
        
                              Karl Philipp Moritz
                        Andreas Hartknopfs Predigerjahre
                                   Ribbeckenau.
Klang schon fatal in Hartknopfs Ohren, als er zum erstenmale diesen Nahmen
hörte. -
    Und da er ihn in seiner Vokation mit grossen verschlungenen Buchstaben
geschrieben sah, ärgerte sich sein Auge daran.
    Ribbeckenau war die Mutterkirche, und Ribbeckenäuchen das Filial davon, wozu
der Weg über ein Torfmoor führte.
    Hier war es, wo der Knäuel seines Lebens sich in labyrintische Knoten
verwickelte, die nur die Schärfe des Schwerdts wieder lösen konnte.
    Wo seine Kraft, die sonst freien Spielraum hatte, zum erstenmale in sich
gedrängt, allerlei Sprünge und wunderbare Verzierungen in sich selber machte,
weil sie sich selbst nicht kannte. -
    Durch diese Klemme musste Hartknopfs Leben selbst noch durchgehen, ehe es
ungehemmt in seinem vollen Glanze leuchten, und wohltätige Klahrheit um sich
her verbreiten konnte.
    Der, welcher die Nebel der Täuschung so oft verscheucht hatte, musste noch
einmal durch Selbsttäuschung von der edelsten Art geprüft - zu einem höhern
Dasein vorbereitet, und jeder Keim einer unruhigen Wirksamkeit in ihm
ausgerottet werden.
 
             Mein Abschied von Hartknopf, als er aus Erfurt ging.
Da sassen wir auf der grossen Treppe vor dem Dom, und sprachen von Ribbeckenau,
wie weit es sei, und wie bald und wie oft ich ihn dort besuchen könnte? und von
der Verschiedenheit der Rettiche, die in Erfurt vorzüglich gut sind, und eine
von Hartknopfs Lieblingsspeisen waren, wobei er gewissermassen mit Leib und Seele
genoss, wenn er die geheimnisvollen Salzkörner, auf die runden Scheiben streute,
und dann auf seiner Zunge das innere Wesen dieser edlen Bestandteile in ihrer
feinsten Auflösung schmeckte.
    Seine Gedanken beschäftigten sich in diesem Augenblicke ganz mit der
Anpflanzung von Erfurter Rettichen in Ribbeckenau, und ich versprach ihm heilig
Rettigsaamen aus Erfurt zu schicken.
    Wir giengen alsdann noch auf der Kirschlache spatziren, wo wir uns eine
ganze Weile an ein Geländer stellten, und ins Wasser sahen.
    Ich begleitete ihn vors Tor hinaus, wo wir in einem Wirtshause einkehrten,
hier setzte er sich mir gegenüber und sagte: Ich gehe nun nach Ribbeckenau (bei
dem Nahmen erhielt seine Mine einen sehr verdriesslichen Zug) um das Evangelium
zu predigen, und du bleibst in Erfurt, um das Evangelium noch eine Zeitlang
predigen zu lernen. Du weisst nun den Hörsaal, wo man das lernt; und kennst den
Mann, welcher diesen erhabenen Lehrstuhl bekleidet - halte dich fest an ihn, und
übe dich im fertigen Nachschreiben, suche ihm die Worte aus dem Munde zu
stehlen, noch ehe er sie ausgesprochen hat, und bediene dich der Abbreviaturen,
die deiner Hand und deinem Gedächtnisse geläufig sind. - Schreibe auch die
unterlaufenden Spässe mit auf, denn sie stehen nie am unrechten Orte - und werden
dir eine angenehme Erinnerung sein, wenn du die Vorlesung zum zweitenmale hören
solltest - hüte dich sehr Backelaureus oder Magister der Weltweisheit zu werden
- und wenn du dich im Predigen übest, so stelle dich an einen rauschenden
Wasserfall, wo keines Menschen Ohr den Laut deiner Worte vernimmt - fahre fort,
fleissig Kirchengeschichte zu studiren, und nun lass uns noch einen Rettich
zusammen essen.
    Der Rettig wurde auf einem Teller gebracht - Mit einer feierlichen Mine
schälte Hartknopf ihn ab, schnitt runde Scheiben davon, und indem er langsam und
nachdenkend die Salzkörner darauf streuete, und die erste Scheibe mir
darreichte, blickte er mich ernstaft an, und sagte: so oft ihr solches tut, so
tuts zu meinem Gedächtnis!
    Als wir nun hinausgiengen, gab ich ihm noch folgende Verse, die ich auf
seinen Abschied gemacht hatte:
Du gehst nach Ribbeckenau
In Erfurt bleibt Dein Freund;
Die Ferne dämmert grau ...
Das trübe Auge weint ...
Doch ist nun über mir
Der Himmel wieder blau,
Denk ich, er lächelt. Dir
Doch auch in Ribbeckenau.
Als ich diese Verse noch an Hartknopf übergeben hatte, steckte er sie, ohne sie
zu lesen in die Tasche, und sagte: ich möchte den Rettigsaamen nicht vergessen,
er wünsche mir wohl zu leben, und ich möchte ihm nun die Liebe tun, und nach
Erfurt zurückkehren, welches ich dann tat, und weil wir auf einer Anhöhe
Abschied genommen hatten, ihn sogleich aus dem Gesichte verlohr.
 
                          Hartknopfs Antrittspredigt.
Die kleine Kirche in Ribbeckenau war mit sehr vielem hölzernen Schnitzwerk und
Zierraten versehen. Unter andern war auch vorne an der Decke über der Kanzel
der heilige Geist in Gestalt einer Taube schwebend abgebildet. Die Arbeit war
von Holz und bloss angeleimt.
    Als Hartknopf die Kanzel bestieg, schwebte sein böser Genius über ihm.
    Ganz in seinen Gegenstand vertieft, dachte er nicht an das, was über ihm
war, und die Länge seines Körpers war Schuld, dass er mit der Stirne gerade gegen
den einen Taubenflügel rannte, und auf die Weise die schwebende Gestalt des
heiligen Geistes zum Schrecken der ganzen Gemeine herabstiess.
    Da er sich nun aber dies, als einen Zufall, der weiter keine Folgen hatte,
gar nichts anfechten liess, und mit der grössten Kaltblütigkeit seine Predigt
anfieng, als ob gar nichts geschehen wäre, so erschrack die Gemeine noch weit
mehr.
    Er hub nun seinen Spruch an: im Anfang war das Wort, und das Wort war bei
Gott, und Gott war das Wort. -
    Also: im Anfang war das Wort, und das Wort war selbst der Anfang.
    Dies deutete er nun auf den Anfang seines Lehramts: was bei ihm wohl anders
der Anfang sein könne, als das blosse Wort, womit er anfienge? Da einmal sein
Geschäft darin bestehe, seine Lippen zu bewegen, und tönende Worte
hervorzubringen, statt dass andere ihre Arme zur Arbeit ausstreckten, um dem
Schoss der Erde ihre Nahrung abzugewinnen, und die Frucht ihrer Mühe selbst
mühsam einzuerndten.
    Er stellte das nackte Wort, als den leeren Hauch der Luft, als das tönende
Erz und die klingende Schelle dar, wenn Liebe es nicht beseelet. -
    Liebe beseelte es aber, indem er sprach - denn er war gewilliget zu geben,
wo seine Brüder nehmen; er wollte nicht für leeren Luftauch den Zehnten von
allen reichhaltigen Früchen der Erde eintauschen - er wollte den Buchstaben des
Worts erst tödten, damit der Geist lebendig mache. -
    Als er nun zum erstemale das Wort Geist nannte, blickte die ganze Gemeine,
als ob aller Augen sich verabredet hätten, auf einmal nach der leeren Stelle an
der Decke über der Kanzel hin, wo die Abbildung des heiligen Geistes in
Taubengestalt gewesen war. - Der grobe sinnliche Eindruck behielt von jetzt an
auf einmal bis Oberhand - der erste Schrecken war nun vorüber - und wie von
einem bösen Dämon angehaucht, verzog sich jede Mine zu einem hönischen
schadenfrohen Lächeln - und die Herzen verschlossen sich auf immer. -
    Die undurchdringliche Scheidewand zwischen Licht und Finsternis war gezogen.
- Das hämische Lächeln trat zwischen die redende Liebe und den aufmerksamen
Gedanken - Hartknopf fühlte sich zum erstenmale von seiner nächsten Umgebung
gedrückt - er fieng während seiner Rede an, die Gesichter zu bemerken, und kein
antwortender Blick begegnete seinem spähenden Auge - eine unbekannte Macht
schien die Worte von seinen Lippen zu verwehen, dass sie den Weg zum Herzen nicht
fanden.
    Unglücklicher Weise liess er sich noch auf die Worte ein: ich will euch den
Tröster senden u.s.w. und alles blickte auf den Bauerknaben, neben welchem die
Taubengestalt niederstürzte, und der ihr mit einer komischen Bewegung
ausgewichen war.
    In dieser Predigt, pflegte Hartknopf, nachher oft zu sagen, habe er den
ganzen Druck empfunden, womit die grobe Sinnlichkeit auf dem zarten Gedanken,
die unförmliche Masse auf dem Gebildeten ruht - wodurch der Sprössling im Keime
zertreten, die Blume zerknickt wird - der Wurm an der aufblühenden Pflanze nagt
- der Heldenmut des Starken in seiner Brust gehemmt wird, und der bildende
Genius, indem er die Flügel entfaltet, von seinem umwölkten Jahrhundert
darnieder gedrückt, in den Staub sinkt. -
    So viel ist gewiss, dass die vielleicht schon verwesete Hand, welche die
Taubengestalt an die Kanzeldecke mit nachlässigem Finger befestigte, Hartknopfs
schöne Hoffnungen, und sein ganzes Gebäude von Glückseligkeit an diesem Orte
unwissend untergrub.
    Denn dieser erste Eindruck blieb in der Folge seines Lehramts unauslöschlich
- Und die ganze angebohrne Würde seines Wesens vermochte nichts gegen die
komische Larve des mächtigen Zufalls.
    Freilich war auch ein reudiges Schaaf unter dieser Heerde, welches die
übrigen angesteckt hatte - dies war der spruchreiche Küster Ehrenpreis mit der
richterlichen Miene.
    Während dass Hartknopf predigte, richteten seine Augenbraunen jeden Perioden,
den er sagte, und brachen den Stab über ihm, so oft er das Wort, als die vierte
Person in der Gotteit erwähnte - Hartknopf meinte nehmlich, weil man sich doch
die Dreieinigkeit, als eins dächte, so könnte auch das Vierte der Einheit nicht
schaden - und der Lehrbegrif leide nicht darunter, wenn man sich den
alleserhaltenden Vater, den allesbeherrschenden Sohn, den allesbelebenden Geist,
und das allesverknüpfende Wort, wie das ewig unveränderliche Feststehende - wie
den unerschütterlichen Kubus dächte, der in sich selber ruhend, die rollenden
Sphären trägt. -
    Ehrenpreis aber schrieb sich Hartknopfs Ketzereien in seine Schreibtafel auf
- und so wie der Erklärer alter Autoren über eine neugefundene Leseart, der
Chronickenschreiber über eine Jahrzahl, und der Conchylienliebhaber über ein
Schneckenhaus, so freute sich der Küster Ehrenpreis über jede Ketzerei, die er
in irgend eines Menschen Worten oder Gebehrden auffinden konnte, weil dies nun
auch einmal seine Liebhaberei war, die ihm ein besonderes Vergnügen machte.
    Mit dem vorigen Prediger war er ein Herz und eine Seele gewesen - denn
dieser bedurfte jemand, in dessen Busen er seinen Gift ausschütten konnte, und
Ehrenpreis war ein würdiges Gefäss dazu.
    Oft brachten sie bis Mitternacht in vertraulichen Gesprächen zu - sie sassen
da - in schwarzen Kleidern, auf Stühlen, und richteten die vergangenen und
kommenden Geschlechter der Erde.
    Dies taten sie im Fluge der hohen Begeisterung; dann aber beschränkten sie
sich wieder auf ihre Nachbarschaft, auf die Prediger in dem Kirchensprengel, auf
die Menschen welche still einher wandelten, und das Höchstverehrungswürdige im
Geist und in der Wahrheit verehrten, auf die natürlichen Menschen, welche durch
frohen Genuss der Gabe, dem Geber am besten zu danken glaubten. -
    War nun über alle diese Menschen namentlich das Verdammungsurteil
gesprochen, so machten sich beide den Spruch zu eigen: ihr seid über wenigem
getreu gewesen; ich will euch über vieles setzen!
    Damit nun aber auch Ehrenpreis in diesem Werke geübter werden möchte, so
trug sein Prediger ihm die ganze Polemik aus den Heften vor, die er ehemals in
Halle eigenhändig nachgeschrieben hatte.
    Und als das Kollegium geendigt war, schrieb sich Ehrenpreis selbst die Hefte
noch einmal ab, und trug sie einigen auserwählten Bauern bei verschlossnen Türen
wieder vor, durch welche der edle Saamen dann weiter im Dorfe ausgestreuet
wurde.
    So war das ganze Dorf nach und nach polemisch geworden, und das Schimpfwort:
Du Ketzer! welches man ehemals als eine scherzende Liebkosung brauchte, wurde
jetzt mit einem finstern spanischem Ernst ausgesprochen, der nichts Gutes
bedeutete.
    Ein so unpolemischer Prediger, als Hartknopf, war nun freilich keine sehr
willkommene Gabe für solche polemische Bauern. -
    Denn die Predigten des vorigen Pfarrers waren überdem gar nicht
uninteressant gewesen: er belagerte eine Ketzerei, die er aufstellte, um sie zu
bestreiten, gleichsam wie eine Festung, legte selbst Bollwerke umher, womit er
sie sich eine Weile verteidigen liess, dann lief er plötzlich Sturm, durchbrach
die Schanzen, und hieb alles mit der Schärfe des Schwerdts darnieder.
    Durch dies immerwährende Angreifen und Verteidigen, war den Bauern selbst
der dogmatische Lehrbegrif so geläufig geworden, als er ihnen durch den blossen
Vortrag nie hätte werden können. -
    Sie waren dadurch gewissermassen kompetente Richter über ihren künftigen
Prediger geworden, der nun nie aus dem Gleise rücken durfte, ohne dass sie es
merkten. -
    Der Geist des verstorbenen Pfarrers ruhte auf der ganzen Gemeine, auf dem
Küster Ehrenpreis aber ruhte er zwiefältig. -
 
