystische Zeichen bedecken sollte, wozu er aber viel zu kurz und zu
eng war. Seine Beinkleider waren weite Pumphosen, sie deckten aber seine Blösse
nicht. Ein grosser Doktorhut deckte sein kahles Haupt, auf dem man nur die Ritze
sah, die er mit seinen langen Nägeln bei scharfem Nachdenken hineingerissen.
Seine Schuhe waren nach europäischem Zuschnitte gemacht und mit dem feinsten
Staub der Universitäten und Gymnasien bestreut. Nachdem er lange auf die
schwankenden Worte geblickt hatte, ohne einen Sinn zu fassen, winkte der Stolz
dem Wahn, der auf des Hagren Linke stund. Dieser ergriff eine hölzerne
Pfennigstrompete und blies einen Tanz. Da das hagre Gerippe das Geplärre hörte,
fasste er den Stolz an der Hand und tanzte mit ihm in taktlosen Sprüngen herum.
Seine mürbe, dünne Beine konnten es nicht lange aushalten, und er sank bald
atemlos in seine vorige Stellung.
    Ihm folgte die Moral, eine sehr feine Gestalt, in einen Schleier gehüllt,
der wie der Chamäleon alle Farben spielte. Sie hielt die Tugend und das Laster
an den Händen und tanzte ein Trio mit ihnen. Ein nackender Wilde blies dazu auf
einem Haberrohr, ein europäischer Philosoph strich die Geige, ein Asiate schlug
die Trommel, und obgleich diese widrige Töne ein harmonisches Ohr zerrissen
hätten, so kamen doch die Tanzenden nicht aus dem Takt, so gut hatten sie ihre
Schule gelernt. Gab die feine Dirne dem Laster die Hand, so gaukelte sie wie
eine Buhlschwester, floh lockend vor ihm her, gab alsdann der Tugend die Hand
und bewegte sich in den sittsamen Schritten der Matrone. Nach dem Tanze ruhte
sie auf einer dünnen, durchsichtigen und schöngemalten Wolke aus, die ihre
Verehrer aus vielen Fetzen zusammengeflickt hatten.
    Nach ihr erschien die Poesie, in der Gestalt eines unbekleideten wollüstigen
Weibes. Sie tanzte mit der Sinnlichkeit einen üppigen, sehr figürlichen und
darstellenden Tanz, wozu die Einbildungskraft die Flöte d'amour blies.
    Hierauf trat die Geschichte auf. Vor ihr her ging die Fama mit einer langen
ehernen Trompete. Sie selbst war behangen mit Erzählungen von Mordtaten,
Vergiftungen, Verschwörungen, Betrügereien und andern Greueln. Hinter ihr
keuchte ein starker, nervigter, teutsch gekleideter Mann unter einer ungeheuren
Bürde von Chroniken, Diplomen und Dokumenten. Sie tanzte unter dem Gerassel der
Erzählungen, womit sie behangen war, mit der Sklaverei; die Lüge nahm der Fama
die Trompete von dem Mund weg, stimmte den Tanz an, und die Schmeichelei
zeichnete ihr die Figuren vor.
    Dann fuhren mit lautem Gelächter auf die Szene die Medizin und
Scharlatanerie, tanzten eine Menuett, wozu der Tod mit einem Beutel voll Gold
die Musik klimperte.
    Hierauf erschienen die Astrologie, die Kabala, Teosophie und Mystik, sie
hatten sich an den Händen gefasst und trieben sich wild in dunklen Figuren herum,
wozu der Aberglaube, Wahnsinn und Betrug auf Waldhörnern bliesen.
    Diesen folgte die Jurisprudenz, eine feiste, gut genährte Gestalt, mit
Sporteln gefüttert und mit Glossen behangen. Sie keuchte ein mühsames Solo, und
die Schikane strich den Bass dazu.
    Zuletzt fuhr die Politik in einem Siegeswagen herein, den zwei Mähren zogen,
Schwäche und Betrug. Zu ihrer Rechten sass die Teologie, in einer Hand einen
scharfen Dolch haltend, in der andern eine brennende Fackel. Sie selbst trug
eine goldne Krone auf dem Haupt und einen Zepter in der Rechten. Sie stieg aus
dem Wagen und tanzte mit der Teologie ein Pas des deux, wozu List, Herrschsucht
und Tyrannei auf ganz leisen und sanften Instrumenten spielten. Nachdem sie das
Pas des deux geendet hatte, gab sie den übrigen Gestalten ein Zeichen, einen
allgemeinen Tanz zu beginnen. Sie folgten dem Wink und sprangen in wilder
Verwirrung herum. Alle Obengemeldete spielten ihre Instrumente dazu, ein Geheul,
das die Tafelmusik des Satans nur an Getöse übertraf. Doch bald mischte sich die
Zwietracht unter die vertraulich Tanzenden. Sie griffen nach den Waffen, von Wut
und Eifersucht entflammt. Da die Teologie wahrnahm, dass sie alle die wollüstige
Poesie umarmten und der Moral, ihrer Todfeindin, den Schleier abreissen wollten,
sich damit zu bedecken, gab sie dieser einen Dolchstich von hinten und
verbrannte der geliebkosten Dichtkunst mit der brennenden Fackel den Steiss.
Diese beiden erhuben ein fürchterliches Geheul, die Politik verwies die
Entflammten zur Ruhe, und die Scharlatanerie nahte, um die Wunde der Moral zu
verbinden, indessen schnitt die Medizin einen Fetzen von ihrem Talar zur
Bezahlung ab. Der Tod streckte unter dem Mantel der diebischen Medizin die Klaue
hervor, um die Moral zu ergreifen, die Politik aber schlug ihn so heftig darauf,
dass er laut heulte und fürchterlich grinste. Die Poesie liessen sie mit
verbranntem Steisse herumhüpfen, weil sie nackend und ihr nichts abzuschneiden
war. Endlich erbarmte sich ihrer die Geschichte und legte ihr ein nasses Blatt
aus einem empfindsamen Roman drauf. Die Politik spannte sie alsdann alle
zusammen vor ihren Wagen und fuhr im Triumphe davon.
    Die ganze Hölle schlug Beifall in die Hände bei der letzten Vorstellung, und
Satan umarmte den Teufel Leviatan, der dieses Schauspiel veranstaltet und ihm
so süss geschmeichelt hatte; denn es war eine seiner stolzen Grillen, von den
Teufeln für den Erfinder der Wissenschaften gehalten zu werden. Oft sagte er in
seinem Übermut, er habe sieeinst mit den Töchtern der Erde im Ehebruch gezeugt,
um die Menschen von dem graden, einfachen und edlen Gefühl ihres Herzens
abzulenken, ihnen den Schleier ihres Glücks von den Augen wegzureissen, sie mit
ihrer Beschränkteit und Schwäche bekanntzumachen und ihnen peinigende Zweifel
über ihre Bestimmung einzuimpfen. Er habe sie dadurch gelehrt, über den Ewigen
und die Tugend zu vernünfteln, damit sie vergessen möchten, diesen anzubeten und
jene auszuüben. »Wir«, setzte er dann hinzu, »haben mit offnen und kühnen Waffen
den Himmel bekriegt, ihnen hab ich wenigstens die Mittel an die Hand gegeben,
unaufhörlich mit dem Ewigen zu scharmuzieren.« Elende Prahlerei! werden sich die
Menschen das nehmen lassen, worauf sie nie stolzer sind, als wenn sie es
missbrauchen?
    Man bewundre doch hier einen Augenblick mit mir, wie sich darinnen alle Höfe
gleichen, dass meistens die Grossen durch das Verdienst, die Arbeit, den Schweiss
der Kleinen die Gunst des Fürsten gewinnen und die Belohnung davontragen.
Leviatan gibt sich geradezu für den Erfinder dieses allegorischen Balletts aus,
lässt sich dafür liebkosen und danken, gleichwohl ist der Autor davon der
bayerische Hofpoet, der erst kürzlich Hungers, folglich in Verzweiflung,
gestorben und so zur Hölle gefahren war. Er verfertigte dieses Ballett auf des
Fürsten Leviatans Befehl, der den Sinn hatte, Talente auszuspähen nach dem
neusten Geschmack seines Hofes, und legte vermutlich die giftige Anspielung auf
die Wissenschaften darum hinein, weil sie ihn so schlecht genährt hatten.
Vielleicht auch, dass Leviatan, der so gut wusste, was dem Satan gefiel, ihm den
Wink dazu gegeben hat. Es sei wie ihm wolle, dieser erntete den Lohn ein, und
der dünne Schatten des bayerischen Hofpoets sass kauernd hinter einem Felsen des
Teaters und sah mit tiefem Schmerz, wie der Satan den Leviatan für seine
Arbeit liebkoste.
                                       7.
Die frohen berauschten Teufel lärmten hierauf, dass sie das Geheul der Verdammten
selbst überbrüllten. Auf einmal erscholl Fausts mächtige Stimme von der Oberwelt
durch die Hölle. Es war ihm gelungen, durch seinen Zauber bis in den Abgrund zu
dringen und einen der ersten Fürsten des schwarzen Reichs aufzufordern. Seiner
Gewalt war nicht zu widerstehen. Frohlockend fuhr Satan auf: »Es ist Faust, der
da ruft; nur dem Kühnen konnte es gelingen, nur der Verwegne konnte es wagen, so
gewaltsam an die ehernen Pforten der Hölle zu schlagen. Auf! ein Mann wie er ist
mehr wert als tausend der elenden Schufte, die wie Bettler sündigen und auf eine
alltägliche Art zur Hölle fahren.« Er wandte sich zu dem Teufel Leviatan,
seinem Liebling:
    »Dich, den geschmeidigsten Verführer, den grimmigsten Hasser des
Menschengeschlechts, fordre ich auf, hinaufzufahren und mir die Seele dieses
Kühnen durch deine gefährliche Dienste zu erkaufen. Nur du kannst das gierige
Herz, den stolzen, rastlosen Geist dieses Verwegnen fesseln, sättigen und dann
zur Verzweiflung treiben. Fahre hinauf, verjage den Dunst der Schulweisheit aus
seinem Gehirne. Senge durch das üppige Feuer der Wollust die edlen Gefühle
seiner Jugend aus seinem Herzen. Öffne ihm die Schätze der Natur, treibe ihn
hastig ins Leben, dass er sich schnell überlade. Er sehe Böses aus Gutem
entspringen, das Laster gekrönt, Gerechtigkeit und Unschuld mit Füssen getreten,
wie es der Menschen Art ist. Führe ihn durch die wilden, scheusslichen Szenen des
menschlichen Lebens, er verkenne den Zweck, verliere unter den Greueln den Faden
der Leitung und Langmut des Ewigen. Und wenn er dann abgerissen steht von allen
natürlichen und himmlischen Verhältnissen, zweifelnd an der edlen Bestimmung
seines Geschlechts, der Sinn der Wollust und des Genusses in ihm verdampft ist,
er sich an nichts mehr halten kann und der innre Wurm erwacht, so zergliedere
ihm mit höllischer Bitterkeit die Folgen seiner Taten, Handlungen und seines
Wahnsinns und entfalte ihm die ganze Verkettung derselben bis auf künftige
Geschlechter. Ergreift ihn dann die Verzweiflung, so schleudere ihn herunter und
kehre siegreich in die Hölle zurück.«
    LEVIATHAN: Satan, warum wendest du dich abermals an mich? Du weisst es, mir
ist das ganze Menschengeschlecht und die Erde, ihr Tummelplatz, längst zum Ekel
geworden. Was ist aus den Kerls zu machen, die weder Kraft zum Guten noch Bösen
haben? Den, der eine Zeitlang mit dem Phantom Tugend buhlt, machen bald Gold,
Ehrgeiz oder Wollust zum Schurken, und tritt auch einer oder der andre kühn in
die Bahn des Lasters, so fährt er auf halbem Wege vor den Gespenstern seiner
schwächlichen Einbildungskraft zurück. Ja, wenn es noch ein heisser, stolzer
Spanier, ein rachsüchtiger, spitzbübischer Italiener oder ein lustiger,
verbuhlter Franzose wäre! aber ein Teutscher? träge Klötze, die sich vor Ansehen
und Reichtum, vor allen unnatürlichen Unterscheidungen der Menschen sklavisch
beugen, von ihren Fürsten und Grossen glauben, sie seien von edlerem Stoffe
gemacht als sie, und ganze Kerle zu sein glauben, wenn sie sich für sie
totschlagen oder zum Totschlagen an andre Fürsten verkaufen lassen. Vernimmst du
seit Jahrhunderten ein Wort von Empören gegen Tyrannei? von Kampf und
Blutvergiessen um Freiheit und die Rechte der Menschheit? Sie glauben sich frei,
weil es ihre Fürsten und Bischöfe sind, die sie schinden können, wie es ihnen
gefällt. Noch ist keiner von ihnen auf eine stattliche Art zur Hölle gefahren,
ein Beweis, dass dies Volk keine sich auszeichnende Köpfe hat. Ich meine von
jenen, die keck alle Verhältnisse benagen, den diamantnen Schild Eigenheit2
erkämpfen, an dem sich alle himmlische und irdische Vorurteile zerschlagen.
Zeige mir einen solchen Mann, der auf die Gefahr seiner Seele gross sein und
bleiben will, und ich fahre hinauf.
    SATAN: Leviatan, sollen Teufel sich von Vorurteilen blenden lassen wie die
Söhne des Staubs? Der Mann nach unserm Sinn wird unter jedem Himmelsstrich
geboren; dies wird er dir beweisen. Er ist einer von denen, die die Natur zum
Grossen geschaffen, mit allen heissen Leidenschaften ausstaffiert hat und die sich
gegen die alten Verträge der Menschen empören. Wenn ein solcher Geist durch
dieses Spinnengewebe reisst, so gleicht er einer Flamme, die durch ihre
Heftigkeit den Stoff ihres Glanzes nur schneller aufzehrt. Er ist einer der
Philosophen, auf Schöngeist gepfropft, die durch die Einbildungskraft fassen
wollen, was dem kalten Verstand versagt ist, und die, wenn es ihnen misslingt,
alles Wissen verlachen und den Genuss und die Wollust zu ihrem Gott machen. Fahr
hinauf, Leviatan, bald wird ein Feuer in Teutschland ausbrechen, das ganz
Europa umfassen wird. Schon schiesst der Keim des Wahnsinns auf Jahrhunderte auf,
und das, was der Teutsche einmal gefasst hat, davon lässt er nicht ab.
Die Teufel erstaunten über die Kühnheit des elenden Schatten, aber Satan, der
wegen des Balletts und Fausts Erfindung bei guter Laune war, blickte ihn gnädig
an und sagte:
    »Wer bist du, dünne Gestalt?« »Ein teutscher Doktor Juris, hochgebietender
Satan! Halte mir doch eure gestrenge Majestät zu Gnaden, wenn ich respektwidrig
meine Empfindlichkeit über die Verspottung meines Vaterlands zeigte und zugleich
merke liess, wie sehr mich das Lob Eurer Majestät ergötzte. Dürft ich es nur
untertänigst wagen, Teutschlands Verteidigung gegen den grossen und furchtbaren
Fürsten Leviatan zu übernehmen, ich bin gewiss, er würde es bald vor allen
Ländern Europas zu seinem Aufentalt erwählen.«
    Satan lächelte und sagte: »Ich vergebe dir deine Kühnheit; steige auf das
Teater und lass hören, was du zum Lobe deines Vaterlands vorzubringen hast. Es
soll mir lieb sein, wenn du die Teutschen bei dem Fürsten Leviatan in Gunst
setzest.«
    Der Doktor Juris stieg keck auf die Bühne, sah sich um und erhub seine
Stimme:
    »Vorerst, furchtbare Fürsten der Hölle, erlaubt mir, dass ich einen
allgemeinen Blick auf Teutschlands weise Verfassung werfe; gelingt mir dieses,
wie ich mir schmeichele, so will ich dann versuchen, jede Anklage des Fürsten
Leviatans Stück für Stück zu beantworten. Vergebt mir, wenn meine Beredsamkeit
dem hohen Gegenstand nicht entspricht. Noch bin ich des Dampfes, Gebrauses und
Geheuls der Hölle nicht ganz gewohnt, ich lebte auf Erden immer in der Stille
der fürstlichen Gemächer, wo keiner laut zu schreien wagt, wenn auch selbst der
Tod in der Gestalt einer peinigenden Kolik in seinen Eingeweiden wütete. Auch
ist es schwer, vor einer so gefährlichen Gesellschaft ohne Zittern und aus dem
Stegreife zu reden, doch Vaterlandsliebe besiegt selbst die Schrecken der Hölle.
Aber nur in einem Teutschen! Mögen es die Spötter merken!
    Unser geliebtes Teutschland ist, wie alle Welt weiss, eine wahre fürstliche
Republik, bestehend aus welt- und geistlichen Fürsten, Grafen, Baronen und des
Heiligen Römischen Reichs Rittern, die sich alle unter dem erhabenen Glanze
eines einzigen Oberhaupts vereinigen. Von welchem Lande kann man das sagen? Kühn
fordere ich die ganze Hölle auf, alle grosse Geister, die sie in ihrem
unendlichen Bezirk einschliesst, mir eine erhabnere Staatsverfassung zu zeigen?
Gebt euch nur die Mühe, ihr Spötter, die ihr mich mit euren Grimassen verwirren
möchtet, sie zu studieren, ihr werdet bald sehen, dass es selbst für einen Teufel
ein ungeheures Unternehmen ist, das aber freilich die Mühe reichlich lohnt. Sagt
mir, wo auf Erden glänzt das Feudalsystem3, das Meisterstück der Gewalt und des
menschlichen Verstandes, in seiner ganzen Pracht als in Teutschland? Wo hat es
sich so rein und vollkommen erhalten als in Teutschland? Darum auch ist kein
Reich auf Erden glücklicher als mein geliebtes Vaterland. Fürsten- und
Herrenrecht auf der einen Seite, auf der andern Gehorsam, wie es sein muss. Ich
habe wohl ehedem Bücher über andre Staatsverfassungen gelesen, aber sie wollen
eben nicht viel sagen. Sie sind vor Jahrtausenden geschrieben, d.i. zu einer
Zeit, wo die Staatsleute noch so kindisch waren, ein langes und breites über das
Volk und dessen Gerechtsame zu schwatzen. Wahrlich, es ist mir unbegreiflich,
wie die Alten, die doch in manchen andern Stücken einen Anschein von Verstand
haben, über diesen Punkt solchen Unsinn lehren konnten. Doch die Blinden kannten
leider das Feudalsystem nicht! und Männer, die sie Barbaren schalten, haben
dieses herrliche Gebäude auf den Trümmern des ihrigen aufgeführt. Es wäre nun
einmal Zeit, dass man diese alten Bücher auf die Seite schaffte, denn unsere
Staatsbücher entalten alles, was der Mensch zu wissen nötig hat. Ich schwöre
euch, erhabene Fürsten der Hölle, wenn mir einer von euch ausser den Rechten
benannter hoher Personen nur ein einzig Wort über das Recht des Gesindels der
Menschen in einem unserer Staatsbüchern zeigen kann, so will ich mich zu einer
brennenden Fackel drehen lassen und die Ehre haben, auf Seiner Majestät
prächtiger Tafel zu leuchten. Sollte diese Strafe meiner Vermessenheit nicht
hinreichend scheinen, so mag mich Seine hohe satanische Majestät zu dem Mönch,
der das Pulver erfunden hat - (im Vorbeigehen gesagt, auch ein teutscher - merkt
es, ihr Spötter! - Der Ewige stürzte ihn in die Hölle, weil er, anstatt für die
Erhaltung seiner Brüder zu beten, zu ihrer Zerstörung arbeitete -) so sag ich
nun - Seine Majestät soll mich, wenn ihr mir ein solches Recht aufweisen könnt,
in den Mittelpunkt der glühenden Kugel keilen lassen, den sie besagtem Mönch zum
eignen warmen Aufentalt anzuweisen geruhte, und mögen die gnädigen Herren mit
besagter Kugel und unsern hineingekeilten Seelen zum hohen Zeitvertreib den Ball
schlagen, so oft es ihnen gefällt. Ich hab an unsern Höfen gelernt, mit mir
spielen zu lassen.«
    »Bravo«, riefen die Teufel. »Ein wahrer Patriot! Nimm ihn beim Wort, Satan!«
    Satan lächelte: »Fahr fort, Doktor, du wirst nicht zu dem Mönch in die
glühende Kugel gekeilt werden, denn wir haben nie von einem solchen Rechte, wohl
aber von einem Faustrecht gehört.«
    DOKTOR JURIS: Ein vortreffliches edelmännisches Recht, das leider etwas in
Abnahme kommt.
    Die Teufel wieherten und zischten.
    DOKTOR JURIS: Wiehert nur, ihr Spötter, und schneidet mir Gesichter! die
gnädige Miene, das Huldlächeln Satans versüssen mir euren Spott. Ha, wisst nur
immer, ein Doktor Juris ist in Teutschland ein ganzer Kerl und wird ein
Edelmann, sobald er promoviert hat. Übrigens gibt ihm sein Diplom das Recht, das
Gesindel von Menschen so gut nach seiner Art zu schinden wie der Edelmann. Denn
hat bei uns der Edelmann das Faustrecht seiner Hände, so hat der Gelehrte das
weit gefährlichere Faustrecht des Verstandes. Und er nutzt dieses Recht sogar
ohne Gefahr für seine hohe Person, denn eben die Gesetze, die er gegen oder für
andere wendet und dreht, wie er will, werden ein Schild gegen jeden Angriff an
seiner klugen Brust. Daraus seht ihr zugleich, was Gelehrsamkeit für ein Ding
ist!
    SATAN: Der Mann spricht ganz wie ein Mensch und macht mir viel Freude.
Leviatan, hättest du dieses einem Teutschen zugetraut? - Es lebe Teutschland
und treibe viele deinesgleichen hervor! Es lebe das Feudalsystem!
    DIE TEUFEL brüllten: Es lebe Teutschland! Es lebe das Feudalsystem! - Den
ersten Freudenruf schrie Fürst Leviatan nicht mit.
    SATAN: Doktor, hast du noch etwas zu sagen?
    DOKTOR JURIS: Eure Majestät erlauben mir nun, dem Fürsten Leviatan auf
seine besondern Anklagen zu antworten.
    Erstlich sagt er: Ja, wenn es noch ein heisser Spanier, ein rachsüchtiger,
spitzbübischer Italiener oder ein verbuhlter Franzose wäre! Meint etwa der Herr,
wir hätten keine hervorstechende Laster? Geh er doch in unsre Klöster und an die
Höfe unsrer Fürsten oder lass ihn, Hochgebietender, nur einen kleinen Spazierritt
durch die Hölle machen und meine brave Landsleute fragen, warum sie hier sind.
Freilich nach mir muss er sie nicht beurteilen, ich hatte nicht Kraft genug, ein
grosser, kühner Sünder zu werden; aber dies kam daher, dass ich meinen Vorteil
mehr im Heucheln gewisser Tugenden fand und mich meine Frau zu tyrannisch
beherrschte. Bloss darum bin ich nun ein Mittelding unter den Verdammten.
    Zweitens sagt Fürst Leviatan, wir beugten uns sklavisch vor den Grossen und
glaubten, unsre Fürsten seien von edlerm Stoffe wie wir. Warum denn nicht? Sind
unsre Fürsten nicht vortreffliche Herren? Ein grosser Herr ist freilich ein
andres Ding als unsereiner, denn er kann wohl- und wehtun. Sollen wir etwa nicht
das Volk in diesem Wahn zu erhalten suchen, da wir feinern Leute unter ihren
schützenden Flügeln unser Hühnchen ungestört rupfen? Ist ja doch überall
Rangordnung, auf der Erde, hier in der Hölle und dem Lande, von dem ich
ausgeschlossen bin!
    Drittens sagt Fürst Leviatan, die Teutschen glaubten ganze Kerle zu sein,
wenn sie sich für ihre Fürsten totschlagen oder zum Totschlagen an andere
verkaufen liessen. Auf das erste antworte ich nicht, denn dafür sind sie da, wie
wir Juristen beweisen; aber warum sollte er sie nicht verkaufen? Verkauft nicht
jeder sein Eigentum, es sei Ochs, Rind, Pferd, Kuh, Schwein oder Kalb? Und wenn
ihm nun sein Land nicht Gold genug geben kann, es andern Fürsten in Pracht und
Aufwand gleichzutun? Doch ich schäme mich, über eine so klare Sache vor einer so
erleuchteten Versammlung, vor unsterblichen Geistern ein weiteres zu reden.
    Viertens sagt Fürst Leviatan zu Seiner Majestät: Vernimmst du seit
Jahrhunderten etwas von Empören gegen Tyrannei? Was will er mit diesem Worte
sagen? Wir kennen keine Tyrannei, unsre Fürsten sind die besten Herren von der
Welt, solang sie ihren Willen haben, das heisst, tun dürfen, was ihnen gefällt,
und mich deucht, wenn man dies nicht kann, so ist es wohl nicht der Mühe wert,
ein Fürst zu sein. Ausserdem macht es der Nation Ehre, einen Herrn zu haben, der
alles vermag und dem niemand widersprechen darf. Und warum sollten sie sich
empören? Was geht ihnen wohl ab? Sind sie nicht gekleidet, dürfen essen und
trinken, was sie bezahlen können? Erlaubt man ihnen nicht alle übrige Freuden
des Fleisches, wenn sie nur tun, was man ihnen befiehlt, und ihren Überfluss zu
Ehre des Landes hergeben? Auch ist dem Fürsten das Wort schinden entfallen. Was
soll es heissen? Das Schaf trägt Wolle, damit es geschoren werde, der Bürger und
der Bauer haben darum Hände, dass sie im Schweiss ihres Angesichts arbeiten, und
die Gelehrten, die Geistlichen, die Grossen, der Adel und die Fürsten haben darum
Verstand, für sie zu denken, zu wachen und den Gewinn ihres Schweisses zu
verzehren. Dieses alles liegt in der Natur, sehr edle Herren, und ist überall
Sitte.
    Was da fünftens Fürst Leviatan von der Eigenheit4 und ihrem diamantnen
Schilde gesprochen hat und merken liess, als wenn uns diese fehlte, so würde ich
darüber lachen, wenn es einem armen Schatten, wie ich bin, erlaubt wäre. Ei!
sind doch unsre Privilegien unsre Eigenheit, und wer die antastet, der würde
ebenso gut tun, einen schlafenden hungrigen Wolf bei den Ohren zu zupfen. Auch
sprach der Fürst Leviatan etwas von dem Rechte der Menschheit. Darauf antworte
ich nicht, denn ich habe in meinem Leben nichts davon gehört, und wenn ich, der
ich alle alte und neue Bücher gelesen habe, nichts davon weiss, wenn mir, der ich
mit den Grossen mein ganzes Leben zugebracht habe, nichts davon zu Ohren gekommen
ist, so muss wohl an dem ganzen Dinge nichts sein. Recht heisst von einer Seite
befehlen, von der andern gehorchen, und dies prägt sich den rohen Sinnen stärker
ein, wie mir einstens der Fürstbischof -
    BEELZEBUB: Hm - ein Fürstbischof! Was doch die Menschen für widersprechende
Dinge zusammensetzen.
    DOKTOR JURIS: Nicht so widersprechend, wie es scheint, Fürst Beelzebub.
Diese Begriffe hängen sich aneinander wie Herrschsucht und Demut - Frömmigkeit
und Heuchelei! -
    SATAN: Steige herunter, Doktor, ich bin zufrieden mit dir. Mir gefällt dein
Eifer. Auch mir liegt daran, dass das Feudalsystem erhalten werde, das seine
Wurzel, so wie die Wissenschaften, in meinem Reiche hat. Du sollst suchen deine
Meinung weiter unter den Menschen auszubreiten, und dazu will ich dir
Gelegenheit geben. Höre! ich befördere dich aus der Küche in das Kabinett und
schicke dich mit meinem Gesandten als Sekretär an den nahen Reichstag, dass du
dorten deine Grundsätze ausbreitest. Bringe sie geschwind zu Papier und blase
sie einem Sohne des Staubs in das Gehirn!
    - Ja, das Feudalsystem ist eine herrliche Erfindung für die Hölle. Aus
Verzweiflung fährt das Gesindel der Menschen herunter, wie der Doktor sie nennt,
und die Ungerechtigkeit und Schwelgerei sendet ihnen ihre Unterdrücker nach.
    Der Doktor Juris fiel hierauf dankbar auf den verbrannten Boden, küsste
Satans Füsse und stund triumphierend auf. Die Teufel fingen von neuem an zu
lachen und zu toben, als zum zweitenmal Fausts gebieterischer Ruf ertönte.
    Satan fuhr fort:
    »Du hörst an seinem Ruf, dass er keiner der Schwächlinge ist. So wütend hat
noch keiner an die Pforte der Hölle geschlagen, wahrlich, der Kerl ist ein
Genie. Fahre schnell hinauf, denn wenn du zögerst, so möchte er an der Kraft
seines Zaubers zweifeln und die Hölle verlöre die Früchte seines Frevels. Wisse,
ein Mann wie er ist mehr Gewinn für uns als Tausende der Schufte, die täglich
herunterfahren.«
    Zornig erwiderte der Teufel Leviatan:
    »Ich schwöre bei dem glühenden, stinkenden Pfuhl der Verdammten, der
Verwegne soll diese und die Stunde seiner Geburt verfluchen und den Ewigen einst
lästern! Er soll es büssen, dass ich um seinetwillen das mir verhasste Teutschland
betreten muss!«
    Er fuhr in Dampf gehüllt hinaus, und die frohlockende Hölle jauchzte ihm
nach.
                                       8.
Faust stund in seinem Zauberkreise wild begeistert. Zum drittenmal rief er mit
donnernder Stimme die furchtbare Formel. Die Türe fuhr plötzlich auf, ein dicker
Dampf schwebte an dem Rande des Kreises, er schlug mit seinem Zauberstab hinein
und rief gebietend:
    »Entülle dich, dunkles Gebilde!«
    Der Dampf floss hinweg, und Faust sah eine lange Gestalt vor sich, die sich
unter einem roten Mantel verbarg.
    FAUST: Langweilige Mummerei für einen, der dich zu sehen wünscht! Entdecke
dich dem, der dich nicht fürchtet, in welcher Gestalt du auch erscheinest!
    Der Teufel schlug den Mantel zurück und stund in erhabner, stattlicher,
kühner und kraftvoller Gestalt vor dem Kreise. Feurige, gebietrische Augen
leuchteten unter zwo schwarzen Braunen hervor, zwischen welchen Bitterkeit, Hass,
Groll, Schmerz und Hohn dicke Falten zusammengerollt hatten. Diese Furchen
verloren sich in einer glatten, hellen, hochgewölbten Stirne, die mit dem
Merkzeichen der Hölle zwischen den Augen sehr abstach. Eine feingebildete
Adlernase zog sich gegen einen Mund, der nur zu dem Genuss der Unsterblichen
gebildet zu sein schien. Er hatte die Miene der gefallnen Engel, deren
Angesichter einst von der Gotteit beleuchtet wurden und die nun ein düstrer
Schleier deckt.
    FAUST erstaunt: Ist der Mensch denn überall zu Hause? - Wer bist du?
    TEUFEL: Ich bin ein Fürst der Hölle und komme, weil dein mächtiger Ruf mich
zwingt.
    FAUST: Ein Fürst der Hölle unter dieser Maske? unter der Gestalt des
Menschen? Ich wollte einen Teufel haben und keinen meines Geschlechts.
    TEUFEL: Faust, vielleicht sind wir es dann ganz, wenn wir euch gleichen;
wenigstens kleidet uns keine Maske besser. Ist es nicht eure Weise, das zu
verbergen, was ihr seid, und das vorzugaukeln, was ihr nicht seid?
    FAUST: Bitter genug, und wahrer noch als bitter, denn sähen wir von aussen so
aus, wie wir in unserm Innern sind, so glichen wir dem, was wir uns unter euch
denken; doch dachte ich dich fürchterlich und hoffte meinen Mut bei deiner
Erscheinung zu prüfen.
    TEUFEL: So denkt ihr euch alle Dinge anders als sie sind. Vermutlich hast du
den Teufel mit den Hörnern und den Bocksfüssen erwartet, wie ihn euer furchtsames
Zeitalter schildert. Seitdem ihr aufgehört habt, die Kräfte der Natur anzubeten,
haben sie euch verlassen, und ihr könnt nichts Grosses mehr denken. Wenn ich dir
erschiene, wie ich bin, die Augen drohende Kometen, einherschwebend wie eine
dunkle Wolke, die Blitze aus ihrem Bauche schleudert, das Schwert in der Hand,
das ich einst gegen den Rächer zog, den ungeheuren Schild am Arm, den sein
Donner durchlöchert hat, du würdest in deinem Kreise zu Asche werden.
    FAUST: Nun, so hätte ich doch einmal etwas Grosses gesehen.
    TEUFEL: Dein Mut würde mir gefallen; aber nie seid ihr lächerlicher, als
wenn ihr erhaben zu fühlen glaubt, indem ihr das Kleine, das ihr umfassen könnt,
mit dem Ungeheuren und Grossen, das ihr nicht übersehen könnt, zusammenstellt. So
mag der Wurm den vorübergehenden Elefanten dann auch ausmessen und im
Augenblicke seine Schwere berechnen, wenn er unter seinem gewaltigen Fuss
hinstirbt.
    FAUST: Spötter! und was ist der Geist in mir, der, wenn er einmal den Fuss
auf die Leiter gesetzt hat, von Sprosse zu Sprosse bis ins Unendliche steigt? Wo
ist seine Grenze?
    TEUFEL: Vor deiner Nase, wenn du aufrichtiger sein willst, als ihr's gewohnt
seid; doch wenn du mich um dieses Schnickschnacks aus der Hölle gerufen hast, so
lass mich immer wieder abziehen. Ich kenne schon lange eure Kunst, über das zu
schwatzen, was ihr nicht versteht.
    FAUST: Deine Bitterkeit gefällt mir, sie stimmt zu meiner Lage, und ich muss
dich näher kennenlernen. Wie heissest du?
    TEUFEL: Leviatan, das ist alles, denn ich vermag alles.
    FAUST: O des Grosssprechers! Prahlen die Teufel auch?
    TEUFEL: Der Gestalt Ehre zu machen, in welcher du mich siehst. Setze mich
auf die Probe. Was verlangst du?
    FAUST: Verlangen? o des langgedehnten Worts für einen Teufel. Wenn du bist,
was du scheinen willst, so führe meine Begierden in ihrem Keimen aus und
befriedige sie, bevor sie Willen geworden sind.
    TEUFEL: Ich will deinem Sinne näherrücken. Das edle Ross beisst in die Stange,
so der Mensch, der sich Flügel fühlt, im Licht zu schweben, und den eine
tyrannische Hand in dunklen Abgrund drückt. Faust, viel ahndet dein feuriger
Geist, aber das, was du umfassen möchtest, verschwindet, und das Erhaschte ist
immer nur Schattenbild deiner eignen Gestalt.
    FAUST: Rascher!
    TEUFEL: Noch schlage ich leise an deiner Seele an, wenn ich einst deine
Sinne berühre, wirst du noch heisser auflodern. Ja, du bist einer der Geister,
die die alltäglichen Verhältnisse des Menschen verbrennen, denen das nicht
gnügt, was der Karge ihnen aufgetischt hat. Mächtig ist deine Kraft, ausgedehnt
deine Seele, kühn dein Wille; aber der Fluch der Beschränkteit liegt auf dir,
wie auf allen - Faust, du bist so gross als der Mensch sein kann.
    FAUST: Maske des Menschen, fahr in die Hölle zurück, wenn du uns auch im
Schmeicheln nachäffest!
    TEUFEL: Faust, ich bin ein Geist, aus flammendem Lichte geschaffen, sah die
ungeheuren Welten aus Nichts hervortreten, du bist aus Kot geschaffen und von
gestern her - werd ich dir schmeicheln?
    FAUST: Und doch musst du mir dienen, wenn mir's gefällt.
    TEUFEL: Dafür erwarte ich Lohn und den Beifall der Hölle; der Mensch und der
Teufel tun beide nichts umsonst.
    FAUST: Welchen Lohn erwartest du?
    TEUFEL: Ein Ding aus dir gemacht zu haben, das mir gleicht, wenn du die
Kraft dazu hast.
    FAUST: Da wär ich was Rechts! doch du kennst den Menschen schlecht für einen
so gewandten Teufel, wenn du an der Kraft desjenigen zweifelst, der es einmal
gewagt hat, aus den Banden zu springen, die die Natur so fest um unser Herz
gelegt hat. Wie sanft schienen sie mir einst, da meine Jugend die Welt und
Menschen in den schimmernden Glanz der Morgenröte kleidete. Es ist vorbei,
schwarz ist nun mein Horizont, ich stehe im halben Lauf des Lebens an dem Rande
der dunklen Ewigkeit und habe die Regeln zerrissen, die das Menschengeschlecht
in Harmonie zusammenhält.
    TEUFEL: Was schwärmst du, Faust? Harmonie, ist sie es, die den verworrnen
Tanz des Lebens leitet?
    FAUST: Schweig! ich fühle es vielleicht zum letztenmal, blicke vielleicht
zum letztenmal in die bunten, wonnevollen Gefilde der Jugend zurück. Dass der
Mensch aus diesem seligen Traum erwachen muss! dass die Pflanze aufschiessen muss,
um als Baum zu verdorren oder gefällt zu werden! Lächle, Teufel, ich war einst
glücklich. Verschwinde, was nicht mehr zu erhaschen ist. Ja, nur dann haben wir
Kraft, wenn wir dem Bösen nachjagen! Und worin bin ich gross? Wär ich's, würd ich
deiner bedürfen? Geh, tückischer Schmeichler, du willst mir nur zu fühlen geben,
wie klein ich bin.
    TEUFEL: Derjenige, der zu fühlen fähig ist, worin er schwarz ist, und den
Mut hat, das zu zertrümmern, wodurch er's ist, ist wenigstens darinnen gross.
Mehr wollt ich nicht sagen, und weh dir, wenn ich dich durch Worte aufreizen
soll.
    FAUST: Sieh mich an und sage mir, was dich mein Geist fragt, das, was ich
nicht zu sagen wage!
    Bei diesen Worten deutete Faust auf sich, dann gegen den Himmel und machte
eine Bewegung mit seiner Zauberrute gegen Auf- und Niedergang der Sonne. Er fuhr
fort:
    »Du hörst den Sturm wüten - warst, da noch nichts war -«
    Hier deutete er auf seine Brust und Stirne:
    »Hier ist Nacht, lass mich Licht sehen!«
    TEUFEL: Verwegner, ich verstehe deinen Willen und schaudere vor deiner
Kühnheit, ich, ein Teufel.
    FAUST: Elender Geist, du windest dich mit dieser Ausflucht nicht los. In
meinem glühenden Durst würd ich unternehmen, das ungeheure Meer auszutrinken,
wenn ich in seinem Abgrund das zu finden hoffte, was ich suchte. Ich bin dein -
oder dessen - noch steh ich da, wohin kein Teufel dringen kann, noch ist Faust
sein Herr!
    TEUFEL: Das warst du vor einem Augenblick noch. Dein Los ist geworfen, war
geworfen, da du diesen Kreis betratst. Wer in mein Angesicht geblickt hat, kehrt
umsonst zurück, und so verlass ich dich.
    FAUST: Reden sollst du und die dunkle Decke wegreissen, die mir die
Geisterwelt verbirgt. Was seh ich in dir? ein Ding, wie ich es bin. Ich will des
Menschen Bestimmung erfahren, die Ursach des moralischen Übels in der Welt. Ich
will wissen, warum der Gerechte leidet und der Lasterhafte glücklich ist. Ich
will wissen, warum wir einen augenblicklichen Genuss durch Jahre voll Schmerzen
und Leiden erkaufen müssen. Du sollst mir den Grund der Dinge, die geheime
Springfeder der Erscheinungen der physischen und moralischen Welt eröffnen.
Fasslich sollst du mir den machen, der alles geordnet hat, und wenn der flammende
Blitz, der diesen Augenblick durch jene schwarze Wolke reisst, mein Haupt sengte
und mich leblos in diesen Zirkel der Verdammnis hinstreckte. Glaubst du, ich
habe dich um Gold und Wollust allein heraufgerufen? Jeder Elende mag seinen
Bauch füllen und die Wollust des Fleisches stillen. - Du bebst? Hab ich mehr Mut
als du? Welche zitternde Teufel speit die Hölle aus? Und du nennst dich
Leviatan, der alles kann? - Weg mit dir, du bist kein Teufel, du bist ein
elendes Ding wie ich.
    TEUFEL: Kühner! du hast die Rache des Rächers noch nicht gefühlt wie ich.
Die Ahndung davon würde dich in Staub verwandeln, und wenn du die Kraft des
Menschengeschlechts vom ersten bis zum letzten Sünder in deiner Brust trügest.
Dringe weiter nicht in mich.
    FAUST: Ich will und bin bestimmt.
    TEUFEL: Du flössest mir Ehrfurcht und Mitleid ein.
    FAUST: Ich fordere nur Gehorsam.
    TEUFEL: So hadere mit dem, der eine Fackel in dir angezündet hat, die dich
aufbrennen muss, wenn sie die Furcht nicht ausbläst.
    FAUST: Ich habe es getan, und umsonst. Ich habe ihn um Licht angefleht, er
schwieg, ich habe ihn in finstrer Verzweiflung aufgefordert, er schwieg. Gebet
und Grimm vermögen nichts bei dem, der blinden Gehorsam, sklavische Unterwerfung
in Qual und Finsternis zum ewigen Gesetz gemacht zu haben scheint. Er peiniget
uns eben durch den Verstand, den er uns gegeben hat. Wozu eine Fackel, wenn ihre
dampfende Glut den Irrenden nur blendet? Sie leuchte mir einmal helle auf dem
dunklen Wege und verbrenne mich dann, wenn es so sein muss. Gehorche, und
schnell!
    TEUFEL: Unzubefriedigender! Nun, so wisse, dass auch der Teufel seine Grenzen
hat. Seitdem wir gefallen sind, haben wir die Vorbildung der erhabenen
Geheimnisse bis auf die Sprache, sie zu bezeichnen, verloren. Nur die
unbefleckten Geister jener Welt vermögen sie zu denken und zu besingen.
    FAUST: Glaubst du mich durch eine listige Wendung in dem zu täuschen,
wornach mein Gaumen so lüstern ist?
    TEUFEL: Tor, um mich an dir zu rächen, wünscht ich dir mit den glänzenden
Farben des Himmels das zu schildern, was du verloren hast, und dich dann der
Verzweiflung überlassen. Wüsst ich auch mehr, als ich weiss, kann die Zunge, aus
Fleisch gebildet, dem Ohr, aus Fleisch gebildet, fasslich machen, was ausser den
Grenzen der Sinne liegt und der körperlose Geist nur begreift?
    FAUST: So sei ein Geist und rede! Schüttle diese Gestalt ab!
    TEUFEL: Wirst du mich dann vernehmen?
    FAUST: Schüttle diese Gestalt ab, ich will dich als Geist sehen.
    TEUFEL: Du sprichst Unsinn - nun, so sieh mich - ich werde sein und dir
nicht sein; ich werde reden, und du wirst mich nicht verstehen.
    Nach diesen Worten zerfloss der Teufel Leviatan in helle Flamme und
verschwand.
    FAUST: Rede und entülle die Rätsel.
    Wie der sanfte West über die beblümte Wiese hinstreicht und die sanften
Blüten leise küsst, so säuselte es an der Stirne und den Ohren Fausts. Dann
verwandelte sich das Säuseln in ein steigendes, anhaltendes, rauschendes
Rasseln, das dem rollenden Donner, dem Zerschlagen der Wogen an der Brandung,
dem Geheule und Gesause in den Felsenklüften glich. Faust sank in seinem
Zauberkreis zusammen und erholte sich mühsam.
    FAUST: Ha, ist dies die Sprache der Geister, so verschwindet mein Traum und
ich bin getäuscht und muss knirschen in der Finsternis. So hätt ich nun meine
Seele um die Sünde der H - i verkauft, denn dies wäre alles, was mir dieser
kupplerische Geist noch leisten könnte. Eben das, warum ich die Ewigkeit aufs
Spiel setzte! Erleuchtet, wie nie einer es war, gedacht ich unter die Menschen
zu treten und sie mit meinem Glanze zu blenden wie die jung aufgehende Sonne.
Der stolze Gedanke, ewig als der Grösste in den Herzen der Menschen zu leben, ist
hin, und ich bin elender als ich war. Ich soll mit den übrigen Söhnen des Staubs
in der Finsternis knirschen, an der Kette der Notwendigkeit nagen und weder mich
noch sie von dem eisernen Joche befreien. Ha, wo bist du, Gaukler, dass ich meine
Wut an dir auslasse?
    TEUFEL in seiner vorigen Gestalt: Hier bin ich. Ich sprach, und du vernahmst
den Sinn meiner Worte nicht. Fühle nun, was du bist: zur Dunkelheit geboren, ein
Spiel der Zweifel. Dir kann nicht werden, was dir nicht werden soll. Ziehe
deinen Geist von dem Unmöglichen ab und halte dich an das Fassliche. Du wolltest
die Sprache der Geister vernehmen, hast sie vernommen und sankst betäubt hin
unter ihrem Schall.
    FAUST: Reize nur meinen Zorn, und ich will dich mit meiner Zauberrute bis zu
Tränen geisseln, dich an den Rand meines Kreises fesseln und meinen Fuss auf
deinen Nacken setzen; ich weiss, dass ich es kann.
    TEUFEL: Tu es, und die Hölle wird deines Zorns lachen. Für jede Träne soll
einst die Verzweiflung die Tropfen deines Bluts aus deiner verwegnen Stirne
drücken, und die Rache soll die Waage halten, sie abzuwägen.
    FAUST: Pfui des Wahnsinns, dass ein edles Geschöpf sich mit einem von
Ewigkeit Verworfnen abgibt, der nur Sinn zum Bösen hat, nur im Bösen beistehen
kann!
    TEUFEL: Pfui des Ekels, einen Menschen anhören zu müssen, der dem Teufel
vorwirft, dass er Teufel ist und nicht mit der Schattengestalt Tugend prahlt wie
einer von euch!
    FAUST: Prahlt? Taste nur noch den moralischen Wert des Menschen an, wodurch
er sich den Unsterblichen nähert und der Unsterblichkeit würdig macht.
    TEUFEL: Ich will dir zeigen, was daran ist.
    FAUST: Ich denke wohl, dass du es kannst. Kann es doch jeder von uns, der
seine Schlechtigkeit zum allgemeinen Massstab der Menschen macht und Tugenden
verdächtig macht, die er nie in seiner Brust gefühlt hat. Wir haben Philosophen
gehabt, die hierinnen längst dem Teufel vorgegriffen haben.
    TEUFEL: Besser wäre es für dich gewesen, du hättest nie einen gelesen, dein
Kopf würde gerader und dein Herz gesünder sein.
    FAUST: Verdammt, dass der Teufel immer recht hat!
    TEUFEL: Ich will dir anschaulich machen, wovon deine Philosophen schwatzen,
und die Wolken vor deinen Augen wegblasen, die Stolz, Eitelkeit und Selbstliebe
zusammengetrieben und so schön gefärbt haben.
    FAUST: Wie das?
    TEUFEL: Ich will dich auf die Bühne der Welt führen und dir die Menschen
nackend zeigen. Lass uns reisen, zu Wasser, zu Land, zu Fuss, zu Pferde, auf dem
schnellen Winde, und das Menschengeschlecht mustern. Vielleicht, dass wir die
Prinzessin entzaubern, um welche schon so viele tausend Abenteurer die Hälse
gebrochen haben.
    FAUST: Topp! Ziehen wir durch die Welt; ich muss mich durch Genuss und
Veränderung betäuben, und lange hab ich mir einen weitern Kreis zum Bemerken
gewünscht als mein eignes tolles Herz. Lass uns herumziehen, und ich will dich
Teufel zwingen, an die Tugend der Menschen zu glauben. Nur der Glaube an den
moralischen Wert des Menschen war es, der mir die peinliche Finsternis zuzeiten
erleuchtete. Nur er war es, der meine quälende Zweifel auf Augenblicke
besänftigte. Ja, lächle nur, du sollst mir wahrlich gestehen, dass der Mensch der
Augapfel dessen ist, den ich nun nicht mehr nennen darf.
    TEUFEL: Dann will ich als Lügner zur Hölle fahren und dir den Bundbrief
zurückgeben, den du heute mit deinem Blute unterzeichnen wirst. Wenigstens wirst
du auf der grossen Schaubühne der Welt deutlicher einsehen, wie viel Anteil der
an euch und euren Qualen nimmt, dessen Augapfel du so stolz den Menschen nennst.
Bei dem schnellen Pfeil des Todes! eine edle Behandlung für den Günstling eines
so mächtigen Herrn. Wenn eure Fürsten den Beweis ihrer Einsetzung von ihm
dahineinsetzen, dass sie es euch zur Gnade anrechnen, euch in dem von ihnen
zugerichteten Elend leben zu lassen, so haben sie so ganz unrecht eben nicht.
Komm und mache mich zum Lügner!
    FAUST: Dass ich dem Teufel doch traute, der mir sein höllisches Gepfusch für
Machwerk der Menschen verkaufen möchte. Wie, lächelt der Spötter?
    TEUFEL: Den Mönchsgedanken hätte ich hinter dem Manne nicht gesucht, der so
lange mit der Philosophie gebuhlt hat; doch darin gleicht ihr euch alle, die
Weisen und die Toren: was der Sinn nicht fassen kann, lösen Stolz und Eigenliebe
zu ihrem Vorteil auf. Sieh da, zwei Worte, bös und gut, die ihr zu Begriffen
stempeln möchtet, denn wenn ihr die Worte einmal habt, so glaubt ihr auch schon
den leeren Schall zum Gedanken geprägt zu haben. Da ihr nun damit nicht fertig
zu werden wisst, so haut ihr, um der Plackerei loszuwerden, nach eurer Weise
hindurch, und natürlich ist das Gute euer eignes Machwerk und das Böse das
Gepfusch des Teufels. So müssen wir arme Teufel nun Tag und Nacht herumreiten,
um das Herz und die Einbildungskraft dieses oder jenes Schuftes zu einem
sogenannten Schurkenstreich zu reizen, der ohne dies wohl ein ganzer Kerl
geblieben wäre. Faust! Faust! tausend Dinge sucht der Mensch in den Wolken und
ausser sich, die in seinem Busen und vor seiner Nase liegen. Nein, ich will auf
unsern Zügen nichts hinzutun, es sei denn, dass du es von mir forderst. Alles,
was du sehen wirst, sei Menschenwerk. Du wirst bald einsehen, dass die des
Teufels nicht brauchen, die so schnell eilen, ihre elende Schatten zu ihm zu
fördern.
    FAUST: Und dies wäre nun alles, was du mir leisten könntest?
    TEUFEL: Ich will dich von Stufe zu Stufe führen; haben wir diese Bahn
durchlaufen, so wird sich schon eine andre Szene öffnen. Lerne erst kennen, was
so nah mit dir verwandt ist, dann steige aufwärts. - Die Schätze der Erde sind
dein - du gebietest meiner Macht - du träumst - du wünschest -
    FAUST: Das ist etwas.
    TEUFEL: Nur etwas, Unersättlicher? du sollst mich, den Teufel, zu
Beförderung der Absichten zwingen können, die ihr gut und edel nennt, die Folgen
davon sollen deine Ernte und der Lohn deines Herzens Gewinn sein.
    FAUST: Das wäre mehr, wenn es kein Teufel sagte.
    TEUFEL: Wer kann sich rühmen, den Teufel zu guten Werken gezwungen zu haben.
Lass diesen Gedanken nur immer dein Herz aufschwellen. - Faust, tritt aus deinem
Kreise!
    FAUST: Noch ist es nicht Zeit.
    TEUFEL: Fürchtest du mich? Ich sage dir, du sollst das Stundenglas deiner
Zeit nach Gefallen zerschlagen! Faust, ich fülle den Becher des Genusses für
dich, voll und rauschend - so ward er noch keinem Sterblichen gefüllt. Deine
Nerven sollen ablaufen, bevor du den Rand beleckt hast. Zähle den Sand am Meere,
dann magst du die Zahl der Freuden zählen, die ich hier auf den Boden vor dich
schütte.
    Hierauf stellt er einen Kasten voll Gold vor den Kreis. Alsdann geht die
Gestalt der Bürgermeisterin und ein Zug blühender Schönen vorüber.
    FAUST: Teufel, wer hat dir den Weg zu meinem Herzen gezeigt?
    TEUFEL: Ich heisse Leviatan, habe dich und deine Kraft gewogen. Achtest du
dieses? Er schüttet aus einem Sacke Ordensbänder, Bischofsmützen, Fürstenhüte
und Adelsdiplome auf den Boden.
    Kenn ich doch Fausten besser! Genuss und Wissen sind seine Götter, werdet,
was ihr seid! Sie wurden Staub und Kot.
    Ist dies nicht der Weg zu dem Herzen aller Menschen? Nur um der Dinge
willen, die ich dir hier zeigte, um des Bauches, der Lust und des Emporsteigens,
arbeitet ihr mit Händen und dem Verstand. Lass die Toren im Schweiss ihres
Angesichts, unter der Erschöpfung ihrer Geisteskräfte darum arbeiten und geniesse
ohne Mühe und Sorge, was ich dir auftische. Morgen führe ich dir die
Bürgermeisterin zu, wenn dir es so gefällt.
    FAUST: Wie wirst du es machen?
    TEUFEL: Mein Probstück. Nimm hin, und ich will dir mehr sagen. Tritt aus dem
Kreise! Bist du doch wie betrunken!
    FAUST: Ich möchte mich vernichten um eines Gedanken willen.
    TEUFEL: Der heisst?
    FAUST: Dass ich mich nur darum mit dir verbinden soll.
    TEUFEL: Dass doch der Mensch immer springen will! Lerne mich erst kennen, und
wenn ich dich nicht sättigen kann, so kehre zur Armut, zur Verachtung und deiner
nüchternen Philosophie zurück. Tritt aus dem Kreise!
    FAUST: Die Wut des Löwen brüllt aus mir, und wenn sich unter meinem Fuss die
Hölle öffnete - ich springe über die Grenzen der Menschheit. Er sprang aus dem
Kreise. Ich bin dein Herr.
    TEUFEL: Solange deine Zeit rollt. Ich fasse einen grossen Mann an der Hand
und bin stolz darauf, sein Diener zu sein.