                                 Das Torfmoor.
Mit seinem Stabe in der Hand, und dem Küster Ehrenpreis zur Seiten, wandelte
Hartknopf nun zum erstenmal über das Torfmoor nach Ribeckenäuchen hin.
    Zur rechten hatte er die Aussicht über das Torfmoor auf die Haide, zur
linken auf den Küster Ehrenpreis, und einen mit Haidekraut bewachsenen öden
Berg, welcher der Kramberg hiess. - Hinter sich sah er den kleinen spitzigen
Turm von Ribbeckenau, der mit Schiefer, und vor sich den von Ribbeckenäuchen,
der mit Schindeln gedeckt war.
    Geschähe das am grünen Holze, seufzte er bei sich selber, was wird am dürren
werden?
    Denn seine Hoffnungen waren nun schon verwelkt, und die Gedanken welche er
jetzt wieder in Worte kleiden sollte, hatten einmal schon ihren frischen Glanz
verloren.
    Die ganze Gegend um ihn her lag schwarz und öde -
    In dem ganzen Bezirk, den das Auge sah, war keine Furche gezogen - kein
grünes Fleckchen schimmerte hervor. -
    Das Spiel der Sensen erklang auf diesem Boden nie - nie hielten frohe
Schnitter hier ihr Mahl. -
    Die weidende Heerde fand hier keine Nahrung - der Wanderer keinen sichern
Pfad - denn täuschende Wassergraben durchschnitten ablentalben das lockere
Moor. -
    Nichts Gebildetes sprosste auf diesem Boden hervor, der unfruchtbar und öde
da lag, um selbst in kurzem zu Asche verbrannt zu werden. -
    Der Himmel blickte trübe auf die verwaisste Scene herab - und mit schwerem
Herzen ging Hartknopf seinen sauren Pfad. -
    Er wusste nicht, dass unter dem Turme, der mit Schindeln gedeckt war, ein
paar freundliche Gesichter auf ihn warteten, aus denen der Tag wieder in seine
Seele lächeln würde, da er es am wenigsten vermutete. -
 
                                Die Geschwister.
In Ribbeckenäuchen war vor der Kirchtüre ein geringer Platz, mit Blumen
bepflanzt, da spielten die Knaben im Dorfe. -
    Gegenüber war ein bequemes Haus mit Garten und Zubehör. -
    Der grüne Platz vor der Kirche mit dem artigen Hause gegenüber gab dem
Dörfchen, das nur aus wenigen Feuerstellen bestand, ein heiteres, lachendes
Ansehn. -
    Das Haus selbst aber, welches dem grünen Kirchhofe gegenüber lag, schloss
zwei dem Leibe und Geiste nach verwandte Seelen ein, die hier ein stilles Glück
genossen, weil ihre erste Tugend Genügsamkeit war.
    Es war nämlich der Pächter in diesem Dorfe, der seit fünf Jahren mit seiner
Schwester hier zusammen wohnte, welche zwanzig Jahr alt, zu ihm gezogen war, und
seit der Zeit noch keine eigentlich missvergnügte Stunde zählte. -
    Denn alles Unangenehme übertrug sich in den unnennbaren Reitz der Teilnahme
des einen an des andern Ruhe, und lösste sich in den schönen Gleichlaut der
Gemüter auf, in welchem dieses grosse Ganze, wie in seinem Mittelpunkte sich
vollendet. -
    Wo alle Stürme schweigen, das Toben der Elemente aufhört, und die Sonne im
stillen See sich spiegelt. -
    Wo das Getrennte, das Entfernte sich wiedererkennt und wiederfindet. -
    Wo das Labyrint der Schicksale seinen Endpunkt erreicht, aus dem es sich
mit einem Blicke durchschauen lässt, und entüllet vor unsern Augen liegt. -
    Diese Gleichheit der Gemüter, welche verschwisterte Seelen an einander
knüpft, schafft mit einem mächtigen Worte, auf jedem Fleck der Erde noch nie
gekannte Freuden um sich her, lässt Blumen auf dürrem Boden wachsen; und wandelt
den Krainberg, und das Torfmoor von Ribbeckenau, zu weinbekränzten Hügeln, und
lachenden Fluren um.
    Wo dieser Gleichlaut der Gemüter weilt, da drückt er unverkennbar speine
Spur in Aug' und Wange, und zeichnet sich auf der freien und unumwölkten Stirne.
- Da wohnt der Unmut und die finstre Sorge nicht - da fesselt kein Zwang den
leisesten Laut der Empfindung - da schämt das Wort sich des Gedanken, die Mine
des Wortes, das Wort der Tat sich nicht.
    Dies war nun zwar auch der Fall bei dem Küster Ehrenpreis und dem
verstorbenen Pfarrer in Ribbeckenau, bei denen sich auch das Wort des Gedanken,
die Mine des Worts, und das Wort der Tat nicht schämte, wenn ihr düstrer
richtender Blick und ihre lispelnde, tödtende Zunge, über alle Ketzer und
Irrgläubigen aus ihrer Nachbarschaft das unwiderrufliche Urteil sprach - und
über manchem nicht nur in jener, sondern schon in dieser Welt, durch hämische
Anklagen den Stab brach. -
    Waren dies nicht auch verschwisterte, ineinandergeschlungene Seelen? -
brachten sie nicht auch bis Mitternacht in vertraulichen Gesprächen zu? - Warum
soll ihr Gleichlaut kein Wohlklang sein? -
    Gehören nicht die gröbsten und dunkelsten Vibrationen der Saiten, eben so,
wie die feinsten und hellsten zu dem vollstimmigen Konzert?
    Der frohe Blick hält sich gern an dem frohen, der düstre an dem düstern
fest, so wie das trübe Auge dem trüben zu begegnen wünscht. -
    Der Küster Ehrenpreis fand sich verwaiset, als sein Pfarrer todt war; seine
Klagen aber waren nicht sanft, oder vielmehr, es waren keine Klagen, sondern ein
finstrer Unmut, eine verdriessliche Unbehaglichkeit, die er in seinem ganzen
Wesen fühlte, und immer auf etwas anders, auf irgend eine Kleinigkeit schob, die
ihm in den Weg kam. -
    Wie konnten auch die Klagen über die Trennung sanft und edel sein, da die
Verbindung selbst rauh und grob gewesen war, und auf Bitterkeit, Grobheit und
Rauhigkeit sich gegründet hatte!
    Demohngeachtet aber war es auch eine Verbindung und Gleichlaut, der, so
lange er dauerte, in der Reihe der Töne sein Recht behauptete, und zwar in grobe
Selbstzufriedenheit, aber doch auch, so wie das feinste und zarteste, in
Selbstzufriedenheit einwiegte. -
    Auch war es gar kein unangenehmes Schauspiel, zu sehen, wie die schwarzen
Augenbraunen des Pfarrers und des Küsters Ehrenpreis sich freundlich einander
zunickten. -
    Aber freilich zeichnete die Uebereinstimmung auf Stirn und Wange sich nicht
so schön, wie bei dem Geschwisterpaar in Ribbeckenäuchen, das nun zum erstenmale
Hartknopfs Predigt besuchte, und unter dem Turm mit Schindeln gedeckt, in einem
grünausgeschlagenen Kirchenstuhle, gerade der Kanzel gegenüber, seinen Platz
nahm.
 
                               Die Wiederholung.
Hartknopf hub nun aufs neue wieder seinen Spruch an: im Anfang war das Wort, und
das Wort war bei Gott, u.s.w. als auf einmal aus dem Kirchenstuhle unter dem
Turm, wie aus einem heiligen Dunkel, die freundlichen Blicke des Pächter Heil
den seinigen begneten, während dass dessen Schwester ihre lebhaften Augen noch
sanft niederschlug, und der weiblichen Neugier, die sich in ihrem Busen regte,
mit zarter Tugend noch ein Weilchen widerstand. -
    Sie war einfach und nicht ohne Geschmack gekleidet, ihr Haar hieng in
ländlichen Locken herunter; ein Hütchen trat über ihre Stirne hervor, und
verdeckte den Strahl, der aus ihren Augen schoss, so oft sie sich niederbückte.
    Nicht lange aber, so schlug sie die Augen auf, um Hartknopf, den Prediger
anzublicken, dessen Stimme und Laut der Worte sie schon irgendwo gehört zu haben
glaubte, und sich doch auf keine Weise zu erinnern wusste, wo und wann? -
    Es war, als ob sie in eine dunkle Ferne blickte; als würden Erinnerungen ist
ihr aufgeweckt, an etwas, dass einen Augenblick vor ihrer Seele schwebte, und
plötzlich wieder verschwunden war.
    Sie hieng dem nicht mit ihren Gedanken nach, und in wenigen Minuten waren
diese Regungen ganz verschwunden.
    Hartknopfs Auge und Seele ruhte während, seiner Predigt auf dem Antlitz des
Pächters Heil und seiner Schwester Sophie Erdmut. -
    In diesen beiden Ovalen fand er die ruhige Stimmung seiner Seele, den
harmonischen Kreislauf der Dinge, den heitern Himmel, die lachenden Fluren, und
jeden Reitz dieser schönen Umgebung wieder, worin wir leben, weben und sind. -
    Denn diese Umrisse waren bezeichnend, und bedeutend - die höhere Menschheit
leuchtete aus diesen Zügen mit sanftem Schimmer hervor. -
    Es war der Tagesanbruch, die ersten Streifen der dämmernden Morgenrüte.
    Die übrigen Gesichter waren mehr oder weniger durch Brutalität entstellt -
es war eine chaotische Masse - das wandernde Auge des Menschenforschers fand
keinen Platz, auf dem es ruhen konnte. -
    Es war, als wäre über die Bildungen eine Furche hingezogen, die sie alle
gleich machte. -
    Das Bezeichnende und Bedeutende war entstellt, zerrissen. -
    Eine neue Schöpfung musste hier vorgehen, um diese erstorbene zur Erde
gesunkene Masse zu beleben, und dann mit dem neubelebten Worte und Blicke zu
wechseln. -
    Die Taube flog aus und fand einen Oehlzweig, auf dem sie ruhen konnte. -
    Hier aber schwebete keine Taubengestalt unglückbringend über Hartknopfs
Haupte. -
    Kein hölzernes Schnitzwerk entstellte diese Kanzel, und diese Wände. -
    Hier wiederholte Hartknopf seine erste Predigt beinahe von Wort zu Wort. -
    Er höhlte gleichsam jedes verlohrne Wort, jeden verschwundenen Gedanken
wieder - was auf der Kanzel in Ribbeckenau von seinen Lippen verwehet war, fand
sich hier in schönerer Ordnung wieder zusammen. -
    Denn die Höhe und Tiefe war einmal durch feste Punkte auf horizontalen
Linien, und jeder Takt durch einen senkrechten Strich bezeichnet.
    Das Ganze wiederhohlte sich daher, wie eine wohlgesetzte Musik, welche des
Aufwands von Kunst und Mühe nicht wert wäre, wenn sie nur einmal tönen, und
dann in die Luft verweht sein sollte. -
    Durch wiederholte Schläge pflegte Hartknopf wie im Sprüchwort zu sagen,
fällt der Baum unter der Axt, und das Eisen schmiegt sich unter dem Hammer. -
    Was ist das Leben in der ganzen Natur, der Wechsel der Jahreszeiten, was
jeder Pulsschlag, jeder Atemzug, als eine immerwährende Wiederholung ihrer
selbst? -
    Die Wiederholung des Schönen erwecket nicht Überdruss, sondern
vervielfältigten Reitz, für den, welcher anfangt seine Spur zu ahnden - und so
oft es ihm sich wieder darstellt, diese Spur verfolgt. -
    So war Hartknopfs Antrittspredigt ein vollendetes unvergängliches Werk, dass
in sich selber seinen Wert hatte, den kein Zufall ihm rauben konnte. -
    Und obgleich die Gemeinde in Ribbeckenau sich einmal, und der Küster
Ehrenpreis sich zweimal daran ärgerte, so erreichte sie dennoch ihren Zweck, der
in ihr selbst, in ihrem schönen Bau, und dem wohl abgemessenen Verhältnis ihrer
Teile lag - wodurch das Ganze eine Kraft erhielt, alles Mangelhafte
aufzudecken, und es in seiner Blösse darzustellen; wodurch die Bauern in
Ribbeckenau in ihrer Brutalität sich zeigen, und das schadenfrohe Lachen auf
ihren verzogenen Lippen erscheinen musste. -
    In welchen Mauren das Ganze dieser Predigt ertönte, da prüfte es die Geister
- es konnte, wenn es einmal von den Lippen verhallt war, durch nichts anders
ersetzt werden, als durch sich selbst; weil nichts darin war, das sich von
seiner Stelle verdrängen liess.
    Wenn Hartknopfs Predigten einst, dem Buchstaben nach, im Druck erscheinen,
so wird sich zeigen, dass seine Antrittspredigt in Ribbeckenau alle übrigen in
sich fasst, wie die gefüllte Knospe ihre Blätter. -
    Dass alles ein Ganzes ist, welches gleich dem belebenden Atemzuge, in jeder
Zeile, mit jedem Gedanken, nur sich selbst wiederholet. -
 
                       Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Ist es denn hart, die Worte wieder zu sagen, die von den Lippen des sanftesten
Lehrers tönten? -
    Dem die Geschlechter der Menschen nun tief in das zweite Jahrtausend
horchen, und horchen, ohne den leisesten Laut, des göttlichen Sinnes zu
vernehmen? -
    Das Licht wandelte in der Finsternis, und die Finsternis erkannte es nicht.
    Ist es die Fassungskraft nicht selbst, die sich erweitern muss, um das Edle
aufzufassen? -
    Soll der Oehlbaum seine Fettigkeit, der Weinstock seinen edlen Saft lassen,
um über den Bäumen zu schweben? -
    Da wo die Stimme vernommen wird, wohnet der Geist, die andern Behausungen
stehen öde, und sind wandelnde Massen. - Augen, ohne Sehkraft; Ohren, die nicht
hören; Arme, die nicht vermögen; Hände, die nicht würken.
    Wie der Wind die Wellen kräuselt, so sind sie ein Spiel des Zufalls. -
    Wo die Stimme vernommen wird, da tönet sie mächtig wieder; es zeichnet sich
im Blick und, Handlung ihre Spur. -
    Das leichte senkt, das Lockre dichtet und ründet sich zu einem festen Kern,
aus welchem des Lebens edler Baum erwächst. -
    Der Sturmwind rauscht, der Donner rollt, das Meer brauset, die Menschenlippe
spricht. -
    In Wüsten steigen Städte mit Tempeln, und Pallästen Himmelan. -
    Das Schiff mit Mast und Segeln tanzt auf den empörten Wellen. -
    In tiefen Schachten liegt des Goldes Spur entüllt. -
    Von dem gespannten Bogen fliegt, der befiederte Pfeil, und eilet dem
Gedanken nach, der vor ihm schon das Ziel erreicht. -
    In seinem Blute sich wälzend ächzt das Wild. -
    Die angespannte in sich gedrängte Kraft wirkt durch den Luftraum in die
Ferne. -
    Sie wohnet in der atmenden Brust des Menschen, und reicht bis an des
Himmels Wölbung, und des Oceans ungemessne Ufer. -
 
                                 Das Liebesmahl
Bestand aus Milch und Brodt, welches Hartknopf mit dem Pächter Heil und seiner
Schwester genoss, ehe er seinen Stab weiter setzte, denn er wollte den Tag noch
drei Meilen gehen. -
    In Heils Wohnstube war der Fussboden mit einer weichen Decke belegt, und die
Wände mit senkrechten blauen Streifen geziert.
    In der Mitte stand ein rundes Tischgen, woran diese drei nun sassen. -
    Sophien gegenüber hieng ein Spiegel, vor dem sie, wie beim Anfange von
Hartknopfs Predigt, nur ein wenig die Augen niederschlug, und sie dann wieder
aufschlug. -
    Denn der Spiegel verdoppelte die schöne Seene, und stellte sie wie in dem
Hintergrunde eines Gemähldes dar, das drei vorzüglich karakteristische Köpfe in
sich fasste, die durch ihre Stufenfolge einen Akkord bildeten, dem nur ein fast
unmerkliches Etwas zur völligen Harmonie und Reinheit fehlte.
    Die Liebe welche bei dem Mahle herrschte, verdeckte dies Etwas, und knüpfte
unvermerkt ein schönes täuschendes Band, zwischen diesen sich so nahe
verwandtscheinenden Seelen, die in vertraulichen Gesprächen über die
eigentlichen Lebenspunkte, und über das, was der Mensch in jedem Augenblick des
Lebens zu seiner Glückseligkeit tun und nicht tun kann, sich immer näher
aneinanderschlossen. -
    Während diesen Gesprächen vernahm Hartknopf zum öftern en sanftes Echo aus
seiner gehaltenen Predigt wieder. - Ganz leise hatten die Saiten angeklungen,
die seine Worte berühren wollten, nur einige waren verstummt geblieben. -
    Bei diesem Liebesmahle verschwand allmälig das Torfmoor und die
unglückbringende Taubengestalt über Hartknopfs Haupte. -
    Die ersten Worte des Pächters, womit er ihn in sein Haus geführt hatte,
tönten immer noch angenehm in seinen Ohren.
    In diesem Hause wohnet Heil, sagte der Pächter, indem er ihn hineinführte,
und Seegen, antwortete Hartknopf, indem er ihn umarmte. -
    Der Pächter Heil sagte dies dem Ansehen nach kindische Wortspiel, mit einem
so freundschaftlichen Händedruck und bedeutenden Blick auf Hartknopf, und
zugleich mit einem so edlen Selbstgefühl, dass Hartknopf auf einmal harmonisch in
dieses Wortspiel mit einstimmte. -
    Und Seegen! setzte er hinzu, und gewiss war seine ganze Seele bewegt, indem
er dies sagte, er fühlte die Macht dieser Worte, sobald sie aus der Fülle des
Herzens strömen; und aus dieser Fülle des Herzens die Kraft erhalten, womit der
sterbende Patriarch das Hörn des Ueberflusses über seine Sühne ausschüttete,
welche auf kommende Geschlechter seinen Seegen fortpflanzen. -
    Nicht so harmonisch griff der Seegen ein, welchen er auf der Kanzel und vor
dem Altar, der seegengewohnten Gemeinde gab. -
    Er machte nehmlich statt des Kreuzes mit dem Mittel- und Zeigefinger nur
einen geraden Querstrich zweimal durch die Luft, woran die ganze Gemeinde, so
oft er es tat, und der Küster Ehrenpreis zwiefach sich ärgerte. -
    Dergleichen Kleinigkeiten wurden in Hartknopfs Gemeinde zu sehr wichtigen
Dingen, und verwickelten ihn in der Folge in tausend Verdriesslichkeiten, deren
er sich nicht im mindesten versah. -
    Für jetzt aber nahm er Abschied von dem Geschwisterpaar, da es hoch Mittag
war, um den Herrn von G... zu besuchen; dieser wohnte drei Meilen weit von hier,
bei dem Dorfs Nesselrode, wohin der Weg durch einen Fichtenwald führte, der eine
Strecke hinter Ribbeckenäuchen seinen Anfang nahm, und unsern Wanderer auf
seinem Wege vor den Strahlen, der Sonne schützte, welche schon anfiengen, den
ausgetrockneten Boden zu sengen. -
 
                                Der Fichtenwald.
Hier war nun alles auf einmal so todt und einförmig - und Hartknopf wanderte
ganz allein. -
    Es war Ebbe in seiner Seele geworden - die angenehmen Bilder standen tief im
Hintergründe. -
    Er horchte auf den Tritt seiner Füsse, und stand zuweilen still, und machte
mit seinem Stabe Figuren in den Sand. -
    Mit dieser Handlung begannen die fürchterlichsten Stunden seines Lebens -
dies war das Zeichen der gänzlichen Leerheit, der Selbstermangelung, des dumpfen
Hinbrütens, der Teilnehmungelosigkeit an allem. -
    Als er von dem Pächter Heil und seiner Schwerster Abschied nahm, da war
seine Mine noch heiter und froh - sobald er aber aus der Tür getreten war, und
niemand mehr um sich sah, seufzte er: Ach Elias! und seine Lippen schlossen sich
wieder. -
    Er eilte mit starken Schritten dem Fichtenwalde zu - und als er ihn erreicht
hatte, und in sein heiliges Dunkel trat - fühlte er auf einmal seine Brust von
einem grossen Gefühl erweitert, dass aber eben so plötzlich sich wieder verlohr,
als es entstanden war. -
    Es war die grosse leblose Natur, welche er in diesem Augenblicke fest an sich
schloss, und die sogleich wieder allen Reiz für ihn verlohr - weil das
schimmernde zarte Gebildete das Grosse verdunkelte, und doch war das zarte
Gebildete nicht stark genug, das Grosse in seinem Umfange festzuhalten, und es
dem Liebenden zur Morgengabe zu bringen. -
    Es entstand ein schrecklicher Kampf in Hartknopfs Seele - das Leere wollte
die Fülle, das Chaos die Bildung verdrängen. - Nichts war der Mühe des
Festaltens, nichts des Fliehens, und nichts der Anschliessung wert. -
    Ohne Gedanken, ohne Empfindung, zog er noch immer Figuren im Staube, als
sein guter Genius seine Hand leitete, und er auf einmal unwillkührlich den
Nahmen Elias auf den Boden schrieb. -
    Durch diese trostreichen Züge stärkte die Hand des Engels ihn, und der Kelch
ging diesmal noch vor ihm vorüber. -
    Er ging mit schnellen Schritten vorwärts, in der Kühle des Waldes. - Er
hatte einen Punkt gefasst, an dem er sich wieder halten konnte, dem sich das
übrige unterordnete. -
    Seine Phantasie fand wieder freien Spielraum - er dachte sich in der Stube
des Pächter Heil mit der weichen Fussdecke, und den blauen senkrechten Streifen
an den Wänden. -
    Dann beschäftigten seine Gedanken sich mit dem Hrn. v.G..., den er nun
persönlich sollte kennen lernen, nachdem er schon lange im Briefwechsel mit ihm
gestanden. -
 
                               Der Herr von G...
Dieser Herr v.G.. war ein Greiss von achtzig Jahren, der Hartknopfs Vater gekannt
hatte, und den Sohn zum Prediger berief. -
    Er hatte schon lange seine Gattin und Kinder überlebt - so dass alle seine
Gedanken den irrdischen Sorgen entrückt waren, und sich nun mit etwas jenseit
beschäftigten, dass sie nicht fassen konnten. -
    Nichts konnte sich wohl mehr entgegengesetzt scheinen, als die Meinungen
Hartknopfs und des Herrn v.G...
    Der Herr v.G.. war für das Leichte, Auf lodernde, Himmelanstrebende. -
    Hartknopf für das Schwere, sich niedersenkende, in sich selbst ruhende. -
    Der Herr v.G... liebte die Pyramidalform. -
    Hartknopf den Kubus. -
    Und doch trafen beide immer in gewissen Punkten zusammen. -
    Dann war es, als ob sie sich über einem Abgründe die Hände reichten. -
    Der Hr. v.G.. hatte von seiner Jugend an mystische Schriften gelesen, und
seine ganze Denkart hatte dadurch eine gleichsam zugespitzt Richtung bekommen,
sie eilte immer zu früh dem Ende zu, ehe sie noch die Fülle gefasst hatte. - Das
Fassende erhielt dadurch eine gewisse Einengung, worin Bäume, Pflanzen und
Tiere nicht Platz finden konnten.
    Das Körperliche blieb ausgeschlossen - das Geistige schwebte oben. -
    Zwischem dem, was zusammen gehört, und sich nach einander sehnt, war eine
Kluft befestiget, die der Hr. v.G.. nicht sähe, weil er selber in dieser Kluft
stand. -
    Hartknopf zog einen Brief des Hrn. v.G.. aus der Tasche, den er ihm nach
Erfurt geschrieben hatte, und las ihn noch in dem Fichtenwalde durch, da er
sich, an einen Stamm gelehnt, ein paar Minuten ausruhte. -
    Er wollte die gewohnten Züge seiner Hand erst wieder vor seinen Augen
erneuern, eh' er den Mann persönlich sah. -
    Die Buchstabenschrift des Hrn. v.G... flammete, wie sein Geist in die Höhe -
wodurch aber der Nachteil entstand, dass die untere Zeile oft in die obere
eingrif, und die Züge sich untereinander verwirrten.
    Hartknopfs Buchstaben standen mehr senkrecht in dichtgeschlossener Reihe
aneinander - so dass auch die Wörter sich fast zu nahe aneinander drängten, und
oft eine ganze Zeile wie ein einziges Wort aussähe. -
    Der Brief des Hrn. v.G.. an Hartknopf lautete also:
    »Da mein bisheriger Prediger in Ribbeckenau am 8ten dieses gestorben ist, so
lasse ich an meinen lieben Andreas Hartknopf in Erfurt, folgende Anfrage
ergehen: ob derselbe noch gewilligt ist, diese von mir ihm zugedachte, nunmehro
erledigte Pfarrstelle, zu übernehmen? -
    Da ich hieran nicht zweifeln kann, so sehe ich mit Verlangen dem Augenblicke
entgegen, wo unsre Worte und Gedanken sich unmittelbar einander begegnen können
- dem, ich weiss doch, dass mein Andreas auch seine noch nie gesehenen Freunde
liebt. -
    Ich möchte ihm noch die Hand geben, ehe ich scheide; denn ich stehe am Rande
und harre auf meine Auflösung - der aber, den ich hier zurücklasse, wird durch
harte Prüfungen vollendet werden. -
    Ich lade ihn ein zu der Schule des Kreuzes; denn er soll nachfolgen seinem
Herrn und Meister. -«
 
                                Die Kinderlehre.
Während dass Hartknopf durch seinen Fichtenwald auf Nesselrode zuwanderte, war
der Küster Ehrenpreis schon wieder über das Torfmoor nach Ribbeckenau
zurückgekehrt, um dort den Nachmittagsgottesdienst zu halten. -
    Als nun die Kinder des Dorfs um dem Altar versammelt standen, faltete er
seine Hände und betete:
    »Erhalt uns o Herr die reine Lehre. Alle Irrgläubigen aber, welche dein Wort
verdrehen, mache zu Schanden um deiner Liebe Willen!«
                            Nun war die erste Frage:
    Ehrenpreis. Als Lucifer oder der Teufel, von Gott abfiel; wer stiess ihn da
vom Himmel hinunter?
    Die Rinder. Gott!
    Ehrenpreis. Wie kam er also vom Himmel herunter?
    Ein Bauerknabe. Plötzlich!
    Ehrenpreis. Aber wie oft soll ich euch noch sagen: ihr müsst auf das
Vorhergehende merken! Ihr begreifts nicht! - wann ich euch frage: wie kam er vom
Himmel herunter? so heisst ja die Antwort nach dem Vorhergehenden: Gott stiess ihn
herunter? - merkt doch auf die Worte! es heisst ja: Gott stiess ihn herunter!
                          Wie kam er also vom Himmel?
    Die Kinder. Gott stiess ihn herunter. -
    Ehrenpreis. Was ist durch den Teufel in die Welt gekommen?
    Die Kinder. Die Sünde.
    Ehrenpreis. Durch wen sind wir von Sünden erlösst?
    Die Kinder. Durch Christum!
    Ehrenpreis. Wen sandte Christus seinen Jüngern, da er gen Himmel fuhr?
    Die Kinder. Den Tröster!
    Ehrenpreis. Als aber der heilige Geist bei der Taufe Christi in Gestalt
einer Taube vom Himmel herab kam, wer sandte, ihn da vom Himmel?
    Die Kinder. Gott?
    Ehrenpreis. Wie kam also der heilige Geist vom Himmel herunter? (Hier
horchte Ehrenpreis sorgfältig auf die Antwort.)
    Einige Kinder. Gott stiess ihn herunter. -
    Ehrenpreis. Nein Kinder (fiel er als wär' es abgeredet ein) Menschen stiessen
ihn herunter, die den dreieinigen Gott nicht erkennen, und des Herrn Wort
verdrehen, welche Sünde nicht vergeben werden soll, weder in dieser noch in
jener Welt! -
    Gehet hin in Frieden!
 
                    Hartknopfs Besuch bei dem Hrn. von G...
Die Sonne neigte sich zum Untergange, als Hartknopf aus dem Fichtenwalde trat. -
    Das Dorf Nesselrode lag gerade vor ihm in einer fruchtbaren Ebene, und in
einiger Entfernung zur Rechten das herrschaftliche Schloss, dessen Fenster im
Glanze der Abendsonne schimmerten.
    Der Pfad zum Schloss des Hrn. von G.. führte vor Nesselrode vorbei über ein
schönes Aehrenfeld. Der Fahrweg aber ging durch das Dorf, und war mit einer
Allee von Weidenbäumen bepflanzt.
    Da wo nun der Fahrweg und der Fussweg dem Schlosstore gegenüber
zusammentraten, stand Hartknopf noch eine Weile still, und schauete durch den
Torweg, über den Hof, bis an die Stuffen vor der Tür welche braun angestrichen
war, und gegen die ganz weiss abgeputzte Vorderseite des Hauses auffallend
abstach. -
    Die braune Tür eröfnete sich, und Hartknopf blickte beim Strahl der
Abendsonne zuerst in dies Heiligtum, das einen Geist umschloss, der in seiner
sterblichen Hülle weit über die Erde emporragte, und doch in den Bezirk dieser
Mauren, auf diesen einzelnen Fleck, seine bestimmte Wirksamkeit hingeheftet
hatte; und gleichsam nur noch mit den Spitzen der Zehen diesen Punkt der
rollenden Kugel berührte, die nun bald unter ihm weggewälzt, seinem spähenden
Blicke in die ungemessene Ferne sich entziehen sollte.
    Ein alter Diener des Herrn von G.., führte Hartknopf eine Treppe hinauf, in
ein grün tapezirtes Zimmer, wo der Herr von G.. vor dem Spiegel stand, und sich
den Bart eingeseift hatte, um sich zu halbieren, welches er, eine Stunde vor
Sonnenuntergang selbst zu tun gewohnt war.
    Er eilte mit dem eingeseiften Barte auf Hartknopfen zu, dieser aber bat ihn,
er möchte sich nicht stöhren lassen, und setzte sich so lange auf einen Stuhl,
bis der Herr von G.. sich den Bart abgenommen hatte. dabei gab er auf seine
Augen und Hände Acht, wie die Schärfe des Scheermessers das Kinn des Greisen
umwandelte - während dass in der ruhigen Mine ein schöner Zug nach dem andern
sich entüllte, und endlich um die Lippen das jugendliche bewillkommende Lächeln
sich verbreitete, womit der Herr von G..., nachdem er sich halbiert hatte,
seinen langgewünschten Freund an seinen Busen brückte.
    Die Empfindungen Hartknopfs und des Hrn. von G.... trafen in einem Punkte
zusammen. - Beide suchten die Bewegung, welche in ihren Gemütern herrschte,
erst wieder einzuwiegen, ehe sie sich einander mitteilten.
    Daher fand es der Herr von G... ganz natürlich, dass Hartknopf, ohne weiter
etwas zu sagen, sich an ein Klavier setzte, das in der Stube stand, und folgende
beiden Lieder sang und spielte, welche der Herr von G... in einer freilich noch
etwas unpoetischen Sprache, aus dem Französischen übersetzt hatte.
    Hartknopf kannte diese Lieder schon, und fand sie gerade aufgeschlagen auf
dem Klavier liegen; das erste war das Wiegenlied selbst, und das andre noch eine
Kadenz dazu.
 