 
                                  Zweites Buch
                                       1.
Den folgenden Morgen kam der Teufel Leviatan in dem Gepränge und mit dem
Gefolge eines grossen Herren, der inkognito reiset, vor Fausts Gastof. Er stieg
von seinem prächtig gezierten Pferde und fragte den Wirt, ob der grosse Mann
Faust bei ihm wohnte. Der Wirt beantwortete die Frage mit einer tiefen
Verbeugung und führte ihn ein. Der Teufel trat zu Faust und sagte zu ihm in
Gegenwart des Wirts:
    Sein Ruhm, sein grosser Verstand und seine herrliche Erfindung hätten ihn
bewogen, einen weiten Umweg auf seiner Reise zu machen, um einen so merkwürdigen
Mann, den die Menschen vermöge ihres Blödsinns verkennten, genau kennenzulernen
und sich, wenn es ihm gefiele, seine Begleitung auf einer vorhabenden grossen
Reise durch Europa auszubitten. Er mache ihn übrigens ganz zum Herrn der
Bedingungen, denn er könnte seine Gesellschaft nicht zu teuer erkaufen.
    Faust spielte seine Rolle in dem Sinne des Teufels, und der Wirt eilte
hinaus, den Vorfall dem ganzen Hause bekanntzumachen. Das Gerücht davon breitete
sich in ganz Frankfurt aus. Schon war die Meldung von der Ankunft des vornehmen
Fremden von der Hauptwache an den regierenden Bürgermeister eingelaufen und
setzte den ganzen hochedlen und hochweisen Magistrat in Bewegung. Alle liefen,
als triebe sie der Satan nach dem Römer5, liessen alle wichtige Staatssachen
liegen und ratschlagten über die Erscheinung. Der älteste Schöppe, ein
Patrizier, hatte sich vorzüglich auf die Deutung der Erscheinungen am
politischen Horizont gelegt und sich dadurch ein gewaltiges Übergewicht in dem
Senat erworben. Er drückte sein fettes Kinn in Falten, seine enge Stirne in
Runzeln, zog Besorgnis in seine kleinen Augen und versicherte die wohlweisen
Beisitzer:
    Dieser vornehme Fremde sei niemand anders als ein heimlicher Abgesandte
Seiner Kaiserlichen Majestät (ein fürchterlicher Name für jeden Reichsstand),
den man nach Teutschland geschickt hätte, die Lage, Verhältnisse, Uneinigkeit
und Verbindung der Fürsten und Reichsstädte zu beobachten, damit sein hoher Hof
bei Eröffnung des vorstehenden Reichstags wissen möchte, wie er sich benehmen
müsste, seine Absichten durchzusetzen. Da nun der Kaiserliche Hof auf ihre
Republik immer ein sehr wachsames Auge hätte, so müsste man streben, diesen
vornehmen Gast von dem feurigen Eifer, den man für das hohe Kaiserliche Haus
empfände, zu überzeugen, und ihn ja nicht abziehen lassen, ohne ihn dem Staat zu
gewinnen. Man müsste hierin den klugen Senat von Venedig zum Vorbilde nehmen, der
keine Gelegenheit verabsäumte, denen am meisten Freundschaft und Ehre zu
bezeugen, die er zu betrügen gesonnen sei.
    Die untergeordneten Geister des Rats versicherten, der Schöppe habe wie der
Doge von Venedig selbst gesprochen; aber der Bürgermeister, der ein heimlicher
Feind des Schöppen war (denn dieser, weil er die demokratische Regierungsform
als ein wahrer Patrizier ebenso sehr hasste wie ein Fürst die Republiken, pflegte
bei jedem widrigen Vorfall laut zu sagen: »So geht es, wenn man Krämer zu
Staatsleuten macht«), warf ihm schnell eine Tonne hin:
    »Wahr, rühmlich und trefflich, wohlweise Herren, scheint mir alles, was
unser staatskluger Schöppe soeben vorgebracht hat, würde auch ebenso gewiss zum
Zweck führen als, im Vorbeigehen gesagt, der Handel einen Staat blühender und
reicher macht wie ein fauler, stolzer Adel, wenn wir nur nicht alles durch einen
einzigen Umstand verdorben hätten. Ich rühme mich nun freilich nicht des tiefen
politischen Blicks des Schöppen, der jeden Sturm von weitem ausspäht; aber doch
hätt ich diesen, es sei nun aus Zufall oder Überlegung, glücklich beschworen.
Ihr werdet euch alle erinnern, dass ich euch bei jeder Ratssitzung zusetzte,
diesen Faust nicht so schnöde zu behandeln und ihm seine lateinische Bibel für
die kleine Summe abzunehmen. Ja sogar meine Frau, die doch nur ein Weib ist, wie
es andre Weiber sind, hielt es für ratsam; denn ob wir gleich diese lateinische
Bibel weder brauchen noch verstehen, so hätte man sie doch wegen der
schöngemalten Anfangsbuchstaben und der sonderbaren Erfindung als ein Kleinod
nach der Goldnen Bulle zeigen und die Fremden damit herbeilocken können. Auch
ziemte es sich, dass ein freier und reicher Staat die Künste beschützt und ihnen
fortilft; aber ich weiss wohl, was euch im Sinne gelegen, die Eifersucht und der
Neid, ihr konntet es nicht ertragen, dass mein Name dadurch unsterblich würde. Es
riss euch allen in den Bäuchen, dass die Nachkommenschaft einstens in der Chronik
lesen sollte: sub consulatu *** hat man Fausten von Mainz eine lateinische Bibel
für zweihundert Goldgulden abgekauft. Nun mögt ihr auch austrinken, was ihr
eingegossen habt, und man sagt nicht umsonst: Wie man bettet, so liegt man, wie
man schmiert, so fährt man. Der Faust ist teufelmässig wild und scheint mir
tückischer Gemütsart, ich sah es ihm gestern abend ab. Nun ist der Kaiserliche
Gesandte bloss seinetwillen hierher gereist, gar bei ihm abgestiegen, findet in
dem einen grossen Mann, den wir als einen Schuhputzer herumgehudelt haben - der
wird's euch nun einbrocken beim Kaiserlichen Gesandten - ja, ja, er wird ihm
schon den Floh ins Ohr setzen, und all unser Hofieren und Grimassieren wird zu
weiter nichts nützen, als uns vor den Bürgern zu Narren zu machen. Wer den
Karren in Dreck geschoben, mag ihn auch wieder herausziehen, ich wasche meine
Hände wie Pilatus und bin unschuldig an Israels Verderben und Blindheit.«
    Es erfolgte ein tiefes Schweigen. Die blutige Schlacht bei Kanna, die Rom
den Untergang drohte, hatte den römischen Senat nicht so erschreckt als diese
kritische Lage den edlen Magistrat von Frankfurt. Schon siegte der Bürgermeister
in stolzem Geist, schon glaubte er den Schöppen völlig aus dem Sattel gehoben zu
haben, als dieser seine politische Weisheit und Heldenkraft sammelte, dem
sinkenden Staat zu Hülfe eilte, mit starker Stimme ad majora rief und trotzig
vorschlug:
    Sogleich eine Gesandtschaft aus dem Rat nach der Herberge zu schicken, den
vornehmen Gast zu bewillkommen und Fausten vierhundert Goldgulden für seine
lateinische Bibel zu überbringen, um ihn dem Staate günstig zu machen.
    Der Bürgermeister spottete darüber, dass man nun vierhundert Goldgulden für
ein Ding gäbe, das man gestern vielleicht für hundert hätte haben können; seine
Spötterei diente zu nichts, der Vorteil des Vaterlands schlug sie nieder. »Salus
populi suprema lex!« schrie der Schöppe und trug dem Bürgermeister mit
Bewilligung des Rats auf, den Gesandten und Fausten auf Kosten des Staats
köstlich zu bewirten.
    Dieser Umstand beruhigte den Bürgermeister, der gern seinen Pracht und
Reichtum zeigte, ein wenig über seinen Fehlschuss auf den Schöppen, und der
Zusatz »auf Kosten des Staats« versetzte ihn in die beste Laune.
                                       2.
Die jüngsten Ratsherren mit einem der vier Syndiken machten sich auf den Weg,
und der Bürgermeister schickte nach Hause, Anstalten zum Schmause zu machen. Der
Teufel Leviatan war eben mit Fausten in einem tiefen Gespräche verwickelt, als
ihnen die Gesandtschaft angemeldet ward. Man liess sie ein. Sie bewillkommten im
Namen des Senats in aller Demut den vornehmen Gast und gaben ihm durch eine
feine Wendung zu verstehen, dass ihnen sowohl seine hohe Person als seine
wichtigen Aufträge bekannt wären, und versicherten ihn mit zierlichen Worten von
ihrem Eifer für das Kaiserliche hohe Haus. Der Teufel verzerrte das Gesicht,
wandte sich zu Fausten, fasste ihn an der Hand und versicherte die Redner, dass
ihn nichts in ihre Mauern geführt hätte, als ihnen diesen grossen Mann zu
entwenden, den sie, wie er nicht zweifle, zu schätzen wüssten. Die Abgesandten
wurden etwas verwirrt, fassten sich aber bald wieder und fuhren fort:
    Es freue sie höchlich, dass sie ihm auf der Stelle einen Beweis von der
Achtung des Magistrats für einen so grossen Mann geben könnten. Sie hätten den
angenehmen Auftrag, Fausten vierhundert Goldgulden für seine lateinische Bibel
auszuzahlen, bäten ihn, sie gefälligst anzunehmen und ihnen dieselbe als ein
Kleinod zu übergeben. Auch würde sich der hochweise Magistrat für glücklich
halten, ihn, wenn es ihm gefiele, unter ihre Bürger zählen zu können und ihm
dadurch den Weg zum Ruhm und der Ehre zu öffnen.
    Diesen letzten Umstand setzten sie aus eigner politischen Weisheit hinzu,
ein Beweis, dass sie sich als geschickte Unterhändler der Umstände, die man nicht
vorsieht, zu bedienen wussten.
    Faust fuhr zornig auf, stampfte auf den Boden und schrie:
    »Lügnerisches Gepack, hab ich euch nicht lange genug gefuchsschwänzt, vom
stolzen Patrizier bis zu dem Schuhmacher und Pfefferkrämer, denen ihr den
Ratsherrnkragen um die Hälse hängt wie dem Esel die Halfter, und ihr habt mich
an eurer Schwelle stehen lassen und kaum eines Blicks gewürdigt. Nun ihr hört,
dass der gnädige Herr hier mich für den Mann hält, den ihr nicht in mir sehen
konntet, so kommt ihr, mir den Fuchsschwanz zu streichen. Seht, hier ist Gold,
wofür ihr gern das Heilige Römische Reich verkaufen würdet, wenn ihr nur einen
Narren finden könntet, der den ungeheuren Rumpf ohne Kopf, Sinn und Verbindung
kaufen möchte.«
    Den Teufel freute Fausts Zorn und die Scham der jungen Senatoren höchlich;
sie aber, die die Geschichte der Römer nie gelesen hatten, waren nicht so hohen
und feurigen Sinns, um gleich eine Kriegserklärung aus ihrem zusammengefaltnen
Ratsherrnmantel gegen Fausten hinzuschütten, sie brachten im Gegenteil die
Einladung zu dem Schmause bei dem Bürgermeister mit einem so muntern Tone vor,
als wenn gar nichts geschehen wäre. Ein neuer Beweis von ihrer Geschicklichkeit
im Unterhandeln; hätten sie zum Beispiel den Schimpf beantwortet, so würden sie
dadurch eingestanden haben, sie verdienten ihn, da sie ihn aber ganz platt auf
die Erde fallen liessen, mir nichts, dir nichts, so ward er kraftlos und erhielt
die Farbe eines unbilligen Vorwurfs. Nur Genies sind fähig, so etwas im
geltenden Augenblick aufzufassen, zu unterscheiden und auszuführen.
    Bei dem Worte Bürgermeister spitzte Faust die Ohren, und der Teufel gab ihm
einen bedeutenden Seitenblick. Faust nahm hierauf die Bibel aus seinem Kasten,
übergab sie den Senatoren und sagte gefällig:
    Da er nun sähe, dass sie zu leben wüssten, ob man sie gleich dazu zwingen
müsste, so mache er der Stadt mit seiner Bibel ein Geschenk, sie möchten sie
fleissig lesen und den Spruch, den er hier unterstreiche und deutsch auf den Rand
schreibe, dem versammelten Rat zeigen und ihn zu seinem Andenken mit goldnen
Buchstaben an die Wand der Ratsstube schreiben.
    Die Senatoren gingen so vergnügt nach dem Römer zurück als Gesandten, die
nach einem schlechten Krieg einen guten Frieden nach Hause bringen. Sie wurden
mit grosser Freude empfangen, man schlug die bemerkte Stelle auf und las:
    Und siehe, es sassen die Narren im Rat, und die Toren ratschlagten im
Gerichte.
    Man verschluckte die bittre Pille, weil der vermeinte Schatten der
Kaiserlichen Majestät in der Gestalt des Teufels ihnen allen die Mäuler band,
tröstete sich mit den ersparten vierhundert Goldgulden und wünschte sich
wechselsweis viel Glück, so gut aus einem so schlimmen Handel gekommen zu sein.
Den Abgesandten wurde öffentlich gedankt, und schade ist's, dass ihre Namen nicht
auf die Nachwelt gekommen sind. Da sie endlich von dem reichen Geldkasten Fausts
sprachen, so fuhr der Glanz des Goldes wie ein Wetterstrahl durch alle Seelen,
und jeder entwarf im stillen einen Plan, wie es anzufangen, sich den Mann zum
Freund zu machen. Der Schöppe schrie, man müsste ihn zum Bürger machen, ihm Sitz
und Stimme im Rat geben, die Politik erfordere, dass man Herkommen und Gesetz
übertrete, wenn es der Vorteil des Vaterlandes wäre etc.
    Faust machte indessen einen Spaziergang mit dem Teufel; aber sie fanden die
Leute des Orts so flach und albern, nach einem so engen Leisten zugeschnitten,
sahen so unbedeutende, nichts versprechende Gesichter, als sie nur immer die
Nürnberger, als Damen und Herren aufgeputzt, für den Christmarkt schnitzeln
können. Den einzigen Trieb, den sie ihnen ablauerten, war Neugierde, Geld- und
Gewinnsucht, ein beschränkter Kaufmannsgeist, der es nicht wagt, sich ins Grosse
auszudehnen. Der Teufel sagte gähnend zu Faust:
    »Ängstlich, Faust, fühlt der Reichsstädter, und ängstlich fährt er zur
Hölle, hier ist keine Ernte für den Mann von Geist, lass uns abfahren, wenn du
die Bürgermeisterin dahin gebracht hast, wo du sie haben willst.«6
                                       3.
Die Glocke schlug zur Mahlzeit. Der Teufel und Faust setzten sich auf prächtig
geputzte Pferde und ritten, von einem grossen Gefolge begleitet, an das sich ein
langer Zug gaffenden Pöbels hing, zu dem regierenden Bürgermeister. Sie traten
in den Versammlungssaal. Der ganze Magistrat erwartete sie und beugte sich vor
ihnen bis auf die Erde. Der regierende Bürgermeister bewillkommte sie mit einer
Rede, stellte ihnen die Ratsglieder und die Weiber der Vornehmsten vor, die ihre
geistlosen Gestalten so prächtig herausgeputzt hatten, dass ihre Steifheit und
Ungewandteit nur um so auffallender wurde. Sie starrten alle wie eine Herde
Gänse und konnten sich an Leviatans Putze nicht satt sehen. Die
Bürgermeisterin, eine Leipzigerin, ragte allein unter ihnen hervor wie eine
Oreade. Ihr war der Blick Fausts so wenig entgangen als seine vermögende Gestalt
und sein geistvolles Gesicht. Sie errötete, da er sie bewillkommte, und fand
keine andre Antwort auf seine Anrede als einen Blick voller Verwirrung, den
Fausts Herz wie die süsste Harmonie verschlang. Die Senatoren spannten ihren Witz
an, den Gästen zu hofieren, und man setzte sich zur wohlbedienten Tafel. Nach
Tische nahm der Teufel den Bürgermeister in ein besondres Kabinett, ein Umstand,
der diesem ausserordentlich schmeichelte und allen übrigen, besonders dem
Schöppen, ein Dolchstich war.
    Der Bürgermeister, vom Weine erhitzt, von der Ehre, die ihm der vermeinte
Kaiserliche Gesandte erwies, berauscht, erwartete in gebeugter Stellung und mit
hervorragenden starren Augen seinen Antrag. Der Teufel bezeugte ihm in sanftem
Tone, wie schmeichelhaft ihm die gute Aufnahme des Bürgermeisters sei und wie
sehr er wünschte, sich ihm dankbar zu erweisen, setzte hinzu, er führe eine
Anzahl Adelsbriefe bei sich, mit kaiserlicher Unterschrift bekräftigt,
verdienstvolle Männer zu belohnen, und er wollte ihm gern den ersten erteilen,
wenn -
    Freude, Entzücken, Erstaunen schossen durch des Bürgermeisters Geist, er
stund vor dem Teufel mit weit aufgesperrtem Munde, stammelte endlich: »Wenn?
Was? Wie? Oh -« Und der Teufel raunte ihm ganz leise ins Ohr:
    Sein Freund Faust sei ganz unsinnig in die schöne Bürgermeisterin verliebt,
um seinetwillen würde er alles tun, und wenn die Bürgermeisterin sich auf einige
Augenblicke mit Fausten entfernen wollte, das bei dem Geräusche eines Schmauses
so leicht wäre, so sollte er ihr den Adelsbrief zustellen.
    Hiermit verliess ihn der Teufel, ging zu Fausten, unterrichtete ihn und
stellte ihm den Adelsbrief zu, seiner Sache gewiss. Faust zweifelte, und der
Teufel lachte seiner Zweifel.
    Der Bürgermeister stund in seinem Kabinett wie versteinert. Der plötzliche
Glanz eines unerwarteten Glücks hatte sich durch die hässliche Bedingung so
verfinstert, dass der Reiz desselben schon verschwinden wollte, als auf einmal
der Stolz in seine Seele blies:
    »Ho! ho!« sagte dieser, »auf eine so auszeichnende Art zum Edelmann geprägt
zu werden! dadurch deinen stolzen Feinden gleich zu werden und deine Stimme im
Rat zu erheben wie eine Posaune! unter sie zu treten wie ein Mann, den seine
Kaiserliche Majestät, seiner Verdienste wegen, über alle und vor allen erheben
will!«
    Ein andres Gefühl lispelte leise:
    »Hu! hu! mit Willen und Wissen ein Hahnrei zu werden -« »Aber wer weiss es?«
antwortete der Verstand. »Und was ist nun an dem ganzen Ding, ich erhalte ein
wirkliches Gut und leihe dafür eins, das längst keinen Reiz mehr für mich hat.
Das Übel sitzt nur in der Meinung, und es wird ein Geheimnis zwischen mir und
meiner Frau bleiben. Und wenn es gar seine Kaiserliche Majestät erführe, dass ich
diese hohe Ehre ausgeschlagen - Im Grund, kann ich wohlfeiler zum Edelmann
kommen? Wird es nicht ein Nagel am Sarge des Schöppen werden? Und was werden die
Bürger nicht sagen, wenn sie sehen, dass seine Kaiserliche Majestät mich so zu
schätzen weiss? Werde ich mich nicht der ganzen Regierung bemächtigen und es
allen denen vergelten, die mich beleidigt haben? Ho! ho! Bürgermeister, sei kein
Narr! die Gelegenheit hat nur an der Stirne Haare, hinten ist sie kahl. Greife
zu! Der Mann ist nur das, was er in den Augen der Welt scheint. Wer sieht es dem
Edelmann an, wie er's geworden ist - aber meine Frau, die wird sich dagegen
setzen, ich kenne schon die sächsische Ziererei« -
    In diesem Augenblick trat sie herein, um zu erfahren, was der vornehme Herr
ihm allein vertraut hätte. Er sah sie schalkhaft, doch etwas verlegen an:
    »Wie, Mäuschen, wenn ich dich heute noch zur Edelfrau machte?«
    SIE: Schätzchen, so würden alle Weiber der bürgerlichen Ratsherren aus Neid
vergehen, und die Frau des Schöppen würde an ihrem trocknen Husten zur Stunde
für Ärgernis sterben.
    ER: Das würde sie gewiss, und ich könnte ihren stolzen Mann unter mich
bringen; aber, Mäuschen, du sollst dich selbst dazu machen, und mich obendrein.
    SIE: Seit wenn machen die Weiber ihre Männer zu Edelleuten, mein Schatz?
    ER: Wer weiss, mein Kind, wie viele es so geworden sind - erschrecke nur
nicht - Da ist der verwünschte Faust, dem hast du es angetan.
    Die Bürgermeisterin errötete, er fuhr fort:
    »Nur um seinetwillen will mich der Gesandte zum Edelmann machen, und er soll
dir den Adelsbrief unter vier Augen übergeben. Du verstehst mich schon. Hm, was
denkst du davon?«
    SIE: Stille, stille, mein Schatz, ich denke, dass uns, wenn der Kaiserliche
Gesandte einem andern aus dem Rat die Bedingung vertraute, die Gelegenheit
entwischen wird.
    ER: Verzweifelt, Mäuschen, lass uns eilen, dass uns keiner zuvorkomme.
    Die Gesellschaft hatte sich indessen in dem Garten zerstreut, der
Bürgermeister schlich hinter dem Faust her und sagte ihm leise ins Ohr, es würde
seiner Frau eine Ehre sein, den Adelsbrief aus seinen Händen zu empfangen, nur
möchte er sich ohne Aufsehen auf der Hintertreppe, die er ihm zeigen wollte, zu
ihr begeben, er denke übrigens, es sei nur eine Grille von ihm, und er fürchte
nichts von einem Manne, der so viel Ehrgefühl und Gewissen zeigte. Er führte ihn
hierauf zur Hintertreppe, Faust schlich hinauf, trat in das Schlafzimmer und
fand die Bürgermeisterin in der wollüstigsten Verwirrung. Er raste an ihrem
schwellenden Busen seine Glut aus und schlug den Bürgermeister zum Ritter des
Heiligen Römischen Reichs. Sie von ihrer Seite glaubte sich nicht dankbar genug
bezeigen zu können und fragte am Ende, ob in Zukunft mehr dergleichen
Formalitäten nötig wären. Hierauf überbrachte sie ihrem Gemahl heimlich den
Adelsbrief, und sie verabredeten, ihn bei dem Abendessen in einer verguldeten
und verdeckten Schüssel auftragen zu lassen, um den Gästen durch die unerwartete
Entdeckung einen desto peinlichern Schlag beizubringen. Der Teufel, dem der
Bürgermeister seinen Plan mitteilte, fand ihn vortrefflich; Faust aber raunte
ihm ins Ohr: »Ich befehle dir, dem Schufte, der sein Weib um des Wahns
prostituiert hat, und dem ganzen hochweisen Magistrat einen recht tückischen
Streich zu spielen, um mich an allen den Schafsköpfen auf einmal zu rächen, die
mich so niederträchtig herumgezerrt haben!«
                                       4.
Man sass beim Abendessen, die Becher gingen wacker herum, als auf einmal der
Teufel befahl, die verdeckte Schüssel, die die Neugierde der Anwesenden so lange
gefoltert hatte, zu öffnen. Dann nahm er den Adelsbrief von der Schüssel,
überreichte ihn dem Bürgermeister mit den Worten: »Würdiger Herr, Seine Majestät
der Kaiser, mein Herr, geruhet, Euch durch diesen Adelsbrief um Eurer Treue und
Verdienste willen zum Ritter des Heiligen Römischen Reichs zu schlagen. Ich
fordere Euch auf, aus Dankbarkeit und Pflicht nie in dem Eifer für das hohe
Kaiserliche Haus zu erkalten, und bringe Euch, Herr Ritter, die erste Gesundheit
zu!«
    Diese Worte rollten wie der Donner in den Ohren der Gäste. Der Betrunkne
ward nüchtern, der Nüchterne betrunken, den Weibern zitterten die von Zorn
blauen Lippen beim Glückwunsch, der Schlag traf den Schöppen, er sass ohne
Bewegung auf dem Stuhl, und sein Weib war nah, an ihrem trocknen Husten zu
ersticken. Die Furcht zwang indessen die übrigen, vergnügte Gesichter zu zeigen,
und man trank unter lautem Vivat des neuen Ritters Gesundheit. Während dem
Geräusche füllte auf einmal ein dünner Nebel den Saal. Die Gläser fingen an auf
dem Tische herumzutanzen. Die gebratnen Gänse, die Enten, Hühner, Spanferkel,
Kälber-, Schafs- und Ochsenbraten schnatterten, krähten, grunzten, blökten,
brüllten, flogen über dem Tische und liefen auf dem Tische. Der Wein trieb in
blauen Feuerflammen aus den Flaschen. Der Adelsbrief brannte loh zwischen den
Fingern des bebenden Bürgermeisters und ward zu Asche. Die ganze Gesellschaft
sass da, verwandelt in possierliche Masken einer tollen Faschingsnacht. Der
Bürgermeister trug einen Hirschkopf zwischen den Schultern, alle die übrigen,
Weiber und Männer, waren mit Larven aus dem launigen Reiche der grotesken und
bizarren Phantasie geziert, und jeder sprach, schnatterte, krähte, blökte,
wieherte oder brummte in dem Tone der Maske, die ihm zuteil geworden. Dieses
machte ein so tolles Konzert, dass Faust dem Teufel gestund, das Stückchen mache
seiner Laune Ehre. Der Schöppe allein, unter der Maske eines Pantalons, sass
leblos da, und seine Frau wollte unter der Gestalt einer Trutenne ersticken.
Nachdem sich Faust lange genug an dem Spuk ergötzt hatte, gab er dem Teufel
einen Wink, und sie fuhren zum Fenster hinaus, nachdem der letztere für diesmal
den gewöhnlichen Gestank der Hölle hinterlassen hatte.
    Nach und nach verschwand der Spuk, und als die weisen Herren morgens in der
Ratsstube erschienen, war nichts mehr davon übrig als obiger Spruch, der in
glühenden Buchstaben an der Wand brannte und den man notgedrungen mit einer
eisernen Türe bedeckte und nur jedem neuen Ratsmitglied unter dem Siegel der
Verschwiegenheit als ein Staatsgeheimnis zeigte. Von allen diesem sagt nun die
Geschichte oder, welches in Teutschland einerlei ist, die Chronik nicht ein
Wort, und nun glaube ihr einer.
    Der Bürgermeister gewann wenigstens so viel bei dem Handel, dass der Schöppe
gelähmt blieb und weiter nicht mehr im Rat erschien.
    Zu merken: In dem Augenblick, da die Stadt Frankfurt der Reformation
beitrat, vertilgte der Teufel diese glühende Inschrift, und es ist keine Spur
mehr davon zu sehen. Die Ursach davon liegt in der Rede des Satans. Man bemerkt
diesen Umstand neugieriger Reisenden wegen und gibt ihnen den Wink, in Frankfurt
nur nach der Goldnen Bulle zu fragen.
                                       5.
Der Teufel Leviatan und Faust fuhren über die Stadtmauern weg, und als sie sich
auf dem flachen Felde befanden, sandte ersterer einen Geist nach dem Wirtshause,
die Rechnung zu berichtigen und Fausts Gerätschaft zu bringen. Darauf wandte er
sich zu Faust und fragte ihn, wie er mit seinem Probstück zufrieden sei.
    FAUST: Hm, will der Teufel gelobt sein? so! so! Es freut mich übrigens, dass
du ihnen etwas angehängt hast; aber nie hätte ich's hinter dem ernstaften
Schuft gesucht, dass er sein Weib um des Wahns willen prostituieren würde.
    TEUFEL: Nur weiter, Faust, bald wirst du dich überzeugen, dass dieses die
Gotteit ist, die ihr anbetet und die ihr unter allerlei glänzenden Gestalten
ausgeputzt habt, ihre Blösse zu verstecken. Man hört dir noch immer an, dass du
dich mit den Büchern abgegeben und auf leerem Stroh gedroschen hast; freilich
nicht der Weg zu dem Herzen der Menschen. Die Schuppen werden dir schon nach und
nach von den Augen fallen. In deinem Vaterland ist übrigens nicht viel zu tun.
Möncherei, Scholastik, Prügeleien der Edelleute, Menschenhandel der Fürsten mit
ihren Untertanen, Bauernschinderei, das ist euer Getreibs. Ich muss dich auf eine
Bühne führen, wo die Leidenschaften etwas freier würken und wo man zu grossen
Zwecken grosse Kräfte anwendet.
    FAUST: Und ich will dich zwingen, an den moralischen Wert des Menschen zu
glauben, bevor wir mein Vaterland verlassen, wenn wir sagen können, dass wir eins
haben. Nicht ferne lebt ein Fürst, den ganz Teutschland als ein Muster der
Tugend und Gerechtigkeit preist, diesen wollen wir besuchen und belauschen.
    »Topp«, sagte der Teufel, »ein solcher Mann könnte auch mir um der
Seltenheit gefallen.«
    Der Geist kam mit Fausts Gerätschaften an, sie schickten ihn nach Mainz
voraus, um in einer Herberge Quartier zu bestellen. Faust wollte aus geheimen
Absichten, die der Teufel roch, bei einem Eremiten an der Homburger Höhe
übernachten, der weit und breit im Geruch besondrer Heiligkeit stund. Sie
erreichten um Mitternacht die Einsiedelei und klopften an. Der Eremit öffnete
ihnen, und Faust, der die reichen Kleider des Teufels umgeworfen hatte,
entschuldigte die Dreistigkeit, die Ruhe eines so heiligen Mannes unterbrochen
zu haben, mit dem Vorwand, sie hätten sich auf der Jagd verspätet und ihr Gefolg
ausser einem Diener verloren. Der Eremit sah zur Erde und sagte seufzend:
    »Derjenige, der dem Himmel lebt, darf der gefährlichen Ruhe nicht pflegen.
Ihr habt mich nicht gestört, und wollt Ihr ausruhen bis zum Aufgang der Sonne,
so lasst es Euch gefallen, wie Ihr es findet. Wasser, Brot und Stroh zum Lager
ist alles, womit ich Euch dienen kann.«
    FAUST: Bruder Eremit, wir haben das Nötige bei uns, und ich bitte dich nur
um einen Trunk Wasser.
    Der Eremit nahm seinen Krug und ging nach der Quelle.
    FAUST: Ich denke, in seinem Herzen wohnt Ruhe wie auf seiner Stirne, und
preise ihn glücklich, dass er das nicht kennt, was mich dir verbunden hat. Ihm
ist Glauben und Hoffnung Ersatz für alles das, um deswillen ich der Verdammnis
zueile; so scheint es wenigstens.
    TEUFEL: Und scheint auch nur; wie, wenn ich dir bewiese, dass dein Herz rein
wie Gold gegen das seinige ist?
    FAUST: Teufel!
    TEUFEL: Faust, du warst arm, verkannt, verachtet und sahest dich mit deinen
grossen Fähigkeiten im Staub; du bist der Verachtung als ein kraftvoller Mann,
auf Gefahr deines eigenen Selbsts, entsprungen und warst nicht fähig, deine Not
mit dem Mord eines andern zu enden, wie dieser Heilige es tun würde, wenn ich
ihn in Versuchung führte.
    FAUST: Merke ich doch den listigen Teufel! Ich darf dir nur befehlen, deine
Kunststücke auszuüben, und du wirst die Sinne dieses Gerechten so verwirren, dass
er Taten unternimmt, die seinem Herzen fremd sind.
    TEUFEL: Ist denn eure Tugend und Frömmigkeit ein so zerbrechliches Ding, dass
keiner daran schlagen darf, ohne sie zu zertrümmern? Seid ihr nicht stolz auf
euren freien Willen und schreibt durch ihn eure Taten eurem eignen Herzen zu?
Ihr seid alle Heilige, wenn euch nichts in Versuchung führt. Nein, Faust, ich
will nichts hinzusetzen und seinen Sinnen nur den Köder zeigen, um sein Herz zu
prüfen. Braucht der Teufel in euch hineinzukriechen, da ihr durch eure Sinne
gestimmt werdet?
    FAUST: Und wenn dir's nicht gelingt, glaubst du, ich würde deine Pfuscherei
ungestraft lassen?
    TEUFEL: Nun, so sollst du mir zur Strafe einen ganzen Tag von der Tugend der
Menschen vorprahlen. Lass sehen, ob ihn dieses reizt.
    Eine mit leckern Speisen und mit feurigen Weinen besetzte Tafel erschien in
der Mitte der Einsiedelei. Der Eremit trat herein und stellte leise das Wasser
vor Faust, entfernte sich in einen Winkel, ohne der üppigen Tafel zu achten.
    FAUST: Nun, Bruder Eremit, wir haben aufgetischt, lasst es Euch nicht zweimal
sagen und greift zu. Unbeschadet Eures heiligen Rufs mögt Ihr mitschmausen, denn
auf Eurer Stirne lese ich, dass es Eurem Herzen gelüstet. Kommt, einen Becher zu
Ehren Eures Schutzheiligen. Wie heisst er?
    EREMIT: Der heilige Georg.
    FAUST: Er soll leben!
    TEUFEL: Ho, ho, Bruder Eremit, der heilige Georg von Kappadozien, das war
mir ein ganzer Kerl, und wenn Ihr den zum Muster nehmt, so werdet Ihr gut dabei
fahren. Ich kenne seine Geschichte recht gut und will sie Euch zu Eurer Erbauung
mit kurzen Worten erzählen. Er war der Sohn sehr armer Leute und in einer
elenden Hütte Ciliciens geboren. Als er heranwuchs, fühlte er früh seine Gaben
und öffnete sich durch Schmeichelei und Niederträchtigkeit und Kuppelei die
Häuser der Grossen und Reichen. Diese verschaften dem dienstfertigen Manne aus
Dankbarkeit eine Lieferung für die Armee des griechischen Kaisers. Er stahl aber
dabei auf eine so grobe Art, dass er bald flüchtig werden musste, um nicht gehenkt
zu werden. Hierauf schlug er sich zu der Sekte der Arianer und machte sich als
ein offner Kopf bald zum Meister des dunklen, unverständlichen Wirrwarrs der
Teologie und Metaphysik. Um diese Zeit vertrieb der arianische Kaiser
Constantius den gut katolischen und heiligen Atanasius vom bischöflichen Sitze
Alexandriens, und der Kappadozier ward von einem arianischen Synod auf den
bischöflichen Stuhl gesetzt. Hier war Euer Georg nun in seinem Elemente, er
schwelgte und liess sich gut sein; da er aber durch Ungerechtigkeit und
Grausamkeit die Gemüter seiner Untergebenen bis zur Verzweiflung trieb, schlugen
sie ihn endlich tot und führten seine Leiche auf einem Kamel im Triumph durch
die Strassen Alexandriens. Seht, so ward er ein Märtyrer, Euer und Engellands
Schutzheiliger.
    EREMIT: Die Legende sagt nichts davon.
    FAUST: Ich glaub es wohl, Bruder, denn um der Wahrheit willen müsste sie
eigentlich der Teufel schreiben.
    Der Eremit segnete sich.
    FAUST: Ist Essen und Trinken eine Sünde?
    EREMIT: Es kann dazu reizen.
    TEUFEL: Dann müsst Ihr schwach sein und schlecht mit dem Himmel stehen. Kampf
und Versuchung ist der Triumph des Heiligen.
    EREMIT: Der Herr hat recht; aber nicht alle sind Heilige.
    FAUST: Seid Ihr glücklich, Bruder?
    EREMIT: Ruhe macht glücklich und ein gutes Gewissen selig.
    TEUFEL: Auch Ruhe reizt zur Sünde, und mehr als Speis und Trank; woher nehmt
Ihr das?
    EREMIT: Die Bauern bringen mir des kümmerlichen Lebens Unterhalt.
    FAUST: Und was tut Ihr für sie?
    EREMIT: Ich bete für sie.
    FAUST: Gedeiht es ihnen?
    EREMIT: Ich hoffe, und sie glauben es.
    TEUFEL: Bruder, Ihr seid ein Schelm.
    EREMIT: Beleidigungen der sündigen Welt sind dem Gerechten nötige
Züchtigung.
    TEUFEL: Warum seht Ihr nicht aufwärts? Warum errötet Ihr? Nun denkt einmal,
ich verstünde die Kunst, auf des Menschen Angesicht zu lesen, was in seinem
Herzen spukt.
    EREMIT: Desto schlimmer für Euch, Ihr werdet Euch selten in Gesellschaft
freuen.
    TEUFEL: Ho! ho! wisst Ihr doch das? Er sah nach Faust.
    EREMIT: Es ist eine sündige Welt, in der wir leben, und weh ihr, wenn
Tausende nicht in die Einsamkeit eilten, ihr Leben dem Gebet weihten, um die
Rache des erzürnten Himmels von dem Haupt der Sünder abzuwenden.
    FAUST: Guter Bruder, Ihr schlagt Euer Gebet ziemlich hoch an; und glaubt mir
nur, es ist noch immer leichter zu beten als zu arbeiten.
    TEUFEL: Hört doch, Ihr habt da einen Zug um den Mund, der Euch zum Heuchler
stempelt, und Eure Augen, die in einem so engen Kreise herumlaufen und immer
gegen den Boden gekehrt sind, sagen mir, dass sie überzeugt sind, sie würden zu
Verrätern Eures Herzens, wenn sie aufblickten.
    Der Eremit hub die Augen gen Himmel, betete mit gefaltnen Händen und sprach:
»So antwortet der Gerechte dem Spötter.«
    FAUST: Genug! kommt, Bruder, und lasst es Euch gut mit uns sein.
    Der Eremit war nicht zu bewegen, Faust sah den Teufel höhnisch an, der es
noch höhnischer erwiderte. Auf einmal öffnete sich schnell die Türe, und eine
junge Pilgerin fuhr atemlos herein. Als sie sich von ihrer Furcht und ihrem
Schrecken erholt hatte, erzählte sie, wie sie ein Ritter verfolgt hätte, dem sie
so glücklich gewesen zu entwischen und sich bei dem frommen Eremiten zu retten.
Man bewillkommte sie freundlich und entdeckte eine blühende, wollüstig gebildete
Schönheit in ihr, die dem heiligen Antonius selbst den Sieg über das Fleisch
würde schwer gemacht haben. Sie setzte sich zu dem Teufel, nahm bescheiden Teil
an dem Mahl, und der Teufel nahm sich Freiheiten mit ihr heraus, die anfangs den
Eremiten empörten, endlich verwirrten, und da der Teufel in einem Augenblick
ihren milchweissen, vollen, schimmernden und hebenden Busen aufdeckte, ihre
schwarze Haare darüber rollten, so fühlte er das glühende Feuer der Lust von
diesem Busen so heiss in den seinen hinüberfliessen, dass er beinahe vergass,
dagegen zu kämpfen. Die Pilgerin riss sich beschämt und zornig aus den Armen des
Teufels, um Schutz bei dem Eremiten zu suchen, den er ihr vermöge seines Rocks
nicht versagen konnte.
    Der Teufel und Faust stellten sich trunken und zum Schlafe geneigt; ehe sie
sich niederwarfen, steckte der Teufel vor des Eremiten Augen einen schweren
Beutel voll Gold unter die Streu, legte seine und Fausts reiche Ringe in eine
Schachtel, die letzterer zu sich nahm. Auf den Tisch legten sie ihre Schwerter
und Dolche, warfen sich nieder und schnarchten.
    Die Pilgerin nahte leise dem Tische, goss mit ihrer niedlichen und
schneeweissen Hand einen Becher voll schäumenden Weins. Sie kostete den Rand mit
ihrem reizenden, frischen Munde und reichte ihn dem Eremiten dar. Er stund da
wie betäubt, und in der Verwirrung leerte er diesen und einige folgende aus und
verschluckte gierig die Leckerbissen, die ihm die Zauberin, einen nach dem
andern, in den Mund steckte. Hierauf zog sie ihn hinaus, bat ihn unter Tränen um
Vergebung, dass sie gezwungen seine heilige Augen beleidigt hätte; tat dabei so
wehmütig und untröstlich, fasste seine Hände so warm, liess sich endlich vor ihm
auf die Knie nieder, und da in diesem Augenblick ihre Brust sich öffnete und der
silberne Mond ihren schimmernden Busen erleuchtete, der leise Wind ihre
schwarzen Locken darauf hin und her bewegte, so erwachte das Gefühl der
unterdrückten Natur so stürmend in dem Eremiten, dass er an diesen blendenden
Busen sank, ohne zu wissen, wie ihm geschah. Die Pilgerin führte ihn unmerklich
von einer Stufe der Lust zu der andern, und da er eben hoffte, sich seinem
Wunsche zu nahen, so lispelte sie ihm leise ins Ohr, sie würde ewig die seinige
sein, wenn er sie zuvor an diesen Frechen rächen und sich ihres Schatzes
bemächtigen wollte, durch dessen Besitz sie beide ein seliges, wollüstiges Leben
bis an ihr Ende führen könnten.
    Der Eremit erwachte ein wenig aus seinem Taumel und fragte sie zitternd, wie
sie das verstände und was sie an ihn forderte.
    Unter üppigen Küssen, wollüstigen Seufzern lispelte sie ihm noch leiser ins
Ohr, indem sie ihren heissen Busen gegen sein schlagendes Herz drückte: »Ihre
Dolche liegen auf dem Tische, du ermordest den einen, ich den andern, kleidest
dich in ihr Gewand, bemächtigest dich ihres Schatzes, wir stecken die
Einsiedelei an und fliehen nach Frankreich.«
    Der fürchterliche Gedanke des Mords schauderte durch die Sinne des Eremiten,
die Wollust raste in seinem Herzen, er strauchelte, wankte, blickte auf die
Reize der Zauberin, fühlte sich in ihrem Besitz, sah, dass er sie und den Schatz
ohne Gefahr erhalten könnte, alle vorige Empfindungen verschwanden, und er
vergass den Himmel und seinen Beruf. Die Pilgerin stiess den Taumelnden in die
Zelle, er fasste einen Dolch, sie den andern, wollte den Streich gegen Fausten
führen, der Teufel erhub ein Hohnlachen der Hölle, und Faust sah den Eremiten
mit gezücktem Dolche an seiner Seite knien.
    FAUST: Verdammter, der du unter der Larve der Frömmigkeit deine Gäste
ermorden willst!
    Der Eremit sank bebend zur Erde. Die Pilgerin, eine Gaukelei der Hölle,
zeigte sich ihm in fürchterlicher Gestalt und verschwand.
    Faust befahl dem Teufel, die Hütte anzustecken und sie mit dem Heuchler zu
verbrennen. Der Teufel gehorchte frohlockend, und die Einsiedelei brannte auf.
Den folgenden Morgen wehklagten die Bauern über den Tod des Gerechten, sammelten
seine Knochen und verehrten sie als Reliquien des frommen Eremiten.
                                       6.
Faust und der Teufel kamen morgens in Mainz an und stiegen bei Fausts Wohnung
ab. Sein junges Weib fiel ihm mit einem hellen Freudenschei um den Hals, herzte
ihn und brach dann in wehmütige Tränen aus. Die Kinder hingen sich lärmend an
seine Knie, durchsuchten begierig seine Taschen, ob er ihnen etwas mitgebracht.
Der alte graue Vater nahte sich mit zitternden Knien und reichte dem Sohn
traurig die Hand. Fausts Herz bewegte sich, er fühlte seine Augen nass, er bebte
und sah zornig nach dem Teufel. Als er seine Frau fragte, warum sie weinte,
antwortete sie schluchzend: »Ach sieh doch, Faust, wie die Hungrigen in deinen
Taschen nach Brot suchen, wie kann ich dies ohne Tränen ansehen! sie haben lange
nichts gegessen, wir waren so unglücklich, alle deine Freunde haben uns
verlassen, aber nun ich dich wiedersehe, ist mir, als erblickte ich das
Angesicht eines Engels. Ich und dein Vater haben noch mehr um dein- als um
unsertwillen gelitten. Wir hatten so fürchterliche Träume und Erscheinungen;
wenn sich meine von Tränen müden Augen schlossen, sah ich dich gewaltsam von uns
gerissen und alles war so finster und schreckend -«
    FAUST: Dein Traum, Liebe, geht einesteils in Erfüllung. Sieh, dieser Herr
will die Verdienste deines Mannes belohnen, den sein hartes Vaterland misskannte
und verstiess. Ich habe mich ihm verbunden, eine lange und weite Reise mit ihm zu
machen.
    DER ALTE FAUST: Mein Sohn, bleibe im Lande und nähre dich redlich, sagt die
Schrift.
    FAUST: Und sterbe Hungers, ohne dass man sich deiner erbarmt, sagt die
Erfahrung.
    Die Mutter jammerte noch kläglicher, die Kleinen schrien um Brot. Faust
winkte dem Teufel, der einen Diener heraufrief, welcher bald darauf einen
schweren Kasten hereinschleppte. Faust öffnete den Kasten und warf einen
schweren Sack voll Gold auf den Tisch. Da er den Sack aufmachte und das Gold
schimmerte, verbreitete sich Heiterkeit auf die traurigen Gesichter. Hierauf zog
er schöne Kleider und Kleinodien aus dem Kasten und übergab sie seinem Weibe.
Die Tränen verschwanden, die Eitelkeit leckte sie weg wie die Sonnenhitze den
Tau, und Munterkeit goss sich über das Angesicht des jungen Weibs. Der Teufel
lächelte, und Faust murrte in seinen Bart: »O Zauber des Golds! Magie der
Eitelkeit! ich kann nun wegreisen, ohne dass es andre Tränen als Tränen der
Verstellung kosten wird. - Nun, Weib, sieh, dies sind die Früchte meiner Reise,
sag, ist es nun besser, dass ich im Lande mit euch allen darbe?«
    Die junge Frau hörte nichts, sie stund mit den schönen Kleidern und
Kleinodien vor dem Spiegel und versuchte alle die Herrlichkeiten. Die kleinen
Mädchen hüpften um sie herum, bewunderten sie, nahmen die Putzstücke, die sie
weglegte, und ahmten die Mutter nach. Indessen brachte ein Diener ein volles
Frühstück, die Kleinen fielen darüber her, schrien und jauchzten. Die Mutter
hatte den Hunger vergessen.
    Fausts Vater sagte seinem Sohn leise: »Hast du dies alles auf eine redliche
Art erworben, so lass uns Gott danken, mein Sohn, und des Bescherten geniessen.
Ich habe seit einigen Nächten schreckliche Gesichter und Ahndungen gehabt, doch
ich hoffe, sie kommen von unserm Kummer her.«
    Diese Anmerkung des Alten wollte tief in Fausts Seele sinken; aber die
Freude, seine Kinder so gierig und vergnügt essen zu sehen, zu bemerken, wie
freundlich und dankbar sein ältester Sohn und Liebling nach ihm blickte, der
Gedanke, ihrem Elend abgeholfen zu haben, der Missmut über das Vergangene, der
innere Zug nach Genuss dämpften die Aufwallung. Der Teufel legte noch eine Summe
zu dem Golde, beschenkte die junge Frau mit einem edlen Halsschmuck, gab jedem
der Kinder etwas und versicherte die Familie, er würde Fausten reich, gesund und
glücklich zurückbringen.
                                       7.
Faust ging hierauf mit dem Teufel zu einem Freund, den er in grosser Betrübnis
antraf. Er fragte ihn um die Ursache seiner Traurigkeit, und er antwortete ihm,
dass diesen Mittag der ihm bekannte Prozess abgeurteilt würde, und er wäre gewiss,
ihn zu verlieren, so sehr auch das Recht auf seiner Seite sei. »Meister Faust«,
setzte er hinzu, »mir bleibt nichts übrig, als zu betteln oder mich in den Rhein
zu stürzen, wo er am tiefsten ist.«
    FAUST: Wie könnt Ihr gewiss sein, dass Ihr den Prozess verliert, da das Gesetz
für Euch ist?
    FREUND: Aber die fünfhundert Goldgulden meines Widersachers sind gegen mich,
und da ich ihn nicht überbieten kann, so muss ich zugrund gehen.
    FAUST: Liegt's nur an dem? kommt und führt mich zu Eurem Richter. Ich habe
hier einen Freund, der solchen Nöten gern abhilft.
    Sie fanden in dem Richter einen aufgeblasnen stolzen Mann, der einen armen
Klienten kaum eines Blicks würdigte. Faust kannte ihn längst für das, was er
war. Der Richter fuhr Fausts Freund verdriesslich an: »Was quält Ihr mich, wisst
Ihr doch, dass Tränen die Gerechtigkeit nie bestechen?«
    Der gebeugte Freund sah demütig zur Erde.
    FAUST: Gestrenger Herr, da habt Ihr recht, Tränen sind auch nur Wasser und
beissen nur das Auge dessen, der sie weint; aber doch wisst Ihr, dass mein Freund
das Recht für sich hat.
    RICHTER: Meister Faust, Ihr seid mir als ein Mann bekannt, der Hab und Fahrt
verprasst und eine lose Zunge hat. Was kümmern seine Tränen die Gerechtigkeit?
Recht und Gesetz sind zweierlei; hat Euer Freund das erste für sich, so hat er
darum noch nicht das zweite.
    FAUST: Ihr sagt, Recht und Gesetz sind zweierlei, ungefähr wie Richter und
Gerechtigkeit, meint Ihr doch?
    RICHTER: Meister Faust, ich sagte Euch, Ihr seid mir bekannt -
    FAUST: Wir betrügen uns vielleicht einer in dem andern, wohlweiser Herr;
aber lohnt's doch der Mühe nicht, den Mohren weiss waschen zu wollen. Er machte
die Türe auf, der Teufel trat ein. Hier ist ein Freund, der Euch ein Dokument
vorlegen wird, das, wie ich hoffe, der Sache meines Freundes eine bessere Wendung
geben soll.
    Als der Richter den reich gekleideten Teufel sah, nahm er eine freundlichere
Miene an und bat sie alle, niederzusetzen.
    FAUST: Wir können es im Stehen abtun. Zu dem Teufel. Zeigt doch das Dokument
vor, das wir ausgefunden haben.
    Der Teufel zählte bis zu fünfhundert Goldgulden, dann hielt er innen.
    RICHTER: Das Dokument ist nicht übel, meine Herren; doch die Gegenpartei hat
längst eins von gleichem Gewicht eingegeben.
    FAUST: So müssen wir die Gründe für uns schwerer machen. Der Teufel zählte
bis tausend, dann hielt er innen.
    RICHTER: In der Tat, diesen Umstand hatt ich ganz übersehen, und solchen
Beweisen ist nicht zu widerstehen.
    Er raffte das Gold zusammen und verschloss es in seinen Schrank.
    FAUST: Ich hoffe doch, Recht und Gesetz sind nun einverstanden.
    RICHTER: Ihr versteht die Kunst, Meister Faust, die ärgsten Feinde
auszusöhnen.
    Faust, den die Schlechtigkeit des Richters ebenso sehr beleidigte wie seine
Grobheit, lispelte dem Teufel beim Weggehen ins Ohr: »Räche die Gerechtigkeit an
diesem Bösewicht!«
    Hierauf trennte er sich von seinem Freunde, ohne seinen Dank abzuwarten,
ging weiter mit dem Teufel, seine Schulden zu bezahlen. Besuchte dann seine
übrigen Freunde, gab überall mit vollen Händen, selbst denen, die ihn im Unglück
verlassen hatten, und fühlte sich glücklich, seiner angebornen Grossmut und
Freigebigkeit ohne Mass und Einschränkung den Zügel schiessen lassen zu können.
Der Teufel, der weitersah und bemerkte, wie er ohne alle Überlegung wegwarf,
freute sich der Folgen.
                                       8.
Sie kamen nach dem Gastofe. Faust, dem nun das Betragen seiner Frau wieder
einfiel, war mürrisch und betroffen, er konnte es ihr nicht vergeben, dass ihr
weiter keine Klagen über seine Entfernung entfahren seien, nachdem sie das Gold
und die Kleinodien gesehen hatte. Er glaubte sich bisher mehr von ihr geliebt
als alle Schätze der Erde und dachte, sie würde dieselben um seinetwillen fahren
lassen. Diese Bemerkung über eine ihm so nahe Person machte einen widrigen
Eindruck auf sein Herz. So strenge richtet und schliesset nur der, den sein
eignes Herz verurteilt, als Faust diesen Augenblick in seinem Innern tat. Der
Teufel merkte, wo es ihn drückte, liess ihn gern an diesen düstern Gedanken
zerren, damit er das süsse Band, worin ihn die Natur noch leise gefesselt hielt,
ganz zerreissen möchte. Er sah mit innigem Genusse die schreckliche Qual, die
einst daraus entspringen würde, wenn die Zukunft alle die Ungeheuer entüllen
sollte, womit der verwegne Faust sie zu füllen auf dem Wege war.
    Mittags speisten sie mit einigen Äbten und Professoren an der Wirtstafel,
die zur Ergötzung des Teufels bald in einen heftigen Streit über die Nonne Klara
gerieten. Noch war das Kriegsfeuer in aller Stärke, der Parteigeist raste in
allen Häusern, und die Streiter am Tische gebärdeten sich so wütend, sagten über
den bekannten Fall so tolle Sachen, dass Faust alle übele Laune vergass. Als aber
ein Doktor der Teologie behauptete, es sei möglich, dass der Teufel sein Spiel
so weit getrieben hätte, die Nonne durch den Traum in gewisse Umstände zu
versetzen, brach der Teufel in ein brüllendes Lachen aus, und Fausten fuhr der
Gedanke durch den lüsternen Sinn, sich auf eine schreiende Art an dem Erzbischof
zu rächen, der seiner Erfindung so wenig geachtet. Er hoffte dadurch den
Gegenstand des teologischen und politischen Haders und Zweikampfs in Mainz so
zu verwirren, dass kein menschlicher Geist dieses Chaos mehr auseinanderwickeln
sollte. Er bedachte nicht, dass er ihm dadurch ein Ende machte. Nach Tische
befahl er dem Teufel, ein Mittel auszusinnen, dass er diese Nacht unter der
Gestalt des Dominikaners bei der Nonne Klara liegen könnte. Der Teufel
erwiderte, es sei ein leichtes, und wenn es ihm gefiele, so sollte ihn die
Äbtissin selbst iss die Zelle der Nonne führen. Faust spottete des Teufels, denn
die Äbtissin war ihm als eine fromme, strenge und gewissenhafte Frau bekannt.