                                Das Wiegenlied.
   Ein Lied des heiligen Johannes vom Kreuz, dem Buch, Aufsteigung des Berges
                               Karmel vorgesetzt.
Als die Aengsten mich umgaben,
Ganz entzündt in finstrer Nacht,
Ward die Lieb in mir erhaben,
Und ihr fester Bund gemacht.
O Glück! ich ging ohne Sehen
Aus der Selbsteit gänzlich aus,
Als ich frölich sah stehen,
Weine Ruh- und Friedenshaus.
Ich ging durch verborgne Stege,
Sicher in der Dunkelheit,
Taumelnd, ohne Furcht im Wege,
Ungestalt und ganz verkleidt;
Ja in Finsternis verborgen,
Schritt ich aus mir selber aus!
Ach! o Glück! da ohne Sorgen,
Ich in Ruhe fand mein Haus.
Keiner konnte mich erkennen,
Noch die Seligkeit der Nacht:
Mein Herz hatte in sich brennen,
Ein verborgnes Licht und Tacht:
Doch verdeckt, und ohne Schauen;
Licht und Führer heimlich bleibt:
Und in dieser Nacht und Grauen,
War ich blind, und ganz betäubt.
Diese mir verborgne Leiter
Brachten mich in Sicherheit,
Führeten mich immer weiter,
Bis zum Tag der Ewigkeit,
Wo Gott selber Licht und Sonne,
Und das Liebes-Feuer ist,
Friede, Freude, Ruh und Wonne,
Und mal, alles Leid vergisst.
Nacht, die lieblich führen täte:
Du bist schöner dunkle Nacht,
Als der Glanz der Morgenröte:
Denn du hast in Eins gebracht
Braut und Bräutigam vermählet:
Dieser hat nun inniglich
Seine Braut, die er erwählet,
Ueberformet ganz in sich.
Mein Geliebter, ohne Schmerzen,
Still und sanft regierete
Und entschlief in meinem Herzen,
Das in Liebe grünete:
Da die Cedern und die Rosen
Sich bewegten in der Lust
Sanfte tät ich ihm Liebkosen
Unter diesem süssen Duft.
Morgenrot, dein sanftes Wehen,
Hat zerstreut mein ganzes Heer,
Kein Begehren konnt bestehen,
Denn der Freund vertrieb es gar,
Da mir klarer Hand er drücket
Meinen Hals, den er verletzt,
Alle Sinnen sind entzücket,
Und ich aus mir selbst gesetzt.
Nunmehr hab ich ganz vergessen,
Wo das Aug sonst hingericht,
Liebster, du hast mich besessen,
Auf dich leg ich mein Gesicht.
Ich hab alles gar verlassen,
Es verschwindt, und ist nicht mehr:
Ich mag nicht Gedanken fassen,
Sie sind bei dem Lilien-Heer.
 
                                  Die Kadenz.
Als der Morgenröte Wunder
Glänzte vor der Sternenbahn,
Fiel ein Tröpflein Tau herunter
In den grossen Ocean:
Da der Tropfen nun die Weiten
Dieses Meeres sah hier,
Dessen Unermesslichkeiten,
Wie erstaunte er dafür!
Da er sich auch wollte setzen
In Vergleichung, sagte er:
Wie gering bin ich zu schätzen
Zu vergleichen mit dem Meer!
Wahrlich, wo das Meer zu sehen,
Der so grosse Ocean,
Muss ich mir ein Nichts gestehen,
Einen Schatten, Traum und Wahn!
Als er so ein Nichts sich sah,
Und das Meer, so weit, so gross,
War die Perlen-Muschel nahe,
Schloss ihn ein in ihren Schoss!
O wie wurd' er da verwandelt
Ja zur Perle nun gemacht,
Gross, veredelt, wohl behandelt,
Zur Vollkommenheit gebracht.
Auch der Himmel gab den Seegen
Dass der Perle hoher Preis
Gar nichts wäre gleich zu wägen
Auf dem ganzen Erden-Kreis;
Bis der König sie bekame,
Setzte sie in seine Kron,
Hoch berühmet wurd ihr Nahme.
Schauet hier der Demut Lohn!
 
                       Doktor Martin Luters Tischreden.
Während dass Hartknopf die Lieder spielte, ward der Tisch für vier Personen
gedeckt, und die Frau St... mit ihrer Tochter traten herein.
    Die Mutter mochte im fünfzigsten, die Tochter im dreissigsten Jahre sein. -
    Hartknopf wurde von ihnen freundlich bewillkommet, und man setzte sich zu
Tische, wo das Gespräch bald heiter und froh wurde, und auf allerlei weltliche
Dinge fiel.
    Hartknopf erzählte von Erfurt, von den drei Brunnen und vom Steigerwalde;
und von seiner Art periodisch zu studiren, die dem Herrn von G... gar grosses
Vergnügen machte.
    Sie kamen nun auf das Universitätsleben zu sprechen, und der Herr von G..
erzählte von einem Duell, dass er in seiner Jugend gehabt hatte.
    Nun kamen politische Gegenstände an die Reihe, worin der Herr von G.., der
selbst einen beträchtlichen Gesandschaftsposten bekleidet hatte, reelle
Kenntnisse besass.
    Die Jungfer St.... würzte das Gespräch mit einem leichten spottenden Witze,
womit sie den wichtigen Weltangelegenheiten wieder ein komisches spielendes
Ansehen zu geben, und die Ueberwichtigkeit der Dinge immer wieder ins
Gleichgewicht zu bringen wusste.
    Die Frau St.... belebte die Einfälle ihrer Tochter durch einen launichten
mütterlichen Ernst, womit sie ihr dieselben verwies.
    Die Jungfer St... fragte schalkhaft, ob Hartknopf die Bekanntschaft des
Pächter Heil, eines sehr braven Mannes noch nicht gemacht habe - und Hartknopf
wäre über diese Frage beinahe in Verwirrung geraten, so wunderbar überraschte
sie ihn - durch den Ton und die Miene, womit die Jungfer St... diese Frage an
ihn tat.
    Denn der Pächter Heil und seine Schwerster standen wie zwei verschlungene
Buchstaben in seinem Gedächtnis, deren Züge sich in einander verwickelten, und
das Verwickelte zog die Verlegenheit nach sich. -
    Hartknopf half sich so gut er konnte, und die Jungfer St... erbarmte sich
seiner, und fing an, mit dem Herrn von G.... über Russland und Pohlen zu
sprechen.
    Die Jungfer St.... hatte bei einer blassen Gesichtsfarbe ein fast zu
feuriges Auge, welches dem Auge des Hrn. von G.... oft mit einer Lebhaftigkeit
begegnete, die mehr als Ehrfurcht bezeichnete, weil die Jungfer St... wirklich
mehr als Ehrfurcht gegen den edlen Greis hegte, der ihrer ganzen Liebe wert
war.
    Sie war unter den Augen des Herrn von G.... in diesem Hause aufgewachsen, in
welches ihre Mutter im sechs und zwanzigsten Jahre schon als Wittwe in Dienste
getreten war, um der Verwaltung des Hauswesens, noch bei Lebzeiten der Gemahlin
des Herrn von G.... welche sehr kränklich war, vorzustehen.
    Der Herr von G.... besass auch selbst in seinem Greisenalter noch eine
gewisse jugendliche Lebhaftigkeit, die ihn und andre oft seiner Jahre vergessen
machte.
    So schien diesen Abend sein Puls schneller zu schlagen, sein Blut
jugendlicher in seinen Adern zu fliessen - und endlich erklangen auch vom Saft
der edelsten Trauben angefüllt die Gläser. -
    Das Gespräch lenkte sich noch einmal eigensinnig auf den Pächter Heil und
auf die Liebe, und Hartknopf bewafnete sich diesmal mit Doktor Martin Luters
Tischreden, die er aber in diesem Cirkel nicht nennen durfte, und sagte: indem
die Jungfer St... ihr Glas mit dem seinigen anklang, folgende Losung:
                          Wein und Liebe, und Gesang!
    Nun war schon vorher die Rede von dem treflichen Gesänge der Jungfer St...
gewesen, welches Lob sie bescheiden von sich abgelehnt hatte, nun aber nicht
ferner konnte, da sie auf Befehl des Herrn von G.... es bestätigen musste.
    Sie sang und spielte also zum Beschluss der Mahlzeit folgendes kleine Lied,
welches der Hr. von G... ebenfalls aus dem Französischen der Madam .... in seine
Art Verse übersetzt hatte, und fast zu gern es immer wieder hörte:
Zu glauben, dass man grade geht,
Blind sein, und sich verirren;
So geht ein Narr voll Gravität,
Die Bücher ihn verwirren,
Und in seiner Gelehrsamkeit
Ist er blind, töricht jederzeit.
    Hartknopf fieng schon an, über dies Lied ein wenig verdriesslich zu werden -
denn er konnte die Mystick wohl leiden, bis auf den Punkt hin, wo sie das
menschliche Wissen ausschliesst, und für Torheit achtet. - Hartknopf hatte sehr
viel Achtung für alles menschliche Wissen, es mochte sich aufwärts oder abwärts
erstrecken; am liebsten war es ihm aber, wann es von der Ceder bis zum Ysop
reichte - und weil dies so selten in diesem Leben der Fall ist, so mochte er
gerne fremdes Wissen dem seinigen ansetzen, um sich allmählig eine Leiter zu
bauen, auf der er ein wenig über die Erdfläche emporsteigen, und um sich her
schauen konnte. -
    Wer ihm da nun eine Stuffe unter den Füssen wegbrach, den musste er wie einen
hämischen Feind betrachten, der ihm ein unschuldiges Vergnügen misgönnte, und
beinahe so betrachtete er den Herrn von G... in dem Augenblick, da die Jungfer
St... auf dessen Befehl das obige Lied sang.
    Er lenkte, da es vorbei war, das Gespräch sobald wie möglich, auf Kenntnisse
und Wissenschaften, und gestand ein, dass er sie zur Leiter brauche, weil er
nicht fliegen könne; und derjenige, welcher fliegen könnte, doch immer sehr
unrecht täte, wenn er dem, welcher es nicht könnte, noch dazu die Leiter
wegrücken wollte.
    Das wollte nun der Herr von G... wahrlich nicht, sondern es war eine ganz
andre Ursach, weswegen er das Lied gerne hörte, die aber Hartknopf nicht wusste;
den es daher auch gar nicht gereuete, dass er den Herrn von G... durch seine
harten und spitzigen Worte tief beleidigt hatte; denn ihm war es nur um die
Sache zu tun, und er sah nur die Kluft vor sich, welche zwischen ihm, und dem
Herrn von G.... lag, aus dessen Hand er in dem Augenblick die seinige zog. -
    Der Herr von S... dachte sich nehmlich bei dem Namen voll Gravität in dem
Liede, unter andern den verstorbenen Pfarrer in Ribbeckenau; welcher wirklich
Gelehrsamkeit besass, und dem Herrn von G...., der sich anfänglich mit ihm
eingelassen hatte, in seinem Leben manches Herzeleid verursachte.
    In der Freude seines Herzens, da er nun seinen teuren Hartknopf mit dessen
Vorgänger verglich, liess er die Jungfer St.... das Lied singen, und dachte nicht
daran, dass es auf Hartknopf eine so widrige Wirkung, tun könnte.
    Freilich hatte der Herr von G... einen Widerwillen gegen den Stand der
Prediger überhaupt, und trauete ihnen nicht viel zu, wie folgende Stelle in
einem seiner Briefe beweisst, welcher mir zu Handen gekommen ist:
    »Wie Herr Pastor Dannemann steht, so stehen die meisten Pastores, die
wirklich Gott fürchten, aber bei ihren Lehrbegriffen stehen bleiben. Sie
verstehen nicht, was mystische Schriften sind, indem sie keine Erfahrung davon
haben. Es ist auch nicht gut, sich mit solchen, wenn sie nicht was tiefes
erkennen, noch haben, allzubekannt zu machen, weil man leicht mit einem Heuchler
könnte bekannt werden, der sich gut zu sein stellen könnte, und alsdann könnte
ein solcher einem leichtlich Verfolgung und allerlei Leiden erwecken.«
    Nun kamen aber noch mehrere Dinge zusammen, welche die Vorliebe des Herrn
von G... zu dem obigen Liede, wo nicht entschuldigen, doch erklären. -
    Es war nehmlich gerade damals eine Schrift wider die Schwärmerei erschienen,
welche viel Aufsehens machte, deren Verfasser mit einer Selbstgenügsamkeit ohne
Weichen, und mit einer bittern Unduldsamkeit alles in eins warf, was ihm
freilich eins zu sein schien; welcher so wenig Sinn hatte, das Zarte von dem
Groben zu unterscheiden, dass dies Buch freilich den Hrn. von G... empören musste,
statt ihn aufmerksam zu machen.
    Folgende Stelle schien ihm besonders hart, und er konnte sie nie ohne
Unwillen lesen:
    »Wer es auch sei, der euch von einem innern Worte, von höhern Offenbarungen
spricht - hütet euch vor ihm, wie vor der Pest die im Finstern schleicht - er
ist ein bübischer Gleissner, oder ein intoleranter Dummkopf und in dem einen Fall
so gefährlich wie in dem andern.«
    Nun war der Herr von G... weder ein Gleissner noch ein Dumkopf, und sprach
doch auch von einem inneren Worte, und von etwas, das er für höhere
Offenbarungen hielt - die Stelle in dem Buche würde ihm aber doch nicht so hart
aufgefallen sein, wenn der ganze Geist des Buches wider die Schwärmerei ihn
nicht schon gedrückt hätte. -
    Denn es war ihm immer unerklärbar, dass es irgend jemanden möglich gewesen
sei, so zu schreiben - seine Zarteit des Denkens konnte jene Grobheit nicht
übertragen, sondern erlag darunter. -
    Nun hatte er aber bei aller Ertödtung der Eigenheit hoch immer noch so viel
Selbstgefühl, dass er wohl wusste, eine Denkkraft, welche die Sachen fein zu
nehmen vermag, sei mehr als eine solche, die dies nicht vermag.
    Dies hob ihn selbst wieder in seinen Gedanken empor - und nährte den kleinen
mystischen Übermut, der ihm zuweilen anwandelte. -
    Der Narr voll Gravität stand dann vor ihm, der in seine Worte ein Gewicht
legen wollte, dass seine Gedanken nicht hatten.
    Dies war die sonderbarste Mischung von Ueberlegenheit und Schwäche, die man
sich denken kann - und eben daraus entstand das Disharmonische jenes
unmerklichen Uebermutes bei dem Herrn von G... welchen Hartknopf nicht
ertragen, und seinen Spott darüber nicht zurückhalten konnte.
    Als ihm aber der Herr von G... die oben angeführte Stelle in dem Buche
zeigte, welches broschürt auf dem Klavier lag; so wurde die Miene des Spottenden
allmälig wieder sanft und gut.
    Ja, sagte Hartknopf, mir fällt immer jener lahme Schulmeister ein, der in
seiner Schulstube sass, die Rute und den Stock ans Fenster gesteckt, und
dazwischen durchsähe, wie die Jungens im Dorfs schwärmten. -
    Ach, wie sie schwärmen! seufzte er - wenn ich sie wieder habe, wie will ich
sie züchtigen. -
    Der Herr von G... lächelte und sagte: die schwärmende Biene saugt den Honig!
    Wohl! erwiederte Hartknopf, aber sie wohnet und bauet den Honig in ihrem
Korbe! -
    Hiemit wünschte man sich einander gute Nacht. -
    Die Frau St... wiess Hartknopfen sein Lager an - und ihre Tochter begleitete
den Herrn von G...
 