    TEUFEL: Faust, dein Weib erhub ein Zetergeschrei, als du ihr deine Reise
ankündigtest; aber da der Schimmer des Goldes und des Putzes in ihre Augen
strahlte, lachte das Herz des Kummers. Ich sage dir, die Äbtissin soll dich in
die Zelle der Nonne führen, und ich will keine übernatürliche Mittel gebrauchen.
Du selbst sollst Zeuge sein, wie die alte Vettel in die Angel beissen wird. Komm,
wir wollen ihr unter der frommen Gestalt zweier Nonnen einen Besuch machen. Ich
kenne die Lage der Klöster, die Gesinnungen der Nonnen und Mönche in Teutschland
genau, um sie vorstellen zu können. Ich will die Äbtissin der schwarzen Nonnen
vorstellen und du ihre Freundin, die Schwester Agate.
    In diesem Augenblick kam Fausts Freund voller Freude, ihm die Nachricht von
dem glücklichen Ausgang seines Prozesses zu überbringen. Er wollte Fausten und
dem Teufel danken, Faust aber sagte: »Ich entlasse Euch alles Danks und empfehle
Euch meine Familie in meiner Abwesenheit.« Der Teufel lächelte über sein
Zutrauen. Faust raunte diesem ins Ohr: »Es ist Zeit, denke des Richters!«
                                       9.
Der Richter wollte nachmittags seinem geliebten Weibe die tausend Goldgulden des
Teufels vorzählen, zog sehr hastig die Schublade heraus und fuhr bei ihrem
Anblick bebend zurück. Die Goldstücke hatten sich in Mäuse und grosse Ratten
verwandelt, die alle herausfuhren und wütend nach seinem Gesicht und seinen
Händen sprangen. Der Richter, der von Natur einen grossen Abscheu gegen diese
Tiere hatte, floh aus der Stube, sie ihm nach und hingen sich an seine Ferse. Er
stürzte zu dem Hause hinaus, lief durch die Strassen, das Ungeziefer verfolgte
ihn. Er rannte aufs Feld, sie liessen nicht ab. So trieben sie den Angstvollen
bis in den steinernen Mautturm im Rhein. Hier dachte er das Ende ihrer
Verfolgung gefunden zu haben; aber Ratten und Mäuse aus der Hölle scheuen das
Wasser nicht. Sie schwammen hindurch, fielen über ihn her und frassen ihn
lebendig auf. Von dieser Zeit an nennte man diesen Turm den Mäuseturm. Seine
Frau erzählte in der Bestürzung die Geschichte der Verwandlung der Goldstücke,
wodurch sich ihr unglücklicher Mann hätte verblenden lassen, und seit diesem
Vorfall hat man im ganzen Erzstift Mainz kein Beispiel erlebt, dass sich ein
Richter oder Advokat hätte bestechen lassen. Der Teufel muss dieses nicht bedacht
haben, sonst hätte er gewiss den Spuk bleiben lassen.
                                      10.
Der Teufel und Faust stunden verwandelt und vermummt in dem Kreuzgang des
Nonnenklosters. Die Pförtnerin lief voraus, was sie konnte, der Äbtissin den
vornehmen Besuch anzukündigen. Die Äbtissin empfing sie mit allen den
frömmelnden Klosterbegrüssungen, die der Teufel in gleichem Tone beantwortete.
Man trug Zuckergebacknes und feine Getränke auf, schnatterte von
Klostergeschichten, von der argen Welt, und der Teufel lenkte seufzend die
Unterredung auf Klaras Geschichte. Klärchen, die vermöge ihrer Verwandtschaft
das Schosskind des Klosters war, stund neben der Äbtissin und lächelte unter
ihrem Schleier. Faust bemerkte das Lächeln, verschlang sie mit den Augen und
freute sich des bevorstehenden Abenteuers, denn nie dünkte ihn, einen reizendern
Schalk unter dem heiligen Schleier gesehen zu haben. Der Teufel gab dem
Gespräche eine ernste Wendung und liess die Äbtissin merken, er hätte ihr
wichtige Sachen zu vertrauen.
    ÄBTISSIN zu Klara: Lämmchen, Ihr könnt nun zu den Nonnen in Garten gehen und
Euch ergötzen. Ich will Euch, des vornehmen Besuches der Äbtissin zu Ehren,
Zuckergebacknes schicken, dass Ihr den Tag ihres Besuchs feiern mögt.
    Klärchen sprang weg. Nach einigen Worten, wobei der Teufel sehr bedenklich
und ängstlich tat, um die Äbtissin zu reizen, in ihn zu setzen, fing er an,
seinem Zwecke näherzukommen.
    TEUFEL: Ach, liebe Schwester, wie sehr bedaure ich Euch! Es ist wahr, und
das kann Euch trösten, die ganze Stadt und das ganze Land sind von Eurer
Heiligkeit, Eurer Frömmigkeit und Strenge überzeugt. Ihr seid ein lebendiges
Muster der Bräute des Himmels; aber leider! Welt ist Welt, und oft flösst der
böse Feind den Weltmenschen böse Gedanken ein, um die durch sie zu stürzen, die
ihm ein Dorn in den Augen sind. Er kann es nicht leiden, der hässliche Satan, dass
Ihr Eure Schäfchen in aller Reinheit weidet. Wie gesagt, ich bedaure Euch
herzlich, und noch mehr die armen Schäfchen, die Euch anvertraut sind; was wird
aus ihnen werden, wenn sie Euch verlieren?
    ÄBTISSIN: Liebe Schwester, seid darum unbesorgt; ob ich gleich alt bin, so
bin ich doch, dem Himmel sei Dank, gesund und frisch, und die kleinen
Ungemächlichkeiten, ach! eine Folge der Entaltsamkeit, des strengen Lebens und
der Busse, sichern eher mein hinfälliges Leben, als dass sie es bedrohen.
Wenigstens sagt mir dies immer der Arzt des Klosters, wenn ich mich beklage.
    Der Teufel sah sie bedeutend an:
    »Habt Ihr denn gar keine Ahndung von dem, was Euch bevorsteht? Kein
warnendes Traumgesicht? Hat sich seit einiger Zeit gar nichts im Kloster
zugetragen, das Euch aufmerksam auf die Zukunft macht? Es pflegt doch gewöhnlich
zu geschehen, dass fromme Seelen durch gewisse Zeichen von dem unterrichtet
werden, was ihnen bevorsteht.«
    ÄBTISSIN: Ihr erschreckt mich, dass ich am ganzen Leibe zittre. Lasst mich
doch nachsinnen - ja, ja, nun erinnre ich mich - ich schlafe sehr unruhig -
träume von Kirchhof und Leichen - und vor einigen Tagen - o gewiss ist dies ein
Zeichen und Warnung. Vor einigen Tagen, liebe Schwester, ging ich mit dem
Hündchen, das hier in meinem Schosse schläft und das ein gar sittsames Tier ist,
spazieren. Ich war ganz allein, und die Nonnen erzählten sich unter den Linden
Märchen. Auf einmal sprang der grosse Hund des Gärtners nach meiner Pietas, so
heisst das Hündchen, und wollte das Werk des Teufels mit ihr treiben. Ich bebte
an allen Gliedern, schlug ein Kreuz nach dem andern vor die Brust, es wollte
alles nichts helfen. Endlich schlug ich mit meinem Stabe auf den grossen Hund,
schlug aus Leibeskräften auf das hässliche Tier, das das Kloster entweihte, und
schlug, schlug, bis der Stab, den mir der hochselige Erzbischof bei meiner
Einweihung als Äbtissin verehrte, mitten entzwei brach. Sollte dies nicht ein
Vorzeichen von Bedeutung sein?
    Der Teufel und Faust taten erschrocken:
    »Ach, das schlimmste von der Welt!«
    TEUFEL: Nun ist alles klar und wahrhaftig. Hab ich's Euch nicht gesagt,
Schwester Agate?
    Faust beugte sich demütig.
    ÄBTISSIN: So redet doch, ich bebe am ganzen Leibe.
    TEUFEL: Fasst Euch, liebe Schwester, noch ist Rettung da, vielleicht, dass ich
sie Euch bringe. Bedenkt wohl, dass es der Stab war, den Euch der Erzbischof bei
Eurer Einweihung als Äbtissin verehrte, und hört mir dann aufmerksam zu. Ihr
kennt doch meinen Bruder, den Domherrn? Nun, er vertraute mir eine ganz
erschreckliche Sache, und eben darum bin ich zu Euch gekommen. Er nahm zwar eine
Verpflichtung von mir, es Euch nicht zu sagen; aber weiss ich doch, dass es besser
ist, eine kleine Sünde zu begehen, wenn man einer grössern zuvorkommt und die
Absichten des Teufels stört.
    ÄBTISSIN: Da habt Ihr recht, und die Kirchenväter selbst lehren uns das, wie
mein Beichtvater sagt.
    TEUFEL: So wisst denn, der Erzbischof hat endlich das Kapitul so weit
gebracht, dass sein Vorschlag durchgegangen ist, Euch nach Verlauf einiger Monate
abzusetzen und seine Nichte Klara als Äbtissin einzuweihen.
    »Jesus Maria!« rief die Äbtissin, rang die Hände und fiel in Ohnmacht. Der
Teufel machte ein saures Gesicht bei ihrer Ausrufung, und Faust rieb ihr lachend
die runzlichten Schläfe. Nachdem sie sich erholt hatte, brach sie in eine
Tränenflut und in die bittersten Verwünschungen über die Bosheit der Welt aus.
    TEUFEL: Verzweifelt nicht, liebe Schwester, für ein Übel, das noch nicht
geschehen ist, kann man immer Mittel finden.
    ÄBTISSIN: Und was ratet Ihr mir Unglücklichen? Ach, der Himmel erbarme sich,
was soll aus mir, was soll aus den Nonnen werden?
    TEUFEL: Ich sagte Euch schon, dass es oft besser sei, eine kleine Sünde zu
begehen, um einer grössern vorzukommen, und Ihr selbst bewiest es aus den
Kirchenvätern und setztet hinzu, dass man dadurch den Absichten des Teufels und
derer er sich bedient entgegenarbeitet; aber liebe Schwester, dazu gehört Mut
und Verstand, es so einzufädeln, dass ein dritter die Hauptsünde davontrage und
man ohne Gefahr für sich und seine Seele seinen Zweck erhalte.
    ÄBTISSIN: Ach, liebe Schwester, und wie ist das anzufangen?
    TEUFEL: Ich bin einmal in unserm Kloster in gleichem Fall gewesen, die
fromme Schwester Agate hier ist mein Zeuge, sie hat alles angesehen, dazu
geholfen, und Ihr habt sie nicht zu fürchten.
    Faust verbeugte sich demütig.
    TEUFEL: Eine Nonne, die durch sündlichen Verstand und noch sündlichere
Schönheit bei den Grossen Schutz gefunden hatte, sollte durch ihre Hülfe über
mich hinaussteigen. Ach, Ihr fühlt nun, wie das tut, wenn man auf einmal
gehorchen soll, nachdem man so lange unumschränkt geherrscht hat! Ich ging in
Gegenwart der Schwester Agate mit einem meiner Anverwandten zu Rat, er war in
Gewissens- und Sündenfällen sehr bewandert und wusste auf ein Haar, was
verdammlich und nicht verdammlich sei. Dieser kluge Mann nun gab mir einen Rat,
der mir aus der Not half und wofür ich noch heute seine Asche segne. Anfangs
schien er mir freilich sündlich, aber er versicherte mich und bewies mir's aus
den Kasuisten, dass Fasten und ein wenig Disziplin ihm das Arge und Verdammliche
benehmen würden.
    ÄBTISSIN: Und der Rat? der Rat?
    TEUFEL: Ich schäme mich, es Euch laut zu sagen.
    ÄBTISSIN: So lispelt mir's in das Ohr. Was die Äbtissin der schwarzen Nonnen
ohne Gefahr ihrer Seligkeit tun konnte, mag auch die Äbtissin der weissen tun.
    TEUFEL ihr leise ins Ohr: Er riet mir, es zu veranstalten oder geschehen zu
lassen, dass die mir gefährliche Nonne die Sünde des Fleisches beginge.
    ÄBTISSIN sich kreuzigend: Heilige Ursula! dies ist ja Teufelswerk und führt
grade zur Hölle.
    TEUFEL: Den, der sie begeht, liebe Schwester, und das rate ich Euch ja
nicht. Bedenkt doch, wenn Ihr um der heimlichen Sünden Eurer Nonnen verdammt
würdet, wie sollte es Euch ergehen?
    ÄBTISSIN: Aber um aller Heiligen willen, wie konntet Ihr eine so gefährliche
Sache ausführen, ohne dass es entdeckt wurde?
    TEUFEL: Oh, mein Fall war viel schwerer wie der Eurige, denn Euch begünstigt
schon das Gerücht von dem Traume, der die ganze Stadt erfüllt hat. Wenn Ihr nun
einen Mann unter der Gestalt des Dominikaners in Klaras Zelle schleichen lasst
und die Zeichen der sündigen Tat darauf erscheinen, wird nicht die ganze Welt
sagen, es sei ein Spiel des Erbfeinds der Menschen? Lasst dem Satan den
schlechten Ruf und bleibt auf Eurem Stuhl, mit der Herrschaft geschmückt,
sitzen, die dem Himmel gefällt. Dieses rate ich Euch zu Eurem Besten, aus
Freundschaft für Euch, und Ihr mögt es nun machen, wie Ihr wollt.
    Die Äbtissin sass stumm da und betete in der Verwirrung leise ihren
Rosenkranz herunter. - »Die Sünde des Fleisches soll retten - Ave Maria! - es
ist Eingebung des Satans - Heilige Ursula, erleuchte mich!« - sie sah nach dem
Bilde der Heiligen. - »Die Schande und Ärgernis für das Kloster werden gross sein
- Ave Maria! - es wird auf die Rechnung des Teufels geschrieben werden - aber
ich kann verdammt dadurch werden! - pater noster - soll ich nun eine Magd im
Kloster werden und in meinen alten Tagen mich von Höhern quälen lassen, nachdem
ich so lange die Nonnen gequält habe? - wir würden ihrer los, das sündliche
Geschöpf hatte ohnedies der ganzen Stadt Ärgernis gegeben. - Hm, ich soll nicht
mehr die Nönnchen auskeifen; und wie würde sich diese und jene an mir rächen?
Ave Maria! - ich will meine übrigen Tage als Äbtissin ausleben, dem Kloster zum
Besten, es koste, was es wolle!«
    Der Teufel feuerte zu, und der Anschlag ward gefasst. Beim Weggehen sagte der
Teufel zu Faust:
    »Was hab ich nun anders getan, als dass ich den Stolz dieser alten Vettel
fragte, ob es besser sei, die gefürchtete Verdammnis zu wagen oder die
tyrannische Gewalt über die armen Nonnen aufzugeben, die sie nur noch eine kurze
Zeit auszuüben hat?«
    So wohl Fausten der Spass gefiel, so sehr missfiel es ihm, dass der Teufel
immer recht behielt. Abends führte ihn die Äbtissin unter der Vermummung des
Dominikaners selbst in Klaras Zelle, während die Nonnen in der Vesper waren.
Klärchen erschien, und nachdem sie sich der heiligen Ursula empfohlen, legte sie
sich nieder. Ihre Einbildungskraft, die einmal auf gewisse Dinge gespitzt war,
wiederholte oft in Träumen die vorige Erscheinung, sie lag eben in einer solchen
Entzückung, als Faust zu ihr schlich, die Erscheinung zu verkörpern. Klärchen
hielt wachend das Spiel für Traum, genoss seiner und fühlte die Sünde der Lust in
all ihrem Reiz. Die Äbtissin gab sich indessen in ihrer Zelle die Disziplin und
gelobte, jede Woche, um ihrer Seele willen, einmal zu fasten. Der Erfolg dieser
Nacht endigte auf einmal den Krieg in Mainz, aber für das arme Klärchen war er
schrecklich.
    Faust nahm nun Abschied von seiner Familie. Es wurden wenig Tränen
vergossen, und sein Vater gab ihm traurig heilsame Lehren.
                                      11.
Als er mit dem Teufel über die Rheinbrücke ritt, sich an der nächtlichen Szene
ergötzte und Glossen über die Äbtissin machte, sah er ferne einen Menschen im
Wasser, der dem Ersaufen nahe war und nur noch matt mit dem nahen Tod kämpfte.
Er befahl dem Teufel, den Menschen zu retten. Dieser antwortete ihm mit
bedeutendem Blicke:
    »Faust, bedenke, was du forderst, es ist ein Jüngling, und vielleicht ist es
besser für ihn und dich, dass er hier sein Leben endet.«
    FAUST: Teufel, nur zum Bösen bereit, willst du mich dahin bringen, dem Ruf
der Natur zu widerstehen? Eile und rette ihn.
    TEUFEL: Du kannst wohl nicht schwimmen - gut! Die Folgen seien dein Gewinn;
du wirst es bereuen.
    Er eilte hin und rettete den Jüngling. Faust tröstete sich, durch eine gute
Handlung die sündige Nacht versühnt zu haben, und der Teufel lachte des Trosts.
 
                                  Drittes Buch
                                       1.
Der Teufel hatte Fausten durch einige Abenteuer geführt, die nebst den
vorhergehenden seinem Herzen bloss zur Vorbereitung auf die Stürme des Lebens,
welche er vermöge seiner Menschenkenntnis vorsah, dienen sollten. Das, was Faust
bisher gesehen hatte, erfüllte seinen Busen höchstens mit Hohn und Bitterkeit;
aber die Szenen, die sich nun eröffnen, rissen nach und nach solche tiefe Wunden
hinein, dass sein Verstand sie nicht mehr zu tragen und zu heilen fähig war. Und
nur ein Grosser der Erde oder, welches meistens einerlei ist, ein Schöpfer und
Mitwürker des menschlichen Elends, kann sie gelassen ansehen.
    Der Teufel und Faust ritten unter Gesprächen an der Fulda hin, als sie unter
einem Eichbaum, nahe bei einem Dorfe, ein Bauernweib mit ihren Kindern sitzen
sahen, die leblose Bilder des Schmerzes und der stumpfen Verzweiflung zu sein
schienen. Faust, den die Tränen ebenso gut wie die Freude anzogen, nahte sich
hastig und fragte die Elenden um die Ursach ihrer Not. Das Weib sah ihn lange
starr an. Nur nach und nach taute sein freundlicher Blick ihr Herz so weit auf,
dass sie ihm unter Tränen und Schluchzen folgendes mitteilen konnte:
    »In der ganzen Welt ist niemand unglücklicher als ich und diese arme Kinder.
Mein Mann war dem Fürstbischof seit drei Jahren die Gebühren schuldig. Das erste
Jahr konnte er sie wegen Misswachs nicht bezahlen, das zweite frassen die wilden
Schweine des Bischofs die Saat auf, und das dritte ging seine Jagd über unsre
Felder und verwüstete die Ernte. Da der Amtmann meinen Mann beständig mit
Pfändung bedrohte, so wollte er heute ein gemästetes Kalb mit dem letzten Paar
Ochsen nach Frankfurt führen, sie zu verkaufen, um die Gebühren zu bezahlen. Als
er aus dem Hofe fuhr, kam der Haushofmeister des Bischofs und verlangte das Kalb
für die fürstliche Tafel. Mein Mann stellte ihm seine Not vor, bat ihn, die
Ungerechtigkeit zu bedenken, dass er das Kalb für nichts hingeben sollte, das man
ihm in Frankfurt teuer bezahlen würde. Der Haushofmeister sagte, er wisse doch
wohl, dass kein Bauer etwas über die Grenze führen dürfte, was ihm anstünde. Der
Amtmann kam mit den Schergen dazu, anstatt meinem Manne beizustehen, liess er die
Ochsen ausspannen, der Haushofmeister nahm darauf das Kalb, mich trieben die
Schergen mit den Kindern von Haus und Hof, und mein Mann schnitt sich in der
Scheune aus Verzweiflung den Hals ab, während sie unser Hab und Gut wegführten.
Da, seht den Unglücklichen unter diesem Tuche! Wir sitzen hier, seinen Leichnam
zu bewachen, damit ihn die wilden Tiere nicht fressen, denn der Pfarrer will ihn
nicht begraben.«
    Sie riss das weisse Tuch von der Leiche weg und sank zu Boden. Faust fuhr bei
dem schrecklichen Anblick zurück. Dicke Tränen drängten sich aus seinen Augen,
er rief: »Menschheit! Menschheit! ist dies dein Los?« zum Himmel. »Liessest du
diesen Unglücklichen darum geboren werden, dass ihn ein Diener deiner Religion
durch Verzweiflung zum Selbstmord treibe?« Er deckte den Unglücklichen zu, warf
der Frau Gold hin und sagte: »Ich gehe zum Bischof, ich will ihm Eure
unglückliche Geschichte erzählen, er muss Euren Mann begraben, Euch das Eurige
zurückgeben und die Bösewichter bestrafen.«
    Diese Geschichte machte einen so starken Eindruck auf ihn, dass sie schon an
dem bischöflichen Schloss waren, bevor er seiner Empfindung Luft machen konnte.
Man nahm sie sehr gut auf und lud sie zur Tafel. Der Fürstbischof war ein Mann
in seinen besten Jahren und so ungeheuer dick, dass das Fett seine Nerven, sein
Herz und seine Seele ganz überzogen zu haben schien. Er fühlte nirgends als bei
Tische, hatte nur Sinn auf der Zunge und kannte kein andres Unglück, als wenn
eine von ihm angeordnete Schüssel nicht geriet. Seine Tafel war so gut besetzt,
dass Faust, dem der Teufel durch dienstbare Geister einigemal hatte auftischen
lassen, gestehen musste, ein Bischof überträfe selbst diesen Tausendkünstler an
feinem Geschmack. Auf der Mitte des Tisches stund unter andern ein grosser fetter
Kalbskopf, ein Lieblingsgericht des Bischofs. Er, der mit Leib und Seele bei
Tische war, hatte noch nicht gesprochen. Auf einmal erhub Faust seine Stimme:
    »Gnädiger Herr, nehmt mir nicht übel, wenn ich Euch die Esslust verderben
muss, aber es ist mir gar nicht möglich, diesen Kalbskopf da anzusehen, ohne Euch
eine schreckliche Geschichte zu erzählen, die sich heute ganz nahe bei Eurem
Hoflager zugetragen hat. Auch hoffe ich von Eurer Gerechtigkeit und christlichen
Milde, dass Ihr den Beleidigten Genugtuung verschaffen und in Zukunft dafür
sorgen werdet, dass Eure Angehörigen die Menschheit nicht mehr auf eine so
unerhörte Art verletzen.«
    Der Bischof sah verwundernd auf, blickte Fausten an und leerte seinen Becher
aus.
    Faust erzählte mit Wärme und Nachdruck die obige Geschichte, keiner der
Anwesenden schien darauf zu horchen, der Bischof ass fort.
    FAUST: Mich dünkt doch, ich rede hier zu einem Bischof, einem Hirten seiner
Herde, und sitze mit Lehrern und Predigern der Religion und christlichen Liebe
zu Tische. Herr Bischof, seid Ihr es oder nicht?
    Der Bischof sah ihn verdriesslich an, liess den Haushofmeister rufen und
fragte ihn: »He, was ist denn das mit dem Bauern da, der sich wie ein Narr den
Hals abgeschnitten hat?«
    Der Haushofmeister lächelte, erzählte die Geschichte wie Faust und setzte
hinzu: »Ich habe ihm darum das fette Kalb genommen, weil es eine Zierde Eurer
Tafel und für die Frankfurter, denen er's verkaufen wollte, zu gut ist. Der
Amtmann hat ihn gepfändet, weil er immer ein schlechter Wirt war und seit drei
Jahren seine Gebühren nicht bezahlt hat. So verhält sich's, gnädiger Herr, und
wahrlich, kein Bauer soll mir etwas Gutes aus dem Lande führen!«
    BISCHOF: Da hast du recht. - Zu Faust. Was wollt Ihr nun? Ihr seht doch, dass
er wohlgetan hat, dem Bauer das Kalb zu nehmen; oder meint Ihr, die Frankfurter
Bürger sollten die fetten Kälber meines Landes fressen, und ich die magern?
    Faust wollte reden.
    BISCHOF: Hört Ihr, esst, trinkt und schweigt. Ihr seid der erste, der an
meiner Tafel von Bauern und solchem Gesindel spricht, und wenn Euch Euer Rock
nicht zum Edelmann machte, so müsst ich denken, Ihr stammt von Bettlern her, weil
Ihr ihnen so laut das Wort redet. Wisst, ein Bauer, der seine Gebühren nicht
bezahlen kann, tut ebenso wohl, dass er sich den Hals abschneidet, als gewisse
Leute tun würden zu schweigen, wenn sie einem die Esslust mit unnützem Gerede
verderben. - Haushofmeister, dies ist ein vortrefflicher Kalbskopf -
    HAUSHOFMEISTER: Es ist eben der von Hans Ruprechts Kalbe.
    BISCHOF: So! So! Gib ihn her und reiche mir die Würze. Ich will ihm ein Ohr
herunterschneiden - er wird auch dem Schreier dort schmecken.
    Der Haushofmeister stellte die Schüssel vor den Bischof. Faust raunte dem
Teufel etwas ins Ohr, und in dem Augenblick, da der Bischof das Messer an den
Kalbskopf setzte, verwandelte ihn der Teufel in den Kopf Ruprechts, der wild,
grässlich und blutig dem Bischof in die Augen starrte. Der Bischof liess das
Messer fallen, sank rücklings in Ohnmacht, und die ganze Gesellschaft sass da in
lebloser Lähmung des Schreckens.
    FAUST: Herr Bischof und Ihr, geistliche Herren, lasst Euch nun diesen da
christliche Milde vorpredigen!
    Er brach mit dem Teufel auf.
                                       2.
Die Unempfindlichkeit des Fürstbischofs und seiner Tischgenossen, die Faust bei
der Erzählung dieser traurigen Geschichte wahrnahm, die Art, wie dieser über das
Schicksal dieses Unglücklichen entschied, legte den ersten Samen zum finstern
Groll in sein Herz. Er lief in seinem Geiste seine vorige Erfahrung und das, was
er, seitdem er mit dem Teufel herumzog, gesehen, durch und entdeckte, wohin er
sich wandte, nichts als Härte, Betrug, Gewalttätigkeit und Bereitwilligkeit zu
Lastern und Verbrechen, um des Golds, des Emporsteigens und der Wollust willen.
Er seufzte tief in seinem Herzen und sah mit feuchtem Auge gen Himmel: »Du hast
allen, von dem Grössten bis zu dem Kleinsten, den Anspruch von Glück und Genuss
ins Herz gelegt! allen das Gefühl von Recht und Unrecht mitgeteilt. Hast sie
alle gleich empfindlich für Schmerz und Freude gemacht! Warum kann und darf ein
einziger diese anerkannten Ansprüche und Gefühle verletzen? Wie kann der Mensch
vor deinem Angesicht gegen den Menschen wüten?« Noch wollte er die Ursache dazu
in dem Menschen selbst suchen; aber sein unruhiger, zu Zweifeln geneigter Geist,
seine Einbildungskraft, die so gern über die nähern Verhältnisse wegflog, sein
erbittertes, heftig teilnehmendes Herz fingen schon jetzt an, in dunklen
Gefühlen den Schöpfer der Menschen wo nicht zum Urheber, doch wenigstens durch
seine Duldung zum Mitschuldigen alles dessen zu machen, was ihm Empörendes
aufstiess. Diese dunkle Empfindungen brauchten nur einen stärkern Stoss, um seinen
Verstand zu verwirren, und der Teufel freute sich darauf, die Veranlassung darzu
in der Ferne wahrzunehmen. Faust hoffte sich bald an dem Hof des berühmten
Fürsten von diesem Missmut zu heilen, und in diesem Wahn liess ihn sein Gefährte
sehr gerne.
    Sie kamen gegen Abend in eine Stadt, wo sie bei dem Einritt eine Menge Volks
um einen Turm versammelt fanden, in welchem man die zum Tod Verurteilten die
letzte Nacht ihres Lebens zu bewachen pflegte. Faust merkte, dass einige wild,
andre gerührt hinaufsahn, und erkundigte sich um den Grund dieser Äusserungen.
Das Volk schrie untereinander:
    »Unser Vater, der Freund der Freiheit, der Beschützer des Volks, der Rächer
der Unterdrückung, der Doktor Robertus sitzt da oben! der harte, tyrannische
Minister, sein Freund, hat ihn zum Tod verdammt, und Morgen soll er hingerichtet
werden, weil er uns gegen ihn so kühn verteidigt hat.«
    Diese Worte fielen in die Seele Fausts. Er fasste eine hohe Meinung von dem
Manne, der sich auf Gefahr seines Lebens zum Rächer der Menschen aufgeworfen;
und da er soeben ein Augenzeuge der Folgen tyrannischer Gewalttätigkeit gewesen
war, so forderte er den Teufel schnell auf, ihn zu diesem Doktor zu bringen. Der
Teufel führte ihn seitwärts, schwang sich mit ihm auf den Turm und trat mit ihm
in das Gefängnis des Rächers der Freiheit. Faust sah da einen Mann vor sich,
dessen stolze, kühne, düstre Gesichtsbildung jeden andern als ihn zurückgestossen
hätte; aber es tat eine ganz andre Würkung auf ihn, und da er ihn in diesem
entscheidenden Augenblick ruhig und gelassen fand, so setzte seine rasche
Einbildungskraft aus dem, was er gehört hatte und was er vor sich sah, beim
ersten Blick das Bild eines grossen Mannes zusammen. Der Doktor schien über ihre
plötzliche Erscheinung gar nicht betroffen. Faust nahte sich ihm und sagte:
    »Doktor Robertus, ich komme, Eure Geschichte aus Eurem eignen Munde zu
hören, nicht als wenn ich daran zweifelte, denn Euer Anblick bestätigt das, was
ich vernommen habe. Ich bin nun gewiss, dass Ihr als ein Opfer der Gewalt fallt,
die das Menschengeschlecht unterjocht und die mich so wie Euch empört. Ich
komme, Euch meine Dienste anzubieten, die Euch gegen allen Schein aus dieser
traurigen Lage retten können.«
    Der Doktor sah ihn kalt an, liess sein Haupt in seine Hand fallen und
anwortete:
    »Wohl falle ich als ein Opfer der Gewalt und Tyrannei, und was mir das
empfindlichste ist, durch die Hand eines falschen Freundes, der mich mehr seiner
Furcht, seinem Neide, als seinen despotischen Grundsätzen aufopfert. Ich weiss
nicht, wer Ihr seid und ob Ihr mich retten könnt; aber es liegt mir daran, dass
Männer von Eurem Ansehen den Doktor Robertus kennenlernen, der morgen für die
Freiheit blutet. Von frühster Jugend lebte der Geist edler Unabhängigkeit, dem
der Mensch allein das Grosse, dessen er fähig ist, zu danken hat, in meiner
Brust. Früh empörten meine Seele die Gewalt und Unterdrückung, wovon ich Beweise
sah und in der Geschichte las, ja bis zur Wut entflammten sie mich, und oft
vergoss ich glühende Tränen, dass ich mich unvermögend fühlte, die Leiden der
Menschheit zu rächen; zu meiner Qual erfuhr ich aus der Geschichte der edlen
Griechen und Römer, welche grosse Ansprüche der Mensch auf Würde und Achtung hat,
wenn ihn die Tyrannen das sein lassen, wozu ihn die Natur gemacht hat. Glaubt
darum nicht, ich sei einer der Toren, welche die Freiheit dahinein setzen, dass
jeder tun kann, was ihm gefällt. Wohl weiss ich, dass die Kräfte des Menschen
verschieden sind und ihre Lage im bürgerlichen Leben bestimmen müssen, aber da
ich mich nach Gesetzen umsah, die einem jeden diese Lage, sein Gut und seine
Person sicherten, so fand ich nichts als ein wildes Chaos, das tyrannische
Gewalt geflissentlich zusammengemischt hat, um sich zum eigenmächtigen Herrn des
Glücks und des Daseins der Untertanen zu machen. Nach dieser Entdeckung schien
mir das ganze Menschengeschlecht eine Herde zu sein, gegen die sich eine Bande
Räuber verschworen hat, sie nach von ihnen nur zu ihrem eignen Vorteil
entworfnen Gesetzen zu plündern und zu würgen, ohne dass sie selbst eins
erkennen. Denn wo ist das Gesetz, das die Herrscher der Erde fesselt? Ist es
nicht Unsinn, dass eben diejenigen, die ihre Macht dem Missbrauch der
Leidenschaften und des Übermuts am meisten aussetzt, keinem Gesetz unterworfen
sind und keinen Richterstuhl anerkennen, der sie zur Verantwortung ziehen
könnte? Wollt Ihr den Himmel dafür annehmen, meinetwegen, sie stehen sich gut
dabei, er scheint taub gegen das Winseln der Elenden, der Jammer ist nah, die
versprochne Rache ferne, und dies reimt sich schlecht mit dem Gefühl und der
Natur des Menschen.«
    Faust fasste dieses stark auf, blickte düster und strich über seine Stirne.
Den Teufel ergötzte der Redner, er fuhr fort:
    »Der wilde Ungestüm, den ich nach dieser Entdeckung äusserte, macht meinem
Herzen Ehre, und ich kümmre mich wenig darum, dass meine Feinde meine Klugheit
antasten. Denn was anders heisst den Menschen Klugheit als blinde Unterwerfung,
Niederträchtigkeit, Schmeichelei, Gleichgültigkeit darüber, wie man einen Posten
erschleicht, wenn man nur dahingelangt, mit zu unterdrücken und mit zu plündern?
Nur dieses nennen sie klug sein, aber ein Mann wie ich sucht das Glück auf
reinern Wegen. Mein Unglück war, dass ich mit dem jetzigen Minister von der
Schule an aufs innigste verbunden war. Er besitzt den Geist, der dazu gehört,
emporzukommen, von frühster Jugend suchte er durch mir entgegengesetzte
Grundsätze Aufsehn zu machen und verteidigte in eben dem Masse die tyrannische
Regierungsformen, als ich sie antastete. Wir stritten über diesen kitzlichen
Punkt geheim und öffentlich, ich schlug ihn mit meiner Beredsamkeit überall
nieder, aber wenn es natürlich war, dass ich den unterdrückten Teil der
Menschheit auf meine Seite zog, so war es noch natürlicher, dass es ihm gelingen
musste, alle die zu gewinnen, deren Vorteil die Unterjochung der Menschen ist. Da
es nun eben diese sind, die ihren Mitverschwornen die Türe zum Glück und den
Ehrenstellen öffnen, so ward er bald hervorgezogen, stieg von Stufe zu Stufe bis
zur Stelle des Ersten im Lande, während ich vernachlässigt, verkannt und
verachtet sitzen blieb. Der Stolze wandte alle Mittel an, mich an sich zu
ziehen, trug mir bald diese, bald jene Stelle an; aber ich merkte wohl, dass er
mir dadurch nur seine Grösse fühlbarer machen wollte und dass seinem Triumph nun
weiter nichts mehr abginge, als dass ein Mann von meinen Grundsätzen ihn als
Beschützer erkennte und öffentlich seine harte Regierung durch seinen Beitritt
heiligte. Überdem wollte mich der Listige dem Volk, das an mir hing, immer
verdächtiger machen. Ich aber, meinen Grundsätzen getreu, griff seine Fehler bei
jeder Stufe, die er stieg, um so heftiger an. Ihr seht wohl, dass ihm, wenn er
fähig wäre, gross zu fühlen, dieser edle Kampf Bewundrung für den hätte einflössen
müssen, der ihn mit so vieler Gefahr für sich unternahm. Auf ihn tat es eine
andre Würkung. Sein Hass gegen mich nahm bei jeder meiner Äusserungen zu, und da
ich ihn in einer Schrift vergangnen Monat sehr heftig angriff, worauf sich das
Volk vor seinem Hause versammelte, ihm drohte und meinen Namen laut ausrief, so
legte er diese Schrift vor den Fürsten, der ein Gericht niedersetzte, das mich
zum Tod verdammt hat. So verurteilt das Gesetz der Tyrannen; aber das Recht der
Menschheit spricht mich los. Dieses ist meine Geschichte, und weiter sollt Ihr
nichts von mir hören. Ich sterbe ohne Klage und bedaure nichts, als dass ich die
Kette nicht zerbrechen kann, woran das Menschengeschlecht gefesselt ist. Könnt
Ihr helfen, gut; doch wisst, aus meines Feindes Hand ist mir der Tod willkommner
als Gnade. Lasst mich nun ruhig, kehrt in die Sklaverei zurück, ich schwinge mich
zur Freiheit auf!«
    Faust war ganz durchdrungen von der Grösse des Doktors und machte sich
schnell auf den Weg, diesen Minister zu sprechen, ihm seine Ungerechtigkeit
vorzuwerfen und ihn zu beschämen. Der Teufel, der tiefer sah, merkte wohl, dass
der Freiheitssinn des Doktors aus einem ganz andern Gefühl entstanden war. Der
Minister liess sie gleich vor. Faust sprach warm, kühn und frei über die Lage und
Denkart des Doktors. Stellte ihm vor, wie nachteilig es seinem Ruhme sei, einen
Mann, den er einst seinen Freund genannt, dem Despotismus zu opfern. Gab ihm zu
verstehen, dass jedermann glauben müsste, es reizten ihn Privatrache und Furcht,
sich von einem so hellsehenden Beobachter seiner Taten zu befreien. »Ist Euer
Tun gerecht«, setzte er hinzu, »so habt Ihr ihn nicht zu fürchten; seid Ihr der
Mann, wofür er Euch ausgibt, so bestärkt Ihr durch seine Hinrichtung seine
Meinung, und jeder wird in Euch nichts sehen als einen falschen eifersüchtigen
Freund und den Unterdrücker seiner Mitbürger.«
    MINISTER: Ich kenne Euch nicht und frage auch nicht, wer Ihr seid. Wie ich
denke, mag Euch die Art beweisen, mit welcher ich Eure Zudringlichkeit, Eure
Vorwürfe und Beschuldigungen aufnehme. Fühlt selbst, ob Ihr ein Recht dazu habt,
da Ihr mir sie auf blosses Hörensagen macht und von der Lage dieses Landes nicht
unterrichtet seid. Ich will denken, nur Mitleid spricht aus Euch, und darum Euch
antworten. Ich war und bin ein Freund des Doktor Robertus und bedaure es, dass
ich in ihm einen Mann der Gerechtigkeit überliefern muss, der durch seine
Eigenschaften seinem Vaterlande hätte nützlich sein können, wenn es ihm nicht
gefallen hätte, sie zu dessen Untergang anzuwenden. Ich will nach dem Grund zu
dieser Verirrung nicht in seinen Busen greifen und es seinem eignen Gewissen
überlassen. Lange hatte ich Geduld mit seinem gefährlichen Wahnsinn; da er aber
das Volk aufwiegelte, für dessen Bestes ich zu sorgen habe, und sich zum Haupt
einer Empörung aufwarf, so muss er sterben, wie es mein einziger Sohn müsste, wenn
er ein gleiches unternehmen sollte. Das Gesetz hat ihn verurteilt, nicht ich, er
kennt dieses Gesetz und weiss, welche Folgen Empörung nach sich zieht. Das Urteil
der Welt nehme ich auf mich und habe nichts dagegen zu setzen als die Ruhe und
das Glück dieses Volks, das es später erkennen wird, dass nur ich sein Vater bin.
Wenn es Euch nicht genug ist, dem ersten Eindruck zu folgen, so verweilet hier,
und wenn Ihr mir dann mit mehrerer Bescheidenheit etwas zu sagen wisst, das
diesem Volke und mir nutzen kann, so steht Euch mein Ohr immer offen.«
    Nach diesen Worten, die er mit festem und unverstelltem Tone aussprach, zog
er sich zurück und liess Fausten, der keine Antwort finden konnte, stehen. Dieser
sagte beim Weggehen zu dem Teufel: »Welchem von beiden soll ich nun glauben?«
Der Teufel zuckte die Schultern, denn da, wo es ihm für die Hölle nützlich,
nachteilig für Fausten und die Menschen schien, wollte er nichts zu wissen
scheinen.
    FAUST: Dass ich doch dich frage! Ich will dem Rufe meines Herzens folgen; ein
solcher Mann, der mir so nah durch seine Denkart verwandt ist, soll nicht
sterben!
    Hätte Faust unsre junge Freiheitsschreier gekannt, er würde sich in dem
Doktor Robertus nicht geirrt haben, aber ihm war die Erscheinung neuer als uns.
    Morgens, da die Hinrichtung vor sich gehen sollte, begab sich Faust mit dem
Teufel nach dem Markte und unterrichtete ihn im Gehen von seinem Willen. In dem
Augenblick, als der Henker dem Doktor, der mit wilder Miene niederkniete, das
Haupt abschlagen wollte, verschwand dieser. Der Teufel führte ihn durch die Luft
über die Grenze, stellte ihm auf Fausts Befehl eine grosse Summe Gelds zu und
überliess ihn freudig seinem Geschicke, denn er sah voraus, wozu er dieses und
seine Freiheit anwenden würde. Das Volk erhub ein Freudengeschrei bei dem
Verschwinden des Doktors, glaubte, Gott selbst beschütze seinen Liebling, Faust
schrie mit und freute sich der schönen Tat.
                                       3.
Faust und der Teufel ritten nun nach dem Hofe des Fürsten von ***. Nicht aus
Furcht verschweige ich die Namen der teutschen Fürsten und Grossen, die in diesem
Werk auftreten7, sondern weil die geheimen, von mir entdeckten Triebfedern ihrer
Handlungen zu oft mit ihren lügnerischen, schmeichlerischen und unwissenden
Geschichtschreibern im Widerspruch stehen und die Menschen, die sich so gerne
betrügen lassen, an der Echteit meiner geheimen Entdeckungen zweifeln möchten.
Welcher Herkules kann den Schutt ausräumen, den die Geschichtschreiber
zusammengetragen haben?
    Sie erreichten bald den Hof dieses Fürsten, der als ein Muster eines klugen,
tugendhaften, gerechten Regenten, als ein Vater seiner Untertanen in ganz
Teutschland ausgeschrien war. Seine Untertanen selbst wollten freilich nicht
immer in diesen Ton mit einstimmen; aber der Fürst soll noch geboren werden, der
es allen recht macht. Ein Gemeinspruch der Politik, der wie alle Gemeinsprüche
öfterer dazu dient, den schlechten Fürsten schlechter zu machen, als dem guten
sein schweres Amt im rechten Gesichtspunkt zu zeigen.
    Faust und der Teufel fanden durch ihren Aufwand und ihr Betragen bald
Eingang am Hofe. Faust sah den Fürsten mit den Augen eines Mannes an, dessen
Herz durch das Vorurteil schon gestimmt war; dieses Vorurteil nun bis zur
Überzeugung zu treiben, erforderte es vielleicht weniger als das edle Äussere des
Fürsten. Er schien oder war grad und offen. Suchte zu gefallen und die Herzen zu
gewinnen, ohne es merklich zu machen, war vertraulich, ohne sich etwas zu
vergeben, und besass jene kluge Kälte, die Ehrfurcht einflösst, ohne dass man sich
die Ursache davon deutlich anzugeben weiss und ohne dass man einen starken Trieb
fühlt, ihr nachzuspüren. Dieses alles war mit so viel Würde, Feinheit und
Anstand umhüllt, dass es dem geübtesten Auge schwerfiel, das Erlernte,
Erkünstelte und Erworbene von dem Natürlichen zu unterscheiden. Faust, der noch
wenige Weltleute gesehen hatte, die ihren natürlichen Charakter an der
politischen Klugheit abgerieben haben, setzte sich aus Obigem ein Ideal
zusammen, und nachdem er einige Zeit den Hof besucht und die Hauptpersonen
desselben alle gefasst zu haben glaubte, so fiel eines Abends zwischen ihm und
dem Teufel folgendes Gespräch vor:
    FAUST: Ich habe dir diese Tage vorsätzlich nichts von diesem Fürsten sagen
wollen; aber nun, da ich mir schmeichle, ihn gefasst zu haben, wage ich es, mit
Zuversicht zu behaupten, dass das Gerücht kein Lügner ist, und ich hoffe dir das
Geständnis abzuzwingen, er sei, was wir suchen.
    TEUFEL: Faust, ich merke schon, wo du hinaus willst, und du gibst dem Teufel
eine sonderbare Bestimmung; doch hiervon ein andermal. Dein Fürst da ist nun
freilich ein ganzer Mann, ich werde dir auch nichts von meinen Bemerkungen über
ihn sagen, denn wie ich diesen Abend bei dem Minister ausgespäht habe, so ist
etwas auf dem Wege, das dich anschaulich von seinem Werte überzeugen wird; bis
dahin halte das Ideal von ihm warm in deinem Busen und sage mir, was hältst du
von dem Grafen C***, seinem Günstling?
    FAUST: Verwünscht! dies ist der einzige Umstand, mit dem ich nicht fertig
werden kann. Er ist sein Busenfreund und doch so glatt wie ein Aal, der dir
immer entwischt, und so geschmeidig wie ein Weib gegen ihren Mann, wenn sie auf
Ehebruch sinnt. Indessen gehört dies vielleicht zu seiner Lage, sein Inneres so
zu verdecken und zu übertünchen, dass keiner von denen, die sich so gern an
begünstigte Grosse hängen, an etwas fassen soll.
    TEUFEL: Sein Inneres? Glaubst du, Faust, der Mann, der so mühsam arbeitet,
sich zu verbergen, habe ein Inneres, das das Licht verträgt? Traue dem Menschen
nicht, in dem Kunst, Verstand und Interesse das Tierische seiner Natur so
unterjocht und verdünstet haben, dass sogar die Zeichen seines Instinkts und
seiner Sinnlichkeit verloschen sind. Wenn das, was in euch kocht und arbeitet,
sich nicht mehr auf eurer Stirne, in euren Augen und Bewegungen zeigt, so seid
ihr eurer Natur entsprungen und werdet die gefährlichsten Tiere der Erde,
Missgeburten, die die überfeine Kultur des Verstandes mit der letzten Aufwallung
der Wollust zeugt.
    FAUST: Wie, so wäre es nicht einmal Verstellung?
    TEUFEL: Da hättest du noch etwas vor dir; denn auch eine Maske hat
Bedeutung, und man enträtselt den Vermummten an Gang, Stimme, Atemholen und
Gewohnheiten. Nein, Faust, dieser da ist so ganz, was er ist.
    FAUST: Und was ist er denn, im Namen der Hölle?
    TEUFEL: Ein Mann, der viel gereist und die Welt gesehen hat. Der an den
Höfen Europas herumgezogen ist, den rohen Menschen abgeglättet und die Gefühle
des Herzens an dem kalten Lichte des Verstandes versengt hat, kurz, einer der
ausgebildeten Köpfe, die alle Verbindung zwischen Geist und Herz zertrümmern,
eurer eingebildeten Tugend lachen und mit den Menschen umgehen wie der Töpfer,
der das Werk seiner Hände zu den Scherben wirft, wenn es seiner Laune nicht
entspricht. Er ist einer von denen, die sich durch ihre Erfahrung berechtigt
glauben, die Menschen samt und sonders als ein Pack Raubgesindel zu betrachten,
die den auffressen, der ihnen edlen Instinkt zutraut. Nichts freut ihn als ein
fein entworfner, glücklich ausgeführter Hofstreich, und er geniesst eines
Mädchens wie einer Rose, die er vom Stock abbricht, beriecht und dann
gleichgültig mit Füssen tritt.
    FAUST: Hämischer Teufel, und der Mann, den du da malst, könnte der
Busenfreund des Fürsten von *** sein?
    TEUFEL: Es wird sich schon zeigen, was er ihm ist; ich sage dir, es ist
etwas auf dem Wege. Hast du diesen Abend den Minister bemerkt?
    FAUST: Er scheint beklommen und düster.
    TEUFEL: Dies ist nun einer von den Menschen, die ihr wackre Männer nennt.
Grossmütig, arbeitsam und gerecht; aber so, wie es euch immer geht, ein einziger
Gran falschen Zusatzes schnellt schon die Waage hinauf. Dieser ist bei ihm der
Sinn der Zärtlichkeit für das andre Geschlecht, und da er aus Grundsätzen die
Einsegnung des Priesters zu seinem Vergnügen braucht, so vernarrte er sich nach
dem Tod seiner ersten Gemahlin in das Weib, das du gesehen hast. Durch sie gab
er seinen erwachsnen Kindern eine Stiefmutter, seinen Sinnen einen kurzen Genuss
und zertrümmerte das Gebäude seines Glücks. Sie nutzte seine Verblendung,
verprasste durch Üppigkeit, Putz und Spiel ihr, sein und seiner Kinder Vermögen
und verwickelte ihn noch obendrein in ungeheure Schulden. Es ist wahr, sie nahm
in dem Baron H ***, den du gesehen hast und der eigentlich Herr im Hause ist,
einen arbeitsamen Gehülfen dazu. Da man sich nun ganz auf der Neige fühlte, die
Phantasie immer mehr wuchs und neue Bedürfnisse ersann, je schwerer es war, die
Mittel dazu zu finden, so liess sich's endlich die Mutter gefallen, einem Plan
beizutreten, den ihr Buhler entwarf: Die Tugend ihrer Tochter unter einer
zweideutigen Versicherung auf Vermählung so teuer an den Günstling zu verkaufen,
als er sie kaufen wollte. Von allem diesem merkt der Minister nichts, fühlt nur
die Lücke in seinem Vermögen, die Last der Schulden, das volle Mass seiner
Torheit und zittert vor der augenblicklichen Ankunft seines Sohns, den die
Mutter aus dem Hause trieb, um ungestörter sein Vermögen zu verprassen. Er hat
sich indessen in dem Türkenkriege einen hölzernen Arm geholt. Auch ist's wohl
möglich, dass der Günstling, da der Minister viel bei dem Fürsten gilt, anfangs
ernstafte Absichten hatte, aber jetzt hat sich seit einigen Tagen die Szene
gänzlich geändert. Der Fürst schlug ihm eine Vermählung mit der reichsten Erbin
des Landes vor, und nun brütete er darüber, durch einen kühnen und geheimen
Schlag den Minister und sein ganzes Haus so zu zerschmettern, dass keiner es
wage, um Rache zu schreien oder ihn anzuklagen. Verstummen sollen sie, als seien
sie nie gewesen, und der Minister soll unter seiner Sohle hinsterben wie der
Wurm, dessen Ächzen euer hartes Ohr nicht hört.
    FAUST: Und diese Tat sollte der Fürst nicht rächen?
    TEUFEL: Du sollst die Entwicklung mit eignen Augen sehen.
    FAUST: Ich gebiete dir bei meinem Zorn, hier keinen deiner Streiche zu
spielen.
    TEUFEL: Brauchen die des Teufels, die ihn durch ihr Tun beschämen? Faust,
wir fangen nur an, die Decke vor dem menschlichen Herzen aufzuheben; es ist mir
aber doch lieb zu bemerken, dass auch ihr Teutschen der Ausbildung fähig seid.
Freilich borgt ihr sie von andern Völkern und verliert dadurch den Ruhm der
Eigenheit, aber in der Hölle ist man darüber weg und hält sich an den guten
Willen.
                                       4.
Faust vertrieb sich die Zeit mit den Weibern, verführte die Hoffräuleins und
Zofen, indessen das Drama des Günstlings sich der Entwicklung näherte. Er sass
mit dem Baron H*** zusammen und teilte ihm den fein gesponnenen Entwurf mit.
Dieser sollte das Werkzeug dazu sein, und da der Glanz des Goldes den Kitzel der
langen Buhlerei mit der Frau des Ministers nicht mehr schärfen konnte, überdem
die Tränen der unglücklichen Tochter, der Kummer des Vaters, die nahe Ankunft
des Krüppels von Sohn seinem zarten Gewissen anfingen beschwerlich zu werden, so
war er sehr geneigt, sich dieser Bürde auf eine oder die andre Art zu
entledigen. Die Belohnung ging, wie unter Leuten, die sich kennen, natürlich
voraus und bestund darin, dass der Graf über sich nahm, bei dem Fürsten
auszuwürken, den Baron in einer wichtigen Angelegenheit an den Kaiserlichen Hof
zu schicken. Dafür verband sich der Baron, die Frau des Ministers durch eine
Summe Gelds, die der Graf herschoss, dahin zu stimmen, ein gewisses Papier, das
eins der wichtigsten Dokumente des fürstlichen Hauses entielt und dessen man
soeben wegen einer Streitigkeit mit einem andern fürstlichen Hause benötigt war,
aus dem Kabinett des Ministers, dem es übergeben war, darüber zu arbeiten, auf
eine unmerkliche Art zu entwenden. Der Graf hoffte dann die Sache so zu drehen,
dass aller Schein gegen den Minister sei, als habe er dieses Dokument aus Not der
Gegenpartei ausliefern wollen, und dass nur seine eigne Wachsamkeit das
fürstliche Haus aus dieser Gefahr gerettet hätte. Die Gemahlin des Ministers
glaubte, dass ein Mann, der zu ihren Torheiten kein Gold mehr auftreiben könnte,
keine Schonung verdiente, und da sie sich immer schmeichelte, den Günstling mehr
zu gewinnen, je gefälliger sie sich ihm erzeigte, so überlieferte sie ohne
Bedenken das Papier.
                                       5.
Der Minister ging seufzend und einsam in seinem Zimmer auf und ab. Das Gefühl
der bevorstehenden Schande, der Druck peinlichen Kummers, die Gewissheit
betrogner Liebe hatte auch seine Tochter, einst sein einziger Trost, von ihm
entfernt. Sie weinte verschlossen und zehrte an einem Herzen, das eines bessern
Schicksals würdig war, so dorrt die Lilie im einsamen Tale hin, die eine
mutwillige Hand am zarten Stengel gedrückt hat. Seine Gemahlin unterbrach seine
düstre Einsamkeit, um ihm sein Elend noch fühlbarer zu machen. Bald darauf trat
der Baron herein und forderte kalt die Instruktion an den Kaiserlichen Hof. Da
der Fürst Befehl dazu erteilt hatte, so ging der Minister in sein Kabinett, um
sie zu holen. Indessen hatte seine Gemahlin Zeit, eine Szene der Verzweiflung
mit ihrem Buhlen zu rasen. In dem Augenblick, da der Minister dem Baron die
Instruktion übergab, kam ein Bote des Fürsten mit einem Handbillett, worin er
ihm bedeutete, das Dokument und seine Ausarbeitung an Hof zu bringen, weil man
beides dem Abgesandten der Gegenpartei vorlegen wollte. Der Minister suchte in
seinem Kabinett, leerte alle Schränke aus, kalter Todesschweiss rann über sein
Gesicht; er forschte alle Sekretärs und Schreiber aus, sein Weib, seine Tochter,
umsonst, er musste sich entschliessen, sich dem fürchterlichen Sturm in der
Unschuld seines Herzens auszusetzen. Er trat vor den Fürsten, der mit dem Grafen
allein war, und kündigte ihm sein Unglück an, beteuerte seine Unschuld und
unterwarf sich seinem Schicksal. Der Graf liess die erste Empfindung bei dem
Fürsten würken, trat dann kalt näher, zog das Dokument aus der Tasche, übergab
es dem Fürsten mit einer tiefen Verbeugung, liess darauf hart in sich dringen,
wie er dazu gekommen, liess sich sogar mit Ungnade bedrohen und gestund endlich
mit dem äussersten Widerwillen den Vorgang der Sache nach seinem entworfnen
Plane. Der Minister verstummte, der sprechende Beweis von Schuld verwirrte ihn
so, dass selbst das Gefühl seiner Unschuld nicht durch die Finsternis dringen
konnte, die diese unerwartete Wendung vor seine Sinne zog. Der Fürst sah ihn
wütend an und sagte: »Lange konnt ich von Euch erwarten, dass Ihr endlich die
Torheit Eurer Aufführung durch Verräterei an mir heilen würdet.« Dieser Vorwurf
zog die Decke von den Augen des Verstummten weg, das Gefühl seiner Redlichkeit
wollte seine starre Zunge beleben, der Fürst befahl ihm zu schweigen, seine
Stelle niederzulegen, nach Hause zu gehen und sich nicht zu entfernen, bis ein
Gericht über ihn gesprochen.
    Der Unglückliche ging, dicke Tränen rollten in seinen Bart. Die Verzweiflung
entriss seiner Tochter das Geheimnis ihrer Schande und der Mutter das Geständnis
ihres Verbrechens. Die Kraft seines Geistes zersprang, seine Sinne verwirrten
sich, und nur das schrecklichste Schicksal, das den Menschen treffen kann,
Stumpfheit und Wahnsinn, zogen einen düstern Schleier vor das Erinnern des
Vergangnen und heilten durch eine gänzliche Zerstörung sein Herz von den
grausamen Wunden, die ihm seine Nächsten geschlagen.
    In diesem Augenblick führte der Teufel Fausten in das Zimmer des Ministers,
er hatte ihn vorher von der ganzen Geschichte unterrichtet. Noch hatte die
Zerstörung nicht alle Vorstellungskraft verdunkelt, alle Fibern des Gefühls
gelöst, noch stammelte die Zunge die letzten Empfindungen über das erlittene
Weh, noch träufelte der letzte Tau aus den Augen des Unglücklichen auf die
elende Tochter, die seine Knie umfasste, die Verzweiflung, der peinlichste
Schmerz entstellten. Er lächelte noch einmal, spielte mit ihren
heruntergefallnen Haaren, lächelte noch einmal - sein Sohn trat herein und
wollte freudig auf ihn zustürzen. Er sah ihn starr an, ein wilder Ton der
Raserei, der die Nerven durchbebt, das Herz durchschaudert, drängte sich aus
seiner Brust hervor, und der sanfte Dulder ward für immer ein Gegenstand des
Schreckens und des peinlichsten Mitleids.
                                       6.
Faust wütete und stiess fürchterliche Flüche aus. Er entschloss sich, dem Fürsten
den ganzen Vorgang zu entdecken und den Betrüger zu entlarven. Der Teufel
lächelte und riet ihm, leise zu Werke zu gehen, wenn es ihm darum zu tun wäre,
diesen Fürsten, den er ihm als ein Muster menschlicher Tugend angepriesen hätte,
genau kennenzulernen. Faust eilte so gestimmt nach Hofe, und sicher, durch diese
Entdeckung den Fall des Günstlings zu bewürken, entüllte er dem Fürsten alles
in kaltem, gesetztem Tone. Als er auf die Ursache kam, die den Grafen zu dieser
scheusslichen Tat verleitet hätte, nämlich sich von der Verbindung mit der
Tochter des Ministers zu befreien, heiterte sich das Gesicht des Fürsten auf, er
liess den Grafen rufen, umarmte ihn bei dem Eintritt und sagte:
    »Glücklich ist der Fürst, der einen Freund findet, der aus Gehorsam und
Furcht, ihm zu missfallen, auch wohl einen Streich wagt, der die gewöhnlichen
Regeln der Moral verletzt. Der Minister hat immer als ein Tor gehandelt, es ist
mir lieb, dass ich seiner los bin, und du wirst seine Stelle klüger versehen.«
    Faust stund einen Augenblick wie versteinert, endlich durchglühte edle Wärme
sein Herz. Er malte mit schrecklichen Farben die Lage des Ministers, brach dann
in Wut und Vorwürfe aus, vergass selbst der fürchterlichen Macht, der er gebot,
entbrannte ganz im Gefühl eines Rächers der unterdrückten Menschheit, der einem
kalten Tyrannen die Larve abreisst, seines Schicksals unbekümmert. Man entliess
ihn als einen Wahnsinnigen. Der Teufel empfing ihn frohlockend, er blieb stumm,
knirschte in seinem Innersten und freute sich im giftigen Missmut, von den
Menschen sich gerissen zu haben.
                                       7.
Um Mitternacht liess der Graf den Teufel und Fausten aufheben und sie in ein
enges, schreckliches Gefängnis werfen. Faust befahl dem Teufel, der Gewalt
nachzugeben, weil er erfahren wollte, wie weit diese Heuchler ihre Bosheit
treiben würden.
    Er nagte an den peinvollen Zweifeln seiner Seele in dem dunklen Kerker. Die
schreckliche Szene des Tags malte sich immer düstrer vor seinen Augen, und es
entsprangen grässliche Gedanken gegen den, der das Schicksal der Menschen leitet,
aus diesen schwarzen Betrachtungen. Sein Inneres war in Aufruhr, endlich rief er
hohnlachend aus: »Wo ist hier der Finger der Gotteit? Wo das Auge der
Vorsehung, das über die Wege des Gerechten waltet? Wahnsinnig seh ich den
Redlichen, den belohnt, der ihn zerschlagen! Dem Tyrannen, der die Tugend
heuchelt, entdeckt ich die Bosheit seines Günstlings, und er findet ihn seiner
Freundschaft, der Belohnung nur würdiger! Und es wäre Zweck, Ordnung und
Zusammenhang in der moralischen Welt? Nun, so sind sie auch in dem Gehirn dieses
armen Zerrütteten, den sein Schöpfer ohne Schutz und Rache fallen liess!« - Er
fuhr fort, und der Teufel horchte lächelnd. »Ist der Mensch durch die Kette der
Notwendigkeit gezwungen zu handeln, so muss man seine Handlungen und Taten dem
höchsten Wesen selbst zuschreiben, und sie hören dadurch auf, strafbar zu sein.
Kann von einem vollkommnen Wesen etwas anders als Gutes und Vollkommnes fliessen?
Nun, so sind es unsre Handlungen, so scheusslich sie uns auch vorkommen mögen,
und wir sind ihr Opfer, ohne abzusehen warum. Sind sie sträflich und das, was
sie uns scheinen, so ist dieses Wesen ungerecht gegen uns, denn es straft Greuel
an uns, deren Quelle es selbst ist. Teufel, löse mir diese Rätsel auf, ich will
wissen, warum der Gerechte leidet und der Ruchlose belohnt wird.«
    TEUFEL: Faust, du hast zwei Fälle gesetzt, wie, wenn es noch einen dritten
gäbe? Nämlich, dass ihr auf die Erde geworfen wärt wie Staub und das Gewürme,
ohne Vorsicht und Unterschied. Einem dunklen Wirrwarr überlassen, den man euch
wie einen verworrnen Knäuel übergeben hätte, ihn auseinanderzuzerren, und wenn
euch das unmögliche Werk nicht gelänge, euch euer strenger Herr und Richter doch
zur Rechenschaft dafür aufforderte? Wenn er nun, gleich einem Despoten, eurem
Herzen darum solche zweideutige Gesetze und widersprechende Neigungen
eingedrückt hätte, um sich die Erklärung des dunklen Sinns derselben
vorzubehalten und nach Gefallen zu strafen und zu belohnen?
    FAUST: Bei welchem Philosophen bist du in die Schule gegangen, dass du mir
ein Wenn nach dem andern auftischest? Ha, ich fühle es, der Mensch soll und muss
in der Finsternis tappen, sein Herz durch die Erscheinungen zerreissen lassen,
und wenn er's auch mit dem Teufel versucht, Licht und Klarheit zu erringen. Wenn
Laster und Torheit den Gang der Welt befördern, so ist die Tugend Unsinn, da sie
den nicht schützen kann, der ihr sein Leben weiht. So haben wir dies Gefühl
erkünstelt, und unsre tierische Natur, die uns durch die Sinne zum Genuss des
Augenblicks treibt, weiss nichts davon. In törichter Hoffnung, in stolzem
Wahnsinn blicken wir zu dem Himmel auf und erwarten in der fernen, ungewissen
Zukunft den Lohn unsrer Unterwerfung, während der Triumph und Spott des Lasters
um uns her erschallt. Hier schwebe ich zwischen meinem zerrissnen Herzen und
meinem empörten Verstand, wie der verzweifelnde Schiffer auf dem brausenden
Meere, dessen Fahrzeug der Blitz entzündet hat. Vernichtung droht ihm die Glut,
Vernichtung die tobenden Wellen. Was soll mir dieses Mitleiden, das mein Herz
bei dem Leiden des Menschengeschlechts auflöst? Es werde zu Stein wie die Herzen
der Grossen und Mächtigen, die die Menschen bloss zu Mitteln ihrer Zwecke nutzen.
Ihnen muss ich nun gleich werden und Hohn der Menschheit sprechen. Dass der Keim
meines Daseins in dem Schosse meiner Mutter vertrocknet wäre! Dass nie meine
Nerven diese Reizbarkeit erhalten hätten, nie das Gefühl von Recht und Unrecht
in meiner Brust erwacht wäre! Musste ich dies an dem Menschen erfahren, um in
Gegenwart des Teufels seine Natur zu lästern! Noch einmal, listiger Sophist,
löse mir diese Rätsel auf, entülle mir dies Geheimnis, und wenn auch Gespenster
aus dem Dunkel hervorsprängen, die mich durch ihren Anblick töteten.
    TEUFEL: Beruhige dich und schüttle diese Zweifel ab, keinem, in Fleisch
gehüllt, ist es gegeben, diesen Knoten zu lösen, und Tausende werden sich daran
erwürgen. Vergiss den Zweck nicht, den wir uns bei unsrer erstern Zusammenkunft
vorgesetzt haben.
    Ich versprach, dir den Menschen nackend zu zeigen, um dich von den
Vorurteilen deiner Jugend und deiner Bücher zu heilen, damit sie dich im Genuss
des Lebens nicht stören möchten; und wenn du wirst eingesehen haben, dass die
sogenannte Leitung des Ewigen, dem du um meinetwillen entsagt hast und vor
dessen Angesicht ihr ungehindert die scheusslichsten Greuel begeht, nur Wahn
eures Stolzes ist, und dir dann noch Kraft im Herzen übrigbleibt, so will ich
dir die schaudervollen Geheimnisse eröffnen, die dich nun umhüllen.
    FAUST mit bittrem Gelächter: Nun, bei dem Dunkel der Hölle, das uns bei
unsrer Geburt bis zum Grabe umdampft, so wär ich noch der Gescheiteste von
allen, dass ich dem Wirrwarr entgangen bin und dadurch, dass ich mich dir ergab,
mein Schicksal willkürlich bestimmte, es entschied, wie es einem freien Wesen
zusteht. In sich mit verbissner Wut. Einem freien Wesen! ha! ha! ha! Ja, frei wie
der Jagdhund, den ich am Seile leite und den der Instinkt fortreisst, wenn er das
Wild wittert.
    TEUFEL: Glaube mir, Spötter, besässen die Menschen die Zauberkraft, die du
dem Dunkel entrissen hast, sie würden bald die Hölle entvölkern und du würdest
mehr Teufel auf der Erde herumfahren sehen als Schutzheilige im Kalender stehen
oder als eure Tyrannen Soldaten im Solde halten, um euch zu unterjochen. Hei ho!
welch ein trauriges Los für einen Teufel, die tollen Begierden eines guten Kopfs
auszuführen, was würde dann aus uns werden, wenn es jedem Schuft gelänge, uns
aus der Hölle zu rufen?
    Diese Bemerkung des Teufels wollte soeben der Laune Fausts eine andre
Richtung geben, als auf einmal eine neue Erscheinung ihrer Unterredung ein Ende
machte. Es traten sechs Bewaffnete mit einer Blendlaterne herein, denen zwei
Henker mit grossen leeren Säcken folgten. Faust fragte, was sie wollten, und der
Anführer antwortete, sie möchten sich bequemen, in diese Säcke zu kriechen, denn
sie hätten den Auftrag, die gnädigen Herren hineinzustecken, die Säcke
zuzubinden und in den nahen Fluss zu tragen. Der Teufel erhub ein lautes
Gelächter und sagte: »Sieh doch, Faust, der Fürst von *** will dich von dem
Entusiasmus der Tugend abkühlen, den du ihm heute so warm gezeigt hast.« Faust
sah ihn ergrimmt an, gab ihm einen Wink; ein höllisches Gesause erfüllte den
gewölbten Keller, die Schergen stürzten zitternd zu Boden, und die Gefangnen
fuhren hinaus.
    Nun erst erwachte das Gefühl der Rache in dem Herzen Fausts und kleidete
sich in den Schmuck eines grossen edlen Berufs. Der Gedanke fuhr durch seine
Seele, die Menschheit an ihren Unterdrückern zu rächen. Ein stolzes Gefühl
durchglühte seinen Busen, die Macht des Teufels, dem er sich auf Gefahr seines
Selbsts ergeben, zu nutzen, um Gerechtigkeit an den Heuchlern und Bösewichtern
auszuüben. Er rief dem Teufel zu:
    »Fahre in den Palast und erwürge mir den, der mit der Tugend ein Spiel
treibt! Vernichte den, der Verräter belohnt und den Gerechten wissend zertritt!
Räche in meinem Namen die Menschheit an ihm.«
    TEUFEL: Faust, du greifst der Rache des Rächers vor!
    FAUST: Seine Rache schläft, und der Gerechte leidet; ich will den vertilgt
sehen, der die Maske der Tugend trägt.
    TEUFEL: So gebiete mir, die Pest über die Erde zu hauchen, dass das ganze
Menschengeschlecht hinsterbe. Was soll aus ihnen werden, wenn dein Wahnsinn
dauert. Du wirst nur die Hölle bevölkern, und alles wird seinen Gang gehen wie
vor.
    FAUST: Hämischer Teufel, du möchtest ihn retten, dass er der Greuel noch mehr
begehen kann; freilich, Fürsten seinesgleichen verdienen den Schutz der Hölle,
denn sie machen auf Erden die Tugend verdächtig, da sie das Laster belohnen. Er
soll sterben, beladen mit seiner letzten Tat soll er bebend zur Verdammnis
fahren.
    TEUFEL: Tor, der Teufel freut sich des Mords des Sünders, was ich sage,
geschicht bloss darum, mich gegen deine Vorwürfe in Zukunft zu sichern, damit dir
keine Entschuldigung übrigbleibe. Die Folgen der Tat sind dein.
    FAUST: Sie seien mein, ich lege sie gegen meine Sünden in die Waage. Eile
und morde. Sei der Pfeil meiner Rache! Fasse den Günstling und schleudere ihn in
den glühenden unfruchtbaren Sand des heissen Libyens, dass er langsam
hinschmachte!
    TEUFEL: Faust, ich gehorche, doch bedenke, Kühner, dass dir das Richteramt
nicht gegeben ist.
    FAUST: Ich bin der Elendeste der Erde; aber nicht in diesem Augenblick.
    TEUFEL: Es ist Selbstrache, Verdruss, dich in ihm betrogen zu haben, die dich
treiben.
    FAUST: Geschwätziger Teufel, es ist der Rest des Unsinns meiner Jugend, der
mich bei schlechten Taten oft zu Mordgedanken reizte. Hätte ich das Unrecht der
Menschen sehen und dulden können, würde ich dich aus der Hölle gerufen haben?
Eile und vollziehe!
    Der Teufel erwürgte den Fürsten auf seinem weichen Lager, fasste den bebenden
Günstling und schleuderte ihn den glühenden Sand Libyens, fuhr zu Faust zurück:
»Die Tat ist vollbracht!« Sie setzten sich beide auf den schnellen Wind und
segelten dem Lande hinaus.
    Wie glücklich sind nun unsre Fürsten, dass es keinem mehr so leicht gelingt,
den Teufel aus der Hölle zu rufen und ihn zum Werkzeug der Rache der
Unterdrückten und Zertretnen zu machen. Wehe den Nabobs der Erde, wenn es einem
gelänge!
                                       8.
Faust sass düster auf seinem Pferde; denn da sie über die Grenzen waren, hatten
sie auf des Teufels Vermittlung das Fuhrwerk verändert. Die letzte Geschichte
nagte noch immer an seinem Herzen; es verdross ihn, dem Teufel in Ansehung der
Menschen gewisse Dinge zugestehen zu müssen, und seine Laune ward um so bittrer,
da er selbst anfing, sie in einem andern Lichte zu betrachten. Doch tröstete ihn
der Gedanke in seinem Missmut, den unglücklichen Minister an den Heuchlern
gerächt zu haben. Der Stolz schwellte nach und nach sein Herz so auf, dass er
beinahe anfing, seine Verbindung mit dem Teufel als das Wagstück eines Mannes
anzusehen, der seine Seele für das Beste der Menschen opfert und dadurch alle
Helden des Altertums, die nur ihr zeitliches Dasein dransetzten, übertrifft.
Noch mehr, da diese um des Ruhms willen sich opferten und also aus Eigennutz
handelten, auf den er vermöge seiner Verbindung keinen Anspruch machen konnte,
so fiel vor seinen verblendeten Augen alle Vergleichung zwischen ihnen und ihm
weg. Setze den Menschen in welche Lage du willst, sei unbesorgt und lass nur
seine Eigenliebe würken; du siehst, sie weiss Fausten selbst die Aussicht in die
Hölle zu vergulden. Er vergass in diesem stolzen Gefühl die Beweggründe seiner
Verbindung mit dem Teufel, seinen Hang zur Wollust und Genuss und schwärmte sich
auf seinem Rosse in gespannter Phantasie zum Ritter der Tugend, zum Rächer der
Unschuld. Ja dieser Selbstbetrug ward sogar ein Balsam für seinen gekränkten
Geist, und er sah gleichgültiger auf den peinlichen Gedanken, das nicht durch
den Teufel entdeckt zu haben, was er so sehnlich zu wissen gewünscht hatte. Sein
Herz schlief hierbei so ruhig an dem Abgrund der Hölle ein, als der Fromme in
die Arme des Todes sinkt, der ihn in die seligen Gefilde hinüberträgt. Der
Teufel ritt neben ihm her und liess ihn ruhig seine Glossen machen. Er nur sah in
jedem dieser vermeinten edlen Gefühle einen neuen Stoff zur künftigen Marter und
Verzweiflung, und sein Hass nahm in dem Masse gegen Fausten zu, als sich dessen
Aussicht aufheiterte und erweiterte. Er genoss der Stunde voraus, worin alle
diese glänzende Lufterscheinungen zusammenstürzen, alle diese bunten Bilder der
Phantasie sich in die Farbe der Hölle hüllen und des Kühnen Herz so zerreissen
würden, wie nie eines Sterblichen Herz zerrissen ward. Nach langem Schweigen
erhub endlich Faust die Stimme:
    »Sage mir, wie ist es nun mit dem falschen Günstling?«
    TEUFEL: Er schmachtet auf dem glühenden Sande, streckt seine verdorrte Zunge
aus dem brennenden Rachen, dass die Luft und der Tau sie erfrischen und
befeuchten mögen; aber dort weht kein kühlender Wind, und in Jahrtausenden fällt
kein erfrischender Tropfen vom Himmel. Sein Blut kocht wie glühendes Metall in
den Adern, die Strahlen der Sonne fallen senkrecht auf sein nacktes Haupt. Schon
rollt der Fluch gegen den Ewigen in seinem entflammten Gehirne, seine dürre
Zunge vermag nicht, ihn auszusprechen, er arbeitet in dem heissen Sande wie ein
Maulwurf, um die feuchte Erde zu lecken, und öffnet sich nur ein Grab. Ist deine
Rache befriedigt?
    FAUST: Rache? Warum nennst du Ausübung der Gerechtigkeit Rache? Sieh, kalter
Schauder überlief meine Haut bei deinen Worten, aber ich sah ihn kalt lächeln,
da ich ihm die Marter des Edlen und der Verführten schilderte.
    TEUFEL: Die Zeit, die nur langsam den Schleier hebt, mag es entwickeln. Der
Bauer, Faust, säet den Hanf, arbeitet ihn zum Stricke, ohne zu ahnden, dass sein
strenger Herr ihn einst damit wird geisseln lassen, wenn er die Gebühren und
Frondienste nicht abträgt. Was wird aus dir werden, wenn du den Menschen in
grösserm Wirkungskreise sehen wirst? Wir haben dem Ungeheuer nur die erste Haut
abgezogen, was wird es dann sein, wenn wir ihm die Brust aufreissen? Schnell
würde der, welcher die Rache sich vorbehalten hat, das Zeughaus des Donners
ausleeren, wenn er alle die vernichten wollte, die nach deiner Meinung nicht zu
leben verdienen.
    Aber er will, dass sie leben, leiden, sündigen und der Strafe reifen.
Gleichwohl wäre das Ding von Mensch noch immer gut genug, wenn es nur dem Trieb,
alles zu verzerren und zu missbrauchen, durch seine stolze Vernunft etwas mehr
widerstehen könnte oder wollte. Faust, woher mag dies Unvermögen wohl kommen?
Wenn du eine Maschine verfertigest, wirst du sie nicht so zurichten, dass sie
deinem Zweck entspricht; wenn du nun fändest, dass du dich in deinem Machwerk
geirrt hättest, und es eher deinen Zweck hinderte als beförderte, wirst du sie
nicht verbessern oder vernichten?
    Faust wollte eben antworten, als sie in der Ferne ein Dorf in hellen Flammen
sahen. Da ihn nun alles scharf reizte, spornte er sein Pferd, und der Teufel zog
hinter ihm drein. Es begegnete ihnen bald ein Haufe fliehender Ritter und
Knechte, die eben ein andrer Haufe geschlagen hatte. Als sie dem Dorfe näher
kamen, fanden sie das Feld mit Leichen der Reisigen und Pferden bedeckt. Sie
sahen unter den Toten einen Knappen, der mit beiden Händen arbeitete, seine
herausgestürzte Eingeweide in den Bauch zurückzudrücken; er heulte und fluchte
fürchterlich unter dem schmerzlichen Werke. Faust fragte ihn höflich um die
Ursache des Zwists, der Knappe schrie: »Schert Euch zu allen Teufeln, Herr
Naseweis! wenn Ihr Eure Kaldaunen in frischer Luft sähet wie ich, die Neugierde
würde Euch vergehen. Weiss ich, warum sie mir den Bauch aufgerissen haben? Fragt
dort den gnädigen Herrn, meinen Junker, den sie auch verstümmelt haben und dem
ich dies Frühstück zu verdanken habe.«
    Sie nahten einem Ritter, der eine Wunde an dem Schenkel hatte, und Faust tat
dieselbe Frage an ihn. Der Ritter antwortete: »Ein Bauer aus dem brennenden
Dorfe hat vor einiger Zeit dem mächtigen Rauhgrafen einen Hirsch erlegt. Darauf
hat der Rauhgraf den Täter von meinem Herrn gefordert, um ihn nach teutschem
Herkommen auf einen Hirsch zu schmieden und zu Tod rennen zu lassen. Mein Herr
hat den Bauern nicht herausgeben wollen und die Pfändung an Hab und Gut zu
seinem eignen Besten für hinreichende Strafe erklärt. Der Rauhgraf hat hierauf
dem Edelmann im Namen Gottes und unter dem Schutze des Kaisers einen Fehdbrief
zugeschickt. Die Fehde ist unglücklich für uns ausgefallen, der Rauhgraf hat das
Dorf angezündet, es mit seinen Reisigen umgeben, dass keiner der Bauern heraus
kann, und wird nun dem Eide Gnüge tun, den er bei dem heiligen Sakrament
geschworen, alle die Bauern wie Martinsgänse für seine Hunde und wilden Schweine
zu braten.«
    FAUST ergrimmt: Wo liegt sein Schloss?
    RITTER: Auf jener Höhe, es ist das festeste und prächtigste im Lande.
    Faust ritt auf eine Anhöhe und sah im Tale das brennende Dorf vor sich
liegen. Die Mütter mit ihren Kindern, Männer und Greise, Jünglinge und
Jungfrauen stürzten heraus, warfen sich den Reisigen zu Füssen, flehten
verzweifelnd um Rettung. Der Rauhgraf schrie, dass es im Tale erschallte: »Treibt
die Hunde zurück! In den Flammen sollen sie alle sterben!« Die Bauern schrien,
dass es den Himmel und die Felsen zerreissen müsste: »Wir sind unschuldig, der Euch
beleidigt hat, ist entflohen! Was haben wir und unsre Kinder verbrochen? Ach,
rettet nur sie!« Die Reisigen peitschten sie von der Erde auf, trieben sie nach
den Flammen, die Mütter warfen die Kinder nieder, in der Hoffnung, sie würden
sich ihrer erbarmen, der Huf der Rosse zerschmetterte sie -
    Faust rief wahnsinnig: »Teufel, fliege und kehre nicht zurück, bis du des
Wüterichs Schloss mit allem, was es in sich fasst, aufgebrannt hast. Er kehre heim
und finde Wiedervergeltung.«
    Der Teufel lächelte, schüttelte den Kopf und flog davon. Faust warf sich
unter einen Baum und blickte ungeduldig nach dem Schloss. Als er es in Flammen
sah, wähnte der Verwegne, die Ordnung der Dinge hergestellt zu haben, und
empfing den zurückkehrenden Teufel mit Zufriedenheit. Dieser fuhr siegend
einher, verkündigte ihm den Jammer, den er angerichtet, und mit welcher Eile der
Rauhgraf mit seinen Reisigen nach dem Schloss zujage; »aber, Faust«, setzte er
hinzu, »der Dampf des höllischen Pfuhls wird ihm einst nicht so entgegenstinken
als diese deine Tat. Sein junges, vielgeliebtes Weib ist vor einigen Tagen mit
dem Erstgebornen niedergekommen.«
    FAUST: Rette sie und den Neugebornen.
    TEUFEL: Es ist zu spät; die schwache Mutter drückte ihn in ihre Arme, und er
brannte auf ihrem Herzen zu Asche.
    Diese Post durchschauderte die Seele Fausts, er sagte grimmig: »Ha, wie
schnell der Teufel im Zerstören ist!«
    TEUFEL: Faust, nicht so schnell als der verwegne Mensch im Urteil und
Richten. Hättet ihr unsre Macht, längst würdet ihr die Welt zertrümmert und zum
Chaos gemacht haben. Beweisest du es nicht, da du deine Herrschaft über mich so
unsinnig missbrauchst? Fahre nur zu! der Mensch, der sich den Zügel lässt, gleicht
dem Rad, das vom Berge rollt, wer kann es aufhalten? es springt von Klippe zu
Klippe, bis es zerschmettert. Faust, gern hätte ich den Unmündigen der Sünde
reifen lassen, nun ist er der Hölle entgangen samt der Mutter, er brannte auf
ihrem Herzen zu Asche, und sie wehrte der ihn aufzehrenden Flammen mit den
Knochen, von denen schon das Feuer das Fleisch abgefressen hatte.
    FAUST: Du legst es an mein Herz. (Er hüllte sein Gesicht in seinen Mantel
und netzte ihn mit seinen Tränen.)
                                       9.
Das Gefühl, die Tugend an den Lasterhaften rächen zu wollen, kühlte sich in
Fausten etwas ab; endlich labte er seinen durch die letzte Geschichte
gepeinigten Geist mit dem Gedanken, den ihm der Teufel vorsätzlich hinwarf, der
Säugling und die Mutter seien der Hölle entgangen. Auch erlaubten die
Sinnlichkeit, das leichte Blut, das Streben nach Genuss, der Zug nach
Veränderung, die Zweifel keiner Empfindung einen dauernden Eindruck in seinem
Herzen. Da er alles mit lebhaftem Gefühl umfasste, so brannten seine Empfindungen
wie Lichtkugeln auf, die einen Augenblick die Finsternis erleuchteten und dann
zerplatzen. Er blickte endlich wieder unter seinem Mantel hervor, sah Leviatan
auf etwas hören und lächeln. Er frug ihn: »Worüber lächelst du, Würger, mich
deucht, du horchst einem Redenden zu, und gleichwohl seh ich keinen.«
    TEUFEL: Du irrst dich nicht. Soeben schwebte ein Geist einher, der sich mit
ehebrecherischen Händeln abgibt, und erzählt mir einen Schwank, über den ich
lachen muss, so ernstaft ich auch in deiner lästigen Gesellschaft geworden bin.
    FAUST: Erzähle! ich bedarf des Lustigen.
    TEUFEL: Soll er oder ich?
    FAUST: Wer er? Ich seh ihn nicht.
    TEUFEL: Gleichwohl ist er nah bei dir. Soll er dir erscheinen oder willst du
bloss seine Stimme hören? Sie ist so sanft wie die Stimme des Ehebrechers, der
zum ersten Falle lockt.
    FAUST: So sei's die Stimme; ein Schwank aus der Luft erzählt, ist etwas
Neues, und ich bedarf des Neuen, aber lustig muss der Schwank sein.
    »Lustig und tragisch, Faust, wie's bei euch immer einander auf dem Fusse
folgt«, sagte eine feine, hellklingende Stimme, die gleich einer Lockpfeife alle
Töne nachahmte.
    Die Stimme fuhr fort: »Ich komme soeben von Köln, das, wie Ihr wisst, mehr
durch Kirchen und Reliquien berühmt ist als durch Genies. Doch Hahnreien gibt's
dort mehr als Kirchen.«
    FAUST: Ein sehr moralischer Teufel! und die Stimme hat viel gereist, denn
sie fängt gleich mit Bemerkungen an. Narr von Geiste, von welchem Orte kann man
dies nicht sagen?
    STIMME: Faust, die Wahrheit steht überall an ihrem rechten Platze. - Ich
hatte mich dort in die Rosenknospen der weissen runden Brust einer Betschwester
einquartiert, ihr Mann war nach Holland gereist. Sie fühlte den schäkernden
unruhigen Gast durch alle mit meinem lüsternen Sitze verbundne Nerven, klagte
über den besondern Umstand bei ihrem Beichtvater; es kam zu Erklärungen, und die
Folge der Erklärungen war, dass er mich zufällig mit seinem Skapulier berührte.
Mein Spuk war reif, und ich flog davon. Wie ich durch die Strassen dahinfuhr, sah
ich einen Schlingel, ganz in dem scheusslichen Kostüme ausstaffiert, womit uns
eure Mönche beehren. Roten Mantel, scheussliche Larve, ungeheure Hörner, einen
Bocksfuss und langen Schwanz. Ich setzte mich zwischen die Hörner des Verwegenen
und trabte mit ihm fort. Er schlich in das Haus des Junkers von Trossel. Der
Kerl war mir von seinem ersten Weibe her bekannt und verdient, es Euch zu
werden. Stellt Euch einen westfälischen Flegel von Edelmann, sechs Fuss hoch,
vor, zwischen seinen breiten Schultern einen runden, feisten Kalbskopf, auf
dessen Angesicht die Natur mit grober Schrift den eigensinnigen Dummkopf, den
Pfaffensklaven, den harterzigen, rauh prahlenden Barbaren, den Bürger- und
Bauernschinder und den Hahnrei gezeichnet hat. Seine Erziehung gaben ihm die
Buben, Knechte und Knappen des hochgebornen Vaters, in deren Schule er auch ein
so fertiger und origineller Flucher ward, dass es kein Fuhrmann seines Vaterlands
mit ihm aufzunehmen wagte. Der Kapellan lehrte ihn ein wenig lesen, stopfte ihm
gleich das Gehirn voller Legenden und Zaubergeschichten, und da er so zum
Edelmann qualifiziert war, gab man ihm ein Fähnlein Volks und schickte ihn dem
Kaiser gegen die Türken zu Hülfe. Wacker hieb er in den Feind, doch führte er
lieber mit dem Freunde Krieg, raubte, erpresste und handelte, wie ein Kerl
handelt, der kein ander Recht kennt als das Recht seiner Faust und seines Adels.
Eine übermässige Ladung ungarischen Weins machte seinem Unwesen ein Ende und
stürzte ihn vom Pferde; er verrenkte sich die Hüfte, ward in der Kur verpfuscht
und setzte sich in Köln zur Ruhe. Hier legte er sich aus Missmut und Langerweile
aufs Studieren, verschlang alle Legenden, Zauber- und Hexengeschichten,
erhitzte, verwilderte seine leere Einbildungskraft und fasste aus Patriotismus
(worin ihr Teutschen alle Völker der Erde übertrefft) ganz natürlich eine
besondre Vorliebe für die Reliquien und Legenden des Orts seines Aufentalts.
Nichts übertraf nach seinem Sinne das Wunder der elftausend Jungfrauen (und
darin hatte er nicht unrecht). Die Legende der heiligen drei Könige aus
Morgenland wurde sein Labsal, und schon vor seiner ersten Ehe unternahm er, ihre
Geschichte zu schreiben, bisher ist er aber noch nicht mit ihnen nach Betlehem
gekommen. Doch alle diese frommen Beschäftigungen bekehrten den Flucher nicht.
Pfaff und Laie machten ihm Vorstellungen darüber, unter neuen, schrecklichern
Flüchen versicherte er, er wolle sich das Fluchen abgewöhnen. Nehmt noch hinzu,
dass dieses Tier vom vielen Sitzen hypochondrisch geworden ist, dass er sich
erschrecklich vor dem Tod und noch mehr vor unsrer Brüderschaft fürchtet, die er
gleichwohl ohne Unterlass zitiert, und, um den Kerl mit dem letzten Zug zu malen,
dass er eifersüchtig wie ein Tiger ist, dass er sein Weib nicht aus den Augen
lässt, dass sie neben seinem gepolsterten Sessel hucken und ihm zuhören muss, wenn
er die Legende kommentiert oder von seinen Feldzügen lügt. Vor kurzem
verheuratete er sich mit einer derben, fleischigten Brünette - ein lüsterner
Schalk, ganz auf dem schwankenden Stengel der Unschuld gewachsen und nur vom
weiblichen Sinne gepflegt. Ich hatte schon ein Netz für sie gewirkt, aber der
Schalk kam mir, wie Ihr sehen werdet, zuvor. Der Mönchsteufel polterte die
Treppe hinauf - ich, der ihm ablauerte, worauf es angesehen war, umzog schnell
seine Hörner mit loderndem, knitterndem Feuer und setzte mich in Gestalt einer
ungeheuern Fledermaus mit glühenden Augen dazwischen - Der Mönchsteufel trat vor
das Bett und schrie: Trossel! Trossel! Herr von Trossel! Mich sendet Satan, mein
Herr. Mit freundlichem Grusse lässt er dir sagen, dass, wenn du dein schreckliches
Fluchen nicht lässest, womit du ihn jeden Augenblick zu Hülfe rufest, er bald
genötigt sein würde, dir in hoher Person den Hals zu brechen. Schon lange hätte
er's gern getan, aber du stehest unter dem Schutze der elftausend Jungfrauen,
der drei Mohrenkönige, und diese verteidigen dich gegen ihn. Doch sollen sie ihn
nicht hindern, dir für jeden Fluch, den du in Zukunft herausdonnern wirst, einen
Liebhaber zu deinem jungen Weibe Lene zu legen. Weh dir, wenn du alsdann dein
unschuldiges Weib und den unschuldigen Kavalier beleidigst. -
    Der Mönchsteufel polterte die Treppe hinunter. Trossel zitterte und bebte -
Lene war bei der Erscheinung unter die Bettdecke gekrochen und streckte nicht
eher den Kopf hervor, als bis er ihr in Verzweiflung zurief. Dann fing sie
erbärmlich an zu klagen und zu jammern über das Unglück, das ihr bevorstünde,
und beschwur den Totbleichen bei allen Heiligen, sich ja vor dem Fluchen in acht
zu nehmen. Er gelobte sich's und ihr unter Stöhnen und Gebet. Ich eilte dem Kerl
nach, der uns so schändlich prostituiert hatte, und begleitete ihn nach der
Rheinseite. Ein junger Edelmann, dem der Schalk von Weibe dieses saubere Spiel
in der Kirche angegeben hatte, wartete dort auf ihn - der Kerl kroch aus der
Maske hervor - es war ein Mönch, Faust!
    Trossel sass den ganzen Tag stumm und tot da; denn reden und fluchen war bei
ihm eins. Der Schalk von Brünette blickte aus halbgeöffneten Augen nach dem
Unglücklichen und schien nach dem Fluche zu lechzen wie nach eurer Vorstellung
eine Seele im Fegfeuer nach Erlösung. Gleichwohl schärfte sie ihm ohne Unterlass
ein, sich ja vor dem Fluchen in acht zu nehmen, malte ihm den Teufel und die
Gefahr immer schrecklicher und sagte weinend, sie würde nie den fürchterlichen
Augenblick überleben. Trossel seufzte zum erstenmal herzlich in seinem Leben, er
war nur ein lebloses Ding, ein Schatten, ein Nichts. Man bestahl ihn, warf seine
Legenden untereinander, trat seinen Lieblingshund auf die Pfoten, war mürrisch,
zänkisch, unverschämt gegen ihn, er verlor durch ungerechten Spruch einen Prozess
- er biss die Zähne zusammen, schluckte die bis in die Gurgel gedrungenen Flüche
zurück, erduldete alles und schwieg. Er war dem Stummwerden nahe, und schon
verzweifelte Lene, als ihm mein Mönch, unter der Maske eines reisenden
Edelmanns, von Trossels Kriegsbruder empfohlen, eines Abends einen Besuch machte
und der lechzenden Brünette Gelegenheit verschafte, den gefesselten Flüchen
Luft zu machen. Das Mönchlein liess sich glattzüngig mit Trossel in eine
Unterredung über die drei Mohrenkönige ein. Die Beredsamkeit des Stummen ward
lebendig, er floss in ihrem Lobe über, las ihm aus seinem Werke vor, und die
Brünette horchte andächtig zu. Als ihn der Mönch recht im Feuer sah, sagte er
spöttisch lachend: Drei Könige? Drei Könige auf einmal? Hat man doch oft an
einem zu viel! Und was wollten denn die Kerle in Köln? Was hatten sie am Rheine
zu tun? Hatten sie denn zu Hause keine Geschäfte, dass sie herumzogen wie
Meistersänger? Was mögen indessen ihre Untertanen gemacht haben? Nehmt mir nicht
übel, so viel ich von Königen weiss, so laufen sie nicht so von Haus und Hof, es
müsste denn sein, dass man sie davonjagte. Das ist alles Fabel und albernes Zeug.
    Trossel wurde blau und rot. Die Kollerader schwoll auf seiner Stirne. Der
Geifer des Zorns schäumte um seine blauroten Lippen. Er zog krampfhaft die
Daumen in die Fäuste, schnitt fürchterliche Grimassen, blies aus Mund und Nase,
wollte eben, um die Flüche zurückzupressen, nach seiner Krücke greifen, um dem
Lästerer eins zu versetzen; aber das freundliche Lenchen sprang erschrocken auf,
liebkoste ihn, streichelte ihn, gab ihm süsse Worte und Küsse, drückte sich an
ihn, setzte unter Liebkosungen ihr Füsschen auf das Hühneraug des Grimmigen und
trat aus allen ihren Kräften darauf. Da brach der eingeschlossne Donner los. Die
schrecklichsten Flüche strömten aus seinem Munde wie eine losgelassne Flut,
stürzten wie der Hagel herunter - der Gast entfloh - die Brünette sank zu seinen
Füssen, schrie: Du hast mich unglücklich gemacht, meine Ehre weggeflucht! und
fiel in Ohnmacht. Starr, bebend und bleich stund der Flucher da. Mit noch
grässlichern Flüchen rief er endlich: Warum hast du mir auf das Hühneraug
getreten? Hab ich meine verdammte Zunge nicht bis auf diesen Augenblick
gehalten? - Warum hast du geflucht, erwiderte Lene. Dir ist alles gleichgültig,
wenn nur dich der Bocksfüssler nicht holt, mag meine Ehre immer dabei leiden! Ich
konnte dem Kitzel des Lachens nicht mehr widerstehen. Wer lacht dahier?
klapperte Trossel. Der Teufel, schrie die Brünette. Das edle Paar entfloh, kroch
ins Bette, und kaum hatte sich Trossel von seinem Schrecken erholt, kaum fing er
an zu schnarchen, als ihn eine gellende Stimme aufweckte: Heraus aus dem Bette,
Flucher! Wider Willen muss ich dich heute zum Hahnrei machen. Doch fürchte
nichts, ich bin wie du von christlichen Eltern geboren, werde dir nichts zuleide
tun. Alles geschieht zum Heil deiner Seele, aber wenn du dich rührst, so kommt
der Schwarze!
    Trossel sprang aus dem Bette, kroch in einen Winkel, zog die Nachtmütze über
das Gesicht und klapperte vor Furcht und Angst. Nach einigen Stunden rief die
Stimme: Lege dich wieder zu Bette und vergiss nicht, dass mein Schicksal ist, für
jeden deiner Flüche deinen Platz einzunehmen, und das deine, es zu leiden!
    Die Stimme stieg zum Fenster hinaus. Lenchen spielte noch toller die
Verzweifelte, und ihr Haustyrann, der so streng auf sein Männerrecht hielt, der
nicht den geringsten Widerspruch vertragen konnte, musste nun bitten und flehen,
sie möchte ihm diesmal verzeihen.
    Man stellte dem Flucher neue Fallen, lange vermied er sie; da aber einmal
die Brünette das Mittel entdeckt hatte, seine Zunge zu lösen, so spielte sie
solange auf dieser Saite, bis sie etwas erschlaffte. Ein Streich gelang ihr über
alle Hoffnung. Der Arme hatte den ganzen Tag an einem Kapitel seines Werkes
gearbeitet, darinnen bewiesen, dass seine Schutzherrn aus dem Morgenlande nicht
zu Fusse, sondern auf Kamelen von Hause ausgeritten wären und dass ein geflügelter
Bote von oben ihnen bei Nacht eine Laterne vorgetragen hätte. Lene, die seine
Anstrengung während der Arbeit und seine endliche Zufriedenheit darüber
bemerkte, zerriss die Blätter, sobald er sich einen Augenblick entfernte,
wickelte Garn in die Fetzen - legte in ein Blatt einen Kreuzer, zündete es an
und warf es einem singenden Bettler aus dem Fenster zu. Trossel kam zurück,
wollte ihr nun seine Tagesarbeit vorlesen, fand sie nicht, frug zitternd
darnach; Lene liess sich dreimal erklären, was er wollte, und sagte endlich mit
kalter Verachtung: Hier sind deine Wische! ich hielt es für eine Schmiererei,
dergleichen du Hunderte des Tags machst und wieder zerreissest! Knirschend für
Wut öffnete er die Knäuel Garn, warf sie ihr brummend in Schoss, legte seine
Fetzen zusammen und rief mit donnernder Stimme: Wo ist das übrige? - Zum Fenster
hinaus! - Zum Fenster hinaus! Die Flüche donnerten heraus, dass die Fenster
zitterten, das Glas auf dem Tische erklang. Lene stopfte sich die Ohren zu,
spielte die vorige Komödie; der Gast kam, Trossel musste das Bett verlassen und
murmelte dabei zwischen den Zähnen: Ich wollte, dass die drei Mohrenkönige die
Beine gebrochen hätten! schon zum zweitenmal machen sie mich zum Hahnrei.
    Und sie sollen's zum dritten-, vierten- und fünftenmal, verwegener Sünder!
Ein Fluch gegen die Heiligen ist Todessünde! rief die Stimme hinter den
Bettvorhängen hervor.
    Der Gast hielt Wort. Da nun Trosseln die Besuche zu oft kamen, so sagte er
diesen Morgen zu Lenchen: Ich kann es nicht mehr ertragen! Ich mag machen, was
ich will - mag ersticken, bersten - fluchen muss ich! Ich will den Nachmittag
nach dem Pater Orbelius schicken, dass er mich morgen früh besuche, ihm dann
alles erzählen und ihn bitten, dass er mir und dir helfe.
    Lene lobte seinen Entschluss; schlich aber bald darauf in ihr Kämmerlein,
setzte sich hin, ihrem Galan den Vorfall zu melden und ihm zu schreiben, er
solle abends den Teufel mit dem Auftrag schicken, Trosseln mit dem Tode zu
drohen, wenn er die Erscheinung entdeckte.
    Ich, schon zufrieden mit dem, was geschehen war, schlich ihr nach. Warf ein
hellrotes Mäntelchen um die Schultern, steckte mich in einen Wams von rauhen
Fellen des Alps, legte ein Krägelchen um den Hals, aus roten, blauen, gelb- und
grünen Flammen gewebt, stellte mich auf zwei hohe Hahnenfüsse mit langen Spornen,
nahm eine scheussliche Krötenmaske vor und bedeckte den feuchten, kahlen Schädel
mit einem Federhut. Statt des Schwanzes wickelte sich eine ungeheure Schlange um
meinen Leib, ihr Rachen ragte aus dem geöffneten Schlunde der Krötenmaske weit
hervor, und so geschmückt stellte ich mich hinter den Stuhl der Schreibenden und
zischelte ihr mit ausgestreckter Schlangenzunge in einem süssen, gefälligen Tone
zu: Bemüht Euch nicht, gnädige Frau, wenn Ihr einen Teufel braucht, da habt Ihr
gleich den rechten. Befehlt nur!
    Die Folgen meines Grusses, Faust, nebst der Moral, wenn wir uns
wiederbegegnen.«
    Die Stimme schwieg, und Faust fühlte den Geist an sich vorübersausen. Er
schrie: »Wo ist er hin? Die Moral will ich hören.«
    TEUFEL: Ho! ho! soll diese der Teufel auch machen? und seinen Schwank
verderben, wie's eure Dichter machen? Er ist schon weit weg; vermutlich hat er
einen neuen Spuk gewittert! Hm, Faust, es fehlt den teutschen Weibern, wie ich
sehe, nicht an Genie, und wenn sie nichts aus euch machen, so geb ich alle
Hoffnung auf.
    Unter Glossen und Lachen über den Schwank ritten sie in das Tor der vor
ihnen liegenden Stadt, und die gute Mahlzeit und die herrlichen Weine in der
Stadt, wo sie nun angekommen waren, schlugen bald Fausts trübe Geister völlig
nieder. Da eben in derselben Jahrmarkt war, so ging Faust mit dem Teufel nach
Tische auf den Platz, um das Gewimmel zu sehen.
    Es war ein sonderbares Land, worin sie sich nun befanden. In einem Kloster
der Stadt lebte ein junger Mönch, dem es ohne viele Mühe gelungen war, einige
wenige Funken von Verstand durch das Feuer seiner Einbildungskraft gänzlich
aufzubrennen und sich so mächtig von der Kraft des religiösen Glaubens zu
überzeugen, dass er hoffte, wenn einst seine Seele den wahren Schwung erhielte
und der Geist Gottes ihn völlig durchsauste, es ihm ein leichtes sein würde,
Berge zu versetzen und sich als ein neuer Apostel in Wundern und Taten zu
zeigen. Überdem sog er, gleich einem trocknen Schwamme, die Torheiten und
Scharlatanerien ein, die andre ausheckten, ein Umstand, wodurch sich die
Schwärmer von den Philosophen gänzlich unterscheiden, denn diese hassen und
verachten die Hypotesen eines andern, da jene allen Unrat des menschlichen
Geistes annehmen und sich zu eigen machen. Da dieser junge Mönch wie jeder
Schwärmer, der von seinem Gegenstand durchdrungen ist, ein feuriger Redner war,
so zog er bald die Seelen der Männlein und vorzüglich der Weiber (die alles
Leidenschaftliche so gern aufnehmen) an sich. Seine Einbildungskraft verschafte
ihm bald einen neuen Zauberstab; denn da er vermöge seiner innigen Verbindung
mit dem höchsten Wesen eine hohe Meinung von den Menschen hatte, so fasste er in
einer seiner glühenden Stunden den Entschluss, dieses Meisterwerk der Vorsehung,
diesen Liebling des Himmels, für den alles übrige gemacht ist, physiognomisch zu
zergliedern und sein Inneres durch sein Äusseres zu bestimmen. Leute von seinem
Schlage betrügen sich so oft selbst, dass man nicht mit Gewissheit sagen kann, ob
ihm etwa ein verborgner Funken des Verstandes zugelispelt hat, diese Schwärmerei
würde der alten einen neuen Firnis geben und die frommen Seelen, über deren
Gesicht sich so viel herrliche Dinge sagen liessen, noch mehr an ihn ziehen. Da
er nur die vier Wände seiner Zelle und Leute seiner Art gesehen hatte, übrigens
in Ansehung der Menschen, der Welt und wahrer Wissenschaften so unwissend war,
als es Leute von heisser Einbildungskraft gewöhnlich sind, die obendrein alle
aufstossende Zweifel mit dem zerschmetternden Hammer des Glaubens zerschlagen, so
lässt sich leicht schliessen, dass auch nur die Phantasie allein bei seinem Werke
die Feder führte. Aber eben darum tat es eine erstaunende Würkung auf die
Geister aller derer, die lieber verworren fühlen als klar denken. Dies ist der
Fall des grössten Teils der Menschen, und da die Tage des Lebens unter dem
angenehmen Kitzel des geliebten Selbsts so sanft dahinfliessen, so konnte es ihm
nicht an Anbetern fehlen. Es tut so wohl, sich als ein vielgeliebtes, vorzüglich
besorgtes Schosskind der Gotteit anzusehen und über die übrigen rohen Söhne der
Natur mit Verachtung und Mitleiden hinzusehen! Unser Mönch blieb aber nicht bei
dem Menschen allein stehen, er stieg auch zu den andern unedlen Tieren der Erde
herunter, bestimmte ihre Eigenschaften aus ihren Gesichtern, ihrem Baue und
glaubte grosse Entdeckungen gemacht zu haben, wenn er aus den Klauen, den Zähnen,
dem Blick des Löwen und dem schwächlichen, leichten Baue des Hasens bewies,
warum der Löwe kein Hase und der Hase kein Löwe sei. Es wunderte ihn gewaltig,
dass es ihm gelungen, die bestimmten und unveränderlichen Merkzeichen der
tierischen Natur so klar beweisen und auf den Menschen anwenden zu können, ob
gleich die Gesellschaft das Gesicht des letztern zur Maske geschliffen hat und
er nie einen in seinem ursprünglichen Zustand sah. Hierauf drang er selbst in
das Reich der Toten, zog die Schädel aus den Gräbern, die Gebeine der Tiere aus
den Gruben und zeigte den Lebenden, wie und warum die Toten so waren und wie sie
vermöge dieser Knochen so und nicht anders sein konnten. Zu was für gefährlichen
Schlüssen könnten diese Voraussetzungen einen Sophisten oder einen Menschen, der
gern seine Schlechtigkeit von sich wälzen möchte, verleiten? Soll, kann der
Mensch durch Kunst ersetzen, was durch natürliche Anlagen in ihm verhunzt ist?
    Dem Teufel war dieser Spuk bekannt, und er merkte wohl, da sie im Wirtshause
bei Tische sassen, dass einige Anwesende und selbst der Wirt ihn und Fausten mit
besondrer Aufmerksamkeit betrachteten und sich leise ihre Beobachtungen
mitteilten, während sie verstohlen ihre Profile zeichneten. Auch zu Faust war
der Ruf dieses Wundermanns gedrungen, hatte ihn aber bisher so wenig
interessiert, dass er auf dieses Geflüster nicht aufmerksam wurde. Da sie nun auf
den Platz kamen, überraschte sie ein ganz neues Schauspiel. Dieses Gewimmel von
Menschen war die echte Schule der Gesichtsspäher. Jeder konnte da seinen Mann
fassen und sein Gesicht auf die Waage legen, die Kräfte seiner Seele abzuwägen.
Einige stunden vor Müllereseln, Pferden, Ziegen, Schweinen, Hunden und Schafen,
andre hielten Spinnen, Käfer, Ameisen und andre Insekten zwischen den Fingern,
forschten mit scharfem Blick nach ihrem innern Charakter und suchten zu
entwickeln, wie sich ihr Instinkt aus dem Äussern bestimmen liesse. Einige massen
Schädel von Menschen und Tieren aus, beurteilten das Gewicht und die Schärfe
ihrer Kinnladen und Zähne und rieten, welchem Tier sie zugehörten. Da aber Faust
und der Teufel unter sie traten, hörte man sie ausrufen: »Welch eine Nase!
Welche Augen! Welch ein forschender Blick! Welch eine liebliche sanfte Rundung
des Kinns! Welche Kraft ohne Schwäche! Welche Intuition! Welche
Durchdringlichkeit! Welche Helle und Bestimmteit im Umriss! Welch ein
kraftvoller, bedeutender Gang! Welches Rollen der Augen! Welch ein Wurf der
Glieder! Wie einverstanden und harmonisch!« »Ich gäbe ich weiss nicht was darum,
wenn ich die Handschrift der Herrn hätte«, sagte ein Weber, »um den schnellen
und leichten Gang ihrer Denkkraft aus ihren Federzügen zu sehen.« Sie zogen alle
ihr Reissblei aus den Taschen und nahmen ihre Profile. Der Teufel verzerrte bei
Anhörung dieser Fratzen das Gesicht, und einer der Späher schrie: »Der innre
Löwe Kraft hat sich gegen eine äussre Versuchung oder einen schwächlichen
Gedanken geschüttelt!«
    Faust belächelte die Narrheit, als auf einmal ein englisches Gesicht aus
einem nahen Fenster auf ihn blickte und in süsser Verwundrung rief: »Heilige
Katerine! welch ein herrlicher Kopf! welch eine himmlische, liebevolle, sanfte
Schwärmerei! Welche Gefühl und Anhänglichkeit atmende Physiognomie!«
    Diese Töne erklangen melodisch in dem Herzen Fausts. Er starrte nach dem
Fenster, sie sah noch einen Augenblick auf ihn, zog sich zurück, und Faust sagte
zu dem Teufel:
    »Ich verlasse diesen Ort nicht, bis ich mit dieser Dirne gelegen habe. Die
Wollust schimmert unter einem so frommen Glanze aus ihren Augen, als sollte er
der Sinnlichkeit die wahre Würze mitteilen.«
    Sie wandten sich kaum nach einer Seitenstrasse, als einer der Späher zu ihnen
trat und sie keck um die Physiognomie ihrer Handschrift bat, um, wie er sie
versicherte, die Trägheit oder Fertigkeit ihrer hervorbringenden Kraft, die
Gradheit, Standhaftigkeit, Reinheit oder Schiefheit ihres Charakters daraus zu
entziffern. Er setzte hinzu, es habe ihm bisher kein Fremder diese Gefälligkeit
abgeschlagen und er hoffte von ihnen ein gleiches.