                                     Elias.
Die Züge dieses Namens schienen noch nicht ganz verweht zu sein, als Hartknopf
am folgenden Tage, bei seiner Rückkehr von dem Herrn von G..., wieder auf
denselben Fleck, in dem Fichtenwalde kam, wo er mit seinem Stabe Figuren in den
Staub schrieb.
    Eine süsse Ahndung kam in Hartknopfs Seele - es war ihm noch aufbewahrt,
unter dem Hochgerichte von Gellenhausen, den alten Rektor Emeritus wieder zu
sehen, - denn dieser war sein Lehrer und Meister - sein Ellas -
    Es war der einzige Freund seiner Jugend, an dessen Hand er zuerst den Felsen
erstieg, an Abgründen wandelte, dem Wasserfalle horchte, dem kommenden Sturme
entgegen ging, und in der einsamen Hütte sich vor dem Regen barg. -
    Wenn schwarze Gewitterwolken hinter der Stadt sich auftürmten, wie ein
Berg, und die Sonne mit ihrem Glanze dicht auf dieser Dunkelheit ruhte - so
eilten Hartknopf und sein Lehrer mit ein paar Schritten durch den Gärten hinaus
ins Freie, und standen, wie das erste Menschenpaar, auf dem einsamen Erdkreise,
vor der mächtigen Erscheinung, im dämmernden Lichte da. -
    Dann war wie ein Traum in des Knaben Seele seine Kindheit, sein Beginnen,
sein Wandeln an seines Führers Hand. - Es däuchte ihm Täuschung, und war doch
wirklich. - Die süsse Täuschung währte, so lange das Licht die Nacht umsäumte -
war aber die Sonne hinter dem Wolkenberge ganz versunken, so war auf einmal
alles wieder so gewöhnlich: - auf dem Turme schlug der Seiger - man eilte durch
den Garten in die Stube - da waren die weissen Wände - das Tintenfass und der
Bücherschrank - man setzte sich an den Tisch, und lernte Sprachen.
    Wenn aber Himmel und Erde mit Macht in des Knaben Seele sich spiegelten, und
die zarte aufschiessende Knospe auseinander drängten, so hieng sein
schmachtendes Auge am Auge seines Lehrers, das ihn allein verstand. -
    Wenn dann im Glanze des Vollmondes die kleine Stadt mit dem spitzen Turm
vor ihnen lag, und Berg' und Täler rund umher, und das Entfernteste wie ein
Gewölke sich am Horizonte gelagert hatte; so sass Elias auf dem abgehauenen
Stamme der Elche, und der wunderbare Knabe stand vor ihm, und horchte auf die
göttlichen Lehren, die wie Honigtau von den Lippen träuften, und von des Knaben
Seele aufgefasst, wie ein Kleinod in das Innerste seines Busens verschlossen
wurden.
    In der nächtlichen Stille erhub Elias seine Stimme und sprach:
    »Die unendliche Erde, die dich trägt verschmäht den Kuss deines Fusses nicht,
denn deine Scheitel ist ihre Krone.« -
    Hier legte er seine Hand auf des Knaben Haupt, und liess sie an seinen Locken
hinuntergleiten.
    »Dein leisester Fusstritt bebt in ihre innersten Tiefen.« -
    »Sie lockt den steigenden Vogel, und den befiederten Pfeil mit sanftem Zuge
an ihre Brust zurück. -
    Aus ihr strömt Lebenskraft in deine Adern, wenn du aufrecht stehst, und wenn
du wandelst. -
    Sieh diesen Baum und jene wallenden Saaten. -
    Sie gab deinem Körper die Biegsamkeit des Halmes, vereint mit der Stärke des
Baumstammes - und deine Fingerspitzen pflücken Blumen, die ihrem Schoss
entspriessen.
    Dein Blick schauet himmelwärts - sie aber heftet ihn wieder auf das Kraut
und auf das Steinchen zu deinen Füssen. -
    Sie ist die Allesernährende, Grosse, Geheimnisvolle. -
    Wer sich an sie schmiegt, der sitzt im Rat der Götter. -
    Sie hat mit dir geredet, und grüsst dich mit dem Kusse meines Mundes!«
 
                                   Der Umweg.
Er fühlte sich angezogen und zurückgestossen, als er den Turm von
Ribbeckenäuchen wieder vor sich sah. -
    Die Strasse ging durch das Dorf, ein Fussweg ging vorbei - sollte er die
gerade Strasse oder den krummen Fussweg gehen?
    Er ging die gerade Strasse nicht; denn sein Innerstes war mit sich selbst im
Streit. -
    Hier war es, wo seine Lebensbahn aus dem Gleise wich - auf diesem Fusswege um
das Dorf bildete sich im Kleinen ab, was Jahre hindurch ihn quälen würde. -
    Für ihn war die breite Heerstrasse, welche vom Aufgange bis zum Niedergange
die Länder durchschneidet, die von den Menschen nach ihren Zungen und Sprachen
benannt sind. -
    Der Fussweg um das Dorf aber vollendete und verlohr sich in sich selber - und
Hartknopf fühlte durch diese sanfte Krümmung sich unwillkührlich angezogen, von
der andern Seite in das Dorf wieder zurückzukehren.
    Die süsse Täuschung erhielt in seiner Seele die Oberhand - das häusliche
stille Leben stellte sich ihm mit seinen reizendsten Farben dar - das wirtbare
Stübchen mit dem runden Tischgen - der grüne Kirchplatz, dem Fenster gegenüber,
und die spielenden Knaben des Dorfs. -
    Auf dem krummen Fusswege, der sich durch die grünen Saaten schlängelte,
mahlte seine Phantasie, das in sich selbst vollendete ruhige Leben aus, das kein
höher Ziel als sich selber kennt, und seinen schönen Kreislauf mit jedem
kommenden Tage wiederholt.
    So wie hier der Weg in die Krümmung sich verlohr - verlohr sich seine
Aussicht in das Leben im süssen Traum vom Erwachen zu frohen Tagen, vom Genuss des
Lebens und der Gesundheit bei dem harmonischen Wechsel der Jahreszeiten.
    Das Vermiedene stellte sich ihm nun so reihend dar, eben weil er es
geflissentlich vermeiden wollte - da rächte es sich an seiner Phantasie mit den
Farben des Morgenrots, worin alle seine Gedanken und Bilder sich kleideten. -
    Ob es gleich die schwüle Zukunftschwangere Mittagsstunde war, in welcher er
gut dem einsamen Pfade um das Dorf ging. -
    Dieser hohe Mittag lud ihn in den wirtbaren Schatten ein, wo sanfte Kühlung
herrschte, wo schon die Blicke ihn willkommen hiessen, die ihn gestern so
freundlich wiederzukommen baten.
    Alles war so stille auf dem Felde und im Dorfe - nur die summende Fliege
weckte das Ohr zu horchen, und leise Wünsche stahlen sich in die Seele des
Einsamen, der mit schnellern Schritten vorwärts ging, je näher er sich am Ziele
sah. -
    Am Ziele, das im Widerschein der Phantasie sich dicht vor seine Augen
hingezaubert hatte, und bald, da er es fest zu umfassen glaubte, in die
ungemessene Ferne plötzlich wieder zurückwich. -
    Aber auch dieser Wirbel vermochte den Strom nicht in seinem Laufe zu hemmen,
welcher Dämme durchbrach, und sich sein Bett durch Felsen wühlte. -
    Die willkommene Tür des Pächter Heil eröfnete sich, und nahm den Wanderer
ein. -
    Sophie Erdmut sass in einer Ecke, und nähte, als Hartknopf in die Stube trat
- sein erster Blick fiel auf sie - ihn bewillkommend stand sie auf, und
erwiederte durch einen sanften Händedruck seinen Blick voll ernster Liebe.
    Er ass bei dem Pächter Heil das Mittagsmahl, und als er über das Torfmoor
nach Ribbeckenau wieder zu Hause kehrte, ertönte ihm unterwegens folgende
Sinfonie.
 
                                 Die Sinfonie.
Am Abend kehren die Schritter heim vom Felde, und schleppen ihre Sensen nach. -
    Dem Hungrigen ist das Mahl, dem Müden die Lagerstatt bereitet. -
    Sie grüssen das Dach der gewohnten Hütte, und das kleine Fenster in der
leimernen Wand. -
    Sie lagern sich ehe die Dämmerung kömmt, und schlummern bis die Lerche
erwacht. -
    Dann hebt das neue Tagewerk an - und immer wächst die Mühe je höher die
Sonne steigt. -
    Und wenn der Schweiss von der Stirne träust, so labt ein erquickender Trunk
den Gaumen. -
    Bis die Stunde des Mittagsmahls mit schwerem Schritt heranrückt. -
    Nun lagern die Müden sich in den Schatten, verzehren hastig ihr Mahl, und
eilen schnell wieder an ihr Werk, denn ein Gewitter steigt herauf. -
    Die Donnerschwangere Wolke lähmt den Arm, die Hände werden lass.
    Aber siehe! von Abend her erhebt sich ein kühler Wind, die Wolken zerteilen
sich - das drohende Gewitter zieht vorüber. -
    Nun ist der Schweiss getrocknet - die Sensen heben sich in schnellerm Takt,
die Aehren fallen dichter - das Feld ist leer. -
    Nun, denkt der Arbeiter bei sich selber, eilt der Abend näher - ich werde
bald auf dem Lager liegen. - Es dauert nicht lange mehr. -
    Und während er noch so denkt, ist es schon Feierabend. -
    Langsam geht er zu Hause - ihm ist das Bette einladender als der Tisch. -
    Eilend nimmt er das Mahl zu sich, um sich zu der morgenden Arbeit zu
stärken, und Zeit zum Schlaf zu gewinnen. -
    Kaum hat er sich niedergelegt, so ist Gedanke und Bewusstsein ihm entflohen,
bis die Liebe zur Arbeit ihn mit der Morgendämmerung wieder weckt.
    Der Prediger schlummert noch ein Weilchen, aber nicht lange mehr - er grüsst
die Morgenröcke in der Laube in seinem Garten hinter der Pfarrwohnung. -
    Er durchwandert die schmälen Pfade zwischen den angepflanzten Beeten, und
sieht was keimt, und was im Mutterschooss der Erde noch verschlossen bleibt. -
    Dann eilt er auf die Wiese durch das Gartentürchen, und saugt aus Blumen
und Kräutern den Honig seiner Rede. -
    Hier lernt er betrachten und unterscheiden, was in der einfachsten Bildung
mannichfaltige ist, und lernt das Mannichfaltige wieder vereinfachen, wie den
Strauss von Blüten. -
    Hier ordnen sich seine Predigten an die horchende Menge, und an den einsamen
Traurenden. -
    Er spähet den wunderbaren Bildungen in ihren ersten Keimen nach, und ahndet
leise, wo er nicht fiel zu denken wagt. -
    Die einsame Stunde mit dem Schleier umhüllt, verfliegt ihm schnell, und
macht der geselligen im Rosenfarbenen Gewande Platz. -
    Sie kommt im holden Reihentanz mit ihren Schwestern und ladet den frohen
Einsamen in ihre Umarmungen ein. -
    Die Pfarrwohnung ist doch bequem, obgleich die Stuben schiefwinklicht sind.
- Auch in schiefwinklichten Stuben wohnt die stille Freude und süsses
Lebensglück. -
    Da steht in einer Ecke der braune Bücherschrank, und in der andern der
pyramidalische Aufsatz zum weissen hellklingenden Porzellain.
    Das alles ist so glänzend und so schön - die Griffe an den neugemachten
Türen sind polirt - die Küche ist hell und gross - die Fenster des
Studierzimmers sind nach dem Garten zu - und grüne Vorhänge schützen gegen den
brennenden Sonnenstrahl.
    Und wohnt die Lieb' in Hütten des Landmanns, so wohnt sie doch viel bequemer
in der zierlichen Pfarrwohnung, die wie ein Pallast über die Hütten emporragt,
und wo der Rauch vom Heerde nicht aus der Tür zieht, sondern durch den
Schornstein in die Luft empor steigt. -
    Hier tönen oft in stillen Stunden die Saiten des Klaviers - und sind ein
sanfter Wiederhall vom schönen Lebenswohllaut. -
    So fliehen die Tage hin, und kehren niemals wieder? - Dieselben nie - denn
das Zufällige verschwindet, aber das Wesen der Dinge erneuert sich in ewiger
Jugend. -
 
                Hartknopf lernt den Grobschmidt Kersting kennen.
Der kam links von einem benachbarten Flecken auf einem schmalen Wege über das
Torfmoor hergewandert, als die Sonne sich schon zum Untergange neigte - da
gesellte er sich zu dem Prediger Hartknopf, dessen erste Predigt in Ribbeckenau
er in einem dunkeln Winkel in der Kirche mit lauschendem Ohre vernommen hatte.
    Denn er mochte sich der Gemeinde nicht zeigen, weil er eine zu seltene
Erscheinung in dieser Kirche war, deren Schwelle bei Lebzeiten des vorigen
Pfarrers sein Fuss niemals wieder betrat, nachdem er sich einmal an Gestalt und
Gebehrde des Redenden geärgert hatte.
    Bei dem ersten Abendgruss aber fand Hartknopf seinen Mann an diesem geraden
und unbiegsamen Wanderer durch das Leben, der mit festem Tritt den Boden
zeichnete, der ihn trug, mit freiem Auge in die Weite um sich her blickte, und
mit wohlwollenden Anstande Hartknopfen seine Rechte bot.
    Dieser Grobschmidt Kersting war ein stiller Einwohner in Hartknopfs
Pfarrdorfe - allein er war wegen seiner Geschicklichkeit in Pferdekuren in der
ganzen umliegenden Gegend berühmt.
    Dass er aber auch Menschenkuren durch die Zaubermittel einer wohlabgewogenen,
aus dem Innersten des Herzens strömenden Beredsamkeit verrichtete, darum rühmte
ihn niemand, denn niemand wusste es, der gebessert von ihm ging, durch wessen
Rat er gebessert sei, - weil Kersting den Menschenarzt unter dem Pferdearzt und
Grobschmidt so fein zu verstecken wusste, dass ihn unter dieser groben Hülle
niemand ahndete.
    Ich lernte diesen merkwürdigen Mann, welchen ich, da ich Hartknopfen
besuchte, in Ribbeckenau nicht vorfand, erst viele Jahre nachher, auf einer
Reise von Hannover nach Braunschweig, auf dem Postwagen kennen, nachdem er schon
lange in einer ganz andern Lage gewesen war, und doch noch immer Vergnügen daran
fand, unter dem Titel eines Grobschmidts seinen Rang und Wert unter den
Menschen vor neugierigen Augen zu verdecken.
    Denn, so wie viele die Sucht haben, mehr zu scheinen als sie sind; so hatte
er den Fehler weniger scheinen zu wollen als er war.
    O wie fühlte ich damals mein Herz erweitert, als ich diesen simplen Mann,
der sich beim Ausfahren am Stadttore als Grobschmidt angegeben hatte, auf dem
Postwagen hinter mir sitzend, mit seinem zehnjährigen Sohne Worte der Weisheit,
eine seltne Sprache reden hörte, die nur hier und da aus einem Munde noch
wiederhallt, damit sie im Gedächtnis der Menschen nicht ganz verlösche. -
    Seine Worte hoben allmälig die Scheidewand weg, die durch Alter, Sitten,
Stand und Sprache Menschen von Menschen sondert. -
    Die Menschen fanden sich und kannten sich wieder vom Aufgange bis zum
Niedergange und wunderten sich, so lange sich verkannt zu haben. -
    Der hohe Gedanke der immerwährenden sich stets verjüngenden Menschheit
durchbebte die Seele. -
    Wir hatten die Wälle und Türme von Braunschweig schon im Angesicht - wir
alle waren einige Minuten still - der Knabe schmiegte sich gerührt an seinen
Vater - und ein armer pohlnischer Jude, der mitfuhr, hub in hebräischer Sprache
den Psalm an herzusagen.
    »Wenn die Hülfe aus Zion kommen wird, dann werden wir sein wie die
Träumenden.«
    »Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein.«
    »Da wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Grosses an ihnen getan;«
    »Der Herr hat Grosses an uns getan; des sind wir frölich.«
    »Herr, wende unser Gefängnis, wie du die Wasser gegen Mittag trocknest.«
    »Die mit Tränen säen, werden mit Freuden erndten.«
    