    Hierauf zog er ein Taschenbuch, Feder und Tinte hervor und spitzte die Ohren
voller Erwartung.
    FAUST: Nicht so rasch, guter Freund, Dienst um Dienst: sagt mir vorerst, wer
ist die Jungfrau in jenem Hause, die ich eben am Fenster sah und deren Äusseres
so englisch schön ist?
    SPÄHER: O sie ist ein Engel in allem Verstand. Unser grosser Seher versichert
von ihr, ihre Augen seien Spiegel der Reinheit und Keuschheit. Ihr holder Mund
sei nur geschaffen, die hohe Begeistrung eines von himmlischen Dingen erfüllten
Herzens auszudrücken. Ihre Stirne sei ein glänzender Schild der Tugend, an dem
sich alle Versuchungen, alle irdische und sinnliche Gefühle zerschlügen. Ihre
Nase wittere die Gefilde der Unsterblichen. Sie sei das Ideal der Schönheit und
aller der Tugenden, die diese begleiten, wenn die Gotteit eine vollkommen
schöne Seele dem Auge des Fleisches sichtbar machen wollte.
    FAUST: Ihr malt wahrlich nicht mit Farben der Erde; aber sagt mir nun auch
etwas von ihren irdischen Verhältnissen.
    SPÄHER: Diese sind freilich nicht so glänzend wie die erstern, aber doch
hinreichend, ihre Ausübung nicht zu stören.
    FAUST: Und sie heisst?
    SPÄHER: Angelika.
    Sie schrieben Worte ohne Sinn auf ein Blatt, und der Späher verschwand
vergnügt mit seinem Schatz.
    FAUST: Teufel, wie meinst du, dass dem frommen Kinde beizukommen sei? Ich bin
nun recht in der Laune, das Ideal dieses Sehers zu verpfuschen.
    TEUFEL: Auf der graden Heerstrasse zu dem menschlichen Herzen, Faust, darauf
wird sie dir gewiss begegnen; denn früh oder spät muss jeder dahin einlenken,
seine Phantasie mag ihn noch so weit davon entfernt haben.
    FAUST: Es muss ein reizender Genuss sein, eine solche zugespitzt
Einbildungskraft mit Bildern der Wollust zu füllen.
    TEUFEL: Der Mönch hat dir schon vorgearbeitet und ihre Sinnlichkeit so
geschärft, ihr Seelchen mit so viel Eitelkeit und Selbstvertrauen angefüllt,
ihre Frömmigkeit so sinnlich gemacht, dass es weiter nichts erfordert, als
gehörig an dem Herzen anzuklopfen, um sich als würklichern Gegenstand der
Schwärmerei hineinzunisten. Lass mich eine Probe machen, zu was Schwärmerei die
Weiber endlich führt.
    FAUST: Und schnell! Ich habe bei Nonnen gelegen und sie wie andre Weiber
gefunden, lass mich nun sehen, wie sich eine Schwärmerin dabei gebärdet.
                                      10.
Dem Teufel war darum zu tun, eine solche Seele dem Himmel zu stehlen, Fausts
Sündenmass schneller zu füllen, und stund in einem Augenblick unter der Gestalt
eines alten Mannes mit einem Guckkasten vor Faust, gab ihm einen Wink und
schlich nach dem Markte. Hier schlug er seine Bude auf und rief den Pöbel
zusammen, seine schöne Raritäten zu schauen. Das Volk drang hinzu, Mägde und
Knechte, Jungfrauen und Witwen, Kinder und Greise. Der Teufel gaukelte ihnen
allerlei Histörchen vor, die er mit frommen Erläuterungen und moralischen
Sprüchen begleitete. Jedermann trat vergnügt von dem Guckkasten zurück und
reizte die Zuschauer mit Erzählung der gesehnen Wunder. Die englische Angelika
sah aus dem Fenster, und da sie den Teufel mit einem so frommen Tone die
Vorspieglung seiner Histörchen ableiern hörte, fühlte sie eine unwiderstehliche
Versuchung, die Wunder des Kastens zu sehen und dem frommen Greise ein Almosen
zufliessen zu lassen. Der Teufel ward gerufen. Er fühlte sich selbst betroffen
von ihrer wunderbaren Schönheit, ihrer Sanftmut und Güte und ward um so
begieriger, ihre Sinne zu verwirren. Nun legte sie ihr schwärmerisches Auge an
die Öffnung des Kastens, der Teufel leierte seine Alltagssprüche herunter und
gaukelte ihr stufenweis die Szenen der Liebe bis zu den ausschweifendsten
Vorspieglungen der Wollust und des sinnlichen Genusses vor. Führte ihre
Phantasie so rasch und unmerklich vom Geistigen zum Sinnlichen hinüber, dass sie
die Schattierung kaum gewahr werden konnte. Wenn sie das Auge zurückziehen
wollte, so verwandelte sich der anstössige Gegenstand in ein erhabenes Bild, das
den widrigen Eindruck auslöschte und das Herz für das folgende zündbarer machte.
Ihre Wangen glühten, sie glaubte vor einer bezauberten, unbekannten Welt zu
stehen. In allen diesen Szenen liess der Tausendkünstler Fausts Gestalt
erscheinen und versetzte sie immer in die anziehendsten Lagen. Sie sah ihn einen
Schatten verfolgen, der ihr glich und um ihretwillen die grössten Taten
unternahm, sich den schrecklichsten Gefahren unterwarf, und nachdem er ihre
Aufmerksamkeit gänzlich gefesselt hatte und wahrnahm, dass die Neugierde die
Verwicklung, worin Fausts Gestalt mit ihr verflochten war, aufzulösen wünschte,
so verwandelte er die Szene und liess in schnellem Wirrwarr die schlüpfrigsten
und üppigsten Erscheinungen der tierischen Liebe, mit den reizendsten Farben
bekleidet, vor den Augen der unschuldigen Lauscherin gaukeln. Der Blitz
erleuchtet nicht so schnell das Dunkel, der Wunsch nach Ehebruch entsteht nicht
so schnell in dem Herzen des Wollüstlings als diese Erscheinungen vorüberflogen.
Eine Sekunde ist Dauer dagegen. Kaum hatte die Unschuldige das Auge an den
Kasten gelegt, als das Gift schon in ihr Herz geflossen war. Sie sah, bevor sie
fliehen konnte. Nun deckte sie mit beiden Händen ihre Augen, floh nach ihrem
Schlafzimmer und sank Fausten in die Arme. Der Verwegne nutzte den Augenblick
der gänzlichen Abwesenheit ihres Bewusstseins, fand in ihrem Sträuben, ihren
Tränen, ihrem Seufzen neuen Reiz zur Sünde, und nie ist eine unschuldigere
Seele, nie ein schönrer, unbefleckterer Körper von der frechen Hand der
Verführung besudelt worden. Als sie ihren Fall wahrnahm, verhüllte sie ihr
Haupt, stiess den Frechen zurück. Er legte kostbare Geschmeide zu ihren Füssen,
sie zertrat sie und rief: »Wehe dir, die Hand des Rächers wird einst schwer auf
dir liegen für diese Stunde!«
    Der Wahnsinnige freute sich seines Siegs, ging ohne Reue zu dem Teufel, der
die Szene belachte und sich der schaudervollen Folgen der Tat freute.
                                      11.
Faust befand sich hier in seinem Elemente, die geistige Schwärmerei hatte den
Zunder der Lust so nahe an die Herzen gelegt, dass er nur anzublasen brauchte, um
sie in Flammen zu setzen. Er flog von Sieg zu Sieg, nutzte hierbei die Macht des
Teufels wenig, desto mehr aber sein Gold und Juwelen, die auch die Frommen zu
brauchen wissen. Angelika ward unsichtbar, und alles Bemühen Fausts war
vergebens, ihr noch einmal zu nahen, er vergass sie auch bald in den neuen
Berauschungen. Er las in der Zwischenzeit mit dem Teufel die Handschrift der
Physiognomik, die ihm einer der Späher für eine grosse Summe verkauft hatte, und
ärgerte sich grimmig an der Zuverlässigkeit, der Unwissenheit und dem
dichterischen Schwulst des Verfassers. Der Teufel glühte vor Zorn, da er sogar
sein eignes Porträt in der Handschrift fand, das der junge Mönch mit der nur ihm
eignen Verwegenheit beurteilt hatte. Es verdross ihn so heftig, dass er mit seiner
hohen Person sein Spiel getrieben, dass er dem Hang, sich zu rächen, nicht
widerstehen konnte, und da Faust in keiner bessern Laune gegen den Mönch war, so
machten sie sich auf, ihm einen Streich zu spielen. Sie gingen nach dem Kloster,
und da sie beide stattlich gekleidet waren und Leute von Rang und Bedeutung zu
sein schienen, so wurden sie von dem jungen Mönch sehr freundlich und herzlich
empfangen. Aber kaum sah er den Teufel schärfer an, als er von seinem Angesichte
so begeistert wurde, dass er alle Worte des Grusses vergass, ihm stark die Hand
schüttelte, sich dann von ihm entfernte und ihn bald en face, bald en profil
anstarrte. Hierauf rief er hochbegeistert:
    »Ha, wer bist du, Übergrosser?
    Ja, man kann, was man will.
    Man will, was man kann! dies sagt mir dein Gesicht, und ich brauche dich
nicht zu kennen und dies zu sagen. Nie hab ich die Gewissheit meiner Wissenschaft
mehr gefühlt als in diesem Augenblick!
    Wer kann ein solches menschliches Gesicht ohne Gefühl, ohne Hingerissenheit,
ohne Interesse ansehen - da nicht in dieser Nase innre, tiefe, ungelernte Grösse
und Urfestigkeit ahnden! Ein Gesicht voll Blick, voll Drang und Kraft.« Er
befühlte Leviatans Stirne und fuhr fort. »Erlaube mir, mit meinem Stirnmesser
die Wölbung deiner Stirne auszumessen. - Ja, eherner Mut ist so gewiss in der
Stirne als in den Lippen wahre Freundschaft, Treue, Liebe zu Gott und den
Menschen. In den Lippen, welch eine vorstrebende entgegenschmachtende
Empfindung! Welch ein Adel im Ganzen.
    Ja, dein Gesicht ist die Physiognomie eines ausserordentlichen Mannes, der
schnell und tief sieht, festält, zurückstösst, würkt, fliegt - darstellt, wenig
Menschen findet, auf denen er ruhen kann, aber sehr viele, die auf ihm ruhen
wollen.
    Ach, wenn ein gemeiner Mensch so eine Stirne, so eine Nase, so einen Mund,
ja nur solch ein Haar haben kann, so steht's schlecht mit der Physiognomik.
    Es ist vielleicht kein Mensch, den dein Anblick nicht wechselsweise anziehe
und zurückstosse - o der kindlichen Einfalt und der Last von Heldengrösse! So
gekannt und so misskannt werden wenige Sterbliche sein können.
    Adler! Löwe! Zerbrecher! Reformator der Menschen! Steure zu und rufe die
Sterblichen von ihrer Blindheit zurück, teile ihnen deine Kraft mit, die Natur
hat dich zu allen dem gestempelt, was ich dir verkündige.«
    Faust biss wild die Zähne zusammen, während der Mönch alle die herrlichen und
erhabnen Sachen über das Angesicht des Teufels begeistert herausstiess. Der
Teufel wandte sich kalt zu dem Seher:
    »Und was hältst du von diesem hier?«
    MÖNCH: Gross, kühn, mächtig, kraftvoll, sanft, mild; doch das Grössre ist
grösser, das Kühnre kühner, das Mächtigere mächtiger, das Kraftvollere
kraftvoller, das Sanftere sanfter, das Mildere milder! Grosser, edler Schüler
eines Grössern, wenn dein Geist und Herz ihn ganz fassen wird, so wird sein Licht
auch durch dich leuchten! - Ich bitte Euch, setzt Euch, dass ich Euren Schatten
nehme!
    Faust, der noch mehr ergrimmte, dass ihn der Mönch so tief unter den Teufel
setzte, brach los:
    »Schatten! ja Schatten, die sind es, die du gesehen hast. Wer bist du, der
du dich so frech erkühnst, das Menschengeschlecht nach den Zuckungen deiner
erhitzen und verworrnen Einbildungskraft zu richten und zu messen? Hast du den
Menschen gesehen? Wo, wie und wann? Im Schatten hast du ihn gesehen und diesen,
ausstaffiert mit den Floskeln deiner Phantasie, für seine wirkliche Gestalt
gegeben! Sage, was für Menschen hast du gesehen? Sektierer, Fanatiker,
Schwärmer, die Schlacken der menschlichen Natur. Eitle Betschwestern, junge
Weiber, die kraftlose Männer, Witwen, die schlaflose Nächte haben. Mädchen, die
der Kitzel des Bluts quälet, diese hängen sich an Leute deinesgleichen, weil sie
an nichts Kräftigerm hängen können und mit dem Geiste buhlen müssen, weil ihre
Leiber nicht bepflügt werden. - Autoren hast du gesehen, denen es wohlgefiel,
wenn du die flachen Züge ihres Gesichts zu Merkzeichen des Genies stempeltest.
Grosse, deren glänzender Stand und Name ihre Gesichter vor deinen Augen
verherrlichten. Du siehst, ich kenne deinen Umgang und habe dein Buch gelesen.«
    TEUFEL: Bravo, Faust, lass mich nun auch das Wort nehmen und ihm mit Wahrheit
lohnen. Bruder Mönch! in deiner einsamen Zelle hast du dir ein schales Ideal von
Vollkommenheit zusammengesetzt, es den Köpfen der Menschen einzuprägen gesucht,
das nun an den Kräften ihres Geistes zehrt wie der Krebs am angesteckten
Fleische; oder ist es ein Zug neuer Scharlatanerie, den Menschen durch den Köder
der Eitelkeit an dich zu ziehen und deine sonstige Schwärmerei mehr
auszubreiten? Es hat einst auch Menschen gegeben, die es wagten, von dem Äusseren
des Menschen auf sein Innres zu schliessen (das, im Vorbeigehen gesagt, tiefer
liegt als der Mittelpunkt der Erde), aber es waren andere Kerle wie du. Sie
hatten doch wohl einen Teil des Erdbodens durchlaufen, waren unter Erfahrungen
grau geworden, hatten mit Menschen gehandelt und gewandelt, mit mehr als einem
Weibe geschlafen, die Schlupfwinkel des Lasters und der Üppigkeit durchkrochen.
Stiegen aus dem Palast in die Hütte, krochen in die Höhlen der Wilden und
wussten, was ohngefähr zu einem wackren Kerl gehört, was er leisten kann und was
man seiner Natur nach an ihn fordern muss. Du starrst von deinen Vorurteilen
zurück und zitterst vor der raschen Tätigkeit des Menschen! Hast dir ein
Gespenst von Mönchs- und Weibertugenden zusammengesetzt, mit Engelreinheit und
Keuschheit behängt, das den Menschen eben um das bringt, was ihm noch einigen
Wert gibt.
    Der Mönch stund zwischen ihnen wie zwischen zwei feuerspeienden Bergen,
hielt demütig die Hände vor die Brust und schrie: »Erbarmt euch!«
    FAUST: Höre weiter! Du siehst auf dem Rücken der Nase eines Burschen eine
kleine Wölbung, die du einmal zum Zeichen fleischlicher Sinnlichkeit geprägt
hast, und er muss dir ein Wollüstling sein, ob er gleich Hoden hat wie Erbsen und
Gesässe so flach wie deine Backen. Da, wo du es nicht ahndest, wohin du nicht
greifen darfst, wovon du keinen Schatten nehmen und in Holz schneiden kannst, da
sitzt es dem Mann und dem Weibe, da ist nur zu oft die Waage ihrer Tugend. Du
hältst das Aufsteigen der üppigen, heisshungrigen Gebärmutter für himmlische
Begeistrung, siehst selige Gefühle in den Augen der Matrone, während ihre
Phantasie mit Bildern der Wollust buhlt. Drang nach edler Tätigkeit auf der
Stirne des Jünglings, während der Löwe Temperament in ihm brüllt. Wie willst du
die Kraft des Menschen abwägen, da du den gefährlichen, wilden Kampf, den sie im
Innern erregt, nie gefühlt hast? wie bestimmen, welcher Versuchung er
unterliegen muss, da du dich bloss mit Schatten genährt hast? Was meinst du, wenn
einer die Floskeln, womit du deine Unerfahrenheit und Unwissenheit deckst, in
schlichten Menschensinn auflöste? Was würde übrigbleiben als Seifenblasen?
    Der Teufel nahm das Wort: »Und wie, wenn dir alle die Schatten, womit du
dein dickes Buch ausgeputzt hast, in ihrer wahren Gestalt erschienen, wie ich
dir nun erscheinen will? Ich habe gesehen, dass du auch den Teufel porträtiert
und gemustert hast, es ist hohe Zeit, dass er dir erscheine. Sieh mich an! ich
will nun mein Inneres auf mein Äusseres ziehen, und du sollst in Staub vor dem
Ideal hinsinken, das deine Phantasie in mir gesehen hat. Davon sahest du nichts,
dass dieser hier in deinen Schafstall gebrochen ist und deine geistige Lämmer
erwürgt hat. Sieh, er dampft vom Genuss der Wollust - und nun blick auf und sage
dann, du habest einmal ein Ding in seiner wahren Gestalt gesehen.«
    Hier zog der Teufel sein Inneres in der fürchterlichsten Maske der Hölle
hervor, stellte sich vor Fausten, dass er ihn nicht beobachten konnte. Der Mönch
sank zusammen, und der Teufel wandte sich zu Faust in seiner vorigen Gestalt,
dann wieder zu dem bebenden Mönch.
    TEUFEL: Nun sage, du hättest den Teufel gesehen, und male ihn, wenn du die
Kraft dazu hast. Oft würdest du so zusammensinken, wenn du das wahre Innere
derer sähest, die du als Engel gemalt hast.
    FAUST: Sei ein Tor und zeuge Toren, mache dich und die Religion durch deine
Schwärmerei den Verständigen zum Ekel, du kannst nicht kräftiger für die Hölle
arbeiten. Auf der einen Seite erweckst du Verachtung, auf der andern Verzerrung.
Gehab dich wohl.
    Der Mönch ward vor Schrecken wahnsinnig, schrieb aber in seinem Wahnsinn
immer fort, und die Leser merkten die Veränderung seines Zustandes nicht einmal,
so sehr glichen seine neuen Bücher den alten.
    Faust freute sich der Szene herzlich, und da er des Orts müde war, so machte
er sich mit dem Teufel auf den Weg nach dem lachenden Frankreich.
 
                                  Viertes Buch
                                       1.
Frankreich war nun freilich in diesem Augenblick so lachend nicht, als es später
geworden ist, denn noch hatte die Gewohnheit, sich von Tyrannen beherrschen zu
lassen, nicht so tief in ihrem Herzen Wurzel gefasst, dass sie die Grausamkeiten
ihrer Regenten und deren Vizirs wie ihre Torheiten in Gassenliedern besangen und
dieses für gnügende Rache hielten. Als Faust und der Teufel den reichen Boden
dieses Landes betraten, seufzte es unter dem Druck des feigsten und grausamsten
Wüterichs, Ludwigs des Elften, der sich zum erstenmal den allerchristlichsten
König nannte. Der Teufel hütete sich sehr, Fausten etwas von ihm vorher zu
sagen, ihm war darum zu tun, sein Herz durch scheussliche Erfahrung Schlag auf
Schlag zu zerknirschen und ihm den Himmel bei jedem Schritt im Leben immer
verdächtiger zu machen, um ihm alsdann den fürchterlichsten Streich
beizubringen, der je einen Menschen getroffen, der übermütig gegen die Grenzen
seiner Natur angestossen, die eine mächtige Hand vor seinen Horizont gestellt
hat. Leider fand er in den Taten der Menschen Stoff genug dazu, und weisere
Leute als Faust haben, ohne Gesellschaft des Teufels, an dieser gefährlichen
Klippe gestrandet, wenn sie einmal vergassen, dass Ergebung in sein Schicksal die
erste Forderung der Natur an den Menschen sei, und wenn Güte und Nachsicht nicht
den Grundstoff ihres Wesens ausmachten, deren milder Schimmer allein die
schwarzen Gemälde der Welterfahrung aufheitern kann. Es gibt einen gewissen
düstern, giftigen Ateismus des Gefühls, der beinahe unheilbar ist, weil es ihm
nie an reell scheinenden Ursachen mangelt, weil er aus dem Herzen, und zwar aus
einem Herzen entspringt, das sich durch seine Stimmung und Fühlart zu leicht von
den widersprechenden Erscheinungen der moralischen und physischen Welt zerreissen
lässt. Ein solches Herz zehrt durch seine Glut den Verstand ebenso auf wie das
Fieber in einem durch eine starke Wunde Verletzten. Gegen diesen Ateismus ist
der der Vernunft eine Schimäre; denn der Mann, der denkt, sucht Ursachen zu
Wirkungen auf, und diese Beschäftigung, da sie ihn endlich zu den Grenzen des
menschlichen Geists leiten muss, legt dem Kühnsten eine Fessel an, die ihn
wenigstens so weit bändiget, dass er nie gänzlich in das dunkle, grosse Nichts
verschleudert werden kann. Vergebens ist die Warnung: die moralische Welt hat
ihre Aufrührer wie die politische und muss sie haben. Wenn jene von der aus
Schatten gebauten Brücke, die sie aus der Sinnenwelt in die intellektuelle zu
ziehen streben, uns zur Lehre herunterstürzen, so ruft uns das Opfer dieser zu,
unsern Menschenwert nicht in allzu träger Sicherheit zu verschlummern. Man
verzeihe mir die Ausschweifung. - Faust wusste von Frankreichs König nichts, als
dass er sich den Allerchristlichsten nennen liess, der erste sei, der die Vasallen
seines Reichs gedemütigt und die Rechte der Krone gegen sie behauptet hätte,
übrigens von allen andern Höfen gefürchtet würde, weil ihm jedes Mittel zu
seinem Zwecke gleich sei und man kein Beispiel habe, dass er sein Wort gehalten
hätte, wenn nichts dabei zu gewinnen war. Er sollte nun Zeuge der Mittel werden,
die er zu seinen Zwecken anwendete.
    Der Teufel hatte durch seine ausgesandten Kundschafter erfahren, dass der
allerchristlichste König soeben einen Staatsstreich auszuführen gedächte, sich
seines Bruders, des Herzogs von Berry, zu entledigen, um die ihm abgetretne
Provinz der Krone einzuverleiben. Er versäumte nicht, Fausten zum Zuschauer
dieser Szene zu machen. Sie ritten an einem Lustwald vorüber, der an ein Schloss
stiess, und sahen in demselben einen Benediktinermönch, der sein Brevier zu beten
schien. Der Teufel freute sich innig des Anblicks, denn er las auf der Stirne
des Mönchs, dass er soeben die Mutter Gottes anflehte, ihm bei dem grossen
Unternehmen, das ihm sein Abt aufgetragen, beizustehen und ihn nach glücklichem
Erfolge aus der Gefahr zu erretten. Dieser Mönch war der Bruder Faver Vesois,
Beichtvater des Bruders des Königs. Der Teufel überliess ihn seinen frommen
Betrachtungen und ritt mit Fausten nach dem Schloss, wo sie als Fremde von
Stand, die gekommen waren, dem Prinzen ihre Achtung zu bezeugen, gütig
aufgenommen wurden. Der Prinz lebte auf diesem Schloss mit seiner Geliebten
Montserau in Ruhe und Vergnügen, dachte kein Arges und erwartete kein Arges.
Faust wurde von seinem angenehmen Betragen sehr eingenommen und freute sich,
einen königlichen Prinzen zu sehen, der als Mensch tat und redete, da er bei den
teutschen Fürsten gewohnt war, nichts zu sehen als steifen Stolz und hölzernes
Zeremoniell, das um so unerträglicher ist, da es jedem Verständigen ihre
Kleinheit und Schwäche nur merklicher macht. Einige Tage verstrichen unter Jagd-
und andern Ergötzlichkeiten, und der freundliche Prinz zog Fausten immer mehr an
sich. Das einzige, was ihm missfiel, war die Neigung des Prinzen zu seinem
Beichtvater, dem Benediktiner. Er überhäufte diesen mit so vieler Zärtlichkeit
und Freundschaft, liess seinen Willen so gefällig von ihm lenken und der Mönch
beantwortete alles mit so einer frömmelnden Miene, dass Faust nicht begreifen
konnte, wie ein Mann von so offnem Betragen eine solche heuchlerische Maske
liebkosen könnte. Der Teufel entüllte ihm bald das Rätsel durch das Verhältnis
des Prinzen mit der Dame Montserau. Der Prinz hatte ebenso viel Liebe für sie
als Furcht vor der Hölle, und weil ihr Gemahl noch lebte, so machte es seine
Lage mit ihr bedenklich. Da er ihr also nicht entsagen und doch der Hölle gern
entgehen wollte, so bediente er sich des bekannten Seitenwegs, den die Mönche
neben der Religion her gegraben haben, um ihre Macht auf das Gewissen der
Menschen zu gründen, und liess sich durch Absolution seiner Sünden die Zukunft
sichern, wenn die Furcht vor der Hölle ihn zu stark überfiel. Musste er sich
nicht dankbar gegen einen Menschen bezeigen, der ihn des Gegenwärtigen geniessen
liess und ihn über die Zukunft beruhigte. »Du siehst, Faust«, sagte der Teufel,
»was die Menschen aus der Religion gemacht haben, und merke nur, dass sie bei
jedem grossen Verbrechen, bei jedem scheusslichen Greuel entweder die Hauptrolle
spielt oder doch die Spielenden über ihre Taten tröstet und beruhigt.«
    Dieser Umstand empfahl nun freilich den Verstand des Prinzen bei Fausten
nicht, der mit seinem Gewissen so rasch geendigt hatte, die letzte Bemerkung des
Teufels fiel tiefer in seine Seele; indessen liess er noch alles gehen und genoss,
was er der flüchtigen Zeit nur entreissen konnte.
    Man sass eines Abends sehr munter bei Tische, der Teufel ergötzte die
Gesellschaft mit lustigen Schwänken, Faust warf sein Netz auf die künftige Nacht
nach einer muntern Französin, sie beantwortete sein Spiel nach seinem Wunsche,
alles war heiter, als auf einmal der fürchterliche Tod der Freude ein Ende
machte. Der Benediktiner hatte eine Schüssel der schönsten und grössten
Pfirsichen zum Geschenk erhalten, die er zum Nachtisch auftragen liess, und dem
Prinzen die köstlichste mit einer lächelnden und frommen Miene hinreichte. Der
Prinz teilte sie mit seiner Geliebten, und sie assen beide die Pfirsiche ohne
Verdacht. Man stund auf. Der Mönch sprach das gratias tibi mit Salbung und
verschwand. Der Teufel wollte eben anfangen, eine neue Fratze zu erzählen, als
die Dame Montserau einen Schrei des heftigsten Schmerzes ausstiess. Ihr schönes
Gesicht verzerrte sich plötzlich. Ihre Lippen wurden blau, und die Blässe des
Todes deckte ihre blühenden Wangen. Der Prinz wollte ihr zu Hülfe eilen, das
fürchterliche Gift würkte in demselben Augenblick in seinen Eingeweiden, er sank
bei ihr nieder und rief zum Himmel: »Höre es! es ist die Hand meines Bruders,
die mich durch diesen Verfluchten tötet! Er, der unsern Vater zwang, den
Hungertod zu sterben, um nicht von ihm vergiftet zu werden, er hat diesen Mönch
erkauft!«
    Faust stürzte hinaus, um sich des Beichtvaters zu bemächtigen, er war
entflohen, ein Haufen Reiter hatte ihn am Lustwald empfangen und ihn auf seiner
Flucht begleitet. Faust kehrte zurück. Schon hatte der Tod seine Opfer
verschlungen und lag auf ihnen in schaudervoller Gestalt. Faust und der Teufel
überliessen ihm seine Beute und zogen weiter.
    TEUFEL: Nun, Faust, braucht ihr des schwarzen Teufels, wie ihr ihn nennt, da
er in Mönchskutten auf der Erde herumspukt? Wie gefällt dir der Streich dieses
Benediktiners, den er im Namen des allerchristlichsten Königs hier ausgeführt
hat?
    FAUST: Ha, bald sollt ich glauben, unsre Leiber werden von den gefallnen
Geistern der Hölle beseelt, und wir sind nur ihre Werkzeuge.
    TEUFEL: Pfui des ekelhaften Loses für einen unsterblichen Geist, ein so
zweideutiges, missgeschaffnes Ding zu beseelen! Glaube mir, ob ich gleich ein
stolzer Teufel bin, so würde ich doch lieber in ein Schwein fahren, das sich im
Kote besudelt, als in einen von euch, die sich in Lastern herumwälzen und stolz
das Ebenbild des Höchsten nennen.
    FAUST: Verfluchter! der du den Menschen herabwürdigest -
    TEUFEL: He, werde nicht zornig, Mensch! sage, würden wir nicht an eurem
moralischen Wert ersticken? Kann der Teufel das Licht eurer Tugend vertragen?
Ist dieser Mönch nicht ein frommer Mann? Sein Abt nicht ein frommer Mann, der
ihm diese Tat aufgetragen hat? Ist der König nicht der allerchristlichste
Monarch und ein sehr guter Bruder, der dem Abt den Wink dazu gegeben hat? Wie
sollte der Teufel in solchen frommen Leuten seine Herberge aufschlagen können?
    FAUST: Was konnte den Elenden reizen, den Spruch der Verdammnis auf sich zu
ziehen?
    TEUFEL: Die Verdammnis ist weit entfernt, die Absolution nahe, und noch
näher die grossen Güter, der Lohn der Tat, die das Kloster des Abts zum
mächtigsten und reichsten in der Provinz machen. Haben Mönche diesem Reiz je
widerstanden, seitdem sie die uns furchtbare Religion so verpfuscht haben, dass
die Hölle nun siegt, die einmal vor dem Ende ihrer Herrschaft bebte?
    Dieser Gedanke fuhr gleich einer Viper in den Busen Fausts. Er schwieg und
verlor sich immer tiefer in seinen finstern Betrachtungen über den Menschen,
seine Bestimmung, den moralischen Gang der Welt, dessen Widersprüche er nicht
ausgleichen konnte. Die ihm täglich aufstossenden Begebenheiten reizten seine
Galle, legten den Keim zu noch peinlichern Zweifeln, zu Menschenhass und
Menschenverachtung an sein Herz, die gleich dem Polypen nur langsam wachsen und
dann nur töten, wenn sie das Herz so umsponnen haben, dass ihm der Raum sich
auszudehnen fehlt. Sie zogen im Lande weit und breit herum, hatten der Abenteuer
viel, und Faust liess sich noch nicht von seinen finstern Betrachtungen im Genuss
des Lebens stören. Überall fanden sie Merkmale der Klaue des feigen Tyrannen,
und Faust nutzte oft die Schätze des Teufels, die blutigen Wunden zu stillen.
                                       2.
So kamen sie von Abenteuer zu Abenteuer nach Paris. Bei ihrem Eintritt war die
ganze Stadt in Bewegung. Das Volk stürzte nur einen Weg, sie folgten dem Zug und
kamen zu den Hallen, wo sie ein schwarzbedecktes Gerüste aufgeschlagen fanden,
das durch eine Türe mit einem nahen Gebäude verbunden war. Faust fragte, was
dieses bedeutete, und man antwortete ihm, dass soeben der reiche Herzog von
Nemours hingerichtet würde. »Und die Ursache?« - »Der König hat es befohlen. Man
sagt, er habe aus feindlichen Gesinnungen gegen das königliche Haus den Dauphin
umbringen wollen. Da ihn aber vom Könige beorderte Richter geheim in seinem
Keficht verhört haben, so weiss man nichts als das Gerücht.« Einer der Anwesenden
rief:
    »Sagt vielmehr, es seien seine Güter, die ihm den Hals kosten; denn um ein
mächtiger König zu werden und uns zu einer grossen und berühmten Nation zu
machen, ermordet er unsre Grossen, und uns obendrein, wenn wir es nicht für gut
halten.«
    Der Teufel liess die Pferde nach einem nahen Wirtshaus führen und leitete
Fausten durch den Haufen. Sie sahen den edlen Herzog, von seinen unmündigen
Kindern begleitet, nach einem schwarz ausgeschlagnen Zimmer führen. Hier
erwartete ihn ein Mönch, der seine letzte Beichte hören sollte. Der Blick des
Vaters hing an seinen Söhnen und konnte sich nicht von ihnen zu dem Himmel
wenden. Nach der Beichte drückte er sie wider seine Brust, sah dann gen Himmel,
legte seine bebenden Hände auf die Häupter der Schluchzenden und sagte: »Lass den
Segen eines unglücklichen Vaters, den Habsucht und Tyrannei ermorden, diesen
Unschuldigen gedeihen! doch« - hier hielt er seufzend inne - »sie sind die Erben
eines Unglücklichen, ihre Ansprüche verdammen sie zu langsamer Marter, sie sind
dem Weh geboren, und in diesem Gefühl muss ich sterben.« Er wollte weiterreden,
man zwang ihn zu schweigen und führte ihn durch die Türe auf das Blutgerüste.
    Nach dem Befehl des Königs, der diese Hinrichtung mit der kalten
Bedachtsamkeit eingerichtet hatte, wie man ein Schauspiel zum Vergnügen
anordnet, wurden die Söhne von ihm gerissen, unter das Gerüst geführt, dass das
Blut ihres hingerichteten Vaters auf ihre weisse Gewänder träufle. Der Schrei,
den der Vater in diesem Augenblick ausstiess, schauderte durch die Herzen aller
Anwesenden, nur Tristan, der Henker und Busenfreund des Königs, der schon so
viele Tausende seiner Wut geopfert, befühlte dabei lächelnd die Schärfe des
Schwerts. Faust glaubte, dieser Ton müsse die Feste des Himmels durchdringen und
ihn zum Rächer der verletzten Menschheit machen. Er sah grimmig aufwärts, und
sein vermessner Blick machte den Höchsten zum Mitschuldigen der schaudervollen
Tat. Er war einen Augenblick in Versuchung, ihn mit seinen Kindern durch den
Teufel den Händen des Henkers entführen zu lassen, aber sein nun finstres Herz
höhnte des Entschlusses, er sah nochmals gen Himmel und sagte in seinem Inneren:
»Ist mir doch die Sorge für ihn nicht anvertraut; vermutlich gehört es zu deiner
Ordnung auf Erden, dass dieser blute, damit der König mutiger in Verbrechen
werde!« Der Herzog kniete nieder, er hörte das Winseln und Klagen der Söhne
unter dem Gerüste hervor, das ihn in das andre Leben begleiten sollte; sein
eigner schmählicher Tod verschwand vor seinen Augen, er fühlte zum letztenmal
und fühlte nur für die Unglücklichen - starre Tränen hingen an seinen Augen -
seine Lippen zitterten. Der Henker führte den Streich, und das warme Blut des
Vaters rann über die bebenden Söhne hin. So befleckt, führte man sie auf die
Bühne zurück, zeigte ihnen den Leichnam, das davon getrennte Haupt des Vaters,
trieb sie in das Gefängnis zurück, wo sie in Körbe gefesselt wurden, die oben
weit und unten enge waren, um sie in dieser peinlichen Lage langsam hinsterben
zu lassen. Ihre Marter zu vermehren, riss man ihnen zuzeiten die Zähne aus.
    Faust wankte betäubt von dieser schrecklichen Szene nach dem Wirtshaus und
forderte den Teufel zur Rache an dem auf, den der Himmel unbestraft solche
Greuel begehen liess.
    TEUFEL: Faust, ich erwürge ihn nicht, es ist gegen die Polizei der Hölle,
und warum soll der Teufel Grausamkeiten ein Ende machen, da sie der geduldig
ansieht, den die Menschen ihren Vater und Erhalter nennen? Vermutlich gehört
dies zu der Ordnung der moralischen Welt, dass die Könige, die sich die Gesalbten
des Himmels nennen und von ihm ihre Einsetzung erhalten zu haben vorgeben, so
mit den Menschen, denen er sie vorgesetzt, umspringen müssen. Folgte ich deinem
blinden Zorn, wer von denen, die wir noch sehen werden, würde deiner Rache
entgehen?
    FAUST: Und wäre es nicht ein verdienstliches Werk, wenn ich gleich einem
zweiten Herkules herumzöge und Europas stolze Trone von diesen Ungeheuern
reinigte?
    TEUFEL: Kurzsichtiger, beweist nicht eure verdorbene Natur, dass ihr sie
braucht, und würden nicht neue Ungeheuer aus ihrer Asche aufleben? des Mordens
würde kein Ende werden, die Völker sich trennen und sich durch bürgerliche
Kriege aufreiben. Du siehst Millionen hier, die diesen Wüterich, wie sie ihn
nennen, in Geduld ertragen, sich schinden lassen, ohne von Rache entflammt zu
werden. Sahen sie nicht diesen edlen Herzog hinrichten wie ein Schaf und
genossen mit ängstlichem und peinvollem Vergnügen des tragischen Schauspiels?
Beweist dieses nicht, dass sie ihr Schicksal verdienen und keines bessern wert
sind, dass sie als Sklaven des Himmels und ihrer Natur das Joch ertragen müssen,
wie man es ihnen auflegt? Wenn dein Sinn durch die Wollust noch nicht ganz
verraucht ist, so reime dieses mit den Schulbegriffen deiner Moral zusammen, ich
bin kein Lehrer des Lichts in der Finsternis, die euch umgibt. Ich kann meine
Hand nicht an den Gesalbten legen, der so wacker für die Hölle arbeitet, kann
den Faden nicht zerreissen, an welchem ein Mächtigerer wie ich durch ihn dieses
Volk leitet.
    FAUST: Wie gewissenhaft auf einmal mein Teufel geworden ist! Wie schnell
warst du fertig, da ich dir auftrug, den teutschen Fürsten zu erwürgen, ist dir
der Franzose mehr wert?
    TEUFEL: Er war zu Verbrechen nicht gesalbt wie dieser hier, und wenn ich
deinen Wink erfüllte, so sah ich aus der Tat Nutzen für die Hölle; einst wird es
dir klar werden! Warum willst du, dass ich gegen meine eigne Eingeweide wüten
soll? Ist er es nicht, der den Grundstein zu dem Despotismus legt, der durch
Jahrhunderte wachsen, bisher unerhörte Greuel veranlassen und unzählige Opfer
der Verzweiflung zur Hölle schicken wird. Werden nicht alle die tyrannischen
Könige, ihre Ministers und die übrigen Blutsauger des Volks in den Pfuhl der
Verdammnis fahren? Und ich sollte den zerstören, der ein solches Werk gründet?
Faust, wenn der mächtige Satan in Frankreich König wäre, so könnte er nicht mit
fruchtbarerer Hand den Samen zu dem künftigen Bösen aussäen, wie dieser es tut.
Gedulde dich, du sollst diesen König sehen, dich an seinen Martern ergötzen, und
dann wirst du ihm langes Leben wünschen, sie zu verlängern.
                                       3.
Faust machte einige Zeit hierauf mit einem sehr verständigen und rechtschaffnen
Edelmann Bekanntschaft, und er nebst dem Teufel gefielen ihm so wohl, dass er sie
auf sein Landgut, nahe bei der Stadt, einlud, wo er mit seiner Familie lebte,
die aus seiner Gemahlin und seiner sehr schönen sechzehnjährigen Tochter
bestund. Faust wurde von dem ersten Blick des reizenden, unschuldigen Mädchens
bezaubert und fühlte zum erstenmal etwas von den süssen Qualen einer feinern
Liebe. Er vertraute dem Teufel seine Pein, und dieser, der das Böse so gern
beförderte als es Faust tat, bot ihm seine Hülfe an und spottete seiner
Ziererei. Faust aber, der auf einmal edel zu fühlen glaubte, gestund ihm, es
ginge ihm nah, dem Edelmann seine Gastfreundschaft so schlecht zu vergelten. Der
Teufel spottete seiner Bedenklichkeit noch mehr und antwortete: »Nun, Faust,
wenn du die Einwilligung des Edelmanns zu dem Spasse brauchst, so ist mir's um so
lieber, denn ich fange auf einen Zug zwei Vögel und stehe dir für die
Einwilligung. Für was hältst du ihn?«
    FAUST: Für einen Biedermann.
    TEUFEL: Es ist doch schade, Faust, dass du bei dem teutschen fanatischen
Mönch nicht ein wenig in die Schule gegangen bist. Du hältst also diesen
Edelmann für einen biedern Gesellen, freilich, ganz Paris denkt so von ihm, und
leider muss ich nun wieder in meiner ganzen Teufelei erscheinen - Was glaubst du,
dass er vorzüglich liebt?
    FAUST: Seine Tochter.
    TEUFEL: Ich kenne etwas, was er noch mehr liebt.
    FAUST: Das wäre?
    TEUFEL: Gold, davon du freilich schon Beweise haben könntest, da dir aber
die Schätze der Erde durch mich offen stehen, so gleichst du einem Strome, der
sich ergiesst, unbekümmert, woher die Gewässer ihm zufliessen und wohin er sie
ausstösst. Wie viel hast du schon an den Edelmann verspielt?
    FAUST: Das berechne der, der den Quark für mehr hält als ich.
    TEUFEL: Er, der dich betrogen hat, zählt es sorgfältiger als ich.
    FAUST: Betrogen?
    TEUFEL: Wie anders? Würde er, der nie gespielt hat, sonst mit dir spielen?
Er sah, was dir das Geld ist, und machte seinen sichern Plan darauf. Glaubst du,
die Tafel würde so gut bestellt sein, die Weine so wacker fliessen und die Gäste,
seine Gehülfen, dich zu rupfen, so zahlreich um den Tisch dieses Geizigen
sitzen, wenn dein Gold nicht diese Wunder würkte? Faust, in diesem Hause ass man
sich vor unserm Hiersein nie satt. - Ich sehe an deiner Verwunderung, dass du
dein Lebelang ein Verschwender warst und von diesem Durst nach Gold, der alle
Wünsche des Herzens, selbst die nötigen Bedürfnisse der Natur besiegt, keine
Ahndung hast. Folge mir leise!
    Sie gingen die Treppe hinunter, durchschlichen einige unterirdische Gänge
und kamen endlich an eine eiserne Türe, wo der Teufel zu Fausten sagte: »Sieh
durch das Schlüsselloch!« In diesem Gewölbe, das der schwache Schein einer Lampe
erleuchtete, entdeckte Faust den Edelmann vor einem eisernen Kasten, in welchem
viele Säcke mit Geld lagen, die dieser mit zärtlichen Augen ansah, und hierauf
in einen leeren das Gold Stück für Stück zählte, das er Fausten abgewonnen
hatte. Vorher aber besah er jedes Stück, wog es in der Hand, küsste es, rechnete
zusammen, überzählte mit vielem Genuss den ganzen Schatz, seufzte am Ende
beklommen über das, was ihm noch mangelte, die Zahl rund zu machen. Der Teufel
lispelte Fausten ins Ohr:
    »Um das Fehlende verkauft er dir die Tochter.«
    Faust wollte es nicht glauben, dieses verdross den Teufel, und er sagte
ungeduldig:
    »Nun, wenn ich dir zeigte, dass das Gold eine so unwiderstehliche Macht über
das Herz des Menschen hat, dass in diesem Augenblick einige Väter und Mütter aus
der Stadt in dem ganz nahen Gehölze mit einigen Abgesandten des Königs in
Unterhandlung sind, ihnen ihre Säuglinge zu verkaufen, ob sie gleich wissen, dass
sie ermordet werden und der kränkelnde König ihr Blut trinkt, in dem Wahn, sein
scharfes und veraltetes Geblüt durch ihr süsses und gesundes zu verjüngen.«
    FAUST schaudernd: So ist die Welt die Hölle, und ich will ihr mit Freuden
entfliehen. Und der König trinkt wissend diesen schaudervollen Trank?
    TEUFEL: Der Arzt, der sein Tyrann ist und sich bereichert, hat ihn verordnet
und der Beichtvater es unsträflich gefunden, wenn es dazu dienen kann, Seiner
Majestät kostbaren Tage zu verlängern.
    Sie eilten nach dem Gehölze, verbargen sich hinter dickes Gesträuch und
sahen die Abgeordneten des Königs mit einigen Bürgern und dem Priester des
Kirchspiels in Unterhandlung. Vier kleine Kinder lagen vor ihnen im Grase, eins
derselben schrie erbärmlich, die Mutter koste es und legte es an die Brust, um
es zu stillen. Die andern krochen auf den Bäuchen und spielten mit den Blumen.
Die Abgeordneten zählten den Männern das Gold auf die Hand, der Pfarrer empfing
seinen Teil, und man lieferte die Kinder aus. Noch lange hörte man die Kinder
durch den Wald schreien, die Mütter heulten, aber die Männer sagten ihnen: »Hier
ist Gold, lasst uns in die Schenke gehen und uns Mut trinken, andre zu machen.
Man sagt, der König fresse die Kinder, besser er frisst sie jung, als dass er sie
alt schindet oder sie, in einen Sack genäht, in die Seine werfen lässt, wie er
Tausenden getan hat. Lasst früh sterben, was zum Leiden geboren ist, wahrlich, es
wäre besser für uns gewesen, wenn sein Vater uns jung gefressen hätte.«
    Der Pfarrer tröstete sie und sagte:
    Es sei ein verdienstliches Werk und der Mutter Gottes, welcher der König so
sehr zugetan sei, gefällig. Auch seien die Untertanen für den König geboren, da
er an Gottes Statt über sie auf Erden herrschte. Wer mag den Unsinn auszuführen?
So gingen sie nach der Schenke, versoffen einen Teil des Blutgelds und ersparten
den andern auf, dem König die Termine zu bezahlen.
    Der Teufel sah Fausten höhnisch an: »Zweifelst du noch, ob dir der Edelmann
die Tochter verkaufen wird, die du doch wenigstens nicht fressen wirst?«
    FAUST: Bei der schwarzen Hölle, die mir in diesem Augenblick ein Paradies
gegen die Erde zu sein scheint, ich will von nun an allen meinen Begierden den
Zügel schiessen lassen und bei Zerstörung und Verwüstung glauben, ich arbeitete
in dem Sinn dessen, der die Menschen so ungeheuer geschaffen hat. Eile, kaufe
ihm die Tochter ab, sie ist der Zerstörung geweiht wie alles, was Odem hat.
    Dieses war die Laune, worin der Teufel Fausten längst zu sehen wünschte, um
ihn zum Ziel zu fördern und der lästigen Bürde los zu werden, der Sklave eines
so verächtlichen Dinges zu sein, als der Mensch ihm schien. Noch denselben Abend
fing er an, den Edelmann zu stimmen, und sprach vorsätzlich von ihrer nahen
Abreise; den folgenden Morgen warf er ihm bei einem Spaziergang die goldne Angel
hin, der Gierige schnappte darnach, wollte sie aber noch nicht fassen und machte
die gewöhnlichen Paraden der Tugend - der Teufel stieg bei jeder heuchlerischen
Floskel in der Summe, stieg endlich so hoch, dass der Edelmann in seinem Herzen
des Toren lachte, der sein Gold so unsinnig verschwendete. Der Vertrag ward
gemacht, der Vater liess Fausten in das Zimmer seiner Tochter ein und dachte ihr
Heuratsgut auf eine Art erbeutet zu haben, wovon ihr künftiger Mann nichts
merken würde. Das Mädchen war in der ersten Blüte der Jugend, Faust hatte durch
den Umgang mit den Weibern erlernt, sie zu betören, und da er ihr beweisen
konnte, dass ihr Vater selbst zu ihrem Falle mitwürkte, so tat die Natur das
übrige.
    Der Vater schlich indessen mit dem Goldsack und einer Lampe heimlich nach
seinem jedermann unbekannten Gewölbe. Das Herz klopfte ihm vor Freude, einen
Sack zu füllen und endlich die Summe seines Schatzes zu runden. Aus Furcht,
belauscht zu werden, und im Taumel der Freude schlug er die Türe hinter sich
hastig zu, ohne den Schlüssel abgezogen und zu sich gesteckt zu haben. Die Lampe
verlosch durch den heftigen Schlag, und er sah sich auf einmal mit seinem Golde
auf dem Arme in dicker Finsternis. Die Luft im Gewölbe war schwer und dumpfigt
und drückte bald auf seine Brust. Nun ward er erst gewahr, dass er den Schlüssel
aussen gelassen hatte, und Todesangst schoss kalt durch sein Herz. Noch hatte er
Kraft und Instinkt genug, seinen Kasten zu finden, er legte das Gold hinein,
kroch tappend zu der Türe zurück und überlegte, ob er klopfen oder schreien
sollte. Es entstund ein peinlicher Kampf in seiner Seele, er war in Gefahr, sein
Geheimnis zu verraten oder aus dieser Gruft sein Grab zu machen. Lange hätte er
rufen mögen, dieses Gewölbe war mit dem bewohnten Teil des Hauses ausser aller
Verbindung, und er wusste die Zeit so gut zu wählen, dass ihn bisher noch niemand
bemerkt hatte, wenn er zu seinem Gott schlich. Nachdem er lange gekämpft hatte,
ohne sich entschliessen zu können, nahm das Bangen seines Herzens durch die
schrecklichen Vorstellungen und die schwere verschlossne Luft so zu, dass es sein
Gehirn verwirrte. Er sank nieder, kroch zu seinem Kasten zurück, umfasste ihn und
fing bald an zu wüten. Hier kämpfte er mit der Verzweiflung und dem
scheusslichsten Tod, während seine Tochter, deren Unschuld er für das Gold, auf
welchem er nun winselte, verkauft hatte, Faust den Lohn seiner Sünde abtrug.
Nach einigen Tagen, da man schon alle Winkel vergebens durchsucht hatte, führte
der Zufall einen Diener nach dem Gewölbe. Man öffnete es und fand den
Verzweifelten blau und schwarz in der scheusslichsten Verzerrung auf seinem
Schatz. Er hatte in der Wut das Fleisch von seinen Armen gefressen, um den
wilden Hunger zu stillen. Der Teufel erzählte Fausten auf ihrem Rückweg nach
Paris den Ausgang der Geschichte, und dieser glaubte, dass sich doch einmal die
Vorsehung gerechtfertigt hätte.
                                       4.
Der Teufel hatte ausgespäht, dass das Parlament über einen Fall richten würde,
der so unerhört war und die Menschheit so sehr beschämte, dass er es schicklich
für seinen Plan hielt, Fausten zum Zuhörer davon zu machen. Die Sache war diese:
Ein Wundarzt befand sich in der Nacht mit seinem treuen Diener unweit Paris auf
der Landstrasse. Er hörte in der Nähe das Winseln und Ächzen eines Menschen. Sein
Herz zog ihn nach dem Ort hin, wo er einen lebendig geräderten Mörder antraf,
der ihn um Gottes Willen bat, ihn zu töten. Der Wundarzt schauderte zurück, und
als er sich von seinem Schrecken erholt hatte, fuhr der Gedanke durch seinen
Sinn, ob es nicht möglich sei, diesen Unglücklichen durch seine Kunst
wiederherzustellen. Er sprach mit seinem Diener, nahm den Mörder von dem Rade
herunter, legte ihn sanft auf seinen Wagen, führte ihn nach seiner Wohnung und
unternahm seine Heilung, die glücklich vonstatten ging. Er hatte erfahren, dass
das Parlament hundert Pfund dem zur Belohnung ausgesetzt hätte, der es anzeigen
würde, wer diesen Mörder vom Rade genommen. Beim Abschied entdeckte er dem
Mörder dieses, gab ihm Geld zur Reise und riet ihm, sich ja nicht in Paris
aufzuhalten. Das erste, was dieser Elende tat, war hinzugehen, seinen Wohltäter
bei dem Parlament anzugeben, um die hundert Pfund zu erhalten. Die Wangen der
Richter, die so selten erblassen, wurden bleich bei dieser Anzeige, denn er
gestund gerade zu, er selbst sei jener Mörder, den das Parlament auf der Stelle,
wo er das Verbrechen begangen, hätte rädern lassen. Der Wundarzt wurde
vorgefordert, und der Teufel führte Fausten in diesem Augenblick in die Galerie,
da dieser erschien, ohne ihm vorher etwas von dem Vorfall zu sagen. Das Gericht
meldete dem Wundarzt die gegen ihn vorhandene Anklage. Er, der seines Dieners
gewiss war, leugnete sie standhaft. Man bedeutete ihm, sich zu bedenken, weil man
Zeugen vorführen könnte, die ihn überführen würden. Er forderte die Richter dazu
auf. Man öffnete eine Seitentüre, der Mörder trat kalt und frech herein, stellte
sich vor ihn und wiederholte seine Anzeige mit allen Umständen. Der Wundarzt
schrie: »Was hat dich, Ungeheuer, zu diesem scheusslichen Undank gereizt?«
    MÖRDER: Die hundert Pfund, wovon Ihr mir sagtet, da Ihr mich entliesset.
Glaubt Ihr, dass mir mit meinen gesunden Gliedern allein gedient sei? Ich ward
für einen Mord gerädert, den ich um dreissig Pfund beging, soll ich nicht hundert
durch eine Anzeige zu verdienen suchen, wobei ich selbst nichts wage?
    WUNDARZT: Undankbarer! Dein Winseln und Ächzen rührte mein Herz. Ich nahm
dich schaudernd vom Rade, besorgte, verband und heilte deine Wunden, nährte dich
mit eigner Hand, solange du deine zerschlagne Glieder nicht brauchen konntest,
gab dir Geld, das du noch nicht verzehrt haben kannst, um heimzureisen,
offenbarte dir um deinetwillen die Bekanntmachung des Gerichts, und ich schwöre
bei dem lebendigen Gott! hättest du mir dein teuflisches Vorhaben vertraut, ich
wollte eher alles bis auf mein Hemde verkauft haben, dir die hundert Pfund
auszuzahlen, damit der Menschheit dieses abscheuliche Beispiel von Undank ewig
ein Geheimnis geblieben wäre. - Ihr Herren, richtet zwischen ihm und mir, ich
erkenne mich der Anklage schuldig.
    PRÄSIDENT: Ihr habt die Justiz gröblich beleidigt, da Ihr den zu erhalten
suchtet, den das Gesetz um der Sicherheit der Bürger willen verdammt hat; doch
diesmal soll die strenge Gerechtigkeit schweigen und die Menschheit allein zu
Gerichte sitzen. Euch werden die hundert Pfund, und der Mörder werde noch einmal
gerädert.
    Faust, der während des Verhörs schnaubte und glühte, brach in ein
schallendes Bravo aus, das die Galerie wiederholte. Der Teufel, welcher merkte,
dass der letzte Eindruck den ersten verwischen wollte, führte ihn schnell zu
einer andern Szene.
                                       5.
Einige Wundärzte, Doktoren der Medizin, Philosophen und Naturkündiger hatten
eine geheime Gesellschaft geschlossen, Untersuchungen über den Nervensaft, den
Mechanismus des Körpers und der Würkung der Seele auf die Materie anzustellen.
    Um ihrer Neugierde und ihrem Forschungsgeist Gnüge zu leisten, lockten sie
unter allerlei Vorwand arme, unbedeutende Leute nach einem von der Stadt
abgelegnen Hause, dessen obern Teil sie so eingerichtet hatten, dass man weder
von aussen noch von innen wahrnehmen konnte, was darinnen vorging. Hier banden
sie diese Unglücklichen mit Stricken auf einen langen Tisch, legten ihnen ein
Querholz in den Mund, lösten ihnen eine Haut nach der andern ab, entblössten ihre
Muskeln, Nerven, ihr Herz, Gehirn und zerlegten sie bei lebendigem Leibe mit
eben der Kälte und Aufmerksamkeit, als man einen unempfindlichen Leichnam
anatomiert. Um recht hinter das, was sie suchten, zu kommen, nährten sie diese
Elenden gewaltsam mit stärkenden Brühen und liessen sie viele Tage lang unter
Messerschnitten und langsamem Zerreissen der Bande des Lebens des peinlichsten
Tods hinsterben. Der Teufel wusste, dass sie eben versammelt waren, und sagte zu
Faust: »Du hast einen Wundarzt gesehen, der aus Menschenliebe oder Neigung für
seine Wissenschaft den geräderten Mörder heilet; ich will dir nun Naturkündiger
zeigen, die, um Geheimnisse zu erforschen, die ihr nie ergründen werdet, ihre
Brüder lebendig schinden. Du scheinst zu zweifeln? Komm und überzeuge dich. Wir
wollen zwei Doktoren vorstellen.«
    Er führte ihn in das entlegne Haus, sie traten in das gewölbte
Arbeitszimmer, das kein Tageslicht erleuchtete. Hier sahen sie die Naturkündiger
einen dieser Unglücklichen, dessen Fleisch unter ihren Händen zitterte und
dessen aufgerissne Brust unter dem peinlichsten Schmerz sich hub, zerschneiden
und hörten sie über ihre Entdeckungen reden und streiten, als wenn sie eine
Blume zergliederten. Sie waren mit ihrem Gegenstand so beschäftigt, dass sie den
Teufel und Fausten nicht einmal wahrnahmen. Faust fühlte Zuckungen in all seinen
Nerven, er stürzte hinaus, schlug sich vor die Stirne und gebot dem Teufel, das
Haus über die Köpfe dieser Ungeheuer zusammenzuwerfen, dass ihre Spur von der
Erde vertilgt würde.
    TEUFEL: Faust, warum rasest du? Fühlst du denn nicht, dass du eben auf die
Weise in der moralischen Welt verfährst, wie diese in der physischen? Sie
schneiden in das Fleisch der Lebenden, und du wütest durch meine zerstörende
Hand in der ganzen Schöpfung -
    FAUST: Verworfner! denkst du, mein Herz sei schon Stein geworden? Gefällt
dir das Metzeln dieser Unglücklichen? Auf! ich kann die Raserei, die in meiner
Brust und in meinem Gehirne glüht, nur durch Rache kühlen. Mein ganzes Wesen
löset sich vor der Vorstellung des Leidens dieser Unglücklichen auf. Die Qualen
des ganzen Menschengeschlechts überfallen mich in diesem Augenblick. O ich
fühle, dass es Unsinn ist, da ich ihre Tränen nicht trocknen, ihre Wunden nicht
heilen kann; aber rächen will ich sie an diesen Ungeheuern. Auf, zerstöre, und
schnell! dass nicht einer überbleibe! Eile oder ich wüte meinen Zorn an dir aus.
    Der Teufel, der ihm mit Vergnügen gehorchte, erschütterte den Grund des
Gebäudes, es stürzte krachend zusammen und zerschmetterte die Ungeheuer. Der
empörte Faust eilte nach Paris zurück, ohne auf den Wink zu merken, den ihm der
Teufel gegeben hatte.
                                       6.
Faust hatte so viel von den Kefichen gehört, die der allerchristlichste König
hatte verfertigen lassen, die ihm verdächtigen und gefährlichen Personen
einzusperren, dass er dem Teufel befahl, Anstalt zu machen, damit er sie in
Augenschein nehmen könnte. Dieses war ein Schauspiel, das ihm der Teufel gern
verschafte, und ob es gleich bei Todesstrafe verboten war, keinen
hinzuzulassen, so öffnete doch die Beredsamkeit des Teufels, die so mächtig von
seinen Fingern floss, das Kastell. Sie fanden dort Kefiche von Eisen, die rundum
mit gleichen Stangen versehen waren und worinnen ein Mensch grade aufrecht
stehen konnte.
    An die Füsse der Elenden, denen diese traurige Wohnung angewiesen war, hatte
man schwere Ketten geschmiedet, an die eine grosse Kugel befestigt war. Der
Aufseher vertraute ihnen, dass der König oft in gesunden Tagen in dieser Galerie
herumspaziert sei, um sich an dem Gesang seiner Nachtigallen, wie er sie nannte,
zu ergötzen. Faust fragte einige der Unglücklichen um die Ursache ihrer
schmählichen Gefangenschaft und hörte Geschichten, die das Herz zerreissen. Unter
andern tat er an einen ehrwürdigen Greis dieselbe Frage, und dieser antwortete
in einem kläglichen Tone:
    »Ach, wer Ihr auch seid, so lasst Euch mein grausames Schicksal zur Warnung
dienen, nie Eure Hände einem Tyrannen zu Grausamkeiten zu leihen. Ihr seht in
mir den Bischof von Verden, jenen Unglücklichen, welcher zuerst dem grausamen
König den Gedanken von diesen scheusslichen Kefichen beigebracht hat und der den
ersten verfertigen liess, damit einer seiner Feinde hineingesperrt würde. Der
König liess sogleich nach dem von mir gegebenen Muster zwei machen und wies mir,
dem Erfinder, den ersten zur Wohnung an. Hier büsse ich nun schon vierzehen Jahre
für meine Sünde und flehe täglich den Tod, meiner Marter ein Ende zu machen.«
    FAUST: Ha! ha! Ew. Ehrwürden hat also als ein neuer Perillus auch seinen
Phalaris gefunden. Ihr wisst doch die Geschichte? - Ihr schüttelt den Kopf - nun,
zum Zeitvertreib will ich sie Euch erzählen.
    Dieser Perillus, der nebenher weder ein Bischof noch ein Christ war, goss
einen ehernen Ochsen, den er dem Tyrannen Phalaris als ein Meisterstück zeigte
und ihn versicherte, er habe ihn so zugerichtet, dass, wenn Seine Majestät einen
Menschen hineinstecken und ihn durch untergelegtes Feuer glühend machen liessen,
das Geschrei des geplagten Menschen das Brüllen eines Ochsen ganz genau
nachahmen würde, welches Seiner Majestät viel Vergnügen machen könnte. Phalaris
antwortete: Wackrer Perillus, es ist billig, dass der Künstler sein Werk selber
probe! Hierauf musste der Künstler in den Ochsen kriechen, es ward Feuer darunter
gelegt, er brüllte wie ein Ochs, und so spielte vor tausend Jahren Phalaris die
Geschichte, die der allerchristlichste König mit Euch, ehrwürdiger Bischof von
Verden, nur wiederholt hat.
    BISCHOF: O hätt ich doch dieses Beispiel früher gewusst, es sollte mir zur
Warnung gedient haben.
    FAUST: Da seht Ihr, Ehrwürden, dass zuzeiten die Geschichte auch einem
Bischof nutzen kann. Lasst Euch die Zeit nicht lang werden; über das Schicksal
dieser Unglücklichen weint man, und über das Eure lacht man.
                                       7.
Faust wollte nun diesen König sehen, dessen scheussliche Taten seine
Einbildungskraft so erhitzt hatten, dass er sich ihn kaum unter einer
menschlichen Gestalt vorstellen konnte. Der Teufel stellte ihm die Unmöglichkeit
vor, in das Schloss Plessis du Parc, worin Feigheit und Furcht den Tyrannen
gefangen hielten, in ihrer wahren Gestalt zu dringen, und setzte hinzu, dass
ausser den nötigen Dienern, seinem Quäler, dem Arzt, seinem Beichtvater und
seinem Freund, dem Henker, nebst einigen Astrologen kein Mensch ohne besondere
Erlaubnis eingelassen würde.
    FAUST: So lass uns andre Gestalten annehmen.
    TEUFEL: Gut, ich will zwei seiner Trabanten entfernen, und wir wollen ihren
Dienst unter ihrer Gestalt verrichten, um diesen König und sein Glück in der
Nähe zu beobachten. Der Augenblick, den Elenden zu sehen, ist trefflich. Die
Furcht vor dem Tode rächt schon vor der Hölle seine Taten an seinem feigen
Herzen, und in dieser Marter sinnt er Tag und Nacht, wie er ihn entfernen
möchte, zieht ihn dadurch immer näher, und sieht ihn jede Sekunde scheusslicher.
Komm, ich will dich zum Zeugen seines Jammers machen.
    Der Teufel führte seinen Vorschlag aus, und sie stunden beide als Trabanten
im Inneren des Schlosses, wo die Stille des Grabes wohnte und die schaudervollen
Schrecken des Todes herumschwebten. Hierher hatte sich der verbannt, vor dem
Millionen bebten, um der Rache der Verwandten der Ermordeten, der Furcht vor
seinem Sohn, in dem er den Rächer seines Vaters zu sehen glaubte, auszuweichen.
Dem Auge seiner Untertanen konnte er in dieser peinlichen Gefangenschaft
entfliehen, aber ihm folgte die Qual seines Herzens, das Leiden seines Körpers,
umsonst ermüdete er den Himmel mit Flehen um Gesundheit und Ruhe, vergebens
suchte er ihn mit Geschenken an Heilige, Priester und Kirchen zu bestechen,
umsonst behing er seinen siechen, kraftlosen Körper mit Reliquien aus allen
Teilen der Erde; der Gedanke: Du musst sterben! nagte gleich einer giftigen
Schlange in seinem geängsteten Busen. Kaum wagt er aus seinem Zimmer zu gehen,
weil er fürchtet, in jedem, auf den er stösst, einen Mörder zu finden. Treibt ihn
die Angst in die freie Luft, so bewaffnet er sich mit Dolch und Speer und hüllt
sein zusammengeschrumpftes Gerippe in prächtige Kleider, um ihm einen gelognen
Glanz zu geben, zeigt sich nur von weitem, damit das Auge der fern Stehenden
nicht die Maskerade wahrnehme. Tag und Nacht blickt er angstvoll durch die
Schiesslöcher des Turms, ob keine Feinde nahen, seinem traurigen Leben ein Ende
zu machen. Vierhundert Trabanten wachen unaufhörlich um die düstre Höhle des
abgelebten Wüterichs, der sein Dasein nur noch durch Grausamkeiten zu erkennen
gibt. Ihr dumpfer Zuruf erschallt jede Stunde dreimal von Posten zu Posten durch
die einsame Stille, und jeder Schrei erinnert den Tyrannen an seine schreckliche
Lage. Das Feld um das Schloss ist mit Fussangeln bestreut, damit keine Reuterei
nahen kann, es zu überfallen. An den innern Mauern hängen Ketten, an welche
grosse und schwere Kugeln geschmiedet sind, um seine gepeinigte Diener zu
fesseln, wenn sie etwas verabsäumen. Rund um das Schloss sind Galgen
aufgerichtet, und sein einziger wahrer Freund, der Henker Tristan, geht
forschend umher, Opfer auszuspähen, um die Angst des Tyrannen durch ihre
Hinrichtung zu mindern, denn in jedem Verurteilten sieht er einen Feind seines
Lebens weniger. Zuzeiten schleicht er hinter die Scheidewand neben der
Folterkammer, um die Bekenntnisse der Verdächtigen zu belauschen, ergötzt sich
an ihren Qualen und findet Trost für die seinigen darinnen. Bedeckt mit
Reliquien, an seinem Hut ein bleiernes Bild der Mutter Gottes, seiner vermeinten
Beschützerin, trinkt er das Blut der ermordeten Säuglinge, lässt sich von seinem
Arzt martern, dem er monatlich zehntausend Taler bezahlt, bestürmt den Himmel
mit unablässigem Gebet, stirbt jeden Seigerschlag und vermehrt bei jedem seiner
Gedanken die Schrecken des Todes, dessen Namen auszusprechen bei Strafe des
Hochverrats verboten ist.
    So zeigte der Teufel Fausten den gefürchteten Ludwig, und Fausts Herz
ergötzte sich an der Blässe seiner Wangen, an den Furchen, die die Angst auf
seine Stirne gegraben. Er weidete sich an seinem Todesschweiss, an seinem
beklommnen Atem und sättigte sich an seiner Qual. Schon wollte er dem ekelhaften
Aufentalt entfliehen, als ihm der Teufel ins Ohr raunte, den kommenden Tag
abzuwarten, eine besondre Szene anzusehen. Der König hatte vernommen, dass in
Kalabrien ein Eremit Martorillo lebte, den man in ganz Sizilien als einen
Heiligen verehrte. Dieser Tor hatte von seinem vierzehenten bis zu seinem
vierzigsten Jahr auf einem spitzen Felsen gelebt, seinen Körper durch Fasten
gemartert und seinem Geiste alle Nahrung versagt; aber der Schein des Heiligen
bedeckte den Dummkopf, und er sah bald die Fürsten wie den Pöbel zu seinen
Füssen. Um diesen ausserordentlichen Mann hatte Ludwig den König von Sizilien
gebeten und hoffte seine Genesung von ihm. Er war nun eben auf dem Wege, und da
er zugleich dem König die Erlaubnis von dem Papst mitbrachte, seinen ganzen Leib
mit dem heiligen Öle von Reims schmieren zu dürfen, so glaubte er bald alle
Schrecken des Todes zu besiegen. Der glückliche Tag erschien, der kalabrische
Bauer nahte dem Schloss, der König ging ihm bis an das Tor entgegen, fiel ihm
zu Füssen, küsste seine Hände und bat ihn um Leben und Gesundheit. Der Kalabrer
spielte seine Rolle so, dass Faust sich nicht entalten konnte, bei der Farce in
ein lautes Gelächter auszubrechen. Schon wollte ihn Tristan mit seinen Helfern
ergreifen, es war um sein Leben geschehen, der Teufel entriss ihn ihren Klauen
und flog mit ihm davon. Als sie in Paris angekommen waren, sagte Faust zu dem
Teufel: »Dieses feige, niederträchtige, abergläubische, bebende Ding ist es
also, vor dem die kraftvollen Söhne Frankreichs zittern und von dem sie sich
ohne Widerstand erwürgen lassen? Ein Totengerippe, in Purpur gehüllt, das kaum
noch den Wunsch zu leben aus der Brust hervorkeichen kann? Und sie beben vor
ihm, als ob ein gewaltiger Riese, dessen furchtbarer Arm von einem Ende des
Reichs zu dem andern reichte, auf ihrem Nacken sässe! Treten doch die feigsten
Tiere vor die Höhle des Löwen, wenn kraftloses Alter den Räuber fesselt, und
spotten des unvermögenden Würgers.«
    TEUFEL: Dadurch eben unterscheidet sich der König der Menschen von dem
Könige des Waldes. Dieser ist nur furchtbar, solange er Kräfte hat; aber da
jener die Kräfte seiner Sklaven an seinen Willen bindet, so ist er gleich stark,
er liege an der Gicht oder stehe in blühender Jugend an der Spitze der Heere.
Fühlst du nun bald, dass es Wahn ist, der euch in allem leitet, euch zu Sklaven
macht, eure Ketten zerbricht und euch wiederum neue schmiedet. So treibt ihr
euch im ewigen Kreise herum, und ihr seid verdammt, immer den Schatten für das
Wesen zu ergreifen. Damit nicht zufrieden, Unterworfne der Natur, eurer
Leidenschaften und grenzlosen Begierden eines unsichtbaren, strengen Herrns zu
sein, müsst ihr euch, um bestehen zu können und euch nicht in eurer Wut zu
zerfleischen, einen euch nähern Tyrannen wählen, und damit euch dieser ohne
Gefahr für ihn missbrauchen möge, leitet ihr seine Rechte von dem ersteren ab.
Dies war wohl das äusserste Mass eures Unsinns, ein Ding, das euch gleicht, zu
vergöttern! Hadere mit dem, von dem sie diese Rechte erhalten haben wollen.
    FAUST: Fasse es, wer da kann! Er schlug wider seine Stirne und seine Brust.
Dieses hier und dieses da stehen im Widerspruch mit allem, was ich sehe,
vernehme und fühle. Finstre Gedanken, wie plagende Dämonen der Nacht, ziehen in
meinem Gehirne herum, und oft dünkt mich, die moralische Welt würde von eben
einem solchen Dinge beherrscht, wie dieser Elende eines ist. Er mordet ohne Form
und Recht, und so wird der Mensch gleich dem Stier gefällt, ohne es zu wissen,
warum er bluten muss.
    Faust fuhr in dieser Laune fort und spann seine dunkle Gedanken und Gefühle
bis ins Abscheuliche aus. Der Teufel ergötzte sich, da er ihn seinem Zwecke
nahen sah, stimmte ihn zu fernerm Herumstreifen, um ihn durch neue Szenen noch
mehr zu verwirren. Als sie aus Paris ritten, sagte der Teufel:
    »Schon wittre ich die künftigen, ungeheuren Taten, die diese blühende Stadt
erschüttern werden.«
    Auf dem Wege nach Calais sagte er oft:
    »Bald werden diese Felder durch Bürger- und Religionskriege mit Leichen
besäet werden. Jahrhunderte wird der Geist der Zwietracht wüten, und wenn der
Despot des Mordens sollte müde werden, so wird ihn der Priester auf Befehl des
Himmels zu noch schrecklichern Greueln reizen.«
                                       8.
Faust und der Teufel flogen über den Kanal und kamen in dem Augenblick in London
an, als sich der hässliche, missgeschaffne Herzog Gloster zum Protektor des Reichs
aufwarf und mit allen Kräften arbeitete, seines Bruders, des verstorbenen
Königs, Sohn der Krone zu berauben. Den Vater hatte er mit Gift aus dem Wege
geräumt und die Königin, die bei der Entdeckung seiner Absichten sich nach der
Westmünsterabtei mit ihren Kindern flüchtete, schon dahin gebracht, ihm den
Erben des Trons, der damals vierzehen Jahr alt war, mit seinem jüngern Bruder
York auszuliefern. Sie übergab sie bebend und schien das Schicksal ihrer Söhne
zu ahnden. Faust war Zuhörer, als der Doktor Shaw auf Befehl des Protektors dem
erstaunten Volke von der Kanzel bewies, dass seine und des verstorbenen Königs
noch lebende Mutter verschiedne Liebhaber in ihr Bette aufgenommen hätte, der
verstorbene König im Ehebruch erzeugt sei und dass sich niemand vom königlichen
Hause einer rechtmässigen Geburt rühmen könnte, ausser der Protektor. Er sah die
Grossen hinrichten, die diesem Plan nicht beitreten wollten, und der Teufel
führte ihn in dem Augenblick in den Tower, da Tyronel den rechtmässigen König von
England nebst seinem Bruder York durch Meuchelmörder ermorden und an der
Schwelle ihres Gefängnisses begraben liess. Er war Zeuge der niederträchtigen
Unterwerfung des Parlaments und der Krönung des scheusslichen Tyrannen. Er war
Zeuge davon, wie sich die Königin mit dem Mörder ihrer Söhne in Unterhandlung
einliess, seine gewaltsame Tronbesteigung durch die Hand ihrer ältesten Tochter
zu unterstützen, um im Glanz des Hofes und der Herrschaft erscheinen zu können,
ob sie gleich durch die empörten Grossen des Reichs mit ihrem künftigen Rächer,
dem Grafen Reichmond, in gleiche Verbindung getreten war. Dieses brachte Fausten
so auf, dass ihn selbst die Reize der schönen Engländerinnen nicht länger in
dieser Insel fesseln konnten, er verliess sie im finstern Groll, denn so kalt und
ohne allen Schleier hatte er noch nicht Verbrechen begehen sehen. Er war noch
nicht in Rom gewesen. Als sie im Begriff waren, sich einzuschiffen, sagte der
Teufel zu ihm:
    »Dieses Volk, Faust, wird eine Zeitlang unter dem Joche des Despotismus
seufzen, dann einen seiner Könige auf dem Blutgerüste der Freiheit opfern, um
sie seinen Nachfolgern für Gold und Titel zu verkaufen. Übrigens ein wackres
Volk im Laster und ein guter Rekrutierungsplatz für die Hölle.«
    Hierauf führte er ihn nach Mailand, wo sie den Herzog Galeas Sforza am
heiligen Stephanstage in der Domkirche ermorden sahen. Faust hörte die
Meuchelmörder mit lauter Stimme den heiligen Stephan und heiligen Ambrosius
anrufen, ihnen zu ihrem edlen Vorhaben den gehörigen Mut zu verleihen.
    In Florenz, dem Sitz der Musen, sahen sie den Neffen des grossen Kosmus, des
Vaters des Vaterlands, in der Kirche Santa reparata in dem Augenblick an dem
Altar ermorden, da der Priester den Leib des Herrn emporhub; dieses war das
Zeichen zum Mord, welches den Mördern der Erzbischof von Florenz, Salviati,
gegeben hatte. Der Papst hatte ihn zu dieser Tat durch seinen Neffen anwerben
lassen, die Mediceer zu vertilgen, um in Italien zu herrschen; doch dieses
gehört zur spätern Geschichte der Kirche.
    Im Norden sahen sie wilde Barbaren und Trunkenbolde ebenso morden und
verwüsten wie die übrigen aufgeklärteren Europäer. In Spanien fanden sie den
Betrug und die Heuchelei unter der Maske der Religion auf dem Trone, sahen in
einem Autodafé dem milden Gott der Christen Menschen durch die Flamme opfern und
hörten den Grossinquisitor Torquemada gegen die heuchlerische Isabella und den
trugvollen Fernando sich rühmen, dass das heilige Gericht bereits achtzigtausend
verdächtigen Personen den Prozess gemacht und sechstausend Ketzer wirklich
lebendig verbrannt hätte. Als Faust das erstemal die Damen und Kavaliere auf dem
grossen Platz in all ihrem Glanz versammelt sah, schmeichelte er sich, einem
Freudenfest beizuwohnen, da er aber die Elenden unter der Prozession der Gott
lobenden Priester heulen und wehklagen hörte, überzeugte er sich bald, dass der
Missbrauch der Religion den Menschen zu dem abscheulichsten Ungeheuer der Erde
macht. Er genoss indessen unter Verwünschung des ganzen menschlichen Geschlechts
noch immer der Freuden des Lebens und der schönen Weiber in Engelland, Florenz
und Spanien, fing endlich an zu glauben, alle diese Greuel gehörten notwendig zu
der Natur des Menschen, der ein Tier sei, das entweder zerreissen oder zerrissen
werden müsste.
                                       9.
Der Teufel, der Fausten durch alle diese Szenen wund und durchglüht sah und
bemerkte, dass sein moralischer Sinn durch das Beschauen dieser Schandtaten immer
mehr in Rauch aufging, beschloss, ihn nun zum Nachtisch an den päpstlichen Hof zu
führen. Diesen sah er als die reiche Quelle der Laster, als die grösste Schule
der Verbrechen an, woraus sie, von dem Oberhaupte der Religion und dem
Stattalter Gottes gleichsam geheiligt, zu den andern Völkern Europas flössen.
Er sagte zu Faust:
    »Du hast nun gesehen, wie alle Höfe Europas sich gleichen und wie die
Menschen regiert werden, lass uns jetzt nach Rom ziehen, um zu sehen, ob es mit
der Kirche und der geistlichen Regierung besser steht.«
    Der Listige schmeichelte sich, Alexander der Sechste, der damals die
dreifache Krone trug und die Schlüssel zu dem Himmel und der Hölle in seiner
Gewalt hatte, sollte seinem finstern Plan gegen Fausten den Schwung geben und
seine eigne Rückkehr in die Hölle befördern. Längst war er des Aufentalts auf
Erden müde, denn da er seit Jahrtausenden schon so vielmal dieselbe durchzogen
hatte, so sah er doch, so sehr ihn auch die schwarzen Taten der Menschen
ergötzten, nur immer das Alte. Das Einerlei ist so ermüdend, dass ein Teufel
leicht das Dunkel dem Licht vorziehen kann, ihm zu entfliehen, da die Menschen
aus dieser Ursache wenigstens die Hälfte ihrer Torheiten begehen, die sich nur
zu oft mit Verbrechen enden.
    Auf dem Wege nach Rom stiessen sie auf zwei gegeneinander gelagerte Heere.
Das eine kommandierte Malatesta von Rimini, das andre ein päpstlicher General.
Die tückische Politik Alexanders, die den jungen König aus Frankreich nach
Italien gelockt und dann zurückgetrieben hatte, arbeitete nun durch heimlichen
Gift, Meuchelmord und offne Fehde, alle die Grossen zu berauben, um aus ihren
Herrschaften und Kastellen Fürstentümer für seine Bastarde zusammenzusetzen. Er
fing zuerst mit den Schwächsten an und hatte dies kleine Heer ausgeschickt, dem
Malatesta Rimini zu entreissen. Als Faust und der Teufel die Landstrasse
hinaufritten, sahen sie auf einer Anhöhe, unweit des päpstlichen Lagers, zwei
stattliche Männer in einen sehr hitzigen Zweikampf verwickelt. Die Neugierde
trieb Fausten näher, der Teufel folgte ihm, und sie merkten bald, dass sich die
zwei erhitzen Kämpfer nicht zu trennen gedächten, bis einer dem Schwerte des
andern erläge. Das aber, was Fausten am sonderbarsten vorkam, war eine
schneeweisse Ziege, mit bunten Bändern geschmückt, die ein Schildknappe als den
Preis des Sieges zu halten schien und mit welcher er ganz kalt neben den zwei
Wütenden stund. Viele Ritter hatten sich auf der Anhöhe versammelt, um Zeugen
des Ausgangs zu sein, den sie mit vieler Gleichgültigkeit abwarteten. Faust
nahte sich einem von ihnen und fragte mit teutscher Ehrlichkeit, ob sich die
zwei Herren wohl um die schöngeschmückte Ziege schlügen. Er hatte bemerkt, dass
die zwei Champions bei jeder Pause mit vieler Zärtlichkeit nach der Ziege
blickten und sie nach Rittergebrauch um Beistand bei der Gefahr anzuflehen
schienen. Der Italiener antwortete ihm kalt: »Allerdings, und ich hoffe, unser
General wird ihn dafür zur Hölle schicken, dass er, ein unter seinem Befehl
stehender Ritter, es gewagt hat, die schönste Ziege der Welt aus seinem Zelte zu
entführen, während er herumritt, das Lager des Feinds zu erkennen.« Faust trat
zurück, schüttelte den Kopf und wusste nicht, ob er wachte oder träumte. Der
Teufel liess ihn einige Augenblicke in dieser Verwirrung, endlich sagte er ihm
was ins Ohr, wobei Faust errötete und das das Papier besudeln würde. Der
Zweikampf ging mittlerweile immer hitzig fort, bis das Schwert des päpstlichen
Generals eine Öffnung in dem Panzer des Ritters fand und ihn in seinem Blut auf
den Boden streckte. Er blies seine Seele unter Flüchen weg und nahm mit seinem
letzten Blick zärtlich von der Ziege Abschied. Der General ward von den
Anwesenden frohlockend empfangen, der Schildknappe führte ihm die Ziege zu, er
nannte sie seine Kamilla und streichelte sie unter süssen Liebkosungen.
    Faust entfernte sich von dem Kampfplatz und wankte zwischen dem Kitzel zu
lachen und dem Gefühl des Unwillens, als der Teufel ihm folgendes hinwarf:
    »Faust, dieser lustige Zweikampf hat dich mit dem päpstlichen General
bekannt gemacht; aber der gegen ihm über stehende ist nicht weniger merkwürdig.
Dieser schlug sich auf Gefahr seines Lebens um eine weisse Ziege, und der andre
hat schon zwei seiner Weiber, aus den besten Häusern Italiens, vergiftet und mit
eigner Hand erdrosselt, um schnell von ihnen zu erben. Er freit wirklich um die
dritte, und wenn er auf den Füssen bleibt, so wird sie vermutlich ein gleiches
Schicksal haben. Beide sind übrigens sehr religiöse Männer, halten Prozessionen,
widmen dem Himmel Gelübde und flehen ihn um Sieg an; für welchen glaubst du, dass
er sich erklären müsste?«
    Faust machte dem Teufel ein wildes Gesicht und liess die hämische Frage
unbeantwortet; der Teufel aber, der sich an seiner Prahlerei über den
moralischen Wert des Menschen rächen wollte, unterliess nicht, noch einige bittre
Glossen über die Liebhaberei des päpstlichen Generals und über die
Schlechtigkeit des Menschen überhaupt zu machen, worauf Faust, der ihn eben auf
der äussersten ertappte, noch weniger zu antworten fand.
                                      10.
Der Anblick Roms und seiner grossen Ruinen, auf welchen noch der mächtige Geist
der alten Römer zu schweben schien, überraschte Fausten, und da er mit ihrer
Geschichte ziemlich bekannt war, so erhub sich seine Seele bei der lebhaften
Erinnerung und Vorstellung dieses einzigen Volks der Erde; aber die neuen
Bewohner der ehemaligen Königin der Welt füllten sie bald mit andern und
niedrigern Gegenständen. Auf des Teufels Rat kündigten sie sich als teutsche
Edelleute an, die die Herrlichkeit Roms nach Italien gezogen, ihr Staat, Gefolge
und Aufwand aber liess mehr hinter ihnen vermuten. Die Äbte, Mönche, Matronen,
Kuppler, Kupplerinnen, Scharlatane und Pantalons drängten sich zu ihnen und
trugen ihnen ihre Dienste in dem Augenblick an, als das Gerücht ihrer Ankunft
durch alle die Zünfte derer erscholl, die das bequeme Handwerk ergriffen haben,
von den Lastern und Torheiten der Menschen zu leben. Sie trugen ihnen ihre
Schwestern, Töchter, ihre Weiber und Verwandten an, malten ihre Reize und
Vorzüge mit so feuriger Beredsamkeit, dass der von allen Seiten bestürmte Faust
nicht wusste, wo er angreifen sollte. Da diese Kuppelei auf die possierlichste
Art mit dem Gewand der zügellosen Üppigkeit und der strengen Religion zugleich
bekleidet war, so dünkte es Fausten, dieses Volk brauche die Religion zu nichts
anderm, als durch sie den Zuruf der innern empörten menschlichen Natur bei ihren
Schandtaten und Greueln zu stillen und zu beruhigen.
    Den Tag nach ihrer Ankunft erhielten sie eine Einladung von dem Kardinal
Cäsar Borgia, einem der vielen Bastarde des Papsts; er empfing sie auf das
prächtigste und nahm es über sich, sie Seiner Heiligkeit dem Papst vorzustellen.
Sie ritten mit ihrem Gefolge in dem grössten Staat nach dem Vatikan, und der
Teufel küsste mit Fausten den Pantoffel Seiner Heiligkeit. Faust verrichtete
dieses in dem Glauben eines wahren katolischen Christen, der den Papst für das
hält, wofür er sich ausgibt, und der Teufel dachte bei sich: wenn mich Alexander
kennte, ich würde ihn vielleicht zu meinen Füssen sehen. Nachdem die äussere
Zeremonie vorüber war, liess sie der Papst in seine innere Zimmer einladen, wo er
sich freier mit ihnen besprach. Hier wurden sie mit seinen übrigen Bastarden,
der berühmten Lucretia und Francisco Borgia, dem Herzog von Gandia, bekannt etc.
    Der Papst fand die Gesellschaft des schönen und gewandten Teufels Leviatans
so sehr nach seinem Geschmacke, dass er von dem ersten Augenblick eine besondre
Gunst gegen ihn äusserte, die, wie wir sehen werden, bald bis zu der äussersten
Vertraulichkeit stieg. Faust hielt sich an den Kardinal Borgia, der ihm von den
Genüssen und Freuden Roms ein so lüsternes Gemälde entwarf, dass er nicht wusste,
ob er sich im Vatikan oder in einem Tempel der irdischen Venus befände. Dieser
machte ihn mit seiner Schwester Lucretia, der jetzigen Gemahlin Alfonsos von
Arragonien, genauer bekannt. Sie stellte die sinnliche Wollust in den
gefährlichsten Reizen verkörpert vor und nahm Fausten auf eine Art auf, dass er
wie bezaubert vor ihr stund und sich bei dem ersten Blick von dem Wunsche
durchglüht fühlte, den Becher der Freude aus der Hand derjenigen zu empfangen,
die ihn so schäumend darreichte.
                                      11.
Faust und der Teufel waren in wenigen Tagen mit der päpstlichen Familie auf dem
Fuss der Vertraulichkeit. Eines Abends wurden sie zu einem Schauspiel ins Vatikan
eingeladen, welches Fausten mehr in Erstaunen setzte als alles, was er bisher am
päpstlichen Hofe gesehen hatte. Man spielte die Mandragola. Der edle Machiavell
hatte dieses Schauspiel geschrieben, um durch die Zügellosigkeit desselben dem
römischen Hofe ein auffallendes Gemälde von den schlechten Sitten der Klerisei
vorzustellen und ihm zu beweisen, dass sie die Quelle der Verderbnis der Laien
sei. Er betrog sich hier in seinem edlen Zwecke, wie er sich später betrog, da
er in seinem Fürsten die Greuel der Tyrannei der Welt aufdeckte. Die Tyrannen
und ihre Stützen, die Mönche, verschrien den als Lehrer der Tyrannei, der sie
ärger als ein Sterblicher hasste, ihr durch sein Werk einen tötlichen Streich
beizubringen suchte, und das verblendete Volk liess sich von ihren Betrügern so
betäuben, dass sie ihren Arzt als einen Vergifter ansahen. So ging es auch hier;
die Mandragola wurde beklatscht, ergötzte viele Abende den päpstlichen Hof, und
keiner ausser dem Teufel und Faust merkte, dass die Satire Machiavells durch den
Beifall des Papsts und der ganzen Klerisei um so giftiger wurde. Faust hörte von
dem Papst, den Kardinälen, Nonnen und Damen Dinge beklatschen und preisen, die
nach seiner Meinung selbst die üppigen römischen Kaiser nicht auf der Bühne
würden geduldet haben. Aber dieses Staunen wurde bald von lebhaftern Szenen
verdrängt, und er merkte, dass die Taten Alexanders und seiner Bastarde alles
übertrafen, was die Geschichte zur Schande der Menschheit aufgezeichnet hat.
Lucretia, welcher ihn seine reiche Geschenke noch mehr als sein kraftvolles
Ansehen empfahlen, weihte ihn kurz darauf in die Geheimnisse der Wollust ein,
und er fühlte in ihren Armen, dass der päpstliche Hof im Besitz von Geheimnissen
sei, wovon die übrige blödsinnige christliche Welt nichts ahndete. Durch diese
innige Verbindung entdeckte er ihr blutschändrisches Verhältnis mit ihren beiden
Brüdern, dem Kardinal und dem Herzog, und da er sie eines Tags mit dem Papst,
ihrem Vater, überraschte, zu dem er und der Teufel geheimen Zutritt hatten, so
fand er, dass er sie nicht allein mit den Brüdern, sondern auch mit Seiner
Heiligkeit teilte. Der einzige Misshandelte war Alfonso, der die Ehre hatte, sich
ihren Gemahl zu nennen. Nun sah Faust die Ursache des bittern Hasses des
Kardinals gegen seinen Bruder ein, dessen Grund Eifersucht über die
Gunstbezeigungen der Schwester war. Er hatte ihn oft schwören hören, er würde
sich noch an ihm auf die blutigste Art rächen.
    Wenn sich Faust den Tag über am Hofe und in der Stadt in allen Lüsten
herumgewälzt hatte, so pflegte er gewöhnlich dem Teufel abends die Ohren über
die Laster der Menschen zu ermüden. Ihr Anblick empörte ihn, ob er gleich weder
Kraft noch Willen hatte, einer seiner Neigungen zu widerstehen. Gewöhnlich
endigte er mit dem Ausruf: »Wie ist es möglich, dass ein solches Ungeheuer Papst
werden konnte.«
    Der Teufel, der genau wusste, wie es bei seiner Wahl zugegangen (denn einer
der Fürsten der Hölle war damals im Konklave), erzählte ihm:
    Wie Alexander als Vizekanzler des päpstlichen Stuhls die Stimmen der
Kardinäle gekauft und wie er diese, nachdem er seinen Zweck erhalten und sie ihn
an die Erfüllung seines Versprechens erinnert, teils verjagt, teils unter
verschiednem Vorwand auf die grausamste Art habe hinrichten lassen.
    FAUST: Dass sie schlecht genug waren, ihn zum Papst zu machen, begreife ich,
aber wie sie ihn ertragen, dies geht über meine Fassung.
    TEUFEL: Die Römer sind sehr wohl mit ihm zufrieden. Er sorgt für den Pöbel,
mordet, plündert die Grossen und wird durch seine Verbrechen den päpstlichen
Stuhl mehr in die Höhe bringen als alle seine Vorgänger. Können sie wohl einen
bessern Papst wünschen als einen, der ihre Laster durch sein eignes Beispiel
heiligt? der ihnen noch über die Indulgenzen durch seine Taten beweist, dass der
Mensch vor keiner Sünde erschrecken muss?
                                      12.
Der Papst hatte seinen ältesten Bastard Francisco in einem Konsistorium zum
General des heiligen Stuhls gemacht, und der Kardinal fasste in demselben
Augenblick den Entschluss, seinen Bruder auf die Seite zu schaffen, um seinem
Ehrgeiz ein weiteres Feld zu eröffnen. Seine Mutter Vanosa hatte ihm vertraut,
die Absicht des Papsts sei, dem Herzoge auf den Ruinen der Fürsten Italiens
einen Tron zu errichten und durch ihn als den Erstgebornen alle die Anschläge
zur Vergrösserung seiner Familie auszuführen. Der Kardinal, der die Meuchelmörder
zu Hunderten in seinem Solde hatte, liess seinen getreuen Dom Michellotto
aufsuchen und hielt folgende Rede an ihn:
    »Wackrer Michellotto, es sind nun schon fünf Jahre, dass mein Vater auf dem
päpstlichen Stuhl sitzt, und noch bin ich das nicht, was ich sein könnte, wenn
wir unsre Geschäfte etwas klüger betrieben hätten. Er hat mich zum Erzbischof,
endlich zum Kardinal gemacht; aber was ist dieses für einen nach Taten und Ruhm
strebenden Geist? Kaum reichen meine Einkünfte zu dem Nötigen hin, und ich bin
unvermögend, Freunde, die mir wesentliche Dienste tun, nach dem Wunsche meines
Herzens zu belohnen. Bist du, Michellotto, nicht selbst ein Beweis davon? Sage,
hab ich etwas von der grossen Schuld abtragen können, die deine Dienste an mich
einfordern können? Sollen wir denn immer nur stillesitzen und abwarten, bis
Glück oder Zufall etwas für die tun wollen, die es nicht wagen, sich zu ihrem
Herrn und Meister zu machen? denkst du, ein Leben, das ich im Konsistorium und
der Kirche hinschmachte, sei für einen Geist wie der meine gemacht? Bin ich für
diese Pfaffereien geboren? Hätte die Natur, ich weiss nicht warum, meinen Bruder
Francisco nicht vor mir in die Welt gestossen, würden nicht alle die
Ehrenstellen, wodurch man allein grosse Aussichten befördern kann, auf mich
gefallen sein? Würdest du, braver Michellotto, noch das sein, was du bist? Weiss
mein Bruder die Vorteile zu nutzen, die ihm der Papst und das Glück darbieten?
Lass mich an seine Stelle treten, und mein Name soll bald durch ganz Europa
erschallen! Mich stempelte die Natur zum Helden und ihn, den Sanftern, zum
Pfaffen. Wir müssen also den verhassten Streich zu verbessern suchen, den uns der
Zufall gespielt hat, wenn wir das erfüllen wollen, wozu wir geboren sind. Sieh
uns beide an! wer kann sagen, wir seien von einem Vater? Und was liegt nun
daran, dass er mein Bruder ist? Wer sich über andre erheben will, muss alle
Hindernisse seines Emporsteigens mit Füssen treten und die weichlichen, schwachen
Bande der Natur, Zärtlichkeit und Verwandtschaft vergessen; ja, wenn er ein Mann
ist, auch wohl seine Hände in das Blut derer tauchen, die seinem unternehmenden
Geist durch ihr Dasein Fesseln sind. So taten alle grosse Männer, so handelte der
Stifter des unsterblichen Roms. Damit Rom werde, was er in ahndungsvollem Geiste
sah, musste sein Bruder fallen, damit Cäsar Borgia gross werde, muss sein Bruder
bluten. Rom soll von neuem durch mich der Sitz eines mächtigen Königs werden,
mein Vater soll mir die Leiter zu meinem Emporsteigen halten, und dann will ich
unter ihm den Stuhl Petri zerschlagen, den Betrug geheiligt hat, dieses Volk von
dem schimpflichen Joche der Priester befreien und wiederum zu Männern und Helden
machen. So sterbe der, der mir ein Hindernis ist, dass wir wachsen und der Welt
zeigen können, was wir sind. Ob ich ihn nun gleich in der Dunkelheit der Nacht
ohne allen Verdacht ermorden könnte, so will ich doch dir diese Tat überlassen,
damit du ein noch stärkeres Recht erhaltest, meine künftige Grösse und mein Glück
mit mir zu teilen. Ich reise morgen nach Neapel, um als Legat der Krönung des
Königs beizuwohnen. Meine Mutter Vanosa, die es, unter uns, müde ist, ihren
unternehmenden Cäsar als Kardinal zu sehen, und früh den Helden in mir entdeckt
und angefeuert hat, gibt mir, meinem Bruder und unsern Freunden heut ein
Abendessen. - Mein Bruder wird spät in der Nacht zu einer uns gemeinschaftlichen
Buhlerin schleichen, und ich müsste Michellotto schlecht kennen, wenn er den Weg
zu seinem Palast zurück fände. Ich heisse Cäsar und will alles oder nichts sein.«
    Michellotto fasste des Kardinals Hand, dankte ihm für sein Zutrauen, berief
sich auf die Beweise seiner Treue und Ergebenheit und entfernte sich, um einige
seiner Gesellen auf die Tat vorzubereiten.
    Faust und der Teufel wurden zu dieser Abendmahlzeit gleichfalls eingeladen.
Die Gäste waren sehr munter. Francisco überhäufte seinen Bruder mit
Zärtlichkeit, ohne dessen Entschluss zu erschüttern. Nach dem Essen nahm Cäsar
Abschied von seiner Mutter, um sich zu dem Papst zu begeben, seine letzten
Befehle abzuholen; sein Bruder erbot sich, ihn eine Strecke Wegs zu begleiten,
um das Vergnügen seiner Gesellschaft noch einige Augenblicke länger zu geniessen.
Faust und der Teufel folgten ihnen. Francisco trennte sich bald von dem
Kardinal, nachdem er ihm vorher in das Ohr gelispelt, wohin er sich begäbe. Der
Kardinal wünschte ihm lachend Glück, umarmte ihn und nahm Abschied von ihm. Er
eilte nach dem Vatikan, endigte sein Geschäft, suchte die Meuchelmörder am
bestimmten Orte auf und erteilte seine Befehle. Faust war bei der Schwester
eines Principe abgestiegen, und der Teufel, der das schwarze Drama seiner
Entwicklung nah sah, lenkte es so ein, dass er sich mit Fausten in dem Augenblick
an der Tiber befand, als Dom Michellotto den Leichnam des ermordeten Herzogs in
den Fluss versenken liess. Faust wollte auf die Mörder zusprengen, der Teufel
hielt ihn zurück und sagte:
    »Nahe nicht und halte dich still, dass dich keiner entdecke, ihrer sind
Tausende in Rom, und du bist in dem Vatikan selbst an meiner Seite deines Lebens
nicht sicher, wenn sie gewahr werden, dass du sie beobachtest. Der Ermordete, den
sie nun versenken, ist Francisco Borgia, sein Mörder ist sein Bruder, und das,
was du nun siehest, ist das Vorspiel von Taten, die einst der Hölle selbst
Erstaunen abzwingen werden.«
    Hierauf entüllte er ihm das ganze finstre Gewebe und wiederholte ihm die
Rede des Kardinals an Michellotto. Faust antwortete kälter, als der Teufel es
erwartete:
    »Ich fasse denn ihre Taten leichter als die Hölle, und was kann man wohl von
einer Familie anders erwarten, wo der Vater und die Brüder blutschänderisch mit
der Tochter und der Schwester leben? Der Papst nennt sich den Stattalter
Gottes, die Menschen erkennen ihn dafür, und der, der ihn an seine Stelle
gesetzt hat, scheint mit seinem Regimente zufrieden, was soll Faust dazu sagen,
von dem die Kirche fordert, dass er ihn anbete; aber, Teufel, wer mir einer noch
etwas Gutes von den Menschen sagt, den falle ich an wie ein wütendes Tier. Lass
uns schlafen gehen, du hast recht, der Teufel ist nur ein Narr gegen unsereinen,
besonders wenn wir im Priesterrocke stecken. O wäre ich in dem glücklichen
Arabien geboren, ein Palmbaum meine Decke und die Natur mein Gott.«
                                      13.
Das Gerücht von der Ermordung des Herzogs von Gandia erscholl bald durch Rom und
ganz Italien. Der Papst ward davon so gerührt, dass er sich der wildesten
Verzweiflung überliess und drei Tage ohne Speise und Trank blieb. Nachdem man
endlich seinen Körper in der Tiber gefunden, gab er die strengsten Befehle, alle
Mühe anzuwenden, die Mörder zu entdecken.
    Seine Tochter, die vermutete, woher der Streich käme, gab ihrer Mutter
Vanosa Nachricht von dem strengen Entschluss des Papsts, und diese begab sich die
folgende Nacht in das Vatikan. Der Teufel, der als Liebling des Papsts während
seiner Trauer allein in seinem Zimmer bleiben durfte, entfernte sich bei der
Ankunft der edlen Vanosa, suchte Fausten auf, der die Lucretia tröstete, und
führte ihn an die Türe, folgendes Gespräch zu belauschen.
    Als sie der Türe nahten, hörten sie diese Worte des Papsts:
    »Ein Brudermörder und Kardinal! Und du, die Mutter von beiden, verkündigest
mir dies mit einer Kälte, als hätte Cäsar einen der Kolonne oder Orsinis
vergiftet! Er hat in seinem Bruder seinen guten Ruf ermordet, hat das Gebäude
der Grösse im Grund erschüttert, das ich durch meine Familie aufführen wollte;
aber der Kühne soll der Strafe und meiner Rache nicht entgehen.«
    VANOSA: Roderico Borgia, du hast bei meiner Mutter geschlafen, darauf bei
mir, schläfst nun mit meiner und deiner Tochter, wer mag die zählen, die du
heimlich ermorden und vergiften liessest? und doch bist du Papst, Rom zittert vor
dir, und die ganze Christenheit betet dich an. Sieh, so viel kommt darauf an, in
welcher Lage man sich befindet, wenn man Verbrechen begeht. Ich bin beider
Mutter, Roderico, und wusste, dass Cäsar den Francisco ermorden würde.
    PAPST: Ha der Abscheulichen!
    VANOSA: Bin ich's, so bin ich es nur in deiner Schule geworden. Der kalte,
bedächtliche, sanfte Francisco musste dem feurigen, unternehmenden Cäsar Platz
machen, damit dieser die glänzenden Hoffnungen erfülle, die du meinem Busen
vertraut hast, als du den päpstlichen Stuhl bestiegst. Francisco war zum Mönch
geboren, mein Cäsar zum Helden, und darum nannte ich ihn so im prophetischen
Geiste. Nur er ist fähig, alle die kleinen und grossen Tyrannen Italiens zu
vernichten und sich eine Krone zu erkämpfen. Er muss Gonfalonier des päpstlichen
Stuhls werden und die Borgias zu Herren von Italien machen. Ist dies nicht dein
Wunsch? Hast du nur für Francisco gemordet und vergiftet? Würden diese
Verbrechen uns nützen, wenn Cäsar Kardinal bliebe und der ermordete Schwächling
einst euren Raub verteidigen sollte? Nur von ihm kann ich Schutz erwarten, wenn
du nicht mehr bist, er achtete seiner Mutter, während dieser Kalte mich
vernachlässigte und dem Vater allein schmeichelte, von dem er seine Grösse
hoffte. Cäsar fühlt, dass ein Weib wie ich, die einen Helden gebären konnte, ihm
auch den Weg zu unsterblichen Taten vorzuzeichnen weiss. Heitere dich auf,
Roderico, und sei weise; denn wisse nur immer, die Hand des Mörders deines
Lieblings wird von einem solchen kühnen Geist geleitet, die auch des Vaters
nicht schonen würde, wenn er es wagen sollte, den Schleier aufzuheben, der diese
nötige Tat verbirgt.
    PAPST: Dein grosser Sinn, Vanosa, erhebt mich, ob er gleich mein Herz
durchschaudert. Francisco ist kalt, und Cäsar lebt, er lebe, sei der
Erstgeborne, werde gross, weil es das Schicksal so haben will.
    Er klingelte, liess auftischen und war heitern Muts.
    FAUST: Teufel, befreie die Welt von diesem Ungeheuer, oder du sollst die Wut
empfinden, die mir sein Dasein einflösst.
    TEUFEL: Sprichst du abermals Unsinn, die Sprache der Söhne des Staubs?
Vergisst du, wer der Mann ist, wen er bildlich vorstellt? Wer ich bin? Was ich
kann und darf?
    FAUST: Du sollst!
    TEUFEL: Geh und kühle deine Wut in den Armen seiner Tochter und Buhlerin;
freue dich, so nah mit dem verwandt zu sein, der da bindet und löset,
vielleicht, dass dir die Verwandtschaft am Tage der Rechnung nutzet.
                                      14.
Francisco war vergessen, und der Papst sann nun, wie er dem verwegnen Geist
Cäsars einen weitern Schauplatz zur Ausübung seiner gefährlichen Kräfte eröffnen
möchte. Dieser krönte indessen den König von Neapel mit denen von seines Bruders
Blut befleckten Händen, und Friedrich von Neapel zog daraus eine düstre Ahndung,
in welcher er sich auch nicht betrog.
    Der Teufel sorgte dafür, dass Fausten von allem diesem nichts entging, und
dieser sah mit hämischem Lachen alle die Kardinäle, die Gesandten von Spanien
und Venedig dem Brudermörder, den sie alle dafür erkannten, bis an die Tore der
Stadt entgegengehen, ihn darauf von einem grossen Konsistorium empfangen und im
Triumph zur Audienz des Papsts begleiten, der ihn mit vieler Zärtlichkeit
empfing.
    Vanosa legte die Trauer ab und feierte den Abend seiner Rückkunft mit einem
Feste, wobei alle Grossen Roms erschienen.
    Bald hierauf zog Cäsar den lästigen Kardinalshut aus, vertauschte ihn mit
dem Schwerte und ward mit allem Pracht zum Gonfalonier des päpstlichen Stuhls
geweiht.
    Der Teufel sah mit vielem Vergnügen, wie Faust den Wurm, der an seinem
Herzen zu nagen anfing, durch die wildesten Genüsse zu betäuben suchte. Er sah,
wie jeder schwarze Streich, den er erlebte, sein Herz mehr vergällte und sein
verblendeter Geist sich immer mehr überzeugte, dass alles das, was er sah und
hörte, in der Natur des Menschen gegründet sei und man sich ebenso wenig über
diese Greuel zu verwundern habe als darüber, dass der Wolf ein Räuber sei, der
alles ohne Schonung zerreisse, seinen Heisshunger zu stillen. Der Teufel
unterstützte dies mit den Sophismen, die spätere Philosophen in Systeme gebracht
haben, leerte die Schätze der Erde, schleppte Kleinodien zusammen, und Faust
wütete unter den Jungfrauen und Matronen Roms, zerstörte tausend moralische und
glückliche Verhältnisse der Familien und glaubte nicht genug an dem
Menschengeschlecht verderben zu können, das, wie er meinte, der Verwüstung
geweiht sei. Der Unterricht der Lucretia hatte längst seine Sinne vergiftet, und
die Wollust seine dämmernde gute Gefühle so vernichtet, dass sich bald zu
Menschenhass Menschenverachtung gesellte, welche Empfindung, wie der Teufel ihn
versicherte, die einzige ist, die den Mann von Verstand von dem Dummkopf
unterscheidet. Die Bande der sanften Menschheit zogen sich in seinem Herzen
zusammen, und er glaubte in der Leitung des Himmels die Hand eines Despoten zu
entdecken, die, unbekümmert auf das einzelne, nur für den Gang und die Erhaltung
des Ganzen wache. Die Welt kam ihm nun wie ein stürmisches Meer vor, auf welches
das Menschengeschlecht geworfen ist, von dem Winde hin und her getrieben, der
diesen an einem Felsen zerschmettert, den andern in den Hafen bläst, und wo der
Verunglückte noch dafür verantworten muss, dass er sein Steuer nicht besser
geführt, ob man ihm gleich eines aus so schwachem Stoff gegeben, das sich an
jeder daherrauschenden Welle zerbricht.