    »Sie gehen hin und weinen, und tragen edlen Saamen, und kommen mit Freuden,
und bringen ihre Garben.«
    Der Jude dachte nicht daran, ob ihn jemand verstand, oder nicht, da er den
Psalm hersagte, und alles war aufmerksam und still im sympatetischen Mitgefühl
der Menschheit, die sich sehnet, dem Druck entnommen zu sein, der auf ihr liegt,
und in ihrer angestammten Grüsse wieder zu schimmern.
    Der Grobschmidt Kersting stieg vor dem Tor vom Wagen ab, und liess uns in
einem angenehmen Staunen zurück über den wunderbaren Mann, den wir in unsrer
Mitte gehabt hatten.
    Nie werde ich seine Gestalt und die Würde und Wahrheit in seinem Blick
vergessen, womit er die Gemüter beherrschte - denn damahls ruhte auch
Hartknopfs Geist auf ihm, mit dem er nun bei Sonnenuntergange auf Ribbeckenau
zuwanderte, und zum erstenmal die süssen Worte der Erkennung vom Anbeginn
verwandter Seelen mit ihm wechselte.
    Diese Erkennungsworte lösen sich immer wieder in einen einzigen hohen Begrif
auf, der heisst:
                                   Humanitas.
 
                     Der Küster Ehrenpreis und die Bauern.
Als sie nahe am Dorfs waren, begegnete ihnen der Küster Ehrenpreis mit einigen
Bauern, und murmelte für sich die Worte:
                              par nobile fratrum!
Die Bauern fragten ihn, was das hiesse, und er sagte: ein paar saubere Brüder!
Die werden schöne Dinge anrichten!
    Der eine hat bei seiner ersten Predigt schon das Signal gegeben, und der
andere stand in einem Winkel in der Kirche und horchte, was der neue Prophet
sagen würde.
    Die Bauern schüttelten bedenklich die Köpfe über den neuen Propheten, der
mit dem Ateisten und Goldmacher Kersting in das Dorf zurückkehrte.
    Und als sie nun gar sahen, dass Hartknopf den Kersting in sein Haus
begleitete, und dieser dann die Türe hinter sich zuschloss, so machten sie das
Zeichen des Kreuzes, und giengen mit gen Himmel emporgehobenen Augen
auseinander.
 
                                 Das Abendmahl.
     »Brannte nicht unser Herz in uns, da er auf dem Wege mit uns redete?«
    Kersting. Beliebt noch eine Hälfte von der Taube.
    Hartknopf. Ich habe genug von der Taube.
    Kersting. Sie ist nicht hölzern.
    Hartknopf. Ich mag nicht an die hölzerne erinnert sein.
    Kersting. Nein, es wäre auch Schade darum, das schöne Bild so zu entstellen.
- Mir ist die Taube im hohen Liede das zarteste Sinnbild der Liebe, ohne welche
das Leben leer ist. -
    Hartknopf. Warum noch einmal auf denselben Punkt.
    Kersting. Weil ich ins Herz treffen will. - Wir haben nur von der
himmlischen Weisheit gesprochen, die muss sich notwendig in einem sterblichen
Leibe zu den Sterblichen herabsenken, und heisst alsdann: Sophia Erdmut.
    Hartknopf schwieg, und Kersting schenkte zwei Pokale voll Wein, die wurden
schweigend ausgeleert. -
    Und nun stimmten die allgemeinen Begriffe sich allmälig zur Individualität
herab.
    Man träumte sich ein süsses Lebensglück, das den Sterblichen so nahe läge,
wenn sie es nur ergreifen wollten.
    Die Gedanken verkehren sich in Scenen von häusslicher Glückseligkeit, von
ruhigem Beieinandersein, und vergessen der weiten Welt umher.
    Ein treuer Handschlag versiegelte das Freundschaftsbündniss. - Hartknopfs
Entschluss ward tief in seinem Busen fest, und als ein verlobter Bräutigam
verliess er noch diesen Abend die Schwelle seines Gastfreundes.
 
                   Mein Besuch bei Hartknopf in Ribbeckenau.
Ich fand ihn im Garten, wie er Bohnenstangen setzte, und er bewillkommnete mich
unter den Bohnenstangen.
    Er war nun der völlige Hauswirt geworden, denn er hatte auch Bienenkörbe,
die er mir zeigte. -
    Ich brachte ihm wieder Rettigsaamen mit, denn der, den ich schickte, hatte
auf seinen Feldern noch nicht gedeihen wollen.
    In seinem Antlitz glänzte eine heitere Freude - und dann zuweilen wieder ein
tiefes Nachdenken.
    Er hatte mir schon geschrieben, dass er verlobt sei. - Ich wünschte ihm Glück
dazu, und er dankte mir bloss mit einem Händedruck. -
    Nun war auf den nächsten Sonntag gerade eine grosse Feierlichkeit in
Ribbeckenau, bei welcher ich mit zugegen war. -
    Die Kirche in Ribbeckenau hatte nehmlich hundert Jahre gestanden, und
feierte nun ihr erstes Jubelfest, und Hartknopf hatte schon allerlei
Veranstaltungen getroffen, um diese Feierlichkeit recht glänzend zu machen.
    Ribbeckenau schien wirklich seine Welt geworden zu sein - er hatte einen
Zauberkreiss um sich her gezogen, der das, was er umschloss, in seinen Gedanken zu
einem Elysium umschuf.
 
                                 Das Jubelfest.
Der festliche Tag war nun da; man läutete die Glocken - die benachbarten
Dorfschaften hatten sich versammelt - die Menge der Zuhörer fand in der Kirche
nicht Platz. -
    Der Grobschmidt Kersting war bei diesem Jubelfeste verreisst. -
    Musik und Rede sollten nun vereint auf die Zuhörer wirken.
    Vokal- und Instrumentalmusik war beisammen, denn aus dem nächsten Städchen
waren die Chorschüler zu diesem Fest geladen, und der adjungirte Kantor aus eben
diesem Städtchen dirigirte die Musik.
    Die Musik sollte sich mit einem vollstimmigen Hallelujah schliessen, und
Hartknopfs Rede mit einem Hallelujah in die Musik einfallen.
    Welcher Genius ihn auf diesen sonderbaren spielenden Einfall brachte, ist
mir noch jetzt ein Rätsel.
    Wie nun ein Unglück selten allein kömmt, so war die alte Emporkirche, auf
der die kleine Orgel stand, lange nicht so gedrückt und erschüttert worden, als
jetzt durch die Bewegungen der Sänger und Saitenspieler, und vorzüglich durch
den Fusstritt des adjungjrten Kantors, welcher den Takt trat.
    Nun stand aber oben auf der Orgel, gerade der Kanzel gegen über, mit losen
Füssen, wie schwebend, ein grosser vergoldeter Engel. - Dieser fieng zuerst
allmählig an zu nicken, so wie der Kantor mit dem Fuss auftrat - und nachdem er
verschiedenemale vorwärts genickt hatte, stürzte er auf einmal mit gewaltigem
Sturze mitten unter die Sänger, die ihm Platz machten, und unbeschädigt aber
erstaunt und erschrocken um ihn her standen.
    Der mächtige Fusstritt des Kantors machte, dass die Musik noch wieder in Takt
kam.
    Hartknopf trat auf die Kanzel, und das bedeutende Hallelujah, womit das Chor
sich schliessen, und die Predigt sich anfangen sollte, wälzte sich nun erst
durch eine Anzahl Fugen hindurch - wo der Alt, nach einer Pause immer einfiel,
mit Ha! - Ha! - so dass die letzte Silbe von Hallelujah, und dieses Ha! zusammen
trafen, um den abgebrochenen Freudenschrei desto vollkommner nachzubilden; in
welchen denn Hartknopfs Hallelujah von der Kanzel einfallen sollte.
    Nun hatte der herabgestürzte Engel zwar einige Unordnung erregt - aber alles
ging doch noch gut, bis auf den Altisten, neben welchen er dicht niedergestürzt
war, und der sich noch nicht von seinem Schreck erhohlet, und in der Angst
unrecht pausirt hatte, so dass er nun auf einmal, da die ganze Musik vorbei war,
mit seinem Ha! - Ha! aus vollem Halse nachkam, und dieses nachgebliebene Ha! Ha!
mit Hartknopfs feierlichem Hallelujah von der Kanzel gerade zusammen traf,
welches den lächerlichsten Kontrast machte, den man sich denken kann.
 
                               Die Jubelpredigt.
Schade um sie! - dass durch ein feindseliges Geschick ihr Eindruck gehemmt, ihre
erschütternde Kraft gelähmt wurde!
    Und doch auch nicht Schade um sie! denn sie wird eben so wie Hartknopfs
Antrittspredigt ihren innern Wert behalten, wenn gleich die Herzen und Sinnen
der Bauern in Ribbeckenau da, durch nicht gerührt wurden.
    Hartknopfs Predigten sind geschrieben, und sind ein heiliges Buch, worin für
kommende Zeiten Trost und Stärkung liegt.
    Aber die Bauern in Ribbeckenau blickten nur nach den leeren Stellen an der
Kanzel, und auf dem Orgelgesimse. -
    Und ich selbst konnte mich des Lächelns kaum erwehren, wenn ich an das
verunglückte Hallelujah dachte.
    Alle diese Zufälligkeiten sind aber nun abgefallen, und Hartknopfs Worte
glänzen wieder in ihrer ursprünglichen Reinheit und Klarheit.
    »Die Zeiten rollen fort und kehren wieder - es ist nichts neues unter der
Sonne.« -
    »Steh still, o Wanderer, auf dem Pfade und blicke noch einmal zurück, bis
dahin wo des Himmels Wölbung auf der Nacht des Waldes ruht.« -
    »Du tratest aus dem Dunkel in das Freie, und was du sahest schien dir nicht
unbekannt.« -
    »Dein Ohr vernahm die längstgewohnten Töne wieder - und du warest schnell
der Sprache dieses Landes kundig.« -
    »Du fügtest dich in Sitten und Gebräuche, als brächtest du sie selber mit
herüber.«
    »Du sprachst von dem, was vor Jahrhunderten geschahe, wie von den
Angelegenheiten deines Hauses.« -
    »Du wusstest dich so schnell in das verwickelte Labyrint, in das du kamst,
zu finden, als wär' es deiner eigenen Hände Werk.« -
    »Dir lächelte mit dem Strahlenhaupte, verjüngt aus Morgenwolken dein alter
Freund entgegen.« -
    »Den hiess dein Auge mit seinem ersten Blicke willkommen - und sieht sich
nimmer satt.« -
    »Und nimmer hört dein Ohr sich satt - denn keine Zunge erschöpft, was in dem
Innersten deines Busens in tiefe Nacht sich hüllt.« -
 
                                Das Hallelujah.
Musste notwendig missglücken, weil es zu einer gesuchten, veranstalteten Scene
bestimmt war, die, wenn sie geglückt wäre, einen unauslöschlichen Misslaut in
Hartknopfs Leben gebracht hätte. -
    Nur seine eingeengte Kraft konnte eine solche Krümmung in sich selber
machen, die possirlich werden musste, sobald die veranstaltete - Scene misslang.
    Aber die verborgene Federkraft in seinem Busen dehnte sich mit Macht, und
zersprengte die Posse wieder.
    Dies gekünstelte und gesuchte Hallelujah bestrafte sich selbst, und wurde
durch das Ha! Ha! des Altisten von der Orgel in seiner Geburt ersticket.
    Dies Ha! Ha! und der herabgestürzte Engel warfen über die ganze
Feierlichkeit eine komische Larve, und was von dem Feierlichen nicht ächt war,
das verwehte, wie Spreu vom Winde.
    Warum sind die Anekdotenbücher so voll von komischen Predigergeschichten?
Warum hat man nichts lieber als Erzählungen von Unschicklichkeiten und
Lächerrlichkeiten des Pfarrers auf der Kanzel?
    Kömmt es nicht daher, weil man einen gewissen angenommenen feierlichen Ernst
schon voraussetzt, mit dem das geringste Komische weit mehr, als im gemeinen
Leben absticht?
    Und würde dies wohl der Fall sein, wenn die Predigten sich mehr der
vertraulichen Unterredung, so wie bei den ersten Christen, nähmen? - wenn der
Predigtstuhl wenig erhaben wäre und der Prediger weniger stolz auf die Gemeinde
zu seinen Füssen herabsähe?
    Bei der gewöhnlichen Unterredung fallen die Besonderheiten der Menschen nie
so sehr auf, als wenn sie öffentlich auftreten und mit einer gewissen
angenommenen Feierlichkeit reden; dann wird erst jede Kleinigkeit bemerkt, die
vorher unbemerkt blieb, und der Lacher und Spötter findet reichen Stof.
    Das gesuchte Feierliche war sonst so ganz und gar Hartknopfs Sache nicht,
dass er diesmal gleichsam aus seinem Wesen hinweggedrängt schien, da er von der
Kanzel in das Hallelujah von der Orgel einfiel. -
    Aber er verkannte sich auch selbst in diesem Augenblicke - er glaubte, er
sei zum Prediger in Ribbeckenau geboren, und brach darüber in ein falsches
Hallelujah aus, dass sich augenblicklich selbst an seinem Urheber rächte.
 