                                      15.
Alexander hatte eine Lustjagd in Ostia veranstalten lassen. Es begleitete ihn
daher ein grosses Gefolge von Kardinälen, Bischöfen, Damen und Nonnen, welche
letztere man wegen besondrer Verdienste aus den Klöstern gezogen, um die Gelagen
reizender zu machen. Der Teufel war beständig auf der Seite des Papsts, und
Faust war von der Lucretia unzertrennlich. Jeder überliess sich in Ostia dem Zug
seiner tierischen Natur, und man beging in den wenigen Tagen Ausschweifungen,
wobei ein Tiber und Nero noch etwas hätte lernen können. Faust hatte nun
Gelegenheit, den Menschen, nach dem Ausdruck des Teufels, in seiner scheusslichen
Nackteit zu beobachten; aber was waren alle diese Szenen der Üppigkeit gegen
die Anschläge, die der Papst, um sich von der Ermattung der Lust zu erholen, mit
seinen Bastarden in Gegenwart Fausts und des Teufels fasste? Hier ward
beschlossen, den Alfonso von Aragonien, den Gemahl der Lucretia, zu ermorden, um
dem König von Frankreich einen Beweis zu geben, dass man willens sei, mit dem
König von Neapel gänzlich zu brechen und ihm zur Eroberung der Krone Siziliens
beizustehen. Ludwig der Zwölfte war schon durch Alexanders Vermittlung in
Italien eingebrochen, und die Borgias sahen dadurch alle ihre Anschläge reifen.
Lucretia übertrug diese blutige Tat ihrem Bruder und sah sich schon als Witwe
an. Hierauf ward der Plan zu dem folgenden Feldzug entworfen, sich aller Städte,
Kastelle und Herrschaften der Grossen Italiens zu bemächtigen, jeden ihrer
Besitzer mit seiner Nachkommenschaft zu ermorden, damit keiner am Leben bliebe,
der einen Anspruch darauf zu machen hätte und ihnen durch künftige
Verschwörungen beschwerlich sein könnte. Um das Heer zu unterhalten, diktierten
Alexander und Cäsar der Lucretia eine Liste der reichen Kardinäle und Prälaten,
die man nach und nach vergiften wollte, um sie vermöge des Rechts des
päpstlichen Stuhls zu beerben.
    Nach dieser geheimen Beratschlagung begab man sich zu dem Abendessen. Der
Papst war mit seinen Entwürfen und ihrer nahen Erfüllung so zufrieden, dass er
sich der ausschweifendsten Laune überliess und den Ton zu einem Bacchanal angab,
wozu man die Züge im Petron und Sueton suchen mag; doch er vergass dabei der
Sorge für den Staat nicht ganz und fragte in der Glut des Weins die Anwesenden,
wie er es anfangen müsste, die Einkünfte des päpstlichen Stuhls zu erhöhen, um
das grosse Heer einige Feldzüge durch zu unterhalten. Nach vielen Projekten
schlug Ferara von Modena, Bischof von Patria, der würdige Minister Alexanders,
durch welchen er die Ämter der Kirche an den Meistbietenden verkaufen liess, vor,
Indulgenzen unter dem Vorwand eines bevorstehenden Türkenkriegs durch Europa zu
predigen, und setzte als wahrer päpstlicher Finanzier hinzu, der törichte Wahn
der Menschen, ihre Sünden durch Gold abzukaufen, sei die sicherste Quelle des
Reichtums eines Papstes.
    Lucretia, die in dem Schoss ihres Vaters lag und mit Fausts blonden Locken
spielte, sagte lächelnd:
    »Die Rolle der Indulgenzen entält solche abgeschmackte, veraltete und
alberne Sünden, dass damit nicht viel zu gewinnen ist. Man hat sie in dummen und
barbarischen Zeiten entworfen, und es ist einmal Zeit, einen neuen Sündentarif
zu machen, wozu Rom selbst die besten Artikel liefern kann.«
    Die von Wein und Wollust begeisterte Gesellschaft freute sich des
glücklichen Einfalls, und der Papst forderte einen jeden auf, neue Sünden
vorzuschlagen, zu taxieren, die zu wählen, die am meisten im Gange wären und
folglich am meisten eintrügen.
    BORGIA: Heiliger Vater, überlasst dies den Kardinälen und Prälaten, sie sind
am besten damit bekannt.
    Ferara von Modena, Bischof von Patria, setzte sich als Sekretär nieder.
    EIN KARDINAL: Nun dann, so will ich beginnen, die Quelle des Reichtums zu
öffnen. Schreibe, Ferara, ich gebe den Ton an, die andern werden schon
einstimmen. Absolution für jede von einem Priester begangne H - i, er begehe
sie, mit wem er wolle, mit einer Nonne ausser oder in dem Bezirke des Klosters,
mit seiner Blutsseitenverwandtin oder seiner geistlichen Tochter. Mit
Dispensation, alle Ämter der Kirche zu verwalten und neue Benefizien erhalten zu
können, so er an den päpstlichen Schatz neun Goldgulden bezahlt.
    PAPST: Gut! gut! Schreibt flugs neun Goldgulden, Bischof, und trinkt den
Priestern, die sie bezahlen, Absolution zu.
    Jeder Gast füllte sein Glas, und man schrie Chorus: »Absolutio! Dispensatio!
«
    PAPST: Ich sehe wohl, ich muss den andern Mut machen. Sie sehen diesen
Augenblick mehr nach den Nonnen als auf meinen Vorteil. Bischof Ferara schreibt!
Für die feinre Sodomie zwölf Goldgulden, für die gröbere funfzehen, er sei Laie
oder Priester. Mit diesem Artikel allein hoffe ich meine Kavallerie zu
unterhalten, und ich sehe voraus, dass mir ein grosser Teil ihres Soldes
zurückkommen wird.
    CHORUS: Absolutio! Dispensatio den feinern und gröbern Sodomiten!
    NONNE: He, was ist denn das? will sich niemand unsrer annehmen? Heiliger
Vater, haben wir allein kein Recht auf Eure väterliche Gnade? Ich bitte Euch,
lasst uns taxieren, dass auch wir in Ruhe sündigen mögen.
    ALEXANDER: Recht, meine Tochter, und ihr sollt nicht schlechter gehalten
werden wie die Priester. Schreibt, Bischof! Absolution für jede Nonne, die H - i
treibt, es sei, mit wem sie wolle, mit ihrem Bruder, Blutsverwandten oder
Beichtvater ausser oder in dem Bezirke ihres Klosters, mit Dispensationen, allen
Würden des Klosters vorzustehen, neun Goldgulden. Bist du zufrieden?
    Das Nönnchen küsste ihm die Hand.
    CHORUS: Absolutio! Dispensatio!
    EIN BISCHOF: Nun dann! Absolution und Dispensation jedem Priester, der eine
Beischläferin öffentlich unterhält, fünf Goldgulden.
    LUCRETIA: O der gemeinen alltäglichen Menschen! Hört auf mich! Absolution
jedem Christen, der seine Mutter, Schwester oder sonstige Verwandtin beschläft,
funfzehen Goldgulden.
    CHORUS: Absolutio! Dispensatio!
    FAUST den die ganze Szene wegen des Teufels entsetzlich ärgerte, der aber
doch dem Borgia eins versetzen wollte: Absolution jedem Vater-, Bruder-, Mutter-
und Schwestermörder, für drei Goldgulden.
    PAPST: Ho ho, Freund, wo wollt Ihr hinaus, dass Ihr den Mord geringer
anschlagt als H - i, da doch der erste die Menschen aus der Welt treibt und die
letzte sie hinein?
    CÄSAR BORGIA: Heiliger Vater, er will durch einen hohen Preis nicht von der
Sünde des Mords abschrecken.
    PAPST: Lasst es durchgehen.
    TEUFEL: Cautela, ihr Herren! Aller gemeldeten Absolutionen und
Dispensationen sind die Armen unfähig, sie sind des süssen Trosts der Kirche
unwürdig und ohne Rettung verdammt. Ist es so nach eurem Sinne?
    CHORUS unter starkem Gelächter: Verdammt sei alles, was kein Geld hat! Die
Armen fahren ohne Trost der Kirche zur Hölle!
    CÄSAR BORGIA: Weiter, ich eröffne eine ergiebige Quelle! Wer stiehlt, und
sei es auch Kirchenraub, dessen Seele kann gelöst werden, so er der päpstlichen
Kammer drei Teile vom Diebstahl abgibt.
    CHORUS: Absolution den Kirchenräubern und allen Dieben, die mit dem
päpstlichen Stuhl das Geraubte teilen!
    PAPST: Du öffnest eine reiche Mine, Cäsar! schreibt Bischof! Es geht
vortrefflich!
    FAUST: Wohlauf, ihr Herren! Absolution für jeden, der Zauberei treibt und
mit dem Teufel ein Bündnis macht. Wie hoch taxiert ihr den Fall?
    PAPST: Mein Sohn, hiermit wirst du den päpstlichen Stuhl nicht bereichern.
Der Teufel versteht seinen Vorteil nicht, man ruft ihn umsonst.
    FAUST: Heiliger Vater, malt ihn nicht an die Wand und schlagt nur immer an.
    PAPST: Um der Seltenheit willen hundert Goldgulden.
    FAUST: Hier sind sie, im Fall es mir gelänge, fertigt mir die Absolution aus
und singt Chorus.
    CHORUS: Absolution dem, der mit dem Teufel ein Bündnis macht. Der Bischof
Ferara schrieb.
    EINE ANDRE NONNE: Herr Bischof, da Ihr doch eben am Schreiben der Absolution
für den Teufelsbanner seid, so fertigt mir auch eine Schrift, Ihr wisst schon für
was, aus; hier ist mein Rosenkranz, er ist funfzehn Goldgulden wert, und ich
behalte noch etwas Absolution übrig.
    Ferara schrieb, und der Papst unterzeichnete.
    TEUFEL: Glaubt denn Ew. Heiligkeit, dass der Satan des Fetzen Papiers achten
wird?
    Der Grossinquisitor zog seine Hand aus dem Busen einer Äbtissin und schrie
mit lallender Zunge:
    »Wa-was ist das? Ich rieche Ketzerei! Wer ist der Ateist, der diesen Frevel
gesprochen hat?«
    Der Papst drückte dem Teufel den Zeigefinger leise auf den Mund und sagte:
»Kavalier, dieses sind Staatsgeheimnisse! berühre sie nicht, denn ich darf
selbst dich nicht retten, wenn der päpstliche Stuhl bestehen soll.«
    Um dem Papst den Hof zu machen und das Gewissen zu beruhigen, öffnete jeder
der Anwesenden seinen Beutel. Ferara rief noch einige Schreiber, man fertigte
ihnen die Absolution aus, und jeder griff nach einem Gegenstand, um den übrigen
Teil der Nacht Gebrauch davon zu machen. Nie wurden Sünden mit ruhigerm Herzen
begangen.
    Ferara von Modena schrieb diesen Tarif den folgenden Morgen ins Reine,
übergab ihn der Presse8 und liess ihn in der Stille in der Christenheit
herumlaufen.
                                      16.
Cäsar Borgia vergass des Worts nicht, das er seiner Schwester gegeben hatte.
Alphonso von Aragonien ward an der Schwelle des Palasts des Gonfaloniere
ermordet, als er sich eben zu ihm begeben wollte, einer Maskerade beizuwohnen,
wozu alle Grossen Roms eingeladen waren, die Vorstellung der Siege Cäsars
anzusehen, die Borgia als Vorbedeutung der seinigen aufführen liess. Bald darauf
setzte er sich mit seinem Heere in Marsch, und nach einigen Monaten stahl der
Teufel dem Papst folgenden Brief aus der Tasche, den er Fausten zu lesen
übergab:
                                Heiliger Vater!
Ich küsse Ew. Heiligkeit Füsse. Sieg und Glück haben mich begleitet, und ich
ziehe sie hinter mir her wie meine Sklaven. Ich hoffe, Cäsar ist nun seines
Namens würdig, denn auch ich kann sagen: ich kam, sah und siegte. Der Herzog von
Urbino ist in die Schlinge gefallen, die ich ihm gelegt habe. Vermöge des Breves
Ew. Heiligkeit bat ich ihn um seine Artillerie unter dem Vorwand, Eure Feinde zu
bekriegen. Von allen den Gunstbezeigungen, womit wir ihm geschmeichelt haben,
verblendet, schickte er mir durch einen Edelmann seine Einwilligung schriftlich
zu. Unter dieser Maske sandte ich einige Tausende nach Urbino, die sich auf
meinen Befehl der Stadt und des ganzen Landes bemächtigten. Leider ist er auf
das Gerücht hiervon selbst entflohen, aber die mächtige und gefährliche Familie
Montefeltro hat bezahlen müssen, und ich habe die ganze Brut vernichten lassen.
Hierauf stiess der betörte Vitellozzo mit seinen Völkern bei Camerino zu mir. Ich
liess den Cäsar von Varano im Wahn, ihn mit guten Bedingungen aus Camerino
abziehen zu lassen, und überfiel die Stadt in dem Augenblick, da er beschäftigt
war, die Artikel der Übergabe niederzuschreiben. Ich hoffte der ganzen Familie
durch einen Streich ein Ende zu machen, aber leider ist mir der Vater entwischt,
seine beiden Söhne liess ich erdrosseln und schmeichle mir, der Gram soll ihnen
den Alten nachsenden. Bald darauf zog ich von Camerino aus und beorderte Paul
Orsino, Vitellozzo und Oliverotto mit ihren Völkern nach Sinigaglia, das sie
nach meiner Anweisung bestürmten, um ihr künftiges Grab mit eigner Hand zu
bereiten. Nun sah ich alle unsre Feinde in dem fein gesponnenen Netze, schickte
meinen treuen Michellotto mit seinen Gesellen voraus, mit dem Bedeuten, dass
jeder auf meinen Wink einen von unsern Feinden ergreifen sollte. Ich setzte mich
in Marsch, die Betörten kamen mir entgegen, mir ihre Achtung zu bezeigen, und
liessen nach meinem Wunsche ihre Mannschaft zurück. Ich führte sie unter
Liebkosungen in die Stadt, und in dem Augenblick, als meine Völker ihre
verlassenen Haufen überfielen, fasste Michellotto mit seinen Angehörigen jeder
seinen Mann. So machte ich mich zum Herrn der Länder und Schlösser derer, die
wir mit der Hoffnung von Eroberungen über ihre Feinde betört haben. Die folgende
Nacht liess ich sie im Kerker erwürgen. Michellotto, dem ich dieses Geschäft
übertragen, hat mir mit vielem Lachen erzählt, Vitellozzo habe um weiter nichts
gebeten, als dass man ihn doch nicht ermorden möchte, bis er die Absolution
seiner Sünde von Ew. Heiligkeit erhalten könnte. Man sage mir noch einmal, es
gehöre Kunst dazu, sich zum Herrn der Menschen zu machen! Sobald Ew. Heiligkeit
die Orsinis und die übrigen wird eingezogen haben, will ich ihnen den Pagola,
den Herzog von Gravina und die andern gleichfalls ohne Eure Absolution
nachsenden. Ich hoffe, Ew. Heiligkeit wird sich aus meinem Bericht überzeugen,
dass ich der Krone wert bin, die ich mit Mut und Verstand zu erwerben weiss.
Vorher hatte ich Faenza mit seinem Herrn Astor, einem überaus schönen Knaben von
zehen Jahren, genommen. Er soll leben, solange er zu meinem Vergnügen dient,
denn wahrlich, nie hat ein Sieger einen reizendern Ganymed zur Beute erhalten,
und herrschte der lüsterne Jupiter noch, so würde ich den gefährlichen und
mächtigen Nebenbuhler fürchten. Sollte Carraccioli, der General der Venetianer,
dessen schöne Frau ich auf ihrer Reise aufheben liess und die mir nun mit Astor
die Arbeit würzt, nach Rom kommen, so empfehlt ihn dem Bruder meines
Michellottos. Ich höre, dass er viel Lärmens macht, und da er ein hitziger Kopf
ist, so muss man seiner Rache zuvorkommen. Die Venetianer verstehen ihren Vorteil
zu gut, als dass sie sich um seinetwillen mit uns überwerfen sollten. Das
Geräusch der Waffen hat mich der Angelegenheiten meiner Schwester nicht
vergessen machen. Der Abgesandte des ältesten Sohns des Herzogs von Este ist auf
dem Wege, die Vermählung in seinem Namen mit ihr zu vollziehen, und ich hoffe
ihr noch beizuwohnen. Wir sind nun der Kolonne, der Orsinis, Salviatis,
Vitellozzos und all unsrer gefährlichen Feinde los! Lasst uns noch das Haus Este
und Medicis vertilgen, Ludwig den Zwölften sich wie sein Vorgänger in Italien
aufreiben, wer wird es dann noch wagen, gegen die Borgias aufzustehen? Ich küsse
Ew. Heiligkeit die Füsse etc.
                                                      Cäsar Borgia. Gonfalonier.
Faust sah nach Lesung dieses Briefs finster gen Himmel und rief: »Er ist dein
Stattalter, nennt sich nach dir, dein Volk betet ihn an, und deine Gläubigen
flehen ihn um Absolution ihrer Sünde in dem Augenblick, da er sie erwürgen lässt!
Ein blutschändrischer Meuchelmörder vertritt deine Stelle auf Erden, Tyrannen
geisseln und erwürgen deine Völker, du schläfst, und sie nennen dich ihren Vater!
Ist alles Feuer in den Eingeweiden der Erde verloschen? hast du es ausgeblasen?
vermag es nicht mehr durch die dicke Kruste der verfluchten Erde zu brechen, um
die wahnsinnigen, die scheusslichen Verbrecher aufzuzehren? hast du alle Materie
des Donners verbraucht? Sind alle die Funken verstoben, die du einst in
glühendem Feuerregen über ganze Städte gossest? hast du ganz deinen Blick von
dem Menschengeschlecht abgewandt, und sind sie deiner Rache so wenig mehr wert
wie deiner väterlichen Fürsorge?«
    Der Teufel lachte über diese Standrede und führte den Entflammten in das
Vatikan, wo sie den Papst in grosser Freude über das Glück seiner Waffen
antrafen. Er hatte schon die Befehle gegeben, die übrigen der Orsinis, den
Alviano, Santa Croce, die sonstigen Kardinäle und Erzbischöfe in die Falle zu
locken, und wartete mit Ungeduld auf den Ausgang. Ganz Rom eilte zum Glückwunsch
herbei. Die Bezeichneten wurden im Vatikan festgenommen, nach verschiednen
Gefängnissen gebracht und heimlich hingerichtet, während die Trabanten des
Papsts ihre Paläste plünderten. Der Kardinal Orsini ward allein nach der
Engelsburg gebracht und ihm die ersten Tage erlaubt, sich aus der Küche seiner
Mutter besorgen zu lassen; da aber der Papst hörte, dass er seit seiner
Gefangenschaft einen Weinberg für zweitausend Scudis verkauft hätte und eine
wegen ihrer ausserordentlichen Grösse sehr kostbare Perle besässe, so entzog er ihm
diese Gunst. Die Mutter der einst grossen und blühenden Orsinis hüllte sich in
Mannskleider, überbrachte dem Papst die zweitausend Scudis und die Perle, er
nahm sie mit der Rechten und gab mit der Linken das Zeichen zur Hinrichtung des
Kardinals. Dieser Zug machte Fausten so wahnsinnig, dass der Teufel allen seinen
Witz brauchte, um ihn zu Verstand zu bringen. Er forderte nicht weniger von ihm,
als das ganze Vatikan mit allen Borgias zu zertrümmern und die Menschheit an den
Ungeheuern zu rächen.
    Der Teufel anwortete: »Faust, ich wollte, aber es gelang mir nicht.«
    FAUST: Ha, wie?
    TEUFEL: Erinnerst du dich der Gefahr Alexanders vor kurzem?
    FAUST: Ich tue es, denn ich wütete gegen den rettenden Zufall, der den
rächenden Zufall fruchtlos machte.
    TEUFEL: Zufall! rettender Zufall! rächender Zufall! Was denkst du unter
diesem schallenden Geprassel von Worten? Und was für eine Art von Philosoph bist
du, wenn du etwas darunter denken kannst? O der Menschen! o der Vernunft! Nein,
Faust, ich war der rächende Zufall, um mich deiner hohen Gunst zu empfehlen,
denn du wirst dich erinnern, dass du mir auftrugst, ihn zu verderben; aber der
rettende Zufall kam von einer Hand, deren Macht ich in diesem Augenblick noch
bebend fühle.
    FAUST: Höllischer Gaukler! warte, ich will dich Besessnen exorzieren. -
Welche gefährliche Schlingen wirfst du nun wieder um mein törichtes Herz?
    TEUFEL: Schlingen? Ich? Dir? Tor, spinnt sie nicht dein Herz aus seinen
eignen Händen? Sei stolz darauf, dass deine Weisheit und Torheit dein eignes Werk
seien, ich bin nicht so vermessen, mich meines Einflusses da zu rühmen, wo man
seiner so wenig bedarf. - - Erinnerst du dich des sausenden Sturms in Hagel und
Donner, der über Rom hinfuhr?
    FAUST: Ich tue es.
    TEUFEL: Ich hatte mich in den sausenden Sturm geschwungen, fuhr prasselnd in
den Rauchfang des Vatikans, zersprengte ihn und das Dach, warf das Dach auf die
goldne Decke des Zimmers, in welchem Alexander sass, auf neue Greuel sinnend,
während er seine Horas betete. Über sein Haupt schossen die Balken - ich hoffte,
sie sollten ihn zerschmettern. Plötzlich sah ich sie schweben über dem Haupte
des Sünders, gefesselt von einer mächtigen Hand, gehalten von dünnen Fäden der
Spinnen. Zur Warnung war er nur leicht verwundet - ich sah das ungeheure Gewicht
schweben an den dünnen Fäden, Faust, Schauder überfiel mich, und schon wollt ich
das Licht fliehen.
    FAUST: Oh, dass ich dich Elenden für deinen halben Dienst, für deinen
giftigen Bericht züchtigen könnte, wie es mein nun empörtes Herz heischt.
    TEUFEL: Versuch es! Ich sage dir, es gehört zur Ordnung der Dinge, dass er
noch mehr Verbrechen begehe. Die wachende Vorsicht beschützte ihn nur, dass er
mutiger in Greueln werde; so befördert er vermutlich die verborgenen Absichten,
die die Zukunft aufklärt.
    FAUST: Und die, die durch ihn leiden?
    TEUFEL: Ja, da ist deine hohe Weisheit in der Klemme. Dies ist die Angel,
womit eure Philosophie die kühnen Forscher fängt und nach sich zieht, bis sie
daran ersticken. Sei ruhig, Faust, dir soll bald Licht werden - und dieser Papst
da, der soll mir nicht entgehen. Ich wittere den Augenblick seines Falls wie das
leise Aufwallen der ersten Begierde zur Sünde - du wirst dich dran ergötzen,
aber ob es die trösten kann, die durch ihn gelitten haben - He!
    Der Teufel goss Öl in die glühende Flamme, und leicht konnte er nun Fausten
beweisen, dass es nicht seine, sondern die Sache des Himmels sei, dem Bösen zu
wehren, und er führte dieses Tema so aus, dass Faust zwar von seinem Wahnsinn
geheilt wurde, aber an einer noch gefährlichern Seuche erkrankte, denn er
überzeugte sich nun völlig, der Mensch sei ein elender Sklave und sein Herr und
Schöpfer ein grausamer Despot, der an seinem Unsinn und seinem Frevel einen
Gefallen hätte, um ihn desto schärfer bestrafen zu können, ja der ihm
geflissentlich alle diese seinem Glücke widersprechende Neigungen in das Herz
gelegt hatte, um seiner Rache an ihm genugzutun. Die Tugendhaften und Gerechten
hielt er für Toren, die den Bösen zum Raub und Frasse hingeworfen wären. Aber
fürchterlich peinigte ihn Leviatans Vorspieglung der wunderbaren Rettung des
Papsts, die ganz Rom bezeugte und ganz Rom nicht begriff.
    Als Borgia erfuhr, dass der Papst seinen Anschlag ausgeführt hätte, liess er
seine übrigen Gefangnen nebst dem jungen Astor erdrosseln, zog in Rom
triumphierend ein und teilte mit dem Papst und den übrigen Bastarden den Raub
der Plünderung der Paläste.
                                      17.
Die Hochzeit der Lucretia wurde bald hierauf mit allem asiatischen Pracht
gefeiert, und jeder Römer strebte, dieses Fest durch allen möglichen Glanz zu
verherrlichen. Den Tag der Vermählung läutete man alle Glocken, die Artillerie
donnerte von der Engelsburg, man hielt Stiergefechte, spielte sittenlose
Komödien, und das betäubte Volk schrie vor dem Vatikan: »Es lebe Papst
Alexander! Es lebe Lucretia, die Herzogin von Este!« Faust brüllte mit und sagte
zum Teufel: »Wenn nun dieses Geschrei mit dem Gewinsel der Ermordeten an das
Gewölbe des Himmels anschlägt, wem soll der Ewige glauben?« Der Teufel beugte
sich zur Erde und schwieg.
    Um die Feierlichkeiten der Hochzeit zu krönen, hatte Alexander mit seiner
Tochter auf den Abend eines Sonntags ein Schauspiel angeordnet, wovon bisher die
Jahrbücher der Greuel der Menschheit noch kein Beispiel gegeben haben. Der Papst
sass mit seiner Tochter auf einem Ruhebette in einem grossen hellerleuchteten
Saale, Faust, der Teufel und die übrigen zu diesem Fest Erlesenen stunden um sie
herum. Auf einmal öffneten sich die Türen, und es traten fünfzig reizende
Kurtisanen in dem Stand der Natur herein, die nach dem wollüstigen Geflüster
blasender Instrumente einen Tanz aufführten, den uns der Wohlstand verbietet zu
beschreiben, ob gleich ein Papst die Stellungen dazu erfunden hat. Nach dem Tanz
gab Seine Heiligkeit ein Zeichen zu einem Wettkampf, den wir noch weniger
beschreiben können, und hielt den Preis des Sieges in den Händen, um die
Kämpfenden mutiger zu machen. Die unparteiischen Römer riefen endlich Fausten
als Sieger aus, Lucretia bekränzte ihn mit Rosen unter Küssen, und der Papst
übergab dem wackern Teutschen als Preis des Sieges einen goldnen Becher, worauf
Lucretia die Schule der Wollust hatte graben lassen. Faust schenkte ihn seinem
feinsten Kuppler, einem venetianischen Mönch, bei dem ihn lange hernach der
göttliche Aretino sah und seine berüchtigte Situationen darnach kopierte. Dieser
Sieg kostete indessen Fausten soviel, dass er mit der letzten Kraft seines
Körpers auch die letzte Kraft seines Geistes zerbrach. Der Teufel, der ihn nun
zu seinem Zwecke völlig reif sah, frohlockte ihm lauten Beifall entgegen.
                                      18.
Der Papst hatte bei der Vermählung seiner Tochter eine Kardinalsbeförderung
vorgenommen, wozu er die reichsten Prälaten auslas, und da Cäsar Borgia zu dem
künftigen Feldzug grosse Summen brauchte, so nahm er sich vor, einige davon bei
einem Feste, das sein Vater auf der Villa gab, in die andre Welt zu schicken.
Der Papst fuhr mit seiner Tochter, dem Teufel, Fausten, dem Borgia und der
Gemahlin des Venetianers früh nach dieser Villa. Um der Lucretia ein neues
Vergnügen zu machen, liess er einige rosigte Stuten in den Hof führen, sie von
feurigen neapolitanischen Hengsten bespringen, und dieses Schauspiel ergötzte
Lucretia auf eine ganz besondre Art. Die Neuvermählte, von diesem Schauspiel
gereizt, zog Fausten in ein Seitenzimmer, fand aber bald, dass seine Kleinodien
einen dauerhafteren Wert hätten als er. Borgia begab sich mit der Venetianerin
in ein andres Seitenzimmer, und der Papst blieb mit dem Teufel allein. Die
Gesichtsbildung Leviatans hatte schon lange besonders auf ihn gewürkt, und
erhitzt von dem, was er gesehen, fing er an, dem Teufel gewisse Anträge zu
machen, bei welchen sich dieser in ein wildes Lachen ausschüttete; da aber der
Papst immer heftiger in ihn drang und er merkte, dass er in Gefahr sei, seine
hohe unsterbliche Person von einem verächtlichen Menschen und gar von einem
Papst besudelt zu sehen, so erwachte der schwarze Groll der Hölle in seinem
Geist, und er stund in dem entscheidenden Augenblick in einer Gestalt vor ihm,
die nie ein lebendes Auge gesehen, noch zu sehen wagen darf. Der Papst, der ihn
gleich erkannte, erhub ein Freudengeschrei:
    »Ah benevenuto, Signor diavolo! Wahrlich, du kannst mir zu keiner gelegnern
Zeit erscheinen als jetzt, und schon lange habe ich deine Gegenwart gewünscht,
denn ich weiss, wozu man einen so mächtigen Geist, wie du bist, brauchen kann.
Ha! ha! ha! du gefällst mir weit besser so als vorher. Du Schäker du! Komm und
sei mein Freund, nimm deine vorige Gestalt an, und ich will dich zum Kardinal
machen, denn nur du allein kannst mich schnell auf die hohe Stufe heben, die ich
zu ersteigen strebe. Ich bitte dich, hilf mir meine Feinde vertilgen, schaffe
mir Geld und jage mir die Franzosen aus Italien, die ich nicht mehr brauche.
Dies ist für einen Geist, wie du bist, das Werk eines Augenblicks, und du kannst
zum Lohn von mir fordern, was dir gefällt. Nur offenbare dich nicht meinem Sohn
Cäsar, er ist ein so grosser Bösewicht, dass er mich selbst vergiften würde, um
durch dich König von Italien und Papst zugleich zu werden.«
    Der Teufel, den es anfangs ein wenig verdross, dass sein furchtbares Äussere
nicht mehr auf den Papst würkte, konnte sich doch endlich des Lachens nicht
entalten. Denn das, was er sah und hörte, übertraf alle Taten der Menschen, die
die Hölle zu ihrer Ergötzung aufgezeichnet hat. Er sagte hierauf mit ernster
Miene: »Papst Alexander, der Satan zeigte einst dem Sohn des Ewigen alle
Herrlichkeit der Welt und bot sie ihm an, wenn er niederfiele und ihn anbetete
-«
    PAPST: Ich verstehe dich. Er war ein Gott und bedurfte nichts, wäre er ein
Mensch und Papst gewesen, er hätte es gemacht wie ich.
    Er fiel nieder, betete den Teufel an und küsste seine Füsse.
    Der Teufel stampfte auf den Boden, dass die Villa erbebte. Faust und
Lucretia, Cäsar und die Venetianerin sahen durch die losgefahrnen Türen den
Papst vor der schrecklichen Gestalt des Teufels mit gefaltnen Händen knien, und
dann rief dieser mit bittrem Hohne:
    »Sodomie und dann Anbetung des Teufels! bei dem Satan, dem Herrscher des
dunklen Reichs, ein Papst kann in keinem schönern Augenblick seines Lebens zur
Hölle fahren.«
    Er fasste den Bebenden, erwürgte ihn und übergab seinen Schatten einem Geist,
ihn nach der Hölle zu fördern. Borgia sank vor Schrecken zusammen, und der
furchtbare Anblick zog ihm eine Krankheit zu, die ihn ausser alle Tätigkeit
setzte, um alle Früchte seines Frevels brachte, und die schwarzen Taten der
Borgias dienten nur zur Vergrösserung des päpstlichen Stuhls. Der erwürgte und
scheusslich verstellte Papst wurde mit vielem Pomp begraben, und die
Geschichtschreiber, die mit seinem tragischen Ende nicht so bekannt waren, wie
ich es bin, erfanden die Fabel, die einesteils auf Wahrheit gegründet ist, er
und sein Sohn hätten aus Versehen eines Dieners aus einer den Kardinälen
bestimmten vergifteten Flasche getrunken und sich so in ihrem eignen Netze
gefangen.
 
                                  Fünftes Buch
                                       1.
Die scheussliche Anbetung des Papstes, sein schaudervolles Ende, der schreckliche
Anblick des Teufels, den Faust bisher nur unter seiner erhabenen Gestalt gesehen
hatte, machten einen so starken Eindruck auf ihn, dass er von der Villa nach Rom
eilte, aufpacken liess und mit betäubtem Sinn und klopfendem Herzen davonritt.
Sein Gefühl war durch alles, was er gesehen und beobachtet hatte, so stumpf
geworden, dass er, der so kühn war, dem Ewigen in seinem Innern zu trotzen, es
kaum wagte, dem Teufel, den er noch sklavisch beherrschte, in die Augen zu
sehen. Menschenhass, Menschenverachtung, Zweifel, Gleichgültigkeit gegen alles,
was um ihn geschah, Murren über die Unzulänglichkeit und Beschränkteit seiner
physischen und moralischen Kräfte waren die Ernte seiner Erfahrung, der Gewinn
seines Lebens; aber noch weidete er sich an dem Gedanken, dass ihn das, was er
gesehen, zu diesen widrigen Empfindungen berechtigte und dass entweder keine
Verbindung auf Erden zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer sei oder doch der
Faden, der ihn mit demselben verbände, so verworren und zweideutig durch dieses
Labyrint des Lebens liefe, dass ihn das Auge des Menschen nicht entdecken, viel
weniger eine gute Absicht dabei wahrnehmen könnte. Noch schmeichelte er sich in
seinem Wahne, seine Verirrungen seien in der ungeheuern Masse der Greuel der
Erde wie ein Tropfen Wassers, der in Ozean fällt. Der Teufel erlaubte ihm gerne,
sich in diesem Traume zu wiegen, damit der Schlag, den er voraussah, ihn so
treffen möchte, dass er der Verzweiflung nicht entfliehen könnte. So glich nun
Faust dem welterfahrnen Manne, der seinen Leidenschaften den Zügel gelassen,
solange seine Kräfte dauerten, der das Gefühl der Natur in seinem Herzen
aufgerieben, alles ohne Bedenken der Folgen für sich und andre genossen hat und
nun in Stumpfheit des Geistes und des Herzens bitter in die Welt zurückblickt,
das ganze Menschengeschlecht nach der schwarzen Erfahrung beurteilt, die er
gemacht hat, ohne nur einmal zu bedenken, dass diese Erfahrung ihren Anstrich von
unserm Innern erhält und sich hauptsächlich nach unserm eignen Wert bestimmt.
Nur das feige, schlechte Herz wird schlechter durch Erfahrung, der Edle sieht
die Laster und Verirrungen der Menschen bloss als Dissonanzen an, die die
Harmonie seiner Brust in ein helleres Licht setzen und ihm sein eignes Glück
fühlbarer machen. Faust, der alle häusliche und innige Verbindung zerrissen
hatte, in dem Lauf seines fernern Lebens keine mehr aufzufassen strebte, durch
seine Zerrüttung und Denkart nun keiner mehr fähig war, blickte düster in die
Welt und auf die Menschen, bis er, von allgemeinen Betrachtungen auf sich
geleitet, mit Schrecken vor seinem eignen Bilde zurückfuhr. Er fing an zu
überrechnen, was er durch sein gefährliches Wagstück gewonnen hätte, und da er
dieses gegen seine ehemaligen Wünsche, Aussichten und Hoffnungen hielt, so sah
er bald, dass die völlige Ausgleichung so ausfallen müsste, dass er sie nicht
ertragen würde. Der Stolz, die Rolle, die er so kühn unternommen, seiner
ehemaligen Kraft würdig auszuspielen, trat hervor, und der Gedanke, sich der
Zahl derer entrissen zu haben, die eine unbesorgte Hand der Gewalt, der Geissel
der Mächtigen, den Unterdrückern und Betrügern der Menschen unterworfen, alles
genossen zu haben, noch geniessen zu können, das Werk seiner eignen freien Wahl
zu sein, das Leere der Wissenschaften eingesehen zu haben, schwellten auf einmal
von neuem seine Segel. Er lachte der Erscheinung seiner kranken Phantasie,
entwarf einen neuen Lebensplan, schmeichelte sich, durch Forschen und Nachdenken
über Gott, die Welt und die Menschen die Rätsel endlich zu entüllen, von
welchen er glaubte, sie seien dem Menschen nur darum in den Weg geworfen, seinen
moralischen Zustand so unglücklich zu machen als seinen physischen. »Wer diesen
Knoten gelöst oder sich überzeugt hat, dass er nicht zu losen sei«, sagte er in
seinem Herzen, »der macht sich zum Meister seines Geschicks.« Und so wäre er
gewiss aus seinem scholastischen Jahrhundert in unser hell philosophisches
hinüber gesprungen, wenn ihm der Teufel Zeit dazu gelassen hätte.
    Wenigstens war er auf dem Wege, ein Philosoph wie Voltaire9 zu werden, der
nur überall das Böse sah, es hämisch hervorzog und alles Gute verzerrte, wo er
es fand. Oder mit einem edlern Philosophen zu reden: der überall den Teufel sah,
ohne an ihn zu glauben.
                                       2.
Faust lag in einem süssen Morgenschlummer auf der Grenze Italiens, als sich ein
sehr bedeutender Traum vor seinem Geist mit lebhaften Farben malte, den eine
schaudervolle Erscheinung beschloss. Er sah den Genius der Menschheit, der ihm
einst erschienen, auf einer grossen blühenden Insel, die ein stürmisches Meer
umfloss, unruhig auf und nieder wandern und sehr ängstlich nach den empörten
Fluten blicken. Das tobende Meer war mit unzähligen Kähnen bedeckt, in welchen
Greise, Männer, Jünglinge, Knaben, Kinder, Weiber und Jungfrauen von allen
Völkern der Erde sassen, die mit allen Kräften gegen den Sturm arbeiteten, um die
Insel zu erreichen. Sowie die Glücklichen nach und nach landeten, luden sie
verschiedne Baumaterialien aus, die sie in verworrnen Haufen hinwarfen. Nachdem
eine unzählbare Menge das Land betreten hatte, entwarf der Genius auf der
erhabensten Stelle der Insel den Grundriss zu einem grossen Bau, und jeder der
Menge, alt und jung, schwach und stark, nahm von den verworrnen Haufen ein
schickliches Stück und trug es nach der Anweisung derer, die der Genius erlesen
hatte, an den gehörigen Ort. Alles arbeitete mit Freuden, Mut und
Unverdrossenheit, und schon erhub sich das Gebäude hoch über der Erde, als sie
auf einmal von grossen Scharen überfallen wurden, die aus einem dunklen
Hinterhalt in drei Haufen auf sie drangen. An der Spitze eines jeden stund ein
besonderer Heerführer. Der erste trug eine schimmernde Krone auf seinem Haupte,
auf seinem ehernen Schilde glänzte das Wort Gewalt, in seiner Rechten hielt er
einen Zepter, der wie der Stab Merkurs mit einer Schlange und einer Geissel
umwunden war. Vor ihm her ging eine Hyäne, die ein Buch im blutigen Rachen trug,
auf dessen Rücken geschrieben stund: Mein Wille! Sein Heer war mit Schwertern,
Speeren und andern zerstörenden Werkzeugen des Krieges bewaffnet. Der zweite
Heerführer war eine erhabene Matrone, deren sanfte Züge und edle Gestalt unter
einem Priestergewand versteckt waren. Auf ihrer Rechten ging ein hagres Gespenst
mit blitzenden Augen, der Aberglauben, mit einem Bogen, der aus Knochen der
Toten gebildet und zusammengesetzt war, und mit einem Köcher voll giftiger
Pfeile bewaffnet. Auf ihrer Linken schwebte eine wilde, phantastisch gekleidete
Gestalt, die Schwärmerei, die eine brennende Fackel führte; beide drohten unter
scheusslichen Verzerrungen des Gesichts und führten als gefangne Sklavin die edle
Matrone an Ketten. Vor ihnen her ging die Herrschsucht, auf ihrem Haupte eine
dreifache Krone, in der Hand einen Bischofsstab, und auf ihrer Brust schimmerten
die Worte: Religion! Der Aberglauben und die Schwärmerei erwarteten mit Ungeduld
das Zeichen von dieser, dem Drang ihrer Wut, die sie kaum halten konnten, folgen
zu dürfen. Ihr Heer war ein verworrner, tobender, bunt gekleideter Haufen, und
jeder desselben führte einen Dolch und eine brennende Fackel. Der dritte
Heerführer ging mit stolzen und kühnen Schritten einher, er war in das
bescheidne Gewand des Weisen gekleidet und hielt, wie jeder seines Haufens,
einen Becher in der Hand, der mit einem schwindelnden und berauschenden Getränke
gefüllt war. Diese zwei letzten Haufen tobten und schrien so entsetzlich, dass
das Tosen und Gebrause der Wellen, das Geheul des Sturms nicht mehr zu hören
war.
    Als sie den Arbeitern nah waren, mischten sich die drei Haufen auf Befehl
ihrer Führer untereinander und fielen diese mit ihren zerstörenden Waffen in
grimmiger Wut an. Die Mutigsten der Arbeiter warfen ihre Werkzeuge weg, griffen
zu den Schwertern, mit denen sie begürtet waren, um die Feinde zurückzuschlagen.
Die andern verdoppelten indessen ihren Eifer, das angefangne Werk zu vollenden.
Der Genius deckte seine mutige Streiter und fleissige Arbeiter mit einem grossen
glänzenden Schilde, den ihm eine Hand aus den Wolken reichte; er konnte aber die
unzählbare Menge nicht bergen. Mit tiefem Schmerze sah er viele Tausende der
Seinigen unter den vergifteten Pfeilen und den mördrischen Waffen hinsinken.
Viele liessen sich von den Vorspieglungen und Lockungen derer betören, die ihnen
die bezauberten Becher als Erquickung darreichten, taumelten dann in wildem
Rausche herum und zerstörten die mühsame Arbeit ihrer Hände. Die mit den Fackeln
Bewaffneten machten sich mit ihren Dolchen einen Weg, warfen ihre Fackeln in das
angefangne Gebäude, schon loderte die Flamme und drohte das herrliche Werk in
die Asche zu legen. Der Genius sah mit schmerzvollem Blick auf die Gefallnen und
Verirrten, sprach den übrigen Mut zu, flösste ihnen durch seine Standhaftigkeit
und Erhabenheit Kraft, Geduld und Ausharren ein. Sie löschten die Flammen,
stellten das Zerrüttete her und arbeiteten unter Verfolgung und Tod mit solchem
Eifer, dass trotz der Wut und dem Hass ihrer Feinde ein grosser, herrlicher, edler
Tempel emporstieg. Der Sturm legte sich, und helle sanfte Heiterkeit ergoss sich
über die ganze Insel. Hierauf heilte der Genius die Verwundeten, tröstete die
Müden, pries die tapfern Streiter und führte sie unter Siegesgesängen in den
Tempel ein. Ihre Feinde stunden betäubt vor dem Riesenwerk und zogen sich,
nachdem sie vergebens versucht hatten, dessen Feste zu erschüttern, ergrimmt
zurück. Faust befand sich nun selbst auf der Insel. Das Feld um den erhabenen
Tempel war mit Leichen der Erschlagenen von allen Altern, beider Geschlechter
bedeckt, und diejenigen, die aus den Zauberbechern getrunken hatten, gingen kalt
unter den Toten herum, vernünftelten, spotteten und kritisierten über die Bauart
des Tempels, massen seine Höhe und Breite, um seine Verhältnisse zu berechnen,
und bestimmten sie um so zuverlässiger, je weiter sie von der Wahrheit entfernt
waren. Faust ging an ihnen vorüber, und als er dem Tempel nahte, las er über
seinem Eingang folgende Worte: Sterblicher! wenn du tapfer gestritten, treu
ausgehalten hast, so tritt herein und lerne deine edle Bestimmung kennen!
    Sein Herz glühte bei diesen Worten, und er hoffte auf einmal das ihn
quälende Dunkel zu durchbrechen. Kühn drang er nach dem Tempel, stieg die hohen
Stufen hinauf, sah, wie eine schimmernde, rosenfarbene Dämmerung ihn füllte,
hörte die sanfte Stimme des Genius, er wollte hineintreten, die eherne Pforte
fuhr mit einem dumpfen Schall vor ihm zu, und er bebte zurück. Nun dünkte ihn,
dass der Tempel, der vorher auf ebenem Boden gestanden, auf drei grossen Säulen
ruhte, woran er die Symbole der Geduld, Hoffnung und des Glaubens erkannte.
Seine Begierde, in die Geheimnisse des Tempels zu dringen, nahm durch die
Unmöglichkeit noch mehr zu; auf einmal fühlte er sich Flügel, erhub sich und
fuhr mit solchem Ungestüme gegen die eherne Pforte, dass er zurückgeschleudert in
den tiefsten Abgrund sank und in dem Augenblick zitternd aus dem Schlaf auffuhr,
als er den Boden zu berühren glaubte. Er schlug betäubt die Augen auf, eine
blasse, in ein weisses Totentuch gehüllte Gestalt, in der er seinen Vater
erkannte, riss die Bettvorhänge auseinander und sprach mit klagender Stimme:
    »Faust! Faust! Nie hat ein Vater einen unglücklichern Sohn gezeugt, in
diesem Gefühl bin ich nun eben gestorben. Ewig, ach ewig liegt die Kluft der
Verdammnis zwischen mir und dir!«
                                       3.
Dieses bedeutende Gesicht und die schaudervolle Erscheinung durchbebten die
Seele Fausts, er sprang auf, öffnete das Fenster, um freie Luft zu atmen, die
ungeheuren Alpen lagen vor ihm, die aufgehende Sonne vergoldete nun eben ihre
Spitzen, und dieses Bild schien ihm eine Dolmetschung seines Gefühls. Er versank
in tiefe Betrachtungen, das Luftgebäude seines Stolzes fiel zusammen, und die
schlummernden Empfindungen seiner Jugend schossen hervor, um seine Qual zu
vermehren. Der Gedanke, sein Leben dem Wahn geopfert, die Kraft seines Geists
nicht genützt, in dem Strudel der Wollust, in dem Geräusche der Welt verbraust
zu haben, drang durch seine Seele. Er bebte vor der Entüllung des nächtlichen
Gesichts zurück, schon arbeitete sein Geist an der Deutung der Bilder, als sein
Herz ihn ins Dunkel zurücktrieb:
    »Woher kamen nun diese Ungeheuer, die die fleissigen Arbeiter überfielen? Wer
berechtigte sie zu dem Frevel, sie in ihrer Arbeit zu stören und sie unter ihrem
edlen Tagwerk zu ermorden? Wer liess es zu? Wollte, konnte er's nicht hindern,
der es zuliess? Wenn ich die Bilder des Gesichts recht verstehe, so deuten sie
auf die Grundstützen der in Gesellschaft gesammelten Menschen, und jede
derselben behauptet ihren Ursprung vom Himmel. Ist ihr Vorgeben Betrug, warum
leidet der schmähliche Strafe, welcher sie antastet? deuten sie auf Missbrauch -
wie dann? So ist alles Missbrauch unter der Sonne, so soll es so sein, und mein
Unwille ist gerecht. Ist es nicht das Werk eines Höhern, den wir nicht befragen
können, der uns nichts entüllt hat? Warum erlagen so viele Tausende der Wut
dieser Ungeheuer? Konnte, wollte sie der Genius nicht alle bergen? Sind einige
vorherbestimmt, als Opfer für die andern zu fallen? Wer steht mir dafür, dass ich
nicht einer von denen bin und sein muss, den das Los der Verwerfung bei der
Entstehung getroffen? Mussten es diese mit ihrem Leben erkaufen, damit jene im
Triumph einzögen und der Ruhe genössen? Was haben die Unglücklichen verschuldet?
Was die verschuldet, die lechzend nach dem Becher griffen, ihren glühenden Durst
zu stillen?«
    So trieb er sich lange auf dem Meere der Zweifel herum, als ihm durch die
Erscheinung seines Vaters seine seit so langer Zeit vergessne Familie einfiel. Er
fasste den Entschluss, zu den Verlassnen zurückzukehren, in die bürgerliche Ordnung
wiederum einzutreten, sein Gewerbe zu treiben und sich von der lästigen
Gesellschaft des Teufels zu befreien. So machte er sich nun auf den Weg zu
seiner Heimat, wie viele, die unbestimmtes jugendliches Brausen für Genie
halten, mit grossen Ansprüchen in die Welt treten, das wenige Feuer ihrer Seele
schnell verdampfen und mit den schalen Überbleibseln sich nach kurzem auf eben
dem Punkte befinden, von dem sie ausgelaufen, sich und der Welt zur Last. Faust
kochte dieses alles im stillen aus, er ritt stumm, düster und mürrisch an der
Seite des Teufels. Dieser überliess ihn gerne seinen Betrachtungen, lachte seines
Entschlusses und verkürzte sich die Zeit mit der süssen Hoffnung, bald wieder den
süssen Dampf der Hölle zu riechen. Er freute sich schon im voraus darauf, wie er
des Satans spotten wollte, der ihm Fausten als einen Kerl besondrer Kraft
empfohlen hätte, den er doch vor der Entwicklung seines Schicksals so mürbe sah.
Er stellte sich den Kühnen in dem Augenblick vor, da er ihm zum erstenmal
erscheinen musste, und nun sah er ihn gebeugt wie einen büssenden Mönch neben sich
her reiten. Sein Hass gegen ihn nahm zu, und er jauchzte in seinem schwarzen
Inneren, als er Worms in der Ebene vor sich liegen sah.
                                       4.
Sie ritten beide die Landstrasse hinan, und als sie noch einige Steinwürfe von
der Stadt entfernt waren, sahen sie einen Galgen nah an derselben, an welchem
ein schlanker, wohlgestalteter Jüngling hing. Faust blickte hinauf. Der frische
Abendwind, der durch seine blonde, über sein Gesicht gefallene Haare blies und
ihn hin und her schaukelte, entdeckte Fausten seine jugendliche Bildung. Er
brach bei diesem Anblick in Tränen aus und rief mit bebender Stimme:
    »Armer Jüngling, in der ersten Blüte des Lebens schon hier am verfluchten
Holze? Was kannst du verbrochen haben, dass dich das Gericht der Menschen so früh
verurteilt hat?«
    TEUFEL mit ernstem und feierlichem Tone: Faust, dieses ist dein Werk!
    FAUST: Mein Werk?
    TEUFEL: Dein Werk! Sieh ihn genau an - es ist dein ältester Sohn!
    Faust blickte hinauf, erkannte ihn und sank vom Pferde.
    TEUFEL: Schon jetzt vernichtet? So wirst du mich bald um die Früchte meiner
Mühe bringen, die ich nur in deinem Jammer ernten kann. Winsle und stöhne, die
Stunde naht, worin ich dir den dicken Schleier von den Augen reissen muss. Höre!
ich will mit einem Atemzug das verworrne Labyrint weghauchen, in welchem du
dich nicht finden konntest, dir Licht über die Wege der moralischen Welt geben
und dir zeigen, wie gewaltsam du sie durchkreuzt hast. Ich, ein Teufel, will dir
zeigen, mit welchem Rechte und Gewinn ein Wurm wie du sich zum Richter und
Rächer des Bösen aufwirft und in die Räder dieser so ungeheuren und fest
gestimmten Maschine greift. Langsam will ich dir alles zuzählen, damit das
Gewicht eines jeden deines Frevels, einer jeden deiner Torheiten schwer auf
deine Seele falle. Erinnerst du dich des Jünglings, den ich auf deinen Befehl
bei unserm Auszug aus Mainz vom Ersaufen erretten musste? Ich warnte dich, du
wolltest dem Zug deines Herzens gehorchen, vernimm nun die Folgen. Hättest du
jenen Bösewicht ertrinken lassen, so würde dein Sohn nicht an diesem
schändlichen Holze sein Leben verloren haben. Er, um deswillen du durch die
Führung des Schicksals verwegen griffst, nahte sich bald nach deiner Entfernung
deinem jungen verlassenen Weibe. Der Glanz des Goldes, das wir ihr so reichlich
hinterlassen hatten, reizte ihn mehr als ihre Jugend und Schönheit. Es war ihm
ein leichtes, das Herz der von dir Vernachlässigten zu gewinnen, und er machte
sich in kurzem so zum Meister davon, dass sie ihm ihre Führung und alles, was sie
besass, überliess. Dein Vater wollte sich seiner Wirtschaft widersetzen, der junge
Mann schlug und misshandelte ihn, er suchte seine Zuflucht in dem Hospitale der
Armen, wo er vor einigen Tagen vor Kummer über dich und deine Familie gestorben
ist. Da ihn dein Sohn darauf mit heftigen Vorwürfen anfiel und ihm drohte, trieb
er auch ihn aus dem Hause. Dieser irrte in der Wildnis herum, schämte sich zu
betteln, kämpfte lange mit dem Hunger, stahl endlich in einer Kirche dieser
Stadt einige Groschen von einem Opferteller, ihn zu stillen, tat es aber so
unvorsichtig, dass man ihn bemerkte, und der hochweise Magistrat liess ihn aus
Rücksicht seiner Jugend nur hängen, ob er ihnen gleich unter Tränen sagte, er
habe in vier Tagen nichts als Gras verschlungen. Deine Tochter ist in Frankfurt,
nährt sich mit Prostituierung ihrer Jugend jedem, der sie dazu auffordert; dein
zweiter Sohn dient bei einem Prälaten, der die Jünglinge dazu braucht, wozu mich
der Papst einst brauchen wollte und wofür er eine so billige Taxe im Sündentarif
festsetzte. Der junge, von mir gerettete Mann raubte endlich deinem Weibe das
letzte; dein Freund, den wir vom Bettelstab retteten, versagte deinem alten
Vater seine Hülfe, stiess deine Kinder, die zu ihm flüchteten und um Brot
flehten, weg, und nun will ich dir deine Familie zeigen, damit du mit Augen
siehst, was du aus ihnen gemacht hast. Dann will ich dich wieder hierher reissen,
Rechnung mit dir halten, und du sollst eines Todes sterben, wie ihn kein
Sterblicher gelitten hat. Ich will deine bebende Seele herumzerren, bis du
dastehest, ein erstarrtes Bild der Verzweiflung.
                                       5.
Der Teufel ergriff den Jammernden, flog mit ihm nach Mainz, zeigte ihm sein Weib
und seine zwei jüngsten Kinder, mit Lumpen bedeckt, vor dem Franziskanerkloster
sitzen, um die ekelhaften Überbleibsel des Nachtessens dieser Mönche abzuwarten.
Als die Mutter Fausten erblickte, schrie sie: »Ach Gott, Faust, euer Vater!«
deckte ihre Augen mit ihren Händen zu und sank in Ohnmacht. Die Kinder liefen zu
ihm, hingen sich an ihn und schrien um Brot.
    FAUST: Teufel, gebiete über mein Schicksal, lass es schrecklicher sein, als
es das Herz des Menschen tragen und fassen kann, nur gib diesen Elenden und
errette sie vor Schande und Hunger!
    TEUFEL: Ich habe für dich die Schätze der Erde geplündert, du hast sie der
Wollust und dem Vergnügen aufgeopfert, ohne dieser Elenden zu gedenken. Fühle
nun deine Torheit, dieses ist dein Werk; du hast das Gewebe zu ihrem Schicksal
gesponnen, und deine hungrige, bettlerische und elende Brut wird den von dir
ausgesäten Jammer durch Kinder und Kindeskinder fortpflanzen. Du zeugtest
Kinder, warum wolltest du nicht ihr Vater sein? Warum hast du da das Glück
gesucht, wo es nie ein Sterblicher gefunden hat? Blicke sie noch einmal an, und
dann fort, in der Hölle siehst du sie einst wieder, wo sie dich für die
Erbschaft verfluchen werden, die sie dir nur zu danken haben.
    Er riss ihn von den Jammernden, sein Weib wollte soeben seine Knie umfassen
und um Erbarmung flehen - Faust wollte sich zu der Unglücklichen neigen, der
Teufel fasste ihn und stellte ihn abermals unter den Galgen bei Worms.
                                       6.
Die Nacht senkte sich schwarz auf die Erde. Faust stund vor dem grausenden
Anblick seines unglücklichen Sohns. Wahnsinn glühte in seinem Gehirne, und er
rief im wilden Tone der Verzweiflung:
    »Teufel, lass mich diesen Unglücklichen begraben, entreisse mir dann das
Leben, und ich will in die Hölle hinunterfahren, wo ich keinen Menschen im
Fleische mehr sehen werde. Ich habe sie kennengelernt, mir ekelt vor ihnen, vor
ihrer Bestimmung, vor der Welt und dem Leben. Die gute Tat zog unaussprechliches
Weh auf mein Haupt, und ich hoffe, die bösen allein sind zum Glück
ausgeschlagen. So muss es sein in dem tollen Sinn des Wirrwarrs auf Erden.
Fördere mich hinunter, ich will ein Bewohner der Hölle werden, ich bin des
Lichts müde, gegen welches ihre Dunkelheit vielleicht Tag ist.«
    TEUFEL: Nicht zu rasch! - Faust, ich sagte dir einst, du solltest das
Stundenglas deiner Zeit selbst zerschlagen, du hast es in diesem Augenblick
getan, und die Stunde der Rache ist da, nach der ich so lange geseufzt habe.
Hier entreisse ich dir deine mächtige Zauberrute und fessle dich in den engen
Bezirk, den ich nun um dich ziehe. Hier sollst du mich anhören, heulen und
zittern, ich ziehe die Schrecken aus dem Dunkel hervor, entülle die Folgen
deiner Taten und ermorde dich mit langsamer Verzweiflung. So jauchze ich, so
siege ich über dich! Tor, du sagst, du hättest den Menschen kennengelernt? Wo?
Wie und wenn? Hast du auch einmal seine Natur erwogen? durchforscht und
abgesondert, was er zu seinem Wesen Fremdes hinzugesetzt, daran verpfuscht und
verstimmt hat? Hast du genau unterschieden, was aus seinem Herzen und was aus
seiner durch Kunst verdorbenen Einbildungskraft fliesst? Hast du die Bedürfnisse
und Laster, die aus seiner Natur entspringen, mit denen verglichen, die er der
Kunst und seinem verdorbenen Willen allein verdankt? Hast du ihn in seinem
natürlichen Zustand beobachtet, wo jede seiner unverstellten Äusserungen das
Gepräge seiner innern Stimmung an sich trägt? Du hast die Maske der Gesellschaft
für seine natürliche Bildung genommen und nur den Menschen kennengelernt, den
seine Lage, sein Stand, Reichtum, seine Macht und seine Wissenschaften der
Verderbnis geweiht haben, der seine Natur an eurem Götzen, dem Wahn, zerschlagen
hat. An die Höfe, in die Paläste hast du dich gedrängt, wo man der Menschen
lacht, indem man sie missbraucht, wo man sie mit Füssen tritt, während man das
verprasst, was man ihnen geraubt hat. Die Herrscher der Welt, die Tyrannen mit
ihren Henkersknechten, wollüstige Weiber, Pfaffen, die eure Religion als
Werkzeug der Unterdrückung nutzen, die hast du gesehen, und nicht den, der unter
dem schweren Joche seufzt, des Lebens Last geduldig trägt und sich mit Hoffnung
der Zukunft tröstet. Stolz bist du die Hütte des Armen und Bescheidnen
vorübergegangen, der die Namen eurer erkünstelten Laster nicht kennt, im Schweiss
seines Angesichts sein Brot erwirbt, es mit Weib und Kindern treulich teilt und
sich in der letzten Stunde des Lebens freut, sein mühsames Tagwerk geendet zu
haben. Hättest du da angeklopft, so würdest du freilich euer schales Ideal von
heroischer, überfeiner Tugend, die eine Tochter eurer Laster und eures Stolzes
ist, nicht gefunden haben; aber den Menschen in stiller Bescheidenheit,
grossmütiger Entsagung10, der unbemerkt mehr Kraft der Seele und Tugend ausübt
als eure im blutigen Felde und im trugvollen Kabinette berühmte Helden. Ohne
letztere, Faust, ohne eure Pfaffen und Philosophen, würden sich bald die Tore
der Hölle zuschliessen. Kannst du sagen, dass du den Menschen kennest, da du ihn
nur auf dem Tummelplatz der Laster und deiner Lüste gesucht hast? Kennst du dich
selbst? Lass mich tiefer reissen, ich will mit Sturm in die Glut blasen, die du in
deinem Busen gesammelt hast. Wenn ich tausend menschliche Zungen hätte und dich
Jahre in diesem Kreise gefesselt hielte, so könnte ich dir doch nicht alle die
Folgen deiner Taten und Verwegenheiten entwickeln. Durch Jahrhunderte läuft das
Gewebe des Unglücks deiner Hand, und künftige Geschlechter verfluchen einst ihr
Dasein, weil du in wahnsinnigen Stunden deinen Kitzel befriedigt oder dich zum
Richter und Rächer menschlicher Handlungen aufgeworfen hast. Sieh, Kühner, so
bedeutend wird euer Würken, das euch Blinden so beschränkt scheint! Wer von euch
kann sagen: die Zeit vertilgt die Spur meines Daseins? Weisst du, was Zeit und
Dasein sind und sagen wollen? Schwellt der Tropfen, der in das Weltmeer fällt,
nicht die Woge um einen Tropfen? Und du, der nicht weiss, was Anfang, Mittel und
Ende sind, hast mit verwegner Hand die Kette des Geschicks gefasst und an den
Gliedern derselben genagt, ob sie gleich die Ewigkeit geschmiedet hat! Nun ziehe
ich den Vorhang hinweg und schleudre das Gespenst Verzweiflung in dein Gehirn.
    Faust drückte seine Hände vor seine Augen, der Wurm der Qual sog an seinem
Herzen.
    TEUFEL: Vernimm nun deines Lebens Gewinn und ernte ein, was du gesäet hast,
erinnre dich dabei, dass ich keinen deiner Frevel ausführte, ohne dich vor den
Folgen zu warnen. Gezwungen von dir, unterbrach ich den Lauf der Dinge, und ich,
der Teufel, stehe schuldlos vor dir, denn alles sind Taten deines eignen
Herzens.
    Denkst du noch der Nonne Klara, der wollüstigen Nacht, die du mit ihr
zugebracht? Wie solltest du nicht, da sie dich so sehr ergötzte? Höre die Folgen
derselben! Kurz nach unsrer Entfernung starb der Erzbischof, ihr Freund und
Beschützer, und sie musste nach ihrer Niederkunft mit ihrem Kinde als ein
Gegenstand des Abscheus im peinlichen Kerker den verzweifelnden Hungertod
sterben. In der Wut fiel sie über den Neugebornen her, sättigte sich an deinem
und ihrem Blute und verlängerte ihre scheussliche Marter, so lange der
unnatürliche Frass dauerte. Was hatte sie verbrochen, sie, die ihr Verbrechen
nicht begriff, den Urheber ihrer Schande und ihres schrecklichen Todes weder
kannte noch ahndete? Fühle nun die Folgen einer einzigen Sekunde der Wollust und
bebe! Hast du nicht den Wahnsinn bekräftigt, der sie verdammte? Musste die Hölle
nicht den Vorwurf deines Frevels tragen? Sie ermordeten deine Brut als die Brut
des Satans, und du hast durch diese Tat die Begriffe dieses Volks auf
Jahrhunderte verwildert. Stöhne nur, ich ziehe der Schrecken mehr herauf.
    Es ist wahr, mit dem Fürstbischof ist dir's besser gelungen. Er liess den
Hans Ruprecht begraben und versetzte seine Familie in Wohlstand. Auch verlor er
durch meine Vorspieglung sein Fett und ward einer der gelindesten und gütigsten
Fürsten, erschlaffte aber die Bande der bürgerlichen Ordnung so durch seine
Nachsicht, dass seine Untertanen bald ein Haufen Halunken, Säufer, Faulenzer,
Räuber und liederlichen Gesindels ward. Um sie wiederum zu Menschen zu machen,
musste nun der jetzige Bischof ihr Henker werden, hundert Familien zerstören und
hinrichten, damit die andern, durch das Beispiel erschreckt, in die bürgerliche
Ordnung einträten. Drei Schlemmer und Fresser hätten diesem Volke nicht so weh
getan, als ihm diejenigen nun tun, denen dieser Fürst gezwungen das Schwert der
Gerechtigkeit und die Gewalt der Rache vertrauen muss.
    Der Doktor Robertus, der berühmte Freiheitsrächer, der Mann nach deinem
Sinne, war von frühster Jugend ein Feind des Ministers, den er wegen seiner
Talente hasste. Neid und Eifersucht waren die Quellen seines unabhängigen
Geistes, und hätte jener wie er gedacht, so würde er mit Freuden die Grundsätze
des strengsten Despotismus angenommen haben, denn nur dazu war sein hartes und
wildes Herz geschaffen. Der rechtschaffne Mann war der Minister, dieser ein
Unhold, der die Welt in Brand gesteckt hätte, es teils getan hat, um seinen
grenzenlosen Ehrgeiz zu befriedigen. Ich musste ihn nach deinem Willen retten,
ihn mit einer grossen Summe Gelds versehen, vernimm nun, wozu er sie gebraucht
hat, und freue dich der Folgen. Er nutzte seine Freiheit, das Gold und den Wahn,
den sein Verschwinden durch mich im Volke veranlasste, so gut, dass es ihm bald
gelang, einen fürchterlichen Aufstand zu erregen. Er bewaffnete die Bauern,
diese ermordeten die Edelleute, verwüsteten das ganze Land, der edle Minister
fiel ein Opfer seiner Rache, und dein Freiheitsrächer Robertus ist der Stifter
des unglücklichen Bauernkriegs, der sich nach und nach in ganz Teutschland
ausbreiten und es verheeren wird. Mord, Totschlag, Plündrung, Kirchenraub wüten
nun, und dein edler Held steht an der Spitze eines tollen Haufens und droht aus
Teutschland einen Kirchhof des Menschengeschlechts zu machen. Ernte den Jammer
ein, den du veranlasst hast, der Satan selbst hätte nicht besser für die
Zerstörung der Menschen, die wir hassen, arbeiten können als du, da du diesen
Wahnsinnigen der Gerechtigkeit entrissen hast.
    Kehre mit mir an den Hof jenes teutschen Fürsten zurück, wo du den Rächer
der Tugend und Gerechtigkeit so rasch und kühn gespielt hast. Dieser Fürst und
sein Günstling waren Heuchler eurer Tugenden, aber ihr Würken beförderte das
Glück des Volks, weil sie beide Verstand genug hatten, zu fühlen, der Vorteil
der Untertanen sei Gewinn für den Fürsten. Weiss der Durstige und kümmert's ihn,
ob die Quelle, die ihn tränkt, aus dem Bauche eines Berges springt, der mit Gift
angefüllt ist? Genug für ihn, wenn er nur ohne Schaden sein heisses Blut abkühlt.
Dieser Heuchler missfiel dir, weil er deiner hohen Meinung, die du mir gerne aus
gewissen Ursachen aufdrängen wolltest, nicht entsprach, und ich musste ihn auf
deinen Befehl erwürgen. Sein unmündiger Sohn folgte ihm in der Regierung. Seine
Vormünder drückten und pressten das unter dem Heuchler einst glückliche Volk,
verdarben das Herz und den Geist des künftigen Regenten, entnervten früh seinen
Körper durch Wollust, beherrschen ihn nun, da er mündig ist, und sind seine und
des Volks Tyrannen. Hätt ich nicht auf deinen Befehl den Vater erwürgen müssen,
so würde er seinen Sohn nach seinen Grundsätzen erzogen, seine Fähigkeiten
entwickelt und ihn zum Manne gebildet haben, der würdig sei, an der Spitze eines
Volks zu stehen. Die Hunderttausende, die nun unter dem Druck des feigen,
tückischen Wollüstlings seufzen und deren Jammer sich auf deinem Haupte sammelt,
würden die Glücklichsten in Teutschland sein. Wohl uns, du hast ein ganzes Volk
elend gemacht, da du dich zum Rächer eines Einzigen aufwarfst. Ernte ihre
Tränen, ihre Verzweiflung, die blutigen Taten ihrer künftigen Empörung ein und
freue dich deines strengen Richteramts!
    Wahnsinniger, auf dein Geheiss musst ich das Schloss des wilden Rauhgrafs mit
allen Bewohnern, seinem Weibe und dem Säugling verbrennen. Was haben diese
Unschuldigen verbrochen? Es war ein Augenblick der Wonne für mich! - dein Werk
ist es, dass der Säugling auf dem Busen der Mutter zu Asche brannte, dein Werk,
dass der Rauhgraf einen benachbarten Edelmann als den Urheber des Brandes
überfiel, des Unschuldigen Schloss der Flamme übergab, ihn erschlug und die
Fehde, die meine Tat veranlasste, noch in diesem Teile Teutschlands wütet.
Tausende sind schon unter dem Schwerte der wechselseitigen Rache hingesunken,
und es wird nicht eher ruhen, bis sich die streitenden Familien gänzlich
erschöpft und vertilgt haben. So warst du, Wurm, der sich in der Wollust
herumwälzte, in die Hölle drangst, um deine Lüsternheit zu sättigen, der Rächer
des Unrechts. Heule und stöhne, ich ziehe der Schrecken mehr aus dem Dunkel.
    Die Tochter des Geizigen in Frankreich, die du zur H - e gemacht und in
ihrem Busen die Lust nach der Sünde erweckt hast, ergab sich bald hierauf dem
jungen König als Mätresse. Sie beherrschte ihn, reizte ihn, dass er sie mit einem
neuen Buhler nicht stören möchte, zu dem unsinnigen Zuge nach Italien und zog
ein Elend über Frankreich, das viele künftige Regierungen nicht heilen werden.
Die Blüte der französischen Jugend, die Helden des Reichs faulen in Italien, und
der König kehrte beschämt und ohne Vorteil heim. So hast du, wohin du dich
wandtest, den Samen des Unglücks ausgestreut, und er fruchtet zum Unheil die
Ewigkeit durch.
    Ich hoffe, nun begreifst du den Fingerzeig, den ich dir damals gab, als ich
das Haus über die Naturkündiger zusammenstürzte. Ich sagte dir, so wie diese in
das Fleisch der Lebenden schneiden, um unergründliche Geheimnisse zu erforschen,
so wütest du in der moralischen Welt durch meine zerstörende Hand. Du hast
dieses Winks nicht geachtet. Fühle ihn nun tiefer. Sie verdienten, unter den
Ruinen ihrer Schlachtbank begraben zu werden, aber was hatten die Unschuldigen
im Unterstock verbrochen, die nicht wussten, welche Greuel über ihrem Haupte
vorgingen? Warum mussten auch sie mit begraben werden? Warum musste, deine
schnelle Rache zu befriedigen, eine schuldlose, glückliche Familie mit
aufgeopfert werden? Richter und Rächer, dieses hast du nicht bedacht. Fasse nun
die Folgen deines Wahnsinns zusammen, durchlaufe sie und sinke vor der
scheusslichen Vorstellung hin. Sagt ich dir nicht, der Mensch ist rascher in
seinem Urteil und in seiner Rache als der Teufel in der Vollziehung des Bösen?
Auf deinen Befehl musst ich den Zunder der Wollust an das Herz der himmlischen
Angelika legen, die die Zierde ihres Geschlechts und der Welt war. Du hast sie
im wilden Rausche deiner Sinne genossen, und die Unglückliche wusste nicht, was
ihr geschah. Schaudre vor den Folgen - diese Angelika - ich, der Gefallen an der
Sünde und der Zerstörung hat, könnte mitleidig auf ihr Ende blicken! Sie floh
auf das Land, und das Gefühl der Scham zwang sie, den Zustand zu verbergen, in
den du sie gesetzt hattest. Sie gebar unter Todesangst in der Einsamkeit, ohne
Hülfe, das Kind entfiel dem Schoss der Unvermögenden und starb in dem Augenblick,
da es das Licht der Welt erblickte. Sie, das unglückliche Opfer deiner
augenblicklichen Lust, ward eingezogen und öffentlich als Kindermörderin
hingerichtet. Du hättest sie sehen sollen im letzten Augenblick ihres Lebens -
sehen sollen, wie ihr reines Blut den weissen Talar befleckte -
    Faust öffnete seine starre Augen und sah gen Himmel.
    TEUFEL: Er ist taub gegen dich! Sei stolz auf den Gedanken, einen Augenblick
gelebt zu haben, der das Vergehen der Teufel leicht machen könnte, wenn das
Gericht über sie nicht geschlossen wäre! Noch rauscht er in den düstern Gefilden
der Ewigkeit. Ich rede von jenem, da du mich zwingen wolltest, den Schleier zu
heben, der euch den Ewigen verbirgt. Der Engel, der euer Schuldbuch führt,
erbebte auf seinem glänzenden Sitze und strich deinen Namen mit weggewandtem
Angesicht aus dem Buche des Lebens.
    FAUST sprang auf: Verflucht seist du! Verflucht ich! die Stunde meiner
Geburt! der, der mich gezeugt, die Brust, die ich gesogen!
    TEUFEL: Ha des herrlichen Augenblicks! des köstlichen Lohns meiner Mühe! Die
Hölle freut sich deiner Flüche und erwartet einen noch schrecklichern von dir.
Tor, warst du nicht frei geschaffen? Trugst, empfandest du nicht wie alle, die
im Fleische leben, den Trieb zum Guten wie zum Bösen in deiner Brust? Warum
tratst du verwegen aus dem Gleise, das dir so bestimmt vorgezeichnet war? Warum
wagtest du deine Kräfte an dem und gegen den zu versuchen, der nicht zu
erreichen ist? Warum wolltest du mit dem richten und rechten, den du nicht
fassen und denken kannst? Warum trieb Stolz die Pflanze aufwärts, die nur an der
Erde hinkriechen soll? Hat er dich nicht so geschaffen, dass du über den Teufel
wie über die Tiere der Erde erhaben stundest? Dir verlieh er den
unterscheidenden Sinn des Guten und Bösen: frei war dein Wille, frei deine Wahl.
Wir sind Sklaven des Bösen und der eisernen Notwendigkeit ohne Wahl und Willen;
gezwungen, von Ewigkeit dazu verdammt, wollen wir nur das Böse und sind
Werkzeuge der Rache und der Strafe an euch. Ihr seid Könige der Schöpfung, freie
Geschöpfe, Meister eures Schicksals, das ihr selbst bestimmt, Herren der
Zukunft, die von eurem Tun abhängt; um diese Vorzüge hassen wir euch und
frohlocken, wenn ihr durch Torheit und Laster die Herrschaft verwürkt.11 Wohl
uns, dass ihr diese Vorzüge selbst vernichtet, dass ihr alles missbraucht, alle die
Fähigkeiten zum Guten, die euch der Ewige verliehen hat. Tritt auch ein Weiserer
unter euch auf und schreibt euch Regeln zu eurem Besten vor, so zernichtet ihr
sein Werk in dem Augenblick der Entstehung. Missbrauch eurer moralischen und
physischen Kräfte läuft durch die Kette, die das Menschengeschlecht verbinden
soll; und nie gefallt ihr euch besser, als wenn ihr zerstört, was andere zu
eurem Glück und Heil aufgebauet haben. So arten unter euren Händen, in eurem
Geiste Religion, Wissenschaften und Regierung zu Unsinn, Verzerrung und Tyrannei
aus, und du hast das deinige redlich dazu beigetragen. Faust, nur in der
Beschränkteit liegt euer Glück, wärst du geblieben, was du warst, hätten dich
Dünkel, Stolz, Wahn und Wollust nicht aus der glücklichen, beschränkten Sphäre
gerissen, wozu du geboren warst, so hättest du still dein Gewerbe getrieben,
dein Weib und deine Kinder ernährt, und deine Familie, die nun in Kot der
Menschheit gesunken ist, würde blühen. Von ihr beweint, würdest du ruhig auf
deinem Bette gestorben sein, und dein Beispiel würde deine Hinterlassnen auf dem
dornigten Pfad des Lebens leiten.
    FAUST: Ha, wohl mag dies die grösste Qual der Verdammten sein, wenn der
Teufel ihnen Busse predigt!
    TEUFEL: Es ist lustig genug, dass ihr es dazu kommen lasst. Elender, und wenn
die Stimme der Wahrheit und Busse laut vom Himmel selbst erschallte, ihr würdet
ihr euer Ohr verschliessen.
    FAUST: Erwürge mich und töte mich nicht mit deinem Geschwätze, das mein Herz
zerreisst, ohne meinen Geist zu überzeugen. Willst du, dass ich dein Gift Tropfen
für Tropfen einschlürfen soll, giesse ein! deine Vorstellungen laufen im
Ungeheuren zusammen und verlieren ihre Kraft an mir. Sieh, meine Augen sind
starr und trocken, nenne meine Stumpfheit Verzweiflung - noch kann ich ihrer
spotten, und mein Geist kämpft mit der peinlichen Wallung meines Herzens. Nur
dieser da und die ich eben gesehen liegen wie eine ungeheure Last auf mir und
zerknirschen meine sich noch empörende Kraft. Um der guten Tat willen muss er
hier henken! Um der guten Tat willen müssen sie im Elend verschmachten und eine
Reihe niederträchtiger Sünder fortpflanzen! Sah ich was anders als Morden,
Vergiften und Greuel in der Welt? Sah ich nicht überall den Gerechten zertreten
und den Lasterhaften glücklich und belohnt?
    TEUFEL: Das kann nun wohl sein und beweist nur, was für Kerle ihr seid; aber
was prahlst du mir immer von deiner guten Tat vor? Wodurch verdient sie diesen
Namen? Etwa dadurch, dass du mir den Wink dazu gegeben, der dich wahrlich nicht
viel gekostet haben kann? Um es zu einer edlen Handlung zu machen, hättest du
dich in das Wasser werfen und den jungen Mann auf Gefahr deines Lebens retten
müssen. Darauf deutete ich, als ich dir sagte: vermutlich kannst du nicht
schwimmen. Ich warf ihn an das Ufer und verschwand. Dich selbst würde er erkannt
haben, und von Dankbarkeit gerührt, hätte der Zerstörer deiner Familie ihr
Beschützer und Verteidiger werden können.
    FAUST: Quälen kannst du mich, Teufel, aber die Zweifel des Menschen kannst
du aus Stumpfheit nicht lösen oder willst es aus Bosheit nicht tun. Nie drangen
sie giftiger in mein Herz als in dieser Stunde, da ich den Jammer meines Lebens,
meiner Zukunft überblicke. Ist das menschliche Leben etwas anders als ein Gewebe
von Pein, Laster, Qual, Heuchelei, Widersprüchen und schielender Tugend? Was ist
Freiheit, Wahl, Wille, der gerühmte Sinn, Böses und Gutes zu unterscheiden, wenn
die Leidenschaften die schwache Vernunft überbrüllen, wie das tosende Meer die
Stimme des Steuermanns, dessen Schiff gegen die Klippen treibt? Wozu das Böse?
Warum das Böse? Er wollte es so; kann der Mensch den Samen des Bösen aus der
ungeheuren Masse herausreissen, den er mit Willen hineingelegt hat? Noch wütender
hasse ich nun die Welt, den Menschen und mich. Warum gab man mir, der zum Leiden
geboren ist, den Drang nach Glück? Warum dem zur Finsternis Gebornen den Wunsch
nach Licht? Warum dem Sklaven den Durst nach Freiheit? Warum dem Wurme das
Verlangen zu fliegen? Wozu eine unbeschränkte Einbildungskraft, die immer
gebärende Mutter kühner Begierden, verwegner Wünsche und Gedanken? Freiheit dem
Menschen! in dieser verzweifelnden Stunde kann ich noch bei diesem sinnlosen
Worte hämisch lachen. Ja, den Durst nach ihr, den kenne ich, und darum stehe ich
nun in diesem verdammten Kreise. Frei der, auf dessen Nacken das eiserne Joch
der Notwendigkeit von der Wiege bis zu dem Grabe drückt? Wahrlich, wenn er es
umwunden hat, wie man das Joch des Pflugochsens umwindet, so geschah es nicht
darum, dass er unsers Nackens schonte, sondern darum, dass wir die mühsame Furche
des Lebens ganz durchackern sollten und entkräftet an dem Ziele hinsänken. Nun
labe ihn mein Stöhnen, ich habe es erreicht. Zerschlage das Fleisch, das meine
dunkle zweifelvolle Seele umhüllt, nimm ihr das Erinnern, dass sie einen
menschlichen Leib zum Sünder gemacht hat, dann will ich einer der Eurigen werden
und nur im Wunsche des Bösen leben. O der herrlichen Welt, worin der blinde
unterjochte Mensch weise Zwecke aus den Martern, die ihn zerreissen, dem ihn
umheulenden Jammergeschrei der Elenden, dem Siegesgesang der Unterdrücker, der
ihn umgebenden Verwüstung und Zerstörung zusammenlesen soll; worin er nichts
fühlt und sieht als eine unwiderstehliche Tyrannei, die ihn hier und dort vor
Gericht fodert, wenn er laut zu murren wagt. Ha, Teufel, reisse meine Brust auf
und schreibe mit dem kochenden Blut meines Herzens deine schöne Teodizee, die
du mir eben vorgesagt, in jene dunkle Wolke. Mag sie ein Philosoph kopieren und
die Menschen damit narren. Verherrlicht sich nicht der Ewige in Zerstörung und
im Schaffen zur Zerstörung? So rauche dann mein Blut an dem Altar des
Furchtbaren wie das Blut eines Opfertiers, das der Unsinn dem Götzen schlachtet!
Dass ich's mit beiden Händen fassen, gegen den dunkeln Himmel schleudern könnte,
damit es dort glühe, wie es nun in meinen Adern glüht, und zu seinem Tron
aufschreie!
    Ha, Teufel, dieses gefällt deinen Ohren nicht wie der zischende, heulende
Gesang der Verzweiflung, den du erwartet hast - noch kennst du den Menschen
nicht ganz. Was ist die Leitung des Himmels, wenn ein Wurm wie ich durch das
Mittel eines Verworfnen, wie du bist, durch seinen eignen Willen sein Werk
verpfuschen kann? Ist hier Gerechtigkeit? Musste Faust so geboren werden, sich so
entwickeln, so denken und empfinden, dass Tausende elend durch ihn würden? Warum
mussten meine Fähigkeiten und Leidenschaften mehr zum Missbrauch als zu edlen
Zwecken gestimmt sein? Wollte es meine Natur so, so wollte es auch der, der sie
mir gegeben hat. Er muss Gefallen an diesen Verwirrungen haben, sonst hätte er
mich der moralischen Notwendigkeit ebenso gewaltsam unterworfen als der
physischen. Löse nur immer den Zauber, der mich in diesem Kreise fesselt, und
ich werde dir nicht entfliehen, und könnte ich 's, ich wollte nicht, denn die
Pein der Hölle kann nicht grösser sein als das, was ich fühle.
    TEUFEL: Faust, mich freut deines Muts, und ich höre das, was du sagst, noch
lieber als die wilden Töne der Verzweiflung. Sei stolz darauf, deine genialische
Kraft bis zum Unsinn und zur Lästerung getrieben zu haben, die Qual der Hölle
erwartet dich dafür. Ich bin deines Geschwätzes und der Erde müde. Es ist Zeit
zum Abfahren, deine Rolle ist hier gespielt, du beginnest eine, die nie enden
wird. Tritt aus deinem Kreise und begrabe den Unglücklichen; dann will ich dich
fassen, deinen bebenden, mürben Leib von deiner Seele streifen, wie man dem Aale
die Haut abstreift, ihn zerstückt auf das umherliegende Feld streuen, den
Vorübergehenden zum Ekel und Abscheu.
                                       7.
Faust stieg den Galgen hinauf und löste den Strick von dem Halse seines Sohns,
trug ihn auf das nahe Feld, das der Pflug frisch aufgerissen, grub mit seinen
Händen unter Schluchzen und Tränen ein Grab und legte den Unglücklichen hinein.
Hierauf trat er vor den Teufel und sprach mit wildem Tone:
    »Das Mass meines Jammers ist voll, zerschlage das Gefäss, das ihn nicht mehr
fassen kann, aber noch habe ich Mut, mit dir um mein Leben zu kämpfen; denn ich
will nicht sterben wie der Sklave, der unter der Gewalt seines Herrn ohne
Widerstand hinsinkt. Erscheine mir unter welcher Gestalt du willst, ich ringe
mit dir. Um der Freiheit, der Unabhängigkeit zog ich dich aus der Hölle, am
Rande der Hölle will ich sie behaupten, am Rande der furchtbaren Wohnung will
ich noch meine Kraft gebrauchen und fühlen, dass ich dich einst an meinem
Zauberkreise gefesselt sah und dich zu geisseln drohte. Was du in meinen Augen
siehst, sind Tränen der Verstockung, Tränen grimmigen Unwillens - Teufel, nicht
du, mein eignes Herz siegt über mich!«
    TEUFEL: Ekelhafter Prahler! mit diesem Fleische reiss ich dir die Maske ab,
die mir Mut vorlügt, und stelle dich hin in deiner elenden, scheusslichen
Nackteit. Die Rache rauscht heran, und Ewigkeit ist ihr Name.
    Er stund in Riesengestalt vor ihm. Seine Augen glühten wie vollgefüllte
Sturmwolken, auf denen sich die untergehende Sonne spiegelt. Der Gang seines
Atems glich dem Schnauben des zornigen Löwens. Der Boden ächzte unter seinem
ehernen Fusse, der Sturm sauste in seinen fliegenden Haaren, die um sein Haupt
schwebten wie der Schweif um den drohenden Kometen. Faust lag vor ihm wie ein
Wurm, der fürchterliche Anblick hatte seine Sinne gelähmt und alle Kraft seines
Geists gebrochen. Dann fasste ihn Leviatan mit einem Hohngelächter, das über die
Fläche der Erde hinzischte, zerriss den Bebenden, wie der mutwillige Knabe eine
Fliege zerreisst, streute den Rumpf und die blutenden Glieder mit Ekel und
Unwillen auf das Feld und fuhr mit seiner Seele zur Hölle.
                                       8.
Die Teufel waren um den Satan versammelt, der mit den Fürsten zu Rate sass, um
auszumachen, mit was für Strafen man den Papst Alexander den Sechsten peinigen
müsste. Seine Verbrechen und der letzte Augenblick seines Lebens waren so einzig,
dass auch die boshaftigsten Teufel in Verlegenheit waren, die Pein zu bestimmen,
die er verdiente. Der Papst stund vor seinen Richtern, die ihn so spöttisch und
übermütig behandelten, als nur immer ein fürstliches Gericht einen Angeklagten
behandelt, der weiter nichts vor sich hat als das Unglück, ein Mensch zu sein.
Auf einmal fuhr Leviatan triumphierend in ihre Mitte, hielt die Seele Fausts am
Schopfe und schleuderte ihn hin:
    »Da habt ihr den Faust!«
    Die Hölle empfing ihn mit einem so lauten Freudengebrülle, dass die
Verdammten in ihren Pfühlen erbebten: »Willkommen, Fürst Leviatan! da ist der
Faust! da ist der Faust!«
    SATAN: Willkommen, Fürst der Hölle! Willkommen, Faust, wir haben hier genug
von dir gehört.
    LEVIATHAN: Da hast du ihn nun, Satan! Sieh selbst, was an ihm ist. Er hat
mich nicht wenig geplagt, aber seine Torheit hat der Hölle gewuchert, und ich
hoffe, du bist mit meinem Aufentalt auf Erden zufrieden. Zum Lohn bitte ich
dich, mich für Jahrhunderte mit solchen Aufträgen zu verschonen, ich bin des
Menschengeschlechts übersatt, ob ich gleich gestehen muss, dass dieser hier den
letzten Augenblick seines Lebens, so bitter er auch war, nicht übel bestanden
hat; aber dies kommt daher, dass er sich in frühern Jahren mit jener Philosophie
abgegeben, die du die Menschen gelehrt hast.
    SATAN: Ich danke dir, Fürst Leviatan, und verspreche dir, du sollst lange
mit mir im Dampf der Hölle verweilen und die Schatten der grössten Fürsten der
Erde zum Zeitvertreib reiten und geisseln! - Hm! ein ganzer Kerl, und scheint mir
den Menschen völlig ausgezogen zu haben. Verzweiflung, Vermessenheit, Hass,
Groll, Schmerz und Wahnsinn haben tiefe Furchen in seine Seele gerissen. Er
sieht selbst uns und die Hölle ohne Beben an. Faust, bist du auf einmal stumm?
    FAUST: Nicht aus Furcht, ich war gegen einen Mächtigern kühn, und darum bin
ich hier.
    SATAN: He, führt doch den Trotzigen ein wenig nach dem Pfuhl der Verdammten
und nehmt eine Legion meiner mutwilligen Hofjungens mit, dass sie sie
zusammengeisseln, damit dieser Biedermann mit der Wirtschaft der Hölle bekannt
werde.
    Ein Teufel riss ihn nach dem Pfuhl der Verdammten. Die Legion schwärmte nach.
    LEVIATHAN der den Papst wahrnimmt: Ha, willkommen in der Hölle, Papst
Alexander. Ich hoffe, der Kitzel ist Euch nun vergangen, den Teufel zum Ganymed
machen zu wollen.
    PAPST seufzend: Leider!
    SATAN: Ha! ha! ha! das ist mir ein guter Schlag von Menschen, die jetzt auf
der Erde wirtschaften! Lass nur erst den Geist der Reformation über sie kommen
und sie nach der neuen Welt hinziehen, einen neuen Tummelplatz ihrer Greuel und
Laster zu entdecken, so wird es noch toller hergehen.
    PAPST: Schade, dass ich nicht dabei sein kann.
    SATAN: Ein sehr päpstlicher Wunsch, doch tröste dich nur, deine Landsleute
werden schon die Millionen um ihr Gold erwürgen.
    PAPST: Was tut man nicht ums Gold! Wisst Ihr wohl, Herr Satan, dass ich diese
neue Welt zwischen Spanien und Portugal geteilt habe? Nun käme mir wenigstens
der dritte Teil des Golds zu! Oime!
    Faust kam mit der teuflischen Begleitung zurück.
    SATAN: Nun, Faust, wie gefällt dir das Bad und die, welche sie dort
abreiben?
    FAUST: Unsinniger, rasender Gedanke, dass der edle Teil des Menschen für die
Sünden des aus Kot geschaffnen leiden und büssen soll.
    Die Teufel lachten, dass es durch die unendliche Hölle ertönte.
    SATAN: Bravo, Faust, das, was du sagst und wie du dich benimmst, zeigt mir,
dass du für einen Menschen zu gut bist. Auch bin ich dir einen besondern Lohn für
die schöne, der Hölle so nützliche Erfindung der Buchdruckerei schuldig.
    PAPST: Was? ein Buchdrucker, und hat sich an meinem Hofe für einen Edelmann
ausgegeben und bei meiner Tochter Lucretia geschlafen?
    FAUST: Schweig, stolzer Spanier, ich habe sie reichlich dafür bezahlt, und
du hättest dich mir für eine gleiche Summe prostituiert, wenn ich eine Bestie
gewesen wäre wie du. Wisse, meine grosse Erfindung wird mehr Gutes stiften und
dem Menschengeschlecht mehr nützen als alle Päpste, vom heiligen Peter bis auf
dich Scheusal!
    SATAN: Faust, darin irrst du dich. Erstens werden dir die Menschen den Ruhm
der Erfindung dieser Kunst rauben -
    FAUST: Dieses ist noch mehr als Verdammnis!
    SATAN: Merkt mir doch auf den Menschen, er steht vor mir, dem Satan, hat den
Pfuhl der Verdammten gesehen und hält die Qual der Hölle für nichts gegen seine
Hirngespinste, Ruhm und Wahn. Seht mir doch, was aus diesen Ebenbildern des
Höchsten geworden ist, seitdem sie sich in Gesellschaften gesammelt, Könige über
ihren Leib und ihre Seele gewählt haben, Bücher lesen und ein erkünsteltes Ding
ihres eignen, eitlen, stolzen, unruhigen und wahnsinnigen Geistes geworden sind.
-
    Zweitens, Faust, werden die Schatten zu Hunderttausenden herunterfahren,
über dich herfallen, dich mit ihren Flüchen ängstigen, dass du die kleine Quelle
des Gifts des menschlichen Verstandes in einen ungeheuren Strom verwandelt hast.
Fühlst du denn nicht aus eigner Erfahrung, was euch die Wissenschaften sind und
was sie aus euch machen; doch hiervon soll dich dein ehemaliger Begleiter
Leviatan unterhalten und dir eröffnen, dass das Unheil, das du über die Menschen
gebracht hast, deine sonstige Frevel noch weit übertrifft. Ich, der Herrscher
der Hölle, der dadurch gewinnt, bin dir Lohn dafür schuldig, und wenn du dem
Ewigen fluchen willst, der dich entweder nicht besser machen konnte oder wollte,
so sollst du der Pein der Hölle entfliehen und einer unsersgleichen werden.
    PAPST: Satan, lasst mich der erste sein, als Papst muss ich wenigstens den
Rang über ihm haben.
    SATAN: Merkt mir doch diese Menschen, ihr Teufel, und seht, wie sie euch
beschämen! Papst, du hast es getan, da du meinem Leviatan zu Füssen fielst.
Faust, wähle -
    Faust trat hervor - die rasende Verzweiflung rollte sich in scheusslichen
Zügen auf seiner Schattengestalt - - er - wer kann den Frevel ausdrücken?
    Alle Teufel bebten bei seinen Worten und erstaunten über seine
Vermessenheit. Seit der Entstehung der Hölle herrschte keine solche Stille in
dem dunklen furchtbaren Reiche, der Wohnung ewigen Jammers, ewigen Geheuls.
Faust unterbrach sie und forderte den Satan zur Erfüllung seines Versprechens
auf.
    SATAN: Tor, wie kannst du von mir erwarten, dass ich, der Herrscher der
Hölle, dir mein Wort halten sollte, da man kein Beispiel hat, dass ein Fürst der
Erde je sein Wort gehalten hätte, wenn er nichts dabei gewann. Wenn du vergessen
kannst, dass du ein Mensch bist, so vergiss nicht, dass du vor dem Teufel stehst.
Meine Teufel erblassten bei deiner Verwegenheit, mein fester, unerschütterlicher
Tron erbebte bei deinen vermessnen Worten, und ich glaubte einen Seigerschlag,
ich hätte zu viel gewagt. Fort, deine Gegenwart macht mich unruhig, und du
beweisest, dass der Mensch mehr tun kann, als der Teufel ertragen mag. Zerrt ihn
in den schrecklichsten Winkel der Hölle, dort schmachte er in düstrer Einsamkeit
und starre hin vor der Betrachtung seiner Taten und dieses Augenblicks, der nie
zu versühnen ist. Dass ihm kein Schatten nahe! Geh und schwebe allein und
verloren im Lande, wo keine Hoffnung, kein Trost und kein Schlaf wohnen. Nur im
Vergangenen, im Bewusstsein deines Wahnsinns und deines Frevels sollst du leben.
Die Zukunft, die eure Eitelkeit und euer Stolz so gern ausschmücken, sei für
dich nichts als der schreckenvolle Gedanke, dein Dasein sei eine ewig
fortlaufende Reihe einer unveränderlichen Qual, eines unveränderlichen,
peinlichen Gefühls deines Selbsts. Nur ein einziges peinvolles Gefühl sollst du
fühlen, nur einen einzigen peinvollen Gedanken denken. Es soll dir Genuss zu sein
scheinen, diesen endlosen Schmerz nur mit einem andern wechseln zu können. An
deiner Seele sollen ewig die Zweifel nagen, die dich in deinem Leben gequält
haben, und nie soll sich dir eins der Rätsel entüllen, um deren Auflösung du
hier bist. Dies ist die peinlichste Strafe für einen Philosophen deiner Art, und
ich habe sie vorzüglich meinen Schülern vorbehalten. Die Hölle ist voll von
ihnen, und du hast den Samen zu grössrer Bevölkerung meines Reichs ausgestreut.
Reisst ihn weg, martert ihn! Fasst diesen Papst und werft ihn in einen andern
Winkel, in der Hölle ist ihresgleichen nicht.
    Nach den Worten Satans ward Fausts Gestalt immer schwärzer und schwärzer.
Die Züge der Menschheit verloschen. Ein düstres, gestaltloses, scheussliches,
schwimmendes Gewebe umschlang seine Seele. Noch wütete er, die Wut schoss
glühende Funken aus dem gestaltlosen Gewebe und erleuchtete es. Zum letztenmal
wütete er. Leviatan brüllte: »Ich will ihn ergreifen und mich nochmal an dem
rächen, der mich gezwungen hat, die mir verhasste Erde, das mir noch verhasstere
Teutschland zu betreten.« Und er ergriff mit eiserner Faust das düstre verzerrte
Gewebe samt der Seele Fausts. Da goss sich die gedrohte Qual über ihn aus, und
ein Stöhnen erscholl aus dem Gewebe, dass, hätten es Menschen mit Ohren, aus
Fleische gebildet, vernommen, ihr Herz wäre bei dem Stöhnen erstarrt und die
Quelle ihres Lebens versunken. Noch stöhnte Faust aus dem düstren Gewebe unter
Leviatans eiserner Faust. Als er mit ihm bei den heulenden Verdammten
vorüberfuhr, fühlten sie bei dem schrecklichen Stöhnen zum erstenmal Mitleid mit
einem ihresgleichen und vergassen das Geheul über ihren eignen Jammer. Noch
schwebte das Gewebe und verlor sich nun tiefer und tiefer in der unendlichen
Ferne. Dann schleifte es Leviatan über die verbrannten Felsen hin, dass die noch
glühende Asche unter ihm aufloderte - schwung sich mit ihm empor bis zu der
ehernen Wölbung der Hölle, schleuderte ihn herunter, und er sank in den einsamen
Abgrund. So erhebt sich die kühne Seele des Forschers verwegen bis zu dem
Begriff des Unfasslichen, Unbegreiflichen in die Höhe, bis das Gefühl des
menschlichen Unvermögens ihre Flügel lahmt und sie wirbelnd, schwindelnd in ihr
Dunkel zurücksinkt, um in Verzweiflung zu erwachen.
    Belial, der Aufseher und Beherrscher der verdammten Päpste, Erzbischöfe,
Bischöfe und gefürsteten Äbte, ergriff die Seele Alexanders; eine Mischung von
scheusslichen, widersinnigen Gestalten hatte sie umhüllt und ein furchtbares
Ungeheuer gebildet, dass die Verdammten, gewöhnt an scheussliche Gestalten,
gleichwohl vor Entsetzen ihre Häupter in den glühenden stinkenden Pfuhl
tauchten, da Belial mit dem Papst bei ihnen vorüberfuhr.
    Nach ihrem Verschwinden sagte Satan lächelnd:
    »Das sind mir Menschen, und wenn sie etwas Scheussliches vorstellen wollen,
malen sie den Teufel; so lasst uns denn, wenn wir etwas Schändliches vorstellen
wollen, den Menschen zur Wiedervergeltung malen, und dazu sollen mir
Philosophen, Päpste, Pfaffen, Fürsten, Erobrer, Höflinge, Minister und Autoren
sitzen!«
 
                                    Epilogus
So fasse sich ein jeder in Geduld und dringe nicht auf Kosten seiner Ruhe
verwegen in die Geheimnisse, die der Geist des Menschen hier nicht entüllen
kann und soll. Auch richte keiner; denn keinem ist das Richteramt gegeben. Halte
deine rasche Aufwallung bei den Erscheinungen der moralischen Welt, die dein
Herz empören, deinen Verstand verwirren, im Zaum und bebe, ein Urteil zu fällen,
denn du kannst nicht erkennen, wie und woher sie kamen, wohin sie zielen und wie
sie für den enden, der sie veranlasst. Dem Geist des Menschen ist alles dunkel,
er ist sich selbst ein Rätsel. Lebe in der Hoffnung, einst helle zu sehen, und
wohl dem, der seine Tage so hinlebt; er allein hat gewonnen, denn das übrige ist
in der Macht dessen, der den Menschen so prüfen wollte und ihm die Kraft, die
Prüfung zu bestehen, mitgeteilt hat. Dies erkennt der wahre Weise und erwartet
in Unterwerfung sein Los. Ich hatte eine gute Absicht bei diesem Buch; doch der
Mann, der ein Buch schreibt, ist mit dem, der ein Kind zeugt, in gleichem Fall,
keiner weiss, welche Frucht seine Pflanze tragen wird, und das Sprüchwort hat
recht: Der Wurf aus der Hand ist des Teufels. Übrigens wünsche ich den teutschen
Autoren billige Verleger, den Verlegern guten Abgang, dem Publikum mehr Geld und
Geduld. (Geschmack würde zu oft den Handel verderben.) Der gesamten Klerisei
weniger Toleranz und Wissenschaften. Insbesondere wünsche ich einigen Herren der
protestantischen Klerisei, dass es ihnen vorzüglich zu ihrem Besten gelingen
möchte, das Lutertum und den Kalvinismus unter das viel sinnlichere Papsttum zu
begraben. Nur dadurch werden sie den wankenden Säulen dieses der Klerisei so
nützlichen Gebäudes wiederum neue Tragkraft verschaffen, und natürlich müssen
sie selbst bald ganz andere Männer im Staate werden. Auch lässt sich mit
Gewissheit hoffen, dass der Hauptbeförderer dieses frommen Unternehmens, der
Phantast aus ***, der erste Heilige in dem neuen römischen Kalender werden muss.
Kann wohl der zertretne Pius der Sechste weniger für ihn tun als seine weisen
Vorfahren für den grossen Loyola getan haben? Seine Schüler und Schülerinnen, die
schon lange den heiligen Schein wie elektrische Funken aus seinem erhitzen
Gehirne strahlen sehen, werden gern die Kosten dazu hergeben, damit der Teufel
bei dem Prozesse zum Schweigen gebracht werde. Dass aber dieses erspriessliche
Werke baldmöglichst zustande komme, so sehe der feurige Mann aus *** auf und tue
das erste nötige Wunder. Er ziehe, gleich einem neuen Moses, eine dicke,
schwarze Finsternis, eine verderbende Seuche über die Königsstadt ***, dass ihr
feiner, beissender attischer Witz, ihre gesunde, die Schwärmerei zerstörende
Vernunft durch ein böotisches Dunkel und pestilenzialische Luft verdickt und
getötet werde. Soll es aber ein wahrhaftes Wunder werden, so mache er sich
schnell auf, damit ihn das Schicksal, das ihm dorten durch einige schwarze
Kakodämonen vorzugreifen droht, nicht um den zu hoffenden Ruhm bringe. Ist ihm
dies gelungen, so schlage er an die Gräber der Jesuiten, bewirke ihre
Auferstehung und singe dann das Siegeslied über den Menschenverstand. Den
Philosophen wünsche ich, dass es ihnen gelingen möge, ihren grössten Gegner, den
alles zermalmenden Kant, zu besiegen, damit ihr Kateder für immer und ewig von
dem metaphysischen Unsinn erschallen möge. Den Fürsten mehr Strenge und mehr von
jener Kunst, die Untertanen systematisch zu schinden und zu plündern. Den
teutschen Männern den bittersten Hass gegen Freiheit, die zärtlichste Liebe für
Sklaverei, und den teutschen Weibern, dass sie mit eben dem Vergnügen gebären
möchten als sie, wie man sagt, empfangen. Glückliche, herrliche Zeit! so wird es
dann unsern erhabenen Fürsten, gnädigen Erzbischöfen, gefürsteten Äbten,
hochgebornen Reichsgrafen, Baronen, Rittern und frommen Klöstern unsres
Vaterlands nie an Werkzeugen zu missbrauchen, an Soldaten zu verhandeln, an
Schwämmen auszudrücken und an Untertanen zu schinden mangeln. Dass die Geduld
nicht reisse, dafür werden ihre Helfershelfer, ihre Vesire, ihre Klerisei, Räte
und die edle Schriftsteller- nebst der Journalistenzunft sorgen. Umsonst rufen
einige Treffliche: Erleichtert die Bürden eurer Lasttiere, wenn ihr nicht wollt,
dass sie dieselben einst gewaltsam abwerfen und euch darunter begraben. Die
gnädigen Herren wissen durch ihre Räte, dass kein Tier der Erde sanftmütiger und
tapfrer leidet und trägt als der ehrwürdige Esel und der aufrichtige edle
Teutsche!
 
                                    Fussnoten
1 So die Tradition, welcher man hier allein folgt.
2 Originalität.
3 Ich weiss, dass ich hier Gefahr laufe, beschuldigt zu werden, den Sinn der
ganzen Rede des Doktors aus einigen teutschen Journalen abgeschrieben zu haben.
Man tut mir aber sehr unrecht; die Züge passen nur auf das funfzehente
Jahrhundert, in welchem dieses Drama spielt. Weiss doch jedermann, dass
gegenwärtig von diesem System, das den Doktor noch in der Hölle entzückt, keine
Spur in Teutschland zu finden ist. Ich konnte darum dem Publico diese Rede nicht
weiter vorentalten, damit man sehe, wie weit wir uns von unsern Vorfahren
entfernt haben. Doch dieses werden die berühmten Kapitel über die Privilegien
und die Rechte teutscher Nation in unserm vortrefflichen klassischen Buche über
die teutsche Staatsverfassung noch besser ins Licht setzen. Man vergleiche es
nur mit Colins Werk über Engelland, und man wird sehen, dass sich beide Bücher,
wenigstens in den Kapiteln über Volksrecht, vollkommen gleichen.
4 Originalität.
5 Das Rataus.
6 Man verliere ja nicht aus den Augen, dass dieses Drama zu Ende des funfzehnten
Jahrhunderts spielt und folglich keinen der jetzt Lebenden beleidigen kann und
soll. Übrigens weiss ich nicht, ob der Teufel den Reichsstädtern und Teutschen
überhaupt grössere Komplimente machen könnte, als er bin und wieder tut, und es
bewiese nur gegen ihre Tugend und ihr Christentum, wenn sie dieselben nicht mehr
verdienten oder gar in einem andern Sinne nahmen.
7 Aus dieser Stelle sieht man, dass der Verfasser viele Abenteuer in Teutschland,
um sein Buch nicht zu dick zu machen, unterschlagen hat. Vielleicht, dass sie
einstens erscheinen.
8 Siehe Taxae Cancellariae Apostolicae etc. gedruckt zu Rom und Paris etc.
9 Man glaube ja nicht, dass ich mich hier nach der Weise eines grossen Teils
unsrer teutschen Schriftsteller an diesem grossen und einzigen Genie der alten
und neuen Zeit vergehen will. Ihnen muss man diese Freude freilich wohl so lange
lassen, bis wir einst selbst einen Voltaire erhalten! Ich wollte hier nur so
viel sagen, dass Rousseau einiges Recht hat wenn er von Voltaire sagt: que
Voltaire, en paroissant croire en Dieu, n'a réellement jamais cru, qu'au diable.
Gleichwohl sag es zu viel wie gewöhnlich jeder jeder witzige Einfall, und wenn
man bedenkt, dass Voltaire Geschichtschreiber war, dass er nur mit Grossen, und
zwar mit Grossen aus den Zeiten des Regenten Ludwigs des XV., und mit
Schriftstellern gelebt hat, so wird seine faustische Laune, die er hin und
wieder äussert, wenigstens begreiflich.
10 Resignation.
11 Der Teufel, der, um Fausten zu plagen, seine Zweifel immer nur schärfen will,
deutet hier auf folgende Teorie, die er vielleicht darum nicht bestimmt
ausdrückt, weil er glaubt, sie möchte dem Stolze des Menschen zu viel
schmeicheln und ihm durch eine Reihe von wahren oder falschen Schlüssen einen
erhabenen Begriff von der Gotteit beibringen. Sie lautet so:
Der Mensch ist vermöge seines freien Willens und seines ihm eingedrückten innern
Sinns sein eigner Herr, Schöpfer seines Schicksals und seiner Bestimmung. Er
kann durch seine Taten und sein Würken den schönen Gang der moralischen Welt
befördern und stören, nach seiner Lage und Denkart oft ganze Völker, ja ganze
Weltteile glücklich oder unglücklich machen, und das ganze Menschengeschlecht
vom Bettler bis zum König ist also, jeder nach seiner Kraft, zusammengenommen
Werkmeister der sogenannten moralischen Welt. Er entwickelt also nur das einmal
in ihn gelegte Streben wie jedes Ding der sichtbaren Welt, doch mit dem
Unterschied, dass nur ihn sein freier Wille und sein das Böse und Gute
begreifender Sinn der Strafe und Belohnung fähig machen. Diese Teorie greift
die Vorsicht freilich nicht an, aber doch die mittelbare Leitung und feste
Bestimmung von oben; und da sie von dem Teufel herkommt, überdem sehr
unteologisch zu sein scheint und die moralische Welt so unsichern Händen
anvertraut, so lass ich sie ohne weiteres da stehen, so vielen Glanz sie auch auf
die Moral zurückwirft. Der Leser mache damit, was er will.
 
    