                                Sophia Erdmut.
Ihre jungfräuliche Seele bildete sich unter dem Einfluss eines sanften Gestirns.
-
    Sie wuchs unter den Blumen, und mit den Bäumen in ihres Vaters Gatten auf. -
    Sie schlug vor dem blendenden Glanze der Himmelswölbung bescheiden ihre
Augen nieder, und bückte sich herab zu dem Veilchen, das mit gesenktem Haupte
auf der Wiese stand. -
    Die liebende Natur mit Morgenrot und Wies' und Wald war selbst die Freundin
und Gespielin ihrer Jugend. -
    Dem väterlichen Hause entwachsen führte ihr Bruder sie in seine stille
Wohnung, wo sie mit ihm fünf goldene Jahre lebte.
    Als Hartknopf über die Schwelle trat, veränderte sich der Lebensplan. -
    Es war an einem schöngewählten Frühlingstage in der stillen Laube im Garten,
als Hartknopf, welcher schon ihr Herz besass, um ihre Hand anhielt, die der
Pächter Heil mit Bruderliebe in die seinige legte, und sagte: sie ist dein!
 
                   Schreiben des Herrn von G... an Hartknopf.
»Ich wünsche Sr. Wohlehrwürden, meinem lieben Andreas zu seiner Verbindung von
Herzen Glück, in dem Verstande nehmlich, worin er und ich das Glück zu nehmen
gewohnt sind - nicht als ob wir es schon ergriffen hätten, oder ergreifen
könnten, sondern als diejenigen, die da harren, bis ihre Auflösung kömmt. - Bis
dahin muss ja Leid und Freude übertragen, und eins ins andere gerechnet werden,
weil man sonst auch bei den glücklichsten Evenements nicht auskömmt.« -
    »Die Jungfer Sophie Erdmut ist, so weit ich sie kenne, ein sehr sanftes und
gutes Frauenzimmer, welche richtig urteilt. Sie wird einen Mann sehr glücklich
machen, der von nun an in seinem Gleise fortwandelt, und sich weder zur Rechten
noch zur Linken umsieht. - Da nun die Kreuzesschule, wozu ich meinen lieben
Hartknopf eingeladen, durch diese Verbindung ein Paradiess für ihn zu werden
scheint, so wünsche ich denn, dass dies Paradiess bald möge durch ihn bevölkert,
und ich zum Zeugen des Erstgebohrnen mit gerufen werden, so lange ich von den
Begebenheiten auf dieser Erde noch ein Zeuge sein kann. Es ist sehr wahr, was er
schreibt, dass die Sonne noch nicht aufgegangen sei, unter der wir leben und
wirken können, dass wir und kommende Geschlechter noch in Zelten im Dunkel des
Waldes übernachten, und harren müssen bis die Morgenröte anbricht - - und so
kann ich es ihm auch wahrlich nicht verargen, dass er sich sein Zelt aufschlägt,
und in der kalten Morgenlust nicht unter freiem Himmel liegen will.«
    »Damit er nun aber auch das Zelt mit Quasten und Franschen verzieren könne,
bitte ich, Inliegendes als einen kleinen Beitrag zu seiner ersten Einrichtung
anzunehmen. - Und so wollen wir denn in Geduld den Tag des Aufbruchs aus dem
Lager erwarten, und uns bis dahin einrichten so gut wir können, aber ja die
Stäbe nicht zu fest einschlagen, sondern die Erde umher locker lassen, damit wir
nicht langsam erfunden werden, wenn es gilt, schnell zu sein. - Der innere
Friede sei mit uns!«
 
                                  Die Trauung.
Diese verrichtete der alte Superintendent Tanatos. -
    Sein Urältervater hiess Tod, und nannte sich Tanatos, als er in Erfurt
Magister wurde.
    Der alte Superintendent Tanatos verrichtete die Trauung selber, weil er
seinen Substituten die Gebühren nicht gönnte.
    Er wusste nicht, dass dieser Trauungsakt sein letzter war.
    Der weite Priesterrock hieng über der hagern Gestalt - die Augen lagen tief
im Kopf. -
    Die Knie wankten - das Haupt bebte - die Zähne schlotterten im Munde. -
    Mit beiden Händen fasste er das hundertiährige Formular, das eiserne Klammern
hatte, und las die Flüche des alten Testaments dem neuen Ehepaare vor: Zu dem
Manne sagte er:
    »Verflucht sei der Acker um deinetwillen. Dorn und Disteln soll er dir
tragen und im Schweiss deines Angesichts sollst du dein Brodt essen, bis dass du
wieder zur Erden werdest, von der du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst
zur Erden werden.«
    Und zum Weibe sprach er:
    »Mit Schmerzen sollst du Kinder gebühren, und dein Wille soll deinem Manne
untertan sein, und er soll dein Herr sein.«
    Es kam an die Worte: »bis der bittere Tod euch scheidet!« -
    In sich gekehrt und ernst stand das Brautpaar da. -
    Die letzte entscheidende Frage wurde mit einem leisen Ja! beantwortet - die
Ringe wurden gewechselt - das Band war geknüpft, und die furchtbare Ceremonie
endigte sich mit der Gratulation des alten Superintendenten Tanatos, dessen
Gesicht sich zu einem Lächeln verzog, womit er dem Brautpaare Glück wünschte,
und Hartknopfen und Sophien die knöcherne Hand reichte.
 
                              Das Hochzeitkarmen.
Wurde von dem Kandidat Hund, einem Anverwandten des Pächter Heil, der kürzlich
die Universität verlassen hatte, überreicht, und hub an, wie folget:
Wehklagen, und bang Seufzen vom Grauntale des Abgrunds her
Sturmheulen, und Strombrüllen, und Felskrachen das laut niederstürzt
Und Wutschreien, und Rachausrufen erscholl dumpf auf!
Als Adam im Gesicht sah' was geschehen einst, im Gericht wird!
Goldpallast, und bemoosst Dach
Stürzen ein - -
Aber Liebe wird im Schatten
Stiller Nächte sicher sein -
Unaufhörliches Begatten
Hüllet sich in Dunkel ein -
Bleibt dem Forscher unerklärbar
Macht den Weltbau unzerstörbar,
Lächelt aus des Lagers Ruh
Heulender Verwüstung zu. - u.s.w.
    Dieser Kandidat Hund glaubte sein Gedicht durch die Stellen zu verzieren,
die er aus Klopstocks Messiade gestohlen hatte.
    Er war ein sonderbarer Mensch, in dessen Kopfe viel und mancherlei durch
einander lief. -
    Er hatte auf dem Wege von Ribbeckenäuchen bis Ribbeckenau das Torfmoor mit
Blumen bestreuet, die er sich von einem Bauer in einem grossen Korbe nachtragen
liess.
 
                           Der Tanz der Liebesgötter.
Sie gaukelten über der Pfarrwohnung in Ribbeckenau im Schimmer der Abendröte.
    Die Bauern von Ribbeckenau rieben sich die Augen, da sie den Schimmer sahen,
und wurden dadurch geblendet - denn die Fenster der Pfarrwohnung warfen einen
hellen Glanz von sich -
    Sie war in einen Feenpallast verwandelt, in welchem die Königin der Liebe
tronte. -
    Sie hatte sich auf einer Abendwolke herabgesenkt, und teilte nickend mit
den sanften Augenbraunen ihre Befehle aus. -
    Dann huben die Liebesgötter in mannichfaltigen verschlungenen Bewegungen den
geheimnisvollen Tanz in der Abenddämmerung an, und schlossen ihn nicht eher, als
bis die Morgendämmerung sich am Himmel zeigte. -
    Sterblichen Ohren unvernehmbar ertönte die ganze Nacht hindurch die Luft von
süssen Lauten, welche den Tanz beseelten.
    Die funkelnden Sterne leuchteten dazu, und die Stille der Nacht feierte die
wonnevolle Scene. -
    Dreimal näherte sich der Schlafgebieter mit den Schlummerkörnern, aber Pfeil
und Bogen der Tanzenden verscheuchten ihn.
 
               Der Grobschmidt Kersting besucht das neue Ehepaar.
Ich war den Tag vorher abgereisst, als Kersting von einer kleinen Reise wieder
zurückkam, und seinen ersten Besuch bei dem neuen Ehepaare machte.
    Er war weder ein Zuhörer von der Jubelpredigt, die ich mit angehört hatte,
noch Zeuge bei der Trauung gewesen, sondern war während der Zeit mit Pferdekuren
in der benachbarten Gegend beschäftigt.
    Als er nun in die Pfarrstube trat, so fand er die Neuvermählten am Fenster
stehend, und ihm den Rücken zukehrend. - Auf einmal trat er zwischen sie, und
sie fuhren unwillkührlich, mit einem kleinen Schreck auseinander; er aber fügte
sie wieder zusammen, legte schweigend ihre Hände ineinander, und eine Träne
stand in seinem Auge. -
    Nun dachte Hartknopf an den ersten Abend, wo sie von der himmlischen
Weisheit sprachen, und sein Entschluss zuerst in seiner Seele fest wurde.
    Sophie aber schlug die Augen nieder, wie damals, als sie in dem dunkeln
Kirchstuhle sass, und Hartknopfs Blicke zuerst den ihrigen begegneten.
    Und was war es, dass eine Träne in Kerstings Auge stand, als er die Hände
der Liebenden ineinander legte?
    Er hatte Sophien lange gekannt - - so wie sie ihn - er kannte ihren ganzen
Wert - und wusste seinem angebeteten Freunde kein höheres Opfer als dies zu
bringen. - -
    Wie ein köstliches Kleinod drückte Hartknopf seinen Freund an seinen Busen -
und Sophie schlug die Augen auf, und freuete sich tief im Herzen, dass zwei edle
Männer vor ihr standen, die als Freunde sich umarmten.
    Alles, was nun noch gesprochen ward, war gegen die stumme Scene unbedeutend.
 
                            Im Entzücken schwimmen.
Ist es nicht Ausgehen aus sich selbst? Urbergehen in ein Etwas, das wir nicht
sind? Ruhen in einer sanften Umgebung, mit der wir eins sind?
    Hebt das Entzücken nicht da erst an, wo das Gefühl der eingeschränkten
Ichheit mit allen seinen Qualen aufhört, und ein höheres edleres Leben seinen
Anfang nimmt?
    Hat die Sprache selbst einen höhern Nahmen für das Entzücken, als den,
welcher auf dies süsse Ausgehen aus uns selber deutet: wo wir die Sorgen die uns
drückten, ausziehen, wie ein Kleid, und in erneuerter Jugend hervortreten, die
sich selber nicht fasst, und ihre Götterkraft nicht kennt?
    Aber die Stunde der Auflösung ist noch nicht da. -
    Die Schildkröte zieht sich in ihr felsenfestes Haus zurück - der Igel in
sein Stachelnnest.
 
                                Der schwüle Tag.
Zwei Tage waren im süssen Taumel leicht und frölich dahin geflohen, der dritte
war schwül und schwer. -
    Schwarze Gewitterwolken lagerten sich am Horizonte, und eins drückende Hitze
lähmte die Glieder. -
    Sophie war in diesen Stunden ganz glücklich in ihrer Stube und an ihrem
Tischchen, Hartknöpfen aber ward die Stube zu enge, und er ging allein aus.
    Nicht unzärtlich - sein scheidender Blick voll Liebe versenkte Sophien in
eine süsse Ruhe, worinn die Momente ihr unbemerkt vorüberflohen - sie hatte nun
keine Wünsche mehr, und fühlte doch keine Leere, - der schöne Umkreis ihres
Daseins war nun ausgefüllt.
    Ihr droheten die Gewitterwolken nicht, und ihre Brust atmete sanft unter
der drückenden Luft. -
    Als Hartknopf nun aus dem Hause trat, begegneten ihm ein paar hämische
Bauern, die sich gerade über seine Jubelpredigt, und den herabgestürzten Engel
mit einander unterhielten.
    Sie grüssten ihn, und sprachen dann wieder leise und hohnlächelnd zusammen. -
    Hartknopf eilte, dass er aus dem Dorfe kam, da begegnete ihm beim Ausgehen
aus dem Dorfe der Küster Ehrenpreis, der ihm aus einer Art von höhnendem
Respekte immer eine tiefe Verbeugung machte, die Hartknopfen ärgern sollte.
    Hartknopf ärgerte sich zwar darüber nicht, aber es war ihm doch fatal, dass
er mit diesen Menschen nun leben musste.
    Er ging über einen schmalen Damm nach dem Krainberge zu, der schwarz und
öde vor ihm da lag.
    Auf der braunen Fläche der Heide ruhte die Nacht des umwölkten Himmels. -
    Hin und wieder stand einsam ein gekrümmter Baum, welcher dem dürren Boden
mühselig entwachsen war.
    Und zwischen dem öden Heidekraut, stieg Hartknopf den sandigten Pfad hinauf.
    Als er nun oben war, und in das Tal auf das Torfmoor hinunterblickte, so
sähe er die beiden spitzen Türme von Ribbeckenau und Ribbeckenäuchen in
fürchterlicher Nähe vor sich nebeneinander stehen.
    In diesem Bezirke lag nun sein Leben, seine Reisen, sein Wirkungskreiss -
hier endigte sich seine Laufbahn, und war wie auf einer Landcharte ihm
vorgezeichnet.
    Immer näher zog das Dunkel, immer schwüler wurde die Luft, und immer
gepresster sein Atemzug. -
    Der alte Superintendent Tanatos reichte ihm wieder die knöcherne Hand - das
Hochzeitkarmen mit der bangen Wehklage tönte wieder in sein Ohr. -
    Der dunkelumwölkte Himmel ruhte wie eine schwarze Decke über der Erde, und
die kleine Turmspitze von Ribbeckenau schien sich in dem niedrigen Gewölke zu
verlieren. -
    Einsam trauerten ein Paar dürre Baumstämme auf der Heide. - Das
niederbückende Alter hatte sie beschlichen. -
    Mit schnellen Schritten wandelte Hartknopf die Anhöhe wieder herab - denn
der Tag hatte sich geneiget; und so wie er hinunterstieg, zog sich immer enger
und enger sein Horizont um ihn zusammen. -
    Wie ein Traum waren vierzig Jahre verschwunden, und er ging auf eben diesem
Flecke gebückt am Stabe und immer noch wanderte ihm zur Seite der Küster
Ehrenpreis mit ihm über das Torfmoor, dann schloss sich die Laufbahn auf immer. -
    Alles lief nun in einem fürchterlichen Punkte, in einer traurigen Spitze
aus. -
    Unaufhaltsam lief der Sand im Stundenglase, und das Ziel war da, nichts war
dazwischen als die einförmige Wiederkehr dessen, was schon da war. - Schrecklich
eröfnete sich der Abgrund dicht vor den Füssen des Wanderers. -
    Das enge Grab war nun da - die Erde scholl dumpf auf den Sarg - keine
Aussicht, kein Gedanke an die Zukunft mehr. -
    Alles verbauet, verschlossen, und gehemmt - zwischen öden Mauren, die des
Tages Glanz verdeckten. -
    So wie nun Hartknopf über den kleinen Dorfkirchhof zu Hause kehrte,
erleuchtete ein Blitz, strahl die goldene Schrift an den Kreutzen auf den
Grabhügeln - sie flammte einen Augenblick, und verlosch wieder in schwarze
Nacht. -
    Die Kirchhofsmauer lief so enge zu, die Grabhügel waren so dicht aneinander
gedrängt. -
    Auf einmal sähe sich Hartknopf vor der Türe seines Hauses, sein liebend
Weib empfing ihn mit ausgestreckten Armen, und er erwachte wie aus einem
schweren Traume. -
 
                                 Die Schmiede.
War dem Pfarrhause schräg gegenüber, mit einem grünen Platze, der mit Bäumen
beschattet war, wo zwischen den Blättern die Funken flogen. -
    Hartknopf konnte aus seiner Studierstube das Getöse der Hämmer auf dem Ambos
hören, und dann schlug sein Herz stärker, - unwillkührich machte er das Buch zu,
und konnte nicht auf der einsamen Stube bleiben.
    Die Jahre seiner frühsten Jugend traten in ihrer Kraft und Blüte vor seine
Seele.
    Um seine Schultern schlotterte die Löwenhaut - und auf die schwere Keule
stützte sich sein Arm. -
    Die Welt lag vor ihm offen vom Aufgange bis zum Niedergänge. - Er bahnte
zwischen Ungeheuern durch Wüsten sich seinen Weg, bis aus den dunklen Zweigen,
die goldne Frucht ihm entgegen blinckte, und er sie dem seufzenden Stamme mit
kühner Hand entriss.
    Heimlich stahl er sich aus dem Hause fort, und eilte hinter die Bäume,
welche die Schmiede versteckten; dann lehnte er sich über die halbe Tür am
Eingange, und blickte sehnsuchtsvoll Nach dem glühenden Ofen hinüber, während
dass die Funken um seine Locken spielten. -
    Unter den wiederholten Schlägen ebnete sich der Huf, das starre Eisen
spitzte sich.
    Das Unförmliche bekam Gestalt und Form. -
    Nun konnte er nicht länger widerstehen - es dauerte nicht lange, so stand er
in der Mitte der Arbeitenden, führte den Hammer wie sie, und die öbere Tür ward
angelehnt, damit der Küster Ehrenpreis nicht etwa vorübergehen, und seine Blicke
dies Heiligtum entweihen mochten.
    Hier brachte Hartknopf auch in dem bittersten Leiden noch manche süsse Stunde
an der Seite seines Freundes zu, und stählte seine Brust zur Ertragung alles
Ungemachs und aller Widerwärtigkeiten des Lebens.
    Wenn er denn aber wieder zu Hause musste, so wusch er sich sorgfältig die
Hände, damit sein liebendes Weib die Spuren der ungewohnten Arbeit nicht
entdecken möchte.
 
                               Hartknopfs Klage.
Vom Mittag kommen Heuschrecken
Wie eine düstre Wolke,
Sie senken sich und fliegen wieder auf -
Das Feld ist leer -
Die mit Mühe den Acker pflügten,
Und die Saat ausstreuten,
Gehen der Erndte verlustig -
Sie arbeiteten im Schweiss ihres Angesichts
Um Ungeheuer zu füttern,
Die den Fleiss der Mühevollen
Als eine süsse Beute verschlingen. -
Von wannen kömmt der Trost den Edlen,
Die durch Schmach betrübt sind,
Weil sie einsam stehen,
Und in fernen Zonen
Weit umher zerstreut sind -
Sie sehnen sich im Stillen,
Und wünschen sich zu kennen,
Und möchten sich zu einem Chor vereinen,
Und einer sich im andern wieder finden -
Sie haben sich verloren
Und suchen sich vergebens -
Sie trauren in den Wäldern
Und mischen ihre Seufzer
In Philomelens Klage.
Was rauschen über Berge über Meere
Mir für Stimmen, was für Töne mir entgegen,
Die die Lust mit leisen Flügeln
An mein Ohr hinüberträgt? -
So viel Sprachen, so viel Zungen,
Die harmonisch sich begegnen,
Und nach einem Ziele streben.
Wo sie alle sich vereinen,
Gedanken mit Gedanken
In süssen Lauten wechselnd -
Ach, auf dem seeumspülten Felsen!
Möcht' ich gern die Hand dir reichen
Der du hülflos, einzeln stehst -
Aber die Parze hat ihn zerschnitten.
Den Faden, der mich an dich knüpfte -
Zerrissen ist der Menschen Leben
Von ihres Daseins Anbeginn -
Sie müssen sich vergeblich sehnen,
So lange der Tag am Himmel wellt
Und wenn die Sonne untergeht,
So haben sie noch nicht gefunden,
Was sie bei Tagesanbruch suchten.
Dies ahndet schon dee Kinderseele
Die dunkel in die Zukunft schaut,
Wenn bei des Lichtes erstem Gruss
Das neugebohrne Auge weint.
            Hartknopf steckt den Küster Ehrenpreis in einen Graben.
Denn dieser machte es ihm auf dem Wege, wenn sie über das Torfmoor nach dem
Filial giengen, gar zu arg. -
    Er fieng an von den Wolken zu sprechen, um auf die Glaubenslehren zu kommen,
worüber er mit Hartknopfen disputiren wollte. -
    Bleib' er bei seiner Nadel! sagte Hartknopf, denn Ehrenpreis war seines
Handwerks ein Schneider, und rede er nicht dumme und törichte Worte! -
    Nun mochte aber Hartknopf seine Ohren verstopfen, so hörte doch sein
Begleiter nicht auf, den ganzen langen Weg ihm noch länger, und jeden sauren
Schritt ihm noch saurer zu machen.
    Eines Sonntags waren sie nun auch ohngefähr die Hälfte des Weges gegangen,
als Ehrenpreis, da ihm Hartknopf noch kein einziges Wörtchen geantwortet hatte,
anfieng witzig zu werden, und allerlei Anspielungen auf die Taube, auf den
Engel, auf das Hallelujah, u.s.w. machte -
    Dies hörte Hartknopf eine Weile an, bis sie mitten im Torfmoore vor einem
schlammigten Graben vorbeikamen. - Da fasste er, ohne ein Wort zu sagen, den
Küster Ehrenpreis, ehe dieser sechs versah, beim Halskragen, und steckte ihn,
so wie er war, bis an den Hals in den Graben - woraus er ihn nicht eher wieder
erlösste, bis er ein unverbrüchliches Stillschweigen auf dem Wegt angelobt hatte.
-
    Und nun sieng Hartknopf an zu reden und sprach die ganze übrige Hälfte des
Weges dem Küster Ehrenpreis mit mächtiger Stimme in die Seele, dieser aber ging
triefend neben ihm her, und erkühnte sich nicht einen Laut von sich zu geben, so
lange sie noch neben dem Graben giengen. Als sie aber im Dorfe ankamen, machte
er ein gross Geschrei, und drohte Hartknopfen zu verklagen, der selbst den Gesang
in der Kirche anstimmen musste, weil Ehrenpreis ganz mit Schlamm bedeckt, vor
keinem Menschen erscheinen konnte.
 
            Auszug aus einem Briefe, den Hartknopf an mich schrieb.
Dieser Brief schilderte mir Hartknopfs Zustand, wie er in Stunden des frohen
Muts zu sein sich vornahm, nicht wie er wirklich war, - er verschwieg mir den
innern Kampf seiner Seele um sein Beispiel lehrreicher für mich zu machen.
    Jahre nachher deckte er mir den Schleier auf, und liess mich in die
schreckliche Dunkelheit seines damaligen Zustandes blicken, den er mir in seinem
Briefe mit diesen sanften Worten überkleidete:
    »Ich schiffe nun, mein Lieber, den Lebensstrom hinunter - alles atmet Ruhe
und Stille um mich her.« -
    »Ohne Geräusch und Sorgen eilen die Stunden hin. - Kaum bin ich ausgelaufen,
und finde mich am Ziele« -
    »Unsere Hütten sind gebauet, wir haben unsere Wallfahrt vollendet.« -
    »Der Seiger unsrer Dorfuhr tönt am Morgen, und am Mittage, und am Abend den
stillen Frieden in unsre Seelen, und macht uns vertraut mit unsern Wohnungen.«
    »Wir gehen friedlich unsern Weg, und dulden, und tragen uns einander mit
Sanftmut, weil wir vereint zum Grabe wallen.«
    »Der Rettigsaamen gedeiht auf unsern Feldern, mein Garten steht in voller
Blüte, und die Gefährtin meiner stillen Tage ist hoch schwanger.« -
    »So ist denn alles, wie es sein kann, und muss, u.s.w.«
 
                         Freundschaft und Zärtlichkeit.
Das Pfand der Liebe war nun da - Hartknopfen war ein Sohn geboren, und das
feste Band der Ehe war noch unauflöslicher zugezogen.
    Der Herr von G.... übersandte ein reiches Angebinde, weil er Schwachheit
halber als Taufzeuge nicht zugegen sein konnte.
    Kersting aber feierte mit Hartknopfen diesen Tag in hohem
Freundschaftsgenuss; er drückte ihm oft bedeutend die Hand - und Hartknopf sah in
ihm eine feste Stütze bei allen Widerwärtigkeiten des Lebens, einen sichern
Gewährsmann und Bürgen für seine Ruhe. -
    Zartere Bande knüpften ihn nun an Weib und Kind, aber stärkere an seinen
Freund, an den er sich im Sturm und Ungewitter hielt.
    Die Freundschaft nimmt die Zärtlichkeit in ihren Busen auf, und schützt sie
gegen die rauhen Stürme, und gegen den kalten Hauch der Luft. -
    Die Freundschaft verbirgt die Zärtlichkeit in den ernsten Stunden, wo sie
unerbittlich und strenge die Mine des Hasses annimmt.
    Sie ist höher als die Zärtlichkeit, dauernder als die Liebe, stark wie die
Tugend, und mächtig wie der Verstand. -
 
                             Der geheimste Kummer.
ist derjenige, welchen Liebende sich selber gern verschwiegen, gern vor sich
selbst verbergen möchten: - dass sie dem geliebten Gegenstande das nicht zu sein
vermögen, was sie ihm zu sein doch sehnlich wünschen. -
    Dass immer qualenvoller ihr Zustand wird, jemehr sie sich zwingen wollen,
noch immer das zu sein, was sie nicht mehr sind. -
    Wenn die regen Gefühle in ihrem zartesten Vereinigungspunkte mit einander
uneins werden.
 
                               Das höchste Opfer.
Giebt es noch wohl ein höheres, als wenn die Liebe sich selber dahin gibt, um
ihrem Gegenstande, den sie umfasst, die Freiheit zu schenken, wornach die Seele
im innern Kampfe mit sich selber schmachtet? -
    Wenn der aufstrebende Geist durch zarte in sein Wesen verwebte Bande sich
gefesselt fühlt, welche zu zerreissen seiner Empfindung selbst den Tod droht.
    Wenn denn die mitleidsvolle Liebe selber die Bande lösst, um den Entfesselten
frei und froh zu wissen; so hebt sie durch dies Opfer sich über sich selbst
empor - sie dehnt sich gleich dem milden Aeter aus, und wird durch leise
Wünsche der Schutzgeist des Irrenden auf seinen Pfaden.
 
                                 Die Trennung.
Sie ist das erste grosse Gesetz der Natur. -
    In ihr liegt der Keim zu allen Bildungen. -
    Sie ist die Mutter der Schmerzen und die Gebährerin der Wonne.
    Sie erneuert unaufhörlich die Gestalten und erhält das Ganze in ewiger
Jugend. -
    Da, wo die Schere den Faden zerschneidet, beginnet ein höherer Anfang. -
    Das Grab der Liebe ist die Wiege der Weisheit, welche höher ist denn alle
Vernunft, und welche eben deswegen sehr viel Vernunft voraussetzt, auf die sie
sich stützen kann. -
    Diese Weissheit findet einen Punkt, wo der Schmerz der Trennung aufhört, das
bittere Scheiden süss, und jede Versagung leicht wird.
    Wo alle Entbehrungen aufhören, und die Fülle des Daseins eintritt. -
 
                     Eine Lücke in Hartknopfs Geschichte1.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - Mit der Schärfe des Schwerdts war der Knoten nun
durchgehauen. - Der Scheidebrief war da, und Sophie Erdmut küsste ihn mit
tausend Tränen, und versiegelte mit diesem Kuss ihr grosses Opfer. -
    Den Scheidebrief begleitete ein Schreiben an Hartknopf, worin ihm die
gebetene Entlassung von seinem Amte erteilt wurde.
    Der Pächter Heil führte seine Schwester mit ihrem Knaben wieder in sein Haus
- und Kersting begleitete sie.
    Der Küster Ehrenpreis hatte Hartknopfen beim Konsistorium angeklagt, und die
Bauern aufgehetzt, dass sie ebenfalls gegen ihn eingekommen waren - nun schrieb
er sich triumphirend Hartknopfs Schicksal zu.
 
                                    Fussnoten
1 Diese Lücke wird sich aus Hartknopfs vertrautestem Briefwechsel ergänzen.
 
                          Täuschung und Würklichkeit.
Wenn die Wasserwage
Das Unebne gleich macht,
So ist es still in der Seele des Weisen -
Es ist nicht die Stille des Grabes,
Sondern der hohen Mittagsstunde,
Wenn die Arbeiter im Felde ruhn,
Kein Lüftchen sich bewegt,
Und nur die summende Fliege
Dem Ohre vernehmbar wird.
Der Müde ruht im Schatten der Eiche,
Und goldne Träume umgaukeln seine Stirn.
Wie nächtliche Nebel rollen die Sorgen hin -
Die Sonne der Freuden glänzt -
Es hüpfen goldne Wellen
Auf sanftbewegter Flut -
Und grüne Büsche spiegeln
Sich in dem klaren See -
Der Träumer spricht: hier lasst uns Hütten baun!
Sein Genius steht lächelnd neben ihm
Und zieht den Vorhang mit Gebüsch und klarem See hinweg -
Nun ist die steile Felsenhöhe wieder da,
Die schon so oft dem Aengstlichträumenden erschien. -
Soll ich denn diese steile Höh' erklimmen?
Soll ich des Lebens Weg denn stets
Auf ungebahnten Steigen wandeln? -
Mit Mut erfüllt des Träumers Busen
Der Knab' im glänzenden Gewand -
Dem Schlummrer wird die Seele grösser
Das Blut in seinen Adern,
Eilt schneller - und der Fels sinkt ein -
Ein leichter Sprung bringt ihn ins Weite -
Des Wandrers Schritt ist ungehemmt
Und unbegrenzt sein Blick. - -
 
                                 Der Abschied.
Dank euch, ihr grossmütigen Seelen, dass ihr den Scheidenden sanft und gut
entliesset.
    Ihr hattet ihn eine kleine Weile gefangen gehalten, und liesset ihn wieder in
sein grosses Element entschlüpfen. -
    Am frühen Morgen brach Hartknopf auf. -
    Sophie Erdmut, an Kerstings Arm gelehnt, und der Pächter Heil begleiteten
ihn vor das Dorf hinaus. -
    Er hatte Mut in ihre Seelen gesprochen, aber sie sahen ihm mit weinenden
Augen nach. -
    Und Hartknopf nahm seinen Stab, und wanderte nach Osten zu.
    Der Küster Ehrenpreis aber stand hinter einem Busch, und sagte triumphirend:
den Hartknopf habe ich moralisch todt geschlagen!
 
    